An einem schönen Maitag des Jahres 1896 war in den Buchhandlungen ein Heft mit dem Titel »Das Junge des Löwen« auf einem löwengelben Umschlag zu sehen. Oben in der Ecke stand der Autorname Harald Gote.
Absolut unbekannt, sagte er mir nichts – wenn nicht, daß der anonyme Verfasser wahrscheinlich weiblichen Geschlechtes war, denn Damen ziehen es ja gewöhnlich vor, mit männlichen Signaturen zu debutiren.
Beim ersten Blättern in dem Buche fielen mir einige Repliken auf, namentlich diese:
Aber das Gewissen? – Haben Sie vielleicht nur ein ästhetisches Gewissen? worauf die Gefragte antwortete: Das weiß ich nicht. – Ich habe nichts Anderes gefühlt, als daß mir Gedanken – ja, und Gefühle und Handlungen – mißfallen – die häßlich sind.
Ich hatte genug gesehen, um das Buch gleich mit nach Hause zu nehmen, wo ich bald fand, daß die angeführten Worte das Motiv der ganzen Dichtung sein könnten. Denn diese war vor Allem ein Angriff auf gewisse als sittlich angesehene Gefühle und Handlungen, welche einem von Schönheits- und Freiheitsgefühl beseelten Wesen jetzt häßlich erscheinen. Der Angriff blieb nicht bloß bei Worten stehen; er wurde auch in Handlung umgesetzt von zwei Menschen, jungen Menschen, der »hellen Vortruppe« angehörend, die einem kommenden Zeitalter entgegengeht, mit dem Recht, alte Bräuche zu brechen, weil sie »in sich Stoff zu neuen, besseren Sitten tragen.«
Das neue Drama mit den kühnen Gedanken, den interessanten Charakteren, dem geistreichen Dialog wurde gelesen, es rief Interesse hervor, man suchte den Namen des Autors zu errathen – doch all dies nur in literarischen Kreisen. Erst im Herbste begann die große Allgemeinheit auf »Das Junge des Löwen« aufmerksam zu werden, als die Rydberg'sche Gesellschaft mit Signe Widell als Saga das Stück in Provinzstädten spielte, u. A. in Lundsvall, wo sich ungefähr, gleichzeitig die erschreckliche Neuigkeit verbreitete, daß das »gesellschaftszersetzende« Löwenjunge in ihrer eigenen Gesellschaft das Licht der Welt erblickt hatte! Seit es sich herausstellte, daß Harald Gote Frida Stéenhoff war, die Gattin eines der Ärzte der Stadt, hatte die Verfasserin nicht bloß die öffentlichen Angriffe auf ihre Ideen zu dulden – Angriffe, welche sich immer leicht tragen lassen, wenn sie sachlich sind – sondern auch die auf das Privatleben eingehenden persönlichen Kränkungen, welche immer schwer zu tragen sind, weil sie uns eine Anzahl unangenehmer Überraschungen bereiten, die das Herz oder die Intelligenz unser Mitmenschen, oder auch Beides betreffen. Während die Verfasserin zu der Einsicht kam, daß sie auf einem bedeutend beschränkteren Planeten lebte, als sie sich hatte träumen lassen, wurde ihr Drama bei reißendem Absatz ausverkauft und erschien bald in neuer Auflage. Die junge Frau, die gleich bei ihrem ersten literarischen Auftreten einen solchen Sturm der Indignation hervorrief, besitzt – wie dies oft der Fall ist – einen starken Ähnlichkeitszug mit der Heldin ihres ersten Buches. Wenn Adil Saga fragt: »Sind Ihre Vorväter Nomaden gewesen?« und sie antwortet: »Nein. Aber viele von ihnen haben etwas vom Sclavenbefreien in sich gehabt,« da erinnert man sich, daß Frida Stéenhoffs Familie väterlicherseits eine Persönlichkeit aufweist, die einen großen Einsatz in der internationalen Freiheitsarbeit geleistet hat, nämlich K. B. Vadström, der mit so brennendem Eifer die Negersclaverei bekämpfte und mit Wilberforce die Ehre der Abschaffung des Menschenhandels theilt.
