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Frieda Zieschank : Ein Jahrzehnt in Samoa (1906 - 1916)

E. Haberland Verlag, Leipzig, 1918


Allgemeines.

Wenn man einen Globus an der Stelle, wo unser Heimatland liegt, in gerader Richtung durchstechen würde, so käme man auf seiner andern Seite ungefähr da heraus, wo im gewaltigen Stillen Ozean unsere fernste Kolonie ihr Märchendasein träumt!

Um sie zu erreichen, kann man also ebenso gut der Sonne entgegen, nach Osten, wie westwärts mit der Sonne um die halbe Erdkugel fahren.

Die Wegstrecke bleibt in der Luftlinie die gleiche, doch die Möglichkeit eines ziemlich geraden Weges ist nur westwärts gegeben: über den Atlantik, quer durch die Vereinigten Staaten von Nordamerika und den größten Teil des Pazifik.

Der östliche Weg beschreibt große Bogen durch das Mittelmeer, den Suezkanal, das Rote Meer, den Indischen Ozean und südlich um Australien herum.

Der samoanische Archipel liegt zwischen dem 13. und 15. Grad südlicher Breite und besteht aus den Inseln Savai, Upolu, Tutuila und noch einer Anzahl kleinerer Eilande.

Nur kurz soll hier die geschichtliche Vergangenheit der Inselgruppe berührt werden.

Trotzdem seit den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts amerikanische und englische Missionen sich auf Samoa niedergelassen hatten und emsig ausbreiteten, hat eine wirkliche segensreiche Kulturarbeit erst eingesetzt, als Ende der fünfziger Jahre großzügigster Unternehmungsgeist des deutschen Handelshauses J. C. Godeffroy in Hamburg dort Stationen errichtete und eigene Schiffe regelmäßig laufen ließ. Samoa wurde der Mittelpunkt der gewaltigen Machtentfaltung dieses Hauses in der Südsee, denn von hier aus umspannte bald sein Handelsnetz auch fast alle übrigen Archipele.

Dies Aufblühen deutschen Handels aber weckte bald den Neid und die Habgier der Engländer und Amerikaner, die beide, wenn es sich um Geschäfte und geldliche Vorteile handelt, Rücksichten nicht kennen. Bald tauchten deren Agenten auf und versuchten, den deutschen Einfluß bei den Eingeborenen zu untergraben. England war dabei auch noch speziell durch Neuseeländer vertreten, die ihre Augen verlangend auf die fruchtbaren Inseln richteten. Eine Stütze fanden bei ihrem Bestreben die Briten sowohl wie die Amerikaner in ihren Missionen.

Eine Epoche schlimmster Intrigen und heilloser Wirren folgte nun! Die ewigen Parteistreitigkeiten der Eingeborenen unter sich wurden in raffiniertester Weise zur Stimmungsmache gegen die Deutschen ausgebeutet.

Die von Fürst Bismarck 1879/80 zur Verhandlung gebrachte Samoavorlage zur Unterstützung des dortigen gefährdeten Deutschtums wurde vom Reichstag in unseliger Verblendung abgelehnt. Die Folge davon waren schwere Opfer an kostbarem deutschem Gut und Blut, die im Laufe des nächsten Jahrzehnts bezahlt werden mußten.

Am 14. Juni 1889 kam auf der »Berliner Konferenz« ein friedliches Abkommen zwischen den drei rivalisierenden Mächten zustande, in dem Samoa als neutrales Gebiet erklärt und den Angehörigen aller drei Staaten die gleichen Rechte eingeräumt wurden.

Aber dieses »friedliche Abkommen« erwies sich in der Folgezeit als nichts weniger denn friedenbringend, im Gegenteil als fürchterliche Mißgeburt, die nur den Keim zu neuen, noch schlimmem Zwistigkeiten in sich trug.

Endlich, genau um die Jahrhundertwende, kam es dann zu einer reinlichen Scheidung. Gegen verschiedene wertvolle Zugeständnisse deutscherseits an England (darunter leider auch Verzicht auf die deutschen Vorrechte in Tonga), wurde der größte und wirtschaftlich wertvollste Teil des so heiß umstrittenen Inselreichs Deutschland zugesprochen, während einige kleinere Eilande, darunter Tutuila mit Pago-Pago, dem besten Hafen Samoas, an Amerika fielen.

Nach dreiundvierzig Jahren tapfern unentwegten Ausharrens, nach härtesten Kämpfen und Sorgen dort im fernen Südmeer, sahen unsere Landsleute ihr Streben gekrönt: am 1. März 1900 wurde die deutsche Reichsflagge auf Mulinuu, dem alten samoanischen Königssitz gehißt!

Der uns zugefallene Teil des Archipels umfaßt die beiden größten Inseln Savai und Upolu und die beiden kleinem Manono und Apolima mit zusammen 2600 qkm. Wirtschaftlich in größerm Umfang der Kultur erschlossen ist bis jetzt nur Upolu, während Savai noch verhältnismäßig wenig besiedelt ist.

Die Inseln sind durchweg vulkanischen Ursprungs, die Höhenzüge Upolus und Savais zeigen das sehr anschaulich in zahlreichen Kraterkegeln und Kesseln. Auf Savai fand noch im August 1905 ein neuer vulkanischer Ausbruch statt und eine ganze Reihe von Jahren blieb dieser jüngste Krater in Tätigkeit, ungeheure Ströme glühender Lava nach dem Meere hinabsendend.

Lava und Basaltblöcke bilden überhaupt das Fundament des samoanischen Bodens, der aber fast überall mit einer unerschöpflich fruchtbaren Humusschicht bedeckt ist. Besonders im Küstengebiet und in weiten Talkesseln ist oft eine Schwemmschicht von mehreren Metern Tiefe zu finden. Das Land ist daher, trotz des felsigen Grundes bis hinauf über die steilsten Höhen der Gebirgskämme mit dichtem, üppigem Urwald bestanden.

Das Klima ist feucht tropisch. Die Temperatur zeigt das ganze Jahr hindurch, besonders an der Küste, nur geringe Schwankungen zwischen 23 und 27 Grad Celsius, in den Häusern hält sie sich jahraus, jahrein zwischen 23 und 25 Grad. Nur höher in den Bergen hinauf ist eine merkliche Abkühlung zu spüren, hauptsächlich nachts.

Diese Wärme wäre für den Europäer schwer zu ertragen, wenn nicht die Winde eine bedeutende Erfrischung brächten. Von April bis Oktober weht regelmäßig tagsüber, der kräftige Passat, und nachts bringt die Luftströmung aus den Bergen, »der Landwind«, erfrischende Kühlung.1)

Eine deutlich sichtbare Trennung der Jahreszeiten gibt es nicht, denn das Land trägt ein immergrünes Kleid, weshalb es ziemlich begreiflich ist, daß die Eingeborenen selten ihr Alter genau anzugeben wissen. (Sie rechnen gewöhnlich nach großen Ereignissen »vor« oder »nach dem letzten Kriege« und ähnlich.)

Von Oktober bis März währt der samoanische Sommer, die Regenzeit. Gewöhnlich setzt sie mit einer kürzern Regenperiode, der sogenannten »kleinen Regenzeit« ein, die meist bis Ende November dauert. Dann folgen oft durch den Dezember, bis in den Januar hinein, noch schöne, aber sehr heiße Wochen.

Gegen Mitte Januar aber tobt dann das Unwetter mit heftigsten Böen und unendlichen Wassermassen los. Aber auch in dieser schlimmsten Zeit ist es ziemlich selten, daß eine Reihe von Tagen ohne Aufhören Regenströme niederbrausen. Ein Atemholen leistet sich der Regengott selbst bei seinem tollsten Wüten.

Auch die »Trockenzeit«, April bis September, bringt Regengüsse, aber seltener, leichter und kürzer. Und das ist eben der Segen des samoanischen Klimas! Denn abgesehen davon, daß sonst die Bevölkerung schwer unter Wassermangel zu leiden hätte, sind gerade die ziemlich gleichmäßigen Niederschläge die Ursache der wundervollen Fruchtbarkeit des Landes. Mehrere Monate ganz ohne Regenfall kommen wohl vor, sind aber sehr selten.

Die Eingeborenen von Samoa gehören, wie die von Tonga, Rarotonga, Tahiti, Havai, Marquesas, Paumotu und die Maori in Neuseeland, der polynesischen Rasse an. Über den Ursprung dieser Polynesier spricht sich die Forschung dahin aus, daß sie von Asien und den indischen Inseln her gekommen sein müssen. Besonders wird diese Ansicht durch die Sprachforscher begründet, die viele malayische Anklänge in den polynesischen Idiomen entdeckt haben. Wann diese Zuwanderung in Ozeanien begonnen hat, dürfte kaum noch festzustellen sein, im allgemeinen nimmt man ungefähr die Zeit von Christi Geburt an.

Trotz ihrer insularen Lage haben die Samoaner zu den benachbarten Achipelen, besonders zu Tonga und Fidji anscheinend von jeher mannigfache Beziehungen unterhalten. In früheren Jahren müssen sie große Seefahrer gewesen sein und weite, zielbewußte Fahrten über den Ozean unternommen haben. Von Bougainville, der 1768 Samoa anlief (nach Rogeveen, der die Inseln 1722 zuerst entdeckte), wurde deshalb – vermutlich wegen dieser hochentwickelten Fähigkeit der Eingeborenen – dem Archipel der Name der »Schifferinseln« gegeben.

Bedeutende kriegerische Ereignisse müssen sich einst zwischen den Bewohnern der verschiedenen Inselgruppen abgespielt haben. So zeugen noch heute große Steinwälle (die sogenannten »Tonganerwälle«) und festungsartige Verteidigungsanlagen von den früheren Kämpfen und der langjährigen Unterjochung Samoas durch den großen Tongakönig Talaaifeii. In spätem Jahren haben nur noch die verschiedenen samoanischen Stämme unter sich Kriege geführt.

Aber trotz der einstigen Beziehungen zu den Nachbararchipelen kann man sagen, daß im großen und ganzen die samoanische Volksrasse ziemlich rein geblieben ist. Ebenso haben sich die Eingeborenen ihre Tradition und ursprüngliche Verfassung treu bewahrt, wenn auch durch das Christentum manche ihrer alten Sitten und Gebräuche geschwunden sind. Krämer schützt in seinem großen ethnographischen Werk »Die Samoainseln« die Staatsform der Samoaner in ihrer jetzigen Gestalt auf ein Alter von ungefähr 500 Jahren, trotzdem die Anfänge zu ihrer Bildung wohl viel weiter zurückliegen.

Reinecke schreibt Anfang dieses Jahrhunderts: »Schon nach 10 bis 20 Jahren wird man auf Deutsch-Samoa kaum noch echte Samoaner finden.« Erfreulicherweise hat sich diese Prophezeiung nicht erfüllt. Selbst einige bedeutende Angriffe in die äußere Form der samoanischen Verwaltung, zu denen unsere Regierung genötigt war, haben im wesentlichen nicht viel an der ehrwürdigen Verfassung der Samoaner geändert. Man kann getrost behaupten, daß kaum irgendwo ein Naturvolk so unberührt und unbeschädigt die Ausbreitung der Zivilisation neben sich ertrug, wie in Samoa. Selbst in der Nähe Apias, der Hauptstadt, leben die Eingeborenen, von einigen kleinen Äußerlichkeiten abgesehen, im allgemeinen heute noch fast in derselben Weise, wie vor 10 Jahren.

Auch unter Krankheiten, die sonst, von den Weißen eingeschleppt, furchtbar unter den Naturvölkern aufräumen, haben die Samoaner nicht gelitten. Ihr Gesundheitsstand hat sich in den letzten Jahrzehnten eher gebessert als verschlimmert, so daß, wenn auch keine Bevölkerungszunahme zu verzeichnen ist, doch auch keine Abnahme stattgefunden hat.

Dies ist ein Ergebnis, auf das wir mit Recht stolz sein dürfen, ganz besonders im Hinblick auf das Schicksal der den Samoanern eng verwandten andern polynesichen Stämme, der Maori und der Eingeborenen von Tahiti und Havai.

Die Gesundheitsverhältnisse sind die denkbar günstigsten. Die Malaria, die gefährlichste aller Tropenkrankheiten, gibt es nicht in Samoa, da die Überträgerin, die Anophelesmücke dort nicht heimisch ist.

Die verbreitetste Krankheit, das sogenannte »Samoafieber«, ist die Filariasis. Hauptsächlich leiden die Eingeborenen darunter, aber auch viele Europäer bleiben nicht davon verschont. Sie ist für diese jedoch nicht so gefährlich, wie die Malaria, ist nur in sehr seltenen Fällen tödlich und hinterläßt keine bleibenden Schädigungen edlerer Organe. Ein Klimawechsel läßt die Krankheit bald völlig erlöschen, auch kann sich der Weiße durch entsprechendes Verhalten von Anfang an in gewissen Grenzen gegen diese Infektion schützen.

Das, was unsere sämtlichen andern Tropenkolonien besitzen, den großen Kirchhof, auf dem zahllose Kulturpioniere, dem tückischen Klima zum Opfer gefallen, ihren letzten Schlaf tun, haben wir glücklicherweise in Samoa nicht.

Und dieser Mangel macht das Land zu einem köstlichen Kleinod, zur gesundesten tropischen Kolonie, in der nicht nur der europäische Mann, sondern auch die weiße Familie ohne Gefahr für Leben und Gesundheit ihren Wohnsitz gründen kann. Und was wäre wohl mehr geeignet, ein neues Land mit unserm Volkstum zu durchdringen, als das Wurzelschlagen der deutschen Familie?

Als die lieblichen Inseln unserm Kolonialreich einverleibt wurden, bestand neben dem Handel mit den Eingeborenen ihre wirtschaftliche Erschließung in den sehr ausgedehnten Palmplantagen der »Deutschen Handels- und Plantagen-Gesellschaft der Südsee-Inseln zu Hamburg« (der Nachfolgerin Godeffroys) und einer Anzahl kleinerer Kokospflanzungen.

Die Ansiedler waren zum größten Teil Deutsche, die meisten wohl ehemalige Beamte und Kapitäne der großen Gesellschaft, die nun im Lande geblieben, Selbständige kleine Betriebe eröffnet halten.

Doch auch fast alle andern Nationalitäten waren vertreten. Von den nähern Festländern war allerhand Volks herüber gekommen, darunter viel minderwertige Elemente.

Fast alle betrieben kleine Handelsgeschäfte und nur nebenbei etwas Plantagenbau.

Fast der einzige Ausfuhrartikel war die Kopra, der getrocknete Kern der Kokosnuß, und er ist auch heute noch der weitaus wichtigste.

Nirgendwo auf der Welt, außer in Niederländischindien, gedeiht die Königin der Tropen, die Kokospalme, so gut wie in der Südsee, eben weil sie des Seeklimas bedarf, was gerade die Archipele mit ihren ausgedehnten Küsten in ganz anderm Maße bieten, als eine sich ins Festland ausdehnende viel größere Fläche. So liefern unsere kleinen Südseekolonien mehr Kopra, diesen für unsere heimische Volkswirtschaft so notwendigen Rohstoff, als ganz Deutsch-Ostafrika und Kamerun zusammen und fast doppelt so viel als Togo!

Zum größten Teile wird die Kopra nach Deutschland verschifft, um hier zu Kunstbutter, Pflanzenfetten, Ölen und bei der Herstellung von Seifen verarbeitet zu werden. Die Abfallstoffe werden zur Viehfütterung, zur Herstellung von Ölkuchen usw. verwandt.

Schon in den achtziger und neunziger Jahren waren von einigen Ansiedlern andere Tropenkulturen neu eingeführt und erprobt.

Ganz besonders günstig waren die Versuche mit Kakao ausgefallen!

Trotzdem damals von einer vorhandenen regelrechten Kakaokultur keine Rede sein konnte, wurden bald nach der Flaggenhissung mehrere Gesellschaften, darunter auch englische, gegründet, die sich ausschließlich der neuen Kultur zuwandten. Mutig begannen auch private Pflanzer mit dem ausschließlichen Kakaobau.

Es war ein großes Wagnis, ein Schritt ins Dunkle, – und verschiedene sind fehlgetreten. Aber nur im Anfang! Sobald die notwendigsten Erfahrungen gesammelt waren. wurde es lichter und lichter um die Tapfern, Zähen. Weit über Erwarten wurde ihr Schaffen belohnt. Besonders waren es die privaten Pflanzer, die die schönsten Erfolge hatten. So entstand bald eine Kleinpflanzung nach der andern.

Man muß gestehen: ein Verdienst der Regierung ist das nicht! Denn, besorgt gemacht durch einige anfängliche Fehlschläge kleiner Besitzer, warnte sie stets jeden Ansiedelungslustigen, sein Heil auf Samoa als Pflanzer zu versuchen. So lange wirklich sichere Erfahrungen in Privatbetrieben nicht vorlagen, ist diese vorsichtige Haltung der Behörde, die sich ja wohl in gewisser Weise verantwortlich fühlte für die Schäflein, die sich unter ihre Hut begeben wollten, nur zu billigen. Ein starker Zuzug von nicht kapitalkräftigen Leuten wäre sicher nicht zum Guten ausgeschlagen.

Aber der Kakaosegen machte alle Miesmacherei zu schanden! Seit einer Reihe von Jahren zeigt die Ausfuhrstatistik unserer Kolonie in schnell steigenden Zahlen die Erfolge der Kultur, trotzdem noch längst nicht die Hälfte der bepflanzten Flächen im ertragsfähigen Alter ist.

Auch der Kautschuk, dessen plantagenmäßiger Anbau noch jünger ist, liefert nicht nur sehr befriedigende Mengen, sondern vor allem hohe Qualitätsware.

Mit der Zunahme der Pflanzungsbetriebe änderte sich nun aber auch das Bild der Ansiedler gewaltig.

Während diese früher vielfach aus zufällig in der Südsee hängengebliebenen Seeleuten, Händlern usw. bestanden, die teils ein ungebundenes Junggesellenleben führten, teils mit farbigen und Halbblutfrauen verheiratet waren, kamen nun zielbewußte junge deutsche Pflanzer ins Land, viele von ihnen mit ihren Frauen. Und deutsches Familienleben blühte unter dem südlichen Himmel auf und machte das Land erst wirklich zur deutschen Kolonie!

Samoa ist, wie nur selten ein tropisches Land, eine ausgesprochene Kleinsiedelungskolonie! Es ist viel zu schade, sich fast nur auf die Ausfuhr der Eingeborenenprodukte zu beschränken. wie z. B. Togo. Und auch die großzügigst angelegten Gesellschaftsbetriebe können seine Entwicklungsfähigkeit nicht annähernd erschöpfen. Die Werte, die durch Kleinsiedler bei voller Ausnutzung des verfügbaren Landes herausgeholt werden könnten, sind ganz außerordentlich hohe.

Bis jetzt steckte die Kolonie noch in den Kinderschuhen, aber wenn ihr die Liebe des Mutterlandes treu bleibt, werten alle vielversprechenden Entwicklungskeime zur schönsten Blüte gelangen!

Meine ersten Jahre im Lande.

(Auszüge aus meinem Tagebuch.)

Sogi, März 1907.

Nun bin ich schon über ein Jahr im Lande und kann es wohl wagen, meine Eindrücke vom neuen Leben fest zu halten, ohne befürchten zu müssen, sie nach kurzer Zeit als verfrühten Unsinn abtun zu müssen.

Eins steht jedenfalls unzweifelhaft fest: ich fühle mich unbeschreiblich glücklich hier und habe noch nicht die leiseste Sehnsucht nach der Heimat empfunden!

Wie ist das eigentlich nur möglich, da ich doch mein Heimatland auch von ganzer Seele liebe? Aber das menschliche Herz ist gar nicht so klein, wie man immer meint. Dünkt es doch auch die Mutter undenkbar, wenn sie ihr Erstgeborenes in die Arme schließt, daß sie ein zweites Kind mit gleicher Liebe umfassen könnte, und doch reicht nachher der Schatz der Mutterliebe für eine ganze Kinderschar! Und so kann man wohl auch in zwei Ländern festwachsen.

Oder ist es immer noch nur der Reiz des Neuen, Fremdartigen hier? So gewissenhaft ich mich auch prüfe: ich weiß es nicht, erst die Zukunft muß das klären.

Und dabei sind die äußeren Lebensverhältnisse, in die man hier gestellt wird, doch denkbar primitive!

Die Wohnhäuser sind kleine einfache Holzgebäude. Fast alle enthalten nur drei bis vier Zimmer, haben aber vorn und hinten schöne breite Veranden, die zuweilen auch ganz um das Haus herum führen. Das Kochhaus steht immer abgesondert dahinter.

Die Dienstwohnung meines Mannes – eigentlich für einen unverheirateten Arzt bestimmt, – ist ein winzig kleines Häuschen mit zwei Zimmern, Vorder- und Hinterveranda.

Aber welchen Reiz hat die Lage dieses Puppenheims dicht am Strande von Sogi. und wie lieblich sieht es aus mit seinem kleinen Vorgänchen und der blühenden Umrankung der Veranda.

Sogi ist der westliche Teil von Apia, der Hauptstadt der Kolonie, und verbindet diese mit der schmalen Landzunge Mulinuu, dem ehemaligen samoanischen Königssitz. Es ist die eigentliche alte Villenkolonie, ein kleines Wohnhäuschen steht hier dicht neben dem andern, alle mit dem freien Blick über den Hafen, denn die Wasserseite der Straße ist nicht bebaut. Nur ein schmaler Weg – die Stadtpromenade – trennt unsern Gartenzaun vom Strande, bei Springflut lecken die Meereswellen bis in unser kleines Reich hinein.

Wie unter einer Hecke von Marschall-Niel-Rosen, aber duftlosen, träumt hier unser winziges Heim, denn Blüten und Blätter des umkleidenden Rankenschmucks haben genau die Farben dieser meiner Lieblingsblume. Also Lage und Äußeres entzückend!

Die Inneneinrichtung allerdings war echt junggesellenmäßig und dürftig. Ein paar Wiener Stühle, Tische, Bücherregal, Kommode, eiserne Betten, Waschtischständer, das war so ziemlich alles, was die Zimmer bargen.

Ein kleiner Verschlag mit Brausebadeeinrichtung steht dicht hinter dem Hause. Ein Kochhaus gehörte natürlich nicht zu dieser Junggesellenwohnung, aber weit hinten im Grasgarten steht eine kleine Wellblechbude, die trotzdem als eine Art Küche diente, aber die hatte sich der Hausjunge auch zugleich als Schlafraum eingerichtet.

»Smalboy«, das war der Name dieser schwarzen Perle, war ein kleiner schmutziger Insulaner vom Bismarck-Archipel, der nichts verstand als schlafen und essen.

Verständigung war mir nur durch Zeichen möglich, denn aus den paar Brocken Pidgin-Englisch, die er herunterrasseln konnte, vermochte ich mir keinen Sinn zu deuten.

Es hieß also: an vieles sich gewöhnen!

So auch an das Regenwasser, denn eine Wasserleitung hat Apia noch nicht. Deshalb besteht die Bedachung aller Häuser aus Wellblech, von dem der Regen aufgefangen und durch Rinnen und Rohre in große Tanks geleitet wird, die hinter jedem Hause aufgestellt sind.

Zu meinem Glück war ich ohne irgendwelche bestimmte Vorstellungen hergekommen, von Enttäuschung konnte also trotz alledem keine Rede sein. Nur, daß alles anders, als daheim sein würde, hatte ich vorausgesetzt. Na, und das. war's ja auch!

Am allerschwersten litt ich zuerst, wie fast jeder Neuling, unter der Mosquitoplage, die besonders hier in Sogi schlimm ist. Aber nach ein paar Wochen schon empfindet man die Stiche weniger und bald ist man ganz unempfindlich gegen ihr Gift.

Mit Feuereifer hatten wir uns an die behaglichere Ausgestaltung unseres Heims gemacht. Mit ein paar einfachen hübschen Korbmöbeln, Schränken, Wandbrettern, luftigen Mullgardinen, mit samoanischen Matten und ähnlichem gaben wir den Zimmern und der Vorderveranda einen behaglichen Anstrich.

Auf der Veranda hinter dem Hause verarztete mein Mann seine samoanischen Patienten. Hier habe ich mir als erstes eine Ecke abgeteilt und als Küche eingerichtet. Bis vor kurzem habe ich da auf dem Petroleumkocher unsere Mahlzeiten selbst bereitet, denn Smalboy war höchstens zum Putzen und Scheuern zu verwenden. Wie manches Mal wurde mir da vom Sturm die Flamme ausgelöscht und der Regen in die Pfanne geweht!

Aber jetzt sind alle diese Nöte überstanden und wir leben nun geradezu fürstlich!

Hinten am Hause haben wir noch ein drittes Zimmer mit noch einer Veranda anflicken lassen und auch ein neues, geräumiges Kochhaus mit richtiggehendem Herd habe ich bekommen. Zwar wirft bei Unwetter der Wind den Regen in Strömen an der Ansatzstelle des Neubaudaches herein und, da der Weg nach dem Kochhaus nicht überdacht ist, werden die Speisen dann beim Auftragen verwässert, aber das sind nur kleine vorübergehende Späße!

Die wichtigste Errungenschaft ist jedenfalls ein neuer Hausjunge, ein chinesischer Kuli, der Smalboy unseligen Angedenkens abgelöst hat »Wong Sing« verstand zwar auch, als ich ihn vor zwei Wochen bekam, noch keine Kartoffel zu schälen, scheint aber fabelhaft gelehrig, ist flink, und – die Hauptsache – sauber.

Natürlich haben wir uns, wie jeder hier, einen Geflügelhof, Hühner und Enten zugelegt und auch einen kleinen Gemüsegarten bebaut.

Von unsern heimischen Gemüsen gedeihen prachtvoll Bohnen, Tomaten, Gurken, Salat, Radieschen und Rettich.

Man sagt hier, um die Fruchtbarkeit des Bodens drastisch zu schildern, daß ein Besenstiel, einige Tage draußen stehen gelassen, Wurzel schlägt. Ähnliches haben wir tatsächlich erlebt. Als wir unsere Bohnen mehrmals abgeerntet und dann aufgegeben hatten, sahen wir zu unserer Verwunderung frisches Grün treiben. Bei näherer Besichtigung zeigte es sich, daß die dürren Bohnenstangen sämtlich frisch gewurzelt waren und fröhlich grünten.

Die Landesfrüchte bereichern den Tisch des Weißen mehr wie ausreichend. Da sind besonders der Taro und Yam, knollenartige, unserer Kartoffeln im Geschmack ähnliche Gewächse, Brotfrucht und Bananen in Hülle und Fülle. Und welche prächtigen! Die kümmerlichen Dinger, die man in der Heimat für schweres Geld kauft, würde man hier höchstens ans Vieh verfüttern. Als köstlichste Frucht aber ist die Ananas zu nennen, die nirgends auf der ganzen Welt aromatischer und saftreicher gedeiht. Außerdem noch Mangos, Vis, Apfelsinen, Zitronen, Papayen, Butterbirnen und Passionsfrüchte.

Frisches Fleisch ist in Apia täglich zu haben, und auch die ferner gelegenen Pflanzungen versorgen sich wenigstens einmal wöchentlich damit.

Besonders auf abgelegenen Pflanzungen spielt die Büchsenkonserve noch immer eine führende Rolle. Der eiserne Bestand jeder Speisekammer aber ist der Schinken, der von Neuseeland und Amerika in ausgezeichneter Qualität bezogen wird.

Unsere Erholung sind die Ausfahrten; jeden Nachmittag begleite ich meinen Mann auf seinen Besuchstouren. am liebsten, wenn's weiter ins Land hinein auf die Planzungen geht.

In Ermangelung anderer Beförderungsmittel hält sich jeder Europäer ein oder mehrere Pferde. Da die Tiere keines Stalles bedürfen, jahraus, jahrein im Freien leben, und da die Weide ihnen fast zur Ernährung genügt, ist ihre Haltung sehr billig. Als Wagen hat man meist die zweirädrigen leichten Buggys, die bei den oft schlechten Wegen am geeignetsten sind, und die Pferde nicht unnötig anstrengen.

Der Lebenszuschnitt ist also, selbst für die Stadtbewohner, zu denen wir ja zählen, ein durchaus ländlicher.

Die geringen Innenräume der Häuser genügen vollständig, da man in ihnen nur schläft und höchstens die Mahlzeiten einnimmt. Das Tagesleben spielt sich sonst ausschließlich auf den Veranden ab, die deshalb auch stets viel wohnlicher und netter eingerichtet sind, als die Zimmer. Bequeme Korb- und Liegestühle, Tischchen, Wand- und Blumenschmuck geben ihnen vollständig den Charakter behaglicher Wohnräume, in denen auch die Gäste stets empfangen werden.

Tag und Nacht lebt man bei offenen Türen und Fenstern, denn jeder Luftzug wird als angenehme Erfrischung empfunden. Der in der Heimat so gefürchtete »Zug« wird hier nach Möglichkeit künstlich hergestellt. Selbst beim stärksten Passat klagt niemand, daß es »zieht«!

Ich kann aber nicht behaupten, daß ich die Hitze als unerträglich empfunden habe, trotzdem es besonders in der Regenzeit sehr schwüle Tage gibt.

Häufig darf ich meinem Manne bei Operationen und in der Sprechstunde helfen.

Die Eingeborenen finden den Weg zum Arzt erst, wenn sie ihre eignen Arzneimittel, die der Missionare und die Patentmedizinen der Kaufleute vergeblich durchprobiert haben. Sie bewerten und honorieren nicht die Konsultation, sondern nur die Medikamente. Deshalb muß sich jeder Arzt, der auf eingeborene Patienten rechnet, eine große Hausapotheke halten.

Bestimmte Sprechstunden einzuhalten, daran sind sie nicht zu gewöhnen. Meist belagern sie schon bei Sonnenaufgang das Haus und sind nur schwer von den Veranden fernzuhalten. Mit jedem Kranken kommt stets eine ganze Schar Volks aus seiner Verwandtschaft angezogen, so daß unser Hausplatz wie eine Volksversammlung aussieht, selbst wenn es sich nur um ein halbes Dutzend Patienten handelt.

Man lebt so beständig unter ihren freundlichen, gutmütigen, aber unendlich neugierigen Blicken, und besonders fällt mir der starke Geruch ihrer ölgetränkten Körper auf die Nerven. Ich muß gestehen, daß deshalb bis jetzt die Samoaner für mich eher zu den Plagen als den Schönheiten des Landes zählen! Nur mit Mühe ringe ich mich dazu durch, sie objektiv zu betrachten.

Sie sind ja nun wirklich eine der schönsten Menschenrassen, wenigstens in bezug auf Körperbau, und ganz besonders ist das von den männlichen Vertretern des Volkes zu sagen. Einen Samoaner von niedrigem Wuchs habe ich noch nicht gesehen, und sehr selten findet man von Natur Verkrüppelte. Fast alle sind groß, mindestens erreichen sie unsere Mittelgröße, wundervoll ebenmäßig gewachsen und muskulös. Ein samoanischer schlanker Jüngling, blütengeschmückt die Kava kredenzend, ist ein Modell, das die größten altgriechischen Künstler begeistert hätte!

Die Hautfarbe ist hell kastanienbraun. Die Gesichtszüge sind allerdings nicht schön, die breite fleischige Nase und die dicken, aber stark geschwungenen Lippen sagen wenigstens unserm Geschmack nicht zu, jedoch mildert der sympathische, liebenswürdige Ausdruck dabei viel.

Die Samoanerinnen? Ihre Schönheit ist so unendlich oft gepriesen, daß es wohl als Rivalität der Geschlechtsgenossin würde belächelt werden, wenn ich sie nur mit starken Einschränkungen gelten lassen kann.

Der Reisende, der von Afrika, den Inseln Neuguineas, Fidji oder gar Australien kommt, muß begeistert sein, wenn er dann die samoanischen Mädchen sieht. Von allen farbigen Stammen sind sie sicherlich die schönsten Vertreterinnen. Aber meiner Ansicht nach können sie den Vergleich mit der weißen Frau nicht aushalten, im einzelnen sowohl, wie im ganzen. Denn es gibt bestimmt mehr wirkliche Schönheiten unter den weißen Mädchen, als unter den Samoanerinnen und von diesen sind die meisten auch nur im zartesten Jungfrauenalter wirklich reizvoll und verblühen sehr früh.

Die Frauen sind im allgemeinen kleiner als die Männer, doch findet man auch unter ihnen stattliche Gestalten. Ihre wirklichen Schönheiten sind die sanften dunkelbraunen Augen, das tiefschwarze, meist schöngewellte Haar und edelgeformte, weiche, graziöse Hände mit feinem Knöchelgelenk. Dagegen fehlt oft Schulter und Nacken die weibliche weiche Linie. Besonders störend ist aber der fast bei allen große, platte, sehr grob gefesselte Fuß.

Beiden Geschlechtern eigen ist eine stolze Körperhaltung und würdevoller Gang.

Männer sowohl wie Frauen sind bekleidet mit dem »lavalava« (Lendenschurz), das, um die Hüften geschlungen, bei den Männern bis gegen das Knie, bei den Frauen bis über die Mitte der Unterschenkel hinabreicht. Früher wurde das Lavalava aus Bast- und Rindenstoffen angefertigt, die aber nun schon längst durch Kattun- und Kaschmirtücher ersetzt sind. Die Frauen tragen außerdem den Oberkörper durch leichte Hänger bedeckt.

Künstlerisch ausgeführt sind die Tätowierungen, die bei den Männern von den Hüften bis über die Knie reichen und wie ein feines netzartiges dunkelblaues Gewebe wirken.

Wenn der Jüngling das mannbare Alter erreicht, hat er sich dieser äußerst schmerzhaften Prozedur zu unterziehen, denn ein untälowierter Mann würde nie als vollwertig angesehen werden.

Auch von den Frauen ist über die Hälfte tätowiert, doch beschränken sie sich auf leichte Verzierungen an den Kniepartien, Oberschenkeln, Unterleib und Händen.

Den Schmuck bilden Blüten- und Fruchtketten, die in duftender Pracht über die Brust herab hängen.

Früher war dies die einzige Bekleidung der Oberkörper. Die Sittlichkeitsprediger der Missionen aber mühten sich mit heißem Eifer, den Kindern des samoanischen Paradieses den Apfel der Erkenntnis beizubringen. Vermutlich ist es ihnen schwerer geworden als seinerzeit der biblischen Schlange, den Harmlosen klar zu machen, daß sie nackt seien! Aber allmählich wurden ihre Bestrebungen mit Erfolg gekrönt. Die Bekleidung wurde vollständiger, allerdings auf Kosten des Schönheitsgefühls und der Gesundheit der Eingeborenen. Denn nach dem Baden und besonders beim Fischfang bilden die nassen Lappen, vom Passatwind kräftig angeblasen, häufig die Ursache schwerer Neuralgien und sonstiger Erkältungen, während früher der mit Öl eingeriebene nackte Körper den Luftzug schadlos ertragen hatte.

Die hervorstechendsten Eigenschaften der braunen Menschen sind Liebenswürdigkeit, Höflichkeit und – souveräne Verachtung unnötiger Arbeit oder ihnen unnötig erscheinender!

Ihr Intellekt ist bedeutend; alle können lesen und schreiben, ganz besonders aber reden! Der Samoaner redet wie ein Buch!

Er bedient sich stets einer blumenreichen Ausdrucksweise, und die Leidenschaft für die Ausschmückung seiner Rede geht so weit, daß Frau Wahrheit trauernd ihr Haupt verhüllen muß! Dabei handelt es sich selten um zielbewußte Lügen, sondern nur um Freude am Spiel der Phantasie.

Wenn der samoanische Diener z. B. von seinem Herrn Urlaub haben will, um ein Missionsfest zu besuchen, bei dem er nicht fehlen darf, so wird er alle möglichen Gründe für sein Anliegen vorbringen, nur nicht den wahren. Meist wird eine Großmutter gestorben sein oder dergleichen. Und selbst wenn der wirkliche Grund ein sehr wichtiger ist, der echte Samoaner wird, statt ihn zu nennen, viel lieber einen recht albernen erfinden!

Anfangs ärgert man sich wütend darüber, bis man zur Erkenntnis kommt, daß es eben samoanische Volksart und im Grunde harmlos gemeint ist. Natürlich sind von diesem Gesichtspunkt aus Zeugenaussagen von Eingeborenen zu bewerten.

Schier unbegrenzt ist die samoanische Gastfreundschaft, sowohl den Fremden wie den Stammesgenossen gegenüber. Ganze Dorfschaften besuchen sich gegenseitig.

Solche »malaga« (Besuchsreisen) nach entfernten Orten der Insel, auch nach einer Nachbarinsel, sind sehr beliebt und dauern meist, bis die Gastgeber tatsächlich arm gefuttert sind.

