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Eufemia Gräfin Ballestrem – Jadviga

Novelle

Eufemia Gräfin Ballestrem, Verschlungne Pfade, G. P. Aderholz' Buchhandlung, Breslau, 1876



1.

Sie war die große Frau, jene mächtige Czarin Katharina II., die Herrscherin aller Reußen, wer will es leugnen? Die zweite Schöpferin der jetzigen Größe Rußlands, hat sie sich persönlich dauernde Verdienste um die Cultur des nordischen Großreiches erworben; um so schmerzlicher aber ist es zu bedauern, daß ein solch trüber Hintergrund voll Blut und Mord das majestätische Bild der großen Frau verdunkelt. Aus dem Glanze und der Helle ihres Ruhmes tauchen zwei düstere Schatten auf: Peter III., ihr Gemahl, dem sie den Giftbecher reichte, und der schöne blonde Großfürst Iwan, dem sie das kalte Eisen in die junge Brust stoßen ließ – diese Flecken auf dem Purpur ihres Thrones waschen selbst ihre Verdienste nicht rein.

Katharina II. war auch eine schöne Frau: auf mittelgroßer üppiger Gestalt ruhte ein vornehmer Kopf, umwallt von dunkelblondem Haare; die klugen, dunklen Augen waren über­schattet von schön gewölbten Brauen, die Nase leicht und fein gebogen, der Mund klein und edel geschnitten. Ihrer Erscheinung stets etwas Imposantes zu geben, kleidete sie sich mit ausgesuchter Pracht.

Von ihrer Prachtliebe zeugte auch die verschwenderische Ausstattung ihrer Paläste. Eines ihrer Lieblingsschlösser, welches sie während der Sommermonate bewohnte, war das reizende Zarskoje-Sselo; nicht allzu weit von Petersburg entfernt, hatte es Kaiserin Elisabeth erbaut, Katharina aber großartig erweitert und zu einem wahren Kaiseraufenthalte umgewandelt. Noch heute ist Zars­koje-Sselo ein oft besuchter Aufenthalt der russischen Herrscherfamilie.

Es war im Jahre 1794, ein Jahr nach der zweiten Theilung Polens, als mit dem Erwachen des Frühjahrs Katharina II. ihren Hof nach Zarskoje-Sselo verlegte, um dort, in abgelegener Stille, ihren Regierungsgeschäften obzuliegen. Unter ihrer nächsten Umgebung nahmen drei Personen die am meisten bevorzugten Stellungen ein. In erster Linie stand Graf Orloff, der Czarin persönlicher Adjutant und General-Major in der Armee, ein schöner, kecker Mann von einigen dreißig Jahren, dessen Wille soviel wie der der Kaiserin galt; dann kam der Monarchin Kammerfrau, Frau von Puschkin, die Wittwe eines Offiziers, der sein Leben im Kriege gegen die Türken gelassen hatte. Frau von Puschkin war das Faktotum der Kaiserin, sie wußte um alle Intriguen, kannte die Geheimnisse jedes Einzelnen und griff nicht unerheblich in die Schicksale vieler Persönlichkeiten ein. Die dritte Bevorzugte Katharina’s war eine ihrer Hofdamen, die märchenhaft schöne Gräfin Jadviga Orsinska – die Tochter eines »rebel­lischen« Polen. Warum Katharina grade an sie ihre Liebe und ihre Gnade verschwendete? Das war eine seltsame Geschichte.

Bei der im Jahre 1792 stattgehabten Erhebung gegen den Einfall der Russen in Polen hatte sich, gleich vielen Andern, auch Graf Stanislaus Orsinski betheiligt – die Polen wurden am 17. Juni bei Zaslaw geschlagen, und der Graf mit mehreren Kampfgenossen gefangen genommen und nach Sibirien transportirt; doch geschah dies nicht über Petersburg und die Gefangenen durften unweit von Zarskoje-Sselo Rast halten. Der Zufall wollte, daß die Kaiserin mit einer glänzenden Cavalcade durch jene Ortschaft kam, und sie ließ sich herab, die Unglücklichen zu betrachten. Wie sie so an den Reihen dieser gefesselten Männer hinabritt, stieß sie plötzlich einen Schrei aus.

»Stanislaus Orsinski, bist Du es?« rief sie.

»Ja wohl,« sagte der Pole, »ich bin’s – ich büße für meines Vaterlandes Befreiung, Ihr habt mich verurtheilt!«

»Thut mir leid, daß Du grade Dich unter den Meuterern befinden mußt – aber ich darf nicht Gnade für Recht ergehen lassen! Ich muß ein Exempel statuiren, um Euch heißblütigen Polen das Müthchen zu kühlen, ich hoffe – das war die letzte Empörung!«

Da richtete sich der Graf hoch empor: »Ihr irrt, hohe Frau,« sagte er, »Polen wird sich erheben gegen Eure Herrschaft, so lange noch ein Blutstropfen in den Adern seiner Edelleute rollt, so lange noch Einer lebt! Denkt an mich! An mir ist Eure Strafe zu nichte geworden, Ihr straft nur die Meinigen; ich erreiche Sibirien nimmer –« Er fiel erschöpft zurück.

»Mag sein, Orsinski; aber die Strafe soll nur Eure Person treffen, nicht auch Unschuldige. Sagt mir, kann ich Etwas für die Euren thun?«

»Mein Weib ist todt,« sagte der Pole dumpf, »aber mein Kind, meine Jadviga, lebt – lebt als Waise!« –

»Ich werde für sie sorgen,« rief die Kaiserin, »ich werde sie zu mir nehmen – mein kaiserliches Wort darauf! Leb’ wohl, Stanis­laus!«

Orsinski behielt Recht. Er überlebte den Transport nach Sibirien nicht. Katharina aber beschied Jadviga, des Rebellen Tochter, zu sich – freilich mit Gewalt; denn die schöne Gräfin wollte Warschau nicht verlassen. Aber das galt gleich, Katharina wollte ihr kaiserliches Wort einlösen und überschüttete ihre neue Hofdame mit ihren Gunstbezeugungen, welche diese ruhig, aber ohne Freude entgegennahm.

Heute gab die Czarin auf Zarskoje-Sselo ein glänzendes Fest, wozu der Adel von Petersburg und der Landumgebung geladen war. Die Monarchin sah es gern, wenn Gäste ihre Prachtliebe bewunderten, das glänzende fröhliche Getriebe machte ihr Vergnügen. Sie selbst saß in dem großen Audienzsaal, dessen Thüren nach der blühenden Terrasse offen standen, unter einem Baldachin, auf einem mit der kaiserlichen Krone geschmückten Lehn­sessel, und unterhielt sich gnädig mit denen, welche sie zu sich heranwinkte. Hinter ihrem Sessel stand die Gräfin Orsinska, still und sanft, wie immer, schön wie die Prinzessin im Feenmärchen. Ihre hohe, biegsame Gestalt trug die reiche Hoftracht. Der tiefe, viereckige Ausschnitt der Taille, umrahmt von duftigen Spitzen, die sich leicht auf dem Blaßrosa der Atlasrobe kräuselten, ließ einen blendend weißen Hals von ebenmäßiger Schönheit frei, und auf diesem erhob sich der feine Kopf mit den tief dunklen Augen, die von schwarzen Brauen überwölbt waren. Das reiche Haar trug sie der Mode gemäß gepudert, doch schim­merte zwischen dem Puder das herrliche Blond hervor. Sie glich in ihrer traurigen Ruhe einer Marmorstatue.

Katharina hatte eben eine vornehme Dame gnädig verabschiedet, sie wendete sich um.

»Jadviga,« sagte sie halblaut, und die Hofdame schrak aus ihrem Sinnen empor.

»Majestät befehlen?«

»Was stehst Du so traurig da – wie immer?« fragte die Czarin gütig, »geh’, mische Dich unter die Gäste, sei heiter!«

Ein mattes Lächeln glitt über Jadviga’s Züge.

»Ersteres werde ich thun, wenn Eure Majestät befehlen, Letzteres kann ich nicht – ich passe nicht in heitere Gesellschaft.«

»Das weiß der Himmel,« sagte die Kaiserin, »ich glaube gar, Du bist krank!«

»Vielleicht!« Jadviga sagte es so leise, daß die Kaiserin es nicht verstand.

»Wenn Du nur nicht gar das Heimweh hast,« fuhr sie fort; »aber ich wüßte wieder nicht, nach wem und nach was? In Warschau hast Du Niemanden, der Dir verwandt wäre – Dein Vater ist todt!« –

»Gestorben auf dem Wege nach Sibirien, Majestät,« warf Jadviga bitter ein.

»Schweig,« sagte die Kaiserin finster, »das sind Staatsangelegenheiten, die Du nicht begreifen kannst! Jetzt bist Du bei mir, stehst unter meinem Schutz –. Du bist eine Russin geworden –«

»Um Vergebung, Majestät, ich bin Polin, Polin von Geburt und aus Neigung!«

»Willst auch Du Dich empören gegen mich?« sagte Katharina drohend, »nimm Dich in Acht, Undankbare!«

»Der Undank ist meinem Herzen fremd,« entgegnete Jadviga ruhig und fest, »und ich weiß, daß Eurer Majestät Gnade größer ist, als mein Verdienst – ich empöre mich nicht gegen Eurer Majestät Person; denn mein Dank wird ewig dauern!«

»Gut, Jadviga!« Sie reichte ihr gnädig die Hand zum Kusse und winkte dann dem Grafen Orloff.

Der schöne elegante Mann flog herbei und beugte sein Knie vor Katharina.

»Reiche der Gräfin Orsinska den Arm,« befahl sie ihm, »und führe sie ein wenig herum – geh’ mit ihr in den Park, sie soll sich zerstreuen!«

Einen Augenblick zuckte es wie Freude auf in den Augen des Grafen, dann aber senkte er die Lider. »Wie Du befiehlst, Czarina!«

Aber Jadviga wich einen Schritt zurück.

»Ich bleibe lieber hier in der Nähe Eurer Majestät.«

»Was soll das heißen?« fragte Katharina scharf. »Euch Polen scheint das Widersprechen zur zweiten Natur geworden zu sein! Geh’, ich befehle es!«

Vor diesem Wort, welches Tausende von Menschen im Reich der nordischen Semiramis beben machte, beugte sich Jadviga und legte widerstrebend ihren Arm in den Orloff’s, welcher sie schweigend durch den Saal hinaus auf die Terrasse und von da dem Parke zu führte.

Die dichten Laubgänge von Zarskoje-Sselo waren heute durch bunte Lampions feenhaft erleuchtet, gleichwohl aber gab es Plätzchen, deren diskretes Dämmerlicht zum Plaudern einlud, und an eine solche Stelle führte Graf Orloff seine schöne Dame. Bis jetzt hatten weder sie noch er ein Wort gesprochen; endlich brach er das Schweigen.

»Ich preise meinen guten Stern, der mir ein Alleinsein mit Euch gestattet, Gräfin,« sagte er, und seine dunklen Augen blitzten zu ihr herab; »vergebens habe ich bis jetzt den Moment ersehnt, der mich Euch, fern von jedem Zwange der Etiquette, gegenüberstellt. Nun, Gottlob, er ist gekommen!«

Jadviga schrak auf bei diesen Worten.

»Ich wüßte nicht, weshalb Ihr diesen Moment herbeigesehnt haben könntet,« entgegnete sie einfach.

»Weßhalb? Gräfin, kündet Euch der Instinkt Eures Herzens nicht, daß ich Euch viel, sehr viel zu sagen habe?«

»Was könnte der mächtige, stolze Graf Orloff, der Bevorzugte der Czarin vor Allen im weiten Reiche, mir, der Tochter des polnischen Rebellen, zu sagen haben?« fragte sie stolz und kalt.

Er trat näher zu ihr heran.

»Jadviga,« flüsterte er leidenschaftlich, »Jadviga, laßt sie hier fallen, diese kalte, hochmüthige Rolle, die Ihr bei Hofe spielt; legt endlich hier die starre Marmormiene der Galathea ab, und –«

»Graf, ich glaube, Ihr sprecht im Fieber,« erwiderte sie, und ihre Stimme klang ebenso ruhig wie früher, »von welcher Rolle sprecht Ihr? Ich gebe mich, wie ich bin: Verstellung ist mir fremd, ich würde sie unter meiner Würde halten. Wenn Ihr meine öfters wiederkehrende Apathie für Hochmuth haltet, so denkt, wie Ihr wollt; aber ich sage Euch, ich müßte mich selbst verachten, wollte ich leichtsinnig mit in den Ruf Eurer Freude: »Vive la joie!« einstimmen, ich, die das Unglück gelehrt hat, die Freuden Eures Hofes zu verschmähen. Jubelt weiter in Uebermuth und Leichtsinn, mich laßt davon aus! -«

»Jadviga!«

»Ich bin für Euch die Gräfin Orsinska, verstanden?«

Wie konnte sie doch zornig klingen, die Stimme der schönen, sanften Hofdame der Czarin! Sie hatte sich von ihrer Moosbank erhoben und war im Begriff, fortzugehen. Da ergriff Orloff ihre Hand und hielt sie fest.

»Ihr werdet nicht eher von der Stelle gehen, bis Ihr mich angehört habt,« sagte er drohend.

»Also Gewalt? Ich begreife, der Herr Graf wollen eine neue Scene der Unterdrückung Polens durch Rußland aufführen,« sagte Jadviga kalt und spottend, »nun wohlan, was soll es, faßt Euch kurz!«

»Nun denn, Jadviga, Ihr müßt bemerkt und gefühlt haben, daß ich Euch liebe, Euch anbete, Euch –«

»Verzeihung, Herr Graf, das habe ich nicht bemerkt,« fiel sie ihm sarkastisch in’s Wort, »ich fand im Gegentheil, daß ich von Euch auf verletzende Weise ignorirt wurde, daß Ihr sogar die Regeln der Höflichkeit mir gegenüber außer Sicht ließet – freilich, wenn das in Rußland Liebe genannt wird, dann –«

»Spottet nicht, Ihr macht mich rasend,« unterbrach er sie heftig, »laßt Euch sagen, daß die ewige Gegenwart der Czarin mir einen Zwang auferlegt, der mich zu ersticken droht! Ich bete Euch an, Jadviga, Ihr seid die schönste Frau der weiten Welt? Mag man sie bewundern, anstaunen, jene Zauberin, die sich Sophia Potocka nennt – bah, was ist sie gegen Eure majestätische Schönheit! Wendet Euch nicht ab, – Ihr müßt mich hören, ich muß Euch sagen, was mir das Blut schäumend durch die Pulse treibt, was mich dem Wahnsinn nahe bringt, das eine, das einzige Wort: ewig wie der Nachthimmel über uns, ewig wie die Welle im Meere und glühend wie der Sonnenball, wenn er seine Strahlen in die Finthen der Newa taucht – das einzige Wort, daß ich Euch liebe!«

Tief athemholend hielt er inne, Jadviga aber war todtenbleich geworden, sie senkte die Augen.

»Graf Orloff,« sagte sie leise, aber fest, »es wäre besser gewesen für uns Beide, Ihr hättet dieses eine Wort nie ausgesprochen!«

»Nie? Haha, damit ich daran zu Grunde gegangen wäre!« stieß Orloff heraus, »antwortet mir, sagt, wollt Ihr mich erhören, und dem Zorn einer Katharina zum Trotz werdet Ihr meine Gattin, wir fliehen nach Frankreich – antwortet, bei meinem Zorn!«

»Ich habe Euch schon geantwortet, Graf Orloff, sprecht nie wieder solche Worte zu mir; denn ich kann und darf Euch nie erhören!«

Orloff stieß einen wilden Schrei aus.

»Jadviga,« knirschte er, »Jadviga, nehmt es zurück, dieses Wort, antwortet mir kurz und bündig, Ihr wollt die meine werden!«

»Nein – nimmermehr!«

Da stieß er sie von sich in blinder Wuth, der mächtigste Mann Rußlands.

»Und Eure Gründe für diese Weigerung?«

»Fragt nicht, Orloff, ich werde sie Euch nie nennen, ich darf nicht!«

Er athmete tief auf und faßte an seine feuchte Stirn.

»Jadviga,« sagte er, sich zur Ruhe zwingend, »erwäget meine Worte wohl! Geht mit Euch zu Rathe – ich werde nach zwei Tagen wieder bei Euch anfragen!«

Sie schüttelte das Haupt.

»Es wäre unnütz,« erwiderte sie, »ich kann Euch nur die eine Antwort geben, daß ich Eure Hand von mir weise – für ewige Zeiten!«

»Das ist Euer letztes Wort?«

»Mein letztes – ja!«

Da lachte er wild auf, daß es gellend durch die Ruhe der Nacht klang, und trat dicht vor Jadviga hin.

