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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem – Heideröslein

Roman

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, Heideröslein, Martin Maschler, Berlin, [1910]
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



Wenn mein Kranz verblüht,
Wenn mein Herz gebrochen,
Dann hab' ich Wiederkehr versprochen.
Hans Heiling



Der letzte Frühlingssturm raste über die Erde, er fuhr ächzend durch die Wälder und das niedere Gehölz und brach manche Spitze der Föhren, daß sie krachend zusammenstürzten ins weiche, grüne Moos, auf dessen unvergänglichem Teppich schon der Waldmeister seine zarten Blättchen ausbreitete und die Heidelbeere neben der Erdbeerstaude zu grünen begann. Denn Pfingsten stand vor der Tür, nach langem, hartem Winter sollte es endlich Frühling werden, Frühling auf Erden, Frühling im Herzen.

Das muß schon ein eisenhartes Herz sein, ein verdorrtes, erstorbenes Gemüt, das nicht weich wird und froh zugleich von dem wunderbaren, eisesschmelzenden, blütentreibenden Worte: Frühling, das nicht wunderbar bewegt wird durch das Wörtlein »Pfingsten«, das liebliche Fest, wenn die Veilchen blühen, die Vögel jubilieren und ein feuchter, warmer Hauch aus der Erde dringt.

Und wenn die Sonne sich senkt und die warme Luft durch das erste, lichte Blättergrün rauscht und den Veilchenduft zu uns herüberweht, ist's nicht ein eigener Zauber, der das Herz dann ergreift? Den Frühlingsabend zu schildern, wessen Feder vermöchte das? Einer hat's gekonnt, Emanuel Geibel, als er sang:



Frühlingsabend,
Wie hab' ich dich so gern,
Der Himmel wolkenverhangen,
Nur hie und da ein Stern.
Wie leiser Liebesodem
Hauchet so lau die Luft,
Es steigt aus allen Talen
Ein warmer Veilchenduft.
Ich möcht' ein Lied ersinnen,
Das diesem Abend gleich,
Und kann den Klang nicht finden,
So dunkel, mild und weich.«


Doch für solch einen Frühlingsabend war's heute noch viel zu früh. Der verdrängte Winter versuchte es noch einmal, seine unmögliche Herrschaft zu behaupten, und sandte seinen wildesten Sturm über die Erde, wenn auch nur, um den Baumkronen einen kleinen Denkzettel zu geben, dafür, daß sie schon vorwitzig ihre schwellenden Knospen oder wohl gar kleine, neue, lichtgrüne Blättchen zeigten. Und so wehte des Winters letzter Gruß stöhnend durch den weiten, dichten Forst und heulte klagend um die festen, alten Mauern des Forsthauses am Saume des Waldes.

Drinnen aber im warmen, behaglichen Zimmer lag der alte Oberförster Freiherr von Fels zurückgelehnt in seinem großen Lehnstuhl, schwer und tief atmend, und am Fenster, die Stirn an die kühlen Scheiben gedrückt, stand sein einziges Kind, seine Rose, das »Heideröslein«, wie er sie gern nannte, und horchte hinaus in den wilden Sturm.

»Wie das tobt und rauscht,« hatte sie vorhin zu der alten Wirtschafterin gesagt, »weißt du, Dore, das klingt wie das Flügelrauschen des Todesengels, der ums Forsthaus fliegt!« Und sie hatte recht – es mochte der Todesengel sein, denn der starke, kräftige Oberförster lag im Sterben. Der Sturm knickt eisenfeste Bäume, und der Ewige droben brach durch seinen Willen die unverwüstliche Lebenskraft und Gesundheit dieses Mannes. Seit Stunden hatte ihn ein tiefer, schwerer Schlaf übermannt, und Rose wartete mit ängstlicher Sorge auf das endliche Erwachen.

 »Der Schlaf tut nimmer gut,« hatte die alte Dore kopfschüttelnd gesagt.

»Heideröslein« stand am Fenster, und es legte sich immer schwerer und banger auf ihr junges, frohes Herz. Der erste Schmerz, die erste Sorge sollte sie treffen, denn als die Mutter starb, war sie noch zu jung gewesen, um es recht zu fühlen, kaum, daß sie damals verstand, was man ihr sagte. In dem alten Forsthause hatte sie ihre Kindheit, ihre Jugend verlebt, frei wie ein Vogel war sie in Wald und Heide aufgewachsen, sie kannte jeden Baum, jeden Strauch, jeden Vogel im Revier, und die Rehe kamen zutraulich, ihr die Leckerbissen aus der Hand zu nehmen. Und neben diesem freien Emporblühen und Wachsen legten treffliche Lehrer den Grund gediegener Bildung in das leicht empfängliche Gemüt des Mädchens, dessen geweckter Verstand alle Schwierigkeiten des Lernens spielend überwand.

So war sie denn aufgewachsen, kräftig, schön und blühend in der frischen Waldluft. Ihre Gespielen waren die Tiere des Forstes, sie war höchstens bis in die nächste Stadt gekommen, und die Nachbarfamilie drüben auf dem Lande hatte keine Kinder. Rose hatte zwar viel mit ihr verkehrt und war ein stets gern gesehener Gast auf Hochfelden, denn sie fühlte sich sehr zu der sanften, leidenden Gutsherrin hingezogen, aber eine Gespielin konnte ihr die bedeutend ältere, stets an ihren Rollsessel gefesselte Frau nicht sein.

Der Oberförster liebte sein Kind und war stolz auf sie. Es war ihm freilich mitunter der Gedanke gekommen, was aus ihm werden sollte, wenn sich eines schönen Tages ein Märchenprinz durch den dichten Wald arbeitete, um Rose im Sturm davonzuführen, wie weiland Dornröschen. Aber der Gedanke war ihm nie gekommen, daß ihm einst das große Halali geblasen werden würde und er seinen Liebling allein zurücklassen müßte, denn im Bewußtsein seiner strotzenden Kraft dachte er nicht an einen Zusammenbruch, bis vor einer Woche plötzlich eine Schwäche über den Riesen kam und eine höhere Macht ihm die Flinte aus der Hand nahm. Und das an dem Tage, da ein besonders gnädiges königliches Schreiben ihn zum Forstmeister ernannte. Das hatte den Freiherrn recht wehmütig gestimmt, und zum ersten Male dachte er daran, was aus seinem Heideröslein ohne ihn werden sollte. In den ersten Stunden seiner Krankheit waren ihm trübe Gedanken durch den Kopf gezogen; es fiel ihm ein, daß die Welt schlecht und sein Kind jung sei, erst achtzehn Jahre alt, und am Ende gar noch hübsch – wahrhaftig, er hatte gar nicht gewußt, daß sie hübsch war; er wünschte nun fast, sie möchte häßlich sein in dieser nichtsnutzigen Welt, die doch auch wieder so schön ist. Verstohlen prüfte er Roses Züge und Gestalt – er fand, trotzdem er es nicht recht glauben wollte, daß ihr Wuchs vollkommen und dabei leicht und biegsam wie eine junge Tanne war, und was ihre Züge anbetraf, so mußte er sich stolz und doch wieder staunend gestehen, daß sie regelmäßig und wunderlieblich waren: die schöne, weiße Stirn mit der Fülle rötlichgoldblonder krauser Löckchen darüber, die feine, gerade Nase mit den schön gezeichneten Nüstern, der rosige, leicht aufgeworfene Mund, die zarten, pfirsichfarbenen Wangen mit den Grübchen, endlich die sonnigen Augen von solch lichtem Braun, daß es goldig aussah, und darüber die feinen, dunklen Brauen.

Wenn man an etwas gewöhnt ist, fällt es einem nicht mehr auf, darum hatte der Oberförster auch gar nicht gewußt, daß Rose so hübsch war. Tagtäglich nahm er sich vor, mit ihr über die Zukunft zu sprechen, und tagtäglich schob er es wieder auf – er mochte wohl nicht glauben, daß es wirklich zu Ende gehen sollte. Heute, während der Sturm um das Forsthaus heulte, träumte der Kranke irre, wirre Träume durcheinander, und als er endlich erwachend die fieberhaft glänzenden Augen aufschlug und Rose herbeieilte, ihm das Kissen unterm Kopfe gerade zu rücken und sein sonnverbranntes, wettergefurchtes Antlitz zu küssen, da seufzte er tief auf.

»Jetzt ist's bald aus, Heideröslein,« sagte er matt, »der da droben hat das Halali geblasen, und da muß ich schon kommen, mag ich wollen oder nicht!«

»Aber Papa, lieber, lieber Papa,« flüsterte Rose erstickt.

»Ja, ja, 's ist bitter für dich, armes Kind,« entgegnete er, »um allein zu stehen in der Welt, bist du eigentlich noch viel zu jung, – brr, wie das draußen heult und stöhnt! Der Sturm wird mich mitnehmen von hier. Na, schade ist's nicht um mich alten morschen Stamm, aber was machst du ohne Stütze, junges Bäumlein? Armes Heideröslein, mir wird das Scheiden von dir recht schwer! Mir bangt um deine Zukunft. Aber ich denke, du hast meinen Charakter geerbt, und da weiß man wenigstens, was man will – gut, gut! Konnte diese anschmiegenden Efeucharaktere mein Leblang nicht leiden, mögen recht gut sein fürs Haus, taugen aber in der Welt gar nichts. Ja, was wollte ich gleich sagen, Heideröslein?«

»Ruh' dich doch aus,« bat Rose.

»Ruhen? Werde bald für immer ruhen, Kind! Nein, heut muß ich reden, sonst wird's zu spät – meine Frist ist abgelaufen. Der Sturm draußen, das ist nach altem Jägerglauben der Todesengel, der mit den Flügeln rauscht, und gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen, wenn auch die alte Dore meint, mir mit ihren greulichen Tees wieder aufhelfen zu können. Sag', Heideröslein, was wirst du tun ohne mich – ich lasse dich arm und verwaist zurück, allein auf dieser großen, öden Welt!«

Rose war unfähig, zu antworten. Mit überströmenden Augen kniete sie neben dem Sterbenden nieder und lehnte sich auf seinen Arm.

»Na, weine nicht, Kind,« sagte er, »geschieden muß einmal sein, und leicht wird's mir, weiß Gott, nicht! Aber der da droben wird dich schützen, und ich will über dir wachen. Nimm dich in acht, Heideröslein, auf deiner Wanderung durchs Leben, du bist jung, unerfahren und hübsch! – Aber sie wird nicht verderben und untergehen,« setzte er leise hinzu, »denn sie hat meinen Charakter.«

Es war eine Weile still in dem Gemach, dann hob der Freiherr wieder an: »Ich hinterlasse dir nichts, Kind, aber du hast dein Kapital im Kopf und Herzen. Ich mag freilich schlecht gewirtschaftet haben, nun, auf das Geldzusammenscharren hab' ich mich mein Lebtag nicht verstanden. Sei du die Erbin meiner Liebe, der Liebe überhaupt, kleine Rose! Ich, ich habe nichts geerbt als Haß. Deine Mutter war ein gutes Geschöpf, aber geliebt habe ich sie nicht so, wie ich gesollt hätte. Du hast ja von Romeo und Julia gelesen; nun, ehe ich deine Mutter heiratete, hatte auch ich meine Julia, aber ein alter Streit trennte unsere Häuser, und an meines Vaters Sterbebett mußte ich schwören, diesem Mädchen zu entsagen – ich wurde der Erbe seines Hasses! Sei du also die Erbin der Liebe, Rose, und wenn du ihr einst begegnest, meiner Julia, dann vergelte ihr durch Liebe das Böse, das Herzeleid, das ich ihr zufügen mußte. Liebe und Vergebung ist edler und vornehmer als Rache und Haß – aber freilich, das Herz läßt sich nicht zwingen.«

»Wer ist sie, wie heißt sie, lieber Vater?« fragte Rose. Aber der Freiherr war in sein Kissen zurückgesunken, seine Augen sahen stier und verglast vor sich hin.

»Ihr Name –« stammelte er, »sag' ihr – ich hätte sie – ewig geliebt! –Sag' ihr – Rose, Heideröslein – es ist – aus – behüt' – dich Gott!«

Er fiel zurück. Rose warf sich über ihn, angstvoll seinen Namen rufend, und dazu klirrte und rasselte der Sturm an den Scheiben.

Der Freiherr wandte seine Augen seinem Kinde zu, ein Lächeln irrte über seine Lippen, und mit erlöschender Stimme sagte er nur ein Wort noch: »Heideröslein!«

Dann war es vorbei, er war tot.

Und in dem Augenblick, der diese Seele himmelwärts führte, legte sich der Sturm – es war tiefe Stille geworden in der Natur.

Als die alte Dore nach einer Weile mit einer dampfenden Tasse Tee ins Zimmer trat, fand sie die tränenlose Waise in stummem Jammer neben der Leiche ihres Herrn, und leise mit der Schürze über die Augen fahrend, sagte sie mit bebender Stimme: »Also ist's doch der Todesengel gewesen.« –

Es war nun alles vorüber. Der Oberförster lag in der kühlen Erde, und seines Kindes Hand legte die ersten Veilchen auf den frischen Hügel. Sie kniete nieder an dem Grabe und breitete ihre Arme darüber aus, als wollte sie es umarmen, und endlich löste sich ihr starrer Schmerz, eine heiße Tränenflut stürzte ihr aus den Augen.

Es war schon spät, als die alte Dore kam, sie abzuholen.

»Kommen Sie heim, Kindchen,« sagte sie, »es tut nicht gut, wenn der Frühlings-Abendtau auf einen fällt, der taugt nur für Pflanzen!«

Rose erhob sich von den Knien, und ehe sie ging, strich sie noch einmal mit der Hand über das Grab, als ob der Tote drunten dies Zeichen ihrer Liebe fühlen könnte.

An der Kirchhofstür blieb sie stehen und sah zurück; es dämmerte schon stark, und ein feiner Nebel senkte sich wie ein Schleier auf die Gräber des Gottesackers am Waldessaum.

»Tot,« sagte sie mit zuckendem Munde, »tot, und ich, ich bin verwaist und allein!« Es war eine böse Nacht für die Heiderose, unruhig warf sie sich auf den Kissen umher, und fieberhafte Träume verfolgten sie.

»Das kommt vom Abendtau,« murmelte die alte Dore, die am Bett ihrer jungen Herrin wachte und oft liebevoll die brennend heißen Hände drückte und die goldroten Löckchen von Roses Stirn strich.

Gegen Morgen wurde sie ruhiger, und ein erquickender Schlaf stärkte die abgespannten, erregten Nerven. Als sie erwachte, schien die Sonne hell in ihr Stübchen, und schnell war sie angekleidet und hinausgeeilt in den taufrischen, grünen Wald, dessen leises Rauschen ihr so vertraut und lieb war.

Langsam schritt sie dahin auf dem schmalen Waldweg, frei wehte die Frühlingsluft um ihre Stirn, und mit durstigen Zügen sog sie den würzigen Tannenhauch ein. Die Welt lag da wie in Gold getaucht, so ruhig, so friedlich wie eine Verheißung – leise, unmerklich fast wich der verzweifelnde Schmerz aus Roses jungem Herzen, und an seiner Stelle kehrte die sanfte, tiefe und wahre Trauer in ihr ein, die nicht mit dem schwarzen Gewand wieder ausgezogen wird, sondern unvergessen dem Menschen bleibt.

Ruhiger geworden, trat Rose aus dem Wald hinaus und schritt nun querfeldein, die blauen Veilchen pflückend, die ihr zu Füßen überall sproßten, und nach kurzer Wanderung gelangte sie an eine lange Lindenallee, an deren Ende ihr die freundlichen weißen Mauern des Hochfeldener Herrenhauses entgegenblinkten. Herr und Frau von Hochfelden saßen in der Gartenhalle, zurückgeschobenes Frühstücksgerät zeigte, daß sie den schönen Morgen dazu benutzt hatten, den Kaffee im Freien zu nehmen. Der Hausherr eilte Rose entgegen, als er ihrer ansichtig wurde, und seine Frau reichte ihr schon von weitem die Hand zum Gruße entgegen, – sie war durch eine Lähmung seit Jahren an ihren Rollstuhl gefesselt.

»Willkommen, Heideröslein,« rief sie freundlich, »tausendmal willkommen. Ich hatte dich erwartet, denn ich kann ja nicht zu dir kommen! Armes, armes Kind!«

»Ich war im Wald,« sagte Rose, »und die frische Luft hat mir wohlgetan! Gottlob, daß es Frühling ist, im Winter wär's schwerer zu tragen gewesen. Es tat mir so wohl und wehe zugleich, die Wege zu gehen, die ich so oft mit dem Vater gewandert bin. Bald werden Fremde sie gehen,« setzte sie leise hinzu.

»Das ist der Lauf der Welt,« sagte Hochfelden in tröstendem Ton. »Diese Fremden sollen dich nicht sehr belästigen, Rose,« rief Frau von Hochfelden herzlich, »höre unseren Plan: Wir wollen dich bei uns haben, Kind, du sollst ganz zu uns übersiedeln. Wir wollen schon dafür sorgen, daß das Heideröslein wieder blüht wie früher.«

»Ja, schlag ein,« rief Hochfelden freundlichen Blicks, »wir bieten dir gern unser Haus als Heimat, und daß wir deine besten Freunde sind, davon bist du überzeugt, nicht wahr?«

Rose war blaß geworden. Sie lehnte, mit den Händen das Gesicht bedeckend, an dem Gitter der Gartenhalle. Ein schwerer Kampf war's, aber sie bedachte sich nicht lange.

»Ich weiß,« sagte sie langsam und fest, »ich weiß, daß ihr meine Freunde seid, und danke euch von ganzem Herzen für eure Güte – aber ich kann sie nicht annehmen. Ich bin arm, mein Vater hat mir nichts hinterlassen, das mich in die Lage setzen könnte, zu leben, wie es mir beliebt! Ich muß mir folglich mein Brot verdienen.«

»Rose, wenn du bei uns bist, brauchst du durchaus keine Sorgen zu haben, und –«

»Aber ich würde müßig gehen, und das will ich nicht,« erwiderte Rose ruhig und fest, »mein Vater pflegte stets zu sagen, daß er Müßiggänger wie die Sünde hasse, und er hatte recht. Eure Güte würde mir wie ein Almosen vorkommen, und – ich, ich bin zu stolz, um das anzunehmen.«

»Aber was willst du tun, Rose? Überlege es wohl, du bist ein verwöhntes Kind!«

»Nein, das bin ich nicht,« entgegnete das junge Mädchen ernst, »verwöhnt durch Liebe bin ich wohl, aber nicht in dem Sinne, in dem ein verwöhntes Kind betrachtet wird. Ich kam heute zu euch, um zu fragen, ob ihr mich für fähig haltet, die Stelle einer Gesellschafterin und Vorleserin in fremdem Hause auszufüllen. Antwortet mir ohne Rückhalt, ich bitte darum.«

Sie sah fast flehend auf die zarte Dame herab, die sie voll Teilnahme betrachtete.

»Ja,« sagte Frau von Hochfelden nach einer Pause, »ja, ich denke, das könntest du schon, du sprichst zwei Sprachen mit Gewandtheit, und dein Vortrag ist angenehm. Doch bedenke, daß es nicht leicht ist für ein junges, lebhaftes Mädchen, wie du es bist, sich freundlich in jede Laune einer Dame zu finden. Das Brot der Dienstbarkeit ist ein sehr hartes, doppelt hart aber für die, welche stolz sind.«

»Ich werde es nicht mehr sein, wenn ich's nicht mehr sein darf,« erwiderte Rose so zuversichtlich, daß Hochfelden vor sich hinmurmelte: »Kleiner Eisenkopf – die setzt durch, was sie sich vornimmt.«

Rose hatte diese Worte verstanden. »Ich hoffe, du beurteilst mich richtig,« sagte sie mit leisem Lächeln.

»Nun wohl,« meinte Frau von Hochfelden, »gesetzt also, du wirst dies harte Brot ertragen mit der Kraft, welche Gott denen verleiht, die es mit dem ›feindlichen Leben‹ aufnehmen müssen. Für dich gibt es aber noch andere Bedenken. Erstens bist du sehr jung –«

»Dieser Fehler bessert sich mit jedem Tage,« fiel Rose ein.

»Dann bist du wirklich zu – zu hübsch für eine solche Stellung. Der Schutz, den der Mensch sich selbst gewährt, ist zwar der beste, und von Leuten, die nur tugendhaft bleiben, wenn sie ständig überwacht werden, halte ich nicht viel, aber dennoch –«

»Vater nannte mich nicht umsonst ›Heideröslein‹. Ich habe meine Dornen und kann stechen.«

»Endlich, liebe Rose, ist das schwerste Hindernis für dich dein Titel. Wer wird sich eine Baronesse ins Haus nehmen! Man knüpft daran gleich die Vorstellung einer anmaßenden Person, man möchte ihr besondere Rücksicht gönnen, und man will doch nicht, man fühlt sich neben der Gesellschafterin beengt und gezwungen, besonders, wenn man selbst dem Adel nicht angehört, und ist dies der Fall, so ist die arme Standesgenossin, die man bezahlt, stets eine Art von Vorwurf, ein Stein des Anstoßes – ich kenne das aus Erfahrung.«

»Ich habe auch daran gedacht,« erwiderte Rose, »ich kann aber in einem fremden Hause die ›Baronesse‹ ablegen und einen einfachen bürgerlichen Namen annehmen. Habe ich nun eure Bedenken alle beseitigt?«

»Du hast sie nur bekämpft, liebes Kind! Aber wir sind nicht überzeugt.«

»Und wenn ich,« setzte Hochfelden hinzu, »wenn ich nun, als der von deinem Vater für dich ernannte Vormund, Einspruch einlege?«

»Das wirst du nicht, ich weiß es,« sagte Rose freundlich, »denn ich will ja nur im Sinne meines Vaters handeln. Wäre ich ein einfaches, bürgerliches Mädchen, so müßte ich eben hinaus in die Welt, um meine Schwingen zu versuchen, während ich jetzt freiwillig tue, was mich eben dieser Stolz, den ihr mir vorwerft, zu tun heißt.«

»Ach, Rose, du weißt nicht, was du tust,« rief Frau von Hochfelden ängstlich. »Rudolf,« wandte sie sich an ihren Mann, »Rudolf, lege doch Einspruch ein, ich bitte dich!«

Hochfelden klopfte erst seine kleine, eben ausgebrannte Pfeife aus, steckte sie sorgfältig in ihr Futteral und sagte dann bedächtig: »Nein, ich werde das nicht tun. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Mag unser liebes Mündel ihre jungen Schwingen probieren, wie weit sie tragen. Werden ihr die Flügel matt und wollen die vielgerühmten Dornen des Heiderösleins nicht mehr ordentlich stechen, dann mag das kecke Vöglein zurückfliegen in unser Nest, wir wollen es stets mit offenen Armen empfangen!«

Rose trat mit glänzenden Augen vor Hochfelden hin und reichte ihm beide Hände.

»Herzlichen Dank!« sagte sie fast fröhlich, »herzlichen Dank für die guten Worte! Aber fürchtet nichts, ich bin nicht so zag, daß der erste beste Windstoß mich zurückführen könnte ins warme Heim.«

»Ei wie tapfer, Heideröslein.«

»Tapfer?« sagte sie lächelnd, »nun, ich bin ja meines Vaters Tochter! ›Nulla me terrent‹ ist der Wahlspruch unseres Wappens. Nein, nein, gewöhnliche Widerwärtigkeiten des Lebens werden mich nicht verscheuchen – es müßte etwas sehr, sehr Ernstes sein.«



»Wenn mein Kranz verblüht,
Wenn mein Herz gebrochen,
Dann hab' ich Wiederkehr versprochen,«


zitierte Frau von Hochfelden leise und setzte schnell hinzu: »Nun, soll es nur unter dieser Bedingung geschehen, dann mag ich dich niemals wiedersehen, liebes Heideröslein.«

Indes näherte sich ein Diener der Gartenhalle mit eben angelangten Postsachen. Hochfelden nahm ihm gleich die Zeitung ab und las daraus rasch hintereinander vor.

»Gesucht werden Bonnen, Kindergärtnerinnen, Kutscher, verheiratet und unbeweibt, Gärtner, Erzieherinnen, Köche, Kammerjungfern, Küchenjungen – das ist nichts für dich, Rose. Alles nichts. Wir müssen dich in die Zeitung rücken lassen: Eine junge Dame von angenehmem Äußeren usw.«

»Muß das dabei stehen?« fragte Rose verwundert.

»Hm, ja, ich denke,« sagte Hochfelden und rief dann aus: »Ah, ah, hört, hier steht's mit gesperrter Schrift: »Für eine ältere Dame wird unter vorteilhaften Bedingungen eine Gesellschafterin gesucht, welche neben der Kenntnis der englischen und französischen Sprache auch angenehm vorzulesen versteht. Persönliche Vorstellung bei Frau von Willmer in St. erwünscht.«

»Das ist was für mich,« rief Rose lebhaft.

»Willmer – Willmer –,« sagte Hochfelden sinnend, »wo habe ich denn den Namen gehört? Ein Willmer stand bei meinem früheren Regiment, es müßte seine Witwe sein, denn er ist tot. Nun, meinetwegen, Rose, versuche es mal damit.«


* * *


Es war zwei Tage später; der Ort der Handlung ist eine kleine, aber elegante Wohnung der schönen Residenzstadt St« zwar nicht prunkvoll, doch hübsch eingerichtet, und die wenigen, aber wertvollen Stiche und Gemälde an den Wänden, sowie die reichen Topfgewächse auf eleganten Blumentischen machen sie ausgesucht behaglich.

Die Inhaberin dieses angenehmen Heims war Frau von Willmer. Ihr Taufschein gab ihr dreißig Lebensjahre, aber ihr Aussehen ließ höchstens auf fünfundzwanzig schließen, – eine schlanke, große Gestalt, ein blasses, regelmäßiges Gesicht, von glattem, tiefschwarzem Haar umrahmt, tiefdunkle Augen, sanft und madonnenhaft, das war der erste Eindruck ihrer Erscheinung. Um den etwas zu schmalen Mund fliegt mitunter ein hochmütiger Zug, aber sonst ist alles an ihr wellenförmig, anschmiegend und sanft. Seit drei oder vier Jahren Witwe, lebte Frau von Willmer in St. und gern versammelte sie die bedeutendsten Künstler, Gelehrten und Diplomaten um sich.

Man kam gern zu ihrem Empfangsabend, denn sie verstand die Kunst, eine liebenswürdige Wirtin zu sein, sie war sogar beliebt bei den Frauen, was viel sagen will, denn unsere lieben Mitschwestern vertragen es schwer, wenn es einem weiblichen Wesen einfällt, für etwas anderes Interesse zu haben als für selbstgestopfte Strümpfe, Küchengeheimnisse und Klagen über Dienstboten. Es war sogar unter den Damen bekannt, daß Frau von Willmer heimlich ästhetische Aufsätze schrieb, die in gelesenen Zeitungen gedruckt wurden – und doch war sie in Frauenkreisen beliebt, also ein noch blaueres Wunder als das andere.

Eine Frau, die schreibt, ist für andere weibliche Wesen ein Gegenstand mindestens des Mißtrauens; eine, die sich den ganzen Tag putzt, reitet, über alle Hecken setzt, bis zum Wahnsinn tanzt, malt, Flügel spielt, singt, raucht und vielleicht sogar das Cello streicht, ist ein wahrer Engel gegen eine Frau, die schreibt. Man sieht sie von der Seite an, forscht, ob sie Schuhe mit niedergetretenen Absätzen trägt, ob die Nähte ihrer Handschuhe und Kleider geplatzt sind, ob der Mittelfinger ihrer rechten Hand den bedeutungsvollen Tintenfleck zeigt, und trifft dies alles einmal zu, dann zuckt man die Achseln – es ist einmal so und nicht anders. Ist aber ganz das Gegenteil der Fall – dann wehe dir erst recht, armes Opfer!

Frau von Willmer besaß, wie gesagt, trotz aller Ungewöhnlichkeiten den Vorzug, bei ihren Mitschwestern beliebt zu sein, selbstverständlich mit Vorbehalt, denn in den Kaffeekränzchen, dem Eldorado aller Klatschbasen, behauptete man auch mitunter, Frau von Willmer kleide sich allzu elegant, und die madonnenhafte Sanftmut, in die sie sich hülle, sei auch nur »so so«.

Olga von Willmer saß in ihrem Wohnzimmer und las. Sie stützte den klassisch kleinen Kopf in ihre weiße, wohlgepflegte Hand, und nur ein kurzer Aufblick verriet hin und wieder, daß sie über das Gelesene nachdachte. Das Buch, das ihre Aufmerksamkeit fesselte, war kein Roman, auch keine ästhetische oder wissenschaftliche Abhandlung – es war einfach ein Kontobuch mit Linien und Ziffern und schien auf mehrere Jahre zurückzuführen; die Posten, Ziffern und Tage waren von Olgas eigener zierlicher und runder Handschrift eingetragen. Sie las langsam Zeile für Zeile dieses zur Unterhaltung wenig geeigneten Buches, und mit der größten Genauigkeit prüfte sie die deutlichen Ziffern. Zuweilen machte sie auch mit einem Stift einzelne Vermerke und war gerade damit beschäftigt, als sich leise die Tür öffnete und ihr Stubenmädchen hereintrat und meldete, daß eine Dame sie zu sprechen wünsche, »von wegen der Anzeige in der Zeitung«. Olga nickte mit dem Kopf und erhob sich.

Während das Mädchen hinaus ging, schloß Frau von Willmer ihr Buch in ein Fach ihres Schreibtisches und blieb davor so lange stehen, bis ein erneutes Auf- und Zugehen der Zimmertür ihr verriet, daß sie nicht allein sei. Nun wendete sie sich mit einer unbeschreiblich hochmütigen Bewegung des Kopfes um und stand der in Schwarz gekleideten Gestalt eines jungen Mädchens gegenüber – Rose von Fels.

»Ich komme, um mich für die von Ihnen ausgeschriebene Stelle einer Gesellschafterin anzubieten, gnädige Frau,« begann Rose etwas beklommen, denn Olga musterte sie so von oben herab, daß sie am liebsten wieder umgekehrt wäre.

»Nicht ich suche eine Gesellschafterin,« sagte Frau von Willmer, »sondern ich bin beauftragt, eine solche für meine Tante, Frau van der Lohe, zu verpflichten. Leider konnte ich keine der bisherigen Bewerberinnen annehmen, ihr Französisch war schlecht und ihr Englisch abscheulich. Sie sprechen beides?«

»Ja,« entgegnete Rose einfach.

»Bitte, lesen Sie mir etwas vor,« fuhr Olga fort und reichte Rose das erste beste Buch, das auf dem Tische lag.

Rose öffnete es, las den Titel und die ersten Sätze der ersten Seite, etwas leise anfangend, aber dann sicherer werdend, bis sie unterbrochen wurde.

»Gut, recht gut,« sagte Frau von Willmer, »ich möchte nun aber auch Ihr Englisch hören.«

Rose nahm stumm das ihr dargereichte Lederbändchen entgegen – Longfellows Gedichte, schlug das Buch aufs Geratewohl auf und fand das reizende Gedicht: »The open window«»das sie bis zum Schluß vortragen durfte.

Olga von Willmer fand es für gut, diesmal ihren Beifall nicht auszusprechen. Sie nickte anerkennend und fragte: »Sie haben jedenfalls Empfehlungen bei sich, Fräulein – wie war doch gleich Ihr Name?«

»Ich heiße Rose Eckhardt.«

Sie war mit ihrem Vormund übereingekommen, den Mädchennamen ihrer Mutter anzunehmen.

»Und was meine Empfehlungen anbetrifft, so habe ich nur eine,« setzte Rose hinzu und reichte Frau von Willmer ein Schreiben, das diese genau zu prüfen begann. Herr von Hochfelden hatte seiner Mündel dies Empfehlungsschreiben mitgegeben, das ein Zeugnis über ihre Fähigkeiten sowie ein paar warme Worte über ihren Charakter enthielt.

»Ihre Empfehlung genügt, Fräulein Eckhardt,« sagte Olga nach einer Pause, »Sie gestatten, daß ich sie meiner Tante zusende, von der Sie selbst Antwort erhalten werden. Wohl nach Hohlfelden?«

Rose sagte zu und befand sich nach wenigen Minuten auf der Straße. Sie zweifelte kaum, daß Frau van der Lohe sie annehmen würde, aber dennoch schlich plötzlich in ihr junges Herz ein leises, unnennbares Bangen vor der weiten, großen, fremden Welt, in die sie mit einemmal gedrängt wurde, doch dieses natürliche Gefühl konnte ihren festen Entschluß und ihren Mut nicht erschüttern.

Während sie zurück nach Hochfelden fuhr, schrieb Frau von Willmer folgende Zeilen an ihre Tante:


»Nachdem ich die seltsamsten Gestalten, die sich um die Stelle einer Gesellschafterin bei Dir beworben haben, abgewiesen hatte, meldete sich heute ein junges Mädchen, dessen Zeugnis ich Dir mitsende. Die Kleine scheint mir ganz annehmbar, ihre Aussprache der fremden Sprachen ist gut. Willst Du wissen, wie sie aussieht? Ich glaube, sie ist eher klein als groß, hat rötlichblondes Haar und dunkle Augen. Ich kann wirklich nicht sagen, ob sie hübsch oder häßlich ist, sie war sichtlich befangen, und das beeinträchtigt immer etwas. Die Stimme dieses Fräuleins Eckhardt ist sanft, klar und musikalisch. Wenn Du befiehlst, bringe ich sie gleich mit, wenn ich nach Eichberg komme.

Wen treffe ich dieses Mal bei Euch? Ich vermute den unvermeidlichen Leßwitz! Ist die kleine Carola auch bei Dir? Ich habe sie recht gern, obgleich sie sehr vorlaut sein kann. Liebste Tante, ich wollte, Du wüßtest, wie sehr mein Herz mich nach Eichberg zieht! Es ist nicht das prächtige Landhaus, nicht die landschaftlich so schöne Umgebung – es ist ein unnennbares Etwas! Grüße die kleine Carola und meinetwegen auch Herrn Leßwitz, von Herzen grüße mir aber Vetter Jo! Ich küsse Dir die Hand, teure Tante, und bin stets Deine Dich herzlich liebende und verehrende Nichte


                                           Olga von Willmer.«




Mondbeglänzte Zaubernacht,
Die den Sinn gefangen hält.
Tieck


An einem schönen, sonnenhellen Maitage sagte Rose von Fels der Heimat Lebewohl, und schwer genug wurde ihr das Scheiden! Ehe der Hochfeldensche Wagen sie zur Eisenbahn brachte, durchschritt sie noch einmal den geliebten Wald in seiner frischen, neuen Blätterpracht und nahm Abschied, trocknen, brennenden Auges, und tapfer biß sie die Zähne zusammen, um den hervorbrechenden Tränen zu wehren. Doch als sie zu der uralten Eiche kam, unter deren Schatten sie so oft mit ihrem Vater gesessen und hinein ins blühende, grünende Land geschaut, da warf sie sich nieder ins Moos und weinte leise vor sich hin.

Allgemach versiegte die Flut dieser Tränen, die ihr das schwere Herz erleichtert hatten, und als drunten im Dorf die Kirchturmuhr die Stunde schlug, die ihre letzte in der alten Heimat war, da sprang sie entschlossen auf, strich sich das wirre Haar aus der Stirn und vertilgte die verräterischen Spuren in ihren Augen – dann lief sie schnell hinab nach Hochfelden. Vom Forsthaus hatte sie schon gestern Abschied nehmen müssen, denn der Nachfolger ihres Vaters war eingezogen und hatte Besitz ergriffen von den lieben, alten, vertrauten Räumen.

Unten angelangt, wartete schon der Vormund auf sie, wortlos nahm sie Abschied von Frau von Hochfelden, die, so ungern sie Rose vermißte, schließlich doch nicht anders konnte, als den Entschluß des jungen Mädchens zu billigen. Die Schule des Lebens muß durchgemacht werden, sie allein macht den Menschen brauchbar, und Rose zwingen zu wollen, in Hochfelden ein Leben des Müßigganges zu führen, dazu waren Hochfeldens zu einsichtsvoll. Es wäre vielleicht nicht schwer gewesen, Rose eine Stiftsstelle zu verschaffen, allein Frau von Hochfelden hatte vor ihrer Verheiratung eine solche besessen und schlug heute noch drei Kreuze, wenn sie der Tage gedachte, die sie in der Gesellschaft eines Viertelhunderts zänkischer, neidischer und launenhafter Damen verlebt hatte – ein Martyrium, umgeben von Wohlstand und Glanz, schlimmer als das harte Brot, das die ärmste Lehrerin brechen muß.

Darum ließ das treffliche Paar seine Schutzbefohlene ziehen. Sie hatte eine ausgezeichnete Erziehung und gründlichen Unterricht genossen, ihr Charakter hatte sich entwickelt unter der liebevollen, aber auch strengen Leitung ihres Vaters; sie war also tausendmal besser daran trotz ihrer Armut als viele andere Töchter gebildeter Familien, die, wenn sie sich plötzlich allein stehen sehen, nicht wissen, was sie beginnen sollen und mit ihrer »Höheren Töchterschulen-Bildung« knapp die Prüfung einer Kindergärtnerin bestehen können.

Über Roses Augen legte sich aber doch ein leichter Flor, als der letzte Streifen des geliebten Waldes ihrem Blick entschwand. Sie zog den schwarzen Schleier über ihr blasses Gesicht und kämpfte mutig das bange Gefühl der Verlassenheit nieder, das sich, je weiter sie der Zug trug, um so mehr ihrer bemächtigte.

Nach ein paar Stunden war der Bahnhof Eichberg erreicht, sie war am Ziel, denn vor einigen Tagen hatte sie einen Brief erhalten, der auf feinem, glatten Papier die wenigen Worte enthielt:


»Fräulein Rose Eckhardt wird ersucht, sich am 20. Mai um 7 Uhr abends auf der Haltestelle Eichberg einzufinden, wo ein Wagen sie erwarten wird.

Clementine van der Lohe

geb. Reichsgräfin von und zum Stahleck.«

Rose stieg aus und sah sich um, aber schon trat ein Diener an sie heran und fragte, den Hut lüftend:

»Fräulein Eckhardt?«

Sie nickte; der Diener nahm ihr Handtasche und Reisedecke ab und führte sie zu einem halbgedeckten Wagen, der sofort mit ihr davonfuhr. Mit erwachendem Interesse betrachtete sie die Gegend um sich. Es war hügeliges, reiches und fruchtbares Land mit rebenbepflanzten Anhöhen, durch das sich das breite Silberband des Flusses wand. Rechts ab vom Wege sah Rose gewaltige Fabrikgebäude liegen, deren Essen dampften, und ehe sie noch fragen konnte, teilte ihr der Diener auf dem Kutscherbock nicht ohne einen gewissen Stolz mit, daß dies die van der Loheschen Eisenwerke seien.

Nach kurzer Fahrt bog der Wagen in eine lange, prächtige Kastanienallee ein und hielt dann vor dem Portal eines großen, in italienischem Stil erbauten Landhauses.

Eine ältliche, in Schwarz gekleidete Frau kam die Treppe der Vorhalle herab und half Rose beim Aussteigen.

»Ich bin die Wirtschafterin, Fräulein Eckhardt,« sagte sie, »die gnädige Frau hat mich beauftragt, Sie zu empfangen und auf Ihr Zimmer zu führen.«

Rose folgte ihr durch lange Flure und über teppichbelegte Treppen in den zweiten Stock, wo Frau Peters eine Tür öffnete und Rose in ein geräumiges, freundliches Zimmer mit grüner Tapete führte, dessen hübsche Möbel, mit blauem, blumenbestreutem Stoff überzogen, den Raum recht wohnlich machten. Eine tiefe Nische, die mit dichten Vorhängen von dem Zimmer geschieden war, diente als Schlafstube. Frau Peters zog die Rolladen auf, und Rose trat an das offene Fenster.

»Wie schön,« rief sie unwillkürlich und betrachtete entzückt die prächtige Aussicht, die sich ihr bot. Dicht hinter dem Fenster lag der parkähnliche Garten mit reichen Anlagen, eine hohe Linde stand unter dem Fenster, und im Hintergrunde schimmerte zwischen mächtigen Baumgruppen der leichtbewegte Spiegel eines Sees, den in der Ferne ein Wald begrenzte.

»Ja, die Aussicht ist hübsch,« sagte Frau Peters beistimmend, »Herr van der Lohe wohnt auch auf dieser Seite des Hauses. Die gnädige Frau zieht die Abendseite vor, denn sie mag die viele Sonne nicht leiden, und dann stört sie das Flimmern des Sees – es tut ihren Augen weh.«

»Oh, – leidet sie an den Angen?« fragte Rose teilnehmend.

»Das nicht, aber die gnädige Frau hat oft Kopfweh,« erklärte Frau Peters und fügte hinzu: »Wünschen Sie den Tee hier zu nehmen, Fräulein Eckhardt? Frau van der Lohe läßt Ihnen sagen, wenn Sie von der Reise angegriffen seien, so möchten Sie heute nur ruhen.«

»In der Tat,« sagte Rose zögernd, »mein Kopf schmerzt etwas, wenn aber Frau van der Lohe wünschen sollte, daß ich mich ihr heute noch vorstelle, so werde ich gewiß –«

»Nein, nein, Fräulein Eckhardt,« wandte Frau Peters ein, »Sie müssen ausruhen. Wenn man Kopfweh hat, kann man schlecht Musik vertragen, und Herr Leßwitz spielt allemal nach dem Essen mindestens zwei Stunden lang. Ich werde Ihnen den Tee heraufschicken.«

»Nun, dann bitte ich darum,« sagte Rose, die sich nach der Fahrt und dem Abschied von der Heimat nach Ruhe sehnte und die Rücksicht darauf dankbar empfand.

Nachdem Frau Peters noch nach etwaigen Wünschen gefragt hatte, ging sie. Das junge Mädchen legte Hut und Mantel ab und setzte sich in Erwartung ihres Gepäcks ans offene Fenster. Drunten blühten schon die ersten Rosen, der süße Duft eines Heliotropbeetes zog zu ihr herauf, im Lindenbaum sangen die Vögel, und eine traumhafte Ruhe lag über der Landschaft.

Sicher, allein gelassen zu werden, löste sie die schweren Flechten und ließ ihr prächtiges Haar lang und in schweren Wellen über den Nacken fließen; sie hätte den Kopf am liebsten unter die sprühenden Wasserstrahlen gehalten, die drunten im Garten, von einem steinernen Oberon aus einem vergoldeten Horn geblasen, zu mächtiger Höhe emporsprangen und leise plätschernd in das muschelförmige Becken zurückfielen. Aber da das nicht gut anging, so begnügte sie sich damit, an das Fensterkreuz gelehnt, ins Grüne zu blicken, und dabei wurde es ihr immer friedlicher im Sinn und immer wohler zumut – das machte die Linde vor ihrem Fenster, denn eine solche hatte sie daheim auch gehabt, das Rauschen der Blätter klang ihr so lieb und vertraut. Hätte sie zwischen engen, düsteren Stadtmauern sitzen müssen, umtobt von dem rasselnden Lärm der Straßen, das Herz wäre ihr vor Heimweh und Trauer noch schwerer geworden, und dankbar dacht sie, daß das Schicksal es trotz allem doch mit ihr gut gemeint.

»Lorelei!« sagte plötzlich eine freundliche Stimme neben ihr. Sie fuhr zurück und stand einer noch jungen Dame gegenüber, deren Gestalt völlig verwachsen und sehr klein war. Ihr Gesicht war lang, schmal und blaß, mit blitzenden, dunklen Augen, während um ihren schmalen Mund ein halb spöttisches, halb gewinnendes Lächeln zuckte.

»Ich habe dreimal geklopft, aber Sie hörten mich nicht,« sagte die kleine Dame, »ein Pfennig für Ihre Gedanken! Na, da trat ich denn einfach ein und bin ganz versteinert über die goldige Pracht auf Ihrem Kopfe, ich glaubte gar nicht, daß es noch solches Loreleihaar in der Welt gäbe! Sie werden unsern Professor damit bis zur Verzückung begeistern! – Sie wollen heute nicht mehr herunterkommen? Frau Peters sagte, Sie wären sehr ermüdet!«

»Etwas bin ich's schon,« stammelte Rose, überrascht durch die ungezwungene Art und Weise der Unbekannten, »die Reise hat mir Kopfschmerz gemacht, und deshalb löste ich auch das Haar!«

»Sie sollen es nie anders tragen,« rief die Kleine.

»Ich glaube aber nicht, daß es passend ist, in meiner Stellung so herumzulaufen,« erwiderte Rose lachend.

»Ihre erste Pflicht ist, unsere Augen zu erfreuen, und zwar vom künstlerischen Standpunkt aus.«

»Diese Auslegung meiner Pflichten als Gesellschafterin ist mir freilich noch nicht eingefallen,« erwiderte Rose belustigt.

»Sehen Sie wohl?« triumphierte die Kleine, »nun ja, ich sagte es ja immer, daß die Mehrzahl der Menschen ihre Stellungen und Pflichten verkennt! Meine Tante ist eine begeisterte Prophetin der Schönheit und treibt Ästhetik, sie wäre über den Anblick einer garstigen Gesellschafterin in Ohnmacht gefallen. Aber über all dem habe ich mich Ihnen ja noch gar nicht vorgestellt! Sie werden einen sonderbaren Begriff von den Einwohnern dieses Hauses bekommen, wenn sie, wie ich, ohne weiteres bei Ihnen eintreten und schwatzen. Ich heiße Carola van der Lohe.«

In diesem Augenblick trat ein Stubenmädchen mit dem Teebrett ein, stellte es auf den Tisch vor dem Sofa und ordnete zierlich das kalte Abendbrot auf der weißen Damastdecke. Fräulein van der Lohe musterte prüfend den Inhalt der Schüsseln und sagte dann, zu Rose gewendet:

»Darf ich mich an Ihrem Abendbrot beteiligen? Vorausgesetzt natürlich, daß Sie nicht zu müde sind.«

Rose beeilte sich zu versichern, daß sie sich bereits wesentlich besser fühle, und bald saßen sich die beiden Mädchen gegenüber, und das Klappern der Bestecke deutete an, daß sie den Speisen alle Ehre erwiesen.

»Ist Ihnen irgend jemand hier im Hause bekannt?« fragte Carola.

»Nein, niemand.«

»Und Sie kennen nicht einmal unsere Familie?«

»Nein, ich weiß nur, daß eine Frau van der Lohe mich als Gesellschafterin verpflichtet hat.«

»Na, dann ist es ja Ehrenpflicht, Sie mit den gegenwärtigen Bewohnern von Eichberg bekannt zu machen! Lassen Sie mich die Tasse Tee austrinken, dann will ich Sie gern belehren.«

Es entstand eine kleine Pause, während welcher Rose ihr Gegenüber betrachtete und zu dem Ergebnis kam, daß Fräulein van der Lohe sicher von Herzen gutmütig sei, trotzdem ihre schwarzen Augen vor Spottlust funkelten. Carola betrachtete ihrerseits Rose ebenso verstohlen, aber die junge Dame hatte die Welt gesehen und schloß nicht so hastig ihr Urteil ab wie das unbefangene »Heideröslein«. Trotzdem gefiel ihr die »neue Gesellschafterin«, schon wegen ihres prachtvollen Haares, und sich nach beendeter Mahlzeit bequem in ihren Sessel zurücklehnend, begann sie:

»Fräulein Eckhardt, Sie sind wenig oder gar nicht unter die Menschen gekommen, denke ich, und deshalb leicht geneigt, alles für gut und schön anzusehen, was Ihnen in den Weg läuft. Deshalb möchte ich Ihnen eine kleine Skizze von den Bewohnern dieses Hauses entwerfen, damit Sie ein wenig Bescheid wissen – Sie brauchen darum noch kein Wort davon zu glauben. Aber ich meine es gut, wirklich gut, trotz meiner Spottlust und dem Höcker auf dem Rücken, den die Welt so gern zum Sitz der Bosheit macht – reden Sie nichts dagegen, Sie sehen mir danach aus, als ob Sie der buckligen Carola doch gut werden könnten! – Ja, was wollte ich doch gleich sagen –? Richtig, ich weiß es! Also über die Lohes im allgemeinen werden Sie doch schon gehört haben? Nicht? Nun also, die Familie stammt aus Holland, ist aber seit mehr als dreihundert Jahren in St. angesessen und hat nach und nach große Ländereien erworben. Die Eisenwerke, die größten in Europa, sagt man, sind gegenwärtig im Besitz meines Vetters, Johann van der Lohe. Er ist dreißig Jahre alt, von ernstem, etwas verschlossenem Charakter, übrigens ein hübscher Kerl, groß und stark, und führt bei seinen Verwandten und Freunden den Spitznamen ›Lohengrin‹, als Umschreibung unseres Namens sowohl, als auch, weil er blond ist und einen ganz netten Gralsritter abgeben würde. Ich rate Ihnen aber nicht, sich in ihn zu verlieben, Fräulein Eckhardt, denn sein Herz ist ganz unempfänglich. Er ist bis jetzt achtlos, mit verletzender Nichtachtung sogar, an den schönsten Mädchen vorübergegangen, ohne auf den guten Willen aller, die ihn in die süßen Rosenfesseln der Ehe schlagen wollen, einzugehen. Sonst ist er ein tüchtiger Geschäftsmann, die Beamten und Arbeiter seiner Werke verehren ihn gebührend, obgleich oder weil er unerbittlich streng ist.

Seine Mutter ist nun eben jene Frau van der Lohe, die Sie hier unterhalten sollen. Seit fünf Jahren Witwe, verlebt sie die meiste Zeit im Jahre hier, nur im Winter sucht sie die hohen Kreise in St. auf, in denen sie eine nicht kleine Rolle spielt, denn sie ist eine geborene Reichsgräfin von und zum Stahleck. Daß sie zu den van der Lohes herabgestiegen ist, kann sie heute noch nicht vergessen, obgleich die Ehre für unsere Familie wirklich nicht so groß war, denn mein verstorbener Onkel riß die Stahlecks aus der größten Not, indem er meine Tante heiratete. Wodurch die Stahlecks verarmten, wird Ihnen Tante Clementine sicher mal erzählen – ich habe die Geschichte längst vergessen. Nun gut; nachdem also die Komtesse Stahleck der alten Patrizierfamilie der van der Lohes, aus der übrigens viele Gelehrte, hohe Offiziere und Staatsmänner hervorgegangen sind, einen ganz besonderen Glanz verliehen hatte und mein guter einfacher Onkel gestorben war, bildete sie sich einen Musenhof, das heißt sie versammelt Künstler, Gelehrte und so weiter um sich und ist vor lauter Ästhetik beinahe schon gar nicht mehr auf Erden.

Diese zwei Personen sind also die Herren des Hauses, nun will ich Ihnen die Gäste schildern. Da bin ich als Verwandte, und dann Olga von Willmer, geborene Gräfin Stahleck, als Nichte meiner Tante. Sie kennen sie ja, ihr schönes Madonnenantlitz begeistert alle Kenner. Natürlich ist auch ihr Wesen sanft, anschmiegend und hingebend, aber stille Wasser sind tief. Ich habe diese Engelssanftmut schon manchmal bedenklich erschüttert gefunden. Tiefer in ihren Charakter einzudringen ist nicht möglich – sie entschlüpft einem, man weiß nicht wie.

Außer uns beiden befinden sich noch vier Herren als Gäste im Hause. Da ist erstens Herr Richard Leßwitz; er ist Pianist aus der Weimarschen Schule, ein Mann von Talent, aber zerfahren und anmaßend. Es ist reizend zu hören, wie Jo – so kürzen wir statt des abgedroschenen ›Hans‹ meines Vetters Namen ab – ihn mitunter ›duckt‹. Dann ist Professor Körner da – nun, sein Name als Bildhauer ist berühmt über Deutschlands Grenzen hinaus, ein echter, rechter Künstler, tief ernst und doch wieder heiter; wir freuen uns allemal auf seinen Besuch, und Jo hat ihm eine reizende, kleine Werkstatt im Garten einrichten lassen. Er arbeitet an einer Marmorgruppe für die nächste Kunstausstellung. – Der dritte im Bunde ist Herr Theophil von Sonnenberg, unser aller Neckziel. Er hat etwas Vermögen und behauptet Maler zu sein, das heißt er verschwendet Unmassen von Farben auf riesigen Leinwandflächen. Ein solches mit Farben bedecktes Viereck nennt er dann ein Volks- oder Geschichtsbild. Daneben dichtet er – meist in Hexametern, ist in Italien gewesen und steht in dem hoffnungsvollen Alter von fünfundzwanzig Jahren. Was ihm an Talent abgeht, wächst als semmelfarbene Künstlermähne desto üppiger auf seinem Haupt, seine Genialität offenbart sich überdies in zu engen und zu kurzen Kleidungsstücken. Den Reigen der Gäste auf Eichberg schließt der heute früh angekommene Gesandtschafts-Attaché, Baron von Hahn, der liebenswürdig, gewandt und unterhaltend ist.

Dies sind die Menschen, denen Sie im Hause begegnen werden, doch auch Tiere spielen hier eine Rolle. Da ist zunächst Jos prächtige Ulmer Dogge, Lord genannt, und dann ein großer schwarzer Kater, den ich in dankbarer Erinnerung an den ›Trompeter von Säckingen‹ Hiddigeigei benamset habe. Lord und Hiddigeigei leben nicht wie ›Hund und Katze‹, sondern haben innige Freundschaft geschlossen. Beide genießen hier ein hohes Ansehen und haben Sitz und Stimme.

Nach diesen plastischen Schilderungen werden Sie ein schwaches Bild von den Bewohnern von Eichberg erhalten haben, das heißt mit meiner Auffassung. Bilden Sie sich immerhin Ihre eigene, aber ich bin überzeugt, daß Sie mir beistimmen werden. Doch es ist beinahe finster geworden, und Sie werden schlafen wollen. Ruhen Sie also aus und vergessen Sie nicht, sich Ihren Traum zu merken, denn Sie wissen, daß der Traum, den man in der ersten Nacht unter fremdem Dach träumt, in Erfüllung geht. Gute Nacht, Lorelei!«

Und ehe es Rose sich versah, war Carola van der Lohe hinausgeschlüpft, so schnell wie sie gekommen war. Rose war wirklich müde, aber sie hätte jetzt um kein Wunder zu Bett gehen können, sie mußte erst das Gehörte überdenken, und so trat sie denn, als sie allein war, an das offene Fenster. Der Mond war aufgegangen und goß sein Märchenlicht lieblich auf Park und See aus, und als Rose hinausschaute in die wunderschöne Mainacht, da war's ihr, als raunte ihr der Oberon in dem Springbrunnen leise zu: »Komm herab, verlaß die dumpfe Stube.« Da litt es das Kind des Waldes nicht länger in dem Zimmer, und ihrer Eingebung folgend, schlüpfte sie hinaus und entdeckte zum guten Glücke eine kleine Treppe dicht an ihrer Tür, die für die Dienerschaft bestimmt war und ins Freie führte.

Rose atmete hoch auf, als sie drunten im Garten stand, und schnell huschte sie hinein in den Schatten der Bäume, denn sie kannte nicht das leise Grauen der Stadtleute, das sie überrieselt, wenn sie nachts allein durch den Wald gehen müssen und die Wipfel über ihnen raunen und flüstern und das Schilf und die Binsen am Teich gespenstisch herübernicken. Das Heideröslein eilte furchtlos durch dichte Bosketts und schattige Laubgänge, bis sie den See erreicht hatte, den sie sich zum Ziel ausersehen Nun lag sie vor ihr, die schimmernde Fläche, hell und spiegelglatt, nur wo Bäume ihre Äste weit über das Ufer neigten, da sah das Wasser tiefschwarz und unheimlich aus, wenn auch weiße Wasserrosen wie Sterne darauf blühten. Der See hatte einen ziemlich großen Umfang, was Rose von ihrem Fenster aus nicht feststellen konnte, wie auch eine dichte Baumgruppe ihr die Aussicht auf ein Gebäude verdeckt hatte, das sie, am Ufer entlangschreitend, erst jetzt entdeckte.

Es war eine Ruine, jedenfalls ursprünglich ein Kloster, wie ein noch erhaltener Kreuzgang, um dessen Säulen sich Efeu und wilde Rosen rankten, bewies. Inmitten des Kreuzganges entdeckte Rose einen Hof, aus dessen Steinplatten das Gras hervorwuchs, und das sich sogar zwischen den Ritzen des eingetrockneten Brunnens eingenistet hatte. Das Mondlicht schien gespenstisch hinein, und Rose überlief ein Schauer: wessen Füße mochten dort gewandelt sein? Jetzt war's der Tod, der hier wohnte.

Indem sie die Ruine verlassen wollte, entdeckte sie eine schmale Wendeltreppe in dem Dunkel einer Ecke, und ohne sich zu besinnen, stieg sie diese empor und befand sich vor einer Tür, die sich ohne weiteres öffnete und in ein achteckiges, gut erhaltenes und sogar möbliertes Gemach führte. Der Mond schien hell genug durch das Fenster und eine Glastür hinein, um alles deutlich erkennen zu lassen, Bücherregale und Simse, auf denen fremdartig geformte, alte Gefäße standen; ein eichener Tisch mit gedrehten Beinen stand vor der tiefen Fensternische, ein lederbezogener Sessel daneben, als ob der gespenstische Bewohner dieses Gemachs es soeben erst verlassen hätte. Die Glastür war offen, und Rose trat hinaus auf eine Art von Söller, eine Plattform mit steinernem Geländer, von der schlüpfrige, bröckelnde Stufen bis hinab in den See führten.

Rose setzte sich auf die oberste Treppenstufe und blickte wie verzaubert hinaus auf den glitzernden See, und all die Märchen der Kinderzeit, die die alte Dore ihr erzählt, kamen ihr in den Sinn, ahnungslos, daß sie selbst einer Märchengestalt glich, wie sie hier auf dem Söller der mondbeleuchteten Ruine mit dem wallenden Goldhaar saß.

