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Christian Morgenstern – Ein Sommer.

Verse

S. Fischer Verlag, Berlin, 1900



Der's gehört




Der Waldbach rauscht Erinnerung ...

An so viel traute Stätten meines Lebens

erinnert mich sein nächtliches Gespräch.


Und wie ich so, den Kopf vergraben, sitze,

da bricht ein Born von Thränen in mir auf

und rauscht mit ihm unhörbar durch die Nacht.




Mir ist, als flösse dieser Bach da draussen

ein heimlich Bette in mir selbst herab

und spülte nun den lange trocknen Grund

zu neuem sonderbaren Leben auf;

wie Moos und Flechte legt's gelöste Arme

in sein Gefäll, wie klein und grosse Kiesel

befreit es sich und läuft mit ihm des Wegs; –

mir ist, ich spürte, wie die Welle wühle

und nichts mehr fest und sicher in mir sei,

und fühle mich beunruhigt hingegeben

in eines wunderlichen Spiels Gewalt.




Was fragst du viel Du hast in diesem Bach

des Lebens selber eingeschränktes Bild.

Des Werdens-Stromes Brausen hörst du nicht,

der Bach, der kleine, findet erst dein Ohr;

und lag die Welt dir gestern starr und still,

so redet sie dir heut aus seinem Mund

von ihres Flusses nimmermüder Flucht,

so hat sich die wagrechte Ebene,

die sie dich gestern dünkte, heut geneigt –

und rauschend reisst der Stunden Fall dich mit.




Blickfeuer.


I.


Du kennst der Küste rege Leuchtturm-Feuer,

die schlaflos ewig wache Wimpern heben,

als seien es des Schicksals Augen selber,

die ruhlos auf der Dinge Wandel rollen, –


Und stehst vielleicht so selber vor den Dingen,

sie immer wieder gross und fragend messend,

indes des Weltmeers ewig gleiche Woge

zu deinen Füssen ihre Rätsel brandet ...




II.


Und dann sind noch andre Feuer,

die mit unbewegter treuer

Güte durch das Dunkel schauen,

wie wohl Augen stiller Frauen

flehn: aus schwankenden Bezirken

komm, im Heimischen zu wirken.




Vogelschau.


Begriffst du schon ein Wunder wie dies eine,

dass die Erde um die Sonne fliegt?

O Nacht, vor deinem Sternenscheine

liegt all mein Menschliches besiegt ...


Ein riesenhafter Erdkloss kreist

unaufhörlich um ein grosses Feuer:

Da gebiert die Scholle Geist –:

der Mensch wird, Zwerg und Ungeheuer, –


Und ruft, Ausschlag der Bodenrinde,

Erd und Himmel tönend an –

und spielt sein Spiel in Weib und Mann ..

gleich einem ewigen Kinde ...


Ja, Kinder-Spiel ist, was da ist,

das sagt dir jede stille Nacht,

und nur dein tiefes Kind-Sein macht,

dass du noch weiter fröhlich bist.




Zum Leben zurück

Zum Leben zurück

Verwechsle mir nicht Weg und Ziel

Wohl ist auch Wandern Glück,

doch leicht wirst du der Füsse Spiel.


Mit deinem Erreisten

siedle dich bei Zeiten an,

und strebe zu leisten,

was fördern kann.




Maimorgen.


So mag sich wieder blinde Nacht

zum reinsten Morgen klären,

sich Lebensglück aus Lebensmacht

in neuem Glanz gebären.


Der Nebel flieht, als ob er Ried

und Wald auf ewig flöhe,

und meine Seele ist das Lied

der Lerchen in der Höhe.




Selige Leichtigkeit.


Keine ›Verse‹ Singend Leben,

wie es aus den Bächen tönt

Ward dir innrer Reiz gegeben,

nun, so quillt es schon verschönt.


Deine Meissel, deine Feilen

habe nun im Blut gelöst,

und so lass denn thalwärts eilen,

was die muntre Welle flösst.


Rhythmenselig, bogenspringend,

liebe Lockung Aug und Ohr,

alles mit zu tanzen zwingend,

ströme, schwimme, süsser Flor




Abend-Trunk.