»Nun denn, Unglückliche,« drohte er, »so sollst Du erfahren, was es heißt, des Grafen Orloff Hand abweisen, seine Liebe verschmähen! Ich werde mich rächen, furchtbar rächen an Dir, und sollte ich Himmel und Erde in Bewegung setzen!«

Jadviga hatte die Arme über die Brust gekreuzt, sie zitterte nicht vor dem furchtbaren Zorne dieses Mannes.

»Ich muß Euch gewähren lassen,« sagte sie fest, »ich kann Euch keinen Hemmschuh entgegensetzen; denn ich bin nur ein schwaches Weib, ohne Macht, ohne Schutz! Euch aber bedaure ich, Graf Orloff; ich kann nur beklagen, daß ein solch glänzendes Aeußere, wie das Eure, eine so niedrige Seele birgt. Thut, was Euch beliebt!«

Und sich langsam umwendend, ging sie dem Schlosse zu.

»Sie muß es büßen,« dachte Orloff erbittert, »kein Mensch darf mich ungestraft beleidigen!«

Jadviga aber blickte mit thränendem Auge auf zu dem glänzenden Sternenhimmel:

»O Du dort oben, von dem alle Kraft kommt, hilf mir, daß ich mein bitteres Loos muthig trage, daß ich den Schwur, der mich in dieses Joch schmiedete, erfülle. Ich bin müde, sterbensmüde und muß dennoch ausharren, ich werde das mir in Aussicht gestellte Glück nie kosten. Und Du, der Du fern weilest, umgeben von Gefahren und Tod, warum hast Du mir das gethan?«



2.

In seinem Cabinet schritt Fürst Czernyschew hastig auf und nieder. Der Minister stand am Ende der vierziger Jahre und war eher häßlich, als schön zu nennen; dennoch aber machte ein Zug von Güte in diesem schmalen, bartlosen Gesicht, daß man sich zu seinem Inhaber hingezogen fühlte.

Wie gesagt, er schritt hastig in seinem Arbeitscabinet auf und nieder, während düstere Wolken auf seiner Stirn lagerten. – Katharina II. liebte es, ihre Pläne und Entwürfe auf die Schultern ihrer Minister zu laden. Wenn diese gearbeitet und gestritten hatten, dann konnten sie das Ganze als fait accompli der schönen Despotin zu Füßen legen, welche nur ihren gewichtigen Namenszug hinzufügte.

Während der Minister dumpf brütend auf und nieder schritt, klopfte es an der Thüre. Auf das einladende »entre?« des Fürsten betrat Graf Orloff das Cabinet und reichte dem Inhaber desselben die Hand.

»Eh bien,« sagte er, seine Handschuhe ablegend, »eh bien, was giebt’s Neues? Es fängt an, langweilig in Zarskoje-Sselo zu werden, und ich hoffe, Ihr habt Zerstreuungen in petto, und wären es selbst Arbeiten, gleichviel – die Langeweile ist ein böses Laster – ich hasse sie.«

»So geht nach Petersburg zurück!« rieth der Fürst.

»Petersburg?« wiederholte Orloff, »bah – auch nicht mehr amüsant! Ich glaube, ich bin blasirt geworden, oder – melancholisch, doch nun sagt, Peter Petrowitsch Czernyschew, was birgt heute Euer Portefenille?«

»Trübes, nur Trübes, Gregor Orloff,« entgegnete der Minister langsam.

»Pfui, welch’ ein Nebel liegt in der Atmosphäre Eures Gemaches! – Trübes, nur Trübes,« wiederholte Orloff. »Nun denn, und woher kommt diese trübe Witterung?« –

»Von woher anders als von Polen?« rief der Fürst. »Polen heißt jeder Kampf, Polen heißt Sibiriens Bevölkerung, Polen nennt sich jedes Unglück, Polen jede Sorge – immer Polen und Polen! Wann endlich wird es ruhig in diesem unglücklichen Lande werden, wo Hoch und Niedrig, Edelmann und Bauer ein Rebell ist, ein Rebell wider Kaiser und Staat? Wann endlich werden die Gewehre unserer Soldaten Kugeln abschießen, welche kein polnisch Herz durchbohren? Wann wird Katharina das letzte Todesurtheil für Polen unterschreiben? Glaubt mir, Gregor Orloff, mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie sich dies herrliche Land in sich selbst verwüstet!«

Graf Orloff zuckte die Achseln.

»Man lasse sie verwüsten und sterben – sie wollen es nicht anders!«

Czernyschew athmete tief auf.

»Ihr habt Recht, leider Recht,« sagte er dumpf.

»Und was bereitet man wieder in Polen vor?« fragte Orloff, »hat man eine Verschwörung entdeckt?«

»Das nicht,« entgegnete der Minister, »aber es gährt unter dem Adel, wie unser Statthalter in Warschau meldet. Und diese Währung verursacht Koscziusko’s Gefangenschaft.«

»Man will ihn befreien?« brauste Orloff auf, – »nieder mit den Rebellen!«

»Noch verlautet nichts davon; aber man wird es wohl thun –« entgegnete Czernyschew. »Zum Glück genießt Koscziusko eine seiner würdige Gefangenschaft – das besänftigt die Gemüther einigermaßen.«

»Ja, die Czarin läßt ihn leben und pflegen wie einen Prinzen,« grollte Orloff.

»Der vorurtheilsfreie Sinn unserer Souveränin erkennt eben die Tapferkeit, den Edelmuth dieses Mannes an.«

»Freilich, dem seltenen Vogel im schmucken Käfig geht nichts ab, als die Freiheit – und das erhitzt die Köpfe der Polen,« lachte Orloff.

»So ist es, und das macht bange Sorge für die Zukunft. Indeß – neben diesem Berichte kommt uns die Nachricht zu, daß sechszehn edle Polen, Graf Stephan Wièlopolski an der Spitze, sich dem neuen Regime öffentlich unterworfen haben. Sie sind auf dem Wege nach Petersburg, um der Czarin zu huldigen; ich denke aber, Katharina wird sie in Zarskoje-Sselo empfangen. Ihr, Gregor Orloff, werdet der Herrin wohl diesen Plan vorlegen?«

»Tres volontièrs,« sagte der Graf, »der Anblick ihrer Landsleute wird dann vielleicht der Gräfin Orsinska ein Lächeln entlocken.«

Er blickte bei diesen Worten scharf auf den Fürsten, und seltsam, der gewiegte Diplomat verlor momentan die Fassung.

Orloff brach in ein helles Lachen aus.

»Läuft der Hase so?« rief er. »Nun denn, wenn Ihr Lust habt, so rennt Euch den Kopf ein an dieser Marmorstatue!«

»Lacht nicht, Orloff,« sagte Czernyschew ernst, »Jadviga Orsinska wäre unter allen Frauen vielleicht die einzige, die ich zu meiner Gemahlin machen möchte!«

»Sehr schön – aber zum Heirathen gehören Zwei!«

»Ganz richtig – vielleicht auch Drei – das betreffende Paar und der Wille der Kaiserin, – doch sprechen wir von etwas Anderem!«

Orloff sprang schnell von dem berührten Thema ab und verabschiedete sich bald darauf von dem Minister. Im Corridor begegnete ihm die intrigante Frau von Puschkin, der Kaiserin intime Kammerfrau. Orloff pflegte sie vertraulich nur das privilegirte Eulengesicht zu nennen, und in der That hatte die würdige Dame eine nicht allzu entfernte Aehnlichkeit mit diesem Vogel; im geselligen Leben aber zollte ihr der Graf jede Höflichkeit – sie war eben sehr mächtig bei der großen Czarin.

»Was giebt’s Interessantes?« rief er ihr entgegen, »ich sterbe vor Langeweile.«

»Hihi,« kicherte sie, »hätte wohl eine seltsame Nachricht – aber sie ist werthvoll – sehr werthvoll, hihi!«

»Verstehe, Sacha, verstehe,« erwiderte er, »soll gut vergoldet werden – wer weiß sie schon?«

»Keine Seele, nur ich! Wollt Ihr sie, Gregor?«

»Ei, nun ja! Wen betrifft sie?«

»Hihi, die Orsinska, das neue Herzblatt der Czarin.«

Orloff fuhr zusammen – die Sache fing an, ihn zu interessiren. Er schob daher den Arm der Kammerfrau unter den seinigen und sagte:

»Nun, Sacha, wir wollen Gemeinschaft machen in diesen Dingen – erzählt nur, – es könnte vielleicht ein hübsch Stück Geld abwerfen für Euch!«

»Schon gut,« flüsterte die Puschkin, »aber, Gregor Orloff, Ihr könnt schweigen?«

»Wie das Grab!«

»Nun denn –«

Die Puschkin erhob sich auf den Fußspitzen, um mit dem Munde Orloff’s Ohr zu erreichen, und flüsterte ihm etwas zu.

Der Graf fuhr hoch empor, als hätte ihn eine Natter gestochen.

»Das ist nicht wahr!« stieß er brüllend heraus.

»Doch – mein Agent verbürgt sich dafür,« nickte die Puschkin bestätigend.

»Und der Name, der Name des Schuftes?« raste der Graf und rannte, seiner kaum mächtig, auf und nieder.

Die Kammerfrau zuckte mit den Schultern.

»Ist nicht herauszukriegen,« sagte sie bedauernd, »aber mein Agent schwört Stein und Bein darauf, daß, wie gesagt – Jadviga Orsinska die heimliche Gemahlin eines polnischen Edlen ist!«

»Schweigt!« schrie Orloff außer sich, »wiederholt es nicht, das Wort, das sie für mich verloren macht; schweigt – ich will mich fassen, mich erholen!«

Und er trat in eine tiefe Fensternische und lehnte den Kopf an die Scheiben, daß sich der Kampf in seinem Innern besänftige, während sein Mund mehr stöhnte, als athmete. Plötzlich fuhr ein Blitz der Freude über seine Züge – er lächelte diabolisch.

»Puschkin –« er wandte sich um, »Puschkin, Ihr könntet viel Geld verdienen, wenn Ihr eine Arbeit für mich verrichtet – viel Geld!«

»Wie viel?« fragte sie.

Orloff sann nach: »Dreitausend Rubel!«

Der Puschkin runde Eulenaugen fingen an vor Habgier zu glänzen.

»Topp,« sagte sie, »nennt mir Euren Plan!«

Da zog Orloff seine Verbündete zu sich in die Fensternische und flüsterte lange mit ihr. Plötzlich ertönte eine Glocke und die Puschkin fuhr empor.

»Die Kaiserin ist aufgestanden, Euer Plan soll bald zur Ausführung kommen!«

Und sie eilte den Gemächern der Czarin zu, aus welchen soeben Jadviga Orsinska trat.

»Ihre Majestät wünscht Toilette zu machen,« rief sie der Kammerfrau entgegen und ging mit leichtem Gruß an Orloff vorüber.

Dieser sah ihr höhnend nach. »Hüte Dich, stolze Polin,« flüsterte er, »nicht umsonst hast Du Gregor Orloff beleidigt – meine Rache wird schrecklich sein!«

Inzwischen hatte sich Katharina II. von ihrem Lager erhoben, auf welchem sie sich früh die eingelaufenen Correspondenzen vorlesen ließ, soweit dieselben Privatangelegenheiten, als Bittgesuche u. s. w. betrafen; sie ließ sich den Pudermantel umlegen und übergab das kaiserliche Haupt den kunstreichen Händen der Puschkin.

»Nichts Neues?« – fragte die Czarin und bezeugte mit dieser Frage, daß auch sie nicht frei von Neugierde war – sie müßte eben keine Evastochter gewesen sein; womit übrigens, in Parenthese bemerkt, nicht gesagt sein soll, daß die sogenannten Herren der Schöpfung frei von dieser Eigenschaft wären – im Gegentheil, es ließe sich darüber Manches berichten.

Die Angeredete fand es jedoch für gut, nichts zu wissen.

»Hm – nichts Sonderliches, Majestät!« erwiderte sie, sorgfältig das Haar glättend.

Katharina warf einen Blick in den Spiegel auf das Gesicht ihrer Kammerfrau – diese aber hatte ihre Augenlider zu beiden Seiten der großen Nase ganz unschuldig gesenkt – ihre Züge hatten nichts, was auf das Gegentheil ihrer Antwort deuten konnte.

»Ei was, Puschkin, besinne Dich,« fuhr die Czarin fort, »ich bin heute grade in der Laune, etwas Klatsch mit anzuhören. Wenn Du nichts weißt, wer sollte dann etwas wissen? Orloff ist jetzt immer zerstreut, die Orsinska ist zu ernst zu solchen Dingen, und meine kleine Plaudertasche, die Gräfin Potocka, ist verreist – ich wünsche mein arbeitreiches Leben auch etwas amüsant und pikant zu machen!«

Die Puschkin hatte eben mit geübter Hand die letzte Locke hinter dem kleinen Ohr der schönen Despotin befestigt und ergriff die Puderquaste, um ihre Arbeit zu vollenden. Durch dieses Manövre war Katharina genöthigt, die Augen vor der dichten weißen Wolke, die sich auf sie herniedersenkte, zu schließen. Den Moment benützte die Cameriera.

»Hm,« machte sie wieder, »Eure Majestät haben Recht, Graf Orloff ist in letzter Zeit sehr zerstreut geworden!«

Katharina wendete hastig das Haupt um.

»So, hast Du es auch bemerkt?«

»Kaiserliche Majestät, zu dienen, ja!«

Jetzt war der Puder ebenmäßig auf der Frisur vertheilt und der Mantel fiel von der kaiserlichen Schulter. Die Puschkin holte einen schweren, mit Gold gestickten Seidenrock herbei und warf ihn der Czarin über.

»Ja, aber warum ist Orloff zerstreut?« fragte die Letztere.

Sacha ließ wieder ihr klassisches »hm« hören und bückte sich, um den Saum des Rockes glatt zu zupfen.

»Er muß eben etwas im Kopfe haben, was ihn so verändert!«

»Sehr richtig – ich würde Dir aber verbunden sein, wenn Du mir dieses »Etwas« nennen wolltest!«

»Hm – er muß verliebt sein, Majestät,« warf die Kammerfrau harmlos hin, indem sie der Czarin das brillantengeschmückte Mieder anzog.

»Verliebt?«

Katharina hatte es so hastig und unangenehm berührt gerufen, daß sie dabei mit Gewalt ein feines Spitzentaschentuch zerfetzte.

»Puschkin, das fehlte grade noch,« fuhr sie schnell fort, »Orloff ist ein tüchtiger Kopf, den ich nothwendig brauche – wenn er verliebt ist, dann taugt er nichts mehr! Man muß also den Gegenstand seiner Aufmerksamkeit entfernen –anderweitig verheirathen!«

»Majestät treffen, wie immer, den Nagel auf den Kopf!«

»Ich muß wohl, muß Ordnung schaffen,« rief die Kaiserin erregt, »wie kann Gregor Orloff sich überhaupt unterstehen zu lieben, ohne meine Erlaubniß, ohne mich zu fragen?«

»Hm,« machte abermals die Puschkin, »es mögen sich schon Viele in die schöne Orsinska verliebt haben, warum Graf Orloff nicht auch?«

Katharina wendete sich zornesroth um und gab ihrer Vertrauten eine echt kaiserliche Ohrfeige.

»Du lügst.« donnerte sie, »Jadviga liebt Orloff nicht wieder!«

Die Puschkin rieb ihre schmerzende Wange und bemühte sich Thränen herauszupressen. Für Katharina war das genug – sie nahm einen kostbaren Ring aus einer Cassette und gab ihn der Geschlagenen.

»Sei still, Puschkin,« beschwichtigte sie, »und sag’ mir lieber, wie man Orloff diese Gedanken ausreden kann!« –

Die Kammerfrau trocknete ihre Augen und ließ den Ring innerlich vergnügt in ihre Tasche gleiten.

»Eure Majestät müssen die Polin verheirathen!« –

»Natürlich,« pflichtete die Czarin bei und wandelte erregt auf und ab, »es muß geschehen, auf jeden Fall, sonst wird Orloff unbrauchbar. Jadviga muß fort, weit fort – »aus den Augen, aus dem Sinn,« heißt’s in einem deutschen Sprichwort. Eh bien, verheirathen wir sie, aber an wen, an wen?«

»Hm, die Hofcavaliere wären wohl Nichts!«

»Wart’ einmal, da wäre Graf Potkoff – der Narr ist für Jadviga nicht gut genug, – Feodor von Uexküll – auch Nichts – sind Alle Hofschranzen, die für ein Wesen wie die Orsinska nicht passen! Ich wüßte Niemand.« –

»Fürst Czernyschew wäre wohl zu alt, Majestät?« fragte die Puschkin lauernd.

