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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem – Ihre Majestät

Roman

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, Ihre Majestät, Roman, Max Seyfert, Dresden, 1910
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



In der fürstlichen Haupt- und Residenzstadt Rothenburg machte sich eine gelinde, aber zweifellose Erregung bemerkbar; einem harmlos durchreisenden Fremden mußte es vorkommen, als ob sämtliche zwölftausend Einwohner auf den Beinen wären, um zu irgend etwas Ungewöhnlichem zusammenzuströmen. Evident war das Ziel der guten Rothenburger der Bahnhof, dessen Vorstand auch richtig geflaggt hatte, und auf der nicht eben breiten, aber doch auch sonst am meisten belebten Straße, die mitten durch das Städtchen zu dem auf einem waldigen Hügel thronenden fürstlichen Residenzschlosse führte, sah man hie und da eine grüngelbe Fahne lustig aus Fenstern oder von Balkonen in der schönen frischen Frühlingsluft flattern.

Die Kinder, die in natürlich überwiegender Mehrzahl auf den Bahnhof herauspilgerten, trugen Sträußchen in den Händen aus Himmelsschlüsseln, Veilchen, Schneeglöckchen, Krokus und Jonquillen, – Blumen, die der Frühling zuerst in geschützten Gärten erblühen läßt.

Ein Geschäftsreisender, mit einem Musterköfferchen in der Hand, hatte schon mehreren solch gruppenweise dahineilenden Kindern nachgeschaut und konnte sich endlich nicht mehr enthalten, nach dem »wohin« und »warum« zu fragen.

»Die Goldne kommt wieder heim und wir gehen sie auf dem Bahnhof begrüßen«, antwortete ein kleines Mädchen wichtig.

»Die Goldne?« wiederholte der Reisende erstaunt und durchaus nicht aufgeklärt.

»Dummerchen! Der Herr ist ein Fremder und kann doch nicht wissen, wer das ist!« nahm sich eine Größere der Sache an.

»Prinzessin Lily, – das ist die Schwester von unserm Fürsten, kommt von ihrer Reise zurück und wir gehen sie zu empfangen. Wir nennen sie die Goldne, weil sie doch gar so lieb und goldig ist.«

»Aha!« machte der Reisende lächelnd. Er war ein Großstädter und machte sich immer weidlich über die »Hinterwäldler« lustig.

»Ja«, fragte er dann weiter, »war die Goldne denn so lange und so weit verreist, daß ihr sie so festlich begrüßen müßt?«

»Freilich, – sechs Wochen war sie fort und es war uns allen ganz bange nach ihr«, nahm die Große wieder das Wort. »Sie war die ganze Zeit in Treustadt.«

»Nun  natürlich,  wenn  sie  so  weit  weg war –«, lachte der Reisende, denn Treustadt, die Residenz des Königreiches Seeland war mit der Bahn in knapp sechs Stunden zu erreichen und das ist für Leute seines Gewerbes wenig mehr als ein Katzensprung.

Und dann drehte er um und ging auch auf den Bahnhof, um die »Goldne«, dieses Duodezprinzeßchen, zu sehen und um festzustellen, ob die Rothenburger neben ihrer Verehrung auch sonst noch einen guten Geschmack hatten.

Unterwegs wurde der neugierige Merkursjünger von den fürstlichen Wagen überholt, die zum Bahnhof fuhren: voran ein offenes Break, gezogen von einem Paar flott gehenden Braunen, hinterher fuhr leer ein offener Landauer. In dem Break aber saßen eine alte Dame und drei junge, – die Jüngste von ihnen war noch ein halbes Kind in dem glücklichen oder unglücklichen Backfischalter und zum Kennzeichen dafür, daß sie noch nicht »erwachsen« war, hing ihr ein dicker, blonder Zopf auf den Rücken herunter.

Jung waren die anderen beiden übrigens auch noch und mehr oder minder hübsch, gesunde, blühende Persönlichkeiten, die die respektvollen Grüße der Rothenburger in freundlichster, ja fast familiärer Weise erwiderten. Denn diese drei jungen Damen waren die Schwestern des regierenden Fürsten mit der Staatsdame Frau von Maritz, der einzigen Repräsentantin des weiblichen Hofstaates –

Oberhofmeisterin nannten die Rothenburger sie gern, aber sie hatte den Titel nicht, wie es denn überhaupt nicht eine einzige Hofdame am Hofe von Rothenburg gab. Dieser Titel war mit dem Tode der letzten Fürstin, der Mutter des regierenden Herrn, überhaupt gestrichen worden; nicht aus Geiz oder Geldmangel, sondern weil der alte Fürst, der wie ein Patriarch unter seinen Untertanen gelebt, der Ansicht war, daß seine Töchter sehr gut einen solchen überflüssigen Appendix entbehren konnten, indem sie unter sich gerade genug wären und die jungen Damen des Adels etwas Besseres tun könnten, als hinter den Prinzessinnen dreinzuziehen und zu faulenzen. Und da sein Sohn und Nachfolger derselben Ansicht war, so blieb auch nach seinem Regierungsantritt der Rothenburger Hof hofdamenlos und nur zu feierlichen Gelegenheiten traten ein paar Damen des Stadt- und Landadels in die vakanten Stellen ein, um nach getaner Pflicht sofort wieder zu verschwinden.

Mit Frau von Maritz war es eine andre Sache, denn erstens bedurfte der gänzlich verwaiste Hof einer älteren und erfahrenen Frau zur Leitung und »Bemutterung« der jungen Prinzessinnen, und dann mußte doch auch eine Hausfrau unter irgendwelchem Titel da sein.

Zu alldem eignete sich niemand besser als die würdige Dame, welche nun schon seit Jahren alle diese Würden und Bürden trug. Sie war die intimste Jugendfreundin der Fürstin gewesen, fast gleichzeitig mit ihr hatte sie sich mit dem Adjutanten des seligen Fürsten verheiratet und, selbst kinderlos, die Erziehung der fürstlichen Kinder geleitet in demselben freien, zwanglosen und doch ganz zielbewußten Sinne, in dem sie sich eins mit der Mutter und dem Vater wußte, und hatte freie, frohe, natürliche Menschen in ihnen großgezogen.

Wie gut sie es verstanden, den früh Verwaisten, allen Fünfen miteinander, Unersetzliches zu ersetzen, das bewies die geradezu enthusiastische Liebe, mit denen der Fürst wie seine Schwestern an dieser treuen Seele hingen. Zwar gab es Leute, die finden wollten, daß das gegenseitige Verhältnis sich denn doch nachgerade zu einem allzu zwanglosen herausgebildet hatte, daß »die Fünfe« der guten Frau von Maritz einfach auf der Nase herumtanzten, aber irgend etwas müssen die Leute eben immer und bei allem auszusetzen haben; die Hauptsache war, daß man auf der Rothenburg ein durchaus zufriedenes Dasein führte und durchaus nichts »Unwürdiges« darin fand, in der ehemaligen Erzieherin und eigentlichen gegenwärtigen Hausfrau eine Freundin zu sehen, mit der man sich gelegentlich auch mal einen Spaß erlauben durfte, für den die stets heitre und gutgelaunte Dame zweifellos sehr empfänglich war, ohne sich auch nur das geringste von ihrer Würde zu vergeben; eine Kunst, die bekanntlich gar nicht so leicht ist. Ja, für das Glück, das volle Vertrauen ihrer Pflegebefohlenen zu besitzen, sich in ihren großen und kleinen Leiden und Freuden mit ihnen eins zu wissen, dafür hätte sie sogar etwas von ihrer Würde geopfert. Aber das hatte sie weder nötig, noch auch zu fürchten, denn wo die Liebe ist, da fehlt der Respekt niemals; man wacht über diesen nur dann immer so ängstlich und eifersüchtig. wenn man sich der empfangenen Liebe nicht ganz sicher fühlt.

Über diesen Punkt war nun Frau von Maritz ganz ohne Sorgen und da es ihr natürlich zu Ohren gekommen war, daß die Rothenburger »Gesellschaft« für den ihr schuldigen Respekt besorgte, so hatte sie deutlich zu verstehen gegeben, daß man sich darüber gefälligst beruhigen möchte, und wenn es den Prinzessinnen Spaß machte, ihr auf der Nase herum zu tanzen, so wäre das schon recht, denn dieses Organ wäre bei ihr groß genug geraten, um Platz für alle Vier und den Fürsten dazu zu gewähren.

Das einzige, was ihr – aber nur insgeheim – Sorge machte, war, daß ihre vier »Mädels«, wie sie die Prinzessinnen respektlos im Grunde ihres Herzens sowohl wie gelegentlich auch ganz laut nannte, in Rothenburg »versauern« möchten; denn was immer auch von seiten des Fürsten geschah, um Gelehrte, Musiker und Künstler nach seiner Residenz einzuladen, um einen frischen regen Geist hereinzubringen und den geistigen Schlaf zu verhüten – ein kleines, weltfernes Wurstnest blieb das Städtchen doch und der Horizont zog sich wie ein Gummiband immer wieder zusammen, wenn er gelegentlich einmal ausgeweitet wurde.

Daran war aber weniger der Mangel an Interesse, als die Natur der Sache selbst Schuld, denn was im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts noch möglich war: aus einem Weimar einen geistigen Brennpunkt zu machen, das verhinderte im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts der fortgeschrittene Verkehr, der die abseits vom Wege liegenden Winkel meidet und seinen Strom nach dem Zusammenfluß der Geister lenkt, nach den Großstädten.

Wenn nun der Berg nicht zum Propheten kommt, so muß eben der Prophet zum Berge und wer immer an der Scholle klebt, dem wird der Blick doch am Ende getrübt und wäre er noch so sehr ins Weite zu schauen geübt worden.

Frau von Maritz wollte aus ihren »vier Mädels« keine »kleinen« Prinzessinnen gemacht wissen, über die man an den großen Höfen lächelnd die Achseln zuckte oder sich mokierte; daß sie im Zwange eines kleinstaatlichen Hofes nicht künstlich zu Fossilen gemacht wurden, dafür war ja wohl gesorgt, indem die Etikette in Rothenburg nur dann hervorgeholt und gründlich abgestaubt wurde, wenn sich ein fremder »Regierender« mal zu einem Besuche dahin verirrte, wobei dann freilich der frischgeölte Apparat nicht immer klappte.

Aber damit war auch nicht alles getan und Frau von Maritz sorgte wenigstens dafür, daß ihre »Mädels« fremde Länder und fremdes Leben zu sehen bekamen, indem sie inkognito unter bürgerlichem Namen zwanglose Reisen mit ihnen unternahm, ohne jede Begleitung, ohne Zofen und Kammerdiener, genau wie andre Touristen, die sich ihre Stiefeln vom Hausknecht in den Hotels putzen lassen und sich im übrigen selbst bedienen, sich selbst ihre Plätze in überfüllten Zügen suchen und selbst nach den Preisen ihrer Zimmer fragen.

Das alles war so schon etwas, aber Frau von Maritz hätte gern noch mehr für ihre »Mädels« gehabt. Zum Beispiel gute Partien, das heißt gute in ihrem Sinne, nicht irgendein hochfürstliches, vergoldetes Elend, wie es so viele fürstliche Ehen waren und leider noch immer sind. Selbst unendlich glücklich in ihrer Ehe gewesen, suchte sie naturgemäß das Glück für ihre Pflegebefohlenen auch wieder in der Ehe; sie hielt nichts oder doch nur sehr wenig von dem Stande einer unverheirateten Prinzessin, der war in ihren Augen nicht Fisch nicht Vogel nach dem, was sie bisher davon gesehen hatte. Es gab da freilich ein Stift im Lande, dessen Äbtissinnenwürde immer einer Prinzessin des Rothenburger Hauses reserviert war und wenn's gerade keine gab, da regierte da nur eine »Priorin«. Jetzt eben war eine jüngere Schwester des vorigen Fürsten Äbtissin – lieber Himmel, was führte die für ein Leben! Eine kleine Hoffnung setzte Frau von Maritz auf die Verwandtschaft, aber sie kam zu der Überzeugung, daß es damit nichts Rechtes war, wenigstens was die Prinzessinnen betraf.

Von väterlicher Seite war eigentlich nur die Tante Äbtissin da, die zählte also nicht, denn eine Einladung ins Stift verursachte allemal mehr Schrecken als Freude. Die mütterlichen Verwandten, ein mediatisiertes Fürstenhaus, lebten daheim sehr zurückgezogen wegen schwerer Krankheit in der Familie; dort war auch kein froher Aufenthalt für ein junges Mädchen; blieb also nur noch die verheiratete, jetzt verwitwete Schwester des verstorbenen Fürsten, die Prinzeß Friedrich von Seeland, des gegenwärtigen Königs angeheiratete Tante. Auf diese etwas wunderliche Dame war Frau von Maritz nicht gut zu sprechen gewesen – bis vor kurzem. Nicht, daß diese Verwandte sich um ihre Nichten nicht gekümmert hätte, das konnte ihr niemand nachsagen, denn sie kargte nicht mit Geschenken, die freilich manchmal reichlich sonderbar waren, und sie lud auch ihre Nichten regelmäßig jeden Sommer zu sich auf ihr Schloß im Gebirge ein, aber was hatten die »Mädels« davon? »Einen Quark« behauptete Frau von Maritz für sich mehr drastisch als elegant, aber trotzdem nicht unrichtig, denn Ihre Königliche Hoheit lebte auf eben diesem Schlosse wie ein Einsiedler, froh, den »Rummel«, wie sie ihrerseits das Hofleben nannte, für ein paar Monate los zu sein. Hofdame und Kammerherr bekamen für diese Zeit Urlaub und »frei wie die Luft in den Gebirgen« stampfte sie in derben Schmierstiefeln und unglaublich kurzem Lodenrock in Wald und Flur durch Dick und Dünn von früh bis abend herum oder kutschierte sich selbst in einem Pürschwagen, der, wie gelegentlich Mitgenommene einmütig erklärten, in Sparta gebaut worden sein mußte, weil er so entsetzlich stieß.

An diesen Freuden durften die Prinzessinnen von Rothenburg alljährlich teilnehmen, aber sie taten es merkwürdigerweise ganz gern und kehrten immer frisch und rotwangig von der Tante zurück, die sie alle trotz ihrer vielen Absonderlichkeiten enthusiastisch lieb hatten. Dagegen hatte Frau von Maritz auch nichts einzuwenden; was sie Ihrer Königlichen Hoheit aber verdachte, war, daß Prinzeß Sophie ihre Nichten nie und niemals nach der Residenz einlud, in der sie allerdings nur die unumgänglich notwendigen, offiziellen Hoffestlichkeiten und auch diese nur unter entsetzlichem Seufzen und Stöhnen mitmachte. »Ob ich altes Reff meinen diamantenbehangenen Korpus zur Schau stelle oder nicht, danach fragt doch kein blauer Teufel«, pflegte sie zu sagen, aber es half ihr nichts; die »Diamantenlüftung« mußte mindestens ein halbdutzendmal in jeder Winterkampagne vorgenommen werden.

»Warum«, fragte Frau von Maritz sich und den Fürsten immer wieder, »warum nimmt die Prinzeß nicht eine ihrer Nichten zu sich? Das wäre doch eine passende Gelegenheit, sie zu zeigen und ihnen ein klein Stückchen von »der Welt, in der man sich langweilt?« In ihrer Fürsorge für ihre »Mädels« riskierte die gute Frau von Maritz diese Frage einmal direkt an die Prinzessin. Die Antwort kam prompt und chokierte die Gute noch mehr als die nackte Tatsache. »Meine Nichten sind verflixt hübsche Kröten und ich will nicht, daß mein Sohn sich in eine seiner Cousinen verschießt und eine dumme Partie macht. Eine Rothenburg im Hause Seeland ist gerade genug – ich kann davon ein Lied pfeifen. Ist er mal erst unter den Pantoffel gebracht dann will ich meinetwegen in den sauern Apfel beißen und Nichten ausführen. Ich freue mich schon darauf wie der Bauer, dem das Haus brennt.«

Frau von Maritz war empört, denn auf den Prinzen Erich, der also darum von seinen Cousinen so geflissentlich ferngehalten wurde, hatte sie insgeheim doch sehr gerechnet, abgeneigt wie sie sonst den Verwandtenheiraten war. »Eine dumme Partie« nannte es Prinzeß Sophie, die selbst eine Rothenburg war! Sie war doch manchmal entsetzlich geradezu, diese Königliche Hoheit! Und dann geschah ganz aus heiler Haut das Unerwartete: Prinz Erich unternahm mit einem befreundeten Thronerben eine Weltreise und kaum war er auf und davon, da kam eine Einladung von Prinzeß Sophie nach Rothenburg des Inhalts, daß eine ihrer Nichten (beileibe nicht etwa alle drei) sich nach Treustadt aufmachen sollte, um dort die Hoffeste mitzumachen. Für Courroben würde sie, die Tante, sorgen und das Los sollte entscheiden, welche der drei Erwachsenen die Freuden der Residenz genießen sollte. Frau von Maritz glaubte ihren Ohren nicht zu trauen, als der Fürst ihr diese Nachricht lachend überbrachte, aber sie hatte mit der gleichen Post alle Ursache, auch ihren Augen nicht zu trauen, als sie den Brief las, den die Prinzessin »vertraulich« an sie richtete. »Passen Sie mal auf, was ich Ihnen sagen werde«, schrieb sie in dem gleichen blühenden Stile, in dem sie zu reden pflegte. »Ich habe meine Nichten alle gleich lieb und gönne allen dreien gleich das ihnen blühende sogenannte Vergnügen. Aber wenn ich nun mal schon eine ausführe, dann will ich auch Staat mit ihr machen und das kann mir keine Katze verdenken. Elisabeth und Hedwig sind ja beide ganz hübsche und stattliche Erscheinungen, jede hat ihre Spezialvorzüge usw., aber was Außergewöhnliches sind sie nicht. Das müssen Sie selber sagen, meine gute, alte Maritz. Mit Lily ist's was anderes, die ist mal so ein Prinzessinnenphönix, wie er im Märchen steht. Die wirkt! Damit ich aber nicht für parteilich und ungerecht gelte, so habe ich meinem Neffen geschrieben, daß die Mädel das sogenannte Vergnügen unter sich auslosen sollen. Gut; das Los sollen sie ziehen, aber Sie sollen ein bissel dabei mogeln und es so einrichten, daß es Lily trifft. Verstanden? Gripps genug haben Sie ja dazu und ich vertraue Ihnen den Scherz an. Wenn Sie mich aber bemogeln, dann kriegen Sie es mit mir zu tun und den Leser, den ich Ihnen schreiben würde, den stecken Sie sich sicher nicht hinter den Spiegel. Auf in den Kampf. Mutter Maritz, – kutschieren Sie mal den Teufel am Schwanze, Sie werden's schon fertig bringen, was?«

Frau von Maritz war nach Lesung dieses Briefes erst sittlich entrüstet, aber weil sie Sinn für Humor hatte, lachte sie dann und schließlich mogelte sie sogar. Es darf nicht verschwiegen werden, daß sie es tat, in der allerbesten, liebreichsten Absicht, ohne ahnen zu können, daß sie damit wirklich das Manöver ausführte, das Ihre Königliche Hoheit ihr in so drastischen Worten empfahl. Und das Resultat war, daß Prinzeß Lily, die »Goldne«, wie die Rothenburger sie nannten, begleitet von einer für diese Gelegenheit ernannten Hofdame, Zofe und Diener nach Treustadt, der Residenz des Königreichs Seeland abreiste.

Den Januar, den Februar und die größere Hälfte des März war Prinzeß Lily fortgeblieben, sie hatte fleißig heimgeschrieben und von den glänzenden Festen, die sie mitgemacht, getreulich berichtet und nun kehrte sie heim und ganz Rothenburg war unterwegs, um sie am Bahnhof zu begrüßen – – –

Der neugierige Handlungsreisende kam für den Umweg durchaus auf seine Rechnung, denn als der Zug ankam, lohnte es sich allein schon zu sehen, wie die drei Prinzessinnen ihre Schwester begrüßten: sie fielen ihr alle gleichzeitig um den Hals und bildeten einen Knäuel, den ein gleichfalls herbeigeeilter Photograph Muße hatte, gewissenhaft zu photographieren; das Resultat dieses Bildes habe ich leider nicht gesehen, aber es muß ein merkwürdiges Konglomerat von fest aneinander hängenden Damenkostümen, Hüten und behandschuhten Händen gewesen sein, das sich erst entwirrte, als ein kleines Mädchen mit einem großen Strauß von Himmelsschlüsseln in den Händen ungeduldig mit seiner feinen Stimme piepste: »Jetzt ist's aber genug – wir wollen die Goldne auch begrüßen!«

Ein junges, frisches, helles Lachen antwortete auf diesen Appell; der Knäuel entwirrte sich und die große, schlanke Gestalt, das Opfer dieser schwesterlichen Attacke, die das Auge der Menge nicht im mindesten geniert hatte, löste sich aus den sie umschlingenden Armen, um die ihrigen zunächst mit einer reizenden Bewegung, die eine ganze Welt von Liebe ausdrückte, um den Hals von Frau von Maritz zu schlingen, die lachend der ersten Begrüßung zugesehen hatte. Dann erst wandte sich Prinzeß Lily dem kleinen Mädchen mit dem großen Strauße zu.

»Nein, Mieze – du bist auch gekommen, mich zu begrüßen?« rief sie laut mit der Überraschung, die für Kinder oft mehr ist, als Bonbons und Kuchen. »Ist das lieb von dir – von euch allen! Ich habe mich aber auch schon ganz schrecklich auf euch gefreut. Und die Blumen soll ich alle haben? Die müßt ihr mir schon bis an den Wagen tragen helfen, denn allein kann ich diese vielen, vielen Blumen ja gar nicht schleppen!«

Und sie halfen – wie halfen sie! Es dauerte, bis der ganze Segen glücklich in den zwei Wagen verstaut war so lange, daß die Pferde schon ganz ungeduldig wurden und die Prinzessinnen in der größten Angst waren, eins der Kinder möchte unter die Räder kommen, aber es lief alles glücklich ab und lächelnd und grüßend fuhren die vier Prinzessinnen im Break ab, während Frau von Maritz mit der temporären Hofdame der Prinzeß im Landauer folgte.

»Sie ist wirklich goldig«, dachte der Reisende, dem fürstlichen Wagen nachschauend. »Man kann es den Leuten nicht verdenken, wenn sie ihr gut sind. Und hübsch ist sie dabei – Donnerwetter noch einmal!«

Womit er bewies, daß er einen guten Geschmack hatte, denn es gab Leute, die Prinzeß Lily sogar für eine Schönheit erklärten, Leute, die etwas davon verstanden, oder es in ihrer Eigenschaft als Künstler doch wenigstens verstehen sollten. Eine wirkliche, dem höchsten Ideal entsprechende Schönheit hat aber zumeist etwas Kaltes, gewissermaßen Unnahbares im Gefolge und weil bei Prinzeß Lily alles Leben, Wärme, strahlende Jugend war, so konnte der Begriff »eine Schönheit« ihre ganze Erscheinung nicht genügend oder erschöpfend kennzeichnen. Streng genommen war sie's auch wahrscheinlich nicht, trotz des Urteils derer, die es wissen konnten. Ihr Mund hätte dazu vielleicht kleiner, ihre feingebogene Nase um etliche Linien länger sein müssen, aber es wäre unmöglich gewesen, sich dem Zauber dieses jungen Gesichtes mit dem Pfirsichblütenteint und den dunkel umrahmten, großen, strahlenden grauen Augen zu entziehen, um das naturkrauses, reiches, goldblondes Haar eine förmliche Glorie bildete. Das waren Schönheiten, gewiß, aber über alle diese Vorzüge siegte doch die Herzensgüte des Ausdrucks, die unsägliche Anmut des lieblichen Mundes, wenn er lächelte, wobei sich dann in den Wangen zwei herzige Grübchen bildeten. Alles das unterstützt von der natürlichen Grazie und der unbewußten Würde in jeder Bewegung der tannenschlanken, und doch nicht etwa mageren Gestalt, die ihre Schwestern um einen halben Kopf überragte.

»Gott sei Dank, daß wir dich endlich wieder haben – ich dachte schon, du kämst überhaupt nicht mehr zurück, Goldne«, lachte die Jüngste, als der Wagen endlich davonfuhr.

»Du siehst müde aus und etwas angegriffen, wir müssen dich wieder in der Ruhe unsres Daseins nach den Freuden der Residenz in die Reihe bringen«, meinte die Älteste mit einem besorgten Blick in das kaum rosig angehauchte Gesicht ihrer Schwester. »Ja, ja – die späten Stunden und alles das – man muß auch seine Vergnügen teuer erkaufen.«

Es zitterte etwas wie ein leiser, ganz leiser Seufzer über die Lippen von Prinzeß Lily, als sie mit einem halben Lächeln den Kopf schüttelte.

»I bewahre – Rothenburg wird mir die Großstadtluft bald genug wieder aus den Lungen treiben«, versicherte sie leicht. »Man kann doch hier viel besser atmen. Wie gut und frisch ihr alle ausseht – es ist eine wahre Freude.«

»Ich bin nur froh, daß ich noch nicht erwachsen bin. Das sogenannte ›Ausgehen‹ muß ja eine wahre Hausknechtsarbeit sein«, lachte die Jüngste wieder mit der ganzen Überlegenheit des Fuchses, dem die Trauben zu sauer sind. »Aber auf das Erzählen kannst du dich freuen, Goldne. Alles will ich wissen, was du gesehen und erlebt hast, alles! Verstehst du?«

»Als ob ich euch nicht alles geschrieben hätte!« verwahrte sich Prinzeß Lily entsetzt. »Ganze Folianten könnte man von den Briefen drucken, die ich für die allgemeine Neugierde heimgeschrieben habe!«

»Hast du. Aber was man gern wissen will, das hast du natürlich nicht geschrieben«, behauptete die Jüngste hartnäckig.

»Da möchte ich doch wirklich wissen, was du Naseweis noch besonders wissen möchtest –«

»Na, zum Beispiel, was du für Eroberungen gemacht hast!«

»Du, kümmre dich gefälligst um deine Schulaufgaben und nicht um meine Eroberungen«, wehrte Prinzeß Lily lachend ab.

»Aha! Sie hat welche gemacht!« triumphierte das enfant terrible des Rothenburger Fürstenhauses. »Seht ihr's, wie sie rot wird! Na wart, – ich werde dir schon auf der Seele knien, bis du bekennst! Und dann – es ist wahr, vom Polizeipräsidenten bis zum Nachtwächter hast du uns die Treustadter Typen sehr divertierend geschildert, aber von der Hauptperson – kein Wort!«

»Aber Vicky, du neugieriger Spatz du –«

»Es ist wahr! Hedwig, Elisabeth, sagt selbst, hat sie je etwas von dem König geschrieben?«

»Ja um alles in der Welt – was soll ich denn von dem Könige schreiben?« murmelte Prinzeß Lily, indem sie ihr Gesicht in den Strauß Himmelsschlüssel versteckte, den sie noch in der Hand hielt.

»Und da frägt sie auch noch«, ereiferte sich das Prinzeßchen, indem es ihrem Zopfe einen Schwung gab, der ihn über ihre eckigen Backfischschultern jagte.

»Ich dächte, der König wäre doch die Hauptperson in seiner Residenz, nicht? Und ich will wissen, wie er aussieht, wie er redet, – na, kurzum, wie er sich räuspert und wie er spuckt.«

»Vicky!« verwies Prinzeß Hedwig, aber es zuckte um ihre Mundwinkel dabei.

»Wie er aussieht, weißt du ganz genau«, neckte Prinzeß Elisabeth. »Du schwärmst ja für ihn zur Genüge, hast sein Bild in Folioformat in einem Rahmen, der deine Mittel bedenklich ins Defizit gebracht hat, in deinem Zimmer stehen und machst täglich mehrmals einen Kotau davor!«

»Aber ich will wissen, ob er wirklich so aussieht, – Photographien können retouchiert werden«, beharrte das Prinzeßchen auf seiner Forderung, den Kotau mit einer Grimasse quittierend. »Und ob er sonst nett ist, will ich wissen. Und ob er wirklich die Herzogin Xenia, seine Cousine, heiraten wird. Und ob er wirklich so schön die Geige spielt, wie es in der Zeitung steht, und ob er lustig ist oder melancholisch und so ideal! Laß mal die dummen Blumen sein, Lily, sie riechen ja doch nicht! Antworte!«

»Ein Narr frägt oft mehr, als zehn Weise beantworten können«, neckte Prinzeß Elisabeth wieder. »Wir werden das alles nach und nach erfahren, Kleine! Aber ob das Gerücht mit der Herzogin Xenia wahr ist, das möchte ich wirklich auch gern wissen.«

»Man behauptet es wenigstens steif und fest – in den Zeitungen wird diese Verlobung einfach als Tatsache behandelt«, fiel Prinzeß Hedwig ein. »Schrecklich unangenehm müssen diese öffentlichen Indiskretionen für die Betreffenden sein! Der König kann ja eigentlich gar nicht mehr anders, als die Verlobung zu proklamieren, wenn die Herzogin nicht kompromittiert werden soll. Warum kommt es denn noch immer nicht dazu? Besonders, wenn, wie man sagt, es der Herzenswunsch der Königin-Mutter ist! Was sagt denn Tante Sophie dazu?«

»O, Tante Sophie sagt, wegen ihr könnte das Gebammle mal ein Ende nehmen«, murmelte Prinzeß Lily mit dem Schatten eines Lächelns hinter ihren Blumen.

»Die Redewendung sieht Tante Sophie ähnlich«, lachte Prinzeß Hedwig hell heraus. »Es sollte mich nur Wunder nehmen, wenn sie es dem Könige nicht mit den gleichen Worten gesagt hätte.«

»Sie wird nicht ermangelt haben, es zu tun – ob sie gefragt worden ist oder nicht«, fiel Prinzessin Elisabeth mit Überzeugung ein. »Welchen Eindruck hast du denn von der Sache gehabt, Lily? Du bist den handelnden Personen doch nahe genug gekommen, um dir ein Urteil bilden zu können?«

»O – ich kann wirklich nicht sagen, wie sie selbst dazu stehen«, erwiderte Prinzeß Lily rückwärts herausschauend. »Die Herzogin Xenia ist sehr zurückhaltend – sie gibt sich sehr kühl, fast frostig. Aber sie ist sehr schön, sehr – –«

Und wieder war es ein leiser, leiser Seufzer, der dieses zweite »sehr« fast erstickte.

»Nun, wenn es wirklich der Herzenswunsch der Königin-Mutter ist – – man sagt, daß Seine Majestät sehr unter dem mütterlichen Pantoffel stehen soll – – dann wird Tante Sophie ja wohl bald die Befriedigung haben, daß das ›Gebammle‹ ein Ende hat«, meinte Prinzeß Hedwig mit einem flüchtigen, aber scharfen Blick auf die Schwester.

»Vielleicht – wahrscheinlich«, murmelte Prinzeß Lily. »Aber«, setzte sie sich umwendend mit leuchtenden Augen hinzu, »aber ihr dürft nicht glauben, daß der König ein Schwächling, ein Muttersöhnchen ist, das sich tyrannisieren läßt! Er wird aus eigner, freier Entschließung tun, was er für recht hält, vor sich, der Prinzessin und dem Lande! Und – ›Abwarten und dann Tee kochen‹, würde Tante Sophie sagen. Erzählt mir lieber, warum Hans Heinrich nicht gekommen ist, mich abzuholen. Noch kein Sterbenswort habt ihr mir von ihm gesagt.«

»Erstens hat unser Herr Bruder behauptet, wir wären zur Abholung gerade genug ohne ihn«, rief Prinzeß Vicky, sich sofort auf das neue Thema stürzend, »und dann hat er gerade dringende Geschäfte, er ›regiert‹.«

»Aha irgendeine Deputation, die empfangen werden muß«, meinte Prinzeß Lily, das stolze Wort »regieren« richtig übersetzend.

»Nein – er empfängt einen Gesandten aus Treustadt«, fiel Prinzeß Elisabeth ein. »Ich bekenne, daß ich vor Neugierde brenne, zu wissen, was der hier will. Einen außerordentlichen Gesandten, denk mal nur! Ob wir wohl an der Grenze irgend etwas verbrochen haben, das solche Maßregeln erfordert? Aber Goldne, – du wirst ja ganz blaß! Eine Kriegsdrohung wird's nicht gleich sein, wenn ich so auch der Überzeugung lebe, daß das Rothenburger Bataillon die Seeländer Armee umgehend schlagen würde.«

»Na, laß mal gut sein, Elisabeth«, rief Prinzeß Hedwig halb lachend und halb ärgerlich. »Wenn wir ja auch nur zu den Kleinsten der Kleinen gehören, unsern Stolz haben wir darum doch und es ist nicht gerade angenehm, von den Größten unter den Großen ›gerissen‹ zu werden. Das aber kann es nicht sein – dazu genügt der bei uns akkreditierte Geschäftsträger vollauf. Qui vivra verra. Irgendein Höflichkeitsakt, für den man etwas besondres springen läßt.«

»Die Goldne ist wirklich ganz blaß geworden«, stellte Prinzeß Vicky in besorgtem Ton fest, um im selben Atem neckend fortzufahren: »Du! Du hast doch in Treustadt nicht am Ende etwas ausgefressen – ach was! Mutter Maritz ist ja nicht dabei, da darf man schon mal deutsch reden – was sie dem Hofe von Rothenburg durch einen außerordentlichen Gesandten in vertraulicher Mission anzeigen! Haha! Jetzt wird sie rot, die Goldne! Ich hab's getroffen!« jubelte das enfant terrible in die Hände klatschend.

»Vicky, du bist doch ein schreckliches Mädel!« sagte Prinzeß Lily mit einem Lachen, das etwas gezwungen war und die Röte in ihrem schönen Gesichte vertiefte sich dabei.

»Ja, ja – öfter Wasser und Brot könnte ihr nichts schaden«, lachte Prinzeß Hedwig und sotto voce, so daß es nur ihre Schwester verstehen konnte, setzte sie hinzu: »Aus dem Munde der Kinder und Unmündigen – usw. – –«

»Ihr seid eine so toll wie die andre«, gab Prinzeß Lily ebenso zurück, aber in dem scherzenden Tone klang es wie ein Unterton von Gequältsein, der dem feinen Ohre der Älteren nicht entging und sie scharf aufhören machte. Gewandt lenkte sie das Gespräch auf andre Dinge – auf alle die wichtigen Ereignisse, die sich während der Abwesenheit der »Goldnen« in Rothenburg zugetragen und damit erreichte der Wagen endlich, im Schritt aufwärts den steilen Hügel erklimmend, das Schloß, und fuhr dann im schlanken Trabe in den efeuumsponnenen Schloßhof ein. Im Portal stand schon wartend die schlanke, sympathische Gestalt des Fürsten Hans Heinrich, ein frohes Lachen auf dem Gesicht, und rief der wiedergekehrten einen lauten Gruß zu, ehe er sie, die er am Körpergröße doch noch um ein Beträchtliches überragte, wie eine Feder aus dem Wagen hob und sie dann trotz der Zeugenschaft der zuschauenden Lakaien, herzlich abküßte.

»Gottlob, daß wir dich wieder haben, Golde, – liebe, liebe Lily«, sagte er dabei mit einer Wärme, die ihm aus der Seele kam und die ihn mehr als all sein sonstiges klares und zielbewußtes Wirken zu dem »Liebling des Volkes« gemacht. »Ohne dich waren wir doch nur ein verstimmter Akkord, eine falsche Quinte.«

Es lag in seinem Tone indes noch etwas anderes, – etwas wie eine Frage: »Wie lange noch?« das seine Schwester rasch zu ihm aufsehen machte.

