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Maximiliane Ackers – Freundinnen

Roman unter Frauen

Paul Steegemann Verlag, Hannover, 3. bis 4. Tsd. 1924
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Erster Teil


Ein Bube trollt durch die Gassen.

Er ist immer der Letzte, der vorbeikommt. Woher er kommt, wohin er geht, weiß Eri Felden nicht. Aber sie wartet, bis er da ist, bis sein farbloses, auf- und abfallendes Pfeifen wieder verhallt. Zuweilen gröhlt er.

Im Sommer hatte es angefangen, jetzt war es Herbst. Sie sprachen nie miteinander. Unter Tags vergaß er sie. Am Abend aber dachte er, wer sie wohl sei. Sie war blaß, feingliedrig und fremd. Eben darum gröhlt er zu ihr hin.

Erst wenn er vorbei ist, geht Erika weiter. Sie weiß, sie begegnet dann kaum noch einem Menschen.

Herbstwind treibt die Nebel. Wie scheue Blinde tasten, irren sie um braune Häuser­giebel, und ihnen folgt der müde Dunkeltraum des Abends.

Irgendwo ein Licht von Gold. Süßes Antlitz der Madonna … lächelnd, unbewegt und schlank, träumt das Bildnis in die Ewigkeit. Derweil, so scheint es dem sehnenden Menschenkinde, die Nebelfetzen um die Nische geistern und sich dort verfangen wie Menschenleben, Menschennamen sich aus Erden eingefangen haben vor dem Himmel, um sich laut- und mühlos wieder zu verlieren an die Luft.

Und das Mädchen steht mit seinen heißen Augen, mit verzücktem Munde. Jeden Abend. Vor dem Bildnis in dem schmalen Schimmer Lichts.

»Maria, du bist voller Gnaden, voll Schönheit bist du …«

Der Tag vergessen, die Menschen, das Geschehen. Die Häuser hinter ihr fallen wie ein Stein zusammen. Nur eine kleine, braune Gasse bleibt für ihre Füße.

»Dein Mantel, Maria, ist blau über die Welt gespannt. Alle werfen, pressen sich hinein … Berge, Meere … Meine Arme«, und sie wird traurig wie nur ein junger Mensch, »sind wie tot. Ich kann ja nicht einmal die Hand zu deinem Bilde heben.«

Blumen fallen auf die Fliesen, dann steht sie still und denkt nichts mehr. Zerpflückt die Kelche, läßt die Blätter auf den Händen spielen, auf den Händen, die vom Licht erhellt sind.

»Maria, ach, wenn ich dich lachen hörte. Scherzen. Du mußt nicht weinen. Wenn ich doch deine Hände im Haar des Knaben spielen sähe … Warum preßt du den Knaben an dein Herz? Ich will es nicht. Ich bin hart, wenn ich liebe, ich gebe nichts von dir einem anderen. — Wenn ich das Licht verlöschte, daß es dunkel ist … Maria. was geschieht mit mir? Tu mir ein Wunder, süße, himmlische Frau. Ich bin aus der Welt gesprengt … Schlage deinen Mantel um mich, deinen ewigen Mantel, Maria …«

Einmal fiel es ihr ein. Einmal wußte sie davon. Kam ihr der Gedanke, wie unsinnig es sei, ein Bild so zu lieben.

Ein paar Tage lief sie verstört herum.

Aber es war in ihrem Blut. Ein Verlangen, eine Zartheit, aufgerissen wie ihr ganzes Herz.




Ruth stürmte aus dem Haus. Im Gehen zog sie sich die Kostümjacke an und schlug den Kragen der weißen Bluse heraus.

»Dein Kaffee!« rief eine besorgte Stimme hinter ihr her. Ruth Wenk aber war schon draußen, lief durch den Garten und wollte in die Waldberge hinauf.

Sie hatte ein helles Gesicht, in dem der Morgen tanzte. Und Haare mit einem unerhörten Schimmer rostbrauner Erde. Große Augen und einen Mund, feingeschwungen wie Metall, einen Mund, der immer kindlich bleiben wird, auch wenn er unbarmherzig ist.

Sie war nicht größer als andere. Aber keiner ging an ihr vorbei, ohne ihr nachzusehen. Sie spürte es nicht. Sie wußte nicht, was die Schönheit ihres Leibes war: nicht eingefügt in Allgemeines, war sie licht wie ein Mädchen und herb wie ein Knabe, war sie ein Wechselspiel in ihrer eigenen Harmonie. Das machte sie schön.

Solang die Nächte dunkel waren, schlief sie in den Tag hinein wie ein Kind. Jetzt aber, im Frühsommer, erwachte sie, wenn der erste verschlafene Vogelruf in den Morgen fiel … ein weicher, ferner Traumlaut … Das Herz tat ihr weh, daß sie am liebsten weinen möchte. Ein ungekanntes, süßes Weinen. Dann lag sie, die Hände unter dem Kopf gefaltet, und ließ den Morgenwind über sich singen.

Heute, als es hell wurde, war im Garten ein Baum erblüht; pudelnärrische Büschel von Blüten vor dem Fenster — ganz nahe, so nah und leise, daß sie atemlos und sehr befangen auf das süße Liebeswunder schaute. Dann schalt sie sich dumm. Und fing an zu singen und sang so lange, bis sie sich überzeugt hatte, daß man nicht im Herzen so erschrecken muß, wenn man das sieht. Und zog sich an, ungeduldig und froh.

»Wohin gehst du?« fragte man.

»In den Wald. Der Baum blüht …« rief sie von der Treppe ins Haus zurück.

»Welcher Baum?«

Welcher? Welcher — jetzt fragen sie schon wieder nach dem Namen. Sie kannte keine Namen, brauchte keine Namen. Für sie war das nur Einteilerei. Langweilig, nebensächlich. Was weiß man schon von einem Ding, wenn man den Namen kennt. Sie machte keine großen Umstände. Alle Dinge, so dachte sie, die sie je im Herzen getroffen hatten, würde sie wiederfinden, auseinanderhalten, ganz gleich, ob sie nun den Namen wisse oder nicht. Würde sie eines von ihnen ersehnen, eines von ihnen rufen, durch die Kenntnis des Namens würde die Zugehörigkeit nicht tiefer werden. Ihre Hände umklammerten den Baum. »Du, Herrgott!!«

Da war kein Weg, wo sie stand. Mitten in einem Beet, mitten in einem breiten Strauchwerk stand sie. Das beachtete sie nicht. Sie spürte nur, daß die getretenen Zweige sich wie geschnellte Bogensehnen an ihre Beine preßten. Sie liebkoste die schwermütigen Blütentrauben des Strauches und die Blätter, die sich hoben, die sich weich in ihre Hände drängten, die sich ganz bedingungslos an sie verschenkten, an sie, die die Menschen für kalt und fühllos hielten, weil sie nach deren Meinung kein Herz hatte für Blumen.

Nein. Sie wollte es nicht. Sie war keine Gärtnerin und Pflegerin. Sie konnte nicht warten und pflanzen, mit Stäbchen richten und stützen. Aber ihr gehörten die Blumen. Sie liebte sie. Wild. Unsagbar. Zärtlicher als irgendeiner mit pflegenden Händen. Ihr gehörten sie. Für sie waren sie da. In ein Beet, in ein Meer von Blumen konnte sie sich werfen. Gesicht, Hände in lauter lebendige Blumen vergraben … ihre ungeduldigen Knabenhände waren wie berauscht.

Was aber ging das die Leute an.

Der braune Waldweg war ihr heute zu zahm. Sie bog noch vor dem großen Gestüt nach links ab und lief ohne Weg und Steg in die glitzernde Dämmerung des Tannenwaldes.

Betroffen blieb sie stehen. Es war still … atemlos still. Gelbe Schmetterlinge flogen wie Lichter, lautlos, in die dunklen Tannen hinein, als wären sie nicht Wesen dieser Welt. Sie erschrak … vor den kleinen, stummen Schmetterlingen. Sie wußte nicht, warum sie erschrak. Es war fast unerträglich: überall war sie wie ausgestoßen. Die Menschen waren ihr fremd. Sie strahlten, als ob sie zu einem Feste gingen. Ihre Worte lagen wie Gewänder um ihre Seelen, schienen Zeichen und Melodien, an denen sie sich erkannten. Sie war wie ein Kind, das noch nicht reden gelernt hatte. Gequält sah sie von einem zum anderen, von denen, die lachten, zu denen, die weinten, und wußte nichts … nichts von sich selbst. Kein Geschehnis. Kein Zeichen. Keinen Menschen. Und kannte keine anderen Tränen als die allerersten, daß sie so ungetroffen stand und ihre Hände niederfallen ließ als eine, die kein Geschenk in ihnen hält. Aber der Wald war ihr geblieben. Die Wiesen. Der Nebel und der Himmel zwischen Nacht und Morgen.

Nun war auch das zu Ende. Der Wald tat ihr weh. Er war bewegt. Wissend. Aus seinen Poren drang dasselbe, was aus den Menschen­augen leuchtete.

Sie war wie ausgestoßen. Sie wollte den Menschen angehören, wie sie einst den Kindern angehört hatte. Sie suchte zu ihnen zu finden. Sie lauschte ihren Reden, ihrem Gelächter. Worte verbrannten, verletzten ihr Herz. Unendlich widerwillig blieb sie bei den Männern. Ein Mädchen, süchtig wie eine Katze, schmeichelte ihr das Geständnis ihrer Verliebtheit zu einem Knaben ins Ohr. Da begann sie zu spüren, daß ihr Leben durch die Neugierde nicht reicher, ihre Art durch anderer Menschen Vorstellung unfrei würde. Sie blieb allein. Nur, daß das der Frühling sein sollte, der Lebensanfang, an den die Menschen wie an ein Wunder zurückdachten, wollte ihr nicht in den Sinn. Das war doch Grausamkeit, nichts als nackte Grausamkeit und wie ihr schien, der Anfang eines Spieles ohne jede Gnade.

»Ich will keine Gnade. Gnade erniedrigt. Ich fürchte mich vor ihr wie vor der Schande. Es kreisen Gesetze … ich werde außer ihnen leben müssen. Es packt mich eine Lust an, sie zu verletzen. Eines Tages — und dann beginnt endlich das Leben ohne alle Gnade — werde ich ein Verbrechen begehen.«

… Ein Verbrechen begehen? Was bedeutet das? Sie sah auf ihre Hände. Sie waren schlank und kühl. Was bedeutet das? Wer sprach aus ihr?

Sie sah auf ihre jungen Hände. Sie waren schön. Wie eine große, weiße Frage.

Sie waren so schön, daß ein Staunen sie befiel. Sie waren so unendlich lebendig. So unendlich allein.

Da mußte sie ihre beiden Hände ineinander legen und sie halten. Fest. Stumm. Weh. Nur um nicht zu schreien, als sie sich auf den Boden fallen ließ und den Mund darin vergrub.




Der Kurpark war leer. Grelle Sonne lag auf den Plätzen. Auf den Kurhausterrassen waren die Zeltdächer tief herabgezogen. Der Springbrunnen warf seine silberhellen Kugeln hoch in die blaue Luft. Es fragte niemand danach.

Die Schauspielerin Ruth Wenk überschritt langsam den Platz. Als würde sie angerufen, blieb sie am Brunnen stehen. Ihre ruhigen Augen sahen in das flimmernde, unwirkliche Gefunkel des lebendigen Wassers; langsam fügte sich ihr Atem in den leisen Rhythmus seiner Kraft. Als erwachte sie aus einem Traum, strich sie sich fest das Haar aus der Stirn. Und plötzlich, als ob ein Kobold in ihr aufgesprungen, lachte sie auf, lief wie närrisch den Weg hinunter, sprang über die kleinen Wegzäune auf die großherzoglichen Wiesen und verschwand hinter den dichten Rotbuchen. Erstaunt sah ihr ein Kellner des Kurhauses nach.

 

»Mümchen, Mümchen, wüßtest du
Wieviel Klafter tief ich in Liebe versinke …«


»Daß mir mein sprödes Herz zerspränge! Wie sag’ ich es nur … wie finde ich den Klang. Ist meine Demut oder meine Sehnsucht nicht groß genug, Herrgott, daß du mir meine Bitte nicht erfüllst … Rosalinde, die ich spielen soll, wie brennst du mir im Herzen.«

Sie ging durch den Park, bis er einsam wurde und wild. Sie ging, von Shakespeares leuchtendstem Wald- und Märchenspiel getragen, bald Ganymed, bald Rosalinde, über das Moos.

»Wie arm ist die Bühne. Trocken wie Spreu. Und ich dazu, die ich nichts von Liebe weiß … Wenn ich nun dich, du grüner, grüner Wald, du Ardennerwald, wenn ich nun dich, deinen Atem durch meinen Körper, frisch von deinem Duft und froh von Wind und Licht, auf die Bühne tragen könnte — ob es die Menschen merkten, daß ich sie betrüge? Weil ich nicht weiß, wie tief die Liebe ist … Rosalinde, verzeih. Soviel kann man denken und schwatzen … aber was, Jupiter, bei meiner Liebe zu Schnurr­bärten — die ich nicht kenne — was fang ich nun an?«

Ein helles Lachen war die Antwort. Ruth fuhr zusammen. Sie sah niemand. Erst als sie auf dem Wege, den sie gekommen war, weiterschritt, sah sie drei junge Mädchen um ein viertes herumstehen, das den Anlaß zur Heiterkeit zu geben schien.

»Wenn du denkst, du stickst ’nen … das wird kein Bogen, das scheint nur so!«

»Du mußt die Zunge rausstrecken, dann geht’s leichter, Eri!«

»Hol der Teufel den Weiberkram! Da wird man ja irrsinnig!« Mit einem energischen Ruck sprang Erika Felden auf, warf die Handarbeit auf die Bank und lief davon. Mit wilden, ungraziösen Sprüngen.

Einen Augenblick nur sah Ruth das braune Gesicht des Mädchens. Einen einzigen Augenblick nur, der ihr diese ganze Gestalt mit schärfster Deutlichkeit ins Bewußtsein prägte: sie war schmal und biegsam. Ein wenig kindlich noch. Als hätte sie noch nie ein Mädchen gesehen, war Ruth von einer seltsamen Neugierde ergriffen; etwas war an diesem Kinde, was sie gefangen nahm mit einer fremden, süßen Freude. In einem einzigen Augenblick, da sie Erika Felden sah, hatte ihr Herz das Dasein dieses Menschenkindes erfahren wie ein Geschenk.

»Gibst du’s nicht bald auf, Ursula?« fragte eine von den dreien, Inge.

»Mein Kofferschloß hat sie prachtvoll repariert«, fügte Margot gleichmütig hinzu.

»Und was denn noch! Ich versteh euch nicht! Ich finde es widerlich, wenn ein Mädel so unweiblich ist.«

»Oh je, oh je …« seufzte Margot, »jetzt kommt wieder das Klagelied auf die verscherzte Verlobung mit Fritz Bilding und auf alle ihre, ach, so ungeborenen Kindlein.«

»Allerdings habe ich in einer Ehe mit Fritz ein wirkliches Glück für Eri erhofft. Ihr braucht mich deshalb nicht zu verspotten.«

»Hast recht, Ursula, fahr uns über den Mund. Aber warum quält ihr Eri mit Dingen, die nicht zu ihr passen und die so entsetzlich unwichtig sind. Außerdem darfst du uns kein Blaustrumpf werden, Ursel; dazu bist du wirklich viel zu hübsch!«

»Manchmal könnte man meinen, Margot, du seiest ein frecher Student.«

Ruth Wenk war langsam hinter den Mädchen hergegangen. Es war sonst nicht ihre Art, auf fremder Leute Gespräch zu achten — aber sie mußte etwas von Erika erfahren, ganz gleich, auf welche Weise. Das Thema ihrer Verlobung blieb noch einige Zeit lebendig. Ruth erfuhr, daß Eri in dieser Zeit nicht glücklich gewesen sei. Wieder war es Margot, die den Ansichten Inges in einer eigentümlich bestimmten Art entgegentrat, obgleich es Ruth scheinen wollte, daß diese durchaus vernünftig und besonnen sprach.

Ungewiß, in einer nervösen Spannung befangen, fühlte Ruth sich zu Margot und Inge gezogen; ihre Augen, ihre Gedanken suchten angestrengt zu ergründen, was an diesen Menschenkindern war. Sie wußte: diese beiden gehören zusammen. Aber ihnen lag ein undefinierbarer Zusammenklang von Übermut und Zartheit. Das aber war die Hauptsache: beide kannten Eri, die sie eben zum erstenmal gesehen hatte und deren Dasein sie so sonderbar bewegte. Ganz plötzlich, süß und schmerzlich, war ihr Herz ergriffen von dem Verlangen, daß sie Eri wiedersehen müsse … sie wußte selbst nicht, was das war.

Als hätten die Gedanken Ruths, angespannt von Erregung und dem Verlangen, zu erfahren, sich auf einen anderen Menschen übertragen, verlor sich Inges Erinnerung um Jahre zurück. Sie hatte Eri gekannt, als sie noch in Heidelberg zur Schule ging. Ein echter, lieber Lausbub war sie gewesen, die Anführerin einer ganzen Horde prügelnder Knaben. Dann war sie fortgekommen. Das große, weite Holzlager, das dem Vater gehört hatte, der nach seinem plötzlichen Tode seine Frau mittellos zurückließ, war wie ausgestorben, seit der kleine Wildfang nicht überall auftauchte und jeden Arbeiter von der Arbeit brachte, weil sie seine Hilfe brauchte zum Bau eines Zirkuszeltes oder einer Hütte.

Jetzt, nach Jahren, hatte Inge die Erika Felden wiedergesehen. Sie war kaum verändert. Immer noch der »Lausbub«. Der Ernst, der seit ihrer Verlobung mit dem Architekten Bilding über sie gekommen war, täuschte Inge keinen Augenblick: aus dem Jungen Eri war keine glückliche Braut geworden. Ihre traurigen Augen verrieten nur zu sehr, daß sie von Tag zu Tag unglücklicher wurde. Damals hatte sie mit Margot über ihre Beobachtung gesprochen:

»Sie weiß sich nicht mehr zu helfen; sag’ ihr doch, Margot, daß sie ihn um Gottes Willen nicht heiratet. Die Menschen sind ja auf den Kopf gefallen, wenn sie nicht sehen, was mit dem Mädel los ist.«

»Man darf es nicht, Inge. Jeder von uns muß ganz allein durch. Wir dürfen nicht durch Fremde erfahren, daß es andere Wege gibt, als den einen, daß es eine andere Welt gibt, als die der Ehe. Das Mysterium unserer Liebe, das Erwachen des Ichs im Sein einer anderen Frau, im Gleichen, Gesteigerten, Uferlosen, will keinen anderen Ursprung haben als das eigene Herz Sie wird aufwachen wie du und ich aufgewacht sind. Es wird nie wieder dunkel werden und wenn die Not um diese Liebe so hart wäre wie Stein … Wir dürfen keiner den anderen rufen, wir dürfen ihn nur erwarten; wir verführen ihn schon dann, wenn wir seine Sehnsucht lenken.«

»Du hast recht, es wäre verantwortungslos.«

»Oder voreilig, was fast noch schlimmer ist. Ich habe solche Angst vor den Lügen in unserem Blut.«

Daran dachte Inge, als Margot sie jetzt aus ihren Träumen riß. Lachend schob sie den Arm unter den ihren.

»Träum nicht, alter Schatz! Läufst wie ein Droschkengaul durch den Frühlingswald. Es wird Zeit, Kinder, daß wir zum Tennis kommen.«

Alle drei liefen den Weg hinunter und verschwanden hinter den alten Bäumen.

Ruth Wenk ging langsam weiter.

Plötzlich stand sie hinter Erika Felden, die, natürlich an kein Verbot denkend, jenseits des Gitters stand im hohen Gras. Die Hände im Nacken gefaltet, die Augen in den Himmel gerichtet.

Sie stand an einem kleinen Teich. Unbeweglich. Schlank gegen den blauen Himmel.

»Der kleine Junge«, dachte Ruth, »will keine Handarbeiten machen, aber Kofferschlösser in Ordnung bringen.«

Sie blieb stehen. Warum …? Sie blieb stehen und schaute hinüber. »Sie wird siebzehn sein … Sie sieht ernsthaft aus. Sie singt.«

Ruth meinte, sie müsse zu ihr gehen. Das Mädel stand da so einfach in den Blumen. Die weiche, dunkle Stimme zog sie an. Und noch etwas, was, wußte sie nicht … etwas sehr Liebes. Der Wind spielte mit ihrem dunklen Haar. Er umspielte ihre Gestalt. Das Kleid gab nach und schmiegte sich an ihre Glieder. Die ganze Elastizität, mit der sie vorhin von den anderen weggesprungen, das knabenhaft Ungestüme, war von ihr abgefallen. In lässiger Grazie und Einfachheit stand sie da. Es hatte für Ruth einen betäubenden Reiz, zu wissen, daß in diesem weichen, biegsamen Mädchenleib ein so stahlharter, knabenhafter Rhythmus steckte, der, wenn er aufbrannte, etwas unbeschreiblich Schönes, Herbes in sich barg.

Ein Gefühl, als wollte ihr das Herz zerspringen, überkam Ruth. Gewaltsam, fast weh. Dann — schritt sie mit Aufbietung aller. Kräfte den Weg zurück, den sie gekommen war.




Erika Felden war weit gegangen.

Ganz frühmorgens, von den Waldbergen herunter durch ein verträumtes, kleines Tal.

Kein Haus mehr, das kleine Feldkreuz längst vorüber.

Die Wege verliefen sich in den Wiesen.

Eri war weit, weit gegangen.

Die Sehnsucht war so groß.

Sie lauschte … auf den Wind … auf einen Vogelruf … die Sonne tropfte durch die Bäume. Es fielen goldene, zaghafte Lichter durch die dichten Tannenzweige. Eine unerklärliche Unruhe hatte sie ergriffen. Sie fing an zu singen. Sie tat es sonst so gern. Aber es half nichts. Das Gefühl, als müsse sie fort, als würde sie irgendwo hingetrieben, bemächtigte sich ihrer immer mehr. Sie war unzufrieden. Die einfachen Waldblumen in ihrer unendlichen Ruhe und Lieblichkeit machten sie ungeduldig. Ihre Hände krampften sich schmerzhaft, ihr tat der Sommermorgen weh.

Plötzlich fing sie an zu laufen. Lief wie gehetzt, wild, atemlos.

… Nur zurück, zurück in den kleinen, verschlafenen Kurort. Dort waren Menschen. Häuser. Dort waren Dinge, dort geschah etwas … vielleicht ein Lärm. Irgend jemand würde dort sein.

Keuchend lief sie den Waldhang hinauf. Drüben von der anderen Seite würde sie schon die roten Dächer sehen können.

Nur weiter, weiter.

Das Gras stand kniehoch. Spinnen hatten Perlennetze gewoben. Einer voll Andacht hätte sie nicht zerrissen; sie aber sah sie nicht einmal, wußte gar nicht, daß sie so viel heitere Märchenschönheit überrannte und zerstörte.

Sie war oben. Noch ein paar Schritte — sie sah unter sich, bunt und lustig, die Häuser des kleinen Ortes.

Den Rest des Weges schritt sie gelassen hinunter, bis sie zu der gepflasterten Straße kam.

Eine Uhr schlug zehn. Ein kleines, goldhelles Spielwerk.

Eine Dame kam mit einer anderen aus der Tür eines Vorgärtchens. Beide trugen Brunnengläser, hatten einen Sonnenschirm. Die eine trug um die Schulter einen lila Schal.

»Hach — zum Verrücktwerden! Diese Bimmelei! Ich sage Ihnen, Frau Geheimrat, das nächstemal wohne ich nicht mehr in der Nähe eines Glockenturmes!«

»Man muß die Kurverwaltung veranlassen, daß er abgeschafft wird … man wird nervös! Ein Glockenspiel ist geschmacklos!«

»Und quälend!«

Eri aber dachte, daß es nichts so Schönes gibt als ein altes Glockenspiel an einem Sommermorgen — — wenn der Wind das Geläute blank und eilig weiterträgt. Aber einen hinaus. Gott weiß wohin.

Die Dame mit dem lila Schal war sehr verdrießlich. Ein Hahn krähte. Sie zuckte nervös.

»Nein, das nächstemal, das sage ich Ihnen, Frau Geheimrat, gehe ich nach Baden-Baden! Es ist ja entsetzlich, wie bäuerisch es hier wird. In Baden-Baden kann einem das nicht passieren!«

»Nein,« sagte Erika im Vorbeigehen gedehnt und mit hochgezogenen Augenbrauen, »aber in Baden-Baden würden Sie ihn jedenfalls sehr interessant finden, weil Sie ihn im Zoologischen Garten ansehen müssen.«

Die beiden Damen erstarrten. Eris helles Lachen schien ihnen fast noch ungezogener als ihre Bemerkung.

»Mais non,« stieß die Dame mit dem lila Schal hervor — sie verfiel immer wieder ins Französische, wenn etwas Ungeheures geschah, »les jeunes filles.«

»Von heute!« fiel die andere ins Wort und klapperte geräuschvoll mit dem Brunnenröhrchen im Glase. Sie war im Französischen nicht sattelfest genug, redete sich aber damit heraus, daß sie im Kriege die Sprache der Landesfeinde nicht führe, machte ein strenges, deutsches Gesicht und war unantastbar.

»Vertrocknete Scharteken —« dachte Eri, »heut verschlägt’s ihnen die Kur.«

Sie bog um die Ecke und stand auf dem Brunnenplatz.

»Guten Morgen, Frau Professor! Guten Morgen, Schwester Lisa!«

»Guten Morgen, mein Kind!«

Die alte, weißhaarige Dame, die am Arm einer Schwester aus dem Badehause kam, reichte Eri die Hand. »Schon wieder im Wald gewesen?« Sie sah das junge, frische Ding mit leisem Lächeln an.