So tritt man abends an den Rand

des Brunnens, wenn die Sonne sinkt,

und schöpft sich mit gewölbter Hand

und trinkt und trinkt –


wie wenn ich deinem Zaun vorüber

wandre und dein Köpfchen nickt ...

ein Wort herüber und hinüber –

wie das erneut, wie das erquickt




Dagny.


Wenn dieses zarte Glühen

in deine Wangen strahlt,

als wie den frühsten frühen

Himmel ein erster Schimmer malt,

da fühl ich erst, wie rein du bist,

welch feine klare Schale

voll unberührtem Wein du bist,

bestimmt zum höchsten Mahle

der Erde.




D. (norweg) = Erstes Frühlicht.




An solch einem Vorabend der Liebe –

du weisst noch nicht, was da werden wird,

aber dein Herz ist so süss bewegt,

in den reinen Abend so aufgelöst ..

grosser Sonne, die rot

hinter die blauen Berge sinkt,

trinkst du träumend dein Glas nach ..

und die gedämpfte Musik,

die du von fröhlichem Volk

fernher hörst,

spinnt dich nur tiefer ein ..

und du fühlst,

wie ein anderes Haupt

leis deiner Schläfe sich schmiegt

und mit dir hinausträumt

aus braunen geliebten Augen ..

und du schliessest die deinen

und sitzest so lange,

ganz still und vergessen;

und dann stehst du auf

und küssest ein paar

geschenkte Blumen

und vergräbst dein Gesicht ganz

in schmeichelnde Blüten ..

An solch einem Vorabend der Liebe ...





Oh, um ein Leuchten deiner Augen alles

Hör mich Ein Märchen –. Als der alte Gott

noch jung in seinen Gärten wandelte,

da fand er einst auf einer Wiese sie

in leichtem Schlummer reizend hingestreckt.

Und wie er überwältigt steht, die Arme

noch zum zerteilten Busch zurückgebreitet,

erwacht sie von dem Brechen eines Zweigs

und hebt der Wimpern seidnen Silberwurf

und träumt den ersten grossen Blick ihm zu.

Und wie der Herrliche nun näher eilt

und vor ihr kniet, da geht ein Rätselleuchten

aus ihrem Aug, wie wenn in Wogenschleiern

sich das Geheimnis einer Meergrundsonne

verhüllen wollte und sich doch verriete ...

Und sieh, um dieses Leuchten schuf Gott alles,

was ist, – der Sterne schimmernde Guirlanden –

der Völker Legion, den Tag der Liebe

durch ewige Äonen wiederholend –

und dich und mich – und alles Glück und Elend

von Ewigkeit zu Ewigkeit – – Du lächelst

Oh, um dies Leuchten deines Lächelns alles




Brausende Stille,

wie lieb' ich dich,

wenn du nicht ganz mich

überwältigst,

deutender Phantasie

noch Raum gewährend.

Liegt mein Ohr

an der Muschel Unendlichkeit?

Rauscht das Meer des ewigen Seins

daraus?

Oh, dann rauscht

auch ihr, auch ihr Blut mit,

brandet bis an mein Herz,

wie meins an ihrs

Brausende Stille,

wie lieb' ich dich,

die du mich

mit der fernen Geliebten

so zart vereinigst.




Dich zu singen

wie ein liebes, trautes Lied,

so oft ich wollte ..

Oder dein Aug

aus dem Ring meines Fingers

dunkeln zu sehn,

fraglich, wechselnd,

und immer geliebt ..

Das Leben ist plump

wie ein Klavier –

(nicht mehr, nicht minder) –

ach, dass es die feine, biegsame,

singende Geige wäre,

die ich zu oft mir

in Träumen baute

und spielte




Von den heimlichen Rosen.


Oh, wer um alle Rosen wüsste,

die rings in stillen Gärten stehn –

oh, wer um alle wüsste, müsste

wie im Rausch durchs Leben gehn.

