Dem Andenken meines Großvaters Christian Morgenstern
I.
Zeit und Ewigkeit
Vom Winde getragen
die Stimme des Bachs ..
Der Wellen Gespräch
auf dem Atem der Nacht ..
Mein kleiner Wecker tickt und tickt ..
O Zeit und Ewigkeit!
Im Tal von Arosa.
O Stern der Klarheit, mir vor allen fern,
des Berges Sattel, ein Demant, durchfunkelnd,
das dunkle Tal nur immer mehr verdunkelnd;
du meiner Abende geliebter Stern!
Ein Durst erfaßt mich, da ich dich erblicke,
ein Durst, wie nach kristallnem Naß, nach Dir.
Wie bist du hell und kühl! Wie zeigst du mir,
was nie mir ward vom dumpferen Geschicke.
Und immer mehr des Dunkels bricht herein,
den kurzen Tag mit Schatten zu verschütten;
und hell erschimmern mehr und mehr der Hütten.
O Herz, genüge dir: Dies Licht ist Dein.
Nachts im Wald.
Bist du nie des nachts durch Wald gegangen,
wo du deinen eignen Fuß nicht sahst?
Doch ein Wissen überwand dein Bangen:
Dich führt der Weg.
Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen,
daß du zitterst, welchem Ziel du nahst?
Doch ein Wissen übermannt dein Bangen:
Dich führt dein Weg.
Abend im Gebirge.
Über dumpfen Wäldermassen
baden steile erdenferne
Höhen sich im rosenblassen
Firmament der ersten Sterne.
Tageshelle will nicht scheiden,
ehe nicht der letzte flimmert;
und so leuchten sie, von beiden
zwiefach feurig angeschimmert.
Bis des ehernen Geschickes
strenger Schluß den Wettstreit endet
und der Tag sich langen Blickes
von den vielgeliebten wendet.
Wie beraubt der Seele, sinken
stumm die mächtigen zusammen.
Starre, kalte Strahlen blinken
statt lebendiger Liebesflammen.
Der Giebel.
Dunstgewölk verhängt die Sterne,
Dämmer deckt die Erde ganz.
Nur ein Giebel in der Ferne
träumt in geisterhaftem Glanz –
wie ein Haupt, das seinem Hirne
keinen Schlaf zu gönnen scheint
und auf seiner bleichen Stirne
alles Licht der Nacht vereint.
Neuschnee.
Flockenflaum zum ersten Mal zu prägen
mit des Schuhs geheimnisvoller Spur,
einen ersten schmalen Pfad zu schrägen
durch des Schneefelds jungfräuliche Flur –
kindisch ist und köstlich solch Beginnen,
wenn der Wald dir um die Stirne rauscht
oder mit bestrahlten Gletscherzinnen
deine Seele leuchtende Grüße tauscht.
Erinnerung an Wolfenschiessen.
Ihr Wege einer gedankenvollen Einsamkeit –
wie wandelt oft mein Fuß im Traum euch wieder!
Von neuem tönen einst empfangne Lieder,
und meine Seele wird von Liebe weit.
Es eilt der Bach durch abendfeuchte Wiesen,
die Uferbüsche regt ein herber Hauch,
die Berge glühn von goldnen Matten-Vliesen,
und drüber geistert veilchenroter Rauch.
Ich säume bis zur Nacht auf dunklem Stege,
des Tales volles Bild im Angesicht ..
Dann kehr' ich heim durch Hecken und Gehege
und grüße jedes Haus und jedes Licht.
Du warst mein Tal vor allen Erdentälern,
so wie dein Land mein liebster Aufenthalt.
Und nichts soll deinen Ruhm mir jemals schmälern,
du Tal von Wolfenschießen nid dem Wald.
(Für Efraim und Fedscha Frisch)
Ebenengewitter.
So löst sich denn die Spannung schwer.
Erfüllt ist, was wir baten:
Vom Himmel rauscht ein breites Meer
auf durstig-dürre Saaten.
Und herrlich stürzt ein Donnerkeil
sein Siegel auf all den Segen.
O Frucht, nun reifst du wieder heil
dem hohen Herbst entgegen.
Traumwald.
Des Vogels Aug verschleiert sich;
er sinkt in Schlaf auf seinem Baum.
Der Wald verwandelt sich in Traum
und wird so tief und feierlich.
Der Mond, der stille, steigt empor:
Die kleine Kehle zwitschert matt.
Im ganzen Walde schwingt kein Blatt.
Fern läutet, fern, der Sterne Chor.
Nebelweben.
Der Nebelweber webt im Wald
ein weißes Hemd für sein Gemahl.
Die steht wie eine Birke schmal
in einem grauen Felsenspalt.
Im Winde schauert leis und bebt
ihr dämmergrünes Lockenlaub.
Sie läßt ihr Zittern ihm als Raub.
Der Nebelweber webt und webt ..
Du schlankes Reh –
Du schlankes Reh, das du die Menschen fliehst,
bewegte dich dein Herz, wenn du mich siehst,
mich nicht zu fliehen, meinem Blick zu traun,
wie deinesgleichen mir ins Aug zu schaun!