Sparen ist den Samoanern ein vollständig fremder Begriff, und hieran ist ihr Kommunismus schuld. Der Einzelne hat keinen eigenen Besitz, alles ist Familiengut, über das die verschiedensten Machthaber zu bestimmen haben.

Im allgemeinen haben die Samoaner ihre alte Art treu bewahrt und verhalten sich gegen einschneidende Neuerungen ablehnend.

So werden sich die Männer nie an Beinkleider und beide Geschlechter nicht an Fußbekleidung gewöhnen.

Nur einzelne Artikel moderner Kultur haben stärkern Eingang bei ihnen gefunden, so vor allem Kutschierwagen, Nähmaschinen und Plätteisen. Die Samoanerinnen sind sehr geschickte und flinke Schneiderinnen, und eine Nähmaschine ist fast in jeder Familie zu finden.

Außerdem erfreuen sich, neben den verschiedensten Tüchern, Regenschirme einer großen Beliebtheit.

Das Komischste aber ist die begeisterte Aufnahme eines sehr diskreten Gefäßes, das nirgends fehlt. Wenn man auf »malaga« wandernden Familien mit Kindern begegnet, wird stets stolz und offensichtlich dieses Kulturzeichen mitgeschleppt. Wenn eins der Kinder dann ein natürliches Bedürfnis ankommt, wird es gewissenhaft über dem Gefäß abgehalten (nicht drauf gesetzt!) und dann das Produzierte in die vorher so sorgfältig geschonte Natur ausgegossen.

Die Hauptsache im Leben der Samoaner ist Tanz und Spiel. Sportliche Veranstaltungen, Wettspiele, Ringkämpfe, Criquet, füllen einen großen Teil ihres Tages aus.

Selbst die Arbeit wird meist nur als Sport aufgefaßt, so der Fischfang, der auf die vielseitigste Art betrieben wird. Eine beliebte Arbeit der Samoanerinnen ist das Waschen. Für die übrigen Sterblichen zählt diese Beschäftigung wirklich als Arbeit, die samoanischen Frauen aber machen eine angenehme Unterhaltung daraus!

Wie zu einem Kaffeeklatsch vereint, hocken sie in Gesellschaft im Wasser der flachen Flußläufe, die Wäschestücke zum Zwecke der Reinigung auf den dort lagernden Lavablöcken reibend und mit Holzknütteln klopfend. Da ihre Zungen dabei munterer tätig sind, als ihre Arme, ziehen sie gewöhnlich mit weniger Wäschestücken heim, als sie gekommen – und das Wasser trägt seine Beute dem Meere zu!

Das Kochen liegt dem samoanischen Manne ob, die Frau kümmert sich im allgemeinen wenig darum. Ebenso hat sie nicht viel mit der Feldarbeit zu schaffen.

Allzu anstrengend ist diese Tätigkeit überhaupt nicht, denn der Samoaner baut nicht viel mehr, als er für seine eignen Bedürfnisse braucht. Seine Hauptkulturen sind neben der Kokosnuß Brotfrucht, Taro, Yam, Bananen, Zuckerrohr, Tabak und Kava. Wessen er sonst noch bedarf, Dinge, die er vom Händler kaufen muß, dafür liefert ihm der Ertrag seiner Kopra das nötige »tupe« (Geld).

So lebt er sein paradiesisches Dasein, ohne Sorgen und Existenzkampf!

Ich war noch nicht lange im Lande, als mein Mann das Glück hatte, einen hohen Häuptling von schwerer Krankheit zu heilen.

In seiner Dankbarkeit ließ dieser uns nun dringend einladen, ihn zu besuchen. Er residierte in dem weitentfernten Dorfe Falefa an der Ostküste, und es ist ziemlich umständlich, dorthin zu gelangen. Deshalb zögerte mein Mann, so gern er mir auch etwas mehr von der Insel gezeigt hätte, die Einladung anzunehmen.

Aber Tiai, der Pflegesohn des hohen Herrn, der auch den Dolmetscher machte, erschien immer wieder, uns zu dem Besuche drängend und stellte ein großes Boot mit vierzig Ruderern zur Verfügung. Endlich sagten wir zu, und ein bestimmter Tag wurde festgesetzt.

Morgens um 6 Uhr war Tiai mit dem Ruderboot zur Stelle. Zwar war es keins mit vierzig, sondern nur mit zwölf Ruderern, also würde die Fahrt wohl etwas länger dauern, als angenommen war.

Bald hatten wir die Riffpassage des Apiahafens hinter uns und schaukelten auf den hohen Meereswellen. Kräftig legten sich nun die braunen Burschen in die Riemen, dazu ihre anfeuernden Lieder anstimmend.

Die Samoaner haben eine starke musikalische Begabung. Am besten haben nur stets ihre Bootsgesänge gefallen. Exakt nach dem Takt des Liedes, der allmählich immer schneller und schneller wird, erfolgen die Ruderschläge, bis die Höchstleistung erreicht ist, wo dann Gesang und Arbeit scharf abbrechen und eine Ruhepause erfolgt.

Einen so großen Reiz der samoanische Bootsgesang auch hat, wenn man ihn aus der Entfernung genießt, so muß ich doch bekennen, daß ich ihn, so mit im Boote sitzend, bald als peinigendes Gebrüll empfand. Dazu stieg die Sonne immer höher, und ihre Strahlen wurden immer sengender.

Aber das liebliche Landschaftsbild entschädigte vollkommen für diese Unbequemlichkeiten.

Hier an der Nordostküste Upolus steigen die Berge fast durchweg viel steiler empor, als westwärts von Apia. Bis in die höchsten und schroffsten Spitzen sind sie, wie überall, mit dichtem Urwald bekleidet, der Schluchten und Einsenkungen nur ahnen läßt. Hie und da leuchtet in der grünen Bergwildnis als schimmernder Silberfaden ein Wasserfall auf!

Unten am Strande liegen unter Palmen die Hütten der zahlreichen Eingeborenendörfer. Vereinzelt hebt sich zuweilen als weißer Punkt eine Missions- oder Handels-Station ab.

An einigen Stellen, da wo kein Außenriff vorgelagert ist, steigen die Felsen steil aus dem Meere empor, und mächtig aufschäumend, brechen sich an ihnen die Wogen.

Nachdem wir so ungefähr die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatten, wurde große Frühstückspause gemacht. Die Leistungsfähigkeit der Samoaner im Essen übersteigt alle Begriffe! Die dreizehn Mann futterten so ziemlich alles auf, was wir für vierzig reichlich berechnet glaubten!

Trotz dieser Stärkung ging es aber dann doch immer langsamer vorwärts, denn die Sonne stand nun in Mittagshöhe. Endlich kamen wir an geeigneter Stelle an eine durch das Außenriff führende Fahrtrinne und fuhren auf Land zu.

Aber mittlerweile war Ebbe eingetreten, und bald saßen wir auf einer Korallenbank, etwa fünfzig Schritte vom Strande entfernt, fest.

Die Samoaner sprangen schnell ins Wasser, das ihnen bis weit über die Knie ging und streckten einladend ihre Arme nach uns aus. Was blieb uns übrig? Mit einem gelinden Gruseln legte ich meinen Arm um einen schweiß- und öiglänzenden braunen Nacken und ließ mich an Land tragen. Die Herren wurden Huckepack befördert.

Es war wohl ein sehr komisches Bild, eigentlich der Würde des Weißen nicht sehr angemessen, aber wir fanden sie schnell wieder, als wir festen Boden unter den Füßen hatten!

Nun ging es ein Stück landeinwärts durch den Busch, d. h. wir durchkreuzten eine große Landzunge, die zu umfahren uns noch Stunden gekostet hätte, denn Falefa liegt, wie fast alle Eingeborenendörfer, am Strand.

Tiai schritt auf dem schmalen Buschpfade vor uns her. Nach einer halben Stunde gemütlichen Wanderns lichtete sich die grüne Wildnis, Falefa, unser Reiseziel, lag vor uns.

Festlich war das Dorf uns zu Ehren geschmückt, die Pfosten der Hütten mit Palmzweigen umkleidet.

Umgeben von ihren Genossinnen kam uns die Taupou (Dorfjungfrau) entgegen, begrüßte uns mit edlem Anstand und führte uns zum »fale tele« (Versammlungshaus).

Die Taupou – jedes Dorf besitzt eine solche – stammt stets aus einer Familie von Rang und ist von kleinauf für ihr Ehrenamt erzogen. Während sonst die samoanischen Mädchen bis zu ihrer Verheiratung unbeschränkte Freiheit genießen, wird sorgfältig über Jungfräulichkeit und Ruf der Taupou gewacht, stets ist sie von besondern Tugendwächterinnen umgeben. Zu Amt und Würden gelangt, hat sie die Repräsentationspflichten des Häuptlings und der Gemeinde zu übernehmen, die Gäste zu empfangen und beim Siva, dem Nationaltanz, als Vortänzerin zu wirken. Alle grobe Arbeit wird ihr fern gehalten, sie hat nur die Pflicht, tugendhaft, schön und graziös zu sein!

Im »fale tele« thronte in feierlicher Würde der alte Häuptling Leotele, unser Gastgeber, mit andern alten Herren, stolz seinen weißen Fliegenwedel, das Zeichen seines Ranges, bewegend.

Tiai machte nun neben dem Dolmetscher auch noch den Zeremonienmeister, denn die Samoaner sehen ungeheuer auf Einhaltung strengster Etikette.

Wir mußten uns auf samoanische Art niederlassen, also mit gekreuzten Beinen auf dem flachen, mit Matten gedeckten Boden kauern, für den ungeübten Europäer nach ein paar Minuten schon eine entsetzliche Marter. Jedem wurde sein Platz angewiesen, denn die Rangordnung muß aufs Genaueste eingehalten werden.

Nun fröhnten die hohen Herren erst einmal gründlich ihrer Leidenschaft, in langen, sorgfältig betonten Reden ihre Wortkunst spielen zu lassen. Tiai übersetzte uns das Gesprochene ins Englische. Es waren alles nur riesig ausgebaute Begrüßungsreden. Mein Mann bat ihn dann kurz, seinen Dank für Einladung und liebenswürdigen Empfang zu übermitteln. Aus diesen paar Worten baute nun aber Tiai wieder einen ewiglangen Erguß.

Ich sah mich unterdessen neugierig im Hause um, denn ein vornehmes Samoahaus hatte ich bis dahin nur ganz flüchtig betreten. Und dies war ein wirklich schönes, scheinbar noch neu und groß.

Der Boden der Eingeborenenhäuser besteht nur aus einer Lage feinen Steingerölls; sauber geflochtene Matten sind darüber gebreitet.

Starke Pfosten aus dem Holz des Brotfruchtbaumes tragen das Dachgerüst, das aus gebogenen Balken und Stangen zusammengefügt ist, wobei kein Nagel verwandt wird. Nur aus Kokosfasern gewundene Stricke verbinden die einzelnen Teile. Die Konstruktion eines solchen Dachstuhls ist ein wirkliches Kunstwerk.

Zum Bedecken dient Zuckerrohr, und hie und da trockene Wedel einer Palmenart.

Tagsüber sind die Hütten meist nach allen Seilen offen und nur nachts und bei Unwetter werden geflochtene Jalousien zwischen den Seitenpfosten herabgelassen.

Man sieht in einem echten Samoahaus keinerlei Einrichtungsstücke. Alle Habe ist, in Matten eingerollt, auf dem innern Gebälk des Daches verstaut.

Mittlerweile war auch das Boot mit unserm Gepäck angelangt und der Vorschlag, ein Bad zu nehmen, erfüllte uns nach den überstandenen Strapazen mit Entzücken.

Fünf Minuten vom Dorfe entfernt mündet ein breiter Fluß ins Meer. Wie stiegen zu seinem Ufer hinunter, warfen uns im dichten Busch in unsere Badekostüme und plätscherten bald mit einigen braunen Mägdelein in der lauen Flut.

Viel zu früh riefen uns einige Dorfdamen an, und es wurde zur Mahlzeit getrommelt.

Eine mächtige Tafel war auf dem Boden hergerichtet. Das Tischtuch gaben Palm- und Bananenblätter ab, auf denen in riesigen Mengen sehr lecker aussehende Herrlichkeiten, gebackene Hühner, Tauben, Taro, Brotfrucht, Bananen serviert waren. In der Mitte thronte ein ganzes gebratenes Schwein!

Man gruppierte sich, wieder genau die Rangfolge einhaltend, um die Tafel, natürlich in der Marterstellung, doch hatte ich mir heimlich eine Reisetasche herbeigeschmuggelt und saß so wenigstens auf einer Art Fußschemel.

Ich staunte darüber, wie wenige in anbetracht der enormen Eßvorräte an der Tafel Platz nahmen. Außer uns nur unser hoher Gastgeber und einige ältere Herren.

Die Speisen, auch das Fleisch, wurden auf äußerst geschickte Art mit den Händen zerlegt, eigentlich mehr auseinandergerissen, aber das sah gar nicht unappetitlich aus. Und geschmeckt hat alles vorzüglich! Von unserm Mitgebrachten brauchten wir nur etwas Brot zu Hilfe zu nehmen, da der Taro nicht nach unserm Geschmack war.

Nachdem wir uns angenehm gesättigt erhoben hatten, erhielt die Tafel neuen Zuspruch, denn jetzt erst, nach den Gästen und den hohen Herren kamen die übrigen Sterblichen zu Tisch. Aber auch die noch nicht alle. Der lüsternen Jugend, die das Haus nicht betreten durfte, wurden allerhand Stücken und Knochen hinausgeworfen.

Mittlerweile war es Abend geworden, und die Petroleumlaternen wurden angezündet. Es kam nun die feierliche Kavasitzung. Wir kauerten wieder auf unsern ersten Plätzen an den Pfosten des Hauses, die uns wenigstens eine Rückenstütze boten. Ich selbst trennte mich nicht mehr von meinem Köfferchen.

Die »Tanoa« (Bowlenschüssel) wurde gebracht, eine große, flache, aus einem Stück Hartholz geschnitzte Rundschale, und hinter ihr hockte die Taupou nieder, der die Bereitung des Tranks obliegt.

Mit geheimer Angst sahen wir dem Kommenden entgegen, aber Gott sei Dank, die Kavawurzel wurde hier zwischen flachen Steinen zerrieben.

Die Bereitungsart ist sonst nämlich die, daß die Wurzel von jungen Mädchen zerkaut wird. Nur mit Rücksicht auf Europäer wählt man jetzt häufiger die Steinmühle.

In hinzugegossenem Wasser knetete die Taupou die zerkleinerte Wurzel gründlich mit den Händen durch – auch gerade kein appetitreitender Anblick! Dann wurden mit einem Bastfilter die festen Bestandteile herausgefischt. Die Kava war bereit!

Nun trat ein junger Häuptlingssohn vor, das Haupt bekränzt, Hals, Brust und Fußknöchel mit Blütenketten und Grün umwunden, und kredenzte mir in einer polierten, halben Kokosnußschale, die als Becher dient, mit feierlichen Worten den Trank. Tiai erklärte, daß ich nun einen Kavanamen erhalten habe (leider habe ich ihn sofort wieder vergessen). Mit einem dankenden »manuia« nahm ich ein paar Schluck und gab die Schale zurück. Den Geschmack fand ich ziemlich nichtssagend, leicht pfefferig. Mit frischer Füllung wurde nun meinem Manne der Becher geboten, darnach unserm Reisegenossen, und dann kamen in strenger Reihenfolge die braunen Herrschaften dran.

Nur die Männer! Denn die Kava wird wohl von den samoanischen Frauen zubereitet, aber nie von ihnen genossen; nur der weißen Frau wird sie angeboten.

Nachdem die Bowle geleert, war der offizielle Teil des Tages überstanden. Wir ergingen uns ein wenig draußen im herrlichen Mondschein.

Kann es etwas Köstlicheres geben als solch eine Vollmondnacht in einem Samoadorf? Was sind gegen solche, Stunden die Genüsse im überfüllten Theater oder Konzertsaal?

Wie flüssiges Silber schimmernd, dehnt sich draußen der gewaltige Ozean. Bläuliches Licht liegt über dem Lande und auf den leise im Abendwinde sich wiegenden Kronen stolzer Palmen hoch oben unter dem hellen Himmel. Wundervoll in dieses Bild stimmend, schmiegen sich die malerischen Hütten der Eingeborenen an den Strand mit den braunen blumengeschmückten Kindern dieses Paradieses. Dahinter nachtet geheimnisvoll der undurchdringliche Urwald, und fern am Außenriff rauscht der Brandung Ewigkeitslied!

Aber außer diesem Naturerleben harrten auch noch Kunstgenüsse unserer, und auch sie fügten sich in das Bild dieser Nacht harmonisch ein.

Kein samoanisches Fest ohne Siva!

Die Körper glänzend mit Öl eingerieben, die Hüften mit feinen Matten und luftigen Tanzgürteln festlich umhüllt, mit Blütenkranzen geschmückt, setzten sich Tänzer und Tänzerinnen im Halbkreis auf dem Dorfplatz nieder. In ihrer Mitte thronte die Taupou, stolz geschmückt mit der »tuiga«, einem abenteuerlichen Kopfputz aus Menschenhaaren und Muschelspiegeln. In einiger Entfernung hockten die Zuschauer, die als Orchester mit monotonem Summen und Klopfen, scharf taktierend, den Tanz begleiten.

Die Aufführungen, die anfangs in sitzender Stellung ausgeführt werden, bestehen aus einer ganzen Reihe von Darbietungen.

Rhythmische Bewegungen des Oberkörpers und der Arme, ein weiches Heben und Senken der Beine und Füße (eine erstaunliche Leistung in der hockenden Stellung) bilden die Auftakte des eigentlichen Tanzes.

Die Bewegungen, von der Taupou angeführt, waren wundervoll exakt und meist sehr graziös. Beim vierten »Akt« änderte sich das Bild. Die Vortänzerin erhob sich und bald nach ihr einige Partner und Partnerinnen. Und nun folgten, immer lebhafter und leidenschaftlicher werdend, eine Reihe wunderhübscher Aufführungen. Ein Genuß war es, die erstaunliche Gelenkigkeit der braunen Körper, besonders der Taupou, bewundern zu können. Bis in jede Fingerspitze hinein lebten sie in der Extase des Tanzes!

Mitternacht war längst vorüber, als wir uns zur Ruhe begaben.

Im »fale tele« wurden durch Vorhänge aus »tapa« (Rindenstoff) einzelne Schlafräume abgeteilt, die Schilfmatten vom Gebälk herab geholt, auf dem Boden aufgerollt und Mosquitonetze ausgespannt Wir erhielten Kissen, während die Samoaner selbst stets als Kopf- oder vielmehr Nackenstütze ihr »ali«, ein dickes auf Füßen ruhendes Banitusholz benutzen.

Trotzdem wir eigentlich recht mißtrauisch an das Mattenlager auf dem Erdboden heran gingen, fanden wir tiefen, erquickenden Schlaf. Man glaubt gar nicht, welch elastische Matratze ein paar grobe Samoamatten abgeben.

Früh am andern Morgen nach einem kühlen Flußbad und primitivem Frühstück führte uns Tiai nach der Sehenswürdigkeit der Gegend, einem Wasserfall unseres Badeflusses, ein Stück oberhalb seiner Mündung. Es ist einer der breitesten und höchsten auf Upolu. Während wir unten am Fuße des Falles standen und seine Großartigkeit bewunderten, bat uns Tiai, einige Minuten auf ihn zu warten, er käme gleich zurück, und schon war er verschwunden.

Bald darauf ertönte ein Ruf aus der Höhe, und hoch oben, am Rande des Abgrunds, inmitten des schäumenden Gischts, hob sich die hohe Gestalt unseres jungen Freundes vom Himmel ab. Ein Griff zog das Lavalava fester um die Hüften, ein hallender Jauchzer – und mit erhobenen Armen sauste der braune Körper mit den Wassern in die Tiefe hinab!

Das Hinabrutschen mit kleinern Wasserfällen ist ein beliebter Sport bei den Samoanern, aber es dürften sich wohl sehr wenige finden, die es am Falefa-Fall unserm Tiai nachmachen.

Ins Dorf zurückgekehrt, kam aber nun nach dem Vergnügen die Arbeit, wenigstens für meinen Mann. Eine große Anzahl Kranker wartete auf Behandlung.

Nach dieser ausgedehnten Sprechstunde gab es noch einen prächtigen Kriegstanz samoanischer Jünglinge und dann großes gegenseitiges Beschenken.

Schöne »ietoga« (feine Matten), Tapas, Fächer, Körbe, Hühner und Enten wurden uns von Leotele überreicht, während wir Stoffballen, große Büchsen mit »loli« (Zuckerwerk) usw. darboten. Unzählige »faafetai« (»Danke sehr«) wurden ausgetauscht.

Noch ein ebensolches Schlemmermahl, eine ähnliche feierliche Rederitis, wie am Tage zuvor, und wir booteten uns wieder zur Abfahrt ein, das gastliche Gestade verlassend.

Spät in der Nacht legten wir in Sogi an.

Eine führende Rolle spielt in der Kolonie die »Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft«, »die Firma«, wie sie, ihre Bedeutung charakterisierend, hier allgemein genannt wird. Auf das Innigste hängt die Geschichte der Kolonie mit dieser Gesellschaft, der Nachfolgerin Godeffroys, zusammen.

1857 ist auf Samoa die erste Handelsflagge entfaltet – es war die deutsche!

Das Hamburger Handelshaus J. C Godeffroy hat in Apia die erste Handelsstation errichtet. Seine Schiffe haben das bis dahin noch so gut wie unerforschte Gebiet der Südsee durchkreuzt. Weiter und weiter hat es seine kühnen Unternehmungen ausgedehnt, deren Mittelpunkt aber Samoa geblieben ist. Auf fast allen Inselgruppen sind seine Zweigstationen entstanden, und der Name Godeffroys war der stolzeste, von der Westküste Amerikas bis Ostasien.

Der wichtigste Handelsartikel war damals neben Perlen, Perlmutter, Trepang, das Kokosnußöl. Einen riesigen Aufschwung nahm der Südseehandel, als man dazu überging, die Kopra selbst auszuführen, indem das in Stücke geschnittene Fruchtfleisch der Kokosnuß getrocknet und so verschifft wurde. Die Ölgewinnung, die früher auf die primitive Art der Eingeborenen vorgenommen war, wurde nun in der Heimat ausgeführt. Dadurch war nicht nur eine Vereinfachung des Betriebes erzielt, sondern durch die viel rationellere Ausnutzung daheim wurde auch der Gewinn wesentlich erhöht

Im Jahre 1865 wurde von Godeffroy auch mit der Anlage eigner Plantagen begonnen.

Seine höchste Blüte hat das Hamburger Haus zu Beginn der siebziger Jahre erreicht.

Dann ist in der Südsee eine starke Konkurrenz anderer Nationen aufgetreten, die mit Neid und Scheelsucht diese Machtentfaltung des Deutschtums dort verfolgten: England und Frankreich haben von einer Inselgruppe nach der andern Besitz genommen, und langsam ist ein Stein nach dem andern von dem stolzen Bau abgebröckelt.

Aber alles dies hätte das Haus Godeffroy nicht erschüttern können, wenn nicht schwere Verluste in der Heimat dazu gekommen wären, die seinen Zusammenbruch veranlaßt haben.

Sein Erbe trat dann die 1878 neugegründete »Handels- und Plantagengesellschaft der Südsee-Inseln zu Hamburg« an.

Diese hat die Unternehmungen im Sinne ihres Begründers, wenn auch in viel beschränkterem Umfange fortgeführt.

Während von den Stationen auf den andern Inselgruppen eine nach der andern eingezogen wurde, so daß zuletzt nur noch auf dem Bismarckarchipel und in Tonga einige bestehen blieben (in Tonga sind aber die Interessen noch bedeutend!), hat sich die Firma in Samoa desto erfreulicher entwickelt.

Neue Zweigstationen wurden hier errichtet, vor allem aber wurden die Pflanzungsanlagen vergrößert und neue angelegt.

Schon Godeffroy hatte große Strecken kulturfähigen Landes in billigstem Tauschhandel von den Samoanern erworben, so daß die Firma neben den Eingeborenen die größte Landbesitzerin ist.

Auch mit dem Kakaobau hat die Firma in größerem Mußstab als eine der ersten begonnen.

Ein großer Versuchsgarten, einer ihrer Pflanzungen angegliedert, zeugt von ihrem frühen Bemühen, weitere Möglichkeiten zur Nutzung des Landes zu erforschen.

Ihr hauptsächlichster Handelsartikel aber ist nach wie vor die Kopra geblieben, sowohl die auf den eignen Plantagen erzeugte, als die von den Eingeborenen aufgekaufte.

Mein Mann hat die Beamten und Arbeiter der Firma zu behandeln. Aller paar Wochen hat er deshalb die Pflanzungen zu besuchen und sich von dem Gesundheitszustand der Arbeiter zu überzeugen.

Auf diese Fahrten freue ich mich immer sehr, denn das Pflanzungsleben übt eine starke Anziehungskraft aus. Ganz besonders liebe ich Vailele, wo ich im vorigen Jahre sogar längere Wochen als Gast weilte.

Einen bezaubernden, einzigartigen Reiz verleihen die edlen Linien der hochragenden Kokospalmen dem Strandbild einer Tropenlandschaft. Nichts wirkt dekorativer, besonders in Gartenanlagen, als die junge, noch stammlose Pflanze mit ihren frei und breit ausladenden Wedeln. Aber den tiefsten Eindruck macht doch der weite Hain einer großen Palmenpflanzung.

Zwar fehlt da jede Aufmachung von tropischer Üppigkeit, da gibt's kein phantastisches Wuchern und Ranken von tausenderlei fremdartigem Gewächs, keine leuchtende bunte Farbenpracht, denn selbst das Grün in dem Bilde ist stumpf.

Alles ist nur Linie und Stimmung. Aber welche Stimmung und welche Linien! Die Erhabenheit dieser Tausende von schlanken, zum Himmel strebenden, mattgetönten Stämmen mit ihren hochoben im Winde leise sich wiegenden Kronen und die Stimmung einer gewaltigen, unendlichen Fruchtbarkeit, die über allem liegt, ist unbeschreiblich!

Die großartigsten Palmplantagen sind die der Firma: Vailele, Mulifanua und Vaitele.

Östlich von Apia, ungefähr eineinhalb Wegstunden entfernt, liegt die älteste Pflanzung Vailele. Sie ist von den dreien die malerischste, da das Land stark hügelig und von verschiedenen Flußläufen durchzogen ist. Ein vorzüglicher Fahrweg führt in Serpentinen durch die liebliche Landschaft

An der Bucht von Vailele liegt das Verwalterhaus. Seit einem Vierteljahrhundert wirtschaftet hier mein lieber, alter Freund Kapitän Hufnagel.

Sein Name ist mit der Geschichte des Landes eng verknüpft. Jeder, der etwas mehr von der Kolonie weiß, als der Durchschnitt, hat ihn gehört, und jedermann, der auch nur kurze Zeit hier weilte, hat den prächtigen alten Seemann und seine liebenswürdige Frau kennen gelernt und ihre Gastfreundschaft genossen.

Hufnagel hat, abgesehen von seinen Verdiensten während der frühern kriegerischen Ereignisse, viel für die Kolonie getan. Unermüdlich hat er sich um die Einführung neuer Kulturen bemüht. Der Versuchsgarten in Utumapu, nun schon lange aufgegeben, ist sein Werk. Dort hat er zuerst Kakao und Kaffee angebaut, Versuche mit Gummi, Thee, Vanille, Zimmt und den verschiedensten Fruchtbäumen gemacht. Er hat sich eine Bohrmaschine kommen lassen und Bohrungen nach Wasser vorgenommen, trotz aller Behauptungen von Fachgelehrten, daß das aussichtslos sei. Und Brunnen voll klarsten, kühlen Wassers sind sein Erfolg!

Die Pflanzung Vailele ist sein Lebenswerk. Die Ritte mit dem lieben Alten durch die von ihm gepflanzten Palmenhaine werden stets zu meinen schönsten Erinnerungen gehören!

Die Kokospalme erfordert von allen Kulturen die geringsten Arbeitskräfte, eigentlich ist fast nur das Pflanzen und Ernten notwendig. Dazwischen allerdings bedarf es des Wartens! Denn erst im siebenten Jahre beschert sie reichlicher Früchte.

Das Freihalten des Bodens von allzu stark wucherndem Unkraut besorgt das Vieh. In den Pflanzungen der Firma weiden Tausende von Rindern in fast unbeschränkter Freiheit. Die riesigen Herden dienen nur dazu, das Gras unter den Palmen niederzuhalten und der Fleischnutzung. Milchwirtschaft wird hier nicht betrieben.

Einmal im Ertrag, liefert die Kokospalme das ganze Jahr hindurch ihre Früchte. Die reifen, heruntergefallenen Nüsse werden von den farbigen Arbeitern aufgelesen, durch Esel in Tragkörben an die Pflanzungswege gebracht und hier zur Seite aufgeschichtet, von wo sie durch Ochsenfuhrwerk abgeholt und zur Darre befördert werden.

Hier sitzen nun die Arbeiter vor ganzen Bergen von Nüssen, damit beschäftigt, ihre Kerne der Hüllen zu entkleiden und in Stücke zu zerkleinern.

Die äußern, dicken, filzigen Schalen, die sonst ein wichtiger Ausfuhrartikel sind und zu Teppichen, Matten und Stricken verarbeitet werden, finden hier keine Verwertung, wohl weil die Transportkosten zu hoch sind. Sie werden zu großen Haufen aufgeschichtet und verbrannt.

Tropenwirtschaft ist wohl im allgemeinen immer mehr oder weniger extensiv, aber in besonders hohem Maße ist das hier bei der Ausnutzung der Kokospalme zu sagen!

Das in Stücke zerlegte Kernfleisch kommt dann in das Trockenhaus, die Darre, die es nach ein bis eineinhalb Tagen als zur Verschiffung fertige Kopra verläßt.

Außer den riesigen Plantagen der Firma gibt es noch eine ganze Anzahl kleinerer. Da sind besonders die Pflanzungen der Katholischen Mission am Vaeaberg und andere im Privatbesitz von weißen Ansiedlern. Außerdem hat fast jeder Grundbesitzer ein mehr oder weniger großes Stück seines Landes mit Palmen bepflanzt.

Die weitaus meisten Palmbestände aber sind im Besitz der Eingeborenen. Allerdings sind das keine regelrecht angelegten Plantagen. Aber am ganzen Strande entlang, besonders in und um die Dörfer herum, sieht man überall in Mengen die schlanken Palmstämme aufragen.

Wo der Samoaner Land bebaut, sei es mit Bananen, Taro, Brotfrüchten oder sonstigem, fast überall pflanzt er auch seine Kokosnüsse. Sie dienen ihm selbst in vielseitigster Weise zur Ernährung, und außerdem bringt ihm der Verkauf der Kopra fast mühelos soviel Geld, als er zur Befriedigung seiner Bedürfnisse braucht.

Die Aufbereitung der Kopra wird von den Eingeborenen in Ermangelung einer Darre durch Sonnentrocknung im Freien vorgenommen.

Anfang April 1907.

Das dröhnt auf das Wellblechdach, das rieselt und plätschert rings ums Haus, daß man meint, man müsse mit fortschwimmen! Kurze, heftige Regenböen rütteln am Dachblech, an den hochgezogenen Bambusvorhängen der Veranden. Klatschend schlagen die Wedel der Kokospalmen zusammen, riesige dürre Palmzweige sausen nieder, mit dem starken Schaft mächtig, auf dem Boden aufschlagend. Dann und wann hört man eine Nuß niederplumpsen!

Ein Unwetter, das einige Stunden anhält, um dann für kürzere oder längere Zeit zu pausieren und vielleicht der Sonne einen kurzen Durchblick zu gestatten.

Dann bemerkt man, wie über Nacht das Unkraut im Garten hochgewachsen ist. Um den Wassertank hat sich ein großer See gebildet, denn er ist längst voll, und die überflüssigen Regenmengen rauschen als Wasserkünste an ihm herab. Aber der Erdboden ist hier so porös, daß schon nach kurzer Zeit die größten Pfützen weggesickert sind.

Regenzeit!

Von einem richtigen Tropenregen macht sich der Europäer, der ihn noch nicht erlebt, nur schwer eine richtige Vorstellung. Ein heimischer Wolkenbruch ist dagegen ein sanftes Rieseln!

Aber nicht die Regen selbst sind für den Weißen das Lästigste, sondern die in dieser Zeit herrschende Hitze. Denn da der Passat fehlt, bringen nur die unregelmäßig blasenden Böen eine Erfrischung. Zudem hindert die mit Feuchtigkeit geschwängerte Luft die Ausdünstung des Körpers.

Als ich vor einem Jahre die Regenzeit zum ersten Male durchlebte, äußerte ich doch gelegentlich den Wunsch, nur einmal wieder frieren zu können.

»Das kannst du haben!« versicherte mein Mann, »Sobald die Regenzeit vorbei, geht es hinauf nach dem Lamitoo!«

Einige Wochen später machten wir uns dann wirklich auf den Weg nach dem vielgepriesenen Kratersee; noch zwei junge Herren waren mit von der Partie.

Schwarze Träger wurden mit dem nötigen Proviant und Gepäck vorausgesandt, und gleich nach der morgendlichen Sprechstunde meines Mannes ritten wir los.

Nach einer halben Stunde gemütlichen Trabens auf heißer sonniger Straße, nahm uns der kühle Schatten des Urwalds auf. Steil in die Berge hinauf führte der Weg, der sich bald zum wahren Gemsenpfad wandelte.

Es ist erstaunlich, wie gut die hiesigen Pferde auch die schlechtesten Wege überwinden. Steile Abhänge mit dichtem Steingeröll nehmen sie ebenso willig und sicher wie solche mit schlüpfrigem Lehmgrund. Es war eine richtige Kletterpartie im Sattel.

Je höher wir hinauf kamen, desto mehr veränderter sich der Urwald. Immer dichter wurde sein Dickicht, immer wilder die Vegetation. Nach einigen Stunden mußten wir absitzen und die Pferde eine Weile führen, da wir sie nicht zu Schanden reiten wollten. Nach einer längeren Ruhepause ging es mit frischen Kräften wieder weiter.

Ungefähr eine halbe Stunde vom Ziele entfernt, sahen wir uns mitten im Urwalde vor einer Gesetzestafel stehen: »Weiter hinauf dürfen keine Pferde mitgeführt werden, Zuwiderhandlungen werden mit 20 Mark Geldstrafe gebüßt.«

Wir guckten uns verblüfft an und mußten laut lachen. Es lebe der deutsche Schutzmann! Hier, mitten im samoanischen Urwald stand er ehrfurchtgebietend und drohend vor uns, wenn auch nur als verwittertes Schriftschild.

Was war zu tun? Die Geschichte war verrückt, denn das Schild hätte, wenn es nötig war, unten an den Eingang zum Bergweg gehört. Wir konnten doch unmöglich die Pferde hier in der Wildnis zurücklassen und Sattel und Satteltaschen uns selbst aufladen! Wohl oder übel mußten wir also zu Gesetzesübertretern werden und die 80 Mark für unsere vier Gäule riskieren. Ohne besonders drückende Gewissensqualen blieben wir also ruhig in den Sätteln und ritten weiter.

Endlich waren wir oben. Und da lag der stille, grüne See im unergründlichen Kraterkessel vor uns, umkränzt vom herrlichsten Märchenwalde.

Der Kraterrand ist da, wo wir angelangt waren, ziemlich breit und hier waren die drei Schutzhütten, von deren Vorhandensein wir wußten, errichtet. Eine kleinere mit Tischen und Bäanken, die als Speisehaus, und eine geräumige, mit Holzgerüsten, die als Schlafraum dienen sollte. Die dritte war nur ein kleines Kochhaus.

Diese Anlagen sind auf Anregung Dr. Funks entstanden, der nun bald dreißig Jahre hier im Lande lebt und sich große Verdienste um die Kolonie, besonders aber um den Lauutoo erworben hat.

Unsere Träger waren schon angelangt. Vor allem wurden die Pferde versorgt und möglichst abseits in saftigem Wiesengras angepflockt. Denn in der Nähe der Häuser waren alle möglichen Ziersträucher gepflanzt, und deren Schutze galt offenbar die strenge Polizeibestimmung.

Die Häuser enthielten fast alles, dessen wir bedurften, mehr als wir seinerzeit in unserer Sogiresidenz vorgefunden hatten! Koch- und Eßgeschirr, sogar gefüllte Lampen und Kochherd, auch ein großer Tank mit Trinkwasser war vorhanden.

