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Christian Morgenstern – Und aber ründet sich ein Kranz

Gedichte

S. Fischer, Verlag, Berlin, 1902


I.

Wir merkten bald im Reden-Wechselspiel,

wie wir zu hundert bunten Dingen standen;

und eine Kinderfreude überfiel

uns heimlich, da wir uns so ähnlich fanden.



II.


Wir wussten uns nichts mehr zu sagen,

und was wir sagten, wurde seicht.

Von der verwirrendsten der Fragen

fühlten wir unsre Herzen schlagen.


Und beide zitterten wir leicht.


* * * * * *


Mit Dir, wer weiss, würd' ich noch manche Pfade

zu unbekannten Lebensquellen finden;

Du, mein' ich, würdest meine Seele nicht

in ihren höohsten Stunden einsam lassen!


Darf ich, dein Ring, dich, Perle, in mir fassen?

Willst du den Kranz der Zukunft mit mir winden?

Anbet' ich dich als mein erlösend Licht,

als meines Lebens grosse Himmelsgnade?


* * * * * *


Auch Du bist fremd und feind den grossen Worten.

Sie haben uns zu oft betrogen.

Wir haben selbst damit zu oft gelogen;

vielleicht nicht wollend, doch zu allen Orten.


Schmerzlich misstrauend jenen blinden Räuschen,

die Menschen treiben, Menschen anzuhangen,

umfangen unsre Seelen sich voll Bangen

und zittern, sich noch einmal zu enttäuschen.


* * * * * *

Schneefall.


So still zu liegen und an Dich zu denken,

indessen Legionen weisser Blumen

mein dunkles Ich in ihren Schnee versenken!


Warum nicht also sterben! einst, wenn alles

beschlossen lieget in uns, um uns her,

das Haupt im Schoss des weissen Wolkenfalles.


* * * * * *


Wie kam es nur?


»Wie wenn ein Föhn

die Flur

enteist.


O, Fragen schreckt!


Ach, Träume sind nur schön,

du weisst,

solang' kein Ruf den Träumer weckt.«


* * * * * *


Du bist so weit oft fort

Wo weilest du?

Dein Blick versinkt

in unbekannte Fernen.

Und ruft ein Wort

dich aus der Ruh,

so blinkt

ein fremder Schein

in deinen Augensternen.


Wo magst du, Seele, sein?

Wohin wohl eilest

mit stetem Flügelschlag

du fort von mir?

Ich bin allein.

Ich weiss nicht, wo du weilest.

Was säumest du?

O sag'!


»Vielleicht bei Dir.«


* * * * * *


Vergessen –

(trübes Lied!)

was rührst du dran?


Ein Vogel zieht

den hohen Himmelsplan

so weit, so weit.


So flieht die Zeit,

die Beute Augenblick

in ihren Fängen.


Fernen drängen

(verhasst Geschick!)

sich zwischen Dich und ihn.


Kaum sieht

dein Aug' noch dann

ein fernes Pünktchen ziehn.


Vergessen –

(trübes Lied!)

was rührst du dran!


* * * * * *


Ein Weihnachtslied.


Wintersonnenwende!

Nacht ist nun zu Ende!

Schenkest, göttliches Gestirn,

neu dein Herz an Thal und Firn!


O der teuren Brände!

Hebet hoch die Hände!

Lasset uns die Gute loben!

Liebe, Liebe, Dir da droben!


Wintersonnenwende!

Nacht hat nun ein Ende!

Tag hebt an, goldgoldner Tag,

Blühn und Glühn und Lerchenschlag!


O du Schlummers Wende!

O du Kummers Ende!


* * * * * *


»Deine Rosen an der Brust,

sitz' ich unter fremden Menschen,

lass' sie reden, lass' sie lärmen,

jung Geheimnis tief im Herzen.


Wenn ich einstimm' in ihr Lachen,

ist's das Lachen meiner Liebe;

wenn ich ernst dem Nachbar lausche,

lausch' ich selig still nach innen.


Einen ganzen langen Abend

muss ich fern dir, Liebster, weilen,

küssend heimlich, ohne Ende,

Deine Rosen an der Brust.«


* * * * * *


Den langen Tag bin ich dir fern gewesen,

bis nun beim abendlichen Licht

dir wiederum mein ganzes Wesen

wie eine Knospe auseinanderbricht


und Dir erduftet, Dir erblühet,

als seiner Sonne, die ihm frommt.

Des Tags Gestirn hat mir umsonst geglühet;

nun kommt die Nacht, und meine Sonne kommt.


* * * * * *


loh wache noch in später Nacht und sinne,

wie ich dir etwas Liebes sagen möchte,

dass ich dir einen Kranz von Worten flöchte,

daraus du würdest meiner Sehnsucht inne,


die mich nach deiner Gegenwart erfüllet,

als war' ich nur bei Dir gewahrt vor Sorgen,

als lebt' ich nur in Deinem Blick geborgen,

dem teuren Blick, der mich in Liebe hüllet.


* * * * * *


Du bist mein Land,

ich deine Flut,

die sehnend dich ummeeret;

Du bist der Strand,

dazu mein Blut

ohn' Ende wiederkehret.


An Dich geschmiegt,

mein Spiegel wiegt

das Licht der tausend Sterne;

und leise rollt

dein Muschelgold

in meine Meergrundferne.


* * * * * *


Es kommt der Schmerz gegangen

und streicht mir über die Wangen

wie seinem liebsten Kind.

