London, 5. Juli 1899.
Es ist ein tückischer Zufall des Schicksals -- oder ist es vielleicht gar nur eine Ironie? -- daß kaum 24 Stunden nach dem Abschluß des großen zu London tagenden internationalen Frauencongresses das englische Oberhaus endgiltig mit großer Majorität die von einem Theil des Unterhauses eingebrachte Bill, im neuen County-Council den Frauen das Amt sowohl eines Councillors wie eines Aldermen einzuräumen, definitiv ablehnte. Ein tückischer Zufall in der That, aber keineswegs für die Frauen, insoferne es sich nicht lediglich um den Verlust zum Theil bereits erlangter Rechte handelt. »Wenn wir die Bill passiren lassen, kann uns in allernächster Zeit das Unglück drohen, Frauen nicht nur als Rathgeber und Aldermen, sondern sogar als Speaker auf dem Präsidentenstuhl thronen zu sehen,« meinte der radicale Abgeordnete Mr. Sabouchère, der bekanntlich keine Gelegenheit unbenutzt vorstreichen läßt, seiner Galle über die von den verhaßten Evastöchtern bereits errungenen Erfolge Luft zu machen. Nun, wir waren in der historischen Woche vom 26. Juni bis 4. Juli zu wiederholtenmalen in der glücklichen Lage, Frauen, und zwar nur Frauen, in der von Mr. Sabouchère so laut nur für das starke Geschlecht reclamirten. Würde des Vorsitzenden und Sprecher zu sehen, und wir können nur sagen, daß sie sich unserer unmaßgeblichen Meinung nach diesem schwierigen Amte zum mindesten so gewachsen zeigten, wie so manche unter ihren männlichen Collegen. In unseren Augen gipfelt der Erfolg des Congresses weniger in den praktischen Früchten, die er zum Theil schon getragen hat und zum Theil gewiß noch tragen wird, wie hauptsächlich in dem großartigen demonstrativen Charakter, der ihm anhaftete, und der glänzenden Art und Weise, in der seine Arrangeurinnen ihre administrativen Fähigkeiten bethätigen könnten und auch thatsächlich bethätigten.
Zu den beliebtesten Argumenten der Gegner des Eintrittes der Frauen in das öffentliche Leben zählt, daß diese kleinlich, neidisch, daher unfähig sind, ihr persönliches Interesse in den Hintergrund zu stellen, wenn es das Wohl der Gesammtheit gilt, und daß ihnen, gewohnt, wie sie es naturgemäß sind, Alles aus einem begrenzten Gesichtswinkel zu betrachten, der allumfassende Blick abgeht, dessen man bedarf, ein Ganzes zu schaffen. Die, Frauen sind gute Detailarbeiterinnen, stellt sie mit gegebener Marschroute an einen bestimmten Punkt hin, und Alles wird nach Wunsch gehen. Aber wehe, wenn ihr sie auf eigene Faust und Verantwortung handeln laßt!! Von einem Boden für diesen dreifachen Weheruf der um die Ordnung dieser Welt so sehr bangenden Herren der Schöpfung war auf dem Frauencongreß auch nicht eine Spur zu entdecken. Aus aller Herren Länder hatten sich Frauen neidlos und ohne Vorbehält die Hände gereicht, Stamm, Sitte, Glauben und politisches Bekenntniß bei Seite schiebend, in dem Bestreben, ihren Antheil an der Lösung der großen Civilisationsfrage, fälschlich benannt die Frauenfrage, beizutragen, ein wirklich allumfassender Blick hatte über die Eintheilung des Ganzen und die Eintheilung dieses Ganzen wieder in einzelne Unterabtheilungen gewacht, um den gar mancher Lenker eines Staatsschiffes den weiblichen Steuermann neiden könnte. Wie ein Mühlwerk flink greifen die Räder ineinander auf Wort und Wink. Kein Mißton störte den Eindruck des Ganzen, ein Jeder that still, wenn auch nicht schweigend, seine Pflicht, und das Resultat war dieser Selbstentäußerung auch entsprechend.
