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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem – Die Fliege im Bernstein

Roman

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, Die Fliege im Bernstein, Seyfert Verlag, Dresden [um 1930]
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



Auf einer Bank in den öffentlichen Gärten von Venedig, nahe der Büste des venezianischen Dialektdichters Riccardo Selvaggio, saß gegen Abend eines wunderbar schönen Septembertages eine junge Dame. Sie hatte sich auf diesem Punkte den gewiß schönsten Blick auf die herrliche alte Märchenstadt in den Lagunen auserkoren, den Blick, den der Dichter auch vor allem geliebt, und darum hat die dankbare Stadt ihm sein Denkmal an diese Stelle gesetzt mit dem Zitat aus einem seiner Gedichte: »Nein, es gibt auf dieser Welt keine schönere Stadt!« – Er hat recht, denn wie man Venedig von jener Stelle aus vor sich liegen sieht, muß es, wenn auch vielleicht nur unbewußt, der größte Reisebarbar anerkennen.

Im Westen neigte sich die Sonne schon und ließ die Umrisse der Stadt mit ihren phantastischen Türmen und Gebäuden auf einem purpurnen Hintergrunde erscheinen, der nach oben sich in leuchtendes Gold abtönte; dieses verlief allmählich in ein intensives Türkisblau, in dem eine silberne Mondsichel schwamm. Die junge Dame schien so versenkt in den wunderbaren Anblick, daß sie es längst nicht mehr bemerkte, wie die Vorübergehenden sie mit mehr oder minder großem Wohlgefallen betrachteten.

Sie war entschieden hübsch genug, um ein mehr als flüchtiges Interesse zu erregen. Nicht zu groß, aber tannenschlank und in vollkommenem Ebenmaß gewachsen, kam ihre zierliche Gestalt im einfachen, aber gutgearbeiteten Schneiderkleide von weißem Leinen zur besten Geltung, und ihr reizender Kopf mit einer Fülle natürlich feingerippten, aschblonden Haares unter dem breiten, schwarzen Strohhut konnte keinen besseren Hintergrund finden. Das Gesicht war kein vollkommen schönes, ihre feingebogene Nase war zu kurz abgebrochen, um mustergültig zu sein, ihr Kinn zu energisch, von wunderbarer Lieblichkeit aber war der blaßrote Mund, wundervoll der pfirsichblütenartige Teint, von der größten Anziehungskraft die schönen, großen, grauen Augen mit ihren tiefdunklen Wimpern und Brauen – alles in allem: ein Rassekopf und im Ausdruck der einer Person von Bildung und Erziehung, die ihren Stempel dem geübten Auge so unzweifelhaft erkennbar aufdrückt.

Während sie so saß und westwärts in die sinkende Sonne schaute, kam ein älteres Paar den Kai entlang der Büste Selvaggios entgegen, vermutlich um sich zur nahen Schiffslände zu begeben. Die Dame bemerkte das auf der Bank sitzende junge Mädchen zuerst. Sie blieb stehen und flüsterte dann dem Herrn etwas zu, worauf dieser den Blick nach der Bank richtete und sichtlich zurückfuhr. Beide drehten dann um und gingen langsam den Weg zurück, den sie gekommen waren, indem sie rasch und leise miteinander sprachen. Die Dame schien besonders eindringlich zu reden, während der Herr wiederholt den Kopf schüttelte, dann aber achselzuckend seiner Gefährtin folgte, als diese sich zurückwandte, auf die Bank zuschritt und die dort Sitzende in deutscher Sprache verbindlich fragte, ob der Platz neben ihr frei sei.

Die junge Dame, die die Herankommende bisher weder bemerkt noch beachtet hatte, nickte bejahend und rückte nach dem Rande zu, worauf die beiden neben ihr Platz nahmen und einige Bemerkungen über die ›unvergleichliche Szenerie‹ wechselten. Sie waren, wie schon gesagt, ältere Leute und sahen vornehm aus. Beide waren groß gewachsen, er schlank und mager, sie von achtbarer Leibesfülle. Ihr rundes, großes Gesicht mit der merkwürdig kurzen, spitzen Nase, die ganz babyhaft darin aussah, dem etwas zu vollen, aber festgeschlossenen Munde, den großen, dunklen, von schweren, geraden, schwarzen Brauen überragten Augen, die durch sie etwas Finsteres bekamen, ließ darauf schließen, daß die Frau in ihrer Jugend gewiß eine pikante Schönheit besessen haben mußte im Verein mit ihrem klaren, farblosen Teint, der jetzt etwas Totes hatte, weil sie eine Perücke von rötlichem Kastanienbraun trug. Sie war im übrigen ruhig und passend in dunkle, gutverarbeitete Stoffe gekleidet und machte einen recht stattlichen Eindruck. Ihr Begleiter sah durch seine Schlankheit neben ihr wesentlich größer aus, als er tatsächlich war, trotzdem er den Kopf mit den feinen, glattrasierten Zügen, aus denen er mit zwei sehr scharfen, sehr hellen, blauen Augen in die Welt hinaussah, etwas nach vorn geneigt trug, wie es Leute an sich haben, die ihr Leben über Bücher gebückt zubringen.

Man brauchte nicht zu raten, ob er in seiner Jugend ein schöner Mann gewesen sein mochte, denn als ein solcher konnte er heute noch zweifellos gelten mit seinen regelmäßigen, edlen Zügen, und nur gewisse Falten um seinen ganz zweifellos schönen Mund konnten darauf schließen lassen, daß sein Leben nicht ganz ruhig oder sorgenfrei gewesen sein mochte; ja, diese Falten hätten einem Menschenkenner wohl zu raten gegeben, ob sie nicht vielleicht eine Warnungstafel seien.

Dieses Paar und die junge Dame, die sich gegenseitig völlig fremd waren, saßen eine Weile zusammen, ohne Notiz voneinander zu nehmen, dann aber glitt der älteren Dame ihr Handtäschchen hinab in den Sand, und ehe sie sich danach bücken konnte, hatte es die Jüngere schon aufgehoben und ihr überreicht, wodurch sie allein schon den Beweis erbrachte, in der Tat gut erzogen zu sein.

Die ältere Dame war mit ihrem Dank für die kleine Aufmerksamkeit fast überschwenglich, sie konnte sich gar nicht genug damit tun.

»Aber ich bitte Sie – es ist doch so selbstverständlich und lohnt wirklich nicht, davon zu reden«, schnitt die Jüngere endlich den Dankesstrom in einem Tone ab, den die andere auch als endgültig anerkannte.

Sie sagte mit einem verbindlichen Lächeln, das ihr gut stand, aber nicht ganz überzeugend wirkte: »Nun, um so besser für Sie, wenn solche Dienste von Ihnen als selbstverständlich angesehen werden. Unsere Jugend von heute verwöhnt uns Alten im allgemeinen nicht mehr. – Doch um von etwas anderem zu reden: Ich hoffe, wir haben Sie in Ihrer Betrachtung dieses unvergleichlichen Panoramas nicht gestört?«

»Gewiß nicht, denn ich kann es doch nicht für mich allein beanspruchen. Außerdem wird es wohl an der Zeit sein, sich davon zu trennen«, erwiderte die Jüngere mit einem Blick auf ihre Uhr.

»Ja, wir waren eigentlich auch auf dem Wege zum Vaporino, der uns zur Stadt zurückführen soll, aber ich war, ehrlich gesagt, etwas müde und diese Bank so ungemein verlockend«, plauderte die Ältere. »Sehen strengt doch recht an, und wir haben den Vormittag im Dogenpalast verbracht mit seinen vielen, vielen Treppen. Nun, wir dürfen uns die Ruhe schon gönnen, denn es erwartet uns niemand, während dies bei Ihnen gewiß der Fall sein wird.«

Die Jüngere lächelte ein wenig, wobei zwei reizende Grübchen in ihren weichen Wangen erschienen; es war ein gutmütig amüsiertes Lächeln über die etwas gar zu offen gezeigte Neugierde ihrer Nachbarin. »Nein«, erwiderte sie freundlich, »auch mich erwartet niemand; ich bin ganz allein hier.«

»Allein?« wiederholte die Ältere ganz entsetzt. »Ist das – ich meine, ist das nicht – verzeihen Sie mir, aber es tut mir immer so weh, wenn ich jemand treffe, der allein und freundlos in der Welt steht«, setzte sie mit einem so herzlich=mütterlichen Ton hinzu, daß die junge Dame, sichtlich angenehm berührt, sich zum ersten Male ganz nach ihr herumwendete.

Doch ehe sie noch etwas erwidern konnte, zog der Herr mit einem ungemein gewinnenden Lächeln seines schönen, feingeschnittenen Mundes den Hut und rief mit einer Stimme, deren Wohlklang geradezu bestrickend war: »Gestatten Sie mir, mich der Bitte meiner Frau um Verzeihung anschließen zu dürfen. Das weiche, starkfühlende Herz hat sie wieder einmal fortgerissen. Im übrigen muß ich aber schon gestehen, daß ich sie verstehe und ihre Gefühle teile.«

»Ich wüßte wirklich nicht, was dabei zu verzeihen wäre, wenn einem unerwartet ein gutes Wort gesagt wird, für das man ja nur dankbar sein kann«, erwiderte die junge Dame nicht nur verbindlich, sondern tatsächlich warm berührt. »Um ehrlich zu sein: Daß ich allein in der Welt stehe, war mir eben gerade angesichts dieser purpurnen Sonnenuntergangspracht recht sehr zum Bewußtsein gekommen. Aber ich kann darum doch nicht sagen, daß ich freundlos bin. Auch habe ich ein halbes Dutzend Verwandte, die sich für verpflichtet halten, mir mehr gute Ratschläge zu geben, als ich beim besten Willen im Laufe meines Lebens befolgen könnte«, schloß sie mit einem fröhlichen Lachen.

»Ach ja – diese lieben, zärtlichen Verwandten!« seufzte die Ältere. »Ich kenne sie, diese guten Ratschläge, die einen schön in den Sumpf führen würden, wenn man sie alle befolgen wollte. Wenn aber eine Reise nach Venedig dazu gehört –«

»Nicht eine Reise nach Krähwinkel gehört dazu!« rief die Jüngere mit sichtlichem Vergnügen. »Ich freue mich schon wie ein König auf die brieflichen Abkanzelungen, die mir für meine Eigenmächtigkeit blühen! Aber wenn der Mensch sich nicht einmal und endgültig freimacht, dann bleibt er sein Leben lang ein Wickelkind, dessen Wiegenbänder von anderen in Bewegung gesetzt werden.«

»Mithin darf man wohl annehmen, daß Sie, meine Gnädige, Ihren werten Verwandten sozusagen – durchgebrannt sind? Das ist ja köstlich!« rief der Herr mit lautem, sehr wohltönendem Lachen, in das die junge Dame mit rückhaltloser Heiterkeit einstimmte.

»Es wäre köstlich, wenn’s ganz dieser Auffassung entspräche«, rief sie lebhaft. »Es trifft aber nur im idealen Sinne zu, denn ich bin frei und unabhängig, und die verwandtschaftlichen Gängelbänder sind nur eine versuchte Fessel, gegen die ich einen ebenso erbitterten wie zähen Kampf zu führen entschlossen bin. Es geht nämlich wirklich keinen Menschen etwas an, was ich tue; solange ich damit in den Grenzen des Wohlanstandes bleibe, hat, meine ich, keine Seele etwas dareinzureden.«

»Bravo! In diesem Sinne wird jeder vernünftige Mensch auf Ihrer Seite stehen müssen«, lobte der Herr, beifällig seine weißen, wohlgepflegten Hände zusammenschlagend. »Es gibt da ein lateinisches Sprichwort, das man sehr gut auf Sie anwenden könnte: Quod licet Jovi, non licet bovi. Das heißt auf Deutsch: Was den Göttern erlaubt ist, ist noch lange nicht dem –«

»Ich kenne den Spruch und bedanke mich schönstens für das Kompliment«, fiel die junge Dame ein. »Woher aber wollen Sie wissen, daß ich in diesem Sinne zum Geschlecht der Götter und nicht zur Sippe der Wiederkäuer gehöre?«

»Weil ich mir einbilde, ein Paar Augen im Kopfe zu haben«, erwiderte der Herr fein.

»Nein, diese Jugend von heute!« fiel seine Frau ein. »In meiner Jugend sah man ein junges Mädchen, das Latein lernte, für eine Art von Auswuchs ihres Geschlechtes an. Ich für meinen Teil finde es aber sehr richtig, daß man lernt, was einem geboten wird – besser zu viel als zu wenig. Ich wollte, ich hätte diese Gelegenheiten gehabt; denn als die Frau eines Gelehrten kommt man sich manchmal recht unwissend vor. – So, so! Also Sie haben sich losgeschält und sind auf Reisen gegangen! Ich finde das wundervoll; denn Reisen erweitern den Horizont. Oder ist Venedig Ihnen nur ein Versuch, um die Schwingen zu prüfen, wie weit sie tragen?«

»Ja und nein«, sagte die junge Dame nach einer kleinen Pause. »Ich bin ein impulsiver Mensch und glaube, daß einen das Glück nicht aufsucht, sondern daß man ihm entgegenkommen muß. Und so hat sich denn die felsenfeste Idee in meinem Kopfe eingekapselt, daß ich in Italien das, was ich suche, finden werde. Ich muß nun abwarten, ob dieses Vorgefühl richtig und der Wunsch nicht nur der Vater des Gedankens war, denn ich bin erst gestern abend hier angekommen.«

Die ältere Dame wechselte mit ihrem Gatten einen raschen Blick. »Sie wollen also hier etwas finden?« fragte sie. »Verzeihen Sie mir, bitte, wenn ich daran eine vielleicht indiskrete Bemerkung knüpfen möchte. Offen gesagt: Sie sehen nicht aus, als ob Sie eine – Stellung suchten!«

»Nein, eine eigentliche Stellung suche ich auch wirklich nicht«, erwiderte die junge Dame. »Aber irgendein Zustand, den man mit au pair annähernd bezeichnen könnte, würde mir passen. Ich spreche die Weltsprachen fließend und habe es gelernt, zu reisen, was auch eine Kunst ist; denn viele Menschen verstehen nichts davon und sind rettungslos die Beute des ersten Gepäckträgers, dem sie sich anvertrauen. Natürlich möchte ich auch nicht mit jedermann reisen wollen, nicht mit Leuten, die zwar das Geld dazu haben, denen aber die notwendigste Bildung fehlt. Das wäre dann freilich eine ›Stellung‹ und noch dazu eine sehr harte.«

Wieder wechselten der Herr und die Dame einen Blick, und dann sagte die letztere: »Wie eigentümlich sich das doch fügt! Wir selbst –«

»Wir selbst wissen nämlich zufällig, daß jemand eine solche Reisegefährtin sucht«, fiel der Herr ein, indem er die Hand auf den Arm seiner Frau legte und diesen leicht drückte. »Wer weiß, ob das nicht etwas für Sie wäre, meine Gnädigste! Wenn Sie bis morgen warten könnten, wären wir vielleicht in der Lage, die Sache in die Wege zu leiten.«

»Gewiß kann ich bis morgen warten, nachdem ich mich auf den Nimmermehrstag vorbereitet habe«, erwiderte die junge Dame lebhaft. »Wer sind denn diese vom Himmel auf mich herabfallenden Leute?«

»Darüber möchte ich vorläufig noch nicht sprechen«, entgegnete der Herr. »Zunächst würde es wohl zu einer Vorbereitung der Angelegenheit notwendig sein, die Personalien auszuwechseln – nicht wahr? Gestatten Sie mir, mich Ihnen vorstellen zu dürfen: Doktor von Eckschmidt, Privatgelehrter – meine Frau.«

»Ich heiße Dorothee von Ammerland und bin die Tochter des im vorigen Jahre verstorbenen ersten Botschaftsrates von Ammerland in London«, stellte sich die junge Dame ihrerseits vor.

»Die Tochter Friedrich von Ammerlands! Wie doch das Leben die Menschen zusammenführt!« rief Eckschmidt aus. »Ihr Herr Vater und ich waren zusammen auf der Universität in Heidelberg, und wenn wir auch verschiedenen Fakultäten angehörten – er studierte Jura, ich Philologie –, so waren wir doch eng befreundet und er ein häufiger Gast auf meiner bescheidenen Bude. Später hat das Leben uns auseinandergeführt, wie das so zu gehen pflegt. Und er ist nun schon seit einem Jahre tot!«

»Ich erinnere mich, es in der Zeitung gelesen zu haben«, murmelte Frau von Eckschmidt teilnehmend. »Und nun stehen Sie ganz allein in der Welt, liebes Fräulein?«

Dorothee nickte. Sie hatte eine dunkle Erinnerung, als ob ihr Vater einmal etwas von einer Person dieses nicht gewöhnlichen Namens erzählt hätte, aber was es gewesen, war ihr entfallen – für den Augenblick wenigstens, und da sie nicht mehr wußte, ob das Gehörte und wieder Vergessene zum Vorteil oder zum Nachteil des Betreffenden gewesen, so sagte sie lieber nichts von dieser Erinnerung. »Gestatten Sie mir, Ihnen meine Verhältnisse klarzulegen«, fuhr sie statt dessen fort. »Mein Vater hat mich nicht mittellos zurückgelassen, und nach der Ansicht meiner Verwandten, die sich nach seinem Tode meiner annahmen, das heißt mir Ratschläge gaben, besitze ich genug, um in einer kleinen Stadt sehr bequem leben zu können, sintemalen ich ›in meinem Eigensinn‹ nicht dazu zu bringen war, mich bei einem meiner Sippe nützlich zu machen oder mit jemand zusammenzuziehen – kurz, meine goldene Freiheit aufzugeben, an die ich als meines Vaters repräsentierende Hausdame gewöhnt war. Ich habe aber trotzdem die Schwäche gehabt, mich in die kleine Stadt mit dem bequemen Leben hineinreden zu lassen, und wußte natürlich nach ein paar Monaten schon, daß es damit für mich, die ich in verschiedenen Hauptstädten Europas gelebt, nichts war. Ein Jahr hab’ich’s in dem nüchternen kleinen Neste mit seinen Klatschkaffees ausgehalten und mir überall dabei moralisch blaue Flecke gestoßen; jetzt aber habe ich, kurz entschlossen und ohne jemand um Rat zu fragen, meine Zelte dort abgebrochen und bin nun auf dem Wege nach Rom, wo ich vielleicht finden kann, was ich suche; denn dort strömt ja alle Welt zusammen. Wer weiß, ob sich nicht dort jemand findet, dem als Gegenleistung für die Reisekosten meine Kenntnisse von Wert sind – falls die Gelegenheit, von der Sie, Herr Doktor, sprachen, sich als eine Seifenblase herausstellt.«

»Ich möchte fast glauben«, erklärte Doktor von Eckschmidt nachdenklich, »daß die Sache sich machen dürfte; denn die Leute, die ich im Auge habe, suchen eine junge Dame aus guter Familie, vielseitig gebildet, heiteren Gemüts und – völlig unabhängig. Ich meine das letztere in dem Sinne, daß es der Gesuchten infolge fehlender Familienbande nichts ausmacht, wenn die Reise auch ein bißchen weit geht und sich in die Länge zieht. – Um nun eine Stunde für morgen festzusetzen: Würde es Ihnen passen, wenn wir uns – sagen wir auf fünf Uhr nachmittags verabredeten? Unser Hotelzimmer ist ein wenig beschränkt im Raume, und ich fürchte, daß es mit dem Ihrigen ebenso der Fall ist.

Aber die notwendigen Präliminarien lassen sich auch ganz gut unter freiem Himmel besprechen – nicht wahr? Natürlich nicht in der unmittelbaren Nähe zuhörender Fremder, die es nichts angeht – das wäre ja peinlich. – Könnten Sie vielleicht einen Vorschlag machen?«

»Dann treffen wir uns am einfachsten vielleicht wieder hier«, schlug Dorothee vor.

»Hier wimmelt es oft geradezu von Fremden, namentlich, wenn, wie morgen, Konzert ist«, rief Doktor von Eckschmidt abwehrend. »Aber es gibt ja noch andere Plätze in Venedig, wo man ungestört reden kann. Zum Beispiel der Klosterhof von San Stefano.«

»Gewiß – um diese Zeit ist dort selten ein Fremder zu sehen, wenn es schon ein dritter Ort sein soll«, stimmte Dorothee zu. »Mein Zimmer ist aber ganz geräumig und steht Ihnen gern zur Verfügung.«

»Lassen wir es bei meinem Vorschlag, wenn er Ihnen sonst genehm ist«, erwiderte der Doktor. »Ich möchte Sie in keiner Weise belästigen, und es wäre auch schade, bei diesem herrlichen Wetter im Zimmer zu sitzen.«

»Wie Sie wollen«, gab Dorothee nach. »Also morgen nachmittag um fünf Uhr im Klosterhofe von San Stefano. Und, um Ihnen eventuell einen Weg zu ersparen, wenn Sie fünfzehn Minuten nach fünf Uhr nicht dort sind, dann nehme ich an, daß aus der Sache nichts werden kann und trolle mich. Ist’s Ihnen so recht?«

»Vollkommen«, sagte der Doktor verbindlich. »Aber noch eins: Bitte, reden Sie über die Angelegenheit vorläufig nicht mit Ihren Freunden oder Bekannten im Hotel –«

»Natürlich nicht – schon nach dem Grundsatz: Zu Nürnberg hängt man keinen nicht, bevor man ihn denn hätt’«, fiel Dorothee lachend ein. »Außerdem kenne ich keine Seele in dem Hotel. Die Leute, neben denen ich bei Tisch sitze, sind Banausen und Barbaren, die ganz unsprechbar sind; sie werden wohl morgen schon wieder fort sein; denn in Venedig ist ja bekanntlich für diese Leute nichts zu sehen. Und zum dritten: Ich gehöre nicht zu den Plappermäulern, die unbedingt jedem, der es hören oder nicht hören will, ihre persönlichen Angelegenheiten erzählen müssen. – So, und nun muß ich wirklich heim. Schildern Sie mich, bitte, Ihren Freunden in glühenden Farben – oder besser noch, in recht matten, damit die Enttäuschung keine zu große ist. Auf Wiedersehen morgen – oder, wenn nicht, dann wünsche ich Ihnen einen recht angenehmen Aufenthalt in Venedig.«

Mit diesen Worten hatte Dorothee sich erhoben, ihren neuen Bekannten eine verbindliche, aber keineswegs untertänige Verbeugung gemacht und schritt dann der Landungsstelle für die Dampfer nach Venedig zu.

,Nein, welch drollige, kleine, spitze Puppennase in dem großen Vollmondgesicht dieser Frau!‹ dachte sie unterwegs. ›Ob die beiden morgen kommen werden? Ich glaub’s nicht. Aber es tut nichts; denn es ist sehr schön im Klosterhofe von San Stefano, auch wenn man allein dort ist.‹


* * *


Sie kamen aber doch, und zwar waren sie dort, bevor Dorothee den malerischen Hof mit den grotesk verwischten Fresken Pordenones über dem Kreuzgange betrat. Sie standen vor dem erhöhten Mittelteil des Hofes, und Frau von Eckschmidt ließ eine der stets hier anwesenden, neben dem Pozzo (Ziehbrunnen) sich sonnenden Katzen mit der Quaste ihres Sonnenschirms spielen, während ihr Gatte dabei stand und mit seinem gewinnenden Lächeln zusah.

’Der Mann muß, als er jung war, mit diesem Lächeln Eroberungen gemacht haben; es ist heut noch bezaubernd‹, dachte Dorothee, indem sie, durch die westliche Tür in den Hof tretend, das Idyll betrachtete.

»Nun dachte ich pünktlich zu sein, Sie aber haben mich übertroffen«, rief sie, näherkommend. »Offen gesagt – ich dachte nicht, daß Sie überhaupt kommen würden.«

»Warum?« fragte Frau von Eckschmidt mißtrauisch.

»Oh, ich bin doch schließlich nur eine auf der Straße aufgelesene Bekanntschaft«, meinte Dorothee harmlos. »Sie wissen nichts, reinweg nichts von mir. Man kann doch, um gerecht zu sein, solch ein Wesen kaum jemand empfehlen.«

»Nun, wir wissen, daß Sie die Tochter meines Jugendfreundes Fritz von Ammerland sind«, widersprach Eckschmidt liebenswürdig.

»Was noch zu beweisen ist«, fiel Dorothee ein. »Aber ich habe den Beweis mitgebracht – hier ist mein Reisepaß, der meine Haare als ›strohblond‹ bezeichnet. Und was meinen Leumund anbelangt, so wird unser Botschafter in London gewiß gern Auskunft darüber geben«, schloß sie mit einem leisen Anflug von Hochmut.

»Die ›strohblonden Haare‹ sind eine Beleidigung schlechtweg«, meinte Doktor von Eckschmidt lächelnd, als er nach einer sehr genauen Durchsicht des Passes diesen seiner Inhaberin zurückgab. »Ferner gibt der Paß Ihnen vierundzwanzig Jahre. Das muß doch ein Irrtum sein!«

»Vierundzwanzig Jahre? Unmöglich!« rief Frau von Eckschmidt mit ungeheucheltem Erstaunen. »Ich hätte Ihnen kaum mehr als zwanzig gegeben und muß gestehen, daß ich mich gefragt habe, was wohl Ihr Vormund zu Ihrem Ausfluge sagen würde!«

»Danke für das Kompliment«, sagte Dorothee heiter. »Daß ich ›wie höchstens zwanzig aussehe‹, ist einer der Gründe, weshalb meine Verwandten mich zu überwachen wünschen. Trotzdem ist mein Geburtsdatum kein Irrtum. Und darum –«

»Und darum –« fiel der Doktor im gleichen Tone ein, »die Leute, die sich gern Ihre liebenswürdige Gesellschaft sichern möchten, sind nämlich wir selbst!«

»Sie?« rief Dorothee förmlich zurückprallend, denn der Gedanke war ihr nicht gekommen. Die Leute sahen anständig und gut aus, der männliche Teil sogar entschieden vornehm, aber sie hatten ihr nicht den Eindruck gemacht, als ob sie sich einen so besonderen Luxus wie eine Reisebegleitung leisten könnten. »Sie!« wiederholte Dorothee mit einem sonderbaren Gefühle, dem sie keinen Namen geben konnte. »Darf ich fragen –«

»Wir sind gekommen, Ihnen unsere Vorschläge zu machen«, fiel Doktor von Eckschmidt ein. »Doch ehe ich dazu übergehe, sollen auch Sie wissen, daß wir wirklich die sind, als welche wir uns Ihnen vorstellten.«

Dorothee nahm ohne Ziererei und falsch angebrachter Höflichkeit die beiden Pässe entgegen, die ihr gereicht wurden, und las sie aufmerksam durch, wobei sie erfuhr, daß der Doktor mit Vornamen Kasimir hieß und seine Gattin Modesta eine geborene Taistrczinski war. Daß der Paß ihre Nase als ›auffallend klein, gerade und spitz‹ bezeichnete, hätte Dorothee fast lachen gemacht, ließ aber über die Identität der Inhaberin des Passes keinen Zweifel.

»Nach diesen Präliminarien, die notwendig waren, wollen wir nun zum Kern der Sache übergehen«, sagte Eckschmidt, indem er die Pässe wieder zu sich steckte. »Wir sind kinderlose Eheleute, Fräulein von Ammerland, und haben uns jetzt, nahe dem Abend unseres Lebens, aufgemacht, die Welt zu sehen, die uns manch ein widriges Geschick bisher verschlossen hielt. Ein Aufenthalt in Rom Ende des vorigen und Anfang dieses Jahres hat unseren Appetit auf die Wunder dieser Welt geweckt und verschärft, und nach einem kurzen Aufenthalt in der Heimat haben wir uns denn zur Reise gerüstet, auf deren Schwelle wir hier stehen. Wir denken jetzt zunächst wieder auf einige Zeit nach Rom zu gehen, dann über Neapel nach Ägypten, Indien, Japan und Amerika. Sind Sie mit von der Partie?«

»Rom, Ägypten, Indien, Japan und Amerika!« wiederholte Dorothee überwältigt. Und dann lachte sie hellauf. »Ich müßte ja eine doppelt geflügelte Gans sein, wenn ich eine solche Gelegenheit an mir vorübergehen ließe«, sagte sie mit tiefster Überzeugung. Dann aber kam die Besinnung. »Und Ihre Bedingungen?« fragte sie gespannt.

»Unsere Bedingungen stehen auf der Basis, die Sie gestern nannten – au pair«, erwiderte Doktor von Eckschmidt. »Wir tragen die Reisekosten, und Sie geben uns dafür Ihre jugendfrische Gesellschaft, Ihre Erfahrungen in fremden Ländern, Ihre Sprachkenntnisse und mir speziell Ihre gelegentliche Hilfe beim Ordnen meiner archäologischen Notizen. Ich will Sie damit nicht etwa ausnützen, sondern nur hin und wieder Ihren Beistand in Anspruch nehmen. Im übrigen nehmen Sie an all unseren Ausflügen und geselligen Freuden selbstverständlich teil. Sie haben nur einzuschlagen, und die Sache ist in aller Form geregelt. Wenn Sie aber Wert darauf legen, will ich gern einen schriftlichen Vertrag entwerfen, der von uns beiden unterzeichnet werden kann.«

»Herr Doktor, Ihr Vorschlag ist mehr als verlockend«, gestand Dorothee unumwunden ein. »Wenn ich Sie trotzdem um eine kleine Bedenkzeit bitte, so geschieht das im Geiste meines Vaters, der mir die Lehre gegeben hat, jeden Entschluß zweimal zu überlegen. ›Der Wahn ist kurz, die Reu’ist lang‹, hat ja auch Schiller schon gesagt. Darf ich Ihnen morgen meine Antwort bringen?«

Eckschmidt wechselte mit seiner Frau einen Blick. »Bitte, halten Sie uns nicht für ungefällig, wenn ich Ihnen erwidere, daß Sie sich heute noch entschließen müssen«, sagte er mit seinem gewinnenden Lächeln. »Wir sind nämlich durch unerwartete geschäftliche Angelegenheiten gezwungen, schon morgen früh nach Rom abzureisen, wo ich überdies auch gern sobald als möglich meine archäologischen Studien zum Abschluß bringen möchte, um beim Eintritt des Winters die Weiterreise nicht aufzuhalten. Die doppelte Überlegung eines Entschlusses ist sicherlich eine sehr weise Lehre – indes, selbst wenn Sie sich uns morgen früh schon anschließen, riskieren Sie nichts dabei. Sie sollen in keiner Weise durch Ihr ›Ja‹ an uns gebunden sein. Sagen wir Ihnen nicht zu, nun, dann sind Sie wieder frei und noch dazu in Rom, wohin Sie ja ohnedem zu reisen gedachten. Für den gleichen Fall würden wir uns aber als gebunden betrachten, eine Trennungsfrist festzusetzen, denn nichts liegt uns ferner, als Sie von heute zu morgen wie ein Findelkind auf die Straße zu setzen.«

Dorothee antwortete auf diese großmütigen Worte nicht gleich. Sie blickte hinaus in den Hof, in dessen Ecke nur noch ein letzter Sonnenstrahl fiel, und wieder kroch das unnennbare Gefühl wie vorhin durch ihre Glieder und machte sie frösteln.

Und dann sah sie all die Länder vor sich, nach denen ihre Seele sich sehnte, und der Trieb in die Ferne, der Wissensdurst, der in vielen Menschen so unwiderstehlich sich regt, überwältigte die unnennbare, namenlose Regung ihrer Seele.

»Um wieviel Uhr reisen wir morgen ab?« rief sie heiter, indem sie dem Paar frank und frei ihre Hände reichte.


* * *


Venedig, 15. September

Für den Fall, daß meine kühne, aus dem tödlichen Einerlei der Kleinstadt entsprungene Idee, von irgend jemand auf eine Weltreise mitgenommen zu werden, Wirklichkeit werden sollte, war es von vornherein meine Absicht, ein Tagebuch zu führen. Denn ›Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen‹, heißt’s im Gedicht vom Herrn Urian. Aber um ›was erzählen‹ zu können, muß man erstens Augen haben, die da sehen können, und zweitens alles, was man sieht und erlebt, fein säuberlich aufschreiben, sintemalen man sonst vieles vergißt, vieles sich im Gedächtnis vergrößert oder verkleinert und man im ersteren Falle unwillkürlich ins Aufschneiden gerät. Aber nicht nur aus diesen Gründen habe ich ein Tagebuch geplant, sondern in erster Linie entsprang der Wunsch dem kühnen Gedanken, über meine Reise, die gestern noch eine halbe – nein, eine ganze Unmöglichkeit, eine Phantasterei zu sein schien, ein ›epochemachendes‹ Werk zu schreiben, wozu wiederum ein Tagebuch sich als eine dringende Notwendigkeit ergibt, ein Tagebuch, zielbewußt und getreu geführt, ohne sentimentalen Unsinn und blödsinnige Gefühlsergüsse, wozu ich übrigens absolut nicht neige. Amüsante und flotte Reisebeschreibungen werden immer gern gelesen, vorausgesetzt, daß der Verfasser kein Philister ist. Also habe ich mir auf dem Heimwege von San Stefano dieses Heft gekauft und beginne es am Vorabend unserer Abreise.

Unserer! Ich und zwei Menschen, die ich gestern zum ersten Male und ganz zufällig gesehen! Wirklich ganz zufällig? Mein Vater pflegte zu sagen, daß es keinen Zufall gibt, daß das, was man so nennt, immer das Glied einer Kette ist, die zu einem ganz bestimmten Ziele leitet. Nun, wenn dieses Ziel wirklich die angenehme und restlose Erfüllung meiner Reisesehnsucht bedeutet, dann will ich für das Wort ›Zufall‹ gern ›Bestimmung‹ schreiben.

Ich reise also morgen früh mit meinen – wie soll ich sie nennen? Gefährten? Herren? – Doktor Kasimir von Eckschmidt und seiner Gattin Modesta nach Rom ab. Wer sind diese Leute? Nun, ich habe ihre Pässe mit eigenen Augen gelesen, habe dabei aber ganz übersehen, wo sie ausgestellt sind. Außer diesen trockenen Angaben weiß ich nichts von ihnen, nichts über ihre berechtigten und unberechtigten Eigentümlichkeiten, nichts über ihre Lebensführung und soziale Stellung, nichts über ihren Leumund. Um gerecht zu sein: Sie wissen genau ebensoviel von mir, wie ich von ihnen, aber ich habe mich doch wenigstens auf den guten Onkel Botschafter berufen, bei dem ich einen so dicken Stein im Brett habe oder doch hatte. Nein – habe, denn er ist keiner von denen, die einen Menschen nicht mehr kennen, wenn er ihnen aus den Augen gerückt ist. Er nicht! Über Herrn Kasimir und Frau Modesta erlaube ich mir jedenfalls noch kein Urteil. Der Mann ist anziehend, darüber ist keine Frage, er ist ein Gentleman und kein Philister, trotzdem er ein Gelehrter ist. Aber trotz seiner unzweifelhaften Überlegenheit an Bildung über seine im übrigen durchaus gesellschaftlich gewandte Frau habe ich den Eindruck, als ob sie von den beiden der Meistergeist wäre. Es ist wahr, sie hat ihrem Manne gestern wie heute in allem das Wort gelassen, aber vielleicht nur darum, weil er in der Beherrschung desselben gewandter ist. In ihren Augen, die gewiß schön wären, wenn ihnen die dichten, geraden, schweren Brauen nicht etwas Finsteres gäben – in ihren Augen liegt etwas, das ich schon bei jemand gesehen, den mein Vater einen Intriganten genannt, einen Menschen, der nach seinem Urteil unablässig etwas plante, krumme und gerade Wege ging und über Leichen schritt, um vorwärts zu kommen. Ich will damit natürlich nicht sagen, daß Frau Modesta ein solcher Mensch ist, es sind nur ihre Augen, die mich darauf gebracht. Aber dann ist’s auch ihr Mund, der zum Nachdenken anregt; er ist viel zu voll und würde sicher ordinär sein, wenn er nicht so fest geschlossen wäre. Das ist kein Mund, der die Gedanken seiner Inhaberin ausplaudert, ein Mund, der Geheimnisse verschweigen kann, und er paßt durchaus zu den Augen. Dabei widerspricht die lächerliche, spitze, kleine Puppennase Augen und Mund mit einer geradezu grotesken Entschiedenheit.

Nun, die Zeit wird es schon lehren, inwiefern die Widersprüche im Gesicht der Frau Modesta zusammenklingen. Sie war übrigens heute nachmittag ganz reizend zu mir und konnte nicht genug versichern, mit welcher Freude sie meiner ›jugendfrischen Gesellschaft‹ entgegensieht usw.

Das ›Undsoweiter‹ bezieht sich übrigens nur auf meine Bescheidenheit, die mir nicht erlaubt, alles zu wiederholen, was Frau Modesta mir gesagt, und soll gewiß keinen Zweifel in die Aufrichtigkeit des Gesagten ausdrücken. Oder doch? Weil’s mir scheinen wollte, daß weniger mehr gewesen wäre?

Für alle Fälle: Schluß für heute, denn es ist schon spät, und unser Zug geht morgen sehr früh ab.

Nein, ich muß mir noch etwas notieren, denn es ist entschieden komisch. Ich habe nicht erfahren können, wo Eckschmidts hier in Venedig wohnen. Als ich ihn danach fragte, für den Fall noch etwas zu besprechen wäre, da fiel sie mit einer anderen Frage ein; und als ich sie dann fragte, da hatte er gerade etwas anderes zu sagen, und das wiederholte sich noch ein paarmal – ob sie beide der Antwort ausweichen wollten? Und was hätte das dann zu bedeuten? Fürchten sie, daß ich ihnen in letzter Stunde noch absagen könnte? Das ist natürlich eine müßige Frage; denn da sie gar nicht wissen können, was ich ihnen leisten werde, so wäre es ganz unangebracht, mein etwaiges ›Kneifen‹ verhindern zu wollen. Auch eine andere Erklärung, daß sie vielleicht in einem so dürftigen Gasthofe wohnen, daß sie sich genieren, ihn zu nennen, zieht nicht in Anbetracht der Großartigkeit ihrer Reisepläne, die eine dritte Person mit allem, was darum und daran hängt, einschließen. Ich finde wirklich keine einleuchtende Erklärung für die Tatsache, daß Eckschmidts mir entschieden ihre venezianische Adresse nicht mitteilen wollten, aber doch scheinen sie darin mit völliger Übereinstimmung gehandelt zu haben. Nun, vielleicht komme ich noch dahinter, was das zu bedeuten hat; und wenn nicht, dann tut’s auch nichts. Sie werden wohl noch andere Eigentümlichkeiten haben, die mich mehr angehen als diese!


* * *


Rom, 16. September.

Rechtschaffen müde bin ich zwar nach der langen, heißen Fahrt, aber da ich noch nicht schlafen kann und wahrscheinlich bei dem Höllenlärm drunten auf der Straße auch sobald nicht schlafen werde, so will ich doch meine Eindrücke von der Reise niederschreiben. Als ich dieselbe Fahrt zum letzten Male nordwärts gemacht, war ich ein krasser Backfisch; Vater war nach Paris versetzt worden und schied sehr, sehr ungern von dem ihm so liebgewordenen Rom – und ich auch. Ich dummes Mädel krankte nämlich an einem ›Schwarm‹, einem Bazillus, den ich mir auf einem ›Lämmerhüpfen‹ bei der guten alten Marchesa Aquilabianca, meiner Gönnerin, geholt. Ich war damals im Institut der Damen del Sacro Cuore auf Santa Trinitá de’Monti als Pensionärin, denn da mein Vater Witwer war, konnte er mich in diesem Alter nicht gut bei sich zu Hause haben und meine Erziehung überwachen. Ich durfte vom Institut aus, unter den Fittichen der guten Marchesa, besagtes Lämmerhüpfen mitmachen, und ich weiß noch heute, daß es wundervoll war. ›Er‹ hieß Don Ferrando Roccasanta und war entschieden zu alt für den Kreis kurzröckiger und bezopfter Mädel, übrigens trotzdem noch ein junger Mann. Er tanzte achtmal mit mir und brachte mir ebensooft Bonbons. Aber das gehört ja eigentlich gar nicht in das Tagebuch meiner Weltreise!

Die diesmalige Fahrt von Venedig nach Rom war trotz der Hitze und ihrer Länge ein Genuß, und mir scheint, als ob mein Enthusiasmus meine Begleiter auch etwas angesteckt hätte. Schon die Fahrt durch die Apenninen, zwischen Bologna und Florenz, war trotz der vielen Tunnels köstlich durch die Blicke in diese fremde Alpenwelt mit ihren grünen Tälern und Abhängen, die im Schmuck des sie bedeckenden blühenden Ginsters wie vergoldet aussahen, bekrönt von festungsartigen Bergschlössern. Und dann, hinter der alten, an Kunstwerken so reichen Stadt Pistoja der erste Blick auf Florenz, die herrliche Blumenstadt, tief unten im Arnotal, überragt von der Kuppel des Domes und dem schlanken Campanile des Giotto, der in seiner vielfarbigen Marmorpracht am blauen Himmel steht wie eine fremdartige Riesenlilie.

Und die Strecke zwischen Florenz und Rom! Erst durch die grüne, lachende Landschaft von Toskana mit ihren Villegiaturen, dann vorbei an dem blauen See von Trasimeno, der, von der westlich sich neigenden Sonne beleuchtet, wie ein heller Saphir in seinen grünen Ufern eingebettet liegt. Bei Orvieto erreicht die Bahn dann den Tiber und folgt seinen Windungen bis zur Ewigen Stadt. Diese Strecke hat ihren eigenen Zauber durch die vielen Schlösser und Ruinen, die von einer fernen, wilden Zeit erzählen. Hinter Orvieto läßt man den Monte Amiata mit seinem Höhenzug zurück und über Civita Castellana grüßt dann der vielbestiegene Monte Soracte und weiter südlich der prachtvolle Kegel des Monte Rotondo herüber; dann endlich wird Prima Porta mit der Villa Livia sichtbar, ehe die Bahn hinter dem Bergkegel von Castello Giubileo vorüberläuft. Noch eine kurze Windung, dann erscheint der Monte Mario mit der Villa Madama wie ein Juwel an der Brust, und die Riesenkuppel von Sankt Peter steht wie eine purpurne Silhouette im letzten Dämmern des scheidenden Tages am blutroten Horizont – wir sind in Rom!

Ja, in Rom, in einem Hotel durchaus nicht ersten Ranges, und von meinem Fenster kann ich die von den elektrischen Bogenlampen phantastisch beleuchteten Ruinen der Diokletiansthermen sehen.

Herr Kasimir und Frau Modesta schlafen nebenan wohl schon längst den Schlaf der Gerechten – –

Ich aber kann wirklich nur sagen, daß sie sehr nett zu mir waren, sehr besorgt für mein leibliches Wohl. Er ist ohne Zweifel ein Mann von gründlichem, ja universalem Wissen, durch das ich nur profitieren kann. Seine Frau ist ja sehr weltgewandt, aber ich habe den Eindruck gewonnen, als ob ihr Wissen nicht nur Stückwerk, sondern ihre ganze Bildung nichts als ein glänzender Firnis ist, der etwas bedeckt, das ich noch nicht erfaßt habe. Sie braucht deswegen noch lange nicht aus ungebildeten Verhältnissen zu stammen, dazu sind ihre Manieren zu gut und machen nicht den Eindruck des künstlich Erworbenen, sondern der Kinderstube, die sich nie verleugnet. Indes, die Bildung, wie ich sie verstehe, braucht jemand nicht Herzenssache zu sein, sondern eben nur ein notwendiges Übel, das man sich aneignet, ohne es in Fleisch und Blut übergehen zu lassen. Eben, was man halt ›Firnis‹ nennt! Ich habe viele solcher Leute kennengelernt und habe auch oft erkannt, was er bedeckte: Dummheit, die freilich bei Frau Modesta ausgeschlossen ist, Faulheit und Indolenz; es kann aber auch noch andere Faktoren geben, die ich nicht kenne; und wenn ich Frau Modesta daraufhin studieren möchte, so soll das nicht Undank sein für alles mir bisher erwiesene Gute, sondern einfach eine Bereicherung meiner Menschenkenntnisse, und weil ich dabei bleibe, daß sie von beiden der spiritus rector ist. ›Meistergeist‹ ist wohl nicht die richtige Übersetzung dieser Bezeichnung, denn Herrn Kasimirs Geist ist der größere; vielleicht könnte man’s damit umschreiben, daß sie die Fäden des Marionettenspiels in den Händen hält.

Sie war, ebenso wie ihr Gatte, sehr besorgt für mein leibliches Wohl während der ganzen Fahrt. Ihr erstes war, daß sie mir, noch in Venedig auf dem Bahnhofe, zum Schutze meines Teints gegen Zugluft und Kohlenstaub einen dicken, blauen Schleier aufschwatzen wollte. Ich trage aber niemals einen Schleier und habe mich auch deshalb mit Händen und Füßen gegen das blaue Gazeungetüm gewehrt und bin siegreich aus dem harten Kampfe gegen ihre gutmütige Fürsorge hervorgegangen.

Eine andere kleine Szene, in der ich fest zu bleiben hatte, wenn ich meinen Willen und meine Überzeugungen nicht von vornherein verspielen wollte, fand hinter Florenz statt, wo wir von Arezzo bis Tarantola allein im Abteil waren. Ich hatte Frau von Eckschmidt auf irgendeinen Punkt draußen aufmerksam gemacht und sie dabei natürlich ›gnädige Frau‹ genannt.

»Oh, reden Sie mich doch nicht so feierlich an!« rief sie, meine Hand ergreifend. »Wir rüsten uns doch zu einem langen, langen Beisammensein und wollen uns das durch Titulieren nicht ungemütlich machen. Nicht wahr, ich darf Sie doch Thea nennen?«

Ich schnitt unwillkürlich ein Gesicht; denn ich habe eine liebe Tante, die mir schon manchen Wutseufzer entlockt, wenn sie mich Thea nennt. Sie ist die einzige in meiner Verwandtschaft, die meinen Namen in dieser Weise abkürzt.

»Oh, nur nicht Thea!« bat ich entsetzt. »Mein Name ist ja gar nicht so lang, um abgekürzt werden zu müssen; wenn’s aber schon sein muß, dann nennen Sie mich Doro, wie’s mein Vater gern getan.«

»Aber ich schwärme gerade für Thea«, versicherte Frau von Eckschmidt in aufdringlichem Tone. »Hätte ich eine Tochter besessen, dann hätte ich sie einzig und allein nur Thea genannt. Lassen Sie mich Sie doch so nennen! Mein Mann liebt diese schöne Abkürzung Ihres Namens auch über alles.«

»Gewiß, Modesta, gewiß!« beeilte sich der Doktor lebhaft zu versichern. »Thea ist von unbeschreiblichem Wohlklang für mein Ohr. Rosa Thea – Ihre Persönlichkeit, Ihr wunderbarer Teint, Fräulein von Ammerland, hat mir den Vergleich mit der Teerose schon mehr als einmal aufgedrängt. Sie dürfen solch einem alten Onkel wie mir dies kleine Kompliment nicht als Schmeichelei ankreiden.«

Das ›kleine Kompliment‹ wäre sicher im Munde jedes anderen eine ganz grobe Schmeichelei gewesen, aber Doktor von Eckschmidt sagte es mit seinem reizenden Lächeln so überzeugend, daß ich dumme Gans fühlte, wie ich vor Vergnügen rot wurde! Kurz und gut – ich mußte die Thea über mich ergehen lassen, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich mich daran gewöhnt haben werde. Nachdem ich nun in diesem einen, nicht gerade wesentlichen Punkte meine Nachgiebigkeit bewiesen, setzte ich mich aber in dem daran anknüpfenden um so entschiedener zur Wehr, nämlich, als Frau Modesta mir den Vorschlag machte, sie Tante und ihren Mann Onkel zu nennen.

»Ich schlage es vor, um Ihnen von vornherein vor der Welt eine feste und klare Stellung bei uns zu geben«, sagte sie zur Erläuterung. »Die Frage, ob Sie in einem abhängigen Verhältnisse zu uns stehen, fällt damit einfach weg; als unsere Wahl= oder Adoptivnichte stehen Sie in einem ganz anderen Lichte da. Habe ich nicht recht?«

»Gnädige Frau,« erwiderte ich nach einem Augenblick des Nachdenkens sehr ruhig und höflich, »was die Welt über meine Stellung zu Ihnen denkt, ist mir nicht nur ganz gleichgültig, ich halte es auch für gar keine Schande, wenn man an meine Abhängigkeit von Ihnen glauben will; daß ich keine Dienerin, sondern eine Dame bin, wird hoffentlich jeder unterscheiden, der überhaupt dazu imstande ist. Sie selbst können ja noch gar nicht wissen, ob ich Ihnen auf die Dauer zusage, und dann wäre es Ihnen gewiß unangenehm, wenn ich Sie mit einem Titel angeredet hätte, der den Leuten ja doch nur nahe verwandtschaftliche Beziehungen vorheucheln soll. – Nicht wahr, darin habe ich doch auch recht?« wandte ich mich an den Doktor, der aufmerksam zugehört hatte.

»Ja und nein«, meinte er freundlich. »Ja – von Ihrem sehr ehrenwerten Standpunkt aus; nein – von dem unseren, weil ich es für ausgeschlossen halte, daß Sie uns nicht zusagen sollten. Für mich selbst gestehe ich, daß ich eine Schwäche für hübsche, junge Nichten habe, selbst wenn es nur ›geheuchelte‹ sind.«

Nun, ich habe auch eine ›Schwäche‹ für alte, nette Onkels, aber ein entschiedenes Vorurteil gegen Tanten, speziell gegen sogenannte, auch ›Polkatanten‹ genannt, die den Titel nur zu beanspruchen pflegen, um einen unter dieser Flagge ungescheut und ungehindert hofmeistern zu können. Natürlich sprach ich das nicht aus, sondern erklärte nur, daß ich die freundliche Absicht dankend anerkenne, zunächst aber bitten müsse, Abstand davon zu nehmen, bis die Zukunft Frau von Eckschmidt sicher genug erscheine, um darauf zurückzukommen.

Sie hatten beide den Takt, es dabei bewenden zu lassen, und damit war das Thema zu meiner großen Erleichterung erledigt. Das hätte mir gerade noch gefehlt, mich am ersten Tag schon ins Tantenjoch sperren zu lassen! Und dann hat die Medaille für mich doch auch eine Kehrseite, ob die Leute mir selbst auf die Dauer zusagen – trotz der lockenden Weltreise! Zudem gehöre ich auch nicht zu den Menschen, namentlich weiblichen Geschlechtes, die gleich mit jedem Vetterschaft schließen und Schmollis trinken müssen – um mit dem Vetter Student zu reden, den ich von der ganzen Sippe noch am liebsten habe. Die Konzession zur Thea ist fürs erste gerade genug!

Ich war natürlich sehr neugierig, wo wir in Rom wohnen würden, wollte aber nicht fragen. Eckschmidts kamen mir jedoch damit entgegen, indem sie diese Angelegenheit miteinander besprachen und von einer Privatwohnung redeten, in der der Doktor ungestört arbeiten könne. Sie erzählten mir dabei, daß sie im Vorjahre eine ganz ideale Wohnung innegehabt hätten, und fragten sich, ob diese vielleicht noch oder wieder frei sein dürfte; sie befände sich in einem alten Palaste im Herzen Roms, dessen Besitzer aus finanziellen Gründen seine überflüssigen Räume vermiete.

Vorläufig sind wir in diesem Hotel gelandet, das gewiß keines von den teuern ist. Und jetzt bin ich so müde, daß ich sicherlich trotz des Lärms auf der Straße herrlich schlafen werde.


* * *


Rom, Palazzo Roccasanta, 17. September.

Wir sind schon am Morgen unseres ersten Tages in Rom in unsere Privatwohnung im Palazzo Roccasanta übergesiedelt – nebenbei bemerkt: trotz des strahlend schönen Tages in einer geschlossenen Droschke. Das ist nämlich eine Sorte von Vehikel, die mir besonders antipathisch ist, und dazu mußten die Fenster noch heraufgezogen werden, als ob wir in Sibirien wären. Unter ›wir‹ sind jedoch nur Frau von Eckschmidt und ich gemeint; denn der Doktor, der schon gleich nach dem Frühstück ausgerückt war, hatte seiner Frau telephoniert, daß ihre alte Wohnung frei und er gleich dort geblieben sei; wir möchten ihm nur alsbald dahin folgen.

Unterwegs erst erfuhr ich, wie unser Domizil heißt, und der Name Roccasanta – der Name meines Schwarmes vom Lämmerhüpfen vor neun Jahren – legte mir die Frage nach dem Namen des Besitzers dieses Palastes nahe. Frau Modesta belehrte mich, daß der Palast dem Herzog von Poggio Laureto gehöre, sie wußte aber sonst nichts von ihm oder seiner Familie, hatte ihn auch nie zu sehen bekommen, denn die Vermietung sei durch den Verwalter erfolgt. Sie hatte keine Ahnung, warum der Palast dieses Namens im Besitze des Herzogs Poggio Laureto und welches sein Familienname sei, und war ganz erstaunt zu hören, daß in Italien – wie übrigens in anderen Ländern auch – nur der Älteste der großen Häuser nach der Primogenitur den Titel führe, die anderen Mitglieder aber den Familiennamen. Den des Herzogs Poggio Laureto kannte sie nicht, glaubte aber kaum, daß er Roccasanta sein könnte.

Die Fahrt in dem geschlossenen Ratterkasten nahm zum Glück auch ihr Ende. Ich bin wirklich nicht schadenfroh, aber eine gewisse Genugtuung gewährte es mir doch, daß Frau Modesta sich in der unerträglichen Temperatur des Wagens fortwährend ihr großes Vollmondgesicht abtrocknen mußte. Mein Vorschlag, wenigstens eines der Fenster zu öffnen, wurde hastig abgelehnt. Furcht vor Zugluft kann diese merkwürdige Maßregel nicht gewesen sein, denn Frau Modesta hatte sich gestern während der Reise ersichtlich des Luftdurchzuges erfreut, als die Hitze mittags erheblich stieg. Krank fühlte sie sich heute auch nicht – warum also diese Sonderbarkeit, die uns beiden die Fahrt zur Last und zum Mißvergnügen machte?

Der Palazzo Roccasanta, an dem wir endlich landeten, lag wirklich im Herzen Roms – ein kolossales, dreistöckiges, fast quadratisches Gebäude, eingekeilt in ein Labyrinth von engen, schmalen Gassen, auf drei Seiten wenigstens, denn die imposante, gegen Süden gerichtete Front mit dem säulengetragenen Portal liegt an einem kleinen, öden Platze, einer Kirche gegenüber. Dort hielten wir jedoch nicht an, sondern bogen an der nördlichen Ecke in eine schmale Gasse, die dem langen Seitenflügel entlangläuft, und am Ende desselben scharf rechtsherum zur Rückseite des Palastes und hielten dort vor dem mächtigen Portal, in dessen eisenbeschlagenen Torflügeln Ausschnitte zum gewöhnlichen Aus= und Eingang angebracht sind. Hier stiegen wir aus, und Frau Modesta ließ den wundervollen Bronzeklopfer, der in entzückender Modellierung die Figur eines auf einem Delphin stehenden Neptuns zeigt, schwer auf die dahinter angebrachte Bronzeplatte fallen und erweckte damit in dem Hause ein Echo, das mir dermaßen auf die Nerven ging, daß ich am liebsten wieder in den Wagen gestiegen und davongefahren wäre – trotzdem er geschlossen war. Denn dieses Echo hatte für mein Ohr etwas so – Warnendes, möchte ich sagen, wie ich es gar nicht beschreiben kann. Natürlich waren’s nur meine Nerven, die mir diesen Streich gespielt, und ehe ich die Flucht ergreifen konnte, wurde der Türausschnitt auch schon geöffnet, und eine sehr gutmütig aussehende, dicke Frau – die Gattin des Portiers – erschien in seinem Rahmen und begrüßte Frau von Eckschmidt zwar sehr höflich, aber nicht allzu begeistert, wie mir schien. Mich aber betrachtete sie mit unverhohlenem Erstaunen, dessen Ursache mir jetzt noch schleierhaft ist.