»Czernyschew? Ei, ein prächtiger Gedanke! Er zu alt? Er ist in den besten Jahren und ein Mann von Charakter. Aber er dürfte nicht hier bleiben. – Halt, ich hab’s! – Mein Botschafter in Wien wird alt und schwach – wir berufen ihn zurück und betrauen Czernyschew mit seinem Posten – das geht! Puschkin, das hätte ich Dir nicht zugetraut!«

Puschkin warf mit sauersüßer Miene ihrer Gebieterin die zobelbesetzte Polonaise von blauem Sammet um und beendete hiermit die heute etwas stürmische Toilette. Darauf empfing die Czarin den Grafen Orloff in etwas reservirter Haltung: sie nahm seinen Arm, um sich nach dem Gemach führen zu lassen, wo sie täglich einige Stunden mit ihren Ministern arbeitete. Orloff war ziemlich guter Laune; denn die Puschkin hatte ihm mit einem Wink angedeutet, daß »Alles in Ordnung sei.«

Letztere wog jetzt, nachdem die Kaiserin das Boudoir verlassen, den Ring in ihrer Hand; sie dachte, er sei ein brillantes Schmerzensgeld für eine bloße Ohrfeige ohne Zeugen; liebte doch Katharina ihren Untergebenen solche Geschenke oft vor Zeugen auszutheilen.



3.

Es war wenige Tage später.

Der große Empfangssaal von Zarskoje-Sselo war heute mit besonderer Pracht geschmückt. Die hohe Petersburger Gesellschaft war auf die Einladungen des Oberhofmeisteramtes herbeigeströmt. Die seidenen und sammtenen Roben der Damen rauschten, Brillanten blitzten an dem überladenen Aufputz der reichen Kleider, Brillanten blitzten im gepuderten Haar und an den spitzenumkräuselten Armen ihrer mehr oder minder schönen Trägerinnen. Die Herren trugen heut ihr erstes Galacostüm nach französischem Muster, die goldgestickten Röcke aus den kostbarsten Stoffen, die mit Brillantenknöpfen geschlossenen Westen aus Gold- und Silberbrokat, die kurzen aus der Farbe des Rockes bestehenden Cülottes, die weißen, seidenen Strümpfe und die mit den werthvollsten Schnallen geschmückten Schuhe. Man war sehr begierig auf den Zweck dieses Zusammenkommens; denn daß es etwas Wichtiges war, dem man beiwohnen sollte, das konnte man schon an der befohlenen Gala, an dem mit verschwenderischer Pracht drapirten Thronsessel ersehen.

Die Neugierde der Gemüther steigerte sich auf’s Höchste, als man plötzlich aus dem geschlossenen Nebenzimmer Klänge vernahm, welche die größte Ähnlichkeit mit Sporengeklirr hatten – was konnte es sein? Das Räthsel sollte sich bald lösen; denn auf der Schwelle des Saales, gegenüber der geheimnißvollen Thüre, erschien der Oberceremonienmeister mit seinem goldenen Stab, den er dreimal auf die Erde stieß – das Zeichen, daß die Herrscherin aller Reußen nahte.

Da erschien sie denn auch, strahlend im Glanze ihrer Kaiserherrlichkeit; über das brillantenbesetzte Kleid von drap d’argent schlang sich der Mantel von purpurfarbenem Sammet, gefüttert und verbrämt mit dem weichen, weißen Fell des Hermelin und getragen von zwölf Pagen; das Haupt schmückte die kleine Krone von Brillanten. Hinter ihr schritten die Hof- und Palastdamen, dann folgte das Heer der Würdenträger und Kavaliere des Hofes – ein stolzer, prächtiger Zug, wie ein Märchen aus Tausend und Einer Nacht.

Als die Czarin unter den Verneigungen der Anwesenden an den Stufen des Thrones angelangt war, trat Graf Orloff aus den Reihen des Zuges, beugte vor der Souveränin das Knie und reichte ihr die Hand, sie zum Thronsessel emporzuleiten; neben diesem stand ein vergoldeter Tisch, dessen Sammetplatte eine kostbare Cassette und das Reichsschwert mit der Toledoklinge und dem goldenen, edelsteingeschmückten Griffe trug.

Katharina II. ließ sich auf dem Sessel nieder, und die Damen stellten sich im Halbkreise herum. Die schönste unter ihnen war unstreitig die Gräfin Orsinska mit ihren traurigen, großen Augen. Abermals stieß der Oberceremonienmeister seinen Stab dreimal auf das Parquet des Saales, und nun öffnete sich die festverschlossene Thüre.

Jetzt erhob sich die Czarin in ihrer imponirenden Hoheit und ergriff das Reichsschwert, dasselbe vor sich haltend. Aus der Thüre des Nebengemachs aber traten sechszehn polnische Edelleute in ihrer schönen, kleidsamen Tracht, an ihrer Spitze eine edle, vornehme Männergestalt, der Apoll Warschau’s, Graf Stephan Wièlopolski.

Es war gut, daß Aller Augen sich auf die Fremden, diese kühnen, kriegerischen Gestalten mit klirrenden Sporen, hefteten – denn so sahen sie nicht, wie Jadviga Orsinska bleich und bleicher wurde, wie sie die weißen Hände krampfhaft auf die Lehne des kaiserlichen Thrones stützte, um nicht zu sinken – nicht einmal Gregor Orloff sah es; denn ihn fesselte sein Amt an die Seite der Czarin.

Vor dem Thron angelangt, beugten die Edelleute die Kniee, und in einfachen Worten, deren Wirkung sein tiefes klangvolles Organ unterstützte, kündigte Graf Stephan Wièlopolski seine und seiner Kameraden Unterwerfung unter Katharina’s Scepter an. Tiefe Stille herrschte, nachdem er geendet – das war also der wichtige Tag, dem Petersburgs Adel in Gala beiwohnen mußte, und aus Aller Munde scholl ein donnerndes Hoch auf die Kaiserin – Graf Orloff hatte es angeregt.

Nur auf dem Antlitz Jadviga’s leuchtete nicht die Freude über diesen Polensieg der Russen – ihr thränenfeuchtes Auge hing unverwandt an dem schönen Sprecher. – Jetzt sah auch er zu ihr auf, und ein heimlich Grüßen flog hinüber und herüber.

Als das Hoch der Versammlung verhallt war, ergriff Katharina II. das Wort.

»Mit großer Genugthuung erfüllt es Unser Herz,« sagte sie, »daß endlich, nach jahrelangem Ringen und Kämpfen, die Blüthe von Polens Adel Mir, als der Kaiserin von Rußland und Königin von Polen huldigt und sich Meinem Scepter unterwirft. Wir haben uns daher veranlaßt gefühlt, diesen Tag feierlich zu begehen, und ernennen Euch, Graf Stephan Konstantinowitsch Wièlopolski, zum Comthur Unseres Ordens der heiligen Katharina, sowie Eure Kameraden zu Rittern dieses Ordens, und hoffen Euch stets zu Unsern getreuen Unterchanen zu zählen!« –

Wieder erscholl ein donnerndes Hoch, während die Kaiserin aus Orloff’s Hand das Großkreuz des Katharinen Ordens empfing und dasselbe dem Grafen Wièlopolski umhing. Dann ergriff sie das Schwert und schlug den Grafen durch dreimaliges Berühren der Schulter zum Ritter.

Nachdem der Graf mit wenigen Worten gedankt, wurden die Polen durch Gregor Orloff aus dem Saal zum Bankett geleitet, an welchem jedoch die Czarin nicht Theil nahm. Ehe dieselbe aber ihre Herren zu diesem Zweck entließ, winkte sie den Fürsten Czernyschew zu sich in ein Cabinet.

»Hört, Peter Petrowitsch,« sagte sie, »ich habe Euch eine Sache von Wichtigkeit mitzutheilen. Unser Gesandter in Wien wird alt und schwach – man muß ihn seiner Dienste, welche er nicht mehr genügend versehen kann, entheben und in den wohlverdienten Ruhestand versetzen. Was sagt Ihr?«

»Eure Majestät sprechen das Richtige aus. Doch wer sollte sein Stellvertreter werden?«

»Wir haben die Absicht, Euch mit diesem Posten zu betrauen!«

Czernyschew verbeugte sich.

»Eurer Majestät Wunsch ist mir Befehl. Ich bitte unterthänigst um die weiteren Ordres!«

»Sehr gut, Peter Petrowitsch,« entgegnete Katharina gut gelaunt, »der Schritt darf jedoch nicht bekannt werden; ich werde Euch eine Vollmacht ausfertigen, so daß Ihr in vier Tagen abreisen könnt. Ebenso werde ich Euch mein Beglaubigungsschreiben an den Kaiser von Oesterreich mitgeben. Ihr werdet indeß nicht allein reisen!«

»Nicht allein, Majestät?« Der Fürst schien sehr verwundert.

»Nein, Czernyschew, ich werde Euch einen Gefährten mitgeben, und zwar werdet Ihr in Gesellschaft Eurer Gemahlin reisen.«

»Majestät belieben zu scherzen!« –

»Nicht doch! Binnen vier Tagen wird die Gräfin Jadviga Orsinska Eure Gemahlin sein!«

»Majestät!« – stotterte der Fürst, überwältigt von der plötzlichen Erfüllung seiner geheimen Wünsche.

Katharina lachte hell auf.

»Eh, bien,« rief sie, »habe ich Euch nicht eine schöne Braut zugedacht?«

»O, es ist zu viel Güte,« entgegnete der Fürst. »Aber wird denn die Gräfin wollen?«

»Das ist meine Sorge. Ich bin Vormund der Gräfin und werde für ihre Mitgift kaiserlich sorgen. Doch haltet auch diesen Akt geheim – ich habe meine Gründe. Und nun geht zum Bankett und bereitet Euch dann zur Reise vor.«

Das war eine Entlassung in bündigster Form. Nachdem daher der Fürst sich tief verbeugt und die dargereichte kaiserliche Hand geküßt hatte, verließ er das Cabinet der schönen Despotin.

Letztere winkte Jadviga zu sich.

»Komm,« sagte sie, »wir wollen mit einander plaudern!«

Vor der Toilette entledigte die Puschkin ihre Gebieterin der schweren Staatsgewänder und hüllte sie in leichtere, bequemere. Dann befahl die Czarin ihre Chokolade und zog Jadviga neben sich auf das schwellende Sopha nieder, aber nicht eher, bis sich die Diener und die Puschkin entfernt hatten. Die Kaiserin fuhr mit der Hand liebkosend über Jadviga’s Stirn.

»Wie Du wieder bleich bist!« sagte sie. »Mir scheint, die Luft meines Reiches ist Dir nicht gut – ich werde Dich bald andere athmen lassen, Kind.«

Jadviga blickte befremdet auf.

»Wie soll ich das verstehen, Majestät?«

»Wie?« Katharina lachte; »das sollst Du gleich erfahren. Vor Allem aber eine Gewissensfrage, Jadviga, und ich befehle Dir, aufrichtig zu antworten!«

»Die Lüge war mir von jeher fremd!«

»Nun gut, wir werden sehen. Antworte also auf Ehre und Gewissen: liebst Du Gregor Orloff?«

Die Kaiserin blickte durchbohrend in die Züge Jadviga’s, aber diese änderte weder Ausdruck noch Farbe.

»Nein, kaiserliche Majestät!«

»Desto besser!« rief Katharina, »desto besser für Dich, Kind! Nun wohlan, Du weißt, daß ich die Vormundschaft über Dich übernommen habe: Dein Vater legte Dein Geschick in meine Hand. Der Augenblick ist gekommen, wo ich beweisen kann, daß ich für Dich und Deine Zukunft kaiserlich sorgen will. Bereite Dich also vor, Jadviga; denn in spätestens vier Tagen wirst Du vor dem Traualtar stehen und dem Fürsten Czernyschew als seine Gemahlin nach Wien folgen.«

Jadviga sank mit lautem Schrei zu Boden.

»Gnade, Majestät, Gnade!« stöhnte sie.

Die Kaiserin erhob sich sehr indignirt.

»Was soll das heißen?« fragte sie scharf. »Gieb mir einen Grund an für Dein Benehmen! – Du schweigst? Jadviga, antworte: was soll das heißen?«

»Gnade, nochmals Gnade, kaiserliche Majestät!« flehte die schöne Hofdame in herzzerreißendem Tone. »Laßt mich Tag für Tag Euch dienen, ich will es thun ohne Murren – nur das nicht – nie, nie im Leben kann ich die Gattin Czernyschew’s werden!«

»Was ich befehle, geschieht,« rief erbittert die Kaiserin, indem sie den Boden stampfte; »Czernyschew weiß schon um meinen Entschluß – ich breche mein kaiserliches Wort nicht – nimmermehr, verstanden?«

Jadviga erhob sich vom Boden. Hochaufgerichtet stand sie der Kaiserin gegenüber.

»Eure Majestät wollen mich also – verkaufen?«

Empört über die Kühnheit dieser Worte trat Katharina einen Schritt zurück – sie wurde dunkelroth vor Zorn.

»Jadviga,« zischte sie, »was wagst Du? Wurm, den ich zertreten kann, wann ich will, Du wagst es, mich, – die Kaiserin aller Reußen – zu maßregeln?« – Sie wendete der Hofdame den Rücken und befahl dann kalt und streng: »Geh’ auf Dein Zimmer – mein letztes Wort habe ich Dir gesagt! In vier Tagen wirst Du Czernyschew’s Gemahlin – gutwillig oder gezwungen – einerlei, wie es geschieht; aber daß es geschieht, dafür bürgt mein Wort!«

Aus Jadviga’s Zügen war jede Spur von Farbe gewichen – ihre Sinne drohten zu schwinden, dennoch entgegnete sie:

»Eure Majestät haben die Gewalt über meine Person – der Geist ist mein! Das Jawort wird über meine Lippen nicht kommen!«

»Schweig’!« donnerte die Czarin, »Du wärest die Erste, die meinem Willen trotzt! Du wirst das Jawort sprechen, so wahr ich Kaiserin bin!«

»Erbarmen!«

Wieder sank Jadviga der Erzürnten zu Füßen und erfaßte ihre Hand. Katharina lachte grell auf.

»Erbarmen? Ich kenne keines – ich habe es nie gekannt, die Herrscherin aller Reußen ist hart wie Stein! Dein Jammern hilft nichts! Geh’!«

Und sie stieß Jadviga von sich, welche stöhnend ihren Kopf in die Falten des kaiserlichen Gewandes zu bergen suchte.

»Was sollte mich veranlassen,« fuhr die Czarin fort, »Erbarmen zu üben wegen empfindsamer Launen einer dame de cour? Wahrscheinlich steckt Dir das Bild irgend eines polnischen Rebellen wider mich und mein Scepter im Kopfe, und Du hast geschworen, keinem Andern, als ihm, Deine Hand zu reichen? Was kümmert’s mich? Dein Pole wird sich trösten, und Du auch! Kurz – Du wirst Czernyschew’s Gemahlin, auf jeden Fall – reize mich nicht noch mehr!«

Das war zu viel für Jadviga – sie vergaß in ihrer Verzweiflung, wer vor ihr stand, und mit erhobener Hand rief sie die kühnen, eindringlichen Worte:

»Majestät, bedenkt, was Ihr thut! Bedenkt, daß Ihr mich in den Tod treibt, in den sicheren Tod, mit Eurer Grausamkeit, die schon vor mir Viele, Viele zum Tode getrieben hat! Denkt an die Stunde Eures Sterbens, wo Gewissensqualen Euch foltern werden, und die bittere, blutige Reue Euch keine Ruhe giebt, wo die Schatten Eurer Opfer Euch umringen und Euch mahnen werden an die schrecklichen Thaten, mit denen Ihr Euren Thron, den Thron der Romanoff’s befleckt! Da werden sie um Rache schreien, die hingemordeten Polen, da wird er Euch drohend anklagen, Euer kaiserlicher Gatte, dem Ihr den Giftbecher gereicht, und jammernd um sein junges Leben wird der schöne Prinz Iwan Euch mit blutigem Schatten verfolgen! – Erbarmen, Erbarmen! laßt mich nicht verzweifeln, gönnt mir mein Leben, ich bin noch so jung – Erbarmen, bei Dem, der Euch die Krone auf dem Haupte gelassen – Erbarmen, Gnade!«

Erschöpft sank sie zusammen, während ein krampfhaftes Schluchzen ihre Gestalt erschütterte. Vor ihr aber stand Katharina II.: ihr Antlitz war aschfahl, ihr Auge blickte stier, und die Lippen waren fest auf einander gepreßt. Wohl zum ersten Mal im Leben hatte sie solche Worte vernommen, und sie weckten in ihr einen tiefen Haß gegen die, welche die Geister der Blutschuld mit schreckhafter Gewalt wieder wachgerufen. Unvermögend, zu sprechen, hob sie nur den Arm und deutete nach der Thüre.