»Geht es Ihnen heute besser, gnädige Frau?«

»Ja, mein Kleines, ein wenig. Aber spring du nur voraus. Leute, die so langsam gehen wie ich, sind keine Begleitung für dich Wiesel!«

»Ach bitte, Schwester Lisa, ist meine Kusine noch zu Hause?«

»Ursula ist in den Park gegangen, Eri. Du wirst sie schon finden.«

Eri ging die breite Allee hinunter; sie liebte diesen Weg sehr. Der Boden war ganz dunkel, fast schwarz. Dazu die lichtgrüne Einrahmung der Bäume, die kleinen Häuschen an der Seite, dort das kleine Theater. Ein fröhliches Gewimmel sommerheller Menschen; Kurmusik drang vom Park herüber und alles, war irgendwie im Ort geschah, spielte sich dort ab oder wurde dort besprochen.

Sie bog am Ende der Allee nach links ab. Schlenderte über den kleinen, blumenfrohen Platz, der in der Sonne lag, als ihr jemand entgegenkam.

Es ging niemand über den Platz, als Eri und die, die ihr entgegenkam …

»Maria … Meine heilige Maria …« stammelte Eri.

Keinen Tropfen Blut mehr im Gesicht … Mit weit aufgerissenen Augen wankte sie rückwärts. Fassungslos. Bebend, am ganzen Körper bebend, klammerte sie sich, preßte sie sich an einen Gartenzaun …

War das Blendwerk? Trug?

Die Zähne schlug sie sich in die gekrampften Hände … nein, sie wachte … sie wachte und die Sonne schien. Der Kies knirschte leise unter den näherkommenden Schritten der himmlischen Frau …

Aus der Kirche heraus … aus dem geliebten Bilde herunter … sie war es, ihre Mutter Gottes, ihre Maria …

Eri starrte sie an. War das ein Mensch? Ein Mensch aus Fleisch und Blut?

Da traf sie ein Blick. Ein langer, erdenfremder, fragender Blick.

Eri neigte das Haupt.

Als sie erwachte, leuchtete von ihrer Stirn das Zeichen der Liebe. Aber es war niemand mehr da, nur die Sonne schien. Wie vordem …




Schwester Lisa hatte Eri zuletzt gesehen. Am Morgen auf dem Brunnenplatz. Von da an fehlte jede Spur.

Mittag kam und ging vorbei. Erika blieb aus; endlich ließ man nach ihr fragen. Niemand wußte von ihr.

Spät am Abend stand sie vor Margots Haus. Sie lehnte an der Mauer unter dem Fenster. Sie wußte nicht, woher sie kam. Ihre Hände griffen in die Ranken des wilden Weines und zerrissen die Blätter. Urplötzlich spürte sie die Luft … diese dunkelgrüne, sehnsuchtsvolle Abendluft … Der Himmel war klar. Bäume standen. Schwarz und ernst. Und die Sterne … Gott, die Sterne waren da wie jeden Abend.

Margot und Inge waren zu Hause. Das Fenster stand auf. Im Zimmer brannte kein Licht. Von der Straße verhallte ein Lachen. Dann war es still. Das grüne Licht des Himmels aber wurde dunkel.

»Margot?«

»Eri!« Margot war ans Fenster gekommen. »Aber, Kind, was ist dir? Warte, ich komme zu dir.«

Eri hörte sie durch die Stube gehen. Gleich darauf lag sie in ihren Armen. Margot hatte sie nur angesehen. Sie brauchte nicht zu fragen. —

»Soll ich oder soll Inge bei dir bleiben, Eri?«

»Du, Margot. Bitte.«

Ein wenig später hörten sie Schritte. Inge kam nicht bis zu ihnen heran. Sie rief ihnen nur zu: »Ich gehe zu Ursula und sage, daß du da bist, Eri. Sie war in Sorge.«

»Ihr seid so lieb zu mir, ihr beiden!«

»Aber was denn, kleiner Hase,« wehrte Margot ab, »komm, setz dich hier auf die Bank. Ich bring dich dann später heim, gelt?«

Der Mond schien in Margots Gesicht. Eri aber sah sie an. Mit brennenden Augen. Sie suchte die Spur eines Erlebnisses in diesem klaren Mädchengesicht, eine Spur von dem, was sie heute so leidenschaftlich ergriffen, was sie so heilig und so wunderbar getroffen hatte.

»Margot … sie ist so schön … meine Muttergottes … Schön … Nein, nein. Sie lebt Ich habe sie gesehen Sie ist an mir vorbeigegangen und hat mich angesehen.«

»Eri!« Nun erschrak Margot doch. Sie hob das aufgelöste Antlitz Eris zu sich empor.

»Ja!« kam es schluchzend und jubelnd über ihre Lippen.

Das war, als sollte ihr bei solchem Bekenntnis das Herz auseinanderreißen. Weh tat das alles! Weh! Was war nur mit ihr geschehen …

»Kind …« Margot schlang beide Arme fest um sie. Sie konnte kaum sprechen …

Das war also wahr.


 

 

Die vier in der ersten Reihe des zweiten Ranges warteten jeden Augenblick darauf, hinausgeworfen

zu werden, noch bevor das Theater angefangen haben würde. Sie hatten kleine Papierkugeln gedreht und knipsten sie auf die Leute in den Logen des ersten Ranges. Die vier hatten heute keine Sorgen, Ursula, Margot, Inge und Eri.

»Menschenskinder,« mahnte Inge, »nun sammelt euch endlich. Es ist doch schließlich ›Liebelei‹ von Schnitzler.«

»Papier-Schnitzler,« sagte Eri trocken und schoß drei Kugeln ab.

Es klingelte. Man zischte Ruhe. Der Vorhang hob sich.

»Ach Gott, — Harry!« Margot kniff Ursula von der einen, Eri von der anderen Seite.

»Verflixte Bande!« stieß Ursula aus, wehrte sich, ließ aber kein Auge von ihrem auserkorenem Liebling, Harry Kersten.

Die neununddreißigjährige Naive, Fräulein Meißner, trat auf. Sie spielte die Mizzi, wie sie die Franziska, die Franziska wie sie die Melitta und die Melitta, wie sie die Hedwig in der »Wildente« spielte …

»Aber, tun wir ihr nicht Unrecht, sie hat ›Nuancen‹ stellte Margot fest. »Das Fräulein ›Ach-wie-flott‹ und die ›Witwe Mondenschein‹.«

Heute spielte sie in der ersteren ›Nuance‹ — immerhin, wenn man sich mit dem Hoftheatergesetz für Altersstufen abgefunden hatte, frisch und gut. Es war Stimmung. Stimmung auf der Bühne und im Theater.

Dann kam die Christine. Ihre Stimme klang klar und schlicht.

Da sprang jemand auf, mit einem kurzen, schon

unterdrückten Schrei — — Eri taumelte, sich an die Stuhllehnen klammernd, in den Gang, hinter den Stehplatz, ins Dunkle.

Sie war es … In sich zusammengekauert, ließ sie den Klang der dunklen Stimme über sich ergehen. Auf die Bühne zu sehen, fand sie noch nicht die Kraft.

Die Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie hatte sich so gequält: nie wieder hatte sie auch nur eine Spur gefunden. Sie fing an, zu glauben, ihre Maria sei wirklich eine Erscheinung gewesen — irgendeine rätselhafte Täuschung ihrer überreizten Sinne habe an diesem Sommermorgen einem ganz fremden, jungen Mädchen die geliebten Züge angedichtet und jetzt schritt sie vielleicht täglich an ihr vorüber und nichts gab dem unpersönlichen, fremden Gesicht den Schimmer dieses Antlitzes zurück.

Sie hatte sie wieder …

Als es hell wurde, las sie auf dem Zettel den Namen: Ruth Wenk.




Am anderen Abend tat sie es. Den ganzen Tag war sie wie eine Fieberkranke umhergegangen. Um zehn Uhr abends stand sie am Theater. Die Kurmusik spielte. Auch die beiden Damen, die vom Glockenspiel und Hahnenschrei nervös wurden, waren da. Ihr Blick war so giftig, wie ihre Zunge, aber Eri merkte nichts. Unentwegt sah sie zum Bühneneingang, aus dem Ruth Wenk heraustrat.

Sie ging dicht an ihr vorbei. Eri spürte sie, ein ungekanntes Erschrecken durchschlug ihre Glieder.

»Ach, Erika Felden, da sind Sie ja! Denken Sie, wir suchen Sie schon die ganze Zeit. Hallo! Irmgard, Karl, kommt her, hier ist sie ja!«

Ein junges, frisches Mädel hatte sich an Eris Arm gehängt. »Sie müssen zu uns in die Pen­sion kommen. Wir wollen tanzen!«

»Ich kann nicht!« brach Eri brüsk jedes Gespräch ab. Sie riß sich los und stürzte davon. Aber Ruth Wenk war nicht mehr zu sehen.

Eri jagte die Allee hinunter. Vergebens. Sie bog in eine Seitenstraße ein, schoß wie ein Pfeil davon.

Ruth Wenk aber konnte unmöglich so weit gegangen sein. Ratlos blieb sie stehen und mit Tränen in den Augen stürzte sie wieder zurück, um hinter dem Platz, wo Eri sie zum erstenmal gesehen hatte, in eine kleine Seitengasse einzubiegen. Sie holte sie ein.

Einige Schritte hinter ihr hielt sie inne. Maßlose Aufregung würgte ihr die Kehle.

»Wenn ich unter der Laterne bin, sprech’ ich sie an …«

Aber Eri fand nicht den Mut. Endlich tat sie es doch. Ganz leise …

»Fräulein Wenk?«

Ruth blieb stehen. »Ja?« sagte sie und wandte sich um. »Sie sind’s?« entfuhr es ihr. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Eri nickte, ohne den Sinn der Worte zu verstehen. Sie war unfähig, zu sprechen.

Endlich tat Ruth eine hilflos lächelnde Frage, denn Eri schwieg beharrlich.

»Wollten Sie mich kennenlernen?«

Sie war rot geworden. »Warum bin ich nur so ungeschickt …« dachte sie.

»Darf ich ein Stück mit Ihnen gehen?«

Es war wieder ein Abend voll grünen Lichtes, das langsam in die Nacht überging. Die beiden gingen die Straße hinunter. Das war ihnen wunderbar und doch so einfach und vertraut.

Sie schwiegen lange Zeit. Die ersten Worte, die sie dann sagten, waren ruhig geworden, wie ihre Herzen.

»Ich kenn’ dich schon.«

»Hast du mich denn gesehen?«

»Ja, du standest im Park am Teich.«

»Das weiß ich nicht. Aber ich kenne dich schon immer. Weißt du, daß du die heilige Maria aus einem alten Bilde bist? Daß ich so erschrocken bin, als ich dich sah …«

Ruth schaute auf Eri. Niemals hatte sie so viel Liebe und Zartheit für einen Menschen empfunden.

»Sag mir, du, was war mit dem Heiligenbild?«

Sie nahm Eris Hand. Eri sagte es. So einfach, wie es war. Ruth hörte zu. Der Mond war hinter dem Giebel des kleinen Hauses hervorgekommen; starker, wunderbarer Blumenduft drang aus dem altmodischen Garten, an dessen derbem Zaun sie standen. Hand in Hand. Sie schwiegen und sahen in den alten Baum, der im Verblühen traumhaft durch das Mondlicht seine Blütenblätter zur Erde schaukeln ließ.

Da küßte Ruth die kleine Eri auf den Mund. Leise wie ein Hauch.

»Willst du immer bei mir bleiben?«

Eri nickte wortlos.

Dann stand sie allein. Ein Schatten … lautlos schloß sich eine Türe … die Nacht war still und voller Seligkeit.




Ruth sprach im Walde:

»Sag, Eri, du warst verlobt?«

»Ja, ich war verlobt; das hast du mir wohl nicht zugetraut?« Eri lachte.

»Warum nicht. Aber … es paßt nicht zu dir.«

»Nein. Es paßt wirklich nicht zu mir. Es war ein Dummheit. Es wird mir nicht noch einmal passieren.«

Ruth lachte belustigt: »Was du sagst!«

»Nein!«

»Bist du männerfeind?«

»Ich? Warum? Aber ich weiß nicht, Ruth, was das mit mir ist … Ich müßte lügen, wenn ich behaupte, daß mir ein Mann gefallen hätte.«

Ruth hatte den Arm von Eris Schulter abgezogen. Scharf und ständig sah sie in die dichten Baumriesen. Es zuckte nervös über ihren Augen.

Eri vertrat ihr den Weg. Ruth wandte sich unwirsch noch weiter ab. Da kam Eri ein absonderlicher, ein seltsam beklemmender Gedanke: »Du bist doch nicht eifersüchtig?«

»Ach —.«

»Ruth, auf einen Mann brauchst du nie eifersüchtig sein … das weiß ich … schau mich doch an.«

»Du bist verrückt. Erzähl mir das.« Fast herrisch zwang Ruth sie auf die Bank.

Ein trüber Zug lag kalt und fremd um Eris Mund. Plötzlich aber lachte sie hell auf: »Er war furchtbar komisch?«

»Komisch?«

Das tat Eri leid. »Nein, er war nicht so komisch, aber — weißt du, er war so entsetzlich korrekt … des Abends legte er kunstvoll und listig kleine Zettelchen aus zerrissenem Papier unter den Teppich oder auf eine Holzkante, um die Sauberkeit des Dienstmädchens zu kontrollieren.«

»Wenn du natürlich an so einen Mann gerätst …« Eri wollte sie ärgerlich unterbrechen, derweil sie belustigt fortfuhr, »den kannst du schwerlich lieben und siehst vielleicht in ihm das Angesicht aller ›Männer‹.«

»Jede Antwort würde ohne Überzeugung bleiben, weil es mir an Jahren mangelt, etwas zu beweisen.« »Ich glaube dir unbedingt, was du sagst. Dinge und Gefühle, die sich im Laufe der Zeit ändern können, zuweilen sogar müssen, sind deswegen für dich nicht weniger wahr, weil du sie jetzt in deinem Herzen so empfindest. Es wäre zwar von dir ebenso dumm, sie für alle Zukunft starrköpfig beibehalten zu wollen, als umgekehrt von mir, dir um jeden Preis das Gegenteil zu prophezeien. Aber männerfeind, wie das schöne Wort heißt, bist du nicht?«

»Nein, denn ich weiß nicht, was ein Mann ist. Er ist mir zu gleichgültig, verstehst du?«

»Und dein Verlobter ist dir völlig fremd geblieben?«

»Ich war in dieser Zeit so voller Sehnsucht … so aufgewühlt, daß ich mir oft nicht mehr zu helfen wußte. Aber er hatte nichts damit zu tun. überhaupt kein Mann. Etwas Unbekanntes. Ich weiß nicht. Ich erwachte erst — ach, Ruth, das war ein schmerzliches Erwachen — daß ich hörte, er wolle mich heiraten. Ich hörte erst, verstehst du? Und dann kam der Begriff langsam ins Gehirn … Es war furchtbar, ich wußte nicht, was ich anfangen sollte.«

»Hat er dich vielleicht erschreckt?«

»Fritz? O nein. Fritz war ein so feiner, lieber Mensch. Eher war ich diejenige, die ihn in diesem Punkte herzhafter machen wollte.«

»Du?«

Mit einem schnellen Blick überflog Eri Ruths Gesicht. »Wir waren sehr offen miteinander. Ich wußte, daß er von der Idee besessen war, daß jede körperliche Sehnsucht Sünde sei. Schon als Knabe war er von der Vorstellung des Sinnlichen gepeinigt worden. Nun fand er mich. Den Gedanken, mit mir in einer Ehe im Sinne Gottes zu leben, erhob er in solche Höhen, daß er glaubte, sie in seiner Unlauterkeit niemals erreichen zu können. Deshalb eben. hatte ich ihn lieb — ich glaube, andere Männer denken anders. Und doch quälte mich seine Heiligkeit. Reizte mich. Wenn ich ein Bursch wäre und ein Mädel lieb hätt’ — ich glaub, das wäre anders. Und dann fingen wir an, ähnlich wie du in ›Wie es euch gefällt‹, ein Spiel zu treiben. Ich war der Knabe und warb um das Mädchen, das ich selber war. Aber das führte zu den närrischsten Dingen … ich verrannte mich vor lauter Not und Freude immer tiefer in den Unsinn … nur um die Wirklichkeit durch einen Traumschleier von mir zu trennen. Ich glaubte, über kurz oder lang ins Irrenhaus zu müssen. Mit keiner Vernunft und Güte war ich in meine wirkliche Rolle zurückzubringen. Ich wurde unfähig bei dem Gedanken an eine Heirat, ich weiß nicht, warum.«

»… Und ich hätte ihn schließlich doch geheiratet … das eben ist der Unterschied zwischen Eri und mir …« dachte Ruth. Ein unerklärlicher Drang, Eris Wesen in diesen Dingen zu erforschen, ließ sie immer noch weiter fragen, derweilen ein brennendes Rot über ihre Stirn flog. »Hast du nie einen Menschen richtig lieb gehabt?«

»So richtig noch nicht, Ruth — nur den Verkohler,« gestand Eri leise. »Aber damals war ich noch ganz dumm und blöd.«

»Wer ist denn der Verkohler?«

»Meine Zeichenlehrerin. Das wußte ich, daß du lachst. Eine Schwärmerei? Meinst du. — Ich vergesse ihr nicht, daß sie mich vor Schlechtigkeit bewahrt hat.«

Eri hatte sich zur Seite gewandt und sah nicht, daß über Ruths Gesicht ein helles, jähes Fragen lief.

Eri erzählte: »Wir hatten bei ihr Stunde. Ich beendete eine wirklich gelungene Kohlenzeichnung. Sie stand hinter mir. Im letzten Augenblick nahm sie ein Stückchen Kohle und verschandelte mir in unglaublich rücksichtsloser Absicht meine ganze Arbeit. Ich hätte sie fast geschlagen. Ich habe meine Zeichnungen sehr gern. Aber ihre Augen zwangen mich. Ich war maßlos aufgeregt. In der Pause sagte sie — ich glaube, sie war sehr zornig —: ›Es war deine beste Arbeit, Eri, und so ein Kohlenstift …‹ dabei rieb sie noch einen kurzen, häßlichen Strich auf das Papier — ›hat die klaren, sicheren Linien deiner Zeichnung verdorben, verpfuscht, zerstört.‹ ›Wollen Sie mir etwas sagen?‹ ›Ja, ich glaube, daß da ein Menschenkind, ähnlich wie dieser Dreckstift, die Zeichnung da drinnen …‹ sie deutete auf das Herz, ›verschmiert.‹ Ich wußte, daß sie eine Schulfreundin meinte.«

Eri hatte bei dieser Erzählung fast unbewußt den Ärmel ihres Kleides hochgestreift. Ruth sah, daß ihre Hand über ein Brandmal strich, das am Oberarm weiß vernarbt zu sehen war. Sie streifte den Ärmel vollends zurück und fand ein deutliches B eingegraben. Groß wie eine Münze.

»Sag mal, was ist dir denn dabei eingefallen?«

»Ich habe mir ihren Namen eingebrannt. Als ich verstand, was sie meinte,« war Eris einfache Antwort.

»Ich begreife nicht, wie man so was zusammenbringt.«

»Laß mich doch.«

»Du bist ein größeres Kind, als ich glaubte. Ich fürchte immer, aus solchen Heldentaten werden einmal hysterische Quälereien erwachsen, mit denen man sich und andere peinigt.«

»Aber für mich hat es einen Sinnt Wenn ich die Narbe sehe, werde ich vor manchem dreckigen Kohlenstift bewahrt bleiben, meinst du nicht?«

Ruth antwortete nicht gleich. In ihren Gedanken lauerte plötzlich eine quälende Eifersucht auf die Frau, deren Name sich Eri eingebrannt hatte. Die Auslegung dieser Tat wollte sie absolut nicht wahr haben.

»Das sagst du heute. Hast vielleicht auch recht. Damals aber hattest du einen anderen Grund.«

Eri senkte den Kopf.

»Na siehst du?« Ruth war aufgesprungen und stand vor ihr. Zerpflückte eine Waldblume und warf ein Blättchen nach dem anderen gegen das Mädel, als ob es Steinchen wären.

»Aber Beate ist der einzige Mensch gewesen, der mich durch sein bloßes Dasein gehalten hat. Du weißt ja nicht, wie lieb ich sie hatte. Sie war schön. Und trotzig …«

»Nein!«

»Doch.« Eri erhob sich und stand völlig befremdet vor Ruth, die mit zurückgeworfenem Kopf in die Wolken sah.

»Hast du sie noch lieb — heute?«

»Ich habe sie nicht wieder gesehen. Bald darauf kam sie fort,« gab Eri unsicher zur Antwort.

»Ob du sie noch lieb hast, frage ich!«

»Ich weiß es nicht, doch, ja. Aber sie hat mir einmal sehr weh getan. Als ich sie brauchte, tat sie mich ab.«

»Wie die anderen. In dem Alter ist ja nie ein Mensch da. Der eine oder andere fragt dich wohl mal nach diesen Dingen. Aber die Frage ist an sich schon so gleichgültig gehalten, daß die Antwort gar nicht gewollt ist. Mit dem, was ist, lassen sie einen alle allein. Mit dem gewissen Lächeln.«

»Vielleicht muß man Genüge finden lernen, daß überhaupt einmal ein Mensch war, irgendwo, wie der ›Verkohler‹ und daß es damit so ziemlich Schluß ist.«

Sie schwiegen beide lange Zeit. Unweit einer Sägemühle lagen sie im Gras. Das Werk, das in einer Talsenkung lag, an einem kleinen Weiher, schlief am Sonntag in der Abendsonne wie eine gelb und weiß gestreifte Katze. Der Wind trug ihnen den würzigen Duft des frischen Holzes und des Wassers zu.

Den Kopf in Ruths Schoß gelegt, fing Eri leise an zu singen. Ein altes Landsknechtslied:

 

»… Der Kaiser, der tut schlafen.
Soldaten müssen wachen.
Dazu sein’s sie bestellt …«

 

»Woran denkst du, Bub?« Ruth beugte sich zu Eri herunter und lachte ihr in die Augen.

»Wenn ich nun aber ein Bub wäre … was dann?«

Ruth gab keine Antwort. Plötzlich aber schien ein Zorn über sie zu kommen, »Warum ist man gezwungen, entweder ein Bub oder ein Mädel zu sein Wenn ich könnte, bald als Mädel, bald als Bub wollt’ ich die Welt unsicher machen! Ich habe oft eine Unbändigkeit in mir, ein Verlangen nach Abenteuern, ach, nicht nach solchen, die wir durch die Bühne finden können. Ich hätte im Mittelalter leben müssen. Ein Leben voller Mystik, Dunkelheit und Leidenschaft, und dabei in aller Frommheit so heiter und zart wie die alten Lieder.« Sie zog Eri eng zu sich hin. »Weißt du, wenn ich im Mittelalter gelebt hätte, so wäre ich ein Raufbold geworden und hätte alle Mädchen unglücklich gemacht. — Meine Zahmheit macht mich gegen mich selber toll. Schau mich doch an, wie ich da bin: ein Mädchen aus guter Familie, vom Scheitel bis zur Sohle wohlerzogen …«

»Deine Augen freilich gehören der heiligen Maria, aber deine Hände dem Teufel. Mädchen, die nichts weiter als aus guter Familie sind, machen einem keine Unruhe. Ich muß den ganzen Tag an deine Hände denken, deinen Mund …«

»Bist du wahnsinnig?«

»Was denn, was denn, du bist ja doch ein Mädchen.«

»Am Ende ist das auch nur ein ›Begriff‹ … Eri, es ist eine fiebernde Unruhe in mir. — Wenn mir nur ein Mensch sagen wollte, warum ich damals dorthin gegangen bin …«

»Wohin?«

»Und warum dann alles zu Ende war.«

»Was geschah denn?«

»Nichts Besonderes, Eri. Ich zog die Samthosen meines Bruders an und sein Hemd und lief davon. Weit über Land. Endlos weit. Zu einem Schloß. Niemand wußte, warum ich dorthin gelaufen bin. Ach, dieses verfluchte, süße Träumen.«

»War sie schön?«

»Eri, Eri, sie war — ach, jedes Wort ist dumm. Ich glaube, eine Frau ist schön, wenn man vor ihr knien möchte, daß sie einen segnet und man dabei wie ein Teufel denkt, wie beiß’ ich sie in die Knöchel. Aber was fällt dir denn ein …,« fuhr sie plötzlich auf, »wie kommst du darauf, daß ich zu einer Frau ging?«

Jetzt fiel auch Eri auf, was sie gesagt hatte. »Ich weiß nicht, Ruth, warum. Das geht doch gar nicht anders.«

»Na ja. Hast du vielleicht auch so was gemacht?«

»Nein. Ich ging nur einmal mit den Buben ins Gymnasium, weil’s in der Mädchenschul’ zu langweilig war. Erzähl’ weiter.«

»Ach, das wurde ganz dumm. Ich mußte mit einem riesigen Apfelkahn über den Schloßgraben fahren, ein großartiges Fahrzeug, für eine verschwiegene Reise. — Man fing mich. Schöne Situation, in Bubenkleidern vor der Gräfin und später vor dem Vater zu stehen. Ich bekam einen Rock und eine Bluse geliehen … und mit der Spielmannsromantik war’s aus.«

»Und die Gräfin?«

»Sie war entzückend zu Papa, bat, er solle mich nicht schelten, es sei ein charmanter, kleiner Streich gewesen …«

»Aber zu dir hat sie nichts gesagt?«

»Was hätte sie denn sagen sollen?«

»Ja, was hätte sie sagen sollen …« Eri wußte es selber nicht. Sie war unbefriedigt.

