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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem – Palazzo Iran

Roman

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, Palazzo Iran, Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



Es ist kein leeres Wort, daß die Steine reden. Ganz abgesehen von den Edelsteinen, deren Feuer auf besonders empfindliche Naturen direkt beeinflussend wirkt, sind es die ganz gemeinen, einfachen Mauersteine, die, den meisten Menschen unbewußt, die Gabe des Redens besitzen, und wer sich die Mühe gibt, darüber nachzudenken, dem wird es vielleicht zum Bewußtsein kommen, wie merkwürdig eindringlich manch ein Gebäude schon zu ihm gesprochen hat. Nicht alle, denn es sprechen ja auch nicht alle Menschen zu uns, das heißt ihre Gesichter sagen uns nichts. Wie unter den Menschen, so gibt es auch unter den Häusern nüchterne, nichtssagende, alltägliche, hausbackene, deren Interesse mit der Küche anfängt und mit dem Keller aufhört. Dann nach außen herausgeputzte, innerlich fürchterlich ungemütliche Häuser, in denen nichts echt ist, nichts gediegen: dünne Mauern, dünne Balken, billige Tapeten, pappener Stuck und unsolide, prahlerische Vergoldungen. Und dann wieder einfache, stille, graue Häuser, anspruchslos, mit Spuren von Wind und Wetter und doch so eindringlich zu uns sprechend wie eine Ballade, die uns in Mark und Bein erschauern macht. Und je älter das Haus, desto deutlicher redet es, ja, es gibt Häuser, die einen geradezu anrufen, zum Stillstehen zwingen und einem etwas sagen, das vage Empfindungen in einem weckt, weil wir die Sprache nicht verstehen, sondern nur den Ausdruck auf uns wirken lassen. So ging's mir vor Jahren mit einem Haus in Venedig. Zwar haben in dieser wunderbaren Stadt die Gebäude ganz besonders die Gabe des Redens – die Steine von Venedig besitzen eine Beredsamkeit wie nirgends andere in der ganzen Welt, und die Ruhe, die über diesem Orte ohne Wagen, Pferde und Automobile thront, macht wahrscheinlich, daß diese Stimmen so ganz besonders deutlich hörbar sind. Freilich, von Hundert hören sie Neunzig vielleicht trotzdem nicht, aber das liegt nicht an den Steinen, gewiß nicht –

Damals, in der Zeit, von der ich rede, war ich noch jung und noch nicht so feinhörig für solche lautlose Stimmen, wie man es später im Leben erst wird, denn im Gegensatz dazu, wie der physische Mensch seine Fakultäten mit den Jahren abnutzt, werden gewisse geistige Organe der Empfindung zugänglicher. Trotzdem war damals die Wirkung der Sprache der Steine auf mich eine so packende, daß die Jahre es nicht vermochten, sie abzuschwächen oder gar sie verklingen zu machen, und ich ertappte mich oft darauf, daß ich darüber nachsann, was die Bedeutung dieses Eindrucks sein mochte, denn ich hatte wohl gehört, aber nicht verstanden, nur leise fühlend, daß es etwas ganz Außergewöhnliches war, was diese Mauern mir erzählen wollten.

Sechzehn Jahre sollten darüber hingehen, ehe mir klar wurde, daß es eine Warnung war. Damals war ich achtzehn Jahre alt und mein lange verwitwet gewesener Vater hatte mich aus dem Pensionat, in dem ich erzogen wurde, abgeholt, um mir das Vaterhaus zurückzugeben, in dem eine neue Hausfrau waltete und ein nun zweijähriges Halbschwesterchen Leben brachte. Er bekleidete damals den Gesandtschaftsposten in Rom, und auf dem Weg dahin ließ er mich Venedig sehen, wie es eben die meisten Fremden sehen: den Markusplatz mit Basilika und Dogenpalast und ein paar andere Sehenswürdigkeiten, zu denen die Gondel uns brachte: also ein Stückchen von dem Venedig der Fremden, die von dem Venedig der Venezianer keine blasse Ahnung haben und sich trotzdem einbilden, daß sie die Meereskönigin »kennen«. Die Gondel hatte uns denn auch eines Tages zur Kirche Santa Maria Formosa mit der herrlichen heiligen Barbara des Palma Vecchio gebracht, trotzdem man zu Fuß vom Markusplatz in zehn Minuten dahin gelangen kann, und als wir die Kirche wieder verließen, kam meinem Vater die Erinnerung an ein Gemälde von Tintoretto: die heilige Agnes, das er früher einmal in der Kirche der Madonna del Orto bewundert hatte, und das er mir zu zeigen wünschte, weil auf diesem Bild eine Innigkeit und Zartheit der Auffassung in der Figur der Heiligen ganz besonders zu dem deutschen Gemüt spräche, die bei einem Maler wie Tintoretto doppelt überraschend wirkte. Wir stiegen also wieder in unsere Gondel und glitten in ihr durch ein Gewirr von Kanälen, in dem wir beide weder aus noch ein gewußt hätten, wäre uns die Richtung überlassen worden. Wie viel Ecken der blitzende, hellebardenartige Schnabel unserer Gondel haarscharf umschiffte, unter wie viel Brücken wir hindurchschlüpften, das habe ich mir erst viel später einmal auf einer Karte klar gemacht: damals war es einfach ein unentwirrbares Labyrinth, durch das wir uns wanden. Dann bog die Gondel einem Garten gegenüber links – das weiß ich noch genau – in einen schmalen Kanal, und ich setzte mich mit einem gewissen Gefühl der Erwartung aufrecht aus meiner bequem lehnenden Stellung auf; dunkelgrüne, hohe Säulenzypressen, mattgrüne Weiden und schönblättrige hohe Ahornbäume sahen über eine mit arabischen Zinnen gekrönte Backsteinmauer aus sattgrünem Gebüsch von Kirschlorbeer herüber, und an den Garten schloß sich die Wasserfront eines imposanten Palastes mit den marmoreingefaßten Spitzbogenfenstern byzantinisch-arabischer Baukunst, die eine Spezialität Venedigs ist. Die mit vergoldeten Gittern versehenen Fenster in der Höhe des Portals, die gleichfalls vergitterte Fensterreihe des Entresols, dann die Hauptetage mit den Balkons und die darüberliegende zweite Etage mit den Schlafräumen; diese Anordnung entsprach ganz dem orthodoxen venezianischen Palast, der durchaus keinen Eindruck der Vernachlässigung machte. Die Fremden halten die Patina, mit der das Venedig eigentümliche Klima den weißen Marmor der Paläste und Kirchen überzieht, einfach für Schmutz und reden mit großer Überlegenheit von Scheuerbürste und Seife; der Venezianer aber hütet sich, diese Patina zu entfernen, ob mit Recht oder Unrecht, mag dahingestellt bleiben, aber ohne sie verlöre Venedig sicher viel von seiner Eigenart. Je älter das Haus, je dunkler die Patina daraus.

»Vierzehntes Jahrhundert,« hörte ich meinen Vater murmeln und sah seinen Blick interessiert die Front des Palastes überfliegen. Gern hätte ich gefragt, wie dieser Palast hieße, aber ein merkwürdiges Gefühl wie von einer halben Betäubung machte, daß ich das Wort nicht herausbrachte; es schnürte mir etwas die Kehle zu, eine Beklemmung, die wie eine vage Furcht wirkte, hatte mich gepackt und lastete auf mir mit einer solchen Intensität, daß ich darunter willenlos wurde. Doch das alles war nur das Werk von Minuten, nein, Sekunden, denn es verschwand, als die Gondel die Front des Palastes entlang gerudert, unter einem Brückenbogen hinweg den Kanal verfolgte. Die Brücke hinter uns, wendete ich mich noch einmal um, sah in der Seitenfront des Palastes, nach der ziemlich breiten Halle gelegen, ein wundervoll verziertes, arabisches Portal mit einem Balkon darüber, der wie von weißen Spitzen gemacht schien, sah noch säulengetragene Spitzbogenloggien dahinter, und dann schob sich mit der dahinschießenden Gondel die entschwindende Wasserfront immer enger zusammen und war bald ganz meinen Blicken entschwunden.

»Das war ein merkwürdiger Palast,« sagte ich aufatmend.

»Sehr merkwürdig«. bestätigte mein Vater mit Nachdruck und setzte im selben Atem hinzu: »Ja, warum denn merkwürdig? Interessant, architektonisch interessant. Ein Gebäude, das sicher seine Geschichte hat.«

»Ist dir das auch so vorgekommen?« fragte ich eifrig.

»Nun,« meinte mein Vater lächelnd, »man darf schon annehmen, daß ein Haus dieses Alters manches erlebt hat in seinen Mauern – in einer Stadt wie Venedig obendrein. Denn eines Patriziers Sitz ist das sicher oder war doch einer in jenen Tagen der dritten Republik, als die Namen des Goldenen Buches die Geschichte Venedigs machen halfen. Welches dieser alten Geschlechter hätte nicht zum mindesten seine 'Commedia' aufzuweisen? Was ist nicht allein intrigiert worden, um in den Rat der Zehn zu gelangen, einer der 'Capi' zu werden und endlich im Rat der Drei zu sitzen! Das war die Macht, deren ohnmächtiger Schatten den Namen 'Doge' führte. Und doch riß man sich auch darum, dieser Schatten zu sein. Wer weiß, wie viele solcher Schatten aus dem Hause hervorgegangen sind, das du eben noch so merkwürdig gefunden.«

»Mir kam es vor, als ob die Schatten noch darin wären,« meinte ich mit einem nachträglichen leisen Schauer. Mein Vater antwortete darauf nichts, aber ich las in seinen Augen, die er auf mich heftete, daß er gefühlt wie ich. Und doch – was gingen uns die Schatten eines Hauses an, das wir beide heute zum erstenmal sahen und vielleicht auch zum letztenmal, nach dessen Namen zu erkundigen wir sogar unterließen, trotzdem unsere Gondeliere uns sicher die weitestgehende Auskunft über den Palazzo geben konnten, denn ein venezianischer Gondelier kennt nicht nur jedes Haus, sondern auch seinen vergangenen und gegenwärtigen Besitzer samt der gesamten Chronik ihrer Familien von A bis Z.

Unsere baldige Abreise von Venedig und das recht bewegte Leben im Hause meines Vaters in Rom, ja die ganze darauffolgende Epoche vermochten nicht, das Bild des Hauses abzuschwächen oder auszulöschen, und wenn es mir auch im Lauf der Tage nicht einfiel, so war ich sicher, von Zeit zu Zeit davon zu träumen. Dann sah ich es vor mir wie an jenem Morgen, als wir, mein Vater und ich, zur Kirche der Madonna del Orto fuhren, aber was mir sonst noch im Zusammenhang mit dem Palast träumte, dessen konnte ich mich am Morgen niemals mehr erinnern; es blieb eine nebelhafte Reihe von Bildern, die ich nicht um die Welt festhalten konnte.

Später, Jahre später, als ich noch einmal Venedig besuchte, gab ich mir Mühe, den Palast wiederzufinden, aber es gelang mir nicht. Meine Beschreibung paßte auf so viele andere venezianische Paläste, daß ohne das Wissen des Namens damit nichts auszurichten war. Ich ließ mich wiederum von Santa Maria Formosa zur Madonna del Orto rudern, aber es mochten wohl dahin mehrere Wege, beziehungsweise Kanäle führen, denn trotzdem ich dem Gondelier das gesuchte Haus genau beschrieb, und er mir versicherte, daß er schon wüßte, welches ich einzig und allein meinen könnte, so brachte er mich doch nur triumphierend zum Palazzo Giovanelli, der wohl freilich den gleichen Stil aufwies und doch so grundverschieden von dem gesuchten war.

Und bei jenem Aufenthalt in Venedig war es, daß Elfe ihre erste Eroberung machte, über die wir uns mit der Kurzsichtigkeit, nein, mit der Blindheit der Menschen, die nur das in ihrem Gesichtskreis Liegende sehen können, königlich amüsierten.

Ja so – ich habe ja noch gar nicht gesagt, wer Elfe ist – war!

Es wird mir heute noch schwer, von ihr zu sprechen, trotzdem so viele Jahre schon darüber hingegangen sind, daß wir sie verloren haben. Der Schmerz verjährt eben nicht; er wird wohl milder, aber er ist da, und wenn ein noch so leiser Finger die alte, lange vernarbte Wunde berührt, dann wacht er auf und raubt dem Tag die Ruhe und der Nacht den Schlaf.

Elfe war meine Halbschwester aus meines Vaters zweiter Ehe, und weil sie ihre liebe, schöne Mutter in so zartem Alter wieder verlor, so trat ich an deren Stelle und zog dieses Kind auf, das wir so abgöttisch fast geliebt, und das all dieser Liebe so wert war. Eigentlich hieß sie Elfriede, aber weil sie so zierlich und fein war und eine so märchenhafte Fülle welligen, flachsblonden Haares besaß und eine so durchsichtige, weiße Hautfarbe und ein Paar Augen wie ein Paar hellblaue Saphire, so kam ich darauf, diesen Namen nicht mit dem üblichen, breitgetretenen »Frieda« abzukürzen, sondern »Elfe« daraus zu machen, welche Abkürzung die Eltern sogleich mit Enthusiasmus adoptierten. Schwer wie es meiner Stiefmutter wurde, von diesem liebenswürdigen, schönen und hochbegabten Kind zu scheiden, so wurde es ihr doch sichtlich leichter, als ich ihr das heilige Versprechen gab, Elfe zu behüten und zu beschützen wie meinen Augapfel. Sie wußte, daß ich nicht leicht heilige Zusicherungen machte, aber daß ich hielt, was ich versprach. Ich war ja selbst noch sehr jung, als ich dieses Versprechen gab, aber es beruhigte die Sterbende trotzdem. Zuerst wurde es mir leicht gemacht, es zu erfüllen, weil ja mein Vater noch da war, dem ich den Haushalt führte und die Hausfrau vertrat, wenn er bei sich empfing. Ich soll das ganz gut und würdig gemacht haben. Aber nach wenigen Jahren starb auch mein Vater, und er bestimmte mich in seinem Testament zum höchsten Zeichen seines Vertrauens zur Vormünderin meiner Schwester und ernannte als Gegenvormund und männlichen Berater einen Freund, den ich damals noch gar nicht kannte, doch von dem ich durch meinen Vater wußte, daß er, wie man so sagt, »große Stücke« von ihm hielt als Mensch wie als Gelehrter. Ich trat dann natürlich in Briefwechsel mit Herrn v. Buchwald, der damals als Professor der Geschichte an der Universität Heidelberg wirkte, und er billigte es vollkommen, daß ich zunächst mit unserem Mündel in Rom blieb und ihren Unterricht durch erlesene Lehrer nicht unterbrach. Den italienischen Vorurteilen Rechnung tragend, nahm ich eine ältere Dame ins Haus zu uns, eine Deutsche und entfernte Verwandte von uns, die nach Rom gekommen war, um sich dort eine Existenz irgendwelcher Art zu gründen durch Unterricht oder Fremdenführung oder was sonst der Zufall ergab. Sie war eine tapfere, tätige Frau, diese Baronin Grabow, und ich habe es nie bereut, sie zu unserer Duenja erwählt zu haben, denn sie besaß das feinste Taktgefühl von der Welt und eine unversiegbare, unverwüstliche gute Laune, große Herzenswärme und jene Liebenswürdigkeit, die ihres Sieges allemal gewiß ist. So lebten wir drei erst sehr zurückgezogen, dann etwas geselliger in der schönsten Eintracht, bis Elfe fünfzehn Jahre alt war, und dann glaubte Professor v. Buchwald, mit dem der Verkehr ein brieflicher geblieben war, daß es nun an der Zeit sei, die Erziehung unseres Mündels in einem deutschen Institut zu vollenden, und er hatte wohl recht, denn wenn Elfe auch ganz nach deutschen Prinzipien erzogen worden war, so hatte sie italienischen Boden doch kaum jemals verlassen, meist nur mit italienischen Gespielen verkehrt und vom Deutschtum nur so viel verspürt, als Rom mit seiner deutschen Kolonie zu bieten vermag. Trotzdem aber war sie ihrer Erscheinung und ihrem Wesen nach das Inkarnat einer Deutschen, dafür hatten wir, »Tante« Grabow und ich, redlich gesorgt. Trotzdem mußten wir aber dem Vorschlag Herrn v. Buchwalds recht geben, und nicht ohne tiefes Bedauern brachen wir in Rom unsere Zelte ab, um nordwärts zu ziehen.

Auf dem Wege dorthin war es, daß wir Venedig besuchten, für das Elfe sich von meinem Enthusiasmus anstecken ließ, und dort machte sie, wie schon erwähnt, ihre erste Eroberung, über die Tante Grabow und ich uns in unserer Blindheit königlich amüsierten. Das geschah, als wir einen Ausflug nach Murano machten, nicht um unsere Zeit damit zu vergeuden, die Glasfabriken zu besuchen, sondern um Bellinis lieblichste Madonna und seinen entzückendsten Engel in der Kirche San Pietro Martyr zu sehen. Wir hatten, da die Dampferverbindung nur unbequem zu erreichen ist, eine Gondel genommen, und offen gesagt, es lag mir auch nichts daran, Elfe auf die stets überfüllten »Vaporetti« zu bringen, da sie dort immer Aufsehen erregte mit ihrer lichten Erscheinung. Ich ließ sie damals noch das Haar lang tragen, und jeder, der ihr begegnete, drehte sich sicher noch einmal nach ihr um, die flachsblonde, silberschimmernde, wellige Fülle dieses wunderbaren Haares zu bewundern, um dann auch dem einzig schönen Gesicht den Tribut zu spenden, dem das Schönheitsgefühl des Italieners einen so ungeheuchelt naiven Ausdruck zu geben versteht. In Rom war es ja nicht anders gewesen, aber da kannte man uns, und wer zu unseren Kreisen gehörte, sorgte dafür, daß die Bewunderung der Bewunderten diskret verhüllt blieb. Elfe selbst war sich ihres Zaubers ganz unbewußt; wenn die Leute sie ansahen, schob sie das auf ihr ungewöhnliches Haar und lachte herzlich über das unleugbare Aufsehen, das sie damit machte. Nun hätte man die Pracht ja wohl auch in einen oder zwei dicke Zöpfe zwingen können, aber unter dem Vorwand, daß lose getragenes Haar für dessen Wachstum vorteilhafter sei, gönnte ich mir die gewiß verzeihliche Eitelkeit, mit diesem köstlichen Besitz meiner Schwester prahlen zu können, und Tante Grabow unterstützte schmunzelnd dieses »Laster«. wie sie es scherzend nannte.

Wir fuhren also mit der Gondel nach Murano und mußten uns erst durch eine Menge der schmaleren Kanäle durchwinden, ehe wir das offene Wasser an der Fondamenta Nuova erreichen konnten. Da passierte es uns, daß in einem ganz schmalen Kanal oder Rio, wie der Venezianer diese Wasserstraßen nennt, ein breiter Lastkahn den Weg versperrte, und eine uns entgegenkommende Gondel keilte uns obendrein noch völlig ein. Hoffnungslos sind ja dergleichen oft vorkommende Zufälle nicht, denn die Geschicklichkeit der Barkenführer und Gondeliers entwirrt sicher den Knäuel, aber man muß Geduld haben, schon um den Redestrom der dazu heftig gestikulierenden Ruderer sich ergießen zu lassen, denn so etwas stumm und still abzumachen, wäre einem Italiener unmöglich. Der Deutsche schimpft ja in solchen Fällen auch. Die uns entgegen gekommene Gondel lag so dicht neben der unseren, daß die Bordränder aneinander rieben; – wir hätten dem einzelnen Herrn, der darin saß, die Hand geben können, ohne uns auch nur aus unserer bequemen Stellung aufzurichten. Der Herr in der Gondel gehörte sicher den besten Gesellschaftskreisen an; seine Erscheinung war eine sogenannte aristokratische, und sein Kopf mit dem farblosen Teint und dem hochgebürsteten, langspitzigen dunklen Schnurrbart, den tiefliegenden, sehr glänzenden dunklen Augen unter starken, über der Nase zusammengewachsenen Brauen war sicher kein gewöhnlicher, wenn auch für meinen Geschmack nicht gerade sympathisch. Er hatte den »naso tipico della nobilitá Veneziana«. das heißt die eigentümlich hakenförmig gebogene Nase mit großen, sensitiven Nüstern, die mageren Gesichtern leicht etwas Raubtierartiges gibt, die man immer wieder auf den Bildern der alten venezianischen Meister sehen kann, und gerade einen solchen Ausdruck hatte der Kopf des Herrn in der Gondel neben uns. Er hatte Elfe kaum erblickt, als er, der ziemlich apathisch dagesessen, sich aufrichtete und meine Schwester ansah, wie ich es für absolut unverträglich mit dem guten Ton halte, selbst wenn man die gewohnte naive Bewunderung der Südländer für die weibliche Schönheit davon abrechnet: was zuviel ist, das ist zuviel, und es dauerte noch obendrein so unerhört lange, bis die Gondoliere imstande waren, ihre Fahrzeuge zunächst rückwärts zu bewegen, um der Lastbarke Raum zu geben, sich weniger breitzumachen. Und diese ganze Zeit stierte der Mann mit dem »naso tipico« auf Elfe, bis diese trotz ihrer Harmlosigkeit wirklich verlegen wurde und sich mit dem Rücken gegen ihren Bewunderer auf das Seitenbänkchen setzte, das ihrem bisherigen Platz gegenüberlag. Und als die Bahn frei war und die beiden Gondeln hart aneinander vorüberglitten, da beugte sich der Herr nicht nur aus der seinen, um die Nummer der unseren zu erkennen, sondern er glitt auch mit der Hand wie von ungefähr über die schimmernde Masse von Elfes Blondhaar, das über den Bord der Gondel herabhing – eine Bewegung, die sie selbst zum Glück nicht sah und kaum merkte, Tante Grabow und mich aber in eine Empörung versetzte, die aber nicht groß genug war, um sich später nicht unter uns in Lachen aufzulösen.

Und wir hätten doch weinen sollen!

Unsere beiden Gondeliere sahen sich lachend an, als wir vorbei waren.

»Il persico,« riefen sie sich zu.

»War das ein gräßlicher Mensch,« sagte Elfe halb lachend, halb empört. »Wißt ihr, wie er aussieht? Genau wie der schwarze Kater unserer Hausmeisterin in Rom, vor dem ich immer ein bißchen Angst hatte, weil er einen mit solch funkelnden Augen ansah. Ich hätte dem unverschämten Menschen am liebsten eine Nase gedreht.«

»Den Rücken gedreht war wirksamer und mehr Ladylike,« meinte Tante Grabow trocken.

Elfe lachte hell auf.

»Ich glaub's auch,« gab sie lustig zu. »Was für ein Glück, daß ihr beide mich so gut erzogen habt!«

»Anerkennung tut immer wohl,« lächelte Tante Grabow, und Elfe versicherte ihr mit einer Verbeugung, »es wäre gern geschehen.« So neckten sich die beiden eigentlich den ganzen Tag, weil sie sich eben sehr liebhatten. Es war ja auch ganz unmöglich, Elfe nicht liebzuhaben – sie brachte den Sonnenschein dahin, wo sie grade ging und stand, und es war etwas ganz Unwiderstehliches in ihrer Art und Weise.

Mit ihrem Vergleich des »schwarzen Katers« hatte sie auch gleich und gründlich den Bann gelöst, den die Person dieses »zufällig« Begegneten über uns verhängt, und er wurde in der Folge noch oft zum Gegenstand harmlosen Gelächters für uns. »Il Persico« der Perser, hatten ihn unsere Gondeliere genannt. Gern hätte ich gefragt, wer der Herr war, aber die Neugier schien mir zu gewöhnlich, um sie befriedigen zu dürfen, und stolz unterdrückte ich die Frage; das war das zweite Glied in der Kette, der wir dann noch hätten entrinnen können, aber man ist ja so blind, so blind! Wenn er ein Perser war, so reflektierte ich, sodann konnte er kein Italiener und speziell kein Venezianer sein, und wir würden ihm gottlob nie wieder begegnen.

Wir Menschen sind mit dem »nie« immer so rasch zur Hand, und doch liegt eine Überhebung in dieser bestimmten Form, für die wir eigentlich gar keinen Grund haben. Drei Jahre kamen nun, die meinem »nie« aber recht zu geben schienen. Wir hatten uns auf den Rat von Elfes Gegenvormund in Heidelberg niedergelassen, wo meine Schwester die Selekta eines nach modernen Prinzipien geleiteten Instituts besuchte und dabei immer schöner heranblühte. Professor v. Buchwald trat in den freundschaftlichsten Verkehr zu unserem Haushalt, ja, er war uns allen bald genug ganz unentbehrlich geworden. Er war auch einer unter Tausenden, und ich verstand bald genug die Wertschätzung meines Vaters für diesen Freund, an dem er so treu gehangen – ich liebte ihn mit demselben gläubigen Vertrauen, das ihm mit mir die Sorge um unseren Liebling anvertraut. Elfe selbst hatte an dem Tag keine Ruhe, an dem sie »den süßen Onkel« nicht sah, ja, es wollte mich manchmal fast eine eifersüchtige Regung überschleichen, wenn das Kind ihn mir vorzuziehen schien. Aber das war Torheit, denn mir ging's wie ihr, und Tante Grabow erklärte feierlich, daß, wenn Herr v. Buchwald nicht bald um ihre Hand anhielte, sie selbst die Initiative ergreifen würde, und es ihr egal wäre, ob ich eifersüchtig würde oder nicht. Damit brachte Tante Grabow das grünäugige Ungeheuer in meiner Seele gründlich zum Schweigen, und das war ja auch ihre Absicht. Herr v. Buchwald war jünger wie mein Vater, aber als Nachbarskinder hatten sie schon miteinander gespielt, als sie noch schürzentragende Buben waren. Da Herr v. Buchwald aber weniger bemittelt war, so verbot es sich für ihn, mit meinem Vater die diplomatische Karriere einzuschlagen, und seine Vorliebe für die Geschichte wies ihm dann dieses Fach für die Universitätslaufbahn, in der er es nun zum ordinierten Professor gebracht, als welcher er seit fast zehn Jahren an der gleichen Stelle wirkte, gekannt und geachtet von jedermann, geliebt von seinen Studenten. Er besaß auch eine äußere Erscheinung, die man nicht leicht übersah: groß, kräftig, von guter, aufrechter, freier Haltung, hatte er einen höchst bedeutenden Kopf, der dadurch auffiel, daß sein breitgetragener langer Vollbart genau in der Mitte in einem breiten Strich ergraut, korrekter gesagt, schneeweiß war, wie die weiße Lage in einem Onyx. Diese Eigentümlichkeit wirkte sehr frappierend und gab dem an sich schon markanten Kopf mit dem wundervollen Profil eine Originalität, die eine ganz zufällige, ungesuchte war. Aber die Schönheit dieses Kopfes waren seine Augen, graue, dunkelumrandete Augen von einer solchen Güte und Treue des Ausdrucks, daß man dem Mann gut sein mußte, ehe man noch mit ihm gesprochen. Er lebte, ein einsamer Mann, von einem alten Drachen von Haushälterin schlecht und recht versorgt, ein stilles Leben für sich und suchte nur wenig von der Geselligkeit der Universitätsstadt auf, aber er kam gern zu uns und brachte den größten Teil seiner Abende bei uns zu, und seine abgeklärte Lebensweisheit, seine ruhige, ungezwungene Heiterkeit, die so recht der Spiegel seiner Seele war, regte uns an und tat uns so recht von Herzen wohl. Und es kam eine Zeit, in der ich Törin mir einbildete, er käme meinetwegen.

Tante Grabow war nicht ohne Schuld daran.

»Ich weiß gar nicht, was du immer mit deinem Alter zu kokettieren hast,« sagte sie oft. »Mit dreiunddreißig Jahren ist man doch noch kein Methusalem, besonders wenn man so aussieht wie du. Na, tu' man nicht so, als ob du das nicht wüßtest! Hast du einen normalen Spiegel oder nicht? Du bist eine riesig vornehme, jugendliche Erscheinung und wirst dich mit deinem brünetten Teint noch sehr lange so erhalten. Du und Elfe, ihr seht wie Tag und Nacht aus. Na, insofern doch nur, als sie so licht und du so dunkel bist. Es gibt sehr schöne Nächte, meine liebe Hedwig, und du bist eine solche für viele Geschmäcker. Ich will dir nicht etwa schmeicheln oder dich gar anborgen, weil ich das sage: es ist meine volle Überzeugung, die ich, scheint's mir, mit denen zu teilen scheine, denen du mit diesen schlanken weißen Händen Körbe geflochten hast. Na natürlich, du hast dir aus diesen Leuten allen nichts gemacht, folglich hast du sie auch abgewiesen. Elfe war dazu der sehr willkommene Vorwand – nein, rede nicht, Hedwig, das weiß ich besser wie du, denn Elfe konntest du auch als verheiratete Frau erziehen. Es ist Unsinn, das Gegenteil zu behaupten. Ja, und was ich eigentlich hatte sagen wollen: unser lieber Professor ist sicher meiner Ansicht. Ich werde ihn mal darüber befragen. Das gibt ihm vielleicht Mut – diese überständigen Junggesellen wissen ja meist nicht, wie sie es anfangen sollen, und darüber vergeht die Zeit und mit ihr das Leben.«

Ich mußte die gute Tante Grabow bei allem, was ihr heilig war, beschwören, von ihrem gutgemeinten Vorhaben abzustehen, obgleich ich ganz sicher hätte sein können, daß sie das Gewollte mit ihrem unfehlbaren Takt zur Sprache gebracht hätte, dem Takt, der mich bestimmt nie kompromittiert hätte. Wahrscheinlich hatte sie überhaupt nur in ihrer Weise gescherzt; jedenfalls war sie genau so mit Blindheit geschlagen wie ich, und was ich mir auch immer einbildete, kein Wort unseres Freundes fiel, das mich darin hätte bestätigen können.

Eines schönen Tages – die drei Jahre, von denen ich oben gesprochen, gingen ihrem Ende zu – kam er in sichtlicher Aufregung zu uns: es war ihm, völlig unerwartet, der Besitz eines Majorats zugefallen, dessen Agnat er wohl gewesen, auf das er aber nie gerechnet hatte, noch auch rechnen konnte nach menschlichem Ermessen, da zwei junge, blühende, direkte Anwärter darauf da waren, Vater und Sohn, Neffe und Großneffe des Professors. Sie waren beide auf einer Wasserfahrt verunglückt, und die Erbfolge sprang nun um eine Generation zurück. Daß der Verlust lieber Anverwandter dem Professor nahe ging, begriff ich bei seiner liebevollen Gemütsart, aber es befremdete mich ein klein wenig, daß der reiche Besitz ihn zu erregen schien, daß er berauschend auf ihn wirkte!

»Werden Sie auf das Gut gehen?« fragte ich ziemlich lahm.

»Ich werde hier jedenfalls einer anderen Kraft Platz machen, die meine Stellung nun besser brauchen kann als ich,« erwiderte er. »Was für mich bisher das tägliche Brot war, will und darf ich einem anderen nicht entziehen, nun ich es nicht mehr brauche. Es warten schon viele darauf. Ich habe nicht vor, mich dauernd auf das Schloß meiner Ahnen zurückzuziehen – ja, apropos, der Titel ist natürlich auf mich auch übergegangen. Unsere Familie ist eine von den wenigen, die den armen Nachgeborenen ihres Stammes nicht die Last aufbürdet, sich als armer Graf doppelt schwer durch das Leben schlagen zu müssen. Ich habe das immer als eine unvernünftige Einrichtung angegriffen, in der die Adelsgesetze anderer Länder uns voran sind. Den Stolz auf ererbte Prädikate hab' ich nie begreifen können, aber,« setzte er mit einer ganz naiven Freude hinzu, »aber mich freut der neue Titel trotzdem, denn ich bin Ihnen dadurch ebenbürtig geworden.«

»Was für drollige Einfälle Sie doch manchmal haben,« rief ich lachend.

»Nun ja, Sie und ich, wir denken ja anders darüber, und – und Elfe auch,« gab er mit einer ihm sonst nicht eigenen Verlegenheit zu. »Aber die Welt denkt doch anders.«

»Seit wann kümmern Sie sich denn um die Welt?« fragte Tante Grabow belustigt.

»O, es gibt doch Stunden, wo man das unwillkürlich tut, unbeschadet der eigenen Prinzipien,« entgegnete er wieder mit einer mir an ihm fremden Verlegenheit.

Nun, für wen er sich seines nunmehrigen Reichtums und seines Titels freute, das wurde uns bald genug klar, denn eines schönen Tages hielt er feierlich bei mir um – Elfes Hand an.

Im Anfang war ich starr – aus mancherlei Gründen, von denen ich nur meine Bedenken wegen des Altersunterschiedes geltend machte. Da holte er statt aller Antwort Elfe selbst herbei, und nun erfuhr ich erst die schwärmerische Liebe, die dieses Kind für den Mann hegte, der für sie doch ein Greis sein mußte, wenn er auch für mich noch in den sogenannten »besten Jahren« war. Und diese gegenseitige Liebe, dieses erste Erwachen eines Herzens, dieser starke Johannestrieb, sie waren vor und unter meinen Augen entstanden, gekeimt, gesproßt und erblüht, und ich hatte nichts davon gesehen, ahnungslos war ich neben diesen beiden dahergegangen, weil das ja eine Unmöglichkeit war, die mir nicht für einen Moment in den Sinn gekommen wäre.

Wenn ich mir's näher überlegte, so war eigentlich nichts so sehr Wunderbares daran. Daß er Elfe liebte, war nur zu natürlich bei ihrer rosigen Jugend, ihrem strahlenden Liebreiz, ihrer hinreißenden Liebenswürdigkeit und Natürlichkeit, und daß sie für ihn »schwärmen« mußte, das war auch ganz begreiflich, weil er eben ein wirklicher Elitemensch war, der ein so junges Wesen begeistern konnte, aber darin lag eben die Gefahr. Wenn sie aus ihrem Traum erwachte, andere Männer kennen lernte, wenn ihre Jugend sie einmal zur Jugend drängte, was dann?

Doch meine Bedenken wurden überstimmt, widerlegt, zu Boden gedrückt, und kurze Zeit darauf erhielten unsere Freunde die Einladung zur Vermählung des Dr. phil. Erich Grafen v. Buchwald, Professors der Geschichte und Majoratsherrn auf Buchwaldseck, mit Elfriede Gräfin v. Xanten, jüngster Tochter des ehemaligen Y. Z.schen Gesandten usw. usw.


* * *


Sie machten ihre Hochzeitsreise nach Buchwaldseck, wo Elfe eingeführt wurde als Herrin des burgähnlichen Schlosses am Rande weiter Buchenwälder. Aber es beruhigte mich, zu hören, daß sie sich mit dem vorschreitenden Herbst nach dem Süden wandten, denn Elfe war doch schließlich ein Kind des Südens, in dem sie geboren und aufgewachsen war, und schon den süddeutschen Winter hatte sie zweimal mit Unbehagen empfunden. Sie verlebten diesen nun in Rom, unserem lieben, alten Rom, dann kehrten sie für den Sommer in die Heimat zurück und reisten zu Beginn des Septembers nach Venedig ab, wo mein Schwager im Staatsarchiv neben der Frarikirche eingehende Studien zu machen wünschte für eine Geschichte der Republik Venedig, mit der er sich, wie ich wußte, längst schon getragen, doch nie die Muße gefunden hatte für einen längeren Aufenthalt an der Quelle. Nun er ein freier Mann war, den sein Amt nicht mehr hinderte, konnte er seinen Lieblingsplan endlich verwirklichen, getragen von dem Enthusiasmus seiner Frau, der ihm ein Sporn wurde und ihm sein Werk doppelt teuer machte. Elfe freute sich auf Venedig wie ein Kind, das sie mit ihren neunzehn Jahren noch ganz war; ich möchte heute aber gar zu gern wissen, ob nichts, nicht das geringste sie vor dieser Stadt gewarnt hat, ob keine Ahnung auch nur für einen Augenblick ihr Herz beschlich, ob das Kommende seinen Schatten nicht, wenn auch nur vorübergehend in ihre Seele warf! Wenn es der Fall war, so hat sie es ganz allein mit sich selbst abgemacht, denn weder mein Schwager noch auch ich haben aus ihrem Munde etwas davon erfahren, und mit Ausnahme jenes einen Augenblicks, dessen Wirkung sie anderen Ursachen zuschrieb oder zuzuschreiben vorgab, die mir aber später erst klar wurden – doch ich will nicht vorgreifen, nicht forschen und grübeln über die Mysterien einer Seele, deren Regungen nur Gott allein kennt, sondern die Ereignisse berichten, ohne selbst nach einer Erklärung dafür zu suchen.

Buchwalds waren noch keine Woche in Venedig, als ich von Elfe einen Brief erhielt, in dem sie Tante Grabow und mich im Namen ihres Gatten einlud, dort mit ihnen zusammen einige Wochen zu verleben. Ihr Gatte hatte seine Arbeiten im Archiv begonnen, und sie war dadurch den ganzen Vormittag auf sich selbst angewiesen, und wenn Venedig ja auch reichliche Gelegenheit bot, seine Zeit wohl anzuwenden, so hätte mein Schwager doch Bedenken, seine junge Frau allein den Kunstschätzen nachgehen zu lassen, weil (o Elfe, über deine Naivität!), weil – ihr Haar doch gar so auffallend sei, und wenn sie es ja auch jetzt weder aufgelöst noch in einen dicken Zopf geflochten trüge, so schauten die Leute ihr doch deswegen mehr nach, als es Erich lieb wäre.

Ich konnte Erich mit seinen Bedenken nur recht geben, und Tante Grabow war auch seiner Ansicht. Aber sie fand, daß ein Drache zur Bewachung der jungen Schönheit ausreichte, und überließ mir großmütig diesen Posten, weil sie gern einmal Freunde auf dem Lande besucht hätte. Ich ließ sie also zu den Fleischtöpfen Ägyptens nach Ostpreußen, dem Land ihrer Wiege, abreisen, traf selbst, stürmisch von Elfe und freudig von meinem Schwager begrüßt, in Venedig ein und machte es mir in ihrer Wohnung an der Riva degli Schiavoni heimisch, glücklich, mit meinen Lieben vereint und wieder einmal in Venedig zu sein.

Was hätte mir dabei auch fehlen sollen! Die vollkommene Harmonie, die zwischen meinem Schwager und seiner jungen Frau herrschte, wäre allein schon eine Garantie der Zufriedenheit und des Glücks für mich gewesen, doch das wurde noch dahin für mich vertieft, als ich so aus nächster Nähe beobachten konnte, mit welch bewundernswürdigem Zartsinn mein Schwager seine Stellung auffaßte und betonte. So vermied er sowohl den väterlichen Ton wie den des feurigen Liebhabers: das Mittelding zwischen beiden ergab gerade das, was zum Herzen dieses jungen Wesens sprechen mußte und auch sprach, denn Elfe sah mit solcher schwärmerischen Bewunderung zu ihrem Gatten auf, gab sich vor ihm so frei und fröhlich, mit solch ungezwungener Sicherheit, daß sich mir immer und immer wieder der Wunsch auf die Lippen drängte: Wollte Gott, daß es immer so bleiben möchte!

