Personen
Georg Werner, Bankier
Helene, seine Frau
Heinrich Oswald
Camilla von Heimburg, eine junge Wittwe
Eugen von Mansfeld, ihr Bruder
Eine Kammerjungfer
Ort der Handlung: Baden-Baden
Decoration:
Zimmer in einem Gasthof. Im Hintergrund eine Thür. Auf jeder Seite numerirte Türen. Auf der rechten Seite der Bühne ein breiter, dem Zuschauer sichtbarer Balcon. Zwischen der Thür und dem Balcon ein Schrank. Nahe der Thür zur Linken ein Tisch mit Schreibzeug. Im Hintergrund nach rechts ein Tisch, Sofa, Stühle u.s.w. Auf dem Tisch ist das Frühstück servirt.
1. Auftritt
Werner. Helene am Frühstückstische sitzend.
Werner am Tisch, rauchend, eine Zeitung in der Hand
Nun, Helenchen, bist Du zufrieden? Hatte ich nicht Recht, als ich Dir von Baden-Baden vorschwärmte? Sieh Dich einmal um: dies Zimmer – dieser Kaffee schlürft den Kaffee. – diese Cigarren, und vor allen Dingen steht auf und sieht durch's Fenster. diese Landschaft! Selbst einen Geldmenschen. wie ich bin, stürzt sie in die Unkosten einiger Hochgefühle. Komm einmal her, Helene, und sieh durch dies Perspectiv. Helene thut es. nun, was sagst Du? Was meinst Du?
Helene gleichgültig
Recht nett! Ganz hübsch!
Werner
Recht nett! Ganz hübsch! So? Und weiter nichts? – Aber, Helene, das ist ja eine Beleuchtung, ein Lichtzauber à la Hildebrandt. Und diese Fontainen! Dieses Quellen und Gurgeln und Rieseln – o über alle Beschreibung! Und dort drüben, die duftige Form mit den feinen träumerischen Linien – Claude-Lorrain, wie er leibt und lebt! setzt sich. Und die Kellner! Ein Gemüth haben diese Leute hier! Denke Dir: gestern rede ich so einen brunetten Garçon französisch an, und er antwortet mir – deutsch, ja wohl, deutsch! Seitdem ich diese patriotisirten Kellner entdeckt habe, glaube ich fest, daß die Menschheit auf dem Wege zu Vollkommenheit begriffen ist. Er bemerkt, daß Helene zerstreut ist. Aber Du frühstückst ja gar nicht, liebes Kind. Woran denkst Du?
Helene sich zusammennehmend.
Ich? An nichts. Woran sollte ich auch denken? – Reisen wir bald wieder ab, Georg?
Werner
Du äußerst Dich ja recht freundlich über Baden-Baden! Indessen, wenn Du willst, können wir schon morgen unsere Zelte hier abbrechen.
Helene
Ach ja, lieber Mann; bitte, bitte!
Werner
Helene, sieh mich einmal an! Da sie sich abwendet, nimmt er ihre Hand. Du bist traurig, Helene!
Helene
Ich traurig? Gott bewahre. Gewiß nicht, lieber Georg. Willst Du nicht noch ein Stückchen Zucker?
Werner
Kind, gib Dir keine Mühe, Dich zu verstellen. Du bist traurig, und zwar seit unserer Abreise aus München. Was kannst Du nur haben? Sonst pflegtest Du auf der Reise vergnügt und heiter zu sein – weißt Du noch, damals in der Schweiz, wie wir ganz versessen darauf waren, mit Muth, Gottvertrauen, Führern und Stricken bewaffnet, unser Leben auf den Spitzen verschiedener Eisberge zu balanciren?
Helene
Um Gottes willen, Georg, schweig! Erinnere mich nicht an jene unglückselige Schweizer-Reise.
Werner
Du hast Recht. Ich bin auch wirklich zu zerstreut! Dir kann diese Erinnerung nicht fataler sein, als sie es mir ist. – Der arme Junge!
Helene
Sterben zu müssen, so jung, so gut, so schön.
Werner
Ich hatte den treuen frischen Menschen wirklich lieb gewonnen. Auf unseren Bergwanderungen war er stets an meiner Seite. Du warst auch immer dabei. Ja welcher vernünftige Mensch kommt auch darauf, sich das Leben zu nehmen! Hätte es nicht in den Zeitungen gestanden, ich hätte es nimmermehr geglaubt. Und kein Mensch weiß eigentlich so recht, warum er sich auf diesem ungewöhnlichen Wege der Badegesellschaft empfohlen hat.
Helene
O doch, Georg, doch! Niemand zweifelte damals daran, daß eine unglückliche Leidenschaft – o Gott! – ihn in den Tod getrieben.
Werner
Unglückliche Leidenschaft – warum nicht gar? Ich sage Dir ja, er war ein ganz vernünftiger Mensch.
Helene
Nun, und was beweißt das? Meinst Du, daß Vernunft und Selbstmord sich ausschließen?
Werner
Gewiß. Ein Selbstmörder ist ein Narr, der einen Dummkopf tödtet.
Helene
Du freilich, Du glaubst nicht an eine große Leidenschaft – Du würdest niemals aus Liebe tödten – Pedant!
Werner
Gott bewahre mich davor!
Helene
Nicht einmal für Deine eigene Frau!
Werner
Wenigstens würde ich es äußerst ungern thun. Ich würde mir sagen: Georg, entweder betrübst Du die Frau, die Du liebst, auf das schmerzlichste durch Deinen Tod, und das wäre eine Gewissenlosigkeit, eine Grausamkeit – oder die Schlange frohlockt über das Ende Deines Lebens und den Anfang ihrer jungen Wittwenschaft; und in diesem Falle, gestehe ich, würde ich nicht die geringste Lust verspüren, das Entrée zu ihrem Amüsement mit meinem Leben zu bezahlen.
Helene
Du argumentirst nicht übel; Du vergissest nur das Eine: Wer wahrhaft liebt, der reflectirt, der philosophirt überhaupt nicht.
Werner
Der – stirbt. Nicht wahr? – Ich bin nun thöricht genug, mir einzubilden, daß ich Dir lebendig mehr nützen kann als todt. Hinter meinem Comtoirtisch mehr als da unten im Grabe. Habe ich nicht Recht, Helene? Thue ich nicht, obgleich ich lebendig bin, alles Mögliche, um Dich zur glücklichsten kleinen Bankiersfrau Berlins zu machen? herzlich Lenchen. liebes Lenchen, sollte mir das wirklich so wenig gelungen sein?
Helene
Aber, lieber Georg, wer sagt denn das?
Werner
Wirklich, mein Kind, ich begreife gar nicht, wie Du ohne mich leben wolltest, ohne meine Liebe, ohne mein Geld. Ich versichre Dir, wenn Du – was der Himmel verhüten möge – einst Wittwe werden solltest, es würde mich mehr um Deinet- als um meinetwillen schmerzen.
Helene
Ich weiß es ja längst, daß Du der beste Gatte, der beste Mensch, der beste Bankier bist – ja ganz gewiß.
Werner
Dein Beifall ist mein Stolz. Doch Du bist heut etwas gereizt – lassen wir dieses todesahnungsschaurige Gespräch fallen! Wirf lieber einen Blick in dies reizende Thal und athme die reine frische Bergluft, das wird Dir wohlthun.
2. Auftritt
Vorige. Eugen
Während Werner durch die offene Balconthür schaut, erscheint Eugen leise durch die Mittelthür im Hintergrunde, Helenen eine Brief zeigend, den er in der Hand trägt.
Helene ihn erblickend, erschrocken
O mein Gott!
Eugen flüsternd
Still! Er zeigt dringend auf den Brief und bittet sie durch sein Minenspiel, denselben zu nehmen.
Helene leise
Unmöglich!
Werner sich umwendend
Ist Jemand da? Eugen ist schnell durch die Thür wieder verschwunden. Sprachst Du mit mir, mein Kind?
Helene verwirrt.
Ich? – Ja wohl – ich fragte dich – ob Du wohl bemerkt hättest – – –
Werner immer noch in der Balconthür.
Du meinst den Reisewagen, der da unten vor dem Hotel hält? Ja wohl; eine Dame steigt aus – ein allerliebstes graziöses Persönchen nimmt sein Lorgnon. Holla! Sehe ich recht? Lenchen, wenn mich nicht Alles täuscht – kein Zweifel, sie ist es. Helene, wenn Du wüßtest! – – Rathe einmal, rathe!
Helene bemüht sich zu sehen
Aber wer ist es denn? Kenn ich sie?
Werner
Das will ich meinen! Eine kleine, pikante, reizende Wittwe – denk an die Pension!
Helene
Camilla?
Werner
Getroffen! Ich wenigstens halte sie dafür.
Helene
Wie ist das möglich? Wie sollte Camilla gerade jetzt nach Baden-Baden kommen? Und allein? Ich muß mich davon überzeugen – – laß mich hinunter.
Werner
Bleibe lieber einstweilen hier. Das Gepäck scheint ihr Ungelegenheiten zu machen; ich will ihr meine Dienste anbieten und bei dieser Gelegenheit mir Gewißheit verschaffen, ob sie es wirklich ist.
Helene
Warte doch – – bitte laß mich nicht allein! Ich will mitgehen.
Werner
Was fällt Dir ein? Fürchtest Du Dich etwa hier bei hellem lichten Tage? Ich könnte mich ja doch wohl getäuscht haben. Warte hier; ich bin im Augenblick wieder da. Ab.
3. Auftritt
Helene. Gleich darauf Eugen.
Helene
Georg läßt mich allein. Wenn er inzwischen käme – – – mein Gott, da ist er schon.
Eugen schnell eintretend
Aus Mitleid, gnädige Frau, nur aus Mitleid nehmen Sie diesen Brief.