Wir packten aus und gingen dann gleich an die Verteilung und Einrichtung unserer Lagerstätten. Decken und Kissen hatten wir genügend mitgenommen, aber keine Mosquitonelze, da man uns versichert hatte, daß es oben in der bedeutenden Höhe (mehr als 700 Meter über dem Meeresspiegel) diese Quälgeister nicht gäbe. Natürlich mußten wir alle zusammen in dem einen großen Raum des Logierhauses übernachten, aber Platz war genug da, und Prüdes gewöhnt man sich hier draußen schnell ab.

Während die Herren zum See hinunter stiegen, um ein Bad zu nehmen, richtete ich schnell alles zum Abendbrot her und kleidete mich auch um.

Und dann folgte ein fröhliches Tafeln in der kleinen Blockhütte.

Als wir wieder hinaustraten, war die Sonne schon untergegangen. Wir ließen uns auf den herumliegenden Steinblöcken nieder und genossen die gewaltige Einsamkeit der Berge und dann – ja, wirklich, uns fing an zu frieren! Herrlich war es, die Kälte langsam über den Körper kriechen zu fühlen und fröstelnd zusammenzuschauern! Leider durfte ich das nicht richtig auskosten, denn mein Mann wickelte mich eilig in einer dicke Decke ein. Aber der Kopf blieb frei und mit Wonne fühlte man den kühlen Abendwind und sog die frische, herbe Bergluft in die Lungen.

Kälter und kälter wurde es, so daß ein allgemeines Verlangen nach einem heißen Glühwein auftrat. Der war bald bereitet, aber in die Häuser gingen wir noch nicht. Wir hatten uns eine Vollmondnacht ausgesucht; die wollten wir erleben.

Leise erhellte sich der östliche Horizont, und dann stieg der Mond in leuchtender Pracht über dem Meere auf, eine breite Silberstraße über das Meer sendend und den Urwald und den stillen Traumsee mit schimmerndem Licht übergießend. Es war ein wunderbarer Anblick voll traumhafter Schönheit!

Unvergeßliche Stunden der tropischen Bergnacht!

Es war fast Mitternacht, als wir unsere Lager aufsuchten, nun ehrlich und rechtschaffen müde, uns nach Schlaf sehnend. Schon im ersten Einschlafen – ein feines, wohlbekanntes Summen. Also doch ein Mosquito! Jetzt kein Summen mehr, ein richtiges Klingen, das bald die ganze Luft erfüllte.

Da fluchte auch schon in einer Ecke einer von unsern Reisegenossen.

»Meine Lippen sind zerstochen!« schimpfte der andere.

O weh, das war schlimm! Keine Netze und wir waren, außer meinem Manne, alle noch nicht immun gegen die Stiche. Wir hüllten uns, so gut es ging, Hände und Füße ein und deckten Taschentücher über die Gesichter, aber es waren böse Stunden!

Deshalb fiel uns das Aufstehen, um den Sonnenaufgang zu bewundern, nicht schwer, trotz aller Müdigkeit vom Tage zuvor.

Das Frühstück frischte die Lebensgeister wieder auf, und wir beschlossen eine Wanderung um den See.

Ringsum auf dem Kraterrand ist ein schmaler Fußweg durch den Busch gehauen, und nach allen vier Himmelsrichtungen sind freie Durchblicke nach der See zu geschlagen. Eine Stunde braucht man, um den See zu umgehen.

Eine Stunde köstlichen Wanderns im Märchenwalde!

Einzelne Bäume sind kaum zu unterscheiden, jeder mit Tausenden von phantastischen Farnen, Flechten und Orchideen behängen, ein Stamm durch ungezählte Ranken und Lianen mit den andern verbunden, ein Blätterdach wölbt sich über dem andern. Kein Stamm ist zu sehen, dichte Kleider von Schmarotzerpflanzen umhüllen sie, baumhohe Farne ragen zwischen ihnen hervor. Der Fuß versinkt im dichten, saftigen Polster von Moosen und Orchideen.

Märchenwald! Muß da nicht ein Elflein sich in den Lianenschlingen schaukeln, oder Waldschrat hinter dem mächtigen Farnwedel hervorlugen? Und wenn es Nixen gäbe – wo anders sollten sie zu finden sein, wenn nicht in dem grünen Wasser dieses Kratersees?

Wir ruderten auf ihm eine Stunde, denn auch ein Boot ist da. Wassernixen sahen wir nicht, nur eine Unmenge Goldfischlein, die Dr. Funk angesiedelt hat.

Zu den Hütten zurückgekehrt, wartete unser eine peinliche Überraschung. Der Hüter des Gesetzes war erschienen in Gestalt des alten Pflanzers Kohlhase, der eine Stunde unterhalb des Gipfels haust und mit der Aufsicht oben betraut ist. Er hatte wohl den Rauch von unserm Frühstücksfeuer aufsteigen sehen und kam nun, um gegebenen Falls Schuldige auf frischer Tat zu ertappen. Zwar waren unsere Gäule brav und unschädlich am Waldesrande angebunden, aber wir machten uns darauf gefaßt, daß die achtzig Mark wohl fällig sein würden.

Mit scheinheiliger Freundlichkeit luden wir die hohe Obrigkeit zur Teilnahme an unserm zweiten Frühstück ein, und nach gründlicher Abfütterung packten wir ihr alles auf, was an Eßbarem noch übrig geblieben war. Ohne einen Blick nach den Pferden verzog sie sich dann auch, und trotzdem die Sättel ihr vor der Nase gelegen hatten, haben wir wirklich später kein Strafmandat erhalten. Vermutlich hatte die Gänseleberpastete zu gut geschmeckt!

Wir selbst bestiegen eiligst unsere verbotenen Tiere und ritten aus dem Märchenreich wieder hinab zu den Wohnstätten der Menschen!

Gestern war ich mit auf großer Diensttour, in Mulifanua, an der Westspitze der Insel.

Der Weg dorthin führt immer am Strande entlang, durch zahlreiche Samoadörfer, die hier besonders dicht nebeneinander liegen. Jede der Ortschaften, trotzdem sie oft nur einer größeren Sippe gehören, hat eine Kirche! Zuweilen sieht man auch nur die Mauern einer solchen, halbfertig, von Unkraut überwuchert, aufragen – das Geld war wohl beim Bau ausgegangen!

Verschiedene Flußmündungen sind auf dem Wege zu passieren, aber es sind sehr zahme, schmale Wasserchen, in denen meist eine Anzahl Eingeborener herumplätschert, teils waschend, teils badend, teils faulenzend.

Der ganze Strand ist stark gebuchtet, kulissenartig schiebt sich eine Landspitze hinter der andern vor. Einzelne Samoaner in Kanoes paddeln auf See herum, zuweilen sieht man auch ganze Dörfer beim Fischfang mit großen Netzen draußen zwischen Strand und Außenriff.

Allmählich tauchte aus dem Dunst der Ferne die mächtige Silhouette Savais deutlicher auf, daneben die kleinen Inseln Manono und Apolima.

Nach reichlich vier Stunden Fahrt erreichten wir Mulifanua, die größte aller Palmplantagen Samoas. Namentlich unter dem jetzigen Verwalter hat sich diese Pflanzung glänzend entwickelt und stellt wohl das Großartigste in ihrer Art dar.

Ich ließ es mir nicht nehmen, nach kurzer Rast die Fahrt meines Mannes auf die verschiedenen Stationen zur Inspizierung der Kranken mitzumachen. Wir fuhren im Wagen des Verwalters, der uns in einem zweiten Buggy begleitete. Seine beiden großen Hunde sprangen lustig bellend neben her.

Von einer Station zur andern ging es, auf zuweilen schauderhaften Wegen. Überall Palmen und wieder Palmen! Unter ihnen grasten die Rinder und glotzten uns in stiller Beschaulichkeit an.

Da zog vor uns eine riesige Herde quer über den Weg, kläffend sprangen die Hunde drauf zu!

Aber, o weh, es waren größtenteils Kühe mit jungen Kälbern. Sie glaubten ihre Jungen in Gefahr und setzten sich mit ihren langen spitzen Hörnern zur Wehr.

Der Verwalter versuchte die Hunde zurückzupfeifen, vergebens! Die Köter waren auf Schweinejagd dressiert und ohne Appell. Sie gehorchten nicht und bedrängten heftiger die Kälber.

Immer mehr Rinder eilten zur Verteidigung herzu, gingen aber auch gleich in Angriffsstellung gegen uns über. Bald sahen wir uns von einer wütenden Herde von einigen hundert Rindern mit drohend gesenkten Köpfen umringt. Die Pferde scheuten zitternd zurück, die Situation war scheußlich!

»Schnell, durch!« rief der Verwalter und raste mit seinem Buggy an uns vorbei, vom Wege abbiegend, querfeldein.

Unser Pferd bockte, nur heftige Peitschenhiebe trieben es vorwärts hinter dem Verwalter her durch die Lücke in der rasenden Herde.

Ein paar Dutzend der wütenden Tiere verfolgte uns noch eine lange Strecke.

Ein lebensgefährliches Erlebnis in diesem sonst so harmlosen Lande!

Am allerschönsten ist es, wenn ich meinem Manne in seinem Beruf beistehen kann, besonders, wenn er gerufen wird, um einem jungen Menschenkinde zum Leben zu helfen.

Auf abgelegnen Pflanzungen haben dann die weißen Frauen meist keine verständige weibliche Hilfe zur Hand, und das Baden und die erste Toilette des Neugeborenen können der Vater und der Arzt schlecht besorgen. Auch tut der Frau in ihrer schweren Stunde die Nähe einer weißen Mitschwester wohl.

In solchen Fällen fahre ich auch nachts stets mit, und kein Unwetter hält mich dann zurück.

Das ist nicht etwa eine besondere Opferfreudigkeit von mir, sondern diese Tätigkeit als erste Kindswärterin ist zur wahren Leidenschaft bei mir geworden. Ich bin immer ganz unglücklich, wenn ich zuweilen höre, daß schon andere weibliche Hilfe zur Stelle ist.

Gestern kamen wir wieder einmal spät, gegen Mitternacht, von der Entbindung einer englischen Pflanzersfrau in Uluioloa zurück.

Leider sind es selten deutsche Frauen, zu denen mein Mann gerufen wird, meist Engländerinnen und Halbweiße.

Als ich hier ankam, fand ich in Apia nur eine einzige verheiratete deutsche Frau vor, aber jetzt ist das schon besser geworden, auch der Geschäftsleiter der Firma und der Bezirksrichter haben liebenswürdige deutsche Gattinnen.

Weitaus die meisten Männer sind mit Halb- oder Vollblutsamoanerinnen verheiratet, die Beamten der Regierung und der Firma vielmehr noch als die Pflanzer. Die übrigen leben zum größten Teil fa'a samoa, d. h. in wilder Ehe mit Samoanerinnen.

Ich habe viele liebenswürdige farbige Frauen weißer Männer kennen gelernt, aber leider sprechen nur die wenigsten deutsch. Dies erscheint mir als der größte Mangel dieser Frauen deutscher Männer und Mütter ihrer Kinder.

Daß ich, besonders im Anfang, ihnen gegenüber ein starkes Gefühl der Fremdheit zu überwinden hatte, ist wohl natürlich. Vermutlich bin ich ihnen noch viel fremder erschienen als sie mir!

Die farbigen Frauen galten hier im Gegensatz zu den herrschenden Ansichten in englischen Kolonien als gesellschaftlich vollberechtigt. Das ist auch notwendig, wenn nicht überhaupt auf das weibliche Element im gesellschaftlichen Leben fast ganz verzichtet werden soll. Sie haben fast alle tadellose Manieren und das Auftreten wirklicher Damen.

Allmählich habe ich den Eindruck gewonnen, daß diese Mischehen von den obern Stellen sehr gern gesehen werden, wohl in der richtigen Erwägung, daß dadurch die Beamten stärker an das Land gefesselt werden, was ja sicher vorteilhafter ist als häufiger Wechsel.

Das gesellschaftliche Leben hat zum Teil einen sehr feierlichen Anstrich!

Als erstes gilt es für jeden Neuankömmling, in dem Kreise, in dem er verkehren wird, offizielle Besuche zu machen. Wehe, wenn er da den einen oder andern vergißt oder nicht die richtige Reihenfolge einhält! Schwerer Zorn des gekränkten Teiles würde ihn treffen. (Mir scheine, daß das samoanische Zeremoniell abgefärbt hat.) Und dreimal wehe, wenn vergessen wird, die Besuchskarten zurückzulassen!

Selbst wenn man, wie das meist der Fall, von den Herrschaften auf der Veranda empfangen wird und mit ihnen die Viertel- oder Halbestunde, die der Besuch dauert, abgesessen hat, hat man ihnen doch beim Abschied seine Namenskarten in die Hand zu drücken.

Noch komischer ist das auf den Pflanzungen. Dort wird jeder Besucher, auch wenn er zum erstenmal kommt, gewöhnlich gleich den ganzen Tag bis zum Abend gastlich festgehalten, aber auch dann sind die Karten unweigerlich fällig!

Die gutmütigsten, vernünftigsten Menschen können wild werden, wenn man sie in der Beziehung kränkt.

Ein besonders großes Haus macht die Firma. Meist sind es über dreißig Personen, die zu den Diners dort geladen sind. Die Herren erscheinen dann im Frack, seltener im weißen Dinerjacket, die Damen in großer Abendtoilette.

Besonderer »Betrieb« herrscht beim Besuche unseres Kriegsschiffes. Ein bis zweimal im Jahre kommt der »Condor« für ein paar Wochen her, macht gewöhnlich mit dem Gouverneur eine Rundreise um die Inseln, liegt aber die längste Zeit hier im Hafen.

Dann jagt eine Einladung die andere. Picknicks werden veranstaltet, jeden Abend findet bei irgend jemand ein »Diner« zu Ehren der Offiziere statt, und auch die Ansiedler werden öfters an Bord eingeladen. Vom Verein »Concordia« und vom »Militärverein«, den mein Mann gegründet, werden der Besatzung große Feste gegeben.

Außer den feierlichen Gesellschaften ist aber der Verkehr unter den Ansiedlern hier wundervoll ungezwungen.

Ebenso wie die Eingeborenen üben auch die »papalagi« (Weißen) eine unbegrenzte Gastfreundschaft. Zu jeder Tages- und, ich möchte fast sagen, auch Nachtzeit kann man den Bekannten ins Haus schneien. Immer herrscht herzliche Freude über einen Besuch, er wird fröhlich aufgenommen und ungezwungen bewirtet.

Mai 1907.

Soeben hallt der Postschuß über den Hafen!

Von der Lotsenstation in Matautuu, an der Ostspitze des Apiahafens, wird bei Insichtkommen des Postdampfers aus einer vorsintflutlichen Kanone ein Schuß abgefeuert als Bekanntmachung des großen vierwöchentlichen Ereignisses.

Auch unsere Normaluhr ist die Lotsenkanone, denn jeden Sonnabend Punkt 12 Uhr mittags wird der Kolonie durch einen Schuß angezeigt, was die Glocke geschlagen hat.

Oft lebt man eine oder mehrere Wochen ohne genaue Zeit, sich nach der Sonne richtend. Es kommt hier nicht auf Minuten an!

Die Zeitbemessung nach der Sonne ist sehr einfach. Wie brauchen nicht erst groß im Kalender nachzusehen, wann unser Tagesgestirn auf- und unterzugehen hat, denn jahraus, jahrein steigt es gegen 6 Uhr aus dem Meere und taucht zwölf Stunden später hinter Savai unter.

Morgen- und Abenddämmerung sind sehr kurz, nur zwanzig Minuten liegen zwischen hellem Tageslicht und völliger Dunkelheit.

Die Europapost kam hier früher aller drei Wochen über Amerika an. Seit dem Erdbeben in San Franzisko fahren aber die amerikanischen Dampfer nicht mehr und unsere Briefe kommen jetzt also nur aller vier Wochen auf dem Umweg über Fidji hierher.

Der Neuling, der von der Heimat her drei- bis viermalige Tagesbestellung gewöhnt ist, vermißt diese zuerst sehr schmerzlich. Aber man gewöhnt sich an alles, so auch an fünf- bis sechs Wochen alte »Tagesneuigkeiten« aus der fernen Welt.

Postbestellung in Haus gibt es nicht, man muß sich seine Briefe selbst von der Post abholen und hintragen.

Auch ein Kabel fehlt auf Samoa. Telegramme nach hier gehen durch den Draht bis Fidji oder Neuseeland und gelangen dann erst mit dem Dampfer hierher.

Den Begriff von Eile hat man hier vollständig verloren! Da kein Austragen von Post besteht, werden auch Telegramme nicht bestellt.

Ist der Adressat zum Abholen seiner Post nicht erschienen, so wird ihm, manchmal erst nach Wochen, bei gelegentlichem Zusammentreffen wohl vom Postbeamten zugerufen: »Da liegt seit langem schon ein Telegramm für Sie auf der Post, das könnten Sie sich mal abholen!«

Und niemand wundert sich darüber!

Heute wird es also wieder lebendig in der Stadt werden, denn an den Posttagen kommen fast alle Weißen von außerhalb herein. Sonst herrscht in Apia, wenigstens in den heißen Tagesstunden, nicht viel Leben, auch nicht in der Hauptverkehrs-, der Strandstraße, in der fast alle öffentlichen Gebäude, eine Anzahl Kirchen, Post, Zoll- und Gerichtsgebäude, die Hotels und alle Geschäftshäuser stehen.

Wohl sieht man Eingeborene zu Fuß und in mehr oder weniger vornehmen Gefährten.

Es ist anfangs ein überraschender Anblick, sie mit nacktem Oberkörper, den Kopf gegen die Sonne oft mit einem weißen Frottiertuch umhüllt, in einem eleganten Buggy sitzen zu sehen.

Halbweiße Schöne schäkern hie und da mit den jungen Handlungsgehilfen vor den Läden. Der eine oder andere »Beachcomber« (eine besondere Menschenart, die nur in der Südsee gedeiht!) schlendert nach der Bar zu seinem ersten oder zehnten Morgentrunk.

An den Hauptgeschäften sieht man Pflanzer, mit oder ohne ihre Frauen, aus dem Buggy steigen ihre Pferde festmachen und dann im Geschäft ihre Einkäufe erledigen.

Lastwagen der Pflanzungen kommen mit Kopra beladen herein und verlassen die Stadt mit Reissäcken, Kisten und Kasten. Der Wagen der Eisfabrik rumpelt vorüber.

Das ist so ziemlich das übliche Straßenbild!

Lebhafter wird es erst in den späteren Nachmittagsstunden, wenn die Strahlen der Sonne nicht mehr so sengend brennen.

Gegen fünf Uhr rollen die leichten Buggys mit den weißen Familien oder halbweißen und samoaischen Damen zahlreicher vorüber. Reiter tauchen auf.

Es ist die Stunde der Promenaden- und Besuchsfahrt. Der Bureaubeamte, der Handlungsgehilfe und die anderen Herren suchen nach des heißen Tages Mühe Erfrischung in einer Wagenfahrt oder in einem flotten Ritt, bis dann die schnell hereinbrechende Dunkelheit die meisten wieder nach Hause nötigt.

Anders sieht Apia aus an den Dampfertagen, die zugleich die Post aus der Heimat und der übrigen Welt bringen.

Da ist der Hafen lebendig! Um den neuseeländischen Personendampfer herum bewegen sich die Boote der Eingeborenen, die Leichter der Firma führen die Produkte des Landes dem Schiffe zu und bringen von ihm die gelöschte Ladung zum Zoll.

Hier herrscht ebenso rege Tätigkeit, die Lastwagen stauen sich vor dem Gebäude.

Die Straßen sind überall belebt von Fuhrwerken der Pflanzer, die fast alle in die Stadt geeilt sind. Die Mittags- und Abendtafel in den Hotels weist eine stattliche Anzahl Gäste mehr auf als sonst, und an den Bars ist stärkster Betrieb.

Auch Fremde bringt der Dampfer. In der günstigen Jahreszeit ergießen sich große Scharen Vergnügungsreisender von Australien und Neuseeland, die den »Trip« über die Inselgruppen Fidji, Samoa, Tonga machen, in die Stadt und Umgebung.

Die Eingeborenen treiben schwunghaften Handel mit ihnen. In Mengen bieten sie auf der Strandstraße ihre selbstgeflochtenen Fächer, Körbe, hübsche Muschel- und Fruchtketten, aus Schildpatt gearbeitete Ringe und Broschen mit Silbereinlage feil, oft ungeheuere Phantasiepreise fordernd.

Sehr niedlich ist immer das hall) verständnisinnige, halb beschämte Grinsen, wenn sie aus Versehen einen alten Ansiedler angesprochen haben und dann ihren Irrtum erkennen. Das gibt dann jedesmal ein kleines gegenseitiges Vergnügen!

Ungemein wohltätig berührt den Reisenden, der von Ceylon, dem Suezkanal und Italien kommt, daß die Samoaner im Gegensatz zur dortigen Bevölkerung nicht betteln. Sie bieten ihre Ware an und quittieren auch auf Absage mit einem freundlichen Lächeln.

Die kleinste Münze, die der Eingeborene kennt, ist das Fünfzigpfennigstück oder der Sixpence. Ein Zehn- oder Fünfpfennigstück wird er nie annehmen, geschweige denn Kupfermünzen.

Einige Stunden nach Einlaufen des Dampfers sammelt sich am Postgebäude eine bedeutende Menschenmenge an.

Da stehen die Wagen in langen Reihen an der Straße. Alle Geschäftsleute, Beamte, Pflanzer, Missionare finden sich ein, um ihre ersehnten Postsachen abzuholen. Vor dem noch geschlossenen Schalter drängen sie sich, geduldig: auf die Ausgabe wartend, und froh ziehen sie dann mit ihren schweren Taschen und Säcken, vollgepfropft mit Briefen und Zeitungen heimwärts.

Juli 1907.

Immer reden ältere Leute von »der guten, alten Zeit!« Auch hier höre ich öfters langjährige Ansiedler von einer solchen sprechen, und zwar meinen sie damit die Zeit vor der Flaggenhissung.

»Damals waren wir deutsch, viel deutscher als jetzt!« behaupten sie.

Was diesen Äußerungen, die mich zuerst entsetzten, zu Grunde liegt, verdient eine schärfere Prüfung. Aber, Gott sei Dank, es kann diese Prüfung ziemlich bestehen. Klarer ausgedrückt müßte es nämlich heißen: »Wir fühlten deutscher, weil wir für unser Deutschtum bangen und kämpfen mußten!«

In den laugen schweren Jahren, die der Besitzergreifung der Inseln voraus gingen, war es ganz natürlich, daß sich unsere Landsleute inniger zusammen geschlossen hatten gegen die fremden Elemente. So waren in der Zeit der deutsche Schulverein und der Verein »Concordia« in diesem Sinne entstanden, die alles Deutsche fest zusammen schweißten. Große pekuniäre Opfer wurden damals aus den Privatmitteln der Ansiedler gebracht, z. B. zur Gründung und Unterhaltung einer deutschen Schule.

Nun hatten sie nach der endlichen Deutschwerdung vermutlich einen plötzlichen vollständigen Umschwung der Verhältnisse erwartet!

Natürlich war eine deutsche Verwaltung mit deutschen Beamten gekommen, aber es hatte doch viel Altes mit übernommen werden müssen.

Die fremden Ansiedler blieben nicht nur fast alle in der Kolonie, es kamen noch neue hinzu, im Anfang mehr als aus dem Mutterlande.

Da waren noch die fremden Missionen und die alten Grundbücher, es blieb also bei den englischen Flächenmaßen. Ebenso behielten die Kaufleute die englischen Maße und Gewichte bei, da sie ihre Ware ja noch hauptsächlich aus dem Auslande bezogen. Auch die englischen und amerikanischen Münzen blieben nach wie vor neben den deutschen im Umlauf.

Daß aber die englische Sprache vorherrschend blieb und auch unser Deutsch hier stark mit englischen Brocken vermengt wird, ist fast die ausschließliche Schuld der alten Ansiedler selbst, die sich über den Mangel an deutscher Art beklagen.

Und das Merkwürdigste ist: gerade die meisten von ihnen sprechen in ihren Familien nie ihre Muttersprache! Meist mit Halbweißen verheiratet, haben sie aus Bequemlichkeit überhaupt kaum den Versuch gemacht, ihre Frauen zur deutschen Sprache zu bekehren. An den Frauen liegt das bestimmt nicht; die sind sehr intelligent, verstehen zum Teil recht gut deutsch, sprechen es aber nicht, da sie von ihren Männern nicht dazu angehalten werden. Und selbstverständlich sprechen auch die Kinder fast nur die Sprache der Mütter, englisch oder samoanisch.

So kommt es, daß es hier eine ganze Anzahl Frauen gibt, deren Vater ein Deutscher, die einen deutschen Mann geheiratet, diesem Kinder geboren haben und die trotzdem samt ihren Kindern kein deutsches Wort sprechen!

Und dies ist meiner Ansicht nach die schlimmste Unterlassungssünde, denn gerade in der Familie muß das Deutschtum wurzeln! Das Andere sind wohl bedauerliche Erscheinungen, aber doch mehr nebensächlicher Natur.

Daß allerdings im Gouvernementsrat, dem neben fünf deutschen Ansiedlern auch zwei Engländer angehören, noch längere Jahre englisch verhandelt wurde und daß die deutschen Gouvernementsräte, die dieser Sprache nicht voll mächtig waren, sich genötigt sahen, sich die Reden übersetzen zu lassen, mußte wohl tief schmerzlich berühren! Doch ist auch darin nun längst eine Änderung eingetreten.

Wenn aber auch vielen Altangesessenen das Empfinden für die äußere Ausdrucksform ihres Volkstums abhanden gekommen, so sind sie im Kern ihres Wesens doch bestimmt alle gute echte Deutsche! Sie lebten nur zu lange und mit zu viel Ausländern in engem Verkehr. Stärkerer frischer Zuzug aus der Heimat würde sicherlich die fremden Auswüchse bald schwinden lassen!

Ende Juli 1907.

Ganz einsam sitze ich zu Hause, denn auf die großem Fahrten kann ich meinen Mann nun nicht mehr begleiten.

Es ist ein wunderbarer Abend, erfrischend kommt der kühle Nachtwind von den Bergen herab. Draußen auf dem Riff leuchtet der Fackelschein der Samoaner, die beim Fischfang sind, und am Himmel funkelt hell neben der Milchstraße das »Kreuz des Südens«. Durch die tiefe Stille der Nacht klingt ferner Bootsgesang über das Wasser.

Meine Gedanken schweifen zurück nach der Heimat. Ich versuche, mich gewissenhaft bis auf den tiefsten Herzensgrund zu prüfen. Noch immer kein Heimsehnen? Auch jetzt nicht?

Nein, auch jetzt nicht! Nur jubelndes Glück erfüllt mich und innige Dankbarkeit gegen das Schicksal, das mir so reiches Erleben in diesem einzig schönen, gesegneten Lande bescherte.

Wohl wäre es herrlich, wenn die Heimat uns näher gerückt läge, wenn man leichter zu ihr gelangen und jetzt durch einen deutschen Buchenwald oder reife Kornfelder schreiten könnte! Aber man kann nicht alles auf einmal haben, und die Entwicklung dieses jungfräulichen Landes hier mit zu erleben, ist etwas so Besonderes, daß es vieles ersetzt.

Deutscher Boden ist es ja, auf dem unser Kindchen geboren werden wird, deutsches Land in der feinsten Ecke der Welt. Und das ist die Hauptsache! Nie würde ich mich in fremdem Lande, und sei es noch tausendmal schöner, einleben und glücklich fühlen können.

Zu Hause hätte ich solche Äußerungen von andern als »Hurrapatriotismus« verspottet, erst in der Fremde bin ich eine gute, bewußte Deutsche geworden.

Zum erstenmal empfand ich das, als ich auf der Fahrt hierher in Sydney Kaisers Geburtstag erlebte. Wie unsere Schiffe dort im fremden Hafen im Flaggenschmuck prangten und die Kapellen die Nationalhymne spielten, da erfaßte ich zum erstenmal die Bedeutung der Weltmachtsstellung meines Vaterlandes. Und hier die Flagge über der einsamen Insel auf der andern Seite der Erdkugel, ist sie nicht das herrlichste Symbol seiner Größe?

Daß das Deutschtum hier im Lande selbst noch nicht rein und unverfälscht hervortritt – was verschlägt es? Desto reizvoller ist die Aufgabe, an der Verdeutschung mitzuwirken. Und das tut jeder gute Deutsche hier, ob hoher Beamter oder einfacher Handwerker, ob Mann, ob Frau, einfach nur durch sein Vorhandensein.

Dezember 1907.

Lange hat mein Tagebuch geruht, Und daran ist das kleine rosige Wesen schuld, das da friedlich in seinem Bettchen schlummert. Ein kräftiges Mädel ist es. Zur Erinnerung an seine Heimat gaben wir ihm den samoanischen Namen Ula.

Die kleinen Kinder gedeihen hier wundervoll. Man kann sich ja auch keine günstigeren Existenzbedingungen für sie denken. Immer, Tag und Nacht leben sie in freier, gleichmäßig-milder Luft. Fast unbekleidet, können sie sich nach Herzenslust ausstrampeln. Kein rauher Wind, vor dem man sie schützen müßte, kein Nebel, der den zarten Lungen gefährlich werden könnte! Auch die grimmigen Feinde der Jugend Dyphterie und Scharlach fehlen völlig.

So entwickeln sich die Kinder der Weißen hier vorzüglich, wenigstens bis zum siebenten oder neunten Jahr. Später allerdings scheint ein Klimawechsel wünschenswert zu sein, aber dann spricht ja auch schon die Schulfrage mit und die Eltern werden deshalb so wie so genötigt sein, sich von den Kindern zu trennen, wenn sie selbst in der Kolonie bleiben. Eine Regierungsschule haben wir hier, die aber nur für die Elementarfächer genügen könnte.

Drei bis vier Lehrkräfte sind angestellt, weiße und halbweiße Kinder zu unterrichten.

Da die halbweißen Schüler meist ohne jede Kenntnis der deutschen Sprache eintreten, wäre das Amt des Lehrers dadurch ungeheuer erschwert, wenn nicht die fast durchweg starke Begabung dieser Schüler die Aufgabe etwas erleichterte.

Aber noch andere Schwierigkeiten bestehen für einen geordneten Schulbetrieb. Es herrscht keinerlei Schulzwang. Wo die Eltern der Erziehung ihrer Kinder gleichgültiger gegenüberstellen – was hier gar nicht selten der Fall ist, kommt oft nur ein sporadischer Schulbesuch vor, besonders da ja zu vielerlei Gründe das Versäumen entschuldigen, z. B. die oft weiten Entfernungen, die die Schüler von auswärts zurückzulegen haben, das schlechte Wetter oder ein Versagen des Beförderungsmittels. Eine Anzahl Schüler kommt nämlich zu Pferd oder Wagen, den sie selbst kutschieren, zur Schule. Da wird dann vor dem Unterricht ausgespannt, und das Pferd grast friedlich während der Schulstunden im Schulhof.

Wenn man alle diese Umstände in Betracht zieht, kann man nur staunen über die Resultate, die trotzdem erzielt werden.

Allerdings wäre zu wünschen, daß es möglich wäre, für die von Haus aus deutsch sprechenden weißen und halbweißen Kinder besondere Klassen einzurichten, so daß diese nicht genötigt sind, im Zusammenarbeiten mit den fremdsprachigen unnötige Zeit zu verlieren, besonders da in den Tropen die Schulstunden doppelt anstrengen.

Weihnachten 1907.

Christnachtstimmung unter dem Tropenhimmel? Im Herzen muß man sie tragen, von außen kommt sie hier nicht! Kein Schnee und Eis, keine Adventsglocken und Weihnachtsauslagen.

Als Christbaum wählt man gewöhnlich ein Stämmchen aus dem Busch, das künstlich als Tannenbaum frisiert wird. Aber statt der Nadeln hat es natürlich Blätter, denn Nadelbäume gibt es hier nicht. Auch künstliche Tannenbäume findet man in manchen Häusern.

Das alles sagte mir nicht recht zu, ich wollte diesmal einen richtigen Tannenbaum haben.

Mein Mann hatte einige Araukarien (die heimischen Zimmertannen) von Neuseeland eingeführt und in unserm Vorgänchen angepflanzt. Eine davon, nun schon weit über mannshoch, sieht beinah wie ein richtiger Tannenbaum aus.

Ich beschloß, im Vertrauen auf den Wettergott unsern Christbaum im Freien zu putzen, und nichts als viele Dutzend weißer Kerzen wählte ich als Schmuck.

Wir erwarteten zum Abend einige Gäste. Kurz ehe sie eintreffen sollten, kam mein Mann von seiner Krankenfahrt zurück, und teilte mir mit, daß ich noch ein Besteck mehr auflegen lassen müsse, er habe noch einen Gast geladen. Und bald nach den andern erschien dieser auch, ein sehr ehrwürdiger, einsamer Greis, den ich schon lange vom Sehen kannte, aber noch nie gesprochen hatte.

Wir setzten uns zu Tisch, und die Gäste verwunderten sich vermutlich im Stillen, daß sie keinen Weihnachtsbaum im Zimmer sahen.

Aber die Überraschung, als wir dann hinaus auf die Veranda traten und mein herrlicher Lichterbaum ihnen entgegenleuchtete!

Es war ein wundervoller Abend. Kein Lüftchen regte sich, und still und friedlich brannten die vielen weißen Kerzen im dunklen Grün des mächtigen Baumes. Ich selbst war überwältigt. Nie habe ich solch heilige Christstimmung empfunden, nie werde ich diesen Weihnachtsbaum vergessen!

Auch Geschenke barg er. Jeder Gast bekam eine kleine scherzhafte Gabe, für den unerwarteten hatte ich noch eilig etwas herausgesucht.

Und dann saßen wir auf der Veranda im Scheine unseres Christbaums und sprachen von daheim. Bald vergaßen wir das Reden und hörten nur noch zu, hörten staunend zu, wie der Alte aus seinem Leben erzählte. Welches Erleben!

Er war Jurist gewesen und eben mit seinem Studium fertig, als er in die Sturmzeit von 1848 hineingeriet. Mit flammender Begeisterung hatte er sich in die freiheitliche Bewegung gestürzt und eine führende Rolle gespielt.

Als er später von seinem König wieder in Gnaden aufgenommen werden sollte, und ihm eine glänzende Karriere in Aussicht stand, war er ausgewandert. Denn »dem König, den er bekämpft, war er nicht fähig zu dienen«!

Auf einem Segelschiff war er um Kap Horn herum gefahren und an der kalifornischen Küste gelandet.

Bis zu seinem 80. Jahre hat er in Amerika gelebt als Holzfäller, Goldgräber, Jäger, Lehrer, Städtegründer, Schulvorsteher. Er zog durch das Land, als es noch keine Eisenbahnen gab, er hat Kämpfe mit Grislybären und mit Indianern ausgefochten.

Ein Lederstrumpfroman, aber ein erlebter, und ganz gewiß ist jedes Wort der Erzählung wahr, denn der Alte ist die Lauterkeit selbst und verschmäht jede Übertreibung.

Zu Vermögen hat er es nicht gebracht, und »als armer Mann hat er nicht in die Heimat zurückkehren wollen«, trotz dem die Sehnsucht nach ihr sein ganzes Leben lang an ihm gezehrt hat. Aber sterben wollte er auf deutschem Boden. Deshalb war er als Achtzigjähriger nach Samoa gekommen und lebt nun hier einsam und zurückgezogen dem Tode entgegen.

Mein Lichterbaum entzündete wohl noch stärker in ihm das Sehnen nach der Heimat, denn nachher sprach er mir noch von seiner Jugend und von den unvergeßlichen Studentenjahren in Göttingen.

Sein Gedächtnis war so wundervoll frisch, daß er noch alle Namen seiner Korpsbrüder – er hatte einem vornehmen Korps angehört – nennen konnte.

Mein Mann holte in einem plötzlichen Einfall sein Verzeichnis der Alten Herren vom Kösener S. C. herbei und schlug nach. Ein plötzlicher tiefer Ernst in seinem Gesicht fiel mir auf.

Heimlich winkte er mich herbei und zeigte auf eine Stelle – da stand der Name unseres Gastes und dahinter, »gest. San Franzisco«!

Gestorben für die Welt, für seine Jugendgenossen!

Und da saß er vor uns, der Totgesagte und erzählte, während langsam eine Kerze nach der andern knisternd am Baume erlosch, mit leuchtenden Augen von seligen Jugendtagen, von fröhlichem Wandern, flotten Mensuren, von alter Burschenherrlichkeit!

März 1908.

Das Sehnen unseres lieben Weihnachtsgastes ist erfüllt, er schläft in deutscher Erde?