Ich traute diesem Glück nicht, weil es so ungewöhnlich war. Und wer darf behaupten wollen, daß ich kein Recht hatte zu diesem Mißtrauen? Gab es doch keine Zukunft, die dem einen oder dem anderen recht oder unrecht gegeben hätte.

Am Tage nach meiner Ankunft begleiteten wir am Morgen meinen Schwager bis zum Archiv. Wir benutzten dazu den amüsanten Omnibus des Kanal Grande, den Vaporino, über dessen Existenz die Leute Zeter schreien, die sich der Romantik Venedigs annehmen zu müssen glauben. Mir hat der Vaporino nichts von Venedigs Romantik genommen; er gleitet so rasch und geräuschlos im Zickzack durch den Kanal, und der ist reichlich breit genug, um noch viel mehr Gondeln Platz zu gewähren, als sich schon darauf befinden, und er hat zudem noch den wesentlichen Vorzug, daß man Venezianer darauf sehen kann, während man auf dem Markusplatz ja fast nur Fremde trifft.

Wie kann man aber sagen, daß man eine Stadt kennt, wenn man ihr Volk nicht sieht, seine Sitten und Gebräuche nicht kennt, keinen Blick tut in sein Leben und Treiben? Es ist ja sehr hübsch und bequem, sich in der Gondel schaukeln zu lassen, aber die Seele Venedigs bleibt einem dabei ganz fremd; um von dieser einen Hauch zu verspüren, dazu muß man Venedig zu Fuß durchstreifen, fleißig auf dem Vaporino fahren und sich ruhig zwischen das Volk mischen, das hier so liebenswürdig und höflich ist, wie fast nirgend anderswo.

Wir setzten uns also, trotzdem wir's »dazu gehabt« hätten, nicht in eine Gondel, sondern auf den Vaporino mit seinem rührend billigen Einheitspreis von zwei Soldi und fuhren bis zur Station San Tomá, von wo man die berühmte Kirche der Frari durch einige enge Kallen über den kleinen Platz der Tomákirche hinweg in wenigen Minuten erreicht. Hier trennte sich mein Schwager von uns, um in das Zentralarchiv zu gehen, das im ehemaligen Kloster mit seinen 41 Millionen Nummern in gegen 300 Zimmern untergebracht ist, eine Arbeitssumme in sich schließend, zu der eine Lebensspanne nicht annähernd zureichen würde. Nachdem er uns verlassen, trat ich mit Elfe in die Kirche, nicht, um wie die meisten Fremden, darin nichts weiter zu bewundern als das geschmacklose Denkmal des Tizian, sondern um Tizians Madonna des Hauses Pesaro zu sehen und Bellinis Madonna mein Kompliment zu machen. Ich möchte wissen, wieviel deutsches Blut Tizian in seinen Adern hatte, weil er zu uns Deutschen soviel mehr spricht als der eingeborene Venezianer. Und dann sehe ich in der Frarikirche auch das Grabmal des großen, unglücklichen Dogen Francesco Foscari so gern, gerade weil es den Kampf der Gotik mit den freieren Linien der Renaissance durch seine beiden Meister ausdrückt; hab' ich doch immer der ketzerischen Auffassung gehuldigt, daß man Kunstwerke frei auf sich wirken lassen muß, unbeirrt von den »Sternen« in den Reisehandbüchern und der oft recht einseitigen und individuellen Auffassung der Kunstschriftsteller. Leider fanden wir die Kirche mit Gerüsten und Bretterverschlägen angefüllt, notwendiger Restaurationsarbeiten wegen, und die Gemälde provisorisch in der Kirche San Tomá untergebracht. Wir krochen eine Weile unter den Gerüsten herum, und der Küster machte uns die Bretterverschläge auf, aber von Kunstgenuß ist in solchem übereinandergehäuften Wirrwarr von allem möglichen Kram keine Rede. Zwar, der Doge Foscari lag frei, ruhig auf seinem Ruhelager schlummernd, und zwanzig Schritte weiter, auf mehr als halber Höhe, stand nach wie vor, von zwei rohen Balken getragen, der schwarzgetünchte Holzsarg des Carmagnola, gerade in seiner armseligen Einfachheit wie eine Anklage wirkend.

»Erich hofft, Aufklärendes über das Rätsel der Angelegenheit des Carmagnola im Archiv zu finden,« flüsterte Elfe mir mit einem scheuen Blick auf diesen zwischen Himmel und Erde schwebenden Sarg zu. »Er, das heißt mein Mann, hält dafür, daß der Feldherr des Verrates nicht schuldig war, sondern daß er zuviel von den Geheimnissen der Republik gewußt hat und dafür sein Haupt lassen mußte. Wenn dich der Carmagnola übrigens interessiert, so kann ich dir unweit von hier eine Merkwürdigkeit zeigen, die Bezug auf ihn hat. Hier ist ja überdies unter diesen Brettern nichts zu sehen, und für die Scuola di San Rocco nebenan müssen wir auf die Führerschaft Erichs warten. Unter uns: die Bilder dort sind für mich aufregend und beunruhigen mich; aber mein Mann kann diese vielen, vielen Tintorettos nicht genug bewundern.«

Ich begriff Elfes Beunruhigung vollkommen; es war mir in ihrem Alter nicht besser damit gegangen. Erst wenn man reifer geworden ist, wird man dem Riesenwerk Tintorettos für die Brüderschaft von San Rocco Gerechtigkeit widerfahren lassen können. Wir traten also wieder hinaus in den Sonnenschein und wandten uns, von Elfe geführt, westlich über die dem Hauptportal gegenüberliegende Brücke. Dort standen wir einen Augenblick still, einer Gondel zusehend, die von rückwärts kommend unter dem Bogen gerade durchfuhr. Da faßte Elfe meinen Arm mit einer Kraft, die ich ihr gar nicht zugetraut hätte.

»Der schwarze Kater, Hedwig, der schwarze Kater!« flüsterte sie aufgeregt.

»Wo denn?« fragte ich lachend.

»Dort – in der Gondel!« rief sie, und nun fiel mir erst wieder die Episode von unserem venezianischen Aufenthalt vor fast vier Jahren ein, wo sie dem sie so anmaßend anstarrenden Fremden, dem »Perser«. diesen Übernamen gegeben. Und ich konnte ihn auch eben noch wiedererkennen, da er uns sein charakteristisches Profil zuwandte.

»Ist der auch wieder hier!« sagte ich gleichgültig. »Hast du ihn schon öfter gesehen?«

»Gott sei Dank, nein,« entgegnete Elfe aufatmend. »Und uns scheint er zum Glück nicht gesehen zu haben.«

»Ob er uns sieht oder nicht, kann uns jetzt ganz gleichgültig sein,« meinte ich obenhin. »Du hast ja deinen Mann, der Leute, die dich unverschämt anstarren, darauf aufmerksam machen wird, daß dies in der guten Gesellschaft nicht üblich ist.«

»Komm!« rief Elfe und zerrte mich von der Brücke herunter. »Wir stehen hier oben so auf dem Präsentierbrett, daß uns der »schwarze Kater« ja sehen muß, wenn es ihm einfällt, sich nur umzudrehen.«

»Nun, wir haben aber auch keine Ursache, vor ihm wegzulaufen,« behauptete ich. »Er wird wohl die Episode vergessen haben, und es tut mir leid, daß sie bei dir sitzengeblieben ist. Wenn's auch vielleicht der erste war, der letzte wird es sicher nicht gewesen sein, der dich – der deine Haare so anstaunt, daß er darüber vergißt, was er einer Dame schuldig ist.«

Elfe schwieg eine Weile.

»Weißt du,« fing sie dann wieder an, »es ist wahr, daß mich die Leute ansehen – besonders die Herren. Und auch die Männer aus dem Volke. Aber Ansehen und Ansehen – das ist doch zweierlei. Manchmal verletzt es, manchmal muß man darüber lachen, manchmal fühlt man sich auch geschmeichelt. So ein ganz kleines bißchen geschmeichelt, weißt du. Erich meint, das wäre kein Unrecht, kein großes wenigstens, solange man nicht eitel darauf wird, weil es doch etwas Vergängliches ist . . . Aber den Blick dieses Menschen habe ich in den ganzen langen Jahren oft im Traum auf mir ruhen gefühlt. Es war etwas darin, das nicht nur gebrannt, sondern versengt und eine Narbe zurückgelassen hat. Es war etwas von dem höllischen Feuer in diesem Blick, das wir uns sonst so schlecht vorstellen können –«

»Aber, Elfe – du phantasierst!« unterbrach ich sie halb lachend, halb beunruhigt. »Ich bin doch auch dabei gewesen – unverschämt war der Kerl, weiter nichts als unverschämt.«

Elfe schüttelte mit dem Kopf.

»Das war er nicht,« erwiderte sie leise und fest. »Ich habe die Unverschämtheit inzwischen auch kennen gelernt – man lernt so manches erst später kennen. Er war – wie soll ich es ausdrücken – er war unheimlich. Ich möchte diesen Augen nicht wieder begegnen.«

»Nun, dann hoffentlich nicht,« antwortete ich kopfschüttelnd und etwas befremdet. War Elfe vielleicht gar nervös geworden? Zart besaitet war sie ja wohl für gewisse Eindrücke, aber empfindlich war sie für die Vorkommnisse des gewöhnlichen Lebens nicht; sie war nicht, was man »übelnehmisch« nennt, und jeder Scherz auf ihre Kosten, jede Neckerei wurde von ihr mit dem größten Vergnügen entgegengenommen und sehr gut vertragen, aber sie empfand Dinge, für die ich keinen anderen Ausdruck als »übernatürlich« habe, mit einer ganz unglaublich fein ausgebildeten Sensivität. Doch das ging mir selbst über das Verständnis, und es ängstigte mich, weil ich sah, daß Elfe blaß geworden war.

»Gehen wir denn hier auch richtig?« lenkte ich ab.

Wir hatten uns natürlich verlaufen. In Venedig muß man aufpassen, wenn man ein Ziel hat, sonst kommt man bei den vielen scharfen Windungen und Ecken leicht ganz anderswohin. Aber die Frage nach der Richtung des Campo San Polo brachte uns wieder auf die rechte Fährte, und bald standen wir auf dem großen Platz mit seinen Palästen, den eine Wäscherin gerade als Trockenplatz benutzte. Elfe führte mich zum Kampanile der Kirche, welche die eine Seite des Platzes zum Teil einnimmt, und zeigte mir dort die beiden geflügelten Löwen San Marcos zu beiden Seiten des Eingangs: der Löwe links wird von einer Schlange in die Brust gebissen, der rechts hält einen Menschenkopf zwischen den Vordertatzen, den jedes Kind uns als das Haupt des Carmagnola bezeichnet. Dokumente darüber existieren nicht oder sind noch nicht entdeckt worden, und darum ist der Zweifel der Sachverständigen begreiflich. Es wird immer wieder ein neuer Sachverständiger geboren, der irgend etwas in Zweifel zieht oder berichtigt, was die Leute jahrhundertelang für das und jenes gehalten haben. Ich habe mir aber die Mühe gegeben, das Bildnis des Carmagnola, wie es porträtähnlich von jedermann auf dem Gemälde der Übergabe von Brescia in der Sala della Bussola im Dogenpalast zu sehen ist, mit dem Kopf in den Tatzen des Löwen am Campanila von San Polo zu vergleichen, und ich habe gefunden, daß es ein und dasselbe Gesicht ist. Was ja Zufall sein kann; aber ich glaub's nicht.

Vom Haupt des Carmagnola bis in die Kirche von San Polo sind es keine zehn Schritte. Elfe und ich machten sie, um die wundervollen Bronzestatuen der Heiligen Paulus und Antonius zu bewundern, die neben dem Hochaltar der aus dem neunten Jahrhundert stammenden Kirche stehen. Und wie wir so standen und suchten und fanden, hörten wir halblaut hinter uns sprechen und sahen den Pfarrer der Kirche mit einem Herrn aus der Sakristei treten, der kein anderer war als – der »schwarze Kater« aus der Gondel! Mit den lebhaften Handbewegungen der Südländer besprachen die beiden Herren irgend etwas, und allem Anschein nach behandelte der Geistliche den Laien mit großem Respekt. Ich wollte Elfe diese Bemerkung mitteilen, sah sie aber zu meinem Amüsement hinter einer Säule verschwinden, in welchem Versteck die beiden langsam dem Ausgang zuschreitenden Herren sie nicht sehen konnten. Im Vorbeigehen warf der »schwarze Kater« mir einen Blick zu, wie wenn man jemand wiederzuerkennen meint und doch nicht weiß, wo man ihn hintun soll. Als er die Kirche verlassen, kam Elfe aus ihrem Versteck heraus.

»Laß uns noch ein Weilchen hierbleiben, damit wir dem Menschen draußen nicht begegnen,« flüsterte sie eifrig.

»Unsinn!« entgegnete ich lächelnd. »Wir werden uns doch nicht vor einem total Fremden verstecken, bloß weil er dich vor fast vier Jahren mal etwas nachdrücklich angesehen hat. Er scheint ja ein Gentleman zu sein und wird seine ungeheuchelte Bewunderung heut vor der Erwachsenen besser zu verbergen wissen.«

»Ich will mir ihn aber nicht wieder über den Weg laufen lassen – ich will nicht!«

Ich zuckte die Achseln. Nach einer Weile traten wir aus der Kirche heraus und schlenderten über den großen Campo in westlicher Richtung dem Rialto zu, in dessen Menschengewühl am Fruchtmarkt Elfe erst ihr Gleichgewicht fand. Sie amüsierte sich lebhaft über die mannigfachen kleinen Szenen, die sich für den Beobachter hier in wechselreichen Bildern abspielen. Wir überschritten die große Brücke mit ihrer zweifachen Reihe mäßiger Kaufläden, deren Inhaber dringend zum Eintritt und Kauf einladen, und gingen weiter nach dem immer von Menschen wimmelnden Platz, auf dem die lustige Statue des Goldoni steht, der den Leuten seine derben Späße zuzurufen scheint. Dann wandten wir uns rechts nach der Merceria, traten aber, ehe wir diese belebte Straße der Kaufläden bis zum Markusplatz verfolgten, noch bis zur Riva di Carbone am Kanal Grande heraus, weil hier das Bild rechts zum Rialto und links die Wasserstraße gar so schön und belebt ist.

»Wart«. da weiß ich einen anderen Weg nach San Marco durch die Frezzeria,« rief Elfe und zog mich die Riva hinab zwischen den beiden Palästen Farsetti und Loredan, die jetzt zusammen das Rathaus bilden, in die von dem Verbindungsgang beider Gebäude überspannte Gasse hinein, und als wir eben die seitliche Eingangshalle des Palazzo Loredan passierten, da trat in Begleitung eines anderen Herrn kein anderer heraus als der »schwarze Kater«. Mich belustigte die nun dreifach gewordene Begegnung so, daß ich in meiner Blindheit fast laut herausgelacht hätte, wenn ich nicht gesehen hätte, daß Elfe totenblaß geworden war und sich im Weiterschreiten schwer auf mich stützte.

»Hast du die Augen des Menschen gesehen?« fragte Elfe mit einem Seufzer der Erleichterung, nachdem wir um die Ecke der Kalle gebogen waren. »Er ist uns doch hoffentlich nicht nachgelaufen! O bitte, sieh dich einmal um, tu's mir zuliebe, bitte!«

Ich überwand mich und tat, was sie sagte; er war uns natürlich nicht gefolgt oder doch so unauffällig für uns, wie sich das schickte. Ich war ordentlich ärgerlich über Elfe, daß sie etwas anderes angenommen hatte.

»Nach der Art und Weise, wie er mich damals angesehen, kann ich nichts anderes von solch einem Menschen erwarten,« trumpfte sie mich kurz ab und setzte mit einem sichtlichen Schauer hinzu: »Er hat mich wiedererkannt, Hedwig! Auf der Stelle! Ich habe es seinem Blick angesehen. Solche – solche verrückte Augen, wie dieser Mensch hat!«

»Das ist seine Sache,« versuchte ich darüber weg zu scherzen. »Und jetzt sei vernünftig, Elfe, hörst du? Ich könnte nicht einmal sagen, daß er dich überhaupt angesehen hat, und wenn er's tat, dann geschah's, wie man eben die Leute sich ansieht, denen man begegnet. Und nun, finde ich, haben wir einem total Fremden lange genug die Ehre angetan, uns über ihn zu unterhalten, findest du nicht auch?«

Elfe antwortete nicht und war, bis wir wieder in unserem Hotel anlangten, zerstreut und beunruhigt. Ich fand das unvernünftig und brachte, um meines Schwagers Autorität dagegen ins Treffen zu führen, vor diesem unsere erste wie unsere heutige Begegnung mit dem »schwarzen Kater« aufs Tapet und hatte die Genugtuung, daß er darüber lächelte. Er konnte nicht begreifen, wie ein Jahre zurückliegendes zufälliges Begegnen mit einem anscheinend schlechterzogenen Menschen solchen Eindruck auf seine Frau gemacht, daß sie heut noch nicht darüber hinwegkommen konnte.

»Freilich ist die junge Seele noch weich wie Wachs, und jeder stärkere Eindruck bleibt gern darin zurück, » setzte er hinzu. »Es ist mir nur unverständlich, wie dieser Eindruck so stark sein konnte.«

»Ja, das begreife ich selber nicht,« gab Elfe zu. Und damit war die Sache für uns erledigt.

Mein Schwager kehrte gleich nach dem Lunch in das Archiv zurück, und nach einer kurzen Siesta beschlossen wir Schwestern einen Ausflug zu Wasser. Mich zog es wieder zu Bellinis Madonna nach Murano, was Elfe recht war; doch um die Partie nicht nach der Schablone zu machen, verabredeten wir, uns eine Gondel erst an der Fondamenta Nuova zu nehmen und bis dahin zu gehen, wobei Elfe mir versprach, das offizielle Spukhaus Venedigs, die »Casa degli Spiriti«. zeigen zu wollen, die unter diesem Namen jedes Kind kennt. Wir gingen also, vergnügt plaudernd, denn Elfe hatte ganz ihre frohe Laune wiedergefunden, die Merceria herab, überschritten den Platz mit der Statue des Goldoni und wanden uns hinter dem kolossalen Gebäude des ehemaligen Fondaco dei' Tedeschi, jetzt die Hauptpost, durch ein Gewirr von Gäßchen und Brücken, über und durch die eine lebhafte, geschäftige Menge unaufhörlich wogte, unserem Ziele zu. Unfern davon durchschritten wir dann eine lange, enge Kalle, die zu einer Brücke mit eisernem Geländer führte, und als wir uns ihr näherten, sah ich uns entgegenkommend eine Gestalt darüber schreiten, in der ich zu meiner Bestürzung keinen anderen erkannte, als – den »schwarzen Kater«! Bestürzt war ich notabene nur deshalb, weil ich bei dieser vierten Begegnung am gleichen Tage nun nachgerade fürchten mußte, daß Elfe sich wieder davon so unangenehm berührt fühlen würde, wie heut am Morgen, aber was war zu machen? Ich versuchte, die Aufmerksamkeit meiner Schwester von der nahenden Gestalt ab und auf eine offene, sehr nach heißem Öl duftende Garküche zu lenken, es war aber zu spät – sie hatte den Herrn schon gesehen.

»Der Unvermeidliche!« sagte sie ruhig. Wir schritten aneinander vorüber, sie geradeaus blickend, während ich ihn flüchtig ansah wie jeden, dem man begegnet. Er tat desgleichen, mich kaum mit den Augen streifend, Elfe natürlich desto mehr, doch lag darin nichts, was dem guten Ton zuwider gewesen wäre. Mir fiel auf, daß das Gesicht des Herrn sehr blaß war, und daß in den tiefliegenden dunklen Augen allerdings ein Feuer flackerte, das von verhaltenen Leidenschaften ein gut Teil verriet. Daß sein Schritt direkt nach der Begegnung anhielt, hoffte nur ich allein gehört zu haben. Elfe machte jedenfalls keine Bemerkung darüber, und wir schritten im gleichen Tempo fürbaß. Zwanzig Schritte weiter kamen wir auf die Brücke, und da sah ich etwas, das mich vor Überraschung zurückprallen ließ: ich stand vor dem Palast, den ich an meines Vater Seite vor soundsovielen Jahren gesehen, vor dem Palast, der auf uns beide damals einen so merkwürdigen, tiefen Eindruck gemacht. Unter der Brücke, auf der wir nun standen, waren wir damals durchgefahren auf dem Weg zur »Madonna del Orto«.

Ja, das war er, der herrliche byzantinisch-arabische Palast mit seiner imposanten Wasserfront, an die sich rechts von uns aus die zinnengezierte Gartenmauer mit den sie überragenden ernsten Zypressen und lichtgrünen Laubkronen schloß, mit dem hohen arabischen Portal in der Gasse zugekehrten Front, die hier breit und geräumig war und deshalb »Salizzada« genannt wird. Und als ich wie angenagelt stand und den Palast anschaute, den ich so lange vergeblich gesucht, da schlich es wie damals eisig durch meine Glieder, und ein unnennbares Etwas schnürte mir die Kehle zu und raubte mir für Sekunden den Atem. Wie beim erstenmal redeten die Steine zu mir, aber ich verstand die Sprache der Steine nicht, ich fühlte nur, daß sie mir etwas ganz Besonderes zu sagen hatten.

»Wie? Das ist dein Palazzo?« fragte Elfe erstaunt, als sie erfahren hatte, was mich auf einmal zur Salzsäule gemacht. »Aber das ist ja ein herrliches Haus – Erich und ich sind schon mehrmals daran vorbeigekommen, und beide sind wir darüber einig, daß wir es gern besitzen möchten. Er hat etwas Magnetisches, dieser Palast, denn es zieht uns oft dran vorüber, und dann bleiben wir immer auf dieser Brücke stehen und können uns gar nicht davon losreißen. Erich sagt, es gäbe in Venedig keinen zweiten Palast, der so vollendet im Stil wäre wie dieser. Und seine Größe wirkt so imponierend und dabei doch so vornehm, weil er ganz isoliert steht. Wir wollen einmal zusammen seine Rückseite entlang gehen, wenn es dir recht ist. Nein, daß dies dein verlorener Palazzo sein muß, der auch uns so anzieht – ist das nicht merkwürdig? Macht er dir wieder wie damals Angst? Wie sonderbar! Wenn ich etwas davor fühle, so ist es nur die dumme Einbildung, daß es eigentlich mein Palast ist und ich eines Tages ganz darin wohnen werde.«

Das also war es, was diese Steine meiner Schwester sagten? Warum hatte ich diese ganz ungerechtfertigte Angst, wenn es weiter nichts war? »Warum sollte das eine dumme Einbildung sein?« fragte ich.

»Weil dieser Palast seit ewigen Zeiten im Besitz einer Familie und keine Wahrscheinlichkeit vorhanden ist, daß diese ihn an uns verkaufen würde – ganz abgesehen davon, daß Erich schließlich doch auch nicht so reich ist, um sich einen solchen Luxus nebenher zu leisten,« erklärte Elfe weise.

»Wie heißt der Palast, wer ist sein Besitzer?« fragte ich, merkwürdigerweise von diesen Gründen gar nicht überzeugt. »Er heißt Herzog Irán und der Palazzo Irán-Contarini,« erklärte Elfe. »Erich meint, der volle Name würde wohl Iráni oder Iráno lauten und wäre nur nach venezianischem Gebrauch abgekürzt oder sonstwie verstümmelt, wie der Name Cornaro, den die Venezianer 'Corner' aussprechen. Ach, Hedwig, ich brenne darauf, den Palast innen zu besehen!«

»Vielleicht ist das in Abwesenheit der Familie gestattet, wie bei den Palästen Vendramin und Giovanelli,« meinte ich.

»Im Hotel wußte man es nicht zu sagen, Erich wollte sich aber auf dem Konsulat erkundigen. Ich bilde mir ein, es müssen herrliche Räume darin sein. Und der Garten – meinst du nicht auch, daß er wonnig sein muß hinter den Mauern mit den weißen Marmorzinnen, mit den flüsternden Weiden und Ahornbäumen und den dunklen Zypressen? Ich kann mir ganz gut weiße Marmorstatuen dazwischen vorstellen und ein efeubewachsenes Kasino –«

»In dem es feucht ist und –«

»Spukt. Es spukt gewiß auch in dem Palast, Hedwig, gewiß tut es das. Der Palast hat eigentlich die moralische Verpflichtung, mindestens ein höchst nobel auftretendes Gespenst zu haben. Meinst du nicht auch?«

»Was sagt denn Erich dazu, wenn du solchen Unsinn daherredest?« erkundigte ich mich lachend, ohne jedoch dabei ganz das eigene Gefühl loswerden zu können, das mit dem Schatten dieses Hauses auf mich gefallen war.

»Erich läßt mich so viel Unsinn schwatzen wie ich will und findet nie, daß es welcher ist,« behauptete Elfe ernsthaft. »Er fand die Idee eines Geistes in diesem Hause sogar sehr poetisch. Wenn er nur nicht vergessen wollte, den Konsul zu fragen. Ich kann es gar nicht abwarten, in den Palast zu gehen.«

»Das wäre der letzte Wunsch, den ich hätte,« erwiderte ich. »Das Haus sieht aus, als müßte es düster sein. Ich liebe düstere Häuser nicht.«

»Und ich bin überzeugt, daß es noch meine Heimat wird, und dann wirst du mich doch hoffentlich darin besuchen kommen,« sagte Elfe mit einer Überzeugung, als ob es sich um eine feststehende Tatsache handelte. »Düster?« fuhr sie mit einem kritischen Blick auf den Palast fort. »Aber gar nicht, wenigstens können die Räume nach dem Garten und dem Kanal zu nicht düster sein, denn auf der anderen Seite des Wassers liegt ja auch noch ein Garten, und die Sonne scheint hell auf die ganze Wasserseite. Überdies geht man ja auch manchmal auf Friedhöfe, nicht?«

»Wie kommst du auf den Vergleich?« rief ich erstaunt.

Elfe lachte leicht. »Ich weiß nicht,« erklärte sie. »Es kommen einem manchmal so dumme Vergleiche. Aber komm jetzt, wir wollen einmal um den Palast herumgehen!«

Sie sprang mir voraus die Brücke herab, und dann betrachteten wir das arabische Portal mit seinen kassettenartig geschnitzten Torflügeln und dem wundervollen bronzenen Klopfer daran. Um die Ecke biegend, schritten wir die Rückseite des Palastes ab, die nach einer zweiten, aber wesentlich engeren Kalle heraussah und dort mit seinen massiven Toren und vergitterten Fenstern bis in das obere Stockwerk hinauf einer befestigten Burg glich. Der Garten hatte hier höhere Mauern als nach dem Kanal zu, und von der Brücke, die von der Kalle über den nördlich gehenden Kanal an der Ostseite des Gartens führte, sah man, daß auch die Fenster der Gartenfront vergittert waren. Nachdem wir das festgestellt, setzten wir unseren Weg wieder fort und gingen die Kalle zurück nach der Salizzada, und dabei fiel mir in einem Haus, das dem Palast gegenüberlag, ein Mädchen auf, das trotz des warmen Tages in die charakteristische schwarze Mantille der Venezianerinnen gehüllt, vor einer der Türen auf einem niederen Schemel saß, die weißbestrumpften Füße mit den gleichfalls für die Frauen aus dem Volk charakteristischen Soccoli, die so energisch über das Marmorpflaster klappern, weit von sich gestreckt und den Kopf mit dem weithinleuchtenden Goldhaar in die Hände gestützt, die Ellbogen auf den Knien ruhend.

»Dolce far niente,« meinte ich leise, zu Elfe gewendet. »Aber sieh dir das Haar an und das Profil des gemmenartigen Gesichts mit der berühmten Mobidezza! Das Mädel ist eine Schönheit, und zwar die erste, die ich in Venedig gesehen!«

»Die hätte Veronese sehen müssen oder Tizian,« nickte Elfe.

Ich blieb vor dem Mädchen stehen – es mußte noch sehr jung sein.

»Guten Tag,« begann ich. »Können Sie mir vielleicht sagen, ob man diesen Palast sehen kann?«

Sie hob ein Paar flammende schwarze Augen zu mir empor, streifte mich mit einem sehr kurzen Blick und heftete diesen dann auf Elfe, sie starr ansehend. Aber sie veränderte weder ihre Stellung, noch antwortete sie.

Ich wiederholte meine Frage, doch mit dem gleichen Erfolg, und wollte mich eben achselzuckend weiterbegeben, als aus dem Hause eine ältliche Frau trat mit nasser Schürze, ungekämmtem Haar und Seifenschaum auf den bloßen Armen, in den Händen ein eben ausgerungenes Wäschestück schwenkend.

»Wünschen die Damen etwas zu wissen?« fragte sie mit der so niedlich mit Neugier gemischten liebenswürdigen Zuvorkommenheit der Venezianer. »Ich kann vielleicht Auskunft geben. Die Ragazza, die Gloriosa, antwortet nicht. Sie ist eine povera pazza (Närrin), ich muß es schon sagen, trotzdem sie meine 'nipote' ist, für die ich sorgen und arbeiten muß, damit sie nicht verhungert. Die Tochter meiner eigenen Schwester, meine Damen! Und ich bloß eine arme Lavandaja! Aber was wollen Sie? Es ist ihr Kopf – sie kann nichts dafür. Nur, man möchte es nicht denken, wenn man sie so sitzen sieht wie eine prinzipessa, den ganzen lieben langen Tag nichts tuend. Sie war immer eine Besondere, die Gloriosa.«

Mitleidig sah ich auf das herrliche Geschöpf herab, das ruhig und anscheinend teilnahmlos zuhörte, wie es eine Närrin, eine Irre genannt wurde. Die schwarzen Augen, die sie immer noch unverwandt auf Elfe geheftet hielt, hatten freilich einen eigenen Ausdruck, aber der fest zusammengepreßte, schöne, stolze Mund hatte einen Zug wie von verhaltenen Tränen, verbissenem Weh. Ich wiederholte der alten Frau meine Frage und suchte dabei in der Tasche nach einer Münze als Entgelt.

»Ich glaube nicht, daß Sie den Palazzo sehen können,« erwiderte die Wäscherin kopfschüttelnd. »Ich kann mich wenigstens nicht entsinnen, daß jemals jemand gekommen wäre, ihn anzusehen. Was sollten Sie auch sehen? Es ist alles verstaubt darin. Der Duca wohnt ja ganz allein mit seinem Majordomo in dem großen, großen Hause, und der alte, taube, klapprige Emilio kann doch nicht alles allein tun! Commare! Der Duca könnte schon einer Nachbarin und ehrlichen alten Frau, wie ich es bin, die Arbeit im Hause gönnen, aber nein! Die Frau, die alle Wochen ein paarmal aufräumen kommt, muß dazu ich weiß nicht woher laufen und –«

»Der Duca weiß nichts davon – der Duca würde dich nehmen, zia mia, wenn er es nur wüßte, daß du es brauchen könntest!« sprudelte es jetzt heftig über Gloriosas Lippen, und dann ließ sie den Kopf wieder stöhnend auf ihre Hände fallen.

»Ich sage ja nichts gegen den Duca,« verteidigte sich die alte Frau. »Er ist sicherlich ein Santo, ein – ich weiß nicht was – und es ist gewiß nur der alte Emilio schuld daran, der mit seinem dummen alten Kopf alles vergißt, was man ihm gesagt hat. Nur der Emilio ist schuld – der Duca nicht, o nein, niemals der Duca. Gott segne ihn! Das ist nämlich ihre Verrücktheit,« setzte die Alte flüsternd hinzu. »Sie hält den Duca für einen Gott, und man darf eigentlich nur mit einem Kompliment von ihm reden. Sie hat sich das in den Kopf gesetzt, es ist ihre Pazzeria (Narrheit). Sie sitzt den ganzen Tag hier, nur um ihn ausgehen und heimkehren zu sehen und ihm eine Reverenz zu machen und dazu zu sagen: 'Buon giorno, Signor Duca! Buona sera alla Sua Eccellenza!' Er sieht sie kaum an, die poverina, aber er faßt an den Hut, und dann ist sie ganz stolz und ganz glücklich.«

»Es ist nicht wahr, zia! Manchmal sagt er auch zu mir: 'Buon giorno!'» flammte die Schwachsinnige auf, die dabei ganz wunderschön aussah.

Die Wäscherin nahm sehr gern und mit vielem Dank die Münze an, die ich ihr reichte, und als wir um die Ecke waren, sagte ich, Elfe unter den Arm fassend: »Also in dem Palast ist nichts zu sehen als Staub. In den zerfallen ja die meisten unserer Illusionen!«

»Davon müßte ich mich erst mit eigenen Augen überzeugen,« erwiderte Elfe. »Wie die arme Pazza dort auf ihren Duca, so schwöre ich auf den Palast. Auf meinen Palast! Du wirst schon sehen, er ist eine Fundgrube!«

Ich zweifelte, denn meine unmaßgebliche Meinung war, daß die allernächsten Nachbarn besser Bescheid wissen mußten als wir, besonders Nachbarn aus diesem bescheidenen Stand, der meist besser informiert ist als die Leute der eigenen Kreise. Es war wohl mit diesem Haus wie mit so vielen anderen in Italien: ein dem Untergang zuneigender, in jeder Beziehung absterbender uralter Stamm, dem das Lebensmark und die Mittel versagten. Dann pflegen die seit Jahrhunderten gesammelten Kunstschätze und die sonstigen Zeugen einstiger Größe und Reichtums in fremde Galerien oder Privathände auszuwandern, und schließlich kommt ein Konsortium, das den verwaisten und beraubten Palast zu einem, den Aktionären glänzende Dividenden abwerfenden Hotel umbaut. Sic transi glori mundi. Im besten Fall ist's ein reicher Privatmann aus großem, fremdem Haus oder ein fremdländischer Fürst, ein »roi en exile«. der solch einen Palast zu neuem Glanz bringt, was auch seine Gefahren hat, denn die Vandalen sind in allen Ständen in immerblühendem Gedeihen.

Elfe lebte der sicheren Zuversicht, daß der wirkliche Besitz dieses Hauses nur noch eine Frage der allernächsten Zeit sei, und so sehr ging ich auf die Phantastereien meines Schwesterleins ein, daß ich im Ernst inbrünstig hoffte, der Kauf dieses Hauses würde sich an einer unmöglichen Forderung zerschlagen, worüber wir beiden kindischen Frauenzimmer im Ernst zu streiten begannen.

Von unserem Ausflug ins Hotel zurückkehrend, fanden wir meinen Schwager vor, sehr befriedigt von der wissenschaftlichen Ausbeute seiner heutigen Arbeiten im Archiv.

»Hingegen,« setzte er mit dem Bedauern eines enttäuschten Kindes hinzu, »hingegen stehen unsere Aktien zur Besichtigung des Palazzo Irán - Contarini schlecht, meine arme kleine Elfe! Ich habe den Konsul gesprochen, der mir sagte, daß er eine Empfehlung zur Besichtigung des Palastes zu erteilen nicht befugt sei; im Gegenteil hätte der Besitzer die Konsuln unter der Hand ersuchen lassen, ihn mit Fremdeninvasionen gefälligst zu verschonen. Der Herzog soll nämlich ein menschenscheues Original sein, das nicht einmal weibliche Dienstboten im Hause duldet. Der Konsul meinte, wenn wir durchaus einen Anlauf machen wollten, weil du so sehr darauf brennst, Liebste, so sollten wir einfach an dem arabischen Portal in der Salizzada klingeln und mit edler Harmlosigkeit fragen, ob man das Haus sehen kann. Ist der Herzog nicht daheim und in ganz sicherer Ferne, so wäre es schon nicht unmöglich, daß der Majordomus, Kammerdiener, Koch und Hausknecht in einer Person, geneigt wäre, sich ein kleines Trinkgeld zu verdienen. Wenn wir's also riskieren wollen, uns die Tür vor der Nase zuschlagen zu lassen – ich hab's im allgemeinen nicht gerade gern, aber für dich, mein Elfchen, will ich's mal ausnahmsweise über mich ergehen lassen.«

»Erich, du bist ein Engel!« erklärte meine Schwester mit einem Brustton der Überzeugung, daß wir der Versicherung ohne weiteres glaubten.

»Lohnt es sich aber, das Risiko?« wandte ich ein. »Ich meine, ist in dem Palast überhaupt etwas zu sehen?«

»Und wenn er leer ist wie eine Scheune, so müssen die Räume allein doch schon herrlich, sehenswert sein,« ereiferte Elfe sich derart, daß mein Schwager lachen mußte.

»Über diesen Punkt wußte der Konsul Bescheid, » sagte er mit einem stolzen, glücklichen Blick auf das junge Wesen, das mit solchem – ja, soll ich's Eigensinn nennen? – für die Erfüllung eines törichten Wunsches kämpfte. »Er meinte, wenn der Palast nicht unter der Hand geplündert worden wäre, so wäre er höchst sehenswert. Möbel, Waffen, Gemälde, Schnitzereien wären darin angehäuft wie in jedem solchen alten, venezianischen Patrizierhause; seines Wissens fehlten auch die orthodoxe Fresken von Veronese und Tiepolo nicht. Auch von einem antiken Pozzo und von einer Statue oder was weiß ich, redete er. Der Herzog wäre wohl der letzte seines Namens, doch in finanzieller Hinsicht durchaus nicht dekadent, und wenn auch nicht gerade ein Konkurrent eines amerikanischen Trustmilliardärs, so doch seinem Stande entsprechend vermögend. Wenn das Haus vernachlässigt würde, so wäre das nicht die Folge eines Mangels der erforderlichen Mittel, sondern weil der Herzog ein Sonderling wäre. Übrigens –«

»Ich wußte es, daß der Palast sehenswert ist,« warf Elfe triumphierend ein. »Und wir werden ihn sehen, müßte ich darum betteln.«

»Es ist ihre pazzeria!« meinte ich achselzuckend, die alte Wäscherin zitierend.

»Es ist hart, wenn man sich von seinen nächsten Angehörigen so falsch beurteilt sieht und pazzeria, zu deutsch 'Verrücktheit' nennen hört, was doch einfach Notwendigkeit ist,« sagte Elfe vorwurfsvoll mit tragischer Gebärde; wenn Erich dazu auch behaglich lächelte, so hörte ich doch den Ernst deutlich heraus. »Du hast noch etwas 'übrigens' sagen wollen,« fuhr sie fort, ihren Mann erwartungsvoll ansehend.