So tief war sie in ihre Träumerei versunken, daß sie nicht hörte, wie ein leichter Schritt die Treppe heraufkam und dann in das achteckige Gemach trat. Plötzlich rollte ein Schuttstückchen die Treppe herab; sie fuhr empor und sah sich um – in der offenen Tür stand die Gestalt eines Mannes und betrachtete erstaunt den Eindringling. Rose sprang empor – sie war heftig erschrocken.

Nach einer flüchtigen Pause trat der Herr aus dem Schatten hervor, lüftete den Hut und machte eine ironische Verbeugung.

»Ich vermute ein menschliches Wesen vor mir zu sehen,« sagte er leicht, »oder sollten Sie zu den luftigen Wesen gehören, die hier umgehen sollen?«

Seine ruhige Stimme gab Rose die Sicherheit zurück.

»Seh' ich denn gar so luftig aus?« fragte sie mit unwillkürlichem Lächeln.

»Wie kommen Sie hierher, wenn ich fragen darf?« sagte er scharf.

»Mich litt es nicht in der Stube,« erwiderte Rose, etwas betreten.

»Ah – und mit wem habe ich das Vergnügen?«

Rose warf die glänzenden Haare in den Nacken.

»Sie haben wohl ein Recht, meine Vorstellung zu erwarten?«

»Vermutlich, denn ich bin Johann van der Lohe.«

»Und ich Rose Eckhardt, die Gesellschafterin Ihrer Mutter.«

»Ah –« er lüftete nochmals den Hut und fügte dann etwas spöttisch hinzu: »Sie haben also topographische Studien gemacht – im Mondschein!«

Rose errötete. »Ich sagte Ihnen schon, Herr van der Lohe, daß es mich nicht in der Stube litt – ich mußte etwas frische Luft haben nach der heißen Reise. Daß ich, verführt von der unerwarteten Romantik dieses Ortes, bis hierher vordrang, bitte ich, mir zu verzeihen. Ich glaubte die Ruine unbewohnt.«

»Und Sie hatten keine Furcht, dies alte, einsame Eulennest zu betreten? Junge Damen pflegen sonst so großen Mut nicht zu entwickeln. Es soll hier ›umgehen‹.«

»Die Unheimlichen haben über mich keine Gewalt,« sagte Rose lächelnd, »denn ich bin ein Sonntagskind.«

»Ah so – Sie Glückliche! Das hab' ich mir immer gewünscht zu sein,« erwiderte van der Lohe leicht. »Sonntagskinder sollen ja die Sprache der Tiere verstehen und noch manch anderes.«

»Gewiß,« bestätigte Rose ernsthaft. »Aber dazu braucht man kein Sonntagskind zu sein! Wenn man, wie ich, in der freien Natur aufgewachsen ist, lernt man leicht ihre Sprache verstehen. Mein Vater sagte, man lernt im Walde ganz von selbst, wie und was er redet, wenn man nur Ohren hat, um zu hören. – Aber jetzt muß ich doch wieder zurück ins Haus, sonst komme ich hier in den Ruf einer Nachtwandlerin.«

Van der Lohe trat sofort zur Seite und folgte Rose dann in das Achteck.

»Wenn Sie sich für alte Bücher in Schweinsleder interessieren, Fräulein Eckhardt,« sagte er dabei, »so können Sie hier reiche Beute finden. Ich selbst stöbere gern in alten verstaubten Regalen zur Erholung herum.«

»Ich fürchte, Sie haben einen zu hohen Begriff von meiner Gelehrsamkeit, Herr van der Lohe,« sagte Rose zweifelnd.

»Nun, eine Dame, die von meiner Kusine Olga Willmer für würdig erachtet wurde, meiner Mutter Vorleserin zu werden, muß mindestens Sanskrit verstehen,« sagte er spöttisch.

»Gott bewahre, – damit wäre ich vorweg schon durchgefallen,« seufzte Rose entsetzt, indem sie gewandt die Treppe hinabeilte und bald am Seeufer stand.

»Gute Nacht!« rief sie zurück.

»Darf ich Sie nicht begleiten? Oder sind Sie Ihres Weges sicher?«

»Ich denke wohl. Dort sehe ich überdies schon den steinernen Oberon, ich kann also nicht fehlen. Also gute Nacht nochmals!«

Und sich leicht verbeugend, eilte sie von dannen.

Johann van der Lohe lehnte sich an den Stamm einer Eiche und sah ihr nach, bis sie auf den hellen, mondbeleuchteten Platz mit dem Springbrunnen trat, dort sich bückend einen Heliotropstengel brach und im Hause verschwand.

»Hm!« sagte er nach einer Weile, »sie ist natürlich wie alle anderen: hübsch, gefallsüchtig, oberflächlich – was weiß ich?«

Damit ging er dem Hause zu, aus dessen geöffneten Fenstern im Erdgeschoß soeben Wagners Walkürenritt, von Meisterhand gespielt, dahinbrauste.

»Eine Walküre könnte das blonde Mädchen nicht sein,« dachte er, »eher eine Elsa oder eine der luftigen Rheintöchter – nun, Sonnenberg wird schon wissen, in welcher Gestalt sie auf die Leinwand zu klexen ist.«

Mit diesem Gedanken, der ihn lachen machte, trat er in das Haus und vermied dadurch eben noch eine Begegnung mit Frau von Willmer, die aus dem Musikzimmer auf der davorliegenden Terrasse erschien. Sie schritt die Treppe hinab, und ihr seidenes Kleid in die Höhe nehmend, um die zarte Farbe nicht vom Tau des Rasens beflecken zu lassen, schlenderte sie langsam der Lindenallee zu, die nach dem See führte.

Kurz darauf verließ auch ein Herr das Zimmer, ein leichtes Tuch auf dem Arm, und eilte der schönen Witwe nach. Er war von mittlerer Größe, hatte leichte und elegante Bewegungen und war im übrigen, was man gemeinhin einen hübschen Menschen nennt. Bald hatte er die langsam Dahinschreitende erreicht, die sich halb nach ihm umdrehte und ihn fragend ansah.

»Sie werden sich erkälten, Olga,« sagte er, ihr das Tuch reichend, »man darf dieser trügerischen Mailuft noch nicht trauen.«

»Um mir das zu sagen, folgen Sie mir, Baron von Hahn?« fragte sie scharf.

»Mein Gott, Ihre Gesundheit liegt mir am Herzen –«

»Wirklich?« fiel sie ihm spöttisch ins Wort.

»Sie kränken mich durch Ihre Zweifel, Olga!«

»Herr Baron, wer gibt Ihnen das Recht, mich mit Vornamen zu nennen? »

»Ach, Sie sind wirklich ein Madonnenbild ohne Gnade!« seufzte er geziert. »Ist das der Lohn für meine Hingebung?«

»Aber ich bitte Sie, das ist doch Ihr Privatvergnügen! Hingebung!« Olga lachte, aber es klang etwas gezwungen.

»Sie spielen mit mir, meine Gnädigste,« entgegnete Hahn, nun auch etwas gereizt.

»Was Sie sich nicht einbilden! – Warum sind Sie denn eigentlich hier?«

»Weil Herr van der Lohe, oder besser gesagt, seine Mutter mich eingeladen hat.«

»Muß man jeder Einladung Folge leisten?«

»Ich habe es aber getan, um Sie hier zu treffen.«

»Nun, und was ist des Pudels Kern?«

Baron Hahn trat etwas näher.

»Warum verlangen Sie noch eine Erklärung? Sie wissen es ohne meine Bestätigung, daß ich Ihretwegen nach Eichberg kam. Sie können es doch nicht vergessen haben wie oft ich Ihnen meine Liebe erklärte. Nun habe ich doch ein Recht zu fragen: warum geben Sie mir keinen bestimmten Bescheid, warum lassen Sie mich immer im ungewissen über Ihre Gefühle?«

Frau von Willmer antwortete nicht gleich, – sie überlegte. »Lassen Sie uns morgen darüber sprechen,« sagte sie endlich.

»Wirklich, morgen?« entgegnete er nicht ohne Hohn. »Morgen würden Sie mich auf übermorgen vertrösten, und so weiter. Ich kenne dies ›Sprechen wir morgen davon‹ nun seit einem Jahre. Warum soll ich nun wieder auf dieses ewige ›morgen‹ warten?«

Olga biß sich auf die Lippen. Dann atmete sie rasch auf und sagte entschlossen: »Nun wohlan, so sprechen wir heute! Ja, ich kenne das alte Lied; es hatte, scheint mir, den Inhalt, daß Sie mir Ihre Hand antrugen. Ist's nicht so?«

»Ich sehe, Sie vergessen nicht so schnell, wie ich dachte.«

»Nicht wahr? Nun also: warum wollen Sie mich heiraten? Ein jeder Mensch hat doch Gründe für seine Handlungen!«

»Den meinigen habe ich doch so oft schon wiederholt. Aber wie Sie wollen: Ich liebe Sie. Ist das kein Grund?«

»O ja. Aber er ist nicht der richtige.«

»Nun erlauben Sie –«

»Ich kenne den wahren Grund Ihres Antrages. Sie halten mich für reich, und weil Sie für Ihren Beruf eine ›gute Partie‹ brauchen –« sie hielt ein und zuckte mit den Achseln.

»Sie sind bewundernswert, Olga,« lachte der Baron etwas gezwungen. »Sie haben Anlage zum Dichten.«

»Widersprechen Sie doch, wenn Sie können,« sagte Frau von Willmer kühl, »ich will Ihnen aber reinen Wein einschenken. Also, ich bin von Hause aus arm, die Stahlecks haben alles in einem Prozeß verloren. Mein verstorbener Mann hatte ein kleines Vermögen, das er mir hinterließ, aber die Zinsen davon genügten mir nicht, ich griff das Kapital an und habe dieses in den vier Jahren meines Witwenstandes – verbraucht. Ich bin so arm wie zuvor. Jetzt wissen Sie alles, und wenn Sie trotzdem bei Ihrer Bewerbung beharren, dann will ich glauben, daß Ihr einziger Beweggrund wirklich die Liebe war.«

»Mein Gott, Olga, wie können Sie nur denken, daß –«

»Ich will jetzt nichts weiter hören, – überlegen Sie sich's, Baron! Und jetzt lassen Sie mich hübsch allein.«

Damit drehte sie um und kehrte in das Zimmer zurück, in dem immer noch rauschende Flügelmusik erbrauste.

Baron Hahn aber fand es für gut, die vorher geschmähte Mailuft selbst zu genießen.

»Uff,« machte er, sich mit dem Taschentuch die Stirn wischend, »das war hart! Wer hätte gedacht, daß diese Frau so verschwenderisch wäre! Gott sei Dank, daß ich sie zum Reden zwang! Nun weiß man doch, wie, wo, und so weiter! Jetzt wird man erst tun, als setzte man seine Bewerbungen fort, dann wird man allmählich kühler, und zuletzt zieht man sich mit Grazie aus der Schlinge. Wozu wäre man Diplomat?«

Nach zehn Minuten trat Baron Hahn wieder in das Musikzimmer ein, und selbst der Neid hätte ihm nicht nachsagen können, daß es ohne »Grazie« geschah.

Indes schlummerte oben das Heideröslein, eingewiegt von den gedämpften Klängen des »Walkürenrittes«.

Ihr träumte, der steinerne Oberon mit dem goldenen Horn stände neben ihr und bliese einen wundervollen Hochzeitsmarsch, und sie selbst schwebte, umflattert von des Elfenkönigs Gefolge, über den spiegelglatten See. Und dann träumte ihr von einem hohen, mächtigen Eichenstamm, um den sich ein wildes Röslein rankte, und dann kam ein Sturm, so entsetzlich und grausig, daß er die stärksten Bäume biegen und brechen machte. Nur die Eiche brach nicht, die hielt stark und fest das Heideröslein, aber sie konnte nicht hindern, daß es arg zerzaust wurde. Dann aber wurde es wieder licht, der Sturm war vorbei, und wonniger Hauch umspielte das gerettete Röslein, das sich aus Dankbarkeit um so fester an den starken Eichenstamm schmiegte.




Sah ein Knab' ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden.
Goethe


Der folgende Tag war ebenso sonnenhell und schön wie der vorige gewesen war. Rose atmete entzückt die herrliche Luft ein, nachdem sie sich fertig gemacht hatte, um sich Frau van der Lohe vorzustellen, aber es kam doch etwas wie ein leichtes Herzklopfen über sie, als sie ihr Zimmer verließ. Wie würde man sie aufnehmen? Zum Glück hatte sie keine Zeit, Betrachtungen darüber anzustellen, denn im Flur begegnete ihr Carola van der Lohe, ihren großen schwarzen Kater auf dem Arm.

»Machen Sie Ihr Kompliment vor Hiddigeigei,« rief sie Rose entgegen, und diese streichelte gehorsam das schöne Tier, das sie mit seinen gelben Augen schnurrend anblinzelte. »Ich wollte Sie abholen, Fräulein Eckhardt! Drunten ist man jetzt zum Frühstück versammelt, Sie können da gleich unsere Hausgenossen kennenlernen »

Und ihren Arm ungezwungen in den Roses einhängend zog Carola diese fort nach dem Erdgeschoß, dabei unaufhörlich plaudernd. Unten traten sie in das große Speisezimmer in dem das Frühstück auf einem großen, runden Tisch angerichtet war, aber die Gesellschaft, für die es bestimmt war, ließ die Tee- und Kaffeemaschine ruhig summen und saß plaudernd bald hier, bald da.

»Fräulein Rose Eckhardt!« stellte Carola das junge Mädchen vor, auf das sich nun aller Augen richteten, aber das kleine Fräulein ließ dazu nicht viel Zeit; sie führte Rose vor einen Lehnsessel, in dem eine alte Dame saß. »Meine Tante, Frau van der Lohe,« sagte sie.

Man sah es der alten Dame an, daß sie einst sehr schön gewesen sein mußte, und sie war es auch heute noch trotz einiger scharfer Linien um den Mund, dessen Winkel tief herabgezogen waren. Sie war eine stattliche Erscheinung, groß und voll, und stolz saß der Kopf mit dem silberweißen, weichen Haar auf den Schultern. Ehe sie Rose langsam ihre etwas große, aber sehr schön geformte Hand reichte, hatte das junge Mädchen eine fast beleidigende Musterung ihrer kalten blauen Augen zu bestehen, dann sagte Frau van der Lohe nicht ohne ein gehöriges Teil Herablassung: »Ich freue mich, Sie zu sehen, Fräulein Eckhardt, hoffentlich werden Sie sich wohl auf Eichberg fühlen. Ich werde Ihr jugendliches Temperament keiner zu harten Geduldsprobe aussetzen, indem ich Sie viel an meine Person fessele.«

»Ich bin gar nicht so ungeduldig, gnädige Frau,« erwiderte Rose, »und will sicher nicht murren, wenn Sie selbst in der Nacht meiner Gesellschaft bedürften.«

»N–ein,« sagte Frau van der Lohe gedehnt, »ich möchte Sie mehr als Vorleserin in Anspruch nehmen. Meine Augen gestatten nicht mehr das viele Selbstlesen. – Aber warum tragen Sie solch dunkle Kleidung? Ich liebe, in meiner Umgebung helle Farben zu sehen.«

»Ich trauere um meinen Vater,« entgegnete Rose leise.

»Ah – so! Olga, du hattest mir nicht gesagt, daß Fräulein Eckhardt trauert!«

»Ich hatte nicht darauf geachtet,« entgegnete Frau von Willmer achselzuckend.

»Sehr unangenehm, in der Tat,« murmelte Frau van der Lohe recht deutlich.

Olga zuckte nochmals mit den Achseln, Carola aber deutete auf Roses Haar.

»Nun, Tantchen, für die dunkle Farbe von Fräulein Eckhardts Kleidern entschädigt uns wohl reichlich diese helle, goldige Pracht,« meinte sie.

»So ist's,« rief einer der anwesenden Herren, indem er sich vor Rose verbeugte:


»Goldig wallt dir vom Nacken der Haare leichtwellige Fluten,
Lieblich erfreuend den Laien, den Künstler begeisternd zur Tat.«


»Mein Name ist Theophil von Sonnenberg,« setzte er, seine strohfarbene Mähne schüttelnd, hinzu.

»Welchen Künstler meinen Sie?« fragte Carola spöttisch, »wohl den Haarkünstler?«

»O, o,« sagte Sonnenberg tadelnd, »Fräulein Eckhardt wird es wissen, daß ich den Künstler meine,


Der da berufen ist, das auf die Leinwand zu bannen,
Was das Aug' erfreut und bildet den menschlichen Sinn.«


»Gut gebrüllt, Löwe,« spendete Carola lachend Beifall.

»Gut? Nun ja, aber dunkel war der Rede Sinn,« meinte ein älterer Herr lächelnd, Professor Körner, der berühmte Bildhauer. »Ich schließe mich übrigens Fräulein Carolas Meinung an,« fügte er freundlich hinzu, »Fräulein Eckhardts Haar paßt gut zu der dunklen Kleidung, wenn auch dieser Effekt leider eine so schmerzliche Ursache hat.«

»Sie müssen mir zu einem Bilde sitzen, Fräulein Eckhardt, ich bin nämlich Maler,« rief Theophil von Sonnenberg. »Zum Beispiel als Lorelei auf hohem Felsen, zu Füßen den Schiffer im kleinen Schiffe.«

»Nein, lieber Sonnenberg, Fräulein Eckhardt ist doch nicht das Modell zu einer Lorelei, das Haar allein macht's noch nicht,« fiel der Professor ein, »ich möchte in Fräulein Eckhardt lieber eine jener deutschen Mädchengestalten sehen,

die uns näher stehen, zum Beispiel Gretchen, Thusnelda oder –«

»Was seid ihr Künstler doch für drollige Menschen,« lachte Frau von Willmer laut auf. »Fräulein Eckhardt wird sich wundern über das Aufheben, das man von ihrem Haar macht. Nicht wahr?«

»Die Herren sind sehr gütig, ihm eine Beachtung zu schenken, die es wahrscheinlich gar nicht verdient,« sagte Rose verwirrt.

»Es ist eben ein Glück, daß der Geschmack verschieden ist,« meinte Olga von Willmer.

Carola sah erst ihre Kusine und dann Rose an, die nicht wußte, ob sie lachen oder sich verletzt fühlen sollte. Zum Glück für die etwas peinlich gewordene Stimmung trat eben Herr van der Lohe in Begleitung des Barons Hahn und eines anderen Herrn ein; dessen etwas auffallende Kleidung und schwarze, lange, krause Mähne sollten ihn wahrscheinlich als »Künstler« kennzeichnen, – es war Herr Leßwitz, der Klaviervirtuos. Van der Lohe küßte seiner Mutter die Hand und verbeugte sich gegen die anderen; Carola stellte ihm Rose förmlich vor, und kein Wort, kein Blick verriet, daß er sie schon kannte. Rose wollte ihn im ersten Antrieb an ihre gestrige Begegnung erinnern, aber sein fremder, kalter Blick hielt ihr das Wort auf den Lippen zurück, und sie erwiderte seine förmliche Verbeugung in gleicher Weise.

»Du hast uns lange warten lassen, Jo,« bemerkte Frau van der Lohe etwas ungnädig.

»Ich denke, es war abgemacht, daß die Herrschaften den Kaffee ohne mich nehmen,« erwiderte er harmlos.

»Allerdings, aber Olga meinte –«

»Olga? Ja, was hat denn Olga damit zu tun?« fragte Herr van der Lohe verwundert.

Frau von Willmer trat an den Frühstückstisch, an dem ihr Vetter mit den anderen Platz genommen, und reichte ihm eine Tasse Kaffee.

»Es ist mir immer, als sei ich ganz und gar allein, wenn du nicht da bist,« flüsterte sie ihm dabei zu.

»So? Nun, ich dächte, du hättest dich nachgerade an dieses Alleinsein gewöhnen können,« sagte er trocken.

Olga seufzte, während sie heldenmütig den in ihr aufsteigenden Ärger über diese Abweisung zu bekämpfen versuchte. Aufblickend begegnete ihr Auge dem des Barons Hahn, der ihr mit liebenswürdigem Lächeln zurief: »Ihre Hand zittert, gnädige Frau – sollten Sie sich gestern abend doch erkältet haben? Vertrauen Sie die Bedienung unseres verehrten Wirtes lieber anderen Händen an, der Kaffee könnte sonst Ihrem weißen Kleide gefährlich werden.«

»Wahrhaftig, es wäre schade darum,« sagte van der Lohe ernsthaft und fügte zu Rose gewendet hinzu, als er sah, daß ihr Haar immer noch von Herrn von Sonnenberg mit Kennerblicken gemustert wurde: »Nehmen Sie sich in acht, Fräulein Eckhardt, unser Apelles scheint Lust zu haben, Sie auf der Leinwand zu verewigen. Verleiten Sie den armen Menschen zu keiner neuen Sünde an der Kunst! – Um Gottes Willen keine Rede, Sonnenberg! Sie sind ein vortrefflicher Mensch, solange Sie nicht malen.«

»Glauben Sie kein Wort davon, gnädiges Fräulein,« rief der Angegriffene. »Van der Lohe neckt mich bloß. Aber ich habe einen Gedanken, der mich berühmt machen wird. Ich werde ein Bild malen: die beiden Leonoren. Frau von Willmer als Leonore d'Este und Sie als Leonore Sanvitali. Denken Sie sich die Gegensätze, Professor,


»Dunkel die eine, mit nachtschwarzen Auges Gefunkel,
Glühend und herrlich, die andere blond, schön wie ein Traum!«


»Ihre Versfüße hinken, Sonnenberg,« sagte van der Lohe ruhig.

»Jo, du greifst unseren Apelles in seinen heiligsten Gefühlen an, wenn du seine Verse anzweifelst,« lachte Carola, und Professor Körner meinte schmunzelnd: »Ja, ja, das ist die Stelle, wo unser Freund sterblich ist. »

»Wenn ich nicht wüßte, daß Lohengrin scherzt,« sagte Sonnenberg und setzte gutmütig hinzu: »Was sich liebt, neckt sich, nicht wahr?«

Nach beendetem Frühstück erhob sich Frau van der Lohe.

»Ich ziehe mich jetzt zurück,« verständigte sie Fräulein Eckhardt, »ich erwarte Sie in einer Stunde in meinem Zimmer. Olga, bitte deinen Arm.«

»Was tun wir mit Ihrer freien Stunde?« fragte Carola, indem sie Rose anblickte. Sie machte verschiedene Vorschläge, und endlich kam man überein, Professor Körner in seine Werkstatt zu begleiten. Van der Lohe nahm ebenfalls den Hut und folgte den vorausschreitenden Damen an der Seite des Bildhauers. Baron Hahn allein blieb zurück und wußte Sonnenberg zu einer Partie Billard zu bereden. Herr Leßwitz meinte zwar üben zu müssen, entschied sich aber doch mitzugehen.

Man ging also über den Rasenplatz mit dem Springbrunnen, bog aber an der nach dem See führenden Allee ab und befand sich, einen schmalen Laubengang verfolgend, an einem in arabischem Geschmack aufgeführten hölzernen Gebäude. Professor Körner schloß die Tür auf, und die kleine Gesellschaft betrat ein geräumiges Gemach, dessen Fenster wie die mit Oberlicht versehene Kuppel mit dichten Vorhängen verhüllt waren, um durch sie das hereinfallende Licht zu regulieren. Der Professor verschwand im Nebenraum, kam bald im weißen Arbeitskittel wieder und trat an das hölzerne Gerüst in der Mitte der Werkstatt, auf dem sich eine anscheinend formlose Masse, bedeckt durch ein großes, dunkles Tuch, befand. Er schlug dies zurück und enthüllte dadurch den halbfertigen Tonentwurf einer Büste – schon unverkennbar die von Frau van der Lohe – und einen lebensgroßen, ebenfalls halbvollendeten Amor, der, auf einem Baumstamm sitzend, seinen Bogen spannte und dabei, als hätte er schon sein Opfer bereit, schalkhaft seitwärts blickte.

»Sehen Sie, Fee Goldhaar, dieser Cupido wird von unserem Professor zum Schmuck unseres Saales geschaffen,« erklärte Carola, »und außerdem sitzt ihm Tante Clementine zu ihrer Büste. Wird sie nicht prächtig? Sehen Sie nur, wie scharf sich ihr schönes Profil abhebt! Professor, diese Büste wird ein Meisterwerk!«

»Nun, ich hoffe, daß sie leidlich wird,« entgegnete der Professor freundlich, indem er sein Werkzeug zurecht legte. »Ich habe noch kein Werk von Ihnen gesehen,« sagte Rose, »aber mir scheint, nach diesem reizenden kleinen Schelm zu urteilen, daß Ihre Muse zur heiteren Seite neigt.«

»Nicht immer, Fräulein Eckhardt,« entgegnete der Bildhauer, »aber man hat eben heitere Augenblicke. Das Leben und der dornige Weg, den der Künstler zur Höhe klimmen muß, lassen ihm nicht viel Zeit für den Scherz. Aber was wissen Sie von den Kämpfen eines Künstlers, was wissen Sie von der Welt überhaupt, Sie mit Ihren sonnigen, hellen Augen!«

»Sie sind jetzt ›auf der Höhe‹?« fragte Rose naiv, indem sie den Bildhauer ansah und seine ernsten Züge musterte.

»O ja,« sagte er leichthin, »aber auch die Höhe ist nicht immer sonnig, Wetterleuchten zuckt um sie her, und der Hauch des Neides umweht sie; ein Wunder ist's nicht, wenn man sich seine eigenen Schöpfungen zum Muster nimmt und wie diese wird: kalt und – steinern.«

»Sie aber sind es nicht geworden,« sagte Rose warm.

»Haben Sie das schon heraus?« fragte der Bildhauer lächelnd. »Ich habe eben mehr Widerstandskraft als andere – daran liegt's. Der Weg, den der Künstler emporklimmen muß, Stufe für Stufe, ist so unendlich mühevoll, daß viele, ja die meisten, auf ihm zusammenbrechen, wenn sie nicht so weise sind umzukehren.«

»Aber wenn er erst ›oben‹ ist auf der Höhe, dann hat er das schöne Bewußtsein: Was ich bin, wurde ich aus eigener Kraft,« rief Rose mit leuchtenden Augen, »ich meine, das ist doch tausendmal besser, als durch ›Beziehungen‹ sich bequem emporschieben zu lassen. Ich mag die Leute nicht leiden, die sich immer und immer an andere anklammern müssen,« setzte sie mit glühenden Wangen hinzu.

»Es ist damit eine eigene Sache,« sagte van der Lohe. »Es gibt Leute, die geschoben werden müssen, um etwas zu erreichen.«

»Was hat das Erreichte dann für einen Wert?« rief Rose lebhaft. »Mein Vater sagte immer zu mir: Du sollst unter meiner Hand ein kräftiger und doch biegsamer Stamm werden, wie die Tannen, die selbst der Sturm nicht bricht, aber du sollst nicht zur Efeuranke heranwachsen, die ein Nichts ist ohne einen Stamm oder gar ein bröckelndes Gestein, an das sie sich anklammern muß.«

»Ihr Vater war ein weiser Mann, Fräulein Eckhardt!« rief Professor Körner. »Vor kurzem las ich eine mit diesen Grundsätzen verwandte Äußerung eines geistreichen Dichters, die ungefähr lautet: ›Bevor der Knabe hinausgeworfen wird ins Meer des Lebens, lehrt man ihn sorgfältig schwimmen; das Mädchen schwimmen zu lehren, fällt selten jemand ein, es wäre ja unweiblich und emanzipiert. Aber auch das Mädchen wird hinausgeschleudert in die brandenden Wogen des Lebens, ohne zu wissen, wie sie gegen diese kämpfen soll – geht sie unter, dann wird noch obendrein der Stab über sie gebrochen.‹ Das ist die Folge jener Efeuranken-Erziehung. Ja, was sind wir doch für kluge Menschen.«

Van der Lohe hatte sich, während der Professor sprach, eine Zigarre angezündet, und indem er den Rauch vor sich hin blies, sah er Rose aufmerksam an, und sagte dann bedächtig: »Ihr Gewährsmann, Körner, und Fräulein Eckhardts Vater mögen beide recht haben, aber es ist doch etwas ungemein Anziehendes und Reizvolles um das alte Gleichnis von Eiche und Efeuranke. Glauben Sie nicht, Fräulein Eckhardt, daß einmal doch die Stunde kommt, oder besser, daß die Stunde kommen kann, in der die stolze, geträumte, anerzogene Sicherheit wankt, und man sich ganz von selbst an einen stärkeren Stamm flüchtet, um Schutz zu suchen?«

»O gewiß,« antwortete Rose schnell, »glücklich ist, wer dann einen solchen Stamm findet! Wir reden ja aber nur von jenen, die niemand auf der weiten Welt haben, als nur eben sich selbst.«

Sie wandte sich jäh ab und trat vor ein Gipsrelief, es betrachtend, denn im Grunde war sie gekränkt, in ihrem Stolz verletzt durch van der Lohe. Warum, nachdem er gestern abend mit ihr geplaudert, hatte er sie heute verleugnet? Warum tat er, als hätte er sie vorher nie gesehen?

Indes plauderten die anderen weiter.

»Warum so nachdenklich, Fräulein Carola?« fragte Herr Leßwitz.

»Das wollte ich Sie eben fragen,« gab sie zurück.

»Mich? Bei mir ist das kein Wunder. Ich komponierte in Gedanken.«

»Wirklich? Vielleicht die Melodie zu dem Liede Hiddigeigeis:


Eigner Sang erfreut den Biedern,
Denn die Kunst ging längst ins Breite?«


»Leider tat sie's, leider! Wehe auf die Häupter derer, die sie herunterbrachten, die göttliche Musik,« erregte sich Herr Leßwitz, indem er seine wirre Pianistenmähne drohend schüttelte.

»Selig sind die Verblendeten, vulgo Beschränkten, denn sie verstehen keine Bosheiten,« murmelte Carola lustig und raunte Rose zu: »Ihn erfreut nämlich wirklich nur der ›eigene Sang', das heißt er bekommt Krämpfe, wenn ein anderer oder eine andere sich unterfängt, Musik zu machen. ›Es gibt keine fremden Götter neben mir,‹ ist sein stolzer Wahlspruch. Es geht eben nichts über die schöne Selbstschätzung.«

»Sagten Sie etwas, Fräulein Carola?« fragte der neue Liszt mißtrauisch.

»Allerdings,« rief Carola lachend und setzte hinzu: »Aber ich muß jetzt ins Haus – Briefe schreiben. Schönen guten Morgen allerseits.«

Damit wollte sie zur Tür hinaus, doch Leßwitz rief: »Dann nehmen Sie mich mit, Fräulein Übermut. Drinnen harrt meiner die Partitur zur ›Walküre‹ und eine Lisztsche Transkription – also mächtige Magneten für mich.«

»So kommen Sie! Ach, wie herrlich hörte ich einst die Rigoletto-Paraphrase spielen!« seufzte Carola, während der Schalk ihr aus den Angen sprühte.

»Liebes Fräulein,« sagte Leßwitz geringschätzig, »alle Achtung vor Ihrem Geschmack, aber – die Rigoletto-Paraphrase müssen Sie von mir spielen hören.«

Carola warf einen triumphierenden Blick um sich und verließ dann, gefolgt von Leßwitz, die Werkstatt. Als sie außer Gehörweite waren, brach Professor Körner in lautes Lachen aus.

»Heilige Einfalt,« rief er, »er ging schon wieder in die Falle.«

»Aber Fräulein van der Lohe muß ihn ja dadurch kränken, ihn reizen,« meinte Rose.

»O, Carola kennt ihre Leute,« warf van der Lohe hin.

Er merkt nicht den Spott und ahnt nicht, daß sie ihn nur zu solch anmaßenden Äußerungen verlocken will.«

»Ja, und so geht es, sobald die beiden sich sehen. Carola meint, solch kleine Aufregungen wären gesund,« sagte der Professor, noch immer lachend. »Nein, Fräulein Eckhardt, Leßwitz wird dadurch nicht gekränkt, denn wäre dies der Fall, so würde Carola sicher mit ihren Herausforderungen einhalten. Warum ist der Mensch so eitel? Sehen Sie, es wäre ganz dasselbe, wenn ich zum Beispiel mich für den einzigen Bildhauer der Welt hielte und es nur mit verächtlichen Reden und verbissener Wut hören könnte, wenn andere gelobt werden. Leßwitz verträgt es nicht einmal, wenn man die Namen Toter rühmt.«

»Wie kleinlich!« rief Rose verwundert.

»Gewiß! Und darum muß es sich Herr Leßwitz schon gefallen lassen, wenn man ihn ein wenig hänselt.«

Rose lächelte und sah wieder dem Bildhauer schweigend bei seiner Arbeit zu. Nach einer Weile sagte sie, auf das verhüllte Etwas auf dem Gestell in der Mitte der Werkstatt deutend: »Ist es erlaubt, dieses verschleierte Bild zu Sais zu enthüllen?«

»Es ist unvollendet,« erwiderte der Professor, »eine Gruppe, die mir hoffentlich Ehre machen wird. Mein lieber Freund van der Lohe hat mir die Stille seines Landgutes angeboten, dieses Werk zu schaffen, damit ich in Ruhe meine Arbeit beenden kann. Ihre Augen drücken Spannung aus, Fräulein Eckhardt, Sie möchten diesen Anfang zur Tat sehen?«

»O, Sie werden Ihr Werk nicht dem ersten besten zeigen, der neugierig darauf ist,« sagte Rose bescheiden.

»Neugierig?« wiederholte der Professor, »nein, Fräulein Rose, Neugierige bekommen es auch nicht zu sehen. Aber Sie sind nicht neugierig, sondern teilnehmend, und das ist etwas anderes.«

Mit diesen Worten trat der Professor an das Gerüst und zog das verhüllende Tuch herab. Einen leisen Ruf der Überraschung ausstoßend, trat Rose näher: auf dem Gerüst stand eine im Werden begriffene lebensgroße Gruppe, deren Figuren fast ganz ausgearbeitet, die Köpfe indessen nur angedeutet waren, als hätte der Meister die Züge noch nicht gefunden, die er seinen Gestalten geben wollte, – eine Darstellung von Goethes »Heideröslein«. An einem Baumstamm, um den sich wilde Rosen schlangen, stand ängstlich abwehrend eine schlanke Mädchengestalt mit langwallendem Haar, barfuß, im kurzen, geschürzten Röckchen und Mieder; den Arm nach ihr ausstreckend, mit der anderen Hand eine Rosenranke zurückbiegend, trat die Gestalt eines in die malerische Tracht der Landsknechte gekleideten Mannes auf sie zu.

»Heideröslein,« sagte van der Lohe erklärend und Rose wandte sich hastig nach ihm um.

»Was soll ich?« – Und als beide Herren sie fragend ansahen, fügte sie errötend hinzu: »Verzeihen Sie, ich glaubte, Sie riefen mich; ich bin diesen Namen so gewöhnt, denn mein Vater pflegte mich nie anders zu nennen.«

Professor Körner heftete seinen Blick überrascht auf das junge Mädchen, dann zog er wieder die feuchte Decke über seine Gruppe.

»Heideröslein,« wiederholte er. »Sie müssen mir erlauben, Sie auch so zu nennen, Fräulein Eckhardt!«

»In Gedanken meinetwegen, aber bitte, nicht laut,« sagte Rose munter. »Doch jetzt muß ich gehen, Frau van der Lohe soll nicht etwa denken, daß ich unpünktlich bin.«

Damit machte sie eine leichte Verbeugung und eilte aus der Werkstatt ins Freie, der Villa zu.

Als sie hinaus war, sagte der Professor: »Und da vergleichen sie dies Mädchen mit einer Lorelei, einer Leonore ich selbst mit einer Thusnelda! Lächerlich, Heideröslein ist sie, nichts anderes. Eine Märchengestalt mit ihrem Goldhaar und den wunderschönen Augen – meinen Sie nicht auch, lieber Jo?«

Aber der Professor predigte leeren Wänden, sein Freund war verschwunden.

Der Bildhauer lachte leise vor sich hin: »Sah' ein Knab' ein Röslein stehn –. Meinetwegen, – ich habe heute mein Modell gefunden, freue dich, mein Heideröslein,« rief er, indem er abermals die schützende Decke von seiner Gruppe zurückzog und sich dann davor in ernstes Studium versenkte.

Als Rose die Werkstatt verlassen hatte, war sie noch keine sechs Schritte vorwärts gekommen, als sich van der Lohe neben ihr befand.

»Welch herrlicher Tag,« begann er, »der Mai ist in diesem Jahr selten schön und im Wachstum voraus. Finden Sie den See im Sonnenlicht ebenso anziehend wie im Mondschein, Fräulein Eckhardt?«

»O gewiß,« antwortete sie kühl.

Sie gingen einige Schritte schweigend nebeneinander her.

»Sind Sie böse auf mich, Fräulein Eckhardt?« fragte er nach einer Pause. »Ich kann mir denken, warum.«

»Ich habe kein Recht, Ihre Handlungen zu bekritteln,« entgegnete sie abweisend. »Sie sind der Herr des Hauses, ich bin nur die Vorleserin Ihrer Mutter. Es ist die gerechte Strafe für meinen eigenmächtigen Mondscheinspaziergang, dessen Ungehörigkeit Sie mir wahrscheinlich damit andeuten wollten, daß Sie taten, als sähen Sie mich heute früh zum ersten Male –«

»Halt,« unterbrach er sie. »In diesem Licht dürfen Sie die Sache nicht betrachten. Ich möchte Ihnen nur raten, nicht über Ihren gestrigen Ausflug in die Klosterruine am See zu plaudern, weil am Ende jemand so kleinlich sein könnte, die Auffassung breit zu treten, daß Mondscheinspaziergänge für junge Damen Ihres Alters und Ihrer Stellung nicht passend sind.«

Rose sah überrascht zu ihm auf.

»Denken Sie das auch?« fragte sie stockend, »ich hatte mir nichts Böses dabei gedacht. Aber ich hätte überlegen müssen, daß ich nicht mehr im Walde, sondern unter Menschen lebe.«

»Sie werden bald genug dahinterkommen,« erwiderte er etwas bitter. »Ich für meinen Teil gehöre nicht zu denen, die Ihrem Ausflug eine falsche Deutung geben dürften, denn ich kann es mir ganz gut vorstellen, daß Sie keine Nebenabsichten hatten. Heimweh, der Wunsch nach der gewohnten frischen Luft – einen anderen Grund hatten Sie sicher nicht.«

Er sagte das so freundlich, so verständnisvoll, daß Rose ihm dankbar die Hand reichte. Jetzt wußte sie, warum er sie heute scheinbar verleugnet hatte, trotzdem er zartfühlend keine Namen nannte.

»Darf ich Ihnen einen Rat geben?« fragte er.

»Oh, ein ganzes Dutzend, wenn Sie wollen,« lachte sie fröhlich.

»Das wäre zuviel auf einmal, ich will mir diese Erlaubnis in zwölf Teile teilen,« erwiderte er. »Also vorerst einen Rat: bemühen Sie sich, in der Gesellschaft hier eine höchst korrekte junge Dame zu werden, in Ihren Mußestunden draußen im Freien, da mögen Sie sich immerhin gehen lassen. Und wenn Sie sich an eine der Damen des Hauses anschließen wollen und möchten, dann empfehle ich Ihnen meine Kusine Carola. Doch wir sind zur Stelle, unsere Wege trennen sich hier.«

Damit grüßte van der Lohe und ging dann den breiten Kiesweg nach dem See hinab.

Es war an dem Oberon-Springbrunnen, wo sie sich trennten, und Rose blieb nachdenklich an dem Muschelbecken stehen. Was hatte er mit seinem Rat gemeint? Vor wem wollte er sie warnen? Es waren ja außer Carola nur noch seine Mutter und Frau von Willmer im Hause.

Sie brach in Gedanken ein Monatsröslein ab und hielt es unter die sprühenden Wasserstäubchen, deren kühler Strahl auch ihre Hand netzte.

»Was hat Ihnen die Rose getan, daß Sie ihr den Tod, wenn auch einen recht poetischen, geben wollen, Fräulein Eckhardt?« sagte eine klangvolle Stimme hinter ihr. Sie schrak zusammen und sah sich um, Herr von Hahn stand neben ihr. »Das arme Ding von einer Rose – der Strahl aus Oberons Horn ist zu stark für sie gewesen, sehen Sie nur, da fallen ihre Blätter schon in das Becken.« Er lachte und sah Rose so dreist in die Augen, daß sie unwillkürlich zurücktrat und die Blume vollends in das Wasser warf.

»Gönnen wir ihr den poetischen Tod, Herr Baron,« sagte sie kühl, indem sie ihr Taschentuch hervorzog, um die Hand zu trocknen.

Im Nu hatte er diese ergriffen.

»Sie sind unverantwortlich grausam gegen sich selbst,« sagte er leise, »wie kalt diese kleine, reizende Hand geworden ist.«

Rose entzog ihm blitzschnell ihre Hand. Entrüstet trat sie einen Schritt zurück, und die aus ihren Lippen schwebende heftige Zurückweisung mühsam unterdrückend, wandte sie sich hastig ab und ging dem Eingang der Villa zu.

»Fräulein Eckhardt, Sie haben Ihr Taschentuch fallen lassen,« rief Baron Hahn, ihr nachgehend. »Schließen wir Freundschaft, Sie kleine Hexe!«

»Ich bedauere,« entgegnete Rose kalt, »solange ich Ihre Freundschaft nicht fordere, bitte ich, mich damit zu verschonen.«

Baron Hahn biß sich auf die Lippen, sagte aber nichts weiter, und Rose nachsehend, murmelte er vor sich hin: »Gemach, kleiner Rotkopf! Es ist noch nicht aller Tage Abend, und die zuerst am sprödesten sind – beim Jupiter, ich kenne die Weiber!«

Rose mußte sich, ehe sie an Frau van der Lohes Tür anklopfte, erst sammeln. Sie war empört; war es doch zum erstenmal, daß ein Unverschämter es wagte, ihr in dieser Weise zu begegnen. Jetzt fielen ihr Frau von Hochfeldens Worte ein, die sie gewarnt, daß ein alleinstehendes junges Mädchen Anfechtungen ausgesetzt sei. Aber wie hätte sie wissen können, daß es Männer gab, die gewissenlos genug wären, sich die Schutzlosigkeit eines jungen Mädchens zunutze zu machen – sie wußte ja überhaupt nichts von der Welt.

Der kurze Auftritt am Springbrunnen zitterte heftig in ihr nach, aber sie nahm sich tapfer zusammen, trocknete eine verräterische Träne und stellte sich vor, wie Frau von Hochfelden sich selbst klagend Recht geben würde, könnte sie das »mutige Heideröslein« hier stehen sehen, zitternd und blaß über die Frechheit eines Menschen, den sie ja mit Verachtung strafen konnte. »Gott bewahre,« dachte sie, »will das Küchlein schon bei dem ersten Anflug einer eingebildeten Gefahr unter die Flügel ihrer Schützerin zurückflüchten? Schöner Mut, das!«

Ohne sich weiter zu besinnen, klopfte sie an der ihr bezeichneten Tür an und trat in das Zimmer von Frau van der Lohe, einen elegant, aber behaglich eingerichteten Raum, den kostbare, mit Seidenstoff überzogene Möbel dermaßen anfüllten, daß ein mit dieser Überfüllung nicht Vertrauter unfehlbar auf dem kurzen Weg von der Tür bis zum Sofa ein dutzendmal anrennen mußte. Rose wand sich geschickt durch das Chaos bis zu dem Lehnstuhl, in dem die alte Dame saß, vor sich einen Tisch, mit Büchern und Zeitungen bedeckt. Zu ihren Füßen saß auf niederem Taburett Frau von Willmer.

»Sie sind pünktlich, liebes Fräulein,« sagte die alte Dame gnädig, »ich liebe das. Sie sehen vor mir diese Bücher, wir wollen unter ihnen wählen!«

Rose verneigte sich. Sie hegte gerechten Zweifel in betreff des »wir wollen wählen«, aber Frau van der Lohe war sicher gut gelaunt, da sie das »wir« gebrauchte, wenn es auch in dem Sinne geschah, wie gekrönte Häupter von sich reden: »Wir von Gottes Gnaden, König von usw.«

Frau von Willmer erhob sich.

»Ich will nicht weiter stören,« sagte sie. »Sahen Sie meinen Vetter, Herrn van der Lohe, Fräulein Eckhardt? Ist er noch in der Künstlerwerkstatt?«

»Nein, gnädige Frau.«

»Gingen Sie mit ihm ins Haus?«

»Herr van der Lohe schlug den Weg nach dem See ein,« sagte Rose wahrheitsgetreu. »Nach dem See? Dann ist er im alten Kloster. Desto besser. Auf Wiedersehen, Tantchen!«

»Nun, Fräulein Eckhardt, nehmen Sie Platz,« sagte Frau van der Lohe gnädig, »und wählen wir.«

Da Rose versicherte, daß »sie sich ganz den Wünschen der gnädigen Frau unterordne«, »wählte« diese ein schon aufgeschlagen daliegendes Buch, und Rose begann ihr erstes Tagewerk.

Indes verließ Frau von Willmer ohne Verweilen die Villa und trat hinaus in das Freie. Sie schlug direkt den Weg nach dem See ein, während sie im Gehen ein paar feine Löckchen ihres blauschwarzen Haares über die weiße Stirn herabzog; aber als sie eben die Allee zum See betrat, kreuzten ihren Weg, von einem Seitengange kommend, Baron von Hahn und Herr von Sonnenberg, und beide hefteten sich sofort an ihre Sohlen. Der Unmut ließ sie ihre Taubensanftmut diesmal vergessen, denn der arme Sonnenberg erhielt für ganz unschuldige Bemerkungen scharfe Antworten von ihr, die Hahn dann beißend zurückgab. Hätte sie geahnt, daß sie das Opfer eines Komplottes war, ihr Zorn wäre noch größer gewesen, denn als die beiden Herren ihrer von weitem ansichtig wurden, sagte Hahn lachend:

»Sonnenberg, Sie müssen mir einen Gefallen tun!«

»Tausend für einen.«

»Danke für den guten Willen. Wir müssen Frau von Willmer durchaus im Gespräch so fesseln, daß sie diese Allee nicht verlassen kann.«

»Aber warum, verehrtester aller Hähne –«

»Ein Scherz, lieber Sonnenberg! Eine kleine Rache vielleicht, wenn Sie wollen, jedenfalls ganz harmlos.«

»Meinetwegen.«

So kam es denn, daß der semmelblonde Kunstjünger, als er Olga mit folgenden Verszeilen begrüßte:


»Leicht nur eilst du dahin, geführt von Schmetterlingsschwingen,
Selber vergleichbar Libellen. Sag', wohin du nun eilst?«


die prosaische Antwort erhielt:

»Sie können einen nervös machen mit Ihren ewigen Hexametern, Sonnenberg! Mir scheint, Sie bedienen sich dieser hinkenden Versfüße nur, um Ihre Neugierde in ein anständiges Gewand zu hüllen.«

Aber Sonnenberg ließ sich nicht abschrecken. Ein lachender Blick, ihm von Hahn heimlich zugeworfen, feuerte ihn neu an, und als nach fünf Viertelstunden, in welcher Zeit Theophil das Blaue vom Himmel schwatzte und Baron Hahn doppelsinnige und sehr aufreizende Bemerkungen machte, Olga endlich ihre Plagegeister los wurde und nun flüchtigen Fußes nach der Klosterruine eilte, war diese leer. Der, den sie suchte, hatte sie längst verlassen. Und nun genossen die alten Mauern das seltene Schauspiel, daß die engelsanfte Olga von Willmer vor Wut die Wände mit den Fäusten schlug und das schöne Madonnengesicht sehr aus seiner Ruhe brachte.




Und morgens in der roten Frühe
Erwacht mein Herz so reich und froh,
Als wüßt‹ es, daß sein Glück ihm blühe,
Und müßte nur noch raten, wo.
Geibel


Rose hatte sich bald auf Eichberg eingelebt und betrachtete seine Bewohner mit unbefangenen Augen. Sie konnte sich nun selbst eine Meinung bilden, fand aber, daß Carola bis auf einige Übertreibungen richtig gezeichnet hatte. Baron Hahn begegnete ihr seit jenem Vorfall am Springbrunnen ganz unbefangen, sie hingegen begegnete ihm mit einer Kälte, die ihn, wenigstens vor anderen, in seinen Schranken halten mußte. Im ganzen fühlte sie sich wohl hier. Sie mußte des Tages Frau van der Lohe mehrere Stunden vorlesen und tat es zu deren größter Befriedigung; ihre freie Zeit benutzte sie zu kleinen Ausflügen an den See und weiter, und die prächtige, etwas romantische Landschaft war ihr bald so lieb geworden wie der heimatliche Wald. Carola begleitete sie mitunter auf ihren Spaziergängen, sie war die einzige, an die sie sich näher anschloß, außer an Professor Körner, dem sie oft bei seiner Arbeit Gesellschaft leistete, und der ihr eine warme Freundschaft entgegenbrachte.

Mit van der Lohe kam sie nur wenig in Berührung. Er war bei den Mahlzeiten und bei der allabendlichen Versammlung im Wohnzimmer meist schweigsam oder saß mit dem Professor in ernste Gespräche vertieft.

Rose hatte einst im Park für sich ein kleines Volkslied gesungen und war dabei von Herrn Leßwitz überrascht worden, der sofort behauptete, man müsse sich Roses Stimme, die ein ungeschliffener Diamant sei, annehmen .

Da er die Absicht äußerte, Rose im Gesang selbst zu unterrichten, so lud ihn Frau van der Lohe ein, bis zum Herbst, in dem er eine große Konzertreise beginnen wollte, in Eichberg zu bleiben und die ländliche Stille zu seinen Studien zu benutzen. Herr Leßwitz nahm die Einladung sehr gnädig an, in seinem Innern überzeugt, daß man bei den van der Lohes die Ehre seiner Anwesenheit zu würdigen verstehe, und begann nun, Roses Stimme in die Schule zu nehmen.

Mochte nun seine Lehrweise wirklich gut oder Roses Talent den Schwierigkeiten gewachsen sein, kurz, sie machte große Fortschritte, und es konnten bald die Vorträge des Herrn Leßwitz mit den ihrigen abwechseln. Frau van der Lohe begünstigte Roses Gesang sehr, eine Gesellschafterin muß ja alles aufbieten, um die Unterhaltung zu beleben, und da das junge Mädchen sonst recht still war, abgerechnet ihre kleinen Wortgefechte und harmlosen Neckereien mit Carola oder Sonnenberg, so bot ihre volle, frisch und glockenklar klingende Sopranstimme stets eine angenehme Abwechslung. Überhaupt faßte die alte Dame Roses Stellung im Hause sehr wohlwollend auf und behandelte sie ganz als zur Familie gehörend, während Olga von Willmer ihr gegenüber eine hochmütige Zurückhaltung bewahrte.

Der Mai war vorüber, und der Juni kam mit der gleichen Pracht und demselben Sonnenschein.

In der breiten Allee, die nach dem See führte, wandelte Frau van der Lohe am Arm ihres Sohnes auf und ab. Die übrige Gesellschaft war in den Wald gegangen, um Pilze zu suchen, beide waren daher ungestört. Daß seine Mutter ihm etwas zu sagen hatte, fühlte van der Lohe, aber er wußte auch, daß sie nie unvorbereitet zur Sache kam und einen Schlag ins Blaue führte, denn sie war ein geschickter Stratege, und ehe sie einen neuen, wohlüberlegten Streich führte, begann sie immer von anderen Angelegenheiten, die sie noch nicht durchzusetzen imstande gewesen war. Sie nannte das »jemand mürbe machen«.

Nachdem sie zur Einleitung über nichtssagende Dinge geplaudert hatte, fragte sie mit scheinbarem Interesse:

»Wie steht es in den Werken draußen?«

»Wie meinst du das, Mama?« fragte van der Lohe verwundert zurück. Seine Mutter bekümmerte sich sonst um alles andere eher als um die Eisenwerke, denen die Lohes zwar ihren Reichtum verdankten, die sie indes nichtsdestoweniger zu »übersehen« pflegte.

»Nun, ich meine, ob die Arbeiter ruhig sind? Ich würde die Aufregungen eines Streiks nicht vertragen, Jo!«

»Es ist nichts Derartiges zu befürchten,« entgegnete er, »überhaupt ist unsere Gegend wenig von dem sozialen Gifte der Unzufriedenheit berührt worden. Im Gegenteil, die Stimmung meines ›rußigen Heeres‹, wie du es zu nennen beliebst, ist durchaus zufrieden und ruhig. Solange die Arbeiter sehen und fühlen, daß die Fabrikherren sie nicht als Maschinen, sondern als Menschen behandeln, sind die Ruhigen und Zufriedenen überwiegend. Die aufgereizten Heißsporne werden von ihren Arbeitsgenossen am besten im Zaume gehalten. Ich habe erst gestern einen bei mir arbeitenden jungen Mann aus guter Familie heimgeschickt, weil er anfing, grob gegen meine Leute zu sein. Fest und bestimmt müssen wir sein, unerbittlich in ernsten Fällen, grob aber niemals.«

Frau van den Lohe, die sonst gern etwas über die »moderne« Auffassung der Arbeiterfrage spöttelte, zog es vor, heute beistimmend zu nicken. Sie wußte ohnehin, daß über derartige Punkte mit ihrem Sohne nicht zu streiten war.

»Sehr richtig,« pflichtete sie bei und setzte nach kurzem Zögern hinzu: »Dein Verdienst um den Handel und deine humanen Ansichten werden übrigens nach Gebühr anerkannt, nicht nur in den verschiedenen Kreisen der Gesellschaft, sondern auch Allerhöchsten Ortes. Der Orden, den dir unser Landesfürst vor kurzem verliehen hat, ist wirklich eine für dich schmeichelhafte Auszeichnung, der wohl bald der Titel, den dein Vater führte, folgen wird.«

»Wahrscheinlich,« sagte van der Lohe gleichgültig.

»Wie du das nur wieder sagst,« rief sie tadelnd, »als ob du dir aus einer solchen Auszeichnung gar nichts machtest! Ich bin überzeugt, es kostet dich ein Wort, und auch der Adel wird dir verliehen.«

»Mamachen, Mamachen, du möchtest mich gern zum Herrn Baron machen,« sagte er lächelnd.

»Warum nicht?« rief sie, indem ein feines Rot über ihre gelblichen Wangen flog, »der Adel würde dir und mir eine festere Stellung in der Gesellschaft geben, die Hofkreise wären dir geöffnet – Jo, du wirst dich um den Adel bemühen, nicht wahr?«

»Nein, ich werde es nicht tun,« entgegnete er ärgerlich, »du kennst doch meine Ansichten, Mutter! Ich habe als Herr van der Lohe eine viel festere Stellung, auch in den Hofkreisen, als ich sie als neugebackener Baron hätte. Mein Name ist ein alter und von gleich gutem Klange wie der der Welser und Fugger, er ist bekannt im ganzen Lande, in Europa und weiter hinaus. Der Fabrikherr van der Lohe ist eine überall mit Achtung empfangene Person, der neugebackene Baron wäre nur ein Emporkömmling, ein Geldprotz, über den der Geburtsadel doch bloß lächelt.«

»Wie,« rief die alte Dame entrüstet, »lächelt? Und ich, deine Mutter, bin aus ihrem Lager, eine Stahleck? Ich bitte dich, Jo, laß niemand solche Ansichten hören. Sie könnten höheren Ortes verschnupfen.«

»Du irrst, Mama,« entgegnete van der Lohe, indem er stehen blieb, »als ich bei meiner letzten Anwesenheit in St. zum König gerufen wurde, um ihm einen Vortrag über unsere Eisenwerke zu halten, bot der Monarch mir selbst den Adel an, und ich antwortete dem König, was ich dir soeben sagte. Wort für Wort!«

»Jo!« rief Frau van der Lohe entsetzt, »Jo, bist du denn bei Sinnen? Oh, jetzt ist alles vorbei, wir sind in Ungnade gefallen.«

»Im Gegenteil, Mama. Der König drückte mir die Hand und billigte meine Gründe, indem er sagte: ›Lohe, Sie sind ein prächtiger Mensch, ich liebe Leute, die ihren Grundsätzen treu bleiben.‹ Und dann äußerte er die mir zum Herzen gesprochene Ansicht, ein neugeadelter Patrizier gleiche in seinen Augen einem alten, edlen Gebäude, das Unverstand und Geschmacklosigkeit mit einen neu aussehenden Firnis überpinselte und dadurch wertlos machte. Und nun siehst du, Mutter, daß meine Worte nicht verschnupft haben.«

»Trug, Trug und Täuschung,« jammerte Frau van der Lohe, »wir werden es doch empfinden müssen.«

»Nein, Mutter. Der König ist keine Wetterfahne, die sich heute so, morgen anders dreht. Die Bekräftigung seiner Worte war eben jener hohe Orden, der mir verliehen wurde, und der mir nun in der Tat wert ist, als ein Beweis des hochdenkenden Sinnes unseres Landesherrn.«

Die alte Dame ergab sich nur schwer in ihr Schicksal, denn der Adelstitel für ihren Sohn wäre ihr ein kleines Pflaster gewesen für den geopferten einer Reichsgräfin von und zum Stahleck.

»Du bist ein Starrkopf wie dein Vater, Jo,« seufzte sie.

»Nun, ich glaube, ich habe mein Teil auch von dir geerbt,« entgegnete er lächelnd, seiner Mutter eine prächtige Rose von einem Stamm schneidend.