Ein rührendes Vermächtnis habe ich von ihm übernommen: sein schwarz-weiß-goldnes Achtundvierzigerband und altes Porzellan. Ein paar handbemalte Täßchen und Aschenbecher mit Widmungen seiner Korpsbrüder und den Jahreszahlen 1848 und 49. Ist die Treue nicht überwältigend, mit der der Mann diese zerbrechlichen Stücke durch sein ganzes bewegtes Leben mit sich geführt hat? Ein edles deutsches Herz hat hier ausgeschlagen!

April 1908.

Gestern habe ich einen neuen starken Eindruck empfangen. Zum erstenmal waren wir in Tapatapao, der Pflanzung der »Deutschen Samoagesellschaft«.

Reichlich zwei Stunden brauchten wir hinauf, denn es ist die höchstgelegene Plantage des sogenannten »Pflanzungsbezirks«. Der Weg führte an allerhand Privatpflanzungen und an der großen Plantage der englischen Gesellschaft vorüber.

Endlich sahen wir Tapatapao vor uns liegen. Hoch oben auf dem Berge, über dem größten Teil der Pflanzung, thronte das Haus des Direktors, unser Ziel.

Was mir bisher immer unklar als das Ideal des hiesigen Lebens vorgeschwebt hatte, hier fand ich es verkörpert! Echtes deutsches Familienleben blühte hier oben unter den glücklichsten Bedingungen.

Umgeben von drei rotbackigen, blondlockigen Kindern, das jüngste noch auf dem Arm, und dabei schon wieder in Erwartung neuen Zuwachses, so trat uns die reizende junge Hausfrau an der Seite ihres Gatten entgegen.

Die Lage dieses Hauses ist einzig schön. Weit und frei schweift der Blick über die Anlagen der Pflanzung, über das bewaldete Berggelände hinab, wo der Hafen vom silberweiß schimmernden Riffband umrahmt liegt und weit, weit darüber hinaus, über den in leuchtender Bläue sich breitenden Ozean.

Frisch und kühl ist hier oben die Luft. Der klimatische Unterschied zeigt sich deutlich an der reich blühenden und duftenden Hecke von Edelrosen vor dem Hause. Rosen sind hier unten im Küstengebiet wohl auch anzupflanzen, aber sie bringen nur kümmerliche Blüten mit ganz schwachem Duft hervor.

Wir verbrachten einen wunderschönen, anregenden Tag bei dem feingebildeten Ehepaar in Tapatapao. Ehe wir uns gegen Abend auf den Heimweg machten, wanderten wir noch ein Stündchen durch die Pflanzung.

Es sind reine Kakaokulturen, zum Teil schon tragend. Ein erhebendes stolzes Gefühl muß es für den Pflanzer sein, wenn er da, wo früher wüster Busch sich breitete, nun seine jungen edlen Baume wachsen und Früchte tragen sieht. Man kann sich kaum einen dankbarem als den Pflanzerberuf denken!

Fast alle bauen jetzt nur noch Kakao an. Man verspricht sich von ihm viel höhere Erträge, als von Palmen, und es scheint wirklich, daß diese Kultur sich glänzend lohnt. Abe bisher sind noch nicht viel Kakaopflanzungen in ertragsfähigem Alter. Man muß also abwarten, wie sich die Dinge weiterhin gestalten werden.

Mai 1908.

Wir waren in Savai, allerdings nur auf zwei Tage, da ich nicht länger von Klein-Ula fortbleiben konnte.

Schon immer lockte uns der neue Krater dort mächtig, dessen Feuerschein wir Abend für Abend hinter Mulinuu am fernen Himmel wie einen riesigen Brand leuchten sahen.

Nun bot sich eine günstige Gelegenheit zur Überfahrt. Ein chinesischer Mandarin ist seit einigen Wochen in der Kolonie, um sich über die Lage seiner dienenden Landsleute hier zu orientieren. Diesem zu Ehren war von der Regierung der stolze Dampfer »Maori« zur Fahrt nach Savai gechartert, ein Seelenverkäufer, der gerade noch den Wert seines alten Eisens hat.

In der Erwägung, daß wir sonst nie hinüber kommen würden, vertrauten wir uns ihm aber doch an. Mit von der Partie waren außer dem bezopften hohen Herrn nur noch Deeken, der Direktor der D. S. G., ein durchreisender Kollege meines Mannes und noch ein alter Ansiedler. Wir sechs waren also Alleinherrscher in dem edlen Kahn.

Die Fahrt nach der westlichen Nachbarinsel ging glatt von statten, abends gegen neun Uhr kamen wir vor Matautuu an der Ostküste Savais an. Aber weit draußen vor dem Außenriff mußten wir liegen bleiben, denn es war zu dunkel, um die Fahrt durch die Riffpassage zu wagen.

Da der Besuch des Mandarins von der Regierung offiziell angemeldet war, warteten wir in Seelenruhe auf das Boot des Amtmans, das uns von Bord abholen würde.

Aber wir warteten vergebens, nur zwei kleine Eingeborenenboote kamen längsseit. Wir beschlossen aber diese zu benutzen, um endlich von der gräßlichen Maori abzukommen. Wir verteilten uns, drei bestiegen das eine Boot, wir mit dem Kollegen das andere, das von einem halbweißen Trader gesteuert und von einem Samoaner gerudert wurde. Eine qualmende Laterne diente als Bootslicht.

So fuhren wir in der stockdunklen Nacht auf die fremde Küste zu. Die See war ruhig, aber die starke Dünung hob unsere Nußschale hoch empor, um sie gleich darauf im tiefen Wellentale untertauchen zu lassen.

Da hörten wir Bootsgesang und gleich darauf auch kräftige Ruderschläge. Wir erkannten bald, daß eine sehr große Fautasi (große Boole mit 20-40 Ruderern) mit höchster Fahrt näher kam. Denn die Ruderschläge erfolgten mit rasender Schnelligkeit und der Gesang steigerte sich zum Gebrüll.

Eben von einem Wellenberg hochgehoben, sahen wir das gewaltige Boot ganz nahe mit Blitzesschnelle auf uns zu jagen, den spitzen Schnabel gerade gegen unsere Breitseite gerichtet.

Wir alle schrieen auf, so laut wir konnten, aber unsere Stimmen gingen unter im Gebrüll der Bootssänger, so daß wir sie selbst kaum hörten und gleich darauf waren wir wieder im Wellentale untergetaucht.

Da hob sich über uns auch schon auf der nächsten Welle der schwarze Schatten des Riesenbootes empor, im nächsten Augenblick mußte es uns erdrücken – noch eine verzweifelte Anstrengung unserer Bootslenker, und, mit einem harten Schrammen an unserm Heck entlang, sauste das Unheil an uns vorüber.

Auf See bin ich immer ein Feigling gewesen und werde es wohl mein Lebenlang bleiben, aber in den kritischen Sekunden war ich es nicht allein, die gezittert. Angst, richtige Angst haben da auch die Männer im Boot empfunden. Das Schicksal des Zermalmtwerdens sah so gräßlich unabwendbar aus!

Ohne weitern Unfall legten wir nach einer halben Stunde in Matautuu an, wo wir vom Leiter der Firma gastlich aufgenommen wurden.

Das Fautasierlebnis klärte sich folgendermaßen auf. Der Amtmann, der einzige Regierungsbeamte auf Savai, der uns von Bord abholen sollte, hatte sich verspätet und deshalb die Ruderer seiner Fautasi auf der Fahrt nach der Maori zur Höchstleistung angespornt, hatte aber unverantwortlicherweise, trotzdem er selbst im Boot war, weder ein Licht an ihm angebracht, noch einen Ausguck aufgestellt.

Merkwürdig war, daß in der Fautasi kein einziger uns und den ganzen Zusammenstoß überhaupt bemerkt hat!

Ich lernte den »deutschen« Amtmann, dem das Wohl und Wehe unserer größten Insel anvertraut ist, an dem Abend persönlich kennen. Es ist ein Stockengländer, der direkt damit prahlt, außer »Prost« und »Skat« kein deutsches Wort zu kennen!

Nach dem Vulkan zu pilgern, mußten wir uns leider aus Zeitmangel versagen, aber wir sahen wenigstens den Einfluß, des glühenden Lavastromes ins Meer.

Am nächsten Morgen war Mr. Williams, der dicke Amtmann, mit einem großen Ruderboot zur Stelle. Nach ungefähr einstündiger Fahrt an der Küste entlang kamen wir an den frisch erstarrten Lavadamm, der in großem Bogen ins Meer hineinreicht und zwischen diesem und dem Lande eine weite Lagune bildet. An dem schwarzen Wall zog unser Boot entlang und bald sahen wir in einiger Entfernung einen Hexenkessel brodeln.

Über dem Meeresspiegel stand weißlicher Dampf, so hoch, wie ein Ährenfeld, wir hielten die Hände ins Wasser, es war kochend heiß! Die schweflichen Dämpfe machten uns übel, wir mußten mehr auf See zu halten.

Und hier genossen wir dann, der Ausflußstelle gegenüber angelangt, ein gewaltiges Schauspiel. Wie ein riesiger Wasserfall, so wälzte sich flüssiges Feuer von der hohen Lavamauer ins Meer hinab, das brodelnd und zischend sich wehrte! Berghoch stiegen die rotglühenden Dampfwolken zum Himmel auf! Unweit neben dem großen rauschte ein kleinerer Feuerfall, auch mehrere Meter hoch, in die kochende See.

Überwältigend war dieser Feuerzauber! Und doch berührte etwas anderes, Unscheinbares noch tiefer.

Wieder dichter an den Lavawall herankommend, bemerkten wir, wie an seinem kaum erkalteten Gestein, nicht viel mehr, als hundert Meter von der glühenden Hölle entfernt, eine feine, grüne Decke sich bildete.

Neues Leben erstand, neues Land in seinen Uranfängen!

Je länger man die Samoaner kennen lernt, desto stärker fesselt ihre Eigenart. Außerordentlich stark ist der Familiensinn bei ihnen entwickelt, der Einzelne ist nichts, besitzt nichts und hat über nichts das Verfügungsrecht. Die Familie ist das Bestimmende, und jeder fühlt sich nur als ein Glied derselben.

Starke, ehrgeizige Eifersucht besteht zwischen den einzelnen Ortschaften.

Wenn ein Dorf sich z. B. eine neue Kirche leistet, ist es sicher, daß das den Nachbardörfern keine Ruhe läßt, bis sie selbst noch schönere besitzen. Ebenso ist es mit den großen Ruderbooten. Große Wettkämpfe der einzelnen Dörfer sind sehr beliebt und spornen alle beteiligten Kräfte zu Höchstleistungen an.

Die Standesunterschiede sind bei diesem Naturvolk besonders schroff ausgeprägt. Die hohen Häuptlingsfamilien stehen zu mindest ebenso himmelweit über den gewöhnlichen Sterblichen wie unsere Herrscherhäuser. Bezeichnend kommt das in ihrer Mythologie zum Ausdruck, die die Königsfamilien direkt von den Göttern abstammen läßt, während das gemeine Volk aus niederm Gewürm hervorgegangen sein soll.

Zwischen den höchsten und tiefsten Ständen gibt es aber noch die verschiedensten Zwischenstufen.

Aus diesen starren Traditionen erklärt sich auch ihre äußerst komplizierte Verfassung.

Das Land ist seit grauen Vorzeiten in verschiedene politische Bezirke eingeteilt, und über jeden ist ein hoher Häuptling gesetzt. Diesem steht eine Art Herrenhaus zur Seite (»tulafale«), aus Angehörigen vornehmer Adelsgeschlechter gebildet, das meist mehr zu sagen hat als der Häuptling selbst.

Dessen Würde ist nicht unbedingt erblich, sie wird von den »tulafale« durch Titel verliehen.

Bei den frühern Königswahlen handelte es sich nun darum, welcher hohe Anwärter die meisten solcher Titel auf seine Person vereinigte. Da das oft schwer festzustellen war oder einige Würden von der Gegenpartei nicht anerkannt wurden, kam es meist zu blutigen Kämpfen.

Rangstreitigkeiten scheinen überhaupt stets nur die Gründe für die frühern samoanischen Kriege gebildet zu haben.

Als im Jahre 1898 wirklich einmal eine fast einstimmige Königswahl, die Mataafas, stattgefunden hatte, brachten die Quertreibereien der Engländer und Amerikaner, die ihrem Günstling Tanu den Thron zuschanzen wollten, es doch noch zu heftigen Kämpfen, die aber besonders auf ihrer Seite zahlreiche Opfer forderten.

Von den Vertragsmächten wurde dann die Königswürde überhaupt abgeschafft, und Mataafa mußte sich mit dem Titel »alii sili« (hoher Herr) begnügen.

Das Verhältnis der Eingeborenen zu den Weißen war stets ein ausgezeichnetes bis auf die Unruhen, die durch die gewissenlosen Hetzereien der Engländer und Amerikaner bei der letzten Königswahl hervorgerufen waren.

Nirgendwo auf der Welt kann unter farbigen Stämmen der Weiße seines Lebens so sicher sein wie hier.

Namentlich wir Deutschen haben stets im besten Einvernehmen mit den Samoanern gelebt. So wurde auch die Flaggenhissung von diesen freudig begrüßt.

Von unserm Gouvernement wird stets die größte Rücksicht auf die Eingeborenen genommen (manche Ansiedler behaupten, zu große!) und sorgfältig über der Ruhe im Lande gewacht.

Es sieht also alles vielversprechend aus. Der stolze Baum des Deutschtums schattet friedlich Weiße und Eingeborene und kann die herrlichsten Früchte tragen – aber ein giftiger Wurm frißt an seiner Wurzel!

Die Regierung hat ein unseliges Erbe bei der Besitzergreifung mit übernommen: die englischen Missionen?

Wir halten hier in unserer deutschen Kolonie eine Katholisch-französische-. Londoner-. Wesleyaner-, Methodisten-, Mormonen- und Seventhday-Advendisten-Mission. Alles, nur keine deutsche!

Jedes erfahrene Kolonialvolk schickt bei der Besitzergreifung eines neuen Landes, oder möglichst noch vor dieser, seine Missionen hinaus.

Vermutlich geschieht das nicht so sehr aus dem christlichen Bekehrungsdrange, als aus der richtigen Erkenntnis heraus, daß nichts so sehr geeignet ist, das eigne Volkstum und seine Stellung bei den Eingeborenen zu festigen, als die Arbeit dieser Sendboten.

Der Missionar hat die Seelen seiner Gemeinde völlig in der Hand, und seine Aufgabe ist es, nicht nur die christliche Lehre zu verbreiten, sondern die Naturkinder auch der weißen Rasse, der herrschenden Nation, näher zu bringen und ihr zu gewinnen.

Und wie ist es damit hier bestellt? Es ist zum Weinen und das Herz wird einem bitterschwer, wenn man diese Zustände mitansehen muß.

Nur einen kleinen Teil der Eingeborenen umfaßt die französisch-katholische Gemeinde. (Ich schätze ungefähr ein Sechstel!)

Ob es nun im Wesen der katholischen Kirche liegt, oder ob es nur im Gegensatz zu den evangelischen englischen Missionen geschieht – jedenfalls enthält sich die französisch-katholische Mission jeder fremdnationalen Bestrebung.

Sie bietet im reichhaltigen Kranze der frommen Gesellschaften hier das einzige erfreuliche Bild, indem sie nur rein religiöse Ziele zu verfolgen scheint und sich, außer der Verwaltung und Nutzung ihres ausgedehnten Landbesitzes, auch aller geschäftlichen Bestrebungen enthält und jede pekuniäre Ausnutzung der Eingeborenen verschmäht.

Alle bisherigen Versuche, die Sarnoaner zur Arbeit zu erziehen, sind ausschließlich von ihr ausgegangen. Auch zum Sparen halten die Patres ihre Gemeindemitglieder an. Die einzigen, eingeborenen »Kapitalisten« sind einige Kinder ihrer Kirche, deren Gelder gewissenhaft von den Seelsorgern verwaltet werden.

Aber die Hauptsache: diese Mission arbeitet nicht gegen das Deutschtum! Allerdings sind der Bischof und ein Teil der alten Geistlichen Franzosen, aber neu werden nur deutsche Patres und Schulbrüder hinausgeschickt.

Wenn man einen Samoaner findet, der deutsch spricht, ist es bestimmt ein Schüler der katholischen Mission.

Die kleinen Sekten sind ziemlich belanglos, und tragen nur zur Zersplitterung des religiösen Lebens der Eingeborenen bei.

Etwas anderes ist es mit den englischen Gemeinschaften, besonders der »London-Mission«, die ungefähr sieben Zehntel der Bevölkerung um sich schart.

Wer die Briten kennt, kann nicht glauben, daß sie jemals ihr Bestreben, englisches Wesen zu verbreiten, und ihren Sinn für »business« verleugnen würden.

Da sitzen noch die alten Missionare im Lande, die einst eifrig gegen die Deutschen intrigiert haben. Es ist nicht anzunehmen, daß sie das jetzt lassen können, wenn es auch nur noch in versteckter Weise geschehen darf. Und wenn sie es wirklich fertig brächten, das Hetzen aufzugeben, – darauf, für das Britentum zu wirken, verzichten sie bestimmt nicht! Und das kommt hier ziemlich auf dasselbe heraus!

Die London-Mission hat mehr noch, als die andern Missionen, zur ,,Bildung« der Eingeborenen beigetragen.

Nicht nur, daß alle lesen und schreiben können, ist zum größten Teil ihr Werk, sie hat auch eine große Missionsdruckerei errichtet, die Bibel und viele Traktätchen sind von ihr ins Samoanische übersetzt und gedruckt.

Aber angemessene Arbeiten hat sie die Leute nicht gelehrt! Nur so weit es ihrem unergründlichen Säckel von Nutzen ist, hält sie die Eingeborenen zum Erwerb an. Und, das muß man ihr lassen – sie versteht es glänzend, ihnen das Geld abzulocken!

Es werden große Missionsfeste veranstaltet (und zwar immer zur Zeit der stärksten Kopraernten!), an denen die Eingeborenen bedeutende Geldspenden abzuliefern haben.

Dabei wird äußerst geschickt mit ihren Schwächen und Neigungen operiert, z. B. mit der heftigen Eifersucht der einzelnen Dorfschaften untereinander. Laut wird die Höhe der Stiftungen ausgerufen mit besonderer Lobpreisung der besten Spender.

Der Erfolg ist natürlich der, daß jedes Dorf alles, was es an Geld zusammenraffen kann, der geschäftstüchtigen Mission in den Rachen wirft, ja oft sogar noch Schulden macht. nur um als gepriesener Sieger aus diesem edlen Wettstreit hervorzugehen.

So werden jährlich Hunderttausende in baarem Gelde aus dem Lande herausgezogen und nach Sydney gebracht!

Ein eigener Missionsdampfer, der »John Williams«, läuft im Jahre mehrmals hier ein, bringt große Ladung für die Missionsstationen und nimmt die stramm gefüllten Geldsäcke mit fort.

Die eingebrachte Ladung besteht aus wertvollen Gütern, die alle zollfrei eingeführt werden und durch die den hiesigen Geschäftsleuten, die ihre Ware mit zehn v. H.2) verzollen müssen, stärkste Konkurrenz gemacht wird. Darunter sind auch Medikamente in enormen Mengen für die Missionsstationen, die damit alle – ohne eine einzige Ausnahme – die gewissenloseste Kurpfuscherei treiben.

Viel Unheil entstellt dadurch, wie die Ärzte aus den hoffnungslos verschleppten Fällen, die erst im letzten Stadium der Krankheit angebracht werden, zu ihrem Schmerze ersehen können.

Heute, wie schon öfters, kam wieder ein Patient, der durch die ärztliche Betätigung seines Seelsorgers das Licht beider Augen verloren, das ihm sicher hätte erhalten werden können, wenn er rechtzeitig in sachgemäße Behandlung gekommen wäre!

Der Regierungsrat sowohl, wie mein Mann, haben sich vergebens bemüht, diesem unverantwortlichen Treiben zu steuern.

So blüht und gedeiht hier die London-Mission zum Besten ihres Säckels und zum Schaden des Deutschtums!

Es ist kein Gegengewicht vorhanden, das wenigstens etwas den verderblichen Einfluß dieser englischen Gottesmänner paralysieren würde, keine deutsche Mission!

Das religiöse Bedürfnis unter den deutschen Ansiedlern ist scheinbar auf ein Minimum reduziert.

Eine deutsche evangelische Kirche ist nicht vorhanden. In rührendem Entgegenkommen läßt aber die London-Mission an den großen Feiertagen und an Kaisers Geburtstag in ihrer Kirche in Apia von ihrem Malua-Geistlichen3) deutschen Gottesdienst abhalten. Diese Kirche, in der wir also viermal im Jahr Gottes Wort in unserer Muttersprache hören dürfen, heißt dafür auch bezeichnender Weise die »Fremdenkirche«!

Und als Fremdlinge müssen wir uns fühlen im Anblick der englischen Wandsprüche, trotz dem gutmütigen Pastor Haider, der, obwohl ein Deutscher und ein lieber Mann, für uns ein Vertreter der verhaßten englischen Mission ist.

Und deshalb gähnt in der Kirche an den deutschen Tagen eine fürchterliche Leere! Höchstens finden einmal ein paar Beamte aus offiziellem Pflichtgefühl den Weg dorthin, fast alle andern verschmähen den Gottesdienst von Englands. Gnaden!

Das feindliche Wirken der London-Mission wird, auch wenn man nicht viel Worte darüber verliert, von den Ansiedlern so stark empfunden, daß bei einer Eheschließung, sich die meisten mit der standesamtlichen Trauung begnügen und auch die Taufe ihrer Kinder lieber lange Jahre aufschieben.

So haben wir hier religiös gesinnte Familien, deren fünf- bis sechsjährige Kinder noch nicht getauft sind. Auch Klein-Ula ist noch ungetauft, und trotzdem mein Mann und ich Protestanten sind, würden wir uns viel eher entschließen können, unser Kind von den Patres taufen zu lassen, als daß wir uns an die London-Mission wendeten!

Kein Mensch in der Heimat würde das verstehen, denn da fühlt man ja unheimlich international! Und vor allen Dingen glaubt man, die Religion über allen völkischen Zwiespalt stellen zu müssen.

Uns hier draußen unter fremden Nationen ist aber unsere Volksart das allergrößte Heiligtum und seine Erhaltung und Stärkung erstes Gebot. Die Verschiedenheit der Dogmen zwischen katholischer und protestantischer Lehre erscheint uns weniger wichtig, als der fürchterliche Schaden, der dem Deutschtum hier von den englischen Missionsgesellschaften zugefügt wird.

Es ist natürlich als selbstverständlich anzunehmen, daß das Verbleiben der London-Mission im Lande und alle die Vorteile, die sie hier genießt, bei der Besitzergreifung der Kolonie durch uns, von England ausbedungen sind, und daß unserer Regierung also durch vertragliche Abmachungen die Hände gebunden sind.

Hoffentlich hat aber die geschäftstüchtige Gegenpartei nicht auch noch die »Konkurrenzklausel« eingefügt, so daß wenigstens noch die Aussicht besteht, daß endlich auch eine deutsche Mission hier segensreiche Arbeit beginnen und den englischen Einfluß allmählich aufheben wird!

»Malolo lelei«, Juni 1908.

In den Bergen sind wir, in der Sommerfrische!

Und hier oben ist es wirklich sehr frisch im Gegensatz zum Küstengebiet.

Erholungsbedürfnis war es zwar nicht, was mich mit dem Kinde herauflockte, sondern eine freundliche Einladung der liebenswürdigen Direktorenfamilie von Tapatapao. Deekens haben sich hier oben in den Bergen, östlich von Apia, nicht viel niedriger als der Lanutoo gelegen, einen entzückenden Sommersitz gebaut, auf dem sie jedes Jahr einige Monate verbringen.

Es ist eine richtige Farm. Ein Häuschen im Bauernstil, mit kleinen Zimmern und großen Veranden, eine Weide mit gutem Milchvieh, Gemüsegarten und Geflügelhof. Ein junger deutscher Landwirt hat die Farmleitung unter sich, und erfolgreich wird Milchwirtschaft betrieben und auch Apia mit frischer Butter und Käse versorgt.

Man sollte den Temperaturunterschied zwischen der Küste und diesem Platze nicht für möglich halten, denn man kann den Weg hier herauf bequem in zwei Stunden zu Fuß zurücklegen. Dabei sank das Thermometer hier oben in den letzten Nächten bis auf acht Grad!

Deekens vermieten, wenn sie nicht hier sind, das obere Stockwerk (unten wohnt der Verwalter) mit allem Inventar an erholungsbedürftige Ansiedler. Und das ist eine herrliche Gelegenheit für abgearbeitete ruhesuchende Leute, die damit eine weite Seereise ersparen können. Denn hier oben finden sie wirklich alles, dessen sie bedürfen: frische, kühle Luft, gute Kost, Ruhe und herrliche Natur.

In den Tagesstunden brennt hier oben die Sonne auch, aber nicht stärker als zu Hause an Hochsommertagen. Doch noch vor Sonnenuntergang muß man sich schleunigst in wärmere Kleidung hüllen, denn dann fängt es an für den Tropenmenschen empfindlich kühl zu werden.

Gestern Abend haben wir sogar das Wohnzimmer ganz dicht machen und mit einem Petroleumofen heizen müssen, so kalt war es geworden. In Mäntel und Decken gewickelt, tranken wir zur Erwärmung noch einen steifen Grog!

Morgens früh weckt mich das melodische Läuten der Kuhglocken. Wenn ich dann schlaftrunken durch die Lider blinzele und die Sonne durch die ausgeschnittenen Herzen der grünen hölzernen Fensterläden funkeln sehe, bilde ich mir ein, daheim in einem Bauernhause zu ruhen.

Einen herrlichen Badeplatz hat Malolo lelei. Hinter der Weide liegt eine tiefe Schlucht, in die ein schmaler Serpentinenpfad hinab führt.

Hier ist außer dem Pfade alles Wildnis, dichter tropischer Busch. Und ganz unten auf dem Grunde der Schlucht plätschert ein lieblicher Fluß über das Lavagestein. Ein Wasserfall rauscht von der Höhe herab und bietet für den, dem das Schwimmbad nicht genügt, noch eine kräftige Dusche.

In dieser unberührten und unbelauschten Einsamkeit sein Bad zu nehmen, ist immer von neuem ein köstliches Erlebnis. Was ist dagegen Norderney und Ostende?

Die Aussicht von der Veranda aus ist bezaubernd. Zwar übersieht man nicht so frei wie in Tapatapao das ganze Land bis zur Küste hinab, nur ein großer Ausschnitt läßt nach einer nordöstlichen Bucht hinabblicken. Dafür liegt aber der Horizont noch viel weiter über dem Meere, und die östlichen majestätischen Berghänge, die als Kulissen den Blick hemmen, geben dem Landschaftsbild einen eignen Charakter.

Ein Stück weiter hinauf, 15 Minuten zu gehen, liegt noch eine zweite ähnliche Farm, »Afiamalo«, die ein deutsches Ehepaar bewirtschaftet und wo auch Sommerfrischler aufgenommen werden.

Wundervoll sind diese Bergwochen, aber einer der größten Reize ist für mich das Zusammensein mit der entzückenden blonden Herrin von Malolo lelei, die hier, umgeben von ihrer Kinderschar, das ungezwungene Leben einer deutschen Landfrau führt.

Juli 1908.

Abschied vom geliebten Inselparadies ohne Hoffnung auf Wiederkehr!

Es ist mir nicht so ergangen, wie manchen, die immer erst zu spät erkannten, wie glücklich sie hier gewesen und die daheim dann nach dem Verlorenen jammerten.

Bewußt habe ich das Land von Anfang an geliebt, es geliebt mit allen seinen Schönheiten und Unvollkommenheiten. Wie innig nahe man sich aber auch vielen Menschen angeschlossen, das merke ich jetzt beim Abschied! Nicht wie Fremde, die der Zufall zusammengewürfelt, erscheinen mir jetzt die nähern Bekannten, sondern wie alle Jugendfreunde, die man schon, so lange man denken kann, gekannt. Gemeinsames Streben und gemeinsames Lieben verbindet hier draußen tausendmal inniger als in menschenüberfüllten Kulturländern.

Unfaßlich dünkt es mich, daß diese paar Jahre nur eine Episode in meinem Leben gewesen sein sollen. Dem Schmerze dieses Abschieds kann die Aussicht auf das Wiedersehen der Heimat und der Lieben dort nicht die Wage halten, denn die war uns ja ein sicherer Besitz unserer Zukunft.

Aber unser Sogihäuschen auf immer zu verlassen, die Fahnen Samoas nicht mehr rauschen zu hören, welch heißer, heißer Schmerz! Nie, das weiß ich bestimmt, wird die Sehnsucht nach dem teuern Inselland in meinem Herzen erlöschen!

(Nur so weit steht mir mein Tagebuch, das in der Heimat zurückgeblieben war, zur Verfügung. Seine Fortsetzung mußte ich bei meiner Abreise, nach Kriegsausbruch und nach Besetzung Samoas durch die Neuseeländer zum größten Teile in der Kolonie zurücklassen, da sie die englische Zensur nicht passiert hat.)

Als ich wiederkam!

Und wir kehrten doch zurück!

Ach die Sehnsucht daheim nach der blauen Südsee, nach dem verlorenen Paradies! Man mußte sich scharf zusammennehmen, um nicht immer zurück, sondern tapfer vorwärts zu schauen.

Hinaus in die Tropen wollten wir wieder, das stand fest. Mein Mann führte Unterhandlungen mit Ostafrika. Aber ehe eine Entscheidung fiel, erreichte uns mitten im deutschen Winter eine umfangreiche Samoapost. Und alle Briefe enthielten die Bitte an meinen Mann zurückzukehren. Von einigen Leitern junger Plantagengesellschaften und von Privatpflanzern waren geschäftliche Vertragsangebote beigefügt.

Nie ist mir Selbstbeherrschung so schwer geworden als in den nun folgenden Tagen. Mit keinem Wort versuchte ich, die Entschließung meines Mannes zu beeinflussen, denn die Verantwortung dafür hätte ich unmöglich übernehmen können. Seine ruhige Überlegung, nicht meine Empfindung mußte entscheidend sein. Aber der Jubel dann, als er mich fragte: »Wollen wir also wirklich wieder zurück?«

Nach weiter Fahrt über Australien lag es dann endlich wieder vor uns, das liebliche Bild: Apia mit seinen palmenbeschatteten hellen Häuschen und die hinter ihm aufragenden grünbewaldeten Bergketten. Und glückselig grüßten wir: »Talofa Samoa4)

Herzlich, wie Verwandte, wurden wir von unsern Freunden empfangen und aufgenommen.

Auswahl an Wohnungen war nicht vorhanden, denn in Apia herrscht immer große Wohnungsnot. So mieteten wir uns einstweilen ein Häuschen in Motootua, dcm südwestlichen Teile Apias.

Diesmal hatten wir uns, da wir die Verhältnisse genau kannten, in Deutschland gut und zweckmäßig ausrüsten können und hatten eine vollständige Wohnungseinrichtung mitgebracht. Bald war das neue Heim gemütlich hergerichtet und bezogen.

Fast ein Jahr war seit unserer Abreise vergangen. Mit freudigem Erstaunen nahmen wir die Veränderungen wahr, die während dieses kurzen Zeitraums im Lande vor sich gegangen waren.

Die wichtigste Errungenschaft war der stärkere Zuwachs an deutschen Frauen. Unser Gouverneur, Exzellenz Solf hatte der Kolonie als schönste Gabe von seiner Urlaubsreise eine blutjunge, reizende Gouverneuse mitgebracht. Und auch noch mehr deutsche Beamtenfrauen waren nun eingezogen. Es erfüllte uns mit großer Freude, daß man im Kolonialamt endlich eingesehen zu haben scheint, wie wünschenswert es ist, verheiratete Beamte hinauszusenden. Von Pflanzerfrauen waren ja in der letzten Zeit unseres ersten Aufenthaltes schon mehr hinausgekommen, aber auch hier war frischer Zustrom zu verzeichnen.

Das ganze Leben gestaltete sich jetzt anders, die Geselligkeit wurde anregender und vielseitiger. Immer mehr schwand das englische Element und das deutsche trat stärker und reiner hervor.

Nur im Missionswesen war noch alles unverändert. Die London-Mission blühte und gedieh, wie seit altersher, und die Fremdenkirche bot noch immer den protestantischen Deutschen die einzige, seltene Gelegenheit, einen Gottesdienst zu besuchen. Aber auch die ablehnende Haltung dagegen war noch die gleiche.

Daß diese nicht etwa durch Gleichgültigkeit den kirchlichen Dingen im allgemeinen gegenüber bestimmt wurde, konnte man klar ersehen, als 1910 unser Ostasiatisches Kreuzergeschwader Samoa einen Besuch abstattete.

An Bord des Flaggschiffs »Scharnhorst« befand sich auch ein Marinegeistlicher. Dieser hatte während der Zeit, die der Besuch der Schiffe dauerte, fast jeden Tag deutsche Kinder zu taufen. In einigen Familien gab es ein halbes Dutzend Täuflinge, die zum Teil schon große Burschen und Mädels waren und auf ihren Ponys sicher in der Welt herumreiten konnten.

Ich möchte nicht noch einmal auf das unerfreuliche Missionsthema zurückkommen und will deshalb gleich hier sagen, daß bis zuletzt, bis zum Kriegsausbruch darin alles beim alten geblieben ist.

Unser zweiter Gouverneur Exzellenz Schultz hat im Jahre 1913 wohl einmal die Anregung gegeben, eine deutsche Kirchengemeinde zu gründen. Er trat damit, außer an andere, auch an meinen Mann heran. Dieser erklärte, daß er mit tausend Freuden bereit sei, mit dafür zu wirken, aber nur unter der Voraussetzung, daß die Gemeinde einen eignen Geistlichen erhalte und daß dieser gänzlich unabhängig von der London-Mission sein würde.

Der Gouverneur äußerte bedauernd, daß das zur Zeit unmöglich sei! Die Gründe für diese Unmöglichkeit sind nicht bekannt geworden. Die Kostenfrage kann es nicht sein, denn viel leichter, als die paar alten Ansiedler früher eine deutsche Schule errichten und erhalten konnten, hätten jetzt die zahlreicheren wohlhabenden Familien die Mittel für Kirche und Pfarrer aufbringen können.

So richtig behaglich konnten wir uns in Motootua nicht fühlen, es fehlte uns dort Licht und Luft. Und deshalb bauten wir uns bald ein eignes großes Haus auf halber Hohe des Vaeaberges (Apiaberg genannt), mit schöner Aussicht auf das Meer.

Wohl haben wir uns damals in unserm winzigen Häuschen in Sogi restlos glücklich gefühlt, aber der Luxus unseres Vaeaheims steigerte die Annehmlichkeiten des tropischen Lebens doch außerordentlich. Sechs köstliche Jahre haben wir dort verbracht.

Der Kakao.

Ende 1909 wurde ein Pflanzerverein gegründet, dem alle Privatpflanzer und auch die meisten Gesellschaften angehörten. Der Verein übernahm die Einführung der chinesischen Kontraktarbeiter und deren ärztliche Versorgung. Ein großes Hospital wurde von ihm erbaut und meinem Manne die Arztstelle übertragen.

Naturgemäß änderte sich dadurch unser Verkehrskreis stark; die Kakaopflanzer, denen wir früher nur vereinzelt näher getreten waren, wurden nun, außer den alten Freunden und den Beamten, unser hauptsächlichster Umgang.

Zu meiner Beschämung muß ich gestehen, daß ich bis dahin der wirtschaftlichen Entwicklung der Kolonie nur wenig Interesse entgegen gebracht hatte.

Das wurde jetzt mit einem Schlage anders!

Wir führten ein offenes Haus und hatten sehr viel Verkehr. Selten verging ein Tag ohne Gäste. Häufig sahen wir, besonders an den Dampfer- und Vereinstagen, eine ganze Anzahl Pflanzer bei uns versammelt

Hie und da wurde dann wohl auch ein bissel Klatsch oder Politik getrieben, aber den Hauptgesprächsston bildete selbstverständlich das, was allen am Herzen lag, ihre Pflanzungen, hier also fast ausschließlich der Anbau des Kakao.

Sterbenslangweilig waren mir anfangs die endlosen Erörterungen über die Schädlingsbekämpfung, die Art des Jätens, der Beschattung der Kulturen usw., bei denen sich die Gemüter im Streite der Meinungen oft erhitzten. Denn der Kakaobau in Samoa war noch so jung, daß sich bis dahin noch keine feste Form seiner Behandlung gebildet hatte. Es mußte viel hinzugelernt werden, und immer noch wurden neue Erfahrungen gesammelt.

