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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem – Die Falkner vom Falkenhof

Roman

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, Die Falkner vom Falkenhof, Philipp Reclam jun. Verlag, Leipzig [1922]
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



Ich sprach zur Taube: »Flieg und bring im Schnabel
Das Kraut mir heim, das Liebesmacht verleiht,
Am Ganges blüht's, im alten Land der Fabel –«
Die Taube sprach: »Es ist zu weit.«

E. Geibel nach Francois Coppée




»Bravo! Bravo! Da Capo!« Ein wahrhaft frenetischer Applaus rauschte und brauste durch die weiten Räume des Opernhauses zu X. und übertäubte fast die wilden, teuflischen Klänge des Orchesters, das eine seltsame, originelle Weise spielte.

Es war die erste Aufführung der neuen Oper eines unbekannten und ungenannten Komponisten, der phantastischen Oper »Satanella«, deren Text dem Publikum eine jener rätselhaften »Teufelinnen« der alten Zeiten vor Augen führte, die aus ihrem unterirdischen Reich heraufgekommen war, um durch ihre Schönheit einen »minnigen Sänger« zu bestricken und in den Tod zu treiben. Vom wütenden Volke aufgegriffen, wird sie als Hexe zum Scheiterhaufen geschleppt und an den Pfahl gebunden. Unter den Klängen eines prachtvollen Chors wird der Holzstoß entzündet, und Rauch und Flammen steigen empor, um die Teufelin zu vertilgen von der Erde. Da plötzlich teilen sich die Flammen, Satanella schüttelt lachend die Fesseln von ihren Händen, das graue Büßer- und Sterbehemd fällt von den Schultern, und sie selbst steht in Höllenpracht gekleidet vor dem entsetzten Volk. In wilden Dithyramben singt sie ihr bestrickendes Zauberlied, und mit dem jauchzenden Schluß: »Lebt wohl, ich kehre zurück zu euch, so lang die Schönheit Siege feiern wird, so lange Männerherzen sich noch betören und betrügen lassen –« sinkt Satanella hinab in die sie verschlingende Erde.

Diesem Schlusse jauchzte das Publikum zu; es konnte sich nicht satt hören an der mächtigen, süßen und metallreichen Stimme der fremden Sängerin, die eigens gekommen war, um die Satanella zu singen; es konnte sich nicht satt sehen an dem wunderbar malerischen Schlußbild mit dem brennenden Scheiterhaufen, den mittelalterlichen Stadtmauern mit ihren Türmen und Erkern, dem entsetzt zusammengedrängten Volke und der Gestalt der Satanella auf dem Holzstoß.

Sie war in der Tat von wunderbarer Schönheit, diese fremde Sängerin, Senora Dolores Falconieros – eine schlanke, geschmeidige Gestalt mit dem leuchtenden Rothaar Tizians, das in üppigen Wellen herabfiel auf das scharlachrote Seidengewand, das sie umschloß. Und in dem blutlosen und doch lebensfrischen Antlitz brannten große, strahlende, samtschwarze Augen, deren Glanz noch gehoben wurde durch die sich über der feinen römischen Nase schließenden dunklen Brauen, durch die langen seidenartigen Wimpern.

Wie sie dort stand auf der Bühne inmitten des rotglühenden Feuers, im roten Gewand und im roten Haar, aus dem ein zweigezacktes Brillantdiadem blitzte und funkelte, mit der wundersam bestrickenden Stimme ihr in seltsamem Rhythmus sich bewegendes Teufelinnenlied singend und dazu ein flammensprühendes Zepter schwingend, dessen Feuerregen bis ins Parkett hinabflog, da bot sie ein Bild, das mit begreiflicher dämonischer Macht die herbeigeströmten Hörer zu brausendem Beifall entfachte. Immer wieder mußte Satanella aus den Tiefen der Hölle, der Versenkung, heraufsteigen und mit dankendem Lächeln grüßend ihr verkohlendes Zepter schwingen.

Das Schicksal der neuen Oper war entschieden. Der berühmte blonde Tenorist als »minniger Sängerheld« und die durch den Intendanten entdeckte und sofort berühmt gewordene Fremde hatten der herrlichen Musik den Odem des Lebens eingehaucht und ihr Weihe erteilt, hinauszutönen in alle Welt.

Etwa eine Stunde später hatte sich ein kleiner, aber gewählter Kreis in dem künstlerisch ausgestatteten Salon des Direktors der Akademie der Künste, Professor Balthasar, zusammengefunden. Der Hausherr, ein über die Grenzen Europas hinaus bekannter geistvoller Maler in der Blüte der Jahre, liebte es, nach dem Theater einen kleinen Kreis um sich zu versammeln, in dem er und seine liebenswürdige Gattin aufs trefflichste für die leibliche und geistige Unterhaltung ihrer Gäste sorgten.

Um den runden Tisch, dessen silbernes Teegerät von Frau Balthasar gewandt und lautlos gehandhabt wurde, saßen etwa sechs Personen mit Einschluß des Hausherrn und der Hausfrau. Da war der hochberühmte geniale Historienmaler Richard Keppler, der feinsinnige Dichter N., die berühmte Schauspielerin Luise R., der Legationsrat Freiherr von Falkner. Ein Platz war noch leer – er harrte eines verspäteten Gastes.

»Mir summt die Melodie des Teufelinnenliedes noch im Kopf – ich kann sie nicht loswerden«, meinte Professor Balthasar.

»Das macht der dämonische Einfluß dieser Musik – es ist ein echtes rechtes Teufelswerk!« rief die Schauspielerin.

»Ja, aber das Werk eines genialen Teufels«, entgegnete Keppler.

»Das ist das rechte Wort dafür«, sagte der Legationsrat, eine hohe, gebietende Erscheinung mit dunklen Augen, dunklem Haar und gleichem Vollbart, »die ›Satanella‹ ist ein Werk, das aus jedem Takt einen Born von Genialität sprudeln läßt, aber eine Genialität, die ich herzlos nennen möchte, weil sie nicht das Herz, sondern nur den Geist berührt und anregt. Der Komponist ist zweifellos ein Genie, aber er ist nicht von Gottes Gnaden, sondern von Luzifers.«

»Und versteht doch so warme Herzenstöne anzuschlagen«, nahm sich Frau Balthasar des unbekannten Meisters an, »ich erinnere Sie nur an das süße Liebeslied des Troubadours im zweiten Akt.«

»O ja, es schmeichelt sich dem Gehör ein, aber nicht dem Herzen«, erwiderte Falkner kühl, »es bezaubert, aber es ergreift nicht. »

»Nun, dann erkläre ich mich befriedigt durch den Zauber, den das Liebeslied enthält!« rief Keppler. »Warum sollen wir armen Sterblichen uns nicht einmal bezaubern lassen? Wir können nur vom Glück sagen, wenn unser Herz dabei nicht Schaden leidet. »

»Sie mögen recht haben, Keppler« , erwiderte der Legationsrat ruhig, »die Individualitäten sind ja so verschieden. Für mich ist die Musik keine Musik, wenn sie nur blendet und berauscht. So erkläre ich offen auf die Gefahr hin, für einen Vandalen gehalten zu werden, daß für mich die Mehrzahl der antiken Statuen nichts sind als alte Marmorblöcke, deren blöde Augen uns Epigonen recht dumm anstarren, und daß das schönste Antlitz, aus dem kein Herz spricht, mich entsetzlich gleichgültig läßt. So die Musik der ›Satanella‹. Ich bewundere den elektrischen Strom der Genialität, der durch ihre Takte pulst, aber ich liebe sie nicht, weil nicht ein einziger warmer, menschlicher Herzschlag sie durchzittert.«

Während der Legationsrat sprach, hatte sich einer der Türvorhänge geteilt, und in seinem Faltenrahmen erschien, nur von Frau Balthasar bemerkt, eine dunkle Frauengestalt mit rotem Tizianhaar – Dolores Falconieros. Sie legte lächelnd den Finger auf die Lippen, zum Zeichen, daß sie noch unbemerkt bleiben wolle, und stand noch so, als Professor Balthasar entgegnete: »Nun wohl, aber was der Musik fehlt, gaben die Darsteller ihr.«

»Wie wunderbar schön sang unser Heldentenor den Minnesänger, wie seelenvoll«, rief die Schauspielerin.

»Und wie herrlich war die Falconieros in der Titelrolle«, setzte Keppler hinzu, »es war eine unvergleichliche Leistung.«

»Gewiß, unvergleichlich in der Darstellung der grausamsten Herzlosigkeit«, sagte Falkner spöttisch, »mir war's, als spielte diese Satanella ihr eigenstes Selbst – nicht einen warmen Herzenston vermag diese Fremde anzuschlagen, eben weil sie es nicht kann, weil auch sie nur ganz Genie ist. Ich mag diese herzlosen Frauen nicht.«

»Aber die Falconieros –« begann der bis dahin nur zuhörende Dichter.

»Die Falconieros, wie ihr Künstlername lautet, könnte die ›Satanella‹ komponiert und gedichtet haben«, vollendete Falkner kurz und kühl.

Frau Marianne Balthasar hatte dem Gespräch mit steigendem Unbehagen zugehört und schob jetzt rasch das Teegerät zur Seite.

»Ah – die Senora!« rief sie, die peinliche Szene beendend und auf die noch im Türrahmen stehende Sängerin zuschreitend. Die übrigen erhoben und verbeugten sich, als ihre Namen vorstellend genannt wurden, und Donna Dolores nahm auf dem leeren Sessel zwischen dem Professor und Keppler Platz – Falkner saß ihr gegenüber.

»Vor allem Verzeihung, daß ich so spät komme«, sagte sie mit einem reizenden Lächeln, das ihre prachtvollen Züge noch verschönte, »aber ich mußte ja erst die Garderobe wechseln –«

»Die Satanella aus- und das Gewand gewöhnlicher Sterblicher anziehen«, scherzte der Professor.

»Als ob ich diese Satansfarbe je ablegen könnte!« erwiderte sie und strich mit der schlanken weißen Hand über ihr jetzt hoch aufgestecktes Haar. Dabei irrte ihr Blick über den Tisch und traf den des Legationsrates.

»Wie Sie nur so reden können, Senora«, sagte Keppler und betrachtete die Sängerin mit entzücktem Künstlerblick, »oder sollten Sie in der Tat nicht wissen, welch kostbaren Schmuck Sie auf dem Haupte tragen?«

»Mein Haar«, lachte sie. »Ach, das ist eine Künstlerlaune. Gewöhnliche Sterbliche nennen es rot. »

»Ich wußte nicht, daß auch in Spanien unser germanisches Blond üblich ist«, bemerkte Frau Balthasar.

»Oh, ich bin ja zur Hälfte eine Deutsche«, erwiderte Donna Dolores mit ihrem reinen, aber doch fremdartigen Dialekt, »und ich betrachte Deutschland als meine Heimat, wenn auch die Sonne hier weniger sengend strahlt als in Brasilien.«

»O ja, bedeutend kälter«, sagte Professor Balthasar fröstelnd. »Wir Nordländer sind ein eigenes Volk – uns ist nur wohl, wenn uns das Eis bis ans Herz steigt. Das südliche Feuer, das andere durchglüht, stößt uns ab, wenn es uns berührt.«

»Ja, wenn es Gift und Dolch, Vendetta und Lava sprüht«, warf Falkner ein.

Wieder traf ihn ein Blick aus den dunklen Augen der Sängerin, und wieder mußte er sich widerstrebend eingestehen, daß diese Augen außerhalb der Bühne einen ganz anderen Ausdruck hatten, einen freien, stolzen und dennoch weichen Ausdruck.

Die Teestunde war beendet, und der kleine Kreis erhob sich, um entweder an die bücherbeladenen Tische zu treten oder eine jener Mappen zu durchblättern, die in großen Gestellen an der Wand standen und kostbare Skizzen und Stiche enthielten.

Donna Dolores setzte sich in einen Sessel und blätterte in einer dieser Mappen, indem sie lächelnd auf Keppler hörte, der sie um den Vorzug bat, sie als Satanella malen zu dürfen.

»Denn«, meinte er, »mir läßt's keine Ruhe, bis ich das Problem der Farbe gelöst habe, das Sie, Donna Falconieros, uns heute abend vorzauberten. Diese wunderbare, köstliche Wirkung von Rot in Rot – ich hatte mir nie eine solche Kühnheit geträumt. Und was die Hauptsache war – sie wirkte ästhetisch.«

»Meine Kühnheit ist durch Ihren Ausspruch entschuldigt«, entgegnete Donna Dolores, »denn offen gesagt, mir bangte fast, als ich heut abend in der Garderobe das scharlachrote Kleid anlegte und mein Haar auflöste. Und als dann gar die roten Flammen um mich lohten, da glaubte ich mich dem Urteil der Verdammung, der Ausschließung aus der Zunft der Künstler überliefert zu haben. »

»Es war ein herrlicher Anblick, die letzte Szene der ›Satanella‹«, rief Keppler, »eine Szene, wie sie das Auge des Malers zu sehen sich ersehnt. Rot in Rot – Flammen und Gold – ich kann den Gedanken daran noch nicht loswerden und werde nicht eher Ruhe finden, als bis ich die Farben auf meiner Palette habe.«

Dolores sagte zu, dem Maler einige Sitzungen zu gewähren, und fuhr dabei fort, den Inhalt der Mappe zu durchmustern. Plötzlich stieß sie einen leisen Schrei aus und sah erblassend auf eine Farbenskizze, eine kleine Landschaft mit prächtigen, dunklen alten Eichen und Ulmen, zwischen denen ein altes, im Karree gebautes Haus hervorsah, mit Säulengängen ringsum, die vier Ecken flankiert von ebensovielen hohen, erkerbeklebten und efeuumwucherten Türmen. Auf einem wehte eine grünweiße, schachbrettartige Flagge und deutete an, daß dieses alte graue Haus kein Kloster sei, wie es auf den ersten Blick schien.

Donna Dolores sah lange auf die Skizze – ihre bleichen Wangen waren noch blässer geworden, und es war, als scheue sie sich zu sprechen. Keppler sah über ihre Schulter hinweg auf das Blatt.

»Ah, das ist der Falkenhof«, sagte er. »Nicht wahr, ein malerischer Fleck Erde. Und Legationsrat von Falkner ist sein glücklicher Erbe.«

»So –?« sagte Donna Dolores mit eigentümlichem Ausdruck, indem sie zu dem Genannten hinübersah, der mit dem Professor eifrig im Gespräch stand. Seine rücksichtslosen Worte über sie und ihre Leistung auf der Bühne, die sie vorhin mit angehört, hatten sie nicht so tief getroffen, wie man vermutete, aber eine kleine Wunde hatten sie doch hinterlassen. Seit diesem Augenblick aber, als sie hinübersah nach dem Erben des Falkenhofes und sein Blick wiederum über sie wegflog, kalt, verächtlich, da wußte sie, daß dieser Mann dort ihr Feind war oder es werden mußte.

»Ein kleines Eden, dieser Falkenhof«, sagte Keppler, auf das Bild deutend, »und doch wiederum der Hintergrund für einen Kampf aus der Zeit der Bilderstürmer. Balthasar hat eines seiner berühmtesten Bilder nach dieser Skizze geschaffen, die er an Ort und Stelle mit Bewilligung der jetzigen Herren aufnahm. Bei dieser Gelegenheit machte er die Bekanntschaft Falkners.«

»Des Erben vom Falkenhofe«, wiederholte Dolores leise für sich.

»Ein Mann von Geist und Wissen«, fügte Keppler ebenfalls leise hinzu, »aber mitunter absprechend und kalt bis zur Rücksichtslosigkeit. Balthasar ist so ziemlich der einzige Künstler, dessen Salon er besucht –«

»Also exklusiv und hochmütig ist er demnach«, fiel Dolores dem Maler ins Wort.

»Man ist versucht, es manchmal so zu nennen«, sagte dieser achselzuckend, »Falkner liebt wohl die Kunst und erkennt das Genie rückhaltlos an, aber er will nichts oder doch nur wenig von den Künstlern wissen.«

»Also doch Hochmut«, warf Dolores ein.

»Vielleicht, Senora. Aber er geht den Künstlern wenigstens nicht aus dem Wege, während er eine ausgesprochene Abneigung gegen –«

Keppler stockte.

»Nun?« fragte die Sängerin ruhig, »warum vollenden Sie nicht: während er eine ausgesprochene Abneigung gegen die Künstlerinnen hat.«

»Senora –« sagte der Maler halb lachend, halb verlegen.

»Warum nicht aussprechen, was der Betreffende so zur Schau trägt?« sagte sie achselzuckend, leicht, indem sie die Skizze fortlegte. Aber dabei entstieg ein tiefer Atemzug fast wie ein Seufzer ihrer Brust.

Sie erhob sich und nahm ihre Handschuhe.

»Wie, Sie wollen schon gehen, Senora?« rief der Professor und eilte auf sie zu.

»Es ist spät, und ich bin müde«, erwiderte sie freundlich. »Die Partie der heutigen Oper war anstrengend. Es ist gar nicht so leicht, eine ›Teufelin‹ zu spielen«, setzte sie lächelnd, fast schalkhaft hinzu.

»O Senora, singen Sie uns noch ein Lied, ein kleines Lied nur«, bat Frau Balthasar und geleitete Dolores nach dem offenen Flügel.

Donna Dolores zögerte einen Augenblick, dann setzte sie sich an das Instrument und ließ die Hände präludierend über die Tasten gleiten. Und sie sang ein einfaches kleines Lied, kurz wie ein Intermezzo.


»Es hat die Rose sich beklagt,
Daß gar zu schnell ihr Duft verwehe,
Den ihr der Lenz gegeben habe.

Da hab ich ihr zum Trost gesagt,
Daß er durch meine Lieder wehe
Und dort ein ew'ges Leben habe.«


Und wie sang sie es! War diese süße, zauberische, weiche Stimme dieselbe, die vorher das Teufelinnenlied von der Bühne herabgejauchzt? Wie eine Verheißung zog Wort und Ton durch das lautlose Gemach.

Und atemlos lauschte der kleine Kreis, als Dolores geendet hatte und leise das Nachspiel erklingen ließ. Dabei schweifte ihr Blick dahin, wo die Skizze des Falkenhofes auf der Mappe lag, und es schimmerte feucht in ihren Augen. In weiche Mollakkorde löste sie die Melodie des Liedes von Mirza Schaffy auf und ging in eine andere über –


»Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
Klingt ein Lied mir immerdar –«


sang sie leise, wie im Traum. Herzerschütternd schwollen die Töne des schlichten Volksliedes an, und durch die einfachen Worte klang es wie ein Schluchzen –


»O du Heimatflur, o du Heimatflur,
laß zu deinem heil'gen Raum
Mich noch einmal nur, mich noch einmal nur
Entfliehn im Traum.

Keine Schwalbe bringt, keine Schwalbe bringt
Dir zurück, wonach du weinst;
Und die Schwalbe singt, und die Schwalbe singt
Im Dorf wie einst.«


Die süße Stimme verklang, und die Sängerin ließ die Hände herabsinken von den Tasten. Ihr gegenüber stand Alfred von Falkner, das Auge wie gebannt auf sie gerichtet, die er vorhin so hart verurteilt hatte. Und das Lied –? Es stieg vor seinem geistigen Auge empor wie eine Erinnerung in verschwommenen Umrissen, als das Lied ertönte. War dieses Lied nicht einst in den Kreuzgängen des Falkenhofes erklungen von einer frischen, hellen Kinderstimme –? Er strich mit der Hand über die hohe Stirn und sann und sann – und es war ihm fast, als müsse er in den frohen Tagen seiner Jugendzeit, in den engen Grenzen der Knabenjahre die Gestalt eines Spielgefährten suchen – ja, da war's ihm, als höre er ein kurzes, helles, spöttisches Lachen –


»Und die Schwalbe singt, und die Schwalbe singt
Im Dorf wie einst – –«


sang Donna Dolores dort am Flügel die Schlußworte ihres Liedes – und versunken waren mit einem Male die abgeblaßten, vergessenen Gestalten – zerronnen in ein Nichts, aus dem sie entstanden.

»Das nenne ich Musik«, rief Balthasar nach einer Pause und trat auf die Sängerin zu, »das bebte durch die geheimsten Fibern der Seele, denn es war mit dem Herzen gesungen.«

Donna Dolores fuhr empor und richtete sich aufatmend hochauf. Dann lachte sie kurz, hell und spöttisch, daß Falkner zusammenzuckte, denn ihm kam dieses Lachen so bekannt vor – und ein dunkler Blitz aus ihren schönen Augen huschte auf ihr Gegenüber.

»Mit dem Herzen?« wiederholte sie laut und deutlich, »Sie irren, Professor. Ich spielte heute in der ›Satanella‹ mein eigenstes Selbst – nicht einen warmen Herzenston vermag ich anzuschlagen, eben weil ich kein Herz habe – –«

Falkner zog die Stirn in Falten, als ihm die Sängerin seine eigenen Worte wie eine Spottdrossel wiederholte – dann zuckte er mit den Schultern, verächtlich, hochmütig.

Da sprühten ihm die schwarzen Augen einen wahren Teufelinnenblick zu – es schien fast, als ginge ein rotes Feuer aus diesem Blick hervor – und wieder lachte der feine, blaßrote Mund jenes seltsame, sinnverwirrende Lachen.

»Sie sind ein guter Psycholog und Physiolog, Herr von Falkner«, rief ihm Donna Dolores zu – es waren die ersten Worte, die sie an ihn richtete, »Ihr feines Gefühl hat Sie nicht betrogen – ich selbst habe die ›Satanella‹ komponiert!«

Ein allgemeines »Ah« der Überraschung erscholl, und Falkner biß sich auf die Lippen – er ärgerte sich mit einem Male über sein Urteil, er ärgerte sich, daß er recht hatte. Donna Dolores aber ließ ihre Hände wieder über die Tasten des Flügels gleiten, wild, wirbelnd erschollen die rauschenden Akkorde, mit denen das Volk in der »Satanella« den Holzstoß entzündet, um die Hexe zu verbrennen, die sich nun mit einem Male in das nimmer vertilgende, ewig lebende böse Prinzip, in den Fluch verwandelt, der auf der Welt seit ihrem Beginne ruht. Mächtig schwollen die Akkorde an, und mächtig setzte die Stimme der Sängerin ein:


»Lebt wohl, so lang der Sonne Leuchten
verklärt des Weibes ew'ge Macht,
So lang noch Leidenschaften glühen,
So lang noch Schönheit lockend lacht,
So lang noch Männerherzen brechen
Betrogen durch ein falsches Weib,
So lang, so oftmals kehr' ich wieder,
In eurer Mitte stets ich bleib'!
Entfacht der Flamme rote Gluten,
Ihr schafft mich nicht aus dieser Welt,
Denn wo sich Männerhochmut brüstet,
Mein Zepter reiche Ernte hält.
Ich wohn' in jedes Weibes Herzen,
Ich beuge jedes Mannes Macht,
Ich bin die Schlang' des Paradieses
Ich stifte Unheil – drum habt acht!«


Sie schloß mit einem rauschenden Akkord, durch den es wie das Knistern von Flammen klang, und sprang dann empor.

»'s ist Zeit zur Ruhe – gute Nacht!« rief sie und war verschwunden, ehe die anderen sich dessen versahen.

Drunten vor der Tür stand der leichte Wagen der Sängerin, die Pferde stampften schon lange vor Ungeduld, und als Dolores eingestiegen war, entführten sie ihre leichte Last in raschem Trabe nach dem Hotel, das die »Brasilianerin« bewohnte. Ihre schwarze Kammerfrau und Duenna in einer Person, die herkulische alte Negerin, hatte schon alles zur Ruhe vorbereitet.

»Tereza«, sagte Dolores auf spanisch, als ihr die Negerin das Haar zur Nacht einflocht, »Tereza, wen meinst du wohl, habe ich heut gesehen? Den ›Erben vom Falkenhof‹.«

»Alle Heiligen – den Alfred? Hat er dich erkannt, Herrin?«

»O nein – und ich hab' ihm auch kein Wort darum gesagt. Er ist ein schöner, großer Mann geworden, hochmütig und zurückweisend ernst.«

»Wie die ganze Falkenbrut«, murrte die alte Tereza. »Nun, laß ihn laufen. Du brauchst ihn nicht und den Alten auch nicht mit seinen klappernden Krücken.«

»Nein, ich brauche ihn nicht«, sagte Donna Dolores, »aber«, setzte sie mit zuckenden Lippen hinzu, »aber wiedersehen möcht' ich den Falkenhof doch. »

»So kaufe ihnen das alte steinerne Nest ab, Herrin!« riet Tereza.

»Das geht nicht«, erwiderte Dolores sinnend, »es ist ein Lehen –«

»Was ist das?«

»Das ist – ach Tereza, ich bin müde und möchte schlafen.« Sie sank in die weichen Kissen und schloß die Augen.

»Der Erbe vom Falkenhof!« murmelte sie im Einschlafen.


* * *


Bei Professor Balthasar trennte man sich bald, nachdem Donna Dolores sich entfernt hatte.

»Es freut mich«, hatte Keppler gesagt, nachdem sie gegangen, »es freut mich, daß sie gerade die ›Satanella‹ komponiert hat, und daß sie's bekannte trotz Ihrer scharfen Äußerungen, Baron Falkner, die sie gehört haben muß.«

»Das bestätigt nur meine Worte«, erwiderte der Legationsrat und ergriff seinen Hut.

»Nun, ich kann das doch nicht so ohne weiteres zugeben«, meinte Balthasar nachdenklich, »daß sie mit ihrem Bekenntnis das harte Urteil bestätigte, gerade das beweist, daß sie es nicht zu scheuen hat.«

Falkner zuckte die Achseln.

»Da gehen unsere Ansichten auseinander, Professor. Die Kühnheit der Falconieros blendet Sie, wie ihr Genie die Menge. Mir ist dieses laute Bekenntnis der eigenen Herzlosigkeit mehr zuwider, als ich es ausdrücken kann.«

»Halt, rechnen Sie diese kleine Teufelei der Senora nicht zu hoch an«, sagte Keppler lachend, »Sie haben sie gereizt.«

»Wie konnte ich ahnen, daß sie lauschte? Überdies – es konnte ihr nicht schaden, die Wahrheit zu hören.«

»Das heißt: Ihre Ansicht, Baron«, erwiderte Keppler mit Betonung. »Oder wollen Sie an Ihrer Behauptung, Donna Dolores habe kein Herz, auch jetzt noch festhalten, nachdem wir sie so ergreifend singen hörten?«

Ein beinahe feindseliger Blick aus Falkners Augen streifte den Maler.

»Sie sind selbst Künstler, Herr Keppler«, sagte er kalt, »Sie sollten doch am Ende wissen, wie man Effekt macht. Ich bedauere, wenn meine Zweifel nicht zu Ihren Ansichten stimmen, aber es ist mir unmöglich, an die Wahrheit der so schön vorgetragenen Gefühle einer Berufssängerin zu glauben.«

»Das also ist Ihr Schlagwort?« Eine feine Röte flog über das geistreiche Gesicht des Malers. »Eine Berufssängerin. Sie denken sich darunter natürlich ein Wesen, das möglichst viel Kapital aus ihrer Stimme schlägt und, wie der Schuster seinen Pechdraht, allabendlich ihre Gesangspartie abarbeitet? Ich beneide Sie nicht um diese gewonnene Erkenntnis, Baron Falkner; ich freue mich, daß ich naiv genug geblieben bin, um an die Heiligkeit eines wahren Künstlertums zu glauben.«

»Chacun á son goût«, erwiderte Falkner leichthin, »ich bekenne, daß mir ein so starker Glaube fehlt, wenn ich auch zugestehen will, daß es in früheren Zeiten solche nur um der Kunst willen wirkende Künstler gegeben hat.«

»In jedem Fall ist die Grundidee der ›Satanella‹ tief durchdacht«, mischte sich der Professor ins Gespräch.

»Meinem Geschmack nach zu tief durchdacht für eine so junge Dame wie diese deutsche Brasilianerin«, unterbrach ihn Falkner nicht ohne Hohn.

»Nun, nun – einmal hat sie nur die Musik gemacht und nicht die Worte, und dann sehe ich von der Person völlig ab und zolle gern dem Werk die gebührende Anerkennung«, rief Balthasar, lebhafter werdend.

»Und ich vermag die Person von dem Werk nicht zu trennen, da sie mit diesem durch ihren Individualismus verbunden ist.«

»O Sie Barbar!« rief Frau Balthasar, lachend zwischen die Herren tretend, deren Gespräch sie allzu scharf zugespitzt fand, »wie können Sie so hart sein? Aber wir wollen Ihnen verzeihen, wenn Sie das Zugeständnis machen, daß Senora Falconieros eine ungewöhnlich begabte, hervorragende Frau ist.«

Falkner verbeugte sich.

»Ich gebe das zu«, sagte er, »aber mir fehlen Verständnis und Geschmack für dergleichen ›ungewöhnliche und hervorragende Frauen‹, die in unseren Kreisen gottlob nicht üblich sind.«

Abermals eine Verbeugung, und Falkner verließ den kleinen Kreis.

»Das sind empörende Ansichten«, brach nun Frau Balthasar los. »Ich begreife nicht, wie ein Mann von der geistigen Bedeutung des Barons so engherzig sein kann.«

»Liebe Marianne, es mag sehr schwer sein, sich aus den festgeschnürten Wickelkissen gewisser Vorurteile herauszuarbeiten«, entgegnete der Professor kaltblütig. »Auch wir haben unsere Vorurteile, ohne daß wir es wissen, und auch wir gehen bei der Verteidigung unserer Ansichten aus Eigensinn und angeborener Rechthaberei weiter, als wir zunächst beabsichtigten. Überdies kann kein Mensch gegen seine Antipathien.«

»Falkners Äußerungen gegen Dolores deuten auf mehr als bloße Antipathie.«

»Das ist noch kein Grund, weshalb die beiden sich nicht noch einmal fabelhaft lieben sollten«, sagte Balthasar humoristisch.

»Unsinn.«

»Was willst du? Wie sagte Julia, als sie sehr rasch die Bekanntschaft ihres Romeo gemacht hatte?

So große Lieb' aus großem Haß entbrannt!
Ich sah zu früh, den ich zu spät erkannt.
O Wunderwerk! ich fühle mich getrieben,
Den ärgsten Feind aufs zärtlichste zu lieben.«


Frau Marianne lachte.

»Du vergißt, lieber Mann, daß weder Baron Falkner das Zeug zu einem Romeo hat, noch Donna Dolores, unsere Satanella, sich in eine schmachtende Julia verwandeln wird.«

»Weshalb nicht?« meinte Keppler, indem er dem Paar gute Nacht bot, »die Natur spielt wunderbar, und am Ende hat jede Frau soviel von einer Julia in sich wie jeder Mann von einem Romeo.«

Inzwischen hatte Falkner seine Wohnung erreicht, aber er konnte noch keine Ruhe finden. Er trat ans Fenster, öffnete es und ließ die kalte Nachtluft ins Zimmer strömen. Obwohl der Winter sich dem Ende zuneigte und man auf den Straßen schon die ersten Frühlingsboten in Gestalt winziger Veilchen- und Schneeglöckchensträuße verkaufte, war seine Herrschaft noch nicht gebrochen, noch zeigte er manchmal empfindlich seine Macht.

Falkner war erregt, und daß er's war, ärgerte ihn um der Ursache willen.

»Um eine Sängerin«, murmelte er verächtlich, und doch konnte er das Bild dieser Sängerin nicht loswerden – es gaukelte ihm vor den Augen und blendete ihn.

»Ich hasse rote Haare« – sagte er sich, indem seine Phantasie die goldenen Haarmassen der Satanella in jene fuchsige Farbe tauchte, die im Verein mit wässerigen Augen und fleckigem Teint so abstoßend wirkt.

»Sie werden bei Tageslicht so aussehen«, sagte er sich, »und die dunklen Brauen und Wimpern werden die Spuren der Farbe zeigen –«

Aber die Augen! Nein, die zu färben war ja ein Ding der Unmöglichkeit.

»Hüte dich vor allen, deren Haarfarbe von der der Augen absticht«, sagte er vor sich hin und mußte gleichzeitig lächeln über die ausgekramte Kinderfrauenweisheit. Und am Ende, was ging ihn die »Brasilianerin« an, die vielleicht in ihrem Privatleben den seltenen Namen Jette Müller oder Gustel Schulze führte. Der Gedanke daran zwang ihn zum Lachen.

»Donna Dolores Falconieros«, sagte er mit pathetischem Spott, »ich werde Ihnen aus dem Wege gehen. Zum Glück habe ich gar nichts mit Ihnen zu schaffen, voraussichtlich auch nicht in späterer Zeit. Unsere Wege führen sehr weit auseinander.«

Mit diesem Entschlusse glaubte Alfred von Falkner die Sache erledigt zu haben. Aber da fiel ihm das Lied ein:


Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
>Tönt ein Lied mir immerdar – –


Er kannte das Lied, aber wer hatte es gesungen, wann war es gesungen worden und von wem? Er sammelte seine Erinnerungen und dachte an die längstvergangenen Kinderjahre. Wen hatte damals der Falkenhof beherbergt? Er erinnerte sich nur eines prächtigen grünen Papageien, der ihm den Mittelfinger der rechten Hand durch und durch gebissen hatte, so daß man die Narbe heute noch sah. Damals hatte ihn jemand verlacht mit hellem, lustigem Lachen und ihm gesagt: »Es geschieht dir schon recht, denn wer hieß dich den armen Rio zu reizen!«

Er hörte plötzlich ganz deutlich die Worte wieder. Ganz richtig, Rio war der Name des klugen Vogels, der, wie er sich deutlich erinnerte, in drei verschiedenen Sprachen zu schimpfen verstand und dabei boshaft genug aussah. Nach jenem Biß und dem unbarmherzigen Lachen war er, Alfred Falkner, zum Oheim und Lehnsherrn gelaufen, um sich bitter zu beklagen, und seine Mutter, damals noch Witwe seines Vaters, hatte ihm tröstend den blutenden Finger verbunden und dazu finsteren Angesichts über das »herzlose fremde Ding« gemurrt, das an den Schmerzen anderer seine Freude habe.

Aber wer war die Gescholtene?

Der Lehnsherr vom Falkenhof hatte zwei Brüder, eigenwillige, unbeugsame Naturen, wie sie das Falkengeschlecht nur jemals aufzuweisen hatte. Der jüngere der beiden, Alfreds Vater, hatte, während er des Königs Rock trug, sein und seiner Gattin Vermögen völlig vergeudet und starb kurz vor dem drohenden Ruin. Der Freiherr von Falkner nahm nun die Witwe mit dem Knaben zu sich und hielt diesem einen Erzieher, der seine Stellung so zu befestigen und sich so unentbehrlich zu machen verstand, daß ihm schließlich die immer noch stattliche Witwe die Hand reichte. Da sie nun auf dem Falkenhofe seit mehreren Jahren die Pflichten einer Hausfrau versah, weil der Lehnsherr unvermählt geblieben war, so wollte der Freiherr die Schwägerin, die seine Interessen vortrefflich zu wahren verstand, nicht mehr entbehren, und so geschah es, daß sie mit ihrem Gatten einen Flügel des Falkenhofes zu dauerndem Aufenthalte bezog.

Der ältere Bruder des Lehnsherrn war ein unruhiger Kopf gewesen, dessen erinnerte sich Alfred Falkner genau. Aber da er ihm im fünfzehnten Lebensjahre bereits aus den Augen entschwunden war und auch kein Mensch mehr seinen Namen genannt hatte, so wußte er nichts mehr von ihm. Zwanzig Jahre sind eine Zeit, in der man vergessen kann, besonders wenn der Gegenstand des Vergessens totgeschwiegen wird. Je mehr indessen Alfred Falkner der entschwundenen Erinnerung nachsann, desto mehr gewann er davon zurück, und nun trat auch die hohe, blonde Erscheinung des Oheims wieder vor sein geistiges Auge. Er erinnerte sich dunkel, daß der seltsamerweise nie mehr Erwähnte gleich ihm Diplomat war und jahrelang einer Gesandtschaft angehörte, die jedenfalls im Süden zu suchen war. Undeutlich zwar, aber doch mit Bestimmtheit entsann er sich, ein Gespräch zwischen seiner Mutter und dem Lehnsherrn belauscht zu haben, in dem sich dieser bitter darüber beklagte, daß der Bruder in einer zornigen Aufwallung den Dienst quittiert und obendrein sein Vermögen beim Zusammenbruch eines Bankhauses verloren hat.

Der Zusammenbruch eines Bankhauses! Diese Redefigur hatte damals auf Alfred tiefen Eindruck gemacht, denn er konnte sich gar nicht vorstellen, wie ein Bankhaus zusammenbrechen konnte.

Nun erinnerte er sich ganz deutlich, wie der Oheim mit Kind und Kegel, mit Sack und Pack auf dem Falkenhof seinen Einzug hielt; er hatte von einem Mansardenfenster aus mit atemloser Neugier zugesehen, denn es war ihm zu Ohren gekommen, der Herr des Hauses habe von einer Mulatten- und Negerwirtschaft gesprochen, die nun die altdeutschen Räume des Falkenhofes entweihen werde.

Das hatte in seiner jungen, unternehmungslustigen Knabenseele gezündet, und glühend vor Erregung hatte er die Mutter gefragt, ob denn der Oheim ein Fürst aus dem Morgenlande sei, daß er mit Mulatten und Negern komme. Frau von Falkner hatte ihm lachend geantwortet, der Onkel sei höchstens ein Bettlerfürst, aber seine Frau, die Tante, wäre vielleicht eine Mulattin oder etwas Ähnliches, jedenfalls eine »Fremde«.

Und nun kam der Onkel Bettlerfürst an, aber nur eine einzige große Negerin mit ihm, vor der sich Alfred natürlich entsetzlich fürchtete, wie vor dem leibhaftigen Teufel. Die Tante war jedenfalls nicht schwarz von Angesicht, das war schon ein Trost. Sie brachten auch ein kleines Mädchen mit, hell und licht wie eine Elfe, mit einem prächtigen Papagei, namens Rio, auf der Schulter, der den Hausherrn sofort mit einem kräftig schnarrenden »Filou! Filou!« begrüßte. Jedenfalls war das im Lande der Mulatten eine Höflichkeitsform, wie Alfred meinte; er wunderte sich aber sehr, daß der also Begrüßte vor Zorn blaß wurde und gleich in der Stunde der Ankunft seine bissigsten Redensarten hervorkramte.

Damals hatte er zum erstenmal jenes helle, seltsame Lachen gehört, dessen er sich so genau zu erinnern wußte; er hatte gesehen, wie das kleine Mädchen den vorlauten Vogel gestreichelt hatte, worauf er, ermuntert und angefeuert durch den gespendeten Beifall, seiner ersten Äußerung noch ein lebhaftes »Caracho« folgen ließ.

Nach dieser wichtigen Begebenheit wurden seine Erinnerungen wieder dunkler. Er entsann sich nur, daß das kleine Mädchen, das damals halb so alt wie er selbst gewesen sein mochte, sein Spielkamerad wurde und unaufhörlich an seiner Seite blieb, bis jener Biß des Papageien einen unheilbaren Riß in seinen Mittelfinger und das Lachen seiner kleinen Cousine einen ebensolchen in die Freundschaft brachte. Er kümmerte sich nach Knabenart nicht mehr um sie und um die fremden Bewohner des Falkenhofes, von denen er sich nicht besinnen konnte, sie überhaupt oft gesehen zu haben. Nur zuweilen hörte er die helle Stimme der Kleinen durch die Kreuzgänge hallen.

Mit seinem fünfzehnten Jahre, als sein Erzieher seine Mutter heiratete, kam er auf ein Gymnasium, um dort sein Abitur zu machen. Zwei Jahre lang, während der er den Falkenhof nicht wiedersah, dauerte sein Studium, dann legte er eine Prüfung ab und trat sofort seine Reise nach der Universität an. Nach den ersten zwei Semestern seines Studentenlebens besuchte er zum erstenmal wieder die Heimat. Dort fand er alles in hastender Tätigkeit – die »Fremden« sollten den Falkenhof verlassen. Es war ein schrecklicher Streit unter den beiden Brüdern ausgebrochen, der sofort das Verhältnis trennte; was eigentlich vorgefallen war, darüber erfuhr er keine Silbe. Man war nicht sehr mitteilsam auf dem Falkenhof.

Der Oheim hatte schon einige Tage vorher das Haus seines Bruders verlassen, jetzt folgte ihm seine Familie nach, und Alfred entsann sich genau der hochgepackten Wagen, die bei seiner Ankunft vorläufig noch unbespannt vor dem großen Tor ihrer Insassen harrten.

Als Alfred am selben Abend allein durch die Kreuzgänge des inneren Hofes schritt, die Zigarre im Munde und das Mondlicht beobachtend, wie es durch die doppelten Säulenreihen der mit Efeu und Kletterrosen umsponnenen gotischen Bogen huschte und sich in breiten, fahlgrünlichen, glänzenden Streifen auf die Steinfliesen legte, da hörte er plötzlich eine wunderschöne, wenn auch noch kindlich klingende Stimme ein einfaches Volkslied singen:


»Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
Tönt ein Lied mir immerdar – –«


Er hatte das Lied hundertmal gehört und wohl auch selbst gesummt, dennoch aber veranlaßte es ihn diesmal stillzustehen und den süßen Tönen zu lauschen. Sein nächster Gedanke galt der Sängerin – wer und wo war sie? Er brauchte nicht lange zu suchen. Die Gebäude umschlossen ein viereckiges Stück Land, auf dem von jeher ein herrlicher Blumenflor grünte und blühte. Inmitten des Gartens befand sich das Bassin eines großen Brunnens, und vier kräftige kristallhelle Wasserstrahlen ergossen sich aus ebensovielen dräuenden Delphinköpfen in das graue steinerne Becken, das außen üppig mit grünem Farnkraut und Huflattich umsäumt war. Die vier mächtigen Schweife der Delphine vereinigten sich in der Mitte des Brunnens zu einem säulenartigen Gewinde, das sich nach oben vasenförmig öffnete und eine ehemals vergoldet gewesene, mächtige siebenzackige Freiherrnkrone trug.

Auf dem Rande des Bassins saß oder schwebte die Sängerin des ergreifenden Liedes – eine weißgekleidete Mädchengestalt, ein Kind, mit lang herabwallenden Haaren, die im Mondlicht glänzten wie flüssiges, mit Kupfer gemischtes Gold.

Alfred meinte an jenem Abend eine jener Lichtelfen zu sehen, wie das Märchen sie beschreibt, so duftig und zart wie aus Mondschein gewoben. Er wagte nicht, sich zu rühren, aus Furcht, die Elfengestalt am Brunnenrand könnte in Nebel zerfließen, wie es die Art dieser holden Geister ist.


»Und die Schwalbe singt, und die Schwalbe singt
Im Dorf wie einst – –«


verklang das Lied. Die Sängerin aber erhob sich und stand im nächsten Augenblick auf dem Rande des Bassins, einen Kranz von Rosen und dunklem Blattwerk in den Händen – sie hatte ihn während des Singens gewunden.

Mit sicheren schnellen Schritten ging sie rings auf dem schmalen Rand des Bassins herum, als sei sie an solche handbreiten Pfade gewöhnt.

Da tönte eine erschrockene Stimme aus dem im Schatten liegenden Flügel des Falkenhofes hervor: »Bei allen Heiligen, Kind, halt ein, du fällst!«

Und nun lacht die Elfe als Antwort. Ein lustiges, helles Lachen, das einen Anflug von Spott hatte.

»Laß mich nur machen«, rief sie zurück, »ich habe hier einen schönen Kranz gewunden, meinen Abschiedsgruß dem Falkenhof! Den will ich der Steinkrone da droben überwerfen, damit sie auch einmal etwas von Rosenduft spürt – –«

»Kindereien – komm ins Haus, es ist spät«, kam die strenge Stimme zurück.

»Ich komme schon – aber erst den Kranz«, antwortete die Elfe im Mondlicht, »er kann der alten verwitterten Krone nicht schaden, der frische Schmuck, wenn er auch morgen früh schon welk ist. Vielleicht blüht er noch einmal auf.«

Sie hob den Arm und warf den Kranz so sicher, daß er richtig über die Krone fiel und ihre sieben perlengezierten Zacken wie mit Purpur umsäumte.

»Wie schön« – rief die Elfe triumphierend, aber im selben Moment glitt ihr Fuß auf dem schlüpfrigen Gestein aus – ein Schrei aus dem Dunkel des Hauses, und die weiße Gestalt verschwand in dem hoch aufspritzenden Wasser des Bassins.

Mit einem Sprunge war Alfred im Hof und am Brunnen – seine kräftigen Arme zogen die leichte Gestalt aus dem Wasser und setzten sie vorsichtig auf den trockenen Boden. Sie war nicht bewußtlos, kaum erschrocken, und ihre Augen, die ihm im Mondlicht seltsam dunkel erschienen, sahen ihn fragend an.

»Bist du – sind Sie verletzt?« fragte er stockend.

Da lachte sie schon wieder.

»O nein«, sagte sie, »der Oheim drinnen hat mir's hundertmal gesagt, ich sei eine herzlose Person – und denen geschieht nichts, wenn sie ins Wasser fallen, sie können nicht untergehen. Nur Menschen, die ein Herz haben, zieht's auf den Grund.«

»So? Und was klopft denn da bei dir an der Stelle, wo bei anderen Menschen das Herz sitzt?« fragte Alfred belustigt.

»Da?« Sie legte die Hand auf die Stelle. »Oh, da liegt bei mir ein hohler Muskel.«

»Wirklich? Und fühlt der Muskel nichts?«

Sie sah ihn groß an.

»Nein –« sagte sie langsam, »es muß wohl nicht sein, denn der Oheim sagt, ich sei herz- und gefühllos – ein Satanskind.«

Und nun lachte sie wieder auf, daß es wie der Ruf der Spottdrossel durch den Garten und die Kreuzgänge klang, raffte ihr triefend nasses Kleid zusammen und floh ins Haus.

Am nächsten Morgen, als er ins Freie hinaustrat, waren die Wagen verschwunden. Die »Fremden« waren abgereist, und »es krähte kein Hahn nach ihnen«, wie Mamsell Köhler, die Beschließerin, sagte, als sie an das Inordnungbringen des verlassenen Flügels ging.

Nein, es krähte kein Hahn nach ihnen, denn nicht mit einer Silbe wurden sie erwähnt von dem Oheim, der Mutter und deren Gatten.

Nur einer vermißte das Satanskind – das war der Verwalter des Gutes, ein mittelalterlicher Hagestolz, dem es tausend und aber tausend lustige kleine Streiche gespielt hatte, wie allen im Hause, nur daß es drinnen Empörung und sittliche Entrüstung über den »schlechten Charakter« gab, während er lachte. Dafür sang sie ihm abends, auf dem Fensterbrett seines Häuschens hockend, Lieder zur Mandoline vor.


Alfred von Falkner seufzte tief auf – er war mit seinen Erinnerungen zu Ende. Es war nicht viel und nur sehr Unklares, da man ja auf dem Falkenhofe das niederdrückende System des »Totschweigens« übte und unliebsamen Personen keine Silbe gönnte. Aber er war dennoch zufrieden, nun wußte er doch, wo er das Lied gehört hatte, das die »Komödiantin« gesungen.

Bei dieser Erkenntnis fuhr ihm ein jäher Schreck wie ein glühender Strom durch das Herz – ihm war, als gliche die Satanella des heutigen Abends der kleinen zarten Elfe von damals, als sie im Mondlicht am Brunnen ganz ernsthaft ihre Herzlosigkeit behauptete.

Im nächsten Augenblick aber mußte er sein Erschrecken belächeln.

»Unsinn«, sagte er vor sich hin, »meine Nerven sind erregt von der Satansmusik der im Grunde geschmacklosen Oper. Es war das Lied, das mir den hirnverbrannten Gedanken eingab – denn das kleine Mädchen, das es vor vierzehn Jahren sang, war am Ende doch eine Freiin von Falkner.«

Mit diesem beruhigenden Gedanken suchte er sein Lager auf, aber die schlichte Weise tönte noch in seinen Träumen fort:


Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
Tönt ein Lied mir immerdar.


* * *


Die Zeit verging. Abend für Abend wurde die »Satanella« aufgeführt, und Abend für Abend zog die Oper eine Menge von Schaulustigen und Musikfreunden in die strahlenden Räume des Opernhauses.

Natürlich wurde das Geheimnis der Autorschaft bald gelüftet, und so geschah es, daß diejenigen, die sich eigentlich nur für die Sängerin begeistert hatten, diese Teilnahme nun auch der Oper zuwandten und umgekehrt.

Donna Dolores konnte natürlich nicht Abend für Abend die anstrengende Partie der Satanella singen und wechselte deshalb in dieser Rolle mit der Primadonna der Oper ab. Sie war eine geheimnisvolle Persönlichkeit, über die viel gesprochen wurde, man befragte den Intendanten, in dessen Hause sie wie eine Tochter verkehrte, aber er verriet ihre Herkunft nicht. Niemand hatte gehört, daß sie schon anderswo aufgetreten war, sie war gekommen und hatte gesiegt – ein Mädchen aus der Fremde im Reiche der Kunst. Man brannte förmlich darauf, mehr von ihr zu wissen, zu erfahren – vergebens. Denn die schwarze Tereza, ihre Kammerfrau, war unbestechlich, und Senor Ramo Granza, ihr Kammerdiener und Sekretär in einer Person, ein kleiner, nußbrauner, geschmeidiger Brasilianer, war noch unzugänglicher, sowohl Geld als guten Worten. Er war zugeknöpft von der weißen Krawatte bis zu den Lackstiefeln.

An den Abenden, an welchen Donna Dolores die Satanella sang, saß regelmäßig auch Alfred von Falkner in seiner Loge. Er wollte die Musik studieren, hatte aber keinen Blick für die Bühne, solange Donna Dolores auf ihr stand.

»Man sollte meinen, Sie fürchteten sich vor den faszinierenden Augen der Satanella«, sagte Richard Keppler eines Abends zu ihm. Denn auch der Maler fand sich regelmäßig ein und war immer wieder aufs neue entzückt von der plastischen Darstellungsweise der Fremden.

Alfred zuckte die Achseln.

»Sie hat eine wunderbar schöne Stimme, und ich komme, sie zu hören«, erwiderte er kühl, »aber das verpflichtet mich nicht, die Sängerin anzusehen. Ihre Erscheinung ist mir unsympathisch.«

Dagegen ließ sich natürlich nichts einwenden.

Es war etwa einen Monat nach jenem Abend beim Professor Balthasar, als Donna Dolores bei dem Atelier Richard Kupplers vorfuhr.

Senor Ramo sprang vom Bock und öffnete seiner Dame die Wagentür. Die Sängerin, wie gewöhnlich in Schwarz gekleidet, verließ den Wagen und betrat das Vorzimmer des Ateliers, das sich Keppler hier, mitten im grünen Stadtpark, selbst erbaut hatte und zu dem die reisende Welt von überall herbeiströmte. Man bewunderte sogar die Frühstücksreste des Meisters und brach vor dem halbvollendeten Bilde eines Schülers in Entzücken aus, in der Meinung, vor einer Schöpfung des Genies zu stehen.

Donna Dolores durchschritt die wohldurchwärmte, komfortabel und künstlerisch ausgestattete Vorhalle und öffnete die Tür, ohne anzuklopfen. In dem mit Oberlicht versehenen Raume stand Keppler, Pinsel und Palette in der Hand. Aber das gewaltige Historienbild, an dem er sonst arbeitete, hatte er zurückschieben lassen – eine andere Staffelei war herbeigerollt, und darauf stand im prächtigen goldenen Renaissancerahmen das halbvollendete lebensgroße Porträt der Satanella.

Der Meister war so versunken in den Anblick des Bildes, daß er nicht einmal hörte, wie das Original hinter ihm erschien, und so bot Dolores ihm auch keinen guten Tag, sondern huschte lautlos durch den purpursamtnen Vorhang ins Nebenzimmer, dem Buen Retiro des Meisters, wo in einem Korbe verpackt das Satanellakostüm lag.

Lautlos und schnell warf sie ihr schwarzes Kleid von sich und das andere über, dann löste sie das Haar und trat mit einemmal neben das Bild. Keppler erschrak beinahe, dann glitt sein Auge von der Leinwand auf die Sängerin, er verglich die Wirklichkeit mit der Kunst. Fast ängstlich prüfte er die Wirkung des farbensatten Bildes – dieses feuerfarbenen Kleides von starrer Seide im Schnitt der Renaissance, über einem Rock von Goldbrokat gerafft. Und über die rauschenden roten Falten wogte das üppige goldrote Haar in jenen wunderbaren Reflexen, wie sie eben nur dieses Haar hatte. Das zweizackige Brillantdiadem raffte die schweren Wellen zurück in den Nacken und funkelte über der weißen Stirn mit teuflischem Leuchten, denn die beiden rückwärts gebogenen Zacken flammten wie kleine Hörner, das Wahrzeichen Satanellas.

Mit einem Seufzer der Enttäuschung warf Keppler die Palette zur Seite. »Ich bin ein Stümper«, sagte er traurig, »denn ich stehe ratlos vor der Natur. Mir fehlen die rechten Töne für Ihr farbensattes Bild, Madonna Diavolina!«

»Zinnober, Meister, viel Zinnober, Karmin und Ocker«, scherzte die Sängerin. »Um Sie damit rot anzutünchen wie den Hans Styx im Orpheus! Ja, wenn ich allein vor dem Bilde stehe, dann sieht mein Auge diese Übergänge vor sich, dann weiß ich, wie Ihr weißer Nacken, Ihr Antlitz sich hervorheben muß aus dieser Flut von Rot und Gold. Stehen Sie selbst aber neben dem Bilde, so möcht' ich schier verzweifeln, denn dann verwirren sich die Begriffe – ich werde farbenblind!«

»Das macht, weil Sie mit dem Kopfe begonnen haben –!«

»Nein, Ihre Augen machen das«, rief er heftig. »Ich war ein Tor, Ihre Stellung so anzuordnen, daß Sie mich ansehen mußten – mit diesem Ausdruck ansehen mußten!«

Sie lächelte gezwungen.

»Ich werde an eine weidende Gänseherde denken«, sagte sie, »vielleicht verändert dieses Bild den Ausdruck meiner Augen.«

»Sie spotten und haben recht«, antwortete Keppler finster, indem er die Palette wieder aufnahm. »Die Satanella muß diesen Ausdruck im Auge haben – wie wäre sonst die Rolle denkbar, die sie im Leben spielt?«

Er beugte sich nach seinem Farbenkasten, und Donna Dolores stieg auf die Empore, um ihre Stellung einzunehmen: ein halbes Abwenden der Figur, das die volle Pracht des goldigen Haarmantels zeigte, aber das Haupt zurückgeworfen mit dem Lächeln der Siegerin auf den Lippen.

»Ich bin bereit, Apelles«, sagte sie.

Keppler warf einen flüchtigen Blick auf sie und begann zu arbeiten, stumm, die Lippen aufeinandergepreßt. Endlich richtete er den Blick auf sie.

»Ein schlechter Maler, der sein Modell langweilt«, sagte er.

»Sie sind verstimmt«, erwiderte Dolores, »ich kenne das. Es gibt schwarze, trübe Momente im Künstlerleben, wo uns das eigene Schaffen nicht genügt, wo wir uns gestehen, daß wir dem Ideal noch nicht nahe sind, das in uns lebt.«

Keppler erwiderte nichts. Er mischte die Farben und setzte dem Bilde einen neuen Ton auf. Prüfend trat er einen Schritt zurück und stieß dann einen leisen Schrei aus.

»Ich hab's –!« rief er erfreut. »Ich habe den richtigen Ton gefunden, der das Goldhaar mit dem Rot des Kleides harmonisch verbindet, habe ihn gefunden, ohne daß ich ihn gerade jetzt gesucht –«

»Auch in die dunkelste Stunde dringt der siegende Lichtstrahl der Kunst«, sagte Donna Dolores, nicht ohne Vorwurf in der Stimme, »sie verläßt ihre Jünger nicht, und wenn sie verzweifeln wollen, sendet sie ihnen das Gelingen.«

»Und hier habe ich auch den goldigroten Reflex des Haares«, sagte Keppler froh. Dann trat er vor die Sängerin hin.

»Sie haben ein gutes Wort gesprochen, madonna mia, das Wort von der Kunst, der treuen Kunst. Ich hatte nicht gedacht, daß Satanella sie so tief erfaßt hätte.«

Ein spöttisches Lächeln flog um ihren Mund.

»Auch du, Brutus?« sagte sie. »Meister, Sie sind ein feiner Menschenkenner, Sie senken Ihr klares, unbeirrtes Auge so tief in die Seele und halten mich dennoch für eine jener Künstlerinnen, denen die Kunst nur ein Goldquell, ein Mittel zum Zweck ist?«

»Sie sind für mich ein Diamant, der in hundert verschiedenen Facetten strahlt, Donna Dolores, jeden Tag in einer andern. Sie sind ein Rätsel, das ich noch nicht zu lösen vermochte, das verschleierte Bild von Sais, das ich so gern enthüllen möchte – wenn ich nicht davor scheute. Ich fürchte, es könnte eine entsetzliche Wahrheit bergen.«

»Den Pferdefuß«, schloß sie spöttisch.

»Ja, wenn Sie diesen Ton anschlagen, könnte man daran glauben«, erwiderte Keppler, indem er weitermalte, »das ist der rechte Satanellaton. Und mir ist's lieber, Sie schlagen den an, denn gegen ihn finde ich immer noch eine Waffe, die Waffe des Zweifels an Ihnen.«

»Daran tun Sie recht«, erwiderte sie kaltblütig.

Er sah voll zu ihr empor. »Sie nennen mich einen guten Menschenkenner – Sie haben unrecht, Madonna. So oft ich das Rechte in Ihnen gefunden zu haben glaubte, so oft fühle ich mich betrogen. Ich weiß nicht, ob Sie sehr edel sind oder sehr böse.«

»Sehr böse«, sagte sie lächelnd und sah zu ihm hinab, eine Welt voll Mutwillen in den Augen.

Keppler warf die Palette aufs neue hin und trat mit gekreuzten Armen vor Dolores. In seinem scharfgeschnittenen bartlosen Antlitz arbeitete eine mächtige Bewegung, sein sonst so klares Auge blickte düster.

»Pausieren Sie«, sagte er, »ruhen Sie aus – inzwischen will ich Ihnen ein tolles Märchen erzählen.«

»Ein Märchen?« Befremdet sah sie ihn an.

»Ja, ein Märchen. Oder meinen Sie, es geschehen keine Dinge mehr auf Erden, die Märchen genannt werden? Nur gibt es Märchen für kleine und Märchen für große Kinder.«

»Wohlan, ich höre!«

Donna Dolores trat von dem Hochsitz herab und setzte sich in einen der altertümlichen Sessel, wie sie in allen Arten im Atelier standen. Keppler lehnte sich gegen einen Pfeiler.

»Es war einmal ein armer Bauernjunge«, begann er, nachdem er seine Bewegung etwas bemeistert, »der mußte die Ziegen und Gänse des Dorfschulzen hüten, von früh bis spät. Und während sich seine Schützlinge mit lautem Meckern und Schnattern an den grünen Halmen und Kräutern labten, lag der arme Junge in seinen zerrissenen Kleidern im Riedgras und träumte mit offenen Augen von einer fremden, schönen Welt, die seine Seele ahnte, aber nicht begriff. Eines Tages mußte er in die Stadt laufen mit einer Botschaft – sie betraf kuhwarme Milch für die brustkranke Frau eines großen Malers, und der Junge stürmte mit seiner Botschaft direkt ins Atelier des Meisters. Mit weit offenen Augen stand der Gänsehirt vor der Herrlichkeit, die im Goldrahmen auf einer Staffelei vor ihm lehnte, und er vergaß die Ziegen, die Gänse, die Milch. Acht Tage später lief der arme Junge seinem Brotherrn davon, zu dem großen Maler; er möge ihn um Himmels willen bei sich aufnehmen und zu seinem Schüler machen. Zum Glück für ihn war der Maler ein Menschenfreund mit tiefem Blick; er erkannte, was unter den rohen Schlacken dieser Seele schlummerte. Er läuterte sie und lehrte selbst den Knaben – und ehe er starb, legte er den ersten Lorbeerkranz um die Schläfen des Schülers. Der aber schritt weiter auf seiner Ruhmesbahn, unaufhaltsam, aber einsam. Bis plötzlich eine Fee aus dem Dunkel hervortrat – das heißt er hielt sie für eine Fee – und spann sogleich ein Netz von goldroten Haarfäden um sein Herz – ein Netz, das er nicht zu zerreißen vermochte –«

Keppler brach ab und schlug die Hände vor sein Antlitz – er stöhnte laut.

Dolores war blaß geworden.

»Es war nur ein Irrlicht, das Ihnen wie eine Fee erschien«, sagte sie, sich erhebend.

Da trat er ihr entgegen und faßte ihr Handgelenk, um sie am Gehen zu hindern.

»Es war eine Fee«, rief er fast flehend, »o nehmen Sie mir nicht diesen Wahn! Dolores, ich bin nicht mehr jung – über vierzig Jahre bin ich durchs Leben gepilgert. Und wenn ein Mann in diesen Jahren liebt, dann liebt er zu mächtig, um seine Liebe ersticken zu können. Woran ich jahrelang nicht gedacht, jetzt will mir's nimmer aus dem Sinn – jetzt sehe ich durch die Räume meines Hauses eine Künstlerfrau schweben, eine Künstlerfrau wie zu Tizians Zeiten mit goldrotem Haar und dunklen Augen. Glauben Sie an solche Träume, Dolores?«

»Nein«, sagte sie tonlos.

»Dolores –!«

»Ich glaube nicht daran«, fuhr sie fort, »denn es gibt kein solches Glück. Ich hab' mir gelobt, mich nur dann zu vermählen, wenn's hier in meinem Herzen zu sprechen anfängt. Aber es spricht nimmer – hat noch nicht gesprochen – weil ich kein Herz habe. Wo es bei anderen pocht und glüht und pulsiert, da bleibt es bei mir kalt und still. Eine Künstlerfrau ohne Herz, das wäre ein Unglück für Ihr Haus, mein Freund.«

Keppler ließ ihr Handgelenk los und wandte sich ab. Er war sehr blaß geworden.

»Dolores, Dolores, was haben Sie mir getan!«

»Ich habe Ihnen Schmerz bereitet – aber besser zu frühen, als zu späten Schmerz. Sie haben mir viel geboten, ein Herz, eine Hand, ein Heim, und Sie wissen nicht einmal, wer ich bin und woher ich stamme, ob ich nicht vielleicht einen erborgten Namen führe –«

»Ich weiß nur, daß in dem Namen Dolores das Glück meiner Zukunft ruht.«

»Dolores heißt der Schmerz. Wäre ich die Teufelin, die ich auf der Bühne darstelle, so hätte ich vorgegeben, an die Verwirklichung Ihrer Träume zu glauben – dann würde Ihr Heim binnen kurzem eine Hausfrau haben. Aber es könnte sein, daß einstens doch noch ein zündender Funke in meine Brust fiele und mein Herz erwachte – was dann? Nein, mein Freund, suchen Sie Ihr Lebensglück nicht im Schmerze – es liegt anderswo.«

»Und meinen Sie, es sei kein Schmerz, entsagen zu müssen?« fuhr Keppler auf.

»Er ist geringer als der Schmerz, sich betrogen zu wissen. Und ich hätte Sie betrogen, wenn ich Ihnen von Liebe gesprochen, von der meine Seele nichts weiß.«

»Wie grausam Sie sind – Sie reichen mir in dem Korb nicht einmal den bittersüßen Bissen ›ewige Freundschaft‹ – ›Achtung‹ oder wie die Korbtrabanten sonst heißen mögen?« rief Keppler finster.

Es zuckte wie ein Lächeln um ihre Lippen. »Oh, wenn Sie sich danach sehnen –«

»Gut, gut, verlachen Sie mich noch!« rief er heftig. »Das ist ja dein Gewerbe, Satanella!«

»Richard Keppler – hüten Sie sich!«

Zornsprühend, flammend vor Entrüstung stand sie vor ihm, hoch aufgerichtet, schön wie noch nie. Da beugte er sein Knie vor ihr und verbarg sein Haupt in den rauschenden Falten ihres Kleides.

»Nicht so, Dolores, nicht so«, sagte er mit gebrochener Stimme. »Wissen Sie nicht, daß das Herz im Übermaß seines Schmerzes selbst das schmäht, was es liebt? Wohlan – gehen Sie Ihren Pfad weiter – ich will Sie nicht auf den meinen lenken. Ich will Ihnen entsagen – vergessen aber kann ich nicht –«

»Sie werden ein Weib finden, das besser ist als ich –«

»Wer sagt Ihnen, daß ich ein solches will? Dolores, Sie haben heute die Blüten von dem Baum meines Lebens gebrochen zum – Verwelken!«

»Ein neuer Lenz wird neue Blüten treiben – unverwelkliche«, sagte sie leise und beugte sich zu ihm hinab. »Gott segne Ihr edles Herz – und denken Sie meiner ohne Groll. Ich konnte, ich durfte nicht anders handeln.«

Sie reichte ihm die Hand, und er drückte seine Lippen darauf – zum Lebewohl am Scheidewege.

»Verzeihung – ich glaubte nicht zu stören.« Keppler fuhr empor bei dem Klang dieser tiefen Stimme, und Donna Dolores trat erblassend zurück. In der Tür stand Alfred von Falkner.

»Man sagte mir nicht, daß Sie Sitzung hätten –« fuhr er fort, und die Ironie in dem Worte »Sitzung« klang doppelt schneidend aus seinem Munde, »sonst wäre ich nicht hier eingedrungen.«

»Sie stören nicht mehr«, erwiderte Keppler gefaßt, »der Satanellatraum ist für heute ausgeträumt – und für immer«, setzte er leise hinzu.

Falkner trat vor das Bild und musterte es lange.

»Das wird wieder ein Meisterwerk«, sagte er endlich, »ich sah selten ein so flammendes Farbenmeer in so wunderbarer Harmonie.«

»Mein Verdienst ist nur das des Farbenmischens«, erwiderte Keppler schlicht, »das Bild gab mir der künstlerische Geschmack der Donna Dolores Falconieros.«

Falkner wandte sich halb um zu der Genannten, die noch bleich und wortlos am Sessel lehnte, umwogt und umrauscht von Farbe und Licht.

»Es ist schwer, beim Anblick Ihres lichten Haars an Ihre südliche Abkunft zu glauben, Senora«, sagte er.

»Ich habe kein Interesse daran, irgend jemandes Glauben in dieser Beziehung zu beeinflussen«, erwiderte sie kühl.

»Ach, das klingt sehr stolz, wie –«

»Komödiantenstolz« – vollendete sie ruhig.

»Wenn Sie es selbst so bezeichnen –« erwiderte er achselzuckend, »so muß ich natürlich meinen Vergleich unterdrücken .«

Nun zuckte sie die Achseln, und zwar so unendlich gleichgültig, daß Falkner die Augenbrauen zusammenzog und sich auf die Lippen biß.

»Ich gehe, um mich umzukleiden«, sagte Dolores zu Keppler und war im nächsten Augenblick hinter dem roten Vorhang verschwunden.

»Ich komme mit einer Bitte, Maestro«, begann Falkner nach einer Weile, während der Maler regungslos vor der Staffelei stand, »aber ich werde sie heute nicht aussprechen, denn Sie scheinen verstimmt zu sein. Mein ungerufenes Erscheinen –«

»Ich sagte Ihnen schon, daß Sie nicht störten – man kann nicht stören, wo es nichts zu stören gibt«, fiel ihm Keppler ungeduldig ins Wort.

»Gut, ich beuge mich«, erwiderte Falkner sarkastisch. »Sie übten mit Donna – wie heißt sie doch – ein lebendes Bild, eine Szene aus der ›Satanella‹.«

»Was soll das, Herr von Falkner? Sie würden mich verbinden, wenn Sie meinen Namen mit dem der Donna Dolores ganz außer allem Zusammenhang ließen.«

»Ihr Wunsch genügt«, entgegnete Falkner.

»Wenn Sie sich indessen wundern sollten –« begann Keppler wieder.

»O nein«, fiel ihm der andere ins Wort, »das Wundern muß man sich abgewöhnen, wenn man Künstlerkreise, besonders aber Ateliers besucht.«

Keppler biß sich auf die Lippen und schwieg.

»Und Ihre Bitte?« sagte er endlich, »doch ich errate sie – irgendeine Zeichnung meiner Hand für einen Wohltätigkeitsbasar – nicht wahr?«

»Nein, das nicht«, entgegnete Falkner belustigt, »man vertraut mir solche Brandschatzungsgänge nicht mehr an, seitdem ich diese Ehre einmal bestimmt abgelehnt habe. Noch ist es auf Ihre Kunst abgesehen. Unser Nachbar vom Falkenhof, der Herzog von Nordland, der allsommerlich auf ein paar Monate sein Waldschloß bezieht, wünscht sich und seine Töchter von Ihrer Meisterhand gemalt zu sehen und lädt Sie zu diesem Zweck feierlichst durch mich ins Waldschloß ein.«

»Ich habe andere Pläne für diesen Sommer –« entgegnete Keppler –«kann man gegen diesen fürstlichen Wunsch oder – Befehl nicht ankämpfen?«

»Schwerlich«, erwiderte Falkner, »eine Ablehnung wäre hier eine – Unart.«

»Und deshalb muß man eine langgeplante Reise aufgeben?« seufzte der Maler unmutig. »Den leichten Kittel an den Nagel hängen, um im Frack vor der Staffelei zu stehen? Und dazu der Zwang des Hoflebens!«

»Dieser Zwang wird im Waldschloß ganz abgelegt, der Herzog und seine Töchter bewegen sich so frei und ungezwungen wie Landedelleute. Und überdies – die Motive sind Ihres unsterblich machenden Pinsels würdig.«

»Die Prinzessinnen sollen reizend sein, ich hörte davon, indes –«

»So überlegen Sie«, schloß Falkner. »Ich reise in einigen Tagen nach der Hauptstadt von Nordland ab und bringe dann dem Herzog Ihre Antwort. Man erwartet Sie übrigens keinesfalls vor dem Mai im Waldschloß, und da wir jetzt im März leben, so haben Sie noch Zeit, Ihre Satanella zu vollenden.«

In diesem Augenblick trat Donna Dolores wieder ein. Sie hatte den Hut schon aufgesetzt und hielt eine mit Juchten überzogene Kassette in der Hand.

»Ich fahre jetzt ein wenig spazieren und kann deshalb meine Garderobe nicht mitnehmen«, sagte sie zu Keppler, »draußen wartet mein Wagen – addio Maistro!«

Sie reichte dem Maler die Hand und neigte ihr Haupt eine Linie tief vor dem Freiherrn, indem sie der Tür zuschritt. Doch als sie den letzten Knopf ihres Handschuhs zuzuknöpfen versuchte, entglitt die Kassette ihren Händen und fiel zu Boden. Der Deckel sprang auf, und heraus rollte außer verschiedenen juwelenblitzenden Nadeln, Ringen und Spangen das seltsam geformte Diadem der Satanella. Es fiel hart an die Kante eines Sessels, und eine der hornartigen Zacken brach dabei ab. Die Herren eilten herbei und lasen die schimmernden Dinge vom Boden auf.

»Echte Diamanten –« sagte Falkner unwillkürlich, indem er den Reifen an die zerbrochene Zacke zu hängen suchte, »Diamanten von wunderbarem Feuer!«

»Glaubten Sie, daß ich unechte Steine trüge?« Der Ton, in dem Donna Dolores es sagte, klang fast beleidigt.

»Sie sind wenigstens üblich für Theaterschmuck, Senora!« erwiderte Falkner, »aber ich begreife Ihre Laune. Nur ist sie sehr kostspielig –«

»Oh, mein Vorrat reicht hin, um mich als ›Selica‹ in Feuergarben zu hüllen«, meinte sie mit natürlicher Freude, ohne eine Spur von Prahlerei.

»Dann erlauben Sie mir, Senora, Sie zu Ihrer ungewöhnlich guten Ernte zu beglückwünschen«, sagte der Freiherr mit verletzendem Spotte im Tonfall.

Dolores richtete sich hoch auf und sah ihm fest in die Augen. »Ich bedauere, Ihre Glückwünsche nicht annehmen zu können, denn ich singe weder um Geld noch um Diamanten.«

Falkner verbeugte sich leicht und reichte ihr den Diamantreifen. »Pardon, Senora! Mein Irrtum war wohl verzeihlich –«

»Sehr verzeihlich«, nickte sie, »denn Sie kennen mich ja nur im Nebelschleier Ihres Vorurteils.«

Noch ein leichtes Nicken, und Donna Dolores war verschwunden.

»Sesam, öffne dich«, rief Falkner, als der Wagen davonrollte und er selbst an der Schwelle des Ateliers zum Gehen bereitstand, »diese Theaterprinzessin gibt schwere Rätsel auf und verlangt starken Glauben. Klappern gehört zum Handwerk, Donna Rothaar, soviel wissen wir Laien auch.«

In seiner Wohnung fand Falkner ein Telegramm vor, in dem seine Mutter ihn unverzüglich wegen des nahe bevorstehenden Todes seines Oheims, des Lehnsherrn, nach dem Falkenhof berief.


* * *


Wo der rauschende Laubwald des deutschen Nordens kühlen, wonnigen Schatten gibt, wo noch keine Axt sich gerührt, um Eichen und Buchen zu fällen und an ihrer Stelle rasselnde, qualmende Fabriken zu errichten, wo weit und breit nichts zu sehen ist als Himmel, Wald und lauschige, glitzernde kleine Seen, da liegt der Falkenhof.

Der große vierflügelige graue Steinbau mit seinen vier runden, efeubewachsenen, hoch und steil bedachten Türmen lehnt sich dicht an den grünen Wald, der hier zum Park umgeschaffen ist, während vor seiner Front sich ein mächtiger Rasenplatz, von Monatsrosen umsäumt und mit Gruppen der edelsten Rosen bepflanzt, ausdehnt. Die Wirtschaftsgebäude verbergen sich hinter dichtem Strauchwerk und Baumgruppen, so daß der Falkenhof einsam im grünen Wald zu liegen scheint – ein grauer, Stein gewordener Traum aus längst vergangenen Tagen.

Der Bau selbst entstammte dem sechzehnten Jahrhundert und war ursprünglich für ein adeliges Damenstift bestimmt gewesen, das dort nur ein kurzes Dasein gefristet und sich dann aufgelöst hatte. Da die Stifterin und Erbauerin eine Falkner gewesen war, so fiel die Besitzung an die Falkners zurück als Lehen, und ein Zweig dieser Familie ließ sich dauernd darauf nieder. Im Laufe desselben Jahrhunderts starben die anderen Linien des alten Geschlechts aus und die des Falkenhofes führte den Namen weiter bis heute.

Es waren seitdem viele junge Falken flügge geworden. Viele hatten ein friedliches Nest gefunden, andere sich im Fluge zu hoch gewagt und ihr Leben mit versengten Schwingen und gebrochenem Sinn beschlossen. Wieder andere waren verschollen, verdorben und gestorben, während einzelne kühn emporflogen zu sonnigen Höhen – wie es das Leben in großen Familien so fügt im Laufe der Jahre, Jahrhunderte.

Jetzt war das stolze Falkennest nur schwach besetzt. Der alte Freiherr und sein Neffe, der Legationsrat, waren die letzten männlichen Glieder des alten Stamms, und da der Freiherr mit einem Fuße im Grabe stand und der Neffe noch unvermählt war, so stand die Fortexistenz der Falkner auf schwachen Füßen.

Daran dachte der Freiherr Alfred, als er der Heimat seiner Kindheit entgegenfuhr. Er hatte schon oft daran gedacht, sich aber nie zur Vermählung entschließen können, einfach aus dem Grunde, weil die ihm bekannten jungen Damen sein Herz noch nicht erweckt hatten. Wenigstens fesselte keine ihn so, daß er sie zur Gemahlin hätte wählen mögen. Nicht daß er blasiert gewesen wäre; vor dieser Krankheit des gepriesenen neunzehnten Jahrhunderts bewahrte ihn sein Verstand. Aber die Hohlheit des Kopfes und Herzens, die ihm aus all den hübschen und schönen Gesichtern entgegenlachte, hatte ihn immer wieder zurückgeschreckt. »Der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang«, hatte ihm eine warnende Stimme oft zugeflüstert, wenn er das Rechte getroffen zu haben glaubte. Der furchtbare Gedanke, das ganze Leben neben einer unsympathischen Gefährtin dahinwandeln zu müssen, hatte ihn wieder befreit von der drohenden Fessel. Darüber war er achtunddreißig Jahre alt und obendrein Legationsrat geworden, denn daß nur sein Geist ihn so schnell befördert, das konnte niemand dem »schönen Falkner« bestreiten, ihm, der die Wonne und Sehnsucht aller Mütter von reifen und überreifen Töchtern war.

Er hatte ernste, fast strenge Ansichten vom Leben und von seinen Pflichten. Die diplomatische Laufbahn, in die der Oheim, seine Mutter und sein Stiefvater ihn gedrängt hatten, war nicht nach seinem Geschmack. Ihn lockte mehr die Wissenschaft, und er war auch gewillt, sich ihr ganz zuzuwenden, sobald er frei war.

Jetzt fuhr er vielleicht dieser Freiheit entgegen, durch sonnige Felder, schattige Wälder und duftende Wiesen, aber er konnte die winkende Freiheit nicht froh begrüßen, denn erstens mußte sie dem Oheim, der ihn an unzerreißbaren Fesseln hielt, den Tod bringen, und dann – – –

Den zweiten Gedanken dachte er nicht aus, vielleicht weil es nicht gut ist, jeden Gedanken auszudenken, vielleicht, weil der Wagen eben in den breiten Kiesweg einbog, der, von hohen Buchen beschattet, dem südlichen Seitenportal des Falkenhofes zuführte.

Als der Wagen unter der gedeckten Einfahrt hielt, trat Alfred Falkner dem Stiefvater entgegen, eine hochgewachsene Männergestalt mit klugen, ausdrucksvollen Zügen. Das schlichte, halbergraute Haar war glatt nach rückwärts gekämmt, so daß die eigentümlich runde, katzenkopfartige Bildung des Hauptes hervortrat. Seine Augen bedeckte eine Brille, der starke Bart auf der Oberlippe war tief dunkel, wie die dichten Brauen, die die Augen beschatteten. Das war der Doktor Ruß, der »Magister«, wie die Leute vom Falkenhof ihn nannten, eine unleugbar bedeutende Erscheinung, deren peinlichste Ordnungsliebe auch in seiner Kleidung angenehm hervortrat. Er schien zu jeder Stunde bereit zu sein, das Parkett eines Fürstensaals zu betreten, so sorgfältig und tadellos war seine Toilette.

»Willkommen, geliebter Sohn«, rief er mit leiser, sympathischer Stimme und streckte dem Freiherrn die Hände entgegen, »wir haben deiner lieben Gegenwart mit Ungeduld entgegengeharrt!«

Falkner legte seine Rechte flüchtig in eine der sich ihm entgegenstreckenden Hände – er hatte den Mann nicht leiden können, als dieser noch sein Lehrer war. Und als sich Doktor Ruß mit seiner Mutter vermählte, wurde das Gefühl gegen ihn noch bitterer, denn halberwachsene Söhne pflegen Stiefvätern Mißtrauen entgegenzubringen, und weder er noch Doktor Ruß selbst schienen die leidenschaftlichen Ausbrüche vergessen zu haben, mit denen damals der Jüngling die Nachricht begrüßte, die Mutter habe seinen Lehrer, der obendrein jünger war als sie selbst, als Gatten erwählt. Das damals feindliche Verhältnis hatte im Laufe der Zeit einem ruhigen Begegnen Platz gemacht, das die Welt freundschaftlich nennt, aber Falkners Abneigung gegen den Mann seiner Mutter war nie ganz gewichen. In seinem Inneren bäumte sich immer wieder ein unbezähmbares Gefühl auf, wenn Doktor Ruß ihn Sohn nannte.

»Steht es schon so schlimm mit dem Oheim?« fragte er als Antwort auf die Begrüßung des Stiefvaters.

»Es war gestern schlimmer«, entgegnete der Doktor und lud den Freiherrn ein, mit ihm die Treppe hinaufzusteigen. »Der alte Herr hatte einen bösen asthmatischen Anfall, er verlangte nach dir und dem Justizrat Müller aus B. Abends verlor er das Bewußtsein, das jedoch zum Teil heute wiederkehrte. Allein ich fürchte, fürchte« – –

Doktor Ruß schüttelte bezeichnend mit dem Kopf.

Oben an der Treppe wurde der Ankömmling von seiner Mutter begrüßt, einer stattlichen Frau, der man das Mehr der Jahre über denen des Gatten kaum ansah. Sie mußte einst schön gewesen sein, aber ihre Züge waren jetzt hart, ihre kalten blauen Augen ohne Güte, und ein erkältender Zug von Hochmut lag in den herabgezogenen Mundwinkeln. Im Gegensatz zu ihrem Gatten trug sie sich einfach und unmodisch, fast nachlässig, wie man es oft bei älteren Damen findet, die einsam leben und mit der Jugend zugleich jene Nettigkeit ablegen, die ein weibliches Wesen bis ins höchste Alter hinein nicht entbehren kann.

»Guten Tag, Alfred«, sagte sie kurz, denn sie haßte Gefühlsäußerungen ebenso wie Schönfärbereien, aber ein wärmerer Strahl aus ihren kalten, durchdringenden Augen bewies, daß die Ankunft des Sohnes sie freute, infolge jenes Naturinstinkts, der – auch bei der Wölfin – Mutterliebe genannt wird. »Du siehst angegriffen aus«, setzte sie in demselben Tonfall hinzu, indem sie in das düstere Zimmer voranschritt, das sie für gewöhnlich bewohnte und auf dessen großen Mitteltisch sie eine Erfrischung hatte bereitstellen lassen.

Alfred Falkner wußte, daß die Gefühlstemperatur im Falkenhof auf dem Gefrierpunkt zu stehen pflegte. Ein derartiger Empfang enttäuschte ihn deshalb auch nicht mehr, obgleich er zu den warmfühlenden Menschen gehörte, wenn auch zu jener Spezies, die ihr Empfinden hinter der eisernen Maske des Stolzes verbergen. Daß diese Maske nicht gefallen war, durfte nicht ihm zur Last gelegt werden; er hatte eben das Hochfeuer noch nicht passiert, noch nicht in jener tauwindartigen Temperatur gestanden, die warmfühlende Menschen um sich verbreiten. Die sanftklingenden, milden Worte des Doktor Ruß hatten noch nie ein Echo in ihm wachgerufen.

Während er sich an den Tisch setzte und die gebotene Erfrischung annahm, umfaßte sein Stiefvater seine Frau und küßte liebevoll ihre große, weiße Hand.

»Mein geliebtes, gutes Weib«, sagte er salbungsvoll, »es ziemt sich zu betrachten, wie der Herr die Geschicke lenkt. Dein Kind steht vor einem großen Wendepunkt seines Lebens.«

»Und ich nicht minder«, sagte sie leise, und mit fast erschreckender Leidenschaftlichkeit im Ton, die man unter dieser eisigen Hülle nicht vermutete, fügte sie hinzu: »Nach Jahren, Jahren der Abhängigkeit, der Demütigung und des Gnadenbrots!«

»Das letztere war dein Wille, geliebtes Weib«, erwiderte Ruß mit gleicher Sanftmut. »Hättest du nicht so heftig opponiert, ich hätte eine Professur gesucht und gefunden, die uns unabhängig gemacht hätte – aber die Rücksicht und der Hinblick auf deine Zukunft, Alfred, hieß uns hierbleiben und ausharren.«

»Deine Professur hätte meine Zukunft wohl kaum beeinflußt«, sagte Falkner ruhig.

»Doch – unsere Liebe zu dir gebot uns zu bleiben und dein Erbe für dich zu verwalten und zusammenzuhalten.«

Jetzt erhob sich Falkner.

»Das wäre geschehen auch ohne Erbschleicherei«, sagte er unbewegt.

Doktor Ruß hustete – dabei aber schoß ein böser Blick unter den Brillengläsern hervor auf die Reckengestalt seines Stiefsohnes, dem mit süßen Reden absolut nicht zu nahen war.

»Du bedienst dich starker Ausdrücke«, sagte er jedoch mit ruhiger Milde, so wie man es einem unbezähmbaren Kinde gegenüber zu tun pflegt.

Auf Falkners Stirn schwoll die Ader bedenklich, aber er beherrschte sich.

»Wann kann ich den Onkel sehen?« fragte er.

»Oh, du magst gleich hineingehen«, antwortete Frau Ruß. Und ohne ein weiteres Wort verließ der Sohn das Zimmer.

»Das wird ein strenger Herr auf dem Falkenhof werden«, meinte der Doktor, indem er sein rundes Haupt sinnend wiegte.

»Eigensinnig und hartköpfig ist er, wie alle Falkner«, erwiderte sie achselzuckend. »Mir fiel nur der Ernst auf, den er diesmal in erhöhtem Maße mitgebracht – das sieht fast aus wie Schwermut.«

»Daran denkt nur dein Mutterherz, meine Liebe. Ihr Mütter nehmt oft für Schwermut, was vielleicht nur – Schulden sind«, sagte der Doktor mit leisem Lachen.

»Möglich«, entgegnete sie kühl.

Währenddessen schritt Alfred Falkner den Korridor des Südflügels entlang und bog in den östlichen Teil des Hauses ein, in dem der jetzige Herr des Falkenhofs wohnte. Während er dem entgegenschritt, sah er durch die von schlanken Säulen getragenen Spitzbogen, die die kreuzgangartigen Korridore nach innen begrenzten, in den geräumigen Hof hinab, dessen graue Mauern bis zu den steilen Giebeldächern hinauf mit Klematis, Kletterrosen und Efeu umsponnen waren. Da blühten die Rosen wie ehemals auf dem smaragdgrünen Rasen, und aus dem Brunnen mit den Delphinen, deren gewundene, sich nach oben bäumende Leiber die Freiherrnkrone trugen, rauschten die kühlen, kristallhellen Wasserstrahlen wie damals, als in der Nacht die Feengestalt mit dem goldenen Haar am Bassinrande schwebte, einen Kranz flocht und dazu sang.

Warum ihm dieses Mädchen nur immer mit der Gestalt der Sängerin der Satanella verschmolz? Er blieb einen Augenblick stehen und sah hinab in den Hof, der jetzt ganz von Sonne erfüllt war, und es kam ihm der Gedanke, ob wohl der Rosenkranz, den sie damals nach der Krone warf und der an deren Zacken hängen blieb, schon ganz zu Staub geworden sei? Ärgerlich wandte er sich ab und schritt weiter – zu welch absurden Gedanken ließ sich der Mensch doch mitunter hinreißen.

Er betrat den östlichen Frontflügel, der parallel mit dem westlichen lief und die anderen Flügel an Länge bedeutend überragte, so daß das ganze Gebäude ein längliches Viereck bildete. Hier wohnte der Schloßherr, und hier in der sogenannten Bibliothek, die aber mehr Familienarchiv war, verbrachte er den größten Teil seines Lebens mit heraldischen und genealogischen Forschungen. Aber der lange, weite Raum, dessen Bücherreihen die Familienpapiere bargen, so daß eigentlich nichts in ihm an eine Bibliothek erinnerte, war leer; die schweren dunkelblauen Plüschvorhänge der drei Bogenfenster waren herabgelassen. Den Schritt dämpfend, durchmaß Falkner den Raum und öffnete leise die ins Wohnzimmer des Onkels führende Tür – und dort, vor seinem offenen Schreibtisch saß er, die wohlbekannte, verkrüppelte Gestalt mit dem Höcker, tief in den grünen Saffiansessel vergraben, rechts und links an den Sessel gelehnt die Krücken, mit denen er sich so schnell und gewandt fortzubewegen verstand. Aber das gelbe, vertrocknete, häßliche und bartlose Gesicht mit den langgezogenen Zügen, dem spitzen Kinn und den boshaften Augen – wie verändert sah es dem Eintretenden entgegen! Uralt, wie aus Pergament gepreßt, hatte dieses Antlitz ja immer ausgesehen, selbst in den Tagen der Jugend seines Besitzers, aber heute war doch etwas Besonderes darin – die Runen des Todes.

»Ah, Mosjö Alfred«, schnarrte der alte Herr trotz der drohenden Zeichen in seinem Antlitz mit dem gewohnten spöttischen Ton. »Was verschafft mir die hohe Ehre deines Besuches?«

»Meine Mutter schrieb mir, du seist krank, Onkel. Da wollte ich doch einmal selbst nach dir sehen«, erwiderte Falkner herzlich und reichte dem armen reichen Krüppel die Hand.

Kichernd wie ein Kobold, kitzelte der alte Freiherr mit der Fahne der Gänsefeder, die er in der spindeldürren, großen gelben Rechten hielt, die Fläche der ihm gebotenen Hand. »Das Opfer liegt – die Raben steigen nieder«, zitierte er mit blinzelnden Augen.

Sofort zog Falkner seine Hand zurück und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen.

 »Hoho, wohin?« rief der Kranke ihm nach.

»Zurück nach B.«, entgegnete der Legationsrat lakonisch, ohne sich umzuwenden.

»Hiergeblieben«, kreischte der Freiherr, und als sein Neffe zögerte, setzte er bissig hinzu: »Ist das eine Art, mit einem umzugehen? Ist das die Manier, sich einem Erbonkel angenehm zu machen?«

Falkner ergriff einen Stuhl und setzte sich zu dem Kranken.

»Ich bin gekommen, nach dir zu sehen, weil Pietät und Pflicht mir dies gebieten«, sagte er abweisend. »Das Angenehmmachen überlasse ich – anderen Leuten!«

Der Schloßherr vom Falkenhof lachte, daß ihm die Augen übergingen.

»Anderen Leuten!« wiederholte er ganz außer Atem. »Gut, sehr gut! Anderen Leuten! Warum machst du eine Pause vor dieser kostbaren Umgehung des Namens Theobald Ruß, Dr. phil. usw. he?«

»Lassen wir den Doktor Ruß aus dem Spiel, Onkel«, erwiderte Falkner, unmutig über die Äußerung, zu der ihn die Art des Kranken hingerissen. »Sage mir lieber, wie du dich fühlst seit dem gestrigen bösen Anfall?«

Der alte Herr überhörte die Frage vollständig. Mit gleichgültiger Miene ergriff er ein Federmesser und begann an seiner Feder herumzuschnitzeln.

»Nun, mein Junge, erzähle mir, was man in B. tut und treibt«, sagte er dabei jovial. »Ist es wahr, daß man dort eine Weltausstellung plant? Schöner Gedanke, aber wo nimmt man das Geld her? Ich gebe keinen Deut dazu!«

So wenig sympathisch ihm der Onkel war, hier überkam es Alfred Falkner doch wie ein Weh bei dem erzwungenen leichten Ton des armen Krüppels, um dessen Mund und Augen sich schon so schreckliche Linien zogen. Was war das Leben dieses Mannes gewesen? Ein schneckenartiges Fortbewegen an Krücken, ein reicher Besitz und ein Betrachten der Lebensfreuden anderer; Entsagung, Verbitterung und die Freude, seine Umgebung mit Bosheiten peinigen zu können. Warum mußte es solche Menschen geben?

Die zitternden, krallenartigen, gelben Hände sanken müde mit ihrem Spielwerk in den Schoß, und die stechenden Augen richteten sich forschend auf die ernsten Züge seines Gegenübers.

»Was haben sie dir drüben über mich gesagt?« flüsterte er plötzlich leise und schnell.

»Nur die Tatsachen, Onkel«, erwiderte Falkner, aber der Unwille über das von den Seinen Gehörte stieg wieder in ihm auf.

Eine Weile war es still im Krankenzimmer, so still, daß man nur die Fliegen an den geschlossenen Fenstern summen hörte.

»Höre, Alfred«, nahm endlich der Schloßherr wieder das Wort, und es war merkwürdig, wie unsicher die scharfe Stimme klang, »ich glaube, ich habe dir unrecht getan!«

Erstaunt sah der also Angeredete empor. Verbarg sich hinter den sonderbaren Worten eine neue Bosheit, wie er sie unter der schönfärberischen Bezeichnung eines »Scherzes« auszuteilen liebte?

»Es ist nämlich – das heißt«, fuhr der Kranke noch unsicherer fort, »na, als ich gestern die kleine Mahnung bekam, daß gegen den Tod kein Kraut gewachsen ist, da schossen mir plötzlich tugendhafte Gedanken durch den Kopf – na, schließlich bist du ja alt genug, hast deinen Verstand und wirst dich darüber hinwegsetzen, nicht wahr, mein Junge?«

Falkner sah forschend den Onkel an – verlor sich wieder die Besinnung des alten Herrn?

»Nun, zum Kuckuck, begreifst du denn nicht?« platzte der Alte mit gewohnter Ungeduld heraus und setzte höhnisch hinzu: »Tu nur nicht so, als hätten die da drüben dir nicht von Anfang an in den Kopf gesetzt, daß du mein Erbe, der Erbe vom Falkenhof seist! Kannst du das leugnen?«

»Nein«, sagte Falkner fest.

»Nun, siehst du«, quiekte der Kranke. »Und du hast's geglaubt?«

»Ja«, bestätigte der Gefragte.

»Natürlich, dergleichen glaubt man gern«, höhnte der Freiherr, »aber gestern hat mir deshalb mein Gewissen geschlagen«, fügte er spöttisch hinzu; »ich hätte dir den frommen Glauben nehmen sollen, nehmen müssen, Alfred, aber es hat mir zu viel Spaß gemacht, den hochgelahrten, superklugen, christlich milden Herrn Doktor Ruß und seine holde Ehehälfte – –«

»Meine Mutter«, fiel Falkner ein.

»Nun ja, deine Mutter, die auf meinen Tod lauert, seitdem sie unter meinem Dache lebt – kurz, die ganze Gesellschaft am Narrenseil herumzuführen. Aber schließlich kann ich ja doch die langen Gesichter nicht mehr sehen, wenn sie erfahren, daß sie die Rechnung ohne den Wirt, das heißt ohne die Lehensbestimmungen gemacht haben. Aber es ist dir doch nicht sehr unangenehm, Alfred, daß dir der Falkenhof so vor der Nase fortgeschnappt wird?«

»Ich verstehe dich noch nicht, Onkel«, entgegnete Falkner etwas beklommen.

Der Kranke bewegte sich unruhig in seinem Sessel hin und her.

»Du bist doch sonst nicht so schwer von Begriff«, sagte er verdrießlich, »aber freilich, dir hat ja keine Seele etwas von den Erbfolgebestimmungen des Falkenhofes gesagt. Mich wundert nur, daß der weise Herr Doktor Ruß sie noch nicht herausgetüftelt hat – der muß doch seine Nase sonst in allem haben. Aber die Erbschaft schien ihm wohl zu sicher – –«

»Onkel –!« fiel Falkner etwas ungeduldig ein.

»Ja, ja, ich komme schon zur Sache«, fuhr der Freiherr auf und kramte etwas nervös unter den Papieren herum, die seinen Schreibtisch bedeckten. »Da ist es«, sagte er, und zog ein Dokument hervor, »das heißt dies sind die Lehensbestimmungen vom Jahre 1563, bestätigt durch die Unterschrift und das Insiegel Sr. Majestät Maximilian II., des Heiligen Römischen und Deutschen Reiches Imperator et rex. Anerkannt sind sie ferner unter meinem Großvater selig durch den damaligen Landesfürsten und dessen Regierung, so daß selbst der Herr Doktor Ruß, falls er sie umstoßen wollte, kein Glück damit haben dürfte. Nun also, hier steht es schwarz auf weiß: Die Erbfolge auf gedachtem Lehen, der Falkenhof genannt, ist also geregelt, daß dem jeweiligen Inhaber desselben, wenn er mit dem Tode abgegangen oder gerichtlich auf den Besitz Verzicht geleistet hat, sein ältestes Kind, gleichviel ob es ein Sohn oder eine Tochter ist, folgt. In letzterem Falle bleibt aber das Lehen nur so lange in ihrem Besitz, bis sie stirbt, und fällt dann an das älteste Glied männlicher Deszendenz aus dem freiherrlichen Hause derer von Falkner zurück. Bei Mangel an Leibeserben des jeweiligen Besitzers fällt das Lehen an den Ältesten des Hauses oder dessen ältestes Kind, gleichviel ob Sohn oder Tochter. In letzterem Falle gelten immer die oben angeführten Bestimmungen, daß eine Lehnsherrin des Falkenhofes ihn niemals auf ihre Kinder, falls sie sich vermählt, nach ihrem Tode übertragen kann, sondern dem ältesten männlichen Agnaten oder dessen Deszendenz überlassen muß. Vermählt die Lehnsherrin sich aber mit dem ersten Agnaten oder dessen Erben selbst, so fällt das Lehen natürlich an die Kinder aus dieser Ehe, und die anderen Agnaten treten vor diesen zurück.

Nun, was sagst du dazu?« fragte der Freiherr triumphierend, als er mit der Vorlesung zu Ende war.

Falkner hatte sich erhoben und war ans Fenster getreten. Es kann ein Mensch sehr groß denken und über die Schwäche, den Besitz zu seinem Götzen zu machen, erhaben sein – die plötzliche Nachricht, daß er nicht reich, sondern arm sei, wird ihn dennoch bewegen. Alfred Falkner war nicht habsüchtig, aber er war auch nicht an ein Leben der Einschränkung gewöhnt; er war aufgewachsen mit dem Bewußtsein, er sei der Erbe des Falkenhofes, des reichsten Lehens der Monarchie; niemals war ihm gesagt worden und nie hatte er selbst daran gedacht, es könne daran gerüttelt werden, und nun – – –

Dem alten Herrn wurde die Pause doch allzulang und die Stille zu drückend.

»Alfred!« rief er, und in seinem Ton lag ein sonderbares Gemisch von Scheu, Trotz, Spott und Reue. »Alfred, nimm dir's nicht zu Herzen – – 's ist mir leid, daß es dir weh tut – ich habe ja aber bloß den alten Schleicher, den Ruß, ärgern wollen, nicht dich, denn im Grunde bist du mir doch der Liebste von allen. Als ich von Bruder Friedrich damals im Zorn schied, drohte ich ihm, die Lehensbestimmungen zu deinen Gunsten umstoßen zu wollen, und ich hab's auch wirklich versucht, aber es läßt sich an dem Dokument da nicht rütteln, Alfred!«

Jetzt wandte Falkner sich um und trat neben den Stuhl, in dem das boshafte, hinfällige Schattenbild eines Menschen sich krümmte unter dem geraden, vorwurfsvollen Blick seines Neffen, der so hoch und gebietend neben ihm stand.

»Kein Wort weiter, Onkel!« sagte er fest. »Gott soll mich behüten, daß je der Gedanke in mir keimte, andere um ihr gutes Recht betrügen zu wollen. Sind diese Bestimmungen rechtskräftig, so soll mit meiner Bewilligung niemand wagen, daran zu rütteln, damit ich bereichert werde. Daß du mich aber in Unwissenheit darüber gelassen, mich als reichen Erben erziehen ließest, nur in der boshaften Freude, meine Mutter zu enttäuschen und den Mann zu ärgern, den du nicht leiden magst – das sind Dinge, die du vor deinem Gewissen zu verantworten hast, nicht vor mir!«

»Alfred!« wimmerte der alte Mann, »Alfred, scheide nicht im Zorn von mir – das ist doch ein häßliches Scheiden –«

Falkner beugte seine hohe Gestalt über den elenden Krüppel.

»Es mag schwerere Enttäuschungen geben als diese«, sagte er, mitleidig geworden im Angesicht des Todes, der sein Opfer schon gezeichnet hatte. »Und zum Beweis, daß ich nicht grolle, findest du mich bereit, dir Beistand zu leisten, falls du ihn zur Ordnung deiner Angelegenheiten neben dem eines Juristen bedarfst!«

Der kranke Mann heftete seine stechenden klugen Augen fest auf das männlich-schöne Antlitz seines Neffen, und dabei bekamen diese sonst vor Bosheit funkelnden Augen einen eigentümlich verschwommenen Ausdruck.

»Du bist ein guter Junge«, sagte er matt, und nach einer Pause fügte er hinzu: »Mich hat die Sache doch angegriffen und alteriert – ich hatte geglaubt, du würdest außer dir geraten – das hätte mir nicht so geschadet! Geh jetzt und schicke mir ein Glas Wein oder sonst etwas zur Stärkung, hörst du? Bleib aber auf dem Falkenhof, bis der Justizrat kommt –!«

Er lehnte sich erschöpft zurück, und Falkner verließ das Zimmer. In der Bibliothek aber mußte er stehenbleiben zu einem Augenblick der Sammlung an diesem Wendepunkte seiner Zukunft. Die Enttäuschung, die ihn getroffen, war groß und die Entsagung größer, denn ohne habsüchtig zu sein, läßt sich der plötzliche Verlust eines großen Besitzes, dieses nervus rerum der Welt, immerhin schwer genug tragen, selbst da, wo Jugend, Kraft und Fähigkeit sich finden, den Verlust, wenn auch nicht zu ersetzen, so doch zu mildern. Leute, die nichts wissen von dem Luxus des Lebens, die die vielen Dinge als Liebhabereien für Sammlungen, Bücher usw. nicht kennen, verschmerzen Verluste von Vermögen oder geträumten Erbschaften viel eher und leichter als solche, die sich ein mehr innerliches und einsames Dasein durch das zu verschönern suchen, was ihrem Geschmack entspricht, aber eben nur mit großen Mitteln zu erkaufen ist. Alfred Falkner gehörte nicht zu den Menschen, die das Geld im Wahn des Leichtsinns mit vollen Händen unwürdigen Zwecken opfern, er spielte auch nicht, aber er genoß sein Leben, indem er reiste und sein Heim durch kostbare Gemälde und Kunstgegenstände verschönte. Er konnte diesen Liebhabereien frönen, denn er erhielt die Mittel dazu, und wenn er auch keine Schulden im Hinblick auf das zu erwartende große Erbe machte, so ward ihm doch manches, selbst Geld, daraufhin angeboten.

Und jetzt sollte alles anders werden, jetzt sollte er den Kampf um das Dasein selbst aufnehmen und zusehen, daß er ein standesgemäßes Leben mit dem Gehalt, das er verdiente, führte. Und seine Mutter –!

Die ganze eigene Enttäuschung, die er soeben erlebt, schrumpfte mit einemmal in ein Nichts zusammen in dem Gedanken an seine Mutter, denn wie würde sie's tragen? Für sie war's ja hundertmal schwerer, sich eine eigene Existenz zu gründen, als für ihn, der Jugend, Kraft und Fähigkeit hatte, dem Dasein goldene Früchte abzuringen. Freilich, sie hatte ja ihren zweiten Gatten! Falkner lächelte bitter vor sich hin, als ihm der Mann einfiel, der seine Mutter so beherrschte, daß er selbst ihren mütterlichen Gefühlen Zügel anlegte und sie nach seinem Gutbefinden regelte. Jetzt konnte er's beweisen, ob seine Liebe groß genug war, um für sie und sich zu arbeiten!

Doch die Zeit verrann, und der Kranke drinnen bedurfte einer Stärkung. Falkner atmete tief auf, als wolle er neues Leben mit diesem Atemzuge einsaugen, und verließ die Bibliothek. Draußen im Korridor kam ihm Mamsell Köhler entgegen, die Beschließerin, die in ihrem ewigen grauen Kleide von Mix-Lüster, der schwarzseidenen Schürze und dem schwarzen Spitzentüchelchen über den eisgrauen Löckchen, die ihr altes verschrumpftes Gesicht einrahmten, jahraus, jahrein als ein unermüdlich tätiges Hausgeistchen durch die Korridore, Gemächer und Treppen des Falkenhofes huschte. Seit er selbst das Herrenhaus zuerst betreten, kannte Alfred Falkner die kleine Mamsell Köhler, und sie war sich immer gleich geblieben, nur daß ihre Löckchen mit der Zeit gebleicht waren. Sie trug ihre Kleider immer noch nach dem Schnitt, der in ihrer Jugend maßgebend gewesen, stets war sie in peinlichster Ordnung zu sehen, und ihr Leinenkragen, ihre Manschetten und die Strümpfe, die unter den Kreuzbändern ihrer Halbschuhe hervorleuchteten, waren stets von blendender Weiße.

Falkner hielt sie an, als sie schnell an ihm vorüberknicksen wollte, und bat sie, dem Onkel die gewünschte Stärkung zu bringen.

»Ei du mein Gott ja«, rief sie eifrig, »ein Gläschen Sherry oder Madeira werden dem gnädigen Herrn Baron guttun. Ach«, setzte sie traurig hinzu, »er macht keine Scherze mehr mit mir, wenn ich zu ihm hineingehe, und was schlimmer ist, er verhöhnt mich nicht mehr – da wird es wohl Matthäi am letzten mit ihm sein!«

Sie huschte die Treppe hinab, und Falkner stand wieder an den säulengetragenen Bogen und sah in den Hof – vielleicht zum letztenmal in diesem Leben, wie er dachte. Dann schritt er langsam, sehr langsam nach dem düsteren Zimmer, das seine Mutter bewohnte und in dem die Möbel so gerade und steif standen und kein Zierat Kaminsims und Tischchen schmückte.

In der tiefen mittleren Fensternische auf dem hohen Tritt saß Frau Doktor Ruß und strickte; ihr Gatte saß an dem feuerlosen Kamin, ein Buch in der Hand. Sein Blick glitt schnell und forschend über den eintretenden Stiefsohn, als suche er dessen Gedanken zu entziffern.

»Nun, wie fandest du den armen Onkel?« fragte er mit liebevollem Tone.

»Sehr verändert«, entgegnete Falkner kurz.

»Ja, es geht zu Ende mit ihm«, bemerkte Frau Ruß kühl, indem sie eine neue Nadel abzustricken begann. Es gibt weibliche Wesen, die immer stricken, in jeder Stimmung, nur mit dem Unterschied, daß sie es in erregter Stimmung schneller tun als sonst; Wesen, die jede Stimmung hinwegstricken und in langen Strümpfen verarbeiten, die in Freud und Leid, in Sommerhitze und Winterkühle mit den Nadeln klappern und, wo andere Vergessen suchen, Trost oder Mitteilung, die gefallenen Maschen auflesen und Patentfersen stricken – sie gemahnen an jene grauenvollen Strickerinnen, die zur Schreckenszeit in Frankreich um die arbeitende Guillotine saßen und zu den fallenden Köpfen gleichmütig für ihren Lebensunterhalt Strümpfe förderten.

Alfred Falkner ließ sich müde in einen der hochlehnigen Sessel am Sofatisch gleiten – noch wußte er nicht, wie er es einleiten sollte, seine Mutter in Kenntnis von dem zu setzen, was er eben droben beim Oheim erfahren.

»Du warst lange bei ihm«, bemerkte Doktor Ruß, »fandest du ihn bei vollem Bewußtsein?«

»Er war vollkommen klar«, entgegnete Falkner, »und setzte mir die Bestimmungen über die Erbfolge im Lehen auseinander –«

»Ah!« sagte Doktor Ruß und legte sein Buch beiseite. Die Sache begann ihn zu interessieren.

»Nun, was ist da lange auseinanderzusetzen?« fragte Frau Ruß gleichgültig. »Du bist der Erbe, damit basta!«

»Nein, liebe Mutter, der bin ich nicht«, erwiderte Falkner, entschlossen, die Sache zur Sprache zu bringen.

Frau Ruß sah ihren Sohn einen Moment an, aber sie hörte nicht auf zu stricken. »Ich finde solche Scherze unpassend«, sagte sie ruhig, aber scharf.

»Nun, der Onkel könnte sich höchstens einen solchen erlaubt haben, daran erkenne ich ihn«, meinte Doktor Ruß, seinen Stiefsohn scharf beobachtend. »Vielleicht teilt er dir auch mit, wer größere Ansprüche auf den Falkenhof hätte als du.«

»Gewiß tat er das«, entgegnete Falkner gereizt wie immer, wenn der Mann mit den stets vermittelnden Honigworten dort sprach. »Erben des Falkenhofs sind rechtskräftig Onkel Friedrich von Falkner und seine Deszendenten!«

»Ah –!« Frau Ruß hatte sich erhoben und das Strickzeug mitten in die Stube geschleudert – ihre kalten Augen blitzten, ihre Hände ballten sich – im Nu war aber ihr Gatte an ihrer Seite.

»Ruhig, Adelheid, ruhig, mein Weib«, mahnte er sanft, ihre Hände streichelnd. »Siehst du nicht, daß dein guter Schwager sich einen Scherz mit Alfred erlaubt hat? Denn so viel ich gehört, soll Baron Friedrich in Brasilien gestorben sein, und dann besaß er nur eine Tochter –«

»Diese Tochter aber erbt den Falkenhof, und erst nach ihrem Tode fällt das Lehen, das ein sogenanntes Kunkellehen ist, an mich oder meine Deszendenz zurück«, erklärte Falkner ruhig.

Einen Moment war es still, ganz still in dem Zimmer. Das vordem so erregte Antlitz der Frau Ruß war ruhig geworden, unheimlich ruhig und steinern, die Augen leblos, als seien sie blind. Ihres Gatten Züge waren aschfahl geworden – er mußte sich sichtlich beherrschen, ehe er in seinen gewöhnlichen, leisen und milden Ton zurückfallen konnte.

»Ei, das sind überraschende Nachrichten«, sagte er langsam. »Nun, wir werden ja sehen, ob sie auch rechtskräftig sind. Ein Kunkellehen also! Und warum hat man das nie erfahren? Adelheid, geliebtes Weib, fasse dich! Ich stehe mutig dir zur Seite, dein und Alfreds gutes Recht zu wahren und zu verteidigen, falls es dessen bedarf –«

»Das heißt, falls ich dessen bedarf!« rief Falkner, sich hoch aufrichtend. »Aber ich zweifle, daß ich deines Beistandes je bedürfen werde!«

»Ah, schön – die stolze Falkennatur regt sich in deinem Sproß, Adelheid«, erwiderte Doktor Ruß gemäßigt. »Und darf man fragen«, setzte er hohnvoll hinzu, »darf man fragen, was mit uns geschehen soll, wenn der brasilianische Onkel mit seinem Neger- und Papageiengefolge wieder hier einzieht?«

»Wir würden in diesem Fall das Haus, auf das wir kein Anrecht haben, verlassen, nicht wahr, liebe Mutter?«

»Als Bettler!« sagte sie mit unbeschreiblichem Ausdruck in dem halb gezischten, halb geflüsterten Tone.

»Vis-á-vis de rién«, ergänzte Doktor Ruß.

»Ich für meinen Teil habe meinen Beruf«, erwiderte Falkner. »Ich kann mich ins Ministerium versetzen lassen und werde jedenfalls dafür sorgen, daß du, liebe Mutter, deinem Stande gemäß leben kannst!«

»Himmel, wie heroisch!« rief Doktor Ruß mit leisem Lachen, das so provozierend wie möglich klang.

Falkner maß ihn mit blitzenden Augen.

»Oh«, sagte er schneidend, »jetzt bietet sich dir die Gelegenheit, deine vielgerühmte Professur anzutreten und auch das deinige für die Frau zu tun, die ihr Schicksal vertrauensvoll an dich gekettet hat – mit einem Wort, zu beweisen, daß du auch verdienen und nicht nur verzehren kannst!«

»Alfred –!« fuhr Frau Ruß auf, angestachelt durch einen innigen Handkuß ihres Gatten.

»Ich gehe auf mein Zimmer, liebe Mutter«, erwiderte Falkner ruhig.

»Besprich du alles mit deinem Mann – es tut nicht gut, wenn ich dabei bin, ich weiß es, besonders jetzt, wo ich von meinem Piedestal als Erbe des Falkenhofes herabgestiegen bin!«


* * *


Der Zustand des alten Freiherrn von Falkner verschlechterte sich im Laufe der Stunden sichtlich; zwar verlor er das Bewußtsein nicht, aber die körperliche Schwäche nahm rapide überhand, und die Unruhe des nahen Todes kam über ihn und ließ ihn nicht rasten. Im Krankenzimmer neben dem Sessel des Sterbenden saß Alfred Falkner und hörte den Flügen zu, die die Phantasie desselben machte und sich in bizarren und grotesken Bildern erging. Außer ihm war noch der langjährige Verwalter des Falkenhofes zugegen, Herr Engels, dessen kraftvolle, starke Hünengestalt mit dem mächtig langen, nunmehr ergrauten Vollbarte wohlbekannt war in Feld und Wald ringsum, zum Wohle der weit ausgedehnten Besitzung. Die subalterne Stellung, die er einnahm, war ihm nicht an der Wiege gesungen worden, denn als Sohn eines hohen Staatsbeamten hatte er eine gediegene akademische Bildung genossen. Da aber kam das Jahr 1848, und Karl Engels ließ sich von dem losbrechenden Sturm mitreißen, auf den Barrikaden mitzufechten, und in Gefangenschaft geraten, konnte er von Glück sagen, daß nur langjährige Festungshaft seine Strafe war. Als er dann sein Gefängnis verließ, hatte er schwer mit dem Dasein ums tägliche Brot zu kämpfen gehabt, bis endlich sein guter Stern ihn seinem alten Freunde und Studiengenossen, dem »buckligen Falkner« zuführte, der ihn zuerst als Schreiber bei sich beschäftigte, und dem Schiffbrüchigen des Lebens dann zu seinem Verwalter machte, was beiden Teilen zum Segen gereichte.

Es war ein eigenes Verhältnis gewesen zwischen den beiden. Das trauliche »Du« der Jugendzeit hatten sie beibehalten, aber in Geschäftssachen hatten sie sich stets steif, als Herr und Diener gegenüber gestanden, hatten trotz aller Harmonie nie dieselbe Meinung gehabt und sich mindestens zweimal wöchentlich tödlich verfeindet. Das gehörte zur Gesundheit des sonderbaren Paares und schadete beiden nicht, noch weniger aber dem Falkenhofe, der dabei trefflich gedieh, und schließlich war es ihnen so zur Gewohnheit geworden, daß sie es für ein böses Zeichen genommen hätten, wenn sie einmal derselben Meinung gewesen wären.

»Karl, wer wird dich nur ärgern, wenn ich nicht mehr lebe?« hatte der Kranke vorhin gefragt, als Engels bei ihm eintrat.

»Na, das laß dich nicht grämen«, hatte der Freund beruhigend erwidert.

»Es grämt mich aber doch«, sagte der Freiherr, der immer widersprach. »Meine Hoffnung beruht dabei aber auf dem Satansmädel, Friedrichs Tochter – die wird dir schon geigen, daß du die Engel im Himmel singen hörst, Karl!«

»Na, das ist schön«, erwiderte Engels, der glaubte, sein Freund rede im Delirium, denn er wußte so wenig von der Lehenserbfolge wie Alfred Falkner wenige Stunden zuvor.

Erst als letzterer ihn im Nebenzimmer aufklärte, begriff er die Äußerung des Freiherrn.

»Tut mir leid für Sie«, sagte er und reichte Alfred die derbe Rechte, »das war nicht recht von dem da drin, Sie so lange zu täuschen! Na, überlebt er den Anfall, so will ich's ihm schon sagen, unverblümt, darauf können Sie sich verlassen. Aber freuen tut es mich doch, das Mädchen, Freiherrn Friedrichs Tochter, wiederzusehen! Da war Leben drin, sage ich Ihnen, alle Wetter! Das schäumte und brauste wie in einer Sektflasche, aber die rechten Zügel fehlten, daran lag es, und der Übermut wußte nicht, wohin zuerst. Hatte sie lieb, sehr lieb, die kleine rothaarige Wetterhexe!«

Alfred Falkner nickte – er sah sie jetzt wieder deutlich vor sich im Mondschein am Brunnen, den Rosenkranz flechtend und das süße Lied von der Jugendzeit singend; denn es gibt Momente der Erinnerung aus früheren Jahren, die nie verblassen. Sie prägen sich dem Gedächtnis so fest ein, daß ihre Farben frisch bleiben, bis unser Leben selbst dahingeht – ein Augenblick im Stundenglas der Ewigkeit.

Schwächer und schwächer wurden die Kräfte des Schloßherrn vom Falkenhof mit dem scheidenden Tage; unaufhörlich fragte er nach dem Justizrat Müller, seinem Sachwalter, den er nach dem Falkenhof beordert hatte, und schon fürchteten sein Neffe und Engels, der Ersehnte könnte zu spät kommen, als er endlich nach Sonnenuntergang eintraf.

Doktor Ruß, der sich mit seiner Frau dem Krankenzimmer bisher ferngehalten hatte, trat dem kleinen, lebhaften Herrn schon in der Vorhalle entgegen und unterrichtete ihn von dem Zustande seines Klienten. Seine Frage, ob er in etwas sich nützlich erweisen könne, verneinte der Justizrat für den Augenblick, trotzdem aber geleitete Ruß ihn zu den Zimmern des Freiherrn und trat mit ihm bei dem Kranken ein.

»Was will der hier?« raunte Engels vor sich hin, denn er und Doktor Ruß waren einander gar nicht grün, trotz der unversiegbaren Quelle von Liebenswürdigkeiten, die letzterer auf den Verwalter herabströmen ließ.

»Nun, Justizrat, was bringen Sie mir für Nachrichten?« fragte der Freiherr eifrig, und sein halberloschenes Auge begann noch einmal aufzuflammen.

Der kleine Jurist entfaltete Papiere, die er in einer Mappe mitgebracht.

»Soll ich in Gegenwart dieser Herren sprechen?« fragte er. Der Kranke sah Engels, Alfred Falkner und Doktor Ruß der Reihe nach an.

»Warum nicht, lieber Müller? Nur beeilen Sie sich!«

Der Justizrat putzte sein Pincenez, klemmte es auf seine Nase und räusperte sich.

»Nun denn«, begann er, »so erlaube ich mir, Ihnen vor allem mitzuteilen, daß der Freiherr Friedrich von Falkner, Ihr ältester Bruder, lieber Baron, vor drei Jahren schon in Rio de Janeiro an einer akuten Krankheit verstorben ist. Hier sind die betreffenden Papiere darüber!«

»Tot also!« sagte der Kranke leise. »Tot, gestorben vielleicht im Zorn gegen mich. Weiter!«

»Ihm folgte ein Jahr später seine Gemahlin, die Freifrau Tereza von Falkner, geborene Marquesa de Santiago, im Tode, verursacht durch ein jahrelanges Brustübel«, fuhr der Justizrat fort. »Sie starb, ehe sie von einem alten, unvermählten Onkel, dem Grafen Silvo Fernandez, dessen große Besitzungen geerbt hatte.«

»Güter in Brasilien sind so gut wie Güter auf dem Monde«, bemerkte der Kranke verächtlich. »Nun, und das Mädchen?«

»Die Freiin Dolores von Falkner lebt«, berichtete der Justizrat weiter. »Sie kehrte nach dem Tode ihrer Mutter nach Europa zurück und hält sich augenblicklich in B. auf –«

»Ah«, machte der Freiherr höhnisch, »sie weiß wahrscheinlich mehr von dem Kunkellehen als du, Alfred!«

»In B. auf«, fuhr der Justizrat fort, »woselbst sie bei der Hofoper als erste Sängerin unter dem Namen Falconieros wirkt. Als solche trat sie erst die große Erbschaft ihres Großoheims an.«

»Wie – was?« fragte der Freiherr verblüfft, während aus Alfreds Antlitz jeder Blutstropfen gewichen war. Jetzt fiel es wie Schuppen von seinen Augen, jetzt verstand er die Ahnungsschauer, die ihn so oft durchzuckt, jetzt wußte er, daß es dieselbe Stimme, die Stimme der Satanella war, die damals in der Mondnacht auf dem Brunnenrande das Lied gesungen:


Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
Tönt ein Lied mir immerdar – –


»Die Identität der jungen Dame ist ohne Zweifel«, schloß der Justizrat seine Chronik der Linie Friedrich Falkner.

»Also eine Opernsängerin, eine Theaterprinzeß die Erbin vom Falkenhof«, sagte der Freiherr schneidend. »Man lernt nie aus, Justizrat!«

»Nein«, bestätigte dieser, in seinen Papieren kramend. »Ich kann aber mit Befriedigung feststellen, daß Donna Falconieros einen Leumund besitzt, wie, nun, wie ihn manche unserer höchsten Damen nicht hat – er ist tadellos hinsichtlich ihres Lebenswandels. Das ist doch wohl die Hauptsache!«

»Ja, die Hauptsache für sie selbst«, entgegnete der Kranke, sich ereifernd, »für mich aber ändert sie das Faktum nicht. Opernsängerin! Nun, da mag es mit den Gütern in Brasilien nicht weit her sein, ich sagte es ja gleich! Wir müssen diese Donna Dolores von der Erbfolge ausschließen, Justizrat!«

»Geht nicht«, entgegnete der Angeredete lakonisch. »Donna Dolores ist und bleibt die erbberechtigte Freiin von Falkner. Was sie privatim tut und treibt, geht uns nichts an! Außerdem enthalten die Lehensbestimmungen keinen Passus, der uns in dieser Angelegenheit dienen könnte.«

»Sie tut und treibt ihre Singerei aber nicht privatim, sondern sehr öffentlich«, sagte der Freiherr heftig.