»Aber die Signorina sieht sehr wohl aus – unberufen, unberufen!« rief sie aus, indem sie mit der Hand das Zeichen gegen den ›bösen Blick‹ machte.

Darüber mußte ich lachen, worüber die Gute sich aber zu freuen schien.

Denn sie lachte auch und meinte entschuldigend: »Es ist immer gut, sich vorzusehen. Aber es ist wirklich wunderbar, wie gut und blühend die Signorina aussieht, wenn man bedenkt –«

»Bitte, wenn Sie uns jetzt das Handgepäck hinaufbesorgen wollten, so wäre es sehr freundlich von Ihnen«, unterbrach Frau von Eckschmidt die mich doch sehr interessierende Mitteilung. »Wir gehen indessen voraus, da mein Mann uns gewiß erwartet.«

Damit winkte sie mir, durch die große, leere Eingangshalle und dann die breite, weiße, aber teppichlose Marmortreppe hinaufeilend. Dabei sah ich, daß diese Halle, dem Eingang gegenüber, sich in einen großen, gartenähnlichen Hof öffnet, der ringsum mit riesigen Orangen=, Lorbeer=, Myrten= und blühenden Oleanderbäumen in mächtigen, grünen Kübeln umstellt ist, zwischen denen auf Sockeln antike Marmorstatuen und Fragmente von solchen stehen. In der Mitte dieses Hofes bemerkte ich ein köstliches Wasserbassin von Bronze, in dem eine wunderbare Renaissancevenus ihre Haare auswindet, und jenseits des Brunnens sah ich durch eine geschlossene Glastür in die Halle des vorderen Flügels, einen glänzenden, säulengetragenen Raum mit prächtigem Palmenschmuck, Teppichen und Statuen, Lüstern und plüschbekleideten, vergoldeten Sitzmöbeln. Von der Treppe rückwärts blickend, konnte ich auch noch die Ecke einer grottenartigen Vertiefung am südlichen Ende des Hofes sehen – alles das machte mir nicht den Eindruck der Verwahrlosung oder des Unbewohntseins dieses Palastes.

Ich nahm aber Abstand davon, meinen Bemerkungen Worte zu geben, denn Frau von Eckschmidt war so einsilbig und geistesabwesend, daß sie gar nicht auf mich achtete. Ich folgte ihr die lange, auf der Hälfte ihrer Höhe ein Knie bildende Treppe hinauf zum ersten Stock, dort durch einen öden, großen Vorraum und von diesem auf einer ebenso hohen Treppe nach dem zweiten Stockwerk. Hier wandte sie sich in einen breiten Korridor von solcher Länge, daß er kein Ende zu nehmen schien; durch die Fenster zur rechten Seite sah ich, daß sie nach dem Hofe über den ihn umschließenden Loggien des ersten Stockes hinausgingen, während links eine Reihe von Türen sich auf ihn öffneten.

Endlich war der Korridor durchschritten; er machte rechts, an der südlichen Ecke des Hauses, eine scharfe Biegung und lief in fast gleicher Länge die Südseite entlang. Hier machte Frau von Eckschmidt an der zweiten Türe halt und klopfte an, worauf ihr Gatte öffnete und uns aufs freundlichste begrüßte.

»Willkommen, willkommen im neuen Heim – für die nächsten Monate wenigstens!« rief er, indem er mir die Hand reichte. Aber sein Blick ging über mich hinweg auf seine Frau, denn vielleicht war ihm der geistesabwesende Ausdruck ihres Gesichtes auch aufgefallen. »Nun, was sagen Sie zu diesem bescheidenen Häuschen?« fuhr er sich fast überstürzend fort. »Feudal – nicht? Bramante war der Baumeister, ganz sein Stil, ganz sein Stil! – Lassen Sie mich Ihnen jetzt gleich unser Reich zeigen, indes meine Frau sich aus ihren Hüllen schält. Wir stehen hier in einem Vorzimmer, offiziell die Anticamera genannt, die wir als Speisezimmer benützen; in einer Mietkaserne neuen Stils würde dieser Raum ›Saal‹ genannt werden. Links diese Tür führt in unser Schlafzimmer, rechts treten wir in den Raum, den ich mir für meine Studien ausersehen habe. Ich habe hier einen sehr geräumigen Schreibtisch und einen großen Bücherschrank, und damit ist ja die Verwendung dieses Gelasses von vornherein gegeben.«

Ich konnte dem nur zustimmen; der Raum ist groß und luftig, hoch, und der enorme Diplomatenschreibtisch von Boule ein ganz prächtiges Möbel. Die großen, verglasten Bücherschränke rings an den Wänden deuten darauf hin, daß dieses Zimmer schon früher Studienzwecken gedient haben muß. Sie sind, wie die Möbel alle, im reichsten italienischen Rokokostil, und wenn die schwerseidenen Bezüge auch stark verbraucht und stellenweise verschlissen sind, so machen sie immerhin noch einen sehr vornehmen Eindruck. Aus seinem Studierzimmer führte mich der Doktor in einen großen Salon, gleichfalls im Rokokostil eingerichtet, zu dem die einfachen Strohmatten auf dem steinernen, gemusterten Fußboden zwar schlecht stimmten, dafür aber machen die wirklich wundervollen Möbel mit ihren wohlerhaltenen gelbseidenen Damastbezügen vieles von dieser etwas grotesken Zusammenstellung wieder wett. Auch hängen einige recht gute alte Bilder an den Wänden, die gleichfalls mit dem prächtigen, gelben Damast bespannt sind.

»So, und nun kommen wir in Ihr Zimmer«, sagte der Doktor, indem er die dem Studierzimmer gegenüberliegende Tür öffnete. »Es ist zwar das letzte in der uns gehörigen Flucht, aber bei weitem nicht das schlechteste. Ich hoffe, Sie werden zufrieden sein.«

Neugierig folgte ich ihm in mein künftiges Reich und konnte einen Ausruf der Bewunderung nicht unterdrücken; nicht nur der imponierenden Größe dieses Zimmers wegen, sondern hauptsächlich wegen seiner prächtigen Einrichtung, die aus den schönsten, echten, reich mit Goldbronze verzierten Boulemöbeln besteht, die ich noch je gesehen. Von Boule ist auch das große, breite Bett, das mit dem Kopfende halb in eine Nische reicht, eine wahrhaft fürstliche Ruhestätte, auf einem Tritt von eingelegtem Holz stehend. Spiegelblank gewichstes Parkett bildet hier den Fußboden; die Wände sind mit goldgrünem, seidenem Damast bespannt; die Möbel – ein großes, breites Sofa, Lehnsessel und Stühle – sind mit grün und gelb gestreiftem, mit zartgeblumten Ranken broschiertem Brokat bezogen, und vom gleichen Stoffe sind die Vorhänge der Fenster sowie die baldachinartige Dekoration über der Nische. Schöne, alte orientalische Teppiche liegen vor dem Sofa, dem Schreibsekretär und vor dem Bett, und von Boule, echtem Boule ist sogar der im Fond des Zimmers stehende Garderobenschrank, groß genug, um nicht nur meine Habseligkeiten, sondern auch mich selbst bequem aufnehmen zu können.

»Ich müßte ja ein höchst merkwürdiges Wesen sein, wenn ich mit diesem fürstlichen Zimmer nicht zufrieden wäre«, versicherte ich in ehrlicher Begeisterung. »Ich bin nur damit nicht zufrieden, daß Sie mir diesen herrlichen Raum abtreten wollen. Das wäre wirklich zuviel der Güte, eine geradezu strafbare Verwöhnung.«

»Dieses Zimmer ist das für Sie gegebene – ehrlich gesagt, nicht nur deshalb, weil es das eleganteste ist«, erwiderte der Doktor sichtlich befriedigt über meinen Enthusiasmus. »Wir, meine Frau und ich, haben es bei unserer ersten Anwesenheit in diesem Hause auch nicht benützt, denn wir wollen uns nicht trennen, und eine Umstellung der Möbel ist kontraktlich ausgeschlossen. Ebensowenig durften wir darauf verzichten, weil es zu der zur Vermietung gestellten Flucht gehört. Ich finde, dieses Zimmer steht Ihnen sehr gut.«

»Ich finde es auch«, meinte ich lachend. »Und da meine Besitzergreifung Sie nicht beengt oder beraubt, so nehme ich mit Dank dieses wundervolle Quartier an.«

»Sie haben für gar nichts zu danken«, wehrte der Doktor freundlich ab. »Es versteht sich doch ganz von selbst, daß wir Sie gut unterbringen. Sie sollen sich behaglich bei uns fühlen und gegebenen Falles auch gern einmal daheimbleiben. So, und nun machen Sie sich’s bequem. Ihr Koffer steht, wie Sie sehen, schon dort in der Ecke und kann, damit er den Eindruck nicht stört, mit einer Decke belegt werden. Um zwölf Uhr werde ich Sie zu unserem Gabelfrühstück rufen, das die Frau des Portiers, wie die anderen Mahlzeiten auch, für uns kocht. Das Aufräumen der Zimmer besorgt eines der Hausmädchen, das uns auch bei Tisch bedient.

Als ich allein war, begab ich mich zunächst an die nähere Besichtigung meines Reiches, wobei ich ein paar Entdeckungen machte. Erstens fand ich, daß die Arazzi, die Wandteppiche, die die Nische hinter dem Bett bekleideten, sehr, sehr alt und von unschätzbarem Werte sind. Sie stellen auf Goldfadengrund ein grünes Laubgewirr mit farbenprächtigen Vögeln und Früchten dar; ich halte sie für flämischen Ursprungs. Ich bekenne eine Schwäche für alte Arazzi, und diese begeistern mich. Zweitens entdeckte ich in der Ecke an der Innenwand des Zimmers einen lächerlich modernen, uneleganten Waschtisch, der sein ungehöriges Dasein hinter einer spanischen Wand verbirgt, deren vielteilige Paneele in ihren Boulerahmen mit dem gleichen, kostbaren Stoff der Möbel bekleidet sind. Meine dritte Entdeckung war die, daß das Zimmer nur einen Ausgang nach dem Salon hat. Ich kann mich also nicht daraus entfernen, ohne diesen gemeinschaftlichen Raum zu betreten, und das ist bei meinem stark entwickelten Unabhängigkeitstriebe ein starker Dämpfer auf meine Begeisterung, und wieder ein Beweis, daß ›des Lebens ungemischte Freude‹ tatsächlich keinem Sterblichen zuteil wird. Mit dieser Philosophie muß ich mich eben trösten; denn mir zuliebe wird man wohl kaum eine Tür in den Korridor durch die Wand dieses Zimmers brechen wollen.

Also, ich packte aus und räumte meine Siebensachen ein, und als ich eben damit fertig war, rief der Doktor mich zum Frühstück, das gut gekocht und hübsch serviert war.

Ein nettes Mädchen besorgte die Bedienung, und Eckschmidts teilten mir mit, daß diese Mariuccia speziell zur Stütze der Frau des Portiers, der Signora Filomena, im Hause sei, jedoch erst frisch vom Lande zugezogen wäre. Das frühere Mädchen, das sie so gut bedient, hätte leider inzwischen den Dienst verlassen.

Warum ich gerade dies notiere? Weil das wortreiche Bedauern Frau Modestas über den Verlust dieses Mädchens mir gemacht vorkam. Vielleicht aber war’s nur ihr Bestreben, Konversation zu machen, das Frau Modesta zu einer Beredsamkeit über die Vorzüge der entschwundenen Pepina hinriß, die mir höchst übertrieben schien.

Nach der Mahlzeit sagte der Doktor: »So, nun wollen wir alle eine kleine Siesta halten, und nach dem Tee schlage ich einen Spaziergang vor. – Ja, liebe Thea, ehe ich vergesse: Ich stelle mich Ihnen als Postbote vor. Es ist meine Gewohnheit, unsere Briefe immer selbst zur Post zu tragen. Wenn Sie also welche schreiben, so bitte ich Sie, über mich zu verfügen.«

Ich nahm das Anerbieten dankend an, versicherte aber, daß der Brief an meine Verwandten über meinen Verbleib durchaus keine Eile habe, worauf ich mich in mein Zimmer begab und mir dort zunächst einen kleinen Empörungsanfall darüber leistete, daß der Doktor mich einfach Thea genannt, denn ich hatte gemeint, diese Übereinkunft hätte nur für seine Frau Gültigkeit. Ich sah aber bald ein, daß es keinen Zweck habe, sich über solch eine Kleinigkeit aufzuregen, und ehrlich gesagt, der Name klingt viel hübscher, wenn er ihn ausspricht, als wenn sie ihn flötet. Sie flötet entschieden, besonders tat sie es heute bei ihrem Loblied auf die verwichene Pepina, und wenn sie in diesen Ton verfällt, habe ich immer das Gefühl, daß es eigentlich ganz anders gemeint ist.

Aber ich muß schon gestehen, daß ich mir aus der erzwungenen Siesta gar nichts machte. Ich wäre viel lieber ausgegangen und hätte es auch sicher getan, wenn ich ohne weiteres mein Zimmer hätte verlassen können. Um die Zeit hinzubringen, schrieb ich doch noch den Brief an meine Verwandten, und zwar machte ich darin die einfache Mitteilung, daß ich mit Herrn und Frau von Eckschmidt eine Weltreise angetreten habe, verschwieg aber, daß diese Leute eine ganz zufällige Bekanntschaft seien, was streng genommen eine unleugbare Feigheit ist, um dem todsicheren Trara über meinen Leichtsinn, mich stockfremden Leuten auf Gnade und Barmherzigkeit anzuschließen, zu entgehen. Im Grunde hätten die lieben Verwandten mit diesem Trara nicht gar so unrecht, aber die Sache ist nun einmal geschehen, und besser, als in dem kleinen Neste zu verbauern und zu versauern, wäre selbst eine unangenehme Erfahrung. Genau betrachtet ist diese sicher sehr kostspielige Wohnung nicht recht in Einklang zu bringen mit unserer Reise zweiter Klasse und dem Hotel dritter Klasse. Dabei stimmt etwas nicht. Es stimmt entschieden nicht!

Ich schrieb also meinen Brief und dann noch eine Postkarte an eine liebe Freundin, die sich über meine Weltreise freuen wird, und dann diesen Bericht. Eben ruft Frau Modesta zum Tee.


* * *


Abends

Man hat doch manchmal recht sonderbare Einfälle. Als ich mich heute nachmittag zum Spaziergang zurechtmachte, meinen köstlichen Boulesekretär zuschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte, überkam mich die Idee, dieses Heft doch lieber noch besser zu verwahren. Ich schloß die Klappe also wieder auf, nahm das Heft heraus und versteckte es unter der Matratze meines Bettes! Ich weiß, daß ich mich dabei eigentlich über mich selbst wunderte, denn das Schloß des Sekretärs ist gut – in jenen Zeiten machte man keine schlechten Schlösser an derartig kostbare Möbel. Ich nahm mir aber keine Zeit, mir das klarzumachen und mich zu fragen, warum und gegen wen ich diese Vorsichtsmaßregel anwenden wollte, ich hätte auch gar keine Antwort darauf gewußt, als etwa die, daß man in fremden Häusern nie wissen kann, ob zu den Möbeln nicht Doppelschlüssel vorhanden sind. Es geschah das alles in großer Eile, denn ich wollte die Herrschaften nicht warten lassen, doch fand ich nur den Doktor bereit, der seine Frau mit Müdigkeit nach der gestrigen Reise entschuldigte. Wir zwei gingen also allein aus und machten einen sehr schönen Spaziergang über den Gianicolo, den wir kurz vor San Onofrio erstiegen, indem wir die hölzerne Brücke über den Tiber bei San Giovanni de’Fiorentini kreuzten und eine schauerlich steile und hohe Treppe neben dem riesigen Palazzo Salviati hinaufkletterten. Es war bis dahin nicht weit vom Palazzo Roccasanta. Durch ein Gewirr von kleinen Gäßchen kamen wir in wenigen Minuten nach dem Corso Vittorio Emanuele und waren bald bei der schönen Kirche der Florentiner. Unterwegs kehrte der Doktor in einem Nebenpostamt ein, um dort unsere Briefe mit Freimarken zu versehen und in den Postkasten zu werfen, während ich draußen auf ihn wartete.

Über unseren Spaziergang kann ich nur sagen, daß er einfach herrlich war, was mir ein jeder, der jemals den Weg über den Gianicolo gemacht hat, gern glauben wird. Rom, das ewige Rom mit seinen Türmen, Kuppeln, Palästen und Ruinen, liegt einem dort direkt zu Füßen, die Höhenzüge der Abruzzen, der Sabiner und Albaner Berge gegenüber, den Horizont begrenzend, und all diese Pracht getaucht in die Glorie der scheidenden Sonne, die hinter Sankt Peter zur Rüste ging. Wo das Garibaldidenkmal steht, das künstlerisch ja ganz annehmbar ist, hat der Blick auf Rom und seine Umgebung eine Größe und Schönheit, die ganz überwältigend wirkt. Gerade zu Füßen liegt einem der imposante Palazzo Corsini mit seiner schönen, dem Staate gehörigen Bildergalerie, dieser Palast, in dem Christiana von Schweden ihren schöngeistigen Hof hielt und endlich ihre unruhige Seele aushauchte. Gegenüber, hart am Tiber, steht die köstliche Farnesina mit Raffaels Galatee und seiner Geschichte der Psyche, die Giulio Romano nach seinen Skizzen malte, und überm anderen Ufer erhebt sich die kolossale Masse des Palazzo Farnese, den Rom an Frankreich verkauft und damit dem Besucher verschlossen hat. Etwas rechts davon zeigte mir der Doktor das Dach des Palazzo Spada, wo jetzt die Statue des Pompejus steht, zu deren Füßen Julius Cäsar unter den Dolchen der Verschwörer fiel, und noch weiter rechts – aber nein, man würde kein Ende finden, zu beschreiben, was alles man von diesem Punkte aus sieht und was der Doktor mir mit großer Kenntnis beschrieb.

Nachdem wir den Eingang zur Passeggiata Margherita verlassen und an der prächtigen Fontäne der Aqua Paola vorbei nach San Pietro in Montorio kamen, besichtigten wir dort den reizenden, graziösen Tempietto des Bramante, den Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragonien auf der Stelle errichten ließen, wo nach damaliger Anschauung der heilige Petrus den Märtyrertod erlitten haben soll. Aber wenn auch jetzt nachgewiesen ist, daß diese Tragödie im Zirkus des Nero auf der Stelle stattgefunden hat, wo in der Peterskirche der Altar mit dem Gemälde des Martyriums des Apostels steht, so bleibt dem kleinen Tempel doch immer der Wert eines wunderbaren Kunstwerkes. In der Kirche selbst zeigte mir der Doktor vor dem Hochaltar die Stelle, wo ohne Inschrift drunten in der Krypta die unglückliche Beatrice Cenci begraben liegt, und dann traten wir durch Trastevere den Heimweg an.

Müde, aber begeistert von dem Geschauten kam ich mit meinem freundlichen Begleiter im Palazzo Roccasanta wieder an, und diesmal öffnete uns der Portier, ein stattlicher, großer Mann mit schönem, echt römischem Kopfe. Der Doktor wechselte ein paar freundliche Worte mit ihm, worauf er auch mir ein respektvolles Kompliment über mein gesundes Aussehen machte, was Herrn von Eckschmidt zu freuen schien und nicht, wie heute morgen von seiner Frau, kurz abgebrochen wurde.

Und am Abend, als ich mich nach dem Essen in mein Zimmer zurückgezogen hatte, machte ich eine sonderbare Entdeckung, nämlich daß jemand während meiner Abwesenheit den Schreibsekretär revidiert hatte, trotzdem er verschlossen war!

Es war nichts in Unordnung gebracht, es fehlte auch nichts, Papiere, Schreibmaterialien, Schmuck, alles war vorhanden und lag, wie ich es verlassen, mit Ausnahme eines ledernen Visitenkartentäschchens, das unter, statt auf einem Päckchen von zu beantwortenden Briefen lag. Ich bin dessen ganz sicher, daß ich das Täschchen auf diese Briefe gelegt; denn als ich beim Herausnehmen meines Tagebuchs den Sekretär hastig noch einmal öffnete, fiel es zu Boden, und ich mußte mich bücken, es aufzuheben, worauf ich es auf das Päckchen legte.

Also hat jemand mit einem Nachschlüssel meinen Sekretär geöffnet, ihn durchstöbert und dieses Päckchen mit Briefen gelesen. Dies würde an sich nichts auf sich haben, denn die Briefe enthalten nichts, was einen Fremden interessieren könnte, auch sind sie nur mit Vornamen unterzeichnet; aber es ist doch sehr unangenehm zu wissen, daß jemand seine Nase in Dinge steckt, die ihn nichts angehen, und daß mein Schreibsekretär einen zweiten Schlüssel hat, der nicht in meinen Händen ist. Oder kann man Schlösser mit einem Dietrich nicht nur öffnen, sondern auch wieder zuschließen?

Wer aber ist dieser Neugierige, um’s zart auszudrücken, gewesen? Die Mariuccia? Die Frau des Portiers? Oder dieser selbst? Allen dreien wären die deutsch, französisch und englisch geschriebenen Briefe böhmische Dörfer gewesen, und ich halte es für ganz ausgeschlossen, daß Leute aus diesem Stande nur der Neugierde wegen einen Schreibtisch durchsuchen würden. Bleibt also nur – Frau Modesta! Es ist ein häßlicher Verdacht, so häßlich, daß man ihn eigentlich gar nicht hegen dürfte; aber was anders, um alles in der Welt, soll ich denken und glauben? So also war mein Einfall, der mich dieses Heft verstecken ließ, eigentlich ein sehr guter – vorausgesetzt, daß dieser Jemand nicht auch unter der Matratze nachgeschaut hat, was ich aber kaum glauben möchte, denn Frau Modesta –

Sie ist nach ihrer eigenen Aussage, während ich mit dem Doktor fort war, nicht aus dem Hause, folglich auch nicht aus der Wohnung gekommen; wer also hätte sich in ihrer unmittelbaren Nähe die Zeit nehmen können, im anstoßenden Raume meine Sachen zu durchsuchen? Also muß der häßliche Verdacht notgedrungen auf sie fallen. Was tun, spricht Zeus? Nichts! Denn wenn ich Lärm schlage, was käme dabei heraus? Nichts als wieder Lärm, was ebenso garstig wie ungebildet ist. Ja, wenn ich die Sache mit dem Täschchen nicht so genau wüßte, wenn ein Irrtum darin wenigstens möglich wäre – so aber stehe ich vor einer sehr unbehaglichen Gewißheit, und mir bleibt nichts anderes übrig, als nach einer Anstandsfrist, eben um einen Krach zu vermeiden, dieses Haus zu verlassen. Wenn das der Doktor wüßte! Wär’s nicht seinetwegen, so packte ich heute noch meine Sachen und ginge morgen meiner Wege. Aber er ist so gut, so freundlich, ein so vollkommener Gentleman, daß ich ihm das nicht antun kann.

Ich habe große Lust, bei meinem nächsten Ausgange einen Zettel in meinen Schreibtisch zu legen mit dem guten Rat darauf, sich gefälligst vor der Durchsuchung genau zu merken, wie die Sachen liegen, denn ich sei ein sehr ordentliches Menschenkind, das seine Sachen im Finstern zu finden pflege.


* * *


18. September.

Man sagt, daß in Erfüllung geht, was man die erste Nacht in einem neuen Hause träumt. Nun wüßte ich zwar beim besten Willen nicht, was von meinem Traume dieser ersten Nacht im Palazzo Roccasanta in Erfüllung gehen könnte, aber er steht heute im Lichte der Sonne noch so deutlich vor mir, daß ich ihn malen könnte, und wenn die Vernunft mir nicht sagte, daß es eben nur ein Traum gewesen sein kann, so würde ich darauf schwören, die Sache im wachen Zustande tatsächlich erlebt zu haben.

Müde, wie ich von unserem Spaziergange war, schlief ich trotz der Entdeckung, daß ›jemand‹ meinen Schreibtisch durchkramt, sofort ein. Das Bett ist gut; ich ruhte darin sehr behaglich, und durch das offene Fenster am anderen Ende des Zimmers kam die frische Nachtluft erquickend herein. Und da träumte mir, ich sei wieder aufgewacht, weil sich am Kopfende meines Bettes irgendeine Gegenwart bemerklich gemacht hätte; denn ich habe einen sehr leisen Schlaf. Mein erster Gedanke war: Eine Maus! Da ich aber zu dem kleinen Prozentsatz meines Geschlechtes gehöre, der sich vor Mäusen nicht fürchtet, sondern die kleinen Geschöpfe sogar sehr niedlich findet, so beunruhigte mich die vermutliche Gegenwart des Tierchens nicht, und ich legte mich einfach nur auf die andere Seite, der den Fenstern gegenüberliegenden Wand zu, und – sah dort, noch im Bereiche der Nische, eine Gestalt stehen, denn das Zimmer war vom Mondlicht hell genug erleuchtet, um die Gegenstände darin genau unterscheiden zu können.

Aber auch die Gegenwart einer fremden Person in meinem verschlossenen Zimmer beunruhigte mich merkwürdigerweise keineswegs, womit schon der Beweis geliefert ist, daß es nur ein Traum war, denn wachend hätte ich doch recht energisch gegen diesen Eindringling protestiert. Mir träumte also, daß ich mich auf dem Ellbogen aufrichtete, um die Gestalt genauer zu sehen, und ich könnte sie malen, wie sie so beinahe auf Armeslänge vor mir stand; es war eine große, leicht vorgebeugte Frauengestalt, genau gesagt, eine Dame. Denn ein kostbares, reich mit Perlen und Gold gesticktes Kleid von schimmernder, silberdurchwirkter weißer Seide fiel an ihr herab, gehalten von einem Gürtel mit lang herabhängenden Enden, der von farbigen Edelsteinen strahlte. Die über rosenfarbener Seide geschlitzten, bauschigen Ärmel ihres tief ausgeschnittenen Leibchens waren mit glitzernden Agraffen verziert, und über ihrem dunklen, dichtgekräuselten Haar trug sie ein Netz von Perlen, das mit einer funkelnden Aigrette an der rechten Seite des Kopfes befestigt war. Ich sehe ihr Gesicht noch vor mir mit dem weißen, farblosen Teint, wie man ihn im Süden namentlich bei Brünetten sieht, mit den dunklen, sanften Augen, die wie mit einem Stift gezeichnete Brauen überragten, mit der zartgebogenen Nase und dem süßesten Munde, den man sich denken kann. Sie hielt die linke Hand, an deren Zeigefinger ein Smaragdring steckte, mit einem weißen Tuche, dessen Durchbruchmuster ich erkennen konnte, gegen den Hals gepreßt, und mit der Rechten schien sie in die Nische zu deuten.

Und dann träumte mir, daß ich sie fragte, ob sie etwas von mir wolle, aber ich hörte keine Antwort, sondern sah nur, wie sie mir lächelnd zunickte, dann den Teppich an der Seite der Bettnische in die Höhe hob und dahinter verschwand.

Im Traume dachte ich dann über den seltsamen Besuch nach und schlief ruhig weiter, und als ich erwachte, war’s noch früher Morgen. Da ich kein Langschläfer bin, stand ich auf und habe meinen Traum gleich aufgeschrieben.

Nach dem Frühstück erklärte Frau von Eckschmidt, auspacken zu müssen; sie sei gestern noch zu müde dazu gewesen, und ich erbot mich natürlich, ihr zu helfen. Nicht, daß mein Verdacht gegen sie ins Wanken geraten wäre, trotzdem sie ausgesucht liebenswürdig zu mir war, aber ich hielt diese Gefälligkeit für meine Pflicht, namentlich da ich ja ohne jeden Krach scheiden will, bei dem man ja doch nur den kürzeren ziehen würde.

Ich folgte ihr also in ihr Schlafzimmer, nahm die Sachen aus dem Koffer und reichte sie ihr zum Einräumen in Schrank und Kommode, und dabei fiel mir ein Kästchen aus der Hand, das im Falle aufsprang und aus seinem samtgefütterten Innern eine Menge Schmucksachen auf den Boden ausstreute. Natürlich war ich sofort auf den Knien, um die ganze Herrlichkeit wieder aufzulesen, wobei ich nicht umhin konnte, für mich die Bemerkung zu machen, daß alle diese Ketten, Broschen und Ringe sehr kostbar und von erster Qualität waren und einen starken Gegensatz zu der einfachen Garderobe der Besitzerin bildeten.

Ich bat vielmals um Entschuldigung für meine Ungeschicklichkeit; Frau von Eckschmidt aber beruhigte mich sehr freundlich und meinte lachend, ich solle mir ja keine grauen Haare darüber wachsen lassen, es sei ja nichts Zerbrechliches darunter. Dies ermunterte mich unklugerweise zum Bewundern der Schmucksachen, da ich mir schmeicheln darf, etwas davon zu verstehen. Es waren ein paar schöne, alte Stücke aus der Rokokozeit darunter und auch ein Ring, der mir als so originell auffiel, daß ich ihn zur besseren Betrachtung an den Ringfinger meiner linken Hand steckte. Es ist ein graugrüner, nur ganz wenig durchscheinender Stein von etwas ovaler Form, in dessen Mitte ein schwarzes Kreuz eingelassen ist. Den Stein umgibt eine Reihe schöner Brillanten; der Reif ist breit, von dunklem Golde.

»Welch eigentümlicher Ring«, rief ich aus. »Ich habe noch niemals einen solchen Stein gesehen! – Ist er alt?«

»Ich weiß es wirklich nicht«, erwiderte Frau von Eckschmidt. »Auf das, was man unter antik versteht, dürfte der Ring wohl kaum Anspruch erheben. Aber er steht Ihrer schlanken Hand sehr gut – wollen Sie mir die Freude machen, ihn als ein kleines Andenken an mich zu behalten?«

Ich wurde glühend rot und zog den Ring hastig vom Finger. »Gnädige Frau, es war wirklich nicht Habsucht, die mich den Ring bewundern ließ!« rief ich, ehrlich entsetzt über diesen Erfolg meiner unüberlegten Handlung.

»Das glaube ich Ihnen aufs Wort!« rief Frau von Eckschmidt gutmütig lächelnd. »Habsucht hätte Sie sicher zu etwas Wertvollerem gezogen. Der Ring ist wirklich nicht viel wert.«

»Über den Stein habe ich kein Urteil, weil ich noch nie einen ähnlichen gesehen habe, die Brillanten aber sind gut, und der Reif ist sehr schön gearbeitet«, entgegnete ich mit vollster Überzeugung.

»Nun, wenn Sie solch eine Kennerin sind, dann sollen Sie den Ring erst recht behalten«, beharrte Frau Modesta auf ihrem Worte, indem sie trotz meines Sträubens meine Hand ergriff und den Ring daransteckte.

»Ich kann – ich darf – ich will solche Geschenke nicht annehmen«, versicherte ich, wirklich peinlich berührt.

Sie aber umarmte mich lachend und gab mir einen Kuß. »Seien Sie kein Gänschen«, meinte sie zuredend. »Von einer alten Frau dürfen Sie seelenruhig so etwas annehmen. Am liebsten würde ich Ihnen den ganzen Krimskrams in dem Kasten da geben, denn ich trage ja doch nichts davon.«

Trotz dieser gewiß sehr freundlichen Worte habe ich mich dann noch ehrlich gewehrt, das Geschenk anzunehmen, und erst nachgegeben, als Frau von Eckschmidt empfindlich wurde und mir rundweg erklärte, meine Weigerung würde sie beleidigen. Da gab ich denn nach und stammelte meinen Dank, der mir nicht von Herzen kam, versprach auch auf ihr dringliches Ersuchen, den Ring zu tragen, was übrigens nach allem nun eine Pflicht der Höflichkeit ist. Ich glaube gern, daß dieses Geschenk sehr gut gemeint ist, und in diesem Sinne mußte ich’s ja schließlich auch annehmen und mich noch dankbar zeigen, – aber nach der Kürze unserer Bekanntschaft ist eine solche Gabe nicht ganz dem guten Geschmack entsprechend.

Als die Arbeit des Auspackens beendet war und ich in mein Zimmer zurückkehren wollte, fand ich den Doktor in seinem Schreibzimmer am Schreibtisch sitzend.

Als Gentleman, der er ist, erhob er sich, mich zu begrüßen, indem er lächelnd sagte: »Das war ja eine äußerst lebhafte Unterhaltung der beiden Damen! Ich wollte schon kommen, um Frieden zu stiften.«

»Der Friede war nicht bedroht, aber als Schiedsrichter hätte ich Sie willkommen geheißen«, antwortete ich, an seinen Schreibtisch tretend, an dem er sich wieder niedergelassen hatte. »Ihre Frau Gemahlin hat mir nämlich etwas geschenkt, was ich nicht annehmen wollte und, ehrlich gesagt, auch nicht annehmen darf. Sie hätten mir gewiß rechtgegeben!«

»Ich glaube nicht«, schmunzelte der Doktor behaglich. »Wenn meine Frau Ihnen die Schätze Indiens verehrt hätte, so würde ich das ganz gerechtfertigt finden. Ihrem lebhaften Disput nach muß es mindestens der Schatz des Rhampsinit gewesen sein, den meine Frau Ihnen stiftete. Ich wüßte nur nicht, daß sie ihn besessen.«

»Vielleicht ist es ein Teil des besagten Schatzes«, sagte ich, meine Linke ausstreckend. »Ihre Frau Gemahlin hat darauf bestanden, mir diesen Ring zu schenken.«

Während ich die Worte sprach, sah ich mich nach dem Fenster um, ob etwa die Sonne sich plötzlich versteckt hätte, weil über das Gesicht des Doktors ein aschgrauer Schatten zog. Die Sonne aber schien wie zuvor.

»Fühlen Sie sich nicht wohl, Herr Doktor?« rief ich aufrichtig besorgt.

»Nicht daß ich wüßte«, erwiderte er leicht, aber ich glaube, er beherrschte sich nur gewaltsam, denn seine sonst so wohlklingende Stimme war rauh, und seine Züge sahen – nein, nicht verzerrt, aber in die Länge gezogen aus, und das Grau wich nicht seiner sonst zwar nicht gerade blühenden, aber doch gesunden Gesichtsfarbe –

»Ich danke Ihnen aber herzlich für Ihre freundliche Teilnahme, liebe Thea«, fuhr er nach einer kleinen Pause fort. »Es ist wirklich nichts, ich – hoffe es wenigstens. Habe ich die Farbe gewechselt? Wirklich? Oh, das hat nichts zu sagen, behauptet mein Arzt. – Also diesen Ring hat meine Frau Ihnen geschenkt! Hm – er ist mehr originell als schön – nicht wahr? Der Stein ist ein Chiastolith, zur Silikatgruppe gehörig und nur ein Halbedelstein, der aber durch die eigentümliche, in ihn eingewachsene Kreuzfigur gern als Amulett, namentlich von den Spaniern, getragen wird. – Nein, das Kreuz ist nicht eingelegt, sondern im Stein selbst gebildet. Hauptfundort ist die Bretagne. Warum wollten Sie die Bagatelle nicht annehmen? Der Chiastolith hat einen sehr geringen Handelswert.«

»Aber die Diamanten darum und der kunstreich gearbeitete Reif!« wandte ich ein.

Der Doktor machte eine abwehrende Handbewegung. »Reden wir von etwas anderem«, meinte er lächelnd, aber es war mehr eine Grimasse, und die aschgraue Farbe flog dabei wieder über sein Gesicht.

»Reden wir lieber überhaupt nicht mehr«, schlug ich vor, denn der arme Mann dauerte mich. Ihm zunickend, ging ich meiner Wege, denn es gibt Leute, denen es unangenehm ist, wenn man bemerkt, daß sie sich unwohl fühlen, und mir scheint, der Doktor gehört zu diesen.

Nun weiß ich aber wirklich nicht, wie ich die jedenfalls ehrlich gemeinte Güte von Frau Modesta mir gegenüber mit ihrer entschiedenen Neugierde in betreff meiner Privatangelegenheiten in Einklang bringen soll. Hat die ›Prüfung‹ meiner Papiere und so weiter sie beruhigt und befriedigt, oder ist’s ihr leid, daß sie an meiner Respektabilität, meiner Integrität, oder was immer es ist, gezweifelt hat? Mag es sein, wie es will, das Geschenk dieses Ringes ist mir sehr peinlich, denn es legt mir gewisse Verpflichtungen auf, die ich nicht gern auf mich nehme. Nun, es soll mir eine Lehre sein, niemals wieder etwas bei jemand über das landläufige Maß hinaus zu bewundern! Und dabei habe ich das eigentlich diesem Ringe gegenüber nicht einmal getan. Er ist originell, gewiß, und hervorragend schön gearbeitet, und macht mich, je länger ich ihn betrachte, begierig auf seine Geschichte. Ich bin überzeugt, daß er eine solche hat, denn es geht wie ein elektrischer Strom von ihm auf meine Hand aus. Der breite, durchbrochene Reif hat auch nicht das gewöhnliche Arabeskenmuster, wie ich eben sehe, sondern mehr die Form von Runen – nein! Majuskeln sind’s, die zwischen den Rändern ein Durchbruchmuster bilden. – Laß sehen, ob ich sie herausbringe – –

Ich hab’s. Die Majuskeln heißen, von rechts nach links gelesen: »MAX. SEMPER IDEM .« Wer ist oder wer war dieser ›Max‹, der ›immer derselbe‹ zu sein versichert? Weiß Frau Modesta nicht, daß diese Arabesken Buchstaben sind? Unmöglich wäre es nicht, daß sie keine Ahnung davon hat, denn der erste und letzte Buchstabe zu beiden Seiten des in Brillanten gefaßten Chiastolithen ist der gleiche, nämlich ein »M«, und man muß schon sehr genau hinschauen, um zu erkennen, daß die Durchbrucharbeit aus Buchstaben besteht.

Ich werde einmal bei Gelegenheit darauf zurückkommen.

Es war an diesem Morgen von einem Ausgang keine Rede mehr, und ich wollte deswegen nicht anfragen, weil das Unwohlsein des Doktors jedenfalls die Ursache dazu war. Trotzdem die Stunden in der Einsamkeit meines Zimmers mir etwas lang wurden, weil’s mich sehr hinauszog, stand ich doch davon ab, allein auszugehen, weil man mich am Ende hätte brauchen können. Dies war aber nicht der Fall; der Doktor schien bei der Mahlzeit sogar wieder ganz erholt zu sein und stellte einen Spaziergang nach dem Tee in Aussicht. Es wurde auch wieder von dem Ringe gesprochen, das heißt, Frau Modesta fragte mich mit gutmütigem Spott, ob ich mich nun mit meinem Geschenke ausgesöhnt hätte, worauf ich erwiderte, daß ich ihre Güte und freundliche Absicht nicht einen Augenblick unterschätzt hätte. Es lag mir nun auf der Zunge, zu fragen, ob sie von dem Vorhandensein der Buchstaben wüßte, merkwürdigerweise wollte die Frage aber nicht über meine Lippen und formulierte sich zu meiner eigenen Überraschung in eine Bemerkung über die Eigentümlichkeit des Chiastolithen, den ich zum ersten Male gesehen.

»Ja, der Stein ist sonderbar, mir aber unsympathisch. Sie brauchen sich also schon deswegen kein Gewissen daraus zu machen, den Ring von mir angenommen zu haben«, sagte Frau Modesta, und damit war das Thema erledigt. In mein Zimmer zurückgekehrt, hatte ich nicht die geringste Lust, bis zum Tee fast drei Stunden darin zu hocken, und nachdem ich noch ziellos etwas herumgekramt und einen Brief geschrieben, beschloß ich, mir den Palazzo etwas anzusehen, also auf Entdeckung auszugehen. Es ist nicht gerade angenehm, daß ich immer bis zur Anticamera laufen muß, um auf den Korridor zu kommen; denn abgesehen davon, daß mein Zimmer überhaupt keinen Ausgang dahin hat, sind die Türen im Salon und im Studierzimmer abgeschlossen – ich weiß nicht, warum. Ich finde es sehr langweilig, bei jedem Schritt, den man tut, beobachtet zu werden.

Ich hatte heute aber Glück, denn in den Räumen, die ich passieren mußte, war niemand. In der Anticamera angelangt, hörte ich Eckschmidts sich in ihrem Schlafzimmer lebhaft unterhalten, was also ihr Begriff von Siesta zu sein scheint, und leise schlüpfte ich auf den Korridor hinaus.

Das bißchen Freiheit, das ich schon angefangen hatte, schmerzlich zu vermissen, machte mich ganz übermütig, und im Walzertakt tänzelte ich die endlosen Korridore hinab, sprang die Treppe hinunter in einem Tempo, über das ich selbst lachen mußte, und landete in dem wundervollen gartenartigen Hofe mit dem blauen Himmel von Rom als Dach darüber, mit den bis über die Loggien des ersten Stocks hinaufkletternden Ranken von wildem Wein, Hängerosen und purpurner Klematis – Gott, was ist dieser Cortile (Hof) für ein wunderbarer Ort, mitten im Herzen von Rom!

Ich war noch nicht lange dort, da gesellte sich die Signora Filomena, die Frau des Portiers, zu mir, und ich fragte natürlich um Erlaubnis, den Hof betreten zu dürfen, die mir bereitwilligst zugestanden wurde. Dabei kam mir ein Gedanke.

»Darf man den Palazzo auch sehen?« fragte ich die freundliche Frau, die strahlend meine Freude über den schönen Hof teilte.

Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort. »Signorina, es ist uns ernstlich verboten, den Fremden die Staatsgemächer zu zeigen«, sagte sie dann. »Aber ich denke, ich kann es verantworten, Sie im Piano nobile herumzuführen, weil Sie doch, streng genommen, keine Fremde sind, sondern eine Bewohnerin des Hauses. Natürlich, wenn die Herrschaft anwesend wäre, ginge es nicht an, aber der Herzog und die Frau Herzogin=Mutter sind noch für den ganzen Herbst in Poggio Laureto. Freilich kommt der Herr Herzog oftmals und immer unangesagt nach Rom – nun, er war ja erst vorgestern hier und wird wohl heute nicht schon wieder kommen.«

»Hoffen wir’s«, meinte ich lachend. »Da ich nicht die Ehre habe, den Herrn Herzog zu kennen, so wird’s ja keine Beleidigung sein, wenn ich ihn gerade jetzt nicht zu sehen wünsche.«

»Aber, Signorina – erinnern Sie sich denn nicht mehr? Der Herr Herzog war’s ja, dem Sie dort in der Halle begegneten, als Sie mit dem Signor Dottore und seiner Signora zur Audienz im Vatikan fuhren!« rief Filomena aus.

»Ich bin doch noch gar nicht hier ausgefahren, am allerwenigsten –« begann ich, aber die Frau war schon davongelaufen, um die Schlüssel zu holen, und bis sie wiederkam, hatte ich die Sache vergessen, schon weil mich das, was ich unter ihrer Führung vom Palazzo Roccasanta sah, so interessierte, daß mir dieser kleine Irrtum der Guten total entschlüpfte.

Vor allem macht der Palast nicht den Eindruck, als ob der Besitzer es aus finanziellen Rücksichten nötig hätte, Wohnungen darin zu vermieten. Tatsächlich ist ja auch der Doktor der einzige Mieter. Aber das geht mich nichts an.

Die Eingangshalle, die ich durch die Glastür nach dem Cortile gesehen, ist an sich schon ein Prachtstück mit ihrer gewölbten, holzgeschnitzten Kassettendecke; die mit breiten, roten Smyrnaläufern belegte Marmortreppe mit ihren schmiedeeisernen, vergoldeten Geländern, ihrem Kassettengewölbe ist einfach großartig. Sie mündet oben in einen weiten, glänzenden Vorraum, aus dem wundervoll eingelegte Flügeltüren zu beiden Seiten in die langen Reihen von Sälen und Zimmern führen, die mir mit großem Stolz gezeigt wurden unter Hinweis auf das elektrische Licht in den Lüstern und Girandolen und auf die Warmwasserheizung, die sich wohltuend in diese gewiß sonst eisige Pracht eingeschmuggelt hat. Die zum größten Teil wundervollen Möbel, namentlich einige Kabinettschränke, mit Elfenbeinreliefen und mit Edelsteinen besetzt, erregten mein ganzes Entzücken, und die alten Stoffe, mit denen die Sitzmöbel in einigen Zimmern bezogen sind, machten mich ganz wild vor Begeisterung. Daß sie vielfach sichtbare Spuren ihres ehrwürdigen Alters trugen, tat dem keinen Abbruch; im Gegenteil, es verleiht dem Ganzen den Stempel einer großen Vergangenheit. Natürlich gibt es in diesen Räumen viele prächtige Spiegel in breiten, wundervoll geschnitzten und vergoldeten, auch in rein silbernen Rahmen, und die Wände des enormen, galerieähnlichen Tanzsaales, dessen Decke von Pietro da Cortona a Fresco bemalt ist, sind ganz mit Spiegelglas bekleidet, das Mario de’ Fiori über und über mit seinen graziösen Blumenranken bemalt hat, während Carlo Marattis Pinsel die übermütige Puttenschar dazwischenzauberte. Die Gemälde in diesen Repräsentationsräumen sind fast ausschließlich Familienbilder, meist von Künstlerhand, von Pinturicchio angefangen; auch einige van Dycks aus seiner römischen Zeit sind vorhanden, und viele sehr graziöse Maler der Barock= und Rokokozeit, darunter zwei köstliche von Ghislandi, dessen Werke man ja fast ausschließlich nur im Privatbesitz finden kann. Und schließlich ein Goya in seiner ganzen naturalistischen, fast grausamen Naturtreue.

»Gibt es denn kein Bild von Tizian in diesem Palast?« fragte ich meine freundliche, beredte und wie ein lebender Katalog unterrichtete Führerin.

»Eines, nur eines, Signorina«, erwiderte sie strahlend. »Sie werden es im nächsten Zimmer sehen.«

Natürlich eilte ich so schnell als möglich in dieses Schatzkästlein, denn für Tizian habe ich nun einmal eine ganze besondere Vorliebe.

Das Zimmer, in das wir traten, war nicht groß und mit goldgepreßten Ledertapeten bekleidet – der rechte Hintergrund für den Fürsten unter den Malern.

»Wo?« fragte ich neugierig, noch auf der Schwelle.

»Da, Signorina!« rief Filomena, auf die Wand neben der Tür deutend.

Mit einem Schritt stand ich vor dem Bilde im reichgeschnitzten Goldrahmen und – war im selben Moment einfach starr vor Erstaunen und – ja, vor Schrecken, denn die Dame, die mit ihren sanften, dunklen Augen aus dem Bilde auf mich herabsah, war dieselbe, von der mir in der vergangenen Nacht geträumt. Zug um Zug war sie’s – Gesicht, Kleidung und alles, nur daß die lange, schmale, weiße linke Hand mit dem großen Smaragdring auf dem Zeigefinger hier nicht ein Tuch an den Hals drückte, sondern mit der edelsteinschimmernden Kette ihres Gürtels spielte.

Ich glaube, es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mit einer mir selbst ganz fremden Stimme fragen konnte: »Wer war sie – diese Dame?«

»Oh, das ist die ›Ammonatrice‹ – ich meine Donna Viviana Roccasanta«, erwiderte Filomena vom Fenster her, wo sie sich mit dem Laden zu schaffen gemacht. »Sie war aus Neapel, eine Alvarez da Toledo und Nichte des berühmten spanischen Vizekönigs.«

»Sie sieht wie eine Spanierin aus«, murmelte ich, ohne den Blick von dem Bilde losreißen zu können. »Aber Sie nannten sie doch noch mit einem anderen Namen – die Ammonatrice?«

»Ganz recht, so sagte ich wohl. Es ist mir so herausgeschlüpft«, antwortete Filomena verlegen. »Es hat nichts zu bedeuten.«

Ich war anderer Meinung, denn ich hatte mir inzwischen überlegt, daß das ›Warnerin‹ oder ›Ermahnerin‹ bedeuten mußte.

»O bitte, sagen Sie mir, warum Sie die Dame auf dem Bilde so nannten«, bat ich. »Sie sehen, es interessiert mich alles so sehr.«

»Es ist dumm, daß mir der Name herausfuhr; da es nun aber einmal geschehen ist, so will ich’s der Signorina schon erzählen«, erwiderte Filomena mit einer Bereitwilligkeit, die darauf schließen ließ, daß ihr die Geschichte eigentlich auf der Seele brannte. »Freilich, die Signorina müßte mir schon fest versprechen, niemand zu sagen, daß Sie es von mir wissen, denn es könnte der Herrschaft am Ende nicht recht sein, obschon jedes Kind im Viertel weiß, wer die Ammonatrice ist. Aber Sie sind eine Fremde und werden wahrscheinlich über die ganze Sache nur lachen und da möchte ich doch lieber –«

»Bestimmt werde ich nicht darüber lachen und werde auch mit niemand, mit keiner Seele darüber sprechen«, fiel ich nun vor Neugierde brennend ein.

»Wenn Sie es sagen, dann wird es schon so sein. Ich glaube Ihnen, Signorina, denn Sie sehen nicht so aus, als ob Sie über so eine Sache spotten würden«, meinte Filomena befriedigt. »Also Donna Viviana wird die Ammonatrice genannt, weil sie der Familie, und nur dieser allein, durch ihr Erscheinen anzeigt, wenn einem von ihr eine Gefahr droht. Sicherlich, das tut sie – sie kommt, um zu warnen! Ich für meinen Teil habe sie noch nicht gesehen und werde es auch nicht, denn ich gehöre ja nicht zur Familie, aber ich weiß, daß die Frau Herzogin sie gesehen hat. Warum sie zur Erde zurückkommt, um zu warnen? Wer kann es wissen! Natürlich hat man nach einer Erklärung gesucht, und danach kam es so: Donna Viviana, heißt es, hatte einen spanischen Verwandten, einen Vetter, gegen den Don Camillo Roccasanta, sagt man, eine so heftige Abneigung oder Eifersucht fühlte, daß er seiner Gemahlin verbot, ihn zu sehen, denn er kam häufig nach Rom. Donna Viviana aber fand die Bande des Blutes stärker als ihres Gatten Verbot und soll dem Vetter oft durch Geldspenden geholfen haben, wenn er, wie gewöhnlich, das Seinige verspielt hatte. Nun, verborgen bleiben solche Heimlichkeiten auf die Dauer nicht; irgendein hämischer Neider hinterbrachte Don Camillo die Zusammenkünfte seiner Frau mit ihrem Vetter, und ein wohlwollender Freund warnte Donna Viviana vor der drohenden Gefahr. Sie aber mißachtete die Warnung, und damit kam das Ende vom Liede. Don Camillo fand den Vetter wieder einmal in ihrem Salon und – tötete seine schöne junge Frau durch einen Dolchstich in den Hals, während der Vetter entkam und nicht mehr gesehen ward. So glaubt man denn, weil sie den freundlichen Warner mißachtete, kommt Donna Viviana seitdem wieder, wenn einem von der Familie eine Gefahr droht, um ihn zu warnen, und darum wird sie die Ammonatrice genannt.«

Mir schien diese Erklärung ebenso einleuchtend wie poetisch. »Und was geschah mit Don Camillo?« fragte ich.

»Ah, Signorina, was hätte mit ihm geschehen sollen?« rief Filomena mit aufgehobenen Händen. »In jenen Tagen hatten die römischen Barone das Recht des Richters in ihren häuslichen Angelegenheiten, und Don Camillo hat eben nur getan, was er für geboten hielt. Das kam alle Tage vor, und niemand hatte dreinzureden. In der Chronik von Roccasanta steht eine lange, erbauliche Beschreibung von dem prächtigen Leichenzuge der Donna Viviana und dem Schmerze des Witwers. Er hat sich dann noch zweimal verheiratet und mit beiden Frauen sehr glücklich gelebt.«

»Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er heute noch«, murmelte ich enttäuscht über diesen Schluß der Tragödie. »Arme Donna Viviana!«

»Ein unschuldiges Opfer der Eifersucht, Signorina! Aber, wer kann das heute noch wissen?«

Von den Dingen, die mir nach dem Bilde der Donna Viviana gezeigt wurden, sah ich nicht viel, wenigstens nicht mit Bewußtsein, denn ich war viel zu benommen von diesem Anblick, der mir ein ganz unlösbares Rätsel aufgegeben hatte. Wie, im Namen alles Wunderbaren, konnte ich von einer Person träumen und sie wie auf ihrem Bilde dabei sehen, wenn ich dieses doch nie zuvor in meinem Leben erblickt? Nie den Namen dieser Person, nie ein Wort von ihrer Geschichte gehört? L’Ammonatrice! War sie mir im Traum erschienen, um mich zu warnen? Wovor? Droht mir eine Gefahr? Welche? Aber – um beim Ausspruch der Filomena zu bleiben – ich gehöre doch nicht zur Familie Roccasanta! Übrigens – gehört die Herzogin Poggio Laureto dazu? Ich habe nicht einen einzigen Tropfen italienischen Blutes in meinen Adern, und es wäre aus meinem Stammbaum nicht der geringste Zusammenhang der Ammerland mit den Roccasanta herauszutüfteln.

Das ist natürlich nichts als ein Seitensprung, denn die Phrase: »Sie kommt nur, um in der Familie zu warnen«, ist ja lediglich eine Tradition, eine Floskel sozusagen und steht zu der Tatsache, daß ich die Donna Viviana im Traume gesehen, bevor ich ihr Bild kannte, im geraden Gegensatz.

Meine Einsilbigkeit beim Schluß unseres Rundganges schien der guten Filomena aufzufallen, und als ich das merkte, zwang ich mich zu einigen Bemerkungen, die mein abgeflautes Interesse wieder gutmachen sollten.

Und alle diese prächtigen Räume sind immer unbewohnt und unbenützt?« fragte ich recht gedankenlos, als wir wieder unten in der Vorhalle standen.

»Unbewohnt – nun ja, gewissermaßen«, erwiderte Filomena. »Die Wohnräume der Herrschaft liegen ja im zweiten Stock. Das Piano nobile dient nur zu den Empfängen und den Festlichkeiten, wie es hier überall Sitte ist. Signorina werden sich wohl noch des großen Balles im vorigen Karneval erinnern, der hier stattfand. Ganz Rom hat ja davon gesprochen, alle Zeitungen waren voll davon und –«

Plötzlich rannte die Gute über den Cortile davon, weil der Klopfer am Westportal ertönte. Ich stand einen Augenblick ganz verblüfft da und schaute ihr nach, denn für wen in aller Welt hielt mich denn die Frau, daß ich mich eines Balles in diesem Palaste während des letzten Karnevals erinnern sollte, nachdem ich ihn gestern zum ersten Male in meinem Leben betreten! Ich entschied belustigt, daß Filomena etwas konfus im Kopfe sein müsse, und sie damit aus meinen Gedanken entlassend, stieg ich die Treppe nach unserem Stockwerk hinauf in der stillen Hoffnung, mein Zimmer so unbemerkt wieder erreichen zu können, wie ich es verlassen hatte, denn die Sache mit dem Bilde wirbelte mir doch stark im Kopfe herum, und ich hatte das Bedürfnis, sie in Ruhe zu überdenken. Meine Hoffnung war aber eine eitle, denn im Zimmer des Doktors traf ich ihn mit seiner Frau an, die mich mit den Worten: »Wo kommen Sie denn her?« nicht anredete, sondern anfuhr.