Du brichst hinein mit rauhen Sinnen,

als wie ein Wind in einen Wald –

und wie ein Duft wehst du von hinnen,

dir selbst verwandelte Gestalt.

Oh, wer um alle Rosen wüsste,

die rings in stillen Gärten stehn –

oh, wer um alle wüsste, müsste

wie im Rausch durchs Leben gehn.




»Das Wunder ist ...«


Vom Hang nach Einsamkeit erfasst,

verstürm' ich mich in dir, Natur,

hin auf nur mir vertrauter Spur,

ein schlechter Menschengast


Und träumend mal' ich mir im Schreiten,

wie's plötzlich sich aus Büschen biegt –

und sie zu tausend Zärtlichkeiten

mir in die Arme fliegt




Lebensbild.


Schwankende Bäume

im Abendrot –

Lebenssturmträume

vor purpurnem Tod –


Blättergeplauder –

wirbelnder Häuf –

nachtkalte Schauder

rauschen herauf.




Volksweise.


Da waren zwei Kinder, jung und gut,

aber ihr Blut

floss gar schnelle.

Sie lachten sich zu,

da warf ihre Ruh

die erste harmlose Welle.


Doch jeden Tag warf sie eine mehr,

bis gar wild hin und her

Wogen wallten.

Da ging es zum Sterben,

gradaus ins Verderben –

sie konnten ihr Herz nicht halten.




Ich sass, mir selber feind wie nie,

vor der gelassnen grossen Nacht

und schrie

mich aus in ihren schwarzen Schacht.


Da kam's zurück, wie Hauch zurück:

»Wo bist du, Kind? Was willst du, Kind?

Mein Auge ist von Sternen blind.

Was nennst du Schmerz? Was nennst du Glück?


Wachse, wie du musst,

und welkst du, geht es schnell dahin.

Das Leben hat nur Deinen Sinn.

Aber ewig bleibt dir meine Mutterbrust.«




Segelfahrt.


Nun sänftigt sich die Seele wieder

und atmet mit dem blauen Tag,

und durch die auferstandnen Glieder

pocht frischen Bluts erstarkter Schlag.


Wir sitzen plaudernd Seit' an Seite

und fühlen unser Herz vereint;

gewaltig strebt das Boot ins Weite,

und wir, wir ahnen, was es meint.





Seht in ihrem edlen Gange

dieses jugendfrische Kind,

leuchtend Aug, erwärmte Wange,

und sein Löckchen holt der Wind.


Wie die Füsse schön sich setzen

ohne Scheu und Ziererei,

reisset ihr das Kleid in Fetzen,

und sie wandelt dennoch frei,


wandelt all in ihrer Reinheit

sonder Arg in That und Wort,

und betrogene Gemeinheit

wendet sich betroffen fort.




Nun streckst du die schlanken Glieder

aufs reine Lager hin;

müde fallen die Lider,

doch mein Bild blieb darin.


Du fühlst ein süss Genügen,

als wär' ich selber nah;

und schon mit gleichen Zügen

liegst du ruhend da.




Sie an ihn.


Dies nur Dir verdanken wollen

alles Guten, alles Schönen,

dies an deine immer vollen

Geberhände sich gewöhnen ..


Wie du meinen Willen wandelst,

meine Seele nach dir bildest,

und so weisest und so mildest

mich in alledem behandelst




Schweigen im Walde.


Da ging ich heut im Walde wo,

da war's so still, so still, – o so –,

dass, als ich mir

das Herze nahm

zu sagen: O wie still ist's hier

nur Flüstern mir vom Munde kam.




Waldkonzerte ...


Waldkonzerte Waldwindchöre

Düstres Solo strenger Föhre –

Tannensatz nach tiefem Schweigen –

heller Birken Mädchenreigen –


Buschgeschwätze – Gräserlieder –

Blätterskalen .auf und nieder –- –

wenn ich euch nur immer höre –

Waldkonzerte Waldwindchöre




Leichter Vorsatz.


