Der's gehört
Der Waldbach rauscht Erinnerung ...
An so viel traute Stätten meines Lebens
erinnert mich sein nächtliches Gespräch.
Und wie ich so, den Kopf vergraben, sitze,
da bricht ein Born von Thränen in mir auf
und rauscht mit ihm unhörbar durch die Nacht.
Mir ist, als flösse dieser Bach da draussen
ein heimlich Bette in mir selbst herab
und spülte nun den lange trocknen Grund
zu neuem sonderbaren Leben auf;
wie Moos und Flechte legt's gelöste Arme
in sein Gefäll, wie klein und grosse Kiesel
befreit es sich und läuft mit ihm des Wegs; –
mir ist, ich spürte, wie die Welle wühle
und nichts mehr fest und sicher in mir sei,
und fühle mich beunruhigt hingegeben
in eines wunderlichen Spiels Gewalt.
Was fragst du viel Du hast in diesem Bach
des Lebens selber eingeschränktes Bild.
Des Werdens-Stromes Brausen hörst du nicht,
der Bach, der kleine, findet erst dein Ohr;
und lag die Welt dir gestern starr und still,
so redet sie dir heut aus seinem Mund
von ihres Flusses nimmermüder Flucht,
so hat sich die wagrechte Ebene,
die sie dich gestern dünkte, heut geneigt –
und rauschend reisst der Stunden Fall dich mit.
Blickfeuer.
I.
Du kennst der Küste rege Leuchtturm-Feuer,
die schlaflos ewig wache Wimpern heben,
als seien es des Schicksals Augen selber,
die ruhlos auf der Dinge Wandel rollen, –
Und stehst vielleicht so selber vor den Dingen,
sie immer wieder gross und fragend messend,
indes des Weltmeers ewig gleiche Woge
zu deinen Füssen ihre Rätsel brandet ...
II.
Und dann sind noch andre Feuer,
die mit unbewegter treuer
Güte durch das Dunkel schauen,
wie wohl Augen stiller Frauen
flehn: aus schwankenden Bezirken
komm, im Heimischen zu wirken.
Vogelschau.
Begriffst du schon ein Wunder wie dies eine,
dass die Erde um die Sonne fliegt?
O Nacht, vor deinem Sternenscheine
liegt all mein Menschliches besiegt ...
Ein riesenhafter Erdkloss kreist
unaufhörlich um ein grosses Feuer:
Da gebiert die Scholle Geist –:
der Mensch wird, Zwerg und Ungeheuer, –
Und ruft, Ausschlag der Bodenrinde,
Erd und Himmel tönend an –
und spielt sein Spiel in Weib und Mann ..
gleich einem ewigen Kinde ...
Ja, Kinder-Spiel ist, was da ist,
das sagt dir jede stille Nacht,
und nur dein tiefes Kind-Sein macht,
dass du noch weiter fröhlich bist.
Zum Leben zurück
Zum Leben zurück
Verwechsle mir nicht Weg und Ziel
Wohl ist auch Wandern Glück,
doch leicht wirst du der Füsse Spiel.
Mit deinem Erreisten
siedle dich bei Zeiten an,
und strebe zu leisten,
was fördern kann.
Maimorgen.
So mag sich wieder blinde Nacht
zum reinsten Morgen klären,
sich Lebensglück aus Lebensmacht
in neuem Glanz gebären.
Der Nebel flieht, als ob er Ried
und Wald auf ewig flöhe,
und meine Seele ist das Lied
der Lerchen in der Höhe.
Selige Leichtigkeit.
Keine ›Verse‹ Singend Leben,
wie es aus den Bächen tönt
Ward dir innrer Reiz gegeben,
nun, so quillt es schon verschönt.
Deine Meissel, deine Feilen
habe nun im Blut gelöst,
und so lass denn thalwärts eilen,
was die muntre Welle flösst.
Rhythmenselig, bogenspringend,
liebe Lockung Aug und Ohr,
alles mit zu tanzen zwingend,
ströme, schwimme, süsser Flor
Abend-Trunk.