Helene
Nimmermehr. Welches Recht, mein Herr, habe ich Ihnen gegeben – – –
Eugen
Leider keins! Aber hören Sie mich an – nur einen Augenblick!- Seit fünf Tagen folge ich Ihnen, stumm wie das Grab. Seit einer Woche, gnädige Frau, bete ich Sie an. Ich kam nach München, sah Sie und – liebe Sie. Ist das meine Schuld? Plötzlich reisen Sie ab, heimlich des Nachts, ohne Abschied. War das recht, meine Gnädige? Mein Schmerz läßt mir noch so viel Besinnung, ein Eisenbahnbillet zu lösen und mich in ein Coupé zu stürzen, um Ihnen zu folgen.
Helene
Diese Verfolgung eben, die Ihnen so viel Vergnügen zu machen scheint, finde ich absurd.
Eugen
Sagen wir: unverschämt.
Helene
Wohin ich den Blick wenden mag, treffe ich Ihr Auge – – –
Eugen
Ich liebe Sie!
Helene
Wenn ich vor einem Hotel absteige, sind Sie es, der den Schlag meines Wagens öffnet – – – –
Eugen
Ich liebe Sie!
Helene
Überall Sie, und immer Sie! – – – –
Eugen
Wenn das »Sie« Ihnen lästig fällt, sagen wir »Du«!
Helene
Ich frage Sie, ob ein Mann von Ehre ein solches Benehmen mit seinem Gewissen rechtfertigen kann!
Eugen
Nicht im mindesten. Sie haben vollkommen Recht: mein Benehmen ist unverantwortlich – nennen Sie es verbrecherisch, wahnsinnig; nennen Sie es wie Sie wollen! Wer aber gibt Ihnen das Recht. Vernunft und Besonnenheit von mir zu verlangen? Fordern Sie Liebe von mir – – –
Helene
Welche Sprache gegenüber einer verheiratheten Frau!
Eugen
Verheirathet? Ich glaube nicht an die Ehe; ich glaube nur, daß Sie unaussprechlich reizend sind! Will ihr die Hand küssen; sie entzieht ihm dieselbe.
Helene
Entfernen Sie sich, mein Herr, auf der Stelle. Sie, ein mir völlig fremder Mann, wagen es – – –
Eugen
Fremd? Völlig fremd? Keineswegs. Ich brauche nur ein Wort zu sagen, und Sie erfahren, daß ich einer Familie angehöre, welche das Glück hat, von Ihnen nicht nur gekannt, sondern ich – leider nur theilweise – geliebt zu werden. Ich werfe mein Incognito ab und – – –
Helene die nur halb hingehört hat.
Um Gottes willen, schweigen Sie! Ich höre draußen Geräusch! Geht nach der Thür.
Eugen ihr den Weg tretend
Besorgen Sie nichts, gnädige Frau; ich bin der discreteste Mann unter der Sonne
Helene
Gehen Sie, gehen Sie! Ich werde versuche zu vergessen, was Sie gesprochen haben. Bei Seite. Ich zittre vor Angst.
Eugen
Sie werden diesen Brief lesen!
Helene
Ich werde ihn nicht lesen.
Eugen
Er ist mit meinem Herzblut geschrieben.
Helene
Und wenn er auch mit Tinte geschrieben wäre – gehen Sie!
Eugen
Sie wollen ihn nicht lesen? Gut – so verbrennen Sie ihn wenigstens; aber nehmen müssen Sie den Brief.
Helene voll Angst.(für sich.)
Es ist Camillas Stimme. Wenn mein Mann mich hier träfe; allein mit einem Fremden! Laut Entfernen Sie sich so schnell als möglich. Sie sehen meine Angst; ich bitte Sie flehentlich darum! Eilt ab durch die Thür im Hintergrunde.
Eugen will ihr folgen
Nur ein Wort noch, ein einziges Wort!
4. Auftritt
Eugen.
Eugen allein.
Kehrt nach dem Vordergrunde zurück und zerreißt den Brief. Und ich behalte meinen Brief! Schade – er war mit einem Feuer geschrieben; keine Lukretia hätte ihm widerstehen können. – Was nun? Ob ich mein Vorhaben aufgebe? - Unmöglich! Erstens liebe ich die kleine Spröde in der That ganz wahnsinnig; und dann, so ohne jeden Erfolg das Feld zu räumen, wäre gegen meine Ehre. Ohne Kampf kein Sieg; kämpfen wir also und wagen wir das Äußerste! Dort ist ein Balcon. Dieser Gasthofs-Salon steht jedem Fremden zur Benutzung frei. Nehmen wir unsere Position und warten wir ab; vielleicht haben wir später mehr Glück. Tritt auf den Balcon, dessen Thür er von außen halb zumacht.
5. Auftritt
Camilla. Helene. Werner. Eine Kammerjungfer.
Camilla und Helene treten Arm in Arm ein. Werner, mit Gepäckbeladen, folgt ihnen. Eine Kammerjungfer, ebenfalls Gepäcktragend, folgt Werner.
Camilla
Ich kann dir nicht sagen, meine liebe theure Helene, wie ich mich freue, dich wiederzusehen, und so unverhofft.
Helene
Für mich ist es eine märchenhafte Überraschung. sich umschauend, für sich: Ich athme auf; er ist fort.
Camilla zur Kammerjungfer, auf eine Thür zur Linken zeigend.
Trage das Gepäck nach Nr. 6, das ist mein Zimmer. Kammerjungfer ab.
Werner einen Kasten von Mahagoniholz haltend.
Und was soll mit diesem wuchtigen Kasten geschehen?
Camilla lächelnd.
An dem habe ich keinen Theil; mein liebenswürdiger Bruder hat ihn mir aufgebürdet – soviel ich weiß, ist es ein Pistolenkasten. Sie haben wohl die Güte, ihn einstweilen auf den Tisch zu stellen. – Mein Bruder und ich, wir haben uns hier in Baden-Baden ein Rendez-vous gegeben. Ich komme aus Rom, er aus Paris oder irgend einer anderen Weltstadt Europa's. Unter uns gesagt, mein guter Bruder Eugen ist ein wenig mauvais sujet. Er hat so etwas von Don Juan oder Manfred oder sonst einem fashionablen Ungeheuer in sich, ist aber übrigens ein ganz charmanter junger Mann. Soll ich Dir etwas verrathen, Helene? Er schwärmt für Dich.
Helene
Ohne mich jemals gesehen zu haben?
Camilla
Nach dem, was ich ihm von Dir erzählte. Er behauptet, Du müßtest reizend sein. Sind Sie eifersüchtig, Herr Werner?
Werner
Ein Othello bin ich gerade nicht; indessen möchte ich doch nicht für meinen Gleichmuth stehen, wenn Jemand sich erdreisten sollte, Helenchen ernstlich die Cour zu machen. Allein daran ist wohl nicht zu denken; bis jetzt hat noch Niemand es gewagt, auch nur mit einem Blicke, geschweige denn – – –
Helene leise zu Werner.
Sei nicht böse. Du weißt, ich habe keine Geheimnisse vor Dir; aber sie auf Camilla deutend. will mir etwas anvertrauen. Du verstehst?
Werner leise
Ich verstehe laut Verehrteste Freundin, Sie entschuldigen mich wohl, wenn ich Sie verlasse. Ich habe noch einige Einkäufe für meine kleine Tyrannin zu besorgen.
Helene
Willst Du schon fort, lieber Georg?
Werner
Ich muß. Adieu, mein Kind; auf Wiedersehen, gnädige Frau. Ich lasse Sie beide mit gutem Gewissen allein; spricht sie, die Schlange, schlecht von mir, dann ist es pure Verleumdung. Es ist eine Schwäche von mir, aber ich liebe diese kleine Person weit über ihr Verdienst. Ab
6. Auftritt
Helene. Camilla.
Helene
Meine einzig, liebste Camilla, wie lange, wie unendlich lange haben wir uns nicht gesehen!
Camilla
Nicht ein einziges Mal seit der Pension. Was liegt alles zwischen damals und heut!
Helene
Was haben wir seitdem erlebt, gefühlt, gelitten!
Camilla
Wir haben uns inzwischen beide verheirathet, Du in Berlin, ich in Wien.
Helene
Und bist Du glücklich gewesen, Camilla? Ich habe eine Photographie Deines Mannes gesehen. Was für ein schöner, glänzender Cavalier!
Camilla
Sehr glänzend in der That! Darum bedurfte er auch stets eines leichten Firnisses von Skandal, um seine Reputation zu conserviren. So glänzend war er, daß er schließlich um einer Tänzerin willen, aus der er sich nichts machte, die aber gerade in der Mode war, sich im Duell erschießen ließ. Übrigens haben wir niemals ein unfreundliches Wort mit einander gewechselt – wir liebten uns nicht.
Helene
Arme Camilla! Und Du, so lebenslustig, so voll sprudelnder Heiterkeit, wie hast Du Dein Schicksal ertragen?
Camilla
Ungefähr so, wie die meisten Frauen in meiner Lage es getragen haben würden. Im ersten Jahr grämte ich mich still weg, ohne alle Hintergedanken. Ich war eine lebendige Elegie: thränenden Auges wandelte ich umher; was ich sprach, waren – Seufzer, was ich dachte – Jammer. Im zweiten Jahre fing ich an nachzudenken. Ich hielt Monologe; ich sagte mir: Camilla, Du könntest so glücklich sein! Warum bist Du es nicht? Warum mußt Du wie Tantalus, im Überfluß darben? Warum darfst Du nicht glücklich sein? Warum nicht? – Ich sah zwei Wege vor mir. Der eine führte zu einem stillen Landsitz, einer Art Kloster, in einer schönen Gegend, wo ich, ein Bild erhabener Tugend, einsam mit meinem Schmerz und meinem Pianino, auf die Freuden des Jenseits hoffend, meine Erdentage gottselig hätte beschließen können. Fast hätte ich diesen Weg eingeschlagen; aber ich fürchtete – vor Langeweile zu sterben. Womit sollte ich die Pausen zwischen dem Diner und dem Clavierspiel ausfüllen? In allen Romanen, die ich gelesen, mochten sie auf der Höhe oder in der Tiefe spielen, pflegten die Frauen, die sich der Einsamkeit ergaben, ihre Musestunden mit – Reue auszufüllen. Nun frage ich Dich: woher sollte ich, ein auf Hymens Altar schuldlos geopfertes Lamm, die Reue nehmen?
