Großhändler Knut Vaberg konnte auf ein Leben der Arbeit zurücksehen – von pecuniärem Erfolg gekrönt – auf ein triviales Familienleben, nicht ohne unterdrückte Reibungen, ein geregeltes Außerhauseleben von trockener Extravaganz und schaler Tricoterotik ohne Freudigkeit – er konnte auf ein Seelenleben zurückblicken, bestehend aus einer zermalmenden Menge Ziffern, ein wenig hitziger Zollpolitik, einem gewissen Indifferentismus allgemeinen Fragen gegenüber, einer einseitigen Bewunderung dieses oder jenes großen Mannes, und dann – im Übrigen nichts.
Nun hatte er ein Bedürfniß nach Ruhe nach all dem angestrengten Calculiren. Der Cassenschrank war gefüllt, aber der körperliche und seelische Besitzstand dem Bankerott nahe. Das Gedächtniß ließ ihn zuweilen im Stiche. Hatte er etwas zu sagen, mußte es ihm von dem soufflirt werden, der nicht genug Geduld besaß, zu warten, bis er die ihm entfallenen Worte gefunden; er begann Angst davor zu empfinden, über offene Plätze zu gehen; und noch andere Mißtrauen erweckende Symptome sagten ihm erbarmungslos, daß Alter und Gebrechlichkeit vor der Thüre standen. In tiefer Verstimmung über diese Entdeckung schlug er für immer das Hauptbuch zu und setzte sich nieder, um nachzugrübeln, von wo die Erholung, die Verklärung seines Lebensabends hergenommen werden sollte.
Da dämmerte vor seiner Erinnerung die holländische Heimat auf mit ihren glitzernden Mergelbrüchen an den weiten Abhängen, mit ihren harzduftenden Waldfirsten, mit dem Meere, das sich weiß schäumend an dem Strande brach, von wo der Wind über Land brauste – jung, stark, berauschend.
Er faßte seinen Entschluß. Der älteste Sohn sollte die umfassenden Geschäftsverbindungen übernehmen, die Stadthäuser wurden verkauft und anstatt ihrer ein Gut im südwestlichen Holland erstanden. Und hier wollte sich jetzt der Großhändler mit seiner Frau und den beiden Töchtern ansiedeln, Frau Vaberg wurde durch diese Nachricht vernichtet, so vernichtet, daß sie sich erst erholte, als sie in dem Zuge saß, der sie in die neue Heimat brachte. Da erst erwachte sie zum vollen Bewußtsein des Entsetzlichen, das ihr bevorstand, und machte sich bittere Vorwürfe, nicht viel energischeren Widerstand gegen die Verwirklichung des Planes erhoben zu haben. Aber im nächsten Augenblick sagte sie sich, daß dies wenig gefruchtet haben würde. Der Beschluß war ihr erst mitgetheilt worden, als Alles klar war – all ihre Liegenschaften in Stockholm verkauft und der neue Wohnort bereits möblirt. Ohne offenen Bruch hätte sie sich den neuen Anordnungen nicht widersetzen können – Bruch, jetzt nach so vielen Jahren, wenn es damals nicht dazu gekommen war . . .! Sie biß vor Verzweiflung und Hysterie in das Reisefell und warf dem Manne auf dem Sitze vis-à-vis einen düsteren Blick zu.
Aber dieser hatte sich von dem weichen Schaukeln des Wagens und dem eintönigen Rollen der Räder zur Ruhe lullen lassen, wie sie so im Dunkel der Nacht ihre Bahn dahinglitten. Mit liebevoller Umsicht hatte er seine Reisetaschen mit Angelgeräthschaften, politischen Broschüren und Memoirenwerken untergebracht und war hierauf mit einem Seufzer der Erleichterung eingeschlummert.
Ach, dieser Schlaf! Immer hatte er schlafen können – bei ihren ersten kleinen Zwistigkeiten, als sie wachgelegen hatte und geweint, als ob das Herz ihr brechen sollte – nach den Kindbetten, als sie mit fieberglänzenden weit geöffneten Augen hingestreckt war, da hatte mildes Schnarchen vom Sopha her sie überzeugt, daß la bête stärker bei ihm war als die Angst – bei den großen Scenen, bei denen sie in nervöser Erregung und machtlosem Harm gegen das Schicksal umhergewankt war, da hatte er in seinem Bett gelegen und – geschlafen. Und nun jetzt schlief er tief und fest, indeß sie wachend dasaß und mit Abscheu das Bild ihres zukünftigen, ländlichen Lebens entwarf – sie, das Großstadtweib, die Salondame.
Inzwischen schritten die Stunden der Nacht vor, bis ein bleiches Tagesgrauen hinter den herabgelassenen Gardinen des Waggons verkündigte, daß der Frühlingsmorgen anbrach. Mit nervöser Hast riß Frau Vaberg die verhüllenden Vorhänge auseinander und suchte in ihrem Nachtsack unter allerlei Verschönerungsmitteln nach dem kleinen silbernen Handspiegel.
