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Lou Andreas-Salomé – Zum Typus Weib

Essay

aus: Psychoanalytische Bewegung, 3. Jg, 1931, Heft 2

Lou Andreas-Salomé ist am 13. Februar 70 Jahre alt geworden. Keiner Frau kommt der Ehrenname einer »großen Europäerin« eher zu. Nicht nur, weil sich in ihrer Herkunft Französisches mit Russischem und Deutschem begegnet, sondern vornehmlich, weil ihr hellsichtiges Verständnis, ihr revolutio­näres Unbekümmertsein sich stets auf jenen Höhen bewegte, die den Grenzen des Völkischen, des Fachlich-Schulmeisterhaften, des gerade in Mode Stehenden spotten, auf jenen Höhen, wo das Europäisch-Freie, Unzeitgemäße stets zu Hause war. Und weil diese große Frau, die gerade vor einem halben Jahrhundert Nietzsche exaltieren durfte (wodurch allein sie sich schon in den Blättern der Geistesgeschichte eingetragen hat), nicht nur eine geistvolle Denkerin, sondern auch eine begnadete Dichterin ist, konnte sie schon »Psychoanalytikerin« sein, ehe sie Freuds Ent­deckungen kannte. Mit diesen wurde sie erst 1911 bekannt; aber z. B. der Roman »Ruth« oder die feinfühligen fünf Ge­schichten über halbwüchsige Mädchen, die der gemeinsame Titel »Im Zwischen­land« umspannt, wurden schon früher geschrieben. (»Im Rückerinnern will mir scheinen, als ob mein Leben der Psychoanalyse entgegengewartet hätte, seitdem ich aus den Kinderschuhen heraus war«) Seit zwei Jahrzehnten zählt nun Lou Andreas-Salomé zu jenen Dreihundert, die in den fünf Erdteilen als »offizielle« Anhänger Freuds »registriert« sind, und daß es die »Wiener Psychoanalytische Vereinigung« ist, der sich Frau Andreas-Salomé angeschlossen hat, weiß diese Vereinigung als Ehre zu schätzen. (Es ist übrigens auch kein Geheimnis, daß Frau Lou Andreas-Salomé zu jenen ganz wenigen Zeitgenossen zählt, die in persönlich-privaten Beziehungen zu Sigmund Freud stehen.) Die unten namentlich angeführten psychoanalytischen Publikationen dieser Psychoanalytikerin sind nicht zahlreich,1 erfreuen sich aber mit Recht einer besonderen Wertschätzung, und auch wir können heute ihres 70. Geburts­tages nicht würdiger gedenken, als indem wir sie selbst zu Wort kommen lassen und einen vor Jahren geschriebenen (zuerst in der »Imago« III. Jg., 1914 er­schienenen) kleinen Aufsatz hier nochmals veröffentlichen. Wir Psychoanaly­tiker kommen vielleicht in Versuchung, den Zug der Psychoanalysefreundlichkeit im Porträt einer zeitgenössischen Persönlichkeit zu überschätzen und wir lassen wohl darüber, wie sich die Psychoanalyse in das Lebensbild dieser edlen Frauengestalt einfügt, am besten einer objektiven, außenstehenden Person das Wort. Helene Stöcker schreibt über Lou Andreas-Salomé in der »Neuen Zürcher Zeitung«:

»Stand Friedrich Nietzsche am Beginn ihrer geistigen Produktivität, so Sigmund Freud am Ende ihrer bisherigen Entwicklung.

Seit dem Beginn des Weltkrieges etwa hat Lou Andreas-Salomé sich fast aus­schließlich psycho­analytischer Forschung und Behandlung hingegeben.

Das ist das Charakteristische für Lou Andreas-Salomé; weder ihr philosophisches noch ihr künstlerisches psychoanalytisches Schaffen ist von ihrer Persönlichkeit zu trennen, wie es wohl bei andern, scheinbar ›objektiven‹ schaffenden Künstlern möglich ist. Darin liegt, wenn man will, die Grenze, zugleich aber auch der einzigartige Reiz ihrer Kunst, ihres Wesens. Schon in jener Zeit, als eine große Zahl kämpfender, ringender Frauen durch mancherlei Härten, Einseitigkeiten und Fanatismen unge­wollt ihrer schönen Idee Schaden zufügten, hat sie den Typus einer ausgeglichenen, geistig schaffenden weiblichen Persönlichkeit dargestellt.

Wir alle, für die am Ende das Leben selbst das höchste Kunstwerk ist, an dem wir unverdrossen, unbeirrt durch alle Hemmnisse, schaffen müssen, werden heute mit Freuden und Dankbarkeit dieser Frau und ihrer zur vollen Harmonie geklärten Persönlichkeit gedenken, in der neben der Künstlerin, der Philosophin in voller Eben­bürtigkeit die Frau, die Lebenskünstlerin steht.«

                                                                    St.

 


 

I

 

Was ich hier vorhabe, ist nur ein Stück Gedankenspaziergang: anfangs entlang an persönlich eng umgrenztem Weg, dann hinstrebend in weitern Gesichtskreis, um endlich, wenn auch nur ein paar Schritte höher, zu sach­lichem Überblick darüber hinaus zu gelangen.