Jetzt erst gewahrte Jadviga, was und zu wem sie gesprochen; jetzt wußte sie, daß sie selbst sich ihr Schicksal besiegelt hatte. Sie hatte nicht an ihn gedacht, der mit einem Worte das Wirrniß lösen konnte – sie hatte ihr Dasein vernichtet! – Aber vielleicht war es noch nicht zu spät? – Ihr Schluchzen erstarb – eine starre Ruhe kam über sie. Stumm wankte sie der Thüre zu und verließ das Gemach der Kaiserin.

Als diese sich allein sah, sank sie tief seufzend auf das Sopha.

»Und wenn ich Jahre meines Lebens darum gebe,« sagte sie in deutscher Sprache eintönig und langsam, »nicht mit allen Schätzen des Orients, nicht mit meiner ganzen Macht kann ich sie zurücknehmen, diese dunkle That! – Ich wußt’ es wohl, diese Polen sind mein Fluch, und Eine dieses Stammes muß sie mir zurückrufen, die finsteren Geister, die ich betäuben will mit Festen und Gelagen – vergebens, vergebens! O, es ist Wahrheit, aber schreckliche und sichere Wahrheit! Die Geschichtsschreiber meines Reiches werden mir ein Denkmal setzen für ewige Zeiten, sie werden sagen, ich sei die größte Frau meines Jahrhunderts, die kluge und starke nordische Semiramis, aber – sie werden auch schreiben in den Blättern dieses Buches, welches Kaiser und Könige erbarmungslos richtet, – daß ich meinen Gatten mordete, um den Thron zu besteigen. – Warum traf mich nicht Pugatscheff’s Kugel, die er in blindem Haß auf mich richtete – ich wäre dann ruhig geworden – für immer!«

Und Katharina erhob das Haupt – tiefe Gewissensqual lag in ihrem Blick, aber schnell richtete sie sich wieder empor.

»Ich darf nicht so düster träumen,« sagte sie ruhiger, »ich darf mir den Tod nicht wünschen; denn mein Leben gehört nicht mir, sondern meinem Volke, das ich groß und glücklich machen will! Ich muß die Gegenwart ausnützen; denn was kann die Zukunft bringen? Vielleicht eine Empörung, eine Palastrevolu­tion, wie sie Petersburg schon so oft gesehen, – wie leicht kann da die Kugel des Meuterers ihr Ziel, mein Herz, treffen! – Wohlan, dann hätte ich gesühnt, was ich verbrach! D’rum muß ich bedacht sein, viel zu schaffen, damit ich einst ein großes Werk hinterlasse! – Und Jadviga? Sie muß sich meinem Willen fügen! Ihre Schönheit bethört Orloff, und ihn brauche ich zu nothwendig, um seiner entbehren zu können – sie muß Fürstin Czernyschew werden. Was kümmert mich ihr Ruf nach Gnade! – Die hat sie bei mir verwirkt durch jene furchtbaren Worte! Noch bin ich Kaiserin, noch will ich meine Macht zur Geltung bringen!«



4.

Unweit des Schlosses von Zarskoje-Sselo, wenige Schritte hinter den Grenzen des Parkes, lag in der Zeit, in welche unsere Erzählung fällt, hart an der fraglichen Landstraße, nach Petersburg zu, ein kleines, altes, höchst einfaches Landhaus. Schon seit Jahrzehnten mochte es unbewohnt sein – das bewies der sichtliche Verfall des Gebäudes, das bewiesen die ständig geschlossenen, dichten Fensterläden. Von den Bauern kümmerten sich wenige um das Häuschen, welches ehemals ein polnischer Edelmann bewohnt hatte, und die es thaten, bei denen galt es für ausgemacht, daß es in seinen Räumen spuke – eine Beschuldigung, die ja das Schicksal so vieler alten Häuser ist. – Irgend ein alter Vorfahr, dessen verblichenes Conterfei ein melancholisches Gesicht zeigt, muß dann als ruhelos umgehender Geist herhalten. Besagter Edelmann, der glückliche Bescher des verwahrlosten Anwesens, hatte sich nun in das südliche Rußland zurückgezogen und das Haus seinem Schicksal überlassen – ihm machte es keine Sorgen.

Wer von den Einwohnern von Zarskoje-Sselo heute das Landhaus beobachtet hätte, der wäre zu dem Schlusse gekommen, es müsse doch nicht ganz richtig damit sein; denn bei einbrechender Nacht waren zahlreiche dunkle Gestalten in dasselbe hereingeschlüpft, und man Hätte das Geräusch von schallenden Tritten, welche der alten, schadhaften Treppe ein lautes Knarren entlockten, deutlich vernehmen können. Zum Glück war die Nacht regnerisch und windig – ohne Noth war daher wohl Niemand bereit, ein zerfallenes, wenig Interesse erweckendes Landhaus zu beobachten.

Der Schriftsteller genießt das Vorrecht, das: »Sesam, öffne dich« zu besitzen. So versetzen wir uns denn sofort in das Innere des Hauses und treten in ein mittelgroßes Zimmer, dessen Wände mit zerfetzten Ledertapeten bekleidet sind. Das Ameublement besteht in einem schweren, großen Eichenholztisch, auf dem ein Candelaber mit fünf Kerzen brennt, und einer Reihe morscher Stühle mit hohen Lehnen und Lederpolstern. Um den Tisch herum sitzen fünfzehn bis sechszehn Cavaliere, und ohne Mühe erkennen wir in ihnen jene polnischen Edelleute, welche sich gestern dem Regime Katharina’s II. unterworfen hatten. Den Vorsitz führte Graf Stephan Wièlopolski. Er hatte den thatkräftigen, kühnen Kopf mit dem schwarzen Bart und den brennenden Augen in die Hand gestützt und sah schweigend vor sich hin. Oftmals schon war die Thür aufgegangen und ein neuer Genosse hatte sich dem Tische zugesellt, – er hatte es kaum bemerkt, und längst waren die Polen versammelt, ohne daß er das Haupt erhob.

»Wir sind vollzählig,« mahnte endlich einer der Edelleute.

Da fuhr er empor, wie aus einem Traum – hastig warf er das dunkle Haar, welches der Mode der Zeit zum Trotz ungepudert war, in den Nacken; dann stand er auf.

»Bruder und Genossen!« begann er. »Ich habe Euch herbeschieden in dies Haus, das Freundeshand mir zum Asyl für die Berathungen unsers großen Werkes geöffnet hat. Ihr seid eingegangen ans meinen Plan, Ihr seid mir gefolgt, getrieben von der Begeisterung für unser schönes Vaterland, über dem fremde Knechtschaft ihre blutige Geißel schwingt – verheerend und verwüstend! Der erste Schritt ist geschehen. Wir haben die entsetzliche Demüthigung ertragen müssen, uns, wenn auch nur scheinbar, dem Scepter dieser grausamen Usurpatorin zu unterwerfen, und ich habe meinen Mund dazu geliehen. – Genug, es geschah für das Vaterland! Mehr noch, wir mußten an einer Tafel mit denen speisen, die unsern Untergang ersinnen – und daß Ihr, Brüder und Genossen, das gethan, das lohne Euch Gott, – mein Dank ist zu schwach! Ich weiß, ich führe Euch vielleicht in Schande, in Kerker und Tod. ich verhehle Euch die Gefahr unseres Unternehmens nicht, – aber es ist Euer würdig! Schwört Ihr mir hier, auf russischem Boden, nochmals, den Heros unseres Volkes zu befreien, Thaddäus Koscziusko’s Ketten zu brechen, ihn fortzuführen von Orloff’s Schloß, zurück in’s Vaterland?«

Und sie erhoben sich alle die polnischen Edlen, sie streckten ihre Hand zum Himmel empor, und wie aus einem Munde scholl es:

»Wir schwören!«

»Habt Dank,« fuhr Stephan Wièlopolski fort, »habt Dank! Wohl kann es lange, lange dauern, ehe wir die Mittel zur Befreiung des größten Helden gefunden haben werden, – aber unsere Kraft wird nicht erschlaffen – es gilt ja einen Beweis der Liebe für’s Vaterland! Das muß uns stählen zu eiserner Kraft und Beharrlichkeit, und sollten wir den Weg zu Thaddäus Koscziusko uns bahnen durch Blut und Kampf! Denn geführt durch ihn, geleitet durch sein begeistertes Wort, wollen wir ihnen heimzahlen, den Russen, die Knechtung der Polen, wir wollen zeigen, was ein polnisch Schwert vermag! Dies zu erringen, habt Ihr heldenmüthig Heimath, Weib und Kind verlassen, und Ihr habt Recht! Wo es das Vaterland, die Freiheit gilt, da reißen alle andern Bande! Darum stimmt ein in den begeisterten Ruf, in unser Losungswort: »Hoch Koscziusko, hoch das Vaterland! Nieder mit den Usurpatoren!«

Donnernder Beifall belohnte die feurigen Worte, die Edlen umarmten einander in glühender Begeisterung.

Es wurde manches stürmische Wort in der geheimen Versammlung gewechselt, bis der Vorsitzende die Genossen verabschiedete.

Fast lautlos, wie sie gekommen, entfernten sich die Verschworenen zur Befreiung Koscziusko’s. Graf Stephan Wièlopolski aber war wieder in seinen Lehnstuhl zurückgesunken – er betrachtete seine Taschenuhr.

»Elf Uhr,« murmelte er, »in einer Stunde kann sie hier sein.« – Dann versank er wieder in sein tiefes Grübeln.

Kaum eine Stunde später trat leise aus einer Seitenpforte des Schlosses von Zarskoje-Sselo eine tief vermummte Frauengestalt und eilte dem dunkeln Parke zu. Kurz, ehe sie in einen der tiefschwarzen Gänge einlenkte, welche von hohen, dichten Laubkronen gebildet wurden, hielt sie einen Augenblick inne; sogleich aber schritt sie entschlossen, so gut es die Finsterniß erlaubte, vorwärts. An dem eisernen Gitter des Parkthores angelangt, zog sie einen Schlüssel hervor, öffnete das Schloß, trat hinaus und zog die Thür wieder schließend hinter sich zu.

Es ist wohl kaum noch nöthig zu bemerken, daß es Jadviga Orsinska war, welche Graf Stephan Wièlopolski im alten, baufälligen Landhause erwartete. Jetzt hatte sie das Haus erreicht und trat leise durch die unverschlossene Thür in den Corridor. Erschöpft stand sie hier still und preßte die Hand auf’s Herz – es schlug gar zu heftig, sie wollte erst Ruhe erringen. Leise, ganz leise schlich sie die Treppe hinan, durch die Ritze jener Thür schimmerte Licht. Sie legte die zitternde Hand auf die Klinke und ließ den dunkeln, weiten Mantel, der ihre ganze Gestalt umhüllte, fallen, so daß sie in ihrem reichen Hofkleide dastand, dessen schwere, meergrüne Atlasfalten in einer langen Schleppe ausliefen. Sachte drückte sie die Klinke und die Thür ging auf. Da saß er noch, der junge Graf, der fanatische Pole, in seinem Sessel, und seine Augen schweiften in weite Fernen – er sah nicht die entzückende Gestalt in dem Rahmen der Thüre, er hörte nicht das Pochen ihres Herzens, nicht den Seufzer, der sich über die schönen Lippen stahl.

»Stephan!«

Jetzt schrak er auf bei dem leisen Klang dieser Stimme – wie geistesabwesend starrte er hin nach der Thüre. Er rieb sich die Stirne, – noch konnte er nicht fassen, wer sie war, diese glänzende Erscheinung. Ein todestrauriges Lächeln flog über Jadviga’s Züge, und sie dachte:

»Er kennt mich nicht – er weiß nicht, wer ich bin!«

Und laut sagte sie nochmals:

»Stephan– ich bin’s, Jadviga, Deine Gemahlin!«

Wièlopolski erhob sich, er flog ihr entgegen.

»Jadviga – Jadviga!« brachte er mühsam hervor, und es dauerte einige Zeit, bis er sich zu fassen vermochte. Endlich geleitete er sie zu einem der Sessel, auf welchem sie sich niederließ, während er vor ihr stehen blieb.

»Wie lang ist’s her, seit wir uns nicht sahen, Jadviga?« begann er. »Vieles, Vieles hat sich seitdem ereignet!«

»Gewiß, Stephan, viel Trübes seit dem Tage, wo mein Vater nach Sibirien geschleppt wurde und auf halbem Wege starb, und viel seit dem Tage, wo – wo –«

»Vollende, Jadviga, vollende,« sagte er leise, aber hastig. »Ja, viel hat sich ereignet seit dem Tage, wo wir vor dem Traualtare standen und Du mein Weib wurdest! Gedenkst Du noch jener Stunde, in welcher zwei Menschen auf ewig verkettet wurden, um sich gleich darauf wieder fremd zu begegnen? O, hätten wir damals unsere Verbindung der Oeffentlichkeit übergeben dürfen! – Aber es sollte nicht sein!« –

»Sei ruhig, Stephan,« lächelte Jadviga dem Aufgeregten zu, »geschehen ist geschehen! Damals traten die Verhältnisse zwischen uns, als uns des Priesters Wort verbunden; heute stehst Du hier – und, ist’s nicht so, Stephan, in wenig Tagen, ja vielleicht in wenig Stunden wird Petersburg wissen, daß ich die beneidete Gräfin Wièlopolski bin?«

Graf Stephan schlug die Augen zu Boden und eine leichte Röthe färbte momentan seine bleichen Züge. Er war offenbar verlegen und sann auf Antwort.

»Wie, Du antwortest nicht, Stephan?« fragte Jadviga verwundert. »Gott verhüte, daß Du den Schwur, den ich Dir dazumal in Warschau leistete, den Schwur, gegen Niemanden unserer Vermählung zu erwähnen, nicht von mir nehmen wirst! Treulich habe ich ihn gehalten – ich ehrte Deine mir unbekannten Gründe – aber der Moment ist gekommen, wo ich mich seiner entbunden wünsche. Antworte mir, Stephan, – wie ist’s damit?«

Graf Wièlopolski Miene hatte sich immer mehr verfinstert.

»Ich – darf diesen Schwur noch nicht von Dir nehmen,« sagte er endlich.

Jadviga blickte erschrocken empor.

»Stephan,« sagte sie flehend, »Stephan, was brütest Du? O, wenn Du geahnt hättest, welch namenlose Seligkeit ich empfand, als Du gestern den Thronsaal von Zarskoje-Sselo betratest! Welche Mühe hatte ich, mich nicht zu verrathen! Dann kam es aber wieder seltsam über mich. Ich sah inmitten des prunkenden Gepränges plötzlich vor meinem Geiste die Gestalt meines Vaters erscheinen; ich sah plötzlich Deine Mutter, die glühende polnische Patriotin, vor mir; ich sah, wie beide das Antlitz verhüllten; ich hörte, wie sie sagten: Er, in dessen Adern nur polnisches Blut rollt, dessen Ahnen starben auf dem Felde der Ehre für Polen, dessen innerstes Mark sich empören müßte unter der Schmach fremder Knechtschaft, er steht hier, um in schönen Worten sich dem Joch der Unterdrückerin zu beugen!«

»Er beugte sich nicht und wird sich nimmermehr beugen,« brauste Stephan Wièlopolski auf.

Jadviga war todtenbleich geworden.

»Und dieses Schauspiel, dem russischen Adel gegeben,« rief sie, »diese Unterwerfung in dem Lande, das Thaddäus Koscziusko gefangen hält, was bedeutet es?

»Dies Gaukelspiel auf Katharinas Parquet wird Dein todter Vater, wird meine Mutter segnen,« erwiderte Stephan schwärmerisch. »Wisse denn, daß ich nur deshalb mich an die Spitze dieser fünfzehn Edlen gestellt und die Komödie aufgeführt habe, um desto besser für die Befreiung Thaddäus Koscziusko’s wirken zu können, um ihn desto sicherer dem Lande zurückzugeben, welches nur frei werden kann durch sein Schwert!«

Jadviga hatte hoch aufgeathmet bei diesen Worten.

»Gott segne Dein Bemühen,« sagte sie leise, »und Er wird auch das Gelingen geben. Doch nun gestehe, warum willst Du nicht erklären, daß ich Deine Gattin bin? – Dieses Bekenntnis; würde Dich in der Gunst der Kaiserin nur befestigen – und Deine Vorbereitungen zu dem großen Werke fördern.«

Wieder flog jene Röthe der Scham über Wièlopolski’s Gesicht.