»Danke,« sagte sie froh und dachte: er ist guter Laune schmieden wir das Eisen, solange es warm ist. Laut fügte sie hinzu: »Jo, du hast mir heute eine lange gehegte Hoffnung vernichtet. Du wirst das verstehen.«

»Offen gestanden, nein, Mama.«

»Nun, streiten wir nicht darüber. Der van der Lohesche Stolz steht hinter dem der Stahlecks nicht zurück.«

»Ich hoffe, du teilst ihn, Mama, da du diesen Namen auch führst.«

»Ja, ja, wer behauptet denn das Gegenteil?« rief sie ängstlich und setzte schmeichelnd hinzu: »Da du mir also die Hoffnung einer Standeserhöhung unserer Familie vernichtet hast, so rechne ich sicher, daß du mir dafür eine andere erfüllen wirst, mein Sohn.«

»Wenn es in meiner Macht liegt, gewiß, Mama,« entgegnete van der Lohe, »du weißt ja, daß du die einzige bist, der ich Freude bereiten, für die ich sorgen kann!«

»Nun, so mache mir bald, recht bald die größte Freude, Jo, und führe mir eine Schwiegertochter zu!«

Sie atmete hoch auf, das große Wort war gesprochen, und mit schnellem Blick suchte sie den Eindruck in den Zügen ihres Sohnes zu lesen. Dieser lächelte fein.

»Das also war des Pudels Kern,« sagte er und fügte dann nicht ohne einen Anflug von Spott hinzu: »Aber, Mama, bedenkst du denn auch, daß du den Löwenanteil deines Regiments dieser ersehnten Schwiegertochter abgeben müßtest?«

»Nun, ich bin nicht so herrschsüchtig und will mich gern mit der Rolle einer Königin-Mutter begnügen,« erwiderte sie mit dem strahlenden Lächeln, das ihrem ernsten Gesicht so gut stand, – sie hielt ihr Spiel für gewonnen. »Es freut mich zu hören, daß du endlich deine Abneigung gegen dies Thema überwunden hast!«

»Ah, du meinst also, ich werde nun ohne weiteres auf die Brautfahrt gehen und unter den Töchtern des Landes wählen?«

»Auf die Brautfahrt? O nein, warum sollst du, um mit dem Dichter zu reden, in die Ferne schweifen?« entgegnete Frau van der Lohe mit siegesgewissem Lächeln, »dein Glück blüht dir ja so nah, daß du es auf der Schwelle deines Hauses finden kannst.«

»Mutter – wen meinst du?« rief er überrascht.

»Wen ich meine? Wen anders als Olga, den lieben, sanften Engel?«

»Olga!« wiederholte er.

»Ja, aber mein Gott, Jo, wen denn sonst? Ich werde dir doch nicht zumuten, die Carola, das arme, verwachsene Ding, zu heiraten. Und sonst ist ja niemand im Hause.«

Van der Lohe, der noch an dem Rosenstock herumschnitzelte, schnitt statt eines Parasiten einen gesunden, blühenden Zweig herunter und klappte sein Messer zu.

»Nein – sonst ist niemand weiter hier,« wiederholte er mit einem sonderbaren Gemisch von Bitterkeit und – Mitleid im Ton.

»Natürlich nicht,« spann die alte Dame ihr Thema weiter, »sieh, Jo, du bist eigentlich ein Barbar. Das süße Kind, Olga, liebt dich seit langem schon im stillen, und du siehst es nicht oder willst es nicht sehen. Bedenke nur, welch herrliche Eigenschaften Olga besitzt, sie ist so sanft, so hingebend, schön und klug, wirklich ein Engel.«

»Ja, aber ein recht irdischer.«

»Jo! Ich versichere dir, Olga wäre für dich eine passende Frau; du findest in ihr alle Vorzüge vereint, die ein weibliches Wesen zieren, und –«

Hier wurde der Jubel- und Lobhymnus von Frau van der Lohe durch Sonnenberg unterbrochen, der wie ein Wahnsinniger vom See hergestürzt kam, gefolgt von Baron Hahn, der zwar auch etwas erschrocken, aber doch verhältnismäßig ruhig aussah.

»Eine Bahre, einen Tragstuhl!« schrie der blonde Jünger des Apelles, »schnell, schnell, ehe es zu spät ist!«

»Herr im Himmel – ist ein Unglück geschehen?« fragte Frau van der Lohe erschrocken.

»Jawohl, gnädige Frau, ein Unglück, ein haarsträubendes!« entgegnete Sonnenberg weiterstürmend. In diesem Vorhaben wurde er durch van der Lohe aufgehalten, der ihm ruhig in den Weg trat.

»Was ist passiert?« fragte er, »warum dieser Lärm?«

»Herrgott, Lohengrin, Sie könnten einen zur Verzweiflung bringen,« schrie Sonnenberg im höchsten Diskant »als ob ich Zeit hätte, mich mit Erklärungen aufzuhalten wenn sie in Gefahr schwebt! Unmensch, lassen Sie mich vorüber!«

Damit schoß der Entrüstete weiter, dem Hause zu. Van der Lohe hielt sich nun an den Baron, indem er ihn nach der Ursache von Sonnenbergs seltsamem Gebaren fragte.

»Wir sollen einen Tragstuhl oder eine Bahre nach den Wald schicken,« erklärte dieser, »Fräulein Eckhardt trat beim Pflücken von Farnkräutern auf einen losen Stein und fiel einen kleinen Abhang hinab, an dem sie besinnungslos liegen blieb; Sie erlauben daher, daß ich Sonnenberg behilflich bin, da er ja doch unzurechnungsfähig ist.«

Noch nie hatte Frau van der Lohe ihren Sohn so blaß werden sehen wie in diesem Augenblick.

»Wo geschah es?« fragte er heiser.

»Bei der Königsfichte,« rief der davoneilende Hahn zurück.

»Jo, – ich –« stammelte Frau van der Lohe, entsetzt auf ihren Sohn blickend; dieser aber lief rasch der Richtung der Königsfichte zu, die am Rande eines kleinen Abhanges stand und ihren Namen nicht allein wegen ihrer seltenen Größe und Stärke trug, sondern weil der hochselige König bei seinem Besuche in Eichberg seinen Namenszug eigenhändig in die Rinde des Stammes eingeschnitten hatte.

Nach einer Viertelstunde hatte van der Lohe sein Ziel erreicht. Er sah schon von fern die hellen Kleider Olgas und Carolas durch die Bäume leuchten, er sah auch Roses helles Haar auf dem dunklen Moose liegen und flog mehr als er ging der Stelle zu.

Da lag sie, das liebliche Heideröslein, blaß und bewußtlos am Boden, gestützt von Professor Körner, während Carola ihr Taschentuch in die kleine, klare Quelle tauchte, um das rieselnde Blut an der linken Schläfe zu stillen. Olga von Willmer suchte kühlende, saftige Blätter zum Auflegen auf die Wunde.

»Gottlob, Jo, daß du kommst,« rief ihm Carola entgegen, »was sollen wir hier machen – sie kommt gar nicht mehr zu sich.«

Van der Lohe kniete wortlos neben der Bewußtlosen nieder und strich das goldige Haar von ihrer Stirn.

»Sie ist nur schwer betäubt, die Wunde ist nicht bedeutend,« sagte Körner.

»Aber das Blut ist nicht zu stillen,« rief Carola halb weinend.

Van der Lohe untersuchte genau die verletzte Schläfe und drückte sein eigenes, trockenes Tuch auf das rieselnde Blut, dann löste er die starren Finger, die ein Bündel Farnkräuter fest umschlungen hielten.

Nach kurzem Warten langten Sonnenberg und Hahn mit einem von zwei Dienern getragenen, bequemen Sessel an; Sonnenberg warf sich sofort vor Rose nieder und hielt ihr ein mit Riechsalz gefülltes Fläschchen unter die Nase. So plump dies auch bewerkstelligt wurde, so hatte es doch seine Wirkung. Der scharfe Geruch des Mittels drang belebend in Roses Hirn, und mit einem tiefen Atemzug öffnete sie die Augen.

»Hurra, sie lebt,« schrie Sonnenberg, indem er einen wunderlichen Freudensprung machte.

»Sie lebt,« wiederholte leise, kaum hörbar van der Lohe, und Carola sprach's ihm freudig nach.

Rose ließ die Augen zunächst verständnislos über die Anwesenden gleiten, als kenne sie niemand.

Da beugte sich van der Lohe zu ihr herab, als wolle er die Wunde näher betrachten, und dabei sagte er leise, ganz leise: »Heideröslein!«

Rose heftete ihren matten, leblosen Blick auf den neben ihr Knienden, lange, – es glitt ein Lächeln über ihre blassen Lippen, dann schloß sie die Augen wieder.

Van der Lohe und der Professor aber hoben nun das junge Mädchen auf den Tragstuhl, von Sonnenberg und Carola unterstützt, und so wurde sie nach dem Hause zurückgebracht.

Baron Hahn reichte der etwas zurückgebliebenen Olga den Arm.

»Gestatten Sie mir, Sie von dieser Stelle der Verwirrung heimzugeleiten, meine Gnädigste,« sagte er galant; »Es wäre allerdings an Herrn van der Lohe gewesen, dieser holden Pflicht zu genügen, indes müssen Sie mich schon als Lückenbüßer gnädigst annehmen.«

»Wie meinen Sie das, Herr Baron?« fragte sie gereizt.

»Aber meine Gnädigste, was bin ich denn weiter als ein Lückenbüßer? Und besonders in der Nähe dieses stolzen Patriziers? Laden Sie mich nicht zu Ihrer Hochzeit ein, Olga, das Herz würde mir brechen, denn ich muß ja doch entsagen. Wissen Sie, was es heißt, der Verschmähte zu sein und zu sehen, wie ein anderer neben einem bevorzugt und – schwerer befunden wird?«

»Reden Sie kein dummes Zeug, Baron,« rief Olga aufgebracht.

»Nun ja,« entgegnete er mit gekränkter Miene, »Sie empfinden das Gefühl des Sieges über mich und setzen mir den Fuß auf den Nacken. Warum haben Sie mir nicht gleich gesagt: hebe dich weg, armseliger Attaché; der reiche Vetter ist ein begehrenswerteres Ziel.«

»Unverschämter!« stieß Olga tonlos hervor.

»Damit schaffen Sie die Tatsache nicht aus der Welt,« versetzte Baron Hahn kaltblütig, und hohnvoll fuhr er fort: »Nun, es mag sein; Sie wissen, daß ich in Ihren Netzen gefangen bin und behandeln mich darum wie eine russische Fürstin ihren Leibeigenen. Die Knute in der Hand müßte Ihnen übrigens gut stehen. Was wohl der bevorzugte Vetter dazu sagen würde! Schade nur, daß er Sie ohne Ihre Engelsmiene jetzt nicht sehen kann, er, der Grausame, der Sie allein über diese Baumwurzeln stolpern läßt, indes er die Vorleserin seiner Mutter heimgeleitet wie eine Prinzessin.«

Hahn wußte, daß er mit diesen Worten seinen Trumpf ausgespielt hatte. Über Olgas vordem zornblasse Wange flog nun eine glühende Röte – sie riß heftig ihren Arm aus dem des Barons und flog mehr, als sie ging, dem Hause zu. Dort angelangt, begab sie sich sofort zu ihrer Tante, die ihr mit dem Ausruf entgegenging: »Welch schreckliche Geschichte! Das Mädchen sieht blaß aus wie der Tod!«

Auf Olgas Lippen drängte sich ein sehr unchristlicher Wunsch in betreff Roses, aber sie ließ ihn unausgesprochen. Sie schlang nur die Arme um den Hals ihrer Verwandten und fing an, vor Wut und getäuschter Hoffnung tränenlos zu schluchzen.

»Aber Kind, um des Himmels willen, was fehlt dir?« rief Frau van der Lohe erschrocken, »hat dich das Unglück im Walde so mitgenommen? Die kleine Eckhardt wird ja wieder –«

»Ich hasse sie,« stieß Olga hervor, indem sie sich wild aufrichtete.

Frau van der Lohe war im Augenblick sprachlos – vorerst jedenfalls über die Entdeckung, daß die engelgleiche Nichte doch auch etwas von einer Teufelin in sich hatte, und dann, weil sie den Ausbruch dieses Zornes nicht begriff.

»Olga, ich verstehe dich nicht,« sagte sie hilflos; doch Frau von Willmer hatte sich schon wieder gefaßt, denn es mochte ihr wohl eingefallen sein, daß sie stark aus ihrer Rolle gefallen war. »Ich verstehe dich wirklich nicht. Ich bedaure das junge Mädchen, obwohl ich durch diesen Zwischenfall jedenfalls längere Zeit ihre Dienste als Vorleserin entbehren muß. Das blutüberströmte Gesicht der Armen hat dich nervös gemacht, ich werde dir von meinen Nerventropfen geben.«

Frau von Willmer ergriff diese Gelegenheit, um einzulenken. Sie schlürfte gehorsamst die gebotenen Tropfen und befeuchtete ihre Stirn mit Melissengeist, – Frau van der Lohe hatte in ihrem Zimmer eine ganze Apotheke von dergleichen Mitteln.

Während sie ihrer Nichte eins nach dem andern eingab, sagte sie vertraulich: »Ich habe vorhin eine Unterredung mit Jo gehabt. Er war gar nicht absprechend oder dagegen, als ich ihm sagte, daß es mein größter Wunsch wäre, dich zur Schwiegertochter zu erhalten.«

Frau von Willmer horchte auf.

»Wie?« fragte sie ungläubig.

»Ja, wirklich, liebes Kind! Er hörte mich ruhig an und scherzte sogar in einer Weise, die mich das Beste hoffen läßt.«

»Hat mich Hahn nur aus Rachsucht eifersüchtig machen wollen?« fragte sich Frau von Willmer betroffen.

Sie war gekommen, um bei ihrer Tante die Entlassung der armen Rose durchzusetzen, nun aber schlichen sich leise Zweifel in ihr Herz, denn Frau van der Lohe mußte es ja besser wissen › wie ihr Sohn dachte, seine auffallende Besorgnis um das Mädchen war demnach nichts als reine Menschenfreundlichkeit.

»Du mußt Jo eben etwas entgegenkommen, Kind!« fuhr Frau van der Lohe fort. »Er gehört nun einmal zu den Männern, die aufgemuntert werden müssen, und es kann dir ja nicht fehlen, bei deiner Schönheit, deinem liebenswürdigen Charakter!«

Frau von Willmer schwieg noch immer.

»Wie lange wird dieser Baron Hahn noch hier bleiben?« fragte sie plötzlich.

»Hahn? Ich denke, ungefähr noch zwei bis drei Wochen. Ich lud ihn gestern ein, seinen Besuch zu verlängern. Er ist ein angenehmer Gesellschafter, und seine Mutter war eine Kusine von mir, also –«

Olga zuckte mit den Achseln, dann erhob sie sich seufzend.

»Ich werde es versuchen, Jo etwas entgegenzukommen Tante, aber ich bin in solch weiblichen Künsten zu ungeschickt, – ich bin allzu zurückhaltend,« sagte sie mit sanftem Augenaufschlag und leisem, zagendem Ton. Die alte Dame schloß ihre Nichte gerührt in die Arme.

»O, ich kenne dich, meine holde, sanfte Olga! Du sollst auch keine unwürdigen Künste anwenden, sondern meinen steifen, guten Jungen nur auf den richtigen Weg leiten. Jo ist gewiß ein vortrefflicher Mensch, aber in Herzenssachen muß er geleitet werden.«

Hätte van der Lohne gehört, wie seine Mutter ihn beurteilte, so hätte er heiter gelächelt, seine Zweifel an der Richtigkeit des Urteils aber natürlich für sich behalten.

Während Olga von Willmer sich also trösten ließ, lag droben, bewacht von der guten Carola, Rose auf ihrem Bett, immer noch in halb bewußtlosem Zustande. Ein reitender Bote war zu dem Arzt in die nächste Stadt geschickt worden, und die an dem Unglück Anteilnehmenden erwarteten mit Ungeduld und Spannung seine Ankunft. Es wurde Carola fast bange neben der bleichen, bewegungslosen Gestalt des jungen Mädchens, und weder Leßwitz noch Sonnenberg hätten es jetzt vermocht, ihren Spott herauszufordern.

Indes machte Sonnenberg dem Pianisten eine farbenreiche Schilderung des Unfalles an der Königsfichte.

»Ich werde sie malen, wie sie dalag auf grünem, schwellendem Moos, blaß, blutend,« rief er, und mischte schon in Gedanken die Farben, wobei Schweinfurter Grün und Karmin eine bedeutende Rolle spielten.

Van der Lohe aber lief ruhelos in seinem Zimmer auf und ab – seine Seele ahnte nichts davon, daß indes zwei moderne Parzen sein Geschick spannen und sein Glück machen wollten. Vor ihm auf dem Schreibtisch lag Arbeit genug, aber er fand heute nicht die Ruhe, seinen Namen unter den Stoß fertiger Geschäftsbriefe zu setzen. Warum? Er legte sich kopfschüttelnd selbst diese Frage vor und – ließ sie unbeantwortet.

Professor Körner hatte ihn, bald nachdem sie vom Walde zurückgekehrt waren, verlassen. Er ging in seine Werkstatt, indem er murmelte: »Laßt ihn mit eurem Geschwätz. Den Mann hat's!«

Endlich kam der Arzt und wurde sofort in das Krankenzimmer geführt.

Van der Lohe hatte ihn kommen gehört, wie er die Treppe empor eile und dann eine Tür ging.

Er biß die Lippen fest aufeinander und setzte sich an seinen Arbeitstisch – umsonst, er faßte nicht den Sinn des trockenen Geschäftsstiles und warf die sauber und schön geschriebenen Briefe wieder zurück auf den Tisch.

Da pochte es leise an die Tür. Er sprang auf, um selbst zu öffnen, und sah Olga von Willmer vor sich stehen.

»Was willst du?« fragte er nicht gerade überhöflich.

»Ich – ich bringe dir einen eben angelangten Brief, Jo,« sagte sie sanft, indem sie den Fuß auf seine Schwelle setzte.

»War kein Diener da, daß du dich bemühen mußt?« fragte er, ihr den Brief abnehmend.

»Aber es ist für mich wirklich keine Mühe, ich freue mich, wenn ich dir einen Dienst erweisen kann,« erwiderte sie sanft.

»Du bist wirklich rührend,« sagte er ironisch, »diese Fürsorge könnte einen Unbefangeneren täuschen und Hoffnungen in ihm erwecken! Olga, ich rate dir, sie einem Würdigeren als mir zuzuwenden.«

Ihr Auge füllte sich mit Tränen, sie blickte flehend zu ihm empor: »Jo, es ist mir noch nie eingefallen, einem anderen Manne meine Fürsorge anzutragen, ihn in mein Herz blicken zu lassen!«

»Das glaube ich dir aufs Wort,« erwiderte er hart und setzte mit beißendem Hohn hinzu: »Dein seliger Mann, der gute Willmer, könnte das bestätigen. Der arme Kerl hat ein langes Lied singen können von der Fürsorge, die du ihm nicht zugewendet hast, und seine Kenntnis von deinem Herzen war jedenfalls höchst mangelhaft. Und nun soll ich der Beglückte sein, dem es entschleiert werden soll – ich fühle mich wirklich sehr geschmeichelt!«

Damit wollte er die Tür schließen, Frau von Willmer aber bedeckte ihr schönes Gesicht mit dem feinen Taschentuch und sagte schluchzend: »Jo – du trittst ein Herz mit Füßen, das –«

»Olga, ich bitte – keinen Auftritt auf dem Flur,« sagte er, nun ernsthaft aufgebracht.

»Du läßt mich ja nicht einmal über deine Schwelle,« schluchzte sie.

Ehe er ihr antworten konnte, kam Carola die Treppe herab, atemlos, lachend und weinend zugleich.

»Gute Nachricht,« rief sie, »Heideröslein ist bei Besinnung und ganz munter! Doktor Elsner erklärte die Wunde an der Schläfe für ungefährlich, die Ohnmacht nur für eine Folge des Schreckens, des Schmerzes und des Blutverlustes! Jo, ich freue mich so, ich wußte gar nicht, daß ich dem kleinen Mädel so gut bin.«

Herr van der Lohe atmete auf und drückte herzlich, aber stumm die Hand der frohen Glücksbotin.

In diesem Augenblick stürmte auch Sonnenberg herbei, gefolgt von dem Professor und Leßwitz.

»Habt ihr sie schon gehört, die gute Zeitung?« schrie der närrische Mensch.


»Vernehmet es denn: Sie ist erwacht vom dräuenden, tödlichen Schlummer,
Dornröschen gleich, als die Spindel sie stach in die Hand.«


»Wir wollen in Anbetracht dieses glücklichen Ereignisses Ihre Verse unbeanstandet lassen, Sonnenberg,« lachte der Professor, indem er van der Lohe die Hand drückte.

»Lebt sie?« fragte Frau van der Lohe in ihrer Tür, »nun gottlob – mir tat das liebe Mädchen so leid.«

»Ich werde einen Dankhymnus komponieren,« erklärte Leßwitz, und bald darauf erdröhnte der Bechstein unter seinen Händen in den großartigsten Dissonanzen.

»Man sollte es nicht für möglich halten!« sagte Olga von Willmer mit höhnisch verzogenem Munde. »Wird nicht ein Wesen um Tantes Vorleserin gemacht, als wäre sie eine Prinzessin? Ich zweifelte keinen Augenblick an ihrem Aufleben – solche Personen haben derbere Lebenskräfte als wir.«

Van der Lohe wandte sich heftig zu seiner Kusine um. »Schäme dich, Olga,« sagte er leise, aber sprühend vor Zorn und ging dann, ohne sich um jemand zu kümmern, in sein Zimmer zurück.

Am selben Abend noch erschien Rose, nachdem sie einige Stunden erquickend geschlummert hatte, unten im Gesellschaftszimmer, zwar noch etwas blaß, aber desto lieblicher aussehend.

»Ich habe Ihnen allen so viel zu danken,« sagte sie herzlich auf die Beglückwünschungen, mit denen sie überschüttet wurde, mit Ausnahme von Frau von Willmer die stumm und teilnahmslos am Flügel saß und die Tasten betrachtete.

Der Abend verlief unter mannigfachen, lebhaften Gesprächen, bei denen sich Sonnenberg durch grauenvolle Hexameter beteiligte, die er stolz »Distichen« zu nennen beliebte. Leßwitz spielte heute aber wenig, und dann, den angegriffenen Nerven Roses zuliebe, nur sehr sanfte Weisen.

»Ich möchte ein Lied singen,« sagte Rose, bevor man aufbrach, und Leßwitz setzte sich sofort wieder an den Flügel.

Van der Lohe, der heute abend besonders schweigsam gewesen war, trat an Rose heran.

»Sie sollten lieber nicht singen,« sagte er halblaut zu ihr.

»Aber ich möchte so gern,« entgegnete sie bittend, »es ist mir heute ganz nach einem frohen Liede zumut.«

»Nun, so singen Sie, – Heideröslein.«

Er hatte es kaum hörbar gesprochen, mehr wie für sich, aber Rose hörte es doch. Sie sah zu ihm auf, halb froh, halb erschreckt, als hätte sie sich verhört, und bückte sich dann rasch, um in den Noten zu suchen, von denen sie ein Blatt dann auf das Pult legte.

Leßwitz schlug die ersten Akkorde eines herrlichen Frühlingsliedes von Reinecke an, und Rose fiel mit ihrer weichen und doch vollen, silberhellen Stimme ein:


»Im Walde lockt der wilde Tauber –«


Sie fühlte es selbst, daß sie so wie heute noch nie gesungen hatte, mit einer Teilnahme ihrer Seele, die ihr bisher fremd gewesen, besonders bei dem Schluß:


»Und morgens in der roten Frühe
Erwacht mein Herz so reich und froh,
Als wüßt' es, daß sein Glück ihm blühe,
Und müßte nur noch raten, wo.«


Van der Lohe hatte sich, ohne »gute Nacht« zu wünschen, entfernt und war hinausgegangen in die sternenklare, warme Juninacht, bis an den See und seinen Lieblingsplatz auf dem Söller der Klosterruine. Hier hatte er sie zuerst gesehen.

»Ich brauche nicht mehr zu raten, wo mein Glück blüht,« sagte er laut, »aber es wird noch manchen Kampf geben, ehe ich's erreichen kann.«

Rose war nach dem allgemeinen Aufbruch auf dem Wege nach ihrem Zimmer, als Olga von Willmer sie überholte, sie hart am Handgelenk packte und mit blitzenden Augen ihr zuflüsterte: »Gute Ruh', Heideröslein, träumen Sie nur nicht allzu kühn! Ihr Sieg ist noch sehr unentschieden, denn ich stehe zwischen ihm und Ihnen und werde ihn verhindern, trotzdem ich kein ›Loreleihaar‹ und keine ›gold'nen Augen‹ habe.«

Damit entfernte sie sich rasch, ehe Rose wußte, wie ihr geschah – sie verstand überhaupt nicht, was Olga eigentlich gewollt hatte und dachte auch nicht lange darüber nach, denn sie war noch recht erschöpft von dem heutigen Unfall.

Bald schlief sie ein, in dem Zustand zwischen Wachen und Schlafen aber wiederholten ihre Lippen noch die letzten Worte des Liedes:


»Und morgens, in der roten Frühe
Erwacht mein Herz so reich und froh,
Als wüßt' es, daß sein Glück ihm blühe,
Und müßte nur noch raten, wo.«





Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden!
Goethe


Nachdem Rose für vollständig gesund erklärt worden war, gestaltete sich das Leben in Eichberg sehr angenehm. Besonders waren es die Morgenstunden, die nicht nur Rose allein, sondern auch der Mehrheit der auf Eichberg Anwesenden eine Quelle der angenehmsten Genüsse wurden.

Frau van der Lohe begab sich nach dem allgemeinen Frühstück oft zur Sitzung in die Künstlerwerkstatt im Park, und während Professor Körner an ihrer Büste arbeitete, las Rose vor, oder der Künstler selbst erzählte ein Begebnis seines vielbewegten Lebens.

In neuester Zeit hatte auch Sonnenberg seine Staffelei in die Werkstatt gebracht und malte mit wahrem Feuereifer, wenn ihn die Erzählung nicht gar zu sehr fesselte, das heißt wenn er Rose nicht ansah. Er stand wie ein Held vor seiner Leinwand, in der Linken ein Bündel Pinsel, Palette und Malstock, in der Rechten den ausübenden Pinsel, das semmelblonde Haar in den Nacken geworfen. Natürlich verzichtete er auch nicht auf den Sammetrock, der an ihm den Künstler betonte.

Sonnenberg war nicht talentlos, er besaß eine hübsche Technik und vor allem jenes ganz besondere Etwas, das die Künstler »Mache« nennen, aber er hatte keine Ausdauer und kam vor lauter Entwürfen und Plänen nicht zum Malen. Nun war aber binnen zwei Monaten eine große Kunstausstellung in Aussicht, und Sonnenberg schwur, dabei vertreten sein zu müssen. Er spannte zu diesem Behuf Leinwand auf einen Blendrahmen und ließ ein stattliches Regiment von Ölfarbentuben vor sich aufmarschieren.

»Der Name Theophil Sonnenberg wird in alle Weltteile dringen, wenn das erstaunte Publikum erst mein Werk gesehen hat,« sagte er mit dem edlen Selbstbewußtsein, das den Künstler ziert.

Er begann auch wirklich zu malen, ein nicht eben neues, aber beliebtes Motiv; ein junges Mädchen in der Tracht des deutschen Mittelalters an einem säulengetragenen gotischen Burgfenster stehend, den Falken auf der Hand, war bald keck auf die Leinwand mit Kohle geworfen, – daß das Burgfräulein erst Roses Haarfarbe und später auch ihre Gesichtszüge annahm, war nicht ganz Zufall.

Carola stachelte dabei seinen Eifer durch ihren lustigen Spott noch mehr an, der ihr weder von ihm noch von den anderen übelgenommen wurde.

»Ich nehme hier den beneidenswerten Rang eines enfant terrible ein und gedenke diesen Vorzug auch auszubeuten,« sagte sie lachend. Übrigens beteiligte sie sich regelmäßig bei den Werkstattversammlungen, und auch van der Lohe erschien mitunter, regelmäßig von Frau von Willmer gefolgt, die sich sonst selten zeigte, ebenso wie Leßwitz, der viel übte.

Es war ein heißer Tag gewesen; die Sonne sank hinter die westlichen Hügelketten, Himmel und Erde in Gold tauchend, als Rose nach vollbrachter Pflicht sich zu einem Spaziergange anschickte. Sie hatte vor, um den See zu gehen, aber als sie das Ende der Allee erreicht hatte, fühlte sie sich ermüdet und wendete sich nach der Klosterruine – zum ersten Male seit dem Abend ihrer Ankunft. Eine gewisse Scheu hatte sie immer abgehalten, den alten Bau aufzusuchen; sie wußte, daß van der Lohe in dem Turmzimmer oft und gern weilte, und mochte ihm dort nicht begegnen, in der Furcht, für unbescheiden oder zudringlich gehalten zu werden. Aber heute war er in Geschäften verreist und wurde erst morgen zurückerwartet, daher betrat sie sorglos das alte Gemäuer, betrachtete mit Interesse erst den mit Kreuzgängen umwundenen Klosterhof und stieg sodann in das Achteck hinauf, wo es kühl und wunderbar traulich war.

Sie nahm einen schweren, in gepreßtes und vergoldetes Leder gebundenen Band von dem Tisch am Fenster, eine alte Chronik mit Merianschen Kupferstichen; dann ging sie mit dem Buche auf den Söller, setzte sich wie an dem ersten Abend auf die Treppe und versenkte sich in den wunderbaren Anblick des im Abendrot erglühten Sees, der tiefdunklen Bäume, der fahlgrünen Ufer, des nickenden Schilfes und der weißen Wasserrosen, die auf der Wasserfläche zu schwimmen schienen.

Lange träumte sie vor sich hin, der Zeit gedenkend, da sie noch frei den heimatlichen Wald durchstreifen durfte, dennoch aber sehnte sie sich jetzt nicht mehr nach der alten Heimat zurück – warum nicht mehr? Um der Antwort zu entgehen, schlug sie die Chronik auf ihrem Schoß auf, aber achtlos ließ sie die vergilbten Blätter durch ihre Finger gleiten, bis ein darin liegendes Manuskript ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie kannte diese Handschrift – es war die van der Lohes. Rose wollte das Manuskript wieder in die Blätter des Buches zurückschieben, ungelesen, um keinen Vertrauensbruch zu begehen, aber unwillkürlich flog ihr Blick über die ersten Zeilen des in gebundener Rede Geschriebenen, und ihren Vorsatz vergessend, war sie bald in den Inhalt der Dichtung versenkt. Es war eine Künstlernovelle in Versen, die traurige Geschichte eines ungarischen Geigers und seiner unglücklichen Liebe.

Noch ehe Rose die Lektüre beendet hatte, war drinnen im Achteck leise die Tür aufgegangen, und van der Lohe, ungehört von der vertieften Leserin, trat auf die Plattform heraus. Lord, die prächtige Dogge, die ihn begleitete, betrachtete verwundert die auf den Steinstufen Sitzende eine Weile und legte, als Rose sich nicht umsah, mahnend seine große, schwere Pfote auf ihre Schulter.

Sie stieß einen Schrei aus, sprang schnell empor und rief: »Nein, aber – einem solch einen Schrecken einzujagen!«

»Haben Sie ein so böses Gewissen?« fragte van der Lohe lachend.

»Es geht noch an,« erwiderte sie im gleichen Tone, dann aber, als ihre Blicke auf das Manuskript in ihrer Hand fielen, wurde sie rot. »Wahrhaftig, mein Gewissen ist nicht ganz rein, ich kann mich nicht einmal entschuldigen, denn ich fand diese Blätter zwischen den Seiten der Merianschen Chronik, und es ist eigentlich unverantwortlich von mir, daß ich sie las. Was werden Sie von mir denken, Herr van der Lohe?«

Er trat näher und nahm Rose das Manuskript aus der Hand.

»Ach, die Geschichte von Maurus Magyar?« sagte er. »Nun, ihre Schuld ist nicht groß, denn das Geschick meines armen Freundes ist weltbekannt. Daß ich's in schlechte Verse brachte, ist meine Sünde gegen die Poesie.«

»Wie?« fragte Rose mit großen Augen, »der unglückliche Künstler war Ihr Freund? Ist diese Dichtung ganz und gar Wahrheit?«

»Ja,« erwiderte van der Lohe so kurz, daß Rose ihn betreten ansah.

»Verzeihen Sie meine Frage,« sagte sie, »ich wollte Ihnen nicht wehe tun.«

»Davon kann keine Rede sein, Fräulein Eckhardt! Maurus Magyar war mein Freund; er war eine großzügig angelegte Natur, Künstler mit Leib und Seele, ein prächtiger, heiterer, liebenswürdiger Mensch. Aber er verfiel seinem Schicksal. Er, der stets über Liebe und Herzensgeheimnisse gespottet hatte, ging an dieser einen großen Leidenschaft zugrunde.«

»Der arme Mensch,« sagte Rose leise; dann fragte sie schüchtern: »Und die Frau, – was ist aus ihr geworden?«

Van der Lohe zuckte mit den Achseln.

»Was sollte aus ihr werden? Sie ist eine ›Dame ohne Herz‹, und Leute, die statt eines Herzens nur einen hohlen Muskel in der Brust haben, pflegen sich ihr Leben nicht mit Reue zu verbittern. Sie erzählt sehr gern, daß der berühmte Maurus Magyar bei ihrer Hochzeit gespielt.«

»Ist's möglich?« rief Rose entrüstet, »wie kann es solche Menschen geben!«

»Das ist eben das große Rätsel der Natur,« sagte van der Lohe, »warum wird das Herz des einen fühlend, das des anderen dagegen hart geschaffen? Und unter all diesen Rätseln ist das größte und nie zu erratende – das Weib!«

Über Roses Lippen huschte ein Lächeln.

»Sie gelten für einen Weiberfeind, sagt Carola!«

»So?« rief er, sichtlich erheitert. »Ist Carolas Weisheit damit erschöpft?«

»Ach, es wäre Ketzerei, alles zu wiederholen.«

»Gut, auf die Gefahr hin.«

»Nun, sie meint, daß sich die schlimmsten Weiberfeinde immer gerade am leichtesten bekehren ließen, und daß Sie es überhaupt nur seien, um sich interessant zu machen.«

Jetzt lachte van der Lohe wirklich herzlich, und Rose fand, daß es ihm sehr gut stand.

»Sie müssen Carola aber nicht verraten, daß ich's Ihnen wieder erzählt habe,« sagte sie mitlachend.

»Ich werde mich hüten,« erwiderte er freundlich, »meine Kusine würde mir eine Flut von Beweisen an den Kopf werfen.«

»Und wenn diese stichhaltig sind?« fragte Rose neckend.

»Carolas Beweise sind immer stichhaltig. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich ihnen zu unterwerfen, wenn man Ruhe haben will.«

»Wem unterwerfen, Jo?« fragte eine dritte, leise verschleierte Stimme vom Achteck her.

Van der Lohe wandte sich hastig um und sah sich Frau von Willmer gegenüber, die zwar lieblich lächelte, aber ein aufmerksamer Beobachter konnte sehen, daß ihre Nasenflügel zitterten und ihre Augen forschend die Gruppe musterten.

»Du erscheinst ja unhörbar wie ein Geist,« sagte er ruhig.

»Nicht wahr?« lächelte sie, »ich wollte dich überraschen.«

»Sehr liebenswürdig,« entgegnete er ironisch.

»Ich habe nämlich Lust bekommen, ein wenig in diesen alten Bücherschätzen zu stöbern,« fuhr sie fort. »Die ehrwürdigen Folianten haben für mich etwas Magnetisches – sie ziehen mich an.«

»Seit wann, Olga?« fragte van der Lohe spöttisch.

»O, von je her!«

»Nun, im vorigen Jahre erklärtest du noch, diese alten Staubfänger gräßlich zu finden und eine ganze Bibliothek davon für einen einzigen französischen Roman herzugeben.«

Olga von Willmer wurde rot.

»Ich weiß, das habe ich mit voller Absicht gesagt,« rief sie schnell gefaßt.

»Daran zweifle ich nicht; du hast es Baron Hahn so laut zugeflüstert, daß ich es nicht überhören konnte,« entgegnete van der Lohe lachend.

»Ich wollte dich necken,« erklärte sie mit ihrem berühmten Augenaufschlag.

»So? Jedenfalls hat dein Geständnis mir die beruhigende Gewißheit gegeben, daß du neben englischer Sonntagslektüre und Andachtsbüchern auch noch französische Moral in dich aufnimmst,« gab er prompt zurück.

Frau von Willmer lächelte gezwungen. »Also ist mir meine Neckerei doch gelungen,« rief sie, scheinbar strahlend vor Fröhlichkeit.

»Vollkommen,« bestätigte van der Lohe ironisch. »Sie wurde noch gelungener, als ich letzten Winter in einem Buchladen der Residenz eine Anzahl Bücher liegen sah, von denen man nicht weiß, ob man den Verfasser mehr bedauern soll oder den Leser. Auf meine Frage, welche Sorte von Publikum diese Bücher liest, wurde mir dein Name genannt, du hattest sie bestellt.«

Wenn Olga von Willmer vorhin rot geworden war, so wurde sie jetzt blaß und biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten. Ihre sanften, dunklen Augen sahen nichts weniger mehr als sanft aus.

Rose war dieser Auftritt entsetzlich peinlich; sie wäre am liebsten in den See gesprungen und fortgeschwommen, zum mindesten wünschte sie sich Doktor Fausts Käppchen, um sich unsichtbar zu machen.

»Es ist wohl bald Teestunde,« sagte sie schüchtern, »ich muß nach der Villa zurück.«

Van der Lohe trat zur Seite, um sie vorüber zu lassen, Olga aber benutzte sie sofort als einen willkommenen Blitzableiter ihres inneren Zornes.

»Ah, Sie sind hier, Fräulein Eckhardt?« fragte sie schneidend, als sähe sie Rose überhaupt jetzt erst.

»Ja, glaubtest du, Olga, daß ich vorhin, als du gleich einem deux ex machina erschienst und mir das letzte Wort von den Lippen nahmst, mit mir selbst gesprochen hätte?« fragte van der Lohe lachend, aber mit warnendem Ton.

Frau von Willmer zog es vor, nicht darauf zu antworten.

»Wie kommen Sie überhaupt hierher?« fragte sie weiter. »Ich finde es sehr – merkwürdig, Sie hier, in meines Vetters Zimmer anzutreffen.«

»Ich glaubte Herrn van der Lohe abwesend,« erwiderte Rose einfach, der vollen Wahrheit entsprechend.

»Und wir trafen uns zufällig hier,« vollendete van der Lohe betont.

»Natürlich zufällig,« rief Olga von Willmer und setzte beißend hinzu: »Ich hatte überhaupt nicht angenommen, Jo, daß du dich mit der Vorleserin deiner Mutter anders als zufällig treffen könntest.«

Rose ging stumm nach der Tür. Sie fand es unter ihrer Würde, zu antworten, selbst ihre einfache Erklärung erschien ihr jetzt überflüssig und unangebracht.

»Ich begleite Sie, Fräulein Eckhardt,« sagte van der Lohe, »damit wir meiner Kusine in ihrer Leidenschaft für alte Bücher in Schweinsleder nicht hinderlich sind. Guten Abend, Olga.«

Rose kam die Treppe hinab, sie wußte nicht, wie! Es schwirrte in ihrem Kopf, und sie sah nicht einmal auf, als sie van der Lohes Schritte neben sich hörte.

»Rose, die giftigen Worte eines zornigen Weibes können Sie nicht verwunden,« sagte er nach einer Weile freundlich.

»Aber es ist schwer, sich darüber hinwegzusetzen,« entgegnete sie leise.

»Sie müssen gar nicht daran denken. Ich bedauere aber aufrichtig, die Veranlassung gewesen zu sein, denn ich hätte wissen können, daß Olga ihre überlegene Stellung benutzen würde, um sich an Ihnen zu reiben, da sie es bei mir nicht wagte.«

Rose antwortete nicht, aber sie sah ihn an, und er verstand ihren Blick. »Sind Sie böse auf mich?« fragte er reuig.

»Ich habe dazu kein Recht. Sie stehen auf Ihrem Grund und Boden,« entgegnete sie.

»Nicht alle Menschen würden die Zurückhaltung besitzen, sich dessen zu erinnern,« meinte er lächelnd. »Sie aber besitzen neben dieser auch noch die Tugend der Aufrichtigkeit, denn Ihr Blick streifte mich eben so streng tadelnd, daß ich wissen muß, warum, damit ich mich bessern kann.«

»Sie spotten meiner, Herr van der Lohe,« sagte Rose mit zuckenden Lippen.

Er blieb stehen.

»Nein, das tue ich nicht, Gott soll mich davor bewahren,« widersprach er ernst. »Sie selbst können das von mir nicht glauben.«

»Ich glaube es auch wirklich nicht,« erwiderte Rose aufrichtig, »ich bin auch überzeugt, daß Sie niemals Ihre überlegene Stellung benützen würden, um die Gesellschafterin Ihrer Mutter zu kränken und sie ihre Abhängigkeit fühlen zu lassen. Aber ich muß schon gestehen, daß ich es nicht hübsch von Ihnen finde, Frau von Willmer so zu demütigen. Hab' ich recht?«

»Von Ihrem Standpunkt aus, gewiß,« gab er zu. »Sie kennen aber meine Beweggründe nicht. Wissen Sie, was Notwehr und Selbstverteidigung ist?«

»O ja,« sagte Rose verwundert, »aber beides klingt komisch, von Ihnen gesprochen und auf Frau von Willmer angewendet.«

»Nur scheinbar, Fräulein Eckhardt; wenn es nicht wirklich komisch wäre, könnte es doch recht ernst sein. Daß man in den eigenen vier Pfühlen in Belagerungszustand gesetzt werden kann, haben Sie wohl noch nicht erlebt? Ja, es gibt einen ununterbrochenen Krieg im Frieden!«

Rose schüttelte verwundert den Kopf, denn sie dachte sich, daß der Herr des Hauses doch die Macht haben müßte, einen »Belagerungszustand« aufzuheben. Sie konnte ja nicht wissen, daß nur die zarte Rücksicht des Sohnes gegen seine Mutter ihn vor einem Gewaltstreich zurückhielt. Inzwischen waren sie vor der Villa angelangt.

»Wie schön die Abendluft nach dem heißen Tage ist,« sagte er aufatmend, »sie sollte einem alle bösen Gedanken verjagen. Verstehen Sie sich auf Gleichnisse, Fräulein Eckhardt?«

»Gleichnisse?« wiederholte sie erstaunt.

Van der Lohe bückte sich zu einem Blumenbeet und pflückte eine Verbene, ein Efeublatt und eine Moosrose.

»Sie müssen mir einen Rat geben,« sagte er, die drei Stengel ordnend. »Ich habe einmal irgendwo gelesen, es bringe dem Menschen Glück, wenn er sich eine Pflanze als Sinnbild wählt. Ich möchte das gern versuchen, bitte, helfen Sie mir wählen: Dies Efeublatt sagt: ›Wandere allein deine Lebensstraße, denn mich tötet kein Frost und verdorrt kein Sonnenstrahl, mich rührt kein Blühen, kein Welken, und meine Wohnstätte sind morsche Stämme und bröckelnde Mauern.‹ Die Verbene spricht: ›Genieße dein Leben, singe, trinke und liebe, lasse dein Leben einem Glase schäumenden Champagners gleichen.‹ Die Rose aber mahnt: ›Ich bin das Sinnbild eines unbeschreiblichen Glückes. Ich spende Zufriedenheit und verkläre die Welt mit rosigem Schimmer, durchhauche sie mit dem Duft der Poesie. Mein Kelch birgt das ganze Glück der schönen Gotteswelt, ich bin der Bürge einer großen, reinen Seligkeit.‹ Das ist die Bedeutung dieser drei Pflanzen; welche soll ich mir zum Sinnbild wählen, Fräulein Eckhardt?«

»Das ist nicht schwer zu raten,« rief Rose unbefangen. »Der Efeu ist mir das Bild eines Menschenkindes, dessen Schulweisheit sich hochmütig in sich selbst verschließt, der sich festklammert an Überlieferungen und Vorurteile. Das Sinnbild der Verbene würde ich mir nicht wählen, so verlockend seine Sprache ist, denn in dem Genuß soll der Mensch, Gottes Ebenbild, sein Heil nicht suchen.«

»So bliebe also die Rose?« fragte er mit tiefer Stimme.

»Wenn Sie nicht vorziehen, die Mittelstraße der Gleichgültigen einzuschlagen, dann müssen Sie wohl die Rose wählen.«

»Sie würden es an meiner Stelle auch tun?«

»Gewiß,« erwiderte sie unbefangen.

Er warf die Verbene und das Efeublatt fort und steckte sich die Rose ins Knopfloch.

»Da,« sagte er ernst. »Sie selbst haben mir das Sinnbild gewählt, Fräulein Eckhardt, und würden es sicher auch gerechtfertigt finden, wenn ich mir das unbeschreibliche Glück, das es für mich bedeutet, mit aller Kraft erstreite. Ist dem so?«

»Ja, aber ich verstehe das nicht,« begann Rose beklommen, doch unterbrach er sie.

»Ich hoffe, Sie werden's noch verstehen lernen,« rief er und ging rasch nach einem kurzen Gruße in das Haus.

Sie sah ihm verwundert nach, aber in ihrer harmlosen Seele dämmerte doch ein leises Ahnen, daß sie dem Sinnbild der Rose nicht allzu fern stand.




Und 's ist nix so traurig
Und nix so betrübt,
Als wenn sich a Kohlkopf
In a Rosel verliebt.
Schnadahüpfel


»Sie ist reizend,« sagte Theophil von Sonnenberg, indem er sich ins hohe Gras warf und verzückt zum blauen Himmel aufsah.

»Sie ist reizend,« wiederholte er mit größerem Nachdruck, als keine Antwort, keine Bestätigung seinem Ausruf folgte.

Baron Hahn, sein Gefährte, legte erst langsam sein Tuch auf den Rasen, hing seinen Hut auf einen Zweig und ließ sich dann sorgfältig und vorsichtig nieder. Er war blütenweiß gekleidet, seine Vorsicht war somit begründet, denn nichts ist einem weißen Anzug feindlicher als grüne Grasflecken. Als Sonnenberg diese Vorbereitungen sah, vergaß er für den Augenblick, wen er soeben »reizend« gefunden hatte, und sprang eiligst auf, denn auch seine untere Hälfte war weiß bekleidet, wozu der braune Samtrock, der ihn als Künstler ankündigte wie das Schild das Wirtshaus, ganz nett aussah. Nach einer sorgfältigen, für ihn aber beruhigenden Musterung breitete auch er sein Tuch aus und warf sich nun mit erneuter Energie darauf.

»Sie ist wirklich reizend!«

Aber sein Gefährte bestätigte das immer noch nicht, weil er nun aus seiner Zigarrentasche eine Havanna wählen und in Brand setzen mußte, wobei sich die leichte, kaum merkbare Sommerluft mehrmals den Scherz erlaubte, die Streichhölzer auszulöschen.

Die beiden Herren waren nur die Vorboten der übrigen Gesellschaft von Eichberg, die des herrlichen Sommertages wegen einen Ausflug in den Wald beschlossen und Sonnenberg mit Hahn vorausgeschickt hatte, um im Försterhause, nahe dem Versammlungsorte, Vorbereitungen zum Empfange zu treffen.

Nachdem die als »Quartiermacher« abgesandten Herren ihren Auftrag besorgt hatten, legten sie sich auf den Rasen, um die Ankunft der Nachkommenden abzuwarten. Der für den Ausflug gewählte Punkt war eine große Waldblöße, an deren Rande, im Schatten gewaltiger Eichen, das Lager der Verbündeten, wie Sonnenberg es nannte, aufgeschlagen werden sollte.

Nachdem endlich eins der boshaften Streich­hölzer Feuer gefangen und seinen Dienst getan hatte, lehnte sich Baron Hahn bequemer zurück, blies einen kunstgerechten Ring in die Luft und fragte mit mäßigem Interesse: »Wer ist reizend?«

»Sie!« rief Sonnenberg mit aufflammender Begeisterung.

»Ich?« fragte Hahn zerstreut.

Sonnenberg lachte. »Sie natürlich auch, wenn Sie wollen. Aber ich meinte eigentlich Fräulein Eckhardt. Finden Sie's nicht auch?«

»Was?«

»Nun, daß sie reizend ist.«

»Oh – ja –!« erwiderte Hahn gedehnt.

»Kalt wie 'ne Hundenase!« eiferte Sonnenberg, »aber natürlich, Sie bewundern ja dunkle Schönheiten nach Art der Murilloschen Madonna.«

»Sonnenberg, Sie werden anzüglich!«

»Ist Ihnen ganz gesund! Ich begreife nur nicht, wie man bei einer blonden Schönheit so gleichgültig sein kann.«

»Geschmacksache! Welches Unheil müßte entstehen,

wenn alle Welt über einen Rotkopf außer sich geraten und sich in ihn verschießen wollte.«

Sonnenberg faltete entsetzt seine Hände.

»Und das nennen Sie einen Rotkopf?« rief er entrüstet. »Sie sind ein Barbar, Hahn, dieses goldige, herrliche Haar rot zu nennen.«

»Nun, so nennen Sie es meinetwegen blond; es kommt ganz auf eins heraus.«

»Es ist Ihnen aber jedenfalls nicht gleich, ob ich die Haare der Frau von Willmer Rabenflügel oder Bärenzotteln nenne,« sagte Sonnenberg boshaft.

»Ganz gleich ist's mir,« versicherte Hahn pomadig. Es war ihm wirklich jetzt ganz gleich, ob Frau von Willmer schwarze oder grüne Haare hatte, denn der Zweck seines Besuches auf Eichberg war verfehlt und die Sache damit für ihn erledigt.

Sonnenberg aber war seiner Meinung nach ernstlich verliebt, und je mehr er an seinem »Unsterblichkeitswerke« malte, um so mehr verrannte er sich in seine Anbetung für Rose, der sein unausgesetztes Anstarren auf die Dauer lästig zu werden anfing.

»Lassen Sie dem armen Menschen doch das kindliche Vergnügen,« redete Carola, der sie sich anvertraut hatte, zu. »Seine Jahre verlangen ihr Recht; die holde Zeit der Jugendeseleien geht so wie so nur zu rasch vorüber.«

Sonnenberg hielt seine so heftig erwachte Leidenschaft aber ganz und gar nicht für eine Jugendeselei, trotzdem dieser Zustand chronisch bei ihm war. Denn ehe Rose »an der Bildfläche auftauchte«, wie er ihr Erscheinen in Eichberg technisch bezeichnete, hatte er für Frau von Willmer geschwärmt und all seinen Frauengestalten schwarze Perücken gemalt.

»Nein, welches Idyll,« tönte jetzt eine spöttische Stimme vom Walde her.

Die beiden Ruhenden fuhren aus ihrer bequemen Stellung empor, denn am Waldrande stand die erwartete Gesellschaft, gefolgt von dienstbaren Geistern, mit geheimnisvoll verdeckten Körben und leichten Feldstühlen beladen. Auch Frau van der Lohe hatte sich der Partie angeschlossen, hatte am Arm ihres Sohnes den schattigen Weg zu Fuß zurückgelegt und sank nun ermüdet auf einen Feldstuhl nieder. Die anderen tummelten sich, um den Dienern zu helfen, ein Tischtuch auszubreiten, darauf die mitgenommenen Vorräte aufzustellen und den Waldmeister zum Maitrank zu pflücken, bis der Kaffee aus dem Försterhause gebracht wurde.

Rose hatte auf Carolas und des Professors Zureden ihr schwarzes Kleid der Sommerhitze wegen abgelegt, da sie zu den vernünftigen Menschen gehörte, die nicht an Äußerlichkeiten hängen, sondern die Trauer im Herzen tragen. Sie hatte ein einfaches, weißes Kleid und einen weißen Strohhut angelegt und sah darin viel reizender aus als Olga von Willmer, deren elegante fliederfarbene Mousselinschleppe auf dem Waldboden entschieden unangebracht war.

Bald saß man um den gedeckten Tisch zur ebenen Erde in bunter Reihe herum, und unter heiteren Gesprächen tat man der Mahlzeit alle Ehre an.

»Ja so, beinahe hätte ich es vergessen, – die Post brachte Briefe für Sie, Hahn,« rief van der Lohe, indem er die Schreiben hervorzog und dem Attaché überreichte, der mit einer um Erlaubnis bittenden Gebärde den einen davon gleich öffnete.

»Hoffentlich sind es gute Nachrichten, lieber Baron,« meinte Frau van der Lohe liebenswürdig.

»Leider nicht, gnädigste Frau,« erwiderte er ernst. »Man zeigt mir den Tod eines Oheims meiner seligen Mutter an; ich habe den alten Herrn nur als Kind einmal gesehen und bekenne daher offen, daß auch von Trauer keine Rede bei mir sein kann.«

»Offenes Geständnis einer schönen Seele,« murmelte Carola, während Hahn den zweiten Brief öffnete. »Eine Kreppbinde werden Sie sich aus Anstand aber doch leisten müssen.«

»Ich bin kein Heuchler,« erwiderte Hahn achselzuckend, indem er das Blatt entfaltete. Im nächsten Augenblick entschlüpfte ein leiser Ausruf seinen Lippen, und sein Auge überflog aufleuchtend den Kreis.

»In diesem Schreiben,« sagte er mit unverhehlter Genugtuung, »meldet mir der Sachwalter des seligen Großonkels, daß der alte Herr mich zum alleinigen Erben seines beträchtlichen Vermögens eingesetzt hat.«

»Es kommt darauf an, was der Sachwalter ein ›beträchtliches‹ Vermögen nennt,« meinte Carola nach der allgemeinen Beglückwünschung des lachenden Erben.

»Zum Rotschild macht es mich nicht,« erwiderte Hahn, die Briefe einsteckend, »aber es ist ein hübsches Sümmchen, das mir erlauben würde, eine Frau ohne Vermögen zu heiraten, sollte sie auch ihre Ansprüche hoch schrauben.«

Er sah Olga bei dieser Andeutung zwar nicht an, aber er wußte, daß sie die Farbe wechselte und die Augen niederschlug.

»Hm! Unter diesen Umständen werden Sie natürlich die Kreppfabrikanten doch in Nahrung setzen, Baron?« konnte sich Carola nicht enthalten zu bemerken.

Der junge Diplomat fand es für angemessen, die Frage des kleinen Fräuleins zu überhören. Er fühlte sich mit einemmal sehr gehoben und als einen Mann, der nun eine andere Sprache reden konnte als vorher der mittellose Attaché, der sich nach einer »guten Partie« umsehen mußte, um in seinem Berufe vorwärts zu kommen, und während er sich eine Zigarette anzündete, sah er sich schon als Gesandten, Botschafter, Minister – kurz, seine Luftschlösser stiegen zu schwindelnder Höhe empor.

»Nein, mein verehrter Herr Krösus, jetzt wird nicht geraucht, sondern Erdbeeren gesucht,« rief Carola lachend. »Also nur keine Müdigkeit vorgeschützt! Heideröslein, wo sind die Körbchen?«

Rose holte kleine Körbchen, die mitgebracht worden waren, herbei und legte sie sorgfältig mit grünen Blättern aus. Jeder der Anwesenden erhielt eins, und nun verteilte man sich in den Wald, Sonnenberg an Roses Fersen geheftet. Professor Körner empfand ein menschliches Rühren mit der armen Belästigten und rief den Maler an, was Rose benutzte, um schnell entgegengesetzt in den Wald zu schlüpfen. Sofort war aber hier Baron Hahn an ihrer Seite.

»Gestatten Sie mir den Vorzug, Sie begleiten zu dürfen,« sagte er beflissen.

»Ich habe hier nichts zu gestatten,« erwiderte Rose, »der Wald ist ja frei für jedermann.«

»Stets kühl bis ans Herz hinan, Heideröslein,« lächelte er.

»Herr Baron, ich erinnere mich nicht, Ihnen die Erlaubnis gegeben zu haben, mich so zu nennen,« sagte sie ernst.

»Verzeihung, – Ihre reizende Persönlichkeit fordert den holden Namen geradezu heraus,« entgegnete er galant.

»Auch zu groben Schmeicheleien?« gab sie scharf zurück.

Der Attaché machte eine Bewegung der Ungeduld.

»Sie machen dem Namen ›Heideröslein‹ alle Ehre, besonders in bezug auf die Dornen.«

»Das freut mich, Herr Baron. Meine Namensschwester in flora sticht auch nur die Zudringlichen,« versetzte Rose ohne Zögern und bückte sich, um von einer fruchtbeladenen Erdbeerstaude die roten, duftenden Früchte in ihr Körbchen zu pflücken.

»Sie sind eine spröde kleine Hexe, Rose Eckhardt,« sagte Hahn beherrscht. »Na, sehen Sie mich nur nicht so zornig an, – ich muß Ihnen jetzt, wo wir allein sind, endlich ein mal gestehen, daß Sie mich wirklich, ohne Redensarten, zu Ihrem Sklaven gemacht haben.«

Rose lachte.

»Mein Gott, Herr Baron,« sagte sie leicht, »das hat für mich weder Wert noch Zweck, denn ich bin ja kein Sklavenhändler.«

Hahn trat einen Schritt näher und beugte sich zu ihr herab.

»Was soll das Wortgefecht?« flüsterte er ihr ins Ohr. »Sie sind ein Weib, so gut wie die anderen, und haben es mit dem Instinkt der Töchter Evas längst gemerkt, daß ich Sie liebe.«

Rose richtete sich so plötzlich empor, daß die gesammelten Beeren ins Moos rollten.

»Jetzt ist's genug, Herr Baron,« sagte sie kalt, »ich habe Ihnen nie meine Abneigung verhehlt und ersuche Sie, sich danach zu richten. Bitte, lassen Sie mich allein.«

Er lachte kurz und gezwungen auf.

»Diese majestätische Haltung ist für eine Vorleserin nicht übel,« höhnte er, »ich hoffe aber, das spröde Heideröslein wird vielleicht andere Saiten aufziehen, wenn ich ihr erst eine blitzende Gabe zu Füßen gelegt habe.«

Rose war totenblaß geworden.

»Es ist eines Ehrenmannes unwürdig, ein schutzloses Mädchen zu beleidigen,« rief sie entrüstet, aber mit einer so unnahbaren Würde, daß Hahn für das eine Mal keine Gegenrede wußte. Ob er sich damit zufrieden gegeben hätte, war zweifelhaft, da er aber Schritte sich nähern hörte, so machte er Rose eine spöttische Verbeugung und entfernte sich in dem Augenblick, als van der Lohe hinter einem Gebüsch hervortrat.