Helene
Aber sagt man nicht, liebe Camilla, daß im Bewußtsein strenger Pflichterfüllung ein ächtes und reines Glück zu finden sei? Sagt man nicht – -
Camilla
Was sagt man nicht Alles! – Ich habe keinen Ehrgeiz, und ich will Dir offen gestehen, daß der zweite Weg, den ich vor mir sah, mir verlockender erschien. Nachdenken erzeugte bei mir die Erkenntniß, daß es einfach die Pflicht eines jeden Menschen sei, sich seinen Antheil an den Genüssen des menschlichen Lebens zu verschaffen – schalkhaft wie sich von selbst versteht, ohne der ehrenwerthen Dame Moral zu nahe zu treten.
Helene
Ich hätte nie geglaubt, daß Du so leichtfertig denken könntest.
Camilla
Meinst Du? – Ich kann Dir sagen, Helene: Nichts richtet den Menschen mehr zu Grunde als Unglück. Wer nicht geliebt wird, ist nur der Schatten eines Menschen, überall einsam. Und darum fühle ich mich von einer maßlosen Sehnsucht nach Glück und Liebe erfaßt. Da, im entscheidenden Augenblick -
Helene
Besannst Du Dich zur guten Stunde eines Besseren – nicht wahr, meine Freundin?
Camilla
Da – starb mein Gatte, und ich war frei.
Helene
Und willst es bleiben? Verzeihe der Freundin diese Frage.
Camilla
Dir kann ich es vertrauen, Helene. Denke Dir, ich habe einen wahren Backfischstreich begangen: ich habe mich verliebt.
Helene
In wen?
Camilla
In einen jungen Kaufherrn, einen gebornen Hamburger, den ich im vorigen Jahr auf Helgoland kennen gelernt.
Helene
Und erwidert er Deine Neigung?
Camilla
Natürlich! Oder vielmehr umgekehrt: ich erwidre sie seinige. Er ist sehr reich; ich habe mich aber vorläufig noch nicht entscheiden können, ihn zu heirathen.
Helene
Und warum nicht?
Camilla
Weil er mich – zu sehr liebt.
Helene
Das ist gar nicht möglich.
Camilla
Doch Kind! Seine Seele steht immer in Brand.
Helene
Ach, Du Glückliche! Ein solcher Mann war immer der Traum meiner Jugend. Ich sage Dir, Camilla, es giebt phlegmatische Männer, die – – –
Camilla
Aber Kind, Du steckst ja voll netter Vorurtheile! glaube mir, jede Liebe hat ihre Illusionen, und jede Illusion hat ihren Lendemain. Selbst der feurigste Vulkan beruhigt sich, der Sturm tobt aus – und dann?
Helene
Mag sein. Und doch – gliche mein Georg Deinem Verliebten – – – –
Camilla
Warum nicht gar! Ein Bankier und ein Vulkan! Danke dem Himmel, daß er Dir einen soliden, dauerhaften Mann geschenkt hat, der Dich ohne alle Frage von Herzen liebt.
Helene
Er ist ein guter, ein wahrhaft guter Mensch; aber Camilla, er ist ein Alltagsmensch, und die Seele will doch auch einmal ihren Sonntag haben. Ich kann das Gefühl nicht los werden, als erwarte mein Herz noch immer – – –
Camilla
Irgend wen?
Helene
Wenigstens irgend was. Ich empfinde an seiner Seite nie so recht mein ganzes volles Leben. Sieh, z. B. gestern: entzückt stehe ich in der herrlichen Morgenlandschaft neben ihm. Unter Seelenschauern leuchtet mir die ganze Natur wie ein Rosenfeuer auf. Übermannt von Glückseligkeit ergreife ich seine Hand und flüstere: »Georg!«
Camilla
Und er?
Helene
Er? Fragt: »Lenchen, soll ich – Dir den Kaffee bestellen?«
Camilla
»Lenchen?« Allerdings. Hätte er Dich wenigstens »Helena« genannt.
Helene
Ein ander Mal – es war im Mondenschein; ein elektrischer Glanz legt sich um Busch und Baum, und süße, heilige Düfte entströmten den Kelchen der Blumen. Ich stehe, an seine Schulter gelehnt, wortlos, von dem leidenschaftlichen Zauber der Mondnacht ganz umstrickt. Und er, Camilla – -
Camilla
Steckt sich doch nicht etwa eine Cigarre an?
Helene
Nein, viel schlimmer als das: er – gähnt fürchterlich. Was ist ihm die Majestät des Sternenhimmels, was das geheimnißvolle Weben der Sommernacht? Er gähnt!
Camilla
In der That, liebes Kind, ich bin erstaunt über Deine schwärmerische Überschwenglichkeit. Sei vernünftig; nimm Deinen Mann wie er ist, und erwidre seine Liebe – man wird nicht alle Tage geliebt! Wenn das übrigens Deine einzige Sorge ist – – –
Helene
Es ist nicht die einzige. Ach Camilla, weit einigen Tagen bin ich in einer verzweiflungsvollen Lage, und – was das Schlimmste ist – ich muß meine Stimmung vor meinem Manne sorgfältig verbergen.
Camilla
Und warum?
Helene
Es handelt sich um ein Abenteuer.
Camilla
Was? Ein Abenteuer? Und davon hast Du mir noch kein Wort gesagt?
Helene
Ein junger Mann hat sich in mich verliebt. Er ist uns von München aus bis hierher gefolgt. Denke Dir nur: noch vor wenigen Minuten stand er hier in diesem Zimmer und wollte mich zwingen, einen Brief von ihm anzunehmen.
Camilla lachend
Ha, ha, ha! Und das erzählst Du mir mit so komischem Ernst? Was ist denn daran so Erschreckliches? Weißt du, ich finde nichts amüsanter als so ein kleines Abenteuer. – Ist er hübsch?
Helene
Sehr. Er hat große blaue Augen.
Camilla
Nun, so wirst Du Dich um so besser amüsiren.
Helene
Amüsiren? Camilla, wenn ich bemerke, daß Jemand ein außergewöhnliches Interesse an mir nimmt, dann gerathe ich in eine unbeschreibliche Angst, und ich versichere Dir –
Camilla
Aber Helene, wir können doch nicht gleich um Hilfe schreien, wenn sich einer in uns verliebt!
Helene ihr die Hand drückend, bewegt
Sprich nicht so, Camilla. Vernimm denn und wisse: ich habe den Tod eines Menschen auf dem Gewissen.
Camilla
Ist das wahr? Den Tod eines Menschen? Erkläre Dich!
Helene um sich blickend, nach einer kleinen Pause.
Wir sind allein, ich will Dir Alles sagen. Es ist jetzt zwei Jahre her. Wir hielten uns in Interlaken auf, als ein junger Mann dort erschien, den Niemand kannte. Er wurde Fritz Heinrich genannt; allein Jedermann wußte, daß dies nicht sein richtiger Name war. Man hatte allerlei Vermuthungen über ihn und den Zweck seines Aufenthalts; Manche glaubten, daß eine geheime politische Mission ihn in die Schweiz geführt habe. Werner schloß sich dem jungen Mann auf das freundlichste, ja mit einer gewissen Herzlichkeit an. Du erräthst – – –
Camilla
Ich errathe. Herr Incognito verliebte sich sterblich in Dich. Und Dein Mann?
Helene
Merkte Nichts.
Camilla
Der brave Mann!
Helene
Fritz gestand mir seine Liebe. O könnte ich Dir seine Worte wiederholen! Er sprach so innig, so leidenschaftlich – ich höre noch den Ton seiner Stimme - ach! Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß ich ihn streng in seine Schranken zurückwies.
Camilla
Natürlich!
Helene immer bewegter
Eines Tages kam er zu mir, aufgeregter, leidenschaftlicher denn je. Sein Antlitz was bleich, die Augen in Thränen gebadet; er bat, er beschwor mich um ein Wort des Mitleids, ein kleines Wort der Hoffnung. Camilla, mir blutete das Herz; aber keine Miene verrieth, was in mir vorging. Voll Verzweiflung verwünschte er sein Leben, ersehnte er sich den Tod. Endlich ging er – und -
Camilla
Du riefst ihn nicht zurück?
Helene
Ich rief ihn nicht zurück – er kam von selbst. An der Thür wandte er sich noch einmal um; seine Stimme klang wie die eines Sterbenden, als die Worte sprach, jene Worte, die sich unauslöschlich in meine Seele gebrannt haben, die ich noch auf meinem Sterbebett hören werde.
Camilla
Welche Worte?
Helene
Helene, »Ich bin vom Stamme jener Asra, welche sterben, wenn sie lieben!« Er ging. Ich sah ihn nie wieder – ich werde ihn niemals wiedersehen. Am folgenden Tage stand im Journal von Interlaken ein Wort, das mich wahnsinnig machte – es hieß! Selbstmord.
Camilla
Der Unglückliche hatte sich das Leben genommen?
Helene
Ja, ein Brief, den er seinem Diener zurückgelassen, bestätigte, daß sein Entschluß ein vorbedachter gewesen. Man stellte die sorgfältigsten Nachforschung in der ganzen Umgebung an. Endlich fand man am Rande eines Abgrundes –
Camilla
Seine Leiche?
Helene
Seinen Hut
Camilla
O mein Gott! Das ist ein trauriges Abenteuer!
Helene
Um meinetwillen gab er sich den Tod. Ach, Camilla, was soll eine Frau thun, die so geliebt wird?
Camilla
Im Allgemeinen soll sie wieder lieben. Aber freilich, es giebt Ausnahmefälle, wie der Deinige, wo die Moral – – Höre, das ist wirklich eine entsetzliche Geschichte. dieser Fritz hätte Dich ernstlich compromittiren können; er hat mit einem unverzeihlichen Leichtsinn gehandelt.
Helene
Leichtsinnig nennst Du, was mir erhaben erscheint? Er hat mir sein Leben geopfert; glaube mir, an ihm ist ein großes Herz zu Grunde gegangen.