»Aber nicht als Freiin von Falkner«, beharrte der Justizrat. »Sobald dieser Name außer Spiel bleibt bei ihrer Künstlerkarriere, kann ihr Recht nicht angefochten werden, wenigstens nicht von dem Erblasser. Allerdings steht es den Agnaten frei, gerichtlich gegen die Erbin vorzugehen, wenn sie finden, daß ihre Beschäftigung eine mit ihrem Stande unverträgliche und ehrenrührige war beziehungsweise ist.«

»Kann ich in diesem Falle nicht finden«, ließ Engels sich vernehmen.

»Wer redet hier ungefragt?« fuhr der Freiherr auf. »Das ist meine Sache zu entscheiden! Nun, und was würde der Erfolg eines derartigen Vorgehens der Agnaten des Falkenhofes gegen die Erbin sein?«

Der Justizrat schnitt eine seiner charakteristischen Grimassen. »Kosten, viel Kosten«, sagte er achselzuckend.

»Unsinn«, schrie der Kranke, den Krückstock auf die Dielen aufstoßend und dann von sich schleudernd. »Der Bescheid, das Urteil? Ich frage nach dem Urteil!«

»Ja, das würde höchstwahrscheinlich dahin lauten, daß, da es der Freiin von Falkner beliebt hätte, zu ihrem Vergnügen unter anderem Namen Opernpartien zu singen, ihr dies nicht verwehrt werden könnte, und daß diese Künstlerpassion mit ihrem Besitz des Falkenhofes nichts zu tun hätte, um so mehr, als dieser Besitz doch nach ihrem Ableben an die prozessierenden Agnaten zurückfiele.«

Schon während der Gegenrede des Justizrates hatten sich die künstlich gehobenen Lebensgeister des Freiherrn zu legen begonnen, jetzt lehnte er sich erschöpft zurück.

»Nun, meinetwegen«, sagte er matt. »Lassen Sie mich das Testament unterschreiben – Sie haben es doch mitgebracht? Alfred, deine Sache bleibt es, gegen diese Opernprinzeß, gegen die Komödiantin zu protestieren. Sie hat kein Recht an den Falkenhof!«

Der Angeredete schwieg – was sollte er auch sagen? Daß er im Prinzip dem Oheim beistimmte, nicht aber im Rechtspunkte. Das aber fühlte er sicher, daß er sie hassen mußte, die ihm vom Anbeginn »unsympathisch« war, und die jetzt urplötzlich seinen Pfad kreuzte, wie er es nie gedacht!

Der Kranke unterzeichnete das Dokument, das der Justizrat, sorgsam nach dem Original mundiert, mitgebracht, und Engels nebst einem Unterbeamten unterschrieben es als Zeugen. Zwei Stunden später fuhr der kleine Jurist nach B. zurück mit dem Testament, es beim Gericht niederzulegen, aber er kam nicht mehr dazu, denn schon am nächsten Morgen erhielt er die Nachricht, daß der Freiherr Gustav von Falkner zwischen zwei und drei Uhr nachts einem Herzschlag erlegen sei.


* * *


Das ist eine traurige, schreckliche Stunde, wenn wir die irdischen Überreste derer, die wir geliebt, hinausgeleiten müssen zur letzten Ruhestätte unter dem grünen Rasen. Wem Gott noch diese Stunde erspart hat, der kann es auch nicht ermessen, wie es tut, wenn der Sarg, den liebende Hände mit Blumen geschmückt, hinausgetragen wird über die heimische Schwelle, wenn er langsam hinabgleitet in das frisch gegrabene Grab und so allmählich den Blicken entschwindet – für immer. Das ist fast der bitterste Augenblick bei dem bitteren Scheiden, das wir den Tod nennen, und doch werden wir geboren, um zu sterben, und keiner weiß, wann ihm sein Stündlein schlägt.

Als man den schweren eichenen Sarg des Freiherrn Gustav von Falkner hinabließ in die Familiengruft der Falkner, die so friedlich und schön dicht am »vielgrünen«, rauschenden Walde lag, da war es anders. Es hatte niemand den boshaften Krüppel geliebt, der jedem mit seiner bösen, scharfen Zunge eine Wunde beizubringen trachtete. Mit Haß und Rache im Herzen stand das Rußsche Ehepaar und sah dem hinabgleitenden Sarge nach. Ohne Trauer, aber auch ohne Groll stand Alfred Falkner neben ihnen. Der Tote hatte ihn als Kind erschreckt, als Jüngling eingeschüchtert und entrüstet, als Mann abgestoßen, dennoch aber hatte er ein viel zu großmütiges Herz, um kleinlich zu denken und Groll hinter dem Sarge des Mannes herzutragen, der im Grunde doch sein Wohltäter gewesen war.

Mit unbeschränkter Dankbarkeit im Herzen folgte ihm Karl Engels, aber daß er den Toten geliebt hätte, damit konnte er sich selbst nicht betrügen; denn Dankbarkeit und Liebe sind zwar Geschwister, aber auch solche gehen gern jedes seine eigenen Wege.

Als Fünfter in diesem kleinen Trauergefolge stand Justizrat Müller, der oft nahe daran gewesen war, seinem unleidlichen Klienten den Kram zu kündigen, und als Sechste und doch Erste, allen voran stand die Erbin des Falkenhofes, Dolores Freiin von Falkner, im schwarzen Kleide, den schwarzen Kreppschleier über dem prachtvollen, goldroten Haar und dem heute besonders marmorbleichen, klassisch schönen Antlitz, auf dem ein solch tiefer Ernst lag, daß Alfred Falkner vergebens den berückenden Satanella-Ausdruck darin suchte.

Wie oft hatte der Tote da unten sie »Teufelsbrut« genannt, ein herzloses, boshaftes Ding, auf das er am liebsten die Hunde gehetzt hätte, wie oft hatte er den Zorn, den er für ihren Vater, und den Haß, den er für ihre stolze, indolente Mutter gehegt, an ihr ausgelassen und ihr alle Seuchen der Erde angewünscht – und heute stand sie als seine Erbin an der offenen Gruft, und ein wehes Gefühl ging durch ihr Herz, daß der liebesarme, reiche, böse Mann dort zwischen den feuchten, dumpfen Wänden ruhen sollte, anstatt unterm grünen Rasen, und daß keine arme kleine Blume von liebender Hand gespendet hinabfiel auf sein letztes, enges Haus –!

Es war vorüber, und die Leidtragenden sowie die Dienerschaft machten der Erbin Platz zum Hinausgehen. Allein schritt sie durch die Reihen, allein schritt sie voraus der Pforte zu, wo die Wagen hielten, auf fünf Schritt Distanz folgten ihr die anderen. Die Frau Doktor Ruß hatte sich bei der Herfahrt geweigert, mit der »Komödiantin« zu fahren, sie hatte es so auffallend getan, daß in das bleiche Antlitz der Donna Dolores eine feine Röte gestiegen war – natürlich weigerte sie sich auch, an der Seite der Nichte zu den Wagen zurückzukehren, und da sie sich sofort auf den Arm ihres Gatten lehnte, so ward es diesem auch unmöglich, der Erbin den Arm zu reichen, des Anstandes wegen. Da es Alfred Falkner durchaus nicht versuchte, sich zum Sklaven derselben zu machen, und Engels in sehr richtigem Taktgefühl es nicht für seines Amtes hielt, so mußte Donna Dolores allein schreiten, aber zwei Schritt hinter ihr folgte Senor Ramo Granza, ihr Sekretär, Verwalter und Kammerdiener in einer Person, der getreue Ramo, der sie als Kind auf dem Rücken getragen und sie niemals verlassen hatte.

Er war es, der ihr jetzt in den Wagen half und sich dann mit unveränderlichem Ernst auf dem Kutscherbock postierte, zum Ärger der deutschen Diener, die den »brasilianischen Affen« schon vor Jahren, als er mit seiner Herrschaft nach dem Falkenhof gekommen war, zum Kuckuck gewünscht hatten.

So mußte sie denn allein zurück, mußte sie allein hinaufsteigen nach dem Bibliothekszimmer, wo der Freiherr vorher aufgebahrt gewesen war und wo jetzt das Testament verlesen werden sollte.

Während sie in dem für sie bestimmten Sessel Platz nahm, den Schleier zurückschlug und die Handschuhe von den vielbewunderten, herrlich geformten Händen streifte, mußte sie an die Kindertage zurückdenken, die sie hier, in den Räumen des Falkenhofes, verlebte. Damals, in dem sorglosen Dahingleiten der Zeit, hatte sie denselben beherrscht durch das goldene Königstum früher Jugend, wo man die ganze Welt sein eigen nennt und speziell für sich geschaffen glaubt. Mit den Hunden um die Wette war sie durch die Kreuzgänge des Hauses und durch die schattigen Alleen des Parkes geflogen und hatte hellauf gelacht im kostbaren Übermut der Jugend, wenn sie dabei strauchelte und fiel; aber sie hatte auch gelacht, wenn sie bei der wilden Jagd jemand an- und umrannte. Was man anderen Kindern ihrem Frohsinn zugute hält, wurde ihr aber als Verbrechen ausgelegt, als der Vorsatz, andere zu schädigen, und aus Trotz und Übermut hatte sie sich nie verteidigt. Da gab es dann immer bittere Reden über die »Satansbrut« und den »brasilianischen Teufel«, den man sich auf dem Falkenhof entschieden schwärzer dachte als den des Nordens. Zuletzt gefiel sich die Kleine darin, den Teufel zu spielen, und jagte einmal der Dienerschaft einen tödlichen Schrecken ein, als es ihr einfiel, sich einen ausgehöhlten Riesenkürbis mit greulich ausgeschnittener Fratze über den Kopf zu ziehen und in dieser Toilette, einen roten Schal um die Schulter geschlagen, im Mondschein in den Kreuzgängen spazierenzugehen. Sie erinnerte sich noch deutlich, daß der Kürbis wohl leicht über den Kopf gegangen war, aber nicht wieder zurück wollte, so daß Ramo ihn erst aufschneiden mußte, um sie von ihrem geborgten Schädel zu befreien. Und wie Dolores daran dachte, mußte sie lächeln – es war ein ganz flüchtiges Lächeln nur, aber es wurde doch bemerkt, denn Frau Doktor Ruß sagte halblaut und entrüstet zu ihrem Sohne: »Hast du sie lachen sehen, die herzlose Person? Sie freut sich ihrer Erbschaft so, daß sie nicht einmal imstande ist, ihr Vergnügen in diesem ernsten Augenblick zu beherrschen, wie es die Sitte heischt!«

Alfred Falkner nickte – er hatte nur halb hingehört, aber das Lächeln hatte er auch gesehen, weil – nun ja, weil er die Augen nicht fortwenden konnte von dem bleichen Antlitz mit den tiefen dunklen Augen, von diesem Antlitz, das ihm so »antipathisch« war, wie er dem Maler Keppler gesagt. Vielleicht sah er nur zu ihr hinüber, weil das Gesetz der »Anziehungskraft des Abstoßenden« auf ihn wirkte – so erklärte er sich's wenigstens selbst.

So brach denn die sicher nicht an Herz-Überfluß leidende Frau Doktor Ruß den Stab über die »lachende Erbin«, und damit tat sie nur, was alle Welt tut, die ja so gern nach dem Schein richtet, wenn die Wahrheit nichts zum Richten bietet. Vielleicht wäre die Frau Doktor noch empörter gewesen, wenn sie gewußt hätte, daß Donna Dolores während dieser ernsten Stunde an einen ihrer Kinderstreiche, an einen Kürbis gedacht. Da war es schon noch besser, an eine reiche Erbschaft zu denken, denn das war doch wenigstens herzloser, wie es ja nicht anders von dieser »brasilianischen Person« zu erwarten war. O über diese lieben Nächsten, die so gern für uns denken und stets bemüht sind, uns ihre eigenen niedrigen oder schmutzigen Gedanken unterzuschieben! Denn das sind weiße Sperlinge in der Gesellschaft, die ihre eigenen freundlichen und herzenswarmen Ideen auch anderen zutrauen!

Nur der Doktor Ruß beobachtete Donna Dolores scheinbar nicht. Er saß, das Haupt gesenkt, auf seinem Sessel und nickte manchmal seinen Gedanken Beifall zu. Seine Ruhe war durch die entschlüpfte Erbschaft nicht getrübt worden, wenigstens hatte niemand davon etwas gemerkt. Es war so recht der Moment für ihn, allen zu beweisen, wie uneigennützig er war und wie er sich der älteren Frau nicht aus Spekulation vermählt hatte. Im Gegenteil, er hatte die Tage vorher im Schoße seiner Familie, vor den Beamten und Dienstleuten die Vorteile eines Kunkellehens genau erörtert und bewiesen, wieviel gerechter ein solches sei als ein Majorat, und endlich die Interessen der Erbin warm verfochten. Was er wollte, hatte er damit bewirkt. Frau Ruß pries laut den edeldenkenden Sinn ihres Gatten. Alfred Falkner wußte nicht, was er von alldem halten sollte, denn er begriff die Motive seines Stiefvaters noch nicht, die andern äußerten sich beifällig über ihn, und der Justizrat Müller sagte sich in seinem Innern: Ich habe mich in dir getäuscht, Freund Ruß, und sage peccavi! Man denkt eben immer an solche Motive, wenn ein jüngerer Mann eine ältere Frau heiratet. – Sela!

Nur einer stimmte in den allgemeinen Lobgesang über den »herrlichen« Doktor Ruß nicht ein, das war der alte Engels. Der strich sich seinen mächtigen Vollbart, kniff ein Auge zu und pfiff, wenn Doktor Ruß dozierte.

»Mir machst du keine Wippchen vor«, konnte man sich das leise Pfeifen ins Deutsche übersetzen.

Endlich, nachdem die Beteiligten in drückendem Stillschweigen eine Zeitlang in der Bibliothek gewartet, erschien der Justizrat mit dem Testament und nahm an dem für ihn in den Halbkreis gerückten Tischchen Platz. Nach den einleitenden Formalitäten erbrach er das Siegel, entfaltete das Dokument und begann zu lesen.

Es kamen, nach den einleitenden Worten des Erblassers, zuerst die bekannten Lehensbestimmungen zur Verlesung, an die der Genannte eine Ermahnung an seine Nichte knüpfte, den Falkenhof in Ehren zu halten und dem großen Besitz eine treue Verwalterin zu sein im Hinblick auf künftige Generationen. Hieran fügte er eine genaue Berechnung der jährlichen Einkünfte und überließ im übrigen alles den Falkenhof Angehende der Weisheit und Einsicht der Erbin, dieser den Wunsch ans Herz legend, den Verwalter, Herrn Engels, entweder in seinem Amte zu belassen oder aber entsprechend zu pensionieren.

»Ein Wort, Herr Justizrat«, unterbrach den Vortragenden hier die klare, deutliche Stimme der Donna Dolores. Sie hatte sich halb aufgerichtet und stützte sich auf die Armlehne ihres Sessels. »Steht es mir frei, zu jeder Stunde auf das Erbe des Falkenhofes ein für allemal zu verzichten?«

»Sicher, meine Gnädigste«, begann der Jurist, aber er wurde wieder unterbrochen.

»Gewiß steht Ihnen das frei«, ertönte die Stimme Alfred Falkners, »geradeso wie es mir freisteht, Ihren Verzicht ein für allemal zurückzuweisen.«

Dolores hatte sich halb erschreckt nach dem Redner umgewendet – sie wurde um einen Schatten bleicher und ließ sich wieder in ihren Sessel fallen.

»Ich danke«, sagte sie ruhig. »Wir finden wohl noch Gelegenheit, die beiden soeben aufgestellten Möglichkeiten zu erörtern. Wollen Sie die Güte haben fortzufahren, Herr Justizrat?«

Der Angeredete verbeugte sich und nahm sein Dokument wieder auf. »In Anbetracht dessen, daß mein Neffe, der Freiherr Alfred von Falkner, nunmehr der einzige Agnat des Lehens ist«, las er, »und meine Nichte, Dolores Freiin von Falkner, ihr Erbe schutzlos antritt, ohne den uneigennützigen Beistand eines nahen Verwandten, so halte ich dafür, daß es die beste Lösung wäre, wenn mein Neffe und meine Nichte, die gedachte Erbin und der Agnat des Lehens, sich miteinander vermählten. Ich empfehle beiden die Erfüllung dieses meines Wunsches auf das dringendste.«

Hier hielt der Justizrat ein und sah sich im Kreise um. Doktor Ruß lächelte, seine Gemahlin wußte nicht recht, was für ein Gesicht sie machen sollte. Alfred Falkner heftete den plötzlich starr gewordenen Blick vor sich auf die Erde – die stark angeschwollene Ader auf seiner Stirn war das einzige Zeichen seiner inneren Bewegung. Donna Dolores selbst saß unbewegt in ihrem Sessel, auch sie verriet nur durch die zarte Röte, die ihr Antlitz urplötzlich bedeckte, daß sie gehört hatte.

Da der Justizrat keinen Einwand gegen den verlesenen Artikel hörte, so fuhr er abermals fort. Im Laufe seiner Bestimmungen hinterließ der Verstorbene seinem Neffen Alfred Falkner sein gesamtes, von dem Lehen unabhängiges Privatvermögen, von dem der Erbe an Engels und mehreren der langjährigen Diener des Hauses Legate auszuhändigen hatte. Es blieb ihm danach so viel, um einen anständigen jährlichen Zuschuß zu seinem Gehalt zu haben – freilich war derselbe kein Ersatz für die großen Einkünfte des Falkenhofes, die der Verstorbene niemals hatte verbrauchen können, aber anstatt sie zu sparen, wie es schließlich sein Recht gewesen wäre, zu dem lehnsfreien Vermögen geschlagen hatte.

Die Lesung war zu Ende, der Justizrat faltete das Testament wieder zusammen. Da erhob sich Dolores, dankte dem Sachverwalter für seine Mühe und trat vor Frau Ruß hin.

»Ich hoffe, liebe Tante«, sagte sie gewinnend, »daß du und dein Gemahl mir die Freude machen werdet, den Falkenhof so lange als eure Heimat zu betrachten, als es euch gefällt und ihr andere Anordnungen getroffen habt!«

Frau Ruß öffnete den Mund zu einer Entgegnung, aber der Doktor schnitt ihr das Wort ab. »Wir werden gern von Ihrer Güte Gebrauch machen, liebe Dolores«, sagte er in seiner milden, leisen Weise, indem er ihr die Hand bot.

Sie legte ihre Fingerspitzen leicht in dieselbe.

»Oh, Sie müssen es nicht so auffassen«, sagte sie freundlich, »es ist ja so natürlich, wenn Sie bleiben. Ich werde jetzt sehen, wo es sich am besten für mich wohnen läßt, und wenn Sie«, fuhr sie zu Alfred gewendet fort, »im Laufe des Nachmittags eine Stunde Zeit haben, Geschäftsangelegenheiten mit mir zu besprechen, so bitte ich um Ihren Besuch.«

Falkner verbeugte sich leicht.

»Ich stehe zu Befehl«, sagte er kühl, »obgleich ich glaube, daß Herr Engels in diesen Angelegenheiten besser bewandert ist als ich.«

»Vielleicht«, entgegnete sie ruhig. »Überdies bleibt mir für persönliche Dinge ja noch der schriftliche Weg, falls es Ihnen zu große Überwindung kosten sollte, diese mit mir zu besprechen.«

»Ich ziehe das letztere der Kürze wegen vor«, erwiderte er.

Sie wendete sich mit leichtem Gruß ab, aber die zarte Röte auf ihren Wangen war verschwunden. Was für ein Recht hatte dieser Mann, sie zu beleidigen? Er hatte sich ihr feindlich gegenübergestellt, noch ehe er wußte, wer sie war, denn daß es der Erbschaft wegen sein könnte, erschien ihr für einen Mann wie Alfred von Falkner unglaublich. Und doch –

Mamsell Köhler, die Beschließerin, machte einen solch tiefen Knicks vor ihrer neuen Herrin, daß diese, verloren in ihre Gedanken, fast über sie gefallen wäre.

»Ach, Fräulein Tinchen!« rief sie freundlich, das kleine graue Hausgeistchen, das jetzt ein Trauerkleid trug, erkennend.

»Willkommen auf dem Falkenhof, gnädigste Baroneß«, sagte sie, abermals knicksend – es war nächst dem stummen und warmen Händedruck Engels' bei ihrer Ankunft kurz vor der Beisetzung das einzige »Willkommen«, das Dolores gehört.

»Nun führen Sie mich, Fräulein Tinchen«, sagte sie, »und zeigen Sie mir den Falkenhof, damit ich sehe, wo ich wohnen kann.«

»Ei, eingerichtet ist alles«, meinte die Haushälterin, mit ihrem leis klirrenden Schlüsselbunde voranschreitend, »aber wenn ich der gnädigsten Baroneß gut raten soll, da möchte ich mir die Freiheit nehmen und den westlichen Flügel vor schlagen mit dem Turmgemach, das an den nördlichen Flügel stößt. Da ist's im Sommer kühl und im Winter warm!«

»Gut, zeigen Sie mir die Räume«, erwiderte Dolores. Lautlos schritt Mamsell Köhler voran, den nach dem Hofe offenen Kreuzgang des südlichen Flügels entlang, und öffnete, in den Westflügel einbiegend, dessen erste Tür.

»Hier kommen wir nach den Zimmern der gnädigen Großmutter der Baroneß«, sagte sie etwas leiser und ging voraus, die schützenden Fensterladen aufzustoßen.

Dolores warf noch einen Blick zurück und hinunter in den Hof mit dem plätschernden Brunnen, dann überschritt auch sie die Schwelle. Der Raum, den sie zuerst betrat, war ein Garderobengemach, mit schweren, tiefen eichenen Schränken rings um die Wände besetzt, die teils zur Aufbewahrung der Kleider, teils für das Leinenzeug dienten. Der nächste Raum war ein schönes großes Schlafgemach mit prächtig geschnitztem Bett auf einer Estrade, umgeben von schweren, rubinroten seidenen Vorhängen. Zu den getäfelten Wänden paßte vortrefflich die schöne, geschnitzte, in Renaissance gehaltene Zimmereinrichtung, dem eine kundige Hand die Umrahmung der stellbaren Psyche prächtig angepaßt hatte, so daß dieses moderne Stück inmitten der echten, alten Möbel eben nur dem Kenner auffiel. Eine sogenannte Lade war mit Roßhaarpolstern, die mit rubinrotem Damast, wie die Vorhänge von Bett und Fenstern bezogen waren, belegt und bildete ein schönes Ruhebett. Kleeblatt-Tischchen, niedere Schränke usw., alles paßte trefflich zueinander.

»Das ist wie geschaffen für mich«, sagte Dolores, den prächtigen Raum musternd, »meine Großmutter hat einen guten Geschmack gehabt.«

»Oh«, erwiderte Mamsell Köhler und warf einen etwas scheuen Blick um sich und dann einen gleich auf ihre neue Herrin, »die gnädige Frau Baronin bewohnten den westlichen Flügel jenseits der Bildergalerie, durch die wir noch kommen.

Sie schlief im südlichen Flügel, und dieses Zimmer steht eigentlich verschlossen seit – seit zweihundert Jahren!«

»So! Wie kommt dann aber diese Psyche hier herein?« fragte Dolores.

»Die?« sagte Mamsell Köhler etwas verlegen. »Die ließ die Frau Baronin damals arbeiten, als sie dies Zimmer bewohnen wollte – –«

»Und weshalb hat sie es nicht bewohnt?«

»Ja, das hatte so seine Gründe«, meinte die Haushälterin geheimnisvoll. »Nun, Baroneß werden es sicher auch nicht bewohnen!«

»Gewiß will ich das, wenn –«, sagte Dolores zögernd, und sich dann unterbrechend. »Und was ist's mit diesem Zimmer?«

»Es geht hier um!« flüsterte Mamsell Köhler geheimnisvoll, denn sie brannte darauf, ihre Geschichten auszukramen.

Dolores lächelte. »Daraus mache ich mir nichts«, sagte sie mit einem Strahl des alten Übermutes in den Augen.

Mamsell Köhler schüttelte ihre grauen Federlöckchen mit der Würde einer Kassandra.

»O bitte, scherzen Sie nicht, gnädigste Baroneß«, flüsterte sie feierlich. »Dies hier ist nämlich das Zimmer der bösen Freifrau – –«

»Ich habe ihr ja nichts getan«, lächelte Dolores, belustigt über den Ernst der kleinen Beschließerin.

»Aber sie hat Böses getan und muß es nun büßen, indem sie keine Ruhe findet im Grabe«, fuhr diese unbeirrt fort, entschlossen, ihre Geschichte zu erzählen. Aber Dolores schritt der nächsten Tür zu.

»Später erzählen Sie mir's«, sagte sie, »abends beim Kamin, das ist die beste Zeit für Gespenstergeschichten.«

Der nächste Raum, den sie betraten, war etwa in der Größe eines einfenstrigen Gemaches, aber nur durch ein mit Schiebevorrichtung zu öffnendes Fenster erhellt, das, breit, aber niedrig, ungefähr fünf Fuß über dem Boden angebracht war. Rings an den Wänden standen Regale, die dicht mit Büchern besetzt waren; die Mitte nahm ein mächtiger Globus ein, und am Kamin stand ein steiflehniger, mit goldgepreßtem Leder überzogener Sessel, davor ein Tischchen mit Lesepult, Schreibzeug und Feder darauf.

Mamsell Köhler öffnete schnell die nächste Tür, aber sie warf bezeichnende Blicke auf das hohe Fenster, die indes von der alles mit Interesse musternden Dolores nicht beachtet wurden.

Sie betraten jetzt die Bildergalerie, das heißt einen Saal mit Oberlicht, dessen Wände mit Familienporträts dicht behangen waren. Über der Diele zog sich zunächst eine einfache massive Täfelung etwa drei Fuß hoch um die Mauern, die mit verblichenem roten Samt bekleidet waren. Es waren Perlen der Malkunst unter diesen geharnischten Allongeperücken tragenden, gepuderten und steifkragigen Falknerporträts, das erkannte das kunstgeübte Auge der neuen Lehnsherrin sofort, als sie es über die Wände gleiten ließ, unbekümmert darüber, daß so viele Ahnenaugen sie musterten. Plötzlich aber entfloh ihren Lippen ein leiser Ruf des Erstaunens, und schnellen Schrittes trat sie einem lebensgroßen Bilde entgegen, das die Mitte der rechten Langwand einnahm. Es stellte eine Dame dar in der Tracht der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts, in weißem, bauschendem Damastkleide und mächtigem Spitzenkragen, der den Halsausschnitt der halb entblößten Büste viereckig umrahmte und das Haupt eben noch überragte. Der Brustlatz des Kleides war reich mit Edelsteinen verziert, um den weißen, schlanken Hals schlang sich eine Perlenschnur. Und das Haupt! Es trug kaum die schwere Masse goldroten Haares, das mit Edelsteinrosetten gehalten und von einem Myrtenkrönlein überragt wurde! Bleich war das schöne, wundersüße Antlitz mit den traurigen schwarzen Augen, über die sich feingezeichnete tiefdunkle Brauen wölbten, und ein Zug unsäglichen Schmerzes lag um den entzückend geformten blaßroten Mund – –

»Das könnte mein eigenes Bildnis sein«, sagte Dolores laut, zu dem Bilde emporsehend, das seine Augen auf sie geheftet zu haben schien.

»Es ist die böse Freifrau«, flüsterte Mamsell Köhler scheu. »Man zeiht sie schwerer Sünden und des Gattenmordes. Darüber ward sie irrsinnig, und wenn sie tobte, sperrte man sie in das Gemach dort mit dem hohen Fenster. Das hatte man mit Matratzen ausgepolstert, damit sie sich nicht den Kopf einrannte an den bloßen Wänden. In dem Schlafzimmer aber starb sie – leider nicht zu ihrer Erlösung, denn ihr Geist wandelt im Falkenhof umher, ein Licht in der Hand, weil sie zu den Verdammten gehört –«

»Dazu haben die Menschen sie natürlich gemacht«, spottete Dolores. »Übrigens«, fuhr sie, sich gewaltsam von dem Bilde abwendend, fort, »übrigens dulde ich keine mit Licht nachts herumwandelnden ›Geister‹ im Falkenhof, das können Sie den Leuten sagen, Mamsell Köhler! Es ist schon wegen der Feuersgefahr!«

»Aber gnädigste Baroneß«, stammelte die verwirrt dastehende Beschließerin, »das Licht der ›bösen Freifrau‹ ist ja ein Licht aus der andern Welt, das zündet nicht!«

»Ich danke Ihnen für die Belehrung«, entgegnete Dolores spöttisch, »aber ich habe nun einmal ein Mißtrauen gegen lichttragende Gespenster.«

Mamsell Köhler verstummte beleidigt – sie hatte es so gut gemeint und der jungen Herrin so gruselig machen wollen mit ihrer Paradegeschichte. Wortlos öffnete sie die nächste Tür, und Dolores trat in einen hellen geräumigen Salon mit prachtvoller Rokokoeinrichtung. Die Vorhänge an Türen und Fenstern sowie der Überzug der vergoldeten Möbel waren von schwerem, lichtblauem Atlas mit eingestickten Goldbuketts, die Wände waren weiß, in zierliche, goldbegrenzte Felder geteilt und trugen Ölgemälde in schweren barocken Goldrahmen; Leuchtergestelle, kleine, zierliche Kommoden, Tischchen und reizende Schreibsekretäre in wundervoll eingelegter Arbeit standen umher. Das mittlere breite, deckenhohe Fenster öffnete sich auf einen Balkon mit lieblicher Aussicht auf ferne Hügelketten, prächtige Blumenanlagen und die die Landschaft links begrenzende Wand des grünen rauschenden Laubwalds, der hier noch als Park diente.

»O wie hübsch und heiter ist es hier«, rief Dolores, sich rings umsehend. »Hier an die Fenster rechts und links müssen Blumengestelle kommen, und hier in die Mitte des Salons stelle ich meinen Flügel – wenn ich hier bleibe«, setzte sie in Gedanken hinzu.

Die Beschließerin knickste zum Zeichen, daß sie den Auftrag von wegen der Blumen begriffen, und öffnete die Tür zu dem den Raum beschließenden Turmzimmer – ein rundes, nicht zu großes und nicht zu kleines Gemach mit bunten Fensterscheiben, die Wappenmalereien zierten. Der ganze Raum machte den Eindruck eines großen Erkers und war reich, wohnlich und lauschig möbliert im Geschmack jener Zeit, in der die reine Renaissance starb und der kommende Zopfstil schon in den sich verschnörkelnden Linien verspukte. Die schwarz gebeizten, matt gehaltenen und mit Gold ziselierten Hölzer trugen nur noch den Stempel der Erinnerung an jene formenschöne Zeit, aber sie waren immerhin interessant genug für ein verwöhntes Auge, wozu der reiche, gepreßte und golddurchwirkte, purpurrote, echte Utrechter Samt der Überzüge und Vorhänge nicht wenig beitrug. Es war ein Gemach, so recht gemacht zum vertraulichen Plaudern, zum Träumen, zum Sinnen, Lesen und Schreiben an dem schönen breiten Schreibtisch, der quer vor dem mittleren der drei Fenster mit ihren bleigefaßten Butzenscheiben stand. Den Hintergrund nahm ein Kamin ein, mit herrlichem Aufsatz von Majolika, dessen gemalte Kacheln in erhabener Arbeit wundersame Figuren und Wappentiere zeigten.

Dolores stieß das eine der Fenster weit auf, daß die frische würzige Maienluft eindringen konnte in das lauschige Gemach, und setzte sich in den Sessel, der an dem Fenster stand.

»Hier will ich bleiben«, sagte sie, tief atmend, »das ist ein schönes Buen Retiro! Lassen Sie meinen Koffer in das Schlafzimmer drüben bringen, Fräulein Tinchen, und packen Sie ihn aus, ja? Später wird meine alte Tereza mit meinen anderen Sachen nachkommen und Ihnen den Dienst bei mir wieder abnehmen, um den ich Sie bis dahin bitte!«

Fräulein Köhler knickste wieder. »Ich kenne meine Pflicht, gnädige Baroneß«, sagte sie gemessen. »Aber ich bitte, sich daran zu erinnern, daß ich vor dem Schlafzimmer gewarnt habe!«

»Doch nicht im Ernst, liebe Köhler?« entgegnete Dolores lachend.

»In vollem Ernst!« beteuerte die Haushälterin, indem sie ihre mageren Hände zum Himmel emporhob. »In dem Schlafzimmer geht es um, und sein Bewohner kann darin Schaden leiden an Leib und Seele.«

»Nun, seien Sie ruhig«, spottete Dolores amüsiert, »ich stehe dafür ein, daß die böse Ahne mich nicht schlechter machen wird, und was meine Person anbetrifft, so können Sie noch ruhiger sein. Ramo und Tereza werden in meiner Nähe schlafen, mich zu schützen, und außerdem liegt auf meinem Nachttisch immer ein geladener Revolver – das ist Sitte in Brasilien bei Damen und Herren!«

Mamsell Köhler verbeugte sich und ging mit einem Blick nach oben, als wolle sie den Himmel zum Zeugen anrufen, daß sie ihre Pflicht getan und die neue Herrin vor dem Familiengespenst gewarnt habe. Draußen aber blieb sie überlegend stehen. Das wird eine gute Wirtschaft werden auf dem Falkenhof, dachte sie, schon darum, daß die Mulattin wieder herkommt, die Schwarze, die in ein christliches Haus doch einmal nicht gehört, von dem Brasilianer, dem Mesjö Ramo, ganz zu schweigen. Und dazu eine Herrin, die ein Freigeist ist und nichts glaubt – nun ja, das mag man auf dem Theater lernen, und etwas Teuflisches hat sie schon als Kind gehabt, wo sie mich mit ihrem Kürbiskopf zum Schlagrühren erschreckt hat und noch ihre Freude daran hatte! Ja, ja, die roten Haare! Man soll sich vor denen hüten, die Gott gezeichnet hat. Der Gegenstand dieser Betrachtungen, die zum Freigeist gestempelte junge Lehnsherrin, weil sie dem Schloßgeist seine Rechte einräumen wollte, sie stand indes am Fenster des Turmgemaches, das Haupt, dem Gott seinen schönsten Schmuck verliehen hatte, gesenkt, die Hände gefaltet. Was ging in dieser jungen Seele vor? –

Mamsell Köhler hätte es vielleicht gewußt, aber sie mußte hinabgehen, ihrer Pflicht zu genügen. Als sie den Südflügel passierte, hörte sie in den Zimmern, die das Rußsche Ehepaar bewohnte, die laute Stimme des Freiherrn Alfred zornige Worte sprechen, und gleich darauf kam er heraus und lief schnell die Treppe hinab, an der Haushälterin vorüber, ohne sie zu beachten.

»Nun, nun«, meinte sie für sich hin, »da drinnen haben sie wieder einmal Feuerstein und Lunte gespielt – da hat es Funken gegeben. Meinetwegen – wer will haben gute Ruh', der seh und hör und schweig dazu!«

Alfred Falkner hatte seine Mutter nach der Testamentsvorlesung in ihre Zimmer geführt, gefolgt von Doktor Ruß, der, das Haupt gesenkt, in tiefen Gedanken dahinschritt. In ihrem Zimmer nahm Frau Ruß den Hut ab und setzte sich bequem – die Sache hatte sie angegriffen. Ihr Sohn durchmaß ein paarmal heftig den Raum, dann blieb er plötzlich vor ihr stehen.

»Du wirst natürlich diese Einladung, auf dem Falkenhof zu bleiben, nicht annehmen, Mutter?« fragte er.

»Es ist bereits geschehen, wie du gehört hast«, sagte Doktor Ruß vom Fenster her.

»Mit deiner Bewilligung, Mutter?« Die Frage wurde schwer betont.

»Nun, die Annahme meines Mannes überraschte mich eigentlich«, erwiderte Frau Ruß zögernd.

»Wir können von hier aus unsere Anordnungen für die Zukunft in aller Ruhe treffen«, fiel der Doktor ein.

Falkner wandte sich zornig ab.

»Ich möchte von ihr nichts annehmen«, sagte er, »am allerwenigsten Gnadengeschenke.«

»Das dachte ich zuerst auch«, sagte Frau Ruß, »aber da du nun doch bald selbst Herr des Falkenhofes sein wirst, so können wir ja ruhig bleiben.«

»Ich selbst bald Herr?« Falkner wandte sich erstaunt um.

»Nun ja, wenn du Dolores heiratest!« nickte sie, ganz zufrieden mit dieser ausgleichenden Idee des Verstorbenen.

»Das wird nicht geschehen«, entgegnete Falkner schnell und heftig.

»Nicht?« wiederholte Frau Ruß erstaunt. »Dann erkläre ich dich für unzurechnungsfähig«, setzte sie sehr kühl hinzu.

»Du hast recht damit, Adelheid«, sagte der Doktor, hinzutretend, »aber Alfred wird überlegen. Natürlich«, fügte er begütigend hinzu, »natürlich hat es für ihn momentan etwas Unerträgliches, par Ordre de Moufti heiraten zu sollen, aber das gibt sich, solche Ecken schleift die Zeit ab.«

»Du dürftest dich denn doch über meine Ansichten täuschen«, entgegnete Falkner verächtlich. »Es ist nicht jedermanns Sache, um Geld zu freien.«

Hinter den Brillengläsern des Doktors blitzte es warnend auf bei diesem Stich, aber er mäßigte sich wie immer, wenn die Bitterkeit gegen ihn in Falkners Herzen überschäumte.

»Hier ist die reiche Braut aber dein Vermächtnis«, sagte er ruhig.

»Denke darüber, was du willst«, erwiderte Falkner stolz, »bleibe du meinetwegen zeit deines Lebens auf der Bärenhaut im Falkenhof, aber«, setzte er laut und zornig hinzu, »aber laß es bleiben, für mich zu denken und zu entscheiden oder mich beeinflussen zu wollen. Die Ansicht meiner Mutter zu hören, ist meine Pflicht. Sie ist in diesem Falle nicht die meinige, aber jede Überredungskunst deinerseits weise ich zurück, ein für allemal!«

Und mit diesem Ultimatum verließ Falkner tiefgereizt das Zimmer.

Doktor Ruß sah ihm lächelnd nach und rieb seine gut gepflegten weißen Hände.

»Laß den Most schäumen, Adelheid«, sagte er heiter, »er wird schon ausgären. Natürlich, der freiherrliche Stolz deines Sohns bäumt sich hoch empor, aber selbst der heftigste Sturm legt sich einmal. Wir bleiben vorläufig auf dem Falkenhof, und ich will nicht Ruß heißen, wenn Alfred nicht über Jahr und Tag als Herr hier einzieht.«

»Nun, das wäre allerdings wünschenswert«, entgegnete sie. »aber Dolores wird nicht lange ohne Freier bleiben, und wer weiß, was geschieht, wenn Alfred in seinem Stolz zu lange fortbleibt?«

Doktor Ruß lachte leise in sich hinein.

»Laß das meine Sorge sein, liebe Frau«, sagte er, »ich habe nicht umsonst die Einladung, hierzubleiben, angenommen.«


* * *


Der Freiherr war hinausgeeilt in den Park, sich durch die Luft die erregten Nerven beruhigen zu lassen. Das Testament des Oheims hatte ihn förmlich aus dem Gleichgewicht gebracht, so ungern er sich's eingestehen wollte, es hatte ihn urplötzlich der Notwendigkeit einer Entscheidung gegenübergestellt, über die er zwar nicht im unklaren war, die sich immerhin aber schwer geben ließ.

Was ihn hauptsächlich reizte, war, daß seine Mutter ganz einverstanden damit schien, daß er Dolores heiraten sollte, einfach des Besitzes wegen, und dann war es ihm ein entsetzlich peinliches Gefühl, daß sie auf die Eingebung des Doktors hin die Einladung, auf dem Falkenhof zu bleiben, ohne weiteres angenommen hatte. Was waren die Pläne seines Stiefvaters dabei? Denn daß er aus reiner Bequemlichkeit bleiben wollte, konnte kein Grund sein, dazu kannte Falkner den Doktor zu genau, oder besser gesagt, er mißtraute ihm zu sehr, um an die angegebenen Gründe zu glauben. Sie waren für harmlose Personen vortrefflich, konnten aber für ein so stilles Wasser, wie Ruß es in den Augen seines Stiefsohnes war, nicht genügen. Natürlich war es für ihn, der den Falkenhof heute noch verlassen wollte, nicht möglich, diesen verborgenen Motiven nachzuforschen – plante Doktor Ruß in seinem rastlos tätigen Kopfe etwas, so mußte er eben dabei gelassen werden.

Nach etwa halbstündigem Umhergehen kehrte Falkner nach dem Hause zurück; er traf Ramo im Korridor und ließ sich bei Donna Dolores melden.

Sie empfing ihn in dem Turmzimmer und reichte ihm unbefangen die Hand, die er indes nicht zu sehen schien.

»Sie wünschten mich zu sprechen«, sagte er kühl.

»Ja«, erwiderte sie, auf den Sessel ihr gegenüber deutend, »aber offen gesagt, ich hatte gewünscht, das, was ich zu sagen habe, freundschaftlich und verwandtschaftlich zu besprechen. Habe ich Sie in irgendwelcher Weise gekränkt oder beleidigt, Baron Falkner? Denn sonst müßte ich doch wenigstens als Dame Anspruch an Ihre Höflichkeit machen können, wenn Sie diese auch der Verwandten verweigern!«

Falkners Blick streifte leicht das schöne, stolze Antlitz mit den blitzenden Augen ihm gegenüber – wenn sie auf der Bühne gestanden, hatte er es unausgesetzt betrachtet – hier beirrte es ihn, er wußte nicht, weshalb.

»Beleidigt, Baronin? – Nicht daß ich wüßte«, erwiderte er gleichgültig, »mich stößt nur die Primadonna in der Freiin von Falkner ab.«

Jetzt lachte sie, leise und melodisch, das alte dämonische, provozierende und doch so reizende Lachen! Daß es kein Bühnenlachen war, wußte Falkner von früher her – – –

»Es ist gut, daß man nicht in die Zukunft sehen kann«, sagte sie heiter, »sonst hätten Sie mich am Ende damals nicht aus dem Brunnen gezogen, in den ich fiel – Sie wissen, in der Nacht vorher, ehe wir den Falkenhof verließen!«

Oh, wie ihn ihr Spott reizte!

»Wollen Sie die Güte haben, zur Sache zu kommen?« fragte er, mühsam beherrscht.

Sofort wurde sie ernst. »Gewiß, gewiß«, rief sie und setzte nicht ohne Schelmerei hinzu: »Sie haben mir diese Unterredung der Kürze wegen bewilligt! Nun wohl, Baron Falkner, ich weiß, daß Sie mir nicht freundlich gesinnt sind, und doch möchte ich eine Bitte an Sie richten, deren Erfüllung mich so glücklich machen würde –«

Sie stockte, und Falkner konnte nicht umhin zu bemerken, wie lieblich sie war mit dem niedergeschlagenen Blick, den vor Erregung sanft geröteten Wangen, auf denen die Farbe kam und ging in diesem Augenblicke, wo es ihr so schwer ward, das rechte Wort zu finden.

»Sie werden vielleicht gehört haben«, fuhr sie leiser fort, »daß ich in Brasilien große Plantagen besitze, die ich von einem Onkel erbte – leider zu spät, um meinen armen Eltern damit noch die letzte Zeit ihres Lebens zu verschönern, zu spät, um meine kurze Bühnenlaufbahn zu verhindern. Diese Besitzungen bringen viel, besonders, da sie auch ein Diamantenfeld einschließen – sie bringen mehr, als ich bei der größten Verschwendungssucht, an der ich leider nicht leide, verzehren kann.

Die Verwaltung ruht in so bewährten Händen, als sich eben finden lassen; ich bleibe in fortwährender Verbindung mit derselben und vollziehe jedes Geschäft selbst, ehe es abgeschlossen wird, durch meine Unterschrift, was bei der großen Entfernung mitunter recht langwierig ist. Unter diesen Umständen ist mir der Falkenhof eine Last, die ich je eher, je lieber« – sie errötete bei dieser Notlüge tief –«loszuwerden trachte. Aus diesen Gründen ist es mein Wunsch, auf die Erbschaft zu verzichten, und meine Bitte geht an Sie, Baron Falkner, mir die Übertragung des Falkenhofes an den nächsten Agnaten, also an Sie, zu erleichtern, indem Sie derselben keine Schwierigkeit in den Weg legen. Bedenken Sie«, fuhr sie schneller fort, als Falkner sich mit finsterem Blick und abwehrender Bewegung halb erhob, »bedenken Sie, daß es fast unmöglich für mich ist, dem Lehen eine ihm förderliche Herrin zu sein, daß Sie die Verpflichtung haben, dasselbe Ihrer Familie zu erhalten – bitte, nehmen Sie mir diese Last ab, die mich in den wenigen Tagen, in denen ich sie besitze, schwer genug gedrückt hat!«

Sie war aufgestanden und hatte die Hände fast flehend erhoben, ihre Augen hatten dabei einen wunderbar weichen Ausdruck – sie stand wie eine Bittende vor ihm, nicht wie eine Gebende.

Jetzt erhob sich Falkner auch.

»Ich bedaure«, sagte er kalt, »Ihren Wünschen nicht Folge leisten zu können, da ich ein für allemal ablehne, Ihren Verzicht anzunehmen, auch wenn Sie denselben ohne mein Vorwissen ins Werk setzen wollten. Ich verlasse den Falkenhof in wenigen Stunden und werde ihn nur dann betreten, wenn meine Mutter mich sehen will, natürlich vorausgesetzt, daß sie solange hierbleibt. Wenn Doktor Ruß Ihre Einladung annahm, so ist das seine Sache – ich bin nicht in der Lage und nicht geneigt, Ihre Güte in irgendwelcher Weise in Anspruch zu nehmen, am allerwenigsten aber Ihren Verzicht zu meinen Gunsten. Ich ziehe es vor, das Lehen in der bis jetzt immer erfolgten natürlichen Weise an mich oder meine Deszendenz kommen zu lassen.«

Dolores war sehr blaß geworden.

»Also nur durch meinen Tod«, sagte sie langsam.

»War das Ihr letztes Wort?«

»Das war es. Ich habe ohne alle Reserve gesprochen.«

»Ja«, nickte sie schmerzlich und setzte einfach hinzu: »Ich bitte Sie, mich entschuldigen zu wollen, daß ich jene Bitte an Sie aussprach. Ich hätte wissen sollen, daß sie zurückgewiesen werden mußte.«

Falkner verbeugte sich und schritt der Tür zu. Aber auf halbem Wege kehrte er um.

»Noch eins«, sagte er schnell, geschäftsmäßig. »Noch eins, Baronin, um klar zu sehen in allen Dingen und ein weiteres, zweckloses Gerede zu vermeiden. In dem Testament meines Oheims sprach dieser den Wunsch aus, den Besitz des Falkenhofes durch eine Vermählung zwischen uns in die Hände beider daran Berechtigten zu bringen. Daran ist natürlich nicht zu denken, schon deshalb, weil Ihre Lebensstellung als Sängerin unvereinbar ist mit meinen Anschauungen, dann aber auch der Kommentare wegen, denen Ihr öffentliches und Privatleben ausgesetzt ist –«

»Was soll das heißen, Baron Falkner?« unterbrach ihn Dolores hoch aufgerichtet mit flammenden Augen, »an meinem Leben haftet nicht so viel Makel, als im Auge Raum hat – das ist mein Stolz, den ich Sie zu respektieren bitte.«

Es war ein Moment still in dem Turmgemach, währenddem Falkners Blick die vor ihm stehende herrliche Gestalt der Herrin des Falkenhofes streifte.

»Ferner«, fuhr er scheinbar unbewegt fort, »ferner ist mir der Gedanke, nicht aus eigener Wahl mich vermählen zu müssen, so demütigend, daß –«

»Sie sprechen, Baron Falkner, als hinge das Zustandekommen dieser imaginären Testamentsheirat ganz allein von Ihnen ab«, unterbrach ihn Dolores spottend. »Ich dächte, wir endeten diese unerquickliche Unterhaltung, schon um jenes Etwas willen, was man Zartgefühl nennt. Was Ihnen das Recht gibt, mich in jedem Worte zu beleidigen, weiß ich nicht, das aber fühle ich, daß wir besser tun, einander den Pfad nicht zu kreuzen. Leben Sie wohl, Baron Falkner!«

Sie wandte sich mit einem königlichen Neigen des Hauptes ab und trat an das offene Fenster.

Er verließ das Zimmer, eilte indes in seines und schloß sich ein. Das eine fühlte er deutlich, daß er den Abgrund zwischen sich und Dolores unüberbrückbar gemacht hatte. Ja, er war an Zartgefühl, Würde und innerer Hoheit von ihr überragt worden, die er so tief unter sich und seinen exklusiven Gefühlen zu stehen vermeinte, um ihr von seiner Höhe herab den Standpunkt anzuweisen, auf den er sie gestellt. Und jetzt – –

Alfred Falkner war viel zu wahrheitsliebend, um sich der Täuschung hinzugeben, daß sie gering zu schätzen war, und er sah auch ein, daß es sein Stolz, seine Bitterkeit waren, die ihn dazu hingerissen hatten, ihr Worte zu sagen, die er gern ungesprochen gemacht hätte, nicht um ihretwillen, wie er sich verächtlich sagte, sondern um seinetwillen. Jetzt war es geschehen, er hatte das Tischtuch zwischen sich und ihr zerschnitten, und wenn er sein Werk krönen wollte, mußte er den Weg eines Majestätsgesuches einschlagen, um sie als unwürdig des Erbes zu erklären und als schwarzes Schaf aus dem Stammbaum der Falkners stoßen zu lassen, wie es sein Oheim tun wollte, als es schon zu spät war und der Tod ihm die Gelegenheit dazu nahm. Er errötete, wenn er daran dachte, daß der Gedanke an einen solchen Akt himmelschreiender Ungerechtigkeit die letzten Stunden des Toten befleckt hatte, daß er selbst in einem bösen Augenblick der Bitterkeit daran gedacht. Mit feinem, weiblichem Takt, und indem sie den eigenen Reichtum vorschützte, hatte sie ihm das Erbe abtreten wollen, um seine Gefühle nicht zu verletzen – und mit welcher beleidigenden Verachtung hatte er ihr vergolten.


Ist das Wort der Lipp' entflohen,
Du erreichst es nimmermehr,
Fährt die Reu' auch mit vier Pferden
Augenblicklich hinterher.


Kurz, als Alfred Falkner wenige Stunden später der Hauptstadt entgegenfuhr, zur Übernahme seiner Pflichten, da nahm er mit sich das unbehagliche Gefühl der Unzufriedenheit mit sich selbst. Einsamkeit verleitet gern zu einer Prüfung von Herz und Nieren auch gegen den Willen dessen, der diese Prüfung lieber umgehen möchte – und so mußte Falkner sich denn sagen, daß sein Betragen Dolores gegenüber ein selbstgeschmiedeter Panzer war gegen die schwarzen Augen und die goldroten Haare, die er so oft antipathisch genannt, und die dennoch einen Zauber auf ihn ausübten, den er gern als unheilvoll bezeichnet hatte. Er erschrak bis in sein Innerstes hinein, als das allezeit der Wahrheit zuneigende Herz ihm diese Falte zeigte.

»Ich werde niemals diesem Zauber, dem Zauber einer Satanella unterliegen«, sagte er laut vor sich hin, als wollte er ein Gelöbnis aussprechen. Und im nämlichen Momente noch durchzuckte ihn der Gedanke: Ob sie Keppler wohl abgewiesen oder ermutigt habe?

So ist das Menschenherz – es hat alles in ihm Raum, selbst die scheinbar krassesten Gegensätze, selbst die ungleichartigsten Gefühle, dessen war Falkner sich voll bewußt, und doch mußte er fast erleichtert hinzufügen: »Ich glaube nicht, daß sie ihn ermutigt, er sah allzu gebeugt aus. Armer Tor!«

Er nannte es also eine Torheit, Dolores zu lieben; doch in diesem Punkte waren große Helden von ihren Piedestalen herabgestiegen, um neben ihrer Größe ein wenig Mensch zu sein und dem Herzen sein Recht zu gönnen. Nein, Falkner fühlte, daß er heute zu keiner Ruhe gelangen konnte, und so nahm er zu dem alten Vorurteil seine Zuflucht und panzerte sein Herz damit: »Nein, es geschah ihr recht! Wie konnte sie es wagen, mir ein Geschenk anzubieten!«

Er hatte so unrecht nicht, wenn er sich überhaupt gegen seine eigenen Gedanken rüsten wollte, die alten Vorurteile dazu zu wählen, denn diese sind ein Harnisch, durch den bis jetzt noch kein Vernunftgrund siegend gedrungen ist, und so hatte er denn wenigstens den Triumph der Selbsttäuschung, mit dem er sich gegen seine eigenen unbequemen Gefühle und Gedanken wappnen konnte. –

Dolores stand, als sie Falkner die Tür hinter sich schließen hörte, starr, bleich und bewegungslos an dem Fenster des Turmgemaches. Die klare Maienluft kam herein zu ihr und umfächelte ihre blassen Wangen, spielte mit dem kraußen Haar über ihrer Stirn und brachte mit sich ganze Duftwellen von den Narzissen und Veilchenbeeten drunten auf dem smaragdgrünen frischen Rasen. Sie spürte nichts davon, sie spürte nur das Weh in sich, das die Verachtung bringt, sie spürte nur den Schmerz der scharfen, bösen Worte, die sie gehört. Und als das Weh seine erste Kraft abgestumpft, da fragte sie sich nach dem Warum, das es verursacht, aber die Antwort blieb aus, und auch sie panzerte sich gegen das ihr Geschehene mit dem Panzer ihres Stolzes und ihrer Würde. Aber unter dieser Eisenhülle wollte das Weh doch nicht schlafen – es war einmal geschehen.


Und hüte deine Zunge wohl,
Bald ist ein böses Wort gesagt –


Ja, das böse Wort – es ist so leicht, so schnell gesprochen, vielleicht ohne die Absicht, unheilbar zu verletzen, und doch schlägt es eine tiefe, tiefe Wunde, in der es unberechenbar wirkt, bis es das Leben vergiftet hat und die Freude am Leben getötet, und nur noch das stille grüne Kirchhofsgras Heilung bringen kann.

Dolores atmete tief auf und strich mit beiden Händen über ihre Stirn, die trocknen, brennenden Augen für einen Moment schließend und zuhaltend.

So ist der Würfel gefallen, dachte sie. Wie schnell doch alles im Leben wechselt! Und dann wandte sie sich ab, durchschritt den prächtigen Rokokosalon und trat in die Bildergalerie ein. Dort suchte ihr Blick das Bild der »bösen Freifrau«, der Heldin von Mamsell Köhlers Geistergeschichte, und wieder war sie wie vorher überrascht von ihrer eigenen Ähnlichkeit mit der Ahne, die gar nicht böse, sondern nur so todestraurig aussah und mit den schwarzen, glanzlosen Augen beredt herabblickte auf ihr Ebenbild, die letzte Freiin von Falkner.

»Ich muß Näheres über sie erfahren«, gelobte sich Dolores, seltsam angemutet durch das Porträt.

Dann schritt sie weiter, durch das kleine, jetzt zur Bücherei gemachte Gemach und betrat das schöne, luftige Schlafzimmer, vor dem sie so gewarnt worden war. In dem Vorzimmer mit den Eichenschränken hörte sie Schritte – es waren Ramo und Mamsell Köhler, die den kleinen Koffer, den sie mitgebracht, auspackten und dessen Inhalt passend in den Schränken verteilten.

»Ramo«, sagte sie, auf der Schwelle stehend, »ich habe Aufträge für dich!«

»Ja, Senora«, erwiderte der alte Diener, seiner angebeteten Herrin in das Schlafzimmer folgend; dabei wollte er die Tür schließen, aber Dolores bedeutete ihn in spanischer Sprache, daß dies nicht nötig sei.

Da haben wir's, dachte die kleine Beschließerin entrüstet, da haben wir die babylonische Sprachverwirrung auf dem Halse, so daß kein Christenmensch verstehen kann, was geredet wird. Da können die da drinnen ja den Tod von einem besprechen, ohne daß man es weiß, und von Geheimnissen erfährt man überhaupt kein Jota mehr!

Trotz dieses für sie sehr betrübenden Faktums machte sich Mamsell Köhler doch noch einiges in dem Kabinett zu schaffen, denn, man konnte ja doch noch irgendein verständliches Wort aufschnappen, wie sie sich klassisch ausdrückte.

»Ramo, du wirst heute noch mit dem Nachtzuge nach B. zurückreisen«, sagte Dolores freundlich auf spanisch. »Dort sagst du Tereza, sie soll meine Sachen packen und sich bereitmachen, mit dir so bald als möglich hierher zu übersiedeln. Während sie packt, gehst du zu dem Generalintendanten und gibst dort den Brief ab, den ich dir übergeben werde. Mein Urlaub läuft morgen ab, und du mußt die Konventionalstrafe zahlen, die auf meinem Kontraktbruch für den Rest der Saison steht.«

»Sehr wohl«, erwiderte Ramo, dessen schnelles, echt südliches Begriffsvermögen ihn zu dem Geschäftsführer seiner Herrin gemacht, »Senora werden also das Theater verlassen?«

»Es wäre unziemlich, während der Trauer um den Freiherrn aufzutreten«, sagte sie sinnend, »also muß ich wohl dieser Rücksicht ein Opfer bringen und der Bühne entsagen. Mein Flügel muß sehr bald hergeschafft werden, Ramo, ich bedarf seiner dringend, und vergiß nicht, den Kasten mit dem Schmuck selbst an dich zu nehmen!«

»Ich werde ihn zu mir in den Wagen nehmen, wie immer, Senora«, entgegnete der Brasilianer. »In einer halben Stunde werde ich reisefertig sein«, fügte er respektvoll sich verbeugend hinzu.

»Gut! Du magst dir dann den Brief an den Intendanten abholen!«

Ramo entfernte sich, und Dolores trat in das Kabinett, das inkrustierte Schreibpult von Ebenholz entgegenzunehmen, das Fräulein Köhler eben auspackte und bewunderte.

»Ich muß für Ramo, der in meinem Auftrage verreist, einen Brief schreiben«, sagte sie und fügte hinzu: »Da ich mich entschlossen habe, fürs erste auf dem Falkenhof zu bleiben, so hoffe ich, daß Sie, Fräulein Tinchen, trotz des Ihnen von dem Freiherrn hinterlassenen Legates, in Ihrer alten Stellung verbleiben und dieselbe in der mir bekannten und sehr geschätzten Treue und Zuverlässigkeit weiterverwalten werden.«

Über das Gesicht der kleinen, verwitterten Person flog ein verklärender Freudenstrahl – sie hatte im geheimen ihre Entlassung gefürchtet.

»Oh«, knickste sie, »wenn gnädige Baronin die Güte haben wollen, mir ferner das Leinenzeug, Silber und die Bewirtschaftung des Haushaltes anzuvertrauen – ich bleibe nur zu gern, denn ich bin auf dem Falkenhof aufgewachsen und grau geworden. Da wird das Scheiden schwer, und die Tätigkeit ist mein Leben – müßig, würde ich sterben –«

»Nun gut«, unterbrach Dolores freundlich den Redestrom, »das wäre also abgemacht, und mich freut's, daß Sie bleiben. Zum Zeichen dafür will ich Ihr Gehalt von Herrn Engels erhöhen lassen, und Sie mögen das gleiche den alten, langjährigen Dienern des Hauses mitteilen, damit sie sehen, daß auch ich das Verdienst anerkenne und bereitwillig belohne. Besondere Wünsche will ich gern hören und prüfen, ob Sie zu gewähren sind«, fügte sie hinzu und ergriff dabei ein Etui, das mit den anderen Sachen ausgepackt wurde. Als sie es öffnete, wurde die darin befindliche, geschmackvolle und schwer goldene Brosche nebst Ohrringen sichtbar. Sie reichte die Brosche der Beschließerin. »Das müssen Sie schon von mir annehmen, zum Andenken und zum Zeichen, daß ich Sie nicht vergessen hatte.«

Mamsell Köhler betrat wenige Minuten später den Korridor mit dem Gefühl, als ob sie auf Sprungfedern wandelte, so zum Hüpfen war ihr zumute.

Ei, das ist ein guter Anfang, das muß man gestehen, dachte sie vergnügt. Erhöhtes Gehalt und ein kostbares Geschenk – ich will mir den Tag im Kalender rot anstreichen, das hat man in den Zeiten des seligen Herrn nicht erlebt. Und wie freundlich und gütig sie ist – nun, sie war immer ein liebes, munteres Kind! Ja, ja! Goldenes Haar, goldener Sinn!

Die kleine, graue Beschließerin vergaß ganz, daß sie sich eine Stunde vorher selbst vor den »roten Haaren« gewarnt hatte, vor der »von Gott Gezeichneten«. – Daran ist aber nichts Wunderbares, wenn man die also Bekehrte zu der großen, weitverbreiteten Familie der Wetterfahnen zählt, die immer häßlich knarren und kreischen, wenn man sie nicht ölt. So lange das Öl vorhält, so lange drehen sie sich selbst im konträrsten Winde sanft und geräuschlos; aber Wind trocknet das Öl bekanntlich sehr schnell, und es ist auch nicht jedermanns Sache, das Ölen, damit die Fahnen sich nach seiner Seite drehen.

Dolores hatte durch ihren Großmut einen coup diplomatique ausgeübt, dessen Tragweite ihr selbst nicht ganz bewußt war, denn sie hatte ihn ganz impulsiv ausgeführt. Sie war nicht berechnend genug, um durch Geld die Leute des Falkenhofes an sich zu ziehen – das war ihr so im Moment durch den Kopf gegangen, und im Moment hatte sie den Gedanken ausgeführt, ganz ihrer raschen, lebhaften Natur folgend und nach der Eingebung des Augenblickes handelnd.

Seid klug wie die Schlangen, dachte Doktor Ruß, als er von diesem »Gnadenerlaß bei der Thronbesteigung«, wie er es nannte, erfuhr. Aber auch er, der gewandte Menschenkenner, irrte sich in Dolores' Charakter, denn er maß sie viel zu sehr nach dem eigenen Maß – bei solchen Messungen kommt man nur dann gut weg, wenn der Messende in alle Falten des menschlichen Herzens zu sehen vermag, denn da ruht immer irgendein Goldkorn, verborgen den oberflächlichen Blicken.

Dolores schrieb ihren Brief an den Generalintendanten des Hoftheaters, dem sie sich kontraktlich verpflichtet hatte, und übergab ihn dem pünktlich erscheinenden Ramo, der alsbald nach B. abreiste. Die junge Herrin des Falkenhofes aber stieg hinab und ging hinaus ins Freie. – Die Atmosphäre in ihren Zimmern war infolge des langen Geschlossenseins der Räume schwer und drückend. Dolores mußte frische Luft einatmen, sonst –

Nein, ich will nicht weinen, dachte sie und trocknete eine verräterische Träne. Es ist's nicht wert. Und daß er mir weh getan, das soll niemand erfahren, er selbst vor allem nicht – ich will auch nicht mehr daran denken!

Als ob es so leicht wäre, das einmal zugefügte Weh zu vergessen oder beiseitezulegen wie ein Kleidungsstück – – –

Dolores schritt hinaus in die Abendkühle des frischen Maitages. Aber die grüne Umgebung des Falkenhofes, nach der sie sich gesehnt und von der sie geträumt hatte, seit sie von dem Schlosse geschieden, freute sie nicht, nun sie die Herrin war über den herrlichen Fleck Erde. Träumend schritt sie dahin, indes die kreppbesetzte Schleppe ihres Trauerkleides den Kies auf den Gängen zusammenfegte, aber die Stille um sie her, das in kurzen Pulsen läutende Abendglöckchen drunten im Dorfe, der stark betäubende Duft des eben erblühenden Jasmins, machten ihr erregtes Innere nicht ruhiger.

Wie glücklich war ich hier als Kind, dachte sie, trotzdem damals kein Tag vergangen war, an dem der Tote, um den sie dies schwarze Kleid trug, sie nicht gescholten wegen ihres frohen Jugendmutes und sie eine »rothaarige Satansbrut« genannt hatte, das hatte ihr damals Vergnügen gemacht und sie angespornt, nun erst recht ihre kleinen harmlosen Teufeleien auszuüben, was ihren Ruf nicht verbessert hatte, das lag auf der Hand. Aber heute mußte sie sich sagen, daß die damals künstlich genährte Abneigung gegen sie auf dem Falkenhof nicht abgenommen hatte, und daß man ihr jenes Mißtrauen entgegenbrachte, das man so leicht gegen Fremde, das heißt Ausländer, hegt.

Es muß doch in meiner Person liegen, dachte sie traurig, denn Alfred Falkner trat mir feindlich entgegen, ehe er wußte, wer ich war.

Aber dann mußte sie der Huldigung denken, die man ihr dargebracht, so oft sie auch erschienen war, ihre wunderbare, herrliche Stimme erschallen zu lassen, und verwirrt dachte sie dem Rätsel nach, warum gerade dieser eine sie haßte und verachtete, dieser einzige, an dessen – an dessen Wohlwollen und Freundschaft ihr so viel gelegen wäre. Eine Glutwelle schoß bei diesem Gedanken in ihr bleiches Antlitz und verlieh ihm einen neuen, eigenen Reiz. Aber schnell, wie es gekommen, schwand dieses Erröten wieder.


Behüt dich Gott, es wär so schön gewesen,
Behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein!


dachte sie schmerzlich.

Hier stand sie an einem Scheidewege. Rechts führte ein Weg in das Herz des Parkes, links – ja links hinter dem Gebüsch von Buchen und Syringen lag der Pavillon, den Engels sich von dem Freiherrn zum Logis ausgebeten und erhalten hatte, als er den Falkenhof betrat. Es war eigentlich ein runder Turm, mit einem unterkellerten Stockwerk und spitzem, viergiebeligem Dach – wahrscheinlich erbaut, um der damaligen Abtei als Wachturm zu dienen für den Torwärter. Jetzt lag das originelle Gebäude, das lange Zeit nur Ratten, Mäuse und deren Erzfeinde, die Eulen, bewohnten, mitten im Grünen, und die Kletterrosen und Klematis rankten lustig an den Mauern empor und hätten am liebsten die Bogenfenster ganz bedeckt, wenn Herr Engels dies geduldet hätte.

Oh, Dolores kannte den Weg zum »Türmchen«, wie es hieß, und dieses selbst sehr genau; hier hatte sie die ungetrübten Stunden ihres Lebens auf dem Falkenhof zugebracht.

Sie trat halb hinter dem Gebüsch hervor und sah hinauf zu dem Fenster, an dem sie selbst so oft gesessen – richtig, da saß wie damals Herr Engels, die kurze Pfeife im Munde und den mächtigen Bart streichend. Von Zeit zu Zeit pfiff er dem Dompfaffen vor, und das gelehrige Tier wiederholte gewissenhaft.


»Vom hoh'n Olymp herab ward uns die Freude –«


klang es deutlich zu Dolores herüber, und einem ihrer gewöhnlichen Impulse nachgehend, huschte sie dem Gesträuch entlang der offenen Tür des Türmchens zu und blitzschnell die steile, finstere Treppe hinauf.


»Fröhlich erschallet der Jubelgesang –«


tönte es drinnen, und leise öffnete sie die eisenbeschlagene Eichentür. Ein betäubendes Gekläffe tönte ihr entgegen, denn dazu hielt Knieper, der Dächsel und stetige Begleiter Engels, sich einmal für verpflichtet. Seine spezielle Freundin, die Hauskatze Ida, mit der er in schönster Eintracht lebte und damit bewies, daß man nicht wie Hund und Katze zu leben braucht, fuhr erschrocken aus ihren Träumen auf dem Sofa auf, dehnte aber bald beruhigt ihr samtschwarzes Fell auf dem gewohnten Lager und blinzelte die Eingetretene mit ihren bernsteingelben Augen wohlwollend schnurrend an. Nur Knieper setzte seine gebellten Fragen nach der Identität dieses Abendbesuches fort und wollte sich durch Dolores' lachendes:

»Wer wird denn so böse sein, bist ein gutes Hundel!« nicht beruhigen lassen, bis Engels, die Eingetretene erkennend, mit Donnerstimme: »Will er wohl ruhig sein!« dem Höllenlärm ein Ende setzte. Knieper zog sich knurrend zurück, indes Dolores dem Verwalter die Hände reichte.

»Da bin ich wieder zum Dämmer-Plauderstündchen, wie vor Jahren«, sagte sie bewegt.

»Willkommen wie damals«, erwiderte Engels, indem er sie zu dem gewohnten Sitz auf dem Fenstertritt führte. »Ach, wie hat sich manches geändert – auch wir beiden! Sie sind eine große Dame, eine Berühmtheit geworden, und ich – nun, ich bin ein alter Kerl, der darauf wartet, bis der da droben ihn abruft –«

»Was, so hoffe ich, nicht bald geschehen wird, denn Sie sollen mir ja raten und helfen, den großen Besitz zu verwalten, damit wir einst als treue Haushälter befunden werden«, sagte Dolores ernst, dem Hünen die Hand reichend.

Er maß sie einen Augenblick lang.

»Ein Schuft will ich sein, wenn ich's nicht tue«, rief er, einschlagend, unnötig laut, wie immer, wenn ihn etwas rührte. Und nun ward's einen Augenblick still in dem Stübchen des alten Junggesellen. Die Pause aber benutzte Ida, die Katze, die indes mit ihrer Prüfung der Fremden fertig geworden war; geräuschlos verließ sie das Sofa und sprang mit dem eigenen Laut dieser Tiere, den sie in freundlicher Stimmung ausstoßen und der in unserer unvollkommenen Ausdrucksweise nur mit den Konsonanten »Mrr« wiederzugeben, Dolores auf den Schoß.

Eine Liebhaberin aller Tiere, mit Ausnahme kriechender Geschöpfe von der Raupe bis zur Schlange, empfing sie das schöne, glänzende Tier mit freundlichem Streicheln; Ida rieb sich schnurrend an ihrer Hand und ließ sich dann zur Fortsetzung ihrer Ruhe auf dem gastlichen Schoß nieder, was für den mit Aufmerksamkeit zusehenden Knieper ein Zeichen war, sich der also Anerkannten schwanzwedelnd zu nähern, sich mit behaglichem Grunzen von ihr streicheln zu lassen und endlich definitiv auf der kreppbesetzten Schleppe zur Besiegelung der Freundschaft niederzulassen.

»So ist's recht«, meinte Engels strahlend, »denn das sag' ich: wen das Tier, das superkluge Naturforscher unvernünftig nennen, als seinen Freund mit dem feinsten Instinkt der Welt anerkannt, mit dem würde ich sofort auch Freundschaft schließen, der ist ein guter Mensch! Ja, ja, Fräulein Dolores, so ist's! Der Herr Doktor Ruß nennt, wenn er herkommt – was Gott sei Dank nicht oft geschieht – , meine Tiere mit den zärtlichsten Namen, hat immer Zucker und sonstige Köder, aber Knieper fletscht ihm doch die Zähne und würde ihm mit Vergnügen, wenn ich's erlaubte, die Beinkleider zerreißen, während Ida einen Buckel macht, den Schwanz sträubt und den Doktor anfaucht. Und da rede einer von Unvernunft!«

Dolores lachte, ihre Liebkosungen gerecht unter das seltene Paar verteilend. »So wär' ich denn wieder im Türmchen eingeführt«, sagte sie. »Älter bin ich geworden, nicht mehr so ausgelassen wie früher, aber unverändert sonst, darauf können Sie sich verlassen!«

»Wär' ein Glück für Sie, Fräulein Dolores«, erwiderte Engels, einen schnellen, forschenden Blick auf sein Gegenüber werfend.

»Ach«, entgegnete sie lachend, »dieses Glück scheint mir doch zweifelhaft, wenn ich daran denke, wie man damals, vor Jahren, hier über mich urteilte. Hundertmal hat man mir versichert, daß Hopfen und Malz an mir verloren sei – ich hab's damals schon selbst geglaubt. Gebessert habe ich mich natürlich nicht!«

»Nun, Fräulein Dolores«, meinte Engels, »Sie müssen die Unfreundlichkeiten, die man auf sie entlud, vielem zugute halten. Erstens der Feindschaft Ihres Vaters mit seinem Bruder, zweitens dem Mißtrauen, das man Ihrer spanischen Mutter entgegenbrachte, drittens der durch Kränklichkeit gereizten Laune Ihres Onkels, und viertens dem düstern Geiste der Grämlichkeit, Unduldsamkeit und Unfreudigkeit am ganzen Dasein, der den Falkenhof so lange beherrscht, und der erst unter Ihrer Herrschaft weichen soll!«

»Geb's Gott«, rief Dolores ernst, »ich habe mit diesem Geiste nichts zu schaffen. Aber lieber, alter Engels, Sie müssen zugeben, daß alle diese Reden, diese Versicherungen, ich sei ein Satanskind, genügenden Stoff enthielten, einen jungen, unentwickelten Charakter, ein Kinderherz zu vergiften!«

»Mehr als das«, gab Engels zu. »Aber es ist nicht geschehen!«

»Gottlob, nein – es war wohl ein ganz besonders gesendeter Engel mir zur Seite, der diese Reden nicht tief in mein Gemüt dringen ließ«, sagte Dolores, »im Gegenteil, anstatt ihn zu dämpfen, spornten sie meinen Mutwillen nur an, und ich gefiel mir ganz gut in der Rolle des ewig Streiche spielenden Teufels – tempi passati!«

Wieder ward es still. Die junge Schloßherrin streichelte sinnend das schwarze, weiche Fell der Katze, und Engels paffte aus seiner kurzen Pfeife dichte Rauchwolken, durch die er Dolores aufmerksam beobachtete.

»Man sagt, Sie seien reich beladen mit Schätzen im Falkenhofe eingezogen«, begann er nach einer Weile.

»Wer sagt es?« fragte Dolores schnell.

»Wer? Hm – nun, Doktor Ruß«, gestand Engels. »Wenigstens flüsterte er mir zu, Sie hätten Diamanten, um damit das Bassin der großen Fontäne zuzuschütten, und Ländereien in Brasilien!«

»Das letztere ist wahr – ich bin reich in der Heimat meiner Mutter begütert«, erwiderte Dolores einfach und setzte sich verbeugend, um Engels besser ins Antlitz sehen zu können, hinzu: »Ich frage nicht nach den Kommentaren, die Doktor Ruß zu diesen Berichten gemacht hat, denn diese können nur eine Richtung haben und sind mir gleichgültig; aber Ihre Gedanken, lieber Engels, möchte ich darüber hören!«

Engels hustete und machte sich an seiner Pfeife zu schaffen.

»Was liegt Ihnen an meinen Gedanken«, sagte er ausweichend.

»Es liegt mir viel an dem Urteil eines redlichen Menschen und Freundes«, erwiderte sie ernst.

Wieder huschte sein scharfer, prüfender Blick über sie hin.

»Nun«, sagte er zögernd, »ich dachte mir halt dabei: Wenn sie selbst so reich ist und sich über kurz oder lang doch verheiratet, so wird sie den Falkenhof dem letzten Falkner übergeben, damit der alte Stamm darin neue Sprossen treibe. Den meisten kommt die Nachricht, das Lehen sei ein Kunkellehen, sehr überraschend, denn es ist das erstemal seit Menschengedenken, daß es auf die weibliche Linie übergeht. Man hat den Baron Alfred allgemein für den Erben gehalten, und er tat es wohl auch selbst.«

»Nun, da wird die Welt wohl den Stab brechen über die habsüchtige Erbin, die nicht genug haben kann, wenn ich trotzdem auf dem Falkenhof verbleibe«, sagte Dolores ruhig. »Sie vielleicht vor allen anderen«, fügte sie hinzu, als Engels betroffen schwieg. »Nun sagen Sie mir aufrichtig, was Sie denken!«

»Ich denke, die Wege eines Frauenherzens sind unerforschlich, wie Gottes Wege«, erwiderte er rauh.

»Sehen Sie, daß Sie mich nicht kennen?« rief Dolores fast frohlockend. »Wenn also der, den ich für meinen einzigen Freund hielt um vergangener Tage willen, wenn der mich so verkennt, was habe ich da von der Welt zu erwarten? An ihr liegt mir wenig, an Ihrer Meinung aber liegt mir viel, mein guter Engels. Und so sage ich's Ihnen allein: Bei Gott und allem, was mir heilig ist, ich habe Alfred Falkner das Erbe in dem schonendsten Worten übergeben, ein für allemal ohne Reserve – und er hat mir's vor die Füße geworfen. Wie er's tat, das hat das Tischtuch zwischen uns zerschnitten – ich darf ihm den Falkenhof nicht zum zweitenmal anbieten, um meiner Würde willen!«

Engels streckte Dolores seine mächtige Rechte durch den Tabakdampf entgegen. »Verzeihen Sie«, sagte er einfach, und sie legte ohne Zögern ihre Hand in die seine. »Nun seh aber einer den stolzen Herrn Alfred an ein echter Falkner!«

Auch ich bin eine echte Falkner«, entgegnete Dolores, »und wenn wir, die Zweige eines Stammes, einander nicht verstehen können, so sei es drum – er hat es so gewollt, nicht ich, dafür ist Gott mein Zeuge.«

»Gut, aber an dem stolzen Freiherrn ist es nun, den Sachverhalt etwaigen mißverstehenden Gemütern beizubringen.«

»Gleichviel, mir liegt nichts daran«, sagte Dolores, und nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: »Es wird dunkel – ich muß ins Schloß zurück, sonst suchen sie mich am Ende mit Fackeln!«

Sie erhob sich und legte die schnurrende Ida sanft auf das Sofa. Dann reichte sie Engels die Hand.

»Gute Nacht denn«, sagte sie herzlich, »ich komme wieder zum Plaudern in der Dämmerstunde, wenn Sie mich mögen. Das tut wohl, wenn man den Tag mit nicht allzu heiteren Gedanken zugebracht hat, denn, lieber Freund, es gibt Dinge, die sehr schmerzen, und das, das mit Alfred Falkner hat geschmerzt!« Sie beugte sich hinab, den wedelnden Dächsel zu streicheln, und verließ ohne ein weiteres Wort das Türmchen.


* * *


Die junge Herrin hatte die erste Nacht auf dem Falkenhof unruhig zugebracht. Sie lag unter den schweren Damastvorhängen ihres großen Bettes und konnte doch nicht schlafen; als aber die Müdigkeit gegen Morgen ihr die Augen schloß, hatten seltsame Träume ihr den Segen dieser kurzen Rast geraubt.

Sie war endlich spät am Morgen erschreckt emporgefahren und bedurfte einiger Zeit, sich zu sammeln und sich zu sagen, daß sie wirklich und wahrhaftig geschlafen und geträumt, und nicht, nach der Manier überspannter Leute, Geister gesehen hatte. Und doch, sie hätte darauf schwören mögen, da sich die Täfelung dort an der Wand, die die Bücherei von dem Schlafgemach trennte, verschoben hatte, und durch die entstandene Öffnung die »böse Freifrau« getreten war, ganz so, wie sie auf dem Bilde zu sehen war, daß die schöne Ahne an ihr Bett getreten und sie geküßt und ihr zugeflüstert hatte: »Ich grüße dich, Dolores, Erlöserin! Ich werde bei dir sein, bis es erfüllt ist!« – Dann hatte sie noch einen Kuß auf ihre Stirn gedrückt, einen langen, innigen Kuß, den Dolores bei der Erinnerung daran mit leisem Schauern fühlte, und war die Bettestrade hinabgeschritten, direkt auf ein kleines Madonnenbild zu, das über dem Betstuhl am Fußende des Bettes hing. Auf das Bild hatte sie lächelnd gedeutet und die eine Stelle des Rahmens mit der Hand berührt, dann hatte sie diese Hand zum Gruß für Dolores geküßt und war desselben Weges gegangen, den sie gekommen.

Etwas verwirrt von der Lebhaftigkeit dieses Traumes erhob sich Dolores und kleidete sich an. Drüben im Turmzimmer stand schon ihr Frühstück bereit, das Mamsell Köhler selbst zierlich arrangierte. Beim Durchschreiten der Bildergalerie warf Dolores einen forschenden Blick auf das Porträt, das sich ihr so lebhaft eingeprägt, daß sie sogar davon geträumt – die »böse Freifrau« lächelte ebenso traurig daraus herab wie gestern.

Mamsell Köhler schien sehr erfreut, ihre Herrin heil und gesund wiederzusehen.

»Ich hoffe, gnädige Baronesse sind durch nichts belästigt worden«, sagte sie forschend und schüttelte erstaunt ihre grauen Löckchen, als sie hörte, daß keine Geister die Nachtruhe der Herrin vom Falkenhof gestört.

»Haben doch auch angenehm geträumt?« setzte sie ihr Examen fort.

Dolores bejahte es nach einem Moment des Überlegens, denn böse war ja ihr Traum nicht gewesen – sie war geküßt und angelächelt worden.

Nach dem Frühstück kam Engels, und mit ihm arbeitete sie ein paar Stunden unausgesetzt, um sich über den geschäftlichen Teil des Falkenhofes zu informieren und Reformen ins Werk zu setzen, die Engels von dem eigensinnigen Freiherrn nie hatte erlangen können. Dann besuchte sie mit ihm die Wirtschaftsgebäude und besichtigte das Inventar des Hauses, hier den Leuten des Hofes oder ihrer persönlichen Dienerschaft Geschenke verteilend, dort ein freundliches Wort sprechend, bei allen aber die Ahnung an eine kommende gute Zeit hinterlassend.

Endlich, gegen Abend ließ sie sich bei Frau Ruß melden, die sie kühl und zurückhaltend, wie es nun einmal ihre Manier war, empfing, wogegen das Benehmen des Doktors nicht herzlicher und entgegenkommender sein konnte. Dolores empfand durchaus keine Antipathien gegen den Mann ihrer Tante, der sich ihr aufs freundlichste als »Onkel« empfahl, und sie schätzte das reiche Wissen des stattlichen Mannes sehr, außerdem aber war sie selbst eine viel zu ehrliche und aufrichtige Natur, um sich vorzustellen, daß von der Herzlichkeit des Doktors nicht alles Gold war, was da glänzte. Ruß hingegen war sich des Vorteils durchaus nicht unbewußt, den seine glänzenden Gaben ihm vor Dolores einräumten, und er beschloß, sich diesen Vorteil zunutze zu machen.

»Ich hoffe, daß, da Sie uns gestattet haben, den Falkenhof bis auf weiteres zu bewohnen, wir auch recht gute Freunde werden«, sagte er in seiner sanften, leisen und sympathischen Art. »Wenigstens wäre das Gegenteil für beide Teile höchst unerquicklich und fatal.«

»Sie müssen nicht von Erlaubnis sprechen«, erwiderte Dolores, und einem ihrer raschen Impulse folgend, schlang sie ihren Arm um den Hals der Frau Ruß und küßte die Wange der kalten Frau. »Ginge es nach mir, so wärst du heute Herrin im Falkenhofe, liebe Tante, aber dein Sohn hat es nicht gewollt, und er hat mir sehr weh damit getan.«

Frau Ruß wechselte mit ihrem Manne einen bedeutungsvollen Blick.

»Gutes Kind«, sagte sie, Dolores die Hand drückend, und das meinte sie wirklich so, wie sie es sagte, in ihrer kalten, harten Weise.

»So bleibt mir nur, den Falkenhof gut und im Hinblick auf deines Sohnes Deszendenz zu verwalten«, fuhr Dolores fort, »und das will ich treulich tun, bis mein Tod die Annahme des Erbes seinem Stolze nicht mehr widerstrebt!«

»Nun, mein seliger Schwager hat ja noch einen anderen Weg zur Ebnung dieses Streites gebahnt und angedeutet«, bemerkte Doktor Ruß.

»Je weniger wir von diesem Wege sprechen, desto besser«, entgegnete Dolores ruhig, aber sehr fest, obgleich sie es nicht hindern konnte, daß ein heißes Erröten sich dabei über ihr Antlitz ergoß.

Natürlich bemerkte Ruß auch das und registrierte es in den Annalen seines Gedächtnisses. Es wurde nun verabredet, die Hauptmahlzeit des Tages, das Diner, gemeinschaftlich im Speisesaale des Südflügels einzunehmen und sich zum Tee abends bei Dolores einzufinden.

»Ich hoffe dabei viel von Ihren reichen Kenntnissen zu profitieren«, sagte sie zu Doktor Ruß, und dieser erwiderte sofort: »Da können wir uns ergänzen, denn ich liebe die Musik leidenschaftlich, und namentlich übt Gesang einen großen Zauber auf mich aus!«

»Va bene«, rief Dolores munter. »Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.«

Mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit machte sie sofort ihre Arrangements und bestimmte den großen Balkon des Rokokosalons zu dem Raume, in dem an schönen Abenden der Tee genommen werden sollte, während die Bildergalerie an trüben und kühlen Tagen zu diesem Zwecke dienen sollte, denn das Turmgemach reservierte sie sich als Buen Retiro, während der Salon allein der Musik geweiht werden sollte. Sie erließ sofort ein Schreiben an Ramo und beauftragte ihn, ein bewegliches Tee-Ameublement anzukaufen zum beliebigen Aufstellen auf dem Balkon oder in der Galerie, und bestellte für diese selbst Etablissements, Blumentische und Konsolen mit Figuren in Elfenbeinmasse darauf, »die wir später mit schönen Marmorbüsten vertauschen können«, sagte sie sich, als sie diese Vorbereitungen zur Wohnlichmachung der leeren und öden Galerien getroffen.

Dann, nach einem kurzen Nachsinnen, setzte sie abermals die Feder an und schrieb an den Professor Balthasar.

»Wenn Sie, teurer Freund, mit Ihrer so werten und lieben Gemahlin noch nicht wissen sollten, wohin Sie diesen Sommer zur Erholung gehen, so kommen Sie hierher, kommen Sie als meine hochwillkommenen Gäste auf den Falkenhof. Sie müssen dabei bedenken, daß Sie damit ein gutes Werk tun, denn ich bin nicht mehr ganz ich selbst, seitdem ich mich hier befinde. Nicht, daß mich das Erbe selbst aus dem Gleichgewicht gebracht hätte, ich schätze Geld und Gut dazu nicht hoch genug, aber, aber werter Freund, es gibt doch Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen unsere Schulweisheit sich nichts träumen läßt, und von denen ich früher nichts geahnt – kurz, ich sehne mich nach Ihrer, dem Dasein Inhalt verleihenden Gesellschaft, nach Frau Annas herrlichem Gleichgewicht und der Liebenswürdigkeit, die sie Ihnen und anderen zum Schatze macht. Die Schönheiten des Falkenhofes, seine herrliche grüne Waldeinsamkeit brauche ich Ihnen nicht lockend zu schildern, die kennen Sie schon, und so bemerke ich nur, daß Ihre Künstlerseele auch noch in einer Menge von Porträts von Kneller, Holbein, van Dyck, Pesne und wie sie alle heißen, schwelgen kann, wenn es ihr beliebt notabene. Schreiben Sie nur, ob Sie kommen und wann!

Dolores.«

Es war spät, als sie endlich müde, nachdem sie eine Menge Briefe geschrieben, in ihr Schlafzimmer trat. Heute werde ich gut schlafen, dachte sie, als sie ihr Haar löste und dabei die Abwesenheit Terezas bedauerte, die es so gut verstand, die goldigen Massen zu glätten. So gut es ging, versuchte sie selbst mit der Bürste Ordnung in die bis ans Knie reichenden, sich rebellisch kräuselnden Haare zu bringen und summte dabei leise ein Lied vor sich hin.

Mit einem Male aber ließ sie den Arm mit der Bürste sinken und hörte auf zu singen – der Traum der vorigen Nacht war ihr eingefallen. Unwillkürlich sah sie nach der Stelle, wo sie die »böse Freifrau« hatte eintreten sehen, und schritt derselben zu, mit dem Lichte genau die Täfelung beleuchtend. Aber so genau sie es auch tat, sie entdeckte keinen Ritz, der auf eine eingefügte, geheime Tür hätte schließen lassen können.

Natürlich nicht, dachte sie, es war eben ein Traum, wie man ihn in solchen alten Häusern leicht träumt, da man sie ohne geheime Gelasse, Türen und so weiter nicht denken kann, schon des Reizes wegen, den solcher Humbug in unseren Tagen immer noch ausübt!

Und ihr Lied wieder aufnehmend, wendete sie sich von der Wand ab, überzeugte sich, daß die Türen innen verschlossen waren, und wollte die Bürste wieder ergreifen, als ihr Auge auf das kleine Madonnenbild fiel, auf das ihr Traum sie gewiesen. Wieder nahm sie den Leuchter auf und schritt darauf zu. In einem goldenen, spitzen, gotischen Rahmen mit kleinen Ecktürmchen und aufzumachender, durchbrochen gearbeiteter Tür war hier ein liebliches Madonnenbild über dem Betstuhl aufgehängt, und Dolores erkannte es sofort als eine uralte Kopie der »Madonna mit dem Stern« des Fra Angelico, genannt »il Beato« im San-Marco-Kloster zu Florenz – sogar der Rahmen war getreu nachgemacht mit seinem zierlichen Schnitzwerk. Die kaum einen Fuß hohe Gestalt der Gottesmutter steht auf goldenem Grunde, umflossen von zartrotem Gewande, umwallt von dem dunkelblauen, goldgesäumten Mantel, der auch ihr Haupt nonnenartig einhüllt. Das Haupt nach dem süßesten Jesuskinde, das je gemalt wurde, hinneigend, steht sie mit sinnendem Ausdruck in den überirdischen Augen, mit einem wunderbaren Zug von Schmerz, Trauer und halbem Lächeln um den lieblichen Mund, umflossen von der holdesten Anmut, dem keuschesten Liebreiz, und über ihrem Haupte flammt ein strahlender Stern – der Morgenstern für den Tag der Glorie, da Jesus, der Retter, kam, die Welt zu erlösen und die Macht des Todes zu brechen. Und wie malte Fra Angelico dieses göttliche Kind auf den Armen der Jungfrau! Es lehnt sein Köpfchen mit dem sinnenden Ausdruck an ihr Antlitz und berührt mit dem Zeigefinger der Linken ihr Kinn, als flüsterte er ihr zu vom Kreuz und von Golgatha und der Erlösung – –

Ja, nur Angelico da Fiesole, il Beato, war dazu berufen, wahrhaft göttliche Madonnen zu malen, und man weiß, daß er sie kniend, ein Gebet auf den Lippen, malte – all seine Epigonen malten nur schöne Mütter mit ihrem Kinde, selbst Raffael, der alle Hoheit und Majestät in seiner Sixtina verkörperte, aber nicht das Göttliche, das nur über den Madonnen des Florentiners schwebt. Tizian in seiner »Assunta« hat einen Strahl dieser Göttlichkeit in der zur Glorie des Himmels mit ausgebreiteten Armen emporschwebenden Gestalt der Mutter Gottes verkörpert, doch soviel man auch sucht, man wird diesen Strahl bei späteren Meistern nicht mehr finden, außer vielleicht geteilt in dem wunderbar ergreifenden Muttergottesbilde Lefévres, und voll in der schlichten, rührenden Madonna Defreggers.

Dolores kannte die liebliche Madonna mit dem Stern wohl, sie besaß ja selbst eine moderne Kopie derselben, die ihre Mutter ihr als Riccordo di Firenze geschenkt – vor Jahren. Sie betrachtete lange das schöne Bild und schloß dann wieder die geschnitzten Türflügel des Rahmens. In ihrem Traume, da hatte die »böse Freifrau« darauf gedeutet und das obere rechte Türmchen berührt, sie erinnerte sich dessen genau. Getrieben von einem wunderbaren Gefühl, das sie selbst nicht hätte bezeichnen können, trat sie auf das Kniepult des Betstuhles und berührte das Türmchen, indem sie es vorsichtig zu bewegen versuchte – es gab nicht nach. Ob es sich drehen läßt? dachte sie. Nein, es rührte sich nicht nach rechts und –

Sie trat mit einem Male erblassend von dem Kniepult herab, denn bei einer leichten Linksdrehung des Türmchens hatte es nachgegeben, und langsam drehte sich der Rahmen mit samt dem Bilde – eine kleine, in Angeln gehende Tür, die eine tiefe, sich nach innen erweiternde Nische maskierte.

Das war ja nichts Seltsames, denn dergleichen gibt's in alten Häusern, besonders in alten Herrenhäusern, die der Landstraße nahe liegen, genug, denn man mußte seine Kostbarkeiten gut verbergen vor etwaigen Überfällen, besonders in der Zeit der schweren Not des Dreißigjährigen Krieges, wo wildes, hungriges Gesindel genug herumzog und manches einsame, nicht befestigte Landhaus brandschatzte. Aber wie sie diese geheime Nische fand, das machte Dolores für den Augenblick betroffen, doch schon im nächsten Moment überwand sie es.

»Zufall«, sagte sie sich und trat dem Versteck wieder nahe. »Was mag darin sein?« – Sie leuchtete in den finsteren kleinen Raum – er war mit Backsteinen ausgesetzt, sein Boden mit Holz bekleidet. Es lag nichts darin als ein Buch, in roten Samt gebunden, und auf dem Buche lag eine runde Kapsel in der Größe einer großen Taschenuhr. Etwas zaghaft nahm Dolores beides heraus und trug es auf den Tisch vor dem Ruhelager, indem sie sich darauf niederließ. Erst nahm sie die Kapsel auf – es war ein schöngearbeitetes Stück von mit Kupfer legiertem Golde, bedeckt auf der Vorderseite mit einem kunstvollen Netze von erhaben gearbeiteten Arabesken, die als Früchte bunte Edelsteine und kleine Bündelchen oval geformter Perlen trugen. Es mochte italienische Arbeit sein, reinste Renaissance war es jedenfalls. Auf Dolores' Bemühen öffnete sich die Kapsel leicht – sie enthielt zwei sich gegenüberliegende Miniaturporträts, die sich wiederum an kleinen Angeln in ihren goldenen, kaum nadelbreiten Rahmen herumdrehen ließen und rückwärts auf Pergament geheftete Haarlöckchen nebst Namen zeigten.

Das erste Porträt stellte niemand anderen dar als die »böse Freifrau« – es war eine Kopie des Bildes in der Galerie bis unterhalb des Kragens, nur daß hier das schöne Antlitz noch lieblicher aussah, da ein leichtes Lächeln den wunderschönen Mund umschwebte. Auf dem die Rückseite des Bildes deckenden Pergamentblättchen war mit blauer Seide ein goldrotes Haarlöckchen angeheftet, und ringsherum war in zierlicher Rundschrift mit Tusche gemalt: Maria Dolorosa, Freyfrau von Falkner, gebohrene Freyin von Falkner, anno domini 1618.

Das gegenüber, an der Rückwand der Kapsel angebrachte Bild zeigte einen schönen, wettergebräunten Männerkopf, um den eine Fülle schwarzen Haares nach der damaligen Mode sich bis auf den weißen, spitzenbesetzten Linnenkragen herablockte. Kühn blitzten die dunklen Augen, über dem stolzen Munde kräuselte sich ein feines Bärtchen – es war ein schönes Bild, und Dolores dachte, wie ähnlich ihm der Freiherr Alfred sei, nur daß dieser einen Vollbart trug und ihm die kleidsame Tracht jener Tage mangelte. Auf der Rückseite war dem Bilde mit roter Seide ein schwarzes Löckchen angeheftet, und darum stand die Inschrift: Lupold Freyherr von Falkner, Kayserlicher Reuter-Hauptmann, anno domini 1618.

Dolores sah lange auf diese zwei Bildchen nieder, die so lebensvoll und liebevoll gemalt waren, und manche Frage stieg dabei in ihr auf. Waren die beiden hier ein Ehepaar? Und für wen war diese Kapsel hergestellt worden? Wer war der Maler dieser kostbaren Miniaturen? Alles dies waren ungelöste Fragen, denn die sie hätten lösen können, waren längst gestorben oder – verdorben. Seufzend schloß Dolores die Kapsel, da gewahrte sie auf der glatten Rückseite derselben eine Gravierung – zwei brennende, mit einem Bande verknüpfte Herzen und darunter die Worte:


Das Band, das der Hertzen zwo Verbindet
Lös't keiner, ob auch das Leben Schwindet.


Jahrhunderte waren darüber hingegangen, »der Hertzen zwo« hatten Ruhe gefunden – war es vielleicht die »alte Geschichte« gewesen mit den beiden?

Dolores legte die Kapsel zur Seite und nahm das Buch, löste dessen goldene Klammer und schlug es auf – es war ein Missale mit vielen bunten, jetzt verblichenen Bändern als Buchzeichen, mit mühsam gemalten Initialen und Kopfleisten. Es war ein vielbenutztes Gebetbuch, das sah man einzelnen der vergriffenen Blätter an; hatte sie daraus gebetet, die schöne, böse Freifrau? Doch da stand etwas geschrieben auf dem leeren weißen Blatt, das dem Titel angeheftet war. Es waren energische, steile und kleine Schriftzüge einer nicht ungelenken Hand, und Dolores las, nachdem sie sich daran gewöhnt, fließend folgendes:


Wenn sich die Bas' dem Vetter soll vermählen,
Wird sich der Falk' ein dauernd Nestlein wählen.
Die letzte Falkin muß in Schmerzen büßen,
die Grabesruh' der Ahne zu versüßen.
Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,
die einst im Brautgewande ward gemalt,
Kann diese Falkin siegen ob dem Bösen.
Wird meine arme Seele sie erlösen,
Wird sie des Falken Herz zu sich bekehren,
Werd' ich der Engel Alleluja hören.
Dann ist ein tausendjährig Blühn beschieden
Dem Stamm der Falkner auf der Erd' hinieden.
Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,
So wird ihr Stamm erlöschen und verschwinden.


Geschrieben am St.-Johannis-Abend bei klarem Bewußtsein. Also hat Gott es mir gewiesen, auf daß ich nicht verzweifle, und mich hellsehend gemacht für eine Stund'.

Im Falkenhof, am 23. Juni a. d. 1620.

Maria Dolorosa, zwiefach verwittibte

Freyfrau von Falkner.


* * *


Dolores ließ das Buch sinken und sah bleich und starr auf die vergilbten Schriftzüge herab, und es schlich ihr kalt übers Herz, als sie ihres Traumes gedachte, wie sie die Ahne gesehen, und wie diese auf das Madonnenbild gedeutet, das Türmchen des Rahmens berührt und sie so hingewiesen auf das, was seit zwei und einem halben Jahrhundert und mehr vielleicht verborgen gelegen vor jedem menschlichen Blick.

Wie war das Rätsel zu lösen? Wie, wenn sie es allen Gelehrten der Erde zu raten gab? Sie selbst sann dieser Lösung nach, bis der Kopf sie schmerzte – der Traum blieb und das Buch vor ihr mit seiner Weissagung blieb auch. Ihr blieb nur, der Geschichte der Ahne nachzuforschen, um darin vielleicht einen Lichtschimmer zu entdecken, der freilich das Wunderbare des Traumes nicht mindern konnte, mochte er auch Aufklärung bringen über das schöne Frauenbild, das man »die Böse« nannte. Doch sie wollte andere befragen, ohne sich selbst zu verraten, sie mußte eindringen in dieses Mysterium, dem der Mensch im Schlafe verfällt – – und war es denn überhaupt im Traum gewesen?

Ihre Zweifel verdichteten sich wie die Nebel an einem Herbstmorgen, sie dachte nach, bis die Uhr über dem Südportal Mitternacht schlug und sie mahnte, zur Ruhe zu gehen. Sie trug Buch und Kapsel zurück in die Nische und schloß diese durch das Bild, dann legte sie sich zum Schlummer nieder in dasselbe Bett, in dem die Ahne geruht, wie Mamsell Köhler gesagt, sie legte sich, eine schlaflose Nacht fürchtend. Bald aber überschlich sie das Gefühl des nahenden Schlummers, und wie es kam, mußte sie die Worte aus dem Missale vor sich hinsagen wie ein selbstgesungenes Schlummerlied:


Die letzte Falkin wird in Schmerzen büßen,
Die Grabesruh' der Ahne zu versüßen,
Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,
Die einst im Brautgewande ward gemalt – –


Bin ich die letzte Falkin?« murmelte sie schlaftrunken. »Bin ich – –«

Das Wort erstarb auf ihren Lippen – sie war eingeschlafen. »Ich habe nur einen Moment geschlummert«, sagte sie, verwirrt sich aufrichtend. Und zu ihrem Staunen sah sie, daß das helle Sonnenlicht durch die Ritze der Fensterläden auf den Boden fiel.

Daß sie nicht alles geträumt, davon überzeugte sie sich durch das Öffnen der Nische – da lagen Buch und Kapsel, wie sie dieselben gestern abend hineingelegt. Aber der tiefe, traumlose Schlaf hatte sie nicht gestärkt. Ihr Kopf schmerzte, und sie fühlte ihre Nerven gereizt, sie, die fast allen Strapazen mit ihrem stahlgeschmeidigen Körper Trotz geboten, die mehrere Abende hintereinander Wagnersche Opernpartien mit voller Kraft gesungen hatte, ohne ihre Nerven zu erschüttern.

Ich war glücklicher, als ich noch nicht die Herrin des Falkenhofes war, dachte sie schmerzlich. Da gab es keine Enttäuschung für mich, und die Kunst hob mich über die kleinen Miseren des Daseins hinweg, der Neid konnte mir nichts anhaben, denn ich ebnete ihm nicht den Weg zu mir. Hätte ich wenigstens meinen Flügel hier! –

Als Engels nach dem Frühstück zu den Geschäften des Tages erschien, sah er forschend auf das bleiche Antlitz seiner jungen Herrin.

»Was ist Ihnen, Fräulein Dolores?« fragte er besorgt.

»Ich weiß es selbst nicht«, entgegnete sie kurz und ergriff den Wirtschaftsbericht. Dann sah sie plötzlich auf zu ihm.

»Glauben Sie an Träume, lieber Engels?«

»I Gott behüte«, erwiderte er. »Träume kommen aus dem Magen. Wenn ich zu spät Abendbrot gegessen habe, dann träumt mir immer das verrückteste Zeug. Selbst das Tier träumt, denn was wäre es sonst, wenn Knieper im Schlafe leise bellt und winselt und Ida miaut?«

Jetzt mußte Dolores doch lächeln; die Erklärung für ihren Traum war allerdings drastisch genug.

»Ja, ja, so wird es sein«, sagte sie resigniert, hier einen Schlüssel zu finden.

Während sie zerstreut den Berichten Engels zuhörte, klopfte es bescheiden an der Tür, und Mamsell Köhler erschien auf der Schwelle.

»Herr Doktor Ruß ist oben und fragt, ob gnädige Baronesse einen Spaziergang mit ihm machen wollen – es sei so schön draußen.«

»Ja, gern«, rief Dolores, froh, eine Gesellschaft zu finden, das Alleinsein war ihr heute so schwer. »Ich lasse den Herrn Doktor bitten, im Salon oder in der Galerie auf mich zu warten.«

Mamsell Köhler ging.

»Was will der nur von Ihnen?« gab Engels seinen Gedanken laut Ausdruck.

»Gute Nachbarschaft halten, denke ich«, antwortete Dolores, die Papiere zusammenschiebend.

»Hm, natürlich, der ist immer da zu finden, wo die Fleischtöpfe Ägyptens brodeln«, murrte der Verwalter.

»Ich glaube, das ist rein menschlich«, lächelte Dolores. »Was haben Sie nur gegen diesen Mann, dessen Kenntnisse so hervorragend sind?«

»Den Kuckuck sind sie«, platzte Engels heraus. »Nichts habe ich gegen ihn, nichts Erwiesenes, und getan hat er mir auch nichts, aber dasselbe kann ich von der Raupe sagen, die sich auf dem Blatte windet und die ich auch nicht mag, weil sie mir Widerwillen einflößt; der da drinnen gehört auch zur Gattung der Kriechtiere, denn sein Rücken versteht es prächtig, sich zu drehen. Und wenn der Blödsinn von der Seelenwanderung zwischen Tier und Mensch, von der manche ein Brimborium schwatzen, wahr ist, dann war der früher eine Schlange, das steht fest.«

»Sind Sie auch nicht ungerecht, lieber Engels?« wandte Dolores ein.

»Möglich«, sagte er achselzuckend, »kann mir einmal nicht helfen. Aber sei es, wie es immer sei, Fräulein Dolores, jedenfalls bitte ich Sie, den guten, wohlgemeinten Rat eines Freundes nicht zu verachten: Vertrauen Sie dem Ruß nichts, keines Ihrer Geheimnisse an!«

»Ich bin keine Plaudertasche, lieber Engels«, erwiderte sie freundlich, »ich gehöre nicht zu den Personen, die ihren lieben Nächsten sofort zu ihrem Vertrauten machen und ihm das Blaue vom Himmel herunterschwatzen.«

»Aber er ist scharf, glauben Sie mir, und holt aus Ihnen heraus, was er wissen will!«

»Ich werde auf der Hut sein!«

Engels ging, und Dolores fand den Doktor in der Galerie ihrer wartend – er stand vor dem Bilde der Ahnfrau.

»Wie wunderbar doch die Natur spielt, daß sie nach Jahrhunderten die nämlichen Züge dem Antlitz eines Gliedes desselben Stammes verleiht«, rief er ihr entgegen. »Das ist ja eine frappierende Ähnlichkeit zwischen Ihnen und dem Bilde da!«

»Ja«, sagte Dolores, »und Sie können sich denken, daß ich mich infolgedessen sehr für das Original interessiere. Wissen Sie Näheres über ihr Leben?«

»Nein, nur, daß sie ›die böse Freifrau‹ heißt und die stets gut dotierte Stelle eines Schloßgespenstes innehat«, erwiderte Ruß scherzend. »Aber wenn Sie's interessiert, so will ich gern den betreffenden Band der Familienchronik hervorsuchen und danach forschen – –«

»Ach ja, und ich will Ihnen gern dabei helfen«, rief Dolores.

»Abgemacht! Aber vorher wollen wir einen Spaziergang machen. Sie sollen sehen, wie herrlich der Wald an einem Maienmorgen ist!«

Dolores stimmte fröhlich ein, holte sich Hut, Handschuhe und Schirm, und dann schritten sie davon, dem Walde zu.


* * *


Draußen war's wonnig! Wald, Feld und Wiese trugen noch ihren frischen, jungen Frühlingsschmuck, den erst der Juni vergessen macht mit seinem neuen Schmucke von Blumen. Die Föhren hatten noch frischgrüne Triebe, die Laubbäume helle, zarte Blätter, und die Tannen, die am Waldbach wuchsen, sproßten noch so licht empor, daß das Moos zu ihren Füßen sich fast schwarz dagegen abhob. Aus dem weichen, erdbeer- und heidelbeerbesäten Boden quoll jener frische, kräftige Erdgeruch, der gemischt mit den Düften von Waldmeister, Thymian, Lavendel und wilden Hyazinthen den tiefatmenden, staubgesättigten Lungen der Städter so wohltut. Leise murmelnd zog der silberhelle Waldbach in raschem Laufe dahin, als könne er nicht schnell genug den Ort seiner Bestimmung, den großen Strom, erreichen, in dem er, selbst nur ein winziger Tropfen, ungekannt und unerkannt seiner Ewigkeit, dem Meere, zueilt. So tut er, dem selbstgebahnten oder geebneten Bette folgend von der Quelle aus, wie der Mensch von der Wiege an, dem Grabe zueilt mit jeder Stunde seines Lebens.

»Wie schön ist's hier«, sagte Dolores, den frischen Waldesduft in tiefen Zügen einatmend, »und wie lange ist es her, daß ich keinen deutschen Wald betreten!«

Sie nahm den Hut ab und ließ die kühle Luft um ihre Stirne wehen und mit den goldigen Löckchen darüber spielen.

Beim wunderbaren Gott, das Weib ist schön, zitierte Doktor Ruß in Gedanken mit halbem Seitenblick auf seine Begleiterin, ob sie wohl zu einer Eboli veranlagt ist?

In Rückerinnerungen verloren, schritt Dolores dahin, und in der Tat war der parkartige Wald vom Falkenhof dazu geeignet, Entzücken zu erregen. Man hatte die Natur nirgends eingedämmt, der Bach floß in seinem natürlichen Bette dahin, und auf dem Boden wuchsen Waldmeister, Erdbeeren und Heidelbeeren, aber es waren breite, gutgepflegte Kiesgänge kreuz und quer gezogen, und wo der Wald eine Blöße hatte, da zogen sich smaragdgrüne tadellose Rasenflächen hin, plätscherten kühle Brünnlein oder sprangen Federfontänen in scheinbar ungekünstelten Steinbassins, emporgesprudelt von alten steinernen, moosüberzogenen Tritonen oder Delphinen. Wo sich das Laub zu dichten Gebüschen zusammenzog, da standen wohl halb verborgene Statuen von Sandstein, Götterbilder des alten Hellas und Rom, und mitten im Waldesdunkel träumten die Ruinen des alten Falkenhofes von der Vergänglichkeit, deren Opfer sie geworden. Es war nicht mehr viel da von den Mauern des alten Hauses, aber die kleine Kirche stand noch in ihren Umfassungsmauern, um die sich wilde Rosen rankten und durch die leeren Fensterkreuze und schön gemeißelten Steinrosetten der Spitzenbogen hereindrängten in das Innere, in dem nur noch einige Säulenknäufe und Kapitäle aus dem Moos und Gras hervorragten, das üppig aus dem Steinboden hervorsproßte, denn schon lange vor dem Dreißigjährigen Kriege lag der alte Falkenhof, der ja längst zu klein gewesen für seine Bewohner, als Ruine da, und es war nicht der unpoetischste Teil des Parkes, in dem sie sich befand. Hier machte auch der Bach einen Bogen und fiel als kleiner Wasserfall steil hinab in ein dunkles Becken, das Hexenloch genannt, weil man in alten Zeiten die der Hexerei Angeklagten die Wasserprobe darin machen ließ, um sie, wenn sie dieselbe bestand, schließlich doch zu verbrennen, denn der Aberglaube, dieser furchtbare Moloch, mußte seine Opfer haben – damals vernichtete er sie physisch, heute moralisch, und eins ist so schlimm und grausam wie das andere.

»Man bedarf Ariadnes Faden, um sich aus diesem Labyrinth herauszufinden«, scherzte Dolores, als sie, um die Ruine herumbiegend, durch einen verdeckten, übermauerten Gang plötzlich an den Rand des Hexenloches, zu Füßen des Wasserfalles gelangten.

»Das macht die Übung«, erwiderte Ruß. »Aber ich meine, Sie müßten den Park doch von früher her noch kennen?«

»Ich entsinne mich einiger Einzelheiten«, nickte sie, »besonders aber der Ruine und des häßlichen schwarzen Tümpels hier. Der verstorbene Onkel konnte es nicht laut genug der Welt verkünden, daß ich ein Satanskind sei, und Fräulein Köhler meinte, man müßte mich zur Probe da hineinwerfen, denn nur der Böse könne mich daraus erretten.«

Doktor Ruß lachte leise vor sich hin.

»Und für diese freundliche Gesinnung erhöhten Sie der alten Klatschbase ihr Gehalt und schenkten ihr ein Geschmeide?« fragte er.

»Ach, das ist ja lange her«, entgegnete Dolores ebenfalls lachend.

»Ja, ja, und es hat sich seitdem vieles verändert«, nickte Ruß. »Als Sie den Falkenhof verließen, gingen Sie da direkt nach Brasilien zurück?«

»Nein, wir lebten in Italien, bis mein Vater wieder in die Gesandtschaft zu Rio de Janeiro eingereiht wurde. Es hatte ihn viel Mühe gekostet, und als wir wenige Wochen dort waren, starb er.« –

»Ach ja, und dann erbten Sie jene großen Güter«, ergänzte der Doktor seine Begleiterin. Er war endlich auf dem Punkte angelangt, nach dem er gezielt. »Ja, zu spät für meinen Vater«, bestätigte Dolores.

»So ist es also wahr, was Frau Fama ausposaunt, daß es Diamanten sind, die Sie auf Ihren Feldern ernten?« meinte Ruß in scherzendem Tone.

»Und Reis, Zuckerrohr und Tabak«, nickte sie harmlos.

»Also doch Diamanten«, beharrte der Doktor auf diesem einen Punkt. »Diamantfelder – das klingt für uns, die wir dem Boden nur schwarze Diamanten, das heißt Kohlen abringen können, wie ein Märchen.«

»Als ob sie bei uns wie Kartoffeln wüchsen«, lachte Dolores amüsiert. »Man muß oft tagelang graben, ehe man etwas findet!«

»Ei freilich, soviel wissen wir hier auch«, erwiderte Ruß behaglich lachend, denn er wußte nun, daß es Diamantfelder seien, die Dolores besaß. »Es fragt sich bei derartigen Besitzungen nur, ob der Ertrag die Arbeit lohnt.«

»O ja, denn wir finden auch Smaragden«, entgegnete sie sorglos, indem sie sich bückte, eine Blume zu pflücken, die sie dem Strauß in ihrer Hand einreihte. Dann wandelten sie weiter auf dem schattigen, kühlen Waldespfade, der sich dann erweiterte und durch eine scharfe Biegung urplötzlich einem kleinen Schlößchen gegenüber endete, das wie ein Traum aus vergangener Zeit in einem Labyrinth von Rosen und hohen grünenden Bäumen lag.

»Monrepos!« rief Dolores überrascht, »ich dachte nicht, daß es dem Falkenhof so nahe liegt. Freilich, man vergißt im Laufe der Jahre vieles.«

Monrepos war wohl ein ehemaliges Jagdschloß, denn daran mahnten die steinernen Piköre rechts und links am Aufgange zu dem hohen Parterre, über das sich nur noch eine Etage aufbaute, die von seltsam geformten, barock verschnörkelten Mansarden gekrönt wurde. Über der Eingangstür ward ein fürstliches Wappen von pausbäckigen Engelchen gehalten, von denen man nur künstlich die üppig wuchernden Kletterrosen fernhielt, die bis zu den Mansarden emporragten und jetzt unzählige Knospen aufwiesen, die schon halb erschlossen waren. Vor dem Schlößchen verbreiteten mächtige Linden einen wahrhaft köstlichen Schatten, in dem barocke Gartenmöbel zum Sitzen einluden, und auf dem Rasenplatz davor blies in steinernem Bassin ein von Nymphen umgebener Meergott aus einer Muschel einen starken Wasserstrahl in die Höhe, der seine glitzernden Wasserperlen auf die herrlichen Rosenstämme sprühte, die den Platz in dichten Reihen umstanden.

Dolores erinnerte sich wohl des Rokokoschlößchens, das sie von fern oft betrachtet hatte, als sie, ein Kind noch, dem Falkenhof als Bewohnerin angehörte, aber sie wußte nichts von seinem Besitzer.

»Monrepos ist Privateigentum des Herzogs von Nordland«, erklärte Doktor Ruß. »Er hat es von einer Verwandten geerbt, die in unser Königshaus geheiratet hatte, und es gehört nun zu seinen Lieblingsplätzen. Hier bringt der Herzog mit seinem Sohne, dem Erbprinzen, und seinen beiden Töchtern Jahr für Jahr ein paar Sommermonate zu, ganz wie ein einfacher Privatmann, und nur wenig Auserlesene, die er als Freunde betrachtet, erweitern den zwanglosen Familienkreis, in dem jedes seinen Neigungen lebt. Zu denen des Herzogs gehört die Rosenkultur, und er arbeitet wie ein einfacher Gärtner unter seinen Lieblingen, die aber auch seine Mühe lohnen und von seltener Schönheit sind. Man erwartet die herzogliche Familie in wenigen Tagen hier – ich hörte, zu den wenig Eingeladenen auf Monrepos gehöre dieses Jahr Richard Keppler, der berühmte Maler.«

Hier erinnerte sich Dolores der Einladung, die Falkner dem Künstler damals im Atelier überbracht – sie hatte nicht geglaubt, daß er ihr so nahe sein würde, sie hätte es auch um seinetwillen nicht gewünscht. Und Falkner, war er auch zu dem abgeschlossenen Kreise in Monrepos berufen? Sie hätte sich eher im Hexenloch gesehen, als die Frage dem Manne an ihrer Seite vorgelegt, der mit scharfem Blicke ihre Züge studierte, als wollte er aus ihnen ihre Seele herauslesen. Doch was kümmerte es sie am Ende – die Bewohner von Monrepos und dem Falkenhof standen ja einander so fern wie der Nord- und Südpol, besonders jetzt, da sie die Herrin des letzteren war.

»Gehen wir weiter«, sagte sie, sich vom Schlosse abwendend, und Doktor Ruß folgte ihr mit leisem Kopfschütteln.

»Kennen Sie Keppler persönlich?« fragte er lauernd.

»Ich kenne und achte ihn als Mensch, wie ich ihn als Künstler bewundere«, entgegnete Dolores warm und unbefangen, ein Umstand, der ihren Begleiter zu verwundern schien, um so mehr, als sie nun begann, ganz unbefangen über des Malers Werte zu plaudern, die seinen Ruhm auf der ganzen Erdkugel begründet.

»Ich bin namentlich für seine Porträts begeistert«, bemerkte Ruß. »Sie haben neben frappanter Ähnlichkeit soviel geistigen Gehalt, wie das Original selbst, und ich weiß, daß er am liebsten solche malt, bei denen er diesen Gehalt findet. Nebenbei aber idealisiert er so fein, wie eben nur ein Künstler, wie er, vermag.«

»Es kann jedermann stolz darauf sein, von ihm gemalt zu werden«, pflichtete Dolores bei, »und ich bin es auch in der Tat.«

»Ah, Keppler hat Ihr Porträt gemalt?«

»Ja, als Satanella«, erwiderte Dolores. »Es war eine Laune von ihm, die Kombination von Rot und Gold so darzustellen, daß sie künstlerisch wirkte, und ich meine, er hat das Problem gelöst. Kennen Sie die Oper, Doktor Ruß? Wenn nicht, so müßte ich Ihnen das Kostüm beschreiben, um Ihnen die Aufgabe für den Künstler klarzumachen.«

»Ja, ich war in der Residenz, um diese sensationmachende Oper zu hören«, sagte der Doktor langsam. »Aber ich hätte Sie im Leben nicht wiedererkannt.«

»Nicht?« fragte Dolores amüsiert. »Das war gut. Ich wollte vor den Lampen nur die Künstlerin sein, nichts weiter.«

»Es war ein sinnverwirrender Anblick«, fuhr Ruß fort, »ich begreife den Eifer Kepplers, den prachtvollen Farbenreichtum, der Sie umhüllte, auf die Leinwand zu bannen. Der Künstler soll, wie man mir sagte, fast jeder der vielen Aufführungen der ›Satanella‹ beigewohnt haben. Das ist eine Huldigung, die auffallen mußte«, fügte er mit scharfem Blick hinzu, »und die am Ende auch zu denken gibt.«

Dolores warf das schöne Haupt zurück, und ihre Lippen kräuselten sich verächtlich. »Die Welt ist ja stets geneigt, etwas zu denken«, sagte sie leicht. »Keppler kam, um die Aufgabe, die er sich gestellt, zu studieren. Daß übrigens solche Huldigungen, wie Sie es nennen, nicht immer der Person, sondern auch der Sache gelten können, mögen Sie aus dem Umstand erkennen, daß Alfred Falkner auch in fast keiner Aufführung der ›Satanella‹ fehlte!«

Doktor Ruß sah überrascht auf – davon hatte er nichts gewußt.

»Wer weiß«, sagte er leise und beziehungsvoll.

Dolores biß sich auf die Lippen im Unmut, daß sie sich hatte hinreißen lassen, mehr zu sagen, als sie gewollt – hatte sie sich doch vorgenommen, Falkners oftmalige Anwesenheit in der Oper gar nicht zu bemerken.

»Man kann ja Sache und Person leicht trennen. Davon hat mein Cousin den Beweis geliefert«, sagte sie, ohne des Doktors dazwischengeworfenes Wort zu beachten. »Das Werk kann interessieren, die Person des Darstellers aber antipathisch sein, und nur das Wort oder der Ton, über den sie verfügt, eine Seite, einen Nerv in uns berühren. Dieses interessante Problem menschlichen Nervenlebens hatte ich sehr oft vor mir, denn Herr von Falkner wandte der Bühne stets den Rücken zu, wenn ich sang. Es war also die Antipathie gegen meine Person, während meine Stimme, ohne daß er mich sah, auf seine Nerven wohltätiger wirkte. Ich habe schon früher von solchen Fällen gehört.«

Ob sie wohl ihren Begleiter täuschte durch ihre von jedem bitteren oder beleidigten Gefühl freie Besprechung eines, wie es schien, für sie interessanten und doch gleichgültigen Themas? Wer weiß.