»Es geht nicht, Jadviga,« sagte er wieder, »es geht nicht! Als meine Gemahlin müßtest Du bei mir sein, als Hofdame Orsinska bist Du aber stets um die Czarin – verstehst Du mich?«

»Noch nicht, Stephan,« erwiderte sie befremdet. »Du bist im Irrthum, wenn Du glaubst, ich übte politischen Einfluß auf Katharina II. aus. Ich wäre außer Stande, Dir auch nur mit dem Geringsten zu dem wichtigen Act die Hand zu bieten. Die Kaiserin hat mich stets in der vertrautesten, liebevollsten Weise behandelt – in Staatsangelegenheiten aber hat sie sich nie mitgetheilt, und ich habe es nie begehrt.«

Graf Stephan antwortete nicht augenblicklich – hastig durchmaß er mehrmals den Raum, es lag auf der Hand, er suchte sich zu sammeln zu einem entscheidenden Wort.

Da stand Jadviga auf und trat zu ihm heran.

»Stephan!« bat sie, »laß mich nicht länger unter dem schrecklichen Zwange dieses Schwures – ein längeres Schweigen würde die entsetzlichsten Folgen haben! – Denke nur, gestern kündigte mir die Kaiserin an, ich solle binnen vier Tagen dem Fürsten Czernyschew meine Hand am Altar reichen! In meiner Verzweiflung sagte ich Dinge, durch welche ich die Gnade der Monarchin verwirken mußte. Sie aber schwur mir, ihr dem Fürsten bereits gegebenes Wort zu erfüllen. Heute erlangte ich endlich von ihr einen Aufschub von zwei Wochen! Stephan, Du siehst, es geht nicht anders – schon morgen muß die Czarin wissen, daß ich Deine Gattin bin!«

Aber Graf Wièlopolski antwortete wieder nicht. Endlich, nach langer, langer Pause sagte er, wie für sich:

»Zwei Wochen Aufschub, sagst Du? Wohlan, diese Zeit muß genügen für meine Pläne! Jadviga,« fuhr er fort, indem er ihre Hände ergriff und ihr tief in das Auge sah, »Jadviga, Du bist Polin, Polin trotz der russischen Umgebung, vergiß das nie! Und als Tochter Deines Vaterlandes mußt Du lernen, Opfer zu bringen für sein heiliges, zertretenes Recht! – Du hast zwei Wochen Aufschub: in der Zeit muß Alles gemacht sein! – Die Edlen, die mir gefolgt, sind zum Aeußersten entschlossen, – Großfürst Paul, der Thronfolger, ist ein Verehrer Koscziusko’s, nur unter seiner Regierung dürfte Polen aufathmen, um später das ganze Joch von sich zu werfen – Jadviga, um Alles, was Du liebst – Du mußt helfen, das Vaterland zu retten! Schwöre!«

Die Gräfin trat zurück – eine furchtbare Ahnung schnürte ihr die Kehle zusammen.

»Sag’ erst, was ich schwören soll?«

»Schwöre. Jadviga, schwöre!«

»Nimmermehr, ehe Du mir nicht Deine Pläne enthüllst! Ich trage an dem einen Schwur eine übergroße Last; erst muß ich wissen, was der andere mir aufbürdet!«

»So wisse denn –« und Graf Wièlopolski stieß es förmlich heraus, »wisse, – Du sollst das Werkzeug für Polens Freiheit sein! – Das war der Grund, warum ich Dir den Eid des Schweigens auferlegte! – Du hast Stellung genommen bei der Person der Czarin, Du hast ihr Vertrauen, weißt, wie man zu ihr gelangt, – Du wirst uns eines Nachts in ihr Gemach führen, – und mit einem Streich wird Polen frei!«

»Stephan!«

Jadviga schrie auf, daß es durch das verlassene Haus gellte. Dann schlug sie die Hände vor das Gesicht, und wie vom Fieber geschüttelt, stöhnte sie dumpf:

»Ihr wollt die Kaiserin ermorden!«

»Sie soll als Opfer fallen für Polens Heil,« entgegnete finster der Graf, »und Du sollst schwören, das Werkzeug zu sein für die heilige Rache!«

»Nimmermehr!« Jadviga richtete sich hoch auf, sie stand in edler Würde vor ihm. »Nimmermehr!« wiederholte sie. »Die Czarin hat mir bis jetzt jede Wohlthat angedeihen lassen, mir, der Tochter eines Polen, – ich werde ihr diese Wohlthaten nie dadurch vergelten, daß ich bei Nacht ihr den fanatischen Mörder zuführe, und wenn dieser Mörder auch mein Gatte ist; – es giebt Dinge, welche gebieterisch die Verleugnung solcher Bande verlangen. Indessen will ich mich in Geduld darein finden, und mein Leben als Gräfin Orsinska hier fortführen; aber nicht, um zum Königsmord zu leuchten, sondern um das Haupt derjenigen zu schützen, die mich zu sich genommen, als ich verwaist in der Welt stand. Wohl bin ich Polin, eine treue Polin, und mein Herz blutet unter den Ketten meines Volkes – ich werde den Tag segnen, wo Koscziusko wieder frei mit ehrlichen Waffen für das Vaterland kämpft; – aber ich werde mich nie dazu hergeben, ein Werkzeug Eurer Rache zu sein. So bleibe denn unser Ehebündniß geheim, damit ich vor Allem wachen kann! – Leb’ wohl, Stephan, – laß mein Herz brechen im Verzweiflungskampfe um Liebe und Pflicht – mein Weg ist mir vorgezeichnet!«

Sie hatte schnell, aber mit Würde gesprochen. Jetzt eilte sie der Thüre zu und raffte den Mantel auf, in den sie sich hüllte.

»Jadviga, Jadviga!« tönte es bittend aus Stephan’s Munde.

Sie wendete sich nochmals zu ihm hin.

»Ich vergebe Dir das Leid, das Du mir bereitet,« sagte sie sanft, »und stets werde ich beten, daß Gott Dir Erleuchtung sende. Ich werde weiter schweigen, meinen Eid nicht brechen, – aber wage es nicht, auch nur an die Pforten des Schlosses zu pochen: ich wäre die Erste, die Dich verriethe, um das Furchtbarste zu verhindern und – zu sterben. Nochmals leb’ wohl, ich kann nicht anders!«

Da stürzte er auf sie zu und umfaßte ihre Kniee, er drohte, er bat, er flehte um Gottes Barmherzigkeit Willen, – sie blieb fest. Noch einmal beugte sie sich zu ihm nieder und küßte ihn; dann war sie verschwunden.



5.

Lange, trübe Tage folgten für Jadviga nach jenem Abend in dem einsamen, verödeten Landhause. Und was ihr Leiden noch erhöhte, war, daß sie fast täglich unbefangen ihrem Gatten wie einer fremden Person auf den Parquets von Zarskoje-Sselo begegnen mußte. Jeder Tag, jede Stunde brachte sie dem Augenblick näher, wo sie zur doppelten Vermählung am Altar stehen sollte, und nur die äußerste Selbstbeherrschung vermochte sie aufrecht zu erhalten. Die Czarin hatte ihr, sei es aus Laune, sei es aus Mitleid für ihren ehemaligen Liebling, an dem sie gut zu machen suchte, was sie an dem edlen Orsinski verschuldete, zwei Wochen Frist gewährt. Die Zeit war fast verstrichen, und Jadviga hatte keinen Ausweg gefunden ans dem Labyrinth, welches sie, die Freund- und Heimathlose, umfing.

Wie oft überkam sie der Gedanke, zu fliehen! – Umsonst, die Angst um Stephan’s Entschlüsse und Pläne lähmte ihre Flügel, und sie blieb. Wohl war sie keine jener Naturen, welche unbedingt einer Person bedürfen, der sie ihr Innerstes ausschütten müssen; aber in ihrer Lage war es begreiflich, daß sie sich nach einem treuen Berather, nach einem Tröster sehnte. Immer drohender rückte die Zeit der furchtbaren Katastrophe heran. – Da faßte sie einen Entschluß, der ihr viel Ueberwindung und Demüthigung kostete: sie ließ den Fürsten Czernyschew zu sich bitten, um an seinen Edelmuth zu appelliren.

Jadviga war stolz, aber nicht hochmüthig. In ihr bäumte sich nur das Herz gegen die Demüthigung auf, den Mann zu bitten, von dessen Bereitwilligkeit sie nicht viel zu hoffen wagte.

Der Fürst hatte sofort seinen Besuch zugesagt und verfügte sich um die bestimmte Stunde zu der schönen Gräfin Orsinska, die angesichts des Hofes als seine Braut galt. Jadviga erwartete ihn in ihrem Boudoir mit Herzklopfen, aber doch nicht, ohne sich vorher mit einer kühlen Ruhe gewappnet zu haben. Dieser Mann durfte nicht wissen, was sie durchlebt, welch’ bittere Früchte sie gekostet.

Fürst Czernyschew ward gemeldet und eingelassen. Galant drückte er einen Kuß auf ihre feine Hand und sagte mit lächelnder Miene:

»Gnädigste Gräfin befahlen und ich flog herbei! Wird mir doch so selten das Glück einer Zusammenkunft unter vier Augen zu Theil, daß –«

»Lassen Sie das, Fürst,« unterbrach sie ihn kalt. »Da ich Sie zu mir bitten ließ, werden Sie wohl annehmen können, daß es etwas Ernstes ist, was ich mit Ihnen besprechen will.«

»Ich stehe ganz zu Diensten,« antwortete Czernyschew artig.

»Nun denn,« sagte Jadviga beklommen, »so hören Sie wohl; denn ich möchte gern an Ihren Edelmuth, an das Gefühl des Edelmannes, appelliren. Ihre Majestät, die Kaiserin, befahl Ihnen also, mich zur Gattin zu nehmen, und –«

»Und sie erfüllte dadurch einen längst gehegten Herzenswunsch,« fiel ihr Czernyschew bewegt in’s Wort. »Sie sind gleich ausgezeichnet durch Schönheit, Herzensgüte und Reinheit, Jadviga, und ich werde mich als den glücklichsten Menschen schätzen, wenn ich mit Ihnen am Altar stehen werde; denn Ihre Tugend ist der Bürge für mein Glück!«

Jadviga bedeckte das Antlitz mit der Hand.

»Und dennoch muß ich Ihnen sagen, daß ich nie die Ihre werden kann.«

»Jadviga!«

»Zürnen Sie mir nicht, wenn ich einen, vielleicht schönen Traum aus Ihrem Herzen reiße,« bat sie; »aber nichts vermag mich zum Altar zu bringen. Fragen Sie nicht nach den Gründen – ein Eid bindet meine Zunge. Die Kaiserin befahl mir unter den furchtbarsten Drohungen, Ihnen die Hand zu reichen, aber es ist mir unmöglich! Was soll ich thun? Es fehlt mir jedes Mittel, die Kaiserin umzustimmen; selbst die Flucht ist mir versagt. Auf Eurer Durchlaucht ruht meine einzige Hoffnung. Nach dem, was ich Ihnen vertraut, rechne ich nun auf Ihre Ehre als Edelmann, daß Sie meine Hand, selbst wenn die Kaiserin sie Ihnen aufdrängt, nicht annehmen werden!«

Czernyschew saß ihr lange still gegenüber. Offenbar kämpfte auch er mit sich. Endlich sagte er:

»Sie haben mir nicht umsonst vertraut, Gräfin! Unter diesen Umständen gebietet es meine Ehre, Alles zur Verhinderung dieser Verbindung zu thun. Es kostet mich viel – indeß: noblesse oblige. Ich gehe sofort zu der Kaiserin – ihr Zorn kann Ihnen vielleicht wieder die Ruhe geben, wenn – sie mich verbannt. Seien Sie meiner Ehrenhaftigkeit versichert, ich liebe Sie zu sehr, um nicht auch so Ihr Freund zu sein!«

Mit warmen Worten dankte ihm Jadviga, und so schied er. Bangen Herzens erwartete sie seine Nachricht – was konnte sie ihr bringen?

Endlich, endlich erschien er wieder. Seine Audienz bei der Czarin war eine fruchtlose gewesen. Mit eiserner Beharrlichkeit hielt die Monarchin an ihrem Willen fest, und Jadviga blickte trostlos in den Abgrund, der sich vor ihr aufthat.

»Es müssen zwingende Gründe für Ihre Weigerung vorhanden sein,« sagte Czernyschew, »sonst würde Ihr ernster und ehrenhafter Charakter nicht verzweifeln an dem kaiserlichen »Muß«! Und darum, Jadviga, werde ich thun, was in meinen Kräften steht. Ich werde fliehen mit dem, was ich besitze, – Schweden wird mich stets aufnehmen. – Sie sind dann frei!«

»O Fürst, was lade ich da auf mein Gewissen?« rief sie in Thränen, denn diese brauchte sie vor dem ritterlichen Czernyschew nicht zu verbergen, – sie waren keine Demüthigung mehr – »Ihre Zukunft, Ihre Carriere, Sie wollen sie mir opfern?«

»O, wenn ich könnte, noch mehr,« entgegnete er. »Indeß, sorgen Sie nicht um mich. Schweden braucht Männer, und ein übergegangener Russe, namentlich wenn er ein grand seigneur war, wird dort mit Freuden begrüßt!«

»Nun denn, so lohne Ihnen Gott Ihren Ritterdienst,« sagte sie matt, »Sie erretten mich vor Schande und Tod. O wie gern will ich zugestehen, daß es auch in Rußland einen Ritter giebt ohne Furcht und Tadel!«

Bewegt reichte sie ihm die Hand zum Abschied. Ihr Herz hatte sich eingewiegt in das süße Bewußtsein der Sicherheit, des endlich beendeten Kampfes und Herzleides!

Stephan Wièlopolski war abgereist, um in Wilna mit einigen neu zu seinem Bunde hinzugetretenen polnischen Edeln zusammenzutreffen. Er machte sich um Jadviga keine Sorge: er glaubte sicher, daß sie Mittel und Wege finden würde, dem drohenden Schicksal zu entgehen. Zudem tröstete er sich mit dem Gedanken, daß Jadviga in der Aufregung die Sache weit greller dargestellt, als es in der That war.

Inzwischen war der Vorabend des zur Vermählung bestimmten Tages angebrochen. Jadviga hatte sich im Vertrauen auf das Wort Czernyschew’s vollständig beruhigt. Wie mußte sie erschrecken, als sie jetzt die Kunde vernahm, daß Czernyschew nicht entflohen, sondern seit dem Tage seiner Audienz bei der Czarin gefangen sei, um sein etwaiges Entweichen zu verhindern. Allerdings beschränkte sich die Gefangenschaft nur auf seine Zimmer; diese mußte er jedoch fortwährend mit drei Soldaten, die ihn bewachten, theilen.

Ueber Jadviga kam eine starre, thränenlose Ruhe. Oft faßte sie an ihren Kopf: sie sah Alles wie einen Traum an.

Unter dumpfem Hinstarren verstrich ihr die Nacht, der Morgen. Was um sie vorging, bemerkte sie wohl; aber es vermochte nicht, ihr Interesse zu erwecken. Wie sollte sie ihr gegebenes Wort halten, ohne einen heiligeren Eid zu brechen? – das war es, was ihr ganzes Sein erfüllte, und es wollte sich kein Ausweg zeigen! – Sie sah es daher gleichmüthig, wie die Kammerfrau das kostbare Brautkleid zurecht legte, wie sie den Brüsseler Schleier aus dem Karton nahm und den Kranz von Orangenblüthen auf die Toilette breitete. Später – es war schon Nachmittag – wurde ein Etui vor sie hingestellt, und man sagte ihr, es sei ihr Brautschmuck, ein Geschenk der Kaiserin. Sie öffnete das Etui nicht einmal. Und wieder später fühlte sie, wie das Mädchen ihr die schönen, goldblonden Haare löste und kämmte, um sie dann in tausend Locken und Puffen wieder aufzustecken. Dann fühlte sie, wie der Puder sich auf ihr Haar senkte und zugleich die heiße, brennende Stirn traf. Mechanisch erhob sie sich, und wie empörte Wogen rauschte der schwere Brautstoff an ihr nieder, während die Spitzen sich leicht und wellig um die Robe schmiegten. Zum Schlusse ward der Schleier zugleich mit dem Brautkranz befestigt, die Diamanten der Kaiserin legten sich ihr kalt und schimmernd um Hals und Arme und hingen in glühenden Strahlen an goldenen Reifen im Ohr. So war die Toilette fertig.

Jetzt kam die Oberceremonienmeisterin Ihrer Majestät, um sie abzuholen, und sie folgte ihr stumm und apathisch. Drunten, im kleinen Salon der Kaiserin, war die Hofgesellschaft versammelt. Hier stand auch Fürst Czernyschew, und seine Züge zeigten eine ruhige Heiterkeit.

»Ah, da wäre ja unsere Braut,« hörte Jadviga die Kaiserin sagen. »Eh bien, Fürst, reicht ihr den Arm, um sie zum Altar zu führen!«

Da trat der Fürst hin zu ihr und legte ihre Hand in seinen Arm.