Hu! Wie die durchwachte Nacht sie verwüstet hatte. Mit welch aschgrauen Lichtern und runzelerfüllten Schatten der Sonnenschein der weiten Ebene die Gesichtsfarbe malte! So sah sie also jetzt aus, die einstige Schönheit! Die verhüllenden Häuserreihen daheim in Stockholm, die lichtdämpfenden Draperien der Fenster, der warme Lichtschein des Abends, die zarte Aufmerksamkeit, die ihr stets entgegengebracht wurde – all dies hatte sie glauben lassen, daß ihre Zeit noch nicht um war.
Mit einem Angstgefühl ließ sie den Spiegel fallen und zog das Fenster hinab, um Luft zu haben.
Wie kalt es war! Man merkte bloß an der Üppigkeit des blassen Sonnenlichtes, an den weißen Anemonen, die im Thale standen und froren, an den Grashälmchen, die spärlich wie der Flaum auf der Lippe eines Jünglings aus der braunen Erde hervorsproßten, aus der der Frost entwich, an den eisfreien, glitzernden Mergelbrüchen, daß es Frühling war.
Frau Vaberg ließ die Scheibe wieder herab, indeß ein spitzes Lächeln ihre Lippen kräuselte. »Wie dürftig – sein gepriesenes ländliches Idyll,« murmelte sie und warf dem schlafenden Mann einen vernichtenden Blick zu. Aber er verwandelte sich in mattes Erstaunen bei dem Bilde, den das aufwärts gewendete, vom Schlummer schlaffe Gesicht in dem hereinströmenden Morgenlicht darbot. So verwüstet und greisenhaft – wie er gealtert war, auch er! Ja, er und sie, sie trafen sich jetzt nicht in dem intimen Alltagsleben, das den Schleier wegzieht, den die sorgsamere Toilette des Gesellschaftsdaseins über die Verheerungen der Jahre breitet. Und wenn sie gezwungen waren, zusammenzutreffen und mit einander zu sprechen, dann hätten sie am liebsten Jedes ausweichend nach einer anderen Seite gesehen. Als sie zum letztenmal einander in die Augen geblickt – ja, da hatten die seinen Strenge und Verachtung ausgedrückt, während die ihren ihnen trotzig die Stange hielten. Dieses kleine Abenteuer, aus dem er so viel Wesen gemacht hatte! Es war, streng genommen, das Einzige, was sie sich vorzuwerfen hatte – das vollzog die Scheidung, die seine Vernachlässigung ihrer in ihrem Eheleben begonnen hatte. Und es war doch etwas, das alle Tage passirte: die Frau und der Freund des Mannes – eine importirte französische Sitte! Sie hatte sich so wenig dabei gedacht – ein Zeitvertreib, eine Laune, ein Mittel, das Gefühl des herannahenden Alters zurückzudrängen – dieses gefürchtete, hassenswerthe Alter.
Wieder wurde der Spiegel hervorgezogen. Dabei erwachte der Mann; seine schlaftrunkenen Augen starrten in den kleinen Funken, den die Frühlingssonne auf der versilberten Rückseite des Spiegels entzündete – sie wurden ganz plötzlich wach und satirisch, dann abermals schlaftrunken, bis sie bald wieder im Schlummer zufielen. Der Zug kam an einer blauen Meeresbucht vorbei, die ihre salzigen Wogen mit weißem Schaum über den Sand hinaufrollte – dann brauste er wieder in die Waldlandschaft, der schrille Pfiff der Locomotive durchschnitt die Morgenluft, die Fahrt verlangsamte sich. Frau Vaberg steckte den Spiegel ein, blickte hinaus und stieß einen unwilligen Seufzer aus, bei dem Namen, den sie auf dem Stationsgebäude las.
»Wir sind jetzt da,« sagte sie zu dem noch immer schlafenden Mann in dem verdrießlichen Tone, den sie seiner kühlen Artigkeit entgegenzusetzen pflegte.
Der Großhändler fuhr empor, machte eine hastige Toilette, trat seiner Frau auf die Füße, als er das Reisegepäck zusammensuchte, fühlte Übelkeiten und Schwindel von dem hastigen Aufstehen in der frühen Morgenstunde, aber war zu sehr Weltmann, um einen Schimmer von Ungeduld zu zeigen. Eine Weile später saß das Paar in der auf die Station entgegengekommenen Equipage, in der genannten ungewohnten Situation neben einander unter derselben Wagendecke. Sie drückten sich Jedes so sehr als möglich in seine Ecke – er unaufhörlich gähnend, sie vor Kälte und Nervosität zitternd. Der Großhändler fragte den Kutscher, ob die Fräulein schon angekommen wären, und erhielt eine bejahende Antwort – das war Alles, was unterwegs gesprochen wurde. Er, der Kutscher, hatte den Abend vorher die jungen Damen von der Station abgeholt, wo sie direct vom Pensionat ankamen, das sie jetzt für immer verließen; und nun saß der Mann in der Livrée da und machte die Bemerkung, daß die Eltern ebenso düster und ernsthaft schienen, als die Töchter fröhlich und ausgelassen gewesen waren. Nun war man angelangt. Als der Wagen vor dem weißen Herrschaftshause vorfuhr, standen der Inspector und die Gutsbediensteten an der Treppe, um die Eigenthümer zu begrüßen. Aber oben im zweiten Stockwerk wurde ein Fenster hastig aufgerissen, und heraus guckte ein bezaubernder Mädchenkopf mit verschlafenen dunklen Augen und hellem, unfrisirtem Haar, gerade, als der Wagen heranrollte und nach einer stattlichen Schwenkung anhielt.