Da tönt mein' Stimm' gebrochen.

Doch meines Herzens Pochen

verzagt nicht so geschwind.


Und gab' die böse Stunde

noch gerner von sich Kunde;

mein Herz ist fromm und fest.

Ich bin ein guter Heide;

mein Lachen zieht zu Felde,

und Siegen ist der Rest.


* * * * * *


In einer Gletscherspalte

lasst mich ruhn,

rein und allein.


In einer

jener tiefen Eisestruhn,

drin das Gebein

schon manchen Mannes bleicht.


Wenn einstens dann der Berg

sein Meer erreicht,

werd' ich mit ihm

in dessen Schoss vergehn.


Und anders nicht

je wieder auferstehn,

als Welle denn

und Wind

und Wolkenwerk –


– und Phosphorschein,

nächtlicher Kiele Licht ...


* * * * * *

Mit einem Lorbeerblatt.


Auf diesem Lorbeerblatt

den Kuss des Fernen,

den durch die Nacht

nach deinen Lippen bangt,


den es verlangt,

an ihrer schmalen Pracht

sich seiner Sehnsucht einmal satt

zu lernen.


Von seinem eh'rnen Grün

in sie hinüber

wird seines Grusses

ganze Süsse gehn,


bis es von ihrem Glühn

wird trüb und trüber.

Dann mag's mit deines Fusses

Staub verwehn.


* * * * * *


Und wir werden zusammen schweigen –

und ich werde mein Haupt an dich legen –

und du wirst dein Haupt auf mich neigen –

und ich werde den Nacken bewegen

und deinen Lippen entgegenstreben

und Leben

von ihnen trinken

und ihnen spenden –

und wieder zurück dann sinken

und Brust nur und Wimper noch regen –

und dann werden wir wieder zusammen schweigen –


um dann aber das Schweigen zu enden –

und aber zu enden in Schweigen –

in ewigen Wenden.


* * * * * *


Und so verblasste goldner Tag

nach wonnigem Verweilen;

und über allem Leben lag

ein Hauch von Abwärts-Eilen

in Grab und Tod.


Bis voll unendlich süsser Macht

sich Stern auf Stern entzündete

und am Gewölb' der hohen Nacht

den Zirkel weiter ründete

zum Morgenrot.


* * * * * *

Lärchenwald im Wintermorgenstrahl.

Duftig Goldgezweig im jungen Blau.

Auf den Wipfeln

Wodens wache Vögel,

unbeweglich, stumm

sich sonnend.


* * * * * *


O braune, nährende Erde, so lange schliefst

verhüllt, verhehlt in blendender Decke du;

nun endlich zeigst du wieder den lieben Sohoss,

den warmen, fruchtbarn, – und meine Seele strömt

von Wiedersehens Dankbarkeit über dir,

du Mutterscholle, du Heimat im fremden All.


* * * * * *


Die Berge stehn

im Morgenduft

der Märzenluft

so silberfein,

dass man

ein Seidenweber

möchte sein,

sie hinzubannen

all in ihren Zarten

von Licht und Schatten:

denn so sanften Glanz

hat Seid' allein

der Flächen Spiel

zu gatten.


* * * * * *


Mond am Nachmittag.


Der Mond – ein Nebelwölklein bleich

im blauen Abendsonnenreich.


Gleich einer runden Flocke Flaum

im reinen Abendätherraum.


Kein Kinder-Kupferlicht der Nacht,

ein Ball wie wir, in Tagespracht.


In heller Himmel eh'rnem Schild

als wie von uns ein Spiegelbild.


* * * * * *


Ein Wassertropfen in verschlungnen Kehren

in meiner Hand herniederlief,

zu weitrem Fall ihr zu entgleiten;

da eilt' ihn schon die Sonne zu verzehren.


So suchst du dich in deiner Handvoll Zeit

hinab, hinweg zu immer fernem Tiefen.

Da – just wann dir Entscheidung zugewogen,

trifft dich des Gottes unbarmherziger Bogen.


* * * * * *


Ein Sohlänglein dehnt sich übern heissen Steig;

die Tannen träumen, trunkenstumm von Licht;

von Süd und Sommer tiefste Bläue spricht;

nun, grauer Grübler, stirb, nun, Zweifler, schweig!


Und glühe mit in frommer Sonnenlust,

und wirf dein Sorgen in den weichen Wind,

und nimm vom Weg das Schlänglein an die Brust,

das Schlänglein Schicksal! Sieh, sein Aug' ist blind!


* * * * * *


(Nordstrand.)


I.


Ihr dunklen Tanneninseln, eurer denk' ich oft.

Wenn so der rote Abend gleichsam aus euch wuchs, –

den Himmel überwuchs, – als hättet ihr den Tag

nun endlich ganz in euch hinein, hinab gedacht,

und kreisstet nun vom Feuer des verschlungenen

Sonnengedankens, stelltet ihn nun wieder aus euch dar,

wie Künstler ein Stück Welt, das sie in sich gesaugt, –

wie Denker eine Wahrheit, die sie bluten macht –-!

Ihr dunklen Tanneninseln, eurer denk' ich oft.


* * * * * *


II.


Des Frühlings unbestimmte Ahnung füllt die Luft.

Tiefschmerzlich-schwärzliche Gewölke ruhen gross

am geisterblassen Firmament der Abendnacht.