Ich weiß mich frei von jeder Mordbegier,
ich jage mich, mein Bruder, nicht in dir.
Du glaubst mir nicht? Ich bin dir nur ein Mann,
ein Mensch .. Ach, Reh, was geht der Mensch mich an.
Nebel am Wattenmeer.
Nebel, stiller Nebel über Meer und Land.
Totenstill die Watten, totenstill der Strand.
Trauer, leise Trauer deckt die Erde zu.
Seele, liebe Seele, schweig und träum auch du.
II.
Bezauberung.
Ich ging einmal des abends, den du kennst, den Weg,
mit einem Freund, der mir von seinen Plänen sprach.
Da ward mir seltsam: Wie ich schweigend neben ihm
und halb ihm lauschend ging im Dämmerlicht, geschah's,
daß ich mich selbst als Dich empfand, als gingest Du
in mir und lauschtest, wie ich seinem, meinem Wort ..
Und leise nickt' und murmelt' ich ihm zu,
mein Augenaufschlag war der Deine, Dein mein Leib
in jeglicher Bewegung bis ins Innerste ..
Und deine scheue Jungfraunseele liebte mich aus mir ..
Evas Haar.
Als wie ein Feld, das erstes Licht ereilt,
sind deines Hauptes wunderblonde Wellen:
Ein sanfter Morgen scheint ihr Gold zu schwellen,
darauf der Sonne Auge zögernd weilt.
Nun flammt es auf, als käm' es Purpur malen, –
ist es der Mohn, der heimlich in ihm wohnt?
Doch wann der Abend naht mit kühlern Strahlen,
so ruht es wieder blaß, wie keuscher Mond.
Ein Rosenzweig.
Im Süden war's. Zur Nachtzeit. Eine Gasse.
Ich trat aus deinem Haus und schloß das Tor
und wandte noch einmal den Blick empor:
da flog ein Zweig aus deinem Dachgelasse
und fiel aufs Pflaster, – daß ich rasch mich bückte
und deinen Hauch noch warm vom Munde nahm
der schweren Rosen, deren Gruß den Gram
der kurzen Trennung duftend überbrückte.
Schauder.
Jetzt bist du da, dann bist du dort.
Jetzt bist du nah, dann bist du fort.
Kannst du's fassen? Und über eine Zeit
gehen wir beide die Ewigkeit
dahin – dorthin. Und was blieb? ..
Komm, schließ die Augen, und hab' mich lieb!
III.
In der Sistina.
Die Sistinische Kapelle
dröhnt von wüsten Hammerschlägen:
Männer zimmern für die Feste
eines Baldachins Gerüst.
An die zarten Farbenleiber
stößt des Lärms gemeine Welle:
Unverrückt an ihrem Werke
bleibt die hohe stumme Schar.
Nur Ezechiel schilt und eifert,
während Jeremias trauert, –
doch sie eifern, doch sie trauern
nicht ob eignen Untergangs.
Höheres erfüllt ihr Herze,
als auf niedres Volk zu achten;
noch zerfallend, noch zerbröckelnd
werden sie das Gleiche tun.
Leise rinnen Stäubchen nieder,
Mauerstäubchen, Farbenstäubchen,
bleicher wird, doch niemand merkt es,
fahler wird der Leiber Pracht.
Hundert, aberhundert Jahre
lärmt der Schwarm sein Eintagstreiben
wüst empor zum Geisterreigen,
Körnchen rinnt herab um Korn.
Doch die Hohen, unbeweglich,
leben fort ihr hohes Leben,
fern der Zeit und ihren Tücken,
überweltlich bis zum Tod.
Vor den Fresken der Appartementi Borgia.
In dieser düstern Gottespracht
lebten Menschen nicht gemeiner Triebe;
hier wuchs ins Ungeheure Haß und Liebe;
hier hatte man der Welt nicht acht.
Du warst nicht mehr die Jungfrau blind,
verführerischste der Madonnen!
Du warst das Weib der höchsten Wonnen
und süßer Sünde Frucht dein Kind.
Was galt dir noch der Jesus dort,
du ›Ewigheitrer« auf den Knieen!
Du hattst dem ›Wort« nur noch die Macht entliehen,
du galtst dir selbst als letztes ›Wort«.
Und Du, Lucrezia, weißer Schwan,
mit deinen goldnen Sonnenflechten!
Was disputierst du? Laß sie rechten!
Du lächelst, – und so ist's getan.
Und Du im Schlummer, Genius!
Warst du von denen, die nie Ohren haben?
Cäsar! Erwachtest du erst ganz im Graben,
im finstern, von des Todes Kuß?
Was ward – ihr wissenden Wände seid's gefragt! –
Himmelssturm wie deiner zu Spott? ..
Er war – Geflüster schwillt und flucht und klagt –
ein Dämon nur – kein Gott.
Bei der Pyramide des Cestius.
(Vor einem Grabmal mit der Statue eines jungen Weibes.)