Ich richtete mich zum Protest gegen diesen Ton gerade auf, sagte aber ganz ruhig: »Ich habe eine kleine Entdeckungsreise gemacht. Erstens habe ich den Hof drunten eingehend besichtigt, und dann hat die Filomena mir die Prachträume des Hauses gezeigt.«

Es entstand eine kleine Pause, und dann meinte der Doktor gedehnt: »War das nicht etwas indiskret, liebe Thea. Soviel ich weiß, hat der Herzog verboten, Fremde in seinem Hause herumzuführen.«

»Filomena hat auf Grund unserer Hausgenossenschaft die Verantwortung für diese Übertretung auf sich genommen«, erwiderte ich etwas steif. »Ich habe durchaus weder Wunsch noch Veranlagung zur Indiskretion, und die Frau ist doch wohl lange genug hier im Hause, um beurteilen zu können, was sie sich darin erlauben darf. Ich bin sehr befriedigt von dem Rundgange, denn die Räume sind wundervoll. – Besonders aber hat mich die Sammlung von Familienbildern interessiert, denn sie sind fast durchweg von ersten Künstlern«, setzte ich im Konversationston hinzu, denn ich fand, daß ich mich nun genug entschuldigt hatte.

»Ich bedaure nur, daß Sie sich mit der Filomena eingelassen haben«, fiel Frau von Eckschmidt ein. »Die Frau ist eine unerträgliche Schwätzerin und dabei absolut wirr im Kopfe.«

»Sie weiß aber Bescheid und ist ein lebendiger Katalog«, erwiderte ich. »Was ihren Kopf anbelangt, so halte ich ihn auch in mancher Beziehung nicht für ganz klar, denn sie verwechselt mich offenbar mit einer anderen. War denn im letzten Winter jemand mit Ihnen hier, für die sie mich halten könnte?«

»Aber nein –« begann Frau Modesta, purpurrot in ihrem sonst etwas fahlen Gesichte.

Doch ihr Gatte unterbrach sie. »Du hast ganz recht – eine Verwechslung scheint uns ausgeschlossen, aber die Unterscheidung der Physiognomien ist nicht jedermanns Sache, namentlich bei Leuten dieses Standes. Eine – hm – entfernte Verwandte war allerdings einige Zeit bei uns, aber ich kann nicht finden, daß Sie, liebe Thea, die leiseste Ähnlichkeit mit ihr hätten. Vielleicht in der Figur – meinst du nicht, liebe Modesta?«

»Aber Kasimir! Die ist doch klein und untersetzt!« rief Frau von Eckschmidt lachend. »Thea mit ihrer schönen Figur würde sich für den Vergleich bedanken!«

Die Angelegenheit endete also in einem Kompliment für mich, und ich konnte mich trollen. Nun möchte ich aber Gift darauf nehmen, daß Frau Modesta daran war, die Anwesenheit ihrer ›entfernten‹ Verwandten überhaupt zu leugnen. Daß die Filomena mich mit dieser ›Entfernten‹ verwechselt, liegt ja auf der Hand; in welcher Hinsicht, ist dabei ganz gleichgültig. Im übrigen kann ich nicht sagen, daß die Frau mir den Eindruck einer unerträglichen und wirren Schwätzerin gemacht hat; die Verwechslung ist eigentlich mehr erstaunlich, weil die Italiener im allgemeinen ein vortreffliches Physiognomiengedächtnis haben. Nun, irgendwo sitzt ja bei jedem von uns eine Schraube locker.

Es war noch nicht ganz vier Uhr, als ich in mein Zimmer zurückkehrte, und bald darauf wurde ich zum Tee gerufen, wobei der Doktor einen Spaziergang auf den Pincio vorschlug.

Die Ausführung dieses Vorschlages brachte wieder einen der Gegensätze mit dieser gewiß sehr teuren Wohnung und der bevorstehenden Weltreise zutage; statt nämlich den weiten Weg von unserem Stadtviertel bis zum Pincio einfach in einer Droschke vom nächsten Halteplatz zurückzulegen, sind wir die lange Strecke bis zum Petersplatze zu Fuß gegangen, haben uns dort in die Straßenbahn gesetzt, sind damit bis auf die Piazza del Popolo gefahren, und von dort aus haben wir die ja nicht große, aber immerhin doch merkbare Anhöhe erstiegen. Als wir auf dem Wege nach Sankt Peter über den Ponte di San Angelo den Tiber kreuzen wollten, machte ich darauf aufmerksam, daß eine Straßenbahn über die neue Brücke Vittorio Emanuele anscheinend diesen Weg mache, und wurde daraufhin von Frau Modesta belehrt, daß man auf dem Petersplatze einen anderen Wagen besteigen und dann einen neuen Fahrschein lösen müsse! Dieser paar Centesimi wegen also gingen wir die lange Strecke zu Fuß. Sie ist ja sehr interessant und des Gehens wert, und da ich die Hitze sehr gut vertrage, so machte mir der Weg auch keine Beschwerden, aber Frau von Eckschmidt litt sichtlich darunter, besonders während des Aufstieges auf den Pincio. Verstehe einer diese Sparsamkeit, die stark an Geiz streift, wenn man die Gegensätze dazu betrachtet! Dieses Sparsystem kann ja auf der Weltreise noch recht hübsch werden. Wenn man neben solchen Ausgaben mit dem Pfennig rechnet und dabei seine Gesundheit aufs Spiel setzt, so halte ich das für eine schlechte Rechnung.

Frau Modesta sank auf die erste freie Bank, die wir droben bei dem Musikpavillon fanden, ganz erschöpft nieder; war ich doch auch ganz froh, sitzen zu können, was wir übrigens recht ergiebig taten. Es war ganz amüsant, die Menge an sich vorüberwogen zu lassen, und der Sonnenuntergang, den wir später von der Terrasse über der Piazzo del Popolo sahen, wog reichlich alle Mühe auf, mit der wir diesen einzig schönen Punkt, den Lieblingsspaziergang der Römer, erreichten. Selbst die neben mir gehörte Bemerkung eines Landsmanns: »Recht nett, wirklich recht nett!« konnte mich nicht ärgern oder meiner Begeisterung für dieses herrliche Panorama Abbruch tun. Vor uns der schöne Platz mit dem ehrwürdigen Obelisken, links der Eingang zum Corso, eingefaßt von den beiden tempelartigen Zwillingskirchen, links die Porta del Popolo, unter der Goethe ›gewiß war, Rom zu haben‹, und daneben die an herrlichen Kunstwerken so reiche Kirche Santa Maria del Popolo. Geradeaus aber, über die grüne Einfassung des Platzes hinweg, taucht die Kuppel von Sankt Peter auf, die wie eine violette Riesensilhouette vor dem in Purpur und Gold flammenden Abendhimmel stand – Herrgott, war das schön! Und davor solch ein Barbar, der diesen Anblick ›recht nett‹ fand und mit einer großartigen Handbewegung dazu sagte: »Da gehen wir morgen hin – erst in die Kirche, dann ins Vatikanische Museum. Dafür haben wir zwei volle Stunden ausgeworfen. Wenn man schon mal hier ist, dann muß man’s eben auch gründlich machen!« Ich glaube, ich habe den Mann, er sah wie ein ›Herr‹ aus, fassungslos angesehen und möchte ihn morgen nach den ›zwei Stunden‹ wieder sprechen. Der Doktor aber meinte lachend: »Er wird’s in der Zeit schon machen und daheim erzählen, daß er ›alles‹ gesehen habe.«

Wahrscheinlich hat er recht – der Doktor nämlich.

Eckschmidts haben übrigens auf dem Pincio Bekannte getroffen aus der kleinen Provinzialstadt, in der sie früher gewohnt. Ich aber habe nicht erfahren können, wo diese Stadt liegt, und wie sie heißt. Wozu eigentlich diese Geheimniskrämerei?

Die besagte Begegnung war übrigens recht ulkig. Wir saßen noch auf unserer Bank am Musikpavillon, als ich bemerkte, daß zwei danebenstehende Damen und ein Herr uns auffällig beobachteten. Es soll keine Anmaßung sein, wenn ich sage, daß sie mich besonders aufs Korn genommen zu haben schienen und mit einem Interesse ansahen, das wirklich reichlich – kleinstädtisch war.

»Mir scheint, die Herrschaften da drüben kennen Sie«, sagte ich zu Frau von Eckschmidt.

Fast gleichzeitig rief der Doktor aus: »Modesta, sieh einmal – stehen dort nicht Müllers? Wahrhaftig, sie sind’s – Müllers, die sich zur Romfahrt aufgemacht haben! Nun, da ist wohl der Weltuntergang nicht mehr fern! Hm – ich werde sie begrüßen; du läßt sie wohl besser an dich herankommen.«

Damit stand er auf und trat an die Gruppe heran.

Ich aber fragte: »Wer sind denn diese hohen Herrschaften, die sich dort hinstellen, Sie ansehen und darauf warten, daß ihnen der Kotau gemacht wird?«

»Kleinstädter allerschlimmster Sorte sind’s – Bekannte aus dem Provinzialneste, in dem wir früher lebten«, erwiderte Frau von Eckschmidt nervös. »Hohe Herrschaften! Nun ja – der Herr Rechtsanwalt dünkt sich mehr zu sein als der Schah von Persien, und seine Frau ist die größte Klatschbase, die mir noch vorgekommen ist. Das Ereignis, uns hier in Ihrer Gesellschaft getroffen zu haben, wird nach der Heimkehr mindestens für ein halbes Jahr den unerschöpflichen Gesprächsstoff aller Kaffeeschlachten von Posemuckel bilden.«

Während dieser ersichtlich auf Grund gemachter Erfahrungen erteilten Auskunft sah ich zu, wie der Doktor seine Bekannten liebenswürdig genug begrüßte, mit ihnen einige Worte wechselte und darauf eine Handbewegung nach uns zu machte, worauf die drei Augenpaare aus Posemuckel sich wieder auf uns, das heißt auf mich richteten, gerade als wenn einem ein fremdartiges Tier gezeigt wird, das man sich aus der Ferne erst betrachtet, ehe man sich entschließt, näherzutreten. Ich wurde aber doch einer persönlichen Prüfung für würdig befunden, denn nach einigem Zögern kam die Gruppe auf uns zu, und die Damen stürzten sich auf Frau von Eckschmidt mit einer plötzlich erwachten Freude des Wiedersehens, die um so komischer wirkte, als die vorherige Zurückhaltung nicht gerade sehr freundschaftlich aussah. Frau Modesta erwiderte die stürmische Begrüßung sehr kühl und stellte die Leute mir, nicht mich ihnen vor. Trotz dieser verkehrten Form erwiderten sie meine Verbeugung mit tiefen Komplimenten, ja, die Damen machten förmliche Hofknickse, gerade als hätte der Doktor ihnen gesagt, ich sei die russische Kaiserin.

»Gnädiges Fräulein sind zum ersten Male in Rom?« flötete die ältere Dame mit zuckersüßem Lächeln, und als ich die originelle Frage einfach dahin beantwortete, daß ich schon als Kind in Rom gewesen sei, zirpte sie in den höchsten Tönen: »Wie herrlich, wie beneidenswert! Freilich, in Ihrer Lage war es anzunehmen, daß Sie die Welt schon in so jungen Jahren gesehen haben mußten. Wer das doch auch so –«

»Ich habe mich gefreut, Sie auf klassischem Boden wiedergesehen zu haben«, unterbrach Frau Modesta den Redestrom im Tone eisigster Höflichkeit. »Leider müssen wir uns jetzt aber verabschieden, denn wir haben noch einen weiten Weg nach Hause. Adieu denn, und einen recht angenehmen Aufenthalt hier!«

»Ach, wir müssen leider morgen schon wieder fort«, erwiderte Frau Müller mit klagendem Tone und setzte eifrig hinzu: »Aber können wir uns nicht heute abend irgendwo treffen? Es wäre ja so reizend, wenn unsere jungen Mädchen sich etwas nähertreten könnten.«

»Reizend wäre es«, meinte Frau von Eckschmidt trocken. »Wir müssen aber sehr bedauern, da wir für heute abend schon versagt sind. Nochmals glückliche Reise! – Liebe Thea –«

Damit legte sie ihren Arm in den meinen und zog mich fort, während der Doktor sich in ein etwas verlängertes Abschiednehmen einließ – vielleicht um die ziemlich kurz angebundene Ablehnung seiner Frau etwas zu mildern.

»Das hätte gerade noch gefehlt,« sagte diese lachend, als sie mit mir davonzog. »Mit diesen Leuten einen sogenannten ›gemütlichen‹ Abend zuzubringen – danke bestens! Daheim hat einen die hochnäsige, neugierige Gans nur über die Achsel angesehen, und hier fließt sie über von Süßigkeit wie ein überfüllter Honigtopf!«

Dieser Vergleich war zwar drastisch, aber treffend, und ich mußte herzlich darüber lachen, wobei Frau von Eckschmidt rückhaltlos einstimmte. Überhaupt hatte die Begegnung sie in eine brillante Laune versetzt, vielleicht, weil sie es angenehm fand, Leute kurz abgefertigt zu haben, die ihr früher nicht gerade mit offenen Armen entgegengekommen zu sein scheinen.

Übrigens war auch der Doktor sehr aufgeräumt, als er uns wieder einholte.

»Ich mache dir mein Kompliment, liebe Modesta«, sagte er vergnügt. »Diese Abfuhr war ja köstlich! Der Wunsch, mit uns heute abend irgendwo zusammenzutreffen, damit ›unsere jungen Mädchen sich nähertreten‹ – was denn noch? Diese Müllers sind für mich immer der Inbegriff der Ungemütlichkeit gewesen! – Sie, liebe Thea, hätten ja freilich nur von diesem Gänschen profitieren können, das mit weit offenen Augen – Schneiderstudien an Ihnen gemacht hat.«

In diesem Tone ging es noch eine ganze Weile fort, und ich muß schon sagen, daß ich genug davon hatte und mich wunderte, daß ein so hochgebildeter Mann, wie der Doktor, Geschmack an diesem billigen Triumph über gesellig so ungewandte Leute finden konnte. Dafür können diese Menschen doch schließlich nichts, und wenn man von ihnen früher über die Achsel angesehen wurde, so hängt man’s doch nicht noch an die große Glocke.

Die Heimfahrt bescherte uns in der Straßenbahn eine recht erheiternde Episode. Es saß uns gegenüber ein junges deutsches Paar, Hochzeitsreisende der ›besseren Stände‹, das sehr beglückt schien, als ein Bekannter einstieg und sich zu ihnen gesellte. Es folgten die üblichen Fragen nach dem, was man schon in Rom gesehen, darunter die des Zugestiegenen: »Waren die Herrschaften schon im Kolosseum?«

»N–nein«, erwiderte der junge Ehegatte. »Ist das anständig? Kann man da mit Damen hingehen?«

Der andere warf einen verzweifelten Blick auf uns, ob wir’s etwa verstanden hätten, schneuzte sich umständlich, murmelte etwas und verduftete dann auf die Plattform.

Wir schneuzten uns auch, um unser Vergnügen zu verbergen.

»Das war solch ein kleines Pröbchen davon, was die lieben Reisenden von einer Stadt wissen, die sie besuchen, und noch dazu von solch einer Stadt«, meinte der Doktor lachend, als wir ausgestiegen waren. »Dabei sah ich aus der Tasche des um den Anstand des Kolosseums so sehr Besorgten einen Baedeker herausgucken.«

»Mich ärgert eine derartige sträfliche Unwissenheit«, gestand ich unverhohlen ein. »Wozu reisen solche Leute, wenn sie nicht einmal den Wunsch haben, sich über das zu unterrichten, was sie sehen wollen? Wenn sie nicht schon vorher wissen, was das Kolosseum in Rom ist?«

»Weil eine Reise eben zum guten Ton gehört«, sagte der Doktor. »Und das ist dann die ständige Wiederholung des alten Sprüchleins: ›Es zog ein Gänslein übern Rhein und kam als Gickgack wieder heim.‹ Nein, mich ärgern diese Leute nicht, sie erheitern mich. Nur, wenn die glänzendste Unwissenheit mit der Arroganz zusammenreist, wenn solche Leute, die das Kolosseum in Rom für einen Tingeltangel halten, sich noch anmaßen, eine scharfe und abfällige Kritik an Land, Leuten und Kunst zu üben, dann kann einem schon die Galle überlaufen.«

Damit hat der Doktor wohl recht. Aber wenn wir wieder einen Ausflug machen, dann werde ich mir erlauben, aus meiner Börse eine Droschke zu stiften, was Eckschmidts indes voraussichtlich nicht annehmen werden. Nun, dann wird’s wenigstens ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl.


* * *


19. September

Im Laufe des gestrigen Nachmittags hatte ich gar nicht mehr an meine wunderbare Bekanntschaft mit der Ammonatrice gedacht. Als ich aber abends im Bett lag, kam die seltsame und doch ein wenig unheimliche, weil unerklärliche Sache mir wieder ins Gedächtnis zurück. Lange konnte ich darüber nicht einschlafen, und dann habe ich ganz natürlich von ihr geträumt, denselben Traum wie in der vorigen Nacht, nur mit dem etwas veränderten Schluß, daß Donna Viviana nicht kurzerhand hinter dem Arazzo neben dem Kopfende meines Bettes verschwand, sondern, den Teppich zurückschlagend, mit einem sehr lieblichen Lächeln auf die holzgetäfelte Wand dahinter zu deuten schien.

Auge in Auge vor meinem eigenen Spiegelbilde stehend, würde ich die Hand aufheben und schwören, daß ich nicht geträumt, sondern auch diese zweite Begegnung in wachem Zustande, im ungeschmälerten Besitze meiner fünf Sinne erlebt habe. Da mir meine Vernunft aber sagt, daß man eine verstorbene Person nicht mehr sehen kann, so bleibe ich beim Traum, und auch dieser ist schon wunderbar genug – wunderbarer, als ihn alle Weisen der Welt erklären können. Ich brenne eigentlich darauf, ihn dem Doktor zu erzählen und mich mit ihm darüber zu besprechen, aber trotzdem hält mich eine gewisse Scheu davon zurück. Vielleicht ist’s nur die Furcht, ausgelacht zu werden, die ich eigentlich ihm gegenüber nicht zu haben brauchte, dennoch aber steht meinem Wunsche etwas entgegen, das ich erst überwinden muß.

Ehe ich’s vergesse – ich muß mir ein anderes Versteck für meine Aufzeichnungen suchen, denn die Matratze ist doch nur ein Notbehelf. Vielleicht ist in meinem Schreibsekretär ein Geheimfach, denn in jener Zeit stattete man die Möbel gern mit dergleichen Fächern aus; mein Schreibpult daheim wenigstens, das mein Vater mir geschenkt, besitzt ein solches Geheimfach. Ich muß diesen Sekretär hier doch einmal daraufhin untersuchen.

Der heutige Tag war sehr ereignisreich. Er begann damit, daß der Doktor beim Frühstück einen Besuch der Vatikanischen Museen ankündigte, was mich mit heller Begeisterung erfüllte. Natürlicher= oder vielmehr recht unnatürlicherweise sollten wir den weiten Weg zum Petersplatze und den Weg um Sankt Peter herum, an der Torre Borgia und an der Pinakothek vorbei, zu Fuß zurücklegen. Auf diese Weise kommt man aber doch schon hundemüde am Museum an, und darum machte ich den Vorschlag, eine Droschke stiften zu wollen, was bereitwilligst und mit größtem Danke angenommen wurde. Man sieht daraus, daß man die Leute mit irgend etwas immer falsch taxiert! Denn, so frage ich nun schon zum soundsovielten Male, wie stimmt das mit dem übrigen zusammen? Gar nicht stimmt’s mit dieser Wohnung und mit der Weltreise! Ich werde mir schon die Mühe geben müssen, die Augen etwas weiter aufzumachen.

Im Vatikan kann man, trotz dem Barbaren vom Pincio gestern, in zwei Stunden wirklich nicht ›alles‹ sehen, man müßte denn Räder haben und sich mit den Kunstwerken nicht aufhalten, was ja doch immerhin noch für einige Leute der Zweck der Sache ist. Wir beschlossen daher nur einen vorbereitenden Rundgang durch die Skulpturensammlung, was für einen Vormittag schon eine Leistung ist.

Die lieben Reisenden sorgten indes neben dem Kunstgenuß für auffrischende Erheiterungen. Schon in der Sala della Rotonda mit ihren ausgewählten Meisterwerken wurde uns die erste Probe davon zuteil, aber ich hatte schon früher ein Pfälzer Trio, offenbar Vater, Mutter und eine eben erwachsene Tochter, mit Vergnügen beobachtet, wie es erstaunt von Statue zu Statue trat, und wie der weibliche Teil mit dem Zeigefinger in viel zu großem Zwirnhandschuh auf die Bildwerke tippte und dazu im schönsten Pfälzisch Bemerkungen machte. Diese drei traten dann dicht hinter uns in die Rotonda ein.

»Jerum, hat die ’n große Kopp! Soene Leit gibt’s doch gar nich!« rief das junge Mädchen beim Anblick der Kolossalbüste der Mutter des Caracalla, Julia Domna, der syrischen Gemahlin des Kaisers Septimius Severus, deren dämonische Schönheit ein Kunsthistoriker so treffend ›ein Seitenstück zur Lady Macbeth‹ genannt hat.

»Selleres nennt mer halt iewerlewensgroß«, belehrte der Papa sein Töchterlein und kommandierte dann: »Links ’rum geht’s, sonst müßte mer die G’schicht ja noch emol mache!« Sie wandten sich also nach links und blieben mit offenen Mäulern vor der majestätischen Statue der Juno Sospita aus dem Tempel von Lanuvium stehen.

»Aber die is scheen!« rief Mama. »Guck emol! Dees muß e Walkire sein mit enem Schpeer in der Hand – weischt, so eine, wo ›Hojotoho‹ singe, wie mer’sch im Theater in Mannem g’sehe hawwe. Wirklich scheen, dees muß mer sage!«

Darauf der Vater: »Hat’s e Schtern?«

Die Mutter blättert in einem Heft in ihrer Hand und sagte dann kleinlaut: »Ich glaab’s net.«

»Ha, da gehe mer als weiter!« rief der Papa ärgerlich. »Was solle denn d’Leit von uns denke, wenn mer so Dinger angaffe, wo als kein Schtern hawwe.«

Mit einem bedauernden Blick riß die Mama sich von der ›Walküre, wo im Theater in Mannheim Hojotoho singe‹ los, und damit verloren wir die Gruppe aus den Augen. Schließlich waren das eben einfache Leute, von denen man nicht mehr verlangen darf. Hingegen wurden wir in der ›Galeria della Statue‹ von einer sehr gelehrt aussehenden Dame im gerafften, graugrünen Lodenrock mit der Frage angehalten, ob wir Deutsch sprächen.

Auf des Doktors Bejahung fragte sie dann, sichtlich erleichtert: »Ach, da können Sie mir gewiß sagen, wo der Amor des Euripides steht?«

»Bedaure unendlich«, erwiderte der Doktor mit unerschütterlichem Ernst. »Euripides war, soviel mir bekannt ist, nur ein Dichter. Wenn Sie aber vielleicht den Amor des Praxiteles meinen, der steht dort neben der Tür.«

»Wenn ich Euripides sagte, dann meine ich doch nicht den Praxiteles!« entgegnete die Dame verächtlich. »Sagen Sie doch lieber gleich, daß die Statue gar nicht da ist. Na, dann lassen wir’s eben – es muß ja nicht sein.«

Sprach’s und marschierte ohne Dank davon. Das gelehrte Aussehen hatte schmählich getrogen.

Auch vor dem ›Meleager‹, meiner besonderen Liebe, durften wir einer ergötzlichen Szene beiwohnen, aber diesmal waren, in richtiger Steigerung, die handelnden Personen ersichtlich Mitglieder der oberen Zehntausend.

Die Dame prüfte, seidenraschelnd, die wunderbare Gestalt mit dem geistvollen Kopfe durch eine lange Stocklorgnette von juwelenbesetztem Elfenbein und sagte dann mit unsäglicher Verachtung: »Dem fehlt natürlich wieder eine Hand. Es ist doch nichts in Ordnung in diesem liederlichen Museum!«

»Ich begreife nur nicht«, sagte der Herr darauf, »wie es in einem doch wohlbehüteten Museum möglich ist, alle diese Statuen so zu verstümmeln.«

Achselzuckend wandelten sie weiter, und mir war’s, als hörte ich den klassischen Eselskopf am Eingange der ›Sala degli Animali‹ vergnügt lachen.

Und wir lachten mit. Vor dem Laokoon im Belvedere hielt der Doktor uns einen längeren Vortrag, der zwar im wesentlichen an Lessing sich anlehnte, aber auch Eigenes enthielt, das ebenso belehrend wie anregend war. Zum Glück hatte er eben geendet, als ein Trupp Berliner durchmarschierte, deren Anführer so laut verkündete, daß man’s auf dem Petersplatze hätte hören können: »Den ollen Onkel dort können wir uns schenken; Laokoonen haben wir ooch in Berlin in Jips. Wejen dem Museum hätten wir überhaupt nicht herreisen brauchen, denn was wir in Berlin nicht in Jips haben, dat wird ja ooch nicht jrade Otto Bellmann sind.«

Nach dieser Kraftprobe hatten wir annähernd Ruhe.

Im Museo Chiaramonte hat man mit Ausnahme derer, die nach dem Braccio nuova hasten, das Terrain so gut wie für sich, denn die Durchschnittsreisenden betrachten im allgemeinen diese Sammlung für viel zu untergeordnet, um sich mit ihr aufzuhalten; es sind ihnen zu viele Büsten darin, für die sie sich gar nicht interessieren.

Der Doktor fand das ganz begreiflich. »Denn«, meinte er, »wer die Geschichte der hier Abgebildeten nicht kennt, dem sagen ihre Büsten auch nichts.«

Vollends in der anschließenden Galeria Lapidaria, der Sammlung der Inschriften, ist man ganz ungestört. Die meisten können ja die präzis und elegant stilisierten heidnischen, die pathetischen christlichen Inschriften nicht lesen; es hat also wirklich keinen Zweck, sie nur anzusehen. Frau Modesta leistete sich dort auch, trotzdem der Doktor ihr vieles übersetzte, einen kleinen Gähnkrampf.

Im Braccio nuovo waren schon wieder mehr Besucher zu finden, aber doch nicht zu viel, um einem den Genuß dieser kostbaren Sammlung zu stören. Und auf alle, alle lächelt der wunderbare Satyr des Praxiteles sein geistvolles, spöttisches Lächeln herab, wie ehedem auf seine griechischen Landsleute und seine altrömischen Bewunderer.

Dort, wo die liegende Figur des Nils, mit dem Kranze von Schilf, Lotosblumen und Weizenähren, umspielt von den sechzehn reizenden Kindergestalten, die die sechzehn Steigungsfähigkeiten des Pharaonenstromes bedeuten, sich befindet, dort hatten wir auch noch eine Freude.

Eine ältliche Amerikanerin trat nämlich heran und rief ihrer Gesellschaft zu: »Oh, seht her – wie lieblich! Christus mit den Kindern!«

Lachend ergriffen wir die Flucht. Aber der Eindruck, den ein Kunstwerk macht, ist ja schließlich individuell der entscheidende. Auf mich hätte der sehnsuchtsvoll in die Ferne schauende Flußgott freilich nicht den Eindruck des göttlichen Kinderfreundes gemacht, indes soll dieser kleine Irrtum öfter vorkommen.

Zum Heimweg stiftete ich wieder eine Droschke, was abermals sehr gern angenommen wurde. Wenn das zur Tagesordnung werden sollte – aber nein, ich darf darüber nichts sagen, denn wenn Eckschmidts die Reisekosten für mich tragen, noch dazu für Dienste, die ich bisher zu erweisen noch gar keine Gelegenheit hatte, dann ist’s ja noch lange nicht au pair, was ich in diesem Sinne auch gar nicht verstanden haben will.

Eckschmidts gaben bei Tisch die Parole zu einer langen Siesta aus; wir sollten erst um fünf Uhr zum Tee wieder zusammentreffen.

»Die Zeit bis dahin gehört also ganz Ihnen, liebste Thea«, sagte Frau von Eckschmidt liebenswürdig. »Ruhen Sie sich gut aus, schlafen Sie. Der Schlaf ersetzt am besten die verbrauchten Kräfte. Ich werde Sie rufen, wenn der Tee bereit ist.«

Ich hatte aber gar keine Lust zum Schlafen. Was ich heute gesehen und genossen, erfüllte mich ganz; ich war auch durchaus nicht müde. Ferner reizte es mich keineswegs, lange Stunden in meinem Zimmer zuzubringen. Ich gönnte mir einige Minuten für meine Siesta und war dann bereit zu frischen Taten, zum mindesten fühlte ich das Bedürfnis nach frischer Luft, denn in den Museen ist davon wenig zu spüren. Ob ich mich wohl mit einem Buche in den schönen Cortile setzen durfte? Zwar hatte die Filomena mir gestern gesagt, ich möchte nur immer herabkommen, wenn es mir beliebte, aber sie ist doch schließlich hier nicht der Herr! Indes, ein kleiner Abstecher in den Cortile schien mir immer begehrenswerter, und der Versuchung erliegend, huschte ich aus meinem Zimmer und – fand die Tür nach dem Korridor in der Anticamera verschlossen, den Schlüssel abgezogen!

Bebend vor Entrüstung lief ich in mein Zimmer zurück, denn es schien mir ganz klar, daß die Tür meinetwegen verschlossen worden war. Ich sollte nicht heraus, wie ich es gestern getan!

Nach einer Weile beruhigte ich mich aber und überlegte, daß meine Entrüstung mindestens verfrüht war, denn welchen Grund hätten Eckschmidts wohl, einen Ausgang von mir verhindern zu wollen? Ich weiß wohl, daß es ihnen gestern nicht recht zu sein schien, daß ich mich von der Filomena hatte im Palast herumführen lassen, aber es lag doch auf der Hand, daß ich dieses Vergnügen nicht alle Tage wiederholen würde. Folglich konnte die Tür doch wohl nur versehentlich verschlossen worden sein.

Diese Erkenntnis half mir für meine Freiheitsgelüste freilich nichts, und ich rannte in meiner Ungeduld wie ein gefangener Wolf – da es ohne zoologische Vergleiche doch nicht geht – in meinem Zimmer herum, das mir trotz seiner Größe jetzt ein höchst beschränkter Raum zu sein dünkte.

Dabei kam ich auch in die Nische am Kopfende meines Bettes und an den Arazzo, den ich in meinem Traume von der Ammonatrice hatte aufheben sehen, und da ich ja sonst nichts weiter vorhatte, so blieb ich davor stehen und betrachtete mit Interesse das schöne Gewebe, das trotz seines Alters von gewiß nahezu dreihundert Jahren noch so wunderbar farbenfrisch aussah; höchstens daß die Jahrhunderte den Farben den gedämpften Ton, die Patina, wenn man’s in diesem Falle so nennen darf, verliehen hatten, der dem Auge so wohltuend ist.

Ich streckte die Hand aus und zog sie wieder zurück – ich scheute mich tatsächlich, die Stelle zu berühren, an der ich mein Traumbild den Teppich hatte lüften sehen! Ich schalt mich aber selbst über diesen Unsinn weidlich aus, griff nun zu und lugte neugierig dahinter. Die Wand war dort, wie ich schon früher festgestellt, mit Holzpaneelen bekleidet, an denen außer ihrer sauberen Arbeit nichts Besonderes zu sehen war, und ich wollte den Teppich schon wieder fallen lassen, als mir, ich weiß nicht warum, in den Sinn kam, die Paneele doch einer näheren Betrachtung zu unterziehen – wahrscheinlich, weil ich so viel Zeit hatte, denn sonst wüßte ich um die Welt nicht, warum ich mich dieser ebenso überflüssigen wie törichten Beschäftigung hätte unterziehen wollen. Die Langweile bringt einen ja immer auf überflüssige Gedanken, denn mir fehlt es hier doch sehr an Gelegenheit zur Beschäftigung, da ich nur wenige Bücher mitgenommen habe und an Handarbeiten keinen Geschmack finde. Oder war’s doch etwas anderes – Fügung? Wer kann’s wissen – die Entdeckung, die ich nun machte, rechtfertigt meines Erachtens doch nicht dies schwerwiegende Wort.

Kurz, ich fand in der Ecke der Nische eine Tür; nicht gleich, weil ich ja keine suchte, und wahrscheinlich hätte ich sie, diese Absicht angenommen, überhaupt nicht gefunden; denn man sieht’s dem Paneel gar nicht an, daß es eine Tür, genau gesagt eine schmale Pforte sein könnte, daß eine solche dort vorhanden ist.

Ganz zufällig aber, um das gedankenlose Wort in Ermanglung eines besseren zu gebrauchen, drückte oder stieß ich auf die linke Leiste, die das Paneel einfaßt, und – ich flog mit der nach innen sich öffnenden Tür der Länge nach in ein finsteres Loch, in dem es entsetzlich muffig roch, das heißt, das letztere kam mir erst später zum Bewußtsein.

Obgleich ich recht empfindlich auf beide Hände gefallen war, raffte ich mich doch schleunigst wieder auf und lief, die Kerze auf dem Nachttische anzuzünden, um festzustellen, wohin ich so unsanft gesaust war, denn mit dem schweren Arazzo in der Hand konnte man ja nicht weiter vordringen. Ich schlüpfte nun mit dem Leuchter einfach darunter und sah, daß die Tür in einen schmalen stockfinsteren Gang führte.

Ihn zu erforschen, überlegte ich nicht lange, denn das war so recht etwas nach meinem Gusto. Gefahren? Bah, was hätte es dabei für Gefahren geben können? Und überdies reizte mich der Gedanke erst recht. Aber ich stürzte mich doch nicht so ohne weiteres in die Entdeckung hinein, sondern lief erst, um meine Tür nach dem Salon abzuschließen, reinigte meine Hände und mein Kleid, die reichlich Staub aufgelesen, steckte für alle Fälle noch die Streichhölzer zu mir, und fiebernd vor Erwartung der Dinge, die ich finden würde, betrat ich den Gang, dessen Tür ich hinter dem sorgsam wieder vorgezogenen Arazzo offen ließ.

Die Luft in dem schmalen Korridor war durchaus nicht so schlecht, als ich erwartet hatte, denn mein Licht brannte zwar ein wenig trübe, aber doch hell genug, um mir voranzuleuchten; auch fand ich meine Atmungsfähigkeit nur unbedeutend beeinflußt. Der Gang, der nur so breit und hoch ist, daß man gerade darin gehen kann, macht nach fünf Schritten eine scharfe Biegung nach links und geht in eine steile Treppe von etwa zehn steinernen Stufen über, an die sich geradaus ein waagrechter Gang von einigen vierzig Schritten anschließt. Dann folgt wieder eine scharfe Biegung nach rechts, und nach weiteren zehn Schritten mündet der Gang in eine sehr steile und enge Wendeltreppe, die, gleichfalls von Stein, solid genug aussah, um sie ohne Bedenken betreten zu können.

Vorsichtig stieg ich hinab und mußte ein paarmal stehenbleiben, weil mir von den kurzen Schneckenwindungen ganz schwindlig wurde.

Da nun in dieser Welt alles einmal ein Ende nimmt, so kam ich auch nach einer mir endlos dünkenden Zeit wieder auf ebenem Boden, vor einer niedrigen Tür an. Damit wollte ich mich aber nicht zufriedengeben und untersuchte die besagte Tür sofort eingehend, wobei ich fand, daß sie innen nur mit einem Riegel verschlossen war, den zurückzuschieben mir aber mehr Mühe machte, als ich’s eingestehen möchte. Dem Roste nach zu schließen, der an diesem Riegel saß, muß seit einem Menschenalter kein Mensch mehr durch diese Tür gegangen sein. Ich überlegte aber nicht lange, ob es weise sei, auf die andere Seite dieser soliden Eichenplanken zu gelangen; denn das Entdeckungsfieber und die Abenteuerlust, die mir nun einmal im Blute liegt, ließen auch das erst nachträglich aufgetauchte Bedenken, ob ich überhaupt das Recht hatte, hier herumzugeistern, gar nicht in mir aufkommen. Natürlich hatte ich kein Recht dazu, aber es ist doch sehr anregend, manchmal ein Gesetz zu übertreten.

Kurz und gut, der Riegel wollte nicht weichen, und ich wollte den ungleichen Kampf schon aufgeben, als mein Auge auf den altmodischen Messingleuchter mit seinen veralteten Anhängseln, der Tüte zum Auslöschen und der Putzschere für den Docht, fiel. Im nächsten Augenblick hatte ich die letztere in der Hand und kratzte mit dem scharfen Ende eifrig den Rost von dem Riegel ab, steckte den Griff des letzteren in die eine Schlinge der Schere und zog ihn damit glücklich weit genug zurück, um die Tür öffnen zu können.

Sie ging mit einem die Zähne stumpf machenden Kreischen nach innen auf, und ich sah zu meinem Staunen, daß sie von außen mit lauter kleinen, spitzen Steinen besetzt war. Den Kopf vorstreckend, machte ich die unerwartete Entdeckung, daß sie in die Grotte des Cortile mündete, in der ein Brünnlein, das rinnende Wasser von Rom, in ein Muschelbecken sich ergießt und die mir gestern schon aufgefallen war.

Nun hatte ich ja erreicht, was ich gewollt! Ohne mich zu besinnen und mächtig vergnügt über diesen unerwarteten Ausweg aus meinem Zimmer, löschte ich mein Licht aus, stellte es sorglich hinter die Tür und zog diese zu, worauf ich durch die Grotte einfach in den Cortile trat. Ich hatte die Grotte gestern noch als eine ›Spielerei‹ belächelt; wie hätte ich auch den tieferen Sinn dieser Künstelei ahnen können! Ich ging zunächst nach der Loge des Portiers und fragte die dort anwesende Filomena, ob ich mich in dem Cortile etwas aufhalten dürfe, was sie sofort bewilligte.

»Es geht ja doch kein Mensch hinein«, setzte sie hinzu. »Warum? Weil die Herrschaft nur im Winter hier ist, und dann kommt die Sonne nur um Mittag auf kurze Zeit hinein. Also benützen Sie den Cortile nur ruhig, Signorina. Der Herr Herzog würde auch sonst nichts dagegen haben; ich glaube sogar, es würde ihn freuen, daß Sie in diesem Herbst so viele Freude an dem Cortile gefunden haben. Im vorigen schien er Ihnen aber nicht so zu gefallen.«

»Signora, ich glaube, daß Sie mich für eine andere halten«, begann ich, weil die Frau auf ihrem Irrtum zu beharren schien.

Aber sie fiel mir mit einem gutmütigen Lachen ins Wort. »Eh!« machte sie abwehrend. »Es ist ja richtig, daß Sie im vorigen Jahre immer den dichten Schleier trugen und daß Sie jetzt viel schlanker sind, aber die Haare sind doch dieselben, und dann der Ring mit dem schwarzen Kreuze an Ihrer Hand – wie sollte ich mich da irren?«

Natürlich war’s jetzt ganz klar, daß sie mich für die entfernte Verwandte von Eckschmidts hielt, und ich gab es auf, sie eines anderen zu belehren. Was kam es auch schließlich darauf an? Ich ging also in den Cortile zurück mit dem schönen Bewußtsein, gegebenenfalls in der Grotte ebenso einfach als effektvoll verduften zu können. Denn dieses Geheimnis wollte ich zunächst noch für mich behalten, keinesfalls darüber mit Eckschmidts sprechen, weil die Gelegenheit, mich ohne weiteres und ohne erst um gütige Erlaubnis zu fragen, entfernen zu können, um während der Siesta frische Luft zu schnappen, mir denn doch zu unerwartet in den Schoß gefallen war, als daß ich Lust verspürt hätte, sie gleich an die große Glocke zu hängen.

Ich erfreute mich also mit vollen Zügen der frischen Luft, und falls Eckschmidts etwa ihre Siesta verkürzen und mich rufen sollten, so mochten sie meinetwegen glauben, daß ich zu fest schliefe, um ihr Klopfen zu hören; sie konnten auch glauben, daß ich durchs Schlüsselloch mein Zimmer verlassen hatte. Jedenfalls machte es mir ein diebisches Vergnügen, sie bei der Annahme dieses Kunststückes zu lassen, denn daß sie diesen Ausgang kennen sollten, war nicht anzunehmen, weil ja sonst der Riegel der Grottentür nicht gar so verrostet gewesen wäre.

Ich wandelte also vergnügt unter Lorbeer und Palmen auf und ab und dachte, wie schön es sein müßte, solch einen Palast zu besitzen. Nicht, daß ich mich nach dem Rezept von Wilhelm Busch:

Entsagung nennt man das Vergnügen

An Dingen, welche wir nicht kriegen,

in Sehnsucht oder gar Neid danach zu verzehren pflege, aber warum sollte man nichts davon wünschen dürfen?

Sei im Wünschen nicht zu karg;

Wünsche sind der Weg zum Siege,

Des Genügens üpp’ge Wiege

Ist der Tatkraft früher Sarg –

habe ich einmal irgendwo und von irgendwem gelesen und dieser Auffassung Berechtigung zugestehen müssen, eine so große Tugend das Genügen ja sonst auch sicherlich ist. Ob zwar das Wünschen gerade auf römische Paläste auszudehnen ist, steht freilich auf einem anderen Blatte.

Liebevoll mit der Hand über einen schlanken Lorbeerzweig streifend, der sich ein wenig vordrängte, fiel mein Blick auf den Ring, den Frau von Eckschmidt mir geschenkt und den die Filomena an der entfernten Verwandten gesehen haben will. Hat dieser der Ring früher gehört, und hat sie ihn Frau Modesta gegeben? Vermutlich wohl, denn wie käme er sonst in der letzteren Besitz? Nun, mich ging’s nichts an, aber die Frage kam mir doch, ob die ›Entfernte‹ der Inschrift des Ringes »Max. Semper idem« nahe gestanden. Dann aber hätte sie den Ring wohl nicht fortgegeben.

Daß Frau von Eckschmidt es getan, machte mich heute, in der Erinnerung an die ersparten Centesimi für die Straßenbahn kopfschütteln, denn wenn der Chiastolith auch wirklich keinen großen Marktwert hat, so ist seine Fassung doch wertvoll genug, um das Geschenk zu einem bedeutenden zu machen. Es stimmt also wieder etwas nicht.

Während ich über diese Rätsel, die mir die Eckschmidts aufgeben, noch nachsann, hörte ich wohl, daß vor dem Ostportal ein Wagen vorfuhr, hörte die Filomena auch öffnen und mit einer männlichen Person sich unterhalten, da ich aber an der Neugierde nach Dingen, die mich nichts angehen, nicht leide, so drehte ich mich nicht einmal um, als ich im Cortile Schritte hörte. Erst als eine sympathische Männerstimme hinter mir halb ungläubig, halb herzerfrischend freudig ausrief: »Signorina – Signorina Dorothea!« da fuhr ich herum und – – sah den ›Schwarm‹ meiner grünen Backfischtage, meinen Tänzer und Bonbonspender vom Lämmerhüpfen, Don Ferrando Roccasanta vor mir stehen! Ich erkannte ihn gleich wieder, auf der Stelle, wennschon er ja natürlich älter geworden war und größer auch, wie mir’s schien, aber er trug noch den kleinen, gezwirbelten Schnurrbart, den ich damals ›süß‹ gefunden, und schlank war er auch geblieben, und seine blauen Augen hatten noch denselben freundlichen, geraden und warmen Ausdruck wie damals vor neun Jahren.

»Don Ferrando! Ist’s möglich?« rief ich überrascht und ganz unvernünftig erfreut, indem ich ihm die Hand reichte, die er respektvoll küßte.

»Man sieht, daß eine kleine Neugierde sich doch manchmal lohnt und – belohnt«, sagte er heiter. »Ich komme eben nach Rom, und die Filomena flüstert mir beim Öffnen zu, daß ›die Signorina von den Mietern im zweiten Stock‹ im Cortile herumspaziere, und da faßte mich die Neugier, die Dame von Angesicht zu sehen, von der ich im vorigen Winter einmal einen Schimmer ihrer blonden Haare erwischt. Und diese Signorina sind Sie! Ich habe Sie auf den ersten Blick wiedererkannt, trotzdem Sie damals ein kurzes, weißes Kleid mit blauer Schärpe und einen langen, enorm langen, blonden Zopf trugen.«

»Nun, dann war das Erkennen ein gegenseitiges, Don Ferrando«, erwiderte ich. »Sie irren aber, wenn Sie mich hier schon gesehen zu haben meinen. Ich bin erst seit zwei Tagen mit Herrn und Frau von Eckschmidt angekommen. Jedenfalls hat die Dame, für die Sie mich gehalten, mehr Zurückhaltung besessen als ich, denn ich fürchte, mir steht das Recht nicht zu, mich in diesem wonnigen Cortile aufzuhalten. Würden Sie wohl die Güte haben, mich deshalb gelegentlich bei dem Herzog von Poggio Laureto zu entschuldigen?«

Don Ferrando machte eine tiefe Verbeugung. »Der Herzog von Poggio Laureto wird es als eine Ehre betrachten, wenn Sie, Signorina, den Cortile so oft mit Ihrer Gegenwart beehren, als es Ihnen gefällt«, sagte er mit unnachahmlicher Grandezza, aber auch mit lachenden Augen. »Ich sage das mit vollem Recht, da ich ja der Herzog bin.«

»Das – das hatte ich wahrhaftig nicht gewußt«, gestand ich etwas betreten ein. »Da dieser Palast den Namen Roccasanta führt, so nahm ich zwar an, daß Sie in Beziehung dazu stehen könnten, aber daß Sie inzwischen den Titel gewechselt, ahnte ich natürlich nicht.«

»Also haben Sie sich meiner doch erinnert!« rief er mit einem Aufleuchten seiner Augen, das mir die helle Röte ins Gesicht trieb, worüber ich mich wütend ärgerte. »Roccasanta ist unser Familienname«, setzte er rasch hinzu, »der Titel Poggio Laureto vererbt sich bei uns in der Primogenitur. Als ich die Ehre hatte, Ihre Bekanntschaft zu machen, Signorina, da lebte mein Vater noch; mein ältester Bruder folgte ihm im Majorat. Er starb zu unserem größten Schmerze kurz vor seiner Vermählung, und so trat ich denn die Erbschaft an.«

»Also meinen herzlichen Dank, Herr Herzog«, sagte ich schnell gefaßt. »Sie leben, wie ich höre, während des Sommers auf dem Lande mit Ihrer Familie. Darf ich fragen, wo Ihre Besitzung liegt? Mein seliger Vater hat oft Ausflüge mit mir in die Umgebung Roms gemacht, bei denen wir viele wunderschöne Villeggiaturen sahen; ich kann mich aber auf ein Poggio Laureto, einen ›Lorbeerhügel‹, nicht erinnern.«

»Mein Landhaus liegt nach Viterbo zu – gleich hinter Bracciano, wenn Ihnen der schöne, blaue Kratersee gleichen Namens bekannt ist«, erwiderte der Herzog. »Wir können den See von unserer Terrasse aus sehen, wie er, einem schimmernden Saphir gleich, in seiner grünen Fassung liegt. Es ist landschaftlich ein schöner Punkt, unser ›Lorbeerhügel‹. Aber meine Familie ist sehr klein; sie besteht nur aus meiner Mutter und mir selbst. Mein altes Geschlecht wird mit mir erlöschen.«

»Nun, dazu hat es nach menschlichem Ermessen doch noch lange Zeit!« rief ich aus. »Sie sind jung und machen nicht den Eindruck eines verdorrenden Stammes.«

»Gott sei Dank, daß ich in Ihren Augen nicht wie ein solcher aussehe«, entgegnete er lächelnd.

Er ist ja nicht, was man einen schönen Mann nennen könnte, aber er sieht sympathisch aus, und wenn er lächelt, dann wird er geradezu hübsch, eben weil sein Lächeln ein so hübsches, liebes ist.

»Signorina,« fuhr er mit leicht bewegtem Tone fort, »es braucht jeder Stamm, selbst wenn er noch so frisch aussieht, eine Sonne und einen Frühling, um neue Blätter zu treiben. Ich habe meine Sonne, meinen Frühling noch nicht gefunden. – – Doch mir scheint, daß ich ganz gegen jede Vorschrift von Madame Etikette verstoße, wenn ich hier so mit Ihnen stehe und ohne die erforderliche Gegenwart einer Ehrendame mit Ihnen rede. Verzeihen Sie mir diese ganz unrömische Formlosigkeit. Meine liebe Mutter ist nämlich eine Engländerin; in ihrem Lande findet man nichts dabei, wenn ein junger Mann eine junge Dame anspricht. Diese englische Hälfte meines Blutes hat mich schon öfter in Konflikt mit meinen italienischen Kavalierspflichten gebracht – also, verzeihen Sie mir. Darf ich mir erlauben, Ihnen bald meine Aufwartung zu machen?«

»Das würde mir eine große Freude sein; da ich aber sozusagen im Gefolge von Herrn und Frau von Eckschmidt reise – au pair, um die Lage klarzustellen – so muß ich natürlich erst anfragen, ob es den Herrschaften genehm ist, wenn ich Besuche in ihrem Salon empfange«, gestand ich ohne Rückhalt ein.

»Oh, in der Tat!« rief Don Ferrando erstaunt. »Ich glaubte verstanden zu haben, daß die Wohnung droben im Namen der Nichte der Herrschaften mit dem schwer auszusprechenden Namen gemietet wurde, und diese in der Begleitung der ersteren sich befinden. Sind Sie ganz sicher, Signorina, daß Sie diese Nichte nicht sind?«

»Ganz sicher«, antwortete ich lachend. »Ich kenne diese Leute überhaupt erst seit einigen Tagen.«

»Sonderbar! Die Filomena bezeichnete Sie ausdrücklich als Nichte.«

»Die Filomena verwechselt mich eben mit dieser Persönlichkeit, von der ich keine Ahnung habe. Eckschmidts behaupten, die Filomena sei etwas konfus.«

»Nun, die Filomena ist kein Licht der Welt, aber als konfus ist sie mir noch nicht aufgefallen, und ich kenne sie doch nun schon fast mein ganzes Leben lang«, meinte der Herzog gutmütig. »Wenn Sie, Signorina, die Nichte also nicht sind, welche die nominelle Mieterin der Wohnung droben ist, wo befindet sich denn diese Dame zur Zeit?«

»Ich habe keine Ahnung«, sagte ich wahrheitsgetreu.

»Nun, mich geht das auch nichts an – das ist die Sache meines Verwalters«, erledigte der Herzog dieses Thema. »Auf alle Fälle muß ich mich Ihnen jetzt empfehlen – leider! Einmal der berühmten Etikette wegen und dann, weil ich in Geschäften nach Rom gekommen bin und abends wieder in Poggio Laureto zurück sein möchte. – Darf ich auf ein Wiedersehen hoffen?«

»Oh, ich hoffe ja auch darauf!« rief ich etwas vorschnell mit meiner dummen Impulsivität, wofür ich mich gleich am liebsten bei den Ohren gekriegt hätte, denn es leuchtete in den Augen Don Ferrandos auf, daß mir dabei ein wenig angst wurde. Nicht sehr, aber doch etwas.

»Ist das aufrichtig gemeint?« fragte er leise.

»Ich bin immer aufrichtig«, entgegnete ich ebenso unbedacht wie vorhin, denn nichts kann mich mehr reizen, als wenn jemand mir auf Kosten der Wahrhaftigkeit nichtige Redensarten zutraut.

»Dann danke ich Ihnen von Herzen für das gute Wort«, sagte er ganz feierlich, machte mir eine tiefe Verbeugung und entfernte sich durch die Glastür des westlichen Flügels.

Ich aber stand wie angewurzelt, bis er verschwunden war, ganz bestürzt über diese Wirkung meiner Worte, die ich vielleicht nicht hätte sagen, mindestens aber hätte anders stellen sollen. Übrigens, so entsetzlich groß ist meine Reue nun doch nicht, daß sie gleich mit vier Pferden hinter meinen Worten hätte dreinfahren wollen. Don Ferrando ist mir so freundschaftlich, um nicht zu sagen herzlich entgegengekommen, daß ich ihm meine ernst gemeinte Hoffnung, ihn wiederzusehen, schon ganz ruhig aussprechen durfte, wenn ich’s mir ruhig überlege. Vielleicht nicht ganz so unumwunden und prompt, in einem etwas kühleren Ton wär’s richtiger gewesen – ach meinetwegen! Ich habe niemals in meinem Leben eine Mördergrube aus meinem Herzen gemacht, und wenn jemand mir warm etwas ausspricht, so werde ich nie lernen, ihm einen Eiszapfen als Gegengabe zu reichen. Ich nicht!

Nachdem der Herzog also entschwunden war, empfand ich plötzlich ein sehnsüchtiges Verlangen nach meinem stillen Kämmerlein, um alles Erlebte in Ruhe überdenken zu können. Es war keine Seele in Sicht, ich lief also in die Grotte hinein und hätte dort fast nicht die Tür nach meinem geheimen Gange gefunden, so gut ist sie in diesem Aufbau von Felsen und Steinchen versteckt. Ich drückte aber so lange in der Gegend, wo sie sein mußte, herum, bis sie, abermals mit greulichem Quietschen, nach innen aufging. Die Steine an ihrem äußeren Rahmen greifen so raffiniert darüber, daß man von der Grotte aus absolut keine Spalte entdecken kann. Innen schob ich den Riegel so gut als möglich wieder vor und war bald wieder droben in meinem Zimmer, wo ich erst Selbstunterricht in dem Mechanismus der Paneeltür nahm, ehe ich sie endgültig schloß und den Arazzo darüberhängte.

Dann setzte ich mich hin und überlegte. Zuerst die Geheimhaltung des entdeckten Ausganges.

Nein, das ist nicht wahr. Ich werde mir doch in diesem Hefte nicht selbst etwas vorlügen wollen? Ich dachte zuerst an meine Begegnung mit Don Ferrando und ertappte mich dabei, wie ich mit vollen Segeln dem ›Schwarm‹ meiner grünsten Jahre nachzufolgen bereit war. Nein – bin, um ganz ehrlich zu sein. Dieser Unsinn muß natürlich im Keim erstickt werden. Nicht etwa, weil ich mich seiner nicht für ebenbürtig halte, sondern weil ein römischer Grande, der in seinem Palaste Wohnungen vermietet, selbstredend nicht daran denken kann, ein armes Mädchen zu heiraten. Arm nämlich im Verhältnis zu seiner Lebensstellung, denn für mich brauche ich ja nicht zu hungern oder zu darben, aber was ich habe, wäre in diesem Falle als Mitgift eine Kleinigkeit.

Warum mußte Don Ferrando noch einmal meinen Weg kreuzen? frage ich. Warum? Nur damit ich die Qual kosten darf, ihn mir endgültig aus dem Kopfe zu schlagen? O ja, ich weiß es jetzt ganz genau, daß ich ihn nie vergessen habe, daß er im Hintergrund stand, als ich meine Körbe austeilte. Es tut nichts, ich bereue keinen einzigen davon, und werde wieder welche flechten, falls ich noch einmal in diese peinliche Lage kommen sollte. Also, der Fall Don Ferrando wäre für mich erledigt.

Wer glaubt’s? Dorothee, mein altes Mädchen, wirst wohl daran glauben müssen, ich werde dich schon zwingen, daran zu glauben!

Nach diesem Entschluß lenkte ich meine Gedanken auf meine anderen Erlebnisse.