Recht persönlich muß ich damit beginnen zu sagen, daß sich meine allerfrüheste Erinne­rung auf Knöpfe bezieht. Auf geblümtem Teppich darauf ich saß, stand vor mir geöffnet ein brauner Kasten, in dessen Inhalt, unter gläsernen, beinernen, bunten, phantastisch geformten Knöpfen, ich kramen durfte, wenn ich entweder sehr artig gewesen war, oder wenn meiner alten Wärterin keine Zeit für mich übrig blieb. Der Knopfkasten hieß — anfäng­lich naiv, später ironisch verstanden — der Wunderkasten, und anfangs repräsentierte er für mich wohl auch Wunder schlechthin; dann — vielleicht weil man mich die ent­sprech­enden Wörter daran kennen lehrte, bewunderte ich in den Knöpfen ebensoviele Saphire, Rubine, Smaragden, Diamanten und anderes Edelgestein, wodurch noch heute das russische Wort für »Juwel« (jemtschug) mir einen seltsam erinnerungsreichen Klang behalten hat. Die Knopfjuwelen blieben auf lange hinaus der Inbegriff dessen, was als wert­voll betont, und deshalb gesammelt nicht fortgegeben wird (wie in der Tat die damals verhältnismäßig kostspieligeren Modeknöpfe nach Verbrauch der Kleidungsstücke aufbewahrt wurden). Und mir ist, als ob diese Vorstellung der Knöpfe als kostbarster Stücke sich in mir bereits unmittelbar zurückgegründet haben müsse auf eine noch ursprünglichere, wonach sie unver­äußerliche Teile darstellten — gewissermaßen Teilstückchen meiner Mutter selbst (respektive ihrer Kleidung, an deren Knöpfen ich von ihrem Schoß aus hantieren mochte) oder vielleicht der (mir anhänglichen) Amme, an deren Brust hinter der geöffneten Kleidung ich den ersten Rubin praktisch kennen lernte. Wenigstens entsinne ich mich, daß, als sich mir die Knopf­schätze hinterher mit einem mir erzählten Märchen kombinierten, worin sie eine mehr interne Angelegenheit vertraten, ich diese neue Auffassung schon wie ein festes Besitztum in mir vorfand. Das Märchen han­delte von jeman­dem, der, in einen Zauberberg dringend, sich in dessen Innern durch alle Reiche des Edelgesteins (»Saphire, Rubine« etc.) hindurcharbeiten muß zu irgendeiner zu entzaubernden Königin. Gar nicht befremdete es mich des­halb auch, als ich auf meiner ersten Auslandsreise, mit meinen Eltern in der Schweiz, einen Berg »die Jungfrau« nennen hörte. Seitdem befestigte sich mir das Bild einer unerreichlich hohen, recht verglet­scher­ten Berg-Jung­frau, die in ihrem Allerinnersten ungezählte Knöpfe birgt. Wie eine Erin­nerung daran wirkte etwas später ein zweiter Reiseeindruck auf mich: eine Bergwerkseinfahrt mit meinem Vater in das Werk bei Salzburg, bei der ich, zwischen ihn und die Knappen gräßlich eingeklemmt, rittlings in die schau­derhafte Tiefe zum märchenhaft erleuchteten See niedersausen mußte und unten, ziemlich zerquetscht, bitterlich brüllend, ankam. Daß das glitzernde Salz an den Wänden nur einen Sammelnamen bedeuten konnte für Edel­steine jeder Art, schien zweifellos; und ich glaubte sein Gefunkel nur wie­derzusehen, als ich bald darauf die köstlichen Sammlungen russischer Edel­steine im Petersburger Museum des Bergkorpsinstituts schildern hörte und selber sah.

Diese ganze kindliche Auflassung nun unter­scheidet sich in charakteristi­scher Weise von einer gleichzeitigen zweiten, die andere kleine rundliche Wertstücke zum Gegenstande hat: nämlich Geldstücke. Daß man Geld sam­meln könnte für des Lebens Bedarf, war mir ganz früh nicht bekannt, da dieser auf eine mir unmerklichere Weise bestritten wurde, allein gegen das achte Jahr etwa (auf Genauigkeit kann ich nicht schwören) erhielt ich jeden Monat Taschengeld, bestehend in einer Silbermünze von 20 Kopeken (40 Pfennigen), für die man sich Erfreuliches kaufen durfte, obschon auch dies Erfreuliche allermeistens direkt durch die Eltern und ohne Bezugnahme auf Geld sich verwirklichte. Einmal als mein Vater mit mir spazieren ging, be­gegnete uns ein Bettler, dem ich mein blankes Silberstück geben wollte. Da sagte mein Vater: »Die Hälfte reicht« — denn ich sollte ja daran Geld ein­teilen lernen — und wechselte mir ernsthaft das Stück in zwei Silbermünzen zu je 10 Kopeken, so daß auch der Bettler Silber, nicht Kupfer (Nickel gibt es in russischen Münzen nicht) erhielt. Von da ab muß sich mir die Idee eingegraben haben: Geld ist das, wovon die Hälfte den Anderen ge­bührt — zwar die Hälfte nur, doch diese ohne weiteres, und sie darf nicht schäbiger aussehen als das Zurück­behaltene: man hat vor den Anderen nichts voraus. Im schärfsten Gegen­satz zu diesem, was teilbar war, ja dessen Wesen darin zu bestehen schien, daß man es zu teilen hatte, stand die ältere Idee von den unveräußer­lichen Schätzen (Knöpfen), den nichtaus­tausch­­baren, verborgenen, mit deren Weg­nahme offenbar wir selbst ausgeraubt, angetastet werden würden — gleichsam unser Ganzes, das nicht »Hälften« kennt oder hat. Freilich sind diese Gedanken selber nicht so frühe, doch die Stelle, von der sie ausgegangen sein mögen, von der sie sich in zwei so ver­schiedene Vorstellungsreihen abgrenzten, reicht erkennbar bis hinab in das Infantilste: in das Gebiet analer Interessen, d. h. dorthin, wo unsere Körperfunktion uns noch gleichsteht mit uns selbst, und wo ein Teil unserer selbst, als ein von ihr geleisteter Teil, uns zum ersten­mal zugleich als Ob­jekt, als ein Nicht-mehr-wir, zum Bewußtsein kommt. Insofern nun speziell Geld den bekannten Ersatzbezug zum Analen enthält, wäre hier jenes früheste Erziehungswerk: Unterdrückung der Identifi­ka­tion mit dem Analen, des Ich-Interesses daran, zustande gekommen im Zusammen­hang damit, daß anal gerichteter Autoerotis­mus sich am Symbol der »Knöpfe« als interner Schätze bereits vor dieser ersten Soziali­sierung gleichsam in Sicherheit ge­bracht hätte. Im infantilen Wettstreit der »Knöpfe und der Münzen« hätte sozusagen die Selbst­bewertung von der sozialen sich zu scheiden begonnen in zweierlei Sinnbildern, von denen das spätere, die Münze, sonst der rechtmäßige Erbantreter der ehemaligen Analbetonung, sich um so williger umprägen ließ zum allei­nigen Repräsentanten sozialen Austausches, als das andere, der Knopf, mit höchst egoisti­schen Nebenabsichten entschlüpft war auf ein Gebiet, wo es einstweilen in Märchen­vor­stellungen eroti­scher Her­kunft unter­ge­bracht wurde.