Ein Mädchen sitzt und zaudert wehmutvoll;
zur Linken laden – die sie wandeln soll –
die Stufen abwärts in ein ernstes Tor,
das, anglehnt, der stillen Jungfrau harrt.
Sie sträubt sich noch; sie sitzt und sinnt und starrt,
daß sie so bald den teuren Strahl verlor,
so früh der Liebe kaum erglühtes Rot;
sie faßt noch nicht das dunkle Wörtlein: tot.
Ein Vogel singt in ihren holden Gram,
die Erde winkt und lockt wie nie zuvor ..
Doch in der Tiefe wartet stumm das Tor,
in dem die Form verschwindet, wie sie kam.
Papstjubiläum 1903.
Historische Momente nennt's die Menge,
wenn über schwärzlichem Gedränge
ein toter Papst die Hände hält ..
Als ob man sie nicht besser kennte,
die wirklichen ›historischen Momente«!
* * *
Doch haben sie noch ganz die Liebe
der Weiblein und der Taschendiebe.
* * *
Welch glänzender Theatercoup!
Man hat doch ein Billett dazu?
Angelsachsen.
Mit herrlichen Gefühlen
kommen sie angerennt
(und mit Klappstühlen)
zum historischen Moment.
Mönche.
Ein dickes Kreuz auf dickerm Bauch.
Wer spürte nicht der Gottheit Hauch!
Man kennt sich.
›Pret'chen, Pret'chen«
fleht die kleine Gierige,
›Sie haben gewiß ein Billettchen –
ich bin ganz die Ihrige!«
In den Kirchen.
Und immer wieder winkt ein Sakristan:
›Was fliehst du, lieber Bruder, unsre Näh'?
Gestattet ist, erwünscht sogar, zu nahn, –
die Kirche liebt dich – und dein Portemonnaie.«
Leo XIII.
Du bist an diesem großen Tag
ein Bild mir, alter Mann,
der Kirche, die nicht sterben mag
und nicht mehr leben kann.
Fiesolaner Ritornelle.
Oliven.
Erst wenn der Wind euch beugt und schaudern macht,
enthüllt ihr eure silbernen Tiefen.
* * *
Cypressen.
Ihr lehrt mit nicht gemeinem Maß
die Dinge messen.
* * *
Feigen.
So sinnlich sah ich keinen zweiten Baum
Unfaßbares umzweigen.
* * *
Käuzchenschreie.
Des Unglücks Bote ruft durch stille Nacht.
Wann kommt an uns die Reihe?
* * *
Mondnächte, klare.
In solchen Nächten stiehlt man nichts
denn Liebesware.
* * *
Nachtschatten.
Erinnerst du dich, fernes Mädchen, noch,
wie lieb wir uns einst hatten?
* * *
Judasbäume.
Daß ich vor euch nicht von verratner Liebe
träume!
* * *
Verfrühter Falter.
Du flogst, verwegner Geist, der Zeit voraus;
noch dämmert erst dein Alter.
* * *
Glänzende Dächer.
Im Mittagschleier ruht die Arnostadt,
ein edelsteinbesetzter Fächer.
* * *
Zwölfuhr-Schuß.
Dem Aug' blitzt Mittag schon, indes das Ohr
sich noch im Vormittag gedulden muß.
* * *
Domglocke brummt:
Aus Höhn und Tiefen keine Antwort mehr:
Mein Gott, mein Mensch sind beide längst verstummt.
* * *
Ihr sanften Hügelketten!
Umsonst versuch' ich in mein Buch zu schaun;
wer könnte sich vor Eurer Anmut retten!
* * *
Eidechse.
Solang ich pfeife, hältst du still und horchst, –
doch greif' ich zu, entwischst du, kleine Hexe.
* * *
Amsel flötet, Biene summt,
Frühling jubelt über allem Leben ..
Mund des Glücks, du warst mir lang verstummt.
* * *
O Welt!
Wie gern genöss' ich als ein Schauspiel dich,
von halber Höh', nur locker dir gesellt.
* * *
Von halber Höh' – ein Adel, der mir paßt.
So lebt' ich immer, zwischen Tier und Gott,
halb Mensch, halb Vogel, zweier Reiche Gast.
* * *
Glanzgrauer Tag.
Aus deinem Taft soll man die Flagge machen,
darin man mich dereinst begraben mag.
* * *
Der Freund schreibt:
Des Herzens unverwandte Einsamkeit,
du fühlst sie auch – und wie sie nichts vertreibt.
* * *
Mohn im Winde.
So neigen wir uns glühend geneinander, –
doch nie wird zwei zu eins – als einst im Kinde.
* * *
Epheuranke.
So reich verkleidet Trümmer und Zerfall
nur Eins noch: der Gedanke.
* * *
Die Fünfuhr-Glocke ruft durch bleiche Nacht:
Wer schläft, wach' auf, und wer da wacht, schlaf' ein;
so hab' ich jedem, was ihm frommt, gebracht.
* * *
Morgenhauch.
Aus Bett und Haustür ziehst du mich hinaus,
wie aus der Esse den verschlafnen Rauch.
* * *
Giottos Grabschrift von Polizian.