Erhabner Tragik unbeschreibliche Gewalt

strömt aus des Himmels abgrundtiefer Dämmerung,

steigt aus der Berge trauerblauem Schattenschoss,

weht von der Wasser meilenweitem Wogenplan

den Menschen an, dem jeder stummgewordne Schmerz

mit unterirdischem Ruf vor diesem Blick erwacht.


* * * * * *


III.


O Trauer, die mir immer wieder, wie ein Wind,

ein allzu lauer, in die seltsame Seele greift

und dunkle Gründe, die verborgnes Eis bedeckt,

(je heitrer aber eine tiefe Seele ist,

je stärker bindet ihres Abgrunds Quellen Eis,

die sonst, entfesselt, all ihr Glück vernichteten)

mit ihrem Thränenhauch gefährlich lösend streift, –

o Trauer, weiche, weiche doch von mir; ich bin

vor deinem Tauwind Frühling, Frühling noch zu sehrl


* * * * * *


(Molde.)


IV.


O diese Vormittage, trunken von Glanz und Glück!

O dieser Meeres-, Berges-, Himmelsbläuen seliges Spiel l

Wenn über des Fjordes lichtazurne Fläche so

ein leichter Wind mit violendunklen Fluten naht!

Du stehstund wartestaufdemsonnigenDampfschiffsteg;

und wie die vorderste Welle sich am Pfeiler bricht

und dich der erste Hauch anatmet, frisch und kühl,

da trifft er auf dem glänzenden Spiegel deines Augs

verwandte Feuchte, – und du schauerst im Innersten.


* * * * * *


V.


Die schneebedeckten Gipfel rötet Abendlicht.

Die Heiterkeit der Gletscher! Keines Menschen Fuss

entweiht des Himmels kühles, reines Höhngeschenk,

den Blütenschnee vom Weltbaum des Erkenntnisses.

Ein Regenbogen wächst von ihnen zu mir her, –

die einzige Brücke zu der grünen Welt und mir.

Und flüchtig misst mein leichter Geist die bunte Bahn –

und salbt sich mit dem roten, reinen, kühlen Schnee ...

und schon verblasst Rückeilendem so Luft wie Firn.


* * * * * *

VI.


Tiefsinnig blaun die Berge durch die Dämmernacht,

(Im Dorf die Glocke scholl soeben zwölf)

vom wolkenvollen Himmel brütend überdrückt,

vom regungslosen Fjorde bleiern eingefasst.

Und eine Stille! Hämmer schmieden hallend Erz, –

unzählige Glocken läuten Sturm, – Gesang

erfüllt die Lüfte, – Unterweltliches reckt sich dumpf, –

einRingen wie von Schatten wälzt sich durch denRaum, –

und aus der Ferne klagt ein langgezogener Ton


* * * * * *


VII.


Schon graut der Tag. Und ist noch Mitternacht.

Die Meisen zwitschern schon im erwartungsvollen Wald.

Die Tannen atmen stärker in der kühlem Luft.

Die kleinen Quellen schwatzen schon, geschäftig wach.

(Ganz anders redet solch ein Quell in dunkler Nacht.)

Und von des Berges Gipfel, dem der Osten schon

sich rötet, kommt ein Wandrer durch den Wald herab

und singt des Lands schwermütige Lieder vor sich hin, –

und Thränen stürzen ihm ins Aug', indes er singt.


* * * * * *


(Bergen.)


VIII.

(Bei einer Weise von Grieg.)


Schwill, süsse, bittre Klage, in des Abendwindes

sehnsüchtig Atmen hinüber, hebt euch beide so

zum roten Gewölk, die Geisterschwingen noch einmal

in Sonne tauchend, sterbende Schwäne der Dämmerung,

mit Götterstimmen die tiefe flammende Unendlichkeit,

den ewigen Morgen der Geburten singend, – und,

die purpurschweren Fittige dann mit einem Mal

sinken lassend, – Sonnengold im gebrochenen Aug', –

stürzt nieder in den violetten Schattenschoss der Nacht!


* * * * * *


O sieh das Spinnenweb im Morgensonnenschein,

wie es vom Thau noch voll kristallner Tropfen hängt!

Im leichten Winde wiegt es seiner Perlen Pracht,

die in den silbergrauen Maschen hier und dort

so flüchtig sich wie sanft und zierlich eingeschmiegt.

Sieh, so ist alles Glück. So hängt es flüchtig sich

in unsrer Tage schwankendes Gespinst,

und es erschauert unter seiner köstlichen Last

des Majaschleiers weltdurchwallendes Geweb.


* * * * * *


Einer Schottin.


Nie hörte ich mit solchem Liebreiz je ein Weib

antworten, mit solch hingegebenster Weiblichkeit,

als Dich dein yes, dein yes, auf deiner Nachbarn Wort.

Der sanften braunen Augen einer jungen Kuh

erinnert mich dies so von aller Feindlichkeit,

von aller Selbstigkeit entblösste weiche yes.

Und schottische Mondscheinnächte, wie ich manchmal sie

gemalt sah, steigen herzelösend vor mir auf

und zeigen mir die Heimat, deren Kind du bist.


* * * * * *


Einer jungen Schweizerin.


So manche fremde Sprache tönte mir zu Ohr,

und fremder war wie eigner ich oft herzlich feind;

doch immer fand ich jede Sprache schön, sobald

sie von den Lippen eines schönen Weibes kam.