»Kerstin,« rief sie eifrig in das Zimmer hinein, »wir haben uns doch verschlafen! Sie sind schon hier.«
Noch ein ebenso einnehmender Mädchenkopf kam augenblicklich zum Vorschein. Das gab ein Grüßen und Winken mit den Armen, so daß die Spitzen, die die weißen Nachtkleider begrenzten, in der Morgensonne wie Schmetterlingsflügel flatterten und glänzten.
»Ihr unvorsichtigen Dinger – wollt ihr das Fenster schließen, was! Ihr verkühlt euch ja auf den Tod!« rief der Großhändler, von dem schönen Anblick belebt und entzückt.
Frau Vaberg nickte zerstreut zum Fenster hinaus und hastete in's Haus. Aber auf der obersten Treppenstufe blieb sie stehen.
»Hu, was für eine entsetzliche Psalmenmelodie,« rief sie klagend aus, als im selben Moment Orgeltöne und eine singende Frauenstimme durch die Stille ringsum erklangen.
Die junge Reckengestalt des Inspectors verbeugte sich verlegen, »Es ist meine Schwester, die ihre Morgenandacht verrichtet. Wenn es die Herrschaften stört, will ich sie gleich ersuchen, aufzuhören,« sagte er und sah erröthend zu der verschleierten Dame mit seinen nordisch-blauen Augen auf. Sie schaute durch ihren Flor mit einem prüfenden Messalinablick zurück und lächelte anmuthig. »Ah, keinesfalls – vielleicht hört man es drinnen gar nicht.« Sie verschwand. Der Großhändler lachte verstohlen und sah dem sich entfernenden jungen Manne nach. »Wärest du rothhaarig und sommersproßig, mein Junge –« murmelte er, indeß er ging, um von seinem Zimmer Besitz zu ergreifen.
Den Vormittag verbrachte man damit, sich von den Anstrengungen der Reise auszuruhen. Aber die jungen Mädchen liefen singend und toll vor Freude darüber, daß es nun mit dem Schulzwang für immer vorbei war, den Abhang hinab und verschwanden im Dunkel des Waldes. Gegen Mittag kamen sie stille wandernd zurück, die Hände voll Anemonen und Primeln und langen Laubketten. Festlich sollte er sein, dieser ihr erster Familienmittagtisch in dem lieben, neuen Heim, und darum deckten sie selbst die Tafel und schmückten sie mit ihrer Blumenernte – roth vor Eifer und froher Erwartung.
»Solcher Plunder!« rief Frau Vaberg aus, als sie in das Speisezimmer trat und die Anstalten bemerkte – reizbar, ungeduldig und nervös, denn es hatte ihr nicht gelingen wollen, am Vormittag einzuschlafen.
»Oh, Mama, ist es nicht reizend?« rief Kerstin mit Thränen der Enttäuschung in den Augen.
»Es ist der junge Frühling, denn wir für dich und Papa hereingeholt haben – wir glaubten, es würde euch Vergnügen machen,« fiel Märta schüchtern ein.
»Ich will Farben und Duft haben! Gibt es hier kein Gewächshaus? Das ist jedenfalls nichts Anderes als Kuhfutter.«
In verstimmtem Schweigen setzte man sich zu Tische. Mit angestrengter Lebhaftigkeit begann dann der Großhändler sich mit seinen jungen Töchtern zu unterhalten, und dabei verflog die Mißstimmung Kerstins, die die glückliche Fähigkeit besaß, nicht zu sehen, was um sie herum vorging, wenn es sie nicht selbst direct betraf. »Oh, wie himmlisch das ist gegen die Pension,« rief sie aus. »So hier en famille – wenn nur die Jungen mit dabeiwären!« Der Großhändler räusperte sich, und Frau Vaberg murmelte etwas von »Kindereien«.
»Sag', Papa, du hast dich schon erkundigt, ob wir nette Nachbarn haben? Ach, möchtet ihr nicht unsere Ankunft hier mit einer schönen Gesellschaft feiern?«
Der Großhändler begann mit einer gewissen Hast einige Namen aufzuzählen.