Das Gespräch kam dann auf andere Dinge, indem sie fortwandelten und Dolores ihren Waldblumenstrauß vollendete. Ruß war ein tüchtiger Botaniker und wußte Dolores den Namen jedes Pflänzchens zu nennen, das sie pflückte, und als sie eine kleine, wilde, weißblühende Nelkenart brach und dem Bukett einfügte, sagte er erklärend: »Dies Blümchen wird hier in dieser Gegend vom Volke ›Traumblume‹ genannt. Wer sie bei Vollmondschein allein und im tiefsten Stillschweigen bricht und sie unter sein Kopfkissen legt, der träumt, was er zu wissen wünscht und sonst nicht erfahren kann.«

»Welch wunderbarer Aberglaube lebt doch noch unter dem Volke«, bemerkte Dolores sinnend; ihr wundersamer Traum kam ihr plötzlich zu Sinne.

»Ja, und er wird auch noch lange leben, denn er hat seine unsterblichen Traditionen, die übrigens oft viel Poesie bergen«, meinte Ruß.

»Glauben Sie an Träume?« fragte Dolores.

»Ich möchte darauf weder mit Ja noch mit Nein antworten«, entgegnete der Doktor nach einer Pause, »denn ich habe darüber noch nicht genügend nachgedacht. Es kann nicht geleugnet werden, daß, während der Körper schläft, die Seele wacht und weiterlebt. Was ihr begegnet, während wir schlafen, nennen wir dann Traum. Andererseits aber macht der vom Körper während des Schlafes unbeherrschte Geist tolle Ausschreitungen – da sind die unsinnigen Träume, die wir einander oft lachend erzählen. So erklärt es wenigstens der Erbprinz von Nordland, der sich viel damit beschäftigt und auch ein Werk über Seelen- und Traumleben schreibt. Natürlich wird er ebensowenig in dieses große Mysterium der Natur eindringen können, als viele vor ihm.«

»Ich fürchte es auch«, sagte Dolores seufzend.

»Der Prinz ist nicht unbedeutend«, meinte Ruß, »nur das Thema, das er sich vorgenommen hat auszuarbeiten, verleitet manche zu dem Glauben, er sei es. Er steht mit bedeutenden Männern der Wissenschaft, Naturforschern und Ärzten in Verbindung und korrespondiert mit ihnen. Aber schließlich gibt es ja doch Dinge, die für menschliche Weisheit zu hoch sind und zu verhüllt, als daß der jede Schranke durchbrechende Blick der Kultur des neunzehnten Jahrhunderts hineindringen könnte.«

Hier wurde Doktor Ruß sehr drastisch unterbrochen. Er und seine Begleiterin waren bis zum Ausgange des Waldes gekommen, an welchem eine Schmiede lehnte, die eine offene Werkstatt hatte, in der wiederum ein mächtiges Feuer lohte. Vorn stand ein riesengroßer Mann, mager und knochig wie der selige Don Quichotte, und hielt eine Rosinante am Zügel, die offenbar eben beschlagen worden und ihres Besitzers würdig war – ein hochbeiniger, starker Percheron mit struppigem Fell und struppiger Mähne, mit primitivem Sattel und schlecht geputztem Zaumzeug.

Das Roß, das für Roland den Riesen wie gemacht erschien, betrachtete mit Interesse seinen Herrn, der in einer sehr großen und sehr leeren grünseidnen Börse herumsuchte. Vor ihm stand der Schmied mit aufgestreiften Ärmeln und ledernem Schurz, eine ebenso kraftvolle, umfangreiche Gestalt, wie jener mager war, ein neues Hufeisen in der Hand.

»Gnädiger Herr, es ist nicht teuer«, sagte er höflich. »Ich könnte mehr fordern, aber ich hab' nicht immer einen Kreidestrich dort an die Tür gemacht, wenn ich das Pferd da beschlagen habe. Aber wie gesagt, ich muß endlich mein Geld haben und will mit sechs Mark schon vorläufig zufrieden sein.«

»Sechs Mark!« echote der Herr des Rosses entrüstet, daß sein gewichster Bart sich förmlich in die Höhe sträubte. »Ich will auch Schmied werden, wenn das Geschäft so viel einbringt. Da«, und er kramte ein Fünfmarkstück in Silber aus seiner mageren Börse, »da hat Er fünf Mark für Sein elendes bißchen Eisen –«

»Mein Eisen ist so gut wie irgendeins«, erhob nun der Schmied seine Stimme. »Ich muß sechs Mark haben.«

»Hier sind fünf Mark, damit Punktum«, schrie der andere, das Fünfmarkstück wütend in die Werkstatt schleudernd. Nun warf auch der Schmied sein Hufeisen hin und hob die Münze auf.

»Ist mein Eisen schlecht, so ist auch Ihr Silber schlecht«, sagte er ingrimmig, und mit einem Ruck brach er die Münze mittendurch.

Der Herr zog seine Augenbrauen in heller Verwunderung in die Höhe, daß sie fast unter seinem flachen, alten, schiefgesetzten Filzhut verschwanden, aber nur für einen Moment, denn schon im nächsten Augenblick hatte er das am Boden liegende Hufeisen ergriffen.

»Retourkutschen ziehen nicht«, schrie er, »Sein Eisen ist schlecht!« Und mit einer gewaltigen Anspannung seiner Muskeln brach er es mittendurch und schleuderte die beiden Hälften triumphierend von sich. Dann schwang er sich auf sein Roß und ritt hohnlachend davon.

Gerade als er die Waldecke passieren wollte, traten Doktor Ruß und Dolores, die die eben beschriebene Szene mit angesehen hatten, daraus hervor. Der Percheron wurde pariert, und der schäbige Filz ward zum Gruß von dem mit borstenartigem, kurzgeschnittenem schwarzen Haar bedeckten Haupt abgenommen.

»Doktor Ruß? I sehn Sie mal an? Was machen Sie denn hier?«

»Einen Spaziergang, Herr Graf! Gestatten Sie, daß ich Sie der Freiin von Falkner, jetzigen Lehnsherrin auf dem Falkenhof vorstelle – Graf Schinga, liebe Dolores!«

Der dürre Riese beugte sich bis auf den Hals seines Pferdes herab. »Furchtbar angenehm, Sie zu sehen, Baronin«, rief er, Dolores mit seinen kleinen blitzenden Augen musternd.

»Schönes Wetter, was?«

»Sehr schön«, gestand sie lächelnd zu.

»Wir haben eben Ihre Kraft bewundert, Herr Graf«, sagte Ruß. »Ein Hufeisen zerbrechen, als sei es von Biskuit, das imponiert!«

»I, das ist nichts«, meinte Graf Schinga verächtlich, »der Kerl hat mich nur provoziert, zerbricht mir mein schönes Fünfmarkstück mir nichts, dir nichts vor der Nase!«

»Und man sagt, unsere Zeit sei arm an starken Männern«, lächelte Ruß. »Man möchte Sie August den Starken nennen. Graf.«

Der Genannte riß seine Augen weit auf, so weit es eben ging. »I, sehn Sie mal an, haben Sie den auch gekannt?« rief er erstaunt. »Guter Kerl gewesen, August der Starke! War zehn Jahre Kellner bei Dingsda in Berlin und dick wie's Heidelberger Faß – zur Gesundheit, Baronin!«

Dolores dankte wortlos, sie hatte ihr Taschentuch vor den Mund gepreßt und unterdrückte nur mit Gewalt einen unwillkürlichen Ausbruch ihrer Heiterkeit. Selbst Doktor Ruß hatte Mühe, über diese falsche Auffassung seines historischen Zitates ernst zu bleiben.

»War, offen gesagt, furchtbar neugierig, Sie zu sehen, Baronin«, fuhr der Graf fort. »Daß es mir heute schon glückte, ist wirklich die Möglichkeit! Na ich sage, Ihre Thronbesteigung hat ein höllisches Geklatsche und Gepatsche verursacht! Hoffe, werden gute Nachbarn werden – mein Gut, Arnsdorf, liegt ja im Triangel mit Falkenhof und Monrepos. Nette Lage das. Wenn's Hoheit beliebt, auf Monrepos zu niesen, sagen wir in Arnsdorf und Falkenhof: Zur Gesundheit.«

»Sollte das gerade so angenehm sein?« fragte Dolores lachend.

»I nun, mich geniert's nicht«, meinte Graf Schinga. »Na also, auf gute Nachbarschaft, Baronin! Meine Frau wird sich freuen, Sie zu sehen. Zeigen Sie sich nur recht bald in Arnsdorf. Können dann zusammen reiten, habe, wenn Sie wollen, famoses Pferd im Stalle, geht wie ein Schaf auf der Weide –«

»Doch nicht ein Abkömmling dieses edlen Galliers?« fragte Ruß boshaft.

»Nein, schottische Rasse, lammfromm, prächtiges Maul und preiswürdig, sage ich Ihnen!«

»Ich fürchte nur, die Baronin hat mehr Pferde auf dem Falkenhofe, als sie, ohne Fuchsjagden zu geben, braucht«, wandte der Doktor ein.

»Na, dann nicht«, rief der Graf, »können sich die Sache ja ansehen. Ihr Diener, Baronin, guten Morgen, Doktor Ruß. Na, vorwärts, ›Zeus‹, bist ein gutes Vieh!«

Der Percheron setzte sich wiehernd in Trab, der Filz wurde aufgestülpt, und fort galoppierte Roß und Reiter.

Nun brach aber Dolores' unterdrückte Heiterkeit ohne Rückhalt los. »Sagen Sie mir, wer ist dieses verkörperte Ideal eines Landjunkers, der Hufeisen zerbricht und einen Percheron mit Namen ›Zeus‹ reitet?« rief sie lachend.

Ruß stimmte in seiner leisen Art in ihre Heiterkeit ein. »Ich sagte Ihnen schon, Graf Schinga ist Herr auf Arnsdorf und ebensogut Ihr Nachbar wie der Herzog von Nordland auf Monrepos«, erklärte er. »Er ist übrigens ein Original, das man selbst auf den Parketts fürstlicher Schlösser goutiert, und stellenweise von rückhaltloser Grobheit. Von seinen Extravaganzen erzählt man Wunderdinge, verschuldet ist er so tief als möglich, aber jeder Taler, den er durch den Verkauf irgendeines seiner Pferde, Kühe und so weiter verdient, wird sofort in Champagner vertrunken. Daher bot er Ihnen, liebe Dolores, gleich seinen alten, steifbeinigen Shetland- Pony an, den er seit Jahren vergeblich in eine Reihe Sektflaschen zu verwandeln strebt. Daß, nebenbei gesagt, Münchhausen einer seiner Ahnen war, ist an ihm nicht verloren – er lügt wie gedruckt, glaubt aber selbst seine eigenen Erfindungen aufs Wort, und das ist das Beste daran.«

»Nun, und seine Frau?« fragte Dolores.

»Ist eine polnische Prinzessin, infolgedessen ist auf Schloß Arnsdorf die Wirtschaft auch sehr polnisch. Man sieht sie selten oder nie, und über das Verhältnis zwischen den Eheleuten kursieren haarsträubende Geschichten, die ich indes nicht weiterverbreiten möchte, da ich nicht infolge eigenen Anschauens berichten kann. Tatsache aber ist, daß die Gräfin auf einem öffentlichen Balle in der Kreisstadt von ihrem Gemahl geohrfeigt wurde, weil sie seiner Ansicht nach zu lange mit einem der Offiziere gesprochen hatte.«

»Pfui, wie roh«, rief Dolores entrüstet.

»Nun, das soll einer der geringsten Liebesbeweise sein, die Schinga an seine Gemahlin verschwendet«, erwiderte Ruß. »Ja, es gibt wunderliche Menschenkinder, und mich wundert's nur, daß ein so schönes Mädchen, wie Prinzeß Bradnitzka es war, einen Menschen von Schingas Qualität heiraten konnte. Erklären Sie mir dieses Rätsel des Herzens, wenn Sie können – glauben Sie, daß es aus Trotz geschehen konnte?«

»Vielleicht – ich habe darüber noch nicht nachgedacht«, entgegnete Dolores sinnend. »Aber ich muß gestehen, daß ich eigentlich neugierig bin, die zweite Hälfte dieses Originals kennenzulernen, um zu entscheiden, ob sie die bessere ist.«

»Die schönere ist sie jedenfalls«, sagte Ruß leise lachend.

»Das ist nicht schwer«, schloß Dolores dieses Thema.

Als sie nach dem Falkenhofe zurückkehrte, wurde sie von der eben angekommenen Tereza mit lebhaften Freudenbezeigungen empfangen. Tereza begann sofort die mitgebrachten Koffer auszupacken und sich selbst als erste Dienerin einzusetzen, zum großen Verdruß der Dienerschaft, denen die schwarze Haut der armen Tereza ein arger Stein des Anstoßes war.

Die Negerin strahlte vor Stolz, ihre geliebte Herrin hier gebieten zu sehen, wo man sie früher nur geduldet hatte, und sagte ihr mit blitzenden Augen: »Hier bist du doch viel mehr Königin als auf dem Theater, mein Goldkind!«

Dolores lächelte dazu, aber es war kein Lächeln des befriedigten Stolzes, es war eher wehmütig zu nennen, und es fuhr ihr durch den Sinn, als sei sie als eine Priesterin der Kunst glücklicher gewesen, als sie je hier sein könnte. Und doch war sie erst seit wenig Tagen Herrin auf dem Falkenhofe!

Zur Dämmerzeit ging Dolores wieder hinüber nach dem Türmchen und plauderte mit Engels. Sie saß am efeuumrankten Fenster und hatte die schnurrende Ida auf dem Schoß. Knieper hatte sich auf dem Fensterbrett niedergelassen und achtete eifersüchtig darauf, daß die Herrin ihre Gunstbezeigungen gleichmäßig zwischen ihm und seiner Freundin verteilte.

»'s ist, als seien die vergangenen Jahre zurückgekehrt«, meinte Engels behaglich.

»Nun, sehen Sie, daß ich die Alte geblieben bin?« scherzte Dolores.

»Ja, ja, mitunter erinnert ein Blick, ein Wort an die kleine Teufelin von damals«, gestand Engels zu, »aber ich laß mir's nicht nehmen, ein fremder Zug, ein Zug des Ernstes, der Melancholie fast, stiehlt sich manchmal um Ihre Augen, Ihren Mund. Oh, ich beobachte scharf.«

»Das ist das Alter, lieber Engels.«

»Oh, Sie Baronin Methusalem von zweiundzwanzig Jahren!«

Dolores lachte, wurde aber gleich wieder ernst. »Man kann, auch jung, seinen Jahren geistig voraneilen, das macht es«, sagte sie. »Sehen Sie, lieber Engels, ich war von Kindheit an mir selbst überlassen, und das lehrt denken. Ich habe vielleicht doppelt soviel gedacht, als andere meines Alters, ich habe mich nie in Gesellschaft meiner Gedanken einsam gefühlt, aber ich habe sie selbst klären müssen durch eigene Erkenntnis, und da fällt manche Frucht von dem jungen Stamme, die vor der Zeit gereift ist. Zum Glück hatte ich eine treue, ernste und gottgeweihte Gefährtin – die Kunst. Die lehrte mich arbeiten und schaffen, und wer das kann, der mag sich glücklich preisen.«

»Die Kunst«, wiederholte Engels. »Ei ja, das ist recht gut und schön, aber sie führt ihre Jünger auch auf glatten Boden:


›Eins schickt sich nicht für alle,
Sehe jeder, wo er bleibe,
sehe jeder, wie er's treibe,
Und wer steht, daß er nicht falle‹,


sagt Goethe.«

Dolores erhob stolz ihr schönes Haupt und sah Engels fest ins Auge. »Gott gab mir neben der Kunst den Stolz mit, der ein Verirren unmöglich macht«, sagte sie laut. Als sie später nach dem Schloß zurückkehrte, traf sie mit Ruß im Korridor zusammen.

»Hier«, sagte er und deutete auf einen in Pergament gebundenen Folianten, den er unterm Arm trug, »hier ist der Band der Familienchronik, der genaue und authentische Nachrichten gibt über die sogenannte ›böse Freifrau‹. Aber es ist eine Tragödie der Sünde, die Sie da lesen werden!«

Dolores dankte, nahm ihm den Band ab und trug denselben in das Turmzimmer. Aber ehe sie zu lesen begann, holte sie das Medaillon mit den Miniaturen und das Missale herbei – diese auf so seltsame Weise gefundenen Dinge sollten die Lektüre, die ihrer harrte, illustrieren – , und wie sie sie aus ihrem Verstecke nahm, da fiel ihr's ein, daß dies der rechte Ort sei, ihre Juwelen zu bergen, und Tereza schob die bronzene Kassette hinein in die Nische auf das Geheiß ihrer Herrin, die ihr auch das Geheimnis lehrte, die Nische zu öffnen und zu schließen.

Dann kehrte sie nach dem Turmzimmer zurück und fand dort abermals den Doktor vor mit einem ähnlichen Bande wie den bereits gebrachten.

Er übergab ihr denselben feierlichst als den letzten Teil der Chronik des Hauses Falkner, in den sie jetzt das Datum des Todes ihres Vorgängers im Falkenhofe einzutragen und ihre eigene Autobiographie zu beginnen hatte, die fortgeführt werden mußte, bis ihr Nachfolger die Reihe der Blätter, die von ihr Kunde geben sollten, schloß. Dieser Band blieb von nun an in ihrem Besitz, bis sie selbst den Ahnen des Hauses angehörte, und ein goldener Schlüssel, der das Buch doppelt schloß, ward von nun an ihr eigen. So wollte es das Hausgesetz der Falkner seit alten Zeiten, und drüben in der Bibliothek standen aufgereiht die Bände, die Kunde gaben, oft in wunderlichen Schriftzügen von den Falkners, besser als Stammbäume es können.

Dolores nahm diesen Band mit einem Gefühl der Ehrfurcht entgegen, denn seine noch unbeschriebenen Blätter enthielten ja schon ihre Geschichte bis zu dem Tage, da eine andere Hand wiederum das Datum ihres Todes darein eintragen würde. Dabei legte sie das Missale und das Medaillon seitwärts auf ihren Schreibtisch – sie wollte vorläufig nicht davon sprechen, ihren Fund nicht bekanntgeben.

»Welch köstliches altes Buch haben Sie da?« fragte er und setzte hinzu: »Verzeihen Sie einem Archäologen die zudringliche Frage!«

»Es ist ein Gebetbuch«, entgegnete Dolores kurz. »Ich zeige es Ihnen ein andermal!«

Dagegen war nichts zu machen, und Ruß war zu klug, um seine Neugier sofort befriedigen zu wollen. Er warf daher noch einen scharfen Blick auf das alte Buch – die Kapsel vermochte er schwer zu unterscheiden, wünschte Dolores »gute Nacht« und entfernte sich.

Als sie allein war, schlug sie den älteren Band der Chronik, den Ruß mit einem Zeichen versehen hatte, an der betreffenden Seite auf. Links stand in steifer, ungelenker Handschrift ein Todesdatum verzeichnet, rechts begann dieselbe Handschrift weiterzuschreiben, und Dolores las wie folgt:

»Heut, am 15. des Mayen, anno domini 1618, zwo Tage nach dem Tode meines Herrn Vatters, trat ich, der Freyherr Ferdinand von Falkner, mein Erbe auf dem Falkenhofe an. Gott gebe mir Seinen Segen dazu.

Die Beysetzung meines Herrn Vatters war fein und pomphafft, wie es sich vor einem Falkner ziemt, und außer einer großen Menge frembder Damen und Kavaliere waren von der Sippschaft gegenwärtig meine Frau Mutter, die verwittibte Freyfrau, ich, der regierende Freyherr, mein Herr Bruder Lupold, Kayserlicher Reuter-Hauptmann, mein Herr oncle, der Freyherr Robert, und Maria Dolorosa, dessen wunderholtes Töchterlein, deren Frau Mutter eine Hofjungfer der Königin in Hispanien gewesen, dahero sie ihre dunklen Augen hat, wohingegen ihr roth Gelock an ihre teutsche Abstammung gemahnt. Ich sahe den Oheim wenig bis dato, sein Töchterlein nie, aber mein Bruder scheint sehr bekannt mit ihnen von seinem Aufenthalt in Wien her, allwo sein Regiment steht, allwo der Oheim wohnt und Maria Dolorosa Hofjungfer ist bey der teutschen Kayserinn, von wegen der Hispanisch-Habspurgischen Blutverwandtschaft.«

Diesem Bericht fügt der Schreiber eine genaue Beschreibung der Beisetzung hinzu und fährt dann fort:

»Am letzten May, dasselbe Jahr. Wir alle von der Familie sind noch beysamm, auf meine Bitt, dieweil ich mein Herz verloren an meine schöne Bas. Darob freut sich meine Frau Mutter sehr, und sprach davon mit dem Freyherrn Robert, und der verschwur sich hoch und teuer, keine andre als sein Töchterlein solle Herrin werden auf dem Falkenhof. Dazu sag' ich Amen, denn ich schwur dasselbe schon vor ihm.

Am Tage darauf. Warum nur wollen Weiberherzen so schwer gewonnen werden? Warum nur sprühen Funken aus den Augen der schönen Base, wenn ich ihr süße Worte flüstere? Wohl, ich will um sie freien, langsam und treu, wie sie es will.

Mitte Junii. Ich möchte schier verzweiffeln – warum nur will meine Werbung nicht fruchten?

Am 20 Junii. Heut' ward sie mir verlobt, aber sie sah finster dabey drein. Warum? Ist doch eine schöne Sach', Herrin zu werden im Falkenhoff. Und über vier Wochen ist die Hochzeit! Der Oheim will nicht die weite Reise machen bis Wien, und Maria Dolorosa bleibt unter dem Schutze meiner Mutter bis zum Hochzeittag. Und Lupold ward abgesandt, es der Frau Kayserinn in der Hofburg zu melden, und ihre Erlaubniß zu holen zur Vermählung auf daß die hohe Frau sie freigebe aus ihrem Dienst.

Am 30 Junii. Wir rüsten auf den frohen Tag. Wie ist mein Bräutchen so schön – es malt sie ein Herr Maler aus der Residenz im Brautgewand und Jungfernkranz, ich meine, das Bild wird gar ähnlich. Der Maler ward eigentlich beordert, mein Conterfey zu nehmen, aber sie ist doch ein schöner Modell, und auch ein Hofmaler zu Wien soll sie gebannt haben auf Elfenbein, und ich bat sie um das Bild. Da errötete sie tief – tiefer als ich's je gesehen, und sagte schnell, das Bild sei in Wien verblieben. Und ihr Herr Vatter sagte, es sey eine copia davon genommen worden. Zum Unglück ist die auch in Wien. Aber Lupold wird Alles mitbringen, was ihr gehört, wenn er zur Hochzeitfeier zurückkehrt, da wird das Kapselbild auf Elfenbein doch mein, denn das große kommt in den Ahnensaal.

Am 19 Julii. Es ist der Vorabend meiner Hochzeit, doch um mich hängt es wie Trauerflöre und braust es wie rotes Blut, das wider mich zum Himmel schreit. Wie soll ich's sagen, was geschehen? Ich muß es dem Blatt hier anvertrauen, sonst find' ich nicht Kraft für den morgigen Tag. Heut' früh kam er an, Lupold von Wien mit der Kayserinn Erlaubniß und Hochzeitsgabe und einem Missale, schön in Samt und mit Goldklammern gebunden für Maria Dolorosa. Und – wie ich vor einer Stunde hinausschritt zum Walde, da traf ich sie an, meine Braut, in den Armen meines leiblichen Bruders. Und wie ich zustürmte auf beide, da schrie er, daß er vermählt sei mit ihr seit Monden, heimlich in Wien, gegen den Willen ihres Vatters, der sein Töchterlein dem Manne nicht geben wolle, der nichts habe, als seinen Degen, und sie weinte und sagte, ihr Vatter wolle sie zwingen mein zu werden, obwohl er's ahne, wie es um sie und Lupold stehe, und daß sie fliehen wollten heut Nacht –! Mich aber ergriff es im Liebeswahn für die treulose, schöne Braut, und in dem Jähzorn gegen den falschen Bruder, daß ich das Schwert zog und ihm zuschrie, er müsse sich verteidigen, wenn ihm sein Leben lieb sei – und ich drang auf ihn ein – und ehe er sein Schwert ziehen konnte, lag er todt und blutend am Boden – vor ihren Augen. Da ward sie furchtbar bleich und sagte nur das Wörtlein: Kain. Und da brauste es vor meinen Ohren, und ich sagte ihr, jetzt sei sie frei, und morgen wollte ich meines Bruders Wittib zum Weibe nehmen. Da warf sie sich über ihn und schrie laut auf!

Ich weiß nicht, wie mir ist, aber um mich singt und klingt es wie des Teufels Melodien und die Buchstaben tanzen vor meinen Augen – und –

Am 20 Julii Morgens. Der Oheim kam und sagte mir, er hätte den Leichnam entdeckt gestern Abend und Maria Dolorosa bewußtlos neben ihm, er habe ihn verhüllt mit Laub und Reisig, auf daß er erst gefunden werde, wenn Maria Dolorosa mein Weib sei. Er wolle sie schon zwingen, es zu werden, dann könne sie nicht zeugen wider mich, ihren Eheherrn. Zudem habe er geschworen, sein Kind solle Herrin werden auf dem Falkenhof. Mir graute vor dem Hehler wie mir vor dem Mörder graut, und mich schüttelt es wie im Fieber und jedwedes Vögelein scheint mir das Wörtlein Kain zuzusingen. O wie elend bin ich! Wie wird es enden?

Stunden später. Soeben ward sie mein Weib. Man zieht aus, meinen Bruder zu suchen, den man seit gestern Abend vermißt. Keines ahnt, wie nahe ihnen der Mörder ist, sie würden ihn sonst dem Hochgerichte überliefern. Der Oheim will an einen Raub glauben machen, hat ihm abgenommen, was er an Werth besaß und mir gegeben. Darunter eine Kapsel mit sein und ihrem Bilde und dem Spruch:


Das Band, das der Hertzen zwo Verbindet,
Lös't keiner, ob auch das Leben Schwindet.


Es ist gelöst – ich hab's gelöst und meines Bruders Wittib gefreit. Die Kapsel habe ich aber vernichtet mit den anderen Dingen. Und ich liebe sie doch, die schöne Falkin – bleich wie der Tod stand sie neben mir am Traualtare, mit seltsam auf mich geheftetem Blick – still, man kommt –«

Hier endeten die Aufzeichnungen des unglücklichen Ferdinand. Auf der nächsten Seite stand in festen, großen Schriftzügen:

»Am 20 Julii anno domini 1618 vermählte sich der Freyherr Ferdinand von Falkner auf dem Falkenhofe mit seiner Base, der Freiin Maria Dolorosa von Falkner, Hofjungfer der teutschen Kayserinn. Die Braut ward am selben Abend vom Wahnsinn befallen und verwundete ihren Eheherrn im Brautgemach tödlich mit einem hispanischen Stilet. In den Frühstunden des 21. Julii starb er. Gott schenke seiner Seele das Paradies und gehe nicht in's Gericht mit ihr.«

Weiter unten stand von derselben Hand geschrieben:

»Am selben Morgen fanden sie des Lupold Leiche. Keiner weiß, wer die That gethan.«

Die folgende Seite trug oben die Inschrift:

»Heut' am Neujahrstage anno domini 1619 gebar die verwittibte Freyfrau Maria Dolorosa von Falkner den Herren des Falkenhofes; Jost, Freyherr von Falkner wird sein Name heißen. Sein Vormund bleibt der Freyherr Robert, sein Großvater. Seiner Mutter Irrsinn ist nicht gewichen bis zur gegenwärtigen Stunde.«

Unten stand: »Am 24 Junii, a. d. 1620 verschied sanft die Freyfrau Maria Dolorosa zu einem besseren Leben. Sie war meine geliebte Tochter. Ich schwöre, sie that die That im Irrsinn, und ich habe sie dazu getrieben. Mir bricht das Herz in Reue, denn ihr umnachteter Geist hinderte sie, mir zu vergeben! Wollte Gott, ihr Sohn fände besseres Loos, als Lupold, sein Vater, und möchte nimmer lernen mir zu fluchen oder an seiner Mutter Schuld zu glauben – sie that es im Wahnsinn, so wahr ein Gott im Himmel lebt. Robert Freyherr von Falkner.«

Unter diesen Zeilen standen folgende Worte:

»Der Großvater fiel bei Lützen. Er ruhe in Frieden, – ich wills versuchen ihm zu vergeben, was er an seinem eignen Kind gethan. Meiner Mutter kann keine Schuld beigemessen werden, denn man rechnet nicht mit denen, deren Geist umnachtet ist, aber ich kann's nicht hindern, daß das Volk sie als meines Vaters (für den sie den Freyherrn Ferdinand halten) Mörderin bezeichnet. Ich weiß es nun besser, aber das Herz ist mir fast gebrochen an der Erkenntniß. Am Tage, da ich zuerst diese Blätter gelesen, am 1 Junius! 1644, dem Tage meiner Volljährigkeit.

Jost, Freyherr von Falkner.«

Das war der Epilog zu der Tragödie, die hier verzeichnet und zwischen den Zeilen zu lesen stand, und erschüttert beugte Dolores ihr Haupt vor den Leiden der schmerzensreichen Ahnfrau, die schuldig und doch unschuldig war. Die Chronik sprach von der Vernichtung der Kapsel des unseligen Lupold – diese vor ihr mußte also der armen Maria Dolorosa gehört haben. Tiefbewegt sah Dolores auf das liebliche Bild herab, das ihr so sehr glich, und dachte, wie seltsam es sei, daß sie eine spanische Mutter gehabt, wie jene, daß sie denselben Namen trage! Dann las sie noch einmal die Prophezeiung, die jene am Abend vor ihrem Tode niedergeschrieben, als der Wahnsinn von ihr wich für eine kurze Frist, und wieder fragte sie sich, ob sie dazu ersehen sei, die Erlöserin zu werden, nach der die Seele der Unglücklichen begehrte? Und doch, wie sollte es geschehen? Die Worte waren so voll von verborgenem Sinn, bis auf die ersten vier Zeilen:


Wenn sich die Bas' dem Vetter soll vermählen,
Wird sich der Falk' ein dauernd Nestlein wählen.
Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,
So wird ihr Stamm erlöschen und verschwinden –


War sie und Alfred Falkner dazu berufen, dies »Edelfalkenpaar« zu sein? Es schoß ihr glühend heiß vom Herzen empor, und unmutig schloß sie Kapsel und Bücher.

»Torheiten«, sagte sie leise. »Das kommt davon, wenn man nachts allein in einem alten Schlosse Familien-Schauergeschichten liest und Prophezeiungen. Wo blieb mein klares, ruhiges Denken? Ich habe geträumt, ein Zufall ließ mich das Buch der armen Wahnsinnigen finden, ein Zufall stimmte es zusammen mit der Familiengeschichte vergangener Zeiten – voilá tout!« –

Sie nahm Kapsel und Missale, denn die wollte sie bewahren, wo sie sie gefunden, ergriff den Leuchter und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen, als ein leises Geräusch, wie eine ins Schloß fallende Tür sie erschreckte – es kam vom Kamin her, dessen war sie sicher. Ruhig legte sie nieder, was sie trug, und durchsuchte sorgfältig den Kamin, und da sich hier nichts fand, auch das übrige Zimmer; dabei durchfuhr sie es, daß dasselbe wohl in Verbindung stehen müsse mit dem nördlichen Schloßflügel, doch es fand sich nichts, was diese Vermutung bestätigen konnte. Ramo mag danach forschen, dachte sie. Wie nervös bin ich doch geworden als Schloßfrau vom Falkenhof!


* * *


In dem rosenumdufteten, lindenumrauschten Schlößchen Monrepos waren seit einigen Tagen die Jalousien geöffnet, die Rolladen in die Höhe gezogen und der frischen, warmen Mailuft gestattet worden, frei einzutreten in die Rokokoräume dieses wie ein Schmuckkästchen ausgestatteten Buen Retiro eines regierenden Fürsten, der sich hier die schönsten Sommermonate hindurch zwanglos ausruhte von den Regierungsgeschäften, die er nicht hatte, da das Reich, unter dessen Oberhoheit er stand, ihm dieselben freundlichst abnahm und nur seine Unterschrift erbat. Doch Urkunden unterzeichnen, Orden verleihen, Cour abhalten und Hofbälle geben, sind Arbeiten, die schließlich eine Erholung nötig machen, und Se. Hoheit der Fürst Leopold war ein leidenschaftlicher Rosenzüchter. Dieser Liebhaberei konnte er während des Winteraufenthaltes in der Residenz nur durch die Pflege von Topfrosen frönen – das war zwar immerhin etwas, aber doch wenig genug. Hier in Monrepos dagegen durfte Hoheit im leichten Leinenröckchen und einen großen Panamapflanzerhut auf dem Haupt ungeniert unter seinen Lieblingen stehen, okulierend, schneidend, aufbindend und die Raupen hinwegputzend, glücklich in seiner Beschäftigung, ohne über die Launen des Schicksals zu philosophieren, das den einen zum Fürsten macht, der eher zum Gärtner getaugt hätte, und umgekehrt.

Gestern abend erst war die fürstliche Familie auf Monrepos angelangt, und heute früh schon stand der Herzog und begann seine Rosen in Ordnung zu bringen, die lange, hagere Gestalt im einfachsten Sommeranzug von rohem Leinenzeug, das faltige, glattrasierte Antlitz freundlich lächelnd, oder leise eine moderne Operettenmelodie pfeifend.

Auf der Terrasse vor dem Gartensalon, im kühlen Schatten, saß die übrige herzogliche Familie, bestehend aus dem Erbprinzen und seinen Schwestern, denn die Herzogin war seit Jahren tot und hatte sterbend an ihren Platz, das heißt den der repräsentierenden, die Würde und Etikette des Hofes, ihres Haushaltes aufrechterhaltenden Hausfrau und Fürstin ihre älteste Tochter gestellt; »denn Höfe, denen der weibliche Zügel fehlt, geraten leicht auf abschüssige Bahn«, pflegte sie zu sagen. Aber sie tat nicht nur das allein, sondern empfahl ihrer Tochter auch das Wohl ihrer Geschwister, das versöhnende, belebende, immer fester knüpfende Prinzip zu sein zwischen dem Herzog und seinen Kindern, zwischen dem Hof, dem Adel und dem Volke.

Wie die Tochter dies Vermächtnis erfüllt, wußte man allerorten zu rühmen. Sie war dem Vater die treueste Gefährtin und beste Ratgeberin, sie war den Geschwistern alles und ließ sie doch nichts anderes empfinden als schwesterliche Liebe, sie vermittelte des Erbprinzen Wünsche und dämmte sie ein, wenn's nötig war, sie stand dem Hofe vor als Hausfrau, sie zog zu ihm heran, was bedeutend und gut war, sie stieg hinab in die Hütten der Armut und überzeugte sich selbst, wo Hilfe not tat. Dafür liebte und verehrte man auch die Prinzessin Alexandra in allen Kreisen, und mancher Bewerber um die Hand der Fürstentochter, die so seltene Eigenschaften besaß, war schon erschienen, aber sie hatte keinen derselben angenommen, denn sie meinte, damit hätte es Zeit, bis der Erbprinz vermählt und versorgt sei.

Heute saß sie auf der schattigen Terrasse, das Skizzenbuch vor sich auf dem Tische, und zeichnete, denn sie verdiente wohl den Namen einer Künstlerin auf dem Felde der Malerei, der ihre ganze Neigung gehörte. Ihre imposante Gestalt umfloß weich eine lose, spitzenüberrieselte Morgenrobe von mattschimmernder, roher chinesischer Seide, ein kleines englisches Spitzenhäubchen verhüllte halb das dunkle Haar und kleidete den bedeutenden Kopf mit den regelmäßigen, ruhigen Zügen recht anmutig. Prinzeß Alexandra zählte jetzt siebenundzwanzig Jahre, sie stand mithin auf der Grenze reifer Jugend, in der andere Fürstentöchter längst vermählt sind oder sein sollten. Sie wußte das, aber sie wußte auch, daß ihr daheim ein Feld der Wirksamkeit beschieden war, das sie ausfüllte und nicht, ohne es zu schädigen, verlassen konnte – wenigstens so lange nicht, bis ihre anderen Geschwister versorgt waren und nicht mehr ihrer oft benötigten Oberhoheit bedurften.

Ihr zunächst saß der Erbprinz, ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren, von hoher, schlanker Gestalt, mit feinem, länglichem, blassem Antlitz und leichtem Bärtchen auf der Oberlippe. Er hielt ein Buch in der Hand und strich von Zeit zu Zeit mit goldenem Bleistift ganze Sätze darin an.

Ihm gegenüber saß Prinzeß Eleonore, gewöhnlich Lolo genannt, ein kleines elfenhaftes Geschöpfchen von achtzehn Jahren, rosig wie ein halb erschlossenes Moosröschen mit farblosem Flachshaar und gefährlichen Vergißmeinnichtaugen, mit feinem Retroussé-Näschen und winzigem, süßem, zum Lachen geschaffenem Mündchen, kurz, das verzogene enfant gâtée des Hofes und aller Welt. Sie schaukelte sanft ihre zierliche Gestalt im lichtblauen Hauskleid im Schaukelstuhl hin und her und balancierte ein lichtblaues Pantöffelchen mit roten Talons auf der vorgestreckten rechten Fußspitze, dem Spiel ihre ganze Aufmerksamkeit widmend.

Plötzlich beugte sie sich hinab, ergriff den Pantoffel und warf ihn über den Tisch hinüber, direkt auf das Buch, in dem der Erbprinz las.

»Bei allen Rosen Papas, was seid ihr beide heute langweilig«, rief sie dabei.

»Lolo!« fuhr der Erbprinz auf und schleuderte den Pantoffel vor die Füße seiner Schwester. »Was sind das wieder für unziemliche Späße!«

Die kleine Prinzeß verzog ein wenig das Mäulchen.

»Warum bist du auch so langweilig«, klagte sie, »warum mußten wir überhaupt hierhergehen, uns zu langweilen –«

»Oh, das ist nur auf deiner Seite, Kind«, sagte Prinzeß Alexandra ruhig.

»Papa, Emil und ich, wir sind so glücklich hier in unserer Ruhe, unseren liebsten Beschäftigungen, in denen kein Zwang uns stört. Möchtest du dir nicht auch solch eine Lieblingsbeschäftigung suchen, liebe Lolo?«

»Die sie haben möchte, findet sie nicht hier«, grollte Prinz Emil, nicht ohne Bezug.

»Nun?« Prinzeß Alexandra sah fragend auf.

»Mit aller Welt zu kokettieren«, ergänzte der Erbprinz.

»Emil!« sagte die älteste Schwester ernst und vorwurfsvoll, indes die Jüngste wie eine Rose erglühte und mit ihrem Pantoffel Ball zu spielen begann.

Der Prinz legte sein Buch auf den Tisch und kreuzte die Arme.

»Ich weiß, was ich sage«, rief er, »und ich will es auch verantworten, es hat mich oft genug empört, dieses ewige Blickewerfen, dies Lächeln und bezeichnende Fächerspiel.«

»Bist du fertig?« fragte die kleine Prinzeß spöttisch, als ihr Bruder schwieg.

»Mein Gott, Emil, wie meinst du das alles?« rief Prinzeß Alexandra beunruhigt.

»Ihr waret so erstaunt, daß ich auf die Versetzung des Leutnants von Fels drang«, fuhr der Erbprinz heftiger fort, »wohl, es geschah, weil ich den armen jungen Menschen, der bis über die Ohren in Lolo verliebt war, vor schweren Enttäuschungen bewahren wollte. Sie, die Prinzessin von Nordland, hätte ihm zeigen müssen, daß seine Hoffnungen vermessen waren, aber statt dessen ermutigte sie ihn fortwährend. Das war schlecht von dir und unwürdig deines Ranges!«

Prinzeß Lolo war jetzt etwas blässer geworden und schlug mit ihrem Pantoffel einen Marsch am Tischrande.

»Fels ist das reine Baby an Verstand«, sagte sie wegwerfend. »Er fahre hin!«

»Mit tief verwundetem Herzen«, grollte der Erbprinz.

»Oh, Unsinn«, rief Prinzeß Lolo leicht. »Die Männer trösten sich so schnell!«

»Dürfte ich fragen, von wannen diese achtzehnjährige Ansicht kommt?«

Aus den süßen Vergißmeinnichtaugen der Kleinen schoß jetzt ein scharfer Strahl, sie antwortete aber nicht.

»Lolo, wenn du wüßtest, wie sehr mich das betrübt«, sagte Prinzeß Alexandra leise, die Schwester mit traurigem Blicke messend.

»Um Gottes willen, keine Lektion! Das fehlte noch in diesem weltvergessenen Winkel«, rief Prinzeß Lolo, indem sie aufsprang und sich beide Ohren zuhielt. »Ich möchte wissen, wie es euch gefallen würde, dieses ewige Hofmeistern! Glaubt ihr, daß es mir Spaß macht? Die Ehre, eine Prinzessin von Nordland zu sein, ist sehr langweilig, soviel weiß ich, und ich werde mich nächstens dafür bedanken!«

Mit diesen Worten streifte sie ihren Pantoffel auf den Fuß und sprang die Treppen der Terrasse hinunter, dem Rosenrondell zu, an dem der Herzog schaffte.

»Sie ist meinem Einfluß entwachsen«, sagte Alexandra traurig. »Ich habe sie gehütet und gepflegt und die bösen Triebe zu entfernen gesucht, wie Papa es mit seinen Rosen tut! Sie war ja immer eigenwillig, aber sie fügte sich doch – das aber war offene Rebellion!«

»Und in zwei Jahren ist ihre Ausbildung zur Erzkokette vollendet«, rief der Erbprinz.

»Emil, du bist zu hart«, sagte die Prinzeß mit leisem Vorwurf. »Bedenke, sie ist unsere Schwester, und noch so jung – ein Kind!«

»Eben dafür sind ihre geselligen Anfänge aller Ehren wert. Bedenke nur, liebe Sascha, sie hat im vergangenen Winter ihr erstes Auftreten in der Welt gemacht; sie hat, was bei ihrem Liebreiz und ihrer beauté du diable sehr natürlich ist, enorm gefallen, sie hat Epoche gemacht an unserem Hofe, und alles verwöhnt sie. Dieses süße Gift hat seine Wirkung auf sie nicht verfehlt, sie weiß sich angebetet, sie fühlt sich unumschränkt und frei von unserem Einfluß, und ihre bessere Einsicht muß zurücktreten.«

»Wie aber kann da geholfen werden?« rief Prinzeß Alexandra bekümmert.

»Man muß Lolo vermählen – ich sehe kein anderes Mittel! Einem Manne vermählen, der es versteht, sie zu leiten und ihren Eitelkeitsrausch zu dämpfen. Natürlich bleibt bei allen Chancen noch die Furcht, daß ihre Ehe eine unglückliche ist. Sie müßte denn ihren Gemahl wahrhaft lieben!«

»Lieben!« wiederholte die Prinzeß, »ach, dann sind unsere Aussichten traurig, denn wo finden wir armen Fürstentöchter Liebe bei uns Ebenbürtigen. Die Liebe führt bei uns den modernen Namen Konvenienz.«

»Dann ist es unsere Pflicht, Lolo so zu lieben, daß ihr gestattet sein muß, sich dem Manne ihrer Wahl zu vermählen«, sagte der Erbprinz fein, und dabei leuchtete es in seinem Antlitz gar freundlich auf.

»Eine Mißheirat?« Prinzeß Alexandra war etwas blaß geworden. »Emil, du weißt, wie sehr ich dagegen bin, nicht aus Hochmut oder Vorurteil, sondern weil es nicht guttut, wenn Menschen aus dem Stande, in dem sie geboren und erzogen wurden, heraustreten. Die Prinzipien, in denen sie aufgewachsen, lassen sich nicht ausreißen, wie man eine Pflanze dem Erdreich entreißt, sie brechen früher oder später doch da durch, wo sie eine tiefe, mitunter unüberbrückbare Kluft reißen.«

»Sehr richtig, liebe Schwester, für den Fall, daß ein Fürstenkind in kleinbürgerliche Verhältnisse gerät. Aber Lolo könnte ja einen Edelmann wählen!«

»Oh, Emil, laß mich das alles erst überdenken! Wenn du wüßtest, in welches Dilemma ich hier geraten bin – und wer kann mir sagen, wie ich recht handle als Schwester an Mutter Statt! Ich baue noch auf Lolos Jugend – ihr Charakter ist noch ungeformt –«

»Aber ungeformt ist der weiche Stoff schon erhärtet von dem süßen Gift der Bewunderung! Das hat einen festen Panzer gelegt um das junge Herz, an dem gleiten unsere Bemühungen ab, besonders, da Lolo eine wirklich gefährliche Anlage hat, eine Kokette zu werden. Und ich muß gestehen, ich fürchte für sie, wenn unsere diesjährigen Sommergäste kommen und sie in dieser Zurückgezogenheit keine andere Gelegenheit hat, ihren Zauber wirken zu lassen!«

»Es kommen Baron Falkner und Herr Keppler« – sagte die Prinzeß nachdenkend.

»Oh«, meinte der Prinz, »was Falkner betrifft, so ist er nicht der Mann, sich davon fangen zu lassen, in dieser Beziehung können wir ruhig sein. Aber Keppler ist ein interessanter Mensch in den besten Jahren, empfänglich für alles Schöne, besonders, wenn er berufen ist, dieses Schöne zu malen. Wir müssen eben achtgeben, um im nötigen Moment einzugreifen!«

Hier wurden die Geschwister unterbrochen, denn der Kammerdiener des Herzogs brachte auf einer silbernen Platte die eingelaufenen Briefe und Zeitungen, und der alte Herr nahte sich deshalb der Terrasse, am Arm seine jüngste Tochter, die ihm vorplauderte und vorlachte, daß das faltige Antlitz dieses Herrschers en miniature zu strahlen begann.

»Gott sei Dank, daß wir wieder auf dem Lande sind«, rief er vergnügt, indem er die Briefe zu sortieren begann.

»Ich finde es in der Stadt amüsanter«, sagte die kleine Prinzeß seufzend.

»Warum nicht gar«, ereiferte sich der Herzog, »du sprichst wie ein Blinder von der Farbe, Lolo! Ich möchte wissen, was hübscher ist, Monrepos oder das große Residenzschloß, in dem ein paar Regimenter Platz zum Wohnen hätten, he? Ich liebe Monrepos jedes Jahr mehr und sehe schon den Moment kommen, wenn ich es ganz bewohnen und die Regierung niederlegen werde –«

»Um Gottes willen, Papa –!« rief der Erbprinz erschrocken, aber Prinzeß Alexandra lächelte.

»Oh, es ist nicht so ernst gemeint«, sagte sie, indes Prinzeß Lolo mit weit vor Erstaunen offenen Augen dastand.

»So, woher will das meine Hausfrau so genau wissen?« meinte der Herzog freundlich. »Kinder, ich sage euch, die Natur hat sich geirrt, indem sie mich zum Herrscher machte – ich bin Landwirt, das heißt Gärtner mit Leib und Seele! Aber beiseite, Emil, du mußt anfangen, dich mehr mit Regierungsgeschäften vertraut zu machen – es ist mein Wille, mein Wunsch!«

Der Erbprinz verbeugte sich.

»Wie Eure Hoheit befehlen!«

»Nun, nun«, meinte der Herzog, seinen Sohn auf die Schulter klopfend, »ich spreche nicht als Herzog, sondern als Vater, und ich will nicht, daß du im geeigneten Momente als Ignorant auftrittst, sondern selbständig zu handeln weißt mit Würde und Takt, denn wir Fürsten kleiner Staaten haben heutzutage einen schwierigen Stand, und du sollst die Oberhoheit unseres Hauses so lange als möglich bewahren.«

»Hoffentlich bist du noch recht lange dazu berufen, lieber Vater«, entgegnete Prinz Emil herzlich, aber der alte Herr zuckte mit den Achseln.

»Chi lo sa!« meinte er. »Ich verspüre längst Abdankungsgelüste, und je schöner die Sonne scheint und je schöner die Rosen blühen, desto lieber vertauschte ich die Krone mit einem Gärtnerhute. Sieh nicht so bestürzt aus, Emil, einmal mußt du doch dran!«

»Cela s'arrangera plus tard!« rief Prinzeß Alexandra, ihre Überraschung mit den sich daranknüpfenden Sorgen unter einem heitern Ton verbergend, denn so bestimmt hatte der Herzog noch nie dieses Thema verfolgt. »Einstweilen wollen wir hier recht vergnügt sein und uns der schönen, freien Sommertage freuen!«

»Ich wollte, sie wären vergangen«, trällerte Prinzeß Lolo.

Jetzt sah der Herzog ernst auf.

»Wenn dir der Aufenthalt hier unangenehm ist, so will ich dich zu meiner Schwester, der Fürstin Äbtissin ins Stift schicken«, sagte er, »da hast du fünfzig Stiftsdamen zur Unterhaltung!«

Die kleine Prinzessin wurde ganz blaß vor Schreck.

»Um des Himmels willen, Papa, das wäre entsetzlich«, rief sie halb weinend. »Die ernste alte Tante und die uralten Damen alle! – Nein, nein, da wäre es schöner, allein in der Lüneburger Heide zu wohnen --!«

»Du hast die Wahl zwischen Monrepos und dem Stift«, entgegnete der Herzog trocken.

»Ich wähle Monrepos«, rief das Prinzeßchen, wieder lachend, »es lebe Monrepos! Ach, Sascha, ich beneide dich nicht um die glänzende Aussicht, Äbtissin zu Tannenburg zu werden!«

»Und wenn Sascha sich vermählt und du nicht, so wirst du es«, warf der Erbprinz ein, aber Lolo schüttelte unwillig das blonde Köpfchen.

»Ich mich nicht vermählen! Daran ist doch gar nicht zu denken«, meinte sie.

»Es ist nur gut, daß du deiner Sache so sicher bist«, erwiderte der Erbprinz sarkastisch.

»Ich weiß nicht, was du gegen Monrepos hast«, nahm der Herzog das vorige Thema wieder auf. »Daß es einsam ist, macht es mir und Sascha und Emil gerade wert! Warum suchst du keine Beschäftigung, wie wir? Du hast so viel Anlage für Musik, aber wenn du ein paar Bravourstücke auf dem Flügel heruntergerast hast, bist du schon fertig. Warum machst du dich nicht mit den klassischen Meistern vertraut?«

Prinzeß Lolo verzog das Mäulchen.

»Ah, die sind so langweilig, Papa!«

»Kind, du mußt versuchen, weniger oberflächlich zu sein«, sagte der Herzog ernst. »Studiere und übe die Musik, sie wird dir in allen Lebenslagen die treueste Freundin sein und bleiben. Denke, wie öde und einsam dein Leben mitten im Strudel der Geselligkeit sein würde, hättest du nichts, was deine stillen Stunden verschönte!«

»Ja, aber ich kann doch nicht den ganzen Tag üben, Papa!« rief Prinzeß Lolo weinerlich wie ein Kind.

»Nein, das sollst du auch nicht, du magst dann spazierengehen – nebenbei bemerkt, Sascha, möchten wir nicht bei der Baronin Falkner anfragen wegen der Benutzung des Parkes? Die Erlaubnis des verstorbenen Besitzers können wir doch nicht stillschweigend weiter in Kraft lassen!«

»Nein, Papa, ich werde es arrangieren!« entgegnete Prinzeß Alexandra. »Aber ich denke, wir unterlassen es vorläufig noch, in Verkehr mit der Baronin zu treten, bis wir wissen, ob derselbe für uns paßt!«

»Hm, wird sich wohl, da Falkner uns besucht und seine Mutter im Falkenhof wohnt, kaum vermeiden lassen«, meinte der Herzog.

»Vielleicht ist die neue Schloßherrin selbst so taktvoll, auf diesen Verkehr zu verzichten«, rief Lolo altklug.

»Jedenfalls muß ja eine Aufforderung dazu von uns ausgehen«, entschied Alexandra, »Falkner ist vernünftig und wird es uns nicht verübeln, wenn wir ihm vertraulich sagen, was uns vom Falkenhof scheidet, das heißt von seiner jetzigen Herrin.«

»Nun gut«, warf der Erbprinz ein, »dann aber müssen wir nicht um die Erlaubnis bitten, in ihrem Park spazierengehen zu dürfen. Eins oder das andere, Sascha!«

»Emil hat recht«, sagte der Herzog, »es wäre taktlos, die Besitzerin zu ignorieren, wenn wir ihren Park benutzen wollen. Stehen wir also davon ab!«

»Wie schade«, rief Lolo schmollend. »Monrepos ist nichts ohne den Falkenhofer Park!«

»Es wäre freilich schade, wenn er uns verschlossen bliebe«, meinte der Erbprinz, »aber ich denke, es ließe sich trefflich arrangieren, wenn zum Beispiel Sascha eines ihrer kleinen netten Briefchen an die Baronin schriebe, sie aufforderte, uns zu besuchen, und so weiter und so weiter –«

»Wo denkst du hin, Emil«, rief die kleine Prinzeß entsetzt, »eine Komödiantin – –«

»Die Baronin Falkner ist eine große Künstlerin«, erwiderte der Erbprinz sehr ruhig, »der Unterschied zwischen dir und ihr ist der, daß sie Prinzessinnen mit hoher Würde spielt, während du dir für die glatten Bretter des Hofparketts, die ja auch die Welt bedeuten, die Rolle des naiven Backfisches gewählt hast.«


»Das ist bei und so Sitte,
Chacun á son goût«,


trällerte Prinzeß Lolo und warf ihrem Bruder eine Handvoll Blumen ins Gesicht.

»Deine Beweise sind sehr – treffend«, sagte er schneidend. »Ich glaube nun auch, daß du auf musikalischem Gebiet mit Baronin Falkner keine Rivalität zu fürchten brauchst, denn sie singt die leichtgeschürzten Weisen der ›Fledermaus‹ nicht!«

Jetzt hielt sich der Herzog beide Ohren zu.

»Kinder, sagt euch keine Grobheiten«, rief er kläglich, »das fehlte mir noch – ich will Ruhe haben.« Er raffte seine Briefe zusammen und steckte sie in seine Rocktasche. »Macht, was ihr wollt, in betreff des Parkes – das passendste wäre, wenn Emil der Baronin einen Besuch machte, in meinem und unserer aller Namen, und zwar ehe Falkner kommt. Das wäre eine Höflichkeit gegen unseren Gast und zugleich die, die wir unseren Nachbarn schuldig sind. Das ist meine Ansicht, aber wie gesagt, macht, was ihr wollt, Kinder!«

Mit diesen Worten entfernte sich Se. Hoheit schleunigst.

Auf Prinzeß Alexandras Bitte verzögerte aber der Erbprinz noch den vorgeschlagenen Besuch – sie wünschte erst eine persönliche Zusammenkunft am dritten Orte mit der Herrin des Falkenhofes, und dieser Wunsch wurde schließlich beachtet.

Noch am selben Vormittage stellten sich der Graf und die Gräfin Schinga zum schuldigen Besuch ihrer hohen Nachbarn auf Monrepos ein. Man sprach die Falkenhofer Angelegenheit noch einmal durch und hielt Arnsdorf zu einer ersten Begegnung für den passendsten Ort, sobald die Baronin Falkner daselbst ihren Besuch gemacht.

Wenige Tage später kamen Richard Keppler und Alfred Falkner in Monrepos an – sie sollten neben der Hofdame Fräulein von Drusen und dem Kammerherrn Baron Desing die einzigen fremden Elemente in dem zwanglosen Landaufenthalte der herzoglichen Familie sein, und auch dies nur zum Teil, da der Legationsrat als besonderer Freund des Erbprinzen auch dem intimen Freundeskreise der Familie angehörte und seine trefflichen Eigenschaften wie sein hoher Verstand besonders von Prinzeß Alexandra geschätzt wurden und diese Schätzung auf Gegenseitigkeit beruhte.

Falkner sah die Prinzessin Eleonore zum erstenmal seit ihrer Einführung in die Welt – selten nur war ihm im kleinen Kreise bei ihrer ältesten Schwester die »Kleine« begegnet, und er hatte ihrer nicht sonderlich geachtet. Jetzt trat ihm ihre Elfenerscheinung doppelt überraschend entgegen, und er sagte sich, daß ihm früher eine solche junge, rosige Mädchenblüte hätte gefährlich werden können, denn »früher« war eine solche, gerade in der Art der kleinen Prinzessin, sein Ideal gewesen.

Aber wie er das bedachte, mußte er lächeln und dann sich selbst zürnen – denn dieses »früher« war nur wenig Monde alt, und er hatte nie gedacht, daß ein bleicher, edler Kopf mit rotem Haar ihm gefährlich werden könnte. Und nun gar gefährlich! Hatte er diese Gefahr nicht zurückgewiesen, wollte er ihr jetzt nicht dreist unter die Augen treten? Er hätte im Zorn gegen sich selbst und sein rebellisch Herz wüten können, denn wo blieben seine Grundsätze, wenn er diesem Herzen nachgab?

In diesem Kampfe bemühte er sich, Prinzeß Lolo so reizend zu finden als irgend möglich und in ihrer Erscheinung alles das zu sehen, was ihm sonst Ideal gewesen, und das hätte ihm ja so schön gelingen können, wenn nicht die berauschende Erscheinung der Satanella immer und immer zwischen sein geistiges Auge und andere Frauengestalten getreten wäre.

Als er sich am Tage nach seiner Ankunft auf Monrepos nach dem Falkenhof zu gehen anschickte, um daselbst seine Mutter zu begrüßen, stand der Entschluß in ihm fest, eine Begegnung mit Dolores, selbst auf Kosten der Höflichkeit, zu vermeiden. Bereits an der Grenzscheide der Nachbargüter stehend, holte ihn Keppler ein.

»Sie gehen nach dem Falkenhof?«

»Ja.«

»Dann gestatten Sie mir, mich Ihnen anschließen zu dürfen – ich will der Baronin Dolores meinen Besuch machen.«

»Bitte!« – Falkner sagte es sehr kurz und unangenehm berührt – die Szene im Atelier damals fiel ihm ein, und ein sonderbares Gefühl beherrschte wieder sein Empfinden – die Eifersucht. Er wußte, daß er dazu kein Recht und vielleicht auch keine Berechtigung hatte, aber wer kann für sein Empfinden?

»Erwartet die Herrin vom Falkenhof Ihren Besuch?« fragte er.

Keppler schüttelte mit dem Kopfe .

»Sie weiß wahrscheinlich nicht einmal, daß ich ihr so nahe bin«, sagte er, »und ich weiß nicht, ob ich ihr willkommen sein werde. Doch gleichviel –«

Er brach kurz ab, und der scharfe Blick Falkners sah es seltsam arbeiten in des Malers markigen Zügen. Und er hatte diesen Mann einst auf den Knien vor dem rothaarigen Mädchen drüben liegen sehen – und das Blut stieg ihm zu Kopfe in dem Gedanken daran.

Schweigend schritten sie dahin durch den schattigen Park, der, kühl, selbst in der Mittagsstunde einen wonnigen Aufenthalt gewährte, bis sie an einen freien Plan gelangten, auf dessen smaragdgrüner Rasenfläche die Sommersonne lagerte und in den Zweigen der Blutbuchen, Linden, Eschen, Ulmen und Föhren spielte.

»Wie herrlich schön«, rief Keppler aus. »Ich sah niemals einen wonnigeren Park, in dem Kunst und Natur sich so wunderbar verschmelzen, daß man die erstere kaum gewahr wird, außer in wohltuender Weise.«

»Ja, der Falkenhof ist ein herrlicher Besitz«, sagte Falkner warm.

»Er scheint mir ein kleines Königreich«, rief Keppler, »ein Königreich, dessen Eichenkrone wie geschaffen ist für die weiße Stirn der Donna Dolores.«

»O ja, ich weiß – Sie schwärmten stets für diese Dame«, entgegnete Falkner, nur um etwas zu sagen.

»Schiene die Sonne für sie allein und ließe alle anderen im Dunkel – ich fände es nur natürlich«, sagte der Maler leise, wie für sich.

»Es ist ein Glück, daß solche Wünsche nicht in Erfüllung gehen können«, meinte Falkner spöttisch. »Sie treiben ja den reinsten Kultus mit Ihrem Ideale, lieber Keppler.«

»Verschmälern Sie mir denselben nicht«, bat der Künstler einfach. »Es ist ja das einzige, was mir von dem Hoffnungstraume geblieben, den ich dereinst geträumt.«

»Ah – Sie wurden verschmäht –!« fuhr es schnell über Falkners Lippen. »Verzeihen Sie«, fügte er sogleich hinzu, »ich wollte nicht indiskret sein.«

»Ich weiß es«, erwiderte Keppler, »es bedurfte nicht Ihrer Versicherung, und am Ende tut es ja doch gut, einmal davon sprechen zu können. Nein, verschmäht bin ich und meine Hand nicht worden, nur nicht angenommen. Lächeln Sie nicht über den Narren, der sich ein milderes Wort für eine herbe Tatsache sucht, Falkner, und die bittere Pille vergoldet. Nein, das freie, offene Geständnis, daß ihr Herz noch nicht gesprochen, daß sie es ungefragt nicht verschenken könne – das nennt man nicht verschmähen – den Stachel hab' ich nie gefühlt.«

»Aber sie wußte von dem reichen Erbe, sie kannte ihren wahren, hochgeborenen Namen, mit dem sie Höheres erreichen konnte, als die Frau eines Künstlers zu werden«, sagte Falkner, und er haßte sich selbst für seine Worte.

Jetzt hemmte Keppler seinen Schritt.

»Niederes Denken und Gewinnsucht sind Dinge, die der Donna Dolores nie nahegetreten sind«, sagte er fest und mit solcher Überzeugung, daß Falkner ihm dankbar war für das gute Wort und doch zornig, daß er es nicht sprechen konnte.

»Ich werde es nie dulden«, fuhr Keppler fort, »daß der geringste Flecken dem Namen der Donna Dolores angeheftet wird, sei es, wer immer es sei, der es tun will!«

»Sie haben recht«, erwiderte Falkner sinnend. »Man muß stets sein Ideal verteidigen und so hoch stellen, daß kein Staubwirbel von der allgemeinen Landstraße des Lebens es erreichen und besudeln kann. Wer das nicht tut, verdient kein Ideal zu haben, und sein Leben wird öde und leer sein.«

Keppler warf einen raschen Blick auf seinen Nachbarn – der schritt neben ihm her mit gesenktem Kopf, und durch seine Worte zitterte ein Ton, für den er selbst vielleicht keinen Namen gehabt hätte.

Schweigend gingen sie weiter, und als sie in die Lindenallee einbogen, die direkt bis vor das Nordportal des Falkenhofes führte, standen sie plötzlich einer hohen schwarzgekleideten Gestalt gegenüber, die ihr goldrotes Haar wie eine Königskrone über der weißen Stirn trug – Dolores.

Sie stieß einen kleinen Schrei der Überraschung aus, und dabei flog es rosenrot über ihre Wangen – sie war wunderschön so, übergossen vom Sonnenlicht, schöner fast, als in dem dämonischen Kostüm der Satanella auf dem Scheiterhaufen.

»O Keppler, lieber Freund, sind Sie es wirklich? Wie ich mich freue, Sie zu sehen!« rief sie herzlich und reichte ihm beide Hände – ein kaum merkliches Neigen des Hauptes grüßte dabei den Mann an des Malers Seite.

»Sie kommen gewiß, Ihre Mutter zu besuchen, Baron Falkner«, sagte sie in ganz anderem Tonfall als vorher. »Ich kann Ihnen zufällig sagen, daß sie im Zelte sitzt.«

»Ich danke.« Meilenweite Entfernungen wünschte er in diesem Augenblick zwischen sich und sie legen zu können – unüberbrückbare Klüfte, reißende Ströme, und doch mußte er neben ihr die ganze lange Allee herschreiten, denn das »Zelt« lag schnurgerade vor ihm am Ende der Allee, und abzubiegen und einen Umweg zu machen, wäre lächerlich gewesen, und sein Stolz erlaubte es nicht.

»Und nun sagen Sie mir, Freund Keppler, von wannen der Wind kam, der Sie hierhergeführt«, fuhr Dolores heiter fort. Und Keppler erzählte, wo er sei und zu welchem Zwecke.

Als aber Falkner urplötzlich, eine leichte Verbeugung machend, schnellen Schrittes dem Zelte zueilte und Dolores sofort umdrehte, rief er: »Mein Gott, was ist zwischen ihm und Ihnen geschehen, Donna Dolores? Ist – ist es diese Erbschaft?«

»Ja«, nickte sie, und dabei legte sich ein schmerzlicher Zug um ihren Mund.

»Doch lassen wir das! – für graue Gespenster lacht die Sonne zu schön herab – nein, fragen Sie mich nicht, ich tauge nicht zur Klatschbase«, setzte sie scherzend hinzu. »Ich habe dafür gar kein Talent.«

»Dafür aber desto mehr, eine Einsiedlerin zu werden«, meinte Keppler, auf ihre Wendung des Gespräches eingehend.

»Oh«, rief sie, »ich fange an, selbst daran zu glauben! Es ist so wonnig, die schönen Tage allein mit seinen Gedanken dahinzuträumen und zuzuhören, wie die Bäume rauschen und was sich der Wald erzählt. Und Neigung zum Alleinsein habe ich immer gehabt!«

»Das wäre aber traurig für Ihre Kunst«, warf Keppler ein.

»Ich lasse sie nicht rosten«, sagte Dolores lebhaft, »nein, o nein, wie könnte ich auch – ich habe sie ja so lieb, meine Kunst! Nur öffentlich kann und mag ich sie jetzt nicht üben, das stimmt so schlecht zu dem schwarzen Kleid, und sie wissen, lieber Freund, ich hasse alle Mißklänge. Es gibt Dinge, die man eben nicht zu einer Harmonie vereinen kann.«

»Davon könnte ich ein Lied singen«, meinte der Maler leise, fügte aber schnell hinzu: »Und wenn Sie das Trauergewand abgelegt haben werden –?«

»Dann ist der Sommer dahin, und alles, alles verblüht«, sagte Dolores traurig.

»Nur Ihr Lorbeer nicht«, mahnte der Künstler.

»Wer weiß«, sprach sie abgewandt, »ich las einmal, daß jedes Menschen Kranz verblüht, sei er von Rosen, Myrte, Lorbeer oder Dornen gewunden. Und da war's mir, als höre ich das Rascheln der dürren Lorbeerblätter, die so schnell welken mußten, weil ihr Spender sie auf Draht geflochten –«

Sie schwieg, kurz abbrechend, und Keppler schüttelte das Haupt.

»Es ist eine sehr, sehr kurze Zeit, die Sie zur Pessimistin gemacht«, sagte er traurig. »Gott verhüte, daß dies schwarze Trauerkleid zum Bahrtuch für Ihre Kunst geworden wäre!«

»Nein, o nein«, rief Dolores, »meine Kunst kann nicht sterben, sie überlebt ja alle ihre Jünger, auch die besten, die auserwähltesten –«

»Und gehören Sie nicht zu diesen? Wer hat Sie an sich selbst zweifeln gelehrt?«

»Ich zweifle nicht an meinem Können, denn ich bin mir dessen bewußt«, rief Dolores, und ein Strahl echten, rechten Künstlerstolzes flammte in ihren dunklen Augen auf. »Aber«, setzte sie leise, ganz leise hinzu, »aber ich zweifle an meiner Kraft!«

»Warum?« Und die helle Angst leuchtete bei dieser Frage aus Kepplers Augen. »So müssen Sie nicht reden, Donna Dolores. Sie sind zuviel allein – bei Gott, das ist's nur, was aus Ihnen spricht! Ihre Kraft? Die Kunst hat Sie auf siegreichen Schwingen hinaufgetragen zur sonnigen Höhe des Ruhmes –«

»Und als Ikaros der Sonne zu nahe kam, versengte sie seine Flügel, und er sank hinab ins Meer – des Vergessens«, schloß Dolores seufzend.

Keppler schüttelte den Kopf. »Nein, so darf es nicht mit Ihnen bleiben«, rief er, »Sie dürfen nicht in der Einsamkeit verderben! Laden Sie Gäste zu sich ins Haus, mit denen Sie musizieren und eine gute Unterhaltung führen können –«

»Ich hab's versucht, Professor Balthasar hierherzulocken, aber er kann erst später kommen, im Herbste –«

»So suchen Sie Ihre Nachbarschaft auf!«

»Ich gelobe, morgen bei Gräfin Schinga Besuch zu machen«, rief Dolores jetzt lachend, »ich fürchte nur, daß die Nahrung, die mein Geist da empfangen wird, für meinen schwachen Verstand zu schwer ist.«

»Nun, und Monrepos?« fragte Keppler gespannt.

»Monrepos«, wiederholte sie, »oh, das ist ein Hof, und zu Hofe muß man befohlen werden.«

So gingen sie plaudernd auf und nieder, bis nach nicht langer Zeit Falkner die Allee wieder heraufkam, die er, um nach Monrepos zu gelangen, wieder passieren mußte.

Er hatte die Stirne in Falten gezogen und sah finster genug darein, denn sein Wunsch, seine Mutter möchte den Falkenhof verlassen, war auf den hartnäckigsten und entschiedensten Widerstand bei seinem Stiefvater gestoßen.

»Es liegt ganz und gar nicht in meiner Absicht, die wiederholten freundlichen Einladungen unserer lieben Dolores abzulehnen und sie damit zu kränken«, hatte Doktor Ruß gesagt. »Sie hat nichts getan, was uns kränken könnte, im Gegenteil; und daß sie den Falkenhof geerbt, dafür kann sie nichts – sie hat ja auch ihr Bestes getan, ihn abzutreten. Aber an dem Eisenkopf deines Sohnes, teure Adelheid, scheitern ja alle Fahrzeuge der besseren Einsicht!«

»Nun, es findet sich vielleicht noch eine andere Lösung dieses Konfliktes«, hatte Frau Ruß mit Beziehung geantwortet und dabei sehr schnell gestrickt.

»Wohlan denn, tut, wie es euch beliebt – ich betrete den Falkenhof freiwillig nicht wieder«, hatte Alfred erwidert, und finsteren Blickes war er davongeeilt. Daß er ihr noch einmal nach der heute erfahrenen Abweisung begegnen mußte, war ihm entsetzlich fatal, und der Grimm, der in seiner Brust wohnte gegen das unbegreifliche Gebaren seines Stiefvaters, gegen Keppler und – sich selbst, machte, daß er die Hände ballte und die Zähne zusammenbiß, als er die wunderschöne Gestalt im schwarzen Kleide wieder vor sich sah.

»Was hat sie davon, meine Mutter und deren Mann hier zu fesseln?« fragte er sich, denn er wußte ja nicht, daß Dolores die Einladung der ersten Stunde ihres Seins im Falkenhofe ganz und gar nicht wiederholt hatte. »Was bezweckt sie damit? Mich zu demütigen und zu ärgern? Wie kann meine Mutter Wohltaten aus diesen Händen annehmen!«

Raschen Schrittes eilte er vorwärts und stand nun, leicht den Hut lüftend, vor Dolores.

»Ich habe eben zu meinem großen Befremden gehört, Baronin«, sagte er eisig kalt, »daß meine Mutter und mein Stiefvater infolge Ihrer wiederholten Einladungen auf dem Falkenhof zu bleiben gedenken. Es ist mir dies, selbstredend, sehr fatal und kann nur durch Einrichtung eines eigenen Haushaltes für die Betreffenden, oder aber eine entsprechende Entschädigung –«

Dolores war sehr blaß geworden und streckte jetzt gebieterisch die Hand aus, fernere Worte abzuschneiden.

»Nicht weiter, Baron Falkner«, sagte sie, und ihre Augen sprühten Flammen. »Der Falkenhof wird nicht vermietet – niemals, solange ich hier bin, sei es, unter welcher Form es immer sei. Wollen Ihre Eltern meine Gäste sein, so werde ich sie stets als solche ehren – an einem Tisch mit mir – oder gar nicht.«

Damit wandte sie sich ab und schritt die Allee hinunter, scheinbar unbewegt, aber in ihrem Innern wogte es auf und nieder in Schmerz, Empörung und Pein.

Und ein stiller Zorn stieg auch in Keppler auf gegen den Mann, der stumm und blaß neben ihm herschritt, denn er hatte sie gekränkt, und er, der Maler, hatte nicht einmal das Recht, hier für sie einzutreten, wo sie selbst für sich gesprochen hatte.

Und Falkner? Er hatte sich von seinem heißen Blut hinreißen lassen, und ihre Antwort hatte ihn nicht gekränkt, denn eine wilde Freude in seiner Brust sagte ihm, daß sie ja anders nicht hatte antworten dürfen, daß er sie um einer anderen Antwort willen hätte verachten müssen, und doch, und doch – er wollte sie hassen um jeden Preis, hätte er sie nur auch verachten gekonnt!

Am selben Tage noch sprach ihm Prinzeß Alexandra höchst taktvoll von der Parkangelegenheit und berührte leicht den delikaten Punkt des Verkehrs mit seiner Cousine.

»Hoheit verzeihen«, erwiderte Falkner kühl und bestimmt, »wenn ich in diesem keine Dienste leisten kann. Ich stehe in absolut keinem Zusammenhang mit der Baronin, meiner – nun ja, meiner Cousine, und glaube auch, daß sich dies alles weit besser durch Fremde arrangieren läßt.«


* * *


Am folgenden Tage um die Stunde, wo man in großen Städten Besuche zu machen pflegt, also gegen fünf Uhr nachmittags, bestieg Dolores ihren leichten, eleganten, zweisitzigen Wagen und gab dem Kutscher den Befehl, nach Arnsdorf zu fahren.

Leicht und leise rollte der Wagen über den gelben Kiesweg hinaus zum Tore und die staubige Landstraße entlang, nach der äußersten Spitze des Triangels zu, den die drei Nachbargüter bildeten. Es war ein wunderschöner Tag, aber fast zu heiß für die schattenlose Straße, die zwar mit Kirschbäumen rechts und links besetzt war, aber für die Bequemlichkeit der Fahrenden nichts taten, sondern nur Scharen von Sperlingen anlockten, die unter großem Geschrei kamen, um nachzusehen, ob die Kirschen noch nicht reif seien.

Der Wagen rollte endlich zum großen Staunen der barfüßigen, flachsköpfigen Jugend in das Dorf und bog in den Hof des Dominiums ein, in dem Enten und Gänse einherwatschelten, ein altes Pony einen grünen Fleck abgraste und mehrere Schweine und Ferkel sich in einer Pfütze inmitten des Hofes wälzten.

Beim Vorfahren des Wagens vor die Haustür geriet ein auf der Schwelle träumender Truthahn in eine blinde Wut und suchte die Pferde zu attackieren, ein Pfau schrie infolgedessen laut auf, ein Hofhund kam laut bellend angerannt, die Gänse schnatterten und schrien, das Pony wieherte, die Schweine grunzten – kurz, es entstand ein Höllenkonzert.

Infolgedessen erschien ein neugieriger Kopf an einem der erblindeten, vielleicht seit Jahren nicht geputzten Fenster, und bald darauf trat der Inhaber dieses Kopfes, ein Mensch in schäbiger Livree, heraus und kam an den Wagen.

Da man in dem Spektakel sein eigenes Wort nicht verstehen konnte, so reichte Dolores einfach ihre Karte aus dem Wagen heraus, dessen Schlag ihr eigener Diener inzwischen geöffnet hatte. Der schäbige Lakai prüfte erst den Namen auf der ihm gereichten Karte, dann verschwand er in dem Hause. Indes der Hofhund fortfuhr betäubend zu bellen, der Kutscher Not hatte, die Pferde in Ruhe zu halten und die Gänse und Enten neugierig den Wagen umstanden, hatte Dolores Muße, das sogenannte Schloß zu betrachten – ein entsetzlich verwahrlost aussehendes Gebäude aus dem Anfang dieses Jahrhunderts – steif und schmucklos, von dessen Mauern der Mörtel stellenweise abgefallen war, auf dessen Dach die abgefallenen Fachwerke mitunter das Sparrenwerk sehen ließen.

Doch kaum hatte Dolores diese letztere Bemerkung gemacht, als schwere Tritte eine Holztreppe herabdröhnten und Graf Schinga selbst seinem Gast entgegeneilte, aber an Stelle einer Begrüßung erst mit einem donnernden: »Will er sich wohl kuschen!« auf den Hund losfuhr. Nachdem die Einleitung ihre Wirkung getan, half er Dolores aus dem Wagen und reichte ihr den Arm.

»Furchtbar nett von Ihnen, Baronin, uns aufzusuchen«, rief er ihr zu. »Meine Frau freut sich sehr, Sie zu sehen – führe Sie gleich zu ihr. Müssen aber entschuldigen, ist noch im Morgenrock, wegen der Hitze. Na, wenn man auf dem Lande ist, schad't das wohl nichts, was?«

Dolores versicherte, es schade wirklich nichts, sie käme ja wegen der Gräfin und nicht wegen deren Kleider.

»Hahaha!« lachte Schinga wiehernd los, »gut geantwortet! Passen ganz zu uns, liebe Baronin! Schönes Wetter, was?«

Endlich waren sie die steile Treppe emporgeklommen, und Schinga öffnete eine Tür.

»Die Baronin Falkner, liebe Bronislava!« rief er durch die Spalte.

»Elle est bienvenue«, antwortete eine Stimme drinnen. Schinga stieß die Tür auf und führte Dolores in ein dermaßen verdunkeltes Gemach, daß diese anfangs nichts sah, zudem schwebte ein fast undurchdringlicher Dampf von türkischem Tabak in der Luft.

Aus dieser Dämmerung löste sich jetzt eine kolossale weibliche Gestalt in hängenden weißen Gewändern, von der Dolores möglichst viel zu erkennen trachtete, da sie in ihr die Gräfin Schinga vermutete. Ein bis zur Achsel nackter Arm, mit einem sonderbaren spiralförmigen Armband, löste sich aus den bis obenhin geschlitzten Ärmeln, reichte ihr die Hand, und die Gestalt sprach langsam »Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Baronin. Comment vous portez-vous? – Hippolyt, ziehe doch die Rolladen auf!«

Indes Graf Schinga dieser Aufforderung nachkam, geleitete sie die Gräfin Dolores zu dem Sofa, das eigentlich mehr Chaiselongue war, wobei Dolores auch an dem linken Arm ihrer Wirtin den seltsamen Schmuck bemerkte, wie an dem rechten. Die geöffneten Rolladen und Fenster enthüllten nun ein einstmals sehr kostbares, aber jetzt stark eingewohntes Gemach in türkischem Geschmack, dessen Wände, Polster und Dielen kostbare golddurchschossene Teppiche bedeckten, dessen Möbel von Rosenholz schöne Inkrustierungen zeigten. Auf dem Tisch vor dem Sofa lag eine dichte, sehr dichte Staubschicht, und auf dieser stand eine Wasserpfeife, ein Kasten mit Tabak, ein Karton mit kandierten Früchten, und neben diesem lag ein broschierter Roman von Zola, halb aufgeschnitten.

»So«, sagte Schinga, »nun hätten wir Licht und können gemütlich plaudern. Also, liebe Baronin – hu!« unterbrach er sich, indem er sich sichtlich vor Entsetzen schüttelte und mit einem Satz nach der Tür zurückzog. »Tu diese scheußlichen Würmer fort, Bronislava!«

Die Gräfin hob lachend beide Arme in die Höhe, und nun fuhr auch Dolores schaudernd empor – denn die seltsamen, spiralförmigen Armbänder, die sie trug, waren lebende, kühle, glitzernde kleine Schlangen, die mit ihren Köpfen blitzschnell hin und her fuhren.

»Wie, Baronin, Sie fürchten sich auch vor den süßen kleinen Dingern?« rief die Gräfin erstaunt.

Dolores zog sich schaudernd nach der Tür zurück.

»Es ist nicht Furcht«, sagte sie, »ich fürchte mich niemals, aber ich fühle ein solches Grauen vor diesen Tieren, daß ich es fast Idiosynkrasie nennen möchte. Sie sind es, die mir den Aufenthalt in meiner zweiten Heimat Brasilien so sehr verleiden –!«

»Kommen Sie, Baronin«, sagte der Graf und sah dabei sehr böse aus. »Wir wollen bei mir einkehren, denn Sie sehen nun wohl ein, daß man mit meiner Frau nicht verkehren kann!«

»Bleiben Sie«, rief die Gräfin, sich erhebend, und streifte die Schlangen von den üppigen Armen, tat sie in einen Korb und schloß dessen Deckel. »So, nun sind sie gefangen, die armen Dinger. Setzen Sie sich, Baronin und nehmen Sie eins von diesen kandierten Ingwerstückchen – oder ziehen Sie eine Wasserpfeife vor? Nicht? Nun, so gestatten Sie mir das meinige!«

Ihr Grauen überwindend, nahm Dolores wieder Platz, ebenso der Graf, der dabei den Korb nicht aus den Augen verlor, indes die Gräfin den Schlauch ihrer türkischen Wasserpfeife ergriff und langsam zu rauchen begann. Sie mußte einst sehr schön gewesen sein, aber Stürme mancher Art hatten ihre Züge verschärft, und der mehr als morgenrockartige Anzug, das wirre, schwarze, ungekämmte Haar gaben ihr ein Aussehen der Vernachlässigung, das zu ihrem Alter nicht stimmte, denn sie mochte erst Mitte der Dreißig sein. Dolores wunderte sich, wie man Besuch in Gegenwart von Herren in einem Kostüm empfangen konnte, das eine verzweifelte Ähnlichkeit mit einem Nachthemd hatte, und als ihr Blick einmal an den kolossalen Formen ihrer Wirtin hinabglitt, bemerkte sie in dem rosaseidenen Strumpf der Dame, der eben sichtbar war, ein großes Loch, das der stark abgenutzte Pantoffel nicht ganz verbergen konnte.

»Hippolyt, schicke uns doch etwas Eis herauf«, wandte sich die Gräfin nach wenig Worten an ihren Gatten, der mit einer Eile verschwand, die bewies, wie ungemütlich ihm der Aufenthalt angesichts des bewußten Korbes sei.

Auch Dolores empfand genug davon, um länger zu bleiben, aber die Gräfin wollte von einem Aufbruch nichts wissen.

»Nein, nein, Sie müssen noch bleiben«, bat sie, »die Schlangen sind wirklich ganz sicher dort im Korbe, sie können nicht heraus – und ich habe auch nur diese zwei. Außerdem schickt uns Hippo gleich Eis herauf – der Koch muß im Sommer immer welches bereit haben!«

Dolores ergab sich in ihr Schicksal.

»Aber Frau Gräfin, was in aller Welt veranlaßt Sie nur, sich solch fürchterliche Tiere zu halten?« fragte sie mit leisem Schauer. »Sie können doch unmöglich Gefallen daran finden, und der Graf graut sich vor ihnen!«

»Eben deshalb halte ich sie«, erwiderte die Gräfin sehr kaltblütig, aber als Dolores sie überrascht anblickte, sah sie, daß die dichten dunklen Augenbrauen der Dame sich zusammengezogen hatten.

»Nicht wahr, das ist sonderbar?« fuhr die Gräfin fort. »Aber es gibt viel Sonderbares auf der Welt, von dem Sie nichts ahnen! Heiraten Sie niemals. Niemals, hören Sie!«

»Ich werde mir's merken«, erwiderte Dolores lächelnd.

»Oder tun Sie's, wenn Sie elend sein wollen fürs ganze Leben«, rief die Gräfin heftig, »denn Sie glauben's doch nicht, wenn man Sie warnt. Ah, da kommt das Eis!«

Die Dame des Hauses warf den Schlauch ihrer Wasserpfeife beiseite und half dem eintretenden Diener den Inhalt seiner Platte auf dem Tisch arrangieren: Kristallmuscheln mit herausgebrochenen Ecken, ordinäre Löffelchen von Britannia und eine prachtvolle, schwere silberne Schale mit Fuß, darin das Gefrorene aufgehäuft war. Sie legte ihrem Gast vor und nahm dann sich selbst, aber schon nach dem ersten Kosten spuckte sie heftig aus und riß an der Klingelschnur über dem Sofa.

»Was ist das für Eis?« schrie sie dem Diener entgegen.

»Erdbeer und Vanille, gnädige Gräfin –«

»Esel!« Und mit diesem Liebesnamen flog dem in seiner Einfalt Antwortenden einer der stark abgetragenen Pantoffel der Dame an den Kopf.

Dolores fühlte sich aufs peinlichste berührt. Auch sie hatte das Eis gekostet und zurückgestellt – es schmeckte wie gefrorenes Salzwasser. Aber das war in ihren Augen noch kein Grund, den daran unschuldigen Diener dafür zu strafen, und zudem begriff sie nicht, wie man einen solchen überhaupt in sein Zimmer treten lassen konnte, wenn man sich in solch einer vernachlässigten Kleidung befand, wie ihre Wirtin. Der Mensch räumte alles wieder fort und ging.

Dolores erhob sich. »Ich glaube, es ist Zeit für mich, zurückzufahren«, sagte sie, aber die Gräfin zog sie wieder auf das Sofa nieder. »Bleiben Sie noch, bitte«, sagte sie. »Und wenn Sie's aus Sympathie nicht tun können, so tun Sie's aus Barmherzigkeit. Ich bin ja immer allein!«

Dolores sah überrascht auf – das war wie ein Ruf der Verzweiflung, der ihr da entgegentönte, es schien, als ob das Wundern in diesem Hause kein Ende nehmen könnte.

»Und Sie werden wiederkommen, nicht wahr? Und ich darf Sie besuchen?« fuhr die Gräfin fort. »Ach, es ist schrecklich, so jahraus, jahrein zu sitzen und mit niemand sprechen zu können, denn wir bleiben immer in Arnsdorf, Sommer wie Winter.«

»Aber Ihr Gemahl besucht doch die Residenz?« fragte Dolores, nur um etwas zu sagen.

»Das berührt mich nicht«, erwiderte Gräfin Schinga kühl.

»Ich sehe ihn ohnehin nur selten, seitdem ich die Schlangen habe. Sie würden mir nicht glauben, wenn ich Ihnen erzähle, was für Mühe es mich gekostet hat, sie zu zähmen, und sehen Sie, mein Arm weist noch die Narben auf von ihren Bissen. Aber jetzt kennen sie mich und hören, wenn ich sie rufe!«

»Mein Gott, welche entsetzliche Liebhaberei«, rief Dolores.

»Es ist nicht gerade das«, meinte die Gräfin. »Ich habe mich im Anfang auch erst an die kühlen, glatten Dinger gewöhnen müssen. Aber was hilft's? Es ist Notwehr!«

»Notwehr?« wiederholte Dolores verwundert. »Ich meine, ein großer Hund täte die besten Dienste.«

»Nicht doch«, lachte die Gräfin. »Sehen Sie, einen Hund würde er töten, wenn er auf ihn dressiert wäre, ohne jedes Bedenken töten. Aber die Schlangen wagt er nicht anzurühren, und meidet sogar das Zimmer, in dem sie sind.«

»Wer?« fragte Dolores verwundert.

»Nun, mein Mann!«

Es ward einen Augenblick sehr still in dem Gemache, dann aber erhob sich Dolores wirklich und nahm Abschied.

»Und Sie kommen wieder, nicht wahr?« bat die Gräfin noch an der Tür. »Es wird mir so wohl tun, Ihr schönes, reines Antlitz zu sehen, das heißt wenn Sie es vermögen, einer Frau zu nahen, die sich Schlangen hält, damit ihr Mann ihr fern bleibt, die Zola liest und den ganzen Tag Wasserpfeife raucht. Sie werden schon noch mehr Untugenden an mir entdecken, aber darunter doch vielleicht ein Goldkörnchen! Das müssen Sie mir suchen helfen, Sie liebes, schönes Menschenkind, denn ich hab's verloren und weiß nicht, wo ich's finden soll –«

Und damit schlang die seltsame Frau den Arm um den Nacken ihres Gastes und gab ihr einen Kuß auf die Wange.

Dann klappte die Tür zu. Verwirrt stieg Dolores die steile Treppe hinunter, unten empfangen von dem Grafen.

»Na, Gott sei Dank, daß Sie endlich kommen«, schrie er ihr entgegen. »Jetzt müssen wir unsere Nachbarschaft mit einem Glase Champagner taufen, in aller Gemütlichkeit, denn dort oben ist's doch zu gruselig von wegen dieser Bestien –! Na, ich wollte Sie schnell heraushaben aus dieser Schlangenhöhle, und schüttete deshalb dem Koch eine gute Handvoll Viehsalz in die Eiscreme – es hat Sie aber doch nicht schnell genug herausgetrieben!«

Dolores protestierte erst höflich, dann energisch gegen den Champagner, aber es half nichts, sie mußte, in der Haustür stehend, ein Glas leeren. Dabei wurde ihr das alte Pony noch einmal angeboten. Endlich saß sie im Wagen und fuhr unter den Klängen ihres Eintrittkonzertes wieder zum Tor hinaus; sie gab sich den Anschein, als sähe sie nicht, daß Graf Schinga ihr, die Champagnerflasche im Arm, in der Haustür nachwinkte und die Gräfin droben am Fenster mit ihren lebenden Schlangenarmbändern erschienen war – sie war froh, hinauszukommen aus dieser wüsten Atmosphäre von wirklichem und moralischem Ruin.

An der Schmiede hieß sie den Kutscher halten, stieg aus und schickte den Wagen heim. Dann schritt sie, den Hut am Arm tragend, hinein in den kühlen grünen Wald, dessen reine Luft ihr heute wohltat wie nie, aber dabei mußte sie immerzu an die Frau denken, die sie eben verlassen, und ein scharfes Weh durchzog ihre Brust: mußte der Schmerz überall wohnen, wo ein Menschenherz schlug, mußte das Leben seine Wunden in jede Seele schlagen? Warum konnte es nicht Auserwählte des Glückes und des Friedens geben? Ja, sie kannte wohl Menschen, in deren Herz reiner, heiterer Friede wohnte, aber ehe er eingezogen war unter der Mönchs- oder Nonnenkutte, oder aber unter dem Gewande der Welt, hatte dieses Herz erst brechen und verbluten müssen, ehe der Friede zu ihm kam. Dabei kam es so traurig über sie, denn vor wenig Wochen nur war sie noch so glücklich gewesen mit ihrer Kunst, und jetzt? Jetzt stahl sich ein fremdes Weh über sie, und das machte das leuchtende Sonnenlicht trübe und die Blumen welk und dürr, und der Besitz, an den sie in der weiten Ferne mit Sehnsucht gedacht und von ihm geschwärmt, er ward ihr vergällt, seitdem der, den sie ihm freudigen Herzens überlassen hätte, ihn ihr verächtlich vor die Füße geworfen. Ihr ganzer Stolz bäumte sich auf, wenn sie dessen gedachte, und zornig schüttelte sie das Weh von sich ab, das ihr dabei im Herzen aufstieg, das heißt sie vermeinte es von sich weisen zu können und wußte nicht, daß es schon Wurzel gefaßt und nicht mehr auszurotten war. Denn was von einem anderen angetan ihr nur Empörung verursacht hätte, das schlug von seiner, von Alfreds Hand, eine Wunde, die kein Kraut zu heilen vermochte.

Ungesehen von den auf der Terrasse zu Monrepos Sitzenden – sie unterschied deutlich die Gestalten Falkners und Kepplers und hörte ein silberhelles Kinderlachen – huschte sie schnell vorüber. Erst, als sie ihr eigenes Gebiet wieder betrat, atmete sie auf – hier hatte sie ja das Recht, umherzuwandeln – dort dünkte ihr das jedem Passanten gewährte Privilegium des Vorübergehens Konterbande unter dem Bann der großen dunklen Augen, die stets mit solch hartem Ausdruck auf ihr ruhten.

Sie nahm den Weg nach dem Hexenloch, dessen von romantischem Zauber umsponnene Umgebung sie so sehr anzog. Hier ließ sich's so gut träumen und sinnen an dem kleinen rauschenden Wasserfall, dessen silberhelles Wasser in dem Tümpel so dunkel aussah oder, wenn die Sonne durch die prächtige Blutbuche an der südlichen Uferseite schien, wie Blut.

Durch kühle Laubgänge schritt Dolores langsam dahin und bog dann herum nach dem stillen, lauschigen Platz, doch wie sie um die Hecke bog, sah sie sich plötzlich einer Dame in hellem Sommerkleide gegenüber, die auf einem Baumstumpf saß und eine Aquarellskizze des Hexenlochs machte. Neben ihr, von rücklings halb auf dem Baumstamm liegend, saß ein junger Mann und las vor.


Hohe, überschlanke Buchen
Wölben sich zum Schattendach –
Weil sie Licht und Sonne suchen
Ist ihr Wachstum gar so jach.
Und sie streun als weichen Teppich
Dürres Laub, gebräunt und dicht,
Doch den Fels umwuchert Eppich
Immer grün und immer licht –«


klang es aus Scheffels Aventiure wie gewählt für den Platz herüber.

»Es fehlt uns nur Biterolfs Elfe«, warf die Dame ein, ohne aufzusehen.

»Bei Gott, da ist sie«, rief der junge Mann, der emporgeblickt und Dolores' lichtes Haupt auf dem tiefgrünen Grunde gewahrte. Im nächsten Moment aber sprang er auf. »Die Baronin Falkner«, sagte er halblaut.

Da sie sich erkannt sah, trat Dolores näher, die fremde Dame erhob sich und ging ihr entgegen.

»Baronin, Ihre Gegenwart legt mir die demütigende Bitte um Vergebung wegen unbefugten Eindringens in Ihr Reich auf«, sagte sie mit hinreißender Liebenswürdigkeit. »Darf ich, im Namen dieses köstlichen Fleckes Erde, dessen Konterfei ich mir für mein Album rauben wollte, nachträgliche Erlaubnis hoffen?«

»Es soll eine allgemeine Amnestie für dergleichen vergangene, gegenwärtige und zukünftige Raube erlassen werden«, sagte Dolores in demselben Tone.

»Wofür ich im Namen der Kunst herzlich danke«, entgegnete die Dame. »Doch gestatten Sie mir, Baronin, erst die Pflichten der Höflichkeit zu erfüllen, ehe ich Ihre Erlaubnis ausnutze – ich bin die Prinzessin Alexandra von Nordland, und dies ist mein Bruder, der Erbprinz!«

Dolores verbeugte sich noch einmal in ihrer würdevollen, graziösen Weise.

»Man sagte mir, unsere hohen Nachbarn auf Monrepos hätten einen Passepartout für den Falkenhofer Park nicht verschmäht«, sagte sie. »Es bedarf wohl kaum der Versicherung, daß ich eine Grenze niemals gezogen habe!«

»Das ist prächtig, Baronin, und uns hochwillkommen«, erwiderte der Erbprinz, »denn unser Garten ist verhältnismäßig recht klein und eigentlich für uns ein Nolimetangere wegen des Herzogs, meines Vaters, Rosen.«

»Diese sind aber auch berühmt, Hoheit, und für die Berühmtheit muß man immer etwas leiden«, entgegnete Dolores.

»Ach ja, keine Rose ohne Dorn«, seufzte der junge Fürstensproß.

Prinzeß Alexandra hatte indes ihren Blick prüfend auf der Lehnsherrin vom Falkenhof ruhen lassen – sie gab viel auf den ersten Eindruck, den Fremde auf sie machten, und auf den Blick, mit dem diese ihr ins Auge sahen. Die tiefdunklen und doch so klaren Augen mit dem reinen, ernsten Blick, in dem eine köstliche Schelmerei aufleuchten konnte, nahmen sie sogleich für die Schöpferin und Darstellerin der Satanella ein, und wie immer, ihrem Impulse folgend, sagte sie: »Ich muß Sie ansehen und immer wieder ansehen, Baronin! So jung noch und schon so berühmt! Mehr noch – so jung und doch schon so schaffensreich! Wieviel Schönes werden Sie uns noch schenken nach der ›Satanella‹!«

»Wer weiß, Hoheit«, erwiderte Dolores leise. »Vielleicht bin ich wie jene Musa, die nur eine Blüte hat, die sie das Lebensmark kostet. Und ich wollte ja auch nicht mehr begehren, wenn diese einzige Blüte, dies eine Werk mich überlebte und die Menschen Freude davon hätten.«

»Aber dieses Werk ist gut – alle Welt ist einig darüber«, rief der Erbprinz.

»Ich weiß, es ist noch zuviel vom schäumenden Most der Sturm- und Drangperiode darin«, entgegnete Dolores kopfschüttelnd.

»Lassen Sie sich das freuen«, meinte Prinzeß Alexandra herzlich, »die Zeit, wo Ihr Puls langsamer geht und der Hauch höherer Reife sich auf Ihr Schaffen legt, kommt noch früh genug – zu früh, und wir werden mit Schrecken gewahr, wie die Tage schwinden!«

»Das war ein gutes Wort, Hoheit, und ich danke dafür«, sagte Dolores ernst, und in diesem Augenblick reichte ihr die hohe Dame die Hand zum warmen Druck, aber als Dolores sich auf diese Hand hinabbeugen wollte zum schuldigen Kuß, wie es die Etikette verlangt, da beugte sich die Prinzeß hinüber und küßte sie auf die schöne, weiße Stirn.

»Aber nun muß ich meine Skizze vollenden«, rief sie, »die Beleuchtung ist jetzt so herrlich, fast zu schön für meinen armen Pinsel. Sie bleiben doch hier, Baronin?«

»Gern, Hoheit«, sagte Dolores und setzte schelmisch hinzu: »Wie Hoheit befehlen, muß es ja heißen!«

»Ach, das ›gern‹ klingt viel hübscher«, meinte der Erbprinz, indes Prinzeß Alexandra sich mit fröhlichem Lachen an die Arbeit setzte. »Sie müssen wissen, Baronin, daß wir hier nur Menschen sein wollen, denen ein freundliches ›gern‹ hübscher klingt als die steifen Formen des Hofes.«

»Ich belauschte gestern unfreiwillig die Säulen unseres Landhauses, Fräulein von Drusen und den Kammerherrn von Desing«, plauderte die Prinzessin, »und hörte zu meiner unbeschreiblichen Belustigung, wie sie zu ihm sagte: ›Gott sei Dank, daß wir da sind, die noch einigermaßen den Anstand auf Monrepos aufrechterhalten. Wie würde es ohne uns hier zugehen!‹«

Die anderen lachten, da es ja bekannt war, mit welcher Würde die Prinzeß dem fürstlichen Hofe vorstand.

»Es muß auch solche Käuze geben«, zitierte der Erbprinz.

Dann war es eine Weile still am Hexenloch. Leise flüsterte die warme Sommerluft in den Bäumen, und der Wasserfall rauschte – schnell flog der geschickte Pinsel der fürstlichen Künstlerin über den auf ihrem Schoß liegenden Block, träumerisch sah Dolores hin auf das dunkle Wasser, auf dem einzelne Sonnenstrahlen, die durch das Laub brachen, magisch funkelten, und Prinz Emil sah wiederum auf die reine, herrliche Profillinie des schönen Antlitzes neben sich.

Endlich unterbrach die Prinzeß das Schweigen.

»Ach, wie köstlich ist's doch hier«, sagte sie, zurückgelehnt ihr Werk betrachtend, »und was für Stümper sind wir der Natur gegenüber!«

»Das sagt Richard Keppler auch«, nickte Dolores.

»Oh, er ist doch Adept, aber was bin ich?«

»Berührt vom Strahl des ew'gen Lichts«, sagte Dolores träumerisch. »Ach, Prinzeß, wer so fein die Farbentöne fühlt wie Sie, ist selbst ein Meister –«

»Nur muß man daneben keine Fürstin sein, sonst glaubt's niemand«, meinte der Erbprinz.

»Die Menschen haben so viele Vorurteile«, rief Dolores, »aber die meisten haben sie gegen die, die sich ihre Sachen mit einer Krone – von der fünfzackigen bis zur Königskrone – zeichnen lassen können.«

»Und doch steht der Lorbeer den Kronen so schön!« seufzte die Prinzeß.

Wieder ging es mit der Arbeit weiter, und alles, alles rings war still – da tönten plötzlich unten aus dem Dorf herauf die Abendglocken durch die reine Luft, und Dolores erhob sich, vom Rande des dunkler werdenden Wassers Vergißmeinnicht zu pflücken, die da in Menge blühten.

»Jetzt fehlte nichts als ein Lied«, sagte der Erbprinz leise in bittendem Tone.

»Ach ja, ein Lied«, wiederholte Prinzeß Alexandra.

Da setzte sich Dolores auf einen moosbewachsenen Stein, hart am Ufer, und sang, ihren Vergißmeinnichtstrauß mit breitem Grase bindend, in den fernen Glockenklang hinein:


»Fernher tönen Abendglocken
Leis mit wundersüßem Klang
Und mir ist's, als hört' ich locken
Engelschöre, Himmelssang.

Und mir ist's, als säh' ich's schweben
Auf und nieder in der Luft,
Und im Abendrot verweben
Windessäuseln, Blumenduft.

Wie auf lichten Engelsschwingen
Zieht der Glockenklang zur Höh',
Wo die Herzen nicht mehr ringen
Und im Licht sich löst das Weh.«


Glockenklar, voll und doch so sanft zog die herrliche Stimme durch die stille Luft und erstarb mit dem letzten fernen Klang aus dem Dorfe drunten.

Der Erbprinz hatte sein Antlitz mit den Händen bedeckt, während die Prinzeß den Pinsel sinken ließ und auf die Sängerin hinübersah. Und als das Lied beendet war, erhob sie sich leise und trat zu Dolores hin.

»Wollen Sie mir diesen kleinen Strauß geben zum Andenken an den heutigen Abend?« fragte sie und legte ihre Rechte auf das goldige Haupt vor ihr. »Und auch das Lied?« setzte sie hinzu. »Denn das kam doch aus Ihrem Herzen, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Dolores einfach. »Es kam mir gestern abend in den Sinn, als ich einsam hier saß – ich will es aufschreiben. Und hier ist der Strauß«, fügte sie aufstehend hinzu. »Aber die kleinen blauen Blütenblätter fallen ab, Hoheit, wenn sie trocken sind.«

»Das tut nur die Männertreu'. niemals das Vergißmeinnicht«, rief der Erbprinz hinüber.

»Wirklich?« fragte Dolores fröhlich. »Nun ja, wenn Hoheit es selbst sagen, muß es wohl wahr sein.«


»Männertreu ist Spreu im Winde,
Standhaft ist Vergißmeinnicht,
Männertreue welkt geschwinde
Und zerfällt, wenn man sie bricht.

Nur Vergißmeinnicht, das liebe,
Blüht im Herzen ewig neu –
Doch wie Wasser in dem Siebe,
Wie der Wind ist Männertreu' –«


deklamierte der Erbprinz.

»O Emil, wie weise von dir, das selbst zu sagen«, lachte seine Schwester, »glaubst du wirklich, dem Pfeil damit die Spitze abzubrechen? Ja, ja, die Männertreu' hat einen bösen Ruf.«

»Da ist's am besten, man erprobt sie nicht«, meinte Dolores ernsthaft.

Die Prinzeß warf einen schnellen, prüfenden Blick auf sie, dann zog sie ihre Uhr und sah nach der Zeit.

»Ich fürchte, wir sind über Urlaub geblieben, Emil«, rief sie, indem sie rasch ihre Malutensilien zusammenpackte, und als sie damit fertig war, reichte sie Dolores die Hand. »Vielen Dank, Baronin, für das Lied. Wir werden doch gute Nachbarschaft halten, nicht wahr? Es wäre so schön – und der Sommer ist so bald vorüber, da muß man die Zeit benutzen! Also auf baldiges Wiedersehen!«

Die fürstlichen Geschwister gingen, Dolores aber blieb noch eine kleine Weile am Hexenloch zurück, und als sie heimkehrte, hatte sie noch Lust zu einem Plauderstündchen bei Engels, wo Ida und Knieper sie mit dem höchsten Ausdruck der Freude empfingen, deren ihre Hunde- beziehungsweise Katzenseelen fähig waren. Denn in der Begegnung mit der edlen, freundlichen Fürstentochter war es ihr warm geworden ums Herz – das waren, ausgenommen den alten Engels, die ersten Menschen, die ihr vorurteilsfrei die Hand reichten auf dem Weichbilde des Falkenhofes, seit sie dessen Herrin war. Denn bei aller Liebenswürdigkeit, die Doktor Ruß entfaltete, wollte das Gefühl nicht von ihr weichen, daß es Absicht war, die aus ihm zu ihr sprach.

Schon am folgenden Tage ließen sich der Kammerherr von Desing und die Hofdame von Drusen bei Dolores melden, um im Namen der herzoglichen Familie ihren Besuch abzustatten. Sie saßen genau fünf Minuten bei der Schloßherrin in dem Rokokosalon, dessen Mitte jetzt ein kostbarer Flügel einnahm – die Hofdame sehr steif, sehr mager, sehr zurückhaltend – der Kammerherr sehr beweglich, sehr fein, sehr rund und rosig.

Nach den konventionellen fünf Minuten erhob sich Fräulein von Drusen, der Kammerherr sprang empor, und bald saßen die beiden nebeneinander im Wagen, bis wohin ihnen Dolores gefolgt war, da sie ja die herzogliche Familie repräsentierten.

Das alte, im Dienste ergraute Paar rollte dahin, erst schweigend, bis endlich die Hofdame das Eis brach.

»Sie ist eine Dame, lieber Desing«, sagte sie mit Nachdruck, und der Kammerherr, der mit Ungeduld auf den Urteilsspruch seiner Pythia gewartet hatte, stimmte strahlend ein.

»Eine Dame, natürlich eine Dame, verehrte Freundin!«

»Nun, natürlich ist es nicht«, sagte die Hofdame scharf.

»Nein, natürlich ist es nicht«, zog der Kammerherr seinen Enthusiasmus zurück. »Sie meinen, weil – –«

Sie nickte. »Natürlich«, sagte sie schneidend. »Es bleibt ja so leicht etwas von der Schminke zurück. Aber hier, Gott sei Dank, habe ich nichts bemerkt, und die Ehren, die sie mir, als Gesandtin unserer Prinzessinnen, erwies, waren tadellos. Das nennt man Rasse, lieber Desing.«

 »Rasse, liebe Freundin – die sich nie verleugnen kann«, stimmte der Kammerherr strahlend zu und rieb sich die Hände, denn er freute sich des Erfolges dieses Besuches sehr, erstens, weil Dolores ihm sehr gefiel, und dann lebte er gern mit sich und der Welt auf freundschaftlichem Fuße.

Indessen stand auch Doktor Ruß händereibend an dem Fenster seiner Wohnstube und sah dem davonrollenden Hofwagen nach.

»Sieh, sieh«, sagte er kopfnickend, »unsere liebe Nichte Dolores wird ja hochgeehrt von Monrepos aus. Ei, ei!«

»Jedenfalls eine Aufmerksamkeit für Alfred«, meinte Frau Ruß, eifrig am anderen Fenster strickend.

»Meinst du?« erwiderte der Doktor leise lachend. »Ich möchte an eine andere Wendung glauben, nach dem Benehmen zu schließen, das dein Sohn bis jetzt beobachtet hat. Aber gleichviel«, setzte er mehr für sich hinzu. »Jedenfalls wird er ihr häufiger begegnen, und Dolores ist eine zu große Schönheit, als daß ein Männerauge lange ungerührt auf ihr weilen könnte.«

Frau Ruß seufzte.

»Es scheint aber fast etwas wie eine Abneigung zu sein, die Alfred gegen Dolores hegt«, sagte sie und ließ ihre Nadeln schneller klappern. »Rote Haare sind eben nicht für jedermann.«

»Papperlapapp!« ließ sich der Doktor mit leisem Spott vernehmen. »Natürlich die rote Grete unten im Dorfe mit ihren Sommersprossen und ihrem häßlichen, naßroten, mit Bleikämmen ekelhaft gemachtem Haar wird einen verfeinerten Geschmack nur abstoßen. Aber Dolores? Das verwöhnteste Auge wird schönheitstrunken auf ihr weilen, oder es weiß nicht, wie Schönheit sich offenbart.«

Jetzt sank das Strickzeug der Frau in den Schoß.

»Ei, du bist ja ganz Feuer und Flamme«, sagte sie mit einem drohenden Blitz aus ihren kalten, harten Fischaugen.

»Gewiß, teure Adelheid, du weißt, daß ich als Ästhetiker beurteilen kann, was wirklich schön ist«, erwiderte Ruß sehr ruhig, aber unter seinen Brillengläsern glitt ein unbeschreiblicher Blick über die reizlose Gestalt der älteren, verbitterten, kalten Frau, an die er sich aus pekuniären Gründen gefesselt hatte. »Wenn ich Artikel, gesuchte und viel gelesene Artikel über die Gesetze der Schönheit schreibe, so kann ich das doch nicht wie ein Blinder von der Farbe tun. Ich schreibe jetzt über die Schönheit des germanischen Haares –«

»Papperlapapp«, sagte jetzt auch Frau Ruß sehr trocken, denn sie hatte sich nie für die Artikel ihres Gemahls interessiert, und ihre Begriffe über Ästhetik waren in tiefstes Dunkel gehüllt. »Es handelt sich hier gar nicht darum, was du hübsch findest!«

»Sehr richtig bemerkt«, erwiderte der Doktor sarkastisch. »Kommen wir zur Sache. Ich halte es also für sehr unwahrscheinlich, daß Alfred von so viel Schönheit ungerührt bleiben kann. Das wird sie selbst wohl am besten wissen, denn, wie läßt sie ihre Satanella singen?


»Entfacht der Flamme rote Gluten,
Ihr schafft mich nicht aus dieser Welt,
Denn wo sich Männerhochmut brüstet,
Mein Zepter reiche Ernte hält.
Ich wohn' in jedes Weibes Herzen,
Ich beuge jedes Mannes Macht,
Ich bin die Schlang' des Paradieses
Ich stifte Unheil – drum habt acht!«


Und da nach des Schöpfers weisem Ratschluß ein wenig Valandine und Teufelin in jedem Weibe wohnt, und diese Eigenschaften auf den Mann immer einen gewissen Zauber ausgeübt haben, so hoffe ich das Beste für diesen verzweifelten Fall.«

»Ich wollte, du sprächest klarer«, sagte Frau Ruß trocken, »aber du dozierst immer, als ob du auf dem Katheder ständest. Gut also, warten wir ab, was von der Aufnahme Dolores' am Hofe von Monrepos erfolgen wird.«

»Warten wir ab«, wiederholte der Doktor, tief in Gedanken.

»Und wenn unsere Voraussetzungen fehlschlagen, wenn Alfred bei seinem Benehmen Dolores gegenüber bleibt?« fragte sie gespannt, lauernd. »Was dann?«

»Ja, was dann, teure Frau? Ich weiß es nicht.«

Jetzt warf Frau Ruß ihr Strickzeug beiseite, sprang auf und trat an ihren Gatten dicht heran.

»So, du weißt es nicht?« sagte sie schneidend. »Das mache einem andern weis – mich betrügst du nicht, mein Schatz! Denn ich möchte Gift darauf nehmen, daß deine Pläne bis aufs Tüpfelchen über dem i auf Jahre hinaus fertig sind!«

Und mit schrillem, kurzem Lachen entfernte sie sich.

Doktor Ruß aber stand noch lange auf demselben Fleck.

»Du hast doch unrecht«, sagte er endlich leise mit seltsamem Lächeln. »Das Tüpfelchen über dem i ist noch nicht gemacht, denn ich weiß noch nicht genau, wie ich es machen soll. Sei aber unbesorgt, ich werde das ›wie‹ schon finden – darin hast du mich wirklich kennengelernt.«

Sein Blick fiel hinaus aus dem Fenster, und dabei bemerkte er Dolores, die, ein Buch in der Hand, einem schattigen Platz zuschlenderte.

»Wie schön sie ist«, murmelte er. »Aber wir wollen uns wie Siegfried mit Drachenblut gegen ihren Zauber stählen und Sorge tragen, daß kein Pfeil uns treffen kann. Was hilft's? Wenn eine Statue des Praxiteles meinen Weg sperrte, so würde ich sie zerstören, um weiterzukommen, trotzdem ich Kunsthistoriker bin. Natürlich ist's besser, sie läßt sich zur Seite schieben – aber wenn nicht –? Ich glaube, ich bin ein Stück Fatalist, denn ich kann ganz kaltblütig denken, daß ihr Schicksal bestimmt ist.«

Und damit wandte sich der Doktor ruhig zu seinem Artikel über die Schönheit des germanischen Haares.


* * *


Prinzeß Alexandra hatte binnen wenig Tagen ihren gewohnten musikalischen Zirkel auf Monrepos zu vereinigen gewußt, glücklich darüber, daß auch Dolores demselben regelmäßig anzugehören versprach.

Da war vor allem der Herzog, der gut und gewandt Violine spielte, Gräfin Schinga als brillante Virtuosin auf dem Flügel, der Pfarrer von Arnsdorf als Cellist, Prinzeß Alexandra als Orgelspielerin, Prinz Emil als Sänger, Prinzeß Lolo war trotz ihrer hervorragenden Begabung kaum mitzurechnen, denn sie verdarb oft das Trio, worüber der Herzog sich mehr als nötig aufregen konnte.

Es war ein wunderschöner mondheller Abend, der die kleine, musikliebende und musikalische Gesellschaft auf der Terrasse versammelte. Fräulein von Drusen besorgte das wichtige Geschäft des Teeaufgießens und versorgte die Anwesenden mit kleinen, weißen Schalen voll des duftenden, dampfenden Trankes des Reiches der Mitte, und dazu plauderte man ungezwungen. Hier saß Se. Hoheit neben der imposanten Gestalt der Gräfin Schinga, die elegant gekleidet, in schwerer, dunkler Seidenrobe ohne Schlangenarmbänder immerhin noch eine auffallend prachtvolle Erscheinung mit echt slawischem Typus war. Dort blätterten Prinzeß Alexandra und Keppler in einer Skizzenmappe – da stand Alfred von Falkners hohe, gebietende Gestalt neben dem Elfenfigürchen der Prinzeß Lolo, die ihm, vom Hundertsten ins Tausendste überspringend, vorplauderte – und in all diese Gruppen hinein machte Graf Schinga mit Donnerstimme seine Bemerkungen, für deren Gehalt an Geist niemand die Bürgschaft übernommen hätte.

Mitten in diesem Plaudern wurde gegenüber der Terrasse die vergoldete eiserne Tür geöffnet, und Dolores erschien in dem Garten. Sie trug ein schwarzes Schleppkleid, von schwerer Seide und Samt zusammengestellt, der Trauer wegen ohne Schmuck von Perlen oder weißen Spitzen. Es schloß sich hoch am Halse mit schwarzem Spitzenjabot, der nur mit einer Brosche von Jett befestigt war, in deren Mitte ein herrlicher Diamant funkelte. Schwarze, lange Handschuhe bedeckten die Hände bis über die Ellbogen, und über das leuchtende Haar hatte sie einen spanischen Spitzenschleier geworfen – eine Toilette, deren Farblosigkeit ihre aparte Schönheit wunderbar hob.

»Sie sieht aus wie eine bleiche, warme Mondnacht«, sagte Keppler, die Herannahende betrachtend. Schöner noch als in den Flammenkleidern der Diavolina, fuhr es durch Falkners Sinn, als sein Blick auf sie fiel. In diesen dämonisch schön, siegend, sinnverwirrend – hier königlich, nicht minder siegreich, aber fern – unnahbar.

So schritt sie die Stufen hinauf, geleitet von dem Erbprinzen, der ihr entgegengegangen und den Arm geboten hatte, oben herzlich begrüßt von Prinzeß Alexandra, die sie dem Herzog und ihrer Schwester verstellte.

»Auf gute Nachbarschaft, Baronin«, sagte Se. Hoheit, vergnügt schmunzelnd, denn er wußte die Schönheit wohl zu würdigen, wo er sie fand.

Prinzeß Lolo reichte Dolores auch ihr kleines Händchen mit einem fast schüchternen »Guten Abend«.

»Ich hatte nicht gewußt, daß diese brasilianische Cousine von Ihnen so schön ist, Baron«, sagte sie gleich darauf zu Falkner. »Und was für einen Teint sie hat – diese Morbidezza! Und dabei nicht einen Hauch Puder darauf –«

»Ich glaube, das findet sich oft zu roten Haaren«, erwiderte Falkner zerstreut und blickte nach dem bleichen, wunderschönen Antlitz hinüber, unter dessen goldener Haarkrone die schwarzen Samtaugen, überragt von den feinen, sich über der Nasenwurzel vereinenden Brauen jedes ihrer Worte mit sprechendem Ausdruck begleiteten. Ihn hatten diese Augen nicht einmal gestreift, und er wußte, daß er sich selbst jedes Anrecht darauf verwirkt hatte.

»Man sagt, man trifft die Morbidezza häufig bei den Frauen des Südens«, plauderte Lolo weiter. »Ich finde, ein solcher Teint sieht so furchtbar apart und interessant aus, nicht wahr?«

»Ich ziehe den rosigen, frischen Teint unserer Nordländerinnen vor«, erwiderte Falkner laut und sah dabei die kleine Prinzeß an, die in ihrem weißen Gewande und Rosen im Flachshaar wie Titania selbst vor ihm stand – denn eben ging Dolores an ihm vorbei, und ein Dämon in der Brust zwang ihn, Stachel um Stachel der Dornenkrone zuzugesellen, die er begonnen hatte, für sie zu flechten, seit er ihr zum erstenmal begegnete.

Aber Dolores zuckte nicht – heiter blickte ihr Auge auf den Rosenflor des Herzogs hinab – , sie war ja so erhaben über die kleinliche Eitelkeit, die alle Bewunderung für sich in Anspruch nimmt, und wieder war Falkner gezwungen, es anzuerkennen.

Wenn die Herrin des Falkenhofes schon in der ersten halben Stunde ein mit Interesse empfangener Gast des fürstlichen Kreises war, und selbst Fräulein von Drusen erkannte an, daß sie ladylike sei, so wurde sie der Mittelpunkt aller, nachdem sie gesungen hatte.

Man hatte nach dem Tee den Musiksaal im Parterre des Schlößchens betreten, und ein Präludium von Bach, auf der kleinen, aber trefflichen Orgel von Prinzeß Alexandra vorgetragen, eröffnete den Abend. Voll und mächtig fluteten die erhabenen Klänge durch die offene Glastür hinaus in die mondhelle Nacht, gleich einer Hymne, und es war schön zu sehen, wie die edle Gestalt der Spielerin vor dem Instrumente saß, gleich einer heiligen Cäcilie – tiefe Andacht in den ausdrucksvollen Zügen und jeder der von ihr gespielten Noten mit Verständnis folgend.

Nachdem das Präludium verklungen, öffnete der Herzog seinen Geigenkasten und hob seine treffliche, alte, braune Geige heraus.

»Und nun zum Trio«, rief er. »Pfarrer, rüsten Sie Ihr Cello – Gräfin Schinga, wir bitten um das a!«

»Gern, Hoheit«, sagte die Gräfin, sich erhebend, »aber wird nicht Prinzeß Eleonore – –«

»Lolo kann allein spielen«, entschied der Herzog. »Sie ist nicht imstande, Takt zu halten und mit den Instrumenten zu gehen – nein, zum Trio brauchen wir ausdauernde, sich ihrer Aufgabe bewußte Spieler.«

Infolge dieses Entscheides trat die Gräfin an den Flügel und gab den Ton an, und Dolores wunderte sich, ob die Frau im nachlässigen Hauskostüm wirklich die Spielerin sei, die der Herzog in ihr voraussetzte.

»Ich bin nur froh, daß ich nicht vor Angst am Flügel zu sterben brauche«, flüsterte Prinzeß Lolo Falkner zu. »Papa ist so streng, und diese Trios sind so langweilig – –«

»Aber klassisch«, erwiderte der Freiherr lächelnd.

»Ja, natürlich –! Ich meinte auch nur, sie seien so langweilig zum Spielen und Studieren.«

»Es muß wohl sehr schwer sein, durch so viel Seiten hindurch aufmerksam zu bleiben«, meinte Falkner ironisch.

»Ach ja, entsetzlich«, seufzte das Prinzeßchen. »Ich kann immer nur fünf Minuten in derselben Stimmung bleiben.«

»Perpetuum mobile«, sagte er, auf das Flachsköpfchen herabsehend, das mit sprechenden Vergißmeinnichtaugen zu ihm emporsah und über den Blick errötete, mit dem er sie maß. Und dabei fuhr es ihm durch den Sinn: Ob man mir wohl erlauben würde, die Höhe eines Thrones zu ersteigen, um die unter dem Purpur erblühte Rose für mich zu pflücken?