Die Erziehung erzieht begreiflicherweise zum Sozialen; sie tat das auch im vorliegenden Fall, einschließlich des ganzen Individuums, ohne mindeste Ausnahmsrechte irgendwelcher Knöpfe. Dies nahm seinen Anfang schon mit dem Lebensfaktum der Geburt: man war vorhanden, um Anderen zu gehören, und in jedem Jahr hatte man sich in diesem Sinne würdig zu erweisen älter geworden zu sein. Sogar die, dieses Geborensein feiernden Geschenke, und auch noch die Gaben unterm Weihnachtsbaum, trotzdem er doch reine Gnadenherrlichkeit auszustrahlen schien, bar­gen noch irgendwie heimliche Fallen für den Egoismus und besagten stumm: »wir liegen hier, teils, weil du brav gewesen bist, teils weil du es hoffentlich sein wirst«. Als ich ganz klein von Schmerzhaftigkeit der unteren Gliedmaßen befallen wurde, die man »Wachs­tum­schmerz« benannte und die sich nach einer Weile von selbst verlor, erhielt ich, zum Trost für das erneute Getragenwerden müssen, kleine weiche Saffianstiefelchen mit Gold­troddeln daran, was zur Folge hatte, daß ich das Aufhören der Schmerzen nicht rechtzeitig signalisierte, besonders, da mein Vater häufig selbst mich trug. Indem diese Fälschung des Sachverhalts als sträflich entlarvt wurde, erfuhr ich mit kummervollem Staunen, daß auch meine Beine durchaus zu dem gehörten, was ich der Anderen wegen be­saß, daß ich über sie keineswegs disponieren konnte, wie ich wollte, und daß die roten Saffianschuhchen sie nur zum Schein als meinen ausschließli­chen Eigen­besitz legitimiert hatten. Immer mehr zog sich dasjenige, worüber kein Anderer zu verfügen hat, von den sozusagen äußeren Gütern des Le­bens ins gleichsam Unsichtbare, Unfaßbare zurück, als etwas, das man sich nicht erst erwerben, verdienen, erkämpfen, aus zweiter Hand empfangen kann, sondern unverlierbar, ein für allemal, laut oberster Instanz, besitzt. Diese oberste Instanz ist in einem strenggläubigen Elternhaus von selbst ge­geben. So wurde hier, unter dem Ausdruck der gegebenen Religion, ein Stück zurückbehalten von der »Allmacht der Gedan­ken« im Freudschen Sinne des Wortes; diese Allmacht über die Tatbestände wurde als Knopf deponiert da, wo der Augen­schein der Wirklich­keit nicht mehr hinreichte; daneben aber blieb der Realität von außen her, dem sichtbar Wirklichen, dasjenige zugeteilt, was geteilt, halbiert werden kann, wie damals das Silber­stück geteilt, halbiert wurde: darüber hinaus hatte die Außenwelt nicht nur kein Recht, sondern gewissermaßen keine »Wirklichkeit« zu beanspruchen: da­hinter hörte sie als vorhanden auf.

Ich bin damit angelangt beim Ausgangs­punkt eines vorhergehenden Auf­satzes, worin2 das Thema vom kindlich selbst­geschaffenen Gott zu anderem Endzweck betrachtet wird. Es ist klar, inwiefern schon das unsichtbare Spiel­zeug, das diesem Gott in allen Taschen steckte, im Zusammenhang stand mit der Verborgen­heit der Bergedelsteine, und, letzten Endes, aus den un­veräußerlichen Knöpfen im braunen Knopfkasten bestand. Nicht zufällig blieben dem Gott gerade diese kindlichsten Attribute, die vorwiegend noch aus der »Allmacht der Gedanken« inmitten der schon beginnenden Welt­erkenntnis hervorgegan­gen waren. Sonst pflegt ja selbst die primitivste Re­ligionsform in ihrer Glaubensphantastik gleich­­­zeitig ein Erkenntnisprinzip, eine Weltauslegung zu enthalten: aber dem Kinde, dem jede Weltbelehrung von vornherein durch die erziehenden Erwachsenen zuteil wird, braucht die Phantastik seiner Gottesgestaltung davon nicht beeinträchtigt zu werden. Der Gott ersetzt hier gewissermaßen das, was Freud den »Familienroman« genannt hat: jene Idealisierungen von Herkunft und Schicksal, mit denen das Kind sich oftmals nur Ausdruck schafft für das ihm ungeheuer Selbstverständliche, Gewisse, jeder Fülle und Herrlichkeit. Nur spiegelt das sich hier, statt in einer Historie, in der Gegenwärtigkeit selber eines Extragottes des eigenen Seins und Wesens, der weder erklärt noch verbietet, sondern lediglich sank­tioniert. Kann er sich nun in dieser sehr einseitigen Äußerungsweise auch ebensowenig lange aufrecht erhalten, wie der sonst übliche Familienroman, so stürzt er doch weniger durch einen Verstandeszweifel, als durch eine innere Wendung derjenigen lebensgewissen Zuversicht, die in ihm sich selbst ergriff, und deren Symbolik im Verlauf der Entwicklung sich ändern mußte. Denn die alte Vorstellung von den Schätzen-Knöpfen, die er in seiner All­herr­lichkeit so gesichert trug, wie das Spielzeug in seinen Taschen, besaß ja neben ihrem ausgesprochen egoistischen Charakter — wenn auch einstweilen ebenfalls ins noch phantastisch Märchenhafte eingekleidet — einen nicht min­der erotisch betonten. Blieb während langer Zeit (Freuds »Latenzzeit«) dieser Umstand auch belanglos, so enthielt er doch die Tendenz, den Gott in der Form, im Ausdruck, des weiteren zu vermenschlichen. Über den dauernden Bestand des Gottes entschied deshalb, in den verborgenen, unter­irdischen Wesensregungen, nicht so sehr seine Wahrheit der Verstandes­bedeutung, als seine Wirklichkeit der Sinnen­bedeutung nach. Darin, daß er eines Tages als abstrakt, blaß, unsichtbar bemerkt wurde, machte sich ein­fach die von ihm scheidende Liebe bemerkbar: wenn sie aber nicht eigent­lich in Unglauben, sondern vorübergehend nur in eine Art Verkehrung der Gottesliebe, in Teufelsglauben, umschlug, so läßt sich ein zweites Merkmal noch darin feststellen: nämlich, daß diese Liebe schon in ihren Lebzeiten ambivalent gerichtet gewesen war, d. h. dem Gott um seiner abstrakten Blässe, seiner mangelnden Blutfarbe, seiner gar zu fest angewachsenen Tarn­kappe willen, unbewußt böse war. Als der Gott den Rücken gekehrt, be­kam sie, genau genommen, nur dessen geschwärzte (von ihr selbst »ange­schwärzte«) Hinterseite im Teufel zu sehen; da es jedoch dem Kind nicht bewußt sein konnte, daß es sich den Gott selber vertrieb, so fühlte es, durch die unbekannte, ihn hinwegwendende Macht, sich der Hölle anstatt dem Himmel überliefert.