Zwiefacher Hauch der Vorzeit traf uns voll,
als wir im Dom die stolzen Verse sahn.
* * *
In meinem Burckhardt wühlt empört der Sturm:
So war es einst, so soll es wieder sein!
Das gafft nur, schafft nicht mehr um Giottos Turm.
* * *
Kaum mehr erhoffte Tage!
Mit dreißig Jahren fand ich eine Stadt,
zu deren Bild ich ja und Amen sage.
Aus einem Zyklus: Berlin.
Berlin.
Ich liebe dich bei Nebel und bei Nacht,
wenn deine Linien ineinander schwimmen, –
zumal bei Nacht, wenn deine Fenster glimmen
und Menschheit dein Gestein lebendig macht.
Was wüst am Tag, wird rätselvoll im Dunkel;
wie Seelenburgen stehn sie mystisch da,
die Häuserreihn, mit ihrem Lichtgefunkel;
und Einheit ahnt, wer sonst nur Vielheit sah.
Der letzte Glanz erlischt in blinden Scheiben;
in seine Schachteln liegt ein Spiel geräumt;
gebändigt ruht ein ungestümes Treiben,
und heilig wird, was so voll Schicksal träumt.
Junge Ehe.
Er wies nichts ab in diesen Wintertagen,
er wollte gehn, wohin man immer schriebe:
Nur um ihr nachts im Wagen dann zu sagen,
wie sehr er sie, wie sehr er sie nur liebe.
Und sie zu küssen in erlöstem Jubel
im dunklen Wagen leis und ohne Ende,
und ihr zu sagen, wie nach all dem Trubel
er nur an ihr, in ihr Genügen fände.
Draußen in Friedenau.
Es bläst wer in der Winterluft
zum Blut der Abendröte ..
Ein fragender Vorfrühlingsduft
mischt sich dem Klagen der Flöte.
Vor einer Schänke steht ein Kind,
ein schlankes, mit kurzen Röcken.
Es steht mit seinen Locken im Wind
wie ein erstes Frühlings-Erschrecken ..
Dahinter flammt durch Pappelreihn,
die Welt mit Schmerz durchseelend,
der tiefe himmlische Widerschein
von unendlichem Glück und Elend.
Die Allée.
Ich liebe die graden Alleen
mit ihrer stolzen Flucht.
Ich meine sie münden zu sehen
in blauer Himmelsbucht.
Ich bin sie im Flug zu Ende
und land' in der Ewigkeit.
Wie eine leise Legende
verklingt in mir die Zeit.
Mein Flügel atmet Weiten,
die Menschenkraft nicht kennt:
Groß aus Unendlichkeiten
flammt furchtbar das Firmament.
Bild aus Sehnsucht.
Über weite braune Hügel
führt der Landmann seinen Pflug.
Droben mit gestrecktem Flügel
schwimmt des Adlers breiter Bug.
Fern aus Höfen unter Bäumen
zittert Rauch im Morgenglanz.
Und die fernste Ferne säumen
Wälder wie ein dunkler Kranz.
Herbstabend.
Der Ofen schnauft als wie ein Hund
im Traum.
Es fährt der Wind in seinen Schlund
vom Raum ..
von Sternen, fernen, angeglüht,
der Wind ..
Es lauscht ihm liebend mein Gemüt,
ein Kind.
Er kommt wohl noch aus Abendluft
daher,
in seinem Mantel hängt noch Duft
vom Meer,
noch letztes Gold vom Sonnenrund
am Saum ..
Der Ofen schnauft als wie ein Hund
im Traum ...
Der Gärtner.
Ich seh' ihn täglich schalten
von meiner Trambahnfahrt,
den irren Tolstoi-Alten
mit weißem Haar und Bart.
Er recht mit seinem Rechen
das dürre Laub zuhauf,
er kann den Spaten stechen,
als grüb' ein Grab er auf.
Er kehrt auf den Beeten den Mist um,
wann Winterfröste drohn,
er denkt an Jesum Christum,
der Erde tiefen Sohn.
Er war dereinst ein Großer
und tat der Erde weh;
jetzt ist er Gärtner bloßer
im Kurhaus Halensee.
Er steht auf seinen Spaten
gelehnt und murmelt leis;
er kann der Welt entraten,
er weiß, was niemand weiß.
Er streut den Vögeln Futter,
kennt all die Pflänzlein zart.
Die große Erdenmutter
sein Ein und Alles ward.
Er kehrt auf den Beeten den Mist um,
wann Winterfröste drohn.
Er denkt an Jesum Christum,
der Mutter tiefen Sohn.
Aus zwei geplanten Büchern.
Ein Gedicht Walters von der Vogelweide.
Unter der Linden,
an der Heide,
da unser zweier Bette was,
da möget ihr finden
hold sie beide
gebrochen Blumen so wie Gras.
Vor dem Walde in einem Tal
tandaradei!
lieblich sang die Nachtigall.
Ich kam gegangen
zu der Aue,
da schon mein Trauter kommen hin.