Die rauhsten Laute wurden Glockenton, ein Quell,

lebendig, strahlend, brach das reiche Wort hervor,

so königlich wie schlicht, voll jener Jugendkraft,

die jedes äussre Zeichen adelt, da sie sich

in jedem selbst mit ihrem ganzen Reiz verschenkt.


* * * * * *


Was kannst du, Süsse, wider dies, dass du so schön!

In deiner eigenen Schönheit wehrlos wandelst du,

und ob du lächelst, ob du ernst wirst, bist du schön;

und weintest du, dich Hesse deine Schönheit nicht,

nur rührender aus Thränen leuchtete sie vor;

und zürntest du, so wär' es ihres Zürnens Macht,

nicht die des Deinen, die ein jedes Herz besiegt.

Doch welch unmöglich Scheiden zwischen ihr und Dir,

die du sie selbst, die du die Schönheit selber bist!


* * * * * *


Wer seine Sehnsucht so wie einen dritten Gaul

vor seinen Lebenskarren schirren könnte, – traun,

er wäre gut bedient! Das leichte Flügelpferd

erhob' ihn zu des Sonnengotts Gefährten selbst.

Wenn er nur dann wie jener Jüngling Phaeton

nicht allzu stürmisch führe, Himmel und Erde blind

verachtend, seines Feuerrosses Herr nicht mehr,

sein Opfer, willen-, ziellos durch den Raum geschleift,

unähnlich ganz dem herrngeborenen Gott des Lichts!


* * * * * *

O Schicksal, Schicksal, Schicksal, warum gabst du mir

den Griffel statt des angestammten Stiftes, lassest

mich darben mitten im verschwenderischsten Überfluss!

O Schicksal, nimm den Kelch der Bilder von mir, nimm

der Väter Schöpfersinn, mit neuer Phantasie vermählt,

aus diesem Herzen, allzu grosser Träume voll,

als dass es in Ergebung schweigen könnte, – nimm

die Qual mir, unter einer schaffensohnmächtigen Welt,

ein Seher ungeborner Welten, stammelnd einherzugehn!


* * * * * *


O Seele, Seele mit dem beweglichen Spiegel du,

dem allzu beweglichen, preisgegeben jedem Hauch,

der mit dir spielt, wie schmerzest du mich oft, dass ich

entfliehen möchte, blind hinstürzend irgendwo,

nur des gedenk, wie ich des Unbehagens Alp,

den marternden abschüttelte, um jeden Preis,

und wär's um den des Lebens; Seele, mit welcher Not

du mich die Zarten zahlen lassest, die du mir,

wenn dich ein Glück berührt, durch jede Vene strömst!


* * * * * *


O, wer sie halten könnte, die hellen Gedanken, die,

in Morgenstunden oder wann die Sonne sich neigt,

wie lichte Schwäne durch den blauen Wellenplan

der Seele ziehn, Verheissungen des höchsten Glücks,

in ihrer edlen Bildung Offenbarungen

von einer Schönheit, die du nie, o nie,verwirklichen wirst!

O, wer sie halten könnte, die hellen Gedanken, die,

in Morgenstunden oder wann die Sonne sich neigt,

wie Schwäne durch den blauen See der Seele ziehn ...


* * * * * *


Ode an das Meer.


Im Schnee der Alpen hör' ich von dir, o Meer,

wie du des Landes felsige Küste schlugst,

des Landes, des ich treu gedenke,

liebend gedenke wie einer Heimat.


Und durch die Ferne rollt mir dein Donnerton,

vermein' ich, fürchterliche Gewissheit zu:

»Dass solche Mären nimmer lügen,

der du mich kennen gelernt, du weisst es.«


Ich weiss es, Zeuge manch einer Schreckensnacht,

da du mit fahlen Wogen gewandert kamst,

mit unerschöpflich sturmgebornen,

aus deiner Wüste, der grenzenlosen.


Ein bleiches Band, erglomm deiner Brandung Gischt,

ein greller Reif, mit dumpfem, eintönigem

Gedröhn in ungezählten Lagen

um das bedrängte Gestad' geschmiedet.


Und aus dem Dunkel braute wahnwitzig wild

der Wind und regte des Hauses Festen auf

und warf des Regens jähe Schauder

wider die Scheiben, dadurch ich starrte.


O Meer, o Meer, wie liebt' ich dich immer doch!

Selbst als ich einst im polternden Bauch des Schiffs,

des schwerhinstampfenden, dich rasen

hörte, im Schoss deines Zornes selber.


Wiewohl ich wehrlos in meiner Koje lag,

der Sorge näher, denn der Bewunderung,

und liebend, wenn ich's recht erwäge,

einzig gedachte des wackren Schiffes


und seiner Führer, vom Kapitäne bis

zum Heizer, die dein grausiges Todesdrohn

mit schlichter Zucht und Mannheit brachen,

irrlos aufs morgende Ziel gerichtet.


Umsonst war's damals, wie du auch wütetest.

Allein du sorgst entrissener Beute nicht.

Und spottet dein der Bug von Eisen,

rettet sich schwer die befallne Barke.


An armer Fischer Hütten und Booten hast

du dich geübt, vergriffen an ihnen selbst;

die kümmerlich von dir sich nährten,

hast du zerschmettert an deinen Klippen!