So tritt man abends an den Rand
des Brunnens, wenn die Sonne sinkt,
und schöpft sich mit gewölbter Hand
und trinkt und trinkt –
wie wenn ich deinem Zaun vorüber
wandre und dein Köpfchen nickt ...
ein Wort herüber und hinüber –
wie das erneut, wie das erquickt
Dagny.
Wenn dieses zarte Glühen
in deine Wangen strahlt,
als wie den frühsten frühen
Himmel ein erster Schimmer malt,
da fühl ich erst, wie rein du bist,
welch feine klare Schale
voll unberührtem Wein du bist,
bestimmt zum höchsten Mahle
der Erde.
D. (norweg) = Erstes Frühlicht.
An solch einem Vorabend der Liebe –
du weisst noch nicht, was da werden wird,
aber dein Herz ist so süss bewegt,
in den reinen Abend so aufgelöst ..
grosser Sonne, die rot
hinter die blauen Berge sinkt,
trinkst du träumend dein Glas nach ..
und die gedämpfte Musik,
die du von fröhlichem Volk
fernher hörst,
spinnt dich nur tiefer ein ..
und du fühlst,
wie ein anderes Haupt
leis deiner Schläfe sich schmiegt
und mit dir hinausträumt
aus braunen geliebten Augen ..
und du schliessest die deinen
und sitzest so lange,
ganz still und vergessen;
und dann stehst du auf
und küssest ein paar
geschenkte Blumen
und vergräbst dein Gesicht ganz
in schmeichelnde Blüten ..
An solch einem Vorabend der Liebe ...
Oh, um ein Leuchten deiner Augen alles
Hör mich Ein Märchen –. Als der alte Gott
noch jung in seinen Gärten wandelte,
da fand er einst auf einer Wiese sie
in leichtem Schlummer reizend hingestreckt.
Und wie er überwältigt steht, die Arme
noch zum zerteilten Busch zurückgebreitet,
erwacht sie von dem Brechen eines Zweigs
und hebt der Wimpern seidnen Silberwurf
und träumt den ersten grossen Blick ihm zu.
Und wie der Herrliche nun näher eilt
und vor ihr kniet, da geht ein Rätselleuchten
aus ihrem Aug, wie wenn in Wogenschleiern
sich das Geheimnis einer Meergrundsonne
verhüllen wollte und sich doch verriete ...
Und sieh, um dieses Leuchten schuf Gott alles,
was ist, – der Sterne schimmernde Guirlanden –
der Völker Legion, den Tag der Liebe
durch ewige Äonen wiederholend –
und dich und mich – und alles Glück und Elend
von Ewigkeit zu Ewigkeit – – Du lächelst
Oh, um dies Leuchten deines Lächelns alles
Brausende Stille,
wie lieb' ich dich,
wenn du nicht ganz mich
überwältigst,
deutender Phantasie
noch Raum gewährend.
Liegt mein Ohr
an der Muschel Unendlichkeit?
Rauscht das Meer des ewigen Seins
daraus?
Oh, dann rauscht
auch ihr, auch ihr Blut mit,
brandet bis an mein Herz,
wie meins an ihrs
Brausende Stille,
wie lieb' ich dich,
die du mich
mit der fernen Geliebten
so zart vereinigst.
Dich zu singen
wie ein liebes, trautes Lied,
so oft ich wollte ..
Oder dein Aug
aus dem Ring meines Fingers
dunkeln zu sehn,
fraglich, wechselnd,
und immer geliebt ..
Das Leben ist plump
wie ein Klavier –
(nicht mehr, nicht minder) –
ach, dass es die feine, biegsame,
singende Geige wäre,
die ich zu oft mir
in Träumen baute
und spielte
Von den heimlichen Rosen.
Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn –
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.
Du brichst hinein mit rauhen Sinnen,
als wie ein Wind in einen Wald –
und wie ein Duft wehst du von hinnen,
dir selbst verwandelte Gestalt.
Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn –
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.