Das Natürlichste für mein persönliches Empfinden im allgemeinen und in diesem Falle im besonderen wäre es, Eckschmidts einfach meine Entdeckung des geheimen Ganges und damit auch meine Begegnung mit dem Herzog mitzuteilen. Die Sache an sich ist ja so harmlos, und eigentlich müßte es ihnen angenehm sein, zu wissen, daß ich heraus kann, ohne durch alle ihre Räume, besonders durch des Doktors Studierzimmer, laufen zu müssen. Dennoch aber hält mich eine mir ganz fremde Zurückhaltung ab, davon zu reden. Vielleicht verläßt mich dieses Gefühl wieder, das meiner sonstigen Offenheit zuwiderläuft, und dann ist’s ja immer noch Zeit, davon zu sprechen.

Natürlich muß ich mit meiner Entdeckung auch meine Begegnung mit Don Ferrando mit Stillschweigen übergehen. Eckschmidts würden gewiß erstaunt sein, zu hören, daß ihr ›Hausherr‹ eine alte Bekanntschaft von mir ist; sie würden mir aber kaum glauben, wenn ich ihnen sagte, daß ich zum Fenster hinausgesprungen oder zum Schlüsselloch hinausgeschlüpft bin und ihn dabei zufällig getroffen habe! Alles in allem: Eckschmidts werden mir vermutlich auch nicht alles sagen, was sie tun und treiben, und ich habe keine Verbindlichkeit dazu übernommen.

Zum Beispiel, was Don Ferrando mir mitteilte, daß diese Wohnung auf den Namen einer Nichte von ihnen gemietet worden ist, und zwar nicht vorgestern, sondern schon im Vorjahre. Das ist eigentlich sehr interessant und ergibt eine ganze Reihe von Fragen. Erstens, warum nennen sie eine Nichte eine ›entfernte Verwandte’? Eine Nichte ist entweder eines Bruders oder einer Schwester Tochter und steht einem dadurch doch recht nahe. Freilich gibt’s auch ›sogenannte‹ Nichten, die in Ermangelung einer anderen Bezeichnung diesen Ehrentitel erhalten, um sie in ein Respektsverhältnis zu den älteren Personen zu versetzen. Zweitens, wo ist diese Nichte hingekommen, die die Farbe meiner Haare hat und meinen Ring trug? Drittens, wer ist diese Nichte? Viertens, warum binden mir Eckschmidts auf, daß sie die Wohnung jetzt ›zufällig‹ wieder leer gefunden haben?

Hier wurde ich von Frau Modesta zum Tee gerufen. Die lange Siesta muß für beide doch nicht sehr erquicklich gewesen sein, denn sie sahen angegriffen und abgespannt aus und bestätigten meine Beobachtung auch dadurch, daß sie erklärten, heute nicht mehr ausgehen zu wollen.

»Mein Mann hat zu arbeiten, und wir beide können es uns mit einer Handarbeit gemütlich im Salon machen«, setzte Frau Modesta süß hinzu.

»Wenn Sie keine ganz besondere Beschäftigung für mich haben, dann bitte ich um eine Stunde Urlaub«, sagte ich nach einem Augenblick der Überlegung. »Ich möchte gern einmal meine Freunde aufsuchen.«

»Ihre Freunde?« unterbrach sie mich scharf. »Warum haben Sie nicht gleich in Venedig gesagt, daß Sie hier Freunde haben?«

»Verzeihung, aber ich bin ganz sicher, Ihnen unterwegs erzählt zu haben, daß ich hier im Institute der Damen del Sacro Cuore auf Santa Trinitá de’Monti erzogen worden bin«, erwiderte ich, befremdet über den scharfen Ton. »Ich halte es für eine Pflicht der Dankbarkeit und der persönlichen Zuneigung, wenn ich meine ehemaligen Lehrerinnen, mit denen ich in Korrespondenz geblieben bin, hier aufsuche.«

»Davon kann keine Rede sein!« rief Frau von Eckschmidt heftig. »Sie sind nicht mit uns gegangen, um hier in Rom bei Pontius und Pilatus herumzuflitzen. Außerdem habe ich eine Beschäftigung für Sie – das genügt wohl!«

»Gnädige Frau,« sagte ich, äußerlich vollkommen ruhig, »ich muß Sie wirklich bitten, Ihre Ausdrücke besser zu wählen, um so mehr, als ich keineswegs die Absicht habe, in Rom auf eigene Faust ›herumzuflitzen‹, sondern nur um eine Stunde Urlaub bat, um in einem Kloster meine alten Lehrerinnen zu begrüßen. Ich muß mich sehr schlecht ausgedrückt haben, wenn meine Worte Sie zu einer Annahme verleiten konnten, gegen die ich Protest einlegen muß.«

»Sachte! Sachte – meine Damen!« nahm jetzt der Doktor das Wort. »Sie haben sich ganz klar ausgedrückt, meine liebe Thea, aber meine Frau ist heute in besonderer Angelegenheit etwas erregt und muß sich sicher verhört haben. – Nicht wahr, liebe Modesta, so ist es? Laß mich vermitteln, liebe Frau, denn du bist in deiner Herzensgüte sicher die erste, deine kleine Aufwallung zu bedauern und einzusehen, daß Theas Wunsch ein ganz berechtigter ist.«

»In der Tat«, murmelte Frau von Eckschmidt, indem sie mir ihre große weiße Hand mit sichtlicher Anstrengung entgegenhielt. »Legen Sie einer leberkranken Person nicht jedes Wort auf die Goldwage.«

Als anständiger Mensch konnte ich natürlich nicht anders, als die mir gereichte Friedenspfote anzunehmen, aber ich berührte sie nur ganz flüchtig, denn meine moralischen Federn waren zu sehr gesträubt, als daß ich sofort wieder hätte grinsen können.

»So ist’s recht!« rief der Doktor mit seinem reizendsten Lächeln. »So ist’s recht! Sehen Sie, liebe Thea, so ist meine gute Frau immer; gleich ist sie bereit, jedes hastige Wort mit ihrem großen Herzen wieder zu versöhnen. Lieber Gott, wir haben alle unsere Fehler, aber niemand verbessert sie bereitwilliger als meine Modesta. – Ah, meine Geliebteste, du brauchst über dieses Lob nicht zu erröten – sie war übrigens weiß wie ein frischer Käse –, denn du verdienst es. Was man verdient, braucht einen nicht zu beschämen. Um nun die kleine Angelegenheit ganz zu regeln, schlage ich einen Kompromiß vor. Auf Kompromissen beruht ja der ganze Verkehr unter den Menschen, nicht wahr?«

»Gewiß«, erwiderte ich trocken. »Mein Vater allerdings pflegte zu sagen, daß Kompromisse Notbrücken sind, die unter der ersten schweren Belastung zusammenbrechen, und wer sie betritt, fällt ins Wasser. Solange aber beide Teile sich nur vom gegenseitigen Ufer begrüßen, nehmen sie sich ganz gut aus.«

»Bravo, das ist eine geistreiche Beobachtung«, meinte der Doktor lächelnd. »Bauen wir also die Brücke – sie braucht ja keine Lasten zu tragen. Wer wird auch gleich mit schwerer Ladung kommen! Weise Menschen überlassen die den Fuhrknechten. Ich schlage also vor, daß Sie, liebe Thea, Ihren Lehrerinnen auf Trinitá de’Monti ein Briefchen schreiben und darin anfragen, wann den Damen Ihr Besuch gelegen ist, denn die Klosterfrauen haben doch ihre geregelte Tätigkeit und werden Sie mit wenigen Minuten nicht gern abfertigen wollen.«

»Das ist ein sehr guter Vorschlag, für den ich Ihnen, Herr Doktor, zu Dank verpflichtet bin«, sagte ich aufrichtig. »Dieser Weg gewährt mir eine sichere und viel gemütlichere Besuchsstunde, als ein unangesagter Überfall es getan hätte. Ich sehe das freudigst ein, trotzdem aber möchte ich mich ausdrücklich dagegen verwahren, daß ich mit meiner Bitte um Urlaub irgendwelche Pflicht hier hätte verletzen wollen.«

»Darüber bedarf es keiner Worte«, erwiderte der Doktor an Stelle seiner Frau, an die ich mich gewendet. »Wenn Sie Ihren Brief jetzt schreiben können, so wäre das sehr günstig, denn ich muß noch zur Post und könnte ihn dann gleich mitnehmen.«

»Gewiß, es sind ja nur ein paar Zeilen nötig, die schnell geschrieben sind«, sagte ich, indem ich mich erhob. »Aber,« setzte ich, schon in der Tür stehend, hinzu, »darf ich mir noch eine Bitte erlauben? Ich wollte vorhin in den Cortile hinabgehen, fand aber die Tür in der Anticamera verschlossen. Da wollte ich bitten, ein anderes Mal den Ausgang offen zu lassen; denn während der Siesta, an die Sie gewöhnt sind, möchte ich drunten gern frische Luft schöpfen.«

»Da haben Sie wieder einmal einen Schwabenstreich eines zerstreuten Professors«, rief Frau von Eckschmidt laut lachend, was mich überraschte, denn ihre bisherige Haltung war durchaus keine vergnügte gewesen. »Wissen Sie, was mein Mann getan hat? Er hat den Schlüssel in Gedanken abgezogen, in die Tasche gesteckt und ihn dann wie eine Stecknadel gesucht!«

»Nun, das passiert in den feinsten Familien«, verteidigte sich der Doktor gutmütig. – »Warum haben Sie nicht bei uns angeklopft, liebe Thea, als Sie heraus wollten?«

»Weil ich kein rücksichtsloser Mensch bin, Herr Doktor, und Ihren Nachmittagsschlaf geachtet habe«, erwiderte ich. »Es ist doch aber auch wirklich sehr störend, daß es keinen anderen Ausgang aus dieser Wohnung gibt. Warum ist zum Beispiel die Tür nach dem Korridor im Salon so hermetisch verschlossen?«

»Ja, warum?« wiederholte Frau von Eckschmidt. »Es wird behauptet, der Schlüssel sei verlegt, und sie suchen ihn nun schon so lange, als wir hier wohnen. Echt italienisch, nicht wahr? Uns persönlich stört ja der eine Ausgang nicht –«

»Aber ich muß jedesmal durch das Arbeitszimmer des Herrn Doktors laufen, was mir sehr peinlich ist«, fiel ich ein. »Könnte man nicht selbst einen Schlüssel für die Salontür machen lassen?«

»Ein vortrefflicher Gedanke, liebe Thea, aber ich hatte ihn schon vor Ihnen«, erwiderte Frau Modesta. »Dazu muß jedoch erst der Herr Verwalter seine gnädige Erlaubnis erteilen, und des hohen Herrn kann man nie habhaft werden. Nun, unsere römische Zeit läuft ja bald ab, und da müssen wir uns eben schon so behelfen.«

Mit diesem Bescheid ging ich in mein Zimmer, um meinen Brief an Mater Teresa di Gesu zu schreiben, wenig überzeugt davon, daß der Schlüssel ›verlegt‹ sein sollte, nachdem ich die musterhafte Ordnung gesehen, mit der dieses Haus geführt wird. Da sitzt etwas anderes dahinter, denn ich hatte bei meiner Frage nach einem zweiten Ausgange zufällig gesehen, wie Eckschmidts einen Blick wechselten, und mir war’s auch, als hätte in dem Ton von Frau Modesta, als sie mir riet, mich zu ›behelfen‹, etwas wie Hohn gelegen. Ich kann mich natürlich getäuscht haben und will’s zunächst auch annehmen.

Der Ausfall von Frau von Eckschmidt war denn aber doch recht sonderbar. Wenn das so zunimmt, wie es anfängt, dann kann’s ja hübsch werden. Natürlich ›wird‹ es nicht, denn ich werde sagen: ›Der Klügere gibt nach‹ und mich drücken. Womit natürlich die Weltreise vor den lieben Verwandten ein eingestandener Reinfall wird. Aber was hilft’s? Besser, sie ziehen mich auf, als diese Frau schnauzt mich an. Irgendwo muß man eine Grenze ziehen, oder ich ›schnauze‹ auch, wodurch die Sache wieder au pair wird.

So, nun bin ich wenigstens wieder beim Galgenhumor angelangt, und nun wollen wir sehen, wie die Sache sich historisch entwickelt. Der Doktor ist eine Perle; denn mit welch exquisitem Takt hat er doch die wirklich sich sehr peinlich zuspitzende Szene wieder ins rechte Fahrwasser gelenkt! Daß er die vornehmere Natur von beiden ist, darüber besteht kein Zweifel; seinetwegen könnte man schon vieles mit in den Kauf nehmen, was einem, von Frau Modesta geboten, doch recht schwer fällt.

Sie war übrigens wieder sehr liebenswürdig, als ich mit meinem Briefe in den Salon zurückkehrte, und taktvoll genug, auf unseren Zusammenstoß nicht mehr zurückzukommen.

»Bitte, welche Arbeit haben Sie für mich?« fragte ich verbindlich, als der Doktor mit meinem Briefe verschwunden war.

»Oh, keine Arbeit – ich habe mich damit falsch ausgedrückt«, erwiderte Frau Modesta lebhaft. »Ich wollte Sie nur um eine Gefälligkeit, um einen Liebesdienst bitten – mir dieses Häkelmuster zu diktieren. Meine Augen sind nicht mehr, was sie früher waren, und ich würde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie die große Liebenswürdigkeit haben wollten –«

Nach der Szene von vorhin berührte mich diese fast chinesische Höflichkeit halb abstoßend, halb belustigend; das erstere überwog aber dabei, und ich antwortete kurz, daß ich natürlich gern bereit sei, ihr zu helfen. Wahrscheinlich hatte der Doktor ihr ins Gewissen geredet, und sie wollte auf ihre Weise die Sache wieder gutmachen, aber ich hatte das unangenehme Gefühl des Gemachten, Unaufrichtigen dabei.

Kurz und gut, sie holte wirklich eine wundervoll gearbeitete Spitze hervor, und mehr als eine Stunde diktierte ich Maschen, Stäbchen, Doppelstäbchen, Pikots und was weiß ich, bis mir’s anfing im Kopfe wirr zu werden. Es war ein geisttötender ›Liebesdienst‹, den ich zu verrichten hatte. Da man jedoch etwas schaffen muß, so mag’s hingehen.

Nach dem Essen las der Doktor, der inzwischen auf der Post gewesen, aus Lancianis ›Neue Geschichten aus dem alten Rom‹ vor, was mich ziemlich mit allem versöhnte, das mir heute gegen den Strich gegangen war. Er liest wundervoll vor, der Doktor, mit seiner ausdrucksvollen, sympathischen Stimme, und als ich mich während der Lektüre einmal nach seiner Frau umwendete, weil ich trotz meiner gespannten Aufmerksamkeit das Gefühl hatte, daß sie mich ansah, da fing ich einen Blick ihrer großen, dunklen, durch die schweren Brauen so düstern Augen auf, daß er mir einen Schauer durch Mark und Bein jagte. Zwar lächelte sie mich sofort mit zustimmendem Kopfnicken an, aber der erste Eindruck blieb.

Was lag in diesem Blicke? Ich kann’s nicht sagen, denn es war etwas Unnennbares, und was ich dabei empfand, glich dem Schauer, der mich durchrieselte, als ich neben ihr im Klosterhofe von San Stefano in Venedig stand. Hat sie, trotz ihrer Freundlichkeit, doch nicht vergessen und verschmerzt, daß sie sich vorhin mir gegenüber ins Unrecht gesetzt? Ich glaube nicht, daß Frau Modesta eine Natur ist, die solche Dinge vergißt – ich halte sie sogar für rachsüchtig.

Doch genug für heute – ich bin müde und will schlafen gehen.

Doch halt – ich weiß jetzt, was in Frau Modestas Blick lag: Mord! Wenn es anginge, ich glaube, sie tötete mich. Zum Glück aber geht es nicht an, und darum Schluß für heute! – – – – – – – – – –


* * *


 Die Sonne des 19. Septembers war längst in Pracht und Glanz im Tyrrhenischen Meere untergegangen, die purpurne Feuerglut, die, ihr Scheiden begleitend, die römische Campagna in ein Flammenmeer verwandelte, war erloschen, und nur noch der violette Schleier, der dann über den Sümpfen schwebt, weilte noch in dem ersterbenden Licht. Dieser Schleier aber reichte nicht hinauf bis zur Anhöhe von Poggio Laureto, wo die Luft so klar und rein, so miasmenfrei ist; und weil die Nacht warm, aber dabei doch so wunderbar erfrischend war, so saß die Herzogin=Mutter draußen auf der Terrasse, um ihren Sohn zu erwarten. Sein leichter Dogcart, der ihn von der Station heraufbringen sollte, war schon auf der langen, von uralten Zypressen eingefaßten Landstraße zu erkennen.

Wenn Don Ferrando zu Dorothee Ammerland von seinem ›Landhause‹ gesprochen hatte, so war er damit schon mehr als bescheiden gewesen, aber getreu der stolzen Verkleinerungsmanie, mit der die italienischen Granden von ihren Besitztümern zu reden pflegen. Das Schloß von Poggio Laureto, dem ›Lorbeerhügel‹ im wahren Sinne des Wortes, denn er ist tatsächlich dicht mit Edellorbeer bestanden, ein Landhaus zu nennen, würde keinem Durchschnittsbesitzer eingefallen sein; dazu bedurfte es eines römischen Patriziers, der seine Ahnen mit unverbrüchlichem Ernst und vollster Überzeugung auf Sulla zurückführte, und da dieser große Feldherr und Erweiterer des alten Roms in der Zeit von 88 bis 80 vor Christi Geburt gewirkt hat, so durften die Roccasanta sich getrost auch zum Stammadel von Rom rechnen. Der Herzogstitel von Poggio Laureto war ihnen in verhältnismäßig neuer Zeit, vor etwa zweihundert Jahren auf dem damals üblichen Wege zugefallen und im geeinten Italien unbestritten geblieben.

Castello Poggio Laureto, von Vignola im Beginn des Cinquecento erbaut, krönt, weit ins Land hinausschauend, den Lorbeerhügel. Da das Schloß gegen dreihundert Zimmer, Säle, Hallen und Gelasse umfaßt, so darf man die Bezeichnung ›Landhaus‹ wirklich nur in dem Sinne auffassen, daß es hauptsächlich zum Sommeraufenthalt dient. Seine einzig schöne Lage und der weitausgedehnte Park, der sich daran schließt, macht es für den Zweck des Landaufenthalts außerordentlich geeignet, wozu es ja auch von vornherein bestimmt war in den ›goldenen Tagen der Renaissance‹, in denen man noch fürstlich zu bauen verstand.

Die Herzogin=Mutter auf der Terrasse ließ ihr Taschentuch grüßend flattern, als der Dogcart ihres Sohnes im Schritt den Hügel herauffuhr, und ein lauter, echt englischer Zuruf von ihm, ein durchdringendes »Coo –ee!« antwortete auf das gewohnte Zeichen.

Die Herzogin, eine noch hervorragend schöne Frau in der Mitte der fünfziger Jahre, deren einst berühmtes goldrotes Haar sich vorzeitig in glänzendes Silber umgewandelt hatte, setzte sich wieder und wartete nun die Ankunft ihres Sohnes ruhig ab. Selbst eine englische Herzogstochter, hatte sie dereinst ihre grüne Inselheimat willig mit der ewigen Stadt vertauscht und dort auch das erhoffte Glück gefunden, aber auch manches schwere Leid durchkosten müssen, als sie vor wenigen Jahren erst den geliebten Gatten und bald darauf ihren ältesten Sohn durch den unerbittlichen Tod verlor. Da die verwitwete Herzogin aber nicht nur eine musterhafte Gattin und Mutter war, sondern es auch verstanden hatte, die beste Freundin ihrer Söhne zu werden, so schloß sie sich nach dem ihr widerfahrenen Verluste um so enger an den ihr übriggebliebenen Sohn an.

Dieser war zu ihrem geheimen Bedauern, das freilich auch mit einer gewissen Befriedigung vermischt war, bisher unvermählt geblieben, und auf seinen dringenden Wunsch zog sie sich zunächst nicht auf ihr Wittum zurück, sondern blieb bei ihm, um die Repräsentation seines Hauses zu übernehmen, den Platz der fehlenden Hausfrau auszufüllen.

Sie hatte nicht lange mehr auf der Terrasse zu warten. Bald hörte sie rasche Schritte durch die anstoßende, säulengetragene Halle kommen, und dann erfolgte eine so zärtliche Begrüßung zwischen Mutter und Sohn, als läge eine monatelange Trennung zwischen ihrer letzten Begegnung, statt eines halben Tages.

Nachdem Fragen und Antworten über den Verlauf der Fahrt nach Rom und das Ergebnis des Zweckes ausgetauscht worden waren, meldete der höchst würdevolle Kammerdiener den stark verspäteten Pranzo. Der Herzog reichte seiner Mutter den Arm und führte sie in den kleinen für die intimen Mahlzeiten bestimmten Speisesaal; doch während des schnell servierten, aber durchaus feierlichen Mahles machte die Herzogin des öfteren die Bemerkung, daß ihr Sohn zerstreut war und ein paarmal ganz verkehrte Antworten gab.

Als sie dann in dem anstoßenden kleinen Salon noch zu dem gewohnten Plauderstündchen zusammensaßen, fragte die Herzogin freundlich: »Ist doch nicht alles ganz nach Wunsch gegangen, Rando? Mir scheint, als ob du ein klein wenig verstimmt wärst.«

Don Ferrando lachte etwas verlegen. »Nein, nein, es ist alles in Ordnung, und verstimmt bin ich nicht die Spur. Nur, denke dir – ich habe ganz unerwartet jemand getroffen – –«

Er brach kurz ab, und nun lächelte die Herzogin.

»Wer ist sie? Kenne ich sie?« fragte sie neckend.

»Sie!« wiederholte er erstaunt. »Woher willst du wissen – – ich habe doch nur von ›jemand‹ gesprochen!«

»Weiter, Rando, ich brenne auf die Fortsetzung!« rief die Herzogin lachend.

Aber ihr Sohn antwortete nicht gleich. Er sah sinnend vor sich hin, lächelte dann und fragte etwas zögernd: »Erinnerst du dich noch an einen Jugendball vor neun Jahren bei meiner Tante Aquilabianca?«

»Welche Frage, Rando!«, rief die Herzogin enttäuscht. »Der Lebenszweck deiner Tante Aquilabianca ist die Veranstaltung von Jugendfesten gewesen. Es war eine Leidenschaft bei ihr, die selbst keine Kinder hatte und daher diese unpädagogischen Mittel wählte, sie um sich zu versammeln. Ich weiß nicht, wie vielen solcher Feste ich aus purer Höflichkeit beiwohnen mußte, wie soll ich mich an einen besonderen Jugendball und noch dazu vor neun Jahren erinnern?«

»Und dennoch hast du mich mit diesem Jugendball, zu dem ich zum Herumschwenken der Backfischchen kommandiert wurde, lange noch geneckt«, erwiderte Don Ferrando lebhaft. »Weißt du’s denn nicht mehr? Weil ich so viel mit einem kleinen blonden Mädchen getanzt, das –«

»Ah, natürlich weiß ich’s jetzt!« fiel die Herzogin ein. »Sie war die Tochter eines Herrn von der deutschen Botschaft, blond und reizend wie eine Elfe, im weißen Kleid und blauer Schärpe, und die Haare ganz fein gerippt und aschblond.

Du hattest nur Augen für dieses feenhafte Wesen, und ich habe dich gründlich mit dieser ersten Flamme geneckt. Und das ist nun schon neun Jahre her?«

,Ja, neun Jahre! – und – ich bin ihr heut in Rom wiederbegegnet.« »Ah so!« machte die Herzogin gedehnt. »Hat sie sich sehr verändert? Ich meine, ist sie so hübsch geworden, als sie damals zu werden versprach?«

»Sie hat mehr gehalten, sie ist eine vollendete Schönheit geworden!« rief der Herzog mit leuchtenden Augen. »Aber das ist Nebensache; ihre Augen haben noch denselben reinen, kinderklaren, schönen und lieben Ausdruck, den Ausdruck einer reinen Seele, von der die Welt den Schmetterlingsstaub nicht abgestreift hat, und ihre Stimme hat noch den frischen, frohen Klang –«

Er brach kurz ab, und die Herzogin sah ihm ein wenig erschrocken und besorgt nach, denn er war von seinem Sessel aufgesprungen und rasch zum Fenster getreten.

»Rando, mein Rando – das klingt ja fast, als ob’s Ernst wäre«, murmelte sie nach einer Weile.

Er machte eine Bewegung und setzte sich wieder. »Eine Torheit ist’s, denn was weiß ich denn, ob nicht schon ein anderer – – Ernst, Mutter? Es scheint mir, als ob’s schon vor neun Jahren Ernst gewesen wäre, aber zum richtigen Ernst gehören, wie im Paradiese, zwei! Weißt du, wo ich Fräulein von Ammerland getroffen habe? Im Cortile unseres Hauses in Rom! Sie ist bei den Leuten, die die Wohnung im zweiten Stock gemietet haben.«

»Diese Vermietung war eine recht törichte und überflüssige Idee!« rief die Herzogin scheinbar unvermittelt und mit überflüssiger Energie. »Nun ja, ich weiß ja, daß dein braver Verwalter mit seinem Sparsystem dich dazu überredet hat, den unbenützten Raum zu verwerten, weil deine Standesgenossen es ebenso machen. Das ist ja ganz gut und schön, wenn man das Geld nötig braucht, anderseits ist’s aber recht unbequem, wenn man in seinem eigenen Hause nie sicher ist, amerikanischen Geldsäcken zu begegnen, die einen unverschämt angaffen!«

Nun mußte der Herzog lachen. »Aber die Dame, auf deren Namen die Wohnung gemietet und für ein volles Jahr vorausbezahlt wurde, ist ja kein amerikanischer Geldsack, sondern, soviel ich weiß, eine deutsche Erbin. Im Prinzip kommt es freilich auf dasselbe heraus, nur sind wir eigentlich von den Leuten bisher nicht belästigt worden. In welchen Beziehungen Fräulein von Ammerland zu der deutschen Erbin, dem Doktor und seiner Frau steht, ist mir nicht ganz klar; sie nannte sich ihre Reisebegleiterin au pair –«

»Gesellschafterin also«, fiel die Herzogin mit einem kleinen Seufzer ein.

»Danach sah sie nicht aus«, versicherte der Herzog eifrigst. »Im Gegenteil, sie machte mir den Eindruck einer Dame in guten Verhältnissen. Mutterchen«, setzte er bittend hinzu, »es würde mich so glücklich machen, wenn du Fräulein von Ammerland sehen und kennenlernen wolltest. Ich gebe doch alles auf dein Urteil – und bin dessen so sicher«, schloß er mit einem fröhlichen, glücklichen Lachen.

»Mein Gott, wie soll ich denn das machen?« rief die Herzogin so ablehnend, als sie es ihrem Sohne gegenüber nur imstande war. »Ich kann sie doch nicht hierher einladen, wüßte auch nicht, unter welchem Vorwande; das wäre doch zu – gar zu durchsichtig, und wenn sie eine Dame ist, dann würde sie ablehnen. Ganz davon zu schweigen, daß sie doch mehr als erstaunt über einen solchen Schritt von einer Unbekannten sein müßte, deren Sohn einmal als Kind mit ihr getanzt hat. Rando, verlange nicht solch unvernünftige, unmögliche Dinge!«

»Es wäre in der Tat mehr als unvernünftig, das zu verlangen, es wäre einfach taktlos«, erwiderte der Herzog gelassen. »Ich denke mir die Sache so, daß wir zwei vielleicht einmal gelegentlich nach Rom fahren, und daß sich dann eine zufällige Begegnung arrangieren ließe.«

Die Herzogin lachte. »Eine zufällige Begegnung arrangieren – das ist ja ein reizender Widerspruch! Aber, Rando, wenn das junge Mädchen das ist, wofür du sie hältst, dann wird sie sich dazu nicht hergeben. Ihr Männer seid doch schrecklich plump in solchen Dingen! Hm – ich erinnere mich übrigens des Herrn von Ammerland noch sehr genau; er war ein Gentleman und tanzte wunderbar Walzer. Mit Bezug auf die Bekanntschaft mit ihrem Vater und – den Walzer könnte ich die junge Dame in meiner Eigenschaft als Herrin des Hauses, ohne meiner Würde und der ihrigen zu nahe zu treten, ganz gut einmal aufsuchen, wenn wir gelegentlich nach Rom fahren sollten. «

»Du bist eine wahre, echte und seltene Perle!« rief Don Ferrando enthusiastisch, indem er seine Mutter so stürmisch umarmte, daß sie lachend um Gnade bat.

»Die Perle wird jetzt schlafen gehen«, erklärte sie, sich erhebend. »Es ist nämlich schon sehr spät, mein Junge. Also, gute Nacht, denn morgen ist auch noch ein Tag. Ja, und was ich noch sagen wollte – doch nein, ich weiß jetzt, was es ist, und es hat Zeit bis morgen.«

»Sag’s lieber gleich, wenn’s was Unangenehmes ist, was ich deinem Gesicht nach fast annehmen möchte«, redete Don Ferrando zu. »Dann hat man’s hinter sich und braucht sich den neuen Tag nicht damit zu verbittern.«

Die Herzogin zögerte, dann aber sagte sie mit leiser Stimme: »Rando, mir hat in letzter Nacht von der ›Ammonatrice‹ geträumt. Nicht wie in jenen zwei Fällen, ehe dein Vater und dein Bruder heimgingen, wo ich sie mit gefalteten Händen vor mich hintreten sah – nein, sie deutete diesmal mit der rechten Hand in der Richtung nach Rom. Du kannst nicht ahnen, mit welch heißem Danke ich heute abend deine Stimme den Berg herauf rufen hörte.«

Don Ferrando schlang zärtlich den Arm um seine Mutter und küßte sie gerührt. »Du Liebe, Gute«, murmelte er leise in ihr Ohr. »Geträumt hat dir wieder von der Ammonatrice? Nun, ich habe nicht geträumt und ganz bestimmt nicht geschlafen, als ich nach meiner Begegnung mit Fräulein von Ammerland aus dem Cortile das Haus betrat und ich sie im Vestibül vor mir stehen sah, unsere Warnerin. Sie deutete mit der rechten Hand in den Hof. Meine Gedanken waren in diesem Augenblick wirklich ganz, ganz anderswo, und darum war ihr Anblick mir um so unerwarteter.

»Ja, ja, Rando, ich kann mir’s denken. Und –«

»Ich folgte mit den Augen der Richtung ihrer Hand, und Fräulein von Ammerland stand noch auf der Stelle, wo ich sie verlassen. Als ich mich wieder umwendete, war die Ammonatrice verschwunden.«

»Sie hat uns vor dem Mädchen warnen wollen«, flüsterte die Herzogin, aber doch laut genug, daß ihr Sohn es hören konnte.

»Welcher Gedanke!« rief er ärgerlich. »Ich begreife nicht, wie meine kluge, gütige Mutter dergleichen denken und aussprechen kann!«

»Es lag nahe genug«, erwiderte die Herzogin. »Der Mensch sucht beim Herumtappen im Dunkel dessen, was er als übernatürlich erkennen muß, nach möglichen Erklärungen. Du weißt, daß ich die Ammonatrice für kein Hirngespinst halte – lieber Gott, wir haben in meinem väterlichen Schloß daheim auch unseren ›Geist‹, an dem kein Mensch mehr zweifelt – aber ich habe sie immer nur so gesehen, daß ich mir sagen mußte, ich hätte es im Traume getan, weil ich nicht darauf schwören könnte, wach gewesen zu sein. Wenn du mir aber sagst, daß sie dir heute, bei hellem Tage, in Rom entgegengetreten ist, so wankt meine Annahme, denn du bist kein Phantast und kein im Unirdischen herumtastender Mensch; im Gegenteil, ich habe dich oft für gar zu nüchtern gehalten. Du sagst aber, die Ammonatrice habe mit der Hand in den Cortile auf die junge Dame gedeutet, für die deine Schwärmerei so plötzlich erwacht ist –«

»Plötzlich? Sind neun Jahre plötzlich?« unterbrach Don Ferrando seine Mutter leidenschaftlich. »Ich habe allerdings ›plötzlich‹ gewußt, warum andere Frauen den Wunsch, sie dir als Tochter zuzuführen, in mir nicht erwecken konnten – weil ich das liebreizende Kind nicht vergessen und unbewußt darauf gewartet hatte, daß ein gütiges Geschick mich wieder mit ihr zusammenführen würde.«

Die Herzogin seufzte: »Steht es so?« fragte sie mit einem heroischen Lächeln. »Nun, es war vielleicht, wahrscheinlich oder, wenn es dir so lieber ist, gewiß ein törichter Gedanke von mir, mein Sohn. Die Zukunft wird alles entscheiden. Jetzt aber wollen wir schlafen gehen, und wir können in den nächsten Tagen überlegen, wann wir am besten unseren Ausflug nach Rom unternehmen. Ich bin wirklich sehr begierig, das Kind als Mädchen wiederzusehen, das meines Rando Herz unbewußt neun Jahre lang ausgefüllt hat.«

»Und bis zum Tode besitzen wird«, dachte Don Ferrando, als er nach der Verabschiedung von seiner Mutter sein eigenes Zimmer aufsuchte.


* * *


Rom, 20. September

Ich habe in der letzten Nacht wieder von der Ammonatrice geträumt. Sie hat mich mit einem geradezu strahlenden Lächeln eingeladen, den Gang hinter dem Arazzo zu betreten. Auch dieser Traum war die ganz logische Folge meiner Entdeckung des Ganges, weil ich beim Schlafengehen natürlich noch ausgiebig daran gedacht habe, schon um die unbehagliche Erinnerung an die Szene mit Frau von Eckschmidt aus dem Kopfe zu verbannen und um den ganz törichten und überflüssigen Gedanken an Don Ferrando, vielmehr an den Herzog von Poggio Laureto, nicht nachzuhängen.

Der Titel macht’s – wohlverstanden.

Da für den Nachmittag der Besuch der Villa Borghese auf dem Programm stand, so haben wir vormittags das Haus nicht verlassen. Ich wurde wieder zum Diktieren des Häkelmusters in den süßesten Tönen und mit übertriebener Liebenswürdigkeit verwendet und habe heldenmütig ein paar Stunden lang Maschen, Stäbchen und Pikots gezählt und mich geradezu übermenschlich zusammennehmen müssen, um Herrin eines drohenden Anfalls von Blödsinn zu werden.

Die Galerie Borghese wird kurz nach Mittag geöffnet, und der Weg dahin ist von uns aus weit. Wir hatten, um noch eine kleine Siesta zu ermöglichen, unser Essen schon um zwölf Uhr eingenommen, wobei ich mir erlaubte, ein wenig von dem Speiseöl in einem Eierbecher mitzunehmen, um damit ›das Schloß meines Schreibtisches zu ölen‹. Das entsprach vollkommen der Wahrheit, denn ich zerbreche mir beim Herumdrehen des Schlüssels immer beinahe die Finger. Aber ich hatte noch etwas anderes mit dem Öl vor, und zu beiden Zwecken kam der Doktor mir mit seiner bekannten gütigen Fürsorge entgegen, indem er mir eine schön irisierende Taubenfeder schenkte, die er gestern auf der Straße aufgelesen hat.

Die Siesta der Eckschmidts benützend, begab ich mich ohne Verweilen durch den geheimen Gang an die Tür zur Grotte, um den Riegel dort gefügiger zu machen, und ölte ihn so ausgiebig, daß er nun wirklich ›wie geschmiert‹ hin und her läuft. Ich ölte auch mein Schreibtischschloß und alle anderen Schlösser meines Zimmers, und damit verging die Zeit bis zu unserem Aufbruch. Diesmal bestiegen wir die Straßenbahn am Corso Vittorio Emanuele, fuhren bis zur Piazza Venezia, dann die lange Via Nazionale bis zur steil aufsteigenden Via Quattro Fontane, wechselten dort den Wagen bis zur Piazza Barberini und dort nochmals bis zur Porta Pinciana und gingen dann die kurze Strecke bis zum Kasino zu Fuß. Das Kasino der Villa Borghese ist ein imposanter Palast, und der Weg dahin unter den prächtigen Steineichen war nach der endlos langen, heißen Fahrt ein wahrer Genuß.

Übrigens war besagte Fahrt ganz ergötzlich durch zwei Amerikanerinnen, die uns gegenübersaßen und eine mit Freunden verabredete Partie nach ›Teiwolei‹ (Tivoli) in die Villa des Hadrian besprachen, wobei die eine erklärte, wenn aber Hadrians daheim wären, würde sie nicht mit hineingehen, denn es widerspräche ihrem Anstandsgefühl, fremde Leute in ihrem Hause zu überlaufen. Worauf die andere beruhigend meinte, sie wisse die Sache nicht mehr so recht, sie sei vor ein paar Jahren auch schon einmal in ›Teiwolei‹ gewesen und zwei Stunden in dem bezeichneten Grundstück herumgelaufen, hätte das Haus jedoch nicht gefunden, sondern nur Ruinen.

Eckschmidts hatten die Leutchen nicht ganz verstanden, nahmen aber, als ich’s ihnen übersetzte, herzlich lachend an meiner Heiterkeit teil – wenigstens der Doktor tat es, denn er hat Humor, der seiner Frau fehlt. Leute, die keinen Humor haben, können mir leid tun, denn für sie scheint die Sonne doch nur halb so hell als für die, denen diese Himmelsgabe in die Wiege gelegt wurde. Frau von Eckschmidt lacht ja auch, wenn man sie auf etwas aufmerksam macht, aber sie sieht nicht von selbst den Humor einer Sache, und ihr Lachen berührt mich immer unharmonisch; so ungefähr wie ein halbvergessenes Lied, das man in seiner Tonfolge nicht mehr zusammenbringen kann und bei dem man die vergessenen Noten durch solche aus einer anderen Tonart ersetzt. Ich meine, der Doktor hat viel weniger von diesem Liede aus der Jugendzeit vergessen als seine Frau, oder – er versteht das Vergessene mit seinem angenehmen Organ richtiger zu ergänzen.

In der Galerie Borghese habe ich mein Herz an ein kleines Kunstwerk verloren, dessen kein einziger der mir bekannten ›Führer‹ erwähnt, und doch ist’s so wunderbar. Es steht im Eingangssaale und ist ein ›Zippus‹, der Grabstein für Petronia Musa, eine vornehme Römerin aus der Zeit Trajans, in der die Petronier unter der Aristokratie einen hervorragenden Platz einnahmen. Dieser Zippus befand sich im siebzehnten Jahrhundert im Park der Villa Borghese als Sockel für eine Ceresstatue; heute dient er zum gleichen Zweck für die edle Statue der Kaiserin Livia Drusilla.

Auf der Vorderwand des Zippus ist die Büste der Petronia Musa, aus einer Muschel wachsend, aus dem Stein gehauen – ich konnte mich gar nicht trennen von dem zarten, edlen Gesicht mit seinem sinnenden, melancholischen Ausdruck. Die Inschrift unter der Büste ist griechisch; vielleicht waren die Freunde, die ihr dieses Denkmal setzten, Griechen. Ich habe mir das Epitaph kopiert und daheim zusammenhängend übersetzt, ohne des Doktors Hilfe, der sich zu meinem Erstaunen mit dem Griechischen nicht recht abfinden konnte! Die Inschrift lautet: »In diesem Grabe, auf einem öffentlichen Platze errichtet, liegt die blauäugige Musa, unsere so früh für immer verstummte Nachtigall. O süße Musa, möchte die Erde dir leicht sein! Welch finstere Mächte haben uns unsere Sirene geraubt? Wer hat uns unseren holden Singvogel entführt? Eines Nachts hauchte sie ihren letzten Seufzer aus, und ihr Körper löste sich auf. Musa, du bist dahin! Deine Augen leuchten nicht mehr, deine Lippen sind für immer versiegelt, keine Spur blieb uns zurück von deiner Schönheit und deiner Gelehrsamkeit.«

Warum übergehen unsere ›Führer‹ dieses rührende Denkmal mit Stillschweigen? Ist es ihnen zu geringfügig? Mir fiel unwillkürlich ein Ausspruch Crawfords ein, den ich in seinem ›Heart of Rom‹ fand: »Niemand kann den Toten ihre Vergangenheit nehmen, ausgenommen ein deutscher Historiker.«

Nach dem Verlassen des Museums gingen wir durch den herrlichen Park, die Villa, nach dem Pincio, kritisierten unterwegs das vielbesprochene kaiserliche Geschenk der Goethestatue, und da ich vor Durst verging, so lud ich Eckschmidts zu einer Tasse Tee auf der Terrasse des Pincio ein, was ebenso bereitwillig angenommen wurde als der Wagen, den ich zur Heimfahrt stiftete.

Auf welche Art, frage ich, werden wir unsere Weltreise machen? Vorausgesetzt natürlich, daß ich mit von der Partie bin. Wir haben ja noch eine hübsche Zeit in Rom vor uns, und ich will nichts Übereiltes tun, denn wenn schon die Szene gestern mir eine Warnungstafel sein muß, so darf ich anderseits nicht übersehen, daß man für eine Weltreise unter den sonst so günstigen Umständen schon einiges mit in den Kauf nehmen muß. Frau Modesta ist ja seit gestern von einer zuckersüßen Liebenswürdigkeit, aber ich traue ihr nicht mehr – seit dem Blicke von gestern abend nicht mehr. Doch auch hier muß ich nach einiger Überlegung einschränkend zugeben, daß ich mich getäuscht haben kann, daß das Licht die Schuld an dem Eindruck trägt.

Nachdem wir also heimgekommen waren, stellte ich mich mit edler Selbstverleugnung sofort zur Verfügung für das Musterdiktieren, wurde aber mit übertriebenem Dank dahin beschieden, daß man vor dem Pranzo ausruhen wollte. Ich ging also in mein Zimmer und fand dort auf dem Tische vor dem Sofa einen Brief liegen.

»Aha, von Mater Teresa!« dachte ich, fand aber statt des erwarteten Briefchens mit der zierlichen Handschrift meiner mütterlichen Freundin ein umfangreiches Kuvert, das in großer, fester, männlicher Schrift die Aufschrift ›An Fräulein Matthea Linz‹ trug, also offenbar vertragen worden war. Ohne den Hut abzunehmen, ging ich mit dem Briefe gleich hinüber und sah unterwegs, daß die Briefmarke den Aufdruck ›Deutsch=Südwestafrika‹ trug. Ich traf den Doktor in seiner Stube vor dem Schreibtisch sitzend; seine Frau stand, auch noch im Hut, neben ihm.

Leider noch keine Antwort von Santa Trinitá de’Monti«, sagte ich, den Brief auf den Schreibtisch legend. »Dieser Brief aber ist irrtümlich für mich abgegeben worden. Soll ich ihn gleich zum Portier hinabtragen, damit er ihn dem Postboten zurückgibt? Die Adresse ist zwar Palazzo Roccasanta, aber –«

Beide Eckschmidts hatten sich mit unverhohlener Neugierde sofort über den Brief gebeugt und studierten die Adresse, als ob sie chinesisch gewesen wäre.

»Mir scheint, das ist der Name der deutschen Gesellschafterin der Herzogin von Poggio Laureto«, sagte Frau von Eckschmidt endlich, ohne aufzusehen. »Nicht wahr, Kasimir, so heißt die doch?« setzte sie so laut hinzu, als ob der Doktor eingeschlafen wäre, indem sie ihm unnötig schwer die Hand auf die Schulter legte.

In der Tat saß der Doktor ganz zusammengesunken da, richtete sich aber jetzt auf. »Ich glaube«, murmelte er wie geistesabwesend und wieder so grau im Gesicht wie damals am ersten Morgen nach unserer Ankunft. Der arme Mann war sicher übermüdet, hatte sich gewiß am Nachmittage zuviel zugemutet.

»Ich werde den Brief gern hinabbringen«, versicherte ich noch einmal.

»Danke, danke vielmals!« rief Frau Modesta abwehrend. »Wozu sollen Sie die vielen Treppen noch einmal steigen! Mein Mann wollte sowieso noch zur Post gehen und kann den Brief dabei abgeben.«

Eigentlich war ich empört, daß diese Frau nicht sah, wie wenig ihr Gatte eben jetzt geeignet schien, die für mich zu hoch befundenen Treppen noch einmal zu gehen, und erbot mich daher, auch den Gang nach der Post zu machen. Frau von Eckschmidt lehnte das zwar sehr liebenswürdig, aber sehr entschieden ab, und auch der Doktor dankte mir mit einem Lächeln, das aber dieses Mal nur eine Grimasse war. Es blieb mir also trotz aufrichtiger Bereitwilligkeit nichts übrig, als in mein Zimmer zurückzukehren, wo ich meinen Schreibsekretär, jedoch ohne Erfolg, nach einem Geheimfach durchforschte.

Beim Pranzo waren sowohl der Doktor wie auch seine Frau so einsilbig, ja geradezu verstimmt, daß es auffallen mußte. Was kann ihnen in dieser kurzen Zeit über den Weg gelaufen sein? Ich gab mir Mühe, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, es blieb aber ein einseitiges und nicht sehr erfolgreiches Bemühen.

»Ist der Brief an Fräulein Link, oder wie sie heißt, nun an seine rechte Adresse gelangt?« erkundigte ich mich dabei.

»Es kennt kein Mensch hier im Hause eine Person dieses Namens«, erwiderte Frau Modesta. »Jedenfalls eine Verwechslung der Adresse. Mein Mann hat den Brief auf der Post abgegeben, wo er wohl geöffnet werden wird, um den Absender zu ermitteln.«

Ich öffnete schon den Mund, um zu sagen, daß ganz sicher ein Name auf der Rückseite des Briefes geschrieben war, denn ich entsann mich genau, dies bemerkt zu haben, ohne daß ich mich weiter darum bekümmert hatte, weil mich der Brief ja nichts anging. Ich ließ es aber auf sich beruhen, denn was Eckschmidts übersehen, wird ja der Post nicht entgehen. Wenn nämlich die Post den Brief wirklich hat. Wenn! Ich weiß nicht, warum dieser Zweifel, der mir so gar nicht ähnlich sieht, plötzlich in mir aufstieg. Ich habe mich selbst auch darüber schon weidlich ausgescholten, denn man verdächtigt doch nicht einmal in Gedanken anständige Leute der Verletzung des Briefgeheimnisses.

Es ist sonderbar, wie solch’häßliche Gedanken sich gleich so fest in einem einnisten können – ich tue, was ich kann, sie mir aus dem Kopfe zu schlagen, und immer wieder spuken sie mir durch alle anderen Dinge, an die ich denke. Wie komme ich nur dazu? Was hätte es wohl für einen Sinn und Zweck, den Brief an eine Unbekannte zu unterschl –, ich meine zurückzuhalten! Aus Neugierde? Na, ich danke, so weit kann diese doch bei gebildeten Menschen nicht gehen! – Halt, ich hab’s! Um die Briefmarke zu behalten!

Ist der Doktor Sammler? Ich habe noch nichts davon bemerkt, kann mich aber bei jeder Gelegenheit erkundigen. Als ob eine Marke mit dem Aufdruck ›Deutsch=Südwestafrika‹ eine Seltenheit wäre! Gewöhnlich, wie die Heidelbeeren, ist sie, und im übrigen geht die Sache mich keinen Pfifferling an, womit ich diesen dummen Einfall mit einer stillen Entschuldigung gegen Eckschmidts für erledigt zu betrachten wünsche. Basta!

Eine Vorlesung fand heute nach dem Essen nicht statt; der Doktor fühlte sich nicht ganz wohl, was man ihm auch ansah, und zog sich bald zurück. Seine Frau folgte ihm, indem sie mir den Salon zur Verfügung stellte. Ich zog aber mein Zimmer vor, da ich die Ereignisse des heutigen Tages noch einzuschreiben wünschte, und war damit fast fertig, als ich mich erinnerte, daß ich mein Handtäschchen auf dem Tisch im Salon hatte liegen lassen. Leise, um niemand zu stören, trotzdem ja drei Räume anständigster Größe zwischen meinem und dem Schlafzimmer der Eckschmidts liegen, öffnete ich die Tür und sah durch die gegenüberliegende, halb geöffnete zu meinem Erstaunen noch Licht im Studierzimmer, den Doktor am Schreibtisch sitzend und seine Frau, den Rücken mir zugekehrt, daneben.

Mein erster Gedanke war, mich leise wieder zurückzuziehen, aber der Schlüssel zu meinem Kleiderschrank befand sich in dem Täschchen, und ich mag meine Sachen nicht umherliegen lassen. Ich machte daher absichtlich Geräusch, um mich bemerkbar zu machen. Darüber fuhr Frau von Eckschmidt mit einer für ihre Größe und Stärke erstaunlichen Geschwindigkeit auf und war, ehe ich noch zwei Schritte vorwärts gemacht, schon in dem Salon, der natürlich dunkel war.

»Was wollen Sie? Warum spionieren Sie hier herum«, fuhr sie mich in einem Tone an, in dem Wut, Schreck und Mißtrauen gleichzeitig zitterten.

»Gnädige Frau, Sie haben wirklich eine höchst unglückliche Art in der Wahl Ihrer Ausdrücke mir gegenüber«, sagte ich empört. »Wenn Sie nicht wünschen, daß ich den Salon betrete, aus dem ich mir das liegengebliebene Täschchen dort auf dem Tische holen wollte, dann hätten Sie mir das früher sagen müssen. Ich –«

»Ach, Thea, sind Sie’s?« fiel sie mit gänzlich verändertem Ton ein. Aber selbstverständlich haben Ihnen meine Worte doch gar nicht gegolten, absolut nicht! Ich hörte Schritte und glaubte, es wäre das Zimmermädchen.«

»Ach so«, machte ich trocken, indem ich mein Täschchen ergriff. »Ich bitte um Entschuldigung, gnädige Frau. Ich hatte mir nicht überlegt, daß die Mariuccia durchs Schlüsselloch in den Salon kommen könnte.«

»Nein, das hatte ich auch nicht überlegt«, erwiderte sie lachend. »Mich erinnert diese Begegnung an eine Lustspielszene, in der sich zwei Freunde im Dunkeln treffen und sich gegenseitig für Einbrecher halten und verprügeln. Wir haben uns im Finstern zwar nur angeschrien; aber darum keine Feindschaft, liebe Thea!«

»Selbstverständlich«, erwiderte ich ebenso trocken wie vorhin, und mit einem kurzen »Gute Nacht!« machte ich, daß ich in mein Zimmer kam. Nun, die Erklärung für dieses unerhörte Anfahren wäre ja durchaus annehmbar, aber wer glaubt daran? Es ist ja möglich, daß Frau von Eckschmidt sich nicht überlegt hat, daß es das Zimmermädchen nicht sein konnte, aber wenn sie dachte, es sei die Mariuccia, dann fährt man doch nicht auf deutsch auf ein Wesen los, das keine Silbe dieser Sprache versteht! Indes auch das kann man im ersten Schrecken vergessen; warum aber war sie überhaupt erschrocken? Warum saßen die beiden nach fast zwei Stunden noch im Studierzimmer zusammen, nachdem gleich nach dem Essen die Parole ausgegeben worden war, daß der Doktor sich zur Ruhe begeben wollte? Das ist freilich seine Sache und geht mich nichts an; eines aber weiß ich gewiß, die Tür zum Studierzimmer war geschlossen, als ich nach dem Essen in das meinige ging, denn Frau von Eckschmidt hatte sie selbst mit dem ihr eigenen, harten Griff hinter mir nicht eingeklinkt, sondern zugeschlagen – ein Geräusch, das mir sehr unangenehm ist und jedesmal von mir beanstandet wird. Die Tür war also leise wieder geöffnet worden, als Eckschmidts das Studierzimmer wieder betraten. Warum das, wenn sie ungestört bleiben wollten? Es sei denn, daß sie fürchteten, ich könnte spionieren, an der Tür horchen!

Das Sprichwort sagt: Man sucht keinen hinterm Ofen, wenn man nicht selbst dort gesteckt hat. Aber was hätte dann Frau von Eckschmidt auf diesen schmutzigen Verdacht gegen mich gebracht? Doch sicher nicht mein Benehmen. Also bliebe ihr eigenes schlechtes Gewissen als Erklärung. Ich gestehe indessen ein, daß meine moralischen Federn noch sehr stark gesträubt sind, und daß ich vielleicht nur unter diesem Einfluß diese letzten Sätze niedergeschrieben habe, denn es ist sehr verwirrend, wenn man empört über eine Anschuldigung ist, die man nicht verdient; ich möchte auch um alles in der Welt nicht ungerecht sein und jemand unrecht tun und will’s versuchen, zu glauben, daß es genau so war, wie Frau Modesta es erklärte.

Daß sie aus ihrem Tone des Schreckens und des Zornes unvermittelt in den der Belustigung über die sogenannte Verwechslung fiel, wäre freilich noch kein anderer Beweis als der, daß sie eine gute Komödiantin ist, denn ihre Augen haben keineswegs mitgelacht, und ihr Lachen klang schrill und unnatürlich.

Dieses Mal hat der Doktor nicht vermittelnd eingegriffen, wozu, genau besehen, ja auch keine Ursache vorlag. Er hat sich überhaupt nicht einmal umgedreht, sondern blieb über seine Papiere gebückt sitzen, als hätte er gar nichts gehört.

Ich möchte nur wissen, ob Frau Modesta die Tür des Studierzimmers geschlossen hat, nachdem ich mit meinem Täschchen abgegangen war. Ich hätte das ganz gut durch das Schlüsselloch feststellen können und war sogar stark versucht, es zu tun; aber ich habe diese unwürdige Neugier besiegt und freue mich darüber.


* * *


21. September

Mich hat in letzter Nacht der Alp gedrückt: Frau Modesta saß mir mit ihrem ganzen achtbaren Gewicht auf der Brust und schnürte mir die Kehle zu. Dieser Traum war natürlich die Folge der Aufregung von gestern abend; ich bin heute früh wie zerschlagen aufgewacht, und mein Spiegel versicherte mir, daß ich geradezu grün aussah.

Eckschmidts schienen das nicht zu finden, denn sie machten mir beim Frühstück Komplimente über mein blühendes Aussehen. Wer hat nun recht: sie oder der niemals schmeichelnde, immer rechthabende Spiegel?

Frau von Eckschmidt kam mir gleich sehr liebreich entgegen, umarmte und küßte mich und rief schmelzend: »Meine arme Thea! Welchen Schrecken muß ich Ihnen gestern abend eingejagt haben! Aber Sie mir auch! Und außerdem sind Sie wie ein Tiger auf mich losgefahren. Für einen Dritten war die Szene sicher sehr komisch!«

»Darüber könnte uns ja der Herr Doktor Auskunft geben«, sagte ich heiter, denn ich fing an einzusehen, daß die Sache gar nicht anders gewesen sein kann, als Frau von Eckschmidt es gesagt. Und was habe ich nicht alles für Unsinn darüber in meinem Tagebuche zusammengefaselt!

»Ach, Kindchen, ich war so vertieft in den wichtigen Brief, den ich noch zu schreiben hatte, daß ich wirklich nur mit halbem Ohr das Zusammenklirren der Schwerter gehört habe«, erwiderte der Doktor lächelnd. »Die Szene muß aber wirklich für beide Teile nachträglich sehr drollig gewesen sein.«

»Nachträglich – ja«, gab ich zu. »Im Augenblick war ich doch aber sehr – sehr –«

»Aufgebracht«, vollendete Frau von Eckschmidt lachend. »Nun, es ist Ihnen nicht zu verdenken. Meine Anrede muß ja wie ein Sturzbad auf Sie herabgeprasselt sein.«

»Das tat sie«, bestätigte ich diese sehr richtige Auffassung. »Und ich hatte noch absichtlich Geräusch gemacht, als ich sah, daß Sie im Studierzimmer saßen.«

»Ah,« sagte Frau Modesta schnell, »Sie waren also schon längere Zeit im Salon, als ich hereinkam?«

»Ich hatte noch keine zwei Schritte darin getan und diese noch so geräuschvoll als möglich«, verteidigte ich mich. »Ich hätte aber vielleicht Sie anrufen sollen und sehe nun ein, daß ich die Schuld an Ihrem Schrecken trage.«

»Schwamm drüber!« kommandierte der Doktor mit Betonung, und damit war die Sache endlich erledigt.