Aber allmählich erwachte auch bei mir ein Interesse und Verständnis für diese Dinge. Bei unsern Besuchen auf den Pflanzungen begnügte ich mich jetzt nicht mehr mit einigen gemütlichen Plauderstunden bei unsern Gastfreunden, sondern durchwanderte eifrig die Kakaoblocks und ließ mir, was ich von den mitangehörten Debatten nicht verstanden hatte, an Ort und Stelle erklären.

Da wir fast auf allen Pflanzungen herumkamen, hatte ich das beste Vergleichsmaterial. Bald war mein Blick so geschärft, daß ich die Vorzüge und Fehler der einzelnen Betriebe genau zu unterscheiden vermochte.

Auch die Erkenntnis von Wert und Aussichten der Kakaokultur im ganzen kam mir jetzt. Es wurde mir bald klar, daß neben dem derzeitigen wirtschaftlichen Hauptwert der Kolonie, die Kokospalme, ein mächtiger neuer emporwuchs, der möglicherweise in absehbarer Zeit den alten noch weit überragen wird!

Ganz besondere Erfolge hatten die Privatpflanzer zu verzeichnen, nachdem erst das von andern Kakaoländern übernommene System der starken Beschattung des Kakaos, das für Samoa nicht angebracht ist, überwunden war.

Der Kakao erfordert viel Sorgfalt und liebevolle Pflege. Deshalb wird in Gesellschaftspflanzungen nie das Ergebnis erzielt werden wie in Privatbetrieben, denn im Großbetriebe haben meist die Beamten allzu große Flächen zu bewirtschaften, und oft kommt dann noch häufiger, stets schädlicher Beamtenwechsel hinzu.

Der Segen, den eine gut geleitete Privatpflanzung ausschüttet, ist geradezu wunderbar. Die Bäume tragen nicht nur das Doppelte von dem, was in den bisher besten Kakaoländern erzielt wurde, auch die Qualität der eingeführten Saat gibt der Boden veredelt zurück, so daß auch der Forasterokakao fast ebenso wie der Criollo auf dem Markt die höchsten Preise erzielt.

Je tiefer wir in das Pflanzungsleben eindrangen, desto mehr erkannten wir auch seine ideale Seite.

Die hohe Aufgabe des Pflanzers ist es neue Werte zu schaffen, aus unfruchtbarem Urland Schätze zu entwickeln.

Wie sehr wird die Befriedigung, die in dieser Arbeit liegt, vertieft, wenn es eigner Grund und Boden ist, den der Pflanzer bestellt. Sie ist tief in der menschlichen Natur begründet, die Liebe zur Mutter Erde!

Daheim hängt der Landmann an seinem, von den Urvätern ererbten Boden. Dies Moment, die Tradition, fällt in den Kolonien fort. Aber hier wirkt eben das mit, daß es ein aus eigner Kraft, aus dem Nichts geschaffener Wert ist, was da als köstlicher Besitz vor dem erfolgreichen Pflanzer liegt.

Wo jetzt die Bäume, die er selbst gepflanzt, reiche Früchte tragen, war früher wüster Busch, wo geordnete Wege führen, Steine und Wurzelwerk. Deshalb hängt der Pflanzer mit seiner Seele an seinem jungen Land, wie daheim der Landmann an der Scholle seiner Väter!

Es war natürlich, daß allmählich der sehnsüchtige Wunsch nach eignem Pflanzungsbesitz in uns erwachte, aber seiner Verwirklichung stellten sich einstweilen unüberwindliche Hindernisse in den Weg.

Als das Jahr 1911 mit seinen Ungeheuern Kakaoernten kam, waren wir es nicht mehr allein, die solchem Verlangen nachhingen. Epidemisch trat ein richtiges Kakaofieber auf! Wer schon Pflanzungen hatte, vergrößerte sie nach Möglichkeit, die andern strebten darnach, sie zu erlangen. Selbst verschiedene Regierungsbeamte blieben von dieser Epidemie nicht verschont.

Ein Jahr später bot sich für uns die günstige Gelegenheit zur Erwerbung erstklassigen Buschlandes; auch eine frische tüchtige Kraft für die Übernahme der Anlage wurde gefunden. Zu unserm Schmerz mußten wir zunächst darauf verzichten uns selbst ganz der Pflanzung zu widmen.

Trotzdem kamen uns unsere in den letzten Jahren gesammelten Kenntnisse sehr zu gute, denn unser junger Verwalter war ein völliger Neuling und hatte wohl auf seiner Fahrt nach der Kolonie Bücher über die Kultur studiert, sah aber erst in Samoa die ersten Kakaobäume und Früchte. Wir konnten ihm also zum Glück genaueste Anweisungen geben, wie es gemacht werden sollte (und wie es nicht gemacht werden durfte!).

Gewöhnlich wählt man sich für derartige Vertrauensposten, wie es die Stellung eines Verwalters ist, nur die tüchtigsten Kräfte im Lande aus, deren Fähigkeiten man genau kennt. Seinen Besitz einem solch unbeschriebenen Blatt zu übergeben, ist ein großes Wagnis, ja, man kann es ruhig Leichtsinn nennen.

Das Vertrauen aber, das wir in unsern unerprobten Verwalter setzten, wurde glänzend belohnt. Nie hat ein Mann mit zäherer Energie eine neue schwere Aufgabe bewältigt! Aus dem wüsten Nichts schuf er eine herrliche Musterpflanzung. Als Beweis für seine Leistung darf wohl gelten, daß er von unserer Pflanzung aus nach zwei Jahren schon an die leitende Stelle einer großen Gesellschaft berufen wurde, eine Laufbahn, wie sie in Samoa noch keiner gemacht hat.

Wir hatten dann das Glück, eine andere bewährte Kraft für die Verwaltung unserer Pflanzung zu finden.

Ein Fest war es jedesmal für uns, durch die Anlagen zu wandern und das Wachstum der jungen Bäumchen zu bestaunen. Welche Ereignisse waren das Erscheinen der ersten Blüten und Früchte! Ein guter Bekannter, der uns zuweilen auf unsern Pflanzungsbesuchen begleitete, ulkte boshaft, »wir knieten vor jedem blühenden Bäumchen nieder und beteten es an!«

Ach schön, wunderschön ist das Pflanzungsleben und mein liebster Zukunftstraum ist, daß es uns vergönnt sei, einmal wirklich selbst auf unserm Lande zu leben und zu schaffen!

Pflanzungsanlagen.

Wenn man die weiten Flächen herrlichen jungfräulichen Bodens in Samoa überblickt, die noch der Erschließung harren und den Segen kennt, den dieser ausschüttet über den, der ihn mit Verständnis und Sorgfalt bebaut, dann dünkt es ganz unfaßbar, daß jährlich Scharen von Deutschen in fremde Länder ziehen, um andern Völkern deutsche Kraft, Arbeit und Kapital zuzuführen.

Aber was weiß der Durchschnittsdeutsche von unsern Kolonien! Und besonders von denen in der Südsee! Deshalb denke ich, es ist die Pflicht derer, die diese stiefmütterlich behandelten Gebiete kennen, ihre Werte und die Aussichten, die sie für Ansiedler bieten, zu schildern.

Dabei darf man natürlich nur von erprobten und bewährten Kulturen sprechen, in Samoa also bis jetzt hauptsächlich vom Kakaobau, da die Palme wohl für den Privatpflanzer eine zu langfristige Kultur ist. Wohl schlummern gewißlich noch viele unentdeckte Werte im Lande, aber, wie gesagt, nur vom festen Boden sicherer Erfahrung aus darf ein Werberuf erklingen. Deshalb will ich mich in meinen Ausführungen hauptsächlich auf den Kakaobau beschränken.

Selbstverständlich gehören nur tüchtige, strebsame Leute mit unbedingter Selbstdisziplin in die Kolonien – die Besten sind gerade gut genug für die Pionierarbeit da draußen! Ebenso notwendig zur Anlage einer eignen Pflanzung ist ferner ein genügendes Kapital; wenn der Betrieb recht lohnend sein soll, sogar ein sehr beträchtliches. Und wenn der Kakao auch bedeutend früher als die Palme Erträge liefert, vergehen doch auch hier lange Jahre, bis der goldene oder vielmehr braune Segen eintritt. Aber er kommt.

Denn der Kakaobau auf Samoa ist nicht nur eine höchst einträgliche, sondern auch relativ sichere Kultur. Eine regelrechte Mißernte, die kaum die Betriebskosten deckte, erscheint ausgeschlossen.

Eine gutgeleitete mittlere Pflanzung verzinst sich mit annähernd 20 v. H., eine größere noch höher, ganz abgesehen davon, daß sich der Wert des volltragenden Landes enorm über das Anlagekapital hinaus gesteigert hat. Am vorteilhaftesten ist eine Pflanzung von 80 bis 140 Äckern (1 Acker = 0,405 ha). Eine kleinere erfordert annähernd die gleichen Aufwendungen an Gebäuden usw. und nutzt die Arbeitskraft des Leiters nicht voll aus. Eine von größerm Umfange als angegeben, würde dagegen wieder die Leistungsfähigkeit eines einzelnen Weißen übersteigen, und die Bewirtschaftung könnte nicht sorgfällig genug geschehen.

Ich will versuchen, die Anlage einer Kakaopflanzung in knappen Zügen zu schildern.

Gutes Land ist auf Upolu in größter Auswahl vorhanden. Möglichste Tiefgründigkeit des Bodens ist erforderlich, aber er braucht für Kakao durchaus nicht steinfrei zu sein, es wird im Gegenteil eine leichte Steinbedeckung von erfahrenen Pflanzern als besonders günstig angesehen.

Zur Erwerbung von Eingeborenenland bedarf es der Genehmigung der Regierung, die aber meist leicht zu erlangen ist, während sich die Verhandlungen mit den Besitzern gewöhnlich recht lange hinziehen. Angenehmer und leichter ist sicher ein Landkauf von der Firma. Außerdem sind in Savai – wo bisher allerdings nur wenig Ansiedler leben –, jetzt große Strecken guten Siedelungslandes zur Verfügung. Diese Ländereien waren bisher Eigentum eines englischen Konsortiums, sind aber 1913 von einem großzügigen Deutschen erworben, zur Freude unerer Landsleute und zum größten Ärger der dortigen Briten, die auch großen Appetit darauf verspürt hatten. Wenn, wie geplant, gute regelmäßige Verbindung mit Savai hergestellt ist, würde sich also auch dort vielversprechendes Pflanzungsleben entwickeln können.

Man erwirbt natürlich ein bedeutend größeres Stück Land, als man vorerst zu kultivieren beabsichtigt, denn die Möglichkeit einer späteren Vergrößerung muß man sieh unbedingt sichern.

Meist wird die ganze vorgesehene Anlage einer Pflanzung nicht im ersten Jahre vollendet, sondern im Laufe von drei oder mehr Jahren. Diese Methode hat vielerlei Vorteile; sie hier im einzeln auseinanderzusetzen, würde zu weit führen. Nehmen wir also an, eine Pflanzung soll in drei Etappen, jedes Jahr ein Drittel, unter Kultur gebracht werden.

Das erste Jahr ist das anstrengendste und kostspieligste; in ihm müssen nicht nur die Kulturen angelegt, sondern auch der Zufahrtsweg ausgebaut und die Gebäude errichtet werden.

Gegen Ende der Regenzeit wird gewöhnlich mit dem Schlagen des Urwaldes begonnen, so daß in den trockenen Monaten »gebrannt« werden kann. Das »Brennen« ist die schlimmste Arbeit, auch für den die Aufsicht führenden Weißen. Der größte Teil der niedergeschlagenen Stamme und die dickern Äste werden zersägt und zerhackt, dann in mächtigen Haufen um und über die Baumstümpfe aufgeschichtet und verbrannt. Je sorgfältiger diese Räumungsarbeit getan wird, um so leichter ist später die Bewirtschaftung. Außerdem werden Wohn- und Arbeiterhaus, Vorrats- und Wagenschuppen errichtet.

Nach einem sorgfältig entworfenen Pflanzungsplan wird das Land in einzelne Blocks abgeteilt (einer meist 10–15 Acker groß), die durch gute fahrbare Wege getrennt sind. Windschutzstreifen haben in bestimmten Abständen durch die Anlagen zu führen.

Wenn das Land geschlagen und geräumt ist, sprießt bald überall das Unkraut üppig hervor. Die erste Jäte hat sich also sofort anzuschließen. Gründlich wird alles aufkommende Grünzeug entfernt, nur eine Pflanze, die junge Papaye, wird dabei sorgfältig geschont, denn dieser fällt nachher eine sehr wichtige Aufgabe zu: die Beschattung der jungen Kakaopflanzen. In andern Kakaoländern müssen stets, um den Kakao vor den allzu sengenden Strahlen der Tropensonne zu schützen, besondere Schattenbäume gepflanzt werden. Auch in Samoa hat man dies längere Zeit getan, bis man die Erfahrung machte, daß hier der Kakao eines so starken Schattens nicht bedarf, ja, daß er den ausgewachsenen Forasterobäumen direkt schädlich ist. Man hatte dann die mühsam gepflanzten Schattenbäume mit teilweise bedeutendem Verlust wieder entfernen müssen. Eine enorme Steigerung der Erträge bestätigte damals sofort die Richtigkeit der neuen Methode.

Bis zum fünften Jahre des Kakaobaumes ist eine gewisse Beschattung auch in Samoa notwendig. Als die idealste Schattenpflanze erkannte man hier die Papaye.

Überall, wo der Urwald geschlagen ist, sprießt dieser Baum, dessen Samen längst im Urwald schlummert, von selbst in unbegrenzten Mengen hervor. In kürzester Zeit wächst er zu seiner vollen Höhe auf (bis zu fünf Meter), und seine Krone bildet ein völlig hinreichendes Blätterdach als Sonnenschutz für den Kakao. Die saftreichen, birnenförmigen, kindskopfgroßen Früchte sind eine erfrischende Nahrung für Menschen und Tiere. Der Stamm ist weich und bietet später dem fällenden Messer keinen Widerstand. Kurz vor der Regenzeit werden die eigentlichen Vorarbeiten für das Auspflanzen vorgenommen. In regelmäßigen Abständen von etwa fünf Metern werden durch Einstecken von Stäben die Pflanzstellen gemarkt. Setzt nun der Regen tüchtig ein, so wird mit dem Pflanzen begonnen, d. h. es werden vier bis fünf Kakaobohnen an den gemarkten Stellen in die Erde gelegt.

Schon nach ein paar Wochen sprießen die Kakaopflänzchen hervor, die sorgfällig durch übergestülpte leichtgeflochtene Palmkörbe vor der Sonne geschützt werden, denn die Papayen sind dann gewöhnlich noch nicht hoch genug aufgekommen.

Nachdem nun der erste Teil der Pflanzung glücklich angelegt ist, gibt es immer noch genug zu tun. Vor allein heißt es jäten und immer wieder jäten! Außerdem gibt es an den Wegen Arbeit in Hülle und Fülle.

Im nächsten Pflanzungsjahr wiederholt sich die Arbeit des Vorjahres beim zweiten Drittel der Anlage, aber daneben muß dauernd das Jäten der ersten Blocks einhergehen. Bestand bisher die persönliche Tätigkeit des Pflanzers hauptsächlich nur in der Anstellung und Beaufsichtigung der Arbeiter, so bedarf nun der einjährige Kakao seiner besonderen persönlichen Pflege.

Im dritten Jahr, wenn der letzte Teil der Pflanzung unter Kultur gebracht wird, blühen die Bäumchen in den ältesten Blocks und tragen im vierten Jahre die ersten, so heiß ersehnten Früchte.

Für die ersten kleinen Ernten benutzt man gewöhnlich die »Sonnendarre«, d. h. die Bohnen werden, nachdem sie gegoren (fermentiert) sind, auf Horden oder Segeltuch in der Sonne getrocknet.

Von Jahr zu Jahr steigert sich nun der Ertrag. Als erstes Vollertragsjahr gilt in Samoa das siebente, aber auch darüber hinaus erhöhen sich die Ernten noch, soweit man bisher feststellen konnte, bis zum 15. Jahre.

Die Anlagekosten einer solchen Pflanzung anzugeben, ist sehr schwierig, da die Verhältnisse stark wechseln. In der Hauptsache hängen sie von den Arbeiterpreisen ab. Höherer oder niederer Landpreis spielt daneben nur eine untergeordnete Rolle. Wenn ich nun doch versuche, eine ungefähre Kostenaufstellung zu geben, so geschieht das mit allem Vorbehalt. Ich kann mich dabei nur nach den Verhältnissen kurz vor dem Kriege richten. Um den Unterschied in der Rentabilität zwischen einer kleinem und einer größern Anlage zu zeigen, will ich die Anlage- und Ertragszahlen zweier Pflanzungen von verschiedener Größe nebeneinander stellen.

Die ungefähren Aufwendungen würden sein:

                                                             bei 60 Äckern            bei 100 Äckern

Landkauf                                                   M. 8900                      M. 16 000

Wohnhaus usw                                              9400                           10 000

Werkzeug, Pferde, Wagen, Kuh                      3000                             4000

Arbeiterhaus                                                  1700                             2000

Unterh. f. den Pflanzer für 4 1/2 J.                   14000                           14000

Anlagekosten                                                30000                           50000

                                                    Kapital M. 67000                      M. 96000

An Ertrag wäre zu erwarten:

                                 von der 60-Äcker-Pflanzung:             von der 100-Äcker- Pflanzung:

im 5. Jahr                  12000 Pfd Kakao = 6000 M                18000 Pfd Kakao = 9000 M.

                                 (Unkosten: 9000)                               (Unkosten: 13000)

im 6. Jahr                   22000 Pfd Kakao = 11000 M              38000 Pfd Kakao = 19000 M.

                                 (Unkosten: 11000)                              (Unkosten: 16000)

im Vollertrag               54000 Pfd. Kakao = 27000 M.             90000 Pfd. Kakao = 45000 M.

minus Unkosten                      13000 M.                                              19000 M.

Überschuß                              14000 M.                                              26000 M.

Da, wenn die Ernten größer werden, noch die Aufwendungen für die Gebäude zur Aufbereitung des Kakaos (Darre und Schuppen) zum Anlagekapital hinzukommen, so würde also bei der 60 Acker-Pflanzung eine Verzinsung von mindestens etwa 18 v. H., bei 100 Ackern eine solche von 23-24 v. H., zu erwarten sein.

Die Ertragszahlen, die ich anführte, halten sich vorsichtig unter dem Durchschnitt. Es ist dabei eine Jahresernte von 900 Pfd. pro Acker angenommen, die bei einer sorgfältig geleiteten Privatpflanzung immer erreicht wurde. Im Kakaobau gibt es schlechte, gute und ungeheure Erntejahre. Die höchsten Erträge brachten 1911und 1914. Im Jahre 1911 wurden von einer achtjährigen Pflanzung 1400 Pfd. pro Acker erzielt, und im Jahre 1914 wurde dies Ergebnis noch übertroffen, denn selbst kaum sechsjährige Bestände brachten 1200 Pfd. Aber auf solchen Ausnahmejahren darf man keine Berechnungen aufbauen, auch folgt ihnen meist ein recht knappes, denn die Bäume hatten sich dann eben übertragen. Immerhin ist es möglich, daß in manchem Jahr, wenn auch der Marktpreis gut ist, fast das Doppelte von dem vorher errechneten Gewinn erzielt werden kann.

Während bisher der Kakaopflanzer in den ersten vier Jahren immer nur Geld in sein Land stecken mußte, ohne daß es ihm in dieser Zeit auch nur einen Pfennig einbrachte, scheint neuerdings ein Weg gefunden zu sein, einen kleinen Beitrag aus dem Lande zu erzielen durch die Ausnutzung der Papayen, die ja jedem Pflanzer in fast unbegrenzten Mengen zur Verfügung stehen, ohne die geringsten Kosten bereitet zu haben.

Schon immer war die Möglichkeit, das in den Früchten dieses Baumes in reichstem Maße vorhandene Papain zu verwerten, von uns mit einigen Pflanzern besprochen worden, ohne daß es zu ernstlichen Versuchen gekommen wäre. Da tauchte 1913 ein Mann in der Kolonie auf, der, ohne eignes Land zu besitzen, mit einem Trupp Arbeiter auf fremden Pflanzungen herumzog und die rationelle Ausnutzung der Papayen betrieb. Im Gegensatz zum sonst stets gemeinsamen Streben der Pflanzer hielt er seine Methode aber streng geheim, man erfuhr nur, daß das durch eine amerikanische Firma nach den Vereinigten Staaten verschiffte Produkt von ihm durch Anzapfen der Früchte am Baume gewonnen wurde.

Nach verschiedenen Versuchen gelang es aber auch unserm Verwalter, ein haltbares Präparat zu erzielen und eine Probe davon brachte ich während des Krieges glücklich mit zur Heimat, wo ich sie zur Untersuchung einsandte. Eine unserer bekanntesten chemischen Fabriken schrieb daraufhin, datiert vom Mai 1918: »Die uns übersandte Probe vom Milchsaft der Carcia papaya ergab ein einwandfreies Präparat. Für diese Ware haben wir vor dem Kriege M. 19,50 pro Kilo gezahlt.«

Allerdings ist das spezifische Gewicht des Produktes gering, sicher aber würden auch von kleinern Pflanzungen mit Leichtigkeit einige Zentner jährlich zu gewinnen sein. Es scheint also hierdurch ein Weg gegeben, daß dem Pflanzer die ersten schweren Jahre etwas erleichtert werden könnten. Wie weit allerdings der Markt für das Produkt aufnahmefähig bleibt, vermag ich nicht zu beurteilen.

Der Kakao in Samoa hat neben einigen unbedeutenden Schädlingen einen grimmigen Feind: die Rindenfäule (den sogenannten »Kanker«). Es ist dies ein Fäulnisprozeß, der, zwischen Rinde und Stamminnern beginnend, so um sich greift, daß bald die ganze Rinde fault und der Baum abstirbt. Von den vielen versuchten Kampfmitteln gegen diese Krankheit hat sich bis jetzt am besten das prophylaktische Bestreichen der Stämme mit Kalk bewährt und zwar vom vierten Lebensjahre des Baumes ab, denn der Kanker tritt immer erst vom sechsten Jahre an auf. In Pflanzungen, die diese Methode durchführten, hat sich die Krankheit gar nicht oder kaum nennenswert gezeigt. Am empfindlichsten ist gegen sie der Criollo-Kakao, während sich der Forastero viel widerstandsfähiger erweist. Hauptsächlich wird in Samoa aus diesem Grund fast nur noch Forastero angebaut.

Trotzdem die Rindenfäule mächtigen Schaden anrichtet, zögert kein Pflanzer, fleißig weiter Kakao zu bauen. Mau rechnet von Anfang an mit einem bestimmten Ausfall, in meinen Ertragszahlen ist dies Verlustkonto schon eingeschlossen. Wenn diese Krankheit auch schlimm ist, so stellt sie doch die Zukunft des Kakaobaus in Samoa nicht in Frage!

Es wäre innig zu wünschen, daß von der Regierung künftig den Ansiedelungslustigen nach Möglichkeit die Wege geebnet würden. Das könnte z. B. geschehen durch Ernennung von Sachverständigen, die dem Neuling bei der Wahl des Landes behilflich wären, durch kräftigere Unterstützung beim Anlegen des Zufahrtsweges usw. Besonders wertvoll wäre auch die Errichtung einer Zentraldarre, wodurch ein einheitliches Produkt erzielt und der Wert des Samoakakaos weiter gesteigert würde.

Für einen Neuling ist eine gewisse Lehrzeit ratsam, bevor er mit der Anlage einer eignen Pflanzung beginnt, besonders im Hinblick auf die Behandlung der Arbeiter, denn diese ist das A-B-C des Pflanzers. Wer sie nicht versteht oder nicht bald lernt, wird nie wirklichen Erfolg haben und wenn er sonst noch so viel leistet. Jeder Pflanzer dort ist stets gern bereit, einen Neuankommendeu mit Rat und Tat zu unterstützen, jeder Zuzug wird von allen freudig begrüßt.

Möchten recht viele Tüchtige nach dem Kriege den Weg nach Samoa finden, sich und dem Lande zum Segen!

Die Arbeiter.

Jede Tropenkultur erfordert zahlreiche, möglichst billige Arbeitskräfte. Deshalb steht die Arbeiterfrage in allen Tropenkolonien obenan. Es kann sich dabei nur um Rassen handeln, die körperliche Arbeit im heißen Klima gut vertragen, Natürlich kommt in jedem Lande die eingeborene Bevölkerung zuerst in Frage.

Leider sieht es damit in Samoa nicht besonders glänzend aus, trotzdem wir eine Kopfzahl von 32 000 Eingeborenen haben, die wundervoll kräftige Menschen sind.

Der Samoaner ist kein regelmäßiger Arbeiter, wenigstens bis jetzt noch nicht. Er hat es eben nicht nötig! Die wunderbare Fruchtbarkeit seines Landes erfüllt alle seine Bedürfnisse, ohne daß er sich anzustrengen braucht.

Nur in besondern Fällen, z. B. wenn ein Dorf Steuern oder Strafen zu entrichten hat, eine neue Kirche bauen will oder Missionsfeste in Aussicht stehen, erscheinen die Eingeborenen zahlreicher zur Arbeitsleistung auf den Plantagen.

Aber man braucht die Hoffnung nicht aufzugeben, daß mit der Zeit eine Änderung eintreten könnte. Bis jetzt ist es eben noch niemals ernsthaft versucht worden, die Samoaner zur Arbeit zu erziehen, so viel auch sonst an ihnen »erzogen« wurde.

Namentlich bietet sich da für künftige deutsche Missionsarbeit ein weites Feld. Der Kaufmann muß weiter dahin wirken, daß die Bedürfnisse der Samoaner sich steigern – unbeschadet ihrer Eigenart natürlich! – und damit also ihr Drang nach Erwerb.

Selbstverständlich müßte auch die Regierung an diesen Bestrebungen teilnehmen.

So sollten Bestrafungen von Ortschaften – sie kommen nicht haufig vor! – nicht in Geldbußen, sondern in Arbeitsleistungen, besonders im Bau von guten Straßen bestehen. Wenn der Geldwert dieser Leistungen vielleicht nicht immer die Höhe der sonst üblichen Strafsumme erreichen würde, so würde doch jede solcher Arbeiten einen Stein zum Bau der Arbeitsgewöhnung darstellen.

Auch ließe sich, wie es die englische Mission stets getan hat, sehr gut mit der ehrgeizigen Eifersucht der einzelnen Ortschaften untereinander operieren, indem z. B. bei einer Verordnung, daß die Dörfer bestimmte Arbeitsleistungen zu erfüllen hätten. Preise für das Dorf ausgesetzt würden, das seine Sache am besten macht!

Die geschätztesten Preise würden der Regierung sehr billig kommen, denn sie brauchten nur in äußern Abzeichen zu bestehen, etwa in glänzenden Achselstücken für den Häuptling des auszuzeichnenden Dorfes (ähnlich, wie sie in Tutuila das amerikanische Gouvernement verleiht) oder in einer Flagge oder dergleichen für das »fale tele«. Man könnte überzeugt sein, daß auf diese Art, die den am stärksten ausgebildeten Neigungen der Eingeborenen gerecht wird, die schönsten Erfolge erzielt würden.

Natürlich könnte eine Erziehung der Samoaner zur Arbeit nicht von heute auf morgen erfolgen. Sie müßte ohne jede Vergewaltigung des Volkes nach und nach durch systematisches Zusammenwirken aller beteiligten Kräfte erfolgen.

Verschiedene Beispiele, die jetzt allerdings noch Ausnahmen sind, zeigen, daß die sonst immer behauptete Unfähigkeit der Samoaner zur regelmäßigen Tätigkeit anzuzweifeln ist.

So hat der Gouverneur junge Diener, die fast ein Jahrzehnt bei ihm ausgehalten haben, das Gouvernement langjährige Hilfskräfte und »leoleos« (Polizisten), die Ärzte tüchtige, gewandte Heilgehilfen. Das Observatorium beschäftigt schon jahrelang zwei sehr geschickte junge Eingeborene in einer große Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit verlangenden Arbeit, ebenso haben viele Geschäftsleute und auch einzelne Pflanzer langjährige samoanische Gehilfen.

In allen diesen Fällen handelt es sich um ganz regelmäßige Arbeit auf einem Platz. Man sieht also, daß bereits wohlgelungene Versuche und Anfänge zu einer Heranziehung der Samoaner vorliegen.

Von allen Arbeitern sind sie am schwersten zu behandeln. Sie benötigen scharfer Aufsicht, dabei darf man ihnen aber nicht so schroff den Herrn zeigen wie etwa den Melanesiern und Chinesen.

Den Weg zu finden zwischen der Aufrichtung unantastbarer Autorität, der nötigen Strenge und einem liebenswürdigen Eingehen auf die samoanische Eigenart erfordert ein gewisses diplomatisches Geschick und viel Takt.

Sehr günstig ist in der Arbeiterfrage die Firma gestellt, die schon seit langen Jahren auf eigenen Rekrutierungsschiffen sich melanesische Arbeiter einführt. Es ist dies ihr Privileg aus früherer Zeit und kommt keinem andern zu gute.

800-900 Schwarze (»schwarze Jungen« genannt) beschäftigt sie ständig auf ihren Plantagen. Es sind weitaus die billigsten und bequemsten, wenn auch nicht gerade sehr leistungsfähigen Arbeitskräfte.

Die Schwarzen sind fast durchweg harmlose, gutmütige (manchmal auch ungezogene) Kinder. Ihre Intelligenz ist beschränkt, aber sie sind meist ihren weißen Herrn treu ergeben. Dem Herrentum müssen ihnen gegenüber immer recht kräftige Lichter aufgesetzt werden; wer sie am stärksten anbrüllen kann, ist höchster Herr.

Welchen Stimmenaufwand namentlich die Verwalter treiben, spottet jeder Beschreibung! Wenn man zufällig in die Nähe kommt, vermutet man immer ein fürchterliches Strafgericht, dabei handelt es sich nur um die einfachste Befehlsausteilung.

Daß schwarze Arbeiter in größerer Zahl auch für die andern Ansiedler eingeführt werden könnten, erscheint aussichtslos. Es könnte vermutlich nur auf Kosten unserer andern Südseekolonien geschehen, da diese auch schon über Arbeitermangel klagen.

Als die Kakaokulturen begannen, wurde die Arbeiterfrage sehr brennend. Nach vielen Schwierigkeilen wurden von der neugegründeten D. S. G. die ersten chinesischen Kulis eingeführt.

Später wurden diese Transporte von der Regierung ausgeführt, bis der inzwischen gegründete »Pflanzerverein« die Arbeiterbeschaffung übernahm. Leider wurden nicht nur die Transporte selbst von einem zum andern Male teurer, sondern auch die Lohnsätze immer höher.

Die Kontrakte laufen gewöhnlich zwei oder drei Jahre. Außer dem Monatslohn erwachsen dem Arbeitgeber an Kosten die Ausgaben für den Hin- und Rücktransport, die Unterkunft, Verpflegung und Verarztung der Arbeiter. Kurz vor dem Krieg betrugen die jährlichen Gesamtunkosten für den einfachen Pflanzungskuli durchschnittlich 700 M.

Die Chinesen sind im allgemeinen vorzügliche Arbeiter und sehr intelligent. Aber sie sind nicht alle fleißig, und die Intelligenz äußert sich oft in Verschlagenheit! Es gibt manche Verbrechernaturen unter ihnen und namentlich in den Arbeiterverbänden der Großbetriebe schlimme Elemente.

Verschiedentlich ist es in früherer Zeit zu schweren Aufständen und heimtückischen Überfällen gegen den weißen Vorgesetzten gekommen. Es gibt aber zu denken, daß solche Vorfälle fast nie in Privatbetrieben vorgekommen sind. Stets richteten sich diese Angriffe gegen Pflanzungsbeamte und zwar besonders gegen solche, die früher in afrikanischen Kolonien gewirkt hatten.

Die Vermutung liegt nahe, daß es sich um eine falsche Behandlung der Kulis gehandelt hat, daß Methoden, die bei den afrikanischen Arbeitern vielleicht zweckmäßig waren, unvernünftigerweise hier bei der ganz anders gearteten Rasse der Chinesen angewandt wurden.

Der Chinese respektiert am meisten ruhige ernste Würde. Der Vorgesetzte, der ihm gegenüber sich im Zorn selbst vergißt und sinnlos wütet, hat sehr viel von seinem Ansehen verspielt. Der Kuli braucht Strenge, aber unbedingte Gerechtigkeit in der Behandlung. Der Europäer, der diese Grundsätze befolgt, wird, wenn er nicht besonders üble Burschen unter seinen Leuten hat, vorzüglich mit ihnen auskommen.

Leider sind immer noch die Kulis recht knapp gewesen. Jedem Transport stellen sich sehr viel Schwierigkeiten entgegen, jedesmal müssen in China neue Zugeständnisse gemacht werden. Die immer mehr steigenden Ansprüche der Chinesen weckten schon lange den Ruf nach einer andern Arbeiterquelle. Am stärksten wird nach Javanen verlangt. Es sind auch vom Pflanzerverein verschiedene Versuche in dieser Richtung gemacht worden, die hoffentlich später zu einem Erfolg führen.

Weitere Kulturen.

Eine noch jüngere Kultur als der Kakao ist der Kautschuk. In größerem Maßstäbe wurde er, und zwar Hevea brasiliensis, nur von Gesellschaften angebaut Die Ertragsmenge ist außerordentlich befriedigend, besonders erfreulich ist aber auch hier das Qualitätsergebnis bei sachgemäßer Aufbereitung. Der Samoagummi wurde auf dem Markt noch über die höchsten Preise des Paragummis hinaus bezahlt.

Östlich von Apia, hochoben in einem weiten Gebirgskessel, liegt die Pflanzung der »Samoa Kautschuk-Kompanie« ,,Saluafata«, nach dem gleichnamigen Hafen und Dorfe benannt.

Die Verbindung von Apia aus ist die denkbar schwierigste. Zu Wagen kann man überhaupt nicht hingelangen, nur ein Reitweg führt am Strande entlang. Beim Saluafatahafen angelangt, geht es hoch hinauf über den Kamm des Gebirges, wo man dann bald in weitem Kessel die riesige Pflanzung vor sich liegen sieht.

Von der Saluafatapflanzung kann man, so jung sie auch ist, wohl sagen: sie hat manchen Sturm erlebt! Einen derartigen Beamtenwechsel, besonders in der Leitung, hat keine andere Pflanzung aufzuweisen.

Der erste Direktor, der die Pflanzung anlegte, war kein Fachmann, und der Administrator, der nach verschiedenen weitern Häuptlingen zur Zeit der Zapfreife der Bäume »regierte«, war wohl ein tüchtiger Kakaopflanzer, hatte aber kaum je vorher eine Gummikultur gesehen, jedenfalls bestimmt noch niemals die Aufbereitungsanlagen einer solchen. Die ersten Zapfungen und die Errichtung der Gebäude wurden aber trotzdem von ihm vorgenommen, statt daß er auf die Berufung eines erfahrenen Gummipflanzers hingewirkt hätte.

Es ist also hier unsäglich viel »gewurschtelt« worden!

Wenn trotzdem durch einen 1912 mit der Leitung betrauten tüchtigen Gummipflanzer mit starker organisatorischer Begabung vorzügliche Erfolge zu verzeichnen sind, so dürfte dies wohl als bester Beweis für die glänzenden Aussichten der Kautschukkultur in Samoa gelten! (Nur deshalb erwähne ich die frühern Mißstände!)

Die »Safata Samoa-Gesellschaft«, die erst später in ihrer neuen Anlage Falelauniu mit dem Gummibau begonnen hatte, war später genötigt, die Heveen zu entfernen, da es sich zeigte, daß sie dem Kakao schadeten. Man hatte zu wählen zwischen dem Kakao und dem Kautschuk – und entschied sich für das Sichere!

Außerdem sind einige englische Gesellschaften vorhanden, die Gummibau betreiben. Die auf Privatpflanzungen bisher vorhandenen Heveen- und Kastilloabestände sind bisher nur versuchsweise angezapft. Ergebnisse liegen darüber kaum vor.

Das allcrjüngste Kind deutschen Unternehmungsgeistes ist die Ananaskultur. 1914 wurde eine Gesellschaft m. b. H. »die Samoa-Plantagengesellschaft« gegründet, die den plantagenmäßigen Anbau dieser edlen Frucht in großem Maßstab betrieb. Zugleich wurde von ihr eine Fabrik errichtet, in der die Früchte verarbeitet und in Dosen konserviert wurden, um so nach Europa verschifft zu werden.

Das Unternehmen sah sehr vielversprechend aus, wurde aber durch den Ausbruch des Weltkrieges bereits im ersten Aufblühen sehr hart betroffen. Es ist zu hoffen, daß die Herren nach dem Kriege die unterbrochene Arbeit mit frischem Mute wieder aufnehmen, die sicher dann zu ausgezeichnetem Erfolge führen muß.