Im nächsten Augenblicke aber verdüsterte sich sein Blick. Ich bin ein Tor, dachte er, so kühn zu träumen, denn was bin ich? Ein armer emporstrebender Diplomat. Ja, wenn ich der Herr vom Falkenhof wäre –

Ein brillanter, präludierender Lauf auf dem Flügel unterbrach ihn, und das Trio begann. Mit Liebe und Eifer vorgetragen, wirkte das Kabinettstück des naiven Haydn anmutig genug, obgleich dem Kenner die Achillesferse des Vortrages, der Dilettantismus, oft auffallen mußte, besonders was die Instrumente betraf, denn Gräfin Schinga beherrschte ihren Flügel mit Virtuosität, aber – geistlos.

Immerhin muß man aber Dilettanten bei ihrem Vergnügen ohne zu scharfe Kritik beharren lassen, denn es ist besser, mittelmäßige Musik zu machen und schlechte Bilder zu malen, als seinen Nächsten durch den Hechel liebevoller Gesinnung zu ziehen, zu welchem Zwecke gesellige Vereinigungen beiderlei Geschlechts meist dienen, besonders Damencafés, die überhaupt ein sozialer Schaden sind, denn nach den obligaten Sachverhandlungen über Dienstboten, Filetgipüre, »stilvolle« Stickmuster und Mignardise muß unfehlbar der liebe Nächste herhalten, bis kein gutes Haar mehr an ihm bleibt.

Das Trio verklang, und der Herzog war glücklich, denn es war ohne Hindernis vonstatten gegangen, ohne Holpern und Stolpern über technische Schwierigkeiten.

»Glatt wie Wagenschmiere«, bestätigte Graf Schinga laut, und Fräulein von Drusen neigte sich entrüstet zu Dolores.

»Sollte man es glauben, daß ein Mensch mit solchen Ausdrücken hier geduldet wird? Da sehen Sie, der Herzog möchte sich ausschütten vor Lachen, anstatt dergleichen mit einem scharfen Wort ein für allemal zu verbannen.«

»Graf Schinga ist vielleicht unverbesserlich«, flüsterte Dolores zurück mit halbem Lächeln.

»Dann muß man ihn aber nicht fürstliche Salons betreten lassen«, entgegnete die Hofdame, deren Ohren schon viel drastischere Vergleiche aus derselben Richtung vernommen hatten. »Es ist immer ein Fehler, sogenannten Originalen ihre Ungezogenheiten durchschlüpfen zu lassen, weil man sie auf ihre Originalität schiebt. Ich kannte einen Herrn, der den Leuten aus Originalität die Zunge herausstreckte und sehr unästhetische Worte dazu sagte. Das ließ man sich sogar allerhöchsten Orts gefallen – hätte ihn die Gesellschaft deshalb exmittiert, so hätte er sich diesen ›Krampf‹ bald abgewöhnt!«

Dagegen fand Dolores nichts zu sagen, denn es war richtig.

»Es ist die selbe Sache mit ›berühmten Leuten‹,« fuhr Fräulein von Drusen fort. »Man läßt sie sich in unseren Salons wie Gassenbuben betragen, sie dürfen uns ohne weiteres Grobheiten sagen, die wir uns von anderen nicht gefallen lassen würden, und warum? ›Weil berühmte Leute ihre Schrullen haben.‹ Meiner Ansicht nach sollen berühmte Leute diese Schrullen zu Hause lassen, wenn sie ausgehen, und sich besonders durch ein feines Benehmen auszeichnen.«

»Ei gewiß«, meinte Dolores nachdenklich. »Aber Sie haben sehr recht: das Betragen berühmter Menschen hängt ganz von der Duldsamkeit der Gesellschaft ab.«

»Nicht wahr? Nun sehen Sie, Professor Keppler, der doch sicher eine Berühmtheit ist, gibt uns ein Muster, wie man sich würdevoll, ohne ein Dandy zu werden, in Salons bewegt, und Sie, liebe Baronin – ja, Sie sind eben eine Dame – damit ist alles gesagt. Das macht das Blut, meine Liebe, das Blut.«

»Glauben Sie?« fragte Dolores ironisch. »Aber dann verleugnet sich das Blut bei dem Grafen dort gänzlich.«

»Ja, es ist ein Ton in unseren Kreisen modegeworden, der zu meiner Zeit unmöglich war«, entgegnete die feudale alte Dame ernsthaft.

Man hatte indes das Trio sattsam durchgesprochen in seinen Einzelheiten, und jetzt kam der Erbprinz und reichte Dolores den Arm, um sie zum Flügel zu führen, und ohne sich nötigen zu lassen, folgte sie dem Rufe. Gräfin Schinga übernahm die Begleitung.

Und Dolores sang. Es war ein süßes, gar schönes Lied des so feinfühlenden Mendelssohn: »Es weiß und rät es doch keiner.«

Wie ein Hauch nur, leise und anschwellend, durchdrang der erste Satz des Liedes den todstillen Saal, und erst, als es hieß:


»Ich wollt', es wäre schon Morgen,
Da fliegen zwei Lerchen auf –
Die überfliegen einander,
Mein Herz folgt ihrem Lauf«,


da tönte die herrlichste Menschenstimme mächtig und doch so weich durch den Raum, und als sie die Worte wiedergab:


»Ich wollte, ich wäre ein Vöglein,
Und flöge über das Meer,
Wohl über das Meer und weiter,
Bis daß ich im Himmel wär',«


da lag in dem gesungenen Worte die ganze träumerische Wehmut einer zum Fluge ins Jenseits bereiten Seele, der es so wohl ist, weil sie weiß, das Ende naht, und durch deren halbverklärtes Sein nur noch einmal der irdische Wunsch zieht:


»Ach, wüßt' es nur einer,
Kein Mensch es sonst wissen sollt'!«


Als sie geendet, brach niemand das tiefe Schweigen – selbst die rohe und rauhe Natur eines Schinga ward seltsam berührt, und ein Etwas, von dem er nicht wußte, was es ist, machte das anfangs geplante: Famos, räuberhaft schön! auf seinen Lippen verstummen. Oh, die Musik ist eine große Macht!

Stumm, Tränen in den seelenvollen Augen, trat Prinzeß Alexandra an Dolores heran und küßte ihr die bleiche Wange.

»Das ging zum Herzen«, flüsterte sie, »weil es vom Herzen kam. Danken Sie Gott, daß er Ihnen zu all seinen Himmelsgaben ein fühlendes Herz verliehen!«

»Ist das ein Glück?« fragte Dolores traurig.

Die Prinzeß sah ihr tief ins Auge.

»Ja«, sagte sie fest. »Und wäre es auch nur von kurzer Dauer.«

Drüben am Fenster stand Richard Keppler und sah stumm hinüber auf die schlanke, dunkle Gestalt, die ihm so teuer war. Falkner war verschwunden. Schon während des Liedes war es so eigen über ihn gekommen, und als der letzte Ton verklungen, da war er hinausgetreten auf die Terrasse, und während er hinübersah auf den mondbeleuchteten Rosenflor, von dem es köstlich herüberduftete, da ward es ihm unsäglich traurig zumute. Er wußte plötzlich, daß der Panzer der Vorurteile, mit denen er sich umgürtet, ihn nicht deckte, er wußte jetzt, in dieser Minute, daß aller Selbstbetrug ihn nicht mehr über seine Gefühle täuschen konnte. War es zu spät zur Erkenntnis?

Drüben in den Rosen ward es jetzt rege – es war der Herzog, der seine schönsten Teerosen, seine köstlichste Gloire de Dijon abschnitt, um sie Dolores zu übergeben. Ja, jedes dankte ihr in seiner Art – nur er, er hatte kein Wort für sie, weder ein gesprochenes noch ein gedachtes. Und Prinzeß Alexandra, die für ihn ein Musterbild edler Weiblichkeit war, die nur Reines und Edles in ihrer nächsten Nähe duldete, er sah sie da drinnen stehen Hand in Hand mit der, die er so bitter gekränkt.

Da trat urplötzlich eine kleine lichte Gestalt neben ihn – Prinzeß Lolo.

»Ich glaube gar, Sie schwärmen im Mondschein, Baron«, sagte sie in ihrer neckenden Weise.

Er atmete tief auf.

»Vielleicht, Prinzeß«, sagte er leicht. »Hatten Durchlaucht dieselbe Absicht?«

Sie schwang sich auf die Balustrade der Terrasse und verzog ein wenig das rote Mündchen.

»Am liebsten tät' ich's, schon weil es sich für unsereinen nicht schickt«, meinte sie, mit den Beinen baumelnd wie ein Pensionskind.

»Ei, so rebellisch, Prinzeß?« sagte er, nur um etwas zu erwidern.

»Ich wollte, ich könnte die ganze Welt umkehren, mindestens aber Papas Herzogtum«, schmollte die kleine Durchlaucht, deren Begriffe von der Welt noch sehr vage waren. »Es ist gar nicht amüsant, Prinzessin zu sein, wissen Sie. Ich bin aber trotz der alten Drusen hinausgelaufen, denn der Trara, den sie drinnen über das dumme Lied machen, ist schrecklich. Sie taten ganz recht, auch zu entfliehen.«

Falkner antwortete nicht, wozu auch? Backfische machen sich gewöhnlich aus ernster Musik nichts, dachte er, und dabei fiel es ihm doch auf, daß er für die Elfe dort im Mondlicht keinen anderen Namen hatte als den, der jungen Mädchen dieses Alters geschmackvollerweise von der Welt gegeben wird.

»Das Lied ist ja recht hübsch«, fuhr die Prinzeß im Protektortone fort, »aber finden Sie einen Sinn darin? Es ist alles so unklar. Natürlich, Opernsängerinnen verstehen das alles furchtbar schlau vorzutragen, darin liegt's!«

Es war kein hübscher Ton und kein hübscher Blick, mit dem das naive fürstliche Backfischchen dort das Wort: »Opernsängerin« begleitete, und Falkner ward befremdet davon. War das Eifersucht, was so gehässig aus dem Kindermunde dort sprach –?

Drinnen ward wieder ein Akkord angeschlagen, und sie gingen hinein. Am Flügel saß der Erbprinz und sang, sich selbst begleitend, mit nicht großer, aber wohllautender und gut geschulter Stimme das Minnelied des ritterlichen Troubadours aus der »Satanella«:


»Ich hab' mir süßen Minnedienst erkoren –«


Prinz Emil sang der Schöpferin des Liedes zu Ehren, er sang nur für sie und tat es mit Feuer, und Dolores dankte ihm freundlich, als er geendet. Natürlich ward sie dann bestürmt, das berühmte Teufelinnenlied auf dem Scheiterhaufen zu singen, und sie tat es ohne Ziererei, aber sie fand zu ihrer Verwunderung, daß ihr das eigene Werk fremd geworden war.

»Ich habe Ihr Werk studiert und freue mich, daß ich seine Schöpferin kenne«, sagte Prinzeß Alexandra, als der kleine Kreis darauf zusammensaß und eine Erfrischung nahm.

»Denn ohne dieses Kennenlernen Aug' in Aug', möchte man denken, Sie glaubten selbst an ihre Satanella, die Sie ja unvergleichlich dargestellt haben sollen –«

»Hinreißend!« rief der Erbprinz dazwischen.

»Wer weiß, Durchlaucht, ob dem nicht so ist«, erwiderte Dolores fast schalkhaft.

»Doch, ich weiß es«, rief die Prinzeß. »Wir Frauen haben feine Ohren, und durch die Töne Ihres Teufelinnenliedes habe ich's herausgehört, daß Sie selbst an die ewige Schlange des Paradieses nicht glauben, sondern sie nur mit tiefem Sinn zur Darstellung brachten. Woher nur vermögen Sie bei Ihrer Jugend aus so tiefem Quell zu schöpfen?«

»Ich war als Kind immer allein und habe nachgedacht, wenn andere meines Alters spielten und träumten«, erwiderte Dolores einfach und dachte dabei der scharfen, schneidenden Worte, mit denen Falkner die zarte Frage der Prinzessin ausgesprochen.

»Das ist der Schlüssel des Rätsels«, rief der Herzog. »Wir hatten ihn schon in dieser Fassung vermutet. Denn trotzdem uns die Frühreife, die in Ihrem Werke liegt, anfangs befremdete, so fand meine Tochter doch mit echtem weiblichem Gefühl den sittlichen Wert heraus.« –

»Man sagte aber, die Musik sei herzlos, das Werk eines genialen Teufels«, entgegnete Dolores, unwillkürlich nach Falkner hinübersehend.

»Das sagte ich«, erwiderte er ruhig, die stumme Anklage, die in ihrem Blicke lag, bestätigend.

»O Sie Barbar«, rief der Erbprinz lebhaft. »Und was haben Sie zu Ihrer Verteidigung anzuführen?«

»Meine Überzeugung«, antwortete Falkner unbewegt.

»Das ist genügend«, sagte Dolores kühl – es war ihr sehr fatal, daß sie sich hatte hinreißen lassen, ihm zu zeigen, daß sein hartes Urteil sie verletzt habe.

Man machte später noch viel Musik, sogar Prinzeß Lolo setzte sich zum Flügel und begann das Spinnerlied von Mendelssohn, aber mitten darin, mit schalkhaftem Blick auf ihre Zuhörer, spielte sie nach einem überraschenden Übergang den Walzer von der schönen blauen Donau, rauschend, brillant, mit graziösem Wiegen ihres niedlichen Köpfchens.

»Das ist Musik, wie ich sie liebe«, sagte sie dann im Vertrauen zu Falkner. »Walzer sind meine Passion – ich wollte, das Leben wäre ein fröhlicher wirbelnder Tanz!«

Keppler hörte diese Worte und sah nach der Sprecherin hinüber, deren Ebenbild er zu malen berufen war. Er hatte bis jetzt vergebens nach einem festen Grundzug dieser schillernden Eidechsennatur gesucht, um ihn in ihrem Porträt aufzuprägen – was aber bleibt dem Maler als das einfache Kopieren der Natur, wo eine Seele den Ausdruck der Züge nicht vermittelt!

Dolores ward zum Abschied noch um ein Lied gebeten, und da sang sie Lassens herrliche Komposition zu Francois Coppés Gedicht, das Geibel so schön verdeutscht hat:


»Ich sprach zur Taube: Flieg und bring im Schnabel
Das Kraut mir heim, das Liebesmacht verleiht,
Am Ganges blüht's, im alten Land der Fabel!
Die Taube sprach: Es ist zu weit.

Ich sprach zum Adler: Spanne dein Gefieder,
Und für das Herz, das kalt sich mir entzog,
Hol einen Funken Glut vom Himmel nieder!
Der Adler sprach: Es ist zu hoch.

Da sprach zum Geier ich: Reiß aus dem Herzen
Den Namen mir, der drin gegraben steht.
Vergessen lernen will ich und verschmerzen!
Der Geier sprach: Es ist zu spät.«


Das erschütternde Lied, tiefergreifend gesungen, verklang, und die fürstliche Familie entließ ihre Gäste in derselben herzlichen Weise, wie sie von ihr bewillkommnet worden. Prinzeß Alexandra drückte Dolores aufs wärmste ihren Dank aus.

»Wir kommen nächstens, Sie zu besuchen«, fügte sie hinzu. »Und nun gute Nacht, liebes Kind. Ihr Wagen ist doch da?«

»Nein, Durchlaucht«, erwiderte Dolores, »ich ziehe es vor, in dieser herrlichen Mondnacht durch den Park zu gehen. Mein alter treuer Ramo begleitet mich!«

»Dann erlauben Sie mir, Sie zu begleiten«, rief der Erbprinz ritterlich und sehr bereitwillig. Oder mir, sprachen Kepplers Augen.

»Nein, nein«, wehrte Prinzeß Alexandra ab. »Der einzige, von dem die Baronin nachts durch den Park begleitet werden kann, ist ihr Cousin, Baron Alfred!«

Dolores trat einen Schritt zurück.

»Ich versichere Durchlaucht, daß Ramo mein bester, oft bewährter Schutz ist«, sagte sie abweisend.

»Und ich versichere Durchlaucht, daß ich jedenfalls den mir anvertrauten Ritterdienst zu Hochdero Befriedigung aus führen werde«, erwiderte Falkner und reichte Dolores den Arm, um sie hinauszuführen. Um die peinliche Szene nicht auf die Spitze zu treiben, nahm sie ihn an, und so schritten sie hinaus in die warme Mondnacht.

Prinzeß Alexandra sah ihnen lächelnd nach.

»Ein schönes Paar«, sagte sie, befriedigt darüber, daß sie ihren Bruder vor einem falschen Schritt bewahrt hatte.

»Aber Sascha, quelle idée, dem armen Baron diese brasilianische Dame aufzudrängen, die ihm doch sichtlich so unsympathisch ist«, rief Prinzeß Lolo stark entrüstet.

»Unsympathisch – Unsinn, Lolo«, sagte der Erbprinz wegwerfend; das Eingreifen seiner Schwester hatte ihn auch etwas erregt, obwohl er fühlte, daß sie damit im Recht gewesen.

»Wie ist es möglich, Antipathie zu fühlen, wo einem die Schönheit so siegend entgegentritt!«

»Du lieber Himmel, was für ein Aufheben von dieser rothaarigen Marmorstatue gemacht wird«, rief die kleine Prinzeß heftig, außer Atem vor innerem Zorn.

Prinzeß Alexandra stand noch immer in tiefem Sinnen. »Ein schönes Paar«, wiederholte sie, »schritten sie nicht dahin, wie füreinander geschaffen? Und doch scheinen sie nicht zueinander zu neigen. Aber wenn nach Shakespeareschem Ausspruch »aus einz'gem Hasse einz'ge Lieb« entbrennen kann – so wäre eine Lösung der Falkenhofer Frage nicht unmöglich!«

Zornglühend floh Prinzeß Lolo in ihr Schlafzimmer. Dort stand sie zitternd still, ehe sie nach ihrer Kammerfrau läutete.

»Er soll es wagen, sie mir vorzuziehen, diese hergelaufene Komödiantin«, schrie sie schluchzend in ihr Taschentuch hinein, »und sie, sie soll es wagen, ihn in ihren Netzen fangen zu wollen, die Füchsin – o Gott, ich bin doch entsetzlich unglücklich!« –

Indes schritt Dolores an Falkners Arm den Kiesweg entlang, auf zehn Schritt Abstand gefolgt von Ramo. Kein Wort fiel zwischen den beiden, und als sie an das Gitter kamen, das die Grenze von Monrepos bildete, löste sie ihren Arm aus dem seinen.

»Sie haben jetzt Ihrer Pflicht genügt, Baron«, sagte sie kühl, »gute Nacht!«

»Ich sagte bereits, ich würde Sie bis zum Falkenhof begleiten«, entgegnete er ruhig. »Sie werden also bis dahin meine Gegenwart ertragen müssen.«

Er sah, wie ein stolzer, abweisender Strahl in ihrem Auge aufblitzte und ihr schönes Gesicht in dem hellen Mondschein blasser wurde.

»Zu welchem Zweck?« fragte sie.

Falkner zauderte einen Augenblick.

»Die Prinzeß wünscht es –«

»Sie hätte es nicht gewünscht, wenn sie wüßte, daß ein Tete-a-tete mit Ihnen mir nur Kränkungen bringt, gegen die ich wehrlos bin«, unterbrach sie ihn stolz, sich zum Gehen wendend. Aber schon beim nächsten Schritt stand er neben ihr.

»Ich würde dennoch eine Nichterfüllung der mir auferlegten Pflicht vor der Prinzeß nicht verantworten können«, sagte er unbewegt.

Dolores unterdrückte das Wort auf ihren Lippen, und schweigend schritt sie vorwärts, in den träumenden, nachtdunklen Park hinein, und schweigend schritt Falkner neben ihr her.

»Glauben Sie nicht, Donna Dolores«, begann er nach einer Weile, »daß ich hier neben Ihnen gehe, um Ihnen neue Kränkungen zu bereiten. Im Gegenteil, ich benutze die einzige, mir günstige Gelegenheit zu einem Tete-a-tete mit Ihnen, um – um Sie zu fragen, ob Sie daran glauben, daß Frauen, schwer beleidigte Frauen vergeben können?«

»Was soll diese Frage?« klang es abweisend zurück. Es ward jetzt so dunkel unter den Bäumen, daß sie einander nicht mehr erkennen konnten, aber sie hörte, wie sein Atem schwer ging, gleichsam als müsse er die zu sagenden Worte aus tiefster Brust gewaltsam heraufholen.

»Ich habe Ihnen manches böse, kränkende Wort gesagt«, begann er endlich, »und ich will mich darum nicht entschuldigen, weil Sie vielleicht auch all diese Dinge, wie Vorurteile, getäuschte Hoffnungen, beleidigter Stolz nicht verstehen und als mildernd gelten lassen würden. Aber die Erkenntnis ist ein Gast, vor dem ein Ehrenmann die Tür nicht schließen darf, und darum stehe ich jetzt hier und frage Sie: Wollen Sie mir vergeben, womit ich Sie gekränkt?«

Es war sehr still geworden unter den im Nachtwind flüsternden Bäumen, denn Dolores antwortete nicht – sie hätte kein Wort über die Lippen gebracht. Und weiter schritten sie nebeneinander, und doch getrennt wie von einem reißenden Strom – dann wiederholte er seine Frage: »Wollen Sie mir vergeben, Donna Dolores, und wollen Sie vergessen, womit ich Sie gekränkt?«

Sie atmete tief auf. »Sie haben eine für Ihren Stolz schwere Frage getan«, erwiderte sie leise, »aber bei Gott, glauben Sie mir, es ist auch nicht leicht, mit einem aufrichtigen Ja zu antworten. Doch es sei, ich will's versuchen, ob ich vergeben kann, was Sie mir angetan – aber vergessen – nein, Herr von Falkner, es hieße meine Würde als Weib außer acht lassen und mich selbst in Ihren Augen wie in den meinen herabsetzen, wenn ich dazu bereit wäre. Verstehen Sie das?«

Sie waren herausgetreten aus der dunklen Allee, und nun stand sie vor ihm im hellen Mondlicht, die schlanke Gestalt im dunklen Gewande und schwarzen Schleier, durch den es von ihrem Haupt goldig schimmerte, und sie glich der Norne, der Schicksalsgöttin mit dem rätseltiefen, dunklen Auge in dem weißen Antlitz.

»Ja, ich verstehe es«, sagte er ergeben. »Verzeihen Sie also meine Frage, die Sie vielleicht aufs neue beleidigt hat.«

»Nein«, erwiderte sie kurz und fügte mit leichtem Spott hinzu: »Denn Sie meinten es gut und dachten vielleicht, wenn die Sonne Ihrer Gnade mir leuchtete, so genügte das, alle Schatten zu verscheuchen.«

Falkner wandte sich ab.

»Ich habe mich vor Ihnen gedemütigt, und Sie verspotten mich dafür«, sagte er bitter. »Ich hätte das wissen können!«

»Nein«, entgegnete Dolores mit tiefem Ernst, »ich spotte nicht über Sie, das wäre unedel, aber Sie müssen auch mir eine leichte Bitterkeit verzeihen – nach allem, was geschehen! Ist es Ihnen aufrichtig ums Herz mit Ihren Worten, so soll mich's freuen!«

»Es ist aufrichtig gemeint«, erwiderte Falkner, »mein Wort darauf!«

Da hemmte sie ihren Schritt und wandte ihm ihr schönes Antlitz voll zu.

»Ich glaube Ihnen«, sagte sie, »aber«, fügte sie stockend hinzu, »aber Sie müssen mir noch einen Beweis geben, wollen Sie?«

»Und welchen meinen Sie?«

»Nehmen Sie den Falkenhof zurück!« bat sie, fast schüchtern, stockenden Atems.

Falkner wich einen Schritt zurück und streckte abwehrend die Rechte aus.

»Kein Wort davon, Donna Dolores«, sagte er hart. »Sie würden mich nur beleidigen!«

»Aber der Falkenhof gehört von Rechts wegen –«

»Ihnen«, vollendete er ruhig und bestimmt. »Sie sind die rechtmäßige Erbin des Lehens, und keine Macht der Welt kann Ihnen das bestreiten. Daß man mich in völliger Unwissenheit dessen erzogen hat, fällt auf die zurück, die es besser wußten – mich müssen Sie für sehr – berechnend halten, daß Sie mir aufs neue anbieten, was ich nie anders als auf dem legalen, naturgemäßen Wege annehmen kann und werde.«

»Ich sagte es nicht in diesem Sinne«, erwiderte Dolores leise.

»Nein, vielleicht nicht«, entgegnete Falkner, wieder neben sie tretend, »ich will es als einen Beweis nehmen, daß Sie mir vergeben – aber bitte, sprechen Sie davon nicht wieder – niemals, Donna Dolores, ich bitte Sie im Namen des Friedens zwischen uns, den ich gern erhalten sehen möchte. Wollen Sie meine Bitte gewähren?«

»Ja«, sagte sie kurz.

»Und wird es Ihnen möglich sein, mir fernerhin mit milderen Gefühlen zu begegnen?«

»Vielleicht!«

Es fiel kein ferneres Wort zwischen beiden – schweigend erreichten sie endlich den Falkenhof.

Vor der Tür stand Doktor Ruß. Er rauchte eine Zigarre und genoß die schöne, warme Nacht. – Als er Dolores an der Seite seines Stiefsohnes, gefolgt von Ramo, daherkommen sah, machte er sehr erstaunte Augen.

»Ei, schönen guten Abend«, rief er ihnen entgegen. »Nun, liebe Dolores, Sie kommen unter guter Bedeckung heim. War dieselbe gegen die Bosheit der Menschen oder gegen die Waldgeister berechnet?«

»Gegen die Geister, natürlich«, erwiderte Dolores lächelnd.

»Nun, es gibt im Schlosse wie im Dorfe Leute, die ihre Seligkeit für die Existenz von Geistern in der alten Ruine und am Hexenloch verwetten würden«, sagte Falkner. »Ich glaube daran, seit ich vor ein paar Tagen dicht an dem unheimlichen Tümpel eine blondhaarige Gestalt sitzen sah, die einen Vergißmeinnichtstrauß band.«

»Ei, wie poetisch«, lächelte Doktor Ruß.

»Sie sahen die Gestalt natürlich um Mitternacht«, spottete Dolores.

»Nein, es war bei Sonnenuntergang, drunten im Dorfe läuteten sie das Ave, und in den Glockenklang hinein sang die Erscheinung ein seltsames, halb trauriges, halb verklärtes Lied.«

»Und dieses Lied hat es dir natürlich angetan, wie es im Volkston heißt?« sagte Doktor Ruß, der den Sinn in dem Abenteuer seines Stiefsohnes nicht recht ergründen konnte, indes Dolores sich bückte, ein paar schillernde Steinchen aufzuheben – es blitzte dabei verständnisvoll in ihren Augen auf.

»Ja, das Lied hat es mir angetan«, wiederholte Falkner fast träumerisch.

Da hob die Turmuhr im Falkenhof aus und schlug mit tiefem Klange Mitternacht. Dolores schreckte empor, warf die aufgelesenen Steinchen weit von sich und reichte Doktor Ruß die Hand.

»Gute Nacht«, sagte sie, »ich bin heute so müde. Gute Nacht, Baron!«

»Ei, warum stets so förmlich?« fragte der Doktor, ihre Hand festhaltend. »Alfred ist Ihr rechter Cousin, und Vettern tituliert man doch nicht so steif!«

»Cela dépends«, erwiderte sie leicht. »Aber«, setzte sie spöttisch hinzu, »vielleicht wächst nach unserem heutigen Mondscheinspaziergang par ordre de Moufti unsere gegenseitige Zuneigung dermaßen, daß wir uns nach hundert Jahren unbezwinglich gedrängt fühlen, uns per Cousin und Cousine anzureden. Man darf die erschütterndsten Weltereignisse nicht für unmöglich halten.«

»Sie können noch weitergehen und sagen: Vielleicht heiraten sich dereinst unsere Enkel«, sagte Falkner kalt, aber ein seltsamer Blick schoß dabei aus seinen Augen.

Dolores lachte hell auf, mit dem alten, klingenden Lachen vergangener Tage.

»Das wäre lustig«, rief sie. »Bis dahin sind Sie Minister, und dann tanzen Großpapa Exzellenz und Großmama Satanella ein Menuett miteinander!«

Noch ein spöttisches, leises Auflachen, und sie war im Hause verschwunden.

Der Heimweg nach Monrepos wurde Falkner kurz durch die Gedanken, die sich ihm im Kopfe kreuzten, und durch diese Gedanken klang immerzu jenes Lachen. Satanella! Mit diesem einen Worte hatte sie die von ihm selbst errichtete Grenzscheide zwischen sich und ihr wie mit eisernen Klammern befestigt.

»Sie ist doch herzlos und ohne Gefühl«, sagte er sich erbittert. »Habe ich mich darum vor ihr gedemütigt und abgebeten wie ein Kind, damit sie mich verspottet?«

»Satanella! Satanella!« rauschte es in den Zweigen, und ein Kauz, der über seinem Haupte mit schwerem Flügelschlag und im Dunkeln glühenden Augen hinwegflog, schrie mit schrillem Tone: »Satanella! Satanella!«

Da klang es plötzlich vor seinem inneren Ohr wie Glockenläuten, und er hörte eine süße Stimme ein einfach Lied singen vom Abendglockenklang.

»Sie hat recht, mir mit Spott zu begegnen«, sagte er weich. »Ich habe nichts anderes um sie verdient! Dreifach blinder Tor, der ich war, stolzverblendet mir selbst Trotz bietend, daß ich den warmen Herzschlag nicht durch das rote Kleid der Satanella hören wollte!«

So wirbelten und jagten sich ihm die Gedanken unaufhörlich, und der Schlaf floh ihn so hartnäckig, daß er endlich, dem bösen Mondschein ein Paroli zu bieten, sein Lager verließ, Licht anmachte und ein Buch hervorholte.

»Geibels Gedichte«, las er auf dem Titel. »Meinetwegen! Vielleicht dämpft die Poesie etwas das Fieber in meinen Adern.«

Er schlug das Buch, das er zum Vorlesen drunten im Salon erst gestern aus der Stadt erhalten hatte, aufs Geratewohl auf und las auf der ersten Seite, auf die sein Auge fiel, die Übertragung von Coppées Gedicht:


»Ich sprach zur Taube: Flieg und bring im Schnabel
Das Kraut mir heim, das Liebesmacht verleiht,
Am Ganges blüht's, im alten Land der Fabel!«


»Das ist ein Wort für mich«, sagte er sich leise, und dann las er die vierte Zeile dieser Strophe:


»Die Taube sprach: Es ist zu weit.«


»Zu weit«, wiederholte er und warf das Buch hin. Dann trat er an das offene Fenster und sah hinaus, bis der Mond hinter den Bäumen versank und ein opalbleiches Licht sich über die stille Welt verbreitete, bis ein siegender Strahl im Osten den Anbruch des jungen Tages verkündete.

Da überfiel ihn endlich die Müdigkeit, er schloß das Fenster und legte sich zur Ruhe.

»Satanella, Satanella!« hörte er draußen noch die eben erwachte Spottdrossel pfeifen. Dann träumte er, er flöge auf Taubenschwingen über Land und Meere, und von fern sah er am Ganges wundersame Blumen blühen, weiß und rosig, und in ihren Kelchen wiegten sich nebelhafte Liebesgötter. Da spannte er all seine Kräfte an, sie zu erreichen, aber die Fernen, die ihn noch trennten von der Erreichung seines Wunsches, wurden immer weiter und weiter – – – eine tödliche Ohnmacht überfiel ihn – er stürzte ins Meer hinab – –

»Es ist zu weit –!« sagte er, auffahrend von dem bösen Traume.

»Viel zu weit!« girrte eine Taube dicht am Fenster.



II.


Ich sprach zum Adler: »Spanne dein Gefieder,
Und für das Herz, das kalt sich mir entzog,
Hol einen Funken Glut vom Himmel nieder!«
Der Adler sprach: »Es ist zu hoch.«

E. Geibel nach Francois Coppée




Ein glühend heißer Junitag. Wolkenlos spannt der tiefblaue Himmel seine grandiose Kuppel über die liebliche Landschaft des Falkenhofes, kein Luftzug bewegt die Blätter und Zweige der mächtigen Bäume des Parkes. In der Luft schwirren nur die bunten Insekten des Sommers oder eine rastlose Schwalbe, denn die Singvögel sitzen tief in den Zweigen und zwitschern dort leise ihre Lieder – sie empfinden wie der Mensch die bleischwere Schwüle in der Luft und bangen vor dem Sturm und Wetter, das die Nacht vielleicht bringen wird.

Der Nachmittag war schon weiter dem Abend zugeschritten, als Dolores den Falkenhof verließ, um Kühlung im Parke zu suchen. Sie fühlte sich unbehaglich und verstimmt durch ein Gespräch mit Doktor Ruß, der gekommen war, beim Arrangement der Bildergalerie zu helfen.

Die Mitte dieses Raumes nahm jetzt ein mächtiger Tisch, bedeckt mit Prachtwerken aller Art, ein, und um ihn standen einladende, goldstoffbezogene Sessel. In den Ecken waren Palmgruppen angebracht, in denen weiße Büsten schimmerten, und an den roten Samtwänden hatte Dolores mit Hilfe des der Familiengeschichte kundigen Doktor Ruß die Porträts in zusammenhängenden Gruppen geordnet, wie dasselbe Jahrhundert sie zusammenbrachte. Die Mitte der Gruppe des siebzehnten Jahrhunderts nahm das schöne Bild der »bösen Freifrau« ein, und Dolores hatte es noch außerdem durch einen der Zeit entsprechenden kostbaren Rahmen ausgezeichnet.

Als alles fertig war und die helfenden Leute Leitern und Handwerkszeug hinausgeschafft hatten, sagte Doktor Ruß:

»So, das wäre geschehen – es ist nun wohl alles zum Empfang Ihrer fürstlichen Gäste bereit, liebe Dolores.«

»Ja«, nickte sie, »aber es war nicht dieser Gedanke, der mich leitete, als ich diese Neugestaltung der Bildergalerie plante. Es ist meine Absicht, das ganze Haus in dieser Weise einem kommenden Geschlechte herzurichten, und ich rechne dabei sehr auf Ihren Rat!«

»Wenn er Ihnen in der Tat von Nutzen sein kann, so gebe ich ihn nur zu gern«, sagte der Doktor, bescheiden die Augen niederschlagend. »Aber Sie sprachen mit soviel Sicherheit von einem kommenden Geschlecht und wissen doch, daß das Geschlecht der Falkner nur noch vier Augen zählt!« –

»Ja, ich weiß es«, entgegnete sie, immer noch mit der Musterung ihrer Wände beschäftigt, »aber man kann doch nur aus zwei Augen zählen – die meinigen gelten nichts, denn wenn sie sich schließen, so ist das von keinem Einfluß auf den Stammbaum.«

»Wer weiß«, bemerkte Ruß mit besonderer Betonung.

»Nein, gar nicht«, erwiderte Dolores ruhig, »ich beschließe das Geschlecht ja nicht, und Baron Alfred wünsche ich, daß er es den Traditionen entsprechend weiterführt. Ich bin als ganz unerwarteter Eindringling in der Erbfolge erschienen, und da eine Ablehnung derselben mir nichts helfen konnte, so will ich den Falkenhof so instand setzen, daß meine Nachfolger nicht über die Zeit meiner Lehnsherrschaft klagen sollen.«

Doktor Ruß sah sein Gegenüber prüfend an. »Sie sprechen, als hätten Sie große Eile mit dieser Instandsetzung«, sagte er lächelnd.

»Gewiß, denn ich weiß ja den Tag und die Stunde nicht, wann ich sterben werde«, erwiderte sie ruhig.

Der Doktor wiegte sinnend den Kopf hin und her.

»Nein, nein, wir wissen es nicht«, flüsterte er mehr als er sprach. »Aber nach menschlicher Berechnung ist der Tag noch fern. Nun, es ist ja immer gut, sein Haus zu bestellen!«

»Ja, und das ist die Freude, die ich an dem Besitz des Falkenhofes habe«, rief Dolores lebhaft. »Es soll alles in dem lieben alten Haus schön werden und bewohnbar!«

»Werden aber dazu die Einkünfte ausreichen?« fragte Ruß lächelnd mit lauerndem Blick.

Sie errötete über die undelikate Frage und wollte erst darüber hinweggehen, aber dann besann sie sich eines anderen.

»Die Renovationen werden aus meinen Mitteln bestritten, und die Einkünfte, die ich niemals berühren werde, lasse ich in Papieren anlegen«, sagte sie kühl mit dem langsam und nicht ohne Bitterkeit gesprochenen Nachsatz: »Es soll niemand sagen dürfen, daß ich auch nur einen Groschen verschwendet hätte.«

»O wie edel gedacht!« rief Ruß bewegt. »Aber beste Dolores, wem würde es einfallen, eine solche Anklage zu erheben? Ein jeder Erbe des Falkenhofes ist berechtigt, die Einkünfte zu verbrauchen, wie es ihm beliebt. Und besonders in Ihrem Falle sind solche Gedanken nicht am Orte, da es ja doch zu erwarten steht, daß nach dem in dem Testament des seligen Barons ausgesprochenen zarten Wunsche und dem von Alfreds Mutter, nicht erst zu reden von dem meinigen, der letzte Falkner und die Lehnsherrin vom Falkenhof eins werden am Traualtar, und –«

»Genug!« unterbrach ihn Dolores gebieterisch. Sie war aufgesprungen und stand jetzt ernst und bleich vor dem Doktor. »Ich hatte Ihnen mehr Zartgefühl zugetraut und gehofft, daß niemand mehr jenen Passus in dem Testament vor mir erwähnen würde. Ihre sowie Ihrer Gemahlin Wünsche haben keinen Einfluß auf meine Entschlüsse, und zum Glück auch nur einen verneinenden auf die des Baron Alfred. Er oder seine Kinder werden dereinst das Erbe antreten, um dessentwillen ich manche bittere Stunde gehabt habe –«

»Aber beste Dolores, Sie werden doch nicht glauben, daß wir Ihnen dasselbe nicht gönnen?« rief der Doktor im Tone gekränkter Unschuld. »Bedenken Sie doch auch nur, wie natürlich unsere Hoffnungen sind. Und wissen Sie, daß es eigentlich Ihre heilige Pflicht ist, dem Wunsch des Verstorbenen zu entsprechen, daß –«

»Ich wünsche keine Vorlesung über meine Pflichten von Ihnen«, unterbrach sie ihn kalt. »Und wenn Ihnen daran liegt, daß wir Freunde bleiben, so berühren Sie dies Thema nicht wieder – ich will es nicht. Streichen Sie dasselbe ein für allemal von Ihrem Wunschzettel und erinnern Sie sich gefälligst daran, daß ich Sie nicht zu meinem Gewissensrat ernannt oder gewünscht habe. Ich hoffe, wir verstehen einander jetzt!«

»Vollkommen! Ihre Wünsche lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig«, sagte Dokter Ruß sanft und mit gesenktem Blick. »Aufrichtigkeit ist die Grundlage der Freundschaft, liebe Dolores, und ich sehe zu meiner Freude, daß diese Theorie ein Grundzug Ihres Charakters ist. Halt – rief meine Frau drunten nicht nach mir?«

Wirklich klang es in scharfen Tönen: »Ruß! Ruß, wo bist du?« von unten herauf, und der Doktor benutzte diesen höchst willkommenen Grund seiner Entfernung zu einem gloriosen Rückzug. Er ergriff Dolores' Rechte und küßte sie ritterlich.

»Gestatten Sie mir diesen Zoll meiner Bewunderung« sagte er schmelzend und ohne es bemerken zu wollen, daß sie ihm ihre Hand heftig entzog. »Wahrhaft feste Charaktere, die den Wahlspruch ›L'état c'est moi‹ zu dem ihrigen gemacht haben, sind selten geworden in unseren Tagen! Leben Sie wohl, teure Freundin!«

Dolores wandte sich, mit Mühe ihren Zorn beherrschend, ab, und Doktor Ruß verschwand. Hätte sie draußen sein Gesicht sehen können, wie es sich augenblicklich verzerrte, wie die bebrillten Augen den Blick eines gereizten Panthers zurückschossen – es wäre ihr vielleicht bange geworden vor dem Gedanken, mit diesem Manne unter gleichem Dach zu wohnen.

Aber ein Mann wie Ruß gestattet sich kein Verweilen bei Gefühlsausbrüchen – sein Antlitz ward sofort wieder wie ehedem – sanft und freundlich.

Ruhe, Ruhe, gelobte er sich selbst. Adelheid darf nichts davon erfahren – sie würde den Falkenhof sofort verlassen wollen. Aber ich will es nicht und werde schon die Kraft finden, weitere Anmaßungen dieser Donna Dolores zu ertragen, denn sie hat die Macht und die Mittel, und ich stehe vis-á-vis de rien , ein armer Teufel! Wie sie auf mich herabsah – ich sollte mich wahrscheinlich vor den sprühenden schwarzen Augen fürchten! Nein, mein Goldfasanchen, du hebst mich nicht aus dem Sattel! Wir wissen jetzt, was wir wissen wollen, und im übrigen stehst du in meiner Macht.

Es ist schon so viel darüber gesagt worden, und wir armen, kurzsichtigen Menschenkinder haben schon so oft Grund gehabt, der Vorsehung dafür zu danken, daß sie den Schleier der Zukunft vor uns nicht lüftet, und doch, könnten wir manchmal anderen ins Herz schauen, so würde uns das Rätsel der Zukunft vielleicht leichter zu lösen sein und uns vor Ungerechtigkeit, Mißtrauen und – Unheil bewahren. Denn trügerischer als das Meer, das dich heute auf sanfter Welle wiegt, um dich morgen zu begraben, tückischer als die hölzerne Brücke, die über den Abgrund führt und innen morsch und verfault nur des Fußes harrt, dessen Schritt sie zerbricht und den Wanderer in schauerliche Tiefen stürzt, kränker als die blühende Rose, der tief im Kelche der Wurm nagt, und veränderlicher als Aprilwetter ist das Menschenherz.

Hätte Dolores in das Herz des Mannes sehen können, dem sie Gastfreundschaft gewährte, es wäre vieles anders geworden, vieles Leid wäre ihr erspart geblieben. So aber sah sie in seiner Indiskretion nichts als Neugierde und den natürlichen Drang, eine Ehe zu stiften, die von Vorteil für ihn und die Seinen war. Er hatte geglaubt, nunmehr genug Macht über sie zu besitzen, um mit ihr über das heikle Thema reden zu können, aber er hatte sich geirrt. In dieser letzteren Annahme täuschte sich Dolores nicht – Doktor Ruß hatte in der Tat geglaubt, einen geistigen Einfluß auf die Herrin des Falkenhofes auszuüben und durch seine Beredsamkeit auf sie wirken zu können.

Er hat sehr recht: l'état c'est moi! dachte Dolores mit stolzem Aufwerfen des Kopfes. Denn wenn er meinte, allmählich das Regiment auf dem Falkenhof an sich reißen zu können, indem er mich dominierte, so war das ein Irrtum dieses Mannes.

Übrigens empfand Dolores bei dem Gedanken, mit Ruß und seiner Frau fernerhin zusammen wohnen zu müssen, kein Behagen, aber was war dagegen zu tun? Sie konnte ihre Gäste nicht gehen heißen, und von selbst gingen sie eben nicht, trotzdem Falkner, wie sie wohl wußte, ihr Bleiben nicht billigte, und eine impulsiv erwiesene Freundlichkeit, zu der sie sich verpflichtet gefühlt, zog Konsequenzen nach sich, die sich gar nicht berechnen ließen und deren Ungeheuerlichkeiten niemand träumen konnte.

So kam es, daß Dolores verstimmt das düstere Haus verließ, um Sammlung unter den rauschenden Bäumen ihres Parkes zu suchen.

Unterwegs begegnete ihr Engels mit Knieper, dem Dächsel, der freudebellend auf sie einstürmte und das Übermaß seiner Gefühle in einem rasenden Rundlauf kundtat.

»Wie das kluge Tier Ihnen gut ist!« rief der alte Inspektor mit Bewunderung.

»Ja«, sagte Dolores, mehr traurig als bitter, »es ist das einzige Geschöpf auf dem Falkenhof, das mir freundlich wegen meiner selbst begegnet, das in mir nicht den Eindringling und den Usurpator sieht.«

»So? tue ich das etwa?« fragte Engels entrüstet in seiner derben Weise.

»Nein, nein! Sie sind ja mein einziger Freund hier!« rief Dolores, ihm die Hand reichend.

»Na, und Doktor Ruß, was ist der?« sondierte der Inspektor.

»Ach Engels, ich wollte, der wäre erst fort von hier!« seufzte sie mit einem Blick nach rückwärts.

»Hahaha, weht der Wind jetzt so?« sagte Engels und lachte, daß er sich schüttelte. »Na, Fräulein Dolores, ich unterschreibe ihm heute noch gern den Reisepaß. Wir beide, er und ich nämlich, wir waren einander nie sehr grün, wissen Sie! Na, seien Sie unbesorgt – ich werde ihm schon einmal mit dem Zaunpfahl winken!«

»Um Gottes willen, Engels! Er bleibt ja immer mein Gast, bedenken Sie das!«

»Ach, Papperlapapp, Fräulein Dolores«, rief der alte Inspektor verächtlich. »Sehen Sie, feine Winke versteht der Doktor Schlauberger ebensogut wie grobe, denn er ist mit allen Hunden gehetzt, der Blutegel der, aber feine Winke will er nicht verstehen. Für solche Leute ist der Zaunpfahl das einzige Mittel!«

»Nein, nein!« sagte Dolores abwehrend. »Ich möchte nicht, daß Baron Alfred in seinem Stiefvater beleidigt würde.«

»Baron Alfred? Der weiß ganz genau, was er von dem hochgelahrten Ästhetiker zu halten hat, darauf können Sie sich verlassen. Übrigens nehme ich alle Folgen auf mich!«

Damit trennten sie sich. Dolores ging weiter hinein in den Park. Engels umschritt den Falkenhof und traf richtig auf Ruß und seine Frau, die im kühlen Schatten des Nordflügels saßen sie strickend, er lesend.

»Guten Tag, mein lieber Engels«, rief Ruß herablassend, als die Hünengestalt des Inspektors vor ihm stand.

»Guten Tag, Frau Doktorin«, sagte letzterer, die Anrede des auf seinem Sitz verbleibenden Doktors nicht beachtend.

»Guten Tag«, gab Frau Ruß zurück. »Wollen Sie nicht Platz nehmen?«

»Auf einen Augenblick«, sagte Engels, sich setzend. »Ah«, setzte er mit affektiertem Staunen hinzu, »da sind Sie ja auch, teuerstes Doktorchen!«

»Gewiß, ich hatte bereits die Ehre, Sie zu begrüßen«, flötete Ruß zuckersüß.

»Sehen Sie mal an! Heißer Tag heute, nicht wahr?«

»Sehr«, stimmte Ruß bei, seine weißen Hände betrachtend.

»Es wird heuer eine reiche Ernte geben, wenn das Wetter so bleibt«, bemerkte Frau Ruß.

»Höchstwahrscheinlich«, sagte Engels. »Werden Sie zum Erntefest noch hier sein?«

»Höchstwahrscheinlich«, erwiderte Ruß, nicht ohne einen Anflug von Nachäffung, »insoweit ich als Mensch die Zukunft bestimmen kann!«

I du aalglatter Heuchler, dachte Engels, und setzte möglichst harmlos hinzu: »Da werden Sie wohl so um den Herbst herum abreisen?«

Ruß wechselte mit seiner Frau einen raschen Blick, und letztere wurde blutrot.

»Sind Sie von Dolores beauftragt worden, danach zu fragen?« rief sie scharf und mißtrauisch.

»Im Gegenteil«, erwiderte Engels ruhig. »Ich dächte, Sie müßten ihre Gastgeberin nun schon insoweit kennen, um ihr eine solche Kommission überhaupt nicht zuzumuten!«

»Also entsprang die freundliche Frage Ihren eignen Gefühlen?« flötete Ruß honigsüß. »Du hättest dir denken können, teure Adelheid, daß unsere liebe Dolores nach der Abreise ihrer Gäste zu fragen außerstande ist.«

»Das weiß der Himmel«, brach Engels los, »wenn Sie darauf warten wollen, so können Sie Ihr Leben hier in Ruhe beschließen!«

»Das wollen wir auch, denn eine Ablehnung ihrer Gastfreundschaft würde unsere süße Dolores nur beleidigen, und das liegt uns fern, nicht wahr, teures Weib?« sagte Ruß mit Salbung.

Engels erhob sich heftig.

»Meine Zeit ist um«, sagte er. »Komm, Knieper! Guten Tag, allerseits!«

Und damit ging er, gefolgt von seinem Hunde, der im Gehen seinem alten Feinde Ruß noch einmal die Zähne zeigte.

Fehlgeschossen! räsonierte Engels innerlich zornentbrannt. Es ist dem alten Schleicher weder zart noch grob beizukommen. Na wart, ich graule dich schon noch hinaus!

In Unwissenheit über die sofortige Attacke ihres Getreuen, setzte Dolores ihren Weg fort, aber das Gleichgewicht in ihrem Innern wollte nicht so schnell kommen, als sie gewünscht hatte. Zu der Erregung infolge des eben stattgehabten Gespräches trat außerdem noch der sie nicht verlassende Gedanke und die Erinnerung an jene Nacht, da sie an Falkners Seite von Monrepos nach dem Falkenhofe zurückging.

Was hatte er ihr gesagt? Er hatte sie gebeten zu vergeben, wo er sie gekränkt, aber hatte er das Bitterste zurückgenommen oder widerrufen? Nein, er hatte es nicht. Unter dem Gewande des Scherzes hatte sie ihm gesagt, was zwischen ihm und ihr stand, und die Kluft zwischen beiden war so tief als je. Sie hatten einander seit jener Nacht nicht wieder gesehen, wozu auch? Inzwischen waren Schingas dagewesen, ihren Besuch zu machen – der Graf hatte den Falkenhof in den kräftigsten Ausdrücken gelobt, die Gräfin hatte mit Entzücken den kostbaren Flügel probiert, und dann waren sie eben wieder fortgefahren, ohne bei Dolores ein wärmeres Gefühl zurückzulassen. Sie fühlte zwar eine gewisse Sympathie für die Frau, die, an die Verfeinerungen des Lebens gewöhnt, ihr Dasein an der Seite dieses rohen und ungebildeten Mannes durchschleppen mußte, bis der Tod sie erlöste. Dann aber fiel Dolores das fragwürdige, nachlässige Kostüm ein, in dem die Gräfin daheim ungeniert sich bewegte, und das Thermometer ihrer Gefühle für sie sank um mehrere Grade. So ist's aber in den meisten Fällen. Man muß die Menschen nicht beurteilen, wenn sie im Gewande des geselligen Verkehrs vor uns stehen, sondern man muß sie allein, bei sich selbst sehen, in ihren Gewohnheiten und Neigungen . Oder, wenn man sich seine Illusionen erhalten will, so muß man es nicht tun. Denn bekanntlich ist ein großer Mann nicht groß vor seinem – Kammerdiener, für den die physischen und moralischen Schlachten, die sein Herr gewann, zweierlei sind mit diesem selbst, für den der erkämpfte Lorbeer nichts ist als ein Blatt, das er als Soßengewürz schätzt. Das ist die Kehrseite der Medaille. Der Optimist läßt das schöne geprägte Stück aus samtner Folie vor sich glänzen und erfreut sich so sehr an dessen Schönheit, daß es ihm gar nicht einfällt zu schauen, was auf der anderen Seite ist. Der Pessimist läßt sich nicht blenden, er geht der Sache auf den Grund und wendet die Medaille um. Entdeckt er dort Schäden, Flecke und Unvollkommenheiten, dann ruft er Wehe über die ganze Welt und predigt ihre Verachtung, findet er die Rückseite aber ebenso tadellos wie die Vorderseite, dann bemüht er sich, der letzteren Flecke beizubringen. Der Glücklichere bleibt also der Optimist, nur daß er oft unrecht hat. Er wird uns aber auslachen, wenn wir ihm das sagen.

Dolores hielt sich nicht lange mit Gedanken über die Gräfin Schinga auf. Mit den vergehenden Spuren der Räder ihres Wagens verging auch ihr Anteil an dem Geschick dieser Frau, denn sie hatte genug zu tun mit den Geschäften des Falkenhofes, der Pflege der Musik und – mit sich selbst.

In ihrer Verstimmung erschien es ihr fast wie eine Erlösung, als sie plötzlich menschliche Stimmen hörte und unter einer Gruppe mächtiger Eichen die beiden Prinzessinnen, den Erbprinzen, Falkner und Keppler gewahrte. Prinz Emil ging ihr sogleich entgegen und bat um Erlaubnis, den heißen Nachmittag auf diesem kühlen Plätzchen verträumen zu dürfen, indem er zugleich um den Vorzug ihrer Gesellschaft bat.

»Es ist gut, daß Sie kommen«, sagte Prinzeß Alexandra herzlich, »denn es sollte eben eine Deputation abgeschickt werden, Sie zu holen.«

»Wir schwelgen in Natur und Poesie«, erklärte Keppler und deutete auf das Buch, das Falkner in der Hand hielt.

»Ponche romaine oder Gefrorenes von Walderdbeeren wäre mir lieber«, sagte Prinzeß Lolo mit echter Backfischmiene.

Alle lachten.

»Pfui, Lolo, wie prosaisch«, rief der Erbprinz entrüstet, »an Gefrorenes zu denken, während wir Heine und Scheffel lesen.«

»Oh, ich wette, ihr alle denkt auch daran, nur daß ihr's nicht sagt«, entgegnete die kleine Durchlaucht.

»Prinzeß haben einem vortrefflichen Gedanken Worte gegeben«, meinte Dolores, »und wenn die Herrschaften mir erlauben, mich für einige Minuten zurückziehen zu dürfen, so will ich den Waldgeistern unser allgemeines Bedürfnis nach Gefrorenem vortragen!«

Damit verschwand sie und ging nach dem Falkenhof zurück, um dort dem Koch Befehle zu erteilen. Auf dem Rückwege blieb sie an der Laube stehen, in der das Rußsche Ehepaar saß – er lesend, sie strickend, als hätte nie ein Engels ihre idyllische Ruhe getrübt.

»Die Herrschaften von Monrepos sind im Park«, sagte sie einfach, »vielleicht macht es Ihnen Vergnügen, auch ein wenig unter die Eichen zu kommen.«

»Danke – ich bin nicht hoffähig«, erwiderte Frau Ruß bitter.

»Es ist sehr freundlich von Ihnen, uns aufzufordern«, sagte der Doktor süß. »Vielleicht mache ich davon Gebrauch und komme nach!«

»Wie es Ihnen beliebt«, entgegnete Dolores und ging.

»Du wirst nicht gehen, Ruß«, rief die Doktorin heftig, als Dolores außer Hörweite war.

»Doch, mein Engel – ich bin dazu entschlossen«, erwiderte er sehr sanft.

»Wie?« rief sie erregt und immer schneller strickend, »wie, du willst eine Gesellschaft aufsuchen, die mich übersieht, mich, Alfreds Mutter? Bin ich in ihren Augen nicht hoffähig, so bist du's lange nicht.«

»Sehr richtig bemerkt von deinem Standpunkt aus, mein Herzchen«, sagte Ruß und schloß sorgsam sein Buch. »Ich von meinem point de vue aus bilde mir ein, daß die Herrschaften von Monrepos erst deine persönliche Bekanntschaft zu machen wünschen, ehe sie von dir Notiz nehmen können. Vielleicht ist deine Anschauung die richtige, aber ich werde so frei sein, nach der meinigen zu handeln!«

Auf diese Weise behielt der Doktor immer recht, ohne doch seiner Gattin unrecht zu geben.

Unter den Eichen hatte sich der kleine Kreis indes behaglich gruppiert, und Falkner nahm seine Lektüre wieder auf. Er hatte ein klangvolles, tiefes Organ und las mit Geschmack, und man lauschte aufmerksam dem waldesduftigen, hochpoetischen und mit köstlichstem Humor wie mit einem frischen Hauch durchzogenen Gesange vom Trompeter von Säckingen.

Dolores hatte die Hände im Schoß gefaltet und den Blick gesenkt, sie war so tief in ihren Gedanken versunken, daß Jung Werners und Margaretas Geschichte fast ungehört an ihr Ohr klang. Und so sah sie's nicht, daß aller Blicke sich mit verschiedenem Ausdruck auf sie richteten. Zurückgelehnt in ihren niederen, tiefen Gartenstuhl und so placiert, daß man ihr niedliches Füßchen im Goldkäferschuh mit himmelhohen Talons bewundern konnte, saß Prinzeß Lolo und ließ ihre Augen mit seltsam forschendem Ausdruck von Falkner zu Dolores und zurück wandern. Neben ihr saß Prinz Emil, dessen Augen mit träumerischer Bewunderung immer wieder auf die Gestalt der Schloßherrin vom Falkenhof zurückkehrten, indes der wohlwollende Blick der Prinzeß Alexandra in ihren bleichen Zügen zu lesen suchte. Besorgnis und Liebe sprach aus den Augen Kepplers, dem kein Wechseln des Ausdruckes in den Zügen von Dolores entging, und jedesmal, wenn er eine Seite des Buches umwendete, suchte Falkners Blick das schöne, marmorgleiche Profil, das sich scharf von dem grünen Hintergrund der Blätter abhob.

Die Lektüre ward endlich durch das Nahen der Diener unterbrochen, die den Tisch unter den Eichen mit atlasschimmerndem Damasttuch deckten und ihn mit allem besetzten, was man gern an heißen Tagen genießt – Gefrorenes, Erdbeeren aus Wald und Garten, Kirschen, die des Gärtners Stolz waren, kühle, dicke Sahne, und für die Herren ponche romaine in kleinen Kelchgläsern.

»Nein, Baronin, wie glücklich sind Sie doch, all das jeden Augenblick haben zu können! Bei uns gibt's nichts außer der Zeit«, sagte Prinzeß Lolo naiv und zwängte eine dicke Gartenerdbeere mit Rahm übergossen in ihr kleines Mündchen.

Alle lachten.

»Durchlaucht sind also sehr leicht glücklich zu machen«, bemerkte Falkner.

Sie warf ihm einen bedeutsamen Blick zu.

»Es kommt darauf an, von wem!« sagte sie errötend.

»Nun natürlich nur von einem, der neben Gefrorenem an Sommernachmittagen auch Diamanten und Perlen auf Ihren Lebenspfad streuen kann«, erwiderte Falkner leicht.

»Die Begriffe über Glück sind in der Tat verschieden«, meinte der Erbprinz lächelnd.

»Sehr«, sagte Dolores ebenso, »und der Mensch weiß es oft gar nicht, daß er glücklich ist. Prinzeß Eleonore hat mir mein Glück überhaupt erst klargemacht.«


»Willst du in die Ferne schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah!
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da!«


zitierte Prinzeß Alexandra halb ernst, halb scherzend, und reichte dabei Dolores eine Schale mit Fruchteis.

»Es ist da, aber inkognito«, erwiderte Dolores. »Wie soll man es da erkennen, Durchlaucht?«

»Nichts leichter als das – bei Ihnen nennt es sich der Falkenhof«, rief Prinzeß Lolo und setzte in ihrer naiven Art hinzu: »Ach du lieber Himmel, was wäre ich selig, wenn ich solch einen Besitz mein nennen könnte!«

»Man sehnt sich oft nach dem, was der andere hat«, bemerkte der Erbprinz.

»Und andere beneiden Durchlaucht wieder um Ihren Rang«, setzte Keppler hinzu.

»Ach, da ist etwas Rechtes zu beneiden«, rief die kleine Prinzeß verächtlich. »Ich weiß gar nicht, was die Leute Großes daran finden, wenn man eine apanagierte Prinzeß ist, die vielleicht einen apanagierten Prinzen findet und im besten Falle ihr Leben als Äbtissin eines gräßlichen Damenstiftes beschließt!«

»Nun, das brauchen Durchlaucht nicht zu fürchten«, sagte Keppler bedeutsam, während die anderen amüsiert lachten.

»Ich würde auch lieber einen Steineklopfer heiraten«, rief Prinzeß Lolo trotzig.

In diesem Augenblick kam Doktor Ruß wie en passant um eine Baumgruppe geschlendert, tat einen Moment wie überrascht und zog dann mit Grazie den Hut zum Gruß. Daß sein Erscheinen im geeigneten Moment erfolgte, das hatte er wohl berechnet, und das Fernrohr, durch das er alle Bewegungen des Kreises unter den Eichen beobachtet hatte, verbarg sich jetzt wohlweislich in seiner Rocktasche.

Die Gegrüßten dankten, und der Erbprinz sagte, zu Falkner gewendet: »Doktor Ruß vermutlich. Wollen Sie die Vorstellung übernehmen?«

Falkner kam mit nicht ganz freundlichem Gesicht dieser Aufforderung nach, und daß er es überhaupt mit guter Miene tat, geschah nur seiner Mutter wegen, deren gesellschaftliche Stellung er durch nichts erschüttert sehen wollte.

Was Ruß lange gewünscht, war ihm jetzt endlich erfüllt – er saß inmitten des exklusiven Kreises von Monrepos und war sich wohl bewußt, daß seine stattliche, vornehme Persönlichkeit und seine feinen, weltmännischen Allüren den besten Eindruck nicht verfehlen konnten.

»Es ist mir ein Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Doktor«, sagte der Erbprinz lebhaft. »Ihre gediegene wissenschaftliche Bildung und besonders das on dit, daß meine eigenen Studien bereits Ihr Interesse erregten, machten mir eine persönliche Begegnung besonders wünschenswert.«

Ruß verbeugte sich leicht, mit Selbstbewußtsein und Würde. »Dieser gnädige Wunsch Eurer Hoheit hätte durch meinen Stiefsohn leicht erfüllt werden können«, sagte er etwas scharf, was Falkner nicht beachtete, denn er fand es nicht nötig, irgendwelche Gründe oder Entschuldigungen für seine Unterlassungssünde anzuführen.

Der Erbprinz, der sehr wohl wußte, daß Falkner für den Mann seiner Mutter wenig oder nichts übrig hatte, ging ebenfalls über die Erwiderung des Doktors hinweg. »Ich hoffe sehr, Sie für meine Studien interessieren zu können«, sagte er, »falls Sie mir hin und wieder eine Stunde dafür schenken können.«

»Es kann von Schenken nicht die Rede sein, wenn Hoheit mir für die Zeit Gedanken geben«, erwiderte Ruß fein. »Ich weiß von mehreren meiner gelehrten Korrespondenten, daß Hoheit das Traumleben des Menschen sich zum Studium gemacht – für dieses Thema dürfte Baronin Dolores eine aufmerksame Hörerin sein –«

»Ist es möglich?« rief der Erbprinz erfreut. »Ich dachte nicht, daß diese Mysterien eine Anziehungskraft für Sie hätten, Baronin?«

»Ich fragte Doktor Ruß einmal, ob er an Träume glaubt, und er antwortete mir mit Ihren Theorien, mein Prinz«, entgegnete Dolores und fügte hinzu: »Es würde wirklich von Wert für mich sein, ein wissenschaftliches Urteil über Träume zu hören.«

»Urteile, Baronin? Wir haben nur Vermutungen, die wir auf Psychologie basieren«, erwiderte Prinz Emil. »Sie hatten also Träume, deren Ursprung Ihnen rätselhaft erscheint?«

»Ja«, sagte Dolores zögernd. »Das heißt, ich nenne es einen Traum!«

»Und den haben Sie im Falkenhof geträumt?« mischte sich Falkner in das Gespräch.

»Ja«, sagte sie, abermals zögernd.

»Oh, davon sagten Sie nichts«, rief der Doktor überrascht.

»Nein – und ich möchte auch nicht gern davon sprechen – wenigstens jetzt nicht, heute nicht!« erwiderte Dolores mit leisem Schauer und gedämpftem Ton.

»Nein, wir sprechen ein andermal davon, Sie, mein Bruder und ich allein, nicht wahr?« sagte Prinzeß Alexandra, die schweigend zugehört und wohl gesehen hatte, daß Dolores von einer Erinnerung heftig bewegt wurde.

Inzwischen war die heiße Sommersonne hinter den Bäumen hinabgesunken, und es wurde Zeit, nach Monrepos zurückzukehren. Langsam brach man auf und schlenderte, in zwei Gruppen geteilt, durch den Park der Grenze zu, begleitet von Dolores, durch deren Arm Prinzeß Alexandra den ihren schlang. An ihrer Seite schritt Falkner, neben Dolores Keppler. Voran gingen der Erbprinz, seine jüngste Schwester am Arm, und Doktor Ruß, der das Prinzeßchen durch seine Redegabe und Eingehen in ihre Gedanken ganz zu bestricken schien.

»Das ist der einzige Mann, mit dem man ein ernstes Gespräch führen kann«, erklärte sie später ihrem Bruder schmeichelhafterweise zu dessen großer Belustigung.

»Dieser Park ist wirklich herrlich«, sagte Prinzeß Alexandra und blieb stehen. Sie schaute mit schönheitstrunkenem Blick über das samtgleiche, smaragdgrüne Bowling-green, das sich weit vor ihnen ausbreitete, nach den frischgrünen Baumgruppen, deren Kolorit so prächtig abgetönt wurde durch die sich darein vermischenden dunklen Tannen und braunroten Blutbuchen, die sich wiederum von dem goldgetönten Abendhimmel in weichen Umrissen abhoben.

»Ja, es ist ein einzig schöner Fleck Erde«, erwiderte Falkner fast bewegt, und es traf ihn ein Blick von Dolores, den er verstand und den er also zu deuten wußte: Er konnte dein sein, dieser Fleck Erde, aber du hast ihn verschmäht, weil meine Hand ihn dir bot.

»Schon seit Jahren erfreue ich mich Sommer für Sommer an diesem Buen Retiro. Wie süß für Sie, Baronin, mit jener Königstochter sagen zu können:


This plot of ground I call my own,
Sweet with the breath of flowers.
Of memory of pure delights
And toil of summer hours.


Und wissen Sie, daß ich nur den Park und nicht den Falkenhof kenne? Sie müssen mich einmal in dem alten Hause umherführen und mir alles zeigen!«

»O wie gern«, rief Dolores, der die freundliche Art der Prinzeß immer zu Herzen ging, weil sie von Herzen kam. »Ich warte nur auf den Tag, der mir die Ehre bringt, meine hohen Nachbarn von Monrepos als meine Gäste im Falkenhofe zu begrüßen.«

»Unter den Klängen des Tannhäusermarsches«, sagte Falkner nicht ohne Spott.

»Eine gute Idee«, meinte die Prinzeß harmlos. »Sie sollen nicht lange zu warten brauchen, edle Schloßherrin!«

»Noch eh' ich den Falkenhof verlasse?« fragte Dolores eifrig.

»Sie wollen den Falkenhof verlassen?« Es waren drei Stimmen, die es gleichzeitig fragten.

»Ja«, erwiderte sie leise, aber fest.

»Nun, aber doch nicht für immer«, meinte die Prinzeß lächelnd.

»Doch, für immer«, sagte Dolores.

»Sind Sie europamüde?«

Dolores sah erschreckt auf. – War es wirklich Falkners Stimme, die diese Frage getan?

»Nein, aber ich bin des Falkenhofs müde«, sagte sie unsäglich traurig. »Was soll ich auch hier? Engels wird das Lehen verwalten – in besseren Händen könnte es nicht sein!«

»Und Sie selbst, wohin werden Sie gehen?« fragte Prinzeß Alexandra teilnehmend.

»Ich weiß es noch nicht, Durchlaucht!«

»Die Kunst ruft Sie, die Auserwählte, gehorchen Sie dieser Stimme!« rief Keppler. »Sie können noch so viel Gutes schaffen und Schönes, es wäre Sünde, wollten Sie das Pfund vergraben, das Gott Ihnen gegeben hat!«

»Nein, nein«, rief die Prinzessin, »bleiben Sie! Sie sind zu jung, zu gut für das Leben auf der Bühne, wo niemand Sie vor Verleumdung schützen kann –«

»Durchlaucht, das tut auch hier niemand«, erwiderte Dolores bitter. »Die höchsten und edelsten Frauen haben mich gern in ihre reinen Kreise gezogen, so lange ich mich Dona Falconieros nannte, und meinen Ruf hat die Verleumdung nicht anzutasten vermocht, das ist die vornehmste Mitgift, die Gott mir für dieses Leben gegeben. Was Weh ist und Schmerz und Ungerechtigkeit, das hab' ich erst hier kennengelernt!«

Die Prinzessin umarmte Dolores und küßte sie auf die bleiche Stirn. »Ich weiß, daß Sie gut sind und edel«, sagte sie, »ich weiß, daß kein Flecken auf Ihrem Rufe heftet – hätte ich sonst Ihre Nähe gesucht? Denn wir Fürstinnen sind den Blicken der Welt ebenso ausgesetzt wie die Künstlerinnen und müssen den Schein in allem zu meiden suchen. Man muß nur die höchste Meinung von dem Berufe haben, zu dem wir ausersehen sind, dann ist ein Abirren von dem rechten Pfade unmöglich!«

»Ich kann's bezeugen, daß Donna Dolores ihre Kunst für allzu heilig hält, um sie zu entweihen«, sagte Keppler warm, »und wenn es eine würdige Priesterin dafür gibt, so verdient sie diesen Namen – dafür will ich einstehen zu jeder Zeit!«

»Ich danke Ihnen«, erwiderte Dolores leise.

Falkner hatte kein Wort mehr gesprochen – er stand abgewendet und betrachtete aufmerksam die flockigen Blüten eines Perückenbaumes am Wege.

»Was sagen Sie zu dem Entschlusse Ihrer Cousine, lieber Baron?« fragte die Prinzeß.

»Ich, Durchlaucht?« Er sah gleichgültig aus. »Ich habe ja gar kein Recht, etwas zu sagen.«

Sie gingen schweigend weiter, bis die Prinzeß wieder fragte: »Und wann wollen Sie von hier scheiden?«

»Ich weiß es noch nicht, Durchlaucht, vielleicht sehr bald, vielleicht erst zum Schluß des Sommers. Ich glaube, das Rasten tut mir gut, aber ich fürchte das Rosten. Es bedarf in der Tat aller meiner Energie, um nicht, wie Herr Olaf auf der Erlenhöhe, so lange zu träumen, bis es zu spät wurde für den Träumer.«

»Nun, ich übernehme es, dafür zu sorgen«, rief die Prinzessin lebhaft. »Wir wollen einander oft sehen, nicht wahr? Wir wollen alles besprechen, was uns interessiert. Sie sind doch unsere Verbündeten, meine Herren?«

»Mit Enthusiasmus, Durchlaucht, für solchen Zweck« erwiderte Keppler warm.

Falkner antwortete nur mit einer stummen Verbeugung.

Am Gitter von Monrepos sagte man sich Lebewohl. Der Herzog stand hier, eine große Menge Bast im Arme, ein Okuliermesser in der Hand, und bedauerte lebhaft, den netten Ausflug versäumt zu haben. Und dabei sah er so einfach, so glücklich und harmlos aus, daß es fast rührend war. Es drückt eben nicht jede Krone die Stirn ihres Trägers. Ob daran die Krone oder die Stirn die Schuld trägt?

»Der gute Herzog, es ist ein Glück für ihn, daß er nichts, rein nichts von einem Prometheus in sich hat«, meinte Doktor Ruß, als er an Dolores' Seite dem Falkenhof zuschritt.

»Halten Sie das wirklich für ein Glück?« fragte sie träumerisch. »Ich meine, es ist eine schöne Aufgabe, das göttliche Feuer vom Himmel herabzuholen und Großes damit zu schaffen.«

»Trotz des sicheren Gefühls, gefesselt wie Prometheus an den starren Felsen der Unduldsamkeit von dem Adler der öffentlichen Meinung zerfleischt zu werden?« fragte Ruß.

 »Trotzdem, ja, denn das einmal errungene Feuer gibt die Kraft des Ertragens.«

»Nun ja – chaque homme porte en lui un Prométhée créateur rebelleet martyr«, zitierte Ruß jene gekrönte Dichterin Carmen Sylva, die uns so rührend und wahr die Geschichte vom Leiden geschildert hat, weil es ihr mitgegeben ward auf ihren Lebenspfad.

In jener Nacht tönten noch lange die Klänge einer herrlichen Stimme, eines meisterhaft gespielten Flügels aus den Mauern des Falkenhofes hinaus in die warme Sommernacht, die fernes Wetterleuchten magisch durchzuckte. Schmelzend, jauchzend, todestraurig und erschütternd klang die wunderbare Stimme hinaus und verklang fern im Säuseln der Nachtluft in den Bäumen.

»Unsere Baroneß singt doch schaurig schön«, meinte unten Mamsell Köhler in der Bedientenstube, »aber es ist nicht mein Fall! Wenn sie lange so fortsingt, wird sie nicht alt – überhaupt«, und sie senkte die Stimme zum Flüstern, »überhaupt – sie hat zusammengewachsene Augenbrauen – das ist ein böses Zeichen. Hört ihr's – das klang fast wie ein Schrei, daß es einem durch Mark und Bein geht. Nein, da lobe ich mir doch die Lieder, die man zu meiner Zeit sang: ›Guter Mond, du gehst so stille‹ und ›Als ich auf meiner Bleiche –‹. Da lag doch das Gemüt drin, aber die Lieder, die Baroneß singt – hu, das ist ja das reine Teufelswerk.«

Darauf erzählte die Beschließerin ihren aufmerksamen Zuhörern leise und vertraulich, daß ihre Herrin auf dem Theater als leibhaftiger Teufel aufgetreten wäre, und meinte, um so etwas zu tun, müßte man sich schon halb dem Gottseibeiuns verschrieben haben.

»Na, einen Pferdefuß hat sie nicht«, sagte Christel, der zweite Diener, der das Putzen der Schuhe besorgte.

»Aber die roten Haare –!« flüsterte die Köchin.

»Und der schwarze Unhold, die Tereza!« fügte das Küchenmädchen hinzu.

»Und der Ramo, das ist so ein großer, brasilianischer Menschenaffe aus Amerika, den der Böse sprechen gelehrt hat«, meinte der Groom.

In diesem Augenblicke schrie die weise Versammlung laut auf, denn der ehrliche Ramo stand plötzlich unter ihnen – sie hatten in ihrem Eifer sein Kommen nicht gehört.

»Bagage«, sagte er in seinem gebrochenen Deutsch verächtlich. »Nennen arme Tereza Unhold und Ramo Affe, weil beide nicht mit auf die Herrschaft schimpfen, wie undankbares Volk, das ihr alle seid. Meinetwegen! Wer aber gegen Herrin Mucks sagt, soll an mich denken!«

Damit statuierte er an dem ihm zunächst stehenden Groom ein Beispiel in Gestalt einer kräftigen Ohrfeige, und mit einem sprechenden Blick auf die etwas verlegen gewordene Mamsell Köhler entschwand der treue Diener wieder dem Küchenforum, das eigens in der Welt zu bestehen scheint, damit eine gute Meinung über Herrschaften nicht um sich greift.


* * *


Wenn man die Menschen nach ihren Charakteren in Gruppen einteilen und sortieren wollte mit einer ganz besonderen Abteilung für die »Originale«, so wäre es doch eine Sisyphusarbeit. Freilich, mit den Dutzendmenschen wären wir bald fertig, aber auch sie bergen Tiefen, die wir nicht ergründen können, und mit dem Sortieren in »Haustyrannen«, »Salondamen«, »Bonivants«, »Bösewichter« und so weiter würden wir nicht weit kommen, besonders wenn wir entdecken, daß die »komische Alte« plötzlich unverkennbar zum Fach der »Heldenmutter« gehört.

Wir hörten von einem Sonderling, der über alle Bekannten, um deren wirklichen Charakter kennenzulernen, Buch führte, das heißt er trug ihre Namen in ein Buch ein, dessen Seiten mit den verschiedensten Charakteristiken überschrieben waren. Fand er einen Irrtum hierin heraus, so ward der Name ausgestrichen und auf eine andere Seite, in einer anderen Rubrik eingetragen. Auf diese Weise suchte er zum Menschenkenner zu werden – aber er schöpfte seine Erfahrungen mit einem Siebe in ein Faß ohne Boden wie die Danaiden. So hatte er unter anderen den Namen eines Herrn N. N. nach der ersten Bekanntschaft mit demselben unter »Angenehmer Gesellschafter« eingetragen. Nach späteren Erfahrungen konnte er ihm dieses Prädikat zwar nicht nehmen, aber er klassifizierte ihn auch noch in den Rubriken »Selbstlos« und »Großmütig«. Nach einiger Zeit fand er sich veranlaßt, besagten Herrn noch in den Abteilungen: »Guter Stiefvater« und »Mustergatte« zu nennen, außerdem aber noch seinen Namen unter »Gelehrter« einzutragen. Daß diesen Eigenschaften noch die eines »wahrhaft frommen Christen« hinzutrat, kann uns nicht wundern, aber ein plötzlicher Umschwung veranlaßte den Buchführer, diesen edlen N. N. mit einemmal in der Rubrik: »Doppelzüngig« zu nennen. Dann konnte man ihn auch unter »Erbschleicher«, »Händelstifter« und »Halunke« lesen, und zuletzt stand er so ziemlich auf jeder Seite von des Sonderlings Charakterthermometer, der darauf sein Buch verbrannte und kein zweites mehr führte – es war ihm verleidet worden. Er hatte es sich so hübsch und amüsant gedacht, jedes Menschen Empfinden von ihm ablesen zu können wie von den weißen Blättern seines Buches, und sich nicht überlegt, daß ein Mensch nicht einfach unter der Firma »Mustergatte« oder »armer Dulder« umherlaufen kann, als ob dieser ihm durch eigenes oder anderer Zeugnis aufgedrückte Stempel für sein Dasein genügte und charakteristisch wäre.

Der Mensch ist ein Teil des verschleierten Bildes von Sais, und nicht jeder verträgt den Anblick der Wahrheit, sei es, daß er sie im Herzen anderer oder im eigenen Herzen entschleiert.

Alfred Falkner hatte immer viel auf seine Prinzipien gehalten, ja, er hatte dieses Steckenpferd nicht ohne eine gründliche Dosis Hochmut geritten und geglaubt, der Untergang der Welt würde ihn auch nicht um eines Haares Breite von dem gewohnten Pfade ablenken können. All diese Grundsätze, die er unter dem Schilde des ›Noblesse oblige‹ vereinigte, waren tadellos und hochgemutet, aber sie auf den Punkt zu erfüllen, bedurfte es mehr als menschlicher Kraft, die von vielen mit dem Eigensinn, der freilich oft mehr vermag als moralische Kraft, verwechselt wird.

Hätte man Falkner vor Jahresfrist gesagt: »Ehe du um zwölf Monde älter bist, wirst du eine wehrlose Frau tödlich beleidigen, weil sie einem Berufe angehört, mit dem du nicht einverstanden bist, und weil sie die Erbschaft gemacht auf die du gerechnet hattest« – so hätte er überlegen geantwortet: »Das ist unmöglich. Denn einmal greift ein Kavalier Wehrlose, besonders aber Frauen, nicht an, und was die Gründe anbetrifft, so verbietet mir ersteren meine Bildung, und über dem zweiten glaube ich zu hoch zu stehen. Große materielle Verluste vermögen wohl zu enttäuschen, aber sie können den Gebildeten nicht zu Ungerechtigkeiten verleiten, eben weil sie materiell sind.«

Nun gab es stille, einsame Nachtstunden und bittere Momente bei Tage, in denen Alfred sich selbst die Frage vorlegte: Wie hast du deine Vorsätze erfüllt? Und die Antwort war tief demütigend. Homo sum!

Dann hatte er ihr sein »Pater peccavi« gesagt, und abermals mußte er erfahren, daß solche Klüfte, wie zwischen ihm und Dolores lagen, sich nicht mit ein paar Worten überbrücken ließen. Der Abgrund hatte sich so viel verengert, daß sie einander darüber hinweg die Hände reichen konnten, wenn sie sich dazu überwanden – und das war alles.

Daß er mehr davon erwartet hatte, kann nicht geleugnet werden, und neben der getäuschten Hoffnung kostete er die bitteren Früchte, die sein Tun gezeitigt: die Gleichgültigkeit, die ihm Dolores zeigte, denn diese Maske trug sie so täuschend und so überzeugend, daß es niemand eingefallen wäre, an eine Maske zu glauben. Und nun wollte sie fort – den Falkenhof verlassen – vielleicht, um nach Brasilien zurückzugehen. Hoffentlich nach Brasilien, dachte er, und es überkam ihn wieder und wieder der heiße Wunsch, sie möchte Kepplers Zureden nicht nachgeben und zur Bühne zurückkehren. Hätte er gewußt, daß sie selbst gerade vor diesem Gedanken zurückschrak wie vor einem unübersteigbaren Berge – es hätte ihn wesentlich beruhigt. Denn wenn er ja auch schließlich so weit gediehen war in seiner Überzeugung, daß er anerkennen mußte, wie rein und tadellos sie während ihrer Künstlerlaufbahn gewesen, daß sie wie »eine Lilie im Staube« kühl und königlich gestanden in der heißen, trügerisch gleißenden Atmosphäre des Scheins und des Truges, so war ihm der Gedanke, sie wiederum dort zu sehen und zu wissen, doch unsäglich widerwärtig. Zugegeben, daß dabei eine gründliche Dosis Falknerschen Familienstolzes mitsprach, jenes Stolzes, der im Exklusiven seine Befriedigung sucht, so überwog dabei doch jene Sorge, die der Gärtner für seinen Pflegling empfindet, wenn er ihn in ein ihm unzuträgliches Erdreich verpflanzt sieht und davon nur Welken, Verderben oder Dahinkränkeln voraussehen kann.

Unklar freilich war er sich selbst in seinen Gefühlen für Dolores nicht mehr. Er log sich nicht mehr vor, daß sie ihn anzog, weil sie ihn abstieß, denn solche Selbsttäuschungen mußten früher oder später einmal weichen wie Herbstnebel im Sonnenlicht. Und in dem Lichte dieser Erkenntnis sagte er sich ohne Wenn und Aber, daß Dolores Falkner begehrenswert für ihn sei vor allen Frauen und Mädchen der Welt. Und mit derselben klaren Einsicht sagte er sich, daß er keine Chance mehr habe, sie zu gewinnen, daß er verspielt habe für alle Zeit. Nun liegt es aber in der Natur des menschlichen Herzens, daß es sich selbst widerspricht, das heißt, daß es dem kühler wägenden Verstande Plädoyers und in das Gewand »Möglichkeit« gekleidete Bitten entgegenstellt. Und da Alfred Falkner trotz seines starken Geschlechts nebenbei auch noch ein Mensch, ein Sohn Adams war, so flüsterte ihm sein Herz zu: Vielleicht gewinnt ein treues Werben zurück, was du verscherzt; wogegen der Trotz ihm zuflüstert: Es ist besser so – mag denn getrennt bleiben, was nicht zueinander gehört. So ist denn der Mensch stets widerstreitenden Gefühlen ausgesetzt, wenn er im Kampfe steht mit seinem Herzen, und nicht alle laufen ein nach dem Seelensturme in den Hafen der Glückseligkeit, in dem alles sich klärt durch den Besitz eines inneren Glückes, von dem wir wissen, daß es unser ist und bleibt bis an die Pforten des Todes. Es gibt überhaupt wenig Menschen, die mit ihren Gefühlen stets im reinen und klipp und klar sind, die Herz und Verstand stets im Gleichgewicht halten und durch die Stürme des Lebens schiffen unversehrt und unbewegt! Ob diese aber zu beneiden sind, möchte ich bezweifeln, denn


Wer nicht gelitten hat, hat nur halb gelebt,
Wer nicht gefehlt, hat wohl auch nie gestrebt,
Wer nie geweint, hat halb auch nur gelacht,
Wer nie gezweifelt, hat wohl kaum gedacht.


Am Tage nach dem improvisierten Gartenfest ging Dolores hinüber nach Monrepos, um den kleinen Hof nach dem Falkenhof einzuladen. Der Herzog, der ihr selbst die Gartenpforte öffnete, da er die lebende Hecke von Taxus beschnitt, nahm die Einladung sogleich und ohne alle Umstände an und führte seinen Gast nach der Veranda, auf der der übrige Kreis beim Fünfuhrtee versammelt saß. Auch Prinzeß Alexandra beantwortete die vorgetragene Bitte der »Fräulein Nachbarin« freundlich bejahend, und als die Herrin vom Falkenhof dann nach einer genommenen Tasse Tee sich wieder empfehlen wollte, führte die Prinzeß sie erst in ihr Zimmer unter dem Vorwande, ihr dort eine Zeichnung zeigen zu wollen. Prinzeß Alexandra hatte, wie alle anderen, nur ein Schlaf- und Wohnzimmer zur Verfügung, denn Monrepos war nicht groß genug, um selbst den Besitzern eine größere Zimmerflucht für ihren Privatgebrauch zu gewähren. Die herzogliche Familie bewohnte das Hochparterre, darin auch die Gesellschaftsräume lagen, während der Oberstock die Zimmer für das Gefolge, die Gäste und Dienergelasse barg. Das Wohnzimmer der Prinzeß Alexandra war ein sehr behaglicher Raum, der alles enthielt, was seiner Bewohnerin besonders lieb und traut war – ihre Bücher, Malutensilien, Handarbeiten, denen sie einen besonders künstlerischen Reiz zu geben vermochte. Nachdem sie Dolores die Zeichnung gezeigt, von der sie vorher gesprochen, zog sie den Gast neben sich auf einen Diwan und ergriff die beiden Hände desselben.

»Liebes Fräulein von Falkner«, sagte sie herzlich, »Sie müssen mir's nicht übelnehmen, wenn ich mir heute nach unserer kurzen Bekanntschaft erlaube, ein Thema vor Ihnen zu berühren, ohne daß Sie mir das Recht geben, es zu tun. Aber sehen Sie, es gibt Menschen, zu denen man sich so mächtig hingezogen fühlt, daß man die konventionelle Mauer, die das Gesetzbuch der Gesellschaft um uns errichtet, einfach umgeht, um dem begehrten Ziele näherzutreten. Und zu diesen Menschen gehören Sie!«

»O Durchlaucht, wodurch habe ich diese Güte verdient?« erwiderte Dolores, im Innersten warm berührt.

»Sie müssen nicht Güte nennen, was Überzeugung ist«, rief Prinzeß Alexandra mit der nämlichen Herzlichkeit. »Und Sie haben wirklich mein sehr vorsichtig tastendes Herz im Sturme erobert. Darum also verzeihen Sie mir ein offenes Wort, das ich gern sprechen möchte, weil Sie mich gestern erschreckt haben. Sie wollen den Falkenhof verlassen?«

»Ja, Durchlaucht. Was soll ich hier?«

»Den Falkenhof verlassen, um zur Bühne zurückzukehren?« fragte die Prinzeß ernst.

»Ich weiß es noch nicht«, erwiderte Dolores wie gestern.

»Zieht es Sie dahin zurück –?«

»Durchlaucht, diese Frage habe ich mir schon selbst vorgelegt und nicht beantwortet«, gestand Dolores ehrlich. »Ich kann darauf nur sagen: Ich weiß es nicht. Und das ist vielleicht unrecht, denn ich habe meinen Beruf geliebt –«

»Und der Beifall der Menge hat Sie berauscht«, ergänzte die Prinzeß. »Und das süße Gift ist Ihnen in das Blut gedrungen und reißt Sie zurück auf die Bretter, auf denen es jeder wagen darf, Sie zu kritisieren, Sie mit Schmutz zu bewerfen. Dolores, wissen Sie, daß der Gedanke, Ihre Wangen sollen wiederum ekelhafte Schminke bedecken, Sie sollen jeden Abend einem Tenor oder Bariton Liebeslieder zusingen, daß dieser Gedanke mir wehe tut?«

Und die Prinzeß legte ihren Arm um Dolores' Schultern, die blaß und regungslos dasaß.

»Nein, gehen Sie nicht dahin zurück, wohin Sie nicht passen«, fuhr die Prinzeß fort, mit weicher, bittender Stimme. »Was wollen Sie von der Menge? Was wollen Sie auf den Brettern, deren verdorbene, von Miasmen durchsetzte Luft so leicht moralisch tötet? Auch Ihre gesunde Natur kann unterliegen. Und Sie werden trotz Ihres reinen Herzens genug gesehen haben, um zu verstehen, was ich meine!«

»O ja, denn in der kurzen Zeit meiner Künstlerlaufbahn sind Neid, Verleumdung, Käuflichkeit und Frechheit wiederholt an mich herangetreten«, antwortete Dolores müde. »Aber ich habe sie alle nicht beachtet«, setzte sie mit ihrem alten Stolz hinzu.

»Ich weiß es – ich fühle es«, fuhr Prinzeß Alexandra fort, »aber man meidet doch gern die Wege, wo man dergleichen unreinen Geistern überhaupt begegnen kann. Sie drängen sich freilich auch außerhalb der Bühne in unsere Nähe, aber sie sind doch nur Eindringlinge, derer man sich erwehren kann, nicht aber Stammgäste, wie dort. Was hat Sie überhaupt zur Bühne gedrängt?«

»Die Not«, sagte Dolores träumerisch. »Wir waren arm und mußten schwer kämpfen mit dem Leben, und als mein Vater starb, waren meine Mutter und ich mittellos. Ich hatte aber eines gründlich gelernt, gründlich studiert – die Musik! Zu der ›Satanella‹ hat mein Vater den Text gedichtet, und ich hatte ihn, um ihm eine Freude zu machen, komponiert – die Melodien strömten mir zu, und meine Begabung für dieses Fach überwand spielend die technischen Schwierigkeiten. Die ›Satanella‹ war meines Vaters letzte Freude. Und als wir dann so allein standen, da beschloß ich, wenn möglich, auf der Bühne das Alter meiner Mutter sorgenfrei zu machen, und sie schrieb dem Intendanten in B., einem alten Freunde meines Vaters, einen Brief, in dem sie mich seinem und seiner Frau Schutz und Protektion anempfahl. Sie erfüllten beide freudigst und wahrhaft großmütig diesen Wunsch, und nachdem ich in Italien die nötigen Vorstudien gemacht, trat ich zuerst als Satanella auf – ein guter Rat des Intendanten. Und dann starb meine Mutter, und schnell nach ihr mein Onkel, der im Leben das Tafeltuch zwischen sich und der Schwester zerschnitten hatte, weil ihre Heirat ihm antipathisch war. Nun ward ich, als seine Erbin, mit einem Schlage reich, blieb aber meinem Berufe treu, weil ich ihn liebgewonnen, weil die Begeisterung für die Kunst mein ganzes Herz ergriffen hatte und ich der Sonne, der Unsterblichkeit zuzufliegen vermeinte.«

»Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze«, warf die Prinzeß Schillers Ausspruch ein, und als Dolores betroffen aufblickte, setzte sie fein hinzu: »Aber auch außerhalb der Bühne kann man Unsterblichkeit erlangen, und den Flug zur Sonne zu wagen, ist auch hier niemand verwehrt. Denken Sie an unsere unsterblichen Tondichter, die es nicht verlangt hat, ihre Werke selbst verkörpern zu können. Und Ihnen ist nicht Talent allein, Ihnen ist Genie verliehen worden, um siegreich Ihre Kräfte messen zu können mit jenen Unsterblichen, die uns den ›Fidelio‹, den ›Ring des Nibelungen‹ geschaffen, neben einer Fülle von Liedern, die ja allein unsterblich machen können. Darum kehren Sie nicht mehr dahin zurück, wo nur der Schein herrscht, der Schein, der unseren Sinnen schmeichelt, Ihnen aber doch kein volles Glück gewähren kann, und wenn Sie sich doch einmal einsam fühlen sollten, so kommen Sie zu uns, kommen Sie zu mir, denn ich glaube Sie zu verstehen. Wollen Sie mir versprechen, nicht zur Bühne zurückzukehren?« schloß sie herzlich, als Dolores sich heftig bewegt auf ihre Hand neigte.

»Durchlaucht, lassen Sie mich's erst allein durchkämpfen«, sagte die Herrin vom Falkenhof. »Ich kann noch nichts geloben, nichts versprechen. Vielleicht hat das ›süße Gift‹ schon mein Blut zersetzt, und ich bin unrettbar verloren – vielleicht ist noch Zeit für mich.«

»Prüfen Sie sich denn! Aber ein frohes Vorgefühl sagt mir, daß ich gesiegt habe, oder vielmehr Sie über sich, denn jede Entsagung ist ein Sieg.«

»Ich habe schon vielem entsagt im Leben«, erwiderte Dolores ohne Bitterkeit, aber schmerzlich. »Schwererem«, setzte sie leise hinzu. »Nomina sunt odiosa. Und mein Name ist Dolores – Schmerz! Doch was soll das hier bei Ihnen, Prinzeß –«

»Was werden denn hier für Staatsgeheimnisse verhandelt?« – Mit diesen Worten steckte Prinzeß Lolo ihr blondes Köpfchen zur Tür herein und ließ ihr reizendes Persönchen im weißen, duftigen Sommerkleide alsbald folgen.

»Das ist ja langweilig hier zum Totschießen! Emil schreibt über seinen Brimborium, Papa okuliert, die Drusen schläft und der Kammerherr dito – nein, es ist um Schulden zu machen«, jammerte das fürstliche Schreckenskind.

»Wo sind Herr Keppler und Baron Falkner?« fragte Prinzeß Alexandra.

»Die? Die haben sich gezankt und sind zankend weggelaufen«, berichtete die kleine Durchlaucht.

»Gezankt?«

»Natürlich. Und das Objekt waren Sie, Fräulein von Falkner!«

»Ich?« Dolores erhob stolz das Haupt. »Welche Veranlassung könnte ich den Herren zum Streit gegeben haben?«

»Oh, Herr Keppler behauptete sehr erregt, Ihr Platz sei die Bühne. Er schwatzte kolossalen Kohl, und die Schlagworte: Priesterin der Kunst, höchster dramatischer Ausdruck und so weiter flogen wie Sprengstücke aus seinem schweren Geschütz einher –«

»Eleonore!« ermahnte Prinzeß Alexandra. »Welche Ausdrücke!«

»Na, und der Baron quasselte natürlich das konträre Gegenteil«, fuhr Prinzeß Lolo unbeirrt fort. »Er behauptete sogar, die Monate Ihrer Bühnenkarriere mit ebensoviel Jahren seines Lebens zurückkaufen zu wollen, wenn es nur eben ginge. Es soll übrigens ein alter Zankapfel sein zwischen den beiden«, setzte sie eifersüchtig hinzu.

»Sehr schmeichelhaft«, erwiderte Dolores nicht ohne Hochmut, indem sie zugleich die Prinzeß bat, sich empfehlen zu dürfen. Mit warmem Händedruck gab die letztere die Erlaubnis, und ein sprechender, fragender, bittender Blick beim Abschied schien noch einmal alles sagen zu wollen, was schon gesagt war. Frei und ehrlich gab Dolores diesen Blick zurück, als wollte sie sagen: Sei ruhig! Jeder gute Kampf zeitigt einen guten Sieg – ich werde deiner dabei denken.

Prinzeß Lolo hatte schon längst das Zimmer verlassen. Leise war sie über die Veranda geschlüpft, doch als sie den Kammerherrn und die Hofdame beide selig schlummernd dort noch vorfand, so steckte sie Fräulein von Drusen erst eine Pfaufeder ins Haar und setzte dem Kammerherrn ihren großen Gartenhut á la Marie Antoinette schief auf den Kopf, ehe sie die Treppe hinabglitt und hinter der Taxushecke, die Monrepos vom Falkenhof trennte, verschwand. Dolores hatte sich nie einer besonders gnädigen Aufnahme von seiten der kleinen Durchlaucht zu erfreuen gehabt, doch hatte das ihre Zufriedenheit nicht trüben können. Wie staunte sie daher, als das reizende Fürstenkind ihr auf ihrem eigenen Grund und Boden gegenübertrat und ganz manierlich um die Erlaubnis bat, »ein Stückchen mitgehen« zu dürfen.

»Wenn der Herzog oder Prinzeß Alexandra nichts dagegen haben, gewiß«, erwiderte Dolores, die freilich lieber allein gegangen wäre, den Inhalt ihres eben gehabten Gespräches gründlich zu überdenken. Sie war nicht erregt, es war ihr vielmehr leicht ums Herz wie selten, aber wichtige inhaltreiche Gespräche verlangen ein gesammeltes Überdenken.

Sie kam mit ihrem »Wenn« bei der blonden Prinzeß aber schön an.

»Papa und Alexandra! Gerade als ob ich ein Kind wäre, das nicht allein über die Straße darf, damit es niemand umfährt«, rief sie empört. »Ich werde meine eigenmächtige Promenade schon selbst verantworten und brauche keine Gouvernante!« –

»Desto besser«, erwiderte Dolores, mit Mühe ein Lächeln unterdrückend. »Gouvernanten sind jungen Damen meist eine sehr unbequeme Art des Menschengeschlechtes.« –

»Eine scheußliche Erfindung sind sie – Vampire und Werwölfe sind sie«, sprudelte Prinzeß Lolo hervor. »Aber ich habe mich gerächt – ich habe sie alle weggeärgert!« –

»Wirklich! Und auf wieviel Gouvernantenskalps können Durchlaucht mit dem Stolz eines Indianerhäuptlings herabblicken?«

»Skalps? Woher wissen Sie das?« fragte Prinzeßchen verwirrt.

»Um Gottes willen – Durchlaucht haben doch die Unglückswesen nicht wirklich skalpiert?« rief Dolores lachend.

»Ach nein, leider nicht«, seufzte die hoffnungsvolle fürstliche junge Dame. »Aber sehen Sie, ich habe jeder etwas von ihren falschen Haaren heimlich weggenommen – Zöpfe, Locken, Scheitel, Nackenzöpfe. Es sind alle Farben dabei vertreten, und ich habe ein ganzes Schubfach voll davon zu Hause im Residenzschloß. Ich nenne das meine Gouvernantenskalpsammlung«, schloß sie mit dem Stolz eines Gemmensammlers.

Nun mußte Dolores wirklich lachen, herzlich lachen, denn auch sie konnte ein Lied singen von den kühnen Ideen, womit ein zur Würde einer jungen Dame erwachtes Backfischlein sich an dem Gouvernantenzwange rächt. Und wie sie hell auflachte, so hell, wie seit langem nicht, da stimmte das Prinzeßchen mit ein, und durch den schattigen Park klang ein solch unwiderstehlich ansteckend wirkendes Duett, wie selten wohl.

Aber plötzlich wurde Prinzeß Lolo wieder ernst.

»Ich bin gar nicht hergekommen, um zu lachen«, erklärte sie, »sondern ich habe hier auf Sie gewartet, um Ihnen zu sagen, daß ich mich mit Ihnen schießen würde, wenn ich und Sie Männer wären!«

»Da kann ich ja von Glück sagen, Durchlaucht, daß wir's nicht sind«, entgegnete Dolores amüsiert.

»Oh, das ist gar nicht komisch«, gab die Prinzeß beleidigt zurück.

»Und was verschafft mir die Ehre dieser durchlauchtigen Forderung übers Taschentuch?«

»Weil ich eifersüchtig bin – eifersüchtig auf Sie!« rief die Prinzeß mit plötzlich hervorstürzenden Tränen, und heftig setzte sie hinzu: »Was kann ich dafür, daß Sie größer sind als ich und schöner?«

»Aber, Durchlaucht – das ist doch schließlich Geschmackssache! Es gibt Leute, die mich nicht einmal hübsch finden!« erwiderte Dolores erstaunt.

»Ich wollte, Sie wären häßlich wie die Pastrana – ein Waldaffe – ein Scheusal«, war die liebenswürdige Antwort, die indes so unwiderstehlich auf Dolores wirkte, daß sie das Lachen nicht unterdrücken konnte. Aber das reizte die kleine blonde Furie nur noch mehr.

»O Sie! Sie!« schluchzte sie. »Sie Scheinheilige, Sie Füchsin! Mir lachend seine Liebe zu rauben – ich hasse Sie, denn er hat nur Augen für Sie –!«

Jetzt wurde Dolores aufmerksam. »Wessen Liebe raubte ich Ihnen?« fragte sie kühl.

»Seine – Alfred Falkners!« rief die Prinzeß, den Boden stampfend.

»Durchlaucht träumen«, entgegnete Dolores stillstehend, mit so viel Hoheit, daß der mehr vor Zorn als vor Herzenskummer schluchzenden Prinzeß plötzlich die Tränen versiegten und sie fassungslos ihrer Gefährtin in das blasse Antlitz mit den seltsam flammenden Augen sah.

»Ich dachte, Sie sollten oder müßten ihn heiraten wegen des Testaments oder – was weiß ich –« stotterte sie purpurrot hervor.

»Durchlaucht sind in ersterem wohl informiert«, gab Dolores gleichgültig zurück. »Was das ›müssen‹ anbetrifft, so steht davon aber nichts geschrieben, und Baron Falkner ist mit mir dahin übereingekommen, daß das berührte Testament in diesem Punkte unvollzogen bleibt!« –

Mit einem Freudenschrei flog Prinzeß Lolo der eben so wenig Geschmeichelten um den Hals.

»Sie sind ein Engel«, rief sie lachend und weinend, »ach, Sie haben mich erlöst, denn ich wollte mir schon das Leben nehmen, weil ich dachte, Sie wollten ihn mir rauben – ihn, den Herrlichsten von allen –«

»Wodurch hab' ich Ihnen zu diesem Verdacht Veranlassung gegeben, Prinzeß Eleonore?« fragte Dolores scharf hinein in diesen Redestrom.

»Ich weiß nicht – ich dachte nur – Sie gingen doch mit ihm nach dem Musikabend nach Hause –«

»Und –?«

»Und indes bin ich beinahe gestorben vor Eifersucht und Zorn und Gram – und ich hörte ihn noch lange in seinem Zimmer auf und ab gehen wie ein gefesselter und gefangener Löwe –! Und es ist wirklich wahr, daß Sie ihn mir lassen – mir?« schloß sie naiv.

»Von Lassen ist gar keine Rede, Prinzeß, denn ich habe sein Herz nie besessen«, sagte Dolores herb.

»O wie wunder – wunderschön!« jubelte das Fürstentöchterlein, ohne zu ahnen, wie weh sie ihrer Begleiterin tat.

Die aber fragte in den Jubel mitten hinein: »Und sind Sie der Liebe Alfred Falkners so sicher?«

»Ei, wenn er Sie nicht liebt, wird er mich schon lieben« erwiderte die Prinzeß mit eigentümlicher Logik – Herzenslogik – aber mit unbedingtem Selbstvertrauen.

»Und der Herzog und der Erbprinz und Prinzeß Alexandra –? Was werden sie zu der Mißheirat sagen?«

»Ist mir Wurscht!« erklärte die kleine Blonde sehr entschieden. Sie hatte den klassischen Ausdruck erst heute aus einem Gespräch zwischen zwei Dienern belauscht und war stolz auf denselben. »Ich mag keinen Prinzen heiraten – das ist zu langweilig«, fuhr sie fort, »Sie können mir's wirklich glauben, es ist gräßlich, wenn man stets in Watte gepackt auf einem silbernen Präsentierteller sitzt. Papa? Papa tut doch immer, was ich will, und um Emil und Alexandra kümmerte ich mich schon gar nicht. Und der Titel, der Name? Bah, was ist daran Großes? Wir sind doch bloß kleine Kläffer, auf die niemand hört, und wenn wir zu laut bellen, steckt uns der große Herr Nachbar einfach – als Provinz? i Gott bewahre, als Kreis Nordland in die Tasche!«

»Es ist nur gut, daß der Wind diese lästerlichen Reden nicht allzu weit tragen kann«, bemerkte Dolores spottend auf diesen Erguß von Backfischpolitik. »Papa würde lachen, Emil die Achseln zucken und die Drusen mit dem Kammerherrn kopfstehen«, lachte Prinzeß Übermut.

»Und Prinzeß Alexandrine?« »Ach Sascha –? Ja, Sascha würde eine Predigt halten und mir höllisch den Kopf waschen. Aber das ist gesund.«

»Oh, wenn Sie's als Vergnügen auffassen – va bene!«

»So, und nun muß ich zurück, sonst schreien sie in Monrepos Zeter«, plapperte das rosige Mündchen weiter, und indem die Sprecherin Dolores die Hand reichte, setzte sie im gleichen Tone hinzu: »Also, das ist abgemacht, nicht wahr? Und Sie sind nicht böse, gar nicht? Nein? Ach, was sind Sie nett! Und verklatschen werden Sie mich in Monrepos auch nicht? Famos. Und wenn Sie ihm, dem Herrlichsten von allen, mal mit dem Zaunpfahl zeigen wollen, daß man doch auch ganz ansehbar ist – Gott, schaden könnte es ja nicht! Aber sehen Sie, er ist kein Krösus, und wir armen Herzogsmädel von Nordland haben auch das Geld nicht so haufenweise liegen, aber wenn ich recht reich wäre, wenn ich bloß den Falkenhof hätte –«

»Sie sollen ihn als Hochzeitsgeschenk von mir haben«, unterbrach Dolores die entfesselte Redeschleuse der Herzogstochter.

Prinzeß Lolo sah ordentlich erschrocken aus.

»Ja, Sie haben gut spotten«, schmollte sie.

»Ich spotte gar nicht. Wenn Sie ihn annehmen, schenke ich Ihnen den Falkenhof als Hochzeitsgabe«, nahm Dolores ihren impulsiven Einfall mit Ernst auf.

»Nicht annehmen? Wer würde denn solch ein Esel sein?« rief Prinzeß Lolo entsetzt, ohne zu ahnen, daß sie damit eine unfreiwillige Kritik an dem Manne ihrer Wahl übte, über die er jedenfalls nicht sehr erbaut gewesen wäre. »Aber nicht wahr, Sie sind nicht böse, wenn ich sage, daß Sie verrückt sein müssen, einen solchen Besitz zu verschenken!«

»Doch nicht ganz so, wie Durchlaucht denken!«

»Wirklich? Na denn man tau, wie sie oben bei uns sagen«, lachte das Prinzeßchen, jetzt ganz Glück und Sonnenschein, als hätte sie »seinen« Verlobungsring schon am Finger. Noch eine Kußhand warf sie der vordem so gefürchteten Rivalin zu und flog dann die Allee hinab, Monrepos zu.

Dolores sah der weißen Gestalt nach, die so zierlich und graziös wie ein Schmetterling dahinflatterte, und eine ihr fremde Bitterkeit zog ihr durchs Herz und machte ihre Augen trübe.

»Was hab' ich denn getan, daß aller Schmerz der Erde über mich kommen muß?« murmelten ihre zuckenden Lippen, und unwillkürlich fielen ihr die Worte aus der Prophezeiung in dem alten Missale ein:


»Die letzte Falkin muß in Schmerzen büßen,
Die Grabesruh' der Ahne zu versüßen.«


Und sie war die letzte Falkin. Ein Schauer überrieselte sie trotz des warmen Spätnachmittages, als sie dieser Stimme aus dem mehr als zweihundertundfünfzigjährigen Grabe gedachte, trotzdem diese Stimme einer armen Wahnsinnigen angehörte, der tiefstes Herzeleid die Sinne verwirrte.

Und als sie sich seufzend zum Gehen wandte, kamen ihr aus einem Seitengange Keppler und Falkner entgegen, beide in eifrigem Gespräch. »Ah, Fräulein Dolores!« rief ersterer heiter aus »Tun Sie ein gutes Werk und bekehren Sie diesen Vandalen –!«

»Ach, ich scheine kein Talent zum Missionär zu haben«. erwiderte Dolores, bemüht, ihr frohes Temperament wiederzugewinnen. »Handelt es sich um Renaissance oder Rokoko?« setzte sie fragend hinzu, da sie sich eines ziemlich heftigen Streites über dieses Thema zwischen Keppler und dem Erbprinzen erinnerte. »Doch da muß ich zu meiner Schande gestehen, daß ich's mit beiden halte, denn aus der Renaissance will ich die Kostüme, aus der Rokokozeit aber die graziösen Linien der Möbel.«

»Ach, es handelt sich nicht darum«, rief Keppler. »Wir streiten – ja streiten über die Berechtigung der Frauen für den Künstlerberuf.«

»Die Berechtigung beginnt mit dem Talent und gipfelt im Genie«, meinte Dolores fein. »Aber« setzte sie hinzu, »Sie werden Herrn von Falkner nicht überzeugen.«

»Keppler will mich mißverstehen«, entgegnete Falkner »Ich verteidige nur meine Überzeugung, nach der die Bühnenlaufbahn der Frauen nicht im Künstlerberuf mit inbegriffen werden dürfe. Wenigstens nicht bei allen. Auch der Konzertsaal bietet der Sängerin ein Feld für schöne Siege und Triumphe.«

»O ja. Aber wer ums liebe Brot singt, wird es auf der Bühne eher finden und reicher«, sagte Dolores leise.

»Ums liebe Brot! Man soll aber nicht daran denken, wenn man ein Künstler sein will«, rief Keppler heftig. »Nur frei und losgelöst von den elenden Miseren des Lebens kann der Genius sich entwickeln. Beim einfachen Brotverdienen muß er verkrüppeln.«

»Und doch hat auch mich die Sorge ums Brot in die Künstlerlaufbahn gedrängt«, erwiderte Dolores leicht, und als sie dem überraschten Blicke Alfred Falkners begegnete, fügte sie hinzu: »Freilich fühlte ich meine Schwingen im Fluge wachsen, und verklärt wurde mir im Siegen der erste schwere Entschluß. Tempi passati »

»Nicht doch – Zeiten, die Ihnen wiederkehren sollen und werden«, rief Keppler.

»Nein«, entgegnete Dolores fest. »Ich werde die Bühne niemals mehr betreten.«

Sie wußte selbst nicht, warum sie aussprechen mußte als Faktum, was sie vor einer halben Stunde noch nicht um die Welt versprochen hätte. Aber es drängte sich auf die Lippen, und nun war es hinausgehallt, und sie wußte, daß sie ihren Worten treu bleiben würde.

»Leben Sie wohl für heute, Donna Dolores«, sagte Keppler nach einer Pause. »Denn daß Sie ein Renegat der Kunst geworden sind, das ist eine Nachricht, die ich erst verwinden muß, ehe ich der Abtrünnigen wieder begegne.«

Und damit kehrte er kurz um und war bald ihren Blicken entschwunden.

»Es hat ihn getroffen – aber er wird es schon überwinden, denn tout lasse, tout casse, tout passe«, meinte sie seufzend.

»Darf ich denn meinen Ohren trauen?« fragte Falkner nach einer Weile. »Erst Ihre – übrigens voll berechtigte – Verteidigung eines Berufes, den Sie zu dem Ihren gemacht, aus Gründen, die ich zu verstehen beginne, und heute – heute dieser Verzicht auf fernere Lorbeeren –«

»O behüte«, entgegnete sie fast heiter. »Sie wissen, Geibel sagt zwar:


›Lorbeer ist ein bittres Blatt
Dem, der's sucht, und dem, der's hat.‹


Aber es ist auch dabei das begehrenswerteste Blatt, und ich will's auch zu erringen suchen durch mein bißchen Talent, Melodien zu erfinden. Lieder und kleine Albumblätter – vielleicht auch wieder einmal eine Oper von ›dem Komponisten der Satanella‹ – sind wohl mindestens der Beachtung sicher. Meinen Sie nicht?«

»Was liegt Ihnen an meiner Meinung?«

»Oh, man müßte ja natürlich eine merkwürdige Bettelsuppe von Charakter sein, wollte man sich nach jedes Menschen Meinung richten. Aber hören kann man sie doch und sich die Goldkörnchen daraus lesen.«

Falkner antwortete nicht, und schweigend schritten sie weiter. Zuletzt aber nahm er doch wieder das Wort.

»Welch guter Engel mag es gewesen sein, der Ihren Entschluß in diese Bahn gelenkt hat?« sagte er sinnend.

»Ein guter Engel war's in der Tat, der mich eben erst zu überreden suchte, und sein Name ist Prinzeß Alexandra«, erwiderte Dolores. »Und auf der anderen Seite deutete Herr Keppler mir als Genius des Ruhms mit einer Lorbeerkrone hinauf – zur Sonne. Da stand ich denn:


Prophete rechts, Prophete links,
das Weltkind in der Mitten.«


»Aber der Engel siegte –?«

»Nein. Es war etwas anderes – ich bin müde – und ich habe wohl auch Verpflichtungen als Herrin des Falkenhofes, solange er mein ist. Die arme Dolores Falkner konnte tun, was ihr beliebte, oder was sie mußte, um ihre Gaben zum Kampfe ums Dasein zu verwerten; die reiche Dolores Falkner konnte sich dann auch noch echte Diamanten statt der falschen in ihre Theaterprinzessinnen-Krone fassen lassen – aber die Lehnsherrin vom Falkenhof ist's wohl dem alten Stamme schuldig, daß sie ihn nicht von den Brettern aus verwaltet, trotzdem höchstes Künstlertum nicht schändet, sondern auszeichnet.«

»Ja«, sagte Falkner mechanisch und setzte dann hinzu: »Ich danke Ihnen aber trotzdem, Dolores!«

Mit jähem Erröten, fast erschreckt, sah sie auf, als er ihren Namen nannte.

»Verzeihen Sie – es geschah ohne Absicht«, rief er, gleichfalls erschrocken über eine Kühnheit, die ihm, nach allem, nicht zustand, deren Erfolg er aber nun atemlos, gierig erwartete,

»Oh, es macht nichts – wir sind ja Vetter und Base«, sagte sie mit jenem Lachen, das ihn früher so sehr gereizt. »Und wenn ich mir's bedenke, so ist's ja überhaupt nur spaßhaft für die anderen, wenn wir uns so furchtbar steif als ›Herr Baron‹ und ›gnädigste Baronesse‹ titulieren. Also lassen wir's doch dabei und nennen wir uns mit unseren Vornamen. Das spricht, wenigstens nach außerhalb, mehr für die Komödie ›Die zärtlichen Verwandten‹ als für die Tragödie ›Ein Bruderzwist im Hause Habsburg‹.«

»Gewiß«, bestätigte er kühl, ernüchtert.

»Falls es Ihnen nämlich recht ist, wenn wir das Kriegsbeil vergraben«, schloß sie, nicht ohne den alten, leisen Spott im Tone.

»Recht? Nur recht? Ich legte Ihnen mein ›peccavi‹ schon früher zu Füßen«, erwiderte Falkner beziehungsvoll.

»Ich weiß es und hab's nicht vergessen«, gab Dolores ernst zurück. »Denn Sie können mir glauben, Vetter, daß es mir Ernst ist mit unserem Friedensschluß –«

»Wirklich?« fragte er stehenbleibend und ergriff ihre beiden Hände. Sie wurde um einen Schatten blässer, aber sie litt es ohne Widerstand.

»Ich bin so gut als mein Wort«, sagte sie, ohne zu zucken, »und daß wir unsere ungleichartigen Naturen im Interesse des guten Tons zu einem ungezwungeneren Verkehr zwingen, kann für uns und andere nur von Vorteil sein. Auch bekenne ich gern, daß ich Ihr ›peccavi‹, wie Sie es selbst nannten, bei Ihrer Abneigung gegen meine Person, als eine besonders schwere Selbstüberwindung, auch besonders hoch schätze.«

Heftig ließ Falkner die beiden schmalen, langen Hände los, die so ganz regungslos in den seinen gelegen hatten.

»Wer sagt Ihnen, daß ich eine Abneigung gegen Ihre Person hege?« fragte er rauh.

»Nun, dazu gehörte wohl nicht viel, um es selbst zu merken!« lachte Dolores mit jener Schelmerei, die ihr so reizend stand. »Also passons lá-dessus. Um so mehr, als ich heute die Rolle Ihres Schutzgeistes übernommen habe. Das ist komisch, nicht wahr?«

»Meines Schutzgeistes?«

»Ja. Mehr darf ich aber nicht verraten, denn das sind Herzenssachen! Und nun trenne ich mich von Ihnen, denn ich muß Engels noch sprechen. Guten Tag, Vetter Alfred! Sie kommen doch morgen auch mit den Herrschaften aus Monrepos herüber, ja? Also abgemacht und auf Wiedersehen?«

Und damit huschte sie durch eine Seitenallee dem Turm zu, wo Engels hauste, und ließ Falkner mit dem Gefühl eines Menschen zurück, der sein Geld verspielt hat und nun nicht weiß, woher das Geld zu einem letzten verzweifelten Einsatz zu nehmen.

Dolores verlangsamte ihren Schritt, sobald sie aus seinem Gesichtskreis war, und endlich ging sie gar hinein in das Haus, ohne Engels aufgesucht zu haben. In ihrem Turmzimmer stand sie still und legte die Hand auf ihr Herz.

Es tat vorhin weh bei dem Geplauder des eifersüchtigen fürstlichen Backfisches, dachte sie, und es fing an zu schlagen und zu klopfen, als er mich Dolores nannte. Aber jetzt ist es ganz still und ganz kalt. Überhaupt gar kein Herz –! Und sie setzte sich ans Fenster und sah hinaus, bis die Sonne untergegangen war, blaß bis zu den Lippen, aber trockenen Auges und mit dem Gefühl, als wäre in ihr alles ganz still und starr und kalt.

Endlich stand sie auf.

»Es ist Abend geworden, und der Tag hat sich geneigt«, sagte sie und setzte seufzend hinzu: »Und die Sonne ist untergegangen, und der Reif ist gekommen –


Und fiel auf die zarten Blaublümelein –
Die sind verwelket, verdorret.


Da schloß sie das Fenster mit leisem Schauer und zündete ein Licht an und setzte sich an ihren Schreibtisch.

Doch ihre Hände waren kalt, so kalt, daß es ihr Mühe machte, die paar Zeilen der Einladung zum folgenden Tage an die Gräfin Schinga zu schreiben. Die Arnsdorfer hatten sie zwar noch nicht eingeladen, und daher bedurfte es noch ein paar liebenswürdiger Worte, um diesen Umsturz des betreffenden Artikels aus dem Gesetzbuch der Gesellschaft zu begründen, zu entschuldigen und auszugleichen.

Nachdem der Brief geschrieben war, ließ Dolores ihn sogleich bestellen, aß und trank gehorsam, was Ramo ihr auf einem stummen Diener serviert als Abendimbiß gewohntermaßen pünktlich ins Zimmer brachte, und stieg dann hinab nach den Gemächern, die Doktor Ruß mit seiner Frau bewohnte, um auch diese beiden zu ihrem Fest zu bitten.

»Ich habe keine passende Toilette«, erwiderte Frau Ruß kurz und nicht gerade höflich.

»Oh, ich trage ja auch nur Schwarz«, wendete Dolores freundlich ein.

»Natürlich, natürlich«, beeilte Doktor Ruß sich einzutreten . »Du hast dein neues Trauerkleid, liebste Adelheid, und dies bedarf keiner Eleganz.«

»So mein' ich's«, redete Dolores der heftig strickenden Frau zu. »Ich lasse Ihnen durch Therese einen Kreppbesatz aufheften und ein Häubchen bauen -- sie macht das wirklich sehr hübsch und elegant.«

»Ich habe keinen Krepp und werde in der Kreisstadt auch keinen bekommen. Außerdem ist er mir zu teuer«, erwiderte Frau Ruß auf das freundliche Anerbieten.

»Oh, ich habe noch viel davon – Therese brachte mir vom besten aus B. mit«, meinte Dolores.

»Was kostet das Meter?«

»Ich habe keine Ahnung mehr«, lachte Dolores, »das Stückchen Zeug werden Sie doch von mir annehmen, nicht wahr?«

»Selbstverständlich«, schnitt Doktor Ruß eine schroffe Ablehnung seiner Ehehälfte ab. »Wir schätzen Ihre freundliche Hilfe gewiß sehr hoch, liebste Dolores, und ganz besonders ich, da Ihr trefflicher und geschulter Geschmack für meine arme Frau, die ganz außer aller Verbindung mit der Mode gekommen ist, nur vorteilhaft sein kann. Und ich liebe es doch so sehr, deine natürliche Schönheit durch die Folie der Kleidung gehoben zu sehen, meine teure Adelheid!«

Frau Ruß warf ihrem Gatten einen dankbaren Blick zu. Sie war ja, obgleich an Jahren älter als er, doch immer noch eine sehr stattliche Erscheinung, die sich leider äußerlich sehr vernachlässigte – eine Folge des einsamen Lebens im Falkenhof, in dem »einen doch keine Seele sah«, und »für den jeder Fetzen noch gut genug war«, eine Ansicht, die Doktor Ruß nicht teilte, da er sich stets tadellos kleidete und ihm die nachlässige Kleidung seiner besseren Hälfte ein Greuel war.

»Was soll ich dabei? Ich verderbe euch nur eure feine Gesellschaft«, brummte Frau Ruß mürrisch, aber nur noch der Form wegen.

»Das tun gebildete Menschen nie, mein Herz«, erwiderte Doktor Ruß taubensanft. Denn abgesehen davon, daß jeder Mensch die Abwechslung liebt, lag ihm tatsächlich viel an ferneren Begegnungen mit dem »Hofe« von Monrepos, um so mehr, als der Erbprinz sich sichtlich für ihn zu interessieren schien.