So jedem Tag, der leichten Schritts enteilt,

ein Liederveilchen in die Locken werfen,

dass, wenn ihn abends Dämmerung umfängt,

ihre Hand liebkosend ihm

die kleine Blume aus den Haaren wirrt

und sie ihm zeigt – und er – staunend lächelnd

nicht sagen kann, woher sie dahin kam –

und beide so mit Lächeln auf sie schaun –




Farbenglück.


Ist nicht dies das höchste Farbenglück:

Birkenlaub in Himmelblau gewirkt?

Doch schon winkt ein graublau Felsenstück,

dunklen Epheus sprunghaft überzirkt.

Und schon sinkt mein Blick in grüne Wiesen

und in Wasser und in weissen Dunst -

und ich weiss nicht, wem von allen diesen

schenk' ich meine Gunst und meine Kunst ...




Der Hügel.


Wie wundersam ist doch ein Hügel,

der sich ans Herz der Sonne legt,

indes des Winds gehaltner Flügel

des Gipfels Gräser leicht bewegt.

Mit buntem Faltertanz durchwebt sich,

von wilden Bienen singt die Luft,

und aus der warmen Erde hebt sich

ein süsser, hingegebner Duft.




Auf leichten Füssen.


So sein heitres Gleichgewicht

allem mitzuteilen,

in des Abends liebem Licht

leicht dahinzueilen –


Eine wilde Rose wo

im Vorübergehn zu küssen,

und dem stillen Walde so

sich gestehn zu müssen –


Wieder dann aus Luft und Licht

seidne Verse fangend,

nur sein heitres Gleichgewicht

auszuruhn verlangend –




Genügsamkeit.


loh brauche nur den Duft der Welt,

die ganze Welt zu haben,

ich hab mein' Sach' auf nichts gestellt,

gleich manchem leichten Knaben.


Du lächelst mir, so wird mir gut,

als wärst du ganz mein eigen,

und aus der Seele Mutterflut

die süssesten Lieder steigen.




Gute Nacht.


Nebel lag überm Land,

und die Bäume rausehten so sacht,

da gab mir deine liebe Hand

ihr erstes süsses ›Gutenacht‹.


Und ich dann noch in den Nebel ging –

und die Bäume wühlten in meinem Sinn –

und ich bebte und redete vor mich hin –

und mein Auge voll Thränen hing.




Heimat.


Nach all dem Menschenlärm und -Dust

in dir, geliebtes Herz, zu ruhn,

so meine Brust an deiner Brust,

du meine Heimat nun


Stillherrlich glänzt das Firmament

in unsrer Augen dunklen Seen,

des Lebens reine Flamme kennt

kein Werden und Vergehn.




Schwalben.


Schwalben, durch den Abend treibend,

leise rufend, hin und wieder,

kurze rasche Bogen schreibend,

goldne Schimmer im Gefieder –.


Oh, wie möcht' ich dir sie zeigen,

diese sonnenroten Rücken

Und der götterleichte Reigen

müsste dich wie mich entzücken.




Holde Ungerechtigkeit ..


Holde Ungerechtigkeit

jeder seligen Sekunde,

die da spricht: Zu keiner Zeit

hingst du so dem Glück am Munde ..


Doch indem wir dies so denken,

kommt's von Herzensgrunde:

Alle wollt' ich gern verschenken,

hing' ich ihr am Munde.





Wie mir der Abend das Grün der feiernden Tannen vergoldet

und noch mit leuchtendem Rot drunter die Stämme beglückt

Irgendwo zwitschern und zwitschern noch kleine beseligte Meisen;

fernher, fernhin rollt selten ein spätes Gefährt,

oder es schlägt die Flut des Strands verborgene Zeile,

wenn ein Dampfer sie jäh rauschenden Buges verdrängt

Aber da schaudert es plötzlich – die Sonne versank hinter Bergen,

und in das hohe Gewölk eilt nun der purpurne Glanz.

Farblos steht nun der Wald, allein die Gewässer, sie strahlen

lang noch das rötliche Blau mächtig entloderter Luft ...

Also sah ich einmal noch um Mitternacht rosige Schimmer

in des umschwiegenen Fjords zitternder Spiegelung ruhn.





Was möchtest du noch einmal sehn,

wenn du einst tot bist?