»Hab' ich? Ach ja – ich erinnere mich. Es betraf die Familie Irán, deren Name mir nicht recht urvenezianisch vorkommen wollte, und ich hatte recht. Das Geschlecht stammt aus Persien, von wo es am Anfang des siebzehnten Jahrhunderts auswanderte, weil es durch seinen christlichen Glauben und durch die Propaganda, die es für das Evangelium machte, derartige Verfolgungen zu erleiden hatte, daß ihm sein Vaterland dadurch unerträglich wurde. Die Irán wandten sich zuerst nach Rom und wußten dort bald festen Fuß zu fassen, schon durch ihren Reichtum, mit dem sie nicht nur nicht knauserten, sondern den sie mit vollen Händen ausstreuten. Vom Papst Paul V. empfohlen, wandten sich die Irán bald nach Wien, wo der Kaiser ihnen für gewisse diplomatische Dienste die ungarische Grafenwürde verlieh, mit der gestärkt ein Irán in Venedig erschien, als Abgesandter wie es scheint, um für den Kaiser wichtige Verhandlungen mit der Republik zu führen. Dieser selbe Irán lernte eine Venezianerin kennen und lieben, die Erbin des Palazzo Contarini, in dem er sich nach erfolgter Vermählung mit der vornehmen Patrizierin dann dauernd niederließ, den Beruf eines Bankiers ausübend, wie die Cornaro und andere der großen venezianischen Familien. Der Reichtum der Irán-Contarini muß sehr groß gewesen sein, denn das Haus lieh der Republik für den Krieg um Candia die selbst für jene Zeiten riesige Summe von 720 000 Dukaten – wohl angelegtes Geld, denn die Zinsen dafür waren die Aufnahme der Irán unter die Patrizier von Venedig, die Eintragung ihres Namens in das Goldene Buch, womit wohl auch ihr höchster Ehrgeiz erfüllt war. Der Herzogstitel war dann das österreichische Schmerzensgeld für das aufgelöste Patriziat, das eines Titels nicht bedurfte und sich nie eines solchen bedient hat, solange Venedig unter einem aus seiner Mitte gewählten Dogen stand. Der Name stand an Titels Statt, und wenn dieser auch angenommen wurde, so wird sich doch heut noch kein Nachkomme der alten Häuser seiner zur Unterschrift bedienen.«

Elfe sprach den ganzen Abend von nichts anderem als dem bevorstehenden Besuch im Palazzo Irán-Contarini. Ich fand, daß sie sich in einen geradezu fieberhaften Zustand hineinredete, und ärgerte mich eigentlich, daß mein Schwager immer wieder auf dieses Thema einging, statt seine Frau auf etwas anderes zu bringen. Ich hatte meine Empfindungen vor diesem Haus nicht vergessen und konnte sie auch nicht loswerden. Das einzige, was mich dabei beruhigte, war, daß meine Schwester über dieser »fixen Idee«. wie ich's nannte, ihren Eindruck über die vierfache Begegnung mit dem »schwarzen Kater« total vergessen zu haben schien, aber damit war eigentlich nur der Teufel mit Beelzebub vertrieben worden, denn eins schien mir so ungerechtfertigt, so krankhaft wie das andere. Ich nahm mir vor, meinen Schwager zu fragen, ob meine sonst so gesunde Elfe in letzter Zeit öfter ähnliche Symptome gezeigt. Es war ja ganz gut und schön, daß Erich seine junge Frau so auf Händen trug, daß er ihr jeden, auch den leisesten Wunsch zu erfüllen suchte, aber ich fand es doch zu viel des Guten, daß er uns am folgenden Morgen strahlend und stolz erklärte, er wolle seine Arbeit im Archiv am Vormittag ruhen lassen, um die Expedition zum Palazzo Irán nicht aufzuschieben.

Bei dieser Erklärung fing Elfe dermaßen zu zittern an, daß ihr die Teetasse, die sie gerade zum Mund führte, aus der Hand fiel und ihren Inhalt über den Tisch und ihr Kleid ergoß. Sie wurde erst blaß, dann rot, und schließlich sprang sie auf, um ihrem Mann um den Hals zu fallen.

»Erich, du bist der liebste, beste Mensch von der Welt!« rief sie mit einem Lachen, das mir auf die Nerven ging, und dann brach sie in ein krampfhaftes Schluchzen aus.

Es war ein Glück, daß wir unser Frühstück im Privatsalon nahmen, der zu dem Apartement der Meinen gehörte, und nicht wie die übrigen Mahlzeiten im gemeinschaftlichen Speisezimmer unter all den Fremden. Aber diese Erleichterung kam erst später zur Geltung; im Augenblick überwog der Schreck.

»Elfe – um Gottes willen, du bist krank!« rief ich ernstlich besorgt.

»I Gott bewahre,« erklärte sie, schon wieder lachend. »Ich bin so gesund wie ein Fisch im Wasser. Ich habe mich nur so gefreut – Erich ist doch auch zu nett, nicht? Ich war gerührt – das war ich. Mir zulieb seine Arbeit zu verlassen – das wird sobald kein anderer tun. Erich –« und dabei rannen ihr die Tränen schon wieder über das lachende Gesicht – »Erich, wie soll ich dir denn danken!«

»Aber, Lieb, mein Lieb – das ist doch nicht der Rede wert!« sagte mein Schwager, die kleine Hand streichelnd, die auf seiner Schulter lag. »Es ist wahr – ich bin ein wenig stolz auf den guten Gedanken, aber schließlich – so etwas Großes ist es doch nicht. Du bist rührend, Herzensschatz, daß du dich über solche Bagatelle so freuen kannst. Und dabei wissen wir nicht einmal, ob wir überhaupt Einlaß finden werden.«

»Nein, das wissen wir nicht einmal,« wiederholte Elfe mechanisch, und dabei sahen ihre blauen Augen über uns weg mit einem Ausdruck, als sähen sie etwas, was wir anderen nicht sehen konnten.

»Elfe!« rief ich sie halblaut an.

Es war, als ob sie erwachte, als sie meine Stimme hörte, denn ihre Augen veränderten den Ausdruck.

»Ja, ja,« nickte sie mir zu, »ich weiß schon: mein Kleid ist von dem Tee befleckt. Noch dazu ein ganz neues Tea-Gown, das Erich mir erst neulich geschenkt hat. Zu dumm von mir, nicht? Ich werde mich gleich zum Ausgehen umziehen.«

Damit ging sie in das Schlafzimmer und machte die Tür hinter sich zu.

»Sie ist doch noch das reine Kind – wie sie sich freuen kann,« sagte mein Schwager mit Rührung und dabei mit einem Stolz, der mich in einem anderen Augenblick auch gerührt hätte.

»Freuen!« wiederholte ich irritiert. »Das ist keine Freude, das ist krankhaft. Ist Elfe schon lange so leicht erregbar?«

Erich sah mich ganz erstaunt an: »Das verstehe ich nicht – wie meinst du das?«

»Aber das muß dir doch aufgefallen sein!« entgegnete ich. »Man weint doch nicht vor Freude und läßt die Teetasse fallen, bloß weil man ein Haus sehen kann. Diese Passion auf das Haus ist an sich aber schon etwas Exaltiertes, das mir an Elfe ganz ungewohnt ist.«

Mein Schwager sah erschrocken aus.

»Das – daran habe ich noch gar nicht gedacht,« sagte er mit der Hilflosigkeit eines großen Kindes, das er in den Dingen dieser Welt, soweit sie die Wissenschaft nicht angingen, auch war. »Jetzt, wo du mich darauf bringst, scheint es mir auch so, als ob Elfe – wie soll ich sagen – unnatürlich erregt war. Nein, du hast recht, die Ursache rechtfertigt diese Wirkung nicht. Es muß in ihren Nerven liegen. Ob man einen Arzt konsultiert?«

»Das wird sich finden, » erwiderte ich. »Vielleicht ist es nur vorübergehend – »

»Hoffentlich. Denn ich wüßte keine Ursache für eine Überreizung der Nerven. Wir leben ja ganz für uns, und Elfe scheint das Leben auch so zu behagen. Es ist wahr, ich habe sie noch nie so hochgradig erregt gesehen wie eben jetzt –«

»Und gestern Abend,« fiel ich ein. »Sie hat ja von nichts anderem geredet als von dem Palast. Ob es das Klima ist?«

Mein Schwager überlegte. »Wir waren eigentlich beide darüber einig, daß das venezianische Klima uns so sehr zusagte,« meinte er kopfschüttelnd, »und Elfe sieht doch so blühend aus – oder findest du nicht? Wenn man immer mit jemand zusammen ist, merkt man eine Veränderung des Aussehens oft gar nicht – sie hat auch nie über irgend etwas geklagt. Der Palast hat sie interessiert, seit wir ihn zum erstenmal sahen, aber ich habe darin wirklich nichts Außergewöhnliches finden können, weil Elfe sich so leicht und hinreißend für Dinge interessieren kann. Ihr Enthusiasmus ist für mich der reine Jungbrunnen . . . Es würde sie ja nun wohl bitter enttäuschen, wenn man diese Expedition unter irgendeinem Vorwand aufgeben oder hinausschieben wollte.«

»Und gerade das Gegenteil damit erreichen,« setzte ich hinzu. »Wahrscheinlich wird der Palast sie sehr enttäuschen, wenn sie ihn überhaupt zu sehen bekommt – aber aus Enttäuschungen ist das Leben ja zusammengesetzt –«

»Besser, enttäuscht werden, als sich nie auf etwas freuen,« erwiderte mein Schwager mit seiner idealen Philosophie, die ihn so gewinnend machte. »Das hieße ja, nie eine Rose brechen wollen, weil man sich an den Dornen stechen könnte. Und Elfe ist noch so jung, sie erwartet noch so viel vom Leben –«

»Ich wäre die Letzte, ihr das zu verdenken oder rauben zu wollen. Nur wie man sich freut, das macht den Unterschied. Mich beunruhigt wirklich diese fieberhafte Erwartung, dies ungesunde Verlangen.«

»Du siehst zu schwarz, glaube ich,« fiel Erich ein. »Es hat jeder einmal eine kleine Idiosynkrasie, jeder einmal eine kleine Nervenverstimmung. Das wird sich geben.«

»Hoffen wir's,« murmelte ich, etwas irritiert durch meines Schwagers scheinbar ganz ungestörte Ruhe. Gleich darauf trat Elfe wieder bei uns ein, zum Ausgehen angekleidet, heiter und strahlend, so daß ich mich ernstlich fragte, ob es vielleicht meine eigenen Nerven waren, die mich schwärzer sehen ließen als nötig war.

Wir verließen bald darauf das Haus und legten, da es noch etwas früh war, den weiten Weg zum Palazzo Irán zu Fuß zurück. Elfe lachte und plauderte die ganze Zeit fast ununterbrochen, aber so große Freude mir auch sonst immer ihr herziges Plappermäulchen machte – heut hatte ich Mühe, es zu ertragen. Dabei redete ich mir vor, daß es meine eigenen Nerven waren, denen ihre Heiterkeit gemacht vorkam, und ich fing ernstlich an zu bereuen, mich diesem Besuch eines Hauses angeschlossen zu haben, dessen bloßer Anblick mir schon früher ein rätselhaftes Unbehagen eingeflößt hatte. Ja, ich hatte schon den Gedanken, mich unter irgendwelchem Vorwand zu entfernen, aber ich wußte nicht recht, was ich vorgeben sollte, und schämte mich doch auch einer Schwäche, die ich nicht einen Augenblick vor mir selbst zu entschuldigen suchte.

So gingen wir denn wieder über die Brücke, unter der ich vor Jahren mit meinem Vater an dem Palast, vorübergefahren war. Wir sahen die imposante Front des alten Hauses sich in dem stillen Wasser des Kanals widerspiegeln, sahen die Sonne des warmen, köstlichen Herbsttages in den vielen grünen Nuancen der Bäume des Gartens leuchten und standen dann vor dem arabischen Portal in der Salizzada. Mein Schwager legte die Hand auf den wundervollen bronzenen Klopfer.

»Halt!« rief Elfe, ihre eigene Hand auf die seine legend. Sie war blaß und ihre Augen hatten einen unruhigen Ausdruck. »Ich – ich wollte vorher nur einmal nachsehen, ob die Pazza heut wieder in der Kalle hinter dem Palazzo sitzt,« sagte sie hastig. Und ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie auch schon um die Ecke.

Ich nickte meinem Schwager zu. »Da hast du's,« sagte ich, unnötig erregt. »Erst dieses unvernünftige Verlangen, dann Tränen, als es ihr versprochen wird, und nun sucht sie Vorwände, um die Erfüllung hinzuziehen. Das ist doch nicht normal! Launen hat Elfe nie gehabt – das wäre etwas ganz Neues an ihr.«

Ehe er antworten konnte, war sie schon wieder zurück.

»Sie ist wirklich verrückt, die arme Gloriosa, » rief sie eifrig. »Denkt euch nur, sie hat die Faust nach mir geschüttelt – die Faust! Und mich dabei mit ihren schwarzen Augen angesehen, als ob sie mich fressen wollte!«

»Wollen wir, für heut wenigstens, lieber wieder umkehren?« fragte Erich.

»Warum nicht gar!« entgegnete sie lachend, aber es kam nicht von Herzen. Und damit ergriff sie auch schon selbst den schweren Klopfer und ließ ihn auf die bronzene Platte herabfallen. Wir hörten den Ton dumpf hinter der Tür hallen und widerhallen, wie in einem riesigen leeren Raum.

»Na, wenn sie das nicht gehört haben –« murmelte ich und sah Elfe vorwurfsvoll an, aber der Nachsatz, daß sie dann darinnen wirklich taub sein müßten, blieb ungesprochen, denn ich sah, daß das reizende junge Gesicht meiner Schwester blaß war und einen starren Ausdruck hatte. In ihren Augen glänzte ein Licht, das mir das Wort auf den Lippen zurückhielt.

»Habt ihr's gehört?« fragte sie. »Das war, als ob das Schicksal geklopft hätte: laut, dringend, unabänderlich.«

»Nun, wenn das Schicksal in solcher Gestalt kommt, kann man es sich schon gefallen lassen,« sagte mein Schwager und nickte mit einem stolzen Blick seiner Frau zu. Er hatte offenbar nicht gehört und gesehen, was mir aufgefallen war. Waren es denn nur meine Nerven, die mir solche Streiche spielten? »Jedenfalls«. fuhr mein Schwager mit der gleichen Ruhe fort, »beeilt man sich da drinnen nicht, dem Schicksal aufzumachen. Soll ich noch einmal klopfen?«

»Dreimal ist die orthodoxe Zahl,« erwiderte Elfe. »Wenn dann niemand öffnet, kommen wir nicht wieder her.«

Erich legte die Hand wieder auf den Klopfer, aber ehe er ihn noch hob, hörten wir drinnen schlürfende Schritte, und es fiel etwas zu Boden mit dem unverhältnismäßigen Lärm, den jedes Geräusch in großen, gewölbten Räumen zu machen pflegt. Innen wurde ein Riegel zurückgeschoben und die Klinke niedergedrückt und in dem sich öffnenden Spalt erschien ein etwas gebücktgehender alter Diener, eine blaue Arbeitsschürze über ein gestreiftes Leinenröckchen gebunden, sonst aber ganz korrekt mit Kniehose, schwarzen Strümpfen und Schnallenschuhen angetan, mit weißem Kragen und weißer Halsbinde. Sein glattrasiertes Gesicht war runzlig, sein Haar grau, sein Ausdruck gutmütig und – dumm.

»Darf man den Palast besichtigen?« fragte mein Schwager höflich.

Der Alte lächelte verbindlich und legte beide Hände hinter seine Ohren. »Commanda?« fragte er mit dieser beredten Versicherung seiner Schwerhörigkeit.

Erich wiederholte seine Frage mit Stentorstimme.

»Commare? Den Palazzo besichtigen? Dio mio – das ist noch niemals vorgekommen,« war die mit ungeheucheltem Erstaunen gegebene Antwort. »Noch niemals, Signor! Perché? Der Palazzo steht nicht im Bädeker, und die Fremden wissen nichts von ihm. Sie sehen ihn auch nicht einmal an, wenn sie vorüberkommen, denn er steht ja nicht im Bädeker.«

»Na ja, aber wir haben ihn trotzdem gefunden und möchten ihn gern sehen,« schrie mein Schwager belustigt.

»Freilich, freilich – es gibt eben Fremde und Fremde,« nickte der alte Mensch. »Der Palazzo muß ja auch jedem auffallen, der Augen hat. Ganz begreiflich. Signor, Ihnen zu Diensten. Aber ihn inwendig besichtigen, wie man den Dogenpalast sieht und den Palazzo Vendramin und – und – nein, o nein, das kann man natürlich nicht.«

»Also wünscht der Besitzer nicht, daß man das Haus den Fremden zeigt? Oder bedarf es dazu einer besonderen Empfehlung, eines Permesso?«

»Nein – der Besitzer, Seine Exzellenz der Herr Herzog, wünschen nicht, daß man sein Haus den Fremden zeigt,« erwiderte der alte Mann kopfschüttelnd. »Ich bedauere sehr, Signor, bedauere sehr. Nicht etwa, weil der Palazzo nicht sehenswert wäre, Gott bewahre, nicht deshalb. Allein schon die Halle hier! Der Signor Architekt hat gesagt, es gäbe nichts Großartigeres als unsere Halle,« setzte er mit dem Stolz hinzu, der allen Dienern alter Häuser so gut steht, und um seine Worte zu illustrieren, machte er die Tür vollends auf und deutete mit einer Handbewegung in die weite Eingangshalle, die sich, von Säulen getragen, in einen mit Loggien umsäumten Lichthof öffnete, in dem sich eine Zisterne mit einem aus antikem Säulenkapitäl bestehenden »Pozzo« befand. In der Mitte der Halle aber stand neben einer riesigen kupfergetriebenen Blumenvase persischer Arbeit die hohe, schlanke Gestalt eines Mannes – der »schwarze Kater«! Er hatte dem Gespräch an der Tür zugehört und machte, als die geöffnete Pforte ihn unseren Blicken bloßstellte, eine heftige Bewegung des Unwillens, während der alte Diener, sich umwendend, einen Schrecken bekam, der nicht übel war.

»Alle Heiligen – der Herr Herzog!« rief er.

Der Herzog von Irán hatte kaum unsere Gruppe am Portal gesehen, als er auch schon lebhaft auf uns zukam, den Hut lüftend.

»Die Herrschaften wünschen mein Hans zu sehen?« sagte er verbindlich, die dunklen, tiefliegenden Augen auf Elfe gerichtet.

»Ich muß wegen dieses formlosen Eindringens um Verzeihung bitten,« erwiderte mein Schwager, seinen Namen nennend, »aber da einige der venezianischen Paläste durchreisenden Fremden zugänglich sind, so bitte ich Eure Durchlaucht, es dem Kunstfreund zugute zu halten, wenn er sich eines Irrtums schuldig gemacht und eine Indiskretion zu begehen im Begriff war. Meine Frau besonders hat sich von dem Palast so angezogen gefühlt, daß sie keinen größeren Wunsch hegt, als ihn auch innen kennen zu lernen, und meine Schwägerin, Gräfin Xanten, hat sich uns angeschlossen –«

»Ich halte Ihren Wunsch für sehr begreiflich, Herr Graf,« fiel der Herzog ein, ohne die Augen von Elfe abzuwenden. »Unsere Paläste in Venedig sind interessant, und ich darf sagen, der meinige ist schon manchem Kenner aufgefallen. Ob sein Inneres Sie nicht enttäuschen wird, wage ich freilich nicht zu entscheiden. Wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, den Palast unter meiner Führung zu besichtigen, so würden Sie mir ein besonderes Vergnügen damit bereiten.«

Mein Schwager ließ noch ein paar höfliche Redensarten vom Stapel, und dann fiel die schwere Pforte des arabischen Portals hinter uns zu. Ich hörte dabei den alten Emilio nach Art der Schwerhörigen laut denken: »Nun soll noch einer sagen, daß etwas unmöglich ist! Commare! Er läßt Leute herein, fremde Leute! Und Frauenzimmer dazu! Die Welt geht unter!«

Ich hätte den Guten aufklären können, denn ich hätte darauf geschworen, daß der »schwarze Kater« entweder ohne weiteres entflohen wäre oder uns kurz und bündig die Tür vor der Nase zugeschlagen hätte, wenn er Elfe zufällig nicht gewahr wurde. Ich hatte ganz genau beobachtet, welche Veränderung mit seinem Gesicht vorging, als er sie sah und erkannte; sie war das Sesam, das uns die Pforte des Palazzo Irán-Contarini öffnete, und wir beiden anderen, Erich und ich, wurden als notwendige Übel dabei mit über die Schwelle gelassen. Der Gedanke war mir nicht gerade sympathisch, aber schließlich – was tat's? Wir konnten die scheinbare Höflichkeit annehmen, konnten uns bedanken und sahen dann hoffentlich den unsympathischen Menschen nie wieder. Und wenn auch – Erich war ja doch da, um die Bewunderung der unheimlichen schwarzen Augen gebührend in Schranken zu halten. Mein Schwager war natürlich total harmlos; erstens hatte er die Geschichte von dem »schwarzen Kater« längst vergessen, zweitens konnte er nicht ahnen, daß es der Herzog Irán war, und drittens hatte er selbstverständlich nichts von dem bemerkt, was ich gesehen. Er stürzte sich gleich mit vollem Enthusiasmus auf die kupferne Vase in der Mitte des imposanten Vestibüls, das mit nur wenigen Möbelstücken ausgestattet, einen kalten Eindruck machte. Es war auch recht kalt in dem riesigen Raum.

Elfe war, als sie die Schwelle überschritten hatte, wie ausgewechselt. Sie hatte mir, als wir in dem Besitzer des Palastes unseren »großen Unbekannten« wiederfanden, einen Blick zugeworfen, in dem sich geradezu fassungslose Angst widerspiegelte. Nachdem wir jedoch den Palast betreten, war sie ganz die Alte, harmlos, fröhlich, interessiert von allem, was sie sah, ohne jedes Zeichen von Widerwillen gegen den Mann, der sie gestern noch in eine, wie wir schien, ungerechtfertigte Erregung versetzt hatte. Vielleicht fand sie ihn bei näherer Betrachtung nicht mehr abstoßend und vergaß, daß er sie vor ein paar Jahren durch sein formloses Anstarren in ihrer Kindlichkeit verletzt hatte.

Nachdem wir auch den Mosaikboden des Vestibüls bewundert und den Lichthof gesehen hatten, stiegen wir die Treppe empor, die so großartig und geräumig war, wie man sie nur in einem venezianischen Palast finden kann. Die kassettierte Decke des Tonnengewölbes darüber war vergoldet, gemalt, überreich dekoriert, aber die breiten weißen Marmorstufen mit den Geländern von gelbem griechischen Marmor entbehrten der Teppichläufer – auch dieses Prachtstück des Palastes machte den Eindruck des Unbewohntseins. Der Herzog mochte das empfinden und entschuldigte es.

»Ich bin ein Einsiedler,« sagte er. »Ich lebe hier in dem großen Haus ganz allein mit meinem alten Emilio, der mich schon als Kind gekannt hat und meine einzige Bedienung ist. Wozu brauche ich Teppiche? Ich müßte ein Heer von Dienstboten haben, um diese Staubfänger in Ordnung zu hatten. Ich hasse es, wenn viele Weiber im Haus herumfahren.«

»Ich auch,« erklärte mein Schwager mit so viel Sympathie, daß Elfe hell auflachte mit ihrer ganzen lieben Fröhlichkeit.

»Wie schön Sie lachen können, Gräfin!« sagte der Herzog, und über sein Gesicht ging ein Leuchten, das ihn ordentlich verklärte.

Er war nicht etwa häßlich, im Gegenteil. Ich fand bei näherer Betrachtung sogar, daß seine Züge sehr regelmäßig waren und daß die »typische Nase« der venezianischen Aristokratie seinem Gesicht etwas entschieden Charakteristisches gab; aber die dichten, über dieser Nase zusammengewachsenen Brauen gaben ihm einen finsteren, fast feindlichen Ausdruck, und die tiefliegenden Augen glühten in einem unheimlichen Feuer.

»Ich habe das Lachen schon so lange verlernt,« setzte er, sich abwendend, hinzu, »daß ich eigentlich glaube, ich hab's nie gekonnt. Schließlich gibt es ja auch so wenig zu lachen.«

»Finden Sie das?« fragte Elfe erstaunt. »Mir kommt's manchmal vor, als ob die ganze Welt lachte, weil es so viel Lustiges darin gibt. Aber«. setzte sie weise hinzu, »es kommt wohl darauf an, mit welchen Augen man die Dinge ansieht.«

»Ja, wenn man Augen hat wie Sie, Gräfin,« entgegnete der Herzog, mit seinem Blick Elfe verschlingend, so daß ich wünschte, wir möchten erst wieder heraus sein aus diesem Palast, wo mit den Teppichen wohl auch alle sonstigen schönen Dinge in der Mottenkiste verpackt lagen.

Elfe wurde rot und wendete ihre strahlenden Augen ab. So dickunterstrichene Komplimente ist man bei uns nicht gewöhnt. Ich aber hatte zu lange in Italien gelebt, um die Worte als ungewöhnlich zu empfinden.

Die Treppe mündete im ersten Stock über dem Entresol wieder in ein elegantes Vestibül, in dem der Herzog links eine Tür öffnete. Wir betraten zunächst ein schmales, korridorähnliches Gelaß, in dem nur ein paar Marmortische an den Wänden standen und ein paar Dutzend Stühle daneben, aber an den Wänden hingen in sehr schlechtem Licht eine Menge Gemälde, meist Familienbilder, von denen mir viele als recht gut auffielen. Aus diesem Gelaß führten zwei Türen in den sich anschließenden großen Saal, dessen hohe, byzantinischen Spitzbogenfenster nach der Salizzada über dem arabischen Portal lagen. Die Einrichtung bestand hier in mit gelbem Seidendamast bezogenen, weißgold lackierten Barockmöbeln, die Wände waren mit dem gleichen Stoff bespannt und mit herrlichen venezianischen Spiegeln in geschliffenen Rahmen behängt, und auf dem Plafond hatte Tiepolos leichter Pinsel eine Schar lachender Amoretten gezaubert, die mit Rosengirlanden in sonnendurchleuchtetem Gewölk spielten.

»Einen richtigen venezianischen Palast ohne Fresken von Tiepolo werden Sie kaum finden,« meinte der Herzog, die Augen auf Elfe gerichtet, die, das reizende Gesicht mit dem herrlichen Teint nach oben gewandt, freilich bezaubernd aussah, eine weiße Lichtgestalt in dem glänzenden, heiteren Raum. »Aber«. setzte er stolz hinzu, »in diesem Haus hat Tiepolo doch sein Meisterstück gemacht – in diesem Genre.«

Ein mit kostbarsten Gobelins ausgehängter Salon war der nächste Raum, den wir betraten, und hier bildeten außer den eingelegten Möbeln ein monumentaler Kaminmantel und einige Marmorbüsten die Sehenswürdigkeiten, alles von Alessandro Vittoria modelliert. Dann betraten wir wieder einen saalartigen Salon mit holzgeschnitzter Decke und herrlicher, reichvergoldeter Ledertapete, in dem große Familienbilder und andere Porträts von den beiden Bellinis, von Tintoretto, Tizian, Bordoni und neueren Malern hingen – ein Museum an sich. Auch hier standen Büsten, Bronzen, Porzellane von großem Wert, und wenn auch alles durch den Mangel an Teppichen, Decken, Kissen, Vorhängen so unwohnlich war, daß einem darin fröstelte, so konnte man sich doch vorstellen, welch fürstlicher Aufenthalt dieser Palast hätte sein können. Der folgende Saal hatte nur Fenster nach dem Kanal zu. In der Wand nach dem Garten befand sich eine Nische, die mit einem purpurnen, von einem Baldachin überragten Samtvorhang mit reicher Goldstickerei verhängt war. Schwere, geschnitzte und vergoldete Barockmöbel mit purpurnem Goldbrokat bezogen, die Wände mit gleichem Stoff bekleidet, Porträte von Feldherren, Senatoren und juwelengeschmückten Damen in reichen Goldrahmen, eine Sammlung herrlicher alter Porzellane in Raritätenschreinen unter Glas, an der vergoldeten Stuckdecke eine Verherrlichung der Venezia von Paul Veronese, ein Prunkkamin von weißem und goldfarbenem Marmor – Giallo antico – das war, was man in diesem prächtigen Raum bewundern konnte.

Meine Schwester, der Herzog und ich betraten ihn zunächst – Erich konnte sich nicht von den Tizians in dem vorigen Saal losreißen und blieb noch zurück. Elfe konnte sich an der Porzellansammlung nicht satt sehen. Ich sah ihre Augen aber häufig nach dem Baldachin mit dem samtenen Vorhang wandern, und endlich sagte sie in ihrer gewinnenden Weise: »Darf ich einmal recht neugierig sein, Durchlaucht? Ich brenne nämlich darauf, zu wissen, was hinter dem Vorhang dort ist!«

Der Herzog zögerte einen Augenblick, dann aber trat er an den Vorhang und ergriff die Quaste einer seidenen Schnur, die seitlich daran herabhing. »Der Vorhang, Gräfin, verhüllt eine Geschmacklosigkeit. Aber was wollen Sie? Mein Haus hat sie wie eine Reliquie bewahrt, und man käme sich wie ein Vandale vor, wenn man entfernen wollte, was seit zweihundert Jahren seinen Platz behauptet hat. Früher war dieser Vorhang zurückgezogen, aber schon mein Vater ließ ihn zum Herablassen einrichten, weil das traurige Objekt dahinter wirklich kaum geeignet war, zur Fröhlichkeit und zum Behagen einer Gesellschaft beizutragen, und weil meine selige Mutter eine heftige Antipathie dagegen hatte. Ich muß aber, ehe ich den Damen diese merkwürdige Reliquie zeige, eine Erklärung vorausschicken. Unser Haus besaß im letzten Viertel des siebzehnten Jahrhunderts eine sehr schöne Tochter, die Donna Onesta Irán, und der regierende Doge, ein Witwer, warb um ihre Hand und verlobte sich mit ihr. Nun ist unser Haus aber ein in Venedig eingewandertes, und wenn es auch damals schon längst in das venezianische Patriziat aufgenommen war, so wurde es von den alten Patriziern doch als Fremdling, als Eindringling betrachtet und von den urvenezianischen Familien gründlich verachtet und – beneidet. Daß nun eine Tochter unseres Hauses die Stelle der ersten Dame der Republik einnehmen, daß sie am Tage ihrer Vermählung mit dem Dogen in San Marco feierlich als Dogaressa gekrönt werden sollte, das war das Signal zu unerhörten Intrigen in den Kreisen der alten Patrizier, die fast zu einer Revolution geführt hätten, wenn nicht ein Gewaltstreich geschehen wäre, der die Vermählung verhinderte. Donna Onesta wurde am Tage vor ihrer Vermählung und Krönung in diesem Zimmer tot aufgefunden – einen Dolch im Herzen. Wer den tödlichen Stoß geführt, ist nie bekannt geworden, der jähe Tod der Dogenbraut blieb ungerächt. Ihre in Jammer und Schmerz ganz aufgelösten Eltern ließen die Verblichene im vollen Schmuck ihres Ehrentages unter diesem Baldachin aufbahren und die Leiche eine Cour abhalten, bei der alle die defilierten, welche der neuen Dogaressa hätten huldigen müssen. Wie sie so im vollen Braut- und Krönungsstaat dagelegen, so sollte ihr ein Monument in San Giovanni e Paolo errichtet werden, und der Künstler, den man damit betraut, nahm ihre Wachsmaske ab. Das Monument kam aber nicht zustande, denn die Ausführung scheiterte wiederum an den Intrigen derer, die auch hierin ein unberechtigtes Eindringen Fremder in ihre Kreise sahen. Das Wachsmodell der Grabfigur aber blieb im Palast zur Erinnerung an die Tragödie an derselben Stelle stehen, wo Donna Onesta einst aufgebahrt war. Ich will es den Damen zeigen, wenn Sie noch Lust haben, es zu sehen.«

»Aber sicher – jetzt erst recht!« rief Elfe, und der Herzog zog den Vorhang zurück.

Es war wirklich eine Geschmacklosigkeit, was wir da sahen. In der Nische stand unter einem Glaskasten ein Ruhebett mit vergilbten Atlaskissen, und darauf lag die mit einem Prachtgewand von Silberbrokat bekleidete Wachsfigur der Dogenbraut, juwelengeschmückt, in dem in tausend Löckchen frisierten nachtschwarzen Haar die goldbrokatne, mit Perlen verzierte und von Orangenblüten umrankte Dogaressenkrone, von der ein Spitzenschleier herabrieselte. An den Schultern war ein wallender, mit Hermelin verbrämter Mantel von Purpursamt befestigt und über ihre Füße geschlagen. Die wunderbar modellierten Hände hielten einen Rosenkranz von Korallen, dessen Perlen wie Blutstropfen über die Brust rieselten, das regelmäßige, stolze Antlitz aber hatte einen kalten, hochmütigen Ausdruck.

»Wie schrecklich, diese Donna Onesta immer im Hause zu haben,« sagte Elfe nach einer Weile mit einem Schauer. »Warum?«

»Damit man ihre Mörder nicht vergißt,« erwiderte der Herzog achselzuckend. »Die Konservierung des Grausigen war ein Charakterzug der Zeit. Man ist so konservativ in unseren alten Familien, auch im Hasse. Daß die Ermordete nicht offen mehr hier liegt, ist bereits eine Konzession an die Neuzeit.«

»Und doch weiß wahrscheinlich jeder Ihrer Gäste, was dieser Vorhang verbirgt,« warf ich ein. »Wie soll man sich angesichts dieses verhüllten Schreckens vergnüglich unterhalten?«

»Ah, die Macht der Gewohnheit hilft darüber hinweg. Donna Onesta auf ihrem Paradebett gehört nun einmal zum Palazzo Irán, und ich habe nie gehört, daß jemand sich an ihre Gegenwart gestoßen hätte. Man pflegte zu den Zeiten meines seligen Vaters recht heiter zu sein in diesen Räumen – er liebte fröhliche Geselligkeit; ich habe mehr die Veranlagung meiner Mutter geerbt, ich bin eine Einsiedlernatur. Meine Mutter litt an unheilbarer Melancholie; wenn Sie die Leute fragen, wird man Ihnen wahrscheinlich sagen, daß sie wahnsinnig war. Der Wahnsinn aber brach erst in ihren letzten Tagen aus. – Bah! Warum über diese Dinge reden, noch dazu in Ihrer Gegenwart, Gräfin, die wie ein Frühlingshauch durch diese einsamen Räume streicht.«

Er hielt schweratmend ein, und ich muß gestehen, er tat mir im Augenblick leid, denn er stand sicherlich unter dem drohenden Geschick seiner Mutter. Elfe sah betreten zu Boden und fand dabei einen Gegenstand der Ablenkung. Auf ein schmales, längliches Kästchen von Elfenbein mit Goldinkrustation deutend, das unten vor dem Glasschrein stand, fragte sie, was es an dieser Stelle bedeute.

»Wir bewahren darin das Stilet auf, mit dem Donna Onesta zu Tode getroffen wurde,« erklärte er bereitwillig. Dabei schlug er den Deckel des Kästchens zurück und entnahm daraus die Mordwaffe, die mit ihrer langen dreikantigen Klinge und dem eleganten Griff nicht den Eindruck machte, als ob ein armer Teufel sie besessen. Als ich dieser Beobachtung Ausdruck gab, meinte der Herzog:

»Das ist Ihnen also auch aufgefallen, Frau Gräfin? Die Klinge ist venezianisch. Ich möchte wissen, ob damals niemand auf den Gedanken gekommen ist, bei dem Waffenschmied in der Spadaria, der seine Initialen hier eingegraben hat, nachzufragen, für wen er das Stilet gefertigt. Die venezianische Klinge und der Reichtum des Griffes – denn diese Karneole sind von ungewöhnlich schöner Farbe – lassen mich zweifeln, ob der Mord der Dogenbraut wirklich ein politischer war und nicht vielmehr eine Privatrache. Die Lippen der Donna Onesta freilich sind stumm; sie werden nie verraten, wem dieser Dolch gehörte, wer ihn ihr ins Herz stieß.«

»Ihre Lippen werden nie verraten, wer ihr den Dolch ins Herz stieß,« wiederholte Elfe mit einer Feierlichkeit, daß ich sie erstaunt ansah. Sie war so ernst, wie ich sie nie gesehen. »Kann sie nicht Selbstmord begangen haben?«

»Ich bitte Sie, Gräfin. Welchen Grund hätte sie dafür gehabt? Am Vorabend des Tages, der sie zur ersten Frau der Republik machen sollte, zur Dogaressa von Venedig!«

»Vielleicht gerade deshalb,« sagte Elfe leise und streckte die Hand nach dem Dolch aus, den der Herzog immer noch in der Hand hielt. Kaum aber hatten ihre Finger die Waffe berührt, da wurde ihr Gesicht aschgrau, sie wankte und wäre gefallen, wenn ich sie nicht eben noch aufgefangen und in den nächsten Sessel hätte gleiten lassen.

In diesem Augenblick trat mein Schwager in das Zimmer. »Mein Gott – was ist denn meiner Frau geschehen?« rief er erschrocken. »Elfe, mein Elfchen – was ist dir?«

»Nichts,« sagte meine Schwester mit einem matten Lächeln und richtete sich mit großer Willenskraft wieder auf. »Es war nur ein Schwindel. Die Luft ist hier so modrig.«

Der Herzog stand da, wo er gestanden, den Dolch in der Hand, als wäre er versteinert, und erst als Elfe sichtlich erholt wieder aufstand und zu ihm sagte: »Ich bitte um Entschuldigung für das Intermezzo, Durchlaucht,« kam wieder Leben in ihn. Er warf den Dolch in den Kasten, ohne den Deckel zu schließen, und lachte rauh auf.

»Wenn sich hier jemand entschuldigen müßte, so wäre ich es,« sagte er, und dann lachte er abermals. »Welch drollige Verwechselung,« wandte er sich an mich. »Ich habe Sie für die Gemahlin des Herrn Grafen gehalten!«

Es wäre ja ganz weltgewandt gewesen, mit irgendeiner gleichgültigen Bemerkung der Situation eine Wendung zu geben, die über den immerhin peinlichen Vorfall hinweghalf, aber ich fand diese Wendung nicht eben sehr taktvoll, weil sie den beträchtlichen Altersunterschied des Buchwaldschen Paares berührte.

Mein Schwager lächelte leise und sagte mit einem Stolz, der ihn sehr wohl kleidete: »Durchlaucht, Ihr Irrtum ist ganz natürlich. Indessen – auch für den Winter blühen manchmal die Rosen.«

Der Herzog verbeugte sich, und eine leise Röte flog über sein fahles Gesicht. Die Korrektur war fein, und Elfe unterstrich sie, indem sie ihrem Gatten mit einem strahlenden Lächeln zunickte.