»Muth!« flüsterte er.

Sie schrak auf. Was wollte er damit sagen? wollte er sie retten? Zu spät!

Der Brautzug ordnete sich. Voran schritt der Ceremonienmeister, dann folgte die Czarin an Orloff’s Arm, hinter ihr der Fürst mit Jadviga, umringt von Pagen mit Fackeln, trotz des hellen Tages. Da – war’s Traum, war’s Wahrheit? – da flüsterte ihr der Fürst zu:

»Muth, Jadviga, ich werde Sie retten!«

Und als sie eine heftig zuckende Bewegung machte, flüsterte er wieder:

»Verrathen Sie sich nicht! Fingiren Sie am Altar kurz vor dem entscheidenden Augenblick eine Ohnmacht! Man wird Sie forttragen, das Uebrige erfahren Sie später. Nur dieser kleine Betrug kann Sie retten. Vertrauen Sie!«

Und weiter schritt der Zug; aber in Jadviga’s Herz war ein belebender Strahl von Hoffnung eingezogen, und – das Gefühl des tiefsten Dankes für den edeln Mann an ihrer Seite. So war man in der prachtvollen Kapelle des Schlosses, einem Werk Katharina’s, angelangt. Schon stand der Pope am Altar, der feierlichen Handlung gewärtig. Die Czarin ließ sich auf ihrem Thronsessel nieder, der Hofstaat gruppirte sich, und das Brautpaar nahm seinen Platz ein. Nach einer blumenreichen Rede forderte der Pope das Paar auf, näher zu treten, und begann die Trauungsceremonie. Da – stieß Jadviga, die während der Handlung zusehends blässer geworden war, plötzlich einen Schrei aus und sank ohnmächtig zu Boden. Die Natur war der Kunst zu Hilfe gekommen, die Ohnmacht war keine fingirte.

Die Handlung war unterbrochen.

Auf den Wangen der Kaiserin war eine brennende Röthe erschienen, ein Beweis, daß sie zornig war. Sie erhob sich sehr lebhaft und trat an die Ohnmächtige heran, welche Czernyschew halb aufgerichtet hatte.

»Man schaffe die Gräfin auf ihr Zimmer,« befahl sie, »und ich hoffe, daß sie morgen kräftig genug zur Beendigung der Ceremonie sein wird!«

Darauf ergriff sie Orloff’s Arm und verließ die Kapelle.

Schnell winkte der Fürst seinem Kammerdiener, der sofort mit seines Herrn Hilfe Jadviga aufhob und nach ihren Gemächern trug. Dort ward sie der Sorge ihrer Kammerfrau übergeben, mit welcher der Fürst etwas flüsterte.

Als er wieder das Zimmer verließ, warteten seiner schon die drei Soldaten, seine Wache. Er biß sich auf die Lippen – aber dagegen war nichts zu thun.

Nach langen Bemühungen schlug Jadviga die Augen auf. Sie sah erstaunt um sich, fuhr mit der Hand über den schweren Brautstoff, und ein tiefer Seufzer entstieg ihrer Brust – nun wußte sie, wo sie war. Der Kammerdiener des Fürsten trat zu ihr hin.

»Fühlen die gnädige Gräfin sich bei vollem Bewußtsein?« fragte er.

»Gewiß, nur zu sehr.«

»Nun denn, so werde ich der gnädigen Gräfin den Plan der Flucht mittheilen –«

»Ich soll – ich kann fliehen?« –

»Es ist Alles vorbereitet. Hier die Kammerfrau hat die Mittel dazu schon bereit. Um halb neun Uhr Abends komme ich, um die gnädige Gräfin abzuholen.«

»Ist das Alles?«

»Gewiß! Einen Paß für mich und meinen Vetter Iwan, kaiserlichen Lakaien, habe ich in der Tasche. Dies Billet ist noch von meinem Herrn an die gnädige Gräfin.«

Jadviga nahm das Billet in Empfang – sie fing an zu begreifen, und der Lakai ging. Der Fürst schrieb:

»Leider ist es mir versagt, Sie selbst zu retten. »Vertrauen Sie sich aber meinem getreuen Petroff an, – er gewährt mir Bürgschaft für Ihre Sicherheit. Er wird Sie bis Königsberg geleiten, wo eine Schwester meines Vaters Sie liebevoll aufnehmen wird. Verzeihen Sie die profane Verkleidung, die ich Ihnen bestimmt – sie ist die einzige Möglichkeit der Rettung. – Czernyschew.«

Wie dankte sie ihm diesen einzigen Weg, der sie aus der Gewalt der Czarin bringen sollte! Langsam entledigte sie sich des flimmernden Brautstaates, und als der Abend sich düster und trübe auf die Erde senkte, zog sie mit Hilfe ihrer Kammerfrau den Anzug eines der einfachsten Lakaien des Schlosses an. Er paßte vortrefflich, und als sie das blonde Haar unter einer schwarzen Perücke verborgen, die zarten Linien ihrer Augenbrauen durch Kreide verdeckt, die weiße Gesichtsfarbe durch eine Schminke gebräunt und einen kleinen Bart auf die Oberlippe geklebt hatte, – da hätte Niemand in diesem schmächtigen, nicht besonders hübschen Burschen die schöne Gräfin Orsinska gesucht.

Schlag halb neun Uhr klopfte Petroff, des Fürsten Kammerdiener, an Jadviga's Thür; sie trat sofort, den Hut nehmend, hinaus und schritt, den Corridor entlang, neben ihm her. Auf der Treppe – sie glaubte ihr Herz stocken zu hören – trat ihnen Orloff entgegen. Petroff zog den Hut und trat zur Seite, Jadviga that dasselbe. Schon war Orloff an ihnen vorüber, als er sich nochmals umwendete.

»Wer seid Ihr?« fragte er.

»Lakaien aus dem Schlosse,« antwortete Petroff.

»Und wollt wohin?« fragte Orloff weiter.

»Auf Urlaub in die Heimath.«

»Hast Du einen Paß?«

Petroff holte sofort zwei Papiere hervor, die Orloff durchflog – er selbst hatte die Pässe unterzeichnet. Er gab sie mit gedankenvoller Miene zurück und sagte dann:

»Lauf’ Einer von Euch hinauf zur Gräfin Orsinska und melde mich im Namen der Czarin, verstanden?«

Ehe Petroff antworten konnte, flog Jadviga die Treppe hinauf und kam nach wenigen Minuten zurück.

»Die Gräfin lassen bedauern,« sagte sie, eine Männerstimme nachahmend, und das mit Glück, »sie ist noch zu unwohl, Besuche zu empfangen!«

»Diable!« knirschte Orloff und fügte hinzu: »Gleich geh’ nochmals hinauf und sag’, im Auftrag der Kaiserin komme ich!«

Wieder ging Jadviga und kam zurück mit dem Bescheid, den sie selbst gegeben:

»Die Gräfin bittet um schriftliche Mittheilung des Auftrages.«

»Morbleu!« fluchte der Graf und ging.

Auf einen Wink Petroff’s folgte ihm Jadviga. Glücklich kamen sie aus dem Schlosse und durchschritten den Park. An der Landstraße wartete ihrer eine Troika. Schnell schwangen sie sich hinein und fort ging’s in die kühle Nacht hinaus mit der rasenden Schnelligkeit, welcher nur die russischen Steppenpferde fähig sind.

Jadviga hüllte sich tief in ihren Mantel, welcher ihr Lakaiencostüm bedeckte, und faltete die Hände. Aber aus dem Grunde ihres Herzens kam nur das eine Wort: »Gerettet!«



6.

Sechs Tage später war’s.

Graf Stephan Wièlopolski weilte in Wilna, um, wie bereits bemerkt, neue Glieder für seine Verschwörung zu sammeln. Eben hatte er Nachricht aus Warschau erhalten, die ihn vor Gefahren warnten. Graf Orloff, schrieb man ihm, lasse überall Nachforschungen anstellen, und er solle sich vorsehen, daß kein Judas sich unter seinen Gefährten befinde.

Den Grafen hatten diese unheilverkündenden Botschaften lebhaft verstimmt, und noch mehr verstimmte es ihn, als man ihm meldete, ein kaiserlicher Lakai wünsche ihn zu sprechen.

»Habe keine Zeit,« beschied er seinen Diener.

Doch dieser kam wieder: der Lakai ließe sich nicht abweisen; er brächte Nachricht aus Zarskoje-Sselo. Und der Bote trat ein.

»Was wünschest Du? wer bist Du?« herrschte ihn Wièlopolski an.

Da trat der Lakai dicht zu ihm heran und flüsterte:

»Sei ruhig, Stephan, ich bin’s, – Jadviga!«

Der Graf fuhr zurück. »Was läufst Du mir nach?« rief er erbittert. »Willst Du auch hier meine Schritte überwachen, zur Sicherheit Deiner geliebten Czarin, der Unterdrückerin Deiner Landsleute? Und in diesem Aufzuge folgst Du mir? Was soll das bedeuten?«

»Das soll bedeuten, daß ich mit Hilfe Czernyschew’s dem Traualtar entflohen bin,« versetzte sie.

Der Empfang hatte ihr bitter weh gethan, und mit diesem Augenblick begrub sie den Glauben an seine Liebe. Sie hätte laut aufschreien mögen vor Schmerz; aber sie war in eine harte Schule gegangen – sie bezwang sich.

»So sei froh, daß Du gerettet wurdest,« grollte der Graf.

»Und Du wirst hoffentlich jetzt, wo das Aeußerste beinahe geschehen wäre, wenn nicht ein edler Mann seine Existenz, sein Ansehen auf das Spiel gesetzt hätte, – Du wirst jetzt endlich der Welt bekannt machen, daß ich Deine Gattin bin?«

Stephan antwortete nicht. Hastig schritt er auf und nieder, während Jadviga lange da stand und ängstlich den Entschluß von seinen Lippen lesen wollte.

»Darf ich mich setzen?« fragte sie endlich leise; denn von den Anstrengungen der Reise drohte sie zusammen zu sinken. Bei dieser Frage erröthete er leicht und führte sie an ein Fauteuil. Der Vorwurf, der in ihren Worten lag, traf ihn tief; denn er liebte sie unaussprechlich, freilich in seiner Art.

»Nun?« unterbrach sie das Schweigen.

»Jadviga,« entgegnete er und blieb vor ihr stehen, »Jadviga, hör’ mich ruhig an – versprichst Du’s mir?«

»O ja,« sagte sie bitter, »ich bin ruhig, ganz ruhig; vielleicht mehr, als mir selbst lieb ist.«

»Nun wohlan, so höre! Siehe, Du selbst wirst begreifen, daß meine Stellung bei Hofe in ein Nichts zusammensinken würde, wenn ich Dich, die Flüchtige, vielleicht Verfolgte, dort als meine Gemahlin vorstellte. – Siehst Du das ein?«

»Vollkommen – weiter,« entgegnete Jadviga. Aber der Ton, indem sie es sagte, war herzzerreißend.

»Weiter?« fragte der Graf. »Nun, ich dächte, das Weitere ergäbe sich von selbst. – Der Plan, Koscziusko zu befreien, würde zerstört; denn Dein Credit bei der Kaiserin ist vernichtet!« –

»Und um Koscziusko zu retten, flößest Du Dein Weib in die weite, fremde Welt?« rief sie in schmerzlicher Enttäuschung.

»Der Dienst für das Vaterland ruft – ihm gegenüber lösen sich alle Bande!« –

»Dein Fanatismus führt Dich irre! Hassen müßte ich ein Vaterland, das mich zwänge, die heiligsten Gefühle zu verachten. – Das Vaterland ist viel zu erhaben, als daß es solche Dienste von seinen Kindern heischte. – Hab’ Erbarmen, Stephan, bedenke, Deine Verirrung würde sich furchtbar rächen! – O Stephan, daß Deine Liebe so schnell entschwinden mußte –«

»Wer sagt, daß ich Dich nicht liebe?« brauste er auf. »Wer es sagt, lügt! Für Dich arbeite ich mit an der Freiheit Polens, damit Du einst in Glanz und Größe neben mir stehst!«

Sie schüttelte traurig das Haupt.

»Sprechen wir nicht mehr davon,« sagte sie matt. »Weise mir einen Platz an, wo ich ruhen kann; seit sechs Tagen bin ich auf der Flucht – ich muß jetzt ruhen, damit ich wenigstens die Kraft gewinne, die Grenzen Rußlands noch zu überschreiten.«

Er hob sie auf und trug sie auf starken Armen in die Nebenstube, wo er sie auf ein bequemes Ruhebett legte. Nachdem sie etwas stärkenden Wein genossen, schlief sie ein, – trotz des Kummers, der auf ihr lastete; denn die Natur machte ihre Rechte geltend. Leise verließ Wièlopolski das Gemach und schloß die Thüre. Seiner Dienerschaft sagte er, der Courrier habe heute wichtige Nachrichten gebracht; deshalb habe er ihm eins seiner Zimmer zum Ruhen überlassen. Darauf setzte er sich an seinen Schreibtisch und durchlief nochmals die in Chiffern geschriebenen Berichte der Polen.

»Orloff!« murmelte er. »Was hätte ich von Orloff zu fürchten. Zur Vorsicht wollen wir aber diese Papiere vernichten.«

Langsam entzündete er eine Wachskerze, und bald waren die Briefe nur noch ein Häufchen Asche.

»So,« sagte er, »nun mag kommen, wer will; hier findet er nichts Compromittirendes. Die Dokumente, die es sind, und deren ich bedarf, ruhen auf meiner Brust – ich habe nichts mehr zu fürchten.«

Unterdessen jagte ein Reiter in Begleitung zweier Diener gen Wilna zu. Die Pferde liefen, was in ihren Kräften stand, und eher, als es anderen möglich gewesen wäre, schien der Eilfertige an seinem Ziele zu sein. Er stieg vor dem Hause ab, welches Wièlopolski bewohnte, die Diener aber brachten die Pferde in eine nahe Stallung. Wer beschreibt das Erstaunen Wièlopolski’s, als sich plötzlich Graf Orloff anmeldete?

»Er ist Jadviga auf der Spur,« dachte er, und ließ den Grafen bitten, hereinzutreten.

Dem Hause des Grafen Wièlopolski gegenüber befand sich eine kleine Schenke, in welcher sich der treue Petroff stärkte, während er beobachtend am Fenster saß. Als er aber den Grafen Orloff vor dem Quartier Wièlopolski’s aussteigen sah, pfiff er leise durch die Zähne, ein Zeichen, daß er begriff, was vorgehen sollte. Unverzüglich eilte er nach seiner Schutzbefohlenen. Ein Diener schaffte ihm leicht Eingang in die Gemächer des Grafen, wo der angebliche Courrier schlummerte. Nebenan hörte er die beiden Herren laut sprechen. Es kostete ihm nicht wenig Mühe, die Schlafende zu wecken.

»Schnell auf, gnädige Gräfin,« flüsterte er, als seine wiederholten Versuche endlich geglückt waren, »Graf Orloff ist uns auf der Spur!«

Verwirrt vom Schlafe erhob sich Jadviga. Aber als sie des Gefürchteten Stimme vernahm, kehrte ihr die Besinnung rasch zurück.

»O Gott, Petroff,« fragte sie, »wohin?«

»Fliehen, so schnell wie möglich, je eher Wilna hinter uns liegt, desto besser!«

Ohne ein Wort weiter zu verlieren, schlichen sie hinaus. Nach kaum einer halben Stunde waren sie bereits außerhalb der Mauern von Wilna.

Inzwischen wollen wir sehen, was Orloff zu dem Grafen Wièlopolski führte.

Letzterer empfing seinen Gast mit der den Polen eigenen Höflichkeit, die indeß eine kleine Beimischung von verwundeter Zurückhaltung besaß.

»Was schafft mir die Ehre Ihres Besuches?«

»Verteufelt ernste Geschäfte,« rief Orloff. »Vor Allem aber laßt mich sitzen – ventre à terre bin ich von Zarskoje-Sselo bis hierher gejagt – kaum daß ich mir des Nachts Ruhe gönnte. – Ich fühle meine Glieder nicht mehr. Unsere Landwege in Rußland sind alle schlecht und werden es wohl für ewige Zeiten bleiben; aber der, den ich zurückgelegt, überstieg alle Grenzen.«

Und laut stöhnend ließ er sich in einen Sessel fallen. Wièlopolski nahm ihm gegenüber Platz.