Ein Stückchen Wald

im Vormittagsonnenglanz –

rötlich flimmerndes Zittergras,

auf schlanken, durchsichtigen Stielen

im harzigen Winde fächernd –

über seiner unendlichen Anmut

ein Zirkel Azur

mit zwei weissen Wölkchen –

ein Eichhorn,

von Tanne zu Tanne springend –

und einmal den Schatten

eines ziehenden grossen Vogels ...


So etwas wünscht' ich noch einmal zu sehn,

wenn ich einst tot bin.




Hochsommerstille.


Das sind die stillen Tannen des August,

die stehn so unbewegt den ganzen Tag;

und wenn du nachts im lauen Fenster liegst,

aufstarren sie an blasser Himmelswand,

wie mit Asphaltbraun mächtig hingesetzt.




Weiter Horizont.


Das ist's, was mich hier so entzückt:

Diese unbedingte Weite,

dieser Horizont in Tief und Breite

verschwenderisch hinausgerückt.




Wasser-Studie.


Dieses Blitzen auf der Bläue –

dass ich's bildlich näher bringe –

ist wie weisser Schmetterlinge

unentwirrbares Gebräue.




Eine Nacht.


Sah ich schon je so finstre Nacht?

Da ich sie, Freund, dir schildern will,

such ich nach Worten selbst umsonst, so sehr

füllt Finsternis mich selber ganz und gar.




Es rauscht der Wind –


Es rauscht der Wind in den hohen Bäumen ...

Tief unter ihm ich und mein Wort.

Es rauscht der Wind in den hohen Bäumen ...

Er rauscht meine Seele mit sich fort –

Nirwâna zu.




Abwehr und Bitte.


Bin ich schmerzlich, bin ich's nur mir selber;

denkt, o denkt, die Erde ist so reich

Eine Thräne macht das Laub nicht gelber,

fasst es, Freunde, nicht so tragisch gleich


Müsst das Leben nicht so wichtig nehmen,

wenn es euch die herbe Seite zeigt,

aber wann euch Glück die Schale neigt –

oh, so adelt mir das süsse Schemen



Vergebliches Warten.


Du kommst heut nicht – –.

Ich schaue auf den Busch,

der seine schlanken Zweige herbstlich sträubt,

und wie die Heide rötlich mich umschwankt,

und wie die Landschaft sich in Abend hüllt, –

und reisse mir ein Büschel Heide aus,

von jener Stelle, da du sitzen solltest

Du kommst heut doch nicht – –.

Und so will ich heim.




Das Gebet.


Erst schuf mir dein Geständnis Schmerz:

Ich bete jede Nacht für dich.

Bald aber sprach's in mir, dass ich

nicht ungetröstet bliebe:

Was ist denn solch Gebet, o Herz,

als eine Form der Liebe




Nachtwind.


Wenn der Abend düster dunkelt

und der Nachtwind sich erhebt,

nur die Lampe bei dir funkelt,

einzig Licht, das um dich lebt; –


denn die Sterne sind verhangen,

und die Hütten schlafen schon, –

fühlst du mit verhaltnem Bangen

dunkler Mächte dunkles Droh'n.


Und Du schiebst das Buch zurücke,

weichend aus gewohnter Spur,

suchst geschlossnen Augs die Brücke

zur dich rufenden Natur.


Wie's aus schwarzen Tiefen brauset,

seufzend schwillt und wieder fällt;

wie's dann wieder lange pauset

und der Bach sich schadlos hält


Plötzlich stösst der Sturm den Flügel

deines Fensters zürnend zu, –

trotzig schliessest du den Bügel;

draussen herrscht erschrockne Ruh.


Und dann schüttelst du mit Einem

dich des Schauders wieder frei,

wendest wieder dich zu Deinem,

und der Zauber ist vorbei.




Marguerite.