»Ah, Militär,« rief das Mädchen in frohem Staunen. »Und – ja, richtig! Ist nicht bald eure silberne Hochzeit? Die nehmen wir zum Anlaß!«
»Ja,« fiel Märta eifrig ein, »du, Papa, hast einmal gesagt, daß ihr im Frühling geheiratet habt, du und Mama, als die ersten Knospen sprangen. Knut-Erik ist bald vierundzwanzig Jahre, Sag – eure silberne Hochzeit –- ist sie nicht bald?«
Doch sie erhielten keine Antwort. In plötzlichem Erschrecken sahen die beiden Gatten einander an – von einer Erinnerung durchblitzt. Dann erloschen ihre Blicke, und mit aschfahlen Wangen sahen sie jedes nach einer anderen Richtung. Der Großhändler schob den Teller von sich weg, als hätte er plötzlich allen Appetit verloren, und nach einem vergeblichen Versuch, ihre Bewegung zu bemeistern, rückte Frau Vaberg ihren Sessel vom Tische, schützte vor, daß die Reise sie allzusehr übermüdet hätte, und verließ das Zimmer.
Der Großhändler, der es nicht übers Herz brachte, seine Mädchen schon am ersten Tage betrübt zu sehen, wurde plötzlich übertrieben lustig, ließ Champagner kommen und brachte einen pudelnärischen Toast nach dem andern aus. Schließlich füllte er sein Glas bis an den Rand und leerte es bis auf den letzten Tropfen, schweigend, aber mit einem zusammenfließenden Ausdruck von Kummer und Hohn in den Augen und einer so seltsamen Miene, daß die scharfsichtige Märta nachdenklich meinte:
»Nun hast du einen bedeutungsvollen Toast getrunken, Papa. Willst du uns nicht den Anlaß erzählen?«
Aber er schüttelte nur still und zerstreut den Kopf, warf die Serviette fort, stand auf und ging.
Die Mädchen sahen sich verblüfft an. Das Mittagessen war anders verlaufen, als sie es sich vorgestellt hatten.
»Wir müssen zusammenhalten, wie bisher, Kerstin,« sagte Märta und schlang zärtlich den Arm um die jüngere Schwester, »Ich fürchte, hier gibt es keine andere Fröhlichkeit als die, die wir uns selbst bereiten können.«
In ihrem eleganten Boudoir saß Frau Vaberg, eine Beute heftiger Gemüthsbewegung. Alles arbeitete heute darauf hin, ungewohnte Gefühlsstimmungen und Erinnerungen in ihr wachzurufen. Die silberne Hochzeit! Heute – heute, gerade heute vor fünfundzwanzig Jahren waren sie getraut worden, und das hatten sie alle Beide vergessen können. Wie fatal, daß die Worte ihrer Jüngstgeborenen sie jetzt daran erinnern mußten – gerade am Tage selbst. So selten, wie sie jetzt in der Erinnerung lebte, und so vernichtet, wie sie in letzterer Zeit von der bevorstehenden Veränderung gewesen war, hatte sie Jahreszahl und Datum übersehen, aber er – daß auch er es vergessen hatte! Er war allerdings von den vielen Geschäften, die der Umzug mit sich brachte, in Anspruch genommen gewesen, aber das war doch nicht Erklärung genug, Sie – ihre Ehe – bedeutete nichts mehr für ihn.
Und doch – welches Heer von Liebeserinnerungen, die heranzogen, und sich vor ihr aufstellten, um sie zu martern und zu demüthigen. Wie schmachvolle Peitschenhiebe empfand sie das Andenken ihrer einstigen Küsse und Umarmungen. Aber daß sie es auch so nehmen mußte – es war ja so gewöhnlich – Hitze und Kälte lösten einander ja in steter Folge im Leben und in der Natur ab. Ja, ja, aber hier war die Kälte vorherrschend geblieben, eine öde, arktische Region, in der sie erfrieren und verkommen mußte. Hu! Es war die Stille ringsum – die öden ländlichen Weiten, die auf diese Gedanken brachten. Keine Abwechslung winkte ihr – möglicherweise ein altväterisches Gesellschaftsleben, in das sie als Ballmama die jungen Töchter einzuführen hatte. Dann einsame Stunden um einsame Stunden mit peinlichen Erinnerungen und keine Hoffnung. Nicht eine Handlung – nicht Worte, nicht Gedanken hatte die Vergangenheit aufgespart, um jetzt Zinsen zu tragen in der öden Zeit, die ihr bevorstand.
Ein Mittel – ein Mittel mußte gefunden werden, um es anders zu gestalten. Die Töchter, diese kleinen, wohlerzogenen, unschuldsvollen Mädchen stellten die Geduld auf eine zu harte Probe, und außerdem fürchtete sie die Nebenbuhlerschaft ihrer Jugend; aber die Söhne – ja, das würde ihr zusagen, wie eine bürgerliche mère noble ihr Vertrauen und ihre ritterliche Aufmerksamkeit zu genießen. Und der Mann – sie fuhr zusammen. Dieser Mann, gealtert, wie sie selbst, aber mit einem reicheren Fonds in sich, um für die bevorstehenden Tage daraus zu schöpfen. Ihn brauchte sie vor Allem, um den Zeitvertreib ihres Alters mit ihm zu theilen – auch die Bekümmernisse, und die Aussicht auf den herannahenden Schluß.