»Ich bleibe jetzt immer bei euch – immer«. murmelte sie, sich an ihn schmiegend, der ihr Vater und Bruder und Freund zugleich gewesen, seit das fürstliche Quintett so früh verwaist war.

»Na, na, – keine leichtsinnigen Versprechungen, Goldne«, gab er ebenso leise zurück und lächelte kaum merklich, als er sah, wie sie rot wurde.

Der Tee »en famille«, in die natürlich Frau von Maritz mit inbegriffen war, und zu dem die Angekommene ohne Zeremonien im Reisekleide niedersaß, gestaltete sich nicht nur deshalb allein zu einem höchst fröhlichen Mahl, weil dazu die Lieblingskuchen von Prinzeß Vicky in Hülle und Fülle serviert wurden, sondern weil der Fürst dabei eine Neuigkeit verkündigte, die in dem engen Kreise Sensation erregte, und zwar nicht zum mindesten deshalb, weil es wirklich eine Neuigkeit war, deren Geheimnis so gut gehütet worden war, daß er die vier Unbeteiligten tatsächlich bis zur Sprachlosigkeit – für den ersten Moment aber nur – überraschte. Prinzeß Hedwig, die Älteste, vierundzwanzigjährige, um drei Jahre jüngere Schwester des Fürsten, hatte sich verlobt, und zwar der Tradition entgegen mit einem simplen Edelmann, einem der wenigen Großgrundbesitzer des Fürstentums, dem Freiherrn von Burgpreppach, von dessen Hause die Legende ging, daß die Ahnen der Fürsten von Rothenburg seine Ministerialien gewesen und in seinem Gefolge geritten seien. – – »Degeneriert« konnte man die Burgpreppach trotz des hohen Alters ihres Hauses aber ebensowenig nennen, als das Rothenburger Fürstenhaus; sie hatten nie unter sich geheiratet, sondern immer frisches Blut in die Familie gebracht; auch manch Tröpflein rotes, bürgerliches Blut war darunter und hatte den blauen, »besonderen Saft« in gutem Fluß erhalten; stammte doch die Mutter des um zehn Jahre älteren Verlobten der Prinzeß Hedwig selbst aus einem guten, alten Kaufherrnhause des südlichen Deutschlands! Nach der Freude, die der Überraschung folgte, durfte man dreist zu dem Schlusse kommen, daß der Rothenburger Magnat eine höchst beliebte Persönlichkeit in der Rothenburg war, – herzlich, ja stürmisch waren die Glückwünsche, die auf die junge Braut herabregneten; nur Frau von Maritz brauchte etwas länger, um sich von der Überraschung zu erholen. Liberal, wie die gute Dame sonst auch war, für ihre Pflegekinder war sie feudal und das Schreckenswörtlein: »eine Mesalliance« war das erste, das ihr durch den Kopf fuhr. Eine Diplomatin war sie nicht und auf ihrem guten alten Gesicht war darum das Wörtlein so deutlich zu lesen, daß Prinzeß Hedwig fast bittend zu ihr sagte: »Kein ›aber‹, liebes, gutes Mutterchen! Ich liebe meinen Fritz und wenn Hans Heinrich nein gesagt hätte, so wäre ich Ihnen als alte Jungfer auf dem Halse geblieben und hätte Ihnen die Herrschaft hier streitig gemacht. Eine schreckliche Aussicht, nicht?«

Da mußte Frau von Maritz, denn doch lachen und damit hatte ihr unausgesprochener Protest die Spitze verloren.

»Für das schlechte Beispiel, das ich noch auf Ihrem Gesichte lese, müssen Sie andre verantwortlich machen«, sagte der Fürst, die treue Freundin vertraulich um die Schultern fassend. »Wenn der König von England seine Tochter einem ›Vasallen‹ zur Frau gegeben und seine Schwester doch auch nur mit einem seiner Magnaten verheiratet ist, so wird ein kleiner deutscher Fürst sich einen solchen Luxus wohl erlauben dürfen, ganz abgesehen davon, daß wir ja eigentlich die Vasallen der Burgpreppacher sind, was sie durchaus nicht vergessen haben.«

»Na, es kommt dabei immer noch auf das bessere Avancement an«, bemerkte Frau von Maritz trocken. »Im übrigen konnte Hedwig, menschlich gesprochen, eine bessere Wahl nicht treffen, wenn ich auch schon sagen muß, daß der König von England den Vergleich nicht ganz aushält, oder vielmehr, daß der Fürst von Rothenburg mehr aufs Spiel setzt, als dieser Monarch.«

»Aha! Quod licet jovi non licet bovi« wollen Sie sagen. Mutter Maritz, Sie werden anzüglich«, lachte der Fürst hell heraus. Dann setzte er halblaut hinzu: »Vielleicht haben Sie so unrecht nicht. Ja, wenn man alles voraussehen könnte – – aber vielleicht ist's doch besser, man kann es nicht. Und mit Hedwig wenigstens ist's gut so, davon bin ich überzeugt.«

»Ich auch«, gab Frau von Maritz herzlich zu. »Aber das steht auf einem andern Blatte.«

Als der kleine Kreis dann auseinanderging, wobei Prinzeß Vicky sich noch heimlich die Tasche voll Kuchen stopfte, fand Prinzeß Lily Gelegenheit, ihren Bruder einen Augenblick für sich allein zu haben.

»Hans Heinrich«, flüsterte sie ihm, blaß bis an die Lippen werdend, mit stockendem Atem zu, »was will dieser Seeländer Gesandte hier, von dem die Mädchen mir erzählt haben?«

»Staatsgeheimnis, Goldne«, erwiderte der Fürst, seiner Schwester liebevoll über das Haar streichelnd.

»Hans Heinrich!« sagte sie bittend.

»Geduld, Liebe«, entgegnete er. »Du erfährst es vielleicht noch früh genug. Vertraust du mir?«

»Ja«, versicherte sie, tapfer die Frage unterdrückend, die ihr noch auf den Lippen schwebte.

Bei dem Diner am Abend, dem außer einem größeren Kreise Eingeladener auch der geheimnisvolle Gesandte aus Treustadt beiwohnte, verkündigte der Fürst die Verlobung seiner ältesten Schwester und brachte das erste »Hoch« auf das Brautpaar aus, in das die Anwesenden begeistert einstimmten. War dieses frohe Ereignis doch ein neues Band, das Fürstenhaus mit dem Land zu verknüpfen, eine neue Kundgebung des vorurteilslosen Sinnes des Fürsten, ganz abgesehen davon, daß die Braut nicht nur populär war, sondern sich eins fühlte mit den Gesellschaftskreisen ihrer Heimat, in denen der Bräutigam eine führende Rolle spielte. Etwas Befriedigenderes als diese Verbindung konnte es demnach für die Rothenburger »Gesellschaft« gar nicht geben und darum war der Enthusiasmus auch durchaus echt und in keiner Weise gemacht, die Harmonie eine vollkommene, wenn es ja natürlich auch Leute gab, die dem »unverschämten Glücke« des Burgpreppachers ein größeres Verdienst dabei zustehen wollten, als seiner Persönlichkeit, die indes durchaus nicht zu verachten war. Womit nur der Beweis geliefert werden soll, daß auch in diesem kleinen Musterstaate die Vollkommenheit nicht lebte und webte, sintemalen Musterstaaten nur von Menschen bewohnt sind und nicht von Engeln.

Bei dem Toast auf das Brautpaar fiel es auf, das heißt es wurde von einigen wenigen aufmerksameren Beobachtern bemerkt, daß der Seeländer Gesandte sich dabei sehr zurückhaltend benahm; aber diese Leute sahen vielleicht mehr als zu sehen war, behaupteten andre, denn erstens hätte der Fremde wohl keinen Grund, Enthusiasmus an den Tag zu legen und zweitens war er überhaupt ein etwas steifer Herr. Schließlich setzte er aber doch beide Ansichten ins Unrecht. Es war nämlich beim Dessert, als ein Lakai ihm diskret etwas neben den Teller legte, was näher Sitzende als ein Telegramm erkennen wollten, worauf er mit dem Fürsten ein kurzes Zeichen wechselte und darauf die Drahtbotschaft unter dem Tischrande öffnend, ebendort auch überflog. Das Papier in die Brusttasche seines Frackes schiebend, zögerte er einen Moment, dann schlug er an sein Glas und verkündete mit lauter Stimme kurz, aber in wohlgesetzten Worten, daß ihm der ehrenvolle Auftrag zuteil geworden sei, die Glückwünsche für das – hem – hohe Brautpaar von Seiner Majestät dem Könige Leo VII. von Seeland, seinem Herrn, zu übermitteln.

Über das Gesicht des Fürsten war, als der Gesandte sich erhob, ein Ausdruck von wechselnden Gefühlen geflogen; erst blitzte es auf in seinen Augen wie von stolzer Genugtuung, dann flog ein weicher Blick hinüber auf das ihm gegenüber sitzende Brautpaar und dann senkte er ihn, wie von Zweifel und Sorge umflort, aber als er dem Gesandten für die »gnädige« Botschaft dankte, da war seine Stimme fest, sein Blick klar und ein großer Ernst, den viele für eine etwas zu stark betonte Devotion für den königlichen Glückwunsch nahmen, lag auf seinem offenen, hübschen Gesicht – –

Daß er sich mit seinem fremden Gaste nach dem Diner in eine Fensternische zurückzog, während das Brautpaar die Glückwünsche der Anwesenden entgegennahm, fiel nicht besonders auf; wenn jemand in besonderem Auftrag angereist kommt, dann hat er sich mit seinem Wirte natürlich auch etwas zu sagen. Übrigens dauerte die Unterredung nur wenige Minuten und der Gesandte war danach wesentlich weniger steif als vor der Tafel.

»Wenn die Leute fort sind, Goldne, dann komme zu mir in mein Kabinett; ich habe dir etwas zu sagen«, flüsterte der Fürst im Vorübergehen seiner Schwester zu und als sie ihn erblassend mit einem fragenden Blicke ihrer großen, reinen Augen ansah, setzte er lächelnd hinzu: »Es ist nichts Böses; vielleicht, je nachdem du es auffassen wirst, vielleicht sogar etwas sehr Gutes. Also – ich erwarte dich.«

Prinzeß Lily nickte mit einem Lächeln, das etwas schattenhaft war und dann erschien es ihr, als ob dieser Abend nie ein Ende nehmen wollte. Tatsächlich aber verging er heut rascher, als es gewöhnlich der Fall war; der Fürst hatte längst schon mit der Form der Etikette gebrochen, nach der es der fürstliche Wirt ist, der seine Gäste zu »entlassen« pflegt, indem er sich zurückzieht. Es war der ältesten der geladenen Damen überlassen worden, das Signal zum Aufbruch zu geben und da es heute eine sehr alte und etwas gebrechliche Exzellenz war, die diesen Ehrenplatz einnahm, so geschah es zu ganz ungewöhnlich früher Zeit, daß die Gäste sich von der fürstlichen Familie verabschiedeten. Als die letzten gegangen waren, da reichte der Fürst Prinzeß Lily den Arm und führte sie in sein Arbeitszimmer, indem er seinen beiden ältesten Schwestern seinem künftigen Schwager und Frau von Maritz ein Zeichen gab, zurückzubleiben, weil man sich nach solchen Gelegenheiten für gewöhnlich noch zu einem gemütlichen Plauderstündchen bei ihm zusammenfand.

In seinem Arbeitszimmer schob er zunächst für seine Schwester einen bequemen Sessel neben seinem Schreibtisch zurecht und setzte sich dann selbst davor hin, indem er aus einer verschlossenen Schublade ein Schreiben entnahm.

»Es war heut ein ereignisreicher Tag für uns, mein Schwesterlieb«, begann er freundlich. »Nicht nur, daß er die Verkündigung der Verlobung von Hedwig brachte, die wir uns für deine Rückkehr aufgehoben hatten – das Geheimnis ist gut bewahrt worden, nicht? Selbst die gute Mutter Maritz war ja ganz ahnungslos und auch Vickys Spürsinn hat keinen Verdacht geschöpft, was das größere Wunder ist. Aber deiner Rückkehr sind noch zwei andre Dinge vorausgegangen, die diesem Tage eine ganz besondere Bedeutung aufprägen. Erstens brachte die Post mir am frühen Morgen ein Handschreiben der Königin-Mutter von Seeland, – dieses hier – in welchem sie mir erst allerhand Schmeichelhaftes über dich sagt. Du kannst es lesen, wenn du willst, aber ich glaube, es ist für deine Eitelkeit besser, du unterdrückst deine Neugierde. Und nach dieser gnädigen Einleitung bietet Ihre Majestät dir die Stellung einer – Hofdame bei sich an. Ich hoffe, du bist von dieser dir erwiesenen Ehre ebenso überwältigt, als ich es war, um so mehr, als die Königin-Mutter mir gnädigst versichert, es würde ihr zur Genugtuung gereichen, eine junge Dame »von guter Familie« in ihrer nächsten Umgebung zu wissen.«

Prinzeß Lily hatte sich aufgerichtet, als der Fürst den Namen der Königin-Mutter aussprach, namenloses Staunen malte sich dergestalt auf ihrem jungen, reizenden Gesichte, daß der Fürst ein flüchtiges Lächeln nur mühsam unterdrücken konnte, aber als er seine Mitteilung schloß, da sprang sie auf und stand mit flammenden Augen vor ihm.

»Aber – aber das ist ja eine – ausgesuchte Beleidigung!« stieß sie hervor.

»Ja, meine liebe Lily, das war auch mein erstes Gefühl, nachdem ich mich von meinem Staunen erholt hatte«, sagte der Fürst ruhig. »Als ich mich aber etwas beruhigt hatte, überlegte ich mir, daß es so nicht gemeint war, nicht gemeint sein konnte, daß die Königin-Mutter das Anerbieten vielmehr in voller Harmlosigkeit und im besten Glauben gemacht hat – der etwas überspannten Auffassung ihrer Abstammung und Stellung entsprechend. Man muß solche Leute eben nehmen, wie sie sind und darf es ihr besonders nicht zur Last legen, wenn ihre immer noch in den orientalischen Windeln liegenden Begriffe von den unsern etwas abweichen –«

»O, – diese Begriffe müssen solchen Leuten aber abgewöhnt werden«, rief Prinzeß Lily empört. »Am Ende ist das Nächste, daß man dir die Stellung des Königlichen Portiers anbietet, – ein sehr guter Posten für einen jungen Mann aus guter Familie!«

»Goldne, du bist zu ehrgeizig und gehst zu hoch heraus«, lachte der Fürst nun ohne Rückhalt. »Ich hatte mir den Stiefelputzer als nächstes Ideal gedacht. Aber den Scherz beiseite – –«

»Mir ist's gar nicht spaßhaft«, fiel Prinzeß Lily ein, indem es um ihren Mund zuckte und die heißen Tränen der Demütigung ihre Augen füllten. »Du kennst die Königin-Mutter nicht, aber ich kenne sie – ich! Sie will uns zeigen, daß wir nichts sind in ihren Augen, ihr nicht ebenbürtig und daß sie selbst dir geschrieben, das war nur der Zucker auf die bittre Pille, der uns blenden und überwältigen sollte!«

»Nun, der Glaube an diese »Überwältigung« ist eben der Ausfluß eines Hochmutes, den die Erziehung künstlich gezüchtet hat und der so fest sitzt, daß auch das Dasein in einer gemäßigteren Zone ihm von seiner Lebensfähigkeit nichts mehr rauben konnte«, meinte der Fürst achselzuckend. »Meine mildere Auffassung hat sich übrigens auch wesentlich geändert, als diesem Briefe, den ich zum Glück nicht in der ersten Hitze beantwortet habe, die unerwartete und unangesagte Ankunft des Grafen Ingolstadt auf dem Fuße folgte, dessen mysteriöse Mission deine Schwestern und dich wohl auch, Goldne, so neugierig gemacht hat.«

»Ah!« machte Prinzeß Lily, die Hand auf das Herz drückend. Erloschen war die Empörung über die ihr und ihrem Hause erfahrene Beleidigung, ihr schönes, junges Haupt mit der goldenen Haarkrone senkte sich tief, tief herab und mit einer Bewegung, als ob ihre Füße sie nicht mehr tragen wollten, ließ sie sich zurück in den Sessel fallen.

»Als mir die Ankunft des Grafen gemeldet wurde, fuhr es mir durch den Sinn, daß der König diese Form gewählt hatte, um dem Briefe seiner Mutter die Entschuldigung durch einen besonderen Abgesandten nachfolgen zu lassen«, fuhr der Fürst mit einem langen, zärtlichen Blick auf seine Schwester fort. »Es wäre dies, wenn er überhaupt Kenntnis von diesem Briefe hat, der einzig mögliche und richtige Weg, die Sache wieder gut zu machen. Aber meine Annahme war nicht die richtige – der König scheint nichts von dem Schritte seiner Mutter zu wissen. Graf Ingolstadt ist abgesandt worden, um im Namen des Königs um deine Hand anzuhalten.«

Prinzeß Lily senkte den Kopf noch tiefer, als wollte sie sich vor der erhaltenen Botschaft verneigen – ein rührendes Bild holdester Jungfräulichkeit und Mädchenhaftigkeit, dessen Anblick das Auge ihres Bruders feucht machte.

Dann hob sie den Kopf, das zarte Rot ihrer Wangen vertiefte sich, ein strahlender Glanz leuchtete in ihren Augen auf und ein wunderbares Lächeln irrte um ihren lieblichen Mund.

»Und deine Antwort, Hans Heinrich?« fragte sie mit vor Bewegung vibrierender Stimme, aber klar und deutlich.

»Die Antwort, meine Goldne, hängt von dir ab«, entgegnete der Fürst freundlich, »wie sie auch ausfällt, so wird der Gesandte des Königs sie erhalten. Für mich ist nicht die Krone, nicht der Glanz maßgebend, der von ihr auf mein Haus zurückstrahlt, sondern das Lebensglück meiner Schwestern. Davon hast du heut den Beweis erhalten. Dein »nein« genügt, um die uns so lockend gebotene Krone mit leichtem und frohem Herzen wieder verschwinden zu sehen.«

Prinzeß Lily faltete die Hände in ihrem Schoß und mit einem Blicke, der ganz andre Dinge schaute, als ihre Umgebung, sah sie vor sich hin und dabei kam etwas Unirdisches, seltsam Verklärtes über ihre Züge, über ihre ganze Erscheinung. Das weiße Kleid, das sie trug, aus dem die zarten, mädchenhaften Formen ihres Halses und ihrer Arme in fast noch durchsichtigerem Weiß hervorleuchteten, verlor den Eindruck des Modernen und wurde zu dem unbestimmten Gewande eines höheren Wesens, – die goldene Haarkrone über dem schönen, vergeistigten Gesichte wandelte sich zu einer Aureole, wie die seligen Geister sie tragen und die großen Augen schienen über Zeit und Raum hinweg etwas zu sehen, was des Menschen Blick sonst nicht durchdringt – und der Eindruck der Verklärung wurde schließlich so eindringlich, daß es der Fürst, der seine Schwester staunend ansah, nicht mehr ertragen konnte. Er sprang auf von seinem Stuhle und trat vor sie hin und beugte sich über sie hinab, indem er ihr die Hand leicht auf die Schulter legte.

»Lily«, sagte er leise, zärtlich. »liebe, liebe Goldne – was ist es, ja oder nein?«

Da kam sie zurück zur Wirklichkeit. Sie neigte den Kopf herab auf seinen Arm und zu ihm aufsehend sagte sie unendlich weich:

»Sei mir nicht böse, Hans Heinrich – ich liebe ihn!«

»Ja, mein Schwesterlieb – wie könnte ich denn darüber böse sein?« erwiderte er herzlich. »Das ist nun einmal so – es schlägt eben jedem seine Stunde. Aber alles ist dein Bekenntnis mir noch nicht; wie ist es mit ihm? Bist du seiner Liebe sicher?«

»Ich – ich – ach, Hans Heinrich, wie kann es denn anders sein, wenn er mich doch gewählt hat, er, der die Tochter eines Kaisers zur Gemahlin haben konnte –«, kam es leise, zagend, fragend und doch auch wieder wie ein Jubelschrei über ihre Lippen.

»Der Grund ist einleuchtend«, sagte der Fürst mit einigem Zögern. »Aber – hat der König dir nicht auch selbst gesagt – – ich will nicht etwa indiskret sein, Lily! Nur mein Interesse für dich, der innige Herzenswunsch für dein Glück läßt mich diese Frage tun. Du verstehst mich richtig, nicht wahr?«

»Wie könnte ich dich mißverstehen, Hans Heinrich! Nur, siehst du, – der König konnte so wenig sagen – wie hätte er's auch sollen, wenn wir doch niemals allein waren und vor den andern, da schweigt man über solche Dinge, nicht wahr? Aber aus dem, was zu sagen war, meine ich verstanden zu haben, daß – ach, Hans Heinrich, es hat mich so namenlos glücklich und dabei wieder so namenlos elend gemacht, weil doch alle Welt es für sicher annahm, daß er die Herzogin Xenia heiraten würde. Die Königin-Mutter hat ihre Nichte dazu erzogen, das ist ein offenes Geheimnis; Tante Sophie hat es mir selbst gesagt, daß die Königin von dem Augenblicke an, als sie die Prinzeß zu sich nahm, weil sie sich im Hause des Kaisers von Slavonien, ihres Vaters, bei ihrer Stiefmutter so unglücklich fühlte, Xenia zu ihrer Schwiegertochter erzog. Aber der König muß sie wohl doch nicht geliebt haben, sonst hätte er die Vermählung so lange nicht hinausgezogen, denn, Hans Heinrich, er ist älter als du und Xenia ist auch schon fünfundzwanzig Jahre alt. Wenn ich also trotz allen den so bestimmt auftretenden Gerüchten eine Hoffnung gegen alle Hoffnung hegte – so ganz, ganz tief und verborgen im Grunde meines Herzens – war das gar so unrecht und überhebend?«

»Sie hat dich nicht betrogen, diese Hoffnung, mein Schwesterlieb«, sagte der Fürst gerührt. »Nein, du hast recht zu glauben, daß nur eine reine Neigung der Beweggrund zu dieser unerwarteten Werbung des Königs sein kann. Ich habe mir schon den Kopf darüber zerbrochen, aber es will mir ein anderes Motiv nicht einfallen. Vielleicht schon deshalb, weil ich dieses für ganz gerechtfertigt halte. O, nicht nur aus blinder, brüderlicher Liebe, nein, sondern weil ich gerecht bin und – nun ja, – auch ein wenig stolz auf meine Schwester, für die mir eine Königskrone gerade eben nur gut genug erscheint. Ich denke dabei wirklich nicht an den Triumph unsres Hauses, trotzdem mir auch das nicht gleichgültig ist, wie ich offen bekenne. Blut bleibt nun einmal Blut, das merkt man erst, wenn's drauf ankommt. Aber es ist meine Pflicht, dich zu warnen, meine Goldne: du wirst keinen leichten Stand drüben haben. Die Königin-Mutter wird ihre getäuschten Hoffnungen nicht so leicht vergessen; daß sie für diese Hoffnungen den Kampf noch nicht aufgegeben hat, das beweist mir ihr Brief, den ich jetzt zu verstehen glaube – Nun, lassen wir das. Die Antwort darauf wird sie nicht gerade begeistern und darum möchte ich dich warnen, daß du keinen leichten Stand dieser Frau gegenüber haben wirst. Und auch wohl überhaupt nicht. Fühlst du dich solchen Kämpfen gewachsen?«

»Des Königs Liebe wird mich stärken und mich den rechten Weg führen. Und wie könnte ich an seiner Liebe noch Zweifel hegen?« erwiderte sie fest und mit strahlenden Augen.

Der Fürst unterdrückte einen leisen, ganz leisen Seufzer – warum ihm ein Zweifel kommen wollte, hätte er vielleicht selbst nicht sagen können. Vielleicht nur der unvermeidlichen Kämpfe wegen, denen dieses liebreizende junge Wesen ausgesetzt wurde, denen es mit dem seligen Vertrauen der alles bezwingenden Liebe entgegensah – – doch nur einen Moment zögerte er, dann beugte er sein Knie vor ihr und küßte ritterlich ihre Hand.

»So bin ich denn der erste der Ihrer Majestät huldigen darf«, sagte er mit großem Ernst, in den sich aber doch eine so gute Dosis brüderlicher Liebe mischte, daß Prinzeß Lily ihre Arme um seinen Hals schlang und den blonden Kopf auf seine Schultern legend ihr übervolles Herz durch Tränen der Rührung, des Glückes und der Wehmut über die Scheidestunde weinte, die ihren Schatten trotz allem und allem, unbewußt für sie selbst vielleicht noch, vorauswarf.

»Und nun genug für heut«, rief der Fürst aufspringend, als sie unter Tränen lächelnd, ihre Augen trocknete. »Es ist spät und kleine Mädchen sollten längst im Bett liegen und die Reise ausschlafen. Morgen ist auch noch ein Tag – da reden wir weiter, wenn der Herr Gesandte mit seiner Antwort wieder abgereist ist. Nur noch eins, denn ich lese eine Frage in deinen Augen, Goldne: Du willst wissen, warum ich dir erst zu so später Stunde die Werbung des Königs übermittelt habe, nicht wahr? Damit hat das Telegramm zu tun, das Graf Ingolstadt während des Diners erhielt, und der Toast, den er auf deine Schwester ausbrachte. Was die Verlobung Hedwigs damit zu tun hat, frägt dein Blick? Alles, Liebste. Denn siehst du, ich mußte sie dem Grafen mitteilen, weil ich nicht wissen konnte, ob diese Verschwägerung dem Könige genehm sein würde und – weil ich nicht willens war, das Glück deiner Schwester der glänzenderen Familienverbindung zu opfern. Sie hat dasselbe Recht an das Glück wie du, nicht wahr? Hätte also der König diese Verbindung beanstandet, so hätten wir auf die mit seinem Hause verzichten müssen. Müssen, Liebste, denn mein Wort war Fritz Burgpreppach verpfändet, und ich hätte nicht geduldet, daß er es mir zurückgab, selbst wenn deine Schwester Hedwig ihr Glück dem deinen hätte aufopfern wollen. Verstehst du das, Schwesterlieb?«

»Freilich verstehe ich's, denn ich bin ja auch eine Rothenburg«, erwiderte Prinzeß Lily ohne Zögern, indem sie ihrem Bruder frank und frei die Hand reichte. Aber sie war doch ein wenig blaß geworden. »Und der König –?« setzte sie fragend hinzu.

»Der König – oder vielmehr der Premierminister telegraphierte im Namen seines Herrn zurück, daß er kein Hindernis in der Verbindung der Prinzessin Hedwig für seine eigne Werbung sehe und diese aufrecht erhielte. Das Resultat dieses Telegrammes war dann der Toast auf das Brautpaar – im Allerhöchsten Auftrage, wohlverstanden.«

»Ich hätte es von Leo – ich meine, von dem Könige nicht anders erwartet«, sagte Prinzeß Lily mit einem reizenden, stolzen Lächeln.


* * *


Daß die Königin-Mutter von Seeland über die Nachricht von der Verlobung ihres Sohnes, des regierenden Königs, unglücklich oder zornig oder aufgebracht war, das zu sagen hätte ihre Stimmung nicht richtig geschildert: sie war einfach außer sich. Hoffnungen, die jahrelang Wurzel gefaßt haben, die mit einer Hartnäckigkeit und Zähigkeit sondergleichen gehegt, gepflegt und großgezogen worden sind, mit einem Schlage durchkreuzt, vernichtet und getötet zu sehen – das wird selbst für sanfte, geduldige, entsagungsfähige Naturen schwer zu ertragen sein und die Königin-Mutter besaß keine von diesen für das Leben so wertvollen Eigenschaften, oder sie ruhten doch zum mindesten unentwickelt in ihr.

Aufgewachsen an einem Hofe, an dem der Orient noch immer mehr zu sagen hatte, als die abendländischen Auffassungen, war das verwöhnte und in den überspanntesten und einseitigsten Begriffen von ihren Rechten und ihrer Hoheit erzogene Kaisertöchterlein in einem Alter an den damaligen Kronprinzen von Seeland vermählt worden, in dem heutzutage Prinzessinnen noch kurze Kleider tragen und nicht »ausgehen.« Als Charlotte Christine von Slavonien nach einigen kurzen aber stürmischen Ehejahren, in denen sie zwar die Herrschaft behielt, aber auch alles Elend einer betrogenen und enttäuschten Frau auszukosten hatte, zu siegender Schönheit erblüht war, Königin und sehr bald darauf auch Witwe und Regentin für ihren einzigen, unmündigen Sohn wurde, da entfaltete sich ihre Herrschernatur erst voll und ganz und die gänzliche Verständnislosigkeit, die sie einer konstitutionellen Staatsform entgegenbrachte, steuerte das Staatsschiff hart gegen Klippen, an denen es nur durch die Klugheit, die Festigkeit und das Maßhalten des Premierministers nicht scheiterte, dem der verstorbene König das Versprechen abgenommen hatte, seinen Posten während der Zeit der Regentschaft nicht zu verlassen. Was Seine Exzellenz der Premierminister von Wellmer in dieser Zeit durchgemacht, ertragen und möglich gemacht hatte, das wußte genau nur er allein; es hatte vor der Zeit sein Haar gebleicht, aber seine hohe Gestalt nicht gebeugt und wenn sein Wille nicht der stärkere gewesen wäre, sein Zielbewußtsein kein so klares, sein Pflichtgefühl nicht so schnurgerade und höchstentwickelt, so hätte er das Steuerruder des Staates, auf dem seine Hand so fest ruhte, hundertmal schon fahren lassen müssen und die Demission angenommen, die ihm in jedem Monat wohl ein dutzendmal angeboten oder nahegelegt wurde. Aber er wankte und wich nicht, er kämpfte den Kampf mit der durchaus nicht unfähigen aber verständnislosen Regentin bis aufs Messer und brachte dadurch sogar eine gewisse politische Erziehung zuwege, vermöge deren diese absolute Herrschernatur sich allmählich formte und sich dem Modell anpaßte, – freilich mehr dem Zwange gehorchend als einer gewonnenen Überzeugung Raum gebend, und dadurch verloren sogar die Verdienste der Regentin an dem inneren Werte, der sie allein lebensfähig zu machen imstande gewesen wäre.

An der Erziehung ihres Sohnes konnte sie darum weniger verderben, als ihrer ganzen leidenschaftlichen Natur nach möglich und vorauszusetzen war, weil diese so geregelt und vorgeschrieben war, daß ihre Macht hier endete. In Wahrheit war sie klug genug einzusehen, daß der junge König in den Prinzipien erzogen werden mußte, die maßgebend für das Land waren, über das er herrschen sollte, und wenn sie auch mit ihren Kommentaren durchaus nicht zurückhielt, so warf sie doch wenigstens keine Steine in die Räder des Erziehungswerkes, sondern begnügte sich damit, eifersüchtig über die Erhaltung ihres persönlichen Einflusses auf den Charakter und das Gemüt ihres Sohnes zu wachen. Aber wie immer die leidenschaftlichen und eifersüchtigen Naturen es zu machen pflegen, so tat auch sie es: sie beging den Fehler, sich diesen Einfluß gewaltsam erzwingen zu wollen und erreichte damit natürlich nur das Gegenteil, denn was bei leicht einzuschüchternden Charakteren, bei schwachen Geistern gelingt, versagt ebenso sicher bei selbständigen und kräftigen Naturen, besonders aber bei solchen, deren Instinkt für das Richtige stark entwickelt ist und die darum bald ihren eignen Weg gehen.

König Leo VII. von Seeland hatte das Glück gehabt, daß man ihm Erzieher und Lehrer gab, die nicht nach der Schablone an ihm arbeiteten, sondern seiner Individualität Rechnung trugen und diese erzogen, indem sie bemüht waren, ihm dienen zu lehren, damit er dereinst herrschen konnte, – im strikten Gegensatze zu den Anschauungen seiner Mutter, die, wenn sie die Macht dazu gehabt hätte, erst den Herrscher in ihm erweckt hätte.