Da ward ich empfangen,
hehre Fraue,
daß ich noch immer selig bin.
Küßt' er mich? Wohl tausend Stund.
tandaradei!
Seht, wie rot mir ist der Mund!
Da hat er gemachet
mir und sich
von Blumen eine Bettestatt.
Des wird noch gelachet
inniglich
kommt jemand an den selben Pfad.
Bei den Rosen er wohl mag
tandaradei!
merken, wo das Haupt mir lag.
Daß er bei mir lag,
wüßt' es einer,
(nun, behüte Gott!) so schämt' ich mich.
Was er mir pflag –
keiner, keiner
befinde das, als er und ich,
und ein kleines Vogelein:
tandaradei!
Das mag wohl getreue sein.
Ein Kindergedicht.
Spann dein kleines Schirmchen auf;
denn es möchte regnen drauf.
Denn es möchte regnen drauf,
halt nur fest den Schirmchen-Knauf.
Halt nur fest den Schirmchen-Knauf –
und jetzt lauf! und jetzt lauf!
Und jetzt lauf! und jetzt lauf!
Lauf zum Kaufmann hin und kauf!
Lauf zum Kaufmann hin und sag:
Guten Tag! guten Tag!
Guten Tag, Herr Kaufmann mein,
gib mir doch ein Stückchen Sonnenschein.
Gib mir doch ein Stückchen Sonnenschin;
denn ich will mein Schirmchen trocknen fein.
Denn ich will mein Schirmchen trocknen fein.
Und der Kaufmann geht ins Haus hinein.
Und der Kaufmann geht hinein ins Haus,
und er bringt ein Stückchen Sonne heraus.
Und er bringt ein Stückchen Sonne heraus.
Sicht es nicht wie gelber Honig aus?
Sieht es nicht wie gelber Honig schier?
Und er tut es sorgsam in Papier.
Und er tut es sorgsam in Papier.
Und dies Päckchen dann, das bringst du mir.
Und zu Haus da packen wir es aus –
sieht es nicht wie gelber Honig aus?
Und die Hälfte kriegst dann Du, mein Irmchen,
und die andre Hälfte kriegt das Schirmchen.
Und jetzt spann dein Schirmchen auf –
und lauf! und lauf!
VI.
Vor dem Bilde meiner verstorbenen Mutter.
Dieser zarte Leib hat mich geboren;
grausam drängt' ich mich aus seinem Schoß,
riß mein Leben von dem seinen los,
hab' ihn hinter mir in Nacht verloren.
Kehrst du nie zurück, auch nicht im Geiste?
Bist du mir gestorben ewiglich?
Und doch gab es eine Zeit: da kreiste
deines Herzens Blut durch dich und mich!
An P. B.-H.
Du bist ein stiller See im Hochgebirg.
Wenn klarer Himmel freundlich in dich schaut,
so ruht dein Spiegel lauter bis zum Grund.
Doch wenn ein unverseh'ner Wind dich trifft,
so überläuft ein schmerzhaft Zittern dich,
und wie mit einem grauen Netz verhüllst
du ein in seiner Tiefe scheues Herz.
An E. S.
Du liebes junges Menschenkind,
was hast du Hände feine!
Wie meine derb daneben sind,
du Wunderliche, Reine!
Und doch riß dich das Leben schon
in seinen verwirrenden Reigen:
du bist einmal herumgeflohn –
und tratst dann zurück ins Schweigen.
Und nun die Hände aufs Herz gepreßt
seh' ich dich stillhin gehen –
die feinen Hände so fest, so fest
auf dem Herzen, dem heimlich wehen.
Sie und er.
Bleich in bleichen Kissen liegst du,
süßer Schwäche Bild.
Deines Leibes Pein besiegst du
durch ein Lächeln mild.
Wünschtest du die Schuld der Herzen
ungeschehen, sprich?
Doch du lächelst unter Schmerzen:
Nein – ich liebe dich.
Reinheit ..
Weißt du, was Reinheit ist? So sieh den Abendstern
hoch über blassen Wolken glänzen, still und klar.
So glänzt auch unser armer Erdenball vielleicht
nach einem fernen Stern, und dort erhebt ein Mensch,
wie hier, den Blick und fragt: Weißt du, was Reinheit ist?
Und eine Frauenstimme sagt vielleicht zu ihm:
Du meinst den Abendstern da droben, still und klar?
Dort muß es wohnen, dort, das Glück, das wahre Glück!
Und feucht wird Beider Aug. – Weißt du, wo Reinheit wohnt ..
Die Primeln blühn und grüßen –
»Die Primeln blühn und grüßen
so lieblich mir zu Füßen,
die Amsel singt so laut.
Die Sonne scheint so helle –
nur ich weiß eine Stelle,
dahin kein Himmel blaut.«
- Feins Kind, mußt nicht so sagen!
Es bringt der Himmelswagen
auch deiner Brust den Tag.
Es wird auch Deine Seele
der lieben Vogelkehle
gleichtun mit lautem Schlag.
»Die Primeln blühn und grüßen
so lieblich mir zu Füßen,
die Amsel singt so laut.
die Sonne scheint so helle –.