»Das Wunder ist ...«
Vom Hang nach Einsamkeit erfasst,
verstürm' ich mich in dir, Natur,
hin auf nur mir vertrauter Spur,
ein schlechter Menschengast
Und träumend mal' ich mir im Schreiten,
wie's plötzlich sich aus Büschen biegt –
und sie zu tausend Zärtlichkeiten
mir in die Arme fliegt
Lebensbild.
Schwankende Bäume
im Abendrot –
Lebenssturmträume
vor purpurnem Tod –
Blättergeplauder –
wirbelnder Häuf –
nachtkalte Schauder
rauschen herauf.
Volksweise.
Da waren zwei Kinder, jung und gut,
aber ihr Blut
floss gar schnelle.
Sie lachten sich zu,
da warf ihre Ruh
die erste harmlose Welle.
Doch jeden Tag warf sie eine mehr,
bis gar wild hin und her
Wogen wallten.
Da ging es zum Sterben,
gradaus ins Verderben –
sie konnten ihr Herz nicht halten.
Ich sass, mir selber feind wie nie,
vor der gelassnen grossen Nacht
und schrie
mich aus in ihren schwarzen Schacht.
Da kam's zurück, wie Hauch zurück:
»Wo bist du, Kind? Was willst du, Kind?
Mein Auge ist von Sternen blind.
Was nennst du Schmerz? Was nennst du Glück?
Wachse, wie du musst,
und welkst du, geht es schnell dahin.
Das Leben hat nur Deinen Sinn.
Aber ewig bleibt dir meine Mutterbrust.«
Segelfahrt.
Nun sänftigt sich die Seele wieder
und atmet mit dem blauen Tag,
und durch die auferstandnen Glieder
pocht frischen Bluts erstarkter Schlag.
Wir sitzen plaudernd Seit' an Seite
und fühlen unser Herz vereint;
gewaltig strebt das Boot ins Weite,
und wir, wir ahnen, was es meint.
Seht in ihrem edlen Gange
dieses jugendfrische Kind,
leuchtend Aug, erwärmte Wange,
und sein Löckchen holt der Wind.
Wie die Füsse schön sich setzen
ohne Scheu und Ziererei,
reisset ihr das Kleid in Fetzen,
und sie wandelt dennoch frei,
wandelt all in ihrer Reinheit
sonder Arg in That und Wort,
und betrogene Gemeinheit
wendet sich betroffen fort.
Nun streckst du die schlanken Glieder
aufs reine Lager hin;
müde fallen die Lider,
doch mein Bild blieb darin.
Du fühlst ein süss Genügen,
als wär' ich selber nah;
und schon mit gleichen Zügen
liegst du ruhend da.
Sie an ihn.
Dies nur Dir verdanken wollen
alles Guten, alles Schönen,
dies an deine immer vollen
Geberhände sich gewöhnen ..
Wie du meinen Willen wandelst,
meine Seele nach dir bildest,
und so weisest und so mildest
mich in alledem behandelst
Schweigen im Walde.
Da ging ich heut im Walde wo,
da war's so still, so still, – o so –,
dass, als ich mir
das Herze nahm
zu sagen: O wie still ist's hier
nur Flüstern mir vom Munde kam.
Waldkonzerte ...
Waldkonzerte Waldwindchöre
Düstres Solo strenger Föhre –
Tannensatz nach tiefem Schweigen –
heller Birken Mädchenreigen –
Buschgeschwätze – Gräserlieder –
Blätterskalen .auf und nieder –- –
wenn ich euch nur immer höre –
Waldkonzerte Waldwindchöre
Leichter Vorsatz.
So jedem Tag, der leichten Schritts enteilt,
ein Liederveilchen in die Locken werfen,
dass, wenn ihn abends Dämmerung umfängt,
ihre Hand liebkosend ihm
die kleine Blume aus den Haaren wirrt
und sie ihm zeigt – und er – staunend lächelnd
nicht sagen kann, woher sie dahin kam –
und beide so mit Lächeln auf sie schaun –
Farbenglück.