»Also Sie kommen – und morgen früh mag Therese sich das Kleid holen«, beendete Dolores die Unterredung und erhob sich wieder.

»Wie, Sie gehen schon?«

»Ja – ich bin zwar müde, habe aber Kopfschmerzen und muß im Freien noch etwas umhergehen, ehe ich zu Bett gehe.«

»Ich begleite Sie«, sagte Doktor Ruß, sehr zum Mißvergnügen seiner Frau, während Dolores sich mit einem leisen Seufzer in ihr Schicksal ergab.

Und so traten sie denn hinaus in die warme und doch erfrischende Nachtluft, gefolgt von zwei eifersüchtigen, kalten, blauen Fischaugen, denen kein Blick des Mannes entging, der an der Seite des schönsten Weibes hinabschritt ins Dunkle.

»Ich hasse sie – und er mag sich hüten«, knirschte Frau Ruß – und strickte weiter. Was hätte sie gesagt, wenn sie gesehen hätte, wie Doktor Ruß draußen seiner Gefährtin den Arm reichte und Dolores sich wirklich auf denselben lehnte. Sie wollte die gebotene Stütze nicht zurückweisen, denn sie war sich bewußt, daß sie sich vor diesem Manne zu einer Heftigkeit hatte hinreißen lassen, die ihr jetzt als unpassend und – unnötig erschien. Und Doktor Ruß schien ihre Gedanken zu lesen, denn im Einklang mit denselben begann er nach wenigen Schritten:

»Was müssen Sie von mir gedacht haben, liebste Dolores, als ich Ihnen gestern oben im Ahnensaal von Dingen redete, die Sie so aufregen mußten! Verzeihen Sie mir mit dem Worte der Stael: Tout comprendre c'est tout par donner. Und Sie werden mich verstehen, oder haben vielleicht schon verstanden, was ich in Worte zu kleiden suchte, die Sie erregten?«

»Ganz überflüssigerweise erregten«, erwiderte Dolores freundlich. »Sie kennen ja die Sage von der Achillesferse – nun, Sie hatten das Mißgeschick, mich gerade an der meinigen zu treffen. Also gleichfalls: nichts für ungut, wenn meine Worte allzu gereizt geklungen haben!«

»Nur mit Recht, nur mit Recht!« rief Doktor Ruß. »Oh, ich bin so froh, daß meine scheinbare Taktlosigkeit vor Ihren Augen den Entschuldigungsgrund reiner Menschlichkeit gefunden hat. Denn Sie wissen, liebste Dolores, daß wir armen Menschenkinder stetig hoffen, stetig planen, weil unserem Blick die Zukunft verborgen und das Herz der anderen verschlossen ist, daß wir darin nicht zu lesen vermögen –«

»Das ist eigentlich sehr schade«, meinte Dolores heiter und nicht ohne Beziehung, denn sie hätte gern gesehen, ob im Herzen ihres Kavaliers dessen feine Entschuldigungen so ernst gemeint waren, als seine Attacke auf ihr Vertrauen gestern.

»Gott behüte, das wäre schrecklich«, entgegnete Doktor Ruß gleichfalls heiter, denn er hatte wieder Boden erobert. »Denken Sie nur, was man da alles zu sehen und zu lesen bekäme: alle Liebesnamen, die die Sprache so freundlich für diese Zwecke leiht, Berechnung, Hinterlist, Abneigung –«

»Aber auch wirkliche Freundschaft und Wohlwollen –«

»Das wollt' ich eben als den besten Bissen nennen. Aber Hand aufs Herz, liebste Dolores es lächelt hinter dem stärksten Wohlwollen, der wärmsten Freundschaft der Kobold, der uns zuflüstert: Wenn es nur nicht die lächerliche Seite hätte, oder so verboten aussähe, oder so wäre und so –«

»Dafür sind Freundschaft und Wohlwollen auch nur mit Verlagsrecht versehene und blässere Abzüge des einen großen und einzigen Gefühls – der Liebe, die keine Nebengedanken hat und taub ist gegen das boshafte Geflüster aller Kobolde der Welt«, erwiderte Dolores warm, aber doch im heiteren Unterhaltungstone. Und aus diesem Tone hörte Dokter Ruß auch nichts Besonderes heraus und konnte auch im Dunkeln nichts lesen aus den Zügen, die nur hin und wieder ein Streif des Mondlichtes traf, der zwischen den Bäumen durchhuschte und sich in dem wie poliertes Kupfer gleißenden Haar der Herrin vom Falkenhof fing.

Also liebt sie und will darum nichts wissen von einer Verbindung mit Alfred, fuhr es durch das tätige Hirn des Doktor Ruß. Und laut sagte er träumerisch: »Ja die Liebe! Lebenssonne, Lebenslicht! Ach, wo bist du hin!«

Es stieg verführerisch auf nach den Lippen und reizte Dolores zu sagen: Sie sitzt ja drinnen, deine Sonne und strickt Socken für dich! Aber die angeborene Großmut ihres Herzens drängte dies schnöde, kalte Sturzbad auf die Mondscheingefühle des Doktor Ruß siegreich zurück.

Der in seiner Verteidigungsrede für die Unlesbarkeit der Gedanken entschieden in diesem Falle rechthabende Doktor Ruß schritt indes neben Dolores her und gestattete sich offenen Auges einen kleinen Streifzug in das Reich seiner Gefühle.

»Die Liebe! Die Liebe!« wiederholte er. »Es bringt einem die ganze schöne Zeit zurück, da man noch jung war und das Herz seinen Tribut verlangte. Aber nicht jedem Herzen wird er entrichtet, und manch ein Herz ist schon verhungert und verdurstet oder verknöchert aus Mangel an Liebe oder – Gegenliebe, oder an dem gebieterischen ›Zurück‹, mit dem das Schicksal einem für immer die Pforten des Paradieses verschloß. Wie sagt der Dichter?


›Ein ewiges Gesetz, den Frevel richtend,
Gebeut: Willst du dein Erdenlos bestehen,
Mußt du geschloßnen Auges und verzichtend
An manchem Paradies vorübergehen.‹«


»So scheint es«, sagte Dolores ruhig, aber innerlich bewegt von Lenaus Worten, die gut gesprochen, auch mächtig an ihr Herz klangen.

»So ist es«, vollendete Doktor Ruß. »Glück – Liebe –! Für die Menschen geschaffen und doch nicht für jedermann. Vorbei, verweht, verloren für immer«, schloß er, beinahe flüsternd, und Dolores ergriff ein warmes Mitgefühl für den Mann, der seine Jugend durchkämpft um den kargen Bissen Brot, den er sich sauer verdiente im geistigen Tagelohn, und endlich um Verdoppelung dieses kargen Stückes Brot eine Ehe einging mit einer Frau, die nicht nur älter war als er, sondern auch sein geistiger Antipode, mit dem ein Wort inneren Verständnisses unmöglich war für alle Zeiten.

Das ist schlimmer als der Tod, dachte sie, schlimmer als Entsagen.

Ja, tausendmal schlimmer. Und Dolores mit ihrem reichen und reinen Herzen ahnte nicht einmal, daß der verknöcherte, schnödeste Egoismus und der verbrecherische Gedanke und der Eigennutz geboren werden aus den Herzen derer, die nicht verzichtend, sondern begehrend vor dem geschlossenen Paradiese stehen.

»Was doch der Mondschein nicht aus uns herauslockt, alles, was wir längst tot und begraben meinten«, sagte Doktor Ruß dann nach einer Pause in leichterem Ton. »Auch Sie sind ernst geworden, Dolores.«

»Das ist der Grundzug meines Charakters, lieber Freund«, erwiderte sie.

»Aber ein natürlicher Frohsinn läßt ihn nicht herb werden«, meinte er. »Das ist eine Gottesgabe!«

»Ich weiß es und bin dankbar dafür.«

Nach einer abermaligen Pause nahm Doktor Ruß wieder das Wort.

»Ich habe viele Bühnenkünstler gekannt und von vielen gehört, die von Natur ernst veranlagt waren – und zwar je ernster, je heiterer die Rollen waren, die sie verkörperten. Das ist auch solch ein Naturrätsel, das noch keine Lösung gefunden hat, aber ich wundere mich nicht, es in Ihnen zu finden, liebe Dolores. Es fragt sich nur, ob man diese inneren und äußeren Gegensätze immer zur Begegnung zwingen kann, das heißt ob es auch Ihnen auf die Dauer gelingen wird, den Ernst Ihres Charakters mit der notwendigen inneren Heiterkeit der Kunst zu verschmelzen.«

Es war eine wohlgesetzte kleine Rede und, was das beste daran war, sie brachte ihren klugen Verfasser auf den Punkt, den er im Auge hatte.

»O doch«, sagte Dolores arglos. »Da ich zur Bühne nicht zurückkehren werde, sondern meine künstlerischen Kräfte nur noch dem Studium der Musik und der Komposition widmen will, so kann dieser gefürchtete Ernst meiner angeborenen Heiterkeit nur von Nutzen sein!«

»Oder die Heiterkeit dem Ernste«, erwiderte Doktor Ruß fein. »Doch Ihr Entschluß überrascht mich nach Ihrer gestrigen Erklärung, den Falkenhof schnöde verlassen zu wollen.«

»Oh – eins hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich will bei einem großen Meister in die Lehre gehen – kann ich das hier?« fragte sie zurück und setzte heiter hinzu: »Da der Berg nicht zum Propheten kam, ging der Prophet eben zum Berge. Das ist mein Fall, der noch lange keine Schnödigkeit gegen den Falkenhof in sich birgt, denn den denke ich mir als Erholungswinkel und Buen Retiro zu reservieren.«

»Aber doch inzwischen ganz zuzuschließen für unbestimmte Zeit«, warf Doktor Ruß ein.

»Das ja!« erwiderte Dolores und fuhr harmlos fort: »Und denken Sie nur, wie sonderbar der Mensch doch ist – ich denke gar nicht an das Scheiden aus dem lieben, alten Hause, in dem ich meine schönsten Kinderjahre, weil meine ungebundensten, verträumt und mit den Märchengestalten meiner Bücher und meiner Phantasie bevölkert habe. Sie freilich werden den Ort gern verlassen, der Ihrem Geist so wenig oder gar nichts geboten hat, und ich kann mir denken, mit welch geistigem Hunger es Sie hinaus und nach einem Felde der Tätigkeit verlangt. Sie haben dem verstorbenen Onkel in der Tat ein großes Opfer gebracht!«

»Oh – Sie beschämen mich!« murmelte Doktor Ruß bescheiden. Es war gut, daß es dunkel war – es hätte Dolores sonst auffallen müssen, wie blaß er geworden war. »Daß Sie recht haben wie immer, kann ich ja in bezug auf mich nicht leugnen«, sagte er im gleichen, ruhigen Gesprächston, aus dem höchstens die scharfen und an jede Tonabstufung gewöhnten Ohren seiner Frau eine leise Schwankung herausgehört hätten.

»Nein, denn nur das Gegenteil hätte bei einem Geist, wie der Ihrige ist, verwundern können«, entgegnete Dolores freundlich.

»Ich danke Ihnen«, sagte er innig und beugte sich hinab, ihre Hand zu küssen. Doch das gelang ihm nicht, denn lachend verbarg sie beide Hände auf dem Rücken und erlangte dadurch die ersehnte Freiheit des Alleingehens.

»Und wann gedenken Sie den Falkenhof zu verlassen?« nahm Doktor Ruß den Faden des Gesprächs wieder auf.

»Oh, erst im Herbst, wenn es anfängt rauh und kalt zu werden. Ich möchte doch noch den schönen, heiteren, unvergleichlichen deutschen Sommer genießen.«

»Sicher. Ich fragte nämlich nicht ohne Grund und ohne persönliches Interesse«, sagte Doktor Ruß mit gewinnender Offenheit. »Es läßt sich für mich nichts Annehmbares vor dem Beginn des Wintersemesters erwarten, das liegt auf der Hand –«

»Gewiß«, bestätigte Dolores, als er einhielt.

»Ich muß also bis dahin gezwungenermaßen noch untätig bleiben«, fuhr er fort, »hangend und bangend in schwebender Pein – und obdachlos obendrein –«

Wieder hielt er ein – aber die gewünschte Einladung kam nicht. Dolores, der sie in ihrer Güte schon auf den Lippen schwebte, fiel der gute Engels ein, sowie dessen wahrscheinliche Verzweiflung und zweifellosen Unhöflichkeiten gegenüber seinem Feinde, und am Ende, dachte sie auch, habe der Besuch sich schon lange genug ausgedehnt – kurz, sie schwieg.

Langsam zog Doktor Ruß sein Taschentuch hervor und fuhr damit über seine Stirn – sie war feucht geworden.

»Nun denn, liebe Dolores – dürfen auch wir bis zum Herbst bleiben?« fragte er und legte den ganzen Wohllaut seiner Stimme in die Frage.

»Aber gewiß – ich bitte darum!« rief sie, doch die Ironie, die aus ihrer Bitte klang, war nicht beabsichtigt, denn sie war viel zu sehr überrascht und viel zu sehr auf die einzige Antwort, die sie geben konnte, gedrängt, als daß ihr Zeit geblieben wäre, der unwillkommenen Bitte eine ebensolche Antwort entgegenzusetzen.

Doktor Ruß aber hörte eine Ironie heraus, denn wer viel riskiert, hat feine Ohren, die oft mehr hören, als zu hören ist. Das Blut, das ihm Wangen und Stirn flammend rot färbte, verbarg die Dunkelheit und auch den raschen Griff, mit der seine Hand sein Taschentuch in Fetzen riß, machte der tiefe Schatten unkenntlich – nur das Geräusch, das das reißende Leinen verursachte, drang zu Dolores' Ohren und erregte ihre Nerven unangenehm. Nun aber war's geschehen – Doktor Ruß und Frau blieben bis zum Herbst auf dem Falkenhof, und der Humor, mit dem Dolores gesegnet war, führte sofort den entsetzten Engels vor ihr geistiges Auge, daß sie lächeln mußte, was freilich auch die nivellierende Dunkelheit verbarg. Nun machte sie gleich das Beste aus der Situation, und da nur ein undeutliches Gemurmel die Antwort des Doktor Ruß war, so setzte sie hinzu: »Ich bitte Sie schon aus Egoismus bis zum Herbst bei mir zu bleiben, denn ich hoffe, noch viel von Ihren Kenntnissen zu profitieren!«

»Ihre Güte ist größer als mein Wissen«, erwiderte Ruß mit vollkommen wiedergewonnener Ruhe und echt chinesischer Höflichkeit.

Dolores aber lachte.

»Sagen Sie das nicht«, meinte sie, »wenigstens nicht eher, als bis Sie genau wissen, daß ich wirklich keinen Pferdefuß in meinen Wiener Schuhen verberge. Doch jetzt gute Nacht – und auf morgen!« –

Damit ging sie hinein ins Haus.

Doktor Ruß aber stand unter den Bäumen und sah ihr nach, als sie schon längst nicht mehr zu sehen war.

»Deinen Pferdefuß kenne ich, du Nolimetangere«, murmelte er.

»Nun wohl – du hast es so gewollt, und so falle der Würfel denn. Doch nein – noch einen Gnadenweg gibt er, und wenn du einen guten Engel hast, so mag er dich darauf hinführen.«




Zweiter Teil



Dolores hatte in der letzten Nacht schwere, seltsame Träume. Ihr träumte, sie müßte gegen dichte, wogende Nebel ankämpfen in kalter Nacht auf einem unebnen, steinigen Wege, dessen scharfe Kanten ihre Füße verletzten. Endlich aber stand sie vor einer undurchdringlich grauen Wand – sie wußte nicht, war's Nebel, war's ein Felsen, der den Weg versperrte. Rechts und links gähnten tiefe Abgründe, die ins Unendliche zu führen schienen, und als sie sich wendete, um zurückzugehen, da hatte ein rauschender Strom den Weg überschwemmt oder fortgerissen, so daß sie verloren schien. Und in der furchtbaren Angst, die sie befiel, klopfte sie an den Felsen, wie an eine Tür. Und siehe da – die kahle graue Wand schien sich auseinanderzuschieben, die Nebel schienen zu zerreißen, dünner und dünner zu werden, und endlich sah sie durch die Wand hindurch, und sah – sich in ihrem eignen Zimmer sitzen. Aber sie war nicht allein. Ihr gegenüber hatte Doktor Ruß Platz genommen. Der sprach eifrig in sie hinein – sie hörte den musikalischen Ton seiner Stimme, aber sie verstand seine Worte nicht. Und er schob ein auf großem, weißem Bogen entworfenes Schriftstück auf dem Tisch zu ihr hinüber, und sie sah, wie sie selbst das Dokument ergriff, zerriß und in das Feuer warf, welches im Kamin brannte. Da erhob sich Doktor Ruß und drückte auf den Kopf der linken Kaminmantelfigur, und der ganze Kamin drehte sich hinein in die Wand mitsamt dem Doktor Ruß wie ein Karussell, und als er wieder mit seiner Vorderseite erschien, war Doktor Ruß verschwunden. Da begannen wieder Nebel zu ziehen über das klare Bild – hastig, wie vom Sturm gejagt, und wieder zerrissen die grauen Wolken, und wieder sah Dolores sich selbst stehen im Dämmerlicht, im weißen Kleid, Hand in Hand mit Alfred Falkner. Und der Ort, an dem sie standen, war das Hexenloch unten im Park. Schwarz schimmerte das scheinbar regungslose Wasser, geheimnisvoll flüsterten die Tannen und Buchen über ihren Häuptern, es webte in der stillen Abendluft seltsam und geheimnisvoll, und wo im Westen der Park eine Lichtung hatte, schimmerte blutrot ein Streifen an der Stelle, wo die Sonne eben untergegangen war. Und Alfred Falkner ließ ihre Hände los und schritt durch die Lichtung dem Streifen entgegen. Da ward es ganz dunkel. Und es hob sie ein Etwas empor, und die Wasser des Hexenloches schlugen über ihr zusammen, und es ward dunkel und dunkler um sie – –

Und als sie die Augen aufschlug, träumte ihr weiter, da sah sie sich langsam durch den Park schreiten, einen Brief in der Hand mit einem fremden Poststempel. Sie zerriß den Umschlag und begann den Brief zu lesen, aber während sie dazu ihre Schritte anhielt, schlug etwas in das Briefblatt, sie wußte nicht was, doch sie sah, daß ein erbsengroßes, rundes Loch mit versengten Rändern in dem Papier entstanden war. Und wieder ward es licht, und sie sah sich abermals selbst auf die Terrasse des Falkenhofes hinaustreten, wo Frau Ruß und ihr Mann standen. Hinter ihr brachten Diener einen fertig besetzten Teetisch, und alle nahmen Platz und Dolores schenkte drei Tassen Tee ein. Da kam Engels hastigen Schrittes die Terrasse herauf, die Flinte über der Schulter, einen erlegten, mächtig großen Vogel in den Händen, und alles sprang auf, die Beute zu sehen, und während Engels die Flügel des Vogels auseinanderlegte, sah Dolores sich selbst die Spannweite der Flügel messen. Währenddessen schien es ihr, als täte Ruß ein Stück Zucker in ihre Teetasse, und sie schrie auf: »Nicht so süß! Nicht so süß!« Aber sie trank den Tee dennoch, und er schmeckte nicht süß, aber fremdartig, ihr ekelte es vor dem Getränk. Während sie aber trank, sah sie die kalten, hellblauen Augen der Frau Ruß mit seltsam forschendem, grausamem Ausdruck auf sich gerichtet, und diese Augen bohrten ihren Blick bis tief hinein in ihr Herz, daß eine furchtbare Angst sie ergriff, und doch, der Schrei um Hilfe vor diesem schrecklichen Augenpaar kam nicht über ihre Lippen, Angstschweiß, wahrer Todesschweiß trat auf ihre Stirn –

Da legte sich eine sanfte, kühle Hand auf ihr Haupt – der Alp wich, und zitternd erwachte sie aus dem quälenden Traume –

Doch nur halb erwachte sie, um halb wachend sogleich wieder weiterzuträumen, denn ihr war's, als ruhe die kühle Hand immer noch auf ihrer Stirn, und als sie die Augen aufschlug, sah sie die Gestalt der Ahnfrau Maria Dolorosa im schwachen Schein der Nachtlampe neben ihrem Bette stehen, freundlich lächelnd, genau wie das Bild in der gefundenen Kapsel. Und die Gestalt beugte sich herab und küßte mit kalten Lippen die Lippen der Träumenden.

»Dolores, Erlöserin!« flüsterte es in ihr Ohr, »Gott hat dich gewürdigt, hinter den Schleier der Zukunft zu schauen. Du kennst nun die Gefahren, die sie für dich birgt – aber sei stark und mutig, eine echte Falkner. Und bleibst du hier, so bleib' auch ich dir zur Seite mit meinem Schutz, der die Warnung ist. Mehr darf ich dir nicht geben oh, daß du nicht unterliegen möchtest, Dolores, Blut von meinem Blute –«

Mehr hörte Dolores nicht, denn ruhig und fest schlief sie weiter, doch als Tereza sie am Morgen weckte, schmerzte sie der Kopf, und sie mußte über ihren Traum nachdenken, bis er wieder in jeder Einzelheit vor ihrem geistigen Auge stand.

»Solch wirres, törichtes Zeug«, schalt sie sich selbst. »Das macht der starke Tee von gestern abend.«

Aber es fröstelte sie trotzdem, als sie des schrecklichen Blickes gedachte, von dem ihr geträumt, doch an den Kuß der toten Ahnfrau dachte sie ohne Grauen. Und je mehr sie nachdachte über die Träume der vergangenen Nacht, je mehr hätte sie darauf schwören können, daß sie die Erscheinung der Freifrau Dolorosa wirklich gesehen, daß kein Traum ihr dieselbe gezeigt, kein Zustand von halbem Wachen und halbem Schlafen, und es gewährte ihr eine Beruhigung, sich diese Unmöglichkeit vorzustellen und einzureden mit der klaren Begründung, daß es eben eine Unmöglichkeit war.

Ich werde nervös, dachte sie am Ende. Luft und Arbeit – Arbeit, damit die Traumgestalten weichen. –

Als Engels dann mit seinen Rapporten und Akten erschien –«als vortragender Rat vor ihrer Majestät der regierenden Herrin von Falkenhof«, wie er sich gern scherzhaft selbst nannte – da sah er sie lange kopfschüttelnd an.

»Fräulein Dolores, Sie gefallen mir gar nicht«, sagte er endlich, als ihre nervös bebenden Hände die Feder fallen ließen, mit der sie ihre Unterschrift geben sollte.

»Aber lieber Engels, das wäre ja schrecklich«, versuchte sie zu scherzen.

»Blasse Wangen, blaue Ränder unter den Augen – es kleidet Sie ja, aber richtig ist es doch nicht«, sagte er kopfschüttelnd. »Und nun gar noch den Tadderich in den Händen – na! na!«

»Ich habe schlecht geschlafen – schreckliche Dinge geträumt – Gespenster gesehen«, erwiderte sie lachend.

»Weiter nichts?« fragte er. »Na, dagegen gibt's Mittel, gute Mittel. Erstens spazierengehen, bis Sie rechtschaffen müde sind; zweitens abends nicht zuviel essen oder starken Tee trinken – –«

»Und gegen die Gespenster?« fragte sie, als er einhielt.

Da holte er seinen Stock, den er an der Tür stehengelassen hatte, und machte eine sehr deutliche Bewegung damit.

»Lassen Sie mich mal aufpassen«, bat er, »und ich garantiere Ihnen, daß kein Gespenst mehr erscheint.«

»Oh, ich bin von dem Erfolge im voraus überzeugt«, rief Dolores lachend. »Aber seien Sie ruhig – die Sorte von Gespenstern beschwöre ich schon allein, und es hat sich auch noch keines an mich herangewagt.«

»Wäre auch höchst unvorsichtig«, brummte Engels und kehrte zu seinen Papieren zurück.

Dolores setzte ihren Namen unter das letzte Aktenstück und reichte es ihm hinüber.

»Das werden Sie nächstens allein besorgen müssen«, sagte sie leicht.

»Wieso allein?«

»Nun zum Winter mache ich mich aus dem Staube – das heißt aus dem nordischen Schnee nach dem Süden. Da sind Sie dann Alleinherrscher im Falkenhofe.«

»Dazu brauchte ich aber eine Vollmacht«, brummte Engels.

»Die sollen Sie auch haben«, erwiderte Dolores. »Sogar eine Generalvollmacht, wie sich's für den großen Besitz schickt. Apropos, Sie waren ja Jurist, lieber Engels, und können mir eine Frage beantworten, die in das Fach schlägt.«

»Gern. Aber ich fürchte, ich habe mein corpus juris längst vergessen und pfusche mit meinem Rat unserem Justizrat bloß ins Handwerk –«

»O bewahre – der müßte ja überdies noch gefragt werden. Also setzen wir einmal den Fall, daß ich den Falkenhof verschenken wollte – sagen wir, an den nächsten männlichen Agnaten –«

»Der ihn nicht genommen hat«, unterbrach Engels trocken.

»Nein. Nun aber nehmen wir weiter an, daß dieser Agnat sich verheiratet –«

»Mit Ihnen? Hurra!« schrie Engels, rot vor Freude.

»Nein, nicht mit mir«, unterbrach Dolores den Enthusiasmus des guten alten Menschen etwas scharf. Sie war blaß geworden.

»Nicht mit Ihnen?« meinte Engels kleinlaut. »Na, dann ist's ja egal – dann mag er wegen mir Teufels Großmutter heiraten.«

»Ich hoffe, er wird einen besseren Geschmack entwickeln« sagte Dolores und lächelte etwas gezwungen. »Auf alle Fälle aber möchte ich der künftigen Frau von Falkner den Falkenhof als Morgengabe verschreiben. Geht das an, lieber Engels?«

»Nee, das geht gottlob nicht«, war die prompte Erwiderung. »Das hieße ja den Agnaten schädigen.«

»Schädigen, Engels? Schädigen, wenn ich seiner Frau verschreibe, was er bloß aus – aus eigenen Gründen nicht zurücknimmt, trotzdem es ihm doch besser zukommt als mir, der Frau, die doch nur ein dürrer Ast ist an dem Stammbaum?«

»Ich werde Ihnen mal was sagen, Fräulein Dolores«, meinte Engels gemütlich. »Wie Sie, hab' ich ja anfangs auch gedacht. Das wissen Sie. Aber schließlich habe ich doch noch Einsicht genug bewahrt, um mir zu sagen, daß das alles Unsinn ist, Unsinn, der in Ihren vom Falkenhof unabhängigen Mitteln seinen Ursprung hat. Sie sind reich – gut für Sie! Aber nehmen Sie an, Sie wären's nicht, da wäre der lebenslängliche Besitz des Lehens doch ein Segen für Sie, trotz der idealverrückten Ansicht, daß Reichtum nicht glücklich macht. Warum sollen Söhne alles, Töchter nichts haben? Nein, die Primogenitur im Falkenhof ist nur eine Gerechtigkeit. Aber davon wollten wir eigentlich nicht reden, sondern von der Verschreibung des Besitzes an die Frau des Agnaten. Deswegen brauchen Sie den Justizrat nicht erst zu belästigen, denn es liegt ja klar am Tage, daß diese Idee sich zwar bei jedem x-beliebigen Privatbesitz, nicht aber beim Falkenhof realisieren läßt.«

»Ich sehe den Grund, der dagegen spricht, noch nicht ein.«

»Aber Fräulein Dolores, Sie haben doch sonst ein so helles Köpfchen«, meinte Engels sanft tadelnd. »Nehmen Sie also mal an, daß der Falkenhof wirklich der jungen Frau verschrieben wird. Nehmen Sie weiter an, daß das junge Paar sich trennt, sich scheiden läßt –«

»Unmöglich bei Katholiken«, unterbrach Dolores.

»Gott, man hat schon erlebt, daß Religionen aus diesen Gründen gewechselt wurden wie die Handschuhe«, entgegnete Engels achselzuckend. »Außerdem – wissen Sie's denn schon so genau, daß Baron Falkner auch eine Katholikin wählen wird?«

Dolores verneinte stumm, denn es war ihr eingefallen, daß Prinzeß Lolo Protestantin war.

»Na also!« sagte Engels. »Also lassen Sie die Sache mal schief gehen und die Ehe sich lösen, dann zieht die junge Frau ohne Schwierigkeit mit einem andern Mann ein in den Falkenhof, und der der nächste dazu ist, hat das Nachsehen für immer. Auf diesen Eventualitäten basiert sich die Unmöglichkeit, ein Lehen zu verschenken.«

»Damit muß ich mich wohl bescheiden, Sie Unglück, Scheidung und andere schreckliche Dinge krächzender Rabe«, versetzte Dolores scherzend. »Wer denkt denn überhaupt an solche Dinge, wenn zwei sich heiraten sollen?«

»Natürlich nur der Jurist, wenn man von den bösen Zungen von Profession einmal absehen will«, gab Engels zurück, und da die Geschäfte für heut erledigt waren, so empfahl er sich auch. In der Tür machte er noch einmal kehrt.

»Hören Sie, Fräulein Dolores«, sagte er unsicher, »das war alles ganz gut und schön mit mir, als ich unter meines Freundes und Brotherrn stets wachsamen Augen dem Falkenhof als Verwalter vorstand. Aber ob ich zum Generalbevollmächtigten tauge, weiß niemand und Sie am allerletzten. Können Sie keinen Besseren finden?«

»Nein, keinen Besseren«, erwiderte Dolores mit solch überzeugender Freundlichkeit, daß Engels mit leuchtenden Augen ihre kleine Hand ergriff und sie sogar küßte. Und er sagte dann auch weiter nichts als: »Gut! Mein Schaden ist's ja nicht!« – und verließ mit dieser originellen Danksagung »das Lokal«, wie er sich ausdrückte, das brave Herz innen aber geschwellt von Dankbarkeit und dem gerechten Stolze eines redlichen Mannes, der sein Brot lange in oft nicht gerade süßer Abhängigkeit gegessen und sich dafür endlich in einer Stellung sieht, die dem Schiffbrüchigen des Lebens als ersehntes Ziel stets vor Augen geschwebt.

Der Abend brachte dann die Gäste aus Monrepos und Arnsdorf, und Dolores empfing sie an der Seite des Rußschen Ehepaares, das sich dem kleinen Kreise vollkommen anpaßte, wenn ihm ja auch durch jahrelange Einsamkeit der leichtere Konversationston abhanden gekommen war. Zwar fand sich Doktor Ruß, der ganz ausgezeichnet gut und bedeutend aussah, ohne Übergang leicht in den Ton hinein, der ihm von Jugend an fremd gewesen, aber er gehörte eben zu den selten begabten Menschen, welche instinktiv gesellige Formen und Allüren finden, sobald sie deren bedürfen, im Gegensatz zu denen, welche neben mühsam errungener geistiger Bildung in ihrem Auftreten stets ungeschliffen und unbeholfen bleiben. Fräulein von Drusen, die Hofdame, welche stets sehr scharf gegen Mißheiraten eiferte und der früheren Freifrau von Falkner die ihrige nie vergeben und vergessen hatte, war nach einer halben Stunde entzückt von ihrem Tischnachbarn, dem »simplen« Doktor Ruß, der nicht wie ein Gentleman aussah und sprach, sondern es auch war. Und wie das Herz der alten Hofdame, so gewann er sich auch zweifellos nicht nur die Zustimmung, sondern auch die entschiedene Approbation der anderen. Frau Ruß sah sehr stattlich aus in der von Theresa verfertigten schwarzen Schleierhaube, sie sprach wenig und fühlte sich ausrangiert, trotzdem sie bei Tisch neben dem Herzog saß. Der Herzog suchte sich viel mit ihr zu unterhalten, sie blieb aber einsilbig, beobachtete dafür aber scharf, und ihre kalten Augen schienen sich jedermann in die Seele bohren zu wollen.

Nach Tisch begann Lolo dann eine ziemlich ungenierte Inspektion der von Dolores bewohnten Räume, in welche man nach aufgehobener Tafel hinaufgestiegen war. Sie fand das Erkerzimmer »reizend«, den Rokokosalon »himmlisch«, erklärte den Ahnensaal für »bezaubernd, aber gruselig, der vielen Augen wegen, die einen aus den Rahmen ansehen«, und meinte, den zwischen dem Saal und dem Schlafzimmer liegenden getäfelten Raum, den Dolores sich als Bücherei und abendliches Arbeitszimmer eingerichtet, würde sie sicher nicht viel benutzen.

»Denn Sie wissen, ich sehe mir alles schon so genau an, weil es ja doch mein Hochzeitsgeschenk ist«, flüsterte sie Dolores übermütig zu, doch als letztere ihr erklärte, daß sie mehr versprochen, als sie halten könne und den Falkenhof nicht verschenken dürfe, tat dies der guten Laune der Prinzessin keinen Eintrag.

»Er, der Herrlichste von allen, ist ja doch der Erbe«, tröstete sie sich.

»Nach meinem Tode erst«, warf Dolores ein.

»So?« machte das Prinzeßchen mit großen Augen und setzte mit dem ihr eigenen Optimismus hinzu: »Schadet nichts! Sie können ja sterben oder früher abdanken, wie Papa es tun will – und wenn Sie keins von beiden tun, so bleiben Sie unsere Erbtante und verziehen unsere Kinder. Abgemacht?«

»Natürlich«, sagte Dolores, wider Willen zum Lachen gezwungen durch die starke Naivität des Herzogstöchterleins, das bei seinem weiten Blick in die Zukunft noch nicht einmal wußte, ob »der Herrlichste von allen« ihr sein Herz überhaupt geschenkt.

Im Ahnensaal standen indes der Erbprinz und Falkner vor dem schönen Bilde der unglücklichen Freifrau Dolorosa.

»Das ist ja eine stupende Ähnlichkeit mit unserer liebenswürdigen Wirtin«, meinte ersterer, der sich von dem Bilde nicht trennen konnte.

»Es ist in der Tat eine wunderbare Laune der Natur, der Enkelin die Züge der Ahne zu geben«, sagte Falkner. »Doch zum Glück fehlt meiner Cousine der Zug von Schmerz, der auf dem Antlitz der ›bösen Freifrau‹ liegt.«

»Finden Sie?« fragte der Erbprinz leise.

»Ich meine, diesen Ausdruck schon in den Augen der Freiin Dolores gesehen zu haben.«

»Hoheit sind ein scharfer Beobachter«, erwiderte Falkner wider Willen gereizt. »Ich habe davon nichts bemerkt – wie käme auch Schmerz in den Blick der Satanella?« setzte er fragend hinzu, doch ohne die scharfe Bitterkeit von früher.

Der Erbprinz hörte den Unterschied aber nicht heraus. »Die arme Satanella!« rief er spöttisch. »Falkner, Falkner, wie kann man sich nur so in ein Vorurteil verbeißen!«

Aber Falkner zuckte mit den Schultern. Er hatte seine Frage anders gemeint; daß sie anders aufgefaßt wurde, ließ ihn kalt. Die andern traten nun auch hinzu, und auf die Erklärung, daß dies wunderbare Ebenbild der Schloßherrin auch des Schlosses Irrgeist sei, ruhte Prinzeß Lolo nicht eher, bis sie die Geschichte der »bösen Freifrau« erfahren hatte. Nun blühte Doktor Ruß' Weizen, denn Dolores mußte ihm den Band der Familienchronik jener Zeit reichen – man gruppierte sich um das Bild, und er trug mit seinem weichen, leisen, musikalischen Organ den still und erschüttert Lauschenden die todestraurige Geschichte vor, die wir schon kennen.

»Die Arme! Was muß sie gelitten haben«, sagte Prinzeß Alexandra leise, als die Tragödie voriger Tage verklungen war. Dies erste Wort war für Graf Schinga das Signal, sich zu schneuzen, daß es im Saal ein vielfaches Echo erweckte.

»Ich kann solch trauriges Zeug gar nicht hören«, versicherte er mit übergehenden Augen, wie einer, der niesen will und nicht darf. »In ›Maria Stuart‹ habe ich mal so heulen müssen – wie ein Schloßhund, wahrhaftig, daß das andere Publikum schon Mitleid mit mir hatte und der Logenschließer mich hinausbugsieren wollte. Seitdem sehe ich mir nur noch Lustspiele an und höchstens mal eine Oper, denn wenn der Tenor schmettert:


Ja, du bist meine Seligkeit,
Doch er – er sei dem Tod gewei – heit –


oder die Primadonna trillert:


Ich lächle unter Trä – ää – äää – ääänen –


das ist ja kolossal rührend, aber doch nicht so steinerweichend.«

Nach dieser Erklärung kam Doktor Ruß wieder auf die Freifrau Dolorosa zurück, und er schilderte ihr trauriges Ende.

»Sie soll aber noch einmal zu klarem Bewußtsein gelangt sein«, schloß er. »Denn es wird in der Chronik berichtet, daß Gott den Schleier des Wahnsinns kurz vor ihrem Tode von ihrer Seele nahm und ihr die Gabe des Hellsehens verliehen habe. In diesem Zustande, in welchem sie von allem wußte, nach allem fragte und Anordnungen traf für ihr letztes Stündlein, in diesem Zustande soll sie dem Geschlechte der Falkner eine Prophezeiung hinterlassen und sogar aufgezeichnet haben.«

»Eine Prophezeiung?« fragte man unwillkürlich, Falkner mit inbegriffen, der so gesessen hatte, daß er während der ganzen Geschichte der Freifrau Dolorosa fortwährend das Profil von Dolores sehen mußte, welches sich von dem rubinroten Plüsch ihres Sessels klar und bleich abhob wie eine antike Kamee.

»Und wie lautet diese Prophezeiung?« fragte Gräfin Schinga interessiert.

»Sie mag wohl verlorengegangen sein«, antwortete Doktor Ruß. »Ich habe sie wenigstens beim Ordnen des Archivs und der Bibliothek nicht finden können.«

»Oder sie ist überhaupt eine Fabel«, meinte der Herzog. »Und wenn sie's ist, so wär's das beste, denn meist erwecken solche Prophezeiungen, selbst wenn sie nachträglich gemacht werden, nur den Aberglauben und seine traurigsten Folgen. Ich halte nicht viel davon, denn etwas Humbug ist immer dabei im Spiel.«

»Da möchte ich zu widersprechen wagen, Hoheit«, entgegnete Doktor Ruß. »Was wir gemeinhin Hellseherei und als deren Produkt Prophezeiung nennen, ist ein hypnotischer Zustand, der für uns zwar heutzutage noch viel Unerklärtes in sich schließt, wissenschaftlich beleuchtet aber immer verständlicher wird. Und warum sollen die Leute dazumal dem Hypnotismus weniger zugänglich gewesen sein, als heut die vielen ›Medien‹ von Profession? Die Prophezeiungen alter Tage sind in hypnotischem Zustand abgegebene Erklärungen – Reisefrüchte einer Seele in jenes ferne Land, das wir die Zukunft nennen.«

»Hm! Hm! Ich bin hierin etwas skeptisch, lieber Doktor«, erwiderte der Herzog, während der Erbprinz ausrief: »Ah, also ein Bundesgenosse! Du siehst daraus, lieber Papa, daß ich nicht allein stehe mit dem, was du gemeinhin unter die Rubrik ›Blödsinn‹ rangierst.«

»Kinder, laßt mich in Ruhe«, meinte der Herzog mit behaglichem Lächeln. »Zu meiner Zeit, da wußte man nichts von Hypnotismus und solchem Zeug, womit die Leute nur verrückt gemacht werden. Da ließ man die Menschen wahrsagen und träumen, was sie Lust hatten, und man brauchte es nicht zu glauben, wenn man nicht wollte. Aber jetzt möchte man sich abends schon mit Angst ins Bett legen bei dem Gedanken, daß die Seele einen kleinen Abstecher macht, Gott weiß wohin, und am Ende das Wiederkommen gar vergißt. Denn nach meinem Herrn Sohn sind Träume auch hypnotische Produkte, zu welcher Ansicht ich mich leider so lange nicht bekennen kann, als ich noch jedesmal vor feierlichen Gelegenheiten träume, daß mir bei Staatsakten allemal die notwendigsten Kleidungsstücke fehlen. Prophetisch können die Angstträume nicht sein, denn so lange ich noch bei Verstande bin, werde ich voraussichtlich Landtage und Ausstellungen nicht in einem Kostüm eröffnen, das für meine afrikanischen Kollegen ganz praktisch, bei uns aber ganz ungewöhnlich ist.«

»Papa ist eben ganz unüberzeugbar«, sagte der Erbprinz, wider Willen einstimmend in das lustige Lachen, das die herzogliche Traumdeutung hervorrief durch die ruhige, trockene Art, wie der hohe Herr sie vortrug.

Falkner, der nicht lachte, weil er gar nichts von des Herzogs Rede gehört hatte, sah nur das feine bleiche Profil an der Stuhllehne gegenüber sich wenden und den schönen Mund lachen – eigentlich nur lächeln, um sofort wieder ernst zu werden.

»Trotz der entschieden unprophetischen Träume Eurer Hoheit gehöre ich aber auch zu den Frondeuren gegen Ihre Ansicht«, sagte Dolores. »Darf ich meine Beweise vorbringen, daß Träume kein bedeutungsloser Unsinn sind oder sein können?«

»Ich bitte darum und bin ganz Ohr«, erwiderte der Herzog, und alles lauschte gespannt, als Dolores begann: »Oh, ich werde kurz sein. Mir träumte also von der bösen Freifrau, und ich sah sie naturgemäß, genau in derselben Kleidung, wie hier vor uns auf dem Bilde!«

»Hu! Wie graulich«, machte Prinzeß Lolo mit kokettem Erschauern.

»Nein, mir war es nicht zum Fürchten«, fuhr Dolores fort, »denn sie sprach sehr freundlich und liebevoll mit mir. Und mir träumte weiter, daß sie mir ein Geheimfach zeigte, und ich sah deutlich, wie es zu öffnen war. Daran wäre nun nichts Wunderbares – Bedeutung erhält der Traum aber durch den Umstand, daß ich später das Geheimfach wirklich fand und es öffnen konnte durch den Mechanismus, welchen mir die Ahnfrau im Traume gezeigt.«

Ein allgemeines »Ah« des Staunens durchlief den kleinen Kreis bei dieser Erzählung, und der Herzog meinte schmunzelnd: »Hoffentlich hat der allerdings ganz wunderbare Traum auch seine praktische Seite, denn ich vermute, daß Sie in dem Geheimfache einen Schatz gefunden haben.«

»Einen Schatz fand ich zwar nicht darin, wohl aber die Prophezeiung, deren Doktor Ruß vorhin erwähnte!«

Ein plötzliches, wunderbares Naturereignis hätte den kleinen Kreis nicht in stupenderes Staunen, in größere Aufregung versetzen können, als die einfachen, ruhig gesprochenen Worte Dolores Falkners es taten. Namentlich der Erbprinz war ganz Feuer und Flamme geworden und wollte von der Erzählerin alle Details des Traumes wissen, was sie während desselben gefühlt, was nachher empfunden.

»Oh, wenn ich die Wahrheit bekennen soll, so muß ich eingestehen, daß ich heut noch darauf schwören möchte, alles im wachenden Zustande erlebt, nicht geträumt zu haben«, erwiderte Dolores. »Doch das ist ja natürlich Unsinn – es war ein Traum, das beweist die Unfähigkeit, mich zu regen, welche ich während desselben empfand.«

»Hypnotismus!« rief der Erbprinz triumphierend. »Gnädiges Fräulein, Sie ahnen nicht, welchen Wert Ihr Zeugnis für meine Studien hat!«

»Ach liebes, liebes Fräulein Dolores, bitte, geben Sie uns doch diese Prophezeiung zum besten«, schmeichelte Prinzeß Lolo, und gespannt blickte Doktor Ruß nach der Angeredeten hinüber. Sie aber schüttelte nur mit dem Kopfe.

»Es steht nichts darin von Gift und Dolch, Mord und Totschlag – ist also gar nicht pikant«, sagte sie.

»Ja, aber irgend etwas muß doch darin stehen, wenn es eine Prophezeiung ist«, beharrte die Prinzeß auf ihrem Wunsche. »Ich meine, irgend etwas Interessantes für die Familie.«

»Es scheint so«, erwiderte Dolores kühl. »Durchlaucht werden mich aber trotzdem entschuldigen, wenn ich es als gegenwärtige Lehnsherrin ablehnen muß, ein Dokument zu zeigen, das ich als ›sekret‹ betrachte.«

»Wenn dies mit Grund geschieht, so kann ich Ihnen nur zustimmen, Cousine,« sagte Falkner fest.

»Nun hetzen Sie auch noch«, schmollte die Prinzeß, der wohl noch selten eine Bitte versagt worden war, doch Prinzeß Alexandra sagte verweisend: »Unsere liebenswürdige Wirtin ist im Recht, Lolo, und wir haben keines, aus bloßer Neugier oder zum Spaß Familienangelegenheiten zu durchstöbern!«

»Meinetwegen kann die ganze, dumme Prophezeiung auch eingepökelt werden«, sagte die junge fürstliche Dame schmollend mit dem ganzen Trotz eines ungezogenen Backfisches, der für gleichgültig erklärt, was ihm verboten worden ist, und als Prinzeß Alexandra ein leis ermahnendes »Aber Lolo« hören ließ, spannte der kleine reizende Übermut die niedlichen Hände mit den rosigen Fingern Tandem vor ihr Näschen als Antwort, d. h. sie machte der entthronten Autorität ihrer Schwester eine ganz unfürstliche, schusterjungenmäßige »lange Nase«.

Als sie diese Heldentat vollbracht, sprang der stets bizarre Sprünge machende Geist Prinzeß Lolos sofort auf eine andere Idee über.

»Famos, solch ein Familiengespenst«, rief sie und betrachtete das Bild der bösen Freifrau. »Wir haben ja natürlich auch unsere graue Dame, aber ich hab' sie leider noch nicht gesehen, auch nicht von ihr geträumt, wie Sie! Sie geht immer die Korridore im Schlosse lang bis in die Kapelle und steigt dann zur Ahnengruft hinab. Apropos, Baroneß, haben Sie auch eine Ahnengruft? Und ist die Freifrau Dolorosa dort beigesetzt?«

»Ich habe wirklich noch nicht danach gefragt«, sagte Dolores.

»Da kann ich Auskunft geben«, warf Doktor Ruß ein. »Der Sarg der Freifrau Dolorosa steht in dem verschlossenen Raum der Gruftkapelle zwischen den Särgen der beiden Brüder Falkner, welche ihre Gatten gewesen sind.«

»In der sogenannten Bleikammer«, ergänzte Falkner.

»Ach, gehen wir doch hinein – bei Fackellicht! Es ist schon ganz finster«, rief Prinzeß Lolo aufspringend.

»Unsinn, Lolo«, sagte der Erbprinz.

»Na, ich dächte, das wäre doch ein unschuldiges Vergnügen«, erwiderte sie empört.

»Unschuldig – ja! Vergnügen –nein!«

»Das ist Geschmacksache«, entgegnete das blonde Prinzeßchen weise. »Mir zum Beispiel macht es ein wonnevoll grausiges Vergnügen, nachts in eine Ahnengruft zu steigen, um den Sarg einer spukenden Ahnfrau zu sehen. Und die Baronin Dolores wohnt sogar in ihren Zimmern und schläft in ihrem Bett. Aber ihr gönnt mir nichts. Nicht wahr, Baronin, ich darf in die Ahnengruft?«

»Natürlich«, lächelte Dolores ergötzt.

»Ach, da kommen wir gleich«, rief Prinzeß Lolo und sprang auf.

»Heut noch, Durchlaucht? Ein andermal –«

»Nein, nein, gleich!« beharrte die Prinzeß. »Sascha würde zu Haus bloß predigen und mir haarklein beweisen, daß einer Prinzeß von Nordland nicht Extrawürste, wie andere Sterbliche sie speisen, gebraten werden dürfen. Das kenne ich schon!«

»Nun denn, vorwärts, wenn Seine Hoheit nichts dagegen hat«, sagte Dolores resigniert und amüsiert zugleich, während Prinzeß Alexandra ihrem Bruder zuflüsterte: »Wenn ich nur wüßte, wo Eleonore diese Ausdrücke her hat!«

Der Herzog hatte natürlich nichts dagegen, und nachdem Dolores an Ramo die nötigen Befehle gegeben hatte, brach man auf zu der alten Gruftkapelle, welche, in einem fernen Parkwinkel gelegen, unter hohen, uralten Eichen ein engbegrenztes, aber sehr stimmungsvolles Bild gab. In einem früheren Stil als der Falkenhof erbaut, hatte die Gruftkapelle schon Geschlechtern zur letzten Ruhestätte gedient, die dahingegangen und erloschen waren, und durch die Eichenallee, durch die nun die kleine Tafelrunde der Lehnsherrin Dolores lachend und plaudernd dahinschritt, war manch ein Falkner hinausgetragen worden zum letzten langen Schlafe.

Alfred Falkner mußte unwillkürlich an seinen letzten Gang durch diese Eichenallee denken – als er dem Sarge des Onkels folgte, ein entthronter Erbe, ein bloßer Agnat im Gefolge der »Theaterprinzeß«! Auch heut schritt sie ihm voran, aber an der Seite eines regierenden Herzogs, und er konnte nicht anders, als hinblicken auf sie, auf diese leicht schreitende, schlanke Gestalt, in deren goldnem Haar sich mitunter ein Mondenstrahl fing, der durch eine Lichtung im Gezweig huschte. Und dann glänzte dies Haar auf und sprühte wie Feuer und leuchtete metallisch wie poliertes Kupfer – dies Haar, dessen »Satansfarbe« er so gehaßt hatte. Nun freilich wußte er, daß dieser Haß Selbstbetrug gewesen – –

Da hing sich leicht ein Arm in den seinen, und ein reizendes Gesichtchen blickte zu ihm mit tränengefüllten Augen – Prinzeß Lolo.

»Sehen Sie nicht immer nur hin nach ihr«, flüsterte sie mit erstickter Stimme, »sie macht sich doch nichts aus Ihnen – gar nichts!«

»Das wußt' ich eher als Sie, Prinzeß«, erwiderte er in der Bitterkeit seines Herzens, und dann ärgerte ihn das rasche Wort. Was brauchte dies kleine Schoßkind des Glückes davon zu wissen?

»Das wissen Sie? Gott sei Dank!« flüsterte es an seinem Arme zurück.

»Wie meinten Durchlaucht?« fragte er steif.

»Ich sagte: Gott sei Dank, daß Sie es wissen«, kam es trotzig zurück, aber etwas lauter. »Ich will nicht so laut sprechen – was brauchen es die andern zu hören?«

»Was hören?«

»Daß Sie umsonst den Toggenburg spielen vor dem Falkenhof:


Ritter, treue Schwesterliebe
Widmet euch dies Herz –
Fordert keine andre Liebe,
Denn es macht mir Schmerz –«


deklamierte die kleine Prinzeß.

»Durchlaucht belieben starke Ausdrücke«, gab er hochmütig zurück. »Denn wenn ich zu etwas nicht Anlage habe, so ist es zum Toggenburg.«

»Dazu wären Sie auch zu schade –«

»O wirklich –?«

»Ja, denn Sie sollen siegen, aber nicht schmachten. Schmachten ist für einen Mann etwas Gräßliches – Jämmerliches. Wenn man Sie als Prometheus an einen Felsen schmiedete, und die Geier an Ihrem Herzen hackten –«

»Es war die Leber, Durchlaucht!« unterbrach er sie ironisch.

»Und die Geier an ihrem Herzen hackten«, fuhr sie unbeirrt fort, »dann würde ich so viel glühende Tränen weinen auf Ihre Fesseln, bis sie schmölzen. Aber für einen Gefangenen im Kerker mit der Kugel am Fuß rühre ich keinen Finger!«

Die kleine, leidenschaftliche Rede verfehlte ihre Wirkung nicht. Falkner führte gerührt und geschmeichelt – vielleicht letzteres noch mehr, das reizende kleine Händchen, das auf seinem Arm lag, an die Lippen.

»Oh, Prinzeß Lolo!« murmelte er.

»Nennen Sie mich doch nicht auch mit diesem schrecklichen Namen«, bat sie leise mit schmeichelnder Stimme.

»Eleonore!« sagte er da, ohne Titel, ohne Prädikat.

»Alfred!« jauchzte es noch leiser zurück, aber mit solchem Herzensjubel, daß er davor erschrak. Was war geschehen? Was hatte er getan? Doch zum Überlegen war keine Zeit – man war an Ort und Stelle.

Vor der Kapelle, die grau und verwittert unter dem dichten Blätterdach der sie umgebenden Eichen lag, standen zwei Diener mit Fackeln – sie hatten einen näheren Weg genommen, um die Herrschaften zu erwarten.

Der Herzog setzte sich sogleich auf eine Steinbank vor der Pforte. »So! nun macht, was ihr wollt' ich bleibe hier«, erklärte er behaglich; die Lust, in die Gruft hinabzusteigen, war übrigens auch bei den anderen nichts weniger als groß, und man zögerte vor der nun geöffneten Pforte, bis Dolores zu Prinzeß Lolo sagte: »Nun denn, so muß ich Ihnen allein die Honneurs dort unten machen, Durchlaucht!«

Aber der kleinen Durchlaucht war längst die Lust vergangen – sie hatte durchgesetzt, was sie sich eingebildet hatte, mehr wollte sie eigentlich nicht, und ihr Hasenherzchen fing merkwürdig an zu zittern und zu klopfen vor der Kapellentür, auf welcher das Fackellicht unheimlich flackerte.

»Gehen Sie mit?« fragte sie zaghaft, zu Falkner emporsehend.

»Gewiß«, sagte dieser. »Dort unten habe ich sogar Repräsentationspflichten und größere Rechte als meine Cousine, die Lehnsherrin!«

»Ein bitterer und grausiger Humor«, meinte Dolores ernst und gelassen.

»Ich schließe mich gleichfalls an«, erklärte Doktor Ruß sehr zum Mißfallen seiner Frau, und die vier betraten die Kapelle, gefolgt von Ramo, der eine Stocklaterne entzündet hatte und mit derselben leuchtete.

Im Kapellenraum brannte hinter rotem Glase eine ewige Lampe, deren herrliche Form in schwerem Silber von der Decke herabhing. Der Altar, darin an bestimmten Tagen ein Priester Seelenmessen las für die ewige Ruhe der hier beigesetzten Falkner, war reich und prächtig bestellt – fromme Gaben Hinterbliebener, welche all diese gold- und silberstrotzenden Altarbehänge, Leuchter, Vasen, Evangelien- und Episteltafeln als Opfer niedergelegt hatten für die dahingeschiedenen Geliebten.

Dolores, Falkner und Ramo neigten sich bekreuzend vor dem geschlossenen Tabernakel – dann öffneten sie ein Gitter, das eine steile, aber breite Treppe abschloß, und sie schritten, Ramo voran, dieselbe hinab, hinter der Prinzeß, welche nur zaghaft den ihr zukommenden Vortritt nahm. Die Treppe mündete in einen hallenartigen Keller, in dessen gewölbten Nischen Särge standen von allen Größen, viele bedeckt mit verdorrten Kränzen.

»Hu, wie schrecklich!« flüsterte die Prinzeß halb weinend.

»Das sind neuere Generationen«, erklärte Falkner. »Die eigentliche Gruft liegt hinter jener Tür, und dieser Raum wurde ehedem als Kapelle benutzt, ehe es da drinnen zu enge wurde und man die Vorhalle droben als Kapelle einrichten mußte. Tempus fugit«, setzte er bedeutungsvoll hinzu.

»Tempus fugit »wiederholte Doktor Ruß. »Künftige Geschlechter werden sich eine neue Stätte für ihren letzten Schlaf errichten müssen.«

»Es ist noch Platz hier für die beiden letzten Falkner«, erwiderte Dolores, seltsam bewegt. »Die Nischen sind gefüllt – hier aber, mitten im Raum, sind zwei aufgemauerte Postamente für die Särge, und hier trifft sie früh die Morgensonne durch das Gitterfenster, und frei kann die Waldluft sie umwehen. Es sind die besten Plätze, und niemand kann sie ›dem letzten Falkenpaare‹ wehren, denn wenn der letzte hinabgetragen ist, dann wird die Tür oben zugemauert, und die ewige Lampe erlischt –«

»Wer aber wird das letzte Falkenpaar sein?« fragte Prinzeß Lolo beklommen, und als niemand antwortete, stieß sie einen leisen Schrei aus. »Sie beiden?« flüsterte sie scheu, auf Alfred und Dolores deutend.

»Wer weiß es?« sagte ersterer und schritt der verschlossenen Tür zu, sie zu öffnen, während Dolores die prophetischen Worte der Ahnfrau einfielen:


Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,
Dann wird der Stamm erlöschen und verschwinden.


»Verschwinden«, schien das Echo zu sagen, welches das gedachte Wort gar nicht erweckt hatte.

Der Raum, den sie jetzt betraten, war bedeutend kleiner, und die feuchte Grabesluft des großen Gruftgewölbes fehlte ihm, denn die Wände waren mit Blei bedeckt, von dessen blinden Flächen noch schwarze Tuchfetzen herabhingen, mit denen die Wände ehedem zum »pompe funébre« behangen waren.

»Der Luxus unserer Vorväter hatte dieselben mehr konserviert, als es jede Einbalsamierung tun konnte«, sagte Doktor Ruß, indem er auf die Bleiwände deutete. »Deshalb können wir auch heute noch beurteilen, ob der Maler der ›bösen Freifrau‹ geschmeichelt hat oder nicht.«

Er winkte Ramo, und dieser beleuchtete drei nebeneinander stehende reichbeschlagene, mit Samt bekleidete Prachtsärge, auf deren mittelsten eine Tafel angebracht war zu Füßen des Kruzifixes, auf welcher man deutlich den Namen: »Dolorosa, Freifrau von Falknerin« lesen konnte. Doktor Ruß und Falkner faßten den Deckel bei den Handhaben, hoben ihn herab und enthüllten einen zweiten Bleisarg, der in dem Prunksarg eingelassen war. Auch dessen Deckel wich, und Dolores sah mit einem Ausruf höchster Überraschung eine Gestalt im Sarge liegen, von deren Haupt das Haar zwar glanzlos, aber genau so kupferrot leuchtete wie auf dem ihren, und näher tretend konnte sie die von der Zeit zwar vergilbten, aber wunderbar erhaltenen Züge der »bösen Freifrau« erkennen, wie sie hier so friedlich zu schlafen schien im silbergestickten, weißen Damastkleide, das sich über einem goldgestickten, mattgrünen Unterkleide von Atlas öffnete. Die schmalen, schlanken Hände, welche aus den übergeschlagenen Spitzenmanschetten der hochgepufften Ärmel hervorragten und nun wie vergilbtes Elfenbein aussahen, waren über der Brust gefaltet, welche ein tiefer Ausschnitt des Kleides halb entblößte, der feingestickte, spitzenbesetzte mächtige Kragen aber leicht bedeckte. Um den Hals lag ein dünnes Goldkettlein, das rotgoldene Haar war dicht gekräuselt, und in dem leichten Federlöckchen lag im seltsamen Gegensatze zu dem grünen Unterkleide eine spitze, lange, schwarze Witwenschneppe.

Mächtig erschüttert sah Dolores auf die Ahne hinab, deren Züge sie trug, diese Züge, auf denen die Bleibekleidung der Wände und der bleierne Sarg dies Wunder der Erhaltung ihrer irdischen Reste bewirkt – sie hatte unwillkürlich die Hände gefaltet, und ihre Augen wurden feucht, als sie den Körper der Unglücklichen vor sich sah, die im Leben so heiß geliebt, so schwer gelitten hatte –

Da tönte ein gellender Schrei durch die stille Gruft –

»Die Augen – sie hat die Augen aufgemacht –« kam es in Tönen des Entsetzens von Prinzeß Lolos Lippen, und die Arme wild emporgereckt, die Augen stier und die Lippen blaß, flog sie auf Falkner zu und brach zu seinen Füßen zusammen.

»Das ist die Folge, wenn Backfische das Gruseln lernen wollen«, murmelte Doktor Ruß vor sich hin, während Dolores sagte: »Schnell – schaffen Sie sie hinauf, Alfred! Das arme Kind kann Krämpfe davontragen von ihrer Angst –«

Falkner hatte sich schon gebückt und hob die Prinzeß empor, welche krampfhaft schluchzend die Arme um seinen Hals schlang und das blonde Köpfchen an seine Wange drückte wie ein kleines Kind, das man mit dem schwarzen Mann in Schrecken gejagt. Der gellende Schrei hatte auch die vor der Kapelle Zurückgebliebenen aufgeschreckt.

»Das war Lolo –! Oh, ich dachte es wohl!« rief Prinzeß Alexandra und trat in die Kapelle. Doch da erschien schon Falkner oben an der Treppe mit seiner Bürde, die sich schluchzend fest an seinen Hals klammerte.

»Sie wird sich in der frischen Luft bald erholen«, sagte er auf den fragenden Blick der älteren Schwester.

Aber Prinzeß Lolo erholte sich nicht so schnell. Sie war von Falkners Halse nicht loszureißen und weinte Ströme von Tränen.

»Sie hat die Augen aufgemacht und mir gewinkt«, schluchzte sie, »aber ich will nicht sterben, Alfred, ich lasse dich nicht – laß du mich auch nicht – du bist mir gut – nicht wahr? Laß mich nicht sterben – nicht sterben – nicht sterben!«

Jetzt riß dem Erbprinzen die Geduld.

»Eleonore!« sagte er streng und scharf, daß das Schluchzen sofort nachließ, wie oft bei grundlos weinenden Kindern.

»Eleonore, was soll das? Schäme dich!«

Langsam lösten sich die runden, weichen Arme von Falkners Hals, aber das verweinte Gesichtchen blieb an seine Brust gelehnt, bis der Herzog hinzutrat und, seine Tochter an der Hand fassend, diese hinwegzog.

»Fräulein von Drusen«, sagte er, »haben Sie die Güte, die Prinzeß nach Hause zu begleiten und dort zu Bett bringen zu lassen!«

»Papa!« schrie sie empört auf.

»Du weißt, ich liebe Szenen nicht«, entgegnete der Herzog ärgerlich. »Außerdem wünsche ich nicht, mir den schönen Abend weiter zu verderben. – Sie werden uns nämlich noch nicht los«, wandte er sich an Dolores, »denn Sie haben uns ein Lied versprochen.«

»Und ich hoffe, meine Schuld mit Zinsen einlösen zu können, Hoheit«, erwiderte Dolores liebenswürdig, und nur ein feiner Kenner hätte in ihrer Stimme ein leises Schwanken wahrnehmen können. Und so ging es die Allee zurück nach dem Falkenhof – fast in der alten Ordnung – Dolores voran mit dem Herzog, Ruß mit Fräulein von Drusen, der Kammerherr mit Frau Ruß, die leichenblaß war und vor Aufregung zitterte infolge der Szene vor der Kapelle. Dem ersten Paare hatte sich Gräfin Schinga, dem zweiten ihr Gatte zugesellt, Prinzeß Alexandra folgte, den Arm um ihre Schwester geschlungen und leise mit dieser flüsternd, zuletzt, etwas weiter zurück, folgten der Erbprinz und Falkner.

Nach einer Pause ergriff ersterer das Wort.

»Baron Falkner«, sagte er, »wie soll ich mir diese Szene mit meiner Schwester deuten?«

»Genau wie Hoheit sie sahen. Es liegt nichts dahinter«, erwiderte Falkner ruhig. Daß man eine Erklärung fordern würde, dessen hatte er von Anbeginn sicher sein können, und er sah ihr gefaßt entgegen mit dem Gefühl eines Mannes, dem das hingebende Anschmiegen, das rückhaltlose Hervorbrechen der Zuneigung eines reizenden Weibes wohlgetan hatte, nachdem die Zärtlichkeit einer Mutter für ihn unter Kontrolle stand, und er verscherzt glaubte, was niemals sein gewesen.

»Es liegt nichts dahinter?« wiederholte der Erbprinz. »Meinen Sie damit, daß die Reden meiner Schwester spontane Eingebungen waren, welche Sie selbst überraschten?«

»Zum Teil taten sie dies allerdings, Hoheit«, war die ebenso ruhige und sichere Antwort.

»Zum Teil! Und zum andern Teil?« war die heftigere Frage.

»Zum anderen Teil bekenne ich mich schuldig, auf dem Wege zur Kapelle durch ein unvorsichtiges Wort Hoffnungen in dem jungen Herzen erweckt zu haben, welche, so fürcht' ich, nur auf Sand gebaut sind.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Fürstentöchter sind schon zu Vasallen herabgestiegen – doch diese hatten dann mehr zu bieten als ich.«

»Darauf kommt es nicht an, Falkner«, erwiderte der Erbprinz ruhiger. »Es handelt sich für mich nur darum, zu wissen, wessen Neigung stärker ist – die meiner Schwester für Sie, oder die Ihrige für meine Schwester!«

»Dann fragen Hoheit die Prinzessin Eleonore selbst – ihre Antwort ist die meinige«, entgegnete Falkner.

Der Erbprinz seufzte, aber schwieg. Er konnte sich's ungefähr erklären, wie alles gekommen war, er kannte seine »kleine Schwester«, und im Grunde seines Herzens lebte die feste Überzeugung, daß Prinzeß Lolo bei ihrer Neigung »zum Durchgehen« besser aus der Sphäre herausgedrängt wurde, in welcher sie geboren war, und an der Seite eines Mannes wie Falkner die Festigkeit erlangte und die Stütze fände, deren sie so sehr bedurfte, als daß sie in eine Konvenienzehe, sich selbst überlassen, dem Abgrunde zutrieb, von dem vielleicht nichts mehr sie retten konnte.

Im Falkenhof wieder angelangt, blieb man, Prinzeß Lolo inbegriffen, noch versammelt, aber die Konversation blieb gezwungen, und die Gemütlichkeit war entflohen, und während Gräfin Schinga eine der wundervollen ungarischen Rhapsodien von Liszt spielte, beobachtete Doktor Ruß, scheinbar in den Kunstgenuß versunken, wie es in den Zügen des kleinen Kreises nacharbeitet von der Szene an der Grabkapelle. Denn der sonst stets gutgelaunte Herzog suchte ersichtlich Herr seiner Mißstimmung zu werden, und mitunter flog ein Blick aus seinen gutmütigen Augen hinüber nach seiner zweiten Tochter, der so ernst und mißbilligend war, als er's überhaupt zuwege bringen konnte. Der reizenden Delinquentin sah man's an, daß Zorn und Tränen in ihr kämpften. Prinzeß Alexandra sah bekümmert aus, Frau Ruß rang nach Atem, und Falkner stand da wie einer, der den drohenden Sturm gefaßt erwartet. Die Unbefangenen waren Keppler und Graf Schinga – unbefangener und ganz gelassen schien Dolores, als ginge der Sturm im Wasserglase sie gar nichts an. Und wirklich hatte die Szene draußen sie nicht in dem Maße überrascht als die anderen – sie war ja die Vertraute der kleinen Prinzeß –

Sie wird weinen, er wird sich in Stolz hüllen, und dann wächst Gras über die ganze alberne Sache, dachte sie, nicht ohne Bitterkeit.

Und dabei ahnte sie nicht einmal, was diese Selbstbeherrschung ihr wert war. Denn Doktor Ruß beobachtete scharf, und hätte er ein Zucken in ihren schönen Zügen entdeckt, einen verräterischen Blick erhascht – – was alles hängt nicht im Leben oft an einem »wenn«! Und als Gräfin Schinga ihre leidenschaftliche Rhapsodie geschlossen, da sang Dolores einige Lieder mit fester, klarer Stimme, und als ihre Gäste dann die Heimkehr antraten, nahm sie Abschied von ihnen, als sei niemals etwas geschehen, was die Harmonie des heutigen Abends stören konnte.

»Das war ein interessanter Abend«, sagte Doktor Ruß, als er Dolores gute Nacht wünschte.

»Ach ja – die Herrschaften sind wirklich sehr angenehme Nachbarn«, erwiderte sie, ohne den doppelten Sinn verstehen zu wollen.

»Schade nur, daß das blonde Prinzeßchen ihre romantische Idee, nachts die Gruft zu besuchen, so schwer büßen mußte«, setzte er lächelnd hinzu. »Aber wer weiß, wozu es gut war, daß sie ihr Herzensgeheimnis dabei verriet«, meinte er sinnend. »Es wird wohl einen Sturm geben, drüben in Monrepos, aber nach Stürmen pflegt die Sonne gemeiniglich viel heller zu scheinen.«

»Man muß es hoffen«, entgegnete Dolores.


* * *


Zu einem richtigen Sturm kam es aber in Monrepos doch nicht, kaum daß ein Donnerwetter die nötige Luftreinigung besorgte. Der Herzog hatte am selben Abend noch eine längere Unterredung mit seinen beiden ältesten Kindern und darauf eine bedeutend kürzere mit Falkner, der abermals hier alle Schuld auf sich selbst lud und die Neigung der Prinzeß für sich selbst also in ein ideales Licht stellte.

Und die dem Idealen stets so geistig nahe Prinzeß Alexandra brachte ihrer Überzeugung und ihrer an das Erhabene streifenden Schwesterliebe ihre hohen Ideen vom Fürstenberuf zum Opfer und ward die Fürsprecherin einer Verbindung, welche der Erbprinz aus Prinzip, der Herzog aber in dem vagen Gefühl bekämpfte, daß es seine Pflicht sei, eine Mißheirat zu verhindern. Daß Falkner keinen Reichtum zu bieten hatte, machte ihm nicht die größten Sorgen.

»Seine Kinder sind versorgt, die erben den Falkenhof«, meinte er. »Und Gott sei Dank, ich hab's ja, um meine Tochter ihr Leben lang ganz passabel glänzend zu stellen.«

Prinzeß Alexandra aber siegte mit ihren Argumenten. Sie zeichnete dem Vater rückhaltlos den Charakter ihrer Schwester mit all seinen Schwächen, sie stellte ihm all die Gefahren vor, welchen ein solcher Charakter ausgesetzt ist, Gefahren, die eine Konvenienzehe geradezu beschwört, und die nur eine Herzensneigung abwenden kann. Und als der Herzog immer noch ablehnend sich verhielt, da wagte sie das Letzte, das Stärkste.

»Papa, denke an unsre Mutter, und wie sehr Lolo ihr in allem und jedem gleicht«, sagte sie leise und mit glühenden Wangen.

Da senkte der alte Herzog traurig sein graues Haupt, und die vergangene schwere Zeit, da die hochselige Herzogin ohne Liebe seine Gemahlin wurde, und ihr heißes Herz erwacht war, diese Zeit kam mit Gewalt zu ihm zurück. Aber er wußte auch, was es seiner Tochter kosten mußte, um ein Bild heraufzubeschwören, das er und seine Kinder mit dem Schleier der Vergebung und der Pietät verhüllt hatten, und er begriff jetzt ihre Herzensangst um das Wesen, dem sie mehr als eine Schwester, dem sie eine Mutter gewesen war. Sie hatte die wilden Triebe in der jungen Seele nicht ganz ausrotten können, sie wußte, daß sie eines Tages emporschießen würden, und hoffte, daß die Liebe allein mit starker Hand und ohne Schmerz zurückhalten würde, was ohne ihren Sonnenglanz nicht zu gedeihen vermag.

Und so kam es, daß Falkner nach Mitternacht sich zur Ruhe begab als verlobter Bräutigam und als anerkannter künftiger Schwiegersohn des Herzogs von Nordland. Der Wahrheit die Ehre zu geben, er fühlte sich in beiden Eigenschaften gehoben, denn einmal tat ihm die rückhaltlos offenbarte Liebe des reizenden Fürstenkindes wohl, und dann schmeichelte ihm der Gedanke, einem regierenden Hause so nahe zu treten.

Drüben im Falkenhof war alles still und umfangen vom nächtlichen Frieden, und wirklich schlief die junge Lehnsherrin einen erquickenden Schlaf, unbehelligt durch schwere Träume, während Doktor Ruß seinerseits sich leise erhoben hatte, als seine furchtbar von den Ereignissen des Abends aufgeregte Gattin endlich zur Ruhe gekommen war, ahnungslos über das, was sich drüben »bei Hofe« indes vollzog. Rastlos und leise, als schritte er auf Gummisohlen, ging er im Wohnzimmer auf und nieder und dachte, dachte, bis das erste Flimmern des jungen Tages durch die Ritzen der geschlossenen Vorhänge drang – da erst legte er sich nieder und stand ein paar Stunden später mit der Miene eines Mannes auf, der die ganze Nacht wie ein Heiliger geschlafen, und als er, nach seinem kalten Bade frisch und bis zum Tüpfelchen auf dem i jeder Zoll ein gutgekleideter Gentleman, seine Gattin am Frühstückstisch fand, da hätte diese sicher am letzten geahnt, daß er die ganze liebe, lange Nacht hindurch nicht nur nicht geschlafen, sondern anstrengend nachgedacht hatte.

Als der Morgen dann zu einer dezenten Stunde vorgeschritten war, stieg er hinauf zu Dolores und ließ sich bei ihr melden. Er fand sie im Turmzimmer am Schreibtische vor, Bücher und Belege vor sich.

»Immer tätig, immer bei der Arbeit«, sagte er und küßte ihre Hand.

»Was hilft's? Engels zwingt mich ja zu diesem reizlosen Geschäft«, lächelte Dolores und seufzte dazu resigniert. »Er gibt keine Ruhe, ehe ich nicht selbst die Bücher vergleiche und die Belege revidiere. Und dabei hasse ich nichts mehr als Rechnen und Zahlen. Aber ›ich bin des trocknen Tons nun satt‹, setzte sie mit dem übermütigen Blick früherer Tage hinzu, indem sie das Buch zuklappte und ihre Hand darauf legte.

»Ich wundre mich nur, daß Sie den ›trocknen Ton‹ so lange ertragen haben«, gab Doktor Ruß zurück.

»Nun, was Mephisto konnte, wird doch von Satanella nachzuahmen sein?« sagte sie leicht.

»Wer weiß«, erwiderte er und setzte dann hinzu: »Wissen Sie, Dolores, daß Sie mich damit unbewußt auf das Thema gebracht haben, wegen dessen ich eben zu Ihnen heraufkam? Ich habe, offen gesagt, nicht recht gewußt, wie beginnen, denn ich möchte Ihr Mißtrauen nicht erwecken und nicht selber die Rolle einer mißgünstigen Rothaut in Ihren Augen spielen –«

»Das ist ja eine schreckliche Vorrede«, lachte Dolores, sichtlich sympathisch berührt von dem Tone des Biedermanns, den Doktor Ruß so meisterhaft beherrschte.

»Eine schreckliche Vorrede, nicht wahr?« gab er mit komischkläglichem Tone zu, fügte aber gleich wieder ernst hinzu: »Aber sie ist noch nicht zu Ende, meine Vorrede. Denn sehen Sie, Dolores, Sie müssen mich nicht mißverstehen, nicht glauben wollen, daß ich Ihnen einen Rat aufdränge, dessen Sie nicht bedürfen und den Sie nicht wünschen, oder gar, daß ich mich von irgendwelchem Übelwollen leiten lasse – von einem Übelwollen gegen Engels, der mich nicht leiden mag. Denn um Engels handelt es sich.«

»Ach bitte, sagen Sie nichts gegen ihn«, bat Dolores so treuherzig, daß ein anderer als Doktor Ruß sicher still gewesen wäre.

»Nein, o nein«, beeilte er sich zu versichern. »Sie müssen nicht denken, daß ich ihn verdächtigen will, denn die Offenheit, mit welcher er seine Abneigung gegen mich zur Schau trägt, gemahnt an das klassische Vorbild der Nibelungenzeiten und hat mich immer mehr ergötzt als beleidigt. Denn gegen seine Antipathie kann kein Mensch, nur daß sie in diesem Falle wirklich nicht auf Gegenseitigkeit beruhte –«

»Jetzt fang' ich aber wirklich an, neugierig zu werden, um was es sich handelt«, sagte Dolores amüsiert.

»Ich komme schon zur Sache, aber diese Einleitung hielt ich eben für nötig, denn meine Angelegenheit ist zu ernst, um mit der Tür ins Haus zu fallen«, erwiderte Doktor Ruß. »Es handelt sich also um den guten Engels, oder, wenn Sie wollen, um den Falkenhof. Sie wissen ja, wie der verstorbene Freiherr, Ihr Onkel, stets in die Verwaltungsgeschäfte selbst mit eingegriffen hat und Engels in allem und jedem dareinredete, als wäre derselbe nichts gewesen als ein subalterner Beamter und nicht der selbständige Verwalter eines solch enormen Güterkomplexes wie der Falkenhof. Das aber lähmt die Tatkraft, schwächt das Selbstvertrauen, und Engels, dessen landwirtschaftliche Kenntnisse und Ansichten noch von Anno Tobak datieren, hat nichts dazugelernt, wie ich gern zugebe, aus dem obengenannten Grunde. Und in der Tat ist er nichts weiter als ein guter, tüchtiger Inspektor, dem seine Buchführung nachgerade sauer genug wird und sie, wie figura zeigt, gern teilweise auf Sie abholzen möchte.«

»Und der langen Rede kurzer Sinn ist, daß ich Engels pensionieren soll«, warf Dolores kühl und scharf ein.

»Da – hatt' ich unrecht, wenn meine ›schreckliche Vorrede‹ Ihrem Mißtrauen vorbeugen sollte?« fragte Doktor Ruß lächelnd und in ganz harmlosem Tone. »Also für's erste und letzte – nein, tausendmal nein, ich will nicht, daß Sie Engels pensionieren sollen, denn das hieße den Besitz schädigen. Was ich meine, betrifft nur die rentamtliche Verwaltung. Die hat Ihr Onkel stets besorgt, wie Sie aus den Büchern ersehen werden, und wenn Engels dazu jetzt nicht taugt, so ist's nicht seine Schuld, denn woher soll ihm plötzlich eine Wissenschaft kommen, die er nie gepflegt hat. Nun aber sind Sie, liebe Dolores, gleichfalls unerfahren in der Verwaltung eines solchen Besitzes, Sie halten Engels für Ihre beste, zuverlässigste Stütze und haben darin auch nicht unrecht. Aber Sie vergessen, daß die Kopfarbeit ihm auch über den Kopf wachsen muß, und daher halte ich es für meine Pflicht, mögen Sie es so oder so deuten, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß der Falkenhof nicht vorwärtskommen kann, wenn, bei aller Sorgfalt und Pflichttreue des Verwalters, das geistige Oberhaupt mangelt. Verstehen Sie, was ich meine?«

Dolores hatte sehr aufmerksam zugehört und antwortete nicht sogleich. »Ich verstehe all das vollkommen, mehr noch, ich sehe ein, daß die ganze Last für Engels zu groß ist«, sagte sie dann.

»Aber nichtsdestoweniger danke ich Ihnen herzlich für den guten Rat, der mir Ihre freundschaftliche Gesinnung so warm dokumentiert.«

»Sie wälzen einen Stein von meinem Herzen, wenngleich Sie mir deshalb nicht zu danken brauchen«, erwiderte Ruß lebhaft – eine seltene Kundgebung bei ihm.

»Doch, doch«, rief Dolores. »Hat doch der König seine Räte! Aber, aber, die ganze Vorrede hat mir doch gezeigt, daß die kleine Szene drüben im Ahnensaal Sie verletzt hat, daß Sie meinen Abweis jeglicher Einmischung in persönliche Angelegenheiten falsch oder doch zu scharf aufgefaßt haben. Denn um nun auf unser früheres Thema zurückzukommen –«

»Ihre Entschuldigung beschämt mich nur noch mehr«, fiel Ruß ein und reichte ihr seine Hand herüber, in die sie flüchtig die ihre legte. »Und um nun auf unser früheres Thema zurückzukommen –«

»Oh, in diesem Falle bin ich sehr stolz, daß mein Instinkt mit Ihrer Fachkenntnis und Ihrer tiefen Einsicht im Einklange steht«, unterbrach ihn Dolores freundlich, »denn ich selbst habe längst gefunden, daß die Regierungsmaschine des Falkenhofes geordnet und einer Autorität unterstellt werden muß –«

»Ah, sehen Sie wohl –!« rief Doktor Ruß mit einem Blick des Triumphes.

»Und gewissermaßen ist diese Angelegenheit schon geordnet«, fuhr Dolores fort, nicht ohne eine gewisse, sie sehr gut kleidende Wichtigkeit in Ton und Miene zu legen. »Ich habe Engels zum Generalbevollmächtigten ernannt und werde ihm einen Inspektor speziell für den Falkenhof unterstellen und damit den Stab seiner Inspektoren um einen leitenden technischen Beamten vermehren. Die nötigen Gehilfen für Engels auf dem Rentamte wird Justizrat Müller auf meinen Wunsch anwerben und mir verpflichten.«

Sie hatte all das mit Eifer und, wie gesagt, mit einer sehr reizenden Wichtigtuerei berichtet, und, obgleich sie sich damit direkt an Doktor Ruß wendete, nicht bemerkt, daß er um einen Schatten blässer wurde und seine, den Bart drehende, weiße und wohlgepflegte Hand plötzlich so unsicher ward, daß er sie herabnehmen mußte und, um ihr Zittern zu verbergen, tief in seine Rocktasche vergrub.

»Und nun, was sagen Sie zu diesem vorzüglichen Plan, auf den ich sehr stolz bin?« schloß Dolores heiter.

»Ich auch«, erwiderte Ruß mit seltsam schwerer Zunge, so daß sie ihn verwundert anschaute. »Und ist alles schon legal und perfekt?« fragte er dann in seiner gewöhnlichen gewinnenden Weise.

»Ja. Ich erwarte den Justizrat heut oder morgen. Aber«, fuhr sie liebenswürdig fort, sichtlich bemüht, für den anscheinend so uneigennützig und bieder gegebenen Rat Dankbarkeit zu zeigen, »aber ich rechne beim Einrichten der neuen Verwaltung auf Ihren Rat. Da Sie mir die Freude machen wollen, bis zum Herbst mein Gast zu sein, so hoffe ich noch viel von Ihrem praktischen sowie auch nicht minder von Ihrem theoretischen Wissen zu profitieren.«

Doktor Ruß verbeugte sich.

»Es macht mich stolz, mein geringes Können von Ihnen so hochgestellt zu sehen«, sagte er mit seinem musikalischen Tonfall. »Aber«, setzte er lebhafter hinzu: »Aber ich fürchte, fürchte, daß Engels meinen Rat nicht begehren, mehr noch, nicht dulden wird –«

»Nein, da tun Sie ihm unrecht. Er ist so einsichtsvoll und weiß sehr genau, wo es ihm fehlt. Er wird sich freuen, bezüglich der Verwaltung wertvolle Winke von Ihnen zu erhalten.«

Doktor Ruß wiegte lächelnd den Kopf. »Ich zweifle dennoch«, meinte er.

»Aber ich bitte Sie, wenn ich es wünsche!« rief Dolores, deren Widerspruch und Machtgefühl eine kleine Reizung erhielt. Doch Doktor Ruß wehrte ihr mit leisem Lachen mit beiden Händen ab.

»Ich den guten Engels unterrichten, der Vorurteile hat wie ein Italiener und eigensinnig ist wie gewisse graue Tiere – nein, liebe Dolores, so weit reicht Ihre Macht nicht. Das müßten Sie mir schriftlich geben, wenn Sie mich wünschen.«

»Nun, wenn Sie meinen, daß mein geschriebenes Wort Engels mit größerer Ehrfurcht erfüllt, so sollen Sie's haben«, lachte Dolores, auf den Scherz, für den sie das Ganze hielt, eingehend. Dabei ergriff sie einen großen Bogen Papier, warf hastig ein paar Zeilen darauf und reichte sie lächelnd Ruß hinüber.

»Ich ernenne hiermit den Herrn Doktor Ruß zum Bureauvorsteher meines Rentamtes«, las er unterhalb des Datums.

»Sehr gut. Sie haben nur die Unterschrift vergessen.« Und damit legte Ruß das Papierblatt wieder vor Dolores auf den Schreibtisch, welche sich höchlich über den »Spaß« amüsierte.

»Und die zwei Zeugen!« meinte sie, die Feder über den leeren Platz gleiten lassend. »Dolores Freiin von Falkner«, schrieb sie mit ihren großen, kräftigen Zügen, die so viel Charakter verrieten.

Doch als Doktor Ruß wieder nach dem Blatte griff, nahm sie es schnell fort und zerriß es noch rascher in mehrere Stücke.

»Nehmen Sie den Unsinn mit dem ›Bureauvorsteher‹ nicht übel«, sagte sie und warf die Fragmente in den Kamin.

Wieder lachte Doktor Ruß, aber diesmal ging Dolores der Ton durch und durch, daß sie zusammenzuckte.

»Was sich liebt, neckt sich«, sagte er und mußte sich räuspern, weil seine Stimme heiser geworden war. »Doch verzeihen Sie, daß ich Sie so lange belästigt habe, ja?«

»Nein, es war ja so sehr freundlich von Ihnen«, erwiderte sie ganz überzeugt, worauf Doktor Ruß wieder ihre schlanke, feine Hand küßte und sich empfahl.

Draußen im Korridor aber kam es ein-, zweimal röchelnd aus seiner Brust, daß er den Knopf seines Leinenkragens lösen mußte, weil er ihm zu eng wurde.

»Es war der letzte Versuch«, stöhnte er. »Vom Hoffen zum Fehlschlagen, von der dann erreichten ersten Staffel in den Abgrund zurückgeschleudert – das macht die Nerven kaputt. O Dolores!«

Und wieder schloß er den Knopf, denn die Selbstbeherrschung war sein oberstes Lebensprinzip.

»Ich hab's ehrlich gemeint – was kann ich dafür, wenn es nicht angenommen wurde?« sagte er im Weiterschreiten zu sich selbst. »Ehrlich, wirklich ehrlich, denn ich bin kein Zulukafferhäuptling und kein Schusterle, dem's nur um das Abschlachten zu tun ist. Also jetzt Geduld, Geduld! Damit hat Napoleon die Welt unterjocht, und mit ihm sage ich: Tout le monde vient á celui qui sait attendre.«

O du stolze Frau Ruß, der das bloße Brot der Duldung in diesem Hause stets so hart und bitter war, dich hätte der Schlag getroffen, wenn du geahnt hättest, daß nach dem fehlgeschlagenen Versuch deines Gatten, sich zum Generaldirektor des Falkenhofs zu machen, dieser den »Scherz« der Lehnsherrin mit dem Bureauvorsteherposten für bitteren Ernst genommen hatte! »Denn«, so hatte er gerechnet, »wer das Kleine nicht ehrt, ist das Große nicht wert«, und einmal im Nest, wäre der unbequeme Engels schon herauszudrücken, und der lockende Posten, der das Einkommen jeder Professur weit überschritt, dann dennoch sein gewesen. Denn darin machen's die Menschen nicht besser als die Tiere – es drückt einer den andern fort, wenn er dessen Nest für das wärmere und bessere hält. »Nur die Lumpe sind bescheiden«, sagte Altmeister Goethe, und der hat das Leben doch sicher verstanden.

Daß dem Doktor Ruß nichts daran lag, den Falkenhof und mithin die Fleischtöpfe Ägyptens zu verlassen, um in einer Welt, der er fremd geworden, ein Brot zu suchen, dessen Sicherheit und Güte er durchaus nicht gewiß war, war ihm am Ende nicht zu verargen. Es schreibt sich am täglich kostenlos gedeckten Tisch, der unter dem Regimente der neuen Lehnsherrin bedeutend besser geworden war, leichter hin und wieder ein geistreich-ästhetisches Essay, als beim ängstlich eingeteilten Brot ums liebe Leben, und wenn Doktor Ruß auch zu denen gehörte, die selbst in der Einsamkeit nicht rückwärtsschreiten, weil sie den Drang zur Fortbildung in sich tragen, so wußte er doch sehr genau, daß die Zeit manche Lücken in seinem Wissen verursacht hatte, und daß es ihm blutsauer werden würde, in der Welt einigermaßen anständig fortzukommen. Andererseits aber hatte Dolores auch keinen Grund, die Familie Ruß dauernd als notwendiges Übel unter ihrem Dach zu behalten, denn wenn sein Wissen sie auch anregte und seine Person ihr nicht gerade unsympathisch war, so konnte sie an Frau Ruß doch keine Spur von Sympathie verschwenden, und im Gegenteil war ihr deren Gegenwart so antipathisch, daß sie ihr, wo nur tunlich, gern auswich. Die kalten, hellen, harten Fischaugen dieser Frau schafften ihr ein Unbehagen, das sie nicht überwinden konnte, und wenn sie sich auch gelobt hatte, späterhin wieder eine Einladung an das Ehepaar aus verwandtschaftlichen Rücksichten ergehen zu lassen, so hatte sie sich doch darauf gefreut, der Frau nicht mehr zu begegnen. Und nun wollten sie noch bis zum Herbst bleiben – mehr als ein Vierteljahr vielleicht? Dolores hatte zwar über diese gezwungene Gastfreundschaft geseufzt, sich aber fest vorgenommen, sich zu bezwingen und beiden den Aufenthalt im Falkenhof, so lange sie ihre Gäste waren, so angenehm als möglich zu gestalten und ihnen zu beweisen, daß sie hierin nicht in die Fußstapfen ihres seligen Onkels trat, der dem geduldeten Paare das Gnadenbrot gab. Sie nahm also mit ihnen ein gemeinschaftliches, spätes Mittagbrot und oft das zweite, das Gabelfrühstück ein, ohne sich gegebenenfalls in dieser Hinsicht Zwang aufzulegen. Im übrigen wurde die Bedienung des Paares bedeutend besser. – Dolores hatte, als Doktor Ruß sie droben in ihrem Turmboudoir verlassen hatte, mechanisch eine Streichholzbüchse ergriffen und die Fragmente der im Scherz ausgestellten Urkunde im Kamin entzündet. Sie wußte selbst nicht, weshalb sie es tat, aber es kommt ja oftmals vor, daß die Hände etwas vornehmen, wovon der mit anderem beschäftigte Geist keine Ahnung hat. Und wie sie sich so vor den Kamin kauerte und zusah, wie die Flamme die einzelnen Papierstücke zu verzehren begann, da fiel ihr mit einemmal der erste Teil des seltsamen Traumes ein, daß ihr neulich nachts geträumt, wie Doktor Ruß ihr das große Blatt Papier gereicht, wie sie es zerrissen und dann verbrannt. Das ist seltsam, dachte sie, und dann erinnerte sie sich daran, wie ihr weitergeträumt, daß Doktor Ruß durch den Kamin verschwunden sei. »Und das ist der Unsinn dabei«, sagte sie vor sich hin, doch stand sie trotzdem auf und begann den Mantel des Kamins genau zu untersuchen, hier drückend, dort zu schieben versuchend, aber ohne Erfolg. Nun überlegte sie, welcher Raum wohl an den Turm stoßen mochte, und da sie den nördlichen Flügel noch nicht betreten, so beschloß sie sofort, eine Expedition in denselben zu unternehmen – vielleicht, daß sich die seit geraumen Zeiten unbewohnten Räume irgendwie ausstatten und als Fortsetzung ihrer eigenen Zimmerflucht mit derselben verbinden ließen. Da einmal gefaßte Entschlüsse bei Dolores stets zur raschen Ausführung kamen, so läutete sie Ramo, dem sie alsbald ihren Wunsch mitteilte, und der wiederum seinerseits mit dem notwendigen Schlüsselbunde erschien, eigentlich mit nur zwei notwendigen Schlüsseln, indem er Dolores respektvoll mitteilte, Mamsell Köhler sei sehr froh, die Expedition nicht mitmachen zu müssen, da es im nördlichen Flügel umgehe, denn sie habe, auch in letzter Zeit, deutlich bei später Arbeit in den zur ebenen Erde liegenden Vorratsräumen eben dieses Flügels gehört, wie leise Schritte durch die unbewohnten Räume gegangen waren.

»Ratten«, schloß Ramo bedeutungsvoll.

»Natürlich«, nickte Dolores, »der guten Mamsell Köhler ist's ja gar nicht wohl, wenn sie sich nicht vor irgendeinem Gespenst fürchten kann.«

Ramo öffnete, voranschreitend, die eiserne Tür, welche dicht neben dem Turmzimmerausgange den nördlichen Flügel beinahe hermetisch von der übrigen Außenwelt abschloß. Es bot sich ihren Augen nun vor allem ein eichengetäfelter Korridor, dessen Fenster nach dem Hofe hinausgingen, wie die der anderen Korridore des Falkenhofs. Die Türen, die in die Zimmer selbst führten, waren aber alle fest verschlossen und widerstanden jedem Öffnungsversuche. Am Ende des Korridors endlich schloß der zweite der von Mamsell Köhler bezeichneten Schlüssel eine schmale, einfache Tür auf, und diese, in den nördlichen Turm führend, gestattete den Eintritt in den verlassenen Flügel, dessen weite und hohe Räume es sicher nicht verdient hatten, von den Herren vom Falkenhof so stiefmütterlich behandelt zu werden. Daran aber war die Überfülle an Raum schuld, welche dies feudale Schloß barg, und –

»Aber Ramo, sind das nicht die Zimmer, in denen meine Eltern wohnten?« fragte Dolores erstaunt beim Weiterdringen, während Ramo vorausging, die meist ganz verschlossenen Fensterläden zu öffnen.

»Ja, Herrin«, erwiderte der alte Diener mit einem Seufzer, in welchen Dolores einstimmte. Denn wohl waren diese Zimmer groß und teilweise sogar mit wertvollen alten Möbeln ausgestattet, aber sie entbehrten des Sonnenlichts, und eine beklemmende Moderluft lag in den Räumen, in denen die Stille des Todes herrschte.

Arme Mutter, dachte Dolores wehmütig, und sie hatten keinen anderen Raum hier für dich als diese gruftartige Zimmerflucht, in der du, des Südens sonnengewohnte Tochter, jahrelang dahinsiechen und welken mußtest –

Sie waren jetzt in einem Gemach angelangt, das vollkommen eingerichtet mit schweren, geschnitzten, schwarzen Eichenmöbeln, nur diesen einen Eingang zu haben schien, und durch dessen letztes Fenster ein schräger Sonnenstreifen hereinfiel, direkt auf einen tiefen gepolsterten Sessel, der in der Fensternische stand.

»Hier hat die Herrin immer gesessen und auf die Sonne gewartet, und die Sonne dann solange auf ihr Gesicht scheinen lassen, bis sie wieder fortging«, erklärte Ramo bewegt und deutete auf den Sessel am Fenster.

Da wurde es Dolores recht schwer ums Herz, und auch sie setzte sich an den Platz, auf dem ihre Mutter die vielgeliebte Sonne erwartet hatte, die ihr nur einen so kurzen und spärlichen Besuch machte zur Sommerzeit, während sie im Winter diese verlorene Ecke gar nicht erreichte.

»Stößt dies Zimmer nicht an meinen Turm?« fragte Dolores nach einer Pause, und als Ramo bejahte, sprach sie die Absicht aus, die Verbindungswand durchbrechen zu lassen, um wenigstens diesen Raum mit dem von ihr bewohnten Flügel zu verbinden. Doch statt aller Antwort sagte Ramo mit einemmal: »Mamsell Köhler hat doch Schritte gehört, keine Ratten. Und hier sind die Fußspuren!«

Er deutete auf den Fußboden, auf dessen Parkett, wie in den anderen Zimmern auch, dichter Staub lag; Staub, der so lange dalag, als die Falkners nach dem Streite der Brüder den Falkenhof verlassen hatten. Und in dieser dicken, grauen Decke waren in der Tat Fußspuren zu sehen, augenscheinlich von dem Fuße eines Mannes, der in absatzlosen Schuhen durch das Zimmer gegangen war, und zwar führten diese Spuren aus der linken Ecke der nördlichen Schmalseite des Zimmers erst planlos und vielfach durchkreuzt durch das Zimmer, dann aber nach dem Kamin zu, der, wie Dolores sich's berechnete, genau mit dem ihres Turmzimmers zusammenstoßen und dessen Feuerstätte in denselben Schornstein müden mußte.

»Ramo, wie alt sind diese Fußtapfen?« fragte sie nach einer Weile, nicht sehr erbaut von dieser ungebetenen und unheimlichen Nachbarschaft.

»Die sind ganz frisch«, erklärte Ramo kopfschüttelnd. »Hier sind noch mehr Spuren, aber sie sind schon wieder halb verstaubt.«

Mit diesen Worten ging er den direkt zum Kamin führenden Schritten nach und entdeckte, daß die Fußspuren sich jenseits des vergoldeten Gitters in dem weiten Feuerschlunde fortsetzten, und ein schnell entzündetes Streichholz zeigte ihm nun auch Fingerabdrücke an der verräucherten eisernen Rückwand des Feuerplatzes.

Diesen Spuren folgend, tastete er, ohne Rücksicht auf seine tadellos weißen Manschetten, an der Wand entlang, bis er unten einen Knopf fand, der seinem kräftigen Drucke nachgebend, leise, wie frisch geölt, sich bewegte, worauf sich die Wand leicht und lautlos nach oben bewegte und, einen Raum lassend, daß ein Mensch tiefgebückt durchschreiten konnte, die Aussicht freigab auf einen zweiten Feuerplatz, der in demselben Rauchfang mündete, und von diesem in – das Turmzimmer, welches Dolores als ihre ureigenste Domäne betrachtete.

»Höre, Ramo, das ist ja eine recht unangenehme Entdeckung«, rief sie nach der ersten Pause des Erstaunens. »Wer weiß, wer mir da schon manch ungebetenen Besuch und zu Gott weiß welchem Zweck abgestattet hat.«

Ramo betrachtete seine rußigen Hände und schüttelte den Kopf.

»Herrin«, sagte er dann, »vor allen Dingen werde ich selbst den Schlosser aus dem Dorfe holen und so hereinbringen, daß er nicht gesehen wird. Der mag die Feder hier mit der Tür zusammenschweißen, und niemand kann mehr durch – oder er mag die Tür im Zimmer der Herrin mit dem Boden zusammennieten. Dann aber will ich suchen, wo die Fußspuren hereingekommen sind.«

Dolores war damit zufrieden und dankte innerlich ihrem Schöpfer, daß sie in Ramo solch treuen und intelligenten Wächter besaß, doch das hatte er ihr freilich nicht gesagt, daß er eines Fuchseisens Aufstellung in dem diesseitigen Kaminschlunde plante, »denn wenn man soviel entdeckt, will man den Lump doch auch haben«, meinte er voll gerechter Entrüstung.

Dolores aber dachte an ihren Traum von dem sich drehenden Kamin, und es überlief sie ein leiser Schauer, als sie die Wirklichkeit mit demselben verglich. Und da sie allzeit ein guter Denker gewesen, so trat die Figur des Doktor Ruß vor ihr geistiges Auge.

Sollte ihr dadurch zur Warnung dienen, daß Doktor Ruß –?

Aber mit großer Willenskraft wies sie diesen unwürdigen Gedanken von sich, und sie schämte sich dieses momentanen Verdachtes gegen einen Menschen, der gut erzogen und gebildet wie sie selbst, ihr noch keine Beweise gegeben hatte, daß er ein feindlicher Eindringling sei, der nächtlicherweile kam, um ihre Papiere zu durchstöbern. Denn was anders hätte er wollen können? Nein, dem diese Fußspuren im Staube gehörten, er war gekommen oder wollte kommen, um zu stehlen – ein niedriger Mensch, ein Dieb, denn wenn er auch vielleicht noch nicht vollführt, was er geplant – – schon der Gedanke, schon die Absicht, nicht die Tat allein macht zu dem, was man werden will.

Fröstelnd wendete sie sich ab, den nördlichen Flügel zu verlassen, aus dessen düsteren Räumen aller Ecken Schatten zu kriechen schienen wie Gespenster, und so stark wurde dies Gefühl des Unheimlichen in ihr, daß sie schnellen Schrittes hinauseilte und erst aufatmete, als im Korridor das helle Licht sie umwogte und sie in die sonnengebadete Landschaft hinausblickte.

Und dennoch – sie fühlte es über sich hängen, wie die Wolke kommenden Unheils, und wenn die Sonne auch jenes eben gespürte Unbehagen fortscheuchte aus ihrem Herzen, die Wolke blieb, die hatte sie mitgebracht aus den verlassenen Räumen, in denen das Verbrechen einherschritt und sein lichtscheues Wesen trieb.

Aber sie schalt sich selbst ernsthaft wegen dieser Ahnung nahenden Unheils, sie nannte sich hysterisch, unvernünftig, töricht. Freilich, der Wille tut's auch nicht immer, und die Wolke blieb, und sie sah nach ihr aus, wie der Landmann, der einen vernichtenden Hagelschlag fürchtet und die drohende Angst nicht loswerden kann.

Und wie sie am Fenster ihres Schlafgemaches stand, in dem ihr die früher ganz ungekannte Gewohnheit des Träumens gekommen war, da sah sie Alfred Falkner von Monrepos herüberkommen, mit festem Schritt, hoch, stolz, jeder Zoll der Sproß eines edlen Hauses. Und es kam ihr die Frage an das Schicksal: »Warum hat er mich hassen gemußt, daß ich den Panzer des Stolzes wider ihn anlegen mußte? Er, der einzige Mensch, an dessen Liebe mir gelegen gewesen wäre? Warum? Warum?« Und sie versank in ein Grübeln und dachte darüber nach, was sie getan haben mußte, das zu verscherzen, was sie ihr Glück genannt hätte –

Nach einer halben Stunde wurde der Freiherr von Falkner ihr gemeldet, und sie empfing ihn im Ahnensaal. Ihm fiel auf, daß sie ungewöhnlich blaß war.

»Ich komme wegen zweierlei Dingen«, sagte er, als sie ihn unbefangen, aber ein wenig hochmütig begrüßte, jede Vertraulichkeit von vornherein ausschließend, denn sie hatte eine stolze Seele, die zwar bereitwillig vergab, aber so schnell nicht vergessen konnte und – wollte.

»Sie machen mich neugierig«, antwortete sie Platz nehmend.

»Ja, das erste ist eine Mitteilung, das zweite eine Bitte.«

»Eine Bitte?« wiederholte sie erstaunt und setzte mit dem alten Spott, der ihn stets so sehr verletzt hatte, hinzu: »Also eine natürliche, von vornherein sichere Angelegenheit, die von meinem Gewähren oder Versagen unabhängig ist, nicht wahr?«

»Vielleicht doch nicht«, erwiderte er ruhig. »Eine ganz richtige Bitte«, fügte er mit leisem Lächeln hinzu.

»Das ist ja fast, als ob ein Eskimo seinen Antipoden um einen Trunk aus der Feldflasche bitten wollte«, gab sie ebenso zurück. »Oder sollte das Ende der Welt nahe sein?«

Einen Moment gab er keine Antwort, denn es stieg eine tiefe Röte in seinen braunen Wangen auf, welche erst herabgekämpft werden mußte.

»Ich denke, wir haben Frieden geschlossen?« fragte er dann ruhig und nicht ohne Humor.

»Ach ja, richtig!« rief sie lachend. »Schieben Sie das Vergessen auf das Ungewohnte. Also zur Sache!«

»Zur Sache«, erwiderte er. »Zuerst nun meine Mitteilung. Ich habe mich, unter Zustimmung des Herzogs, mit der Prinzessin Eleonore von Nordland verlobt.«

Also doch! Aber Dolores kämpfte tapfer ein seltsames Gefühl von Hoffnungslosigkeit nieder, das ihr ans Herz griff, und sie reichte Falkner lächelnd die Hand. Nur so weit reichte ihre Beherrschung nicht, daß sie dieser kalten Hand ihre natürliche Wärme hätte wiedergeben können.

»Ich gratuliere«, sagte sie und setzte, scheinbar heiter, hinzu: »Aber Sie überraschen mich nicht –«

»Oh, nach dem, was gestern abend vorgefallen ist –« warf er ein.

»Ich hatte daran gar nicht gedacht«, meinte sie. »Doch da Ihre Prinzeß Braut mich schon vorher zur Vertrauten zu machen geruhte, so war mir das Neue in der Tat nicht mehr ganz neu. Ich freue mich aber sehr, daß die Zustimmung des Herzogs zu diesem glücklichen Ausgange geführt hat.«

»Es ist sehr großmütig von Ihnen, sich überhaupt mit mir zu freuen«, erwiderte Falkner in einem Ton, von dem Dolores nicht genau wußte, wie sie ihn deuten sollte, ob ironisch, ob einfach konversationsmäßig, oder ob beziehungsvoll.

»Gehört wirklich Großmut dazu, anderer Leute Freude zu begreifen?« fragte sie mit einem matten Lächeln. »Mir scheint, Ihr Glaube an meine vielgerühmte Herzlosigkeit hat seinen Umsturzprozeß doch noch nicht ganz vollzogen.«

Ein bitteres Gefühl hatte ihn seine Worte nicht ohne Ironie meinen lassen, jetzt aber bereute er dieselbe sofort.

»Mea culpa«, sagte er bittend. »Aber«, setzte er lächelnd hinzu, »Sie selbst sind auch nicht ganz ohne Schuld, denn wenn man meint, Ihr wahres Ich zu erblicken, so setzen Sie flugs die berühmten zwei Satanellahörnchen auf, die einen so schadenfroh anfunkeln, daß man ein kaltes Sturzbad zu erhalten meint.«

»Nun gestehen Sie selbst Ihr Unrecht«, entgegnete sie. »Kalt Wasser ist allzeit wohltuend – ich dachte aber, daß es in der Hölle – heiß sei.«

»Oh, allzu heiß und allzu kalt – das sind Gegensätze, die entschieden in der Hölle erfunden worden sind«, sagte er mit einem Seufzer und fügte warm hinzu, wie sie ihn nie sprechen gehört: »Nein, wirklich, Dolores, auch Sie müssen an meine schwer errungene, bessere Überzeugung glauben!«

»Soll das ein Kompliment sein?« fragte sie neckend.

»Nein«, erwiderte er ehrlich. »Aber warum auch nicht das? Eine schwer errungene Sache zeugt von einem Siege gegen manche menschliche Schwachheit, und da ich die gewonnene Überzeugung eine bessere nannte, so kann dies auch ein Kompliment sein, nur um's Himmels willen nicht im gewöhnlichen Sinne gedankenlosen Salongeschwätzes.«

Da sah Dolores ihn ernst an und freundlich dazu.

»Sie haben recht«, sagte sie mit gänzlich verändertem Ton. »Ich will mich bemühen, stets dieser Auffassung eingedenk zu sein nach dem Wahlspruch unseres Hauses: ›Alle Falken ehrlich‹. Und mehr noch – heut, da Sie mir die Nachricht bringen, daß die Freifrau von Falkner gewählt worden ist von Ihnen, heut verspreche ich, Vergangenes vergangen, vergessen und begraben sein zu lassen!«

»Dolores!« rief er und ergriff ihre Hand und küßte sie, die willig, aber ohne Druck in der seinen lag, und dann sah er sie an, lange, mit seltsam verschleiertem Blick: »Das also war der Preis, die Bedingung unseres Friedens?« fragte er langsam.

»Ja«, sagte sie mit fester, aber freundlicher, beinahe freudiger Stimme.

Da ließ er ihre Hand los. »Ich fange an, Sie zu verstehen, Dolores!«

Nun reichte sie ihm die Hand von selbst. »Das freut mich von Herzen«, sagte sie so warm, so schlicht und voll wirklicher Anmut, wie er nie geahnt hatte, daß sie sich geben konnte. Und all das war nicht für ihn, zu hoch, zu unerreichbar, und wie das Auge von ferne nur glorreiche, wunderbare Berggipfel anzustaunen vermag, die unzugänglich sind für Menschenwitz, Menschenneugierde und Menschenfuß, so auch wurde ihm gezeigt, was er ohne die goldene Fessel, die ihn gefesselt hatte, nicht schauen gedurft.

»Und nun zu Ihrer Bitte, Vetter Alfred«, rief sie heiter nach einer langen Pause, die ihr das innere Gleichgewicht wiedergeben mußte. »Ich bin furchtbar stolz darauf, die Erfüllung eines Ihrer Wünsche in meiner Macht zu haben!«

»Ich bin nur nicht ganz sicher, ob Sie meine Bitte nicht für Neugierde sans phrase halten«, erwiderte Falkner, mühsam auf ihren Ton eingehend.

»Jetzt machen Sie mich aber unverhältnismäßig neugierig!«

»Ich möchte gern die Prophezeiung der Ahnfrau hören«, erwiderte er bittend. »Ist das eine große Schwäche?«

Da wechselte die Blässe ihres Gesichtes mit jäher Röte.

»Nein, nein«, sagte sie erschreckt, aber sie erhob sich im Moment. »Einen Augenblick Geduld«, fügte sie hinzu, »ich hole meinen Fund sogleich.«

Im Nebenzimmer aber stand sie einen Moment still und preßte die Hände gegen die Schläfen.

Das also war's, dachte sie mit Bezug auf das Gefühl nahenden Unheils, das sie vorhin beschlichen.

Dann holte sie das Missale der Ahnfrau aus seinem Versteck.

»Vorwärts!« sagte sie sich. »Auch das muß noch überwunden werden.«

Und wieder trat sie in den Saal, wo Falkner vor dem Bilde der Freifrau Dolorosa stand.

»Es war doch ihr Ernst mit dem Bericht von dem wunderbaren Funde der Prophezeiung?« fragte er, als sie vor ihm stand.

»Ja gewiß«, und nochmals erzählte sie ihm ausführlich von ihrem Traume und versprach, ihm das dadurch entdeckte Geheimfach zu zeigen.

Und nun nahm er mit einem gewissen Gefühl von Ehrfurcht und Rührung das Buch mit den verblichenen, vielfarbigen Bändern aus ihrer Hand und schlug den Deckel auf, und las laut und langsam die steilen, krausen Schriftzüge:


Wenn sich die Bas' dem Vetter soll vermählen,
Wird sich der Falk' ein dauernd Nestlein wählen.
Die letzte Falkin muß in Schmerzen büßen,
die Grabesruh' der Ahne zu versüßen.
Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,
die einst im Brautgewande ward gemalt,
Kann diese Falkin siegen ob dem Bösen.
Wird meine arme Seele sie erlösen,
Wird sie des Falken Herz zu sich bekehren,
Werd' ich der Engel Alleluja hören.

Dann ist ein tausendjährig Blühn beschieden
Dem Stamm der Falkner auf der Erd' hinieden.
Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,
So wird ihr Stamm erlöschen und verschwinden.


* * *


Und dieses Edelfalkenpaar, die letzten Falken aus dem alten Nest, für die drei Jahrhunderte früher die Hand einer Unglücklichen diese Zeilen niedergeschrieben zu haben schien – sie standen sich jetzt gegenüber unter dem Bilde der unseligen Prophetin – Falkner wunderbar erregt, Dolores blaß zwar, aber scheinbar unbewegt und kühl.

»Ein seltsames Elaborat«, unterbrach er dann die herrschende Stille. »Es fällt, angesichts dieser verworrenen, gereimten Andeutungen schwer, an den klaren Geisteszustand der Schreiberin zu glauben, den sie selbst so feierlich betont, doch das Geheimnisvolle, Unklare ist ja das Zeichen aller Sybillen.«

Dolores nickte.

»Wollen Sie das Geheimfach sehen?« fragte sie etwas unvermittelt. Er schien die Frage gar nicht gehört zu haben.

»Dolores, Sie und ich, wir sind die letzten Falkner«, sagte er, sie voll anblickend.

Sie versuchte zu lächeln.

»Uns hat sie aber nicht gemeint«, rief sie, auf das Bild deutend.

»Abergläubische würden das trotzdem glauben«, entgegnete er, »denn drei Zeilen dieses wunderbaren Ergusses zeigen ja geradezu mit Fingern auf uns. Die erste ist auch der Beginn der Prophezeiung, wenn man's überhaupt eine solche nennen will – die andern beiden Zeilen:


Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,
die einst im Brautgewande ward gemalt,


diese Zeilen werden ja lebendig, wenn Sie neben das Bild treten!«

»Das ist Zufall«, sagte sie lächelnd. »Denn wenn auch diese Zeilen anwendbar sind auf Sie und mich, so wissen wir's doch nicht, ob wir die letzten Falkner sind, weil eine Freifrau von Falkner in spe alle Lust bezeigt, die dritte im Bunde zu werden.«

»Ah, das ist freilich ein schlagender Beweis«, erwiderte Falkner, indem er das Buch in ihre Hände zurücklegte.

»Ich hebe es als Familienreliquie auf für –« für Ihre Kinder, wollte sie sagen, brach aber ab und fügte hinzu: »für Sie.«

Und dann zeigte sie ihm das Geheimfach hinter dem Madonnenbilde des Beato Angelico, und nachdem sie davon noch harmlos eine Viertelstunde verplaudert, empfahl er sich, und sie gab ihm das Geleit bis zur Tür.

»Sie haben Ihrer Mutter von Ihrer Verlobung natürlich schon Mitteilung gemacht?« fragte sie während des kurzen Ganges.

»Gewiß. Ich war zuerst bei ihr.«

»Und sie freute sich natürlich sehr?«

»Soweit sie Gefühle äußern kann und darf, glaube ich es annehmen zu dürfen«, erwiderte Falkner bitter, fügte aber gleich in anderem Tone hinzu: »Und werden Sie kommen, in Monrepos zu gratulieren?«

»Ich komme heut noch«, versprach sie, und als sie ihm dann die Hand reichte, sagte er: »Also unser Bündnis gilt von heut an? Denn ich habe Ihr Versprechen des Vergebens und – des Vergessens.«

»Ja«, antwortete sie, ihm frei ins Auge sehend: »Alle Falken ehrlich!«

Und Falkner ging, aber nicht so leichten Herzens, wie er gedacht hatte. Er wußte, sie würde ihr Versprechen halten; das war ihm ein wahrhaft freudiges Gefühl, als hätte er dadurch etwas Dunkles, Schweres abgestreift, das ihn befleckt hatte, und er fühlte sich frei und erfrischt. Aber das Weh im tiefsten Herzen – das Weh war zurückgeblieben, und am liebsten wäre er umgekehrt auf der Treppe und wäre wieder vor sie hingetreten und hätte gesagt: »Dolores, wir sind das Edelfalkenpaar, das letzte! Wann werden wir uns finden?« – Aber er durfte nicht mehr, seine Ehre war verpflichtet, sein Wort gegeben. Arme Lolo! dachte er. Aber du sollst nicht leiden darunter, denn nun, da sie vergeben und vergessen hat, werd' ich dir leichteren Herzens soviel Glück geben, wie mir übriggeblieben ist.« – Und während er nicht ohne Rührung der rückhaltlosen Liebe des Fürstenkindes für ihn gedachte, war es sein heißer Wunsch, das kleine, elfengleiche Wesen wirklich glücklich zu machen.

Am Fuß der Treppe begegnete ihm »zufällig« sein Stiefvater. »Ei der Tausend! Das war ja ein langer Besuch – wenn das durchlauchtige Bräutchen dadurch nur nicht eifersüchtig gemacht wird«, sagte Doktor Ruß scherzend.

»Das könnte passieren, wenn du es ihr in geschickter Weise plausibel machst«, gab Falkner gereizt zurück, denn der zweite Gatte seiner Mutter machte ihn nervös. Er ärgerte sich selbst stets darüber, aber immer wieder brach die unsägliche Antipathie durch.

Doktor Ruß lachte leise vor sich hin, wie er's gleichfalls unabwendlich gewohnt war, wenn sein Stiefsohn unter seinen Worten wie ein gestochenes Roß sich emporbäumte. Was aber die Worte nicht taten, vollendete dann dieses Lachen – wütend ließ Falkner den Doktor stehen und ging zu seiner Mutter, um ihr Lebewohl zu sagen.

»Meine Braut wird zu dir kommen mit Fräulein von Drusen«, sagte er ihr, und über die blassen, käsigen Züge der Frau Ruß flog ein Rot des Stolzes, und die kalten Augen blitzten triumphierend und fast zärtlich zu dem Sohne hinüber.

»Ich freue mich so sehr«, sagte sie im heftigsten Stricken, »besonders aber, weil du den Rotkopf nicht hast zu heiraten brauchen.«

»Ist Dolores dir so unsympathisch?« fragte er erstaunt.

»Ich kann sie nicht leiden«, stieß Frau Ruß hervor. »Ich habe sie schon als Kind nicht gemocht, den wilden, ungezogenen Balg. Und das Ruß wieder versprochen hat , bis zum Herbst hierzubleiben, ist mir gar nicht recht. Aber was ist da zu machen – er will eben!«

Falkner konnte sich's schon denken, warum »er« wollte, denn er wußte es so gut wie jener, daß sich hier besser und bequemer die gesuchte Professur erwarten ließe. Aber er überging dies Thema wohlweislich, denn einmal hatte seiner Mutter langer Aufenthalt das Peinliche für ihn verloren, und dann war es sein Grundsatz, die Wege des Doktor Ruß so wenig wie möglich zu kreuzen.

»Dolores ist aber eigentlich sehr nett dir gegenüber«, sagte er deshalb nur. »Ich begreife deine Abneigung nicht.«

Frau Ruß ließ den Strickstrumpf sinken, sah sich um, ob niemand Unberufenes in der Nähe war, überzeugte sich auch, daß ihr Gatte draußen immer noch vor einer seltenen Zierpflanze stand und sagte dann flüsternd: »Ich bin eifersüchtig auf sie, Alfred! »

»Aber Mutter – –«

»Eifersüchtig, sage ich dir«, fuhr sie leidenschaftlich fort. »Freilich, noch weiß ich's nicht gewiß, ob sie ihn verführen will, oder ob er Feuer gefangen hat an den roten Satanshaaren. Aber so oder so – sie stört meinen Frieden!«

»Da kannst du ruhig sein, Mutter – sie wird deinen Frieden nicht antasten«, entgegnete Falkner, warm für Dolores eintretend und zugleich voll Mitleid für die arme Frau, die sich das elende Leben, das sie führte, selbst noch zu verbittern versuchte in der schlimmsten Weise.

Hintenherum, um Doktre Ruß nicht noch einmal zu begegnen, ging er nach Monrepos zurück, und Ekel erfaßte ihn bei dem Gedanken, daß das Herz seines Stiefvaters wirklich schneller schlagen könnte für seine Gastfreundin. Und dann mußte er lachen, als er der anderen Version seiner Mutter gedachte. Vor einem Monat hätte er vielleicht noch daran geglaubt und die Achseln dazu gezuckt, aber heute konnte er darüber lachen, gottlob.

Wohin aber mit seiner Mutter, wenn der Aufenthalt im Falkenhofe endlich einmal zu Ende ging? Sie zu sich nehmen? Gern, obwohl er und sie sich nicht verstanden, nie verstanden hatten. Aber das hätte ihn nicht zum Gegenteil bestimmt. Doch mit ihrem Gatten sie aufnehmen – nun und nimmermehr! Und Falkner überlegte, wo er darauf wirken konnte, daß Ruß eine unabhängige Stellung irgendwo erhielt. die ihm eine anständige Subsistenz für seine Frau ermöglichte und deren Lebensstellung nicht herabdrückte zur Unerträglichkeit für die stolze Frau.

Als er nach Monrepos kam, sah er den Herzog im Gartenkostüm, mit einer Riesenschere bewaffnet, den Hut im Genick, vor seiner jüngsten Tochter stehen, welche auf einem niedrigen Gartenstuhle mehr lag als saß, das Gesicht mit beiden Händen verhüllt hatte, anscheinend weinend, und von Zeit zu Zeit den Fußboden mit den niedlich bekleideten Füßchen stampfte und schlug. Erstaunt blieb er einen Augenblick an der Pforte stehen – was war da vorgegangen?

»Höre, Lolo«, hörte er den Herzog sagen, »das ist eine Unvernunft!«

Die Antwort schien nur erneutes Schluchzen zu sein.

Anscheinend ratlos schnappte der hohe Herr ein paarmal mit der Gartenschere in die leere Luft.

»Und außerdem blamierst du dich vor den anderen und machst dich vor den Dienstboten lächerlich«, fuhr er fort, und als ihm darauf ein leiser Schrei, etwa wie ungezogene Kinder zu schreien pflegen, antwortete, da sagte er ganz ärgerlich:

»Wo hat denn nur der Kuckuck diesen Falkner?«

»Hier, Hoheit«, antwortete der vom Gitter her, das er nun hinter sich schloß und der Gruppe zuschritt. Seine Stimme aber gab nur das Signal zu einem Schrei- und Weinkonzert, das nun bei Prinzeß Lolo unaufhaltsam losbrach, und zwar mit einer Vehemenz, daß der Herzog sich die Stirn zu trocknen begann und Falkner nicht wußte, ob er stehenbleiben oder vorwärts gehen sollte. Als er letzterem denn doch den Vorzug gab, neben die Prinzeß trat, den Arm um ihre Schultern legte und leise sagte: »Lolo! Ich bin hier«, da sprang sie empor, ballte die niedlichen Fäustchen und stampfte wütend den Boden.