Mein freundlicher Geselle,
mir ward viel Leid vertraut.«
Wein und Waffe.
Verzicht, das ist der Wein, das ist die Waffe.
Von diesem Safte wirst du stark und still.
Und wenn dein Wunsch sich nicht ergeben will,
sieh zu, daß dir dies Schwert den Frieden schaffe.
Mit diesem Wein im Kruge lebst du gut.
Mit dieser Waffe wirst du mächtig sein.
Verzicht – so sticht ein Stahl ins Herz hinein.
Verzicht – so löst den Krampf der Rebe Blut.
Goethe.
Nur eine Seite deiner teuren Werke –
und schöner wird mein Wesen wie von Licht.
Du strahlst mich an. Wo blieb die eigne Stärke,
Du, mir zugleich Erfüllung und Gericht?
Wie kann der Lebende vor Dir bestehen?
Und über Wolken wandelt Antwort her:
Du bist von denen, die doch immer gehen.
Geh weiter denn, kein Sterblicher kann mehr.
Tolstoi.
Zu ganz Europen furchtlos redest du,
erzürnter Greis, und machst das stolze klein.
Wer wagt wie Du so nackte Worte sonst?
Wem strömt so eines Lebens ganze Kraft
in alles, was er spricht, daß ehrfurchtsvoll
der Gegner selbst bezwungen steht, gedenk
der eignen Schwäche vor so herbem Ernst?
Wer unter Lebenden ist heut wie Du
so großen Zorns, so großer Liebe voll!
Für viele.
Wieviel Schönheit ist auf Erden
unscheinbar verstreut;
möcht' ich immer mehr des inne werden;
wieviel Schönheit, die den Taglärm scheut,
in bescheidnen alt und jungen Herzen!
Ist es auch ein Duft von Blumen nur,
macht es holder doch der Erde Flur,
wie ein Lächeln unter vielen Schmerzen.
VII.
Schlummer.
Dies Eine laß mir, dunkler Geist der Nacht,
dies Eine laß mir: Schlummer, bis zum Ende, –
wann müd ich mich von Tag und Menschen wende,
traumlosen Schlummer, der vergessen macht.
Des Lebens Tag ist spielend überwunden;
doch wenn das Grauen aus dem Schweigen tritt
der fürchterlichen zweiten, dritten Stunden,
dann fühl' ich, daß ich stets vergeblich stritt.
Es stürzt der Ungewißheit Übermacht
mein Herz in Angst und Zweifel ohne Ende ..
O wenn ich mich von Tag und Menschen wende,
so laß mich schlafen, dunkler Geist der Nacht!
Schweigen.
O Schweigen, Schweigen, komm, du letzter Schluß,
da mitzuteilen Haß nur weckt und Fehde.
Ergreif an ihrer Wurzel meine Rede,
laß einwärts sprossen, was denn sprossen muß.
Ich will dich tragen, wohin niemand kommt,
in Wälder, wo nur Tiere uns erfahren, –
bis du vielleicht nach vielen, vielen Jahren
das Wort mir schenkst, das mir und andern frommt.
Dann laß mich noch einmal vor Menschen stehn
und ihnen dieses eine Tiefste sagen –
und dich dann wieder in die Wälder tragen
und wie ein Wild dort fallen und vergehn.
Gebet.
Dich ruf ich, Schmerz; mit aller deiner Macht
triff dieses Herz, daß es gemartert werde
und, das ich bin, dies Häuflein arme Erde,
emporhält aus der allgemeinen Nacht.
Dich ruf ich, Menschenfreund der besten Art;
mißtraue nicht, daß ich dich je verkennte;
du Schmerz, durch den uns wohl das Größte ward,
was Menschenwert von Gott und Tiere trennte.
Dich ruf ich; gib mir deinen bittern Krug;
und siehst du mich auch bang mich von ihm wenden; –
da mir das Glück allein nicht Kraft genug,
so hilf denn du mein Tagwerk mir vollenden.
Das Licht.
In deine Flamme schau' ich, Kerzenlicht,
die wie ein Schwert die Finsternis durchbohrt.
Hab' Dank, du schonest auch den Schatten nicht,
der meinen schlafgemiednen Sinn umflort.
Ich nähre mich an deiner ruhigen Kraft,
du Bild der Seele, die das Dunkel trennt
und ihres Leibes erdenschweren Schaft
gleich einer Fackel in den Raum verbrennt.
Unheimliche Zeitung.
Der Pfünder Gedröhn,
der Flinten Alarm,
das Schrein und Gestöhn,
die Wut und der Harm –
der Sturm und die Flucht,
die Hügel voll Qual
der köstlichen Frucht,
der Dörfer Fanal –
der Mensch als Held
und der Mensch als Tier –
in Lettern gestellt
auf ein Blatt Papier.
Immer wieder.
In allen tiefen Stunden mußt du's empfinden:
Es gibt nur Ein Mittel: Gewalt.
Und würdst du tausend Jahre alt, –
nie wird der Mensch allein sich überwinden.