Frida Stéenhoff ist die Tochter seines Grossneffen, des als Prediger, Schriftsteller und Herausgeber periodischer Schriften bekannten Karl Bernard Filonegros Vadström. Frida wurde am 11. December 1865 in Stockholm geboren und erhielt ihre elementare Erziehung. Bedeutungsvoll für die Entwicklung des jungen Mädchens wurde erst das Jahr 1884, das sie bei Professor Godel in Neuchâtel zubrachte, wo sie die Curse des College des filles besuchte. In Professor Godel's Familie war der begabte Vater conservativ, die begabten Kinder radical, so wie es so oft bei Kindern von Eltern mit ausgesprochen christlichem Standpunkt vorkommt. Und die junge Schwedin erhielt – durch ihre Beobachtungen des Kampfes zwischen zwei Weltanschauungen – Eindrücke, welche dann unter dem Einfluß der Ideenströmungen der Achtziger Jahre hier daheim sich zu einer bewußten, modernen Lebensauffassung entwickelten. Und sie hatte das seltene Glück, bei dem Manne, dem sie ihre Liebe schenkte, vollkommene Sympathie zu finden, nicht nur auf dem Gebiete des Gefühles, sondern auch in Bezug auf Ansichten und Interessen.
Doctor Stéenhoff führte 1887 seine Frau in das gemeinsame Heim in Lundsvall, wo er seither seine Thätigkeit ausübt. Nur einige Monate darauf verloren die Neuvermählten Alles, was sie besaßen, durch den großen Brand, der Lundvall heimsuchte. Ihre Jugend und ihr Glück verlieh ihnen jedoch frische Kräfte, für ihr eigen Theil von Neuem zu beginnen und den Vielen zu helfen, die es in der nächsten Zeit noch viel schwerer hatten, als sie selbst. Das Jahr darauf wurde ihr einziges Kind, eine Tochter, geboren.
1889 besuchte Frau Stéenhoff zum zweiten Male Paris und die Riviera. Mit dürstenden Maleraugen nahm sie jetzt die Eindrücke großer Natur und reicher Kunst in sich auf. Denn wie so viele unserer Schriftsteller hat Frau Stéenhoff sich zuerst der Malerei gewidmet, und als ich vor einigen Jahren ihr schönes, mit eigenen Bildern geschmücktes Heim besuchte, war sie gerade von einer abermaligen Reise nach Norditalien und Wien heimgekehrt, wo sie die Zeit benützt hatte, um Malstunden zu nehmen. Und noch jetzt hat der Pinsel ebenso viel Lockung für sie wie die Feder. Die Malerei ist bei ihr ein so viel älteres Interesse als die Literatur, daß sie schon in der Schweiz zu malen begann, während sie hingegen keine wie immer gearteten literarischen Versuche gemacht hatte, als sie 1894 plötzlich von dem heftigen Drang erfaßt wurde, ein Drama zu schreiben. Dies war »Das Junge des Löwen«, für das sie jedoch erst im Jahre 1896 einen Verleger fand. Ihre zweite Arbeit ist das kürzlich erschienene Drama »Seines Nächsten Weib«, eine Dichtung von ernster, ergreifender Schönheit. Wieder ist es ein erotisch-ethisches Thema, das die Verfasserin behandelt, aber diesmal mit tragischem Ausgang. Sie zeigt ein freies, eheliches Verhältniß – ähnlich dem, welches Adil und Saga in dem anderen Stück eingehen –- das tiefer binden wird als manches gesetzliche. Die Heldin wird nämlich in einen Conflict gestellt, in dem sie sich dafür entscheidet, auf das Glück zu verzichten, doch an ihrem Verzichte stirbt. Sie handelt jedoch nicht auf Grund von Rechtgefühl oder Principien. Ihr Geschick wird tragisch – so wie alle tief tragischen Schicksale es werden – weil sie die Natur ist, die sie ist, ein tief empfindendes, sensibles Wesen, das keine Einheit in sein Leben bringen kann, weil sie nicht an jenem Theil desselben vorbeizukommen vermag, den sie schon gelebt, weil sie nicht die Zuneigung für ihren nicht gesetzlichen Gatten besiegen kann, der sie liebt, und nur rücksichtslos dem Manne folgen, den sie selbst ganz liebt.