Du standst vor einem Blumenglas am Fenster

und legtest deine Hand

mit einer schönen

unendlich gütigen Bewegung

um eine Marguerite,

ihr von unten her

den Blätterkreis mit der

gekrümmten Hand

verengend

und sie mit einem Seufzer –

mir wenigstens erschien es so –

und voller Liebe anblickend,

dass ich empfand,

dass zwischen dir und jener Blume sich

Geheimnis stiller Zwiesprache

verberge. –

Und wie ich heute selbst

das gleiche Spiel,

mein selber lächelnd, treibe

und ›mit Schmerzen‹ ende, –

lächle ich nicht mehr –

und denke jenes Abends an dem Fenster

und jener traurig-gütigen Geberde.




Wind und Geige.


Drinnen im Saal eine Geige sang,

sie sang von Liebe so wild, so lind.

Draussen der Wind durch die Zweige sang:

Was willst du, Menschenkind?


Drinnen im Saale die Geige sang:

Ich will das Glück, ich will das Glück

Draussen der Wind durch die Zweige sang:

Es ist das alte Stück.


Drinnen im Saale die Geige sang:

Und ist es alt, für mich ist's neu.

Draussen der Wind durch die Zweige sang:

Schon mancher starb an Reu.


Der letzte Geigenton verklang;

die Fenster wurden bleich und blind;

aber noch lange sang und sang

im dunklen Wald der Wind ...


Was willst du, Menschenkind ...




Lied.


Wenn so der erste feine Staub

des Sommers auf die Blätter fallt –

dann ade, du Frühlings weit

Dann ade, du junges Laub –

Ach, wie sterben die Frühlinge schnelle


Wenn erst das Auge sich versöhnt

mit all dem Grün und Weiss und Rot,

da beginnt des Frühlings Tod,

da versommern wir verwöhnt ...

Ach, wie sterben die Frühlinge schnelle


Und dann schauen wir vom Hügel,

wie das Land sich müde sonnt ...

Leblos steht ein Mühlen-Flügel,

wie ein Kreuz, am Horizont – –.

Ach, wie sterben die Frühlinge schnelle




Wandernde Stille.


Wie die Stille übers weite Wasser hergewandert kommt –

während Tages letzte Rosenglut verglimmt, verschwimmt.

Wie die Stille übers weite Wasser hergewandert kommt –

während schwärzlichen Gebirgen düsterroter Mond entflammt.

Wie die Stille übers weite Wasser hergewandert kommt –

Zornig schreit im tiefen Wald ein Vogel – und verstummt.

Wie die Stille übers weite Wasser hergewandert kommt –




Mächtige Landschaft.


Vor dem blassen Dämmerhimmel,

den Gewölke, grau verworren,

fast schon jetzt zu Nacht verdunkeln,

steh ich, wie ich mich vom Armstuhl,

drin ich grad ein wenig ruhte,

aufgehoben, mit vom Schlafe

noch nicht ganz befreiten Augen.


Und das ungeheure Bild der

Landschaft, das mich so auf einmal

trifft, wie sie den Flügel ihrer

Wolken in die Nacht vorausreckt,

Wasser, Wälder, Berge so im

Schoss des eignen Schattens tragend,

hält mich lang noch wie im Traume.




Sturmnacht.


Das ist eine Nacht eine Wacht

Das Meer, es rauscht nicht mehr, es rollt ...

Alle Sturmdämonen stehen im Sold

dieser Nacht.


Unheimlich weiss durch die Dämmerung

leuchtet der Strand –;

des Wolkenbruches rasendem Sprung

ächzt Fenster und Wand –.


Das ist eine Nacht eine Schlacht

Da wird wohl mancher Mast zu spott ...

Die Natur kennt keinen Gott

in solcher Nacht.




Die Stimme.


Eine junge Mutter singt

eintönig ihrem Kind,

ihr Sinn in ferne Zeiten rinnt,

voraus, zurücke dringt, –

und mit dem Liede spielt der Wind ...


und trägt's zu mir,

und trägt's zu dir,

dass es uns selber rührt und regt,

als säng' sie's dir,

als säng' sie's mir,

und laut in uns das Herze schlägt, –

als säng', was wir geworden sind,

die Mutter dort eintönig

zum Wiegen in den Wind.




Ein andermal.