In der Tat kann als der natürliche Abschluß der Gottesgeschichte — mögen auch lange Jahre dazwischen liegen, die nichts mehr mit ihr zu tun haben, — erst die einsetzende Pubertät gelten. Dementsprechend geschah auch das erotische Erwachen nicht nur voll­gleichzeitig mit ihr, sondern es geschah so sehr wie aus automatisch sicherer Selbst­erfüllung eben erst ge­träumten Kindertraumes heraus, daß es den großväterlich-allgütigen Phantasie­gott vorsichtigerweise nur um eine Generation zu einem leibhaften Menschen verjüngte. Nicht nur in schlechten Romanen, weil »sie sich kriegen«, wäre hier eine lückenlose Vermittlung zu erwarten zwischen dem einigermaßen introvertierten Ich und dem sozialen. Um so mehr noch, als, wie ein letztes Geschenk vom ehemaligen Gott­verhalten her, dauernd die ganze Zutraulich­keit in Kraft blieb, die des Erwünschten gewiß ist: wenn sie auch nun, mit verbesserter Wirklichkeitsanpassung, statt bloßem Phantasieren, eine Art von Witterung für das real Vorhandene zustande brachte. Allein zugleich verblieb dieser Nachwirkung des Gottesverhältnisses auf das Menschenver­hältnis, oder einfacher: jener tiefen ursprüng­lichen Verknüpftheit des Ego­istischen mit dem Erotischen, eine letzte Macht, über die hinweg der »Schätzwert der Knöpfe sich nicht restlos realisieren ließ. Mit der »Wirklichkeit« war ja dasjenige hinzu­getreten, womit man wohl »teilt«, aber eben nur Teilbares, wonach an den »Andern« die volle Hälfte zu vergeben ist, doch eben nicht ganz im Sinne der »Hälfte«, als welche in der erotischen Ver­schmelzung der Mensch selber nunmehr in toto darzustellen glaubt — viel­mehr behält er hier den eigenen Kopf (Knopf) für sich.

Übersetzt man sich dieses, ja sicherlich sehr anfechtbare Verhalten aus dem Erotischen in einen Lebenstypus überhaupt, so ließe sich etwa davon aussagen: das Reale draußen wird erlebt, doch mehr in der Art, daß es empfan­gen, als daß man ganz daran fortgegeben wird, d. h. es wird nur um so leichter, leiser erlebt, je rascher und tiefer es berührt und befruchtet hat, so daß der Wirklichkeitsertrag, ins Innerste einbezogen, nun ausgetragen werden kann. Wo es darüber hinaus als »wirklichstes«, als der endgültige Seinswert, aufgenommen sein will, da verblaßt es, entsinkt gerade dadurch ins Irreale (ungefähr wie eine Farbe, ein Ton, wenn sie unsere Aufnahme­fähigkeit übersteigen) und ist deshalb in diesem Entschwinden nur begleitet vom Gefühl unabwendbar sachgemäßen, ob auch bedauerten Ablaufs (also weder von Enttäuschungs- noch Schuldgefühl). Will man dafür eine anormale Anlage voraussetzen (wozu die Phantastik des Ursprungsstadiums berechtigt), so wäre es eine solche, die am entschiedensten auszuschließen scheint, was neurotischen Kampf, Zwiespalt, Zweifel, Kompromiß bezeichnet, und eher noch Anleihen macht bei der Introversion des Paraphrenikers. Denn die zu teuer bezahlte Anhänglichkeit des Neurotischen an ein Teilstückchen der Wirklichkeit, das ihn so früh festlegt, daß alles folgende ihm zu gespenstigen Mißproportionen sich entwirk­lichen muß, ist hier zu ihrem Gegenteil gewor­den: Offen­bleiben für erneutes und vertieftes Erleben, weil da, wo der Neurotiker gar zu verschwenderisch sich plündern ließ, eine letzte geizige Selbstbesinnung bleibt. Indessen, wollte man von allem Pathologischen gar zu sehr absehen, so könnte am Ende noch jemand darauf verfallen, weit unschönere Namen zur Erklärung heranzuziehen, wie angeborene Leicht­sinnig­keit, verwerfliche Untreue und ähn­liches. Ich will nun nicht auf hübschere Namen dringen, sondern nur den Versuch machen, aus der typischen Weib­seelenverfassung einiges hervorzuheben, was mir mit analogen Prozessen zu­sammenzuhängen scheint.


 

II

 

Schon in den »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« steht der Satz3 die Sexualität des Mannes sei: »die konsequentere, auch unserem Verständ­nis leichter zugängliche, während beim Weibe sogar eine Art von Rück­bildung eintritt«. Denn: »Die Pubertät, welche dem Knaben jenen großen Vorstoß der Libido bringt, kennzeichnet sich für das Mädchen durch eine neuerliche Verdrängungswelle, durch welche gerade die Klitorissexualität be­troffen wird«. Das Weibliche ist so das durch den Prozeß seiner eigenen Reife auf sich selbst Zurückgeworfene, Aufgehaltene, von der Endentwicklung Ausgeschaltete. In der Tat beziehen sich die spezifisch weiblichen Tugenden sämtlich hierauf, sind dem Ge­schlecht nach solche der Abnegation: wo weib­liches Selbstbewußtsein in rein menschlichen Leistungen mit den männlichen rivalisiert, sind es eben jene Tugenden, von denen es sich emanzipatorisch erholen will.

Nun liegt es mir eigentlich ferner, von Tugenden und Leistungen zu reden, als von dem, worin ich mich kompetenter fühle: vom Glück. Bezüg­lich des Glücks nämlich läßt sich der obenerwähnte Sachverhalt auch noch anders herum betrachten. Die geringere Differenziertheit, die sich in jener Rückbildung ausdrückt, zieht um das mehr und mehr auseinanderstrebende Triebleben eine Art von einschränkendem Kreis, der es in gleich­förmigerem Zusammenhang mit dem gemeinsamen Ausgangspunkt erhält: aber dieser Umstand stellt ja nicht ein einfaches Zurück dar, sondern eine Wiederher­stellung von Ehemaligem auf erhöhtem Niveau — als eine Wesensart weiterzukommen in sich, als eine Art des Wachsens am Leben. Denn gerade innerhalb des Sexualtriebes selbst, gerade infolge von dessen »Ent­mannung« im Weibe, differenziert er sich auch wieder auf eine neue Weise von der Aggressivität des Ichtriebes und erschließt sich damit eine Besonder­heit der Entwicklung. Das »Weibliche« (immer prinzipiell gemeint und ab­seits von allen Graden und Nuancen der Personalunion zwischen »männ­lich« und »weiblich«) eben durch seine Umkehrung des Sexualen auf sich, vermag sich das Paradoxon zu leisten, Sexualität und Ichtrieb dadurch zu trennen, daß es sie vereinigt. Es ist mithin zwiespältig da, wo das Männ­liche eindeutig aggressiv verbleibt, einheitlich aber dafür, wo diesem seine ungehemmte Aggressivität als mehr sexual oder mehr ichhaft nach entgegen­gesetzten Richtungen sich spaltet.