Ist nicht dies das höchste Farbenglück:
Birkenlaub in Himmelblau gewirkt?
Doch schon winkt ein graublau Felsenstück,
dunklen Epheus sprunghaft überzirkt.
Und schon sinkt mein Blick in grüne Wiesen
und in Wasser und in weissen Dunst -
und ich weiss nicht, wem von allen diesen
schenk' ich meine Gunst und meine Kunst ...
Der Hügel.
Wie wundersam ist doch ein Hügel,
der sich ans Herz der Sonne legt,
indes des Winds gehaltner Flügel
des Gipfels Gräser leicht bewegt.
Mit buntem Faltertanz durchwebt sich,
von wilden Bienen singt die Luft,
und aus der warmen Erde hebt sich
ein süsser, hingegebner Duft.
Auf leichten Füssen.
So sein heitres Gleichgewicht
allem mitzuteilen,
in des Abends liebem Licht
leicht dahinzueilen –
Eine wilde Rose wo
im Vorübergehn zu küssen,
und dem stillen Walde so
sich gestehn zu müssen –
Wieder dann aus Luft und Licht
seidne Verse fangend,
nur sein heitres Gleichgewicht
auszuruhn verlangend –
Genügsamkeit.
loh brauche nur den Duft der Welt,
die ganze Welt zu haben,
ich hab mein' Sach' auf nichts gestellt,
gleich manchem leichten Knaben.
Du lächelst mir, so wird mir gut,
als wärst du ganz mein eigen,
und aus der Seele Mutterflut
die süssesten Lieder steigen.
Gute Nacht.
Nebel lag überm Land,
und die Bäume rausehten so sacht,
da gab mir deine liebe Hand
ihr erstes süsses ›Gutenacht‹.
Und ich dann noch in den Nebel ging –
und die Bäume wühlten in meinem Sinn –
und ich bebte und redete vor mich hin –
und mein Auge voll Thränen hing.
Heimat.
Nach all dem Menschenlärm und -Dust
in dir, geliebtes Herz, zu ruhn,
so meine Brust an deiner Brust,
du meine Heimat nun
Stillherrlich glänzt das Firmament
in unsrer Augen dunklen Seen,
des Lebens reine Flamme kennt
kein Werden und Vergehn.
Schwalben.
Schwalben, durch den Abend treibend,
leise rufend, hin und wieder,
kurze rasche Bogen schreibend,
goldne Schimmer im Gefieder –.
Oh, wie möcht' ich dir sie zeigen,
diese sonnenroten Rücken
Und der götterleichte Reigen
müsste dich wie mich entzücken.
Holde Ungerechtigkeit ..
Holde Ungerechtigkeit
jeder seligen Sekunde,
die da spricht: Zu keiner Zeit
hingst du so dem Glück am Munde ..
Doch indem wir dies so denken,
kommt's von Herzensgrunde:
Alle wollt' ich gern verschenken,
hing' ich ihr am Munde.
Wie mir der Abend das Grün der feiernden Tannen vergoldet
und noch mit leuchtendem Rot drunter die Stämme beglückt
Irgendwo zwitschern und zwitschern noch kleine beseligte Meisen;
fernher, fernhin rollt selten ein spätes Gefährt,
oder es schlägt die Flut des Strands verborgene Zeile,
wenn ein Dampfer sie jäh rauschenden Buges verdrängt
Aber da schaudert es plötzlich – die Sonne versank hinter Bergen,
und in das hohe Gewölk eilt nun der purpurne Glanz.
Farblos steht nun der Wald, allein die Gewässer, sie strahlen
lang noch das rötliche Blau mächtig entloderter Luft ...
Also sah ich einmal noch um Mitternacht rosige Schimmer
in des umschwiegenen Fjords zitternder Spiegelung ruhn.
Was möchtest du noch einmal sehn,
wenn du einst tot bist?