Ruth hatte sich aufgerichtet. Sie saß, beide Hände um die hochgezogenen Knie geschlungen, und blickte in den Talgrund hinaus. Blaue Schatten kamen aus dem Walde. Über dem Weiher lag ein feiner, zarter Schleier. Kein Blättchen ging, kein Vogel sang. Lautlos kam der Abend über die Welt.

»Eri, wir wollen nach Hause gehen.«

Sie gingen Hand in Hand den Waldweg hinab, an der Sägemühle vorbei. Unweit lag ein Bauernhaus. »Gut’ Nacht!« grüßte die Frau vom Brunnen herüber und rief den kleinen Hund ins Haus. Dann waren sie wieder allein.

»Du mußt weiter erzählen, Ruth.«

»Da ist nicht viel zu sagen.«

»Ich glaube, doch.«

»Nein, Eri, das ist es eben. Du könntest erzählen vom Abend bis zum Morgen. In deinem Leben ist alles zum Erlebnis gestaltet. Das Kleinste. Du bist so kernig und lebendig.«

»Bei dir ist es anders?«

»Bei mir ist es nicht so. Wenn ich noch wäre wie damals, vielleicht … Meine liebe Spielmannsreise … Eri, ich habe Angst vor meinen Träumen.«

»Weil du nicht für sie einstehst?«

»Laß, Eri. Ich kann — schau, ich kann es nicht sagen.«

»Du irrst dich, Ruth. Du hast nicht Angst vor deinen Träumen — vor den Menschen.«

»Das ist dasselbe.«

»Nein. Wenn du träumst, bist du wahr. Mit der Angst vor den Menschen belügst du dich.«

»Man belügt sich nicht so schnell. Man weiß sehr gut … man sieht sich selber zu …«

»Wie man den Menschen verfällt? Und tut nichts dagegen?«

»Man kann nicht, Kind. Du vergißt, daß die andern sehr geschickt sind. Wenn du noch gar nicht weißt, wer du bist, wenn du dich, ein Kind noch, unbewußt verrätst, nehmen sie dich in die Schule1 Jeder Gedanke wird dir im Keim erstickt. Du erhältst ihn ersetzt mit einem der ihren. Manchmal geht es hart auf hart — — das dauert dann ein wenig länger.

Schließlich — verträgt man sich ganz gut. Du mußt mir glauben, Eri, wenn man mich als siebzehnjähriges Mädel hätte gehen lassen, wäre ich entweder ganz gerade geworden oder kaput gegangen. Jetzt bin ich — ich fühle das so verzweifelt — wie eine künstlich genährte Pflanze. Nie werde ich frei und eigenmächtig handeln können. Wie du. Weil sie mich in jeder Beziehung eingeschient, gerichtet und gestutzt haben!!«

»Aber red’ doch nicht solch fürchterlichen Unsinn Nie werde ich frei, nie werde ich selbständig …« Mitten im Satz hielt sie inne. Sie sah, wie müde Ruths Augen waren. Leise nahm sie ihre Hand. »Ich sah das jetzt alles von mir aus. Ich müßte anders denken. Und ich meine, du könntest, du müßtest es auch. Du wehrst dich, nicht wahr? Du läßt dich heute nicht biegen, ohne daß du dich wehrst. Dann weißt du, daß dir Dinge aufgezwungen werden, die dir fremd sind. Wenn man anfängt, sich zu wehren, setzt man sich auch bald durch. Und du mußt die Vorteile nicht übersehen, die dir jetzt gegeben sind: du bist nicht mehr zu Hause, hast deinen Beruf, deine Kunst, dein eigenes Leben …«

»Ich bin abhängig von ihnen.«

»Eine Zeit noch. Sicher nur so lange, als du innerlich Zeit brauchst, mit ihnen fertig zu werden.«

»Nein, in allem. Vielleicht wirst du es am meisten erfahren …«

»Ich?«

»Natürlich.«

Eri verstand sie nicht ganz, aber dann sagte sie einfach: »Ich habe dich lieb. Das ist meine Sache. Ganz allein. Vielleicht wird es schwer sein … Ich will nie sagen: was tust du mir an. Ich will glauben, daß du mich lieb hast, und umgekehrt denken: was zwingt dich, mir weh zu tun. Dann weiß ich, was ich zu tun habe.« —

»Eri, wenn du jetzt nicht aufhörst, falle ich wirklich auf dich rein. Komm, denk’ nicht mehr an mein albernes Gerede. Du bist …«

»Ja, ich weiß … zu klein … zu dumm … Herrgott, was hilft einem Menschen alles Gefühl da drinnen! — Und wenn ich dir die Sterne vom Himmel holte! Ich kann dir nicht helfen. Deine Gräfin aber, die dich sicher gar nicht lieb hatte, die konnte dir helfen! Und die hat sich wohl nichts dabei gedacht.«

»Aber, Eri! Was hast du denn für einen Zorn auf meine Gräfin?«

»Zorn? Auf deine Gräfin? Was denn für einen Zorn? Gar nicht! Von mir aus fahr’ du jeden Abend mit dem Appelkahn über’n Schloßgraben!«

Tränen der Eifersucht, Tränen eines ungekannten Leides stürzten aus Eris Augen, ließen sich nicht mehr bändigen, und Ruth machte es auch um nichts besser, daß sie unter Scherz und Lachen mit immer unsicherer Stimme auf sie einsprach, bis sie sie fest in ihre Arme nahm und an sich zog.

»Dummer, kleiner Liebling! Ich werde dir noch mal Geschichten erzählen … Ist das ein Benehmen für einen Buben? Schau mal, deine lustigen Augen sind ganz weh …«

Sie sahen sich an, die beiden, als sähen sie sich zum allererstenmal. Ganz groß, ganz ernsthaft wie zwei Kinder, die sich kennenlernen.

Und langsam neigten sie sich zueinander …

Ihre scheuen Kinderlippen fanden sich in einem langen, fiebernden Kuß. Eines stammelte des anderen Namen. Ohne voneinander zu lassen, sanken sie in hohes, weiches Gras. Frauen­haar heißt es im Volksmund und ihnen war, als hörten sie sein leises, feines Singen. Der Abendwind ging drüber hin. Im fernen Himmel brannte der erste Stern.

»Hörst du …« flüsterte Eri, »die Grillen …«

»Das ist, als wenn man gestorben wäre und nicht mehr auf der Welt …«

»Wollen wir nicht warten, bis der Mond kommt? Ich brauche nicht nach Hause. Ursula ist heute nach Berlin gefahren, ich bin allein hier.«

Eri hatte sich auf den Rücken ins Gras geworfen. Sie lag mit geschlossenen Augen. Ihre Worte waren kühl … brennende Verwegenheit.

Ruth antwortete nicht. Eri fühlte nur, daß sie sich über sie beugte. Eine Folter spannte ihren atemlosen Körper: Ruth sah auf sie nieder … Ruth …

Wenn sie jetzt, jetzt die Schranke durchbrechen könnte …

Sie war wie krank vor Sehnen. Sie war kein Mensch mehr. Wenn Ruth ihr nicht sagte, was mit ihr geschehen war … irgend etwas war doch geschehen … warum half sie nicht? Warum sagte sie kein Wort?

Plötzlich öffnete sie die Augen und starrte in ein aufgelöstes, fremdes und doch unbeschreiblich tief vertrautes Antlitz … Ruth aber riß sich zurück.

»Was willst du … mir ist nicht recht wohl …« Sie wußte nicht mehr, was sie tun sollte. Sie war plötzlich heiser. Sie wandte sich ab.

Eri aber sah sie an. Unentwegt. Schmerzvoll.

»Ich quäle dich.« Sie brach in Schluchzen aus.

»Eri, ich bitte dich, nimm dich zusammen! Wo kommen wir denn hin?«

Eri aber war ihrer nicht mehr Herr. Sie küßte Ruths Hände, die sich ihr entsetzt entzogen.

»Laß das!«

Sie hätte Eri schlagen können! Schlagen — rasend — sinnlos — an sich reißen und sie strafen. Mit heißen, trunkenen, erlösenden Küssen … endlich — —

Sie sprang auf. Hielt die Hände auf dem Rücken.

»Herrgott, ich bitte dich,« stieß sie feindlich hervor, »denk’ doch ein wenig an mich! Wie soll ich denn arbeiten, wenn ich den ganzen Tag — —« Sie mußte die Augen schließen.

Eri stand auf. »Ja …« war alles, was sie sagen konnte.

Sie ging ganz langsam voraus. Ruth tat eine kleine, hilflose Bewegung mit der Hand, um sie zu halten. Doch sie war zu gering, daß Eri sie hätte sehen können. So gingen sie heim.

Der Weg durch den schweigenden Tannenwald wurde immer dunkler. Sie sprachen kein Wort mehr. Einmal nur warf Ruth den Kopf in den Nacken und Eri meinte, daß es ein Stöhnen war, das der Nachtwind schützend bergen wollte … Sie tat, als hätt’ sie nichts gehört.




Der Tag verging und eine Nacht und noch ein Tag. Eri hatte sich im Bett aufgesetzt und auf einen Zettel geschrieben:

»Ich weiß vom Tag und von der Nacht nichts mehr. Da ist kein Mensch mehr, kein Tier, keine Blume.

Ich bin losgerissen von allem. Irgendwo, denk ich, ist die Welt …

Oh, ich habe zu Gott gerufen: Deinen Namen, deinen Namen …

Ich liebe dich. Und glaube, daß ich daran sterben muß. Hilf mir! Weißt du keinen Weg für uns? …«

Das Blatt Papier, zerrissen in viele weiße, arme Zettelchen, flatterte zu Boden.

Spät am Abend ging die Tür.

»Warum kommst du nicht mehr? Läßt mich allein?«

Eri gab keine Antwort. Sie regte sich nicht. Da trat Ruth an das Bett. Mit ihren beiden Händen hob sie das geliebte Antlitz des Kindes zu sich empor.

»Weine nicht. Freue dich …«, flüsterte sie.

Eri schlug die Augen nicht auf. Wie im Fieber brannte ihr Herz.

»… Ich freue, freue mich … Und weine. Wie dürfte ich dich anschauen. Ich bin verloren … Ich belüge dich, ich bin nicht mehr ruhig. Du darfst es niemals wissen. Ich weine viele Nächte …

Küsse nicht meine Augen. Sei barmherzig! Geh, geh zurück! Zurück bis in die Kinderzeit. Bleib ein kühles Bild … Vor einem Bilde kann ich mich zu Boden werfen, zu einem Bilde kann ich schreien … ein Bild weiß nicht mehr als ich, die so unglücklich ist … Maria, die über den Wolken schwebte … wie tust du meinem Herzen weh …«

Da sprang Ruth auf. Mit hartem Griff strich sie sich das Haar aus der Stirn.

»Gehst du fort?«

Ruth schüttelte den Kopf. Sie konnte nicht sprechen. Es war totenstill im Zimmer. Draußen ging der Wind ums Haus.

»Setz dich wieder —«, bat Eri unsicher.

»Ich kann nicht …« Keinen Laut in der Kehle — sie taumelte fast bis zum Fenster. Ihr wollte die Stirn zerspringen … wie gut war das kalte Glas … Sollte sie nicht alles sagen? So, am Fenster stehend, in die dunkle Stube hinein … in der sie Eri nicht sah … sollte sie ihr alles sagen … sagen, als ob sie ganz allein sei … Mochte Eri sie verstoßen und verachten, sie ertrug es nicht länger.

Aber die Stimme versagte ihr und alle Gedanken. Wie sollte sie Worte finden — wo sie nichts als ihre Hände falten … wo sie lachend und weinend einen Namen beten, jubeln wollte: Eri

Das Schweigen lag hart und weh zwischen ihnen. Lange Zeit. Plötzlich aber fragten sie: »Was hast du heute gemacht?« Beide. Zu gleicher Zeit. Dieselbe Frage. Nur um etwas zu sagen. Um der Stille einen anderen Sinn zu geben. Der Gleichklang ihrer Worte hatte eine eigene Musik. Eine wartete, daß die andere zuerst die Antwort geben sollte, so blieb sie aus.

Endlich wandte sich Ruth und ging ein paar Schritte ins Zimmer hinein.

»Eri …« Ihre Stimme hatte keinen Klang. Sie warf den Kopf zurück, ihre nervösen Hände falteten und rissen sich auseinander, das ganze Mädel bäumte sich auf.

Eri aber hob sich zu ihr hin in einer freien, heiligen Gebärde – daß Ruth sich ganz in ihre Arme warf. Ein wilder, verzweifelter Kuß verbrannte beider Bewußtsein — ihre unwissenden, fassungslosen Glieder preßten sich unerbittlich aneinander … atemlos, wortlos, zärtlich und gewaltsam riß der Taumel ihrer Jugend sie hernieder, daß eines nicht mehr wissen konnte, wer er selbst und wer der andere war …

Es war ganz dunkel. Am Rand des Bettes saß Ruth, den Kopf in die Hände gegraben. Ihre Nägel preßten Halbmonde in die Stirn. Eris Augen sahen verwundert zu.

Sie waren so verloren, so aneinander verloren, daß sie nicht wußten, wie sie weiterleben sollten, so schwer von aller Süßigkeit der Liebe.

Eri wußte nicht, daß sie sprach. Es waren Worte, die nicht mehr an den Laut gebunden waren, die von ihren Gliedern aufzusteigen schienen, kaum geformt. »Wie süß ist es, dich du zu nennen. Es tut im Herzen weh … Hörst du den Wind draußen? Er geht über die Welt … Mein Herz verfliegt im Wind …

Dein Name. Wie tief und ruhig dein Name klingt. Du bist so jubelnd schön!«

Ganz leise hob sie sich auf. »Warum sprichst du nicht mit mir?« Und plötzlich, wie von Angst besessen, schlug sie die Hände aus Ruths Gesicht.

»Du tust dir weh mit deinen Nägeln!«

Da sprang Ruth auf. Und ging aus dem Zimmer. Ohne ein Wort.

Die Haustür schlug hart ins Schloß.




Am andern Morgen kamen sie sich entgegen.

»Wir müssen heute einen anderen Weg gehen, Eri …«

Sie führte Eri hinter den Hausgärten auf einen Wiesenpfad, der tief im Schatten alter Obstgärten lag und weltvergessen in der Morgensonne. Am Himmel zogen weiße Wolken und warfen ihre großen fliegenden Schattenbilder über das weite Tal.

So voller Unruhe, voller Licht und Dunkel zitterte das Leben über Ruths Stirn. Sie hatte nichts als diesen einen Satz gesprochen … »Wir müssen heute einen anderen Weg gehen, Eri …«

Bachnelken leuchteten am Wegrand. Rostbraun und rot. Eri beugte sich und brach sie ab.

»Sie hat noch nichts zu mir gesprochen …«

Ruth war ein paar Schritte gegangen und im Lichte stehengeblieben. Eri kniete am Wiesenrand und schaute zu ihr hin. Langsam hoben sich ihre Hände und falteten sich über den Blumen …

Unhörbar wie Maria, die himmlische Frau, kam Ruth zu ihr her. Leise segnend fühlte Eri beide Hände auf dem Scheitel ruhen, bis der Druck sich schwer und schwerer legte, daß sie fassungslos die Knie des geliebten Menschenkindes umklammerte. So groß war ihre Not.

»Hilf mir!« Außer sich, vergrub sie ihren Kopf in Ruths Gewand. »Hab’ doch Erbarmen — sag’, daß du mich hassest, daß du mich verfluchst. Ruth, was hab’ ich dir getan, daß du so hart bist!«

Wieder keine Antwort. »Was willst du, daß ich tue, Ruth! Ich weiß nur, daß ich dein bin. Daß du schön bist. Ich kann es nicht fassen. Ich möchte sterben. Tat ich denn Sünde? …«

Ruths Hand preßte gewaltsam ihren zitternden Mund. »Schweig — ich liebe dich — ich gehöre dir …«

Sie preßten sich aneinander und löschten das Atmen aus in einem Kuß.

Nach einer langen Pause sprach Eri:

»Das ist ein lieber, lieber Weg.«

»Oh, Kind —.« Ruth hob sich ein wenig von der Wiese, bohrte beide Ellenbogen tief in den Boden und warf den Kopf zurück. »Ein lieber Weg —.« Das sagte sie so furchtbar bitter, daß Eri erschrak.

»Ist etwas geschehen?«

Ruth sprang auf und ging ein paar Schritte, ohne auf Eri zu achten.

»Ruth! Hilf mir doch, dich zu verstehen! Reut es dich, daß du lieb warst, eben?«

Ruth gab keine Antwort, wandte nur den Kopf weiter ab. Eri stand vor ihr und packte sie am Handgelenk.

»Reut es dich — alles … um Gottes Barmherzigkeit willen, sage mir, was dich so quält … ich hätte es nicht tun sollen …«

»Du? … Vergiß nie — hörst du, vergiß nicht einen Atemzug! — Was soll nur aus uns werden?«

»Was aus uns werden soll?«

Ein Leuchten lag auf Eris Gesicht, so gläubig und so klar, als läg in diesem Licht allein die Antwort auf solch eine Frage. Und Ruth schaute sie an — lange — wußte sie doch, daß es das letzte Licht und Wunder war; daß sie es ihr fortnehmen müßte und dafür nichts anderes geben konnte, als eine große, wilde Not.

»Eri, weiß Gott, woher sie das wissen.«

»Wer weiß etwas?«

»Die dort.« Mit dem Kopf deutete Ruth nach den Häusern. Eri sah sie an. Ganz groß und fragend … und langsam ging das Leuchten ihrer Augen aus.

»Ruth! Da werden sie am Ende —.«

Ruth stöhnte auf: »Kind, Kind, du hast keine Vorstellung. Schweig doch, quäl mich nicht so entsetzlich. Was soll ich denn tun? Wie soll ich leben ohne dich!«

»Aber ich bleib doch bei dir.«

»Bei mir? Kind, liebes, armes Kind, weißt du denn nicht, was wir gemacht haben?«

»Nein.«

»Dann höre: ein Verbrechen! Ein widernatürliches, unsittliches Verbrechen … weil wir einander lieb haben. Du denkst, wir dürften zusammenbleiben und weiter …«

»Hör’ auf zu lachen, Ruth! Was ist geschehen?«

»Du weißt, ich wohne bei Verwandten. Ob sie Verdacht hatten? Sie waren argwöhnisch. Ich begriff nicht, warum; ich wußte doch gar nicht, daß es ein solches Erlebnis gibt! — Als ich heimkam, standen sie da.«

»Sie wußten es?«

»Sie haben mir gedroht …« Sie hatte die Kleine eng an sich gezogen. Mit heißen, verstörten Worten versuchte sie zu erzählen. »Nun weiß ich nichts mehr. Mein Herz ist wie verbrannt. Hätten sie mich lieber geschlagen — ich ertrage ihre Reden nicht. Was wissen sie denn … Sie denken von dir und mir — ich weiß die Worte nicht mehr, oh, sie waren häßlich und roh. Wie können Menschen nur so ohne Güte, nur so lieblos sein, wenn ein anderer etwas erlebt, was sie nicht begreifen. Ich stand vor ihnen.

Eri, wie ich von dir kam. — Sie sahen nicht, daß ich geheiligt war. Sie bewarfen mich mit Schmutz — und dich. Eri —«, sie schluchzte auf. — »Du seiest verdorben, sagten sie. Verkommen. Bewußt seiest du vorgegangen, um mich in scheußliche Großstadtdinge zu ziehen, und haben gespottet und gehöhnt und mich wie eine Dirne angesehen, weil ich dir angehört habe, dir, die schlecht sei, in aller Seele schlecht …«

»Ruth!«

»Laß sie!«

»Was hast du ihnen zur Antwort gegeben?«

»Nichts!«

»Nichts?«

»Nein. Glaubst du denn, sie würden mich verstehen? Wenn sie wollten! Wenn sie gütig wären … wenn sie leise wären mit dem allerersten Lieben

eines Menschen. Eri, diese Feindschaft Diese Erbitterung und Entfremdung! Man kann nicht einmal mehr verstehen, daß man als Mensch dem anderen gleich ist. Das ist so entsetzlich hoffnungslos. Da kann man nichts sagen.«

Eri wankte. Der Boden zuckte hin und her … Sie hielt sich fest an Ruth.

»Nein …«

Das Wort fiel in den Wind. Müde, ohne Willen legte Ruth den Arm um Eri. Sie war wie erschöpft. Es war einfach mit dem Denken zu Ende.

Ganz langsam richtete Eri sich auf. Ihre Augen blickten starr und seltsam fremd in das sonnendurchleuchtete Tal und auf die blauen Berge.

»Haben es Männer oder Frauen gesagt, Ruth?«

»Frauen.«

»Ich glaube, daß Frauen uns tiefer hassen als Männer.«

»Jedes ihrer Worte schändete das Erlebnis.«

»Sie können es uns nicht nehmen, Ruth. Und auch die Zukunft nicht. Ich gehöre dir. Ganz gleich, ob es den Menschen genehm ist oder nicht.«

»Eri, ich bitte dich, sag’ nichts mehr davon …« Sie weinte verzweifelt.

»Sie haben es ihr zerbrochen …« dachte Eri. »Wäre ich nie geboren …«

Der Weg war zu Ende. Hart wandte Eri sich gegen Ruth:

»Und jetzt sage ich dir, was du eigentlich willst. Du wagst es nicht auszusprechen. Ich soll fort.«

»Du fährst?«

»Morgen früh.«

Sie waren bis zum schwarzen Weg gekommen. Die Luft war von der Sonne golden, von den Blättern grün. Mitten hindurch gingen wie alle Tage die Menschen. —

Vielleicht war es notwendig, etwas zu reden.

»Das Kleid dort würde mir stehen.«

Ruths Augen irrten durch die wirren, haltlosen Blätter.

»Aber ich würde es bis zum Hals geschlossen tragen.«

»Nein!« war Ruths plötzlich auffahrende Antwort. Ihre dunkelblauen Augen lagen fieberheiß auf Eris Hals und Nacken — sie liebte diese weiche, süße, kinderzarte Linie … liebte sie … Es war nicht mehr zu ertragen.

Sie stürzte davon. Durch lauter goldenen, grünen, sonderbaren Nebel — durch den ein quälend schwarzer, strenger Streifen führte: die große Allee.




An diesem letzten Abend spielte Ruth die Rosalinde. Welche Worte hätte es gegeben, die mehr nach ihrem Sinn, die zarter, leuchtender von ihrer Liebe gesprochen, welches Spiel für sie, das ihr Erleben schimmernder gewandelt hätte zu ihrer Kunst.

Ihre Wehmut stand mit leiser Gebärde, nur in einem traurig-weichen Lächeln wie ein Wächter vor dem Schmerz, den sie zu wissen schien, den sie verschwieg. Die leuchtende Melodie ihrer Jugend und Liebe ergriff die Menschen bis zur Trunkenheit. Nur zuletzt, als sie den Reigen der Seligen mitschritt, als sie die Schlußworte vor dem Vorhang sprach, wußte keiner, warum sie weinte.

Das süße, leuchtende Spiel war zu Ende …

Zwei Damen nahmen Ruth am Bühnenausgang in Empfang. Menschen kamen, ihr zu danken. Sie riß sich los und ging zu Eri hin, die an der Mauer des Hofgartens im Dunkel stand.

Wortlos gaben sie sich die Hand.

Plötzlich floh Ruth; Eri stand allein und taumelte.

Ruth war nicht nach Hause gegangen, irgendwo lief sie umher. In den Waldbergen. Die halbe Nacht. Der Wind raste und riß ihr das Haar aus der Stirn. Das tat not.

»Warum gingst du, Eri? Warum warst du mir gehorsam? Darum hasse ich dich! Du Kind, weißt du nicht, wie ich dich liebe. Eri, Eri … du und ich … was waren wir denn? Schlafende. Bis Gott kam. Deine Seele brennt in meiner Seele. — —

Du riefst über mir mit deinen süßen, keuschen Händen … und erschrakst … namenlos, wie ich.

Warum gingst du? Warum bist du mir gehorsam? Fände ich dich, meine Hände würden sich um deinen Hals spannen und dich töten … Ich liebe dich — liebe — hasse dich!«




Erika schreckte zurück. Ein Auto. Fast überfahren. Elende Scheinwerfer … Wie kam sie in die fremde Stadt?

Menschen — wo waren die Menschen hin? Am Tage waren Tausende da … zum Teufel hatte sie sie gewünscht, all die fremden Menschen, die an ihr vorbeihetzten. Zum Teufel! Aber jetzt, wo um Gottes willen, waren sie hin? Sie war allein.

In die Häuser hatten sie sich verkrochen, die Menschen. In die Dunkelheit. Ja, die Dunkelheit hatte sie aufgefressen.

Ein Tingeltangel. Dort drüben. Man riß die Tür auf. Licht — abgegrenzt — nebelhaft, wie ein Fetzen Leintuch. Lebendiger Rauch. Blauer Rauch von Zigaretten. Das Klavier war elend, man hackte damit schrille Stimmen tot.

Wer kommt? Niemand.

Tür zu … der Spuk ist fort

Hinter Mauern brodelt es weiter.

»Soll ich da hinein? Ich werde verrückt. Wer wird drin sein? Männer — Dirnen — —.«

Jemand lief. Eine Frau. Schritte lachten unwirklich auf dem Asphalt … fort waren sie. Fort. Ein lebendiger Laut … hätte sie ihn halten können Zwei Schritte lief sie, hob die Hand, schluchzte. Die Dunkelheit hat ihn gefressen, den lebendigen Laut.

Wohin jetzt? — — —

»Ruth! Ruth! Wie soll ich leben? Wie soll ich leben ohne dich!«

Zeit verging. Kurz, glühend. — Zeit ohne Gedanken. Dann wieder dasselbe: wie kam sie in diese fremde, häßliche Stadt? Umsteigen sollte sie — in einen anderen Zug, der sie fortbringen soll. Noch weiter fort von ihr. »Halt!! Halt!! Ich kann, ich kann nicht leben ohne dich.«

Blut saß in der Gurgel; Gedanken lachten grell und haßerfüllt: Eisenbahn — — Eisenbahn.