Der junge König war kein brillanter Geist, der sozusagen spielend lernt, aber er war nach verschiedenen Richtungen hin begabt und was er lernte, saß fest bei ihm. Er war aber auch ein gewissenhafter Mensch und sah ein, daß notwendig war, was man von ihm forderte und darum bewältigte er mit Zähigkeit und eisernem Fleiß auch Fächer, für die er weniger Interesse hatte. Von Natur zurückhaltend und äußerlich kühl, hatte er doch, um die Indolenz, unter der sein Vater laboriert hatte, fern von sich zu halten, genug von der Feuerseele seiner Mutter geerbt, die ihm die Möglichkeit der Begeisterung verlieh. Diese hatte sich zeitig bei ihm auf die Musik geworfen und er hatte es auf der Geige dadurch zu einer Meisterschaft gebracht, die ihm auch für den Fall, daß er zufällig kein König gewesen wäre, einen Platz in der Welt, in der man kämpft, zugesichert hätte. Aber zurückhaltend, wie er war, suchte er mit seiner Kunst nicht den Beifall der Höflinge und es war für ihn schon alles mögliche, wenn er vor seiner Mutter spielte, trotzdem – oder vielleicht auch darum – sie ihm hier mit vollem Verständnis entgegenkam. Hätte der Premierminister ihr seine Argumente vorspielen oder geigen gekonnt, so wäre mancher Konflikt vermieden worden, denn sie besaß die seltene Fähigkeit, die Meinung eines jeden Tones zu verstehen und zu begreifen, – aber leider spricht die Politik nicht in Tönen und ihre Harmonien sind nicht die der Musik. In ihr gab König Leo VII. was er war, was er fühlte, dachte, litt und vielleicht darum war er so zurückhaltend damit, weil er sich scheute, der Mutter seine Seele zu enthüllen, die ihn im übrigen recht herzlich wenig verstand und ihn durch ihre Eifersucht geradezu zwang, seine eignen Wege zu gehen. Und die ging er, sicher genug. Deutlich, unzweideutig und unbeirrt, nachdem er großjährig geworden war und die Zügel der Regierung den widerstrebenden Händen seiner Mutter abnehmen mußte. Daß sie einen politischen Einfluß auf ihren Sohn nicht hatte, das merkte sie vom ersten Tage an. Respektvoll und geduldig hörte er ihren Rat, den sie ihm ungebeten gab, dankte ihr mit seiner nie versagenden Höflichkeit und – tat genau das, was er für richtig hielt, also zumeist das genaue Gegenteil von dem, was sie ihm empfohlen hatte. Auch die Entlassung ihres alten Antipoden, des Premierministers, war nicht durchzusetzen; Herr von Wellmer blieb, wo und was er war, und der König sowie das Land schienen sich wohl dabei zu befinden; es herrschte eine vollkommene Harmonie zwischen dem Herrn und seinem ersten Staatsdiener, die selbst die subtilsten Unterminierungen der Königin-Mutter nicht zu erschüttern vermochte. Und daraus fing sie nach und nach an zu verstehen, daß ihr Einfluß auf ihren Sohn nach gewissen Richtungen hin gleich Null war. Dazu gehörte auch die Frage seiner Vermählung. Gewiß, der König erkannte es an, daß er aus dynastischen Gründen beinahe verpflichtet war, sich zu vermählen und er sah dazu auch noch ein, daß ein Wechsel in der Person der ersten Dame des Landes nicht ohne Vorteil für den Hof sein konnte – aber er schien doch keine Eile damit zu haben und zog das scheinbar Unvermeidliche hinaus, so lange er konnte. Der Premierminister, nachdem er seine Pflicht getan und den König mehr als einmal auf die seine aufmerksam gemacht hatte, ließ die Angelegenheit, mit der sich das Land und die Zeitungen mehr zu beschäftigen schienen, als der zunächst Beteiligte, scheinbar ganz ruhen und dabei den Vorwurf über sich ergehen, daß er des Königs Abneigung vor der Ehe fördere, statt sie zu überwinden. In Wahrheit war dieser Waffenstillstand zwischen Herrn und Diener in schweigender Übereinkunft geschlossen worden, seit die Königin-Mutter ihre Nichte, die Tochter des Kaisers von Slavonien zu sich genommen, weil die junge Prinzessin sich mit ihrer Stiefmutter nicht vertragen konnte. Daß der Fehler hierbei an des Kaisers zweiter Gemahlin lag, gehört zwar nicht zur Sache, soll aber nicht unerwähnt bleiben. Nun liebte die Königin-Mutter ihre Nichte zwar wirklich auf das Zärtlichste und bewunderte in ihr den Inbegriff einer mustergültigen Prinzessin, aber das war nicht das einzige Motiv für ihren Entschluß, der Herzogin Xenia in ihrem Hause eine zweite Heimat zu geben – sie wünschte ihren Sohn mit seiner Cousine zu verheiraten, um den Einfluß von Slavonien auf Seeland zu stärken und womöglich zu besiegeln und – um sich eine ihren Wünschen und Plänen gefügige Schwiegertochter zu verschaffen, die, in ihren eignen Anschauungen erzogen und dressiert, das Medium sein sollte zur Erreichung ihrer politischen und persönlichen Ziele. Scheinbar ging damit alles gut; der König zeigte nicht nur keine Abneigung gegen seine Cousine, sondern schien sie sogar ganz gern zu haben. Er stellte sich mit ihr bald auf einen brüderlichen Fuß, der die Königin-Mutter mit Hoffnungen erfüllte, die ganz irrige waren, denn den intimeren Wünschen seiner Mutter setzte er einen passiven, aber absoluten Widerstand entgegen, dem sie um so mehr andre Motive unterzuschieben geneigt war, als die Herzogin Xenia schön und perfekt genug war, um den Thron eines Weltreiches zu zieren, geschweige denn einer neugebackenen Großmacht, wie es Seeland war – dank der Unterstützung von Slavonien, wie sie nie vergaß, hinzuzufügen, trotzdem das ein gutes Stück Übertreibung enthielt. Aber gleichviel – seit mehr als vier Jahren bearbeitete die Königin-Mutter ihren Sohn für die endliche Erfüllung ihres Lieblingsplanes ohne damit auch nur um einen Schritt weiterzukommen; sie lancierte, wenn das öffentliche Interesse dafür einzuschlafen drohte, geschickt darauf bezügliche Notizen durch ihre Helfer in die Zeitungen, um danach neue Stürme in Szene zu setzen, die darin gipfelten, daß die Herzogin durch das Zögern des Sohnes bloßgestellt würde und jede andre Heiratschance für sie durch seine unverantwortliche Handlungsweise zerstört werden müßte, aber immer ohne Erfolg, denn der König pflegte auf alle diese Anschuldigungen nur zu erwidern, daß sein Gewissen rein sei, indem er nie auch nur mit einem Worte gesagt hätte, daß er sie zu heiraten beabsichtige, – was auf den Buchstaben die Wahrheit enthielt. Und der Premierminister, zur Rede gestellt, erklärte gleichmütig, das täte nichts. Unverheiratete Fürsten und Prinzessinnen müßten es sich heutzutage gefallen lassen, von den Reportern verlobt zu werden, – wenn in den Zeitungen im Satze eine Zeile mangelte, wäre eine Fürstenverlobung immer der beste und beliebteste Lückenbüßer. Man könne ja wohl den Zeitungen einen Wink geben, daß einem die Sache nicht angenehm wäre, aber weiter wäre dabei auch nichts zu tun. Verlobungen wären immer noch harmloser, als die jetzt beliebt gewordenen Eheirrungsberichte.

Übrigens hatte die Königin-Mutter unrecht, wenn sie ihrem Sohn für seine »Ehescheu« andre Motive unterschob, – es ist zwar eine Tatsache, daß junge Männer, wenn sie sich gegen eine Ehe in ihrem Stande wehren, meistens Neigungen für außerhalb ihrer Sphäre stehende weibliche Wesen hegen; das hat schon Wilhelm Busch in seinem unsterblichen: »– – – er hat nun mal 'nen Hang fürs Küchenpersonal« drastisch aber richtig ausgesprochen, nur daß das »Küchenpersonal« in höheren Kreisen zumeist durch das Ballett ersetzt wird. Das aber traf bei König Leo nicht zu, denn er gehörte zu den Männern, die dem Ewig-Weiblichen eher ausweichen als nachlaufen und wenn wirklich jemals ein Frauenbild Bewunderung oder Wünsche bei ihm ausgelöst hatte, so waren sie im Grunde seines Herzens verschlossen geblieben, wie es sich für den Schüler Platos, zu dessen Gemeinde er sich bekannte, ziemt. Vielleicht lag das aber weniger in den eingesogenen Prinzipien, als in seiner Natur überhaupt, die vor den Menschen eine gewisse Befangenheit, ja fast Schüchternheit nie ganz überwinden konnte – ein für seine Stellung beinahe gefährlicher Fehler, dessen Bekämpfung ihm mehr kostete als die Leute ahnten, die oft geneigt waren, ihm Kälte, Indolenz und Hochmut nachzusagen.

Und nun kam wie ein Schlag aus heiterm Himmel auf die Königin-Mutter herabgeschmettert, was alle ihre Pläne mit eins zunichte machte. Es war am Morgen nach jenem Diner im Schlosse zu Rothenburg, bei dem der Fürst die Verlobung seiner Schwester, der Prinzessin Hedwig mit dem Freiherrn von Burgpreppach verkündet hatte, als der Königin-Mutter, nachdem sie eben ihr Frühstück genommen hatte, ein Schreiben des Königs, ihres Sohnes, überreicht wurde. Die Form an sich hatte nichts Befremdendes, denn der König teilte seiner Mutter häufig auf diesem Wege mit, was für den Tag geplant war, wann er sie infolgedessen zu sehen kommen würde, welche Personen er sie zu empfangen bat. Denn die Königin-Mutter hatte nach dem Ende der Regentschaft, einem Hausgesetze zufolge, ihr Wittumspalais bezogen, während der König in dem riesengroßen Königlichen Schlosse allein zurückblieb; und wenn die beiden Residenzen auch telephonisch verbunden waren, so wählte der König doch für seine besonderen Mitteilungen am Morgen den brieflichen Weg und überließ ihr das Anrufen durch den Fernsprecher. Deshalb erbrach sie auch diesen verhängnisvollen Brief ohne jede Neugier oder Befremden und mußte ihn dann zwei- bis dreimal durchlesen, ehe sie seinen Inhalt trotz, ihrer raschen Auffassungsgabe begriff. In der allerrespektvollsten Form teilte der König seiner Mutter mit, daß er sich verlobt habe, den Wünschen seines Volkes, seiner Mutter und seiner Familie sowie seiner eignen Neigung entsprechend. Die Erwählte, die seinen Thron und sein Herz zu teilen sich bereit erklärt habe und ihm dadurch eine Ehre erwiesen hätte, die er im vollsten Umfange zu schätzen wisse, wäre, wie die Königin, seine vielgeliebte und verehrte Mutter vielleicht schon erraten hätte, da sie ja wohl in dem Herzen und in den Augen ihres einzigen Kindes sein Geheimnis gelesen, Ihre Durchlaucht die Prinzessin Lilian von Rothenburg, die zweitjüngste Schwester des regierenden Fürsten, des Repräsentanten einer der ältesten Dynastien. Überzeugt davon, daß die Königin, seine vielgeliebte Mutter, teilnähme an diesem glückverheißenden Ereignis, bitte er um ihren Segen, der auch dann für sein Volk nicht ausbleiben würde.

Als sie die erste Betäubung über diese Nachricht überwunden, brach die leidenschaftliche Natur der Königin-Mutter sich Bahn und verausgabte sich in einem Zorn, der vielleicht nicht ganz königlich, aber, um gerecht zu sein, dafür um so menschlicher war; nur war es nicht der Zorn heftiger Leute, der rasch aufflammt und ebenso rasch verraucht, – es war jener Zorn, der sich ins Herz und in die Seele hineinfrißt und als »nagender Wurm« sein Opfer nicht mehr losläßt und zu Dingen treibt, vor denen das bessere Ich zwar warnt, aber leider nur tauben Ohren predigt. Die Königin-Mutter war allein, als sie den Schlag empfing und so waren ihre vier Wände die alleinigen Zeugen ihres ersten Ausbruches, dem ein gutes Teil ihres schönen, Alt-Meißner Frühstücksservices zum Opfer fiel. Sie hatte solche Blitzableiter nötig; die klirrenden Scherben machten sie allemal ruhig; äußerlich wenigstens. Verhältnismäßig. Und nachdem das Opfer gebracht war, ging sie wie eine zornige Löwin in dem Zimmer umher und versuchte, nachzudenken, zu erwägen, wie sie am besten diese »Ungeheuerlichkeit« verhindern, durchkreuzen konnte. Daß diese Heirat nicht stattfinden würde und durfte, das war ohne Überlegung eine ausgemachte Sache und auch über die zuerst an zuwendenden Mittel war sie sich vollkommen klar, weil ihre ganze Natur darauf hinwies: ihre königliche und mütterliche Autorität, die ja wohl in diesem Falle nicht versagen würde. Eigentlich war sie wundervoll in ihrem Zorne, in dem der ganze ungezähmte Stolz ihrer Rasse sich Bahn brach, dieser Rasse, die vor einem halben Menschenalter noch Europa ihren allerhöchsten Willen diktiert und aufgezwungen hatte, vor der es zitterte, katzenbuckelte, der die regierenden Fürsten ihre Töchter zur gefälligen Wahl des Herrschers oder des Thronerben, ja auch der Prinzen zusandte, und, wenn sie nicht gefielen, demütigst wieder zurücknahmen. Freilich hatte sich auch in allen diesen Dingen der Wandel vollzogen, der die Schwelle des neuen Jahrhunderts mit einem eisernen Besen zu kehren kam, der die Rolle des Weckers spielte und den Zopf, der immer noch in anständiger Länge über die Rücken herabhängt, wenn auch nicht ganz abschnitt, denn dazu scheint die Schere nicht kräftig oder scharf genug zu sein, – aber doch hinlänglich verkürzte, um nicht überall im Wege zu sein. Doch was selbst der Kaiser von Slavonien allmählich zu begreifen anfing, das war unverstanden an der Königin Charlotte Christine von Seeland, geborene Herzogin von Slavonien, vorübergegangen – das neue Jahrhundert war in ihren Augen nur eine veränderte Ziffer, die sich mit jedem Jahr um eins vorwärts schob, im übrigen aber nichts am Hergebrachten ändern konnte. Und das tat es für sie um so weniger, als ihr Spiegel ihr ohne jede Schmeichelei sagte, daß sie immer noch die imposant-schöne Frau war, die einen zweiten Platz für sich als etwas Undenkbares betrachtete. Wenn der König die Herzogin Xenia heiratete, dann war dieser zweite Platz nur etwas Äußerliches, das eben nicht zu vermeiden war, – in Wahrheit hätte sie den ersten Platz, das heißt Sitz und Stimme im Königreich wie im Residenzschlosse behalten und sie hatte es nicht im Sinne, diesen Platz einer Fremden abzutreten, die ihn wahrscheinlich selbst beanspruchen würde. Den seit der beendeten Regentschaft – und auch schon vorher – verlorenen Boden zurückzuerobern, das war das Ziel der Königin-Mutter, der es an Tatkraft wahrlich nicht gebrach, die neben dem nun fast dreißigjährigen Sohne aussah wie eine um geringes ältere Schwester, groß, schlank, imposant, elegant, jeder Zoll eine Königin, verbraucht wie der Vergleich auch immer sein mag. Ihr regelmäßiges und darum vielleicht etwas kaltes Gesicht mit dem berühmten, wundervollen Morbidezza seines fast noch faltenlosen Teints und seinen noch wundervolleren großen, dunklen Augen, vor denen sich die Leute eigentlich etwas fürchteten, weil sie so beredt-niederschmetternd blicken konnten, behauptete sich immer noch siegend selbst neben den jungen Prinzessinnen des Königshauses; ihr feingeschnittener Mund mit den etwas herabgezogenen Winkeln hatte immer noch seine einst so bewunderte eigentümliche Röte, wie eine reife Scharlachbeere, die um so auffallender war, als die farblose, matte Haut sich im Affekte verdunkelte, nicht aber sich rötete. Und wenn sie wollte, dann konnte dieser Mund mit den immer noch tadellosen Zähnen so süß und gnädig lächeln, wie in der Zeit der Jugend, – aber er konnte auch ein Lächeln haben, bei dem es den Eingeweihten kalt über den Rücken lief – solch ein Lächeln, wie es vielleicht ihr berüchtigter Ahnherr lächelte, wenn er seine lieben Untertanen zu seinem Vergnügen eigenhändig köpfte. Dieser Ahnherr war zwar noch ein ausgemachter Barbar gewesen, aber er hatte seine Züge seiner ganzen Rasse mehr oder weniger ausgeprägt vererbt, und wenn die Kultur an seinen Nachkommen auch nicht ohne Spur vorbeigegangen war, sondern sie zum mindesten gründlich und dauerhaft gefirnist hatte, – es steckte in ihnen allen doch noch sehr viel von ihm und es gab sogar noch einige darunter, die es absolut nicht begreifen konnten, daß das Köpfen von Untertanen kein Sonntagsnachmittagsvergnügen sein sollte.

Das in der ganzen kaiserlichen Familie berühmte und oft scherzhaft zitierte Lächeln Bogislav des Furchtbaren lächelte die Königin-Mutter jetzt, als sie in ihrem atemlosen Gange durch ihr Zimmer – wobei im Wege stehende Möbel schlecht wegkamen, einhielt und nach kurzem Zögern hinter die spanische Wand trat, die mit ihren von Künstlerhand gemalten Paneelen die Telephonanlage maskierte, welche das Kabinett der Königin-Mutter nach allen Seiten hin verband. Aber schon hatte sie die Hand an der Kurbel, um das Glockensignal zu geben, das ihr den gewünschten Anschluß vermittelte, als sie auch schon wieder zurücktrat.

»Das würde ihm nur Zeit geben, sich zu überlegen, wie er mir entschlüpfen kann«, sagte sie laut und drückte den Knopf der elektrischen Klingel, welchem Ruf mit fast zauberhafter Geschwindigkeit das diskrete Klopfen ihres Kammerdieners nachfolgte.

»Mein Wagen, Zander, aber schnell«, befahl sie. »Ich fahre ohne Begleitung aus.« Und, einem Blicke des langjährigen, erfahrenen Dieners auf die Scherben am Boden und auf dem tragbaren Frühstückstische folgend, setzte sie kurz hinzu: »Abräumen lassen, verstanden?«

»Zu Befehl, Majestät«, murmelte Zander mit einem prüfenden Blicke auf seine Herrin, die sich trotz ihres Temperamentes eine langjährige Dienerschar zu erhalten verstand durch einen gewissen Zauber, der in ihrem Wesen lag, wie durch ihre verschwenderische Großmut, mit der sie ungerechte Aufwallungen wieder gut zu machen pflegte. »Halt, – es kann bleiben, bis ich fort bin«, änderte sie ihren Befehl, weil in diesem Augenblicke die Gestalt einer jungen Dame auf der Türschwelle erschien und mit einem: »Ich darf doch, verehrte Tante du bist nicht beschäftigt?« näher trat.

»Ich fahre aus, Xenia«, erwiderte die Königin Mutter mit einem langen Blick auf ihre Nichte, indem es wieder heiß in ihr aufstieg. »Aber komm nur – um dir guten Morgen zu sagen, habe ich immer Zeit, mein Liebling!«

Daß die Königin-Mutter trotz aller Voreingenommenheit ihrer Rasse nicht schlecht für ihren Sohn gewählt, dafür war die Herzogin Xenia von Slavonien ein für jedermann vollgültiger Beweis, denn sie sah ihrer Tante sehr ähnlich, sie hatte dieselben fast zu regelmäßigen und kalten Züge, denselben tadellosen, farblosen Teint, dieselben dunklen, reichen und glänzenden Haare, denselben roten Mund, nur daß dieser bei dem jüngeren Sprossen des gleichen Stammes nicht die Schärfe der herabgezogenen Mundwinkel hatte und die Augen, tiefblau statt schwarz, einen andern Ausdruck. Sie blickten klar, ohne Scheu und kalt, aber doch offen und mit dem Ausdruck einer keuschen, aber herben Jungfräulichkeit, die über der ganzen, sicher sehr bemerkenswerten Erscheinung ausgegossen war wie über der Mimose, die sich vor jeder auch nur angedrohten Berührung schließt, um das Unreine, Unlautere nicht erst zu sehen, geschweige denn an sich heran zu lassen. Auch ihr Blick streifte die Scherben am Boden und auf dem Tische und suchte dann das Auge derer, die mit zweifelloser Hingebung Mutterstelle an ihr vertreten; aber es lag keine Furcht in diesem Blicke. sondern eher ein Etwas, das einen Menschenkenner mit Zweifeln erfüllt hätte, ob diese so bis aufs Tüpfelchen korrekt aussehende junge Prinzessin auch wirklich das willenlose Werkzeug war, für das ihre Tante sie hielt und erzogen zu haben glaubte.

»Ist etwas vorgefallen, verehrte Tante?« fragte sie mit unbewegter Ruhe und dem nur latenten, höflichen Interesse, das die Gewohnheit an derartige Szenen heranbildet.

»Ja – es ist etwas vorgefallen, das mich ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht hat«, erwiderte die Königin-Mutter mühsam beherrscht, »es geht auch dich nahe an.«

»O«, machte Herzogin Xenia mit der gleichen Ruhe. »Hoffentlich kein Unglücksfall – es ist doch Papa nichts passiert?« setzte sie lebhafter hinzu.

»Nicht daß ich wüßte – trotzdem seit dem letzten Attentat schon fünf Tage vergangen sind«, sagte die Königin-Mutter mit einem Achselzucken, das dergleichen Bagatellen eben zum »Metier« der gekrönten Häupter zählte. »Es ist eine – eine unerhörte Sache. Aber ich kann mich nicht darauf einlassen, dich vorzubereiten, mein armes Kind. Hier – du kannst diesen Brief lesen, während ich mich zur Ausfahrt ankleide – ich habe Eile.«

Damit gab sie ihrer Nichte den in der ersten Hitze stark zerknitterten Brief des Königs in die Hand und verschwand mit einem kurzen Nicken im Nebenzimmer, in dem die Kammerfrau schon vor Angst zitterte, ob sie auch den rechten Hut und Umhang für die Gestrenge bereit hielt. Aber die Königin-Mutter sah gar nicht, was sie anlegte; sie steckte sich den ihr gereichten schwarzen Rembrandthut mit den wallenden Federn nur mit einem gewohnheitsmäßigen Blick in den Spiegel auf dem tadellos frisierten stolzen Kopfe fest, ließ sich den langen Schneiderpaletot anziehen, der wie angegossen auf ihrer eleganten, perfekten Figur saß und nahm die Handschuhe, die sie auf die schlanken, mit kostbaren Ringen besteckten weißen Hände streifte, als sie wieder in ihr Kabinett zurücktrat, in dem die Herzogin Xenia noch auf derselben Stelle stand und den Brief des Königs so sauber zusammenfaltete, als es sein zerknüllter Zustand zuließ.

»Nun?« fragte die Königin-Mutter kurz und scharf.

Mit unerschütterter Ruhe – äußerlich wenigstens, was immer sie auch empfinden mochte, sah Herzogin Xenia ihrer Tante in die sprühenden Augen.

»Warum hast du diese Nachricht eine »unerhörte Sache« genannt?« fragte sie ohne ein Beben ihrer leisen, vornehmen, klangvollen Stimme, die ein begeisterter Bewunderer einmal mit dem Inbegriff der Musik verglichen. »Mir scheint das eine wundervolle Nachricht zu sein, die das ganze Land beglücken wird.«

»Xenia!« rief die Königin-Mutter, indem ihr Gesicht die gefürchtete dunkle Färbung annahm. Aber sie beherrschte sich unter dem Blicke dieser klar auf sich gerichteten Augen und bemerkte auch gar nicht, daß das farblose Gesicht ihrer Nichte eigentlich noch blasser war als es die Schönheit des berühmten Teints der slavonischen Kaiserrasse forderte und auch das eigentümliche Scharlachrot des feinen Mundes nicht so intensiv brannte, wie sonst. »Wie kannst du so sprechen, wenn du Leo liebst?« setzte sie mit scharfem Einziehen ihres Atems hinzu.

Herzogin Xenia schlug die Augen für einen Moment nieder, um dem Briefe in ihrer Hand noch einen letzten glättenden Kniff zu geben und als sie ihn dann ihrer Tante zurückreichte, war ihr Auge klar und furchtlos wie vorher, ihr Mund so rot wie immer.

»Vielleicht gerade darum, verehrte Tante«, sagte sie mit einem Zucken dieses Mundes, das ein Lächeln sein konnte und etwas von antiker Größe hatte. »Ich hoffe, du wirst mir nicht nur genug Stolz zutrauen, um eine Liebe nicht betteln zu gehen, die ich doch nicht – niemals – erringen werde, sondern auch genug Seelengröße, um den mir versagten Platz nicht einer andern zu gönnen!«

Mit einer ihrer heftigen, leidenschaftlichen Bewegung riß die Königin-Mutter ihre Nichte an ihr Herz, um sie ebenso heftig wieder von sich zu stoßen.

»Und an einem solchen Wesen geht dieser Mensch, der mein Sohn sein will, meiner! blind und kalt vorüber!« murmelte sie mit dem trocknen, harten Schluchzen des Zornes. »Ich habe nicht die Absicht, diese unsinnige Heirat zu billigen«, sagte sie dann energisch, indem sie einen Knopf ihres Handschuhs abriß und ins Zimmer schlenderte, wo er später, von ihrem scharfen Auge entdeckt, der willkommene Anlaß sein konnte zu einer erlösenden Entladung der elektrischen Spannung ihres Gemütes.

Die Herzogin Xenia wußte sehr genau, daß besänftigende Worte bei ihrer Tante genau das Gegenteil von dem erreichten, was damit beabsichtigt war und sie hütete sich darum wohl, beruhigen zu wollen. Sie trat nur einen Schritt zurück und sah der Zornigen furchtlos ins Auge. Vielleicht sagte dieser klare Blick aber mehr als ein Schwall von Worten, denn die Königin-Mutter wurde wieder dunkler im Gesicht und richtete sich hoch auf.

»Eh?« fragte sie kurz und scharf.

»Wenn Leo die Prinzessin liebt, wie ich es hoffe und wünschen muß, dann wird er um sie zu kämpfen wissen«, erwiderte Herzogin Xenia unbewegt und gleichfalls kerzengerade.

»Leo und kämpfen!« rief die Königin-Mutter bitter. »Der König ist keine kämpfende Natur, – wenn du soviel noch nicht erkannt hast, dann tust du mir leid. Und lieben kann er ebensowenig wie kämpfen! Das liegt nicht in seiner Veranlagung! Er sitzt entweder auf seinen Entschlüssen so eigensinnig fest wie ein Maultier, oder er läßt sie fahren, um nur Ruhe zu haben. Und er wird das letztere tun, denn lieben –? Es fällt ihm ja gar nicht ein, diese – diese junge Person zu lieben. Nein, den Deus ex machina, der diese Verlobung in Szene gesetzt hat, den kenne ich und teuer soll er mir diese Stunde bezahlen. Er soll Charlotte Christine kennen lernen!«

Mit sprühenden Augen wandte sie sich der Tür zu, aber auf der Schwelle kehrte sie noch einmal um und umarmte zärtlich ihre Nichte.

»Es ist eine Beleidigung für dich, aber ich hoffe, du wirst sie dem König verzeihen«, sagte sie leidenschaftlich. »Ich verspreche dir, daß du Königin von Seeland sein wirst.«

Die Herzogin Xenia preßte die Lippen fest aufeinander, als wollte sie ein Wort gewaltsam zurückhalten, das sich darauf drängte, aber sie konnte nicht verhindern, daß eine dunkle Röte in ihre blassen Wangen stieg und in ihren sonst so ruhig blickenden Augen ein Licht aufflammte, das der erregten Königin-Mutter aber entging. Sie sah nur das reiche, heiße Blut die kühlen Züge mit einer ungewohnten Glut überströmen und deutete sich das Zeichen in ihrem Sinne, und bestärkte sie in ihrem Entschlusse. Es fiel ihr nicht im Traume ein, in diesem Erröten eine Ablehnung zu sehen; – wie hätte sie es auch – – bei ihrer Erziehung!

Sie nickte ihrer Nichte noch einmal zu und vermißte nicht einmal das beantwortende Lächeln; die tadellose Verbeugung, welche die Herzogin Xenia ihr machte, genügte ihr vollständig als das Zeichen dankbarer Unterwürfigkeit, die sie als selbstverständlich annahm und es wäre ihr auch nicht einmal der entfernteste Verdacht gekommen, daß dieser von ihr gemodelte Charakter einen eignen Willen haben könnte.

Im Vorzimmer trat der Königin-Mutter ihre Staatsdame, Frau von Geyers, entgegen. Sie war, als sie noch Fräulein von Bretten hieß, als Hofdame in den Dienst der damaligen Regentin getreten und hatte sich ihrer Herrin durch eine lange Reihe von Jahren hindurch unentbehrlich zu machen gewußt. Sie hatte sich dann, eine überreife, »bestandene Jungfer«, wie die Schweizer es treffend nennen, mit einem alten, pensionierten General verheiratet, der sie sehr bald als Witwe in diesem irdischen Jammertal zurückließ, wobei es sich herausstellte, daß er außer seiner Pension nichts besaß, und da seine Frau ebensowenig oder ebensoviel, wie man's nehmen will, hatte, so sah sie sich in einer üblen Lage und wandte sich hilfesuchend an die Regentin, die auch wirklich Rat schaffte. Hofdame konnte Frau von Geyers als verheiratete Frau nicht mehr werden, den Posten der Obersthofmeisterin bekleidete eine der landsässigen Fürstinnen, der man die Stellung weder entziehen konnte, noch auch wollte; der Rang einer Palastdame war nur eine Ehrenstellung, die nichts einbrachte, und so schuf die Regentin den neuen Posten einer Staatsdame mit dem »Maitre-Rang«, gutem Gehalt und Wohnung mit Verpflegung aus der Königlichen Küche im Residenzschloß, beziehungsweise dem Wittumspalais, das dadurch auch in keiner Weise beengt wurde. Die Pflichten der Staatsdame wurden natürlich genau geregelt und die Obersthofmeisterin wesentlich entlastet, ohne damit in ihrer verantwortlichen Stellung verkürzt zu werden, wodurch allerdings einem fühlbar gewordenen Bedürfnis abgeholfen wurde, da die Fürstin von Greifenstein, die den Posten inne hatte, dadurch mehr Freiheit gewann. Da nun die Staatsdame auch unmittelbar über den Hofdamen stand, so wurde sie vom Hofe wie von der Hofgesellschaft bald »die kleine Oberhofmeisterin« genannt und tatsächlich fehlte ihrem Regiment auch nichts als der Titel.

Frau von Geyers also trat der Königin-Mutter im Vorzimmer entgegen. Sie war eine große Blondine mit wahrhaft beängstigend eingeschnürten, üppigen Formen und einem ganz angenehmen, immer noch hübschen, weißen Gesicht, in dem nur die fast weißen Augenbrauen und Wimpern störend wirkten und den etwas starren, leicht hervorquellenden Augen von unbestimmter Farbe etwas Fischartiges verliehen, was der vielfach verbreiteten Meinung, Frau von Geyers hätte »falsche Augen«, nicht ganz unrecht gab. Viele Leute vertraten sogar mit Heftigkeit und Nachdruck die Meinung, die sehr einflußreiche, ja mächtige Staatsdame wäre »galgenfalsch«, aber da wieder andre auf sie schworen, so war es schwer zu entscheiden, welche Partei recht hatte; jedenfalls besaß sie die Kunst, diejenigen richtig zu nehmen, bei denen es in ihrem Interesse lag, daß sie richtig genommen wurden und mit jenen wenig Federlesens zu machen, bei denen es nicht darauf ankam, was sie nachher sagten.

»Es ist mir gemeldet worden, Majestät wollten ausfahren, – ohne Begleitung«, sagte sie mit einer trotz ihrer Körperfülle sehr gewandten und sogar graziösen Verbeugung. Die Hofdamen behaupteten unter sich, sie müßte dazu unter den Röcken eine besondere Maschine tragen, weil keine Dame, die sich in einem sogenannten »geraden Korsett« gefällt, eine tiefe Verneigung machen könnte, ohne dabei auf die Nase zu fallen. Ob dieser Mechanismus nun wirklich vorhanden war oder nicht, die Courknixe von Frau von Geyers waren mustergültig und die Königin-Mutter, die viel darauf gab, bemerkte die Gymnastik immer mit Wohlgefallen und empfahl sie, den jüngeren Hofdamen namentlich, mit Betonung zur Nachahmung. »Ich bin – pflichtgemäß – herbeigeeilt, um mich zu überzeugen, ob Majestät auch richtig verstanden worden sind.«

»Doch, meine liebe Geyers, doch«, nickte die Königin-Mutter und setzte gnädig hinzu: »Sie tun immer mehr wie Ihre Pflicht; es hätte ja genügt, fragen zu lassen. Ob es mir möglich sein wird, die Audienzen heut pünktlich oder überhaupt abzuhalten, weiß ich noch nicht; Sie müssen dann eben die Leute empfangen und auf ein andermal vertrösten.«

»Wie Majestät befehlen«, erwiderte Frau von Geyers mit einer ihrer tadellosesten Verbeugungen. »Majestät haben doch nicht Unannehmlichkeiten gehabt?« setzte sie leise und mit genau der Schattierung von Vertraulichkeit hinzu, die sie sich dieser nicht leicht zu nehmenden Herrin gegenüber erlauben durfte.

»Ach, meine liebe Geyers, die Unannehmlichkeiten sind mein tägliches Brot; nur manchmal sind sie bittrer wie gewöhnlich«, entgegnete die Königin-Mutter achselzuckend und ging mit einem Kopfnicken weiter, gefolgt von dem Kammerdiener, der sie bis zu dem Brougham begleitete, der unter dem glasgedeckten Portal vorgefahren war.

Oben im Vorzimmer zögerte Frau von Geyers noch, um die Rückkehr des Kammerdieners abzuwarten, der ihr vielleicht doch einen Fingerzeig geben konnte und währenddem trat die Herzogin Xenia aus dem Kabinett ihrer Tante und wollte mit einem freundlichen, aber nicht gerade ermutigenden »Guten Morgen, Frau von Geyers« an der Staatsdame vorübergehen. Diese war aber so leicht nicht abzuspeisen.

»Kaiserliche Hoheit sehen mich in tiefster Bestürzung und Sorge«, sagte sie mit gedämpfter Stimme. »Majestät schienen mir erregt und bekümmert zu sein.«

»Wirklich?« erwiderte die Herzogin ruhig. »Nun, die Königin wird Sie ja wohl nach ihrer Rückkehr beruhigen können.« Und mit einem freundlichen, aber durchaus nicht mißzuverstehenden endgültigen Gruß ging sie ihres Weges und weder aus dem Gange, noch aus einem Zuge ihres unbewegten Gesichtes war auch nur das geringste herauszulesen, so gut auch Frau von Geyers zu beobachten pflegte.

»Kalt und unzugänglich wie ein Gletscher«, murmelte sie hinter der hohen Gestalt drein. »Eine bequeme Herrin wird das nicht sein – wenn's noch dazu kommt. Ah, mein lieber Zander«, wandte sie sich an den eben wieder erscheinenden Kammerdiener, »was ist denn das heut mit unsrer lieben Majestät? Was hat's denn gegeben?«

»Zerschlagenes Porzellan hat's gegeben, gnädige Frau, – mehr weiß ich auch nicht«, entgegnete der alte Diener mit einem Seufzer. Er gab ja der mächtigen Staatsdame gern mal einen Wink – wenn er's für gut hielt, notabene, und um sie bei Laune zu erhalten, aber was er nicht sagen wollte, das brachten keine zehn Pferde aus ihm heraus, denn er hatte Charakter, der Alte und – er war treu.

Das zerschlagene Porzellan gab Frau von Geyers zu denken und in der Stille ihres – übrigens sehr geräumigen – Kämmerleins erging sie sich in den gewagtesten Vermutungen, die aber alle ins Blaue trafen. Wie hätte sie auch ahnen können, die Gute, daß sie selbst, bildlich gesprochen, unter den Porzellanscherben lag, die der alte Zander unterdessen kopfschüttelnd und vor sich hinredend zusammenlas, um sie zu dem Gewesenen zu werfen und dann den Abgang dem Hofmarschallamt gebührend anzuzeigen – durch die Zwischeninstanz des Fouriers natürlich, der eine solche Meldung nicht zum ersten Male zu machen hatte und damit unbewußt zu der Tatsache beisteuerte, daß das »Menschliche, Allzumenschliche« ein Bazillus ist, der selbst die Throne nicht verschont, wie die Motten ja auch sehr gern in den Hermelin gehen.

Inzwischen fuhr die Königin bei dem Staatsministerium vor, in dem der Premierminister seine Dienstwohnung hatte. Obwohl unverheiratet, versäumte er keine seiner Repräsentationspflichten, für die er ja auch besondere Gelder bezog und dann machte seine Schwester, die verwitwete Gräfin Vombach die Honneurs bei ihm, eine sehr würdige und liebenswürdige Dame, die sich aber leider ebensowenig der Gnade der Königin-Mutter rühmen konnte, als ihr Bruder, weil sie eben so unweise war, seine Schwester zu sein.