Ein Stückchen Wald
im Vormittagsonnenglanz –
rötlich flimmerndes Zittergras,
auf schlanken, durchsichtigen Stielen
im harzigen Winde fächernd –
über seiner unendlichen Anmut
ein Zirkel Azur
mit zwei weissen Wölkchen –
ein Eichhorn,
von Tanne zu Tanne springend –
und einmal den Schatten
eines ziehenden grossen Vogels ...
So etwas wünscht' ich noch einmal zu sehn,
wenn ich einst tot bin.
Hochsommerstille.
Das sind die stillen Tannen des August,
die stehn so unbewegt den ganzen Tag;
und wenn du nachts im lauen Fenster liegst,
aufstarren sie an blasser Himmelswand,
wie mit Asphaltbraun mächtig hingesetzt.
Weiter Horizont.
Das ist's, was mich hier so entzückt:
Diese unbedingte Weite,
dieser Horizont in Tief und Breite
verschwenderisch hinausgerückt.
Wasser-Studie.
Dieses Blitzen auf der Bläue –
dass ich's bildlich näher bringe –
ist wie weisser Schmetterlinge
unentwirrbares Gebräue.
Eine Nacht.
Sah ich schon je so finstre Nacht?
Da ich sie, Freund, dir schildern will,
such ich nach Worten selbst umsonst, so sehr
füllt Finsternis mich selber ganz und gar.
Es rauscht der Wind –
Es rauscht der Wind in den hohen Bäumen ...
Tief unter ihm ich und mein Wort.
Es rauscht der Wind in den hohen Bäumen ...
Er rauscht meine Seele mit sich fort –
Nirwâna zu.
Abwehr und Bitte.
Bin ich schmerzlich, bin ich's nur mir selber;
denkt, o denkt, die Erde ist so reich
Eine Thräne macht das Laub nicht gelber,
fasst es, Freunde, nicht so tragisch gleich
Müsst das Leben nicht so wichtig nehmen,
wenn es euch die herbe Seite zeigt,
aber wann euch Glück die Schale neigt –
oh, so adelt mir das süsse Schemen
Vergebliches Warten.
Du kommst heut nicht – –.
Ich schaue auf den Busch,
der seine schlanken Zweige herbstlich sträubt,
und wie die Heide rötlich mich umschwankt,
und wie die Landschaft sich in Abend hüllt, –
und reisse mir ein Büschel Heide aus,
von jener Stelle, da du sitzen solltest
Du kommst heut doch nicht – –.
Und so will ich heim.
Das Gebet.
Erst schuf mir dein Geständnis Schmerz:
Ich bete jede Nacht für dich.
Bald aber sprach's in mir, dass ich
nicht ungetröstet bliebe:
Was ist denn solch Gebet, o Herz,
als eine Form der Liebe
Nachtwind.
Wenn der Abend düster dunkelt
und der Nachtwind sich erhebt,
nur die Lampe bei dir funkelt,
einzig Licht, das um dich lebt; –
denn die Sterne sind verhangen,
und die Hütten schlafen schon, –
fühlst du mit verhaltnem Bangen
dunkler Mächte dunkles Droh'n.
Und Du schiebst das Buch zurücke,
weichend aus gewohnter Spur,
suchst geschlossnen Augs die Brücke
zur dich rufenden Natur.
Wie's aus schwarzen Tiefen brauset,
seufzend schwillt und wieder fällt;
wie's dann wieder lange pauset
und der Bach sich schadlos hält
Plötzlich stösst der Sturm den Flügel
deines Fensters zürnend zu, –
trotzig schliessest du den Bügel;
draussen herrscht erschrockne Ruh.
Und dann schüttelst du mit Einem
dich des Schauders wieder frei,
wendest wieder dich zu Deinem,
und der Zauber ist vorbei.
Marguerite.
Du standst vor einem Blumenglas am Fenster
und legtest deine Hand
mit einer schönen
unendlich gütigen Bewegung
um eine Marguerite,
ihr von unten her
den Blätterkreis mit der
gekrümmten Hand
verengend
und sie mit einem Seufzer –
mir wenigstens erschien es so –
und voller Liebe anblickend,
dass ich empfand,
dass zwischen dir und jener Blume sich
Geheimnis stiller Zwiesprache
verberge. –
Und wie ich heute selbst
das gleiche Spiel,
mein selber lächelnd, treibe
und ›mit Schmerzen‹ ende, –
lächle ich nicht mehr –
und denke jenes Abends an dem Fenster
und jener traurig-gütigen Geberde.