Du mußt ihn an das Rad der Zukunft binden,
an Deines Willens Rad, dafür's kein: halt!
als Deines Willens: halt! gibt; glühend-kalt
mußt du dein Volk zu seiner Größe – schinden.
Befiehl! Nur daß du immer groß befiehlst, –
sonst ist dein Reich auf Einen Schlag verloren
und dich verbrennt der Reif, nach dem du schielst.
Befiehl! Laß sich erheben, was geboren,
wag's Gott zu sein, mach's wahr, wonach du zielst,
geliebt vom Edlen und beknirscht vom Toren.
VIII.
Sprüche.
(Henrik dem Dreizehnten.)
Ich riß des Herzens Furchen auf:
Da säten Wind und Sonnenschein
ihr Korn hinein;
da schoß es auf
aus rotem Grund
und wuchs mit zuckendem Purpurmund
zum Licht hinauf.
* * *
Alles Leben steht auf Messers Schneide.
Gleite aus und du ertrinkst in Leide.
* * *
Dulde, trage.
Bessere Tage
werden kommen.
Alles muß frommen
denen, die fest sind.
Herz, altes Kind,
dulde, trage.
* * *
Gib, gib und immer wieder gib der Welt,
und laß sie, was sie mag, dir wiedergeben;
tu alles für, erwarte nichts vom Leben, –
genug, gibt es sich selbst dir zum Entgelt.
Worte.
Worte sind wie Rettungsringe,
die dem Leben dienen;
auf den tiefen Grund der Dinge
kommst du schwer mit ihnen.
Wachsende Unsicherheit.
Ich geh' wie auf dem Meer in Dunkels Schoß,
ein jeder Schritt ist schwankend wie auf Tod ..
Doch immer wieder hält in höchster Not
den zagen Fuß ein unsichtbares Floß.
Lehre.
Was die Welt an Lehre mir gegeben,
willst du wissen?
Unser Bestes dürfen wir nicht leben,
weil wir ›leben müssen«.
In so vielem.
Wie hat man oft im tiefsten Mark
gefühlt: nein, nein und aber nein!
Aber das Leben ist so stark,
es reißt einen immer wieder hinein.
Γνωτι σεαυτον.
Kein Brunnen ist so tief wie du;
und schöpfst du aus dich bis zum Grund,
so wird dir mehr vom Menschen kund,
als trüg' dich Ahasveri Schuh.
Dankbarkeit und Liebe.
Dankbarkeit und Liebe sind Geschwister.
Dankbarkeit ist Liebe, mild doch stet.
Wer ein Liebender durchs Leben geht,
auch ein Dankender für alles ist er.
* * *
O Freunde, liebt mich nicht,
niemals den, der ich bin;
doch was ich werden möchte,
das, das liebt an mir!
Ewiges Einerlei.
Was längst beantwortet ist
oder längst zu beantworten wäre,
das wird noch immer gefragt,
das frißt noch immer Gehirn.
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Wer alles ernst nimmt, was Menschen sagen,
darf sich nicht über Menschen beklagen.
Alles Reden ist meist nur Gered.
Weiß man erst, was dahinter steht,
läßt man's klappern wie die Mühlen am Bach
und geht stillfein in sein eigen Gemach.
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Verwunderung.
Hier stand einst eine Bank. Wer nahm sie fort?
Hier saß einmal ein Mensch. Wo ging er hin?
Was stehst du, fremder Mann, am fremden Ort ..
Verwunderlich, daß ich noch immer ›bin«.
Tragikomödie des Phantasten.
Ich schnelle meinen Zollstock mit der Hand –
und halbe Welt entwächst dem dürren Sparren.
Ich schnelle meinen Zollstock mit der Hand –
und Ihr, was seht ihr? Nichts plus einen Narren.
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O Ihr, an so viel ›letztem Wissen« Leidenden,
wie seid ihr oft instinktlos im Entscheidenden!
Die Sonne grübelt nicht, warum sie scheine.
Sie scheint. Ihr Leben, Künstler, sei das Deine.
Schule.
I.
Das Erste, was ich sah, war Heuchelei.
Ein Lehrer faltete die fetten Hände
und sprach ein weinerlich Gebet dabei.
II.
Und lieber Gott und aber lieber Gott.
Ich fühlte, fromm, mir Seligkeit verbrieft.
Dann kam der Sturz. Der wilde Schmerz und Spott.
Und doch. Was tat's. Selbst Ihr habt mich – vertieft.
III.
Aus reifem Leben nun zurückgewendet:
Zu keinem Haß mehr fühl' ich mich beherzt.
Kein Fluch mehr, einem Teil der Welt gespendet!
Das Ganze ist's, das Ganze, was heut schmerzt.
Es martert dich,
daß wir Menschen gleich fraglich sind,
ob wir lachen oder weinen.
Mein Freund, du mußt beiseite gehn,
nur selten einem ins Antlitz sehn,
sonst wirst du uns stets verneinen.
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Die Lösung ist – so sieh doch hin:
Wer entdeckte doch erst des Menschen Sinn?