»Das ist nicht das Verdienst der Rosen, sondern das des Winters, wenn er mild und warm ist,« sagte sie mit solch überströmender Wärme, daß an der Aufrichtigkeit kein Zweifel möglich war. Und dann fing sie an, ihrem Gatten die Merkwürdigkeiten dieses Raumes zu erzählen, und als sie damit fertig war, folgten wir dem Herzog in das nächste, nach dem Garten zu gelegene Zimmer, das eine Studie in Weiß war; denn die Wände waren mit weißem seidenen Damast bespannt, die versilberten Möbel mit weißem Atlas überzogen, und an den Wänden hingen Pastellporträte, die der wunderbare Stift einer Rosalba Carriera mit unsäglichem Schmelz und unvergänglicher Farbenpracht auf das Papier gehaucht hatte. Wieder war hier eine Sammlung von Porzellan aufgestapelt, die des Kenners und des Liebhabers Herz entzücken mußte. Elfe war im ersten Moment auch Feuer und Flamme, sowohl für die Rosalbas als auch für die Schäfer und Schäferinnen, die Marquis und Marquisen, die ihr in den zartesten Porzellanfarben zulächelten; aber bald fing sie an zerstreut zu werden. Sie blickte öfters in das eben verlassene Zimmer mit der schrecklichen Wachs puppe zurück – ich sah sie zögern – und dann huschte sie auf den Zehenspitzen hinter dem Rücken der beiden Herren hinein in den Saal. Ich sah sie den Deckel des Kastens schließen, in dem der Dolch mit dem karneolbesetzten Griff lag. Rasch, lautlos kam sie wieder zurück; die Herren hatten nichts von ihrer Abwesenheit bemerkt.

»Warum tatest du das?« fragte ich sie verwundert.

Sie sah mich groß an. »Ich weiß nicht,« erwiderte sie. »Weil ich mußte.« Also ein Impuls, den ich freilich nicht begriff, weil mir jede Spur eines vernünftigen Motivs zu fehlen schien. Aber Elfe war ja immer eine impulsive Natur gewesen, und ich dachte nicht weiter über die Sache nach.

Wir sahen dann noch ein kleines interessantes Kabinett und einen Speisesaal mit schönen Renaissancemöbeln aus der letzten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts, und dann führte uns der Herzog mit der Erklärung, daß im oberen Stockwerk, wie allgemein üblich in Venedig, sich die Schlaf- und intimeren Wohnräume befänden, wieder die Treppe hinab und in den Garten, der reichlich verwildert war und mit seinem Gestrüpp und seinen ungehindert wuchernden Schlingpflanzen nach Elfes Ansicht zu Dornröschens Schloß gehörte. Moosbewachsene Marmorstatuen griechischer Gottheiten sahen verträumt aus dem Grün heraus, ein Porphyrbecken hatte vergessen, daß einstmals eine Fontäne in ihm geplätschert, und ein kleines Gartenhaus stand leer und öde in der fernsten Ecke. Es war ein melancholischer Garten.

»Wie ein längst nicht mehr benutzter Friedhof,« murmelte Elfe an meiner Seite, und ich konnte mich nicht enthalten zu sagen: »Wenn Sie oft hier sitzen, Durchlaucht, dann verstehe ich, wie Sie Einsiedler wurden. Dieser Garten hat etwas Menschenscheues an sich; man möchte nur leise in ihm reden.«

»Vielleicht, weil die Menschen einmal zu laut darin waren,« entgegnete der Herzog. »So geht's ja auch oft den Festräumen. Sitzen? Nein, ich sitze selten hier, aber ich gehe im Garten umher, wenn ich nicht nach dem Lido rudere, um auf der einsamen Düne zwischen Santa Elisabetta und Malamocco spazierenzugehen. Doch das tu' ich nur, wenn Venedig fremdenleer ist und man nicht jenem schrecklichen Menschenstrom begegnet, der zwischen dem Markusplatz und dem Lido, das heißt dem Bäderrestaurant des Lido, hin und her wogt. Sie sind eine fürchterliche Plage in Venedig, die Fremden!«

»Danke schön,« sagte Elfe halb lachend, halb empört.

»Sie gehören nicht dazu!« protestierte der Herzog lebhaft. »Sie lieben Venedig und sind nicht gekommen, um es in drei Tagen zu sehen. In drei Tagen! Was sehen denn diese Leute in drei Tagen? Sie füttern die Tauben auf dem Markusplatz, werfen einen Blick in die Markuskirche und lassen sich durch Unsinn schwatzende Führer durch den Dogenpalast treiben; sie trinken Kaffee bei Quadri und bei Florian; sie fahren nach Murano, um Glas blasen zu sehen, vertrödeln Stunden im Giardino und trinken wieder Kaffee im Bäderrestaurant auf dem Lido. Dann fahren sie abends zur Serenata, vielleicht noch bis zum Rialto und dann – haben sie Venedig gesehen. Von hundert Reisenden machen es neunzig so. Hab' ich nicht recht? Sie aber sehen Venedig ins Herz. Der Beweis dafür ist Ihre Gegenwart in meinem Hause.«

Wir konnten ihm nicht unrecht geben. Aber wer kann's ändern? Es wird immer Menschen geben, die nur reisen, um »dagewesen zu sein«. und die sich den Kuckuck darum kümmern, was andere interessiert. Als wir den Garten verließen, fielen uns an der Front des Hauses schießschartenartige Maueröffnungen auf, eigentlich nur kleine Schlitze, als ob ein Backstein herausgenommen wäre, die in unregelmäßigen Abständen auf der von uns aus linken Seite des Kanals angebracht waren. Ich war so neugierig, nach der Bedeutung zu fragen.

»Das sind Luftlöcher – Mauerventilatoren sozusagen,« erklärte der Herzog, aber ich hatte das Gefühl, als ob er mir nicht die Wahrheit sagte. Zwar hatte seine Erklärung etwas für sich, denn hier waren bis zur Höhe des obersten Stockwerkes keine Fenster, und ich berechnete mir, daß dies die Ecke sei, in welcher der »Salone« mit der Dogenbraut lag. Indessen waren mir dort keine Luftlöcher aufgefallen. Schließlich – was ging's mich an? So genau waren mir die Finessen eines venezianischen Baues ja auch nicht bekannt.

Elfe erkundigte sich nach der Bedeutung der zweiten kleinen Pforte neben dem großen Portal auf der Wasserseite, die ihr schon an vielen Palästen aufgefallen war. Mein Schwager meinte, sie wäre für das Dienstpersonal, aber das hatte ja doch die Hintertüren.

»Ah,« machte der Herzog mit einer Geste, »sehen Sie, in alten Zeiten, und vielleicht auch heute noch, hatten die Herren und manchmal auch die Damen den Wunsch, unter dem Schutz der Dunkelheit unbeobachtet das Haus zu verlassen. Dann aber war das Wasserportal fest verriegelt und Hilfe wäre nötig gewesen, um solch ein Tor zu öffnen. In solchen Fällen legte die Gondel mit dem vertrauten Gondelier an der kleinen Pforte an, der Herr oder die Herrin schlüpften hinaus, lautlos schloß sich das kleine Pförtchen – und ebenso lautlos schloß es sich, wenn man heimkehrte. Es hatte auch jedes seinen eigenen Schlüssel dazu –«

»Der wahrscheinlich manchmal verliehen wurde, um Besuche zu empfangen, von denen weder Diener noch Angehörige etwas erfahren sollten,« ergänzte Erich. »Vielleicht ist der Mörder der Dogenbraut auf diesem Wege in den Palast gekommen,« setzte er hinzu.

Elfe schüttelte heftig den Kopf. »Nein,« rief sie, »sie tat es selbst!«

»Das ist nicht die Überzeugung unseres Hauses,« erwiderte der Herzog. »Kein einziges Dokument gibt dieser Vermutung Raum. Welchen Grund hätte sie auch haben sollen, ihrem Leben ein Ende zu machen? Sie sollte am anderen Tage Dogaressa von Venedig werden!«

»Vielleicht ebendeshalb,« sagte Elfe träumerisch.

Wir hatten lange genug dem Herrn des Hauses unsere Gegenwart aufgedrängt. Nachdem wir uns umständlich, aber aufrichtig für die Liebenswürdigkeit bedankt, mit der er uns gestattet, sein Haus zu sehen, verließen wir den Palast wieder durch die arabische Pforte. In der Salizzada standen die Leute aus den Nachbarhäusern in Gruppen, und es war unschwer zu erraten, daß sie uns sehen wollten, Fremde, die der menschenscheue Herr des Palazzo Irán über seine Schwelle gelassen und selbst stundenlang herumgeführt! Das war etwas Unerhörtes, der alte Emilio selbst mußte Sorge getragen haben, es in der Nachbarschaft zu verbreiten, wahrscheinlich mit dem Zusatz, daß das Ende der Welt in allernächster Zeit bombenfest zu erwarten sei. Man sah ihm diese Überzeugung auch deutlich an, aber er steckte doch mit einem sehr ausdrucksvollen »Tante Grazie, Signor« und einem sehr überraschten Schmunzeln die »mancia« in die Tasche, die mein Schwager ihm in die Hand drückte. An der Wasserecke, am Brückengeländer, stand auch Gloriosa, die »Pazza« aus der Kalle an der Rückseite des Palastes, und ließ uns vorbeidefilieren, aber sie sah Erich und mich kaum an, sondern bohrte ihre großen schwarzen Augen mit einem Blick wilden Hasses auf Elfe. Unwillkürlich trat ich vor meine Schwester, weil ich befürchtete, Gloriosa werde sich auf sie stürzen.

»Bei Gott – das arme Mädel ist eifersüchtig auf mich,« sagte Elfe, als wir die Brücke überschritten hatten. »Wär' ich allein gewesen, wer weiß – Ach, wenn sie wüßte, wie ich ihr diese Leidenschaft für den Herzog gönne! Er gewinnt ja, wenn er spricht, aber er hat einen unheimlichen Blick – fast wie die 'Pazza'! Findet ihr das nicht auch?«

»Ein Sonderling mag er schon sein, aber verrückt möchte ich ihn doch nicht nennen,« meinte mein Schwager gleichmütig. »Es ist schade, daß er sein Haus mit allem, was darin ist, so vernachlässigt. Mit einem Diener in diesem Riesenkasten von einem Palaste zu wohnen! Es muß aber wohl auch solche Käuze geben. Ist deine Sehnsucht gestillt, mein Elfchen?«

»Vollständig,« versicherte meine Schwester mit Emphase. »Mein Instinkt war richtig: der Palazzo Irán ist so interessant, wie ich es von ihm erwartet habe; hätte ich aber gewußt, wer sein Herr ist, nie wäre ich über seine Schwelle gegangen. Der Mensch ist schrecklich. Schrecklich. Einmal und nie wieder.«

»Und deine Ahnung, deine Überzeugung, daß du den Palast bewohnen werdest?« fragte ich neckend. »Elfe – da hast du uns was Hübsches vorgeflunkert!«

Sie blieb stehen und sah uns, blaß bis auf die Lippen, mit angsterfüllten Augen an.

»Das hatte ich völlig vergessen,« sagte sie flüsternd. Aber dann schüttelte sie mit dem Kopfe. »Einen so ins Bockshorn zu jagen,« rief sie vorwurfsvoll. »Wenn ich in dem Palaste wohnen werde, kann der Herzog natürlich nicht auch darin sein. Das ist ausgeschlossen.«

»Elfe, du posierst,« sagte ich mit Absicht etwas scharf, um sie zurechtzusetzen. »Das Kokettieren mit der Unmöglichkeit mag ja sehr interessant machen, aber man muß sich das richtige Publikum dazu wählen. Ja, wäre der Herzog Irán einer der vielen verarmten Patrizier, gezwungen, sein Haus zu verkaufen, nachdem er es hübsch säuberlich von den Kunstschätzen geleert! Ich hatte jedoch nicht den Eindruck, als ob er das nötig hätte. Erich würde sich mit einer Kaufofferte einen mächtigen Korb holen, was er zwar um deiner schönen Augen willen mit Wonne täte, ich an deiner Stelle würde ihm das aber nicht zumuten.«

Elfe sah mich an, ohne etwas zu sagen, und meine schöne Rede brach unter diesem Blicke jäh ab. Erich aber lachte freundlich.

»Hedwig, warum bist du heute so gereizt?« fragte er gemütlich. »Elfe hat bis jetzt nicht den Wunsch ausgesprochen, den Palazzo Irán zu kaufen, und ich halte sie nicht für so unvernünftig, augenscheinlich unerreichbare Dinge zu wünschen. Dann könnte sie sich ja ebensogut den Dogenpalast wünschen! Laß sie doch plaudern und Pläne schmieden! Es ist nun einmal das Vorrecht der Jugend, ein wenig die Unmöglichkeit zu streifen. Wir alle haben uns einmal Dinge eingebildet, die im Märchenland lagen. Sie hat sich in den Palast verliebt – gut! Übrigens möchte ich wissen, ob der Herzog nicht auch im Besitze eines Familienarchivs ist. Ich hätte ihn gern danach gefragt, aber nach der zuvorkommenden Aufnahme, die wir in seinem offiziell den Fremden verschlossenen Hause fanden, wäre das als der Gipfel der Unverfrorenheit gewesen. Ich ließ daher die Frage unausgesprochen, die eigentlich doch nichts anderes gewesen wäre, als ein Wink mit dem Zaunpfahl.«

Damit war die Sache erledigt und der Palazzo Irán, wie ich inbrünstig hoffte, auch. Wir schlenderten auf verschlungenen Pfaden nach dem Markusplatz zurück und besahen uns die Schaufenster der Juwelierläden, ein Hauptvergnügen meiner Schwester, die große Freude an dem Anblick der blitzenden Juwelen hatte. Dort sahen wir auch ein Armband, das als Porte-Bonheur gedacht, mit zwölf den Zeichen des Zodiak entsprechenden Steinen besetzt war, so daß seine Trägerin sicher darunter den Glücksstein ihrer Geburt trug. Mein Schwager hielt uns dabei ein interessantes kleines Privatissimum über die Entstehung des Glaubens und die Beziehung des Menschen zu den Himmelszeichen, zu den Steinen und deren Einfluß auf das Schicksal – ein uralter Glaube, wie ich dabei erfuhr. Wir waren aber müde geworden, und Elfe und ich gingen bald in unsere Wohnung zurück; als mein Schwager dann vor dem Lunch auch heimkam, packte er mit der kindlichen, strahlenden Freude, die ihm gegeben war und ihn in seinem Alter so gut kleidete, ein Päckchen aus, in dem ein paar Juwelieretuis waren.

»Ich habe uns unsere Monatssteine erstanden,« erklärte er. »Wenn man so schön weise darüber reden kann wie ich – nicht nur vom historischen Standpunkt aus – so kann man schon etwas übriges tun und den Einfluß selbst einmal ausprobieren. Bei mir eigentlich überflüssig, da ich auch ohne den Jaspis des März mein Glück gefunden habe, gelt, Elfchen? Im übrigen denke ich, wie man in der Pfalz sagt: ›Badt's nix, dann schadt's nix.‹«

»Nette Logik,« lachte Elfe, sich an ihn schmiegend und das kleine Petschaft von Blutjaspis bewundernd, das Erich sich selbst gestiftet und an die Uhrkette gehängt hatte. »Die Römer nannten den Stein Heliotrop, nicht wahr?« fragte sie. »Bei Plinius steht, daß man ihn zum Blutstillen gebrauchte und daß, wer ihn trug, vor dem Tode durch Verbluten gefeit war.«

»Der alte Plinius war sonst ein ganz kluger Mann und konnte doch solchen Unsinn zusammenschreiben. Ah,« unterbrach ich mich überrascht, denn mein Schwager überreichte mir eine goldene Brosche in Form eines Pfeiles, der durch ein von kleinen Diamanten umrahmtes Smaragdherz zu gehen schien, »das ist ja viel zu kostbar für mich!«

»Schwatz keinen Unsinn, Hedwig,« lachte Elfe und gab mir einen Kuß. »Als ob je etwas zu schön für dich wäre, mein Ziehmütterlein!«

»Wenn man im Juni geboren ist, sind eben Smaragden die Steine, die Glück bringen,« setzte Erich strahlend vor Freude hinzu, und ich gab ihm gerührt die Hand.

»Elfe, als ein Augustkind, ist weniger kostbar in ihren Ansprüchen,« fuhr er fort, das andere Päckchen öffnend, »denn dem Sternbild der Jungfrau ist der Karneol geweiht. Nun gibt es freilich Karneole und Karneole – und was man davon so in alten Siegelringen von ziegelroter Farbe sieht, das sind meist Sardachate. Der echte Karneol, in der Muffel geglüht, muß vermillonrot sein wie das Inkarnat des Fleisches oder wie das einer reifen Erdbeere. Die Farbe wird dir gut stehen, mein Elfchen!«

Damit legte er meiner Schwester ein feines Goldkettchen um den Hals, das vorn zum Knoten geschlungen war und an jedem seiner herabhängenden Enden einen in Form eines Tropfens geschliffenen Karneol von eben der köstlichen Farbe trug, die Erich mit dem Inkarnat einer reifen Erdbeere verglichen hatte. Kleine Diamanten inkrustierten das Knöpfchen, an dem die Steine befestigt waren.

»Wie reizend! Einfach goldig!« jubelte Elfe in echter Backfischfreude. Sie war noch so jung, so jung! Erst bekam Erich einen – zwei – drei Küsse, die ihn fast zum Jüngling verklärten, und dann lief Elfe zum Spiegel, ihre Karneole zu bewundern. Wie frisches, rotes Herzblut, das in großen Tropfen auf ihrer Brust lag, so hoben sie sich von dem weißen Kleide ab. Erich hatte recht: die Steine standen der lichten Schönheit meiner Schwester ganz eigenartig.

Während wir das feststellten, geschah etwas ganz Unerwartetes: Elfe sah mit immer größer und starrer werdenden Augen in den Spiegel und fiel dann ohnmächtig zu Boden, ehe wir sie noch auffangen konnten.

Es dünkte uns eine Ewigkeit, ehe sie wieder zu sich kam, länger als eine halbe Stunde, denn der herbeigeholte Arzt war schon eine ganze Weile um sie bemüht, ehe sie die Augen mit einem tiefen Atemzug aufschlug und ganz erstaunt fragte, wer der fremde Herr sei. Sie schien nicht matt nach dieser tiefen Ohnmacht, sondern erklärte, nur geträumt zu haben. Geträumt, mitten im Wachen, mitten in der Freude um einen neuen Schmuck? Nennt man solche »Träume« nicht Visionen? Auf die Frage, was sie geträumt, gab sie nur unklare Antworten: sie wisse nicht mehr genau, was es gewesen – die zwei roten Tropfen seien herabgerieselt. »Das Stilett der Donna Onesta Irán hat genau solche Steine am Griff, » setzte sie ganz unvermittelt hinzu. »Ich konnte mich gar nicht besinnen, wo ich solch rote Steine schon gesehen hatte. Ob sie auch ein Augustkind war, die Donna Onesta?«

Das war alles, was sie über ihren »Traum«. über die Ursache ihrer Ohnmacht erzählte. Ihr sei ganz, ganz wohl, es fehle ihr nichts, sie hätte nur Hunger, fühle sich aber sonst munter wie ein Fisch im Wasser. Der Arzt, der intelligent aussah, wußte augenscheinlich nicht, wie er den Anfall deuten sollte.

»Alle Organe sind gesund, soweit ich es nach so kurzer Prüfung konstatieren kann,« versicherte er. »Nervös? Sie macht keinen nervösen Eindruck, die Signora Contessina – o, Contessa? Sie ist Ihre Frau Gemahlin, Signor Conte? Dio mio – ich hätte sie nicht für älter als sechzehn gehalten! Schon zwanzig? Und sie hat noch nie einen solchen Anfall gehabt? Ah – heute früh hatte sie einen Moment von 'defeillance'? In einem Museum? Im Palazzo Irán? Sie haben den Palazzo Irán gesehen? Ist der Herzog verreist? Er hat Ihnen den Palast selbst gezeigt? Dann müssen Sie wohl alte Freunde sein, nicht wahr? Nur eben einfach hingegangen? Ja, was ist denn in Don Francesco gefahren? Keiner seiner alten Freunde oder die seines Vaters, zu denen auch ich einst zählte, haben seit dem Tode des alten Herrn die Schwelle der Casa Irán überschritten, und Fremde bekommen niemals einen Permesso dazu. Commare! Man erlebt noch Zeichen und Wunder!«

Ich fand, daß der Palazzo Irán samt seinem Herrn eigentlich nicht in den Rahmen der ärztlichen Konsultation paßte, wohl aber, daß der gute Dottore Zavelli höchst neugierig war. Aber für meine Schwester war augenscheinlich nichts weiter zu tun nach ihrer eigenen Versicherung (der ich nicht glaubte) und nach der Auffassung des Arztes, der nichts verschrieb als Ruhe, seelische und körperliche Ruhe. Er würde nach einigen Tagen wiederkommen.

Elfe erklärte, als er gegangen, daß Ruhe unter Überwachung gerade Unruhe bei ihr erzeuge; man solle sie nicht mit Sorge quälen, es fehle ihr nichts. Aber sie legte sich doch auf unser Zureden hin. Kurze Zeit später fand ich sie mit geschlossenen Augen, die sie aber aufschlug, als ich mich über sie beugte.

»Der armen Donna Onesta haben ihre heiligen Steine doch nichts genutzt, wenn sie sich mit dem Stilett töten konnte!« sagte sie mit einem Lächeln des Bedauerns.

Ich fuhr förmlich zurück. »Wie du nur immer an diese gräßliche Wachspuppe denken kannst!« rief ich mit ehrlichem Ärger. »Was weißt du denn, ob die Karneole ihre Monatssteine waren, und wie kannst du behaupten, daß sie sich selbst getötet hat! Ich wollte, wir wären nie in dem Palast gewesen.«

»Kismet, Hedwig!«

»Ach was, Kismet! Eigensinn von dir war's, kindische Laune, nichts weiter. Wenn ich an Erichs Stelle gewesen wäre –«

»Dann wärst du längst mit mir in dem vertrackten Palast gewesen,« lachte Elfe, sprang auf und fiel mir um den Hals. Aber so war sie immer, nur daß ich ihr doch noch zuweilen etwas abschlagen konnte, was für Erich eine Unmöglichkeit schien. Das ist eine alte Geschichte: wenn solche alten Männer sich in ein Kind verlieben und es schließlich auch heiraten, so begeben sie sich jeder Autorität und zuweilen auch jeder besseren Einsicht und Vernunft. Es ist, als wollten sie sich durch übergroße Nachsicht und Gefälligkeit für das Plus ihrer Jahre entschuldigen.

Nach dem Tee machten wir drei eine Gondelfahrt, und als wir zurückkehrten, fanden wir Karten vor, die für uns abgegeben worden waren: große Kartonkarten mit dem Namen »Irán« darauf. Nichts weiter, kein Titel, keine Krone. Sehr anspruchslos und doch eigentlich furchtbar arrogant, als ob jedermann wissen müsse, wer »Irán« sei. Obgleich mir diese arrogante Bescheidenheit der italienischen Granden hinlänglich bekannt war, ärgerte ich mich doch darüber, weil ich den Zweck der Visite nicht recht begriff. Ich fand sie unbescheiden, denn es wäre an meinem Schwager gewesen, den ersten Besuch zu machen. Erich jedoch faßte die Sache als eine ganz ausgesuchte Höflichkeit auf, die ihm, dem bekannten Gelehrten, erwiesen worden. Er begab sich am anderen Tag mit der Gondel ins Palais Irán und machte dem Herzog seinen Gegenbesuch. Begeistert kehrte er zurück, denn der Herzog hatte ihm sein Archiv zur Verfügung gestellt, was er bei unserer gestrigen Invasion vergessen hatte zu tun.

»Geh nicht hin!« war mein erstes Wort, als ich davon hörte, aber auf Erichs erstauntes »Warum« konnte ich keine Antwort geben. Das Wort war mir wie in einem Augenblick des Hellsehens über die Lippen geflohen; im nächsten Moment fiel der Schleier wieder und ich wußte nicht, was mir die Warnung eingegeben. Erich dachte fürs erste auch nicht daran, das Archiv Irán zu benutzen, weil er im Staatsarchiv noch in Arbeiten steckte, die in eine frühere Epoche hineinreichten. Sobald er jene Zeiten erreicht haben würde, da die Geschichte der Irán in Venedig begann, war er entschlossen, die Quellen gehörig auszunutzen.

Bis dahin konnte noch mancher Tropfen ins Meer fließen. Ich wiegte mich in dem seligen Glauben, daß für's erste unsere Beziehungen zum Palazzo Irán zu einem wohltätigen Stillstand gekommen seien, ein Glaube, der genau vierundzwanzig Stunden währte, denn nach dieser Zeit machte der Herzog einen zweiten Besuch. Er habe in einem Schrank Dokumente entdeckt, welche die Dogenkandidatur jenes Vorfahren betrafen, von dem die Republik für den Krieg um Candia die 72.000 Dukaten erhalten hatte. Reiche Dogen waren stets sehr beliebt, und man schien damals geneigt, das neugebackene Patriziat der Irán als voll anzuerkennen – schien, denn in Wirklichkeit wurde der Seeheld Francesco Morosini Doge. Auf alle Fälle existierten aber Dokumente über die Kandidatur des »Persers«. und der Herzog lud meinen Schwager ein, die interessanten Schriftstücke zu prüfen.

»Vielleicht erweisen die Damen mir die Ehre, den Herrn Grafen zu begleiten und eine Tasse Tee in meinem Garten zu nehmen,« setzte er mit einem Kompliment gegen uns hinzu. »Ich lasse das Teehäuschen wieder einrichten, Frau Gräfin, denn Ihr Bedauern über die Verwahrlosung meines Gartens hat mir die Augen geöffnet.«

»Das freut mich,« erwiderte Elfe. »Junggesellen wissen oft gar nicht, wie bequem sie sich allerlei Annehmlichkeiten verschaffen können, sie quälen sich mit einem Holzschemel ab, weil sie nicht wissen, wie sie sich den Polsterstuhl zurechtrücken sollen. Figürlich gesprochen, aber auf Grund einer reichen Erfahrung, nachdem ich meinen Mann liebevoll auf die Wege der Kultur geleitet habe.«

Der Herzog sah meine Schwester an, als ob ihr Scherz eine Offenbarung gewesen wäre. »Es gibt Menschen, die Glück haben,« sagte er mit einer Bitterkeit, daß er mir eigentlich wieder leid tat, denn war ich nicht in derselben Lage? Aber gleich darauf schämte ich mich des Vergleichs, denn meine Einsamkeit hatte ja doch einen Zweck gehabt: die Erziehung meiner Schwester für den Mann, dem ich gern alles geworden wäre. So ist der Mensch einmal; das Entsagen ist das Härteste im Leben. Mit einem Mal wußte ich es: dieser einsame Mensch hatte – wahrscheinlich schon vor Jahren, als wir einander in der Gondel begegneten – in Elfe sein Ideal gefunden, und nun er es wieder traf, lief er ihm nach wie die Motte dem Licht. Wie, wenn er sich die Flügel verbrennen oder wenn Elfe zu der Erkenntnis kommen würde, daß Jugend zur Jugend gehört? Das war das einzige, wovor mir immer gebangt hatte bei dieser ungleichen Ehe. Mich überlief es siedend heiß bei dem Gedanken, und als der Herzog endlich gegangen war, nahm ich Gelegenheit, meinen Schwager allein zu sprechen.

»Sei mir nicht böse, Erich«. begann ich, »wenn ich mich in Dinge mische, die mich nichts mehr angehen, seitdem ich dir meine Autorität über Elfe abgetreten habe. Ich muß dich jedoch darauf aufmerksam machen, daß es vielleicht besser wäre, deine Frau nicht mit dem Herzog Irán zusammenzubringen.«

»Ich bin dir gar nicht böse,« versicherte er, sichtlich befremdet; »nur wenn man jemand Außerordentliches sagt, ist man ihm auch Gründe schuldig.«

»Ich dachte, du würdest mich auch ohne ihre Darlegung verstehen, aber sei es. Der Herzog bewundert deine Frau – warum auch nicht? Allein aus der Bewunderung könnte Leidenschaft werden, und ich weiß nicht, ob man ein Recht hat, es dazu kommen zu lassen.«

Mein Schwager lächelte: »Soll ich wie Ritter Blaubart meine Frau einsperren oder sie bloß mit Damen und alten Männern verkehren lassen, damit nur kein Junger Gelegenheit bekommt, sie zu bewundern? Ich fürchte, liebe Hedwig, daß wir das nie verhindern können. Man muß das jeden mit sich selbst ausmachen lassen. Meine Frau wird immer bewundert werden, denn so viel Schönheit und Anmut kann unbewundert nicht durch die Welt gehen, und ich müßte ein großer Einfaltspinsel sein, wenn ich mir einbilden wollte, daß junge Männer unberührt davon bleiben könnten. Wahrscheinlich wird sie sogar Leidenschaften damit erwecken, gewiß. Man muß eben dann dem Anstand und der Selbstbeherrschung der davon Betroffenen vertrauen.«

»Ist das nicht allzuviel vertraut, Erich?«

»Solange ein Mensch mir nicht das Gegenteil beweist, vertraue ich immer seiner Ehrenhaftigkeit. Ich halte dafür, daß es mehr anständige Menschen auf der Welt gibt, als der Pessimismus uns glauben machen möchte.«

»Hoffen wir's. Nicht jeder hat aber die moralische Kraft, Herr seiner Leidenschaften zu werden.«

»Und auf die Möglichkeit hin soll ich jedem aus dem Wege gehen, der meiner Frau einen Blick der Bewunderung zuwirft? Da hätt' ich viel zu tun.«

»Auch Elfe ist nur ein Mensch. Wenn man so jung ist, kann die Bewunderung zum Gift werden, das sich heimlich in die Seele einschleicht –«

»Warum nicht gar!« unterbrach mich mein Schwager halb lachend, halb ärgerlich. »Erstens ist Elfe von dir erzogen worden und dann – ist sie meine Frau. Die Bewunderung kann ihr Spaß machen, soll ihr Spaß machen bei ihrer Jugend. Vergiften wird sie mir diese Perle niemals. Ich vertraue ihr ohne Rückhalt, und weil ich das tue, bin ich nicht eifersüchtig. Die Eifersucht ist immer nur ein Ausfluß mangelhaften Vertrauens. Du meinst es gut, sehr gut, liebe Hedwig, aber ich wäre dir dankbar, wenn du weniger mit den menschlichen Schwachheiten als mit dem Einfluß deiner Erziehung und meiner Macht über dieses junge Gemüt rechnen wolltest.«

Da hatte ich's. Abgeblitzt. Aber dennoch wagte ich einen neuen Versuch. »Elfes Name wurde von mir auch nur als Konsequenz erwähnt,« sagte ich so ruhig wie möglich. »Ich habe nicht von ihr zu sprechen angefangen, sondern von dem Herzog.«

»Gut. Meinst du nicht, daß wir dem Herzog eine Ehre antäten, die er vielleicht gar nicht beansprucht, wenn wir ihm zu verstehen geben, wir hielten seine Gesellschaft für meine Frau für gefährlich?«

Ich gab die Schlacht verloren, und Erich amüsierte sich darüber. Er neckte mich mit der Muttereitelkeit, die von ihrem Küken natürlich meinte, es müsse die ganze Welt zu wilder Leidenschaft entfachen. So verhallt die Stimme des Rufenden in der Wüste.

Wir gingen also in den Palazzo Irán zum Tee. Entgegen meinem ersten Impuls, nicht mitzugehen, schloß ich mich doch an in dem dumpfen Empfinden, daß meine Gegenwart irgendwie nützen könne.

Der Herzog empfing uns, wie wenn er königlichen Besuch erwartete. Er führte uns zunächst in den Garten, wo wir das Teehäuschen mit schönen alten Lackmöbeln eingerichtet fanden. Der alte Emilio trug tadellose Kammerdienerlivree, und es machte mir Spaß zu beobachten, wie er uns kopfschüttelnd betrachtete und nicht begreifen konnte, was sein Herr in uns sah, daß er um dreier gewöhnlicher Tedeschi willen seine Einsiedelei öffnete.

Der Herzog bat Elfe, das Amt der Hausfrau zu übernehmen und den Tee zu bereiten; Kaffee verstünde Emilio wohl zu machen, aber von Tee hätte er keine Ahnung. Elfe übernahm das angetragene Amt mit jener natürlichen Grazie, die ihren unwiderstehlichen Zauber unterstützte, und der Herzog verfiel diesem Zauber, wie ich mit innerer Unruhe bemerkte, mit jeder Minute mehr. Elfe selbst schien davon nichts zu bemerken, und noch weniger mein Schwager, der sich mit wachsendem Interesse von den Dokumentenfunden seines neuen Gastfreundes erzählen ließ. Dabei sah er natürlich nicht, wie der Herzog, indem er mit ihm sprach, Elfe nicht einen Moment aus den Augen ließ. Ich aber sah es, und als der Herzog einmal zufällig seinen Blick von ihr losriß und über mich wegschweifen ließ, da mochte er wohl etwas in meinen Augen lesen, denn er senkte für einen Moment den seinigen, und eine Wolke ging über sein Gesicht.

»Meine Mutter besaß einen Schmuck hellblauer Saphire,« sagte er hastig, »ich hatte die Steine heute noch in der Hand und mußte eben daran denken, daß sie genau die Farbe Ihrer Augen haben, Frau Gräfin.«

»Wirklich?« fragte Elfe lächelnd. »Nun, der Vergleich ist jedenfalls hübscher als mit Vergißmeinnicht. Vergißmeinnichtaugen sind meist nichtssagend.«

»Und Saphire sind so tief – wie Ihre Augen,« nickte der Herzog träumerisch. »Namentlich wenn die Steine nicht in Facetten geschliffen sind. Die Saphire meiner Mutter haben den Cabochonschliff und sind so klar wie ein Bergsee – wie Ihre Augen, Gräfin.«

»Es müssen auf alle Fälle sehr kostbare Steine sein,« meinte Elfe. »Ich liebe Saphire mehr als die opaken Türkise, die keine spielenden Lichter haben. Die sind wie Menschen, die einem nichts verraten, nichts sagen.«

»Alle blauen Steine sind schön. Sie haben etwas Beruhigendes für Nerven und Augen – wie übrigens die grünen auch,« warf ich ein.

»Gewiß,« stimmte der Herzog bei; »Diamanten sind mir zu unruhig, und rote Steine – halten Sie mich für exzentrisch – aber rote Steine regen mich auf.«

»Auch diese Karneole, die wie reife Himbeeren aussehen?« fragte Elfe, lächelnd auf ihr Kettchen mit den zwei roten Tropfen deutend, das sie auf ihrem weißen Kleid trug.

Der Herzog sah fast scheu darauf, und ich bemerkte, daß ihn ein leiser Schauer durchrieselte.

»Auch diese,« sagte er. »Es ist eine Idyosinkrasie, wenn Sie wollen.«

Elfe hakte das Kettchen ab und ließ den Schmuck in ihre Tasche gleiten. »Man will sich seinen Gastgebern doch nicht unangenehm machen. Ich für meine Person liebe alle Steine, auch die roten. Rubine zum Beispiel sind doch sehr schön.«

»Sie sind die Güte selbst, Gräfin, Sie nehmen sogar Rücksicht auf meine törichte Idyosinkrasie,« rief der Herzog aufspringend und Elfes Hand mit Inbrunst an seine Lippen führend. »Rubine?« setzte er, sich beherrschend, hinzu. »Meine Mutter besaß auch einen Rubinschmuck, und ich hatte immer den Eindruck, als ob sie blutete, wenn ich sie darin sah. Perlen dagegen, Perlen beruhigen –«

»Ein etwas kostbares Beruhigungsmittel,« murmelte mein Schwager, dessen Gedanken sicherlich bei den Dokumenten waren, »soll bei gewissen Frauennaturen aber probat sein. Ein Glück, daß meine Frau für ihre Nerven nicht solche Mittel verlangt, auch Majoratekassen haben einen Boden. Eine Frau, die keine andere Idee im Kopf hat, als sich zu putzen, muß ein wahres Kreuz für einen Mann sein.«

»Und doch werden so viele Putzdocken geheiratet,« warf ich ein.

»Die Putzsucht entwickelt sich oft erst in späteren Jahren,« rief Elfe neckend. »Wenn die Frauen alt werden, glauben sie der Natur nachhelfen zu müssen, und der Spiegel lügt ihnen vor, was kein Mensch sonst glaubt.

Ist es nicht so? Du bist noch gar nicht sicher, Erich, daß ich mich nicht noch zu solch einer aufgetakelten Fregatte auswachse.«

»Sie werden als Hundertjährige noch schön sein, Gräfin,« sagte der Herzog mit unverblümter Bewunderung.

»Hoffentlich sind Sie ein guter Prophet, Durchlaucht,« lachte Elfe und fügte auf gut Deutsch hinzu: »'s ist alls, as dat Ledder is.«

Ich hätte fast laut gelacht, so froh stimmte mich das Reuter-Zitat; und dieser Blick dazu! Ach nein, die südliche Bewunderung hatte noch keinen Eindruck gemacht auf mein Schwesterlein. Noch keinen.

Der Herzog wollte durchaus wissen, was sie gesagt; er konnte wohl etwas Deutsch, aber ihm fehlte die Übung des Sprechens, und das Plattdeutsch mochte ihm wie Chinesisch klingen. Elfe übersetzte mit der größten Harmlosigkeit Jung-Jochens Lieblingsredensart und bezog den Sinn, den er nicht begriff, auf sich.

»Sie lieben diesen Schriftsteller, Gräfin?« fragte der Herzog, und da Elfe nicht nur mit Enthusiasmus bejahte, sondern auch versuchte, dem Herzog eine Ahnung von dem Reiz der plattdeutschen Muse durch Beispiele beizubringen, so erreichte sie damit doch wenigstens, daß er energisch erklärte, er werde und müsse Reuter lesen, wie viele Mühe es ihm auch verursachen werde.

Nachdem der Tee getrunken war, gingen wir alle ins Haus, weil der Herzog meinem Schwager die Dokumente zeigen wollte. In dem schönen »Salone« neben dem Eckzimmer, in dem Donna Onesta unter ihrem Glaskasten lag, nahmen wir Platz, und Emilio brachte eine Blechtruhe, die in einem Wandschrank mitsamt ihrem urkundlichen Inhalt Gott weiß wie viele Jahrzehnte unbeachtet gelegen. Erich ging gleich mit Feuereifer an die Besichtigung des Inhalte, wir Damen nahmen nahe der offenen Balkontür Platz, wobei ich bemerkte, daß der Palast in dem engen Kanal als angenehmes Visavis einen Garten hatte, der zu dem gegenüberliegenden Haus gehörte. Ein großer Vorzug, wie mir schien. Der Herzog bestätigte das zerstreut und holte dann aus einer wundervoll eingelegten Truhe eine mit Purpursamt bezogene Kassette, die er vor uns auf ein Tischchen stellte.

»Ich möchte Ihnen so gern die Saphire meiner Mutter zeigen, die mich so sehr an Ihre Augen erinnern, Gräfin,« sagte er zu Elfe.