Rose suchte sich schnell zu fassen, aber noch war keine Spur von Farbe in ihrem Gesicht, und um ihre Lippen zuckte es so verräterisch, daß es schwer zu übersehen war.

»Rose, ist Ihnen etwas zugestoßen?« rief er besorgt, indem er ihre kalte Hand ergriff.

Sie schüttelte den Kopf und versuchte zu lächeln, aber es wollte nicht recht gelingen.

»Ich sah Hahn sich eben entfernen, – hat er etwas damit zu tun?« fragte van der Lohe dringend.

»Er – er war etwas zudringlich,« gestand sie ein.

Van der Lohe ließ Roses Hand los und machte eine Bewegung des Zornes.

»Dieser Lump!« murmelte er hörbar genug.

»Ich hätte es Ihnen nicht sagen sollen, er ist Ihr Gast,« rief Rose erschrocken.

»Ja, leider!« sagte van der Lohe trocken. »Ich wollte, ich hätte ein besseres Recht, den Lümmel züchtigen zu können.«

Nun mußte sie doch lächeln.

»Dann kann Baron Hahn ja von Glück sagen, daß solche Ritterdienste für eine Vorleserin ausgeschlossen sind,« sagte sie mit Galgenhumor.

Er sah sie betroffen an.

»Versprechen Sie mir, Fräulein Eckhardt, den Menschen gründlich ablaufen zu lassen,« bat er nach einer Pause.

»Das erfordert schon meine eigene Würde, Herr van der Lohe!«

»Gewiß, gewiß! Aber Sie werden doch nicht etwa weinen! Das wäre der Baron von Hahn nicht wert.«

»Nein,« sagte Rose, indem sie ihre Augen trocknete, »es lohnt wirklich nicht, darüber zu weinen. Es ist ja auch nur, weil mir das zum erstenmal geschehen ist.«

Damit kniete sie nieder und begann die verschütteten Erdbeeren wieder einzusammeln.

»Ich werde in den nächsten Tagen verreisen müssen,« begann van der Lohe nach einer Pause, »hoffentlich –«

Er stockte und sah sie unsicher an.

»Werden Sie lange fortbleiben?« fragte Rose harmlos.

»Ich kann es noch nicht sagen – aber ich besitze einen Magnet, der mich unfehlbar so schnell wie möglich nach Eichberg zurückführen wird. Glauben Sie, daß ich mich auf ihn verlassen kann?«

»Wie kann ich das sagen, da ich diesen Magneten doch nicht kenne!«

»Nicht? Sie wissen ja doch, das Sinnbild der Rose – darf ich mich darauf verlassen?«

Rose beugte sich tief hinab ins Moos.

»Ja!« sagte sie leise, fast unhörbar.

Da flog ein Leuchten über seine ernsten Züge.

»Rose!« sagte er einfach.

Sie sah zu ihm auf und legte zögernd ihre Hand in die seine; dann aber riß sie sich los und floh wortlos hinein in den Wald, – sie brauchte nicht mehr zu raten, »wo ihr Glück blühe,« denn in diesem Augenblick war ihr klar geworden, was bisher nur wie ein ahnungsvolles Rätsel durch ihre reine Seele gezogen war: daß sie van der Lohe liebte!

Der stand noch lange an dem Platz, den sie eben verlassen hatte; er hätte ihr gern mehr gesagt, als diese wenigen, verschleierten Worte, aber er wollte warten, bis er den Weg geebnet hatte, den sie an seiner Hand betreten sollte. Er wußte nur zu gut, daß es noch viel zu ebnen, viel zu kämpfen gab, noch viele Vorurteile zu besiegen waren. Nicht, daß er an seinem Sieg gezweifelt hätte, denn er war entschlossen, nicht von seinem Glück zu lassen, aber Rose sollte verschont bleiben von heftigen Auftritten, bösen Eindrücken, kränkenden Worten. Vor allem mußte Rose sein Haus verlassen, ehe der Sturm ausbrach.

Ein entsetzlich ohrenzerreißendes Trompetensignal versammelte, wie verabredet, die Erdbeersucher wieder auf der Waldblöße. Unter Scherz und Lachen lieferte ein jeder sein gefülltes Körbchen ab und nebenbei noch einen stattlichen Strauß Waldmeister, genug, um die Maibowlen für ein ganzes Regiment zu würzen.

Während die Damen die kalte Küche auf dem Tischtuche ordneten, brauten die Herren einen zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Maitrank. Carola aber bemächtigte sich sofort des übrigen Waldmeisters und wand aus den zartgrünen Blättchen mit den weißen, kleinen Blütensternen einen Kranz, den sie dann unter allgemeinem Beifall Rose aufsetzte. Diese sträubte sich zwar dagegen, stieß aber damit auf entschiedenen Widerspruch.

»Es fehlt nur noch das Pantherfell, um die Bacchantin vollständig zu machen,« bemerkte Frau von Willmer hämisch.

»Die Kleine ist wirklich reizend,« sagte Frau van der Lohe leise zu ihrem Sohn, »aber ich wollte, sie wäre es nicht. Es ist unbequem, eine hübsche Gesellschafterin zu haben; ich finde es fast unschicklich, sie zum Mittelpunkt unseres Kreises zu machen.«

»So entlasse sie,« rief van der Lohe kurz.

»Ja, aber unter welchem Vorwande. Ihr Benehmen ist tadellos, trotz aller ihr erwiesenen Aufmerksamkeiten.«

Da van der Lohe nichts dazu sagte, so war für seine Mutter die Sache zunächst erledigt; den leuchtenden Blick der aus ihres Sohnes Augen brach, als Rose jetzt in ihrem grünen Schmuck herankam, sah sie natürlich nicht. Dafür aber sah ihn Olga von Willmer, und nur mit aller Selbstbeherrschung konnte sie ihres Grolles Herr werden, der sich noch vermehrte, als Sonnenberg auf den Gedanken kam Rose zu Ehren Waldmeistersträußchen den Herren fürs Knopfloch aufzudrängen.

Rose selbst lachte herzlich über den »Unsinn«, wie sie es nannte; in ihrer Harmlosigkeit sah sie diese Huldigungen nur für den Scherz an, der er wirklich auch war.

Sonnenberg holte dann seine Mandoline und Carola schlug vor, Schnadahüpfel aus dem Stegreif zu singen, ein Vorschlag, den Sonnenberg natürlich mit Feuereifer aufnahm.


»So laßt die Zither in der Runde kreisen,
Freut unser Ohr mit hellgestimmtem Sang,«


deklamierte er, indem er Frau van der Lohe die Mandoline überreichte. Die alte Dame wehrte aber freundlich ab, sie wollte sich das erst von den anderen vormachen lassen.

Carola, die stets Heitere, ergriff ohne Ziererei das Instrument, griff darauf einen falschen Akkord und sang dann frisch heraus mit einem Seitenblick auf Sonnenberg, der schon etwas tief in die Maibowle geguckt hatte:


»Der Wein löst die Zunge,
Den Kopf macht er schwer,
Und wenn man dann 'reinschaut,
Da ist er doch leer.«


»Hoho!« machte Sonnenberg, während die anderen lachten. Er schüttelte seine blonde Mähne und sang auf die nämliche Melodie den bekannten hübschen Reim:


»Du flachshaarets Deandel,
I han di so gern,
I könnt wegen deine Flachshaarln
Gleich a Spinnradel wer'n.«


Da er dabei seine Augen schwärmerisch auf Rose richtete, so blieb für niemand ein Zweifel, was ihn zu dem sonst unbegründeten Wunsch, ein »Spinnradel« zu werden, veranlaßte, Rose selbst nur ausgenommen, denn sie freute sich wie ein Kind über die Reimzeilen.

Aus Sonnenbergs Hand ging die Mandoline in die des Professors über, der nach kurzem Nachdenken im tiefsten Baß sang:


»Die Musik grauer Zukunft
Macht ein' Lärm, der nicht schlecht,
Und wenn einmal 'was rein klingt,
Dann war's sicher nicht recht!«


»Erlauben Sie, Professor,« biß Leßwitz sofort an, »Sie sind ganz falsch beraten! Die Zukunftsmusik ist sozusagen –«

Jedermann wußte, daß der Pianist sobald nicht aufhörte, wenn er sein Lieblingthema anschlug. Mit einem deutlich gemurmelten: »Gott bewahre – das hatte gerade noch gefehlt,« ergriff Frau von Willmer die Mandoline und ließ ein paar kräftige Akkorde erschallen, dann warf sie van der Lohe einen ihrer Taubenblicke zu und sprach mehr, als sie sang:


»'s geht gar mancher des Weges,
Schaut die Ros', wie sie glüht,
Und gewahrt nicht das Veilchen,
Das allein für ihn blüht.«


Van der Lohe lachte gerade heraus, und die anderen sahen Olga erstaunt an. Das Gleichnis mit der Rose war von ihr nicht mit Bezug gewählt worden, sondern nur des gehörigen Gegensatzes wegen, davon aber hätte sie die »Wissenden« schwerlich überzeugen können. Hahn lächelte daher auch recht boshaft und sagte wie für sich, aber hörbar: »Na, das war deutlich!«

Frau von Willmer tat, als ob sie nichts gehört hätte, und van der Lohe das Instrument reichend, rief sie mit einem Blick auf die Runde: »Die Reihe ist an dir! Ich bin begierig, was der Einsiedler von Eichberg hören lassen wird!«


»Dös Einsiedlerleben,
Dös steht mir net ein,
I möcht' schon viel leaber
A Zwoasiedler sein,«


sang van der Lohe, ohne sich zu besinnen.

Seine Mutter warf Olga einen Blick zu, der Bände sprach. Sie kannte ihren Sohn nicht wieder! Das Wunder, den stets Ernsten, in sich Zurückgezogenen so heiter zu sehen, konnten nur diese schwarzen Augen zuwege gebracht haben.

Baron Hahn, an dem jetzt die Reihe war, meinte erst geziert, er wüßte nichts Derartiges, dann sang er aber doch mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt:


»Und nix ist so traurig
Und nix so betrübt,
Als wenn sich a Kohlkopf
In a Rosel verliebt.«


Dieser bekannte harmlose Vers hatte indes eine sehr drastische Wirkung, denn kaum war das letzte Wort verklungen, als Sonnenberg rot vor Zorn aufsprang und mehr schrie als rief: »Herr, wie können Sie sich unterstehen, mich einen Kohlkopf zu nennen.«

Hahn sah den blonden Künstler mit gut gespieltem Erstaunen an, die anderen aber brachen in lautes Lachen aus, das sich noch steigerte, als Sonnenberg plötzlich sehr verblüfft aussah. In der Tat dämmerte dem Guten die Ahnung auf, daß er eine große Dummheit begangen und sich unsterblich lächerlich gemacht hatte.

»Ich werde Ihnen das Buch der oberbayerischen Schnadahüpfel schenken, Freund und Gönner,« sagte Hahn, meisterhaft den Gekränkten spielend, »da können Sie den Vers vom Kohlkopf und der Rose selbst nachlesen.«

Sonnenberg setzte sich wieder und brummte etwas vor sich hin, was jedenfalls für das große Publikum nicht bestimmt war.

Inzwischen war es Abend geworden, und die Gesellschaft auf der Waldblöße trat den Heimweg an; bis sie in Eichberg wieder anlangte, war der Mond schon aufgegangen.

In der Nacht, die dem Ausfluge folgte, träumte Olga von Willmer, daß die Schneiderin sie mit dem Brautkleide im Stiche ließ und ihr statt dessen eine Rechnung von der Länge eines Kilometers überreichte.

Im Gegensatz zu diesem unangenehmen Traume zeigte Gott Morpheus Baron Hahn lauter quittierte Rechnungen, während Sonnenberg ein ganzes Regiment großer Kohlköpfe grinsend umtanzte. Er tröstete sich beim Erwachen damit, daß ihn nur der Alp gedrückt und schob, jedenfalls sehr mit Recht, diesen beängstigenden Zustand auf den Hummersalat, mit dem er beim Abendessen sein Tagewerk allzu reichlich beschlossen hatte.




Mir ist, als sollt‹ ich Flügel dehnen
Durchs klar vertiefte Blau dahin,
Das Auge schwillt von heißen Tränen,
Und doch nach Freude steht mein Sinn.
Geibel


 Der nächste Tag brachte Witterungswechsel, der die Gesellschaft auf Eichberg ans Haus fesselte.

Van der Lohe hatte gestern abend seine Reise betreffende Briefe vorgefunden und mußte nun ernstlich daran denken, aber, wie er sich selbst sagte, mit schwerem Herzen.

Die Ursache war Rose. Er hätte sie so gern geborgen gewußt, unabhängig, bis er das entscheidende Wort gesprochen. Nicht, daß er sie in seinem Hause nicht wohl aufgehoben wußte, aber er fürchtete für sie Hahns und Olgas Nähe. Wie sollte sich ein abhängiges junges Mädchen gegen die Zudringlichkeiten eines an seine Siege bei Frauen gewöhnten Mannes wehren, wie gegen die verletzenden Worte eines eifersüchtigen Weibes? Denn er ahnte mehr, als er wußte, daß Olgas durch eigene Interessen geschärfter Blick erriet, was in ihm vorging, nachdem seine deutliche Abweisung ihr die Gewißheit gegeben haben mußte, daß sie ihr Spiel verloren hatte und er durchaus nicht jenes »Entgegenkommens« bedurfte, dessen ihn seine Mutter für bedürftig hielt. Olga argwöhnte schon, daß Rose der Gegenstand des Anstoßes sei, aber sie war nicht die Person, das ruhig hingehen zu lassen.

Während es draußen regnete, saßen die vier Damen in dem Zimmer von Frau van der Lohe. Die alte Dame schnitt ein Buch auf, Carola neckte den Papagei, Olga saß, die Hände in den Schoß gelegt, und Rose wartete, eine Arbeit in der Hand, bis ihre Dienste als Vorleserin gebraucht würden.

»Welch garstiges Wetter,« sagte die Dame des Hauses mit einem Blick aufs Fenster, gegen das der Regen schlug.

»Es verspricht, ein Landregen zu werden.«

»Ein graues Nachspiel zu unserer gestrigen Waldpartie,« meinte Carola, »ich glaube, wir sind noch alle müde davon. Wie ist's damit, Heideröslein?«

Rose sah lachend auf.

»Ich und müde,« wiederholte sie. »Erstens war der Weg doch nicht weit, und dann kann ich wie ein Hase laufen, behauptete mein Vater.«

Olga gähnte.

»Ihr Vater war Jäger?« fragte sie herablassend.

»Ein waschechter, gnädige Frau,« erwiderte Rose mit leuchtenden Augen, »ein Weidmann von altem Schrot und Korn, sein Jägerlatein war einfach kostbar. Ja, es war eine schöne Zeit, als er noch lebte,« setzte sie mit einem Seufzer hinzu.

»Bei wem diente er?« warf Olga hin.

Rose sah erstaunt auf.

»Er diente dem König,« sagte sie mit Stolz.

»Ah – also Leibjäger,« machte Frau von Willmer.

»Nein, königlicher Oberförster,« entgegnete Rose betont, »die Ernennung zum Forstmeister traf ihn auf dem Totenbett.«

Rose wußte, daß Olga den Stand ihres Vaters durch Hochfeldens kannte; wenn sie also nicht sehr vergeßlich war, so mußte sie absichtlich so gefragt haben, um sie zu kränken.

»Armes Heideröslein,« sagte Carola freundlich, »wie schwer muß Ihnen das Scheiden von der Heimat geworden sein! So jung noch und schon allein in der Welt!«

»Ja, ganz allein,« entgegnete Rose, Carola dankbar ansehend, »aber ich habe doch für alle Fälle noch einen Zufluchtsort.«

»Ah, wohl bei Ihrem Vormund?« fragte Frau van der Lohe.

»Ja, gnädige Frau! Die lieben Hochfeldens ließen mich nur ungern fort. Aber ich bestand darauf, denn jung gewohnt, ist alt getan, heißt's im Sprichwort. Auf alle Fälle war das Glück mir gut gesinnt, denn es hat mich zu einer gütigen Fee geführt,« erklärte Rose, indem sie sich anmutig gegen Frau van der Lohe verbeugte.

Diese lächelte geschmeichelt und sagte gütig: »Nun, eine andere gute Fee hat Ihnen aber auch die Eigenschaft in die Wiege gelegt, die Herzen zu gewinnen, liebes Kind!«

»Es ist das Schlimmste nicht, den von Ihnen gewählten Beruf zu ergreifen, Fräulein Eckhardt,« sagte Olga boshaft. »Sie taten auf alle Fälle gut, Ihre Jugend als Empfehlung zu benutzen, Ihre goldenen Haare hätten später keine Goldfische mehr gefangen.«

»Olga!« rief Carola empört.

»Das verstehe ich nicht, gnädige Frau,« meinte Rose verwundert.

»Sie liebe kleine Unschuld,« lachte Frau von Willmer. »Mit dem Goldfisch meine ich eine gute Heirat!«

»Daran habe ich noch nicht gedacht,« rief Rose harmlos.

»Na, wer das glaubt? Ich nehme es Ihnen nicht etwa übel, denn das Heiraten ist ja unsere Bestimmung, und daran wird Ihr Vormund ja auch gedacht haben, als er Sie fort ließ.«

»Sicher nicht, gnädige Frau. Mein Vormund steht solchen Gedanken ebenso fern wie ich.«

»Das machen Sie einem anderen weis – mir nicht,« rief Olga lachend.

Jetzt wallte das Blut aber doch in Rose auf.

»Gnädige Frau!« rief sie empört, setzte aber dann ruhiger hinzu: »Ich kann Sie natürlich nicht zwingen, anders zu denken; mein gutes Gewissen spricht mich von solch niederen Absichten am besten frei.«

»Himmel, wie tragisch Sie das nehmen! Gesetzt aber, es träfe sich irgendwo ein reicher Sohn des Hauses, ein vornehmer Gast – so findet sich alles von selbst!«

Jetzt begriff Rose, worauf es abgezielt war. Glühende Röte stieg ihr ins Gesicht, sie war unfähig zu antworten, aber Carola übernahm das, indem sie beißend rief: »Glauben Sie meiner Kusine aufs Wort, Heideröslein, denn sie spricht aus Erfahrung. Die ›reichen Söhne‹ des Hauses sind ein gewaltiger Anziehungspunkt auch für junge Witwen, die es nicht bleiben wollen.«

Das kleine Fräulein hatte gut pariert, der Hieb saß fest, denn nun wurde Olga glühend rot. Ehe sie noch eine heftige Entgegnung fand, wandte Carola sich an ihre Tante, die ein unbehagliches Gesicht machte.

»Nicht wahr, du trittst mir Heideröslein heute ab,« bat sie, »die Witterung in deinem Zimmer ist mir heute zu schlecht, Tante! Draußen regnet's nur, hier aber hagelt und donnerwettert's.«

»Gewiß, gewiß,« rief Frau van der Lohe nervös, »Fräulein Eckhardt kann mit dir gehen.«

»Schönen Dank,« rief Carola und zog Rose mit sich zur Tür hinaus.

»Wohin gehen wir? In mein Zimmer? Nein, holen wir uns Regenschirme und gehen wir in die Künstlerwerkstatt, Freund Körner wird uns schon aufnehmen, Heideröslein! Machen Sie kein solches Gesicht – ich habe Sie ja glänzend gerächt.«

Rose drückte ihrer »Rächerin« dankbar die Hand.

»Ich begreife Frau von Willmer nicht!« konnte sie nicht umhin zu gestehen.

Carola machte ein pfiffiges Gesicht.

»Ich desto besser,« sagte sie lachend, »ich allein besitze die Trümpfe gegen dieses sanfte Murillosche Madonnenbild mit der Wespenzunge.«

Olga war erregt aufgesprungen und ans Fenster getreten, als Carola mit Rose das Zimmer verließ, und sie sah gerade van der Lohe den Weg zur Künstlerwerkstatt einschlagen. Sein Anblick lenkte sie auf andere Gedanken: sie mußte Gewißheit haben, Beweise, Beweise für ihren Verdacht.

»Diese Carola wird immer unerträglicher, Tante!« bemerkte sie endlich. »Wie kannst du ein solch bissiges Geschöpf um mich dulden?«

Frau van der Lohe sah ruhig auf.

»Hier ist von ›Dulden‹ nicht die Rede. Jo hat sie gern und ich auch. Sie ist sehr unterhaltend.«

»Auf anderer Leute Unkosten,« sagte Olga bitter.

»Wie die meisten Menschen. Der liebe Nächste ist immer der dankbarste Stoff zum Scharpiezupfen.«

»Aber du hättest doch wohl die Macht, Carola im Zaum zu halten.«

Frau van der Lohe antwortete nicht gleich, dann aber sagte sie mit ungewohnter Strenge: »Du hast Carolas Worte herausgefordert. Ich selbst fand es nicht freundlich, wie du meine Vorleserin ohne Not angriffst.«

Olga lachte gezwungen. »Wahrscheinlich ist das schlechte Wetter schuld! Von den Herren zeigt sich niemand, da muß man fürlieb nehmen.«

In diesem Augenblick verließen Carola und Rose das Haus und schlugen in schnell übergeworfenen Regenmänteln und mit Schirmen bewaffnet den Weg zur Künstlerwerkstatt ein.

»Dieses trauliche Beisammensein im Musentempel werden wir hübsch unterbrechen,« dachte Olga grimmig und verabschiedete sich hastig von ihrer Tante.

In der Vorhalle aber wurde sie von Hahn aufgehalten, der gerade dazu kam, wie sie einen Regenschirm vom Ständer nahm.

»Sie wollen in dem Wetter doch nicht einen Spaziergang machen, meine Gnädigste?« fragte er erstaunt.

»Ja – nein, das heißt, ich wollte nur einmal in die Künstlerwerkstatt schauen.«

»Sie werden naß werden, es schüttet wie mit Mulden.«

»Sehr verbunden für die Neuigkeit!«

»Warum so gereizt, gnädige Frau? Wer hat das Unglück gehabt, Ihnen zu mißfallen?« erwiderte Hahn lachend.

»Dieses Unglück könnte manchem zustoßen, besonders unberufenen Fragern,« gab sie spitz zurück.

»Ah! Ich hätte freilich wissen können, daß Sie Fragen gern ausweichen, meine Gnädigste. Ich werde mich also hüten, mir ein zweites Mal den Mund zu verbrennen.«

»Daran tun Sie recht,« gab sie gereizt zurück, »wer viel fragt, dem wird viel geantwortet.«

»Ein altes Sprichwort, gnädige Frau.«

»Müssen Sie immer das letzte Wort haben?« rief Olga, bebend vor Ungeduld. »Wann reisen Sie ab – ich meine in Ihren Erbschaftsangelegenheiten?«

»Ah – jetzt fragen Sie! Nun, ich erwarte noch einen Bescheid. Interessiert Sie meine Erbschaft?«

»Aber natürlich doch, bei unserer alten Freundschaft! Besonders, da Sie jedenfalls im Sinn haben, Ihren Reichtum mit mir zu teilen,« rief sie lachend.

Hahn konnte sich nicht enthalten, eine zurückweichende Gebärde zu machen, denn der Wink im Gewande des Scherzes war deutlich.

»Sie wissen, Ihr Wunsch ist mir immer Befehl, gnädige Frau,« sagte er schnell gefaßt, »aber – verzeihen Sie, daß ich wage, Sie daran zu erinnern – an meinem sogenannten Reichtum hängt ein unangenehmes Etwas – meine Hand. Und da Sie diese schon einmal zurückzuweisen beliebten, trage ich schon schwer genug an diesem einen Korb; für einen zweiten wäre meine Kraft zu schwach.«

»Besonders, wenn man die anderen Körbe, die Sie sich sonst noch holten, dazu rechnet,« gab sie schlagfertig zurück.

»Ah – als ob Sie nicht wüßten, daß Sie bis jetzt die einzige Frau sind, die –«

»Und so weiter,« fiel sie lachend ein; sie wußte, was sie wissen wollte, nämlich, daß Hahn nicht daran dachte, ein zweites Mal um sie zu werben. Der Attaché seinerseits war bereits gestern noch mit sich dahin einig geworden, daß Olga von Willmer zwar eine Frau sei, die man gern heiratet, wenn sie selbst Vermögen besitzt, daß man im entgegengesetzten Falle aber eine andere nimmt.

Er sprang nach dieser Begegnung elastisch die Treppen hinauf, indem er vergnügt trällerte:


»Ja, Freund' woll'n wir sein –
Aber's Nehmen, aber's Nehmen,
Das fällt mir nit ein!«


* * *


Van der Lohe hatte den Professor in der Werkstatt vor seiner Gruppe getroffen.

»Das Licht ist heute zu nichts nütze,« sagte er ärgerlich. »Ich hoffe, es wird um Mittag heller werden, denn meine Arbeit fängt nun gerade an, dringend zu werden.«

»Ist das Modell nicht so gut wie fertig?«

»Na, ich habe noch ein hübsches Stück Arbeit vor mir, Arbeit und Mühe, und alles das vielleicht nur, damit der nächste beste Kritikaster es in den Staub zieht! Künstlerlos!«

»Freund, Sie haben sich Ihr Lebtag nicht um Rezensenten gekümmert. Sie werden nicht jetzt damit anfangen, da Ihr Ruhm unbestritten ist,« entgegnete van der Lohe.

»Unbestritten?« wiederholte Körner. »Wessen Ruhm wäre das? Nehmen Sie einmal unsere Dichterfürsten, nehmen Sie Goethe! Ich halte es nämlich für ein Bestreiten seines Ruhmes, dieses sogenannte ›kritische Erläutern‹ seiner Werke.«

»Na, die Leute nennen es seinen Ruhm verbreiten,« erwiderte van der Lohe.

»Das müßte schon ein elender Dichter sein, der ›erläutert‹ werden muß,« brummte der Professor.

»Ich bin ganz Ihrer Meinung,« sagte van der Lohe lachend. »Aber was wollen Sie? So was macht sich sehr gelehrt und imponiert dem Publikum, das die Erläuterungen ebensowenig versteht wie den Dichter selbst, – die ihn verstehen, brauchen's ohnedem nicht. Goethe wäre sehr erstaunt, wenn er wüßte, daß er ›erläutert‹ werden muß, da er sich aber nicht mehr dagegen wehren kann, so blüht dieser Literaturzweig fröhlich weiter.«

»Wahr, mein lieber Freund. Es wäre ein Danaidenarbeit, dem Unfug zu steuern,« rief der Professor. »Wollen wir das Kind beim rechten Namen nennen, so müssen wir einfach sagen, daß diese Herren nichts anderes beabsichtigen, als mit ihrem Wissen zu prunken. Sie befolgen nur das Gegenteil des Grundsatzes der Kunstkritiker, die da meinen, wenn sie alles tadeln, so sagt die große Menge in heiliger Scheu: ›Was muß der Mann verstehen, wie tief muß der blicken, wenn er tadelt, was uns Laien gefällt!« »

»Haben Sie darin auch schon Erfahrungen gemacht, Körner?«

»O ja. Ich gehöre aber nicht zu denen, welchen ein abfälliges Urteil auf acht Tage Schlaf und Lebenslust raubt. Ich habe bis jetzt immer richtig herausgefühlt, wessen Worte meiner Künstlerehre zu nahe treten, wessen Geschreibsel mich lachen machen kann, und wessen Feder vorurteilsfrei und sachlich schreibt!«

»Dann sind Sie glücklicher als die meisten Künstler,« entgegnete van der Lohe. »Wie viele richtet der Ärger und die Aufregung zugrunde.«

»Was mir viel näher geht als Kritiken, das ist der Neid und die kollegiale Mißgunst. Wir Künstler sollten einander schätzen und nicht untereinander anfeinden!« sagte der Professor mit Nachdruck.

»Es wäre ideal, wenn alle Künstler so dächten wie Sie, Körner!«

»'s ist ehrlich gemeint, denn wenn ich mich noch so sorgfältig prüfe, so kann ich doch nichts anderes sagen, als daß ich stets Freude empfunden habe bei dem Anblick eines guten Kunstwerkes, das ein anderer geschaffen! Und es kann mich heftig ärgern, wenn ich sehe, daß das echte Talent herabgesetzt wird und den Schmarotzern der Kunst Platz machen muß, diesen Burschen, die kriechen und schmeicheln, die ihre Werke aus den Brosamen anderer zusammenkneten und flicken und dann noch über den grünen Klee gelobt werden. Zum Glück ist solch künstlich aufgepuffter Ruhm nicht langlebig, sondern nur Modesache.«

Van der Lohe schwieg; er kannte seinen Freund und wußte, daß es ihm wohltat, sich aussprechen zu können. Nach einer Pause sagte er: »Ich kannte noch einen Mann, der dieselbe Künstlernatur besaß wie Sie, Freund – Maurus Magyar.«

»Ah, der Geigerkönig. Armer Kerl! Ja, er war zwar nur in einem Zigeunerzelt geboren, aber ein wahrhaft vornehmer Mensch. Man sagte, er sei einer großen Leidenschaft erlegen. Starb er nicht im Hause des Fürsten R. ..?«

»Sie fanden ihn tot im Park.«

»Schade um sein Talent. Ich erinnere mich, die Geschichte wurde damals viel besprochen. Ich glaube, die Ursache seiner plötzlichen geistigen Störung war eine Frau, doch habe ich ihren Namen nie erfahren können. Lebt sie noch?«

»O ja, sehr!« rief van der Lohe bitter. »Sie begann mit dem gewissenlosen Spiel mit Maurus Magyars Herzen, dann verbitterte sie ihrem Gatten durch fünf Jahre das Leben, und als ihn der Tod endlich befreite, wurde sie fromm und eine Beschützerin der Muse. Jetzt angelt sie nach Goldfischen.«

In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, und Carola guckte herein.

»Ist's erlaubt?« fragte sie, und ohne die Antwort abzuwarten, trat sie näher, von Rose gefolgt.

»Willkommen, willkommen,« rief Körner erfreut. »Bis jetzt war's so düster hier und grau, Sie bringen aber den Sonnenschein mit, Fräulein Eckhardt.«

»Ich?« rief Rose lachend, »ich wollte, Frau Sonne gehorchte meinem Wink.«

»Nun, es scheint fast, als täte sie's wirklich,« meinte van der Lohe, indem er auf einen feinen Sonnenstrahl deutete, der sich soeben durch das graue Gewölk schmuggelte.

»Wahrhaftig,« rief Rose, »wie wunderbar das aussieht! Sie müssen nämlich wissen, daß ich eine ausgemachte Sonnenanbeterin bin.«

»Wundert mich gar nicht, – keine Blume ohne Sonne,« meinte der Professor.

»Und nebenbei tragen Sie alle leuchtenden Strahlen des Tagesgestirns mit sich herum, Heideröslein,« sagte Carola, indem sie bewundernd über Roses Haar strich, »echtes, flüssiges Gold.«

Rose lachte.

»Das sagen Sie nur,« rief sie, »andere Leute nennen es Rot.«

»Ketzerei,« entgegnete Carola.

»Oder Neid,« warf der Professor ein.

»Farbenblindheit,« vollendete van der Lohe.

Rose lachte nun hell auf.

»Ein Streit um des Kaisers Bart,« rief sie belustigt. »Mein Vater nannte mich mitunter auch ›Rotkopf'.«

»Dann hat er bei der Wahl des Namens ›Heideröslein‹ mehr Geschmack bewiesen,« meinte Johann van der Lohe, indem er neben sie in die Fensternische trat.

Der Professor und Carola hatten einen interessanten Gesprächsstoff entdeckt, – vor ihnen hätte es draußen Steine hageln können, sie hätten es nicht bemerkt; das Paar am Fenster war also so gut wie allein.

»Rose,« sagte van der Lohe leise, aber deutlich, »erinnern Sie sich noch, was wir gestern im Walde sprachen?«

»Gewiß,« erwiderte sie ohne Zögern.

»Raten Sie mir heute noch zu dem Sinnbild der Rose? Ist es beständig? Ist es treu?«

Aus Roses Gesicht wich die Farbe, aber sie erwiderte zuversichtlich mit einem festen »Ja«.

Van der Lohe tat einen tiefen Atemzug. »Rose – Heideröslein, so darf ich also das Sinnbild der Rose als eine süße Hoffnung mitnehmen?«

»Es ist wohl zu gering dazu,« sagte sie abgewandt, »das Haus van der Lohe kann sich kostbarere Dinge aussuchen als Rosen.«

»Das Haus van der Lohe,« entgegnete er heiter, »hat sich schon so oft mit schwerem Golde und zerbrochenen alten Wappenbildern geschmückt, daß es sich auch einmal eine frische Rose gönnen darf.«

Sie schüttelte langsam den Kopf.

»Ja, wenn's noch eine Zentifolie wäre,« flüsterte sie, »aber solch eine geringe, wilde Heiderose, wie sie zu Hunderten draußen im Walde und Feld wachsen –«

»Das ist meine Sache,« entgegnete van der Lohe lächelnd, »ich möchte ja nur wissen, ob dieses wilde Heideröslein mich in der Heimat erwarten will.«

Sie öffnete die Lippen, um zu sprechen, aber das Wort wollte nicht heraus vor innerer Bewegung. Sie nickte nur und reichte ihm ihre Hand, die er ergriff und fest drückte.

»Ich danke Ihnen, Heideröslein,« flüsterte er, »sehen Sie, wie die Sonnenstrahlen mehr und mehr durch die Wolken brechen? Das soll mir eine gute Vorbedeutung sein. Zentifolien? Was sind sie gegen mein frisches, liebliches Röslein auf der Heide? Und wenn ich zurückkehre, dann gehen wir in Ihre Heimat, Rose, zum Grabe im Friedhof am Wald, und dort will ich mir das Heideröslein holen und es ins Haus van der Lohe verpflanzen.«

In diesem Augenblick ging die Tür der Werkstatt auf, und als er sich umsah, fand er Olga von Willmer vor sich stehen. Ob sie es gesehen, wie er eben Roses Hand losgelassen?

»Welch heilige Stille,« rief sie, »ich glaubte schon, es sei niemand hier. Es sieht fast aus, als hättet ihr gefürchtet, daß die Wände Ohren haben, und darum so leise gesprochen.«

»Als ob man immer wie eine Elster schwatzen müßte,« erwiderte Carola lachend, »wir machten gerade eine Kunstpause. Jeder Gesprächsstoff erschöpft sich endlich, folglich auch Professor Körners Meinung über guten und schlechten Ton und Jos botanische Belehrungen.«

Dabei schossen Carolas Augen einen so mutwilligen Blick nach dem Fenster, daß van der Lohe lachen mußte.

»So?« machte Olga gedehnt.

»Ich interessiere mich auch sehr für Botanik, – was war der Gegenstand deiner Belehrung?«

»Das Versetzen von Rosen,« konnte sich Carola nicht enthalten zu antworten.

»Sehr interessant,« meinte Olga mißtrauisch. »Oh, eh' ich's vergesse, – Fräulein Eckhardt, meine Tante fragte nach Ihnen.«

Rose wandte sich sofort der Tür zu, wurde aber von Carola zurückgehalten.

»Das ist nicht möglich,« behauptete sie. »Tante hat Heideröslein ausdrücklich beurlaubt, – aber so hören Sie doch,« rief sie der davoneilenden Rose nach, die froh war, sich entfernen zu können.

Es hatte ganz aufgehört zu regnen; die Sonne hatte den Sieg davongetragen über die schweren grauen Regenwolken, nur im Grase und in den Blättern der Bäume glänzte es noch von Millionen demantfunkelnder Tropfen. Aber Rose sah nicht die Pracht, – sie wußte nur, daß die Welt schön, sie selbst aber unbeschreiblich glücklich war.

Nachdem sie die Werkstatt verlassen, trat van der Lohe auf Körner zu.

»Ich habe noch viel zu tun vor meiner Abreise,« sagte er, »ich muß mich also jetzt schon bei Ihnen beurlauben. Meine Mutter wird mich bei meinen anderen Gästen entschuldigen.«

»Wie, ist deine Abreise schon so nahe bevorstehend?« rief Olga aufhorchend.

»Ich reise in zwei Stunden.«

»Uns das erst jetzt zu sagen!« schmollte sie.

»Wenn du die Güte gehabt hättest, mich selbst eher davon zu unterrichten, so hätte ich's dir auch eher sagen können,« entgegnete er, wider Willen bis zur Unhöflichkeit gereizt.

»Ich möchte wissen, ob du Fräulein Eckhardt ebenso bärbeißig antworten würdest,« gab sie unbedacht zurück.

»Wahrscheinlich nicht,« entgegnete er aufrichtig.

Auf Olgas weißer Stirn schwoll eine blaue Ader an – Carola pflegte diese Eigentümlichkeit »die Aufforderung zum Tanz« zu nennen. Aber Frau von Willmer konnte sich auch beherrschen, wenn es nötig war; hinter den Kulissen ihrer eigenen vier Wände hätte die Wange ihres Kammermädchens oder irgendein Buch, eins ihrer Nippes daran glauben müssen.

»Wie aufrichtig!« lachte sie mit gut gespieltem Gleichmut.

»Unter Verwandten die größte Tugend, Olga!« versicherte er schmunzelnd.

»Leben Sie wohl, Körner!«

»Glückliche Fahrt!« rief der Bildhauer mit herzlichem Händedruck.

Van der Lohe verließ die Werkstatt, gefolgt von Olga, die sich mit kindlicher Vertraulichkeit an seinen Arm hängte.

»Jo – mein lieber Jo!« flüsterte sie ihm zu.

»Willst du was von mir?« fragte er prosaisch.

»Jo, du brichst mir das Herz,« schluchzte sie und brachte es wirklich zuwege, ein paar Tränen über ihre Wangen fließen zu lassen.

»Na, in der Naturgeschichte scheinst du gut bewandert zu sein,« sagte er nicht ohne Humor, »wenigstens zeugen diese Perlen, gemeinhin Krokodilstränen genannt, von tiefem Studium. Ich ahne nicht, wie man's macht.«

Sie riß ihren Arm mit heftigem Ruck aus dem seinigen.

»Jo – du bist abscheulich!« rief sie, blaß vor Wut, und da er keine Notiz davon nahm, so beherrschte sie sich noch einmal, strich sich mit der Hand über ihr schwarzes Haar, über die klassisch niedere Stirn und lachte neckisch.

»Sind wir nicht sonderbare Menschenkinder?« rief sie. »Wir sagen einander Unhöflichkeiten, wie es eben nur Verwandte unter sich zuwege bringen. Nicht wahr, lieber, böser Lohengrin, es ist zum Lachen!«

Van der Lohe blickte sie an, und wie er in ihre samtschwarzen, unergründlichen, sanften und doch so flammenden Augen sah, da ergriff ihn ein unüberwindlicher Ekel.

»Ich bin kein Maurus Magyar!« sagte er hart.

Olga zuckte zusammen wie unter einem Peitschenschlage; blaß bis an die Lippen, blieb sie wie angewurzelt stehen.

Van der Lohe empfand im Augenblick etwas wie Reue, aber dieses Gefühl verschwand so schnell, wie es gekommen, und er sagte trocken: »Ich hoffe, es ist jetzt klar zwischen uns.«

Olga nickte nur, – sie war noch jenseits ihrer sonst so bereiten Worte.

»Es ist besser so,« fuhr er kalt fort, »denn je eher dein – sagen wir, Irrtum berichtigt wird, desto besser. Geschah dies in schroffer Weise, so bedenke, daß du mich dazu genötigt hast!«

So gingen sie auseinander; sie blieb stehen, wo sie war, während er dem Hause zuging, vor dem ihm Rose begegnete.

»Kann ich Sie noch einmal sprechen?« fragte er stehenbleibend.

»Ich weiß nicht –« stammelte sie verwirrt.

»Ich sage jetzt meiner Mutter Lebewohl und beabsichtige, den Weg zur Bahn zu Fuß zu gehen, durch den Wald! Sie kennen ihn ja. Ich habe Ihnen noch Wichtiges zu sagen, Rose, wollen Sie mich am Kreuzweg erwarten?«

Sie sah zu ihm auf, sah in seine ehrlichen Augen und sagte leise »ja«.

Dann schritt sie den breiten Kiesweg hinab zum See, an dem entlang der Fußweg zur Haltestelle ging und sich hinter der spiegelglatten Fläche im Walde verlor. Sie mußte an Frau von Willmer vorüber, die immer noch an derselben Stelle stand. Unentschlossen blieb sie vor ihr stehen, doch da Olga sie gar nicht zu beachten schien, ging sie weiter ihres Weges, beherrscht von dem einen Wunsche, keinem Menschen zu begegnen; nicht nur, weil sie fürchten mußte, dadurch ihre Verabredung nicht einhalten zu können, sondern auch, weil sie das Bedürfnis nach Einsamkeit hatte. Mit ihren Gedanken beschäftigt, hatte sie den Kreuzweg eher erreicht, als sie's gedacht. Hier setzte sie sich auf einen Stein und erwartete mit klopfendem Herzen die Ankunft van der Lohes.

Nicht lange, dann hörte sie seine Schritte auf dem Waldwege, und ehe sie emporfahren konnte von ihrem Sitz, stand er schon vor ihr.

»Rose, ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind,« sagte er herzlich, »ich möchte Sie nämlich bitten, unser Geheimnis zu bewahren, bis ich zurückkomme.«

»Gewiß,« erwiderte Rose, »das versteht sich doch von selbst.«

»Dann wollte ich Sie fragen, ob Sie hier bleiben oder lieber zu Ihrem Vormund gehen wollen,« fuhr van der Lohe fort, »doch würde ich dies nicht für angezeigt halten, da meine Mutter einen Grund wissen müßte, weshalb Sie Ihre Stellung aufgeben. Mir ist an der vorläufigen Geheimhaltung unserer Verlobung gelegen, weil meine Erklärung Wünsche, die meine Mutter für mich hegt, umstoßen wird, und die Enttäuschung könnte sie ungerecht gegen Sie machen. Das aber will ich nicht. Auch Ihren Freunden in Hochfelden bitte ich Sie, vorläufig nichts zu schreiben, auch jedes andeutende Wort zu vermeiden, bis ich zurückkehre. Ich handle mit dieser Bitte aus guten Gründen, bitte, vertrauen Sie mir darin. Wollen und können Sie das?«

»Ja,« erwiderte sie bereitwilligst.

»Ich danke Ihnen, Heideröslein. Leben Sie wohl, meine süße Braut! Auf ein frohes Wiedersehen!«

»Auf ein frohes Wiedersehen!« wiederholte sie leise und innig, während er einen Kuß auf ihre Stirn drückte.

»Heideröslein, ist‹s denn wahr, daß Sie mich stillen, ernsten Mann lieben können?«

»Über alles in der Welt.«

»Gott segne Sie für dieses gute Wort! Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen –«




Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht,
Er fiel auf die zarten Blaublümelein,
Sie sind verwelkt, verdorret.
Volkslied


 Nach einem ruhelosen Tage, nach einer schlaflosen Nacht war Olga von Willmer zu einem Entschlusse gekommen. Es war ihr vieles durch den Kopf gegangen, denn wenn sie sich auch im Augenblick vom Jähzorn beherrschen ließ, sobald die Wallung verraucht war, vermochte sie wieder klar zu denken. Und so hatte sie auch in dieser schlaflosen Nacht gedacht und geplant, ruhig, ohne Herzklopfen, mit kühler Überlegung.

Als der Morgen zu dämmern begann, schlief sie befriedigt ein; sie war überzeugt, daß der Plan, den sie gesponnen, fein und gut war, und daß sie ihn ebenso zur Ausführung bringen würde, verstand sich von selbst.

»Nein, so ist kein Maurus Magyar,« murmelte sie im Einschlafen, »die van der Lohes haben deutsches, nüchternes Blut in den Adern, keine Spur von Einbildungskraft. Geldsäcke, einer wie der andere – weiter nichts.«

Olga hatte sich schon ganz in den Gedanken eingelebt gehabt, einst als Herrin über diese »Geldsäcke« zu herrschen. Sie fand das alte Familienhaus in der Stadt so annehmbar wie das Landhaus in Eichberg, und wenn ihr die Bitte, ein wenig herumkramen zu dürfen in dem aufgespeicherten Leinen, Silber und anderen Schätzen, von Frau van der Lohe lächelnd gewährt wurde, so überlegte sie dabei gern, wie sie dieses und jenes Stück verwenden würde, wenn es ihr erst gehörte.

Und nun hatten zwei Worte, der Name Maurus Magyar, ihre Hoffnungen auf ewig zerstört.

Ihr erster Gedanke war »Abreisen« gewesen, aber sie verwarf ihn sofort wieder; nur nicht zeigen, wie hart es sie getroffen hatte!

»Ich habe nicht das Zeug dazu, eine Julia Imperiali zu werden,« dachte sie, »ich werde mich nicht mit Gift und Dolch an ihm rächen! Abgeschmackter Gedanke – wir leben ja im zwanzigsten Jahrhundert. Das Klügste wäre, ich brächte es mit Hahn wieder in Ordnung, aber er ist scheu geworden, ich habe ihn zu schlecht behandelt – nun, wer konnte auch an eine Erbschaft denken, die ihn selbst überraschte. Wenn alle Stricke reißen, gehe ich nach Monako und versuche dort mein Glück!«

Als sich am Tage nach van der Lohes Abreise die Gesellschaft zum Frühstück versammelte, sagte Olga zu ihrer Tante: »Bitte, schicke nachher die Eckhardt fort. Ich habe mit dir zu reden.«

»Du mit mir? Hat es keine Zeit?«

»Nein, es ist von größter Wichtigkeit.«

»Hoffentlich nichts Unangenehmes!« seufzte die alte Dame, und als Rose ihr folgen wollte, winkte sie ihr, zu bleiben. »Später, liebes Kind! Ich werde Sie rufen lassen.«

»Nun?« fragte sie gespannt, als sie mit ihrer Nichte allein war.

»Ach, Tante, es ist eine ernste Angelegenheit, die ich mit dir besprechen möchte,« begann Olga zögernd. »Ich habe überlegt, ob ich überhaupt darüber reden soll, aber meine Liebe zu dir und Jo und meine wahrhaft herzliche Anhänglichkeit an alles, was dein Haus angeht, ließen mich zu dem Entschlusse kommen. Ich hoffe, du wirst mir nicht böse deshalb sein.«

»Aber Olga, du erschreckst mich wirklich,« rief Frau van der Lohe, »ist es etwas, was meine Familie betrifft?«

»Ja, Tante. Es betrifft Jo sowohl wie dich auch.«

»Spanne mich nicht auf die Folter! Du mußt reden, besonders wenn es Jo betrifft, denn dich als seine Frau zu sehen, ist ja der größte Wunsch meines Lebens.«

Frau von Willmer schüttelte mit bitterem Lächeln den Kopf. Sie ergriff die Hand der alten Dame und küßte sie zärtlich.

»Meine gute, vortreffliche Tante, wie gütig du bist. Jo, dein einziges Kind, die Stütze deines Alters – er wird dir diesen Wunsch nicht erfüllen.«

»Nicht?« schrie die alte Dame auf. »Olga! Habt ihr miteinander gesprochen?«

»Nein, das war nicht nötig,« entgegnete Frau von Willmer traurig mit niedergeschlagenen Blicken und gesenktem Kopfe.

Frau van der Lohe legte erstaunt ihre Hände zusammen.

»Nicht nötig?« wiederholte sie, »Olga, du willst vielleicht nichts gehört haben. Du mit deiner Schüchternheit einer Sechzehnjährigen. Er kann ja an soviel Schönheit nicht ungerührt vorübergehen.«

Olga kniete vor ihrer Tante nieder und verbarg ihr Antlitz in deren Schoß – um ihre Belustigung zu verbergen. Wenn van der Lohe ebenso blind gewesen wäre wie seine Mutter, so hätte sie längst Herrin hier sein können! Aber was half das? Wenn die Mutter sie auch für den Himmel reif erklärte, – der Sohn hatte darüber andere Ansichten, und er hatte sie darüber aufgeklärt.

Frau van der Lohe strich liebkosend über das schwarze glänzende Haar ihrer Nichte und fragte dann zögernd: »Jo hat vielleicht bei deiner Zurückhaltung nicht gewagt, sich deutlicher auszusprechen.«

Jetzt hätte Olga wirklich beinahe laut gelacht; als ob Jo der Mann dazu war, etwas nicht zu wagen! Als sie sich etwas gesammelt hatte, erhob sie das Haupt und sagte dann, Frau van der Lohe scharf ansehend: »Nein, Tante, Jo ist wirklich nicht so zaghaft, wie du meinst, im Gegen teil, er ist ein solcher Eisenkopf, wie je ein van der Lohe es war.«

»Nun, ja, ja!« unterbrach sie die alte Dame, »Jo weiß, was er will. Das hat er von seinem Vater, bei dem ich auch nicht immer alles durchsetzen konnte. Ich meinte nur, daß Jo Damen gegenüber –«

»Halt, Tante, das ist der Punkt. Du verkennst ihn ganz und gar, denn Jo will auch hierin seine eigenen Wege gehen, und diese führen nicht gerade zum Ruhme seines Hauses.«

»Olga, bedenke, was du sprichst!« unterbrach sie Frau van der Lohe streng.

»Ich habe es bedacht, Tante, und bleibe dabei. Jo hat sein Herz an ein Mädchen verloren, das – er liebt, oder zu lieben glaubt.«

»Olga!« unterbrach sie die alte Dame aufgeregt. »Was fällt dir ein?«

»Aber nein, Tantchen, ich bin meiner Sache ganz sicher,« widersprach Olga sanft. »Jo liebt deine bezahlte Gesellschafterin – Rose Eckhardt!«

»Unsinn!« entgegnete die alte Dame aufatmend.

»Ganz und gar nicht, es ist die reine Wahrheit,« beharrte Olga von Willmer.

Frau van der Lohe lächelte.

»Du siehst Gespenster! Ich habe nichts davon gemerkt – höchstens das Gegenteil, denn als ich Jo bei der Waldpartie bemerkte, daß die Schönheit des Mädchens zu viel Bewunderung herausfordere, da antwortete er mir sofort: ›So schicke sie nach Hause.«

»Natürlich, Tante! Er wünscht sie nicht in einer dienenden Stellung.«

Frau van der Lohe schüttelte ungläubig den Kopf.

»Gut, Tante, wie du willst!« rief Olga, indem sie sich erhob. »Ich dachte dir einen Dienst zu erweisen, aber wenn du mir nicht glauben willst – ich habe meine Schuldigkeit getan und gratuliere dir zu der Schwiegertochter!«

»Olga, du kannst nicht recht haben.«

»Ich habe recht, so sicher recht, wie irgend jemand!«

»Aber was tun?« rang Frau van der Lohe die Hände.

»Das wäre des Überlegens wert,« erwiderte Olga lauernd, »natürlich ist es deine Pflicht, das Unheil zu verhüten.«

»Um jeden Preis,« sagte Frau van der Lohe mit Entschiedenheit. »Ich, seine Mutter, habe das Recht und die Pflicht dazu! Eine solche Heirat wäre eine Schmach für die Familie, ich könnte mich in St. niemals wieder sehen lassen, wenn Jo sich soweit vergessen wollte, meine Vorleserin zu heiraten! Ich werde ihm das ernst und eindringlich vorhalten!«

»Das wäre vergebliches Bemühen, Tante. Wenn Jo einen Entschluß gefaßt hat, so bringt ihn nichts davon ab – keine Macht der Erde, nicht einmal du!«

»Leider,« seufzte Frau van der Lohe unruhig, »mein Gott, welche Entdeckung, welche Angst! Schicke mir die Eckhardt her – ich werde mit ihr sprechen!«

»Das wäre gerade der verkehrte Weg!« widersprach Olga. »Jo hat sie sicherlich nicht ohne Verhaltungsmaßregeln verlassen.«

Frau van der Lohe erhob sich und schritt erregt im Zimmer auf und ab. »Ich werde sie heute noch fortschicken,« rief sie endlich.

»Damit Jo ihr nachreist und dann ganz freie Hand hat,« ergänzte Olga spöttisch. »Nein, Tante, das geht nicht! Das einzige wäre, daß das Mädchen ihm endgültig aus dem Wege geräumt würde.«

»Wir können sie aber doch nicht umbringen!« rief die alte Dame entsetzt.

»Da wir nicht mehr in der Zeit der unterirdischen Verließe und der Erbschaftspulver leben, natürlich nicht, Tante.«

»Olga, für solche Scherze bin ich nicht aufgelegt,« sagte Frau van der Lohe verweisend. »Wenn du Rat weißt, so erkläre dich, denn die Gefahr muß beseitigt sein, ehe Jo von seiner Reise zurückkehrt.«

»Ich bin ganz deiner Ansicht, Tante. Willst du mir die Sache in die Hand geben?«

»Was willst du tun?«

»Rose Eckhardt bis zu Jos Rückkehr verheiraten.«

Frau van der Lohe prallte förmlich zurück; sie dachte im ersten Augenblick nicht anders, als daß ihre Nichte den Verstand verloren hätte.

»Das ist unmöglich,« sagte sie dann unsicher.

»Das ist nicht unmöglich,« erwiderte Olga eindringlich. »Ich mache mich anheischig, es fertig zu bringen. Ein Hindernis dabei wäre nur die Armut des Mädchens.«

»Ich will ihr die Aussteuer geben!« rief Frau van der Lohe, »sage nur, wieviel du brauchst! Ich gebe dir freie Hand.«

»In allem, Tante?«

»Natürlich! Beseitige nur diese Gefahr, liebes Kind, gib mir meinen Sohn wieder! Wenn es dir gelingt, so sollst du mein Brillanthalsband haben, das dir stets so gut gefiel.«

Olga von Willmer lächelte bitter, denn so gern sie sich schmückte, hier hatte sie nicht an blitzenden Lohn gedacht; sie wollte nichts als Vergeltung haben, heiße, unfehlbare, zerschmetternde Vergeltung für die zwei Worte: Maurus Magyar.

Frau van der Lohe war bald Feuer und Flamme für Olgas Rettungsmittel, von dem sie freilich keine Ahnung hatte, wie es ins Werk gesetzt werden sollte. Das wollte sie auch gar nicht wissen, um mit voller Wahrheit sagen zu können, daß sie unbeteiligt gewesen, besonders da der Erfolg so zweifellos schien, denn wenn ihr Sohn Rose Eckhardt verheiratet wiederfand, so war die Sache endgültig erledigt. Nichts war so klar wie das, – der Gedanke, daß auch eines Mannes Herz brechen, auch sein Leben vernichtet werden kann, kam Frau van der Lohe nicht in den Sinn. Jo würde vielleicht ein wenig betrübt sein, ärgerlich sogar, aber was war das gegen eine solche Mißheirat; Frau van der Lohe wollte ihm dafür einige seltene teure Fasanen in seine Fasanerie kommen lassen, das würde ihn schon wieder besänftigen. An Rose dachte sie gar nicht: das arme Ding mußte froh sein, versorgt zu werden, und sie wollte ihr die Ausstattung schenken, – gewiß, das wollte sie, und wenn es Tausende kosten sollte.

Nach diesem heldenhaften Entschluß wurde Frau van der Lohe wieder ruhiger, denn sie wußte die Sache in Olgas Händen gut aufgehoben, und sie fragte nicht einmal, wen Olga mit Roses Hand beglücken wollte; das war nicht ihre Sache – sie wollte nichts über das Wie und Wo des Planes ihrer Nichte wissen, sondern sich damit »überraschen« lassen.

»Der erste Schritt,« dachte Olga befriedigt, als sie ihre Tante verließ. »Dieses Eisen wäre geschmiedet, nun weiter im Text!«

Aber sie stürzte sich nicht Hals über Kopf in ihre Aufgabe, sondern überlegte genau. Sie war nie in der Ausführung eines Planes, einer Arbeit flüchtig gewesen, peinliche Ordnung und Bedachtsamkeit war ein Hauptzug ihres Charakters; aber jetzt kam sie sich doch selbst fremd vor, wie sie sich so Punkt für Punkt ihr Vorhaben vorzeichnete, wie sie mit der erbarmungslosesten Ruhe, »kühl bis ans Herz hinan« überlegte, wie zwei Menschen am besten und unheilbarsten zu Tode getroffen werden konnten.

Ihr nächster Schachzug galt der unschuldigen Ursache aller dieser Aufregungen und Qualen – Rose. Aber sie mußte warten, denn Carola suchte jedes Alleinsein zwischen ihrer Kusine und dem jungen Mädchen zu hintertreiben, sie hing sich wie eine Klette an diese.

»Wetten wir, daß hier etwas gebraut wird?« sagte sie zu Körner, »ich wittere irgend etwas, denn meine Nase ist so gut wie die eines Vorstehhundes! Meine teure Kusine Olga sucht sich auffällig dem Heideröslein zu nähern, und wenn sie es erwischt und ich bin nicht dabei, wird das arme Wurm von der sanften Olga ganz mundtot gemacht.«

Aber so sehr auch das kleine Fräulein bereit war, für Heideröslein mit ihrer überlegenen »Sprachgewandtheit« einzuspringen, so konnte sie doch schließlich nicht überall sein. Es war von einem Buchhändler eine Sendung an Frau van der Lohe angekommen, und Carola bekannte selbst, daß dies die Stelle war, wo sie sterblich sei. Eine Viertelstunde nach Ankunft des Pakets war sie daher vollständig in dessen Inhalt vertieft, und sie versprach sogar, über einem neuen Prachtwerk die Nacht aufzubleiben.

Es war am späten Nachmittag, als die Bücher kamen, und Rose benutzte die Zeit, in der auch Frau van der Lohe ihrer nicht bedurfte, um einmal allein zu sein. Sie ging nach der Klosterruine, die ja in van der Lohes Abwesenheit neutraler Boden war; hier hatte sie ihn zuerst gesehen in der schönen Mondnacht, hier hatte ihr Herz zuerst für ihn geschlagen, unbewußt damals noch, jetzt bewußt. Sie holte wieder die Meriansche Chronik hervor, in deren Blättern das Manuskript des »Maurus Magyar« lag, und las es nochmals, jetzt nicht des Inhalts, sondern des Dichters wegen.