Camilla
Um Gottes willen, hör' auf, Helene! am Ende bereust Du noch Dein strenges Betragen!
Helene
Der Unglückselige! Hätte ich ahnen können – – –
Camilla
Du hättest doch nicht – – –
Helene
Gewiß nicht, Camilla; Du kennst ja meine Grundsätze. Aber im Grunde ist doch Alles leichter zu ertragen, als die Schuld am Tode eines Menschen.
Camilla
Nun, Deine Grausamkeit läßt sich nun einmal nicht rückgängig machen. Darum klage nicht mehr um die Todten, sondern denk' an Deinen Gatten.
Helene
Ach, die Gatten! Die bringen sich niemals um!
Camilla
Das fehlte auch noch!
Helene
Immer sehe ich ihn vor mir, den Todesschweiß auf der blassen Stirn! Es ist genug an einem Opfer, nicht zum zweiten Male würde ich den Muth haben, einen Menschen um meinetwillen dem Verderben geweiht zu sehen.
Camilla
Um auf Deinen Münchener Unbekannten zurückzukommen, der wird doch nicht etwa auch mit Mordgedanken, Schießgewehr und Abgründen umgehen?
Helene
Der Himmel verhüte es! Ich habe ihn mit einer würde abgewiesen, mit einer Strenge, daß ihm nichts übrig bleibt. als auf der Stelle abzureisen..
Camilla
Ihr seid doch Beide, Du und Dein Gatte vortreffliche Menschen. Und jetzt, mein liebes Helenchen nimmst Du es mir wohl nicht über, wenn ich mich auf kurze Zeit zurückziehe. Meine Toilette bedarf einiger Retouchen, und mein Bruder kann jeden Augenblick eintreffen.
Helene
Wie? Um Deinen Bruder zu empfangen, willst Du Dich putzen?
Camilla
Möglich, daß er nicht allein kommt. Ich habe zwar einem gewissen Jemand streng untersagt, mich hier aufzusuchen; allein, gehorchen denn die Männer und immer, wie sie sollten? Also, Helenchen, auf wiedersehen! ab in ihr Zimmer.
Helene
Ich will einmal nachsehen, vielleicht ist Georg schon zurück.
Wie sie sich nach der Balconthür wendet, tritt Eugen, der während des Vorigen schon mehrmals zur Thür hereingesehen und durch sein Mienenspiel zu verstehen gegeben, daß er Alles gehört hat, ihr entgegen, mit wirrem Haar, nachlässigem Anzug und allen Zeichen äußerster Erregung.
7. Auftritt
Helene. Eugen.
Helene ihn erblickend
Schon wieder er! also noch hier? Ich bin allein – geschwind! Sie will fort.
Eugen mit dem Ausdruck wahrer Leidenschaft.
Einen Augenblick! – gnädige Frau, ich befand mich bereits auf dem Wege nach Amerika. Schon wurde die Entfernung, die uns trennte, größer und immer größer – – –
Helene
Das hatte ich von Ihnen erwartet, mein Herr.
Eugen
Fliehen wollte ich diesen Ort, obgleich eine geliebte Schwester mich hier erwartet.
Helene
Was sagen sie?
Eugen
Ja, ich bin der Bruder Ihrer Freundin, Camilla's Bruder.
Helene erschreckt
Eugen von Mansfeld? Erlauben Sie, ich will Camilla sogleich benachrichtigen.
Eugen sie zurückhaltend
Es ist unnütz. Nicht um meiner Schwester willen bin ich zurückgekehrt: ich bin gekommen, um Sie, gnädige Frau, noch einmal, zum letzten Mal zu sehen.
Helene macht eine abwehrende Bewegung.
Gut! Fahren Sie fort! Treiben Sie mich durch Ihre Kälte zur Verzweiflung. Keine Klage soll über meine Lippen kommen, aber mein Entschluß ist gefaßt.
Helene
Ich verstehe Sie nicht – ich wage nicht – aber, Herr von Mansfeld, muß ich Sie denn wieder und immer wieder daran erinnern, daß ich verheirathet bin?
Eugen
Warum sind – Sie verheirathet?
Helene
Ängstlich Mein Gatte –
Eugen
Was hindert mich, Ihren Gatten umzubringen? Er wäre der erste Gatte nicht, der seine Anmaßung mit dem Leben bezahlt hätte.
Helene
Welche Anmaßung? Daß er mich liebt – – –
Eugen
Was für ein Recht hat er, Sie zu lieben? Wie kommt er dazu, der Philister, der im Stande ist zu gähnen, wo unser Seelen, Helene erglühen würden! Helene zuckt zusammen. Zärtlich Ach Helene, wir könnten so glücklich sein! Unsere Herzen haben für tausend Empfindungen Raum!
Helene
Ich sollte treulos meine Pflicht verrathen? Nimmermehr!
Eugen
Ich sollte feig dem heißen Trieb in meiner Brust entsagen? Nimmermehr!
Helene
Ich verachte eine Liebe, die der Ehre baar ist.
Eugen
Ich verachte eine ehrbare Herzlosigkeit.
Helene
Verlassen Sie mich, Herr von Mansfeld! Schon die Vorstellung eines solchen Unrechts macht mich schaudern. Beendigen wir diesen Streit.
Eugen
Wie jeden Streit unter Liebenden Will sie umarmen.
Helene ihn abwehrend
Herr von Mansfeld!
Eugen
Gut! So weihe ich mich dem Untergang! Schon sehe ich den Abgrund, in welchen meine Leidenschaft mich hinabstürzt –
Helene
Abgrund? Unglückseliger!
Eugen
Mein Leben, Helene, gehört Dir; und du willst nicht, daß ich lebe!
Helene entrüstet
Sie nennen mich »Du«, mein Herr?
Eugen
Kann ich denn anders? Lieben wir uns nicht, Helene?
Helene
Schonen Sie meiner, Herr von Mansfeld! Ich bitte sie inständigst im Namen Ihrer Schwester, die Ihnen so zärtlich zugethan ist.
Eugen
Und ich beschwöre Sie im Namen dieser selben Schwester – Helene, Deine Liebe oder den Tod! Sinkt ihr zu Füßen
Helene für sich
Wehe mir! Ich bin von Selbstmördern umringt! Eine zweite Medusa, entziehe ich dem Leben, wer mich erblickt. Und die arme Camilla! O mein Gott, sie hat nur diesen einzigen Bruder! Wie sie sich umsieht, gewahrt sie Eugen, der inzwischen aufgestanden und an den Tisch getreten ist, auf dem der Pistolenkasten steht. Er ist beschäftigt den letzteren zu öffnen. Was thun Sie da?
Eugen der eine Pistole herausgenommen hat
Ich erwarte Ihren Richterspruch; das Henkeramt besorge ich selber.
Helene halblaut
Ich fühle mich einer Ohnmacht nahe.
Eugen im Tone der Verzweiflung
Sie wollen also, daß ich sterbe?
Helene
Wahnsinniger!
Eugen
So habe denn das Schicksal seinen Lauf! Wehe Ihnen, wenn Sie wagen, es aufzuhalten!
Helene
Eugen! Eugen!
Eugen
Sie ruft meinen Namen!
Helene zu ihm schwankend
Nein, nein! Niemals – nimmermehr darf das Äußerste geschehen! Wohlan denn, sprechen Sie! Was wollen, was fordern Sie von mir?
Eugen sich ihr schnell nähernd
Was ich fordere? Geliebte Helene, nichts, gar nichts, als nur einmal mit Ihnen ungestört reden zu dürfen. Wollen Sie?
Helene
Mein Gatte muß jeden Augenblick zurückkehren.
Eugen
Gut. Also später – um vier Uhr, in diesem Zimmer. Ich werde Ihren Gatten zu entfernen wissen.
Helene
Und dann?
Eugen
Und dann – ich verlange so wenig, fast nichts. Wahre Liebe ist so bescheiden, Sie wissen gar nicht, wie bescheiden.
Helene
Und um diesen Preis liefern Sie mir Ihre Waffen aus?
Eugen
Sofort.
Helene
Schnell, geben Sie her! Eugen will ihr den Kasten überreichen, sie weicht ängstlich zurück. Nein, ich mag diese Mordinstrumente nicht anrühren. Verschließen sie den Kasten und stellen Sie ihn dort in jenen Schrank.
Eugen
Wie Sie befehlen. Er stellt den Kasten in den im Hintergrund befindlichen Schrank und tritt zurück. Helene eilt zu dem Schrank und verschließt denselben Was thun Sie?
Helene
Ich verschließe den Schrank und verwahre den Schlüssel. Steckt den Schlüssel in ihren Gürtel. So – nun bin ich ruhiger.
Eugen
Und Sie werden Ihr Versprechen halten?
Helene
Ich werde halten, was ich versprochen habe. Aber jetzt verlassen Sie mich. Schnell! Eilt ab in ihr Zimmer.
Eugen
Um vier Uhr! Die Thür schließt sich hinter ihr. Da wären wir unserem Ziel um einen Riesenschritt näher gekommen. Sein Haar ordnend, pathetisch citirend »Ich bin von Stamme jener Asra«, oder:»Deine Liebe oder den Tod!« – Freilich, besonders edel ist das Mittel nicht; indessen in der Liebe wie im Kriege gilt jede List, und ich liebe diese reizende Frau, wie ich noch Keine je geliebt – wenigstens so viel ich mich erinnere.
8. Auftritt
Eugen. Oswald.
Oswald eintretend
Verwünschte Eisenbahn! Daß sie gerade heute wieder den Anschluß verfehlen mußte. Dadurch habe ich einen halben Tag verloren.
Eugen ihn erblickend
Wie? Sehe ich recht? Heinrich Oswald! Du selber, unser Hamburger Verliebter! Bestens willkommen, lieber Freund!
Oswald ihn umarmend
Und Du, Eugen, bereits vor mir angelangt? Bist Du schon lange hier?
Eugen
Seit wenigen Stunden. Auch meine Schwester ist vor Kurzem angekommen.