Ich erkundigte mich nun, ob die Post schon gekommen sei wegen des zu erwartenden Briefes von Mutter Teresa; zu meinem Befremden war aber nichts für mich da.

»Ich gehe nachher zur Post – vielleicht liegt der Brief dort«, meinte der Doktor.

»Das glaube ich nicht, denn ich habe doch meine Adresse angegeben«, erwiderte ich.

»Nun, die nächste Post wird ihn schon bringen«, meinte der Doktor und setzte hinzu: »Liebe Thea, es fällt mir schwer, Ihnen ankündigen zu müssen, daß wir Sie heute für die größere Hälfte des Tages allein zu lassen gedenken. Ein unaufschiebbarer Besuch in der Nachbarschaft Roms wird uns Ihnen entführen, und da auch eine geschäftliche Angelegenheit damit verbunden ist, so können wir Sie leider nicht bitten, uns zu begleiten, und müssen Sie sich selbst überlassen.«

»Als ob das erst der Worte bedürfte!« rief ich aus. »Ich fasse es so auf, daß wir beiderseitig frei sind, nach vorheriger Verständigung auch einmal unsere eigenen Wege zu gehen. Es wäre doch sehr peinlich, wenn Sie sich stets an meine Gegenwart gefesselt fühlten, und ich bitte Sie, in keiner Weise auf mich Rücksicht zu nehmen, die ich Ihnen, als die Jüngere, schulde.«

»Nun ja, ich habe zwar vorausgesetzt, daß Sie die vernünftige Auffassung haben werden, sage Ihnen aber trotzdem meinen herzlichsten Dank für Ihr Entgegenkommen«, erwiderte der Doktor mit seiner unwandelbaren Höflichkeit. »Wir wollen, wenn es Ihnen recht ist, heute schon um elf Uhr unser Frühstück einnehmen, da wir eine halbe Stunde später fort müssen. Dadurch fällt freilich ein Ausgang heute morgen fort.«

»Gewiß«, sagte ich, »ich werde dann heute nachmittag meinen Besuch auf Trinitá de’Monti machen und mich dann etwas spazierenfahren lassen.«

»Ein vortreffliches Programm«, stimmte der Doktor zu.

Seine Frau aber wendete ein, ob nicht erst der Brief von Mutter Teresa abzuwarten wäre.

»Erstens kann er ja inzwischen noch kommen, und wenn nicht, so tut es auch nichts, denn ich bin meines Empfanges dort sicher«, erwiderte ich. »Mein Brief kann ja verlorengegangen sein; das kommt schon vor.«

»Oh, wenn Sie Ihres Empfanges so sicher sind, dann liegt die Sache freilich anders«, meinte Frau Modesta mit einem Achselzucken, dessen Deutung mir schleierhaft war. Indes zeigte sie sich dann wieder sehr nett und freundlich mir gegenüber und häkelte nach meinem Diktat ein ganzes Endchen ihrer schönen Spitze, woraus erhellt, daß ich eine recht lange Zeit beschäftigt wurde.

Eigentlich hatte ich mir meine Leistungen au pair anders vorgestellt, und Frau Modesta muß das wohl erraten haben, denn sie versicherte mir wiederholt, daß dieser ›Liebesdienst‹ nur ein Lückenbüßer sei, bis ihr Mann seine Papiere so weit geordnet habe, um darin meine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Darauf wartete ich wirklich mit Sehnsucht, denn diese ewige Wiederholung von Maschen, Stäbchen und Pikots ist einfach schrecklich.

Nun, der Morgen nahm auch ein Ende; wir aßen unser Frühstück im besten Einvernehmen, worauf Eckschmidts mir Lebewohl sagten und mir anempfahlen, mich nach Ponte Nomentano spazierenfahren zu lassen und unterwegs bei Sant’Agnese auszusteigen, um diese uralte Kirche und die danebenliegende von Santa Costanza zu besichtigen, was mir sehr einleuchtete. Der Doktor gab mir noch ein darauf bezügliches Werk zum vorherigen Durchlesen, und dann gingen sie fort.

Ich genoß das mir endlich einmal gewordene Alleinsein mit Wonne, denn es ist doch sehr süß, das Geschirr ablegen und sich in Freiheit bewegen zu können.

Ich las also zunächst aufmerksam die Geschichte von Sant’Agnese, Santa Costanza und Ponte Nomentana durch, dabei aber beschlich mich plötzlich ein so eigentümliches Gefühl von – ja, von drückender Einsamkeit, daß ich das Buch hinlegen und mich bewegen mußte. Die Kunst, allein sein zu können – denn es ist eine Kunst, wenn man sieht, wie viele Menschen unablässig Gesellschaft um sich haben müssen – diese Kunst ist mir von einem gütigen Geschick verliehen worden; ich betrachte die Einsamkeit sogar als ein sehr kostbares Gut und gebe mir Mühe, es wohl anzuwenden zum Nachdenken, zum Studium und zur Sammlung. Warum also bedrückte sie mich heute, wo ich so seelenvergnügt war, einmal allein sein zu dürfen, warum empfand ich sie als eine Last, die mich schließlich viel früher heraustrieb, als ich beabsichtigt hatte? Ich weiß ja, daß eine gänzlich ungebrochene Stille ein Gefühl der Unerträglichkeit auslösen, die Sehnsucht nach einem Laut fast unbezwinglich machen kann. Aber es drang ja das Leben von der Gasse herauf zu mir, ich hörte meine eigenen Schritte, und doch schien mir’s, als hielt ich es im geschlossenen Raum nicht länger aus. Es war kurz nach zwei Uhr, als ich mich zum Ausgange zurechtmachte, das heißt, ich legte mein Schneiderkleid von weißem Cheviot an, setzte meinen schwarzen Roßhaarhut mit dem vollen Kranze von La=France=Rosen auf und schlenderte dann durch Salon und Studierzimmer dem Ausgang in der Anticamera zu.

Dort erwartete mich die Überraschung, daß die Tür verschlossen und der Schlüssel abgezogen war.

Mein erstes Gefühl war das einer brennenden Entrüstung über diesen gemeinen Streich; ein Augenblick der Überlegung aber genügte, um mir klarzumachen, daß eine Absicht dabei ausgeschlossen war. Vielleicht war’s auch der tröstliche Gedanke, daß ich ja noch einen anderen Weg in’s Freie hatte, der mich rasch wieder beruhigte, mich gleich wieder ›vernünftig‹ machte.

Während ich jedoch diesem Auswege schleunigst zueilte, fiel mir ein, daß ich ja dann meinen ganzen Ausgang verleugnen mußte, wollte ich das Geheimnis des Ganges nicht preisgeben, wozu ich nicht die geringste Lust hatte. Zu lügen brauchte ich ja schließlich deswegen immer noch nicht, sondern nur einfach den Mund zu halten, und konnte über die Tatsache, daß ich eingeschlossen worden war, zur Tagesordnung übergehen und einen zweiten Besuch auf Trinitá de’Monti stillschweigend als den ersten gelten lassen. Oh, ich weiß, daß es das einfachste und – ehrlichste gewesen wäre, bei der Heimkehr der Eckschmidts zu sagen: Ich habe den Gang entdeckt und ihn benützt, als ich die Tür verschlossen fand, denn welchen Grund hätte ich denn für diese Geheimhaltung? Ich weiß, daß es nichts als Sophistik ist, mit der ich mir das Einfache des Verschweigens einredete, und doch habe ich die Unehrlichkeit begangen, mein Entweichen aus dem Käfig zu verhehlen – ich, deren Fehler es immer war, das Herz auf der Zunge zu haben, die ich gewohnt bin, harmlose Dinge harmlos zu erzählen! Man sieht daraus, daß der Mensch sich selbst wirklich sehr wenig kennt, daß ein gewisser Hang zur Geheimtuerei im ehrlichsten Herzen schläft und bei der ersten Gelegenheit erwacht.

Der Gedanke, in meinem guten weißen Kleide den schmutzigen Gang zu betreten, die staubige Treppe herabsteigen zu müssen, begeisterte mich keineswegs; ich hätte das Haus viel lieber auf dem vorgeschriebenen Wege der breiten, weißen, sauberen Marmortreppe verlassen. Dagegen war aber nun nichts zu wollen, denn daheimbleiben, den ganzen herrlichen, sonnigen Nachmittag in der Stube hocken, wollte ich unter keiner Bedingung, also: »Auf, in den Kampf, Torero!« sang ich mir Mut zu, indem ich mein Kleid hoch aufraffte und dann meinen Weg zwischen den dunklen Mauern des Palazzo Roccasanta antrat.

Das Öl am Riegel der unteren Pforte hatte inzwischen seine rostlösende Wirkung erfüllt, und ohne Schwierigkeit gelangte ich in die Grotte. Nachdem ich die Felsentür sorglich hinter mir zu gezogen, trat ich aus der Grotte heraus, und – fast gleichzeitig trat aus der Glastür der Halle des Vorderbaues Don Ferrando – nein, der Herzog von Poggio Laureto.

»Oh, Signorina, welche Freude, Sie zu sehen« rief er mir schon von weitem entgegen.

Ich hatte mit einem Gruße an ihm vorüber meinen Weg nach dem Ostportal fortsetzen wollen – sicher war das mein erster Gedanke, aber was war da zu machen? Ich gab ihm die Hand und – freute mich auch, ihn zu sehen, närrisch und unvernünftig freute ich mich, und um ganz ehrlich zu sein: Ich segnete die verschlossene Tür der Anticamera; denn wäre sie offen gewesen, wie es sich geschickt hätte, dann wäre ich Don Ferrando wahrscheinlich nicht begegnet.

»Ich sehe, Sie kommen von einem Ausgange zurück«, sagte er mit einem Blick auf meinen Hut, und ich dummes Mädel freute mich, daß ich gerade den aufhatte, von dem ich weiß, daß er mir gut steht.

»Im Gegenteil, ich will eben fort, um einen Besuch auf Trinitá de’Monti bei den Damen del Sacro Curore zu machen, die für meine Erziehung verantwortlich sind«, erwiderte ich so vergnügt, wie mir zumute war.

»Die Glücklichen!« sagte er und lachte dazu. »Darf ich mir eine indiskrete Frage erlauben, Signorina? Eilt Ihr Besuch sehr? Ich meine, ist er auf eine bestimmte Zeit festgesetzt?«

»Nein«, erwiderte ich verwundert. »Warum?«

»Weil ich in diesem Falle eine sehr unbescheidene Bitte an Sie richten möchte«, sagte er wie ein Bube, der gern noch ein Stück Torte haben möchte. »Meine Mutter ist nämlich heute mit mir nach Rom gekommen; ich habe ihr von Ihnen erzählt, und sie hat den großen Wunsch einer Begegnung mit Ihnen, weil sie das Vergnügen hatte, Ihren Herrn Vater zu kennen.«

»Wirklich?« fragte ich erfreut. »Ich habe lange niemand mehr getroffen, der meinen lieben Vater kannte, mit dem ich von ihm sprechen konnte. Nein, mein Besuch auf Trinitá de’Monti eilt ganz und gar nicht, aber ich fürchte, die Herzogin, Ihre Frau Mutter, wird bei ihrer kurzen Anwesenheit in Rom anderweitig beschäftigt sein, und ich möchte in keiner Weise stören.«

»Meine Mutter hat keinen anderen Zweck für ihre Herkunft, als den, mich zu begleiten«; sagte Don Ferrando herzlich. »Sie ist nämlich nicht nur meine gute Mutter, sondern auch mein bester Kamerad und scheut keine Ermüdung, wenn sie mir eine Freude mit ihrer Gegenwart machen kann. Wenn Sie ihr also wirklich ein Viertelstündchen opfern wollen –«

»Oh, das Opfer ist nicht auf meiner Seite«, fiel ich ein, warm berührt von dem Ton, mit dem er von seiner Mutter sprach, die ihres Sohnes bester Kamerad war. Meine Versicherung war auch keine bloße Redensart, denn es freute mich wirklich, wieder einmal mit einer Dame jener Kreise, in denen ich mich so lange bewegt, sprechen zu können. Es mag ja wahr sein, daß in diesen Kreisen viel Oberflächlichkeit, Unwahrheit und sonst noch manch’anderes, nicht eben Wünschenswertes zu finden ist, aber auch sehr viel Edles und Großes gedeiht als schöner Weizen unter der Spreu, und die Mutter eines Sohnes, der so von ihr sprechen konnte, mußte sicherlich eine wünschenswerte Bekanntschaft sein.

Ich folgte also Don Ferrando als legitime Besucherin in das Vestibül hinter der Glastür. Auf der Treppe nach dem Piano Nobile begegnete uns ein Diener, der jedenfalls zu dem Ausfluge nach Rom mitgenommen worden war, denn ich hatte ihn hier noch nicht gesehen, und der Herzog schickte ihn voraus, um meinen Besuch anzumelden. Wir stiegen dann noch die Treppe zum zweiten Stockwerk hinan, wo der Diener uns erwartete und die Tür zum Wohnzimmer der Herzogin mit echt italienischer Feierlichkeit öffnete.

Die Mutter Don Ferrandos erhob sich bei unserem Eintritt von dem Sessel vor ihrem Schreibtisch und trat mir einen Schritt entgegen, während ihr Sohn die Vorstellung übernahm. Sie ist eine wundervolle, imposante Erscheinung, die Herzogin von Poggio Laureto, eine ›große Dame‹ vom Fuß bis zu ihrem üppigen, silberweißen Haar, und ich hatte das Empfinden, als ob sie mich die Überlegenheit ihrer hohen Lebensstellung fühlen lassen wollte, denn sie stand hochaufgerichtet und regungslos da, während ich auf sie zutrat, und musterte mich dabei, wie mir schien, sehr kühl und forschend.

Ich habe ihren Typ in England aber genügend kennengelernt, um mich von ihrer Haltung nicht beirren zu lassen; hinter der geraden und steifen Zurückhaltung der Engländerin der oberen Zehntausend, welche die Mauer des insularen Vorurteils gegen alles Fremde ist, kann man in Albion viel warmherziges Entgegenkommen und am Ende treue Freundschaft finden – wenn man Zeit und Lust hat, diese Bresche zu legen. Ich sah auf den ersten Blick, daß die Herzogin, trotzdem sie durch ein Menschenalter nun schon zur italienischen Aristokratie gehörte, ganz Engländerin geblieben war; vielleicht beanstandete die Italienerin in ihr auch meine so wenig zeremonielle Einführung durch ihren Sohn, einen Junggesellen. Kurz, sie ließ mich bis dicht an sich herankommen.

Da ich aber gar nicht eingeschüchtert war, so begann ich frisch und frei: »Exzellenza hatten die Güte, mich sehen zu wollen, wie der Herr Herzog mir sagte. Ich bin erfreut zu hören, daß Sie sich meines Vaters noch so freundlich erinnern.«

»Er war ein sehr kluger und geistvoller Mann und tanzte geradezu ideal Walzer«, erwiderte die Herzogin kurz, und darnach geschah etwas höchst Überraschendes: Die mich um einen Kopf überragende Dame beugte sich herab und – umarmte mich mit großer Herzlichkeit. »Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Fräulein von Ammerland«, sagte sie gütig, indem sie mich zu einem Diwan führte und mich darauf neben sich niederzog. »Ich kenne Sie nämlich schon von dem Jugendballe her, auf dem mein Sohn mit Ihnen tanzte, und kann mich ganz deutlich Ihrer erinnern mit Ihren langen, feingerippten, aschblonden Haaren. Sie müssen mich Ihre Haare noch einmal sehen lassen – ja? Ich schlage vor, wir trinken trotz der frühen Stunde eine Tasse Tee zusammen, denn die heiße Fahrt nach Rom hat mich ganz entsetzlich durstig gemacht. – Willst du läuten, Rando, und den Tee bestellen? – So, und nun nehmen Sie den Hut ab, Fräulein von Ammerland, er steht Ihnen zwar sehr gut, und man pflegt ja auch den Tee behutet zu trinken, aber ich möchte sie – Ihre Haare – gern ohne diese verhüllende Kopfbedeckung sehen. Ist es sehr unbescheiden, Sie darum zu bitten?«

»Ich fasse es als eine Wohltat auf«, erwiderte ich heiter, indem ich bereitwilligst meinen Hut vom Kopfe nahm. »Hüte sind für meinen Geschmack ein notwendiges Übel, dessen ich mich nur zu gern entäußere.«

Während wir noch von allem möglichen plauderten, kam der Tee, den die Herzogin selbst zubereitete, indem sie erklärte, der Tee sei in Italien ein mißverstandenes Getränk, worin ich ihr mit dem Zusatz: »Auch in Deutschland« nur recht geben konnte, trotzdem es in diesem Punkte bei uns schon erheblich besser geworden ist. Beim Tee plauderten wir sehr angeregt und lebhaft miteinander – es waren die reizendsten Nachmittagsstunden, die ich seit langer Zeit verlebt. Es war so behaglich in dem prächtigen und doch wieder so wohnlichen Raume, die Herzogin war die Güte und Freundlichkeit selbst, und Don Ferrando war eben – Don Ferrando, wie ich ihn bei dem Lämmerhüpfen kennengelernt: natürlich, einfach und heiter.

Hier muß ich beschämt eingestehen: ich vergaß die Schwestern auf Santa Trinitá de’Monti, vergaß die Existenz der Eckschmidts und plätscherte vergnügt wie ein Fisch in seinem Element herum. Ich mußte der Herzogin von meinem Leben erzählen, vor und nach meines Vaters Tode, und wie es kam, daß ich mich in Rom befände. Nicht, daß sie etwa neugierige Fragen stellte, wie Frau von Eckschmidt zum Beispiel, denn sie ist ja ein ganz anderes Genre, womit ich die letztere keineswegs herabsetzen möchte, was ja auch von mir ebenso unangebracht wie undankbar wäre, wenn ich die paar Schwächen von Frau Modesta abrechne. Was die Herzogin von mir wissen oder doch hören wollte, das wußte sie mit großem Takt zu einer freiwilligen Gabe von mir zu machen. Es zeugt ja von keiner guten Erziehung und ist für andere unerträglich, von sich selbst zu sprechen, es wird aber zur seelischen Erleichterung, wenn man dazu aufgefordert wird.

Als ich meine zweite Tasse Tee getrunken und Don Ferrando mir noch einmal – wahrscheinlich in Erinnerung an den unersättlichen Backfisch – den silbernen Korb mit den ›Dolci‹ reichte, schlug mir plötzlich das Gewissen, und ein Blick auf meine Uhr sagte mir, daß es schon nahe an vier war. Entsetzt sprang ich auf und entschuldigte mein langes Bleiben, worüber mich aber die Herzogin sowohl als Don Ferrando zu beruhigen suchten, indem sie die Güte hatten mir zu sagen, daß ich ihnen mit meiner Gegenwart eine Freude gemacht hätte. Nun weiß ich ja zur Genüge, daß man in der ›Gesellschaft‹ solche Phrasen immer bereit hat, haben muß, selbst wenn man einen Besuch nach Jericho wünscht, und doch berührte es mich hier, bei diesen Menschen, als ganz aufrichtig gemeint. Hoffentlich ist das keine Überhebung von mir.

»Sie müssen mich einmal auf ein paar Tage in Poggio Laureto besuchen«, sagte die Herzogin beim Abschied. »Unsere Campagna wird Ihnen gefallen. Natürlich werde ich Sie dazu noch schriftlich einladen und ein Billett, das Sie mir ausbittet, an Frau von Eckschmidt beilegen, damit alles in der richtigen Form ist. Da Sie ja noch einige Zeit in Rom zu bleiben gedenken, so wird die Dame Sie mir gewiß einmal für kurze Zeit abtreten. Die Herrschaften erwarten wohl ihre Nichte vor ihrer Abreise, oder nimmt diese an der Weltreise nicht teil?«

»Ich weiß es nicht – sie haben von ihrer Nichte niemals mit mir gesprochen«, erwiderte ich etwas erstaunt.

»Merkwürdig!« meinte auch der Herzog, sichtlich befremdet. »Ich meine darum, weil die Wohnung drüben doch von der Nichte gemietet worden ist.«

»Wissen Sie, wie sie heißt?« konnte ich nicht umhin zu fragen.

»Wenn ich das wüßte«, sagte Don Ferrando. »Ich habe den Namen natürlich gehört, aber wieder vergessen, weil er mich nicht interessierte. Mein Verwalter weiß ihn natürlich; ich kann ihn gelegentlich einmal fragen. Drollig ist’s aber, daß mein Portier und seine Frau Sie, Signorina, für diese Nichte halten, die sie doch oft gesehen haben müssen.«

»Ja, das ist wirklich drollig«, gab ich zu. »Freilich behaupten Eckschmidts, daß die gute Filomena etwas konfus ist.«

»So sagten Sie schon. Der Portier ist aber durchaus nicht konfus und hat mir auch erzählt, daß der Signore Dottore mit seiner Signorina und seiner Nichte wieder eingetroffen sind«, meinte Don Ferrando.

»Sie müssen dieser Nichte also sehr ähnlich sehen«, warf die Herzogin ein.

»Ja, vermutlich – ich wundere mich dann nur, daß Eckschmidts nie eine Bemerkung darüber gemacht haben«, erwiderte ich und setzte schnell hinzu: »Oh, und die Erwähnung der Filomena hat mein Gewissen erweckt. Ich fürchte nämlich, daß ich eine große Indiskretion begangen habe, indem ich die Frau gefragt habe, ob man den Palast und seine Staatsräume sehen könnte.«

»Das ist eine Frage, die hundertmal im Jahre von den Fremden an die Filomena oder ihren Mann gerichtet wird!« rief Don Ferrando lachend.

»Wenn man jede als Indiskretion buchen wollte, dann hätten wir schon ein stattliches Archiv beisammen.«

»Und die meine käme als besonderes Aktenstück dazu«, vollendete ich. »Die Filomena hat mir ganz korrekt geantwortet, daß der Palast den Fremden nicht gezeigt werden darf, und freiwillig hinzugesetzt, daß die Hausbewohner wohl eine Ausnahme machen. Und ich – statt diskret zurückzutreten, habe sie beim Wort genommen und mich von ihr im Piano Nobile herumführen lassen! Es ist sehr beschämend, das eingestehen zu müssen, aber ›ehrlich währt doch stets am längsten‹ – und so bitte ich denn vielmals um Entschuldigung.«

»Sie ist gewährt!« sagte die Herzogin gütig. »Nicht wahr, Rando?«

»Im Gegenteil!« rief er lachend. »Ich finde, daß die Filomena ganz richtig und logisch in ihrer Annahme war. Natürlich sind die Hausgenossen von dem Verbot ausgeschlossen, mithin ist überhaupt nichts zu entschuldigen.«

»Ich möchte wirklich wissen, wie die Filomena sich als Kunstführer gemacht hat«, meinte die Herzogin heiter. »Wahrscheinlich war sie wie die anderen Hausgeister in den Palästen, in denen die Fremden Zutritt haben: sie hat, gleich jenen, haarsträubende Familiengeschichten zum besten gegeben.«

»Die Filomena ist sehr unterrichtet, was die Kunstwerke betrifft, und im übrigen ganz einwandfrei verfahren«, versicherte ich eifrig, denn ich wollte der Braven keine Unannehmlichkeiten machen, und mit Ausnahme einer Geschichte, zu der ich sie verführt, hat sie auch wirklich nur von dem Ruhm der Roccasanta gesprochen. – »Aber ich habe bei dem Rundgange etwas sehr Merkwürdiges erlebt«, fuhr ich fort. »In der ersten Nacht hier im Hause träumte mir von einer Dame, die der Tracht nach dem Cinquecento angehörte, und ich stand dann zu meinem größten Erstaunen plötzlich vor ihrem Bilde.«

Don Ferrando wechselte mit seiner Mutter einen Blick, den ich mir als einen leisen Zweifel an der Richtigkeit in meinem Oberstübchen auslegte.

»Und was war das für ein Bild?« fragte die Herzogin nach einer für mich etwas verlegenen Pause.

»Es ist von Tizian gemalt, und Filomena nannte die darauf dargestellte Dame Donna Viviana Roccasanta«, erwiderte ich etwas kleinlaut.

»O ja – es ist unser einziger Tizian!« rief die Herzogin. »Wie sonderbar, von einer Person zu träumen, deren Bild man noch nie gesehen hat! Wäre es nicht allzu abgedroschen, so würde ich Hamlets breitgetretenen Ausspruch von den Dingen zwischen Himmel und Erde zitieren. Er ist ein Gemeinplatz geworden, bezeichnet aber trotzdem immer noch am besten – was wir nicht wissen.«

»Es ist jedenfalls freundlich von Ihnen, nicht zu sagen, daß ich mir die Sache eingebildet habe«, sagte ich dankbar. »Ich habe nie in meinem Leben ein größeres Erstaunen, ich darf wohl sagen, einen solchen Schrecken verspürt, als ich da plötzlich vor meinem Traumbild stand, und ich fürchte, Tizians Meisterschaft ist für diesmal an mir verloren gewesen. – Natürlich habe ich der Filomena nichts von meinem Traume erzählt«, setzte ich schnell hinzu. »Auf alle Fälle habe ich mich wieder einer Indiskretion schuldig gemacht, indem ich beim Abschiednehmen wie eine alte Klatschbase so lange stehengeblieben bin.«

»Es war das bekannte Postskriptum eines weiblichen Briefes – das Wichtigste zuletzt«, sagte die Herzogin fein, und meine beiden Hände ergreifend, fuhr sie mit einem für die Situation merkwürdigen Ernst fort: »Lassen Sie mich Ihnen einprägen, liebes Kind, daß Sie Freunde in Rom haben – meinen Sohn und mich! Sollten Sie unser bedürfen, denn man kann nie wissen, was einem zustoßen wird, so rufen Sie uns. Verstehen Sie? Rufen Sie uns. Lassen Sie sich durch keine Rücksichten, unangebrachte Bescheidenheit oder was sonst noch dazu verleiten, sich nicht an uns zu wenden. Unsere Bahn=, Post= und Telegraphenstation ist Ronciglione – merken Sie sich den Namen gut. Und nun danke ich Ihnen für Ihren lieben Besuch; ich denke bald meine Einladung an Sie zu schicken. Es hängt von einem andern Besuch ab, den wir erwarten.«

Von der Herzogin bis zur Tür, von Don Ferrando die Treppe hinab bis zum Ausgange des Vestibüls begleitet, gelangte ich wieder in den Cortile. So endete dieser für mich so unerwartete Besuch, der mir trotz aller Freude doch auch einiges Herzweh hinterlassen hat. Ich hatte Don Ferrando nicht wiedersehen wollen – ich meine, nicht von Mund zu Mund, denn ihm gelegentlich zu begegnen, würde mir jederzeit lieb und wert gewesen sein. Man sieht ja so gern wieder, wen man lieb hat, und das will ich mir überhaupt gar nicht einmal ausreden, denn das Bewußtsein davon wird immer mit mir gehen und mir als Sonne den Lebenspfad erhellen, weil ich sicher bin, mein Herz einem würdigen, guten und liebenswerten Menschen geschenkt zu haben. Dessen brauche ich mich nicht zu schämen – im Gegenteil, es freut und beglückt mich und hat nichts mit der Wehmut zu tun, daß unsere Lebenswege ganz auseinandergehen. Ja, stünde ich noch auf dem Platze, den mein Vater eingenommen, wäre ich reich – aber dann hätte ich Don Ferrando wahrscheinlich überhaupt nicht wiedergesehen, denn dann wäre ich ja nicht mit Eckschmidts in den Palazzo Roccasanta gekommen.

Als ich wieder draußen im Cortile unter dem blauen Himmel stand, war mir alle Lust an meinem Ausgang vergangen. Ich stand einen Augenblick still und überlegte, was ich tun sollte, denn durch die Grotte in mein Zimmer zurückkehren wollte ich gerade jetzt nicht, weil ich nicht wußte, ob jemand – vielleicht der Diener – mich beobachten konnte. Ich hatte ja droben von meiner Entdeckung des geheimen Ganges nichts gesagt, einfach, weil ich nicht daran gedacht hatte, was mir jetzt leid tat, denn es wäre doch entschieden richtiger gewesen, offen davon zu sprechen. Der Herr des Hauses ist sicher berechtigt, zu wissen, daß ich diesen Weg gefunden und benützt, und ich werde wohl keine Gelegenheit mehr haben, es ihm zu sagen. Denn daß ich die Einladung der Herzogin nicht annehmen kann, das steht fest bei mir. Ich bin es meinem Frieden schuldig, diese Entsagung zu üben.

Ich ging also, ohne jemand zu sehen, durch den Hof und stieg die Treppe zu unserer Wohnung hinauf, vor deren verschlossener Tür ich fast eine Stunde auf und ab pendelte. Dann stieg ich wieder herab, und abermals, ohne jemand zu treffen, ging ich in die Grotte und in mein Zimmer hinauf, wo ich nun in Ruhe die Rückkunft von Eckschmidts erwarten konnte, denn mit ihnen droben vor der Tür zusammenzutreffen, hätte doch einer, der einzig möglichen Erklärung bedurft.

Am Ende war’s auch ganz gut, daß ich nicht mehr fortgegangen war, ich brauchte damit nichts zu verschweigen – außer meinem Besuche bei der Herzogin, der ja natürlich mein Geheimnis bleiben muß, wenn ich den geheimen Gang nicht preisgeben will. Das aber will ich nicht; die Möglichkeit, mich ohne Sang und Klang entfernen zu können, macht mir ein vielleicht recht kindisches Vergnügen. Wenn die Einladung der Herzogin kommt – vorausgesetzt, daß sie es nicht vergißt oder vergessen will, was ja auch schon vorgekommen ist – so brauche ich ja einfach nichts zu sagen, und die Sache ist erledigt.

Kurz vor sieben hörte ich Eckschmidts zurückkommen; im Hut, wie sie waren, eilten sie zu mir, stürzten sie fast in mein Zimmer.

»Thea, liebe Thea, was haben wir angestellt!« rief der Doktor. »Nein, wenn Sie wüßten, wie schrecklich uns das ist, Sie eingeschlossen zu haben! Gewohnheitsmäßig habe ich den Schlüssel umgedreht und abgezogen – ich weiß wirklich nicht, wie ich mich bei Ihnen entschuldigen soll, Sie armes Kind! Lieber Himmel, wie soll ich das wieder gutmachen!«

»Da ist nichts weiter darüber zu sagen, denn ich bin auch oft schon ganz unglaublich zerstreut gewesen«, wehrte ich den Strom freundlich ab. »Mein langes Gesicht, als ich vor der verschlossenen Tür stand, mag zum Photographieren gewesen sein, aber es wurde bald genug wieder normal.«

Was ja buchstäblich wahr ist.

»Nein, und den ganzen Nachmittag mußten Sie hier allein sitzen!« ereiferte sich der Doktor von neuem. »Diesen ganzen, schönen Nachmittag! Es ist wirklich zum Heulen. Denken Sie, wir haben mein Verbrechen erst gemerkt, als wir soeben vor der Tür standen und ich gewohnheitsmäßig in die Tasche griff, und – den Schlüssel herauszog. Unsere Gesichter müssen dabei auch zum Photographieren gewesen sein, sie sind’s wahrscheinlich noch, denn ich bin wirklich noch ganz aus dem Häuschen über meine unverzeihliche Gedankenlosigkeit.«

»Ach, und Sie denken doch hoffentlich nicht, daß wir es mit Absicht getan haben?« fiel Frau von Eckschmidt ein.

Sie hätte das nicht sagen sollen. Vielleicht dachte sie sich nichts dabei, aber es machte mich mißtrauisch.

»Gnädige Frau, ich traue niemals jemand eher eine Niederträchtigkeit zu, als bis ich den Beweis habe, daß er sie begehen kann«, erwiderte ich, plötzlich sehr aufmerksam werdend, denn ich war angesichts der sichtlichen Bestürzung des Doktors im Begriff gewesen, ihn mit meiner Wissenschaft des geheimen Ganges zu trösten.

»Niederträchtigkeit! Das ist ein starker Ausdruck«, sagte Frau von Eckschmidt gedehnt.

»Wenn Sie mich absichtlich eingeschlossen hätten, so wäre es eine Niederträchtigkeit gewesen«, gab ich kühl zurück. »Ich dächte, mein Benehmen hat doch nicht gezeigt, daß ich Sie in einem solchen Verdacht gehabt hätte.«

»Ihr Benehmen war nicht nur korrekt, sondern sehr großmütig«, fiel der Doktor ein. »Meine liebe Frau hat sich den Sinn ihrer Frage nicht überlegt, sonst hätte sie dieselbe gewiß nicht ausgesprochen.«

»Selbstverständlich nicht!« rief Frau Modesta hastig. »Was ich meinte, war, daß Sie hoffentlich nicht geglaubt haben, wir hätten uns mit Ihnen einen dummen Scherz machen wollen.«

Wenn jemand sich vergaloppiert hat und will sich wieder herausreiten, dann gerät er sicher immer tiefer in den Morast. Ich hätte um die Welt das Lachen nicht unterdrücken können, das mich bei dieser ›Verbesserung‹ anwandelte.

»Nein, nein«, rang ich mit allen guten und bösen Geistern um Fassung. »Seien Sie ganz ruhig – ich habe Ihnen nicht einmal einen Gassenbubenstreich zugetraut.«

Meine Heiterkeit aber ging, wie sie gekommen, denn der Gedanke gewann die Oberhand: sie hat das erste gemeint und – beabsichtigt.

Der Doktor hatte in mein Lachen eingestimmt und meinte ganz liebenswürdig: »Nachdem die Sache sich, dank meiner lieben Frau, in Heiterkeit aufgelöst hat, so wollen wir Sie wieder verlassen und uns zum Pranzo zurechtmachen. Auf Wiedersehen!«

Die kurze Zeit bis dahin zerbrach ich mir den Kopf über der Frage, welchen Zweck es wohl gehabt haben könnte, mich einzuschließen, und fand keine Antwort darauf, wenigstens keine vernünftige für eine scheinbar so unvernünftige Handlung. Warum mußte Frau von Eckschmidt auch mein Mißtrauen durch ihre ungeschickte Bemerkung erwecken, warum hat sie mich dabei so lauernd angesehen? Es ist eine moralische Selbstquälerei, Mißtrauen zu hegen, wenn sonst kein Grund dazu vorliegt; es liegt auch gar nicht in mir, mißtrauisch zu sein, und darum gab ich mir alle Mühe, dieses fremde Empfinden logisch niederzukämpfen. Das ist aber leichter gesagt als getan, denn irgendwo in einer Zelle meines Gehirns ist es doch hängengeblieben. –

»Sie haben sich gewiß in Ihrer Gefangenschaft recht gelangweilt«, begann Frau von Eckschmidt, als wir beim Essen zusammensaßen.

»O nein, danke – ich langweile mich nie in meiner Gesellschaft«, erwiderte ich lachend.

»Ach, es ist sicher etwas Schönes um die Selbstgenügsamkeit«, sagte sie, und es klang mir beinahe wie schlecht verschleierter Hohn. »Ich für mein Teil ziehe meiner eigenen Gesellschaft die anderer, mir sympathischer Menschen vor.«

,Womit Sie mir meine Arroganz unter die Nase reiben wollen‹, dachte ich, sprach es aber nicht aus, sondern sagte nur: »Jedenfalls hat meine Neigung zur Einsamkeit, in der sich’s so gut schaffen und denken läßt, mir heute nachmittag recht gute Dienste geleistet. – Darf ich fragen, ob die Herrschaften sich auf Ihrem Ausfluge gut unterhalten haben?«

»Der Ausflug war ein voller Erfolg«, antwortete der Doktor mit einem Blick auf seine Frau. Ich weiß nicht, war ich nervös geworden, gereizt, oder hatte mein Mißtrauen sich verschärft, aber mir war’s, als hörte ich in diesen harmlosen Worten einen Unterton, in dem eine düstere Stimmung lag, die mir, unbegreiflich und unverständlich wie sie war, einen leisen Schauer durch die Glieder rieseln machte, besonders als ich Frau von Eckschmidt zu den Worten ihres Mannes lächeln sah.

Es war nicht das Lächeln, das eine angenehme Erinnerung hervorruft, es war drohend und grausam. Und warum sah sie mich dabei an?

Ach, meine Nerven sind wirklich heut in einem netten Zustand, wenn ich in einem Lächeln schon solche Dinge sehe! Sieht doch die Katz’den Kaiser an – und ich habe Frau von Eckschmidt ja auch angesehen.

Törichterweise fühlte ich mich verpflichtet, als nach des Doktors Worten eine Pause eintrat, die Unterhaltung im Gange zu halten, und sagte: »Darf ich fragen, wohin die Herrschaften Ihr Weg heute geführt hat?«

»Gewiß dürfen Sie fragen, liebe Thea«, antwortete der Doktor mit seinem reizendsten Lächeln. »Vor die Tore von Rom.«

Da hatte ich meinen Wischer! Ich fühlte, daß ich blutrot wurde, und sagte: »Verzeihung! Meine Frage war unüberlegt. Es lag mir fern, indiskret zu sein.«

Das Paar nahm meine Entschuldigung mit liebenswürdigem Kopfnicken entgegen, schwieg sich aber über das Ziel des Ausflugs in allen lebenden und toten Sprachen aus. Da soll man nun vielleicht nicht auf den Gedanken kommen, daß es keine besondere Bewandtnis mit dieser Partie hatte! Wozu die Geheimniskrämerei?

»Ich fragte nur, weil die Umgebung von Rom mir bekannt ist. Mein Vater pflegte mich aus dem Institut so oft abzuholen, als er Zeit hatte, um Ausflüge mit mir zu machen«, fühlte ich mich verpflichtet hinzuzufügen.

»Ein guter, zärtlicher Vater!« versicherte der Doktor mit Gefühl. »Ja, und von Trinitá de’Monti – haben Sie inzwischen Nachricht von dort erhalten?«

»Briefe fliegen leider nicht zum Fenster herein, sondern müssen auch durch die Tür kommen«, konnte ich mich nicht enthalten zu bemerken. »Wenn es indes mit Ihren sonstigen Plänen paßt, so möchte ich morgen meinen Besuch dort machen.«

»Ich würde an Ihrer Stelle doch lieber erst die Erlaubnis dazu abwarten«, sagte Frau von Eckschmidt.

»Wenn mein Brief verlorengegangen ist, was ich nun annehmen muß, dann könnte ich lange warten«, erklärte ich. »Einer Erlaubnis braucht es für meinen Besuch nicht, denn ich bin von Mater Teresa im Falle meiner Anwesenheit in Rom stets herzlichst eingeladen worden.«

»So, so – das ist natürlich etwas anderes. Hätten Sie das nur gleich gesagt«, meinte sie gedehnt, als ob sie’s nicht glaubte.

Ehe ich aber etwas darauf sagen konnte, nahm der Doktor das Wort. »Ich hatte für morgen den Besuch des Palatins vorschlagen wollen, und zwar dachte ich in Anbetracht des herrlichen Wetters daran, unser Frühstück mitzunehmen, uns damit unter freiem Himmel zu stärken und dann den Nachmittag mit dem Forum zu beschließen.«

»Das ist ein wundervoller Plan«, rief ich begeistert aus, denn der Palatin ist eine meiner herrlichsten Erinnerungen von Rom. Meines Vaters genaue Kenntnis der römischen Geschichte hat mir damals die Ruinen des Kaiserhügels in einer Weise lebendig gemacht, daß es mir ein Eindruck fürs Leben blieb.

»Der Plan an sich ist allerdings nicht übel«, schmunzelte der Doktor. »Er hat aber natürlich einen Pferdefuß, denn er wirft den Ihrigen über den Haufen.«

»Nicht doch, er verschiebt ihn nur«, versicherte ich.

»Es wäre wirklich ratsam, das gute Wetter auszunützen«, meinte der Doktor. »Ein Regentag wird Ihrem Besuch auf Trinitá de’Monti keinen Eintrag tun.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung!« rief ich ganz erfrischt von dem Gedanken. »Es lebe der Palatin!«

»Er lebe!« wiederholte der Doktor. »Und wenn Jupiter Pluvius uns in nächster Zeit noch verschont, dann können wir dem Phöbus Apollo weiterhin opfern, indem wir ein wenig in die Umgebung Roms streifen. Die Villa Tuscolana ist auch ein wunderbarer Punkt, vom Sacro Speco, von Tivoli und der Villa Hadrians ganz zu schweigen. Ostia und Ninfa stelle ich für später, etwa für den Oktober, zurück, denn diese Orte sind jetzt noch nicht frei von Malaria; die Mücke, die sie überträgt, ist zur Zeit noch in den Sümpfen unheimlich tätig – wir wollen ihren verhängnisvollen Stich lieber nicht herausfordern.«

Und so endete dieser Abend ganz froh und aussichtsreich für mich. Da Eckschmidts müde waren und sich bald zurückzogen, hatte ich Muße, diese Blätter zu schreiben; ich wollte, ich könnte sie mit der Gewißheit schließen, daß all das aufgestapelte Mißtrauen, das irgendein Dämon in meine Seele gesät, daraus verschwindet. Nun, hoffentlich nimmt’s die Nacht mit fort; ich will beim Einschlafen an das Teestündchen bei der Herzogin von Poggio Laureto denken, um die freundlichen Eindrücke, die ich dort empfangen, durch meine Träume ziehen zu lassen.

Denn was ein Traum bleiben muß, verweist man ja doch am besten wiederum ins Land der Träume.


* * *


22.September

Da die ungeschickte Frage der Frau von Eckschmidt mich gestern daran verhinderte, die wirklich zerknirschte Entschuldigung des Doktors über meine Entschließung mit der Mitteilung meiner Entdeckung des geheimen Ganges zu erwidern, so wie es recht und billig, ehrlich und offen gewesen wäre, so mochte ich heute nicht damit nachgezogen kommen. Ich hab’s hin und her überlegt und bin zum Entschluß des Schweigens gelangt, schon wegen meiner Bekanntschaft mit Don Ferrando und seiner Mutter, über die ich nicht gern Kommentare hören möchte. Sie zieht ja doch nach meinem Entschlusse keine weiteren Folgen mit sich, und darum wie überhaupt möchte ich sie lieber für mich behalten wie ein Heiligtum, das die Blicke und Zungen anderer nur entweihen würden. Im übrigen habe ich ja auch keine Verpflichtung übernommen, Eckschmidts jede meiner Bewegungen mitzuteilen; sie haben mir ja auch nicht gesagt, nicht sagen wollen, wo sie gestern gewesen sind, folglich habe ich nicht die geringste Veranlassung, ihnen zu erzählen, daß ich auch eingeschlossen frei bin und mit den Herrschaften dieses Hauses den Tee getrunken habe, nach dem ich sonst den ganzen Nachmittag hätte lechzen müssen.

Gut war’s aber doch, daß ich nach besagter Erfrischung nicht nach Trinitá de’Monti und dann spazierenfuhr, denn dann hätte ich schließlich doch lügen müssen, was mir wegen mangelnder Übung auf diesem Gebiete des Satans direkt unmöglich geworden wäre. –

Heute morgen, als wir nach dem Palatin aufbrechen wollten, wurde mir mitgeteilt, daß Frau von Eckschmidt daheimbleiben und erst am Nachmittag mit uns zusammentreffen wolle. Ich kann nicht sagen, daß dieser Entschluß, den sie erst in letzter Minute gefaßt haben muß, mich mit Bedauern erfüllte, worüber ich mir gleich Vorwürfe machte, denn die paar überflüssigen Redensarten, mit denen sie mich bisher beglückt, sollten eigentlich keine Rachegefühle in einem anständigen Menschen aufkommen lassen. Es sind ja auch eigentlich keine solchen, die ich gegen sie hege, sondern mehr ein gewisses Unbehagen, das ich jetzt in ihrer Gesellschaft nicht mehr recht loswerden kann, weil man nie wissen kann, wo und bei welcher Gelegenheit es wieder bei ihr losbricht, und – weil ich nun einmal mißtrauisch gegen sie geworden bin.

Kurz und gut, als ich im letzten Augenblick vor dem Aufbruch gestiefelt und gespornt im Salon erschien und dort erfuhr, daß ich mit dem Doktor allein gehen sollte, da hatte ich das unabweisbare Bedürfnis, mein Tagebuch, das in meinem verschlossenen Schreibsekretär lag, lieber wieder der Matratze meines Bettes anzuvertrauen. Übelzunehmen war mir diese Maßregel gewiß nicht, denn mein Sekretär war ja damals auch verschlossen, als ich bemerkte, daß jemand darin gekramt. Und damals war Frau von Eckschmidt auch zu Hause geblieben. Ich behauptete also, mein Portemonnaie vergessen zu haben, eilte mit dieser Entschuldigung in mein Zimmer zurück, und – hängte mein Jackett, das ich über den Arm genommen, innen an der Türklinke über dem Schlüsselloch auf – für alle Fälle und ohne jemand zu nahe treten zu wollen.

Indem ich meinen Sekretär aufschloß, wollte die Matratze mir auf einmal nicht mehr sicher genug erscheinen, und wie ein Blitz fuhr mir der geheime Gang durch den Sinn. Es war das Werk weniger Sekunden, mit dem Heft auf die andere Seite meines Bettes zu huschen und mein Geschreibsel in den geöffneten Spalt der geheimen Tür hinter dem Arazzo zu schieben; ebenso kurzer Zeit bedurfte es, beim Abschließen des Sekretärs noch eine unschuldige kleine Falle vorzubereiten. Mein Portemonnaie offen in der Hand, betrat ich nach kaum zwei Minuten wieder den Salon, verstaute es dort in mein Handtäschchen und ging dann mit dem Doktor ab, der mir entschieden die bessere und angenehmere Hälfte dieses Paares zu sein scheint, mit dem das Schicksal mich so merkwürdig zusammengeführt hat.

Der Tag auf dem Palatin war herrlich, und ich habe alle Ursache, dem Doktor dafür dankbar zu sein. Wer die wunderbare, suggestive Atmosphäre dieses Ortes mit seinen großartigen Ruinen der Kaiserpaläste nicht empfindet – von der Natur, die zwischen diesen Resten einstiger Pracht und Größe wonnig sproßt, grünt und blüht, ganz zu schweigen –, dem ist wahrhaftig nicht zu helfen. Sicherlich gehört zum vollen Genusse des Palatins eine nicht nur elementare Kenntnis der römischen Geschichte; es gehören dazu nicht nur die trockenen Daten der Schule, die es meist so glänzend versteht, diese ganze staunenswerte Epoche einem gründlich und für alle Zeit zu verekeln – nein, es gehört schon ein tiefer Zug vom Born der Geschichte dazu, den Palatin dem inneren Auge lebendig zu machen. Welches Leben bricht damit aus den alten Mauern hervor, ein Leben, das einem den Atem stocken macht, bis ins tiefste Innere erschüttert, mit Bewunderung, Furcht und Grauen erfüllt! Gäbe es auf dem Palatin nicht so unsäglich malerische Punkte, wie die Farnesischen Gärten mit ihrem, einem verklungenen Liede gleichenden Kasino, oder die leider dem Abbruch geweihte Villa Mills mit ihrer anderswo sicher lächerlichen Gotisierung, oder den Pavillon des verlassen Klosters der Salesianerinnen – ich glaube, der Palatin könnte einen mit seinen Erinnerungen fast erdrücken.

Und die Ausblicke, die man von ihm hat: über das Forum Romanum, tief zu Füßen; auf die gewaltigen, mit dem Fels verwachsenen Mauern des Kapitols; auf das Kolosseum; auf die einsame, schlanke Palme bei San Sebastiano; auf das Stadion; vom Palast des Septimius Severus auf den Monte Celio mit San Gregorio Magno, San Giovanni e Paolo, und endlich auf die Riesenruine der Caracallathermen, auf das festungsähnliche Kloster von Santa Balbina, dem Ausläufer des Aventins.

Ich denke es mir schrecklich, auf dem Palatin mit Menschen herumgehen zu müssen, denen die hier in der Luft hängende Tragödie der Cäsaren nichts sagt, die den Geist von Rom nicht spüren, der einen hier gerade so greifbar umschwebt. Freilich, wohl sind nicht alle Leute so veranlagt, daß sie den Geist der Vergangenheit so deutlich spüren, daß man meint, alle diese Menschen vor sich zu sehen, die hier gelebt, gelitten, geplant und Komplotte geschmiedet haben, aber einiges Verständnis sollte man doch wenigstens bei den Gebildeten voraussetzen dürfen. Was nützt ihnen schließlich ein Wissen, das zwar mit tödlicher Sicherheit das genaue Alter jedes Steines angeben kann, der aber nichts als ein Stein für sie bleibt, ihnen sonst nichts zu sagen hat.

Der Doktor ist trotz seines Wissens kein solch’trockener Geselle; er weiß nicht nur, er empfindet. Und ich bilde mir ein, daß er freier, tiefer, poetischer empfindet, wenn seine Frau nicht dabei ist. Es steckt ja in ihr eine ganze Portion von Schulwissen, aber es ist ihr, wie bei so vielen anderen auch, nur dürres Gras, in dem keine blaue Blume blüht. Ich habe von ihr erfahren, daß sie vor ihrer Verheiratung Lehrerin war; sie muß eine von jenen gewesen sein, bei denen der Kampf ums Leben die blaue Blume in der Prärie ihrer Schulweisheit zertrampelt hat. Oder das Erdreich war überhaupt nicht da, auf dem blaue Blumen gedeihen und auch den Herzen der Schüler Duft spenden können.

Der Doktor ist einer der seltenen Archäologen, denen der Stoff das Menschliche in dem Material ablockt, das für die meisten seiner Kollegen nur Stein und Eisen ist und bleibt. Während ich mit ihm durch die Ruinen des Palatins wandelte, lebte die Geschichte der Cäsaren in einem anderen Lichte auf, als ich sie bisher gesehen. Lebendig, wie diese Geschichte immer für mich war – unter des Doktors Darstellung fielen Streiflichter darauf, die mir noch fremd waren, mir den Atem nahmen. Freilich, wenn mein Vater hier mit mir wandelte, dann mußte er notwendig manches übergehen, für das meine Jugend noch nicht reif und noch viel zu zart war; später habe ich die lateinischen Historiker selbst gelesen, sie auch vom Katheder erklären hören, des Doktors Darstellung aber tauchte diese Gestalten der Vergangenheit in eine solche dämonische Glut, daß es mich mehr als einmal erschauern machte.

Auf dem Platz vor dem Kasino Farnese, das mit seinen geschlossenen Türen und Fensterläden seine eigene Geschichte zu verschweigen scheint, dort, wo das ewig rinnende Wasser des ewigen Rom mit leisem Plätschern in die steinernen Schalen fällt – dort setzten wir uns zur Mittagsruhe nieder und verzehrten die belegten Brote, die uns mitgegeben worden waren.

»Ich freue mich, daß Sie nicht zu denen gehören, die zur bestimmten Zeit ihre Beine durchaus unter den gedeckten Tisch stecken müssen, wenn sie nicht ›krank‹ werden wollen«, sagte der Doktor, mir lächelnd zusehend, wie ich mit vollstem Genuß in ein Schinkenbrot biß.

»Ich finde ein solches einfaches Mahl a fresco außerordentlich erfrischend«, versicherte ich aus vollster Seele. »In dieser Umgebung wird’s zum Göttermahl.«

»Ganz mein Empfinden«, bestätigte der Doktor. »Ich muß jedoch einschränkend bemerken, daß solch’ Picknick zum Entsetzen werden kann, wenn eine Herde lauter Menschen daran teil nimmt, Butterbrotpapiere und Eierschalen umherstreut und womöglich dazu singt: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin. Das kommt nämlich auch dann vor, wenn die Teilnehmer zufällig nicht dem Verein ›Harmonie‹ angehören.«

»Ich weiß es«, bestätigte ich lachend. »Nein, dafür schwärme ich auch nicht, überhaupt nicht für sogenannte ›Massenmorde‹.« Dann ließ ich in mir die Wahrhaftigkeit und die Höflichkeit einen kleinen Kampf ausfechten, gestand der letzteren den Sieg zu und überwand mich zu sagen: »Schade, daß Ihre Frau Gemahlin an unserem Göttermahl nicht teilnehmen kann.«

»Meine Frau zieht den gedeckten Tisch vor«, erwiderte der Doktor nach einer kleinen Pause, die der Überwindung eines Salamibrötchens gewidmet ward. »Sie wird auch leicht müde, und außerdem hat sie daheim zu tun.«

»Jawohl – meinen Schreibtisch zu durchkramen«, dachte ich und überlegte, wie weit von der Wahrheit ich eben gerade entfernt sein mochte, und ob die gestellte kleine Falle wirksam sein würde. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß der schmähliche Streich mich nicht mit Reue erfüllte. Während wir nun so saßen und nach beendetem Mahl einer köstlichen Ruhe pflogen, die durchaus nicht durch Fremdenherden gestört wurde, da diese ja zu solcher Stunde alle an ihrer Hoteltafel saßen, beobachtete ich einen großen, sehr schlanken Herrn, der die Treppe des Kasinos herunterkam und dann an die Brüstung der Terrasse trat, wo wir uns befanden. Dieser Herr war nicht mehr jung, aber auch bei weitem noch nicht alt; das scharfe Profil seines glattrasierten Gesichtes, das ich von meinem Platz gegen das dunkle Grün der Bäume sich abzeichnen sah, war höchst charakteristisch; es erinnerte mich sehr an jemand, den ich irgendwo einmal gesehen haben muß. Er stand eine ganze Weile regungslos da und blickte auf das Forum hinab; und als er sich dann umwendete und an uns vorüberging, sah er uns mit so durchdringenden Augen an, daß sein Blick mich förmlich elektrisierte. Er ging dann über die Terrasse dem Wege zu, der zum Ausgang des Palatins führt, und wandte sich dabei noch einmal um, aber nicht, um das Panorama zu betrachten, sondern um uns zu mustern; wobei es mir aber schien, als ob dies weniger mir als meinem Begleiter gegolten habe.

»Haben Sie den Herrn bemerkt, der eben hier war?« fragte ich den Doktor, der auf seinen Stock gestützt zu Boden sah. Als er bei meiner Frage den Kopf hob, bemerkte ich wieder die aschgraue Farbe seines Gesichtes, wennschon diese vielleicht nicht so intensiv war, wie die beiden anderen Male. Oder war’s nur, weil das Licht hier heller ist?

»Welchen Herrn? – Oh, diesen!« machte er mit einem Achselzucken, indem sein Auge meiner Bewegung folgte. »Kennen Sie ihn?«

»Nein«, erwiderte ich. »Mir fiel nur seine ganze Persönlichkeit auf, sein Profil, seine Augen. Ich muß dieses Profil schon irgendwo einmal gesehen haben.«

»Moltke«, sagte der Doktor lakonisch.