Olga von Willmer aber hatte Rose fortgehen sehen und war ihr gefolgt. »Was lesen Sie da, Fräulein Eckhardt?«

Rose seufzte ein wenig um die gestörte schöne Stunde, aber sie antwortete freundlich: »Eine Meriansche Chronik.«

»So? Sind das nicht beschriebene Blätter.«

Rose schwankte einen Augenblick, ob sie das Gedicht preisgeben durfte oder nicht, doch antwortete sie wahrheitsgetreu: »Ja, sie liegen in dem Buche. Es ist eine Künstlernovelle in Versen.«

»Von Ihnen?«

»Nein, Herr van der Lohe hat sie gedichtet.«

»Geben Sie, bitte!«

Rose konnte nun nicht gut anders, als Olga das Manuskript zu reichen, und diese las laut den Titel: »Maurus Magyar.« Ihr weißes Gesicht wurde noch um einen Schatten blasser, aber scheinbar ganz ruhig setzte sie sich neben Rose auf die Steinstufen und las die Blätter vom Anfang bis zum Ende, worauf sie das Manuskript wieder in das Buch auf Roses Knien legte.

»Ein schönes Gedicht,« sagte diese nach einer Pause.

»Nun ja – recht schwungvoll,« erwiderte Olga spöttisch.

»Der arme Maurus!«

Olga verzog ihren Mund.

»Der arme Maurus,« wiederholte sie, »na, er ist hier sehr verklärt worden, – dafür ist für die sogenannte Fürstin die schwärzeste Tusche nicht zu schwarz befunden worden.«

»Sie kennen sie, gnädige Frau?« fragte Rose gespannt.

»Sie war zwar nur eine arme Komtesse, die Kluft zwischen dem ungarischen Zigeuner und ihr war immer noch tief genug. Ob ich sie kenne? – O ja – so gut wie mich selbst. Aber sie ist ganz falsch geschildert – geradezu karikiert. Und der Maurus Magyar – mein Gott, wie konnte ich wissen, daß die dumme Rose, die ich ihm reichte, ihn verrückt machen würde! Hätte er Graf Magyar geheißen, der alte selige Willmer hätte bleiben können, wo er war. Was konnte ich für die Laune des Schicksals? Die Stelle vom Hochzeitscsardas in der Novelle ist richtig – er hat wirklich solange gespielt, bis ihm die Saiten sprangen – es waren zuletzt lauter Dissonanzen.«

Rose wurde es unheimlich, – sprach die Frau neben ihr irre? Das junge Mädchen wollte sich erheben und sich leise entfernen, aber Olga merkte es und hielt sie fest.

»Bleiben Sie, Fräulein Eckhardt,« sagte sie liebenswürdig, »ich habe von alten Geschichten geträumt, – das machte der Name Maurus Magyar. Die alten Gestalten kamen wie Nebel übers Wasser – riesengroß, ohne Grenzen. Träumen Sie nie von alten vergangenen Geschichten?«

»O ja,« erwiderte Rose, verwundert über die ungewohnte Herablassung, »aber ich kann nicht sagen, daß meine Erinnerungen nebelhaft wären. Ich habe so wenig erlebt und doch wieder sehr viel! Mir war ja jede aufblühende Blume ein Ereignis. Sie würden mein Leben arm nennen, aber ich kann Ihnen sagen, gnädige Frau, daß es überreich war an Liebe, an ungetrübtem Frohsinn. Jetzt freilich drängt sich ein Schatten in diese Erinnerungen, – mein Trauerkleid.«

Es war, während sie sprach, wie eine unerklärliche Angst über sie gekommen; sie hatte das Gefühl, als ob das Wasser vor ihr unüberbrückbar, das liebliche Ufer drüben für sie unerreichbar sei, und es erfaßte sie der unbestimmte Wunsch zu entfliehen, sie wußte nicht, ob vor ihrer Nachbarin oder vor dem glänzenden treulosen Wasser, doch ihre Bewegung wurde abermals durch Olga von Willmer gehemmt.

»Ich möchte Ihnen etwas sagen, Fräulein Eckhardt.«

»Mir, gnädige Frau?«

»Ja, Ihnen.« Olga atmete tief und schwer. »Es liegt mir daran, einen Schleier zu zerreißen, der zwischen mir und Ihnen sich befindet, Klarheit und Licht in eine Sache bringen, die mir schon lange wie ein Alp auf der Seele liegt. Sie wissen sicher, was ich meine?«

»Nein,« entgegnete Rose verwundert. »Wie sollte ich das wissen? Welche Sache meinen Sie?«

Olga warf einen flüchtigen Blick auf das junge Mädchen.

»Fräulein Eckhardt,« sagte sie, »ich habe mir vorgenommen, ruhig zu bleiben; ich hoffe, daß es mir gelingen wird, denn die Angelegenheit ist ganz geeignet, in Aufregung zu bringen. Aber ich will kurz sein. Herr van der Lohe hat Ihnen Aufmerksamkeiten erwiesen, Worte fallen lassen, die Sie wahrscheinlich zu dem Irrtum gebracht haben, daß er Ihnen seine Hand antragen wird, nicht?«

Rose wurde blaß und sprang nun wirklich auf.

»Gnädige Frau, Sie sind wenig zartfühlend in der Wahl Ihrer Worte,« sagte sie furchtlos. »Wenn Sie damit auf die Überlegenheit Ihrer Stellung pochen, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Frau van der Lohe die einzige ist, der ich Rede zu stehen habe, wenn's mir beliebt zu antworten.«

Olga maß das junge Mädchen mit feindlichen Augen. »Was fällt Ihnen ein, Fräulein Eckhardt? »Wie können Sie sich unterstehen –«

»In meinen Privatangelegenheiten, gnädige Frau, lehne ich jede Einmischung ab!«

Jetzt erhob sich Olga auch, aber sie unterdrückte mit Riesenkraft ihren aufsteigenden Jähzorn, der sie zu allem fähig machte, und sagte scheinbar ruhig: »Gut, nehmen wir an, Sie sind im Recht, Fräulein Eckhardt. Aber ich muß noch einmal auf meine Worte zurückkommen. Herr van der Lohe ist ein Mann, wie die Männer eben alle sind – treulos, wenn er sich nicht entblödet hat, Ihnen –«

»Frau von Willmer,« rief Rose glühend, »wie können Sie wagen, das auszusprechen? Mit welchem Recht?«

»Mit dem Recht, das ich als Braut des Herrn van der Lohe habe,« erwiderte Olga triumphierend.

Rose faßte mit ausgestreckten Händen nach einer Stütze. »Das ist nicht wahr,« stieß sie hervor.

»Ich vergebe Ihnen dieses Wort, Fräulein Eckhardt,« erwiderte Olga würdevoll, »Sie sind erregt, überwältigt – ich begreife das. Es ist aber nichtsdestoweniger wahr: ich bin mit Herrn van der Lohe verlobt, wenn auch vorläufig nur heimlich.«

Rose drückte die Hand auf ihr klopfendes Herz, aus ihrem Gesicht war jede Spur von Farbe gewichen.

»Und – und das ist wirklich wahr?« fragte sie tonlos.

»Sie haben mein Wort dafür,« sagte Frau von Willmer, ohne daß die Lüge ihr im Halse stecken blieb.

»Aber,« fuhr sie lauernd fort, »ich verlange dagegen das Ihrige. Sie müssen jedem Gedanken an Johann van der Lohe, meinen Verlobten, entsagen.«

»Das versteht sich von selbst,« sagte Rose mühsam.

»Sie werden es jetzt gerechtfertigt finden, Fräulein Eckhardt,« brach Olga die entstandene Pause, »daß ich mich in Ihre Angelegenheiten mischte. Ich hoffe auch, daß Sie meine Duldsamkeit anerkennen werden, – aber was können Sie dafür? Nichts. Im Gegenteil, Sie dauern mich aufrichtig. Was wollen Sie nun tun?«

»Eichberg verlassen,« erwiderte Rose ohne Zögern.

»Ich werde mit meiner Tante Rücksprache darüber nehmen,« rief Olga hastig. »Wünschen Sie –«

»Ich wünsche nur, allein zu sein,« fiel Rose ein.

»Nun, so können wir morgen weiter darüber sprechen. Seien Sie meiner herzlichen Teilnahme versichert, bin ich doch selbst so tief in Ihre Angelegenheit verwickelt! Nehmen Sie die Sache leicht –«

Rose wendete sich ab, und Frau von Willmer hatte den Takt, ohne ein weiteres Wort zu gehen.

»Das war der zweite Akt der Komödie,« murmelte sie, aus der Ruine tretend, »morgen wird der dritte spielen, und der vierte muß gespielt sein, ehe Jo zurückkehrt.«

Rose stand droben auf dem Söller, so wie Olga sie verlassen hatte – ruhig, stumm, unbewegt. Sie hatte das Gefühl, als ob das Blut in ihren Adern stockte und alles, alles zu Ende sei – betrogen, unerhört betrogen. Nicht eine Träne kam, nicht ein Laut über ihre blassen Lippen, um dem namenlosen Schmerz Luft zu machen. Ohne recht zu wissen, was sie tat, schritt sie die erste Stufe des Söllers hinab, dann die zweite – die dritte – und auf der vierten Stufe trat ihr Fuß schon in das Wasser, das mit seinen Wellen die Treppe bespülte.

Nun stand sie auf der letzten Stufe – noch ein Schritt und alles war vorbei, auch der große Schmerz in ihrem Herzen.

Da schlang sich ein kräftiger Arm um ihre Gestalt und zog sie gewaltsam zurück.

»Rose Eckhardt, was tun Sie da?«

Als die ernste, feste Stimme an ihr Ohr schlug, sah sie auf – sie mußte lange hinblicken auf dieses doch so wohlbekannte Gesicht, ehe sie es erkannte.

»Lassen Sie mich, Professor Körner!«

»Törichtes Mädchen,« entgegnete er ernst, »wer gibt Ihnen das Recht, mit Ihrem Leben zu spielen? Es gehört Ihnen nicht! Gott allein hat das Recht, Leben zu nehmen und zu geben.«

»Sie haben recht,« nickte sie erschauernd. »Selbstmord ist Feigheit.«

»Selbstmord!« rief Körner bewegt, »Kind, wie kamen Sie auf den Gedanken?«

Sie wandte sich ab, ohne zu antworten, und Körner fuhr eindringlich fort: »Vertrauen Sie sich mir an, ich bin Ihr Freund! Was ist Ihnen geschehen, Heideröslein?«

»Ich will diesen Namen nicht mehr hören,« rief sie auffahrend.

Der Professor strich ihr liebevoll über das Haar. »Kommen Sie hinein ins Haus, Rose,« sagte er freundlich zuredend, wie zu einem Kinde, »die Luft ist heute so feucht, Sie selbst sind ja schon ganz naß! Kommen Sie mit, in Ihrem Zimmer werden Sie ruhiger werden.«

Sie duldete es, daß er sie wegführte, aber an ihrer Zimmertür zögerte er, sie zu verlassen – es war etwas in ihrem Blick, das ihm großes Unbehagen machte.

»Rose,« sagte er freundlich bittend, »darf ich nicht wissen, was Ihnen geschehen ist, ich, Ihr bester Freund?«

Sie schüttelte heftig den Kopf.

»Geteilter Schmerz ist halber Schmerz,« redete er ihr mit seinem gewinnenden Lächeln zu.

»Ich fühle keinen Schmerz mehr,« erwiderte sie tonlos, »es ist alles in mir so kalt und starr, wie erfroren.«

»Rose, um alles in der Welt, wer –«

»Nichts, nichts! Ich selbst bin schuld daran, ich, meine Leichtgläubigkeit. Sie haben mich vor einer großen Sünde bewahrt, Herr Professor, dafür danke ich Ihnen von Herzen.«

Sie drückte matt seine Hand und ging in ihr Zimmer.

»Ich sie vor einer großen Sünde bewahrt,« wiederholte er, die Treppe hinabsteigend, leise, »wer aber trägt die eigentliche, moralische Schuld an dieser Sünde? Das ist die Frage!«




Mich rührt kein Blühen
Auf grüner Au,
Kein Wolkenglühen,
Kein Himmelsblau.
Ernst Eckstein


 »Sie spielen heute enorm zerstreut, Sonnenberg.«

»Ich wollte eben dieselbe Bemerkung machen, teuerster aller Diplomaten!«

Beide Herren lachten, indem sie ihre Billardstöcke beiseite stellten. »Entweder – oder,« meinte Sonnenberg, »man soll mit der Kunst des Billards nicht scherzen.«

»Am allerwenigsten aber pfuschen,« vollendete Hahn.

»Ja, aber was tun, spricht Zeus,« fragte Sonnenberg.

»Ich werde versuchen, Briefe zu schreiben.«

»Und wenn meine Farben nicht eingetrocknet sind, werde ich an meinem Unsterblichkeitsbilde pinseln!«

Sonnenberg drückte sich mit diesen Worten seinen breitkrämpigen Strohhut so schief wie möglich auf die semmelblonde Mähne und ging.

In der Tür drehte er sich indes noch einmal um.

»Ist Ihnen heute nichts aufgefallen, Hahn?«

»Mir? Ja, ich dächte, Frau von Willmer wäre beim Frühstück sehr heiter gewesen.«

Sonnenberg drehte sich auf dem Absatz um und ging jetzt wirklich.

»Wenn die lacht, das fällt gleich auf,« murmelte er erbittert, »aber wenn sie, die Holde, die Einzige, ernst dreinschaut mit so entsetzlich traurigen Augen, da kräht kein Hahn danach.«

Er mußte über sein eigenes Wortspiel lachen.

»Es ist mir auch lieber, wenn er nicht kräht,« dachte er, von neuem über seinen Witz lachend, da er kein anderes Publikum dafür hatte.

Zu seiner größten Seligkeit begegnete ihm Rose auf dem Wege nach der Künstlerwerkstatt, und sofort stürzte er sich auf sie.

»So allein, gnädiges Fräulein?« begann er, den Hut noch einen Zoll schiefer aufsetzend.

Rose sah ihn ohne Verständnis an.

»Allein,« wiederholte sie ausdruckslos.

»Gestatten Sie mir, Sie zu begleiten?« Da Sonnenberg keine Antwort darauf erhielt, nahm er es für eine Erlaubnis und drehte mit ihr um. Endlich, als sie schon nahe am See waren, sagte er kühn: »Köstliches Wetter heute, Fräulein Eckhardt! Das sollte Sie doch eigentlich heiter stimmen.«

»Gewiß!« gab sie zerstreut zu. »Heiter? Ja, natürlich – es kommen einem nur manchmal solch wunderliche Gedanken.«

Sonnenberg seufzte. »Nicht wahr?« sagte er. »Ach ja, mir kommen solche Gedanken mitunter auch. Besonders, wenn ich an Sie denke.«

Aber Rose war heute nicht imstande, die zarte Anspielung zu verstehen oder zu belachen.

»Sehr höflich, Sie blonder Kunstjünger,« ertönte Carolas Stimme hinter ihnen. Rose atmete auf, und doch war ihr auch Carolas Gesellschaft heute lästig, denn die klugen Augen des kleinen Fräuleins ruhten so forschend auf ihr, als wollten sie in ihrer tiefsten Seele lesen, als erwarteten sie endlich eine Antwort auf ihre stumme Frage. Aber diese Antwort wurde nicht gegeben, und um der Frage zu entgehen, bezwang Rose sich und versuchte ein Lächeln, einen Scherz, der aber rettungslos mißglückte. Sie meldete sich dann pflichtgemäß bei Frau van der Lohe, da diese aber gerade Frau von Willmer zu sich gerufen hatte, wurde sie abgewiesen, und so flüchtete sie nach ihrem Zimmer, um dort, mit sich selbst allein, den großen, harten Kampf weiterzukämpfen.

»Olga, was hast du dem Mädchen getan?« fragte Frau van der Lohe, als Rose das Zimmer verlassen hatte.

»Ich, Tante? Ich verstehe dich nicht – wie meinst du das?«

»Sie hat solch einen müden, toten Blick,« erklärte die alte Dame beunruhigt, »ich mußte ihr heute beim Frühstück eine Sache zweimal wiederholen, ehe sie den Sinn faßte.«

»Sie hat wahrscheinlich die Nacht nicht geschlafen,« erwiderte Olga kaltblütig, »das bekommt solch jungen Dingern nicht.«

Frau van der Lohe schüttelte den Kopf.

»Hast du mit ihr gesprochen?« fragte sie nach einer Pause.

»Gewiß, liebe Tante.«

»Wie nahm sie es auf?«

»Sie war natürlich erschrocken, umgürtete sich aber mit ihrem ganzen Stolz und schleuderte mir die ungehörigsten Redensarten ins Gesicht. Ich hatte Mühe, ruhig zu bleiben.«

»Nun – und ist alles getan?«

»Alles? Wo denkst du hin, Tante! Meine Hauptarbeit kommt noch.«

»Aber –«

»Nur kein Aber, bestes Tantchen, es wird sich alles wie von selbst machen; vertraue mir und beunruhige dich nicht!« versicherte Olga mit einer Zuversicht, die sie selbst vorläufig durchaus noch nicht hegte.

Indes war Carola mit Sonnenberg in die Künstlerwerkstatt gegangen, und während dieser sich in die wildesten Farbeneffekte vertiefte, sah sie Körner bei seiner Arbeit zu.

»Professor, mit unserem Heideröslein ist etwas nicht richtig!«

Körner nickte.

»Dahinter bin ich schon gestern gekommen,« gab er zurück.

»Aber was, was fehlt ihr?« drängte Carola weiter.

»Entdecken Sie's! Rose wird nichts verraten.«

»Ich werde sie geradezu fragen, aufs Gewissen.«

»Quälen Sie das arme Kind nicht!«

»Ich werde ihr eindringlich zureden, werde ihr –«

»Lungenverschwendung, Carola! Rose Eckhardt hat eine Seele, die ihre Geheimnisse so fest verschließt wie ihr Mund. Der möchte vielleicht reden, findet aber die Worte nicht.«

»Aber etwas muß doch geschehen, Professor!«

»Warten wir's ab. Ehe wir etwas tun dürfen, müssen wir erst wissen, wofür wir es tun.«

»Ich werde an Jo schreiben!«

»Abwarten, Carola, abwarten!«

Das kleine Fräulein ging sehr unbefriedigt davon; in ihrer Lebhaftigkeit war ihr nichts so zuwider, wie »abwarten«. Aber was sollte sie tun?

Rose zeigte sich im Laufe des Tages viel gefaßter, obwohl der fremde Ausdruck in ihren Augen der gleiche blieb; sie versuchte am Abend einen Brief an Frau von Hochfelden zu schreiben, allein sie war es nicht imstande. Überdies hatte ihr Frau von Willmer zugeflüstert, daß Frau van der Lohe noch keine Entscheidung getroffen hätte, sie müßte sich bis morgen gedulden; die Wahrheit war, daß Olga selbst noch nicht wußte, was sie ihr sagen sollte, denn ihre Hauptarbeit war ja noch nicht geschehen.

Zur Erreichung ihres Zieles hatte Frau von Willmer schon mehrfach versucht, eine Unterredung unter vier Augen mit Baron Hahn herbeizuführen, aber sei's, daß er ihr geflissentlich auswich, sei's, daß es wirklich Zufall war – sie hatte seiner bisher nicht habhaft werden können. Da sie aber wachsam war, so hätte es hart kommen müssen, ihr zu entgehen, und als sie ihn gegen Abend allein mit einem Buche dem See zuschlendern sah, war es für sie das Werk eines Augenblicks, ihm langsam und unbemerkt von ihm zu folgen. Trotz ihres festen Zieles war ihr nicht eben behaglich zumut, die Möglichkeit, daß ihr Plan scheitern konnte, mußte auch in Betracht gezogen werden, und was dann? Rosig sah es überhaupt nicht für sie aus, besonders bei dem Gedanken an die Zukunft.

»War die Vergangenheit etwa rosiger?« dachte sie mit bitterem Lachen. »Wahrhaftig, nein! Und doch war ich nicht unglücklich, trotzdem ich nie gewußt habe, was ›Liebe‹ ist. Ich habe mich nie zu jemand hingezogen gefühlt – ich habe Maurus Magyar sterben sehen, ohne daß ich gerührt war, und der selige Willmer ließ mich gletscherkalt. Aber es war doch besser, die wohlhabende Frau von Willmer zu sein, als die arme Komtesse Stahleck, die sich im Hause ihrer fürstlichen Verwandten jedes Kleid schenken lassen mußte. Nur einmal hat sich mein Herz geregt – nur einmal! Jo van der Lohe hätte es wecken können, wenn er gewollt hätte. Ich wäre ihm wahrscheinlich eine gute Frau geworden; er hätte vieles aus mir machen können. Da kam er mir mit dem Namen Maurus Magyar – und alles war vorbei. Es wäre vielleicht anders gekommen, wenn das blonde Mädchen den Fuß nicht über diese Schwelle gesetzt hätte – vielleicht auch nicht, wer kann's wissen?«

Über diesen bitteren Betrachtungen hatte Frau von Willmer den See erreicht und war so versunken in ihre Gedanken, daß sie wirklich erschrak, als sich von der Steinbank am Ende der Allee plötzlich die Gestalt des Barons Hahn erhob, dessentwegen sie überhaupt doch nur gekommen war.

»Mein Gott – wie haben Sie mich erschreckt!«

»Das tut mir leid, meine Gnädigste,« entschuldigte er sich, nicht ohne Fluchtgedanken. »Sie kamen so in Gedanken verloren daher –«

»Wissen Sie, woran ich dachte,« lachte sie, »es fängt an, hier langweilig zu werden. Da bleibt einem am Ende nichts übrig, als nachzudenken, wohin man sich retten könnte.«

»In der Tat,« gestand er ein, »ganz mein Fall.«

»Sympathie edler Seelen,« spottete sie.

»Nun, wer weiß –!« meinte er im gleichen Ton.

Jetzt lachte sie hell, aber nicht natürlich auf.

»Nun, ich dächte, über die Sympathie unserer Seelen hätten wir uns in einer Weise aufgeklärt, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. – Also, Sie wollen auch den Freuden des Landlebens entfliehen. Wann? Bald?«

Er sah sie mißtrauisch an.

»In diesen Tagen, denke ich,« sagte er obenhin.

Nun schien Frau von Willmer der Augenblick gekommen; ehe sie sich ihre einleitenden Worte aber noch zurechtgelegt hatte, nahm Baron Hahn das Wort: »Ich möchte gern um Ihren Rat bitten, gnädige Frau,« begann er vorsichtig.

»Um meinen? Ist das kein Irrtum, Baron?«

»Durchaus nicht. Nämlich vorhin, als Sie mich hier so angenehm überraschten, machte ich gerade Zukunftsmusik.«

»Wie interessant. Und ich dachte an die Vergangenheit.«

»Desto besser, meine Gnädigste; wenn eine Frau an die Vergangenheit denkt, so läßt sich mit ihr reden, denn die Erinnerung macht weich und nachgiebig. Ich schöpfe daraus Hoffnung für mich wegen des erbetenen Rates – darf ich reden?«

»Ich höre. Wir wollen sehen, inwieweit Ihre Voraussetzung recht hat.«

»So hören Sie denn. Ich habe vor, mich in die höhere diplomatische Laufbahn hineinzubugsieren und wirklich vorwärtszukommen. Zu diesem Zweck will ich mich verheiraten, denn, meine Gnädigste, eine schöne Frau kann in der Diplomatie eine Macht werden.«

»Und was soll ich dabei tun?«

»Hören Sie weiter, ich will sehr, sehr offen sein. Natürlich habe ich mir auch über die irdische Gestalt meiner künftigen Frau ein Bild entworfen –«

»Ach – es wird jetzt bedeutend interessanter!«

»Nicht wahr? Nun denn, ich dachte dabei an das kleine Rotköpfchen hier im Hause. Die Kleine ist hübsch und rassig, aber – sie ist nicht von Adel!«

»Der Adel könnte ihr beschafft werden!« rief Olga so hastig, fast atemlos aus, daß Baron Hahn, die Aufregung Frau von Willmers falsch deutend, nicht anders glaubte, als daß sie eifersüchtig sei, und daher eine kleine Schmeichelei für angebracht hielt.

»Es war nur ein Gedanke der Verzweiflung, Olga! Wenn man einmal zu Ihren Füßen lag, dann –«

»Ach Gott, lieber Baron, bemühen Sie sich doch nicht,« wehrte sie lachend ab, denn daß er ihr die Arbeit abnehmen könnte, hätte sie in ihren kühnsten Träumen nicht geglaubt.

»Da Sie aber an Ihren ›Schritt der Verzweiflung‹ jedenfalls schon sehr ernstlich gedacht haben, so lassen Sie mich Ihnen vor allem Glück wünschen. Fräulein Eckhardt ist ein sehr schönes Mädchen, sie kann als Ihre Frau wirklich eine Macht werden. Übrigens hat Tante van der Lohe mir gesagt, daß sie für die Aussteuer des ihr ans Herz gewachsenen jungen Mädchens Sorge tragen will; sie kann ihr auch leicht den Adel beschaffen. Dann den Segen der Kirche darüber, und Sie haben Ihre diplomatische Macht, um mit ihr in alle vier Winde davonzufliegen.«

»Olga, Sie reisen mit Siebenmeilenstiefeln. Ihr Eifer für mein Glück ist ja fast beängstigend,« lachte Baron Hahn nicht ohne Mißtrauen.

»Ich habe noch niemals eine Ehe gestiftet, die Sache hat also den Reiz der Neuheit für mich,« erklärte sie, aus Vorsicht etwas zurückhaltender.

»Fräulein Eckhardt muß doch erst gefragt werden,« wandte er ein, und zwar nicht ohne berechtigte Zweifel.

»Ob sie Baronin Hahn werden will? Nun, sie wird doch nicht so töricht sein, ein derartiges Glück von sich zu weisen?«

»Hm! Dies ›Glück‹ scheint doch nicht allgemein anerkannt zu werden,« sagte er ironisch, »man hat Beispiele. Aber wir wollen das mal beiseite lassen. In allem Ernst: Sie raten mir zu?«

»Zu dem kleinen Rotkopf? Natürlich! Ich gönne dem jungen Mädchen wirklich ihr Glück. Sie werden Aufsehen mit dieser venezianischen Schönheit erregen.«

»Mein Gedanke. Aber vorläufig weicht sie mir ganz entschieden aus,« gestand Hahn.

»Ganz natürlich – solch schüchternes junges Ding. Aber wenn es Ihnen wirklich ernst ist, und nur dann, verstehen Sie wohl, so will ich's versuchen, den Vermittler für Sie zu machen,« bot Olga sich mit sehr natürlich gespielter Harmlosigkeit an.

»Ist das Ihr Ernst?« fragte er mißtrauisch.

»Ich werde doch in solchen Dingen keine unpassenden Scherze machen!«

»Nun, dann gebe ich mich in Ihre Hände. Aber wahrhaftig, Olga, es ist nur ein Schritt der Verzweiflung. Nachdem ich das Unglück hatte, von Ihnen wiederholt abgewiesen zu werden –«

»Lassen Sie doch Gras über die alten Geschichten wachsen, Baron!«

Das sonderbare Paar ging eine Zeitlang schweigend nebeneinander her. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft, seine nicht minder, wenn auch aus andern Ursachen.

»Sie müssen, um mit Ihrer Brautwerbung zurechtzukommen, früh aufstehen,« unterbrach sie endlich die Stille.

»Wie soll ich das verstehen?« fragte er erstaunt.

»Sie müssen der Braut sicher sein, ehe mein Vetter heimkommt,« erwiderte sie lebhaft, »ich habe ihn nämlich in Verdacht, daß er dieselben Absichten hat wie Sie.«

Hahn machte eine Bewegung der Überraschung.

»So, so! Wann kommt van der Lohe zurück?« fragte er gespannt.

»Es kann jeden Tag sein, jede Stunde vielleicht, was weiß ich!« sagte Olga achselzuckend. »Noch eins,« setzte sie stockend hinzu, indem sie stillstand, »Sie – Sie müssen Rose Eckhardt in dem Glauben lassen, daß ich Jos Verlobte bin.«

»Ah – lebt sie in diesem Glauben?«

»Ja – das heißt – ich sagte ihr – deutete ihr an –«

Hahn lächelte boshaft.

»Sie sind eine kluge Frau, Olga!« rief er. »Ah – ah – wirklich klug ersonnen! Mir gaben Sie einen Korb, weil ich damals ein armer Teufel war, und Ihr Vetter, der es nicht ist, hat leider mehr Schwäche für germanisches Loreleihaar. Und nun wird eine kleine unschuldige, vielleicht sogar fromme Lüge als Mittel zum Zweck gebraucht! Das ist ja köstlich!«

»Warum nicht gar!« unterbrach ihn Olga ungeduldig. »Ich habe nicht die Absicht, Ihnen eine Beichte abzulegen –«

»Und ich verlange auch keine, Olga,« fiel er ihr schnell ins Wort, »es war nur so ein Seitensprung, für den ich um Entschuldigung bitte. Ich will mich an die Hauptsache halten, und die wäre ja festgestellt. Ich fürchte nur, daß Sie, verehrte Freundin, auf Irrwegen wandern –«

»Vielleicht,« fiel sie kurz ein.

»Und daß Sie sich dessen bewußt sind,« setzte er lauernd hinzu.

»Vielleicht auch das,« antwortete sie kühl, aber fest.

»Ah – ah –« rief Hahn verwundert, fast überwältigt. »Jetzt verstehe ich ganz, was ich zuerst nur halb begriff! Daß Sie, gerade Sie so eifrig bemüht sind, mich in die süßen Rosenfesseln der Ehe zu schmieden, das ist also nur eine Rache gegen den gletscherkalten Vetter Lohengrin! Nun will ich aber auch ganz aufrichtig sein: Ich habe mich geprüft und bin zu dem Ergebnis gekommen, daß ich Fräulein Eckhardt liebe. Leider habe ich das anfangs nicht gewußt und mich ihr in einer Weise genähert, deren Ablehnung mir die Augen geöffnet hat. Ich habe mein Herz daran gehängt, die junge Dame, die ich hochachten lernte, zu meiner Frau zu machen, – damit wäre der Weg für Sie frei. Aber wenn Rose Eckhardt meine Werbung ablehnt, dann werden Sie Baronin Hahn. Sie, eine geborene Gräfin Stahleck, besitzen zudem die für die Diplomatie unschätzbaren Gaben der Schönheit und der Intrige – ich bewundere Sie aufrichtig; Fräulein Eckhardt bringt nur ihre Schönheit mit, sonst ist sie Null – für meine Begriffe wenigstens. Aber ich habe mich wirklich in dieses Heideröslein verliebt und will darum mit Ihren Karten spielen. Also gelingt es, dann –«

»Dann erhalte ich Tantes schönstes Brillanthalsband,« sagte sie boshaft.

»Ah – ein Preis wäre also auch schon ausgesetzt? Das scheint ja eine ganz nette Intrige zu sein. Also, wenn sie nicht gelingt –«

»Dann heben wir beide alle Diplomatie der Welt aus dem Sattel,« schloß sie trocken.

Sie sahen sich in die Augen und gaben sich die Hände, und ein fester Druck besiegelte den sonderbarsten aller Verträge. Dann wendete sich Olga von Willmer stumm ab zur Rückkehr ins Haus, und schon war sie mehr als zehn Schritte entfernt, als Baron Hahn sie einholte.

»Noch eins,« sagte er stark betont, fast drohend. »Wenn Sie etwa der Ansicht sein sollten, daß ein Sperling in der Hand besser ist, als eine Taube auf dem Dache, und es Ihnen einfallen sollte, ein doppeltes Spiel zu spielen, so ist mein nächster Weg zu van der Lohe, um ihm die Augen zu öffnen.«

»Keine Sorge,« erwiderte sie kühl, und ging ruhig weiter.


* * *


Indes saß Rose selbst, der Gegenstand der Gedanken so vieler, in ihrem Zimmer und sah schweren Herzens hinaus in die abendliche Sommerluft. Die Nacht brach herein, ohne daß sie es merkte, die Tür ging leise – sie hörte es nicht, endlich flüsterte eine erschrockene Stimme neben ihr: »Heideröslein!«

Sie sah auf mit wirrem, irrem Blick. Carola stand neben ihr, ein Licht in der Hand.

»Rose, was tun Sie da? Sind Sie krank – oder traurig? Ist Ihnen etwas geschehen?«

Sie setzte ihr Licht hin und faßte Roses Hand – sie war eiskalt.

Nun zögerte Carola nicht länger. Schnell eilte sie auf ihr Zimmer, nahm ein kleines Fläschchen und kehrte zu Rose zurück.

Willig ließ sich diese in ihr Schlafzimmer führen, und nachdem Carola sie wie ein Kind entkleidet und zu Bett gebracht hatte, nahm sie wortlos, ohne es selbst zu wissen, den Löffel Flüssigkeit, den die Freundin ihr bot.

Dann setzte sich Carola neben das Bett und beobachtete das blasse Gesicht auf den weißen Kissen, bis das wohltätige Schlafmittel seine Schuldigkeit getan und dem gepeinigten armen Herz die Ruhe brachte, deren es so sehr bedurfte.




Daß anmutsprühend du mich so betörtest,
War meine Schuld! Niemanden klag ich an,
Doch daß du allen Glauben mir zerstörtest,
An dies Geschlecht – das war nicht wohlgetan!
Scheffel


Der Tag versprach heute sehr heiß zu werden. Wolkenlos lachte der blaue Himmel auf die im Schmucke goldiger Ähren prangende Erde herab, die sengenden Sonnenstrahlen erschwerten den Schnittern gewaltig die Ernte, und der See lag wie glühende Lava, wellenlos, ruhig in der feurigen Glut. Kein Luftzug rührte die Blätter, nur die Vögel badeten mit lustigem Zwitschern die kleine Sängerbrust in dem glühenden Sand.

Vor dem Hause selbst war es etwas kühler, denn dort blies der steinerne Oberon unverdrossen den starken, hohen Wasserstrahl aus seinem goldenen Horn in die Höhe; die sprühenden Wasserstäubchen sorgten für frische Kühle in ihrer nächsten Nähe und gestatteten auch den Blumen an dem steinernen Becken, unberührt von der heißen Luft, frisch und unvermindert fortzublühen. Nur in der Künstlerwerkstatt war's wirklich kühl, denn ein dichtes Blätterdach hielt die glühenden Strahlen zurück, und die blauen Vorhänge wehrten der Hitze, in den Raum einzudringen.

Körner wollte heute die letzte Hand an die Büste der Frau van der Lohe legen und sie dann auf die Kunstausstellung in der Residenz schicken. Die große Gruppe sah ebenfalls ihrer Vollendung entgegen, war aber den Augen anderer immer noch durch die verhüllende Decke entzogen; man achtete gern den Willen des Künstlers, der Unfertiges nicht zeigen wollte, und wartete mit Spannung, bis die Hüllen des Kunstwerkes fallen würden.

Die kleine Carola saß heute mit offeneren Augen denn je neben Rose. Sie hatte bemerkt, daß Baron Hahn schon mehrmals versucht hatte, sich ihr zu nähern, um das arme Mädchen mit seinen nichtssagenden Redensarten zu belästigen; sie nahm daher vollständig Roses Gesellschaft in Anspruch, wofür ihr diese herzlich dankbar war, denn nichts lag ihr heute ferner als schlagfertige Antworten oder neckende Scherzworte. Sie setzte sich still in eine Ecke der Werkstatt und beobachtete des Professors kunstreiche Hände, die es so vortrefflich verstanden, den toten Ton zum Leben umzugestalten.

»Und doch nur ein Scheinleben,« bemerkte Herr Leßwitz, »wirkliches Leben hat unter allen Künsten nur die Musik.«

»Sie haben recht, lieber Leßwitz,« bemerkte der Professor ruhig, »der Klang spricht mehr zu den Sinnen, und wenn ich arbeite, dann verquicke ich mein Werk im Geiste mit der Musik und bilde mir ein, eine Melodie Beethovens, Mozarts oder Haydns sei die Seele, die in den toten Stein zieht.«

Herr Leßwitz lächelte geringschätzig. »Und das nennen Sie Musik? Den Standpunkt eines Beethoven, Mozart, Haydn und überhaupt das, was das naive vorige Jahrhundert für Musik hielt, haben wir längst überwunden.«

»Nun ja, wo das ungebildete Ohr und die große Menge Freude an seichter Operettenmusik finden, hat die echte Muse keine Stimme,« erwiderte Körner.

»Herr Professor, ich bitte,« ereiferte sich Leßwitz. »Wenn ich von dem überwundenen Standpunkt eines Beethoven, Mozart, Haydn spreche, so meine ich damit, daß die neue, moderne Musik ihren Platz eingenommen hat.«

»Lieber Leßwitz,« erwiderte Körner etwas heftiger als sonst seine Art war, »alle Achtung vor Ihrem Geschmack, aber verlangen Sie nicht, daß er allein herrschen soll und alle Welt Ihre Ansichten teilen muß. Es wird zum Beispiel kein Mensch das Genie Richard Wagners bestreiten, aber erwarten Sie nur nicht, daß ein warmfühlender Mensch wegen Wagner und seiner Nachfolger seine liebgewonnenen Freunde stürzt und gar verächtlich von ihnen spricht. Und solche Freunde sind den Herzen vieler heute noch der überwältigende, gewaltige Beethoven, der anmutige, heitere Mozart, der schlichte, ergreifende Haydn, der königliche Händel, der ernste Bach, der melodienreiche, poetische Weber. Ich kann's nicht hören, wenn eitle Nachfahren sich der blinden Menge als Götzen aufdrängen und jene erhabenen Geister stürzen wollen. Es ist achtungswert, wenn jemand seiner Überzeugung treu bleibt, aber ihr Fanatiker schadet nur durch eure Unduldsamkeit und bringt Mißklänge in die Harmonie, die ja der Grundzug der Musik ist.«

»Wir können nicht scharf genug die neue Richtung verteidigen.

»Das ist's ja eben! Laßt den Alten ihren Platz und spart eure Posaunenstöße, die das Ohr eines sachlich denkenden Beobachters widerwärtig berühren. Der Zauber, der von den Klängen des Tannhäuser, des Lohengrin, des Nibelungenringes ausgeht, wird nie seine Wirkung verfehlen und besser von dem Riesengenie Wagners sprechen als ihr alle. Jede Seele, die nicht verdorrt ist oder vernagelt mit Vorurteilen, wird sich immer neu berauschen an den wunderbaren Klängen des Pilgerchores, des erhabenen Trauermarsches, jedes Herz wird den süßen Zauber begreifen, der in der Melodie des ›Abendsterns‹, dem Abschiedsgesange Lohengrins oder den dämonischen, packenden Weisen des Holländers liegt. Das alles hindert uns aber nicht, uns immer wieder neu zu laben an den unsterblichen Schöpfungen unserer klassischen Meister.«

»Es hindert uns,« schrie Leßwitz heftig, »die neue Richtung allein hat jetzt das Wort!«

»Das können nur die behaupten, denen im Fanatismus das unparteiische, klare Urteil verlorengegangen ist.«

Frau van der Lohe hielt es für angemessen, dem Gespräch jetzt eine andere Wendung zu geben, denn Leßwitz war, wie immer bei solchen Gelegenheiten, geneigt, ausfallend zu werden, und sie wollte einen heftigen Auftritt vermeiden, den der fanatische Künstler sicher verursacht hätte, wenn es auch von dem ruhigen Professor nicht zu erwarten stand.

»Sie schweifen allzusehr ab, meine Herren,« sagte sie daher laut und mit dem bestimmten Ton, der ihr als Dame des Hauses zustand, »lassen Sie diese Gemeinplätze anderen! Ich meine, es wäre besser, wenn Fräulein Eckhardt etwas vorliest.«

»Jedenfalls erquicklicher,« stimmte Körner bei.

Leßwitz entfernte sich zornbebend, und fünf Minuten später drohten alle Saiten des Flügels unter seinen Händen zu zerspringen.

Rose stand sofort auf und fragte, welches Buch sie holen sollte; sogleich erbot sich Hahn mitzugehen, aber ebenso schnell war auch Carola zur Stelle.

»Jetzt sind wir gar zu dritt, um ein Oktavbüchlein zu holen,« lachte sie. »Da sind wir beide unnütz, Heideröslein – der Herr Baron wird es allein besorgen!«

Dem Baron blieb nichts übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und zu gehen.

»Das war rücksichtslos, Carola!« bemerkte Frau van der Lohe scharf.

»Aber wirkungsvoll,« murrte Carola, daß es nur Rose hören konnte.

Hahn kam sehr schnell mit dem Buche zurück und überreichte es Rose mit einem vielsagenden Blick, den sie indes vollständig übersah.

»Danke, lieber Baron,« sagte Frau van der Lohe und setzte hinzu: »Nun, Fräulein Eckhardt, haben Sie kein Wort des Dankes für den erwiesenen Dienst? Oder sind Sie schon so verwöhnt? Es werden nicht allezeit Freiherren bereit sein, Sie zu bedienen.«

»Ach was, Tante,« rief Carola, »der Dienst galt dir allein! Der Baron opfert sich als aufmerksamer Gast der Frau vom Hause auf!«

Rose hatte das Kränkende in den Worten der allen Dame nicht in dem Maße empfunden, wie es die anderen berührte. Wortlos öffnete sie das Buch und wartete auf das Zeichen, das sie zum Beginnen auffordern sollte, aber jetzt schien Frau van der Lohe vertieft in ein Gespräch mit Herrn von Hahn und Olga; sie ließ das Buch wieder sinken und sah träumend einem Schmetterling zu, der sich durch die offene Tür verirrt hatte und nun ängstlich am Sims der Decke umherflatterte.

»Bitte, Fräulein Eckhardt, bleiben Sie einen Augenblick so sitzen, Sie haben gerade die richtige Stellung,« bat Sonnenberg, der bisher mit einem gewaltigen Aufwand von Energie gemalt hatte. Rose schrak empor und stand auf.

»Verzeihen Sie, Herr von Sonnenberg, ich möchte lieber nicht gemalt werden,« sagte sie freundlich, aber endgültig.

Sonnenberg wurde rot.

»Ich wollte ja auch nur eine Privatskizze von Ihrem Profil machen,« versicherte er kleinlaut.

»Zeigen Sie mal her,« meinte Körner und trat der Staffelei näher. Aber mit einem Ruck ließ Sonnenberg den Vorhang darüber fallen.

»Nichts da,« sagte er, »Sie verhüllen auch Ihre Gruppe, bis sie fertig ist, mein unfertiges Gemälde soll daher –«

Er wurde durch den Eintritt eines Dieners unterbrochen, der die Postsachen brachte. Es bekam fast jedes etwas, Briefe oder Zeitungen, und auch Rose hatte einen Brief von Frau von Hochfelden. Sie öffnete ihn und begann zu lesen, aber bald ließ sie das Blatt sinken – ihre Augen verschleierten sich. Es kam ein unbeschreibliches Heimweh über sie, eine brennende Sehnsucht nach den Tagen, da sie als ein harmloses Kind durch den Wald lief und Freude fand an dem Lockruf jedes Vogels.

Ein heißer Tropfen fiel aus ihren Augen auf die vertrauten Schriftzüge – ein Tropfen namenlosen Wehs. Und mitten hinein schlugen wie ein Blitz die Worte, die Frau van der Lohe ihrer Nichte zuflüsterte: »Jo kommt heute zurück.«

Rose sprang empor – es war ihr, als müßte sie zu Boden stürzen, ihre Knie schwankten, so daß sie sich anhalten mußte.

»Fräulein Eckhardt, ist Ihnen schlecht?« fragte plötzlich aufschauend der Professor.

Baron Hahn sprang sofort auf und erbot sich, sie ins Haus zu führen.

»Gewiß, liebes Kind, nehmen Sie es an,« rief Frau van der Lohe eifrig.

Da wallte ein bitteres Gefühl in Rose empor, so bitter daß sie rauh und schneidend zu antworten vermochte: »Ich danke sehr, gnädige Frau, ich kann allein gehen! Es werden nicht jederzeit Freiherren bereit sein, mich zu bedienen.«

Baron Hahn ließ seinen Arm sinken, und Frau van der Lohe lehnte sich von Staunen überwältigt zurück.

»Mich mit meinen eigenen Worten abzufertigen!‹ murmelte sie empört. »Dieses Mädchen ist schon so verwöhnt worden –«

Professor Körner legte, ohne ein Wort zu sagen, sein Werkzeug hin, nahm Roses Arm in den seinen und ging mit ihr hinaus.

»Rose, was fehlt Ihnen?« fragte er besorgt.

»Fragen Sie nicht,« stieß sie hervor, »es ist fast mehr als ich ertragen kann! Ich muß allein sein – allein!«

»Rose, Sie betrüben mich! Hätte ich nur ein Anrecht auf Ihr Vertrauen – ich würde Sie vielleicht trösten können!«

»Mich tröstet nichts!«

»Rose, zum letztenmal: Vertrauen Sie mir! Oder besser noch, wenn Jo van der Lohe –«

Sie riß heftig ihren Arm aus dem seinen und ging oder schwankte vielmehr wortlos in das Haus.

Der Professor schlenderte traurig zurück, von Carola, die ihm entgegenkam, atemlos befragt.

»Lassen Sie sie, Carola,« sagte er ernst, »in dieser jungen Seele wird ein schwerer Kampf gekämpft, da kann niemand helfen, weil ihr Stolz alle Hilfe ablehnt. Wir müssen abwarten, nichts als abwarten.«

Am Nachmittag verließ Rose ihr Zimmer, das sie seit dem Morgen gehütet hatte, und ging nach dem See hinunter. Aber sie stieg heute nicht den Söller der Klosterruine empor, sondern blieb drunten im Klosterhof, in dessen kühle, totenstille Kreuzgänge selbst die Mittagshitze nicht einzudringen vermochte. Dichte Schlinggewächse rankten sich an den säulengetragenen Spitzbogen empor und gewährten dem Licht nur mit leisem, grünlichem Schimmer Eintritt auf die hallenden Steinfließen, unter denen die ehemaligen Klosterfrauen den ewigen Schlaf schliefen. Wie manches Herz, das längst vermodert war, mochte auch einst so heiß und stürmisch gepocht haben, als noch die Wogen der Welt darüber hinbrausten, und hatte nirgend Ruhe finden können als in diesen Mauern, wo der Gottesfriede mit milder Hand über alles Leid strich, den Haß versöhnte, das Weh linderte!

Rose lehnte sich gegen eine der Säulen und sah nach den vermoderten Grabsteinen hin, über die grüngoldene Lichter zitterten und buntschillernde Schmetterlinge lautlos wie ein Traum schwebten. Und dennoch vermochte die süße Stille nicht, Rose zu beruhigen; das Herz ward ihr immer schwerer, sie wußte nicht, warum.


* * *


Nicht lange, nachdem Rose den Klosterhof betreten, verließen Olga und Baron von Hahn das Zimmer von Frau van der Lohe, wo eine Art Generalversammlung stattgefunden hatte, denn Rose hatte die leise geflüsterten Worte richtig verstanden – Jo van der Lohe hatte seine Rückkehr für heute angemeldet. Wie dies seine Gewohnheit war, hatte er nur einen Jagdwagen zur Abholung des Gepäcks auf den Bahnhof bestellt und wollte den Weg bis zum Landhaus durch den Wald, am See entlang gehen. Darauf hatte Olga von Willmer sofort ihren Plan gebaut; es war ihr natürlich nicht entgangen, daß Rose das Haus verlassen hatte, und durch einen nachgeschickten Boten erfuhr sie auch, wohin sie gegangen. Nach beendeter Besprechung bei ihrer Tante holte Olga Hut und Schirm und schickte sich zum Ausgehen an, trotzdem sich über dem See schweres, schwarzes Gewölk zusammenzog, dem heißen Tage ein Ende mit Schrecken drohend, aber sie ließ es darauf ankommen. Rüstig setzte sie sich in Bewegung und schlug denselben Weg ein, den Rose damals gegangen war, um van der Lohe vor seiner Abreise zu treffen.

Auf dem Platz am Bach, wo man hinaustrat aus dem Wald, wartete sie, an die kunstlose hölzerne Brücke gelehnt, mit der Geduld der Absicht, bis feste, schnelle Schritte den Waldesrand entlang kamen, und im nächsten Augenblick stand van der Lohe vor der Wartenden.

»Jo, du?« rief sie laut. »Welche Überraschung!«

»Ich hatte ja meiner Mutter geschrieben und meine Ankunft gemeldet,« erwiderte er mißtrauisch, »und ich erinnere mich sogar, erwähnt zu haben, daß ich diesen Weg nehmen wollte.«

»Davon wußte ich gar nichts!« log sie mit einer Unverfrorenheit, die auf Übung schließen ließ, »der reine Zufall führt mich hierher; es ist heute so erstickend heiß, daß man es kaum aushält.«

Er wendete sich um und betrachtete prüfend die schwärzer werdenden Wolken.

»Es zieht ein Gewitter herauf,« sagte er, »ich glaube, wir müssen eilen, wenn wir nicht naß werden wollen!«

»Ach, mein armes weißes Kleid,« rief sie erschrocken. »Ein Gewitter im Walde ist entsetzlich – und so gefährlich!«

»Nun, dann beeilen wir uns!«

Beide begannen nun ziemlich rasch zu gehen, und mehrere Minuten lang wurde kein Wort gewechselt.

»Gehen wir lieber das rechte Seeufer entlang,« meinte Olga, die Stille brechend, »wir haben dann wenigstens die Möglichkeit, die Ruine vor Ausbruch des Wetters zu erreichen.«

»Du kannst jedenfalls eintreten,« erwiderte van der Lohe, »ich gehe weiter und werde dir Schirm und Mantel schicken.«

Olga nickte, aber sie war fest entschlossen, die Ruine nicht allein zu betreten, selbst wenn sie keinen Zweck damit verbunden hätte, denn ihre Furcht vor Gewittern war stärker, als sie zugestand. Schon ließ sich ein leises Grollen in der Ferne hören, ein fahler Schein zuckte durch das Dickicht, und die Sonne verdunkelte sich hinter den aufsteigenden Wolken.

»Deine Reise war hoffentlich angenehm?« fragte Olga trotz ihrer Angst.

»O ja, ich danke! Das Wetter war gut und die Seefahrt angenehm.«

»Das freut mich, Jo. Und sonst?«

»Sonst? Nun, es war ja keine Vergnügungsreise. Ich habe während der heißen Londoner Sommertage gearbeitet und abends im Theater Shakespeare-Dramen gesehen.«

»Wie beneidenswert! Ach! der erste Regentropfen! Und da ein Blitz – oh, Jo, ich fürchte –«

»Für dein weißes Kleid? Ich fürchte auch, daß du Jupiter Pluvius dieses Opfer bringen mußt.«

Sie lachte nervös.

»Nun, dieses Opfer läßt sich ertragen! – Aber um auf deine Reise zurückzukommen, so wollte ich dich auch nach deren Erfolg fragen. Du hast doch durch die Unredlichkeit deines Londoner Vertreters keine Verluste erlitten?«

»Wer hat dir denn das erzählt?« fragte er nicht sehr erbaut. »Da du aber so gütigen Anteil an meinen Geschäften nimmst – ich danke, es läßt sich noch ertragen.«

»Davon bin ich überzeugt,« rief Olga lächelnd, »das Haus van der Lohe ist nicht so leicht zu erschüttern«

Da er nichts darauf erwiderte, trat eine Pause ein, während beide in schnellem Schritt dahineilten; im Wald herrschte bereits die eigentümliche Stille, die gewöhnlich einem Gewitter vorangeht – kein Blatt, kein Zweig rührte sich, und durch die Wipfel sah man das schwere Bleigrau des Himmels, durchzogen mit jenen unheimlichen gelbroten Streifen, die dem Landmann der Vorbote von Hagel sind.

Die Luft war bleischwer geworden und erschwerte das Atmen, wie in einem Treibhause dufteten die Waldkräuter, fast betäubend, die Kiefern strömten einen scharfen, würzigen Geruch aus, und von dem moosigen, kühlen Waldboden stieg der Duft des Waldmeisters empor, gemischt mit dem reifer Erdbeeren, Heidelbeeren und Wacholder. Alle diese Düfte, in frischer, kühler Luft zu einem wundervollen, unnachahmlichen Naturparfüm vereint, wirkten heute in der unbewegten glühenden Luft geradezu erdrückend auf die Nerven.

Jetzt ging es durch die Zweige wie ein leises Rauschen, wie ein Warnungszeichen, die Äste zitterten, und die Sträucher und Stauden, eben noch unbewegt, schwankten ängstlich hin und her, als fühlten sie die nahe Gefahr, der Horizont wurde immer finsterer, und nun rollte drohend der Donner, und die Blitze fielen in rotvioletter Färbung aus den schweren Wolken herab.

»Wie geht es daheim?« fragte van der Lohe nach einer Pause, und Olga vergaß darüber etwas ihre Gewitterfurcht.

»Tante ist wohl,« erwiderte sie, »die Hitze macht ihr freilich immer etwas Kopfschmerzen.«

»Und die andern?«

»Die andern?« Frau von Willmer wog, ehe sie antwortete, ihre Worte auf der Goldwaage der Berechnung: »Oh, die andern sind ja auch wohlauf. Professor Körner ist wie immer sehr fleißig, auch Sonnenberg fördert seine Unsterblichkeit nach Kräften. Leßwitz hatte mit Körner heute wieder einen Streit über Zukunftsmusik, wobei er von seinem überlegenen Gegner natürlich mundtot gemacht wurde – du siehst also, daß wir uns in unserm Kreise weiter gedreht haben.«

»Ist Hahn noch da?« fragte van der Lohe.

»Ja, gewiß. Warum?«

»Ich meinte nur, wegen seiner berühmten Erbschaft. Seine Anwesenheit muß doch an Ort und Stelle nötig sein.«

»Er erwartet jeden Tag die Nachricht. Übrigens scheint er jetzt ganz Frau Fortunas Liebling zu sein, denn er will und wird wohl auch hier einen Schatz heben –«

Olga von Willmer stockte mit einem raschen Seitenblick auf ihren Vetter.

Van der Lohe lachte belustigt.

»Endlich!« sagte er heiter. »Schätze heben soll ein gutes Geschäft sein. Die Lieblingsredensart Hahns, daß eine schöne Frau in der Diplomatie eine Macht sein kann, scheint also zum Ereignis werden zu wollen. Darf man gratulieren?«

Sie warf wieder einen hastigen Blick auf ihn.

»Er denkt an mich,« murmelte sie.

In diesem Augenblick zuckte eine grelle Flammengarbe vom Himmel herab, und zugleich rasselte ein so betäubender Donnerschlag hernieder, daß die eben aus dem Wald Heraustretenden unwillkürlich zurückwichen. Das war das Zeichen zur Entfesselung der Elemente – ein orkanähnlicher Sturm raste mit lautem Gebrüll durch den Wald, daß die schlanken Tannen sich pfeifend bis zur Erde bogen, und wühlte den See bis auf den Grund auf, daß die empörten, zischenden und schäumenden Wellen sich hochemporbäumten und mit ihren Wassern bis über den Pfad am See sich wälzten. Olga klammerte sich zitternd an van der Lohes Arm, der, heftig gegen den Sturm kämpfend, die schützende Ruine zu erreichen suchte, und bei jedem neuen Blitz schrie sie entsetzt auf.

Und jeder Schritt brachte sie dem Werke näher, das sie ersonnen, dessen Fäden in ihrer Hand lagen. Als eben wieder ein Blitz blendend vor ihr niederzuckte, da kam etwas wie Reue über sie – ein sehr flüchtiges Gefühl, das sie entschlossen niederkämpfte.

Je näher sie der Ruine kamen, desto heftiger klopfte ihr Herz, sie fühlte nicht, daß ihr weißes Kleid vor Nässe troff – sie hatte nur noch einen, einen Gedanken, während ihn die Sorge beschäftigte, ob sie, sein Heideröslein, auch geborgen sei unter Dach und Fach, ob das entsetzliche Wetter sie nicht draußen überraschte auf einem ihrer Spaziergänge in den geliebten, grünen Wald.

Jetzt waren sie an Ort und Stelle; an einem schützenden Mauervorsprung schöpften sie Atem und strichen das wirre Haar aus der Stirn.

»Ich werde dir sofort einen Mantel schicken,« sagte van der Lohe mit einem Blick auf ihr nasses Kleid.

»Nein, nein, wir wollen erst das Wetter abwarten – ich ängstige mich hier allein,« rief sie hastig. »Höre nur, wie der Sturm rast! Die Ruine ist so unheimlich, bleibe hier, Jo! Oben ist ja eine alte Tischdecke, die kann ich umhängen.«

Sich in sein Schicksal ergebend, folgte er ihr die Treppe zu dem Achteck hinauf, und dabei war's ihm, als hörte er drinnen Stimmen – eine drängende, zuredende, und eine leise abwehrende.

Olga stieß die Tür auf und betrat das Gemach, van der Lohe folgte ihr auf dem Fuße und sah vor der geschlossenen Glastür Baron Hahn stehen, – den Arm um Roses schlanke Gestalt geschlungen.

Van der Lohe taumelte einen Schritt zurück, dann trat er schnell vor.

»Herr von Hahn, wie können Sie es wagen –« rief er, fast übermannt von seiner Bewegung.

»Was wagen?« gab Hahn scharf zurück.

Sprachlos deutete van der Lohe auf Rose, die ihn totenblaß, mit weitgeöffneten Augen ansah.

»Ich habe mich eben mit Fräulein Eckhardt verlobt,« erwiderte Hahn die stumme Frage mit einem Seitenblick auf Olga.

»Das ist eine Lüge,« donnerte van der Lohe zornesrot.

»Für dieses Wort werden Sie mir Rechenschaft geben,« erwiderte Hahn nicht minder erregt.

»Rose – Fräulein Eckhardt – ist es wahr?« fragte van der Lohe auf einmal sehr ruhig.

Aber Rose konnte nicht antworten; stumm, mit gesenktem Blick stand sie da, ein Bild der Schuld in seinen Augen.