Und in der Tat: die Saphire hatten entschieden die klar-blaue Farbe von Elfes Augen. Im übrigen waren sie süperb in ihrer Fassung von prachtvollsten Brillanten. Die drei größten Steine, die das Halsband trug, waren sogenannte indische Sternsaphire, die in ihrem Innern das seltsame Phänomen eines sechsstrahligen Sterns zeigen. Die Indier verehren diese Steine wie Gottheiten und schreiben ihnen überirdische Eigenschaften zu. Elfe konnte sich nicht satt sehen an den köstlichen Steinen, die freilich auch zum Schmuck ihrer lichten Schönheit wie geschaffen schienen. Als aber der Herzog noch eine dreireihige Kette orientalischer Perlen von Kirschgröße hervorholte und uns zeigte, da stießen wir beide einen Schrei des Entzückens aus, denn selbst ich, die ich die berühmten Perlen der Königin Margherita kannte, hatte solche von dieser Größe und Färbung noch nicht gesehen.

»Diese Perlen werden sterben, wenn niemand sie trägt,« sagte der Herzog melancholisch.

»Ja, wissen Sie denn keine mitleidige Seele, die Ihnen diesen Liebesdienst erweisen könnte?« fragte Elfe, die schimmernden Juwelen zärtlich streichelnd.

»Es wird sich jeder bedanken, eine solche Verantwortung auf sich zu laden,« meinte ich trocken. »Schon für jemand ein paar Hunderttausende in bar aufzuheben, würde ich höflich, aber bestimmt ablehnen müssen, und nun gar diese Perlen zu tragen – merci infinement. Wenn Sie eine Frau nehmen, Durchlaucht, ist den Perlen sofort geholfen.«

»Eine Frau!« wiederholte der Herzog kaum hörbar, und seine glühenden, tiefliegenden Augen sahen Elfe an. »Ich gehöre zu den Unglücklichen, die verzichtend am Paradies vorbeigehen müssen.«

»Das Verzichtenmüssen liegt häufig bloß in der Einbildung,« sagte Elfe, die Augen auf den Perlen, »eine Weisheit übrigens, die nicht von mir ist. Ich habe sie irgendwo gelesen.«

»Und Sie meinen das auch?« fragte der Herzog gespannt.

»Warum nicht?« erwiderte Elfe harmlos. »Man bildet sich so vieles ein, was im Grund ganz anders zu gestalten wäre, sofern man bloß den Mut dazu hätte.«

»Sofern man bloß den Mut dazu hätte,« wiederholte der Herzog. »Aber es gibt Dinge, für die manchmal der Mut eines einzigen Menschen nicht ausreicht, Hindernisse, so abgrundtief, daß menschliche Kraft keine Brücke mehr darüber schlagen kann –«

»Das bildet man sich auch manchmal nur ein; wenn man es trotzdem versucht, ist man nicht selten erstaunt, wie leicht und einfach die Sache war,« dozierte Elfe. »Natürlich – natürlich rede ich nur theoretisch, die Praxis lehrt ja oft das genaue Gegenteil. Indessen: wer wagt, gewinnt, sagt ein altes Sprichwort.«

»Wer wagt, gewinnt – ich werde mir den Spruch merken,« sagte der Herzog mehr für sich als zu uns und kramte wieder in der Kassette, aus der er noch die prächtigen Rubine hervorholte, dann in Diamanten gefaßte Türkise und ein imposantes Brillantendiadem von geradezu wildem Feuer. Und als auch diese Juwelen auf dem Tisch vor uns lagen und der Herzog hochaufgerichtet davorstand, da schien auf seinen scharlachroten Lippen, die auffallend mit dem blassen Gesicht kontrastierten, das Wort des Versuchers zu stehen: »Alles das will ich dir geben, wenn . . .«

Es rieselte mir kalt über den Rücken bei diesem Gedanken, und brüsk erhob ich mich. »Ich glaube, wir haben unsere Gegenwart hier schon allzu lange ausgedehnt,« sagte ich zu meinem Schwager, der ganz in die Dokumente vertieft dasaß.

»Meinst du?« fragte er, zerstreut aufsehend und mechanisch seine Uhr hervorziehend. »Alle Wetter, ja, du hast recht.« Noch einen Blick des Bedauerns warf er auf die vergilbten Pergamente, und dann gingen wir.

Ich war froh, als wir draußen in der Salizzada waren. Vor der arabischen Pforte aber erwartete uns eine Überraschung, denn da stand die »Pazza« aus der Kalle an der Rückseite des Palastes. Sie schien auf uns gewartet zu haben, denn kaum waren wir herausgetreten, als sie sich wie ein Panther auf Elfe stürzte und sie so fest am Arm packte, daß meine Schwester aufschrie. »Kommt Ihr endlich heraus?« schrie das Mädchen. »Seid Ihr endlich müde, ihn zu behexen? Ich dachte, Ihr wolltet bis zum jüngsten Tag drinnen bleiben! Aber ich sage Euch, ich, Maria Gloriosa Largo, ich, die Pazza – ich dulde es nicht! Er ist mir bestimmt, er ist mein! Zwölf Kerzen habe ich schon der Madonna geopfert, zwölf Kerzen! Und sollt' ich hundert opfern, ich –«

Sie hielt ein, weil ihr der Atem versagte und weil mein Schwager sie an einem Arm von der tödlich erschrockenen Elfe fortzog; Emilio zog am anderen, und zum Überfluß war auch noch die Wäscherin, ihre Zia, um die Ecke geeilt und zerrte die Gloriosa am Kleid zurück.

»Hört nicht auf sie!« schrie die Alte, »sie weiß nicht, was sie redet, es ist ihre Pazzeria! Der Duca kennt sie ja gar nicht, die Poveretta! Es ist alles ihre Verrücktheit!«

»Es ist nicht wahr!« entwand Gloriosa sich mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kraft den sie zurückhaltenden Händen. »Er kennt mich – ich bin ihm bestimmt – er wird mich zur Duchessa machen, und ich werde in dem Palazzo wohnen. Aber erst muß ich die Flachshaarige erwürgen, die ihn mir fortnehmen will.«

»Mach daß du fortkommst, Gloriosa,« schnob Emilio die Furie an. »Laß die Signora in Frieden, sie ist die Gemahlin dieses Herrn.«

»Die Gemahlin – die – die Mogli von dem da?« keuchte das Mädchen. Und dann lachte sie heiser auf und warf sich auf meinen Schwager. »Hütet sie, hütet sie,« zischte sie ihn an. »Denn der Duca ist jung, und Ihr seid alt, alt, alt!«

»Kommt, Kinder,« rief Erich ärgerlich, denn wir waren schon beim ersten Aufschrei der Pazza von einer Menschenmenge umringt, die anfing, Partei für uns zu nehmen. Höhnende Zurufe an die Unglückliche: »Pazza! Pazza! Sie denkt, sie ist die Herzogin Irán-Contarini!« ertönten. Die arme Gloriosa mußte nicht sehr beliebt sein unter ihresgleichen.

Erich zog Elfes Arm in den seinen und stand, da man ihm sogleich Platz machte, nach wenigen Schritten isoliert auf der Brücke des Kanals; ich folgte, und als ich mich umsah, bemerkte ich den Herzog, der sich in der Halle von uns verabschiedet hatte und gleich wieder hinaufgegangen sein mußte. Er stand barhaupt in dem arabischen Portal, während Emilio ihm mit vielen Gesten anscheinend den Grund des Auflaufs zu erklären suchte. Mir schien, als wollte der Herzog uns nachgehen, aber Erich schritt schon die andere Seite der Brücke hinunter. Ich mußte mein Tempo beschleunigen, wenn ich dem Paar folgen wollte.

Mein Schwager war der erste, der von uns dreien sprach. »Kinder, das war ja eine tolle Sache,« fing er an. »Warst du sehr erschrocken, mein Elfchen? Ein Wunder wär's nicht, wenn man aus heiterem Himmel sozusagen hinterm Busche her attackiert wird. Eigentlich ist's unverantwortlich, eine Wahnsinnige so frei herumlaufen zu lassen.«

Zum Glück schien Elfe der Schreck nichts geschadet zu haben, denn sie konnte bald über die »dummen Gesichter« lachen, die wir alle bei dem unerwarteten Angriff gemacht hätten. Dabei war sie, wie übrigens wir anderen auch, voll Mitleid für die arme Gloriosa.

»Wie das arme Geschöpf diesen Menschen lieben muß! Die Aussichtslosigkeit ihrer Zuneigung hat sie um den Verstand gebracht!« sagte Elfe. »Der Jammer, das Elend solch eines armen, gemarterten Herzens! Ich kann mir vorstellen, wie das tut, denn ehe ich wußte, daß du, Erich, mich liebtest, mich dummes, junges Ding, da glaubt' ich auch manchmal vor Weh vergehen zu müssen. Und nun solch Naturkind, das die Kunst, sich zu beherrschen, niemals gelernt hat. Ich bedaure sie sehr, sehr! Können wir nichts für sie tun, Erich? Eins nur begreife ich nicht: wie ihre Liebe gerade auf den Herzog fallen konnte; aber freilich – der Nimbus des großen Herrn. Und der weiß wahrscheinlich nicht einmal, daß er eine so große Liebe unbeachtet im Staub neben sich liegen läßt.«

»Es ist schon besser, er läßt sie da liegen, als daß er sich nach ihr bückt und sie in den Staub zurückwirft,« erwiderte Erich ruhig, und in seinen treuen Augen leuchtete helles Glück.

Noch am selben Abend erschien der Herzog bei uns, um sein Bedauern über den Vorfall an der Schwelle seines Hauses auszusprechen. Anscheinend war er noch stark erregt, der Vorfall ging ihm nahe. Den Grund des Auftritts übergingen wir alle natürlich mit Stillschweigen, nur der geistige Zustand der unglücklichen Gloriosa wurde eifrig besprochen, und Elfe blieb dabei, daß etwas für sie geschehen müsse.

»Ich werde ihr den Arzt schicken, aber ich fürchte, San Clemente – (das ist die Insel in den Lagunen zwischen Venedig und Malamocco, wo die Irrenanstalt für Frauen sich befindet) – ist der einzige Ort für sie,« meinte der Herzog. »Schade. Sie ist eine Schönheit Venedigs. In dessen will ich dafür sorgen, daß sie dort gut untergebracht wird, weil Sie, Gräfin, sich in Ihrer großen Güte für das Mädchen interessieren, trotzdem sie Ihnen eine so unangenehme Szene gemacht hat.«

»O, Sie werden das sicher nicht meinetwegen tun,« lehnte Elfe kühl ab. »Ihre eigene Humanität und das göttliche Gebot der Nächstenliebe werden Sie dabei leiten. Wenn ich als Ursache dafür gelten sollte – es wäre niederdrückend für mich.«

»Wir werden das Unsrige dazu tun, das Los der Armen so freundlich wie möglich zu gestalten,« fiel mein Schwager ein. »Vielleicht ist ihr Zustand nicht hoffnungslos und eine Heilung in absehbarer Zeit möglich.« –

Nun kam eine Woche, in der die Gegenwart des Herzogs Irán in Permanenz erklärt zu sein schien. Er brachte Bücher, er brachte frische Orangenblüten aus seinem Garten. Er lud uns zu sich ein, doch wurde zum Glück nichts daraus, weil Erich den Besuch eines früheren Kollegen bekam und zwei Tage fast ausschließlich mit diesem zusammenblieb. Dann begleitete der Herzog uns nach Chioggia und bereitete dadurch den Venezianern das ungewohnte Schauspiel, daß einer ihrer Patrizier das allgemeine Kursschiff – ein fürchterliches Fortbewegungsmittel – benutzte, ganz wie die anderen Sterblichen. Er begegnete uns in der Stadt auf unseren »Entdeckungsreisen«. wie Elfe es nannte – es war ihm gar nicht mehr auszuweichen.

Und dann kam der Tag, an den ich denken werde, solange ich lebe – genau eine Woche nachdem wir im Palazzo Irán den Tee getrunken. Wir hatten nachmittags – diesmal ohne den Herzog – meinen Schwager zu einem Ausflug nach Murano bereit gefunden, weil Elfe die Madonna von Bellini in der Kirche San Pietro Martyr wieder einmal sehen wollte, und da wir gleich nach dem Lunch fortgefahren waren, so kamen wir zeitig wieder zurück und stiegen bei San Giovanni e Paolo aus der Gondel, um zu Fuß weiterzugehen. Eigentlich wollten wir an dem malerischen Palazzo Sanudo oder Van Axel vorbei, aber eine falsche Wendung führte uns in einen Stadtteil, den wir bisher nie betreten hatten, und nach allerlei Kreuz- und Querwendungen standen wir auf einmal auf der Brücke, die am Garten des Palazzo Irán mündet und sich zu der Kalle verlängert, die an der Rückseite des Palastes entlang führt. Die stille Straße war menschenleer wie immer, auch die arme Gloriosa, von der wir bisher nur Unbestimmtes gehört hatten, saß nicht auf ihrem Strohstühlchen vor der Tür. Dagegen sahen wir, als wir diese passierten, die Zia, die Wäscherin, im Hausgang stehen und erkundigten uns bei ihr nach dem Befinden ihrer Nichte.

»Es geht ihr schlecht, der Poveretta,« erklärte die Alte; »sie hat, seitdem sie der blonden Signora an der Tür des Palazzo auflauerte, das Bett nicht mehr verlassen. Aber sanft ist sie geworden, ganz sanft. Es war ein Dottore da, den der Duca geschickt, aber sie hat ihm nicht Rede noch Antwort gestanden. Wenn sie nicht will, hat sie einen Kopf, die Gloriosa –! Und so war sie immer. Es war nie etwas mit ihr anzufangen. Gestern ist der Dottore abermals dagewesen – und dann hat er mit mir von San Clemente gesprochen – dio mio! Ich bin nur eine arme lavandaja, aber meiner Schwester Tochter dorthin gehen zu lassen, wenngleich ich schon nichts dafür zahlen soll – grazie tante! Lieber will ich noch mehr arbeiten. Sie ißt ja so wenig, die Gloriosa, und wir zwei werden schon satt werden.«

Mein Schwager bemühte sich vergebens, der guten Seele klarzumachen, daß die Gloriosa in der Anstalt wahrscheinlich wieder gesund gemacht werden würde, aber die Alte begriff das nicht. Wer einmal in San Clemente sei, käme nicht wieder heraus. Schließlich nahm sie mit überströmenden Dankesworten das Goldstück an, das Erich ihr gab, und wir schritten weiter, um den wohlbekannten Weg zum Markusplatz zurückzugehen, da Erich unterwegs noch eine Bestellung machen wollte. Als wir über die Brücke an der Westecke des Palastes gingen, blieb mein Schwager stehen und zog aus der Brusttasche seines Rockes ein paar Briefe. »Das ist doch zu arg,« sagte er lachend; »da trage ich nun schon den ganzen Tag diese Briefe herum, die ich gestern abend geschrieben, und laufe an jedem Briefkasten vorbei. Mir scheint, ich bilde mich zu dem berühmten zerstreuten Professor aus. Und wundere mich noch, wenn die Leute mir nicht antworten.«

»Gib her,« rief Elfe, gleichfalls lachend. »Dort in der Kalle an der anderen Brücke ist ein Briefkasten – ich will die Briefe hineinwerfen, denn bis wir zum Postamt hinterm Markusplatz kommen, hast du längst wieder drauf vergessen.«

»Wir kommen bis dahin noch an vielen anderen Briefkästen vorbei,« wehrte Erich ab, die Briefe unschlüssig betrachtend. »Ich kann ja doch auch lieber selbst –«

»Gib nur her,« lachte Elfe, indem sie ihm die Briefe übermütig entriß. »Ich habe die jüngeren Beine. In einer Minute bin ich wieder zurück!«

Damit flog sie auch schon die Treppe der Brücke hinab und die Salizzada hinunter. Dann verschwand ihre lichte Gestalt hinter der Ecke.

Die Sonne stand noch hoch am tiefblauen, wolkenlosen Himmel, und Erich und ich lehnten am Brückengeländer. Wir sahen auf die stolze Wasserfront des Palastes, dessen schneeweiße marmorne Zackenkrönung sich scharf von dem tiefen Blau abhob, während die Sonne die Spitzen der hohen Säulenzypressen im Garten vergoldete. Keine Menschenseele kam an uns vorbei, außer einem Fruchthändler, der mit seiner Ware vor einer Gemüsehandlung in der Kalle, durch die auch wir gehen wollten, stehengeblieben war, worauf eine angeregte Konversation bis zu uns herüberschallte. Es war ein stilles Quartier, das des Palazzo Irán, und ich wunderte mich, woher vor einer Woche bei der Attacke der Pazza plötzlich die vielen Leute gekommen waren.

»Aber wo bleibt denn Elfe?« fragte ich mit einem eigentümlich beklommenen Gefühl. »Sie müßte doch längst wieder zurück sein –«

»Am Ende hat sie den Briefkasten nicht gefunden,« meinte Erich mit Seelenruhe.

»O doch, der Brieftasten ist an der Ecke, ich habe ihn auch gesehen,« erwiderte ich unruhig. Ich war müde, und dann – der Palast –ich hatte das Angstgefühl vor diesem Gebäude immer noch nicht überwunden. Es zitterte in meinen Nerven, wenn ich den Palast sah, und eine Empfindung, als drücke mir etwas die Kehle zu, kam plötzlich über mich.

»Sie spricht vielleicht noch mit der Zia,« sagte Erich, aber auch er verließ das Brückengeländer und wendete sich der Salizzada zu, wo Elfe jeden Augenblick um die Ecke biegen mußte.

Aber sie kam nicht. Wir warteten noch fünf Minuten, die mir wie eine Stunde vorkamen, dann ging ich in die Salizzada zurück, meiner Schwester entgegen. Erich folgte mir. Aber sie kam nicht. Wir erreichten die Ecke des Palazzo, wir sahen in die Kalle hinein, die wie ausgestorben war. Auf den Stufen der Brücke, wo der Garten des Palastes aufhört, saß eine Katze und sah den Vögeln zu, die durch die Baumäste flogen – sonst kein lebendes Wesen. Wir gingen bis an den Briefkasten, bis über die Brücke und sahen in die enge, dunkle Gasse, in der die Schatten des nahenden Abends sich zu sammeln begannen. An ihrem Ende spielten Kinder mit Murmeln sonst kein Mensch, nirgends ein Schimmer von Elfes weißem Kleid. Wo war sie hingegangen?

Der Gruß, den sie uns zugewinkt, als sie um die Ecke bog, war der letzte Gruß, den wir von ihr erhielten – wir haben sie nicht mehr wiedergesehen.

Stunden, Tage, Wochen, Monate brachten wir damit zu, sie zu suchen. Erst fragten wir im Hause der Pazza nach, wo die alte Wäscherin im Hofe hantierte. Elfe war nicht dahin zurückgekehrt. Wir fragten die Leute, die jetzt zahlreicher durch die Kalle und Salizzada kamen . Keiner war ihr begegnet. In der Hoffnung, daß der alte Emilio vielleicht vom Palazzo aus gesehen hätte, wohin sie gegangen, klopfte mein Schwager an die arabische Pforte und zog, als niemand öffnete, noch die Glocke an der Hintertür. Ein heimkehrender Arbeiter sagte uns im Vorübergehen, daß Emilio in der Via Vittorio Emanuele Einkäufe mache, den Duca habe er am Nachmittag ausgehen sehen. Es sei wahrscheinlich kein Mensch im Palazzo. Als wir ratlos dastanden und noch berieten, wohin meine Schwester gegangen sein könnte, blickte ich auf und sah an einem halboffenen Fenster den wirren Kopf der armen Gloriosa – blaß wie eine Tote. Ihre schwarzen Augen begegneten meinem Blick mit einem Ausdruck voll Entsetzen oder Verzweiflung. Als ich unwillkürlich einen Schritt vortrat, da verschwand der Kopf und das Fenster wurde heftig zugeschlagen.

Elfe war auch nicht zurück, als wir auf dem kürzesten Weg im Hotel wieder ankamen. Trotzdem warteten wir noch auf sie, bis es Nacht wurde, denn sie konnte sich verlaufen haben. Aber waren nicht überall Gondeln zu finden, Bereitwillige, die ihr für Geld und gute Worte den Weg gezeigt hätten? Oder sollte ein Lump sie mit Absicht irregeführt, sie in irgendeinen Winkel gelockt haben? Ich wagte den Gedanken nicht auszudenken. Als es finster war und Elfe nicht zurückkam, erstattete mein Schwager, der bei all seiner scheinbaren Ruhe bleich und hohläugig aussah, Anzeige in der Questura, dem Polizeiamt.

Die Nacht verging, und Elfe kam nicht zurück. Der Morgen zog in venezianischer Glorie herauf, und man hatte keine Spur von ihr gefunden.

Gegen Mittag – Erich war aus, um neue Schritte einzuleiten – ließ der Herzog sich melden, und so wenig sympathisch der Mann mir sonst war, ich war doch fast froh, mit einem Menschen reden zu können; vielleicht konnte er uns einen Fingerzeig geben.

Er kam mit einem Buche, das in seiner Hand flog, als wenn er das Delirium hätte, sein Gesicht war aschfahl und seine Augen glühten. »Ist es wahr?« brachte er statt jeden Grußes heiser heraus. Also hatten sie es ihm unten im Hotel schon gesagt. Natürlich eine so sensationelle Neuigkeit! Er hörte mich an, als ich ihm erzählte, wie und wo Elfe verschwunden war, aber er brachte kein Wort hervor. Der Arme, wie mußte er sie geliebt haben! Der Schweiß rann ihm von der Stirn, während ich sprach; dann erhob er sich, stammelte eine Entschuldigung und ging, indem er den Ausgang wie ein Blinder an einer Stelle suchte, wo keine Tür war.

Es geschah alles, was geschehen konnte. Detektive wurden in Bewegung gesetzt und hohe Belohnungen ausgeschrieben, nicht nur von meinem Schwager, sondern auch von den Behörden, und die Zeitungsreporter stürzten sich eiligst auf den »interessanten Fall«. Die meisten hielten daran fest, daß ein Verbrechen geschehen sei, doch gab es auch Stimmen, die anzudeuten wagten, es handle sich um ein sehr freiwilliges Davonlaufen, um eine Entführung.

Meine reine, makellose Schwester, mein Kind, das ich erzogen, das eines Erich Buchwald Weib war! Es war hart, härter fast, als die Ursache dieser faulen Hypothesen. Und kein Lichtstrahl fiel in das Dunkel. Die Briefe hatte sie noch in den Postkasten gesteckt, denn Erich erhielt die Bestätigung ihrer Ankunft mit dem Poststempel des Tages und damit endete ihre Spur. Niemand hatte sie gesehen, kein Zeuge meldete sich, der ihr begegnet war. Von dem Augenblick an, da sie die Briefe in den Kasten geworfen, war sie verschwunden, am hellen Tage, mitten in einer großen Stadt.

Der Gruß, den sie uns zugewinkt, als sie um die Ecke des Palazzo Irán bog, war der letzte Gruß, den wir von ihr empfingen. Wie ein leuchtendes Meteor seine rasche Bahn dahinzieht, so war auch sie entschwunden mit einem letzten, lachenden Gruße und uns blieb nichts als die Erinnerung an ihren Liebreiz, an ihre blumenhafte Anmut – – O, Elfe!


* * *


Drei Jahre waren vergangen, und die Verschwundene war von der Welt längst vergessen. Mein Schwager hatte dauernd in Venedig seinen Wohnsitz genommen, was ich nicht recht begreifen konnte, weil ihn dort jeder Stein an die unerklärliche, unerklärte Tragödie erinnern mußte. Aber er hegte wohl im geheimen die Hoffnung, daß seine Anwesenheit am Tatorte selbst dazu beitragen könnte, Licht auf die Begebenheiten des Septembernachmittags zu werfen, der uns in so tiefe Trauer versetzt hatte – in eine Trauer, die wir trotzdem vor der Welt nicht zeigen durften. Wußten wir denn, ob sie tot war? Ich zweifelte freilich schon lange nicht mehr daran, aber es gab nichts, was meine Annahme hätte beweisen können. Mein Schwager, glaube ich, hegte immer noch die stille Hoffnung, daß Elfe sich unter den Lebenden befände. Dann aber hätte sie eine Gefangene sein müssen, strenger überwacht als ein Zuchthäusler; sonst hätte sie uns ein Lebenszeichen gegeben. Die Liebe, die Sehnsucht hätte ein Mittel gefunden, sich bemerkbar zu machen. Mein Schwager liebte Elfe so sehr, und das gab ihm den Mut zu hoffen. Ich weiß, daß er es nicht aufgegeben hatte, der scheinbar ganz verwehten Spur nachzuforschen.

Drei Jahre waren vergangen seit dem verhängnisvollen Septembernachmittag, und über ein Jahr war es her, seit ich meinen Schwager nicht mehr gesehen hatte. Da erhielt ich eines Tages von ihm einen kurzen Brief, der mit den Worten schloß: »Trotz aller Arbeit, die ich rüstig fördere, ist mir die Einsamkeit unerträglich geworden. Du tätest ein gutes Werk, wenn du mich auf eine, wenn auch noch so kurze Zeit besuchen wolltest, damit wir doch wieder zusammen von ihr sprechen könnten, deren Bild mir in der letzten Zeit wieder besonders klar vor Augen steht. Es drängt sich zwischen jede Zeile meiner Arbeit, als wollte es sagen: Suche mich! Und ich weiß nicht mehr, wo. Vielleicht fände dein Instinkt die rechte Richtung. Kommst du?«

Ich kam. Die Worte Erichs hatten eine törichte, undefinierbare Hoffnung in mir erweckt: ich stand tastend mit verbundenen Augen, aber es war mir, als fühlten meine ausgestreckten Hände etwas, das ich nicht nennen konnte, nicht zu nennen wagte.

Erich kam mir bis Verona entgegen, eine sehr liebe Überraschung, denn diese Strecke wird einem so lang, wenn man die Nacht durch gereist ist und, vom Gotthard kommend, frühmorgens übernächtig in Mailand eintrifft mit der sicheren Aussicht, sich nun Gott weiß wie lange mit den üblichen Zugverspätungen der italienischen Bahnen herumärgern zu müssen.

Mit »nur« zweistündiger Verspätung fuhr ich in der Hauptstation von Verona ein, und der erste, den ich sah, war mein Schwager, der alsbald neben mir saß und mir die Hand drückte. Die Jahre, auch das letzte Jahr, waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Zwar seine stattliche Gestalt war hochaufgerichtet wie immer, jedoch sein schöner Onyxbart und sein immer noch volles Haar waren schneeweiß geworden; seine Augen hatten etwas Verträumtes im Ausdruck. Die tiefen Linien um seinen Mund und um seine Augen kündeten von Gram, der nicht zum Schweigen zu bringen war.

»Du hast doch noch deine alte Wohnung an der Riva?« fragte ich, als wir wieder unterwegs waren. Eigentlich eine unnütze Frage, denn ich hatte meine Briefe immer an die gleiche Adresse gerichtet und nie gehört, daß er die Wohnung gewechselt. Um so mehr war ich überrascht, als er nach kurzem Zögern sagte:

»Nein, ich bin umgezogen. Seit ein paar Monaten schon. Der unruhvolle Passantenverkehr im Hotel wollte mir nicht mehr behagen; ich sehnte mich nach absoluter Ruhe, auch im Haus. Warum ich dir nichts davon geschrieben habe? Ich weiß nicht. Aber nun du gekommen bist, was ich dir von Herzen danke, ist es gut, daß du es erfährst, ehe wir in Venedig sind. Um dich vorzubereiten –«

»In welchem Stadtteil hast du denn deine Zelte aufgeschlagen?«

»Ich wohne im Palazzo Irán.«

Ich sah meinen Schwager an wie vom Donner gerührt.

»Im Palazzo Irán? So hat der Herzog dich eingeladen, und wir – wir wohnen nicht zusammen im selben Hans?«

»Doch. Ich hoffe wenigstens, daß du meine Gastfreundschaft annehmen wirst, ich habe den Palast gemietet.«

»Du hast den Palast gemietet?« wiederholte ich wieder wie stumpfsinnig. »Ja, mein Gott, was ist denn dann aus dem Herzog geworden?«

»Deine Frage ist sehr begreiflich. Der Herzog, den ich seit der Katastrophe nur selten flüchtig gesehen, hat das Reisefieber bekommen und streift in der Welt umher – nur sein Sachwalter weiß manchmal, wo. Der letztere ist aber wie die meisten Italiener ein sehr praktischer Herr, und er hat dem Herzog klargemacht, daß es für das Haus und die Sachen darin vorteilhaft wäre, wenn es an jemand vermietet würde. So machen es viele Nobili mit ihren verlassenen Häusern. Die Sache leuchtete mir ein – – der Palast liegt in ruhiger Lage, er hat den Garten, und – und er ist der Ort, an dem wir Elfe zum letztenmal sahen. Freilich ist er ein wenig groß für mich allein, aber ich kann mir wohl einmal den Luxus leisten. Ich redete also mit dem Advokaten, und diesem schien die Sache sehr gut zu passen. Meine Bedingung, die Erlaubnis zur Benutzung des Familienanchivs zu erhalten, wurde gern gewährt und – ich zog ein. Übrigens habe ich nur die Beletage, die du kennst, denn die zweite mit den Familienwohnräumen ist verschlossen; man hat mir nur daraus gegeben, was der Mensch, das heißt der Kulturmensch, zu seiner Bequemlichkeit braucht. Und ein Gastbett mit Zubehör obendrein. So kam's. Weißt du noch, wie Elfe hartnäckig dabei blieb, daß wir eines Tages den Palazzo Irán bewohnen würden?«

»Sie sprach immer nur von sich selbst,« entgegnete ich. »Und hast du gefunden, daß dein Entschluß ein glücklicher war?«

»O – die Räume sind herrlich, und die Gegend ist so ruhig! Und das Archiv ist sehr interessant, wenn auch ganz ungeordnet. Alles liegt wild durcheinander.« Erich trat ans Fenster und schaute hinaus. Ich sah, wie es dabei um seine Lippen zuckte.

»Allzu große Ruhe wirkt mitunter auch aufregend – ich weiß, daß einem zum Beispiel in der regungslosen Stille der Alpenwelt das Herz schlagen kann in der fast angstvollen Erwartung eines Lautes,« sagte ich, ohne auf das Archiv einzugehen. »Du schriebst mir, daß dir die Einsamkeit unerträglich geworden sei, mir scheint, es war demnach kein ganz glücklicher Gedanke, sie aufzusuchen.«

Erich atmete tief auf, nahm den Hut ab und strich sich mit seiner weißen Gelehrtenhand durch das Haar. »Man sehnt sich oft nach Dingen, die, wenn man sie erreicht hat, wie der Meergreis im Märchen sind – eine Last,« entgegnete er. »Wir Menschen bleiben in diesem Punkt wie Kinder.«

»So laß die Miete fahren und zieh, meinetwegen mit Reugeld, wieder aus. Das Mittel ist doch einfach genug,« schlug ich vor in der atemlosen Hoffnung, daß er gleich darauf eingehen würde. Er aber schüttelte den Kopf.

»Es war nichts als Einbildung,« versicherte er. »Als deine Antwort eintraf, daß du kämst, und nachdem ich eine kleine Änderung in meinen Arrangements vorgenommen hatte, wurde es gleich besser. Die Sache war nämlich die – lach mich nicht aus! Ich war kaum in das riesige, stille Haus eingezogen, als ich so lebhaft von Elfe träumte, daß ich sie zuletzt auch wachend immer um mich zu sehen meinte. Nun habe ich ja naturgemäß auch anderswo von ihr geträumt, denn wovon der Geist voll ist, das spiegelt sich in dem willenlosen Gehirn des Schläfers gern wider. So wenigstens erklärt man sich ja die Träume. Nur waren die Träume in der Stille dieses Hauses so ganz anders – sie hinterließen in mir ein wüstes, wirres Gefühl und gingen mir dermaßen auf die Nerven, daß sie sich am hellen Tage wie Halluzinationen wiederholten. Ich hätte gleich einen Lokalwechsel vornehmen sollen. Die Kur war, wenn auch nicht radikal, so doch entschieden sehr wirksam. Es ist dumm, daß ich nicht früher daran dachte.«

» Ich glaube, ich würde gern von Elfe träumen,« sagte ich. »Aber so voll auch mein Geist von ihr war, in keinem meiner Träume spielte sie eine Rolle. Wenigstens nicht bewußt.«

Mein Schwager seufzte tief. »Früher träumte ich auch gern von ihr. Es waren immer so freundliche Träume, ich sah sie im Zauber ihrer blühenden Jugend, umgeben von der Szenerie ihrer Mädchentage –«

»Ja, ja – Und im Palazzo Irán – hast du sie anders gesehen?«

»Ja, da sah ich sie anders, ganz anders. Jung und schön freilich, wie sie doch einmal war, aber so furchtbar ernst – tragisch, möchte ich sagen, und mit einem Etwas auf den blassen Lippen, das mir zu sagen schien: Suche mich! Suche mich!«

»Ja, wir wollen noch einmal gemeinsam suchen,« sagte ich erschüttert und reichte ihm die Hand, die er fast krampfhaft drückte.

»Ich habe ja nie aufgehört zu suchen,« begann er nach einer Pause, »aber alles umsonst. Ich habe einen der gewandtesten Detektivs monatelang bei mir gehabt – einen Mann, der schon die größten Rätsel gelöst und Dinge an den Tag gebracht hat, die länger zurücklagen als unsere Tragödie. Er bekannte sich als geschlagen. Vielleicht bewährt sich des Dichters Wort, daß die Sonne es an den Tag bringt. Sie hat's ja noch gesehen, ehe sie unterging, was aus Elfe geworden ist.«

Mit großer Verspätung kamen wir in Venedig an, aber es war doch noch früh am Nachmittag. Die Sonne vergoldete mit ihren Strahlen die Meereskönigin, daß sie in überwältigendem Glanz dalag. Es wurde mir wieder ganz warm ums Herz, als unsere Gondel von den Stufen des Bahnfondaments abstieß, und ich mich wieder auf dem palastumsäumten Kanal Grande befand, wo jede einzelne Fassade mich wie ein alter Bekannter begrüßte. Ach, du einziges, herrliches, unvergleichliches Venedig! Ich hätte mich wirklich trotz allem und allem ganz glücklich gefühlt, wenn nur nicht der Palazzo Irán unser Ziel gewesen wäre! Ich nannte es in meinem Innern eine recht unpraktische Gelehrtentat, sich als einzelner Mensch einen solchen Palast zu mieten, denn daß mein Schwager nicht auch noch die obere Etage bekommen hatte, war sicher nicht seine Schuld. Er hätte gewiß noch drei weitere Etagen dazu gemietet, nur um Ruhe zu haben und ein Familienarchiv dazu. Gewiß, seine Mittel erlaubten ihm den Luxus, sich in Venedig einen Palast zu mieten, aber unpraktisch blieb es doch. Außer meiner vielleicht törichten Abneigung gegen den Palazzo Irán hatte ich noch das unbehagliche Gefühl, als ob der Komfort, an den man nun einmal gewöhnt ist, recht mangelhaft sein müßte.

Als wir an der Mündung des Canareggio vorbeifuhren, sagte mein Schwager, auf den Palazzo Labia deutend, der so wunderlich um den Kampanile der Kirche San Geremia herumgebaut ist: »Den hätte ich sogar kaufen können. Es sind sehr schöne Fresken von Tiepolo drin, die Geschichte der Kleopatra, und die Räume sind prachtvoll. Der Palast indessen ist völlig uneingerichtet, kein Stuhl ist darin. Wenn man im Palazzo Irán um sich blickt, dann fällt das Auge auf die kostbaren Möbel und auf die herrlichen Gemälde. Und dann – in dem Garten hat sie gesessen, und an der Ecke haben wir sie zum letztenmal gesehen. Ich bleibe immer stehen, wenn ich das Haus verlasse oder heimkehre, weil mir dann ist, als sähe ich ihre weiße Gestalt um die Ecke huschen –«

Am Rio San Felice bog unser Gondelier ein; noch drei scharfe Wendungen, dann kamen wir in den wohlbekannten schmalen Kanal, fuhren unter der Brücke weg, auf der wir damals gestanden, und legten an dem Wasserportal des Palazzo Irán an. Das Herz schlug mir bis zum Halse, ich mußte beständig ein Ohnmachtsgefühl bekämpfen.

Der Gondelier sprang auf die Stufen und setzte den Klopfer in Bewegung, dessen dumpfer Ton durch das Haus dröhnte wie die Stimme des Schicksals. Zu meinem Erstaunen öffnete der alte Emilio das Portal. Er begrüßte mich mit einem freundlichen Lächeln seines runzligen Gesichtes.

»Sie hier?« fragte ich verwundert. »Ja, haben Sie denn Ihren Herrn nicht begleitet?«

»Ach nein, Signorina Contessa,« erwiderte er heiter, »ich bin wohl nicht mehr beweglich genug zum Reisen. Und jemand mußte doch hierbleiben, um ordentlich achtzugeben auf das Haus.«

Ja, das war verständlich, es mußte eine Vertrauensperson sein, die hier achtgab.

»Und nun darf ich den Signor Conte bedienen,« setzte der alte Mann strahlend hinzu. »Das macht mir Freude, denn ich hatte doch sehr lange Zeit so mutterseelenallein in dem großen, großen Hause –«

Auch das war begreiflich; ich hatte den Verdacht, als ob dem alten Emilio nicht jeder beliebige Mieter recht gewesen wäre. Dabei legte ich mir die Frage vor, ob er auch Cameriera bei mir spielen würde. Ich sah mir den alten, feudalen Diener kritisch an, ob er auch wohl das rechte Verständnis hätte für Dienste, deren ein weibliches Wesen manchmal bedarf, und leise Zweifel stiegen in mir auf.

Nun: mitgefangen, mitgehangen. Ich wollte schon Rat schaffen. Mein Schwager reichte mir galant den Arm, und wir stiegen die weiße Marmorstiege in die Höhe, von der die Teppichläufer wieder verschwunden waren; als nicht zum Mietinventar gehörig lagen sie wohl eingemottet in der zweiten Etage. Oben in dem glänzenden Vestibül wandte sich Erich nicht nach der Festsaalseite, sondern nach rechts. »Ich will dich gleich durch unser Reich in deine Stanza führen,« erklärte er. In dem Speisesaal, zunächst dem Vestibül, war der Tisch für uns mit dem Tafelzeug und dem Porzellan des Hauses gedeckt; die Bestecke hatte Erich sich von daheim schicken lassen. Der Tisch machte einen freundlichen, anheimelnden Eindruck. Dann kamen die zwei kleineren »Camere«. immer noch Räume von anständiger Größe, im Empiregeschmack eingerichtet, die Fenster nach dem Garten zu. In ihnen hatte Erich sich häuslich niedergelassen, er benützte sie als Arbeits- und Schlafraum. Daneben das prächtige Balkonzimmer mit den weißen Atlasmöbeln, die aber bunte Kretonneschutzüberzüge diskret verhüllten, und dann – mein Herz sank mit einem Mal auf seinen tiefsten Stand – führte mich Erich in das Eckzimmer mit der Wachsfigur der Donna Onesta. Dort stand hinter einem großen verhüllenden Schirm aus der Biedermeierzeit mein Bett!