Wie die junge Stimme singt,

mild und mütterlich

Ihre stille Güte bringt

Frieden über mich.


Junger Frühlingserde Lust

singt in zarter Nacht

so aus eines Vögleins Brust

Blüten-Wiegenwacht.


Junge Stimme, sing und sing

alle Sorgen ein, –

Lebensring an Lebensring

wird sich treulich reihn.




Mit geschlossenen Augen.


S'ist wohl verlaufen Blut, das so

in meinen Ohren zirpt und schwirrt – –.

Mir ist, ich ging' im Süden wo,

von dichten Reben überwirrt –


Vielleicht im Thal der Sarca, wo

der Fuss durch Meilen Weinland irrt

und Grillenvolks Unisono

aus hundert Gärten silbern sirrt.




Vormittag am Strand.


Es war ein solcher Vormittag,

wo man die Fische singen hörte;

kein Lüftchen lief, kein Stimmchen störte,

kein Wellchen wölbte sich zum Schlag.


Nur sie, die Fische, brachen leis

der weit und breiten Stille Siegel

und sangen millionenweis'

dicht unter dem durchsonnten Spiegel.




›Dich.‹


Was möcht' ich wohl vom weiten Sein

jetzund alleinziglich?

Ich fass' es in drei Zeichen klein:

dich.




Spruch zum Wandern.


Empfange mich, du reine Luft,

und gieb mir deine Kraft;

vertilge, was in mir an Gruft,

und nähre, was da schafft


Dass ewig neuen Blutes Strom

verjüngten Adern kreise

und erdenmütterlich Arom

noch fernste Träume speise




Vormittag-Skizzenbuch.


I.


Ein Pferd auf einer grossen Wiese

in der Morgensonne stehend, –

nur die Ohren

und den langen vollen Schweif bewegend, –

drunter ein breiter schwarzer Strich,

sein Schatten.




II.


Wie sich der Weg hier

den Hügel hinabwirft –

dann sich ein Weilchen verschnauft –

dann wieder

langsam,

bedächtig,

den nächsten hinaufsteigt




III.


O du glückselig zitternd Espengrün

vorm wasserblauen Firmament –

und ihr daneben, feierliche Fichten,

der Zweige schwere dunkle Zotteln

kaum bewegend




IV.


Ein Schmetterling fliegt über mir.

Süsse Seele, wo fliegst du hin? –

Von Blume zu Blume –

von Stern zu Stern –

Der Sonne zu.




V.


Vögel im Wald – –.


Niemand nennt sie,

niemand kennt sie.


Was das wohl so erleben mag

den lieben langen Tag


Da geh ich unter ihnen hin

mit Bären schritt und Bärensinn – –


Ja, wenn ich noch ein Mädchen wär –


Vögel im Wald – –




VI.


Auf den Höfen ringsum

läutet es Mittag.

Läutet's auch Mittag –

in mir? ..


Ich seh' eine Glockenblume

neben mir blauen:

mit neun offnen Glocken

und drei noch verschlossnen.


Die läute für mich mit,

nun, da es rings

auf den Höfen

den Mittag läutet.




Der Wind als Liebender.


Der monddurchbleichte Wald

liegt totenstumm.


Da kommt ein Wind

von ferne sacht gewandelt,

hoch über seine tausend Häupter her.


Die Espe neben mir, die merkt's zuerst

und giebt sich zitternd hin.


Und weiter eilt,

als wie ein Liebender sein Mädchen sucht,

der sachte Wind.


Nun rauscht der Waldrand drüben

jenseits der Wiese auf.


Und wieder stehn

die mondlichtbleichen Stämme

totenstumm.




Meer am Morgen.


Herrlich schäumende Salzflut

im Morgenlicht,

die tiefen Bläuen

in weissen Stürzen auskämmend,

hin

über grünere Seichten

zur Küste stürmend –

aus-rollend dich nun,

die Felsen hochauf umleuchtend

Metallgrün

stehen die runden rauschenden Büsche

vor deinen fernher schwärzlichen Böen,

und rötlich milchige Wolken

strecken sich lang

in den zartesten Himmel

darüber.