Suchte man eine Illustration dafür im vorhergehenden Thema: dem Auf­blick zum Vater, Mann-Vater, Gott etc., so fände man für das Weib Religiosierung und Erotik, Licht- und Wärmestrahlen im selben Gestirn, der­selben Sonne gewährleistet, weil der passiv gerichtete Sexualtrieb sich dem hinhalten kann, was dem Ichtrieb das fördernd Höchste erscheint. Im Mann dagegen wendet sich die bewahrte Aggressivität des Sexuellen auf das Pas­sive, das Weib, weswegen, wie immer er es vom Geschlecht aus ideali­sieren mag, niemals im Sexual­partner zugleich sein Ichideal realisiert ist: sondern er dieses da finden muß, wo es ihm immer zugleich Ideal und Konkurrenz bedeutet, im gleichen Geschlecht, im Vater (also »entsexualisiert«, sofern sich diese an sich schon ungemütliche Situation nicht auch noch bei betonterer Inversion zu einem wahren Rattenkönig von einander hemmenden Ambivalenzen verwächst). Der Vater ist es, zu dem er — sich selber suchend, ihn zu ersetzen, ja zu übertreffen suchend — doch anbetend sagen muß: »Dein Wille geschehe —«, während dem Weibe gegenüber in solcher Stunde, da es den ganzen Mann gilt, für immer auch wieder das Wort zu gelten hat: »Weib, was habe ich mit Dir zu schaffen.«

Indem die Kraft der Mannheit als sexuell und geistig in Gegensätzen auseinanderstiebt, oder aber sich selbst Konkurrenz macht, gibt sie ihre un­mittelbare Glücksgemeinschaft in sich auf; indem der Mann als Leistender sich nachjagt, verliert er sich als Selbstbesitzender — wie er schon im Dienst der Fortpflanzung verliert was er besitzt (— um Freuds, ja ab­solut nicht witzig gemeintes, Wort zu wiederholen: »altruistisch« handelt) und wie er aus der Einseitigkeit sexueller Entspannung in die Einseitigkeit sozialer Anspannung entlassen wird. Dieser gewissermaßen unfreiwillige Edelmut der Selbstentäußerung kennzeichnet ihn fortan: sein Wesen ist, schön ausgedrückt, so etwas wie »Opferung«: Das ist unange­nehm, aber es ist nun einmal seine Ehre. Der un­ge­hemmt hinausgerichtete Drang muß dort draußen bezahlt werden mit Altruismus, wie die auf sich zurückgedrängte Passivität sich bezahlt macht mit Glücksegoismus. Nicht erst die Empfängnis ist ein Bild weiblicher Hingabe in der Selbstbewahrung — schon die Ruh- samkeit des Eies im Vergleich zu der Regsamkeit des auf der Suche be­findlichen Samens, bezeichnet die gleiche Souveränität einer Indolenz, die nicht vor hat, sich »ohne großen Gegenstand zu regen«. Ganz entgegen der Kalamität, die das Mannsein mit sich bringt, arbeitet die zu weitgehende Grellheit des Sexuellen sich im Weiblichen gedämpfter in die verschiedensten Wesenstönungen auf und beläßt dafür den dem Blut entstrebenden Ichtrieb an seiner Basis waschecht erotisch gefärbt. Allein, wie mir scheint, zeigt sich hier auch bereits, wie diese Verflochtenheit der Triebmasse, diese Ein­buße an letzter Gliede­rung, etwas an sich hat, was die Sexualität nicht bloß verändern mußte: was ihr sogar ihren eigenen endgültigsten Voll­zug erst ganz ermöglicht. Denn es verhält sich ja nicht so, daß die Sexualität im gleichen eindeutigen Sinn eine Triebaggression darstellte, wie etwa der Freßtrieb durch Einnahme, der Defäka­tions­trieb durch Abgabe, sondern diese und andere Triebe haben sich von ihr hinweg differenziert, zu Spezialarbeitsleistungen sich abgegliedert, während sie der Zusammen­fas­sung aller Organkräfte behufs deren Fortpflan­zung dienen lernte (hierin durchaus dem Weibgeschick selber ähnlich). Infolgedessen äußert das Sexuelle bei jedesmaligem Auf­treten sich über sein Spezialgebiet so ganz hinaus, als Übergriff auf den Gesamt­organismus, als positiver Eingriff in ihn (wie Ab­stinenz ja auch nicht, gleich dem Hunger schwächt oder sterben läßt, son­dern positiv mit Rausch und Gift agiert). Und in weiterer Folge schillert das Sexuelle aus diesem Grunde nicht nur zwischen den einzelnen vitalen, sondern auch psychischen Äußerungsweisen so schwerfaßlich und widerspruchs­voll, indem es, nichts Speziellem eingeordnet, dem Wesen nach Invasion, aus­drücklich dazu vorhanden ist, die Welt auf den Kopf zu stellen. Gerade deswegen ist ja die Analyse des Psychischen so erfolgreich und plausibel, wo sie praktisch auf das Sexuelle zurückgeht, weil dieses, obwohl Körpertrieb und angehbar von der physiolo­gischen Seite, dennoch zugleich, hart am Organleben hin, psychische Tatsachen zuerst unverkennbar macht.