»Du kannst bleiben, wo du warst! Wohl bei ihr, der rotköpfigen Komödiantin! Mich so warten zu lassen – und am ersten Tage unserer Verlobung – geh. Ich mag dich nicht mehr sehen!«

Ganz erstaunt hatte Falkner diesen Ausbruch über sich ergehen lassen – jetzt zog er ruhig die Uhr hervor.

»Als ich heut früh nach dem Falkenhof fortging, sagte mir Lolos Kammerfrau, daß Durchlaucht vor zwölf Uhr mittags niemals draußen erschienen und zu sprechen sei. Es ist jetzt zehn Minuten vor zwölf Uhr«, sagte er.

»Das ist nicht wahr! Es ist mindestens zwei Uhr! Ihr habt die Uhren zurückgestellt, um mich zu täuschen!« tobte das Prinzeßchen weiter, aber nicht mehr so heftig als vorher.

»Kommen Sie, Falkner«, rief der Herzog, dessen Geduld entschieden zu Ende zu gehen schien. »Gegen die Unvernunft gibt's kein Mittel!«

Falkner zögerte einen Moment.

»Lolo! Aber Lolo!« sagte er leise.

Da flog sie an seine Brust und in seine offenen Arme, und vergnügt schmunzelnd ging der Herzog seiner Wege.

Ja, ja, Sascha hat recht, dachte er, für dieses Köpfchen brauchten wir einen Petrucchio. Und fürstliche Petrucchios gibt's nicht. Habe wenigstens nie etwas davon gehört. Wird ja Grund zum Gerede geben, diese Heirat – billiges Vergnügen das – kann man sich gefallen lassen.

Indes hielt Falkner seine kleine, blonde Braut in den Armen und streichelte ihr weiches, lichtes Haar.

»Ich hatte mich heut schon so auf dich gefreut«, gestand sie ihm, »ich war schon um halb elf Uhr draußen – da warst du fort, und nun habe ich gewartet, gewartet, gewartet – oh, so schrecklich lange!«

»Eine halbe Ewigkeit«, ergänzte Falkner lächelnd und küßte das reizende Gesichtchen, das sich so innig an seine Brust schmiegte, aus dessen Augen er las, daß er wirklich geliebt sei, geliebt, wie kein anderer Mensch auf der weiten Welt ihn liebte. Was also nützte es, nach einer anderen Liebe zu verlangen, die für ihn nicht erreichbar war? Und während er auf das leidenschaftliche Geschöpfchen an seiner Brust hinabsah, gelobte er sich, es zu führen und zu leiten und dessen nicht mehr zu gedenken, was hätte sein können.

Auf Monrepos war nun mit der Verlobung des jüngsten Prinzeßchens ein neues Leben eingezogen. Der Herzog hatte die Vermählung seiner Tochter für den Herbst fixiert, ehe man den Landbesitz, fern von der großen Straße, verließ, um in die Residenz zurückzukehren. Dann sollte das junge Paar eine Hochzeitsreise machen, und bis dahin gedachte der Herzog seinem Schwiegersohn einen Gesandtschaftsposten zu erwirken, oder besser gesagt, einen Posten als Gesandter. Außerdem war Monrepos als Morgengabe der fürstlichen Braut zugedacht und diese Schenkung schon verbrieft, und der Herzog dachte nicht daran, an diesen längst getroffenen Bestimmungen zu ändern oder zu rütteln.

Daneben gestaltete sich der Verkehr zwischen Monrepos und dem Falkenhofe immer nachbarlicher und freundlicher, denn der Umstand, daß Prinzeß Sascha sich mehr und mehr zu Dolores hingezogen fühlte und auch der Erbprinz sich sehr wohl in ihrer Gesellschaft befand und dieselbe häufig auch suchte, ließ viel von den Schranken fallen, welche die Etikette sonst aufrichten mußte. Aber die fürstliche Familie kannte in der Sommerfrische keinen Etikettenzwang, von dem sie im Winter noch genug verspürte, denn gewöhnlich werden die starren Gesetze aus dem Koder der Etikette an kleinen Höfen viel strenger und verschärfter befolgt als an großen Hoflagern – wahrscheinlich ist der Grund dafür, daß man fürchtet, der heilsame »Zug«, der das eintönige Leben zusammenhält, möchte bei milderer Anwendung nach und nach einschlafen und der »Hof« zu einem einfachen adeligen Haushalt herabsinken. Aber zu Monrepos war man, wie gesagt, nur Gutsnachbar, nicht regierender Herr, um so mehr und um so lieber, als Schloß und Gut auf fremdem Boden lagen. Im Bunde die dritten waren oft Graf und Gräfin Schinga, und wenn ersterem auch, wie er daheim unverblümt versicherte, die Leute in Monrepos und Falkenhof zu »gebildet waren«, »ihm zuviel auf dem Flügel droschen, grölten und sogenanntes ästhetisches Blech quasselten«, so fühlte er sich doch, wie er sich allein gestand, »kolossal gekratzt«, in ihrem exklusiven Kreise, der sich über ihn amüsierte, ein ständiges Glied zu sein. Dabei versicherte er seiner Frau unverblümt und mit naivster Offenheit, daß er in das »prachtvolle Weib«, Dolores Falkner, bis über die Ohren »verschossen« sei und ihr »riesig die Cour schneiden« müsse. Die Gräfin rührte dies Bekenntnis nicht weiter, geschweige denn, daß es sie eifersüchtig machte, denn da ihr Gehirn entschieden ausgebildeter war als das ihres Gatten, Eifersucht außerdem ein Luxus war, den ihre Ehe nicht kannte, und Dolores ihr sympathisch war, so nahm sie des Grafen in Hyperbeln sich bewegenden Enthusiasmus so kühl hin, wie alles andere von ihm. Dolores hingegen bat recht oft um den Besuch der Arnsdorfer Herrschaften, erklärte der Gräfin aber die positive Unmöglichkeit, zu ihr kommen zu können wegen der Schlangen. Gleichmütig wie alles und absolut erhaben über die Kleinlichkeiten eines Kerbholzes über abgestattete und abzustattende Besuche nahm Gräfin Schinga auch diese Erklärung auf, versprach recht oft von selbst zu kommen und nahm Dolores den angegebenen Grund gar nicht übel.

»Ich begreife nur nicht, wie Sie mit dieser Abneigung gegen Schlangen in Brasilien existieren können«, meinte sie, und Dolores gestand, daß ihr diese exotische Landplage den Aufenthalt im Heimatlande ihrer Mutter allerdings unerträglich machen würde.

Das freundnachbarliche Verhältnis zwischen Falkenhof und Arnsdorf wurde aber noch durch den Umstand besiegelt, daß Dolores den berühmten Pony des Grafen Schinga kaufte und einen Preis dafür zahlte, für welchen sie ein Vollblutpferd erster Klasse erhalten hätte.

»Dreitausend Mark für diesen Ziegenbock, welcher rohrt, Gallen hat und am Hahnentritt leidet!« schrie Engels, als er die Anweisung zur Auszahlung erhielt. »Nicht dreihundert ist dieses Biest wert! Und außerdem alt wie Methusalem. Das ist ja niederträchtiger Betrug!«

Aber Dolores lachte. »Das weiß ich ja alles, lieber Engels«, sagte sie sehr heiter. »Aber Sie wissen, das Pferd ist Graf Schingas Tollpunkt, und für gute Beziehungen mit den lieben Nachbarn kann man schon mal etwas ausgeben.«

»Ja, wenn Sie sich noch in den Reichstag oder ins Abgeordnetenhaus wählen lassen wollten, aber so –!« Und Engels zuckte mit den Achseln und erklärte Dolores innerlich für »meschugge«.

Und doch wußte sie, was sie mit diesem lächerlichen Kaufe tat, denn auch sie war, wie alle Welt, von den derangierten Verhältnissen des Grafen unterrichtet, sowie von seiner dadurch bedingten, krampfhaft und chronisch gewordenen Eigentümlichkeit, alle Welt anzuborgen (pumpen nannte er selbst diesen Vorgang). Um diesen unvermeidlichen Akt in eine andere Form zu kleiden und ihm zuvorzukommen, proponierte Dolores dem Grafen den Kauf der Schindmähre und bat ihn, den Preis selbst zu fixieren. Da nun Graf Schinga überzeugt war, daß Dolores versuchen würde, von der genannten Summe nach dem Grundsatze: »Sagt er zwölfe, meint er zehne, will er acht haben – sechs ist's wert, vier möcht' ich geben, biet' ich zwei« – einen beträchtlichen Teil abzuhandeln, so nahm er den Mund gleich ordentlich voll und forderte den exorbitanten Preis, der Engels in helle Wut versetzt hatte. Aber Graf Schinga blieb einfach der Mund offen stehen, als Dolores sich, ohne zu zucken, mit der Summe einverstanden erklärte – er fuchtelte mit den langen Armen umher, schlug sich auf die Knie, daß es knallte und – schämte sich eigentlich »kolossal«.

»Nee, nee!« schrie er endlich, »das geht nicht! Soviel können Sie dafür nicht geben!«

»Doch«, erklärte Dolores etwas von oben herab. »Sonst müßte ich ja glauben, daß Sie mich hätten übervorteilen wollen.«

Darauf wurde Graf Schinga ordentlich rot, denn seinen »Schmu« hatte er ja machen wollen, das »stimmte wie Apfelkuchen mit Schlagsahne«, und wenn er sich nicht bloßstellen wollte, mußte er dies Geld einfach nehmen. Und er nahm es auch. Dolores aber hatte dadurch wirklich den gefürchteten Borg verhindert, denn nach diesem Kauf noch damit zu kommen – das tat selbst ein Graf Schinga nicht.

Aber er tat etwas anderes mit dem Gelde – er erklärte, davon eine »kolossal noble Gesellschaft, das reine Katzenschießen« geben zu wollen. Er fuhr also zum Zweck der nötigen Einkäufe nach Berlin, verspielte dort zwei Drittel des Geldes, vergeudete von dem übriggebliebenen die Hälfte und kam dann mit einem Riesenkater, sowohl physischen als moralischen, nach Hause. Der erstere hielt aber bedeutend länger vor. Jedenfalls waren das Resultat dieser Kunstreise Einladungen auf steifstem Kartonpapier, welche im »Triangel« versendet wurden, und nach deren Tenor Graf und Gräfin Schinga sich die Ehre gaben, zur Soiree – usw. usw. ganz ergebenst einzuladen. Auf der an Dolores adressierten Karte hatte die Gräfin in Parenthese bemerkt, daß die Schlangen für diesen Abend in einem verschlossenen Kasten beim Inspektor aufbewahrt werden würden, und Graf Schinga hatte in seiner unbehilflichen Sextanerhand dazugeschrieben: »Sagen Sie um Gottes willen diesen sauren Mops nicht ab – es gibt Hummern und kein solch verächtliches Zeug, wie deutschen Sekt, sondern Röderer carte blanche.«

Dolores lachte Tränen über diese vorgehaltene Lockspeise, aber Engels, der gerade dabei war, als die Einladung ankam, sagte wütend: »Das ist Ihr Geld.«

»Ei behüte, wir haben ja das Pferd dafür«, erwiderte Dolores, und sagte dann ernster: »Hören Sie, Engels, ich habe schon daran gedacht, Arnsdorf zu kaufen. Was meinen Sie dazu?«

»Wenn Sie's so billig kriegen können wie das Pferd –«

»Ah, das war ein Extravergnügen.«

»Na, warten wir damit, bis es versteigert wird, dann ist's ja am Ende keine so üble Erwerbung«, schlug Engels vor, und Dolores beugte sich gern seiner besseren Einsicht und Erfahrenheit.

Natürlich war das Fest bei Schingas ein glänzendes Unikum. Abgesehen von der schäbigen Eleganz der Einrichtung des wackeligen Arnsdorfer Herrensitzes, abgesehen auch von dem Umstande, daß das Abstäuben selbst an diesem Tage als rein äußerlich für unnötig befunden ward, brachte der Abend nur Überraschungen, wie alte Kochtöpfe als Sektkühler neben den schwersten Silberschüsseln, verbogene Hornmesser neben prachtvollen Bestecks, und in den herrlichen Damasttafeltüchern Mäuselöcher und Messerschnitte. Daß die berühmten Hummern unaufgeschlagen erschienen, soll nur nebenbei erwähnt werden, da es schon in größeren Häusern ähnlich passiert sein soll, aber daß die kleinen Rosinen im Apfelmus sich als schnöde darin ertrunkene Fliegen erwiesen, als man der Sache auf den Grund ging, war doch schon eine stärkere Zumutung, die allein die

Spitze verlor durch den unleugbaren Umstand, daß alles mit dem freundlichsten Gesicht von der Welt gegeben ward und die Wirte selbst ersichtlich ahnungslos darüber waren, daß es bei ihnen so ganz anders war als sonstwo.

Prinzeß Lolo wollte sterben vor Lachen über alles, was sie sah und genoß oder vielmehr genießen sollte, denn es war wirklich nicht alles dafür geeignet, und Falkner hatte alle Mühe, laute Lachsalven und leise sein sollende Bemerkungen seiner übermütigen Braut durch Bitten zu dämpfen oder im Sinne von »Europas übertünchter Höflichkeit« auszulegen, denn wenn jemand uns etwas bietet mit der ersichtlichen Überzeugung, sein Bestes getan zu haben, und wäre dieses Beste auch wirklich mehr als außergewöhnlich und grotesk als unsern Lachmuskeln zuträglich ist, so haben wir immer noch nicht das Recht, den Geber ins Gesicht zu verhöhnen, selbst wenn wir die löbliche Absicht haben, ihn hinter seinem Rücken lächerlich zu machen. Im Grunde genommen ist eins so jammervoll wie das andere, aber obgleich das erstere noch wenigstens Mut bezeigt, so ist es doch peinlich für den dritten, und so erging's Falkner auch bei den rücksichtslosen Heiterkeitsausbrüchen seiner kleinen Braut, und aus dem peinlichen Gefühl wurde heller Ärger, als er sah, wie sie sich, eines besseren Publikums sicher, an Dolores wandte, und diese, errötend über die taktlos lauten Witzeleien, auf dieselben nicht nur nicht einging, sondern sie sogar sehr kühl und entschieden ablehnte. Obgleich der Ton dieses Festes zwanglos und heiter war, so atmete Falkner doch auf, als die Wagen von Monrepos vorfuhren und der Abend damit ein Ende nahm. Und beim »Gute Nacht«, als Dolores ihm freundlich die Hand reichte, sagte er ihr: »Wenn Sie wüßten, wie oft ich Ihnen schon im Herzen abgebeten habe –«

»Aber wir haben ja abgemacht, an Vergangenes nicht mehr zu rühren«, sagte sie lächelnd und mit bittendem Blick.

»Ich meine ja nur so, Cousine, weil Sie meine Braut heut vor ihrem Übermut bewahrt haben. Ich habe es wohl beobachtet.«

»Oh, das wird niemand übel auffassen«, entgegnete Dolores, »denn Prinzeß Eleonore ist noch so jung, so voll Lustigkeit –«

»Und Sie schon so alt und gesetzt!« erwiderte er scherzend.

Da lachte sie doch, trotz ihrer Bemühung, die Mißstimmung Falkners zu besänftigen.

»Vier Jahre Unterschied machen viel bei einer Frau«, meinte sie dann weise, »und außerdem«, fuhr sie ernster fort, »außerdem habe ich so etwas wie eine Schule des Lebens durchgemacht.«

»Ich wollte, Lolo hätte auch ein paar Klassen dieser Schule hinter sich«, murmelte Falkner. Er war ernstlich mißgestimmt, denn das Benehmen seiner Braut dünkte ihn weniger kindliche Lustigkeit als Mangel an Herz und Gemüt, und wenn ein Bräutigam das findet, so ist es ein schlimmes Zeichen für die künftige Ehe.

Dasselbe dachte Dolores auch, als sie, selbst kutschierend, durch die warme, sternenhelle Nacht nach Hause fuhr, und sie freute sich nur, daß er nicht dabei gewesen und es nicht gesehen, wie Prinzeß Lolo die Gräfin Schinga so lange gequält, bis diese ihre Schlangen holen ließ und um die Arme legte, und die Ahnungslose dann mit hellem Gelächter auf die vor Abscheu blasse Dolores zustieß, daß die kalten, glatten Leiber der ekelhaften Reptile sie berührten und das eine derselben zischend und züngelnd auf sie losfuhr.

Diesen »Scherz« nannte sie ihrerseits nun wieder mit anderem Namen, um so mehr, als ihr bei dem bloßen Gedanken an die Berührung mit den verhaßten Tieren noch die Zähne zusammenschlugen vor Entsetzen. Über solche Abneigungen gegen gewisse Tiere zuckt die Wissenschaft nur die Achseln, nennt sie gelehrt Idiosynkrasie, aber eine Erklärung dafür hat sie noch nicht gefunden.

Dolores war's jedenfalls lieb, daß Falkner der Schlangenszene nicht beigewohnt hatte, denn wozu Flecken werfen auf das Bild seiner Auserwählten. Freilich waren ihr schon Zweifel gekommen, ob Prinzeß Lolo wirklich sein Ideal, seine Erwählte sei, oder ob nicht der Vorfall in und an der Gruftkapelle ihn dazu verpflichtet hatte, ihre Hand zu erbitten. Das allerdings begriff sie nicht, warum die herzogliche Familie sich so schnell bereit gefunden hatte, diese fürstliche Hand dem Vasallen zu bewilligen, denn am Ende war die öffentliche Liebeserklärung der Prinzeß ja nicht vor der ganzen Welt, sondern vor einem kleinen Kreise geschehen, dem man durch ein Wort hätte bedeuten können, von dem Gehörten keinen Gebrauch zu machen.

Aber es geschehen mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als jedermann sich erklären und zusammenreimen kann, und darum grübelte Dolores auch nicht weiter darüber, »wie es wohl gewesen sein könnte«; aber mit tiefem Schmerz im Herzen sagte sie sich, daß Glück und innere Befriedigung ihm durch diese Braut wohl nicht erblühen könnten. Und dieser Gedanke machte sie anfänglich traurig, und sie verwünschte die Fügung, die sie vor Jahr und Tag zur Bühnenlaufbahn gedrängt, denn längst hatte sie diese als Wurzel alles Übels erkannt, und das war's, was ihr die Wiederaufnahme derselben zur Unmöglichkeit machte, wenn auch Prinzeß Alexandra freudig ihre Überredungsgabe als das Entscheidende bei diesem Entschlusse pries. Erst hatten der Stolz und der Widerspruchsgeist sich in ihr aufgebäumt gegen den Entschluß, aber nicht, weil Prinzeß Alexandras engerer Horizont die Tiefen einer echten Künstlerlaufbahn nicht umspannte, sondern weil Falkner sich in Antipathie davon abwandte, und sie um keinen Preis ihn hätte glauben machen wollen, es geschehe seinetwegen, daß sie ihrem zuerst gewählten Berufe entsagte. Und dann hatte der Impuls eines Momentes die Entscheidung gebracht, und nun – nun tat es nichts mehr zur Sache, was er sich dabei dachte. Sie hatten Frieden geschlossen miteinander, ehrlichen Frieden durch sein männlich mutiges Eingeständnis seiner Vorurteile und des daraus entsprungenen Unrechts – was wollte sie weiter?

Am Eingang zum Falkenhofer Park hielt sie die Pferde an und sprang vom Wagen – es gelüstete sie, bis zum Hause zu gehen, um die Kühle nach dem heißen Tage noch zu genießen. Nachdem sie dem Groom die Zügel gegeben und ihm empfohlen hatte, im Schritt zu fahren, bog sie in eine Seitenallee des Fahrwegs ein, nahm den Hut ab und ging langsam dahin – kaum daß der Kies unter ihrem leichten Fuß knirschte.

In einem Rondell, das sie durchschreiten wollte, sah sie eine Zigarre glühen und erkannte in dem Raucher bald den Doktor Ruß, der also in seiner Weise den schönen Abend genoß. Eigentlich lag ihr nichts an einem erneuten Plauderzwang, aber da sie fürchten mußte, in dem weißen Kleide, das sie der Hitze wegen mit dem schwarzen heut zum erstenmal vertauscht hatte, auch in dem Dunkel des Baumschattens entdeckt zu werden, so ergriff sie lieber die Initiative und rief heiteren Tons:


»Wo man raucht, da laß uns ruhig harren,
Bösewichter führen nicht Zigarren.«


»Dolores, sind Sie's?« rief Doktor Ruß aufspringend.

»Ich hörte den Wagen zurückkehren und dachte Sie nun längst in Ihren Zimmern.«

»Die schöne Nacht verlockte mich noch zu einem Spaziergange, erklärte sie. »Doch ich bin auf dem direkten Wege zum Hause und bitte Sie, sich nicht stören zu lassen.«

»Ganz und gar nicht«, versicherte Ruß. »Es ist ohnedem Zeit zur Ruhe, und meine Frau wird mir eine Gardinenpredigt halten wegen Nachtschwärmens.«

Dolores mußte bei dieser affektierten Pantoffelheldenerklärung lächeln, denn sie zweifelte, ob Frau Ruß den Mut zu einer ganzen Predigt finden würde. Sie traute der verschlossenen und von ihrem Gatten wohltrainierten Frau kaum das tadelnde Wort zu, das sie vielleicht erleichtert hätte, während sie ihre Mißbilligung in sich hineinwürgte und mit vermehrter Bitterkeit an ihrem Herzen nagen ließ.

Ruß erkundigte sich nun, wie es bei Schingas gewesen sei. Er hatte mit seiner Frau niemals in Arnsdorf Besuch gemacht, war daher auch nicht eingeladen worden, aber er und der Graf kannten sich vom Begegnen, und er hatte genug von der polnischen Wirtschaft bei demselben gehört, um Interesse für ihn zu haben. Dolores antwortete aber nur mit der allgemeinen Erklärung: »Sehr nett«, und da sie gern eine Kritik des heutigen Abends vermeiden wollte, mit welcher Doktor Ruß am Ende an seinen Stiefsohn gegangen wäre, so ließ sie dies Thema schnell fallen und erzählte ihm, was sie bisher unterlassen hatte zu tun – nämlich die Entdeckung von der verstellbaren Kaminwand, welche ihr Zimmer mit dem Nordflügel verband.

»Ah«, meinte Ruß mit Interesse, »das würde ich an Ihrer Stelle ordentlich verschließen lassen, denn wenngleich ein Eindringen von dieser Seite wohl kaum zu fürchten ist, das Bewußtsein dieser Geheimverbindungen, wie unsere Vorfahren sie liebten, ist immerhin unbehaglich genug.«

Dolores erklärte nun, daß Ramo diesen sicheren Verschluß bereits besorgt und zum Überflusse noch auf der anderen Seite ein Fuchseisen gelegt habe.

»Nun, ich hab' es ja immer gesagt, dieser Ramo ist eine Perle«, rief Ruß scheinbar amüsiert. »Da wäre es ihm ja ordentlich zu wünschen, daß sich der Fuchs in dieser unfreundlichen Falle finge. Freilich zweifle ich, daß es je einer versucht hat, bei Ihnen auf diesem Wege einzudringen.«

Jetzt erörterte Dolores auch die gefundenen Fußspuren, was Doktor Ruß entschieden ernst nahm, denn er versprach, bei der Nachforschung zu helfen, auf welchem Wege wohl der Inhaber dieser Pedalbrücke in den Nordflügel gekommen sein könnte.

Und damit trennte sich Dolores von ihrem Gaste, der noch einen Moment draußen zögerte und dann bei seiner Frau eintrat, die sich sogleich erhob und ihr Strickzeug zusammenrollte. Dabei warf sie einen scharfen Blick auf ihren Gatten, der mit unsicheren Händen Bücher zusammenraffte, die den Tisch mit der Lampe darauf bedeckten.

»Ist dir schlecht, Ruß?« fragte sie. »Du bist so blaß.«

Er schüttelte den Kopf und begann leise eine Melodie zu pfeifen.

»Das ist keine Antwort«, sagte sie gereizt, und als er auch darauf nichts erwiderte, fuhr sie heftig fort: »Aber du wirst dir noch ein tüchtiges Wechselfieber holen mit diesem Herumstrolchen in den ungesunden Nachtnebeln. Wie dir das so allein Vergnügen machen kann, fasse ich nicht.«

»Oh, ich war aber nicht allein, mein Täubchen«, erwiderte er sanft. »Dolores war, als sie von Schingas nach Hause kam, durch den Park gegangen. Dort begegneten wir uns, und ich begleitete sie nach Hause.«

Nun war die Reihe, blaß zu werden, an Frau Ruß, denn ihr Mann wußte, daß sie eifersüchtig war, und er hatte seinen Pfeil wohlbedacht entsendet, doch daß er getroffen, wagte sie ihm nicht zu sagen, und so ließ sie ihn sich weiterbohren in ihr törichtes, altes Herz, und was er wirkte, war Gift und Galle und Haß und Bitterkeit.

Das freilich hatte Doktor Ruß mit seinem Trumpf erreicht, daß die Aufmerksamkeit seiner Frau von ihm und seiner Blässe abgelenkt ward, denn was, zum Teufel, brauchte sie's zu wissen, daß die Fußspuren droben im Nordflügel ihm mehr noch zu überlegen gaben als der vernietete Kamin und das Fuchseisen des braven Ramo?

Und zur selben Zeit durchlebte Falkner auf Monrepos böse Stunden, denn zu all seiner Mißstimmung hatte Prinzeß Lolo ihm selbst mit kleinen Übertreibungen ihrer Heldentat die Geschichte mit den Schlangen erzählt und aus vollem Halse über das geradezu wahnsinnige Entsetzen »der dummen Satanella« gelacht.

»Du, zu ihrem Geburtstage schicke ich ihr anonym eine kleine Natter in einem Kästchen zu«, hatte sie geschlossen, »wenn ich nur dann bloß den Luftsprung sehen könnte, den sie machen wird, wenn das Vieh ihr so – tsch! – entgegenzischt.«

Falkner war außer sich, denn was wirklich über die Hälfte ungebundener, fesselloser Übermut war, nannte er, gereizt, wie er einmal war, herzlos und unweiblich.

Auf Monrepos angelangt, arbeitete ihm Prinzeß Alexandra, die seinen tadelnden Blick in Arnsdorf und sein Schweigen auf die Erzählung seiner Braut bei der Heimfahrt ganz richtig aufgefaßt hatte, noch in die Hände, indem sie beim Gutenachtsagen die Schwester liebevoll umfaßte und, Falkner die andere Hand reichend, sagte: »Zu deinem Besten, Lolo, weil ich dich so lieb habe und deinen Verlobten schon als meinen Bruder betrachte, muß ich dir heut etwas sagen, und zwar vor seinen Ohren, damit es auch wirkt und nicht bloß als leerer Schall verhallt. Du warst heut abend zu laut, Herzchen, zu wild fast! Das schickt sich nicht für eine junge Braut, welche vor dem ernstesten Schritt ihres Lebens steht!«

Da riß Prinzeß Lolo sich los aus den Schwesterarmen und stand nun sprühenden Auges, mit geballten Fäustchen vor den beiden.

»Nun hab' ich's satt, das ewige Schulmeistern und Sittenpredigen«, sprudelte es rapid über ihre Lippen. »Eben weil ich eine Braut bin, verbitte ich's mir, eben weil ich Braut bin, kann ich sein, wie ich will. Ich will hinaus aus eurem ledernen Zwange, aus der tödlichen Langenweile eures lächerlichen kleinen Hofes, und weil ich mich nicht in eine eben solch blödsinnige Mausefalle sperren lassen will, heirate ich mir statt eines dummen Prinzen lieber den da, als dessen Frau ich wenigstens tun kann, was mir paßt und was ich mag!«

»Nun, nun, Lolo, ich denke doch, du heiratest den Baron, weil du ihn so recht von Herzen lieb hast«, sagte Prinzeß Alexandra sanft, als ihre Schwester atemlos schwieg.

»Natürlich, deswegen auch«, rief die kleine Durchlaucht mit einem raschen Blick auf Falkner. Sie war über und über rot geworden.

»O nein, nur deshalb«, meinte die ältere Schwester mit einem bittenden Blick, der die ganzen Unabhängigkeitsgefühle in der kleinen Furie wieder entfesselte.

»Ich will nicht geschulmeistert werden, und was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt«, zischte sie und flog dann ohne weiteren Gruß von dannen und in ihr Zimmer, wo sie sich durch das Zerschlagen einiger kostbaren Nippes wesentlich erleichterte. Prinzeß Alexandra aber blickte Falkner trüben Lächelns an.

»Da werden Sie noch viel zu erziehen haben, trotz meiner redlichen und unverdrossenen Mühe«, sagte sie leise.

Er küßte ehrfurchtsvoll die warm gebotene Hand.

»Das ist gärender Most, Durchlaucht«, erwiderte er gegen seine bessere Überzeugung, denn was sollte er sonst sagen? »Aber ich will dafür sorgen, daß es klarer, goldiger Wein wird«, setzte er, sich mit Gewalt bezwingend, in ehrlichster Meinung hinzu.

»Gott geb's!« seufzte sie.

Falkner aber konnte heute nicht zur Ruhe kommen, denn die erlebten Szenen hatten ihm einen starken Stoß gegeben. Ihm graute vor der Zukunft, ihm graute vor dem, was hinter ihm lag, nur beides in verschiedener Weise. Was sollte daraus werden? Wie würde die Frau erst die Würde verlieren, die die Braut schon, wie vorhin, mit Füßen trat, als ob solch zertretenes und zerknülltes Ding sich wieder ganz glätten und mit Erfolg anziehen ließe! Und wenn er sich als redlich wollender Mensch auch vorzustellen versuchte, daß vielleicht gerade dies unverdrossene »Erziehen«, das Prinzeß Alexandra an der ihr anvertrauten Schwester erprobt, zu dem negativen Resultat geführt hatte, weil nicht eben jede Natur sich in die Form pressen läßt, die andere für sie ausgesucht und ausgeklügelt haben, so war es doch immerhin noch zweifelhaft, in welcher Form der eigenwillige Sprühteufel aus seinen Händen hervorgehen würde. Und es ist auch solch eine eigene Sache mit der Erziehung der Frau durch den Mann, denn wenn die Liebe der ersteren nicht groß und nicht stark genug, wenn ihr Charakter nicht doch schon so fest ist, um ihn unbedingt dem ihres Mannes anzupassen, so gibt's doch nur einen Mißklang, den das »Erziehen« nur noch schlimmer macht, wenn's eben so betrieben wird, daß es ein Schulmeistern bleibt und nicht ein ganz unbewußtes Führen an der Hand der Liebe, die ja alles vermag. Denn wenn den Menschen etwas toll machen kann, widerspruchsvoll und eigensinnig, so ist es unablässiges Reden, Korrigieren und Verweisen.

Das alles sagte sich Falkner ohne Beschönigung, und dabei mußte er an die Ironie des Schicksals denken, das ihm jetzt als zu hoch vorstellte für seine Wünsche, was ihm früher zu niedrig gewesen. Und als ihm dann die Augen aufgingen und er sich bücken wollte und dem so niedrig geglaubten Wesen die Hand reichen, da war es zu weit geworden dazu, und jetzt –? Jetzt war es zu hoch und vielleicht auch zu spät. Vielleicht? Nein, es war gewißlich zu spät, denn er war gebunden, gebunden durch sein Wort und durch seine Ehre. Und als er dessen gedachte, da preßte er die Zähne fest zusammen.

»Vorwärts«, sagte er sich, »vorwärts und nicht rückwärts geschaut – das hat noch kein Falkner getan. Und sie drüben im Falkenhof, sie wird es auch so halten, denn nicht umsonst tragen wir die Devise: ›Alle Falken ehrlich!‹«



III.



Ich sprach zum Geier: »Reiß aus dem Herzen
Den Namen mir, der darin gegraben steht,
Vergessen lernen will ich und verschmerzen.«–
Der Geier sprach: »Es ist zu spät.«

E. Geibel nach Francois Coppée




Die Redensart: »Man weiß nicht, was der nächste Tag bringt«, ist oft eine gedankenlos gehörte, gedankenlos gesprochene – d. h. gedankenlos im Sinne des Gewohnheitsmäßigen, das ja meist gedankenlos ist, weil maschinenhaft. Es denken aber wirklich nur wenige an den tiefen Sinn der Redensart vom nächsten Tage und der Ungewißheit menschlicher Vorausbestimmung, denn mit demselben Recht wie den nächsten Tag können wir die nächste Stunde nennen, und auch von den sechzig Minuten dieser kurzen Zeitspanne, die vielen so lang werden kann, ist keine einzige, über die wir mit Gewißheit gebieten können. Und das ist einer der größten Beweise göttlicher Weisheit, daran geistiger Hochmut jene Demut lernen könnte, die der Heiland von uns verlangt.

Es ist ja nicht allein, daß der menschliche Geist, dessen Stärke die Tiefen der Erde und die Höhen der Luft durchdringt, dessen Ziel keine Grenzen kennt, daß dieser willensstarke Geist machtlos steht wie ein Kind vor der nächsten Stunde, von der er zwar sagt: ich werde sie so oder so ausfüllen und anwenden. Aber der menschliche Geist in seinem Hochmut – dem schlimmsten, den es gibt – im Vollgefühl seiner Stärke, durch die er Großes geschafft und noch Größeres schaffen will – was ist er im Angesicht jener Macht, die ihm die nächste Stunde nicht einmal anvertraut zur eigenen Verfügung? Was ist er, daß er diese Macht so gerne leugnet und sich über sie stellt? Die Antwort ist tief demütigend. Und so hat's der Schöpfer wohl gewollt in seiner Weisheit, doch wer denkt daran, wenn man sagt: »Ich werde dann das und das tun, morgen jenes vornehmen und in Wochen, in Monaten soll dies geschehen –« Es ist, als wenn ein Kind sagt: »Mutter, ich werde den Mond herunternehmen und putzen – er sieht so trübe aus.« Ja, da lächeln wir wohl oder ärgern uns gar über den kindlichen Unverstand, über das Unsinnige solcher Reden, für die, wenn ein Erwachsener sie anwendet, er sicherlich unter geistige Bewachung kommt, d. h. für verrückt erklärt wird, aber sind wir denn anders als die Kinder mit ihrem »ich werde das und das tun«?

Darin eben liegt der Hochmut, der Größenwahn des menschlichen Geistes, der mit Bewußtsein darüber gebietet, worüber er keine Macht hat, nur daß er sich diese Machtlosigkeit nicht klarmacht, nicht klarmachen will in jener Selbsttäuschung, die so süß ist. Und darum sage ich, daß die Redensart: »Man weiß nicht, was der nächste Tag bringt«, nur gedankenlos in Anwendung kommt, denn wäre man sich klar darüber, man würde mit weniger Sicherheit und mehr Demut über denselben verfügen.

Auch der Tag nach dem Schingaschen Feste brachte Veränderungen in den herzoglichen Landaufenthalt, welche man vor vierundzwanzig Stunden noch für unmöglich gehalten. Man hatte schon so schön für kommende Tage »Bestimmungen zu treffen geruht«, man »gedachte« noch etwa zwei Monate in der stillen Zurückgezogenheit von Monrepos zu verleben, dann die Hochzeit der Prinzeß Lolo in kleinem Kreise zu feiern usw. usw. Und während man noch über all das Beratungen pflog, reifte das kleine, beschriebene Blättchen Papier schon, das alles, alles änderte und umstürzte.

Dieses Briefblatt aber war ein Heiratsantrag für Prinzeß Alexandra.

»Als ich vor fünf Jahren um den unschätzbaren Besitz Ihrer Hand bat«, schrieb der Fürst, von dem er kam, »da sagten Sie mir, Ihre Mission an Ihrer Prinzeß Schwester sei noch nicht erfüllt, und Sie hätten sich gelobt, Ihren Posten nicht eher zu verlassen, bis Eleonore von Nordland versorgt und geborgen sei. Ihr Entschluß schien unabänderlich damals, und ich mußte mich ihm beugen, doch ich ging mit Ihrem Geständnis, daß ich Ihnen nicht gleichgültig sei. Heut höre ich, daß Prinzeß Eleonore sich vermählt, und unverweilt klopfe ich wieder an Ihre Tür und Ihr Herz, und wenn Jakob um Rahel auch noch länger freite – fünf Jahre geduldigen Wartens aber sind für unsere kurzbemessene Lebensspanne wohl auch eine Probe, eine Liebesprobe, Alexandra, von der ich hoffe, daß sie nicht umsonst war« – – – – – – – – – – – – – – – – – – Und sie war nicht umsonst. Was lange Jahre hindurch verborgen und ungeahnt von andern im Herzen dieses edlen Fürstenkindes geruht, es wachte auf mit diesen Zeilen und sehnte und drängte ans Tageslicht, denn das Glücksbedürfnis lebt in jeder Menschenbrust und stirbt nicht, wenn es auch künstlich zum Schlafen gebracht wird.

Der alte Herzog war entzückt, als seine Tochter ihm von diesem Briefe erzählte, denn er liebte den Schreiber desselben, und der Korb, den er vor fünf Jahren erhalten, hatte ihn mit großem Unwillen erfüllt, ganz abgesehen von den übrigen Körben, welche sie in Überfluß ausgeteilt. Aber der treffliche alte Herr ward noch viel mehr entzückt, als Prinzeß Alexandra ihm auf sein Befragen errötend gestand, daß sie die Hand des treuen Bewerbers annehmen wolle. Auch der Erbprinz war hocherfreut, doch Prinzeß Lolo sagte lachend: »Also den alten langweiligen Stiefel willst du heiraten? Na, dann guten Morgen! Was doch die Leute für verdrehte Geschmäcker haben!«

Unwillig verwies Prinzeß Alexandra ihrer Schwester einmal die schlechte Grammatik ihrer Apostrophe, dann aber besonders scharf den ganz unpassenden Ausdruck »Stiefel« für einen Menschen, der ihr so hoch stände – einen Ausdruck überhaupt, der sich wohl für Grooms schicke, nicht aber für eine Dame von hoher Geburt.

Die kleine Durchlaucht war aber nicht mundtot zu machen.

»Bitte, ich habe den famosen Ausdruck schon gefürstet gebraucht«, entgegnete sie, »denn die Grooms sagen: Stiebel!«

Prinzeß Alexandra wandte sich ernstlich erzürnt ab mit der Frage, woher ihr die Kenntnis des Stalljargons käme.

»Ich höre ihnen immer vom Balkon aus zu, wenn sie die Pferde putzen und satteln«, gestand Prinzeß Lolo lachend, »und dabei sangen sie gestern ein reizendes Lied:


Stiebel, du mußt sterben,
Bist noch so jung, jung, jung!«


Prinzeß Alexandra gab es seufzend auf, hier noch Unkraut jäten zu wollen, und dachte über das Rätsel der Natur nach, daß trotz sorgfältigster Erziehung und gänzlicher Fernhaltung alles und jedes Gemeinen ein Wesen dennoch die Gassenhauer der Grooms für »reizend« erklären und den ungeschminkten Naturlauten dieser Menschenklasse überhaupt mit Vergnügen und ersichtlich mehr Erfolg als den höchsten Erziehungsprinzipien lauschen kann. Und wenn Prinzeß Alexandra in dieser bittern Stunde der Erkenntnis, daß ihre Opfer umsonst gebracht und verfehlt waren, es tatsächlich bereute, das ersehnte Glück nicht schon vor fünf Jahren erreicht zu haben, so wird ihr dies niemand verargen können, denn das Bewußtsein treuester Pflichterfüllung konnte ihr selbst diese egoistische Regung nicht rauben.

Mit wendender Post traf auf das gegebene Jawort ein dreifacher Brief des Entzückens von dem fürstlichen Bräutigam an den Herzog, den Erbprinzen und die hohe Braut selbst ein; doch neben der Verheißung, daß die Werbung in aller Form und der nötigen Etikette wiederholt werden sollte, wurde auch die Bitte dringend laut, verschiedener Angelegenheiten wegen den Termin der Vermählung zu beschleunigen, und da diese Angelegenheiten dem Herzoge zwingender und wichtiger deuchten als die ersichtliche Ungeduld des endlich Erhörten, das langerwartete Glück auch zu besitzen, so wurde als zeitigster Termin der Hochzeit der Geburtstag der Prinzeß festgelegt. Doch da hierbei auch der Brautstand der Prinzeß Lolo in Betracht kam, d. h. die Stellung, die dem Freiherrn von Falkner bei den Vermählungszeremonien einzuräumen war, der zur Konferenz zugezogene Kammerherr als stellvertretender Hofmarschall aber der entschiedenen, von Fräulein von Drusen eingeimpften Ansicht war, daß eine Stellung bei der Vermählung der älteren Prinzeß mit einem regierenden Fürsten dem Freiherrn von Falkner nur als Gatten der jüngeren Prinzeß zu geben sei, indem ein – hm, hm – unebenbürtiger, also auf diplomatischem Wege amtlich nicht notifizierter Bräutigam einer Prinzeß überhaupt gar keine Stellung habe, so wurde die Vermählung dieses Paares um acht Tage früher als die andere festgelegt und Falkner dies mitgeteilt. Es bedurfte übrigens gar nicht der drastischen Neckereien des Prinzeßchens, mit denen sie Falkner »sein auf diplomatischem Wege amtlich nicht notifiziertes Bräutigamsdasein« drollig genug vorhielt, um ihn verstehen zu machen, was der Grund dieses beschleunigten Hochzeitstermins war, denn er hatte lange genug an Höfen gelebt, um das zu begreifen, aber im Grunde war er ganz damit zufrieden. Das Band war ja durch ihn nicht mehr löslich, und ob es zwei oder drei Monate später für ihn zur lebenslänglichen Fessel wurde oder in fünf Wochen – was tat das?

Doch es wurde noch mehr beschlossen im Rate der Familie, denn da man das Ende des Juli noch für zu früh im Jahre hielt für den programmäßigen Ausflug nach dem Süden, so ward die Ummöblierung von Monrepos alsbald festgesetzt, damit das junge Paar daselbst seine Flitterwochen verleben konnte. Andere Vorschläge von seiten des Bräutigams wurden, als nicht üblich, gar nicht erbeten, und auch Prinzeß Lolo opponierte nicht, denn es war schon eine ganz andere Sache, Schloßherrin auf Monrepos zu sein, nach dem berühmten Muster Cäsars, der auch lieber auf dem Dorfe der Erste, als in Rom der Zweite war. Zudem spukten in dem blonden Köpfchen eigene Ideen von Visiten in Stadt und Land – und es sollte ganz amüsant werden auf Monrepos. »Die alte Bude soll sich wundern, wie ich sie aufmöbeln und aufkratzen werde«, gelobte sie sich innerlich.

Doch so sehr des Herzogs Vaterherz sich freute über das Glück seiner Töchter, die er so gern echt bürgerlich und gemütlich »seine Mädels« nannte – die fortgesetzten Konferenzen, Korrespondenzen und Depeschenwechsel dieser letzten Tage versetzten sein ruhebedürftiges Gemüt in einen harten Anklagezustand gegen das Schicksal, das ihm nicht mal seine paar Sommermonate in Ruhe gönne und seinen Rosen ungestraft gestatte, so wilde Triebe anzusetzen, als ihnen beliebe; denn wer kam in diesem Trubel dazu, auch nur eine Raupe von den Stämmen zu lesen? Und nun sollte es gar vorzeitig zurückgehen in die staubige Residenz, in das große Schloß mit dem englischen Park, in welchem ihm die Etikette verbot, zu arbeiten – kurz, er sollte um zwei volle Monate eher aufhören, ein Mensch zu sein! Das war mehr für das geduldige Temperament des trefflichen alten Herrn, als er es ertragen konnte, und Entschlüsse, welche vorläufig nur als schwarze Gedanken in seinem Busen geruht, wurden in ihm reif – Entschlüsse, welche zwar nicht erschütternd an die Fundamente seines Landes und des Reiches griffen, welche aber für sein Haus immerhin Bedeutung hatten. Und nun war die Reihe, Konferenzen abzuhalten, an ihm – d. h. er legte, als seine Entschlüsse zur Reife gediehen und unwiderstehlich in ihm aufstiegen, Gartenschere und Okuliermesser mit der Entschiedenheit und der Hast beiseite, welche ebensosehr auf seine Unabänderlichkeit seiner Ideen als auch auf deren rasche Erledigung deuteten, und nachdem er sich noch etlichemal die Hände gerieben und ein halb dutzendmal um ein Rosenrondell gegangen war, ließ er seinen Sohn, den Erbprinzen, zu sich bitten und blieb mit demselben nahezu zwei Stunden eingeschlossen. Des Herzogs Kammerdiener hörte seinen hohen Herrn dabei mehrmals mit erhobener Stimme reden – aber was immer auch besprochen wurde, es hatte einen friedlichen und befriedigenden Ausgang, denn als nach besagten zwei Stunden der Herzog mit seinem Erben wieder hinaustrat in den Garten und der Erbprinz nach seinem Hute griff, da reichte der Vater dem Sohne die Hand.

»So, dann Glück auf, mein Junge«, sagte er herzlich. »Es hat so kommen sollen – und contre la force il n'y a point de résistance. Die zwingende Gewalt liegt eben im Menschen selbst – das ist Natur. Willst du heut noch nach dem Falkenhof?«

»Ja, Vater. Wozu auf morgen verschieben, was man heut ebensogut erfahren kann?«

»Ja, ja! Also nochmals: Glück auf, Emil!«

Der Erbprinz küßte seines Vaters Hand und verließ Monrepos auf dem Wege zum Falkenhof. Er ging aber nicht schnell, wie ein Mensch, der seiner Sache gewiß ist. Langsam schritt er hin und blieb oftmals grübelnd stehen, aber am Ende kam er doch an sein Ziel und wurde von Ramo unverzüglich bei der Herrin des Falkenhofes gemeldet.

Draußen brütete die Schwüle des Sommernachmittags über den Bäumen – aber die Sonne neigte sich schon nach dem Westen. Die dicken Mauern, wie sie nur die Architektur vergangener Jahrhunderte kannte, ließen nicht viel Hitze von außen hinein in die gewölbten Räume des Falkenhofes, und erquickt atmete der Erbprinz die Kühle ein, die ihm beim Eintritt in das feudale Schloß entgegenwehte. In denkbar kürzester Zeit kam Ramo wieder herab und meldete, daß Dolores den Erbprinzen erwarte. Gerade als letzterer sich anschickte, die Treppe hinaufzusteigen, erschien Doktor Ruß in der Vorhalle und begrüßte überrascht den hohen Besucher und schickte sich an, denselben nach oben zu begleiten.

»Ich war gerade im Begriff, meiner Nichte dieses Buch, das eben eintraf, zu bringen«, sagte er, auf eine Broschüre in seiner Hand deutend.

Doch zu seiner größten Überraschung nahm der Erbprinz ihm das Heft aus der Hand, ohne auch nur einen Blick auf den Titel zu werfen.

»Ich kann Ihnen diese Mühe abnehmen«, meinte er, grüßte freundlich, aber in der Weise, welche nur den Regierenden eigen ist, wenn sie jemand entlassen, und schritt, dem voraneilenden Ramo folgend, die breite, teppichbelegte Treppe zu dem von Dolores bewohnten Flügel hinan.

Doktor Ruß aber richtete sich von seiner tiefen Verbeugung auf und konzentrierte sich rückwärts nach seinen Gemächern.

»Das war kurz – und deutlich«, murmelte er vor sich hin. »Hm! Hm! Also man will allein sein oben. Vielleicht enfin seuls! Und warum will man allein sein? Weil man etwas zu besprechen hat, wozu ein Dritter überflüssig ist. Um das zu erraten, dazu gehört nicht viel Kombinationsgabe. War dieser Besuch erwartet? Kommt er unerwartet? Schade nur, daß –«

Und die Gedanken des Doktor Ruß verloren sich in ein vielsagendes Kopfschütteln.

Oben im Korridor aber sagte der Erbprinz zu Ramo: »Ich wünsche Ihre Herrin, die Baroneß, allein und ungestört zu sprechen. Bitte, sorgen Sie also dafür, daß niemand gemeldet oder ungemeldet eindringt, so lange ich hier hin. Niemand; – auch Doktor Ruß nicht!«

»Sehr wohl, Hoheit«, erwiderte Ramo respektvoll, aber nicht servil. Er mochte den Erbprinzen gern leiden, den Doktor Ruß aber nicht, trotzdem sich letzterer stets sehr freundlich dem Kammerdiener gegenüber zeigte.

»Willkommen, Hoheit«, sagte Dolores, als der Thronerbe bei ihr eintrat. »Ah – Sie bringen mir ein Buch!«

»Ich nahm es Doktor Ruß ab, der es Ihnen eben bringen wollte«, erklärte der Erbprinz, die dargebotene Hand küssend.

»Oh, zu gütig –«

»Nein, es war keine Güte, nicht einmal Gefälligkeit. Ich wollte Sie heut allein sprechen.«

»Allein, Hoheit?« fragte Dolores erstaunt. »Das klingt ja ganz mysteriös und macht mich sehr neugierig. Sind es Staatsgeheimnisse, welche ich hören soll?«

»Auch das«, erwiderte er, auf ihren Ton eingehend. »Große Staatsgeheimnisse eines kleinen Staates. Also nur für Ihre Ohren allein bestimmt!«

»Ei, wie reizend! Ich habe mir immer gewünscht, Mitwisserin von Staatsgeheimnissen zu sein«, meinte sie nicht ohne ein leises Staunen, denn er hatte den letzten Satz merkwürdig ernst gesprochen, ernster, als er sonst zu reden pflegte.

Ramo hatte inzwischen die Jalousien des Salons, wo Dolores ihren Gast empfangen hatte, emporgezogen, denn die Sonne lag nicht mehr darauf, aber er hatte die Fenster trotzdem noch geschlossen.

»O Ramo, die Fenster auf!« rief Dolores, als er eben noch die Salontür schloß.

»Es ist noch zu heiß draußen, Herrin«, murmelte er in seinem leisen, wohlerzogenen Kammerdienertone und setzte noch leiser spanisch hinzu: »Man versteht unten auf der Terrasse jedes hier gesprochene Wort bei offenen Fenstern.«

Und damit glitt er leise aus dem Salon und schloß sogar die Tür zum Turmzimmer hinter sich.

Dolores fühlte sich entschieden intrigiert. Zwar mochte sie Angelegenheiten von Wichtigkeit auch nicht mehr im Turmzimmer besprechen, seit sie das Geheimnis des Kamins kannte, durch welches die Passage freilich abgeschnitten war, hinter dessen Wand man aber im Nordflügel jedes im Turmzimmer gesprochene Wort vernehmen konnte. Denn selbst der findige Ramo hatte nicht entdecken können, wie der Inhaber der gefundenen Fußspuren in dieses Zimmer hineingelangt war. Aber Ramo kannte auch die unausgesprochenen Wünsche seiner Herrin – er wußte, daß das Turmzimmer ihr nicht eher wieder lieb werden konnte, ehe es nebenan nicht sicher war, und da er selbst ein leises Unbehagen empfand bei dem Gedanken, daß es dicht neben den Wohnräumen dieser geliebten Herrin einen geheimnisvollen Schlupfwinkel gab für unbekannte Schleicher, daß die Wände dieses Zimmers sozusagen Ohren hatten, so schnitt er diesen lieber ab, was der Erbprinz zu sagen hatte.

Dieser und Dolores nahmen im Salon indes einander gegenüber Platz.

»Also nun zu den Staatsgeheimnissen«, meinte sie, ersichtlich gespannt. »Nach dem zu dieser Unterredung nötigen Apparate bin ich doch wohl berechtigt, etwas ganz Außergewöhnliches zu erwarten und zu hören!«

»Und doch erraten Sie gewiß nicht, daß von Ihnen in dieser Stunde das Bestehen oder Aufhören eines Staates abhängt«, erwiderte der Erbprinz mit jenem Lächeln, das auch Ernst bedeuten kann.

»Von mir?« fragte Dolores erstaunt. Aber dann lachte sie. »O Hoheit, die Hundstage und die Sauregurkenzeit, wo man vergebens nach Enten sucht, um die Zeitungen zu füllen und die Konversation zu beleben – die sind doch noch nicht da, und vor denen brauchen Sie sich doch nicht zu fürchten!«

»Das ist sehr freundlich bemerkt, aber mir lag wirklich jeder Scherz fern«, versicherte der Erbprinz. »Also darf ich mein Staatsgeheimnis erzählen? Und werden Sie mich geduldig anhören, bis ich zu Ende damit bin?«

»Ich werde keine Silbe sagen, bis Hoheit mir erklären, daß Sie fertig sind«, entgegnete sie freundlich und lehnte sich zurück in ihren Sessel. »Also ich höre und verspreche, kein Wort zu verlieren.«

»Nun wohl«, sagte der Erbprinz, »ich verspreche dagegen auch, kurz zu sein und Ihre Geduld nicht zu schwer zu prüfen. Um mit dem Neuesten zu beginnen, so muß ich also berichten, daß wegen der in sechs Wochen stattfindenden Vermählung meiner Schwester Alexandra, von der Sie gestern ja gehört haben, die Hochzeit meiner Schwester Lolo schon Anfang August stattfinden muß. Entscheidend waren dabei Etikettenfragen in Rücksicht auf meinen künftigen Schwager Falkner – wir haben das heute morgen besprochen und bestimmt.«

»Gehört das zur Sache?« warf Dolores etwas kühl ein.

»Doch, denn es leitet die Sache selbst ein«, entgegnete der Erbprinz und fuhr fort: »Aber der durch diese Hochzeiten zu erwartende Trubel und der Umstand, daß, da Monrepos dem jungen Paare als Buen Retiro für den Honigmond eingerichtet werden soll, wir alle diesen lieben Aufenthalt in den nächsten Tagen verlassen müssen, all dies hat den Herzog, meinen Vater, etwas nervös gemacht. Er ist ein Mensch mit stillen Neigungen und dem Hange zu einem ruhigen Leben, und nichts ist ihm schrecklicher, als sich in eine Uniform zwängen zu müssen und Pflichten zu erfüllen, die ihn nicht befriedigen, die ihm das leere Gefühl hinterlassen, nichts getan zu haben und doch in Bewegung gewesen zu sein. Und nun sein Haus leer wird und ihn die Rücksicht für seine Töchter nicht mehr fesselt, nun will der Herzog einen langgehegten Wunsch erfüllen und auf die Regierung verzichten. Er ließ mich also vorhin zu sich rufen und teilte mir seinen Entschluß mit.«

»Ah, das also ist das Staatsgeheimnis!« rief Dolores interessiert. »Aber, Hoheit, warum würdigen Sie mich, es mir gerade anzuvertrauen?«

»Weil, wie ich Ihnen schon sagte, das Bestehen und Aufhören unseres kleinen Staates von Ihnen abhängt«, erwiderte der Erbprinz.

»Sesam, öffne dich!« rief sie lächelnd.

»Ich komme zur Sache. Nachdem der Herzog mir also seinen Entschluß, zu verzichten, kundgegeben hatte, billigte ich denselben vollständig, denn ich teile ganz die Lebensansichten meines Vaters und dessen Neigungen. Ich sagte ihm also, ich begriffe voll und ganz die Motive, die ihn Zepter und Krone niederlegen ließen, aber ich würde diese Verzichtleistung auch gerechtfertigt finden, wenn sie aus dem Grunde geschähe, daß damit zugleich unser Land dem Reiche einverleibt würde, welches unsere Souveränität vertragsmäßig anerkennt, dem wir aber damit doch ein Hindernis sind. Ich habe als Vergleich dafür nur den dahinbrausenden Blitzzug, welcher über Zeit und Raum triumphierend den Erdball durchmißt und dazu genötigt wird, jedesmal vor einer kleinen Haltestelle ein unliebsames Halt zu machen, um Ballast aufzunehmen, der ihn nicht beschwert, aber aufhält und belästigt.«

»Das ist eine großherzige politische Auffassung, Hoheit!«

»Sie wäre es, Baroneß, wenn ich nicht ein Mensch wäre und als solcher eigennützige Motive im verborgensten Winkel meines Herzens bärge.«

»Wer soll Ihnen das glauben, Prinz?«

»Hören Sie mich zu Ende, und Sie werden es glauben müssen. Also mein Vater gab mir von seinem Gesichtspunkt aus recht, denn seine partikularistischen Ideen von ehedem sind längst einer wirklich großherzigen, weiten Auffassung von politischer Einigkeit und Größe gewichen, und er hätte auch sicher seine engbegrenzte Souveränität für diesen großen Gedanken geopfert, wenn er nicht geglaubt hätte, das Aufrechthalten derselben mir, seinem einzigen Sohne und Erben, schuldig sein zu müssen. Nach dieser Eröffnung glaubte ich meinen Moment zum Sprechen gekommen, und ich erklärte meinem Vater, daß ich seinem Beispiel freudig folgen und auf einen Thron verzichten wollte, dem gegenüber mir ein Leben als mediatisierter Fürst weit größere geistige Vorteile böte. Aber nun komme ich auf des Pudels Kern. Der Herzog fragte mich, als erfahrener Menschenkenner, ob dies allein mein Motiv sei, und da mußte ich freilich gestehen: nein. Denn das wahre Motiv für mich ist – eine Dame, eine Dame, welche ich liebe, und welche mir nicht ebenbürtig ist. Und ich setzte dem Herzog auseinander, wie ich davon geträumt hätte, den Herrscherpflichten zu entsagen – nicht um der Liebe willen, welche ja stets hinter Pflicht zurücktreten muß, sondern rein meiner politischen Überzeugung wegen, und wie ich dann, ein freier Mann, mich einfach nach meiner ererbten Privatbesitzung Graf von Waldburg nennen wollte, um der Dame meines Herzens mit meiner Hand auch meinen Namen bieten zu können. Was nach dieser Erklärung zwischen meinem Vater und mir als Herzog und Erbprinz und endlich als Vater und Sohn besprochen wurde, gehört nicht hierher, ich will nur sagen, daß ich siegte – vielleicht weil der Sieg meiner Schwester Eleonore dem meinen vorausgegangen war. Aber ich habe alles von der Entscheidung jener Dame abhängig gemacht. Nimmt sie meine Hand an, dann werden die Reichslande um ein paar Quadratmeilen größer – refüsiert sie mich, so übernehme ich die Regierung, bis ein geeigneter Moment die Verzichtleistung unauffällig vollzieht.«

»Und das sollte in meiner Hand liegen?« fragte Dolores, als er schwieg.

»Ja«, sagte er fest, »weil Sie die Dame sind, die ich liebe, und weil ich nicht als Erbprinz mit der linken Hand, sondern als Graf von Waldburg vor Sie hintrete, Ihnen Herz, Rechte und Namen biete und Sie frage: wollen Sie mein Weib werden?«

Dolores war aufgestanden – blaß lehnte sie an dem Tisch, der hinter ihr stand, und sah zu dem Prinzen hinüber, der sich gleichfalls erhoben hatte.

»Hoheit sehen mich aufs höchste überrascht«, sagte sie nach einer Pause ruhig und gefaßt. »Der mich so hoch ehrende, liebe und in letzter Zeit vertraute Verkehr mit Monrepos hat mich nie, auch nicht im entferntesten ahnen lassen, daß –« sie stockte.

»Daß ich Sie liebe«, vollendete der Erbprinz. »Nein, Dolores, ich weiß, daß ich mich nicht verraten habe, denn ich halte es für einen Mann in meiner Stellung für gewissenlos, eine Frau mit seiner Liebe zu verfolgen, der im besten Falle nichts bieten kann als einen Trauring zur linken Hand, einen fremden Namen und eine stets untergeordnete, peinliche Stellung in seinem Hause. Das waren die Motive, die mich veranlaßten, Ihnen meine Neigung zu verbergen, aber ich wußte, daß, wenn Ihr Herz für mich spräche, Sie dies auch in sich verschließen würden. Nun aber hab' ich's erreicht, ich darf sprechen und trete vor Sie hin mit meinem Geständnis. Dolores, darf ich auf Erhörung, darf ich auf Gegenliebe hoffen?«

Nun ward es still in dem hohen, kühlen Raume, so still, daß man das Summen der Fliegen an den Fensterscheiben hören konnte. Dolores stand, die großen dunklen Augen traumverloren in die Ferne gerichtet, und sann, der Erbprinz wartete auf ihre Antwort –

»Hoheit«, sagte Dolores nach einer Weile, »ich würde Sie schwer täuschen, wenn ich Ihnen sagen wollte, daß die wahrhaft herzliche Sympathie, welche ich für Sie empfinde, Liebe ist. Wenn Sie diese verlangen – ich habe sie nicht!«

»O Dolores!« rief er schmerzlich bewegt. »Ich habe es wohl geahnt, daß ein anderer –«

»Nein, nein!« unterbrach sie ihn schnell, »kein anderer. Es steht niemand zwischen Ihnen und Ihrer Werbung. Und vielleicht ist die herzliche Sympathie, von der ich Ihnen sprach, auch der rechte Kitt für eine glückliche Ehe –«

»Vielleicht ist es auch die Liebe selbst, ohne daß Sie es wissen«, fiel er bittenden Blickes ein.

Sie aber schüttelte mit trübem Lächeln den Kopf.

»Nein, Hoheit – wir wollen uns beide darüber nicht täuschen. Es fragt sich nur, ob Ihnen genügt, was ich zu bieten habe –«

»Dolores –«

»Sie sollen nicht sofort ›ja‹ sagen, Hoheit«, fiel sie ihm ins Wort, »Sie sollen sich prüfen, ob Sie vorliebnehmen wollen mit einem Herzen, das ja nicht verneint, lieben zu können, und das auch nicht sagt: Ich werde Sie niemals lieben, denn ich glaube und begreife, daß eine Frau Sie lieben kann. Aber mehr noch als Sie bedarf ich der Prüfung. Es hat so viel verlockendes, Ihren Antrag anzunehmen, weil es der Antrag eines redlichen, großdenkenden Mannes ist, weil ich mir einbilde, Ihr Herz könnte eine Heimat werden für mein heimatloses Herz, und weil die Einsamkeit mich oft so trostlos ansieht – aber all' das darf mich nicht verleiten, das Lebensglück auf eine Karte zu setzen, von der ich nicht weiß, ob sie gewinnt. Und darum muß ich mich prüfen, und Sie müssen mir Zeit lassen, ja?«

»Kann ich ›nein‹ sagen?« fragte er mit einem Seufzer zurück. »Und wie lange soll ich auf Ihre Entscheidung warten? Denn ich habe für mich schon entschieden!«

»Wie lange?« sagte Dolores träumerisch. »Ich kann nicht wissen, wie lange ich brauche, um die Zweifel meines eignen Herzens zu bekämpfen. Denn wenn ich kämpfe, so geschieht es offenen Visiers und ehrlich, auch gegen mich selbst –«

»Das weiß ich, Dolores! Und ich will warten – warten, bis Sie mich rufen. Doch eins muß ich Ihnen sagen: auch ich werde kämpfen, aber nicht mit mir, denn in mir ist alles klar, aber um Sie, und ich will damit nicht eher aufhören, als bis Sie selbst mir sagen, daß es vergebens ist, daß Sie einen anderen lieben. Und vielleicht siege ich auch, denn ich gehe ja nicht hoffnungslos von Ihnen.«

Da lächelte sie schmerzlich. »Mit einem armseligen ›vielleicht‹ », sagte sie leise.

»Nicht armselig«, erwiderte er warm, »denn haben Sie nicht gehört, was ein Geistreicher gesagt, daß das Wörtchen ›vielleicht‹ die Visitenkarte der Hoffnung ist?«

»Und wenn die Hoffnung nun darauf schriebe: p. p. c. – pour pendre congé?« fragte Dolores.

Einen Augenblick sah der Erbprinz ihr in die angstvoll auf sich gerichteten Augen, dann erwiderte er zuversichtlich: »Das müßte ich schwarz auf weiß haben, denn die Hoffnung nimmt niemals für immer Abschied von den Menschen.«

Sie aber schüttelte nur mit dem Kopfe – sie wußte es besser. Und der Erbprinz ging, und wenn er das Wörtchen »vielleicht«, auf das er so viel Hoffnung setzte, zurückdrängte, so blieb ihm freilich nicht mehr viel übrig, um darauf zu bauen. Aber Menschen in seiner Lebenslage bauen dennoch – luftige, hohe Schlösser auf sandigen Boden, bis der Windstoß kommt, der sie vor ihren Augen zusammenbrechen läßt, und ihnen nichts davon bleibt als Schutt, Trümmer und Scherben.

Dolores war allein zurückgeblieben mit klopfendem Herzen und fliegenden Pulsen, denn kaum war der Erbprinz gegangen, da traten vor ihren redlichen Sinn schon die Fragen: Was hast du getan? Welches Recht hast du, ein Herz zu versprechen, das du voll und ganz nicht mehr geben kannst? Welches Recht hast du, Hoffnungen zu erwecken, die du nicht erfüllen kannst?

Und doch hätte sie am liebsten gleich »ja« gesagt, denn ihr schien Hand und Herz des Erbprinzen wie ein wohlgeborgener Hafen, in welchem sie sicher war vor sich selbst, in welchen sie sich allzeit retten konnte, wenn auch die hohe See des Lebens ihr den Gischt in die Augen schleuderte und sie blendete, daß sie ihren Weg nicht mehr klar sah vor sich. Und sie glaubte, glücklich werden zu können an der Seite eines solch edeln Menschen, selbst wenn sie ihn nicht so liebte, wie sie dachte und glaubte, lieben zu sollen, und endlich wußte sie es nicht und ahnte nicht, wie schwer ihr Herz getroffen war und wie unheilbar seine Wunde. Diese Erkenntnis ward ihr noch vorbehalten – sie wäre ihr erspart geblieben, wenn es sie an jenem Abend nicht hinausgetrieben hätte, um im Freien in Gottes klarer Luft besser denken, besser prüfen zu können, trotzdem das Zünglein der Waage sich schon tief herabneigte nach der Waagschale des Erbprinzen, denn, wie gesagt, Dolores hatte noch nicht gekostet vom Apfel der Erkenntnis, hatte auf die Sprache des eigenen Herzens noch nicht gelauscht oder dieselbe doch gebieterisch zum Schweigen gebracht – kurz, sie war noch nicht sehend geworden.

Während der Erbprinz droben war bei ihr, hatten Doktor Ruß und seine Frau auf der Terrasse vor ihren Zimmern Platz genommen, und kurz darauf kam auch Falkner von Monrepos herüber, um, wie er sogleich sagte, seiner Mutter den heut von der herzoglichen Familie festgelegten Tag seiner Hochzeit zu melden.

»Die Einladungskarten werden jedenfalls zur rechten Zeit hier eintreffen«, schloß er, »aber ich denke, der Herzog wird noch vor seiner Abreise von Monrepos Gelegenheit nehmen, davon zu sprechen, das heißt seine Einladung persönlich anbringen.«

Frau Ruß strickte ihre Nadel ab, an deren Maschen sie eifrig zählte. »Dreiundzwanzig – vierundzwanzig«, schloß sie und ließ dann das Strickzeug sinken, um auf die Einladungsfrage einzugehen. Diesen Moment aber hatte Doktor Ruß sehr wohl abgepaßt.

»Wäre es nicht besser, lieber Alfred«, begann er, »wenn du drüben in Monrepos einen Wink darüber fallen lassen könntest, daß die Einladung besser ganz unterbleibt? Du würdest dadurch deiner Mutter den peinlichen Moment der Entschuldigung über ihr Fernbleiben von deiner Hochzeit ersparen.«

Frau Ruß hatte ihren Gatten, während er sprach, angesehen, ohne ihn zu unterbrechen. Jetzt nahm sie mit einem Ruck ihr Gestrick wieder auf, doch um ihren festgeschlossenen Mund zuckte es seltsam.

Falkner aber hielt sein Erstaunen nicht zurück.

»Warum willst du meiner Hochzeit nicht beiwohnen, Mutter?« fragte er.

Wieder öffnete Frau Ruß den Mund zur Antwort, und wieder übernahm Doktor Ruß dieselbe.

»Deine Mutter hat drei Gründe für ihre Weigerung«, sagte er.

»Erstens sind wir pekuniär nicht so gestellt, um die für einen solchen Tag und an solchem Orte nötigen Ausgaben für Reise, Kleider usw. bestreiten zu können.«

»Nun, meine Mutter wird die Deckung dieser Auslagen von mir in diesem Falle wohl annehmen«, fiel Falkner dem Redner ins Wort.

»Zweitens«, fuhr Ruß unbeirrt fort, abermals eine Antwort seiner Frau abschneidend, »zweitens will deine Mutter einer derartigen Feier niemals ohne ihren Gatten – meine Wenigkeit – beiwohnen.«

»Man wird aber auch am herzoglichen Hofe den Takt haben, diesen Gatten meiner Mutter mit einzuladen«, fiel Falkner abermals ein.

»Diesen Fall vorausgesetzt, wird deine Mutter drittens sich nicht der Möglichkeit aussetzen, in der Hofrangordnung auf eine Stufe gestellt zu werden, welche vielleicht ihrer jetzigen bürgerlichen Stellung, nicht aber ihrem Geschmacke entspricht; ganz abgesehen davon, daß es ihr peinlich wäre, mich, ihren Gatten, dabei übersehen und beiseiteschieben zu lassen«, schloß Doktor Ruß.

Falkner konnte dem klugen, alles erwägenden Manne in diesem Falle nicht unrecht geben.

»Ich glaube kaum, daß ihr euch in eurem Verhältnis zu mir derartigen Dingen aussetzen würdet«, sagte er indes sehr ruhig.

»Nein, du glaubst es nicht, und ich glaube es auch nicht, was den Herzog und die Seinen persönlich anbetrifft,« erwiderte Ruß, »aber die Hofrangordnung macht der Hofmarschall, und du wie wir sind dessen eben nicht sicher, sowie seiner Ansichten über den Fall. Sparen wir also dem Herzog das Peinliche, seine Gegenschwieger verdrängt zu sehen, und sparen wir uns den Ärger, es zu sein!«

»Nun, das wird sich alles noch finden«, meinte Falkner, um das Gespräch zu beenden.

»Der zweite und dritte Punkt vielleicht – der erste sicher nicht«, beharrte Doktor Ruß. »Denn«, fuhr er fort, »es fällt mir nicht ein, mich in Schulden stürzen zu wollen dieses einen Tages wegen, der uns vielleicht nur Kränkung und Zurücksetzung bringt.«

»Herrgott, wie kann man immer nur daran denken«, fuhr Falkner auf. »Dieses ewige Mißtrauen macht euch elend und stellt der übrigen Welt doch ein geistiges Armutszeugnis aus, das sie nicht verdient.«

Doktor Ruß zuckte mit den Achseln und lächelte ein bedeutsames Lächeln, dann aber stand er auf, trat an seine Frau heran, umfaßte sie liebevoll und drückte sie an sich.

»Teures Weib, hier ist dein Platz, den du dir selbst gewählt«, sagte er mit dem vollen Wohlklange seiner modulationsfähigen Stimme. »Hier ist dein Platz, der dein bleibt, ob auch die Welt dich verstößt wegen deiner Herzenswahl. Denn was nützen uns Rangkronen und Titel, wenn das Herz fehlt?«

Und er beugte sich herab, ihren zuckenden Mund zu küssen und ihre vor Rührung überquellenden Augen zu trocknen.

»Na, da schlag Gott den Teufel tot«, murmelte Falkner ziemlich deutlich, denn diese Komödie täuschte ihn nicht und sollte es vielleicht auch nicht tun. Denn einmal hielt er seinen Stiefvater für einen viel zu klugen Mann, um ihm solch unlogisches und ungerechtfertigtes Vomzaunbrechen einer Rührszene zuzutrauen, und dann wußte er sehr genau, daß es dieser Ton war, mit welchem er seine Mutter sich gewann und unterordnete, mit dem er sie aufreizte und zu seinen Ansichten und Plänen bekehrte. Ob es nun zu diesen gehörte, oder ob wirklich sein Mißtrauen und die Furcht, nicht für voll anerkannt zu werden, in ihm vorherrschte – genug, er wußte seine Frau genau ebenso denkend zu machen. Frau Ruß bewies auch sofort, daß ihres Mannes Taktik für sie berechnet und mit Erfolg gekrönt war, wie gewöhnlich.

»Ja, mein Lieb«, sagte sie, mit den Tränen kämpfend, »wir bleiben fern von dem Orte, an dem wir nur geduldet werden würden. Ich brauche die ganze hochmütige Gesellschaft nicht«,

fuhr sie heftig fort, »und wer mich fragt, wer ich bin –: ich bin die Frau Ruß, nichts mehr und nichts weniger!«

»Aber liebe Mutter, wer ist dir denn je in dieser Beziehung zu nahegetreten?« fragte Falkner beruhigend, doch Doktor Ruß winkte ihm nur ab und drückte den Kopf seiner Frau lange und stumm an seine Brust. Die Wirkung war komplett, der Sieg war gewonnen über ein verbittertes Weib. Deshalb blieben Falkners Worte auch gänzlich unbeachtet, und er war im Begriff, sich zu erheben und zu gehen, als Doktor Ruß, wieder Platz nehmend, ein anderes Thema aufnahm.

»Da wir gerade einmal in Ruhe bei dem Thema deiner Heirat sind, lieber Alfred«, sagte er, »so mag zugleich eine Frage erledigt werden, welche naheliegt. Was haben deine Mutter und ich von deiner Heirat zu erwarten?«

»Das verstehe ich nicht«, erwiderte Falkner verwundert.

»Nun wohl, ich meine, welch materielle Vorteile können und sollen uns daraus ersprießen?«

»Materielle Vorteile?« wiederholte Falkner. »Offen gesagt sehe ich für euch als Kollektivbegriff keine, doch werde ich nach wie vor bemüht sein, aus meinen Überschüssen meiner Mutter diejenige Hilfe zu gewähren, welche ich eben gewähren kann.«

Frau Ruß reichte ihrem Sohne die Hand und wollte etwas sagen, doch ein vielsagendes »Hm!« ihres Gatten hielt das freundliche und dankbare Wort auf der Stelle zurück.

»Was soll das heißen?« fragte Falkner gereizt.

»Ich wollte damit nur sagen, daß wir natürlich keine rothschildartigen Einkünfte von dir verlangen«, erwiderte Ruß sehr gelassen, »denn wir wissen ja, daß die Apanage deiner Braut durch ihre unebenbürtige Heirat erlischt und ihr mütterliches Vermögen nur eine unantastbare Leibrente bildet. Ich habe also auch nicht von pekuniären Vorteilen gesprochen, sondern von materiellen.«

»Jedenfalls bist du sehr gut informiert«, sagte Falkner sarkastisch.

»Nicht wahr?« nickte Doktor Ruß seinem Stiefsohne so harmlos zu, daß diesem das Blut in die Stirn stieg und er alle Mühe hatte, eine heftige Erklärung zurückzudrängen.

»Ich bitte also um eine Erklärung, was du unter materiellen Vorteilen von meiner Heirat verstehst«, rief er ungeduldig, »du mußt meiner schweren Begriffsfähigkeit hierin etwas zu Hilfe kommen.«

»Gern, lieber Alfred«, entgegnete Ruß sehr sanft und freundlich. »Ich meine nämlich, es dürfte jetzt die Zeit gekommen sein, wo du statt deiner vielgerühmten Hilfen aus deinen Überschüssen –«

Nun sprang aber Falkner empor in hellem Zorn.

»Wie kannst du wagen, von ›vielgerühmten‹ Hilfen zu sprechen«, sagte er leise mit flammendem Auge. »Ich habe das wenige, das ich meiner Mutter geben konnte, in meinem Herzen stets um seiner Wenigkeit willen beklagt, aber ich war nie solch ein Lump, mich dessen zu rühmen, was ich gab; denn wer sich erfüllbarer Pflichten rühmt, ist nichts als ein alberner Selbstanbeter und ein verächtlicher Renommist obendrein!«

Doktor Ruß sah ein, daß er zu weit gegangen war und seinen Stiefsohn unnötig gereizt hatte. Er nickte ihm deshalb lächelnd zu und klatschte leise Beifall.

»Bravo! Bravo!« rief er, »Adelheid, geliebtes Weib, sieh deinen Sohn, dein Fleisch und Blut! In welch schönen Zorn er für dich geraten kann –«

»Was soll das wieder?« unterbrach ihn Falkner drohend.

Aber Doktor Ruß war nicht so leicht einzuschüchtern. »Nein, du hast mich nicht recht verstanden, oder ich, vielmehr, habe mich nicht richtig ausgedrückt«, sagte er mit seinem gewinnendsten Ton. »Ich meinte ›vielgerühmt‹ in dem Sinne, als deine Mutter, und ich mit ihr, es in der Tat stets viel gerühmt haben, daß du von dem Deinen trotz den großen Ansprüchen, welche deine Karriere, dein Name und die große Stadt an dich stellten, immer noch für deine Mutter übrig hattest –«

»Daran ist auch von dir nichts zu rühmen«, unterbrach ihn Falkner kurz und scharf, denn der schnelle Blick, den Frau Ruß auf ihren Mann geworfen hatte, war ihm nicht entgangen und hatte ihm gesagt, daß sein Stiefvater das böse Wort nur zu seinen Gunsten gedreht und seine Fertigkeit in dieser Kunst abermals bewiesen hatte.

»Doch! doch!« widersprach der Unerschütterliche auf das süßeste und fuhr dann fort: »Um also endlich auf des Pudels Kern zu kommen, so hatte ich sagen wollen, daß deine Mutter und ich erwarten, daß es dir nunmehr gelingen wird, durch deinen unleugbaren Einfluß am Hofe des Herzogs, deines Schwiegervaters, für mich eine Stellung zu erwirken, welche deine Mutter auf eine Stufe stellt, die für dich nichts Peinliches hat. Der meinem Namen mangelnde Adel dürfte dann auch wohl so schwer nicht zu beschaffen sein.«

Falkner, welcher stehengeblieben war, ergriff jetzt seinen Hut.

»Ich fürchte, dich enttäuschen zu müssen«, sagte er, sich vollständig bezwingend. »Ich bin so ganz und gar nicht der Mann dazu, der durch eine nähere Verbindung mit den Großen dieser Erde, diese sogleich dazu benutzt, um seine Verwandten zu poussieren. Das war ein Geschäft für die Pompadour und ihresgleichen. Deine eigenen Bemühungen um eine Professur werden da jedenfalls erfolgreicher sein. Du brauchst dann auch den Adel nicht, dessen in meinen Augen ein gebildeter Mensch überhaupt nicht bedarf, um vorwärtszukommen. Und bis ich soweit bin, das heißt bis ich in der Intimität mit den neuen Verwandten so weit gedeihe, daß ich eine derartige Bitte aussprechen würde – bis dahin bist du längst in Amt und Würden.«

»Natürlich«, erwiderte Doktor Ruß seltsam zerstreut.

»Dies ist meine persönliche Ansicht davon«, fuhr Falkner fort, »aber es kommt noch ein anderer Faktor dazu, der deinem Wunsche entgegentritt. Es ist dies die wahrscheinliche Verzichtleistung des Herzogs und seines Hauses und die Einverleibung Nordlands in die Reichslande.«

»Ah –!« machte Doktor Ruß mit demselben unsteten Blick wie zuvor.

»Ich bitte euch, diese Mitteilung aber geheimzuhalten«, schloß Falkner, verwundert, daß die Zunge seines Schwiegervaters keinen scharf zugespitzten Pfeil auf seine Weigerung hatte. »Ich habe«, setzte er hinzu, »nur deshalb davon gesprochen und dir gegenüber Gebrauch von dieser nur in Umrissen skizzierten Idee gemacht, um den Beweis zu liefern, daß Egoismus und böser Wille mich nicht leitet.«

»Gewiß! Gewiß!« meinte Doktor Ruß, wie wenn jemand, sehr beschäftigt, ein fragendes Kind abfertigen will.

»Und nun adieu, liebe Mutter«, sagte Falkner, sich zu Frau Ruß wendend. »Ich reise morgen früh ab und habe heut noch mehreres zu tun.«

»Adieu, lieber Junge«, erwiderte sie in ihrer kalten, kurzen Weise. »Es ist noch früh am Abend – mußt du schon gehen?«

»Ich wollte Dolores noch Lebewohl sagen, Mutter.«

»Dolores? Ah, da wirst du heut nicht angenommen«, fiel Doktor Ruß mit der altgewohnten Aufmerksamkeit ein. »Der Erbprinz ist oben.«

»Darin sehe ich noch keinen Grund, nicht auch angenommen zu werden«, erwiderte Falkner, der einen Moment gestutzt hatte.

Nun berichtete Ruß mit leisem, bedeutsamem Lachen, wie er vorhin an der Treppe kurz und bündig von dem Erbprinzen »entlassen« worden war, und er legte in seinen Bericht eine Bedeutung, die er ja, wie wir wissen, in der Tat erraten hatte, welche er aber kaum berechtigt war, hineinzulegen.

»Nun, so richtet ihr Dolores wohl meine Empfehlungen aus«, meinte Falkner gleichgültig, küßte seiner Mutter die Hand, berührte die Fingerspitzen des Doktor Ruß und ging durch die große Lindenallee der Grenze von Monrepos zu. Sein Stiefvater aber raffte auch mit leisem Singen seine Siebensachen zusammen, warf seiner Frau eine Kußhand zu und verschwand im Hause, um es alsbald von einer andern Seite aus wieder zu verlassen, als er von einem Diener erfuhr, daß der Erbprinz schon fort und »Baroneß« in den Park gegangen sei.

Falkner änderte inzwischen auch seine Absicht, direkt nach Monrepos zurückzukehren. Das stattgehabte Gespräch mit seinem Stiefvater hatte ihn, wie alle derartigen Gespräche mit demselben, geärgert und erregt, mehr aber noch gab ihm die nach Ruß' Version wichtige Anwesenheit des Erbprinzen im Falkenhof zu denken. Was hatte dieser mit Dolores zu besprechen, daß er keine Zeugen zu haben wünschte? Grübelnd und seltsam erregt ging er vorwärts, bog in dem Gefühl, sein Gleichgewicht erst durch einen Spaziergang wiederherstellen zu müssen, in einen Seitengang ein und schritt, die denselben mehrfach kreuzenden, schattigen Laubsteige benutzend, planlos weiter.

Am Abend war eine erfrischende Brise von Osten hergekommen, und die Sonne sank in wunderbar leuchtendem Glanz im Westen hinab. Da begann im Dorfe die Abendglocke zu läuten – weich und weihevoll schwebten die gedämpften Glockentöne durch die Luft, und Falkner nahm unwillkürlich den Hut vom Kopfe und blieb lauschend stehen. Er dachte mit seltsam wehmütigem Gefühl der Zeit, da er noch zur Abendglocke den Angelus betete, bis die Welt ihren Staub über jenen frommen Brauch legte und er ihn verlor. Denn man hört ja im Geräusch der Welt und der großen Städte keine Glocken mehr läuten, und wer ihren Klang nicht im Herzen trägt, den rufen sie bald nicht mehr zu dem geweihten Ort, dem sie dienen –

Und wie er stand und darüber nachsann, wie man so leicht vergißt, was nicht von dieser Welt ist, da tönte durch den Glockenklang eine wunderschöne, volle, weiche Frauenstimme zu ihm herüber –

Dolores! dachte er und eilte vorwärts. Mit wenigen Schritten war er am Hexenloch, an dessen malerischem Ufer sie stand. Im Hintergrunde flüsterten leis die uralten Blutbuchen. Sie hatte das Angesicht dem purpurroten Sonnenuntergange zugewendet, der durch eine Lichtung in den Bäumen auf die kaum bewegten Äste und auf das geheimnisvoll dunkle Wasser des Hexenloches leuchtende Tinten zauberte. Ihr wunderschönes Antlitz mit den dunkeln Augen, die ungeblendet hineinsahen in den Sonnenuntergang, war goldrot beleuchtet.

So stand sie im weißen Kleide, Sonnenlicht in dem schimmernden Goldhaar, wie eine Elfe, seltsam überirdisch zu sehen und sang ein Lied, dessen weiche Modulation, dessen wie von Schluchzen durchbebte Melodie wunderbar hineinpaßte in das stimmungsvolle Bild. Es war ein italienisches Lied, vielgesungen, weitbekannt, aber hier durchweht von hoher Künstlerschaft, von tiefstem Empfinden, das also hinausklang in den stillen, glockendurchzitterten Abend:


»Ich möchte sterben, wenn die Frühlingslüfte
Vom heitern Himmel lau die Erd' durchwehen,
Wenn neue Blüten hauchen neue Düfte,
Die Schwalben sorgend nach dem Nestlein sehen.
Ich möchte sterben, wenn die Sonne nieder
Am Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen –
Da flieht zu Gott die müde Seele wieder,
Zu unbegrenzten frühlingshellen Räumen.
Doch wenn der Sturm rast und die Blitze flammen,
Wenn finstre Wolken durch die Lüfte jagen,
Und wirbelnd treibt das welke Laub zusammen,
Möcht' ich nicht sterben, nicht hinaus mich wagen.
Ich möchte sterben, wenn die Sonne nieder
Am Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen –
Da flieht zu Gott die müde Seele wieder
Zu unbegrenzten frühlingshellen Räumen.«

(Nach dem Italienischen des L.M. Cognetti von der Verfasserin)


Und wie Falkner stand und dem Liede lauschte, ungesehen von der einsamen Sängerin, da fiel ihm die Zeichnung des Blattes ein, das dem Liede als Umschlag diente, und das er einst drüben in Monrepos gesehen – vor der untergehenden Sonne, die auf die »träumenden Veilchen herabblickt, wie beschwingte Schatten, welche sich zum Kusse zusammenneigen –

»Vorrei morir – vorrei morir« – verklang es wie ein schluchzender Hauch. »Dolores –!« und er stand neben ihr, plötzlich, unerwartet, aber sie erschrak nicht vor seinem schnellen Kommen, sondern sah durch die Lichtung hinein in das Abendsonnengold, als wäre sie allein, wie vorher.

Und es wurde still unter den Blutbuchen am Hexenloch wie in einer Kirche, nur seine tiefen, schweren Atemzüge waren zu hören.

»Vorrei morir –« wiederholte er dann leise. »Warum nur möchten Sie sterben, Dolores?«

Da sah sie ihn an, wortlos, aber er schien keiner anderen Antwort zu bedürfen.

»Ich war im Falkenhof und wollte Ihnen Lebewohl sagen, denn ich reise morgen ab«, fuhr er nach einer Pause fort. »Und Prinzeß Alexandra läßt Ihnen sagen, daß Sie zu meiner Hochzeit nach Nordland kommen sollen.«

»Ja«, sagte Dolores mechanisch. Es war ihr erstes Wort.

»Ja«, wiederholte er. »Leben Sie wohl!« Und er reichte ihr die Hand. Als sie die ihre hineinlegte, ohne Druck, wie apathisch, da sprach sie mit seltsam klingender Stimme: »Sie kommen dann vielleicht auch zu meiner Hochzeit.«

Da prallte er zurück, wie getroffen.

»Der Erbprinz!« fuhr es ihm durch den Sinn, daß er den Namen laut aussprach. Sie nickte bejahend.

»Und Sie haben ›ja‹ gesagt?« fragte er.

»Noch nicht«, erwiderte sie, »aber ich werde es wohl tun. Es ist das beste. Denn er ist ein guter, edler Mensch.«

»Und trotzdem singen Sie's in die Welt hinaus, daß Sie sterben möchten?« fragte er wieder, und als sie darauf keine Antwort hatte, fuhr er, dicht an sie herantretend, fort: »Wenn ich das noch sagen wollte, ich, Dolores! Ich, der ich ein namenloses Glück in blindem Wahn, in unsinniger Verblendung von mir stieß, eine königliche Lilie in den Staub trat und dafür ein Flatterröslein erwarb! Und dieses Glück war mir so nahe gelegt, und, meinen Sie nicht, daß es mir gelungen wäre, es zu erwerben?«

Doch statt zu antworten, wendete sie das schöne Haupt ab von ihm und sah wieder hinein in das Abendrot, das zu rosigen und violetten Tönen zu verblassen begann.

»Dolores«, sagte er leise, und sich zu ihr hinneigend, »Dolores, nur ein Wort sagen Sie mir! Hätte ich mein Glück erringen können, oder war es zu hoch für mich?«

»Zuhoch ist nichts für menschliches Wünschen«, antwortete sie, ohne ihn anzusehen, und als er mit leisem Ausruf bis dicht vor sie hintrat, fuhr sie mit seltsamem Schwanken in der Stimme fort: »Aber jetzt ist es zuspät

»Zu spät!« wiederholte er stöhnend. »Nun denn, wenn es zu spät ist, so leben Sie wohl, Dolores!«

»Leben Sie wohl, Alfred«, kam es mit erstickter Stimme zurück.

»Nein«, sagte er heftig, »nein, so gehe ich nicht! Ich muß etwas mitnehmen für diese Reise durchs Leben, etwas, das mich stärkt, wonach mich hungert und dürstet zugleich. Sie müssen mich noch einmal ansehen –!«

Da wendete sie den ernsten, umschleierten Blick zu ihm zurück und sah ihm in die Augen, wortlos zwar, aber ein leises Rot stieg in ihre blassen Wangen dabei, und dann senkte sie das blonde Haupt, und ein leises, unterdrücktes Schluchzen durchbebte ihren Körper.

Da legte Falkner seinen Arm um sie und zog sie an seine Brust, und so ruhte sie einen kurzen, seligen Augenblick lang.

»Dolores, ich liebe dich von ganzem Herzen«, flüsterte er zu ihr herab, »und nun weiß ich's, daß auch du mich liebst!«

»Ja«, antwortete sie einfach – was aber lag alles in diesem kurzen, schlichten »Ja«. Und dann machte sie sich frei aus seinen Armen. »Du mußt jetzt gehen«, sagte sie, »denn die Sonne ist untergegangen, und es ist spät geworden – zu spät!«

Da sagte er gehorsam: »Lebe wohl«, doch ehe er ging, nahm er einen Zweig der Blutbuche, den sie vorhin abgebrochen hatte, aus ihrer Hand, küßte ihn und sprach: »Laß es mir als einziges, was mir von dir bleiben darf –:


Dies Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf das es einst mir möge sagen,
Wie süß die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.«


Und dann ging er, ohne sich umzuwenden, und sie sah ihm nach mit umflortem Blick, wie er der Lichtung zuschritt, dem verblassenden Abendrot entgegen, und seine Gestalt zeichnete sich hoch und gebietend ab auf dem goldenen Grunde des scheidenden Lichtes, denn unter den Bäumen war es ganz dunkel geworden, dunkler noch auf dem trägen Wasser des Hexenloches, auf welchem weiße Nymphen blühten wie verlorene Sterne am dunkel umwölkten Nachthimmel.

Und da war es ihr, als ob eine Hand sie herandrängte hart an den Rand des Tümpels, und ehe sie noch erschrocken Widerstand leisten oder sich umsehen konnte, verlor ihr Fuß den Halt, mit einem lauten Aufschrei stürzte sie das graue Ufer hinab, und die schwarzen Wellen des Hexenloches schlugen über ihr zusammen –

Doch einer hörte den Schrei – Falkner – und sich blitzschnell umwendend, sah er eben noch die weiße Gestalt in dem unheimlichen Tümpel verschwinden.

Entsetzt, aber ohne einen Moment zu verlieren, kehrte er im raschesten Laufe zurück, und wie er das Hexenloch erreichte, sah er sie wieder emportauchen in ihrem Kleide, gehoben von den, der Sage nach unergründlich tiefen Fluten, kämpfend, ringend mit dem nahen Tode.

Und er rang mit dem Allbesieger um dies junge Leben, lautlos in der tiefen Dämmerung suchte er dem Strudel, dessen Wirbeln und Gurgeln dem Hexenloche die einzige Bewegung gab, sein Opfer zu entreißen, und obwohl ein tüchtiger Schwimmer, mußte er doch hart und verzweifelt kämpfen, um sich mit seiner Last, die, sich an seinen Hals klammernd, jetzt das Bewußtsein verlor, aus dem verderblichen Wirbel herauszuarbeiten. Aber er siegte, trotz aller Schwierigkeiten, über den Tod, der seine Runen schon in das blasse, schöne Gesicht seines Opfers gezeichnet hatte, und atemlos, erschöpft fast, stieg er endlich ans Ufer und legte Dolores sanft auf den grünen Rasen. Im ersten Augenblick, als er nur undeutlich ihre Züge in dem schwachen, verglimmenden Lichte unter den hohen Bäumen unterscheiden konnte und vergeblich auf einen Atemzug lauschte, da glaubte er sie tot, und ein wilder, unsäglicher Schmerz ergriff ihn, daß er ihren leblosen Körper wieder emporrichtete, an seine Brust ihr todblasses Haupt legte und ihre kalten Lippen küßte, als könnte er ihr mit seinem Atem wieder das entflohene Leben einhauchen. Und da tat sie einen tiefen, tiefen Atemzug und schlug die Augen auf.

»Oh, du hast mich gerettet?!« murmelte sie matt, wie schlafbefangen. Doch nun ließ er sie nicht ruhen. Er rieb ihre kalten Hände und strich ihr das nasse Haar aus der Stirn und richtete sie endlich völlig empor.

»Fühlst du dich stark genug, nach dem Falkenhof zu gehen?« fragte er liebevoll, »sonst mußt du hierbleiben, bis ich Leute hole, die dich ins Haus tragen helfen, denn es ist ein weiter Weg für dich!«

»Nein, nein, nicht hierbleiben«, erwiderte sie, mit leisem Schauer hinüberblickend nach dem Hexenloch, das wieder ruhig und unbewegt dalag, als hätte ein Mensch nicht eben noch in ihm um sein Leben gekämpft und gerungen.

»Ich bin ganz stark und erholt und kann sehr gut gehen –«

Aber es ging doch noch ein wenig schwach und matt, woran die nassen Kleider viel schuld hatten, die Nervenerschütterung und die Erschöpfung aber noch mehr. Falkner stützte und trug sie halb, und so gingen sie langsam auf dem kürzesten Wege nach dem Falkenhof zurück, und wenn sie, blasser und blasser werdend, einhielt im Gehen, da legte er sanft ihren Kopf an seine Schulter und strich ihr ebenso sanft über Stirn und Haar.

»Warum bin ich nicht lieber gestorben?« fragte sie einmal und faltete die Hände.

»Es hing an einem Haare!« erwiderte er ernst. »Aber es scheint, du sollst noch leben!«

Und langsam weiterschreitend, fragte er sie, wie es gekommen, denn im ersten jähen Schrecken hatte er geglaubt, sie habe selbst den Tod gesucht.

»O nein«, erwiderte sie stolz, »Selbstmord ist eine Feigheit, und ich habe sogar den Mut zum Leben.«

»Daran erkenn' ich meine stolze Dolores«, sagte er bewundernd, und als sie mit einem halben Lächeln zu ihm emporsah mit ihren großen, dunkeln Augen, die jetzt einen so ganz anderen, weichen Ausdruck hatten, da setzte er hinzu: »Denn die stolze Dolores war bewunderungswürdig und schön – die demütige Dolores aber ist noch tausendmal schöner.«

Da senkte sie, matt errötend, den Blick wieder zu Boden.

»Nein«, sagte sie nach einer Pause, »nein, es war nicht mein Wille, das Hexenloch zu meinem Grabe zu machen. Ich weiß auch nicht mehr, wie es kam – ich muß durch einen unbedachten Schritt ausgeglitten sein, und wenn es nicht einfach unmöglich wäre, es zu behaupten, so würde ich sagen, ich hatte das Gefühl, als hätte mich irgend etwas hinabgestoßen

»Vielleicht hat das plötzliche Ausgleiten und die damit verbundene Erschütterung das Gefühl erzeugt«, meinte er.

»So wird, so muß es sein«, sagte sie matt. Endlich kamen sie zum Falkenhof, der im matten Dämmerlicht, im letzten Schimmer des geschiedenen Tages dalag, ruhig und friedlich, und großartig. Vor der Terrasse unten stand Doktor Ruß und schnitt mit seinem Taschenmesser welke Blätter von einem Rosenbaum, doch schien er die Schwüle des zur Rüste gegangenen Tages noch nicht überwunden zu haben, denn er mußte sein Geschäft oft unterbrechen, um seine Stirn mit dem Taschentuch zu trocknen, ja der sonst so kühle, blasse Mann war rot und erhitzt, als wäre er überrasch gegangen. Da er mit dem Rücken gegen den Park stand, so sah er das Paar nicht, das über das weiche Bowling-green quer geschritten kam, und wandte sich erst um, als er die Stimme seines Stiefsohnes hörte, der Dolores eben sagte, daß er sie bis nach oben führen würde. Überrascht, Falkner heut abend nochmals hier zu sehen, wandte Doktor Ruß sich um und fuhr bei dem Anblick der totenblassen, von ihren schweren, nassen Kleidern umhüllten Dolores so heftig zurück, daß ihm das Messer abglitt und tief in seine Hand fuhr.

»Herr des Himmels, was ist geschehen?« preßte er, blasser als Dolores selbst, hervor.

Doch diese lächelte. »Ich habe die Hexenprobe im Hexenloch bestanden«, sagte sie scherzend. »Das heißt«, fuhr sie sich verbessernd fort, »ich habe bewiesen, daß ich keine Hexe bin, denn ich wäre entschieden untergesunken, wenn Alfred mich nicht herausgeholt hätte, was ihm schwer genug gefallen ist.«

»Aber, um alles in der Welt, wie kam es denn, daß Sie in den gefährlichen Tümpel fielen?« forschte Doktor Ruß weiter, das Taschentuch um seine blutende Hand wickelnd.

»Mir war's, als hätte mich jemand, der nicht da war, hineingestoßen«, erwiderte sie, immer in scherzendem Tone, »aber das ist nur die sensationelle Lesart – die richtige ist leider, daß ich einfach ausgeglitten bin und das Gleichgewicht verloren habe, was einem zuweilen passieren soll«, fügte sie mit einem matten Abglanz früherer Schelmerei hinzu.

»Du bist dem sicheren Tode nur durch den Umstand entronnen, daß ich noch nahe genug war, deinen Schrei zu hören und zu Hilfe zu eilen«, sagte Falkner ernst. »Aber zu Erklärungen ist jetzt keine Zeit, denn vor allem mußt du die Kleider wechseln und sofort zur Ruhe gehen, damit das Nachspiel dieses Falles nicht tragischer endete als dieser selbst.«

»Gewiß – so schnell wie möglich zu Bette, liebe Dolores«, redete nun Doktor Ruß auch zu; »doch auch du, Alfred, mußt dich hier umkleiden. Ich gehe, Ihnen aus meiner Apotheke ein Mittel gegen Erkältung zu holen!« – Damit eilte er hinein, und Falkner führte Dolores ins Haus und bis vor ihre Zimmer. Dort wollte sie ihm danken, aber er ließ es nicht zu.

»Daß deine Rettung mir gelang, war ja keine Heldentat, sondern barer Egoismus«, meinte er, und verließ sie so schnell, daß sie ihm eben nur noch ein halb ersticktes »Lebewohl« zurufen konnte.

In Kleidern von Doktor Ruß, die ihm zur Not paßten, langte Falkner erst spät in Monrepos an, begrüßt von besorgten Fragen seines späten Kommens wegen, das man natürlich einem besonderen Ereignis zuschrieb. Nur Prinzeß Lolo, welche sich in Zorn und Ungeduld über das lange, unentschuldigte Ausbleiben ihres Verlobten in Wein- und Schreikrämpfe versetzt hatte, wollte von triftigen Gründen nichts wissen und beruhigte sich erst, als Falkner nach diversen, sehr geduldigen Versuchen, sie zur Vernunft zu bringen, sich kurz auf dem Absatz umdrehte und das Zimmer verlassen wollte. Da hörte das Schluchzen und Schreien wie mit einem Zauberschlage auf, und derselbe Mund, der eben noch verzerrt und zuckend geschrien hatte, wie ein eigensinniges Kind, er lachte hell auf und fragte: »Aber wie siehst du denn aus? Dein Rock schlägt ja auf dem Rücken eine Wasserfalte.«

»Weinen und Lachen stecken in einem Sacke«, murmelte der Herzog, dessen Autorität sich diesem Kinde gegenüber wieder als machtlos bewiesen, während die Bitten der Prinzeß Alexandra um Mäßigung die Sache entschieden verschlimmert hatte.

Falkner wandte sich auf die Anrede seiner Braut um, heißen Zorn im Antlitz, aber äußerlich sehr ruhig und beherrscht.

»Ich werde dir den Rock, der einen so wohltätigen Einfluß auf deine Stimmung hat, schenken«, sagte er nicht ohne Schärfe, die dem Erbprinzen, den das Benehmen seiner Schwester unsäglich reizte und empörte, viel zu schwach und »bräutigamhaft« erschien. »Vielleicht«, fuhr er nicht ohne Galgenhumor fort, »vielleicht ist die Wasserfalte eine natürliche Folge davon, daß ein Sprung ins Wasser mein spätes Kommen verschuldet hat.«

Und nun berichtete er kurz von dem Unfall, der Dolores betroffen, bei größter Anteilnahme der herzoglichen Familie, die seinem von ihm nur flüchtig berührten Rettungswerke die wärmste Bewunderung spendete.

»Da hättest du denn bei dem Herausfischen deiner Cousine selbst ertrinken können?« fragte Prinzeß Lolo, welche bis dahin mit großen Augen zugehört.

»Es gehört ein harter Kampf dazu, dort das eigene Leben zu retten, geschweige denn das anderer«, sagte der Erbprinz, den die Gefahr, in welcher Dolores geschwebt, aufs tiefste erschüttert hatte.

»Dann war es schlecht von dir, hineinzuspringen«, rief Prinzeß Lolo außer sich, »du hast kein Recht dazu, dich für andere in Gefahr zu begeben, du gehörst mir

»Lolo!« mahnte Prinzeß Alexandra empört, »vergiß nicht, was der Dichter sagt:


›Ein braver Mann denkt an sich selbst zuletzt,
Vertraut auf Gott und rettet die Bedrängten.‹


Und Falkner hat sich als ›ein braver Mann‹ gezeigt! Muß dich das nicht mit Stolz erfüllen? Die einzige Entschuldigung für dich ist, daß dieser empörende Egoismus nur ein Ausbruch deiner nachträglichen und gerechtfertigten Angst um sein Leben war!«

»Ratteltatteltattel!« äffte die kleine Durchlaucht blitzenden Auges ihrer Schwester nach. »Was ihr nicht immer über mich zu meistern habt! Ich habe mir gar nichts anderes gedacht, als ich gesagt habe, und bleibe dabei, daß Alfred gar nicht das Recht hat, sich in Gefahr zu begeben. Was hast du überhaupt mit Dolores Falkner abends am Hexenloch zu tun?« setzte sie eifersüchtig hinzu.

Falkner wollte diesen unbewußt gerechtfertigten Ausbruch mit Stillschweigen übergehen und unbeantwortet lassen, aber ein forschender Blick des Erbprinzen schien ihm dieselbe Frage vorzulegen. Er antwortete daher, was die reine Wahrheit war: »Ich wollte auf dem Wege über das Hexenloch nach Monrepos zurückkehren und traf sie dort an. Der Unfall ereignete sich erst, als ich schon im Weitergehen war – glücklicherweise nicht weit genug, um noch helfen zu können.«

»Glücklicherweise!« höhnte Prinzeß Lolo mit so eigenem Ausdruck, daß Falkner auffuhr, sich aber beherrschte und von dem Herzog die Erlaubnis ausbat, sich zurückziehen zu dürfen, da das lange Tragen der nassen Kleider ihm ein gewisses Gefühl des Unbehagens verursacht habe. Als er seiner Verlobten aber gute Nacht sagte, hatte diese schon die Reue erfaßt.

»Sei nicht böse«, flüsterte sie, »es war ja nur, weil ich eifersüchtig auf dich bin! Ich werde mir heut nacht noch die Augen ausweinen in dem Gedanken an die Gefahr, in der du geschwebt – und weil ich dich geärgert habe. Aber du darfst wirklich nicht böse sein!«

Er küßte ihr die kleine, rosige Hand und ging – schuldbewußt, elend und glücklich zugleich, denn er war sich einer Untreue gegen seine Verlobte bewußt, welche nur strengste Buße, absolutes, unbedingtes Entsagen zu sühnen vermochte vor dem Richterstuhl seines eigenen unbeugsamen, strengen Gewissens, das selbst seinen Schmerz um ein verscherztes Glück und seinen Unwillen gegen die Ungezogenheiten seiner Braut nicht freisprechen wollte. Und was er sich der Stimme seines Gewissens gegenüber heut abend gelobte, er wußte, er würde es halten, und er wußte, daß Dolores es achten würde.

Die herzogliche Familie schickte am selben Abend noch nach dem Falkenhof einen Boten, der sich nach dem Befinden der Baroneß erkundigen sollte und die Nachricht zurückbrachte, daß sie ruhig und fest schlafe.

Und in der Tat schlief Dolores ruhig und fest, erschöpft von ihrem Kampfe mit den schrecklichen Wassern, bewacht von der alten treuen Tereza, die die Nacht nicht von dem Bette der Herrin wich. Diese aber träumte, sie flöge durch einen weiten, weiten Raum, unten aber stand Falkner mit ausgebreiteten Armen sie aufzufangen, doch ein Windstoß riß sie dahin, bis sie in den Wolken verschwand und nichts mehr sah. Plötzlich aber zerrissen die Wolken wie ein Vorhang, und einem Film gleich zog die Szene am Hexenloch noch einmal an ihr vorüber, nur anders in einzelnen Dingen, und wie sie das Wasser über sich zusammenschlagen sah auf dem Bilde in den Wolken, da wachte sie auf und wußte, sie hatte das schon einmal geträumt –

Geträumt und erlebt?

Doch ihr Geist war allzu schlafbefangen, um darüber grübeln zu können, und als sie die Augen wieder schloß, glaubte sie es neben ihrem Bette rauschen zu hören wie von seidenen Kleidern, und als sie die Augen deshalb wieder mühsam öffnete, sah sie die Ahnfrau Dolorosa über sich gebeugt.

»Das war der zweite Traum, den ich dir gezeigt«, meinte sie es flüstern zu hören. »Denk an die beiden anderen Traumbilder und hüte dich!«

Da fuhr sie hoch empor aus ihren Kissen – es war niemand zu sehen.

»Tereza, war jemand hier?« fragte sie die sich besorgt über sie beugende Dienerin.

»Verzeihe, Herrin – ich war eingeschlafen«, sagte diese, »da hat mir geträumt, es kam eine schöne, fremdartig gekleidete Dame herein und ging an dein Bett, und ich hörte sie mit dir flüstern. Und wenn es nicht ein Traum sein müßte, weil doch niemand hier ist, so würde ich schwören, ich hätte sie mit eigenen Augen gesehen!«

Es war doch nur ein Traum, dachte Dolores und schlief wieder ein.


* * *


Doch noch ein anderer hatte im Falkenhof unruhige Träume – das war der Doktor Ruß, und wenn er auch dabei fast ununterbrochen schlief, so störte er doch seine Frau durch lautes Sprechen im Schlafe, und ihre Müdigkeit wich vollends, als sie ihren Gatten öfters den Namen »Dolores« aussprechen hörte. Wilde, wahnsinnige Eifersucht ergriff das Herz der alternden Frau, und mit der Freude der Selbstqual, mit dem Verlangen jener Leidenschaft, »welche mit Eifer sucht, was Leiden schafft«, opferte sie gern den eigenen Schlaf, um aus den abgerissenen Worten und Sätzen ihres sich unruhig hin und her werfenden Mannes einen Zusammenhang herauszufinden, aus dem sie mit wilder Freude neue Qualen heraustüfteln konnte für ihr altes Herz, das in seiner eisigen Hülle in dem einen Punkt schlug wie vor dreißig Jahren, als der selige Freiherr von Falkner, ihr erster Gatte, ihr noch Grund gab zur Eifersucht. Aber die Ausbeute dieser Nacht war nur gering, denn alles, was sie erlauschte und verstand, drehte sich unablässig um drei Dinge: »Dolores – zum zweitenmal gerettet – wer hätte gedacht, daß sie schreien würde –«

Darauf konnte sie sich keinen Vers machen.


* * *


Der Haushalt in Monrepos wurde einige Tage nach dem Unfall am Hexenloch aufgelöst, und die herzogliche Familie nahm herzlichen und warmen Abschied von Dolores, welche das Versprechen geben mußte, den Hochzeiten in Nordland beizuwohnen – ersterer als Verwandte des Bräutigams, letzterer als Freundin und Palastdame der künftigen Großherzogin Alexandra, welche ihr versprach, das Patent rechtzeitig von ihrem hohen Verlobten zu erbitten. Dolores war tief bewegt von soviel Güte und wahrhaft tiefe Herzensbildung verratendem Entgegenkommen, doch Prinzeß Alexandra, welche ihr etwas altjüngferliches Wesen mit einem Schlage abgeworfen zu haben schien, wollte davon nichts einräumen, sondern schob alles auf die glänzenden äußeren und inneren Eigenschaften der einst so angezweifelten Herrin vom Falkenhof, welche das Vorurteil so rasch besiegt und gründlich ausgerottet hatte, das man gegen sie gehegt. Und als dann Dolores versicherte, dieser Sieg sei der schönste ihres Lebens, und sie fühle sich so hoch erhoben und beglückt durch die Freundschaft der hohen Frau, daß es wahrlich nicht noch jenes vielbeneideten und heißersehnten Titels einer Palastdame bedürfe, um ihr das kostbare Gut dieser Freundschaft gewissermaßen auf dem Wege eines Gnadenaktes verbrieft und versiegelt zuzusichern, da sagte Prinzeß Alexandra mit jenem feinen Takt und jener seltenen Gabe, welche ein Geschenk wert macht durch die Absicht: »Nein, liebe Dolores, Ihre Ernennung soll auch kein Gnadenakt sein, keine sogenannte Rehabilitierung als Lehnsherrin vom Falkenhof nach Ihrer Bühnenlaufbahn, am allerwenigsten aber ein leerer Schall – aber ich will's Ihnen bekennen, was ich dabei im Auge habe. Sie würden in Ihrer Bescheidenheit von selbst ja doch nicht kommen, um mich aufzusuchen, Sie würden sogar eine Einladung ablehnen aus demselben Motiv – aber Sie müssen kommen, wenn Ihr Amt Sie ruft, bei besonderen Gelegenheiten Dienst zu tun bei mir. Sie sehen also, daß Ihr Patent nur mein Anrecht an Sie verbriefen und den schnödesten selbstsüchtigsten Motiven dienen soll.«

Was konnte Dolores tun dieser herzgewinnenden Art, zu geben, gegenüber? Sie konnte nur geben, was so geboten wurde, und daß es ein warmes Gefühl im eigenen Herzen verursachte, war eine ganz natürliche Folge.

Doch ehe es leer wurde und still in Monrepos, waren es drei Dinge, die ihr Schmerzen verursachten und Pein. Das erste war Falkners Abschied. Er war am Morgen nach dem Unfall abgereist, ohne sie gesehen zu haben, ohne Wort, ohne Botschaft. Sie mußte ihn dafür um so höher achten, er stieg darum in ihrer Bewunderung, und sie sagte sich auch, daß er als Ehrenmann nur so handeln durfte – aber es schmerzte sie darum doch, und sie war noch nicht so gestählt im Entsagen, daß es sie nicht mit Bitterkeit gegen ihr Schicksal und tiefstem Schmerz erfüllt hätte. Und dabei bäumte ihr Stolz sich in heftigen Selbstvorwürfen auf, daß es ihm gelungen war, ihr das Geständnis ihrer Liebe zu entreißen, gegen ihren festen Willen, der so stark gewesen, und ihr reines, törichtes Herz so schwach.


Und Pein machte ihr dann der Erbprinz, dessen Augen mit stummen Fragen auf sie gerichtet waren, den sie jetzt nicht um alles in der Welt hätte sagen können, daß sie seine Werbung nicht annehmen könnte, weil eine hoffnungslose Liebe es ihr so bald schon unmöglich mache, einen Bund fürs Leben zu schließen. Und aus diesem Grunde mied sie es, mit ihm allein zu sein, und als er an einem der letzten Tage dennoch Gelegenheit fand, sie ohne Zeugen zu sprechen, das heißt ihr einfach zu sagen: »Scheide ich mit oder ohne Hoffnung? Sagen Sie mir nur soviel!« – da rang sie stumm die Hände und erwiderte dann schmerzlich: »Sie müssen mir Zeit lassen, Prinz! Ich bin ja noch nicht fertig mit mir selbst. Soll ein entscheidendes Wort aber heute noch fallen, so ist es ein ›Nein‹.«

»Ich werde warten«, hatte er einfach geantwortet.

Der dritte aber, der ihr Pein verursachte, war Keppler, welcher auch bis zum letzten Moment bleiben mußte, an seinen Porträts beider Prinzessinnen zu malen, um dieselben für die letzten Lasuren und Retouschen in seinem Atelier fertigzustellen. Er kam, um von ihr Abschied zu nehmen, mit finsteren Zügen, wie ein Fremder zurückhaltend, so daß sie verwundert den Kopf schüttelte.

»Was habe ich Ihnen getan?« fragte sie sanft und vorwurfsvoll.

»Mir? Nichts und alles«, erwiderte er, »aber Sie haben sich selbst am meisten getroffen.«

»Können Sie mir's immer noch nicht vergeben, daß ich zur Bühne nicht zurückkehren will?« sagte sie mit mattem Lächeln, aber freundlich.

»Das wäre der eine Punkt«, gab er nach einer Pause zu. »Ich hoffe aber, Sie haben Ihr Ultimatum darin noch nicht gesprochen.«

»Doch, lieber Freund, es ist entschieden.«

»Es ist eine himmelschreiende Sünde an der Kunst. Sie hätten berühmt werden können wie die Catalani und die Malibran, und der erbleichende Glanz des Sternes einer Patti fing an, auf Sie überzugehen!« rief Keppler, aufrichtige Überzeugung im Tone.

»Man soll nach den Sternen nicht begehren«, erwiderte Dolores, mit einem Versuche zu scherzen.

»Sie taten es einst – warum jetzt nicht mehr?« fragte er erregt.

Sie errötete tief und sah zur Seite.

»Ich kann nicht – diese Sterne haben ihren Reiz für mich verloren, ich begehre sie nicht mehr.«

Da seufzte er tief, fast ungeduldig. »Was würden Sie von mir sagen, würfe ich eines Tages Pinsel und Palette ins Feuer und sagte: Ich kann nicht mehr malen.«

»Ich habe ja aber nur Schminke und Puderquasten und falschen Hermelin ins Feuer geworfen«, entgegnete Dolores. »Mir bleibt meine Musik für alle Zeit, und ich hoffe noch manches Lied zu ersinnen, das ›den Komponisten der Satanella‹ dem Herzen näherbringt – Sie wissen, solch ein Lied, von dem Geibel sagt:


›Es singen's bald zu Nacht am Born
Die Mägde mit den Krügen;
Der Jäger summt es vor sich her,
Spürt er im Buchenhage,
Der Fischer wirft das Netz ins Meer
Und singt's beim Ruderschlage.‹


Hat dieser Ehrgeiz Grenzen, welche Ihnen weit genug dünken für mich? Muß ich denn durchaus dabei noch heut den armen Lohengrin fragen, woher er kommt, morgen dem Troubadour versichern, daß ich unter Tränen lächle, und übermorgen als Traviata an der Schwindsucht sterben?«

Keppler mußte unwillkürlich lächeln.

»Mit Frauen läßt sich nicht logisch streiten«, sagte er, »aber ich will ja auch nicht weiterforschen, denn Sie würden mir ja doch nicht sagen, was diese Wandlung in Ihnen bewirkt hat. Nur eine Frage muß ich tun: Haben Sie hier schon komponiert?«

»Im Anfang schrieb ich ein paar Lieder«, erwiderte sie zögernd.

»Und seitdem nichts mehr?«

»Nichts.«

»Oh, was hat dieser Falkenhof aus Ihnen gemacht!« rief er schmerzlich.

»Es hat doch jeder Mensch einmal im Jahre Ferien«, meinte Dolores, mit einem Versuche, gleichgültig zu bleiben.

»Als ob Ihnen das Schaffen, das Denken in Tönen eine Arbeit wäre, die der Erholung bedürfte«, entgegnete Keppler finster. »Ihre Schwingen sind Ihnen eben salonfähig gestutzt worden, und man hat dabei leider auch die ganze Schwungkraft derselben gelähmt. Ist's nicht so?«

»Vielleicht«, nickte sie etwas kühl.

»Soweit wäre es nie gekommen, wenn Sie meine Frau hätten werden wollen«, rief er heftig.

»Vielleicht«, wiederholte sie, blaß werdend, aber ebenso ruhig.

Da sprang er auf und trat dicht vor sie hin.

»Dolores«, sagte er mit stockendem Atem, »Dolores, noch können Ihre Schwingen wieder wachsen! Kehren Sie allem den Rücken, und werden Sie mein Weib – noch einmal bitte ich Sie darum, flehe ich Sie an!«

Jäh erblassend, wandte sie sich ab – mußte auch das noch kommen, sie zu peinigen.

»Dolores, Ihre Antwort!« bat er leise vor Erregung.

Da wandte sie ihm wieder ihr schönes Antlitz zu. »Nein«, sagte sie fest.

»Nein! Wieder nein!« rief er außer sich. »Dolores, heut habe ich ein Recht zu fragen, warum Sie meine Hand, die Hand eines redlichen Menschen, der Sie so sehr liebt, zum zweitenmal zurückweisen. Zurückweisen mit einem kurzen, harten ›Nein‹, unversüßt, unvergoldet durch die üblichen Versicherungen von Achtung und Freundschaft – hab' ich auch das verwirkt?«

»Warum quälen Sie mich so?« fragte sie schmerzlich.

»Quäle ich Sie? Nein, bei Gott, das will ich nicht, denn es ist nicht edel, Gleiches mit Gleichem zu vergelten«, erwiderte er bitter und ergriff seinen Hut. »Also leben Sie wohl! Aber eins müssen Sie wissen und sollen es bedenken: Es ist nicht gut, ein Herz von sich zu weisen, das wahrhaft liebt. Und wenn einst Ihr Herz gebrochen und Ihr Kranz verblüht ist, dann ist es zu spät, sich in die Arme der Kunst zu flüchten – sie wird nichts mehr haben für Sie als höchstens – Mittelmäßigkeit.«

Sie wollte ihm antworten: »Sie sind ein zu spät geborener Prophet, denn mein Herz ist gebrochen, mein Kranz ist verwelkt« – aber sie schloß die Lippen wieder und schwieg, blaß und kalt, und als er in der Tür noch einmal umkehrte, voll Reue über seine harten Worte, und ihr zögernd die Hand reichte, da legte sie freilich die ihre hinein, aber sie war kalt und bewegungslos, wie eine Marmorhand.

Und als sie dann endlich allein war, da war auch ihre Kraft erschöpft; elend an Leib und Seele, sank sie zu Boden und rang die Hände und klagte ihr Schicksal an, das ihr die Liebe zweier redlicher Männer, die sie nicht wieder lieben konnte, bescherte, während sie den, den sie liebte mit der ersten Liebe ihres Herzens, nicht lieben durfte.

Derselbe Bahnzug, der die Bewohner von Monrepos fortführte in ihrem auf der Station deponierten Salonwagen, verabschiedet auf dem Perron von den Bewohnern von Falkenhof und Arnsdorf, welche den Scheidenden eine Überfülle von Rosen mitgaben auf den Weg – derselbe Zug brachte Dolores von der anderen Seite Gäste: Professor Balthasar und seine liebenswürdige Frau, welche mit ihrem Gatten, dem berühmten Historienmaler, siegreich in die Schranken trat durch ihre stimmungsvollen Landschaftsbilder, welche ihr Pinsel in Aquarell duftig und mit hoher Meisterschaft hinzauberte aufs Papier. Dolores begrüßte diese lieben Freunde mit aufrichtiger Freude, denn von dem nicht nur äußerlich, sondern von innen heraus liebenswürdigen und bedeutenden Paar, dessen Unterhaltungsgabe noch außerdem hervorragend war, hoffte sie viel für ihr Gemüt, dessen sonnige Eigenschaften die letzte Zeit so sehr getrübt. Doch ihre frühere Heiterkeit, Energie und Tatkraft wollten trotz der anziehenden Gesellschaft nicht zurückkehren, und mehr als einmal fragten sich der Professor und seine Frau: »Was ist mit ihr vorgegangen? Was hat sie getroffen? Von der geistsprühenden, harmlos heiteren, entzückenden Dolores, was ist geblieben? Ein schönes, ernstes Mädchen, bei dessen Anblick man staunend fragt: »Ist das die berückende Satanella von ehedem? Welche Wandlung!«

»Aber eine Wandlung zum Schönen«, behauptete der Professor, und seine Frau riet mit echt weiblichem Instinkt auf eine unglückliche Liebe als auf des Wandels Ursache.