Ah, sie war irre gegangen, aber noch war es nicht zu spät, wieder heim zu finden.
Die Sonne war dem Untergehen nahe, der Wellenschlag gegen den Strand verstummte, und anstatt dessen ließ die Drossel drüben im Tannenwald ihre einschmeichelnden Locktöne hören, dem lichten, wehmuthsvollen Frühlingsabend seine ergreifende, nordische Stimmung gebend.
Der Großhändler saß allein in seinem Zimmer vor dem eben hereingetragenen, behaglichen kleinen Toddybrett. Das Fenster stand offen, und die schrägen Sonnenstrahlen beleuchteten ein schönes Zimmer mit schweren Eisenmöbeln, Jagd- und Tischgeräthschaften an den Wänden und einer verschämten kleinen Büchersammlung, die Zeugniß von dem einseitigen Geschmack des Besitzers ablegte. Der einsame Mann hatte gerade daraus Moltkes »Der Krieg von 1870-1771« gewählt, um sich damit die Abendstunden zu vertreiben; aber er vermochte nicht, seine Aufmerksamkeit dabei festzuhalten, ebensowenig wie bei der Cigarre, die angezündet im Aschenbecher neben dem aufgeschlagenen Buch auf dem Tische lag und dort verrauchte. Darüber hinausstarrend, schien er eine unangenehme Erinnerung in Abstand halten zu wollen, und wie um sie auch zu übertönen, pfiff er hartnäckig, aber falsch, die wunderliche, rhythmisch klagende Melodie, zu der die Schwester des Inspectors am Morgen ihren Psalm gesungen hatte.
Da öffnete sich die Thüre und seine Frau trat ein. Das Pfeifen verstummte im Nu, aber in seinem Erstaunen vergaß der Mann die zugespitzten Lippen zu glätten. Doch sie war nicht in der Stimmung, das Komische darin zu bemerken. Sie sank in einen der schweren Lutherstühle, den er ihr mechanisch hingeschoben hatte, und sagte stammelnd:
»Ich – ich wollte dich fragen, ob du dich erinnerst, was für ein Tag heute ist?«
Er nippte hastig und nervös aus dem Toddyglase; aber dann brach der Hohn durch die Verlegenheit, deren er sich bestrebte, Herr zu werden.
»Ja – ja,« sagte er. »Die Worte der Kleinen haben mich daran erinnert. Ich habe auf unser Wohl getrunken, bevor ich das Zimmer verließ.«
»Und sie – was sagten sie, daß wir es ihnen nicht früher mitgetheilt – daß wir keine Festlichkeit veranstaltet haben ?«
»Nein, ich that es in aller Stille für mich allein. Sollten sie ihre Frage wiederholen, so findet sich mal noch immer irgend eine Ausflucht.«
»Warum ihnen nicht sagen, daß es heute ist, aber daß wir es durch die vielen Geschäfte der Übersiedlung vergessen haben und nun den bedeutungsvollen Tag späterhin feiern wollen.«
»Du wolltest das . . .?«
»Ja, ich würde gerne als Silberbraut auftreten, mit Silberähren und all dem, was jetzt Brauch ist. Ein paar alternde Ehegatten – im Kreise der Kinder . . .« »Werde wenigstens nicht ironisch!«
»Das bin ich gar nicht – ich kann blos die rechten Ausdrücke nicht finden. Ich meine es ernst. Hier . . . kennt man uns nicht – das Ganze würde völlig correct und respectabel aussehen.«
»Und du – du wolltest Silberbraut sein?«
»Ja, ich bin des aussichtslosen Kampfes mit den Jahren müde. Ich strecke die Waffen – ich will zu den häuslichen Tugenden übergehen, ach, laß uns das Vergangene vergessen und ein neues Leben beginnen, in dem wir als Eheleute Gutes und Böses theilen.«
Er starrte sie an, von der Ahnung eines bevorstehenden Unheils erfaßt. Was war nun dies für eine Laune? War es ihre Absicht, aufs Neue in sein Leben einzugreifen? Nein – nein, das wollte er nicht; er hatte sein Programm fertiggestellt, und daran wollte er festhalten. Lectüre, Jagd und Fischerei, Correspondenz mit den Söhnen, Reit- und Spaziertouren mit den jungen Töchtern – hie und da eine Partie Schach mit irgend einem Nachbar, oder ein einsamer Toddy mit einem Buch des Abends, und dann der rothe Faden durch das Ganze: die Aufsicht über die Landwirthschaft. Ein neues Element in dies hineinzubringen, war er nicht vorbereitet,
»Wie meinst du?« fragte er in nicht sehr ermunterndem Tone.