Kaffee ist schon seit längeren Jahren angebaut, liefert auch reiche Ernten und gute Qualität Die Arbeiterkalamität aber konnte nicht daran denken lassen, den Kaffeebau in größerem Umfange zu betreiben.

Sehr günstige Aussicht bietet die Muskatnuß. Sie trägt allerdings erst im neunten Jahr, wirft aber dann hohen Gewinn ab. Bis jetzt hat erst ein unternehmender Pflanzer das Produkt einer Nebenanlage seiner Kakaopflanzung ausgeführt. Nach seinem vorzüglichen Erfolg haben jetzt einige andere Ansiedler Muskatnuß in kleinerem Umfang gepflanzt.

Erfolge dürften auch andere Gewürze versprechen. Vanille gedeiht wundervoll, ebenso müßte der Anbau von Pfeffer und Nelken lohnen.

Die Kapokbäume wachsen und tragen sehr üppig, sind aber bisher noch nicht plantagenmäßig angebaut.

An weiteren Landesprodukten ist Tabak und Kava zu nennen. Beides wird bis jetzt ausschließlich von den Eingeborenen gebaut

Um alle Werte zu entdecken und zur Entfaltung zu bringen, die in solchem, neu der Kultur erschlossenen Lande noch schlummern, wäre dringend die Errichtung einer Versuchsstation notwendig und zwar unter der Leitung eines weitgereisten, tropenerfahrenen Mannes.

Die weiße Frau.

Als ich im Jahre 1906 in der Kolonie ankam, lebte höchstens ein Dutzend deutscher Frauen im ganzen Lande. An deutschen Männern gab es aber mehrere Hundert, von denen kaum ein Dutzend mit Frauen ihres Volkes verheiratet war! Einige waren mit Engländerinnen, weitaus die meisten mit Voll- oder Halbblutsamoanerinnen verheiratet, der Rest lebte mit ganz wenigen Ausnahmen in wilder Ehe mit Eingeborenen.

Wie sollte da deutsche Art erstarken? Sie besteht doch schließlich nicht nur im riesigen Bierverbrauch!

Mit welcher Freude wurde deshalb von uns Frauen jede neu ankommende Landsmännin begrüßt! Wie gern half man ihr mit Rat und Tat über den schweren Anfang fort! Und mit der Zeit, besonders in den letzten sechs Jahren, nahm ihre Zahl schnell zu.

Ich kann aus der Erinnerung achtzig deutsche Frauen aufzählen, die bei Ausbruch des Krieges in Samoa weilten, also kann man ihre Zahl getrost mit hundert annehmen. Und jedes deutsche Heim mehr wurde ein starker Grundpfeiler für den Aufbau unseres Volkstums!

Die Frau, die hinaus in die Kolonien geht, muß sich von vornherein darüber klar sein, daß sie auf alles, was man so gemeinhin unter Vergnügungen versteht, zu verzichten hat. Es gibt natürlich keine Theater und Konzerte. In Apia kann man ja zuweilen Bälle und Gesellschaften haben, für die Pflanzerfrauen auf abgelegenen Plantagen kommen aber auch diese wenig in Betracht.

Von außen wird wenig Anregung in ihr Leben getragen, es ist also nach heimatlichen Begriffen entbehrungsreich zu nennen, und doch fühlt sich fast jede dort glücklich!

Wie das kommt? In erster Linie daher, weil eine Frau draußen ihrem Manne unendlich viel mehr ist, als sie ihm in den meisten Fällen in der Heimat wäre; sie ist ihm in viel höherem Maße Gefährtin und Gehilfin.

Um das so recht zu verstehen, muß man versuchen, sich das Leben eines einsamen Pflanzers vorzustellen. Kommt er müde und erschöpft von der Arbeit, so sitzt er einsam in seinem Hause. Die paar Besuche, die er zuweilen bei benachbarten Pflanzern macht oder von ihnen empfängt, zählen kaum mit. Sein Hausjunge setzt ihm ein undefinierbares Essen vor, – der Herr konnte ihm nur den allerprimitivsten Unterricht im Kochen erteilen, denn das Anlernen und Beaufsichtigen hat der Pflanzer auch selbst zu besorgen.

Wenn man sich so sein Leben ausmalt, kann man ungefähr ermessen, was für einen solchen Mann eine verständnisvolle Hausfrau bedeutet. Ein jeder hat die Sehnsucht nach einer solchen!

Nur wenige sind in der Lage heimzureisen, um sich eine Frau aus der Heimat holen zu können. Einige besinnen sich wohl auf eine sympathische Bekanntschaft oder Tanzstundenliebe in der Vaterstadt und entschließen sich nach längerem, ängstlichem Zagen, dort anzufragen, oder sie schreiben an Eltern, Geschwister, Freunde, und bitten um ihre Unterstützung. Andere greifen kurz entschlossen zur berufsmäßigen Heiratsvermittlung.

Und es ist seltsam: fast alle Ehen da draußen werden glücklich, selbst bei flüchtiger oder ganz fehlender vorheriger Bekanntschaft!

Jedenfalls ist das Zusammenleben viel inniger, als das der Durchschnittsehen zu Haus, eben weil die Gatten so ganz aufeinander angewiesen sind, weil es ihnen unmöglich ist sich langsam auseinanderzuleben, wie in der Heimat, wo nach einer Verstimmung der Mann Trost und Zerstreuung im Klub, am Stammtisch und die Frau im Verwandten- und Freundinnenkreis finden kann. Und dann auch, weil der Mann genau weiß, welchen Wert die Frau für ihn hat, weil jedem draußen seine Frau das Höchste seiner Güter ist. Und sich so von der Liebe und Achtung seines Mannes getragen zu fühlen, das muß doch jede Frau beglücken, sie über sich selbst hinausheben.

Was der deutschen Frau ihr Los noch besonders verschönt, ist das Gefühl, das bald in jeder erwacht, ob einfache Aufseher- oder wohlhabende Privatpflanzersfrau, daß sie die Trägerin einer wichtigen Kulturmission ist.

Sie hat deutsches Wesen und Volkstum in den Urwald zu tragen, Heimatgefühl soll jeden Besucher ihres Hauses umwehen! Weitestgehende Gastfreundschaft muß ihr Heim jedem bieten, natürlich im Rahmen ihrer Mittel.

Aber eine selbstbereitete Zitronenlimonade oder eine Tasse Kaffee muß jedem Gast im Heim einer deutschen Hausfrau besser munden, als das Glas Whisky-Soda oder schäumenden Bieres an der Bar oder in der Junggesellenbude, von einer Samoanerin kredenzt. Jeder unverheiratete Gast muß ihr Haus mit der Sehnsucht nach einem ebensolchen Heim verlassen.

Das ist die Kulturmission der deutschen Pflanzerfrau; an ihrer weitem Umgebung, daran, wie die unverheirateten Nachbarn und Bekannten mit der Zeit sich ihr Leben gestalten, kann man später ermessen, wieweit sie ihrer Aufgabe gerecht wurde!

Von den alten Ansiedlern, die sich mit Töchtern des Landes verbanden, wurde zur Erklärung stets versichert, daß die weißen Frauen das Klima nicht vertragen.

Nun, eine derartige Behauptung wird wohl keiner von ihnen heute mehr wagen!

Von den vielen deutschen Frauen, die in Samoa waren und die noch dort sind, hat mir eine einzige das Land aus Gesundheitsrücksichten verlassen müssen, und auch bei ihr war sicher nicht das Klima die Ursache der Erkrankung.

Daß nur gesunde Frauen in die Tropen passen, ist selbstverständlich, aber solche bleiben auch in Samoa frisch und gesund. Jedenfalls gibt es dort viel mehr Halbweiße von zarter Konstitution, die ewig kränkeln und Erholungsreisen bedürfen, als Weiße.

Recht drastisch wurde mir das gesunde Leben draußen erst in der Heimat klar. Hier in Deutschland scheint fast jede Frau alljährlich irgendeiner Badekur und Erholung zu bedürfen! Draußen bildet sich auch manche zuweilen derartige Notwendigkeiten ein, aber es geht auch ohne das prachtvoll! Wenn wirklich einmal nach einer Erkrankung eine Erholung nötig wird, so genügen einige Wochen in einer der Erholungsstätten in den Bergen »Kaisershöhe«5) oder »Afiamalo« vollständig.

Von mir selbst und meiner Familie kann ich nur sagen, daß wir, außer einigen leichten Erkältungen, in dem ganzen Jahrzehnt nicht einen einzigen Tag krank gewesen sind!

Unser weltenfernes Eiland hat noch jedes widerspenstige Herz gewonnen. Manchem wird das erst klar, wenn er, nach der Heimat zurückgekehrt, nun an der nie erlöschenden Sehnsucht nach dem Zauber Samoas krankt. Vielleicht ist das das richtige Wort, um die Anziehungskraft des Landes zu bezeichnen.

Die Halbweißen.

Wer über Samoa schreiben will, darf sich um die Mischlingsfrage nicht herumdrücken, so schwierig dies Kapitel auch ist, denn sie hat im Lande selbst große Wichtigkeit erlangt.

Daß sich früher die allermeisten Ansiedler mit farbigen Frauen verbanden, habe ich bereits erwähnt. Nun stehen die Samoaner wirklich so hoch über den meisten andern Naturvölkern, daß man sie kaum als »Wilde« bezeichnet kann. Dazu kommt das anziehende Äußere, das die jungen Mädchen – wenigstens im Gegensatze zu andern Farbigen – besitzen. Bei dem damaligen gänzlichen Mangel an weißen Frauen waren diese Verbindungen also wohl natürlich.

Jetzt haben wir es hauptsächlich mit den Nachkommen aus diesen Verbindungen zu tun, mit den »Halb«-, »Dreiviertel«- oder »Siebenachtelweißen«, denn Ehen mit Vollblutsamoanerinnen kommen so gut wie nie mehr vor. Und auch nur von dem weiblichen Teil brauchen wir zu sprechen, denn daß eine weiße Frau sich nicht ebenblütig verbindet, ist ausgeschlossen.

Was sind das nun für Frauen?

Unzweifelhaft sind die jungen Mädchen zum großen Teil sehr reizvolle Geschöpfe. Man findet entzückende Schönheiten unter ihnen.

Das samoanische Blut zeigt sich in der ersten Generation wohl noch in der dunkleren Hautfarbe und den schwarzen Sammetaugen und häufig auch etwas im Gesichtsschnitt, aber überwiegend tritt schon das Erbteil von väterlicher Seite hervor. In der zweiten Generation findet man häufig schon ganz helle Haut und blondes Haar und die Vertreterinnen der dritten, die »Siebenachtelkasts«, sind so germanisch wie wir, kaum daß da noch die dunklere Haarfarbe häufiger vorkommt.

Intelligent und bildungsfähig sind sie alle, ihr Grundcharakter zeigt keine wesentliche Verschiedenheit von dem unsern, höchstens, daß die weibliche Anpassungsfähigkeit noch stärker hervortritt. Fast alle – Ausnahmen gibt es überall – sind ihren Männern treue Frauen und sorgliche Mütter ihrer Kinder.

Kein vernünftiger Mensch kann von mir verlangen und wird erwarten, daß ich, als deutsche Frau, eine Rassenmischung befürworte! Ich wünsche nichts sehnlicher – und habe stets alles, was in meinen Kräften stand, dafür getan, – daß recht, recht viel deutsche Frauen ins Land kommen.

Aber wir müssen mit dem Halbwaisenproblem fertig werden! Sie sind nun einmal da, die Kinder deutscher Männer, und deshalb sollten wir nicht nur das braune, sondern auch das weiße Blut in ihnen sehen, und das ist zum Teil von bester Art!

Zum deutschen Manne gehört naturgemäß die deutsche Frau. Darüber bedarf es keines Wortes! Aber ich kann mit dem besten Willen nicht einsehen, daß eine Gefahr für die Allgemeinheit in den samoanischen Mischlingen besteht. Mich dünkt, unser Volk von über sechzig Millionen ist stark genug, schimmstenfalls das halbe Tausend Halbweißer ohne Schaden in sich aufzunehmen.

Daß es nicht mehr wird, dafür hat verständigerweise unsere Regierung gesorgt, die weitere Ehen zwischen Weißen und Eingeborenen (und Unehelichen) verbietet.

Nicht der bei den späteren Generationen so geringe Teil samoanischen Blutes ist es, der die Mischlinge von uns trennt, sondern die Erziehung! Weiße, die in den engen Verhältnissen dort aufwachsen und nichts von der Welt draußen sehen würden, denen jede Gelegenheit zur deutschen Erziehung fehlte, würden uns genau so fremd berühren und nicht um die geringste Staffel höher stehen als die Halbweißen.

Wenn die Männer, die mit Mischblut verheiratet sind, ihre Kinder zur Erziehung nach Deutschland senden, – und die meisten tun das jetzt –, so werden gute, vollwertige Deutsche aus ihnen. Können sich die Väter allerdings nur dazu aufschwingen, sie nach Neuseeland oder Australien zu schicken, erhalten sie »Kolonials« mit Taluubildung zurück.

Bleibt der Nachwuchs im Lande, so geht er entweder unter den Eingeborenen auf, was nicht das größte Übel ist, oder die weitere Entwicklung wird um eine oder mehrere Generationen zurückgeschraubt.

Wir deutschen Frauen, die wir damals in so geringer Zahl unter den halbweißen Mitschwestern lebten, sind stets ohne jeden Mißklang mit ihnen ausgekommen. Sie nahmen uns freundlich in ihren Kreis auf, und wenn auch die Berührungspunkte fehlten, die in dem gleichartigen Bildungs- und Gedankengang der weißen Frauen ihren Grund haben, so gab es im neuen Leben viel Gemeinsames, das die Brücke zwischen ihnen und uns bildete. Nie trat ein schroffer Gegensatz zwischen Weiß und Mischling hervor.

Da kam 1910 ein edler Ritter ins Land, ein »Mitglied des Vereins für Rassenhygiene«, wie er sich auf seinen Besuchskarten auswies.

Dieser Jüngling in Sandalen und einer Art Badehose so lief der »Rassenmensch« herum!) guckte sich überall mit großen Eifer um. Besonders schienen ihn die Halbweißen zu interessieren, denn deren Gastfreundschaft nahm er so ausgiebig (monatelang) in Anspruch, daß man annehmen mußte, seine rassenhygienischen Bestrebungen galten intensivster Mischung!

Aus diesem Traum sollten aber seine Gastfreunde jäh erwachen!

Eines Tages erschien ein Artikel in unserm Wochenblatt mit der Überschrift: »Gruß ins Land!«

Ein schöner Gruß war das! In den gemeinsten Ausdrücken, wie »gelbe Mischlingsbrut«, wurden da die halbweißen harmlosen Kinder des Landes beschimpft. Unterzeichnet war das Meisterwerk: »Furchtlos und treu« und der Name des Helden.

Ein Sturm der Empörung erhob sich unter den Beschimpften. Die Temperamentvollsten unter ihnen – und sie haben Temperament, die Halbweißen! – zog aus zu einem großen Strafgericht.

Der Rassenmensch führte zur Zeit ein Naturleben auf dem Lanutoo, dorthin also wurde eine Expedition von wildgewordenen Frauen und Jünglingen ausgerüstet, um ihn zu »federn« (d. h. in eine Tonne Teer zu stecken, mit Federn zu beschmieren und diese anzuzünden).

Die Regierung bekam aber rechtzeitig Wind von der Geschichte, schickte schleunigst einen Beamten hinauf und ließ den gefährdeten Jüngling in Schutzhaft nehmen. Mit dem nächsten Dampfer wurde er abgeschoben und »furchtlos und treu« verschwand der edle Streiter!

Die ganze Geschichte ist eigentlich unsäglich albern, aber sie hatte so ungeheuere Folgen, daß ich sie deshalb ausführlich schildern mußte.

Mit der Ruhe im Lande war es vorbei! Von jetzt an klang der Schlachtruf: »Hie Weiß« und »hie Halbblut«.

Eng schlossen sich die Mischlinge zusammen und nahmen eine feindliche Stellung gegen die weißen Frauen ein. Sogar Vereine wurden gegen uns gebildet. Und diese Kampfhaltung blieb nicht etwa auf die Frauen beschränkt. Die Männer, die mit halbweißen Frauen verheiratet waren, stellten sich, wie sich das natürlich gehört, auf die Seite ihrer Gattinnen und traten für sie ein.

Allerdings zeigten dabei manche eine solch unüberlegte Schroffheit, daß man annehmen mußte, ihre Abkunft von deutschen Müttern und die Existenz von deutschen Schwestern sei bei ihnen in Vergessenheit geraten.

Bei diesen bösen Entgleisungen muß man ihnen aber ihre verständliche Erbitterung zu gute halten, mit der sie der plötzliche Umschwung der Verhältnisse erfüllen mußte. Was vor ein paar Jahren selbstverständlich gewesen und sogar gern gesehen war, – die Mischehe – wurde nun als verwerflich hingestellt!

Ein Jammer war diese Zerrissenheit in der kleinen Kolonie! Und wenn es auch nicht mehr zu starken Kampfausbrüchen kam, so blieb doch die Kluft bestehen, und jede unserer Bemühungen, sie zu überbrücken, schlug fehl. Denn das unüberlegte Verhalten einiger Neuankömmlinge warf immer wieder neuen Zündstoff in die Glut. So blieb es bis zum Kriegsausbruch. Das war »der Gruß ins Land«!

Aber während der Kriegszeit zeigte es sich, daß das deutsche Blut in den Halbweißen nicht verloren war! Ebenso begeistert, wie wir, stellten sie sich an unsere Seite. Und wenn manche Frauen auch nicht deutsch sprechen konnten, echt deutsch gesinnt waren die, die mit den Unsern verbunden waren, alle.

Unvergessen soll es Frau Hufnagel, deren Vater ein Engländer war, sein, daß sie bei der ersten Gelegenheit, eine kurze Nachricht an ihren Sohn nach Neuseeland gelangen zu lassen, ihm nichts wichtigeres zu sagen hatte, als: »Bleib deutsch, wie es Dein Vater war!«

Es ist wohl zu hoffen, daß der Krieg als gewaltiger Ausgleicher die vorher geschilderten traurigen Zustände dauernd beseitigt hat und daß wieder schönere Zeiten kommen werden!

Allerlei Leute und Geselligkeit.

Daheim kennt man gewöhnlich die Verhältnisse der Bekannten, das ganze Drum und Dran: Familie, Vergangenheit, Bildungsgang und Stellung sehr genau – und die Person selbst nur, soweit sie uns freiwillig ihr Wesen enthüllt.

Draußen fehlt meist jedes Beiwerk, oder es ist nebensächlich, man sieht nur den Menschen selbst. Und scharf umrissen sieht nach kürzester Zeit seine Persönlichkeit vor uns, denn das Leben des Weißen spielt sich so klar vor den Augen seiner Mitmenschen ab, als wenn er im Glashause säße.

Ganz anders kommen sich draußen die Menschen nahe als in den Kulturländern.

Eine so große Auswahl wie daheim in den Stadien hat man dort nicht. Deshalb lernt man schnell die Leute nehmen und schätzen, wie sie sind. Und die, an die man sich enger anschließt, stehen einem bald so nahe wie liebe Verwandte.

Meist merkt man erst bei einer Trennung, wie innig man mit den Menschen verwachsen ist. Es gibt kein halbes Dutzend in Samoa, die wiederzusehen nicht eine innige Herzensfreude für mich bedeuten würde.

Persönliche Eigenart wächst sich draußen oft mit tropischer Üppigkeit aus, so daß man erstaunlich viel »Originale« findet.

Wie sie vor meinem geistigen Auge erscheinen, die lieben wunderlichen Leutchen!

Da ist der Pflanzer, der eifrig in Kochrezepten macht und sich von daheim alle möglichen angepriesenen Herrlichkeiten schicken läßt, der mit einer Tüte »Götterspeise« ankam und mich bat, die Herstellung zu probieren, da sie ihm nicht glücken wollte. Als er aber am andern Tag mit einer riesigen Emaileschale anrückte, um das »göttliche« Gericht abzuholen, mußte ich ihm zu seinem Schmerze mitteilen, daß auch ich das Kunststück nicht fertig gebracht hatte, aus dem Pulverchen etwas Genießbares zu bereiten. Seiner Dankbarkeit gab er trotzdem Ausdruck, denn lange Zeit fand ich jeden Sonntagmorgen irgendwelche freundlichen Gaben, fette Aale, Ananas usw. auf meiner Veranda, die er in aller Herrgottsfrühe geschickt hatte.

Und dann unser alter Freund, der erfolgreichste aller Pflanzer. Ein untadeliger Charakter und hochgebildet, lebte er ein anspruchsloseres Leben als seine Kulis, auch als er längst zum wohlhabenden Manne geworden war. Er hatte neben festgewurzelten Grundsätzen zuweilen plötzliche, überraschende Einfälle. So bestellte er, der stets denkbar einfach gekleidet ging, sich eines Tages von daheim Lackschuhe. Da zu seinen Grundsätzen das Dutzendsystem gehörte, war es gleich ein ganzes Dutzend, das zur unendlichen Überraschung der Zollbehörde und in der Folge der ganzen Kolonie für ihn eintraf!

Eine ähnliche Überraschung bot uns ein anderer alter Sonderling. Jedes Kind kannte ihn, wie er im Schlapphut, mit mächtigen, schwarzen Halstuch, auf dem kläglichsten aller Gefährte hockend, das eigentlich nur aus zwei Rädern mit einer Achse bestand, im Lande herumfuhr. Und als einer der ersten ließ er sich plötzlich einen eleganten Kraftwagen kommen!

Aus der großen Fülle lieber, altvertrauter Gestalten muß ich noch eine erwähnen, den letzten Zeugen aus fast sagenhafter Zeit, den alten Steuermann von »Bully Hay« dem letzten Seeräuber. Unserer deutschen Jugend ist die Geschichte des berühmten Piraten durch das Buch »Die Geißel der Südsee« wohlbekannt. Und einer der Genossen dieser wilden abenteuerlichen Fahrten lebt nun schon seit langen Jahren unter uns. Aber nichts an ihm deutet auf Abenteuerlust und Piratentum; brav und fleißig gehört er zu den solidesten Ansiedlern. Das einzige, was ihn vom Durchschnitt unterscheidet, sind seine 23 lebenden Kinder.

Nur die Scheu mißverstanden zu werden, daß man vielleicht boshaften Spott wittert, wo nur liebevolles Erinnern spricht, hält mich zurück, noch einige Skizzen beizufügen.

Der Verkehrsmittelpunkt ist natürlich Apia, die einzige Stadt der Kolonie, und auch die Auswärtswohnenden haben hier stets einen ihnen nahestehenden Verkehrskreis. Alle Beamten (mit Ausnahme der zwei Amtmänner in Süd-Upolu und Savai), und die meisten Geschäftsleute wohnen in der Stadt.

Bis auf das feierliche Besuchszeremoniell, das, wenn auch etwas gemildert, erhalten geblieben ist, spielt sich der Verkehr sehr ungezwungen ab. Die unbeschränkte Gastfreundschaft, die noch immer geübt wird, bildet dafür die breite Grundlage,

Der Klatsch gedeiht natürlich üppig, und es wird heftig »übelgenommen«! Wie könnte es auf solch kleinem Platze auch anders sein?! Aber es ist alles harmlos und ohne Schärfe und bald wieder vergessen.

Einen angenehmen Treffpunkt außerhalb der Stadt bietet seit einigen Jahren »Kaffee Papaseea«. Hier sorgt, von der ganzen Kolonie geschätzt und geehrt, »Mutter Kionka« mit erstklassiger deutscher Küche für die Hungrigen und Durstigen. Ihren Mutternamen hat diese ausgezeichnete Frau nicht etwa ihrem hohen Alter, sondern ihrem aufopfernden mütterlich sorgenden Wesen zu danken. Kein Rat- und Hilfesuchender pocht bei ihr vergebens an, und neuankommenden Frauen könnte man keinen bessern Rat geben, als sich ihre Hilfe zu sichern.

Ich hatte noch Gelegenheit, Feste in der frühern Art der alten Südseekolonisten kennen zu lernen, z. B. eine Hochzeitsfeier im Zentralhotel, bei der man von Mittag bis in die Nacht hinein Sekt in unheimlichen Mengen trank und die geleerten Flaschen der Einfachheit halber von der obern Veranda auf die Straße schleuderte.

Von diesen »stimmungsvollen« Feiern bis zum Stiftungsfeste des »Deutschen Kasinos« im Mai 1914 ist es ein weiter Weg, den die Entwicklung der Geselligkeit zurücklegte.

Früher umfaßte der Verein »Concordia« so ziemlich alles Deutsche in der Kolonie; später gesellte sich ihm der »Militärverein« bei, dem natürlich nur ehemalige deutsche Soldaten angehörten.

Damals verkehrten alle Ansiedler mehr oder weniger freundschaftlich mit einander, wie das bei ihrer geringen Zahl natürlich war. Auch mit den ansässigen Engländern kam man gesellschaftlich wie geschäftlich zusammen, und die Beziehungen waren, wenn sie meist auch locker blieben, angenehme und friedliche.

Bei der starken Zunahme an deutschen Familien war es später selbstverständlich, daß sich der immer größer gewordene Kreis nicht ins Unendliche ausdehnen ließ, sondern daß sich wieder kleinere neu bildeten.

Aus dem immer dringender werdenden Bedürfnis heraus nach einem gemütlichen Mittelpunkt in der Stadt, an dem sich auch die Familien zwanglos treffen konnten (dafür gab es bisher nur die Bars), wurde im Frühjahr 1913 von Beamten, Pflanzern und Geschäftsleuten »das Deutsche Kasino« gegründet.

Das Vereinslokal ist ein stattlicher, zweistöckiger Bau, der auch Raum für eine Anzahl Fremdenzimmer enthält, damit die auswärtigen Mitglieder nötigenfalls ein Absteigequartier dort finden können. Mit heißem Eifer haben wir an seiner Ausschmückung gearbeitet. Es war wirklich eine Stätte behaglicher Geselligkeit geworden.

Für August 1914 war uns ein freudiges Ereignis in Aussicht gestellt: Unser ganzes Ostasiatisches Geschwader, das seit 1910 nicht wieder in Samoa gewesen war, hatte seinen Besuch angekündigt. Das Land rüstete sich, die lieben Gäste würdig zu empfangen. Das Festprogramm war entworfen und die nötigen Gelder für seine Ausführung gesammelt. Alles war in Erwartung der kommenden Freuden – da kam der Weltkrieg!

Wie wir den Kriegsbeginn erlebten.

Die Nachricht vom Morde in Sarajewo hatte endlich auch uns im fernsten Winkel der Welt erreicht.

Die Bluttat an sich hatte uns erschüttert und empört, aber doch wohl nicht so tief, wie die Gemüter in der Heimat Das ist da draußen auch erklärlich, wo nichts unmittelbar auf uns wirkt, wo wir die bedeutendsten Geschehnisse erst nach einigen Wochen erfahren. Es ist dort ähnlich so, wie es wohl in einem abgelegenen Dorfe in Europa zur Zeit des Mittelalters gewesen sein mag, als es noch keine Schnellpost, geschweige denn einen Telegraphen gab.

Also von dem Morde wußten wir seit etwa zwei Wochen, doch nicht der leiseste Gedanke an größere Folgen wurde in uns wach. Ahmungslos und friedlich wie bisher lebten wir in unserm engen Kreise. Es gab keine Tageszeitungen, die uns aus unserer Harmlosigkeit aufweckten, die Befürchtungen hätten aufkommen lassen. Wir hofften, bald mit der Außenwelt enger verbunden zu werden, denn unser neu erbauter Funkenturm sollte in diesen Tagen in Tätigkeit treten.

Da drang am 31. Juli abends das erste Gerücht von einer Mobilmachung Deutschlands zu uns. Unser Gewährsmann hatte es von A., dieser von D. und dem war es von C. durch Fernsprecher mitgeteilt worden.

Ein Gerücht! Wieviele Kriegsgerüchte hatten wir wohl in den langen Jahren unseres Aufenthaltes in Samoa erlebt! Lächelnd hörten wir es an. Aber dann doch ein Stutzen, die Nebenumstände waren diesmal so seltsam klar geschildert. »Österreich hat Serbien wegen des Sarajewoer Mordes ein Ultimatum gestellt, Rußland schützt Serbien und macht mobil, so ist der Bündnisfall gegeben, und auch Deutschland steht vor der Mobilmachung.«

Sollte diesmal doch etwas Wahres daran sein? Ungläubig, aber doch nicht ganz ruhig legten wir uns an jenem Abend nieder.

Da hörten wir noch nach 12 Uhr das Auto des Gouverneurs unten auf der Vaitelestraße vorbei fahren. Von den fünf damals in Samoa befindlichen Kraftwagen kannte ich jeden am Motorgeräusch. Der Gouverneur kam von Vailima, seiner Residenz, und nahm die Richtung nach Vaitele, nach dem Funkenturm. Nachts zwischen 2 und 3 Uhr hörten wir ihn zurückkehren.

Nun stieg ernste Unruhe in uns auf.

Doch die folgenden Tage brachten nichts. Niemand wußte etwas Bestimmtes. Abends kam man mit den Bekannten im deutschen Kasino zusammen. Es herrschte eine gedrückte Stimmung. Ein junger Offizier a. D., Direktor einer großem Pflanzungsgesellschaft, erklärte aufgeregt, falls wirklich Krieg ausbreche, werde er mit dem nächsten Dampfer heimreisen.

»Bis Sie ankommen, ist alles vorbei!« wurde ihm erwidert.

Krieg! Gegen wen? Gegen Rußland? Weshalb erfuhr man dann nichts? Weshalb verheimlichte man uns, was zu Hause sicher jedes Schulkind wußte? Unsinnig war das, wenn es sich nur um Rußland handelte, – weiter wagten wir nicht zu folgern! Schreckliche Tage der Ungewißheit und Nervosität!

Endlich, am 3. August, war in der Stadt ein Mobilmachungsbefehl angeschlagen. Alle wehrpflichtigen Deutschen hatten sich zu melden. Weiter nichts. Noch immer war die Frage offen: gegen welchen Feind?

In der Nacht zum 5. August erreichte meinen Mann eine Aufforderung des Gouverneurs, am folgenden Nachmittag zu einer geheimen Sitzung in das Gouvernementsgebäude zu kommen.

Am 5. August mittags erteilte der Gouverneur drei Reserveoffizieren die Erlaubnis, mit dem um 4 Uhr abfahrenden Dampfer über Amerika nach der Heimat zu fahren. Den ihm unterstellten Beamten schlug er die erbetene Erlaubnis zur Heimreise ab, ebenso meinem Manne, da dieser als Sanitätsreserveoffizier der Marine auf unsere Flotte in der Südsee zu warten habe.

Im Laufe von nicht ganz drei Stunden machten sich die drei freigegebenen Herrn mit ihren Familien (zur einen gehörten zwei kleine Kinder, zur andern ein zehn Wochen alter Säugling) reisefertig zur Fahrt um die halbe Erde! Ich will hier gleich erwähnen, daß sie alle das unerhörte Glück hatten, die Heimat glücklich zu erreichen, zum Teil in den abenteuerlichsten Verkleidungen. Der eine, ein junger Leutnant, verdiente sich schon im ersten Kriegshalbjahr das Eiserne Kreuz I. Klasse.

Am Nachmittag des 5. August saß bei uns auf der Veranda eine Anzahl Bekannter und wartete mit mir auf das, was nun kommen mußte. Und dann kehrte mein Mann aus der Sitzung zurück: »Rußland, Frankreich und England haben Deutschland den Krieg erklärt !«

Da war es, das Fürchterliche, Unausdenkbare! Entsetzt starrten wir uns an, minutenlang keiner eines Wortes mächtig. Jedem stieg wohl vor dem inneren Auge das Bild der teuern Heimat auf, der so Furchtbares geschah!

Ach Ihr, die Ihr daheim im rauschenden Lärm der Mobilmachung standet, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie auf uns da draußen, auf unserer einsamen Insel dies wirkte. Wir hörten keine begeisterten Reden, lasen keine flammenden Aufsätze, sahen nichts von Jungdeutschlands jubelnder Kampfesfreudigkeit! Wir sahen nur das fürchterliche Gespenst, das da vor uns aufgestanden, – äußerlich hatte dieser Tag dasselbe Gesicht, wie alle andern bisher.

Wenig änderte sich auch in den nächsten Tagen. Das Leuchtfeuer wurde gelöscht, der Leuchtturm bald darauf ganz umgelegt, und das Verbot erlassen, nach 9 Uhr abends Licht zu brennen, das vom Hafen aus hätte gesehen werden können.

Fünfzig bis sechzig Deutsche wurden als Sicherheitswache eingezogen. Sie hatten Patrouillengänge durch die Stadt und Umgebung zu machen, am Platze des frühern Leuchtturms und am Funkenturm Wache zu stellen usw. Sie waren zwar meist mit Gewehren ausgerüstet; etwa vierzig alte Mililärgewehre standen zur Verfügung, aber kaum die Hälfte war gebrauchsfähig. Das waren die Verteidigungsmittel Samoas!

Jetzt wurde auch der Amtmann von Savai, Mr. Williams, durch einen Deutschen abgelöst.

Den Ansiedlern feindlicher Nation wurde volle Freiheit gelassen, nicht einmal die Waffen nahm man ihnen ab. Es fiel uns nun sehr schwer, die seit langen Jahren unter uns lebenden Engländer plötzlich als unsere Feinde zu betrachten. Sie verhielten sich auch durchaus ruhig und anständig. Einer äußerte eines Tages zu einigen Deutschen; er wünsche nur, daß Italien auch mitmache! »Was, seid Ihr noch nicht genug gegen uns?« wurde ihm empört erwidert. »No, ich meine, auf Eurer Seite. Dann würde es doch wenigstens a fair play!«

Jetzt endlich gab es Extrablätter fast jeden Tagl Gott sei Dank, daß der Funkenturm zur rechten Zeit fertig geworden war, daß wir nun auch unmittelbar von den ungeheuern Ereignissen daheim erfuhren. Und ein Funke von dem Riesenbrand der Kriegsbegeisterung in Deutschland war nun auch zu uns Einsamen geflogen und hatte gezündet. Ja, auch bei uns, in jedem Deutschen brannte das heilige Feuer.

Dann kam der Sieg von Jüttich. O stolzer Jubel! Welch herrliches Glück, ein Deutscher zu sein! – Aber daneben wuchs brennender Schmerz auf, nicht mit dabei sein zu können.

Unser Gouverneur war in diesen Wochen jede Nacht auf der Funkenstation, und tagsüber arbeitete er fieberhaft im Gouvernementsgebäude. Wann schlief der Mann? Das fragte ich mich oft. Ganz weiß ist sein Haar in diesen Wochen geworden, und von seiner Rundlichkeit verlor er fast so viel, als wenn er im Jahre 1917 ohne »Beziehungen zur Landwirtschaft« in Deutschland gelebt hätte.

Was würde nun das Schicksal Samoas sein? Welcher Feind würde kommen? Der Brite oder der Franzose? Denn kommen würde schon einer, solch leichte Beute ließen sie sich sicher nicht entgehen.

O Heimat, geliebte Heimat, wie warst du fern! Noch nie war uns die Entfernung von ihr so endlos erschienen wie in diesen Tagen!

Die Ankunft des Feindes.

Wir lebten nun schon fast vier Wochen in der Erwartung des Feindes und waren darauf vorbereitet, eines Tages ein englisches oder französisches Kriegsschiff vor der Insel auftauchen zu sehen.

Der Gouverneur hatte dementsprechend Vorbereitungen getroffen. Den Beamten wurde ihr Gehalt für ein Viertel- oder ein Halbjahr voraus gezahlt. Die Besitzer von Kraftwagen mußten mit ihren Fahrzeugen dem Gouverneur zur Verfügung stehen und hatten Auftrag, beim Auftauchen des Feindes bestimmte Fahrgäste abzuholen und sich an einem Treffpunkt einzufinden, wohin auch der Gouverneur kommen würde.

So sollte mein Mann mit seinem Hansawagen unsern Freund, den hohen Häuptling Tamasese abholen und mit ihm zum Stelldichein, der Pflanzung Vaitele, fahren.

Der Zweck dieses Planes war wohl, Zeit zu gewinnen, damit so der Gouverneur noch einmal ungestört auf die einflußreichsten Häuptlinge nachdrücklichst einwirken könne, und vielleicht auch, um unsere Flotte, die nicht allzuweit in der Südsee kreuzte, noch von der Stärke des Feindes benachrichtigen und gegebenenfalls zum Eingreifen veranlassen zu können.