Da wendete er sich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, um und taumelte wie ein Blinder die Treppe hinab.




Mir ist's zu wohl gegangen,
Drum gings auch bald zu End':
Scheffel


 Am nächsten frühen Morgen standen sich van der Lohe und Hahn auf der Waldblöße, die einst eine so frohe Gesellschaft vereinte, mit der Waffe gegenüber.

Am Abend vorher hatte Sonnenberg seinem Gastfreunde Hahns Forderung überbracht und hinzugefügt: »Wissen Sie, es ist mir eigentlich sehr peinlich, der Sekundant Ihres Gegners zu sein. Aber der Professor hat es ausgeschlagen, und da mußte ich höflicherweise doch – wie konnten Sie den Baron aber auch so beleidigen?«

Van der Lohe nahm die Forderung an und bat den Professor, ihm zu sekundieren. Der sagte sofort zu.

»Der Beistand meines Wirtes und Freundes zu sein, ist mir jederzeit eine liebe Pflicht, wenn auch die Veranlassung eine traurige ist,« sagte er, »und da es nun einmal die Sitte will, daß man sich um ein schnell gesprochenes Wort totschießen muß, so sei es denn.«

Es galt nun vor allem, den Damen den Vorgang zu verheimlichen, und es gelang auch; selbst Olga, die die Bedeutung des Wortes »Rechenschaft« droben in der Ruine in seiner vollen Tragweite verstanden hatte, ahnte nicht, daß die nächsten zwölf Stunden schon die Beleidigung mit Pulver und Blei auslöschen sollten.

Um drei Uhr morgens brachen die Herren auf. Die Nacht war von den Duellanten zur Ordnung ihrer Geschäfte benützt worden, ein jeder hatte noch Briefe geschrieben und sein Testament gemacht und hatte dann zur Not noch ein paar Stunden Schlaf gefunden.

Und jetzt standen sie einander gegenüber, des Zeichens wartend, Hahn etwas vorgeneigt, mit lauerndem, schnellem Blick seine Aussichten abwägend, die Festigkeit seines Armes prüfend; er war nicht feige, aber er bekam ein wenig das Fieber, als er daran dachte, daß er seine Erbschaft möglicherweise umsonst gemacht haben könnte. Van der Lohe stand ihm gelassen gegenüber, seines Gegners hagere, geschmeidige Gestalt beinahe um Kopfeslänge überragend.

»Eins – zwei – drei!« rief der Professor, und die Schüsse krachten zu gleicher Zeit. Niemand außer Körner hatte bemerkt, daß van der Lohe im entscheidenden Augenblick den Arm um eines Haares Breite erhoben und nach oben gezielt hatte; die Kugel war auch richtig durch Hahns Hut gegangen und hatte ihn hinabgerissen, die Duellanten standen sich, als der Schuß krachte, ebenso gegenüber wie vorher, nur daß van der Lohes linker Arm heftig blutete.

Es war unmöglich gewesen, einen Arzt in der kurzen Zeit zu benachrichtigen, und so mußte der Professor denn all seine chirurgischen Kenntnisse hervorsuchen, um den Arm so gut wie möglich zu verbinden. Während dies geschah, trat Hahn an den Verwundeten heran und reichte ihm die Hand.

»Ich bedaure sehr, Sie verwundet zu haben,« sagte er höflich, »um so mehr, als Sie mein Wirt sind. Ich erkläre meine Genugtuung für vollkommen.«

»Und ich bedauere meine vorschnellen Worte,« erwiderte van der Lohe, »Wirte dürfen ihre Gäste nicht beleidigen, um so größer ist also meine Schuld.«

Hahn grüßte und ging mit Sonnenberg nach Eichberg zurück, Körner folgte langsam mit seinem Freunde.

Im Landhaus angekommen, fanden sie natürlich alles noch im schönsten Morgenschlummer vor. Ein schnell geweckter Diener holte den Wundarzt des Ortes herbei, und nachdem dieser den Arm verbunden und eine zwar schmerzhafte, sonst aber unschädliche Fleischwunde festgestellt hatte, konnten die anderen Bewohner des Hauses sich eine Stunde später erheben, ohne irgendeine Ahnung von dem Vorgefallenen zu haben.

Van der Lohe saß an seinem Fenster, matt zum Tode, körperlich wie geistig. Er hatte Rose wiedergefunden als die Braut eines anderen! Das war's, was so bitter schmerzte, so über alle Maßen: daß sie allen Glauben an Treue und Liebe in ihm zerstört hatte, daß sie falsch war, treulos wie das Glück selbst.

Und über ihm, zu seinen Häupten, da lag Rose auf ihrem Lager und rang mit ihrem Leid. Als sie, getrieben von der Macht der Gewohnheit, zur gewohnten Stunde aufstand nach der langen, schlaflosen Nacht, fielen ihre Blicke in den Spiegel, und sie erschrak vor ihrer Blässe, den matten, erloschenen Augen. Und wie sie mit der Rechten langsam die wirren Haare von der Stirn zurückstrich, da fühlte sie den Ring an ihrem Finger, den Hahn von seiner eigenen Hand gezogen und ihr angesteckt hatte, einen schweren Goldreif mit einem diamantumfaßten Saphir geschmückt; erschrocken ließ sie die Hand sinken und blickte scheu darauf hernieder, als fürchte sie sich davor, dann zog sie den Ring entschlossen ab und warf ihn in ein Kästchen.

Die Glocke klang durch das Haus, das Zeichen zur Versammlung im Frühstückszimmer, und Rose mußte sich beeilen, fertig zu werden; erst als sie drunten an der Tür stand, dachte sie daran, sich entschuldigen zu lassen, – es war die Gewohnheit, die sie heruntergeführt. Jetzt aber half kein Zögern mehr; sie öffnete die Tür und fand alle versammelt, Baron Hahn eilte ihr sofort entgegen, ihre Hand ergreifend, und mit Bestürzung fühlte sie aller Augen auf sich gerichtet.

Was er zu ihr sprach, sie verstand es kaum, denn sie sah bloß van der Lohes hohe Gestalt, den linken Arm in der Binde, drüben am Fenster stehen, und den Blick auf sie mit unbeschreiblichem Ausdruck geheftet. Sie hatte das Gefühl, daß sich alles im Wirbel um sie drehte, und wie im Traum hörte sie die Stimme der alten Dame, die ihr zurief: »Willkommen, liebes Kind! Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie herzlich ich mich über diese Neuigkeit gefreut habe. Unser lieber Baron Hahn hat sich eine auch mir sehr liebe Braut gewählt. Ich betrachte Sie jetzt als meine Tochter, liebes Kind, Sie dürfen nur von hier aus vor den Altar treten. Nicht wahr, lieber Jo?«

»Du hast allein zu bestimmen, Mutter,« erwiderte die bekannte tiefe, klare Stimme. »Die Wahl deiner Gäste ist stets unbeeinflußt von mir geblieben.«

Diese ruhigen, kühlen Worte gaben Rose alle Selbstbeherrschung zurück, – nein, er sollte und durfte nicht sehen, daß sie keine glückliche Braut war.

Olga lehnte befriedigt lächelnd in ihrem Sessel. »Eine wahrhafte Komödie der Irrungen,« dachte sie, scharf beobachtend, und hatte damit das rechte Wort, die wahre Bezeichnung gefunden, nur mit dem wesentlichen Unterschied, daß es eben für sie eine »Komödie«, für zwei Herzen aber eine »Tragödie« war.

Nach dem Frühstück, als van der Lohe sich zurückgezogen hatte, bot Hahn Rose den Arm zu einem Gartenspaziergang.

»Ich danke – ich muß auf mein Zimmer,« stammelte sie, »ich – ich habe Kopfschmerzen.«

Hahn brach in einen Strom von bedauernden Worten aus, aber Rose wurde von Olga unterstützt, die schnell sagte: »Unser zartes Bräutchen muß Ruhe haben, Baron! Die Männer sind so selbstsüchtig, besonders verlobte. Kommen Sie, Kind, ruhen Sie einige Stunden, das wird Ihnen gut tun.«

Sie führte Rose schnell aus dem Zimmer und flüsterte ihr draußen zu: »Hab' ich das nicht gut gemacht? Ich danke Ihnen übrigens, daß Sie um meinetwillen so tapfer entsagt haben!«

Rose überkam ein plötzlicher Ekel vor dieser Frau, sie schüttelte sie von sich ab und sagte abweisend: »Nicht um Ihretwillen habe ich entsagt, gnädige Frau, sondern um meinetwillen, wie es meine Frauenwürde von mir verlangte.«

»Ah – schön, schön,« machte Olga höhnisch, »und Ihrer Frauenwürde zuliebe griffen Sie natürlich auch sofort nach dem Brautring des andern.«

»Ja, denn durch diesen Brautring bin ich ihm verloren! Ich hatte vorher niemand, der mich schützen konnte – jetzt schützt mein Verlobter Sie vor der ferneren Untreue des Ihrigen!« erwiderte Rose außer sich und ging die Treppe hinauf. Droben im oberen Flur begegnete ihr Carola, die, ohne sie zu beachten, an ihr vorbeiging.

»Fräulein van der Lohe,« rief Rose ihr nach, »habe ich Ihnen etwas getan?«

Carola war stehengeblieben, antwortete aber nicht.

»Ich hielt Sie für meine einzige, wirkliche Freundin,« sagte Rose traurig.

»Ich war's bis gestern abend,« sagte Carola scharf und schneidend, »aber die künftige Baronin von Hahn ist mir leider unverständlich geworden, ich habe von jeher für Wetterfahnen nichts übrig gehabt.«

Da senkte Rose den Blick.

»Ich muß das harte Wort ertragen,« sagte sie leise, indem sie weiterging, aber schon stand Carola neben ihr.

»Rose, sind Sie krank?« fragte sie, halb besorgt, halb rauh

»Krank?« wiederholte Rose, »ich glaube, ja, – sterbenskrank.«

»Haben Sie Schmerzen?«

»Unsagbare, – Seelenschmerzen!«

Jetzt war's vorbei mit Carolas Zurückhaltung, ihr gutes Herz behielt die Oberhand. Wenigsten hätte niemand vermutet, als sie jetzt mit schwesterlicher Fürsorge Rose zur Ruhe brachte, daß sie ihr soeben erst mit den deutlichsten Worten die Freundschaft gekündigt hatte.

Rose hätte das kleine Fräulein leicht beruhigen können, indem sie ihr den Grund sagte, der sie zur Annahme von Hahns Hand bewogen, aber es lag nicht in ihrer Natur, über ihre inneren Angelegenheiten zu sprechen; sie gehörte nicht zu den Menschen, die, den Grundsatz befolgend, daß geteilter Schmerz halber Schmerz ist, alle Welt zu Vertrauten machen. Carola mußte sich also damit begnügen, selbst das Rätsel zu lösen, und daß sie damit auf gutem Wege war, durfte ihr schon zugetraut werden.

Van der Lohes Natur glich in dieser Beziehung ganz der Roses. Auch er betrachtete den Schmerz als etwas zu Heiliges, um mit ihm hausieren zu gehen, und trug ihn lieber länger allein, als kürzer und mitgeteilt; kein Mensch ahnte, was in ihm vorging, er war vielleicht nur noch ernster als sonst. Seine Wunde war auf einen Sturz geschoben worden, an den die Damen alle, mit Ausnahme von Olga glaubten. Auch seine Mutter war vollkommen ruhig.

»Es war eine Phantasie Olgas,« dachte sie, »er hat niemals an die Eckhardt gedacht! Wie könnte er sonst so ruhig sein?«

Nur einer sah tiefer, und das war Professor Körner. Er hatte selbstverständlich den Vorfall im Achteck der Klosterruine haarklein erfahren und darüber nachgedacht, aber hier Worte der Teilnahme sagen, war eine schwere Aufgabe. Einem verwundeten Herzen mit Trostgründen kommen, ist ebenso undankbar wie fruchtlos, die einzige Trösterin ist die Zeit.

Der Professor wartete also seine Zeit ab. Er sah, wie van der Lohe sein Tagewerk versah, wie er trotz seiner Wunde nach den Eisenwerken ritt, wie er teilnahm an der Unterhaltung – gewiß, es war alles wie früher und doch anders.

Auch Rose schien ganz ruhig, nur war sie blaß und sehr still, Herr von Hahn aber war »ein Musterbräutigam«, wie Carola mit unverhohlenem Spott laut verkündigte.

»Warum tragen Sie meinen Ring nicht, Rose?« hatte Hahn einmal gefragt.

»Er ist zu groß – und drückt mich!« war ihre ruhige Antwort, womit sie zum ersten Male wissentlich eine Unwahrheit sagte, und sie achtete nicht darauf, als Hahn die ebenso lächerliche wie unsinnige Bemerkung machte, er würde den Ring mit Sammet und Eiderdaunen füttern lassen.

Carola aber hörte diese Redeblüte, stand auf und verließ das Zimmer mit den Worten: »Es wird mir hier zu geistvoll, der höhere Blödsinn geht über meinen Horizont!«

»Mein Gott, wie eben Brautpaare sind,« meinte Frau van der Lohe entschuldigend. »Übrigens, Jo, sagtest du nicht, du hättest mir ein Andenken von der Reise mitgebracht?« fügte sie schnell hinzu, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

»Ich bringe es dir später herüber, Mutter,« erwiderte van der Lohe und kam dann nach dem allgemeinen Aufbruch in ihr Zimmer, um ihr einen prächtigen Kasten von Ebenholz, wundervoll gearbeitet mit Silberzieraten und gefüllt mit kostbaren Parfümen, zu überreichen.

Sie dankte, sichtlich hocherfreut.

»Wie freundlich von dir, an meine Vorliebe für Parfüm zu denken, Jo! Ich hatte seit Tagen meinen letzten Tropfen verbraucht und wagte nicht, dich mit einem Auftrage zu behelligen.«

»Um so mehr freue ich mich, deine Wünsche erraten zu haben,« erwiderte er. »Gute Nacht, Mutter.«

»Jo –!«

»Ja, Mutter.«

»Jo, wie ist es mit Olga?« fragte sie zögernd.

»Ich habe ihr einen Fächer mitgebracht.«

»Das meinte ich nicht. Du weißt schon – mein Lieblingsplan – wirst du sie mir als Tochter zuführen?«

»Nein,« entgegnete er hart, fast heftig, »ein für allemal nein!«

»Du bist grausam, Jo!« rief Frau van der Lohe klagend. »Was hast du nur gegen sie?«

»Sie ist mir unsympathisch, und da ich sie heiraten soll und nicht du, so genügt doch das eigentlich für meine Weigerung, nicht wahr?« sagte er nicht ohne Humor, fügte aber ernst hinzu: »Olga Willmer ist keine gute Frau, es wird mir oft schwer, ihr gegenüber die Höflichkeit des Wirtes aufrechtzuerhalten.«

»Das Unglück, dir zu mißfallen, haben die meisten meiner Gäste,« antwortete Frau van der Lohe unlogisch.

»Der arme Leßwitz –«

»Ist mir völlig gleichgültig.«

»Dann der liebe Baron –«

Van der Lohe lachte bitter.

»Dein lieber Baron ist ein geriebener Kunde, ein krasser Egoist.«

Frau van der Lohe seufzte.

»Es ist ein schlimmes Gutenacht für mich,« sagte sie, »ich kann nur mit Trauer im Herzen meinem liebsten Wunsch entsagen.«

»Je eher das geschieht, desto besser, liebe Mutter.«

Die alte Dame ergriff fest ihres Sohnes Hand.

»Jo,« sagte sie leise, aber dringend, »Jo – du – du liebst – eine – andere?«

Er holte tief Atem.

»Das ist vorbei,« erwiderte er rauh.

»Jo – war es – war es dieses Mädchen – Hahns Braut?«

»Gute Nacht!« sagte er statt aller Antwort und ging rasch hinaus.

Als die Tür hinter ihm zugefallen war, blieb die alte Dame so in ihre Gedanken versunken zurück, daß sie nicht sah, wie Olgas aschfarbenes Antlitz mit unheimlich leuchtenden Augen hinter dem Vorhang des Schlafzimmers hervorlugte und dann verschwand. Sie hatte nicht verschmäht, den Lauscher zu spielen und huschte jetzt davon, Zorn und Scham im Herzen.

Am folgenden Morgen brachte Frau van der Lohe am Frühstückstisch das Gespräch auf die bevorstehende Hochzeit »des lieben Brautpaares« und machte Vorschläge zur Festsetzung des »großen Tages« und für die Feier selbst. Alle gaben dazu ihre Meinung ab, mit Ausnahme der Braut, die sich vollständig teilnahmslos verhielt; das Hin- und Herzerren einer für sie so schmerzlichen Angelegenheit war ihr unbeschreiblich peinlich, um so mehr, als van der Lohe mit seiner Zeitung dabei saß und alle Augenblicke von seiner Mutter oder Hahn befragt wurde.

Nach längeren Erörterungen, die sehr ernsthaft geführt und nur zuweilen von einer spöttischen Bemerkung Carolas gewürzt wurden, kam der Entschluß zustande, Rose sollte als Gast Frau van der Lohes auf Eichberg bis zur Hochzeit bleiben, ihre Ausstattung sollte die Brautgabe der alten Dame sein. Rose wehrte sich zwar verzweifelt gegen dieses »Geschenk«, da Hahn es aber für sie mit überschwenglichem Dank annahm, so wurde sie überstimmt. Der Baron hatte heute Nachrichten in der Erbschaftsangelegenheit bekommen; er wollte am nächsten Morgen abreisen und zugleich in Hochfelden vorsprechen, um von Roses Vormund dessen Jawort und die erforderlichen Papiere zu erhalten. Auf Hahns Frage, ob Rose ihm einen Brief an ihre Freunde mitgeben wollte, antwortete sie heftig: »Nein,« und entfernte sich, völlig erschöpft durch die seelische Qual, die diese Stunde ihr auferlegt hatte.

Als van der Lohe kurz darauf auch das Frühstückszimmer verließ, sah er Rose die Treppe hinaufsteigen, mitten auf ihr stehen bleiben und ihre Hände an die Stirn wie in namenlosem stummen Schmerz pressen, ehe sie weiterging. Van der Lohe, als einziger, ungeahnter Zeuge dieser Szene, erschrak heftig – war das eine glückliche junge Braut? Sein erster Antrieb war, ihr nachzueilen, aber seine Füße hafteten bleischwer am Boden – er hatte kein Recht dazu – gar keins! Sie hatte ihn verraten, während er fern war – es war alles aus zwischen ihm und ihr, alles!

»Hast du etwas verloren, Jo?« fragte Olgas sanfte Stimme neben ihm. Sie war soeben mit ihrem lautlosen Schritt herausgetreten auf den Flur, als sie ihren Vetter mit zu Boden gesenktem Kopfe stehen sah.

Er sah sie verständnislos an.

»Nein, ich danke, nichts!« sagte er kurz.

»Oder hast du gar gedichtet?« fragte sie lauernd. »Liebe und Triebe, Herzen und Schmerzen, Brust und Lust – das gibt schon ein halbes Sonett. Aber ich weiß, daß du nicht diese breitgetretenen Pfade wandelst. Dein Talent neigt sich mehr dem Epischen zu.«

»Ich habe dich meines Wissens noch nie mit meinen ›Werken‹ belästigt,« erwiderte er müde.

Sie machte ihm einen spöttischen Knix.

»Ich habe den ›Maurus Magyar‹ gelesen,« sagte sie boshaft, »und bedauere nur, daß die Welt das Genie und die Phantasie des Geschäftsinhabers des Hauses van der Lohe nicht kennt. Du hast den Stoff bewunderungswürdig ausgeschmückt – Zierat erhöht natürlich die Wirkung ungemein.«

»Es ist allerdings eine poetische Freiheit, daß ich dich zur Fürstin erhob.«

»Ah – also ich soll diese Karikatur sein?« unterbrach sie ihn schrill. »Welche Perle wird in diesem Epos der Welt vorenthalten!«

»Dein Bedauern kommt zu spät,« erwiderte er kühl,

»das Epos ›Maurus Magyar‹ wird nächstens im Druck erscheinen.«

»Jo!« schrie sie auf und setzte bebend hinzu: »Das ist wohl nur ein Scherz?«

»Es ist mein voller Ernst. Was fürchtest du? Etwa, daß man den Dichter der Übertreibung überführen könnte? Unbesorgt!«

Er trat in sein Zimmer ein und ließ sie wie angewurzelt stehen. Eine rasende Furcht überfiel sie bei dem Gedanken, daß er das Gedicht wirklich veröffentlichen könnte, denn der Tod des berühmten Künstlers an ihrem Hochzeitstage im Waldschlosse ihres Oheims, des Fürsten R . . hatte damals sehr großes Aufsehen gemacht. Sie hatte dieses Thema herbeigeholt, in der Absicht, ihren Vetter mit seiner Dichtung lächerlich zu machen, und er hatte den Spieß umgedreht; zu spät sah sie ein, daß sie, statt ihn mit ihrer Kenntnis von dem Epos in ihre Hände zu bringen, eine große, wahrscheinlich nicht mehr gut zu machende Unvorsichtigkeit begangen hatte.

Der Abend vereinte den Kreis der Bewohner und Gäste von Eichberg um den Teetisch im Gesellschaftszimmer. Das Wetter war zu ungünstig zu einem Aufenthalt im Freien, und da Leßwitz morgen ebenfalls Eichberg verlassen wollte, so war es eine Art Abschiedsversammlung. Bevor der Tee herumgereicht wurde, erklang zum letztenmal der Flügel unter des Pianisten gewandten Händen mit dem Feuerzauber aus der Walküre, und in Anbetracht der hier genossenen Gastfreundschaft stimmte sich des Virtuosen Nibelungenseele sanft und weich, und er schloß mit Beethovens wunderbarer Cis-Moll-Sonate.

Zum Abschluß bat Frau van der Lohe um ein Lied, und von Hahn an den Flügel geleitet, sollte Rose singen. Um nicht den Eindruck zu erwecken, als zierte sie sich, schlug sie aufs Geratewohl ein Heft mit Liedern von Brahms auf, und Leßwitz begann die Begleitung zur »Liebestreu«:


»O versenk', o versenk' dein Leid, mein Kind,
In die See, in die tiefe See!«


Das war ein Lied für ihre Stimmung! Gerade den Vortrag dieses Liedes hatte Leßwitz stets getadelt, heute, da sie es erlebt hatte, sang sie es mit packender Gewalt.


»Und die Treu', und die Treue, 's war nur ein Wort,
In den Wind damit hinaus!
O Mutter, und splittert der Fels auch im Wind,
Meine Treue, die hält ihn aus!«


Sie hatte geendet, aber über dem kleinen Kreise blieb es wie ein Bann zurück, und mit Ausnahme von Carola zerstreuten sich die anderen wortlos in den Nebenräumen. Van der Lohe war in die offene Tür zur Terrasse getreten – es war so seltsam über ihn gekommen, er wußte nicht, wie! Ihm war, als läge ein tiefes Rätsel verborgen in den erschütternden Klängen dieses Liedes – ein unlösbares Rätsel. Hatte er Rose unrecht getan? Trotz aller Beweise?

Rose war selbst überrascht von der Gewalt des Ausdrucks, den sie in das Lied gelegt hatte. Verwirrt und beschämt, sich mit ihrem wahren Gefühl verraten zu haben, trat sie rasch zum Teetisch und besorgte dort mit fliegender Hand die Zubereitung des Getränkes.

»Welche Tragödie ist dieses Lied,« sagte Carola, noch ganz unter dem erhaltenen Eindruck.

»Ich mag es nicht,« erklärte Frau van der Lohe, »es schnürt einem förmlich die Brust zu. Dergleichen musikalische Leidenschaftsausbrüche machen mir stets einen unangenehmen Eindruck.«

»Einen erschütternden,« berichtigte Carola und fügte scherzend hinzu: »Tante, ich möchte wissen, ob du jemals einen Herzensroman gehabt hast.«

»O ja, Kind! Aber er hat mit Haß geendet,« erwiderte die alte Dame versonnen.

»Ein Herzensroman mit Haß – das ist ja wundervoll! Bitte, Tante, erzähle!«

»Ach, die alten Geschichten!« machte Frau van der Lohe abwehrend. »Das war lange vorher, ehe ich deinen Onkel heiratete, Carola, aber ich muß sagen, – überwunden ist's heute noch nicht ganz.«

»Tante, erzähle,« quälte Carola schmeichelnd. Die alte Dame seufzte.

»Es war ja am Ende nichts Besonderes – es faßt's nur ein jeder verschieden auf. Einer zieht fürs Leben daraus Milde und Güte, des anderen Herz versteint – es kommt eben auf den Charakter an. Du kennst ja die Geschichte des Stahleckschen Prozesses. Nun wohl, das Gut meines Vaters grenzte mit dem unsres Nachbarn, Freiherrn von Fels, eng zusammen. Nur in der westlichen Richtung ihres Besitzes lag ein Stück Land, etwa 60 Morgen groß, das die Güter trennte, die Ursache und der Gegenstand eines durch drei Generationen gehenden Streites, denn die Stahlecks behaupteten ihr Recht darauf ebenso hartnäckig wie die Fels; ein jeder behauptete, die Beweise zu besitzen, die ihm Anspruch auf das Land gaben. Mein Großvater hatte den Prozeß gegen den damaligen Freiherrn begonnen, er wurde fortgeschleppt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, immer erbitterter, heftiger, halsstarriger. Es war kein Ausweg, die klügsten Advokaten verzweifelten an diesen verwickelten Rechtsansprüchen und schoben die Entscheidung auf den Jüngsten Tag hinaus. Die Folge davon war, daß der fragliche Flecken Landes brach liegen blieb, und daß die Stahlecks sowohl wie die Fels verarmten; der unselige Prozeß fraß ihre Vermögen langsam und sicher auf und drohte, ihnen den Bissen vom Munde zu nehmen.

Als ich heranwuchs, waren wir und unsere Nachbarn fast nur noch auf die verfallenen Eulennester von Herrenhäusern angewiesen, soweit war es schon gekommen. Mein Bruder, Olgas Vater, mußte die Militärlaufbahn aufgeben und erhielt später den Posten eines auswärtigen Konsuls, der Sohn unseres Gegners hatte mit großen Opfern studiert und die hohe Forstlaufbahn eingeschlagen. Er war ein schöner, großer Mann; wir sahen uns, durch den Haß unserer Eltern getrennt, erst zufällig auf Spaziergängen, dann öfters verabredet und zuletzt wechselten wir die Ringe – wir liebten uns! Doch es kam anders. Als mein Vater starb, wollte mein Bruder Frieden schließen, aber sein herzlicher, offener und wohlgemeinter Antrag wurde schroff zurückgewiesen, und der Freiherr starb, nicht ohne erlebt zu haben, daß der Streitgegenstand zwangsweise verkauft wurde, um die Prozeßkosten zu decken. Ich wartete geduldig, ob mein Geliebter kommen würde, mich zu holen – es war ja nun zu Ende mit dem alten Streit, aber er kam nicht – und ich wartete und härmte mich ab.

Endlich kam ein Brief von ihm. Er enthielt meinen Ring – weiter nichts! Egon von Fels war meineidig an mir geworden, er hatte mir die besten Jahre meines Lebens geraubt, mein Herz mit Füßen getreten, mich ehrlos im Stich gelassen –«

Klirr – eine Tasse fiel zerbrechend auf den Boden, und Rose stand zitternd und glühend vor der Anklägerin.

»Das ist nicht wahr!« rief sie atemlos.

»Fräulein Eckhardt, wie können Sie sich unterstehen – was geht der Freiherr Egon von Fels Sie an?« sagte Frau van der Lohe, erstaunt und entrüstet.

»Er war mein Vater!« erwiderte Rose außer sich.

Frau van der Lohe lehnte sich schwer atmend in ihre Kissen zurück.

»Und Sie,« brachte sie endlich hervor, »Sie, seine Tochter, haben sich unter fremdem Namen in mein Haus eingeschlichen! O, das ist stark!«

»Ich habe ja nicht gewußt, daß Sie diejenige sind, von der mein Vater noch im letzten Augenblick seines Lebens sprach,« erwiderte Rose. »Er starb, bevor er mir Ihren Namen nennen konnte, gnädige Frau, nachdem er mir gesagt, daß sein Vater auf dem Sterbebett ihm den Eid abgenommen hatte, Ihnen zu entsagen. Und mein armer Vater tat es mit blutendem Herzen. ›Rose,‹ sagte er mir in der Stunde seines Scheidens, ›Rose, wenn du ihr einst begegnest, die ich geliebt, so liebe sie auch, mache mein Unrecht an ihr gut!‹

Die Verhältnisse trieben mich hinaus in die Welt, und ich nahm den Namen meiner Mutter an, damit der Titel einer Baronesse mir nicht zum Hindernis wurde, eine Stellung zu finden. Überdies geschah es mit der Einwilligung meines Vormundes. Und nun verzeihen Sie mir, wenn ich allzu heftig war, gnädige Frau, ich verteidige ja nur meinen Vater.«

Die alte Dame sagte kein Wort – sie wies Rose mit einer Bewegung zurück und ging hastig in ihr Zimmer, um erst ruhiger zu werden, denn der alte, langgenährte Haß war wieder wach in ihr und übertrug sich, da das Grab den Vater deckte, auf die Tochter.

»Sie hätte nie meines Sohnes Gattin werden dürfen,« dachte sie, »nie, nie, nie! Die Gefahr ist jetzt vorüber, aber ich werde dennoch wachen. Ich würde lieber zu allen Mitteln greifen, ehe ich Egons Tochter als die meine anerkennen würde. – Egons Tochter!«




O Gürtel und Schleier, o schwarzes Gewand,
Der Heini von Steier ist wieder im Land.
Scheffel


Eine schwüle Luft war's, die in der nächsten Zeit das Eichberger Haus durchwehte, ein unsagbar drückendes Unbehagen. Sonnenberg war der einzige, der sich seine Unbefangenheit zu wahren gewußt hatte und mit Olga, die unbefangen scheinen wollte, die Kosten der Unterhaltung trug.

Van der Lohe war wenig oder gar nicht zu sehen; er fuhr und ritt nach den Werken, bisweilen auch nach der Stadt und hielt sich viel in seinem Arbeitszimmer auf. Seine Mutter schürte insgeheim ihren alten Haß, aber sie war gleichmäßig in ihrem Benehmen gegen Rose, deren Ausstattung sie förderte, als ob sie die Vermählung gar nicht abwarten könnte. Daneben wachte sie mit Argusaugen darüber, daß ihr Sohn mit dem jungen Mädchen niemals unter vier Augen zusammenkam, und Olga half ihr dabei nach Kräften; es lag ja auf der Hand, daß in diesem Falle Worte der Erklärung fallen mußten, und dem mußte vorgebeugt werden. Dies wurde den beiden Wächtern übrigens leicht genug gemacht, denn Rose war viel auf ihrem Zimmer, das sie der stetigen Begleitung Olgas auf ihren Spaziergängen, denen sich die wachsame, kluge Frau stets anzuschließen wußte, vorzog.

Auch vermied sie selbst soviel wie möglich, van der Lohe zu begegnen, nachdem sich der Abgrund zwischen ihnen durch Olgas Lüge geöffnet hatte und das »eine Wort« ungesagt blieb. Nicht, daß sich Jo oder Rose gescheut hätten, dieses Wort der Frage, der Erklärung zu sprechen,

nicht, daß es ihnen etwa auf der Zunge schwebte, wenn sie einander sahen – nein, sie dachten nicht daran. Sie waren beide zu stolz, als daß sie noch einmal versucht hätten, einander zu begegnen. Van der Lohe fand sie, die ihm beim Scheiden erst das süßeste Wort gesagt, bei seiner Rückkehr als die Braut eines anderen vor – damit war sie ihm verloren, und Rose, im Wahn, daß er ein frevelhaftes Spiel mit ihr getrieben, legte ihre Hand in ihrer Herzensangst und um sich vor ihm, vor sich selbst zu retten, in die eines Menschen, der ihr unangenehm und gleichgültig war.

Alles dies war für die anderen gekommen wie der Dieb in der Nacht, sie wußten keine Erklärung. Am meisten berührte es Carola und den Professor, denn beide hingen von Herzen an den zwei Menschen, die sie für einander bestimmt geglaubt hatten. Sie sannen dem Grunde dieses plötzlichen Umschwunges nach, sie sannen auf Besserung, aber was konnten sie tun? Der Tatsache gegenüber waren beide ohnmächtig. Sonnenberg war, wie gesagt, der einzige Unbefangene. Es tat ihm zwar sehr leid, daß er nicht der Glückliche war, der Roses Hand erringen konnte, aber das hinderte ihn durchaus nicht, ihr seine Huldigungen weiter darzubringen. Über das Duell machte er sich auch nicht viel Kopfzerbrechen; die Sache war abgetan und damit Punktum, denn über Dinge, die er nicht begriff, ging er hinweg.


»Was hilft es, den Kopf zu zerbrechen mit Dingen, die ganz unerklärlich,
Lasse man jedem das Seine, und mich geht es schließlich nichts an,«


sagte er sich selbst, über seine geliebten Hexameter stolpernd wie über ein Stoppelfeld. Des genialen Kunstjüngers Theorie war jedenfalls vernünftig, leider aber in der Praxis nicht für alle menschlichen Naturen ausführbar. Sich um anderer Leute Angelegenheiten zu kümmern, ist eine Hauptsorge des menschlichen Geistes, vor der das liebe »Ich« häufig zurückstehen muß.

Baron Hahn war seit einigen Tagen fort und hatte seiner Braut immer nur unterwegs seine Herzensergießungen mitteilen können, die Rose ungelesen beiseite legte. Es war ihr unmöglich, diese schalen Worte zu lesen, die in ihr nur das Gefühl der Abneigung vermehrt hätten.

Endlich kam der bang erwartete Brief aus Hochfelden. Hahn teilte Frau van der Lohe mit, daß er natürlich die Einwilligung von Roses Vormund erhalten habe und binnen kurzem in Eichberg eintreffen würde, um den Hochzeitstag zu bestimmen und sehr zu beschleunigen; er erwarte demnächst seine Berufung als Legationsrat zur B.schen Gesandtschaft und wolle seinen Posten nicht antreten, ohne die junge Baronin Hahn mitzunehmen.

»Natürlich,« rief Frau van der Lohe hastig, als sie den Brief las, »natürlich muß er das! Die Arbeiten müssen alle beschleunigt werden!«

Es war ein wahrhaft fanatischer Eifer über die alte Dame gekommen. »Nur fort mit diesem Mädchen, Egon Fels' Tochter,« war ihr einziger Gedanke, »fort, mir aus den Augen, Jo aus dem Sinn! Er liebt sie noch, und ehe ich's erleben muß, daß mein Sohn –«

Sie wagte das gar nicht auszudenken, so sehr hatte der alte Familienhaß sie wieder in den Klauen.

Zugleich mit Hahns Zeilen kam an Rose ein Brief ihrer mütterlichen Freundin, Frau von Hochfelden, die ihr Glück wünschte, aber kein Wort über den Bräutigam schrieb. Wie ein leiser Vorwurf war es zwischen den Zeilen zu lesen, daß Rose ihrer bei dieser Wendung ihres Lebens mit keinem Worte gedacht, ein stummer, aber schmerzender Vorwurf; nicht eine Zeile daneben von einem Wunsch nach einer Mitteilung, nur das Bedauern, daß Frau von Hochfeldens Hand Rose nicht den Brautkranz winden durfte.

Dieser Brief von der treuen Hand der verehrten Frau machte Rose noch elender, als sie schon war, und sie war nahe daran, Eichberg zu verlassen, um in die Arme ihrer Freunde zu flüchten, und Frau van der Lohe ihre Aussteuer, Hahn seinen Ring zurückzugeben. Aber auf der Schwelle dazu stockte ihr Fuß, und die Scheu vor dem Gerede der Welt hielt sie zurück.

»Ich muß wahnsinnig gewesen sein, als ich Hahn mein Jawort gab,« dachte sie, »wie er auch drängte, mein ›Nein‹ hätte mich wenigstens vor diesem Elend bewahrt. Aber da klang Jos Schritt die Treppe herauf, ich hörte seine Stimme, und da war es vorbei. Er mußte gleich, sofort sehen, daß sein Spiel mich nicht getroffen – o mein Gott, wie soll das enden?«

Dann wurde sie zu Frau van der Lohe hinabgerufen – Hahn war angekommen. Sie zeigten ihr die mitgebrachten Urkunden, es war alles in Ordnung, und der Baron wollte sofort zum Eichberger Pfarrer hinab ins Dorf, um das Aufgebot und die Trauung zu bestellen. Zeugen sollten nur die im Landhause Anwesenden sein, von Hochfelden konnte oder wollte niemand kommen.

»Muß es denn gleich sein?« fragte Rose leise, »ich wäre so gern vorher noch einmal nach Hochfelden gefahren.«

»Dahin reisen wir nach der Hochzeit,« entgegnete Hahn bestimmt. »Nein, nein, Sie sind hier nötig wegen der Aussteuer, Fräulein Eck – von Fels,« rief die alte Dame, die nichts so fürchtete, wie eine Zusammenkunft Roses mit ihren Hochfeldener Freunden. Es konnte dort zu Auseinandersetzungen kommen – nein, als Baronin Hahn mochte sie gehen, wohin sie wollte, dann war sie unschädlich. Rose mußte sich fügen.

Johann van der Lohe ahnte nur zu gut, was seine Mutter so rastlos und eifrig machte, denn er kannte die Geschichte ihrer Jugend schon lange, den Stahleck-Felsschen Prozeß und den alten Familienhaß; die »schwäbischen Montecchi und Capuletti« wurden die beiden Familien sprichwörtlich genannt. Ihm war nur die Fürsorge seiner Mutter für die Tochter ihres untreuen Verlobten ein psychologisches Rätsel.

Es war kurze Zeit vor dem festgesetzten Hochzeitstage, als er wieder einmal Körners Werkstatt besuchte.

»Ein seltener Gast,« rief der Künstler ihm zu, »ich dachte wahrhaftig schon, Sie hätten den Weg hierher vergessen.«

»Ich hatte viel zu arbeiten,« entgegnete van der Lohe, »es gab eine Menge zu tun.«

»Sie sollten sich mehr Ruhe gönnen, Freund,« sagte Körner mit einem Blick auf dieses ernste, ruhige Antlitz.

»Ich werde später reisen – vielleicht schon im Herbstanfang. Ich wollte schon lange einmal Ägypten sehen; vielleicht bringe ich den Winter dort zu.«

»Da sind Sie aber auch nicht sicher vor meiner Gesellschaft,« meinte Körner lachend, »wenn ich Sie dort weiß, dann mache auch ich mich eines Tages auf nach jenem Lande,


Wo der Weise stets zufrieden
Auf erhab'nen Pyramiden
Stumm in seinen Busen greift,


oder wie es sonst in jener unsterblichen ›Wanderlust‹ mit dem Kehrreim:


Dahin, Alter, laß mich ziehn!


heißt. Aber im Ernst – es kann wirklich so kommen!«

»Desto besser,« erwiderte van der Lohe herzlich, »doch ich stehe nicht für weite Ausflüge.«

»Ich auch nicht, lieber Freund!«

»Nun, dann wären wir ja einig! Topp!«

»Topp!«

Es entstand eine kleine Pause, während van der Lohe sich eine Zigarette anzündete.

»In zwei Tagen müssen wir uns ja in ein hochzeitliches Gewand werfen,« begann der Professor dann sein heikles Thema, »das ist etwas ziemlich Neues für mich, denn ich habe bisher nur einer einzigen Hochzeit beigewohnt.«

»Ich wollte, es wäre vorbei,« unterbrach ihn van der Lohe, unwillkürlich seinem Empfinden Ausdruck gebend.

»Sie meinen wegen der Unruhe? Ihre Mutter entwickelt einen Eifer, der –«

»Der einer besseren Sache würdig wäre,« vollendete van der Lohe nicht ohne Bitterkeit. »Ich ginge am liebsten gleich, um der ganzen Komödie hier zu entgehen.«

»Das können Sie Hahns wegen nicht.«

»Ich weiß! Er würde mir ein zweites Mal den Arm noch besser treffen.«

»Sicher, ich halte ihn für einen gefährlichen Menschen. Sich seiner Hochzeit, die in Ihrem Hause gefeiert wird, zu entziehen, hieße ihn auch wirklich ohne Not herausfordern.«

Van der Lohe antwortete nicht, denn dieses Thema gleichgültig zu besprechen, kostete ihn immer noch Überwindung, obgleich die Wunde ja schon nahezu einen Monat alt war. Aber der Professor ging von dem Grundsatz aus, daß die Besprechung einer Sache ihr die Spitze nimmt, und nach kurzem Besinnen sagte er herzlich: »Jo, ich kann mit Ihnen fühlen. Es ist ein hartes Ding um den Gedanken, dem verlorenen Glück die Hochzeitsfeier rüsten zu müssen! Ein verzweifelter Gedanke sogar! Halten Sie mich nicht für zudringlich und unverschämt – ich meine es ehrlich!«

»Ich weiß es,« erwiderte van der Lohe trübe. »Das Glück ist eben nicht für jedermann, Körner! Es ist eine gerechte Strafe dafür, daß ich auf ein wankelmütiges Mädchen baute.«

»Ich kann's nicht von dem Heideröslein glauben,« brach Körner aus.

»Aber die Beweise, Professor!«

»Beweise können auch trügen – da sehen Sie! – sieht eine glückliche Braut so aus?«

Van der Lohe folgte der von der Hand des Professors angegebenen Richtung. Rose ging draußen eben vorüber, das blasse Gesicht gesenkt wie eine welkende Rose am Stamm, Schmerz in den Zügen, trostlose Trauer in den Augen.

Van der Lohe sah ihr lange nach.

»Mir sagte sie beim Abschied das Wort der Liebe, und bei der Wiederkehr fand ich sie als die Braut eines andern. Wie reimt sich das?«

»Und am Abend des Tages Ihrer Abreise kam ich eben noch zurecht, um das verstörte Mädchen vom Tode zu retten. Sie ging freiwillig die Stufen der Ruine zum See hinab.«

»Körner!« rief van der Lohe emporfahrend. »Was war da geschehen?«

»Sie weigerte sich, es zu sagen. Es war eben der Anfang zu all dem; Freund, glauben Sie mir, ein Irrtum oder etwas dergleichen muß zwischen Sie und Rose Fels getreten sein. Ich kann nicht glauben, daß sie treulos ist!«

»Wie dem auch sei – es ist zu spät,« sagte van der Lohe müde.

»Zu spät,« wiederholte Körner. »Wenn Roses Charakter nicht so in sich gekehrt und verschlossen wäre, wenn sie mir vertraut hätte – bei Gott, sie weiß nicht, welchen Freund sie an mir hat. Ich kann nur – verzeihen Sie mir's – ich kann nur Ihre Mutter hinter all dem vermuten!«

Johann schüttelte den Kopf.

»Meine Mutter hat nie Augen für Herzensangelegenheiten gehabt.«

»Dafür aber andere.«

Van der Lohe antwortete nicht. Nach einer Weile sagte er scheinbar ruhig: »Es ist nutzlos, darüber zu grübeln. Ich wollte, es wäre alles vorüber, die Erwartung des Hochzeitstages ist schon ein kleiner Vorgeschmack des Fegefeuers.«

Körners Nachrichten hatten ihn aber mehr erregt, als er sich selbst gestand, und da der Verdacht einmal geweckt worden war, so dachte er anhaltend darüber nach, und kam zu dem Schluß, die Hand seiner Mutter hinter all dem Rätselhaften, das ihn umgab, tatsächlich zu suchen. Es konnte nicht anders sein – es mußte jemand einen unbewachten Blick aufgefangen und ihr hinterbracht haben. und sie, die stolze Frau, hatte wahrscheinlich ihre Vorleserin zu gering für ihren Sohn erachtet. Der Rest aber, was Rose dazu bewogen hatte, sich mit Hahn zu verloben, war und blieb ihm unverständlich.

Und so kam der Hochzeitstag heran.

Die Sonne war längst schon aufgegangen, als Rose die Augen aufschlug – sie hatte so schwer geträumt, daß sie noch ganz verwirrt war. Schnell erhob sie sich, und gerade wollte sie beim Anblick des schönen Tages leise vor sich hinsummen:


»O Sonnenschein, o Sonnenschein,
Wie scheinst du mir ins Herz hinein«,


da fiel ihr Blick auf ein zurechtgelegtes weißes, schleppendes Kleid, auf den duftigen Schleier und das brillantene Kreuz mit dem von Smaragden gebildeten Myrtenzweig darauf, das Geschenk Hahns; der Laut in ihrer Kehle erstarb – es war ihr Hochzeitstag.

Sie sah nach der Uhr; es blieben ihr noch einige Stunden der Freiheit, und die Sehnsucht ergriff sie, noch einmal den Wald zu sehen, seine Stimmen zu hören. Ungesehen schlüpfte sie zur Hintertür des Hauses hinaus und gelangte in das leise rauschende, duftige Heiligtum ihrer Kindheit. Wie im Traum ging sie dahin, das volle Weh des Abschieds kam jetzt erst über sie.

Endlich mußte sie ans Umkehren denken, und als sie sich umwandte, stand sie Johann van der Lohe gegenüber, Aug' in Aug', unausweichbar.

Sie war totenblaß geworden, und ihre Hand klammerte sich um einen dünnen Birkenstamm, denn sie fühlte die Erde unter sich wanken.

»Sie sind mir gefolgt –« stieß sie hervor.

»Nein,« erwiderte er ruhig, »es war reiner Zufall, der mich hierher führte.«

Stumm standen beide sich eine Weile gegenüber, dann sagte er leise: »Rose, warum haben Sie mir das getan?«

Diese Worte gaben ihr die Selbstbeherrschung wieder. Ein feines, durchsichtiges Rot flog über ihre Wangen, und stolz erhob sie den Kopf.

»Es wäre an mir, diese Frage zu stellen, Herr van der Lohe,« sagte sie bitter. »Bitte, lassen Sie mich vorüber – ich muß zurück.«

Aber er rührte sich nicht um einen Fuß breit hinweg. Gleich ihr hatte er sich hochaufgerichtet.

»Sie werden erst die Güte haben, mir Ihre Worte zu erklären, Fräulein von Fels!«

»Lassen Sie mich vorüber,« wiederholte sie bebend.

»Der Boden, auf dem Sie stehen, ist mein,« erwiderte er unbewegt, »ich habe also das Recht, eine Antwort zu fordern.«

»Herr van der Lohe, Sie haben einmal mit mir gespielt – Sie sollen es nie wieder versuchen,« rief Rose erglühend.

Jetzt trat er einen Schritt näher an sie heran.

»Fräulein von Fels, Sie sprechen in Rätseln,« sagte er kalt.

»Sie haben mit mir gespielt,« rief sie leidenschaftlich, »Sie haben, meine Schutzlosigkeit benutzend, mein Vertrauen, meine – meine Liebe sich zu gewinnen gewußt und damit nicht allein mich betrogen, sondern auch Ihre Braut.«

»Meine Braut?« erwiderte er erstaunt, aber sie war zu erregt, darauf zu achten.

»Sie haben mein Herz mit Füßen getreten, wissentlich, absichtlich!« fuhr sie leidenschaftlich fort, »die arme Vorleserin Ihrer Mutter war gut genug, um ihr törichte Dinge in den Kopf zu setzen, und dann haben Sie wahrscheinlich über das leichtgläubige Geschöpf gelacht, das in allem Ernst glauben konnte, der Inhaber des Hauses van der Lohe würde sich zu ihr herablassen, während sein Wort und sein Herz längst einer andern gehörten.«

Van der Lohe fuhr mit der Hand über seine Stirn – war das alles ein Traum?

»Einer andern? Wer hat Ihnen das gesagt?« fragte er aufmerksam werdend. »Wer es auch war – Sie sind betrogen worden, aber nicht von mir. Ich habe Sie geliebt aus ganzem Herzen! Wie konnten Sie nur glauben, daß ich so ehrlos sei, Ihnen von Liebe zu sprechen, während mein Wort einer andern gehörte! Rose, das war nicht recht von Ihnen – das ist härter für mich, als der Glaube an Ihre Untreue!«

»Es kam so plötzlich, so überzeugend,« sagte sie weinend, »mein Herz ist darüber gebrochen, und mein Stolz erwachte und bäumte sich trotzig auf; Sie sollten nie erfahren, daß es geschmerzt. Da gab ich dem Drängen Baron Hahns nach und wurde seine Braut; ewig, unwiderruflich wollte ich Ihnen verloren sein, nicht zum zweitenmal sollten Sie das frevelhafte Spiel mit meinem Herzen versuchen und – heute ist mein Hochzeitstag!« schloß sie verzweifelt.

Es war eine Zeitlang still unter den rauschenden Wipfeln, dann trat van der Lohe zur Seite.

»So gehen Sie denn, Rose,« sagte er, »aber vorher nennen Sie mir den Namen dessen, der Ihnen diese ungeheure Lüge gesagt hat.«

»Nein,« entgegnete sie fest, »mag sie's mit sich selbst abmachen. Es ist ja doch zu spät!«

»Es ist zu spät,« wiederholte er und setzte leise hinzu: »Sie hätten es nicht glauben sollen – die Liebe darf nicht zweifeln! Bei Gott, es war eine schändliche Tat, die uns trennte, aber Sie, Rose, durften es nicht glauben!«

Er wandte sich ab, und als er sich wieder umwandte, sah er eben noch ihr goldenes Haar hinter grünen Blättern hervorschimmern – sie war wortlos gegangen.

Der starke Mann aber, der einsam zurückblieb, weinte die ersten Tränen seit seinen Kindertagen und schämte sich ihrer nicht.

Rose ging durch den Wald wie im Traum, nicht einen festen Gedanken konnte sie fassen. Sie wußte nicht, wie ihr war, ob sie weinte oder lachte, Schmerz empfände oder Freude.

In ihrem Zimmer wartete Carola ungeduldig.

»Heideröslein,« rief sie ihr entgegen, »wo waren Sie nur! Es ist ja schon so spät, die höchste Zeit zur Brautschmückung. Wir müssen uns jetzt beeilen!«

Rose sah die kleine Dame so geistesabwesend an, daß Carola erschrocken fragte: »Rose, ist Ihnen etwas geschehen?«

»Ja, mein Hochzeitstag,« erwiderte Rose mit einem Lächeln, das Carola mit Angst erfüllte. »Sie redet irre,« dachte sie. Laut sagte sie einige begütigende Worte und begann dann mit zitternden Händen Rose den Dienst einer Brautjungfer zu leisten; sie warf ihr das schleppende weiße Kleid über, ordnete die langen, blonden Haare und schmückte sie mit Kranz und Schleier. Dann reichte sie ihr die Handschuhe und hing ihr die feine goldene Kette mit dem Brillantkreuz um den Hals – die Brautschmückung war beendet.

»Heideröslein, Sie sind schön wie ein Traum!« rief Carola bewundernd.

Drunten wartete man schon auf die junge Braut. Frau van der Lohe ging ihr entgegen in rauschendem, perlgrauem Atlaskleid, und dann fuhr die ganze Gesellschaft nach der kleinen, hübschen Dorfkirche, Frau van der Lohe zuletzt mit Rose, aber es wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt.

Im Kirchportal warteten die anderen, Hahn reichte seiner Braut den Arm und trat mit ihr vor den Altar an dem der würdige, alte Dorfpfarrer schon wartete und dann mit seiner sanften, klaren Stimme milde Worte von Pflicht, Treue und Frieden sprach, aber Rose hörte nichts davon. In ihr Ohr klangen fremde, seltsame, nie gehörte Stimmen, sie schwirrten und summten durch ihr Hirn mit der Melodie des Wahnsinns, sie hörte nicht einmal, wie laut Hahns »Ja« durch die kleine, sonnenlichtdurchflutete Kirche klang. Jetzt richtete der Priester die entscheidende Frage an sie – aber ihr Auge haftete wie gebannt an einem Sonnenstrahl, der durch das Fenster zu ihren Füßen fiel, und die Frage mußte wiederholt werden.

Da wachte sie auf.

»Nein –« rief sie laut, weithinklingend, »nein – nein tausendmal nein!«

Und dann wandte sie sich ab und lief durch die kleine zu Tode erschrockene Reihe hindurch, hinaus aus der Kirche wo die Bauersleute standen und die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, daß die »schöne rothaarige Braut‹ allein aus der Kirche kam und, als hörte und sähe sie nichts, durch das Dorf dem Park zulief, daß der Schleier in der Sommerluft wehte und die weiße, myhrtenbesteckte Schleppe den Staub der Dorfstraße aufwirbelte.

Wie von Flügeln getragen, lief sie dahin, und mit überquellendem Herzen jubelte sie singend die kühne Kadenz nach, die von einer emporsteigenden Lerche in die blaue, sonnige Luft geschmettert wurde.

Jetzt war sie am See angekommen und breitete ihre Arme aus über der unbewegten Flut, als wollte sie die ganze Welt an sich ziehen.

»Es war der Sonnenstrahl, der durch das Kirchenfenster fiel,« lachte sie glücklich. »Er zeigte mir den rechten Weg!«

Rasche, hastige Schritte auf dem Kies hinter ihr machten sie zusammenschrecken, und schon stand Baron Hahn atemlos und blaß vor Entrüstung vor ihr.

»Ich komme, Rechenschaft über Ihr unerhörtes Benehmen von Ihnen zu fordern,« stieß er heiser hervor.

»Ich konnte nicht anders,« sagte sie schnell und deutlich, »ich weiß, ich hätte früher zurücktreten müssen – es war unrecht von mir, bis zum letzten Augenblick zu warten. Wenn Sie können, so vergeben Sie mir.«

»Vergeben Sie mir!« äffte er ihr nach. »Und damit soll ich wohl wie ein begossener Pudel abziehen? Nein, so haben wir nicht gewettet! Versuchen Sie das mit anderen, ich lasse mich nicht zum Narren halten!«

In seiner Aufregung hatte er das Nahen der anderen nicht bemerkt, die ihm nachgeeilt waren; sie sahen gerade noch, daß er die Faust gegen Rose erhob.

»Aug' um Aug', Zahn um Zahn,« rief sie, ohne zurückzuweichen, mit lauter, klingender Stimme, »man hat auch mich genarrt. Jetzt aber bin ich frei – so, so!«

Und mit einem Griff riß sie Kranz und Schleier vom Kopfe und schleuderte beide zusammengeballt ins Wasser.

Das aber war zu viel für Hahns Temperament › mit einem Wutschrei vergaß er sich soweit, Rose einen Stoß zu versetzen, der ihr das Gleichgewicht raubte und sie in den See schleuderte. Ein Ausruf des Schreckens aus dem Kreise der Nachgekommenen beantwortete die rohe Tat, und ehe Hahn noch selbst zum Bewußtsein kam, trug van der Lohe Roses wassertriefende, weiße Gestalt schon ans Ufer.

Er legte sie sanft auf den Rasen, sie aber richtete sich selbst auf.

»Jetzt ist mir wieder wohl! Die kühlen Wellen haben den ganzen bösen Traum weggespült,« sagte sie mit glücklichem Lächeln.

Der böse Traum aber schwebte in Gestalt von Kranz und Schleier auf dem Wasser und sank dann unter in die Flut des Vergessens.




Und ob ein Engel Gottes dir vergäbe,
Was du gefrefelt hast im blinden Wahn,
Du weißt: Die Rache lebt, so lang ich lebe
Und nie vergißt sie, was du mir getan.
Max Kalbeck


Frau van der Lohe hielt sich für den Rest des Tages eingeschlossen in ihrem Zimmer und brachte auch die folgende Nacht schlaflos zu. Es war wie ein Fieber über sie gekommen, das sie nicht ruhen und rasten ließ und ihr den Anblick von Menschen unerträglich machte. Baron Hahn, der am Abend abgereist war, wurde von ihr nicht empfangen, nicht um seiner rohen Tat willen, nein, denn in der Seele der alten Dame war sogar das Bedauern aufgestiegen, daß der See an jener Stelle nicht tief genug gewesen. Nicht eine Spur von Mitleid empfand sie für das arme Mädchen, Egon von Fels' Tochter, denn der alte Haß gegen den Treulosen, der so lange halb vergessen geschlummert hatte, war aufs neue in ihr erwacht und erdrückte jedes bessere Gefühl und die Vernunft in ihr.

»Hätte Egon Fels mich damals nicht verlassen, mir nicht den Ring wiedergegeben, mein Herz nicht verbittert, ich wäre anders geworden, glücklicher,« klagte sie in ihrer Einsamkeit, »ich gehörte zu jenen, von denen der Dichter sagt, daß sich ihr Herz duldend wandte und voll Haß und Finsternis wurde. Ich heiratete dann ohne Liebe, den Kaufmann, des Geldes wegen – es war ja immer besser, die reiche, bürgerliche Kaufherrnfrau zu sein, als die arme verbitterte, verblühende Komtesse Stahleck, die gewendete und gefärbte Kleider trug und oft nur Kartoffeln zum Mittagessen hatte. Aber dem steinreichen Patrizier van der Lohe taten es meine von Mangel und Kummer spitz gewordenen Züge doch an, und ich – nahm seine Hand. Mein Herz spielte keine Rolle dabei, das hatte Egon Fels gehört, und er hatte es verschmäht.

Und jetzt nach langen, langen Jahren kommt seine Tochter über meine Schwelle und raubt mir meines Sohnes Herz! Hätte der See sie doch behalten, aber Jos Arm rettete sie! Er liebt sie, er wird sie zu gewinnen suchen – aber er darf nicht! Solange ich lebe, solange ich atme, wird die Tochter von Egon Fels niemals meine Tochter – nie! Ja, Egon Fels, jetzt will ich Vergeltung üben, ich werde meinem Sohne den Schwur abnehmen, deine Tochter nie zu heiraten, ich werde deine Tochter elend machen, wie du mich elend gemacht hast! Du kanntest mich schlecht, wenn du meintest, daß dein blondes Kind, das deine Augen und Züge und Haare hat, mein Herz gewinnen und den Haß sühnen würde! Nein, den alten, kaum vernarbten Haß hat dein Kind wieder zur hell lodernden Flamme angefacht! Sie muß fort aus meinen Augen – aber dann wird mein Sohn ihr nachziehen und sie doch finden! Mein Gott, welche Qualen sind das, welche Qualen!«

Für Hahn war es eine Erleichterung, seine Wirte vor seiner Abreise nicht mehr zu sehen; er sandte Mutter und Sohn nur seine Karte. Im Begriff, Olga aufzusuchen, begegnete ihm Carola, die ihm »im Auftrage der Baronesse Fels« ein kleines Päckchen einhändigte. Es enthielt seinen Ring, das Brillantkreuz und die Briefe, die er ihr geschrieben – alle uneröffnet. Einen Fluch zwischen den Zähnen murmelnd, steckte er das Päckchen zu sich und klopfte eine Minute später bei Olga an.

