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4. Januar 2009

Isabella Kaiser – Gehorsam     Zur Biographie

aus: Der Gral, Monatsschrift für schöne Literatur, 2. Jahrgang, 15. Januar 1908, 4. Heft, S. 149 f.


20090104_Johann_Heinrich_Füssli_Suende

Seit du mich hast verlassen
Trieb Krankheit mich dahin
Und kann ich es nicht fassen
Daß ich noch lebend bin.


Ich bin auf dunklem Pfade
Dir bebend nachgeeilt
Und hab' am Traumgestade
Der Toten schon geweilt.


Als ich am heil'gen Orte
Dir gab das Weggeleit,
Da schlossest du die Pforte
Und sprachst: »Es ist nicht Zeit.


Verlaß nicht deine Herde,
Ich bin an siebzig Jahr'
Gewandert auf der Erde,
Kopf hoch und Stirne klar.


Du bist, o Kind, zu eitel
Auf einen frühen Tod,
Dieweil so schwarz dein Scheitel,
Und hell dein Auge loht.


Du trägst kein Kind im Arme,
Kein Wundmal im Gesicht.
Zu speisen gibt's noch Arme,
Zu zünden manches Licht.


Klopf an, wenn's Nacht will werden,
Dann öffn' ich dir geschwind ...«
– So blieb ich noch auf Erden
Als dein gehorsam Kind.





20090104_Isabella Kaiser - Gehorsam

20090104_Isabella Kaiser - Gehorsam