Das hier steckende Problem (das nach seiner philosophischen Bedeutung natürlich nicht aufgerührt werden soll) hat Freud (Beitr. z. Psych, d. Liebeslebens, II) erörtert in der Frage: warum der Liebesappetit bei vor­läufigem Genuß nicht abnehme, wie sonstiger Appetit, vielmehr sich daran steigere, und warum endgültige Befriedigung trotzdem Reizhunger, Hunger nach Wechsel, ergeben könne, anstatt der immer befriedigteren Ehe, die z. B. ein Alkoholiker zu der ihm genehmen Weinsorte eingeht. Es ist wohl nicht ganz ein Zufall, wenn, nach der liebenswürdigen Vulgär-Ansicht der Leute, alle beiden Fragen das Weib viel weniger tangieren als den Mann. Man könnte nämlich ganz wohl sagen, daß das, was den Sexualtrieb erst befähigt, sich von Durst, Appetit usw. usw. zu unterscheiden, bereits gelegen sei in einem Moment der Passivität, d. h. in der Fähigkeit, in und neben der ziel­gerichteten Triebtendenz beim Interesse am Objekt zu verweilen — sich daran aufzuhalten. Was wir »seelische Komponente« am Sexuellen zu nennen pflegen — aus deren mangelhafter Verknüpftheit mit dem Geschlechtstrieb Freud in der erwähnten Arbeit das Sinken des sexuellen Objektwertes erklärt — ist (mögen wir sie Psychosexualität, Zärt­lichkeitszuschuß, Kontrektationsbedürfnis oder sonstwie be­nam­­sen), nur ein anderes Wort für solche Abkehr vom Nur-Aggressiven zugunsten eines zu­gleich aufnehmenden, raumgebenden Verhaltens. Freud sieht ja auch den Ursprung allen Sympathieausdrucks in der Objekt­hingegebenheit des Neugebornen — was so zu verstehen ist, daß es im Objekt in dem Sinn aufgeht, als es sich eben als Subjekt noch gar nichts angeht, weil Selbsterhaltungs- und Hingebungsverlangen sich noch gar nicht von­einander unter­scheiden können. Wenn dann jedoch, nach der zweiten Freudschen Phase, nach der splendid isolation des Autoerotismus (wo wiederum, nur anders herum, aktiv und passiv in eins fallen), das Objekt nicht erst gefunden, sondern, als übertragen aus jener Urzeit des Kinderdaseins, »wiedergefunden« (Freud) wird, so haftet daran bereits jene diffuse Süße damaliger Hinge­gebenheit nun­mehr durchaus als ein Ein­schlag von Passivi­tät. Denn nun macht sie sich gegensätzlich fühlbar gegenüber dem sta­cheln­den Bewußtsein des Eigenen — des sein Objekt ganz frech in der Methode des Selbst­erhaltungstriebes behandeln wol­len­den Sub­jekts. Und wenn im Verlauf des sexuellen Reife­stadiums dieser Stachel des Nur-Aggressiven sich manchmal so einseitig ver­schärft, daß die Sexualität nur unter seinem Vorstoß noch in ihrer Besonderheit empfunden wird, so mag ihr freilich selber unerklärlich werden das, was doch immer noch ihr Glück und Leid wunderlich abhebt von dem der Selbsterhaltungsfreuden — oder Enttäuschungen. Aber dies be­deutet dann nicht so sehr: die Unterlassung von wer weiß wie feinsten Sublimierungen, die ihr fremd aufzupfropfen gewesen wären — im Kultur­versuch exotische Blüten am landesüblichen Stamm hervorzutreiben — es bedeutet weit eher: daß ihre Grundwurzel unterläßt, die für ihr natürliches Vollgedeihen genügende Säfte­mischung in alle Zweige emporzusenden. Viel­leicht ist es schließlich auch die wahre Ursache des post coitum omne animal triste — das deshalb nicht für alle Menschen gilt, und dem die Erfahrung entgegensteht einer Nachwirkung nicht nur der Freude, sondern eines höchst ungerechtfertigten Gefühls: gleichsam die beste aller Taten vollbracht, der Welt Vollkommenheit zurückgeschenkt, sozusagen das Gewissen ein für alle­mal entlastet zu haben — im vitalen Ineinanderstürzen des ewig-dop­pelten Außer-uns mit uns selbst.

Freud hat das Inzestverbot dafür ver­antwortlich gemacht, daß nach Abschluß der Kindheit das »Zärtliche« und das »Sinnliche« so häufig ihre alte Einheit aufgeben und glücklos, ja krankmachend, in Seelenrespekt und Sinnenroheit verfallen. Allein sei das Inzestverbot auch der schwarze Mann, der sie aus ihrem Kindheitsidyll aufschreckt: er griffe mit diesem scheinbar von außen her begründeten Eingriff doch nur der Tatsache vor, daß ein Mensch auf dem Menschenwege, also auf dem einer stets weitergehenden Selbstentwicklung, am Persönlichen nicht mit ganzer Konzentration haften bleiben kann. Ein genügendes Zusammenhalten der inneren Antriebe könnte nicht umhin, seine Ziele zurückzustecken, die, im Sachlichen wie Persönlichen, eben durch ihre treibende Kraft, auf Erledigung, auf Vorwärtsgehen, auf be­wußte Bewältigung des noch nicht menschlich Bewältigten eingestellt sind. Im weiblichen Prinzip ist ja nur durch eben diesen Verzicht, durch eben dieses letztliche In-sich-erhalten der Triebeinheit, die Möglichkeit gegeben, dem enteilenden Schritt des Menschen trotzdem immer wieder Boden unter die Füße zu schieben. Nur im Weiblichen heißt daher solche Triebumkehrung in sich nicht »Pervertierung«, sondern ihrem Verweilen, Zusammenfassen, bleibt das Ziel selber mit­gegeben. So gibt es, streng genommen, inner­halb ihres Prinzips keine bloße »Vorlust« (im Freudschen Sinn), nichts Vor­läufiges im Verlauf des Erotischen : Das Weibliche ist zu definieren als das, was mit dem kleinen Finger allein die ganze Hand bereits hat; nicht etwa im Sinne asketischer Begnügsamkeit — im Gegenteil, weil bereits das Ge­ringste Raum gewährt der Zärtlichkeit, sich ganz darin zu erleben, noch mit dem Geringsten schon das Ganze des Liebesbereiches zu umspannen (unge­fähr wie Dido es mit der Kuhhaut und Karthago machte).