Herr von Wellmer eilte, als er die Meldung des unerwarteten Morgenbesuches erhielt, mit einem bedauernden Blicke auf die vor ihm liegende Arbeit natürlich gleich herab, um die Königin-Mutter am Wagenschlage zu begrüßen und sie die Treppe heraufzuführen; streng genommen, um sich von ihr heraufführen zu lassen, denn er war kleiner als sein hoher Gast, dem es ein leichtes war, auf den schmächtigen Diplomaten mit dem glattrasierten Gesichte herabzusehen und ihn von oben herab mit den Donnerkeilen ihrer Ungnade zu zerschmettern – eine ebenso gern geübte, wie fruchtlose Praktik, da der Minister entschieden die Unverwundbarkeit des hörnernen Siegfrieds besaß und mit stoischer Ruhe auf sich herumkeilen ließ. Figürlich gesprochen, natürlich. Aber trotz seiner körperlichen Unscheinbarkeit wäre dieser Mann unmöglich zu übersehen gewesen – mit dem Kopfe, dessen Züge das Reich wie das Ausland aus den zahlreichen Abbildungen kannte, mit denen die Zeitungen gern die Artikel über ihn zu begleiten pflegten. Jedes Kind kannte die große, charakteristische Nase, den feinen, beweglichen Mund, die scharfen Augen unter den buschigen Brauen, das zum Himmel emporstarrende, bürstenartig verschnittene weiße Haar, seinen ausgeprägten Sinn für Humor. Mit diesem ging er wohl ausgerüstet seiner Besucherin entgegen, die augenscheinlich kam, um ihm die vielen Differenzen, in denen sie unterlegen, heimzuzahlen und, die Treppe herabsteigend, fuhr er sich durch seine widerborstigen Haare und murmelte mit verdächtig zuckenden Mundwinkeln: »Na, da hätten wir ja das Donnerwetter glücklich schon. Auf in den Kampf, Torero, Mut in der Brust – siegesbewußt!« Vielleicht hatte er die gleichen »Heimzahlungsgelüste.«

Die Bemerkungen über das ungewöhnlich freundliche Märzwetter, mit denen der Minister die Königin-Mutter neutral während des Treppenaufstieges zu unterhalten suchte, beantwortete sie mit einem eisigen Schweigen, das äußerst beredt war, von dem Minister anscheinend aber gar nicht bemerkt wurde, denn er erging sich in der harmlosesten Weise von der Welt in weiteren meteorologischen Betrachtungen und plauderte vom hundertjährigen Kalender und den Bauernregeln, von denen er noch einige zum Besten gab, als er der Königin-Mutter schon in seinem Arbeitszimmer einen besonders bequem aussehenden lederbezogenen Sessel zurechtschob. Aber sie setzte sich nicht.

»Sie werden verstehen, Exzellenz«, sagte sie, hochaufgerichtet vor ihm stehend, »daß es nur eine Sache von höchster Wichtigkeit sein kann, die mich selbst und ohne vorherige Anmeldung zu Ihnen führt.«

»In der Tat, Majestät, ich vermute etwas dergleichen«, erwiderte Herr von Wellmer verbindlich. »Die Ungewöhnlichkeit dieses Besuches –«

»Wird durch ihren Zweck erklärt«, unterbrach ihn die Königin-Mutter. »Mein Sohn, der König, ist durch einen, wie ich hoffe, nur temporären Anfall geistiger Störung befallen worden!«

»Majestät!« rief der Minister, beide Hände emporhebend. »Ich hatte heute in aller Frühe schon die Ehre, Seiner Majestät Vortrag zu halten und habe dabei, so wahr ich hier stehe, nicht das geringste –«

»Nun, vielleicht laborieren Sie an dem gleichen Leiden«, fiel die Königin-Mutter ihm wieder ins Wort. »Wenn mein Sohn diesen Brief hier –«, dabei zog sie das anstößige Schreiben aus der Tasche, »mit Ihnen zusammen verfaßt hat, so darf ich Sie wohl auch als einen Kranken betrachten.«

»Starker Tobak«, dachte der Minister, dem Kerbholz der Königin innerlich einen dicken Strich hinzufügend. Äußerlich aber sah man ihm davon nichts an. Mit seinem verbindlichsten Lächeln nahm er das von der Herzogin Xenia nach Kräften geglättete Schreiben entgegen und betrachtete es mit hochgezogenen Brauen.

»Nein, Seine Majestät und ich haben diesen Brief nicht zusammen verfaßt«, sagte er mit leichtem Kopfschütteln. »Aber der zerknüllte Zustand des Papieres läßt allerdings darauf schließen, daß der König sich beim Schreiben in einem hochgradig nervösen Zustande befunden haben muß –«

»Lassen Sie das Papier, Exzellenz – ich bin zu solchen – Details nicht aufgelegt«, rief die Königin-Mutter, deren Gesicht sich sehr dunkel gefärbt hatte, was dem Minister als Sturmsignal hätte gelten können, wenn er nicht ganz genau gewußt hätte, daß es ein Eingeständnis ihrer Schwäche war und damit auch ein dicker Strich auf seinem Kerbholz. Aber er hätte sich den Hieb nicht um die Welt versagen können und bei der Länge der gegenseitigen Kerbhölzer kam es wirklich auf einen Strich nicht an. Ohne zu zucken entfaltete er den Brief und las ihn aufmerksam durch.

»Gestatten Eure Majestät, Ihre Ansicht nicht teilen zu dürfen; der Brief ist sehr klar und sehr hübsch geschrieben«, sagte er dann, den Bogen wieder zusammenfaltend.

»So ist das kein unpassender und verfrühter Aprilscherz, sondern Wahrheit?« fragte die Königin-Mutter mit funkelnden Augen. »Absolute Wahrheit«, bestätigte Herr von Wellmer ernsthaft. »Und es gereicht mir zur ganz besonderen Ehre und ausgezeichneten Freude, der erste zu sein, der Eurer Majestät zu diesem freudigen Ereignis, das von dem ganzen Lande mit unerhörtem Jubel begrüßt werden wird, meinen alleruntertänigsten, aus dem aufrichtigen und bewegten Herzen eines alten Dieners seines Vaterlandes kommenden Glückwunsch darbringen zu dürfen.«

»Ich danke Ihnen, Exzellenz, aber ich kann Ihre so ungemein warmen Glückwünsche nicht annehmen«, erwiderte die Königin-Mutter, sich zu einer Ruhe zwingend, die ihr sehr fern lag. »Diese Verlobung wird nicht stattfinden!«

Der Minister schüttelte leicht den Kopf.

»Majestät scheinen diesen Brief nicht richtig verstanden zu haben«, sagte er mit der größten Ruhe. »Die Verlobung hat stattgefunden, denn das Telegramm mit dem Jawort der Prinzessin, dem die Werbung Seiner Majestät durch besonderen Abgesandten gestern vorausgegangen ist, traf diesen Morgen ein.«

»Vermutlich«, entgegnete die ehemalige Regentin achselzuckend. »Aber man wird diese Verlobung dann umgehend rückgängig machen, denn ich verweigere meine Einwilligung.«

»Das wird den König sehr betrüben, denn er legt natürlich den größten Wert auf die Zustimmung Allerhöchstseiner Mutter«, meinte Herr von Wellmer mit bedauerndem Tone. »Aber – Majestät werden verzeihen, wenn ich es wage, Sie daran zu erinnern – der König ist längst majorenn und kann, wenn es ihm beliebt, eine Fabrikarbeiterin heiraten. Das Hausgesetz und das Staatsrecht sehen dann nur eine sogenannte morganatische Ehe vor und den Ausschluß der etwaigen Deszendenz von der Thronfolge. Zum Glück aber ist die Neigung des Königs auf eine Allerhöchst Ihm ebenbürtige – nach den Hausgesetzen ebenbürtige Dame gefallen, die dem Throne zur höchsten Zierde gereichen wird.«

Die Königin-Mutter riß, in Ermangelung handlicher Porzellansachen, ihrer nur mit Mühe mächtig, den Brief, den sie wieder in der Hand hielt, in kleine Stücke und warf sie dem Minister vor die Füße.

»Ich habe es mir gedacht, daß Sie der Maschinist dieses Puppenspieles sind«, rief sie heiser. »Das sieht Ihnen zu ähnlich, um nicht Sie zum Autor zu haben. Diese Verlobung wird rückgängig gemacht werden!«

»Wollen Eure Majestät die Gnade haben, dieses Verlangen direkt an den König zu stellen«, erwiderte der Minister mit unerschütterlicher Ruhe. »Denn ich möchte mir untertänigst zu bemerken erlauben, daß ich meine Hand dazu nicht leihen werde. Mein erstes Gefühl dabei ist ein rein menschliches: der König liebt die Prinzessin und sie ihn, wie ich allen Grund habe anzunehmen; von seiner Seite also ist diese Verlobung ein Herzensbündnis – ein solches ist für einen Thron so rar wie die blaue Blume des Märchens und ich liebe meinen königlichen Herrn viel zu sehr, um dies seltene Pflänzchen zertreten zu helfen. Ich darf wohl annehmen, daß das Herz einer Mutter in dieser Beziehung noch weicher ist. Zweitens aber weigere ich mich energisch, die Hand dazu zu bieten, einen regierenden Bundesfürsten und sein Haus durch eine Zurückziehung der Werbung des Königs in unerhörter Weise zu brüskieren.«

»Das ist unsre Angelegenheit«, sagte die Königin-Mutter mit einem Male ganz kühl. »Ich werde diese ›Brüskierung‹ riskieren, die diesen regierenden Bundesfürsten auf den ihm zukommenden Platz zurückweisen wird. Das fehlte noch, daß wir uns eine solche Verwandtschaft auf den Hals lüden, die wir doch ohne Furcht vor einem Korbe bei den großen Häusern anklopfen können, wie ich ohne Überhebung meinen sollte.«

»Die Gegenwart Euerer Majestät beweist das vollkommen«, entgegnete der Minister mit einer huldigenden Verbeugung. »Aber Eure Majestät vergessen, daß es allemal Eure Majestät höchstselbst waren, die es mit Ihren Gegenminen vereitelte, so oft ein derartiges Anklopfen bei einem der großen Häuser in Betracht gezogen wurde, und diese Gegenminen waren immer derart geschickt gelegt, daß jetzt noch kaum irgendwo ein ›Herein‹ auf ein Anklopfen unsrerseits erfolgen dürfte. Die einzige Ausnahme ist, wie ich sehr wohl weiß, das erhabene Haus, dem Eure Majestät entstammen, ich möchte mir aber zu bemerken erlauben, daß dieses aus mancherlei politischen Gründen ausscheiden dürfte, – Gründe, welche die erleuchtete Weisheit Eurer Majestät in Ihrer Eigenschaft als die Mutter des Königs von Seeland ohne weiteres billigen wird. Ferner gestehe ich meine Unfähigkeit, Einwände Eurer Majestät gegen das Rothenburger Fürstenhaus verständlich zu finden, da Ihre Königliche Hoheit die Frau Prinzessin Friedrich ein Mitglied desselben ist, die Vermählung mit ihr ganz unbeanstandet vollzogen wurde und ihr Sohn, Seine Königliche Hoheit der Prinz Erich ebenso unbeanstandet den Thron von Seeland besteigen würde, falls das Land das Unglück treffen sollte, daß Seine Majestät heut oder morgen aus diesem Leben scheiden sollte.«

»Die Prinzessin Friedrich!« griff die Königin-Mutter das eine Wort auf, mit souveräner Verachtung über alles das hinweggehend, was der Minister gesagt; freilich war sie bei den »Gegenminen« wieder sehr dunkel im Gesicht geworden und da fand es Herr von Wellmer nicht weiter verwunderlich, daß sie darüberweg auf einen andern, sichereren Punkt übersprang. »Natürlich, auf diese Perle des Königshauses hatte ich ja ganz vergessen! Wie konnte ich nur! Aber freilich, – was zunächst liegt – – nun, die Abrechnung ist ja damit nicht aufgehoben –«

Der Minister verbarg ein unwillkürliches Lächeln hinter einer raschen Handbewegung, denn da die Schadenfreude bekanntlich die reinste Freude ist, so konnte er nicht umhin, sich bei der Vorstellung dieser »Abrechnung« über das Defizit seiner hohen Widersacherin im voraus zu freuen.

»Majestät hatten noch nicht die Gnade mir zu sagen, was Sie gegen die Wahl des Königs für Einwände haben«, sagte er sanft.

»Nun, ich dächte, ich hätte das deutlich genug ausgedrückt«, fuhr die Königin-Mutter bereitwilligst auf den Köder los. »Mein Sohn hat zunächst nicht nötig, sich mit einem Hause zu verbinden, das dem seinen in keiner Weise ebenbürtig ist –«

»Ich bitte untertänigst um Verzeihung, wenn ich widerspreche«, fiel der Minister ein. »Die regierenden Häuser sind nach dem Staatsrechte einander alle ebenbürtig –«

»Mit der notwendigen Einschränkung«, beharrte die Königin-Mutter auf ihrem Schein. »Die Mutter des regierenden Fürsten gehörte einem Privathause an –«

»Eure Majestät sind falsch unterrichtet worden«, fiel der Minister wieder ein. »Die hochselige Fürstin gehörte einem mediatisierten Hause an, das laut den Bundesakten das Recht der Ebenbürtigkeit mit den regierenden Häusern hat.«

»Bah, – wer kehrt sich daran?« rief die Königin-Mutter ungeduldig.

»Nun, zum Beispiel der Monarch eines Nachbarstaates, der die Tochter seines Sohnes und Erben mit dem Sprossen eines solchen mediatisierten Hauses vermählt hat«, gab der Minister unbewegt zurück.

»Schöner Grund für uns zur Nachahmung«, sagte die Königin-Mutter gereizt. »Ich war darauf vorbereitet, tausend Einwendungen von Ihnen zu hören, die Sie ja natürlich bereit liegen hatten. Aber Sie können sich die noch übrigen neunhundertundneunundneunzig ruhig sparen. Die Verlobung wird rückgängig gemacht, und wenn Sie die Hand nicht dazu bieten wollen, so werde ich über Sie hinweg dafür sorgen, daß es geschieht – –«, sie hielt ein und sah den Minister forschend an, der aber unbewegt stand.

»Es ist nichts unmöglich auf dieser Welt«, sagte er ruhig. »Mehr noch, man soll auch nichts verreden. Darum will und kann ich Eurer Majestät nicht die Hoffnung auf ein Gelingen Ihres Vorsatzes rauben, trotzdem ich, offen gesagt, nicht glaube, daß Eure Majestät Erfolg haben werden, weil der König in Seinen einmal gefaßten Entschlüssen von großer Festigkeit ist. Im Falle Seine Majestät aber hier diese Festigkeit vermissen lassen sollten, würde ich mein Portefeuille selbstredend niederlegen und das dürfte es ja auch wohl sein, worauf Eure Majestät vor allem rechnen. Ich mache mir in diesem Punkte keine Illusionen. Majestät werden aber auch dann gut tun, dem Plane zu entsagen, den König mit einer Prinzessin Ihres erlauchten Hauses zu vermählen. Unsere Politik geht gegenwärtig dahin, uns von den östlichen Einflüssen durchaus zu befreien, weil unsere Interessen uns an den Westen verweisen und da Slavonien im Osten die führende Stimme hat, so werden Majestät begreifen, daß wir neue Familienbeziehungen in diesem Reiche nicht anknüpfen können, wenn solche gegenwärtig ja auch nicht mehr in dem Maße die Politik beeinflussen, wie früher –«

»Herr Minister, Sie vergessen, daß ich eine slavonische Prinzessin bin«, unterbrach ihn die Königin-Mutter mit flammenden Augen.

»Majestät haben Sorge getragen, diesen Umstand niemals vergessen zu machen«, entgegnete Herr von Wellmer prompt und scharf. »Ich erlaube mir aber Eure Majestät heut, wie öfter schon in früheren Zeiten, darauf aufmerksam zu machen, daß Eure Majestät eine Prinzessin von Slavonien waren und gegenwärtig die Mutter des regierenden Königs von Seeland sind, der mit seinem ganzen Lande und seinen Räten erwarten kann und muß, daß des Königs Mutter die Interessen seines Reiches zu den ihrigen macht, oder, wenn sie das nach Pflicht und Gewissen nicht kann, zum mindesten nicht dagegen arbeitet. Dies ist mein Appell an die Königin von Seeland und ich erlaube mir noch einen zweiten an das Mutterherz zu richten, das sein einziges Kind unmöglich zu einer Ehe zwingen kann, gegen die der König offenbar einen Widerwillen hat. Gewiß, Majestät, – einen Widerwillen. Das beweist doch zur Genüge sein nun fast sechsjähriger Widerstand! Ich möchte damit nichts um die Welt gegen die Herzogin Xenia gesagt haben, für die ich die größte Verehrung hege, die ich für ein Muster weiblicher Vollkommenheit halte und für eine perfekte Schönheit obendrein. Aber über den Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten –«

»Und gegen die Einflüsterungen des Slavonien feindlichen Herrn Ministers läßt sich nichts ausrichten«, vollendete die Königin-Mutter bitter.

Herr von Wellmer machte eine Bewegung.

»Eure Majestät geruhen bei den alten Vorurteilen zu verharren«, sagte er sehr beherrscht und ruhig. »Es ist ein Glück, daß das slavonische Kabinett selbst die Sachlage versteht und würdigt. Majestät sind doch nun lange genug im Lande, um endlich verstanden haben zu können, daß wir nicht mehr nötig haben, Vasallen des großen östlichen Reiches zu sein; wir sind ihm ebenbürtig geworden aus eigner Kraft und brauchen uns nicht auf fremde Arme zu stützen; unsere Interessen verweisen uns kategorisch auf eine andre Seite. Doch ich muß fürchten, Eure Majestät damit zu langweilen, da ich so aus Erfahrung weiß, daß Sie die Interessen Ihres Geburtslandes vor diejenigen von Seeland zu stellen belieben und in wahrscheinlich sehr berechtigtem Stolze jedes andre Land als Vasallen Ihres großen Hauses ansehen. Damit ist nicht zu rechten und weil wir das so genau wissen, so sah der König sich genötigt, mit seiner Verlobung als einer unabänderlichen Tatsache vor Eure Majestät hinzutreten. Sie werden ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen anzuerkennen, daß er nach der Lage der Dinge gar nicht anders handeln konnte.«

»Ihre Meinung über mich ist nicht gerade schmeichelhaft, Herr Minister«, entgegnete die Königin-Mutter zornbebend, weil sie sich getroffen fühlte. »Aber lassen wir das – ich bin es gewöhnt, mich durch den Allmächtigen von Seeland beleidigen zu lassen. Ich bin auch nicht hergekommen, um über Politik zu sprechen –«

»Die aber unmöglich ausgeschaltet werden konnte, weil sie sehr zur Sache gehört«, warf Herr von Wellmer sanft ein.

»Sondern, um Einspruch gegen die Wahl meines Sohnes – oder vielmehr gegen die Ihrige zu erheben«, fuhr die Königin-Mutter mit erhöhter Stimme fort.

»Majestät machen meinem Geschmacke ein Kompliment; die Prinzessin ist entzückend«, gab der Minister mit unerschütterlichem Gleichmut zurück.

»Sie wollen mich mißverstehen«, rief die Königin-Mutter ungeduldig. »Ich habe kein Wort gegen die Person gesagt – das junge Mädchen ist hübsch genug, trotzdem das Geschmackssache ist. Ich wußte nicht, daß mein Sohn für Blondinen schwärmt. Ich erhebe Einspruch gegen die Mesalliance, denn eine solche ist die Verbindung mit diesem Hause in meinen Augen, auch in bezug auf die Prinzessin Friedrich.«

»Solange Europa nicht nur von Kaisern und Königen regiert wird, werden wir uns damit abfinden müssen, auch die regierenden Fürstenhäuser als gleichberechtigt anzusehen«, erwiderte Herr von Wilder mit einem sehnsüchtigen Blicke auf seinen bequemen Arbeitsstuhl.

»Drehen wir uns nicht im Kreise«, sagte die Königin-Mutter befehlend. »Wie ich schon sagte, so habe ich nichts gegen die Person des jungen Mädchens; den Beweis dafür habe ich geliefert, denn ich wollte sie sogar zu meiner Hofdame haben und schrieb in diesem Sinne erst vorgestern eigenhändig an ihren Bruder –«

Der Minister fuhr empor und seine Augen waren es nun, die unter den dunklen, buschigen Brauen blitzten. Aber die Selbstbeherrschung war ihm viel zu sehr zur zweiten Natur geworden, als daß er sie nur für einen Augenblick verloren hätte.

»Nun«, sagte er nach einer kleinen Pause, während welcher er mit seiner hohen Widersacherin die Blicke gekreuzt, wie zwei Duellanten die Degen.

»Nun, ich mache Eurer Majestät mein Kompliment. Der Schachzug war hochdiplomatisch und nimmt von mir das Gefühl des Bedauerns, Eurer Majestät Nervensystem durch eine Überraschung erschüttert zu haben. Indes, da wir die Beruhigung besitzen, das Telegramm des Fürsten von Rothenburg mit dem Jawort der Prinzessin empfangen zu haben, so ist ein Schaden durch die ungemein gnädige Herablassung Euerer Majestät zu dem Rothenburger Hause sachlich und moralisch nicht entstanden. Trotzdem wage ich es, Eurer Majestät den Rat zu geben, auch diesen negativen Erfolg durch ein möglichst umgehendes Entschuldigungsschreiben an des Fürsten Durchlaucht entsprechend auszugleichen.«

Die Königin-Mutter maß den Minister mit einem Blicke grenzenlosen, ehrlichen Staunens.

»Exzellenz sind müde«, sagte sie schneidend. »Beenden wir denn diese fruchtlose Unterredung, deren Erfolg ich mir voraussagen konnte. Ich hätte besser gleich mit dem Könige reden sollen. Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen, Herr von Wellmer. Sie sollten sich mehr Ruhe gönnen – die Stille Ihres Landgutes würde Ihren Nerven ungemein wohltätig sein.«

»Majestät sind allzugnädig, sich immer wieder dieses Allheilmittels für meinen alten Korpus zu erinnern«, erwiderte Herr von Wellmer schmunzelnd. »Darf ich mir erlauben, Majestät zum Wagen herabführen zu dürfen? Meine körperlichen Kräfte sind diesem hohen Dienste noch vollkommen gewachsen.«

Die Königin-Mutter wollte den ihr gereichten Arm mit einer heftigen Bewegung von sich stoßen, aber die Etikette und der äußere Schein waren viel zu einflußreiche Erzieher bei ihr gewesen, als daß sie diese Lehrmeister vor den Augen der Welt je verleugnet hätte. Die »Welt« wurde zwar hier nur durch die Lakaien vertreten und durch den Militärposten vor der Tür des Staatsministeriums, aber auch dieser Welt mußte die Komödie der Etikette vorgemacht werden, schon weil sie eine der vielen Dienerinnen des Klatsches war und die Furcht vor dieser Hydra stärker als der Zorn und die persönliche Abneigung. Merkwürdig war nur, daß der kleine Minister neben der hohen Gestalt der Königin-Mutter gar nicht gedrückt aussah – im Gegenteil. Er machte sogar noch ein Gesicht dazu, als hätte er das Gefecht gewonnen. Und als sie im Wagen saß, winkte sie dem Lakaien noch einmal zurück, als er die Tür des Broughams schließen wollte und sagte auf Slavonisch mit einem Lächeln, das auch nur für den Schein gelächelt wurde:

»O ich habe, glaube ich, vergessen Ihnen zu sagen, daß Sie mit dem Könige über mein Schreiben an – an den Bruder der jungen Dame nicht reden möchten.«

Herr von Wellmer verbeugte sich gleichfalls mit einem Lächeln, als wäre ihm irgendeine Schmeichelei gesagt worden.

»Ich bedaure, den hohen Wunsch Eurer Majestät nicht erfüllen zu können. Bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge muß diese leidige Sache durch den König aus der Welt geschafft werden, wenn Eure Majestät sich nicht selbst dazu entschließen können.«

Die Königin-Mutter wollte auffahren, aber – der Lakai stand mit abgenommenem Hute auf zwei Armlängen da und was er nicht verstehen konnte, mußte er notwendig sehen. Sie nahm sich also wieder – aus Respekt vor der Hydra – zusammen und lächelte noch liebenswürdiger.

»Ich werde Ihnen diese Weigerung gedenken«, sagte sie, das Zucken ihrer Lippen heroisch unterdrückend. »Wenn ich also in diesem Kampfe unterliege, was ich weder annehme, noch glaube, so werde ich selbst schreiben. Genügt Ihnen das?«

»Aber sicher, – sobald mir Eure Majestät Ihr Wort darauf geben«, lächelte der Minister zurück.

Jetzt konnte aber die Königin-Mutter – und wenn die Hydra noch näher gestanden wäre – einen Ausruf des Zornes nicht unterdrücken.

»Sie sind unerträglich«, rief sie, sich schüttelnd. »Nun denn – parole d'honneur

»Meinen alleruntertänigsten Dank, Majestät«, erwiderte der Minister mit einer tiefen, respektvollen Verbeugung, unter der auf einen gegebenen Wink der Lakai den Wagenschlag schon schloß und während er sich zu dem Kutscher auf den Bock schwang, rollte der Wagen der Königin-Mutter an dem präsentierenden Posten im schlanken Trabe vorbei, die Straße herab.

»Uff – das war eine Schlacht!« dachte der Minister, als er seine Treppe wieder hinaufstieg. »In der Haut des Königs möchte ich auch nicht stecken, und wenn er nicht so zähe wäre, könnte man an die Möglichkeit einer Niederlage zu glauben anfangen. Zum Glück aber lassen sich die Entschlüsse aus ihm viel schwerer heraus als herein bringen. Und dann ist er über beide Ohren verliebt, was bei einem Manne seines Alters und seiner Charakteranlage ein Hilfsmittel von der Stabilität des historischen ›rocher de bronce‹ ist – im übrigen war sie wundervoll, meine allergnädigste Feindin! Wir beide haben uns die Wahrheit gesagt, daß die Balken sich gebogen haben – unsre Sprache ist doch eine sehr, sehr modulationsfähige, was immer man gegen sie vorbringen möchte. Fehler muß sie aber doch immer machen, diese prachtvolle Königin! Denn wenn sie gut Deutsch gesprochen hätte unten am Wagen – als Postskriptum sozusagen, – und nicht slavonisch, wie hätte ich dann vor dem Kerl, dem Lakaien, widersprechen und auf ihr Ehrenwort bestehen können! Das wird sie halten – sie hält immer, was sie auf ihr Wort verspricht. Und richtig wird sie es halten. Das ist ihre beste Seite. Man muß auch dem Teufel das Seine lassen, – das muß man. Sans comparaison, natürlich, trotzdem der Vergleich durchaus nicht hinkt. Sie ist ein Satan, die Allergnädigste, wenn auch mehr aus Erziehung, als durch den Willen. Aber von Diplomatie und Staatskunst hat sie keine blasse Ahnung. Slavonisch zu reden! Mir damit die Waffe in die Hand zu drücken! Und wahrscheinlich noch ganz stolz darauf, eine so gute, undurchdringliche Maske getragen zu haben! Verhülle dein Haupt, Diplomatie – aus dieser Jüngerin wird in diesem Leben nichts mehr!«

Die Königin-Mutter, die den Befehl gegeben hatte, nach dem Residenzschlosse zu fahren, änderte ihren Sinn indes schon, ehe sie noch am Ende der Straße angelangt war. Ein heftiger Ruck an der Signalleine für den Kutscher ließ den Wagen jäh halten.

»Zum Palais Friedrich!« befahl die Königin-Mutter, worauf die Pferde in die nächste Seitenstraße gelenkt wurden und dort in eine schöne, schattige Allee einbogen, die unmittelbar zu dem Parke hinleitete, in dem das weiße Barockschloß des verstorbenen Onkels des Königs, fern vom Geräusch der Großstadt, wie auf einer Insel im Ozean lag. Hier wohnte auch seine Witwe als in ihrem ererbten Eigentum, Ihre Königliche Hoheit, die Prinzeß Friedrich von Seeland, geborene Prinzessin von Rothenburg, mit ihrem Sohne, dem Prinzen Erich, der als Major in dem Regiment der Leibgarde zu Pferde stand, jetzt aber, wie schon gesagt, á la suite desselben gestellt war, um eine Weltreise zu machen.

Die Königin-Mutter ließ ihren Wagen nicht vor dem Hauptportal halten, der unter dem weitausladenden Balkon lag, zu dem breite Freitreppen zu beiden Seiten emporführten, sondern fuhr um das Palais herum und unter der glasbedeckten sogenannten kleinen Einfahrt vor, die von den Familienmitgliedern benutzt wurde. Hier verbat sie sich eine Anmeldung und schritt, jede Begleitung ablehnend, die schöne, breite Treppe mit den schmiedeeisernen, vergoldeten Geländern herauf nach der ersten Etage, in deren Vorsaal sie einen Augenblick still stand und dann ohne weiteres die Tür aufmachte, hinter der sie in schmelzenden Tönen das Liebeslied aus der »Walküre« – – pfeifen hörte.

Prinzeß Friedrich von Seeland stand, friedlich, wie sie war gesunnen und nichts Böses ahnend, angetan mit einer umfangreichen Hängerschürze von blaubedrucktem Kattun, vor einer großen Blumenetagere und schnitt mit einem sehr plebejisch aussehenden Klappmesser mit Hornschale an den Blumenstöcken herum, wobei sie abwechselnd ihr nicht gefallende Pflanzen laut und nicht gerade schmeichelhaft anredete, andre lobte, auf ihren Gärtner schimpfte und – pfiff. Das war die einzige Art, in der sie zu musizieren pflegte und es war eigentlich schade, denn diese nicht durchweg anerkannte musikalische Leistung bewies ein tadelloses musikalisches Gehör, einen einwandfreien Rhythmus und einen durchaus geläuterten Geschmack in der Wahl der Kompositionen. Ich sehe auch wirklich nicht ein, warum ein Mensch nicht pfeifen soll, wenn er es gut macht. Man hat schon ganz ausgezeichnete Pfeifkünstler gehört, – freilich nicht im Konzertsaal. Ob ihr Fehlen dort daran liegt, weil es manchen für unästhetisch gilt, daß der »Künstler« seine Lippen spitzen muß und durchaus nicht lachen darf, wenn der Vortrag nicht ernstlich gefährdet werden soll? Aber jedes Blasinstrument ist ja von dem Ernst des Ausübenden abhängig und ob es gerade ästhetisch ist, wenn der Sänger seinen bezw. ihren Mund aufreißt, daß ein beladener Heuwagen hereinfahren könnte, wäre auch noch eine Frage. Daran kann es also nicht liegen, daß man keine Konzertpfeifer zu hören bekommt, wohl aber noch stellenweise Soloflötisten, deren Instrument dem Pfiff der menschlichen Lippen sehr ähnlich ist, aber meines Erachtens durchaus nicht überlegen. Sei dem, wie ihm wolle – es gilt nicht für wohlanständig zu pfeifen und die es ungeniert tun, werden nicht sonderlich hochgeschätzt, wenn sie ihr Können dem Publikum aufdrängen. Hingegen darf man es billigerweise niemandem verdenken, wenn er sich in der Stille seines Kämmerleins eins pfeift, besonders wenn er sicher ist, keine Nachbarschaft damit zu stören und das war ja bei Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Friedrich der Fall, weshalb man es ihr auch nicht verdenken kann, daß ein dem Pfeifen entsprechendes, formloses »Nanu?« über ihre eben noch gespitzten Lippen kam, als sie plötzlich und aus heiler Haut von rückwärts die scharfe Aufforderung erhielt. »dieses gräßliche Geräusch zu lassen.«

Da sie aber in dem schönen Wahne lebte, daß sie in ihrem Hause, besonders, wenn sie sich darin ganz allein glaubte, tun und lassen dürfte, was ihr beliebte, so war das »Nanu?«, mit dem sie sich umdrehte, von ihrem Standpunkte aus gerechtfertigt, wenn's auch nicht gerade elegant oder zum mindesten nicht Hochdeutsch war. Ehrlich war's auf alle Fälle und ehrlich war auch das Erstaunen, mit dem sie die kräftigen, schöngeformten Hände mit samt dem Messer in die Hüften stemmte, als sie sah, wer sich hier so ungeniert und diktatorisch ihr Pfeifen verbat.

Eine Schönheit war die Prinzessin Friedrich nicht und sie war's auch in ihrer Jugend nie gewesen, aber über ihren wettergebräunten, unregelmäßigen Zügen lag ein Ausdruck derber Gutmütigkeit, um ihren nicht übel geschnittenen Mund mit der etwas vortretenden Unterlippe ein Zug unverwüstlichen Humors, zu dem der freundliche Ausdruck ihrer blauen Augen unter den hochgewölbten Brauen, die dem Gesichte ihren besonderen Charakter gaben, wohl stimmte. Dieses wenig schöne und doch so anziehende Gesicht erfreute sich einer Popularität, welches die regelmäßige, tadellose, ja klassische Schönheit der Königin-Mutter nie besessen hatte. Wo letztere sich öffentlich zeigte, wurde sie wohl mit dem Respekt begrüßt, der ihrem Range, ihrer Stellung als Mutter des Königs, ihrem fleckenlosen Lebenswandel zukam, aber ohne die Wärme oder gar den Enthusiasmus, den man der Prinzessin Friedrich entgegenbrachte, die in ihren Redewendungen durchaus nicht wählerisch war und die Leute anschnauzte, daß es eine Art hatte, besonders, wenn man ihr für die vielen Guttaten danken wollte, die jedes ihrer Tagewerke kennzeichneten, dafür aber so viele echte, herzliche Sympathie zur Verfügung hatte in ihrem reichen, aber wunderlichen Herzen, die durch die rauhe Form wie eitel Gold hindurchleuchtete. Es konnte, innerlich wie äußerlich, gar keine größeren Gegensätze geben, als die beiden Schwägerinnen und wenn dem Äußeren nach die Königin-Mutter alles mitbrachte, was man sich unter dem Ideal einer Frau auf dem Throne gemeinhin vorstellt, so lebte in der nichts weniger als eleganten, poltrigen, jedes Zeremoniell wie einen lästigen Zwang empfindenden Prinzeß Friedrich, die in ihrer Lebensstellung besser zur Gutsbesitzersfrau gepaßt hätte, eine königliche Seele von der Art, die das Königtum als einen verantwortlichen Dienst auffaßt und nicht als ein Prärogativ.

»Was? Du bist's?« sagte sie nach der ersten Überraschung. »Dunnerlixtchen, – was verschafft mir denn die hohe Ehre schon so frühe am Tage?«

»Du siehst entsetzlich aus in dieser Schürze«, bemerkte die Königin-Mutter, das beanstandete Kleidungsstück mit einem unbeschreiblichen Blicke streifend. »Wie du dich bei deiner sowieso nicht reizvollen Figur noch in einen solchen Sack stecken kannst, fasse ich nicht! Außerdem ist dieses Kostüm direkt unpassend – ich wenigstens verwahre mich dagegen.«

»Machst du recht«, erwiderte Prinzeß Sophie schmunzelnd, indem sie ihr Messer zusammenklappte und es in der sackartigen Tasche ihrer Schürze verschwinden ließ. »Es ist kein Empfangskostüm für die erste Dame des Landes. Wenn du dich hättest anmelden lassen, wären deine Augen nicht beleidigt worden, aber wenn man unerwartet und aus heiler Haut die Leute überfällt, dann muß man sich auch nicht wundern, sie im Hemde zu finden. Übrigens ist meine ›sowieso nicht reizvolle Figur‹ in einem Sacke am besten aufgehoben und auch als Blitzableiter scheint er ja ganz gute Dienste zu tun. Was ist denn los?«

»Ich komme dir sagen, daß du eine intrigante Heuchlerin bist!« rief die Königin-Mutter, sich hoch aufrichtend.

»Donner Wachsstock!« machte Prinzeß Sophie mit einem Schritte rückwärts und einem so erstaunten Gesicht, daß es ihre Angreiferin eigentlich hätte eines Besseren belehren sollen, aber die Königin-Mutter besaß nicht die Gabe, in den Zügen der Menschen zu lesen, ganz besonders dann nicht, wenn sie zornig war.

»Eine ganz intrigante Heuchlerin«, wiederholte sie mit einem niederschmetternden Blicke, der aber samt der Injurie seine Wirkung verfehlte, denn Prinzeß Sophie brach in ein Gelächter aus, daß die Fensterscheiben klirrten.