Ratatata — — ratatata — —.

Nein.

Nein!

Zurück!

Der Morgen dämmert. Eine Nacht lang Wahn­sinn. Die Dunkelheit spukt neue, fremde Häuser mit toten Augen aus und läßt sie frei. Der Bahnhof ist voll abgestandenen Rauches. Die Nacht hat einen Geruch. Er ist für sie geschwängert mit Wahnsinn. Sie ist willenlos.

Noch eine Zeit. Ein Pfiff. Der Zug fährt.

Fährt!

Zu ihr.

Erika stand vor dem Haus.

Das Mädchen brachte ihr die Antwort Ruths:

»Fräulein Wenk läßt Fräulein Erika bitten, sie nicht mehr zu belästigen.«

Grinsend gab sie ihr den Brief zurück. Er war uneröffnet.


 



 

 

Zweiter Teil


Ein Schuß fiel.

Es knackte widerlich in der Diele. Totenstille. Die drei Menschen sahen sich an. Entsetzt. Nur über Eris müdem Antlitz lag erstarrt ein kindhaftes Lächeln.

»Verflucht!«

Edith sah, daß Erika Felden noch stand. Sie hob noch einmal die Waffe … und wie das erstemal sah Erika das winzige, schwarze Pünktchen, die Öffnung des kleinen Rohres, aus dem die Kugel kam, auf sich gerichtet.

Kurt schlug seiner Frau die Hand zu Boden. Er rang mit ihr. Handgelenke knackten. Edith brach in die Knie.

»Vorbei — aber das macht nichts. Es sind noch mehr Kugeln drin.«

»Ja, das weiß ich. Laß los … laß los, du weißt nicht, was du tust, du bist wahnsinnig.«

Ein unterdrückter Schmerzenslaut, sie gab die Waffe frei. Mit einem hysterisch verzweifelten Haßausbruch schmähte sie jetzt das junge Mädchen mit Ausdrücken der Gemeinheit, schrie, übergoß sie mit gellenden Schimpfworten der Straße, spie über den Körper des sie gewaltsam zur Ruhe zwingenden Mannes hinweg aus Erika, die langsam aus dem Zimmer ging.

»Links in der Flurgarderobe stehen meine Gummischuhe —« dachte sie, zog sie an und ging die Treppe hinab, aus dem Hause. Es kam scheinbar niemand nach. Sie ging die Straße hinunter, völlig ohne einen Gedanken. Erst als die naßkalte, von feinem Nebel durchrieselte Luft eisig über sie hinkroch, fing sie an zu zittern. Dann aber kam es daher — aus jedem Winkel, aus den Häusern, von den schwarzen Bäumen herunter. Was war das, du? Was war denn das, he, du? … Das knisterte, knackte, sprang auf sie zu.

Sie lief.

Eiskalte Hände umkrallten den Hals … Wind schlug nasse Regenfetzen ins Gesicht … Blut stieg in die Augen. Für eine Sekunde war alles rot — — schnell, schnell, lauf zu, um Gotteswillen, lauf Die Kugel Du, Narr, holt dich denn die Kugel nicht ein?

Die Augen, die Augen der Frau!

Und der Kerl, der stand da. Groß. Unbeweglich. Warum half er denn nicht?

Der würde helfen? Ihr? Sie lachte. Sie wußte, daß er nicht helfen würde.

Sie lief die drei Treppen eines Hauses hinauf … Nur nicht allein sein. Gott sei Dank, Anne Herder, ihre Kollegin am Stadttheater, war zu Haus.

»Eri, es ist das beste, du sagst mir alles.«

»Es ist nicht viel zu erzählen. Du weißt, wie krank ich war. Ich spielte noch so lange, bis sie mich heruntertrugen. Ich bin wirklich schon halb kaput.«

»Du ließest dir nichts sagen. Wenn man krank ist, muß man rechtzeitig aufhören, zu spielen. Außerdem ißt du nichts.«

»Essen, Anne, wenn ich kein Geld habe? Ich bin erste Naive und habe glücklich neunzig Mark Gage.

Daß ich davon leben, wohnen und mich neiden muß, außerdem die Bühnengarderobe stellen soll, weißt du. Man kann nur das eine oder das andere. Der Direktor aber fordert — folglich muß der Magen sehen, wo er bleibt. Hunger — was ist schließlich Hunger Nein, es ist etwas anderes, ich habe jemand lieb. — Es ist keine besondere Geschichte. Es tut nur so furchtbar weh.« Die Stimme versagte.

»Liebes, kleines Mädel. Wo ist er denn?«

»Ach —« ein verlegenes Lächeln huschte über Eris Gesicht. »Er, er ist, — ach, es ist ja gleich. Bevor ich ins Engagement ging, war ich sehr krank. Nur daß ich es doch gezwungen habe, zur Bühne zu kommen, hielt mich aufrecht. Aber jetzt kann ich nicht mehr, Anne. Wie ich das ein Leben lang aushalten soll, weiß ich nicht …«

Anne Herder schwieg. Statt einer Antwort, die da nichts helfen konnte, strich sie still und immer wieder mit der Hand über Eris Haar. —

Eri weinte. Ein haltloses, ein langzurückgedrängtes Weinen schüttelte sie, riß sie auf.

»Verstehst du mich —« schluchzte sie, am ganzen Körper zitternd — »Ich wollte mich besudeln, schlecht wollte ich werden, daß ich nimmer daran denken kann, nimmer denken — —,« sie preßte die Fäuste in den Mund, um nicht zu schreien. »Anne, warum hat sie vorbeigeschossen!«

»Kind! Also, Eri, jetzt nimm dich zusammen. Das geht doch nicht.«

»Nun ist es gut: jetzt kann ich nicht mehr zurück zu einem reinen, guten Menschen, nicht wahr? Jetzt bin ich doch schlecht, nicht wahr! Ich habe — Sekt getrunken. Das wirkte. Denn vorgestern lag ich noch im Fieber. Und wie ich betrunken war, habe ich gelacht, gelacht und er hat mich davongetragen, auf beiden Armen — in mein Bett … Alle, alle Not ist aufgestanden. Da fiel mir ein, ich soll jemanden nicht belästigen! Nur nicht belästigen! Begreifst du, Anne! — — Ich spürte, wie ich anfing, schlecht zu werden.

Im Lachen: Ich trank — und trank und lachte und lachte — — weil ich niemanden belästigen wollte …«

Sie flog am ganzen Körper.

»Hättest du es doch nicht getan.«

»Ja– hätte ich es nicht getan! Soll ich denn meine ganze Jugend lang hinter einer wahnsinnigen Idee herrennen! Denn das ist es — eine wahnsinnige Idee! Anders komme ich nicht davon los. Aber das war das Entsetzlichste: der Mensch war ja …« Sie wollte sagen »ein Mann«. — Sie besann sich. Das Wort blieb ihr in der Kehle stecken. Sie sprang auf, rannte in der Stube herum. Mit verzerrtem Gesicht stand sie vor Anne still, packte sie an den Schultern. »Du! Sage mir, sind denn alle Männer so — so entsetzlich?«

»Wie war er denn?«

»Er war wie ein Vieh. Ja. Er war — — wie soll er denn gewesen sein — quäl’ mich doch nicht so, Anne. Ich dachte, ich werde verrückt … ich schäme mich. Er sagte mir, daß alle Frauen seine Art unendlich liebten … Anne, ich verbrenne am ganzen Körper.«

Anne stand ratlos dabei. Die wirkliche Ursache solcher Verstörtheit konnte sie nicht ahnen. Ihr schien nur, Eri war viel zu jung, um die Dinge anders sehen zu können. Vorerst, so glaubte sie, gab es für sie keinen andern Weg als den härtesten der Jugend, den des Abscheus und der Selbstvorwürfe. Sie zog Eri zu sich nieder. »Kind, es hat nicht jeder Mann die richtige Art für einen,« versuchte sie zu beruhigen. »Deswegen braucht man doch nicht zu verzweifeln. Aber, siehst du, das mußt du hinnehmen als Sühne, denn es war nicht recht, was du getan hast. Umsonst heißt es nicht ›die Liebe‹. Wenn sie nicht vorhanden ist, ist es eine häßliche, tierische Sache und besonders wir Frauen sind beschämt und müssen es büßen mit unserem Herzen. Frag dich einmal ganz ehrlich, Kind, wenn du allein bist: War es notwendig? War es das letzte Mittel? Du darfst nicht schwach sein, Eri! Wenn du den Menschen, den du liebst, verloren hast …«

»Anne!«

»Wenn du ihn verloren hast, mußt du doch sein Andenken rein halten, bis ein anderer kommt, der dich wirklich liebt und achtet.«

Verstört sah Eri auf.

»Ja, mein Kleines. Es ist ein großer Irrtum, der fast über alle Frauen einmal kommt. Wir können durch kein bewußtes Abenteuer die Spuren einer Liebe in unserer Seele vernichten. Was du auch tust, um einer großen Liebe zu entfliehen — wenn du es unheilig tust, wird es dich niemals auch nur fünf Schritte davon lösen, nur schmerzlicher daran ketten.«

Nur das Bewußtsein, daß sie im Leben des geliebten Menschen nicht notwendig war, hatte Eri dazu gebracht; hatte sie elend werden lassen, elend wie der Tag einen Krüppel, der nicht. Arme hat und Augen, um das ganze, helle Leben zu fassen wie es ihm, dem jungen Menschen, gehört.

»Der, o, der hat es gut, Anne!« Sie warf ein Buch, das sie einmal beide gelesen hatten, auf den Tisch. Es klatschte auf die Platte.

»Wer? Der wahnsinnig wird?«

»Ja, der wahnsinnig wird. Er ist glücklich. Wahrhaftig.«

»Sie ist ganz krank,« dachte Anne. Sie fand nichts zu sagen. Die großen, armen Kinderaugen machten sie hilflos.

»Aber kleine, dumme Eri, das ist doch nur in dem Buch …,« sagte sie und wurde rot über die Armseligkeit dieser Antwort. Aber Eris Gedanken verbissen sich gerade in diese Worte.

»Ja, ja, nur in einem Buche! Siehst du, es steht ja alles nur in Büchern. In Wirklichkeit ist es anders. Ganz anders. Warum wohl, glaubst du, schreibt denn einer so was? Weil er selber nicht wahnsinnig werden konnte — nein, er konnte es nicht, und wäre es gern geworden. — Nur in Büchern sind Menschen, die sich lieben, zwei — in Wirklichkeit liebt immer nur einer. Der andere — quält sich zu einem Dritten. Er quält sich genau so elend zu diesem, wie der erste zu ihm … Da geht man den ganzen Tag herum und denkt, man stirbt; ganz langsam, und dabei hat man es noch gnädig, denn reißt das Nebeltuch, das Traumhafte, — man hat nur Träume in der Kehle sitzen — dann sieht man die Welt, die grauenhaft unbeteiligte Welt, und kann nur noch lachen, lachen, daß der Verstand zum Teufel geht.«

Ein namenloser Jammer brannte in ihrem Gesicht.

»Aber meinst du, er ginge zum Teufel, der Verstand? Meinst du, du wirst wahnsinnig? — Hast du noch nicht bemerkt, was du aushalten kannst? — — Oh, das steht nur in Büchern; so ein Gnadengeschenk erhält unsereins ja nicht …«

Sie sprang auf und lachte schneidend kurz.

»Und warum? Weil wir gar nicht, so sehr wir es auch glauben, davon ergriffen sind. Das verfluchte, aalartige Tier in uns, das Leben, das bluteinfache Leben ist ja stärker als alles, alles andere …«

Es war still im Zimmer. Der zerbrochene Klang der Stimme zitterte noch eine Weile in der Luft.

Anne stand auf. Das einzige, was sie tun konnte, war, im Raume auf und ab zu gehen, um die Spannung der Luft zu durchteilen und die quälende Stille mit leisen Schritten zu übertönen.

Sie hätte Eri so gern noch einmal das Haar aus der Stirn gestrichen. Aber ihre Hände, die von tiefer Zartheit und Stille waren, konnten selten Mittler werden zwischen ihrem Herzenswillen und dem, dem dieser galt, Sie mußte alle Zartheit in sich bergen und konnte nur den Dingen des Alltags feine, leise Zeichen geben, die Eri wohl empfand und hinnahm, wortlos, einfach, wie sie gegeben waren. —

Draußen ging eine Tür.

»Ist vielleicht Fräulein Felden bei Fräulein Herder …?«

»Einen Augenblick … Jawohl, bitte.«

Herr Keller, der Sekretär des Stadttheaters, verbeugte sich in der Tür. »Guten Abend. Verzeihung, Fräulein Herder, wenn ich störe. Ich vermutete Ihre Freundin bei Ihnen.« Er wandte sich zu Erika. »Herr Direktor wünscht Sie morgen vormittag elf Uhr in seiner Privatwohnung zu sprechen. Guten Abend, meine Damen. Also: um elf Uhr, Privatwohnung.«

Er ging.

»Bitte, Herr Keller!«

»Fräulein Felden!«

»In welcher Angelegenheit wünscht mich der Direktor zu sprechen?«

»Das … weiß ich nicht, Fräulein Felden.« Sein Gesicht hatte einen niederträchtigen Ausdruck.

Eri, völlig ahnungslos, erwiderte: »Natürlich wissen Sie’s. Aber bitte, ich werde um elf Uhr bei ihm sein. Guten Abend.«

Anne zog ihr Taschentuch zwischen den Zähnen durch. Der Direktor — am Sonntag — Privatwohnung … das sah nicht gut aus.

»Sag mal, Kind, wie geschah denn das heut mit dem Schuß?«

»Ich bekam zu Mittag um ein Uhr eine Einladung von Edith und Kurt. Um Verdacht zu vermeiden, mußte ich hin.« Ihre Stimme wurde rauh. »Ich war da. Vor ein paar Stunden. Wir aßen. Er war etwas nervös, sie von entzückendster Liebenswürdigkeit. Nach dem Essen saßen wir beim Mokka, als sie aus heiterem Himmel hereinkam, erklärte, sie wisse alles, und schoß.« »Der Schuß ging in die Diele?«

»Und die Leute im Hause?«

»Ich habe niemanden gesehen.«

»Und die beiden?«

Eri lachte kurz. »Was weiß ich? — —.«

»Das mit dem Direktor gefällt mir nicht.«

»Wieso. Weiß Gott, was der will.«

Beide schwiegen. Eri goß sich eine Tasse Tee ein, zuckerte, zerdrückte die Zitronenscheibe und sah vor sich hin.

»Eri, ich glaube, der Direktor wird dich — entlassen.«

»Was?«

Plötzlich wurde ihr alles klar. Ein lächerliches Durcheinander braute sich in ihrem Hirn. Anne sprach mit ihr … wie aus weiter Ferne hörte sie ungewisse, nebelhafte Worte … »öffentliches Ärgernis«, Ratschläge zur Entgegnung, klug, gut, stark … alles mögliche. Dazwischen klapperte die Teekanne … und irgendwann war sie auf der Straße und dann daheim.

Sie legte sich auf die Chaiselongue. Die Nacht ging herum. Bis der Morgen endlich hell wurde, war es fast neun Uhr. Von Kurt war keine Nachricht da. Sie merkte es, ohne daß es ihr schmerzlich war. Etwas anderes war größer: sie hatte noch zwei Stunden Zeit. Noch zwei Stunden war sie Mitglied des Stadttheaters, dann — vielleicht — entlassen. Dann war alles aus. Die ganze elende Quälerei umsonst. Monatelang gehungert, entbehrt, die Nächte durchgearbeitet, um das Geld zum Studium zu erringen. All die harte Zeit um den Weg zur Bühne! Und in zwei Stunden, — ein einziges, kaltes, schrilles Wort »Entlassen«. — — —

Eri ging zum Direktor.

»Mein Fräulein, ich muß Ihnen zu meinem Bedauern eröffnen, daß Sie gut daran tun, noch mit dem heutigen Tage Ihr Entlassungsgesuch einzureichen.«

Also doch. Erika war sehr ruhig. Sogar ironisch. »Darf ich den Grund erfahren, Herr Direktor?«

Ein empörter Blick … So etwas wollte auch noch … Oh, er besudelt sich nicht mit solchen Angelegenheiten.

»Fräulein Felden. Ich habe Sie nicht gebeten, Platz zu nehmen.«

»Das vergessen Direktoren öfter. Wollen Sie mir bitte Aufklärung geben?«

»Ich bitte Sie …«

»Lieber Herr Direktor —« sie hatte nichts mehr zu verlieren —, »was habe ich denn verbrochen? Ich bin neugierig, zu erfahren, was Sie derart beunruhigen kann.«

»Soll ich Ihnen denn tatsächlich ins Gesicht sagen …«

»Ich bitte darum, denn ich weiß wirklich nicht, worum es sich handelt.«

Einen Augenblick war der Direktor über die scheinbare Dreistigkeit seines jüngsten Mitgliedes sprachlos; aber er begriff bald, daß sie wirklich nicht zu wissen schien, was oder auf welche Weise ihm etwas zu Ohren gekommen war. Empört erklärte er, daß er Kenntnis davon erhalten, daß Eri mit einem verheirateten Manne in Verbindung gestanden und von dessen Frau erschossen werden sollte. Die ganze Stadt war in Bewegung. Es sei so etwas noch nicht vorgefallen.

Eri sah verächtlich auf den Mann, der sich zu ihrem Sittenrichter aufzuwerfen wagte, auf den Mann, von dem es ebenfalls stadtbekannt war, daß er, obwohl verheiratet, die jeweilige erste Liebhaberin seines Theaters zur Geliebten hatte.

»Ach, denken Sie, Herr Direktor, was das für eine Sensation für Ihre Bühne ist.«

»Herrgott!!« Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf. »Sie sind wohl des Teufels! Hier!! In dem Drecknest!! In Berlin — ja, da würde man sich die Beine ausreißen, aber hier! Die Leute würden mich meines Postens entheben — ausgeschlossen. Heute ist der sechsundzwanzigste. Sie erhalten bis zum Ersten Ihre Gage und sind sofort entlassen.«

Eri fiel zusammen. Die bunten Muster des Perserteppiches zerliefen vor ihren Augen … — Es war aus.

Man zog von der Gage — sie bekam die der zweiten Monatshälfte ausgezahlt — die Versicherung ab, die Krankenkasse. Die Miete mußte bezahlt werden. Die Schneiderin, Kleinigkeiten; viermal Mittagessen stand noch. Ein Billett nach Berlin — da blieben noch sieben Mark.

Am selben Abend fuhr Eri in die Nacht hinein. Der Wind heulte, schwarzer Regen peitschte die Menschen. Die Häuser der kleinen Stadt krochen in die Dunkelheit, das gelbe Licht der Laternen zerrann in lauter Wasser. Es war ein einziges, trübes, nacht-schwarzes Rinnen und Schütten.

In der Nacht kam sie in Berlin an. Ein Zimmer im Hospiz kostete viel zu viel. Man gab ihr, weil sie so still und trostlos dastand, ein eiskaltes, winziges Dachkämmerchen, ohne Licht, einem Bettgestell und einem Stuhl. Der Regen aber verfolgte sie mit seinem eintönig-hohnvollen Gleichmaß — unentwegt trommelte er auf die kleine Dachluke und dann und wann kam er ganz nahe, ein dicker Tropfen klatschte häßlich auf den Boden, neben das Bett. — — — —

Am Abend des nächsten Tages saß sie in einem Kaffeehaus. Eine Tasse schwarzen Kaffee … seit mehr denn achtundvierzig Stunden keinen Bissen im Magen. Den ganzen Tag auf den Beinen. Von Agentur zu Agentur.

Das hatte sie noch erfahren: Kurt hatte die Kollegen am Sonntagabend in den Theaterkeller geladen und ihnen, als der Sekt in Strömen floß, ihre köstliche Geschichte erzählt. Die Details verschwieg er dabei nicht. Als sie dort vor der Abreise ihre Rechnung beglich, sah sie auf den Bieruntersätzen und auf den Tischen in Zeichnungen veranschaulicht, was Kurt erzählt hatte.

»Die waren besoffen! — —« grinste der Wirt. —

Jetzt hatte sie Hunger. Wovon aber sollte sie essen? Und morgen? Den Regisseur Murat anpumpen … nein. Es mußte so gehen.

Die Musik war quälend. Sie spielte einen Tanz nach dem andern. Sie ging ins Blut. Musik ist gefährlich wie Alkohol und sie war nüchtern; Alkohol hätte sie elend betrunken gemacht, ähnlich wirkte die Musik.

Der Kerl, der dort am Nebentisch saß, las die »Fliegenden Blätter«. O ja, es gab komische Witze.

Sie stand auf und ging. Als sie im Hospiz die Treppe hinaufsteigen wollte, blieb sie stehen, plötzlich von der Neugierde befallen, wer mit ihr, der entlassenen Schauspielerin, christlich unter einem Dache wohne. Die schwarze Tafel wies viele Namen auf … lauter fremde Namen.

Langsam stieg sie die Treppen hinauf …




Eri lachte auf der Straße hell auf. Der Regen war weg. In den spiegelblanken Pfützen blitzte blau und weiß der Himmel. Sie raste die Straße hinunter. Stieß die Menschen an. »Herrje nochmal!« Na, wenn schon. Sie war engagiert! Sie war völlig auseinander. Es war ein großer Glückszufall. Sie war gestern zum Oberregisseur Murat gegangen, er hatte sie an seinem Theater vorsprechen lassen; man bot ihr sofort einen mehrjährigen Vertrag, der aber erst ein Jahr später in Kraft treten konnte. Das war zwecklos. Murat, ein guter Freund ihrer Eltern, brachte sie zu den Kammerspielen; am anderen Tag war sie dort zum Vorsprechen bestellt.

Eine Dekoration stand nicht auf der Bühne. Nur ein paar alte Versatzstücke, eine einzige Birne brannte trüb. Es war das elende, kalte Bild, bei dem jeder Schauspieler, wenn er vorsprechen soll, meistens schon heiser wird.

Als Eri dort oben stand, war sie völlig ruhig. Alles, was Liebe und Erlebnis gewesen, war von ihr abgefallen. Sie wußte, daß sie jetzt, nur in dieser Minute, ihre zugrunde gerichtete Karriere wieder aufbauen konnte. Mit unerhörter Konzentration, ganz in sich geschlossen, stand sie allein. Irgendwo im Dunkel des Zuschauerraumes saßen ein paar Menschen, die ihr Leben in den Händen hatten.

Plötzlich wandelte sie sich; je mehr sie gelitten hatte, desto sonniger wurde ihre Kunst, desto sieghafter ihre Jugend. Mit einem einzigen, großen Umfassen zwang sie die kalte, nüchterne Umgebung, zwang sie Wort und Requisit, ihr untertan zu sein und schuf aus der zerfahrenen Dekoration das lebendige Bild ihrer Phantasie.

Eine Stunde später unterschrieb Erika Felden ihren ersten Berliner Vertrag.




»Donnerwetter Wer ist denn das?« entfuhr es Lore Wellenheimer, der eleganten Frau des Ingenieurs Dr. Ludwig Wellenheimer; sie legte mit einem plötzlichen Ruck die Hand auf den Arm ihrer Begleiterin.

»Das?« sagte Frau Vally Schreiner nebenhin, etwas lächelnd über die spontane Art der sonst so gelangweilt aussehenden jungen Frau, »das ist die Schauspielerin Erika Felden.«

»Das ist die Felden? Sie kennen sie?«

»Natürlich. Durch den Bobby. Der kennt sie durch die Bildhauerinnen, die sie in den Klub bei der Heyder eingeführt haben. Ach bitte, Lore!« lachte sie mit ihrer schrillen, brüchigen Stimme, »die Lotte mit der Engelhardt im Wagen! Da ist’s mit der Kate wieder mal aus.«

»Erika Felden muß ich kennenlernen. Wollen Sie das vermitteln?«

Frau Vally Schreiner ließ das an einer Platinkette befestigte Lorgnon fallen. »Ich werde sie anrufen und sie für heute abend einladen. Sie ist ein sehr netter Kerl. Wir nennen sie nur Bubi.«

»Ja.«

»Aber viel, glaub ich, kann man mit ihr nicht anfangen. Sie nimmt ihren Beruf fürchterlich ernst.

Es ist auch sehr nett, daß sie es schon so weit gebracht hat, sie macht kolossal Karriere. Aber dann hat man nichts von ihr. Sie kommt nicht zum Tee, weil sie keine Zeit hat, denn sie arbeitet. Oder wenn sie kommt, ist sie oft müde oder so ernst, daß sie einen langweilt.

Mein Bobby ist mir lieber.«

Bobby war das typische, ausgelassene, lebensfrohe Mädel aus Berlin W. »Bobby« macht sich keine Sorgen, keine Gedanken. Bobby mußte auch nicht arbeiten, sondern saß am reichen Tisch der Lebewelt des Kurfürstendamms, tanzte wie ein junger Gott und sah aus, wie ein hübscher Berliner Frechdachs aussieht: das dunkelblonde Haar kurz geschnitten, stets im eleganten Schneiderkleid, Sporthemd mit Schlips und Kragen, das goldene Armband, das Fußband unter dem Seidenstrumpf nicht zu vergessen.

»Nun — immerhin muß ich Erika Felden kennenlernen.« Lore Wellenheimer reichte zum Abschied ihrer Begleiterin die Hand. »Also auf heute abend!« Ein reizendes Lächeln spielte um ihren Mund.

»Gut, ich freue mich, Sie zu sehen, Lore. Kommen Sie aber nicht später als acht Uhr, ja?«

Damit ging sie den Kurfürstendamm herunter, ihrem Hause zu.

Am Spätnachmittag rief man Erika Felden ans Telephon.