Man könnte glauben, daß eher der Charakter der »Endlust« an dieser weiblichen Geschlos­senheit etwas gefährde, sowohl durch den rein körper­haften Ausdruck, auf den der letzte sexuelle Vollzug gestellt ist, als durch die nachdrückliche Passivität, die das Weib darin an ein bestimmtes Ver­halten bindet. Indessen das lebendige Ineinanderspiel ihres Ich- und Liebes­lebens bekundet sich vielleicht nirgends entschiedener als gerade dann: nämlich kraft der weiblichen Tendenz dort, wo man sich hingibt, auch immer die Norm, das Ideal aufzurichten, woran das eigene Selbst sich orientieren kann. Nimmt es sich auch im Durchschnitt leicht wie urteils­getrübte bloße Verliebtheit, ja läppisch sogar, aus und verbirgt sich daran die wahre Bedeutsamkeit der Sache, so steckt dahinter doch nicht mehr noch weniger als folgende Leistung: den geistigen Sinn des Erlebten dort am geistigsten zu fassen, wo er am körperhaftesten zuge­deckt, am psychisch un­deutbarsten bleibt, und so der eigenen Grundeinheit am gewissesten zu werden dort, wo sie am abgründigsten schwankt. Mit anderen Worten: hier gelingt dem (ja an sich schon paradox gerichteten) Weiblichen sein zweites und tiefstes Paradoxon: das Vitalste als das Sublimierteste zu er­leben. Dieses Vergeistigen und Idealisieren in seiner Unwillkürlichkeit läßt sich veranlaßt denken dadurch, daß, dem weiblich-einheitlichen Wesen nach, in den Übertragungen der Liebe lebenslang deren ursprünglicher Ausdruck fühlbarer gegenwärtig bleibt als dem Mann — jene uranfängliche Ver­schmelzung mit dem Ganzen, darin wir ruhten, ehe wir selber uns gegeben waren und die Welt in Einzelgestaltungen vor uns aufging. Man weiß, wie viel davon im Erotischen überhaupt wiederkehrt: wie alles was irgend an uns rührt, wesensverbunden erscheint mit der geliebten Person, als dehne sie sich aus in alles und kondensiere alles sich in ihr. Von dorther ideali­siert sich das Personale zu fast sym­bolisch überragendem Sinn und, indem solche Rückbeziehung dem Weibe näher­liegend bleibt, wird sie ihr zum Erlebnis: der einzelne Mensch, in all seiner Tatsächlichkeit wird ihr nach jener Richtung hin gleichsam durch­scheinend, ein menschlich kontouriertes Trans­parent, durch das die Fülle des Ganzen un­ge­brochen und unvergessen schimmert. Erwähnt deshalb Freud (»Beitr. z. Psych, d. Liebeslebens«, II), daß, wenn es sich um schwer oder nicht erreichbare Objekte der Sehnsucht handle, die Frau: »etwas der Sexualüberschätzung beim Manne ähnliches in der Regel nicht zustande bringt«, so hängt das eben hiemit zusammen, daß ihre Schätzung und Überschätzung dem Erreichten, nicht nur dem Begehrten, gilt und gelten muß — dem, daran ihre Hingabe sie vor sich selbst ver­nichtet, wenn sie sie nicht vor sich selbst erhebt.5 Dieses ist die verborgene Härte an aller spezifisch weiblichen Liebe (oftmals alle Manneshärte reichlich aufwiegend) — ihr zugleich Blindestes und Hellseherischestes, daß sie in ihm erkennt, was sie mit ihm gewissermaßen über die Person hinaus eint; es ist durchaus ihr kostbarstes Stück (nicht blumenzart sondern edelsteinhart) so wie seine kostbarste Gabe an sie das, aus dem Geschlecht aufgearbeitete, Stück an Zartsinn und Herzlichkeit ist.

Gerade wegen dieser doppelten Rolle jedoch, die der Mann für das Weib vertritt, damit sie selber um so einheitlicher bleiben kann — gerade wegen der daran haftenden inneren Unterscheidung von — ich möchte sagen: Person und Vertreterschaft — muß hier eine kleine Einschaltung angebracht werden. Denn wenn von hier aus betrachtet alle jene weiblichen Abnegationstugenden, von denen ganz eingangs die Rede war, gar nicht mehr tragisch aussehen, sondern eine richtige Glücksmiene aufsetzen, so daß das Weibliche als der geborne Ausbund alles Treuen, Ideal­gerichteten und Hin­gegebenen von der Natur Gnaden erscheint, so darf man das doch nicht zu absolut nehmen. Ganz läßt es sich nämlich nicht von der Hand weisen, ob nicht gerade auch die Fülle, womit weiblichem Erleben alles Herrliche über dem Fest der Liebe ausgeschüttet ist, zum Anlaß werden könnte eines um so akuteren Ablaufs — so daß bisweilen nur um so weniger daraus sich für vernünftige Dauergestaltung retten läßt, je restloser alles hinein­gegeben war. Und umgekehrt bleibt auch auf der anderen Seite jedesmal zu fragen, wie viel mitunter selbst von den prächtigsten Zutaten an Ethik­ oder Ehegesinnung eben schon bloße Zutaten zum weiblichen Liebeserleben gewesen sind — hinzugetan aus falscher Scham bereits, aus einem Gut­machenwollen, aus Verlangen nach Sanktion. Denn man darf nicht ver­gessen, daß sich auf diesem Punkt für das Weib alles zusammenfindet, was es kann und was es nicht kann, seine natürliche Größe sowohl wie seine ihm angewachsene Kleinheit. Ist es doch der einzige naturgegebene und dadurch mögliche Kulturpunkt für sie, daß sie vermag, im Sexuellen nicht ein Rohgegebenes, in sich Isoliertes, vollzogen zu sehen, sondern gleich­sam in ihrer Sinnlichkeit zugleich ihre Heiligkeit zu ergreifen, zu begreifen: sei es nun, indem sie sie in bereits sanktionierten Bestand schutzheischend hinein­stellt, sei es, daß sie aus innerster Weibheit heraus sie reiner und freier anblicken kann als der Mann, dessen aufarbeitende Kraft sich an anderen Kulturzwecken erschöpfen muß. Von sich aus tut das Weib ja nur eine Kulturtat und auch diese passiert ihr mehr dem Weibwesen nach, als daß es eine Handlung wäre: das Kind (weshalb die Kinderlose ohne Frage als das sozial mindere Material anzusehen ist). Dennoch kann es eine Hand­lung werden: trägt und gebärt sie das Kind noch als einen Teil ihrer selbst, hat sie so lange als möglich an ihm noch die zärtliche Selbstidenti­fikation, worin feinste Sexual- und Seelenfreude gewisser­­maßen lächelnd in­einander­fließen — so entstammt diesem warmen Egoismus doch schließlich ihre erste eigentliche Soziali­sierung, es entstammt ihm der Bezug zum Kinde als zum zweiten Menschen, zum anderen, zu einer Welt außerhalb ihrer, die sie aus ihrem Tiefsten hergab — nicht nur »teilend« von dem Ihren, sondern sich selber mitteilend und zurücktretend. Das höchste Frauenbild ist insofern nicht schon die »Mutter mit dem Kinde«, sondern — falls man in christlichen Madonnenbildern reden will — die Mutter am Kreuze : die, welche opfert, was sie gebar: die, welche den Sohn an sein Werk dahin- gibt, an die Welt und an den Tod.