Und die Wochen schwanden dahin, und Balthasars verließen wieder den Falkenhof mit großem Bedauern, diesmal aber zusammen mit Dolores, welche nach Nordland fuhr – zu Alfred Falkners Hochzeit als Gast der Prinzessin Alexandra. Es war nur eine Leidensstation mehr auf dem Kreuzwege ihres Herzens, und nicht einmal die letzte, wie sie wußte. Aber sie haderte nicht mehr mit ihrem Schicksal, das ihr Ruhm und Besitz gewährt und ihr das Glück versagte, denn sie hieß nicht umsonst – Dolores, die Schmerzensreiche. Sie war ruhiger geworden mit der Zeit, und als sie nun dem schweren Tag seiner Hochzeit entgegenfuhr, da glaubte sie fest und ehrlich ganz und vollkommen entsagt und überwunden zu haben.

Doktor Ruß und seine Frau waren im Falkenhofe zurückgeblieben – sie hatten ihr Fernbleiben von der Hochzeit in Nordland durchgesetzt, und da sie ja erst im Herbst mit Dolores zusammen den Falkenhof verlassen sollten, so hüteten sie einstweilen das Haus. Die Anwesenheit des Balthasarschen Ehepaares hatte ihnen übrigens eine sehr angenehme Abwechslung geschaffen, unter welcher sogar Frau Ruß ein wenig auftaute und weniger schroff schien als früher, wohingegen Doktor Ruß und der Professor sich in vielen Dingen fanden und sich gegenseitig sehr ansprachen. Auch Schingas hatten in dieser Zeit gute Nachbarschaft gehalten, und soweit der heiße Sommer die Gräfin nicht im tiefsten Negligé in ihr Zimmer bannte in Gesellschaft ihrer Schlangen und ihres Zola, waren sie häufige Gäste im Falkenhof.

Dolores wurde in Nordland von einem herzoglichen Wagen abgeholt und in dem grandiosen Schlosse von Prinzeß Alexandra, welche ihr Zimmer neben ihren eigenen Appartements angewiesen hatte, empfangen. Und als sie bald nach ihrer Ankunft im kleinen Kreise zum Familientee befohlen wurde, dem Falkner aber nicht beiwohnte, da sah sie, daß man das leichte, bürgerliche Gewand aus Monrepos vollkommen mit dem Hofkleide vertauscht hatte, welches ja an kleinen Höfen viel steifer ist als an großen, hier aber freilich anmutender wurde die persönliche, schlichte, und herzgewinnende Weise seiner Träger. Prinzeß Lolo, welche heute mittag eine Abschiedscour absolviert hatte, war übermütig und naseweis wie immer und machte den Damen und Herren jede Verbeugung, jede Antwort mit sehr viel Beobachtungs- und Nachahmungsgabe nach, nur daß sie eben alles ins Lächerliche zog und Dolores, wider Willen mitlachend, eigentlich froh war, daß Falkner nicht zugegen war, denn die amüsante Darstellung schien ihr etwas spöttisch und herzlos, und sie wußte, daß er für das Herunterziehen und Persiflieren von jedermann kein Verständnis hatte.

»Ich hätte schreien können vor Lachen, als all diese Karikaturen an mir vorbeimarschierten im Gänsemarsch und jedes mir einen Kuß auf den rechten Handschuh applizierte«, schloß Prinzeß Lolo ihren Bericht. »Sascha, wenn du deine Cour hältst, dann rate ich dir, laß dir einen Blitzapparat in der Corsage deines Kleides anbringen und photographiere dir damit die schönsten Gestalten und Komplimente. Da ist ein alter General, der setzte sich einfach aufs Parkett vor mich hin, als er im Anmarschieren plötzlich parierte – er wird sich auch vor dich hinsetzen. Und dann die ganzen Landpomeranzen, die Komplimente machen, als hätten sie einen Schuß in die Knie bekommen, und über ihre großen Zehen stolpern! Ich habe in dieser Menagerie heut nur den Grafen Schinga vermißt in seinem Schweinetreiberkostüm und meine künftige Schwiegermutter in ihrer altmodischen Faltentaille ohne Kragen, mit Scheulederscheiteln, Diamantringen auf dem Zeigefinger und ihrem ewigen Strickstrumpf!«

Nun war Frau Ruß Dolores gar nicht sympathisch, aber es war ihr noch nicht eingefallen, die starke, unmodern und nachlässig gekleidete, aber doch noch stattliche Frau lächerlich zu finden. Daß es aber von seiten der Braut ihres Sohnes geschah, berührte sie unsäglich unangenehm, und als gar bei den letzten Worten Falkner den Salon betrat, da errötete sie für die lose Zunge der Prinzeß, und der erschrockene, abbittende Blick, der jener zugekommen wäre, traf ihn aus Dolores' Augen, das Aufleuchten seiner Augen aber sagte ihr, daß er sie verstanden habe und ihr danke.

Die übrige Gesellschaft, bestehend aus der Familie, einigen wenigen zur Hochzeit erschienenen fürstlichen Verwandten, einigen hohen Hofchargen und dem Verlobten der Prinzeß Alexandra, welchem sie Dolores als ihre liebe Freundin und künftige Palastdame vorgestellt hatte, verfiel in peinliches Schweigen, als Falkner unter ihnen stand, ehe seine Braut kaum ihre Rede vollendet hatte. Er küßte derselben, nachdem er seine pflichtschuldigen Reverenzen gemacht, die Hand und sagte ihr, nur hörbar den Zunächststehenden: »Es gibt eine Posse, in welcher ein unzufriedener Sohn die klassischen Worte spricht: ›Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl seiner Eltern.‹ Diese Weisheit läßt sich ja auch auf Schwiegereltern anwenden, und zwar um so erfolgreicher, als man hier wirklich diese gerühmte Vorsicht zur Anwendung bringen kann.«

Prinzeß Lolo lachte.

»Ach was – ich heirate dich ja, nicht deine Mutter!«

»Eben darum sollte sie wohl besser außerhalb deiner Karikaturengalerie bleiben«, entgegnete er sehr ernst.

»Aha«, machte die Prinzeß böse, »darum nennt man den Abend vor der Hochzeit wohl den Polterabend, weil der Bräutigam schon das Recht zu haben glaubt, seiner Braut poltrige Reden zu halten!« – Sprach's und drehte sich auf dem Absatz um.

Dolores, welche ein Gespräch mit Falkner fürchtete und erhoffte, sah sich getäuscht, denn er fand oder suchte keine Gelegenheit, mit ihr zu sprechen.

Auch am anderen, dem Hochzeitstage, wechselten sie nur wenige Worte. Das war nach der Trauung in der Schloßkapelle, deren Altar Ihre Durchlaucht die Prinzeß Eleonore von Nordland hoch erhobenen Hauptes, die Augen zwar nicht feucht vor innerer Bewegung über den Ernst des Augenblickes, sondern sehr munter leuchtend und lachend als Freifrau von Falkner verließ. Das Brautpaar nahm in einem Salon, bevor das Frühstück serviert wurde, die Glückwünsche der wenigen Anwesenden entgegen, und so mußte auch Dolores sich bezwingen, beiden ein Glück zu wünschen, das ihr nicht vergönnt war. Sie trat auf die kleine, reizende, spitzenumrieselte, atlasumrauschte Braut zu und reichte ihr die Hand.

»Glück auf, Cousine«, sagte sie. »Hie guet Falkner alleweg! Und«, setzte sie hinzu, ein Etui aus der Tasche ziehend, »was ich der Prinzeß von Nordland wohl kaum bieten durfte – die Verwandte bitte ich's freundlich anzunehmen.«

Die junge Frau nahm lächelnd das blaue Samtetui entgegen und öffnete es – da funkelte, leuchtete und blitzte auf weißem Kissen eine Brosche von Brillanten in Form einer graziös geschlungenen Schleife, welche eine Kaiserin geschmückt hätte, so groß waren die Steine, so rein ihr Wasser, so mächtig ihr Feuer, so reizend die Form der Fassung und so wahrhaft fürstlich die Größe des nach einer »Rokoko-Corsage« modellierten Schmuckes. Lolo Falkner stieß einen Schrei der Bewunderung aus, das verwöhnte Fürstenkind war geblendet. In ihrer stürmischen Art fiel sie der Geberin freudestrahlend um den Hals.

»Nein, wie reizend von Ihnen – von dir! Wir nennen uns doch jetzt ›du‹, nicht wahr? Ich hab' es ja aber immer gesagt, du bist eine famose, urnette Rübe, Dolores! Nein, diese Diamanten! Selbstgewachsene, was?«

»Wenigstens bei mir in Brasilien teilweise selbst gefunden«, erwiderte Dolores amüsiert, als die weichen, zarten Arme sie freigaben und der kleine rosige Mund einen Moment stillstand. Und während die Braut mit ihrem Schatz zu den anderen flog, um ihn zu zeigen und ihn bewundern zu lassen, stand Dolores neben Falkner, stumm, nach dem Worte suchend, das sie ihm sagen sollte.

»Ich wollte, ich hätte am heutigen Tage auch ein gutes Wort von dir mit auf den Weg nehmen können«, sprach er endlich leise. Da sah sie auf zu ihm mit ihrem klaren, reinen Blick und reichte ihm die Hand.

»Ein Wort, Alfred?« wiederholte sie. »Oh, ein ganzes, langes Gebet für dein Glück, das hat Gott gehört!«

»Ich danke dir«, sagte er mit einem tiefen Atemzuge, »das wiegt den Wert deiner Gabe für meine – meine Frau so reichlich auf, weil es unschätzbar ist.«

Das waren die einzigen Worte, welche sie wechselten, denn nach dem Hochzeitsfrühstück reiste das junge Paar sogleich ab.

Prinzeß Alexandra wollte nichts von einer sofortigen Heimkehr Dolores' nach dem Falkenhofe wissen und behielt sie in Nordland zurück bis zu ihrer eigenen Vermählung, welche zehn Tage später mit großem Pomp und der ganzen Entwicklung fürstlicher Etikette stattfand. Als das Jawort am Altar gesprochen war, trat Dolores an die Seite der fürstlichen Braut, welche wunderschön, weil ganz verklärt, aussah, denn in ihrem Patent war sie zur Palastdame der Großherzogin Alexandra ernannt und übernahm mit dem Augenblicke des Ringwechsels auch alle Funktionen ihres Amtes. Daß aller Blicke sich dabei, wie vorher auch, auf sie richteten, war natürlich vermöge ihrer außergewöhnlich schönen Erscheinung, welche heute, umrauscht von der weißen, golddurchwirkten Courschleppe, zur vollsten Geltung kam, und was das on dit dabei von ihrem Reichtum, ihren Talenten und ihrer kurzen, siegreichen Künstlerlaufbahn sagte, glich schon einem ganzen Roman, da Frau Fama den Mund dabei recht voll nahm, und die gewohnheitsmäßigen bösen Zungen, welche natürlich »allerlei« wußten, wurden einfach überstimmt und mußten sich auf eine günstigere Gelegenheit vertrösten, wo sie ihren Tropfen Gift loswerden konnten, der, wenn er auch »leider« keine Aussicht hatte, den moralischen Tod der Begeiferten zu verursachen, doch mindestens einen Fleck oder eine Narbe hinterlassen mußte. Ja, ja –


Die Disteln und die Dornen, die stechen gar sehr,
Die falschen, falschen Zungen aber viel, viel mehr! –


Jedenfalls war die demonstrative Freundschaft der nunmehrigen Großherzogin für die junge, interessante Erbherrin vom Falkenhof ein Schild, daran viele der giftigen Pfeile abprallten, denn die Welt verträgt es nun einmal nicht, wenn Schönheit, Reichtum und Genie sich in einer Person, besonders einer weiblichen, vereinen. Und es waren auch vielleicht einige darunter, welche sich einer sehr festen, entschiedenen und unzweideutigen Ablehnung ihrer Huldigungen aus der Zeit erinnerten, da Dolores als Donna Falconieros die Satanella sang – – nun war die Gelegenheit vielleicht gekommen, Rache zu nehmen für diese Abweisungen beleidigender Huldigungen, denen eine schutzlose Frau so leicht ausgesetzt ist. Aber wie gesagt, die Stimmen der Verleumdung und hämischer, vieldeutiger Worte verhallten in dem Chor der Bewunderung für die »Brasilianerin«, deren natürliche, ungemachte Würde, deren reiner, stolzer Blick ihrem Siege auf dem glatten Parkett des Hofes einen sehr soliden Hintergrund verlieh, durch das »Nolimetangere«, das daraus sprach.

Der Hochzeit wohnte natürlich auch der Freiherr von Falkner mit seiner jungen Frau bei, welche in Rosa mit Silber, die Brillantschleife von Dolores an der Brust, rosa Federn und Brillantsterne im Haar, einen Watteau entzückt hätte durch ihre jugendlichen Reize, die sie einem Figürchen von Sévresbiskuit ähnlich machte, und deren sie sich auch voll bewußt war.

Das sah Falkner, und er sah sie auch mit ihrer Jugendschöne kokettieren. Sein Blick suchte unwillkürlich Dolores, auf welche er einst, befangen von Vorurteilen, als auf eine »Komödiantin« verächtlich herabsehen zu müssen geglaubt und deren von jeder Gefallsucht freies, natürliches Auftreten er nicht nur bemerken und anerkennen, sondern auch bewundern mußte. Da war nicht ein Hauch von Koketterie in ihrem Wesen und war es auch auf der Bühne nicht gewesen, weil es ihrem Charakter fern lag, weil ihr Stolz sich dagegen sträubte, die Bewunderung der Welt durch künstliches Hervorheben und Aufmerksammachen auf ihre Schönheit zu provozieren, aber sie war sich auch bewußt, daß ihre Schönheit siegend war ohne diese Mittel und durch das Unbewußte, Keusche, mit dem sie sich gab. Aber der Blick, mit welchem er hinübersah nach ihr, wie sie im weißen Spitzenkleide, die schimmernde, golddurchwirkte Courschleppe zu ihren Füßen, um den wunderschönen, alabasterweißen Hals eine einzige, schlichte Riviére von Diamanten, einen Halbmond von Diamanten im leuchtenden, wie poliertes Kupfer glänzenden, hochaufgesteckten Haar, am Altar stand neben der knienden Gestalt der hohen Braut, dieser Blick wurde aufgefangen von der jungen Freifrau und erweckte sofort ein heißes Gefühl von Eifersucht in ihrem jungen Herzen. Und als dann die Trauung vorbei war und alles zur Cour sich begab, da trat sie dicht an ihn heran.

»Du!« sagte sie mit halbem Lachen, aber dem Weinen doch näher, »du, ich sage dir, kokettiere nicht mit der schönen Cousine – c'est défendu!«

»Das weiß ich, kleine Weisheit«, erwiderte er freundlich, »aber selbst wenn ich wollte – zum Kokettieren gehören meistens zwei!«

»Ja, ist wahr, du bist ihr riesig gleichgültig«, lachte Lolo Falkner nun wirklich. »Natürlich schmeichelt das deiner Eitelkeit nicht, denn ihr Männer seid doch nun einmal reichlich so eitel wie wir!«

»Auch wie du?« fragte er, auf ihren Ton eingehend.

»Oh, viel eitler«, protestierte sie. »Aber«, setzte sie flüsternd hinzu, alle Dämonen der Schelmerei und Schadenfreude in den lachenden Augen, »aber, wenn du's etwa nicht glauben willst, wie entsetzlich gleichgültig du ihr bist, so will ich dir ein Geheimnis verraten. Ich habe mir nämlich damals in Monrepos eingebildet, daß du Dolores wegen dem Testament des buckligen Freiherrn heiraten würdest, und habe sie deswegen gefragt.«

»Oh, Lolo!« seufzte Falkner auf seinen taktlosen kleinen Tollkopf von Frau herab. »Ja, da hat sie dich mir mit einer Bereitwilligkeit abgetreten, welche stupend war, sage ich dir. Ergo – du bist ihr ganz Wurscht!«

Und mit dieser neuesten Errungenschaft zur Vervollständigung ihres Sprachlexikons tanzte sie triumphierend davon. Falkner aber fiel eine Binde von den Augen, er sah klarer in die Vergangenheit, und eines der Rätsel dieses stolzen Herzens war gelöst.

»Arme Dolores!«

Im übrigen traten sie sich auch bei dieser Gelegenheit nicht näher, als beim zufälligen Begegnen zur Aufrechterhaltung der äußeren Formen nötig war, und die Welt, welche alles beobachtet, alles sieht, sagte: »Er kann es nicht verwinden und ihr nicht vergeben, daß nicht er, sondern sie den Falkenhof bekommen hat.«

Und Fragern, welche die einfachste Lösung dieses Erbfolgekriegs in einer Vermählung der Erbin mit dem Enterbten sahen, wurde geheimnisvoll geantwortet: »Ja sehen Sie – er hat sie nicht gemocht, weil sie doch Opernsängerin gewesen ist. Und sie ist ihm auch zu antipathisch; das kann ja jedes Kind sehen. Rote Haare sind eben auch nicht jedermanns Sache.«


* * *


Am Tage nach der Vermählung der Prinzeß Alexandra hielt der Freiherr von Falkner mit seiner Frau den Einzug in Monrepos, das ihr der Herzog, vollständig eingerichtet, als Morgengabe geschenkt zum Sommeraufenthalt, während Dolores dem großherzoglichen Paare auf einige Tage in dessen Residenz folgte, um dort bei den Einzugsfeierlichkeiten ihres Amtes zu walten – und so kam es, daß sie erst nach vierzehntägiger Abwesenheit in den Falkenhof zurückkehrte.


* * *


Die junge Freifrau von Falkner hatte sich in Monrepos sofort mit großem Selbstbewußtsein installiert und energisch Besitz ergriffen von ihrem Regiment. Bis dahin immer noch halb als Kind behandelt, jeden Zwang hassend, war sie in einer Atmosphäre aufgewachsen, welche, wie ihrer Mutter, ihren ganzen Neigungen widersprach. Die programmäßigen, geregelten Vergnügungen machten ihr gar keinen Spaß, sie wollte Vergnügungen nach ihrem eigenen Maßstabe. Auch liebte sie's gar nicht, erzogen zu werden, und befreite sich auch vielfach mit Erfolg von den guten Lehren, die sie nicht als solche anerkannte, sondern sie einfach für eigens zu ihrer Qual erfundene Plackereien hielt. Daß das Leben eine sehr ernste Sache sei, und der Schmerz, als ein herber, doch treuer Gast dem Menschen kaum von der Seite weicht, das begriff sie nicht und lachte insgeheim über die »Tränenweiden«, die die Aufgabe dieses Lebens in einer Vorbereitung für das künftige erblickten und das Elend aufsuchten, um es zu lindern. Das Leben war für Eleonore von Nordland ein ewiger Tanz, in dem man wohl Pausen machte, sich zu erholen, aber um Gottes willen nicht ganz aufhörte zu tanzen. Es ging ihr eben wie so vielen anderen, die für ihre Eigenart zu früh und zu spät geboren werden – und bei ihr war entschieden das letztere der Fall, denn wenn König Jerôme »lustiken« Andenkens diese leichtblütigste Prinzeß der Welt kennengelernt und, da sie ganz sein Genre war, zur Königin gemacht hätte, so wäre es sicher noch viel, viel »lustiker« zugegangen im schönen Wilhelmshöhe.

Da man aber nun leider nicht mehr in diesen vergnügten Zeiten lebte und auf dem Vulkan tanzte, lachte und Tollheiten trieb, sondern unsere Zeit darin entschieden dezenter und würdiger geworden ist, so wünschte Prinzeß Lolo nichts sehnlicher, als, da sie doch den König Jerôme nicht heiraten konnte, herauszukommen aus dem Zwange eines Hofes und dem Schicksal zu entrinnen, dereinst als »sitzengebliebenes« Herzogstöchterlein in dem Familienstift als Äbtissin zu enden. Da war Falkner, den sie bisher eigentlich schon zu den »Alten« gerechnet hatte, erst in Monrepos so recht in ihr Leben getreten, und nachdem er ihr erst imponiert, hatte sie sich sterblich in ihn verliebt – eine Backfischliebe, wie sie fast immer vorkommt, wenn Schulmädchen der ersten Klasse oder Selekta sich in einen der Lehrer – meist den Zeichen- oder Gesanglehrer – verlieben, heimliche, sehr schlechte Gedichte an ihn machen oder sonstigen Kultus mit ihm treiben, von dem er keine Ahnung hat. Da Prinzeß Lolo nun aber keine höhere Töchterschule und kein Pensionat besucht hatte, ihre Privatlehrer aber alle sehr gesetzten Alters und keine Epigonen des schönen Adonis waren, so hatte sie dieses Herzensstadium auch nicht durchgemacht, und sie trat erst in dasselbe, als der Freiherr von Falkner mit seiner imposanten Erscheinung, seinem kühl-vornehmen, ernsten Wesen zu Monrepos ihren Weg kreuzte. Nun fing das junge, unerfahrene Herzchen Feuer, und da sie wußte, daß Prinzessinnen auf den Bällen nicht engagiert werden, sondern selbst ihre Tänzer wählen und befehlen, so versicherte sie sich erst, daß die gefährliche Konkurrenz von Dolores keine Nebenbuhlerschaft war, und präsentierte ihm, der sich von Dolores aussichtslos zurückgewiesen sah, ihr junges Herz mit einer Deutlichkeit, die ihm bei der Jugend und der Unerfahrenheit der Herzogstochter schmeichelte und wohltat. Durch welche Motive der Herzog bestimmt worden war, seine jüngste Tochter außerhalb ihres hohen Standes zu verheiraten und sie einem simplen Edelmann zu geben, mit dessen Haus er freilich lange schon befreundet war, wissen wir.

Für Falkner gab es nach der Szene an der Gruftkapelle kaum noch einen anderen Weg als den, den er eingeschlagen hatte, und nun er ganz gebunden war, wußte er auch, daß Dolores ihr Herzensgeheimnis niemals preisgegeben hätte, nie sich hätte abringen lassen, wenn es anders gekommen wäre, wenn der Herzog dem Vasallen die Hand seiner Tochter versagt hätte.

Und so fand denn die Schließung einer Ehe statt, die ein vierfach verfehltes Rechenexempel war, die ein Blick in die Zukunft verhindert hätte. Freilich hätte auch jetzt noch dieser eine Blick beiden viel ersparen können, doch soll es ja nicht sein, wir sind, zu unserem Glück meist, unwissend über die Ereignisse der nächsten Stunden und Tage. Die Freifrau von Falkner nahm also Besitz von ihrer Freiheit mit einem Eifer und einer Energie, die deutlich bewiesen, wie die langersehnte Selbständigkeit ihr wohltat. Ihr Anordnen, ihr Befehlen, Arrangieren verriet eine Sicherheit, die bezeichnend war und erstaunlich zugleich, wenn man die Abhängigkeit in Betracht zog, in welcher sie bisher gelebt hatte. Nun fühlte sie sich ganz Schloßfrau, und am Tage nach ihrer Ankunft in Monrepos hatten viele Hände viel zu tun, denn ihr Geschmack verwarf die meisten Arrangements, änderte, setzte Möbel um, verlegte ganze Zimmer, und als sie dann erklärte, es sei so gut, da war freilich ein genialer Zug, ein gewisser künstlerischer Sinn nicht zu leugnen, der in den Arrangements lag.

Eine ganze volle Woche lang beschäftigte das neue, unumschränkte Eigentum, das eigene Heim den unruhigen Geist der jungen Freifrau wie ein langersehntes, oft begehrtes Spielzeug; eine ganze Woche lang war sie auch glücklich und zufrieden in Gesellschaft ihres Gatten, der alles tat, ihr dieses neue Heim durch seine Gesellschaft anziehend zu machen, der freundlich und liebreich einging auf ihre Intentionen, ihre bizarren Gedankensprünge, und in dem glücklichen und zufriedenen Ausdruck ihrer lachenden blauen Augen Ersatz fand für manches Verlorene, oder vielmehr zu finden glaubte und zu finden hoffte. Für ihn selbst war ja diese Zeit des gezwungenen Dolcefarniente ein Opfer, das er angesichts des elfenhaften, quecksilbernen Wesens an seiner Seite ein kleines nannte, das er auch in dieser leicht gleitenden, ruhevollen ersten Woche auf Monrepos als solches empfand. Aber er liebte die Arbeit und liebte Beschäftigung, und da er »auf höheren Befehl bis auf weiteres« von allem und jedem Dienst freigegeben war, bis sich der gesuchte höhere Posten, wie er sich für den Schwiegersohn eines regierenden Fürsten schickte, gefunden hatte, so war er entschlossen, diese Pause in seinem Arbeitsleben durch selbstgewähltes Studium auszufüllen. Damit freilich kam er in dieser ersten Woche nicht weit, denn wenn er Lolo in einem entfernten Zimmer wirtschaften, räumen und befehlen hörte und die Bücher aufschlug, da war sie gewiß im nächsten Moment schon da, steckte das Köpfchen mit der winzigsten Spur einer Frauenhaube auf dem Blondhaar zur Tür hinein und fragte lachend und eifrig tausendundeine Frage, bis er resigniert die Bücher zusammenklappte und freundlich auf ihre Wünsche einging.

Aber eine Woche verstreicht schnell, besonders wenn sie Glück bringt und Frieden, und Falkner hatte den allerbesten Willen für beides.

Und so geschah es denn genau eine Woche nach dem Einzuge des jungen Paares auf Monrepos, als beim ersten Frühstück an einem herrlichen Sommermorgen auf der Veranda die junge Frau ihre Teetasse hinsetzte, die kleinen rosigen Hände im Schoß faltete, sich zurücklehnte und – gähnte.

»Ei, noch müde, Lolo?« fragte Falkner lächelnd, denn es war nicht gerade mehr sehr früh am Morgen.

»Müde? Nein, langweilig«, gestand Frau Lolo offenherzig genug.

»Oh! Oh! Ich fühle mich sehr geschmeichelt«, meinte Falkner heiter.

Das aber nahm seine Frau übel.

»Dabei ist gar nichts zu lachen«, sagte sie pikiert. »Es ist langweilig, das wirst du auch nicht leugnen können. Man spricht sich halt am Ende aus.«

»Findest du, Lolo?«

»Ja, ganz entschieden! Ich bin jetzt mit den Arrangements fertig, was soll ich anfangen?«

»Wir wollen zusammen lesen, zusammen studieren«, schlug Falkner vor, der schon manche Lücke im Wissen seiner kleinen Frau entdeckt hatte. Sie aber streckte abwehrend beide Hände aus und machte die Augen vor Entsetzen weit auf.

»Um Gottes willen!« rief sie. »Lesen? Studieren? Ich danke bestens. Ich bin kaum der ewigen, unausstehlichen Schulstube entronnen und soll jetzt wieder damit anfangen? Dazu habe ich doch nicht geheiratet?«

»Aber Lolochen, man soll doch niemals aufhören zu lernen und sich zu bilden«, erwiderte Falkner freundlich und ohne hofmeisternden Ton.

»Das ist purer Unsinn«, meinte Lolo mit souveräner Verachtung. »Ich habe aufgehört zu lernen, und wer mir schon solch langweiliges Geschichtsbuch von weitem zeigt, der macht mich ganz wild. Ich bitte dich um alles in der Welt, es ist doch so egal, ob Kolumbus das Pulver erfunden und Berthold Schwarz Amerika entdeckt hat –«

»Umgekehrt, Lolo«, sagte Falkner mehr amüsiert als entsetzt.

»Da hast du's«, entgegnete Lolo überlegen, »das Pulver ist da und Amerika ist da, was braucht man damit geplagt zu werden, wie die Leute hießen, die es entdeckt haben? Und die römischen und deutschen Kaiser vollends, die sind mir riesig egal, ob sie Nero hießen oder Ferdinand, und wenn du mich auf die Literatur bringst, da wirst du auch kein Glück haben mit mir, denn dann erkläre ich dir im voraus, daß Goethe der langweiligste Mensch von der Welt war und Schiller mich nervös macht, trotzdem, oder vielmehr, weil ich habe den ›Grafen von Habsburg‹ auswendig lernen müssen.«

»Vielleicht eben deshalb, Lolo«, erwiderte Falkner amüsiert. »Aber ich hoffe, daß es mir gelingen wird, dir eine bessere Meinung über diese Plagegeister beizubringen. Und es gibt doch auch gewisse Dinge in Literatur und Geschichte, die man wissen muß, wenn man auf der Straße allgemeiner Bildung fortkommen will. »

»Na, dann danke ich schön, dann mag ich gar nicht gebildet sein«, gestand sie mit verblüffender Offenheit. »Und das war deine Idee, mich lernen und studieren zu lassen? Da möchten ja die Hühner darüber lachen! Als ob ich dazu geheiratet hätte!«

»Bitte, und wozu hast du sonst geheiratet?« fragte Falkner, diese Offenherzigkeiten immer noch nicht ernst nehmend.

»Wozu? Das ist doch sonnenklar: um mit dir zusammen zu sein, und um mich zu amüsieren.«

»Aha!« machte er mit einem lächelnden Kompliment. »Ich fühle mich sehr geschmeichelt, daß du mich als erste Ursache nahmst. Was nun die zweite anbelangt, so wirst du dich schon noch etwas gedulden müssen, denn der Herzog wünscht einmal, daß wir bis zum Herbst hierbleiben, und hat dir außerdem Monrepos so wunderhübsch ausgestattet, daß es ihn kränken würde, wenn du seiner Gabe so bald schon müde würdest.«

»Das ist doch aber wieder eine schändliche Tyrannei, uns hier festzuhalten«, rief sie heftig und verzog das Mündchen wie zum Weinen.

»Ich habe diese Bestimmung, die überdies die taktvolle Form eines Vorschlages hatte, als liebevolle Fürsorge und Zuvorkommenheit aufgefaßt«, erwiderte Falkner ernst werdend und etwas scharf.

»Tyrannei ist es, nichts weiter«, widersprach Lolo noch heftiger. »Aber ich werde ihnen zeigen, daß ich mich davon frei zu machen weiß«, setzte sie trotzig hinzu.

Falkner sah sie einen Moment fest und prüfend an.

»Also willst du abreisen?« fragte er ruhig.

»Ja, ja, reisen wir ab«, rief sie lustig, sprang auf und schlang ihre Arme um seinen Hals. »Ich hab's ja immer gesagt, daß du ein kolossal vernünftiges altes Haus bist«, jubelte sie.

»Aber du hast mich mißverstanden, Lolo, es ist mir nicht im Traume eingefallen, die in wahrhaft väterlicher Güte für uns entworfenen Pläne des Herzogs wie ein undankbarer Rüpel über den Haufen zu werfen, trotzdem ich eine geregelte, bestimmte Arbeit sehr vermisse.«

Sie ließ langsam die Arme sinken.

»Also damit wär's nichts«, seufzte sie resigniert.

»Nein«, erwiderte er ruhig, und als sie sich darauf wieder setzte, fragte er herzlich: »Hast du's denn schon satt, Lolo, bei mir zu sein? Bist du meiner ausschließlichen Gesellschaft schon überdrüssig?«

»Nun, es könnte schon ein bißchen mehr los sein«, erwiderte sie mit so drolliger Ehrlichkeit, daß es nicht gut übelzunehmen war. Falkner mußte auch darüber lächeln.

»Aber Kind, wir können Monrepos jetzt nicht verlassen«, meinte er.

»Ach nein«, sagte sie, »das habe ich mir gleich gedacht. Aber weißt du, Alfred, wir könnten es in Monrepos selbst lustiger machen – durch Gäste.«

Er sah sie einen Moment ernst an, dann mußte er wieder lächeln.

»Also doch schon meiner überdrüssig, Lolo?«

Sie errötete tief und ward sichtlich verlegen.

»Unsinn«, rief sie verwirrt, »siehst du denn nicht ein, daß man sich zu zweien einmal ausspricht, daß man sich lächerlich macht, wenn man so lange, abgeschieden von der Welt, wie ein paar Turteltauben in einem nid d'amour sitzt?«

»Lolo«, sagte Falkner ernst, fast traurig.

»Jawohl, lächerlich!« rief sie rechthaberisch und eigensinnig. »Es hat schon genug Aufsehen gemacht, daß ich dich geheiratet habe, aber die Welt muß sich ja begraben vor Lachen, wenn sie sieht, daß wir nichts tun wollen als zu zweien zu kosen!«

Falkner antwortete nicht. Sein Blick wanderte von ihren erregten Zügen hinaus ins Grüne und nach der Richtung des Falkenhofes –

Sie ist noch ein halbes Kind, dachte er mit einer gewaltsamen Anstrengung, gerecht zu sein. Und sich selbst überwindend, wandte er sich wieder zu ihr und streckte ihr die Hand über den Frühstückstisch entgegen.

»Lolo, nicht wahr, du hast das alles nicht im Ernst gesagt und gemeint?« fragte er freundlich.

»Doch nicht etwa im Spaß?« fragte sie zurück, ohne seine Hand zu sehen. Aber er überwand sich nochmals.

»Das wär' aber doch die einzig mögliche Auslegung«, meinte er etwas ernster und mit Betonung. Da sah sie ihn betroffen an.

»Das seh' ich nicht ein!«

»Oh, wenn du nur willst, Lolo –«

»Nun gut, dann will ich nicht«, entgegnete sie heftig.

Jetzt zog Falkner seine Hand zurück.

»Eleonore!«

Sie erblaßte ein wenig, als er ihren vollen Namen aussprach, ernst, verweisend, schmerzlich fast. Aber ihr Trotz bäumte sich um so höher auf.

»Eleonore Luise Wilhelmine Friederike ist mein voller Taufname«, sagte sie schnippisch, und als er jetzt Miene machte, sich zu erheben, fügte sie hinzu: »Nein, nein, Alfred, ich gebe nicht nach, wenn du auch á la Jupiter donnerst. Sei doch nicht so garstig.«

»Wir können Monrepos jetzt nicht verlassen«, erwiderte er beherrscht und sehr kühl.

»Aber ich sagte dir doch, wenn wir Gäste hätten, könnten wir meinetwegen ja bleiben«, entgegnete sie nachlässig.

»Wirklich?« fragte er, aber es klang mehr traurig als ironisch. »Dein Wunsch ist übrigens schon halb erfüllt, denn Keppler schrieb mir, er bedürfe noch ungefähr einer Woche zur Vollendung deines Porträts. Ich werde ihm also schreiben, daß er kommen mag!«

»Aber der langweilige Farbenkleckser!« rief die junge Frau enttäuscht. »Ein geborner Bauernjunge!« setzte sie vorwurfsvoll hinzu.

»Seine Bildung ist doch aber wohl für uns entscheidend, nicht wahr?« sagte Falkner. »Wenigstens mir imponiert ein wohlerzogener und gebildeter Bauernjunge mehr als eine ungezogene Prinzessin!«

Wenn er mit dieser Bemerkung eine ernste Rüge beabsichtigt hatte, so mußte er sich abermals schwer enttäuscht fühlen, denn Lolo lachte laut auf.

»Gott, er wird anzüglich!« jubelte sie, sprang auf und fiel ihm lachend um den Hals. »Jetzt wirst du vernünftig, alter Brummbär, hörst du?«

»Ich höre und – staune«, erwiderte er kühl.

Sie aber drückte ihm einen Kuß auf die Wange und setzte sich wieder.

»Der langen Debatte kurzer Sinn ist also der, daß ich meine, wir möchten endlich in der Nachbarschaft unsere Besuche machen«, sagte sie.

»Wenn du die Gewogenheit gehabt hättest, diesen kurzen Sinn früher zu exponieren, so hätte dir das jene bösen Worte erspart, die so wenig für dich paßten«, erwiderte Falkner immer noch kühl und verletzt.

»Ja, wenn!« lachte sie. »Siehst du, ich habe da einmal ein Gedicht auswendig lernen müssen, da verkleidete sich ein Schäfer als Abt, und ein Kaiser fragt ihn, wie lange er braucht, um die Erde zu umreiten. Und da antwortet ihm der Schäfer: ›Wenn ich mit der Sonne aufstehe‹ usw. usw. Da lacht der Kaiser und sagt: ›Ihr füttert die Pferde mit Wenn und mit Aber.‹ Du scheinst mir auch solch ein Hans Bendix zu sein. Als ob ich was dafür könnte, daß ich irgend etwas gesagt habe. Wenn! Ja, wenn ich zwei Räder hätte, wäre ich wahrscheinlich ein Bicycle und nicht die Baronin Falkner geborene ungezogene Prinzessin von Nordland.«

Nun flog doch ein leises Lächeln über Falkners Züge, und die junge Frau erkannte daraus, daß sie gewonnen hatte.

»Also die Besuche«, setzte sie mit wichtiger Miene hinzu.

»Die können wir heut noch machen«, erwiderte Falkner. »Schingas und Dolores – falls letztere schon zurück ist – damit wären wir fertig.«

»Dolores soll gestern abend gekommen sein«, meinte Lolo, »aber daß wir damit fertig wären, ist ganz und gar nicht meine Ansicht. Wir sind ja kein ›Hof‹ mehr in Monrepos, warum uns so exklusiv machen? Das war früher langweilig genug! Ich bin ja gottlob keine Prinzessin mehr und will mal andere Leute sehen als den berühmten Keppler, den lumpigen Schinga und die schöne Dolores.«

»Und wer sollen die anderen sein?«

»Nun liegt nicht ein und eine halbe Meile von hier die berühmte Stadt Kuckucksnest mit ganzen dreitausend Einwohnern? Liegt nicht in dieser selben Stadt am Mühlgraben ein Ulanenregiment in Garnison? Also auf nach Kreta!«

Falkner überlegte.

»Es ist wahr«, meinte er dann, »wir könnten dort Besuche machen bei den verheirateten Offizieren. Dein Vater hat zwar daran nie gedacht, aber es ist ja hier etwas anderes, und man wird in der Garnisonsstadt die Zurückgezogenheit von Monrepos wohl bedauert haben.«

»Hurra! Nun wird's hübsch!« jubelte Lolo, selig, daß sie gesiegt hatte, und als Falkner ihr sagte, so schnell ginge das nicht, denn man müßte doch erst die Gegenbesuche und die ersten Einladungen abwarten, ehe man an einen wirklichen Verkehr denken könne, da erwiderte sie sehr naiv: »Aber ich bitte dich! Unser Erscheinen in Kuckucksnest wird das Signal zu den ersten Besuchen der unverheirateten Offiziere bei uns sein. Und das ist doch die Hauptsache. Was mache ich mir aus den Ehemännern und Ehefrauen!«

»Ich dachte doch aber, du wärst auch eine«, warf Falkner ein, halb amüsant über ihre drollige Unverblümtheit, halb skandalisiert über die unbewußte Frivolität, die daraus sprach. Und es fiel ihm das Wort der Prinzeß Alexandra ein: »Sie werden noch viel zu erziehen haben an ihr.« – Vielleicht noch mehr zu bändigen als zu erziehen, dachte er mit einem Seufzer.

Lolo plauderte aber immerzu von ihren geselligen Plänen, und wie ein Mühlrad plapperte das rosige Mündchen der jungen Frau rastlos weiter und weiter, während er nur halb hinhörte, mehr angeregt zum Nachdenken als zum Hören. Denn ihm ahnte, daß für diese kleine Widerspenstige ein Petrucchio von besonderer Art gehören müßte, aber er gelobte sich's treulich, es zu werden.

»Ich sehne mich so nach anderen Gesichtern«, plauderte Lolo weiter, »denn siehst du, es war zu Hause wirklich zu eintönig. Und hier in Monrepos im Sommer auch. Der alte Schinga ist ja ganz spaßhaft, aber man will doch mal eine Abwechslung haben. Und Dolores wäre ja in ihrer Art sehr nett, aber ich war doch einmal sehr eifersüchtig auf sie und kann den Gedanken nicht loswerden, daß ich's wieder werden könnte. Denn wie ich mir's auch überlege, ich kann mir nicht zusammenreimen, warum ihr euch nicht geheiratet habt.«

»Und das wäre ein Grund zur Eifersucht?« fragte Falkner ironisch, aber im Innern seltsam angemutet von den Worten seiner Frau.

»Nein«, sagte diese, »das wäre eigentlich kein Grund. Aber ich weiß nicht – die Eifersucht muß doch nicht ganz von mir gewichen sein. Ich bilde mir immer ein, daß du sie schöner finden mußt als mich.«

»Nun, dann wollen wir ihr aus dem Wege gehen«, erwiderte Falkner, »nicht, weil ich fürchte, diesem Zauber zu unterliegen, sondern um dir jegliche Bitterkeit und Selbstqual zu ersparen.«

Und in der Tat hatte er sich vorgenommen, den Falkenhof möglichst zu meiden aus genau dem angegebenen Grunde. Nein, er fürchtete sich nicht, denn er hielt sich mit Recht für stark genug, das Banner der Pflicht allzeit hoch zu tragen, aber er wollte Dolores mehr die Bitterkeit dadurch nehmen, daß er ihr fern blieb, als seiner Frau, auf die sein Entschluß ja auch jetzt zu passen schien. Dieses Fernbleiben, dieses völligste Entsagen hatte er sich zur Richtschnur gemacht – er wußte, ohne daß sie's ihm gesagt hatte, daß Dolores genau ebenso dachte und handeln würde, daß sie, wie er, mit der ganzen Kraft ihres starken Herzens vergessen lernen würde und verschmerzen. Und er hoffte, daß es dazu nicht zu spät war für beide – daß der Geier, das Leben, sein Werk noch tun und ihren Namen aus seinem Herzen reißen würde, ja er hoffte fast, daß sie etwas tun möchte, das diesen Namen in Lethe tauchen konnte für alle Zeit.

Und so wandten sie sich den nächsten Nachbarn etwas ab und dem Verkehr in der Ulanengarnison zu, die das interessante Paar freudig begrüßte, denn das weltferne Leben in dem kleinen Nest bot nicht so viel Abwechslung, daß man sich über einen neuen Verkehr nicht gefreut hätte. Die Junggesellen des Regiments besonders waren entzückt über das Haus, das sich ihnen eröffnete, und lagen der reizenden blonden Herrin von Monrepos in corpore zu Füßen. Es gehörte sehr bald zum täglichen Brot, daß allabendlich mehrere der jüngeren Offiziere in Monrepos erschienen, dort der Frau vom Hause Reitunterricht gaben, mit ihr spazierenfuhren und sich jederzeit sehr gut amüsierten. Und als die Manöverzeit dann herankam und die Kuckucksnester Garnison ausrückte, wurde die Waffe abgewechselt durch Einquartierung. Da kamen und gingen alle Waffengattungen, und zuletzt lag ein ganzes Regiment Soldaten verteilt in Monrepos, Falkenhof und Arnsdorf, über drei Wochen lang.

In dieser Zeit war Lolo Falkner nicht viel daheim. Sie fuhr oder ritt hinaus zum Exerzieren und Manövrieren ins Terrain, dann kam die Mittagstafel mit den Herren, die auf Monrepos in Quartier lagen, worauf sich dann meist noch die Herren aus den anderen Kantonnements zusammenfanden, besonders von Arnsdorf her, wo die Quartiere schlecht, die Verpflegung noch schlechter war, wenn auch liebenswürdig und gern gegeben. Da hiervon ein junger Leutnantsmagen aber leider nicht satt wird, ebenso wie ein älterer Rittmeistermagen, so kam man meist nach Monrepos herüber, wo die kleine reizende Frau von Falkner jeden ganz kameradschaftlich begrüßte und in dem heiteren Herrenkreise übersprudelte von Lustigkeit und Lebenslust.


Das war eine tolle Wirtschaft,
Kriegsvölker und Landesplag' –
Und auch in deinem Herzchen
Viel Einquartierung lag,


singt Heine in seinem Liede von den »blauen Husaren«. Und Falkner konnte sich's nicht verhehlen, daß viel Einquartierung in dem Herzen seiner Frau lag, die in dieser »wilden Wirtschaft« für ihn höchstens hin und wieder ein flüchtiges Wort oder einen zerstreuten Gruß hatte. Aber daß es »viel« Einquartierung war, das beruhigte ihn und ließ ihm die Sache harmlos erscheinen, wenngleich es ihn mit Besorgnis erfüllte, nicht für jetzt, aber für später. Denn Lolo kokettierte unbedingt, dafür gab es keine Beschönigung, und wenn er freundlich mit ihr sprechen wollte und sie ermahnen, vorsichtiger zu sein, da hatte sie entweder »keine Zeit« oder sie war so »entsetzlich müde«, daß sie für ihn ebensogut oder noch besser hätte in Haparanda wohnen können, denn dort hätte sie doch wenigstens ein Brief von ihm erreicht, während er hier nicht einmal mit ihr sprechen konnte. Und als er sie einmal zwang, ihn anzuhören, und er ihr ernstlich den freien Ton, das Kokettieren, den ungebundenen Verkehr verwies, da lachte sie ihm ins Gesicht und nannte ihn einen Philister, doch als er ihr die vornehme, ruhige und würdevolle Art und Weise vorstellte, mit der Dolores ihre Einquartierung empfangen hatte und mit ihr verkehrte, da flammte sie plötzlich auf in heller Eifersucht und verbat sich einen Vergleich mit der »Komödiantin« und trieb es nur noch toller als bisher. Falkner mußte sich gestehen, daß der Charakter der »Satanella«, dem er so unsympathisch gegenübergestanden hatte, sich nun in seiner Frau entwickelte und unter seinen Augen wuchs, ohne daß er ihn steuern konnte. So stand er unter diesem lauten, lustigen Treiben in seinem Hause allzeit auf dem Posten als liebenswürdiger und aufmerksamer Wirt, aber ernst und unbefriedigt im Herzen die drohende Frage: Was soll das werden? So standen die Dinge in Monrepos, so begann Falkners junge vielbesprochene Ehe.


* * *


Im Falkenhof war Dolores nach den Hochzeiten der Prinzessinnen wieder eingezogen. Der schöne Besitz war ihr so lieb, so traut, aber sie hätte ihn trotzdem gerne bald wieder verlassen wegen Falkners Nähe und hielt sich doch durch ihre dem Rußschen Ehepaare gegebene Zusicherung, bis zum Herbst zu bleiben, für gebunden durch die Bande der Gastfreundschaft und der Rücksicht auf Falkners Mutter, in der sie ihn mit feinem Takt zu ehren gedachte. Daß er sich mit seiner Frau nur in den seltensten Fällen im Falkenhofe sehen ließ, dankte sie ihm von Herzen und verstand es voll und ganz, und so lebte sie hin in der schönen Einsamkeit dieser Sommertage, ganz versenkt in ihre Musikstudien, in ihre Träumereien, die ihr manch stimmungsvolles Lied, manche wehmütige Weise in den Griffel diktierten. Und da sie ihre Gastfreundschaft nach englischem Muster übte, das heißt ihren Gästen die persönliche Freiheit gewährte und sie nicht in ein geselliges Joch spannte, so war sie am Tage meistens allein und nur zur Dinerzeit mit Doktor Ruß und seiner Frau zusammen. Die beginnende Manöverzeit überraschte sie und störte sie widerwillig auf aus ihrer Zurückgezogenheit, denn sie hatte gar nicht daran gedacht, daß sie Einquartierung bekommen könnte, ungewohnt dieses Zustandes des »Kriegs im Frieden«, den sie im Auslande nicht kennengelernt hatte. Und als zum erstenmal ein Quartiermacher vor ihr stand, seinen Zettel in der Hand, verstaubt, hungrig und wild aussehend, da bedauerte sie schmerzlich, daß sie nicht dennoch fortgereist war. Aber die Bildung des deutschen Offiziers und die Bescheidenheit und Gutmütigkeit der Leute machten ihr die gefürchtete Sache doch leichter, als sie gedacht hatte. Sie nahm die ungebetenen Gäste mit allem Komfort auf, erschien selbst als Wirtin präsidierend an der allgemeinen Mittagstafel, plauderte wohl noch ein Stündchen mit auf der Terrasse und zog sich dann zurück, es den Herren völlig freistellend, zu bleiben oder ihre eigenen Zimmer aufzusuchen.

Als dann die Husaren auf drei Wochen eingezogen und der Stab sowie die Offiziere von drei Schwadronen in den Falkenhof gelegt wurden, da ward es fast noch gemütlicher als bei dem ewigen Kommen und Gehen, und sie saß wohl abends nach dem Diner noch ein wenig länger mit Herrn und Frau Ruß in dem angenehmsten Kreise der verheirateten Offiziere, während die Junggesellen nach dem »Gesegnete Mahlzeit« meist hinübergingen nach Monrepos, nachdem sie entdeckt, daß Dolores ein Bild ohne Gnade sei und mit einem Kokettieren pour passer le temps hier nicht zu reüssieren war. Wohl entflammten sich ein paar leicht entzündliche Herzen an ihrer unleugbaren Schönheit, aber es wurde von ihrer Seite auf diese Herzensflammen so gar kein Öl gegossen, worauf das Strohfeuer knisternd erlosch und sich drüben in Monrepos neu entzündete. Und es kamen auch Söhne des Mars, denen die Manichäer hart auf den Sohlen saßen und die Dolores für eine »verflucht gute Partie« erklärten und besiegen wollten, aber leider merkte sie die Absicht und wurde verstimmt, und als wirklich jemand ein ernstes Werben um sie zeigte, da war die Manöverzeit fast vorüber, und Dolores mußte schweren Herzens einen Korb flechten und ihn vergolden, so gut es ging, trotzdem ihr sein Empfänger leid tat und ganz leidlich gefiel. Aber aus Mitleid ist nicht gut heiraten, und das bloße Ganz-gut-Gefallen tut's auch noch nicht.

Jedenfalls aber hätte selbst die böseste Zunge dieser jungen Schloßherrin in ihrem Benehmen gegen die Einquartierung auf dem Falkenhofe nicht den leisesten Vorwurf machen können.


Denn eine Würde, eine Hoheit
Entfernte die Vertraulichkeit.


Mit Doktor Ruß stand sie nach wie vor auf einem angenehmen Konversationsfuße, und sie warf es Engels oft vor, daß er den belesenen, klugen Mann falsch beurteile, denn was dieser ihm nachsagte – Eigennutz und Falschheit – , das glaubte sie ganz und gar nicht in ihm zu finden, je näher sie ihn kennenlernte, obgleich ihr manchmal der Gedanke kam: Meint er es ehrlich? – Doch sie glaubte diese Frage nicht verneinen zu dürfen – hatte er ihr doch noch keinen Beweis vom Gegenteil gegeben! Dagegen war sie überzeugt, daß Frau Ruß es nicht gut mit ihr meine. An die kurze, absprechende Art derselben hätte sie sich mit der Zeit gewöhnt, aber der kalte, musternde, scharfe Blick dieser hellen Fischaugen, die sie oft auf sich ruhen fühlte, verursachte ihr ein Unbehagen, das sie sich gar nicht erklären konnte, dessen Vorempfindung schon so stark in ihr war, daß sie sich oft unter einem Vorwande der Gesellschaft dieser unliebenswürdigen und seltsamen Frau entzog und es gar nicht mehr versuchte, Zuneigung zu erringen. Ihr schien es eine Sisyphusarbeit, das Vertrauen der Frau Ruß zu gewinnen, denn jedes freundliche und entgegenkommende Wort prallte ab an dem schroffen Felsen dieses unzugänglichen Frauenherzens.

Dieses Zurückweisen ihrer selbst betrübte Dolores mehr, als es sie verletzte, denn Frau Ruß war ihr nicht sympathisch, aber sie hätte ihr gern Liebe erwiesen um ihres Sohnes willen. Mehr noch aber als das verursachten ihr die Nachrichten aus Monrepos tatsächlich Qual, denn die Berichte von dem rastlos tollen Treiben der jungen Frau, und ein gelegentlich aufgefangener müder, doch angstvoller und dann wieder drohender Blick Falkners erzählten ihr von einem traurigen Beginn dieser Ehe, die nichts Gutes verhieß.

Es war am Tage vor dem Einrücken der Husaren im Falkenhof. Dolores war am Nachmittage bei Engels in dessen Turmwohnung erschienen, nach langer Zeit zum erstenmal wieder, stürmisch begrüßt vom Teckel Knieper und der Katze Ida.

»Daran sieht man, wie lange Sie nicht hier waren«, meinte Engels, als Knieper sein Freudengebell etwas gemäßigt und Ida sich auf dem Schoß von Dolores niedergelassen hatte.

»Ja, ja, Sie haben ganz recht mit Ihrem Vorwurf«, erwiderte sie, »aber es ist so manches andere auch noch anders geworden.« – Und sie seufzte.

»Das weiß der Kuckuck!« bestätigte Engels. »Besonders Sie selbst sind anders geworden.«

»Hoffentlich zum besseren«, sagte sie mit schwachem Lächeln.

»Kommt auf die Anschauung an«, meinte Engels. »Mir waren Sie früher lieber – sprühend vor Lebenslust und Laune, die ganze liebe, warme, leuchtende Gottessonne im Herzen, im Blick – – das bißchen ›Teufelin‹, das Sie darein mischten, kleidete Sie gut, sehr gut. Heut – du lieber Gott! Heut sind Sie eine Frau, der das Leben irgend etwas Schweres angetan zu haben scheint, und was von Ihrem alten, sonnigen Wesen geblieben ist, das leuchtet nur noch schwach, wie die Abendsonne. Was ist Ihnen eingefallen, daß Sie vom Morgenrot zur Abendsonne übergesprungen sind? Es gibt im Leben doch auch noch einen Mittag und einen Nachmittag! Da haben Sie die Wahrheit!«

»Ja, aber sie stimmt nicht ganz«, entgegnete Dolores. »Wer sagt Ihnen, daß es wirklich nur noch Abendsonnenglanz ist, was Sie aus mir leuchten sehen? Es gibt Tage, an denen die Sonne um Mittag so schwach und nichtssagend leuchtet, als stände sie schon tief im Westen. Und wenn es Abend wäre – – es wäre das beste, denn dann kommt die Nacht, und in der Nacht ist Ruhe und Schlaf –


›Bis zum jüngsten Tag
Soll mich kein Hahnenschrei wecken‹,


sagte Irrgang, als er sich in den Schnee schlafen legte.«

»Gott erbarm' sich!« sagte Engels erschrocken und aus tiefstem Herzensgrunde heraus, und als Dolores schwieg, stand er auf und trat dicht an sie heran, beugte sich tief zu ihr herab und flüsterte: »Der Kerl drüben, der Ruß, hat über Ihren Unfall am Hexenloch eine Andeutung gemacht, ein Wort eigentlich bloß fallen lassen, das man sich hätte deuten können, als ob Sie selbst – – Sie verstehen mich. Ich hab's aber nicht glauben wollen, Fräulein Dolores – und es ist auch nicht wahr, nein?«

»Nein!« sagte sie und lachte dabei. Dann aber wurde sie wieder ernst. »Ich würde den Tod selbst niemals suchen, denn Selbstmord ist eine erbärmliche Feigheit, eine Fahnenflucht vor dem Leben. Aber«, fügte sie nun gleichfalls flüsternd hinzu, »aber je mehr ich mir diesen Augenblick zurückrufe, je fester möcht' ich daran glauben, daß ich nicht ausgeglitten bin, nicht selbst die verhängnisvollen zwei oder drei Schritte gemacht habe, die mich von dem Hexenloch noch trennten.«

»Wie denn?« fragte Engels leise, eifrig. »Mußten Sie dann aber nicht fühlen, daß ein anderer Sie schob?«

»Ich war in tiefen Gedanken, und es ging alles schneller, als man es sagen kann«, entgegnete Dolores nachdenklich. »Eh' ich nur etwas hören, sehen oder fühlen konnte, schlug das Wasser schon über mir zusammen. Nur das eine weiß ich genau, daß ein Ausgleiten bei einem Schritte vorwärts mich noch nicht bis ins Wasser bringen konnte. Vielleicht bin ich aber in Gedanken unbewußt ein paar Schritte gegangen, denn es ist mir schon passiert, daß, wenn mein Geist ganz von anderen Sachen in Anspruch genommen war, ich mich im nächsten Zimmer befand, ohne mich besinnen zu können, daß und wie ich hineingegangen bin. Es ist also möglich, daß ich diese wenigen Schritte doch gemacht habe. Aber nun kommt die Einbildung dazu und macht mir weis, daß ein Etwas mich von rückwärts hineingedrückt, denn gestoßen ist zuviel gesagt.«

»Ja, dann müßten Sie aber doch eine Hand, einen Arm kurz ein Wesen verspürt haben, das Ihnen nahe war, das Sie berührt hat!«

»Ich weiß es nicht. Im Augenblick, als ich wieder am Lande war und meine volle Besinnung wiederhatte, hätte ich schwören können, daß niemand in meiner Nähe war, niemand mich berührt hat. Aber die stets post festum kommende Einbildung will mir jetzt weismachen, daß ich leise Schritte hinter mir gehört, daß eine Hand mich berührt hat.«

»Ah! Gesetzt aber, Sie hätten diese Schritte gehört, war es da nicht natürlich, daß Sie sich umwandten – natürlich und unwillkürlich?«

»Eben deshalb nenne ich es eine Einbildung, lieber Engels.«

»Ist es auch«, entgegnete dieser. »Ihre andere Lesart, daß Sie unbewußt und in Gedanken die paar Schritte auf das Wasser hin getan, ist entschieden glaubwürdiger und einleuchtend genug. Denn wer in aller Welt hätte denn einen Grund, Sie meuchlings ins Wasser zu stürzen? Keine Seele! Höchstens der Freiherr selbst, der doch zum Falkenhof der Agnat ist.«

»Na eben darum!« neckte Engels bestätigend. »Warum, zum Teufel, macht dann aber der alte Schleicher, der Ruß, ein Gesicht, als ob Sie lebensmüde wären?«

»Ach, Engels, das haben Sie wohl falsch aufgefaßt!«

»Vielleicht, Fräulein Dolores. Man weiß ja nie, wie man seine halben Worte und Winke deuten und auffassen soll. Nimmt man eine Redewendung so, und es kommt anders, da sagt er dann sicher: Aber ich habe es Ihnen ja gleich gesagt! Der Teufel mag sich mit dem alten Fuchs ausfinden!«

»Engels, Engels! Da galoppiert Ihre Abneigung wieder mit Ihnen davon!«

»Ach – galoppiert nie übers Ziel!« machte Engels. Dann, nach einer Pause, nahm er einen Brief aus einer Mappe. »Hier«, sagte er, »ist ein spanisches Schreiben von Ihrem brasilianischen Bevollmächtigten. Es wird sich wohl um die Pflanzen handeln, welche Sie von da verschrieben haben, hier im Treibhaus ziehen und dann akklimatisieren wollen. Die Adresse ist deutsch und an mich gerichtet, aber da ich Spanisch leider nicht kann, wollte ich Sie bitten, mir's zu übersetzen – schriftlich, damit ich's mit dem Original meinen Belegen beiheften kann.«

»Gern«, erwiderte Dolores. »Sie werden es morgen früh beim Rapport bereit finden. Und nun guten Abend – ich muß hinein, denn es gibt mit Mamsell Köhler noch eine Menge zu besprechen für die neue Einquartierung!«

»Guten Abend, Fräulein Dolores. Und – nichts für ungut!«

»Ach, wegen Ihres Selbstmordverdachtes? Nein, nein – nichts für ungut«, erwiderte Dolores lächelnd und ging.

Aber der Abend war schön und die Luft rein und klar nach einem köstlich erfrischenden Regen, und darum machte sie doch noch einen kleinen Umweg, ehe sie ins Schloß zurückkehrte. Sie ging in einem an beiden Seiten dicht mit Buschwerk bestandenen Laubgange dahin, zog den Brief aus dem Umschlag mit der fremdländischen Marke darauf und begann ihn durchzulesen, hin und wieder einen Moment stehenbleibend. Und in einem solchen Moment erklang ein schnalzendes Geräusch, wie das Zusammenschlagen zweier Hände, nicht lauter, und Dolores war es, als bekäme der Brief in ihrer Hand einen Schlag, und als sie den Bogen wieder glättete, sah sie, daß sich ein kleines, sehr kleines, rundes Loch mit angesengten Rändern darin befand, das sie bisher nicht bemerkt. Einen Moment stand sie frappiert, dann sah sie rechts und links in das Gebüsch, es beiseitebiegend, und ging darauf den Weg zurück zu dem Turme, den Engels bewohnte.

Der war sehr erstaunt, sie wieder eintreten zu sehen.

»Haben Sie etwas vergessen, Fräulein Dolores?«

»Nein«, sagte sie ruhig. »Ich wollte nur fragen, ob der spanische Brief dieses kleine Loch schon hatte, als Sie ihn mir gaben.«

Engels nahm den Brief, setzte sich die Hornbrille auf und beobachtete mit hochgezogenen Brauen das kleine, seltsame Zeichen.

»Ist mir nicht aufgefallen«, sagte er verwundert. »Da ist ja ein Schuß durchgegangen!«

»Eben darum frage ich«, erwiderte Dolores gelassen.

»Hm –! Soviel ich weiß, war diese Kugelmarke nicht in dem Briefe. Die müßte ich ja gesehen haben, nicht wahr? Merkwürdig kleines Kaliber – wie aus eine Teschingpistole.«

»Ja«, sagte Dolores lakonisch, und als sie Engels' fragenden Blick sah, zuckte sie mit den Achseln. »Vielleicht wieder ein Selbstmordversuch von mir«, meinte sie mit einem kurzen Lachen, das etwas gezwungen war.

»Donnerwetter!« machte Engels.

»Nein, bitte, kein Wort davon«, bat sie. »Das bleibt unter uns. Aber die Augen wollen wir beide offen halten, nicht wahr?«

Und damit ging sie wieder, furchtlos und langsam, denselben Weg nach dem Falkenhof zurück und direkt bis in ihr Schlafzimmer. Dort zog sie das Schubfach ihres Nachttisches auf – da lag die winzige, kleine Teschingpistole, wie immer, daneben stand das Blechbüchschen mit den Patronen. Sie hatte die Gewohnheit, die kleine Waffe allabendlich zu laden und früh die Patrone wieder herauszuziehen – auch jetzt war der Schuß herausgezogen.

Ich muß doch die Patronen einmal zählen, dachte sie. Es waren noch dreißig Stück in der Büchse, und die schloß sie fort. Die nächste Stunde ihres Nachdenkens war nicht gerade erbaulich. Sie dachte zwar nicht an die für sie rätselhafte Episode am Hexentümpel, wohl aber an den rätselhaften Schuß, der sein Ziel wahrscheinlich verfehlt hatte, denn wer hätte die kühne Idee, einen Brief zu durchschießen, der gerade gelesen wurde? Höchstens doch ein Kunstschütze von der Fertigkeit eines Ira Aldridge. Nein, der Schuß galt ihr. Aber warum? Wem hatte sie etwas getan? Wer hatte ein Interesse daran, sie zu töten?

Sie dachte an einen ihrer brasilianischen Vögte, den sie neulich auf den Bericht ihres Bevollmächtigten, und weil er sie bewiesenermaßen bestohlen, entlassen hatte. Sollte der Mann sich haben rächen wollen? Unmöglich war das nicht, aber wie wäre er von Brasilien nach Norddeutschland gekommen? Das ist ein weiter Weg, und ehe er zurückgelegt ist, wozu Zeit und – Mittel gehörten, da ist die erste Wut schon abgekühlt. Aber es war der einzige Anhaltepunkt für sie, und als sie beim besten Willen keinen anderen fand und der Kopf sie anfing zu schmerzen, da ging sie hinab und fand auf der Terrasse, die sie suchte – Doktor Ruß und Frau. Denen erzählte sie die Geschichte dieses Schusses, und Doktor Ruß riet, sofort einen Kriminalkommissar kommen zu lassen, der im Falkenhof Wohnung zu nehmen hätte, um dem geheimnisvollen Schützen auf die Spur zu kommen. Doch davon wollte Dolores nichts wissen. Sie teilte Doktor Ruß ihren Verdacht mit und meinte, es würde wohl auch durch Ramo zu erfahren sein, ob ein Fremder sich hier herumtriebe, denn irgend jemand müsse ihn doch sehen, da ein Mensch Nahrung brauche und dieselbe wieder nur durch Menschen zu erlangen sei.

Doktor Ruß billigte im ganzen den Plan, Ramo auf die Spur des Attentäters zu hetzen, hielt aber seine Idee für erfolgreicher. Frau Ruß sagte, wie gewöhnlich, nichts, doch bemerkte Dolores, daß sie ihr Strickzeug ruhen ließ und die großen, hellen, kalten Augen, welche durch eine merkwürdig kleine Pupille und durch eine sehr große Iris etwas seltsam Steinernes hatten, fest auf ihren Gatten heftete und denselben unausgesetzt ansah, trotzdem es schon zu dämmern anfing.

Sie sucht in seinem Gesicht zu lesen, was sie von der Sache denken darf und was nicht, sagte sich Dolores und war froh, daß diese schrecklichen Augen nicht auf sie starrten – unausgesetzt starrten, ohne daß ihre Wimpern gezuckt hätten. Doch auch dem Doktor Ruß, der es anfangs nicht zu bemerken schien, wurde dies Hinstarren zuviel.

»Es ist feucht, mein Liebling«, flötete er, sich plötzlich zu seiner Frau wendend. »Ich fürchte für deinen Rheumatismus. ›Refma‹ nennt unser guter Graf Schinga dieses Übel«, wandte er sich lächelnd an Dolores.

»Ich habe keinen Rheumatismus«, sagte Frau Ruß, ohne ihrem Blicke eine andere Richtung zu geben.

»Dennoch würde ich dir raten, hineinzugehen, damit du ihn nicht bekommst«, schlug Doktor Ruß liebevollen Tones vor, und da seine Frau noch zögerte, sagte er etwas scharf: »Nun, meine Teure?«

Da begann sie gehorsam ihren Strickstrumpf zusammenzurollen, ohne die Augen von ihm abzuwenden, doch ehe sie noch fertig damit war, erscholl unten eine helle, frische Stimme.

Es war Lolo Falkner.

»Selam aleikum!« rief sie, die Treppen hinaufspringend. »Ich komme, mir eine Tasse Tee und ein Butterbrot ausbitten, Dolores, denn ich habe einen Mordshunger. Wir haben heut früher diniert, weil unsere Herren von der Artillerie abrücken mußten – na, die vertragen schweres Geschütz vom alten Rheinwein! Dann, wie sie weg waren, habe ich geschlafen, und nun bin ich hergelaufen, weil mir so furchtbar einsam war. Darf ich bleiben?«

»Aber ich bitte darum«, sagte Dolores, die vorher den beiden noch zuflüsterte: »Bitte, nichts von dem Schuß sagen!«

Lolo reichte ihr und Doktor Ruß die Hand, tat, als ob sie die ihrer Schwiegermutter küßte, und setzte sich, den Hut fortwerfend.

»Wo ist denn dein Mann?« fragte Frau Ruß, welche nun ruhig sitzen blieb.

»Alfred? Ich weiß nicht – er wird wohl zu Hause sein«, meinte Lolo unbefangen.

»Ja, weiß er denn nicht, daß du hier bist?« inquirierte Frau Ruß weiter.

»I, keine Spur«, versicherte die junge Frau. »Woher soll er's denn wissen? Ich hab's ja niemand gesagt, als ich fortging.«

»Nun, dann brauchte dir ja nicht so furchtbar bange zu sein, wenn Alfred zu Hause war«, setzte Frau Ruß das Gespräch fort.

»Was? Mit Alfred allein bleiben? Schrecklicher Gedanke«, rief Lolo entsetzt. »Ein Ehepaar allein zusammen ist der Inbegriff der Langenweile, das mußt du ja aus doppelter Erfahrung selbst wissen, Mama!«

»Hm! Hm! Hm! Hm!« sang Doktor Ruß eine harpegierte Quart und kicherte lautlos in sich hinein, während über Dolores ein Zorngefühl kam, als müsse sie aufspringen und die kleine Freifrau gründlich beuteln.

»Ich finde, diese Erfahrung kommt für dich etwas früh«, entgegnete Frau Ruß schlagfertig, aber fliegenden Atems vor Erregung.

Lolo Falkner lachte.

»Er ist ja sonst ganz nett«, gab sie großmütig zu, und dann ihre langen Handschuhe zusammenballend und in die Luft werfend, sang sie aus voller Kehle: »Und morgen kommen die Husaren –! – Du, Dolores, morgen kommt auch dein alter Freund, der Kleckser, um mein Gesicht fertigzupinseln – na, wie heißt er denn gleich?«

»Der Name Johannes Keppler ist von europäischem Ruf«, sagte Dolores finster und steif.

»Als ob mich das verpflichtete, jeden Anstreicher zu kennen«, lachte Lolo in unverändert guter Laune.

In diesem Moment bog Falkner um die Ecke und trat alsbald auf die Terrasse.

»Ah – da haben wir ja denselben Gedanken gehabt«, meinte Lolo gedehnt, als sie ihm zwei Finger zum Gruß reichte. »Du kommst doch auch, Dolores zu besuchen?«

»Auch das, wenn sie es gestattet«, erwiderte Falkner etwas scharf. »Aber ich kam eigentlich, dich zu holen –«


»Ja, schöne Seelen finden sich
Zu Wasser und zu Lande«,


trällerte Lolo.

»Es wäre in jedem Falle sehr freundlich gewesen, mich von deinem Ausgange zu unterrichten«, bemerkte Falkner.

»Na, da habt ihr die Standpauke«, rief Lolo mit komischer Resignation. »Ich hab's ja gleich gesagt, solch ein Ehepaar ist eine schöne ›Stütze der Gesellschaft‹, in bezug auf interessante Konversation.«

»Ich höre eben, daß Keppler morgen kommt«, fiel Dolores schnell ein, um weitere Auseinandersetzungen der jungen Frau zu verhindern.

»Ja, er kommt«, sagte Falkner rauh, »aber ich fürchte, seine Zeit wird verloren sein, denn die Stunden, die mir verweigert sind, dürften ihm kaum gewährt werden.«

»Cela dépends«, warf Lolo lustig ein.

Falkner stand auf.

»Wir wollen nach Hause gehen«, sagte er, mühsam beherrscht.

Aber sie rührte sich nicht vom Flecke.

»Erst mein Abendbrot«, rief sie, mit ihren Handschuhen spielend. Und sie blieb wirklich, bis Tee und kalte Küche serviert waren, dann erhob sie sich auf das Zeichen ihres Mannes.


»Wir haben nun gegessen und sind geworden satt,
Hätt's aber mehr gegeben, hätt's auch nichts geschad't«,


deklamierte sie lustig.

Auf dem Heimwege sprachen sie kein Wort, und Lolo füllte den langen Weg damit aus, daß sie wie ein Gassenbube allerlei Gassenhauer pfiff. In Monrepos angelangt, öffnete Falkner ihr die Tür ihres Zimmers.

»Du wirst nach all dem wohl dein Zimmer einem gemeinschaftlichen Zusammenbleiben, das so wenig passend ist, vorziehen«, sagte er.

»Mach kein so brummiges Gesicht«, erwiderte sie lächelnd statt einer Antwort, und als er, finster genug dareinschauend, ein paar Schritte zurücktrat, fügte sie hinzu: »Wer wird denn jedes Wort, das man sagt, auf die Goldwaage legen! Man renommiert manchmal und meint es anders – und besser!«

»Soll das eine Entschuldigung sein für dein Benehmen?« fragte er, trat in das Zimmer und schloß die Tür hinter sich.

»Entschuldigung?« murmelte sie verwundert. »Ja, habe ich denn nötig, mich zu entschuldigen? Und bei dir?«

Falkner nahm die Türklinke wieder in die Hand.

»Oh, wenn du es nicht fühlst und dessen nicht bedarfst, dann ist die Sache ja erledigt«, sagte er bitter. Aber im Gehen besann er sich, daß er mit dem kleinen blonden Geschöpfe dort eine Verantwortung übernommen hatte – eine Verantwortung, schwer und ernst wie selten eine. Er beherrschte sich also nochmals und trat nah an die junge Frau heran. »Lolo«, sagte er herzlich und freundlich, »Lolo, ist es denn dir nie eingefallen, daß du mich durch deine Vernachlässigung kränken und betrüben könntest? Ist dir in dem tollen Treiben dieser Woche niemals der Gedanke an mich gekommen?«

»Wieso denn?« fragte sie naiv zurück. »Du warst ja immerzu da!«

»Aber deinem Herzen so weit«, ergänzte er herzlich. Sie sah ihn groß an und tippte mit dem Zeigefinger ihrer rosigen Rechten auf ihre Stirn, auf der das blonde Haar wie Federn so duftig und leicht lag.


»Du bist verrückt, mein Kind!«


sang sie leise.

Ihm stieg die Zornesröte siedend ins Antlitz, und ein heftiges, böses Wort drängte sich ihm auf die Lippen, aber er bezwang beides.

»Lolo, kannst du ein ernstes Wort nicht auch einmal ernst anhören? Habe ich denn schon ganz aufgehört, dir etwas zu sein?«

»Ach, du guter, alter, dummer Schatz!« lachte sie ihn an, daß alle Grübchen in ihrem reizenden Kindergesichtchen zutage traten. »Wann wirst du nur aufhören, ein sentimentaler Ehemann zu sein?«

»Ist das Sentimentalität, Lolo?« sagte er ernst, fast traurig.

»Natürlich, krasse Sentimentalität«, erwiderte sie. »Und nun will ich schlafen gehen, denn morgen kommen die Husaren!«

»Eleonore –!«

»Ja, ja, ja«, rief sie und hielt sich die Ohren zu. »Ich weiß schon, was du sagen willst, aber es soll doch eine lustige Zeit werden, denn tel est mon plaisir!«

Da verließ er sie, zornig, betrübt und empört zugleich, und saß die ganze Nacht auf und sann, und ging mit sich zu Rate, was hier zu tun seine Pflicht sei, denn er durfte sie diese schiefe Ebene nicht weitergehen lassen, damit sie nicht ins Rollen kam und am Abgrund keinen Halt mehr hatte. Er hatte in den schönen, stolzen Zügen von Dolores gelesen, wie sie über das Wesen und Gebaren seiner jungen Frau dachte, aber er hatte darin auch zu lesen geglaubt, daß sie ihn verantwortlich machte dafür, und dieser Gedanke gab ihm neue Kraft, wenn der gerechte Zorn über Lolo ihn übermannte und er das übermütige kleine Geschöpfchen als unverbesserlich beiseiteschieben wollte.

Noch drei Wochen, und ich bin wieder allein mit ihr, und dann will ich mit leiser, zarter Hand, daß sie's nicht merkt, die wilden Schößlinge in ihrem Charakter zu veredeln suchen, dachte er mit dem festen Vorsatz eines Mannes, der die Pflicht zur Richtschnur genommen hat und weder rechts noch links sehen will. Aber er dachte es auch mit jener souveränen Zeitbestimmung der Menschen, welche ihr »Ich werde es tun« aussprechen, als wären sie der Ausführung ihres Vorsatzes sicher. Hätte Falkner gewußt, wie es in drei Wochen hüben wie drüben aussehen würde – doch auch Lolo dachte an jenem Abende noch an Dolores, denn wie sie vor den Spiegel trat, da fiel ihr ein, wie die Lehnsherrin vom Falkenhof bei ihren unbesonnenen, vielleicht wirklich nur halbgemeinten Worten sie angeschaut – vorwurfsvoll und mit unverhehlter Verachtung, wie sie meinte.

Schon ganz altjüngferlich, dachte sie zornig. Und wenn sie Alfred bedauert wegen seiner schlechten Behandlung durch mich, warum hat sie ihn denn nicht geheiratet? Er war ja zu haben, ehe ich in Betracht kam! Wart, Donna Dolores Falconieros, für diese Gardinenpredigt ohne Worte werd' ich dir schon noch einen Schabernack spielen.

Im Falkenhof beschäftigte man sich natürlich auch mit dem Paare. Frau Ruß gab ihrem Manne gegenüber ihrer schwiegermütterlichen Entrüstung vollsten Ausdruck – das war der Instinkt, mit dem die Löwin ihr Junges, die Henne ihr Kücken verteidigt, selbst gegen eingebildete Gefahren. Doktor Ruß beantwortete diesen Ausbruch seiner Gattin mit Lächeln und Achselzucken.

»Wenn dein Sohn kein Pantoffelheld ist, so wird er sich schon zu helfen wissen. Sie sind eben noch in den Flitterwochen, die beiden, und trotzdem ich sie für einen kleinen Satan halte, denke ich doch, daß er den Spieß bald umdrehen wird«, meinte der erfahrene Mann.

Doch Frau Ruß war einmal herausgetreten aus sich und ihrem Schweigen, und ihr volles Herz mußte das, wovon es überlief, erst von sich geben.

»Ah, du glaubst, Alfred wird ein Ehemann werden von deinem Schlage«, sagte sie anzüglich, »ein Knechter, ein Unterdrücker, ein unbarmherziger Niedertreter des eigenen Willens und eigenen Fühlens.«

»Ei, ei, Frau Adelheid Ruß, da hört man ja plötzlich eine Meinung von Ihnen«, hohnlachte er, sichtlich sehr amüsiert über dieses Rütteln an den Ketten, diesen Ausbruch lang zurückgehaltenen Unmuts.

»Hab' ich etwa nicht recht?« fragte Frau Ruß. »Hab' ich mich heut abend nicht ins Haus schicken lassen müssen von dir, wie ein unartiges Kind?«

Diese Worte machten der Heiterkeit des Doktor Ruß sofort ein Ende.

»Warum hast du mich so unausgesetzt angesehen?« fragte er.

Nun zuckte sie mit den Achseln.

»Sieht doch die Katze den Kaiser an«, erwiderte sie kurz.

»Ei, ei! So, so!« machte Doktor Ruß langsam. »Nun, mir ward es lästig, und ich schickte dich darum hinein, meine Süße.«

Sie antwortete nicht, doch ein seltsam forschender Blick huschte hinüber zu ihm.

Da trat er hart an sie heran und sah ihr in das kalte, wieder ganz ausdruckslos gewordene Gesicht.

»Ich will wissen, warum du mich so angesehen hast«, sagte er leise, fast zischend, und als sie darauf nur gleichgültig mit den Achseln zuckte, fuhr er fort: »Ich werde deiner Erinnerung etwas zu Hilfe kommen. Es war, als Dolores uns die Geschichte von dem Schuß erzählte.«

»Ja«, erwiderte Frau Ruß unbewegt. »Ich wollte gern wissen, ob du sie für wahr hieltest –«

»Und weiter hatte dein auffälliges Anstarren keine Bedeutung?« forschte er weiter.

»Ich wüßte nicht, welche«, gab sie zurück.

»Ich wollte dir's auch geraten haben«, murmelte er laut genug, um verstanden zu werden, und ging dann ein paarmal im Zimmer auf und ab, ohne es zu bemerken, daß Frau Ruß ununterbrochen die Schlingen an ihrem Strickzeug fallen ließ – eine Nachlässigkeit, die ihr sonst kaum passierte. Aber sie hob die Schlingen nicht wieder auf, sondern strickte in einem Tempo weiter, welches sehr gut und täuschend das Zittern ihrer großen, weißen Hände verbarg. Und Doktor Ruß sah weder auf die Hände noch auf die Socken von Estremadura, die für ihn entstanden, und er sah auch nicht die verlorenen Maschen, welche ihm hätten sagen müssen, daß das innere Gleichgewicht seiner Frau in wildem Schwanken begriffen war. Doch, wie gesagt, das Tempo, in welchem sie weiterstrickte, ohne anzuhalten, maskierte all das vollständig, und nach einer Pause nahm Doktor Ruß das Gespräch wieder auf.

»Der Schuß kann den Ursprung haben, den Dolores ihm beimißt«, begann er, »obgleich die Idee, daß ein rachsüchtiger Brasilianer aus Südamerika eigens dazu herreisen sollte, um sich für seine Absetzung zu rächen, stark abenteuerlich und romanhaft ist. Aber unmöglich ist es immerhin nicht, und Ramo wird schon aufpassen. Ich für meinen Teil denke aber, das Papier wird die Kugelmarke schon gehabt haben, als es hier ankam, und Engels hat sie einfach übersehen, als er sah, daß der Brief spanisch war und er ihn doch nicht lesen konnte.

Nun glaubt ja Dolores, die Detonation der Waffe gehört, den Briefbogen in ihrer Hand sich bewegen gefühlt zu haben. Beides kann auf Täuschung beruhen, denn es gibt Schußwaffen, deren Knall kaum dem Schnalzen der Zunge an Stärke gleichkommt –«

»Ich weiß es«, sagte Frau Ruß. »Dolores hat eine Pistole, mit der sie neulich Scheibe schoß. Man hörte die Schüsse kaum.«

»So?«

»Sie hatte dir die Waffe ja wohl geliehen, als sie verreist war?« fragte Frau Ruß unbefangen.

»Mir? Wie kommst du darauf?« fragte er, stehenbleibend, scharf.

»Hast du mich damit schießen sehen?«

Die Nadeln flogen, und die Maschen fielen ungezählt, wie gesät –

»Nein, ich dachte nur, weil du davon sprachst, dir die Waffe zu leihen.«

Wieder ging er auf und ab.

»Nein, ich tat es nicht«, meinte er, »es hat keinen Zweck, und die Pistole kann unkundigen Händen gefährlich werden, wie Dolores sagte. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Ich war immer ein schlechter Schütze.«

»Ja«, sagte Frau Ruß. »Gottlob!«

»Wieso, teures Weib?«

»Nun, es ist schon so viel Unglück passiert mit dem dummen Schießen«, schloß sie, und er nickte bestätigend.

Daß Dolores selbst an jenem Abende noch lange über diesen vielbesprochenen Schuß nachdachte, ist selbstverständlich, wenn man erwägt, daß sie sich als Zielscheibe dafür ansehen mußte. Ramo, dem sie nun auch davon erzählte und ihm auftrug. wachsam zu sein, war mehr erschrocken, als er zeigte, und kombinierte sogleich die Fußtapfen im Nordflügel, der nunmehr für die Einquartierung wieder eingerichtet war, mit dem Schützen im Park. Doch Dolores wollte das nicht einleuchten.

»Denke nur, wie lange es her ist, seitdem wir damals diese Fußspuren fanden«, meinte sie. »Es ist viel Zeit dazwischen, mehr als jemand nötig hat, um einen geeigneten Moment zum Abfeuern des Schusses zu finden.«

Ramo mußte seiner Herrin recht geben, und obgleich Dolores sich einzureden versuchte, daß die Kugelmarke wirklich vorher schon in dem Briefbogen war, ging sie doch mit dem unheimlichen Gefühl zur Ruhe, daß es anders war und jemand existierte, der ihr feindlich gesinnt war.

Beim Durchgehen durch das kleine Bibliothekzimmer neben ihrer Schlafstube fand sie einen mächtigen Band auf dem Tische liegen, den sie vorher nicht gesehen. Auf ihre Frage berichtete Ramo, daß Doktor Ruß den Band heut nachmittag, als Dolores ausgegangen war, selbst heraufgebracht und, da er sie nicht antraf, hier niedergelegt und mit Zeichen versehen hatte. Er, Ramo, sei indes abgerufen worden, und als er nach ein paar Minuten wieder zurückgekehrt sei, um dem Herrn Doktor die Tür zu öffnen, habe er Doktor Ruß oben nicht mehr angetroffen.

»Ich hab's im ganzen nicht gern, wenn jemand sich in meinen Zimmern aufhält, während ich ausgegangen bin«, meinte Dolores, sich setzend, »doch das soll kein Tadel für dich sein, lieber Ramo.«

»Ich weiß, meine Herrin ist gütig«, murmelte der erprobte Diener beschämt. »Und wenn mich Tereza nicht für einen Moment in den Korridor gerufen hätte, wäre Herr Doktor auch nicht allein hier zurückgeblieben.«

»Oh, ich meine ja nicht, daß Doktor Ruß oder jemand anderes hier was Unrechtes tun würde«, erwiderte Dolores lächelnd über die Auffassung Ramos. »Mir ist nur der Gedanke fatal, daß ich meine Zimmer nicht immer für mich allein habe.«

»Sehr wohl«, erwiderte Ramo, dessen Fehler langsames Begreifen nicht war, und ging mit einem untertänigen »Gute Nacht«!

Dolores schlug den gebrachten Band auf – es war eine alte Meriansche Chronik, von welcher Doktor Ruß ihr gesprochen und die er aus der großen Bibliothek hervorgesucht hatte. Trotzdem sie für diese Literatur großes Interesse hatte, las sie heut dennoch nicht jene naiven und schlichten Berichte »kurioser Begebenheiten« vergangener Jahrhunderte, sondern blätterte zerstreut in den Kupferstichen und Holzschnitten, welche verschwenderisch die Chronik zierten. Darüber wurde sie müde, und als sie sich erheben wollte, um schlafen zu gehen, da überkam es sie mit solcher Mattigkeit, daß sie sich in ihrem Sessel zurücklehnte und die Augen schloß. Da hatte sie das angenehme, wohlige Gefühl, langsam und leise zu schweben, gelehnt in einen festen, sicheren Arm, und als sie wieder festen Boden unter sich spürte und mit Anstrengung versuchte, die Augen zu öffnen, da sah sie sich oder glaubte sich vor dem Bilde der Ahnfrau drinnen zu sehen im Saal, trotzdem sie keinen Fuß gerührt hatte, hineinzugehen. Und die Ahnfrau trat aus dem Rahmen heraus und an ihre Seite.

»Ich habe seinen Arm berührt, daß die Kugel dich nicht traf«, hörte sie die sanfte, traurige Stimme sagen.

Wer? Wessen Arm? wollte Dolores fragen, aber sie fühlte, daß sie ihre Zunge nicht regen konnte. Und die Ahnfrau legte die weißen, schlanken Hände auf ihr Haupt.

»Es ist nicht an uns, anzuklagen und zu richten. Denke daran, daß die Gefahr noch nicht vorüber ist«, schien sie zu sagen. Und wieder war es Dolores, als schwebte, schwebte, schwebte sie, und käme wieder hinab auf die Erde – da fuhr sie empor mit einem Schrei.

»Die Herrin hat schon geträumt«, sagte Tereza mit einem Lächeln auf den schwarzen Zügen, indem sie aus der Tür, in der sie gestanden, näher trat.

»Geträumt?!« wiederholte Dolores schlafbefangen.

»Nur kurz, nur ganz kurz«, meinte die alte Negerin beruhigend. »Du gingst hinein in den Saal, Herrin, und kamst sehr bald wieder zurück, und sankst in deinen Stuhl und träumtest. Soll ich dich nicht lieber zu Bett bringen?«

»Ja«, sagte Dolores. »Also ich war im Saale drinnen?«


* * *


Der andere Tag kam, und mit ihm kamen die von Lolo Falkner so heiß ersehnten Husaren und brachten neues, frisches Leben mit einem Schlage wieder in die grüne Waldeinsamkeit des Falkenhofs und von Monrepos. Freilich, mit der träumerischen Ruhe, die über den Schlössern schwebte und webte, war's wieder für Wochen vorüber, denn Sporenklirren, Säbelrasseln, Wiehern, Stampfen und Trompetensignale verscheuchten die Stille des taufrischen Morgens, der Sommermittagsschwüle und der warmen Abende, und der Mond, der sein Licht so gern aufsaugen ließ von den goldbronzefarbenen Haarmassen auf Dolores' Haupt und von ihren weißen Kleidern, die sich so weich um ihre schöne Gestalt schmiegten – der es funkeln, flimmern und gleißen ließ in dem Staubsprühregen der Fontänen und geheimnisvoll durch das dichte Laubwerk und über das stille dunkle Wasser des Hexenloches huschen ließ – dieses selbe Licht versilberte jetzt noch die Tressen, Schnüre und Waffen der Husarenoffiziere, wenn sie abends auf der Terrasse saßen und auf die köstlichen Pfirsiche, welche die Spaliere des Falkenhofs lieferten, kalten Sekt gossen und diese köstlichste und einfachste aller Bowlen behaglich schlürften. Denn das Wetter befürwortete diese langen, herrlichen Abende auf der Terrasse sehr – es war ein ideales, warmes, sonniges Erntewetter, und das Plus an Hitze milderte ein gelegentlicher kurzer, aber erquickender Gewitterregen stets zur richtigen Zeit. Natürlich waren von den im Falkenhof einquartierten Herren zwei Drittel passionierte Jäger. Sie hatten zum Teil sogar ihre Hühnerhunde mitgebracht und, kaum waren sie aus dem Dienste gekommen und vom Pferde gestiegen, benutzten sie sogleich die gegebene Erlaubnis und gingen auf die Hühnerjagd. Die Jagd auf Hasen sollte zwar erst eröffnet werden, doch die Waldungen des Falkenhofes boten auch ein reichbestelltes Revier für Rehe und Hirsche, und so wurde das Reich der Freiin Dolores für die gewaltigen Nimrode im Husarenattila ein Paradies, das einst verlassen zu müssen sie heut schon mit tiefstem Bedauern erfüllte.

Gewaltiger noch wurde die Aufregung und Jagdleidenschaft, als die Herren eines Abends die Nachricht mitbrachten, daß ein Steinadler mit gewaltiger Flugspannung im Falkenhofer Revier gesehen worden sei. Ein Förster meldete gleichzeitig, daß der Gewaltige schon Raubzüge auf Rehkitzen und junge Feldhühner mit Erfolg ausgeführt habe. Nun wurde dieser höhere Sport zur Notwendigkeit, doch die List und Wachsamkeit dieses verflogenen königlichen Vogels trotzte beharrlich der Geschicklichkeit und sicheren Hand seiner Verfolger.

Mit den Husaren war auch Keppler wieder in Monrepos angekommen und hatte sich alsbald auch im Falkenhof gemeldet.

»Da bin ich schon wieder«, hatte er gesagt, »ich, der ich kaum früher Zeit hatte, um die Aufträge der Fürsten dieser Welt anzunehmen, ich bin freiwillig hier, um das rosige Kindergesichtchen einer Lolo Falkner zu vollenden. Nein, Fräulein Dolores, Sie müssen mich nicht tadelnd ansehen, denn was können Sie für den Geschmack Alfred Falkners? Nichts, obgleich ich ihm einen besseren zugetraut hätte; oder wollen Sie's leugnen, daß die Baronin Lolo hübsch, aber oberflächlich und unbedeutend ist? Ja, wenn's noch die Großherzogin Alexandra wäre –!«

»Warum sind Sie denn gekommen?« fragte Dolores abweisend.

Keppler sah sie an und lächelte trüb.

»Warum? Es zog mich her – ich hatte keine Ruhe daheim, keine Ruhe auf der beabsichtigten Studienreise. Und die Leute hier sind ein schöner Völkerschlag – ich kann auch hier Studien machen.«

»Lolo wird wenig oder gar keine Zeit für Sie haben«, sagte Dolores ernsthaft.

»Wahrscheinlich nicht, denn sie ist fast noch ein Kind, das gern mit Puppen spielt. Und die Husaren leuchten so schön in ihren roten Röcken, während ich einen grauen Sommeranzug trage und nicht einmal mehr den Frack, wie in jener Zeit, da ich Ihre Durchlaucht, die Prinzeß Eleonore von Nordland malte. Falkner wollte es so.«

»Natürlich. Wenn Sie aber wissen, daß Lolo Ihnen nicht sitzen wird –«

»In der Ahnengalerie des Falkenhofs fehlt noch Ihr Bild, Fräulein Dolores, und ich bin ehrgeizig genug, dieses Porträt malen zu wollen. Was sagen Sie dazu, daß ich unter die Streber gegangen bin, unter die Bewerber um solchen Preis?«

Was sollte sie dazu sagen? Sie konnte die Bescheidenheit, die Demut des größten Porträtmalers nur bewundern und fand sie rührend – aber sie hätte doch verstehen müssen, daß diese Demut in der Liebe ihren Ursprung hatte.

»Sie haben mich schon einmal gemalt –« wandte sie ein.

»Als Satanella, ja. Aber dies Bild ist mein, es erinnert mich an die Zeit, da Sie den Purpurmantel wahrer Künstlergröße trugen«, erwiderte er. »Jetzt ist der Purpur abgestreift, und er liegt zu Ihren Füßen, ein Teppich, über den Sie hinwegschreiten. Doch ich gestehe gern, daß Ihnen das weiße Gewand der Châtelaine, der Waldfrau, einen neuen, vielleicht höheren Reiz verleiht, und was als Satanella dämonisch aus Ihren Augen leuchtete, es ist geläutert, verklärt und vergeistigt. Wodurch? Das habe ich mich oft schon gefragt, mir aber nie zu beantworten gewagt.«

»Sie haben mich scharf studiert, Herr Keppler«, meinte sie, leicht verwirrt.

»Das ist meines Amtes als Kopist der Natur«, erwiderte er.

Und dabei blieb es; er malte sie in der weißen, goldgestickten Atlasschleppe und dem duftigen Kleide von kostbaren alten, echten Spitzen, ganz ohne andern Schmuck als den ihrer Schönheit und ihres Goldhaares, nur in diesem, schräg schwebend hoch über ihrer Stirn malte er den Halbmond von Diamanten, wie sie ihn auf der Hochzeit der Großherzogin getragen hatte. Die Arbeit ging rasch und flott vorwärts, und auffallend schnell modelte sich die herrliche weiße Gestalt heraus auf dem schmalen, hellgetönten Paneel – ein lichtes Gedicht, eine Symphonie in Farben, vielleicht nicht so genial wie die Satanella, sicher aber schöner, zum Herzen sprechender.

Einmal beim Malen kam Falkner hinzu in Begleitung von Lolo – er ging selten allein in den Falkenhof.

»O wie schön«, sagte er unwillkürlich, als er vor das Werk des Meisters trat.

»Meinst du das Original oder das Bild?« fragte Lolo und warf den Kopf zurück.

»Meine Frau bringt mich in ein Dilemma«, erwiderte er ruhig. »Denn meine ich das Original, so kränke ich vielleicht den Meister, und meine ich das Bild – was soll das Original von meiner Höflichkeit denken. Folglich wähle ich die goldne Mittelstraße, die hier zur Wahrheit führt, und sage: das Porträt ist getreu dem Original!«

»Gut gebrüllt, Löwe«, zitierte Keppler lachend seinen Shakespeare, indem er ruhig weitermalte.

Dolores sagte nichts. Sie stand auf ihrer Estrade in dem zum Atelier eingerichteten einstigen Tanzsaal des Falkenhofes – einem wundervollen großen Raum mit weißem Stuckmarmor bekleidet und bemalter Decke, auf der es im Rokokogenre von Göttinnen, Nymphen, Amoretten und Seeungeheuern, welche Arnold Böcklin entzückt hätten, zwischen Blumen und Fruchtgewinden wimmelte, der aber entschieden sehr einer Restauration bedürftig war. Aber der nach Norden gelegene Raum war kühl und hatte gutes Licht, das durch hohe, schmale Fenster voll auf die weiße Gestalt flutete, welche ungezwungen neben einem niederen, plüschbezogenen Lehnsessel aus der Renaissanceepoche stand und die schlanke, lilienweiße Linke leicht auf die Lehne stützte.

»Ich fasse nicht, wie du das Modellstehen aushalten kannst, Dolores«, meinte die junge Frau, indem sie an den Spitzen von Dolores' Kleid zupfte. »Ich wenigstens werde davon so müde, als hätte ich im Felde Kartoffeln gehackt.«

»Ich bin auch sehr müde«, sagte Dolores und erblaßte in diesem Moment so, daß Keppler erschrocken die Palette hinlegte.

»Dolores – du solltest dich nicht so anstrengen«, rief Falkner, neben sie tretend. »Komm herab – laß es genug sein für heute.«

»Nein, nein«, sagte sie mit mattem Lächeln, »es geht immer sehr schnell vorüber –«

»Wie, du leidest öfter daran? Was ist es?« fragten Falkners zugleich.

»Oh, eigentlich nichts«, erwiderte Dolores apathisch. »Es mag eine Folge des heißen Sommers sein, daß ich so träge geworden bin seit Tagen – seit einer Woche etwa. Ich ermüde bei jeder Beschäftigung, und es ist mir alles ganz gleichgültig ob es so wird oder so. Und manchmal kommen die kleinen Frostanfälle, von denen ich eben einen hatte, und die mir dann alles Blut für einen Moment erstarren machen.«

»Aber du solltest doch einen Arzt fragen«, sagte Falkner, besorgt in das schöne, aber vergeistigt blasse Antlitz seiner Cousine sehend.

»Wozu? Es ist nichts, wird vorübergehen«, entgegnete sie.

In diesem Moment trat Ruß in den Saal.

»Ah, ah! Ein ganzes Konvivium hier versammelt?« fragte er überrascht. »Wenn das Mama gewußt hätte –«

»Wir kommen noch, ihr guten Tag zu sagen«, fiel Falkner ein, »heut galt aber Dolores unser Besuch in erster Linie. Doch vor allem ein Wort an dich: du mußt deinen Einfluß geltend machen, daß Dolores einen Arzt konsultiert.«

»Ist sie krank – unsere lebensfrische, starke, gesunde Dolores?« fragte Doktor Ruß überrascht und wandte sich nach ihr um. Dabei fiel das Licht so auf sein Gesicht, daß es sich einzig und allein in seinen ungefaßten, starken Brillengläsern sammelte und diesen das Aussehen von enormen Augen ohne Lider, Wimpern, Iris und Pupille verlieh, wie wir sie in ihrem regungslosen Glanze bei Schlangen sehen.

Dolores fuhr vor diesen auf sie gerichteten, durch die Beleuchtung furchtbaren Augen mit einem leisen Schrei zurück – ein Beweis für die Abgespanntheit ihrer Nerven – und ein Schauer des Entsetzens überrieselte sie. Aber sie bezwang sich schnell.

»Ich glaube, der Einfluß des Herrn Doktors auf mich wird überschätzt«, sagte sie kühl und vielleicht schroffer, als sie gewollt. »Lassen wir also meine kleine Indisposition beiseite und hören wir lieber, was die Herrschaften von Monrepos heut nach dem Falkenhof geführt hat.«

»Ah – ich bitte ungebeugte Willenskraft, unbeeinflußte Unabhängigkeit bei der sogenannten Patientin festzustellen«, rief Doktor Ruß scherzend und scheinbar unberührt von der unzweideutigen Abweisung.

»La garde meurt, mais elle ne vomit pas«, vollendete Lolo mit einem Kompliment gegen Ruß, welcher, da die anderen lächelten und lachten, es nolend volens mitmachte. »Das ist nämlich Graf Schingas Devise, die er sich selbst übersetzt hat«, erklärte die junge Frau, »er hat sich im Lexikon das Wort ›übergeben‹ statt ›ergeben‹ gesucht – folglich nicht La garde ne se rend pas, sondern elle ne vomit pas«

»Ja, es ist eine böse Sache um Sprachen, die man nicht versteht«, sagte Falkner amüsiert. »Überhaupt sind die fatalen Fremdwörter eine böse Klippe für unseren guten Grafen, der neulich in Berlin bei einer befreundeten Familie den ›Cicero‹ spielen mußte und sie unter anderem auch in den ›Theologischen‹ Garten führte.«

»Ah«, meinte Keppler, »die Garde des Grafen Schinga erinnert mich an einen guten Freund, welcher in einer englischen Familie, mit der ich noch besser befreundet war, gastliche Aufnahme gefunden hatte und sich bei seiner Heimkehr gedrängt fühlte, den Gastfreunden nochmals dafür zu danken. Er drockste also einen recht steifen englischen Brief zusammen, den er sich erst deutsch aufgesetzt hatte, und der mit dem Satze schließen sollte: Gott bewahre Sie und Ihre liebe Familie. Da fehlte ihm das rechte Wort für ›bewahren‹ – und er fand dafür in seinem Lexikon: to conserve, to preserve and to pickle. Die beiden ersten Vokabeln schienen ihm aber in keiner Weise den Sinn wiederzugeben, und so schrieb er denn stolz den Schlußsatz nieder: ›May God pickle you and your dear family‹ – Ob der Gastfreund von dem Wunsche, nebst den Seinen in Essig gelegt zu werden, sehr erbaut war, ist zu bezweifeln.«

Die harmlose kleine Geschichte Kepplers fand die nötige Würdigung, erheiterte die Stimmung merklich und klärte die kleine Wolke, welche die scharfe Zurückweisung von Doktor Ruß' Einfluß auf und durch Dolores hervorgerufen hatte, vollkommen.

»Und nun zu des Pudels Kern«, meinte Falkner, indem er sich wieder an Dolores wandte. »Wir sind gekommen, dich zu bitten, deinen Geburtstag drüben bei uns in Monrepos zu feiern.«

»Ihren Geburtstag? Wann ist der?« fragte Keppler elektrisiert.

»Morgen«, erwiderte Dolores, und indem sie Falkners zulächelte, setzte sie hinzu: »Es ist so freundlich von euch, meiner zu gedenken, aber morgen müßt ihr mit euren Gästen zu mir kommen. Es ist mein erster Geburtstag als Lehnsherrin, und da muß ich doch allem, was da fleucht und kreucht im Bereiche des Falkenhofs, ein Fest geben, inklusive meiner Gäste, der Husaren. Also abgemacht?«

»Abgemacht«, rief Lolo, doch Falkner sagte: »Schade –! Wir hätten dich gern bei uns gefeiert, doch ich sehe, daß du Pflichten an diesem Tage zu erfüllen hast.«

Da stieg eine feine Röte in ihre blassen Wangen.

»Es tut mir so leid, daß es nicht dein Geburtstag ist, den die Falkenhofer feiern sollen«, sagte sie leise mit bittendem Blick, als wäre es ihre Schuld.

»Ich weiß es und bin überzeugt davon«, erwiderte er freundlich und heiter, »und«, setzte er, nur für sie hörbar, hinzu: »was an Bitterkeit je davon bestanden – es ist bereut und überwunden, und zur Süßigkeit geworden –«

Da stieg wieder ein feines Rot auf in ihren Wangen – das zarte, duftige, hingehauchte Rot der Meeresmuscheln.

»So – dieses leise Inkarnat der Maiden-blush-Rose und diesen weichen Ausdruck in Ihren Augen muß ich festhalten«, sagte Keppler und sah sie fest an, »beides paßt so trefflich zu der lichten Stimmung des Bildes – und steht in solch schroffem Gegensatz zur Satanella«, setzte er eifrig malend hinzu.

Da wurde das Rot auf Dolores' Wangen etwas tiefer, Falkner aber trat neben Keppler heran und sah seiner Arbeit zu.

»Es ist ein Umschwung, daß Sie, der sonst stets oder mit Vorliebe auf tief gesättigtem Hintergrund malten, meine Cousine im weißen Kleide an die weiße Marmorwand stellen«, meinte er.

»Es ist eine Ausnahme, zu welcher der Stoff nicht nur verleitet, sondern gebieterisch hinweist«, erwiderte der Maler.

»Ich wollte, es wäre morgen mein Geburtstag«, sagte Lolo auf der Estrade zu Dolores' Füßen hockend.

»Warum? Hast du solche Sehnsucht, älter zu werden?« fragte Ruß.

»Nein, aber man bekommt da immer eine Masse hübscher Sachen geschenkt«, erklärte die kleine Freifrau ehrlich.

»Ich wüßte nicht, wer mir etwas schenken sollte«, warf Dolores ein.

»Ach du Ärmste«, gähnte Lolo. Sie langweilte sich schon wieder sehr. Doch plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Ich werde dir etwas schenken«, jubelte sie und begann vor Freude einen Solotanz zu tanzen. »Ich habe ja eine gottvolle Idee –«

»Desto besser«, sagte Dolores lächelnd, »ich werde dir auch wieder etwas schenken.«

Als sie dann nach Hause fuhren, fragte Falkner seine Frau, was sie der Cousine zu geben gedächte.

»Abwarten!« erwiderte Lolo geheimnisvoll. »Ihr werdet alle kopfstehen und ›paff‹ sein.« – –

Dolores war wirklich, wie der Engländer sagt »out of sorts«. Sie war nicht gerade krank, aber sie war jenen kalten Schauern ausgesetzt, von denen der Volksaberglaube sagt: Der Tod lief über mein Grab. Diese Schauer kehrten so oft nicht wieder, um ernste Krankheitssymptome zu bedeuten, aber sie fühlte sich matt und müde und apathisch. Statt, wie sie es gewohnt war, stets beschäftigt zu sein, konnte sie jetzt stundenlang sitzen und denken. Aber ihre Gedanken wanderten dabei irr hin und her oder verloren sich in ein Dunkel und in solch ungemessene Weiten, daß sie ganz erschöpft von dem Suchen und Halten in eine Lethargie verfiel, welche nicht abzunehmen schien, sondern sich oft so lange verlängerte, bis Tereza und Ramo vereint sie aufrüttelten. War sie dann im Gespräch mit anderen, so ward es besser, doch die Lebhaftigkeit und Schlagfertigkeit von früher war fort und von ihr gewichen.

»Ich bin zu allem zu faul«, sagte sie oft zur Gräfin Schinga, welche jetzt öfters kam und ihr Chopin vorspielte.

»Die Dilettantin muß die Meisterin anregen«, pflegte sie zu sagen, wenn sie sich zum Flügel setzte, aber Dolores hörte sie gern spielen, denn was ihr an tieferem Studium abging, ersetzten Genie und Instinkt.

Der Geburtstagsmorgen wurde wie alltäglich einer Porträtsitzung gewidmet, bei welcher Keppler ihr das eigene Porträt, auch noch unvollendet, als Angebinde überreichte. Sie war überrascht und erfreut und wunderte sich doch, wie mühsam und farblos der Dank ihr von den Lippen kam. Dann kamen Herr und Frau Ruß und überreichten eine antike Armspange, die sich in ihrem Besitz befand, und Dolores fragte sich, wie es möglich sei, daß das Grauen, welches sie gestern vor Doktor Ruß infolge einer optischen Täuschung empfunden hatte, heute wiederkehren konnte bei seiner wohlgesetzten kleinen Rede.

Ich muß wirklich krank sein, daß ich so töricht bin, dachte sie, ohne das Furchtgefühl, das sie wieder beschlich, bekämpfen zu können, und erleichtert atmete sie auf, als Engels erschien, gefolgt von Knieper, welcher zur Feier des Tages ein Halsband von Blumen und einen Strauß am Schwänzchen trug.

»Na, immer noch nichts gefunden von dem brasilianischen Meuchellumpen?« fragte der Verwalter in der Tür den öffnenden Ramo.

»Nichts, Herr Engels«, antwortete der Diener.

»Schadet nichts, werden den Galgenstrick schon kriegen«, versicherte der Frager mit Zuversicht.

»Nur nicht den falschen«, meinte Doktor Ruß mit Hohn.

»Glauben Sie, daß hier so viele herumlungern?« fragte Engels treuherzig, worauf Doktor Ruß nur mit den Achseln zuckte.

Zur Dinerstunde fanden sich um sechs Uhr abends neben den auf dem Falkenhof einquartierten Herren noch Graf und Gräfin Schinga ein – die Herrschaften von Monrepos kamen mit ihren Gästen erst im letzten Moment und weit hinter der Zeit. Der Kommandeur des Husarenregiments reichte nach ihrem Eintreffen Dolores sofort den Arm und führte die in schlichter, aber unendlich geschmackvoller weißer Wollrobe Gekleidete zur Tafel, welche in der reich und verschwenderisch im Renaissancestil ausgestatteten Banketthalle des Falkenhofs gedeckt und mit den Silberschätzen des Hauses geschmückt war. Als man schon saß, rief Lolo plötzlich aus: »Oh, Dolores, ich habe mein Geschenk für dich im Wagen gelassen!«

»Wir können es nach dem Essen ansehen«, nickte Dolores dankend.

»Ja, ja! Aber laß es inzwischen holen und ins Haus tragen«, bat die junge Frau. »Es ist ein vergoldeter Korb – aber daß niemand ihn öffnet. Hört ihr?« ermahnte sie die Diener.

»Das ist ja beinahe, als ob Sperlinge darin wären«, schrie Schinga über den Tisch hinüber.


»Ja, wenn du denkst, du hast'n,
Da springt er aus dem Kasten«,


erwiderte Lolo übermütig.

Falkner glaubte jetzt zu verstehen, denn seine Frau besaß solche Figuren, welche eine Feder in die Höhe schnellte, wenn man den Kasten öffnete, in welchem sie sich befanden.

Eine solch vergnügte Gesellschaft hatte der Falkenhof seit Jahrzehnten nicht beherbergt, wie heute, denn die Speisen waren gut und die Weine aus den tiefen, kühlen Kellern vortrefflich. Außerdem dufteten die Rosen in den Aufsätzen von Silber und altem Meißner Porzellan, und um die Tafel saß ein Teil der goldenen Jugend der großen Armee, an ihrer Spitze aber als Hausfrau und Wirtin Dolores Falkner – da hätte schon viel dazu gehört, um die allgemeine frohe Manöverstimmung herabzudrücken.

Die Toaste, die außerdem noch ausgebracht wurden, trugen durch den Brauch, allemal dabei auszutrinken, wesentlich zur Erhöhung der rosigen Stimmung bei. Erst erhob sich der Kommandeur und dankte der Schloßherrin für die vortreffliche, fast fürstliche Aufnahme seiner selbst und seiner Offiziere im Falkenhof, deren Jäger immer noch hofften, ihr den lang um pirschten Steinadler als Geburtstagsgeschenk nachträglich überreichen zu dürfen. Dann ließ Graf Schinga Dolores als Nachbarin leben in ebenso kunstlosen wie unverständlichen Redewendungen, worauf Doktor Ruß ein kleines Meisterwerk von Rede vom Stapel ließ. Zuletzt aber schlug Falkner an sein Glas, erhob sich und rief, es hoch emporhebend: »Der Herrin vom Falkenhof!«

Dolores wußte wohl, was dieser kurze Toast für sie bedeutete – eine Anerkennung ihrer Rechte, eine Abbitte zugefügten Unrechtes, den Schlußstein zu der Brücke, welche über den Abgrund führte, der einst beide getrennt. Beglückt, umbraust von dem dreifachen Hoch ihrer Gäste, erhob auch sie sich und ließ ihr Glas mit dem Falkners zusammenklingen.

»Hie guet Falkner alleweg!« sagte sie mit dankbarem Herzen.

»Es trafen sich die Gläser und gaben guten Klang«, summte Dokter Ruß vor sich hin, als die geschliffenen Kristallkelche leise und hell zusammenstießen.

»Prosit, Dolores«, rief Lolo hinüber und streckte die Hand mit dem gefüllten Glase aus. Die Gerufene dankte lächelnd, berührte leicht das hingehaltene Glas mit dem ihren und klirr – lagen beide Gläser zersprungen und zersplittert auf dem weißen Tafeltuch.

»Das haben wir aber geschickt gemacht«, lachte Lolo, während Gräfin Schinga, die vielem Aberglauben huldigte, entsetzt die Hände faltete.

»Tut nichts, wir haben mehr von dieser Sorte«, nickte Dolores, die in dieser Beziehung keine Vorurteile hatte, aber das brechende Glas hatte ihre Nerven für einen Moment doch ins Schwanken gebracht.

Nach beendigter Tafel sollte der Aufzug der Dorfbewohner vor der Terrasse stattfinden, darauf aber ein Feuerwerk abgebrannt werden, das die Beamten des Lehns ihrer Herrin stifteten. Ehe man aber hinaustrat, kam Dolores an Lolo heran und reichte ihr die Hand.

»Die dummen, zerbrochenen Gläser haben dich doch nicht erschreckt?« fragte sie. »Das hat ja gar keine Bedeutung.«

»Natürlich nicht«, erwiderte die junge Frau überlegen.

»Nun, es freut mich, daß du den törichten Köhlerglauben über solche Dinge nicht teilst«, meinte Dolores. »Ich glaube auch nicht an eine besondere Bedeutung derartiger Zufälligkeiten. Aber jetzt mußt du mir dein Geschenk zeigen!«

»Ja, ja, mein Geschenk«, rief Lolo begeistert. »Ich hatte es schon wieder ganz vergessen – komm!« Auf einem Seitentischchen in der großen Halle, die auf die Terrasse mündete, hatte man das runde, flache Körbchen von vergoldetem Span hingestellt, welches Lolo von Monrepos herübergebracht hatte. Umgeben von der Schenkerin, Falkner und mehreren Herren, schritt Dolores darauf zu, öffnete das an der kleinen Haspe hängende Schlößchen, schlug den Deckel auf und – fuhr im nämlichen Augenblick mit lautem Schrei zurück, denn auf dem rosa Atlaspolster ringelte sich ängstlich und wild gemacht eine jener bräunlichen Nattern, wie unsere Wälder sie oft bergen, und fuhr zischend auf Dolores los, die vor Schreck und Entsetzen bewußtlos zusammenbrach und eben nur noch von Falkner und einem Offizier aufgefangen wurde, während ein anderer schnell entschlossen das geängstigt auf dem Fußboden sich windende und schlagende Tier mit einem der zunächst stehenden Säbel tötete. Es war ein ganz harmloses Reptil, aber es war nicht klein, und wer ein Grauen davor hat, dem verrichtet's denselben Dienst wie eine Riesenschlange, der man unerwartet gegenübersteht.

Dolores erholte sich in derselben Minute wieder, in der Schreck und Antipathie sie besinnungslos gemacht, aber sie war totenblaß und ihre Hände steif und kalt, während schwere, eisige Tropfen auf ihrer Stirn standen. Man versicherte ihr sofort, daß die Schlange unschädlich gemacht sei, aber sie brachte dennoch kein Wort über die Lippen, und als Lolo sich ihr, sichtlich betreten über den Erfolg ihres gemachten Spaßes, langsam näherte, da wandte sie sich ab von ihr.

Mit der ihrem Charakter eigenen Selbstbeherrschung erklärte sie sich im nämlichen Augenblick bereit, auf der Terrasse zu erscheinen, und ließ sich von Falkner hinausführen.

»Dolores, glaubst du, daß ich in dieses – dieses Geschenk eingeweiht war?« fragte er, zu ihr hinabgeneigt.

»O nein«, erwiderte sie freundlich.

Und dann nahm sie Platz inmitten ihrer Gäste, und der Aufzug der Bauern mit ihren Frauen und Mädchen in deren malerischer Landestracht begann. Die Schulzen aus den verschiedenen Dörfern, die zum Falkenhof gehörten, hielten Reden, die Mädchen brachten Kuchen, Eier, Hühner und Lämmer als Geschenk und sagten Gedichte auf, und Dolores hatte für jedes einen herzgewinnenden Dank, ein besonders freundliches Wort. Auf dem Dominalhofe waren Tafeln gedeckt, und dorthin mündete der Zug zum leckeren Mahle von Schweinebraten. Klößen, Salat, Kuchen und Obst, und die Leute an den aufgelegten Bierfässern hatten alle Hände voll zu tun, die Gläser zu füllen, während es am Schulzentische, wo die Gemeindevorsteher saßen, reichlich Wein gab, welchen Dolores selbst ihren Untergebenen zutrank, um nach vollendetem Mahle den Tanz auf dem Rasen selbst zu eröffnen und einen Glücksbeutel herumzureichen, daraus ein jeder sich eine Nummer ziehen konnte, welche ihm ein hübsches, praktisches Geschenk aus der bunten Marktbude am Parkeingang einlöste.

Es war alles so hübsch und sinnig geordnet mit vollstem Verständnis für Geschmack und Neigung der Landleute, welche bei aller Disziplin freie Bewegung hatten, daß man rückhaltlos die Begabung der jungen Lehnsherrin für derartige Feste anerkannte. Und in der Tat gehört mehr dazu, den schlichten Landmann zu erfreuen, als Geld und eine offene Hand – es gehört ein offenes Herz dazu und liebevolles Eingehen in das, was ihm lieb ist durch Tradition und eigene Neigung, es gehört dazu eine von Herzen kommende Freundlichkeit, nicht jene Herablassung, welche auch das freundlichste Wort hohl klingen läßt und zum Stachel macht. Und wer da meint, daß ihm durch ein Gespräch mit dem niederen Mann ein Stein aus der Krone fällt, der kann sich darauf verlassen, daß dieser Stein sehr schlecht und locker gefaßt war, denn wir können aus dem gesunden, ursprünglichen Urteil des geringen Mannes oft mehr lernen als aus Dutzenden von Büchern. Die Erziehung und die Bildung machen uns ja erst von dem Volke verschieden, denn der Schneeschipper unten auf der Straße hat vielleicht genau dieselbe Quantität Gehirn wie du, nur daß es bei dir geweckt durch den Ruf »Exzelsior«, während es bei ihm schlummert, roh weiterarbeitet oder am Ende ganz einschläft.

Das Volksfest im Falkenhof war also ein solches im besten Sinne des Wortes, denn Dolores wußte durch ihre Arrangements, die sie mit Engels ausgearbeitet, ihre Untergebenen zu erheitern und harmlos zu unterhalten, immer mitten unter ihnen erscheinend und alle Mütter auffordernd, ihre Kinder morgen nach dem Falkenhof zu bringen zu Spielen und süßen Bissen.

Doch als die Fässer leer waren und die letzte Fiedel verklungen und die bunten Papierlaternen und Stocklaternen verlöschten, und alles sich lachend und singend mit donnernden Hochs auf die Lehnsherrin entfernte, als auch die Nachbarn fort waren und man sich gute Nacht sagte, da brach Dolores fast zusammen. Es war zuviel für sie gewesen, die, sonst so stark und gesund, das Wort »Anstrengung« nicht kannte. Sie erschreckte Tereza erst durch eine lange Ohnmacht, aus der sie total erschöpft erwachte, um dann in einen ruhelosen, fieberhaften, traumgequälten Schlaf zu verfallen.

Tereza hatte in ihrer Angst erst Mamsell Köhler herbeigerufen, welche mit Essigäther, Salmiakgeist und Eau de Cologne hinzueilte und die Bewußtlose damit zu beleben suchte. Als dies gelungen war und Dolores zu Bett lag, hatte sich's die Beschließerin aber nicht versagen können, Frau Ruß, die noch wach war, von dem Vorkommnis zu unterrichten, worauf Doktor Ruß nach oben eilte und es von Tereza durchsetzte, an das Bett der Kranken geführt zu werden. Dort prüfte er den Puls der unruhig Schlafenden, maß ihre Temperatur durch Einlegen eines Maximalthermometers in die linke Achselhöhle, was Tereza sehr mißtrauisch beobachtete, und ging dann wieder hinab.

Nach einer Weile erschien er bei seiner Frau, ein Fläschchen mit einer farblosen Flüssigkeit in der Hand.

»Liebes Weib«, sagte er, »unsere teure Dolores scheint heut abend zuviel getan und ihre Nerven überspannt zu haben – hm, hat entschieden Fieber, wenn auch nicht in hohem Maße. Ich habe ihr hier drei Tropfen Akonit der dreifach verdünnten Potenz in Wasser zurechtgemacht und bitte dich, nach oben zu steigen, den Inhalt des Fläschchens in ein Glas Wasser zu mischen und dieses der Kranken löffelweise während der Nacht durch Tereza verabreichen zu lassen.«

Frau Ruß rührte sich nicht.

»Willst du gehen, liebste Adelheid?« fragte der Doktor sanft.

»Nein«, sagte sie laut und hart.

»Nein?« wiederholte er. »Ich habe wohl nicht recht verstanden?«

»Doch«, erwiderte sie kurz.

Da lachte er leise in sich hinein.

»Also immer noch eifersüchtig, Geliebte?« fragte er mit vollem Brustton, doch sie antwortete nicht.

»Nun, ich kann dich nicht zwingen«, fügte er hinzu. »Du willst also sicher nicht diese Arznei nach oben tragen?«

Da stand sie plötzlich auf. »Ja«, sagte sie, »gib her!«

»Ah, das ist vernünftig. Und die Vorschrift des Gebrauchs – –«

»Ich kenne den ganzen homöopathischen Humbug«, erwiderte sie trocken, nahm die Flasche aus seiner Hand und ging.

Auf dem zweiten Treppenabsatz nach oben befand sich aus guter alter Zeit her in die Wand eingelassen ein kupfernes Behältnis für Wasser, das aus einem Delphinrachen in ein kupfernes Becken in Muschelform rann und ehedem wohl zum Spülen von Gefäßen bestimmt war, da ein Abzugsrohr das gebrauchte Wasser nach unten leitete. Vor diesem Becken stand Frau Ruß, Licht und Flasche in der Hand, unschlüssig still – es arbeitete seltsam in den harten Zügen dieser Frau, Haß, Schreck und Entsetzen und etwas wunderbar Weiches spiegelten sich auf ihrem Antlitz wider, dann, mit einer raschen Bewegung, setzte sie das Licht nieder, goß den Inhalt des Fläschchens in das Becken aus, spülte das Fläschchen drei-, viermal aus und füllte es endlich wieder ganz mit klarem Wasser. So gab sie es an Tereza ab, die es ihrerseits auch wieder fortgoß, denn sie hielt in ihrem schlichten Negerverstande den Dilettantismus in der Homöopathie mit so vielen anderen für einen Unsinn ohne Ziel und Zweck.

Dolores aber befand sich am nächsten Morgen auch ohne die drei Tropfen Akonit des Herrn Doktor recht wohl und fühlte sich verhältnismäßig frisch.