Am Morgen des 29. August, gegen 1/2 8 Uhr wurde meinem Manne vom Postamt durch Fernsprecher mitgeteilt, daß ein feindliches Kriegsschiff gesichtet sei. Er fuhr an den Sammelpunkt, ich blieb mit dem Kinde, meinem Kinderfräulein und den farbigen Dienstboten allein im Hause.

Wir alle standen auf der Veranda im Oberstock, wo wir einen prachtvollen Überblick über die Reede von Apia hatten.

Das Meer lag ruhig im leuchtenden Morgensonnenschein vor uns, – nichts zu sehen! Doch, da – im Osten, hinter Matauutu, da wo die Flagge des amerikanischen Konsulats wehte – qualmte eine dicke Rauchwolke auf. Und da hob sich auch, durch die hohen Palmwipfel noch halb verdeckt, ein Gefechtsmast vom klaren Himmel ab.

Da kam also der Feind! Schnell schoben sich Rauchwolken und Gefechtsmast weiter vor, und dann tauchte ein mächtiges Kriegschiff hinter der Lotsenstation auf. Aber, was war das? Noch ein Gefechtsmast und noch einer, noch mehr schwarze Rauchfahnen, der ganze Himmel wurde mißfarben verdunkelt im Osten.

Wir starrten und staunten. Und dann konnten wir zählen: acht drohende Schiffskörper lagen vor Apia! Und – es paßte nicht in diese Stunde, aber ich konnte nicht anders, – ich mußte laut lachen. Dieser Aufwand an Kampfkraft gegen unsere zwanzig Gewehre und weitere zwanzig Gewehrkolben! Diese Ehre, die uns der Feind erwies!

Sechs Kriegsschiffe waren es, ein französischer und fünf englische Kreuzer, einer davon, der starke Dreadnought »Australia« und zwei große Truppentransporter.

Bald sahen wir durch unser Görzglas kleine flinke Boote in der Hafeneinfahrt hin und her fahren, sie suchten das Wasser nach Minen ab. Herrgott, wir harmlosen, hilflosen Leutchen und Minen! Ein Boot sahen wir dann in den Hafen einfahren.

Nach kurzer Zeit ließ mir mein Mann durch Fernsprecher kurz mitteilen, ich mochte mit dem Kinde sofort das Haus verlassen. Wohin nun? Es handelte sich sicher darum, aus der Richtung der feindlichen Geschütze zu kommen, da unser Haus ganz besonders einer etwaigen Beschießung ausgesetzt gewesen sein würde.

Ich ließ also den Wagen anspannen, packte Kind und Fräulein auf und kutschierte los nach der Pflanzung Vailele, die durch einen Höhenrücken vom Schauplatz der kriegerischen Ereignisse getrennt war. So habe ich leider den weiteren Verlauf der Dinge vor Apia nicht mehr verfolgen können.

Wir versuchten nun durch Fernsprecher weiteres zu erfahren, doch waren die Nachrichten unklar. Wir konnten ihnen nur entnehmen, daß sich alles in Ruhe abspielte. Kurz vor 3 Uhr hörte jede Fernsprechverbindung auf, der Feind hatte die Post besetzt.

Lange hielt es mich nicht mehr in der Ungewißheit; vor Dunkelheit wollte ich zu Hause sein. Gegen 5 Uhr machten wir uns also auf den Rückweg. Halbwegs nach Apia kam uns mein Mann schon mit seinem Kraftwagen entgegen, und unter seinem Schutze – er hatte schon einen Passierschein vom englischen Oberst – fuhren wir heim.

In der nähern Umgebung der Stadt wimmelte es von englischen Truppen, meist blutjungen, neuseeländer Bürschchen. In dichten, ungeordneten Rotten, die Gewehre mit den aufgepflanzten Bajonetten ungeschickt vor sich hinhaltend, sperrten sie die Wege. Mit Hilfe des Passierscheins gelangten wir glücklich durch ihre Reihen heim.

Hier erfuhr ich von meinem Manne dann, was sich inzwischen zugetragen halte. Der Feind hatte einen Parlamentär geschickt mit der schriftlichen Aufforderung, binnen einer Stunde die Kolonie und die Funkenstation zu übergeben, andernfalls würde nach Ablauf der Frist die Stadt beschossen werden.

Der Stellvertreter des Gouverneurs, Oberrichter Geh. Reg.-Rat Tecklenburg, der mit diesem selbstverständlich in dauernder Fernsprechverbindung stand, ließ dem britischen Admiral sagen, daß Apia eine offene Stadt sei und als solche nach der Haager Konvention nicht beschossen werden dürfe. Außerdem sei der Gouverneur zur Zeit abwesend. Die Antwort lautete, daß die Frist um etwas verlängert werde, bis dahin aber bedingungslose Übergabe durch den Gouverneur zu erfolgen habe.

Der Gouverneur, der seine samoanischen Getreuen in Vaitele um sich versammelt hatte, hielt diesen dann eine ergreifende Abschiedsrede, in der er sie ermahnte, Ruhe im Laude zu halten, was auch immer kommen möge, und treue Gesinnung dem Deutschen Reiche zu bewahren. Das Schicksal Samoas werde nicht hier, sondern auf den Schlachtfeldern in Europa entschieden.

Dann fuhr er nach Apia, wo inzwischen die wehr- und waffenlose Kolonie dem Feinde übergeben war. Er selbst wurde sofort zum Gefangenen erklärt und auf eines der Schiffe übergeführt, wo er recht übel, jedenfalls nicht seinem Range entsprechend behandelt ist.

Es war ihm zugesichert, daß er als Ehrengast nach Fidji geführt werden solle. Wohl wurde er nach Fidji gebracht, aber schon nach kurzer Zeit wurde er nach Neuseeland verschleppt und in einer elenden Baracke untergebracht. Dort lebt er noch immer im Gefangenenlager.

Am folgenden Tage wurde der »Union Jack« feierlich über Samoa gehißt!

Der Feind im Lande.

Ungefähr 1500 Mann waren gelandet! Oberkommandierender und Administrator der Kolonie war Colonel Logan, im Privatleben Schaffarmer in Neuseeland.

Die öffentlichen Gebäude wurden selbstverständlich sofort besetzt. Die deutschen Beamten lud man gleich am ersten Tage vor und eröffnete ihnen, daß es ihnen frei stände, in ihren Ämtern zu bleiben; Verwaltung und Gerichtswesen sollten unverändert fortgehen. Sie erklärten sich daraufhin alle bereit, auf ihren Posten zu bleiben.

Unsere Funkenstation war dem Feinde übergeben, vorher jedoch aus den Apparaten unersetzliche Teile entfernt worden, so daß sie nicht in Betrieb genommen werden konnte. Wir hörten, daß man dem Erbauer und Leiter der Station, Ingenieur Hirsch, ein Vermögen geboten habe, wenn er die fehlenden Teile zur Stelle schaffe und die Station, – damals die stärkste der Welt, betriebsfähig übergäbe. Natürlich wurde das Angebot abgelehnt. Die Neuseeländer hatten selbst eine vollständige Funksprucheinrichuing mitgebracht, die sie mit Hilfe unseres mächtigen Turmes in Betrieb nahmen. Sie hatte aber nur sehr beschränkte Reichweite. Die Truppen hatten Zelte aufgeschlagen, in denen sie kampierten. Am Strande waren Geschütze aufgefahren und diese mit Sandsäcken geschützt. Es sah ganz kriegerisch aus. Aber die Truppen selbst machten gar keinen kriegerischen Eindruck.

Es waren junge neuseeländer Freiwillige. Für unser deutsches Empfinden wirkte es geradezu komisch, sie als Soldaten zu betrachten, unsere Zunge sträubte sich auch stets, von ihnen als solchen zu sprechen. Wir nannten sie »Wandervögel«, »Picknickgesellschaft« usw. Sie hatten nicht die Spur von militärischem Drill, nicht einmal im gleichen Schritt konnten sie marschieren, so sehr sie sich auch mühten. Ihr Gewehr verstanden sie nicht zu handhaben, man sah stets, daß sie selbst die meiste Angst vor dem Ding hatten.

Gekleidet waren sie in dicke braune Loden, mit braunen Filzhüten auf den Köpfen, jeder eine andersfarbige flotte Krawatte um. Und diese Kleidung als Ausrüstung für die heißesten Tropen! Sie taten uns fast leid. Wie fürchterlich mußten sie unter der Hitze und dem »roten Hund« (tropischer Hitzausschlag) leiden!

Tatsächlich waren viele bis zur Nasenspitze mit diesem Ausschlag behaftet. Als wir gelegentlich einen der Tommies fragten, wie sie denn in der Kleidung die samoanische Sonne ertrügen, zeigte er uns stolz einen roten Seidenlappen im Innern seines dicken Filzhutes: das einzige Zugeständnis, das hei ihrer Ausrüstung den Tropen gemacht war!

Nach einigen Tagen waren plötzlich die unteren Teile ihrer Beinkleider verschwunden, sämtliche Wandervögel liefen mit bloßen Knien herum. Sie hatten kurzen Prozeß gemacht und ihre Hosen oberhalb der Knie abgeschnitten! Dafür hatten sie nun an den nackten Beinen desto mehr unter den Mosquitos zu leiden.

An den Straßenkreuzungen und am Strande in Apia wurden Schützengräben ausgeworfen. Kein Kind hätte Deckung in ihnen finden können, denn sie waren kaum einen halben Meter tief und ebenso breit. Aber auch diese Miniaturgräben machten es den Burschen heiß genug. Sie entledigten sich daher einfach ihrer Kleidung, und man hatte auf der Strandstraße in Apia das unerhörte Bild, weiße Männer nackt, nur mit einem »lavalava« bekleidet in der Erde wühlen zu sehen. Den Tommies ging jedes Gefühl dafür ab, was ein Weißer seinem Ansehen den Farbigen gegenüber schuldet.

Erstaunlich war, daß trotz der vielen ansässigen Engländer, die doch die Verhältnisse der Insel genau kannten, sich längere Zeit bei den Neuseeländern die Überzeugung erhielt, daß sich im Innern Upolus eine 500 Mann starke Truppe bewaffneter Deutscher aufhalte. Oder wurde das den Leuten nur vorgetäuscht, um sie in Zucht zu halten? Belogen waren sie ja ausgiebig von ihren Vorgesetzten. Sie kamen an mit dem Wissen, daß Lüttich von den Deutschen nicht genommen, sondern umgangen sei, und daß Metz und Straßburg schon gefallen wären.

Sie hatten in ihren Zeitschriften gefälschte Landkarten von Europa, in denen England dreimal so groß dargestellt war, wie es in Wirklichkeit ist!

Sie kämpften für Great Britania, sie kämpften für die Kultur! Die Neuseeländer für Kultur und gegen Deutschland! Man muß dies Volk kennen, um die Groteske zu würdigen?

Ihre Offiziere, aus allen Ständen gemischt, behaupteten einmal gegen einige Deutsche: »Wartet nur, bis unsere Flotte vor Berlin liegt!« (Ich denke, so lange werden sie wohl warten müssen, bis England deutschen Geist niederzwingt!) Viel später, zur Zeit der ersten Dardanellenkämpfe, doch vor unserm Marsch auf Libau, erzählte einmal ein Captain einigen Deutschen den neuesten Kriegsbericht: »Die Russen sind durch den Bosporus durchgebrochen und bombardieren Libau!« und konnte sich das schallende Gelächter seiner Zuhörer bei dieser für sie so ernsten Botschaft nicht erklären. Der Schüler der bescheidensten deutschen Dorfschule hat zehnmal mehr Allgemeinwissen als der »gebildete« Neuseeländer.

Ausschreitungen der Truppen sind in dieser ersten Zeit nicht vorgekommen. Sie nahmen wohl lärmend von den Häusern, die sie leer fanden, Besitz, und schonten hier das Eigentum der frühern Bewohner nicht, doch im allgemeinen blieben wir in unseren Wohnungen unbehelligt.

Die Schwestern des Regierungshospitals wurden auf die Straße gesetzt. Sie bezogen ein kleines Haus in Sogi, das ihnen vom Leiter der Firma in großzügiger Weise zur Verfügung gestellt und zweckmäßig ausgestattet wurde. In beschränktem Umfang konnten sie dort auch deutsche Kranke aufnehmen.

Die Regieiungsschule wurde von den Truppen besetzt. Die Lehrer unterrichteten fernerhin teils in ihren Wohnungen, teils in einem gemieteten Raume, sind aber später alle in Gefangenschaft abgeführt worden.

Noch keine Woche nach der Besetzung hatte unser Richter den ersten Zusammenstoß mit den neuen Machthabern. Sie verlangten, daß er »im Namen des Königs von England« oder wenigstens »im Namen der Gerechtigkeit« Recht sprechen solle. Er erklärte, daß er, als deutscher Richter, dem sein Amt vom Kaiser verliehen, nur in dessen Namen urteilen könne. Daraufhin erfolgte seine Entlassung. Einige Tage später wurden, unabhängig von diesem Fall, auch sämtliche andern Beamten ihrer Ämter enthoben. Mr. Williams aber wurde wieder in sein altes Amt in Savai eingesetzt!

Am 12. September mittags wurde einer großen Anzahl unserer Beamten eröffnet, daß sie sich um 4 Uhr nachmittags an der Landungsbrücke einzufinden hätten, um nach Neuseeland in Kriegsgefangenschaft abgeführt zu werden. Zwei Beamtenfrauen, die kinderlos waren, gingen freiwillig mit ihren Männern. Die eine von ihnen ist inzwischen in der Heimat eingetroffen, die andere, eine Französin, die aber treu zu ihrem deutschen Manne hielt, lebt noch als einzige Frau mit ihm im Gefangenenlager. Ein bitteres Los!

Es war eine schwere Abschiedsstunde, als wir unsern Freunden Lebewohl sagten, die auf einem elenden schmutzigen Dampfer, einem echten Seelenverkäufer, verfrachtet wurden. Aber: »Auf Wiedersehen zum Weihnachtsfest!« winkten wir uns zu. Diese Wohltat, daß keiner von uns damals ahnte, wie lange die Trennung währen würde! Ach, und wie oft noch sollten sich solche Szenen wiederholen!

Die deutschen Kreuzer vor Apia.

Zwei Wochen wehten nun schon die verhaßten englischen Farben über der Kolonie. Welch ohnmächtige Verzweiflung, welches Heimsehnen die deutschen Herzen aufwühlte! Daheim regten sich alle Kräfte in dieser schweren Zeit für das Vaterland, und wir konnten nichts, gar nichts dazu tun, nicht das kleinste Opfer bringen. Wie geächtet kamen wir uns vor.

In der Heimat läuteten die Siegesglocken, wehten die Fahnen, marschierten die Regimenter unter klingendem Spiel. Wir saßen in hilflosem Zorn, starrten mit zusammengebissenen Zähnen auf den flatternden Union Jack, die schlappen Tommies und hörten die Mosquitos summen und die Kokosnüsse von den Bäumen plumpsen. Daheim stolzer Siegesjubel, und wir schluckten bittere Erniedrigung.

Die Engländer hatten verbreitet, unser Kreuzergeschwader sei vernichtet, nur ein kleiner Kreuzer sei übrig geblieben. Wir glaubten es natürlich nicht, aber es meldeten sich Augenzeugen, Samoaner, die den Kampf von Savai aus mitangesehen haben wollten. Sie versicherten allerdings, auch eine Anzahl englischer Schiffe habe daran glauben müssen. Was war wahr davon, was erlogen? Jedenfalls waren wir einsam, einsam!

Da, am 14. September, ein Ruf in den Morgenschlaf: »Schiffe sind draußen, Kriegsschiffe!«

Mit zitternden Händen wurde nach Morgenrock und Görzglas gegriffen – und rauschend strömte das Blut zum Herzen, vom Herzen zum Kopf: die deutsche Kriegsflagge leuchtete uns entgegen!

Da lagen sie im flimmernden Morgenlicht, unsere herrlichen Kreuzer »Scharnhost« und »Gneisenau«! Ihre Breitseiten nach Apia gerichtet, im Frühsonnenschein wie helles Silber leuchtend, sahen wir die so wohlbekannten Silhouetten unserer totgesagten Schiffe. »Stolz wehte die Flagge schwarzweißrot!«

Seit diesem Augenblick verstehe ich, daß plötzliche Freude töten kann. Worte können die Gefühle nicht schildern, den fast das Herz sprengenden Jubel. Lachend und weinend umarmten wir, was da war, was sich inzwischen eingefunden hatte, Samoaner, Kulis, alles gleich! Und dann: Unsere große Flagge heraus! Gruß, heißen Gruß unserer Flotte!

Jetzt kam die Erlösung aus der Schmach der Fremdherrschaft! Kampf würde es geben, mochten unsere Häuser zu Schutt geschossen werden, was lag daran? Deutsche Wehr, sie war endlich, endlich da!

»Ich muß mich melden, muß mit an Bord, packe den Koffer«, drängte glückselig mein Mann. »Ist schon seit einer Woche fertig!« jauchzte ich. War auch der Abschied bitter, so durften wir doch endlich auch dem Vaterlande opfern. –

Langsam wendeten die Schiffe den Bug und dampften westwärts. Weshalb? Wollten sie sich orientieren? Ah, wohl in Mulifanua erst Truppen landen!

Nun schnell in die Stadt. Unten, am Fuße unseres Berges, wurde der Wagen angekurbelt. Eine Rotte von etwa dreißig Tommies wurde gerade von Sanitätssoldaten vorbei geführt. »Sind plötzlich krank geworden!« grinste unser samoanischer Diener. Na ja, so hatten wir uns die Kampflust der Burschen immer vorgestellt.

In Apia an allen Straßenecken Wachen, käsig bleich die Gesichter. Der ärztliche Passierschein meines Mannes half uns durch, aber nur zum kleinen deutschen Hospital.

Dort lagen die Schwestern auf der Erde über ein Bettlaken gebeugt und nähten mit roten Lappen eine »Rotekreuzflagge«. Ich legte mich dazu und nähte eifrig mit. Dazwischen atemloses, freudetrunkenes wirres Reden. Aber lange hielt es uns nicht, als mein Mann seine Kranken versorgt hatte, ging es wieder zurück.

Zu Hause kam uns unser Fräulein verstört entgegen. Englische Soldaten waren inzwischen dagewesen, hatten die Türen eingeschlagen und oben unsere Flagge herunter- umd in Fetzen gerissen.

Wie die nächsten Stunden vergingen? Ich weiß nur noch von brennender freudiger Ungeduld. Unser Kraftwagen wurde zu Sanitätszwecken von den Engländern beschlagnahmt. Im Laufe der Mittagsstunden flüchtete sich eine Anzahl Deutscher, zum Teil ganz Unbekannte, zu uns, denn in Apia wurden alle verhaftet und eingesperrt.

Unser Vaea lag einsam, man konnte die Zugangsstraßen weithin übersehen, und dabei wäre es leicht gewesen, nötigenfalls hinter dem Hause, durch dieses gedeckt, den Berg weiter hinauf und in den dichten Busch zu flüchten. Etwas Mundvorat und Trinkwasser wurden zu diesem Zwecke bereit gestellt.

Unsere Veranda war bald voll. Abwechselnd mußte einer immer Auslug halten und inzwischen feierten wir unsere Flotte, unsere Erlösung.

Denn nicht eine Sekunde zweifelten wir daran, daß unser Geschwader gekommen sei, um Samoa zu befreien. Ein anderer Gedanke ist keinem von uns auch nur im entferntesten in den Sinn gekommen.

Wurde schon gekämpft? Hörte man noch keine Schüsse? War das nicht ein Klang wie ferne Militärmusik? Der ganze Nachmittag verging, es wurde Abend, noch immer nichts. Geduld, Geduld, wir werden wohl bis zur Frühe des andern Tages warten müssen.

Spät im Dunkel schlichen unsere Gäste fort.

Hier einige Auszüge aus meinem Tagebuch an diesem ereignisreichen Tage:

1/2 10 Uhr vormittags. Kommen eben von Apia zurück. Dort ist alles abgesperrt, kein Deutscher darf passieren. Wir konnten niemanden sprechen, durften nur zu den Schwestern und Patienten. Hier ist inzwischen unsere Flagge heruntergerissen, auch die Spielflagge unseres Buben hat man als Trophäe mitgenommen. Angst haben die Kerle, gräßliche Angst!

11 Uhr. Eben war ein englischer Sergeant da und bat um Entschuldigung, daß man die Flagge herunter geholt! Ich wurde frech. Erklärte, daß dies ein Privathaus sei, daß ich selbst die Flagge hinausgesteckt. »But it is war!« Ach was, hier ist kein »war«, behauptete ich, »hier ist deutsches Land.« Unter nochmaliger Entschuldigung und der Versicherung, daß doch »war« sei, verzog er sich. Was haben diese englischen »Heroes« doch für einen Heidenbammel, nun, wo es ernst wird!

12 Uhr. Mein Mann war beim englischen Oberst, um einen Sonderpassierschein zum Besuche seiner Hospitäler zu erhalten. Der Oberst war nicht zu sprechen, doch konnte mein Mann einen Blick in den Raum werfen, in dem die englischen Offiziere verhandelten. Der Oberst lag in ganz geknickter Haltung in seinem Stuhle. Ob die Kolonie ohne Gegenwehr übergeben wird?

4 Uhr. Unsere Veranda ist voll Menschen. In Apia wird alles verhaftet, daher flüchten viele hierher. Heute früh haben die Patres aus der Kathedrale eine Anzahl »Heroes« hinausgeworfen, die sich dort mit ihren Waffen in Sicherheit gebracht hatten. – Wir warten voll heißer Ungeduld.

1/2 5 Uhr. Eben kommt v. E., er hat von Mr. Roberts gehört, daß unsere Schiffe in Mulifanua viele Truppen gelandet.

7 Uhr. Es scheint Widerstand geleistet zu werden, sonst müßten, wenn um 11 Uhr die Landung erfolgte, unsere blauen Jungen schon hier sein. Auch fährt unser Sanitätswagen oft vorbei, dick bepackt.

11 Uhr abends. Der Tag vorbei und noch nichts zu hören. Ob zuerst zum Funkenturm über die »ala fa'a lava« marschiert ist? Also warten bis morgen.

Diese Nacht! An Schlaf nicht zu denken, die Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Mit klopfenden Herzen lagen wir und horchten ins Dunkel. Endlos dehnten sich die Stunden, bis endlich das helle Morgenlicht ins Fenster schimmerte. Und nun, im hellen Tagesschein zum erstenmal der Zweifel. »Wäre es denkbar? Sollten die Schiffe« – »Unsinn, unmöglich, weshalb wären sie gekommen?« Aber immer höher stieg die dumpfe Angst. Und dann ein eiliger Zettel: »Die Schiffe sind fort!« – Über den Jammer dieser Stunde kann ich nicht sprechen, er war zu weh.

Folgen hatte der 14. September noch genug.

Die Schiffe waren ein Stück an der Küste Upolus entlang gefahren. Bei Mulifanua, wo die deutschen Farben wehten, hatten sie durch Flaggensignal einen Berichterstatter an Bord verlangt. Zufällig war der dortige Aufseher ehemaliger Marineangehöriger und verstand das Signal. Er machte ein Boot flott und ließ sich hinüberrudern, ein Pflanzer fuhr mit.

An Bord haben beide den Admiral Grafen Spee gesprochen und ihm Auskunft über die Verhältnisse in der Kolonie gegeben. Wieder zurück an Land geschickt, wurden beide verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt. Sie kamen glimpflich weg, wurden aber nach Neuseeland ins Gefangenenlager gebracht.

Auf die Nachricht hin, daß unsere Flotte westwärts gefahren sei, war eine Anzahl Pflanzer auf einem schmalen Buschweg, der an ihren Pflanzungen entlang führt, nach Mulifanua geritten, um sich unsern Landungstruppen zur Verfügung zu stellen, teils als Kämpfer, teils als Wegweiser. Die englische Behörde hat sehr bald davon erfahren. Auch sie sind später alle in Kriegsgefangenschaft abgeführt worden.

Wie schon erwähnt, waren in und um Apia zahlreiche Verhaftungen erfolgt. Vierzig bis fünfzig deutsche Männer waren in einen Kopraschuppen gesteckt, wo sie die Nacht über gefangen gehalten wurden. In dieser Nacht wurde die Frau eines Beamten, deren Mann auch mit eingesperrt war, im Bett von einem englischen Offizier überfallen. Nur ihr lautes Schreien, das in der Nähe wohnende Samoaner herbeirief, rettete sie.

Unter den Eingesperrten war auch der zweite deutsche Arzt. Man hatte ihn ergriffen, weil er unsere Kreuzer mit der schwarz-weiß-roten Flagge gegrüßt haben sollte. Dabei hatte er gar keine im Besitz! Es war eine Verwechslung. Er hat für meinen Mann gebüßt; unsere Flagge hatte dem Kollegen eine Nacht Gefangenschaft gebracht.

Etwa eine Woche später landete ein kleines Boot im Hafen von Apia. Die Insassen waren elf junge deutsche Seeleute, Kadetten vom Frachtdampfer »Elsaß« des Norddeutschen Lloyd, der im Hafen von Pago-Pago auf der amerikanischen Nachbarinsel bei Kriegsausbruch Zuflucht gesucht hatte.

Sie hatten gehört, daß unser Kreuzergeschwader vor Deutsch-Samoa erschienen sei und hatten selbstverständlich, ebenso wie wir, angenommen, daß Samoa zurückerobert wäre. Heimlich hatten sie ihr Schiff verlassen und waren in einem kleinen Ruderboot bei furchtbarem Wetter drei Tage auf offenem Meere herumgetrieben. Es hatte sie unwiderstehlich dahin gezogen, wo sie die deutsche Kriegsflagge wehen glaubten, um sich zum Dienst für das Vaterland zu melden.

Die völlig Erschöpften wurden an der Landungsbrücke von den Engländern grinsend in Empfang genommen und sofort eingesperrt. Keiner von uns hat ein Wort mit ihnen wechseln dürfen. Mit nächster Gelegenheit wurden sie nach Neuseeland verladen.

Natürlich haben wir uns später gesagt, daß ein Zurückerobern Samoas keinen Zweck gehabt hätte, da wir es nicht hätten halten können. Weshalb war unsere Flotte aber überhaupt erschienen? Wahrscheinlich hatte sie feindliche Kriegsschiffe vor Apia vermutet. Oder man wollte auch durch diese Demonstration das deutsche Ansehen bei den Eingeborenen verstärken. Sicher waren es zwingende Gründe, die den Flottenchef veranlaßt haben, den Schleier über dem Geheimnis des jeweiligen Aufenthalts unserer Schiffe zu lüften.

In Samoa hat unser Kreuzergeschwader zum letztenmal deutschen Boden geschaut!

Unter englischer Herrschaft.

Nach dem Verschwinden unseres Geschwaders richtete sich der Feind behaglich ein. Von Neuseeland kam Ersatz für unsere Beamten, deren Häuser bezogen wurden. Offiziere und Zivilbeamte ließen größtenteils ihre Frauen kommen.

Unser »Deutsches Kasino« wurde Kantine und Messe für die englischen Offiziere. Für die Truppen wurden, da die Regenzeit herannahte, Baracken gebaut. Man bot die Ausführung dieser Arbeit dem deutschen Bauunternehmer Stüntzner an, der früher stets für die deutsche Regierung gebaut hatte. Trotzdem er arbeitslos und fast völlig mittellos war, lehnte er es ab, für den Feind tätig zu sein. Die Gebäude wurden natürlich trotzdem gebaut und bezogen.

Die Funkenstation wurde durch eine Feldbahn mit dem Zollgebäude verbunden. Das Material, besonders die Schienen dazu, entnahm man von den Pflanzungen der Firma. Überhaupt ist diese am schwersten vom Feinde heimgesucht worden, vielleicht weil er in ihr die Verkörperung des großzügigen deutschen Unternehmungsgeistes sah, oder war es nur das Wissen, daß diese Gesellschaft die einzige wirklich große Geldmacherin in der Kolonie war (außer der London Mission), was seine Hände sich immer gieriger nach ihr ausstrecken ließ?!

Das große Wohngebäude für die Beamten der Firma wurde zur Hälfte mit Truppen belegt, und der Geschäftsleiter und seine Familie hatten unter wiederholten rücksichtslosen Haussuchungen zu leiden. (Man suchte nach den verschwundenen Teilen der Funkenstation; natürlich vergebens.)

Es wurde für die Deutschen eine Polizeistunde festgesetzt, nach der sie nicht mehr außerhalb ihrer Wohnungen sein durften. Dieser Zeitpunkt wechselte anfangs beständig. Einmal war es 9 Uhrj dann wieder 10 Uhr, vom Mai 1916 an sogar 6 Uhr, was sehr hart ist in den Tropen, wo man erst nach Sonnenuntergang anfängt behaglich und gesellig zu leben. Auch bestand lange Zeit Lichtverbot, doch erst von 10 Uhr an. Zum Wechseln seines Aufenthaltes, und wenn es auch nur für eine Nacht war, bedurfte jeder Deutsche, ob Mann oder Frau, einer schriftlichen »Permission«.

Am Vormittag jedes Dienstags mußten sich alle Deutschen auf der Polizeiwache melden, auch alle Pflanzer von außerhalb mußten an dem Tage zur Stadt kommen. Da es dann also von Deutschen in Apia wimmelte, wurde der Dienstag »Hunday« genannt.

Ein auch ständig wechselndes Alkoholverbot bestand für die Truppen. Einige Zeit durfte ihnen von 2-6 Uhr Alkohol verabreicht werden, ein andermal nur vormittags, und dann war längere Zeit jede Alkoholabgabe an Soldaten überhaupt verboten. Ein Deutscher, der auf Verlangen und Drohen einigen Tommies Bier gegeben hatte, wurde zu acht Monaten Zwangsarbeit in Neuseeland verurteilt.

Eine Ausnahme war der Abend und die Nacht des 8. Dezember 1914. Wir hörten in den Abendstunden dieses Tages in unserm abgelegenen Hause das Gebrüll der Engländer in Apia. »Hurras« und »God save the king« usw. tönten zu uns herauf, Kraftwagen mit schreienden, tobenden Soldaten fuhren die ganze Nacht durch die Straßen. Am andern Tage hörten wir die uns niederschmetternde Erklärung: der Sieg bei den Falklandinseln war gefeiert! Es ist Gott sei Dank, die einzige Siegesfeier der Engländer geblieben!

Allmählig machte sich eine arge Disziplinlosigkeit unter den Truppen bemerkbar. Für unser deutsches Empfinden ungeheuerliche Zusammenstöße zwischen Soldaten und Vorgesetzten kamen vor. Die jungen Burschen hatten eben keine Beschäftigung. Außer dem bißchen Wachdienst und ein paar Schießübungen lungerten sie herum, spielten Tennis, Fußball, langweilten sich und hatten Durst, – Tropendurst!

Für den Weihnachtsabend hatten die Truppen Alkoholfreiheit verlangt. Als sie ihnen verweigert wurde, erklärten sie, sie würden die Bars und Stores in Apia stürmen. Man nahm ihnen die Waffen ab, aber sie machten ihre Drohung wahr. Sämtliche Bars und Warenhäuser wurden gestürmt und Alkohol geplündert. Die betrunkenen Soldaten lagen in Apia herum, zum Teil im Straßengraben. Der Oberst wurde benachrichtigt und fuhr in später Abendstunde zur Stadt. Die Kerle gröhlten ihn an und fuchtelten ihm mit der Whiskyflasche vor der Nase herum. Er war wohl froh, als er glücklich wieder daheim war.

Für den Weihnachtsabend waren auch für die Deutschen Polizeistunde und Lichtverbot aufgehoben. Aber wir waren nun, dank den Engländern, an ein sehr solides Leben gewöhnt und lagen schon nach 10 Uhr zu Bett.

Da wurden wir durch eine Rotte englischer Soldaten geweckt. Etwa dreißig Kerle hatten unser Haus von vorn und den Seiten umstellt, einige lagen auf der Freitreppe, rülpsten und erbrachen sich. Mein Mann ging hinunter, um mit ihnen zu verhandeln. Sie wollten Alkohol!

Ich versuchte, Unterstützung für meinen Mann zu holen. Hinter unserm Haus auf dem Berge lag ein kleines Haus, das von einem jungen deutschen Lehrer bewohnt war, von dem ich wußte, daß er eine Anzahl Weihnachtsgäste hatte. Aber unser Kind konnte ich nicht zurücklassen. So wurde der Bub, der mit seiner neuen Weihnachtspuppe, einem deutschen Musketier, im Arm, friedlich schlief, aus seinem Bettchen genommen, und, ich mit dem schweren Jungen, das Fräulein mit einer Laterne, schlichen wir uns hinten aus dem Hause und keuchten auf einem vom Regen schlüpfrigen Gemsenpfad den Berg hinauf.

Als die von uns gerufene Hilfe auf dem Schauplatz anlangte, waren die Rowdies schon im Abziehen. Mein Mann war sehr ruhig und freundlich geblieben, hatte eine Kiste Zigarren und einige Flaschen Limonade geopfert und so die unholden Gäste beruhigt. Aber ihre Absichten zeigte uns der andere Morgen, als wir alle Seiteneingange verrammelt und einen Haufen kindskopfgroßer Steine in Bereitschaft gelegt fanden. An diese »stille, heilige Nacht« werde ich zeitlebens denken!

Auch unser Wagenschuppen ward öfters aufgebrochen und die Getränke vom deutschen Kasino, die dort lagerten, gestohlen.

Für die Sylvesternacht halten die Truppen angekündigt, daß sie Apia anzünden wollten. Wir fürchteten sehr, daß sie auch diese Drohung wahrmachen würden. Die Offiziere führten sie aber rechtzeitig nach den verschiedensten Seiten der Insel ab; außerdem hörten wir, daß der Oberst funkentelegraphisch ein Kriegsschiff zu seiner Unterstützung gegen die eignen Soldaten herbeigerufen habe. (Leicht hat der Mann es in jener Zeit sicher nicht gehabt.) Die Sylvesternacht verlief also ruhig.

Im Januar 1915 hieß es plötzlich, ein deutsches Großkampfschiff »Von der Tann« sei im Stillen Ozean. Die englische Behörde selbst verbreitete das Gerücht.

Es gab eine ungeheuere Aufregung. Den Deutschen wurde jeder Wagen, jedes Pferd, jeder Sattel beschlagnahmt und achtzig Prozent der Arbeiter von den Pflanzungen zu Schanzarbeiten abgerufen. Eine Menge Vorräte brachte man hinauf zur Funkenstation, und dort wurden nun wirkliche Verteidigungsanlagen geschaffen. Die Tommies mußten im Schweiße ihres Angesichts schuften. Später hörten wir, daß die ganze »Von der Tann«-Geschichte erfunden gewesen, um die Truppen durch die Angst vor dem Feinde in der Gewalt zu behalten.

Bei den Schanzarbeiten auf der Funkenstation hat man dann auch die so lange schmerzlich gesuchten Apparatteile gefunden, die dort vergraben gewesen waren. Man baute sie flink ein, verstand aber die Handhabung nicht, so daß bei dem ersten Versuch, mit unserm Apparat zu arbeiten, das große Schwungrad in die Luft flog, das Dach des Stationshauses durchschlug, gegen den Turm anprallte und im Herunterfallen einem schwarzen Pflanzungsarbeiter die Beine zerschmetterte. Man mußte bescheiden wieder zur eignen Einrichtung greifen.

Anfang April 1915 wurden alle bisherigen Besatzungstruppen, bis auf eine Anzahl Offiziere, abgelöst und durch ältere Leute zwischen 40 und 45 Jahren ersetzt. Sie machten zum Teil eine sehr traurige Figur, aber sie waren ruhig und friedlich; wir haben jedenfalls nicht über sie zu klagen gehabt. Übrigens waren es nur gegen 150 Mann.

Im ganzen genommen und an den Berichten aus andern deutschen Kolonien, die von Franzosen besetzt wurden, gemessen, konnten wir überhaupt nicht – bis auf einen Punkt, auf den ich später zurückkommen weide – über Grausamkeiten klagen. Wir persönlich haben, außer dem schlimmen Weihnachtsabend, keine wirklichen Schrecknisse erlebt. Die deutschen Ärzte durften unbehelligt weiter ihre Praxis ausüben, allerdings wurden die Eingeborenen (die einträglichste Praxis) durch sanften Zwang zu den englischen Ärzten geleitet.

Einzelne jedoch haben schwer zu leiden gehabt durch unerhört harte Verurteilungen.

Ein deutscher großer Pflanzungsbesitzer, der mit der persönlichen Erlaubnis des Obersten, aber leider vertrauensselig ohne dessen schriftliche Bescheinigung, mit seiner Familie von Upolu nach seinem Besitz in Savai gefahren war, wurde zu einem Jahre Zwangsarbeit verurteilt, das auf dem Gnadenwege vom Oberst in 8 Monate Gefängnis umgewandelt wurde. Die Gefängnishaft hat der Verurteilte in Neuseeland in Einzelhaft in einem Kellerverließ, in dem das Wasser von den Wänden tropfte, verbüßen müssen, als einzige Beschäftigung eine Schiefertafel!