Oswald
Und ich Unglücksvogel war nicht da, um sie zu empfangen! Es ist zum Verzweifeln!
Eugen
Warum denn?
Oswald
Zum Verzweifeln, sag' ich Dir! Ich habe die günstige Gelegenheit versäumt, ihr meine grenzenlose Ergebenheit zu beweisen.
Eugen
Unsinn. Sie weiß, daß Du sie anbetest.
Oswald
Was hilft mir das, wenn sie meine Anbetung nicht erwidert?
Eugen
Du verlangst aber auch gar zu viel. Sie fürchtet Deine Veränderlichkeit.
Oswald
Ich, und veränderlich? Wie wenig kennt sie mich! Ich versichere Dir, Freund, wenn ich einmal eine Frau liebe, so liebe ich sie für's Leben. Deine Schwester ist das einzige Weib, das ich jemals wahrhaft geliebt habe.
Eugen kalt
Was geht das mich an? Übrigens, so weit ich die Weiber verstehe, mein Wort darauf: Camilla wird Deine Frau.
Oswald
Dürfte ich Dir glauben!
Eugen
Du darfst es. Sollte sie übrigens mit ihrer Einwilligung allzu lange zögern, so will ich Dir ein Mittel sagen – – –
Oswald
Welches? Sprich!
Eugen
Ein Mittel, das soeben erst frisch von mir entdeckt worden ist.
Oswald
Geschwind, her damit!
Eugen
Du erfährst es aber nur unter einer Bedingung.
Oswald
Ich acceptire jede.
Eugen
Du mußt mir eine Gegendienst leisten.
Oswald
Brauchst Du Geld?
Eugen
Nein.
Oswald
Sonst, zwischen Schwägern – – genire Dich nicht.
Eugen
Jetzt nicht, vielleicht später einmal. Im Augenblick ist es nicht eine leere Börse, sondern ein überflüssiger Ehemann, der mich genirt.
Oswald
Ein Ehemann?
Eugen
Ja wohl. Derselbe muß fortgeschafft werden – nur auf ganz kurze Zeit; und dabei rechne ich auf Dich.
Oswald
Auf mich? Und jetzt? Freund, ich muß Dir sagen, ich halte auf Moral. Und außerdem, ich habe ja Deine Schwester noch nicht einmal gesehen.
Eugen
Die ist bei der Toilette und könnte Dich jetzt doch nicht empfangen. Auch beanspruche ich Deine Dienste nicht im Augenblick, sondern erst um vier Uhr.
Oswald
Und wohin soll ich den Unglücklichen führen.
Eugen
Wohin Du willst: auf die Promenade, ins Bad, in den Spielsaal.
Oswald
Aber, Mensch, dieser Ehemann, den ich nicht einmal kenne – – –
Eugen
Was thut das? Alle Ehemänner gleichen sich. Da kommt er übrigens schon selber.
9. Auftritt
Vorige. Werner.
Werner mit verschiedenen Paketen
Helene wird sich hoffentlich freuen über die reizenden Sächelchen, die ich für sie eingekauft habe. Er grüßt Eugen, darauf nähert er sich Oswald und prallt zurück. Alle guten Geister loben Gott den Herrn! Spukt es hier am hellen Tage? Schnell auf Oswald zueilend Mein Herr, haben Sie vielleicht einen Bruder, der Ihnen zum Verwechseln ähnlich sieht und auf den Namen Fritz hört?
Oswald
Werner herzlich entgegentretend Dieser Fritz bin ich selbst, mein liebster bester Herr Werner.
Eugen zu Oswald. Halblaut
Kennst Du ihn?
Oswald ebenso
Versteht sich
Werner
Sie sind es wirklich, der Todte, der Begrabene!
Oswald
Der Wiederauferstandene.
Eugen
Was soll das heißen?
Werner zu Oswald
Den Brief, den Sie zurückließen – Ihr spurloses Verschwinden – – –
Oswald
Schweigen wir davon, Herr Werner! Erinnern Sie mich nicht mehr an jene romantische Thorheit.
Werner
Also ist es wirklich wahr? Sie leben, Sie athmen, Sie sind sogar dicker geworden. Ich finde nicht Worte, um meine Freude auszudrücken. Lassen Sie sich umarmen, mein lieber, theurer junger Freund. Alle Teufel. Ein Todter, der lebendig ist!
Oswald
Erlauben sie, Herr Werner, daß ich Ihnen meinen besten Freund vorstelle – -
Werner
Ah, der junge Herr, der uns auf der Reise einige Ritterdienste erwiesen hat. Sehr erfreut! Die Freunde unserer Freunde sind auch die unsrigen.
Eugen
Das ist ja reizend, daß die Herren alte Bekannte sind. Leise zu Oswald Vergiß nicht, ihn zu rechter Zeit bei Seite zu bringen! Laut Adieu, Heinrich. Ich werde Dein Interesse wahr nehmen, vergiß Du das meinige nicht. Ihr Diener, Herr Werner. Ab
10. Auftritt
Oswald. Werner.
Werner
Ich kann mich von meinem Staunen noch gar nicht erholen. Wissen Sie auch, daß Ihr Diener damals vierzehn Tage lang einen Trauerflor um den Hut getragen hat? Es ist ein wahres Wunder; ich möchte es in alle Welt hinausposaunen.
Oswald lebhaft
Um Gotteswillen nicht! Ich bitte Sie im Gegentheil, Herr Werner, das tiefste Schweigen über meinen unterbrochenen Selbstmord zu beachten, vor Allem hier in Baden-Baden.
Werner
Warum? Ein Selbstmord aus Liebe – – –
Oswald
Sie würden mich unglücklich machen und eine Heirath, die mir am Herzen liegt, unmöglich machen.
Werner
Wieso?
Oswald
Darf ich auf Ihre Discretion rechnen?
Werner
Felsenfest.
Oswald
Erfahren Sie denn, daß ich, als wir in Interlaken miteinander verkehrten, von einer so außerordentlichen Sensibilität heimgesucht wurde, daß ich kaum eine Frau sehen konnte, ohne mich in sie zu verlieben; besonders aber hatte Eine es mir angetan – – –
Werner
Ja, ja, ich erinnere mich: die schöne blonde Engländerin.
Oswald
Bewahre!
Werner
Doch nicht die schöne Frau des Badearztes?
Oswald
Auch diese nicht.
Werner
Nun, welche war es dann?
Oswald
Der Name tut nichts zur Sache.
Werner
Halt, jetzt geht mir ein Licht auf. Richtig! Die kleine brünette polnische Gräfin – o, sie war reizend.
Oswald
Rathen Sie nicht weiter! Genug, meine Göttin behandelte mich mit unbeugsamer Grausamkeit, und in einem Paroxysmus von Leidenschaft faßte ich den verzweifelten Entschluß, mit einem Schlag meiner Qual ein Ende zu machen und mich in einen jener Abgründe zu stürzen, an denen die Schweiz nur allzu reich ist. In dieser Vorstellung lag für mich eine wilde Poesie, eine schauerliche Erhabenheit – – –
Werner
Totale Gehirnfinsterniß!
Oswald
Mag sein. – Ich schrieb an meinen Diener den bewußten Brief, in welchem ich den ausdrücklichen Wunsch aussprach, daß man der Ursache meines Todes nicht nachforschen möge. Darauf machte ich auf den Weg zu dem von mir erwählten Abgrund. Ich gestehe, daß mein heißes Blut bereits unterwegs sich einigermaßen abzukühlen begann.
Werner
Aha! Der Anfang der Krisis!
Oswald
Denken Sie sich einen Menschen, der stundenlang bis zum Knie durch Eis und Schnee watet, um den der Wind in allen Tonarten heult und pfeift. Mich fror fürchterlich. Dennoch schleppte ich mich weiter bis zum Rande des Abgrunds. Ich blickte hinab, ich maß mit den Augen die grauenvolle Tiefe. Ein unnennbarer Jammer erfaßte mich. Indessen ich überwand die Anwandlung von Schwäche, nahm einen energischen Anlauf, schloß die Augen und – – –
Werner gespannt
Sie sprangen?
Oswald
Nein. Ich horchte auf; denn über die Berge drang ein wüster Lärm an mein Ohr.
Werner
Es war eine Lawine?
Oswald
Gott bewahre! Carl Lindstädt war es, einer meiner besten Freunde, auch ein Gast in Interlaken, der mit einer großen Gesellschaft auf der Gemsenjagd begriffen war. Sie hätten die lustigen rothen Gesichter der frischen Burschen sehen, ihr helles Lachen und Jodeln hören sollen – es war eine Unmöglichkeit, dabei irgendeinen Seufzer, geschweige den letzten, auszuhauchen. »Komm mit! Komm mit! Schließ Dich an!« erschallte es von allen Seiten. »So werde ich des Mittags sterben, statt des Morgens« – sagte ich zu mir selbst und fort ging's in wilder Jagd über Felsen und Glätscher, ich der wildesten Einer, immer voran. An einem Abgrund verlor ich meinen Hut, an einem andern mein Tuch – was weiß ich? Mit einem Wort, als wir uns nach erlegter Gemse wieder zusammenfanden, war ich halb todt – vor Müdigkeit und Hunger.
Werner
Nicht vor Verzweiflung?
Oswald
Nein, der Hunger hatte sie getödtet. Das Schwierigste für mich war nun, nicht zum Leben, sondern nach Interlaken zurückzukehren. Der ganze internationale Witz des Ortes wäre auf mich losgelassen worden, und jeder Dummkopf hätte sich bemüht, auf meine Kosten geistreich zu sein. Sagen Sie selbst, wie hätte ich mich der Frau, für die ich gestorben war, lebendig präsentiren können?
Werner lachend
Ein unvergleichlicher Effect! Ich sehe die Scene lebhaft vor mir.
Oswald
Endlich faßte ich einen Entschluß: ich nahm ein Eisenbahnbillet nach Hamburg und zur Sühne meiner Sünden begrub ich mich dort – in dem Geschäfte meines Vaters, der mich zu seinem Compagnon machte. Vom Morgen bis zum Abend in angestrengtester Arbeit – – –
Werner
Konnten Sie nunmehr keinen Augenblick Zeit gewinnen, an Selbstmord zu denken.