Und doch – und doch! Treubrüchig-vergessliches,

kühl-heitres, schicksalsträchtiges, ewiges Meer,

ich lieb', ich lieb' dich auch noch, wenn du

männerverschlingende Wogen schleuderst,


ein Gleichnis ungebrochener, erster Kraft,

ein Zeugnis ungezähmtesten Herrentums,

Länder andonnernd, deren Völker

gram dem heroischen Traum hinwandeln


vertieftem Lebens, träge hinabgebeugt

in müder Weisheit ärmliches Regeljoch,

sich mühend, ein Geschwärm Termiten,

emsig und zärtlich, zur Ehre Gottes, –


des Gottes nicht, der Deiner Geweide Sinn:

als der ein Gott gross-schreitender Leidenschaft,

ein Gott, noch jeden Augenblick Manns,

Welten zu stürzen wie zu gebären ...


Von hohen Alpen schau' ich dich, Ocean,

wie du des Landes felsige Küste stürmst,

des Landes, des ich treu gedenke,

zürnend gedenke wie einer Heimat, –


und ruf' dir zu, feindseliger Freude hell:

Dank, Dank, dass du noch Du bist, Verwegener,

dich selbst erfüllend und dein Wesen, –

sei's um den Preis auch knirschender Opfer –!


Bis einst der Mensch, gewachsen an deinem Bild,

dir's heim in ebenbürtigen Thaten zahlt, –

und Du ohnmächtig knirschst und frohndest

deinem dich peitschenden Xerxes, Sklave!


* * * * * *


Caesari immortali.


Verzweifelnd, wie ich heut dem Unmut meiner selbst

entrinnen soll, ergreif' ich endlich den Plutarch

und schlage Casars Leben auf. Und mir geschieht,

als wüsch' ich mich in einem kalten klaren Quell

von aller Schwäche, Dumpfheit, Überspanntheit rein.

Ich fühle mich von jener zehnten Legion,

in die er seinen unüberwindlichen Willen goss;

und wo ein zager Flüchtling sich aufs Polster warf,

da steht ein straffer Krieger blitzenden Auges auf.


* * * * * *


Vor einer Büste Schopenhauers.



Ein grosses Antlitz ist wie eine Flamme, die

grell und gewaltig aufsteht aus dem ungewissen Schein

irrlichternder Erdgeister und mit einem Mal

den ganzen Schwarm zu Schatten und Gespensternmacht,

den falschen Tag in riesenhafter Lohe Grimm

entlarvend, dass, wohin wir blicken, unser Aug',

der rechten Sonne trunken, nichts als Dämmerung

mehr unterscheidet, grauer, blasser Schemen Spiel, –

und eine Sehnsucht, übermächtig, uns erfasst ...


* * * * * *


Nur immer rein des Zweifels ewig spülenden Quell

durch seine Seele leiten, nie der Träume Schlamm

sich lagern lassen auf dem Grund des Gedankensees,

noch ihn bewuchern von der Wünsche Schlingkraut, noch

der Überzeugungen Eis ihn fesseln lassen, – stets

ihn halten als des Sturmes vorbestimmtes Reich,

als das Kristallbad jedes noch so fernen Sterns,

als einen Born, zu dessen Gletscherkühle sich

und tiefem grünen Klar voll Lust der Wandrer neigt!


* * * * * *


Noch niemals fiel es irgend einem Volke ein,

zu schenken einem Dichter einen hohen Berg,

mit dem Beding, von ihm herabzusteigen nur,

um ihm zu bringen diesem Ebenbürtiges.

Ja, bannen müsst' es selbst das allzu schweifende

Geschlecht der Dichter an so hohen Aufenthalt,

wo nur das Höchste Recht hat, und der Dinge Mass,

gereckt ins Ungemeine, seinen Blick entwöhnt

des bunt zufälligen Wirbels, drein sein Tag ihn warf.


* * * * * *


Das Unerträglichste, was es auf Erden giebt,

das ist die billige Weisheit des schnell fertigen Munds,

das ist der von sich selbst höchst überzeugte Witz,

das selbstgefällige Klappern hohlen Menschenhirns; –

wo eins nur möglich ist für den, der denkend ward:

sich in des Schweigens Mantel einzuwickeln, wie

von Frost gepackt, vom Schüttelfrost der Scham,

und in den tiefsten Bergen sich zu vereinsamen,

wo Pöbel Optimist ein unbekanntes Gelächter ist.


* * * * * *


(Segantini.)


Dein in, den Alpen denk' ich oft, verwandtes Aug',

wenn die granitnen Wand' mich überwältigen ...

Vor einer aber stand ich immer wieder still

und taufte ihr erhabenes, strenges Bild auf Dich:

wenn über blauen Dämmerungen sie den Fels,

den von Jahrtausenden zergrabnen, goldrotbraun

im kühlen Höhenklar des Abends badete, –

ein Urwort der Natur, ein trotziger Riesentraum ...

Und Dein da dacht' ich stets, voll Neid und Sehnsucht Dein.


* * * * * *


An Ludwig Jacobowski (†).


Du hast mich lieb gehabt und, wie ich mich euch gab

in Liedern, die ich so für mich hin bildete,

des Lebens Vielklang mit Gesang verbindend, wie

die Sennen thun, wenn sie der Glocken Wirrsal reizt, –

du warst mein Freund, du hast an mich geglaubt.

Zu spät erkenn' ich's, lesend immer wieder nun,

was du von mir gesagt, – und in den reinen Hauch

des Herbstes flüstr' ich meinen Dank, als möchtest du,

vorüberwandelnd, atmen ihn wie einen Duft ...