Begreif's – und du erträgst die Herde:
›Der Übermensch sei der Sinn der Erde!«
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Nietzsche.
Wen er nicht einmal zu Tode beschämt,
wen er nicht einmal zu Tode gelähmt,
hat nie auch nur im Traum geahnt,
was für ein Geist da fragt und mahnt.
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Ja, gib der Welt nur Wein und Brot,
doch sieh nicht hin, wen du gespeist.
Bei dem und jenem wird's wohl Geist,
doch bei zu vielen nichts als – Kot.
Suprema Lex.
Fürchte nie, zu überraschen.
Das ›harmonische Gesetz«
ist ein Netz mit güldnen Maschen.
Du sei wider jedes Netz.
Denn allein das einzig Deine,
Deines Wesens letzter Schluß,
ist das unersetzlich Eine,
was ich von dir fordern muß.
Jenachdem.
Kein Täter fragt im Ernstfall nach Gesetzen.
Die strengste Satzung ist nur Konvention.
Und heilig ist allein der große Hohn,
mit dem Befugte ›Heiligstes« verletzen.
Ein andres ist, Gesetze willig achten.
Der Freiste wird vielleicht der Strengste sein.
Er fügt sich gütig in ein Ganzes ein; –
(man kann die Welt auch bürgerlich betrachten).
Vom neuen Reich.
Was auch der Lober Schar anstellt:
Dies Reich ist nicht von unsrer Welt.
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Wozu, so fragt man sich, Reich, Wohlstand, Macht,
wenn alles das die Menschen nur verflacht.
Zu Russischem und Weiterem.
Erfahr' ich, wie Mitchristen sich geberden,
möcht' ich aus Scham und Ingrimm Jude werden.
Noch mehr! Wie's Jude, Christ und Heide treiben,
verwehrt mir fast, noch länger Mensch zu bleiben.
Allen Knechtschaffenen.
An alle Himmel schreib' ichs an,
die diesen Ball umspannen:
Nicht der Tyrann ist ein schimpflicher Mann,
aber der Knecht des Tyrannen.
Freiheit.
Freiheit ist kein käuflich Gericht;
man hat sie oder man hat sie nicht.
Und wer sie hat, wer wirklich ›frei«,
hat noch ein kleines Lächeln dabei.
Gelehrte.
Müßt ihr euch immer prügeln,
wenn ihr aufs Forum wandelt,
könnt ihr euch nicht beflügeln,
wenn ihr von Großem handelt?
Moderne Ästheten.
Näscher hier und Näscher dort,
jeder Stimmung Töpfegucker,
bleibt von unserm Werke fort,
klaubt und klebt an eurem Zucker!
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Ein Münzen-Bild für Psychologengaben:
Man muß die Menschen wechseln können
und noch Überschuß haben.
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Einen Einzelnen abschätzen heißt schon lügen.
Wer ist denn der Einzelne! Eine Fiktion.
Ein Wort in einem Riesensermon,
den wir nicht fassen trotz allen Flügen.
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Hirn als Mechanismus
erklärt nur das Werk;
des Werks Selbstbemerk
kein Katechismus.
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Wie süß ist alles erste Kennenlernen!
Du lebst so lange nur, als du entdeckst.
Doch sei getrost: Unendlich ist der Text,
und seine Melodie gesetzt aus – Sternen.
Walter von der Vogelweide.
Ich mußte dir als reifer Mensch begegnen,
um dich als köstlichen Gewinn zu segnen.
O Walter, einem Lied wie ›Unter der Linden«
ist wohl in weiter Welt nichts gleich zu finden.
An Dostojewski.
Du tiefer Wegeweiser, warte mein.
Das Buch, in dem ich einst mich selbst will schreiben,
es ist schon heut, noch ungeboren, Dein.
Hilf mir, bis es am Licht, am Leben bleiben.
Zum täglichen Leben.
Harmlosigkeit – wie atm' ich gern darin!
›Intelligent« und ›heiter« sind die Worte,
die geben mir den frohsten Klang und Sinn.
Beglückt das Haus, hoch über dessen Pforte
sie glänzen!
Schach, das königliche Spiel.
Du bist nicht nur ein Spiel, von Leben schwer,
du bist sein Kampf selbst, formuliert als Spiel.
In dir erflog der Geist den großen Stil. Noch mehr:
Du bist des Geistes großer Stil.
In Wald und Welt.
Lebendige Wesen schreitend aufzuscheuchen,
will Lust im Wald wie in der Welt mich deuchen.
Ein herrlich Wort aus Nietzsches hartem Lachen:
›Das Individuum unbehaglich machen«.
Ein ander Mal.
Drei Rehe stehn wie eine Gruppe starr –
wird er vorübergehn, der fremde Narr?
Er wird vorübergehn, liebreizend Bild;
er ist ein Jäger nur auf Seelenwild.
Der Specht.
Wie ward dir, kleiner Specht, so große Kraft!
Von deinem Klopfen tönt der ganze Schaft
der hohen Kiefer. Wär' auch mir vergönnt,
daß ich den Menschen so durchklingen könnt'!