Oswald
So ist es. Ich habe mein Vermögen verdoppelt – das ist immerhin eine kleine Zerstreuung, die auf praktische Gedanken bringt – – –
Werner
Zum Beispiel auf Heirathsgedanken – ich verstehe! und jetzt beabsichtigen Sie, Ihr verdoppeltes Vermögen der Dame, die Sie damals so leidenschaftlich geliebt, zu Füßen zu legen?
Oswald
Durchaus nicht. Zu den Füßen einer anderen Dame will ich es legen.
Werner lächelnd
Wie? Und die Liebe, die Sie für unauslöschlich hielten?
Oswald
Sie ist es auch. Diese Liebe besteht fort und fort, glühender und leidenschaftlicher denn je; sie hat nur den Gegenstand gewechselt.
Werner
Allen Respect vor Ihrer Liebe. Das ist ja der reine Phönix, der immer von Neuem aus der eigenen Asche geboren wird.
Oswald
Sie haben Recht. Diesmal ist es eine reizende bezaubernde Wittwe, die mein Herz erobert hat. Leider kann sie sich immer noch nicht zu mir entscheiden. Sie zweifelt an meiner Beständigkeit – was sagen Sie dazu?
Werner
Ja, die Frauen haben oft sonderbare Capricen.
Oswald
Sie wohnt hier, in demselben Gasthof, in welchem Sie logieren. Denken Sie, wenn Sie von jenem unglücklichen Abenteuer in Interlaken sprechen hörte.
Werner
Seien Sie unbesorgt; ich werde Sie nicht verrathen, Im Gegentheil, wenn meine Vermittlung Ihnen vielleicht nützlich sein kann – – –
Oswald
Sie sind die Güte und Großmuth selber. Sein Sie überzeugt, Herr Werner, daß ich mein unsinniges Benehmen von damals aufrichtig bereue. Ach, wenn Sie wüßten – – –
Werner
Was soll ich wissen?
Oswald
Nichts! Die Thür zur Linken öffnet sich. Dort naht die Angebetete meines Herzens; ihr Bruder ist bei ihr.
Werner
Camilla?
Oswald
Sie kennen sie?
Werner
Wie sollte ich nicht? Sie ist die intimste Freundin meiner Frau.
Oswald entsetzt, leise
Seiner Frau? Ich bin verloren.
11. Auftritt
Vorige. Camilla. Eugen.
Camilla
Was sehe ich? Herr Oswald, Sie hier? Und gegen mein Verbot?
Oswald
Verzeihung, gnädige Frau, daß ich Ihr grausames Verbot übertrat; allein ich konnte nicht anders – meine Sehnsucht, meine Liebe – – –
Camilla
Sie lieben mich also noch immer, und ebenso leidenschaftlich wie früher?
Oswald
Noch mehr, mit jedem Tage mehr, und als Ihr Verlobter –
Camilla
Was sagen Sie? Mein Verlobter! Wer hat uns denn verlobt?
Oswald
Mein Glück und Ihre Schönheit.
Camilla
Das sind unzuverlässige Bürgen. Ehe ich nicht von Ihrer Beständigkeit überzeugt bin, kann ich mich zu nichts entscheiden.
Oswald freudig
Ich glaube Ihnen nicht, Camilla. Sie tragen ein blaues Kleid, und Sie wissen, Blau ist meine Lieblingsfarbe.
Camilla
Blau? Ja, wahrhaftig, das Kleid ist blau; das bemerke ich erst jetzt. Es ist ein altes Kleid; ich wollte es auf der Reise auftragen, weil ich Blau nicht ausstehen kann.
Oswald
Camilla, ich habe hier einen Freund gefunden, einen wahrhaften Freund, der mich genau kennt; er kann Ihnen sagen ob ich beständig bin.
Camilla
Sie scheinen viele Freunde zu haben; mein Bruder hier hat Sie seit einer halben Stunde in Einem fort gelobt, daß es nicht mehr auszuhalten war.
Eugen leise zu Oswald.
Ich habe mein Versprechen gehalten; vergiß Du das Deinige nicht.
Camilla
Was sagt Eugen da?
Oswald
Nichts. Er hat Ihnen nicht halb gesagt, warum meine ganze Seele durchbebt. Ich befinde mich in einer Lage – – –
Werner hervortretend
Die schwieriger nicht gedacht werden kann.
Camilla ihn erst jetzt erblickend
Ah, Herr Werner. – Wo ist Ihre Frau?
Werner
So viel ich weiß, auf ihrem Zimmer.
Camilla
Nun, Herr Oswald, da man Sie doch nicht wieder los zu werden scheint, so möchte ich Sie meiner besten Freundin vorstellen.
Oswald für sich
Gott steh' mir bei! zu Werner, leise Es ist um mich geschehen. Ihr Erstaunen, ihr Entsetzen –
Werner ebenso
Sie haben Recht.
Camilla zwischen beide tretend
Nun, so kommen Sie doch; wir wollen Helene in ihrem Zimmer aufsuchen.
Oswald
Verzeihen Sie, theuerste Camilla; aber eine wichtige Geschäftsangelegenheit, von der ich soeben mit Herrn Werner gesprochen, und die er die Güte haben will, mit mir zu ordnen –
Eugen leise zu Oswald
Bravo!
Oswald fortfahrend
Es ist durchaus nöthig, daß wir uns sofort zu einem Advokaten begeben –
Eugen wie oben
Gut! Sehr gut!
Oswald fortfahrend
Der schon früh auszugehen pflegt.
Eugen leise
Eben schlägt es vier. Du bist ein vortrefflicher Freund, ein capitaler Kerl!
Werner seinen Hut nehmend.
Ich stehe ganz zu Ihren Diensten.
Eugen für sich
Wirklich ein ganz ausgezeichneter Mensch!
Camilla
Bei der Gelegenheit könnte ich noch einige Einkäufe besorgen. Bis zum nächsten Laden nehme ich Ihre Begleitung an. Herr Werner, Ihrem Arm! gehen ab.
Oswald Werner theilnehmend nachblickend. für sich
Und dieser brave gurte Werner! Nein, ich werde einen Vorwand finden, ihn bald zurückzuführen. Laut, Eugen die Hand reichend Adieu Eugen. den Andern folgend, ab
Eugen
Adieu, Heinrich.
12. Auftritt
Eugen
Eugen allein
Endlich sind sie alle fort und ich behaupte das Feld. Jetzt muß sie mich anhören und mir antworten, und zwar ganz ausführlich. Nur vorsichtig! Schneiden wir dem Feinde den Rückzug ab. auf die Mittelthür deutend Nur durch diese Thür könnte ein Störenfried kommen; verriegeln wir sie! Er thut es, und gewahrt Helene, die von rechts eingetreten ist. Da ist sie!
13. Auftritt
Helene. Eugen.
Helene ohne den im Hintergrunde befindlichen Eugen zu sehen, für sich.
Eben hat es vier geschlagen; glücklicher Weise ist Georg noch nicht zurück. Wie bang ist mir! Mein Herz klopft! Geht nach links, wie sie sich umwendet, gewahrt sie Eugen. Herr von Mansfeld!
Eugen
Sie haben die Güte eines Engels. Wissen Sie, daß Sie mir das Leben gerettet haben?
Helene
Sie sagen es; und glauben Sie mir, Herr von Mansfeld, nur deshalb – – –
Eugen
Nur deshalb? Helene! Du liebst mich also nicht? Deine zitternde Stimme, die Thräne in Deinem Auge, sind sie nicht untrügliche Zeichen – – –
Helene
Nein, Herr von Mansfeld. Aber selbst wenn ich Sie liebte, niemals würde ich meine Lippen durch ein solches Geständniß entweihen. Aber Sie, Sie sagen, daß Sie mich lieben – – –
Eugen
Über alle Maßen!
Helene
Und über alle Maßen bedrohen Sie mein Glück, meine Existenz, meine Ehre. Herr von Mansfeld, wenn Sie mich nur ein klein wenig lieben – – –
Eugen leidenschaftlich, ihre Hand ergreifend
Ja, ich liebe Dich, und nur der Tod kann uns trennen.
Helene
Lassen Sie meine Hand los.
Eugen ihr zu Füßen stürzend
Nein, nie! Denn mir gehörst Du jetzt für Zeit und Ewigkeit. Du wirst, Du mußt mich lieben!
Helene
Ist das die Zurückhaltung, Herr von Mansfeld, die Sie mir versprochen haben?
Eugen
Zurückhaltung? Wer spricht von Zurückhaltung, wenn ich nur eine Wahl habe: Deine Liebe oder den Tod!
Helene
Herr von Mansfeld. zum letzten Mal –Es wird an die Thür geklopft. Still!
Werner von außen
Mach auf, Helenchen, ich bin's!
Helene
Es ist mein Mann!
Eugen sich erhebend, für sich
Alle Teufel! Wie konnte Heinrich ihn so schnell entschlüpfen lassen!
Helene leise
Gehen Sie! Um Gottes willen, gehen Sie!
Eugen leise, während von Neuem geklopft wird
Unter der Bedingung, daß ich wiederkommen darf, wenn Ihr Gatte fort ist. Versprechen Sie das?
Helene außer sich vor Angst
Ja, ja! Gehen Sie nur, so schnell Sie können!
Eugen während es wiederholt klopft
Aber wohin? Ich glaube, das Zimmer meiner Schwester ist am geeignetsten. Ab in Camillas Zimmer, wo er sich einschließt
Helene an der Thür ihm leise nachrufend
Mag hier geschehen, was da wolle, kommen Sie unter keiner Bedingung heraus – Mein Gott, giebt es eine qualvollere Lage als die meine? Öffnet die Thür im Hintergrunde
14. Auftritt
Werner. Helene.
Werner
Störe ich Dich, mein Kind? Du warst wohl in Deinem Zimmer und hast deshalb mein Klopfen nicht sogleich gehört?