»Hallo?«

»Guten Tag, Fräulein Felden. Das ist nett, daß ich Sie treffe. Hier ist Frau Schreiner.«

»Ah, gnädige Frau?« kam es zurück. Ein halb erstaunter, halb spöttischer Zug spielte um Eris Mund.

»Ja — ich sollte Sie fragen, Bubi, ob Sie heute abend nicht ein bissel zu uns raufkommen wollen, ein paar nette Leute sind da und Sie müssen auch dabei sein. Um halb neun.«

»Das freut mich sehr, gnädige Frau. Ich danke Ihnen, aber ich weiß nicht, ob es sich noch lohnt; ich muß heute abend zur Premiere ins Schauspielhaus und hätte erst nach dem Theater Zeit.«

»Ach, wissen Sie, das ist wirklich zu langweilig mit Ihnen,« lachte Frau Vally, »aber was heißt, sich lohnen — natürlich lohnt es sich! Bei uns gibt es doch keine Polizeistunde, nicht wahr?«

Als Erika noch Einwände versuchte, sagte ihr die Stimme in der Leitung, daß sie bei ihrem Versprechen, bald wieder zu kommen, gepackt würde, und dann die Neuigkeit, daß Frau Dr. Wellenheimer sie gerne kennenlernen würde.

»Nun?« fragte die Stimme erwartungsvoll.

»Ja, wenn Frau Dr. Wellenheimer mich kennenlernen will —«, lachte Eri hell auf, um sich sofort auf den Mund zu schlagen, »dann werde ich wohl kommen müssen!«

»Famos! — Aber Sie selbst, sagten Sie, spielen heute abend nicht?«

»Nein!«

»Aber warum gehen Sie da um Gottes willen schon wieder ins Theater?«

Eri lachte. »Am Telephon werde ich Ihnen das so schnell nicht erklären können, gnädige Frau.«

»Aber so kommen Sie doch schon um acht Uhr.«

»Bedauere, Kunst kommt vor dem Vergnügen.«

»Was heißt Kunst …«

»Dann Beruf.«

»Also schön. Wann darf Sie mein Wagen erwarten?«

»Um viertel nach zehn, bitte.«

»Gut. Also bis später, Fräulein Felden.«

»Aus Wiedersehen, gnädige Frau.«

»Meschugge ist Trumpf,« dachte Eri, als sie in ihr Zimmer zurückging. Lore Wellenheimer … Die berühmte Lore Wellenheimer … Sie war darüber von Herzen belustigt.

Punkt zehn Uhr fuhr der Wagen Karl Schreiners am Theater vor, wenig später betrat Erika Felden die sehr reiche, aber sehr unpersönliche Wohnung des Bankiers.

Frau Vally empfing sie übermütig. »Bubi, hast du dich fein gemacht? Du weißt: nimm alle Kraft zusammen …« lachte sie und musterte das schlanke junge Mädel, das sich das kurzgeschnittene schwarze Haar zurecht strich.

»Na, selbstredend,« war Eris etwas unfreundliche Antwort.

»Nun, nun, nicht gleich beleidigt — Ihr seid vorbildlich in solchen Dingen, Prinz!« neigte sich die etwas vollbusige Frau im Abendkleid vor Eri, die für eine Sekunde lang von der ganzen Widerlichkeit der Kurfürstendammode gepackt war und am liebsten umgekehrt wäre. Aber, was half das jetzt, was half das überhaupt? Konnte sie es ändern? Es war modern, daß eine reiche Frau eine Freundin hatte, es gehörte zum guten Ton. Wie aus dem Boden gestampft war ein bestimmter Frauentyp Beherrscher des Tages geworden, und Ehe- und Liebestragödien, Irrungen, Verwirrungen und Verlogenheiten steigerten sich durch diese neue Modekrankheit zu nie geahnter Höhe.

Eri Felden war in den Strudel hineingeraten, ohne sich zu wehren. Sie hatte sich Hals über Kopf hineingestürzt und wurde getragen auf dem breiten Strom, wie viele andere mit einem wehen, scheuen Herzen. Wie viele junge Menschen haben nicht auf diesem Wege Hilfe oder Betäubung gesucht und wie manchem wäre nicht Wahrheit und Einsicht gerade dorther gekommen, daß er sich wieder zurückgefunden hätte zu sich selbst. Ohne Schaden gelitten zu haben. Noch zur rechten Zeit erwacht — um vieles fester und, so sonderbar es scheint, um vieles reiner geworden.

Aber so weit war Erika noch nicht. Sie stand mitten im Trubel, der sie im tollen Durcheinander von den Klubs, Bars und Nachtlokalen bis zu den finstersten Kaschemmen wirbelte. Sie war in eine Kette eingefügt, in die Kette tanzender, lachender, weinfroher Menschen und der reißende Strom jagte sie von Nacht zu Nacht durch ein traumhaft ungewisses, mit Nerven und Elektrizität überspanntes Dasein.

Trotzdem ging das alles nur bis zu einer gewissen Grenze. Eri war schwerblütig und ernst im Grunde ihres Wesens. Sie blieb wieder und wieder an sich selber hängen, und obgleich sie eine Zeitlang mit verbissenem Trotz in einem Fahrwasser trieb, das ihr höchst gefährlich hätte werden müssen, gab es in ihr einen kleinen, unberührten Rest von Ureigenem … die reine, kindergläubige Liebe zu Ruth. Sie legte sich wie ein Hemmschuh quer über ihre Bahn, Eri mochte reißen und rütteln — kein Mann, keine Frau, kein Lachen und kein Wein riß sie los von diesem einen, was treu war in ihrer Seele.

Der Unwille, der wie eine Wolke heute abend über Eri kam, wurde fortgeweht von der rhythmisch aufpeitschenden Weise eines Foxtrotts, der bis ins Vorzimmer der Schreinerschen Wohnung lockte und zu rufen schien. Gleich darauf wurde die Tür aufgerissen und Bob stürzte heraus, auf Eri zu, um ihr lachend um den Hals zu fallen.

»Na, alter Junge, Arbeitsmensch,« sprudelte sie hervor, »kommste wirklich? Wohin haste denn deinen Sack Lorbeern gestellt? Laß sie bloß draußen, die Dinger, sag’ ich dir, sie sind zuzeiten sehr schön, aber riechen nach Arbeit — brr —«, sie schüttelte sich lachend, um dann, ein paar Schritte zurücktretend, mit prüfenden Augen Eris neues Kostüm zu mustern.

»Donnerwetter, du siehst gut aus, na — Lore? Lorchen! Lorelei!!« trällerte sie und zerrte Erika durch zwei, drei Zimmer hindurch in das Herrenzimmer, wo ein Teil der Anwesenden beim Bac saßen und den Ankömmling nach eiliger, doch herzlicher Begrüßung wieder ziehen ließ. Bob schob Eri weiter in den Salon Frau Vallys, um sie in übermütiger Weise den Damen vorzustellen.

»Bubi — der Herzensbezwinger, der König schöner Frauen!«

Ein brennendes Rot überflutete Eris Gesicht; ein scharfer Blick strafte Bobby für seine Frechheit, und mit einem Lächeln leichter Verlegenheit erwiderte sie den Händedruck einiger ihr noch unbekannten Königinnen des Kurfürstendamms.

Frau Lore Wellenheimer wußte sich beobachtet. Sie reichte gelassen ihre kleine weiße Hand in einer nicht mißzuverstehenden Geste zum Kuß. Erika aber biß, ohne daß es jemand merken konnte, leise und zärtlich in die duftende Haut dieses Händchens.

»Oh!« entfuhr es Frau Lore, und ein Blutstrom jagte ihr von den Haarwurzeln angefangen über den ganzen Körper. — Dieses Mädchen verhieß Raffinement; faszinierte. Und für die so sehr verwöhnte junge Frau stand es fest, die Neigung Eri Feldens zu gewinnen.

»Aber jetzt müssen Sie erst eine kleine Stärkung nehmen, Bubi.« Frau Schreiner wollte gerade Erika zum Speisezimmer führen, als ein Hallo im Herrenzimmer sie dorthin abrief: »Schiedsrichter! Frau Vally! Gnädige Frau, bitte auf einen Augenblick,« rief es durcheinander.

»Ich werde — wenn Sie gestatten — die Hausfrau würdig vertreten!«

Frau Dr. Wellenheimer war aufgesprungen und führte Erika, ohne eine Antwort abzuwarten, ins Speisezimmer. Eri mußte sich in einen Lehnstuhl setzen und sich die Fürsorge Lores gefallen lassen. Lore, die sonst weder für sich, geschweige denn für andere die Hände rührte, richtete ihr ein kleines Mahl und verriet nur manchmal durch eine leichte Ungeschicklichkeit ihrer Hände, daß ihre blauen Augen das Antlitz der jungen Schauspielerin nicht losließen.

Eri Felden sah es als selbstverständlich an, diese Frau für sich zu gewinnen, ohne selbst davon ergriffen zu werden. Sie konnte außerordentlich arrogant sein in Dingen, die sie sich zurechtgelegt hatte, die ihrem Wesen eigentlich fremd waren. Mit Gelassenheit stellte sie die Wirkungen ihrer Frechheit fest: der Biß in die Hand hatte Lore Wellenheimer in ihren Bann gezogen.

»Liebe Zeit …,« dachte sie, »auf so was fallen die Menschen hier rein.«

Es war dieser Frau vollkommen gleichgültig, wer sie, Erika Felden, eigentlich war. Sie war überzeugt, daß sie im Lauf des ganzen Abends keine Frage stellen würde, die die Wesensart Eris, ihre Arbeit, ihre Ansichten, ihre geistige Einstellung zu den Dingen um sie her betreffen würde; es war ganz gleich, was für ein Mensch sie war, ob sie Persönlichkeit und Begabung in die Wagschale zu werfen hatte — hier war es nur wichtig, daß sie eine originelle, amüsante Art fand, eine Frau zu verführen. —

Aber Lore ließ ihr keine Zeit zum Nachdenken.

»Sie sind müde,« sagte sie mit leisem Bedauern, als der Schatten lebhaften Unwillens über Eris Gesicht flog.

»Nein, gnädige Frau, das ist nur so im ersten Augenblick nach dem Theater; das ist sofort vorbei.«

Nun plauderten die beiden, die sich doch längst durch andere Leute kannten, bis der Rhythmus eines Chimmys ihr leichtes, fröhliches Geplänkel auflöste im Tanz. Eri führte Lore, die eine der besten Tänzerinnen Berlins war, mit Sicherheit und Keckheit. Bobby raunte ihr zu: »Gratuliere!«

Lachend warf Eri das kurze Haar zurück in den Nacken. »Wozu?« dachte sie, »wozu gratulieren? Zu der Eroberung einer Frau, die sich heute von dieser, morgen von jener Frau umflirten läßt?« Was würde folgen? Fünf-Uhr-Tee, Bummel in der Tauentzienstraße, Nelson, Hiller. Adlon, Tratsch und Kataströphchen verschiedener Nuancen, kurz, ein Leben ebenso elegant wie nichtssagend, ebenso langweilig wie aufreizend … vielleicht — vielleicht aber nicht einmal das letztere, denn sie würde eine Lore Wellenheimer niemals lieben können. Niemals. Das stellte sie gerade fest, als sie die leicht geöffneten Lippen der Blonden in einem Kusse schloß, der sich ihr nur zu gern entgegendrängte.

Den Rest der Nacht verbrachten sie mit Spiel und Tanz, bis Dr. Wellenheimer Erika gegen Morgen einlud, bei ihnen zu übernachten. Da sie nicht erst weit nach Hause, nur quer über die Straße zu gehen brauchte, erklärte sich Eri nach einem Blick auf Lore einverstanden.

Dr. Wellenheimer ließ die beiden, die es sich in Lores Zimmer bequem gemacht hatten, allein, um noch einen Schnaps zu holen. Er blieb lange aus. Lore, auf der Chaiselongue liegend, bettete ihren Kopf in Eris Schoß. Eris Hände spielten in ihrem goldhellen Haar, verloren … wie im Traum … ohne es zu wissen, glitten sie den Hals, die Schultern und die nackten Arme hinunter. Weicher Pelz und Seide umhüllten Lores schlanken, jungen Körper. Schmerzlich süß spürte Eri nur das eine: die Nähe einer Frau. Das Blut hämmerte in den Schläfen. Das Herz tat ihr weh. Eine grenzenlose Sehnsucht ließ sie alles vergessen, sie beugte sich tief über die Frau in ihren Armen und küßte sie.

In diesem Augenblick erschien Dr. Wellenheimer lächelnd in der Tür. Er legte Eri, die erschrocken zusammenfuhr, beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Nein … ich bin nicht böse — wirklich nicht. Sie dürfen meine Frau ruhig küssen. Ja, das dürfen Sie. Schaut sie nicht aus, wie der ungläubige Thomas, Lore? — Aber ich werde Ihnen einen Vorschlag machen, Fräulein Felden: reisen Sie mit meiner Frau. Ich lade Sie ein, bereden Sie miteinander, wohin Sie fahren wollen, es wird mir eine Freude sein, wenn Sie diesen kleinen Vorschlag annehmen, denn …,« damit wandte er sich an Lore, griff ihr in die Haare und lachte sie an, »du magst doch den Bubi sehr gern leiden, was? Also Kinder — dann machen wir es so, und jetzt bitte ich, das Tagewerk mit einem Schnaps zu beschließen.« Für Lore schenkte er Gin, für Eri und sich aber braute er mit einem spöttischen, vielsagenden Lächeln in zwei großen Gläsern ein unheimliches, schwarz und schwer fließendes Gebräu aus mehreren russischen Schnäpsen, das Eri mit einiger Unruhe ansah.

»Großer Gott! …« Aber es half ihr nichts, sie mußte anstoßen, ansetzen — — angstvoll ließ sie die Hand mit dem Glas wieder sinken.

»Nanu … zeigen Sie, daß Sie ein Kerl sind!«

»Ja, Bubi!«

Zitternd vor Verhaltenheit und Stolz blickte Lore auf Eri.

»In Gottes Namen!« dachte sie — setzte an und stürzte heldenhaft das dunkle Teufelsgebräu hinunter, ohne eine Miene zu verziehen. Lore lohnte ihr den Schmerz mit einem lachenden Kuß. Dann führte sie Eri in das Gastzimmer, das neben ihrem Schlafzimmer lag, brachte ihr Konfekt und Obst, entzündete die kleine Nachttischlampe, küßte Eri, lächelte und verschwand.

»Hm«, machte Eri und sah sich um. »Ich möchte auch so am Kurfürstendamm wohnen und — wie? Ja …«

Wenig später stand sie in einem schwarz­seidenen Pyjama unschlüssig da. »Die Tür zum Korridor, die Tür zum Badezimmer, die Tür — — —.«

Sie überlegte: Er wird dort drinnen sein. Die Situation wollte sie sich sparen. Wenn sie eine Reise machen würden — aber »gute Nacht!« sollte sie doch sagen. Na —

»In die Klappe!« entschied sie. Aber zufrieden war sie nicht.

»Lore ist entzückend Da kann einer sagen, was er will. Wie ein Rassepferd. Zug! Teufel, ja! — Ach was, mehr wie rausschmeißen kann er mich nicht!«

Sie pochte leise, so leise, daß es kaum hörbar war.

»Komm nur, Bubi,« lachte es drinnen.

Nanu … gehört? Ach so!

Zaghaft betrat Eri das matterleuchtete Schlafzimmer. Sein Bett — war leer. Lore hob sich zu ihr hin. Völlig benommen von der schlanken, entzückenden Frau, den Spitzen, den Parfums widerstand Eri nicht mehr; sie riß Lore an sich, küßte und küßte sie, und ehe sie sich der Gefährlichkeit der Lage bewußt war, hatte Lore die seidene Decke über sie gezogen.

»Deine Augen! Du hast so liebe, blaue Augen …«

– — Da knarrte die Tür.

»Allmächtiger!!«

Eri fuhr auf. Der liebe Gott weiß, wie sie diese Haltung finden konnte, hochaufgerichtet stand sie neben dem Bett, nur das verwirrte Haar und das totenblasse Antlitz verrieten, daß sie etwas geschehen glaubte, für das sie jetzt wie ein Mann eintrat und bereit war, jede Konsequenz zu tragen. Ihre Haltung, ihre Miene sprachen das Wort unter Männern: Ich stehe Ihnen zur Verfügung!

Aber nichts geschah. Nichts.

Ingenieur Dr. Ludwig Wellenheimer verbeugte sich mit unbeschreiblich sicherer Eleganz. Ein ganz leises, amüsiertes Lächeln spielte um seine schmalen Lippen, und mit vollendeter Liebenswürdigkeit sagte er zu Eri: »Bitte, mein gnädiges Fräulein, lassen Sie sich nicht stören … ich, wenn Sie gestatten, werde inzwischen ein wenig schlafen.«

Damit lag er auch schon in seinem Bett, zog die Decke an die Ohren, schloß die Augen, schlief. —

Ein silberhelles Lachen riß Erika aus ihrer Geistesabwesenheit. Sie starrte noch immer an die Tür, wo der Ehemann mit so vollendeter Sicherheit eine leichte Verbeugung gemacht hatte … »Bitte, mein gnädiges Fräulein, lassen Sie sich nicht stören …«

»Bubi! Na, aber Bubi — sei doch nicht so blöd Was ist denn? Also, komm doch! Du! Hörst du, komm!«

Am Schlafanzug zerrte sie Eri, die sich absolut nicht zurechtfinden konnte, zu sich nieder, umschlang sie, aber Eri war wie versteinert. Dann aber lachte sie »Großartig!« dachte sie, »herrlich — das habe ich mir ja immer gewünscht … Kinder, Kinder — das ist Berlin W.«

Und in einem undefinierbaren Gefühl von Neugierde und Scham, Belustigung und Abscheu beschloß sie, zu sehen, wohin diese Situation noch führen könnte — und — blieb. Aber sie bestand schlecht. Eine bleierne Schwere zwang ihre Glieder zu unvermögender Starrheit, Kopf und Herz empfanden statt des Blutrausches nur die Minderwertigkeit der Situation, jedes Empfinden für Lore war wie fortgeblasen. Sie fühlte sich beobachtet. Taxiert. Aber plötzlich, von einer fast männlichen Eitelkeit befallen, würgte sie den Abscheu herunter. Sie hob den Kopf — — da sah sie, daß Dr. Wellenheimer sich gewandt hatte, unter der Decke herüberblinzelte. — Ohne auf Lore zu achten, zu hören, wollte sie aus dem Zimmer.

»Na!« sagte Lore. Aber so, daß es genügte. Eri blieb stehen, strich sich das Haar zurecht, rückte den Schlafanzug in Ordnung und kam zurück.

»Lore — das kann ich eben nicht,« gestand sie treuherzig.

»Gott — bist du niedlich,« sagte Lore bewegt und zog sie auf den Bettrand nieder.

»Ich wußte nicht, daß Ihnen etwas fremd sei. Ich hielt Sie für einen kleinen Casanova,« lachte der Doktor. »Daß Sie für den pikanten Reiz dieser Situation unempfänglich sind, wundert mich sehr.«

»Herr Doktor — ich bin nicht verlebt und gelangweilt genug, daß ich besondere Reizmittel brauchte. Ich lass’ niemand zugucken!« gab Eri gereizt zur Antwort.

»Wie ungeschickt Sie sind, Kind. Ich bin erstaunt, daß Sie so grob empfinden. — Wenn ich ehrlich wäre« — fügte er in Gedanken hinzu — »müßte ich sagen: So, wie sie jetzt dasitzt, mit ihrem trotzigen, erschreckten Gesicht, gehört sie mit den Kindern um acht Uhr ins Bett — —.«

»Das hab’ ich davon,« dachte Eri zornbebend.

»Aber, Liebling, komm her. Süßes,« lachte Lore, richtete sich auf und streichelte den Trotzkopf. »Du bist ein Schäfchen. Glaubst du nicht, daß das alles … sehr viel schöner und reizvoller sein kann — sieh mal: du bist doch ein Mädel, Bubi, und der Mann, mein Mann …«

»Jeder wie er kann!« unterbrach sie Erika, der die Wut über ihre eigene Dummheit in der Kehle saß. Sie war weit entfernt von einer philiströsen Moral und Prüderie. Es mochte jeder mit sich ausmachen, wie er seine Nächte verleben wollte. — Aber da wollte sie nicht mehr mit. Sie begriff: sie war einer Abmachung zum Opfer gefallen, einer Abmachung ohne jedes Zartgefühl. Empört und beschämt zugleich sah sie erst jetzt, daß sie, ein gepflegtes, unverbrauchtes Mädel, einem anderen Geschöpf vorgezogen wurde — von etwas anderem konnte die Rede nicht sein.

»Bitte, laß mich jetzt gehen, Lore.«

»Warum bist du denn so böse, Bubi?« Sie schlang beide Arme um Eri, schmeichelte sich so herzlich an sie, daß es Eri fast leid tat, so heftig gewesen zu sein. Sie gab ihr einen Kuß, legte sie mit freundlicher Energie in die Kissen zurück, deckte sie zu und ging mit einem kurzen »gute Nacht« aus dem Zimmer.

Kaum schloß sich die Tür, richteten Lore und Ludwig sich auf und sahen sich an. Verdutzt. Sehr verdutzt.

»Nanu? Ich dachte …«

»Langweilig — bitte mach’ das Licht aus —.«

»Du bist natürlich schuld; es paßt ihr nicht, daß du da bist.«

»Entschuldige, wenn ich als Hausherr und Ehemann in meinem Schlafzimmer zu übernachten gedenke.«

»Du bist ekelhaft, Ludwig. Aber weißt du, das gefällt mir doch sehr an ihr.«

»Machst ja die Reise. Dann habt ihr eure süßen Geheimnisse für euch.«

»Pfui. Du bist gemein.« Lore warf sich auf die andere Seite, fuhr aber sofort wieder herum. »Paß auf, die geht nicht mit!«

»Dann läßt sie’s bleiben. Es gibt andere. Und — außerdem …«

Außerdem … natürlich.




Als die Türe, zu der der Oberregisseur sie liebenswürdig geleitet hatte, sich hinter Erika Felden schloß, spielte das grausame Lächeln noch immer auf seinem Gesicht. Es verließ ihn auch nicht, als er langsam in seinem eigentümlich leichten, eleganten Schritt durch das Zimmer ging, lautlos über den schweren Perser, und an seinem Schreibtisch Platz nahm. Er zündete sich eine neue Brasil an, lehnte sich behaglich zurück in den Lehnstuhl und vergegenwärtigte sich nochmals die Szene, die sich vor wenigen Minuten hier in seinem Bureau abgespielt hatte. Er war mit sich zufrieden.

Obgleich schon lange mit den laufenden Geschäften und der Lektüre des Tageblattes fertig, hatte er sich mit allerhand Unwichtigkeiten beschäftigt, nur um die Schauspielerin Felden, die er auf elf Uhr bestellt hatte, möglichst lange auf diese Audienz im Vorzimmer warten zu lassen. Er liebte es, die Mitglieder des Theaters, bei denen er einen entscheidenden Schachzug seiner erfahrenen, klugen Strategie gewinnen wollte, durch die ungewisse, peinliche und langweilige Stimmung des Antichambrierens mürbe zu machen. Er wußte, daß er damit den halben Weg gewann, daß sich die Betreffenden, die sich fast alle nicht durch übergroße Gewandtheit im Umgang mit dem gefürchteten Vorgesetzten auszeichneten, schneller übertölpeln ließen, wenn sie in der endlosen Zeit des Wartens vergessen hatten, was sie zu sagen gedachten.

Endlich ließ er Erika Felden bitten. Liebenswürdig sprang er auf, kam ihr entgegen, ein scharfer Blick schätzte auf ihrem Gesicht die Wirkung des Wartens ab und mit freundlichstem Entgegenkommen bat er, Platz zu nehmen.

»Rauchen Sie? Bitte.«

Erika lehnte dankend ab. — Das wird unangenehm —, dachte sie.

»Also, mein liebes Fräulein Felden,« begann der Oberregisseur nach einigen gesellschaftlichen Redensarten, »ich habe Sie im Auftrage der Direktion zu mir bitten müssen, um — so leid es uns allen tut — Ihnen eine bedauerliche Eröffnung zu machen. Ihr Vertrag, der mit dieser Saison abläuft …« Er machte eine Pause, während der er sich verbeugte, um ihr besser ins Gesicht sehen zu können.

»Wird nicht erneuert?« entfuhr es Erika.

»Wird — möglicherweise — nicht erneuert. So ist es.«

Aber warum? Was war geschehen? Eri war, als preßten eiskalte Hände die Gurgel zu. Blitzartig zogen ihr die vielen Abende der Saison durch den Schädel — sie war von Erfolg zu Erfolg gestiegen, nicht überwältigend, aufwühlend — aber doch sicher und zweifelsfrei, von Publikum und Kritik gehalten. Sie hatte sich in der Ordnung des Hauses und im Privatleben nicht das Geringste zuschulden kommen lassen; was also war der Grund, daß sie aus dem Verband ausgeschlossen werden sollte, den sie sehr liebte.

Verstört sah sie in das ernste Gesicht des Oberregisseurs, über das jetzt langsam wieder das Lächeln glitt, von dem sie nie wußte, ob sein Wohlwollen ein echtes, väterliches war oder ein raffinierter Deckmantel für eine Falle.