»Wahrhaftig, ja!« rief ich erleichtert, denn das Suchen nach einer Ähnlichkeit, die man nicht unterzubringen weiß, kann oft geradezu quälend sein. »Natürlich habe ich Moltke selbst nicht mehr sehen können, aber mein Vater besaß sein Profilporträt, das ihm der große Schweiger selbst geschenkt. Mir ist aber, als müßte ich auch diesen Herrn, der ihm ähnlich sieht, schon irgendwo gesehen haben.«

»Kaum«, entgegnete der Doktor mit einem eigenen, ich möchte fast sagen gehässigen Ausdruck. »Aber am Ende doch, denn der Mann verkehrt in den besten Kreisen, trotzdem er ein – Bluthund ist.«

»Ein – was?« rief ich erstaunt. »Sie kennen ihn also?«

»Nur dem Ansehen und dem Rufe nach«, erwiderte der Doktor mit dem gleichen Ausdruck. »In verständliches Deutsch übersetzt, bedeutet ›Bluthund‹, daß der Mann ein Detektiv ist, der sein gefährliches Handwerk indes nur aus Interesse, sozusagen auf wissenschaftlicher Basis betreibt. Er hat es in dieser Tätigkeit zu einem internationalen Rufe gebracht, sich aber in letzter Zeit nur noch mit der Lösung von Rätseln in der hohen Diplomatie befaßt und dabei eine Ordensammlung angelegt, das heißt, er ist dekoriert wie ein Minister.«

»Wie interessant!« rief ich. »Er sieht selbst ganz wie ein Diplomat aus. Wie heißt er?«

»Hm – Müller, dächte ich – nein, Windmüller. Er hat seinen Müller wie ich meinen Schmidt durch eine besondere Charakterisierung über den Sammelnamen gestellt«, scherzte der Doktor. »Natürlich hieß mein Großvater schon Eckschmidt, und der seinige wahrscheinlich schon Windmüller. Im übrigen ist er Jurist und Doktor beider Rechte. Es wird mit der Jurisprudenz aber wohl etwas gehapert haben, sonst würde er die Juristenlaufbahn wohl kaum mit der eines – Bluthundes vertauscht haben.«

Die Frage, ob vielleicht bei der philologischen Laufbahn des Doktors von Eckschmidt etwas gehapert hat, lag nahe; ich sprach sie natürlich aber nicht aus. Schließlich kommt es ja oft genug vor, daß Leute ihren Beruf wechseln, ohne daß es gerade damit ›gehapert‹ hat; da der Doktor aber nie ein Wort über seine ehemalige Laufbahn fallen ließ, nie gesagt hat, wo und wie er darin gewirkt, so kam mir dieser Gedanke ganz unwillkürlich.

»Ich glaube, eine Beschäftigung wie die des Doktors Windmüller muß hochinteressant sein«, begann ich nach einer Weile wieder. »Ein gebildeter Mann, wenn er sie aus Leidenschaft ergreift und von der idealen Seite auffaßt, der Gerechtigkeit zu dienen, muß doch bessere Erfolge erzielen können als der Berufspolizist, dem das feinere, das seelische Problem entgeht.«

»Darin mögen Sie recht haben«, gab der Doktor zu. »Man behauptet, daß dieser Windmüller seine großen Erfolge in der Tat nicht nur allem seinem logischen Denken, seinen scharfsinnigen Theorien und seiner Kunst, auf den Seelen seiner Opfer spielen zu können, sie zum Klingen zu bringen wie der Geiger die Saiten seiner Violine. Interessant? Gewiß mag das interessant sein; es soll bei ihn geradezu ans Unheimliche grenzen, wie er die Leute in die Enge zu treiben versteht. Ich sprach jemand, der mir seine Grundtheorie auseinandersetzte: Die Fliege im Bernstein. Haben Sie schon einmal solch ein vorsintflutliches Insekt, in ein klares Stück Bernstein eingeschlossen, gesehen? Ja? Nun wohl – Windmüller vergleicht den flüssigen, allmählich sich verhärtenden Bernstein mit dem Verbrecher, der sein Opfer in dieser Weise unrettbar einschließt; er gibt der Fliege darin aber auch noch eine andere Bedeutung. Nach dieser stellt das kostbare Harz den Gewinn vor, den der Verbrecher aus seiner Beute zu ziehen hofft. Er arbeitet und schleift daran in der Hoffnung, ein klares, fleckenloses Exemplar erbeutet zu haben, und entdeckt dann darin die eingeschlossene Fliege, den Fehler in seiner Berechnung, der ihn der Gerechtigkeit ausliefert. – Folgen Sie der Idee?«

»Sie ist nach beiden Seiten vollkommen verständlich«, erwiderte ich angeregt. »Mithin nimmt Herr Windmüller, wie es scheint, an, daß ein jedes Verbrechen seine Fliege in sich birgt, die zu suchen sein Beruf ist. Es wird der Wunsch jedes Redlichen sein, daß jeder Verbrecher seine Fliege im Bernstein finden möchte.«

»Gewiß, gewiß – sehr richtig!« stimmte der Doktor zu. »Die andere Seite freilich wird die Fliege lieber als Opfer, denn als Spielverderber sehen; es kommt ja bei jeder Anschauung auf den Standpunkt an, den man einnimmt. Ich bilde mir ein, daß der letztere Fall, ich meine, daß die Fliege das Opfer ist, öfter eintritt, als der andere, wenigstens sagte mir einmal ein bedeutender Kriminalist, daß von hundert Fällen neunzig unentdeckt bleiben. Es kommt eben dabei auf die Person und ihren Verstand an. Ein kluger Mann wird sich gewiß versichern, ob sein Bernstein auch klar ist und keine Fliege enthält, die ihm das Spiel verdirbt.«

»Sie meinen also –«

»Ah, meine liebe Thea, ich spreche natürlich nur ganz theoretisch. Was ich meine, ist, daß alles auf den Bernstein ankommt, also auf den Menschen, der seine Pläne mehr oder minder gut ausarbeitet. Übrigens hat die Theorie des Herrn Windmüller auch ihre angreifbaren Seiten, wenn sie nicht damit rechnet, daß es weiter denkende Personen gibt, die geschickt genug sind, die Stellen des Bernsteins wegzuschleifen, welche unliebsame Einschüsse enthalten; der Weise wird auch lieber sein Stück Bernstein teilen und sich mit der kleineren Hälfte, die ihn nicht gefährden kann, begnügen, wenn anders er imstande ist, der Habsucht Herr zu werden.«

»Gibt es Verbrecher, die sich mit dem kleineren Raube begnügen, wenn sie den größeren greifbar vor sich sehen?« fragte ich.

»Das kommt eben auf den – hm – Charakter an, sagen wir auch, des Argumentes wegen, auf das Maß von Erziehung, das jemand genossen hat«, meinte der Doktor mit einem flüchtigen Lächeln, das wohl meiner Naivität galt. »Es gibt gewiß nicht viele – Übertreter des Gesetzes, die das große Stück liegen lassen und sich mit dem kleineren begnügen, weil dieses mehr Sicherheit vor Entdeckung bietet. Ich bin aber doch überzeugt, daß es solch kluge Leute gibt, mehr gibt, als der Herr Doktor Windmüller anzunehmen scheint, und darin liegt der Rechenfehler seiner Theorie.«

»Wieso Rechenfehler?« fragte ich. »Jedes entdeckte und gesühnte Verbrechen hat seine Fliege im Bernstein gehabt.«

»Das war’s nicht, was ich bestritt, liebe Thea. Ich wollte nur dartun, daß die Erscheinung der Fliege im Bernstein nicht die Regel, sondern die Ausnahme ist.«

»Mit anderen Worten: die uralte Weisheit ›Laß dich nicht erwischen!‹ findet mehr Beherzigung, als wir’s uns träumen lassen. Wer war’s doch, der den kühnen Ausspruch getan hat, daß ›das Verbrechen eine Kunst ist’? War’s nicht Lombroso? Nun, der Himmel soll uns auf alle Fälle vor solchen ›Künstlern‹ in Gnaden bewahren!« rief ich aus, und damit war das Thema erledigt, denn der Doktor antwortete nur mit einem Achselzucken darauf, das wohl sagen wollte: Damit hat es noch gute Wege.

Als wir den Palatin verließen, Frau von Eckschmidt aber trotz Verabredung vor dem Eingang nicht vorfanden, machte ich natürlich den Vorschlag, heimzukehren, um den Doktor nicht in Unruhe über den Verbleib seiner Gattin zu lassen. Er meinte zwar, daß ihr Nichterscheinen durchaus keine Veranlassung böte, unseren Tag abzukürzen, denn sie hätte ihr Nachkommen ja offen gelassen; ich aber mußte eingestehen, daß ich sehmüde und meine Aufnahmefähigkeit für neue Eindrücke erschöpft sei.

Ich glaube, ich habe dem Doktor mit diesem Eingeständnis einen großen Gefallen getan, denn er war gleich bereit, heimzukehren, was wir denn auch zu Fuß taten. Der weite Weg wurde aber durch die verschlungenen Pfade, die der Doktor einschlug, hochinteressant, denn er weiß nicht nur Bescheid in der Topographie Roms, sondern kennt auch die Geschichte der Paläste, Kirchen und Stadtviertel aus dem Grunde.

So war’s fünf Uhr vorbei, ehe wir wieder im Palazzo Roccasanta anlangten und von Frau Modesta, die zu müde gewesen war, uns zu folgen, mit einer sehr willkommenen Tasse Tee empfangen wurden. Sie war wohl mehr nervös als müde.

Briefe waren weder von meinen Verwandten noch von meinen Freunden oder von Mater Teresa für mich eingetroffen. Nun, die Predigt von meinen Verwandten kann ich mit heiterer Ruhe abwarten; daß man auf Trinitá de’Monti meinen Brief nicht erhalten hat, steht jetzt aber wohl fest. Wahrscheinlich ist er im Briefkasten in den Umschlag einer Drucksache geschlüpft und reist darin vielleicht jetzt ans andere Ende der Welt, oder der Empfänger der letzteren hat ihn einfach in den Papierkorb geworfen.

Mit gespannter Erwartung öffnete ich nach dem Tee meinen Schreibsekretär, um zu sehen, ob meine Falle ihren Dienst getan hatte. Ich hatte eine unbeschriebene Ansichtspostkarte innen in das Schloß geklemmt; wenn also jemand, der das nicht wissen konnte, die Klappe zurückschlug, so konnte er glauben, daß die Karte sich dabei von einem Stoß darunterliegender Papiere selbsttätig oder vielmehr durch die Klappe herabgeschoben hatte. Nun, ums kurz zu machen: Die Karte klemmte nicht mehr in dem Schloß, sondern lag, fein säuberlich mit der Ansicht nach oben, neben dem Papierstoß. Wohin sie übrigens keinesfalls hätte fallen können, weil ich sie mit der Ansicht nach unten eingeklemmt! Das war aber noch nicht alles. Mir scheint, wenn der Mensch einmal mißtrauisch wird, dann entwickelt sich diese unangenehme Eigenschaft gleich gründlich, denn ich untersuchte nun meine sonstigen Gelasse, Schiebladen und so weiter, und glaubte auch darin die Spuren einer Nachsuchung zu entdecken. Mit Bestimmtheit kann ich das aber nicht behaupten, hingegen bin ich fast sicher, daß unter der Matratze gesucht worden ist, denn das Bettlaken war nach einer anderen Methode untergeschoben, als ich es gewohnt bin.

Nun frage ich: Was ist das für eine Person, die die Möbel mit Nachschlüsseln öffnet und sogar das Bett als ein mögliches Versteck durchsucht? Kennt der Doktor diese ›Eigentümlichkeit‹ seiner Frau auch? Billigt er sie?

Ich möchte diese Fragen gern im Namen aller anständigen Menschen mit ›nein‹ beantworten. Bis ich nicht den Gegenbeweis habe, kann und will ich den Doktor nicht mit dieser ordinären Person, die er das Unglück hat seine Frau zu nennen, verquicken. Ihn, einen Mann, von dieser Bildung, mit dem tadellosen Benehmen eines Edelmanns! Zwar, in dieser Beziehung ist Frau von Eckschmidt auch eine Dame, was aber nur beweist, daß der Firnis ein Stück Tanne noch nicht zum Ebenholz macht. Bleibt also die Bildung, die den Menschen über gemeine Instinkte erhebt – wenigstens erheben sollte. Nein, der Doktor weiß sicher nichts von dieser unsagbar verächtlichen Neugierde, um’s mild auszudrücken. Ich kann und will nicht glauben, daß sie im Einverständnis mit ihm handelt.

Was hat sie wohl suchen wollen? Mein Tagebuch? Ja, woher weiß sie denn, daß ich eins führe! Sie müßte mich abends durch das Schlüsselloch daran schreiben gesehen haben, was schon möglich wäre, denn mein Sekretär steht der Tür gegenüber. Schließlich ist ja aber ganz gleichgültig, was sie bei mir sucht; das Wesentliche ist, daß ich hier im Hause einer unerträglichen Kontrolle unterworfen bin, woraus sich für mich die Notwendigkeit ergibt, den mütterlichen Fittichen Frau Modestas ein für allemal Valet zu sagen – mit dürren Worten: Die Weltreise in den Rauchfang zu hängen und zu gehen. Wie ich’s mir schon vorgenommen, will ich das des Doktors wegen nicht mit einem Krach vom Zaune brechen, ganz abgesehen davon, daß man dabei allemal den kürzeren zieht. Ich muß auch Zeit haben, meine nächste Zukunft zu überdenken und in die Wege zu leiten. Am liebsten ginge ich morgen früh schon fort, denn es ist hart, fernerhin harmlos vor dieser Frau zu scheinen; es war mir heute abend schon schwer genug, schwer bis zur Unerträglichkeit geworden. Ich habe dann Kopfweh vorgeschützt und mich zurückgezogen, und sitze nun vor dem Problem: Wie fange ich’s an, meine Flucht zu rechtfertigen, dem Doktor glaubhaft zu machen. Mein Rettungsanker ist jetzt der Brief von meinen Verwandten, mit dem ich vorgeben könnte, daß sie mich in die Heimat zurückrufen, wohin ich übrigens durchaus nicht die Absicht habe zu gehen. Aber das steht ja auf einem anderen Blatte.

Der Weg, mich zu demütigen, blieb auch noch offen, das heißt, ich könnte der vernünftigsten meiner Tanten schreiben, daß ich in der Wahl meiner Gefährten nicht glücklich war, und sie bitten, mich durch eine Depesche zu sich zu rufen. »Dringend Deine baldige Anwesenheit hier erforderlich. Wichtige Geschäfte. Nur persönlich.« Das wäre so ungefähr der Inhalt des Telegramms, das ich vorzeigen müßte, um meine Abreise glaubhaft zu machen. Ich hasse aber Ausflüchte, denn sie sind die Zwillingsschwestern der Lüge. Doch was bleibt mir übrig, wenn ich den guten Doktor doch nicht kränken will!

Wenn die Herzogin mich morgen nach Poggio Laureto einladen wollte, dann, ja dann würde ich gehen, oder doch wenigstens so tun, um nicht mehr hierher zurückzukehren. Oder soll ich’s hier noch aushalten?

Ich will mir’s jetzt beschlafen. Poggio Laureto ist zu einer weit größeren Versuchung geworden, denn das wäre eine Lösung, die mich nicht in die Hände meiner Verwandten gibt und mir gestatten würde, in Rom zu bleiben. Es fragt sich nur, ob ich die Freundlichkeit der Herzogin in dieser Weise ausnützen darf, vorausgesetzt, daß ihr Versprechen kein leeres war, das sie überhaupt nicht zu halten gedenkt oder schon längst wieder vergessen hat.

Nun, guter Rat kommt über Nacht.


* * *


 

 

 

23. September

Die Nacht hat sich mit Ratschlägen für mich nicht befaßt, denn ich war trotz aller Aufregung doch rechtschaffen müde von unserem vielstündigen Aufenthalt im Freien und habe wie ein Murmeltier geschlafen; beim Erwachen aber kam mir die nötige Erleuchtung. Ich werde meiner Tante Marie in dem schon erörterten Sinne schreiben, jedoch mit der einschränkenden Klausel, daß sie erst dann an mich telegraphieren soll, wenn sie von mir eine Depesche mit dem Wörtchen »Jetzt!« erhält. Damit bleibt mir nämlich die Möglichkeit mit Poggio Laureto offen, womit ich noch nicht gesagt haben will, daß ich dieser Versuchung zu unterliegen beabsichtige. Ich gewinne nur Zeit und kann das entscheidende ›Jetzt‹ jeden Augenblick absenden. Damit hat es keine Schwierigkeiten, da ich während der Siesta der Eckschmidts ganz bequem das Haus verlassen kann; die Post ist ja so nahe, daß ich in spätestens zwanzig Minuten wieder zurück sein kann. Und so würde ich am besten und ohne den guten Doktor zu verletzen ein Verhältnis lösen, das, ich kann es betrachten, wie ich will, auf die Dauer unhaltbar geworden ist.

Beim Frühstück wurde mir ein Ausflug nach Tivoli angekündigt, zu dem wir alsbald aufbrechen sollten, um am Vormittag die Villa Hadrians zu besuchen, am Nachmittag aber die Villa d’Este und womöglich noch die Wasserfälle zu sehen.

Während ich mich aber nach einem hastigen Frühstück schnell zurechtmachte, redete der Himmel in unseren Plan hinein, denn ein kräftiger Donner machte mich aufhorchen. Noch stand die Sonne am Himmel, aber vom Westen wälzten sich schwarze Wetterwolken über die Dächer der Häuser, und ich fand diesen Anblick so wenig vertrauenerweckend, daß ich in den Salon eilte, um zu fragen, ob dennoch aufgebrochen werden sollte. Natürlich war keine Rede davon, denn ich war kaum über der Schwelle der Tür, als ein blendender Blitz flammte und gleichzeitig ein Donnerschlag krachte, daß ich tatsächlich gegen die Wand taumelte.

Ein gellender Schrei, von Frau von Eckschmidt ausgestoßen, ein Schrei, wie ich ihn noch nie gehört und nie mehr zu hören wünsche, bildete ein wirksames Gegengewicht zu diesem Schreck; ich sah die schwere Person wie einen Sack zu Boden fallen und dachte nicht anders, als daß der Blitz sie erschlagen hätte! Zum Glück war es aber nur eine Ohnmacht, denn als der Doktor und ich sie gemeinsam aufrichteten, stieß sie einen tiefen, zitternden Atemzug aus und wimmerte: »Ist sie tot? Ist sie tot? Hat uns der Himmel geholfen?«

»Kein Mensch ist tot, Modesta!« rief der Doktor, indem er seine Frau ziemlich unsanft schüttelte. »Nimm dich doch zusammen, diese törichte Gewitterfurcht ist ja wirklich zu – zu –«

Er vollendete nicht, denn eben krachte wieder ein Schlag mit betäubender Gewalt, und seine Frau schrie abermals auf wie – ja, wie am Spieße und klammerte sich so fest an ihn, daß er das Gleichgewicht verlor und neben ihr, die noch am Boden saß, derb auf die Knie fiel.

»Sie ist tot! Ich sah sie stürzen, sie ist tot!« kreischte sie wieder, daß ich mir die Ohren zuhalten mußte. »Der Himmel hat es getan! Der Himmel – nicht wir!«

Mehr hörte ich nicht, denn der Doktor war wieder aufgesprungen, hatte mich beim Arm genommen und in mein Zimmer gezogen, ehe ich noch wußte, was mit mir geschah.

»Bitte, bleiben Sie hier, Thea«, sagte er sehr ruhig. »Die Gewitterfurcht meiner Frau geht so ins Maßlose, daß es mir lieber ist, Sie sehen sie in diesem Zustande nicht.«

»Aber, mein Gott, ich kann doch hier nicht ruhig sitzen, während ein Mensch nebenan meiner bedarf!« rief ich aufgeregt, denn eben schrie Frau von Eckschmidt bei den sich jagenden Blitzen und Schlägen wieder dermaßen, daß es geradezu entsetzlich zu hören war.

»Sie wird sich beruhigen, – ich kenne diese Zustände ja schon lange«, versicherte der Doktor. »Ich habe ein Mittel – bleiben Sie nur ruhig hier. Es ist kein Anblick für Sie. Sie weiß ja auch gar nicht, was sie redet, wenn sie in diesem Zustande ist. Sie brauchen das nicht auch noch mitanzuhören.«

Damit drückte er mich auf den nächsten Stuhl nieder und verschwand im Salon, wo es alsbald in der Tat ruhig wurde, soweit man das nämlich beim Toben der Elemente beurteilen konnte; wenigstens hörte ich nicht mehr das fürchterliche Kreischen, das einem die Nerven zerriß. Frau von Eckschmidt muß sich eingebildet haben, daß der Blitz mich getroffen hat, denn wen hätte sie mit ihrem ewigen »Sie ist tot!« sonst wohl meinen können? Ich kniete aber doch neben ihr und hielt sie in den Armen! – Freilich schien sie ja ganz wie sinnlos zu sein und mich überhaupt gar nicht gesehen zu haben.

Das Gewitter tobte noch eine ganze Weile weiter, begleitet von dem Heulen des Sturmes, der sich nun dazu erhoben hatte, und auch der Regen strömte jetzt wolkenbruchartig hernieder.

Nach verhältnismäßig kurzer Zeit klopfte es an meine Tür, und der Doktor trat bei mir ein.

»Ich habe meine Frau auf’s Bett gelegt und ihr eine Morphiumeinspritzung gemacht; sie schläft jetzt ganz ruhig«, berichtete er. »Ich komme, um Ihnen für Ihre Hilfsbereitschaft zu danken, liebe Thea. Sie hätten aber wirklich nichts helfen können, und wozu sollten Sie länger als notwendig dem widerwärtigen Schauspiel zusehen, wie eine sonst so willensstarke Frau eines Gewitters wegen – kindisch wird. Es ist nichts mehr und nichts weniger als das. Nerven, liebe Thea, Nerven, die unter bestimmten Einflüssen gänzlich versagen. Gott sei Dank, daß uns dieses Unwetter, das man in den engen Gassen hier gar nicht heraufziehen sah, nicht unterwegs erwischt hat. Mir bricht bei dem Gedanken ordentlich der Angstschweiß aus.«

»Herrgott, ja – das wäre freilich schrecklich gewesen«, stimmte ich zu. »Hat Ihre Frau Gemahlin denn geglaubt, daß der Blitz mich erschlagen hat?«

»Vielleicht – ich hab etwas Zusammenhängendes aus ihr noch nicht herausbekommen können«, sagte der Doktor achselzuckend. »Das Morphium wird sie wohl bis in den Nachmittag hinein schlafend erhalten, und dann wird sie selbst sich über ihr törichtes Betragen lustig machen. Das wiederholt sich bei jedem stärkeren Gewitter; die schwachen schon versetzen sie in eine Furcht, die bei einer Persönlichkeit, wie der ihrigen, doppelt peinlich wirkt. Meine Frau ist, was Sie mit Ihrer guten Beobachtungsgabe gewiß längst gemerkt haben werden, sonst von einer Willensstärke, die wirklich bewundernswert ist und geradezu suggestiv wirkt.«

»In der Tat?« erwiderte ich zurückhaltend. »Vermutlich sind es diese hervorragenden Eigenschaften, die sie gewöhnlicheren Geschöpfen gegenüber dazu verleiten, manchmal recht – aggressiv zu werden.«

Der Doktor schmunzelte. Augenscheinlich hatte er meine etwas vorwitzige Bemerkung nicht übelgenommen.

»Liebe Thea, diese kleinen Abweichungen vom Hergebrachten sind allemal das Zeichen einer Herrschernatur«, sagte er behaglich. »Großangelegte Charaktere wie der Ihrige – nein, bitte, ich will nicht schmeicheln, sondern nur der Wahrheit die Ehre geben – also, kurzweg Charaktere, wie der Ihrige setzen sich über solche Anzeichen, daß sie von Ebenbürtigen gewürdigt werden, mit einem Lächeln hinweg.«

»Potztausend – das war schön gesagt!« platzte ich heraus. »Schade nur, daß man außer seinem ›großangelegten‹ Charakter auch noch eine empfindliche Zehe hat, die einen in die Luft fahren macht, wenn einem daraufgetreten wird! Ich möchte wirklich wissen, ob Ihre Frau Gemahlin ihre ›Ebenbürtigkeit‹ mit den auf mich verschwendeten Zeitworten, wie ›flitzen‹, ›spionieren‹ und so weiter, anerkennen würde.«

Wieder schmunzelte der Doktor ganz gemütlich. »Liebe Thea, bei einer Persönlichkeit wie meine Frau darf man nicht jedes nicht ganz parlamentarische Zeitwort auf die Goldwage legen. Ich hatte nicht geglaubt, daß Sie nachtragend sind.«

»Nein, das bin ich wirklich nicht«, erklärte ich ebenso gemütlich wie er. »Es war vielleicht auch nur der Reiz der Neuheit, der mich über diese Ausdrücke stolpern ließ, denn sie sind in meiner Gegenwart wenigstens noch nie auf mich angewendet worden. Vielleicht hat Ihre Frau Gemahlin mich aber besser durchschaut, als ich mich selbst zu kennen vermeine, oder – sie macht sich ein falsches Bild von mir. Wenn man aber seine Meinung von den Leuten diesen gleich in unparlamentarischen Ausdrücken an den Kopf wirft, dann darf man sich eigentlich auch nicht wundern, wenn diese sich nicht auch noch schönstens dafür bedanken.«

»Darin gebe ich Ihnen unbedingt recht«, erwiderte der Doktor mit dem liebenswürdigsten Lächeln. »Es hängt eben alles in der Welt von dem richtigen Verständnis ab. Wenn zwei so charaktervolle Personen, wie Sie und meine Frau, aufeinanderplatzen –«

»Na, ich danke!« rief ich laut herauslachend. »Das ›Platzen‹ hat Ihre Frau Gemahlin ganz allein besorgt. Ich habe mich nur gewehrt und würde es zweifellos wieder tun.«

»Ich kann’s Ihnen nicht verdenken«, sagte der Doktor, in mein Lachen einstimmend. Er ist wirklich ein furchtbar netter, reizender Mann; schon allein, wie er das Lob seiner Frau singt, ist eigentlich rührend. Und daß er die Gegenpartei auch zu Worte kommen läßt, beweist, wie vernünftig er ist und wie klug. Schade, daß seine sogenannte bessere und schönere Hälfte so unmöglich ist – was könnte das für eine reizende Weltreise werden!

Ach, ich wollte, das Leben wäre nicht solch ein stetes Aufeinanderfolgen von ›wenn‹ und ›aber‹ .

»Das Zusammenleben der Menschen«, fuhr der Doktor fort, »besteht, wie ich schon einmal bemerkte, aus Kompromissen. Meine Frau und ich führen gewiß eine harmonische Ehe, aber auch dieser ideale Zustand bedarf der Kompromisse, denn – Himmel, der Regen schüttet ja förmlich herab! Nun, ich habe nichts dagegen, denn Gewitter reinigen die Luft. Selbst wenn sie gelegentlich einschlagen.«

»Aber was dabei niederbrennt oder zusammengeschlagen wird, ist nicht allemal durch Feuer= oder Hagelversicherung gedeckt«, nahm ich das anzügliche Bild sogleich auf. »Verwüstete Felder macht die ewig sich erneuernde Natur wieder gut; rauchende Trümmer aber finden nicht immer wieder ihren Baumeister.«

»Das kommt auf das Material an«, gab der Doktor fein zurück. »Wo die Grundmauern massiv sind, baut sich’s überhaupt ganz fröhlich wieder auf. – So, nun will ich aber wieder nach meiner Frau sehen. Sie wird beim Erwachen wohl ganz auf dem Posten sein, und wahrscheinlich werden wir morgen einen schönen Tag haben, der uns ein vom Regen erfrischtes, herrliches Tivoli gestattet.«

Ja, vielleicht. Vorläufig, während ich dieses schreibe, fällt der Regen noch in Strömen herab. Aber solch plötzliche Gewitter pflegen ja meist um so schöneres Wetter im Gefolge zu haben – sie reinigen die Luft. Nun, ich finde, daß die Gewitter, mit denen Frau von Eckschmidt uns bisher beglückt hat, die Luft nicht gereinigt, sondern im Gegenteil recht schwül gemacht haben, sintemalen es ja nichts zu ›reinigen‹ gab. Ich werde jetzt aber lieber den Brief an meine Tante schreiben, statt meteorologische Betrachtungen anzustellen. –

So einfach, wie ich’s gedacht, war dieser Brief denn doch nicht; nämlich nicht des Textes, sondern der Folgen wegen. Tante Marie wird sich voraussichtlich nicht begnügen, den Brief liegen zu lassen, bis mein Telegramm ›Jetzt!‹ kommt, sondern ihn vorerst mit einer Epistel voll von Vorwürfen über meinen unleugbaren Leichtsinn, mich mit fremden Leuten von der Straße weg zusammengetan zu haben, mit sieben Seiten voll guter Lehren und mit tausend Fragen beantworten. Und dabei ist sie noch die vernünftigste meiner Verwandten. Es wird also besser sein, ich schreibe an meinen Vetter Fritz, den Studenten, denn er ist ein durchaus einsichtsvoller Jüngling, aber leichtsinnig und sträflich vergeßlich, dabei auch noch so entsetzlich schreibfaul, daß ihm selbst die vorgeschriebene Depesche eine wahre Sackträgerarbeit sein würde. Das wäre aber zu wagen, wenn ich ihm gründlich einheize. Beantworten wird er meinen Brief auf keinen Fall, er wird auch nicht darüber schwatzen, aber ihn wahrscheinlich zur Erbauung seiner ›möblierten Zimmervermieterin‹ offen liegen lassen. Auch das würde einen großen Schaden nicht anrichten – also schreiben wir an den Vetter, denn wir sind ja immer gute Freunde gewesen, und Männer pflegen aus Mücken keine Elefanten zu machen. Das ist Weiberarbeit.

So – der Brief ist geschrieben und zum Abtragen bereit, aber es eilt damit nicht sehr, wenn ich mir die vierzehn Tage Frist für Poggio Laureto genehmigen will. Ich habe mir zum Ausfechten dieses Kampfes mit der Versuchung zwei Tage gesetzt; hoffentlich siege ich in dieser Zeit im Interesse meines inneren Friedens.

Der Brief an meinen Vetter liegt geschlossen und adressiert in meinem Tagebuch, damit er nicht etwa die Neugierde der Person erregt, die, weiß der Himmel was, in meinem Sekretär zu suchen sich bemüht.

Zu meinem größten Erstaunen erschien Frau von Eckschmidt zum Essen. Aus Mangel an persönlicher Erfahrung hatte ich nicht geglaubt, daß man eine Morphiumeinspritzung so schnell ausschlafen kann, und sprach das auch aus.

»Ich bin auch überrascht davon«, gab der Doktor zu. »Ich hatte vor dem späten Nachmittag an eine Auferstehung meiner Frau nicht gedacht.«

»Das Morphium wirkt eben verschieden«, erklärte sie. »Einmal lang, einmal kürzer. Nun, es hat auf alle Fälle seine gewollte Wirkung getan. – Habe ich Sie sehr erschreckt, liebe Thea?«

»Ein wenig schon, denn es kam so ganz unerwartet für mich«, gab ich zu. »Diese Empfindlichkeit gegen elektrische Entladungen muß aber wohl für Sie selbst am peinlichsten sein.«

»Weiß der Himmel, das ist sie!« seufzte Frau von Eckschmidt mit einem Schauer. »Das schlimmste ist, daß ich mir selbst mit keinerlei Vernunftgründen beikommen kann. Wollen Sie’s glauben, daß ich mir einbildete, Sie vom Blitze getroffen zusammenbrechen zu sehen?«

»So gaben Sie’s wenigstens zu verstehen. Es verbinden sich demnach auch Halluzinationen mit diesem Zustand?« fragte ich interessiert.

»Nur selten. Jedenfalls bin ich froh, daß es nur eine Halluzination war«, erwiderte sie liebenswürdig.

Ich scheine auch an Halluzinationen zu leiden, denn ich sah neben Frau Modestas süßem Lächeln in ihrem Blick einen Ausdruck, der das genaue Gegenteil ihrer Worte ausdrückte, und ich hörte ihre Stimme, die ganz falsch und unzugehörig zu ihren höflichen Worten klang.

Der Regen hatte inzwischen aufgehört und der Himmel strahlte wieder in dem schönsten Blau. Die Straßen waren natürlich noch sehr naß, aber es war vorauszusehen, daß in wenigen Stunden alles wieder trocken sein würde.

»Glaubst du, daß das Wetter anhält, Kasimir?« fragte Frau von Eckschmidt nach beendeter Mahlzeit mit einem Blick aus dem Fenster. »Ich habe nämlich das dringende Bedürfnis nach frischer Luft. Freilich bin ich noch etwas benommen von dem Morphium –«

»Du kannst natürlich nicht zu Fuß gehen«, fiel der Doktor ein. – »Vielleicht macht es Ihnen Spaß, liebe Thea, meine Frau auf einer Spazierfahrt zu begleiten. Ich selbst möchte heute lieber zu Hause bleiben. Außerdem sind die römischen Taxameter zu dritt etwas unbequem.«

»Aber dann kann doch besser ich zurückbleiben«, wandte ich ein, denn die Aussicht auf ein Zusammensein mit Frau Modesta begeisterte mich nicht sehr.

»Das ist sehr rücksichtsvoll von Ihnen, Theachen, aber ich denke, wir lassen es bei Ihrer Begleitung«, sagte der Doktor lächelnd. »Ich könnte unter keinen Umständen mitfahren, denn ich habe in der Stadt zu tun.«

Nun, das entschied denn die Sache, und meine stille Hoffnung auf Trinitá de’Monti war wieder dahin. Ich hatte schon vorher davon anfangen wollen, aber wenn Eckschmidts meine bescheidenen Wünsche so schnell vergessen, dann mag ich nicht immer wieder damit kommen. Man könnte ja fast auf den Gedanken geraten, daß sie mich nicht fortlassen – wollen; aber wo gäbe es dafür einen stichhaltigen Grund?

Frau von Eckschmidt war übrigens so wortreich in ihrer Freude, mit mir auszufahren, daß ich mich eigentlich ganz fürchterlich geschmeichelt fühlen müßte, wenn ich nämlich daran glaubte. Nein, ich muß ganz bestimmt fort von hier, denn mein Charakter leidet entschieden durch dieses ewige Mißtrauen!

Da wir natürlich nicht gleich nach Tisch aufbrachen, die Stunde dafür aber etwas unbestimmt angegeben wurde, so lohnte es sich nicht, vorher noch nach Trinitá de’Monti zu fahren, denn bei der großen Entfernung hätte ich am Ende unpünktlich sein müssen, und das wollte ich unter keiner Bedingung.

Während ich also in meinem Zimmer wartete, kam mir die Idee, wieder eine kleine Falle in meinem Schreibtisch aufzubauen – nur um festzustellen, ob ich Frau von Eckschmidt am Ende doch freisprechen kann. Eigentlich eine überflüssige Liebesmühe, aber immerhin der Mühe wert, namentlich, da der Doktor heute nachmittag ja ausgehen wollte.

Ich machte die Sache so: In einen mit der Adresse meines Vetters versehenen Umschlag steckte ich einen Briefbogen, auf dem ich die erste Seite mit einer natürlich ganz harmlosen Plauderei vollkritzelte und einen angefangenen Satz auf der nächsten Seite vollendete. In den gefalteten Bogen aber legte ich ein Papierschnitzel, das beim Umwenden der Blätter herausfallen mußte, dabei aber kaum zu bemerken sein konnte. Diesen Brief schob ich mit der aufgeschlagenen Klappe des Umschlags halb unter ein Häuflein anderer Papiere, doch so, daß er einem heimlichen Sucher gleich in die Augen fallen mußte.

Nachdem ich den Sekretär wieder geschlossen und mein Tagebuch in dem geheimen Gange verwahrt hatte – ich finde diese Maßregel ebenso unbequem wie abstoßend –, war ich bereit, mich rufen zu lassen.

Die Fahrt, die wir bis zum historischen Ponte Nomentano machten, war gewiß wunderschön, denn die Luft war nach dem schweren Regen herrlich klar, die Berge dunkelblau, das Grün der Wiesen und Bäume frisch wie im Frühling; Frau von Eckschmidt war sehr gesprächig, sehr liebenswürdig und hatte die Freundlichkeit, darauf zu dringen, daß ich bei Sant’Agnese ausstieg, um diese stimmungsvolle Kirche mit den alten Mosaiken zu besichtigen, denn sie selbst fühlte sich noch zu angegriffen, um mitzugehen – kurz, dafür wie für die ganze Fahrt hätte ich ihr ja so dankbar sein müssen. Und doch war ich heilfroh, als wir wieder am Palazzo Roccasanta anlangten, weil mich die ganze Zeit an ihrer Seite ein unüberwindliches Unbehagen nicht hatte verlassen wollen. Es war sogar mehr als das – ein Gefühl von einer unerklärlichen Angst hatte mir wiederholt die Kehle zusammengepreßt, wie es vielleicht die Maus hat, wenn die Katze mit ihr spielt, um sie am Ende doch zu fressen. Der Vergleich hinkt natürlich, wie alle Vergleiche, denn Frau von Eckschmidt hat ja gar nicht die Macht, mich zu ›fressen‹, selbst wenn der Wille dazu da wäre, aber die Tatsache ist, daß ich etwas wie Furcht vor ihr empfand.

Daheim fanden wir den Doktor emsig an seinem Schreibtisch vor; er war noch nicht zum Ausgehen gekommen, wofür seine Frau ihn liebevoll ausschalt. Er versprach reuig, das Versäumte nachzuholen, und fragte, ob ich einen Brief zu bestellen hätte, was ich verneinte. Ich kann nicht sagen, daß ich es sehr eilig hatte, in meinem Schreibsekretär nachzusehen, ob meine Falle gezogen, denn erstens war ja der Doktor nicht aus dem Haus gekommen, und dann hatte ich trotz dieser beruhigenden Gewißheit eine Art von Scheu vor einer etwaigen Wirkung.

Daß vor dem Sekretär auf dem Teppich ein Papierschnitzel von der Form lag, die ich dem im Brief eingeschlossenen gegeben, besagte noch nichts, denn es konnte mir selbst leicht ein gleiches herabgefallen sein, als ich jenes zuschnitt. Ich glaubte es zwar nicht, da ich ja vor meinem Weggehen den Teppich noch genau beschaut, aber man darf keine voreiligen Schlüsse ziehen. Nun, der vorbereitete Brief war genau auf der Stelle, wo ich ihn hingelegt, aber – das Papierschnitzel lag nicht mehr darin. Das auf dem Teppich war es also doch – es hatte seinen Dienst getan.

»Herrschaft – jetzt wird die G’schicht’aber damisch!« zitierte ich im ersten Augenblick der Überraschung den Vetter Student; dann aber wurde ich sehr ernst, denn jetzt hatte ich ja keine Wahl mehr, wen ich dieser Schnüffelei beschuldigen mußte. Das hat mir wirklich einen schmerzlichen Stoß versetzt. Da sagt man nun, daß bei dem weiblichen Geschlecht das Rechtsbewußtsein in bezug auf die wirklichen oder eingebildeten Geheimnisse seiner Mitmenschen ein mangelhaftes, unentwickeltes sei; daß man diesen Mangel auch bei einem Manne, einem hochgebildeten Manne, finden kann, wäre mir nicht in den Sinn gekommen.

Ich werde morgen den fertigen Brief an den Vetter zur Post geben und an Poggio Laureto gar nicht mehr denken.

Welche Mühe es mich gekostet hat, beim Essen, und nachher scheinbar harmlos an der Unterhaltung teilzunehmen, kann ich gar nicht sagen. Wenn ich es dennoch einigermaßen zuwege brachte, so geschah es, um dem Manne die Beschämung zu ersparen, daß ich hinter seine Schliche gekommen bin – vielleicht ist auch mein eigenes Bewußtsein, absichtlich eine Falle gestellt zu haben, eine Triebfeder gewesen, harmlos zu erscheinen.

Trotzdem – aber nein, ich will nichts mehr in dieser widerwärtigen Sache sagen. Es ist jetzt ja ganz entschieden, daß ich in dieses Haus nicht passe, mit diesen Leuten nicht weiter zusammen leben kann. Ich werde dem Brief an den Vetter noch die Bitte hinzufügen, das erbetene Telegramm gleich abzuschicken; ich wollte, es wäre erst da, denn ich könnte weinen vor schmerzlicher Enttäuschung über den Doktor – wenn’s nämlich der Tränen wert wäre. Das kommt davon, wenn man sich soweit erniedrigt, seinen Mitmenschen Fallen zu stellen, denn ›Nichtwissen macht glückselig‹, sagt das Sprichwort.

Wenn ich nur einen Grund für diese – Neugierde wüßte! Was in aller Welt suchen diese Leute bei mir?

Mir tut der Kopf zum Zerspringen weh vor lauter Grübeln über dieses Rätsel. Darum Schluß für heute.


* * *


24. September

Der ganze Tag ist vergangen, ohne daß ich imstande gewesen wäre, den Brief an den Vetter auf die Post zu tragen. Der Doktor fragte mich zwar beim Frühstück, ob ich ihm Postsachen mitzugeben hätte, doch verneinte ich aus wahrscheinlich unangebrachtem Anstandsgefühl, weil ich gerade diesen Brief, der mich abruft, nicht durch ihn befördern lassen wollte; später kam mir auch noch der Gedanke, daß meine Verneinung auch aus dem Grunde ihr Gutes gehabt haben könnte, weil der Doktor möglicherweise diesen Brief erst hätte lesen wollen. So weit ist man also glücklich schon; es ist hohe Zeit, daß man dieser Atmosphäre entflieht, damit einem diese hohe Wertschätzung seiner Nebenmenschen nicht etwa fürs Leben hängen bleibt.

Nach dem Frühstück fragte mich der Doktor, ob er mir einen Artikel diktieren dürfe, wozu ich mich selbstverständlich sofort bereit erklärte, denn das war ja eine ausgemachte Sache. Ich schrieb also fast den ganzen Morgen ohne Unterbrechung, während der Doktor auf und ab ging und mir, einen großen Bogen und ein Buch in der Hand, eine Abhandlung diktierte, von der ich hätte schwören mögen, daß sie Gregorovius’Römischer Geschichte Wort für Wort entnommen war. Da er allerdings nicht ein Wort darüber gesagt hatte, daß der Artikel von ihm sei, so ist ja darüber weiter nichts zu bemerken; warum aber ließ er mich stundenlang eine Sache nachschreiben, die er doch offenbar aus dem Buche in seiner Hand ablas?

Da wir bis zum Essen noch nicht fertig damit waren, wurde die Arbeit gleich nach Tisch fortgesetzt. Um drei Uhr tranken wir dann rasch eine Tasse Tee, worauf wir nach dem Forum aufbrachen. Auf dieser wunderbaren klassischen Stätte war die Führung des Doktors wieder so interessant, daß ich darüber fast seine moralischen Mängel vergaß und meinen immer dringender werdenden Wunsch: »Fort, nur fort!« beinahe in den Wind schlug. Wir verließen das Forum erst mit Torschluß beim Ave Maria und wanderten beim Trajansbogen vorbei nach dem Kolosseum, das ein feuriger Sonnenuntergang mit einer Flammenglut erfüllte, die diese Stätte doppelt ergreifend machte. Dort vergaß ich wirklich für einen kurzen Augenblick die Gegenwart, und die Zeit, in der auf dem Sande dieser Arena die Gladiatoren kämpften, die Christen ihr Blutzeugnis für Zeit und Ewigkeit ablegten, trat mit solch überwältigender Macht vor mein geistiges Auge, daß ich, in tiefster Seele erschüttert, lange nachher noch nicht imstande war, ein Wort zu reden.

Müde kam ich zwar nicht heim, aber Eckschmidts erklärten es zu sein, und damit gelangte ich bald nach dem Abendessen in die willkommene Zurückgezogenheit meines Zimmers, wo ich zunächst die gewonnenen Eindrücke ordnete und dabei zum Glück meine gegenwärtige, so wenig anmutige Lage vergaß.

Dieser Abend sollte mir aber noch eine höchst merkwürdige Überraschung bringen.

Ich wollte irgendeinen Gegenstand aus der unteren der drei Schubladen herausholen, die sich je rechts und links neben dem fürs Tintenfaß und so weiter bestimmten Fach im Innern meines Sekretärs befinden. Die Lade wollte sich aber nicht herausziehen lassen, weil vermutlich ein Papier oder dergleichen nach rückwärts gerutscht und damit die Bewegungsfähigkeit des Schubes versperrt worden war. Ich zog also die mittlere Lade heraus und fand auch gleich das Hindernis, eine steife Ansichtspostkarte, die sich so fest in den Falz der Rückwand der Lade eingeklemmt hatte, daß ich sie mit Gewalt herausreißen mußte, wobei der Boden ein Ende mit herausfuhr. Es war dies aber nicht der eigentliche Boden, sondern ein zweiter, doppelter, mit einem Worte ein flaches, aber immerhin für die Aufnahme von einigen Papieren genügendes und durch die ganze Länge der Lade gehendes Geheimfach. Also war meine ursprüngliche Vermutung doch richtig, daß der Sekretär ein solches haben mußte.

Und es lag darin auch etwas: Ein großer, weißer, durchaus neu aussehender Briefumschlag von dickem Büttenpapier, der also noch nicht lange darin gelegen haben konnte. Auf der Klappe trug er ein elegant in Gold und Blau geprägtes Monogramm M. L. und auf der Vorderseite eine angefangene Adresse: Herrn Max –, gerade, als ob der Schreiber dabei unterbrochen worden sei und den Umschlag einstweilen in das Geheimfach geschoben hätte. Der Umschlag war nicht leer; er enthielt, dem Gefühle nach, einen dicken Karton in der Größe einer Kabinettphotographie. Nach einigem Zögern zog ich diese heraus, um im nächsten Augenblick starr vor Staunen dazustehen, denn es war – mein eigenes Bildnis, das mir von dem Karton entgegensah!

In der ersten Überraschung übersah ich ganz, daß das Porträt eine Unterschrift trug. ›Thea‹ stand in kühnen Zügen mit violetter Tinte unter der Photographie, und erst, nachdem ich mit Bewußtsein diese, meiner Handschrift durchaus unähnliche Unterschrift erblickt, sah ich auch, daß dieses Bild doch nicht das meinige war. Nicht, weil es die Firma eines bekannten römischen Photographen trug, dem ich nie gesessen, oder auch weil ich kein solches Kleid habe, wie das meines Ebenbildes mit der etwas gedrungenen Figur, sondern weil mir beim näheren Hinsehen denn doch einige Unterschiede zwischen uns auffielen. Ihre Nase ist gerader, die meinige mehr gebogen und kürzer abgebrochen; ihre Augenbrauen sind heller und in der Form von den meinen leicht abweichend; den Mund des Bildes ist dem meinen ganz ähnlich, nur im Ausdruck verschieden: alles in allem könnte ich diese Photographie bei Leuten, die mich nicht näher kennen, ganz ruhig für die meinige ausgeben, wennschon ich mir, ganz allein nur mir, eingestehen muß, daß ich eigentlich hübscher bin als das Original dieses Bildes. Ganz bestimmt aber ist es nicht meine sehr schmale, sogenannte aristokratische Hand, die auf dem Bild kurz und breit, aber sorglich gepflegt, mit der langen, um der Trägerin Hals geschlungenen Kette spielt und an ihrem Goldfinger den Ring mit dem Chiastolith trägt, der sich jetzt an der meinen befindet – das Geschenk von Frau von Eckschmidt!

Mit dem Bilde hatte ich noch einen auf drei Seiten beschriebenen Briefbogen hervorgezogen, der dort kurz abbrach, wie ich, nach einer Unterschrift suchend, bemerkte; als ob die Schreiberin gestört worden wäre, den Brief schleunigst in den Umschlag zu dem Bilde gesteckt und – alles dann in dem Geheimfach vergessen hätte.

Der Brief trug die Überschrift: »Mein einzig geliebter Max!«

Ich faltete den Bogen, nachdem ich das und damit vielleicht schon zuviel gelesen hatte, zusammen und steckte ihn mitsamt dem Bilde wieder in den Umschlag zurück; denn ihn zu lesen, dazu fehlte mir, obgleich er doch ein ungesuchter Fund war, alles und jedes Recht. Damit hätte ich mich ja – gewissen Leuten gleichgestellt.

Die Fülle von Fragen, die sich mir beim Anblick des Bildes meiner Doppelgängerin aufdrängten, waren gewiß geeignet, mich zu beunruhigen, so daß alle Nerven in mir zitterten. Zunächst: wer ist diese Thea? Ist sie die Nichte, die diese Wohnung hier gemietet hat? Darüber kann wohl kaum ein Zweifel sein, nachdem die Filomena mich für sie gehalten, was bei der merkwürdigen, ja unheimlichen Ähnlichkeit ganz erklärlich ist. Warum aber nennen die Eckschmidts sie eine ›entfernte Verwandte‹ und behaupten, ich sehe ihr gar nicht ähnlich? Dann müßten sie ja keine Augen haben, und folglich haben sie mich absichtlich darüber täuschen wollen. Warum wollten sie mich ferner durchaus ›Thea‹ nennen und haben mich zur Zustimmung durch eine billige Schmeichelei gebracht, über deren Wirkung ich heute vor mir selbst erröten muß, im tiefsten Innern gedemütigt?

Es fällt jetzt wie eine Binde von meinen Augen, daß diese Leute mich an meinem Besuch auf Trinitá de’Monti verhindern wollen, daß sie mich zu diesem Zweck damals absichtlich eingeschlossen haben! Aber dann müßte der Doktor auch meinen Brief an Mater Teresa unterschlagen haben – am Ende gar auch den an meine Verwandten?

Sollte ich am Ende das Opfer einer Intrige sein, deren Ziel und Zweck ich zwar nicht erraten kann, der ich aber unter allen Umständen auf den Grund kommen oder – ausweichen muß?

Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr häufen sich die Gründe für meinen Verdacht, daß hier etwas im Gange ist, zu dem ich unbewußt als Marionette verwendet werde und dessen Fäden Eckschmidts in den Händen halten. Beispielsweise müssen diese ausgangslosen Zimmer, die verschlossenen Türen der anderen Räume einen ganz bestimmten Zweck haben – den, meine Bewegungen zu überwachen. Sie wollen mich nicht allein ausgehen lassen, damit ich nicht ›herumflitze‹ – dafür muß ein ganz bestimmter Grund vorliegen; sie waren ja geradezu bestürzt darüber, daß ich in Rom Freunde habe. Oh, es kommt mir jetzt vieles verdächtig vor, was ich seinerzeit nur als ›Eigentümlichkeit‹ bemerkte und buchte.

Ich fürchte nur, daß ich trotz aller Wachsamkeit nichts Wesentliches erfahren werde. Ich pflege ja niemals mit verschlossenen Augen umherzugehen, meine Beobachtungsgabe ist sogar recht gut entwickelt, aber was habe ich damit Großes gesehen? Einzelheiten, die mich zwar mißtrauisch gemacht haben, die mir aber doch nur eine gewisse Vorsicht in bezug auf dieses Tagebuch einflößen konnten, nicht für meine Person.

Bin ich als Fliege in den Bernstein geraten? Ist er schon zu hart geworden, als daß ich ihm noch entrinnen könnte?

Unsinn! Morgen wird der Brief, der mich befreien soll, abgesendet werden. Er muß! Wenn ich nur jemand wüßte, mit dem ich mich beraten könnte, ich zögerte ja keinen Augenblick, es zu tun! Aber selbst, wenn ich es morgen rücksichtslos durchsetzen könnte, nach Trinitá de’Monti zu gelangen, so würde mir das wenig helfen, denn die guten Klosterfrauen, die so wenig oder nichts von den krummen Wegen dieser Welt wissen, würden mich gar nicht verstehen, geschweige denn mir helfen können.

Ach, wenn der Himmel mir doch noch einmal Don Ferrando in den Weg führen möchte!

Dabei fällt mir ein, daß die Herzogin mir ja ausdrücklich und so feierlich gesagt hat, ich möchte mich an sie wenden, wenn ich Freundeshilfe brauchte. Nun, ich brauche eine solche Hilfe – sicherlich, sicherlich! Wie aber zu ihr gelangen?

Das muß ich mir beschlafen, um für alle Fälle bereit zum Handeln zu sein. Alles in allem darf ich sagen, daß ich nicht eigentlich in Furcht versetzt bin. Beunruhigt, ja, das bin ich, und mit Recht. Indes, was auch das Spiel der Eckschmidts sein mag – und daß eines im Gange ist, dafür lasse ich mich hängen –, eine persönliche Gefahr scheint mir nicht vorzuliegen; ich halte das für ausgeschlossen. Es genügte aber schon, wenn ich zum Beispiel, was mir sehr wahrscheinlich dünkt, durch meine Ähnlichkeit mit der ›Thea‹ jenes Bildes diese zu irgendwelchem dunklen Zwecke darzustellen hätte; denn selbst zu der unschuldigsten, wenn auch unbewußten Doppelgängerei kann und darf ich mich nicht hergeben, im Gegenteil, es soll mein Sinnen und Trachten sein, hinter dieses Rätsel zu kommen, selbst in der Erwartung meiner unmittelbaren Abberufung; denn man will doch wissen, was hinter den Kulissen vorgeht; das ist mein legitimes Recht.

Ich wiederhole es zu meiner eigenen Beruhigung: es kann mir persönlich nichts zustoßen, aber es wäre mir für meinen guten Namen doch sehr peinlich, als Deckmantel für irgendeine lichtscheue Sache verwendet zu werden. Und darum die Augen offengehalten und die Ohren gespitzt.


* * *


25. September

Daß ich an diesem schönen Abend hier noch sitze und schreibe, daß Frau von Eckschmidt drüben in ihren Federn sich noch des Lichts ihrer Nachtlampe erfreut, das ist, genau betrachtet, so merkwürdig, daß es schon fast an das Wunderbare grenzt. Aber ich will nicht vorgreifen.

Der herrliche Morgen, der uns zum Frühstück zusammenführte, brachte mir die Nachricht, daß die vorgestern verregnete Partie nach Tivoli heute zur Ausführung kommen sollte. Da mich aber ein idyllisches Zusammensein mit Eckschmidts in der grünen Natur nicht mehr reizen kann, ich auch anderes für heute vorhatte, so schützte ich Kopfschmerzen vor und entschuldigte damit meine Teilnahme an dem Ausflug.

»Dann bleiben wir auch daheim«, erklärte der Doktor. »Wir machen diese Partie Ihretwegen, liebste Thea, und werden Sie darum doch nicht allein zurücklassen. – Nicht wahr, Modesta?«

»Ganz sicherlich nicht«, stimmte sie zu. »Aber Sie sollten sich doch zu dem Ausfluge entschließen, Thea, denn Ihre Kopfschmerzen werden dabei sicher am schnellsten vergehen. Die Luft ist in Tivoli so rein und gut, daß sie das beste Mittel für solche Leiden ist.«

Ich bin nun schon so mißtrauisch geworden; daß ich aus ihrem freundlichen Ton eine besondere Meinung herauszuhören vermeinte, die mich auf der Hut sein ließ.

»Es ist besser, ich bleibe daheim«, wiederholte ich kühler, als ich gewollt.

»Gut, dann bleiben wir auch!« rief der Doktor aus. »Der Zweck der Übung wäre ohne Ihre liebe Gegenwart verfehlt.«

»Sie werden sich allein und ohne meine Gegenwart fortwährend auf der Tasche zu haben, sicher sehr wohl fühlen«, erwiderte ich.

Aber es half nichts. Wenn ich nicht unhöflich und ungezogen erscheinen wollte, was nicht in meiner Absicht lag, so mußte ich mich fügen. Mit verschärfter Eile brachen wir denn auf.

Der Ausflug wäre mir, ohne die Zweifel, die mich berechtigterweise nicht mehr verlassen wollten, gewiß ein großer und schöner Genuß gewesen. Schade, daß man seine Gefühle nicht auch einmal zurücklassen kann, daß sie einen auf Schritt und Tritt begleiten; denn jedesmal, wenn Eckschmidts die mir so fatale Abkürzung meines Namens Thea aussprachen, mußte ich an das Bild im Geheimfach meines Schreibsekretärs denken, und ich fragte mich zum hundertsten Male, wer diese Thea sein mochte, warum sie ihrem heißgeliebten Max, der jedenfalls der Spender des Ringes war, ihr Bild mit dem Briefe nicht zugesandt, warum der letztere unvollendet liegengeblieben ist.