»Daß es für uns Beide noch einen schönen Nachsommer geben könnte! Laß uns Frieden schliessen!«
Er fuhr zusammen und wandte sich schweigend ab. »So kann es nicht weitergehen,« rief sie aus. »Wir sind ja doch Mann und Frau, wenn sich auch unser Leben so lange in getrennten Bahnen bewegt hat. Ich halte es nicht länger aus – nicht hier in dieser entsetzlichen Einsamkeit auf dem Lande.«
»Aber wenn wir in der Stadt geblieben wären – mit ihren Zerstreuungen?«
»Ich weiß nicht recht – ich bin mein früheres Leben müde,« sagte sie schwermüthig. »Ach, ich möchte es jetzt anders haben – warum sollte mein Plan sich nicht ausführen lassen?«
»Ja, warum?« fiel er scharf ein.
Sie besann sich einen Augenblick.
»Nun, meine Schuld allein war es nicht,« sagte sie endlich nachgiebig. »Du strebtest hinauf, und deine Geschäfte nahmen dich so sehr in Anspruch. Geschäfte – nie etwas Anderes als Geschäfte. Du warst zerstreut und ungeduldig im Hause – du warst ja ein Anfänger und branntest vor Ehrgeiz, hinaufzukommen, für ein finanzielles Genie angesehen zu werden. Immer mußte ich allein sein mit den kleinen häuslichen Sorgen – den Kinderkrankheiten und meinen eigenen Schwächezuständen. Du durftest damit nicht gestört werden – du wälztest wichtigere Pläne in deinem Kopfe. Nun wohl, du kamst in die Höhe, aber was setztest du dabei ein! – Daß wir doch einmal einander geliebt haben! Knut, erinnerst du dich an unsere erste, anspruchslose, kleine Wohnung, die wir uns mit solcher Freude und Stolz in der Karduansmakargasse einrichteten?«
Er saß stumm, völlig fassungslos, daß sie das erwähnen konnte. »Laß uns zugeben, daß dieses erste Jahr das Beste ist – das Schönste, das wir erlebt haben. Es ist reines Gold darin und es könnte uns noch klingen und glänzen, wenn wir nur versuchten.«
»Wie meinst du?« fragte er wieder in scheuer Qual.
»Ich kann nicht so allein leben. Nun, da dein Geschäftsleben nicht mehr zwischen uns steht – komm zu mir zurück,« bat sie unter strömenden Thränen.
Aber sie feuchteten gefrorene Erde, die sich nicht länger aufthauen ließ. Er erhob den gesenkten Kopf und sah ihr finster in die Augen.
»Du willst mich zum Zeitvertreib, jetzt, wo nichts Anderes zu haben ist.«
»Du mißverstehst mich mit Absicht.«
»Oh nein, ich verstehe ganz gut. Du hast schöne Worte gesprochen – aber es ist undurchführbar – undurchführbar, hörst du? Der Bruch mit alten Gewohnheiten hat dich dazu verleitet, an ein Phantasiebild zu glauben. Gewöhne dich bloß ein wenig an dein neues Leben – mache eine Badereise, und du wirst Alles in anderem Lichte sehen. Bedenke meinen Verfall – meinen kahlen Scheitel – meine eingefleischten Gewohnheiten – pah! Du würdest bald der Laune überdrüßig werden.« Er hatte sich sicher gesprochen, aber hielt jetzt einen Augenblick inne, hierauf fügte er melancholisch zu:
»Nein, wir zwei können jetzt nicht mehr eins werden, wie du zu meinen scheinst. Das Verflossene tritt dazwischen.«
»Du bist rachsüchtig! Du hast mich hergeschleppt, um mich unter einem Dasein zusammensinken zu sehen, dem ich nicht gewachsen bin.«
»Als der Gedanke, das Stadtleben gegen das Land zu vertauschen, zuerst bei mir entstand, hing ich ihm aus persönlicher Neigung nach. Später –«
»Sprich es aus!«
»Nun, wohl, die Mädchen mußten doch einmal nach Hause, und ich wollte sie davor verschonen, ihre Mutter in lächerlichem Lichte zu sehen – darum schleppte ich dich mit her.
»Du haßest mich, und darum bist du jetzt so grausam rücksichtslos.«
Er wandte sich schweigend ab. Nein, sie hassen, das that er nicht. Er war ihrer bloß ziemlich überdrüßig und verspürte gar keine Lust, jetzt etwas mit ihr gemeinsam zu haben. Nach all diesen Jahren des Alleinseins und der Freiheit lockte es ihn durchaus nicht, die Fesseln und Verpflichtungen auf sich zu nehmen, die auch eine glückliche Ehe auferlegt. Er wollte in Frieden leben, mit seinem schönen Programm.