»So muß ich also …,« sie war kaum fähig zu sprechen, »Ihre Worte als Kündigung ansehen?«

»Eine Kündigung, mein Fräulein, würde die Direktion in anderer Weise übermitteln. Ihr Ausscheiden aus dem Personal begründet sich auf die Tatsache, daß wir in der kommenden Saison keine Beschäftigung für Sie haben. In künstlerischer Beziehung hat niemand das geringste gegen Sie einzuwenden, das brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Als vor einigen Tagen das Repertoire für die nächste Saison endgültig festgelegt wurde und demnach in Umrissen das Personal bestimmt, mußte das Regiekollegium leider Ihre Person als überzählig vermerken. Denn, das sehen Sie doch ein, Fräulein Felden, daß man wohl dann und wann einen Puck, Casimir und Paranis braucht, daß man aber wegen dieser drei Knabenrollen keine Schauspielerin fest engagieren kann.«

Eri horchte auf. »Sie haben das Repertoir festgelegt? Darf ich mir die Frage erlauben, was gespielt werden soll?«

»Außer den üblichen Klassikern, in denen Sie sowieso frei sind, einige Neueinstudierungen von Shakespeare, Wilde, Hauptmann, Sternheim und einigen Uraufführungen. Für Sie ist nichts drinnen.«

»Einen Moment, Herr Oberregisseur. Sie führten als meine Rollen lediglich den Puck oder den Pagen an — Sie engagieren niemanden fest für diese zwei oder drei Knabenrollen. Ja, glauben Sie denn, ein Mädel könnte zur Bühne gehen und es, bis zu der Ihrigen bringen, wenn, sie nur diese drei Knabenrollen aufzuweisen hätte? Ich erinnere, daß ich gerade dergleichen Rollen am wenigsten gespielt habe. Oder soll ich bereuen, daß ich den Puck spielte, weil mir jetzt aus seiner Darstellung ein Strick gedreht werden soll? Nehmen Sie mir’s nicht übel, Herr Oberregisseur, wenn ich Ihnen grad’ heraus sage: ich weiß, woher der Wind weht.«

Sie war aufgesprungen und ging im Zimmer auf und ab. Der weiche Teppich unter ihren Füßen hatte die bizarren, bunten Muster des Orients. Sein gelbbraunes Ornament zuckte wider in ihrem Hirn, ein schmutzig-trübes, sprunghaftes Spiegelbild; Wirrnis mengte Gedanken und Farben zu einem quälenden Chaos. Das war die ganze Zeit gegangen — immer in einer gewissen Entfernung, daß sie ihn nie überführen konnte, immer comme il faut, er, der korrekte, loyale Vorgesetzte, sie, die junge, hübsche Schauspielerin … Anspiegelungen, Scherze, Sticheleien — aber nun sein Trumpf, das unverkennbare: »Das hast du davon.«

»Gut, mein Kind, unterbrechen wir, den geschäftlichen Teil. Ich habe mir schon lang vorgenommen, mit Ihnen freundschaftlich zu reden. Ich habe Sie aufrichtig gern, Erika. Aber die ›Nuance‹, die Sie sich zugelegt haben, gereicht Ihnen nicht zum Vorteil. Nur in den Augen belangloser Menschen werden Sie interessant erscheinen, in denen der anderen aber unsympathisch.«

»Ich habe keine ›Nuancen‹, Herr Oberregisseur. Ich bin, wie ich bin.«

»Nicht? Oh, dann habe ich Sie — überschätzt. Dann haben die anderen Herren recht. Und der Grund, sie schwer beschäftigen zu können, wäre danach wirklich vorhanden. Sie können — wenn Sie ein Junge sein wollen — keine Mädchen spielen.«

»Sie verletzen mich!«

»Pardon. Das liegt mir fern. Ich sage nur, was ich denke.«

Eri lächelte müde. »Das merke ich. Ich kann gar nicht sagen, wieviel ich schon gelernt habe, den Menschen nachzusehen, wenn sie Dinge berühren, über die man nicht spricht. — Daß meine Art, mich zu kleiden — denn deswegen belieben Sie doch, den Jungen in mir zu sehen, Sie derart irritiert, ist lächerlich. Gut, ich trage mich englisch, sportlich, aber gewiß nicht wie ein Mannweib! — Und selbst wenn Sie wissen, ich ziehe die Gesellschaft von Frauen der der Männer vor, so möchte ich Sie fragen, Herr Oberregisseur: was haben diese Privatangelegenheiten mit der Leistung oben auf der Bühne zwischen acht und zehn Uhr abends zu tun? Oder sprechen Sie mir dort Anmut, Leichtigkeit und gute Kinderstube ab?«

»Nein.« Er war aufgestanden und neben sie getreten.

»Oder glauben Sie — daß ich — die ich mich Ihrer Ansicht entgegen, durch und durch als Mädchen fühle — weniger weich und innig den Zauber Shakespearescher Mädchengestalten empfinden und wiedergeben kann als die anderen?«

»Sie sprechen nahezu die Worte, die ich den Herren zu bedenken gab. Sie sind gewiß ein reizender, wilder Puck, aber Sie würden das charmanteste Mädchen sein, wenn Sie es wirklich — wären.«

Er hatte den linken Arm um ihre Schulter gelegt und sie leise an sich gezogen. In Eris Schläfen begann es zu hämmern. Das war der Moment, wo sie hilfloser, ungeschickter war als jedes Kind. Was sollte sie tun? Einen Augenblick flammte es in ihr auf: Sei klug, Kind, spiel’ Komödie … denk, denk an deine Karriere! … Aber als sie die Augen hob und den gemeißelten, geistreichen Kopf des Mannes über sich gebeugt sah, zu dem sie keinerlei Beziehung fühlte, auch jetzt nicht, wo eine unbedingt werbende Herzlichkeit in seinen Zügen stand, zerbrach ihr jeder Wille zur Klugheit wie Glas unter den Händen.

»Nein!« stieß sie heraus.

Er überwand jedoch lächelnd ihren Widerstand, hob ihren Kopf und küßte sie. »So ein, so ein böser Mann …« sprach er mit ihr, als ob sie ein Kind sei, »wenn du nur sehen wolltest, dummes Mädel du, wie lieb dich so ein Mann haben würde …«

Er sprach noch eine Weile so fort. Eri hörte kein Wort. Sie zermarterte sich nur den Kopf, warum sie nicht auch wie andere Frauen ohne sich etwas vergeben zu müssen, für die Männer empfinden konnte, daß ihr diese Quälerei erspart bliebe.

Sie hatte die Hände niederfallen lassen und wehrte sich nicht mehr. Sofort gab er sie frei. Zurücktretend verbeugte er sich leicht: »Gnädiges Fräulein haben die Entscheidung selbst in der Hand. Es wird mir bestimmt gelingen, die Ansicht der Direktion umzustimmen, ohne im geringsten die Delikatesse zu verletzen.« Er küßte ihr die Hand und geleitete sie zur Tür.

Noch als diese sich hinter dem jungen Mädchen geschlossen hatte, spielte das Lächeln auf seinen Zügen und verließ ihn nicht, als er lautlos über den Teppich zu seinem Schreibtisch geschritten war, um sich eine neue Zigarre anzuzünden.




Erika Felden wußte selbst nicht, wie lange sie schon in der Diele saß. Den Kopf in die Arme gestützt, hockte sie anteilnahmslos und ohne Gedanken. Frauen und Mädchen an ihrem Tisch waren aufgestanden, hatten gegrüßt, waren gegangen, andere kamen, die Kellner servierten Kaffee, Bier und Liköre, der Trubel des Tanzes schwirrte vorüber — Erika regte sich nicht.

Jetzt fuhr sie zusammen. Quer über den Tisch schob sich ein Arm zu ihr hin. Auf der geschlossenen Faust lag ein geöffnetes Pulverpapier.

»Nehmen Sie. Schnell. Es ist wenig, aber es genügt.«

»Verzeihen Sie, aber ich weiß nicht, was das ist.«

»Was soll’s sein. Koks. Nehmen Sie schnell, ’s ist ja furchtbar, was für ein Jammergesicht Sie machen.«

Am Nebentisch wurde mit Gepolter ein Stuhl umgeworfen. Durcheinanderrufende Stimmen, Gelächter. Ein Mädel, das Gesicht von brennender Eifersucht verzogen, wurde von den anderen zurückgehalten.

»Soll bei der Grete bleiben Bei mir ist er erledigt! Ich will’s nicht.« Ihre Augen verfolgten ein hübsches, schlankes Mädchen, das, angezogen wie ein Knabe, sorglos und heiter mit der Grete vorbeitanzte. Einen Augenblick schien es, als ob sie sich auf die beiden stürzen wollte. Aber sie wankte leicht und hielt sich an der Tischkante fest.

»Peter,« bettelte sie, hilflos, traurig wie ein Kind. Die Tanzenden hörten nichts.

»Stellt ihr das Glas weg! Und jetzt bleibst du sitzen und benimmst dich anständig!«

»Nehmen Sie nicht?« fragte Gerda Hellinger, auf das Pulver weisend.

»Nein, danke!« Eri nahm die Ellbogen vom Tisch.

»Wie kommen Sie eigentlich hierher?«

Ein wenig hilflos sah Eri ihr Gegenüber an. Ja, wie kam sie eigentlich hierher?

»Sie werden doch wissen, wer Sie hierher gebracht hat?«

»Das schon … aber es ist ganz anders, als ich dachte.«

»Ich weiß schon. Sie sind natürlich von ein paar Männern mitgenommen worden zu Ihrem Amüsement. Und sind enttäuscht, daß es hier so anständig zugeht und Sie nischt zu sehen kriegen.«

»Erlauben Sie …«

»Nee, nee. Mach’ keen Schmus! Die Dielen im Westen werden demnächst in ’n Zoo eingegittert. Neben den Affenkäfig. Haha!«

Sie lachte hart und kurz. Angewidert rückte Eri ihren Stuhl herum und sah in den Saal. Scharfer Zigarettenrauch biß in die Augen. Ein unheimliches Gewühl von Tanzenden drehte und schob sich unter den Girlanden durch, die dem heutigen Abend den Namen »Strandfest« eintragen sollten. Da und dort steckte ein buntes Fähnchen. Die Inhaberinnen dieser Tische waren sommerlich angezogen, Mädels in weißen Sporthemden, Tennishosen oder Breeches vervollkommneten die Illusion.

Grelle Musik, Klavier und Geige, unterstützt von einer Trompete, zerhackte die Gehirne. Entlockte selbst den Unmusikalischsten ein Aufheulen. Aber das schadete nicht. Es steigerte die Lustigkeit, feuerte die Tanzenden an. Übermütig, scherzhaft verrenkt, schoben sie sich durch die bunte Menge. Nur Mädels tanzten. In der Mitte stand eine große, breite, sehr männliche Frau, die mit scharfen Augen die Vorgänge beobachtete.

»Nee, Männeken,« wehrte sie einem Herrn, der sich unter die Tanzenden mischen wollte, »für Sie ist hier kein Pflaster!«

»Erlauben Sie mal!! Ich kann hier ebensogut tanzen, wie Sie!«

»Ausjeschlossen! Bei uns müssen Sie sich erst mal ausrasieren lassen. Männer haben hier zu kuschen. Verstehen Sie?«

Lachend wurde er von den anderen mit seiner Dame an den Tisch zurückgedrängt.

»Warum darf er nicht mittanzen?« fragte Eri die Frau an ihrem Tisch.

»In einem normalen Tanzlokal würde es heißen, es sei Damenwahl. Jetzt tanzen die Mädchen mit ihren Freundinnen, die wie die Buben angezogen sind. Oder, um in der hier gebräuchlichen Sprache zu reden: die Muttis mit den Vatis.«

Erika verzog das Gesicht. Gerda Hellinger lachte. »So ähnlich dacht’ ich auch mal. Schön ist es hier nicht. Herzlich derb, aber — nicht schlecht.«

Eri sah ihr offen ins Gesicht. Diese Frau hatte etwas unbedingt Faszinierendes. Sie mußte einmal sehr schön gewesen sein. Ihr Gesichtsschnitt war edel, rassig, intelligent. Aber ihre Wangen waren schlaff, der Mund verbittert. Die Augen von verwaschenem Blau so seltsam ausgelöscht; ihre Kleidung war einfach. Sie schien sich eine strenge, männliche Note geben zu wollen, ihre Gleichgültigkeit ließ sie jedoch nicht ganz dazu kommen. Eine seltsame Zerstörung lag über der ganzen Gestalt, etwas Undefinierbares, was Eri noch nie an einem Menschen gekannt hatte, Kokain — dachte sie.

»Jetzt sehen Sie ganz anders aus als vorhin,« sagte Eri. »Ihre Art, zu reden, ist mir fremd. Ich bin ungeschickt. Aber Sie verstehen, ich fühle mich nicht gerade wohl hier.«

»Das kommt noch —,« antwortete die andere ruhig.

»Um Gottes willen,« entfuhr es Eri.

»Eben. Eben! Es scheint wirklich Gottes Willen zu sein. Keines Geringeren als Gottes Willen. Prost!«

Sie stürzte ein Glas Kognak herunter. Wieder rückte Eri befremdet zur Seite. Als sie aber sah, welch schmerzliche Heftigkeit im Gesicht der anderen aufbrannte, sprang sie erschreckt auf.

»Was ist Ihnen? Habe ich etwas gesagt … Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?«

Statt einer Antwort hatte Gerda Hellinger Eris Hand ergriffen. Schmal und weiß lag sie in den schlanken, müden Händen der Frau, die sich tief darüber beugte. Eri löste sich hastig von ihr.

»Ach,« lachte Gerda müde, »hier schaut keiner auf den anderen. Es fände niemand etwas dabei.«

Eri sah sich um. Nein. Es achtete niemand auf die beiden. Wenige Schritte glitten die Tanzenden vorüber, eine lebendige, achtlose, freundliche Mauer. Die Musik, das Lachen verschlang jedes Wort.

»Vielleicht fühlt man sich doch wohl hier … zum mindesten sicherer,« dachte Eri. Das Gefühl einer schweren Zukunft unter den andern, die ihr fremdgeartet waren, würgte ihr die Kehle. Aber vor Grauen schloß sie die Augen. Hier … Sie und Ruth gehörten irgendwie hierher … meinte diese Frau, daß es Gottes Wille war, so elend zu werden, daß man sich hier geborgen fühlte?– Wortlos setzte sich Eri auf ihren Stuhl.

»Hören Sie zu, Kind. Als ich Sie da mit Ihrem Gesicht sitzen sah, dachte ich: gib ihr mal ein wenig Koks; wird keinen haben. Sie müssen nicht bös sein. Anfänglich meinte ich, Sie wollten sich den Betrieb hier ansehen. Die ganzen Leute — es gibt nichts Taktloseres als die sogenannten Gebildeten — haben ja ihren Spaß daran, uns anzuglotzen. Sie sind fremd hier, das weiß jeder. Also gibt es nur: Neugierde oder– — und sehen Sie, da tut mir das Herz weh — wieder eine von denen, die sie draußen abgesplittert haben oder absplittern werden. — Uns geht’s wie den Diamantsplittern in der Schleiferei. Wir werden, trotzdem wir edel sind, vom Ganzen abgesplittert, just nur, weil man dem Urstein seinen Schliff geben will, just weil er so und so aussehen muß, und so schneiden Begriffe und Gesetze Gleiches von Gleichem. Nur daß die Menschen die Diamantsplitter sammeln und sie in anderer Weise fassen und verwerten, uns hingegen systematisch kaput treten. — Es hat gar keinen Zweck, Ihnen zu sagen: Meiden Sie diese trostlose Diele, meiden Sie diese Menschen, von denen Sie heute noch alles unterscheidet. Sie werden von allein draußen durch eine Mühle getrieben, immer weiter abgestoßen … bis Sie eben wieder hierher kommen. — Aber als ich Sie vorhin da sitzen sah — Sie leuchteten in Ihrer Jugend und Reinheit aus der Menge heraus — packte mich eine teuflische Lust. Heute werden Sie mich kaum verstehen. Vielleicht bin ich eine Verbrecherin gegen das Leben. Das Leben ist eine Bestie, der wir zum behaglichen, langsamen Fraß ausgeliefert sind. Ich gönne ihm die Freude nicht; wenn ich so ein Geschöpf sehe wie Sie, möchte ich ihm seine langsame Gefräßigkeit vereiteln. Deshalb, verstehen Sie, gab ich Ihnen Kokain. Daß es schneller geht. Und Sie, Sie sollen dafür leben wie Sie wollen. Königlich Sie sollen ein süßes, tolles Laster haben. Was brauchen Sie die Wahrheit — ich wette, sie ist nicht glücklich. — Verbrauchen Sie sich an den süßesten Phantasien. Verbraucht werden Sie doch, aber von einem Leben, das so elend ist, daß Sie sich wundern werden.«

»Ich bitte, vor mir mit derartigen Ratschlägen zurückzuhalten. Wenn ich nicht spüren würde, daß hinter Ihren Worten ein wirkliches Schicksal stünde, hätte ich jede Achtung vor Ihnen verloren.«

Gerda Hellinger lächelte. »Aber, Mädel, schwatz doch nicht so dumm daher. Wenn du das willst, hast auch du die Achtung der anderen verloren. Weil du zu denen da —,« sie deutete in den Saal —, »gehörst. Damit fängt die Geschichte erst mal an. Sie weigern dir die Achtung. Hast du es nicht tausendmal an dir erfahren müssen? Im Beruf. Im gesellschaftlichen Leben. In der Familie. Mußt du nicht, um in den Augen der anderen ebenbürtig zu sein, Deine Art verschweigen, verheimlichen, mußt du nicht deine Liebe, dein ganzes Daseinsgesicht verbergen — nur weil sie dich nicht für voll ansehen? Und wer, meinst du, reicht dir von denen, die sich in ihrem Hochmut, in ihrer Dreistigkeit jeden Hohn, jeden Witz mit dir erlauben, wer reicht dir das Wasser? Und wenn ich von meinem Leben heute so genug habe, daß eben dieses meine letzte Fasson ist, selig zu werden, so hat kein Mensch mich zu korrigieren, solang ich ihn nicht um Rat oder Beistand bat, und keiner meine Handlung zu verachten.«

»Aber Sie dürfen nie und nimmer junge Menschen zu dem verleiten, was erst heute nach allen Kämpfen für Sie zum Ausweg geworden ist. Sie werden Ihre Handlung mit Ihrem Leben begründen und rechtfertigen. Und wenn Sie sich nicht zu rechtfertigen belieben, so geht auch das keinen was an. Mich aber würden Sie zu einer Lüge verleiten, denn meine Art will nun einmal die Dinge nicht umgehen, sondern durchkämpfen; die Angst vor Haß und Spott der anderen, soll mich nicht zur Unehrlichkeit gegen mich selber bringen.«

»Sie sind töricht. Ihr Bekennermut, Ihre Aufrichtigkeit wird nicht gewürdigt, nur verlacht.«

»Meine Aufrichtigkeit, mein Mut — vielleicht. Wer bin ich? Eine, nicht wahr. Eine von sehr vielen.«

»Sie zählen auf die anderen? Von mir aus. Wenn Sie nur selbst bei der Fahne bleiben. — Als ich so alt war wie Sie, meinte ich auch: Gerade stehen oder sterben. An die anderen denken Sich die Knochen zusammenschlagen lassen wie Soldaten und Märtyrer. Pflicht!! Moralische Genugtuung. Blödsinn!«

»Jeder Schritt der Menschheit hat Opfer gekostet. Einer allein ist es nie gewesen und doch war es nur der Einzelne …«

»Aber, liebes Kind, wissen Sie denn, für wen Sie da Ihr Leben, Ihre Karriere ins Zeug werfen. Die Schreier unter uns stützen sich auf ein paar Auserwählte. Auf Shakespeare, Voltaire, Friedrich den Großen und Wilde. Aber die lebende Gesellschaft, die sich kostbar dünkt … pfui Deibel.«

»Nennen Sie dieses die lebende Gesellschaft?«

Gerda Hellinger zuckte die Achseln. »Oder gefallen Ihnen die anderen besser, die aus Angst, aus Klugheit, aus Berechnung die Geliebte verleugnen, in deren Armen sie heute nacht gelegen haben. Soll ich Ihnen vielleicht schnell ein paar Szenchen zum besten geben, daß sie Ihre romantischen Ideen rechtzeitig los werden?«

»Das dürften Privatangelegenheiten sein. Charakterlose oder völlig haltlose Menschen findet man gewöhnlich dort am meisten, wo die Lebensbedingungen traurige sind. Wenn heute alle diese Menschen wüßten, daß sie wie jeder andere einfach ohne Heimlichkeit und Verbitterung lieben und leben dürften, wäre grenzenlos viel Kummer aus der Welt geschafft Wenn kluge, vornehme Frauen, Frauen von Stand, Bildung und Lebensart, endlich den Mut hätten, ihre Liebe zu bekennen, wie sich die ›freie‹ Frau bekennt, so muß es anders werden. Von diesen geistig hochstehenden Menschen muß und wird auch der rechte Ton gefunden werden, daß man in der bürgerlichen Gesellschaft in Frieden und Hochachtung leben kann. Aber wir verlangen immer von den andern, immer von den andern, daß sie uns schätzen und sehen sollen als die, die wir sein — könnten. Ich halte es für notwendiger, daß wir an uns arbeiten; daß wir geistiger, verläßlicher und in jeder Weise vornehmer werden. Dann fällt all das Traurige, all die Geringschätzung der andern von selber fort. Wenn man das sieht …« Eri blickte in den Saal — »möchte man sich schämen. — Und doch ging man hierher …« — fügte sie kopfschüttelnd hinzu.

Gerda Hellinger hatte sich zurückgelehnt und die Augen geschlossen. »Es ist schön, zu fühlen, wie ein Mensch lebt. Sie sind jung wie ein Baum, in dem der Lebenssaft steigt … man muß Sie wachsen lassen, das ist doch das Allerschönste. — Und Sie haben recht! Es paßt keine Ansicht auf eines anderen Menschen Leben. Ob man nun eine Schwäche, ein Laster — das ist ein Unterschied — oder einen Glauben hat, die Hauptsache ist, daß man in seinem Fache kein Dilettant bleibt.«

Ein gellender Trompetenstoß zerriß das Gespräch. Die Festordnerin stand auf dem leeren Tanzplatz. »Antreten die Paare zum Wäschetanz.« Ein Höllenlärm brach los — Beifallsrufen, Gelächter, Kreischen.

Erika stand auf und gab Gerda Hellinger die Hand zum Abschied. »Gute Nacht — ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe.«




Müde Dämmerung lag über den Feldern. Die Wege verliefen sich fern in den grau-blauen Wiesen.

Nirgends sind die Abende schweigsamer, nirgends verschlossener als in der Mark.

Irgendwo ein kleiner Teich. Ein Weg, eine alte Weide. Und Himmel. Das tat gut. Und schwarze Wälder, die über den Halbkreis zu wachsen schienen. Oder war es die Nacht?

Eri schritt in die Dämmerung hinein … »Langsam, langsam, bis in die Mitternacht — Herz — wie einer, der stirbt. Der gestorben ist, wird ins Grab gelegt. Nicht eher wird er auferstehen, bis er sich ganz gegeben. Nicht eher wird er nebelfein und zart, nicht eher schmiegsam werden, um die Dinge jenseits zu erfahren, an die er gegeben werden soll. — Die fremden, lauten Wege, die ich ging. So tief die Not. So arm das Herz. Und taumelte hinein in Gelächter und Streit … was soll von dort kommen, wo der Tag so ohne Klang. In Nächten war ich wie blind … ich hatte dein Angesicht verloren, Ruth. Hab soviel geweint, daß die Tränen es genommen haben. So lief ich.

Ohne zu wissen, wie dein geliebtes Antlitz ist … lief ich in die Menschen hinein … Erde! Boden! Boden, auf dem ich stehe … halte mich! Da bin ich! Meine Arme breite ich weit: da bin ich. Nimm mich, du dort über der Welt! Gib mir den Weg! — Mir ist, als stürbe mein Herz. Es bricht in wilde, heiße Tränen — denn ich bin ja lebendig! Das ist mein Leib — Gott — das ist mein Herz! — Oh, daß ich mich spüre, zum erstenmal seit soviel Wirrwarr, soviel Fremdem. Gib mir Not, Not, Not! Ich muß dich im Abgrund meiner Seele finden, dich, der mir die Gnade weigert.«

Über die Heide ging der Wind. Eri hatte die Augen geschlossen. Langsam, leise tastete, fühlte sie sich über den schmalen Pfad am Waldsaum hin. Boden schien von den Sohlen bis ins Herz zu dringen. Das war die Erde … lebendige Erde brannte Bewußtsein ins Blut. Das tat not. Ihre Hände tasteten im blinden Schreiten über zartes, leises Gras, das hoch am Wege stand. — —

Sie stand in Wien in der fremden Straße. Erst war sie an einem Wasser entlang gegangen, das träge floß und sehr dunkel war. In der frühen Abendstunde lagen die Häuser der Altstadt am anderen Ufer, als wären sie in Pastell gemalt. Weich und ungewiß liefen die Farben ineinander. Ein später Strahl dunkelgoldener Sonne zitterte über dem Wasser, daß ein Licht darüber lag wie ein gelbes Band auf schwarzem Grund.

Das dauerte gerade noch ein paar Minuten, dann erblindete das Licht und die Ferne. Von der großen Querstraße blitzten kalte, nüchterne Straßenlaternen herüber.

Zwei, drei Stunden war Erika durch die Straßen gelaufen. — Die harten Häuser quälten sie, reckten sich hoch und unbewegt — der Strom von Menschen preßte sie an steinerne Dämme. Rücksichtslos. Spielerische Willkür des Dahinschreitens war in Zwang gegossen, rechts und links, hinauf, hinab — Das Entgegenkommende drang durch die Augen ins Gehirn. Reklamehelle zuckte grell und weh — Das Entgleitende zog rückwärts hin, die Menschen schrien über Massen, über Lärm und Pferde.

Beim Eintritt der Dämmerung ging sie zum Theater, um Ruths Adresse zu erfragen. Es war nicht weit zu gehen. Sie ließ sich den Weg beschreiben, ging dorthin, wo die Straße anfing, und sah, ohne zu wissen, welches Haus die Nummer zehn haben könnte, die Häuserzeilen entlang.

Ein Mann ging an ihr vorbei. Sah sich nach ihr um. Eri stand unschlüssig still. Bleischwer hingen die Arme an ihrem Körper.