»Sie werden wohl ahnen, daß ich im Namen der Czarin komme,« fuhr Graf Orloff fort, – und Wièlopolski nickte zustimmend. – »Wir haben sichere Nachricht, daß die Polen einen Aufstand oder eine Demonstration – was weiß ich? – vorbereiten sollen. Sie sind Pole, Graf, d. h. zugleich Russe, wie Sie bewiesen – und ich frage Sie im Namen der Czarin: Wissen Sie etwas darum?«

»Wie sollte ich?« erwiderte Wièlopolski, – doch er ward um einen Schatten bleicher als sonst, – »mir fehlt jede Nachricht aus Polen.«

»So –?« fragte Orloff gedehnt, »und gerade das wird bestritten.« –

»Von wem, Graf Orloff?«

»Jedenfalls von müßigen Köpfen,« erwiderte Rußlands Allmächtiger.

»Und wegen des Geredes dieser müßigen Köpfe jagen Sie ventre à terre zu mir nach Wilna?« – fragte Stephan mit Ironie.

»Nicht doch – ich benutze nur meine kurze Anwesenheit dazu. Ich bin auf der Verfolgung eines edeln Wildes, das uns entsprungen ist. Stellen Sie sich vor – die Gräfin Orsinska, die schöne Hofdame, ist uns factisch vom Traualtar weg entflohen. Man vermuthet stark, daß sie ihre Richtung über Wilna genommen hat, – darum bin ich eben hier. Sollten Sie vielleicht die Gräfin gesehen haben?«

Der lauernde Blick, das seltsame Lächeln Orloff’s warnten Stephan – er dachte nicht ohne Sorge an die im Nebenzimmer weilende Jadviga; – konnte er doch von ihrer erneuten Flucht mit Petroff nichts ahnen.

»Glauben Sie, daß die Gräfin mich mit ihrem Besuch beehren würde?« sagte er nichtsdestoweniger mit vollkommener Ruhe.

»Nun – ich glaubte, die treue Polin würde sich zuerst an einen Landsmann wenden. – Im Uebrigen war es nur eine Frage, während ich jetzt zu Geschäften übergehen muß.«

»Zu Geschäften?« wiederholte Stephan verwundert. »Was könnte ich mit Geschäften zu thun haben, es sei denn ein Auftrag der Czarin –!« –

Er hielt fragend inne und musterte Orloff, welcher verlegen mit den Fingern auf der Lehne seines Sessels trommelte. Aber das war nur eine vorübergehende Empfindung – ein Orloff konnte sich von ihr nicht beherrschen lassen.

»Mon Dieu, oui,« sagte er leichthin, »allerdings hat die Czarin mir mein Thun vorgezeichnet; auch hat sie mir eine Vollmacht ausgestellt, und diese Vollmacht setzt mich in die unglückliche Lage, Haussuchung bei Ihnen halten zu müssen!« –

»Graf Orloff –!« brauste Stephan auf, »was soll das heißen?« –

»Regen Sie sich nicht auf, lieber Graf,« entgegnete Orloff beruhigend; »diese Handlung, die mir aufgetragen wurde, damit ein Edelmann dieses peinliche Geschäft besorge, ist nur ein Präservativ gegen einen etwaigen Verdacht, und –«

»Sehr gütig,« meinte Wièlopolski ironisch. »Indeß, wer sollte mich verdächtigen?«

»Theurer Graf,« erwiderte der mächtige Mann, »Sie wissen, die Polen sind hier zu Lande sehr discreditirt – und es könnte leicht Jemanden einfallen, – Sie verstehen mich, und werden mir mein Amt, welches ich ganz im vertraulichen Wege erledige, gewiß erleichtern –«

»So viel es in meinen Kräften steht! Ich beuge mich dem Willen der Kaiserin; zudem wüßte ich nicht, was Sie bei mir entdecken könnten. Da mich aber das Gerücht, daß Graf Orloff Haussuchung bei mir gehalten, namentlich in Petersburg, discreditiren könnte, so bitte ich um Ihr Wort, daß die Sache unter uns bleibt!«

»Ich habe Ihnen schon bemerkt, Graf Wièlopolski –«

»Sehr gut – aber ich bitte um Ihr Ehrenwort!«

»Wofür halten Sie mich?« fragte Orloff hochmüthig.

»Vorläufig noch für einen Edelmann,« erwiderte mit der größten Ruhe Stephan, »und ich möchte diese Meinung fürder behalten.«

Orloff fühlte sich in der Schlinge gefangen – er gab sein Ehrenwort. Dann öffnete ihm Wièlopolski seinen Sekretär, und mit gieriger Hast durchwühlte er die Papiere, ohne etwas Compromittirendes zu entdecken. Eine Durchsuchung des Zimmers hatte den gleichen Erfolg. Nun öffnete Stephan die Thür zu dem Gemach, in dem nach seiner Meinung Jadviga schlief. – Jetzt erwartete er den Sturm. Wie angenehm war er aber enttäuscht, als er das Gemach leer fand! – Sehr unbefriedigt verließ Orloff endlich den Grafen.

»Er hatte Witterung,« murmelte er, »und ich gebe meinen Kopf zum Pfande, daß er etwas einrührt. Trau’ Einer diesen falschen Polen!« –

Unter solchen freundlichen Betrachtungen hatte er seine Diener aufgesucht. Dieselben hatten mittlerweile frische Pferde geschirrt. Nach kurzer Rast begann von Neuem die Jagd nach der »verteufelten Orsinska;« denn haben mußte er sie, um jeden Preis. Zuerst hatte er Erkundigungen eingezogen, ob Niemand Verdächtiges die Stadt verlassen. – Es seien nur zwei kaiserliche Lakaien nach der westlichen Richtung in einer Troika abgereist, hieß es.

»Vielleicht sind die Kerls ihr begegnet,« calculirte der Graf weiter, – »wir wollen sie einholen. Petroff ist ein schlauer Bursch; wenn Einer sie erkannt hat, so ist er’s; ich wette hundert gegen eins, daß sie ihre Tour nach Deutschland genommen!« –

Und nun ging’s wie mit Windesflügeln aus Wilna’s Thoren hinaus, den beiden kaiserlichen Lakaien nach.

Diese ahnten nicht die Ehre, dem mächtigsten Manne Rußlands zu begegnen. Allerdings war ihnen unbekannt, wie groß der Vorsprung war, den sie dem Verfolger abgewonnen; dennoch aber war über Petroff ein gewisses Gefühl der Sicherheit gekommen. Jadviga war todesmatt, die Strapatzen der Reise hatten ihr jede Kraft geraubt, der kurze Schlaf in Wilna sie gar nicht gestärkt. Petroff sah ein, daß hier eine kurze Rast unumgänglich nothwendig war. Er ließ daher in einem elenden Dorfe an einer Schenke halten und führte seine Schutzbefohlene in eine kleine Kammer, um sie der Gesellschaft der rohen Fuhrleute in der Schenkstube nicht auszusetzen. So gut als möglich richtete er’s ihr bequem ein und ging, eine Erfrischung zu besorgen. Ein Glas warme Milch und eine leichte, von Petroff selbst zubereitete Eierspeise – denn er traute der Reinlichkeit der unglaublich schmutzigen Wirthin nicht – stärkten Jadviga einigermaßen, so daß Petroff hoffte, nach einem Stündchen weiterer Ruhe werde die Gräfin die Strapazen der Reise wieder aufnehmen können. Fast war die Zeit um, da sprengten im gestreckten Galopp drei Reiter daher, um vor der Schenke zu halten. Da es bereits dunkelte, so vermochte Petroff noch nicht die Persönlichkeiten zu erkennen, aber der gebieterische Befehl des Ersten der kleinen Cavalcade konnte ihn nicht länger über die Identität Orloff’s in Zweifel lassen.

»Heiliger Nikolaus!« stöhnte der arme Mensch.

Von einem Versteck war nicht mehr die Rede, denn schon hatte der Graf Beide bemerkt und – erkannt. Petroff hatte nur noch Zeit, zu flüstern:

»Gnädige Gräfin, vergessen Sie Ihre Rolle nicht!«

»Heda, Ihr Beide, vortreten!« befahl der Graf, und dem Befehl mußte Folge geleistet werden.

Orloff war vom Pferde gesprungen und trat den Beiden entgegen.

»Hör’ mal, Petroff,« sagte er, mit der Reitpeitsche fuchtelnd, »auf meine Ungnade: bist Du der Gräfin Orsinska begegnet?«

»Nein, Herr Graf!« –

»Petroff, lüg’ nicht – ich schicke Dich nach Sibirien, sag’ die Wahrheit!«

Der arme Bursche wußte sein Schicksal unterzeichnet, aber er wiederholte:

»Ich bin der gnädigen Gräfin auf meiner Reise nicht begegnet!«

»Und Du?« sagte Orloff zu Jadviga.

»Auch nicht,« antwortete diese.

»Schlafmütze Du,« schrie Orloff wüthend, »steht der Kerl da wie ein Murmelthier – ich werde Dir Raison beibringen, antworte, wie sich’s gehört!«

Und in seiner Wuth faßte er den vermeintlichen Lakaien am Arm und schleuderte ihn heftig gegen die Wand der Schenke, so stark, daß die schwarze Perücke herunterfiel. In diesem Augenblick trat der Mond voll und klar hinter den Bäumen hervor und leuchtete hell auf die goldenen Flechten, die lang und schwer über die grobe Verkleidung hinwegrollten.

»Ah, sieh da!« frohlockte der Graf, nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt. »So hätte ich den Vogel doch erwischt! Gräfin, im Namen der Czarin, Sie sind meine Gefangene!«

Jadviga richtete sich hoch empor:

»Nähern Sie sich mir nicht,« sagte sie fest, »Sie könnten es bereuen!«

»Sie widersetzen sich? Wohlan, so muß ich Sie zwingen!« Und mit blitzenden Augen näherte er sich ihr.

Da zog sie eine kleine Pistole hervor – ein Druck, es flammte auf – ein Knall, und Orloff war am Arm gestreift; der Schuß hatte genügt, das Blut fließen zu lassen.

Mit rasender Wuth, die der Schmerz in ihm weckte, warf er sich auf sie, entrang ihr die Waffe, und ihre schwache Kraft unterlag. Gefesselt ward sie in die Troika gehoben, Orloff setzte sich an ihre Seite, und fort ging’s in die helle Mondnacht hinaus, gefolgt von den Dienern Orloff’s, die Petroff in ihrer Mitte führten. Im Fahren löste Orloff Jadviga’s Fesseln, während er mühsam seine Wunde verband. Seine Gefährtin aber saß schweigend da – ihr war jede Hoffnung entschwunden, ihr Geschick besiegelt.



7.

Die Czarin hatte mit ihren Ministern gearbeitet und ruhte nun in ihrem Gemache. Die Dienst thuende Hofdame hatte sie fortgeschickt, sie wollte allein sein; nur der Adjutant mußte im Vorzimmer warten. Orloff war schon zwölf Tage fort – das machte sie unruhig, und zugleich kochte in ihr auch der Zorn über Jadviga’s Entfernung. Diese sollte die ganze Strenge, deren sie fähig war, fühlen. Mit Vorbedacht hatte sie Orloff zu der Einholung der entwichenen Hofdame gewählt – noch dieser letzte Coup, und dann wurde Jadviga entfernt. Da wurde der Gedankengang der Kaiserin durch ein leises Pochen an der Thüre unterbrochen. Unwillig über die Störung, öffnete sie dieselbe, ein Page stand vor ihr.

»Was giebt’s!« herrschte ihn die Monarchin an. »Graf Orloff bittet um Audienz.«

»Orloff? Laß ihn eintreten!«

Und ehe wenige Minuten verstrichen waren, wurde die Thüre abermals geöffnet und Graf Orloff, den Arm in der Binde, trat ein. Ihm folgte in den groben, zerrissenen Reisekleidern eines kaiserlichen Lakaien eine schlanke Gestalt.

Orloff beugte vor der Czarin das Knie und sagte:

»Eurer Majestät Befehl ist erfüllt, ich bringe die Flüchtige wieder.«

Und damit deutete er auf seinen Begleiter. Jetzt erst gewahrte die Kaiserin die langen, blonden Flechten, die dem letzteren über den Nacken hinweghingen und mit ihren Spitzen fast den Estrich schleiften.

»Jadviga!« rief sie zornbebend, »gelang es, Dich festzunehmen? – Aber in welchem Aufzuge unterfängst Du Dich, vor mich zu treten?«

Ueber Jadviga's Züge flog eine leichte Röthe. »Dieses »Unterfangen« ist auf Seiten des Grafen Orloff, Majestät! Er verweigerte mir die Zeit, meine Kleidung zu wechseln!«

Die Czarin biß sich auf die Lippen.

»Wo fandest Du sie?« wendete sie sich an Orloff.

»Vierzehn bis fünfzehn Werst hinter Wilna: – es setzte einen kleinen Kampf ab – die Löwin wehrte sich ihrer Haut und zerschoß mir den Arm.«

»Jadviga, Du wagtest –?« donnerte die Kaiserin.

»Majestät, ich kann nicht ermessen, in welchem Maß ich das Unglück hatte, den Grafen zu verwunden – gefährlich wohl auf keinen Fall, denn während der ganzen Reise gebrauchte er den Arm ohne Schwierigkeit.«

»Was wollen Sie damit sagen, Gräfin?« rief Orloff hochmüthig dazwischen.

»Daß es sehr interessant sein müsse, den Arm in der Binde zu tragen.«

»Schweig’,« befahl Katharina, »vor Allem erkläre, was Dich zu entfliehen bewog!«

»Eurer Majestät kann es nicht unbekannt sein. – Gnade hatte ich nicht zu hoffen – Flucht war das einzige Mittel.« –

»Du weißt, daß Du für diese That Sibirien verdient hast? – Ich werde Dich nicht nach Sibirien schicken – es liegt nicht in meinem Plan; ich würde dadurch nur Deinen Launen nachgeben, und nachgeben hieße Schwäche zeigen. Außerdem würde ich mit Deiner Verbannung das Versprechen schlecht erfüllen, das ich Deinem Vater gab – ich werde mein kaiserliches Wort halten.«

Während dieser Worte« war die Czarin lebhaft auf- und abgeschritten. Katharina schwankte, ob sie Jadviga freigeben sollte, oder nicht. Letztere lehnte erschöpft an der Wand. Die Tage der Flucht hatten sie zum Schatten ihrer selbst gemacht. Ihr war es gleichgültig, was mit ihr geschah, sie hatte jede Hoffnung begraben.

Orloff kannte seine Gebieterin sehr wohl; seinem scharfen Auge entging es nicht, daß sie mit sich kämpfte. Seine Rache wollte er nicht verloren geben, er schmiedete das Eisen, so lange es warm war.

»Ich verstehe Eure Majestät,« warf er leicht hin, »und erwarte die Befehle zur Benachrichtigung des Fürsten Czernyschew und des Popen. Zu welcher Stunde wird die Trauung stattfinden?«

Die Kaiserin lächelte. Sie trat dicht an die arme Verfolgte heran und legte die Hand auf deren Schulter, während ihre Augen seltsam funkelten.

»Jadviga,« sagte sie mit durchdringender Stimme, »ich will vergessen, was Du gethan hast. Aber mein kaiserliches Wort darf ich nicht zurücknehmen; es steht unumstößlich fest, daß Du morgen Fürstin Czernyschew wirst. Mehr verlange ich nicht, ich werde im Weiteren Gnade üben. Du willst mit dem Fürsten nicht leben – gut, Du sollst es nicht. Die Vorsteherin des Stiftes zur Erziehung adeliger Fräulein ist gestorben, ich übertrage Dir nach der Trauung ihre Würde.«

Jadviga schwieg, als die Czarin geendet.

»Nun, Gräfin Orsinska.« höhnte Orloff, »Sie fallen Ihrer Majestät nicht zu Füßen, um ihr zu danken für diese Gnade? Sie sonnen sich nicht in der Huld, die Ihnen wird?«

»Ich wollte, ich wäre in Sibirien, oder – es wäre vorbei,« erwiderte matt die Arme. Dann sank sie in die Kniee – der letzte Rest von Kraft hatte sie verlassen.