Ein anderes Merkmal dieses Congresses, durch welchen er sich vortheilhaft von ähnlichen früheren weiblichen Veranstaltungen unterschied und der einen wesentlichen Fortschritt bedeutet, war das starke Hervortreten des altruistischen Merkmales. Keine »Vertheidiger der Rechte der Frau«, keine kampfbereiten Amazonen mit Feuer und Schwert hatten ihn veranstaltet, sondern Humanitätsapostel, beseelt von der reinsten und edelsten Liebe zu Allem, was Menschenantlitz trägt, das erkannten neidlos sogar die conservativsten unter den Antifeministen an. Jede Achillesferse, durch die die Lanze in den Harnisch dringen konnte, war sorgfältig vermieden worden. Man wußte, daß man unter einem Glassturze stand, dem keineswegs durchaus wohlwollenden Kreuzfeuer der Blicke der ganzen civilisirten Welt ausgesetzt. Wie durch stillschweigendes Übereinkommen enthielt man sich jeder Recrimination, jedes Wortes das auch nur als eine Umschreibung einer Anklage gegen die herrschende Geschlechtspartei hätte ausgelegt werden können. Die civilrechtliche Stellung der Frau in den verschiedenen Ländern wurde vom Humanitätsstandpunkte beleuchtet, nicht vom einseitigen des unterdrückten Weibes, Erziehung, Unterricht, Arbeitslöhne vom rein sachlichen, respective nationalökonomischen, und beeilen wir uns, es gleich hinzuzufügen: wahrlich nicht zu Ungunsten des Ganzen. Nach der nüchternen und trockenen Skizze, ohne jeglichen begleitenden Commentar, die Mademoiselle Popelin, die vielgenannte belgische Advocatin, von der civilrechtlichen Stellung der Frau in den Ländern, deren oberstes Gesetz der »Code Napoleon« ist, entwarf, herrschte in dem ganzen großen Saal ein langes, minutenlanges Schweigen, obwohl die Rednerin wahrscheinlich absichtlich jede abgebrauchte Phrase aus ihrem Speech sorgfältig ausgemerzt und sich auf eine rein objective Darstellung der Thatsachen beschränkt hatte. Man schämte sich -- zu ihrer Ehre sei es gesagt, auch die anwesenden Männer -- daß solche Dinge am Ausgang des XIX. Jahrhunderts noch möglich seien, und athmete erleichtert auf, als Fräulein Dr. Anita-Augsburg mit volltönender Stimme von den Erfolgen der deutschen Frauen in der Vormundschaftsfrage berichtete. »Wir haben wenigstens in diesem einen Punkte Alles erreicht, was wir erstrebten, aber es war ein harter Kampf!« »Langsam kommt das Licht, sehr langsam, aber es siegt schließlich doch,« sagte sich Jeder, nach dem eben geschauten düsteren Bild doch wieder von neuen Hoffnungen die Brust geschwellt.
Genau dasselbe, wie das soeben von der Abtheilung »Öffentliches Recht« angeführte, entspricht auch der Section »Frauenberufe«. Auch hier nur Daten, aber stellenweise welche Daten! Selbstredend gebührt auch hier wieder den romanischen Ländern der traurige Ruhm, die Bannerträger der Reaction zu sein. Die von Madame Belikon angeführten Statistiken über weibliche Arbeitsentlohnung in Frankreich -- was Mlle. Du Caju über Belgien erzählte, klang auch nicht viel freundlicher -- bedeuten nicht einen Faustschlag, sondern geradezu einen Fußtritt jeder Civilisation ins Gesicht. Der Maximallohn der Frau erreicht fast niemals auch nur den Minimallohn des Mannes, versteht sich für gleiche Arbeitsleistung und Arbeitsdauer, in dem Lande der proclamirten Menschenrechte, und was das Schönste an der ganzen Sache ist, die Regierung selbst ist es, die hier mit schlechtem Beispiele vorangeht. Das ganze staatliche französische Administrationswesen beschäftigt in seinen Bureaus Frauen, aber wo es seinen Söhnen 150 Francs bewilligt, glaubt es noch einen Act der besonderen Großmuth zu begehen, wenn es seinen unglücklichen Töchtern 60, sage 60 Francs als Almosen vor die Füße wirft. »Beinahe alle Pforten stehen der Frau in Frankreich offen, wenn es sich darum handelt, sich für einen Beruf auszubilden oder ihn thatsächlich zu ergreifen, aber hat sie einmal ihr Ziel erreicht und ist sie nicht eine gottbegnadete Künstlerin oder Schriftstellerin, so kann sie verhungern, wenn sie es nicht vorzieht, sich, wenn es ihre physischen Mittel gestatten, der haute Galanterie zuzuwenden.