»Ruth weiß nichts von mir … Nichts …«

Sie ging zurück. Wenn es ihre Kraft zugelassen hätte, sie wäre umgekehrt.

»Diese Straße … Diese Steine in ihrer Straße … ärmer ist man als so ein Stein …« Sie lehnt an einem Pfeiler, bis es kalt und dunkel war, dann wagte sie sich in die kleine Straße.

Nr. 10.

Einfach Nr. 10. Sattlergasse Nr. 10.

Es kam jemand. Erika durchschlug es. »Das ist sie!! « Das mußte sie sein.

Sie lief wie gehetzt ins Dunkle. Die paar Laternen waren nicht hell. Die Schritte waren leicht und schnell. Eri wandte sich nicht um. Urplötzlich war es still. Kein Mensch mehr zu sehen. Sie sprang zurück und spähte, ob im Hause Nr. 10 ein Licht angehen würde. Nirgend. Die Fenster waren alle gähnend schwarz in dem hohen Hause. »Jetzt ist sie da … Nun kann ich ja hinauf.«

So einfach das klingt, so einfach tat sie es auch. Alle Not war fort. Sie ging heim. Sie ging dorthin, wohin sie gehörte — was weiter?

Sie zog eine Klingel ohne jedes Zögern und stand aufrecht vor dem Rahmen einer Tür.

»Reizende Bescherung …«

Das sagte eine Stimme und dann klappte noch eine Tür. Die Schritte blieben vor dem Eingang stehen. Ein Schlüssel? Nein — die Sicherheitskette.

Die Tür ging auf.

Sie standen sich gegenüber.

Eine wußte von der anderen, daß sie kommen mußte. Aber Ruths Antlitz huschte kaum ein Staunen. Sie sagte ganz einfach: »Eri — bist du endlich da?«

»Ja– ich bin da.«

Sie gaben einander die Hand und alles war gut. Wenige Sekunden später gewann Ruths burschikoses Wesen die Oberhand.

»Nun steh’ nicht da — komm ’rein, Eri.«

Es war stockdunkel. Aus einer Tür, auf die Ruth zuschritt, drang schwacher Lichtschimmer.

»’nen feinen Tag hast du dir ausgesucht. Eben habe ich den Strumpf vom Gasglühlicht kaput gemacht und nun hock’ ich mit meinem ganzen Talent im Dunkeln.«

»Oh, das kann jeder sagen!« lachte Eri. Wie einfach war es, daß sie da war, so gar nichts Besonderes; sie war in den Tag eingefügt mit aller Selbstverständlichkeit.

»Aber du siehst wenigstens nicht, wie armselig die Bude deiner weit weniger berühmten Kollegin ist.«

»Ruth? Du weißt, daß ich bei der Bühne bin!«

»Du bist genau so dumm wie früher, Erilein. Du kannst dir nie etwas denken.«

Einen Augenblick sahen sie sich in die Augen …

Nur einen Augenblick lang in ihre strahlenden Augen. Hastig wandte sich Eri gegen das Zimmer hin. »Weiß nicht, was du willst? Hier ist es so lieb.«

»Nun mach’ dich lustig, ja. Gefälligst. Komm, nimm den Mantel ab und setz’ dich her.«

Sie drückte Eri in einen Lehnstuhl, hinter einem runden Tisch, steckte zur Feier des Tages noch einen Kerzenstummel an und setzte sich zu ihr.

Noch bevor Eri sich des kurzen Schweigens bewußt geworden war, hatte Ruth angefangen zu sprechen. Sie empfand in der Stille eine Gefahr, der sie vorbeugen wollte. Sie sprach in einer Art, die Eri nicht kannte. Mit beißendem Spott, zeitweise von wirklicher Komik getragen, erzählte sie von ihrem Leben, ihrer Arbeit, ihren Zukunftsplänen. Heftig. Unduldsam. Wie, um das jetzt Naheliegende, Notwendige nicht aufkommen zu lassen. Sie sprach von sich, um Eri vorzutäuschen, daß sie ihr Wesentliches erzähle, in Wahrheit aber versuchte sie, sie von sich abzulenken.

Aber es gab nur eines zwischen den beiden. Nichts anderes … Das Gespräch fand keinen rechten Halt. Es zerfiel. Fast ohne es zu merken, hatte Ruth aufgehört zu sprechen.

Eri sah vor sich hin. Sie hätte nie sagen können, was sie gedacht, was sie empfunden hatte. Das Leben hinter ihr war zugefallen wie eine Tür. Hart ins Schloß. Vor ihr … was lag vor ihr? Sie sah Ruth nicht einmal an. — Da aber stieg das Verlangen, sie anzusehen, ins Uferlose, und sie wußte, daß die Bitte um ein Bild, das sie nicht einmal besaß, das Allernotwendigste war. Leise bat sie darum.

Ruth brachte einen kleinen Holzkasten, den sie auf den Tisch umstürzte. »Daß du nicht sagst, ich wollte nicht. Schau selbst nach.«

Wie Ruth sagte: kein Bild war unter allen, das Eri etwas bedeuten konnte. Sie waren ihr fremd. Bis eines kam. Eri erblaßte. — Ruth nahm es auf, es war nur ein Amateurbildchen.

»So war ich damals.«

Jetzt war es ausgesprochen. Damals …

Das Zimmer wurde dunkler. Das Schweigen kroch von den Wänden herunter über zwei, die sich ängstigten. Der grenzenlose Jammer ihrer Liebe lag auf ihnen. Beide neigten ihre Köpfe tief wie unter einer Last …

Tränen tropften auf das Bild. Mit einer Bewegung, weher als ein Schrei, streckte Eri Ruth das Bild hin.

»Ich kann nicht …«

Da war es wieder, das wilde, verzweifelte Nicht-verstehen-Können, warum Ruth sie verlassen hatte.

Aber sie war ja bei ihr … sie träumte es nicht.

Sie sah, daß sie bei ihr war … Ein heißer Jubel durchzitterte sie, und um begreifen, körperlich bewußt zu begreifen, ging sie im Zimmer auf und ab. Am Fenster blieb sie stehen. Ein Wagen rasselte durch die Nacht. Umbellt von einem Hunde. Wie schön der Lärm. Lebendig. Wahr.

Ruth folgte ihr mit den Augen. »Eri, daß du da bist —,« dachte sie. — »Du bist wie damals, dein Kindergesicht, dein Bubengesicht, das trotzige! Aber deine Augen — Eri … komm her.« Ihre Stimme war voll Angst. »Komm ganz nah zu mir. Warte, du mußt dich niederlegen und den Kopf in meinen Schoß, ja?«

Eri schloß die Augen. Ruths Hand aber glitt leise, traumhaft wieder und immer wieder über ihr Haar, über ihre Wangen … unendlich in ihrer Weichheit und Milde, erlösend und still …

Das Weinen kam und ging vorbei.

Ruth beugte sich über sie. Sie spürten die keusche Berührung ihrer Körper. — Ruth zog sie eng zu sich hin, wortlos barg Eri ihr heißes, wunschloses Antlitz an ihrem Herzen. Tiefer und tiefer beugte sich Ruth; ihr Haar, ihre Stirnen streiften sich, blieben schwebend und zitterten … und sie sahen sich in die Augen, in die lebendig gewordene Qual und Seligkeit einer Liebe ohne alles Maß und Ziel — in eine schimmernde, uferlose Welt, in die Heiligkeit Gottes.

Der Kuß, der eine Ewigkeit wie ein Hauch auf beider totenstillen Lippen lag, war keusch wie ihre Herzen.

Dann geschah das Unbegreifliche: kaum hörbar, noch über ihrem Munde schwebend, flüsterte Ruth die Worte: »Jetzt fährst du nach Hause …«

Und später dann, als ob das ganz einfach wäre: »Der Zug fährt um halb elf.«

Das verstand Eri nicht. Aber als sie zu verstehen anfing, lachte sie schneidend auf. »So? Um halb elf? … Dafür also hab’ ich wie eine Irre geschuftet — monatelang —, daß ich jetzt sofort nach Hause soll?«

Erschrocken sah Ruth sie an.

»Ja Entschuldige, wenn ich — wenn ich vom Gelde rede, — spaßig, daß mir nichts anderes einfällt! — Aber etwas muß doch von Wert sein … Denn das Herz eines Menschen … Aber ich fahre nicht, heute nicht!«

Ruth schwieg. Sie war blaß und müde. So müde.

»Gottverfluchte Quälerei.« Eri wußte genau, daß das Heimfahren das Schwerste bedeutete. Daß ihr Berlin unerträglich, daß ihr Zimmer wie vergiftet war. Daß von allen Wänden, aus allen Winkeln, von jedem Gegenstand ihre Schmerzen herunterschreien und gleich Zähnen in sie einschlagen würden. Sie konnte es nicht wollen … flehend sah sie zu Ruth. Diese zuckte nur die Achseln, wandte sich ab, aber sagte nichts mehr vom Wegfahren.

Eri setzte sich wieder zu ihr. Mit Ruth war eine Veränderung vorgegangen. Ruhe und Sicherheit hatten sie verlassen. Plötzlich legte sie ihren Arm um Eri, Angst und Unentschlossenheit stand auf ihrem Gesicht. Eri wartete, bis sie von selbst anfangen würde, zu sprechen.

»Was würdest du sagen, wenn ich heirate?«

»Wenn …« Eri verstand nicht.

Nach einer Zeit meinte Ruth: »Ja, man will mich verheiraten …«

»Man will … dich … Und du?«

»Ich — ich will nicht.«

»Dann ist es doch gut.«

Plötzlich schluchzte Eri auf. Sie war am Ende. Sie lief in das Zimmer hinein, das ihr noch eben der liebste Himmel auf Erden schien …

Ruth saß reglos wie ein Stein. Kein einziges lebendes Zeichen zuckte in ihrem Gesicht und verriet Eri die Verzweiflung ihres Herzens. Ihre Gedanken rissen an ihr, diese tausendmal gedachten, hilflosen Gedanken Schreien! … Aufschreien können!! Mit Fäusten schlagen! Sich selbst mit Fäusten schlagen … sie war so feige. So elend feige. Die Feigheit saß ihr im Blut. Rettungslos im Blut. Wie sollte sie … oh, diese unselige, süße Liebe im Herzen … was wußte denn Eri — — dieses Kind, nach dem sie die Nächte durchweinte, das sie peinigte, das sie preisgab, um sich zu retten, zu sichern vor der Welt voller Spott und Überhebung, voller Lachbegierde, vor der Welt, die sie so fürchtete … Damals hatte es das Herz, das Blut erzwungen. Sie erlebte, ja, ja. Tausendmal ja. Aber dann war das Entsetzen gekommen … nicht vor sich selbst, wie sollte sie sich entsetzen, daß sie ein Mädel wie Eri, ihre liebe, süße, kleine Eri mit dem reinen Kinderherzen voller Glauben und Wahrhaftigkeit, wie sollte sie sich entsetzen, daß sie sie geküßt und umfangen hatte — — nein, die Angst vor den Menschen, von denen sie jetzt mehr um eine Lebensspanne weit geschleudert war, mit denen sie plötzlich nichts mehr verband, weil ein neuer, urfremder Ton sie aufgerissen und fortgetragen hatte!

Oh, himmelhelles Erleben … Aber es hätte leiden geheißen. Durchhalten. Gerade bleiben. Fertig werden mit sich und den Menschen … Vielleicht mit Gott. Es galt treu zu sein Treu einem heißen, traumverlorenen Lieben, das die Menschen verlachen …

Den Menschen einen Schlag ins Gesicht: schützen sollte sie ihre Liebe und Eri! Schützen mit der ganzen Aufrichtigkeit ihres Lebens.

Aber sie konnte es nicht. Sie konnte nicht allein gegen eine ganze Welt … Sich selbst zum ärgsten Feind in ihrem Unvermögen, auch nur einen Schritt außer dem Gleichmaß aller zu tun. Einem Tröpfchen Salzwasser gleich, war sie aus den Wogen aufgeworfen worden, um einen funkelnden Flug hoch gegen den Himmel zu tun. Erschrocken vor dem Licht, der Schönheit und dem Wunder, hatte sie sich wieder zurückgeworfen in die ewig eine Meereswoge der Menschheit, nur um nicht gesondert zu stehen. Einen, der anders geartet ist, beißt diese Menschheit hinaus wie eine Tierrasse das fremdgeartete Junge. Wie sie peinigen, hacken, beißen, hatte sie bis zum Herzzerreißen erfahren. Jeden und jeden Tag.

Sie hatte kapituliert. Jawohl, kapituliert. Sie wußte, was sie an Eri tat … Aber sie blieb feig. Darin allein sah sie für sich selbst den Ausweg: sie flüchtete sich zu dem ersten besten Manne, der ein liebes Wort für sie hatte, — warf sich mit Gewalt auf den Weg der Natur und klammerte sich daran zu heiraten, Kinder zu bekommen, Frau und Mutter zu sein und von dieser Irrfahrt nichts mehr zu wissen, nicht einmal mehr zu ahnen. Eher teilte sie das unsichere Leben eines armen Schauspielers, als — so schien es ihr — die Kraft aufbringen zu können, die Konsequenzen ihrer Liebe zu tragen.

Eri wußte das alles in ihrem Herzen. Daß sie jetzt durch ihr Zurückkommen in Ruth alle Not wieder aufbrechen sah, erfüllte sie mit namenloser Pein. Von sich selber wußte sie nichts mehr.

Schneeweiß gegen die nachtschwarzen Scheiben gelehnt, stand sie am Fenster. Ihre Hand umklammerte die Klinke … wie eine Ertrinkende hing sie da. Die weißen Fensterbalken über ihr wuchsen unbarmherzig und grell im flackernden Licht der Kerzen zum Kreuz. Ruth hockte hinter dem Tisch. Wahrheit … Wahrheit Mit tausend Schwüren und Tränen vernagelt … immer würde sie wieder aufbrechen, immer wieder ein geliebtes Antlitz tragen … Sie gehörte Eri — sonst niemandem. — Ihre Arme streckten sich langsam, langsam über die Tischplatte hinüber, ihre Hände bettelten zu Eri hin, die mit festgeschlossenen Augen, bleich, am Fenster lehnte.

»Ich Narr,« schluchzte es in Ruths Seele, »ich Narr, der ich klüger sein wollte, stärker als der Gott in mir! Der ich mich den Menschen voller Verzweiflung anvertrauen wollte, daß sie mich führen. — Nur das eine ist! Das strahlende, das göttliche, fliegende Ja! Das fragt nicht nach Begriffen Es fragt nicht einmal nach Göttern und Gestirnen … Es überjubelt das Lebendige und wirft es in seinen strahlenden Bogen, dem Urzwang der Liebe, nach seiner Willkür, nach seiner verwegenen Laune, und will, daß es wahr sei

Mir wurdest du zugeworfen, Geliebte. Du — mit deinen schlanken, weißen Gliedern; Mädchen du, kostbares, verwirrendes Geschenk einer Melodie … Oh, ich kenne dich. Mit meinen Händen habe ich dich gesehen, ja, gesehen mit meinen Händen, tausendmal lebendiger denn mit meinen glücksschweren Augen, die ich in deinem Lichte schloß. Meine Seele kennt dich, wie mein Ohr deinen Schritt. Ich küsse dein Lachen. Deine glückselige Stimme. Ich bete über deinen kleinen Brüsten … süßes Mädchen …

Ich kenne mich nicht. Ich bin nur Liebe. Ich kenne mich nicht … ich liebe dich. Ungestüme, kleine, traumverlorene Schwester … Hörst du nicht? Du stehst so blaß und reglos — oh, ich habe dich gequält — ich will sehr leise zu dir sein, armes Kind. Ich will dir alle Not von deiner armen Stirne lächeln … Du mußt nicht mehr weinen, kleines Mädchen … hörst du nicht, was ich dir sage …«

Aber Eri hörte nichts. Als sie die Augen aufschlug, fiel ihr Blick erbarmungslos auf ein Bild, das Bildnis eines Mannes in Feldgrau mit bezogenem Helm.

»Wer ist das?« Ihrer kaum mächtig, sprang sie auf. »Wer, frag ich dich!«

Ruth sah sie an. »Eri … Eri, besinne dich, Eri!« schrie es aus ihren Augen … keinen Laut brachte sie heraus.

Aber Eri verstand sie nicht. Es war zu spät. »Nun los, los, los! Heirate ihn doch schon. Mach’ doch endlich ein Ende!« Die Stimme versagte ihr. — —

Jetzt stand es wie Haß auf ihren beiden Gesichtern. — —

Da klingelte es. Schrill. Zweimal hintereinander.

Schlurfschritte. Die Wirtin ging zur Tür.

Draußen fragte eine Männerstimme: »Ist meine Braut zu Hause?«

Ein fröhliches, erstauntes »guten Abend …«

Er war blond und hochgewachsen, trug einen dunklen Mantel, mehr konnte Eri nicht sehen.

Ruth stand auf. »Werner Helsink … und das ist Erika.«

Erika? Nur Erika … so kannte er sie? Sie war davon sofort überzeugt: eine knappe Verbeugung, ein kurzes Wort, und er wandte sich wieder zu Ruth. Erika war für ihn erledigt, gänzlich erledigt.

Sie war viel zu mürbe, um sich über seine Art zu kränken. Sie sah wie geistesabwesend auf die beiden …

»Es wird allerhöchste Zeit, Ruth. Ich verstehe dich nicht. Der erste Akt dauert doch nur vierzig Minuten.«

Ruth zog den Mantel an, Eri auch. Ruth hatte sich halbrechts nach vorn gebeugt, in den scheinbar uferlosen Taschen des Ulsters etwas suchend.

»Kind, eile dich doch!« drängte er. »Bitte!« Er öffnete die Tür und verbeugte sich zu Eri hinüber: mechanisch ging sie hinaus.

»Was hast du eigentlich mit dem Licht gemacht, Ruth?«

»Ich? Ach so, ja — ich habe vorhin den Glühstrumpf kaputt gemacht.«

»Bißchen dunkel … scheint mir,« knurrte er unfreundlich.

Damit schlug er die Tür des Zimmers zu.

Das Theater mußte bald aus sein. Eri wartete, wie Ruth es ihr gesagt hatte, in der kleinen Nebenstraße am Bühneneingang. Todmüde ging sie auf und ab. Ihre Schritte schlugen wie ein leises Klatschen von den Häuserwänden auf den Asphalt zurück … so still war es. Nachtwind strich ihr das Haar aus der Stirn. Die Häuser hockten blind wie schwarze, riesige Tiere, nicht ein einziges Fenster war hell. Sie aber tastete sich mit den Händen an den Häuserwänden entlang, so gut tat das Fühlen des leblos-kalten Steines.

Die Stille der Nacht fügte ihren Atem ruhig und tief. Als sie Schritte hörte, blieb sie stehen im Dunkeln eines Häuservorsprunges. Sie sah einen Mann aus dem Haupteingang des Theaters kommen und vorsichtig die Straße herunterspähen. Es war Werner Helsink.

»Sie wird noch nicht da sein, also komm schnell,« hörte sie ihn sprechen. Und Ruth Wenk schritt, eng an ihn geschmiegt, vom Haupteingang des Theaters aus die nächtliche Straße hinunter, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzuschauen … Eri sah ihnen nach.

»Der Bühneneingang ist aber doch auf der anderen Seite …,« dachte sie. »Warum ist sie nicht ehrlich zu mir? …«

Und sie ging fort. Langsam, todmüde. Zum Sterben müde.

Am andern Tag traf sie Ruth, die gerade aus der Tür ihres Zimmers gehen wollte.

»Eri! Das ist lieb, daß du kommst. Ich wußte nicht, wo ich dich suchen sollte. Und jetzt muß ich fort. Willst du mit? Ich habe Tod und Teufel zu besorgen.«

»Mir recht.«

Sie gingen die Treppen hinunter. Ein Windstoß fuhr um die Straßenecke, der ihnen das Wort aus dem Munde riß. »Das ist mein Wetter!« lachte Ruth und schob ihren Arm unter den Eris. Ganz fest zog sie sie an sich.

»Du, wo wollen wir hin? Willst du zuerst die Stadt sehen oder wollen wir in ein Museum?«

»Ich denk’, du mußt etwas besorgen? Tod und Teufel oder wie die Gegenstände heißen?«

»Allmächtiger! Das hab’ ich schon wieder vergessen … Aber du mußt doch unbedingt die Stadt sehen, Kind; warst du schon hier?«

»Nein. Und sie kann mir auch gestohlen werden samt ihren Königsschlössern und Museen. Heute will ich nur bei dir sein. Mit dir deine Wege gehen. Deinen gegenwärtigen und einfachen Tag haben, alles andere ist mir egal.«

»Also nischt für die Bildung tun?«

»Nein. Ungebildet, aber verliebt —.«

»Still bist du! Fahren wir? Mit der Straßenbahn?«

»Muß das sein?«

»Es ist weit.«

»Um so besser.«

»Dann los.«

Und sie gingen durch die Stadt. Durch bunte, laute, fremde Straßen. Nebeneinander gingen sie durch eine Stadt …

Breite Plätze, enge Gassen nahmen sie auf; wie ziellos schlenderte Ruth durch das Häusergewirr. Gotische Kirchen hielten sie zurück. Hand in Hand standen sie, atemlos aufschauend zu hohem, unwirklich zarten Spitzenwerk der Steine. Leise, wie Halme im Wind, bogen sich himmelhohe Säulen, unter denen der Weihrauch stand. — Und vor den Türen hockten Kinder. Lärmten, daß ihr helles Lachen bis in die stillen Kirchen drang, den Betenden eine frohe, leise Botschaft des Lebens.

So unwirklich war den beiden das Wandern durch die Straßen, daß die Stadt und alle Zeit wie aufgehoben an ihnen vorüberfloß. Das bunte Bild, das sich auf Schritt und Tritt verwandelte, gab Erinnerung an andere Stadtbilder. Ruth erzählte von ihrer Reise nach Nordfrankreich, von der sie erst vor kurzem heimgekommen war. Der Zauber flandrischer Vergangenheit, der unendliche Reichtum Brüssels und Antwerpens bewegte ihre Phantasie, verfeinerte ihr Empfinden; die schwermütige Stimmung der alten Städte erfüllte sie ganz. Mit Auge und Herz war sie den Dingen hingegeben, die ihr Farbe, Wechsel, Reichtum wiedergaben für ihre Kunst.

»An einem Abend kamen wir nach Denain. In die kleine Stadt in Nordfrankreich, dem »Germinal« Emil Zolas. Die Straßen sind arm wie die eines Dorfes. Der Himmel drüber — weich und fern. Fahlgelb spiegelte sich das Licht in den großen Regenlachen, die überall in der schwarzen, gestampften Straße standen. Alle Farben waren müde, fremd, schwer. Braun die kleinen Häuser, braun die Erde in den armen, toten Gärtchen vor den Hütten. Kinder liefen herum. Seltsam … kaum, daß sie lachten. Wie kleine schwarze Hunde — herrenlos, unruhig — liefen sie hin und her. Dann und wann stand eine Frau unter der Haustür, ihre grell-blaue Schürze war der einzige Farbfleck im Bild. Wenn es dunkel wurde, gingen viele kleine Lichter an … aber nie war mir das Gehen durch eine Straße bei Nacht einsamer und verlorener als dort. Ich weiß nicht, warum … Die Stunden zwischen Abend und Nacht liebte ich am meisten. Dann kamen die »Haulemänner« … Aus den Gruben kamen sie, Männer und Weiber. Sie trugen pechschwarze Kohlensäcke über den Köpfen … Kapuzensäcke, die sie im Bergwerk tragen. Auf ihren Holzschuhen schlürften sie, leise schurrend, durch die Gassen. Fremd, unheimlich, sonderbar … lebendig gewordene Märchengestalten. Und ihretwegen bin ich dorthin gegangen. Es sind die Modelle Meuniers. Ihre Augen werde ich nicht vergessen, Eri, sie haben einen meerklaren, grünen Blick. Ihre Hände sind von Arbeit und Leiden hart. Aber unbeschreiblich lebendig. — Ich mußte erfahren, wer sie sind.«

»Und du konntest unter ihnen leben?«

»Ja. Ich wohnte bei einer Bergmannsfamilie und nahm teil an ihrem Alltag, so gut ich konnte. Aber sie waren verschlossen und böse wie argwöhnische Tiere. Sie hassen die Deutschen, die in ihrem Lande saßen. Aber es genügte mir doch: ich sah, wie sie gehen, arbeiten, wie sie den Kopf halten, und ihre Art, zu reden.«

»Der Unterschied zwischen Menschen verschiedener Landstriche ist weit wie der Himmel über ihnen. Ich wünschte auch, daß ein jeder Schauspieler, noch bevor er auf die Bühne kommt, andere Länder, andere Menschen kennenlernte. Die Grenzen sind für den Künstler Aufmerkzeichen; dort, wo der Politiker stutzt, setzt für den Schauspieler ein herrliches Erlebnis ein: Fremdes in seiner Seele klingen und wiederklingen zu lassen, sich auflösen, das eigene, oft so starre Wesen zur gefügigen Skala von Tönen und Farben werden zu lassen, die ein fremder Meister mischt und klingen läßt. Solange wir Shakespeare, Wilde und Ibsen in unserer deutschen Walze spielen, bringen wir uns selbst um ein kostbares Geschenk. Die Solveig bei uns von einer Norwegerin gespielt, würde aus dem Rahmen fallen, weil sie »nordisch« ist und wir uns den guten Peer Gynt so frisieren, daß er uns bequem und erbaulich ist, aber mit dem nordischen Volk, das er doch bedeutet, mit seinem Mythos, seinem Blut wenig gemein hat.«

»Dann laß dich nur bei uns engagieren, Eri,« lachte Ruth. »Unser Direktor erklärte neulich bei der Einstudierung eines Wilde einem Herrn, der zu sagen wagte, in einer englischen Gesellschaft sei das und das nicht möglich — es handelte sich allerdings um irgend etwas Ausgefallenes, aber eben darum Bemerkenswertes —, er spiele für Wien und seine Wiener Kasse, ein Schmarrn ginge ihn das englische Blut des Stückes an.«

»Na ja, wenn er seine lokalen Couplets lieber hat. — Wenn ich nicht soviel Biegsamkeit, soviel Sensibilität und Technik habe, wenn es nur zur Komödiantin und nicht zur Schauspielerin reicht, so verkauf ich die Talentkiste …«

»Und gehst in ’n Prater, Würstl essen. Das hätten wir übrigens auch so tun können.«

»Also gehen wir. Das ist wichtiger als alles andere!«

Die beiden waren so vergnügt, daß ihnen die Passanten auf der Straße lachend nachsehen. Ganz hinaus in die Vorstadt kamen sie, wo Ruth wegen eines bahnlagernden Gepäckstückes zu tun hatte. »Am Ende der Welt.«

Und Eri war es recht.