Abend-Skizzenbuch.


I.


Leuchtroter Berberitzenstrauch

hängt sonnenbraunen Fels herab,

an dessen Fuss, ein blauer Gast,

mein eigner Schatten, schauend, ruht




II.

(Unio mystica.)


Zwei Farben nur:

Der stählern-blaue Fjord,

die nachtviolen-blauen Höhen um ihn,

und drüber

wolkenloser rosenblasser

Abendhimmel.




Herbst.


Zu Golde ward die Welt;

zu lange traf

der Sonne süsser Strahl

das Blatt, den Zweig.

Nun neig

dich, Welt, hinab

in Winterschlaf.


Bald sinkt's von droben dir

in flockigen Geweben

verschleiernd zu –

und bringt dir Ruh,

o Welt,

o dir, zu Gold geliebtes Leben,

Ruh.




Anhang.




Erster Schnee.


Der Fjord mit seinen Inseln liegt

wie eine Kreidezeichnung da;

die Wälder träumen schnee-umschmiegt,

und alles scheint so traulich nah.


So heimlich ward die ganze Welt ...

als dämpfte selbst das herbste Weh

aus stillem, tiefem Wolkenzelt

geliebter, weicher, leiser Schnee.




Wintermondnächte.


I.


Der Mond tritt über die Eichen

und wandelt die Äcker im Schnee

mit seinem geisterbleichen

Schimmer in einen weiten See.


Tiefdunkle Wälder säumen

den regungslosen ein,

und hoch aus blassen Räumen

tropft Sternensilberschein.




II.


O fühle mir die bleiche Glut

des Mondes dich umfliessen

Du musst die Augen schliessen –

und nun nur lauschen,

was die Flut

des fernen Bachs dir Liebes thut

mit ihrem Märchenrauschen.




III.

(Die Ski-Läufer.)


Mondnacht über Markt und Gassen –

Mondnacht in der Brust der stillen –

und ein alles Lebens Willen

grenzenlos Gewährenlassen –.


An geheimnisvollen Hängen –

auf noch ungestapften Matten –

unter Tannen-Feiergängen –

zwischen Silberlicht und Schatten –.


Plötzlich durch den Wald herunter:

jugendjubelnd, fackelnkreisend

rascher Bursch' und Mädchen bunter

Schwarm im Sturm zu Thale gleisend – –.


Ruf und Gruss ... und wieder Schweigen –

zauberweisses Märchenspinnen –

und ein in dein tiefstes Sinnen

Glück und Glanz sich nieder Neigen.




Waldgeist.


Was ist das für ein Klagelaut

im totenstillen Winterwald –

ganz nahe bald, ganz ferne bald –

dass es mich schier ein wenig graut?


Ich bleibe stehn und horche lang –.

Ein Schweigen, tiefer als das Grab.

Und weiter setz' ich meinen Stab, –

und wieder klagt die Stimme bang.


Bis ich entdecke, es ist just

mein Stock, von dem dies Singen geht,

wenn meine Hand ihn unbewusst

im feuchten Schnee der Strasse dreht.


Und weiter, wie der Weg mich weist,

verfüg' ich mich nach kurzer Rast

und fühle mich nun selber fast

als dieses Walds verwunschnen Geist.




Der Traum.


Es war ein süsser Traum

von Dir, –

was, weiss ich kaum.

Doch seine Süssigkeit

blieb mir

den ganzen Tag, –

dass, als mein Schlittengleis

zur Abendzeit

die Strasse lief,

da deine Wohnung lag,

der Heide, ich,

ein leis

›Gott segne dich‹

als jenes süssen

Traumes letztes Grössen

rief.




Wie vieles ist denn Wort geworden ...


Wie vieles ist denn Wort geworden

von all dem Glück, das mich durchdrang

Von all den seligen Accorden

ach, nur ein schwacher, flacher Klang.


Und doch Wie würde sich's erlauschen,

war keinem Tag sein Lied vergällt?

Selig eintönig, wie das Rauschen

des Baches, der vom Felsen fällt.


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