Ein junger Lehrer, Reserveoffizier, hatte einen Fluchtversuch gemacht und war auch glücklich als blinder Passagier nach Pago-Pago gelangt und auf amerikanischem Boden gelandet. Dort wurde er wieder festgenommen und zurückgebracht! (Ein kleines Beweisstück von amerikanischer Neutralität.) Er wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er auch einen großen Teil in Einzelhaft abbüßen mußte.

Der Leiter der Firma, der versucht hatte, heimlich einen Brief nach Deutschland zu senden, wurde dafür mit einem halben Jahre Gefängnis bestraft.

Ein deutscher Beamter, der, wie schon erwähnt, Soldaten auf ihr Drängen hin Alkohol gegeben, wurde zu acht Monaten Zwangsarbeit verurteilt, drei junge Handlungsgehilfen, die um fünf Minuten die Polizeistunde überschritten hatten, zu sechs Monaten. Ein Rechtskonsulent, der seine Kinder zur Erziehung in Deutschland hatte, war in großer Sorge um ihr Schicksal, da er ja kein Unterhaftsgeld nach der Heimat schicken konnte. (Es war natürlich verboten, Geld nach Deutschland auszuführen.) Er ließ deshalb durch den abreisenden chinesischen Konsul, für den er gearbeitet hatte, sein Guthaben von Honolulu aus nach Deutschland an seine Kinder überweisen. Dafür wurde er wegen »Kriegsverrat« mit 1 1/2 Jahren Gefängnis bestraft. (»Wer den Feind mit Waffen oder Geld unterstützt usw.« so lautet der betreffende Paragraph.)

Eine Maßregelung ist vorgekommen, die der Komik nicht entbehrt.

In Samoa hatte von altersher eine patriarchalische Sitte geherrscht. Wenn einer der alten Ansiedler längere Zeit gar zu sehr seinem mächtigen Tropendurst fröhnte, so schritt das Gouvernement väterlich erziehend ein und setzte seinen Namen auf die »Säuferliste«, d. h. es wurde durch Straßenanschlag und durch die Zeitung bekannt gegeben, daß dem schwarzen Schäflein kein Alkohol verabreicht werden dürfe.

Es waren so ziemlich immer dieselben anvertrauten Namen, die auf dieser schönen Liste erschienen.

Unter den Engländern war dieser geheiligte Brauch eingeschlafen. Eines Tages aber ließ Colonel Logan fünf Deutsche zu sich kommen und hielt ihnen eine donnernde Philippika. »Sie konspirierten gegen die englische Behörde usw.« Er verbot ihnen, fernerhin miteinander zu sprechen, untersagte ihnen den Besuch der Gastwirtschaften und überhaupt jeden Alkoholgenuß. Und es geschah, daß unsere alle liebe Säuferliste ihre Auferstehung feierte! Sie erschien wieder, diesmal mit den Namen von vier angesehenen jungen deutschen Regierungsbeamten und einem Geschäftsmanne! Von denen waren wohl zwei einem guten Trunk in mäßigen Grenzen nicht abgeneigt, zwei aber tranken nur sehr selten ein Glas Bier und der fünfte gar war von jeher ein begeisterter Abstinenzler gewesen!

Gleich nach der Landung der Engländer hatten die englischen Ansiedler der Kolonie eine Eingabe an den Oberst überreicht, in der sie um möglichst schonende Behandlung der Deutschen baten, da sie selbst, auch noch während der Kriegszeit, nur Gutes von ihnen erfahren hatten.

Im Juni 1915, nach der Versenkung der »Lusitania«, ließ der Oberst einige Deutsche zu sich kommen und eröffnete ihnen, daß wir alle zur Strafe für dieses Verbrechen interniert werden würden; wir sollten uns bereithalten. Was das in den Tropen heißt, zumal ohne Wasserversorgung wie in Samoa, das versteht nur jemand, der die Verhältnisse kennt.

Auch hier haben sich die ansässigen Engländer wieder für uns verwandt. Sie hielten eine Versammlung ab und verfaßten ein entsprechendes Bittgesuch.

Anders benahm sich unser damaliger offizieller Vertreter, der amerikanische Konsul Mr. Mitchell. Als die Herren, denen der Oberst die erschreckende Eröffnung gemacht hatte, zu ihm kamen und ihn um seine Verwendung für uns baten, ließ er sie gar nicht ausreden, sondern erklärte, aufgeregt, daß die Behörde ganz recht habe. Man könne gar nicht scharf genug gegen eine Nation vorgehen, die solche Schandtaten begehe. Das war unser Schutz! Nun, die Hilfe kam in diesem Falle von treuer samoanischer Seite! Darüber später.

Die Samoaner und Tamasese.

Stets ist, bis auf einen kleinen Zwischenfall im Jahr 1909 unsere Regierung mit den Eingeborenen vorzüglich ausgekommen. Selbst die gefährliche Klippe der Nachfolgerschaft Mataafas nach dessen Tode im Februar 1912 war von ihr glücklich umschifft. Zwei Anwärter für die hohe Würde waren vorhanden gewesen, die Haupter der beiden mächtigen Parteien, Tamasese und Tanu.

Tamasese mit seinem Anhang hat stets treu zu den Deutschen gehalten. Tanu dagegen war nicht nur zur Zeit der Dreimächteherrschaft der Günstling der Engländer und Amerikaner gewesen, sondern ist immer unter britischem Einfluß geblieben – durch die Missionen. Man hatte also eine deutsche und eine englische Partei unter den Eingeborenen.

Um den gefährdeten Frieden im Lande aufrecht zu erhalten – Rangstreitigkeiten führten ja stets bei den Samoanern zum Kriege –, war von unserer Regierung diese heikle Nachfolgefrage in der Weise gelöst worden, daß die Würde des »alii sili« überhaupt abgeschafft und beiden Rivalen gleich hoher Fürstenrang eingeräumt war. Dieser Wechsel war auch wirklich ganz schön und friedlich verlaufen.

Daß nun aber die Tanu-Partei mit wehenden Fahnen zu den Engländern überging, ist selbstverständlich. Wie sollte es auch anders sein! Sie hatte ja immer unter britischem Einfluß gestanden, besonders in ihrem Hauptsitz, in Savai.

Gleich nach Ankunft der Neuseeländer schickte der Häuptling Famuina (zur London-Mission gehörig) dem feindlichen Kommandanten einen Blumenstrauß mit »Visitenkarte«!

Vom Gouverneur Dr. Schultz habe ich ein Schreiben aus Fidji im Besitz, in dem er um Nachsendung seines »langjährigen treuen samoanischen Dieners« bittet. Als das Schreiben ankam, keine zwei Wochen nach der Gefangennahme des Gouverneurs, lief dieser »treue« Diener schon in der Uniform der Bediensteten des englischen Obersten herum!

In den Schulen der London-Mission in Apia wurden vom Schulvorsteher schändliche Schmähreden auf Deutschland und alles, was deutsch, gehalten.

Aber wunderbar treu-deutsch blieb Tamasese! Die Beständigkeit dieses einflußreichsten Samoafürsten haben wir wohl nicht zum wenigsten der Klugheit unseres frühern Gouverneurs Exzellenz Solf zu danken, der seinerzeit, während eines Aufenthalts Tamaseses in Deutschland, diesem Berlin und eine Parade auf dem Tempelhoferfelde gezeigt und ihn auch unserm Kaiser vorgestellt hatte. Dies alles hatte einen ungeheuern, unverwischbaren Eindruck auf ihn gemacht.

Gleich nach dem Einzug der Engländer äußerte er hohnvoll. »Pele tania fita fita ele ni fita fita e tele valea, – fita fita siamani tele lele!« (Diese Engländer sind doch keine Soldaten, die taugen nichts, aber die deutschen Soldaten sind großartig!)

Zur Flaggenhissung war auch er befohlen. Aber man beachte auf dem Bilde seine Haltung! Er als der Einzige hob nicht die Hand zum Salutieren. Welche Überwindung eine Unhöflichkeit für einen Samoaner aus königlichem Blute bedeutet, versteht nur der, der das Volk und sein feierliches Zeremoniell kennt.

Die Engländer versuchten auf alle mögliche Art, ihn zu gewinnen. Der Oberst stellte ihm sein eignes Auto jederzeit zur freien Verfügung. Tamasese machte nie davon Gebrauch und ließ sich durch nichts fangen.

Als man ihm aus seiner Hütte das Kaiserbild entfernen und es durch ein Porträt König Georgs ersetzen wollte, bedrohte er jeden, der das Bild, das ihm vom Kaiser selbst geschenkt, anrühren würde.

Die Engländer hielten ihn nun unter schärfster Aufsicht, blieben aber bei ihrer werbenden Haltung.

Das große Truppenlager wurde in nächster Nähe seines Wohnsitzes errichtet und keiner konnte bei ihm aus- und eingehen, ohne daß sofort ein englischer Wächter erschien. Jeder Schritt des treuen Mannes wurde bewacht. Deshalb besuchte er uns selbst nun nicht mehr in Vaca, was er früher oft getan, um uns nicht verdächtig zu machen, schickte aber zuweilen heimlich wertvolle Geschenke und ließ uns seiner unveränderlichen Gesinnung versichern. An Kaisers Geburtstag war sein Haus das einzige, das stolz die schwarz weiß rote Flagge hißte. (Wir durften überhaupt keine mehr im Besitz haben!)

Als im Juni 1915 der englische Oberst die Deutschen internieren wollte, ließ er die einflußreichsten Häuptlinge zu einem »fono« entbieten und eröffnete ihnen, daß draußen in der Welt die Deutschen solche Schandtaten begangen hätten, »daß er genötigt sei, die in Samoa lebenden Deutschen zu internieren, um sie vor der Wut seiner Soldaten zu schützen!«

Darauf erklärte Tamasese in seiner ruhigen würdigen Weise, das sei nicht notwendig: »die Deutschen würden vor den Soldaten durch seine Samoaner beschützt werden!« Auf diese versteckte Drohung hin unterblieb die Internierung, denn vor Zwischenfällen mit den Eingeborenen hatten die Engländer einen gewaltigen Respekt.

Zu unserm tiefen Schmerze sollten wir bald darauf diesen treuen Menschen verlieren.

Sein Tod hatte eigenartige Begleitumstände, die charakteristisch für das samoanische Seelenleben sind.

Eines Tages erreichte Tamasese eine Botschaft seiner in Aana verheirateten Schwester, die folgendermaßen lautete:

»Ihr längst verstorbener Vater sei ihr im Traume erschienen und habe schwere Anklagen gegen seinen Sohn (Tamasese) erhoben. Erstens habe er geduldet und begünstigt, daß in der Nähe seines Hauptlingshauses ein Tanzplatz errichtet sei, und solches sei eines so hohen Herrn unwürdig. Ferner aber habe er noch immer nicht dafür gesorgt, daß seine (des Vaters) Gebeine von Lufilufi, an der Ostküste der Insel, nach der königlichen Begräbnisstätte in Mulinuu überführt seien. Seine Geduld sei nun erschöpft, und er würde kommen und den unwürdigen Sohn holen!«

Diese Botschaft versetzte Tamasese in eine ungeheure Erregung. Wohl hatte er starke Anstrengungen gemacht, um die Überführung der Leiche seines Vaters zu erreichen, war aber von unserer Regierung immer wieder vertröstet worden. Jetzt aber mußte er dieses Gebot des Toten unter allen Umstanden sofort erfüllen, denn trotz aller Missionsarbeit ist der Geisterglauben unausrottbar unter den Samoanern.

Er, der sich bisher so stolz von den Engländern ferngehalten hatte, war nun genötigt, ihnen mit einem Anliegen zu kommen. Unendliche Überwindung mag es ihn gekostet haben.

Natürlich konnte der feindlichen Behörde nichts erwünschter sein, als diesem so spröden Machthaber eine Gefälligkeit erweisen zu können, und schleunigst wurden alle Schritte zu ihrer Ausführung getan.

In diesen Tagen erkrankte Tamasese an einer Mandelentzündung, die normalerweise nach einer Woche hätte auskuriert sein können. Die vielen Fonos in diesen Tagen und die hochgradige seelische Erregung aber verschlimmerten seinen Zustand schnell, in seinen Fieberphantasien sah er immer seinen zürnenden Vater.

Und dann wurde der Sarg mit der Leiche seines Vaters nun wirklich angebracht und in seinem Hause in Vaimoso, wo er schwer krank lag, untergestellt, bis die Beisetzung in Mulinuu vorbereitet war.

Diese furchtbare Erschütterung brachte das Ende des Sohnes – am folgenden Tage drückte mein Mann ihm die Augen zu! Der Vater hatte den Sohn wirklich geholt6)!

Beide Tamases, Vater und Sohn, wurden zusammen in Mulinuu bestattet. – Wir hatten unsere treueste Stütze verloren!

Nun sind ja die Samoaner zu indolent, um ohne ganz besondere Veranlassung sich in die Händel der Weißen zu mischen. Im allgemeinen haben sie die Engländer mit demselben freundlichen, höflichen Lächeln begrüßt, das sie früher für uns gehabt hatten. Sie werden uns deshalb nicht zu nahe treten. Aber doch: Welcher Rückhalt wären die Eingeborenen für uns gewesen, wenn sie alle wirklich dem Deutschtum nähergebracht, wenigstens nicht schon längst unter englischem Einfluß gewesen wären. Daß die Neuseeländer sie hätscheln und verwöhnen, ist selbstverständlich.

Verlockende Versprechungen werden ihnen gemacht, und unsere frühere Regierung dabei geschmäht. Z. B. wurde öfters im Fono den naiven Naturkindern der Vergleich zwischen Fidji und Samoa vor Augen geführt. »Was haben die Deutschen bisher für euch getan? Seht euch Fidji an mit seinem schönen Hafen, den herrlichen Plätzen und Häusern, dem Licht, so hell wie die Sonne! Das alles bekommt ihr von uns auch, sobald der Krieg zu Ende ist. Einen prächtigen großen Hafen erhält Apia, eine Bahn wird um die Insel herum geführt, elektrisches Licht und Wasserleitung und wunderschöne Häuser werden wir nicht nur den Weißen, sondern auch euch geben!« Das ist ungefähr der Sinn des Sirenensanges.

Am eifrigsten und erfolgreichsten wirken natürlich die britischen Gottesmänner. Jedenfalls ist das sicher: Wenn einmal das Selbstbestimmungsrecht der Völker auch auf die Eingeborenen in unseren Kolonien ausgedehnt werden sollte, würden wir eine eventuelle Option der Samoaner für England nur der englischen Mission zu danken haben, deren unheilvollen Einfluß wir unter deutscher Flagge geduldet haben.

Unsere stillen Leiden.

Ich möchte nun von dem sprechen, was wir draußen, wohl fast jeder von uns, seelisch gelitten haben, trotzdem ich weiß, daß keiner von denen, die in dieser Zeit daheim gewesen, uns das nur im entferntesten nachempfinden kann.

Oder gibt es hier in der Heimat jemanden, der versteht, mit welch verzweifelten Zorngefühlen wir unsere üppigen Braten, die schönen mächtigen Schinken betrachteten, wenn wir dabei wußten, daß daheim große Knappheit herrschte, daß da jedem sein Quentlein abgemessen wurde? Zu Hause half jeder mit am großen Ganzen, und wenn es auch nur durch Sparen und Entbehren geschah. Selbst das war uns versagt, unser Sparen hatte der Heimat nichts genützt. Wir waren ausgeschlossen aus unserer heiligen Volksgemeinschaft. Wir überblickten die reich tragenden Kokospalmen, die weiten Kakao- und Gummipflanzungen, die gefüllten Kopraschuppen. – Wie sehr würden die Erträge unserer kleinen Kolonie der Not in Deutschland gesteuert haben! – Alles blieb dem Feinde!

Das Schlimmste aber für uns draußen war die grausame Härte, daß wir keine Zeile von unsern Lieben daheim empfangen und keine senden durften.

In den ersten Wochen, Anfang Oktober 1914 hatte uns ein liebenswürdiger Zensor einige Briefe und Zeitungen ausgehändigt. Die deutschen Zeitungen gingen bis zum 16. August 1914.

Unvergeßlich sind die Stunden, in denen wir diese ersten unmittelbaren Nachrichten aus der Heimat erhielten! Da saßen, wie früher immer an Posttagen, unsere Bekannten von auswärts bei uns, jeder einen Brief oder eine Zeitung in der Hand. Jeder fand etwas besonders Herrliches vorzulesen. Und dabei liefen uns allen die hellen Tränen übers Gesicht, und wir merkten es kaum. Ach, dieser Freudentag!

Er blieb der einzige. Der Zensor wurde sofort strafversetzt, und wir erhielten einen andern, einen mit deutschem Namen, aber mit verknöchertem englischen Herzen. Dieser »Mr. Wollermann« war der Sohn eines Deutschen. Sein Vater hatte als Offizier den Feldzug 1870 mitgemacht und das Eiserne Kreuz erhalten. Jetzt ist der Vater in Neuseeland interniert, und der Sohn quält in englischen Diensten die Deutschen. (Ich finde, dieser Vater trägt, was er sich verdient, indem er seinen Sohn so erzog!)

Von diesem Zensor erhielten wir keine Post mehr. Er mag wohl streng nach seiner Vorschrift gehandelt haben, aber wir empfanden dies als so besonders grausam, weil es so sinnlos war. Gewiß, der Krieg bringt Härten mit sich, aber sie sollten zweckmäßig sein. Hier waren sie es nicht, denn wir auf unserer kleinen einsamen Insel, nur von feindlichen Gebieten umgeben, waren den Engländern ganz sicher. Konnte man uns nicht wenigstens offene Postkarten, wenn auch in englischer Sprache, gestatten, die Nachricht über Leben und Sterben der Angehörigen gaben? Jedem Kriegsgefangenen, jedem Zuchthäusler ist Verbindung mit seiner Familie erlaubt, nur uns nicht.

Weihnachten 1915 konnte ich es nicht mehr aushalten. Ich biß die Zähne zusammen und ging bitten zu Mr. Wollermann, dem Zensor. Ich sagte ihm, daß ich Mutter und zwei Kinder daheim hatte, von denen ich seit anderthalb Jahren nichts gehört hätte und bat und flehte, er möge einmal unter unsern Postsachen nachsehen; ich wolle ja die Briefe gar nicht haben, nur sagen solle er mir, ob meine Lieben daheim noch lebten und gesund seien. Gleichmütig drehte er mir den Rücken. »No, wenn Sie keine Nachricht haben, leben sie noch. Todesnachrichten geben wir bekannt!«

Auch das war nicht immer der Fall, wie wir bestimmt wußten.

Als die englischen Schiffe kamen, hatten wir uns sofort gesagt, daß eine der bittersten Folgen die englischen Lügen sein würden, die wir nun schlucken müßten.

Das wurde aber nicht so schlimm, wie wir befürchtet hatten. Denn wir hatten gute Atlanten und die Neuseeländer nicht; sie hatten auch keine geographischen Kenntnisse. Die veröffentlichten Kriegstelegramme erzählten natürlich stets von »great victories«. Da aber die Ortsnamen, wenn auch oft verstümmelt, stets ganz brav und bieder angegeben waren (die Funksprüche kamen von Honolulu!) so konnten wir beruhigt verfolgen, wie die Belgier sich bis zur Yser und Marne und die Russen bis Pinsk »zurücksiegten«!

Schlimm war allerdings die Lektüre der englischen Zeitschriften mit den Schmähreden auf die »Huns« und »Barbarians«. Das erste Kriegsbild, das wir sahen, war eine Illustration in der »Auckland Weekly News«, die unsern Kaiser im brennenden Löwen darstellte, wie er die Niedermetzelung von Frauen und Kindern befahl.

Aber auch aus den englischen Zeitungen schöpften wir uns hier und da ein Tränklein Freude. Durch alle Wut, – wie klang doch immer zornige Bewunderung hindurch. Unsere Organisation! Wer, wie wir, fast zwei Jahre lang nur englische Blätter gelesen und die zähneknirschende, ohnmächtige Wut darüber gesehen hat, daß unsere Rationierung die Aushungerungspläne zunichte machte, der schimpft nicht über die Bezugskarten, und wenn sie ihm noch so viele Schwierigkeiten machen!

Zweimal haben wir sogar in den Jahren deutsche Zeitungen gehabt, d. h. es waren nur Fragmente, ein halbes Blatt der Weserzeitung und ein Beiblatt der »Kölnischen«. Wie sie hinübergekommen, weiß ich nicht. Sie enthielten nicht einmal etwas Besonderes und waren, als wir sie erhielten, ein halbes Jahr alt. Aber sie gingen von Haus zu Haus, von Hand zu Hand , bis sie auseinander fielen. Kann man hier zu Hause sich ein Bild von unserm Seelenhunger, von unserer Armut machen?

Dies Hungergefühl (ach, es tat weher als der Brot- und Fleischhunger in der Heimat!) wurde noch besonders aufgestachelt durch ein Reizmittel: die Gerüchte! Was haben wir in der Kriegszeit alles an Gerüchten geschluckt. Selten kamen zwei Deutsche damals zusammen, von denen nicht der Eine eine neue Kriegsnachricht heimlich zu erzählen hatte.

Sie sollte dann entweder von Pago-Pago stammen oder von Engländern erlauscht sein. Und wie ein heimliches Lauffeuer gingen dann diese Nachrichten unter uns weiter.

Natürlich waren es immer ungeheuerlich gewaltige Siege der Unsern, um die es sich handelte! Da einige dieser Gerüchte sich bald wirklich bestätigten, wie Antwerpen und Warschau, so glaubte man fast immer wieder. Ach, und wie gern glaubte man! So haben wir zweimal den Fall von Paris und dreimal den von Calais gefeiert.

Nervenaufreibend war die beständige Drohung für jeden deutschen Mann, plötzlich nach Neuseeland in Kriegsgefangenschaft geführt zu werden. Abgesehen von den Zufälligkeiten, die einen gleich zum Schwerverbrecher machen und ins Zuchthaus bringen konnten, mußte jeder, sobald ein Dampfer im Hafen lag, befürchten, mit in das Gefangenenlager gebracht zu werden. Denn das kam stets ganz plötzlich, ohne irgendeine besondere Veranlassung. Wie und wodurch die Auswahl getroffen wurde, ist stets schleierhaft geblieben. Anfangs glaubte man, sie holten alle Militärpflichtigen, dann wieder, die Beamten seien es, die fortgeführt würden. Aber keine derartige Richtschnur diente bei der Auslese der Opfer. Scheinbar ganz willkürlich und wahllos wurde eben einer Anzahl Deutscher mittags mitgeteilt, daß sie am Nachmittag sich an der Landungsbrücke einzufinden hatten. Man behauptete schließlich mit Galgenhumor, die Verwaltung bekomme Auftrag, eine bestimmte Anzahl »Huns« nach Neuseeland zu schicken, und dann knobele sie darum, wen es treffen solle. Jedenfalls hatte jeder Deutsche immer seinen Koffer gepackt stehen.

Viele solcher Gefangenentransporte fanden statt, es sind zur Zeit wohl gegen 80-90 Mann von Samoa nach den Gefangenenlagern nach Neuseeland gebracht.

Aber so viel Erniedrigung wir auch erduldeten, so viel Schmähreden und Lügen wir auch hören mußten, – nie haben wir draußen am deutschen Endsieg gezweifelt und daran, daß über unserm geliebten Samoa die deutsche Flagge wieder gehißt werden wird!

Wirtschaftliches

Der Neuseeländische Administrator setzte seine Ehre darein, möglichst billig zu wirtschaften. Wie er einigen Deutschen stolz mitteilte, war es ihm gelungen, in ersten Jahre seiner Herrschaft die Verwaltungskosten der Kolonie um ein Drittel der frühern deutschen zu reduzieren; er versicherte, daß er in der Folge sogar mit der Hälfte auszuommen gedenke.

Es sah aber auch darnach aus! O je, in welchem Zustande waren die Wege! In der Stadt selbst waren sie schon schlimm, aber die sonst tadellos gehaltenen Straßen in der Nähe Apias waren geradezu fürchterlich. Unsern Beamten für öffentliche Arbeiten würde das Herz weh tun, wenn sie diese Wüstenei sehen würden! Bis an die Achsen versanken die hohen Wagen im Schlamm, der tiefe Trichter deckte, in denen die Fuhrwerke zusammenbrachen.

Woran auch sollte sonst gespart werden? An den Beamtengehältern nicht. Denn obwohl die Neuseeländer mit einer geringem Zahl Beamter auskamen, hatten sie doch deren Bezüge so enorm erhöht, daß diese Verwaltungskosten sicher den deutschen gleich blieben.

Die deutschen Geschäfts- und Pflanzungsbetriebe blieben, abgesehen von der Fortführung einer Anzahl Geschäftsleiter und Angestellter in Kriegsgefangenschaft, im ersten Jahr ziemlich ungestört. Allerdings durften die Kaufleute keine unmittelbaren Bestellungen mehr aufgeben, da die Ausfuhr an Deutsche in Australien und Neuseeland bald verboten wurde. Sie mußten sich also neutraler oder englischer Firmen in Samoa als Mittelspersonen bedienen. Aber durch diese konnten sie gegen eine Kommissionsgebühr Waren einführen, soviel sie wollten.

Die Leiter der jungen Pflanzungen, die noch keine Erträge hatten, und noch auf Zuschüsse angewiesen waren, wären durch das Ausbleiben ihrer Gelder aus der Heimat in schwere Verlegenheit geraten, wenn nicht die deutschen Handelshäuser ihnen in weitgehender Weise Kredit gewährt hätten. So konnten alle deutschen Pflanzungen, auch die, die keine Barmittel in Samoa hatten, fortgeführt werden.

Im Mai 1915 wurde das deutsche Geld im Verkehr verboten. Es wurden englisches Silbergeld und Neuseeländer Pfundnoten – die durch Aufdruck nur für Samoa gültig erklärt waren – eingeführt. Der Kurs, zu dem das deutsche Geld eingewechselt wurde, war 20,60 M. Die »Bank of New Zealand« errichtete eine Zweigstelle in Apia.

Im Februar 1916 wurde den deutschen Geschäftsleuten mitgeteilt, daß ihre Geschäfte in absehbarer Zeit geschlossen würden; sie möchten versuchen, ihre Warenlager zu räumen. Da begannen überhastete Ausverkäufe. Sehr eifrige Käufer, und zwar besonders für deutsche Waren, waren die Engländer, auch die englischen Offiziere. Sie hatten alle scheinbar die feste Überzeugung, daß »made in Germany« etwas sehr Gutes bedeute!

Da in den nächsten Wochen nichts geschah, beruhigte man sich wieder und hielt die Ankündigung für einen der vielen blinden Schreckschüsse, die wir erlebt hatten. Aber am Morgen des dritten Ostertages, am 25. April wurden ganz plötzlich alle deutschen Geschäfte geschlossen, auch alle Depots von Privatleuten, die vorgefunden wurden, beschlagnahmt. Da man in Samoa schon immer den bargeldlosen Verkehr gepflogen und nie größere Geldsummen bei sich oder im Hause hatte, waren durch diese Maßnahme fast alle Deutschen schwer betroffen. Denn, wie gesagt, man hatte an den Ernst der Drohung, die Geschäfte zu schließen, längst nicht mehr geglaubt. Nur ganz wenige (darunter zum Glück wir selbst) hatten der englischen Geldgier alles zugetraut und ihr Bargeld rechtzeitig in Sicherheit gebracht.

Mit am schlimmsten sind von diesem Schlage unsere Beamten, oder soweit sie in Gefangenschaft waren, denn Familien betroffen worden.

Das Viertel- oder Halbjahrsgehalt, das sie vor der Besetzung im voraus erhalten hatten, waren die letzten amtlichen Bezüge gewesen. Viele von ihnen halten sich irgendeine andere Beschäftigung gesucht, soweit sie solche fanden. Die Firma hatte allen Beamten in großzügigster Weise Kredit eröffnet und zahlte ihnen auch monatlich eine bestimmte Summe bar aus.

Nun fielen nicht nur diese baren Zahlungen fort, auch alle Bezugsquellen für den Bedarf des täglichen Lehens waren ihnen in den deutschen Geschäften verschlossen, inwieweit die neutralen und englischen Geschäfte unsern Beamten Kredit gewährt haben, weiß ich nicht, glaube aber, daß von ihnen nicht viel zu erlangen gewesen sein wird.

An demselben Tage, als die Geschäfte geschlossen wurden, erreichte uns selbst eine überwältigende Freudenbotschaft: wir durften heim!

Seit langer Zeit hatte mein Mann alle möglichen Anstrengungen gemacht, sich sogar freiwillig als Kriegsgefangener angeboten, um dann als Arzt ausgetauscht zu werden. Wir hatten schon die Hoffnung aufgegeben, als unserm verzweifelten Sehnen nun doch noch ganz plötzlich die Erfüllung wurde.

Auf getrennten Wegen fuhren wir – mein Mann über Neuseeland, das dortige Gefangenenlager in Somes-Island und später durch den Panamakanal, ich mit dem Kinde über Amerika – dem kriegzerwühlten Europa zu.

Und endlich betraten unsere Füße deutschen Boden, unsere überströmenden Augen grüßten ins Land! Heimat, teure, so heiß ersehnte Heimat sei gegrüßt!

Schlußwort.

In all der schweren Zeit des Krieges hat da draußen kein einziger am starken deutschen Endsieg gezweifelt und der Gedanke, daß Mutter Deutschland ihr junges, schönes Kind in der blauen Südsee aufgeben könnte, ist in keinem von uns aufgetaucht.

Jetzt hier in der Heimat höre ich öfter das Wort fallen von »einer Abrundung unseres Kolonialreichs in Afrika«. Ja, rundet da nur ab, so viel ihr wollt, – aber deshalb unsere Südseekolonien aufgeben? Ist der deutsche Aar so schwach geworden, daß er sich vom »Kolonial« seinen Besitz aus den Fängen reißen läßt? Vom Kolonial, der davor zittert, selbst von ihm gefaßt zu werden? Denn die Behauptung, daß Deutschland Neuseeland annektieren wolle, war das wichtigste Propagandamittel des Feindes für die Rekrutierung dort!

Man male sich nur einmal aus, was aus unserer schönen Kolonie unter neuseeländischer Herrschaft würde! Neuseeland, das selbst nach Siedlern schreit, das noch nicht zum zehnten Teile kolonisiert ist, – das will Neuland, will deutsches Land?

Aller deutscher Fleiß und deutsches Streben dort sollten vergeblich gewesen sein? Durch deutsche Arbeit geschaffene Kulturwerte sollten verludert werden?

Denn die Neuseeländer mögen ihr Probierstückchen vom Arbeiterstaat in ihrem Lande bisher ohne besonderen Schaden – aber ganz gewiß auch ohne Erfolg – durchgeführt haben. Mit derartigen Arbeitergesetzen aber eine Tropenkolonien zu erschließen (und sie würden von ihren Prinzipien nicht um einen Deut abgehen) ist ganz undenkbar. Sie konnten damit nicht nur nicht weiter kultivieren, sondern die in hartem Mühen bisher geschaffenen Kullurwerte würden nicht einmal erhalten werden können. Ich bin fest überzeugt, daß selbst die dortigen englischen Pflanzungsgesellschaften und Landbesitzer die Wiederkehr deutscher Herrschaft viel freudiger begrüßen würden als die Kolonialwirtschaft der Neuseeländer.

Diese würden mit dem Geschaffenen Raubbau treiben und sich sehr bald auf den Handel beschränken.

Und was würde aus der edlen Samoanerrasse unter den Kolonials werden! Mit Riesenschritten würde sie dem Untergange entgegengehen und in kürzester Zeit dasselbe Schicksal erleiden wie die ihr stammesverwandten Maoris Neuseelands.

Was könnten wir dagegen aus dem herrlichen Lande machen!

Bisher ist Samoa vom Reiche etwas stiefmütterlich behandelt worden. Von der Besitzergreifung bis 1908 betrug der Reichszuschuß im ganzen 1 723 654 M. Von da an mußte sich die Kolonie selbst erhalten. Daß unter den Umständen die Entwicklung bisher keine Riesenschritte machen konnte, ist hiernach selbstverständlich. Wichtige Anlagen fehlen. Unbedingt notwendig ist der Ausbau eines Hafens und eine Wasserleitung für Apia, die mit einem Elektrizitätswerk leicht verbunden werden könnte. Die Trockenlegung der Sümpfe in nächster Nähe der Stadt und weitere Ausdehnung des Netzes guter Straßen wären weiterhin dringend zu wünschen. Mit einer Anleihe von einigen Millionen, die die Kolonie leicht zu tragen und zu amortisieren imstande wäre, könnten Wunder gewirkt werden.

Die Einnahmen Samoas können noch außerordentlich erweitert werden. Wohl ist bisher eine hohe Einfuhrsteuer erhoben, jedoch war ein Ausfuhrzoll zwar vorgesehen, aber noch nicht in Kraft getreten. Die Produzenten können aber leicht eine kräftige Ausfuhrsteuer zahlen und werden das auch gern tun. Feiner gab es bisher keine Einkommen- und Vermögenssteuer, sondern nur ein Kopfgeld (20-40 M.) neben einer mäßigen Berufslizenz. Eine durchgreifende Reform der Steuerverhältnisse würde das Schutzgebiet also ganz gut vertragen können.

Welch ungeheuere Bedeutung die Eröffnung des Panamakanals für die Zukunft der ozeanischen Inseln hat, ist noch gar nicht abzusehen.

Wohl ist Samoa seiner Landfläche nach unsere kleinste Kolonie, aber sein wirtschaftlicher Wert steht in gar keinem Verhältnis zu seiner Raumfläche, er ist relativ sogar der höchstmögliche.

Die jährliche Ausfuhr betrug vor dem Kriege 5 1/4 Millionen.

Wenn man nun bedenkt, daß bisher nur die Hälfte des bestellten Landes schon volltragend, ferner, daß von der ganzen kulturfähigen Fläche bisher höchstens der achte Teil bestellt ist, so wird man erst zur richtigen Schätzung des Wertes der Kolonie gelangen.

Selbst nach Abzug bedeutender Strecken Landes für die Bedürfnisse der Eingeborenen würde bei völliger Bestellung des übrigen kulturfähigen Bodens in fernerer Zeit der jährliche Ausfuhrwert der kleinen Kolonie nach gewissenhafter Schätzung sachverständiger Leute auf annähernd 50 Millionen zu steigern sein.

Nichts konnte eindringlicher den Wert unserer Südsee-Produkte der Allgemeinheit klarer machen, als die durch den Krieg und die Absperrung hervorgerufene Wirtschaftsnot der Heimat.

Über den wirtschaftlichen Wert unserer Südseekolonien unterrichtet eingehend die Broschüre von Horst Weyhmann »Unsere Südsee« und über seine wirtschaftliche und strategische Bedeutung die von Admiral v. Grapow »Die deutsche Flagge im Stillen Ozean«.

Was den politischen Wert Samoas anbetrifft, so muß darauf hingewiesen werden, daß es kein Geringerer als Bismarck war, der für seine Erwerbung eingetreten ist. Für so wichtig hat er diesen Besitz gehalten, daß er vorläufig sogar auf den »Dreimächtevertrag« eingegangen war, dessen Schwächen diesem größten Staatsmann der Geschichte sicher nicht verborgen geblieben sind.

Bismarck war es, der Mehrer des Reiches, der die deutsche Flagge auf der andern Seite des Erdballs aufpflanzte, und die Epigonen zetern nun über »ein zersplittertes Kolonialreich«! Weshalb nicht auch dort »Abrundung«? Weil wir die feinen Kolonien nicht schützen können? Keine Angst! An Deutschland wagt sich nach diesem Kriege keine Macht der Welt wieder heran!

Täppische proletenhände haben nach unserm köstlichen Kleinod in der Südsee gegriffen, die Ehre des Reiches erfordert, daß es ihnen wieder entwunden wird.

Deutscher Aar, flieg auf und kreise wieder um den Erdball!


1) Nur von Sonnenaufgang bis zur neunten Morgenstunde setzen beide Luftströmungen aus.

2) Bald darnach wurde der Einfuhrzoll auf 15 v. H. erhöht, das der London-Mission nach wie vor geschenkt wurden!

3) Durch Regierungszwang ist wenigstens in der Hauptstation, in Maloa ein deutscher Geistlicher von der »I. M. S.« angestellt.

4) Samoanischer Gruß. Wörtlich: »Ich liebe Dich«.

5) Früher: »Malolo lelei«.

6) Natürlich stärkt dieser Vorfall den Aberglauben der Samoaner nun ungeheuer.


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