* * * * * *


Du hast nie andre denn dich selbst gehört, mein Freund;

als unterhielte eine Parade-Trommel sich

mit andern Instrumenten. Wirbelnd und wirbelnd stets,

beherrscht sie aller, doch zumeist ihr eignes Ohr;

von ihrem eignen Lärm berauscht, fanatisiert,

vibrierend wie ein Pfau in seiner Eitelkeit,

erfahrt sie nie den Zuspruch wirklicher Musik –

(wie kaum der klirrende Pfau je den der Nachtigall).

So bleibe denn das Kalbfell, Ärmster, das du bist.


* * * * * *


Hab' ich dich endlich, armer Freund, dahin gebracht,

dass du gestehst: »Verzeih, es muss für mich so sein;

ich gehe sonst zu Grund'; ich muss so denken, Freund!«

Sieh, weiter wollt' ich nichts. Ich wollte nur dies Wort,

dies eine ehrliche statt all des tauben Schalls.

Geständen wir doch immer uns und andern ein,

warum just unser Urteil so und so sein muss!

Bekennte sich doch endlich jeder zu sich selbst, –

und des Geschwätzes würde minder, mehr der That.


* * * * * *


Man preist's Resignation; doch endlich ist es nichts,

als dass Natur sich hülfreich in die Bresche stellt;

ein Zeichen von Gesundheit ist es, weiter nichts.

Der spielerische Geist, von unsichtbarer Hand

mit festem Griff herumgedreht, so dass sein Aug'

nun wieder auf den nah- und nächsten Dingen ruht.

Nun aber kommen sie und rufen tönend aus:

»Wir resignieren: denn – und weil – und sintemal –!«

Gebt immer der Natur die Ehre, nicht dem Geist.


* * * * * *


Den stehngebliebnen Zeiger meiner kleinen Uhr,

die mir am Morgen heute nicht wie sonst erklang,

bewegt mein Finger Stund' um Stunde vor, bis er

des Zeitenrades Stundenspeiche wieder naht.

Doch wie ich so des Weisers schwache Gegenwehr

in raschen Runden überwinde, – fällt das Bild

so spielend überkreister Zeit mich rächend an –:

Acht Stunden Werden ahnen sich mir grausend auf ..

Und wie ein Frevler senk' ich die leichtfertige Hand.


* * * * * *


Wer wahrhaft Künstler, lacht des ganz Armseligen,

worein sein glühendes Wollen sich verliert.

So lacht der Himmel über seinen Blitz,

den missgestalteten, in dem er sich »entlädt«,

und nimmt – wie oft! – ihn grollend wieder an sein Herz.

Doch freilich wiederum: Wer wahrhaft Künstler ist,

er giebt im Stückwerk auch von seiner ganzen Kraft;

und stösst er's von sich, wie die Wolke ihren Blitz,

und nimmt's nicht mehr zurück: so zündet es wohl auch.


* * * * * *


(Nietzsche.)


I.


Begreife dieses Schicksal, junges Herz, –

beinahe lieber noch: begreif' es nicht!

Denn wenn du es begriffst, dich liesse Scham

vielleicht nicht weiter leben, – und du hast

so liebe Augen, – nein, begreif es nie;

nur ahn' es, ahn' es, wenn du still einmal

an Menschengröss' und -Schicksal schauernd denkst

und dir gelobst, in deiner guten Brust,

ein Bildner deiner selbst zu sein wie Er.


* * * * * *

II.


Vor einem Flussbett stand ich, das den Berg, vereist,

hinuntersank, und lauscht', ergriffen hingewandt,

des Felsgewässers unterirdischem Geroll,

das dort, unsichtbar, mächtig murmelnd, seine Bahn

zur Tiefe zog ... ein Bild von Dir mir, hoher Geist,

der du, verschüttet in winterkalte Einsamkeit,

Verborgenheit, Vergessenheit, den stürmenden Gang,

den eingebornen, Deines Schicksals ruhlos wallst,

den unbekümmerten, der nur nach seiner Tiefe strebt.


* * * * * *


Wind, du mein Freund!

Lang hielten Berge mich

grämlich umzäunt.

Nun wieder grüss' ich dich,

frei, dich, den Freien;

nun gieb mir, Himmelsspross,

wieder die Weihen,

Wecker zu sein wie du

aller verschlafnen Ruh'!

Wind, du mein Freund!

Du mein liebster Genoss!


* * * * * *


Glückselig nach dem Regen lacht

der helle Frühlingshain.

Von hundert Birken trieft die Tracht

der Tropfen auf den blumigen Rain.


Und hundert Birken flüstern Glück

im Abendwind und Abendlicht.

Und eine Regenbogenbrück'

beschliesst das holde Gedicht.


* * * * * *


Butterblumengelbe Wiesen,

sauerampferrot getönt –

o du überreiches Spriessen,

wie das Aug' dich nie gewöhnt!


Wohlgesangdurchschwellte Bäume,

wunderblütenschneebereift –

ja, fürwahr, ihr zeigt uns Träume,

wie die Brust sie kaum begreift.


* * * * * *


Von Frühlingsbuchenlaub ein Dom.

Und drin ein schmetternder Solist.

In solcher Schönheit Überstrom

wird ärgster Heide Christ


und jauchzt: Gelobt seist Du, Marie!

wenn er sein Lieb im Arme hält.