»Das ist ja zum Schießen!« stöhnte sie, sich die Tränen aus den Augen wischend. »Das kommst du mir in meinem Hause sagen! Na, den Reiz der Neuheit hat's auf alle Fälle. Daß dich das Mäuslein beißt! Setz dich und fahre fort – die Sache wird interessant.«

Was das erstaunte Gesicht der Angegriffenen nicht fertig gebracht, das hatte für den Augenblick wenigstens ihr Lachen bewirkt: die Königin-Mutter, darauf verzichtend, ihre kleinere Schwägerin von ihrer Höhe aus niederzuschmettern, setzte sich ohne Widerspruch auf den ihr zunächst stehenden Stuhl, trotzdem sie eigentlich die Absicht gehabt, die Angelegenheit aus dem oben erwähnten Grunde stehend zu erledigen. Prinzeß Sophie nahm sich ihr gegenüber einen andern Stuhl und sagte, die Hände auf die Knie legend, gemütlich:

»So, nun schieß los! Was ist denn passiert?«

»Leo hat mir heute früh mitgeteilt, daß er sich verlobt hat«, erwiderte die Königin-Mutter, jedes ihrer Worte sozusagen unterstreichend.

»Hat er?« schrie Prinzeß Sophie, die Hände zusammenschlagend. »Na, Gott sei's getrommelt und gepfiffen! Nun kommen doch die armen Zeitungsreporter mal zur Ruhe, die den König jeden Tag mit einer andern Prinzessin zu verloben hatten! Und du kommst auch zur Ruhe! Es war ja nicht mehr zum Aushalten! Gewehrt hat er sich tapfer genug, das muß man ihm lassen, aber ich hab's ihm oft genug prophezeit, daß er doch in den sauern Apfel beißen muß. Na, ich gratuliere! Ja aber, zum Kuckuck, was ist denn das?« setzte sie plötzlich ganz erstaunt hinzu, »du machst ja ein Gesicht wie sieben Wochen Regen! Diese Verlobung war doch dein größter Wunsch! Oder hast du deine Ansicht darüber geändert? Was? Und was haben denn die Verbalinjurien, mit denen du mir ins Haus gefallen bist, damit zu tun?«

»Ich sehe, daß ich recht damit hatte«, rief die Königin-Mutter schneidend. »Die Komödie, die du mir da vorspielst, beweist, wie vortrefflich du zu heucheln verstehst, nachdem deine Intrigen dir geglückt sind. Aber ich schwöre dir, daß du zu frühe triumphierst! Diese Verlobung muß rückgängig gemacht werden und ich fordere es von dir, daß du die Sache in Ordnung bringst, oder wir beide sind geschiedene Leute für dieses Leben!«

Prinzeß Sophie sah ihre Schwägerin zuerst fassungslos und dann besorgt an.

»Na, da schlage aber doch gleich eine scheckige Pudelmütze drein!« murmelte sie kopfschüttelnd. »Davon verstehe ich kein Sterbenswort! Soll ich dir vielleicht Hoffmannstropfen geben, Charlotte Christine?« setzte sie sanft hinzu. »Oder sonst etwas Herzstärkendes?«

»Laß die Verstellung!« herrschte die Königin-Mutter sie an. »Du weißt sehr gut, was ich meine. Du weißt, daß es der Traum meines Lebens war, Leo mit Xenia zu verheiraten – eine bessere Partie wäre für den König gar nicht zu finden gewesen – und dir danke ich es, daß dieser höchste, einzige Wunsch für das Glück dieser beiden, füreinander Bestimmten gescheitert ist! Aber noch ist es Zeit, noch bin ich da und wie eine Löwin will ich für meinen Traum kämpfen. Solange noch nichts von dieser – Verirrung Leos in die Öffentlichkeit dringt, solange ist es noch Zeit und selbst dann gebe ich die Partie noch nicht verloren. Bah! Solche Vorkommnisse werfen auf den Mann keinen Schatten zurück – die Kosten einer rückgängig gemachten Verlobung trägt immer die ehemalige Braut! Das hättest du früher überlegen sollen, meine Gute, und mich dürftest du nachgerade doch zur Genüge kennen, um dir sagen zu müssen, daß ich die Person nicht bin, die man durch eine Überraschung überrumpelt oder unschädlich macht!«

Prinzeß Sophie hatte mit immer größerer Befremdung zugehört, als aber die Königin-Mutter aufhörte, schlug sie ungeduldig die Hände zusammen. »Nee, nee! Nee, nee!« rief sie, »das ist ja alles richtig, wie das Amen in der Kirche, aber ich verstehe nicht eine Silbe davon. Habe doch endlich mal die Güte und sprich deutsch, oder wenigstens nicht in Rätseln! Ich habe davon bloß so viel herausgekriegt, daß Leo sich verlobt hat. Natürlich mit deiner Nichte, wie ich annehmen mußte. Dann verlangst du von mir, daß ich die Verlobung wieder auflösen soll! Eins von uns beiden muß also meschugge sein und da ich ziemlich genau weiß, daß ich's nicht bin – – man kann aber nicht wissen, und am Ende sind wir's alle beide – –«

Die Königin-Mutter hielt sich beide Hände vor die Ohren.

»Was du für entsetzliche Ausdrücke hast!« klagte sie wie unter einem physischen Schmerze. »Was soll denn das nun wieder heißen: me – me – wie war es?«

»Meschugge!« wiederholte Prinzeß Sophie mit sichtlichem Behagen. »O, das ist hebräisch und bedeutet auf deutsch – aber um Sprachstudien zu treiben, bist du ja wohl nicht hergekommen. Also nun mal 'raus mit der Katze aus dem Sack und erkläre, was eigentlich los ist. Ich gebe dir mein Wort, daß ich es nicht weiß, trotzdem ich eine alte Heuchlerin bin!«

Die Königin-Mutter sah ihre Schwägerin zweifelnd an; sie kannte sie seit so vielen Jahren nun schon als eine Person von einer Wahrheitsliebe, die sich gelegentlich im Extrem bewegte, das heißt sich zu einer Grobheit auswuchs, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ – aber der Lüge und Heuchelei hätte ihr bitterster Feind sie nicht beschuldigen können.

»Nun denn, mit dürren Worten: Leo hat sich mit deiner Nichte von Rothenburg verlobt«, sagte sie daher auch in wesentlich milderem Ton.

Prinzeß Sophie sah ihren unerwarteten Gast sprachlos an.

»Mach keine schlechten Witze!« polterte sie dann heraus.

»Ich bin wohl kaum die Person, die überhaupt ›Witze‹ macht«, erwiderte die Königin-Mutter, sich wie gewöhnlich gegen die Art und Weise ihrer Schwägerin auflehnend. »Ich habe diese wundervolle Mitteilung heut früh von meinem Sohne selbst erhalten und es lag wohl nichts näher, als zu dem Schlusse zu kommen, daß du eingeweiht warst und daß du – du diese unmögliche Sache in die Wege geleitet und herbeigeführt hast.«

»Nun, da verdiente ich Wichse, wenn ich das getan hätte, da ich weiß, in welch hohem Ansehen das Haus Rothenburg bei dir steht«, erwiderte Prinzeß Sophie mit der drastischen Offenheit, die charakteristisch bei ihr war. »Ganz abgesehen davon, daß ich überhaupt nichts vom Heiratsstiften halte und meine Garderobe für Kuppelpelze keinen Platz hat, sind mir meine Nichten viel zu lieb und wert, um sie einer Behandlung auszusetzen, wie die, mit der ich von dir beehrt worden bin und noch werde – na, fahre nur nicht auf, sondern schlage an deine Brust und sage mal, unbeschadet deiner Würde: mea culpa! Im übrigen: Schwamm drüber! Wir wollen nicht kalt gewordene Saucen wieder aufwärmen, sie werden dadurch nicht besser. Wenn aber der merkwürdige Trara, den du eben bei mir aufgeführt hast, ein Fühler sein soll oder eine Allerhöchste Verwarnung, dann geh ruhig wieder heim und laß mich in Ruhe. Deine Antwort hast du ja.«

Die Königin-Mutter vergaß zum ersten Male in ihrer jahrelangen Praxis, ihre Schwägerin »auf den richtigen Standpunkt« zu verweisen – ein ebenso zäh behauptetes, wie gänzlich fruchtloses Beginnen. Sie überhörte auch, was schließlich das Bequemste war, die Beschuldigungen gegen sich selbst und blieb bei der Sache.

»Fühler!« wiederholte sie nur bitter. »Da ist kein Fühler mehr notwendig. Diese unmögliche Verlobung ist eine Tatsache und wenn nicht umgehend etwas geschieht, was sie noch rückgängig macht, dann wird sie bis heut abend offiziell sein!«

»Stuß!« sagte Prinzeß Sophie verächtlich. »Das ist wieder hebräisch«, setzte sie erklärend hinzu. »Leo hat dich vielleicht mit der Absicht ins Bockshorn jagen wollen, trotzdem ich nicht weiß, zu welchem Zwecke. Aber da ich ja überhaupt nichts davon weiß, was ihr da drüben ausheckt, weil ich mich grundsätzlich nicht um die Allerhöchsten Angelegenheiten bekümmere, indem ich den Aufenthalt in des Teufels Küche für ebenso ungemütlich wie gesundheitsschädlich halte, so will das nichts sagen. Ich denke mir, er wird dir gedroht haben, sich mit jemandem andern zu verloben, wenn du ihn mit deiner Nichte nicht in Ruhe läßt, denn du mußt doch nachgerade begriffen haben, daß er Xenia nicht will, – oder ist dir der Seifensieder darüber immer noch nicht aufgegangen? Na, und da hast du's denn mit der Angst gekriegt und mir die Ehre erwiesen, den ersten Schrecken auszubaden. Wie es so deine Art ist. Ich bedanke mich also für die gehörten Liebenswürdigkeiten und gebe dir dafür gratis meine Ansicht, daß ich überhaupt nicht glaube, Leo wird sich verheiraten. Nicht deswegen, weil du ihm wegen Xenia das Freien überhaupt fast unmöglich gemacht hast – ja, ja, das hast du, daran ist nichts zu ändern – sondern weil der König nicht aus dem Holze geschnitten ist, aus dem man Ehemänner macht. Sein Stand tut dazu nichts; es hat zu allen Zeiten mal hin und wieder einen Junggesellen auf dem Throne gegeben und wenn er ehrlich genug ist, seine Natur in dieser wichtigen Frage nicht zu verleugnen, so sollte man das eher achten, als mit Gewalt solch einen Menschen in ein Joch zwängen, vor dem er nun einmal scheut.«

»Du tätest besser, dich nicht zum Anwalt für den Junggesellenstand des Königs zu machen, da dein Sohn der nächste zum Throne ist!« rief die Königin schneidend.

Prinzeß Sophie wurde puterrot vor Zorn, aber sie beherrschte sich.

»Entweder bist du ganz aus dem Häuschen, meine liebe Charlotte Christine, oder es liegt dir daran, den Beweis zu liefern, wie wenig Mühe du dir gegeben hast, mich kennen zu lernen«, sagte sie mit jener natürlichen Würde, die ihr im gegebenen Augenblicke zur Verfügung stand. »Kronen üben auf mich nicht den mystischen, magnetischen Reiz aus, wie auf die Mehrzahl der Purpurgeborenen – ich hab's für ein Glück nie anzusehen vermocht, daß mein Junge dem Throne so nahe steht, sondern mir immer gewünscht, daß der König lieber ein halb Dutzend Brüder hätte, die deiner Nachkommenschaft die Thronfolge gesichert hätten. Diese verwünschte Anwartschaft hat Erich während seiner Flegeljahre mehr Raupen in den Kopf gesetzt, als ich wieder ausräuchern konnte, aber ich hoffe doch, daß es mir gelungen ist – – Dein Sohn hat in meinem alten Herzen aber einen viel zu sichern und guten Platz, als daß ich ihm zutrauen könnte, etwas zu tun, was er vor seinem Gewissen nicht verantworten könnte. Dazu gehört seine Heirat mit Xenia, vor deren Charakter ich übrigens den größten Respekt habe, trotzdem sie kalt ist wie eine Hundeschnauze. Ich taxiere sie aber darauf, daß das nur ›Erziehung‹ ist und daß unter dem Gletscher ein ganz hübsches Feuerchen brennt. Doch das gehört nicht hierher. Ist ihre Sache. So, – ich habe geredet und wenn du es für Blech ansiehst, so ist das wieder deine Sache und wenn's dir sonst nicht gefällt, dann kann ich dir nicht helfen. Wer Lärm macht, darf sich nicht wundern, wenn die Gestörten schimpfen.«

Die Königin-Mutter hatte blaß und mit festgeschlossenen Lippen zugehört und dann geschah wieder das Unerhörte, daß sie vergaß, ihrer Schwägerin den Standpunkt klar zu machen.

»Um das alles handelt es sich gar nicht«, sagte sie nur mit einer Handbewegung, als wollte sie eine lästige Fliege verscheuchen. »Wenn du wirklich, wie es scheint, ahnungslos in dieser Sache bist, dann will ich dich gern von dem Vorwurf der Heuchelei und Intrige freisprechen –«

»Sehr verbunden«, brummte Prinzeß Sophie ironisch dazwischen.

»Aber«, fuhr die Königin-Mutter etwas schärfer fort, »aber das Zeugnis, das ich dann deiner Beobachtungsgabe ausstellen muß, ist nicht gerade sehr glänzend, nachdem sich in deinem Hause und unter deinen Augen dieses unmögliche Verhältnis angesponnen und entwickelt hat. Bist du denn blind und taub gewesen, daß du nichts davon gemerkt hast?«

»Ja, um alles in der Welt – redest du denn im Ernst? Willst du denn wirklich sagen, daß Leo – ach, Unsinn!« rief Prinzeß Sophie aus, ihre stark mit Topferde verzierten Hände zusammenschlagend.

»Wenn Lily ihm wirklich gefallen hätte – á la bonne heure! Dann hätte er nur einen guten Geschmack bewiesen – in jeder Beziehung. Hätt' ich ihm gar nicht zugetraut. Aber damit ist doch noch nicht gesagt – und schließlich gehören zu solchen Sachen immer noch zwei, nicht?«

»Sogar drei – du vergißt den Herrn Minister«, erwiderte die Königin-Mutter bitter. »Aber darüber kannst du ruhig sein: der Herr Minister protegiert diese armselige Heirat, die in meinen Augen nicht mehr und nicht weniger ist, als eine Mesalliance, die zu verhindern ich für meine heilige Pflicht halte, wobei ich von dir verlange, daß du deinen ganzen Einfluß auf deine Verwandtschaft geltend machen sollst.«

Prinzeß Sophie sah ihre Schwägerin fassungslos an.

»Sie scheint wirklich im Ernst zu reden«, dachte sie laut.

»Ernst!« wiederholte die Königin-Mutter. »Bitterer, salziger Ernst ist mir's! Ich verlange von dir und ich bitte dich darum, sofort ein Telegramm nach Rothenburg zu schicken, das die Angelegenheit wenigstens zum Stillstand bringt, bis ich meinen Sohn gesprochen habe. Ich will dir gern versprechen, meinen ganzen Einfluß aufzubieten, damit die Sache ohne Lärm in Ordnung gebracht wird – das junge Mädchen durch eine andre, entsprechende Heirat zu entschädigen, soll dann meine Sorge sein, da mein Plan und Vorschlag, sie als Hofdame zu mir zu nehmen, durch diese unerwartete Wendung natürlich unmöglich geworden ist.«

Wenn die hohe Frau erwartet hatte, ihre Schwägerin durch den Schlußsatz ihrer Rede in jenen Zustand der Demütigung zu versetzen, in dem man die Leute seinem Willen beugt, dann hatte sie sich gründlich verrechnet. Prinzeß Sophie stand auf und ihr gutmütiges Gesicht nahm einen kalten abweisenden Ausdruck an.

»So«, sagte sie leise, aber sehr deutlich. »So, das war das Tüpfelchen über dem i, – und jetzt sind wir miteinander fertig. Gründlich und ein für allemal. Nur noch meinen Standpunkt in dieser Sache, die also richtig zu sein scheint, werde ich dir klar legen. Paß also ordentlich auf, damit ich's nicht wiederholen muß, denn ich mag solche Dinge nicht gern wiederkäuen. Wenn der König, dein Sohn, mein sehr geschätzter Neffe, meiner Nichte seine Neigung geschenkt hat, so spricht das sehr für ihn und hebt ihn in meinen Augen noch viel höher, als er sowieso darin steht, hat er ihr aber damit auch seine Hand und den Platz neben sich auf dem Throne angeboten, so würde mich das für Lily mit Bangen erfüllen, weil sie hier auf einen heißen Boden käme, unter dem du, du! das Heizen besorgst. Hingegen weiß ich und bin davon überzeugt, daß meine Nichte sich von einer Königskrone nicht blenden lassen wird, wenn sie also des Königs Hand annimmt, so tut sie es, weil sie den Menschen liebt, der zufällig eine Königskrone trägt, und dann hat Leo auch das große Los in der Schicksalslotterie des Lebens gezogen. Und in diesem Falle werde ich keinen Finger rühren, um die Verbindung zu verhindern. Du tätest also besser, dir beizeiten klar zu machen – vielleicht mit Hilfe eines Fachgelehrten, – daß das Haus Rothenburg dem königlichen Hause von Seeland durchaus ebenbürtig ist, indem nicht ein einziger dunkler Flecken darauf ruht, was bekanntlich nicht jede Dynastie von sich behaupten kann. Du wirst ja verstehen, was ich damit sagen will. So, nun weißt du, was ich darüber denke und da wir uns ja nun lange genug kennen, so wirst du auch wissen, daß ich so gut bin, wie mein Wort. Womit ich die Ehre habe, Eurer Majestät einen guten Morgen zu wünschen.«

Wortlos erhob sich die Königin-Mutter. Einen Moment stand sie ihrer Schwägerin gegenüber, Auge in Auge und ihre Lippen öffneten sich, als wollte sie sprechen, aber dann senkte sich ihr Blick und ohne einen Gruß ging sie hinaus und als sie dem im Vorzimmer wartenden Lakaien den Befehl nach ihrem Wagen zurief, hatte ihre Stimme einen fremden Klang – –

Prinzeß Sophie aber schüttelte sich, als sie allein war.

»Donner Wachsstock – das war ein Vergnügen!« brummte sie vor sich hin. »Daß ich mit dem Geschütz anfahren mußte, tut mir leid, denn wenn sie des Kaisers Tochter nicht ist, dann kann sie nichts dafür. Aber der Wurm krümmt sich, wenn er zu lange getreten wird und diesmal hat sie's, weiß der Kuckuck, zu arg getrieben, wenn's ja auch sehr raffiniert ausgedacht war. Meine Nichte, eine Rothenburg! Hofdame bei der Königin-Mutter, deren Schwägerin ihre leibliche Tante ist! Das sollte 'ne hydraulische Presse werden! Ja, was denn noch? Na, jedenfalls ist sie mit einem Sack voll Wahrheiten nach Hause gefahren, die ihr wohl in den Ohren klingen werden –«

Wenn die Gute geahnt hätte, daß ein anderer Sackvoll schon von dem Staatsminister, für den sie sowieso eine besondere Vorliebe hegte, der Königin-Mutter verehrt worden war, so wären ihre Gefühle für diesen Staatsmann wahrscheinlich noch zärtlichere geworden. Denn Prinzeß Sophie war eben auch nur ein Mensch und zwar ein sehr menschlicher Mensch und vermöge dieser an sich nicht durchaus tadelnswerten Eigenschaft konnte sie auch ein Gefühl großer Genugtuung über die neue Erhöhung ihres väterlichen Hauses nicht ganz unterdrücken und sie gab sich in der Stille ihres Kämmerleins auch weiter keine große Mühe, es zu tun, wobei aber zu ihrer Rechtfertigung gesagt werden muß, daß die reine und gerechtfertigte Zuneigung, die ihr wunderliches altes Herz für ihre Nichte hegte, das erste Wort hatte und das letzte zugleich. »Sie wird die reizendste Königin sein, die man noch je gesehen hat – die reine Märchenkönigin«, dachte sie mit einem Lächeln, das sie ganz merkwürdig verschönte. »Und wenn sie's wird – vorausgesetzt, daß dieser alte Hochmutsteufel nicht blind geschossen hat, – dann hätte der König ein Glück, das man schon dreist ›Dusel‹ nennen darf! Wenn er sich dessen nur bewußt wäre und die ganze Sache nicht wirklich nur ein politischer Schachzug ist – – ach woher nur! Dazu gäb's noch andre ›kleine‹ Prinzessinnen, die größer sind, als wir, denn das muß man schon gestehen: wir sind so ziemlich die Kleinsten unter den Kleinen und unsre ›Souveränität‹ ist ein Begriff, auf den sie hier pfeifen! Schließlich immerhin wenigstens ein Begriff. Und ich bin der ›Präzedenzfall‹ dazu! Wozu man doch nicht alles gut ist!«

Kurze Zeit, nachdem die Königin-Mutter ihr Palais verlassen, um zu dem Minister zu fahren, traf der König bei ihr ein – zu Fuß, ohne Begleitung, wie er meist zu tun pflegte, wenn er sich zu seiner Mutter begab, was regelmäßig jeden Tag geschah. Wenn also heute sein Brief seiner Person vorangegangen war, so lag der Zweck klar auf der Hand: der Sturm sollte seine erste elementare Gewalt in etwas gebrochen haben, ehe er ihm selbst die Stirn zu bieten kam. Die Nachricht, daß die ehemalige Regentin schon ausgefahren war und sich direkt in die Höhle des Löwen, vulgo, Seiner Exzellenz des Staatsministers gestürzt hatte, sagte dem Könige genug und es hätte gar nicht des diskret gemurmelten: »Majestät waren etwas sehr erregt –« des alten Kammerdieners bedurft, um dieses Faktum zu erraten. Andrerseits lag darin nichts Beunruhigendes; Herr von Wellmer war in der Brandung des königlichen Zornes so oft und so lange mit der unerschütterten Festigkeit eines Leuchtturms gestanden, daß anzunehmen war, er würde auch diesem Orkan Widerstand leisten können, ohne nachzugeben. Vielleicht sogar Öl in die Wogen gießen – wer weiß? Daß auch Prinzeß Sophie gestellt werden würde, war zu natürlich, als daß der König nicht hätte an diese Möglichkeit denken sollen und daß seine Tante den Kürzeren ziehen sollte, war schon überhaupt nicht anzunehmen. Nur daß es heut, sozusagen auf frischer Tat schon geschehen würde, das hatte er nicht erwartet. Er überlegte einen Augenblick, dann fragte er nach der Herzogin Xenia und als ihm gesagt wurde, daß sie daheim im Palais sei, ließ er sich bei ihr melden.

Kühl, ruhig, unbewegt wie immer trat sie ihm entgegen und was immer auch in ihr vorgegangen sein mochte in dieser letzten Stunde, – äußerlich hatte es keine Spuren hinterlassen. Aber innerlich konnte es ohne Wunde nicht abgegangen sein, denn sie war dazu erzogen worden, die Königin des Landes zu werden, in dem sie eine Heimat gefunden hatte; stolze Naturen, wie die ihrige, überwinden es nicht im Handumdrehen, sich verschmäht zu sehen. Ob sie den König genug geliebt, um eine tiefergehende Wunde empfangen zu haben, das erriet kein Mensch bei ihrer kalten Zurückhaltung, die ihre Gefühle, welcher Art sie auch sein mochten, ganz in sich verschloß. Zu verdenken wäre es ihr nicht gewesen, wenn ihr Herz wärmer für ihren königlichen Vetter geschlagen hätte, denn er war eine beinahe ideale Männererscheinung, für die jeder Backfisch seines ganzen Reiches schwärmte: groß, kräftig und stattlich mit den regelmäßigen Zügen seiner Mutter, dem typisch schönen Munde seiner eignen Rasse und großen, dunklen, etwas verträumten Augen. Alles in allem: was man gemeinhin eine aristokratische Erscheinung nennt; nur für seinen Rang fehlte ihm die Sicherheit des Auftretens, die mehr eine Angewohnheit, eine Dressur sozusagen war, keine angeborene Eigenschaft. Das machte ihn bei offiziellen Gelegenheiten leicht steif und ein wenig hölzern; wo er sich aber geben konnte, wie er war, da hatte er auch etwas Gewinnendes, von dem die meisten keine Ahnung hatten, nicht einmal seine eigne Mutter, die eben diese Saite in ihm nicht zum Klingen bringen konnte. Sonderbarerweise fand der König diese seine eigentliche Natur in der Gesellschaft seiner Cousine weit leichter wieder, trotzdem er ja nur zu genau wußte, das sie ihm »bestimmt« war, was sie selbst niemals merken ließ. Und heut erst recht nicht. Sie gab ihm wie sonst die Hand – eine kühle, nie um einen Grad wärmer drückende Hand und sagte mit völlig ruhiger, klarer Stimme, die durch ihren Wohlklang eine ihrer reizvollsten Eigenschaften war:

»Wie freundlich, daß du zu mir kommst, Leo! Da darf ich doch vielleicht die erste sein, die dir Glück wünscht!«

»Wie? Du weißt es schon?« fragte er überrascht.

»Deine Mutter hat es mir gesagt«, erwiderte sie, als wäre es das natürlichste von der Welt.

»O, du hast sie heut schon gesprochen. Sie ließ dich rufen?«

»Nein – ich ging zufällig heute früh zu ihr herunter. Gerade als dein Brief eingetroffen war.«

Der König schwieg einen Augenblick; er kämpfte mit sich, ob er die ihm zunächst liegende Frage tun sollte und er tat sie, weil er wußte, daß seine Cousine von selbst nichts sagen würde und – weil er ein Mensch war:

»Wie hat sie es aufgenommen?«

Jetzt zögerte Herzogin Xenia und ein leises Rot überflog das matte Weiß ihres Gesichtes. Aber da sie furchtlos und vor allem sehr wahrheitsliebend war, so überwand sie das peinliche Gefühl. »Sie war sehr erregt«, sagte sie, scheinbar wie etwas ganz Natürliches, aber ein aufmerksamer Beobachter hätte ein leises, ganz leises Beben in ihrer Stimme heraus hören können, das dem Könige ganz entging, eben weil er für die Seelenregungen der Frau, die er durchaus hatte heiraten sollen, kein Ohr hatte.

»Nun, das war vorauszusehen«, meinte er resigniert. »Darum habe ich es ihr zunächst schriftlich mitgeteilt, um ihr Zeit zu geben – – aber bei der Natur meiner Mutter wirst du es verstehen, daß man sie mit der Tatsache überraschen mußte.«

»Das – das ›muß‹ verstehe ich nicht ganz. Es ist hart für eine Mutter, nicht wahr, solche Dinge erst als vollendete Tatsache zu erfahren«, erwiderte Herzogin Xenia, loyal für die eintretend, die ihr selbst eine zweite Mutter war. Vielleicht dachte sie dabei auch ein wenig an sich selbst.

»Wenn meine Mutter anders wäre, als sie eben ist, dann hätte man handeln dürfen, wie es jeder Privatmann und vielleicht auch mancher Fürst in dieser Lage tut«, sagte der König nicht ohne eine kleine Dosis von Bitterkeit. »Aber leider kann sie von ihrer prinzipiellen Opposition nicht lassen und diese hätte uns alle müde gemacht und verhetzt – so mußte denn dieser Weg betreten werden und ich hoffe, du wirst mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu glauben, daß er mir nicht leicht geworden ist.«

»Ich weiß es, lieber Vetter«, entgegnete Herzogin Xenia bereitwilligst. »Es frägt sich nur, ob du dieses Weges wegen richtig beraten warst.«

»Ich denk's und hoff's«, rief der König, etwas lebhafter als vorher. »Denn es handelte sich hier nicht nur um die Sache selbst, sondern auch um – die Person. Denke an Tante Sophie und wie meine Mutter auf sie herabsieht, weil sie aus keinem Kaiser- oder Königshause stammt! Ihre notorische Ebenbürtigkeit ist für meine Mutter gewissermaßen nichts weiter als eine genealogische Sophistik, wenn man so sagen darf, die wohl in der Theorie existiert, aber in der Praxis nicht angewendet werden darf.«

»Ich weiß – ich kenne ihre Ansichten –«

»In denen du erzogen worden bist, liebe Cousine!«

»Ja«, gab sie ohne weiteres zu. »Aber man ist trotzdem doch um eine Generation weiter gerückt«, fuhr sie fort, »und bei aller Achtung vor den erhaltenen Lehren ist es erlaubt, sich die Freiheit des Denkens, des eignen Urteils zu wahren.«

»Bist du so unabhängig?« fragte der König erstaunt. »Das hätte ich von dir nicht erwartet.«

»Vielleicht, weil du dir nie die Mühe genommen hast, mich überhaupt kennen zu lernen«, erwiderte Herzogin Xenia mit großer, äußerer Ruhe, hinter der sich aber, und mit dem gewöhnlichen Erfolg, alles das verbarg, was in ihr vorging.

»Vielleicht, ja«, sagte der König ehrlich. »Aber, wenn wir aufrichtig sein sollen, Xenia, kennst du mich denn? Ist es uns möglich gemacht worden, uns kennen zu lernen, uns menschlich näher zu treten? Was sind wir denn anders gewesen, als Marionetten der Etikette und der Politik?«

»O – ich weiß doch nicht – where is a will, there is a way«, erwiderte sie, den zuckenden Mund zu einem Lächeln zwingend.

»Nun, vielleicht wollten wir alle beide diesen Weg nicht betreten«, meinte der König herzlich. »Es wäre auch eine fast übermenschliche Anstrengung gewesen – bei dem Ziele, das man für uns im Auge hatte. Die Nachricht von meiner Verlobung muß auf dich Ärmste wie eine Erlösung gewirkt haben!«

Sie zog den Atem so hastig ein, daß es wie ein verhaltenes Schluchzen klang.

»Ja«, sagte sie trotzdem tapfer, weil ihr Stolz ihr sozusagen den Sporn in die Seele stieß.

»Also wirst du es am besten verstehen und zu würdigen wissen, daß ich den mühsam verschlungenen Knoten nicht langsam zu lösen suchte, sondern ihn nach dem Rezept des großen Alexander einfach durchhieb«, rief der König lebhaft. »Es freut mich besonders, daß du die erste warst, mir Glück zu wünschen.«

»Das tue ich aufrichtig und von Herzen«, versicherte sie, dem königlichen Vetter noch einmal die Hand reichend, die er dankbar an die Lippen führte. »Zunächst natürlich um deinetwillen, aber ich gestehe dir auch gern ein, daß ich selten ein lieblicheres Wesen gesehen habe, als deine Erwählte ist.«

»Nicht wahr?« sagte er erfreut und ein Leuchten ging über sein sonst so ruhiges Gesicht. »Als ich sie zum ersten Male sah, erinnerte sie mich gleich an meine Lieblingsblume, deren Namen sie noch dazu trägt: an eine Lilie. Das zog mich zu ihr hin. Sie ist sehr schön, und mehr noch, sie ist sehr gut, – es liegt wie Sonnenschein über ihr, etwas so Strahlendes, Erwärmendes. Gerade, was mir fehlt, das bringt sie zur Ergänzung mit für mein Leben und für meine Stellung. Es war eine wunderbare Fügung, die mich sie finden ließ, als ich schon dachte, daß mein Dasein schließlich doch ein einsames bleiben würde. Ich konnte keine Konvenienzehe schließen, – ich konnte nicht! Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst.«

»Du wirst es mich verstehen lehren«, erwiderte sie mit einer Rührung, die sie kaum noch verbergen konnte.

»Und denke nur, daheim wird sie ›die Goldne‹ genannt«, fuhr der König immer lebhafter, sich immer mehr erwärmend fort. »Nicht nur von der Familie, nein, von der Bevölkerung! Ist das nicht ein entzückender Name?«

»Den hat Tante Sophie dir wohl verraten?«

»Tante Sophie! Die lobt ihren Dackel, aber nicht ihre Nichte!« lachte der König heiter, immer mehr auftauend. »Nein, da kennst du Tante Sophie schlecht – die bisse sich eher die Zunge ab, als daß sie vor mir etwas sagte, was eine Person in meinen Augen erhöhen oder herabsetzen könnte. Nein, ich weiß das von – von – nun, du verstehst: es ist für notwendig befunden worden, Erkundigungen in Rothenburg einzuziehen – ich habe mich darein fügen müssen – weil ich eben ein König bin. Und am Ende spielt die künftige Verwandtschaft ja auch eine gewisse Rolle – die Goldne! Ich kann mich von dem Namen gar nicht mehr trennen, seit ich ihn weiß.

Aber nun habe ich auch noch eine Bitte an dich, Xenia, eine große Bitte!«

»Du machst mich glücklich damit«, versicherte sie so freundlich, als es ihr kaltes Wesen nur zuließ.

»Sieh«, fuhr der König fort, »Lily – ich meine meine Braut – kommt hier auf einen heißen Boden – sie wird zu kämpfen haben, um sich ihren Platz zu erringen und zu behaupten und ich glaube nicht, daß sie andre Waffen führen wird, als die ihrer Güte, ihres Liebreizes. Willst du ihr zur Seite stehen, willst du versuchen und mir versprechen, ihr eine Freundin zu sein?«

Herzogin Xenia senkte ihr stolzes Haupt, das bisher nicht für einen Moment seine aufrechte Haltung verloren hatte. Das leise, bei ihr so seltene Rot flog wieder über ihre Wangen und ihre schlanken, weißen Finger schlangen sich fest ineinander. Das war aber auch nur der Kampf von Sekunden und klar wie immer war ihr Auge, als sie es fest auf den König richtete.