Wind und Geige.
Drinnen im Saal eine Geige sang,
sie sang von Liebe so wild, so lind.
Draussen der Wind durch die Zweige sang:
Was willst du, Menschenkind?
Drinnen im Saale die Geige sang:
Ich will das Glück, ich will das Glück
Draussen der Wind durch die Zweige sang:
Es ist das alte Stück.
Drinnen im Saale die Geige sang:
Und ist es alt, für mich ist's neu.
Draussen der Wind durch die Zweige sang:
Schon mancher starb an Reu.
Der letzte Geigenton verklang;
die Fenster wurden bleich und blind;
aber noch lange sang und sang
im dunklen Wald der Wind ...
Was willst du, Menschenkind ...
Lied.
Wenn so der erste feine Staub
des Sommers auf die Blätter fallt –
dann ade, du Frühlings weit
Dann ade, du junges Laub –
Ach, wie sterben die Frühlinge schnelle
Wenn erst das Auge sich versöhnt
mit all dem Grün und Weiss und Rot,
da beginnt des Frühlings Tod,
da versommern wir verwöhnt ...
Ach, wie sterben die Frühlinge schnelle
Und dann schauen wir vom Hügel,
wie das Land sich müde sonnt ...
Leblos steht ein Mühlen-Flügel,
wie ein Kreuz, am Horizont – –.
Ach, wie sterben die Frühlinge schnelle
Wandernde Stille.
Wie die Stille übers weite Wasser hergewandert kommt –
während Tages letzte Rosenglut verglimmt, verschwimmt.
Wie die Stille übers weite Wasser hergewandert kommt –
während schwärzlichen Gebirgen düsterroter Mond entflammt.
Wie die Stille übers weite Wasser hergewandert kommt –
Zornig schreit im tiefen Wald ein Vogel – und verstummt.
Wie die Stille übers weite Wasser hergewandert kommt –
Mächtige Landschaft.
Vor dem blassen Dämmerhimmel,
den Gewölke, grau verworren,
fast schon jetzt zu Nacht verdunkeln,
steh ich, wie ich mich vom Armstuhl,
drin ich grad ein wenig ruhte,
aufgehoben, mit vom Schlafe
noch nicht ganz befreiten Augen.
Und das ungeheure Bild der
Landschaft, das mich so auf einmal
trifft, wie sie den Flügel ihrer
Wolken in die Nacht vorausreckt,
Wasser, Wälder, Berge so im
Schoss des eignen Schattens tragend,
hält mich lang noch wie im Traume.
Sturmnacht.
Das ist eine Nacht eine Wacht
Das Meer, es rauscht nicht mehr, es rollt ...
Alle Sturmdämonen stehen im Sold
dieser Nacht.
Unheimlich weiss durch die Dämmerung
leuchtet der Strand –;
des Wolkenbruches rasendem Sprung
ächzt Fenster und Wand –.
Das ist eine Nacht eine Schlacht
Da wird wohl mancher Mast zu spott ...
Die Natur kennt keinen Gott
in solcher Nacht.
Die Stimme.
Eine junge Mutter singt
eintönig ihrem Kind,
ihr Sinn in ferne Zeiten rinnt,
voraus, zurücke dringt, –
und mit dem Liede spielt der Wind ...
und trägt's zu mir,
und trägt's zu dir,
dass es uns selber rührt und regt,
als säng' sie's dir,
als säng' sie's mir,
und laut in uns das Herze schlägt, –
als säng', was wir geworden sind,
die Mutter dort eintönig
zum Wiegen in den Wind.
Ein andermal.
Wie die junge Stimme singt,
mild und mütterlich
Ihre stille Güte bringt
Frieden über mich.