Ihr Gespräch ging auf und nieder. Leicht, unbeschwert, sorglos, wie ihr Schreiten durch die Straßen. Sie kamen über einen Marktplatz. Buntes Gewirr von Zelten nahm sie auf. Gemüsekrämer, Fischhändler, dicke Weiber schrien durcheinander und schlürften ihren heißen Kaffee. Hinter Buttertonnen prügelten sich ein paar Buben. Streit, Gelächter, schnarrendes Feilschen überall. Räderknarren, Pferdestampfen, Obachtrufe und Hundegekläff. Windstöße rissen an den Zeltdächern, die klatschend gegen die Holzgerüste schlugen. Ängstliche Blicke überflogen den Himmel. Drohend ballten sich schwarze Wolken über dem erschrockenen Häuflein Zelte.

Die beiden Mädchen machten, daß sie weiter kamen. Den Wind im Rücken liefen sie, immer wieder von Menschen getrennt und vereint, die Straßen hinunter. Noch zwei, drei Ecken und sie verlangsamten die Schritte, sie waren wieder im Zentrum der Stadt.

»Bist a saubres Maderl!« Die rechte Schulter vorschiebend, war ein Kerl an Eris Seite getreten. Ohne ein Wort, zu verlieren, bog sie geschickt nach rückwärts aus. Der Betrunkene griff ins Leere.

»Wo — bist denn? Willst du … du wohl dein Handerl geben …«

Blitzschnell sich wendend, faßte er Eri am Mantel und zerrte sie zu sich. Erschrocken sah sie die bösen, verglasten Augen des Betrunkenen dicht über sich. Eine Welle von Branntwein verschlug ihr den Atem. Im selben Augenblick traf den Menschen ein Stoß derart, daß er aufheulend das Mädchen freiließ. Zwei eisenfeste Hände griffen Eris Arm und zogen sie weg … fünf, sechs Passanten spülten sich dazwischen, der andere aber besann sich und torkelte seines Wegs.

»Danke.«

»Bitte. Hab’ ich dir weh getan? Eri?«

Eri wandte sich ab. Ihr Handgelenk brannte wie Feuer. Endlich, endlich spürte sie wieder einmal Ruths ungeduldige Hände …

»Weh getan? Ach, du … du …« Sie schwieg verwirrt. Die Zähne biß sie sich in die Lippen. Was ging Ruth das an? —

Plötzlich aber blieb Ruth stehen. Vor einem roten Hause. Messerscharf schnitt dieses Stehenbleiben in Erikas Bewußtsein. Es war vor einem Haus aus rotem Ziegelstein.

»Hier oben wohnt Werner Helsink.«

Eri fuhr zusammen. Sie sah Ruth an, wie man eine Fremde ansieht, und Ruth schwieg.

Was war geschehen? Wo waren sie? Was für ein rotes, quälendes Haus stand da und brachte es fertig, sie aus allem Frohsinn, aus aller Vergessenheit zu reißen?

… Habt ihr beiden denn geglaubt, ich sei nicht mehr vorhanden? Wußtet ihr nicht, daß ich mich am Ende dieser Straße in euren Weg werfen werde? Ich, das rote Haus Daß ich meine Türe aufsperren werde und ihr hinein müßt, alle beide, alle beide — und die Treppen hinauf — langsam gewundene, verkrampfte Treppen, hinauf bis unters Dach; Stufe für Stufe, bis unter das Dach, — ihr mit euren einfältigen Herzen … Da droben, wißt ihr nicht, liegt einer … faul, in Hemdärmeln und Stiebeln auf dem Bett … Einer, der sich nicht sorgt, der es mir überläßt, dem roten Hause, euch einzusaugen auf der Straße …

Ruth hatte nicht gesagt, daß sie zu ihm wolle. Aber sie hatte auch Eri nicht die Hand zum Abschied gereicht, so gingen sie hinauf, beide, wie betäubt … immer höher … und wurden hoffnungsloser mit jedem Schritt.

Endlich blieb Ruth stehen. Vor einer Tür. Vor einer Wand, durch die sie nicht weiter konnte. Ein weißer Klingelknopf sprang grell aus dem dunklen Braun des Holzes.

»Willst du nicht läuten?« fragte Eri. Ein fremdes, freches Lächeln stand um ihren Mund.

Willenlos drückte Ruth den Knopf, ein hartes, kurzes Knarren der Metallfeder rief die Hausfrau herbei.

»Bitte, bitte, Fräulein Wenk. ’n Tag, schönes Fräulein …,« knixte sie scheinheilig. Ruth erwiderte den Gruß mit einem Knurren. Schnell schritt sie auf eine Türe zu, klopfte kurz und trat ein.

»Guten Tag. Ich habe Eri mitgebracht,« sagt sie trotzig.

»Warte doch einen Augenblick! Bis ich meinen Rock … Du siehst doch, ich habe geschlafen. Grüß Gott, Fräulein Erika. Bitte, Sie entschuldigen …«

»Meinetwegen brauchen Sie keine Umstände machen, Herr Helsink. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich hierher gekommen bin … Aber das hat sich ganz gut gefügt. Ich muß Sie doch mal bei Tage betrachten.« Sie wollte scherzen, aber ihre Stimme hatte eine unverkennbare Schärfe. Immer noch stand das freche Lächeln in ihrem Gesicht.

»Ja, gestern … das war nur sehr kurz. Wir mußten doch ins Theater. Waren Sie dort? Wie gefällt Ihnen Ruthchen?«

Aha, dachte Eri, das ist einer, der nur fachsimpeln kann … »Nein,« erwiderte sie ruhig, »ich war nicht im Theater, ich habe mir die Straßen angesehen bei Nacht.«

»Du … warst nicht im Theater …«

»Nein, Ruth. Ich werde heute gehen. Also, ich war gestern zu müde und ging schlafen …«, fügte sie hinzu, als sie sah, daß Ruth erblaßte.

Die Wirtin steckte den Kopf durch die Türspalte. »Wollen’s Ihr Kaffetscherl jetzt gleich trinken, Herr Helsink? Für zwei oder drei Personnen?«

»Für drei Personnen … Oh, dieses bömmische Gespenst …«

Derweilen er Tassen, Zuckerbüchse, Teller und Löffel auf den Tisch stellte, stand Eri auf und ging ans Fenster. Im Vorbeigehen strich sie Ruth über das Haar. «Wir müssen wirklich miteinander reden. Ich glaube, du siehst mich ganz anders als ich bin. Ich habe dich gestern abend wohl mit ihm aus dem Haupteingang entwischen sehen. Das hattest du nicht nötig, Ruth. Damit hast du mir viel weher getan, als wenn du keine Rücksicht auf mich genommen hättest. Nichts erniedrigt so sehr, als sich unehrlich behandelt zu wissen.«

»Eben weil ich weiß, Kind, wie empfindlich du bist, und weil ich weiß, wie du gegen diese Reizbarkeit in dir angehst, wollte ich vermeiden, daß du mich mit ihm sahst, denn das ist doch nun mal so …«

»Aber wie könnte ich ein Wort über deine Handlung verlieren!«

»Aber es tut dir weh, daß ich mit ihm ging. Du leidest. Das ist es eben.«

»Ja,« lachte Eri bitter auf, »so schnell geht es nicht … ich werde schon lernen, daß mir nichts mehr weh tut — daß ich mit meiner Liebe nicht mich und andere quäle …«

»Was habt ihr gesagt?« Werner trat zu den beiden heran.

»Ach, Eri ist so klug, daß man’s nicht mehr bei ihr aushält,« spöttelte Ruth.

Sie setzten sich zum Kaffee an den runden Tisch.

»Viel ist’s nicht, was ein Schauspielermagen zu erwarten hat,« lachte Werner und schnitt Brot.

Komisch war das … komisch. Da saß sie, Erika Felden, in der Bude des Schauspielers Werner Helsink. Vor seinem Fenster über einem tollen Gewirr von Dächern, von schwarzen, roten, braunen Dächern, auf denen der Regen gleißte, die so glatt und kühl waren wie ihre Worte, die sie von Zeit zu Zeit ins Gespräch streute, derweilen ihre Augen fremd, in unaufhaltsamem Heimweh nach etwas Unbekanntem herumwanderten.

Mit der Rücksichtslosigkeit einer photographischen Aufnahme drängte sich die Gegenwart in ihr Hirn. Die gelbverschossene Tapete mit den dunkleren Stellen abgenommener Bilder, der Riß in der Mauer, nahe am Ofen. Das Bett. Der Schreibtisch. Das Sofa. Bücher, ein Stapel Filmbilder, alle diese Dinge in peinlichster Ordnung und Sauberkeit. — Wenig, was diesem Zimmer nachgeholfen hätte, seinen Charakter als Chambre-garni zu verlieren. Die paar persönlichen Bilder an den Wänden machten es fast noch trauriger.

Jetzt erst merkte Eri, daß sie gar keine Erinnerung an Ruths Zimmer zu haben schien. Der kleine, nur von der Kerze erhellte Raum war in weicher, schmiegsamer Dunkelheit geblieben, war ein liebes Stück Welt ohne Anfang und Ende. Sie hatte es nicht mit diesen trostlos wachen Augen gesehen … Aber sie würde jetzt alles mit diesen Augen sehen müssen und der, der sie ihr geöffnet hatte, war Werner Helsink. Sie haßte ihn. Sie war nicht gerecht, das fühlte sie, aber sie tat nichts dagegen. Wer war er, er, daß er Ruth in seine Anne nehmen durfte, daß sie ihm ihre Tage und Nächte gab? Neugierig sah sie ihn an.

»Ich glaube fast, mir fehlt etwas in meinem Gehirn …,« grübelte sie. »Ich schaue einen Mann immer an, als ob er eine Figur, ein lebendes Irgendetwas sei, von dem ich überhaupt keinen Begriff fassen kann. Daß ein Mann ein Herz hat, daß er empfinden kann, Freude … Schmerz … Und dieser da ist nun Werner Helsink …

Es ist eine ruhige Zuverlässigkeit in seinem Tun. Ein wenig unnötige Besorgnis. Vielleicht ist er eitel. — Er hat schöne, schmale Hände. Ich kann nicht fühlen, was er für ein Mensch ist. Bei einer Frau wüßte ich es. Es wäre ein Klang da. Ich spüre ihn nicht …«

Das Gespräch schleppte sich hin.

»Warum mag sie wohl zu ihm hinaufgegangen sein?« dachte Eri. Jetzt erst fiel ihr ein, daß sie die beiden stören müsse. Aber sie konnte es nicht ändern. Er hatte sie jeden, jeden, glückseligen Tag. — »Gestern,« dachte sie, »ging ich noch auf der Straße herum — — und morgen muß ich doch fort …« Am liebsten hätte sie aufgeweint wie ein Kind. Warum schenkte ihr Ruth nicht den einen, einzigen Tag! »Sie hat Angst vor mir … wenn ich nicht ihre Augen gesehen hätte, müßte ich meinen, ein Verbrechen an ihr zu tun … Wann ist der Mensch wahr: In dem seligen Vertrauen der Nacht, wenn er den geliebtesten Namen nennt, wie einen Herzschlag so leise oder — wenn er kalt und fest demselben Menschen sagt: das soll und das werde ich tun, du mußt vergessen und gehen …«

Irgendwann waren sie aufgestanden und gegangen. Es war Nacht geworden. Die Straßen hinauf und hinab liefen fahle Laternen und die Lichter der Häuser. Fremde, fremde Lichter … Straßenbahnen kreischten. Zeitungsträger schrien. »Streichhölzer …« bettelten kleine Mädchen. Zäh und lästig hingen sie sich an die Passanten. Eine Lichtreklame rannte fiebernd die Front eines Hauses ab. Gehetzt wie ein Tier. —

Schweigend gingen sie den Weg, bis Ruth vor dem Theater stehen blieb. Es war noch früh. Die ersten Menschen umstanden die Kasse.

»Warte bitte hier, Eri. Ich besorge dir eine Karte.«

»Was spielt ihr?«

Wie der Zufall unbarmherzig ist!

»›Wie es euch gefällt …‹.«

Es war beiden hart. Sie sahen auf den Boden und sagten lange kein Wort.

»Laß mich, bitte, nicht hingehen, Ruth.«

Ruth schüttelte den Kopf. »Was soll ich denn sagen, Eri … Oder hast du vergessen, daß ich die Rosalinde immer und nur für dich spielen kann?«


 

 

Erst als sie das trübe Licht der ausgebrannten elektrischen Birne entzündete und in dem erbarmungslos nüchternen Hotelzimmer stand, kam Eri zu sich. Aufschluchzend warf sie sich über das Bett.

»Ruth! Ruth! Wie soll ich dich nennen … Ich Törin, die ich dich zu kennen glaubte, du erdenfremdes, begnadetes Geschöpf … Du Selige, Leuchtende. Ich möchte vor dir niederknien. Ich kann nicht Worte finden. Du bist voller Gnade, deine Stimme ist von einer Liebe, die über allen Wolken schwebt. In Gedanken an mich …

Wohin habe ich mich verirrt in meinem Wahn von Liebe … ich stehe noch am Anfang des Wegs, des Menschenwegs. Nun ist von mir alle Angst gefallen, all die namenlose Angst, dich zu verlieren. Wie töricht war mein Herz — Ist doch deine Liebe über mich gespannt wie der Himmel — von Anfang bis zu Ende. Ich aber, wenn ich dich zu mir gezogen, hätte deine Melodie erstickt. Ich hätte dich in einen Kampf gezwungen, den du nicht führen sollst. So schimmernd wie dein Spiel gehörst du allen Menschen an: Den Weinenden, daß sie stark, den Innigen, daß sie zuversichtlich, den Liebenden, daß sie demütig werden … Dein Leben will nicht einem Sinn gehören. Aller Dinge Not und Gnade kommt zu dir. Dich verwirrt die Enge des Einen, die Folgerung des Geschehens … Du mußt dich leise segnend verschenken können ohne jede Schwere …

Sieh, ich will dir mein Herz schenken in deinem Sinne, deiner traumlächelnden Art und will dir angehören, wortlos und durch alle Ferne mühelos … wie mir dein Herz gehört. — — — —

Und sie ging frühmorgens in der Sattlergasse auf und ab. Sie kamen aus dem Haus, beide, Ruth und Werner. Eri stand betroffen still. Die beiden traten auf sie zu.

»Guten Morgen!« Helsink zog den Hut. Er war sehr heiter und frisch. »Sie sind noch hier?«

Wie elend Ruth aussah. Eri erschrak.

»Wir müssen beide zur Probe. Wir werden Sie heute gar nicht sehen können.«

»Sie will ich auch nicht sehen, Herr Helsink. Ich habe nur wenige Worte mit Ruth zu sprechen, bevor ich fahre.«

Dieser Mann hatte etwas, was sie maßlos aufreizte. So schwer verstand sie nun doch nicht.

»Ich muß dich sprechen, Ruth, bevor ich gehe … nun wird doch alles gut und du wirst froh werden; schau, Ruth, du darfst dich nicht mehr so quälen und so blaß aussehen.«

Sie hatte ganz leise gesprochen und Ruths Hand genommen.

Da drehte sich Ruth um, lief ein paar Schritte zurück und verschwand in der Tür eines Gasthauses …

Werner Helsink ging mit Erika allein die Straße hinunter. Langsam. Schweigend, sich von Zeit zu Zeit umsehend.

»Sie wird nicht nachkommen …,« sagte er nach einer Weile.

»O bitte, holen Sie sie doch. Oder störe ich Sie?«

»Ja,« sagte er schroff. Er sah Eri an. Sein Gesicht hatte einen steinharten Ausdruck. Seine Augen blickten kalt und höhnisch auf das junge Mädel. Eris Herz klopfte zum Zerspringen. Ob es zu spät war? Ob Ruth vor ihr davonlief — weil sie keinen Ausweg sah? Würde sie ihr nicht mehr sagen können, daß ihr Herz hell geworden und alle arme, dumme Kinderangst von ihr genommen war, daß sie den Sinn des Daseins anders faßte! In namenloser Angst blickte sie zu dem Manne auf, der neben ihr stand. Er aber sah nur die grenzenlose Liebe in ihrem Blick. »Diese verfluchten Augen! …«

»Ich habe ein paar Worte mit Ihnen zu reden,« sagte er scharf. »Sie sind doch ein anständiger Kerl, Fräulein Erika, nicht wahr? Sie dürften ein wenig mehr Stolz zeigen. Sie merken doch, daß Ruth sie nicht sehen will. Schließlich — Sie sind doch jemand, nicht wahr? Also, warum suchen Sie hier etwas, was man Ihnen gar nicht geben will. Sie haben Ruth Wenk genug gequält und gehetzt. Sehen Sie, sie läuft Ihnen auf der Straße davon. Sie fürchtet sich vor Ihnen. Sie ist nur zu anständig, es Ihnen zu sagen …«

»Sie ist nur zu anständig, es mir …«

»Aber jetzt werde ich Ihnen mal was sagen: ich werde Ruth Wenk heiraten und ich dulde nicht, daß sie noch irgendeinen Menschen hat, außer mir!« Er hackte hinter jedem Wort mit dem Kopf. Er war kreideweiß im Gesicht. »Sie hat, verstehen Sie mich, keine — Freundin zu haben. Sie, vor allem Sie … Sie haben … Sie werden …«

»Gehen und nicht wiederkommen … Sie brauchen mir das nicht zu sagen. Vielleicht wäre ich nicht gekommen, wenn ich gewußt hätte, daß Sie … da sind … aber —,« und ein weiches Lächeln flog über ihr trauriges Gesicht, »es war wohl notwendig; ich wäre sonst noch die, die ich war.«

Der Mann neben ihr stutzte einen Augenblick, dann lachte er kurz auf. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, blieb er vor ihr stehen.

Als Eri ihn so sah, überkam sie ein Gefühl, das nahe an Verachtung grenzte. So erbärmlich stand er vor ihr. Das war alles? Seine unfehlbare, unübertreffliche Mannesschaft — nicht sein Mannestum — über sie zu setzen? Das einzige Recht, mit dem er Ruth zu nehmen wagte, das er ihr in vielen und auch in der heutigen Nacht aufgezwungen als allerschöpfende Offenbarung … Oh, diese Nacht, die seine und die ihre …

Er stand da, ein hartes Spotten um den Mund. Er wußte, was sie dachte. Ein eisiger Hohn lachte sie aus. Fast hätte sie aufgeheult.

Tiefer vergrub er beide Hände in die Hosentaschen. Es war ja lächerlich, die Sache ernst zu nehmen: War das Mädel erst weg, — sie schien ja vernünftig — so wollte er Ruth schon diese blödsinnigen Grillen aus dem Kopfe schlagen. Das war einfach genug. Nur keine Sentimentalität. Er würde ihr ein schlichtes, gesundes Leben schenken, nach dem sie verlangte, die nervöse Hetzerei beim Theater würde von selbst ein Ende finden … so dachte er, der grundanständige, vernünftige Mann.

Sie aber, die neben ihm stand, war unfähig, ein Wort zu reden. Die Art, wie er zu ihr sprach, brachte sie aus der Ruhe; alle guten, stillen und klaren Gedanken verließen sie, sie war einfach nichts als ein junger Mensch, dem ein anderer die ganze Glückseligkeit des Herzens zerstörte. Seine armselige, männliche Eitelkeit ekelte sie an.

»Sie hat keine Freundin zu haben … keinen Menschen außer mir!« … Sie fühlte es messerscharf: daß er die weiche, kindhaft scheue Ruth nur durch härteste Zügel zwang … aber mit welchem Recht strich er sie, Eri, aus dem Leben des Menschen, der sich in aller Freiheit ihr geschenkt hatte? Und er wird sie einsperren — dachte sie. — Er glaubt, ihr Gutes zu tun … Er kennt ja nur einen Begriff — eine Grenze … was weiß er, daß es für uns beide ein Wunder gibt. Der Stempel des Gesetzes, glaubt er, wird auch ihre Sehnsucht enden? Er wird der Herr sein, der Mann. Der All-Genügende — — »Der Kopf will mir in Scherben springen … wie ist es möglich, daß ein Mensch, der einem anderen Gutes will, so herzenseng, so an Begriffe angenagelt ist!«

Eri schlug sich mit der Hand vor die Stirn. In ihr begannen sich die Schleusentore langgebändigter Not zu öffnen. Ob recht, ob sinnlos, sie ertrank in einer Flut von Gedanken, und lachte, lachte, daß es ihr in den Ohren gellte und ihr das Blut in die Augen schoß. — Aus den Wänden ihres Körpers aber drang kein Laut. Ein unheilvoller Kampf ging auf. Fetzen von Gedanken wurden bewußt, um gleich darauf von einem Schwall ungegorner Dinge weggespült zu werden.

»Oh, die Moral … Herrschaften, das ist Moral!« schrie es in ihr grell wie eine Jahrmarktspfeife. »Es lebe die Moral und die heilige Dreifaltigkeit … Wessen Verdienst? Wessen Vorrecht? Ich bin ohne Gesetz … Euren Weg, ich kenne ihn nicht. Darum bin ich verdorben? Verkommen? Hab’ kein Anrecht. Kann sehen, wo ich bleibe!!

Wer anders als Gott … wer anders als Gott kann uns richten? — Wo aber bleibt die Güte, ihr Menschen, wo die Gnade der Liebe, die eure Herzen hell machen sollte? Gib mir deine Hand, Bruder … was wird aus uns, wenn wir nicht gütig sind. Laß uns Menschen sein, nicht Tiere, die sich um Beute streiten. Sieh mein Herz: ich will es ihr frei und hell schenken dürfen, nicht in verborgener, verquälter Heimlichkeit. Ich bin kein Dieb!«

Als sie Werner Helsink aber stehen sah — breitbeinig, gesund, ohne einen Funken innerer Anteilnahme, als sie sein so selbstverständliches Besitzergreifen sah, wallte ihr Blut auf in grenzenloser Erbitterung.

»Ich werde gehen,« dachte sie. »Aber ich lasse mich nicht von dir verjagen wie ein räudiger Hund! Bist du stärker als ich, so bist du es nicht durch dein Wesen, nicht durch dein Blut. Du, einer von Tausenden, erschlüg’ ich in dir das herzlose Lachen …« Sie erschrak. »Bin ich nicht selbst ohne Güte. Ich lüge … Ich bin dir feind, ich bin wie krank, taste nach dem Weg, den ich wieder verloren … Mein Gott, ich bin jung wie du, und soll fortgehen … wohin soll ich denn … ich bin so verzweifelt. Ruth, Ruth, rette mich! Ruth, hilf mir, erlöse mich, mit deinen Küssen erlöse mich, Ruth …«

Sie sah sich um —. Ein Mensch, der sie angesehen hätte, hätte nicht gewußt, wo ihre Augen standen, so weh verbrannte ihr Antlitz im Schmerz.

Unweit vom Theater waren sie stehen geblieben. Helsink hatte den Arm unter den Eris geschoben. Sie schwankte im Gehen.

»Ist Ihnen nicht wohl? Soll ich Sie zu Ihrem Hotel begleiten?«

»Danke, nein!«

»Herrgott, Mädel — Sehen Sie, das wird aus Ihnen. Und das hätten Sie mir aus meiner Ruth auch noch gemacht. Ihr werdet alle total verrückt. Total krank. Ihr ruiniert euch systematisch. Es ist ein Jammer. Kinder, habt doch das Leben lieb … Und so ein hübsches, frisches Ding wie Sie … ja, glauben Sie denn, daß aus Ihnen was werden kann? Allen Ernstes, Kind, wenn Ihnen Ihre Gesundheit und Ihre Jugend lieb sind, heiraten Sie, lieben Sie Ihren Mann und Ihre Kinder und alles wird gut —.«

Erika ging neben ihm. Ganz still. Ab und zu kam ein leises »Ja …« über ihre Lippen. In ihr war alles zerbrochen. Alles. Das Denken hatte aufgehört.

Ganz aufgehört. Sie stand, wo sie stand. Wie lange, wußte sie nicht.

»Ich werde Ihnen Ruth zum Abschied schicken,« sagte er und ging.

Ruth … Ja … Ein feines, geisterhaftes Singen war in ihrem Ohr. Das Blut knisterte und knackte so sonderbar … Sie war so hellhörig geworden, so klar … sie spürte die Häuser, die Menschen, die Bäume, ja, die Fensterbalken und die Messingklinken. — Ihr Körper wurde durchsichtig wie Glas. — Und eine Empfindung durchrann diesen gläsernen Körper, deren Ton sie nie gehört, deren Dunkelheit eine so tiefe war, daß sie wie auf einem Kreuz ausgespannt war und den Taumel litt vom Himmel bis zur Hölle.

Die beiden sagten sich kein Wort.

Aber der Blick, den Eri aus Ruths Augen empfing, in dem ein Liebkosen lag und grenzenlose Treue, machte sie frei.