»Ich komme, Ihnen Lebewohl zu sagen,« begann er.

»Ah – Sie reisen?«

»Nun, ich dächte, das ist das einzige, was mir zu tun übrig bleibt! Ich bin nur froh, daß van der Lohe ausgeritten ist und seine Mutter niemand empfängt, dem Fräulein Carola habe ich mich soeben auf der Treppe empfohlen, dem Professor und Sonnenberg schicke ich Karten, da sie beide wie auf Verabredung verduftet sind.«

»Und Rose?« fragte Frau von Willmer taktlos.

»Nennen Sie mir diesen Namen nicht!« schrie er zornesrot, »ich bin fertig mit diesem undankbaren, teuflischen Geschöpf! Übrigens,« fügte er boshaft hinzu, »übrigens rate ich Ihnen, sich beizeiten von hier zu entfernen, ehe es für Sie schwül wird – der Rotkopf schrie am See sehr anzügliche Bemerkungen in die Welt hinaus; sie ist ein gefährlicher Charakter und könnte, da sie anscheinend Wind hat, unbequem für Sie werden.«

Olga lachte laut auf.

»Sie sehen Gespenster, Baron! Im schlimmsten Falle werde ich dem kleinen Mädchen doch überlegen sein.«

»Das müssen Sie allerdings besser wissen. Jedenfalls darf ich wohl annehmen, daß Sie Fräulein von Fels zu ihrem heutigen Streich nicht angestiftet haben!«

»Das ist eine ungehörige Bemerkung, Baron!«

»Wenn Sie nicht dahinter stecken, was ich annehmen möchte, so erlaube ich mir, Sie an unsern mit Handschlag besiegelten Vertrag zu erinnern.«

»Ich habe wahrhaftig Furcht, ihn einzuhalten,« erwiderte sie lachend, »Sie sind so heftig – und ich möchte nicht gern ohne weiteres ins Wasser geworfen werden.«

Hahn wurde, zu seiner Ehre sei's gesagt, rot.

»Bei Leuten, die sich verstehen, wie wir –«

»Nun denn,« erwiderte Olga zögernd, »so bereiten Sie alles vor, insgeheim natürlich, denn die Welt und – hauptsächlich meine Verwandten hier sollen mit der Nachricht unserer Vermählung überrascht werden. Ich liebe Überraschungen.«

»Wo sie angebracht sind,« erwiderte er, indem er Olgas schöne Hand an seine Lippen führte. Dann holte er das eben erhaltene Kästchen mit Kreuz und Ring heraus und legte es auf den Tisch.

»Ich erhielt die Sachen zurück; Sie nehmen sie wohl in Verwahrung, Olga!«

Mit diesem fein gebotenen Geschenk schlug der Baron zwei Fliegen mit einer Klappe. Olga empfand das auch, denn sie lächelte boshaft, und als er fort war, betrachtete sie prüfend den Schmuck.

»Gute Brillanten,« meinte sie befriedigt und legte sie in ihren Schmuckkasten, der seit heute früh auch Frau van der Lohes Halsband enthielt, die Belohnung der alten Dame für Olgas Hilfe »zur Abwendung einer drohenden Gefahr«. Diese war zwar durch das eigenmächtige Eingreifen des »kleinen Rotkopfes« wieder in vollstem Umfang da, aber Olga war durchaus nicht geneigt, ihre blitzende Belohnung wieder herzugeben.

Am nächsten Morgen klopfte Rose bei Frau van der Lohe an, die sie mit einem langen Blicke maß, ehe sie kalt fragte: »Was wünschen Sie von mir, Fräulein von Fels? Ich habe Sie nicht rufen lassen.«

»Ich komme, Sie um meine Entlassung zu bitten, gnädige Frau,« erwiderte Rose gelassen. »Zugleich möchte ich Ihnen auch für Ihre Güte danken, die ich so schlecht vergolten habe. »

»Ihre Torheiten fallen auf Sie zurück,« war die kühle Erwiderung.

»Sie haben recht, gnädige Frau,« sagte Rose bescheiden, »es war eine große Torheit, mich mit Baron Hahn zu verloben.«

»Sie hätten das vorher überlegen sollen, vor allem aber, daß dieses Haus nicht der geeignete Platz für einen Skandal wie der gestrige ist,« gab die alte Dame hart zurück.

»Was meinen Teil daran betrifft, so bitte ich um Vergebung, gnädige Frau. Baron Hahn mag für den seinigen selbst eintreten,« erwiderte Rose ruhig.

»Bitte keine Silbenstecherei, Fräulein von Fels,« fiel ihr Frau van der Lohe schneidend ins Wort. »Da Sie sich herabgelassen haben, Ihr Inkognito abzuwerfen, so weiß ich wenigstens, von wem Sie das treulose Blut geerbt haben, das falsche Hoffnungen erweckt, um dann am Altare ›nein‹ zu sagen. Ihr Vater hat an Ihnen eine würdige Tochter erzogen.«

Über Roses Wangen rannen heiße, brennende Tropfen.

»Mein Vater ist tot,« sagte sie mit bebender Stimme, »sein Herz liegt unterm kühlen Rasen, sein Mund kann weder für sich noch für mich sprechen. Man soll den Toten ihren Frieden lassen.«

»Ich habe keine Predigt von Ihnen verlangt, Fräulein von Fels!«

Rose sah die alte Dame traurig an.

»Mein Vater starb mit einem Segenswort für Sie gnädige Frau,« sagte sie warm, »das traurige Erbe des alten Hasses hat er, wie Sie am besten wissen, nie angetreten, wenn ihm auch mein Großvater den Schwur der Entsagung abnahm. Konnte, durfte er seinem sterbenden Vater den letzten Wunsch verweigern? Mein Vater hatte ein altes Lied so gern, dessen einen Vers er mir stets aufs neue einprägte. Er lautete:


Der Mensch soll nicht hassen,
Denn kurz ist das Leben,
Er soll, wenn er gekränkt wird,
Von Herzen vergeben.
Wie viel' haben auf Erden den Krieg sich erklärt
Und machen erst Frieden tief unter der Erd'!«


Es zuckte wie Wetterleuchten über das bleiche, strenge Antlitz der alten Dame; sie warf einen scheuen Blick auf das junge Mädchen, dessen Lippen so warm vom Frieden sprachen, und für einen Augenblick schwankte das Züngelein der Waage eines irregeführten Herzens.

»Ich habe Ihnen mit großer Geduld zugehört,« sagte sie dann abweisend, »also genug davon! Aber ich hätte wohl ein Recht, Sie nach dem Grund Ihres gestrigen ›Nein‹ zu fragen.«

Über Roses Wangen flog ein leichtes Erröten.

»Gnädige Frau, es war ein schwerer Irrtum, daß ich mich mit Baron Hahn verlobte. Ich habe gekämpft mit mir, redlich und hart, bis an die Stufen des Altars, ehe ich den Mut fand, meine Fesseln abzuschütteln.«

»Den Grund Ihres sogenannten Mutes kenne ich,« entgegnete Frau van der Lohe langsam. »Eine andere törichte Liebe erfüllt Ihr Herz – habe ich nicht recht?«

Rose senkte den Kopf.

»Was kann das helfen?« murmelte sie.

»Nein, es hilft nichts, gar nichts, durchaus nichts,« wurde ihr mit Nachdruck bestätigt. »Und was Ihre Entlassung anbetrifft, so kann sie erst nach Ablauf der gesetzmäßigen Zeit erfolgen. Ihr Vertrag läuft bis zum Oktober, und bis dahin werden Sie bei mir bleiben – ohne Widerrede. Haben Sie verstanden?«

»O ja,« erwiderte Rose nicht ohne Bitterkeit. »Aber ich sollte meinen, gnädige Frau, daß Sie mich nicht mehr gern sehen wollen, mein Anblick –«

»Ihr Anblick weckt freilich den alten Haß wieder,« rief Frau van der Lohe, »aber das ist meine Sache. Sie werden also bei mir bleiben, und ich werde Sie besser überwachen als vorher. Morgen verlassen Sie Eichberg mit mir, wir gehen nach der Stadt; Sie haben also heute vollkommen Zeit, Ihre Sachen zu packen. Morgen früh um Punkt 9 Uhr werden Sie bereit sein und heute Ihr Zimmer nicht mehr verlassen – nicht für eine Stunde. – Gehen Sie!«

Rose, totenbleich geworden, verbeugte sich und ging.

Was Frau van der Lohe bezweckte, war ihr unklar, sie wußte nur, daß sie eine Art Gefangene war. Heiße Tränen traten in ihre Augen, aber sie trocknete sie rasch, indem sie sich sagte, daß alles dies immer noch besser und erträglicher wäre, als die Seelenqualen der letzten Wochen und die Aussicht, Baron Hahns Frau zu werden.

Sie packte also ihren Koffer und schrieb an Frau von Hochfelden, seit langer Zeit zum erstenmal wieder:


»Nicht Undankbarkeit, nicht ein kränkendes Vergessen ließ mich Dich vernachlässigen, meine verehrte mütterliche Freundin, nein, gewiß nicht! Die alte Rose konnte Dir nicht mehr schreiben, und die Braut des Herrn von Hahn kam sich selbst zu verächtlich vor; aber jetzt ist alles wieder gut, ich bin wieder ich selbst, wenn auch nur bedingt – nach allem, was vorgefallen ist. Wie ein schwerer, schrecklicher Traum liegt das Leben der letzten Wochen hinter mir mit seinen Schmerzen und Irrtümern. Es war eine Verirrung, daß ich einem Manne, der mich kurz vorher tödlich beleidigt hatte, meine Hand reichte, in einem Augenblick des Irrsinns, des Stolzes, des Trotzes. Nun aber ist es überwunden, und ich weiß jetzt, daß der Vater mich wieder sein Heideröslein nennen würde. Es war ein schwerer Sieg, aber ich habe ihn errungen, wenn es auch Herzblut gekostet hat.«


Dann berichtete Rose Frau von Hochfelden, wie der gestrige Tag geendet, nur über ihr unfreiwilliges Bad schwieg sie, denn sie wollte die Freunde nicht erschrecken.

Carola, die Rose zu einem Spaziergang abholen wollte, war sehr erstaunt, auf eine Ablehnung zu stoßen.

»Ich habe Arrest,« sagte Rose lachend.

»Das fehlte noch, daran würde ich mich nicht kehren,« meinte Carola gleichmütig.

»Ich habe schon genug Unruhe verursacht,« erwiderte Rose, »ich würde mich durch Widersetzlichkeit nur ins Unrecht setzen.«

Carola murmelte etwas vor sich hin und verließ das Zimmer.

Am Nachmittage trat van der Lohe bei seiner Mutter ein. Er war soeben erst von einem langen Ritt heimgekehrt und fand das Haus in Unruhe vor, durcheilt von geschäftigen Dienern und packenden Zofen.

»Ah, Jo, bist du endlich zurück?« rief sie ihm entgegen.

»Ich hatte Geschäfte,« erwiderte er und setzte hinzu: »Aber was soll das bedeuten, Mutter? Ich sehe, du läßt packen?«

»Ja, ich will morgen nach der Stadt zurück, Jo. Die Königin beruft den Vorstand des Frauenvereins zu einer Sitzung ins Schloß, und da darf ich als Vorsitzende nicht fehlen; dort liegt das Schreiben, wenn du es lesen willst, es kam heute früh an.«

»Du kehrst doch nachher aber wieder nach Eichberg zurück?« fragte er befremdet.

»N–ein,« erwiderte Frau van der Lohe gedehnt, »es lohnt nicht mehr – es wird ja doch schon Herbst.«

»Sonst bist du doch aber immer bis Weihnachten hier geblieben.«

»Das Hin und Her greift mich an, ich werde lieber gleich in der Stadt bleiben!«

Van der Lohe trat ans Fenster und sah eine Zeitlang schweigend hinaus.

»Hat Hahn sich bei dir empfohlen, Mutter?« fragte er nach einer Weile.

»Ich habe ihn nicht angenommen.«

»Das freut mich; ich bin absichtlich vor seiner Abreise ausgeritten und kann nicht behaupten, daß ich ihn wiederzusehen hoffe.«

»Ich verstehe dich nicht, Jo,« rief die alte Dame gereizt. »Wenn ich nicht von dem gestrigen Skandal so sehr angegriffen wäre, so hätte ich dem Baron sicher Lebewohl gesagt und ihm mein Bedauern ausgedrückt, daß ihm in meinem Hause eine derartige Beleidigung widerfahren mußte.«

»So weichen unsere Ansichten vollständig auseinander, Mutter. Wenn Herr von Hahn nicht freiwillig gegangen wäre, so hätte ich ihn aus meinem Hause hinausgeworfen.«

»Soll das ein Scherz sein?«

»Ganz und gar nicht, Mutter!«

Frau van der Lohe rang nach Atem.

»Nun, wenn du gerecht wärst,« sagte sie erregt, »so müßtest du zuerst den schuldigen Teil an diesem unerhörten Skandal hinauswerfen. Ich habe für dies undankbare Mädchen gesorgt wie eine Mutter, und sie vergilt meine Güte mit einem solchen Auftritt – noch dazu in der Kirche!«

»Liebe Mutter,« entgegnete van der Lohe ruhig, »wir haben durchaus kein Recht, die Gefühle des Fräuleins von Fels zu zwingen oder zu tadeln. Wenn sie dem erbärmlichen Kerl im letzten Augenblick ihr verspätetes ›Nein‹ zurief, so ist das nicht unsere Sache – das menschliche Herz läßt sich eben nicht zwingen. Daß sich aber Hahn so weit vergaß, in blinder Wut das arme Mädchen in den See zu werfen, das dürfen wir ihm nicht vergeben.«

»Hahn kann viel zu seiner Entschuldigung anführen,« rief Frau van der Lohe erbittert, »daß aber das unweibliche Betragen des Mädchens von dir entschuldigt wird das ist denn doch stark.«

»Mutter! Ich begreife nicht, wie dein sonst so aus geprägtes Gerechtigkeitsgefühl dich in diesem Falle so irre führen kann!« sagte van der Lohe vorwurfsvoll.

Sie mochte vielleicht doch die Wahrheit dieser Worte fühlen, denn sie schwieg, rastlos auf und ab gehend. Dann trat sie vor ihren Sohn hin und legte ihre Hand auf seinen Arm.

»Jo,« sagte sie zaghaft, fast bittend, »nicht wahr – du – du denkst nicht mehr an sie?«

»Wie soll ich das verstehen, Mutter?«

»Jo, du weißt sehr gut, was ich meine!«

Van der Lohe strich mit der Hand über seine Stirn und sagte dann fest:

»Mutter, ich hoffe, du wirst Rose Fels zu Hochfeldens zurückkehren lassen. Du weißt also, daß sie das Glück meines Lebens ist – es schickt sich nicht, daß ich in meinem Hause, wo sie eine bezahlte Stellung einnimmt, um sie werbe.«

Frau van der Lohe trat, blaß werdend, zurück.

»Rose Fels bleibt bei mir,« sagte sie hart, »ich werde niemals in deine Verbindung mit ihr einwilligen. Ehe Egon Fels' Tochter meines Sohnes Frau wird, soll meine Zunge für ewig verstummen und meine Hand sich nicht mehr rühren können, um dich von ihr zu trennen.«

»Mutter, du lästerst,« sagte van der Lohe ernst.

»Auf meine Verantwortung,« entgegnete sie trotzig »wir wollen sehen, wer seinen Willen behält, du oder ich! Ich verwünsche die Stunde, die dieses Mädchen in mein Haus brachte. Wenn ich Himmel und Erde in Bewegung setzen sollte – ich bin zu dem Ärgsten fähig. Das bedenke.«

»So war diese Verbindung mit Hahn auch dein Werk Mutter?«

»Nein. Sie nahm seine Hand, weil sie mit schlauer Berechnung erwog, daß –«

»Halt ein, Mutter! Man hat ihr gesagt, daß ich bereits verlobt sei. Wer diese niederträchtige Lüge auf dem Gewissen hat, wage ich nicht zu untersuchen. Man hat sehr geschickt meine Abwesenheit benutzt, um meinen Angelegenheiten nachzuspüren und ein wenig Vorsehung zu spielen!«

Frau van der Lohe stützte sich schwer auf den Tisch.

»Du kannst nicht mehr daran denken, ein Mädchen heimführen zu wollen, das sich, mit einem andern am Altar stehend, benommen hat wie Rose Fels.«

»Rose Fels hat recht gehandelt, daß sie den Mut hatte, im letzten Augenblick nein zu sagen. Ich weiß nicht, ob an ihr oder mir abscheulicher gehandelt wurde durch die niedere Intrige, die gegen mich gespielt wurde!«

»Aber Jo, siehst du denn nicht ein, daß Rose Fels schlau berechnend lieber deine schwerer wiegende Hand nimmt als die bedeutend leichtere des Barons?«

Van der Lohe schüttelte heftig den Kopf.

»Mutter, das Verleumden steht dir nicht! Die Augen von Rose Fels lügen nicht, ihre klare Seele kennt keine Berechnung!«

»Jo, ich verlange, daß du diesem Mädchen entsagst.«

»Niemals, solange ich die Hoffnung habe, sie mein zu nennen!«

»So geh,« sagte die alte Dame hart, »wir haben einander nichts mehr zu sagen. Versuche es, sie zum Altar zu führen ohne meine Einwilligung; du kannst es nicht, denn ich werde es verhindern.«

»Du wirst andern Sinnes werden, Mutter.«

»Niemals, sage ich gleich dir! Die Welt kann eher untergehen, ehe ich Rose Fels meine Tochter nennen würde.«

»Die Zeit mildert, Mutter! Die alten Geschichten sind zu plötzlich wieder an dich herangetreten, du wirst später anders darüber denken. Soll denn der alte Haß erst unter der Erde enden?«

»Nur unter der Erde,« erwiderte Frau van der Lohe heftig.

Johann entfernte sich traurig, hier war vor der Hand nichts zu tun. Gern hätte er Rose noch einmal gesprochen, aber da sie nicht zu neuem Streit Veranlassung geben wollte, verließ sie ihr Zimmer nicht, und in dieses gelangte nur Carola, die ebenso wie Olga morgen mit nach der Stadt abreisen wollte. Das kleine Fräulein war im übrigen ganz erhoben durch Roses mutige Tat – so, ganz so hätte sie es gemacht, nur mit dem Unterschiede, daß sie sich mit Baron Hahn überhaupt nicht verlobt hätte.

Es war schon lange nach der Teestunde dieses letzten Tages in Eichberg, als Carola an die Tür von van der Lohes Arbeitszimmer klopfte und ihren Vetter durch ihren Besuch überraschte.

»Wie, Carola, du?« rief er ihr entgegen, »na, das ist hübsch von dir, du bist ein seltener Besuch bei mir.«

»Ich liebe es für gewöhnlich nicht, anderen Leuten lästig zu fallen,« erwiderte sie trocken, indem sie sich auf die Lehne eines Armstuhls schwang.

»Man muß sich das nicht immer einbilden,« meinte van der Lohe freundlich.

Sie machte ein Gesicht, schaukelte sich nachdenklich auf ihrer Stuhllehne und sagte dann unvermittelt: »Was hältst du von unserer plötzlich befohlenen Abreise, Jo?«

Er zuckte mit den Achseln.

»Wenn ich wie du wäre,« fuhr sie fort, »dann käme ich bald nach!«

»Ich kann nicht, Carola, ich bin in den Werken nötig.«

»Unsinn, bei dir geht's ja nicht ums tägliche Brot!«

»Das nicht, aber um das Ansehen der Firma. Da ist die große Bestellung nach Schweden, und überdies – der Professor bleibt noch hier, und da kann ich als höflicher Wirt nicht ohne weiteres fortreisen.«

»Ach was – der Professor! Der Professor nimmt das nicht übel, ich weiß es gewiß! Er hat genug Gesellschaft an seiner Marmorgruppe, die ihn jedenfalls mehr interessiert als du.«

»Schönen Dank!«

»Na, du weißt ja, wie ich's meine! Höre, Jo, komme bald nach der Stadt! Mir ist so zumut, als wärst du dort nötig. Tante ist jetzt so erregt und – und ich kleiner schwacher Krüppel kann höchstens mit der Zunge jemand verteidigen.«

Van der Lohe sah betroffen auf.

»Wie meinst du das, Carola?«

»O, nur so – weil ich dachte – weißt du, Jo, diese Reise ist so – so – warum kommt Tante nicht nach Eichberg zurück?«

Van der Lohe strich sich mit der Hand die Haare von der Stirn und sah vor sich hin, wie jemand, dem plötzlich ein Schleier von den Augen gefallen ist.

»Du hast recht, Carola,« sagte er dann ernst, »ich werde sobald wie möglich nach St. kommen.«

»Nun, das ist ein gescheiter Entschluß,« rief die kleine Dame frohlockend und setzte leise hinzu: »Tante hat sicher geheime Pläne mit Heideröslein, ich lasse mir's nicht ausreden!«

Van der Lohe antwortete nicht. Nach einer kleinen Weile verließ Carola ihre Lehne und reichte Johann die Hand.

»Gute Nacht, alter Junge,« sagte sie herzlich, »ich gehe jetzt hinauf zu ihr – hast du ihr nichts sagen zu lassen?«

»Hat sie dich zu mir geschickt?«

Carola lachte hell auf.

»Ja, da kennst du unser Heideröslein schlecht. Ehe die sich dazu herabließe, eher ›verzehrte sich ihr Leib und ihre Seele stürb' vor Sehnen.‹«

Van der Lohe lächelte, aber er sagte sehr entschieden:

»Ich hasse Zwischenträger.«

»Ich auch,« gab sie trocken zu, »wenn du ihr also irgend etwas sagen willst, so mußt du es durchs Schlüsselloch tun oder eine Leiter ans Fenster legen. Da du aber, wie ich hoffe, beides nicht tun wirst, so gute Nacht!«

»Halt, nicht so rasch, Carola!«

»Aha! Nun?«

»Glaubst du, daß Heideröslein einen Band alter deutscher Gedichte besitzt?«

»Ich weiß es sogar sicher,« erwiderte Carola aufhorchend.

»Nun gut, so sage ihr, meine Botschaft an sie wäre die vierte Strophe von Simon Dachs ›Ännchen von Tharau‹!«

»Will's bestellen,« nickte Carola und flog die Treppen hinauf zu Rose.

Deren Wangen überflog ein rosiger Schimmer, als sie stumm den Gedichtband herbeiholte und das Simon Dachsche Lied aufschlug.

»Vierte Strophe – da!« rief Carola, und Rose las halblaut:


»Würdest du gleich einmal von mir getrennt,
Lebtest da, wo man die Sonne nicht kennt,
Ich will dir folgen durch Länder und Meer,
Eisen und Kerker und feindliches Heer.«


Da fiel auf das Blatt mit dem alten Lied eine stille Träne hinab, eine Träne des Glücks.

Carola strich liebkosend über Heiderösleins Haar, dann sagte sie ein leises Gute Nacht.

Aufgeschreckt aus seliger Träumerei, erwiderte Rose es mechanisch, dann fügte sie stockend hinzu: »Carola – wenn Sie Herrn van der Lohe sehen, so – bitte, sagen Sie ihm – meine Antwort sei die zweite Strophe desselben Gedichts.«

Carola schoß wie ein Pfeil die Treppe hinab und in ihres Vetters Zimmer. Er saß noch am Schreibtisch und schien die Nahende gar nicht gehört zu haben.

»Jo!«

»Ah, du Carola?«

»Wie du siehst! Antwort: Strophe zwei aus ›Ännchen von Tharau'.«

Dann klappte die Tür zu, und das kleine Fräulein suchte ihr Zimmer und den ruhigen Schlaf derer, die zufrieden mit ihrem Tagewerk sind.

Die Strophe aber, die van der Lohe aufschlug, lautete:


›Käm‹ alles Wetter gleich auf uns zu schlan,
Wir sind gewillt, beieinander zu stahn.
Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein
Soll unsrer Liebe Verknotigung sein.«


Am nächsten Morgen war der Aufbruch. Van der Lohe hatte vor dem Hause kurz Abschied genommen, den seine Mutter mit Falkenaugen beobachtete, – Rose durfte nicht von ihrer Seite weichen.


»Wenn sich der Herbst, der Gott Bacchus geweihete, nahet,
Sieh, dann verblühen die Rosen, und also ach, scheidest auch du!«


deklamierte Sonnenberg, Rose galant die Hand küssend. »Sie sind und bleiben ein Querkopf,« rief Carola lachend, »wenn uns nicht ein unbekannter Grund von hier vertrieben hätte, so hätten's Ihre holperigen Verse sicher getan.«

»Bitte, das waren keine holperigen Verse, sondern Distichen,« entgegnete der blonde Künstler gekränkt.

»Ja, das müssen Sie vorher sagen, sonst weiß man es nicht,« entgegnete Carola lustig.

Die Reise hätte zur Pein für Rose werden müssen, wenn Carola nicht dabei gewesen wäre; sowohl Frau van der Lohe als auch Olga bemühten sich, es Rose durch Stichelreden und Anspielungen so unbehaglich wie möglich zu machen, trotzdem Carola die Hiebe parierte, als hätten sie ihr gegolten. Rose konnte sich kaum überwinden, es neben Frau von Willmer auszuhalten, die sie mit ihrer Lügenkunst fast fürs Leben unglücklich gemacht hätte, und sie war nicht imstande, irgendeine Anrede von ihr zu erwidern.

Es lag übrigens durchaus nicht in ihrer Absicht, Olga bei van der Lohe anzuklagen; die abscheuliche Intrige der schönen Witwe erfüllte Rose dermaßen mit Verachtung, daß sie um keinen Preis der Welt das Wort gefunden hätte, das ihr die wohlverdiente Strafe verschafft hätte. Olga ahnte das, und darum brachte sie es auch trotz eines leichten Unbehagens, hervorgerufen durch die immerhin etwas folternde Ungewissheit, zuwege, ihr Opfer mit Sticheleien zu quälen.

Endlich war St. und auch das Endziel, Haus van der Lohe, erreicht, dessen spitze, stuckgezierte Giebel und Erker einen wohlbekannten architektonischen Schmuck der Residenz bildeten.

»Tante, hast du schon die Zimmer für uns bestimmt?« fragte Carola bei der Ankunft, und als die alte Dame verneinte, setzte sie hinzu: »Dann kommen Sie, Rose, wir suchen uns zusammen eine Bude! Vertrauen Sie sich nur meiner Führung an, denn sonst sind Sie in diesem Labyrinth verloren – außerdem soll's hier nicht ganz geheuer sein.«

»Unsinn, Carola,« rief Frau van der Lohe, »Fräulein von Fels wird lieber allein wohnen.«

»I bewahre, Tante! Zu zweien plaudert's sich abends so hübsch, und es gruselt einem lange nicht so. Frau Peters, die Schlüssel und ein Licht!«

Damit zog Carola Rosa mit sich fort, die staunend die Ausdehnung des Hauses bemerkte.

»Nicht wahr?« nickte Carola, »ja, wenn die alten Kaufherren von Anno dazumal ein Haus bauten, dann taten sie es gleich ordentlich, damit es auch Raum gab für Aufzüge und Bankette und für die schleppenden Pfauenkleider ihrer Gemahlinnen.«

Im dritten Stockwerk hielt Carola endlich an.

»Hier sind die Rumpelkammern,« sagte sie, »es gibt köstlichen alten Plunder darin, Rose! Und hier sind ein paar prächtige, heimliche Stübchen nebeneinander, die behalten wir!«

Sie schloß eine der vielen Türen auf, um dann sofort in das geöffnete Zimmer zu treten, das allerdings Carolas Urteil rechtfertigte. Es hatte einen geschweiften, erkerhaften Giebelvorsprung, und die Rokokomöbel allein waren so einladend, daß Rose die Behaglichkeit des Zimmers, neben dem ein nicht minder verlockendes mit zwei seidenen Himmelbetten lag, dankbar anerkannte.

»Wir sind zwar hier im Olymp und mutterseelenallein,« sagte Carola, »aber da wir ja außerordentlich mutig sind, werden wir uns aus allem Spuk nichts machen.«

Rose war ganz dieser Ansicht, und nachdem ihnen Frau Peters den Tee geschickt hatte, räumten sie und Carola gleich ihre Habseligkeiten in die großen, geschweiften Kommoden ein und machten es sich dadurch behaglicher und heimischer.

Dann legten sich beide, todmüde von der angreifenden und unbehaglichen Reise, ins Bett, und bald hatte Gott Morpheus sie in das schöne Land der Träume entführt. Sie hatten aber vergessen, ihre Tür abzuschließen, und nur ihr fester Schlaf bewahrte sie vor dem Schreck, mitten in der Nacht eine hohe Gestalt in weißen Gewändern eintreten zu sehen, die mit einem Licht spähend umherleuchtete und zuletzt die sorgfältig eingeräumten Kommoden untersuchte. Fast geisterhaft war das Auftreten dieser Gestalt, unheimlich ihr stilles, emsiges Forschen. Dann trat der nächtliche Gast in das Schlafzimmer, schlug die seidene Gardine von Roses Bett zurück und sah vornüber gebeugt hinab auf die Schläferin; eine lange, magere und weiße Hand mit krallenartig gekrümmten Fingern streckte sich bis an Roses Hals aus und – fuhr wieder zurück. Drei-, viermal wiederholte sich dieselbe Bewegung, dann stöhnte die weiße Gestalt leise und verließ das Zimmer.

Aber kaum war sie hinaus, als Carola lautlos ihr Bett verließ und durch das Schlüsselloch das Nebenzimmer beobachtete, doch sie sah nur noch den nächtlichen Besuch durch die Tür nach dem Flur verschwinden. Sofort flog sie vorwärts und schob lautlos den Riegel des Schlosses vor. Jetzt erst atmete sie auf, machte Licht und sah sich um. Aber keine Spur verriet die Anwesenheit eines anderen – es war alles in Ordnung. Etwas blaß kehrte sie in das Schlafzimmer zurück und fand Rose wach und verwundert umherschauend.

»Carola, sind Sie eine Nachtwandlerin?« fragte sie lachend und setzte dann erschreckt hinzu: »Aber wie blaß Sie sind!«

»Ich glaubte einen Geist zu sehen,« erwiderte Carola mit einem Versuch, spöttisch auszusehen.

»Sie haben geträumt!«

»Wahrscheinlich, Heideröslein.«

»Der Mond scheint so hell in das Zimmer, wenn's Ihnen recht ist, wollen wir die Vorhänge zustecken,« sagte Rose nach einer Weile. »Ich hatte eben einen garstigen Traum, – der Alp hat mich gedrückt.«

»Ja, ja! 's ist nicht geheuer in dem alten Kaufherrnhause,« sagte Carola, indem sie sich schüttelte.

»Und doch waren Sie so sehr mutig,« neckte Rose. »Wollen wir noch plaudern? Ich meine, daß es besser wäre, wir schliefen.«

»Schlafen wir! Gott behüte Sie, Heideröslein.«




Jetzt zuckt und flammt um den Berg ein Licht,
Die grauen Wolken verfliegen,
Es kommt mit neidisch gelben Gesicht
Der Vollmond aufgestiegen.
Er scheint so grell, er scheint so fahl,
Er scheint mir mitten in Weinpokal,
Das kann nichts Gutes bedeuten.
Scheffel


Die nächsten Tage vergingen für Rose in dem Durchforschen des alten Patrizierhauses. Carola zeigte ihr die Prachtgemächer, die Raritätensammlung, die Bibliothek, die Waffensammlung und endlich die Rumpelkammern. Welch Genuß, darin herumzustöbern, die halbvergessenen Bücherkisten zu durchsuchen, alte Gewänder aller Jahrhunderte zu bewundern, verbannte Gemälde zu betrachten, Handschriften zu entziffern. Die Rumpelkammern sind in alten Häusern eine Fundgrabe, denn sie erzählen mehr von dem vergangenen Leben als die sorgfältig gehüteten Staatsgemächer und tadellos ordentlich gehaltenen Sammlungen; sie geben nicht nur das Bild verflossener Zeiten, sondern auch das des inneren Lebens derer, denen diese dem Staub preisgegebenen Dinge einst gehörten. Ein eigener Hauch, der eigentümliche Duft des Moders durchzieht sie, während gewaltige Spinnwebennetze die Fenster und Decken verschleiern, und die in diesen Räumen herrschende Stille hat einen seltsam feierlichen Charakter.

Rose hatte um so besser Muße, das alte Haus kennen zu lernen, als Frau van der Lohe ihrer nicht bedurfte, sehr viel ausfuhr, Vereinssitzungen abhielt und schrieb. In diesen ersten Tagen vereinten nur die Mahlzeiten die vier Damen, und dabei ging es meistens sehr schweigsam her.

Bei Olga war das Interesse für Rose im Abnehmen; Frau van der Lohe bemerkte das und versuchte, es wieder zu beleben, indem sie ruhig ihr Halsband zurückforderte, das sie Olga als verfrühten Lohn ihrer Dienste gegeben hatte. »Du hast dein Versprechen nicht erfüllt,« sagte sie kalt, »sobald dieses Mädchen keine Gefahr mehr für Jo ist, sollst du die Brillanten wieder haben!«

Olga überlegte. Nicht, daß der Wert sie besonders gereizt hätte, denn sie war nicht gerade habsüchtig, – es war mehr das Verlangen nach Rache, das sie aufstachelte zum Handeln. Was ihr früher Herzenssache gewesen war, sollte jetzt für sie zur Unterhaltung werden, doch war ihr Urteil inzwischen um vieles klarer und ruhiger geworden.

»Tante, ich fürchte, du richtest gegen Jo doch nichts aus,« meinte sie. »Wenn er etwas ernstlich will, setzt er's ja doch durch.«

Frau van der Lohe lächelte überlegen.

»Ich habe mir geschworen, daß Rose Fels niemals Jos Frau werden darf, und wenn ich das Äußerste dazu ergreifen müßte. Du mußt mir helfen!«

»Natürlich, Tante! Bist du sicher, daß Jo uns nicht hierher folgt?«

»So gut wie sicher; er kann jetzt nicht von den Werken abkommen. Ich habe schon meinen Plan entworfen, höre mich an!«

Was es auch sein mochte, das Frau van der Lohe jetzt leise in Olgas Ohr flüsterte, die verlangte Hilfe wurde ihr zugesichert.

Es wäre weit gefehlt, zu glauben, daß die alte Dame ihren Sohn nicht liebte, weil sie mit fast irrsinniger Hast an der Zerstörung seines Glückes arbeitete, – sie liebte ihn eben nur in ihrer Art. Wenn sie nie erfahren hätte, wer Rose war, wenn sie stets nur die Vorleserin Rose Eckhardt in ihr gekannt hätte, ihr starrer Stolz gegen die »bezahlte Person« hätte vielleicht nachgelassen. Aber so war es hoffnungslos. Rose von Fels war für sie ein unübersteigbares Hindernis, eine ewige Unmöglichkeit; der Haß der Montecchi und Capuletti war ein Kinderspiel gegen den der Stahlecks und Fels, trotzdem dieser Haß nur noch von einer Seite gehegt und gepflegt wurde.

Aber eines Tages wurden die Damen höchlich durch die Ankunft van der Lohes überrascht. Er kam in Gesellschaft Körners und Sonnenbergs, der lachend und auf Ehre versicherte, sie hätten es auf Eichberg ohne die Damen nicht mehr ausgehalten. Was war da zu tun? Frau van der Lohe mußte eben gute Miene zum bösen Spiel machen, was ihr um so schwerer wurde, als sie den leuchtenden Blick gewahrte, der zwischen Rose und ihrem Sohne gewechselt wurde.

Kaum daß sie diese Wahrnehmung gemacht hatte, verließ Frau van der Lohe das Zimmer und die unerwarteten Ankömmlinge und winkte Rose, ihr zu folgen. Sie stieg die Treppe voran in die Höhe und trat, gefolgt von dem staunenden jungen Mädchen, in deren Zimmer ein. Nachdem sie, für einen Augenblick ans Fenster tretend, den durch das ungewohnte Steigen verlorenen Atem wiedergewonnen hatte, sagte sie unvermittelt: »Mein Sohn ist uns gegen meinen Wunsch und Willen hierher gefolgt – ich vermute, daß Sie ihn dazu veranlaßt haben.«

»Ich?« fragte Rose erstaunt. »Ganz gewiß nicht, ich bin ebenso überrascht davon wie Sie.«

»Sie werden mir natürlich die Wahrheit nicht sagen,« fuhr Frau van der Lohe fort, »aber es muß selbstverständlich mein Wunsch sein, meinen Sohn gegen Ihre Ränke zu schützen – ah – Sie haben noch die Stirn, meine Worte zu belächeln.«

In der Tat war ein halbes Lächeln über Roses Mund gezuckt – ihre Ränke!

»Ich dachte nur, gnädige Frau, daß Herr van der Lohe wohl das Alter hätte, sich selbst zu schützen,« sagte sie ehrlich.

»Nein,« erwiderte die alte Dame heftig, »der Betörte besitzt selten die Kraft, sich aus den Netzen eines ränkevollen Weibes zu befreien. Da muß Freundes- oder Mutterhand helfen.«

»Gnädige Frau,« rief Rose empört, »ich weiß nicht, warum Sie mich so kränken! Es bedarf ja nur eines Wortes von Ihnen, und ich werde Ihr Haus verlassen.«

»Gewiß bedarf es dazu meiner Erlaubnis,« fiel ihr Frau van der Lohe kalt ins Wort. »Sie sind mir bis zum Oktober verpflichtet, und ich habe durchaus nicht die Absicht, Sie vorher zu entlassen. Für heute befehle ich Ihnen, auf Ihrem Zimmer zu bleiben, Sie werden es nur mit meiner Erlaubnis verlassen! Ich hoffe, Sie werden sich gutwillig meinen Wünschen fügen, sonst wäre ich genötigt, Sie einzuschließen!«

Rose war nicht imstande, zu antworten, Empörung und ein unbekanntes Angstgefühl machten sie stumm.

»Ich erwarte eine Antwort von Ihnen, Rose Fels,« sagte die alte Dame unbewegt.

»Ich habe keine Antwort auf solche kränkenden Worte,« entgegnete Rose mit Würde, »die Tochter von Egon von Fels steht über dem Verdacht, einer Mutter ihren Sohn gegen ihren Willen zu entfremden. Ich werde zu Ihrer Beruhigung Herrn van der Lohe freiwillig zu meiden suchen.«

»Was bürgt mir dafür?« fragte die alte Dame lauernd.

»Mein Wort,« erwiderte Rose kurz.

»Das Wort einer Fels,« rief Frau van der Lohe bitter lachend. »Ich weiß, was dieses Wort wert ist. Die Fels geben ihr Wort und brechen es wie Glas!«

Rose fühlte, daß ihre Selbstbeherrschung sie verließ, aber als sie schon das Wort zu einer heftigen Entgegnung auf den Lippen hatte, fiel ihr ein, daß sie ihrem Vater gelobt habe, der Frau, die er geliebt, auch mit Liebe zu begegnen. Den lauten Ausdruck ihrer Empörung mit aller Gewalt zurückhaltend, ging sie schnell in das Schlafzimmer, um dort mit heißen, unbewußt rinnenden Tränen ihrem bebenden Herzen Erleichterung zu schaffen.

Frau van der Lohe verließ befriedigt das Zimmer und kehrte zu ihrer Gesellschaft zurück. Sie hatte erreicht, was sie wollte – freiwillig sollte Rose ihr Zimmer hüten!

»Wo ist Heideröslein, Tante?« war Carolas erste Frage, als die alte Dame zurückkehrte.

»Sie ist in ihrem Zimmer.«

»Dann werde ich sie holen,« rief Carola aufspringend.

»Unnötige Mühe,« warf Frau van der Lohe hin, »ich habe soeben erst einen nervenvernichtenden Auftritt mit dem eigenwilligen, halsstarrigen Mädchen gehabt. Sie besteht darauf, ihr Zimmer nicht zu verlassen, solange Jo hier ist.«

Niemand antwortete auf diese Erklärung, und Frau van der Lohe mußte das peinliche Gefühl kosten, daß man ihr nicht glaubte. Der Tag verging, der nächste ebenfalls, und es wollte keine Behaglichkeit in den kleinen Kreis einziehen, zumal das belebende Element, Carola, fehlte. Die kleine Dame hatte nicht ohne einige kräftige Seitenausfälle erklärt, daß sie sich gezwungen fühle, Roses »freiwillige« Zurückgezogenheit zu teilen, und wirklich war es ihr gelungen, das arme Mädchen etwas aufzuheitern.

Aber dann kam der Tag, an dem Körner das von Eichberg hergeschaffte Modell zu seiner Gruppe den Bewohnern des van der Loheschen Hauses zeigen wollte, und er erklärte fest, daß die Hüllen ohne Roses Gegenwart nicht fallen würden; das Warum war sein Geheimnis. Frau van der Lohe strengte alles an, um Roses Mitgehen nach der Ausstellung zu verhindern, sie mußte aber zuletzt doch noch einen ausdrücklichen Befehl an Rose ergehen lassen, denn ohne einen solchen wollte diese ihr Zimmer nicht verlassen.

Die Damen fuhren nach der Ausstellung und fanden dort die Herren schon vor. Während die anderen vorausgingen, trat van der Lohe an Roses Seite und flüsterte ihr zu: »Rose, warum fliehen Sie mich?«

Ein leises Rot flog über ihre Wangen, dann sagte sie ohne Umschweife: »Nicht ich fliehe Sie, Ihre Mutter steht zwischen Ihnen und mir.«

»Meine Mutter ist eine jener Frauen, die nur langsam eingewurzelte Vorurteile überwinden können. Hat sie Sie gekränkt?«

Rose antwortete nicht, aber das leise Zucken ihrer Lippen sagte ihm, was ihr Mund ihm verschwieg.

»Rose, Sie müssen fort von hier,« sagte er gepreßt.

»Ihre Mutter läßt mich nicht gehen, ich wollte längst ein Haus verlassen, in dem mein Name verhaßt ist.«

»Das muß anders werden. Ich bringe Ihnen bald bessere Nachricht, falls Sie der Worte noch eingedenk sind:


Käm alles Wetter auf uns zu schlan,
Wir sind gewillt, beieinander zu stahn.«


»Ich vergesse nicht so schnell und bin auch keine Windfahne,« war ihre halb ernste, halb scherzhafte Antwort.

Sie waren unterdessen am Ziel angelangt und betraten ein kleines Zimmer, in dessen Mitte auf hohem Sockel die verhüllte Gruppe stand. Der Professor schlug die Fenstervorhänge zurück, trat dann vor die Gruppe, nahm den Hut ab wie zur Andacht und sagte laut und fröhlich:

»Glückauf, mein Werk, zum Eintritt in die Welt.« Ein Ruck – die Hüllen fielen und –


»Sah ein Knab' ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,«


jubelte Carola. Ja, da stand sie in höchster Vollendung, die reizende Heiderösleingruppe – lebensprühende Gestalten, und das kurzgeschürzte, barfüßige Mädchen mit den wallenden Haaren und dem Heiderösleinkranz auf dem Kopf trug die Züge von Rose Fels.

»Ich –,« rief sie errötend, beschämt und erschrocken fast über ihre eigene Ähnlichkeit. Und dann fiel ihr Blick auf die zweite Figur, die hohe, kraftvolle Männergestalt in Landsknechttracht, die Arme nach ihr ausgestreckt – Johann van der Lohe, Zug für Zug er!

»Ich muß wegen meines Piratentums um Verzeihung bitten,« sagte der Meister befriedigt. »Ganz heimlich und hinterlistig sogar habe ich meines lieben Gastfreundes Physiognomie gekapert. Heideröslein, Sie zürnen mir doch nicht?«

»Aber nein, – geschmeichelt fühle ich mich,« sagte Rose ehrlich. »Nur daß die vielen Menschen mein Gesicht sehen sollen, macht mich etwas –«

»Wer fragt danach,« fiel Frau van der Lohe ein, »aber meinen Sohn zu porträtieren, – Professor, was in aller Welt sollen die Leute denken, wenn sie den Inhaber des Hauses van der Lohe hier im Maskenanzug sehen, im Begriff ein Mädchen zu umarmen – das geht doch nicht an!«

»Nun, so was soll auch schon vorgekommen sein,« entgegnete der Professor mit Humor.

»Und dann,« fuhr Frau van der Lohe fort, »wird man fragen: Wer ist dieses Mädchen? Soll man dann antworten: Es ist die Vorleserin seiner Mutter?«

»Nein, man wird dem fragenden Publikum sagen, daß Herr Professor Körner volle Befugnis hatte, den Inhaber des Hauses van der Lohe mit seiner Braut zu porträtieren.«

Mit diesen Worten trat Johann neben Rose und legte ihren Arm in den seinen. Frau van der Lohe fuhr zurück,

wie gestochen, aber nicht ein Wort kam über ihre fest zusammengepreßten Lippen, nur in ihren Augen loderte eine unheilverkündende Flamme auf.


»Das hat mit seinem Griffel
Der Herr Professor getan,«


sang Carola im hellsten Übermut der Freude.

»Olga, deinen Arm –,« stieß Frau van der Lohe hervor, »wir wollen gehen – ich bin wohl schon zu alt für dergleichen Überraschungen.«

Sie versuchte einen Schritt zu gehen und wankte dabei so heftig, daß Rose ohne Besinnen an ihre Seite trat, um sie zu stützen. Aber mit dem Ausdruck des ungezügeltsten Abscheus stieß die alte Dame das junge Mädchen so heftig von sich, daß Rose zu Boden stürzte.

»Dort ist dein Platz,« rief sie außer sich, »dort in den Staub gehörst du, Modell für Maler und Bildhauer, und nicht ins Haus van der Lohe!«

»Mutter! Bedenke, daß du mich zugleich mit meiner Braut beschimpfst,« sagte van der Lohe mahnend, indem er Rose zu sich emporzog.

»Es geschieht dir recht, wenn du dich zu ihr erniedrigst,« brach die alte Dame aus, aber der Professor trat mit aufgehobenen Händen zwischen beide.

»Nicht hier, nicht hier,« mahnte er freundlich. »Wollen Sie Familienangelegenheiten zum Stoff der Unterhaltung für die Galeriediener machen? Ich werde Sie nach Hause bringen, gnädige Frau, Sie sind jetzt zu erregt –«

»Ich danke,« fiel sie hochmütig ein. »Ich habe meine Nichte; Sie, Herr Professor, gehören, wie ich mit Schmerz sehe, zur Gegenpartei, zu meinem unnatürlichen Sohn und – diesem Geschöpf, das Ihnen zu Ihrer leichtgeschürzten Muse als Modell diente.«

»Sie irren, gnädige Frau,« erwiderte Körner gelassen, »ich habe meinem Heideröslein die Züge des Fräulein von Fels ohne ihr Wissen gegeben, ich allein trage die Schuld daran.«

»Nun, sie wird Ihnen großmütig vergeben werden.«

Mit diesen Worten verließ Frau van der Lohe, gefolgt von Olga, die Ausstellung.

»Das ist ja ein netter Verlobungstag,« sagte der Professor, halb empört, halb traurig.

»Nein,« rief Rose sich aufrichtend, »nein, es soll keiner sein! Ich will mich Frau van der Lohe als Tochter nicht aufdrängen –«

»Halt, Rose,« rief Johann, »so liegen die Dinge nicht! Meine Mutter wird nachgeben, sobald sie einsieht, daß ich fest bleibe und sie im Unrecht ist.«

Daheim fand van der Lohe erst keinen Einlaß bei seiner Mutter, da er aber zu langen Verhandlungen mit Olga, die als Zerberus die Tür bewachte, ganz und gar keine Lust hatte, so schob er sie ohne weiteres zur Seite und trat ein, ohne verhindern zu können, daß seine Kusine ihm folgte.

»Was willst du hier? Wir haben einander nichts mehr zu sagen!« fuhr ihn die alte Dame rauh an.

»Mutter, das glaubst du selbst nicht,« erwiderte er gelassen. »Aber was ich mit dir zu sprechen habe, möchte ich ohne Zeugen sagen.«

»Bleib, Olga,« befahl Frau van der Lohe schneidend. »Willst du mich zum Nachgeben breitschlagen, Jo, dann spare dir die Mühe; willst du mir aber sagen, daß du dich meinem Willen fügst, so darf Olga es auch hören.«

»Du weißt, Mutter, daß ich von Rose Fels nie und nimmermehr lassen werde,« entgegnete van der Lohe fest.

»Schäme dich, einer hübschen Larve wegen deine eigene Mutter zu Tode zu kränken! Bist du denn blind,« rief die alte Dame händeringend, »willst du denn den Wankelmut, das überspannte Wesen dieses Mädchens nicht sehen?

Sie wird dir davonlaufen oder im besten Falle am Altar nein sagen, wie sie es in Eichberg tat.«

»Du weißt so gut wie ich, warum Rose den Mut hatte, nein zu sagen –«

»Weil du schwerer wiegst als Hahn!« fiel sie bitter ein.

»Mutter,« entgegnete van der Lohe schwer atmend, »ich möchte mich nicht gern vergessen. Rose von Fels wird selbstverständlich dieses Haus heute noch verlassen –«

»Je eher dieses Geschöpf, das mir meinen Sohn entfremdet, mein Haus verläßt, desto besser!«

»Ist es nicht wie ein Fingerzeig der Vorsehung, daß die Tochter von Egon von Fels und dein Sohn, Mutter, sich finden mußten fürs Leben?«

»Es ist die Nemesis!« rief die alte Dame mit fanatisch leuchtenden Augen, »die Wiedervergeltung! Ich liebte Egon Fels und wurde elend durch ihn; mag seine Tochter denn elend werden wie ich!«

»Und dieser Rache willst du mein Glück opfern?«

»Dein Glück! Männer trösten sich schnell,« entgegnete Frau van der Lohe kalt und ging, ohne ihn anzusehen, ins Nebenzimmer.


* * *


Professor Körner suchte seinen Gastfreund auf, sobald er ihn wieder in seinem Zimmer wußte.

»Das ist ein Tag, um Grillen zu fangen,« sagte er, »draußen regnerisches, stürmisches Wetter, Herbstvorboten, drinnen Unfrieden, drohende Wetterwolken. Ich komme, um die Grillen etwas zu vertreiben. Bedenken Sie, Freund, es ist kein Stoff so fest, daß er am Ende nicht doch einen Riß bekäme, und Frau van der Lohes Widerstand nicht so hart, daß er nicht langsam weichen sollte, wenn auch nur Linie um Linie.«

»Wir wollen es hoffen.«

»Und was soll vor allem geschehen?«

»Carola und ich werden Rose nach Hochfelden begleiten.«

»Das ist vernünftig! Und dann?«

»Dann werde ich Rose heiraten. Es wäre Wahnsinn, unser Lebensglück einem Hirngespinst zu opfern. Ist Rose erst unwiderruflich die Meine, dann wird meine Mutter sich auch mit dem bis jetzt ihr unerträglichen Gedanken versöhnen. Wissen Sie was? Wir wollen auf die schöne kommende Zeit, wenn Heideröslein als Gebieterin in dies alte Haus einziehen wird, ein Glas leeren!«

Damit war Körner einverstanden, und bald stand in silbernem Kühler eine alte, spinnwebenumwachsene Flasche vor ihnen.

Van der Lohe goß den edlen Wein in die prächtigen alten Römer, deren die Gläserkammer des Kaufherrnhauses noch eine stattliche Reihe enthielt, trotzdem sie, echt und recht, schon sehr selten geworden sind, der Professor aber zog aus einer Vase eine Rose heraus.

»Dies ist ihr Sinnbild,« rief er, »lassen Sie uns das erste Glas auf das Wohl des Heiderösleins leeren!«

Und die Gläser stießen kräftig zusammen; ein schriller Klang – Johann van der Lohes Glas brach mitten entzwei, und der Wein floß auf den Boden.

»Ein böses Vorzeichen,« sagte er betreten.

»Zufall,« rief der Professor. »Der Römer hat gewiß einen Sprung gehabt. Ein neues Glas her, das seines Alters Spur noch nicht an sich trägt, und dann ein neues Hoch aufs Heideröslein.


Mit diesem kräftigen Prall
Versuch ich das Glück von Edenhall,«


zitierte er, indem er wieder mit van der Lohe anstieß. Rein und hell klangen die Gläser aneinander, keine Spur von dem vorigen Mißklang, den Körner hinwegzuscherzen versuchte, aber das unbehagliche Gefühl des »bösen Vorzeichens« blieb, wenn auch das edle goldige Naß bald das Gespräch anregte und in heitere Bahnen lenkte.

Droben im »Olymp«, wie die Mädchen ihre Mansardenwohnung nannten, waren diese den Tag über auch von dem Unbehagen gefangen geblieben, das in seinem grauen Gewand geisterhaft durch das Haus schlich. Carola war von ihrem Vetter über die beabsichtigte Begleitung Roses nach Hochfelden unterrichtet worden und freute sich sehr darauf, das alte, jetzt so düstere Kaufherrnhaus auf ein paar Tage verlassen zu können.

Es half heute nichts, daß die kleine Dame all ihren Humor hervorsuchte, um Rose aus ihrer grauen Stimmung herauszulocken; es flog wohl dann und wann wie ein Wetterleuchten um ihren Mund, aber der ernste Zug darum blieb, und die Augen sahen nach wie vor verloren in die Ferne.

Gegen Abend, als die Lampe gebracht wurde, denn es war an dem regnerischen Tag früher finster geworden, und als der Teekessel behaglich summte, wurden auch die Herzen der beiden Mädchen leichter, und die Scherzworte flogen häufiger herüber und hinüber, wie die Sonnenblicke an einem Spätherbsttage.

Allmählich war es spät geworden unter wechselnden Gesprächen, und doch dachten beide nicht ans Schlummern. Da erwähnte Carola ein altes Buch mit interessanten Bildern, das drunten in der Bibliothek war, und da sie sich schon zur Nacht umgekleidet hatte, Rose aber noch völlig angezogen war, so erbot diese sich, das Buch zu holen und ließ sich von Carola genau seinen Standort beschreiben.

Einen Leuchter in der Hand verließ Rose den »Olymp«, von Carola mit einem Scherz entlassen, indem sie ihr einen Spruch gegen »Gespenster« mit auf den Weg gab. Die große Uhr in der Halle des ersten Stockes schlug halb zwölf, als Rose das Zimmer verließ; im Hause war alles totenstill, und scherzend meinte sie, das sei noch nicht die Geisterstunde, wogegen Carola versicherte, daß die Spukgeister im Hause van der Lohe sich an keine Stunde hielten, sie seien eigenwillig wie die ganze Kaufherrnsippe.

Das Bibliothekzimmer lag ein Stockwerk tiefer, und Rose hatte es bald erreicht. Ein mittelgroßes Gemach war es, dessen Wände mit Bücherregalen bedeckt waren, nur an den Längswänden unterbrochen von lebensgroßen Ölgemälden, einen Ratsherrn aus dem Geschlecht der van der Lohe und seine Gemahlin darstellend: er im ernsten schwarzen Talar mit riesiger Halskrause und mächtiger Perücke, sie mit hochmütigem Antlitz aus einer Tellerkrause auf ein golddurchwirktes Gewand von Utrechter Samt herniederblickend.

Rose hatte das Buch bald gefunden und nahm den Leuchter vom Tisch auf. Dabei fiel der Schein der Kerze auf das Antlitz der gemalten Ahnfrau im Goldzindelhäubchen, aber wie erstarrt blieb sie stehen, als plötzlich das Bild lautlos aus seinem Rahmen zu treten schien und auf sie zuschritt, – doch nein, das Bild verdeckte nur eine Tür, die sich in ihren Angeln bewegte und so den Eindruck machte, als stiege die Gestalt aus dem Rahmen. In der geöffneten Tür aber erschien die hohe, strenge Gestalt Frau van der Lohes.

»Was tun Sie hier?« fragte sie finster. »Wollen Sie spionieren?«

»Ich suchte dieses Buch,« erwiderte Rose sanft.

»Vorwand,« murmelte Frau van der Lohe, indem sie über die Schwelle schritt.

»Gute Nacht,« sagte Rose betreten.

»Bleiben Sie, ich habe mit Ihnen zu sprechen,« befahl die alte Dame, »setzen Sie das Licht auf den Tisch!«

Rose gehorchte, aber sie meinte innerlich, eine Unterredung zu so später Stunde mit der bösen alten Frau sei nicht gerade verlockend, besonders da ab und zu heftige Windstöße in den feuerleeren, schwarzen Kamin heulend herabfuhren.

Frau van der Lohe kehrte in ihr Zimmer zurück, das hinter der verkleideten Tür lag, und kam bald wieder, ein Schreibzeug und Papier in der Hand, das sie auf den großen runden Tisch in der Mitte des Zimmers legte. Dann setzte sie sich und heftete lange und durchdringend ihre Augen auf das junge Mädchen, das dieses stumme Verhör äußerlich ruhig, innerlich aber mit steigendem Unbehagen ertrug.

»Rose Fels,« begann die alte Dame endlich kalt und gemessen, »ich will in dieser Stunde eine Entscheidung haben.«

»Eine Entscheidung, gnädige Frau?« fragte Rose erstaunt, »und zu dieser Stunde? Könnten wir nicht morgen –«

»Morgen!« rief Frau van der Lohe höhnisch. »Morgen, damit du dich vorher mit meinem Sohn gegen mich beraten kannst. Nein, heute, jetzt, unvorbereitet sollst du mir Rede stehen. Ich kenne euch, die ihr euch gegen mich verschworen habt, aber ich bin auf meiner Hut, ich bin schlauer als ihr, ich werde alle eure Pläne durchkreuzen! Du gleißendes Geschöpf mit deinen roten Haaren, Tochter von Egon Fels, wir werden sehen, wessen Macht stärker ist, deine oder meine!«

Sie hielt atemlos inne und sah mit haßerfülltem Blick zu Rose hinüber, die sich bleich auf den Tisch stützte.