Der Grundgedanke des interessanten Dramas, daß die Menschen nicht nach sei es jahrhundertalten, sei es modernen Rechtsbegriffen handeln, sondern nach ihrer Wesensart, weil unser Wille nicht frei ist, nur unseren Meinungen zu folgen, sondern von unzähligen, geheimnißvollen Einflüssen bestimmt wird – dieser Grundgedanke dürfte gewiß Discussion hervorrufen. Aber – im Gegensatz zum »Jungen des Löwen« – ist die Idee in »Seines Nächsten Weib« so unzweideutig, daß solche Mißverständnisse wie die, zu welchen gewisse Unklarheiten im »Jungen des Löwen« unleugbar Anlaß gaben, nicht in Frage kommen dürften. Hingegen ist anzunehmen, daß Frida Stéenhoff aufs Neue zu hören bekommt, daß ihre Ansichten gefährlich, ihre Absichten böse und ihre Einsichten in die menschliche Natur mangelhaft sind! Möglicherweise wird ihr auch die Überraschung zutheil, daß man von gegnerischer Seite ihr neues Drama als den Anfang einer Umkehr von dem radicalen Standpunkt im »Jungen des Löwen« auslegt Keine Deutung wäre jedoch unrichtiger. Ihr neues Drama ist nur eine Entwicklung des Gedankenganges in ihrem ersten: Daß die starke Persönlichkeit das Recht hat, ihr Leben nach ihrem eigenen sittlichen Ideal zu gestalten, aber daß der Ausgang jedes Neuschöpfungsversuches auf ethischem Gebiete in letztem Grunde nicht von den Verhältnissen, nicht von den Principien, sondern vom Wesen der Persönlichkeit bestimmt wird.
Schon der allererste Anblick Frida Stéenhoff's sagte mir, daß dieses junge Weib mit dem kleinen, feinen blonden Köpfchen, das so anmuthig von der hohen biegsamen Gestalt getragen wird, eine Persönlichkeit für sich ist. Sie gehört zu der allerkleinsten der Minoritäten, der nämlich, für die es nicht in erster Linie Conservative und Liberale gibt, sondern nur freie Gedanken, Gedanken, von denen man weiß, daß man im selben Augenblick, in dem sie als Dogmen festgestellt würden, selbst seine theuersten Ideen nicht als seine eigenen anerkennen würde.
Frida Stéenhoffs liebste Ideen sind – wie die aller seelenvollen Menschen – Zukunftsgedanken. Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, hier einige charakteristischen Zeilen aus einem Brief anzuführen, um sie – nachdem sie gestanden, daß sie von Schriftstellern die aus den Achtziger- und Neunzigerjahren am meisten liebt – weiter sagt: »Am allermeisten liebe ich die Bücher der Zukunft. Sie schweben mir als das Allerlockendste vor. Dieses Zauberbild hängt mit jenem zusammen, das ich von der kommenden Blüthezeit des Weibes sehe, von der unsere Zeit bloß eine schwache Morgenröthe ist. Im Übrigen habe ich das Gefühl, daß alle gangbaren Begriffe – sociale, ethische, ästhetische – etwas äußerst Provisorisches sind. Sie sind ein gemalter Vorhang, der bald in die Höhe geht, um einen anderen zu zeigen. Und so immer fort. Aber ich bin optimistisch und hoffe, daß sie stets besser gemalt sein werden.« Wer den Muth hat, so freie Gedanken zu denken und so ernste Dichtungen zu wagen, wie Frida Stéenhoff, muß immer einsam in seiner Zeit stehen, ja in dem Grade, daß ein solcher einsamer Mensch oft untergeht, falls er oder sie nicht mit dem nordischen Dichter die tröstliche Zuversicht hat:
Sind wir Zwei, so sind wir hundert Männer, Frida Stéenhoff besitzt in allervollstem Maße die Gewißheit, in diesem Sinne eine große Schaar um sich zu haben. Und da sie ausserdem Alles besitzt, was für jede Frau das vollkommenste Lebensglück, die reichste Entwicklungsmöglichkeit bedeutet, kann man mit berechtigten Hoffnungen der Fortsetzung ihrer literarischen Laufbahn entgegensehen. Ganz gewiß wird sie eine stets größere, künstlerische Macht über ihre Form gewinnen, viele neue Offenbarungen der Frauennatur geben und mehr als einen ihrer eigenen Schönheitsgedanken in das Zeitbewußtsein dichten.