Und Kyrieleis! bittflüstert sie.

Und köstlich dünkt die Welt.


* * * * * *


Feuchter Odem frischer Mahd

in der Abendruh!

Wie so mancher Wiesenpfad

hauchte dich mir zu;


schenkte mir dein herbes Bad

in der Abendruh!

Edler Odem frischer Mahd,

Seele, reine, du!


* * * * * *


Das sind die Reden, die mir lieb vor allen:

Die Wässerlein vom hohen Felsen rinnend,

mein ganzes Herz mit ihrer Lust gewinnend,

ohn' End zum tiefen Grund hinabzufallen.


Du Wiegenlied vor allen Wiegenliedern,

Zur Ewigkeit hinweg vom Eintag wiegend,

das laute Selbst zu jener Ruh' besiegend,

die keine leeren Klagen mehr erniedern!


* * * * * *


Wie der wilde Gletscherbach

selber sich entgegenbraust,

auf sein wogendes Gejach'

weiss zurückgekraust!


So der einzelne der Zeit

zornerfüllt entgegenschwillt.

Doch die rollt zur Ewigkeit.

Und alles ist ein Bild:


* * * * * *


Bergschwalben rauschen durch die Luft,

wie wenn man über Seide streicht.

Die Thäler all füllt Abendduft

und meine Brust ein scheu Vielleicht


Ob mir noch einmal, Glück, bestimmt

ein Abglanz deiner tiefen Welt?

O Duft, der golden mich umschwimmt!

O klares Abendätherzelt!


* * * * * *


Des Morgens Schale quillt von Sonnenlicht

und Rosenduft und Nachtigallenschlag.

Ich bring' sie Dir zum neuen Sohöpfungstag,

der sich zu unserm Angesicht

erhebt.


Setz' deine Lippe mit an ihren Rand!

Und mit uns jedes morgendliche Paar,

das, seiner Liebe Frühlingskranz im Haar,

mit uns in diesem Morgen-Lande

lebt!


* * * * * *


Welch ein Schweigen, welch ein Frieden

in dem stillen Alpenthale.

Laute Welt ruht abgeschieden.

Silbern schwankt des Mondes Schale.


Von den Wiesen strömt ein Düften.

Aus den Wäldern lugt das Dunkel.

Brausend aus geheimen Klüften

bricht der Bäche fahl Gefunkel.


Überm Saum der letzten Bäume

weisse Wände stehn und steigen

in die blauen Sternenräume.

Welch ein Frieden, welch ein Schweigen!


* * * * * *


Bleich in Sternen steht der Raum.

Schimmernd schiessen Bälle.

Deine Schönheit sucht mein Traum

in der weiten Helle.


Bis du dich herniederneigst

vom gestirnten Pfade

und mit deiner Gnade

mich zur Ruhe schweigst.


* * * * * *


Inmitten dessen, was wir uns erzählten,

mit einem Mal ein Stocken ohne Grund,

drin unsre Wesen schweigend sich erwählten.


Und dann, im selben Satze – nach Sekunden,

in denen wir uns innerlichst vermählt, –

ein Weiterplaudern, leicht und ungebunden.


* * * * * *


Ich liebe dich, Du Seele, die da irrt

im Thal des Lebens nach dem rechten Glücke,

ich liebe dich, die manch ein Wahn verwirrt,

der manch ein Traum zerbrach in Staub und Stücke.


Ich liebe deine armen wunden Schwingen,

die ungestossen in mir möchten wohnen;

ich möchte dich mit Güte ganz durchdringen;

ich möchte dich in allen Tiefen schonen.


* * * * * *


»Was denkst du jetzt?

Ach, hinter diese Stirne

zu dringen, – wär' es, war' es

mir gegeben!

Ein Bettler steh ich da

vor deinem Leben,

das unaufhörlich

sich in dir verschliesst.

Besitz' ich dich,

wenn ewig Unbesessnes

in deiner Brust

an mir vorüberfliesst?

O allzu streng und kärglich Zugemessnes,

was sich von Aug' und Munde nur

ergiesst!

O gieb mir Teil

an jenem stummen Weben!

Was denkst du jetzt?

Ach, hinter diese Stirne

zu dringen, – war' es, war' es

mir gegeben«


* * * * * *

O weine nicht! Ich weiss, ich thu' dir weh,

weil ich ein Mensch bin, Launen hingegeben.

(So muss ein Mensch am andern stetig sterben:

das grub ich aus wie ein Gesetz im Leben.)

O weine nicht! Wenn ich dich weinen seh',

möcht' ich nie mehr um fremde Liebe werben.


O weine nicht! Ich weiss, ich thu' dir weh.

Und sollte nur dir wohl zu thuen streben.

(So reichen Menschen sich den Kelch, den herben,

des Leidens, bis die Lippen bitter beben ...)

O weine nicht! Wenn ich dich weinen seh',

möcht' ich mich selbst in jähem Groll verderben.


O weine nicht!


* * * * * *


Nebelgewölke, den Berg entlang

schleppend die schweren Gewebe,

vor des Thälerwinds Morgengang

flüchtend in lässiger Schwebe,


lösend sich langsam von Wald und Fluh,

letzte Zinnen umschliessend,

wallend unendlichen Bläuen zu,

sonnegeküsst zerfliessend.