»Liebst du meinen Sohn?« fragte sie nach einer Weile.

»Ja,« erwiderte Rose ohne Zögern.

»Du lügst, Rose Fels,« rief Frau van der Lohe heftig, »du lügst, wie dein Vater gelogen hat, als er sich mein Herz durch falsche Worte erschlich! Du lügst, sage ich, denn nicht ihn liebst du, sondern sein Geld. Du willst reich sein, weiter nichts!«

Rose entgegnete kein Wort.

»Ich habe dich durchschaut, Rose Fels,« fuhr Frau van der Lohe etwas ruhiger fort, »und ich sagt dir, daß eher meine Rechte verdorren soll, ehe ich gestatte, daß mein Sohn dich heimführt. Und wenn ich sterben soll, dann werde ich ihm denselben Eid abnehmen, den dein Großvater deinem Vater abnahm, als er starb! Du bist ihm also verloren, und je eher du dies einsiehst, desto besser für dich! Hier dieses Papier – sieh es an! Es wurde mir von einer Bekannten aus England zugesandt, ich soll ihr eine Gesellschafterin suchen. Das trifft sich gut, da du doch gehen mußt. Willst du den Posten annehmen?«

»Ich will es überlegen,« erwiderte Rose, erstaunt über diese Wendung.

»Nimm ihn an, Rose Fels! Ich rate dir zum Besten. Unterschreibe diesen Vertrag!«

Rose nahm das Papier; warum sollte sie nicht nach England gehen? Eine neue Stelle mußte sie ja doch annehmen. Sie durchflog den Vertrag; er bestimmte den sofortigen Antritt des Postens, ein reichliches Gehalt und enthielt die Bemerkung, daß die Familie, in die sie eintreten sollte, noch vor Anbruch des Winters mit ihr nach Westindien abreisen würde, wo sie Besitzungen hatte. Das entschied. Rose legte den Vertrag auf den Tisch und erklärte, daß sie diesen Posten nicht annehmen würde.

»Ich dachte mir's,« sagte Frau van der Lohe. »Das war der mildere Weg, den ich Ihnen freistellte, Rose Fels. Nach Westindien zu gehen, wäre ein leichtes Entsagen gewesen, Sie wären abgereist in einen fernen Weltteil über das Meer, und mein Sohn hätte eher seine Liebe vergessen. Es ist um seinetwillen. Überlegen Sie es wohl!«

»Aber ich will ja gar nicht entsagen,« entgegnete Rose einfach, »wenigstens so lange nicht, als Jo mir nicht entsagt.«

»Er! Jo hat den van der Loheschen Eisenkopf und wird von selbst nicht zurücktreten,« rief die alte Dame fieberhaft erregt aus, »aber Sie, Rose Fels, Sie sollen entsagen. Sie wissen, alles Hoffen ist nutzlos; erleichtern Sie es ihm, wenn sie ihn wirklich lieben. Hier ist eine Feder, hier Papier. Schreiben Sie zwei Zeilen, die ich Ihnen diktieren werde, und dann gehen Sie, wohin Sie wollen.«

Rose trat totenblaß einen Schritt zurück.

»Nichts werde ich schreiben!« erklärte sie mit erstickter Stimme.

Frau van der Lohe drückte krampfhaft ihre Hand gegen die Brust.

»Wollen Sie einen Sohn seiner Mutter entfremden, wollen Sie ein heiliges Band zerreißen – für immer?« fragte sie heiser. »Wollen Sie, daß ich meinen Sohn verfluche? Entsagen Sie ihm, oder mein Fluch komme über ihn.«

»O nein, nein!« rief Rose abwehrend, »ich will es nicht, – das nicht!«

»So schreiben Sie, daß Sie ihm entsagen, unwiderruflich entsagen.«

Rose rang in entsetzlichem Seelenkampf die Hände und sank nieder auf die Knie.

»Erbarmen Sie sich,« stöhnte sie, »ich kann es nicht!«

»Gut, so gehen Sie hin, treten Sie mit ihm vor den Altar, aber bedenken Sie, daß Sie einem Verfluchten die Hand reichen! Mein Auge wird meinen Sohn nicht wiedersehen!«

Rose richtete sich langsam auf. Sie war bleich wie der Tod.

»Ich werde schreiben,« sagte sie tonlos. Sie nahm Feder und Papier und ließ sich auf einen der lederbezogenen Sessel, die an dem Tische standen, niederfallen.

Sie sah nicht das triumphierende Lächeln, das über das Antlitz der alten Dame zuckte wie ein fahler Blitz, sie wußte nur, daß sie vor einer grausamen Entscheidung stand. Die Uhr drunten im hallenden Flur schlug die Mitternachtsstunde, ein Windstoß fuhr heulend den Kaminschlot hinunter, und im Gemach knisterte es gespenstisch.

»Ich, Unterzeichnete, entsage ein für allemal –,« begann Frau van der Lohe zu diktieren.

»Allemal –,« wiederholte Rose tonlos und sah dabei zu der alten Dame empor. Aber mit einem Schrei warf sie die Feder hin, denn sie sah in ein dermaßen verzerrtes wahnsinniges Antlitz, daß eine entsetzliche Furcht sie er griff. Sie wollte emporspringen und davon laufen, aber jetzt überfiel Frau van der Lohe die irrsinnige Wut, die sie längst schon mühsam gehemmt und aufgehalten hatte, – Rose fühlte sich von den wachsbleichen, mageren Händen niedergedrückt und die krallenartigen Finger an ihrer Kehle.

»Werden Sie schreiben?« zischte es ihr ins Ohr.

»Nein – niemals! Ich würde doch nur eine Lüge schreiben,« rief Rose, verzweifelt gegen die Gewalt dieser alten Frau kämpfend, »ich würde ihm doch nicht entsagen, ich würde zeitlebens an ihn denken müssen!«

Fester und fester krallten sich die Hände der Irrsinnigen in Roses Kehle ein.

»Ich werde ihm fluchen, fluchen, fluchen,« heulte sie.

»Gott hört auf solche Flüche nicht,« sagte Rose matt.

»Entsage!«

»Nein!«

Und mit einer Kraft, deren sie sich selbst nicht bewußt war, stieß Rose die Irre von sich – erst später wußte sie, daß diese Kraft das letzte Aufflackern ihrer Lebensgeister war, denn noch ein Druck der Finger an ihre Kehle und es wäre vorbei gewesen. Bei dem Stoß, den Rose gegen sie führte, lockerten sich die grausamen Hände – das verzweifelte Mädchen löste sie vollends, ein Sprung gegen die Tür – und dann jagte sie die Treppe empor, riß die Tür ihres Zimmers auf und schob den Riegel hinter sich zu.

Carola hatte mit weit geöffneten Augen Roses Gebaren zugesehen und sprang jetzt herbei, als diese halb ohnmächtig auf den nächsten Stuhl sank.

»Rose – Rose – haben Sie einen Geist gesehen?«

Aber Rose antwortete nicht. Carola holte Wasser herbei, besprengte ihre Stirn und netzte ihr die Schläfen; dann schrie sie laut auf, denn sie hatte die blutroten Male einer Hand an Roses Hals entdeckt.

Der Schrei brachte Rose zu sich.

»Ist sie fort – kann sie mir nicht folgen?« rief sie angstvoll.

»Wir sind sicher, Heideröslein! Der Riegel ist vorgeschoben. Aber was ist Ihnen geschehen?«

»Ihre furchtbaren Finger – sie wollte mich erwürgen!«

Und schluchzend klammerte sich Rose an Carola, die mit einem unbehaglichen Blick nach der Tür sich zusammenzureimen begann, was vorläufig aus dem armen Heideröslein noch nicht herauszubekommen war.




Die Wolken fliehn, der Wind saust durch die Blätter,
Ein Regenschauer zieht durch Wald und Feld,
Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter,
Grau wie der Himmel steht vor mir die Welt.
Doch wend' es sich zum Guten oder Bösen,
Mein Lebelang in Treuen denk ich dein!
Behüt' dich Gott! Es wär zu schön gewesen,
Behüt' dich Gott! Es hat nicht sollen sein!
Scheffel


 Als Rose am nächsten Morgen die Augen aufschlug und in das helle Tageslicht sah, waren die Schrecken der vergangenen Nacht überwunden, und wenn nicht die bläulichen Male an ihrem Hals gewesen wären, sie hätte alles für einen schweren, bösen Traum gehalten. Mit der Erinnerung an das Erlebte faßte sie aber auch den festen Entschluß, nicht länger in diesem Hause zu bleiben, als unbedingt nötig war.

Während Carola daher van der Lohe aufsuchte, um mit ihm zu sprechen, packte Rose ihre Sachen – ein mäßig großer Koffer, alles in allem.

Johann erschrak heftig, als seine Kusine ihm erzählte, was in letzter Nacht geschehen war. Nachdem er kaum die Erschütterung überwunden, daß Rose, sein Heideröslein, in Lebensgefahr gewesen, da kam ihm auch die Sorge um den geistigen Zustand seiner Mutter. Er sagte Carola das Notwendigste über die Abreise, dann begab er sich zu seiner Mutter, die er matt und angegriffen auf einem Ruhebett liegend fand. Sein besorgtes Forschen nach ihrer Gesundheit und sein prüfender Blick sagten ihr, daß er von den Vorgängen der letzten Nacht wußte oder wenigstens Andeutungen empfangen hatte. Sie schien indes so vollkommen im Besitz ihrer geistigen Fähigkeiten, daß er wieder irre an seiner Besorgnis wurde.

»Fräulein von Fels reist heute ab,« bemerkte er nebenhin.

»Ah –« machte Frau van der Lohe und setzte schneller hinzu: »Das ist gut. Ich könnte mich vergessen – ihr Anblick rührt alles Schlimme in mir auf. Ich will sie vor ihrer Abreise nicht mehr sehen.«

»Das halte auch ich für das beste,« erwiderte er ruhig. »Das arme Mädchen würde ebensowenig wie du einen Auftritt wie den heute nacht vorgefallenen noch einmal ertragen können.«

Frau van der Lohe fuhr sich mit dem Taschentuch über die Stirn.

»Hat sie dir davon erzählt?« sagte sie matt »Ich traf sie heute nacht in der Bibliothek, aber wenn ich beschwören sollte, was wir gesprochen, ich könnte es nicht.«

»Rose könnte dir darüber Auskunft erteilen, Mutter,« rief van der Lohe mühsam beherrscht, »an ihrem Halse sollen sich die bläulichen Male von fünf Fingern befinden, die das arme Mädchen erwürgen wollten.«

»Du erschreckst mich! Was soll das heißen?«

»Daß Rose Fels, meine Braut, ihres Lebens unter meinem Dache nicht mehr sicher ist.«

Frau van der Lohe rang die Hände und in ihren Augen glänzten Tränen innerer Erregung.

»Jo, um Gotteswillen, erbarme dich! Das ist ja entsetzlich! Wer, wer, um alles in der Welt – wer könnte –«

Van der Lohe wandte sich erschüttert ab. Hatte sie wirklich keine Ahnung von ihrer Tat, war ihr Geist wirklich so zerrüttet? Oder – war dies alles Komödie, geschickt gespielt und geplant? Er mußte Gewißheit haben, um jeden Preis.

»Rose behauptet, du hättest es getan!«

Frau van der Lohe stieß einen gellenden Schrei aus.

»Sie lügt,« schrie sie, »sie lügt, um sich an mir zu rächen! Jo, hältst du deine Mutter dessen für fähig?«

»Nicht gern, Mutter, der Himmel weiß es,« erwiderte er ruhig.

»O welch ein Abgrund,« rief sie, »welch Gewebe, gesponnen von ruchloser Hand! Jo, du kennst meinen Willen, du weißt, daß ich dieses Mädchen nie als Tochter begrüßen werde, aber die Hand gegen sie erheben, um sie zu töten – niemals!«

»Mutter, du selbst sagtest, daß die Ereignisse dieser Nacht dir wie ein wirrer Traum wären.«

»Gewiß, gewiß,« rief die alte Dame sinnend, dann plötzlich erhob sie sich und sagte leise, scheu um sich blickend:

»Jo, siehst du denn nicht, daß sie dies nur erfindet, um mich zu verleumden? Kann sie diese Male nicht selbst sich beigebracht haben, zu ihren Zwecken?«

»Nein! Rose ist dessen nicht fähig!«

Van der Lohe verließ seine Mutter mit schmerzendem Kopf. Vor welchem Rätsel stand er? Kurz entschlossen stieg er die Treppen zum »Olymp« empor und klopfte an die Tür. Er fand die Mädchen mit Packen beschäftigt, doch ohne Carola zu beachten, ging er sofort an Rose heran, die ihm errötend und freundlich die Hand entgegenhielt.

»Rose, ich bin sehr besorgt um Sie!«

»Sie sind sehr gütig, aber ich bin ganz wohl, wirklich!«

»Carola erzählte mir –«

»Ich bin sehr böse auf Ihre Kusine,« rief Rose, »sie sollte das alles nicht erzählen, ich hatte sie darum gebeten. Wäre ich selbst nicht so erschrocken gewesen, so wäre kein Wort über meine Lippen gekommen.«

»Meine Mutter leugnet den ganzen Hergang.«

Rose zog blitzschnell ihre Hand aus der seinen.

»Sie weiß es vielleicht nicht mehr. Sie war so – so er regt, daß ich für ihren Verstand fürchtete,« sagte sie entschuldigend.

»Meine Mutter entsinnt sich, Sie in der Bibliothek gesprochen zu haben,« fuhr van der Lohe dringend fort, »aber sie war außer sich bei dem Gedanken, daß sie Hand an Sie gelegt haben sollte.«

Rose war leichenblaß geworden.

»Nun, so sollen diese Beweise reden,« rief sie erregt, riß das weiße Tuch, das ihren Hals verhüllte, ab und deutete auf die fünf grausamen Fingermale an ihrer Kehle.

»Und was sagt Ihre Mutter noch?« fragte sie.

Van der Lohe ergriff Roses Hand, die sie ihm fast heftig entzog.

»Was sagt Ihre Mutter noch?« wiederholte sie mit tonloser Stimme.

»Rose, es ist nicht mein Amt, Worte hin und her zu tragen.«

»Das genügt mir,« erwiderte sie, »ich kann mir denken, was Sie mir in Güte verschweigen. Carola, Sie müssen sich das Weitertragen von Dingen, die man Sie zu verschweigen bittet, abgewöhnen! Bei Gott, ich wollte nicht, daß Sie erfahren sollten, was Ihre Mutter mir im Irrsinn oder wissentlich getan, dem Sohne die Mutter anzuklagen, war nicht meine Absicht. Die Beweise hier an meiner Kehle werden mit der Zeit schwinden – man kann mich dann mit mehr Erfolg der Lüge und der Verleumdung zeihen!«

»Rose,« rief van der Lohe abwehrend. »Meine Mutter ist krank, sie weiß vielleicht wirklich nicht mehr, was vorgefallen ist. Rose, werden Sie vergessen können, was Sie unter meinem Dach ertragen mußten?«

»Ich bin nicht unversöhnlich,« erwiderte sie leise. »Aber ehe ich von hier fort gehe, muß ich Ihre Mutter sehen, – sie soll mir selbst sagen, was Sie mir nicht wiederholen wollen.«

»Meine Mutter wird Sie nicht mehr sehen wollen.«

»Sie hat recht, denn auch ich könnte vielleicht vergessen, daß sie Ihre Mutter ist!« rief Rose schmerzlich.

»Heideröslein, mein Heideröslein,« sagte van der Lohe innig, indem er sie an sich ziehen wollte. Aber sie trat abwehrend zurück.

»Ich scheide heute von Ihnen als eine Fremde. Ich werde Sie nie vergessen, nie im Leben. Der Himmel weiß, daß ich Sie liebe, aber mit diesem Zweifel in Ihrer Seele sollen Sie mir fern bleiben. Wenn Ihre Mutter sich noch einmal auf die heutige Nacht besinnen sollte, wenn ein Funke von Gerechtigkeit sie erleuchtet, wenn sie endlich fühlt, was sie mir getan, wenn Sie selbst überzeugt sind von meiner Rechtlichkeit, dann will ich Ihnen wieder die Hand reichen, aber ich weiß,« setzte sie trübe lächelnd und fast bittend hinzu, »ich weiß, Sie werden bald kommen nicht wahr?«

»Rose, ich habe nie an Ihrem Wort gezweifelt.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Noch müssen Sie Ihrer Mutter mehr glauben als mir! Ich sehe den Zwiespalt in Ihrer Seele und verstehe ihn. Verzeihen Sie, wenn ich in der Erregung heftig wurde.«

Van der Lohe lächelte und zog sie jetzt wirklich an sich.

»Rose, das wäre eine schlechte Liebe, die solche Zweifel hegt!« sagte er innig.

Für einen Augenblick, nur für einen kurzen, seligen Augenblick genoß Rose ihr Glück, dann blickte sie zu ihm empor und sagte mit leisem Lächeln: »Ich habe schlecht Wort gehalten – ich wollte Ihnen eine Fremde sein bis –«

»Als ob das möglich wäre, Rose,« sagte er mild, indem er mit der Hand über ihr weiches, goldenes Haar strich »Fremde können wir nicht mehr werden, wenn sich auch eine himmelhohe Mauer zwischen uns aufrichtete. Geduld, mein Herz, auch die bösen Tage werden vergehen.


Krankheit und Trübsal, Verfolgung und Pein
Soll unsrer Liebe Verknotigung sein!«


* * *


Nachdem die beiden Mädchen ihr Packen beendet, blieben ihnen noch mehr als zwei Stunden im grauen Hause, und Rose entschloß sich doch hinabzugehen, um sich bei Frau van der Lohe zu empfehlen, oder um wenigstens den Versuch dazu zu machen und damit zu zeigen, daß sie trotz allem, was vorgefallen, nicht vergessen wollte, was sie der Herrin des Hauses als solcher schuldete.

Nicht ohne ein leises Herzklopfen stand sie indes vor der Tür; wie, wenn Frau van der Lohe sie doch empfing! Es graute ihr bei dem Gedanken daran, und unwillkürlich faßte sie an ihren Hals, ob auch die krallenartige Hand nicht wieder nahe sei, um ihr mit der Kraft des Wahnsinns die Kehle zusammenzupressen.

Dennoch faßte sie Mut und klopfte an. Eine sanfte, klare Stimme rief »Herein«, und als Rose die Tür öffnete, fand sie Olga allein vor, anmutig und madonnenhaft wie immer, an einem Tische sitzend, vor sich einen hübschen Kasten mit edelsteinblitzenden Schmuckstücken, die sie mit einem weichen Lederläppchen putzte.

»Ah – Fräulein Eckhardt – Verzeihung, Baronesse Fels,« rief sie ihr entgegen.

Rose schloß die Tür hinter sich und trat näher.

»Ich wollte mich Frau van der Lohe empfehlen,« sagte sie kurz.

»Ich weiß wirklich nicht, ob Tante zu sprechen ist,« entgegnete Olga zögernd, »sie ist nach einer schlaflosen Nacht sehr angegriffen. Aber ich will einmal nachsehen. Wollen Sie fortreisen, Baroneß?«

»Ja,« erwiderte Rose widerwillig.

»Ah – und darf man fragen, wohin?«

»Nach Hochfelden.«

»Aber Sie kommen wieder?«

»Nein.«

»Gott, wie lakonisch Sie sind! Wer reist mit Ihnen?«

»Carola und – –«

»Und –?«

»Und Herr van der Lohe.«

»Ah –! Wie ritterlich!«

Rose entgegnete nichts darauf, dieses Verhör war ihr ohnedies lästig. Aber warum sollte sie verschweigen, daß Johann van der Lohe sie zu ihren Freunden begleiten wollte? Frau von Willmer legte ihr Lederläppchen beiseite und erhob sich.

»Ich glaube wirklich kaum, daß Tante Sie empfangen wird.«

Rose antwortete nicht. Im Vorübergehen blieb Olga neben ihr stehen und reichte ihr die Hand.

»Wir scheiden doch ohne Groll, nicht wahr?« sagte sie liebenswürdig, – zu liebenswürdig für Rose, die doch sonst nicht mißtrauisch war.

»Ich bin nicht unversöhnlich,« sagte sie, die hingehaltene Hand übersehend, »und ich weiß sicher, daß ich eines Tages ohne Groll auf die schlimme Zeit zurückblicken werde, die ich Ihnen verdanke. Aber ich bin nicht falsch – ich muß erst überwinden lernen.«

»Meine Schuld ist nicht so groß, wie Sie annehmen,« erwiderte Frau von Willmer sanft. »Meine Tante wollte mich zur Schwiegertochter, und ich – liebte Jo. Tante glaubte mit Bestimmtheit, daß er einer Verbindung mit mir nicht abgeneigt sei, und beredete mich zu der, wie ich jetzt einsehe, voreiligen Erklärung. Sie sehen, ich bin aufrichtig.«

Rose zweifelte an der Wahrheit dieser Worte, aber ehe sie antworten konnte, erklang nebenan eine Glocke.

»Tante ruft,« sagte Frau von Willmer aufhorchend. »Bitte warten Sie hier, Baroneß, ich kehre gleich zurück!«

Mit diesen Worten eilte sie ins Nebenzimmer und schloß die Tür hinter sich, während Rose an eins der Fenster trat und wartete. Nach einer Weile erschien ein Diener, der auf den Tisch, an dem Olga bisher gesessen, eine Platte mit Schokolade und kleinen Kuchen stellte, und sich dann leise wieder entfernte. Nach einer Zeit, die Rose sehr lang erschien, kam Frau von Willmer wieder.

»Tante verlangte, von mir umgebettet zu werden,« sagte sie eintretend, »es macht es ihr keines Dienstboten Hand so gut wie meine, ich bin stolz darauf; ah – mein Frühstück! War jemand hier?«

»Ja, ein Diener – Josef! Ich habe nicht sehr aufgemerkt!«

Ein hämisches Lächeln glitt über Olgas ruhige Züge.

»Ihre Gedanken sind freilich sehr in Anspruch genommen,« sagte sie leicht. »Tante ist natürlich zu angegriffen, um Sie zu empfangen.«

Rose dankte erleichtert für ihre Gefälligkeit und wollte sich zurückziehen; je eher sie dieses Zimmer verlassen konnte, desto lieber, denn der Gedanke, daß jene Tür sich am Ende öffnen und Frau van der Lohe auf der Schwelle erscheinen könnte, machte ihr den Boden unter den Füßen brennen. Nach einem kurzen Gruß stand Rose aufatmend draußen im Flur, und indem sie die Treppe betrat, überholte sie der Professor, der, von Sonnenberg gefolgt, eben heraufkam.

»Ah, das nenne ich Glück, daß wir Sie gerade treffen,« rief Körner ihr zu, indem er lebhaft ihre Hände ergriff, »wir kommen, Ihnen Lebewohl zu sagen. Dürfen wir mit hinauf zum Olymp?«

Rose meinte, das ginge wohl nicht an, aber Carola, die gerade von einem Ausgang zurückkehrte, lud die Herren hinauf, indem sie sich mit komischem Stolz zur Ehrendame erklärte. Von dem Geplauder hervorgelockt, erschien nun auch van der Lohe und meinte, sein Arbeitszimmer sei für eine Abschiedszusammenkunft bedeutend geeigneter, als der durch gepackte Koffer ungemütlich gemachte Olymp. Sein Vorschlag wurde angenommen, und man trat in das ruhige, heimliche Gemach ein, mit Ausnahme von Rose, die droben Ihren Koffer schließen und Hut und Mantel gleich herabbringen wollte; bald erschien sie wieder drunten in dem kleinen Kreise, der schon bei einem Imbiß saß. Im Laufe des Gesprächs erzählte Professor Körner dann, daß seit der gestern erfolgten Eröffnung der Ausstellung die Heiderösleingruppe von Schaulustigen förmlich belagert werde, und daß ihm schon mehrere Aufträge zur Ausführung in Marmor und Bronze zugegangen seien, unter denen er nun zu wählen hätte.

»Dann bitte, Körner, lassen Sie sofort den Vermerk: ›Verkauft‹ an den Sockel heften,« sagte van der Lohe, »denn ich hoffe doch, das Vorrecht zur Erwerbung zu haben! Drüben im großen Bankettsaal soll die Gruppe in Marmor einen Platz finden!«

»Zugestanden, aber erst muß sie ihre Schuldigkeit tun – nämlich meinen Namen in alle Winde tragen,« rief Körner, was van der Lohe als selbstverständlich bezeichnete.

»Auf Ihren Ruhm, Professor,« sagte Sonnenberg, sein Glas erhebend.

»Danke, gleichfalls,« erwiderte Körner bedeutsam, und Sonnenberg wurde rot.

Auf Carolas lachende Frage kam Sonnenberg endlich mit seinem Geheimnis zutage – er hatte Rose ohne deren Wollen und Wissen porträtiert und fürchtete nun eigentlich nicht so sehr ihren Zorn als die Mißbilligung van der Lohes. Dieser zog auch die Stirn in ernste Falten und machte dem etwas verdutzten Künstler den Vorwurf, daß er das Gemälde nicht vor seiner öffentlichen Ausstellung gezeigt, worauf Sonnenberg mit bedeutender Zungengewandtheit erklärte: »Das war ja meine Absicht! Ich wollte Sie alle von des Professors Meisterstück in den Gemäldesaal führen und dort im Augenblick des Knallerfolges Lossprechung erbitten. Schöner Gedanke, aber es kam anders; die Heiderösleingruppe wirkte schlimmer als der Apfel der Eris, alles stob auseinander – und für mein Bild hatte niemand Augen.«

»O doch – ich!« erklärte van der Lohe gutgelaunt. »Hören Sie, Sonnenberg, dieses Gemälde wird Sie noch nicht unsterblich machen, denn ich wünsche in der Tat nicht, Roses Gesicht auf derselben Ausstellung gar so oft angestaunt zu sehen. Ich habe es daher noch vor der Eröffnung der Ausstellung beim Direktor als ›verkauft‹ angemeldet und hierher besorgen lassen. Einen schlechten Platz hat es darum doch nicht erhalten.«

Mit diesen Worten stand er auf und trat auf seinen Schreibtisch zu, über dem die Anwesenden jetzt erst ein verhängtes Bild gewahrten. Ein Ruck, der Vorhang fiel, und Sonnenbergs »Meisterwerk« hob sich in breitem Goldrahmen recht stimmungsvoll ab von dem tiefen Purpur der Tapete. Es war im Grunde eine ganz achtungswerte Leistung, und Sonnenberg freute sich doch, daß sein Bild einen solch schönen Platz hatte.

»Vivat Heideröslein,« rief er vergnügt, und hell klangen die feinen Glaskelche zusammen.

In diesem Augenblick trat Olga von Willmer, gefolgt von Josef, dem Diener, in das Zimmer, blieb einen Augenblick in der Tür stehen und murmelte etwas, das wie »Studentenkneipe« klang.

»Verzeihung, wenn ich störe,« sagte sie schneidend, »Jo, ich komme, dich um deinen Beistand zu bitten – ich bin bestohlen worden!«

»Dann bleibt nichts übrig, als Anzeige bei der Polizei zu machen,« erwiderte van der Lohe die Stirn runzelnd, denn die Störung kam ihm so wenig gelegen wie den anderen auch. »Um was handelt es sich?«

»Um einen sehr kostbaren Anhänger, mit Brillanten besetzt.«

»Seit wann wird er vermißt?«

»Seit dieser Stunde. Ich hatte ihn eben geputzt, als Baroneß Fels eintrat, um sich bei deiner Mutter zu verabschieden. Ich ging zu Tante hinein und brachte Fräulein von Fels dann die Nachricht, daß Tante sie nicht empfangen würde. Nachdem Fräulein von Fels gegangen war, bemerkte ich, daß der Anhänger verschwunden war.«

»Es war ja aber niemand im Zimmer außer mir,« rief Rose überrascht aus.

»Doch – Josef, der meine Schokolade brachte,« entgegnete Olga lebhaft.

Die Sache war sehr peinlich, denn Josef war ein langjähriger Diener des Hauses, seine Ehrlichkeit hatte bis jetzt außer Frage gestanden. Er gab nun in kurzen Worten eine einfache Beschreibung seiner Anwesenheit im Wohnzimmer von Frau van der Lohe, die inzwischen wankend und elend aussehend in der Tür erschien und grämlich fragte, wo Olga bliebe, sie hätte schon fünfmal nach ihr geläutet. Man erklärte ihr nun den Vorfall.

»Sofortige Haussuchung ist das einzige, was dabei zu tun ist,« erklärte sie sofort.

Van der Lohe konnte sich nicht gleich dazu entschließen, er verlangte erst ein genaues Nachsuchen Olgas, ob das Schmuckstück nicht etwa herabgefallen oder unter andere gekommen sei. Nachdem festgestellt worden war, daß der Anhänger verschwunden blieb, mußte freilich gehandelt werden, und van der Lohe befahl die Untersuchung der Sachen des Dieners, der sehr gut wußte, daß ein Befehl seines Dienstherrn unabänderlich war.

»Herr van der Lohe haben zu befehlen, aber ich habe dann das Recht, Haussuchung bei Fräulein von Fels zu verlangen. Sie ist ebensogut im Zimmer gewesen wie ich!« sagte er mürrisch.

»Unverschämter,« schrie van der Lohe ihn empört an.

Aber Rose legte bittend die Hand auf seinen Arm.

»Nicht doch,« sagte sie leise, »Josef ist in seinem Recht.«

Van der Lohe biß sich auf die Lippen.

»Sie werden sofort Ihre Sachen untersuchen lassen und dann mein Haus verlassen, gleichviel ob Sie schuldig sind oder nicht,« erklärte er ruhig und bestimmt.

»Ich verlange die Untersuchung der Sachen der Baroneß zu meiner Rechtfertigung,« erwiderte der Diener achtungsvoll, aber fest.

Es war ein peinlicher Auftritt, den Rose damit beendete, daß sie ihren gepackten Koffer zur Untersuchung zur Verfügung stellte. Olga rang die Hände über den unerwarteten Ausgang der Sache, und auch Frau van der Lohe schien ein menschliches Rühren zu fühlen, denn sie versuchte, dem Diener das Unmögliche seines Verlangens klar zu machen. Aber der Mensch wurde immer hartnäckiger, je mehr Widerstand er fand, und erklärte, Herr van der Lohe sei zur Willfahrung seines Verlangens durch seine langjährigen Dienste verpflichtet, und wenn man in seinen Sachen den gestohlenen Anhänger nicht vorfände, wolle er schnurstracks auf die Polizei, um dort eine Nachsuchung bei Fräulein von Fels zu verlangen. Da unter dem vorliegenden Umstand, daß Rose längere Zeit allein im Zimmer verweilt und sie außer dem Diener die einzige Person gewesen war, die es betreten hatte, zu erwarten stand, daß die Polizei dem Verlangen des Dieners recht geben würde, so übergab Rose ihren Kofferschlüssel Frau van der Lohe, indem sie das Peinliche dieses Auftrittes durch Scherzworte zu mildern versuchte.

Während die alte Dame, von Olga gestützt, die Treppen zum »Olymp« emporstieg, gefolgt von Carola, van der Lohe, Rose und dem Diener, suchten alle Rose durch doppelte Aufmerksamkeit zu beweisen, wie sehr sie die unverschämte Forderung des Bedienten tadelten.

»Mein armes Heideröslein,« flüsterte Johann ihr zu, »mein lieber, kleiner Liebling, was müssen Sie nicht alles hier erdulden!«

»Ach, das ist ja doch nur zum Schein,« erwiderte Rose lächelnd in aller Harmlosigkeit.

Droben angelangt, setzte sich Frau van der Lohe neben Roses Koffer nieder, während Olga ihn aufschloß und die darin verpackten Sachen herausnahm. Sie schüttelte die Kleider aus, fühlte in der Wäsche herum und holte endlich zuunterst ein Arbeitskästchen hervor, das sie auf den Tisch stellte, und in dem sie, mit dem Rücken gegen die Anwesenden, herumkramte. Dann schloß sie es wieder und sagte gleichgültig: »Das wäre wohl alles; natürlich hat sich nichts gefunden. Sie haben Ihr Recht, Josef, und können gehen, ich stehe als Beschädigte davon ab, Ihre Sachen zu durchsuchen.«

Der Diener wollte einen Einwand erheben, aber eine entschiedene Handbewegung van der Lohes machte ihn verstummen, und er verschwand lautlos aus dem Zimmer, um sein Bündel zu schnüren. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, sagte Olga von Willmer scharf: »Ich habe Ihnen eine wohlverdiente Beschämung erspart, Fräulein von Fels, der Mensch sollte nicht triumphieren über eine Dame von Stande. Danken Sie mir!«

»Ich verstehe Sie nicht, gnädige Frau,« rief Rose verwundert.

»Ah – Sie ziehen diese Saiten auf. Wie Sie wollen – ich brauche dann hier unter uns keine Rücksicht mehr zu nehmen. Hier ist der gestohlene Anhänger!«

Mit diesen Worten nahm sie aus Roses Arbeitskästchen das blitzende Schmuckstück und hielt es zur allgemeinen Betrachtung empor.

Rose stieß einen Schrei des Entsetzens aus, die anderen standen starr vor Schreck. Van der Lohe trat, blaß geworden, an den Tisch.

»Olga, du lügst!« brachte er mühsam hervor.

»Lügst!« wiederholte Olga empört. »Lügt man mit dem Beweis in der Hand?«

Er ließ die Arme sinken, und ein langer, langer Blick traf Rose, die starr mit festgeschlossenen Lippen stand.

»Ich sah den Anhänger zuerst in dem Kästchen,« rief Frau van der Lohe, »ich machte Olga ein Zeichen zu schweigen, solange der Diener im Zimmer war. Diese Rücksicht ist erfüllt; wir wollen Fräulein von Fels zwar nicht öffentlich als Diebin brandmarken, aber wir haben zu fordern, daß sie sofort dieses Haus – allein verläßt. Sie hat unser Vertrauen erschlichen, um Zwiespalt zwischen Mutter und Sohn zu säen, um zuletzt zu stehlen – pfui! Gehen Sie, Fräulein von Fels, und nehmen Sie das Bewußtsein unserer Verachtung mit sich!«

»Aber Rose, so reden Sie doch!« schrie Carola erschüttert.

Doch nicht ein Laut kam über Roses Lippen. Langsam strich sie mit der Hand über ihre Stirn, und ihr Blick suchte flehend van der Lohes Auge, aber er stand finster abgewandt und sah sie nicht an.

»Jo –!« sagte sie leise.

»Rechtfertigen Sie sich!« entgegnete er rauh.

»Rechtfertigen?« wiederholte sie. »Wie soll ich denn das machen? Außerdem habe ich auf solche Beschuldigungen keine Antwort!«

»Die gewöhnliche hochtrabende Sprache solcher Leute,« bemerkte Olga verächtlich.

»Wir wollen mit der Person nicht parlamentieren,« rief Frau van der Lohe. »Sie verläßt augenblicklich dieses Haus, oder ich lasse die Polizei holen!«

Rose schickte sich sofort wortlos an, das Zimmer zu verlassen, an der Tür streifte ihr Kleid Johann van der Lohe im Vorübergehen – er stand stumm mit auf der Brust gekreuzten Armen, starr, unnahbar.

»Gott vergebe Ihnen,« sagte sie leise, fast unhörbar, – dann fiel die Tür hinter ihr zu.

Wie sie die Treppe hinab, durch Straßen, über Plätze kam – sie wußte es kaum; sie hielt es später für einen Zufall, daß sie den Bahnhof und den Zug erreichte, mit dem sie ursprünglich abreisen wollte.

Leute rannten geschäftig umher, Gepäck wurde geschleppt, Lachen, Schwatzen, – alles brauste in wildem Reigen um Rose her. Sie forderte halb betäubt eine Fahrkarte; der Mann reichte ihr eine erster Klasse hinaus, die vornehm aussehende, schöne junge Dame konnte doch nicht anders fahren, trotzdem sie keinen Hut auf hatte, keine Handschuhe trug. Sie bezahlte, der Strom drängte sie weiter, dann schob ein Schaffner sie in ein leeres Abteil, die Tür schlug zu, ein gellender Pfiff – und bald lag St. hinter ihr.

Wie lange sie gefahren, wußte sie nicht; es fing schon an zu dunkeln, als der Schaffner kam und sie aussteigen hieß. Ein feiner Regen rieselte aus schwerem Gewölk herab, es war kalt geworden, und der Wind strich von Norden über die Felder; Rose hatte nichts, um sich dagegen zu schützen; die naßkalte Luft aber klärte etwas ihre Sinne. Sie erkannte den ländlichen Bahnhof von Hochfelden und schlug gedankenlos den vertrauten Weg ein.

Durchfröstelt von dem kalten Wind, durchnäßt vom Regen ging sie durch Wiesen, zwischen öden Stoppelfeldern in die schnell hereinbrechende Nacht; sie sah den Friedhof von ferne mit seinen weißen Kreuzen durchs Dunkel schimmern, und ihr war‹s, als müsse sie trotz Nacht und Regen zu dem geliebten Grabe, um auf ihm all ihr Elend auszuweinen. Aber der Wind pfiff gar so kalt von dem Gottesacker her, die Dorfuhr schlug schon eine späte Stunde, die Bäume am Wege flüsterten und neigten sich, und die Weiden drüben auf der Wiese nahmen gespenstische Gestalten an. Ihre Stirn schmerzte, in den Schläfen pochte und hämmerte es, und die tränenlosen Augen brannten! Endlich kam sie an die bekannte Allee, an deren Ende durch die Glastür der Halle des Hochfeldener Herrenhauses die Lampe schimmerte. Näher und näher kommend, sah sie drinnen am runden Tisch die lieben, alten Freunde sitzen, sie schleppte sich die Treppenstufen empor und klopfte mit fiebernder Hand an die geschlossene Tür. Hochfeldens sahen auf, und der alte treue Freund kam, nachzusehen, wer der späte Gast wohl sein könnte.

»Rose!« rief er, noch ehe er der Schlüssel herumgedreht hatte und die Tür öffnen konnte.

»Rose!« schrie auch Frau von Hochfelden auf, als das junge Mädchen in dem nassen schwarzen Kleide, das aufgelöste goldene Haar schwer vom Regen herabhängend, über die Schwelle wankte, ohne Hut, mit müdem, gebrochenem Blick. Aber schon war Rose vor ihr niedergekniet, den Kopf in den Schoß der mütterlichen Freundin, wie sie es gern getan, wenn ihr Vater drüben Billard spielte mit dem alten Freund und das Dämmerstündchen gehalten wurde, ehe die Lampe kam.

»Rose – Rose!« vermochte die Erschrockene nur zu stammeln.

»Kind, was ist denn geschehen?« fragte Hochfelden, sich über sie beugend.

»Sie haben mich als Diebin aus dem Hause gejagt!« sagte Rose, die Augen schließend.

Ein doppelter Ausruf des Schreckens, des Staunens entriß sie der nahenden Bewußtlosigkeit. Sie erhob den Kopf und richtete sich empor, um ihr blasses Gesicht an Frau von Hochfeldens Schulter zu legen und dem Freunde ihres Vaters die Hand zu reichen. Schwere, brennende Tränen rollten über ihre kalten, blassen Wangen, während sie die Worte wiederholte, die halb im Scherz gesprochen wurden, als sie den Entschluß gefaßt, hinauszugehen ins »feindliche Leben«:




»Wenn mein Kranz verblüht,
Wenn mein Herz gebrochen,
Dann hab' ich Wiederkehr versprochen.«

Drum still, und wie es frieren mag,
O Herz, gib dich zufrieden!
Es ist ein großer Maientag
Der ganzen Welt beschieden.
Geibel


 Eine lange, bange, schwere Zeit senkte sich nun wie mit düsterem Schleier auf das freundliche Hochfeldener Herrenhaus, denn wochenlang stand der Todesengel an Roses Krankenlager und beugte sich herab, ihre Stirn zu küssen, denn immer wieder wehrte die Jugendkraft den stillen Friedensbringer ab.

Die Herbststürme kamen, entlaubten die Bäume und trieben die welken, gelben Blätter hinaus in die weiten Felder, um sie dort im Wirbel emporzuschleudern; sie pfiffen um das Haus eine wilde, tollkühne Weise und rasselten an den Fenstern des Krankenzimmers, als wollten sie auch das zarte Heideröslein drinnen, das nur noch mit einem schwachen Lebensfaden an der Erde hing, abreißen und von dannen führen im tosenden Sturmesreigen, hinauf durch den wolkenumdüsterten, bleigrauen Himmel in das ewige Licht.

Gegen Abend war's dann eines Tages draußen still geworden; im Westen teilten sich die grauen, schweren Wolkenmassen, eine helle leuchtende Strahlenflut der herabsinkenden Sonne brach hervor und fiel in das stille Krankenzimmer wie eine Verheißung, wie Erlösung.

»Licht! – Sonne! – Luft!« sagte Rose, die Augen öffnend, als der goldige Strahl auf ihre Stirn fiel. Draußen war es zwar frisch, aber nicht kalt, und Dore, hocherfreut über das erste Zeichen von Bewußtsein seit so langer Zeit, eilte zum Fenster und öffnete es, daß die frische Luft hinein konnte.

Rose blickte hinaus, still, regungslos, und sah es wie einen Schatten schweben, zum Fenster hinaus in die freie Luft bis hin zu dem scheidenden Licht, dann tauchte es in das Abendrot, um darin zu versinken.

»Hast du's gesehen, Dore?« fragte Rose leise. »Es war der Todesengel. Er ist fortgeflogen, ohne mich mitzunehmen – ich soll leben!«

 

* * *

 

Weihnachten war gekommen, und im traulichen Wohnzimmer des Herrenhauses zu Hochfelden brannte hell der Christbaum, als Rose zum erstenmal ihr Zimmer verlassen durfte.

Nach schöner alter Sitte putzte sich das einsame alte Paar alle Weihnachten den Christbaum und baute sich gegenseitig seine Gaben darunter auf, von jedem mit einem Tuch verdeckt, damit die Überraschung größer war, wenn die Glocke ertönte und das liebe, traute Weihnachtslied


»Stille Nacht, heilige Nacht«


auf dem kleinen Harmonium erklang. Heute war noch zwischen den Geschenken des Ehepaares ein dritter Platz eingeschaltet, und auch Rose fand sich reich bedacht mit Gaben der Liebe von den treuen, guten Freunden. Mit Tränen in den Augen dankte sie ihnen.

»Und ich habe nichts zu geben,« sagte sie traurig.

»Du hast dich selbst uns gegeben, mein Kind,« sagte die gütige Frau.

Aber noch kamen andere Überraschungen, denn Frau von Hochfelden brachte einen Korb herbei, der sehr geheimnisvoll verdeckt war.

»Freundesgaben von außerhalb,« sagte sie lächelnd und lüftete den Deckel. Nun schrie Rose auf vor Überraschung, denn was war da alles?

Vor allem ein kleines Alabasterstandbild, von Professor Körner selbst gefertigt, eine liebliche Engelsgestalt, deren Hände einen Rosenkranz hielten. Der Sockel trug die Worte: »Ich bin der Engel des Trostes.«

»Teurer, lieber Freund!« rief Rose bewegt.

Die nächste Gabe war ein Kasten, auf den Sonnenberg einen Strauß von Heckenrosen gemalt hatte, – »auf daß der Frühling das holde Heideröslein neu erblühen lasse«, besagte die Widmung. Die dritte Gabe war eine zartgraue Decke, mit Heckenrosen bestickt, die Carola für ihren Liebling gearbeitet hatte.

Daß die Freunde alle an sie gedacht, bewegte Rose so bis ins innerste Herz, daß sie weinen mußte, aber Frau von Hochfelden wußte, daß es nicht nur der Ausdruck der Rührung über dieses zarte Andenken war; es war der Gedanke, daß er sie vergessen hatte!

Da trat sie an das weinende Mädchen heran.

»Rose,« sagte sie freundlich, »ich habe noch etwas für dich – aber du mußt mir versprechen, ruhig zu bleiben –«

»Von – von Jo?« fragte sie stockend, und ihre Hand faßte nach dem Brief, den Frau von Hochfelden jetzt hervorzog. Dann winkte diese ihrem Gatten und führte ihn ins Nebenzimmer, damit das junge Herz seine Weihnachtsfreude allein empfangen konnte.

Roses zitternde Hände erbrachen den Brief, und im Lichte des Christbaums las sie:


»Gottes Gruß, meine Rose, zum Christabend! Rose, es darf nicht länger so bleiben zwischen uns, lassen Sie mich endlich das Wort hören, das Wort, nach dem ich mich sehne: ›Ich bin schuldlos.‹ Sie wissen, ich würde Ihnen sofort glauben, ohne weitere Frage. Aber dies Wort müssen Sie sagen, Sie müssen, wenn auch Ihr ganz begreiflicher Stolz sich dagegen auflehnt. Ich muß Ihr Wort haben, um damit Ihre Sache vertreten zu können. Überwinden Sie sich, und




Trübsal und Krankheit, Verfolgung und Pein
Soll unsrer Liebe Verknotigung sein!
Johann von der Lohe.«


Rose lehnte sich zurück, nachdem sie den Brief gelesen, und verbarg das Antlitz in ihren Händen, – lange saß sie so da, ohne Laut, ohne Lebenszeichen. Hochfeldens traten wieder ins Zimmer, sie löschten die Christbaumkerzen aus, die herabgebrannt waren, – sie hörte sie nicht.

Da trat Hochfelden an die Regungslose heran und legte seinen Arm um ihre Schultern. Sie sah auf und erhob sich.

»Ich bin müde,« sagte sie, »ich möchte schlafen gehen. Ist's schon spät?«

»Nein, noch nicht,« erwiderte Frau von Hochfelden besorgt. »Rose, war deine Weihnachtsfreude nicht ungetrübt?«

»Gibt's in der Welt ungetrübte Freude?« fragte Rose schmerzlich. »Onkel Hochfelden,« setzte sie abgewandt hinzu, »schreibe ihm – Herrn van der Lohe, daß ich krank gewesen bin, daß ich ihn grüßen lasse und – und daß ich das Wort, das er von mir zu hören wünscht, – nie aussprechen werde, weil es unter meiner Würde ist, mich gegen solche Anklagen zu verteidigen.«

Der Winter verging; erlösend strich ein lauer Tauwind über die starren Felder und weckte die Keime tief im Schoß der Erde. Schneeglöckchen blühten, dann ein erstes Veilchen, dicke, schwere Blätterknospen regten sich an den dürren Ästen und Zweigen von Baum und Strauch, die Tannen schmückten sich mit lichtgrünen, zierlichen Trieben, und dann kamen die Vögel aus dem Süden und belebten den Wald mit ihrem Zwitschern und Jauchzen, und die Lerchen stiegen hoch in die Luft mit jubilierendem Gesang.

Im Hause van der Lohe war es den Winter über ganz still gewesen; die altgewohnten Gäste waren fern, denn der Professor war nach dem Süden gezogen, ebenso Sonnenberg. Leßwitz, der Virtuose, hatte in einem entfernten kleinen Nest die Stelle eines Musikdirektors angenommen, – um ruhig studieren zu können, wie er sagte, andere wußten genau, daß ihm nichts anderes übrig geblieben war, da man in den großen Städten für einen so unverträglichen Charakter ergebenst dankte. Auch Olga von Willmer war nicht mehr erschienen; sie war bald nach der Katastrophe mit Rose von St. abgereist, und van der Lohes erhielten einige Wochen später von Baden-Baden aus die überraschende Anzeige ihrer Vermählung mit Hahn. Später schrieb sie von B. aus, wo ihr Gatte als Legationsrat der Gesandtschaft zugeteilt war, entzückte Briefe, und auch die Zeitungen berichteten oft von dem gastfreien Hause des Freiherrn von H. und seiner schönen, strahlenden Gemahlin, deren wunderbare Madonnenaugen, reiche Kleidung, Brillanten und Liebenswürdigkeit sie sehr zu rühmen wußten. Sie hatte also erreicht, was sie wollte, und füllte ihre Stellung vollständig aus.

Nur Carola war im Patrizierhaus zurückgeblieben, das kleine Fräulein schlich indes still und stumm durch das Haus. Wenn sie ihren Vetter sah, sprach sie jedesmal über Leute, die abscheuliche Intrigen im Stil von Olgas gestohlenem Anhänger glaubten, oder dergleichen. Eine Zeitlang hörte er das ruhig mit an, endlich, als sie einmal gar zu sehr stichelte, sagte er heftig: »Was weißt du von einer Intrige?«

»Ich? Na, was sich jedes Kind denken kann; daß Rose den Anhänger natürlich nicht genommen hat, und daß ihn ihr folglich jemand anders in ihren Koffer gesteckt hat.«

»Deine Logik ist tadellos,« sagte er bitter, »aber wer sollte das getan haben?«

»Ich bin leider nicht allwissend,« entgegnete Carola kurz, »aber ich hätte mich geschämt, einen so nichtswürdigen Verdacht auf ihr sitzen zu lassen.«

»Halt, Fräulein Superklug! Sie selbst weigerte sich zu sagen: ›Ich bin nicht schuldig.‹ Und dann – meine Mutter, die doch die einzige ist, die Rose hätte fortwünschen können, sie sprach aus –«

»Was sie nicht dachte,« vollendete Carola trocken.

Van der Lohe hob die Hände und faßte an seinen Kopf. »Es ist, um den Verstand zu verlieren,« rief er und ging noch einmal mit Carola die einzelnen Stunden des verhängnisvollen Tages durch.

Die Anklage gegen Rose war belastend. Als sie das Zimmer betrat, in dem Olga saß, hatte diese eben noch den Anhänger in der Hand gehabt; sie ging dann ins Nebenzimmer, während Rose allein zurückblieb, bis Olga wiederkehrte. Als Rose hinausging, kam sie nicht sofort der Aufforderung, das Arbeitszimmer van der Lohes zu betreten, nach, sondern ging allein in ihr Zimmer, um den Koffer zu schließen. Dieser Punkt war es, der besonders belastend war; wer hätte die teuflische Bosheit besessen, den Anhänger in ihren Koffer zu legen, der überdies ja verschlossen war? Dazu kam, daß die Zeit hierfür gar nicht ausgereicht hätte, selbst wenn man die Theorie eines Nachschlüssels zuließ, und endlich konnte niemand wissen, daß und wie lange Rose ihr Zimmer nicht betreten würde.

Weihnachten verging, Neujahr kam und mit ihm neue Sorgen ins Patrizierhaus.

Frau van der Lohe, die lange schon kränkelte, wurde immer menschenscheuer und verstimmter, und eines Abends, als die drei einsamen Menschen beisammensaßen, entschlüpfte Carola unbedacht Roses Name.

Frau van der Lohe sprang erregt auf und rief zornig: »Ich verbiete dir, diesen Namen in meiner Gegenwart zu nennen. Diese verächtliche Person, diese Diebin soll –«

Die alte Dame konnte nicht vollenden; ihr Gesicht nahm eine aschgraue Farbe an, sie griff an ihr Herz und stürzte vom Schlage getroffen zu Boden.

»Jo –« lallte sie, »Jo – Rose – Egon Fels – das – das – Gottesgericht!«

Das war ihr letztes Wort.

Von dieser Stunde an lag sie stumm, steif, hilfloser als ein Kind auf ihrem Schmerzenslager, den Hilfeleistungen anderer überlassen, und ihr Ausdruck zeigte, daß sie seelisch mehr litt als körperlich, gepeinigt von quälenden Gedanken, den Schatten vergangener Tage, von Selbstvorwürfen und Reue über die vermessenen Worte, daß eher ihre Zunge verstummen, ihre Hände verdorren sollten, ehe ihr Sohn Rose Fels zur Frau nehmen durfte!

Nun konnte sie ihm nicht einmal den Schwur abnehmen, der Tochter von Egon Fels zu entsagen, wenn sie tot sein würde, denn sie wußte, daß ihr Ende nicht fern sein konnte!

* * *

Ostern war vorbei, zwischen grünen Feldern und blumenreichen Wiesen wandelte Rose Fels eines Abends, als die Sonne sich schon im Westen neigte. Die lange Krankheit hatte sichtbare Spuren an ihr nicht hinterlassen, höchstens, daß ein unnennbares Etwas sich wie ein leichter Schleier über ihr Wesen gelegt, daß sie ernster und reifer geworden war.

Langsam schlenderte sie durch die Felder, hier und da eine Blume brechend, bis sie ihren Lieblingsplatz erreicht hatte, eine Bank am Waldessaum, beschattet von den Zweigen einer mächtigen Eiche.

 Rose setzte sich müde auf die einfache, von Baumästen gefertigte Bank; sie sah in das Abendrot und preßte die Hand auf die Augen, als wäre sie geblendet von dem scheidenden Licht.

»Rose!« sagte leise eine tiefe Stimme neben ihr. Sie blickte empor mit stockendem Atem, ahnungsvoll und doch ihren Ohren nicht trauend – aber nein, es war keine Sinnestäuschung, die ihr vorgespiegelt, wonach sie sich gesehnt – es war wirklich und wahrhaftig Johann van der Lohe selbst, der unbemerkt hinter sie getreten war.

»Heideröslein,« sagte er nochmals, und eine tiefe, große Bewegung machte seine Stimme rauh und unsicher. Jetzt wußte sie's, es war kein Traum mehr. Sie stand auf und sah ihm, blaß bis an die Lippen, in die Augen.

»Kommen Sie, das ›Wort‹ von mir zu hören?« fragte sie tonlos. »Ich werde es nicht aussprechen, niemals!«

»Nein, Rose,« erwiderte er mit mühsam beherrschter Bewegung, »ich komme, Ihre Verzeihung zu erbitten für zwei Menschen, von denen der eine sich an Ihnen schwer versündigt, der andere aber Ihnen ein Unrecht getan, das er nur durch die aufopfernde Liebe eines Lebens wieder gut machen kann. Der eine der zwei Menschen ist meine Mutter. Ihr Körper, ihre Zunge waren seit Monaten gelähmt, gestern fand sie die Sprache wieder und bekannte mir, daß – Rose, es ist bitter zu sagen, – daß sie es war, die Sie durch Olga von Willmer in Eichberg von mir trennen wollte, daß sie in der Nacht, als Sie den Abschiedsbrief für mich nicht schreiben wollten, Sie tätlich bedroht – und daß sie abermals durch Olga von Willmer, die sich an mir rächen zu müssen glaubte, den Anhänger in das Kästchen legen ließ, während sie es herausnahm und öffnete.

Dies ist das Bekenntnis meiner Mutter; es ist mir wahrlich nicht leicht geworden, es Ihnen zu wiederholen. Meine Mutter liegt daheim, dem Tode nahe, aber sie will ohne Ihre Vergebung nicht sterben, denn – welch tiefes, unergründliches Rätsel des Menschenherzens – die Tochter ihres Todfeindes, den sie trotz allem Haß geliebt bis heute, ist ihr ans Herz gewachsen wie ihr eigenes Kind. Rose, können Sie das alles vergeben?«

Rose stand still, die Arme gekreuzt über der Brust, ihr Auge schweifte hinüber nach der sinkenden Sonne, und durch ihre Seele zog's wie ein Erinnern

»Ich sah den Tod von meinem Lager gehen,« sagte sie wie im Traum, »er schwebte lautlos durchs Fenster und verschwand im Abendrot. Damals opferte ich Gott alle Bitterkeit meines Herzens auf und alle bösen Gedanken an Haß und Vergeltung – ich vergebe Ihrer Mutter von ganzem Herzen.«

»Rose, wie soll ich vor Ihnen bestehen?« sagte van der Lohe reuig. »Ich habe schwer gelitten, als ich Sie zu verlieren glaubte, und schwerer leide ich jetzt, da ich Ihnen bekennen muß, daß es Augenblicke gab – Gottlob, nur Augenblicke, in denen ich an Ihnen zweifelte.«

»Menschen irren,« erwiderte Rose ernst. »Und Sie glaubten ja nicht einmal zu irren, denn scheinbare Beweise meiner Schuld waren erdrückend genug vorhanden.«

»Rose,« rief er überwältigt, »ist es denn wahr, daß Sie auch mir vergeben und vergessen können?«

Da lächelte sie ihm zu und antwortete mit dem Vers des alten Simon Dach:


»Krankheit und Trübsal, Verfolgung und Pein
Soll unsrer Liebe Verknotigung sein.«


* * *


Am folgenden Morgen fuhren Rose, van der Lohe und Herr von Hochfelden nach St. Im Portal schon lief ihnen Carola jubelnd, lachend und weinend entgegen; die treue Seele feierte ihre höchste Freude, indem sie Heideröslein glücklich wußte. Aber es war nicht Zeit zum Verweilen, denn Frau van der Lohes Befinden hatte sich seit der letzten Nacht sehr verschlechtert, und so führte Johann seine Braut sofort an das Krankenlager. Die alte Dame lag ruhig, mit geschlossenen Augen, die sie erst aufschlug, als ihr Sohn sie leise anrief.

»Bist du zurück?« fragte sie matt, aber deutlich. »Was sagte sie, vergibt sie mir?«

Da trat Rose aus dem Schatten hervor und kniete neben dem Bette nieder, daß ihre Lippen die Hand der Sterbenden erreichen konnten.

»Mutter!« sagte sie einfach und küßte die Hand, dieselbe Hand, die ihre Kehle umklammert hatte, und was seit Jahren nicht mehr geschehen war – Frau van der Lohe weinte; das stolze Herz war bezwungen von Gewalten, deren Macht es geleugnet und verkannt hatte, und friedlich ging es noch in derselben Stunde hinüber, wo der Haß aufhört und nur die Liebe herrscht.

Und als es wieder Herbst wurde, führte Johann van der Lohe sein Heideröslein als Herrin ins alte Patrizierhaus heim.