Wir saßen noch in der Trambahn nach Tivoli, als mir das durch den Kopf ging, und da ich, wie ich es gern tue, meine Handschuhe nicht angezogen hatte, so wanderte mein Blick dabei auf den Ring an meiner Linken.

»Der Ring kleidet Ihre schlanke Hand vortrefflich; er würde schlecht auf einer breiten und kurzen aussehen«, bemerkte Frau von Eckschmidt, die meinem Blick gefolgt sein mußte.

»Und doch steht er mir ganz und gar nicht zu, denn er ist zweifellos ein Verlobungsring«, erwiderte ich, die günstige Gelegenheit ergreifend, indem ich mir schmeichelte, daß meine Stimme dabei nicht das geringste von meiner gespannten Erwartung verriet.

»Ein Verlobungsring! Mit einem schwarzen Kreuze darauf! Welche Idee!« rief Frau von Eckschmidt lachend; sie schien wirklich ganz ehrlich belustigt zu sein.

»Warum nicht?« erwiderte ich. »Ein wirklicher überzeugter Christ sieht in dem Kreuze das Zeichen der Erlösung, des Sieges; ich würde es für eine sehr sinnige Idee halten; wenn ein Bräutigam seine Braut mit dem Verlobungsringe unter den Schutz des Kreuzes stellt.«

»Hm – das ist eine neue und originelle Auffassung; sie ist immerhin so ungewöhnlich, daß ich begierig wäre zu wissen, ob Sie darauf Ihre Behauptung begründen, daß dieser Ring ein Verlobungsring ist«, sagte der Doktor, der mit seiner Frau mir gegenüber saß.

»Nicht die Idee, sondern die Umschrift des Ringes hat mich darauf gebracht«, erwiderte ich, beide voll ansehend.

»Die Inschrift«, wiederholte Frau von Eckschmidt erstaunt. »Welche Inschrift? Die müßte ich doch bemerkt haben!«

»Sie haben mich mißverstanden. Ich sagte nicht Inschrift, sondern Umschrift«, entgegnete ich, den Ring vom Finger ziehend. »Sie müssen doch wissen, daß das Durchbruchsmuster des Reifs aus Majuskeln besteht – nicht? Wie sonderbar! Bitte, halten Sie den Ring so vor sich, dann werden Sie von rechts nach links mit einiger Aufmerksamkeit die Schrift entziffern können: MAX. SEMPER IDEM. – Ich habe Sie schon immer einmal fragen wollen, wer dieser Max ist – oder war.«

Eckschmidts achteten nicht auf meine Frage. Sie hatten mir beide gleichzeitig den Ring abgenommen und studierten eifrigst an der Umschrift. Aus dem Blick, den sie dann miteinander wechselten, war unschwer zu erkennen, daß es ihnen nie eingefallen war, das Muster des Reifs für Buchstaben zu halten, was übrigens durch die gleichen End= und Anfangsbuchstaben nicht so unbegreiflich ist.

»Da sieht man, daß ein junges Auge vieles entdecken kann, was einem alten verborgen bleibt«, sagte der Doktor, indem er den Kneifer von der Nase nahm. »Meine Frau hat den Ring so lange besessen, ohne zu ahnen, daß er gewissermaßen eine Botschaft enthält.«

»Also ist der Ring doch schon alt?« fragte ich, indem ich ihn wieder an den Finger steckte, nachdem Frau von Eckschmidt ihn mir mit einem eigenen Ausdruck ihrer düster wirkenden Augen zurückgegeben.

»Alt im Sinne der Antike ist der Ring nicht«, sagte der Doktor. »Wie lange magst du ihn schon haben, Modesta? Zehn bis fünfzehn Jahre – nicht?«

»Ja, ungefähr so lange«, erwiderte Frau von Eckschmidt kurz.

Ich dachte an das Bild meiner Doppelgängerin, die den Ring am Finger hat und in einem Gesellschaftskleid nach der letzten Mode des laufenden Jahres damit photographiert worden ist, und wußte, daß sowohl der Doktor mit seiner Frage als auch seine Frau mit ihrer Antwort die Unwahrheit gesprochen hatte.

»Hat Ihre Verwandte, die bei Ihnen war, den Ring vielleicht getragen?« fragte ich geradezu.

»Nein! Wie kommen Sie denn darauf?« rief Frau von Eckschmidt zurückfahrend.

»Weil die Filomena mich auf den Ring hin als Ihre Verwandte anredete«, erwiderte ich.

»Ich sagte Ihnen aber doch ausdrücklich, daß Sie mit dieser konfusen alten Schwätzerin nicht reden sollen!« rief Frau von Eckschmidt so heftig, daß unsere Mitreisenden sich nach uns umsahen.

»Verzeihung – Sie gaben mir den Rat«, sagte ich ruhig, aber betont. »Ich habe seitdem auch kaum mehr mit der Frau gesprochen, die übrigens eine sehr freundliche Person ist und mir durchaus keinen konfusen Eindruck macht.«

»Es schickt sich aber für eine Dame Ihres Standes nicht, mit solchen Leuten zu tratschen«, erwiderte sie scharf.

»Darin bin ich nicht Ihrer Ansicht«, entgegnete ich mit unverminderter Ruhe. Ganz abgesehen davon, daß italienische Dienstboten gewöhnt sind, von ihrer Herrschaft freundschaftlich angeredet zu werden, und die Filomena als Frau des Pförtners auch nicht eigentlich ein Dienstbote ist, so finde ich, abermals abgesehen von der Tatsache, daß mir die Pflichten einer Dame meines Standes ganz geläufig sind, daß man oft von solchen Leuten viel lernen kann. Ich habe bei ihnen schon schönste Menschenfreundlichkeit, heroische Selbstverleugnung und vielen gesunden Menschenverstand gefunden.«

»Sehr richtig!« sagte der Doktor zustimmend und setzte lächelnd hinzu, indem er die Hand auf den Arm seiner Frau legte: »Meine gute Frau ist eben noch aus der Zeit, in der man die unteren Stände als minderwertig ansah, nicht als eigentliche Mitmenschen. Darin hat die Neuzeit entschieden verbessernd und erleuchtend eingegriffen.« Unsere Ankunft an der Station für die Villa Adriana beendete dieses unerquicklich gewordene Gespräch, das mir aber nicht ohne Wert war, denn es bestätigte mir, daß die Existenz der anderen Thea mir verheimlicht werden sollte und daß ich zu einem mir noch schleierhaften Zwecke im Hause Eckschmidt als meine Doppelgängerin zu gelten hatte. Ich bin nicht neugieriger, als der Durchschnitt der Menschheit es im allgemeinen ist; aber nun brenne ich darauf, zu erfahren, was es mit dieser Thea auf sich hat, warum sie den Ring nicht mehr trägt. Anderseits würde ich aber auf diese Wissenschaft gern verzichten, wenn ich mich entfernen könnte, ehe diese Rolle der Thea mir unbequem wird.

Frau Modesta, mit der ihr Gatte nach dem Aussteigen ein paar leise Worte gewechselt, war dann wieder die Liebenswürdigkeit selbst; folglich ist sie entweder eine sehr dumme Komödiantin, oder es ist ihre Natur, aufzubrausen, unparlamentarisch zu werden und sich damit ihre Seele zu entlasten. Ich glaube aber an das erstere, denn ich sehe es ihren Augen an, daß sie nachtragend ist.

Die Villa des Hadrian mit ihren großartigen Ruinen, mit ihrer wunderbaren Vegetation ist sicher, abgesehen von ihrem historischen und archäologischen Interesse, einer der wonnigsten Winkel dieser schönen Welt. Ich hatte indes nur gelegentlich Lichtblicke von ihren Wundern; denn für mein beunruhigtes Gemüt lag es wie ein grauer Schleier darüber, der zwar hin und wieder zerriß, wenn ich über all den Herrlichkeiten das Gespenst an meiner Seite vergaß; aber im allgemeinen war ich’s mir dauernd bewußt, daß ich die Villa Adriana an der Seite von Menschen sah, zu denen ich nach meiner Überzeugung nicht gehöre.

Mittag war längst vorbei, als wir auf der Station den Zug wieder bestiegen und darin durch die prachtvollen Olivenhaine nach Tivoli hinauffuhren. Leider war keine Zeit, den Weg auf der antiken Straße zurückzulegen, um den im zehnten Jahrhundert zu einer christlichen Kirche umgewandelten Tempel della Tosse, den antiken ›Hustentempel‹, zu sehen, wie ich’s gern gemocht hätte. Aber dann hätten wir eben auf anderes verzichten müssen.

Zunächst der Endstation der Straßenbahn stärkten wir uns durch ein echt italienisches, vortreffliches Gabelfrühstück im Restaurant ›Al Vesillo d’Italia‹, ehe wir die Villa d’Este besuchten, die, vom Kardinal Ippolito d’Este, dem Sohn Alfonsos I. von Ferrara und der Lukrezia Borgia, erbaut, eine der glanzvollsten Stätten italienischer Renaissance war und noch heute ist. Sie gehörte zum Besitz des österreichischen Thronfolgers und Erben der Este und bringt mit ihrer grandiosen Einsamkeit, ihrem malerischen Dasein dem Besucher die Erinnerung vergangener Tage mit ihrem steten Wechsel so recht zu Gemüt.

,Eine Mischung von Leben und Tod, von Alter und ewiger Jugend‹ ist sie in der Tat, diese königliche Villa mit ihrem verlassenen, das Echo erweckenden Palast, ihrem wundervollen Park, ihren einzig schönen Fernblicken auf Rom – alles in allem ein Märchentraum.

Ich hätte mit diesem Eindruck gern den Ausflug beschlossen, fügte mich natürlich aber dem Wunsche der anderen zum Besuch der Wasserfälle, die ja auch wirklich ein prächtiges Naturschauspiel sind. Wir bewunderten es erst vom Tempel der Sibylle, den die neuen Archäologen lieber dem Herkules oder der Vesta zuschreiben möchten als der weissagenden Nymphe Albunea, der die Tradition von Jahrhunderten ihn gewidmet; danach stiegen wir zu den brausenden Kaskaden des Anio hinab, und dabei, auf dem feuchten, schlüpfrigen Wege zu der schaurigen Schlucht, in der die Sirenengrotte liegt, ereignet sich, was mir später meine ausgeprägte Abneigung gegen diesen Teil unseres Ausfluges erklärlich machte; der Warner, der in jedes Menschen Brust schläft, hatte zu mir gesprochen, und ich hatte ihn aus Höflichkeit gegen die anderen vergeblich reden lassen.

Auf der ersten Biegung der Treppe erhielt ich, die auf Wunsch der Frau von Eckschmidt vorausgegangen war, plötzlich einen heftigen Stoß in den Rücken; vergeblich mit dem Gleichgewicht kämpfend, sah ich mich um und fühlte gleichzeitig den gewichtigen Körper der schweren Frau mich zum Abgrund drängen; sie war, wie ich später hörte, ausgeglitten und auf mich gefallen, die ich dicht vor ihr war.

Die Gefahr, über die Felsen in die Schlucht zu stürzen, war groß; sie machte mir aber zum Glück den Kopf ganz klar. Ich umklammerte, was alles das Werk eines Augenblickes war, die starke Frau mit beiden Armen und lenkte sie und mich im Falle mit einer Kraft, die ja nur ein solcher Augenblick verleihen kann, in das dichte Gebüsch am Rande der Felsenwand, wo wir denn auch glücklich liegengeblieben.

Mit Hilfe des Doktors und eines zufällig heraufsteigenden Touristen wurden wir auf den Treppenweg zurückgelotst, etwas zerstoßen und zerschunden, zerkratzt und zerrissen, sonst aber ganz heil, was schon ziemlich ans Wunderbare grenzt. Ich darf wohl ohne Überhebung sagen, daß wir diesen Ausgang des Unfalls ein wenig mir zu verdanken haben, wenn auch mein Verdienst kein allzu großes ist, weil ich im Klettersport geübt und für solche ›Fälle‹ im doppelten Sinne gerüstet bin. Natürlich darf man in erster Linie den Kopf nicht verlieren, sondern muß gleich alle Möglichkeiten berechnen können, sonst ist’s freilich gefehlt. Nun, auf meinen Kopf habe ich mich bisher so ziemlich verlassen können; er führt zwar auch einmal auf einen Hohlweg, aber im Falle der Not wird er immer ganz klar, was übrigens sowohl von dem Doktor als auch von dem hilfsbereiten Touristen im schönsten Sächsisch mehr anerkannt und belobt wurde, als mir angenehm war.

Ein Mensch, der Dank für einen erwiesenen Dienst verlangt und unglücklich oder bitter wird, wenn er ausbleibt, der kann mir leid tun, denn für Dank sollte man nichts tun wollen. Dennoch aber hat es mich etwas befremdet, daß Frau von Eckschmidt kein Wort dafür hatte, daß ich ihr mit eigener Lebensgefahr das ihrige gerettet habe.

Freilich darf man nicht übersehen, daß sie nach dem Unfall noch stundenlang ganz ›vertattert‹ schien; daß ferner ihre Perücke sich höchst grotesk verschoben, ihr Hut zum Eierkuchen plattgedrückt, ihr Kleid mit zwei sehr ergiebigen Rissen verziert worden war. Dazu kommt noch die Erschütterung, die bei einer so schweren und schwerfälligen Person ganz erheblich gewesen sein muß – kurz, Frau von Eckschmidt hatte allen Grund, ›vertattert‹ zu sein. Das Sonderbare aber war: sie schnitt mich! Sie tat, als ob ich gar nicht vorhanden wäre, und antwortete auf meine Fragen nach ihrem Befinden mit keiner Silbe.

Der Doktor tat mir im Gegensatz dazu etwas zuviel des Guten mit seinem immer wiederholten Dank ›für die Lebensrettung seiner teuern Modesta‹, in der Bewunderung meiner Kaltblütigkeit und meines Mutes. Na, das Zuviel sollte wohl das Zuwenig ausgleichen. Nehmen wir’s so an. Von einem Hinabsteigen nach der Schlucht war natürlich keine Rede mehr; Frau von Eckschmidt war jedenfalls froh, als die Herren sie die glitschigen Stiegen wieder heraufbefördert hatten.

Auf der Terrasse des Albergo Sibylla ruhten wir aus, tranken Kaffee und kamen ein wenig nach der gewöhnlichen Zeit zum Abendessen wieder heim. Da wir, der weibliche Teil wenigstens, doch recht zerschlagen waren, so zogen wir uns sofort nach der Mahlzeit zurück, wobei Frau von Eckschmidt eine sonderbare Frage an mich richtete.

»Warum haben Sie mir das Leben retten wollen und nicht sich allein?« fragte sie.

»Lieber Himmel, weil ich sah, daß Sie in Gefahr waren, und ich nicht Egoistin genug bin, sichtigen Auges einen Menschen in seinen Tod stürzen zu sehen, ohne wenigstens den Versuch zu machen, ihn zu retten«, erwiderte ich erstaunt. »Sie hätten dasselbe doch gewiß auch für mich und jeden anderen getan – nicht wahr?«

»Gute Nacht!« sagte sie kurz und ließ mich stehen.

Sonderbares Benehmen das! Und so sage ich mir selbst denn auch gute Nacht, denn ich bin recht müde.

Morgen wird übrigens der Brief an den Vetter unter allen Umständen fortgeschickt!


* * *


Poggio Laureto, 30. Oktober

Mehr als ein Monat ist vergangen, seit ich die letzten Worte in dieses Heft schrieb. Des Furchtbaren gedenkend, das ich seitdem erlebt, glaubte ich es nicht über mich bringen zu können, es noch hier aufzuzeichnen.

Nun aber sind die schrecklichen Wetterwolken vom Horizonte meines Daseins verschwunden, blauer Himmel mit einer Sonne von unbeschreiblichem Glanze lacht auf mich herab, und da dieses Buch wieder in meinen Besitz gelangt ist, so habe ich dem Wunsch eines anderen nachgegeben, um den Schluß des kurzen Abschnitts meines Lebens einzuschreiben, dem ich den Titel ›Die Fliege im Bernstein‹ geben möchte. Die Erinnerung an diesen dramatischen Schluß steht so lebendig vor mir, daß ich mich schon gefragt habe, ob ich ihn überhaupt jemals vergessen könnte.

Das wird die Zeit lehren.

In der Nacht vom 25. zum 26. September, also nach jenem denkwürdigen Ausfluge nach Tivoli, träumte mir noch einmal von der Ammonatrice.

Ob das zur Sache gehört? Scheinbar nicht, aber kurzerhand möchte ich es doch nicht mit nein beantworten.

Es war eine Wiederholung des alten Traumes, nur mit der kleinen Abweichung, daß die Ammonatrice nicht allein auf den Arazzo zeigte, sondern mich offenbar dahinter mitnehmen wollte, denn sie lud mich mit eindrucksvollen Gebärden ein, ihr zu folgen.

Nun möchte ich aber einmal schwören wollen, daß ich nicht geträumt hätte – wer würde mir das glauben? Und doch weiß ich, daß ich verneinend den Kopf schüttelte, weil ich den ganz deutlichen Gedanken hatte, daß es keinen Zweck hätte, der Ammonatrice zu folgen, weil es ja tiefe Nacht und kein Mensch da war, mir unten das Tor zu öffnen, und ich auch keinen Grund wußte, die braven Pförtnersleute aus ihrem Schlafe zu wecken.

Am folgenden Morgen, nachdem wir gefrühstückt, bat mich der Doktor, mir einen Zusatz zu seinem (!) Artikel diktieren zu dürfen, was ich nicht ablehnen mochte, trotzdem mir die Bestellung meines Briefes am Herzen lag; indes machte eine Stunde der Verzögerung wohl nichts aus, und so schrieb ich denn bis nach zehn Uhr. Als diese Arbeit beendet war und ich aufstand, fragte ich den Doktor, ob dies alles sei, was er bejahte, worauf ich mich bei seiner im Studierzimmer anwesenden Frau erkundigte, ob sie eine Beschäftigung für mich hätte. Sie verneinte es ziemlich ungnädig. Da sie aber über Schmerzen in ihren Gliedern geklagt, so beanstandete ich ihren schroffen Ton nicht weiter, sondern kündigte an, daß ich jetzt ausgehen würde.

»Sie können zunächst in Ihr Zimmer gehen; mein Mann wird dann am Nachmittag einen Ausgang mit Ihnen machen«, sagte Frau von Eckschmidt scharf.

»Gewiß, liebe Thea«, fiel der Doktor hastig ein. »Am Nachmittag. Ich bin heute morgen noch beschäftigt, sonst würde ich mich Ihnen sofort anbieten.«

»Sehr gütig, Herr Doktor. Ich werde am Nachmittag gern bereit sein«, erwiderte ich sanfter, als es mir tatsächlich zumute war. »Heute vormittag aber werde ich in eigenen Angelegenheiten ausgehen.«

»Was sind das für Angelegenheiten?« erkundigte sich Frau von Eckschmidt in einem so beleidigenden Ton, daß mir das Blut ins Gesicht stieg.

Trotzdem antwortete ich scheinbar ganz gelassen: »Mein Besuch auf Trinitá de’Monti und einige ganz persönliche Besorgungen.«

Damit wendete ich mich der Tür zu und war schon auf der Schwelle, als sie mir nachrief: »Sie werden jetzt zu Hause bleiben!«

Ich drehte mich erstaunt um. »Ich habe wohl nicht recht verstanden«, sagte ich kühl und ruhig. »Darf ich fragen, was Sie mit diesen außerordentlichen Worten meinen?«

»Ich habe nicht nötig, Ihnen meine Gründe für den Befehl auseinanderzusetzen«, antwortete Frau von Eckschmidt beißend. »Sie haben einfach und ohne Widerrede zu gehorchen.«

»Gestatten Sie mir, einer anderen Ansicht zu sein«, sagte ich nach einer kleinen Pause zu Frau von Eckschmidt, in der ich meiner Empörung so weit Herr wurde, um sprechen zu können. »Ich bin, wenn ich die Lage richtig auffasse, bei Ihnen in einer Stellung, mit der doch unmöglich die Voraussetzung verknüpft ist, daß ich nicht einmal in eigenen Angelegenheiten allein ausgehen darf. Sollte das nach Ihrer Auffassung dennoch der Fall sein, so muß ich zu meinem größten Bedauern –«

»Liebe Thea, Sie machen aus einer Mücke einen Elefanten«, fiel der Doktor ein.

»Ich glaube nicht, daß mir dieser Vorwurf gemacht werden kann«, sagte ich ruhig und entschieden. »Mir liegt nur daran, Klarheit in die Lage zu bringen. Ihre Frau Gemahlin verbietet mir auszugehen und verweigert mir die Angabe ihrer Gründe für diese Ungeheuerlichkeit. Nach unseren Gesetzen nennt man das Beraubung der persönlichen Freiheit, wogegen ich ein für allemal Verwahrung einlegen muß.«

»Es ist ganz gleich, was Sie sagen. Sie werden daheimbleiben – und damit Punktum!« rief Frau von Eckschmidt in einem Ton, der mir das Blut in die Wangen trieb.

»Geben Sie nach, liebes Kind!« bat der Doktor.

»Nein, Herr Doktor, denn dadurch würde ich einen Präzedenzfall schaffen, der mich einfach zur Sklavin der Launen Ihrer Frau Gemahlin macht«, erwiderte ich flammend vor Entrüstung. »Entweder erklärt Frau von Eckschmidt, daß sie sich mit mir nur einen etwas sonderbaren Scherz hat machen wollen, oder ich sehe mich genötigt, Ihr Haus sofort zu verlassen, da eine derart unwürdige Behandlung sich mit meiner Lebensstellung nicht verträgt.«

Frau von Eckschmidt zuckte mit den Achseln, drehte mir den Rücken und sah zum Fenster hinaus.

»Ich fürchte, meine liebe Thea, Sie werden den Befehl meiner Frau als endgültig betrachten müssen«, sagte der Doktor sanft zuredend.

»Das werde ich ganz bestimmt nicht tun«, entgegnete ich empört. »Ich bedauere lebhaft, daß wir so voneinander gehen müssen, denn ich schiede gern im Frieden, besonders da ich Ihnen, Herr Doktor, viele anregende Stunden verdanke; wenn es aber nicht anders geht, dann muß es auch so sein. Sie werden mir die Gerechtigkeit nicht versagen, anzuerkennen, daß ich in unerhörter Weise herausgefordert worden bin. Ich gehe jetzt, meine Sachen zu packen, und werde mich dann bei Ihnen verabschieden.«

Damit ging ich hinaus und durch den Salon in mein Zimmer, wo ich mir keinen Augenblick des Nachdenkens gönnte, sondern ohne Verweilen sofort daran ging, meine Siebensachen zu packen. Mein Koffer, mit einer römischen Decke als Diwan maskiert, stand in der Ecke meines Zimmers. Ich zog ihn hervor und – ach! Ich habe mir immer eingebildet, ein Packgenie zu sein, gewissermaßen künstlerisch und unter Ausnutzung des Raumes sachgemäß die Sachen im Reisekoffer unterbringen zu können; wie ich aber an jenem Morgen gepackt habe, das spottet jeder Beschreibung. Ich stopfte, preßte, rammelte meine Habseligkeiten, wie sie mir in die Hand fielen, ohne jede Methode, in den Koffer, und was nicht hineinging, stopfte ich in meine lederne Reisetasche. Lange habe ich zu dieser Arbeit nicht gebraucht unter dem Antrieb des Zwanges, der mir ständig »Fort, nur fort von hier!« zurief – und dabei wußte ich noch gar nicht, wohin!

Nachdem ich Koffer und Reisetasche verschlossen, mein Jackett angezogen und den Hut aufgesetzt hatte, ging ich stracks in den Salon, in dem ich beide Eckschmidts antraf. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie an einem kleinen Tisch dicht neben meiner Zimmertür saßen: sie, die Hände im Schoß – er, ihr gegenüber, die Hand auf einem kleinen Holzkästchen, das vor ihm auf dem Tische stand.

»Meine Sachen sind gepackt«, kündigte ich an. »Ich werde sofort jemand danach schicken. Ich danke Ihnen für alles, was ich als Ihre Freundlichkeit für mich empfunden habe, wünsche Ihnen beiden einen recht angenehmen weiteren Aufenthalt in Rom und bedaure aufrichtig, daß Sie sich in mir getäuscht haben, als Sie mich einluden, mit Ihnen zu reisen. Ich bekenne aber, daß dieser Schluß unserer Bekanntschaft auch meine Schuld mit ist, denn ich hätte schon nach der ersten gröblichen Zurechtweisung von Ihnen, gnädige Frau, mein Bündel schnüren müssen. Ich verdenke es Ihnen gar nicht, wenn Sie danach zu dem Glauben kamen, daß ich mir nun alles gefallen lassen würde.«

Nach dieser schönen Rede, die ich mir während des Packens zurechtgelegt, machte ich eine Verbeugung und wollte mich durch das Studierzimmer entfernen, wurde aber durch den Doktor aufgehalten.

»Verzeihung, liebe Thea«, sagte er, mir den Weg vertretend. »Ihr Entschluß ist vielleicht doch ein wenig übereilt. Aber wir wollen damit nicht rechten. Nein, das sei fern von uns! Da aber wohl kein abgehender Zug Sie treibt, uns so eilig zu verlassen, so bitte ich noch um ein kurzes Wort. Wollen Sie nicht lieber Platz nehmen?«

»Herr Doktor, das hat keinen Zweck. Wozu eine Szene verlängern, die uns allen doch nur peinlich sein kann«, erwiderte ich, den mir hingeschobenen Stuhl zurückweisend. »Wenn Sie noch etwas zu sagen haben, kann ich es auch so hören.«

»Wie Sie wünschen!« rief er liebenswürdig. »Nun denn, meine liebe Thea – Sie wissen, wie hoch ich Sie schätze. Ich möchte nicht gern von Ihnen scheiden, ohne Ihnen noch einen letzten Dienst, eine Wohltat darf ich wohl sagen, zu erweisen. Erwähnten Sie nicht einmal beiläufig, daß Sie von den kleinen, singenden Plagegeistern, den Schnaken, so zu leiden haben?«

»Ich erinnere mich nicht, überhaupt davon gesprochen zu haben«, erwiderte ich, höchlich erstaunt über diese sonderbare Wendung, die mir sehr wenig angebracht schien.

»Nicht? Hm! Hm!« machte der Doktor kopfschüttelnd. »Ja, wie komme ich denn nur darauf? Wahrscheinlich durch eigene schlimme Erfahrungen mit diesen kleinen Blutsaugern. Nun, es ist im übrigen ohne Belang. Aber da ich hier ein wunderbares Mittel habe, ein Serum sozusagen gegen alle Insektenstiche, so möchte ich Ihnen gern meine unwandelbare Verehrung dadurch beweisen, daß ich Sie bitte, Sie mit diesem Serum impfen, gewissermaßen immun machen zu dürfen.«

Er hatte bei diesen Worten das kleine Kästchen geöffnet, daraus eine winzige Glastube entnommen und zeigte mir, dicht vor mich hintretend, darin eine dünne Nadel, die genau wie eine gewöhnliche Stecknadel mit Glaskopf aussah.

»Sie sind sehr gütig, aber ich möchte lieber nicht geimpft werden, da mich Schnaken nie stechen«, erklärte ich trocken, indem ich mich wieder der Tür zuwendete.

Und wieder trat der Doktor mir in den Weg.

»Meine liebe Thea, ob Sie möchten oder nicht – ich fürchte, ich werde Sie in jedem Falle impfen müssen«, sagte er mit seinem süßesten Ton und seinem reizendsten Lächeln.

Mein erster Gedanke bei diesen erstaunlichen Worten war, daß ich es mit einem plötzlich wahnsinnig Gewordenen zu tun hatte, und ich sah mich unwillkürlich nach Frau von Eckschmidt um, die unbewegt und stumm auf ihrem Stuhle sitzengeblieben war. Was ich dabei aber in ihren starr und gierig auf mich gerichteten Augen sah, machte mich mit einem Male hellsichtig.

»Mit dürren Worten: Sie wollen mich ermorden!« sagte ich mit einer Stimme, die nicht mir zu gehören schien.

Der Doktor schüttelte mißbilligend den Kopf. »Liebe Thea, Sie bedienen sich wirklich so starker Ausdrücke, daß ich es zu meinem aufrichtigen Bedauern ernstlich rügen muß«, sagte er wehmütig.

»Wie kann man nur ein solch häßliches Wort in den Mund nehmen! Unter gebildeten Menschen! Drücken wir es so aus: Ich will Ihnen schmerzlos und ohne jeden Zeitverlust zu der von Ihnen so ersehnten Weltreise verhelfen, zu jener Weltreise in die unbekannten Gefilde, die noch keines Menschen Fuß betrat. Und das nennen Sie – pfui, meine liebe Thea! Wie kann eine Dame nur solche Ausdrücke in den Mund nehmen!«

Ich wundere mich heute noch, daß mich bei diesen Worten nicht die Besinnung verlassen hat. Aber so wahr ich dies schreibe: wenn auch eine herzstockende Todesangst eisig durch meine Glieder kroch, in meinem Kopfe wurde es so klar, daß es förmlich schmerzte. Dazu bäumte mein Stolz sich in mir auf. Nur diesem Manne keine Furcht zeigen!«

»Warum wollen Sie mich töten?« fragte ich so gelassen, daß es mich selbst wunderte.

»Ach, meine liebe Thea, es würde zu weit führen, wenn ich Ihnen unsere Gründe auseinandersetzen wollte«, seufzte der Doktor, indem er den Stöpsel aus der Glastube in seiner Hand zog. »Was würde es Ihnen auch nützen, das zu wissen? Sie glauben ja an ein Jenseits, wo alle Fragen eine Antwort finden. Die Ihrige wird in weniger als einer Minute gelöst sein. Sehen Sie, ich steche mit der Spitze dieser Nadel, die mit Kurare getränkt ist, in Ihren schönen, weißen Arm, und für Sie Beneidenswerte ist alles Erdenleid ein überwundener Standpunkt.«

»Für Sie dürfte das Erdenleid danach aber beginnen«, sagte ich mit fieberhaft arbeitendem Gehirn. »Man bringt in einem Lande, das Gesetze hat, nicht so ohne weiteres Menschen um. Früher oder später werden Sie diesen Mord sühnen müssen.«

Der Doktor lächelte lieblicher denn je. »Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre liebevolle Fürsorge, geliebteste Thea«, sagte er mild. »Anderseits aber betrübt mich Ihr Mangel an Vertrauen in meine Überlegung, in meine Vorsicht. Ich werde sicher keine Fliege in meinem Bernstein finden, darüber kann ich Sie beruhigen. Tieftrauernd werde ich Ihrem kostbaren Sarge folgen, und kein Mensch wird ahnen, daß unsere teure, unersetzliche Nichte Thea ihrem Onkel Kasimir so wenig Zutrauen entgegengebracht hat.«

»Was soll das Geschwätz? Mach’ein Ende!« tönte Frau von Eckschmidts Stimme hinter mir wie eine Sterbeglocke.

»Du hast recht, wie immer, meine liebe Modesta!« rief der Doktor, indem er vorsichtig den Kopf der Nadel aus der Tube gleiten ließ. »Ihren Arm, liebe Thea!«

»Einen Augenblick«, sagte ich mit einer Gelassenheit, die mir selbst unheimlich war. »Wenn man einen Verbrecher hinrichten will, dann gibt man ihm eine kurze Frist, um sich vorzubereiten – allein mit sich und seinem Gott. Sie werden mir diesen letzten Wunsch nicht verweigern wollen.

Zehn Minuten werden Ihre Absicht wohl kaum wesentlich beeinflussen.«

»Unsinn!« tönte Frau von Eckschmidts Stimme wieder hinter mir. »Wir haben schon Zeit genug vertrödelt.«

»Ich bin in Ihren Händen – unrettbar«, begann ich wieder, ohne den Doktor aus den Augen zu lassen. »Selbst wenn ich mich mit der Kraft der Verzweiflung wehren wollte und den Ausgang dort zu erreichen versuchte – was nützte mir das gegen Sie beide, gegen Ihren Willen, mich nicht mehr aus diesem Zimmer zu lassen? Es wäre nichts als ein furchtbarer und fruchtloser Kampf, den ich gar nicht zu kämpfen wünsche. Sie sehen, ich bin vollständig in mein Schicksal ergeben und fürchte den Tod nicht.«

»Sie sind, wie immer, bewundernswert«, erwiderte der Doktor unschlüssig, was ich mit wildem Herzklopfen bemerkte. Aber ich zuckte nicht.

»Kasimir!« rief Frau von Eckschmidt hinter mir.

»Jawohl, meine Teure«, erwiderte der Doktor den ermahnenden Zuruf. »Was ich sagen wollte, ist nur das: Thea hat die Lage vollständig begriffen und will uns keinen Widerstand entgegensetzen. Ich meine, wir dürfen ihr für dieses Entgegenkommen die erbetenen wenigen Minuten gewähren.«

»Gib mir die Nadel, Hasenfuß!« fiel Frau von Eckschmidt ein, indem sie aufsprang und neben uns hintretend die Hand nach der Tube ausstreckte.

»Nein, Geliebteste, das ist Männerarbeit!« rief der Doktor zurückweichend. »Es wäre mir für unser späteres Leben schon lieber, wenn du dich, deinem Versprechen getreu, passiv verhalten wolltest. Thea soll den erbetenen Aufschub haben – wir sind ihr das im Namen der Humanität schuldig. – Gehen Sie in Ihr Zimmer, Thea, ich will großmütig sein und eine Viertelstunde gewähren.«

»Und das Mädchen inzwischen allein lassen? Allein?« schrie Frau von Eckschmidt zornig.

»Beruhigen Sie sich – ich verspreche Ihnen, nicht die drei Stock hoch zum Fenster hinauszuspringen und mir Hals und Beine zu brechen«, versicherte ich mit wildklopfendem Herzen, äußerlich aber ganz ruhig, denn die nächste Minute mußte ja über Sein oder Nichtsein für mich entscheiden.

Und sie entschied – zu meinen Gunsten, denn der Doktor ging mir voraus und öffnete, die furchtbare Glastube in der Linken, die Tür zu meinem Zimmer, zog den Schlüssel ab und steckte ihn in die Tasche.

»Um Ihnen einen unnützen Widerstand zu ersparen«, sagte er entschuldigend, und ich sah zum ersten Male, daß seine Hand wie Espenlaub flog, als er seine Uhr herauszog. »Es ist jetzt zehn Minuten vor elf – fünf Minuten nach der vollen Stunde werde ich zu Ihnen kommen. Ein etwa versuchter Hilferuf zum Fenster hinaus würde mich natürlich sofort an Ihrer Seite finden.«

Rückwärts gehend, denn mein Mißtrauen schlief nicht, trat ich über die Schwelle; dann wurde die Tür leise hinter mir zugeklinkt – ich war allein.

Mit aller Willenskraft eine Anwandlung von Schwäche niederkämpfend, ließ ich keinen Augenblick meiner kostbaren Zeit verstreichen. Ich wußte, daß ich durch das Schlüsselloch beobachtet wurde, fühlte es mit dem in solchen Augenblicken wach werdenden sechsten Sinn; ich wußte aber auch, daß der Radius des Schlüssellochs mein Bett nicht mehr umfaßte. Mit einem Schritt war ich daran vorbei und in der Nische, ergriff im Vorübergehen die Schachtel mit den Zündhölzern auf dem Nachttisch und war, ehe noch eine Minute vergangen sein konnte, hinter dem Arazzo und in dem geheimen Gange, dessen Tür ich sehr behutsam, um kein Geräusch zu machen, hinter mir schloß. Jetzt tat ich einen tiefen Atemzug – gottlob! Insoweit war ich sicher, war meine List geglückt! Wäre ich gleich durch diesen Ausgang verschwunden, statt mich mit Abschiednehmen aufzuhalten, welcher Schrecken wäre mir erspart worden! Mit den Streichhölzern leuchtend, kam ich, so rasch es die steile Wendeltreppe zuließ, unten an und stand aufatmend in der Grotte, mit Herzklopfen überlegend, wie ich jetzt am schnellsten und ohne Aufenthalt das geschlossene Haus würde verlassen können. Aber das Glück lächelte mir auch in dieser Frage. Die Glastür der Halle stand offen, und durch diese sah ich auch das große Portal geöffnet und davor den Portier, der das Pflaster unter der Einfahrt kehrte. Wie ein Pfeil schoß ich ins Freie. Der Mann bemerkte mich nicht einmal, denn er kehrte, mir den Rücken zuwendend, den Staub gerade zu einem Haufen zusammen.

Ich lief die ganze Front des Palastes entlang der Gasse des Nordflügels zu, und dort, an der Ecke, kam mir ein leerer Taxameter entgegen. Im nächsten Augenblick saß ich schon darin.

»Nach dem Bahnhof!« rief ich dem Kutscher atemlos zu.

»Termini?« fragte er.

»Ja, ja – ich glaube. Ich will nämlich nach Viterbo«, erwiderte ich unschlüssig, denn ich wußte es selbst nicht und brannte nur vor Ungeduld, aus dem Bereich des Palastes zu kommen.

»Nach Viterbo fährt man von Trastevere ab«, belehrte mich der Mann freundlich. »Wenn die Signora aber Eile hat, dann ist die Station von San Pietro viel näher.«

»Ja, ja – ich habe Eile, allergrößte Eile!« rief ich zitternd vor Ungeduld, und mit einem Kopfnicken wendete der Kutscher und fuhr mit mir in schlankem Trabe nach dem Tiber zu.

Zu einem klaren Gedanken kam ich unterwegs kaum, denn nun setzte die Reaktion ein – ich zitterte am ganzen Leibe. Der Anblick der Uhr auf der Engelsburg, als wir über die Brücke fuhren, gab mir indes etwas von meiner Fassung zurück – sie zeigte eben auf fünf Minuten nach elf!

Jetzt betrat der Doktor gerade mein Zimmer und stellte fest, daß es leer war!

Ich mußte plötzlich laut lachen, so sehr beruhigte mich der Anblick dieser Uhr, denn ich hatte gemeint, ich müsse schon mindestens eine halbe Stunde unterwegs sein. Himmel, da war ich ja in Sicherheit! Denn bis sie, meine Mörder, mich gesucht, sich beraten und dann vielleicht herabgeeilt waren, mußte ich ja schon vor den Mauern Roms sein, und gesetzt auch, daß der Portier mich hatte davonfahren sehen und die eingeschlagene Richtung angab, so konnten diese furchtbaren Menschen immer noch nicht wissen, welches mein Ziel war. Und selbst, wenn sie dies errieten, vermuteten – aber wie sollten sie’s? –, was konnten sie mir dann noch anhaben? Mich für eine entsprungene Irre ausgeben und wieder zu sich zurückschleppen? Ach, ich weiß nicht, was für Möglichkeiten ich mir ausmalte!

Hinter der Porta Cavalleggieri drehte sich der Kutscher nach mir um. »Will die Signora mit dem Zuge um elf Uhr fünfundzwanzig Minuten fahren?« fragte er.

Ich hatte keine Ahnung, daß ein Zug um diese Zeit ging, nickte aber heftig. »Per Bacco, dann dürfen wir schon zufahren«, rief er und brachte seinen Gaul in einen Galopp, der uns stark förderte. »Die Signora hält das Fahrgeld besser bereit!« rief er mir über die Achsel zu. Ich tat, wie er gesagt, fügte der Summe auf dem Taxameter ein gutes Trinkgeld hinzu, und so erreichten wir den Bahnhof San Pietro, der ein endlos langes Stück hinter der Basilika und der fernen Kirche Santa Maria della Febbre liegt, zusammen mit dem von Trastevere einfahrenden Zuge.

Zum Glück ist die Linie nach Viterbo eine jener Nebenbahnen, die sich auf jeder Station eine gründliche Ruhepause gönnen; begleitet von dem freundlichen Grinsen des sichtlich sehr befriedigten Kutschers, rannte ich in das Stationsgebäude hinein, löste eine Fahrkarte bis Viterbo, da mir der Name der Station für Poggio Laureto in der Aufregung nicht einfiel, und stolperte mehr als ich stieg in ein Abteil erster Klasse, in dem nur noch ein Herr saß. Dann schlug der Schaffner die Tür zu, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Wie im Traume saß ich auf meinem Platz. Ich sah nichts von der Peterskuppel, die sich riesenhaft hinter den vatikanischen Gärten erhebt, fühlte nichts von dem Stoßen des alten, für die Nebenlinien ausrangierten Wagens – es flimmerte mir vor den Augen, es fing an wie Meeresrauschen in meinen Ohren zu brausen, ich hatte das Gefühl, tief, tief in einen Abgrund zu versinken, und streckte, eine Stütze suchend, die Arme aus – und kam mit einem Ruck und einem scharf brennenden Geruch in der Nase wieder zu mir: mein bisher ganz von mir unbeachtet gebliebener Mitreisender hatte mir Englisches Salz zu riechen gegeben.

»Ist Ihnen jetzt besser?« fragte er freundlich auf deutsch. »Lehnen Sie sich lieber noch etwas zurück – so ist’s recht. Und nun nehmen Sie noch diesen Tropfen Kognak. – So, nun kommt die Farbe wieder in Ihr Gesicht zurück. Sie waren einer Ohnmacht verzweifelt nahe.«

»Oh, ich danke Ihnen vielmals«, murmelte ich, meine Sinne sammelnd. »Ich – ich weiß nicht, was das mit mir war –«

»Jedenfalls die Folge einer heftigen Gemütsbewegung«, hörte ich wie aus weiter Ferne meinen Samariter sagen. »Ich sah Sie im Galopp gleichzeitig mit dem Zuge an der Station ankommen – vermutlich hatten Sie Angst, den Zug zu verpassen, und haben sich dabei etwas aufgeregt. Das Eisenbahnfieber ist tatsächlich eine sehr angreifende Krankheit.«

»Aber ich hatte ja gar nicht die Absicht, mit diesem Zuge zu fahren – das war die Idee des Kutschers«, begann ich noch etwas benommen und sah dabei zum ersten Male meinen gütigen Helfer genauer an, brach aber kurz ab; denn er war wahrhaftig kein anderer als der Herr vom Palatin, über den der Doktor mir damals einiges erzählte.

»Ja,« antwortete er mit einem leisen Lächeln, das aber seinen eigentümlich forschenden Blick nicht maskierte, »ja, wir haben einander schon gesehen – nicht wahr?«

»Vor drei oder vier Tagen auf dem Palatin.«

»Da habe ich Sie zu spät erkannt«, erwiderte er. »Wir haben schon im Hause Ihres Vaters Bekanntschaft miteinander gemacht.«

Ich machte große Augen. »Im Hause meines Vaters?« wiederholte ich zweifelnd. »In London?«

»Nein – in Berlin«, war die überraschende Antwort.

»Aber mein Vater war nie mit mir in Berlin«, widersprach ich erstaunt. »Bitte, für wen halten Sie mich eigentlich?«

»Nun, für Fräulein Matthea Linz, die einzige Tochter des leider zu früh dahingeschiedenen Großindustriellen«, erwiderte der Herr sichtlich befremdet.

Matthea – Matthea Linz! Ich sah im Geiste diesen Namen auf dem Briefe aus Deutsch=Südwestafrika stehen und verquickte ihn, ich weiß nicht warum, mit der Thea auf der Photographie im Geheimfach meines Sekretärs. Wie aber käme die Tochter des weltbekannten Stahlkönigs zu den Eckschmidts?

»Die bin ich nicht«, sagte ich.

»Nicht Matthea oder, wie ihr Name abgekürzt wurde, Thea Linz?« rief Herr Windmüller – sein Name fiel mir plötzlich ein – erstaunt aus. »Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, aber ich sah Sie doch mit eigenen Augen auf dem Palatin in der Gesellschaft Ihres Onkels und Vormundes –«

»Doktor von Eckschmidt ist weder mein Onkel noch mein Vormund«, fiel ich lebhaft ein. »Erstens heiße ich nicht Matthea Linz, sondern Dorothee von Ammerland, zweitens bin ich vierundzwanzig Jahre alt und brauche keinen Vormund mehr, und drittens bin – war ich im Hause des Doktors Eckschmidt au pair – als ›Fliege im Bernstein‹. Aber aus welchem Grunde als solche, das ist mehr, als ich sagen kann«, schloß ich, mit einem neuen Schwächeanfall ringend.

Wieder stand mir Herr Windmüller mit seinem Salz und mehr noch mit seiner Sympathie bei, denn er redete mir zu wie einem Kinde, fragte dabei nebenher, ob ich mit dem Botschaftsrat von Ammerland verwandt sei, und sagte mir, als er hörte, ich sei seine Tochter, so liebe Worte über meinen Vater – kurz, er war so nett zu mir, daß mir das Herz auf die Zunge trat und ich etwas von meinen furchtbaren Erlebnissen fallen ließ.

»Wollen Sie mir nicht alles erzählen? Es wird Sie gewiß erleichtern«, redete er mir zu. »Ich bin schon der Beichtvater in vielen solchen Fällen gewesen; denn es ist mein Beruf, die Fliegen aus dem Bernstein wieder herauszuholen, ehe sie darin ersticken. Meine Hilfe als Landsmann, als Bekannter Ihres Vaters ist vielleicht nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen, um so mehr, als Herr von Eckschmidt – er ist der Schwager von Mattheus Linz, dessen Frau die Schwester der seinigen war – mit einer kleinen Notiz versehen, bereits in meinem Gedächtnis hängengeblieben ist. Wie mir scheint, sind Sie, Fräulein von Ammerland, in seinem Hause tatsächlich in den Bernstein geraten. Im Interesse der Sache der Gerechtigkeit bitte ich Sie, mir Ihre dortigen Erfahrungen anzuvertrauen, die, wie unschwer zu sehen ist, von einer Natur sein müssen, die starke Nerven erfordert und die wohl einen Eingriff wünschenswert machen dürften.«

Nach einigem Zögern erzählte ich dem Doktor Windmüller in großen Umrissen meine Erlebnisse bei Eckschmidts und ging dabei nur auf die Schlußszene derselben, auf meine geradezu erstaunliche Rettung, näher ein. Er hörte mir sehr ernst und aufmerksam zu und sagte nur einmal halblaut »Bravo!«, als ich ihm beschrieb, durch welche List ich noch einmal mein Zimmer betreten durfte.

»Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß Sie in dem Hause der Eckschmidts die Rolle seiner Nichte und Mündel zu spielen hatten«, sagte er, als ich geendet. »Nach außen muß das ein voller Erfolg gewesen sein, denn ich würde Sie noch jetzt für Matthea Linz halten, wenn Sie mir das Gegenteil nicht versichert hätten. Zu welchem Zweck Sie aber als Dublette dieser jungen Dame verwendet wurden, bedürfte einer eingehenden Untersuchung, denn zwei Punkte läßt die Komödie oder, besser gesagt, Tragödie im dunkelsten Dunkel: Wo ist Matthea Linz hingekommen? Warum wollten Eckschmidt und seine Frau Sie in solch effektvoller Weise wieder loswerden? Ich bedauere lebhaft, daß ich heute in Viterbo zurückgehalten bin, sonst würde ich sogleich die Verhaftung des sauberen Paares wegen versuchten Mordes veranlassen.

Die übrigen Anklagen würden sich dann schon finden. Das müßte also bis morgen warten, und dann würden diese Leute kaum mehr zu finden sein, denn nach Ihrer Flucht läßt sich annehmen, daß sie keine Zeit verlieren würden, um sich aus dem Staube zu machen; vielleicht sind sie eben jetzt schon über alle Berge. Was ja freilich die Verhaftung nicht verhindert, sondern nur aufschiebt. Ich werde sofort von Viterbo telephonieren, daß das Haus und die Bewegungen der Eckschmidts beobachtet werden, was noch in meiner Macht liegt; für schärfere Maßregeln muß ich schon persönlich erscheinen. – Und wo wollen Sie jetzt hin, Fräulein von Ammerland? Ich nehme an, daß Ihre Gegenwart in diesem Zuge nicht nur das Ergebnis der durchlebten Todesangst und der Sehnsucht nach der ersten besten Zufluchtsstätte ist.«

»Die Herzogin von Poggio Laureto hat mir gesagt, ich solle mich an sie wenden, wenn ich jemandes Hilfe bedürfe; das fiel mir ein, und darum ließ ich mich nach der Station San Pietro fahren«, erklärte ich. »Ich habe aber in der Aufregung den Namen des Ortes vergessen, wo ich aussteigen muß.«

»Ronciglione ist die Station für Poggio Laureto«, rief Doktor Windmüller. »Da müssen Sie beim nächsten Halt heraus, denn wir fahren ja eben in Bracciano ein.«

Die kurze Zeit, die uns noch blieb, benützte mein neuer, gütiger Freund, um noch einige Einzelheiten von mir zu erfahren; dann hielt der Zug in Ronciglione, und ich stieg mit klopfendem Herzen aus, weil mir jetzt doch recht schwer aufs Gemüt fiel, daß ich eigentlich im Begriff war, einen recht peinlichen Schritt zu tun: fremde Menschen um ein Obdach zu bitten! Selbst wenn sie noch so freundlich geboten werden, sollte man solche Aufforderungen nicht immer buchstäblich nehmen, und dessen eingedenk stand ich lange unschlüssig auf dem kleinen Bahnsteig und überlegte, ob ich nicht doch lieber mit dem nächsten Zuge nach Rom zurückkehren und um Aufnahme in Trinitá de’Monti bitten sollte. Auf einem Hügel östlich der Station sah ich ein kastellartiges Schloß liegen und fragte mich, ob Poggio Laureto wohl jenseits desselben zu suchen sei, und dann trieb es mich doch hinein in das kleine Stationsgebäude, wo ich fragte, ob ich mich telephonisch mit Poggio Laureto verbinden lassen könnte.

Eine männliche Stimme erwiderte dann meinen Anruf und erklärte, daß es der Hausmeister sei, der mit mir spreche, worauf ich bemerkte, ich müsse unbedingt der Herzogin selbst sagen, was ich wünsche worauf eine lange Zeit verging, bis ich die Stimme der Mutter Don Ferrandos durch den Empfänger hörte.

»Hier Dorothee von Ammerland«, sprach ich auf englisch in den Apparat, denn der Beamte, in dessen Zimmer das Telephon sich befand, stand neben mir. »Sie hatten die Güte, mir zu sagen, ich möchte mich im Falle der Not an Sie wenden. Ich bin eben einer furchtbaren Gefahr entflohen und frage nun, ob es zu unbescheiden ist, Sie beim Worte zu nehmen.«

»Sie haben recht daran getan«, kam es ohne Zögern zurück. »Warten Sie auf der Station, ich werde Ihnen sofort den Wagen schicken.«

»Es kam eine große Ruhe über mich, als ich auf einer Bank im Schatten des Stationsgebäudes saß und wartete; die Ruhe, die das Bewußtsein gibt, einen Hafen der Sicherheit nach einem unerhörten Sturm erreicht zu haben. Freilich zitterten noch alle Nerven in mir, es war alles so unsagbar unwahrscheinlich, was ich erlebt: daß ich hier in diese reizende, friedliche Landschaft in idyllischer Stille hinausblickte, statt mit für immer geschlossenen Augen und starren Gliedern im Palazzo Roccasanta zu liegen. Und nun wußte ich auch, daß die Ammonatrice mir den Weg zur Rettung zeigen gewollt, und warum ich entgegen meiner gewohnten Offenheit gezwungen worden war, die Entdeckung des geheimen Ganges zu verschweigen!

Nach wenig mehr als einer halben Stunde rollte eine leichte, offene Viktoria, mit zwei schönen Grauschimmeln bespannt, auf die Station zu, und die Herzogin saß darin; sie war selbst gekommen, mich zu holen, und ich hatte der Gütigen leere Redensarten zugetraut! Sie winkte mir schon von weitem und zog mich gleich zu sich in den Wagen hinein und umarmte mich mit einer Zärtlichkeit, die mir die hellen Tränen in die Augen trieb und mich fast um meine künstlich aufrechterhaltene Fassung brachte.

»Gleich umdrehen und nach Poggio Laureto zurück!« befahl sie dem Kutscher. »Das Gepäck lassen wir durch das Break holen.«

»Ich habe kein Gepäck – nichts als mit knapper Not das nackte Leben habe ich mitnehmen können«, erklärte ich mit zuckenden Lippen.

Und so fuhren wir denn davon, dem Hügel mit dem großen Schlosse zu, und unterwegs erzählte ich meine unerhörte Geschichte teilnehmenden Ohren und erhielt die Versicherung, daß ich geborgen sei.

»Die Ammonatrice!« flüsterte die Herzogin, als ich ihr nochmals die Entdeckung des geheimen Ganges beschreiben mußte.

»Ja, die Ammonatrice! Und dabei gehöre ich doch nicht zur Familie!« sagte ich mit einem Versuche zum Scherzen.

»Sie kommt nie zu Fremden«, meinte die Herzogin mit einem Lächeln, das ihr zwar sehr gut stand, mir aber trotz seiner Unverständlichkeit ein sehr wohliges Gefühl verursachte.

Ich übergehe meinen Einzug in das wunderbarste Schloß, das ich noch je betreten, auch meinen Empfang durch Don Ferrando; es schien ganz und gar selbstverständlich, daß ich gekommen, daß ich dort war. Aber dann zeigte sich’s doch, daß ich dem Sturm nicht voll gewachsen gewesen, denn gegen Abend stellte sich Fieber ein, und dann lag ich länger als eine Woche in wilden Phantasien, in denen ich mich verzweifelt gegen den Doktor mit seiner furchtbaren Nadel wehren mußte, und mit der ganzen Kraft meiner Jugend kämpfte ich mit dem Todesengel, um schließlich doch noch zu siegen. Vielleicht hätte ich’s allein nicht zuwege gebracht, dem Allüberwinder zu entgehen, wenn nicht ein anderer so heiß um mein Leben gebetet hätte, daß Gott ihn erhörte; denn als ich zum ersten Male mein Zimmer mit dem herrlichen Blick ins Tal, über den See von Bracciano und über die Campagna bis ans Meer wieder verließ, da erwartete mich hinter der Tür Don Ferrando und trug mich mehr, als er mich führte, in das Zimmer seiner Mutter, die aber nicht darin anwesend war. Er geleitete mich zu einem Sessel am Fenster, und als ich darin saß, umarmte und küßte er mich, als wäre das die natürlichste Sache von der Welt.

»Jetzt trennt uns nichts mehr!« sagte er mit vollster Überzeugung. Ich war noch viel zu kraftlos, um mich gegen eine solche Eigenmächtigkeit mit Energie zu wehren, aber ich sagte doch mit einem Schatten meiner vormaligen Selbständigkeit: »Aber Don Ferrando! Was fällt Ihnen denn ein?«

»Rando werde ich in der Familie genannt«, berichtigte er lachend und – küßte mich wieder. »Geliebteste,« fuhr er weich fort, »es hat keinen Wert, uns mit Redensarten diese schöne Stunde zu verkürzen. Ich liebe dich, seitdem ich dich samt deiner blonden Haarpracht bei Tante Aquilabianca zum Tanze geführt, und du – du hast, wie meine gute Mutter mir sagte, in deinen Fieberphantasien beständig nach einem gewissen Don Ferrando gerufen und im selben Atem versichert, daß du nie heiraten würdest, weil du besagtem Don Ferrando entsagen müßtest. Ich weiß zwar nicht, warum, aber darauf kommt es wohl jetzt nicht mehr an – nicht wahr, Dorothea mia?«

»Sehr kommt es darauf an!« raffte ich mich zu einem möglichst energischen Protest auf. »Ich bin nämlich ein armes Mädchen – oh, ich brauche nicht zu hungern oder mir mein Brot zu verdienen, aber eine Partie für den Herzog von Poggio Laureto bin ich nicht.«

»Darüber hat der Herzog von Poggio Laureto ganz allein zu entscheiden«, belehrte Rando mich lachend. »Er hat nämlich genug für zwei.«

»Aber –« wandte ich ein, wurde jedoch rücksichtslos unterbrochen.