Junger Frühlingserde Lust
singt in zarter Nacht
so aus eines Vögleins Brust
Blüten-Wiegenwacht.
Junge Stimme, sing und sing
alle Sorgen ein, –
Lebensring an Lebensring
wird sich treulich reihn.
Mit geschlossenen Augen.
S'ist wohl verlaufen Blut, das so
in meinen Ohren zirpt und schwirrt – –.
Mir ist, ich ging' im Süden wo,
von dichten Reben überwirrt –
Vielleicht im Thal der Sarca, wo
der Fuss durch Meilen Weinland irrt
und Grillenvolks Unisono
aus hundert Gärten silbern sirrt.
Vormittag am Strand.
Es war ein solcher Vormittag,
wo man die Fische singen hörte;
kein Lüftchen lief, kein Stimmchen störte,
kein Wellchen wölbte sich zum Schlag.
Nur sie, die Fische, brachen leis
der weit und breiten Stille Siegel
und sangen millionenweis'
dicht unter dem durchsonnten Spiegel.
›Dich.‹
Was möcht' ich wohl vom weiten Sein
jetzund alleinziglich?
Ich fass' es in drei Zeichen klein:
dich.
Spruch zum Wandern.
Empfange mich, du reine Luft,
und gieb mir deine Kraft;
vertilge, was in mir an Gruft,
und nähre, was da schafft
Dass ewig neuen Blutes Strom
verjüngten Adern kreise
und erdenmütterlich Arom
noch fernste Träume speise
Vormittag-Skizzenbuch.
I.
Ein Pferd auf einer grossen Wiese
in der Morgensonne stehend, –
nur die Ohren
und den langen vollen Schweif bewegend, –
drunter ein breiter schwarzer Strich,
sein Schatten.
II.
Wie sich der Weg hier
den Hügel hinabwirft –
dann sich ein Weilchen verschnauft –
dann wieder
langsam,
bedächtig,
den nächsten hinaufsteigt
III.
O du glückselig zitternd Espengrün
vorm wasserblauen Firmament –
und ihr daneben, feierliche Fichten,
der Zweige schwere dunkle Zotteln
kaum bewegend
IV.
Ein Schmetterling fliegt über mir.
Süsse Seele, wo fliegst du hin? –
Von Blume zu Blume –
von Stern zu Stern –
Der Sonne zu.
V.
Vögel im Wald – –.
Niemand nennt sie,
niemand kennt sie.
Was das wohl so erleben mag
den lieben langen Tag
Da geh ich unter ihnen hin
mit Bären schritt und Bärensinn – –
Ja, wenn ich noch ein Mädchen wär –
Vögel im Wald – –
VI.
Auf den Höfen ringsum
läutet es Mittag.
Läutet's auch Mittag –
in mir? ..
Ich seh' eine Glockenblume
neben mir blauen:
mit neun offnen Glocken
und drei noch verschlossnen.
Die läute für mich mit,
nun, da es rings
auf den Höfen
den Mittag läutet.
Der Wind als Liebender.
Der monddurchbleichte Wald
liegt totenstumm.
Da kommt ein Wind
von ferne sacht gewandelt,
hoch über seine tausend Häupter her.
Die Espe neben mir, die merkt's zuerst
und giebt sich zitternd hin.
Und weiter eilt,
als wie ein Liebender sein Mädchen sucht,
der sachte Wind.
Nun rauscht der Waldrand drüben
jenseits der Wiese auf.
Und wieder stehn
die mondlichtbleichen Stämme
totenstumm.
Meer am Morgen.
Herrlich schäumende Salzflut
im Morgenlicht,
die tiefen Bläuen
in weissen Stürzen auskämmend,
hin
über grünere Seichten
zur Küste stürmend –
aus-rollend dich nun,
die Felsen hochauf umleuchtend
Metallgrün
stehen die runden rauschenden Büsche
vor deinen fernher schwärzlichen Böen,
und rötlich milchige Wolken
strecken sich lang
in den zartesten Himmel
darüber.