»Nein,« sagte ich energisch, noch auf der Schwelle stehend, »hier schlafe ich nicht! Das kann kein Mensch von mir fordern.«

»Die Wachsfigur ist längst nicht mehr hier,« beruhigte mich Erich mit einem leisen Lächeln. »Komm näher und sieh selbst – der Vorhang vor der Nische ist aufgezogen, und es steht eine geschnitzte und vergoldete, mit Purpursamt überzogene 'Poltrona' aus der Rokokozeit darin wie ein Thronsessel. Aber selbst, wenn die Figur noch hinter dem Vorhange wäre – ei, ei, ich hätte nicht gedacht, daß meine starkgeistige Schwägerin sich vor einem harmlosen Wachsmodell fürchten könnte!«

»Erich,« erwiderte ich feierlich, aber mit einem großen Gefühl der Erleichterung, »es gibt Dinge, die einem auf die Nerven gehen; dafür kann man nichts, und alle Starkgeistigkeit richtet dagegen nichts aus. Mir ist das Bild der Donna Onesta regelrecht auf die Nerven gegangen. Ja, die Poltrona sieht wirklich wie ein Thronsessel aus. Sehr imposant. Und der Raum ist sehr schön, besonders jetzt, wo noch das volle Sonnenlicht hereinflutet. Dennoch: anheimelnd ist er nicht.« Mich fröstelte.

»Anheimelnd werden Zimmer erst, wenn man drin wohnt,« erwiderte Erich. »Du kannst dir einen Tisch vor die Poltrona rücken und wirst wie eine Königin darauf aussehen. Sieh dir die Schnitzerei an – ein Wunderwerk, das mich entzückt, sooft ich's sehe, obgleich es 'nur' Rokoko ist. Aber ich bin ja nicht Kunsthistoriker und habe also nicht nötig, über die Produkte der 'Verfallzeit' vornehm die Achseln zu zucken. Ich darf mir den Luxus gestatten, dies heitre Schnörkelwerk in meinen beschränkten Untertanenverstande schön zu finden.«

Ich bin auch eine begeisterte Rokokofreundin, aber vorläufig konnte das üppige Sitzmöbel mich noch nicht fesseln. Hatte doch Donna Onesta in ihrem Glaskasten an seiner Stelle gestanden, an derselben Stelle, an der sie erdolcht worden war. Gewiß, das war lange, sehr lange her, aber dennoch – ich mußte mich erst zwingen, um mich an dieses Zimmer zu gewöhnen, in dem mich Erich nun allein zurückließ. Ich trat ans offene Fenster, unter dem der Kanal still und langsam vorüberfloß, geschwellt von der Flut, die gerade auf ihrem Höhepunkte stehen mußte. Ja, es lag wirklich ideal, dieses Prachtgemach, in dem der Bettschirm allerdings aussah, als müsse er wegen seiner Gegenwart um Entschuldigung bitten. Mein Gepäck freilich, das Emilio und der Gondelier einbrachten, sah in diesem Zimmer noch toller aus, als der mit grüner Seide überspannte Schirm. »Gott bewahre,« sagte ich in meinem ersten ehrlichen Entsetzen, und im selben Atem fügte ich hinzu: »Wo denn in aller Welt soll ich mit meinen Sachen bleiben? Ich muß doch auch außer einem Kleiderschrank und einer Kommode einen Waschtisch haben!«

»Si, si, Signora Contessina,« erwiderte Emilio, noch etwas außer Atem, »es ist alles da, alles.« Und auf einen leer gelassenen Raum an der Nordwand des Zimmers zugehend, öffnete er eine im Getäfel verborgene Tür, die in ein langes, schmales Gemach führte, das durch zwei Fenster von der Loggia des Hofes her sein Licht empfing und mit Wandschränken vollständig angefüllt war. Hier stand auch der vermißte Waschtisch und obendrein ein großer Toilettespiegel, eine sogenannte Psyche, auch aus der Biedermeierzeit, neben einem kleinen Toilettetisch.

»Ecco,« rief Emilio mit einer Handbewegung. »Man hat hier ein paar Schränke freigemacht und den Herrschaften zur Verfügung gestellt. Der Rest –« er deutete auf eine Reihe von etwa zehn bis zwölf Türen, »ist verschlossen, denn es sind Sachen von meiner Herrschaft darin. Allerlei Gerümpel, alte Kleidungsstücke von Don Francescos Großeltern und von den gnädigen Ahnen. Was weiß ich! Don Francesco fand auch hier noch viele Papiere, die jetzt im Archiv sind. Signorina Contessina haben genug Raum hier?«

Ich konnte Emilio über diesen Punkt ganz beruhigen: ich hatte noch nie ein so großes Ankleidezimmer besessen. Und da es mit seinen weißen Vorhängen vor den Fenstern, die nach der Loggia führten ganz behaglich aussah, so stiegen meine Lebensgeister durch seinen Besitz. Ein anderer Ausgang als durch meinen Wohn- und Schlafraum schien nicht vorhanden zu sein. Aber Emilio zeigte mir eine Tür, die nach einem zweiten, nach der Loggia zu gelegenen Raume führte, der als Aufzug für die Speisen und als Anrichteraum diente, da er neben dem Speisesaal lag. Diese Tür jedoch war verschlossen und auf der anderen Seite durch einen Tisch verstellt

Emilio und der Gondelier trugen meinen Koffer in das Ankleidezimmer, und ersterer kehrte wieder, nachdem er den Hilfsbereiten hinabgeleitet hatte; er fragte, ob ich noch einen Befehl für ihn hätte, ehe er unsere Mahlzeit servieren ginge.

»Sollen Sie meine Cameriera sein?« fragte ich lächelnd.

»Dio mio, nein,« erwiderte er ernst. »Es ist eine Cameriera für die Signorina Contessa gedungen worden, doch sie hilft in der Küche. Ich hoffe, sie wird ihre Sache als Cameriera machen, denn sie ist ganz geschickt. Aber mir scheint, die Signorina Contessina muß sie kennen? Doch, doch – sie hat ja damals die dumme Geschichte gemacht, als die Herrschaften zum Tee hier waren, die Leute nannten sie die Pazza. Gloriosa Largo heißt sie eigentlich und ist ein Nachbarskind. Ja, ja, ihre Pazzaria ist ganz vorüber, nachdem sie ein paar Monate in San Clemente war. Don Francesco hat das Geld dazu gegeben, und die alte Zia mußte sich schon entschließen, sie dorthin zu lassen, denn sie hatte selbst Angst gekriegt, Gott hab' sie selig, weil die Gloriosa dann doch so gar sonderbar wurde – – ja, ja, aber jetzt ist sie ganz gesund, und ihre Pazzeria ist vollständig geheilt.«

Mein schönes Ankleidezimmer wollte mir mit einem Male wieder nicht mehr gefallen; nicht genug, daß mich mein Schicksal in den Palazzo Irán führte, daß ich das Zimmer, wo die Donna Onesta gestanden, bewohnen sollte, nun sollte mich auch gar noch die Pazza bedienen, und wenn sie auch zehnmal als geheilt aus dem Irrenhaus entlassen war. Man hat so viele Beispiele, daß der Irrsinn bei den »Geheilten« bei der ersten besten Gelegenheit wieder ausbricht. Behaglich war mir die Sache nicht, und Pläne, wie ich fliehen könnte, durchkreuzten mein Gehirn.

Unsere Mahlzeit war so gemütlich, als sie nur sein konnte in diesem Haus, in dessen Prunkgeschoß die Ungemütlichkeit als Herrscherin thronte. Und solch eine Wohnung mußte sich mein guter, unpraktischer Schwager natürlich extra aussuchen! Warum hatte er mich nicht herbeigerufen, ihm eine Wohnung finden zu helfen? Doch – als wir uns an dem breiten Tisch gegenübersaßen, da nahm ich mir entgegen meinen Fluchtplänen wieder vor, das Beste aus den Umständen zu machen und etwas Gemütlichkeit in die Prunkräume zu bringen, in die man nun einmal wider Willen verschlagen war. Emilios Kochkunst war auch nicht übel, namentlich sein Risotto mit Hühnerlebern war tadellos und der »Zabajone« zum Schluß sogar hervorragend.

Es fing schon an, recht dämmerig zu werden, als wir unseren Pranzo beendet hatten; Erich schlug eine Promenade vor. Aber nach vierundzwanzig Stunden Eisenbahnfahrt war ich zu müde dazu, und so gingen wir in den Garten und setzten uns vor dem Teehäuschen hin. Der Abend war warm und schön, der Himmel flammte noch in der Pracht eines Abendrots, wie man es nur in Venedig sehen kann, und von dieser Glut hoben sich die Säulenzypressen dunkel, fast schwarz ab.

Die venezianischen Gärten – abgesehen von den parkähnlichen Giardini Publici und Papadopoli – haben etwas Melancholisches, das an Friedhöfe erinnert. Daran sind vielleicht die hohen zinnengekrönten Mauern schuld, die sie einschließen, die Weiden und Zypressen, die vornehmlich den Baumschmuck bilden. Man sieht nichts darin als diese Mauern, an denen Schlinggewächse emporklettern, und darüber den Himmel. Der Blick ist gefesselt, man kommt sich vor wie ein Gefangener, den man einmal herausgeführt hat, um frische Luft zu schöpfen. Und diese Luft befreit nicht, sie beengt in dem Schatten der hohen Bäume, denen das eigentümliche Klima eine Frische der Farbe verleiht, die sonst das Auge so freundlich und wohltätig berührt.

Der verwilderte Garten des Palazzo Irán hatte eben dadurch, daß er wachsen konnte, wie er wollte, von keines Gärtners Messer und Schere gehindert, sicherlich den Reiz des Romantischen für sich, aber er beengte die Brust, man atmete schwerer in der grünen Wildnis, die etwas unendlich Melancholisches hatte. Erich sprach von seinen Arbeiten, aber die Last auf meinem Herzen wurde schwerer und schwerer, und endlich sprang ich auf. Ich hielt es nicht mehr aus unter dem Schatten dieser Bäume, ich meinte zu ersticken.

Wir gingen also ins Haus zurück, und dabei fielen mir wieder die schießschartenartigen Maueröffnungen auf, die sich in der Wand links vom Balkon befanden, hinter der das Zimmer der Donna Onesta – jetzt mein Zimmer – lag. Die Öffnungen schienen eine verhältnismäßig große Tiefe zu haben und schräg zu laufen, wodurch wohl verhindert werden sollte, daß man hineinsehen und daß der Regen eindringen konnte. Sie waren, meiner Berechnung nach, rechts und links von der Nische angebracht, in der das Wachsmodell früher stand, ihr Zweck aber war mir ganz unerfindlich, denn die Wände des Zimmers waren tapeziert und mit Bildern behängt.

Beim Hinaufgehen trafen wir im Entresol oder Mezzanino, den alten Emilio, und ich fragte ihn, was aus der Wachsfigur geworden sei. Er schüttelte den Kopf, er wußte es nicht. Sie hätte eines Tages, als er abstauben wollte, nicht mehr dagestanden. Der Schreck, den er bekam, als er beim Aufziehen des Vorhanges die Donna Onesta nicht vorfand, war ihm noch ganz gegenwärtig. Don Francesco, wie er den Herzog nannte, hätte auf seine entsetzte Meldung erwidert, es wäre schon recht, die Figur wäre fortgeschafft; er hätte nur vergessen, es Emilio zu sagen.

»Allein konnte Don Francesco die Figur mitsamt dem Ruhebett und dem Glaskasten, der aus lauter kleinen, in vergoldetes Holz gefaßte Scheiben bestand, unmöglich in ein anderes Gelaß schaffen, denn im ersten Stock ist keins vorhanden, wo er es hätte hinschleppen können,« sagte Emilio. »Etwa in den oberen Stock oder in eine der Kammern unter dem Dache? Dazu brauchte er Hilfe, mich, Signorina Contessa! Er hat also mit fremder Hilfe das Ding fortschaffen lassen. Am Ende, wenn er es in ein Museo oder sonstwohin gegeben, war es wohl richtig, daß die Leute von dort kamen, es zu holen, aber warum hat er mir das nicht erzählt? Wir haben sonst alles miteinander besprochen, Don Francesco und ich. Und nun, wo es sich um die Donna Onesta handelt – mir nichts zu sagen! Es hat mich gekränkt, Signorina Contessa, gekränkt hat es mich. Aber che vuole? Er war immer ein Sonderbarer, der Don Francesco, immer. Schon als ragazzo. Er befahl mir, etwas anderes an die Stelle zu setzen, wo die Donna Onesta gestanden, und da hab' ich aus der Rumpelkammer oben die Poltrona heruntergeschafft. Unter uns: sie ist für Don Michele Irán gemacht worden, der damals Doge werden sollte, aber es wurde nichts draus, denn Francesco Marosini wurde gewählt, der letzte Held von Venedig. Da hat man die Poltrona beiseite geschafft, um nicht zu zeigen, daß man so sicher auf die Wahl Don Micheles gerechnet hatte. Wissen aber möchte ich doch, wo die Donna Onesta hingekommen ist, denn sie fehlt mir dort oben in der Nische. Wenn man solch Stück sein ganzes Leben gesehen hat, tut's einem doch leid darum.«

Mir tat's nicht leid um diesen Gipfel der Geschmacklosigkeit, das stand fest. Die Poltrona des Dogenkandidaten, der mir vorkam wie das Milchmädchen in der Fabel, gefiel mir wesentlich besser, und ich ließ mich, in meinem Zimmer angelangt, auf dem Thronsessel nieder und versuchte mich in die Stimmung des enttäuschten Dogenkandidaten zu versetzen. Er hatte sich vielleicht erst getröstet, als der Tod der Herrlichkeit des Seehelden ein Ende gemacht. Falls notabene er die Wendung erlebt hatte! Doch Michele Irán samt seinen ehrgeizigen Träumen ließ sich vergebens von mir rufen, denn die Szene, wie Elfe an dieser Stelle gestanden, kam mir mit einer solchen Lebhaftigkeit in den Sinn, daß es mich überwältigte und ich ans Fenster trat, weil es mir siedendheiß in die Augen schoß –

Ein Geräusch hinter mir ließ mich umblicken: die Pazza stand vor mir, einen dreiarmigen brennenden Kandelaber in der Hand.

Sie war sicher noch schöner geworden als früher, das stand fest. Ich hätte sie unter Tausenden wiedererkannt, trotzdem ihr Prachthaar ordentlich frisiert und ihr Anzug lange nicht so schlampig wie früher war, als sie den ganzen Tag auf dem Strohsessel vor der Tür saß und auf den Palazzo Irán stierte. Sie trug sogar eine weiße Latzschürze und einen ordentlichen Kragen. Ihr feines Gesicht war schmaler geworden, der rote Mund, der in dem blassen Teint wie eine Granatblüte brannte, herber, fest geschlossen, als wollte sie verhindern, daß er Worte sprach. Und ihre mächtigen schwarzen Augen, die sonst so wild und leidenschaftlich flammten, hatten etwas Verhaltenes in ihrem Ausdruck. Etwas, das ich nicht enträtseln konnte.

»Guten Abend, Gloriosa,« sagte ich vortretend. »Wir sind alte Bekannte –– wenn du dich meiner noch erinnern kannst.«

Sie wich einen Schritt zurück und wurde noch blasser. »Commare! Die Signora ist die Mutter der flachsblonden Signora Contessa,« flüsterte sie mit vorgestrecktem Kopfe.

»Nicht die Mutter, Gloriosa, ihre Schwester,« berichtigte ich.

Sie warf den Kopf zurück, lachte leise und stellte den Kandelaber auf den Tisch neben dem Fenster. »Die Schwester! Man kennt sich nicht aus. Die Signora war noch so jung und hatte einen so alten Mann und eine Schwester, die ihre Mutter sein konnte. Es geht wunderlich zu in der Welt.«

»Das tut es, Gloriosa,« erwiderte ich freundlich. »Und du – wohnst du noch in dem Haus gegenüber? Ich hörte, deine gute Zia wäre gestorben?«

»Gott schenke ihrer Seele die ewige Ruhe,« nickte Gloriosa, sich bekreuzend, »ihr ist wohl. Ich brenne an ihrem Todestage immer eine geweihte Kerze für sie. O ja, ich bin in dem Haus geblieben. Ich habe in San Clemente das Spitzenklöppeln gelernt und jetzt sitze ich in meinem Zimmer und, wenn es warm ist, vor dem Haus und arbeite. Es ist ein schöner Verdienst, wenn man die feinen Spitzen machen kann. Sie haben mir auch Absatz dafür verschafft, als ich von San Clemente zurückkam. Sie sind gut zu den Kranken. Ich war nicht krank, wenigstens nicht im Kopfe, nur im Herzen. Aber ich habe dort gelernt, es nicht zu zeigen.«

»Da hast du viel gelernt, Gloriosa. Es gibt Leute, die es im ganzen Leben nicht lernen. Es hat jeder sein Leid zu tragen.«

»Ich weiß,« erwiderte sie mit einem langen Blicke auf mich. »Der Signor Conte ist ganz weiß darüber geworden, ich hätte ihn fast nicht wiedererkannt. Das kommt, wenn alte Männer junge Frauen nehmen.«

Es war mir nicht sympathisch, dieses Thema mit meiner Cameriera zu besprechen, obgleich es in Italien, überhaupt im Süden, gang und gäbe ist, Familienangelegenheiten mit den Dienstboten zu verhandeln. »Auch jungen Männern können ihre Frauen sterben,« konnte ich nicht umhin, zu belehren.

»Sterben schon,« murmelte Gloriosa, und nach einer Weile, indem sie mich forschend ansah, fügte sie hinzu: »Der Signor Conte glaubt also, seine Frau sei gestorben?«

»Er weiß nicht, was er glauben soll, Gloriosa,« antwortete ich. »Siehst du – er hat seine schöne und gute Frau sehr geliebt, und da hofft er eben noch immer, daß sie am Leben ist und er sie wiederfinden wird. Ich habe sie auch sehr geliebt, obgleich sie nur meine Halbschwester war. Aber mir ist, als könnte ich kaum noch hoffen, daß sie wiederkommt.«

Gloriosa wandte sich ab. Ihr Mund schloß sich fester, und ihre schlanken Finger zupften achtlos an dem Tüll des Mückennetzes, das über meinem Bett hing. »Die Toten kommen ihre Lieben gern besuchen. Die Zia kommt oft zu mir.«

»Träumst du von ihr?«

»Die Signora Contessina mag es Traum nennen, es kommt nicht auf den Namen an. Vielleicht träume ich, wenn mich die Zia besucht. Es ist so Brauch bei den Toten, zu ihren Lieben zu kommen.«

»Nun, dann müßte meine Schwester wohl noch leben, denn sie hat mich nie besucht.«

»Commare! Vielleicht hat sie keine Zeit,« sagte Gloriosa naiv. »Ich meine, wenn sie den Signor Conte besuchen muß, kann sie nicht auch zu der Signora Contessina kommen.«

Ich antwortete nicht, sondern wandte mich ab und fing an, Kragen, Uhr und Gürtel abzulegen. Dabei fiel mir ein, daß Erich so oft von Elfe geträumt, besonders hier im Palazzo Irán. Gloriosa merkte mit dem eigentümlichen Instinkt ihrer Rasse, daß ich allein zu sein wünschte; sie fragte mich, ob ich noch etwas zu befehlen hätte und ob sie mir helfen könne. Ich gab ihr meine Stiefeln zum Putzen mit und entließ sie.

Obgleich es noch früh war, überfiel mich doch schon die Müdigkeit. Die lange Eisenbahnfahrt vibrierte mir in den Nerven, ich wollte zu Bett gehen. Ich zog die Spitzenstores vor die Fenster und ließ diese nach alter Gewohnheit offen, denn es schläft sich gut in der weichen Lagunenluft mit ihrem Salzhauch. Ich habe nie die Fremden verstehen können, die in Venedig ängstlich ihre Fenster schließen, sobald die Sonne verschwunden ist. Die Schnaken, die blutdürstigen Zanzare der Lagunen, tun mir nichts, ich lasse sie hinter dem Mückennetz ruhig singen und geigen. Hier war es ja nun ganz anders ruhig als an der Riva, wo die Leute die halbe Nacht auf und ab spazieren. Lautlos floß der Kanal dahin, und so still war's, daß ich die leichte Nachtbrise in den Bäumen des Gartens flüstern hörte; nur ab und zu vernahm man die Schritte eines Passanten auf der Brücke neben dem Palast oder hörte das Klappern der Soccoli sich in der Kalle verlieren. Und doch konnte ich nicht schlafen, ich war übermüdet.

Von den Türmen hörte ich Stunde um Stunde schlagen, aber trotzdem wäre es sonst ganz behaglich gewesen in meiner ruhenden Stellung, wenn mich nicht mit einem Male ein Frostgefühl überfallen hätte. Es kroch wie ein Schauer über meinen Rücken, und ich fragte mich, ob ich mir vielleicht eine Erkältung zugezogen, die jetzt zum Ausbruch käme. Dann ging der Mond auf. Erst stahl sich ein schmaler Streifen seines Lichts durch den Spitzenvorhang und flimmerte als ein glänzendes Pünktchen auf dem Boden; dann wurde das Pünktchen zum Streifen, der sich verbreiterte und verlängerte, bis er wie eine silberglänzende Straße in der Diagonale über die ganze Zimmerecke lief und die vergoldeten Füße der Poltrona unter dem Purpurbaldachin ordentlich lebendig machte. Müßig sah ich zu, wie die polierten Stellen der Vergoldung aufleuchteten, wie der Strahl schräger wurde, und dabei schlief ich ein.

Ein kalter Schauer, der mich durchlief, weckte mich wieder auf. Ich öffnete die Augen – der Mond war längst verschwunden, und durch die Spitzenvorhänge dämmerte der neue Tag oder vielmehr das unirdische, opalbleiche Zwielicht, das der Dämmerung vorausgeht. Draußen kein Laut, kein Hauch; nur die Flut schlug leise, leise, daß es wie ein Seufzen klang, gegen die Mauern und spülte und gurgelte über die Stufen des Wasserportals auf meiner Fensterseite.

Jetzt erst merkte ich, wie mein Herz schlug und hämmerte, daß es mir fast die Luft nahm. Ich richtete mich im Bett auf und sah mich um in dem fremden Raum mit der in mir wachsenden Gewißheit, daß ich nicht allein war; ich hatte recht, denn links neben der Poltrona, vor den Falten des Vorhangs, stand – Elfe!

Warum ich in keinen Jubelruf des Wiederfindens ausbrach, nicht aus dem Bett heraus ihr entgegensprang? Ich konnte nicht! Meine Glieder waren schwer, wie gefesselt, meine Stimme versagte den Dienst – nur meine Augen sahen, sahen.

Ich sah sie so genau, wie ich mich selbst nur hätte im Spiegel sehen können. Sie trug das weiße Kleid wie an dem Tage, als sie uns verließ; ich erkannte jedes Detail des Stoffes, und auf ihrer Brust lagen wie zwei schwere Tropfen die beiden Karneole an der dünnen goldenen Kette, die sie um den Hals trug. In ihrem Gürtel steckte noch die purpurrote Rose, die ihr an jenem Tag in Murano der Küster der Kirche San Pietro galant verehrt hatte. Wie war es möglich, daß die Rose noch so frisch aussah? Nur der Hut, der einfache weiße Strohhut, den Elfe damals getragen, fehlte, und ihre dichten flachsblonden Haare schienen mir wirr und entbehrten der Sorgfalt, die sie darauf zu verwenden pflegte. Die Hände hielt sie gegen die linke Brust gepreßt, wie wenn sie etwas damit umklammerte, das ich nicht erkennen konnte, und doch sah ich ihr Gesicht so deutlich, daß kein Zug darauf mir entging. Aber das war nicht das liebe, freundliche Gesicht meines Herzenskindes, ein tragischer Ernst hatte die weichen, reinen Züge erstarrt und dem süßen Mund den Ausdruck schmerzlicher Qual verliehen.

Und ihre Augen – was war ihr geschehen, daß ihre lachenden, leuchtenden, blauen Augen so hoffnungslos blickten? So flehend waren sie auf mich geheftet, als wollten sie mir sagen: »Suche mich! Suche mich!«

»Wo soll ich dich suchen, wo?« formten meine Lippen die sehnsuchtsvolle Frage, aber keinen Laut brachte ich heraus, kein Laut kam von dem blassen Mund des Wesens, das ich so geliebt, kein Laut drang von außen herein, nichts als das leise Seufzen und Gurgeln der Flut.

Ich machte eine furchtbare Anstrengung, des lähmenden Gefühls über mich Herr zu werden, und –– »Elfe!« rang es sich heiser von meinen Lippen. Da nickte sie mir zu und – ich sah sie nicht mehr.

Nun wich die Lähmung von mir. Ich sprang aus dem Bett machte Licht und leuchtete in jeden Winkel. »Elfe! Elfe! Wo bist du?« rief ich ein übers andere Mal – sie war nicht da. Ich lief an die Türen – sie waren von innen verschlossen, der unsichtbare Riegel auch vor der Tür zu meinem Ankleidezimmer vorgeschoben. Fröstelnd vor innerer Enttäuschung ging ich ins Bett zurück, und dort stürzten die Tränen mir unaufhaltsam aus den Augen. Ich wußte, daß sie zu mir gekommen war in dem Zwielicht zwischen Nacht und Morgen, zwischen Leben und Tod, in der bitteren Not ihrer Seele, um mich anzuflehen, sie zu suchen. Hatte Erich sie auch gesehen, so gesehen? Warum war sie nicht früher zu mir gekommen, warum durfte ich sie nicht eher sehen als nach diesen drei langen Jahren, warum gerade hier in diesem Haus? Fragen, auf die es keine Antwort gab.

Ich bin keine Spiritistin, aber ich glaube, daß die Allmacht zuweilen vor einzelnen Begnadeten den Schleier des Erdenstaubes lüftet und sie sehen läßt, was anderen verborgen bleibt.

Ich schlief nicht wieder ein. Mit weit offenen Augen lag ich da und sann und sehnte mich, sie noch einmal zu sehen, durch ihren Anblick erraten zu können, wo ich sie suchen sollte. Aber sie kam nicht mehr. Es wurde Tag, und ich sah die höchsten Gipfel der Bäume des dem Palast gegenüberliegenden Gartens von der Morgensonne vergoldet, und weil ich ein Frühaufsteher bin, so erhob ich mich, kleidete mich an und trat auf den Balkon über dem Kanal hinaus.

Dann räumte ich meine Sachen aus dem Koffer in die verschiedenen Gelasse ein und meine Utensilien auf den prachtvollen eingelegten Schreibtisch zwischen den beiden Fenstern meines Zimmers – ich hatte gestern nicht mehr ausgepackt, weil ich in diesem Hause nicht bleiben und wenn möglich meinen Schwager bewegen wollte, gleichfalls den Palazzo Irán zu verlassen. Heute hatte ich diesen Entschluß aufgegeben. Ich wollte bleiben, nachdem ich Elfe gesehen, und hoffte sehnsüchtig darauf, daß sie noch einmal kommen würde.

Meinem Schwager wollte ich nichts davon sagen, daß ich sie sah, aber mir wurde ganz klar, daß was er Träume genannt, nichts anderes war, als was ich selbst gesehen.

Nach dem Frühstück, während dessen Erich mich mehrmals forschend ansah, fragte er fast schüchtern, ob ich von Elfe geträumt hätte. Ich antwortete der Wahrheit gemäß, daß ich es nicht getan, denn ich war fest überzeugt, daß ich nicht träumte, als ich sie sah.

»Es war dein Zimmer, das ich vorher bewohnte. Ich habe dort oft von ihr geträumt, ja, sie zuletzt am hellen Tage zu sehen vermeint,« fügte er erklärend hinzu.

»Ich würde mich freuen, wenn ich das könnte,« nickte ich. Darum also!

»Ja, wenn es ihr Bild wäre, wie ich es immer vor Augen habe,« erwiderte er sinnend, »aber nicht so – nicht so –«

Ich fragte nicht, wie er sie gesehen, denn ich wußte es. Er ging dann fort, um auf der nächsten Dampferstation den Kanal Grande zu kreuzen und sich ins Archiv zu begeben, wo er jetzt die interessanten Akten des Rates der Zehn studierte. Ich beschloß, gleichfalls auszugehen, um Besorgungen zu machen.

Emilio kam herbei, um mir die arabische Pforte aufzuschließen. »Die Signora Contessina hat gut geschlafen?« erkundigte er sich höflich und respektvoll.

»Nicht sehr gut,« erwiderte ich freundlich. »Man schläft selten gut die erste Nacht in einem fremden Hause.«

»Ich kann nichts darüber wissen, denn ich habe nie in einem andern Hause geschlafen als in dem, wo ich als Sohn des Majordomus unter dem vorvorigen Herzog geboren wurde. Aber ich kann mir schon denken, daß ich in einem andern Hause auch nicht schlafen könnte.«

»Es ist nicht das allein, Emilio,« sagte ich vor der Türe zögernd. »Ihr wißt ja, welches Unglück uns hier in Venedig getroffen hat.«

»Misericordia – ob ich's weiß,« fiel der alte Mann ein. »Man hat ja damals von nichts anderm geredet. Es war auch der Tag, wo die Gloriosa so seltsam wurde, daß die Zia Angst kriegte. Wird die Signora Contessina es glauben? Sie drang am Abend, als ich von einem Ausgange zurückkam, hinter mir in den Palazzo ein und raste wie eine –wie eine wirkliche Pazza vor meinen Augen die Treppen hinauf zu Don Francesco! Ich kam so schnell nicht nach mit meinen alten Beinen und mußte zuvor auch noch den Korb mit den beiden Fiaschi Wein, die ich vom Negoziante an der Ecke geholt, in Sicherheit bringen. Derweile hörte ich sie oben reden und schreien. Gott bewahre mich in Gnaden, was hat sie für ein Aufgebot gemacht! Als ich dann heraufstieg, kam sie schon wieder herunter, totenblaß und mit ein paar Augen, als ob sie nichts sähe. Es war wirklich arg mit ihr gegangen, das muß man schon sagen. Sich in Don Francesco zu verlieben – bene! Das kann jeder passieren, dafür war sie eine dumme Ragazza. Aber diese Eifersucht auf eine verheiratete Frau – die Kinder in der Nachbarschaft haben ja darüber gelacht und gespottet. Sie ging an mir vorbei, zum Hause heraus, gerade wie eine Somnambule. Stockstill war sie geworden vor dem Zorn Don Francescos. So habe ich ihn nie vorher noch nachher gesehen. Er war weiß wie Kreide und flog nur so herum, um selbst alle Türen zu schließen und die Schlüssel zu sich zu stecken. Nicht einen Bissen hat er beim Pranzo angerührt, und ich hatte doch einen so schönen Arosto mit Pomi d'Oro gemacht. Und als ich in aller Unschuld komm' und um die Schlüssel zum ersten Stock bitte, um die Fensterläden zu schließen – Dio mio, hat er mich angefahren! Zum Teufel sollte ich mich scheren! Ich machte, daß ich wegkam, und ließ die Fensterläden Fensterläden sein. Am nächsten Morgen gab er mir selbst die Schlüssel, aber ich ging erst am Abend hinein, um nun zuzumachen; ich denke, der Schlag rührt mich, wie ich in die Stanza der Donna Onesta komme und das Wachsbild mitsamt dem Kasten fehlt. Das war nämlich damals. Und dann ist die Gloriosa nach San Clemente gekommen, und es hat ihr gut getan, denn ihre ganze Pazzeria ist dort geblieben. Aber schon nach dem Auftritt damals auf der Salizzada war Don Francesco nicht mehr der gleiche. Nein, das war er nicht. Ich habe mir alles später genau überlegt. Es hat ihn furchtbar gewurmt, daß der Signora Contessa so etwas vor seinem Hause passieren mußte, glauben mir das die Signora Contessina. Ich kenne doch meinen Don Francesco! Vollends die Szene mit der Gloriosa hier im Hause hat ihm den Palazzo ganz verleidet, ich habe ihm das wohl angemerkt. Und daß die Signora Contessa so spurlos verschwunden war! Ich erzählte ihm von der Belohnung, welche die Behörden und der Signor Conte ausgesetzt hätten; da brach er in Tränen aus, daß mir angst und bange wurde. Möchte die Signora Contessina nie einen Mann so weinen sehen! Es ist etwas Schreckliches. Misericordia! Bald darauf ist Don Francesco abgereist.«

»Er hat wohl daran getan«. sagte ich. Ich hatte den Redestrom ungehindert fließen lassen, denn der kunstlose Bericht fesselte mich sehr. Was Emilio von der Gloriosa erzählte, interessierte mich schon aus naheliegenden Gründen, und dann hörte ich doch auch, daß es einen gab, der mit uns getrauert.

»Es ist allen Leuten hier nahe gegangen,« versicherte Emilio. »Und wie sollte es nicht? Eine so junge, schöne Dame, eine Ragazza fast noch. Misericordia! Ich habe selbst so viel an sie denken müssen, daß ich sie droben in der Stanza der Donna Onesta leibhaftig zu sehen glaubte. Mehr als einmal! Dicht an der Poltrona. Weil sie beide so verschwunden waren, die Donna Onesta und die Signora Contessa, da hab' ich sie halt in meinem alten Kopfe ein bißchen miteinander verwechselt und die andre zu sehen gemeint, wo die eine früher gestanden hat – mein ganzes Leben lang.«

»Wie sah sie aus, Emilio?« fragte ich gespannt.

»Die Donna Onesta? O, die Signora Contessa? Ich weiß nicht. Es war ja nur meine dumme Einbildung, zu glauben, daß es die Signora Contessa war, denn die Donna Onesta wollen ja schon viele oben in der Stanza gesehen haben. Gli spiriti vengono ' sagen die Leute, aber ich kann nicht sagen, daß ich je einen gesehen hätte » –

Hatte er wirklich keinen gesehen? Ohne auf meinen Weg zu achten, ging ich durch die Straßen, ganz erfüllt von dem, was ich gehört. Plötzlich stand ich auf dem Markusplatz – ich hatte die ziemlich weite Strecke rein mechanisch zurückgelegt. Und auf dem Markusplatz sein, ohne die Basilika zu betreten, das war mir unmöglich, denn diese wunderbare Kirche hat für jede Stimmung der Seele ihren harmonischen Ton; jede Beleuchtung gibt ihr einen neuen, intimen Reiz, den keine Gewöhnung je abstumpfen kann. Nicht einmal die gleichgültigen Fremden, welche den ehrwürdigen Raum oft nur durchziehen, weil er im »Bädeker« steht, können der Markuskirche ihre Erhabenheit nehmen. Ich kannte jeden Winkel darin und wußte im linken Kreuzgang in der Nische des Altars der Madonna von Nicopeja ein verborgenes dunkles Plätzchen, wo sich's gut von der Vergangenheit des historischen Baus träumen ließ, wo man sein Herz erheben konnte, während das Auge dem Spiel der Lichter auf dem goldnen Grunde der Mosaiken zusah.

Die Madonna von Nicopeja ist ein byzantinisches Email, das der Eroberer Konstantinopels, der große Doge Enrico Tandolo, im Jahre 1205 mit den Bronzerossen und vielen andern Kostbarkeiten aus der bezwungenen Stadt am Bosporus nach Venedig sandte, ein ernstes, fast trauriges Madonnenbild, eins der besterhaltenen Denkmäler früher Kunst. Es hat einen prächtigen edelsteingeschmückten Rahmen in viel späterer Zeit bekommen: wundervolle Juwelen, Opfergaben von Händen, die längst im Grabe ruhen, sind daran angebracht. An hohen Festtagen wird der Schrein, in dem es sich befindet, geöffnet, und im Scheine unzähliger Kerzen ist dann die Madonna von Nicopeja sichtbar.

Heute jedoch war kein Festtag und der Schrein war geschlossen. Wie immer aber brannten die sieben ewigen Lampen und steckten brennende Votivkerzen auf den schönen Bronzekandelabern von Camillo Alberti. Ich trat neben dem Altare des heiligen Paulus in den Seitengang und wandte mich dann links zu dem verborgenen stillen Plätzchen – leider war es besetzt! Vor dem Betpult lag eine Männergestalt auf den Knien, den Kopf auf die gefalteten Hände gesenkt, scheinbar ganz ins Gebet versunken. Diskret zog ich mich zurück, einen andern Platz zu suchen, und dabei hatte ich den Eindruck, als käme die zusammengesunkene Gestalt mir bekannt vor. Ich sah noch einmal auf den Beter, und nun gewahrte ich, daß ein krampfhaft verhaltenes Schluchzen den Körper des armen Menschen erschütterte. Ein tiefes Mitleid mit dem Leidenden, Ringenden ergriff mich – »möchten Sie nie einen Mann so weinen sehen«. hatte der alte Emilio gesagt.

Jetzt hob der Beter den Kopf, und ich fuhr noch weiter hinter das Gitter zurück, denn es war der Herzog Irán, der hier auf den Knien lag. Leise und ungesehen zog ich mich zurück. War es denn möglich, hatte ich mich nicht getäuscht? Der Herzog Irán in Venedig, ohne daß Emilio etwas davon wußte? Ohne in seinem Hause einzukehren? Indem ich mich von dem Platze entfernte, fing ich auch schon an zu zweifeln, ob ich den Herzog wirklich erkannt. Es sprach eigentlich alles dagegen, daß er in Venedig war.

Die Entdeckung, die ich gemacht, hatte wohl meinen Gedanken eine andre Richtung gegeben, aber schließlich lief sie doch mit einem kleinen Umwege in den Palazzo Irán zurück. Dennoch beruhigte mich die Stimmung, die über der Basilika und durch sie schwebt, und als ich nach einer Weile die Markuskirche verließ, hatte ich mein Selbst zurückgefunden. Ich machte meine Bücherbesorgungen, und als ich damit fertig war, zögerte ich einen Moment, was ich tun sollte; ein Blick auf meine Uhr sagte mir, daß ich an eine größere Exkursion vor dem Lunch nicht mehr denken könnte. Nur für einen Blick auf die Assunta in der Akademie langte es noch, und so setzte ich mich in Bewegung.

Als ich über den kleinen Platz kam, auf dem die Kirche Santa Maria del Giglio steht, stand ich einen Augenblick still; mir fiel ein, daß John Ruskin die Fassade dieser kleinen Kirche einmal »blasphemisch« genannt hat. Daß sie mehr als profan ist, steht fest, denn sie ist nichts als eine Verherrlichung der Familie Barbarigo, gekrönt von der triumphierenden Venezia – aber malerisch ist sie doch. Während ich mir die auf der Fassade angebrachten Statuen des Hauses Barbarigo betrachtete, ging mit langsamem Schritt ein Herr an mir vorbei, der sich flüchtig nach mir umsah – der Herzog Irán.

»Sie hier, Gräfin?« sagte er stehenbleibend.

»Ich gebe Ihnen die Frage zurück, Eccellenza,« erwiderte ich, indem ich ihm die Hand bot, »denn man weiß nichts von Ihrer Anwesenheit in Venedig im Palazzo Irán.«

»Ich bin erst gestern abend gekommen und im Hotel abgestiegen,« sagte er.