* * *


Falkner hatte seiner Frau gegenüber kein Wort verloren über das Geschenk der Schlange an Dolores. Zwar, was er im Innersten empört eine unglaubliche Herzensroheit nannte, war ja kaum mehr als ein Kinderstreich, dessen Tragweite nach keiner Seite hin bemessen oder erwogen war, aber der Vorgang hatte so auf ihn gewirkt, daß er sich bei einer Vorstellung darüber nicht die nötige Ruhe zutraute, mit welcher er Lolo zu überzeugen hatte. Darum schwieg er vorläufig ganz – vielleicht, daß die junge Frau dadurch eher zur Überlegung gelangte, obgleich er das kaum zu hoffen wagte. Seine Taktik, obwohl er es kaum so nennen konnte, was ihm Schweigen auferlegte – seine Taktik erwies sich aber als von Erfolg, denn Lolo, die nach dem gehabten Effekt ihrer »gloriosen Idee« heftige und wohlverdiente Vorwürfe fürchtete, war über das Ausbleiben derselben erst erleichtert, dann erstaunt und zuletzt beunruhigt, denn sie sah und erkannte wohl aus dem Benehmen ihres Gatten, daß dieser Streich seinem Vertrauen zu ihr einen heftigen Stoß versetzt hatte. Und sie, die sich zuerst mit dem nötigen Trotz gewappnet hatte, um seinen Vorwürfen keck entgegenzutreten, sie fühlte ihn in einem gewissen Unbehagen schwinden und schmelzen, und dieses Unbehagen wurde allgemach zur Angst, die Angst zum Herzklopfen. Am Abend nach dem Fest im Falkenhofe aber hielt sie's nicht länger aus, und sie suchte ihren Gatten in dessen Zimmer auf.

»'n Abend, Alfred«, sagte sie, scheinbar harmlos eintretend.

»Guten Abend, Lolo. Willst du etwas von mir?« kam es kalt und erstaunt zurück.

»Nein«, erwiderte sie gedehnt, denn sie hatte ganz vergessen, sich für ihr ungewohntes Erscheinen einen Vorwand auszudenken. Zugleich aber faßte sie einen herzhaften Entschluß. »Ja«, setzte sie kühn hinzu, »ich wollte dich fragen, ob du böse auf mich bist. Du hast seit gestern kaum ein Wort mehr mit mir gesprochen!«

»Hast du das vermißt?« fragte er nicht ohne Bitterkeit und legte das Buch fort, in dem er gelesen hatte.

»Es scheint beinahe so«, murmelte sie.

»Ja, wirklich, Lolo? Oh, dann brauche ich noch nicht alles für verloren zu halten«, sagte Falkner herzlich – er war entwaffnet, und es hätte in der Tat schon sehr schlimm stehen müssen mit beiden, wäre er's nicht gewesen. Und nun stellte er ihr vor, welche Menschen- und Tierquälerei der »kapitale Spaß« gewesen, den sie gestern mit der Schlange bei Dolores ausgeübt. Sie hörte es ganz ernsthaft mit an, aber es überzeugte sie nicht ganz.

»Aber Lolo, denke nur, welche Furcht du vor Mäusen hast«, suchte Falkner dieser Lücke nachzuhelfen. »Was würdest du sagen, wenn Dolores dir zum Geburtstag Mäuse in einem Körbchen schenken wollte, um dich mit deiner Idiosynkrasie zu necken!«

»Ich kriegte die Krämpfe und kratzte ihr dann die Augen aus«, rief Lolo mit blitzenden Augen bei dem bloßen Gedanken.

»Nun also! Und du kaufst einem Waldhüter diese von ihm gefangene extra große Natter ab und bescherst sie der armen Dolores. Du hast den Effekt gesehen und kannst sehr froh sein, daß der furchtbare Schreck sie nicht auf dem Fleck tötete – als Geburtstagsgeschenk!«

»Hältst du das für möglich?« fragte sie mit großen Augen und gedämpfter Stimme wie ein Kind im Finstern.

»Gewiß«, sagte Falkner. Er war dessen zwar nicht ganz sicher, hielt aber starke Farben in diesem Falle für die einzig richtige Kur.

»Nun also, dann sei nicht mehr böse, Alfred«, bat sie kleinlaut. »Ich werde Dolores nie wieder eine Schlange schenken.«

Jetzt mußte er sich abwenden, ein Lächeln zu verbergen.

»Damit ist es aber noch nicht gutgemacht, Lolo«, sagte er dann. »Du wirst Dolores wohl ein Wort der Entschuldigung sagen müssen!«

Da stieg der jungen Frau das Blut ins Gesicht.

»Nein«, rief sie, sich emporbäumend, »nein, niemals. Ich werde mich vor ihr nicht demütigen.«

»Du mußt es nicht so auffassen, Lolo«, suchte er sie zu überzeugen. »Du hast es ja so leicht, da du Böses nicht beabsichtigt, sondern nur im Leichtsinn und unüberlegt gehandelt hast.«

»Ich tue es nicht«, sagte sie trotzig.

»Und Dolores wird dir mehr als auf halbem Wege entgegenkommen«, fuhr er fort.

»Woher weißt du das?« fragte sie scharf, mißtrauisch.

»Weil ich es von Dolores nicht anders erwarte«, erwiderte er ruhig.

»Nein, diese hohe Meinung, die du von ihr hast!« rief sie nervös und voll Hohn.

»Ich hoffe, sie hat die gleiche von mir, Lolo!«

»Oh, zweifellos. Aber ich sage nicht ›Peccavi‹ vor ihr.«

Falkner zuckte mit den Achseln.

»Wie du willst – ich kann dich dazu nicht zwingen, sondern dir nur raten.«

»Es liegt mir gar nichts an ihrer guten Meinung über mich«, behauptete die junge Frau bebend, und als Falkner darauf nichts erwiderte, brach sie in Tränen aus.

»Du weißt doch, daß ich eifersüchtig auf sie bin.«

»Du solltest aber auch wissen, daß ich nicht der Mann bin, den dir am Altar geleisteten Eid zu brechen«, erwiderte er ernst.

»Es haben ihn aber schon viele gebrochen«, warf sie ein.

»Dann war's ein Meineid wie jeder andere«, entgegnete er. »Oder hältst du einen Gott geleisteten Eid für geringer als einen solchen vor Gericht?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte sie verwirrt. »Das ist zu hoch für mich. Aber Dolores Abbitte leisten – – niemals!« setzte sie eigensinnig hinzu.

»Warum hast du denn diese Unterredung gesucht, wenn du das Begangene nicht gutmachen willst?«

»Weil mir an deiner Meinung etwas liegt an der von Dolores nichts.«

»Es gehört aber zu meiner guten Meinung, daß man seine Schuld durch ein freies, ehrliches, offenes Wort bekennt und wieder gutmacht. Was nützt mir alles Trotzen und Debattieren, wenn man dazu den Mut nicht hat?« fragte Falkner sehr bestimmt.

Doch es war nichts auszurichten – sie blieb eigensinnig bei ihrer Weigerung, trotzdem sie sah, daß es ihn verstimmte und abstieß. Infolgedessen entschloß er sich, dem Falkenhofe fernzubleiben, machte aber Lolo, um es ihr ganz leicht zu machen, den Vorschlag, eine Zeile an Dolores zu schreiben.

»Die Tochter des Herzogs von Nordland entschuldigt sich nicht bei ihres Vaters Untertanen«, brauste die »Durchlaucht« in der jungen Frau auf.

»Dann mußte die Tochter des Herzogs von Nordland auch keinen seiner Untertanen heiraten«, gab Falkner gereizt zurück, und wünschte trotz aller guten Vorsätze und blindestem Pflichtgefühl, zum erstenmal unverhohlen vor sich selbst, daß es in der Tat so gewesen wäre. Er hielt unter diesen Umständen eine Annäherung an Dolores für die Zukunft für ausgeschlossen, und da es ihm nicht einfallen konnte, vor der Welt mit seiner Frau zu brechen, so mußte er dem Falkenhof gleichfalls fernbleiben. Er schrieb deshalb an Dolores, zerriß den Brief aber in mehreren Konzepten, denn es hatte sich zwischen die Zeilen desselben jedesmal ein warmer Ton geschlichen, den er vermeiden wollte, weil er vor dem strengen Richterstuhl seines Gewissens nicht bestehen konnte. Er hielt daher Keppler an, ehe dieser zur Sitzung nach dem Falkenhofe hinüberging, teilte ihm das Notwendigste mit, nämlich, daß seine Frau ihren unpassenden Scherz nicht als solchen einsehen wollte und er infolgedessen den Falkenhof nicht besuchen könnte, da er sich von seiner Frau nicht trennen wolle und dürfe. Er bat Keppler, Dolores dies zu sagen mit seinem tiefsten Bedauern, diese Maßnahmen ergreifen zu müssen.

»Schreiben Sie das lieber, Falkner«, meinte Keppler.

»Nein. Es ist besser so«, entgegnete er, und Keppler ging, aber der Auftrag war ihm peinlich, und er entledigte sich seiner auch erst gegen das Ende der Sitzung. Der Ausdruck von Schmerz und Qual in dem schönen Antlitz der Lehnsherrin, der seiner Mitteilung folgte, erschreckte ihn tief, aber er sagte nichts, da auch sie nichts erwiderte. Doch als die Sitzung schloß und sie die Estrade verließ, sagte sie: »Wenn Sie einen Augenblick warten wollen, Herr Professor, bis ich mich umgekleidet habe, so will ich Sie nach Monrepos begleiten.«

»Sie wollen nach Monrepos – Sie?« fragte er erstaunt.

»Ja«, erwiderte sie fest. »Soll ich die Eris sein, welche den Zankapfel wirft in diese Ehe? Da sei Gott vor, und wenn ich einen Bruch da drüben verhüten kann und ich täte es nicht – wie könnt' ich das im Jenseits verantworten?«

»Es wird nicht jeder so groß denken«, sagte Keppler bewegt.

»Ich sehe nichts Großes darin, nur das rein Menschliche.« Sie nickte müde und rauschte in ihrer goldgestickten Schleppe hinaus, die Kleider zu wechseln, während er noch an der Stickerei und den Spitzen auf dem Gemälde weiterarbeitete. Als er dann die Palette beiseitelegte und hinunterging, fand er Dolores schon wartend, und schweigend schritten sie über das Bowling-green nach der Allee, die nach Monrepos führte.

Endlich brach Keppler das Schweigen.

»Ich habe noch gar nicht einmal gefragt, wie Sie sich heut fühlen.«

»Besser und weniger matt«, erwiderte Dolores in Gedanken.

Da blieb Keppler stehen.

»Hätte ich doch das Recht, ein offenes Wort mit Ihnen zu sprechen«, rief er, sichtlich erregt.

»Das Recht gebe ich meinen Freunden gern«, sagte sie erstaunt, aber freundlich.

»Wirklich? Oh, dann lassen Sie mich kraft dessen eine Bitte wagen: kehren Sie um! Tun Sie nicht diesen Gang nach Monrepos.«

»Warum?«

»Weil – weil – – kurz, dieser Gang hat seine Gefahren«, erwiderte er mit sichtlichem Kampfe.

»Ja –


›Sehr gefährlich ist der Aufenthalt,
So allein im dunklen Pinienwald‹,


singt die Gräfin in Gasparone«, scherzte Dolores. »Aber ich fürchte mich nicht«, schloß sie lächelnd.

»Dolores, es ist mir heiliger Ernst«, sagte Keppler. »Hören Sie mich an, ja?«

»Sprechen Sie.«

»Nun dann – nochmals, kehren Sie um; lassen Sie das Verhältnis mit Monrepos auf diesem Fuße stehen, den Falkner einnimmt – seine törichte, eigenwillige Frau tut Ihnen und ihm den größten Dienst damit!«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Dolores kühl und verwundert.

»Dolores, Sie müssen mich verstehen«, rief er beschwörend.

»Nein«, wiederholte sie kurz und kühl.

Da rang er mit sich einen kurzen Augenblick. »Dolores«, sagte er dann leise und schnell, »ich weiß, wie es mit Ihnen und Falkner steht – er hat sich bei der Szene mit der Schlange unbewußt verraten – Sie schon früher. Ich habe alles gesehen –«

»Sie haben Gespenster gesehen, Herr Professor Keppler, und überschreiten das Ihnen erteilte Recht eines offenen Wortes in unverantwortlicher Weise«, unterbrach sie ihn, blaß bis an die Lippen, aber fest, kalt und hochmütig, doch in ihrem Herzen rang der Schrei sich los: »Um Gott, ist es so weit gekommen, daß das Tote wieder erwacht und sich aus mir verrät? Und aus ihm?«

Und wie der echte, rechte Mut zu wachsen pflegt im Augenblick der Gefahr, wie Heldenherzen lieber gegen sich selbst den Stoß richten, ehe sie wanken und irren, so fand auch Dolores in diesem Moment den Mut der Selbstentäußerung, denn ehe Keppler noch etwas erwidern konnte, fuhr sie schon fort: »Und dies Überschreiten Ihrer Rechte zwingt mich, Ihnen ein Geheimnis preiszugeben, dessen Wahrung ich Ihrer Ehre anvertraue – ich werde mich mit dem Erbprinzen von Nordland vermählen!«

Wieder blieb Keppler stehen – vernichtet, betäubt. »Die morganatische Gemahlin eines regierenden Duodezfürsten – dazu sind Sie zu schade!« brach er dann los.

»Die Beurteilung dieses Schrittes bitte ich, mir zu überlassen«, erwiderte sie heftig, sprühenden Blickes.

Da schwieg er, und sie gingen weiter, doch ehe sie bis dicht an das Gitter von Monrepos kamen, da reichte er ihr bittenden Blickes die Hand.

»Es war gut gemeint, verzeihen Sie.«

»Gern«, erwiderte sie tonlos.

»Ich habe Sie und meinen Freund Falkner auch mit keinem Hauch des Verdachtes gekränkt«, fuhr er fort, »und warnen kann nicht beleidigen –«

»Gewiß nicht. Aber ich vertraue darauf, daß ich den Warner in der eigenen Brust trage«, unterbrach sie ihn stolz.

Da lächelte er trübe.

»Das Herz ist oft stärker und siegt«, war seine Antwort.

Doch sie waren bei Monrepos angelangt und das Gespräch damit zu Ende. Dolores sah zu ihrer Freude, daß Falkner und Lolo allein an einer Blumenrabatte standen und wohl ihre Gäste zum Lunch erwarteten. Und während Keppler sich zurückzog, trat sie schnell auf die Überraschten zu.

»Liebe Lolo«, sagte sie herzlich, aber auf den Wangen noch die Blässe der Erregung, »liebe Lolo, ich komme dir zu sagen, daß ich neulich nach meinem törichten Schreck über die Schlange recht abweisend und unhöflich zu dir war, die als Gast bei mir weilte. Das tut mir herzlich leid, denn ich bin überzeugt, daß du dir nur einen Scherz machen wolltest, weil du nicht wußtest, wie weit meine Antipathie gegen diese Tiere geht. Sei mir also nicht böse, und du auch nicht, Cousin Alfred!«

»Siehst du nun, wer unrecht hatte?« rief die junge Frau triumphierend.

»Und da sollte ich mich vor ihr demütigen, die jetzt zu mir kommt? Haha, ich werde deiner Abgötterei, die du mit Dolores treibst, keinen Weihrauch mehr liefern!«

»Eleonore!« rief Falkner erschrocken, aber Dolores, die auf diese Wendung freilich nicht gefaßt war, mußte unwillkürlich lachen.

»Bravo, Lolo«, rief sie gutmütig, »da hast du aber recht, denn Weihrauch macht mir stets Kopfschmerzen.«

»Und ich muß davon niesen«, gestand Lolo, deren momentane Empörung gegen die eingebildete Ungerechtigkeit ihres Gatten der rosigsten Laune wich, weil ihr von der Seite recht gegeben wurde, auf der Falkner ihr das Unrecht gezeigt.

In diesem Augenblicke erschienen auf der Veranda die auf Monrepos einquartierten Offiziere, und die junge Frau ging ihnen strahlend heiter entgegen. Nach der gegenseitigen Begrüßung erklärte Dolores indes, nach Hause gehen zu müssen, und Falkner begleitete sie bis an das Tor.

»Das war ein Schritt von dir, Dolores, der dir alle Ehre macht, eine große Selbstverleugnung, deren Motive ich zu erraten glaube«, sagte er beim Abschied, »aber du hast gesehen, wie Lolo es aufgefaßt hat. Das verzogene Kind wird dadurch von dem eigenen Unrecht nicht überzeugt –«

»Das hab' ich auch nicht gewollt«, unterbrach sie ihn. »Ich war ihr diese Rechtfertigung schuldig, denn ich habe sie als meinen Gast verletzt!«

»Oh, wäre sie nur halb so wie du«, murmelte er, doch sie war davongeeilt, ehe er den Satz vollendet hatte.

Im Parke hielt sie ein im schnellen Gehen – die erregten und aufgestachelten Nerven ließen nach, und die alte, rätselhafte Schwäche, Müdigkeit und Apathie kamen wieder, unterbrochen von Momenten bittersten Wehs und heftiger Anklagen gegen Keppler. Was hatte dieser Mann davon, den Schleier von ihrem Herzen zu ziehen und ihr armes, unseliges Geheimnis bloßzulegen? Welches Recht hatte er, ihr die Harmlosigkeit Falkner gegenüber zu rauben, ihr den Glauben zu nehmen, daß sie überwunden hatte? Todesmatt, fiebernd und elend im Herzensgrunde kam sie in den Falkenhof zurück und setzte sich gleich an den Schreibtisch, den Brief an den Erbprinzen zu schreiben, der ihm ihr Jawort bringen sollte. Aber ihr Kopf schmerzte sie, und die Gedanken verwirrten sich, daß sie abstehen mußte davon und sich zur Ruhe legen.

Ein kurzer, aber erquickender Schlaf tat ihr unendlich wohl, doch ließ sie sich am Mittagstisch entschuldigen und Frau Ruß bitten, ihren Platz an der Spitze desselben zu vertreten.

Erst gegen Abend ging sie wieder hinaus und stattete Engels einen Besuch ab, fand ihn aber nicht vor.

»Herr Engels ist mit den Herren Offizieren zum Pirschen gefahren,« hieß es.

Da ging Dolores durch den Park zurück, brach unterwegs ein paar Rosen und ging dann nach der Terrasse, auf der Ramo eben den Teetisch ordnete und Herr und Frau Ruß schon wie gewöhnlich saßen.

»Nun, geht es besser, liebe Dolores?« fragte Doktor Ruß, ihr entgegenkommend.

»Danke, ja«, erwiderte sie. »Ich freue mich jetzt auf eine Tasse Tee!«

Und damit übernahm sie die Bereitung des belebenden, durstlöschenden Trankes, während Doktor Ruß seine Bücher ins Haus zurücktrug und sich seine Zigarrentasche mitbrachte.

»Unsere Herren Husaren sind alle auf der Jagd«, begann er, Platz nehmend. »Es wurde heut bei Tisch viel Jägerlatein gesprochen und definitiv die Hoffnung aufgegeben, den Steinadler zu erlegen, trotzdem er noch im Falkenhofer Revier gesehen worden sein soll.«

»Wirklich? Wer weiß!« sagte Dolores, den Tee-Ertrakt in die Tassen gießend und aus dem Samowar mit kochendem Wasser auffüllend. Und dabei hatte sie ein eigentümlich schwankendes Gefühl und den Gedanken: das hab' ich schon erlebt – hier den Teetisch, dort das Abendbrot, und jetzt werden sie den Adler bringen –

Man nennt es Halluzinationen, dieses Erinnern an eine Vergangenheit, welche uns bekannt ist, weil sie vielleicht nur im Lande des Traumes liegt – oder diesen Blick in die Zukunft. Man hat noch nicht entdeckt, was die richtige Bezeichnung ist für diesen Zustand, in welchem man das Gefühl hat, als wäre man ganz anderswo, als berührten unsere Füße den Boden nicht. Und verwandt, eng verschwistert damit ist jenes seltsame Gefühl, das man manchmal beim Betreten fremder Häuser, beim Anblick uns bis dahin unbekannter Gegenden hat –: das kennst du schon, hier bist du schon einmal gewesen –

Wann?

Vielleicht im Traum, wo die Seele unbeherrscht von der physischen Willenskraft umherschweift. Aber wer kann dieses Rätsel lösen, wer eindringen in diese Mysterien? Wir haben nur ein »Vielleicht« für dies alles, und dieses »Vielleicht« hat Freidenker zur Irrlehre der Seelenwanderung geführt, trotzdem wir aus dem Evangelium wissen, daß wir nach dem Tode zwar weiterleben, aber nicht im Fleische, sondern im Geiste, daß also diese Halluzinationen, wie die Wissenschaft dies Erinnern und Hellsehen bezeichnet, keine Erinnerungen sind aus einem früheren Leben in anderer Gestalt. So schnell wie diese seltsamen Blitze durch die Seele fliegen, so schnell verschwinden sie auch, aber dennoch überschauerte es Dolores ganz eigen, als eben, wie sie ihre Tasse an die Lippen setzte, Engels, gefolgt von zwei Forstgehilfen, die eine seltsame Last trugen, um die Turmecke rechts von der Terrasse bog. Schon von weitem zog er den Hut und schwenkte ihn hoch in der Luft.

»Seltene Beute«, rief er laut herüber, »wir haben ihn, den König der Lüfte!«

Und in der Tat brachten sie den gewaltigen Vogel herauf und legten ihn mit ausgebreitetem Flug auf den Steinestrich der Terrasse.

»Drei Schüsse haben ihn gefehlt, der meinige ihn getroffen«, berichtete Engels ganz stolz und mit leuchtenden Augen. »Die Herren Offiziere wollten ihn zu Ihren Füßen legen, Fräulein Dolores, und nun wird mir diese Freude und Ehre.«

Gerührt reichte Dolores dem Getreuen die Hand, die er mit abgezogenem Hut ehrfurchtsvoll an die Lippen führte.

»Wir lassen ihn ausstopfen, und dann soll er einen Ehrenplatz bekommen in meinem Zimmer«, sagte sie erfreut.

»Welche enorme Flügelspannung«, bewunderte Doktor Ruß. »Ich möchte wohl seine Weite kennen!«

»Dort ist ein Maß in meinem Arbeitskorb«, sagte Frau Ruß und wollte es holen, doch ehe sie über den Vogel weg zurück an den Tisch gelangen konnte, war er schon dort und suchte in dem Korbe, den Rücken den anderen zugekehrt –

Plötzlich erhielt Dolores einen Stoß, der sie, die neben dem Adler auf dem Boden kniete, fast umgeworfen hätte. Es war Frau Ruß, die an sie gestoßen hatte und sich jetzt, ganz rot im Gesicht, wieder aufrichtete.

»Verzeih«, murmelte sie, »ich wollte nur auch den Adler sehen –«

Doch ehe Dolores sich über das eigentümliche Gebaren der Tante wundern konnte, war Doktor Ruß mit dem Maße neben ihr und begann mit Hilfe der anderen die Breite des Fluges zu messen.

»Eins – zwei – zwei Meter sieben Zentimeter«, meldete er, sich aufrichtend, und wischte sich von der Anstrengung dicke Schweißtropfen von der Stirn, so daß Engels noch gutmütig neckend sagte: »Na, Doktor, Sie müssen auch mal wieder in Training, sonst werden sie bald ein richtiger Apoplektiker. Donnerwetter, schwitzt der Mann von dem bißchen Bücken!«

Doktor Ruß lachte etwas nervös zu der medizinischen Meinung des »lieben Engels«.

»Ja, ja, uns alten Herren wird das Training nur etwas sauer, wenn wir heraus sind«, meinte er.

»Nun aber eine Tasse Tee mit viel Rum, lieber Engels«, rief Dolores, und nachdem die Forstgehilfen gegangen waren, setzte man sich wieder an den gemütlichen runden Tisch. Engels hatte bald seine Tasse vor sich stehen, deren Inhalt den euphemistischen Namen »Tee« führte, in der Tat aber ein ehrlicher, steifer Grog war, dessen weniges Wasser eine Teekanne passiert hatte.

Als nun Dolores dem glücklichen und von den andern Jägern sicher sehr beneideten Schützen des Adlers auch noch eine Schüssel voll zierlich belegter Sandwichs zugeschoben hatte, nahm sie selbst endlich ihre Tasse und führte sie zum Munde, und als sie dabei aufsah, nahm sie wahr, wie Frau Ruß ihre Augen auf sie geheftet hatte, starr, unbeweglich, mit einem seltsamen Ausdruck darin von Angst, Drohung, Haß, Neugier –

Wie gebannt begegnete Dolores diesem Blicke, der so steinern und doch so ausdrucksvoll war, der ohne die Wimpern zu zucken nach ihr hinübersah – und da beschlich sie vor diesem Blicke ein solch furchtbares Grauen, eine solch entsetzliche Angst, die sie sich selbst nicht hätte erklären können, daß etwas von dem Gefühl eines zu Tode gehetzten Wildes über sie kam und sie fort wollte, fort, und doch nicht konnte, gefesselt von diesen kalten, hellen Augen, die sie unverwandt ansahen –

Da fiel die nur halb geleerte Tasse klirrend aus ihren Händen hinab auf die Steinfliesen der Terrasse, und dieses Geräusch erlöste sie aus einem, wie ihr deuchte, endlosen, in der Tat aber nur Sekunden währenden Bann; sie stieß einen halberstickten, halbgelähmten Schrei aus, taumelte ein paar Schritte weiter und fiel bewußtlos über den mächtigen Körper des toten Adlers zu Boden – – – – – – –

Als sie die Augen wieder aufschlug, lag sie auf ihrem Bett, neben dem Tereza und Frau Ruß standen –

»Fort!« rief sie letzterer in höchster Angst zu, »fort – fort – um Gottes willen – ich fürchte mich vor dir –«

Da zuckte es über das kalte, ausdruckslose Gesicht der großen Frau wie Wetterleuchten, aber sie wandte sich sofort ab und ging hinaus. Draußen im Korridor aber stand sie still, schlug beide Hände vor ihr blasses Gesicht und schluchzte, tränenlos, und mußte, um sich fassen und mit ihrem gewöhnlichen Ausdruck unten erscheinen zu können, lange stehen, ehe sie wieder hinabstieg und von ihrem Gatten mit einem teilnahmsvollen:

»Nun, wie steht es oben?« empfangen wurde. Indes fuhr Engels mit den schnellsten Pferden nach der Stadt, um dort für Dolores einen Arzt zu holen, der nach der unvollkommenen Beschreibung des Zustandes seiner Patientin auf eine schwere Nervenerschütterung schloß und sich mit einigen beruhigenden Präparaten versah. – Auf dem Rückwege von der Stadt begegnete er Falkner zu Pferde, und dieser war sehr erschrocken über die schlechten Nachrichten von Dolores und ritt nun sofort mit nach dem Falkenhof. Doch war das, was er von Doktor Ruß über den Fall hörte, wenig genug, aber im ganzen beruhigend und überzeugend. –«Die Nerven sind es, die Nerven!« meinte er. »Entsinne dich, wie gesund sie war, als sie die Musik eine zeitlang ganz ruhen ließ. Plötzlich aber warf sie sich mit nervöser Hast auf das, was ja entschieden ihr Beruf ist, was ihren Neigungen entspricht, spielte stundenlang, sang und komponierte, bis ihre Nerven dem Reize nachgaben. Sie kann froh sein, wenn sie einem Nervenfieber entgeht, was ich aber glaube, wenn sie die richtigen Arzneien bekommt: Schlaf und Ruhe.«

Der Ausspruch des Arztes, den Falkner erwartete, lautete ähnlich. Er hatte ihr ein neu erfundenes, auf die Nerven wunderbar beruhigend wirkendes Präparat eingegeben und verschrieb nun noch ein Schutzmittel gegen erneute »Anfälle«, denen er aber etwas für ihn noch Unerklärliches nicht absprach.

Dolores verbrachte, dank dem Schlafmittel, eine ruhige, ungestörte Nacht, in welcher ihr unaufhörlich träumte, daß die Ahnfrau Dolorosa blaß und traurig vor ihr stände und sie beschwor, ihren Sieg über den Bösen nicht halb sein zu lassen, sondern zu vervollständigen, damit sie Erlösung fände.

Dieser Traum und die wiederholten Worte standen so klar und deutlich vor ihr, als sie erwachte, daß sie darüber nachdenken mußte. Diesen häufigen Träumen, in denen eine Warnung vor »dem Bösen«, vor einer vagen Gefahr, immer wiederkehrte, seit sie im Falkenhof war, fing sie an, die Schuld an ihren herabgestimmten Nerven beizumessen, denn seit sie von Nordland zurück war, war kaum eine Nacht vergangen, die ihr nicht einen Traum gebracht, in dem die Ahnfrau und deren Warnungen eine Rolle spielten. Freilich, der Schuß durch den spanischen Brief und der trotz aller Gegenvorstellungen nicht eingeschlafene Verdacht, daß ihr Sturz ins Hexenloch kein zufälliger gewesen, waren ja schließlich genug, um die unablässigen aufregenden Träume von nahen Gefahren für die zu rechtfertigen, welche an eine Einwirkung auf die Seele im Traume glauben, aber Dolores hatte sie eigentlich immer vergessen, wenn das Sonnenlicht kam und die klaren Gedanken ihres klaren Kopfes warm durchleuchtete. – Und wie sie nach dieser letzten Nacht erwachte und wieder die Erinnerung an den Traum derselben die Klarlegung der Vorgänge des vergangenen Tages verdrängten, der ihr eine so starke seelische Erregung gebracht, da überkam sie ein Wunsch, ein Gedanke –: Fort von hier! Und dieser Wunsch wurde so stark in ihr, daß er sie förmlich kräftigte und sie trotz der Gegenvorstellungen Terezas aufstand und sich in einen weichen, weißwollenen Schlafrock gehüllt auf dem Balkon ihres Salons das Frühstück servieren ließ. Dort sah sie der unten promenierende Doktor Ruß, fragte an, ob er störe, und ließ sich auf die verneinte Antwort bald darauf ihr gegenüber nieder, ein wohlverbundenes und etikettiertes Fläschchen in der Hand, dessen wasserheller Inhalt ganz unschuldig aussah.

»Es freut mich unendlich, Sie wieder wohlauf zu sehen, teure Dolores«, sagte er mit dem tiefen, leisen Wohlklange seines Organs. »Aber«, fügte er, das Fläschchen schüttelnd, hinzu, »aber Sie müssen auch ›brav‹ sein und dies Tränkchen nehmen, das Doktor Müller für Sie verschrieb, und das ich selbst gestern abend noch aus der Apotheke für Sie holte.«

Dolores versicherte, daß sie Arznei im ganzen ohne Schwierigkeiten nähme, sofern dieselben nicht bestimmte, ihr widerwärtige Mixturen enthielten, und schluckte zum Beweise sofort einen Teelöffel voll, den Doktor Ruß ihr füllte.

»Schmeckt es schlecht?« fragte er lächelnd, als Dolores den Mund etwas verzog.

»Schlecht ist zuviel«, meinte sie, »aber es ist ein merkwürdiger Geschmack, ich weiß nicht wonach – ein Geschmack, der mich verfolgt, denn ich habe ihn schon in gewöhnlichen Speisen und Getränken verspürt.«

»Einbildung, pure Einbildung, liebe Dolores«, sagte Doktor Ruß. »Aber es ist ein Beweis krankhaften Zustandes.«

»Freilich wohl! Denn woher schmeckten mir sonst verschiedene Dinge ganz gleich?«

Sie spielte eine Weile sinnend mit der Etikette des Fläschchens, welche »zweistündlich einen Teelöffel« vorschrieb und begegnete, aufsehend, dem auf sie gerichteten Blicke des Doktor Ruß.

Nervös erregt, wie sie war, machte selbst dieser Blick sie erschauern, doch sie bekämpfte schnell ihr Unbehagen.

»Lieber Doktor«, sagte sie dann nicht ohne eine gewisse Verlegenheit, »nicht wahr, Sie sind nicht böse, wenn ich Sie und die Tante für den Monat, den ich noch hierbleiben wollte, auslade. Ich muß aber fort, sonst geht meine Gesundheit ganz zugrunde. Ich denke, die See soll mir jetzt noch guttun. Dafür aber besuchen Sie mich nächsten Sommer wieder hier recht lange, nicht wahr?«

»Natürlich, natürlich, liebe Dolores! Bedarf es zwischen uns der Formalitäten? Sicherlich doch nicht!« erwiderte Ruß hastig und lauter als gewöhnlich. »Und wann wollen Sie fort?« setzte er gespannt hinzu.

»Sobald die Einquartierung fort ist – also genau in einer Woche. Es wird mir schwer genug, auch diese noch hierzu bleiben, denn ich fühle, daß ich einer Reparatur meiner Nerven dringend bedarf.«

»Sicherlich«, stimmte Doktor Ruß zu. »Aber ein Wort noch, liebe Dolores, in dieser Sache. Sie können nicht allein reisen, nicht allein im Seebade bleiben – die Welt urteilt so leicht – und –«

»O nein, ich weiß, daß man den ›bösen Zungen‹ Konzessionen machen muß«, fiel sie ein, »obgleich ich gestehe, daß ich dieselben stets hart meinem Stolze und meinem reinen Bewußtsein abringen muß. Tereza ist unterwegs genug für mich, Ramo nicht zu vergessen, und im Seebade werden Balthasars mich bevatern und bemuttern. »

»Ah? Und dann?«

»Dann gehe ich auf vier Wochen zu der Großherzogin auf deren Lustschloß an der See – wir haben das schon abgemacht. Den Winter aber verlebe ich mit dem alten Freunde meines Vaters und dessen Gattin in Italien.«

»Also alles fait accompli?«

»Alles. Nicht wahr, Sie sind nicht böse, daß ich Sie für diesen folgenden Monat aus-, und daher zum nächsten Sommer einlade. Aber wäre ich nicht so ›Halali‹, wie Engels es bezeichnet, so wäre ich sicherlich geblieben«, schloß sie liebenswürdig und reichte ihm die Hand, welche feucht und kalt war.

Doch obgleich Doktor Ruß sich vollkommen wohl befand, so hatte Dolores von seiner Hand genau dieselbe Empfindung, die sie abstieß und ihr unangenehm war.

»Nun, das fehlte noch, daß Sie sich deswegen bei uns entschuldigen wollten«, erwiderte er heiter, aber mit belegter Stimme.

»Und Sie? Wohin werden Sie die Achse lenken?« fragte Dolores.

»Jedenfalls zuerst nach Berlin«, meinte er sorglos. »So wenigstens habe ich es mit meiner Frau besprochen.«

Bald darauf verabschiedete er sich und stieg in seine Wohnung hinab, wo seine Frau nähend saß.

»Dolores ist auf, will fort und hat uns gekündigt«, sagte er mit erzwungener Lustigkeit. Und als Frau Ruß erstaunt aufsah, setzte er, etwas aus der Rolle fallend, hinzu: »Du brauchst mich nicht so erstaunt anzuglotzen, wie die Kuh das neue Tor – heut über acht Tage wird der Falkenhof geschlossen, und wir sind mit einer Einladung fürs nächste Jahr an die Luft gesetzt. Fürs nächste Jahr! Wenn du ein Murmeltier bist, so lege dich bis dahin schlafen, oder wenn du ein Dachs bist, so vergrabe dich und zehre an deinem eigenen Fett, wie es diese ökonomischen Tiere zu tun pflegen!«

Und damit lachte er höhnisch und ging in sein Zimmer, dessen Tür er hinter sich verriegelte.

Frau Ruß war leichenblaß geworden – die Arbeit glitt der sonst unablässig Fleißigen aus der Hand, und sie saß, den Blick geradeaus gerichtet, wohl eine halbe Stunde lang da, ohne sich zu rühren, wie ein Steinbild. Endlich erhob sie sich mühsam, streifte die niederen Schuhe von den Füßen, schlich zu der Tür, durch die ihr Gatte verschwunden war, und sah durch das Schlüsselloch. Er saß, wie sie vermutet hatte, vor dem Rokokopult mit Aufsatz, dessen er sich stets als Schreibtisch bediente, und schrieb – malte vielmehr mit der Feder, langsam und oft absetzend, auf einem Blatte Papier und sah oft dabei auf ein anderes Blatt, das vor ihm lag, das Frau Ruß aber nicht erkennen konnte. Er kopierte augenscheinlich etwas. Dabei hörte sie ihn öfters Ausrufe der Unzufriedenheit und Mißbilligung ausstoßen, und endlich stand er auf und öffnete links eine der kleinen schrägen Schubladen, welche den Aufsatz des Pultes an den stumpfen Ecken flankierten, und tastete mit der Hand, nachdem er die Lade ganz herausgezogen hatte, in der leeren Höhle umher, bis ein scharfes, schnappendes Geräusch von der angespannt Lauschenden vernommen wurde. Da erhob er sich und suchte in dem schrankartigen Mittelfach umher – was er dort tat und trieb, deckte sein Rücken – Frau Ruß konnte es nicht sehen. Nach einer Weile aber hörte sie wieder das schnappende Geräusch, worauf Doktor Ruß die Schublade in ihr Fach zurückschob und seine Schreibereien zusammenzupacken begann.

Da kehrte Frau Ruß leise auf ihren Platz zurück und saß ruhig nähend da, als nach zehn Minuten ihr Mann wieder erschien, den Hut auf dem Kopfe und den leinenen Staubmantel an.

»Engels wollte um elf Uhr den Arzt wieder holen lassen«, sagte er, »und da mir Schreibmaterialien fehlen, so werde ich mitfahren und dieselben besorgen. Du magst mir also vom Lunch einiges aufheben lassen.«

»Ja«, nickte sie, »es ist gut. Wann soll ich mit dem Packen beginnen?«

»Das hat Zeit«, erwiderte er und ging.

Wieder saß Frau Ruß still, bis sie einen Wagen aus dem Stallhofe rollen hörte und sie, hinausspähend, Doktor Ruß in seinem Staubmantel fortfahren sah. Da erhob sie sich und ging in das Zimmer ihres Gatten und an dessen Schreibtisch, dessen Pult verschlossen war, wie die Schranktüren des Aufsatzes. Zunächst suchte sie nun die Schublade an der linken, stumpfen Ecke des letzteren, und nachdem sie mehrere dieser langen, engen Dinger herausgezogen und die Fächer untersucht hatte, fand sie in dem mittelsten derselben einen ziemlich flachen Knopf, der sich in einer Rille weiterschieben ließ. In der Aufregung, in welcher sie sich befand, machte sie sogleich ein Experiment damit, und ein scharf schnappendes Geräusch im Innern des Schränkchens belehrte sie, daß hier ein Mechanismus ein verborgenes Fach geöffnet haben mußte, und zwar ein in dem Schränkchen selbst zugängliches Fach. Doch wie hierzu gelangen ohne Schlüssel? Mechanisch zog sie ein kleines Schlüsselbund aus der Tasche, das ihre eigenen Spinde und Kommoden schloß, und ließ es nachdenklich durch die Finger gleiten. Es war unter den französischen Schlüsseln auch einer, der in eine kleine Rokokokommode paßte, in der sie ihre Hauben und feine Wäsche verwahrte – ein elendes Ding von einem Schlüssel mit verschnörkeltem Bartausschnitt. Diesen Schlüssel steckte sie zweifelnd und ohne seine Schließfertigkeit zu erhoffen, in das Schloß des Pultes – und siehe da, er schloß das primitive Schloß ohne Schwierigkeiten auf.

Klopfenden Herzens, aber mit vorsichtiger Hand zog sie die Ledermappe mit Löschblattfüllung, auf der ihr Gatte stets schrieb, heraus, und da lagen auch gleich die frischen Schriftproben – Blätter, auf denen der Schreiber einzelne Worte geübt und einzelne Buchstaben – alles in den charakteristischen, auffallenden Schriftzügen von Dolores Falkner! Und hier – hier war auch ein Brief von ihr mit nichtigem Inhalt, der als Vorlage für diese Übungen gedient haben mußte.

Vorsichtig schob sie alles wieder zusammen und schloß das Pult und – siehe da, der verachtete und oft geschmähte kleine Schlüssel schloß auch die Schranktür des Aufsatzes auf. Nun probierte sie wieder den Knopf in dem Schubfache – er arbeitete leicht und sicher und öffnete in dem Schränkchen, das mit allerlei Bildern vollgeklebt war, wie man es oft in diesen alten Spinden findet, ein Geheimfach, dessen Tür unfindbar für den aufmerksamsten Sucher, mit einem bunten kleinen englischen Stich, der die Porträts des Königs Wilhelm III., der Königinnen Mary II. und Anna und deren Gemahl, dem Prinzen Georg von Dänemark, trug, verkleidet war – ein seltenes Schmähblatt dadurch, daß es die für die letzten Stuarts schmeichelhafte Unterschrift trug:


There is Mary the Daughter and Willy the Cheater,
And Georgie the Drinker, and Annie the Eater.


Frau Ruß interessierte dies illustrierte Pamphlet von der Größe eines Oktavblattes aber gar nicht. Mit fliegender Hand langte sie hinein in das Fach – es enthielt nichts als ein paar Pappschachteln mit weißem Pulver ohne Aufschrift, nur mit lateinischen Ziffern in I und II numeriert und ein kleines Fläschchen von blauem Glase mit Glasstöpsel. Vorsichtig zog sie dieselben halb heraus und roch daran – ein betäubender Duft von bitteren Mandeln machte sie aber sogleich zurückfahren und aufhusten. Schnell setzte sie alles wieder an Ort und Stelle, schloß Geheimfach und Schrank, schob die Schublade in ihr Fach und setzte sich dann hin, die Hände verschränkend, und dachte nach.

Aber nicht lange, denn ein Blick auf die Uhr ließ sie bald wieder aufschrecken. Schnellen Schrittes verließ sie das Zimmer und fragte draußen im Korridor nach Mamsell Köhler, zu der sie in die Speisekammer gewiesen wurde.

Dort, in dem kühlen, gewölbten Raum stand das kleine graue Hausgeistchen des Falkenhofes und hatte alle Hände voll zu tun, um zum Lunch kalten Schinken, Roastbeef und Braten aufzuschneiden, Pasteten mit goldklarem, pikantem Aspik zu verzieren und eine Schüssel delikaten russischen Fleischsalates mit zierlich ausgestochenen roten Rüben, Pilzen, Haricots usw. zu garnieren, indes drüben in der Küche die warmen Gerichte auf dem mächtigen Herde in kupfernen, spiegelblanken Kasserollen und Töpfen, welche zum Lehen gehörten und mit dem Falknerschen Wappen graviert waren, zischten, brodelten und brieten.

Frau Ruß trug das Anliegen ihres Mannes wegen Aufhebens von Essen für ihn vor.

»Sehr wohl, Frau Baronin, soll besorgt werden«, versprach Mamsell Köhler, welche nie unterließ, Frau Ruß ihren Titel aus der ersten Ehe zu geben, wie sie Lolo Falkner stets mit einer Sintflut von »Durchlauchts« überschüttete, wo sich es tun ließ. »Ich weiß wieder nicht, wo mir der Kopf steht«, schwatzte sie weiter, eine dem Eisschrank entnommene Blechbüchse mit Kaviar öffnend und den milden, grauen, großkörnigen Inhalt in eine Schüssel entleerend. »Die Herren Offiziere können jeden Augenblick von dem Manöver zurückkommen und haben dann stets einen gottgesegneten Hunger. Lieber Himmel, mit solchem Appetit aß unsere gnädige Baronin früher auch, und jetzt –? Was hat sie sich bestellt? Ein Kaviarbrötchen und eine Scheibe Roastbeef! Wie für einen Sperling! Und wird auch davon noch die Hälfte herunterschicken, da wette ich darauf!«

Während Mamsell Köhler ihre Zunge gehen ließ wie ein wohlgeöltes Maschinenrad, musterte Frau Ruß den Inhalt dieses geschmackvollen Raumes, insbesondere aber ein Regal, auf welchem Kolonial- und Spezereiwaren in weißen Porzellanfäßchen mit Aufschrift des Inhalts standen. Daneben waren Blechkästen und Büchsen mit Tee, Keks und Dessert aufgestellt – alles so appetitlich und einladend wie möglich, wie es eben »nur Mamsell Köhler« verstand.

»Haben Sie noch gebrannte Mandeln?« fragte Frau Ruß.

»Sind leider ganz alle, Frau Baronin«, seufzte die Kleine mit Bedauern und viertelte eine Zitrone. »Ach Gott, überhaupt die Süßigkeiten! Die essen die jungen Herren Leutnants auch wie das liebe Brot – tellerweise! Und dabei noch die viele Schlagsahne – man wundert sich bloß, daß den jungen Herren nicht manchmal schlecht wird in dem Magen –«

»Ich werde mir ein paar rohe Mandeln zum Knuspern mitnehmen«, unterbrach Frau Ruß diese Bewunderung eines Leutnantsmagens hervorgegangen aus der völligen Unkenntnis dieses oft verblüffenden Organs. Und mit diesen Worten öffnete sie eine der Porzellantonnen und griff tief in dieselbe hinab.

»Das sind ja bittere«, rief Mamsell Köhler warnend, indem sie die Kaviarschüssel mit Zitrone und Petersilienbüscheln garnierte.

»Ach so – ich habe mich versehen«, erwiderte Frau Ruß, und ließ den Inhalt ihrer Rechten ungesehen in die Kleidertasche gleiten. Dann entnahm sie der Tonne mit der Aufschrift »Knackmandeln« eine Handvoll der großen, süßen Früchte, nickte Mamsell Köhler zu und ging in ihr Zimmer zurück, wo sie die Schalmandeln ruhig in ein Kästchen tat und die »irrtümlich« ergriffenen und behaltenen bittern Mandeln hervorholte. Auf einem saubern Papier unterzog sie sich der Mühe, die Mandeln mit einem Federmesser zu schaben, und hatte dann die feinen Spänchen eben in ein Musselinläppchen gebunden und in ein viertel Wasserglas voll Wasser gelegt, als der Tamtam durch den Falkenhof dröhnte zum Zeichen, daß der Lunch serviert sei. Schnell schloß sie das Glas fort in ein Schränkchen, ordnete ihren Scheitel, wusch die Hände und ging nach dem Speisesaal, wo sie an Stelle ihrer Nichte der Tafel präsidierte.


Am Nachmittage kam Falkner mit Lolo von Monrepos herüber, um sich nach dem Befinden von Dolores zu erkundigen, und fanden sie, trotz des warmen Wetters fröstelnd in ein großes weiches Tuch aus weißer Wolle gehüllt, in ihrem Salon vor, »blaß und durchsichtig wie ein schönes Gespenst; – wie die ›Traviata‹ im letzten Akt«, sagte Lolo Falkner später zu ihren Gästen.

Falkner war tief erschüttert von diesem Schattenbilde der einst so strahlenden Dolores und wollte gleich wieder gehen, um sie ruhen zu lassen.

»Ach nein, bleibt nur«, bat sie. »Ihr wißt, daß die Einsamkeit mir sonst so lieb ist, aber heute habe ich mich förmlich vor ihr gefürchtet. Ich bin so schrecklich allein –«

Falkner wußte, daß seine Mutter nicht die Sympathien von Dolores hatte, darum brachte er sie nicht als Gesellschaft in Vorschlag.

»Wenn du die Gräfin Schinga zu dir herüberbitten wolltest – sie käme gewiß gern«, meinte er.

»O ja, ich habe an sie noch nicht gedacht«, sagte Dolores, angeregt von der Idee. »Sie müßte nur nicht verlangen, daß ich spreche«, setzte sie hinzu, »denn ich bin so müde – –«

»Ich werde gleich hinüberfahren nach Arnsdorf und die Gräfin selbst holen«, meinte Falkner aufstehend. Dolores war sehr erfreut über Falkners Bereitwilligkeit und versicherte ihm mit mattem Lächeln, es sei sehr gütig von ihm.

Lolo, froh, auf so gute Manier aus der »langweiligen Bude«, wie sie den Falkenhof nannte, heraus zu können, schloß sich ihrem Gatten an, und Dolores war wieder allein.

Aber nur wenige Minuten, da klopfte es leise, und Frau Ruß trat hinein, schüchtern fast, denn sie hatte Dolores seit dem vorigen Abend nicht wiedergesehen und wurde selbst ganz blaß bei dem Anblick der weiß eingehüllten, durchsichtigen Erscheinung ihrer Nichte. Dolores selbst hatte das Entsetzen noch nicht vergessen, das diese Frau ihr gestern abend eingeflößt durch ihren Blick, und darum klang ihr erzwungener Willkommsgruß vielleicht kälter und kürzer, als sie selbst gewollt.

»Mein Mann ist noch nicht zurück aus der Stadt – der Arzt muß also auswärts gewesen sein«, sagte Frau Ruß fast schüchtern.

»Wahrscheinlich. Er kann mir ja doch nichts nützen«, erwiderte Dolores.

»Nein«, stimmte Frau Ruß bei, »der kann dir nichts nützen. Du mußt einen anderen Arzt haben. Darf ich für dich an X. nach Berlin schreiben? Er wird gewiß dann bald kommen?«

»Oh, das ist überflüssig. Es wird schon von selbst wieder werden«, entgegnete Dolores gleichgültig.

»Nein, du darfst das so nicht hingehen lassen«, rief Frau Ruß dringend, »wirklich nicht! Laß mich an den Arzt schreiben, oder besser noch telegraphieren.«

»Das würde mich sofort mit dem behandelnden Arzte überwerfen – wir müssen sein Gutachten erst abwarten«, sagte Dolores kurz.

Vor diesem Einwande verstummte Frau Ruß. »Kann ich dir deine Arznei geben?« fragte sie nach einer Weile.

»Du bist sehr gütig. Sie steht dort auf dem Tisch.«

Frau Ruß ging hin, nahm die Flasche und entkorkte sie.

»Du hast wenig davon genommen.«

»Zweimal«, sagte Dolores. »Mir ist der nichtssagende Geschmack so widerwärtig. Aber es schmecken mir viele andere Dinge ebenso – meist der Tee am Abend.«

»Ja«, nickte Frau Ruß, aber indem sie die Flüssigkeit in den Löffel laufen lassen wollte, fiel die Flasche herab und entgoß ihren Inhalt auf den Teppich, welcher ihn sofort aufsaugte.

»Nun habe ich wenigstens eine Entschuldigung für mein Nichtnehmen«, meinte Dolores erleichtert.

In diesem Augenblick ließ Keppler sich melden. Er hatte bis jetzt drüben im Marmorsaal an dem Porträt gemalt, d. h. an dem Kleide, welches bis zu diesem Ende auf dem Podium auf einem Kleiderständer drapiert war. Dolores ließ den Künstler bitten, einzutreten, froh, daß sie des Alleinseins mit Frau Ruß überhoben war. Diese blieb indes auch – sie ward aber schweigsam wie gewöhnlich und ging endlich, als Falkners mit der Gräfin Schinga zurückkehrten – aber sie hatte auf Keppler den Eindruck gemacht, als hätte sie etwas sagen wollen und die Gelegenheit dazu nicht gefunden.

Dolores war froh, als sie fort war, und begrüßte die Gräfin mit freudiger Dankbarkeit für ihr Kommen. Und so nahmen die vier denn Platz um die Kranke, und eine halblaute, aber eifrige Konversation, welche Dolores sichtlich anregte, begann, bis sie sich müde und erschöpft zurücklehnte.

»Wollen Sie etwas Musik?« fragte Gräfin Schinga, und Dolores nickte.

»Aber etwas recht Sanftes«, bat sie.

Die Gräfin öffnete den Flügel, dachte eine Weile nach, und dann spielte sie die Einleitung zum letzten Akt der »Traviata«, diese von Todesahnung durchzitterte Weise, in der das zum Sterben verurteilte Herz noch einmal hoch aufklopft für einen kurzen Moment und dann erlischt.

Während Gräfin Schinga spielte, hatte Dolores sich aufgerichtet, hatte das Tuch von sich geworfen und war neben die Spielende getreten, sich mit ihr durch einen Blick verständigend. Und so flocht letztere denn nach der beendeten Einleitung ein paar Akkorde der Rezitative mit ein und ging über in die Begleitung des letzten Aufschluchzens der Violetta, und Dolores fiel ein mit ihrer Stimme, leise, leise, wie ein Hauch zuerst, dann stärker anschwellend und wieder erlöschend, wie das junge Leben der Singenden:


»Addio del passato, beisogni, ridenti,
Le rose del volto gia sono palllenti;
L'Amore d'Alfredo perfino mi manca
Conforto, sostegno dell' anima stanca – –«


Sie schloß schon nach dem ersten »tutto, tutto fini« –«alles, alles zu Ende«, aber nie vielleicht hatte sie so erschütternd gesungen. Einmal hatte sie gestockt nach den ersten Zeilen, als der Name »Alfredo« ihr auf die Lippen trat, aber sie hatte weitergesungen. – Was tat es zur Sache, daß sie seinen Namen jetzt in Verbindung mit ihrer Liebe nannte – denn tutto, tutto fini – –

Und wie sie geendet hatte und Gräfin Schinga die Hände von den Tasten sinken ließ, da war es einen Augenblick sehr still in dem kleinen Kreise, so still, daß man das Summen der Bienen draußen in der warmen Spätsommerluft hörte. Und Dolores strich mit der Hand über ihre Stirn. »Tutto fini –« sagte sie. »Das war mein letztes Lied.«

»Nein, nein!« rief Keppler abwehrend, die Stimme rauh vor Erregung. »Tutto fini«, wiederholte Dolores. »Mir bleibt nur noch einiges zu besprechen mit dem Erben vom Falkenhof.«


Indes war unten Doktor Ruß endlich mit dem Arzt angelangt, und Frau Ruß unternahm es, den jovialen alten Herrn hinaufzuführen. »Nun, wie geht's oben?« fragte er so heiter, als hätte Dolores den Schnupfen.

»Es flackert so auf mit ihr und läßt wieder ganz nach«, erwiderte Frau Ruß. »Ich hörte sie eben noch singen. Aber sie ist doch sehr krank – –«

»Krank?« lachte der kleine Doktor.

»Ich bitte Sie, Verehrteste! Ihr Herr Gemahl hat mir so Andeutungen gemacht über eine unglückliche Herzensangelegenheit – wer ist es denn, der Er nämlich?«

»Mir ist davon nichts bekannt«, sagte Frau Ruß erstaunt.

»Haha!« pustete der alte Herr, »na, dann nicht, liebe Seele! Ich werde an dem Ungenannten nicht ersticken! Herr Gemahl war aber kolossal positiv, ja, ja! Hat Selbstmordgedanken, die schöne Herrin vom Falkenhof – lustige Gesellschaft, frische Luft – ein chacun für die chacune, das ist die richtige Medizin dafür – werden ja sehen – hm, hm –!«

»Selbstmordgedanken?« fragte Frau Ruß, entsetzt stehenbleibend.

»Pst! So was sagt man nicht so laut wie Sie«, tuschelte der Doktor. »Dazu braucht's aber keine Apotheke, sondern man muß es eben nur wissen! Ja, wenn ich zur Diagnose immer die Winke des Herrn Doktor Ruß hätte, dann wollt' ich sie schon immer richtig stellen!«


In den nächsten zwei Tagen wurde es wieder besser mit Dolores, so daß sie spazierenfahren und sich auch etwas an der Gesellschaft beteiligen konnte. Von Monrepos kamen täglich Boten nach dem Falkenhof, die sich nach dem Befinden der Kranken erkundigten – Falkner selbst aber kam nicht, denn Lolo behauptete, sie könnte kranke Leute nicht leiden und es nicht hören, wenn jemand von seinem Tode redete – ihr sei gar nicht zum Sterben zumute, im Gegenteil –!

Und so hielt auch er sich fern und hörte nur von Keppler Genaueres. Danach war sie ja, mit Ausnahme des bleischweren Gefühls in den Gliedern, einiger Frostanfälle und Stunden gänzlicher Apathie, relativ wohl, ja selbst heiter, und klagte nur über die schlaflosen Nächte, die so langsam und tödlich bedrückend dahinschlichen. Der gute Doktor Müller mit seiner Rußschen Diagnose kam nicht mehr wieder.

»Einquartierung hilft besser als ich«, hatte er pfiffig behauptet, Dolores Sekt und Kaviar verordnet und war froh gewesen, die langen Fahrten nach und von dem Falkenhofe wieder mit seinem gewohnten Skat im »Grünen Hirsch« zu Kuckucksnest vertauschen zu dürfen. Von einem anderen Arzte wollte Dolores nichts wissen, und die Gesellschaft der darauf dringenden Frau Ruß vermied sie möglichst, besonders unter vier Augen.

Am Abend des vierten Tages, als Gräfin Schinga, die ihr treulichst Gesellschaft leistete, nach Hause gefahren war, trat Doktor Ruß bei der müde und abgespannt dasitzenden Dolores ein.

»Ich kann es gar nicht mehr mit ansehen, daß Sie nicht schlafen«, sagte er sanft und teilnahmsvoll. »Darum bin ich heute nachmittag nach der Stadt gefahren und habe mit Doktor Müller gesprochen. Derselbe konnte leider nicht selbst kommen, hat mir aber ein Schlafmittel für Sie mitgegeben, welches Sie in Wasser nehmen sollen, sobald Sie fühlen, daß der Schlaf wieder nicht von selbst kommt.«

»Oh, ich danke Ihnen tausendmal«, rief Dolores, das Fläschchen von blauem Glase entgegennehmend, das er ihr reichte.

»Ich habe das Rezept gelesen«, meinte Doktor Ruß. »Chloralhydrat mit etwas Sirup und Bittermandelwasser – es wird schon seine Dienste tun.«

Damit wollte er sich entfernen, doch Dolores reichte ihm nochmals die Hand.

»Gute Nacht und herzlichen Dank«, sagte sie und fügte hinzu: »Durch diesen Zaubertrank kann ich ja mit Wallenstein sagen:


›Ich denke einen langen Schlaf zu tun,
Denn dieser letzten Tage Qual war groß.‹


Freilich hatte der Generalissimus einen längeren Schlaf, als er dachte, denn er wurde ermordet.«

»Gute Nacht«, erwiderte Doktor Ruß so leise und mit so veränderter Stimme, daß Dolores dieselbe gar nicht wiedererkannte. Und er glitt zur Tür hinaus wie ein Schemen.

Ein Weinglas mit Wasser neben sich nebst der blauen Flasche, legte sie sich zeitig zur Ruhe und wartete auf den Schlaf, doch derselbe kam nicht. Nebenan in dem Ankleidekabinett war Tereza eingeschlafen – die treue Seele hatte all die vorigen Nächte gewacht und war zu Tode ermüdet.

Auf dem Uhrturm des Falkenhofes schlug es elf Uhr, und als es Mitternacht schlug, machte Dolores Licht, goß den Inhalt des Fläschchens in das Wasser und trank das stark nach bitteren Mandeln duftende Medikament in einem Zuge aus. –

Und es schlug eins. Da erhob Dolores sich resigniert von ihrem Lager, weil doch auch das Schlafmittel nicht wirken wollte, warf ihren Schlafrock über, nahm ein Licht und ging in die kleine Bibliothek, mit Lesen die langen, langen Nachtstunden zu kürzen.

Sie entzündete eine Lampe und holte ein Buch, aber es wollte nicht gehen mit dem Lesen, denn sie war zu müde, ihre Augen zu übernächtig. Und weil die Augen sie schmerzten von dem vielen Wachen und vom Licht, so lehnte sie sich zurück und schloß die Lider, und wer jetzt hineingetreten wäre, hätte sie müssen für gestorben halten, so blaß und regungslos saß sie da in dem matten Lichte der bläulichen Glaslampe. Mit einemmal war's ihr, als hörte sie nebenan im Saal eine Türe gehen und leise, leise Schritte – – Tereza, dachte sie müde und blinzelte unter den Lidern hervor nach den Portieren, welche den Saal von dem Kabinett abschlossen. Und die Schritte kamen näher, und hin und wieder knisterte unter ihnen ein locker gewordenes Teilchen des alten Parketts – endlich ward die Portiere zurückgeschlagen und – – Doktor Ruß stand auf der Schwelle.

Dolores sah ihn stehen, und der Gedanke durchfuhr sie: Was will er hier, mitten in der Nacht? Still und ruhig blieb sie sitzen, die Augen geschlossen, und leise, leise schlich er näher und stand endlich dicht vor ihr und beugte sich hinab, auf ihre Atemzüge zu lauschen, die sie künstlich zurückhielt.

»Sie ist tot«, murmelte er, griff in die Brusttasche seines Rockes und zog ein Blatt Papier hervor, das er auf den Tisch legte.

Da schlug Dolores die Augen auf zu ihm.

»Was wollen Sie hier, Doktor Ruß?« fragte sie laut.

Da fuhr er zurück mit einem heiseren Schrei, der wie das Brüllen eines gereizten Panthers klang.

»Was haben Sie mich erschreckt«, sagte er nach einer sekundenlangen Pause gefaßt, »ich dachte, Sie schliefen –«

»Den ewigen Schlaf. Sie sagten so«, ergänzte Dolores.

Langsam trat er wieder näher und legte die Hand wie zufällig auf das Papier auf dem Tische.

»Sie sahen so furchtbar bleich aus«, entgegnete er. »Das macht dies nichtswürdige blaue Licht«, setzte er hinzu, und es klang, wie wenn er dazu mit den Zähnen knirschte. Dabei fuhr die Hand mit dem Papier zurück in die Brusttasche.

»Sie haben mir noch immer nicht gesagt, warum Sie hier sind zu so ungewöhnlicher Zeit«, erwiderte sie kühl, aber im Herzen ein vages Gefühl von Angst.

»Ich war aufgewacht, und es war mir eingefallen, daß ich vergessen hatte, Ihnen zu sagen. Sie sollten nur die halbe Dosis des Schlafmittels nehmen«, erklärte er sein Erscheinen plausibel genug. »Da hatte mich die Angst, Ihnen durch Nachlässigkeit geschadet zu haben, aus dem Bette getrieben, und ich war leise heraufgekommen –«

»Sehr leise. Zu leise für Ihre gute Absicht«, warf sie ein.

»Aber ich sehe zu meiner Beruhigung, daß Sie das Mittel gottlob gar nicht gebraucht haben«, schloß er.

»Doch«, sagte sie, »ich habe es sogar ungeteilt genommen – Ihre Vorsicht käme also zu spät, wenn das Mittel, wie alle Mittel des Doktor Müller, nicht so ausgezeichnet wirkungslos gewesen wäre.«

»Genommen? Das Ganze genommen?« wiederholte er wie ein Träumender.

»Bis zum letzten Tropfen«, nickte Dolores etwas spöttisch.

»Das ist nicht wahr!« brach er los. Da erhob sie sich heftig, schritt in ihr Schlafzimmer und kam gleich darauf mit der leeren Flasche zurück, die sie auf den Tisch warf.

»Hier«, sagte sie sprühenden Blickes. »Und nun verlassen Sie mich, und wenn ich's Ihnen nachsehe, daß Sie mich der Lüge geziehen haben, so schieben Sie's auf das Konto dieser späten Stunde, in der Sie vielleicht nicht wußten, was Sie redeten!«

Doktor Ruß hatte mit zitternden Händen die blaue Flasche ergriffen und stand Dolores gegenüber, stumm, aber mit keuchendem Atem und gierigem, raubtierartigem Blick. Und wieder packte Dolores, die stets so mutige, ein unbestimmtes Angstgefühl – im Falkenhof war's still zu dieser Nachtstunde, keine Menschenseele war wach, und Tereza schlief so fest, daß man sie bis hier atmen hörte – – und wenn dieser Mann wollte – –

Da glitt ein Schatten über die Lampe, und im selben Momente stand Ramo zwischen seiner Herrin und ihrem Gaste.

»Baronesse haben geläutet?« fragte er ruhig, als wäre es mitten am Tage. Sie hatte es nicht getan, aber sie begriff die Wachsamkeit des treuen Menschen.

»Du sollst Herrn Doktor Ruß die Treppe hinableuchten – er hat kein Licht«, sagte sie mit einem tiefen, freudigen Atemzuge.

Doktor Ruß aber hatte sich ganz wiedergefunden.

»Gute Nacht, liebe Dolores – versuchen Sie's noch, ein wenig zu schlummern. Ich werde wegen des Chlorals morgen mit Doktor Müller sprechen. Er hat Ihre Natur für allzu nachgiebig gehalten mit dieser schwachen Dosis«, sagte er und reichte ihr die Hand.

Aber Dolores schien dieselbe nicht zu sehen, sondern wandte sich einfach ab und ging gelassen in ihr Schlafzimmer, das sie hinter sich verschloß mit klopfendem Herzen und fliegenden Pulsen.

Aber sie fand dennoch ein wenig Schlaf, und es träumte ihr, die »böse Freifrau« streiche leise mit ihrer kalten Hand über ihr Haar und sage mit frohem Lächeln in ihr Ohr: »Bald! Bald! Dolores! Erlöserin!« Ganz wie in ihrer ersten Nacht im Falkenhof.


* * *


Frau Ruß aber hatte am andern Morgen eine böse Zeit mit ihrem Gatten, der in seiner schlechtesten Laune war und sie mit giftigstem Hohne überschüttete, nervös lachte und in einem Zustande fieberhafter Reizbarkeit seine Kleider durchsuchte nach einem Blatt Papier in einem offenen, unbeschriebenen Umschlag, das er verloren haben wollte. Frau Ruß suchte schweigend mit, aber es war nicht zu finden, und dann mußte sie hinaufgehen in die kleine Bibliothek, um nachzusehen, ob er es dort verloren habe. Doch es war auch dort nicht zu finden, trotzdem noch niemand das Kabinett betreten hatte, weil es dicht neben dem Schlafzimmer der Schloßherrin lag, diese aber noch schlief und nicht gestört werden sollte. Auch Ramo, der die Lampe ausgelöscht hatte, nachdem er Doktor Ruß hinabgeleuchtet, hatte nichts gesehen oder aufgehoben. Hätte Doktor Ruß geahnt, daß sich ihm das Papier so nahe befand, daß es in der Kleidertasche seiner Frau war –! Aber das ahnte er nicht. Und während er umherging, rastlos, blaß, mit unstetem Blick, da saß seine Frau da, die Hände im Schoß gefaltet, müßig, und unter den Augen tiefe, blaue Ränder, die Wangen hohl und in dem verblaßten, blonden Haar ein schneeweißer Streifen, der gestern noch nicht dagewesen war.

»Wie sitzest du da? Arbeite!« fuhr er sie an, und als sie sich daraufhin nicht rührte, höhnte er: »Du siehst aus wie eine getrocknete Leichenpredigt! Was fehlt dir? Hast du einen Geist gesehen?«

»Das ganze wilde Heer«, erwiderte sie mit zuckenden Lippen.

»Wohl bekomm's!« zischte er.

Um die Mittagszeit, ehe zum Lunch geläutet wurde, kam Falkner und fragte nach Dolores, die er in der Halle mit Engels traf – blässer denn je, aber scheinbar wohler.

»Lolo hat sich in den Kopf gesetzt, heute ein Picknick am Hexenloch zu veranstalten«, sagte er, »und da bin ich denn beauftragt, dich zu fragen, ob du es uns erlaubst und selbst teilnehmen wirst mit deinen Gästen. Es soll statt des Diners gelten.«

»Ach ja, das ist eine hübsche Idee«, erwiderte sie freundlich. »Wir wollen das gleich mit Mamsell Köhler besprechen, meine Gäste treffe ich jetzt beim Lunch und werde es ihnen dabei sagen, damit sie ihren Dienst vorher abmachen.«

»Aber wirst du selbst denn kommen können?«

»Ich hoffe, ja. Und wenn ich mich heimlich eher entferne als die anderen, so bitte ich dich, die Pflichten des Wirtes zu übernehmen und meinen Rückzug zu decken. Bleibst du zum Lunch?«

»Nein – ich danke dir. Ich will Lolo nicht daheim allein lassen mit den Herren.«

»Das ist recht«, stimmte sie zu. »In diesem Sinne darf ich dich nicht halten.«

Fräulein Köhler stöhnte innerlich zwar große Stücke über »den Picknickunsinn«, aber er wurde dennoch ins Werk gesetzt.

Dolores zog sich sofort nach dem Lunch zur Ruhe in ihr Zimmer zurück, und so oft Frau Ruß an diesem Tage oben an klopfte oder bei dem unablässig wachsamen Zerberus Ramo anfragte, ob sie Dolores sehen könnte, so oft wurde ihr gesagt, daß die Herrin vom Falkenhof ruhe, und als es so weit war, um zum Picknick am Hexenloch aufzubrechen, da war Gräfin Schinga oben – Frau Ruß also überflüssig geworden.

Dolores war seit jenem verhängnisvollen Abende nicht mehr am Hexenloch gewesen, trotzdem sie diesen wildromantischen, geheimnisvoll malerischen Fleck Erde unter den Blutbuchen und den hohen, ernsten Tannen früher so sehr geliebt hatte. Daß der Platz, an den sich so viele unheimliche Sagen knüpften, an dem sie die süßeste und doch auch bitterste Stunde ihres Lebens verlebt, an welchem sie fast den Tod gefunden, heute widerhallen sollte von heiterem Lachen und lustigen Worten, das schien ihr, als sie sich's überlegte, freilich ganz undenkbar, aber es ist ja schließlich der Lauf der Welt, und so fuhr sie im leichten Parkwagen an der Seite ihres vornehmsten Gastes, des Kommandeurs, zum Picknickplatz, denn der Weg war ihr zu weit geworden für ihre schwankende Gesundheit, und sie wollte dann lieber zurück gehen. Die anderen waren alle schon da, als sie am Hexenloch ankamen, und lagerten auf dem grünen Rasen um das weiße, ausgebreitete Tafeltuch, darauf ausgebreitet stand, was eine feine Küche zu liefern vermag.

Dolores überlief unwillkürlich ein kalter Schauer, als sie die Stätte betrat, wo sie mit den dunkeln, tückischen Wassern um ihr Leben gekämpft – aber damals war es offener Kampf gewesen mit einem Feinde, der sie besiegt hätte ohne Alfred Falkners Hilfe; heute aber kämpfte sie denselben Kampf mit einem Feinde, den sie nicht zu nennen wußte, und ihr ahnte, daß sie diesem verkappten Unhold erliegen würde. Denn er hatte sich zu ihr gestohlen wie der Dieb in der Nacht, er hatte ihre blühende Gesundheit untergraben, ihr Kraft und Lebensmut geraubt und lag mit bleierner Schwere in ihren Gliedern.

Und es war fast wie damals am Hexenloch, nur daß die Sonne höher stand und neugierige Strahlen warf auf das blitzende Silberzeug der improvisierten Tafel auf dem Rasen, auf die leuchtenden Uniformen der Husaren, auf Dolores Falkners schimmerndes Haar. Es waren außer ihr nur noch, drei Damen zugegen: Lolo, Gräfin Schinga und Frau Ruß. Und letztere hatte sich neben Dolores gesetzt, doch wurde sie, der bunten Reihe wegen, bald von ihrer Seite gedrängt.

Als man beim ersten Glase Sekt miteinander anstieß, da ließ Dolores auch das ihrige mit dem des Doktor Ruß zusammenklingen.

»Seien Sie nicht böse – ich bin eine kranke und nervöse Person«, sagte sie mit Bezug auf die Vorgänge der letzten Nacht, denn sie hatte sich's überlegt, wie leicht man manchmal ein Wort spricht, wie »es ist nicht wahr«, ohne dabei etwas zu meinen in diesem Ausruf des Staunens. Und der Mann hier, dessen Blick sie mehr erschreckt, als seine Worte sie empört hatten – er war ihr Gast.

»Man ist Damen niemals böse«, erwiderte Doktor Ruß und zog ihre Hand an seine Lippen.

Bald taten der Sekt und die muntere Gesellschaft ihre Schuldigkeit – denn durch den Park klang weithin das laute, herzliche Lachen des sorglos fröhlichen Kreises. Und die lauteste darunter, ein Sprühteufel an Witz und Laune, war Lolo Falkner!

Doch auch Dolores' matte Lebensgeister belebte der Wein und die hinreißend gute Laune der künftigen Schlachtenlenker, und sie lachte ein paarmal sogar fröhlich auf bei einem besonders unwiderstehlich guten Scherz derselben.

Da jagten sich lustige Manövergeschichten mit lustigeren Schnurren, und manch ein Kalauer wurde mit lachendem »Au! au!« im Chore abgelehnt – ein Kobold, der zu einer Tür hinausgeworfen, zur anderen wieder hereinkam mit lachendem Gesicht, ein gar nicht loszuwerdender Lachgeist im heiteren Kreise.

Da fiel es plötzlich jemand ein, nach dem Ursprung des Namens »Hexenloch« zu fragen, und Doktor Ruß erzählte mit seinem wohltönenden Organ die Legende desselben, wie sie verzeichnet stand in den Annalen des Falkenhofs. Erst hörte nur der Frager zu, dann noch andere, und zuletzt schwieg der ganze Kreis und lauschte auf eine jener finsteren Tragödien finsteren Aberglaubens aus längstverklungener Zeit, meisterhaft erzählt mit allen Mitteln, allen Raffinements eines Vortragsmeisters.

»Donner Wachsstock! Auf das gruselige Zeug muß man eins gießen«, sagte Graf Schinga, als Doktor Ruß geendet.

Und damit trank er ein großes Glas Sekt, das er sich schon während der Erzählung vom Hexenloch mit frischen Pfirsichen präpariert hatte, in einem Zug aus. Das wievielte es war, wußte kein Mensch zu sagen, man konnte es aber an seinen funkelnden Äuglein und der sich sanft rötenden Nase ungefähr berechnen.

»Hu! 's wird einem ganz kalt!« sagte Lolo Falkner und schüttelte sich. »Wie kann man sich nur einen so schönen, lustigen Abend mit solch schauerlichen Geschichten verderben! Mir sind die lustigen Geschichten lieber. Wer erzählt eine?«

»Du, Erfurt, erzähle mal der Baronin deine Erlebnisse aus dem letzten Quartiere«, rief ein Leutnant dem anderen zu.

»Ja, ja, erzählen! Das ist nämlich eine kapitale Geschichte! Und dazu der Erfurt –! Nein, zum Schreien!« schwirrte es durcheinander.

»Silentium! Der alte Graf will eine Geschichte erzählen!« rief der Kommandeur lachend.

Der also Aufgeforderte war ein ganz »junger« Leutnant, der etwas spät erst des Königs Rock angezogen und einen kahlen Kopf hatte, weshalb er der alte »Graf Erfurt« genannt wurde. Charakteristisch bei ihm war, daß er sehr zerstreut war und nie eine Geschichte zu Ende erzählte, da er diese durch das Dreinreden und Aushelfen der Kameraden längst vergessen hatte, bis er dazu kam.

»Ja«, sagte er jetzt nachdenklich. »Wie war denn die Geschichte eigentlich?«

»Na, du lagst beim Bankier Schweigeles im Quartier«, half ein Leutnant ein.

»Richtig«, nickte der alte Graf erfreut. »Schöne Frau, wohlerzogen und vornehm –«

»Die Schweigelessen?« fragte Graf Schinga.

»Ja. Konnte ebensogut Gräfin Schweigeles sein. Famose Frau! Wirklich! Reizend, nett und so was Angenehmes –«

»Und der alte Schweigeles?« fragte jemand.

»Greulicher Kerl, protzig, eklig – auf jedem Finger einen Brillantring – wie der zu dieser Frau gekommen, ist mir ein Rätsel!«

Pause.

»Aber die Geschichte, Erfurt!« rief der Kommandeur.

»Ja so!« sagte der alte Graf zur allgemeinen Heiterkeit. »Also dieser Lulatsch, der Schweigeles –«

»Halt!« rief Lolo dazwischen, »das ist etwas für den Doktor Ruß! Er muß uns einen Vortrag halten über den klassischen Ursprung und die ästhetische Berechtigung des Wortes ›Lulatsch‹.«

»Nachher! Der Herr Vorredner hat das Wort«, erwiderte Ruß lächelnd.

»Ja, nun weiß ich gar nicht mehr, wie es war«, sagte der alte Graf perplex.

»Es fing mit dem Mittagessen an«, soufflierte einer der Offiziere.

»Ah, ja richtig!« nahm der alte Graf den Faden wieder auf. »Mockturtlesuppe. Dann gab es solches grünes Zeug –«

Er machte die Bewegung des Bohnenschnitzelns, und man begriff.

»Dazu Lachs und – na, wie nennt man das?« fragte er, auf seine herausgestreckte Zunge tippend.

»Ochsenzunge«, übersetzte nach dem Anblick des fraglichen Objekts ein Leutnant die Pantomime, und als sich das um den Kreis laufende Kichern gelegt hatte, fuhr der Erzähler fort: »Eben! Ox tongue heißt es englisch. Nachher kam so eine gebackene Splitterteig-Schose, gefüllt mit einem Mansch von Krebsschwänzen, Spargeln und – und – und« er klopfte mit dem Zeigefinger auf den Kopf.

»Kalbsgehirn«, interpretierte man die bezeichnende Bewegung.

»Jawohl«, sagte der Erzähler freudig, aber nun war es vorbei mit aller Fassung, und ein brausendes Gelächter versenkte auf ewig die ,'kapitale Geschichte« in das Meer der Vergessenheit. Der Graf nahm auch den Fund von Kalbsgehirn und Ochsenzunge bei ihm selbst gar nicht übel, er war froh, daß er schweigen durfte und den guten Sekt trinken.

»Und nun der Vortrag des Doktor Ruß«, rief Lolo, als das Lachen sich gelegt hatte.

»Er ist noch nicht ausgearbeitet«, wehrte der Angeredete ab.

»Ich höre hübsche, nette Geschichten für mein Leben gern«, gestand der Kommandeur. »Es hört sich so behaglich zu, besonders hier im Freien, eine gute Zigarre dazu als Würze. Wer erzählt noch eine Geschichte?« rief er laut.

»Ich«, sagte Frau Ruß in das allgemeine Schweigen hinein.

»Du? Liebes Weib, du scherzest«, flötete Doktor Ruß taubensanft.

»Frau Ruß hat das Wort«, sagte der Kommandeur erstaunt, aber sehr höflich, und alles lauschte gespannt, was wohl diese Frau, welche immer die Rolle der Stummen spielte, erzählen könnte.

Frau Ruß aber suchte mit den Augen ihren Sohn und nickte ihm zu, dann richtete sie die Augen auf das Wasser und begann: »Es war einmal eine Frau –«

»Also ein Märchen«, sagte Graf Schinga mit langem Gesicht.

»Ja, ein Märchen«, sagte Frau Ruß und begann nochmals:

»Also, es war einmal eine Frau, die war Witwe und hatte ein Kind, das einmal einen großen Besitz erben sollte. Erbschaften aber sind Güter im Monde – Luftschlösser. Und auch dieses Luftschloß zerfiel in Staub und Spreu, und das Kind der Witwe blieb arm. Die Witwe aber heiratete wieder –«

»Kommt zuweilen vor«, brummte Graf Schinga.

»Und sie heiratete einen bösen Mann«, fuhr Frau Ruß fort.

»So? Sonst sind meist die Weiber die Xanthippen«, sagte Graf Schinga trocken, doch Frau Ruß erzählte unbeirrt weiter.

»Sie heiratete einen bösen Mann – einen schlechten Mann. Denn er liebte, weil seine Frau alt und welk wurde, ein junges, schönes Mädchen, die Erbin der Güter, als deren Herrn er seinen Stiefsohn erträumt –«

Sie hielt einen Augenblick inne, ohne den Blick vom Wasser abzuwenden, ohne auf das fest auf sie gerichtete Antlitz ihres Sohnes zu sehen, ohne das blasse Gesicht von Dolores mit den Augen auch nur zu streifen.

»Eine recht uninteressante Geschichte, mein Herz«, sagte Doktor Ruß leise, mit seltsam schwankender Stimme. Währenddem war auch Falkner neben seine Mutter getreten.

»Möchtest du uns deine Geschichte nicht lieber zu Hause erzählen, Mutter?« fragte er leise, sich über sie beugend. Aber sie achtete weder auf den einen noch auf den andern.

»Und weil der zweite Mann der Witwe das junge Mädchen nicht sein nennen konnte, und weil sie ihn nicht wiederliebte, beschloß er, sie zu töten.«

»Gott, wie romantisch«, gähnte Lolo.

»Unangenehmer Gentleman«, knurrte Schinga.

Doktor Ruß aber lachte laut auf. Er lachte sonst immer leise.

»Das glaubte nämlich seine Frau«, fuhr Frau Ruß in ihrer gleichen , monotonen Weise fort. »Aber es mochte ihn noch anderes treiben – der Besitz. Denn der Sohn der Witwe war der Erbe des Mädchens, und als Stiefvater des Besitzers dachte er sich wohlversorgt. Vielleicht war das auch der richtige Grund – aber die Frau war eifersüchtig, weil sie alt geworden war, weil er jünger war als sie, und sie keinen Reiz mehr auf ihn ausüben konnte. Und weil die Frau eifersüchtig war, da spürte sie seinen Wegen nach – oh, so sacht, so unverdächtig, so sicher! Sie schlief nachts nicht einmal mehr, denn der Mann hatte die Gewohnheit, im Schlafe zu sprechen, und sie lauschte alle Nächte mit bitterem Weh und wild schlagendem Herzen, ob er von dem schönen Mädchen und seiner Liebe zu ihr im Traume reden würde. Doch nur selten nannte er ihren Namen. Aber die Frau erfuhr aus seinen Reden etwas anderes – nämlich, daß er ein Mörder sei, daß er das Mädchen töten wollte. Und so erfuhr sie, wie er sie belauscht am Wasser, und daß sie einen anderen liebte – wen, sagte er nicht. Aber er redete wild davon, wie er sie ins Wasser gestoßen und ein anderer sie gerettet – ›Wer hätte auch voraussehen können, daß sie schreien würde!‹ so sagte er unablässig in jener Nacht.«

Von den Zuhörern flüsterten längst während der Erzählung der Frau Ruß zwei und zwei oder Gruppen miteinander. Nur Dolores hörte hoch aufgerichtet, aber leichenblaß zu, Doktor Ruß zupfte die Rippen eines Buchenblattes aus, und Falkner stand wie hypnotisiert und sah nach Dolores hinüber.

»Als aber das Mädchen aus dem Wasser errettet worden war, versuchte es der Mann mit einem anderen Mittel«, fuhr Frau Ruß fort. »Denn das Mädchen hatte eine Schußwaffe, die nahm er, als sie abwesend war, und übte sich damit. Er wollte sie erschießen und die Pistole dann in ihre Hand geben, als hätte sie es selbst getan, und er bereitete alles vor, indem er erzählte, daß das Mädchen lebensmüde sei aus unglücklicher Liebe. Aber der Schuß ging fehl, und er fand Zeit, die Waffe zurückzulegen an ihren Platz, ehe das Mädchen sie suchen konnte.

Oh, seine Frau spürte ihm wohl nach und sah alles, alles, alles. Denn sie hatte eine wilde Freude an seinem Tun, weil sie das Mädchen haßte, haßte, haßte! Und weil sie eifersüchtig war. Als nun aber der Mann sah, daß er so nichts ausrichtete, da fing er an, dem Mädchen Gift zu geben, ein langsames, schleichendes Gift, das die sonst so Gesunde hinsiechen und hinwelken machte, wie eine Blume im Herbst. Da erwachte das Gewissen der Frau bei dem Anblick dieser welkenden Lilie, und sie schlug an ihre Brust und sagte: ›Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa‹ wie sie in der Messe oft so gedankenlos getan. Aber sie sagte dem Manne nicht, daß sie ihn entdeckt habe, denn sie wußte, er würde sie töten aus Rache und Angst vor ihrer Mitwisserschaft, sie wußte, daß der Tod ihr sicher sei für ihre Entdeckung, weil der Mann grausam war – eine Bestie unter dem Firnis höchster Kultur. Und die Frau suchte seine Wege zu durchkreuzen, um das fressende Gift in dem Mädchen aufzuhalten und es womöglich zu retten. Aber das Mädchen verstand nicht, was sie wollte, und entsetzte sich vor den warnenden Zeichen, die sie ihm gab. Und das Gift wirkte dem Manne zu langsam, unerkannt sogar von dem Arzte, der herbeigeholt werden mußte, und er beschloß, die Sache abzukürzen. Wieder erzählte er von dem Lebensüberdruß und den Selbstmordgedanken des Mädchens, denn er wollte sie mit einem schnellen Gift töten und neben ihre Leiche einen gefälschten Brief legen, darin er sie ihren Selbstmord bekennen läßt – –«

So weit war Frau Ruß gekommen, jetzt aber wandte sie sich um und sah die wenigen, die ihr zuhörten, triumphierend an. »Aber die Frau hatte einen Nachschlüssel. Sie schüttete das Gift aus, das die Aufschrift ›Blausäure‹ trug, und weil es nach bitteren Mandeln roch, tat sie in die leere, sorgsam gereinigte Flasche etwas Wasser, parfümiert mit bitteren Mandeln – mit weniger, als man zur Würze einer Mehlspeise braucht. Der Mann aber, der davon nichts ahnte, machte die Etikette los von der Flasche, schrieb eine andere Etikette und brachte sie dem Mädchen als Schlaftrunk. Und ohne die rastlos spürende Frau schliefe sie jetzt den ewigen Schlaf –«

»Den ewigen Schlaf –« wiederholte Dolores leise, denn sie spürte ein seltsames, unbekämpfbares Ohnmachtsgefühl in sich aufsteigen.

»Nun, und wie endete die Geschichte?« fragte der Kommandeur interessiert.

»Ich kenne den Schluß nicht«, sagte Frau Ruß sichtlich erschöpft.

»Wahrscheinlich endete sie mit dem Tode des armen Mädchens«, meinte der Kommandeur.

»Hoffentlich mit dem Zuchthause des bestialischen Lumpen, der seine Verbrechen so unmenschlich überlegt verübte«, sagte Falkner heiser.

»Ganz sicher endete sie damit, daß man die Frau in ein Irrenhaus sperrte. Denn solch eine Geschichte kann sich doch nur eine Wahnsinnige ausdenken«, vollendete Doktor Ruß kalt und lächelnd und schüttelte ungläubig den Kopf.

Dolores sagte nichts. Sie lehnte, unfähig sich zu rühren, an einem Baumstamm, aber sie fühlte Falkners Augen mit dem Ausdruck unsäglicher Angst auf sich gerichtet, einer Angst, die in der Frage wurzelte: »Ist sie, die das erzählt, wirklich wahnsinnig, oder sprach sie die Wahrheit, die entsetzliche Wahrheit, deren Ende der Tod sein müßte?«

»Nehmt es mir nicht übel, aber warum wir heute nichts als solche grausige Geschichten erzählen, sehe ich nicht ein«, sagte Lolo. »Das gehört an den Kamin im Winter, da gruselt es sich schön dabei, aber hier im Sommer, im Grünen, will ich lustige Dinge hören. Vorwärts, Alfred«, rief sie Falkner an, ihm einen abgebrochenen Zweig zuschleudernd. »Vorwärts! Die Reihe ist an dir, uns eine lustige Geschichte zu erzählen!«

Aber Falkner hörte nicht. Er stand da und wollte auf dem Antlitz von Dolores entziffern, was ihm ein schreckliches Rätsel war, dessen Lösung er sich jetzt nicht ertrotzen konnte, so lange die Gesellschaft ihm die Pflicht auferlegte, zu scheinen, als ob er die Erzählung seiner Mutter nur für eine Geschichte hielt, die sein Haus nichts anging. Denn wenn etwas geschehen sollte, so mußte jedes Aufsehen vermieden werden.

»Nun?« fragte Lolo scharf, und als er auch darauf nicht antwortete, flammte es auf in ihrer leicht erregbaren Seele.

»Du schweigst ja, wie Eckehard, als er Frau Hadwig eine Geschichte erzählen sollte unter der Zeltlaube auf dem Hohentwiel«, rief sie hinüber. »Willst du uns am Ende auch eine Geschichte erzählen von einem Nachtfalter, der um ein Licht flog, das eine Rose im Stirnbande trug?«

Da tat Falkner einen tiefen Atemzug, wie wenn er jetzt erst erwacht wäre aus einem schrecklichen Traume.

»Nun passen Sie auf, jetzt wird er uns zum besten geben, wie er seine Cousine Dolores aus dem Hexenloch zog«, sagte die junge Frau zu dem sie umringenden Herrenkreise. »Er hat sie nämlich faktisch einmal dort herausgeholt«, beteuerte sie, als man diese Sache nicht ernst zu nehmen schien. »Ich möchte wirklich wissen, Alfred, ob du es noch einmal tun würdest, wenn ich zum Beispiel hineinfiele«, setzte sie nachdenklich hinzu.

Doch Falkner war nicht dazu aufgelegt, solch kindische Fragen zu beantworten.

»Sei froh, daß du noch nicht hineingefallen bist«, sagte er zerstreut.

»Ich könnte ja hineinspringen, um zu sehen, ob du mich retten würdest«, gab sie pikiert zurück.

»Na, das werden Sie hübsch bleiben lassen, gnädige Frau«, meinten die Offiziere lachend.

»Hoho, denken Sie, ich habe keine Courage?« fragte sie pikiert.

»Oh, die haben Sie selbstverständlich wie eine Löwe«, wurde ihr lachend geantwortet, »aber zwischen dem Hineinspringen in eine Regenpfütze oder in dieses jedenfalls heillos tiefe Wasser ist doch ein gewaltiger Unterschied, besonders da hier noch der gurgelnde Strudel in Betracht kommt.«

»Nun, wenn's nicht ein bißchen gefährlich wäre, dann hätte ein Rettungsversuch ja auch keinen Wert«, erwiderte Lolo kokett.

»Ein bißchen gefährlich? Gnädige Frau, hier sind die Chancen des Ertrinkens größer als die des Rettens; das Hexenloch ist ganz zu empfehlen für spleenige Engländer«, war die allgemeine Meinung.

»Natürlich – Sie wollen sich bloß von dem Retten drücken«, sagte Lolo noch koketter.

»Ich glaube, gnädige Frau drücken sich eher vom Hineinspringen«, wurde ihr animiert erwidert.

»Ich?« rief sie, aufspringend. »Nun dann – ich wollte heute sowieso ein kaltes Bad nehmen – eins, zwei, drei – hoppla, Cousin!«

Und ehe ein Mensch sie halten konnte, ehe jemand im entferntesten glauben konnte, daß sie Ernst machen könne, spritzte das Wasser des Hexenloches hoch auf, und die kleine, weiße, zierliche Gestalt verschwand mit einem hellen Gelächter der Schadenfreude, das in einem gellenden Schrei endete, in der schwarzen, unheimlichen Flut.

»Lolo! Herr des Himmels!« schrie Falkner auf – er hatte auf das Gespräch in seinen tiefen Gedanken nicht geachtet, es gar nicht gehört und, hätte er es gehört, für ein kindisches Renommieren gehalten. Und nun kämpfte er wieder mit dem Strudel des Hexenloches, diesmal unterstützt von den Schwimmern unter den Offizieren, welche, ohne sich zu besinnen, den Atilla abgeworfen hatten und gleich Falkner nach dem Körper seiner jungen Frau tauchten und suchten – – vergebens.

Währenddem waren andere nach Rettungsapparaten fortgeeilt, aber es währte doch geraume Zeit, ehe ein flaches Boot herbeigeschafft wurde, von welchem aus man Fischernetze warf, trotzdem nach so langer Zeit wohl niemand mehr daran glauben konnte, die Verunglückte lebend ans Land zu schaffen.

Aber das Hexenloch wollte sein Opfer nicht mehr herausgeben, denn alle Bemühungen, Lolos Leiche ans Licht zu bringen, schienen eitel und nutzlos zu sein. Fischer von Beruf arbeiteten unter Falkners Aufsicht die ganze Nacht bei Fackellicht, doch erst, als es wieder Tag geworden war, gelang es durch künstliches Aufrühren des Wassers den Körper so nach oben zu treiben, daß ihn der Strudel ergriff und sie ihn mit Hakenstangen ans Land ziehen und auf den grünen Rasen legen konnten.

Und nun kniete im Morgenrot Falkner neben den Überresten des zarten, elfenhaften Wesens, welches schon angefangen hatte, die große Enttäuschung seines Lebens zu werden, und das nun das Opfer eines unüberlegten, tollkühnen und kindischen Streiches geworden.

Vor der Majestät des Todes aber verstummt jede irdische Regung, Haß, Bitterkeit, Schmerz, erlittenes Unrecht und die Erinnerung an trübe und böse Stunden – nur die Liebe bleibt, denn diese besiegt selbst den Tod. Und wie Falkner im tiefsten Herzen erschüttert neben der Leiche seiner jungen Frau kniete, da erlosch auch in ihm alle Bitterkeit, die er empfunden, alle Reue – er sah nur in der entflohenen Seele alles, was liebenswert war, er dachte nur, wie sie ihn wirklich geliebt in ihrer flatterhaften, unreifen Art; er vergaß sogar, daß er sie niemals geliebt, und die Augen wurden ihm trüb und trüber, und er schämte sich der heißen Tränen nicht, die langsam auf ihr blasses Totengesicht tropften. Und dann erhob er sich und brach von einem rosigen Spireenstrauch ein paar Dolden und legte sie ihr auf die junge Brust, in der das lebensfrohe Herz aufgehört hatte zu schlagen, und die Sänger des Waldes sangen ihr zum Rauschen des Morgenwindes in den Buchen und Tannen ein süßes Abschiedslied, das ihre Seele im Himmel vielleicht vernahm und den Bann des schrecklichen Todes von ihr löste.

Alfred Falkner aber folgte der Bahre seiner jungen Frau als einziger Leidtragender nach Monrepos, und als er das Parkgitter hinter sich schloß, da durchzuckte ihn jäh wie ein Dolchstich der Gedanke: Was mag indes im Falkenhof vorgefallen sein?


* * *


Als man Dolores hinweggeführt hatte vom Hexenloch, das erst eine Stätte heiterster Laune und jetzt eine Stätte des Todes geworden war, als sie in ihren Parkwagen stieg, da die Glieder nach der mächtigen Erschütterung dieser Stunde ihr den Dienst versagten und Gräfin Schinga schon zu ihr einsteigen wollte, um sie nach dem Falkenhof zu bringen, da erschien, dicht am Wagen, aus tiefem Gebüsch heraus, Frau Ruß, wilde Angst in den Augen.

»Nimm mich mit«, brachte sie mühsam hervor, drängte Gräfin Schinga zur Seite und saß neben Dolores, ehe diese die kleine Szene noch beobachtet hatte. Aber sie ließ, ohne zu fragen, die Pferde anziehen und im scharfen Trabe nach dem Falkenhof gehen.

»Er sucht mich am Hexenloch«, flüsterte Frau Ruß atemlos, »aber ehe er im Hause ist, bin ich schon da. Dolores, erbarme dich und rette mich, wie ich dich gerettet habe!«

»Tante, ist es denn wahr? Soll ich deine Erzählung wirklich auf mich beziehen?« fragte Dolores.

»Ja, ja! Aber du mußt mich retten, denn er wird mich heute nacht töten!«

»Sei unbesorgt, Tante. Das würde ihn ja sofort ins Zuchthaus bringen. Aber jedenfalls bleibst du bei mir.«

»Gottlob!« murmelte Frau Ruß.

Der Weg vom Hexenloch bis zum Falkenhof war mit dem Wagen nur wenige Minuten lang, und so waren die beiden Damen auch sehr schnell da. Sie gingen sofort zu Dolores hinauf, und Ramo erhielt den strengen Befehl, Doktor Ruß keinesfalls vorzulassen. Frau Ruß aber schritt sogleich zu dem Schreibtische.

»Laß mich ein Telegramm an einen Arzt aufsetzen«, bat sie. »Ich weiß nicht genau, wie oft er dir Gift gegeben und wieviel – du bist vielleicht trotz der momentanen Besserung eine Sterbende!«

Dolores nickte, und Frau Ruß schrieb das Telegramm, das klar ausdrückte, um was es sich handelte. Als sie die Feder weglegte, deutete sie auf den Kamin.

»Dort hatte er auch einen Schlupfwinkel, durch den Nordflügel her. Aber du hast ihn zugebaut. Man kommt aus dem Kellergeschoß auf einer kleinen Treppe hinauf, die jetzt niemand mehr kennt.«

Nun war auch das Rätsel der Fußtapsen gelöst, und Dolores schauerte es, als sie daran dachte, wie der Mörder durch diese geheime Verbindung in tiefster Nacht zu ihr gelangen und sie töten konnte, ohne daß auch nur ein Hahn danach gekräht –!

»O Tante, warum hast du mir das nicht früher gesagt!« rief sie, als Frau Ruß das Telegramm an Ramo gegeben hatte. »Nicht das Geheimnis des Kamins, aber die Mordgedanken deines Mannes! Warum mich sterben lassen, ungerührt, und ich bin doch noch so jung! denn ich weiß, daß ich sterben muß!«

»Nein, nein«, schluchzte Frau Ruß erschüttert und sank vor Dolores auf die Knie nieder. »Ich sagte dir schon, daß ich dich haßte, weil ich an meines Mannes Liebe zu dir glaubte und eifersüchtig war. Sein Attentat auf dich am Hexenloch erfuhr ich erst durch sein gewohnheitsmäßiges Sprechen im Traume – den Schuß auf dich sah ich im voraus, weil er sich dein Pistol genommen, als du zu Alfreds Hochzeit fort warst, und sich damit übte, wenn er sich unbeobachtet glaubte – aber woher sollte ich wissen, wann er die Waffe auf dich abfeuern würde? Und sollte ich ihn anzeigen auf einen bloßen Verdacht hin? Er war doch immerhin mein Mann, und ich habe neben ihm am Altar gestanden!«

»Halt«, unterbrach sie Dolores, »mir fällt etwas ein.« Und sie erhob sich, um bald darauf mit dem kleinen Taschenpistol wiederzukommen, das sie neben sich auf den Tisch legte.

»Ich fürchte, ich habe in vergangener Nacht nicht seinen letzten Besuch empfangen«, sagte sie mit seltsam entschlossener Miene. Als sie wieder saß, fuhr Frau Ruß fort: »Er muß dir wohl schon mehrere Giftdosen beigebracht haben, ehe ich entdeckte, daß er mit diesen Mitteln gegen dich vorging. Ich sah es zum erstenmal beim Tee, daß er ein weißes Pulver in deine Tasse schüttete. Und damals war es noch eine mit Gewissensbissen vermengte Freude, die ich Unholdin dabei empfand. Erst als ich dich verfallen und welken sah wie eine Blume, da gingen mir die Augen auf, und ein namenloses Mitleid ergriff mich für dich! Wie aber dich warnen, ohne ihn preiszugeben? Und so durchkreuzte ich jeden seiner Wege, immer wachsam, Tag und Nacht beobachtend und lauschend – es war ein Höllenleben. Weißt du noch den Abend, als Engels den geschossenen Adler brachte? Während mein Mann das Maß suchte auf dem Tische, tat er sein Höllenpulver in deine Tasse; ich sah es und stieß dich an, um es dich gleichfalls sehen zu lassen. Aber du wußtest nicht, was ich meinte, und um dich am Trinken zu verhindern, sah ich dich so lange starr und stier an, bis mein Blick dich so jäh erschreckte. Und ich zerbrach auch mit Absicht die Arzneiflasche hier in deinem Zimmer, denn er hatte dir den nichtssagenden Trank mit seinem Gifte gewürzt. An diesem Tage wollte ich sprechen, wollte meinen Gatten anklagen, aber du wandest dich ab von mir, und Gräfin Schingas Ankunft vereitelte meine Absicht. Wie ich die Blausäure unschädlich machte in seinem Geheimfach – das erlasse mir zu schildern. Aber hier –« und sie zog ein Blatt Papier aus der Tasche, »hier ist der Brief, den er neben deine Leiche legen wollte, nachdem du das Gift genommen –«

Schaudernd und mit einer Ohnmacht kämpfend sah Dolores auf das Blatt herab, auf dem ihre Schriftzüge in meisterhafter Nachahmung es schwarz auf weiß der Welt erzählten, daß sie selbst Hand an sich gelegt. Jetzt erst konnte sie sich den nächtlichen Besuch des Doktors erklären: er war nur gekommen, um sich von ihrem Tode zu überzeugen und dessen Schuld auf die zu wälzen, deren Mund ihn nicht mehr Lügen strafen konnte. Und ein ungeheurer Ekel ergriff sie vor der Erbärmlichkeit der Menschen, die lieber ihren Nächsten aus dem Hinterhalte angreifen und vernichten, ehe sie offen vor ihn hintreten und sagen: Das will ich von dir, kannst du es geben, so gib!

»Heute den ganzen Tag habe ich's dir sagen wollen, wie ich's jetzt gesagt habe«, sagte Frau Ruß traurig, »du aber hast mich niemals sehen und sprechen wollen. Da blieb mir nichts übrig als jene Erzählung draußen am Hexenloch, denn ich fürchtete alles für dich in der kommenden Nacht. Aber wenn du mich jetzt nicht schützen kannst –«

Und sie rang verzweiflungsvoll die Hände.

»Er wird dir nichts mehr anhaben dürfen«, sagte Dolores matt, denn ihre überreizten Nerven fingen an nachzugeben, und sie fühlte, daß sie vor einer physischen Katastrophe stand.

Doch die Stimme des Doktor Ruß draußen im Korridor stachelte sie noch einmal auf. Sie drängte die schreckensbleiche Frau hinein in ihr Schlafzimmer und wartete gespannt darauf, was er tun würde. Aber Ramo verteidigte seine Festung gut, und alles ward wieder still. Nun kam das Ruhebedürfnis mächtig über sie, und gerade wollte sie demselben Folge geben, als Doktor Ruß draußen abermals vernehmbar ward. Nun fühlte sie, daß es am besten war, diese Sache ein für allemal abzutun, darum schritt sie entschlossen zur Tür, öffnete sie und stand ihrem Feinde gegenüber.

»Ich hatte gewünscht, allein zu bleiben«, sagte sie kühl.

Doktor Ruß trat sogleich über die Schwelle, und auf einen Wink von Dolores schloß Ramo die Tür.

»Teuerste Nichte, ich wünsche Ihre Ruhe nicht für einen Moment zu stören«, sagte er in seiner gewohnten leisen und verbindlichen Weise. »Ich suche meine Frau. Ist sie bei Ihnen?«

»Ja«, sagte Dolores kurz.

»Ach, ich hatte also recht gehört. Gestatten Sie mir also, sie hinabzuführen in unser Zimmer.«

»Nein!« erwiderte Dolores.

»Nein?« wiederholte er. »Aber ich verstehe, wie Sie in Ihrem Edelmut dieser armen Unglücklichen Pflege angedeihen lassen wollen. Dennoch bitte ich Sie um Ihrer eigenen Sicherheit willen, meine Frau in meine Obhut zu geben.«

»Tante Adelheid wird bei mir bleiben«, entgegnete Dolores ruhig.

Er wehrte mit der Hand ab. »Dolores, seien Sie vernünftig! Meine Frau leidet an Wahnvorstellungen, an Irrsinn! Wer bürgt mir, daß dieser nicht in Tobsucht ausartet und Sie schwer schädigt?«

»Ich bürge dafür, Herr Doktor Ruß! Meine Tante war nie klarer, geistig niemals zuverlässiger als heut!«

»Aber, teure Dolores«, entgegnete Ruß eindringlich. »Bedenken Sie doch –! Diese schweigsame, stille Frau tritt in einer großen Gesellschaft plötzlich aus sich heraus und erzählt eine lange Geschichte ohne Pointe, die sie sich aus den Gerichtsartikeln verschiedener Zeitungen zusammengestoppelt hat –«

»Halt, Doktor Ruß«, unterbrach ihn Dolores. »Ich bin mir über Ihre Pläne jetzt ganz klar. Sie wollen Ihre Frau in ein Irrenhaus bringen.«

Doktor Ruß lächelte mitleidig. »Aber liebste Dolores, halten Sie mich für so unmenschlich, daß ich meiner eigenen Frau die einzige Pflege entziehen würde, die ihrem Zustande frommt? Ich bin leider nicht reich genug, um ihr diese Privatpflege in meinem Hause angedeihen zu lassen. Ich sehe aber, Sie sind der Ruhe bedürftig, lassen Sie uns daher kurz sein und mich meiner Frau selbst annehmen. Es ist das beste, glauben Sie mir –«

»Ich bedaure. Tante Adelheid hat sich unter meinen Schutz gestellt und weigert sich mit Entschiedenheit, Sie zu sehen«, entgegnete Dolores unbewegt.

Doch Doktor Ruß zuckte mit den Achseln. »Da haben Sie wieder einen Beweis ihres Irrsinns, denn der Grund dieser Weigerung geht über mein Begriffsvermögen«, sagte er.

Nun aber wallte es heiß auf in Dolores und stieg zornesrot in ihre bleichen Wangen.

»Herr Doktor Ruß, Sie verlassen in diesem Augenblick das Zimmer«, sagte sie befehlend. »Ich wünsche mit Ihnen nicht dieselbe Luft zu atmen.«

»Ah – wie Sie befehlen«, erwiderte er nachlässig. »Die Herausgabe meiner Frau aus Ihrer Gewalt wird das Gesetz mir erzwingen. Wenn Sie also in Kollisionen mit diesem schon morgen treten, so ist es meine Schuld nicht. Ich habe den gütlichen Weg voll betreten, wie Sie mir bezeugen werden können. Wenn ich also morgen in aller Frühe die Gerichte anrufe, so darf es Sie nicht wundernehmen.«

»Die Gerichte, Herr Doktor Ruß, werden Ihre Frau in meinem Schutze lassen, die Richter aber, welche den Falkenhof betreten auf Ihren Ruf, werden Sie auf meine Anklage hin wegen vierfachen Mordversuches verhaften. Und Ihre Frau wird dann als Zeugin gegen Sie auftreten.«

Doktor Ruß hob beide Hände zum Himmel auf.

»Jetzt scheine ich verrückt geworden zu sein«, sagte er ergeben.

»Kennen Sie diesen Brief?« rief Dolores, das Blatt hervorziehend, das Frau Ruß ihr gegeben.

Da wurde er so bleich, daß seine Farbe ins Grüne überspielte, aber er hielt sich tapfer.

»Ihre Handschrift, Dolores.«

»O ja – insoweit vortrefflich kopiert«, entgegnete sie bitter.

»Ein Autograph von mir selbst – ein sinniges Gastgeschenk von Ihnen. Aber es liegt mir nichts daran, den Namen Falkner durch den Schmutz eines langen Kriminalprozesses zu schleifen, und darum stelle ich Sie vor die Alternative, entweder Ihre Intentionen auszuführen, welche dann zweifellos zu Ihrer Verhaftung führen würden, oder aber eine von mir ausgesetzte Rente im Auslande zu verzehren. Sie haben also die Wahl und können sich's bis morgen überlegen. Und nun gehen Sie!«

Aber er rührte sich nicht.

»Ich bewundere Sie schon lange«, sagte er ironisch, »aber heute bewundere ich einen noch nie geahnten Charakterzug in Ihnen: den peremptorischer Kürze und eines wahrhaft souveränen Willens. Schade nur, daß derselbe mir nicht in der Weise imponiert, als er vielleicht sollte.«

»Doktor Ruß«, sagte Dolores mühsam beherrscht, »ich sagte Ihnen schon, daß meine Konversation mit Ihnen beendet ist. Verlassen Sie mich – ich wünsche allein zu sein.«

Jetzt aber warnte sie ein seltsames Glitzern in seinen Augen, auf ihrer Hut zu sein.

»Gehen Sie«, wiederholte sie, indem sie die Pistole aus ihrer Tasche zog und den Hahn spannte. »Gehen Sie – oder bei Gott, ich schieße Sie nieder wie einen tollen Hund, wenn Sie das Zimmer nicht verlassen haben, bis ich drei gezählt –«

 »Hoho! Ich denke, Brasilianerinnen führen nur ein Stilett,« höhnte er, ohne sich zu rühren.

»Nicht doch – wenigstens schieße ich besser als Sie«, erwiderte sie vollkommen kalt und besonnen und begann zu zählen: »Eins – zwei –«

»Ich gehe«, sagte er, etwas bleicher werdend, »denn wenn man wehrlos ist, kann ein Rückzug nicht für Feigheit gelten. Und«, setzte er salbungsvoll hinzu, »und obwohl diese Bedrohung meiner Person –«

»Notwehr!« fiel sie kühl ein.

». . . die Bedrohung meiner Person ein teurer Spaß für Sie werden könnte, so will ich dennoch keine Schritte tun, dieselbe zu ahnden«, vollendete er. »Denn«, setzte er hinzu, »denn ich hege keinen Groll gegen Sie und vergebe Ihnen, teure Dolores.«

Und damit ging er mit einer tiefen Verbeugung.

Aber als dieser künstliche Nervenreiz verflogen war, brach Dolores zusammen. Sie hatte nur noch Zeit, Frau Ruß zu fragen, ob sie alles gehört, und als diese bejahte, sagte sie: »So sage es Alfred, genau Wort für Wort, wenn er herüberkommt.«

Dann fiel sie in eine ohnmachtsähnliche Lethargie – Fieber stellte sich ein, und Frau Ruß durchwachte mit Tereza eine angstvolle Nacht an ihrem Bette.


* * *


Als Falkner am folgenden Mittag, nachdem er Stunden mit sich allein verlebt, erschöpft an Leib und Seele, alles Traurige mit Kepplers Hilfe besorgt und angeordnet hatte, als er noch einen Blick warf auf seine tote Frau, welche im weißen Sterbehemd auf ihrem Bette lag, im Haare einen Kranz von weißen Rosen, von jenem Boule de neige, den der Herzog so sorgsam veredelt, da ging er hinüber nach dem Falkenhof, denn sein Instinkt sagte ihm, daß man dort seiner bedurfte.

Zu gleicher Zeit mit ihm traf der Arzt aus Berlin ein, den Engels von der Station geholt, und Falkner wartete, nachdem er ihn hinaufgeführt hatte, im Ahnensaal, bis die Konsultation zu Ende sein würde.

Mit begreiflicher Spannung trat er dem berühmten Manne entgegen.

»Ich muß bis zum Abend hierbleiben, um den Erfolg eines Mittels abzuwarten«, sagte er auf Falkners Frage. »Es scheint hier eine komplizierte Vergiftung vorzuliegen, welche Ihre Frau Mutter mir auch bestätigt hat. Leider hat das Gift schon größere Fortschritte in dem Körper gemacht, die bedauern lassen, daß nicht früher Hilfe dagegen angerufen worden ist.«

Hier trat Frau Ruß ein, da sie ihres Sohnes Stimme gehört, und der Arzt benutzte ihre Anwesenheit, um sie zu fragen, auf welche Weise Dolores zu dem Gifte gekommen sei, ob durch Unvorsichtigkeit, aus eigener Initiative, oder durch fremde Personen.

»Der zweite Fall ist ausgeschlossen, und wir fürchten auch der erste«, erwiderte Frau Ruß fest, und als der Arzt überrascht aufsah, setzte sie hinzu: »Es ist der dringende Wunsch meiner Nichte, daß von dem Verdacht gegen eine Person nichts in die Welt dringt. Der Arzt ist ja in so vielen Fällen auch ein Beichtvater – lassen Sie, Herr Professor, also diese Mitteilung unter dem Beichtsiegel Ihres Wortes nicht aus dem Falkenhof herausdringen, denn er betrifft ein Glied der Familie.«

»Ich verstehe«, sagte der berühmte Mann, »und ich werde schweigen. Nur könnten Sie mir meine Arbeit wesentlich erleichtern, wenn Sie mir einen Anhalt über die Natur des Giftes geben könnten, falls dies im Bereiche der Möglichkeit liegt.«

Aber Frau Ruß schüttelte mit dem Kopfe – sie wußte, daß der Inhalt der gewissen Pappschächtelchen aus dem Geheimfach des Rokokosekretärs verschwunden war – ob er das Gift enthalten, war dabei noch immer fraglich, und sie klagte sich jetzt an, daß sie nicht Proben davon entnommen.

»Ist meine Cousine in Gefahr?« fragte Falkner dann und sah den Arzt fest an.

»Ja«, sagte dieser ohne Bedenken. »Die Gefahr ist nicht unmittelbar, aber sie droht ohne Zweifel.«

»Und ist noch Hoffnung?« fragte Falkner leiser.

»So lange noch Leben ist, ist auch noch Hoffnung«, erwiderte der Arzt.

Das war aller Trost, und er war, bei Gott, schwach genug.


* * *


Noch am selben Abende reiste Doktor Ruß ab, nachdem er eine längere Unterredung mit seinem Stiefsohne gehabt.

Die Husaren aber ließen ihre Trompeter noch einmal blasen – als Lolo Falkner in die Gruftkapelle zur ewigen Ruhe gebettet wurde.

Die pathetischen Klänge des Chopinschen Trauermarsches und das Läuten des Totenglöckchens, das der Wind hinübertrug zum Falkenhofe, weckten Dolores aus dem Halbschlummer, in welchem sie seit den letzten drei Tagen fortwährend gelegen.

»Was ist das?« fragte sie.

»Sie tragen Alfreds Frau zur Gruft«, erwiderte Frau Ruß, welche daheim geblieben war, angstvoll, ob es die Kranke zu hören sehr erschüttern würde.

»Die arme Lolo«, sagte Dolores, indem heiße Tränen aus ihren Augen stürzten. »So reizend, so jung, und seine Frau! Da scheint das Sterben allzu hart.«

»Sie ist glücklich, denn sie ist bei Gott«, entgegnete Frau Ruß. »Hart ist das Sterben nur für die, welche zurückbleiben.«

Draußen verklang der Trauermarsch, und nur das Glöckchen läutete fort und fort mit seinem feinen, hellen Ton, der durch die klare, marienfädendurchzogene Spätsommerluft vibrierte wie ein Gruß aus einer anderen Welt.

Da richtete sich Dolores auf.

»Zwei Plätze waren noch frei in der Falknergruft«, sagte sie, »und ich habe in Schmerzen gebüßt nach der Prophezeiung der Ahnfrau, doch ich habe sie nicht erlöst. Denn der zweite Platz, es ist mein Platz, und ihr sollt mir darüberschreiben lassen den Spruch des Propheten Tobias: Der Mensch blüht auf wie eine Blume und wird gebrochen.«




Epilog

Drei Jahre sind seitdem vergangen. Es war wieder Herbst geworden, und die Blätter fingen an sich zu färben in dem herrlichen Parke des Falkenhofes und zauberten im Verein mit dem Sonnenlichte Tinten hervor, auf denen das entzückte Auge trunken weilte.

Die Sonne aber drang mit ihren Strahlen durch das fallende Laub mitunter bis hinab zur Erde und machte das goldene Kreuz auf der Gruftkapelle in siegreichem Feuer aufleuchten.

Die Pforten der Kapelle waren geöffnet, und unten in der Gruft kniet ein großes, schönes junges Paar neben einem Sarge, auf den es eben einen Strauß wundervoller weißer Moosrosen niedergelegt hatte. Zu Häupten des Sarges aber war eine Tafel in der Mauer eingelassen, auf welcher die Worte des Propheten Tobias geschrieben standen: »Der Mensch blüht auf wie eine Blume und wird gebrochen.«

Nachdem sie lange in stillem Gebet gekniet, erhob sich die Dame.

»Laß uns zum Sarge der Ahnfrau gehen«, flüsterte sie, »ich habe hier drei Rosen für sie – die weiße ihrer schuldlosen Tage, die rote ihrer Leiden und die goldfarbige ihrer Verklärung –«

Der Herr nickte, und sie traten ein in die Bleikammer der Gruft. Dort schob er den nur eben aufgesetzten, schweren Deckel des Prunksarges zurück, und sie beugten sich beide hinab, das einst so schöne Antlitz zu sehen, das, den unseligen Bruderzwist entfacht, nach mehr denn zwei Jahrhunderten noch völlig kenntlich und wunderbar erhalten war.

Und die Dame nahm die drei Rosen und legte sie leise und vorsichtig, um den Körper nicht zu berühren, der Ahnfrau auf die Brust, und als sie die Hand kaum zurückgezogen, da geschah etwas Seltsames: Vor den Augen der beiden zerfiel der sterbliche Rest der Freifrau Maria Dolorosa von Falkner zu Staub, und binnen wenigen Minuten, während denen sie staunend neben dem entschwindenden Körper standen und schauten, ward der Raum in dem Sarge leerer und leerer, und zuletzt lagen auf dem Boden desselben inmitten einer grau scheinenden Asche nur noch die Schmucksachen, die man ihr mitgegeben, und – die drei frischen Rosen von liebender Hand.

Das Paar aber stand stumm und reichte sich die Hände über den Sarg hinweg, durchschauert in tiefster Seele von Ehrfurcht vor dem, in dessen Hand wir nur Staub und Asche sind. Und da war es beiden zu gleicher Zeit, als hauchte ein unsichtbarer Mund einen Kuß auf ihre Stirn und ein kühler Hauch berührte sie, wie wenn jemand vorüberschritte an ihnen.

Da sank die Dame erschüttert in die Knie.

»Sie ist erlöst – jetzt wird sie der Engel Alleluja hören, nach dem sie sich so lange gesehnt!« flüsterte sie.

»Sie ist erlöst«, sagte auch er, aber laut und freudig und überzeugt, und zog die Kniende empor an seine Brust.

Denn das Paar, es ist Alfred und Dolores von Falkner, das letzte Edelfalkenpaar hat sich gefunden, und der Falkenhof hat wieder einen Herrn und eine Herrin.

Dolores hatte lange ringen müssen mit dem Tode und hatte über ihn gesiegt. Mit Frau Ruß war sie dann nach dem Süden gegangen, dessen warme Sonne ihr die entschwundene Lebenskraft zurückgab – nicht auf einmal, aber allmählich Schritt vor Schritt. Und nachdem Lolo Falkner schon mehr als ein und ein halbes Jahr ruhte in der Falkengruft unter dem Spruche des Propheten Tobias, da kam Alfred Falkner auch nach dem Süden, und dort, unter dem blauen Himmel von Kapri, legten sie die Hände zusammen zum Bunde fürs Leben – die Herzen hatten sich ja längst gefunden.

In Rom, der Ewigen Stadt, wurden sie vermählt und blieben an der Stätte ihres ersten, stillen Glückes monatelang, bis die Osterglocken verklungen waren und das Pfingstgeläute sie zurücklockte in die deutsche Heimat, in die grandiose grüne Waldeinsamkeit des Falkenhofes, des vielgeliebten.

Hier aber ward zum Erntefest ein Erbe getauft, ein junger Falke, ein kräftiger Sproß am alten Stamm.

Und heute war Dolores zum erstenmal hinausgegangen zur Gruft, einen Akt der Pietät zu erfüllen an der Ahnfrau, deren Hand so wunderbar eingegriffen in ihr Geschick, und an der unseligen, so vorzeitig geknickten Menschenblume, die ihres Gatten erste Frau gewesen.

Langsam und schweigend schritten sie durch die schattige Eichenallee zurück zu dem Falkenhof, noch ganz erfüllt von dem Wunderbaren, das sie unten erlebt in der stillen, kühlen Gruft. Und sie kamen überein, daß sie niemand davon sagen wollten, damit nicht am Ende noch Spott oder eine nüchterne, wissenschaftliche Erklärung den Hauch der Weihe abstreifte, der unten über sie gekommen.

Als sie aber vor der Terrasse anlangten, da hatten sie ein liebliches Bild, das sie ganz ins volle Leben zurückführte und ihnen das Herz in stolzem Glücke klopfen ließ – denn da stand eine lachende Wärterin in der malerischen Tracht ihrer Heimat und hielt auf den Armen ein schneeweißes Bündel von Spitzen, das mit blauen Schleifen umbunden war, und aus dem Bündel guckten ein kleines Köpfchen hervor mit goldblondem Haar und ein Paar rosige Fäustchen –

Daneben saß Frau Ruß, über einem Kinderjäckchen strickend, aber ihr sonst so kaltes, ausdrucksloses Gesicht strahlte vor innerer Freude wie verklärt, und in ihren lichtblauen Augen leuchtete es mild und weich wie nie vorher. Und sie kann wohl ruhig aussehen und zufrieden, denn der Falkenhof ist ihre Heimat, und die Liebe ihrer Kinder taut alles auf, was noch als Eis um ihr Herz gelegen hat – und – Doktor Ruß lebt in Australien, als hochgeachteter Mann und Träger einer Würde, von seinen Einkünften, die ihm alljährlich aus dem Falkenhofe zufließen.

Vor dem kleinen Werner Falkner aber steht auch der alte Engels und schmunzelt vergnüglich und hält den Atem an, als könnte der schon dem Edelfalken vor ihm schaden. Und als er die schönen, stolzen Eltern dieses kleinen Wunders erblickte, da schwenkte er den alten Filz und rief ihnen lachend und gerührt zugleich entgegen: »Hurra, es lebe der Sproß des prophezeiten tausendjährigen Reiches der Falken. Und wenn's auch etwas kürzer wird, was tut's? Denn unsere Augen sehen sie noch blühen, die Falkner vom Falkenhof!«