»Ja, Leo, ich will es versuchen, – versprechen kann ich es natürlich nicht, weil ja die Freundschaft nicht von mir allein abhängt«, erwiderte sie. »Sie hängt aber auch andrerseits nicht von deiner – von Prinzessin Lily ab, sondern von der Sympathie, die niemand sich geben noch nehmen kann. Aber was an mir liegt, diese zu gewinnen, soll geschehen und auf alle Fälle will ich dir gern versprechen, für deine – für meine künftige Cousine immer einzutreten, so weit dies mein Gewissen und meine Überzeugung zuläßt.«

»Mehr verlange ich nicht, kann ich gar nicht verlangen«, rief der König froh. »Du weißt ja auch, wie ich es meine, warum ich diese Bitte gerade an dich richte. Du vermagst alles über meine Mutter –«

»Nein, o nein. – überschätze meinen Einfluß ja nicht!« unterbrach ihn Herzogin Xenia fast heftig. »Ich habe, in günstigen Augenblicken, und auch nur in diesen, manchmal mildern und auszugleichen vermocht aber von einem »Einfluß« kann dabei nicht die Rede sein. Tante Charlotte Christine ist nicht die Person, die sich von jemandem beeinflussen läßt, jemandem irgendeine Macht über sich zugesteht. Das – das könnte nur auf Umwegen gelingen und für solche habe ich kein Talent.«

»Nein, ich glaube nicht«, gab der König zu. »Aber ich meinte es auch nicht so, natürlich nicht so. Meine Mutter ist, wie alle impulsiven, heftigen Naturen Vorurteilen unterworfen, von denen sie schwer abzubringen und vom Gegenteil zu überzeugen ist, besonders, wenn sie aus dem Fehlschlagen eigner Wünsche entsprangen. Ist es so, oder nicht?«

»Gewiß, aber –«

»Nun, in diesen Fällen vermag nur jemand etwas über sie, dessen Integrität für sie außer Frage steht. Du bist eine solche Person. Du hast nie, soviel ich weiß, jemals einen ihrer Wünsche durchkreuzt, du stehst ihr näher, als ich ihr jemals gestanden bin – nein, ich sage das ganz sachlich, ganz ohne jede Eifersucht – du allein bist also auch in der Lage, mildernd auf sie einzuwirken. Willst du das tun, dann würde ich dir ewig dankbar sein.«

»Ich wiederhole nur: ich kann's und ich will's versuchen«, erwiderte Herzogin Xenia. »Aber verlasse dich nicht auf meinen Einfluß. Ich glaube nicht daran. Auf alle Fälle soll und wird von meiner Seite nichts geschehen, was dich verletzen oder betrüben könnte. Das darf ich dir zusichern ohne die deiner Mutter schuldige Loyalität zu verletzen.«

Trotzdem sie eigentlich wenig genug versprochen hatte, dankte der König seiner Cousine doch auf das wärmste für dieses wenige und verließ sie dann wieder. Die Königin-Mutter war noch nicht zurück, als er, aus dem zweiten Stockwerk, das Herzogin Xenia bewohnte, in die Beletage herabsteigend, nach ihr frug, dafür trat ihm aber Frau von Geyers entgegen, die ihre Wohnung im Hochparterre hatte und von da aus jeden sehen konnte, der das Palais betrat oder an demselben vorfuhr. Daß der König nicht in den Privatzimmern seiner Mutter gewartet, sondern bei seiner Cousine gewesen, wußte sie längst; die Hofdamen vom Dienst, die gleichfalls die zweite Etage bewohnten, nannten sie nicht umsonst »die Palaispolizei« und ihre Kammerfrau den »Oberdetektiv. »Sie wußte, wenn die Hofdamen sich untereinander kleine, freundschaftliche Besuche abstatteten, sie wußte sogar manchmal, was dabei gesprochen wurde, aber es muß zu ihrer Entschuldigung gesagt werden, daß nicht schnöde Neugierde allein sie zum Spion machte, sondern daß sie es einfach für ihre Pflicht hielt, auf dem Laufenden zu bleiben und gehörig Wachsamkeit zu üben; sie hatte selbst einmal hinter einem Ofen gesteckt und suchte naturgemäß andre nun auch dahinter. Nicht gerade zur Erbauung der ihrer Autorität unterstellten Damen, wie jedermann ohne besondere Versicherung glauben wird.

Während sie in ihrem Spinnennetze – wie die Hofdamen ihre Wohnung nannten – auf die Rückkunft des Königs lauerte, überlegte sie, wie sie sich diesem eigentlich nicht ganz konventionellen Besuche gegenüber zu verhalten hatte. Sie hatte bei der Herzogin Xenia nichts zu sagen und nichts zu suchen, denn diese junge Fürstin nahm als fremdländische Prinzessin eine Sonderstellung ein und hatte ihren besonderen »Hof«, indem in regelmäßigen Zwischenräumen von je einem halben Jahr slavonische Edelfräulein einander abwechselten, um den Hofdamendienst bei ihr zu versehen. Das war eine auf den Wunsch des Kaisers, ihres Vaters, getroffene und von der Königin-Mutter befürwortete Einrichtung, die dem Minister von Wellmer sehr gegen den Strich ging, denn er nannte das »den slavonischen Spionsdienst künstlich züchten. »Vielleicht hatte er nicht ganz unrecht damit, zum mindesten setzte er das schöne Vertrauen in die Regierung jenes Landes, daß sie der jungen Herzogin nur die für ihre Zwecke hervorragend geeigneten Personen zuschicken würde. Herr von Wellmer hegte die Ansicht, daß die Herzogin in dem Lande, in dem sie einen so dauernden und dauerhaften Aufenthalt nahm, ihre Umgebung aus den Kreisen dieses zweiten Vaterlandes zu wählen hätte; da sie indes keine Heimatsrechte besaß, sondern unter dem Ehrentitel eines Gastes in Seeland blieb, so war gegen eine nähere Umgebung durch ihre eignen Landeskinder nichts auszurichten; aber der Minister hatte Grund zu glauben, daß am Hof von Treustadt niemand niesen durfte, ohne daß man am Hofe von Philippsburg »Prosit« dazu sagte. Hätte also eine Seeländerin den Hofdamendienst bei Ihrer Kaiserlichen Hoheit zu versehen gehabt, dann hätte sich die Arme heut freuen gedurft; Frau von Geyers hätte ihr den Text gelesen über die Ungehörigkeit, ihre Herrin mit dem Könige allein zu lassen ohne zum mindesten die Erlaubnis der Staatsdame dazu einzuholen! Aber wie die Dinge lagen, war nichts zu wollen; die slavonische Hofdame hätte ihr einfach ins Gesicht gelacht, wenn sie dazwischen gefahren wäre. Und Frau von Geyers wußte sehr genau, was sie sich erlauben durfte und was nicht; zudem hatte die Königin-Mutter ihr das Versprechen gegeben, ihre Ernennung zur Oberhofmeisterin der künftigen Königin, als welche jedermann die Herzogin Xenia ansah, zu befürworten. Sie mußte sich also wohl hüten, diese glänzende Aussicht aufs Spiel zu setzen, und doch – korrekt war dieser zeugenlose Besuch – übrigens der erste seiner Art – nicht; man konnte nie wissen, wie die Königin-Mutter es aufnehmen und auf wen sich die Schale ihres Zornes ergießen würde.

Natürlich konnte dieser Besuch ja nur eine Bedeutung haben und die endliche offizielle Bekanntmachung der Verlobung des Königs mit seiner Cousine mußte ihm auf dem Fuße folgen, aber, aber – Freilich, die Zeiten waren vorüber, in denen fürstliche Werbungen nur vor den dazu gehörigen Zeugen vorgebracht werden durften; sogar Könige und Kaiser nahmen die bürgerliche Manier an, sich mit ihren Erwählten Auge in Auge auszusprechen und womöglich auch abzuküssen; immerhin hielt die Königin -Mutter nichts von diesen »degenerierten« Sitten und Frau von Geyers hätte, offen gesagt, auch niemals gedacht, daß die stolze und »korrekt« erzogene Herzogin Xenia sich dazu hergeben würde, die einreißende »Verrohung« mit zumachen, aber, du lieber Himmel, was will man denn machen, wenn einen der Betreffende einfach und ohne Anmeldung überfällt? Mochte die Herzogin ihr inkorrektes Verhalten vor ihrer gestrengen Tante entschuldigen, wie sie konnte, Frau von Geyers wusch ihre Hände in Unschuld – sie wußte nur nicht so recht, wo sie die Seife dazu hernehmen sollte. Darüber sich Aufklärung zu verschaffen, trat sie dem Könige also entgegen, als er das Palais endlich wieder verlassen wollte.

»Majestät werden ganz untröstlich sein, den Besuch Ihrer Majestät verfehlt zu haben«, jammerte sie, sich dem Monarchen entgegenstürzend, was sie trotz ihrer Fülle und trotz dem geraden Korsett mit großer Behendigkeit zuwege brachte. »Und Eure Majestät haben auch noch dazu droben so lange gewartet! Ich hätte meine allergnädigste Herrin gern benachrichtigen lassen, aber es weiß niemand, wohin Majestät gefahren sind; sie haben selbst mir nicht geruht, es zu sagen!«

»O, ich bin inzwischen bei der Herzogin gewesen«, erwiderte der König beruhigend.

Frau von Geyers tat, als erführe sie diese Tatsache eben erst. Sie schlug ihre weißen, fetten Hände zusammen und zog ihre weißblonden Augenbrauen so in die Höhe, daß sie fast unter dem schöngewellten Scheitel, der tief in ihre niedere Stirn hereingewachsen war, – den Clytiascheitel nannten die Hofdamen diese klassische Frisur – verschwanden.

»Bei der Herzogin?« wiederholte sie mit einem von Entsetzen meisterhaft vermischten Staunen.

»Ja, – haben Sie etwas dagegen, gnädige Frau?« fragte der König, halb belustigt, halb etwas ärgerlich. Nun wurden die fetten Hände abwehrend erhoben.

»Wie würde ich mir das herausnehmen!« sagte Frau von Geyers mit einem sauersüßen Lächeln. »Nur, Majestät halten zu Gnaden – nun, die Hofdame der Herzogin wird ja zur Stelle gewesen sein!«

»Gott sei Dank, nein«, erwiderte der König mit einem Seufzer nachträglicher Erleichterung.

Was Frau von Geyers jetzt auf ihrem Gesichte zu malen verstand, das hielt sie selbst für ein Meisterwerk, also mußte es auch eines der physiognomischen Akrobatik sein, auf das der König amüsiert und interessiert herabsah, denn obwohl sie von respektabler Größe war, überragte er sie doch noch um ein Beträchtliches. Und das von Herzen kommende »nein« des Herrschers ermutigte sie zu einer Kühnheit, vor der sie selbst fast erschrak. Sie trat um einen halben Schritt näher und murmelte mit einem vielsagenden Lächeln:

»Darf – darf ich die erste sein, die ihrem Herrn und König gratuliert?«

»Sie dürfen schon, aber Sie sind's nicht«, entgegnete er, gleichfalls mit einem Lächeln. »Die Herzogin hat die große Güte gehabt, mir zuerst Glück zu wünschen.«

»Die Herzogin?« wiederholte Frau von Geyers fassungslos, denn daß Bräute ihren Bräutigams zuerst gratulieren, das war ihr doch etwas ganz Neues.

»Was werden Majestät dazu sagen!« stammelte sie, weil ihr nichts andres einfiel.

Der König gab darüber keine Auskunft. Er wünschte Frau von Geyers mit seiner gewohnten Höflichkeit, die ihn selbst seinem Kammerdiener gegenüber niemals verließ, einen guten Morgen, verließ dann das Palais zu Fuß, wie er gekommen und ohne irgendeine Botschaft zu hinterlassen, und Frau von Geyers konnte sich nun denken und einbilden, was sie wollte. Nur, daß sie tatsächlich nicht wußte, was sie denken sollte. Es kam ihr wohl die Idee, unter irgendeinem Vorwande zu der Herzogin zu gehen, um dort des Rätsels Lösung zu erfahren, aber die Herzogin hatte eine solche verwünschte Art, die Leute auf Armeslänge von sich fern zu halten und genau das nicht zu sagen, was man gern von ihr herauskriegen wollte. Während sie noch überlegte, wie sie es am geschicktesten anfangen konnte, fuhr der Wagen der Königin-Mutter vor und Frau von Geyers stürzte sich Hals über Kopf in das Vestibül, um sie zu empfangen, wobei sie noch hörte, wie die hohe Frau den Befehl erteilte, den Wagen bis auf weiteres warten zu lassen.

»Seine Majestät waren hier«, berichtete sie noch ganz atemlos von dem Salto mortale, den sie sich hatte leisten müssen, um diese Nachricht als erste zu überbringen und den dadurch hervorgebrachten Eindruck zu beobachten. »Majestät waren natürlich untröstlich, Majestät nicht angetroffen zu haben«, setzte sie, halb hinter der Königin-Mutter die Treppe heraufgehend, aus eigner Phantasie hinzu.

»Der König hat mich nicht erwarten wollen?« fragte die Exregentin, deren Augen dunkler als gewöhnlich aussahen.

»Majestät haben lange gewartet – sie waren in der Zwischenzeit bei Ihrer Kaiserlichen Hoheit droben«, berichtete Frau von Geyers geläufig.

»Der König – war – bei – meiner Nichte?« fragte die Königin-Mutter, für einen Moment ihre Schritte anhaltend.

»Die ganze Zeit, die Majestät im Palais anwesend waren«, bestätigte Frau von Geyers mit einer Bewegung des Kopfes und der Hände, als wiese sie jede Verantwortung von vornherein von sich »Majestät können mir glauben, daß ich nicht erstaunter sein konnte, als – als Eure Majestät selbst«, fuhr sie leise und mit jener Vertraulichkeit fort, die sie sich schon manchmal erlauben durfte. »Ich wußte wirklich nicht, wie ich am besten im Sinne Eurer Majestät handeln sollte und fand es am zweckmäßigsten, einfach abzuwarten, trotzdem, streng genommen, die Herzogin wohl die Anmeldung dieses Besuches durch mich hätte entgegen nehmen müssen. Majestät haben aber nicht geruht, mich darum ersuchen zu lassen, also –«

»Dann war es auch keine Pflicht für Sie, es zu tun«, sagte die Königin-Mutter kurz. »Ich werde übrigens gleich ins Schloß fahren«, fuhr sie fort, als sie in Begleitung der Staatsdame ihren Salon betrat. »Versuchen Sie, die Audienzen telephonisch abzusagen – ich werde später bestimmen, wann ich sie erteilen werde. Und haben Sie die Güte, die Herzogin zu mir bitten zu lassen.«

»Befehl, Majestät. Ich denke, es ist noch Zeit, die Audienzen alle abzumelden«, erwiderte Frau von Geyers mit einem Blicke auf ihre Taschenuhr. »Ich muß meiner gnädigen Herrin aber doch noch eine schreckliche Keckheit von mir beichten«, setzte sie, schon halb an der Tür mit einer Miene verschmitzt-lächelnder Zerknirschung hinzu.

»So? Nun, da bin ich doch wirklich neugierig zu hören, wie Sie die fertig gebracht haben«, erwiderte die Königin-Mutter zerstreut.

»Ich – ich konnte dem Besuche Seiner Majestät bei Ihrer Kaiserlichen Hoheit doch nur eine Deutung geben«, lächelte Frau von Geyers, wieder einen Schritt näher tretend, »und da habe ich mir die ganz schreckliche Freiheit genommen, Seine Majestät beim Weggehen zu fragen, ob – ob ich die erste sein dürfte, Allerhöchstdemselben zu gratulieren –«

»Nun und was hat der König darauf gesagt?« fragte die Königin-Mutter mit einer Spannung, die die Staatsdame ganz natürlich fand. Jetzt war sie ganz bei der Sache, die hohe Dame.

»Ach, Majestät geruhten zu sagen, daß ich als erste zu spät käme! Ihre Kaiserliche Hoheit hätten schon die Güte gehabt, Allerhöchstdemselben als Erste Glück zu wünschen. Aber wie ich das verstehen sollte, darüber habe ich mir schon vergeblich den Kopf zerbrochen«, schloß sie, wobei ihr das Lächeln auf den Lippen erstarb, denn die Königin-Mutter sah sie mit ein paar Augen an, daß sie unwillkürlich der Tür wieder näher trat.

»Sie werden es zeitig genug verstehen lernen«, sagte Charlotte Christine hart. »Übrigens bitte ich Sie zu sagen, daß ich den Wagen nicht mehr brauche. Ich werde hierbleiben und die Audienzen empfangen. Die Herzogin wünsche ich gleich zu sehen.«

Frau von Geyers verschwand hinter der Tür mit dem unbehaglichen Gefühl, einen Bock geschossen zu haben. Sie hatte gemeint, auf den Busch zu schlagen und dabei scheinbar etwas zur Strecke gebracht, was einem Bock verzweifelt ähnlich sah. Gott bewahre – was gab es denn da?

Noch ehe es Mittag wurde, wußte es die Gute, denn die hochoffiziellen und halboffiziösen Zeitungen gaben Extrablätter aus, welche die Verlobung Seiner Majestät mit Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Lilian von Rothenburg den Bewohnern der Haupt- und Residenzstadt Treustadt verkündeten und als die mit Riesenbuchstaben bedruckten Zettel noch klitschnaß waren, war der Telegraph auch schon tätig, um es zunächst den Provinzialhauptstädten mitzuteilen, was das ganze Königreich mit unbeschreiblichem Jubel erfüllte und als die Seeländer sich zu ihrer Mittagssuppe an den Tisch setzten, wußte man es im kleinsten, fernsten Neste des Königreichs, daß Leo VII. sich endlich entschlossen hatte, dem Lande die langersehnte Königin zu geben.

Als Seine Exzellenz der Premierminister das erste dieser Extrablätter in den Händen hielt, lächelte er befriedigt über diesen seinen Staatsstreich, der jede Gegenmine zur Unmöglichkeit machte. Ein gänzlich unvorbereitetes, völlig spontanes Plebiszit tat den Rest, denn keine halbe Stunde, nachdem auch eine offizielle Verkündigung des frohen Ereignisses an den Anschlagsäulen der Residenz erschienen war, zogen große Menschenmassen vor das Königliche Schloß, um dem Monarchen in einer demonstrativen Kundgebung eine jubelnde Huldigung darzubringen. Nicht allein, daß die »getreuen Treustädter« sich wirklich aufrichtig freuten, daß der König sich endlich und doch noch zum Ehebunde entschlossen, – die Kundgebung hatte auch noch einen ganz besonderen Beigeschmack: das Volk, das ja bekanntlich Gottes Stimme sein soll, war glücklich darüber, daß sein Monarch eine echt deutsche Fürstentochter zur Lebensgefährtin erkoren hatte, die deutsches Wesen, deutsches Denken und deutsche Sprache verstehen würde; es war froh, daß die Königsbraut nicht die Herzogin Xenia war, welche die öffentliche Meinung seit Jahren gewöhnt worden war, als die zukünftige Königin zu betrachten. Nicht daß die Herzogin ihre notorische Unbeliebtheit trotz ihres kalten Wesens verdient hätte, aber sie war und blieb eine Fremde, Blut vom Blute der in fast allen Kreisen und Schichten der Bevölkerung mehr oder weniger verhaßten ehemaligen Regentin, von der sogar die Sage ging, daß sie die Konstitution wieder hätte abschaffen wollen; die der Eigenart ihres Volkes völlig verständnislos gegenüberstand. Dazu kam, daß die jugendschöne, reizende Prinzessin während ihres eben erst abgelaufenen Besuches in der Residenz durchaus nicht unbemerkt geblieben war, angeschwärmt von der noch grünen Jugend beiderlei Geschlechter, daß ferner das fürstliche Haus Rothenburg den Ruf genoß, die liberalste unter den Fürstendynastien zu sein und das im Fortschritt am weitesten vorangegangene aller deutschen Länder zu regieren. Endlich aber war die Königsbraut die leibliche Nichte der Prinzessin Friedrich, die sich in der Residenz nicht nur großer Beliebtheit, sondern sogar einer ungeheuren Popularität erfreute durch ihre Originalität, ihre ganz in der Stille geübten Guttaten und durch ihr großes Verständnis für Menschen und Dinge, die sie zwar mit hahnebüchner Grobheit anfuhr, aber dabei doch immer am rechten Zipfel zu fassen wußte.

Der König, bewegt, ergriffen und bis ins Innerste erfreut von der Aufnahme, die seine Verlobung bei seinen getreuen Residenzlern fand, dankte, auf den Balkon des Schlosses heraustretend, zunächst durch stumme Bewegungen, als aber das Hochrufen kein Ende nehmen wollte, brach er – zum ersten Male seit seiner Regierung – die Zurückhaltung, die seine Natur ihm auferlegte und er sprach einige von innerster Erregung zeugende Worte, in denen er seinem Danke Ausdruck gab und der Versicherung, daß die Prinzessin, seine Braut, ihm eine getreue und gewissenhafte Helferin sein würde in seinem Bestreben, Seeland glücklich zu machen und die sozialen Bestrebungen zu fördern und auszugestalten innerhalb des Rahmens von Gesetz, Religion und Ordnung. Es war kein oratorisches Meisterwerk, was erst leise, dann aber immer kräftiger von dem Balkon auf die dicht gedrängte Menschenmenge herabschallte, aber es war ein ebenso spontaner Erguß, wie die Huldigung selbst es war und darum wirkungsvoller, als eine vorher ausgearbeitete und von dem verantwortlichen Minister gegengezeichnete Rede, und mehr beitrug zur Befestigung des monarchischen Prinzips, als fünfzig Zeitungen drucken konnten.

Nachdem der König sich zurückgezogen, zerstreute sich die Menge nicht etwa, sondern zog vor das Palais der Prinzessin Friedrich, die zwar schon vorher eine Depesche aus Rothenburg und ein Billett des Königs erhalten hatte, trotzdem aber nichts andres dachte, als daß eine Revolution ausgebrochen wäre und man sie zu massakrieren käme, wobei man damit anfing, ihre schönen Teppichbeete zu zertrampeln. Denn da das Palais im Parke lag, der Fahrweg und die Gehwege aber die Menschenmasse nicht fassen konnten, so fielen dem Enthusiasmus natürlich der Rasen und die Anlagen zum Opfer, aber wenn Prinzeß Sophie darüber auch zunächst fuchswild wurde, so drückte sie doch ein Auge zu, als sie erst begriff, worum es sich »bei dem Radau« handelte. Ja, sie trat sogar auch auf ihren Balkon heraus in ihrer Blaudruckschürze, eine Bastrolle zum Anbinden ihrer Blumenstöcke in der Hand, beide Fäuste in die Seiten gestemmt und durch diese kriegerische Stellung deutlich zeigend, was sie von der Sache hielt »'s ist recht!« schrie sie mit ihrer tiefen Stimme herab. »Ich werd's meiner Nichte ausrichten, weil's der doch gilt. 's ist ein gutes und braves Mädel, darauf kann ich mein Wort geben. Sie wird mir Ehre machen und ein Herz wird sie haben für alle im Lande. So, und nun geht mir aus den Blumen 'raus, damit die Anlagen nicht ganz zum Teufel gehen. Ja, ja, – ich weiß schon, ihr seid alle keine Engel und könnt nicht fliegen – ich kann's auch nicht – aber, zum Schockdonnerwetter noch einmal – das wird ja hier aussehen, als ob die Wilden einen Kriegstanz aufgeführt hätten!«

Das letztere war zwar nicht für die Menge berechnet gewesen, aber so laut gedacht worden, daß es die Leute bis ans Parkgitter hören konnten und ein donnerndes Hoch für die Rednerin, gefolgt von einer homerischen Lachsalve war die Antwort darauf. Da nun Prinzeß Sophie unter ihren vielen Eigentümlichkeiten auch die hatte, daß sie unmöglich lachen hören konnte, ohne mitzulachen, so stimmte sie kräftig ein und lachte, daß ihr die Tränen über die wetterrauhen Wangen liefen. Dann machte sie aber, daß sie herein kam und fuhr auf ihren Gärtner los, der unangemeldet händeringend heraufgestürzt war, als der Greuel der Verwüstung seine ganze Arbeit zunichte machte.

»'s fehlte gerade, daß Sie auch noch heulten!« schrie sie den Mann an. »Aus wessen Tasche geht's denn, frage ich, hä? Freu' ich mich etwa über den Unfug? Denn ganz abgesehen von dem Trara, den es deswegen im Wittumspalais geben wird – (das war eine überflüssige Bemerkung, notabene, mit der Sie nicht in der ganzen Stadt 'rumzurennen brauchen) – ja, was habe ich denn sagen wollen? Na, kurz und gut, Sie sind nicht schuld daran und ich auch nicht und damit basta! Lassen Sie das Zeugs wieder in Ordnung bringen und machen Sie kein Gesäures drüber!«

Der Gärtner verstand trotz seiner untergeordneten Lebensstellung jedenfalls mehr »hebräisch« als die Königin-Mutter und entfernte sich so getröstet, wie es die Leute meist waren, wenn Prinzeß Sophie ihnen »zugeredet« hatte.

»So, nun weiß man doch wenigstens, was die Leute dazu sagen, und das ist schon ein paar zertrampelte Blumenbeete wert. Blüht sowieso um diese Zeit nur Krokus und Himmelsschlüssel drauf«, dachte sie laut vor sich hin. »Ob sie ihr wohl auch gratulieren gegangen sind? Na, vielleicht gehen ihr ein paar Seifensieder dabei auf!«

»Sie« war natürlich die Königin-Mutter und die Demonstranten, die nun einmal unterwegs waren, ließen sich in der allgemeinen Freude und in der guten Laune, in die der Besuch bei Prinzeß Sophie sie versetzt hatte, von einem Häuflein ganz besonders Loyaler leicht dazu bewegen, auch vor das Wittumspalais zu ziehen, um der ehemaligen Regentin unbeliebten Angedenkens zu ihrer künftigen Schwiegertochter zu gratulieren. Man fand damit leider aber keine Gegenliebe, denn nicht nur, daß die Königin-Mutter sich nicht dankend zeigte, die weißen Rouleaux wurden sogar demonstrativ herabgelassen und damit beging die hohe Dame wieder einen ihrer vielen diplomatischen Fehler, mit denen sie in ihrer blinden Leidenschaftlichkeit schon ihr Möglichstes getan hatte, ihr Ansehen im Urteil des Volkes zu schädigen. Als aber die weißen Vorhänge einer nach dem andern die Fenster verhüllten und das Hochrufen unter dem Eindruck der allgemeinen Verblüffung verstummte und einem teils erstaunten, teils unwilligen Murmeln Platz machte, da öffnete sich droben im zweiten Stock die Balkontür und die hohe, königliche Gestalt der Herzogin Xenia trat heraus. Sie hielt ein Taschentuch in der Hand und dicht an die Brüstung tretend, schwenkte sie es mit hocherhobenem Arme. Ein allgemeines Verstummen folgte der unerwarteten Erscheinung, dann rief drunten eine Stimme: »Es lebe der König!« und klar und deutlich wie eine Glocke tönte es herab: »Es lebe der König und seine Braut!«

Da brach der Jubel noch einmal los, trotz der zugezogenen Vorhänge, und ihr Tuch immerzu schwenkend, zog Herzogin Xenia sich wieder zurück. Sie war mit einem Schlage »populär« geworden.

Fünf Minuten später stand sie vor der Königin-Mutter, blaß bis an die Lippen, aber äußerlich ruhig wie immer.

»Wie kannst du dich unterstehen, gegen mich zu demonstrieren?« rief die hohe Frau, kaum ihrer selbst noch mächtig, ihr entgegen. »Ja, geht denn die Welt aus ihren Fugen? Oder weißt du nicht, was du getan hast? Undankbares Geschöpf!«

»Ich tat es aus zwei Gründen, liebe Tante«, erwiderte Herzogin Xenia standhaft. »Erstens, um die über dir zusammenziehenden drohenden Wetterwolken abzulenken und zu zerstreuen, denn du hast es mich selbst gelehrt, daß man den Leuten nie zeigen darf, wenn etwas uns schwer und verwundend getroffen und daß man die Volkesstimme in diesem Lande nicht ungehört verklingen lassen darf; und dann – ich gestehe es offen, tat ich es auch um meinetwegen. Du hast Sorge getragen, der Welt und mir einzureden, daß ich die Königin dieses Landes zu werden auserwählt bin – nun, von der öffentlichen Meinung wie von der Hauptperson abgelehnt zu werden – und ich bin von beiden abgelehnt worden, darüber brauche ich mir keine Illusionen zu machen – ist ein Gefühl, welches ich so wenig beneidenswert fand, daß ich gern die Gelegenheit ergriff, die sich mir bot, um –«

»Ein wenig Komödie zu spielen«, fiel die Königin-Mutter hart, aber doch etwas besänftigt ein, denn sie liebte die Prinzessin auf ihre Art und konnte nicht umhin, eine Klugheit zu bewundern, die bei ihr in der Erregung stets versagte.

»O, es war nicht einmal so sehr ›Komödie‹, was mich dazu trieb«, sagte Herzogin Xenia mit der großen Wahrhaftigkeit, die ebensosehr ihrem Stolze wie ihrer Überzeugung entsprang. »Man muß auch gerecht sein können, liebe, verehrte Tante. Leo hat sehr viel Charakterstärke bewiesen, indem er allen äußeren Vorteilen zum Trotz, nach seinem Herzen handelte, in dem ich den Platz, nicht erringen konnte, den ich als seine Frau beanspruchen darf. Ich bin mir heute früh klar darüber geworden, daß auch ich ihm diesen Platz nie hätte geben können. Der Rest war dann einfach verletzte Eigenliebe und die trieb mich hinaus auf den Balkon. Ich will mich nicht besser machen als ich bin und darum bekenne ich, ja: es war die Haupttriebfeder meiner vielleicht unüberlegten Handlung, denn ich hatte doch gar keine Zeit, nachzudenken, was ich tat. Ich wußte nur, daß ich dadurch den Fluch von mir nehmen konnte, mich mit hämischem Lächeln als die »Sitzengebliebene« bezeichnet zu wissen. Nun gehen sie heim und sagen vielleicht: ›es war nichts an dem ganzen Gerede!‹ Wir sind leider eben alle keine Engel und wenn ich nicht wüßte, daß ich dir am Ende doch einen Dienst erwiesen habe, würde ich mich jetzt schämen, mich um ein Gerede gekümmert zu haben, über das man sich eigentlich hinwegsetzen sollte!«

»Es war meine Schuld! Ich habe dich in dies Gerede gebracht, ich allein! Und ich höre das heut zum dritten Male!« wollte die Königin-Mutter ausrufen, aber sie behielt es für sich, denn sie war viel zu stolz, um einen Fehler offen einzugestehen, für den sie vor sich überdies noch die Entschuldigung der »besten Absicht« hatte, mit der in der Welt soviel Unheil angerichtet wird, weil sie in hundert Fällen fünfzigmal nichts ist als krasser Egoismus, der sich selbst belügt.

Die Königin-Mutter beruhigte also ihr Gewissen mit ihrer »besten Absicht« und fühlte sich als deren Märtyrer, aber sie konnte nicht umhin, ihre Nichte zu bewundern, die mit solcher Geistesgegenwart die Situation für sich auszunutzen verstanden hatte, denn sie wußte ganz genau, daß sie selbst in der gleichen Lage irgendeine ihrer hastigen, von der Leidenschaft beeinflußten Torheiten begangen hätte und ja auch dadurch begangen hatte, daß sie die Vorhänge ihrer Fenster zuziehen ließ, statt auf dem Balkon zu erscheinen und sich huldvoll dankend zu verneigen.

Die zur Audienz Befohlenen wurden bei ihrem Erscheinen wieder heimgeschickt mit der Entschuldigung, »Ihre Majestät wäre von einem plötzlichen Unwohlsein befallen worden, das die hohe Frau auch verhindert hätte, sich dem Publikum zu zeigen« – eine Erklärung, die zwar von sämtlichen Abendblättern nachgedruckt und nur von der Hälfte der Leser geglaubt wurde, denn sie war nichts wie Flickwerk für den begangenen Fehler, unter dem der König allein zu leiden hatte. Er machte dem Premierminister, der auf eigne Verantwortung die offizielle Verkündigung der königlichen Verlobung angeordnet und auch das Erscheinen der Extrablätter veranlaßt hatte, Vorwürfe über diese Eigenmächtigkeit, die dem Gange der Dinge vorgegriffen, ehe eine Verständigung mit dem Hofe von Rothenburg erfolgt und die Verhandlungen mit demselben zum Abschlusse gelangt waren, aber der Minister bewies seinem Herrn, daß er damit nur dem Zerschlagen der ganzen Angelegenheit vorgebeugt hatte. Nach dem Besuche der Königin-Mutter am frühen Morgen blieb keine Zeit mehr, Rücksprachen zu nehmen; die Gefahr, daß sie ihre Drohung wahr machen und die Verlobung überhaupt verhindern würde, war so nahe, daß dem nur durch die auf dem Fuße folgende offizielle Verkündigung vorgebeugt werden konnte. Herr von Wellmer schonte des Königs kindliche Gefühle bei dieser Klarlegung nicht, und was er dabei verschwieg, getreu seinem Versprechen: den Brief der Königin-Mutter an den Fürsten von Rothenburg, das erfuhr der Monarch von ihr selbst bei der allerdings nur von ihrer Seite stürmischen Begegnung, die dem Herablassen der Vorhänge unmittelbar folgte. Sie stürmte, drohte, tobte, weinte – aber sie änderte damit nichts, denn der König blieb fest, ruhig, unerschüttert nach außen, was immer auch innerlich in ihm vorgehen mochte und mußte und seine Gefühle als Sohn und König verletzte. Und er blieb auch fest in seinem Verlangen, daß die Königin-Mutter eigenhändig und allein die seinem zukünftigen Schwager, der Prinzessin und dem ganzen fürstlichen Hause zugefügte Herabsetzung wieder gut zu machen hatte; das konnte und durfte er ihr nicht ersparen und wohl oder übel mußte sich die stolze Frau zu dem Gange nach Canossa entschließen und zwar ohne Zögern und ohne Aufschub, nicht nur, weil der Fürst von Rothenburg ein Souverän war, sondern weil Prinzeß Lily durch die offizielle Verkündigung der Verlobung in eine Stellung gerückt worden war, die sie selbst ihr gleich machte.

Sie schrieb den ihr von dem Premierminister aufgesetzten Brief also ab (wonach der Entwurf in die Akten kam) und als sie ihren Namen darunter gesetzt hatte, erklärte sie, das Land verlassen zu wollen, worauf Herr von Wellmer ganz sachgemäß erwiderte, es läge kein Hausgesetz vor, das der Witwe des Königs verböte, ihre Apanage im Auslande zu verzehren, auch stünden diverse königliche Schlösser im ganzen Reiche vollkommen zu ihrer Verfügung, falls es ihr beliebte, sich auf eines derselben zurückzuziehen; für einen solchen Fall wäre im Etat des Königshauses zur Instandsetzung und Möblierung ein Posten vorgesehen. Heftig erklärte die Königin-Mutter, daß sie daran nicht dächte: ihr einziger Wunsch wäre, dem Lande für immer den Rücken zu kehren und sie sei überzeugt davon, daß ihr Bruder, der Kaiser, nicht verfehlen würde, Genugtuung für die ihr widerfahrene Behandlung zu fordern – kurz, sie drohte mit nicht mehr und nicht weniger, als mit Krieg und war sehr empört, als der Premierminister ihr mit gewohnter Ruhe auseinandersetzte, daß innerer Familienangelegenheiten wegen die Nationen heutzutage nicht mehr zu den Waffen griffen, denn in solchen Dingen genüge zum Glück jetzt Feder und Tinte und wenn's hoch käme, die Absendung eines besonderen Bevollmächtigten.

»Das werden wir sehen!« hatte sie darauf erwidert und sie sah es, denn nicht nur, daß sie privatim von ihrem kaiserlichen Bruder den Rat erhielt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, es traf auch ein sehr höfliches Glückwunschschreiben dieses Herrschers an seinen Neffen, den König, ein, das nichts davon ahnen ließ, daß man dort je daran gedacht, die Herzogin Xenia an der Stelle der Prinzessin Lily zu sehen.