Er sah aus wie ein Kranker, in seinem fahlen Gesicht glühten die tiefliegenden dunklen Augen wie im Fieber.

»Hoffentlich haben Sie Ihr Haus nicht unserwegen gemieden. Sie wissen doch, daß mein Schwager darin wohnt?«

»Ich habe es heute früh erst erfahren,« erwiderte er. »Ich hatte alles meinem Sachwalter überlassen. Graf Buchwald ist zufrieden mit der Wahl seiner Wohnung?«

» Ich weiß nicht,« antwortete ich.

»Ich bin selbst erst gestern in Venedig angekommen und hatte keine Ahnung, daß mein Schwager im Palazzo Irán wohnte. Er wollte Ruhe haben für seine Studien und dann – Sie wissen, Durchlaucht, daß wir an der Ecke Ihres Hauses meine Schwester zum letztenmal sahen –«

»Als ob ich das auch nur für eine Minute meines Lebens vergessen könnte!« unterbrach er mich in einem Tone, der wie das Stöhnen eines Todwunden klang.

»So hat der Zufall auch mich zur Bewohnerin des Palazzo Irán gemacht,« fuhr ich fort. »Ihr alter, guter Emilio versorgt uns vortrefflich, und meine Cameriera ist keine andre als die schöne Gloriosa Largo.«

»Nicht möglich!« fuhr der Herzog auf. »Wie konnte Emilio diese Wahnsinnige ins Hans lassen?«

»Sie ist ja geheilt! Aus der Pazza von früher ist ein manierliches Mädchen geworden,« versicherte ich eilig. Nach dem, was Emilio mir heute morgen erzählte, verstand ich allerdings die Heftigkeit des Herzogs, aber mir lag daran, dieser die Spitze zu nehmen, ehe er der Gloriosa vielleicht unvorbereitet begegnete.

»Geheilt?« wiederholte der Herzog erregt. »Nehmen Sie sich vor ihr in acht, Gräfin, sie ist eine Viper! Lassen Sie sich nichts von ihr erzählen!«

»Sie kehren doch jetzt wieder in Ihrem Hause ein?« lenkte ich ab.

»Nein – ich werde nie wieder darin wohnen, nie!« entgegnete der Herzog. »Das Haus ist mir für immer verleidet. Außerdem bin ich nur für einige Tage nach Venedig gekommen – da lohnte es nicht, alles zu meinem Empfange zurechtzumachen.«

Er schwieg und sah zu Boden. Seine Hand, die einen Spazierstock hielt, zitterte.

»Sie haben interessante Reisen gemacht?« fragte ich beklommen.

»Ich war überall und nirgends. Ein Globetrotter. Indessen, ich will Sie nicht aufhalten, Gräfin. Empfehlen Sie mich dem Grafen – er möge das Archiv nur recht ausnutzen – es ist immerhin interessant für die Geschichte der letzten Jahrhunderte in Venedig. Leben Sie wohl! Möchten Sie angenehme Tage im Palazzo Irán verleben!«

Wir schüttelten einander die Hände, und der Sonderling, der Unglückliche, den ich vor einer halben Stunde noch in San Marco auf den Knien liegen sah, wandte sich der engen Kalle zu, die zur Dampferstation Santa Maria del Giglio führt.

Ich wollte eigentlich auch den Vaporetto zur Überfahrt nach der Akademie benutzen, schlug aber nun den Weg zu Fuß über den großen Campo Morosini ein, an dem der Palast des großen Seehelden dieses Namens liegt. Ich stieg über die eiserne Kettenbrücke und war mit wenigen Schritten in der Akademie vor der hinreißenden, wunderbaren Assunta Tizians, vor deren glorreicher Schönheit ich meine Ruhe wiederfand.

Als ich heimkam, erzählte ich dem alten Emilio, daß sein Herr in Venedig sei. Der arme Mensch tat mir leid, so sehr nahm er sich's zu Herzen, daß »sein« Don Francesco das eigne Haus vermied und ihm nicht einmal sagen ließ, daß er da sei und ihn zu sehen wünsche.

»Das ist nicht natürlich!« rief Emilio mit Tränen in den Augen. »Er muß krank sein, mein armer Herr.«

Nachmittags machte ich mit meinem Schwager einen Ausflug nach dem Lido, wo wir am Strande und auf der Düne bis Malamocco gingen und dann das Schiff von Chioggia erwarteten, das uns zurück nach Venedig brachte. Es war schon fast dunkel, als wir im Palazzo Irán anlangten. Emilio sagte uns beim Öffnen, unser Pranzo sei gleich fertig, wir möchten nur die Gnade haben, noch einen Augenblick zu verweilen; er habe alles allein machen müssen, denn die Gloriosa hätte sich in der Küche nicht mehr blicken lassen. Wo sie stecke, wisse er nicht. Sie hätte das Zimmer der Signora Contessina zurechtmachen wollen, sei aber seitdem verschwunden. Ich hätte dem Guten sagen können, wo Gloriosa war, denn als ich in mein Zimmer trat, um meine Sachen abzulegen, fand ich sie mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegen, die Hände weit von sich gestreckt!

Ich glaubte im ersten Schrecken, daß sie ohnmächtig wäre, aber als ich neben ihr niederkniete und sie berührte, zuckte sie zusammen und stieß einen leisen Schrei aus.

»Was fehlt dir, Gloriosa?« fragte ich besorgt. Sie aber gab keine Antwort, sondern wimmerte bloß.

»Bist du krank?« Wieder keine Antwort.

»Gloriosa!« rief ich nun scharf und befehlend, und das half. Sie hob den Kopf und richtete sich dann halb auf. Ich leuchtete ihr ins Gesicht und sah, daß es ungewöhnlich blaß war. Ich befeuchtete mein Taschentuch mit Kölnischem Wasser, benetzte ihre Schläfe und ließ sie Englisches Salz riechen, das sie ausreichend belebte, um aufstehen zu können.

»Die Signora Contessina ist sehr gut zu mir,« sagte sie dankbar.

»Was ist denn geschehen?« forschte ich mitleidig.

»Ich weiß nicht – ich hatte einen Schrecken,« stammelte sie, sich ängstlich umsehend. »Misericordia – es hat mich umgeworfen. Und dann habe ich nicht gewagt, die Augen zu erheben ––«

»Was hat dich erschreckt?« fragte ich ernst. Sie wurde wieder blaß bis an die Lippen und zupfte an ihrer Schürze herum, ohne Antwort zu geben.

»Ist dir die Donna Onesta erschienen?«

»Die Donna Onesta – ja, ja – die Donna Onesta –« murmelte sie mit einem scheuen Blick nach der Nische hin. Dann nahm sie sich sichtlich zusammen: »Ich bin ein dummes Mädchen – es war wohl nichts. Gli Spiriti vengono – das weiß jedes Kind. Die Signora Contessina findet wohl eine bessere Cameriera als mich – vielleicht eine, die nichts sieht. Es sieht nicht ein jeder etwas –«

»Ich glaube, Emilio bedarf deiner,« sagte ich kühl. »Ich werde mich selbst bedienen.«

Sie ging hinaus ohne ein Wort zu sagen, und eine Viertelstunde später holte mich mein Schwager zum Pranzo ab. Ich erwähnte nichts von dem Zwischenfall mit Gloriosa; ich mußte mir erst klar werden, ob es nicht wirklich besser sei, eine andere Bedienung zu suchen, schon weil es dem Herzog unangenehm war, daß das Mädchen im Hause aus und ein ging. Daß Gloriosa etwas gesehen, und was sie gesehen –– darüber hatte ich keinen Zweifel; daß es die Donna Onesta nicht war, das wußte ich. Es war auch nicht wunderbar, daß ein Mädchen mit so feinem seelischen Empfinden sah und empfand, was robusteren Naturen verborgen blieb; es war für sie wahrscheinlich eine Wohltat, aus einem Milieu entfernt zu werden, das jeden Nerv in ihr vibrieren ließ. Ich nahm mir vor, morgen mit Emilio zu reden.

Da ich wußte, daß mein Schwager abends gern noch arbeitete, und ich auch Briefe zu schreiben hatte, so trennten wir uns nach einem kurzen Plauderstündchen in seinem Zimmer. »Ich werde morgen zu dem Advokaten des Herzogs gehen,« sagte er mir beim Gutenachtgruß, »und mit ihm wegen der Miete reden; ich werde ihm Brücken zu einem ehrenvollen Rückzug schlagen. Der Herzog wird ihm wohl gesagt haben, daß die Vermietung seines Hauses ihm unsympathisch ist. Es ist mir peinlich, von dessen Herrn hier nicht gern gesehen zu werden.«

»Von Nichtgernsehen war eigentlich nicht die Rede,« entgegnete ich, »aber es ist vielleicht am besten so, wie du es vorhast. Will der Herzog sein Haus lieber für sich allein haben, so wird der Advokat ja mit beiden Händen zugreifen. Ich wollte, er tät's, denn ich liebe den Palazzo Irán nicht.«

»Ich weiß, ich kenne dein Vorurteil. Es war eigentlich wohl unverantwortlich von mir, dich hierher zu locken. Aber der Mensch ist nun schon einmal ein Egoist, und ich wollte doch wissen, ob du in diesem Hause auch so von Elfe träumen würdest wie ich.«

Er sah mich fragend an, aber ich schüttelte den Kopf. »Mir hat nicht geträumt,« wiederholte ich meine Aussage von heute früh wahrheitsgemäß. Mehr konnte und wollte ich ihm noch nicht sagen.

In meinem Zimmer legte ich zunächst einen bequemen Schlafrock an und setzte mich dann zum Schreiben nieder. Zwei, drei Briefe waren rasch erledigt, beim vierten begann meine Aufmerksamkeit zu wandern. Alle möglichen Gedanken und Personen drängten sich zwischen die Sätze; das Faktum, daß ich immer wieder Worte durchstreichen mußte, wurde schließlich so störend, daß ich den angefangenen Brief zerriß und das Geschäft für heute mißmutig aufgab. Ich war wohl auch müde nach der letzten schlaflosen Nacht und nach dem langen Spaziergang in der Seeluft. Ich beschloß, schlafen zu gehen. Nachdem ich meine Schreibutensilien zusammengeräumt hatte, nahm ich meine Arbeitslampe in die Hand, um sie neben mein Bett zu tragen. Ich stellte aber die Lampe wieder auf den Tisch zurück, denn links neben der Poltrona, dicht vor dem purpurnen Vorhang, stand wieder wie in der vorigen Nacht die geliebte Gestalt meiner Schwester mit der flehenden Bitte in den Augen: »Suche mich!«

Ich war nicht erschrocken, nicht erregt, ich stand und sah die geliebte Erscheinung an, als hätte ich sie erwartet. Ich hatte sie erwartet, es ist wahr, aber nicht jetzt. Sie hielt wie in der vorigen Nacht die in weißen Handschuhen steckenden Hände auf der linken Brust zusammengeballt, als faßten sie dort krampfhaft etwas, das wie Metall schimmerte, aber ich achtete nicht darauf. Ich sah nur ihr liebes Gesicht mit dem schmerzlich verzogenen Mund, den eigentümlich starren Zügen und den traurigen, flehenden Augen: »Suche mich!«

»Ja, Elfe, ja!« rief ich laut und tat einen Schritt vorwärts. »Aber wo soll ich dich suchen, wo? Gib mir ein Zeichen, ein leises, leises Zeichen, und ich werde bis ans Ende der Welt gehen, um dich zu finden.« Die blassen Lippen jedoch blieben stumm, und als ich noch einen Schritt nach ihr hin machte, war sie nicht mehr zu sehen.

Sie kam auch nicht wieder. Ich ging bis zu der Poltrona, die sie mit ihrem weißen Kleid gestreift hatte, und setzte mich wartend darauf nieder, aber sie kam nicht. Ich wollte ihr nahe, ganz nahe sein an der Stelle, an der ich sie, an der Erich und Gloriosa sie gesehen, aber sie kam nicht, trotzdem mein Herz mit Inbrunst darum flehte.

Draußen hatte sich nach Sonnenuntergang eine frische Brise erhoben, die vom Meere kam; wie ich auf dem prächtigen Thronsessel saß, hörte ich sie in den Bäumen des Gartens gegenüber und in denen des Palazzo Irán rascheln und wehen. Es war nachgerade draußen so still geworden, daß ich jedes Blatt sich bewegen zu hören meinte. Dann wurde mit einem mächtigen Stoß der Wind stärker, lauter raschelten die Blätter der Bäume, und es pfiff und ächzte und seufzte um die Ecke des Hauses, als stöhnten verlorene Seelen in Jammer und Qual. Ich kannte diesen Ton, ich hatte ihn vor Jahren gehört, als wir einmal einen Sirokko in Venedig erlebten, der, wenn er sich in den Winkeln und Ecken der Höfe fing, diese aufregenden Klänge hervorbrachte. Hier aber fehlten die Vorbedingungen. Und doch ächzte und heulte es hinter mir und neben mir, es schrie förmlich auf. Je näher die Mitternacht kam, desto ärger wurde es. Es fuhr mit einer Gewalt zu meinen Fenstern herein, daß die Spitzenvorhänge sich wie wehende Flaggen hoben – kein Zweifel: der Sirokko hatte sich erhoben. Es war keine leichte Arbeit, die Fernster zu schließen, doch sie gelang, da ich groß und kräftig bin. Dann aber hörte man das jammervolle, entsetzliche Heulen und Stöhnen um so deutlicher, es war kein Zweifel, daß es an der Ostwand mit der Nische zur Entwicklung kam. Wie war das möglich? Da fielen mir die eigentümlichen schießschartenartigen Löcher ein, die man vom Garten sehen konnte: in ihnen mußte der Wind, der jetzt zum Orkan wuchs, sich fangen, so daß sie wie das Mundstück eines Blasinstruments wirkten. Es mußte doch aber ein Hohlraum dahinter sein, ein Resonanzboden sozusagen! Ich konnte es nicht begreifen, denn die ganze Außenwand hatte keinen Ausbau.

Aber die Nische! Nun, sie war eben eine in der Dicke der Mauer ausgesparte Vertiefung, sicherlich von vorn herein dazu bestimmt, eine Art Thronsitz aufzunehmen oder doch ein Möbel, dessen Umfang die Größe des Zimmers nicht beeinträchtigte. Bei derartigen Mauern läßt sich ein solcher Raum schon schaffen. Sie waren sicher nach meiner Schätzung – ja, wie dick waren sie? Da ich bei dem Getöse des Sturmes sowieso nicht hätte schlafen können, so beschäftigte ich mich damit, die Dicke der Mauern mit dem Zentimetermaß meines Arbeitsbeutels auszumessen. Ich hatte mich nicht getäuscht: die Tiefe der Fensternischen betrug einen Meter; dazu kam noch die Ziffer des äußeren Fenstersimses und der Fenster selbst – man baute doch recht solide in jenen alten Zeiten. Die Tiefe der Nische mit der Poltrona entsprach genau den Fensternischen – vielleicht war dort auch einst ein Fenster gewesen, das man später zugemauert hatte, aber dann war es ein stattliches Fenster, denn die Nische war über zwei Meter breit; hatte doch früher das Ruhebett mit dem Wachsmodell der Donna Onesta darin gestanden.

Nachdem ich dies festgestellt, nahm ich ein Buch und versuchte zu lesen, aber es ging nicht. Das Heulen und Kreischen des Sturmes regte mich dermaßen auf, daß ich meine Gedanken nicht zu sammeln vermochte. Zwischen jeder Zeile stand es blutrot zu lesen: »Suche mich!«

Ich warf das Buch fort und ging im Zimmer auf und ab, auf und ab, bis der Raum mir zu eng wurde. Leise, um meinen Schwager nicht zu stören – was bei dem Höllenlärm in der Natur kaum zu befürchten war – trat ich in das weiße Zimmer nebenan und entzündete dort das elektrische Licht, das die Pastelle der Rosalba Carriera an den Wänden wundervoll zur Geltung brachte. Aber ich hatte keinen Sinn für die Rosalbas. Die nur angelegte Tür zu meinem Zimmer schlug an, von dem durchpfeifenden Luftstrom bewegt, und als ich hinging, um sie zu schließen und dabei noch einen Blick in mein Zimmer warf, da machte ich eine Entdeckung: es war kürzer als das anstoßende. Erst dachte ich, es wäre eine optische Täuschung, aber nein: die Fensternischen in dem Balkonraum, in dem ich stand, waren bei weitem nicht so tief wie die nebenan, und nachdem ich mir wieder mein Zentimetermaß geholt, hatte ich sehr bald heraus: die Ostwand des weißen Zimmers war um die ganze Tiefe der Nische in meinem Zimmer dünner, die erstere war folglich um das Maß länger, das dem meinen an Breite abging. Wozu? Jedenfalls um einen Raum zu schaffen, dessen Zweck vielleicht im Laufe der Zeiten überflüssig geworden war; zur Aufbewahrung oder zum Versteck für Dinge, die man vor unberufenen Händen behüten wollte. Es gab in jenen gottlob fernen Zeiten beständiger Verschwörungen viele solcher kompromittierender Dinge; Verstecke für Leute, deren zeitweilige Abwesenheit, deren augenblickliches Verschwinden gut war für die Sicherheit ihres Kopfes, waren das erste, woran der Baumeister dachte, wenn er den Plan zu einem Feudalpalast entwarf. Ich habe viele raffiniert angelegte Geheimräume in römischen und Florentiner Palästen gesehen; in Venedig, unter dem Schatten des Rates der Zehn und der noch furchtbareren Drei, waren sie sicher kein überflüssiger Luxus. Nun wurde mir auch mit einem Male der Zweck der Schießscharten klar: wenn sich Leute in den Geheimräumen verbargen, mußten sie Luft haben. Wahrscheinlich hatte der jetzige Besitzer des Palastes selbst keine Ahnung von der Existenz solcher Räume, ich aber war froh, zu wissen, warum der Sturm gerade um die Nische herum so gar arg heulte: ein Resonanzboden war dazu vorhanden.

Nach Mitternacht ließ die Gewalt des Sturmes nach, es blieb nur die steife Brise zurück, mit der er am Abend eingesetzt. Ich öffnete meine Fenster wieder, legte mich zu Bett und schlief nun, körperlich und geistig übermüdet, den Rest der Nacht bis zum späten Morgen durch.

Der neue Tag war trübe und regnerisch, wie das der Sirokko angekündigt, aber die Temperatur war drückend. Erich ging bald nach dem Frühstück ins Archiv, und da ich keine Lust hatte auszugehen, fragte ich ihn, ob er vielleicht eine Arbeit für mich hätte. Nach einigem Hinundherreden gestand er mir, daß, er einen gewissen Auszug, den er unlängst gemacht, gern abgeschrieben hätte, und zu dieser Arbeit setzte ich mich, nachdem er fortgegangen war, an seinen Schreibtisch. Nach ein paar Stunden war das getan, und da ich feststellte, daß es nicht regnete, beschloß ich trotz des Windes auszugehen, denn mein Kopf tat mir weh. Als ich durch die weiße Stanza in mein Zimmer herüberging, blieb ich in dessen Tür vor Erstaunen wie angewurzelt stehen, denn vor der Poltrona stand, den Hut auf dem Kopf, Herzog Irán!

»Durchlaucht – Sie?« rief ich, im ersten Moment total aus dem Gleichgewicht gebracht. »Das ist doch unglaublich von dem guten Emilio, Sie in mein Zimmer zu führen und mir nichts zu melden!«

Der Herzog sah mich an, als ob ich chinesisch redete.

»Ihr Zimmer, Gräfin?«

»Ja, mein Zimmer. Ich schlafe hier.«

Er sah sich um, sah das Bett halb von dem Schirm verborgen, sah die verschiedenen Dinge, die sonst noch meine Anwesenheit verrieten, und schien dann – gottlob zu erwachen, denn er riß den Hut vom Kopf und machte mir eine tadellose Verbeugung.

»Was werden Sie von mir denken, Gräfin? Ich hatte keine Ahnung, daß Sie hier wohnen.«

»Wollen wir nicht in den Salon nebenan gehen?« Damit schritt ich ihm voran, und indem er mir folgte, sah ich, daß sein Gang merkwürdig unsicher war. An der Tür rannte er gar gegen den Pfosten an und mußte sich anhalten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Er wartete auch nicht, bis ich Platz genommen, sondern sank auf den nächstbesten Sessel nieder. Es mußte etwas mit ihm nicht in Richtigkeit sein, wenn er, ein italienischer Nobile, die Anstandsformen gegenüber einer Dame soweit vergaß. Zögernd setzte ich mich ihm gegenüber und bemerkte, daß er mit einer abgemagerten, unbehandschuhten Hand – die heftig zitterte, das Taschentuch hervorzog, um sich die dicken Schweißtropfen von der Stirn zu trocknen. Ich sah auch, daß sein durchaus nicht besuchsmäßiger Anzug Spuren von Schmutz trug, als hätte er eine staubige Wand gestreift; an seinem linken Ärmel hing gar ein regelrechtes Spinngewebe.

»Der Sirokko ist so drückend,« bemerkte ich, um eine Unterhaltung in Gang zu bringen, aber er hörte gar nicht, was ich sagte. Nach einer peinlichen Pause sprang er auf, um gleich darauf wieder in den Sessel zurückzusinken.

»Es ist eine Qual, in diesem Hause zu sein,« sagte er, die Augen schließend.

»Warum sind Sie dann gekommen?« Ich sah, daß er krank, schwer krank war. »Ich hatte Ihren Besuch nicht erwartet und hätte Ihnen die Unterlassung sicher nicht übelgenommen.«

»Warum? Weil ich mußte! – Ich mußte!« wiederholte er flüsternd. Und dann noch einmal: »Ich mußte!«

Saß ich vor einem Irren? »Durchlaucht, mir scheint, es ist Ihnen nicht ganz wohl,« sagte ich. »Darf ich Ihnen vielleicht ein Glas Wein oder sonst eine Stärkung anbieten?«

»Ich danke Ihnen, Sie sind die Güte selbst, Gräfin,« erwiderte er, mit einem Male wieder ganz der formgewandte italienische Edelmann. »Verzeihen Sie mir. Mir ist in der Tat nicht ganz wohl – der Sirokko – Sie werden begreifen. Und überhaupt – ich bin ein kranker Mann. Lange schon. Ich habe nur um Ihre Nachsicht zu bitten –!«

»Nichts davon. Es betrübt mich, daß Sie sich nicht wohl fühlen. Haben Sie schon einen Arzt konsultiert?«

Er schüttelte den Kopf. »Mir hilft kein Arzt mehr,« sagte er ruhig. »Al levar delle tende si vedra, sagt ein Sprichwort. Ich hatte meine Zelte schon abgebrochen, als ich dieses Haus verließ. Vergessen Sie meine heutige Anwesenheit, Gräfin, wenn Sie können. Es tut mir sehr, sehr leid, daß ich Ihnen meine Person aufgedrängt. Am besten: vergessen Sie mich überhaupt.«

Er stand auf, machte eine tadellose Verbeugung und beugte sich, als ich ihm die Hand reichte, auf diese herab und küßte sie. Dann ging er sicheren Schrittes dem Ausgang nach der Loggia zu. Ich folgte ihm, um zu sehen, ob Emilio da war, ihm die Tür drunten zu öffnen.

Emilio war nicht zu sehen. Ich hörte, in der Loggia stehend, den Herzog die Treppe herabgehen, hörte ihn durch die Halle schreiten, hörte ihn das arabische Portal öffnen und wieder zumachen, und dann war es wieder totenstill in dem großen Haus – beklemmend still. Da ging ich auch herunter, um das Portal wieder zu verschließen, wie Emilio es immer tat, damit kein Unberufener eintreten könnte, und dann stieg ich langsam die Treppe wieder herauf. Auf dem Absatz des Mezzana begegnete mir Emilio, der aus seiner Wohnung kam, die Arbeitsschürze übergebunden, ein Körbchen mit Früchten in der Hand.

»Aber lieber Emilio, warum haben Sie den Herzog in mein Zimmer geführt?« redete ich ihn an »Besuche empfange ich doch im Salone.«

»Den Herzog?« wiederholte er verständnislos. »Signora Contessina meinen –?«

Ich erklärte ihm, daß ich den Herzog in meinem Schlafzimmer getroffen und fragte, warum er mir überhaupt nicht gemeldet worden. Emilio fiel aus den Wolken. Er wüßte von nichts.

»Wie wäre er denn hereingekommen?« fragte ich ungläubig. »Der Herzog ist eben wieder fort und hat die große Pforte zuvor aufgeschlossen, ehe er ging. Er kann doch da nicht durchs Schlüsselloch gekommen sein!«

Es dauerte eine ganze Weile, ehe Emilio sich über das Faktum dieses Besuches beruhigte. Erst dann fand er eine Erklärung für die mir ganz unfaßliche Anwesenheit des Herrn in seinem Haus.

»Er muß sich selbst zur kleinen Hinterpforte eingelassen haben,« setzte der Gute mir auseinander. »Er hatte immer seinen eigenen Schlüssel dazu, weil der zum großen Portal zu schwer ist, ihn einzustecken. Sicherlich, so ist's.«

Nun, die Erklärung war einfach. Die Rückseite des Palastes hatte zwei Türen, eine große, mit schweren eisernen Barren innen verwahrte, und eine kleine neben der Gartenmauer. Und es war dem Herrn des Hauses nicht zu verdenken, wenn er den Schlüssel dazu bei sich behielt, um bei sich einzutreten, wann er wollte. Angesichts des Faktums, daß ich den Herzog ohne weiteres in meinem Zimmer getroffen hatte, fand ich das freilich nicht eben angenehm. Auf alle Fälle wußte er jetzt, daß er dort nicht mehr eintreten durfte, solange wir Mieter des Hauses waren.

Die Lust zum Ausgehen war mir wieder vergangen, denn der Besuch war natürlich nicht ohne Eindruck auf mich geblieben durch sein mehr als sonderbares Benehmen am Anfang. Sicherlich täuschte der Herzog sich nicht über seinen Zustand. Er war ein kranker Mann, ein schwerkranker sogar. So wenig sympathisch er mir sonst war, er tat mir doch aufrichtig leid; was würde Elfe zu dem »schwarzen Kater« sagen, wenn sie ihn so sähe!

Ach, meine liebe kleine Schwester! Bei dem Gedenken an sie verblaßte das Bild des Fremden augenblicklich, es kam aber wieder zurück, als ich in meinem Zimmer anlangte und die Poltrona verschoben fand. Das mußte er getan haben, als er hier allein war; wie lange schon, ehe ich dazu kam? Der Sessel lief auf Rollen, ich konnte ihn also selbst wieder an seinen Platz zurückschieben. Dabei fiel mir etwas auf, was mich meine Arbeit sogleich unterbrechen ließ. Das Innere der Nische war genau wie das sonstige Zimmer ausgestattet; die über mannshohe Vertäfelung lief auch um die Nische herum, und dieselbe rote Seidendamasttapete bekleidete den oberen Teil der Wand, an deren Rückseite in der Nische eine schöne Madonna von Palma dem Jüngeren hing. Die Holzvertäfelung war in breiten Paneelen mit dazwischenliegenden Halbsäulen gegliedert, eins dieser Paneele war die geschickt maskierte Tür zu meinem Ankleidezimmer. Die äußeren Ecken der Nische, die der Vorhang verdeckte, waren gleichfalls mit diesen geschnitzten Halbsäulen bekleidet, die Schmalseiten hatten je ein Paneel, die Breitseite zwei. Nun aber schien mir, als ob das rechte Paneel zwischen den beiden Ecken schräg stünde. Ich ließ den schon halb zurechtgeschobenen Sessel stehen, trat interessiert näher und – ich hatte mich nicht getäuscht: das Paneel war eine Tür, genau wie die nach dem Ankleidezimmer konstruiert. Diese Tür war geöffnet und nicht wieder geschlossen worden! Vorsichtig machte ich sie etwas weiter auf und sah eine schmale Treppe vor mir, matt erleuchtet durch die schrägen, schmalen Luftlöcher in der Mauer, die man von außen sah. Wohin führte die Treppe? Als Bewohnerin dieses Zimmers interessierte mich das um so mehr, als sie augenscheinlich benutzt worden war. Am Ende wollte, der sie benutzt hatte, auf demselben Weg zurückkehren? Gleichviel, ich mußte wissen, wohin die Treppe führte! Ich holte einen Stuhl und stellte ihn gegen die völlig offene Tür, um ihr Zuschlagen zu verhindern, und fing vorsichtig an, die hohen, schmalen Steinstufen herabzusteigen. Sie wanden sich in unzähligen Schneckenwindungen herab, daß ich glaubte, sie nähmen kein Ende. Endlich mündeten sie in einen düsteren Raum, in dem nur ein schwacher Lichtschimmer, der durch eine gleichfalls nur angelegte Tür hereinkam, mir den Weg wies. Ich stieß diese Tür auf und befand mich in einem durch ein vergittertes Spitzbogenfenster spärlich erhellten Raum, in dem allerlei Gerümpel, Fässer, Gartenwerkzeuge, Bretter aufgestapelt waren. Eine schmale Tür, innen wohl verbarrikadiert, lag dicht neben dem Fenster, und ein leises Plätschern dahinter belehrte mich, daß es die schmale Wasserpforte am Kanal neben dem großen Portal war, die sich in einer Richtung mit den Fenstern meines Zimmers befand. Die Tür, durch die ich gekommen, war in diesem Raum durch ein Regal verkleidet, auf dem auch allerlei Hausrat lag, so daß sie geschlossen als solche nicht auffallen konnte; eine dritte Tür, auch nur halb geschlossen, war an der Westseite angebracht, und als ich sie vorsichtig weiter öffnete, sah ich zu meinem Erstaunen, daß sie in die große Vorhalle der Wasserseite mündete. Da ich es nun bequemer hatte, auf der Haupttreppe in mein Zimmer zurückzukehren, so wählte ich natürlich diesen Weg. Vorher schloß ich jedoch die verkleidete Tür, deren Mechanismus ich mir genau einprägte. Ich durchschritt dann den Hof und stieg die monumentale Marmorstiege wieder empor; ich zweifelte nicht mehr, daß der Herzog auf dem geheimen Weg, den ich eben herabgekommen, in mein Zimmer gelangt war. Warum aber war er nicht die Hauptstiege emporgestiegen? Sicherlich, um nicht gesehen zu werden, um heimlich in die Stanza der Donna Onesta zu gelangen, auf dem Wege, den vielleicht ihr Mörder emporgestiegen war. Aber was wollte er in diesem Zimmer? War ihm nicht der Gedanke gekommen, daß es bewohnt sein könnte? Offenbar nicht, das hatte mir sein Benehmen bewiesen. Ich kann nicht sagen, daß mich die Überzeugung, der Herzog sei diesen Weg gegangen, erbaute. Da konnte man sich von drei Seiten einschließen und war doch nicht sicher vor einem Eindringling. Daß er die obere Tür, das Paneel, offen gelassen, bewies, daß er auf diesem Weg wieder gehen wollte; daran hatte ich ihn nun durch mein vorzeitiges Erscheinen verhindert.

Oben in meinem Zimmer schloß ich nun zunächst das Paneel, das genau dieselbe Schließvorrichtung besaß wie die Tür zum Ankleidezimmer. Nachdem ich auch die Poltrona wieder an ihre Stelle geschoben, kam mir der Gedanke, ob die gegenüberliegende Seite wohl auch eine ähnliche Tür verberge. Eigentlich war es anzunehmen, es wäre sonst Raumverschwendung gewesen. Ich besann mich auch deutlich, daß die Außenmauer nach dem Gartenbalkon zu mehr solcher schräger, schießschartenartiger Öffnungen hatte, als die nach dem Wasser. Einen Moment zögerte ich, den Versuch zu machen, ob eine solche Tür auch auf dieser Seite vorhanden sei, denn es schien mir unrecht, die Geheimnisse eines fremden Hauses auszukundschaften. Dann aber überwog die Erwägung, daß es meine Pflicht sei, mich zu vergewissern, ob man nicht etwa gar noch auf einem anderen Weg bei mir eindringen könnte. Ich machte mich also ans Werk, auch das der Geheimtreppe gegenüberliegende Paneel zu prüfen. Zuerst fand ich keine Spur eines Schlosses, und die Vertäfelung schloß so genau, daß man wirklich nicht wissen konnte, wo ihr beizukommen war. Es beruhigte mich, daß ich keine Tür fand, und eigentlich mehr, um mir etwas zu tun zu machen, als um wirklich zu suchen, tastete ich auch auf der anderen, der inneren Ecke herum und siehe da – dort fand ich die Vorrichtung! Der Flügel ging also nach dem Zimmer zu auf, und meine Annahme war richtig. Es dauerte eine Weile, bis der Mechanismus reagierte, dann schwang die Tür zurück und eine zweite eiserne Pforte wurde sichtbar; sie war nicht verschlossen, denn die Klinke öffnete sich auf den ersten Druck. Die Pforte, welche die ganze Breite der Nische hatte, ging nach innen auf, und ich sah in ein langes und schmales, hohes Gelaß, in das durch die schrägen Luftlöcher das Licht spärlich einfiel. Die Wände des Raumes waren mit Zink- oder Bleiplatten bekleidet, wohl um die Feuchtigkeit von den Dingen abzuhalten, die man hier aufbewahrt hielt. Kleine Fensterläden vor den Mauerschlitzen, die aber nicht geschlossen waren, bewiesen die auf den Raum verwendete Sorgfalt und vielleicht auch den Wunsch, das künstliche Licht darin nicht von außen sichtbar zu machen, denn von der gleichfalls plattierten Decke hing eine bronzene Ampel herab. Der schmale Raum war nicht etwa leer: um zwei, drei Schritte von dem Eingang hineingeschoben stand ein Gegenstand, der mir wohlbekannt war: der Glaskasten mit der Wachsfigur der Donna Onesta!

Also hier war es hingekommen, dieses Wahrzeichen einer Geschmacklosigkeit ohnegleichen, mit der Generationen nachher ihre Festräume »geschmückt«. War auf dieses Verschwinden der traditionellen Ungeheuerlichkeit unser Erstaunen, insbesondere Elfes Entsetzen von Einfluß gewesen? Gut dann – hier mochte es aufbewahrt bleiben, das aufgeputzte Modell der armen Dogenbraut, zur frommen oder meinetwegen auch rachsüchtigen Erinnerung ihres Hauses. Hier beleidigte es kein ästhetisch empfindendes Auge, hier legte es sich nicht wie ein Todeshauch auf die Festfreude der Gäste des Palazzo Irán. Der Herzog hatte gut daran getan, es ohne Sang und Klang hier verschwinden zu lassen.

Eine seltsame Rührung überkam mich. Tat die verbannte Dogenbraut mir etwa jetzt leid? Leise, als sollte ich eine Gruft betreten, trat ich die paar Schritte näher und stieß dabei mit dem Fuß an einen länglichen Kasten, der zu Füßen des schmalen Ruhebettes unter dem Glassturz stand; ich erkannte ihn augenblicks wieder: es war die Kassette, darin das Stilett aufbewahrt wurde, durch das die Donna Onesta ihren Tod fand, der Kasten, zu dem Elfe damals bei unserem ersten Besuch im Palazzo Irán noch einmal zurückgegangen war. Der Zwischenfall trat mir jetzt wieder so deutlich vor die Augen, daß ich unwillkürlich den Deckel aufhob, um einen Blick auf die Waffe zu werfen. Doch der Kasten war leer.

Ich schloß ihn wieder und blieb dann vor dem Glassturz stehen, der zum Schutz über das Ruhebett mit der Figur gestülpt war, ein an sich elegantes Werk, gebildet aus etwa dreißig Zentimeter im Quadrat messenden Scheiben, die in ein zierlich geschnitztes und vergoldetes Rahmenwerk gefaßt waren. Das Glas war seltsamerweise von innen beschlagen, aber durch diesen Niederschlag konnte man dennoch deutlich den Inhalt erkennen, den Purpur, samt des Hermelinmantels, der sich über die Knie der Figur legte. Über Gesicht und Büste war ein weißer Seidenstoff gebreitet, unter dem man die Umrisse nur eben unterscheiden konnte, und auf diesem Stoff, der sich wie ein undurchsichtiger Schleier verhüllend über die Figur legte, waren große, dunkle, bläulichschillernde Flecke sichtbar, vielleicht Moder.

Ich stand wie angewurzelt vor dem Glaskasten, dessen Inhalt mir damals einen solchen Widerwillen eingeflößt hatte. Jetzt, in seiner Verbannung, kam er mir so rührend vor, daß es mir förmlich ans Herz griff. Ich stand und sah auf die verhüllten Umrisse unter dem beschlagenen Glas und murmelte ein übers andere Mal: »Arme Donna Onesta!«

Was war denn über mich gekommen, daß mir vor diesem alten Wachsmodell die Tränen aus den Augen strömten? Mit Gewalt raffte ich mich zusammen; leise verließ ich das Gelaß, durch dessen Mauerschlitze die Luft strich, und leise schloß ich die doppelten Türen. Dann brach ich vor der Poltrona des nichtgewählten Dogen nieder, verbarg mein Gesicht auf dem purpursamtenen Polster und weinte, weinte, als sollte mir das Herz brechen. Draußen läuteten die Glocken den Mittag ein.


* * *


»Was fehlt dir, bist du krank?« fragte mein Schwager, als ich mich mit verschwollenen Augen zu ihm an den Tisch setzte. Ich schüttelte den Kopf und gab Kopfschmerzen vor, die ich auch hatte – an allem war der Sirokko schuld. Er begriff das vollkommen, denn auch ihm hatte der Wind die Arbeitsfähigkeit arg beeinträchtigt. Von meinem Fund der Donna Onesta erzählte ich nichts. Es war mir, als hätte ich kein Recht, von Dingen zu reden, die mir gewissermaßen vom Zufall unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut waren. Dagegen erzählte ich Erich von dem Besuch des Herzogs und von der Besorgnis, die mir sein Zustand eingeflößt hätte. Mein Schwager schüttelte auch bedenklich den Kopf; er wollte nachmittags mit dem Advokaten reden und mich dann abholen zu einer Fahrt nach dem Lido, vielleicht daß mir die Seeluft wohl täte.

Ich legte mich gleich nach Tisch auf mein Bett, weil ich mich völlig erschöpft fühlte, und schlief auch sofort ein. Mir träumte von Elfe. Ich sah sie mit ausgebreiteten Armen in einem wogenden Meer von schimmernden Wolken, das süße Gesicht nach oben gerichtet. Ihre Züge hatten den schmerzlichen Ausdruck verloren, mit dem mein wachendes Auge sie gesehen; sie waren ruhevoll, ja ergeben, und die flehenden Augen sahen ungetrübt auf mich herab. Ich sah meine Schwester in demselben weißen Kleid mit der roten Rose im Gürtel und den beiden leuchtenden Karneolen an dem goldenen Kettchen, die wie Blutstropfen auf ihrer Brust lagen; auf der linken Brust hatte sie noch einen anderen seltsamen Schmuck, wie ein metallisch blinkendes Kreuz. Ich konnte nicht deutlich erkennen, was es war.