»Denke daran, daß auch du mir gegenüber eine Schuld einzulösen hast,« sagte sie hart. »Die Zeiten, als du mich allein ließest, als du das Glück der Liebe verschmähtest – ein schönes Familienleben – um deines Ehrgeizes, deiner Gewinnsucht willen. Das wies mir auch den Weg, den ich zu gehen hatte, um mir Ersatz zu schaffen – Revanche – wenn du es willst.«
»Das war ein Mißgriff,« sagte er kummervoll, »ich liebte dich so sehr und wollte dich von Luxus umgeben sehen, noch so lange du jung und schön warst. Und dann fühlte ich mich dir unterlegen und wollte dich zwingen, zu mir aufzusehen in diesem – dem einzigen Gebiete, wo ich über dir stand. Ich griff fehl – ich habe dafür büßen müssen, als hätte ich ein Verbrechen begangen.«
»Ja – ich verlor mich in dem Getümmel, in das ich mit dem Reichthum gezogen wurde. Aber jetzt sehne ich mich wieder heim – heim zu Mann und Kindern.«
Er schwieg und trommelte in peinvoller Erregung auf der Tischplatte.
Sage doch etwas! Sage, daß du die Verirrte zu dir nehmen willst – sie an ein verzeihendes Herz schließen, »Meine Verzeihung gebe ich gerne, aber alles Andere ist unmöglich.«
Aber als er sah, wie sehr sie die energische Antwort ergriff, fügte er milder hinzu:
»Laß' uns wenigstens Zeit. So rasch, wie du zu glauben scheinst, geht es nicht, zu vergessen und ein langgewohntes Verhältniß umzukehren.«
»Ausflüchte! Gut, aber bevor ich mit dem Bescheid gehe, den du mir gegeben hast, will ich dich an noch eine Schuld erinnern, in der du dich mir gegenüber befindest: deine Untreue.«
»Sprichst du von Untreue? Hugo . . . hast du ihn vergessen?«
»Eine Phantasie – nicht der grobe Ehebruch, dessen du dich schuldig gemacht hast,« fiel sie ein.
»Nur deine Furcht vor dem Urtheil der Welt hat dich gerettet. Hättest du die freieren Zügel des Mannes gehabt, meine Liebe – –«
Sie erwiderte nichts. Sie war auf seine Schlagfertigkeit nicht vorbereitet. Daß diese das Product einsamer Grübeleien über ihr beiderseitiges Conto war, wußte sie ja nicht. Aber ihrem scharfen Blick entging die Unlust nicht, die seiner Ablehnung zugrunde lag, und bitter fühlte sie ihre Ohnmacht – ihren Mangel an jugendlichen Reizen, die besser als alle Beweisführung den Mann überzeugen. Mit seinen raffinirten, verwöhnten Gepflogenheiten, sich die Gunst der Besten zu kaufen, die es auf dem Markte gab . . . Ah, sie hatte ihm in ihrer Gleichgiltigkeit die Zügel allzu locker gelassen – es war für sie nicht mehr möglich, ihn zurückzugewinnen! Sie war ihm nur eine fremde, gealterte Frau, die sich in sein Leben eindrängen wollte – störend in seine liebe Alltagsgemüthlichkeit eingreifen, und dem gegenüber setzte er sich energisch zur Wehr. Er war nicht daran gewöhnt, in ihr die alte Mama zu sehen, mit der er nach und nach so verschmolzen war, daß nur ein schmerzhafter Hieb des Sensenmannes sie trennen konnte. Der häusliche Herd mit seinem Frieden und seinen stillen Freuden, den sie mit den aufs Neue erwachten Instincten ihres Geschlechtes begehrte, war für ihn außerhalb seines eigenen Zimmers nicht vorhanden. Um der Kinder willen und um einen anständigen, äußeren Schein beizubehalten, fand er sich darein, mit ihr unter demselben Dache zu hausen – das war Alles. Nun hat sie Bescheid – sie konnte jetzt gehen, aber dennoch zögerte sie, vor der öden Leere ihres Boudoirs zurückschreckend.
»Quitt,« sagte er mit einer abschließenden Handbewegung. Nun erhob sie sich.
»Dein Egoismus trennte uns von Anfang an – nun setzt er seinem Werk die Krone auf.«
Mit diesen Worten und hocherhobenem Kopfe schritt sie aus dem Zimmer. Aber draußen im Corridor mußte sie stehen bleiben und sich an die Wand lehnen, von körperlicher und seelischer Anstrengung ermattet. Alles war verloren – öde und freudelos lag das Alter vor ihr. Die Thüre in das Zimmer der jungen Mädchen stand offen und ließ die Laute ihrer jugendlichen Stimmen hinaus dringen. Die Eltern liebten es nicht, wenn sie ihnen den jungen Frühling hereinbrachten – nun wohl, so mußten sie sich allein seiner freuen und den kleinen erfrorenen Gast in zärtlichster Weise empfangen. Da stand Märta auf einer Leiter und schlang zartes Reis um das Porträt der Großmutter an der Wand – die liebe alte Frau, bei der sie in den letzten Jahren regelmäßig die Ferien verbracht hatten – und drüben beim Tische war Kerstins blonder Kopf über die Vasen und phantastischen Schalen geneigt, die ihre weißen Finger mit Goldlack und Violen aus dem Garten füllten. Weitgeöffnete Fenster ließen den Duft von Wald und Moor hereinströmen, und die zurückgehefteten Gardinen gestatteten, daß die sinkende Sonnenscheibe unbehindert ihren strahlenden Reichthum an Gold und Reflexen hereinwerfen konnte.