* * * * * *


Sahst du nie der Dämmrung grelle Helle

aus des Weges weissen Kieseln stechen,

eine gleissend bleiche kalte Welle

ängstigend dir in die Schläfen brechen?


Wenn es dann dein Aug' auf Wiesen scheuchte,

brach dir's nicht auch hier geheim entgegen

wie ein tiefes zehrendes Geleuchte – ?

und du fühltest es wie Furcht dich regen ...


* * * * * *


Augusttag.


Herbstes Ahnung, düster gross,

während noch der Sommer waltet!

Nehmt mich auf in euren Schoss,

Wolken, schmerzlich tief gefaltet!


Nach der Schwermut jenes Kommers

in Gestürmen schreit mein Wille;

denn ich liebe nicht des Sommers

tote, sattgewordne Stille.


* * * * * *


Septembertag.


Dies ist des Herbstes leidvoll süsse Klarheit,

die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;

wenn das kristallene Gewand der Wahrheit

sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.


Dies ist des Herbstes leidvoll süsse Klarheit ..


* * * * * *


Vorabendglück.


Siehe, wie wunderlieblich der Abend lacht!

O nun singe noch, Seele, dein Lied vor Nacht!

O nun singe noch dein wunderliebliches Lied,

ehe der Tag auf rosiger Wolke von hinnen zieht!


* * * * * *


Abendkelch voll Sonnenlicht,

noch einmal geneiget,

eh' des Tages Herze bricht,

und der Nacht verhüllt Gesicht

seinen Tod beschweiget!


Alles Herzwehs Abendwein,

lass dich trinken, trinken!

Glüh' dein Gold in mich hinein!

Und dann mag auch über mein

Haupt ihr Antlitz sinken.


* * * * * *


Es giebt noch Wunder, liebes Herz,

getröste dich!

Erlöste dich

noch nie ein Stern aus deinem Schmerz,

des Strahlenspiel

vom hohen Zelt

in deiner Qualen

Tiefe fiel

und sprach: »Sieh, wie ich zu dir kam

vor allen andern ganz allein!

Du liebes Herz, wirf ab den Gram!

Bin ich nicht dein?

Getröste dich!«


Erlöste dich

noch nie ein Stern ...


* * * * * *


Ein Wanderlied, vom Abendwind vertragen,

ich fing es auf; weiss nicht, woher es kam;

ein Wunderlied von Wünschen und Entsagen,

das meine Seele ganz gefangen nahm.


Ein Wanderlied. War es mein eigen Sehnen,

aus dem es sprang, da ich in Träumen schritt?

Ein Wunderlied voll Hoffnungen und Thränen,

in dem ein Herz mit seinem Schicksal stritt.


* * * * * *


Und wenn du nun zur dunklen Ferne treibst

als wie ein Blatt auf mitleidloser Welle, –

dass du mir, Teure, immer in der Helle

dem Leben dienender Gedanken bleibst!


Und war ich nur ein Funke, dir zu leuchten,

und war mein Gruss nur wie ein Wetterschein, –

o lass, wann Thränen je dein Auge feuchten,

ein Glänzen auch von ihm darinnen sein.


Vielleicht dass dann ein Licht dich sanft erhelle,

dass du der Sorge starke Herrin bleibst,

und nicht auf deines Thränenstromes Welle

zu Fernen, immer düstereren, treibst.


* * * * * *


Mit diesem langen Kuss

auf deine Lippen lass uns scheiden.

O warum muss

ich solcher Trennung Schmerzen leiden.

Und hätte jederstund

nur efinzig dies Verlangen,

An Deinem süssen Mund

auf Ewigkeit zu hangen.


* * * * * *


Liebe, Liebste, in der Ferne,

wie so sehr entbehr' ich Dich!

Leuchteten mir milde Sterne,

ach, wie bald ihr Glanz erblich!


Wenn ich deine weichen Wangen

leis in meine Hände nahm,

und voll zärtlichem Verlangen

Mund zu Mund zum Kusse kam;


Wenn ich deine Schläfen rührte

durch der Haare duftig Netz,

o, wie war, was uns verführte,

beiden uns so süss Gesetz!


Und nun gehst du fern und einsam.

Ach, wie achtlos spielt das Glück!

Bringt, was einmal uns gemeinsam,

noch einmal sein Strom zurück?


Liebe, Liebste, in der Ferne,

wie so sehr entbehr' ich dich!

Leuchteten uns milde Sterne,

ach, wie schnell ihr Glanz erblich!


* * * * * *


Und aber rundet sich der Kranz

des viergeteilten Jahres.

Die Schlange beisst sich in den Schwanz.

Und was noch ist, bald war es,

ein seltsam Einst.

– – – – – – – –


Der Herbstwind heult; die Wolken weben tief;

die Nächte sinken jäher, dunkler nieder;

schon brämet Schnee der Berge Häupter wieder;

und lange schon der letzte Vogel rief

sein Lebewohl.

– – – – – – – –


Und aber rundet sich der Kranz

des viergeteilten Jahres.

Die Schlange beisst sich in den Schwanz.

Und was noch ist, bald war es,

ein seltsam Einst.


* * * * * *

Erster Schnee.


Aus silbergrauen Gründen tritt

ein schlankes Reh

im winterlichen Wald

und prüft vorsichtig, Schritt für Schritt,

den reinen, kühlen, frischgefallnen Schnee.


Und Deiner denk' ich, zierlichste Gestalt.


* * * * * *


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