»Das Klügste, was man tun konnte«, kommentierte der Premierminister dieses Handschreiben, »und der Beweis obendrein, daß man die Pläne der Allergnädigsten nie recht ernst genommen hat. Gesetzt aber, daß dem so gewesen wäre, so hätte man amtlich nicht den geringsten Anhalt dafür, denn wir haben diplomatisch jede Silbe vermieden und umgangen, die eine Deutung nach dieser Richtung hätte zulassen können, indem es ja das Ziel meiner Politik war, mit Slavonien neue Familienverbindungen nicht zu knüpfen, – die alten haben uns, weiß Gott, genug zu raten und zu ebnen gegeben und uns in Lagen gedrängt, die unsern Interessen direkt widersprachen. Da zur Politik und zur Diplomatie wie zu vielen andern Dingen vor allem aber Glück gehört, so dürfen wir es schon als ein solches preisen, daß der König in die Herzogin Xenia nie verliebt war, folglich also damit alles künstlich Errungene illusorisch zu machen drohte, und daß er, – was ja sonst ein Fehler ist, so viel Idealismus besitzt, um auch seinem Herzen ein Recht einzuräumen neben seiner durchaus soliden politischen Einsicht und der Auffassung seiner königlichen Pflichten.«

Der Vorwand für die gescheiterten Pläne der Königin-Mutter wurde also nicht zum Casus belli zwischen Seeland und Slavonien, ganz abgesehen davon, daß dieses letztere Reich mit sich selbst und nach andern Seiten hin gerade genug zu tun hatte, um sich nicht noch in einen nicht sehr aussichtsreichen Kampf mit seinem westlichen Nachbarn einzulassen und – die Königin-Mutter reiste auch nicht ab. Weder ins Ausland, noch nach einem der ihr zur Verfügung stehenden Königlichen Schlösser. Die Ursache dieser Sinnesänderung wußte nur sie allein: es war die Festsetzung des Termins für die Vermählung des Königs, die schon zu Beginn des Sommers, also knapp drei Monate nach der Verlobung stattfinden sollte. Herrn von Wellmer wäre es einerseits sehr lieb gewesen, wenn sie ihre öffentlich zur Schau getragene Mißbilligung ins Ausland verpflanzt hätte, da sie damit eine Camarilla gründete, die der jungen Königin nichts Gutes verhieß und den Hof in zwei Parteien spaltete; andrerseits aber war es ihm lieb, daß sie blieb, weil er ihr dadurch besser auf die Finger sehen und etwaigen Intrigen entgegentreten konnte, denn er kannte sie zu gut, um ihr zuzutrauen, daß sie sich schließlich in das Unabänderliche fügen würde. Ihre Gegenwart bei der Vermählung, die altem Brauche und Hausgesetzen zufolge in der Residenz stattzufinden hatte, bedeutete ja wohl so viel, als eine offizielle Einwilligung, darüber war sie sich ganz klar, aber sie hatte eben auch nicht die Absicht, es dazu kommen zu lassen, sie hoffte mit Zuversicht, die Hochzeit, wenn nötig selbst in der zwölften Stunde, zu hintertreiben und in die mit fieberhaftem Eifer betriebenen Vorbereitungen die Person der Herzogin Xenia zu schieben, was sie freilich nicht daran verhinderte, gleichzeitig alle Hebel in Bewegung zu setzen, um ihre Nichte für ihre getäuschte Hoffnung durch eine anderweitige, glänzende Verbindung zu entschädigen. Das Charakteristische dabei war, daß sie die Herzogin bei allen diesen Projekten – denn sie hatte gleichzeitig mehrere Eisen dafür im Feuer – nicht mit einer Silbe zu Rate zog; das war zu ihrer Zeit nicht Mode gewesen und daß das Individuum jetzt auch in Fürstenhäusern sein eignes Recht, das Recht der persönlichen Wahl, Entscheidung und Zustimmung geltend machte, das zu verstehen hatte sie noch nicht gelernt und es war auch nicht anzunehmen, daß sie es jemals lernen und begreifen würde, trotz des Beispiels, das der eigne Sohn ihr gab.

Doch ihre Projekte für »das Wohl« ihrer Nichte – vorausgesetzt, daß diese wirklich und wahrhaftig nicht Königin von Seeland werden sollte, was sie in der Stille ihres Kämmerleins nunmehr für fast ausgeschlossen hielt, – waren es nicht allein, was sie davon abhielt, das undankbare Land zu verlassen, in dem man für ihre Politik so wenig Verständnis zeigte. Ihr Sehnen und Hoffen, ihr Planen und Intrigieren ging dahin, die Vermählung ihres Sohnes noch in letzter Stunde wenn es sein mußte, zu verhindern, die »Mesalliance«, wie sie es nannte, zu hintertreiben und in die getroffenen Vorbereitungen herein eine Braut zu setzen, die königliches Blut in den Adern hatte, zum mindesten doch aber eine »Hoheit« war. Wenn gewisse Menschen einmal ein Vorurteil haben und ihre Eigenart sie daran hindert, es einzusehen, dann geraten sie immer tiefer in den Strom, der Wirbel reißt sie fort und sie finden kein Ufer mehr, festen Fuß zu fassen. So ging es der Königin-Mutter mit ihrer künftigen Schwiegertochter –: aus der Niederlage ihrer Pläne, aus dem Umstand, daß sie nicht befragt worden war und aus der Beanstandung einer nicht königlichen Abstammung war sie recht bald zu einer Ablehnung der Person der erwählten Königsbraut gekommen und damit verlor sie auch jede Herrschaft über sich selbst, verlor sie das Ufer; sie hatte nur noch ein Ziel, den »Eindringling« wieder herauszubugsieren, ehe es zu spät war. Sie meinte dieses am besten zu erreichen, wenn sie das Schlachtfeld nicht verließ, und da sie ihr ganzes Leben damit zugebracht hatte, falsche Maßnahmen zur Erreichung ihrer Pläne zu ergreifen, so beging sie auch diesen Fehler. »Fern von Madrid« hätte sie weit erfolgreicher arbeiten können, aber da sie das niemals eingesehen hätte, so blieb sie und gestattete damit ihrem Erzfeinde, dem Ministerpräsidenten, eine ausgiebige Überwachung, die hier so wohl organisiert werden konnte, daß sie damit schon kalt gestellt ward. Er ließ sie ungehindert an Pontius und Pilatus schreiben, aber er wußte, was sie schrieb und konnte es dadurch umgehend durchkreuzen, aber freilich auch nicht verhindern, daß sie in ihrem Kreise Stimmung gegen die Prinzessin und das ganze fürstliche Haus Rothenburg machte. Was er tun konnte, um Gegenstimmung zu machen das tat er redlich und unermüdlich und er hoffte dazu das Beste und Meiste von der siegenden Persönlichkeit der Königsbraut selber. Die Stimmung, welche die Königin-Mutter machte, richtete sich weniger gegen die Person – denn physisch und moralisch wäre dagegen nicht viel auszurichten gewesen, trotzdem der Teufel immer sehr geschickt im Auffinden schwacher und »sterblicher« Stellen ist – sondern gegen ihre »mindere« Geburt und gegen ihre Erziehung. Erstere verwendete sie geschickt dazu, die künftige Königin als ein minderwertiges Wesen hinzustellen, das in keiner Weise über dem landsässigen Adel stand, von dem sie erwartete, daß er sich nicht vor einer Dame beugen würde, die »jedem kleinen Landjunker« ebenbürtig war; die letztere aber schilderte sie als ein Monstrum, gegen das jeder konservativ und loyal Gesinnte Front machen mußte. Die Prinzessin hätte keine Spur von fürstlicher Würde, keine Idee von der Erhabenheit königlichen Ranges; die liberale Gesinnung des Fürsten von Rothenburg wurde von der Königin-Mutter zum allerrötesten Sozialismus, als ein Mittel zum Sturze von Thron und Altar gestempelt. Schon weil der Fürst Fühlung mit allen Parteien seines Landes suchte und sogar Umgang mit Bürgerhäusern von bekannt liberaler Gesinnung pflog, Hofdamen und Kammerherren abgeschafft hatte und weil jedermann bei ihm Zutritt hatte, indem er sich von einem Lakaien anmelden ließ! Das Beispiel, das der Fürst damit den kleinen Höfen gab, an denen das Zeremoniell der Großen, weil unzeitgemäß, zu einer Farce wurde, die den Fluch der Lächerlichkeit in sich trug, sah sie als eine Untergrabung der souveränen Prärogative an und ließ sich, wo sie nur konnte, dementsprechend darüber aus, und wenn sie von dem Fürsten von Rothenburg sprach, so nannte sie ihn nur »den Sozialisten«, der das Ansehen der Throne systematisch untergrub.

»Wenn man den Drachen beschäftigt, dann beißt er nicht«, – das war eine der Lebenswahrheiten des Premierministers, und so versuchte er die Königin-Mutter – sans comparaison natürlich – dadurch abzulenken, indem er dem Könige nahelegte, ihr eine entscheidende Stimme bei der Einrichtung der Wohnung seiner künftigen Gemahlin einzuräumen und mit ihrer Hilfe deren Hofstaat zu bilden. Wenn er auch durchaus nicht vorhatte, jeden ihrer Vorschläge blind durchgehen zu lassen, so glaubte er sie damit doch gut zu beschäftigen und ganz hatte er sich auch nicht verrechnet, trotzdem er wußte, daß es Opfer kosten würde. Die Königin-Mutter lehnte die ihr angebotene Mitarbeit zwar erst schlankweg ab, aber da sie neben der gekränkten Mutter und der noch schwerer gekränkten Souveränin auch ein Weib war, konnte sie der Sache doch nicht fern bleiben; das wäre gegen die weibliche Natur gewesen, die in die innere Einrichtung von Salon, Küche und Keller hineindrängt und zudem – sie gedachte damit ja auch gar nicht für die »Bettelprinzessin« zu wirken, sondern für eine andre, die freilich noch im Monde war. Sich voll ihres wirklich ausgezeichneten Geschmacks und einer organisatorischen Begabung bewußt, hätte es sie einfach verzehrt, diesen Vorbereitungen fern zu bleiben, und so willigte sie denn auch, nachdem sie sich gehörig hatte bitten lassen, scheinbar widerstrebend ein, der Sache näher zu treten und stimmte in ihren Entwürfen den Ton der Einrichtung sogar auf eine blonde Herrin, die in das wunderbare Feenreich einziehen sollte – weil die »Königliche Hoheit«, auf die ihre engere Wahl gefallen, auch blond war. Sie war daneben zwar nichts weniger als schön, aber das war so gut Nebensache wie die Gefühle des Königs. Ein König hat in diesen Angelegenheiten keine Gefühle zu haben und ob die Prinzessin von Rothenburg welche hatte, war ihr ganz gleichgültig. Man hatte die ihrigen auch nicht zu Rate gezogen, als man sie mit dem Kronprinzen von Seeland vermählt hatte. Während also der König ohne besondere Gegenvorschläge die Entwürfe seiner Mutter fast ausnahmslos guthieß und annahm, da sie ihre natürliche, fast orientalische Prachtliebe mit künstlerischem Instinkt zu einem vollendeten Einklange brachten, bereitete die Liste des Hofstaates schon größere Bedenken. Für den Posten der Obersthofmeisterin hatte der König die Schwester des Ministers von Wellmer, die ihm persönlich sehr sympathische und werte Gräfin Vombach in Vorschlag gebracht, von der er hoffen durfte, daß sie der Eigenart seiner Braut am besten entsprechen dürfte; außerdem hatte sie als Witwe des Doyens des diplomatischen Korps seiner Regierung, der dem Lande unschätzbare Dienste erwiesen, auch das nächste Anrecht auf diesen verantwortlichen Posten. Aber der Königin-Mutter war diese Dame schon deswegen antipathisch, weil sie ihrem Erzfeinde so nahe stand und durch sie eine wesentliche Verminderung ihres Einflusses auf den Hof fürchtete; sie bekämpfte daher heftig ihre Kandidatur, indem sie Frau von Geyers in Vorschlag brachte, für die der König weder Sympathie noch Antipathie hegte; sie war ihm einfach gleichgültig. Herr von Wellmer stand ziemlich auf demselben Standpunkt und verrechnete sich damit, weil er die Staatsdame moralisch überschätzte und gegen ihre Fähigkeit für den wichtigen Posten nichts einzuwenden wußte. Indem er den Rat gab, die Königin-Mutter bei der Wahl des Hofstaates zu Rate zu ziehen, hatte er seine eignen Hoffnungen für seine Schwester auch schon aufgeopfert und selbstlos, wie er in bezug auf seine Familie immer war und grundsätzlich nie die Hand zu ihrer Erhöhung bot, um auch in dieser Beziehung makellos vor seinen Gegnern dazustehen, ließ er Frau von Geyers unbeanstandet durch und wunderte sich nur, wie es der König zuwege gebracht hatte, die Ernennung seiner Nichte, der Komtesse Leine, als Hofdame durchzusetzen. Sie war eben die Gegenleistung für Frau von Geyers, darüber war er sich ganz klar und es kostete ihm einige Mühe, seine Schwester, die mit Sicherheit auf ihre Ernennung zur Obersthofmeisterin gerechnet hatte, dazu zu bewegen, ihrer Tochter die Annahme der Hofdamenstelle zu gestatten, und die Wahl des Obersthofmeisters in der Person des Ehrenkammerherrn des Königs, Freiherrn von Tittmann, durchzudrücken, in dessen Integrität er das vollste Vertrauen setzte. Die Königin-Mutter hatte auch weiter nichts andres gegen diesen älteren Herrn einzuwenden, als daß er ihr zu wenig Hofmann war und ungeniert seinen heimatlichen Dialekt redete. Sein Rücken war ihr auch etwas reichlich zu gerade und seine Meinung zu sehr ausgesprochen, aber im Prinzip beanstandete sie ihn nicht und damit arbeitete sie unbewußt dem Minister in die Hände. Von den drei andern Hofdamen wählte sie zwei aus den Reihen der Familien ihrer Getreuen und ließ naserümpfend das Rothenburger Edelfräulein passieren, mit dessen Ernennung der König seiner Braut ein besonders zartfühlendes Geschenk machte, »damit sie sich in dem fremden Lande unter der fremden Umgebung etwas heimischer fühle. »Herr von Wellmer hatte gegen diese Neuerung nichts einzuwenden; was bei einer Braut aus einem ausländischen Königshause ausgeschlossen gewesen wäre, konnte man hier ohne Bedenken gestatten; mit dieser Hofdame kam kein privilegierter Spion ins Land, der als »geheimer Agent« für die fremde Regierung arbeitete, und wenn sie es alle Tage nach Rothenburg schrieb, so oft in Treustadt der König und der Premierminister niesten, so konnte man das mit Seelenruhe ertragen. Ja sogar von den übrigen Hofchargen der künftigen Königin wurde einer aus Rothenburg importiert, aber dieser war ein Seeländer, der Graf von Tannenbruch, der in Ermangelung eines Rothenburger Offiziers vor drei Jahren als Adjutant zu dem Fürsten kommandiert worden war und dazu auch, weniger seiner militärischen Begabung als seiner künstlerischen Neigungen wegen, ausgezeichnet paßte. Die Gelegenheit, diesen Magnaten des Königreichs, der außer seinem großen Namen aber mit irdischen Glücksgütern nicht gesegnet war, zu befördern, war eine ganz erwünschte. Auf militärischem Gebiete wäre man in Verlegenheit gewesen, denn diese Adjutantenstellung kam eigentlich, wenn auch unausgesprochen, einer Ausschaltung gleich, wie man sie in den Militärkabinetten großer Heere so sinnreich zur Verfügung hat für diejenigen Offiziere, denen das Talent für ihren Beruf abgeht, die man jedoch nicht so ohne weiteres »mit der gesetzlichen Pension, der Regimentsuniform und Aussicht auf Anstellung im Zivildienst« ausschalten möchte. Bei der Kleinheit des Rothenburger Kontingents – es umfaßte ein Bataillon in Friedensstärke – war der diensttuende Adjutant des regierenden Fürsten wirklich nur eine Sinekure, für die man gewöhnlich diejenigen aussuchte, die am besten zu der Person des Landesherrn paßten, und dieser einzigen Anforderung genügte Graf Tannenbruch in hervorragendem Maße. Er und der Fürst verstanden sich außerordentlich, und wenn er in den drei Jahren nicht ganz das Dienstreglement vergessen hatte, so war das ein Wunder, das er nur seinem sonst sehr scharfen Verstande verdankte, nicht aber seinen Neigungen, die ihn auf ganz andre Gebiete drängten, während Tradition und andere Umstände ihm die Uniform aufgezwungen. Graf Tannenbruch, der übrigens ein noch junger und auffallend hübscher Mann war, wurde also zum Zeremonienmeister der regierenden Königin ernannt und daß er von dem ihm so lieb gewordenen Rothenburg scheiden sollte, wurde ihm nur durch die Tatsache versüßt, daß ja Prinzessin Lily mit ihm ging. Denn es darf nicht verschwiegen werden, daß er für »die Goldne« ebenso schwärmte, wie die Backfische, die Gymnasiasten, die Forstakademiker und die etwas spärlich gesäete »goldene Jugend« des Fürstentums allesamt, und wenn er das mit tieferen Gefühlen, die nur er allein kannte, still in sich verschloß, so war es darum geschehen, weil er ein Mehr für aussichtslos gehalten hatte – bis zu dem Augenblicke, als der Fürst die Verlobung seiner Schwester mit einem Magnaten seines Landes verkündet hatte und dann war es für ihn zu spät gewesen, denn schon am Tage darauf hatte er erfahren, daß sein eigner König ihm zuvorgekommen war. Ein anderer hätte vielleicht die Gefahr geflohen und hätte gebeten, bleiben zu dürfen, wo er war, was der Fürst auch halb und halb erwartet hatte, aber Graf Tannenbruch war etwas romantisch und ideal veranlagt und nach kurzem Kampfe siegte in ihm die schmerzlich süße Lust, der Königin seines Herzens nahe zu bleiben, ihr dienen zu dürfen, über sie wachen zu können mit der zarten Minne, wie sie längst, längst ausgestorben und zum Märchen geworden ist. Die ihrer noch fähig sind – man mag es glauben oder nicht: es gibt noch Männer, die es sind – sie verschließen diese unmodernen Gefühle sorglich in den tiefsten Schrein ihrer Seele, damit die modernen Menschen sie nur ja nicht etwa auslachen, was so sicher wie zweimal zwei gleich vier ist; noch gar nicht einmal so lange her dabei ist's, daß Robert Prutz sein schönes Gedicht gemacht hat:


»Ich will dir's nimmer sagen,
Wie ich so lieb dich hab',
Im Herzen will ich's tragen,
Will stumm sein, wie das Grab.
Kein Lied soll dir's gestehen,
Soll flehen um mein Glück – –
– – – – – – – – – –
Und kannst du es nicht lesen,
Was dort so zärtlich spricht –
Dann ist's ein Traum gewesen,
Dem Träumer zürne nicht.«


Nun ist ja Robert Prutz freilich heutzutage ein ganz unmoderner Dichter, der Worte und Reime hatte, statt Ausrufungszeichen, Gedankenstriche, die Unaussprechliches noch unaussprechlicher machen, und Phrasen. Es soll damit nur bewiesen werden, daß eine solche »fromme Minne« auch nach den Tagen der Troubadoure und der vielverlästerten Romantiker existierte, wie es auch heut noch ab und zu vorkommt, daß es »solche Käuze« gibt, von denen selbst Goethe schon sagte, daß es allzeit welche geben muß, und daß sie selbst unter Uniformen und besternten Fräcken verborgen noch zu finden sind, nicht nur als fossile Skelette in unmodernen Gedichtbänden. Manchmal machen »solche Käuze« sogar Karriere in dieser verkehrten Welt, aber das sind nur Ausnahmen, zu denen Graf Tannenbruch gehörte, nicht nur, weil er zufällig einen alten Namen trug, denn ein solcher kann mit seinem Träger verklingen und vergehen, ohne daß ein Hahn darum kräht, wenn kein Geld da ist, sondern weil sein Vater einen Seeländer Ministerposten inne gehabt und das Land, das heißt die Regierung Dankbarkeit genug besaß, den Sohn dieses verdienstvollen Mannes nicht allein seinem eignen Witz zu überlassen. Mit der militärischen Karriere war es nichts gewesen, und daß Graf Tannenbruch als Zeremonienmeister der Königin von Seeland gerade an die richtige Stelle gekommen wäre, konnte auch nicht gesagt werden; es graute ihm eigentlich vor dem inhaltlosen Posten, aber er nahm ihn aus dem besagten Grunde an, den er allein kannte und – vielleicht noch eine andre ahnte, deren Augen geschärft waren. Nur war diese Andre nicht gerade die Prinzessin Lily. Weil man aber kein Recht hat, indiskreter zu sein, als man ja ohnedem schon sein muß, wenn man eine Geschichte erzählt, so mag ihr Name vorläufig noch verschwiegen bleiben; sie wird ihn im gegebenen Momente schon selbst sagen.


* * *


Mit Glockengeläut, Kanonendonner und festlichem Treiben in den Hauptstraßen der Königlichen Residenz Treustadt brach der glorreiche Junitag an, der für die Feier der Vermählung des Königs festgesetzt war. Umsonst hatte die Königin-Mutter geschrieben, gesprochen, intrigiert – es war alles an der Wachsamkeit des Ministers von Wellmer und an der Festigkeit des Königs gescheitert; ja, selbst die Drohung der ehemaligen Regentin, der Zeremonie demonstrativ fernbleiben zu wollen, hatte nicht einmal einen Aufschub erwirken können und war nicht zur Ausführung gelangt. Umrieselt von ihren berühmten, unschätzbaren Goldspitzen, in purpursamtner Courschleppe, umstrahlt von den Feuergarben ihrer ebenso berühmten Brillanten, erwartete sie, eine noch strahlend schöne, immer noch jugendliche, königliche Erscheinung, die Ankunft der Königsbraut, die in der goldenen Staatskarosse, gezogen von acht milchweißen Zeltern, ihren Einzug halten sollte. Die breiten, mit Bäumen eingefaßten Straßen, die Plätze, durch die der Brautwagen mit seinem glänzenden Gefolge von dem Waldschlosse nahe der Residenz, in dem die Prinzessin gestern eingetroffen war, kommen sollte, glich einer via triumphalis besonderer Art. Wohl war sie, wie es Brauch ist bei solcher Gelegenheit, von hohen Masten bekränzt, von denen abwechselnd Seeländer und Rothenburger Flaggen farbenreich in der warmen, sonnendurchleuchteten Sommerluft wehten, aber die Girlanden und die Festons waren aus weißen Lilien gewunden – zu Ehren des Namens der Königsbraut und schimmernde Riesenschleifen von Goldlahn knüpften die Gewinde an den Masten fest und gaben den schneeigen Kelchen in dem saftigen Grün ihrer Blätter einen eigenartigen Hintergrund, der nicht nur zufällig gewählt war, denn der liebliche Übername der Prinzessin, »die Goldne«, war längst aus der verträumten, kleinen Residenz nach der Hauptstadt gedrungen und mit der Empfänglichkeit der Volksseele für die unbewußte Poesie übernommen worden. Es war auch durchgesickert und Sorge getragen worden, daß es geschah, daß der König mit seiner Wahl einer tiefen Herzensneigung gefolgt war und für den Namen und Übernamen seiner Braut eine Schwärmerei hegte, die seine für solche Äußerungen nur zu empfänglichen Untertanen teilten und so hatte der hochmögende Magistrat auch ganz das Richtige getroffen, als er den Entwurf für die Dekoration des Einzugsweges von dem Künstler annahm, der den glücklichen Gedanken gehabt hatte, durch die Lilienfestons mit den Goldschleifen den Namen und Übernamen der Königsbraut zu feiern und zu illustrieren. Daß die Schar der Ehrenjungfrauen weiße, goldgesäumte Kleider mit goldnen Gürteln und nach dem Vorbilde altitalienischer Meister Lilien in den Haaren trugen, ergab sich daraus wie von selbst und auch die weißgekleideten Schulmädchen, die ein blühendes Spalier bildeten, trugen Lilienstäbe in den Händen, während die Vereine und Korporationen große Büschel dieser poetischen und graziösen Blume, die eine verständnislose Zeit einmal als »steif« verschrien hat, an den Spitzen ihrer Fahnen und Oriflammen trugen. Freilich waren die zahllosen, zur Dekoration verwendeten Lilien nicht im Garten gewachsen, sondern unter den Händen geschickter Blumenmacherinnen aus schnödem Papier entstanden – wo hätte man auch so viele frische Lilien herbekommen sollen? – aber dem Eindruck tat das keinen Schaden und die Haltbarkeit war damit gesichert, weil es ja auch nicht möglich gewesen wäre, in letzter Stunde die Festons anzubringen. Da gab es freilich Nörgler – und wo gäbe es keine? –

die den Festschmuck eine Theaterdekoration nannten und für die »papierne Huldigung« keinen Pfifferling geben wollten, aber die Stimmen verklangen zum Glück in der allgemeinen Festesfreude und Aufregung, in dem Geläute der Glocken, den schmetternden Fanfaren der Vorreiter, dem Donner der Salut feuernden Geschütze, und als der goldne Wagen mit den milchweißen Rossen, die auf dem Kopfe statt der üblichen weißen Federbüsche Liliensträuße trugen, auf dem Platze hielt, auf dem die feierliche Begrüßung des Magistrats und der Ehrenjungfrauen stattfinden sollte, da brauste ein Jubelruf durch die Menge, der Glocken, Fanfaren und Kanonen übertönte, denn die Vision, die auf den weißen Atlaskissen der Staatskarosse saß, allen sichtbar, siegte noch weit über den Ruf, der ihr vorangegangen war. Man sah und fühlte die Freude und Befriedigung darüber, daß es ein Fürstenkind von deutschem Blut und deutscher Art war, das den Thron des deutschen Herrschers teilen sollte. Alle alten Märchen von der schönen blonden Königin erwachten in den Herzen derer, die sie mehr oder minder nah in ihrer Märchenpracht sahen, in dem ganzen Zauber ihrer strahlenden Jugend und Schönheit, – die alten, alten Märchen, die noch frisch in den Herzen der Kinder lebten und halbvergessen oder ganz in den Älteren und den Alten, sie wachten wieder auf mit ihrer unsterblichen Poesie und berührten damit Saiten, die viele für längst zersprungen oder für ewig verstummt hielten und manches Auge wurde feucht beim Anblick so vielen Liebreizes, den eine verschwenderische Natur auf ein einziges ihrer Gebilde ausgeschüttet hatte. Im weißen Kleid von Silberbrokat, den spinnwebenfeinen, aus alten kostbaren Spitzen von dem blonden wie gesponnenes Gold in der Sonne leuchtenden Haare herabrieselnden Schleier umflossen, den blendenden Hals, die weißen Arme der Vorschrift gemäß entblößt, sonst aber ohne jedem Schmuck, saß Prinzeß Lily wie eine menschgewordene Lilie in dem Fond des Wagens allein; ihr gegenüber auf dem Rücksitz die neue Obersthofmeisterin in Lila, einen solchen respektabeln Busch lila Federn auf dem Kopfe, daß die allzeit fertige und unbarmherzige Kritik sie gar nicht übersehen konnte und über sie das Verdikt fällte: »Die alte Geyers sieht aus wie ein Schlittenpferd – und noch dazu wie ein ausrangiertes, weil es doch Sommer ist.« Da der Witz nichts fand, mit dem er sich eine Güte bei der Königsbraut tun konnte, so hielt er sich eben an der Obersthofmeisterin schadlos, die sich als Staatsdame der Königin-Mutter nicht zu viele Freunde gemacht hatte nach der alten, aber wahren Weisheit: »Wie der Herr, so 's Gescherr.«

Als die Karosse hielt und der Schlag rechts geöffnet worden war, trat der Oberbürgermeister, geschmückt mit der goldenen Kette und gefolgt von dem ganzen Magistrat, heran und hielt seine Begrüßungsrede, die merkwürdig frei von Gemeinplätzen war, dafür aber reich an echten, warmen Gefühlen, denen der Redegewandte einen fast poetischen Schwung zu geben verstanden hatte. Blaß vor innerer Erregung, aber darum nicht um ein Haar weniger lieblich, im Gegenteil, wie vergeistigt, hörte Prinzeß Lily zu, die strahlenden grauen Augen, die an jenen wunderbaren Edelstein aus der vornehmen Familie der Kurunde, den Gira­sol-Saphir, erinnerten, durch den neben seiner tiefen Grundfarbe ein bläuliches Licht wogt, fest auf den Sprecher gerichtet, unbewußt der tausend und abertausend Augen, die sich auf sie hefteten, um nur ja keine Einzelheit ihrer Erscheinung zu verlieren. Als der Hochmögende geendet und der Prinzessin die Schenkungsurkunde überreicht hatte, durch die auf ihren Wunsch aus der Hochzeitsgabe der Residenzstadt an Stelle des beabsichtigten Brillantschmuckes die Stiftung eines Waisenhauses, das »Königin Lily-Heim«, entstehen sollte, da überreichte die Obersthofmeisterin ihrer jungen Herrin, in einen roten Maroquinumschlag eingeheftet, ein Blatt, von dem die Königsbraut ihre Antwort auf die Ansprache des Stadtoberhauptes ablesen sollte. Prinzeß Lily nahm das aufgeschlagene Mäppchen entgegen, warf einen Blick auf das sauber geschriebene Blatt und – ließ es dann auf ihren silbergleißenden Schoß fallen.

»Herr Oberbürgermeister«, sagte sie, indem ein feines Rot in ihre weichen Wangen stieg, mit zwar nicht erhobener, aber in der eingetretenen Stille durch ihren metallischen Timbre gut vernehmlichen Stimme, »ich weiß nicht, wie ich Ihnen für ihre lieben, warmen Worte, der Stadt für ihre mich tief rührende Gabe, Ihnen allen für diesen herrlichen Empfang danken soll. Es steht zwar auf diesem Papier aufgeschrieben – aber nicht von mir und wenn ich's ablese, so hat mein Herz doch keinen Teil daran. Mein Herz ist aber so voll, so übervoll, daß ich es gern selbst sprechen lassen möchte – und ich weiß doch nicht, was ich sagen soll, weil alles so leer klingt, was Worte ausdrücken können. Lassen Sie meinen Dank denn ein Gelöbnis sein, daß ich dies Willkommen, von dem Sie alle ja noch gar nicht wissen, ob ich seiner würdig bin, zu verdienen suchen werde. Ich bin noch so jung und weiß nur, daß ich vor einer Aufgabe stehe, die so groß, so verantwortlich ist, daß mir fast davor bange werden will. Aber wenn Sie alle im Lande mir die Liebe erhalten wollen, mit der Sie mich heut willkommen heißen, dann fasse ich wieder Mut, dann muß ja alles gut werden und ich verspreche, das Land, dessen Königin ich heut werden soll, mit dem geringsten der Untertanen meines hohen Verlobten so wieder zu lieben, wie ich weiß, daß ich lieben kann: mit einem warmen, vollen, ganzen Herzen, mit meiner ganzen Seele, mit allen ihren Kräften, wie der Heiland will, daß wir ihn lieben sollen. Nehmen Sie also als Dank, als Gegengabe mein Herz – von dem Könige weiß ich, daß er dieses Geschenk mit Freuden mir zu geben erlaubt.«

Vielleicht hätten diese Worte, von einer minder schönen oder gar häßlichen Person gesprochen, selbst wenn sie genau so gefühlt wurden, nicht so gewirkt, als es tatsächlich geschah, denn die Schönheit ist eine gewaltige Macht, mag sie auch zehnmal nur eine äußerliche sein. Der Mensch hört nicht nur; was die Augen dabei sehen verstärkte den Eindruck und die silberschimmernde, schleierumwallte Vision mit der goldnen Aureole des duftigen Haares, von der diese Worte mit glockenklarer Deutlichkeit in einen atemlos lauschenden Kreis drangen, wirkte darum auch auf die, welche nicht mehr verstehen konnten, was dieser süße Mund sprach, wirkte so unmittelbar, daß der Ruf eines besonders gerührten Enthusiasten: »Es lebe die Königin – die Goldne!« ein Echo fand, das tausendstimmig widerhallte und sich weit, weit fortpflanzte, ansteckend, wie der Enthusiasmus ist, und bis in die Prachtgemächer des Königsschlosses drang, in denen der Hof und seine Gäste die Ankunft der Prinzessin-Braut erwartete. Bei diesem Ruf, der wie mit elementarer Gewalt an den Mauern des Schlosses brandete, schwoll das Herz des Königs in Rührung, Stolz und Glück und sein sonst so farbloses Gesicht überzog eine tiefe Röte, während das der Königin-Mutter erblaßte. Der Fürst von Rothenburg lächelte leise vor sich hin und reckte seine hohe Gestalt noch höher und gerader auf, und als er dabei dem Blicke der Herzogin Xenia begegnete neigte sie wie mit einem anerkennenden Glückwunsch gegen ihn das stolze Haupt, auf dem ein Stern von Diamanten in der Sonne, die gerade darauf fiel, Flammengarben sprühte. Der Königin-Mutter, welche diese Bewegung sah, weil sie gerade nach der Herzogin herüberblickte, um zu sehen, welchen Eindruck der brausende Ruf der Begeisterung da draußen auf ihre Nichte machte, die ihrer Ansicht nach von Rechtswegen die Person war, der er hätte gelten müssen, fühlte sich verletzt durch dieses Zeichen, das ihr als eine übertriebene Demonstration für eine zu sehr zur Schau getriebene Gleichgültigkeit gegen die Sachlage erschien. Sie wäre aber noch viel mehr verletzt gewesen, wenn sie gewußt oder auch nur geahnt hätte, daß es ein ganz echtes und wahrhaftiges Gefühl war, das die Herzogin Xenia zu dieser Bewegung veranlaßte: der ganz spontane Wunsch, dem Manne eine Freundlichkeit zu erweisen, der am Vorabend ihr Tischnachbar gewesen und durch seine gerade Männlichkeit, seine starke Persönlichkeit einen Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, wie sie ihn bisher noch von keinem der hochgestellten Herren empfangen, die sich ihr genaht, – den König selbst nicht ausgeschlossen, den sie durch die Macht der Gewohnheit als ihren künftigen Herrn und Gemahl anzusehen gelernt hatte. Und noch eine andre sah diese Bewegung des stolzen Hauptes, das keiner gewohnt war, sich vor irgend jemand neigen zu sehen: Prinzeß Sophie, die sich in ihren Staatsroben und unter ihrer Diamantentiara höchst unbehaglich fühlte. Sie machte ein paar ganz runde Augen als sie's sah, spitzte die Lippen und pfiff trotz der Feierlichkeit des Ortes, an dem sie sich befand, ein paar Takte leise, ganz leise vor sich hin, um dann ein erstauntes, aber höchst anerkennendes »Donnerwetter!« vor sich hinzumurmeln mit dem inwendigen Zusatze: »Man soll nie sagen, was eine Sache ist!« Und er, dem dieser kaum merkliche, glückwünschende Gruß gegolten, richtete sich um noch eine Linie höher auf und schlug anerkennend und dankend die Sporen zusammen und – wurde rot.

»Ha«, sagte der Obersthofmeister von Tittmann zu dem neben ihm stehenden, gleichfalls neugebackenen Zeremonienmeister: »dees freut mich aber jetzt, daß unsre neue Allergnädigschte kommt, sieht und siegt. Dees isch e gutes Zeiche. Höre Sie grad bloß den Lärm, den die da drauße mache! Die Prinzeß nimmt ja die Feschtung als im Sturm!«

»Ich habe es nicht anders erwartet – sie gehört zu den Bevorzugten, die den Sieg in sich tragen«, erwiderte Graf Tannenbruch träumerisch.

Herr von Tittmann sah seinen Kollegen scharf an und griff in die Tasche, um nach seiner Tabaksdose zu fühlen, denn er war ein Schnupfer und machte kein Hehl daraus. Aber er besann sich, daß er sich diesen Genuß hier versagen mußte und rieb sich mit dem Zeigefinger dafür die entbehrende Nase.