Aber draußen im Corridor war es trübe – nur ein schwacher Lichtschimmer drang durch eine Lücke von dem sich verdunkelnden östlichen Horizonte herein.
»Sonnenschein, Blumen und Freude für sie – Schatten und öde Leere für mich,« murmelte die einsame Frau hysterisch. »Seht zu – wenn es in menschlichem Vermögen steht – daß mein Los nicht das eure wird!«
Sie wollte weiter gehen, blieb aber wieder wie festgewurzelt stehen. Ah, welche Lichtfluth gleichsam in einem Nu ihr Inneres durchleuchtete bei dem düsteren, mahnenden Orgelspiel, von Psalmengesang begleitet, der die Luft durchschnitt, sich mit dem fröhlichen Gespräch der beiden jungen Mädchen vermengend.
»Ach, nun fängt die unten schon wieder an,« rief Kerstin ärgerlich.
»Ja, der hübsche Inspector könnte wirklich eine etwas nettere Schwester haben –« fiel Märta von ihrer Leiter ein.
»Die Dienstmädchen sagen, daß ihre Frömmigkeit nur Koketterie ist. Sie ist häßlich wie die Nacht, aber ihre Schwärmerei und ihr Bekehrungseifer sollen ihr viele Eroberungen schaffen.«
»Ah, es ist doch gewiß Überzeugung –«
»Keine Spur. Warum, glaubst du, würde sie es dann hauptsächlich auf junge Leute anlegen? Ich lasse mir nichts weismachen – ich weiß schon, worauf das Fräulein ausgeht. Sie soll dem Bruder sehr unangenehm werden, dessen Haushalt sie angeblich führt – ja freilich, Zusammenkünfte bei den Betversammlungen und so weiter . . .«
»Wie schrecklich! Ich fürchte, unsere wunderschöne Welt ist ebenso reich an Disharmonie wie an Falschheit.«
Nun zögerte Frau Vaberg nicht länger. Beim letzten impulsiven Ausruf der Tochter murmelte sie bitter: »Ja, und die Falschheit kann zuweilen die Folge der Disharmonie sein.« Dann hastete sie in ihr Zimmer.
Rastlos begann sie auf und ab zu wandern, die Gedanken verfolgend, die Orgelspiel und Gesang in ihr erweckt hatten. Dann zur Untersuchung vor das Trumeau hin! Aber nun war die Sonne untergegangen, und das rothe Licht, das sie am Himmel hinterlassen, war nicht verläßlich. Licht und Lampen wurden mit nervöser Hast entzündet, die Gardinen hinab – dann wieder zum Trumeau.
Sie warf ein leichtes Spitzentuch über das ergrauende Haar, zog es in die Stirne – das erhöhte den unnatürlichen Glanz des Blicks – knotete es leicht unterm Kinn –- das gab der Wange eine weichere Rundung. Die Figur war noch ganz gut – stattlich, weich, voll und dramatisch, wie eine hervorragende Rolle im Gesellschaftsleben sie gelehrt hatte, sie zu gebrauchen – und dann die großen, dunklen Augen, wohl nicht in Jugend strahlend, doch in fanatischer Gluth flammend – ja, so war es gut.
Das sollte eine Vergeltung werden! Sie würde mit ihm eine Sprache reden, die die Worte auf seinen Lippen verstummen ließ und den Schlummer von seinem Lager scheuchte. Die Phraseologie der Bibel – in ihren Wirkungen so sehr dem Blitze gleich – verheerend, zündend, reinigend – sollte auf ihren Lippen brennen.
Und mit diesem furchtbar ernsten Redefluß der Gottseligkeit würde sie jeden Widerspruch verstummen machen und sich selbst unantastbar und unerreichlich auf ein Piedestal stellen – hoch über sie Alle. Ihre Überlegenheit mußte der seinen den Todesstoß geben. Das Clavier würde eine Orgel ersetzen, Theemeetings würden gehalten werden, und Schaaren ergebener, singender Anhänger seine Freunde verdrängen, und er würde nichts dabei thun können, denn – sie wandelte ja die Pfade der Gerechtigkeit.
Ja, die Religion blieb ihr. Noch war es bloß eine Speculation, aber das schloß nicht aus, daß die Überzeugung sich ihrer bemächtigte. In die Arme der Religion versinken – alles Andere vergessen – vom Irdischen hinwegschlummern – von himmlischer Seligkeit träumen. Ein hysterisches Zittern überfiel sie.
»Ja, Herr – ich komme, rief sie ekstatisch und stürzte hinaus – nach der Richtung, von wo die leidenschaftliche, psalmensingende Frauenstimme sich in der Abendstille mit dem Liebesgirren der Drossel verwob.
Nun hörte man die Worte:
Bald für ewig trocknen deine Thränen,
Und gefüllet ist des Herzens Sehnen,
Ewiglich, vorüber Schmerz und Leid;
Zion beut dir seine Herrlichkeit.
Hosiannah, meine Seele.