Helene
Ja wohl. Habe ich Dich lange warten lassen?
Werner
O das thut ja nichts. – Übrigens, liebes Helenchen, komme ich nicht allein; ich bringe Jemanden mit. Für sich Ich muß sehr vorsichtig sein.
Helene
Wo ist er denn? Warum läßt Du ihn nicht eintreten?
Werner
O es hat gar keine Eile. Pause Helene, es giebt Dinge zwischen Himmel und Erde – – –
Helene
Von denen Du Dir nichts träumen läßt, guter Georg. Ich weiß es!
Werner für sich
Nein auf diese Weise geht es nicht. Laut Helene, kürzlich las ich eine Novelle von Karl Heigel, die fängt mit den Worten an: »Und er stieg aus seinem Grabe«. Siehst du, mein Gast – – –
Helene
Aber, Georg, Du thust ja, als müßtest Du mich auf ein Gespenst vorbereiten.
Werner
Nun, ganz so schlimm ist es nicht. Indessen wappne Dich mit Muth, das Individuum, welches nach Dir verlangt – – –
Helene
Mein Gott, wer ist es denn? So sprich doch nur!
Werner
Er kommt, Dir eine Bitte ans Herz zu legen, die Du ihm nicht abschlagen darfst.
Helene
Du spannst mich auf die Folter! leise Ist denn heute alle Welt gegen mich verschworen?
Werner
Wenn Du mir versprechen willst, nicht zu erschrecken –
Helene
Mich erschreckt nichts mehr.
Werner
Und nicht aufzuschreien – – –
Helene
Mein Gott, wer ist es denn? Sie erblickt Oswald, der so eben leise eingetreten und ihr ziemlich nahe gekommen ist, und stößt einen lauten Schrei des Schrecken aus. Ah!
Werner sie haltend
Habe ich es nicht gesagt?
15. Auftritt
Vorige. Oswald
Helene zu sich kommend
Ist es ein Traum?
Oswald
Gnädige Frau!
Helene
Noch traue ich meinen Augen nicht!
Werner
Ja, er ist es wirklich, unser »Fritz«", allerdings eigentlich Herr Fritz Heinrich.
Oswald
Er ist es, wie er leibt und lebt, von Fleisch und Blut, keine Spur von einem Geist.
für sich Ein Glück, daß Camilla nicht zugegen ist! Laut Verzeihung, gnädige Frau!
Helene sich immer mehr von ihrer Überraschung erholend
Und Sie leben?
Oswald beschämt
Vergebens würde ich zu leugnen wagen.
Helene
Sie haben sich nicht getödtet?
Oswald
Noch nicht, aber wenn Sie es befehlen – – –
Helene
Unglaublich. Und jener Brief, der von einem Abgrund sprach?
Oswald
Wandeln wir nicht unser ganzes Leben hindurch einem Abgrunde zu? Und glauben Sie mir, gnädige Frau, es giebt im Menschenleben Augenblicke, wo man dem Wahnsinn näher ist als sonst, und man nicht nach einem unterlassenen Selbstmord beurtheilt werden darf.
Werner
Freue dich doch, liebes Weibchen, daß er noch lebt! Und er lebt nicht nur, sondern wie Du siehst, ist er auch dicker und blühender geworden.
Oswald
Ich versichere Ihnen, daß ich mich meines Lebens und meiner Gesundheit von Herzen schäme; aber meine Schuld ist gesühnt, reichlich gesühnt. Habe ich mich auch nicht in jenen Abgrund gestürzt – Tod und Abgrund war mir überall, wo ich Sie nicht sah.
Werner überrascht
Wen?
Oswald sich verbessernd
Die Dame, die ich liebte.
Werner
Ach so! zu Helene Ich werde Dir später die ganze Geschichte ausführlich erzählen. Ich sage dir, sie wird Dich sehr amüsiren; ich wenigstens habe gelacht, bis ich nicht mehr konnte..
Oswald bittend
Herr Werner!
Werner
Sie haben Recht. Wir dürfen den Zweck Ihres Besuches nicht vergessen. zu Helene Es handelt sich um nichts weniger, als sein Leben.
Helene
Zum wievielten Mal?
Werner
Wenigstens um das Glück seines Lebens. hier in Baden-Baden befindet sich gegenwärtig eine Person, die er schwärmerisch liebt – – –
Helene entrüstet
Gerechter Gott! Sie wagen es, mein Herr, noch immer an jene Frau zu denken?
Werner
Beruhige dich, mein Kind. Es ist Deine Freundin Camilla, die er liebt und durchaus heirathen will.
Helene bestürzt
Wie? Sie wären der junge Hamburger, von dem sie mir diesen Morgen erzählt hat?
Werner
Er ist es.
Helene
Der Liebende, an welchem sich nur ein Fehler fand: ein Übermaß von Leidenschaft?
Werner
Er ist es, der daran leidet.
Helene
Das Herz, das niemals eine Andere geliebt hat?
Werner
Es schlägt in seiner Brust.
Helene
Abscheulich! O, sie soll Alles erfahren, die ganze volle Wahrheit!
Werner
Das ist es ja gerade, liebes Helenchen, was vermieden werden soll.
Oswald
Lassen Sie sich durch mein Bitten, durch mein dringendstes Flehen erweichen, gnädige Frau! Zerstören Sie nicht ein Glück, das – – –
Werner
So thu' ihm doch den Gefallen, Lenchen! Er ist mein Freund.
Helene
Ich sollte ruhig mit ansehen, wie meine liebste, meine beste Freundin betrogen wird?
Werner
Aber er betrügt sie ja nicht; er liebt sie wirklich, und er wird darüber noch den Verstand verlieren.
Helene bitter
Wie damals das Leben. zögernd Und die Andere, die Dame aus Interlaken?
Werner
Liebt er längst nicht mehr. Unter uns gesagt, er hat sie überhaupt nie so recht eigentlich geliebt.
Oswald lebhaft
Das ist nicht wahr, Herr Werner! Im Gegentheil, ich habe Ihnen bekannt, daß mein ganzes Herz ihr gehört. Ich hatte nur einen schwachen Augenblick, in welchem mein Verstand mein Herz besiegte. – allerdings gegen alles poetische Herkommen.
Helene spöttisch
Freilich, es gehört nicht jeder zum »Stamme jener Asra, welche sterben, wenn sie lieben.«
Werner
Aber Kind, verliere doch nicht so viele Worte über einen romantischen Unsinn. Herr Oswald hat vollkommen Recht gehabt, sein Lebelang lebendig zu bleiben.
Helene
Aber unwürdig, nein nichtswürdig bleibt es doch immer, mit einem Selbstmord zu drohen; das wirst Du nicht leugnen wollen, Georg! Denk an den Kummer, an die Angst, die wir ausgestanden haben!
Werner
Wir waren die Thoren, an den Unsinn zu glauben. wenn so ein müßiggängerischer junger Herr mit Selbstmord droht, so ist das immer nur ein Theatercoup, um irgend ein argloses Närrchen ins Garn zu locken.
Helene
Ach, argloses Närrchen!
Werner
Oder Närrin; denn eine närrische Rolle spielt die Frau gewiß, die sich durch eine geschickt in Scene gesetzte Leidenschaft imponiren oder dupiren läßt. Diese Gluthmenschen, die in wilder Beredtsamkeit alle Schranken des Gesetzes und der Sitte niederzureißen trachten – in nüchternem Zustande sind sie meist herzlose oder übersättigte und abgespannte Bonvivants.
Helene mit Bitterkeit
Ich verstehe. Ihr Herz ist der einzige Abgrund, in welchen sie sich stürzen!
Werner
Sieh dich doch einmal in der Welt um, mein Kind; Du wirst bemerken, daß es fast immer verheirathete Frauen sind, denen sie ihr Leben und ihre Liebe zu Füßen legen. Sie wählen sich vorzugsweise gern überspannte jüngere Gattinnen reifer Männer, die sich für unbegriffene Seelen halten und sich unglücklich fühlen, wenn der Herr Gemahl nicht zeitlebends den Courmacher spielen will.
Helene das Gesicht in den Händen verbergend für sich
O mein Gott! Laut Was Du sagst, klingt schrecklich. Aber die Auferstehung des Herrn Oswald von den Todten leistet mir einen großen Dienst, einen außerordentlichen Dienst; und zum Dank werde ich das Schwiegen, das er von mir fordert, gewissenhaft beobachten.
Oswald
Ich kann Ihnen nicht genug danken, meine verehrte gnädige Frau!
Werner
Ich sagte Ihnen ja, sie ist die Güte selber.
Helene
Aber wo ist Camilla?
Werner
Fortgegangen um Einkäufe zu machen.
Helene die sich gesetzt hat, um zu schreiben
So! Es ist durchaus nothwendig, daß dieses Billet sofort in ihre Hände gelange. zu Oswald Fürchten Sie nichts; eines Verrathes werden Sie mich hoffentlich nicht für fähig halten. zu Werner Lieber Georg, der Brief hat große Eile; sie muß ihn unbedingt noch vor Tisch erhalten. Du thätest mir einen großen Gefallen, wenn Du Camilla aufsuchtest und ihr den Brief selbst übergäbest.
Werner
Sehr gern, liebes Kind; ich habe im Augenblick nichts weiter zu thun.
Oswald für sich
Was ist das? Will sie ihn von hier entfernen? Sollte es Eugens wegen sein?
Werner
Kommen Sie mit, lieber Oswald?
Oswald
Leider kann ich nicht; ich habe nothwendig vor Tisch noch einige Briefe zu schreiben. Für sich Ich werde über ihr Benehmen wachen und Beide von hier beobachten. Er grüßt und geht durch die zweite Thür rechts, die er halb geöffnet läßt, und wo er während der folgenden Scene bleibt.
Werner
Auf baldiges Wiedersehen.
Helene Werner herzlich die Hand drückend
Adieu, lieber Georg.
Werner durch die erste Thür rechts ab. Helene wendet sich, nachdem sie die Thür verschlossen, nach links, zu der Thür, durch welche Eugen abgegangen. Sie klopft an.
