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Maximiliane Ackers – Für alle Fälle ...

Kurze Geschichte

Berliner Zeitung zu Mittag 49, Ausgabe vom 30.August 1924
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»Mit so Theaterleut', verstehst, kann i schon noch firti werd'n«, beruhigte der Gemeindevorsteher, ein alter, handfester Bauer, seinen Gemeindediener gestern in der »Post«. Und dann soll er dem Stoder, dem Bauer, von dem ich den Wiesenwinkel am Fuße der Zugspitze haben wollte befohlen haben, mich zu ihm zu schicken. »Nachher woll'n wir seh'n ... dös geht fei nicht a so g'schwind.«

Mostschädel, sakrische – was haben denn die gegen mich? Was hat in aller Welt der »G'moandiener« mit meinem kleinwinzigen Berghäuserl zu tun, das ich mir droben bauen wollte? Gott weiß wo in der Einsamkeit. –

Aber wir beide, der Stoderbauer und ich, waren uns wenigstens einig: wenn beim Bohren Wasser zu Tage käme, gehörte der Winkel mir, dieser blühende, selige Wiesenwinkel hoch droben im Wald.

Ohne Verzug machte ich mich die halbe Stunde talwärts auf den Weg. Der Morgen funkelte, die Sonne tanzte durch den Wald; das waren Farben – blau, silbern, gold und grün, und das Wettersteingebirge leuchtete von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Ich sprang über die Wiesen, sprang durch die jubelnden Blumen, die Hänge herab, den Weg zu kürzen ... lief ein Stück die scharfweiße Autostraße, die zum Eibsee führt, herunter bis zu dem kleinwinzigen Blockhäuschen, von dem der Weg nach Obergrainau abbiegt.

Mein Nachbar. Mein Feind? Hinter Bierflaschen, Obstkörben, Postkartenständern und Andenken tauchte der graue Zottelkopf des Gemeindedieners auf, um bei meinem Anblick sofort unterzutauchen im Schwarz seiner Hütte. Mein Gruß blieb unerwidert.

Der Bürgermeister von Obergrainau ist ein Bauer – und zu einem Bauer gehört ein Haus, ein Hof, eine große, viereckige Dunggrube, angefüllt mit pechschwarzem, schillerndem Wasser und einem riesigen, ordentlichen Misthaufen. Eben hoch auf diesem Misthaufen stand der Herr Bürgermeister, als ich ihn aufsuchte.

»Wann's was sag'n mechten, nacher kommen's aufi«, schnitt er meine Rede ab, die ich, amtlich – ehrfürchtig, vom »Festlande« aus, zu ihm raufgebrüllt hatte. Ich betrat den langen, schwankenden Steg (in Bayern ist alles alpin), und so, zwischen Himmel und schwarzer Brühe schwebend, begann ich zu fragen, was meinem Grundstückhandel im Wege stände.

»Alsdonn ...« (Jessus Maria, der Steg!) begann der Herr Bürgermeister und setzte sich in Positur. »Der Stoderbauer sagte, daß Des (Sie) a kloans Häuserl bauen wollt. Dös g'fallt uns fei nit! Na, wann i sag'! Z'weng was baun's denn kein großes Haus, daherin im Ort?«

»Weil ...« also, ich erklärte. Wer ich sei, daß ich für ein großes Haus kein Geld hätte, daß ich nicht im Ort, sondern ganz einsam leben wollte. Weil ich im Sommer für mich zu arbeiten gedächte und was man halt so sagt.

Mißtrauisch sah er mich an. »Bücher schreib'n wolln's da droben? Dös können's doch auch herunten!«

Können, können ... ich guckte auf den Boden und zuckte die Achseln. Im schwarzen Teich spiegelten sich die Wolken wie in einer klaren, tiefen Scheibe, und unter mir stand, direkt unter mir, eine schillernde, bewegungslose Fläche, die ins Rotbraune lief ... daneben ein smaragdener Streifen, ein gläsernes Band ... Ich sah die Mistgrube. Ja, das sollte man zu schreiben verstehn. So ein achtloses Weltfleckchen – nur zwei Hände breit sollte man davon wiedermalen können in Worten – und ich dachte, ich kann es nicht.

Der Alte rief mich wach. »Und Theaterspielen tun's nacher im Winter in der Stadt?«

»Ja.«

Er kämpfte mit sich. Wie ich aussah – ich fühlte, daß er das dachte. Ich stand da in meinem bayerischen G'wandl, heiß, staubig, braun, gesund.

»Alsdann«, sagte er schließlich, »dem G'moandiener muaß dös Revier alleinig überlassen bleib'n verstengen's! Kummen's eini in d'Stuben: Wann's mir ein Rövers unterschreiben, daß's koan Postkarten- und Limonadi-Handel auf der Eibseestraßen betreiben, dann können's dös kloane Häuserl hinbauen, wohin, daß's woll'n!«

* * *

Ich unterschrieb. Langsam. Genießend. Wehmütig ... daß Unterzeichnete keinen Postkarten- und Limonadihandel ...

Das Theater, in Berlin ist so schön silbern. – Und das Leben ist schwer!

Aber ich weiß, was man noch allenfalls werden könnte. Und sage es meinen lieben Kolleginnen, den Berliner Schauspielerinnen, für alle Fälle!

 

Maximiliane Ackers - Für alle Fälle ...