Abend-Skizzenbuch.
I.
Leuchtroter Berberitzenstrauch
hängt sonnenbraunen Fels herab,
an dessen Fuss, ein blauer Gast,
mein eigner Schatten, schauend, ruht
II.
(Unio mystica.)
Zwei Farben nur:
Der stählern-blaue Fjord,
die nachtviolen-blauen Höhen um ihn,
und drüber
wolkenloser rosenblasser
Abendhimmel.
Herbst.
Zu Golde ward die Welt;
zu lange traf
der Sonne süsser Strahl
das Blatt, den Zweig.
Nun neig
dich, Welt, hinab
in Winterschlaf.
Bald sinkt's von droben dir
in flockigen Geweben
verschleiernd zu –
und bringt dir Ruh,
o Welt,
o dir, zu Gold geliebtes Leben,
Ruh.
Anhang.
Erster Schnee.
Der Fjord mit seinen Inseln liegt
wie eine Kreidezeichnung da;
die Wälder träumen schnee-umschmiegt,
und alles scheint so traulich nah.
So heimlich ward die ganze Welt ...
als dämpfte selbst das herbste Weh
aus stillem, tiefem Wolkenzelt
geliebter, weicher, leiser Schnee.
Wintermondnächte.
I.
Der Mond tritt über die Eichen
und wandelt die Äcker im Schnee
mit seinem geisterbleichen
Schimmer in einen weiten See.
Tiefdunkle Wälder säumen
den regungslosen ein,
und hoch aus blassen Räumen
tropft Sternensilberschein.
II.
O fühle mir die bleiche Glut
des Mondes dich umfliessen
Du musst die Augen schliessen –
und nun nur lauschen,
was die Flut
des fernen Bachs dir Liebes thut
mit ihrem Märchenrauschen.
III.
(Die Ski-Läufer.)
Mondnacht über Markt und Gassen –
Mondnacht in der Brust der stillen –
und ein alles Lebens Willen
grenzenlos Gewährenlassen –.
An geheimnisvollen Hängen –
auf noch ungestapften Matten –
unter Tannen-Feiergängen –
zwischen Silberlicht und Schatten –.
Plötzlich durch den Wald herunter:
jugendjubelnd, fackelnkreisend
rascher Bursch' und Mädchen bunter
Schwarm im Sturm zu Thale gleisend – –.
Ruf und Gruss ... und wieder Schweigen –
zauberweisses Märchenspinnen –
und ein in dein tiefstes Sinnen
Glück und Glanz sich nieder Neigen.
Waldgeist.
Was ist das für ein Klagelaut
im totenstillen Winterwald –
ganz nahe bald, ganz ferne bald –
dass es mich schier ein wenig graut?
Ich bleibe stehn und horche lang –.
Ein Schweigen, tiefer als das Grab.
Und weiter setz' ich meinen Stab, –
und wieder klagt die Stimme bang.
Bis ich entdecke, es ist just
mein Stock, von dem dies Singen geht,
wenn meine Hand ihn unbewusst
im feuchten Schnee der Strasse dreht.
Und weiter, wie der Weg mich weist,
verfüg' ich mich nach kurzer Rast
und fühle mich nun selber fast
als dieses Walds verwunschnen Geist.
Der Traum.
Es war ein süsser Traum
von Dir, –
was, weiss ich kaum.
Doch seine Süssigkeit
blieb mir
den ganzen Tag, –
dass, als mein Schlittengleis
zur Abendzeit
die Strasse lief,
da deine Wohnung lag,
der Heide, ich,
ein leis
›Gott segne dich‹
als jenes süssen
Traumes letztes Grössen
rief.
Wie vieles ist denn Wort geworden ...
Wie vieles ist denn Wort geworden
von all dem Glück, das mich durchdrang
Von all den seligen Accorden
ach, nur ein schwacher, flacher Klang.
Und doch Wie würde sich's erlauschen,
war keinem Tag sein Lied vergällt?
Selig eintönig, wie das Rauschen
des Baches, der vom Felsen fällt.