»Ich weiß schon, was du sagen willst: Warum vermietest du dann Wohnungen in deinem Hause in Rom? Carissima, diese Tatsache habe ich noch vor drei Wochen für eine blödsinnige Idee meines Verwalters gehalten, der durchaus aus den unbenützten Räumen Kapital schlagen will. Jetzt halte ich diesen ökonomischen Gedanken des braven Mannes für eine Fügung des Schicksals. Denn du bist in diese Wohnung gekommen, sie hat dich mir in den Weg und an mein Herz geführt. Außerdem hat die Ammonatrice dich heimgesucht, weil sie dich schon zur Familie rechnete. Du wirst hoffentlich nicht so unhöflich sein, die freundliche Warnerin eines Irrtums überführen zu wollen!«

Ich habe nun freilich die Erfahrung gemacht und nahezu mit dem Leben bezahlen müssen, daß Höflichkeit nicht immer eine unbedingte Pflicht zu sein braucht; gegen die Ammonatrice aber wollte ich sie denn doch nicht verletzen, dazu verdankte ich ihr gar zu viel. Ich gestand dies Rando etwas kleinlaut ein und ergab mich mit einem wunderbaren, alles verklärenden Glücksgefühl im Herzen in mein Schicksal. – – – – – – – – – – – – – – – – –

Erst später, als ich wieder viel, viel kräftiger war, überwand ich mich zu der Frage, was aus Eckschmidts geworden sei. Rando und seine Mutter behaupteten zwar, dieses Thema habe noch Zeit, ich würde diese Menschen nie wiedersehen und täte am besten, die Erinnerung an diese Episode meines Lebens endgültig zu vergessen. Aber so gern ich auch diesen guten Rat zu befolgen hoffte, so wenig wollte ich dabei doch auf die Lösung des Rätsels meines Daseins als ›Fliege im Bernstein‹ verzichten.

»Ich fürchte, diese ganze Angelegenheit wird für immer ein ungelöstes Rätsel bleiben«, erwiderte Rando. »Es war nämlich bisher unmöglich, eine Spur von deiner Doppelgängerin Matthea Linz zu finden, trotzdem Doktor Windmüller den Fall im Interesse der großen Erbschaft übernommen hat, die noch vor Jahresschluß ihrer Besitzergreifung durch jene entgegensieht. Dein Wunsch, den Ausgang der Eckschmidts zu erfahren, ist übrigens ganz begreiflich; ich sehe auch jetzt keinen Grund mehr ein, dir den Schlußakt im Palazzo Roccasanta vorzuenthalten. – Windmüller hat also, nachdem er in Viterbo angekommen war, an die Polizeibehörde in Rom telephoniert, worauf eine Bewachung unseres Hauses und des Eckschmidtschen Ehepaares sofort angeordnet wurde. Es waren freilich schon fast drei Stunden nach deiner Flucht vergangen – Zeit genug also, um das Haus, die Stadt zu verlassen. Indes schienen die Eckschmidts keinen Gebrauch davon gemacht zu haben, denn der Portier, der dich übrigens nicht hat fortgehen sehen, erzählte dem Geheimpolizisten, der sich ihm als solcher zu erkennen gab, daß seine Frau wie gewöhnlich das Essen hinaufgeschickt habe, und daß dem Zimmermädchen gesagt worden sei, die Herrschaften würden das Abendessen nicht im Hause nehmen; die Signorina sei ausgegangen. Daß Eckschmidts das Haus seitdem nicht verlassen hatten, bestätigte auch die Filomena, denn ohne daß sie aufschließt, kann niemand hinaus; das vordere Portal sei gleich nach Beendung der Kehrarbeit des Portiers wieder mitsamt der Glastür der Halle verschlossen worden, die vorgeschobenen Riegel am Portal bewiesen zum Überfluß, daß niemand auf diesem Wege hinausgekommen war. Der Geheimpolizist wollte trotzdem Gewißheit haben und schickte den Portier mit irgendeiner Frage hinauf; ich glaube, er sollte fragen, ob der Herr Doktor etwas für den Schuster mitzunehmen habe, dessen er tags zuvor erwähnt.

Der Mann kam mit der Nachricht wieder, daß der Doktor ihm selbst geöffnet und sich mit gewohnter Höflichkeit für die Mühe bedankt habe. Die Vögel waren also noch im Nest, und das Haus wurde weiter bewacht. Aber weder Doktor Eckschmidt noch seine Frau gingen aus, bestellten auch das abbestellte Abendessen nicht wieder, und auch in der Nacht wurde kein Versuch zur Flucht gemacht.

Als aber das Zimmermädchen am folgenden Morgen nach dem Frühstück hinaufging, fand sie die Tür der Anticamera verschlossen und erhielt auch auf wiederholtes Klopfen keinen Einlaß. Sie meldete das dem Portier, der den Geheimpolizisten herbeirief; gleichzeitig traf auch Doktor Windmüller mit der Vollmacht zur Verhaftung des Paares ein, und begleitet von dem Portier stiegen sie nach der Eckschmidtschen Wohnung empor und sprengten dort, nach mehrfachen vergeblichen Aufforderungen zum Öffnen, die Tür. In der Anticamera standen die Türen zum Studierzimmer und in diesem die zum Salon weit geöffnet; ein Blick genügte, um sich zu vergewissern, daß niemand in diesen Räumen war. Windmüller wandte sich also zum Schlafzimmer, machte die Tür in dasselbe ohne weiteres auf und sah mit einem Blick, daß die Gesuchten der irdischen Gerechtigkeit freiwillig entronnen waren. Der Doktor und seine Frau lagen auf ihren Betten mit weit offenen, verglasten Augen – starr und tot. Sie mochten schon mit Einbruch der vergangenen Nacht aus dem Leben geschieden sein.

Über die Todesursache hätten alle Ärzte der Welt sich den Kopf zerbrechen und dennoch nur das seltsame Zusammentreffen eines doppelten Herzschlages bescheinigen können; im Handgelenk des Doktors aber steckte eine gewöhnliche Stecknadel mit Glaskopf, und eine kleine, enge Glastube lag auf dem Boden neben dem Bett.

Nach allem, was wir von dir, liebe Dorothee, wissen, was der Doktor selbst dir über die Eigenschaften dieser Nadel gesagt, war die Lösung des Rätsels keine unmögliche mehr. Windmüller hat die Nadel an sich genommen und sorglich verwahrt. Und die Ursache dieses tragischen Endes? Nun, das Spiel, welches immer es auch gewesen sein mag, war verloren – verloren, wie es scheint, durch deine Flucht, und die beiden haben den freiwilligen Tod dem rächenden Arm der irdischen Gerechtigkeit vorgezogen. Unter den Papieren des Doktors fand sich kein Aufschluß, keine Lösung des Rätsels; nur belanglose archäologische Notizen und viel Asche von verbrannten Papieren im Kamin. Und so wird, falls Thea Linz nicht wieder auftaucht, wohl niemals ans Licht kommen, zu welchem Zweck sie dich benützen und in ihrer Wohnung haben töten wollen; denn von dort einen Körper heimlich herauszuschaffen, wäre ja eine gänzliche Unmöglichkeit gewesen, falls sie den geheimen Gang nicht gekannt haben. Selbst angenommen, sie hätten nur eine Komödie aufgeführt, um dich wirkungsvoll aus dem Hause zu treiben –«

»Ich danke«, fiel ich Rando mit einem Schauer in die Rede. »Für eine Komödie war mir die Sache doch zu realistisch, und wenn du die Augen von der Frau gesehen hättest, wie sie ihrem Gatten: Gib mir die Nadel! zurief, dann würdest du mir zugeben, daß alles bitterer Ernst war. Und dieser Frau hatte ich tags zuvor erst mit eigener Gefahr das Leben gerettet!«

»Davon hast du uns ja bisher noch gar nichts gesagt«, sagte Rando, als ich stockte, denn es war mir nur so herausgeschlüpft. »Du mußt uns das noch erzählen. Ich meinte also: Selbst angenommen, Eckschmidts hätten eine Komödie mit dir aufgeführt, um dich loszuwerden, so hätten sie sich sagen müssen, daß du, du gerade, dich nicht zitternd verkriechen und die Sache mit Stillschweigen übergehen würdest. Es ist aber möglich, daß sie dieses Stillschweigen noch von dir zu erpressen wünschten, wozu es durch deine Flucht nicht mehr kam. Kurz und gut – Motiv und Lösung des Rätsels sind in ein noch undurchdringliches Dunkel gehüllt, das ja nur dann teilweise gelüftet werden könnte, wenn Thea Linz aus ihrer Verborgenheit hervortritt. Sie hat, wie ich schon sagte, die Wohnung in meinem Hause, auf ein Jahr gemietet und im voraus bezahlt; diese Frist geht mit dem laufenden Kalenderjahr zu Ende. Fräulein Linz ist Anfang Juni mit ihrem Vormund und dessen Frau von Rom abgereist, um in Deutschland ein Bad zu besuchen, und wollte Anfang September zurück kehren. Wir wissen nun, daß du, Dorothee, statt ihrer mit Eckschmidts nach Rom kamst. Was ist aus ihr geworden? Wo ist sie hingekommen? Die Tochter von Mattheus Linz, dem Stahlkönig, ist keine Person, die spurlos verschwinden kann, denn Hunderte kennen sie und würden sie allerorts wiedererkennen, und doch ist sie bis jetzt nirgends gesehen worden. Daß der Doktor und seine Frau Fräulein Linz erm – ich meine, ihr etwas zuleide getan haben sollten, scheint darum schon ausgeschlossen, weil diese Vormundschaft eine Goldgrube für ihn war; denn nicht nur, daß er für die Dauer der Minderjährigkeit jährlich eine hohe Summe zum standesgemäßen Unterhalt seiner Mündel bezog und daß diese Reisen und so weiter noch besonders vergütete – nein, eine sehr anständige Belohnung stand dem Doktor auch noch nach beendeter Vormundschaft in Aussicht, die ihm nur dann entgangen wäre, wenn Fräulein Linz minderjährig starb oder sich verheiratete. Es hätte demnach einzig und allein in seinem Interesse gelegen, eine Heirat seiner Mündel bis zu ihrer Volljährigkeit zu verhindern, nicht aber sie beiseite zu schaffen, wodurch er ja ganz das Nachsehen gehabt hätte.«

»Aber der Ring!« wandte ich ein. »Wie kamen Eckschmidts zu dem Ringe von Thea Linz?«

»Welcher Ring?« fragte Rando und seine Mutter gleichzeitig, und nun fiel mir erst ein, daß ich den Ring mit dem Chiastolith ja ganz vergessen hatte! Vergessen, ihn Eckschmidts beim Abschied zurückzugeben, vergessen, Herrn Windmüller und meinen Lieben hier von ihm zu erzählen, so einen vielleicht sehr wichtigen, stummen Zeugen unterdrückend, über den Frau von Eckschmidt mich auf dem Ausflug nach Tivoli so augenscheinlich zu täuschen versucht hat.

Ich holte also den Ring aus meinem Zimmer und erzählte meinem Verlobten und seiner Mutter, wie ich in den Besitz des Schmuckstückes gekommen, wie die Filomena ihn als den der Nichte des Doktors wiedererkannt und wie ich ihn auf der Photographie jener Thea wiedergefunden hatte, von der wohl kein Zweifel mehr war, daß sie das Porträt von Thea Linz sein mußte.

»Hätte ich mein Tagebuch, so könnte ich alle diese scheinbaren Nebensächlichkeiten, die ich zum Zeitvertreib darin aufgezeichnet, und die vielleicht Glieder zur Kette dieser Rätsel bilden, besser erzählen, denn es ist mir doch vieles davon entfallen!« rief ich aus.

»Aber hast du denn dein Tagebuch nicht mitgenommen! Ist es nicht in deinem Koffer?« fragte meine zukünftige Schwiegermutter, die mich anfangs aus ihrer eigenen Garderobe mit allem Nötigen versehen hatte.

»Wir haben dein Gepäck doch gleich aus dem Palazzo Roccasanta holen lassen, und dein Koffer wurde unter meiner Aufsicht ausgepackt; ein Tagebuch war aber nicht darin.«

»Nicht darin?« wiederholte ich erstaunt. »Natürlich nicht, denn sonst hätte ich es ja längst finden müssen; mein Kopf scheint doch noch recht schwach zu sein. Halt – ich hab’s! Es ist in meiner Reisetasche! Ich weiß jetzt, daß ich es eigentlich habe mit mir nehmen wollen, als ich dachte, das Haus auf dem regelrechten Wege zu verlassen, steckte es aber im letzten Augenblick noch zu meinem Schmuck und zu all dem, was ich in den Koffer nicht mehr hineingebracht hatte, in die Tasche, die ich natürlich verschloß.«

»Oh, die Reisetasche habe ich in meine Verwahrung genommen«, fiel Rando ein. »Ich dachte mir gleich, daß deine Pretiosen darin sein könnten, habe sie darum an mich genommen und dann auch vergessen. Unsere Köpfe haben einander also nichts vorzuwerfen.«

In der Tasche, die ich bisher noch gar nicht vermißt hatte, fand ich denn auch mein Tagebuch vor und in ihm – des ganzen Rätsels Lösung. Denn als ich es aufschlug, sah ich zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß meiner letzten Eintragung am Abend des 25. Septembers eine mir fremde Handschrift folgte – kleine, runde, wohlgeformte Buchstaben, die alle einzeln standen und nicht wie gewöhnlich das Wort in einem Zuge bildeten. Die Unterschrift auf der letzten Seite »Kasimir von Eckschmidt« klärte mich über diesen unerwarteten Zusatz zu meinem Tagebuch, das ich immer so sorgfältig verborgen, auf. Was mich im ersten Augenblick mit Recht empörte, war aber, wie gesagt, des Rätsels Lösung und lautete, wie folgt:

Rom, 26. September.

Sehr liebe und teure Thea – nein, ich will für einmal Ihren Wunsch erfüllen und schreibe: Sehr liebe und teure Dorothee!

Das Spiel ist aus. Meine Frau, die immer der leitende und in seinen Berechnungen selten irrende Geist in unseren Unternehmungen war, hat mit Ihnen den großen, einzigen Irrtum ihres Lebens begangen und auf mich nicht hören wollen, als ich ihr gleich am Anfang, nachdem wir Ihre denkwürdige Bekanntschaft gemacht, warnend sagte: »Sie ist durch ihre merkwürdige Ähnlichkeit mit Thea Linz eine große Versuchung, aber lassen wir sie laufen, denn sie ist zu klug!«

Meine Frau wollte das aber nicht gelten lassen und meinte, wir beide wären Ihnen, einem so jungen Dinge, das von den Schattenseiten des Lebens keine blasse Ahnung hätte, zehnmal überlegen, und so träufelte sie in mein nicht ganz unwilliges Ohr das Gift ihres kühnen Planes. Wer war’s doch, der gesagt hat: Es ist immer Adams Rhetorik, die Schuld auf andere zu schieben? Nun, es liegt mir fern, mich besser zu machen, als ich bin, aber was Ihre Mitwirkung, meine liebe Dorothee, bei dieser Sache anbelangt, so trägt meine Frau allein die Verantwortung dafür; indes, ich war einverstanden, wenn auch erst nach einiger Überredung, und darum will ich mein Teil auf mich nehmen und nicht murren.

Ehe ich Ihnen aber erzähle, ›wies kam‹ – denn diese Erklärung bin ich Ihnen schuldig – muß ich Ihnen meine ungeheuchelte Bewunderung aussprechen über Ihren Meistergeist, mit dem Sie uns alten, mit allen Hunden gehetzten Intriganten das Spiel durchkreuzt haben! Liebe Dorothee, ich mache Ihnen mein Kompliment! Habe ich Sie schon vordem ob Ihrer Schönheit, Ihrer Bildung und Ihrem Temperament bewundert, so sage ich heute ohne Übertreibung, daß ich mich vor Ihnen beuge, Sie anbete! Und da es mir leider versagt sein wird, Ihnen dies von Mund zu Mund zu erklären, so wähle ich diesen Weg in Ihrem eigenen Tagebuch, das Modesta und ich so lange, so emsig, so sehnsüchtig gesucht haben. Denn wir sahen Sie abends immer durch die Vermittlung des Schlüsselloches eifrigst in ein Heft schreiben und vermuteten mit allem Recht, daß es ein Tagebuch sei. Wären Sie ein Gänschen von der allbekannten Sorte, dann hätten wir keine Sehnsucht nach Ihren Ergüssen gespürt; da Sie aber eine kluge und scharfsichtige junge Dame sind, so brannten wir einfach auf diese interessante Lektüre, brannten um so mehr darauf, als Sie das Heft so gut zu verbergen verstanden. Es mußte uns demnach sehr nahe angehen, Beobachtungen enthalten, die zu wissen uns ungemein wertvoll waren, es lag in unserem Lebensinteresse, Kenntnis davon zu nehmen. Trotzdem bitte ich aber um Ihre Verzeihung für unsere notgedrungene Indiskretion, über die Sie sich ja übrigens so scharf ausgelassen haben, daß ich meiner Frau nur einen Auszug davon mitteilen konnte, denn es müßte ja diesen Meistergeist, wie Sie gleich im Anfang meine Modesta so treffend nannten, schwer beleidigen, ihre Handlungen im Interesse unserer guten Sache so rücksichtslos verurteilt zu wissen.

Aber darum keine Feindschaft, liebe, kluge Dorothee, die mir selbst in der Schlußszene unseres Spiels noch ein heimliches Bravo der Bewunderung entlockt und mich zum verhängnisvollsten Fehler meines Lebens – der Ihnen bewilligten Galgenfrist – verführt hat, wennschon ja mancher Zug in Ihnen, wie zum Beispiel die Verheimlichung des geheimen Ganges, mehr fein entwickelter Instinkt als Klugheit oder kühle Überlegung genannt werden muß.

Es ist wirklich wunderbar, wie feinbesaitet die menschliche Seele ist. Die Ihrige möchte ich mit einer Äolsharfe vergleichen, über die der Hauch unserer Pläne ahnend strich, und sie, für Ihr eigenes Ohr unhörbar, leise erklingen ließ.

Was nun meine eigene Unzulänglichkeit betrifft, für die Sie, liebe Dorothee, so scharfe, aber wiederum auch so wehmütige Worte gefunden haben, so muß ich Ihnen schon sagen, daß meine höheren Instinkte doch nicht ganz so erloschen sind, wie Sie jetzt wahrscheinlich noch mehr annehmen werden, als in Ihrem Tagebuch geschrieben steht. Ich war dereinst wirklich ein ›Gentleman‹, und die Erinnerung klingt oft noch in mir nach; ich lausche dieser fernen Stimme mit Wehmut und Sehnsucht im Herzen und kann das verklungene Lied doch nicht mehr wiederfinden.

Die niedrigen, gemeinen Sorgen des Daseins, die verschämte Armut, die Gemeinschaft mit einer sehr klugen, aber des Rechtsbewußtseins vollständig entbehrenden Lebensgefährtin haben aus mir gemacht, was ich heute bin. Ist das wieder ›Adams Rhetorik’? Nein, es ist die reine Wahrheit, die für mich nach und nach zu einem solchen Luxus geworden ist, daß ich sie nicht mehr erschwingen konnte. Ich war schon zu einer vielversprechenden Lebensstellung als Philologe emporgestiegen, als ich Modesta Taistrczinska kennenlernte und, von ihrer damals wahrhaft dämonischen Schönheit berückt, unüberlegt heiratete. Sie selbst haben ja noch die Spuren ihrer Schönheit in ihren Augen gefunden; ihr gleichfalls von Ihnen bemerkter allzu voller, aber dafür festgeschlossener Mund war in ihrem zu jener Zeit schmalen Gesicht von unendlichem Reiz. Modestas Schwester war damals schon mit dem wohlhabenden Hüttenbesitzer Mattheus Linz verheiratet, der sich in der Folge zum ›Stahlkönig‹ emporarbeitete; von ihm erhofften wir so manche Unterstützung, denn das Gehalt eines Gymnasiallehrers gestattet keine allzu großen Sprünge, und Modesta war ehrgeizig und liebte den Luxus. Mein Schwager aber gehörte zu jenen Leuten, die nichts von Geschobenwerden halten; er verlangte auch von anderen, daß sie sich aus eigener Kraft vorwärtsbringen.

Meine Frau veranlaßte mich aus vielleicht zu großer Überschätzung meiner Begabung, die Gymnasiallaufbahn mit der Universität zu vertauschen. Ich stand mich aber als Privatdozent schlechter als vorher. Die erhoffte Beförderung zum Professor blieb aus – aber was soll ich Sie mit all diesen Dingen langweilen? Das Ende vom Liede war, daß wir uns enttäuscht mit einer kleinen Erbschaft, die meine Frau gemacht, in eine billige Stadt zurückzogen und dort schlecht und recht lebten – offen gesagt, mehr schlecht als recht.

Meine Frau versteht es besser als ich, den Leuten ›beizukommen‹, und dieser Begabung verdankten wir’s nach manchen Kämpfen und Mätzchen, daß man uns – Kleinstädter sind mißtrauischer und unzugänglicher als Großstädter – in die geheiligten Kreise der Honoratioren von P. aufnahm, denen ich Vorträge hielt, während meine Frau sich mit Feuereifer in dem Frauenverein nützlich machte und es auch erreichte, daß man ihr ein Ehrenamt dabei übertrug, bei dem viel Geld durch ihre Hände lief und – gelegentlich daran hängenblieb. Das ist nicht etwa so zu verstehen, daß sie den Verein bestohlen hätte – bewahre! Aber sie wußte manch hübsches Sümmchen für ›verschämte Arme‹ herauszuschlagen, und niemand ahnte, daß wir’s selbst waren. Ich war im Anfang, vermöge des noch nicht ganz schlafengegangenen Gentlemans in mir, sehr gegen diese ›Marktgroschen‹, aber was wollen Sie? Der Mensch wird mürbe beim Entbehren und vom geistigen Hunger schwach. In P. kam man sich vor wie eine Kuh, die statt auf die grüne Weide auf ein Stoppelfeld getrieben wird und dort ›grasen‹ soll! Ich brauchte Bücher, um geistig nicht einzuschlafen, na, und so weiter. Nicht unerwähnt darf ich lassen, daß ich wegen eines lumpigen Wechsels in Verdacht bei meinem Schwager geriet, der, heftig wie in allem, auch hier gleich aus dem Häuschen kam und die den elenden Wechsel weit übersteigenden Kosten nicht scheute, den berühmten Windmüller zu konsultieren. Daher meine Bekanntschaft mit diesem Manne, die aber in Wohlgefallen zerfloß, als mein Schwager durch die Beweisgründe meiner Frau einsah, daß er mir unrecht getan, und mir dafür eine glänzende Rehabilitierung verhieß. Was Doktor Windmüller glaubt, darüber habe ich kein Urteil; es war mir aber schon lieber, ihm aus dem Wege zu gehen, und sein Erscheinen auf dem Palatin war mir fatal. Recht fatal, liebe Dorothee!

Diese Rehabilitierung kam schneller, als wir gedacht, denn mein Schwager starb uns allen ganz unerwartet; seine Frau war ihm schon vorangegangen, und in seinem Testament hatte er mich zum Vormund seiner einzigen Tochter Matthea, gewöhnlich Thea genannt, berufen!

Da Thea bei uns wohnen sollte, mieteten wir eine kleine, möblierte Villa am Genfer See, wo dieses verwöhnte Kind des Glückes ihre erste Trauerzeit zu verleben wünschte. Nun, wir hatten uns immer gut mit ihr gestanden und lebten ganz harmonisch zusammen – das Gegenteil wäre auch sehr gegen unser Interesse gewesen. Als dann der Herbst zu Ende ging, bekam Thea das Reisefieber und gab die Parole ›Rom‹ aus, wo sie die Laune hatte, in einem alten Feudalpalast wohnen zu wollen. Das hatte keine Schwierigkeiten. Der Agent, an den ich mich wendete, empfahl den Palazzo Roccasanta. Auf Theas Namen wurde dort für ein Jahr gemietet. Damals waren alle Türen nach dem Korridor zugänglich, denn wir hatten die Schlüssel noch nicht abgezogen und verwahrt wie bei Ihrer Anwesenheit, und den großen Garderobeschrank in Ihrem Zimmer noch nicht vor die dahinterliegende Tür rücken lassen, die selbst Ihrer Klugheit, Ihrem Spürsinn entgangen ist.

Wir blieben bis Anfang Juni in Rom und reisten dann mit Thea nach Norderney ab, wo sie die Seebäder nehmen und ihre neuen Toiletten ihren zahlreichen Bekannten zeigen wollte. Da sie jedoch alle diese Extrasprünge auch aus ihren fürstlichen Nadelgeldern bezahlte, so sprangen wir ohne Murren mit.

Wir kamen aber nicht bis Norderney. Unterwegs – wo, ist ja für Sie gleichgültig – wurde Thea krank, klagte über starke Schmerzen beim Atemholen, wollte aber durchaus weiterreisen, trotzdem wir alles aufboten, sie zurückzuhalten und ärztlicher Behandlung zu unterwerfen. Thea war ein sehr eigensinniger Charakter; vielleicht auch trieb sie eine gewisse Unruhe weiter, wie sie manche Menschen kurz vor ihrem Ende befällt – ich glaube bestimmt, daß es so war. Kurz, auf der letzten, langen Strecke wurde ihr Zustand höchst bedenklich, und nachdem wir sie soweit hatten, daß sie einwilligte, auf der nächsten Station haltzumachen, verlor sie die Besinnung, und wir standen vor der traurigen Gewißheit, daß sie rettungslos verloren war.

Ach, meine liebe Dorothee, der Mensch in seiner Unzulänglichkeit ist ein trauriges Geschöpf! In das Mitleid mit unserer Nichte mischte sich sofort der Gedanke an den materiellen Verlust, der uns drohte, an die gute Zeit, die uns durch die noch an zwei Jahre dauernde Vormundschaft erwartete – Thea sollte ihres enormen Erbes wegen erst mit vierundzwanzig Jahren mündig werden – dann an die Belohnung, die ich nach dieser Frist erhalten sollte, kurz, an das Ende unserer Sorgen! Meine Frau stand aber dort in dem Eisenbahnabteil, das wir natürlich ganz genommen, angesichts ihrer leiblichen, bewußtlos ausgestreckten Nichte, wie immer, auf der Höhe der Situation; die Aussicht auf die vor ihren Blicken schwindenden fetten Jahre und auf die drohenden mageren schärfte ihr Gehirn zu einem kühnen Plan, auf den sie ein in unserem Gepäck befindliches braunes Heftchen gebracht.

Zum näheren Verständnis muß ich hier einschalten, daß wir in Rom, kurz vor unserer Abreise, den Besuch einer nicht mehr ganz jungen Dame, einer Bekannten aus den Universitätstagen, der wir zufällig auf der Straße begegnet waren, erhalten hatten. Als sie uns im Palazzo Roccasanta aufsuchte, war sie im Begriff, am nämlichen Abend noch nach der Heimat zurückzukehren. Längst, nachdem sie uns wieder verlassen und schon unterwegs war, entdeckten wir, daß sie ihren Reisepaß bei uns verloren hatte; sie mochte ihn mit etwas anderem aus ihrer Handtasche unbemerkt herausgeworfen haben. Diese modernen Handtaschen, liebe Dorothee, scheinen wirklich zu keinem anderen Zweck Mode geworden zu sein, als aus ihnen das Wichtigste zu verlieren und sie überall liegenzulassen!

Nützen konnte unserer Bekannten der Paß ja nun nichts mehr; ich nahm ihn also in Verwahrung, um ihn gelegentlich zurückzugeben, wozu sich in Norderney die Gelegenheit gefunden hätte, da sie uns gesagt, sie wolle diesen Badeort auch zu der Zeit aufsuchen, in der wir dort weilen wollten.

Erraten Sie, welches der Plan meiner Frau war? Im äußersten Falle wollte sie unsere Nichte mit dem Paß identifizieren. Das hätte keine Schwierigkeiten gehabt, denn Sie kennen ja die Personalbeschreibungen der Reisepässe. Auf sie können hundert Personen reisen.

Und der Zweck? Lieber Himmel, es war ja für uns vom größten Interesse, Thea am Leben zu erhalten, und am Leben sollte sie bleiben, wenn auch nur im idealen Sinne. Wenn wir nach der Katastrophe in entfernte Gegenden verdufteten, wo man nicht fürchten mußte, Bekannte zu treffen – wer hätte uns nachweisen können, ob Thea mit uns war oder nicht? Zum gegebenen Zeitpunkte wären wir dann aufgelöst in Sorgen allein zurückgekommen mit der traurigen Mär, daß Thea uns heimlich verlassen hätte und unauffindbar sei!

Natürlich war der Plan für diesen letzten Akt noch nicht spruchreif, denn selbst der Kopf meiner Frau konnte nicht gleich an alles denken; aber wir trauten uns zu, die richtige glaubwürdige Wendung schon zu finden.

Das Schicksal, oder wie Sie es nennen wollen, griff für uns ein, denn statt bis zur nächsten Station zu gelangen, blieben wir wegen eines versperrten Gleises vor einem kleinen Städtchen liegen, das eigentlich nur ein großes Dorf war, und hatten die frohe Aussicht, bis zur Beseitigung des Hindernisses mehrere Stunden auf die Weiterreise warten zu müssen.

Humanität, verwandtschaftliche Bande und persönliches Interesse – Sie sehen, ich nenne dieses zuletzt – geboten uns, Thea hier die lange schon verzögerte Pflege angedeihen zu lassen. Die Kranke wurde aus dem Zuge in das einzige Gasthaus des Ortes geschafft und der Behandlung des Landdoktors anvertraut, der den Fall sofort als eine schwere Lungenentzündung erkannte und wenig Hoffnung gab.

Theas Eigensinn oder Unruhe, wie man es nennen will, wurde verhängnisvoll für sie; sie starb noch in derselben Nacht, ohne die Besinnung wiedererlangt zu haben, und wurde ohne Schwierigkeiten auf den Paß unserer Bekannten, also unter deren Namen, der ein sehr gewöhnlicher ist, auf dem kleinen, lindenumrauschten Friedhof des Städtchens begraben.

Insoweit hatte der kühne Plan meiner Frau, uns das Geld zu sichern, Erfolg gehabt. Wir reisten sofort südwärts wieder zurück; als Wohnort hatten wir der Behörde Rom angegeben, denn weit vom Schuß ist immer gut. Unterwegs bekam unser Plan dann feste Gestalt; danach schien es wesentlich, daß wir erst in Madeira, später in Indien, nicht allein gesehen wurden, und wir faßten darum den Entschluß, irgendwo eine stellesuchendes weibliches Wesen aufzugabeln, das wir als Thea Linz mit uns führen wollten. Dieses Wesen wollten wir unter irgendwelchen Gründen zur Annahme des Namens Thea gewinnen und dann einfach wieder heimschicken, wenn die Zeit dazu reif war, oder ihr Schweigen erkaufen, oder, wenn das zu gefährlich schien – –

Doch, warum vorzeitig an Dinge denken, die vermutlich gar nicht in Betracht zu kommen brauchten? Es war auch nur meine Frau, die mit ihrem starken Charakter an alles dachte. Sie tat es mit dem Hinweis an eine gewisse Nadel in einer kleinen Glastube, die mir ein Freund und bekannter Weltreisender vor Jahren als Kuriosität höchst leichtsinnigerweise verehrt hatte. Man sollte niemals jemand, und wäre es sein bester Freund, solche Waffen in die Hand geben.

Wir kamen also nach Venedig, von wo wir uns nach Madeira einschiffen wollten. In Venedig trifft man zwar immer Bekannte, aber darauf waren wir vorbereitet. Wir hätten diesen Leuten erzählt, daß wir hier mit unserer Mündel zusammentreffen wollten. Es war jede Einzelheit überdacht und vorbereitet, die Sache sollte doch keine Stümperei werden!

Und in Venedig sahen wir dann Sie, das bis auf Kleinigkeiten stimmende Ebenbild von Thea Linz. Meine Frau bemerkte Sie zuerst auf der Bank und beschloß sofort, trotz meiner Mahnung zur Vorsicht, eine Annäherung, die freilich unsere kühnsten Erwartungen übertraf! Mit Ihnen konnten wir ruhig nach Rom zurückkehren. Die Weltreise war nämlich eine Seifenblase; wir dachten uns mit Ihnen später einfach in Madeira festzusetzen und dort das Ende der Vormundschaft abzuwarten.

Es klappte alles vorzüglich. Ihre Bereitwilligkeit, sich uns anzuschließen, war begeisternd; besonders aber der Umstand, daß Sie unabhängig und alleinstehend waren, sicherte unseren Plänen den vollen Erfolg. Wir – ich wenigstens – hatten nicht die Absicht, Ihnen irgendein Leid zuzufügen; ich hielt das für eine unnütze Beschwerung unseres Gewissens, denn wenn wir geschickt vorgingen, brauchten Sie nichts von dem Zweck Ihrer Existenz bei uns zu erfahren und konnten nach getaner Arbeit ruhig Ihres Weges gehen.

Meine Frau fand das freilich zu gewagt, aber ich sah wirklich nicht ein, was dabei zu riskieren war, denn selbst wenn Sie später von dem rätselhaften Verschwinden der reichen Erbin in den Zeitungen gelesen hätten, der Gedanke, daß Sie diese Person gemimt, wäre Ihnen sicherlich nicht gekommen. Modesta war aber, wie gesagt, nicht für ein solches Risiko. Mir schien das größere Bedenken Ihre Klugheit und Ihr Scharfsinn, und mein Rat war darum, überhaupt von Ihnen abzusehen und bei dem ersten Plane zu bleiben, aber meine Frau wollte davon nichts hören, wollte sich die herrliche Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Nun – wir haben gesehen, daß ich im Recht war. Ich glaube nicht, daß wir es ungeschickt angefangen haben, und doch hat Ihre bewundernswerte Geistesgegenwart uns zweimal das Spiel durchkreuzt! Davon aber später. Ich will Ihnen, liebe Dorothee, nur zeigen, daß ich auch des Gegners Vorzüge zu schätzen weiß; vielleicht stellt das Ihre anfängliche gute Meinung über mich wieder etwas her.

Sie wunderten sich gleich im Beginn Ihres Tagebuches, daß Sie über unsere Wohnung in Venedig im unklaren blieben. Liebes Kind, wir mußten mit unseren Mitteln rechnen und bewohnten darum einen sehr billigen kleinen Albergo. Wenn Sie den gesehen hätten, so hätten Sie an Weltreise sicher nicht geglaubt. Aus denselben ökonomischen Gründen sparten wir auch in Rom das Fahrgeld für Tram und Wagen, denn der Ausgang unseres Planes war doch immerhin noch ein wenig in den Wolken, und wir durften uns nicht völlig verausgaben.

Ihre Weigerung, einen Schleier zu tragen, ohne den Thea nie ausging, weil sie ihren Teint mit der größten Sorgfalt pflegte, trotzdem er lange nicht so schön war wie der Ihrige, Ihre fernere Weigerung, uns Onkel und Tante zu nennen, war uns schon ein genügendes Warnungszeichen, nicht wie das Milchmädchen in der Fabel zu rechnen. Modesta suchte diese kleinen aber hochwichtigen Züge durch das Geschenk des Ringes ins Gleichgewicht zu bringen, denn Thea zeigte diesen häßlichen Ring sehr gern. Wir hatten ihn leider nach der durch eigene Machtvollkommenheit angetretenen Erbschaft nur flüchtig betrachtet und waren ahnungslos, daß der Reif die Widmung »Max. Semper idem« trug, woraus man die Lehre ziehen kann, daß kein Mensch frei von Irrtum ist.

Sie bemerkten, als Sie mir den Ring zeigten, daß ich die Farbe wechselte, und schenkten mir dafür Ihr Mitgefühl. Ich sage Ihnen dafür innigsten Dank, denn ich habe es in diesem Falle verdient. Das Geschenk des Ringes an Sie hatte für mich nämlich eine düstere Bedeutung: ich wußte ja, daß meine Frau ihn nur als verliehen betrachtete, und weil ich anfing, Sie aufrichtig zu schätzen, weil ich ferner zum ersten Male vor einer solchen Frage stand, so zog sich mir das Herz zusammen. Meine Frau hat in diesem Punkte viel stärkere Nerven als ich.

Die Begegnung mit den Bekannten aus Krähwinkel auf dem Pincio gab uns alle Sicherheit zurück, denn sie bedeutete für uns nichts mehr und nichts weniger als ein gelungenes Alibi. Diese gesellig ungewandten Menschen hatten sofort in Ihnen die reiche Erbin Matthea Linz vermutet, und in Ehrfurcht vor dem Mammon hatten sie gezögert, sich uns ohne weiteres zu nähern. Sie kennen gewiß dieses Genre.

Wir hatten sie natürlich längst bemerkt, stellten uns aber, als sähen wir sie nicht, denn es lag uns natürlich nichts an einer Gegenüberstellung mit Ihnen, die den kleinen Irrtum aufklären konnte. Der Mensch muß aber auch einmal einen hohen Einsatz wagen, darum ging ich den Leuten entgegen und bestätigte ihre Vermutung, daß Sie mein Mündel seien. Es war aber ein böser Augenblick, als ich mit den Krähwinklern an Sie herantrat, denn wenn diese Sie mit »Fräulein Linz« anredeten, und Ihre Zurückweisung auf dem Fuße folgte, dann wurde die Sache schon mehr als brenzlich. Die Geistesgegenwart meiner Frau rettete die Situation glänzend, und sie hatte dabei noch die Befriedigung, die Leute, die uns daheim die kalte Achsel gezeigt, gründlich abführen zu können. Beim Abschied flocht ich dann ein, daß Sie leider nicht so wohl seien, wie Ihr Aussehen vermuten ließe. Ihr Herz sei schwach, und so weiter.

Verstehen Sie? Diese Menschen reisten heim und erzählten natürlich aller Welt, daß sie die Bekanntschaft einer der reichsten Erbinnen Deutschlands gemacht, und daß ›diesen Eckschmidts‹ ob der Vormundschaft der Kamm arg geschwollen sei! Das gerade war’s ja, was uns gefehlt. Man hatte Sie mit uns im September in Rom gesehen! Das hing nun an der großen Glocke, war ein unschätzbares, unumgänglich notwendiges Alibi. Der Bernstein hatte die Fliege jetzt umschlossen! So meinten wir nämlich, bis wir zu der Erkenntnis kommen mußten, daß es die Fliege war, die uns den Bernstein verdarb.

Die Fliege aber waren nicht Sie, wie wir geglaubt, sondern der Brief aus Afrika an Fräulein Matthea Linz, der irrtümlich, oder vielmehr weil die Portiersleute Sie so bestimmt für unsere Nichte hielten, auf Ihr Zimmer gelegt wurde.

Wir haben diesen Brief, den Sie so freundlich waren uns zu geben, selbstverständlich gelesen; die Adressatin konnte es ja nicht mehr tun, und unser Interesse gebot es uns gebieterisch, zu erfahren, welchen Korrespondenten Thea im dunklen Erdteil besaß.

Wir machten durch die Lektüre dieses Briefes die uns bestürzende Entdeckung, daß Thea ohne unser und ihres Vaters Wissen mit einem Leutnant der deutschen Schutztruppe, eben dem Schreiber dieses Briefes, heimlich verlobt war. Aus dem weiteren Inhalt konnten wir unschwer das Fehlende zusammenreimen, nämlich, daß mein Schwager die Bewerbung des jungen »Max« wegen ungenügender Lebensstellung abgewiesen und ihm sein Haus verboten hatte. Die jungen Leute liebten sich aber und gingen ein heimliches Verlöbnis ein, das sie bis zur Mündigkeit der Braut zu bewahren sich versprachen. Insoweit wäre ja für uns nichts zu fürchten gewesen, denn Afrika ist weit und eine für Europäer nicht eben gesunde Gegend; des Pudels Kern aber war die Mitteilung, daß Max der Heimlichkeit überdrüssig war, und daß er gelegentlich eines erhaltenen Urlaubs zur Ordnung dieser Angelegenheit nach Rom kommen und daselbst in den ersten Oktobertagen eintreffen wollte.

Hier komme ich damit auch auf den Brief meiner Nichte, den Sie, kluge Dorothee, in dem Geheimfach Ihres Sekretärs fanden. Sie haben dieses so genau beschrieben, daß es keine Mühe machte, dazu zu gelangen. Weniger diskret als Sie Unvergleichliche, habe ich diesen unbeendeten, vergessenen Brief gelesen; er ist vom Vorabend unserer Abreise von Rom datiert, was sein Zurückbleiben erklärt. In diesem Briefe warnt Thea ihren Verlobten vor uns. Wir würden im Hinblick auf die uns zufließenden Gelder nie eine Verlobung mit ihm gestatten, dessen sei sie ganz sicher. Ihr Vater habe sich von unserer Beredsamkeit bei der Wechselgeschichte blenden lassen – sie nicht. Onkel Kasimir und Tante Modesta seien Böcke, die ihr Vater im seligen Vertrauen und in der Meinung, uns eine Genugtuung zu schulden, zu Gärtnern gemacht; es sei viel weiser, ihre Großjährigkeit abzuwarten, als den vergeblichen Versuch zu machen, bei uns etwas in dieser Richtung zu erreichen.

Liebe Dorothee! Es ist keine Schande, überlegenen Geistern zu weichen, aber von ein paar kleinen Mädchen durchschaut zu werden, das schmerzt!

Es war ein ernster Kriegsrat, den ich mit meiner Frau nach dem Eintreffen des Briefes aus Afrika erhielt, denn die drohende Ankunft des Max mußte alle unsere Pläne über den Haufen werfen. Einen schleunigen Abbruch unserer Zelte und die Flucht ins Unbekannte erlaubten unsere Mittel nicht, die durch die großen Ausgaben der letzten Zeit, des Begräbnisses von Thea und unserer Rückreise nach Italien, nahezu erschöpft waren, denn die neue Rate für den Unterhalt Theas war erst am ersten Oktober fällig. Und wenn Max in Rom erschien, konnte er doch nicht mit Ihnen getäuscht werden, und wenn Thea tot und begraben war, und Max und die Welt erfuhren es – was konnte das uns nützen? Weniger als nichts, falls nicht ein Testament Theas da war, das uns zu ihren Erben ein setzte! Wir hatten uns ja längst in der Handschrift Theas geübt, um die Quittungen für den Empfang ihrer und unserer Gelder aus der Verwaltungskasse unterzeichnen zu können; meine Frau brachte die Nachahmung am besten zuwege, da ihre Schrift der Theas annähernd ähnlich war. Sie schrieb denn auch das erforderliche Testament. Ich zweifelte aber, ob es in dieser Form Gültigkeit haben würde. In unserer angeborenen Bescheidenheit haben wir uns jedoch nicht etwa die ganze Masse des Erbes selbst testiert; die Klugheit ließ uns mit einem Drittel zufrieden sein, was entschieden glaubhafter war, und die beiden anderen Drittel vermachten wir großmütig der bekannten Mattheus=Linz=Stiftung für arbeitsunfähige Bergleute und trösteten uns damit über diese Verschwendung, daß auch unser Drittel uns schon zu reichen Leuten machen mußte.

Um ganz sicher zu gehen, war es wünschenswert, diese letztwillige Verfügung notariell beglaubigen zu lassen, was jedoch bei einem römischen Notar nicht zu riskieren war. Wir machten daher auswärts einen Versuch und fuhren zu diesem Zweck nach Viterbo. Das war an jenem Tage, an dem wir Sie, meine arme Dorothee, »versehentlich« einschlossen. Ach, es wird mir schwer, zu gestehen, daß wir es tatsächlich mit vollster Absicht taten, denn es lag ja so unendlich viel daran, daß Sie auf Trinitá de’Monti nicht als die im Palazzo Roccasanta wohnende Dorothee von Ammerland erkannt werden konnten. Aus diesem Grunde hatten wir auch Ihren Brief dahin nicht absenden können. Es bedarf wohl keiner Versicherung, daß auch Ihre anderen Briefe aus den gleichen Rücksichten statt auf die Post in den Kamin wandern mußten.

Ahnungslos, daß Ihnen ein anderer Weg offenstand, erreichten wir in Viterbo alles, was wir gewollt. Meine Frau stellte sich dem Notar als die Erblasserin vor und legitimierte sich durch den Paß unserer Nichte, in dem ich das Geburtsjahr entsprechend korrigiert hatte. Wir gaben an, auf der Durchreise zu sein, und meine Frau sprach von einer hochgradigen Nervosität, die sie zwänge, ihre Angelegenheiten zu ordnen, und ich trat nur als begleitender Freund auf. Die Sache ging ohne Schwierigkeiten vonstatten; meine Frau unterschrieb das mitgebrachte Testament, das weislich nur drittelte, ohne Summen zu nennen, die wir ja auch gar nicht genau hätten angeben können, zwei Zeugen klecksten ihre Namen darunter, der Notar schrieb sein Sprüchlein dazu, stempelte den Bogen, nahm sein Honorar in Empfang und entließ uns mit dem Wunsche, daß die Erblasserin noch viele gesunde Jahre erleben möchte, was meine Frau mit melancholischem Kopfschütteln und ahnungsvollen Worten erwiderte.

Nachdem nun alles in schönster Ordnung war, hatten wir Zeit gewonnen, um einige Tage vorübergehen zu lassen, bis der Notar in Viterbo vielleicht in den Zeitungen die Notiz lesen konnte, daß die Matthea Linz ihre Ahnungen nicht vergeblich gehabt. Die italienischen, besonders aber die römischen Zeitungen bringen solche Nachrichten aus der Fremdenwelt in ihren Mauern mit besonderer Vorliebe, und damit mußte auch gerechnet werden. Vielleicht las er diesen Tratsch nicht, vielleicht aber doch, und darin lag eine gewisse Gefahr, besonders wenn die Reporter sich über die ›junge, reiche Erbin‹ hermachten.

Nun durften wir aber schon ein wenig leichtsinnig sein und uns die Ausgabe für einen gemeinsamen Ausflug mit Ihnen gönnen. Bei dieser Gelegenheit muß ich leider einen Irrtum von Ihnen berichtigen, wertgeschätzte Dorothee: Sie haben in Tivoli meiner Frau das Leben nicht gerettet, sondern sie im Gegenteil in Ihren Sturz mit hineingezogen. Denn Modesta gab Ihnen an jener gefährlichen Stelle den Stoß, der Sie in die Schlucht befördern sollte, und Sie, in der Meinung, meine Frau sei ausgeglitten und falle auf Sie, umklammerten sie und rissen sie mit sich! Daß Ihre Geistesgegenwart Sie beide dann zugleich rettete, soll Ihnen gern zugestanden werden; meine Frau wollte und konnte Ihnen jedoch diesen Eingriff nicht verzeihen, denn was auch sonst ihre glänzenden Eigenschaften sein mögen, sie ist nachtragend.

Ach, wir haben eben alle unsere schwachen Seiten!

Ich übergehe den peinlichen Schluß unseres Zusammenseins. Es kam ja so ganz anders, als wir gedacht, und die Schuld daran trage ich durch meine Humanität, die mir nicht erlauben wollte, Sie meuchlings die Weltreise ins unbekannte Land antreten zu lassen. Ich habe immer eine unüberwindliche Abscheu vor der feigen, hinterlistigen Tat gehabt – ich habe nun einmal keine Brutusnatur, wie ich sie in Tivoli zu meinem größten Schmerze an meiner Frau erkennen gemußt. Sie handelte ohne mein Vorwissen und hat mir damit einen schmerzlichen Stoß versetzt. Ich betone das ausdrücklich, liebe Dorothee, damit Sie mir damit keinen Vorwurf machen können, denn mir liegt ja so viel an Ihrer guten Meinung.

Jetzt freilich sehe ich ein, daß meine humane Gesinnung ein Irrtum war; indes, was hätte mir die Brutustat genützt, wenn Sie nachher doch als Dorothee von Ammerland und nicht als Thea Linz erkannt worden wären – nämlich von dem Herzog von Poggio Laureto! Und daran schließe ich einen letzten und einzigen Vorwurf für Sie, bis zum Ende Verehrte und Liebwerte! Ihre Verheimlichung des entdeckten geheimen Auswegs aus Ihrem Zimmer war, wie ich schon sagte, der Ausfluß des feinen Instinkts Ihrer Seele für die unbekannte Gefahr; die Verschweigung Ihrer Bekanntschaft mit dem Herzog und seiner Mutter war die natürliche Folge dieser Verheimlichung und dennoch ein schwerer Fehler. Denn hätten Sie uns ganz einfach und natürlicherweise die Mitteilung gemacht, daß Ihnen die Herrschaften persönlich bekannt sind, so wären Sie uns einfach überflüssig geworden. Die Personifizierung von Matthea Linz hätten wir dann fallen lassen müssen, und wir hätten unter irgendeinem Vorwande auf Ihre Gegenwart in unserem Hause Verzicht geleistet – Sie hätten den Palast dann offen über die Haupttreppe verlassen können. Ihr Verschweigen aber hat uns bis zum Äußersten kommen lassen und uns nicht nur unsere Pläne durchkreuzt, sondern uns die ganze Existenz vernichtet. Gewiß haben Sie das nicht beabsichtigt – ich bin gerecht genug, Ihnen das zuzugestehen – aber werden Sie, nachdem ich Ihnen alles gesagt, nicht an Ihrer Absichtlosigkeit schwer genug zu tragen haben?

Denn Ihre Flucht bedeutet unser Ende, sie hetzt uns die Häscher auf die Spur, die Schlinge ist so gut wie zugezogen. Wir sind nicht naiv genug, anzunehmen, daß Sie die Schlußszene unserer Bekanntschaft mit Stillschweigen übergehen werden, denn dazu war sie doch wohl ein wenig zu naturalistisch und läßt sich nicht durch einen ›Scherz‹ oder durch die Beabsichtigung eines harmlosen Schreckschusses wegerklären, ganz abgesehen davon, daß diese Erklärung unter allen Umständen vor den Schranken eines Gerichtssaales abgegeben werden müßte.

Flucht? Natürlich haben wir an sofortige Flucht gedacht, aber nur, um die Nutzlosigkeit eines solchen Schrittes infolge mangelnder Geldmittel einzusehen. Wir wären nicht weit gekommen. Zudem ist die italienische Polizei sehr findig, und die ausgeprägte Physiognomie meiner Frau ist ja geradezu ein Merkstein, auf den man nur zuzulaufen braucht.

Es bleibt uns also nur die Nadel in der Glastube, das leichtsinnige und doch wieder so sinnige Geschenk meines Freundes. Hoffen wir, daß er sich in der geschilderten Wirkung desselben nicht getäuscht hat oder selbst getäuscht worden ist.

Meine Frau verbrennt, während ich dies schreibe, unsere Personalpapiere, mit ihnen das apokryphe Testament der armen Thea Linz, die unter fremdem Namen in ihrem Grabe ruht.

Die Fliege im Bernstein war für uns in der Tat ein verhängnisvoller Fund. Der große Windmüller würde sich über die Bestätigung seiner Theorie freuen, ganz besonders, weil ja sein Mißtrauen gegen mich durchaus nicht wegerklärt worden ist, wie ich in seinem Blicke las, den ich auf dem Palatin von ihm auffing.

Doch das gehört nicht zur Sache.

Eines aber muß ich noch hinzufügen: ein Wort über Ihren Traum, liebe Dorothee, Ihren Traum von der Ammonatrice. Er hat mich ein wenig lächeln gemacht. Wie kann man mit Ihrem klugen Kopfe so abergläubisch sein? Daß Sie das Bild der Warnerin erst nach Ihrem Traume erblickten, ist doch kein Beweis, daß hier Übernatürliches vorliegt; das ist, wissenschaftlich gesprochen, nur einer jener Gehirnreflexe, die auf bisher noch unerforschte Weise mit dem geistigen Auge einen Gegenstand eher sehen als mit dem leiblichen. Die kindliche Behauptung ferner, daß die Ammonatrice sich nur den Mitgliedern der Familie zeigt, hat mich mit Mitleid über solch einen Aberglauben erfüllt. Wenn Sie den Traum wirklich hatten, so beweist dies ja glänzend, welcher Dummheiten das menschliche Gehirn fähig ist. Sie gehören doch nicht zur Familie Roccasanta! Ich lobe aber Ihren klaren Blick, der Sie erkennen ließ, daß der Herzog von Poggio Laureto, der Wohnungen in seinem Palaste vermieten muß, um seine Finanzen zu verbessern, sicherlich eine andere Frau wählen muß als die Waise eines deutschen Diplomaten, der dem niederen Adel angehörte. Bewahren Sie doch diesen klaren Blick, teure Dorothee, und Sie werden damit Ihren Lebensweg viel ebener finden als die, welche kopflos alle Hindernisse überspringen möchten.

Und nun – leben Sie wohl! Wenn Sie überhaupt jemals an mich zurückdenken, dann erinnern Sie sich – ich bitte Sie darum – nur meiner besseren Seiten; gedenken Sie mit der Großmut Ihrer reinen Seele meiner als eines Menschen, der ein Gentleman war, ehe des Lebens Sorgen und ein böser Genius als Lebensgefährtin ihn zu dem machten, als welcher er aus diesem Leben scheidet.

Kasimir von Eckschmidt


* * *


Schlußwort von Dorothee vom Ammerland.

Der Schreiber dieses merkwürdigen, aus Zynismus und Gefühl gemischten Bekenntnisses, das mit seinem letzten Worte noch ›die Schuld auf andere schiebt‹, hat mir vergeblich die Verantwortung für sein Ende auf das Gewissen laden wollen, denn wenn ich mich auch noch so eingehend prüfe, es spricht mich frei, wie auch Rando, seine Mutter und Doktor Windmüller mich freisprechen, die diesen Vorwurf für die letzte Zuckung eines sich selbst verurteilt habenden Delinquenten erklären.

So ist es wohl auch in der Tat nur aufzufassen.

Ich füge diesen Blättern gewissermaßen ein Postskriptum hinzu zum Ausklingen meines Abenteuers und der traurigen Geschichte meiner Doppelgängerin, die jetzt eben den Zeitungen aller Länder reichen Stoff zum Füllen ihrer Spalten bietet.

Trotzdem Eckschmidt in seinem Bekenntnis den Namen der Stadt verschwiegen, in der Matthea Linz ihr junges Leben beschloß, hat Windmüller sie doch entdeckt und das mehr als einfache Grab mit dem fremden Namen gefunden. Was es umschloß, ist in die Familiengruft übertragen worden. Friede ihrer Asche!

Den unbekannten und ungenannten Max hat Rando in Rom erwartet und ihn bei seinem Besuche im Palazzo Roccasanta empfangen, um ihm schonend das Ende seiner Braut mitzuteilen und ihm den Ring mit dem Chiastolith, sowie den im Geheimfach meines Sekretärs gefundenen Brief mit dem Bilde zu übergeben. Rando kam sehr erschüttert von dieser Begegnung zurück und schilderte ihn als einen sehr lieben, gefühlswarmen Menschen, der, nun seines Glückes beraubt, einsam und allein in seine afrikanischen Wildnisse zurückkehren mußte. Auch mit seinem letzten guten Rat für mich ist Eckschmidt zu spät gekommen, denn morgen ist mein Hochzeitstag, werde ich die Herzogin von Poggio Laureto sein! Eben fangen zur Vorfeier die Glocken von Ronciglione drunten zu läuten an; ihr heller, froher Klang vertreibt für immer die Schattenwelt, durch die ich schreiten mußte, um zur Höhe des Glückes zu gelangen, und mein Herz singt in die Glocken hinein das Hohelied von der Liebe, die den Tod und die Schrecken allein überwindet.