16. Auftritt
Helene. Eugen.
Eugen noch von außen, auf Helenens Klopfen
Herein!
Helene
Sie können herauskommen, Herr von Mansfeld. Mein Gatte ist fort; wir sind allein. Sie setzt sich und nimmt eine Stickerei zur Hand
Eugen tritt hastig ein
Die Augenblicke sind mir zu Ewigkeiten geworden. Kaum kann ich mich aufrecht halten.
Helene
Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?
Eugen
Ich, mich setzen? Nein, zu Deinen Füßen, Helene ist mein Platz!
Helene
Es scheint, daß Sie wieder zu Kräften kommen.
Eugen
Nur um von Neuem zu leiden, mehr zu leiden als je!
Helene
Das wäre mir herzlich leid; denn wenn sich trotz aller meiner Bemühungen noch immer keine Spuren von Besserung bei Ihnen zeigen sollten, so müßte ich auf alle ferneren Heilungsversuche verzichten. Sie sollten es einmal mit einer Kaltwassercur probiren. Starke Douchen sollen gegen Congestionen nach dem Herzen – – –
Eugen
Was muß ich hören? so spricht Helene, meine Helene. Könne Sie so eiskalt sein, während der Unglücklichste der Menschen zu Ihren Füßen in Verzweiflung vergehen möchte.
Helene
Mit Befriedigung constatire ich das erste Zeichen Ihrer Besserung: sie bequemen sich, Gott sei Dank, wieder zu dem unter oberflächlich Bekannten allgemein üblichen »Sie«.
Eugen bei Seite
Ich muß noch einmal von vorn anfangen. Fatale Unterbrechung im kritischen Augenblick. Laut Ja, meine Gnädigste; Sie werden sich entschließen müssen, mich noch einmal anzuhören. diese Worte werden die letzten sein, welche über meine Lippen kommen! Nähert sich ihr Empfangen Sie diesen Kuß des Todes –
Helene zurückweichend
Ich danke! Später vielleicht.
Eugen
Ha, dieser Balcon Thut einige Schritte nach dem Balcon
Helene
Eine herrliche Aussicht! Der schöne Blick über den See – nicht wahr?
Eugen
Freundlicher See! In deine Tiefe zu tauchen, hinab ins Meer der Ewigkeit – dieser Balcon, von dem ich mich stürzen möchte – für sich Sie hält mich nicht zurück? Laut Ich verbiete Ihnen mich zurückzuhalten!
Helene
Ich denke nicht daran; indessen kann ich Ihnen nicht rathen, an dieser Stelle zu springen. Der See ist gerade vor dem Balcon ungemein flach; Sie riskiren einen Beinbruch.
Eugen
Es giebt andere Wege, die zur Ewigkeit führen! Will durch die Thür
Helene ihn zurückrufend
Herr von Mansfeld?
Eugen freudig
Helene, Sie rufen mich zurück?
Helene
Ich möchte Ihnen nur einen Regenschirm anbieten; es fällt etwas naß.
Eugen
Wie? zur Lieblosigkeit noch den Spott? Die Strafe soll Ihnen nicht erspart bleiben! Nein, nicht draußen im Freien, hier vor Ihren Augen, will ich mir das Hirn zerschmettern!
Helene
Wenn das Ihr aufrichtiger Wunsch ist – Den Schlüssel aus ihrem Gurt nehmend Hier nehmen Sie.
Eugen
Was ist das?
Helene aufstehend
Der Schlüssel zu diesem Schrank. er schwankt Öffnen Sie diesen Schrank; Sie werden einen Kasten darin finden –
Eugen bei Seite
Höre ich recht? laut Wo?
Helene
Er steht dicht vor Ihnen; Sie sehen ihn schon.
Eugen den Kasten nehmend
Ah, diese Pistolen!
Helene
Es sind die Ihrigen.
Eugen den Kasten öffnend, mit der Miene eines Verzweifelten
Sie wollen also, Helene, Sie befehlen, daß ich aus diesem Leben scheiden soll? Ich soll fort und Sie, die Sie so reizend vor mir stehen, nie mehr sehen? – O Helene!
Helene
Ich habe eingesehen, daß Niemand gegen sein Schicksal kämpfen kann.
Eugen
Meine Pistole sind nicht geladen, Sie haben es gewußt, Helene!
Helene
Ich kann Ihnen vielleicht aushelfen. Mein Mann besitzt mehrere Revolver, vier- und sechsläufige.
Eugen
Ich bitte um einen sechsläufigen Helene will fort, er hält sie zurück Halt bitte einen Augenblick.
Helene
Was wollen sie?
Eugen in grenzenloser Verwirrung
Ich – ich bitte – um ein Glas Wasser.
Helene
Sogleich. Wenn Sie sonst noch etwas wünschen – einem Sterbenden darf man keinen Wunsch versagen.
Eugen
Helene, ich will nicht scheiden, ohne an Ihr Gewissen apellirt zu haben. Bedenken Sie, es wird eine Stunde kommen, wo eine zärtliche Schwester Ihnen in die Ohren schreien wird: Wo ist mein Bruder?
Helene
Ich werde ihr antworten: In Paris oder in Rom, je nachdem.
Eugen
Fürchten Sie nicht die rächenden Geister der Gemordeten? In einsamer Stunde der Nacht wird eine Gestalt vor Ihnen auftauchen, mit klaffender Wunde in der Brust, die Entsetzen durch Ihr Gehirn jagen, die eine Hölle in Ihrem Herzen entzünden müßte?
Helene
Werden Sie bengalisch oder elektrisch beleuchtet?
Eugen
Das ist zu viel, zu viel! In höchster Erregung Nein, meine Gnädigste, um Ihretwillen werde ich mich nicht tödten. Niemals! Sie verdienen es nicht. Sie sind ein Gletscher, an dem selbst die heißeste Liebe schmilzt. Ich werde leben, ja leben und Ihnen zum Trotz alt werden, steinalt!
Helene laut lachend
Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen.
17. Auftritt
Vorige. Camilla.
Camilla
tritt schnell ein, sieht Eugen mit dem Pistol in der Hand, stößt einen Schrei aus und wirft sich in seine Arme.
Mein Bruder, muß ich Dich so wiedersehen? Herzensbruder, lebst Du noch?
Eugen sich losmachend
Was hast Du denn? Camilla, laß mich!
Camilla
Du bist nicht verwundet?
Helene
Heil und gesund vom Kopf bis zum Fuß – ich stehe dafür.
Camilla
Mein Gott, Helene, wie tödtlich Du mich erschreckt hast! Hier Eugen, lies dieses Billet, welches Herr Werner vor wenigen Minuten mir eingehändigt hat.
Eugen lesend
»Liebste Camilla, komm eiligst zurück. Das Leben Deines Bruders schwebt in diesem Augenblicke in größter Gefahr.« – zu Helene So bitter, gnädige Frau, haben Sie mich verspottet?
Helene lachend
Das nicht. Ich fürchtete nur, Sie könnten in vollem Ernst »zum Stamm der Asra« gehören, »welche sterben, wenn sie lieben« leise zu Camilla Es ist eine kleine Lection, die ich ihm gegeben habe; er wollte sich durchaus um meinetwillen umbringen.
Camilla mit einem halb spöttischen, halb beschämten Blick auf Eugen
Der? zu Eugen Du Taugenichts, hast Du solche Leitfertigkeit von Deiner Schwester gelernt?
18. Auftritt
Vorige. Oswald.
Oswald im Eintreten
Ein eindringlicher Scherz, das muß ich sagen!
Eugen
Wie? Auch Du warst mit im Complot? Das ist eine tödtliche Beleidigung!
Oswald
Im Complot? Durchaus nicht; ich war nur ein harmloser Zeuge. leise zu Eugen Sei vernünftig und mach' gute Miene zum bösen Spiel.
Eugen abwechselnd die drei , welche über ihn lachen, anblickend
Das ist unleidlich! Den Fluch der Lächerlichkeit ertrage ich nicht; Ihr zwingt mich, mir schließlich in allem Ernst eine Kugel durch den Kopf zu jagen!
Camilla
Eugen, lieber Eugen!
Helene treuherzig
Herr von Mansfeld, eine Frau hat Ihnen eine, vielleicht etwas harte, aber wohlverdiente Lektion gegeben. Davon stirbt man nicht; im Gegentheil, man bessert sich und wenn man nicht ein ganz rachsüchtiges Gemüth ist, so erwirbt man sich eine sehr gute und herzliche Freundin. Ihm die Hand reichend Wollen Sie, lieber Eugen?
Eugen ihr die Hand küssend
Liebe, verehrte Frau, wer kann Ihnen widerstehen? – Aber Heinrich, der Zeuge war – – –
Helene
O, für dessen Discretion bürge ich.
Oswald
Bürgen Sie nicht, gnädige Frau! Ich verpflichte mich durchaus nicht zum Schweigen – es sei denn, man nähme mich als Glied der Familie an.
Camilla
Was thut man nicht für so ein mauvais sujet von Bruder!
Oswald entzückt, ihr die Hand küssend
Camilla
Ich werde mich in der Ehe rächen für den Zwang, den man mir jetzt anthut.
19. Auftritt
Vorige. Werner.
Werner erscheint in der Thür
Nun, meine Herrschaften, zu Tisch! zu Tisch!
Helene zärtlich auf Werner zueilend und ihn umarmend
Mein lieber, lieber Georg! Wie lange bist Du ausgeblieben!
Der Vorhang fällt
Heinrich Heine
aus: Romancero – Historien
Der Asra
Täglich ging die wunderschöne
Sultanstochter auf und nieder
um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern.
Täglich stand der junge Sklave
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern;
Täglich ward er bleich und bleicher.
Eines Abends trat die Fürstin
Auf ihn zu mit raschen Worten:
»Deinen Namen will ich wissen,
Deine Heimat, deine Sippschaft!«
Und der Sklave sprach: »Ich heiße
Mohammed, ich bin aus Jemen.
Und mein Stamm sind jene Asra,
Welche sterben, wenn sie lieben.«