« Jede Randglosse zu solchen Daten wäre in der That eine Zeitverschwendung gewesen. Wie ganz anders klingen hingegen die Berichte aus nordischen Ländern! Daß die englischen Colonien und die Vereinigten Staaten längst, wenn auch noch nicht überall dem Buchstaben, so doch dem Geiste nach die Gleichberechtigung der Frau anerkennen, ist selbst uns in Österreich nichts Neues. Wir haben auch schon vernommen, welche große Strecke des Weges nach vorwärts unsere Schwestern in den skandinavischen Ländern und England bereits zurückgelegt haben, aber es thut doch dem Herzen wohl, wenn man überdies erfährt, daß es in Kopenhagen mehr denn ein Haus gibt, das vom Keller bis zum Dach von weiblicher Hände Fleiß erbaut und bis in das kleinste Detail von ihnen eingerichtet wurde, die, man höre und staune, nicht um einen Pfennig weniger an dieser Arbeit verdienen, denn ihre männlichen Berufsgenossen, die ihnen auch noch ungemeines Wohlwollen und Entgegenkommen bezeugen, weil sie die Preise nicht herabdrücken; daß das Land des politischen Absolutismus seinen staatlich angestellten Ärztinnen durch ein Decret des Selbstherrschers aller Reussen vollkommene Gleichberechtigung auch als Staatsbürger mit ihren Gatten und Söhnen verleiht; ebenso wenn uns Mlle. Drucker, aus Holland, mittheilt, ihre Landsmänninnen hätten keineswegs mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen, sich ihr Brot anständig und geachtet zu verdienen, die männlichen Bewohner des Reiches der Oranier. Wie in Schweden herrsche auch noch in Holland unter den Frauen selbst ein gewisses Vorurtheil gegen die erwerbende Frau, aber auch dieses sei in stetigem Sinken begriffen und es werde nicht mehr lange dauern, bis auch die Holländerin in gutem Sinne des Wortes eine vollständig Emancipirte geworden sei. Die ersten Schritte hierzu seien jedenfalls schon geschehen.
Gelangen wir nun zum Conclusum. In die einzelnen Details der ganzen kolossalen geleisteten Arbeit einzugehen, ragt weit über den Rahmen eines Aufsatzes hinaus und übersteigt vielleicht überhaupt die Leistungskraft des Einzelnen. Was der Congress thatsächlich gewesen ist, wird man erst genau ermessen können, wenn alle in den verschiedenen Abtheilungen von verschiedenen Rednerinnen gleichzeitig gehaltenen Reden, das von ihnen gesammelte Material übersichtlich zusammengestellt und gedruckt sein wird, ebenso wie erst die Zukunft lehren wird, welche dauernde Erfolge er für die Frauensache errungen hat. Auf Prophezeiungen, ob die Bemühungen des Womens Council, ein internationales Informationsbureau für Frauenarbeit ins Leben zu rufen, ersprießlich sein weiden, kann man sich heute billigerweise nicht einlassen, man kann es nur aufrichtig wünschen und ein Jeder individuell zu fördern trachten. Eines jedoch, glauben wir, ist über jeden Zweifel erhaben und wird daher auch einen dauernden Erfolg überhaupt bedeuten. Nicht nur die Männer haben durch den Congress erfahren, was die Frauen im selben Zweig des menschlichen Könnens, sei es nun Wissenschaft, Kunst, Handel, Industrie oder was immer, dem sie sich zugewendet, geleistet haben und noch leisten können, was viel wichtiger ist, die Frauen selbst haben es erfahren. Die erste Bedingung des Erfolges auf jedem Gebiet ist Selbstvertrauen. Gestehen wir es uns nur offen ein, Keine unter uns ist gerne Pionnier. Wir, die jüngere Generation von Frauen, die wir heute die Arena betreten, wir finden, wenn auch noch nicht vollständig die Wege geebnet, so doch sie schon von den ärgsten Dornen befreit. Selbst der ärgste Pessimist muß sich heute darüber im Klaren sein, daß die endgiltige zufriedenstellende Lösung des Frauenproblems auf der ganzen Erde nur mehr eine Zeitfrage ist, ein Evolutionsproceß, ganz unabhängig vom einzelnen Individuum. »Die Frauenbewegung lenkt in die Bahnen ruhiger, zielbewußter Arbeit für das Wohl der Gesammtheit ein«, bemerkt ganz richtig in einem dem Congreß gewidmeten längeren Artikel ein hervorragendes englisches Journal. Der Frauencongreß bedeutet einen Wendepunkt in der Geschichte der Frauenfrage. Die Periode des Achselzuckens liegt hinter uns für immer. Die Frauenfrage ist zu einem Factor geworden, mit dem nicht nur der Einzelne, sondern heute jedes Gesammtwesen rechnen muß. Wenn heute auf ein gegebenes Zeichen Frauen von Nord und Süd, West und Ost, gleichviel mit welchen persönlichen Schwierigkeiten und Opfern für sie verbunden, an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkte zusammentreffen, um ihre Einigkeit als Geschlecht zu proclamiren, so ist dies der schlagendste Beweis dafür, daß ihre Stimmen, gleichviel, welche Pression auf sie ausgeübt würde, nimmermehr zum Schweigen gebracht werden können. »Viribus unitis«, unter diesem Zeichen werden wir siegen!