Ein Pochen an meiner Tür weckte mich auf, mein Schwager fragte, ob ich fertig sei. Ich sprang erschrocken vom Bett; ein Blick auf die Uhr sagte mir, daß ich über zwei Stunden geschlafen hatte. Noch ganz benommen rief ich ihm zu, daß ich in wenigen Minuten bereit sein würde. Nachdem ich mein Haar geordnet und meinen Hut aufgesetzt, meldete ich mich bei meinem Schwager, und wir verließen das Haus. Zu meinem Erstaunen sah ich dabei, daß er um den linken Arm einen Trauerflor und um seinen Hut einen breiten Kreppstreifen trug.

»Hast du Trauer bekommen?« fragte ich.

»Ich habe heute die Trauer um meine Frau angelegt,« antwortete er. Wir hatten beide bisher keine Trauer um die Verschwundene, Verlorene getragen – wußten wir denn, ob sie tot war? Und er, der so fest davon überzeugt war, daß sie noch wiedergefunden werde, er trug jetzt die äußeren Zeichen der aufgegebenen Hoffnung?

»Es geht einem manchmal wunderbar,« sagte er ruhig. »Die Stimme der Überzeugung spricht dann im tiefsten Herzen mit einer Überredungskraft, die keiner Bestätigung von außen mehr bedarf. So ging es mir heute. Ich will dir sagen, wie es kam, dir allein. Meine Arbeit wollte nicht fördern, ich hatte meine Gedanken nicht recht bei der Sache. Ich verließ also das Archiv und ließ mir die Kirche von San Rocco aufschließen; du weißt, sie dient nur zum Gebrauch der Bruderschaft, der Scuola di San Rocco. Kaum war ich drinnen, da wurde der Küster abgerufen; er zögerte, aber da wir alte Bekannte sind, schloß er mich auf meinen Wunsch in die Kirche ein, um mich nach einer halben Stunde abzuholen. Es ist schön in der Kirche, besonders wenn man sie für sich allein betrachten kann. Ich fing mit den Tintorettos an und setzte mich dann vor den rechten Seitenaltar mit dem kreuztragenden Heiland von Tizian. Dabei kam es über mich; die Stimme in mir gab mir die Gewißheit, daß Elfe für immer entschwunden, daß sie tot ist. Wenn du die Logik dieser Überzeugung vermissen solltest, so kann ich dir nicht helfen; wir müssen uns eben manchmal ohne sie abfinden mit dem Geheimnis unseres Seelenlebens. Mir ist jeder Zweifel geschwunden, und wenn über dem 'Wie' der Vorhang verschlossen bleibt, sei's drum! Um die Zeit, als die Glocken den Mittag läuteten, hatte ich das Buch, »Elfe« genannt, samt seinen unbeschriebenen Seiten für immer aus der Hand gelegt. Ich werde sie nicht mehr suchen auszufüllen. Ich könnte nur noch Überreste finden von ihrer Lichtgestalt, die mein Leben für eine kurze Spanne Zeit verklärte und dann daraus spurlos entschwand. Wo immer ihre Gebeine bleichen, sie warten auf den Tag der Auferstehung, auch wenn keine Kränze von unserer Hand ihr unbekanntes Grab schmücken.«

»Amen,« fügte ich hinzu und gab ihm die Hand.

Am Abend, als wir wieder daheim waren und nach dem Pranzo beisammensaßen, erzählte ich Erich, wie ich Elfe zweimal hier im Palazzo Irán gesehen hätte, berichtete ihm auch meinen Traum vom Nachmittag. Erich hörte mich an, aber sagte nichts dazu. Dann sprachen wir von anderen Dingen.

Erich hatte offen mit dem Advokaten geredet und den Bescheid erhalten, nach eigenem Gutdünken zu handeln. In der Tat habe der Herzog Irán ihm seinen Widerwillen gegen die Vermietung des Palastes kundgegeben, nachdem er doch zuvor damit einverstanden gewesen war. Der Herzog habe auf den Advokaten den Eindruck gemacht, als wäre er nicht mehr normal, so eigentümlich sei sein Benehmen. Ein Sonderling sei er wohl immer gewesen, wahrscheinlich erblich belastet durch seine Mutter, die im Wahnsinn gestorben sei. Er, der Advokat, habe sich seinem Klienten gegenüber zwar gegen eine Lösung des Vertrages mit dem jetzigen Mieter des Palazzo ausgesprochen, er habe damit jedoch nichts erreicht: wenn ihm Graf Buchwald damit entgegenkäme, so bliebe ihm ein unangenehmer Schritt erspart. »Ceterum censeo: wir ziehen aus, und zwar sobald als möglich,« schloß mein Schwager. »Ich werde morgen in unserem alten Hotel Quartier für uns machen und dann addio, Palazzo Irán! Es war eine verfehlte Idee, überhaupt hierherzuziehen.«

War es ein Irrtum, oder war es ein Fingerzeig des Schicksals?

An diesem Abend hatte ich noch eine sehr seltsame Überraschung. In meinem Ankleidezimmer war mir, wie gesagt, unter den Wandschränken, die seine Wände bedeckten, ein Kleiderschrank angewiesen worden und ein zweiter für die Wäsche und sonstige kleine Toilettengegenstände. Als ich nun das Zimmer betrat, um mich auszukleiden, kam mir der Gedanke, meinen Koffer mit den kleineren Gegenständen heute schon zu packen, um für den Fall unseres baldigen Umzugs damit fertig zu sein. Der Wäscheschrank war die dritte Tür rechts vom Eingang; ich hatte sie mir genau gemerkt, weil eine wie die andere aussah. Der Kleiderschrank befand sich auf der anderen Seite zwischen den Fenstern. Wahrscheinlich weil mir vielerlei im Kopf herumging, verpaßte ich die rechte Tür, denn ich steckte, wie ich später sah, den Schlüssel für mein Gelaß schon in das zweite Schlüsselloch. Da er tadellos aufschloß, kam ich nicht gleich auf meinen Irrtum, auch noch nicht, als ich den rechten Flügel geöffnet und auf dem Regal direkt vor mir einen unordentlich mit einem Laken bedeckten Haufen liegen sah, denn ich pflegte meine Kleidungsgegenstände auch mit einem weißen Tuch im Schrank zu bedecken. Erst als ich auch den linken Türflügel zurückschlug, bemerkte ich, daß ich in fremdes Eigentum eingedrungen war, und gleichzeitig fuhr ich mit einem lauten Aufschrei zurück, denn was vor mir auf dem breiten Regal lag, war eine verhüllte menschliche Gestalt!

Ich muß bekennen, daß mir vor Schreck im ersten Augenblick die Knie den Dienst versagten; ich taumelte zurück, brach auf dem mir zunächst stehenden Stuhl zusammen und starrte mit weitaufgerissenen Augen auf die Gestalt, die sich unter dem weißen Tuch mit grausiger Deutlichkeit abzeichnete. Mein erster Gedanke, den ich fassen konnte, war Flucht, um meinen Schwager zu rufen. Als ich indessen wieder Gewalt über meine Glieder hatte und aufsprang, kam auch die Überlegung wieder: ich, die ich mich sonst nicht leicht ins Bockshorn jagen lasse, hatte mich wahrscheinlich vor einem Mannequin entsetzt, vor einer Kleiderfigur, die vielleicht noch aus den Tagen der letzten Herrin dieses Hauses hier aufbewahrt wurde. Ich wußte, daß viele Damen solche Mannequins mit Wachsköpfen zur Anprobe und zur besseren Beurteilung des Effektes ihrer Garderobe besaßen, und diese Überlegung ließ mir das Lächerliche meines Schreckens klar werden. Aber nun ich mich unwissentlich durch Eindringen in fremdes Eigentum einer Indiskretion schuldig gemacht hatte, wollte ich mir selbst auch den Beweis liefern, daß ich nicht unnütz erschrocken war, und ehe ich daher den Schrank wieder schloß, hob ich das weiße Tuch in die Höhe, um mir den Mannequin in der Nähe zu besehen. Was ich zuerst dabei enthüllte, war ein mit Juwelen und Perlen besetztes Dogenkrönchen von Goldbrokat; die Form war zu charakteristisch, um Zweifeln Raum zu lassen; dann kam eine schwarze, in tausend Löckchen gekrauste Perücke zum Vorschein, dann eine wachsbleiche Stirn und dann – fast wäre ich wieder auf meinen Stuhl gesunken – denn nun lag vor mir, ohne den Krönungsmantel von Purpursamt – die Wachsfigur der Donna Onesta!

Erschrocken war ich nicht über diese merkwürdige Entdeckung, aber grenzenlos erstaunt. So erstaunt, daß ich wer weiß wie lange davor stand und mit einem sicherlich ganz dummen Gesicht sie betrachtete.

Wenn die Donna Onesta drüben in dem verborgenen Gelaß in ihrem Glaskasten lag, wie konnte sie dann hier im Schrank liegen? Ich hatte sie doch heute früh erst drüben liegen sehen! Das heißt – unverhüllt hatte ich das Modell nicht gesehen, aber der Mantel lag darüber ausgebreitet, und die Donna Onesta vor mir hatte dieses fürstliche Attribut nicht; ihre Gestalt jedoch trug dasselbe weiße, silberdurchwirkte Atlasgewand, in dem ich sie vor drei Jahren in dem Glaskasten liegen sah.

Existierte eine Doublette des Modells? Sicherlich. Vielleicht hatte man das Original im Palazzo Irán behalten wollen und die Doublette war dem Bildhauer für den Sarkophag geliefert worden, dessen Ausführung die Intrigen der eifersüchtigen Nobili Ur-Venedigs verhindert hatten. Das war eine sehr einfache Erklärung, gewiß.

Aber während ich sie mir ganz logisch zurechtlegte, fühlte ich, daß meine Nerven nach dem Schreck plötzlich nachgaben, und eine Art Ohnmachtsgefühl bemächtigte sich meiner. Ich zwang mich nur noch, die Figur wieder zuzudecken und den Schrank zu schließen. Dann nahm ich, an allen Gliedern zitternd, ein nervenberuhigendes Pulver und legte mich schleunigst zu Bett, wo mich gottlob ein bleierner Schlaf am Denken verhinderte.

Noch ehe der Morgen graute, wachte ich müde und zerschlagen auf. Drei Uhr! Ich versuchte wieder einzuschlafen, und es gelang auch, doch träumte ich allerlei wüstes, törichtes Zeug, hetzte mich hinter abgehenden Zügen ab, verlor meine Sachen und stürzte zuletzt von einem hohem Turm herab mit der Empfindung, daß ein mich verfolgendes Ungeheuer dabei einen Schuß auf mich abfeuerte. Über den Schuß wachte ich auf. Wie man nur so lebhaft träumen kann! Ich schlug die Augen auf, schloß sie aber gleich wieder, da es noch nicht spät sein konnte, hüllte mich fröstelnd in meine Decke und legte mich noch einmal auf die andere Seite in jenem nebelhaften Zustand zwischen Wachen und Schlafen. Es war mir dabei, als hörte ich ängstlich rufen, doch das war draußen, irgendwo, weit von hier. Und dann das Geräusch, wie von raschen Schritten auf knirschendem Kies, ein Durcheinanderreden von vielen erregten Stimmen . . .

Aber ich war viel zu benommen von meinem Schlaf, um sonderlich darauf zu achten, es kam mir vor, als träumte ich wieder. Dann war es mir, als würde an meiner Tür geklopft. Ich wurde aufmerksam – nun noch einmal –: »Wer ist da?« rief ich, mich aufrichtend.

»Ich bin es, Erich,« rief meines Schwagers Stimme zurück. »Verzeih, wenn ich dich störe, es ist noch so früh –«

»Ist etwas geschehen?« fragte ich und eilte an die Tür.

»Leider,« rief mein Schwager mir von der anderen Seite zu. »Der Herzog ist in den Garten gedrungen und hat sich mit einem Pistolenschuß schwer verletzt – getötet, fürchte ich.«

»Herrgott, wie entsetzlich!« Damit fing ich auch schon an, in meine Kleider zu fahren. Das also war der Schuß, den ich im Traum gehört hatte.

»Emilio kam gerade aus seinem Zimmer, als es geschah – die kleine Hintertür stand weit offen,« berichtete mein Schwager indessen weiter. »Er rief mich sofort, und ich bin, weil der arme Kerl vor Schreck und Jammer fast verging, zum nächsten Arzt gelaufen und habe auf die Questura telephoniert. Sie haben den Herzog eben ins städtische Hospital geschafft, doch der Arzt schüttelte bedenklich den Kopf. Ich gehe gleich ins Hotel, Wohnung für uns bestellen, denn ich denke, du wirst hier nicht bleiben wollen.«

Ich war meinem Schwager dankbar für diesen Entschluß, denn das alte Grauen vor diesem Haus kehrte mir so zurück, daß mir die Zähne zusammenschlugen und ich Mühe hatte, meine Selbstbeherrschung zu bewahren. Ich nahm mich aber zusammen und versuchte mir einzureden, daß nur reines Mitleid mit dem Unglücklichen, dem ein verwirrter Geist die Mordwaffe gegen sich selbst in die Hand gezwungen, mich derart erschütterte; aber mit der fliegenden Hast eines Menschen, der einem Ort des Schreckens so schnell wie möglich entfliehen möchte, begann ich, kaum angekleidet, meine Sachen zu packen, nur um nicht wieder hierher zurückkehren zu müssen. Und doch – mir war bei alledem, als hielte mich etwas zurück. Aber was? Ich war noch nicht fertig mit meiner hastigen Arbeit inmitten des Chaos von Gedanken, die auf mich einstürmten, als es wieder klopfte. Es war Gloriosa, und sie kam, um mir ihre Dienste anzubieten. Aber wie sah das Mädchen aus! Totenblaß, und die großen dunklen Augen glühten in einem verzerrten Gesicht, ihr Gang war unsicher, und ihre Hände tasteten nach einem Halt, als sie im Zimmer stand.

»Ja, armes Ding,« sagte ich, indem ich sie zwang, sich zu setzen, »es sind hier schreckliche Dinge passiert.«

Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte die schlanke Gestalt, und ich strich leise mit der Hand über ihr goldenes Haar, denn ich verstand sie ja nur zu gut. Kaum aber hatte ich sie berührt, da fuhr sie auf wie von der Tarantel gestochen, haßerfüllt blitzten ihre Augen, eine glühende Röte ergoß sich über ihr Gesicht, und sie schlug mit einer Kraft nach meiner Hand, daß ich den Schlag noch tagelang spürte.

»Fort!« schrie sie auf. »Fort! Maledetta straniera! Was hat Euch nach Venedig geführt? Der böse Feind! Wärt Ihr nicht gekommen mit Eurer strohhaarigen Puppe, so wäre alles nicht geschehen, dann lebte er noch, und ich hätte meinen Frieden behalten. Ich brauchte nicht umherzuirren mit der Last auf meiner armen Seele, die nun in die Hölle fahren muß! Ihr seid schuld, Ihr! Ihr habt ihn in den Tod getrieben, ihn, den ich liebe, mit dem flachsblonden Ding, das ihn verhext hat! Verhext hat, verhext!«

»Gloriosa! Nimm dich zusammen!« fiel ich ihr streng ins Wort.

»Ich fürchte mich nicht vor Euch! Ich hasse Euch!« schrie sie mir zu, die geballten Fäuste schüttelnd, »ich habe Euch gehaßt, als ich Euch zum ersten Male sah – mein Engel hat mich vor Euch gewarnt, vor ihr, die ihn zu einem Verlorenen gemacht hat für Zeit und Ewigkeit. Habt Ihr um sie getrauert, als sie nicht mehr wiederkam? Es geschieht Euch recht! Warum mußtet Ihr mit ihr herkommen. Möchten alle sieben Schwerter der Madonna Euer Herz zerfleischen, ewig, ewig, ewig! Misericordia – was habe ich gelitten, und was fragtet Ihr danach! Ich sah Euch, wie Ihr suchend nach Eurer strohhaarigen Puppe um die Ecke kamt. Ich hätte Euch sagen können, wo sie hingekommen war, denn ich hatte sie gesehen, wie sie an den Briefkasten lief, und wie die kleine Pforte sich öffnete und wie sein Arm sie hereinzerrte. Aber mochtet Ihr sie doch suchen, mochte sie verderben! Ohimé! Und darüber ist er verdorben – ist er –«

Die letzten Worte hatte Gloriosa nur noch stoßweise hervorgebracht, Schaum trat ihr auf die verzerrten Lippen, und in Krämpfen zuckend stürzte sie nieder.

Entsetzt rannte ich hinaus, um Hilfe zu suchen. Sie war wahnsinnig geworden, und in ihrem Wahnsinn hatte sie Worte geredet . . . Ich betete mitten im Laufen, damit ich nicht in Versuchung fiele, Wahrheit in diesen Worten zu suchen, daß ich selbst nicht . . .

Ich weiß nicht mehr, wie ich aus dem Palazzo Irán heraus und in das Hotel gekommen bin. Ich weiß nur, daß ich erst nach Tagen wieder zu klarem Bewußtsein kam, daß ich im Bett lag und eine freundliche Klosterschwester um mich bemüht war. Aber die Ruhe tat mir wohl. Ich war froh, daß ich der fürstlichen Pracht des Palazzo Irán und seiner Stille entronnen war. Und dabei zog es mich dahin zurück! Ich hatte das in meine Ruhe sich eindrängende Verlangen, die Donna Onesta noch einmal zu sehen und ihre Doublette in dem Schrank meines ci–devant Ankleidezimmers. Das war wohl ein krankhaftes Verlangen, entsprungen aus den Aufregungen in dem »stillen« Palast.

Dann fing ich an, alles noch einmal durchzudenken, und hatte keine Ruhe mehr. Trotz allen Protestes meiner Pflegerin stand ich auf und fragte nach meinem Schwager. Er kam sofort zu mir, die Besorgnis und Güte selbst, und so voll Reue, mich all dem ausgesetzt zu haben, was wir dort erlebt. Als ob das seine Schuld gewesen wäre! Aber ich versicherte ihm, ganz, ganz wohl zu sein, vielleicht noch etwas matt, aber das würde sich in der schönen frischen Herbstluft schon geben. Dann fragte ich nach Gloriosa. Die Antwort hätte ich erwarten können, und dennoch enttäuschte sie mich bitter: die Tobsucht war unmittelbar nach der Szene mit mir bei dem Mädchen ausgebrochen; sie war in der Zwangsjacke nach San Clemente gebracht worden. Der Anstaltsarzt zweifelte an einer Besserung ihres Zustandes, er hielt sie für eine Unheilbare.

Da war also nichts mehr zu hoffen. Gesetzt selbst, der Arzt irrte sich, hätte man den Aussagen einer Gestörten Glauben schenken dürfen? Alles, was sie geredet, war nichts als Wahnsinn gewesen, Wahnsinn, zu dem sie über die Vorstufen ihrer erwachten, unerwiderten Liebe und getäuschten Hoffnungen, ihrer ungezügelten Eifersucht gelangt war.

Und der Herzog? Seine Verwundung war nicht tödlich gewesen. Man hatte die Kugel entfernt, und wenn keine Komplikationen eintraten, so war er auf dem Wege zur Genesung. Erich hatte ihn sogar besuchen dürfen und den Verwundeten vollkommen klar und geistig normal angetroffen.

Ich blieb also vorläufig in Venedig. Ich wartete. Worauf? Auf des Herzogs Genesung, um eine Unterredung mit ihm zu haben. Ganz allein, unter vier Augen. Ich sagte meinem Schwager nicht, was ich mit dem Herzog reden wollte, kein Sterbenswort. Es war mein Geheimnis.

Die Genesung Don Francescos schritt sehr langsam vor. Einmal ging es ihm gut, dann wieder schlechter; der ganze Oktober verging darüber, und der November kam mit seinen dichten Nebeln, daß man nicht über den Kai sehen konnte. Den ganzen Tag schrillten die Sirenen und läuteten die Warnungssignale, die Schiffe konnten nicht in die Lagunen einfahren. Aber es kamen wieder Sonnentage, in denen die Stadt wie in einer blaßgoldenen Glorie lag. Und eines Tages kam Erich und sagte, der Herzog sei fort, man wisse nicht wohin; der Advokat, sein Sachwalter, verweigere die Auskunft. Es binde ihn ein Versprechen.

So endete mein Aufenthalt in Venedig, und ich reiste nach der Heimat ab. Erich hatte eine Privatwohnung in einem Palast am sonnigen Zattere gefunden und bat mich, zu ihm zu ziehen. Aber ich hatte genug von alten venezianischen Palästen und, wie ich damals meinte, überhaupt von Venedig. Dem Palazzo Irán war ich nicht wieder nahegekommen. Ich konnte nicht und wollte doch, und über dem Schwanken verging die Zeit. Eines Morgens begleitete Erich mich zur Bahn. Addio, Venezia!


* * *


 In den Lagunen liegt eine einsame kleine Insel, seitab vom Wege und so schwer zugänglich, daß selten oder nie eines Fremden Fuß sie betritt. Die Dampfer fahren an ihr nicht vorüber und können auch nicht an ihr anlegen, des niederen Wasserstandes wegen. Die meisten Fremden haben überhaupt keine Ahnung von ihrer Existenz, und hätten sie eine, der Weg mit der Gondel wäre viel zu weit. Die Reisehandbücher nennen die Insel gar nicht, vielleicht aus dem ebengenannten Grund, vielleicht weil die Bewohner keine Besuche wünschen, denen sie nichts zu bieten haben, nichts, gar nichts. Darauf verschwendet der Durchreisende wie der länger weilende Fremde keine Zeit; in Venedig selbst ist ja mehr zu sehen, als man, wenn man es ernsthaft nimmt, in sechs bis acht Wochen bewältigen kann. Die meisten Reisenden freilich langweilen sich schon am zweiten Tag und haben »alles« gesehen, wenn sie ihre Nase in den Dogenpalast und in die Markuskirche gesteckt, bei Bauer Bier getrunken und im »Capello Nero« frische Langusten gegessen haben.

Auf der einsamen, weltfremden Insel ist nichts zu sehen als ein Zypressenhain und ein kleines Mönchskloster, in dem ein halbes Duzend Fratres in Klausur leben und ein paar Laienbrüder das kleine Gemüsegärtlein und einen kleinen Weinberg besorgen. Und es sind immer ein paar Weltpriester da, die eine Zeitlang die Einsamkeit aufsuchen.

Zwei Jahre nach meinem Aufenthalt im Palazzo Irán war ich eines herrlichen Sonnentages auf dem Weg nach dieser einsamen Insel. Ich war nach langer Zeit doch wieder einmal nach Venedig gekommen, denn mein Schwager war dort geblieben, in seine Arbeit vertieft. Ich hatte ihn lange nicht mehr gesehen. Und als ich dort war, hielt mich die Zauberin Venedig wieder in ihrem Bann.

Wenige Tage nach meiner Ankunft machte mir Erich den Vorschlag, ihn auf die Insel zu begleiten; er kannte den Prior des kleinen Klosters und hatte mit ihm etwas zu besprechen über die Klosterstiftung, die den heiligen Franziskus von Assisi selbst zum Urheber hat. Es war noch früher Morgen, als wir die Gondel mit zwei Ruderern bestiegen. Der Wind kam frisch vom Meer her, und als wir die Stadt verlassen hatten, tanzte unser Fahrzeug lustig auf den hochgehenden Wellen, in denen die Sonne wie eitel Gold blitzte. Fernher grüßten die hohen, phantastischen Spitzen der Tiroler Alpen herüber, die Luft war so klar, so durchsichtig, wie man sie nur in den Lagunen findet. Die Stadt verschwand mehr und mehr, nachdem wir erst die Gräberinsel San Michele und Murano passiert hatten, dann ein Pulvermagazin und Marineposten auf ihren verankerten Pontons. Danach zeigte mir Erich eine Gruppe dunkler Zypressen und eine hochragende Pinie daneben: das war unser Ziel. Aber es dauerte lange, ehe wir es erreichten, denn die Gondel mußte des Tiefwassers wegen ihren Weg durch vielfach gewundene Kanäle nehmen.

Dann kam die einsame Insel näher. Die ernsten, dunklen Säulenzypressen wurden deutlicher sichtbar und dann die Landungsstelle, auf der ein großes hölzernes Kreuz steht, abseits die hochragende Pinie. Die Mauern des kleinen Klosters rückten näher und näher, und dann waren wir da und stiegen ans Land, auf dem keine bewillkommende Seele uns entgegentrat. Kein Laut war hörbar als das leise Plätschern des Wassers. Unsere Gondeliere machten das Fahrzeug fest und setzten sich in das dürftige Gras; sie hatten, da sie immer gegen den Strom rudern mußten, eine tüchtige Arbeit hinter sich. Ich begleitete Erich bis zur Klosterpforte, wenige Schritte von der Landungsstelle, über der die Worte standen: »O gesegnete Einsamkeit! O einsamer Segen!« Das Glöckchen der Pforte schrillte durch die tiefe Stille, dann wurde der Schieber hinter dem vergitterten Auslug zurückgeschoben, und ein blonder, blutjunger Laienbruder öffnete. Erich trat ein, ich blieb allein zurück.

Neben der Klostertür ist in die Mauer eine steinerne Tafel eingelassen, die dem Fremdling den Frieden dieses Ortes ans Herz legt. Der Doge bedrohte jeden mit Strafe, der den Frieden durch lautes Sprechen und unziemliche Fröhlichkeit bräche. Diese Warnung mochte wohl nötig sein, ich jedoch hätte jedenfalls gar nicht gewagt, hier laut zu sprechen. Der Friede, der über dem Eiland lag, war so heilig, tief und wunderbar, die Zypressen strebten so ernst und hoch zum blauen Himmel, das Kreuz vor der kleinen Bucht mahnte in seiner ergreifenden Einfachheit so eindringlich, die Welt mit ihrem Lärm nicht landen zu lassen, daß der schon ein Barbar hätte sein müssen, der hier laut von weltlichen Dingen zu sprechen gewagt hätte.

Ich wandte mich den Zypressen zu, stieg eine kleine Böschung hinauf und sah in die Ferne, deren Horizont die blaue Kette der Alpen begrenzt. Links, weit, weit ab lagen in dem schimmernden, durchsichtigen Licht die Türme und Umrisse Venedigs; vor mir, durch eine breite Wasserfläche getrennt, der schlanke schiefe Turm von Burano, weiter nach rechts die Silhouette des kolossalen viereckigen Campanile von Torcello – alles fern und weit ab. Nichts zu hören als das leise Raunen und Flüstern der Luft in den Zypressen, das träumerische Lied der Wellen und hin und wieder der Schrei einer Möwe. Frieden!

Rechts von mir zog sich eine lange schmale Zypressenallee hin. Man konnte durch sie jenseits das Meer sehen. Ob ich bis zu ihrem Ende gehen durfte? Vom Kloster bis zu dieser Allee dehnte sich ein Obstgarten, durch den der blonde Laienbruder eben mit einem Korb ging, um dann in einer von mir aus unsichtbaren Pforte zu verschwinden. Ich wagte es; ich schritt die Allee herab, dem schimmernden Panorama entgegen. Aber als ich fast bis zum Ende gelangt war, sah ich an der letzten der Zypressen einen Mönch stehen, die Kapuze über den Kopf gezogen, das Gesicht dem Wasser zugekehrt. Ich stand einen Moment still und wollte schon wieder umkehren, um die Andacht des Mannes nicht zu stören, aber er mußte mein Kommen bemerkt haben, denn er wandte sich um. Dabei glitt ihm die Kapuze vom Kopf – ich stand vor dem Herzog Irán!

Eine Weile standen wir voreinander und sahen uns wortlos ins Auge; dann vergaß ich, wo ich war, vergaß die Mahnung vor der Klosterpforte, vergaß das Gewand, das der Mann trug, und trat dicht an ihn heran. »Mörder!« sagte ich.

Er zuckte zusammen, aber er wich nicht und wandte die Augen nicht ab. Langsam hob er seine beiden Hände.

»Sie sind rein von fremdem Blut,« sagte er leise, »es klebt nur eigenes daran. Nicht ich – sie selbst tat es, mir zu entfliehen. Meine Hände sind rein, meine Seele jedoch ist befleckt. Ich büße –«

»Lügner!« stieß ich heraus.

Einen Moment flammten seine Augen auf, aber sein Mund blieb stumm, und er senkte den Blick. Dann wandte er sich ab, als ob er gehen wolle.

»Wo ist meine Schwester?« rief ich, indem ich ihm in den Weg trat.

»Bei Gott, wie ich hoffe,« erwiderte er sanft.

Ich faltete die Hände und preßte sie gegen meine Stirn. »Und ihre irdischen Reste?«

Es zuckte um seinen Mund, und er sah über mich weg mit einem müden Blick. »Wer sind Sie, daß Sie gekommen sind, meinen Frieden zu stören?« fragte er vorwurfsvoll. »Auch über unserer Asche wacht das Auge Gottes. Und was von ihr zurückblieb, ruht wohlverwahrt wie ein Kronjuwel.«

»Oder wie das Wachsbild einer Dogaressa!« sagte ich mit einer plötzlichen Eingebung, als ob der Schleier zerrisse, der bisher vor einem flüchtigen Gedanken gehangen.

Er antwortete nicht. Da trat ich zur Seite. »Wie tapfer von Ihnen, daß Sie sich der irdischen Gerechtigkeit durch dieses Gewand entzogen haben,« sagte ich schneidend.

»Ich habe mich dem Gericht Gottes gestellt für die Ewigkeit,« erwiderte er mit einer Würde und zugleich mit einer Demut, deren Größe mich entwaffnete. »Der irdische Richter hat kein Teil an mir – der ewige Richter aber dort droben – er wird mir vielleicht gnädig sein, wenn ein Engel für mich bittet.«

Es schoß mir heiß in die Augen, so daß ich sie mit beiden Händen bedeckte. Mein Zorn war verraucht, es reute mich, ihm Worte gegeben zu haben. Als ich meine Augen wieder enthüllte, war er gegangen, ich sah seine hohe Gestalt in der rauhen Mönchskutte in den Bäumen des Gartens verschwinden. Da wandte auch ich mich durch die Zypressenallee zurück, eine Besiegte. »Mein ist die Rache!« klang es mir in den Ohren.

Ich hatte Zeit, mich zu fassen, denn mein Schwager blieb lange im Kloster. Als er herauskam, war es, um mich zu rufen, damit ich die Kirche sähe. Es war ein einfaches, armseliges Gotteshaus, nichts darin von der Pracht der venezianischen Kirchen, wohl aber ein namenloser Friede. In einer dunklen Ecke kniete an einem Betstuhl ein Mönch, das Haupt mit der Kapuze aufs Pult geneigt, die gefalteten Hände weit von sich gestreckt – ich kannte diese abgezehrten aristokratischen Hände, ich kannte sie, und leise, um den Beter nicht zu stören, wich ich zurück. Er rang wohl dort um seinen durch mich gestörten Frieden, wenn er ihn je schon besessen hatte –

»Ein neuer Frater. Er hat erst unlängst Profeß gemacht,« murmelte der Laienbruder mit einem Blick auf den Beter.

Ich war sehr einsilbig bei unserer Rückfahrt nach Venedig. Zum Glück war mein Schwager versenkt in ein Aktenstück, das ihm der Prior gegeben hatte. Ich sagte ihm nichts von meiner Begegnung, die wie so manches andere wohlverwahrt im Schrein meiner Seele ruht.

Nachmittags machte ich eine Pilgerfahrt. Ich steckte ein kleines Kruzifix aus Elfenbein zu mir, kaufte unterwegs einen Strauß herrlicher roter Rosen und ging dann rasch meinem Ziel, dem Palazzo Irán, entgegen. Als ich auf der Brücke zum erstenmal wieder vor dem Haus stand, war mir's, als reute mich mein Gang; denn nun kam alles wieder so lebhaft zu mir zurück, all das Vergangene und das alte Gefühl der Beklemmung, des Widerwillens vor diesen Mauern. Ein einfacher Mann, der mir entgegenkam, sah mein Zögern und hielt es für die stumme Frage einer Fremden. Er blieb stehen und nahm sich meiner mit der freundlichen Bereitwilligkeit, dem naiven Stolz des Venezianers auf die Kunst- und Baudenkmäler seiner Stadt an. »Das ist der Palazzo Irán-Con­tarini, Signora,« sagte er. »Ein prächtiges Haus, nicht wahr? Es sind auch herrliche Gemälde darin, aber man muß sich dazu einen Permesso von seinem Konsul holen.«

Das war mir neu. »Lebt der Besitzer hier?« fragte ich, um zu hören, was die Leute von ihm sagten.

»Dio mio, nein; der Herzog Irán ist ganz von Venedig verzogen, keiner weiß recht, wohin. Manche sagen, er wäre gestorben, und der Palast würde für seinen Erben, einen sehr jungen Herrn aus einer Seitenlinie, bereitgehalten. Bis zu seiner Großjährigkeit. Wenn Sie die Gemälde sehen wollen, Signora, müssen Sie sich bei Ihrem Konsul ein Billett lösen. Das Geld dafür hat Don Francesco, der Herzog, für die Armen Venedigs bestimmt. Ebenso den Ertrag des Mietzinses für den zweiten Stock, in dem sich eine Schule für kunstgewerbliches Zeichnen befindet. Sollte das große Haus leer und ertraglos dastehen? Das wäre Sünde. Es gibt viele Arme in Venedig, aber nicht alle großen Herren denken daran, ihnen etwas zuzuwenden. Der Herzog Irán hat früher wohl auch nicht daran gedacht, aber nachdem er einmal sehr schwer krank war, am Rand des Grabes, hat er die Bestimmung getroffen und ist dann fortgegangen von Venedig. Sein Avvocato weiß wohl, wohin, sagt's aber nicht. Nicht einmal der Majordomo weiß es, obgleich er den Herzog als Kind auf den Armen herumgetragen hat.«

»Also lebt der alte Emilio noch?« fuhr es mir heraus.

»Wie, die Signora kennt den Emilio? Freilich lebt er, ist aber höllisch klapprig geworden, seitdem der Herzog so krank war. Ich dachte, die Signora wäre ganz fremd hier?«

»Ich war schon früher hier. Damals lebte ein schönes junges Mädchen in der Nähe – Gloriosa Largo –«

»Ah – die Nipote der Wäscherin hinten in der Kalle? Sie ist tot, die Arme – im Irrenhaus gestorben!«

Ich dankte dem freundlichen Mann für seine Auskunft und ging die Brücke herab nach der Salizzada. Also Emilio war noch da; ich hatte gefürchtet, ihn nicht mehr zu finden, und dann war meine Pilgerfahrt vergebens. Ich hatte auch nicht nötig, den Klopfer am arabischen Portal in Bewegung zu setzen, denn es stand offen, um gerade eine Gruppe junger Leute mit Zeichenmappen unter dem Arm herauszulassen.

Ich trat ein in die große, weite Vorhalle. Im Lichthof sah ich dann auch Emilio, mit dem Begießen der Palmen beschäftigt. Als er mich sah, ließ er die Gießkanne fallen, kam auf mich zu und küßte mir vor Freude beide Hände, ohne der Dornen meines Rosenstraußes zu achten; dabei schluchzte er wie ein Kind. Ja, er war wirklich sehr »klapprig« geworden.

»Emilio,« sagte ich, als er sich etwas beruhigt hatte, »ich möchte mir etwas von Ihnen erbitten. Ich habe kein Billett, um die Bilder droben zu sehen, aber ich möchte so gern noch einmal die Zimmer betreten, allein, ganz allein. Können Sie es verantworten, mich einzulassen?«

Er konnte, oder vielmehr: er wollte es. Er gab mir den Schlüssel zum Saal, und ich stieg noch einmal die monumentale Marmorstiege empor, ohne jemand zu begegnen, und schloß mir selbst auf. Ohne Aufenthalt schritt ich durch die öden Prachträume, bis ich im Zimmer der Donna Onesta stand, klopfenden Herzens, von tausend einstürmenden Empfindungen bewegt.

Das Bett, in dem ich geschlafen, war längst wieder herausgeschafft worden. An seiner Stelle stand wieder das Sofa wie vor fünf Jahren, und in der Nische unter dem purpursamtenen Baldachin die Poltrona des ungewählten Dogen. Aber ich hatte keine Zeit zu verlieren. Ohne Hindernis öffnete ich die verborgene Tür links von dem Sessel, und nur einen Moment zögerte ich, ehe ich auch die zweite eiserne Tür aufstieß. Dann stand ich in dem Gelaß, von dessen Existenz wahrscheinlich nur zwei Menschen etwas wußten: der stille Mönch auf der einsamen Insel in den Lagunen und ich.

Wieder stand ich vor dem Glaskasten mit der darunter ruhenden Gestalt, deren Umrisse sich durch das bläulich angelaufene Glas noch eben unterscheiden ließen. Es überkam mich eine unwiderstehliche Lust, einige dieser Scheiben zu zertrümmern, um die weißseidene Hülle heben zu können, um meinem plötzlich wiedererwachenden Zweifel ein Ende zu machen, um zu wissen, zu wissen –!

Aber ich schreckte vor der Gewalttat zurück. Ich hatte kein Recht dazu. Und dennoch, dennoch . . . Es war ein harter Kampf, aber ich besiegte die Versuchung. Dann zog ich das Elfenbeinkreuz aus der Tasche und legte es auf den Glaskasten, gerade über der Stelle, wo das verhüllte Haupt auf dem Ruhebett lag, und meine Rosen streute ich über die ganze Fläche hin. Dann kniete ich auf der leeren Kassette zu Füßen der ruhenden Gestalt nieder, drückte meine Stirn gegen das trübe Glas und erhob mein Herz über meine Zweifel und über mein Leid, meinen Zorn und meine unbeantworteten Fragen im stillen Gebet empor.

Die Sonne ging unter, als ich den Palazzo Irán verließ, um ihn nie wieder zu betreten. Meine Pilgerfahrt war vollbracht. Venedig lag in einer wahren Glorie, als ich heimkam, pupurgesäumte Wolken standen über dem Lido, im Westen flammte der Sonnenuntergang hinter der Kuppel der Salute in einer Farbenpracht ohnegleichen, und in dem Türkisblau des Himmels darüber stand schon die blasse Sichel des Mondes. Wie flüssiges Gold leuchtete das Wasser bis herüber zur Giudecca. An der Südseite der Markuskirche, aus der noch die Orgeltöne der Vesperandacht klangen, wurden eben vor dem alten byzantinischen Madonnenbild die beiden Kerzen entzündet, die seit Jahrhunderten jeden Abend für die armen Seelen hier brennen und wie zwei winzige Sternchen aus ihrer Höhe herabflimmern. Elfe war oft hergegangen, die Kerzen brennen zu sehen. »Ob sie auch einmal für mich leuchten werden?« hatte sie einmal halb scherzend gefragt.

Verschwunden, verloren, verweht im Strudel der Welt waren ihre Spuren. Die Sonne war über ihr untergegangen wie heut, und mit dem scheidenden Licht war auch sie geschieden und war wiedergekehrt, um mir die verwehte Spur zu zeigen, auf der ich sie suchen sollte.