Erst in ihren Gemächern fand sie sich wieder. Sie war allein. Als ob sie aus einem langen Traum erwachte, rieb sie sich die Augen. Dort auf jenem Divan lag noch der ganze Brautstaat ausgebreitet. – War sie denn ein Traum, jene schreckenvolle Flucht? ein Traum die Unterredung mit Stephan, der sie dem Elend preisgegeben hatte in seinem wahnsinnigen Eifer für das Vaterland? Nein, kein Traum – die elende Verkleidung, auf der ihr Auge haftete, sagte ihr die Wahrheit. Hastig, so weit ihre Kraft es erlaubte, kleidete sie sich um und sank dann nieder auf dem Bett, um sich wieder und wieder zu sagen, daß sie unglücklich, daß sie verlassen sei, verlassen von dem, der ihr Gatte war! Aber es waren keine laute Ausbrüche der Verzweiflung, die diesen Vorstellungen folgten – apathisch, mit thränenlosem Auge, lag sie da. Plötzlich fiel ihr Auge auf ein kleines Crucifix mit dem sterbenden Erlöser, aus Elfenbein kunstvoll geschnitzt. Es hatte dereinst ihrer Mutter gehört, und diese oft gesagt, es besitze die Kraft des Trostes gleich Unserer lieben Frau von Czenstochau. Und wie Jadviga das Kreuz mit den milden Zügen des Erlösers betrachtete, da wurde es ihr ruhiger um’s Herz – sie suchte Trost im Gebete. Unsichtbar schwebte der Engel des Trostes über ihr und berührte sie mit der Palme des Sieges über sich selbst. Gleich finsteren Geistern flohen die Gedanken des Hasses und Grolles aus ihrem Herzen, und eine ruhevolle Ergebung zog hinein. Unter dem Gebet schloß sich ihr Auge, und sie schlief ein, in selige Träume versunken. Als sie erwachte, war es längst Abend. Im Nebenzimmer war die Kammerfrau mit dem Entzünden der Lichter beschäftigt.

»Gnädige Gräfin schliefen so fest, daß ich nicht wecken wollte,« sagte sie und überreichte ihr einen sorgfältig versiegelten Brief. »Diesen Brief brachte vorhin einer der polnischen Herren. Die Kaiserin hat bestimmt, daß die Trauung morgen Abend um sieben Uhr stattfinde.«

Es kostete Jadviga nicht wenig Ueberwindung, gefaßt zu bleiben, als sie die Hand Stephan’s und das Wappen der Wièlopolski erkannte. Sie erbrach jedoch das Schreiben nicht sogleich. Erst als sie ihre Kammerfrau verabschiedet hatte, löste sie das Siegel. Ihr Gatte schrieb:

»Soeben erfahre ich, daß Du, meine Jadviga, »auf Deiner Flucht von Orloff eingeholt und verhaftet wurdest. Der furchtbare Schlag bringt mich zur Besinnung: ich sehe ein, wie ich Unrecht gethan, als ich Dich zum Mittel für meine Pläne machen wollte. Ich sagte einst in frevelndem Uebermuthe, der Dienst des Vaterlandes zerreiße alle Bande der Familie, ich muß in so schrecklicher Weise das Gegentheil empfinden! Doch Du sollst gerettet werden! Orloff ließ in Wilna verlauten, sobald Du eingeholt seiest, müßtest Du dem Fürsten Czernyschew angetraut werden. Dies könnte also frühestens am Nachmittag des folgenden Tages, den Du in Zarskoje-Sselo zubringst, geschehen – bis dahin bin ich bei Dir und erkläre Dich als meine Gattin. Zugleich mit diesem sende ich einen Brief an Orloff, er entdeckt ihm unser Geheimniß. Sei darum ruhig; was auch kommen mag, Du wirst gerettet! Stephan

Jetzt endlich, nach langem Ringen, ward Jadviga die Wohlthat zu Theil, weinen zu können. Aber es waren Thränen der Freude, der Dankbarkeit, die sie weinte; denn ihr Herz war übervoll. Nach so vielen Tagen des Leidens schien ihr die Sonne wieder, sie durchleuchtete und erwärmte sie mit den glänzenden Strahlen der Hoffnung. Nur Eins bereitete ihr Sorge: daß Stephan dem Grafen Orloff ihr Geheimniß zu früh mitgetheilt – sie wußte, der Günstling haßte sie, und wer weiß –. Aber ihre Bangigkeit schwand vor dem Gefühl der Freiheit, vor dem Gebet des Dankes.

Die Nacht verging, der Morgen kam, und Jadviga wartete, vor die Czarin beschieden zu werden. – Aber Stunde um Stunde verrann, und es kam kein Auftrag der Kaiserin. Ob Stephan wohl da war? Jadviga befragte die Kammerfrau. – Nein, er war nicht da.

»Er wird sich verspätet haben,« dachte sie; aber eine seltsame Unruhe hatte ihr Herz erfaßt, und steigerte sich, je weiter der Nachmittag vorrückte.

Es schlug sechs Uhr auf dem Thurm der Kapelle. Die Kammerfrau trat ein und begann die Toilette ihrer Herrin. Was sollte das heißen? Hatte Orloff über den Inhalt von Stephan’s Brief geschwiegen? War Stephan verunglückt? – Zwischen den bangen Zweifeln hindurch leuchtete aber wieder ein schwacher Strahl der Hoffnung.

Die Toilette war nunmehr beendet.

Wie damals, so trat auch heute die Oberhofmeisterin in das Gemach. Wie im Traume folgte ihr Jadviga in den festlich erhellten Thron­saal. Da saß wiederum, wie damals, die Kaiserin aller Reußen im Glanze ihres Hofstaates. Ihr zur Seite stand Orloff im kostbaren Hofkostüm – Stephan jedoch war nicht da. Kam er erst in der elften Stunde? Warum sprach Orloff nicht?

»Gräfin Orsinska,« tönte der Czarin Stimme, »wie vor Kurzem, so bin ich auch heute bereit, Dich zum Altar zu führen. Folge mir!«

Und sie erhob sich. Aber Jadviga trat ihr entgegen.

»Majestät,« begann sie mit bebender Stimme, »ich pflege Ihre Befehle ehrfurchtsvoll entgegenzunehmen; aber dieser Befehl, – er dünkt mir unbegreiflich; Graf Orloff muß Eurer Majestät doch mitgetheilt haben, daß ich mich nicht vermählen kann, nicht darf –«

»Sie träumen, Gräfin,« fiel ihr Orloff höhnisch in’s Wort.

Jadviga richtete sich hoch empor.

»Ich frage Sie, Gregor Orloff, werden Sie sprechen, wie es Ihnen der Brief des Grafen Wièlopolski auferlegt?«

»Ich verstehe nicht, was die gnädige Gräfin wollen.«

»Wohlan denn,« rief Jadviga glühend, »so werde ich sprechen. – Kaiserliche Majestät, ich kann dem Fürsten Czernyschew meine Hand nicht reichen; – denn ich bin vermählt!«

Alles wich zurück – Jadviga stand allein. Da schlug Orloff ein helles Lachen an.

»Gut ausgedacht, Gräfin, ein feiner Vorwand, sich dem Befehle der Czarin zu entziehen!«

»Gregor Orloff, Sie wissen nur zu gut, daß ich die Wahrheit spreche.«

»Und ich erkläre, daß Sie lügen,« rief er mit blitzenden Augen. Dann flüsterte er der Czarin etwas zu.

Katharina hatte erstaunt, aber schweigend dem Zwiegespräch zugehört. Sie suchte das Aufwallen ihres Zornes zu unterdrücken.

»Jadviga,« sagte sie mit einer gewissen Ruhe, »ich will Dir diese Lüge vergeben.« Dann fuhr sie in strengerem Tone fort: »Doch Alles hat seine Grenzen, komme, der Pope wartet!«

»Nimmermehr!« rief die Arme in verzweifeltem Tone, »ich darf und kann nicht! Laßt mich diesen Elenden Lügen strafen, ich spreche die Wahrheit, so wahr ein Gott lebt!« –

»Eine schöne Scene voll dramatischer Wirkung!« spottete Orloff. »Nur schade, daß wir nicht auf der Bühne stehen. Sie sind eine treffliche Komödiantin, schöne Gräfin.«

»Mein Gott, bin ich denn wahnsinnig?« Jadviga rieb sich die Stirn. »Gregor Orloff, bedenken Sie, welches Verbrechen Sie auf sich laden durch Ihr nichtswürdiges Schweigen!«

»Die arme Gräfin redet schon irre,« bemerkte er kalt.

»Folge mir, Intrigantin,« donnerte jetzt die Czarin, »ohne Widerrede!«

Jadviga war betäubt, außer Fassung gebracht; sie fühlte nur noch, wie Orloff’s Hand sich fest auf ihren Arm legte – willenlos folgte sie und stand bald vor dem hellerleuchteten Altar.

»Schnell die Ceremonie, ohne Aufschub, Hochwürden,« befahl die Kaiserin, und wie im Traum hörte Jadviga des Fürsten »Ja!« Jetzt war die Reihe an ihr – kam denn Stephan wirklich nicht?

»Ich werde für die Gräfin antworten,« rief die Czarin. Laut und fest tönte ihr Ja, und: »Nein, nein!« protestirte Jadviga.

Da legte die Czarin ihre Hand auf Jadviga's Arm und drückte ihn, bis sie krampfhaft aufschrie. Ihr Schmerzensruf wurde als »Ja!« gedeutet, und der Pope sprach den Segen. In langer Reihe schritt man aus der Kapelle nach dem strahlenden Thronsaal; – aber auf Jadviga war die Nacht des Wahnsinns gefallen.

»Geh’, ändre Deine Toilette, der Wagen steht bereit zur Abreise,« herrschte die Czarin sie an.

Mechanisch verließ die Arme den Saal; jedoch nicht in ihre Gemächer ging sie – sie trat in den einsamen dunkeln Park. Rasch eilte sie vorwärts und stand nun am Ufer des See’s. Schilf rahmte ihn ein, und weiße Wasserrosen schwammen märchenhaft auf seinem grünen Spiegel. Träumerisch irrte die Wahnsinnige auf dem schmalen Uferpfade. Auf einmal tönte von der anderen Seite flüchtiger Hufschlag; das Geräusch kam immer näher. Jetzt hatte sie, durch die Nacht des Wahnsinns, den Reiter erkannt. »Mein Stephan!« rief sie, »da bist Du!« und wollte ihm entgegeneilen, durch Schilf und Wasserrosen. Aber statt des Gatten Arm öffnete sich ihr die kühle Fluch: hoch schlugen die Wellen auf und schlossen sich wieder; nur ihr weißes Brautkleid hob sich geisterhaft über die Wasserfläche. Doch nicht lange sollte sie gebettet bleiben zwischen Schilf und Wasserrosen – zwei kräftige Arme faßten die Sinkende und ruderten sie an’s nahe Ufer.


* * *


Im Thronsaal von Zarskoje-Sselo wartete man inzwischen vergebens auf die »Fürstin Czernyschew.«

»Eine Damentoilette erfordert viel Zeit,« bemerkte Graf Orloff mit sarkastischem Lächeln.

Eine trübe Stimmung lagerte jedoch über der glänzenden Hofgesellschaft. Die erschütternde Scene in der Kapelle lastete auf allen Gemüthern und drängte jedes Aufwallen des Uebermuths zurück. Die Czarin war ernst und düster, Fürst Czernyschew still und abweisend; nur Orloff sprühte von Witz und Laune.

Eben war wieder eine lange Pause in der Unterhaltung eingetreten, kaum daß man ein vereinzeltes Flüstern vernahm – da meldete ein Lakai:

»Graf Wièlopolski bittet um die Gnade, so wie er von der Reise kommt, vor Eure Majestät zu treten.«

Die Czarin nickte. Alle blickten erwartungsvoll auf, als Graf Stephan hereintrat. Er war sehr bleich; im groben Reitermantel, den er sich im Schlosse entliehen, mit Reitstiefeln und Reitpeitsche, schritt er auf die Czarin zu und beugte vor ihr sein Knie.

»Was wünschen Sie, Graf?« fragte sie herablassend.

»Majestät werden mein wenig hofmäßiges Auftreten entschuldigen; aber ich habe dringendere Pflichten, als die Etikette heischt: ich verlange Auskunft über die Gräfin Orsinska!«

Katharina schwieg.

»Sie sind sehr kühn, Herr Graf!« brach sie endlich das Schweigen, – »aber die Polen sind’s alle. Ich will darum nicht weiter fragen, was Ihnen ein Recht giebt zu diesem Auftreten, sondern Ihnen mittheilen, daß seit einer Stunde Jadviga Orsinska sich die angetraute Gemahlin des Fürsten Czernyschew nennt.«

Einen Augenblick war es Stephan, als schwinde seine Fassung; allein schnell hatte er sich ermannt, und statt jeder Antwort einige Papiere hervorgezogen und sie schweigend der Monarchin gereicht: sie enthielten die Beweise für seine Ehe mit Jadviga.

»Ich bedauere,« bemerkte die Czarin, indem sie die Papiere zurückgab, – »daß ich das nicht vorher wußte. Aber warum, Graf, haben Sie das nicht eher gesagt?«

Flammenden Auges wandte sich Stephan gegen Orloff.

»Graf Orloff,« rief er bebend, »Sie haben gestern Abend durch Herrn von Klunikowski ein Schreiben von mir empfangen!«

»Und wenn auch?«

»In diesem Schreiben theilte ich mit, daß Jadviga seit einem Jahre meine Gemahlin ist –«

»Was geht das Alles mich an?«

»Und dieses Schreiben, dessen Inhalt augenscheinlich für die Kaiserin bestimmt war, haben Sie unterschlagen! – Und nicht genug damit, haben Sie Wegelagerer gedungen; sie sollten mich unterwegs überfallen und es mir unmöglich machen, meine Gattin vor dem Zwange der Scheintrauung zu bewahren! Ich selbst habe mich noch glücklich aus der Gefahr herausgeschlagen; – aber ich bin zu spät hier angelangt, und meine Jadviga ist darüber wahnsinnig geworden – ich kam grade noch zurecht, um sie vor dem nassen Tode des Ertrinkens zu retten!«

Ein Schrei des Entsetzens ging durch die Versammlung. Stephan aber fuhr mit steigender Erregtheit fort:

»Das Alles ist Ihr Werk – und Sie haben die Stirne und wollen mich mit kaltem Hohne abfertigen? Für solche Bubenstücke giebt’s nur Eine Züchtigung, –« und er hob die Reitpeitsche – »aber die Gegenwart Ihrer Majestät lähmt meine Hand – zudem wäre bei Ihnen mit dem Schmerze die Strafe vergessen! Möge ein Höherer richten!« sprach er dann ruhiger, zur Kaiserin gekehrt, die ihre schmerzliche Erregung nur mit Mühe zu beherrschen vermochte. »Mir erübrigt blos, Eure Majestät zu bitten, daß ich mit meiner Gattin ungehindert wegziehen dürfe von diesem Orte trauriger Erinnerung.«

Orloff stand wie niedergeschmettert – die alte Dreistigkeit hatte ihn verlassen. Die große Katharina aber weinte.

In überwallender Großmuth wollte die Czarin jetzt gut machen, was ihre Befehle verschuldet hatten. Deshalb beschränkte sie sich nicht darauf, die bescheidene Bitte Stephan’s zu gewähren, sondern suchte das unglückliche Paar förmlich mit den Beweisen ihrer Huld zu überhäufen. Allein Stephan schlug beharrlich Alles aus. –

Orloff fiel in Folge seines gewissenlosen Handelns in Ungnade; – doch nur für wenige Wochen blieb ihm der Himmel kaiserlicher Gunst überwölkt – dann wurde er wieder in Gnaden aufgenommen und mit dem Fürstentitel beschenkt – Orloff war eben zu Allem brauchbar.


* * *


In einem freundlichen Landhause an den Ufern der Weichsel sitzt ein blasser Mann am Krankenbett einer jungen blassen Frau. In den Zügen des Mannes hat der Gram tiefe Furchen, im Gesichte der Frau der Tod sein Zeichen eingegraben. Aber Ruhe und Frieden liegt in beider Antlitz. Die Kranke schlummert eben, und ängstlich lauscht der blasse Mann den schweren, unterbrochenen Athemzügen, welche ihre Brust heben. Sie wacht auf, und ihr erstes Wort, mit schwacher Stimme, aber unnennbarer Liebe gesprochen, ist: »Stephan!« Und er drückt zärtlich das Haupt der Kranken an seine Brust und fragt: »Jadviga, hast Du gut geruht?«

Jadviga's Wahnsinn ist also gebrochen? Seit einem Monate; aber mit der Kraft des Wahnsinns ist auch die Kraft ihres Körpers gebrochen. Acht Monate lang hatte sich über ihrem Geiste undurchdringliche Nacht gelagert – da ward sie von heftigem Nervenfieber ergriffen, und in der Krankheit fiel der Schleier. Als sie zum ersten Male wieder mit klarem Blicke den Gatten anschaute und mit ruhigem Tone seinen Namen aussprach, da hätte er sein Glück nicht mit allen Freuden und Ehren der Welt vertauscht.

Noch drei Monate lebte Jadviga. Diese drei Monate waren für beide Gatten eine selige Zeit, reich an reinen Freuden. Waren die Freuden auch getrübt durch den Gedanken an die baldige Trennung, so ward die Trennung selbst wieder verklärt durch das sichere Bewußtsein, daß für gottvereinte Seelen der Grenzstein des irdischen Lebens nicht auch der Grenzstein der Liebe und Vereinigung ist.