Selbstverständlich läßt sich nicht gut die Kulturaufgabe des Mannes mit dem Kreuz vergleichen, das er trägt oder woran er gar hängt. Aber sicherlich mit demjenigen, was ihn am prinzipiellsten ins menschlich Geistige hinauf­rückt unter Einbuße des menschlich Erotischen. Und eine rein männliche Auf­fassung der Dinge sieht mit dem Fort­schreiten der Kultur nicht selten die Sinnlichkeit als solche tatsächlich bereits gekreuzigt, also in, wenn auch: »weitester Ferne die Gefahr des Erlöschens des Menschengeschlechts«.5 Wohl bleibt auch dem Mann ein Traum vom Zusammengehören des Geistes und der Sinne — bleibt ihm wie eine ferne Erinnerung daran, daß ja auch die breitesten abendlichen Wolkenschatten wesen­seins seien mit dem Tau, der bei Sonnenaufgang blitzend sich über den Boden breitet. Und wohl ver­wirklicht sich auch, von Zeit zu Zeit, immer wieder etwas von solchem Traum in ihnen selber, diesen Vorgerücktesten des Geistes, den Schaffenden: zwingt sie, Halt machend unterwegs, ein Werk aufzustellen wie einen ernsten, freudigen Zeugen solcher Wiedervereinigung für alle, die daran vorüber vorwärts gehen. Doch wiederum ist es in ihnen nur deshalb Wirk­lichkeit geworden, weil ihrem männlichen Können weibliches eingeboren und in ihnen jene Doppelnatur schöpferisch geworden ist, die in Werken schafft, was das Weib von seinem Wesen aus ist. In seinem schöpfe­rischen Tun bezeugt der Mann, wie sehr auch ihm aller letzte Kultursinn liegt in der Wieder­erfassung jener Einheit — wie sehr er um deswillen die Welt noch einmal erschafft, aus sich heraus auf allen Gebieten als die seine, um mit Händen zu greifen, mit Augen zu sehen, daß das »Andere«, das Draußen, von gleichen Pulsen des Lebens durchpulst sei und eins mit ihm. Er bezeugt es sich, ob auch in jeglichem einzelnen seines Tuns oder Lassens der Dualismus sein Teil bleibe, weil sich stets neu erschließend in jedem neuen Ding, das zu neuem und weiterem Unterwegs werden muß und so das Ziel ihm nirgends garantiert ist in den Dingen, sondern nur in gleichsam überpersönlichen Werten und Bildern.

Damit ist dem Weiblichen ein Kulturwert von sich aus und unabhängig gegeben, daß es analog (nicht identisch mit =) dem Sinn des Geistes­schöpferischen wirken kann. Wie verschieden auch die Äußerungsweisen der beiden Geschlechter — darin finden sie sich zusammen: an denselben Geist, zu dem das Weib mit dem Manne und vermittelst seiner aufblickt, ist sie zugleich angeschlossen von tief her, von ihrer Wesensbasis her, als von einer die Gegensätze unmittelbar in sich noch vereinheitlichenden. Stumme Ver­wirklichung davon fast schon enthaltend in ihrem Leibesleben und im geist­leiblichen Aufruhr des Erotischen das ewig Unzulängliche wandelnd zu ewigem Ereignis: weshalb Umarmung, Ver­mählung ihr das Bild bleibt für das gleiche, worauf der Mann, geistleistend, voraus­schrei­tend und -schauend zugeht. So hat sie gerade darin, gerade in ihrem Anschluß an das Seine, Weithintreibende, am allerwenigsten über ihren Wesensumkreis hinauszu­blicken oder gar, ihn sprengend, ihn zu verlassen — son­dern am meisten in ihrem geistigsten Erleben, in der weitgehendsten Kulturum­greifung noch, würde sie doch in sich bleiben: Kreis um Kreis um sich selber ziehend — nach jeweiligem Maßstab ihrer innersten Dimensionen. Zu diesem weib­lichen Narziß will die Kultur-Zukunfts­prognose zunehmen­der Glücksver­dunklung — immer schräger und blasser fallender Strahlen alter Sonnen­herr­lichkeit, immer breiterer Abend­schatten über der sich vergeistigenden Welt — nicht mehr stimmen. Nur ein Sinnbild stimmt da noch: Das Bild der Pflanze im hohen Licht der Mittag­stunde, da sie ihren Schatten ganz senkrecht wirft, da sie, darin geborgen, auf ihn niederblickt als auf den zarteren Abglanz ihres eigenen Seins — sich selbst in ihm beschat­tend: auf daß der große Brand sie nicht verbrenne vor ihrer Zeit.

 

 

 


1 »Vom frühen Gottesdienst.« Imago II, 1913,

S. 457-467. »Zum Typus Weib.« Imago III, 1914, S. 1—14.

»Anal und Sexual.« Imago IV, 1915—16, S. 249—273. »Psychosexualität.« Zeitschr. f. Sexualwiss. IV, 1917, S. 1—12, 49—57.

»Narzißmus als Doppelrichtung.« Imago VIII, 1922, S. 361—386. »Zum 6. Mai 1926.« Almanach der Psychoanalyse 1927, S. 9—14. »Was daraus folgt, daß es nicht die Frau gewesen ist, die den Vater totgeschlagen hat.« Almanach der Psychoanalyse 1928, S. 25—30.

Man vgl. auch folgende Referate von psychoanalytischer Seite über Veröffent­lichungen Andreas-Salomes:

Hermine Hug-Hellmuth über »Im Zwischenland« (in »Imago« III, 1914, S. 85—90) und über »Drei Briefe an einen Knaben« (im »Bericht über die Fortschritte der Psycho­analyse« 1914—19, S. 252 f) und

Hanns Sachs über »Des Dichters Erleben« (im »Bericht über die Fortschritte der Psychoanalyse« 1914—19, S. 236).

 

2 »Vom frühen Gottesdienst«, Imago II (1913) S. 457 ff.

 

3 Der Satz gründet sich auf den früheren: »wüßte man den Begriffen .männlich und weiblich' einen bestimmteren Inhalt zu geben, so ließe sich die Behauptung vertre­ten, die Libido sei regelmäßig und gesetzmäßig männlicher Na­tur, ob sie nun beim Mann oder beim Weib vorkomme, und abge­sehen von ihrem Objekt, mag dies der Mann oder dasWeib sein.« Hier steht »männlich« für die Aggressivität des Triebhaften als solchen, für seine un­mittelbare Triebtendenz, und soll im folgenden im gleichen Sinn verstanden werden.

 

4 Daher bleibt die Bedeutsamkeit der Hingabe eine so verschiedene für Mann und Weib, daß sie mit vollem Recht an beiden verschieden beurteilt wird. Und daher bildet einen wesentlichen Grund für weibliche Frigidität das Auseinandergleiten von Mann und Mann-Imago.

 

5  Freud, »Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens«, II.

 


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