»Hoffe mer, daß der Sieg ihr nix schadet«, meinte er mit einem Blick auf die Königin-Mutter. »Denn, sehe Sie, lieber Tannenbruch, der Spruch: ›Vae victis‹ isch grad so falsch wie die meischte von dene Sprüch'. ›Vae vixtrix‹ müßt' mer eher sage. Ich kenn' Leut' – Name wolle mer nit nenne, – die werde der Prinzeß den Sieg so flink nit vergesse und vergebe.«

»Mag sein, Exzellenz – ihr wird er den Kopf nicht verdrehen, – dazu ist sie zu gesund«, entgegnete der Zeremonienmeister mit mehr Wärme, als vielleicht weise war zu zeigen, wenn es auch vor wohlwollenden Ohren geschah, denn die neue Exzellenz war weder ein Intrigant, noch eine männliche Klatschbase, noch auch ein Schuster. Gerade von alldem das Gegenteil. Aber er war ein kluger Kopf und sah viel, viel tiefer, als die Leute dem ungeniert seinen gemütlichen Dialekt redenden »Krautjunker« zuzutrauen pflegten. Er fuhr wieder in seine von Goldstickerei starrende Rocktasche seiner Galauniform und liebkoste darin seine geliebte Tabaksdose.

»Sie kenne die Prinzeß und müsse das besser wisse«, sagte er nachdenklich. »E paar arg offne, liebe Auge hat sie, des isch wahr – e paar Auge, wie als die Kinder sie habe, die noch nix von der Welt g'sehe habe und noch vom Himmel träume – ja, schaue Sie mich nur groß an, lieber Tannenbruch – die poetische Ader habe Sie in mir nit vermutet, nit wahr? Verse hab' ich auch noch keine verbrochen, aber deswegen darf mer die Leut nit für verknöcherte Prosamenschen halten. Ja, was ich sagen wollt: E g'sunde Seel' und e g'sundes Herz wie die Prinzeß haben mag – ist sie sonst nit e bißle zart?«

»Ich – ich denke es nicht und hoffe es nicht«, erwiderte Graf Tannenbruch frappiert.

»Ich hoff's auch nit'«, meinte Herr von Tittmann »'s war nur so eene Frag'. Wie 'ne Walküre schaut sie nit aus. Aber ich hör', daß die Rothenburger Prinzeßchen ganz englisch, in der frischen Luft aufgewachsen sind, keine Stubenpflanzen sozusage. Des isch gut. Wir brauche 'ne kräftige Dynaschtie.«

Während also in den Prunkkammern des Königsschlosses der Jubel, der die einziehende Königsbraut begrüßte, zum kleinsten Teile zornige, zu einem Bruchteil spöttische und erstaunte, in der Majorität aber freudige Gefühle auslöste, die Gefeierte selbst in ihrer goldenen Karosse saß wie in einem Traum, mußte die Obersthofmeisterin ihr gegenüber erst die Erstarrung überwinden, in die die improvisierten Worte des »jungen Dinges« sie versetzt. War das die Marionette, die an einem Bindfaden gelenkt werden sollte, die nichts, absolut nichts zu tun hatte, als schön auszusehen, sich graziös nach allen Seiten zu verneigen und die kurze Rede abzulesen, die man ihr aufgesetzt hatte unter sorgfältigster Abwägung der Worte! Für einen Moment fassungslos starrte Frau von Geyers das Maroquinmäppchen an, das ihr total unbenutzt wieder zurückgegeben worden war, dann aber erinnerte sie sich der Instruktionen, die sie erhalten und ihrer natürlichen Unverschämtheit sozusagen das Rückgrat gaben.

»Durchlaucht werden hoffentlich die Gnade haben, für Ihre Eigenmächtigkeit die Verantwortung allein zu übernehmen«, sagte sie scharf, indem sie das Mäppchen auf den Sitz neben sich warf. Prinzeß Lily, aus ihrem Traum erwachend, sah ihre Obersthofmeisterin erstaunt an indem sie sich die redlichste Mühe gab, die Antipathie, die diese Persönlichkeit ihr einflößte, tapfer zu bekämpfen.

»Welche Eigenmächtigkeit?« fragte sie, nicht ganz bei der Sache. »Ach – wegen meiner Antwort an den Bürgermeister? Ja, die geschriebene hier war doch nur für den Fall, daß mir selbst nichts einfallen würde zu sagen, nicht?«

»Nein, Durchlaucht hat nichts einzufallen, sondern nur abzulesen, was Ihnen vorgeschrieben ist«, sagte Frau von Geyers noch schärfer. »Eine Königin, die Königin eines solchen Landes, einer Großmacht wie Seeland, darf nicht auf ihren eignen Kopf daherreden, was ihr beliebt, sondern muß sich an den amtlichen und diplomatischen Wortlaut dessen halten, was als geeignet dafür befunden worden ist. Durchlaucht haben Ihre Befugnisse in einer ganz unverantwortlichen Weise überschritten.«

»Gewiß nicht, denn ich habe nichts gesagt, was eine politische Deutung zulassen könnte«, entgegnete Prinzeß Lily ruhig, aber ganz aus ihrer bewegten Stimmung gerissen.

»Das zu beurteilen fehlt Durchlaucht die Erfahrung«, widersprach die Obersthofmeisterin erregt. »Das müssen Sie Leuten überlassen, die darin kompetent sind.«

»So sei es. Aber da Sie, Frau von Geyers, zu diesen Leuten nicht gehören und ich Ihnen in keiner Weise das Recht zustehe, sich in meine politische und diplomatische Erziehung einzumischen, so lassen wir dieses Thema besser ruhen«, erwiderte die junge Königsbraut mit einer Würde und Gelassenheit, die sie aus dem Bewußtsein schöpfte, das Rechte getan zu haben. Jede andre wäre verstummt, aber Frau von Geyers hatte ihre Instruktionen und fühlte sich damit wie in einem Panzer, der ihre sowieso schon recht dichte Epidermis unnahbar machte.

»Ich bin Eurer Durchlaucht mit der ausdrücklichen Voraussetzung, Ihre Erziehung in jeder Richtung entsprechend zu ergänzen, attachiert worden«, begann sie, aber das Wort erstarb ihr nun doch vor dem erstaunten Blick der großen, klaren Augen, die sich auf sie hefteten.

»Haben Sie diesen Auftrag von dem Könige erhalten?« fragte Prinzeß Lily und da Frau von Geyers darauf ein undeutliches »Nicht direkt, aber –« stammelte, so setzte sie, nicht unfreundlich, doch sehr entschieden hinzu: »Nun, dann werden Sie besser tun, meine ›Erziehung‹, als etwas ganz Aussichtsloses, aus unserm Verkehr wegzulassen. Der König hat mir die Ehre erwiesen, mich zu wählen, wie ich bin, – begnügen Sie sich damit auch, ja? Ein für allemal. Einem guten und nützlichen Rat in der gehörigen Form werden Sie mich allzeit zugänglich finden, aber die Art und Weise, die Sie anzuwenden für richtig halten, lehne ich entschieden ab und es wäre gut, wenn wir uns darüber verständigten, ehe unser Zusammenleben beginnt.«

»Mit der Geyers, dem alten Drachen, wirst du nur auskommen können, wenn du sie in der ersten Stunde auf ihren Standpunkt stellst und ihr bei der ersten Unverschämtheit eine Abfuhr genehmigst, die ihr das Maul stopft«, hatte Prinzeß Sophie ihrer Nichte zur Vorbereitung gesagt, die von ihrem Besuch bei ihrer Tante bloß eine vage Erinnerung an die Staatsdame der Königin-Mutter mitgenommen, da sie nur in ganz oberflächliche Berührung mit dem Hofe des Wittumspalais gekommen war, aber diese Erinnerung war keine sympathische und darum fiel der gute Rat der Prinzeß Friedrich auch auf einen ganz fruchtbaren Boden und konnte schon Früchte tragen, noch ehe der Fuß der jungen Braut die Schwelle ihres künftigen Heims überschritten. Zum Glück aber war es eine Dissonanz, die in dem Jubel unterging, –

Prinzeß Lily hatte sich unablässig nach rechts und links dankend zu verneigen und damit auch keine Zeit, das vor Wut grüne Gesicht der ihr gegenüber sitzenden Obersthofmeisterin zu sehen und zu beachten und als die Staatskarosse endlich vor dem Schlosse hielt und der König seine Braut empfing, um sie zur Schmückung mit den Kronjuwelen seiner Mutter zuzuführen, da dachte sie nicht mehr an den Zwischenfall und auch das bange Gefühl, das sie heut morgen noch mit Beklommenheit erfüllt, das Gefühl, daß die Mutter des Königs ihr keine freundlichen Empfindungen entgegenbrachte, war wie ausgelöscht durch den Empfang, der ihrem Einzug zuteil geworden war. Kam sie doch auch mit der ehrlichen, festen Absicht, das Vorurteil der Königin-Mutter durch kindliches Vertrauen, durch ehrfurchtsvolles Entgegenkommen, soweit es nur immer gehen konnte und durfte, zu besiegen und mit den Waffen der Liebe um den Platz zu kämpfen, für den der Wunsch der hohen Frau eine andre bestimmt hatte – sie kam, mit der Absicht zu siegen und sich ein Herz zu erobern, das sich ihr verschlossen hatte, denn wo der Wille ist, da gibt es auch einen Weg; mochte er auch noch so steil und so rau sein, sie wollte nicht vor ihm zurückschrecken. Und als sie in dem Nebengemach des Thronsaales stand, in dem die Königin-Mutter mit den Kronjuwelen sie erwartete, da war es nicht nur eine Form oder gar eine leere Komödie, daß sie vor der imposanten Gestalt der ehemaligen Regentin des großen Reiches das Knie beugte, – sie tat, was niemand von ihr verlangt hatte, aus überströmendem Herzen und sagte mit dem Blick und dem Lächeln, dem noch niemand widerstanden:

»Jetzt hab' ich wieder eine Mutter! Ich bin so froh, so froh darüber und bitte um nichts andres, als Ihnen eine liebende Tochter sein zu dürfen!«

Aber die Königin-Mutter hatte ihr Herz verhärtet, sie hatte ihre letzten Anstrengungen scheitern sehen und die Erbitterung darüber war zu groß, als daß die liebliche Stimme bis in ihre Seele hätte dringen können; das Wachs, mit dem Odysseus seinen Gefährten die Ohren vor dem Gesange der Sirenen verstopft, konnte nicht wirkungsvoller sein, als der verwundete Stolz dieser autokratischen Natur. Sie trat einen Schritt zurück und sagte kalt:

»Stehen Sie auf, Prinzessin! Solche bürgerliche Rührszenen mögen vielleicht an den kleinen Höfen Sitte sein – hier sind sie de trop. Das Taburett für die Prinzessin!«

Wie mit Blut übergossen erhob sich die junge Braut aus ihrer knienden Stellung und ein verdächtiger Flor über ihren sonst so klaren Augen verhinderte sie, auf den Gesichtern der hinter der Königin stehenden einheimischen Prinzessinnen den Eindruck dieser brüsken Abweisung zu lesen. Das war schade, denn nur wenige Mienen zeigten einen schadenfrohen Ausdruck; die Mehrzahl war peinlich berührt, darunter selbst die, welche der neuen Königin nicht gerade zuviel Wärme entgegenbrachten. Daß Prinzeß Sophie »Pfui Deibel, alte Giftbolle«, in sich herein murmelte, hörten zum Glück nur die, welche dicht hinter ihr standen, ohne es weiter zu beachten, denn man hatte es am Hofe von Treustadt längst aufgegeben, sich über die Kraftausdrücke von Prinzeß Sophie aufzuregen und wenn sie in Staatsgewändern stak, saßen ihr diese Ausdrücke noch viel lockrer als sonst. Aber als Prinzeß Lily unter dem Eindruck dieser ersten Abweisung, die sie je im Leben erfahren hatte, auf dem herbeigebrachten Taburett mehr hinsank, als sich niedersetzte, da trat die wunderliche alte Dame zu ihr heran, strich ihr liebkosend über die weiche Wange und gab ihr einen herzhaften Kuß.

»Laß gut sein, altes Mädel, – ich bin auch noch da«, flüsterte sie ihr zu, daß man's draußen auf dem Schloßplatz hätte hören können. »Zu mir kannste immer kommen, egal, ob du dich ausheulen oder auslachen willst. Lachen ist mir lieber, aber wenn's schon geflennt sein muß –«

»Liebe Sophie, – wir haben zu Familienszenen jetzt keine Zeit«, sagte die Königin-Mutter mit einem Blick unsäglicher Verachtung, indem sie die diamantensprühende Königinnenkrone in der Hand, vor ihre Schwiegertochter trat und den Schmuck, den sie nur einmal im Leben bei der Huldigung nach der Thronbesteigung des verstorbenen Königs getragen, nicht eben allzusanft auf das blonde junge Haupt in dem Myrtenkranz drückte, die Befestigung aber den Händen der Kammerfrau überließ, deren Hände auch aus den ihren die übrigen Kronjuwelen nahmen, um sie der Königsbraut anzulegen: die berühmte Riviere nußgroßer Brillanten um den schlanken Hals, die »Corsage« auf der Brust unter dem Ausschnitt des Kleides, die Armbänder, den Stern des Charlotte-Christinen-Ordens, den sie gestiftet, die wundervollen Agraffen, die den purpursamtnen, mit goldgestickten Kronen besäeten, mit Hermelin gefütterten Mantel, dessen Schleppe zwölf Edelfräulein tragen sollten, an den zarten Schultern befestigten. Das alles gehörte nach der Etikette zu den Obliegenheiten der Königin-Witwe, aber die Stolze hatte es abgelehnt, »bei der kleinen Prinzessin von Rothenburg die Kammerjungfer zu spielen« und fand es für ausreichend, wenn sie aus ihrer Hand die Juwelen empfing, die immer auf die regierende Königin übergingen.

»Das ist alles«, sagte sie laut, als sie die letzte Agraffe gereicht, »es ist Ihnen hoffentlich genug, Prinzeß! An der Wiege ist es Ihnen wohl kaum gesungen worden, daß Ihr Gesicht Ihnen helfen würde, die Kronjuwelen von Seeland zu tragen, die ich gern abtrete, weil ich niemals genötigt war, aus Mangel eigenen Schmuckes den Tresor in Anspruch zu nehmen.«

»Gewesen wäre, willst du sagen«, fiel Prinzeß Sophie ein, »denn faktisch hast du dich oft genug dazu herabgelassen, deine erhabene Person damit gewissermaßen zu unterstreichen. Du hast auch ganz recht daran getan, denn wozu, zum Kuckuck, wäre das Zeug denn da, als um es auf den sündigen Leib zu hängen? Doch nicht bloß, damit der Tresorier vor Angst, daß er ihm gestohlen werden kann, permanent die Cholera hat? Nee, die Kronjuwelen sind dazu da, um von der ersten Dame des Landes getragen zu werden, und damit basta!«

»Also hätten sie ihre Bestimmung verfehlt«, sagte die Königin-Mutter hochmütig, »denn die erste Dame des Landes – bin ich!«

»Buchstäblich genommen, ja«, versetzte Prinzeß Sophie schmunzelnd, »aber in einer halben Stunde wirst du die zweite sein und ich die dritte. Wir hopsen beide mit Grazie eine Stufe 'runter auf der Leiter der Hofrangordnung durch diesen Kiekindiewelt. Aber gestehen müssen wir's, daß ihm die Krone steht, was? Wir, die wir nun einmal ins alte Eisen gekommen sind –«

Die Königin-Mutter wartete den Rest der philosophischen Betrachtung nicht ab, sondern rauschte mit einem Zeichen gegen die andern Prinzessinnen heraus, indem sie zwei Fingerspitzen ihrer Rechten Prinzeß Lily reichte, um sie, wie es von ihr erwartet wurde dem Könige zuzuführen.

Der Blick, mit dem er die strahlende Erscheinung empfing, machte die kalte Zurückweisung, die sie durch seine Mutter erfahren, fast gut, aber auch nur fast; die erste, bewußte Kränkung, die ihren Stachel in eine so junge Seele drückt, hinterläßt immer eine Wunde, die Zeit zur Heilung braucht, die immer noch brennt, selbst wenn sie zu schmerzen aufgehört.

Die Kapelle des Königlichen Schlosses zu Treustadt ist einer der stimmungsvollsten Räume von der Welt, der einen berühmten Maler zu einer Reihe wundervoller Motive begeistert hat, trotzdem sie im üppigsten und reichsten Rokokostil gehalten ist. Oder vielleicht eben darum: Gibt es doch sogar Kunstschriftsteller – aber sie sind dünner gesät wie die Haare auf dem Haupte eines Jubelgreises, – die den Mut haben, diese Kunstrichtung mit ihrem ausgeprägten Stile nicht »Verfall« zu nennen, sondern ihr die Berechtigung einer Sonderstellung in den Kunstepochen zuzugestehen, nicht mit vornehmem Naserümpfen den orthodoxen Stab über das ganze achtzehnte Jahrhundert zu brechen, soweit es auf die Kunst bezug hat. Aber das tut nichts. Phantasielose Menschen werden nie die Grazie der Kunst des Rokoko verstehen lernen und was man nicht versteht, das verurteilt man ohne Gnade.

Von den Koryphäen wird demnach auch die Kapelle des Königlichen Schlosses in Treustadt als »ein Muster der Monstrositäten der Verfallzeit« gebrandmarkt, was den genannten und andre bedeutende Maler nicht verhindert, immer wieder dahin zu pilgern und sich in ihre Einzelheiten zu versenken. Der phantasiereichste aller Maler dieser verurteilten, geköpften und gevierteilten Epoche, Gian Battist Tiepolo, der Venezianer, hatte mit eigner Hand den Plafond, die Jungfrau in der Glorie, geschmückt und in jede nur irgend zugängliche Lünette, die der vergoldete Stuck freiließ, zum Lichte des Himmels strebende wonnige Engelchen gezaubert mit dem Schmelz, den er allein nur besessen hat – trotzdem er die Unvorsichtigkeit begangen hat, ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts zu sein. »Er wäre groß gewesen, wenn ein früheres Jahrhundert ihn erzeugt hätte. »Zu dieser Stilblüte hat sich einer der Bilderstürmer des Rokoko aufgeschwungen, wodurch das tiefsinnige Wort, »daß man in der Wahl seiner Eltern nie vorsichtig genug sein kann«, eine ungeahnte Erweiterung erhält.

Nach dem Beispiel der berühmten Kirche S. Maria bei Miracoli in Venedig stand in der Schloßkapelle der Hochaltar auf einem Empor so hoch über dem Schiff, daß man ihn noch in den letzten Reihen der reichgeschnitzten Bänke ohne Mühe übersehen konnte. Eine breite Flucht schneeweißer Marmortreppen führte zu der Kommunionbank mit dem Gitter von Goldbronze, dessen breite Türen jetzt geöffnet waren, so daß ein jeder die purpursamtnen Betstühle sehen konnte, auf denen der König und seine Braut knieten, um das Sakrament der Ehe zu empfangen. Zwischen den goldenen Riesenleuchtern zu beiden Seiten des wundervollen, von Edelsteinen flimmernden Tabernakels blühten hohe, schlanke Lilienzweige in silbervergoldeten Vasen und erfüllten den ganzen Raum mit ihrem süßen Dufte, der sich in die Weihrauchwölkchen mischte, die auf den Sonnenstrahlen, deren Licht durch die bunten Glasscheiben der hohen Fenster fiel, wie ein Schleier auf und nieder wogten. Sie woben eine in wechselnden Farben irisierende Glorie um die weiße Gestalt der jungen Braut, die durch ihr leises, aber bis in die fernste Ecke vernehmliches »Ja« eben eine Königin geworden war und nun, das goldige Haupt mit der schimmernden Krone tief herabgebeugt, versunken in eine Andacht kniete, die selbst das unbarmherzig vorschreitende Zeremoniell dieses Tages nicht zu unterbrechen wagte. Schon war das von einer warmen, eindringlichen, herrlichen Frauenstimme vom Chor gesungene Lied »Wo du hingehst, da will ich auch hingehen«, verklungen und die Orgel ließ ein leises Nachspiel ertönen, das wie Seraphsgesang anzuhören war, bereit, sich jeden Moment darin zu unterbrechen, um im Augenblick, da das neuvermählte Paar sich erhob, in den Jubelhymnus des Hochzeitsmarsches aus dem »Sommernachtstraum« überzugehen – – –

Es war der König selbst, der sich endlich leicht zu seiner Gemahlin neigte und ihr zuflüsterte: »Bist du bereit, Lily? Man wartet auf uns.«

Es war zum ersten Male, daß er sie mit »Du«, mit ihrem Namen anredete – sie hatten sich nicht wiedergesehen seit dem letzten Abend ihres Besuches bei der Prinzessin Friedrich, als er, einen Moment benutzend, in dem er etwas abseits von den andern sich befand, schnell und so leise, daß es selbst das schärfste Ohr nicht hören konnte, ihr zugeflüstert hatte, daß »die Lilie seine erwählte Lieblingsblume sei, die er halten und pflegen wollte sein Leben lang, wenn sie geneigt wäre, in seinem Garten, auf seinem Throne zu blühen. »Überrascht, verwirrt, hatte sie in diesem kurzen Augenblicke relativen Alleinseins keine Antwort gefunden, aber der Blick der zwei großen, klaren, reinen Augen, mit denen sie ihn angesehen, hatte dem Könige genügt – seine Werbung war jenem Abend auf dem Fuße gefolgt. Die starre Etikette hatte während der kurzen Brautzeit keinen Modus gefunden für einen Besuch des Monarchen in der kleinen Residenz seines zukünftigen Schwagers, aber er hatte eifrig mit seiner Braut korrespondiert und er war ihr dadurch vielleicht näher getreten, als durch eine persönliche Begegnung, über der die Augen höchst unwillkommener und überflüssiger Zeugen gewacht hätten. Für ihre ersten Brautbriefe hatte Prinzeß Lily sich selbst gehaßt, weil sie, nicht mit Unrecht, herausgefühlt hatte, daß sie auf moralischen Stelzen daherschritten, aber das war vorübergehend; eine Persönlichkeit, wie sie es war, frei, offen, natürlich bis zu einem Grade, wie er immer noch selten ist auf den Stufen eines Thrones, fand sie sich selbst rasch genug wieder, nachdem sie die erste Befangenheit überwunden und ihre Briefe sprudelten wie frisches Quellwasser aus den Waldbächen von Rothenburg hinüber in den majestätischen Strom der Treu, die der Residenz von Seeland den Namen gegeben, trotzdem das formelle »Sie« in der Anrede blieb und die Überschrift »Sire« jedesmal ein Stein war, an den sie sich stieß. Aber der König, der zu sehr in der Form aufgewachsen war, um durch eine intime Anrede – von dem »Du« ganz zu schweigen, – über die Barriere der Konvenienz herüberzusetzen, gab ihr dadurch auch nicht das Recht, selbst den ersten Schritt zu tun und so blieb es dabei. Sein erstes »Du« nach der Trauung, angesichts des Altars, den der zelebrierende Bischof mit seinen Diakonen eben erst verlassen, erfüllte ihr Herz mit einem Schauer jubelnden Glücks; vor diesem »Du« versank, was sie bisher noch bedrückt, mit Bangen erfüllt, zerfiel der unfreundliche Empfang durch die Königin-Mutter in ein Nichts – dieses »Du« war ein Bollwerk, hinter dem sie sich stark und mächtig fühlte, daß sie es getrost mit der Welt aufgenommen hätte, geschweige denn mit einer enttäuschten Frau und einem Hofe, von dem sie wußte, daß er ihr mit Mißtrauen, Zögern und mehr oder minder verstecktem Hohn entgegenkam. Nicht die Krone auf ihrem Haupte machte, daß sie am Arm des Königs hochaufgerichtet, siegend, glücklich die Stufen des Empors herabschritt, – das »Du« war's, das ihr das Bewußtsein gab, die Gefährtin, Gehilfin, die Erwählte des Mannes an ihrer Seite zu sein, an dessen Arbeit und Wirken sie teilnehmen sollte, über einem großen Volke zu herrschen mit dem Szepter reiner Menschlichkeit, reiner Absicht.

Als das neuvermählte Paar vor dem Sessel der Königin-Mutter anhielt, war es keine Bitte mehr, die der liebliche Mund der jungen Braut an sie richtete. Die Nachfolgerin verbeugte sich mit tadellosem Anstand und aller schuldigen Verehrung der erhabenen Person ihrer Vorgängerin auf dem Throne, die jüngere Königin brachte der älteren ihre Huldigung dar, aber sie suchte nicht, die Hand der Mutter zu küssen, wie sie es so gern getan hätte, wäre ihre erste Annäherung nicht brüsk abgewiesen worden. Die Erinnerung daran war noch zu frisch, als daß sie selbst in dieser bewegten Stunde nicht an die erhaltene Lehre hätte denken müssen, die ihr eine tiefe Röte auf das schöne Gesicht trieb, das die innere Erregung blaß gemacht hatte. Sie war keine nachtragende Natur, – ganz im Gegenteil – und ihr Vorsatz, den ihr entgegengebrachten Widerstand durch die Waffen der Liebe und der Geduld zu besiegen, war noch ebenso fest wie vor einer Stunde, aber sie war eben auch nur ein Mensch und menschlichen Schwächen unterworfen, falls es eine Schwäche ist, dem Stolz den Vortritt zu lassen, wenn die Würde es verlangt. Sie fühlte, daß sie ihre Würde jetzt nicht demütigen durfte – die schwere Krone drückte ein wenig ihr dieser Bürde ungewohntes Haupt, physisch gesprochen, und erinnerte sie daran, daß sie sie trug. Und viele hundert Augen waren auf sie gerichtet, darunter in nächster Nähe die der Zeuginnen ihrer Zurückweisung – das machte sie noch gerader, als sie sein wollte, und das war wiederum nur menschlich, allzumenschlich. Die Braut des Königs, die »kleine« Prinzessin von Rothenburg, konnte sich vor Zeugen noch demütigen lassen, – die regierende Königin von Seeland durfte sich diesen Luxus nicht mehr erlauben. Die Königin-Mutter, von der man wohl in dieser außerordentlichen Gelegenheit ein leises, intimeres Abweichen von der starren Form erwartet hatte, tat nichts dergleichen; sie genügte der Etikette durch eine Verbeugung, die vor den Augen der Anwesenden die Person ihrer Nachfolgerin anerkannte, denn das Gegenteil wäre ein öffentlicher Skandal gewesen, den sie schon darum zu vermeiden hatte, weil ihre Anwesenheit bei der Vermählung der Situation recht gab – eine Folge, deren Bedeutung sie, wie gewöhnlich, erst überlegte, als es nicht mehr zu ändern war. In Wahrheit hatte sie mit ihrer sanguinischen Natur noch im letzten Augenblick auf irgend etwas gehofft und gewartet, das die Vermählung verhindern würde. Aber nichts geschah und als das doppelte »Ja« von dem Empor zu ihr herunterklang, da wußte sie erst, daß sie nun mittun mußte – und da verletzte es sie fast, als die junge Königin sich steif und tadellos vor ihr verbeugte und nicht durch eine Bewegung andeutete, daß sie in ein andres, näheres Verhältnis zu ihr getreten war. So war's der Königin-Mutter aber Zeit ihres Lebens gegangen: sie ließ sich erst zu Handlungen und Worten hinreißen, die sie für eine Konsequenz des von ihr eingeschlagenen Weges hielt und doch nichts weiter war, als Eigensinn und Eitelkeit und wenn sich dann die Konsequenz dieser »Konsequenz« folgerichtig zeigte, dann war es nicht ihre Schuld, sondern die der Getroffenen. Einen Moment stutzte auch der König als seine junge Gemahlin nichts tat, sich seiner Mutter auch als Tochter zu empfehlen, aber die hinter der ersteren stehende Prinzessin Friedrich schnitt ihm ein Gesicht, das er nicht mißverstehen konnte und – er begriff, daß bei der Schmückung der Königsbraut eine Szene vorangegangen sein mußte, die dieses warmfühlende Wesen an seiner Seite zwang, nichts weiter zu sein, als korrekt. Das war der Schatten, der auch für ihn auf diese Stunde fiel, denn aus der Anwesenheit seiner Mutter hatte er die Hoffnung geschöpft, daß sie sich mit seiner Wahl ausgesöhnt hatte, nachdem sie bis zur letzten Stunde gedroht, der Vermählung fern zu bleiben.

Der Zug der Neuvermählten führte aus der Kapelle zurück in den Thronsaal, aus dem der König allein mit seiner jungen Gemahlin heraus auf den Balkon trat, um dem Volke seine Königin zu zeigen. Das war ein Augenblick, der mächtig an beider Herzen griff, von dem Augenzeugen noch erzählten, als das, was jetzt der Zukunft angehörte, auch schon Vergangenheit war. Wie eine Vision, unirdisch fast, stand die schlanke, weiße Gestalt in Krone und Schleier auf dem Balkon neben der hohen Gestalt des Monarchen, überflutet vom Junisonnenschein, der märchenhaft in den Kronjuwelen funkelte und gleißte, blaß das schöne Gesicht vor innerer Bewegung, während große Tränen, die sie nicht zurückzuhalten vermochte, über ihre Wangen rollten und kostbarer als die strahlenden Diamanten im Sonnenlichte glänzten. Und unten, auf dem Schloßplatze, eine dichtgedrängte Menschenmenge, die erst stumm, wie überwältigt, hinaufsah, um dann in einen Jubelruf auszubrechen, wie er noch selten in Treustadt gehört worden war. Denn es ging sympathisch aus von dem schlanken blonden Mädchen in der Königskrone, mit dem undefinierbaren Etwas, das wie ein elektrischer Funke aus den Seelen von Mensch zu Menschen springt: die Menge unter dem Balkon vor dem Schlosse fühlte es, daß dies kein unnahbares Wesen war, sie war eins von den ihren, die mit ihnen allen fühlen, denken, leiden und sich freuen würde, besonders, als sie von ihrer scheinbar unnahbaren Höhe unter Tränen lächelte und die eine Hand aufs Herz pressend, mit der andern grüßte, wie man Freunde grüßt, nicht gnädig, nicht herablassend, sondern, als der Jubel geradezu frenetisch wurde, mit der Hand Küsse herabsandte unter die tücherschwenkende, rufende, jauchzende, singende Menge.

»Das war zuviel – sie benimmt sich wie ein Bürgermädchen, dem der Rausch zu Kopfe gestiegen ist«, raunte die Königin-Mutter ihrer Getreuen, der Frau von Geyers, zu. »Popularität ist ja an sich nicht zu verachten – in einem gewissen Maße, aber hätte sie königliches Blut in den Adern, dann würde es ihr nicht in den Sinn kommen, mit einer Menge zu kokettieren und um ihre Gunst zu buhlen, die vielleicht morgen schon Bomben nach ihr wirft!«

Die Obersthofmeisterin, Exzellenz, seufzte tief und schüttelte den Kopf, daß die Federn auf ihrem Kopfe nur so durcheinander wogten.

»Ja, das Blut, das Blut!« nickte sie mit einem Blick, der den Himmel zum Zeugen anrufen sollte, »wir werden noch ganz andre Dinge bei Ihrer Majestät erleben.«

Das war, ohne daß Frau von Geyers es selbst ahnte, ein prophetisches Wort, denn schon stand die junge Königin auf der Schwelle des Balkons, von dem sie sich an der Hand des Königs zurückzog und ehe eine Viertelstunde verging, sollten diese eben berufenen »andern Dinge« die etwas dürftigen Haare auf dem Haupte der Frau von Geyers einzeln zu Berge stehen machen.

Die Veranlassung dazu war die der Vorstellung auf dem Balkon sich anschließende Gratulations- und Huldigungscour des Hofes und der eingeladenen Hofgesellschaft der Residenzstadt – alles in allem gegen tausend Personen, die den Thronsaal mit glänzenden Roben, Uniformen und Fräcken füllten, ohne ihn auch nur annähernd zu überfüllen. Vom Balkon in den Saal zurücktretend, geleitete der König seine junge Gemahlin unter dem Vortritt der Hofchargen unter den purpursamtnen, goldstrotzenden Thronhimmel, wo das königliche Paar stehend Platz nahm, während rechts neben der Estrade ein Thronsessel für die Königin-Mutter, und neben diesem für die Prinzessinnen des Königlichen Hauses Taburetts aufgestellt waren, an die sich die Plätze für die Prinzen und die fürstlichen Vertreter fremder Mächte bei der Vermählungsfeier anschlossen. Links von dem Könige einer nach dem andern vorschreitend, begann nun das Defilee, so daß die junge Königin die erste war, vor der ein jeder und eine jede die vorschriftsmäßige Verbeugung machte, worauf dieselbe Zeremonie sich vor dem Könige und der Königin-Mutter wiederholte, während die Gruppe der Prinzen mit einem einzigen, allgemeinen Kompliment abgetan wurde. Das machte vier Verbeugungen für jede Person, die mancher herzlich sauer werden mochten, da die Damen dabei nicht allein ihre mächtigen Courschleppen so zu steuern hatten, daß sie weder sie selbst noch auch die ihnen Nachfolgenden zu Falle bringen konnten – eine Kunst, die daheim lange vorher geübt worden war, während die Herren bei der scharfen und exakten Parade vor dem Throne nur zuzusehen hatten, daß sie dabei auf dem spiegelglatten Parkett keinen unfreiwilligen Fußfall taten oder sich so hinsetzten, daß sie statt ihres tiefgebeugten Hauptes den Souveränen ihre Stiefelsohlen zur Bewunderung hinhielten – eine Huldigung, die zwar den Reiz des Außergewöhnlichen hatte, aber nicht im Zeremoniell vorgesehen war.

»Majestät müssen den rechten Handschuh ausziehen«, flüsterte die Obersthofmeisterin der jungen Königin zu, als der Obersthofmeister durch eine Verbeugung die Erlaubnis des Königs zum Beginn der Zeremonie einholte.

»Gern«, nickte die also Belehrte zurück und tat wie ihr geheißen war, denn sie trug ungern Handschuhe und brauchte diese Verhüllung auch nicht, denn sie hatte sehr schön geformte, schlanke und weiße Hände, und mit entsetztem Kopfschütteln sah Frau von Geyers, daß Ihre Majestät ihre Bereitwilligkeit, sich der Etikette zu unterwerfen, dadurch zeigte, daß sie sogleich beide Handschuhe auszog.

»Sie hat doch keine Ahnung, was sich für sie schickt«, jammerte die Obersthofmeisterin inwendig in heller Verzweiflung. »Ist denn diese Landpomeranze von niemandem vorher belehrt worden? Sie will doch den Leuten nicht am Ende beide Hände zum Kusse hinhalten? Zuzutrauen wäre es ihr schon, denn wenn eine aus solchen kleinen Verhältnissen plötzlich auf einen Thron kommt, dann verliert sie natürlich den Kopf und weiß nicht, wie sie's genug unterstreichen soll, wer sie jetzt ist.«

Unter diesem inwendigen Monolog nahten auch schon die ersten der Defilierenden, genau nach der Hofrangordnung vorschreitend – die Minister, die Gesandten und ihre Damen und so weiter in absteigender Würde, bis die Jugend den endlos scheinenden Reigen schloß. Nicht ohne Befriedigung bemerkte Frau von Geyers, daß die neue Königin sich trotz der »kleinen Verhältnisse«, aus denen sie kam – gerade, als wären die Fürsten von Rothenburg Bauern aus den Hinterwäldern – sich sehr würdig und graziös zu verneigen verstand, nicht zu viel, nicht zu wenig, aber doch vielleicht um eine kleine Nüance zu jugendlich – nun, das würde sich schon geben, für den Fall diese unerhörte königliche Ehe nicht mit dem Krach endigte, den alle Welt, das heißt die Welt des Kreises der Königin-Mutter, für nicht ausgeschlossen hielt. Nun mußte sie mit jener königlichen Grazie, die freilich »im Blute liegt«, die Rechte ausstrecken zum Handkuß und dann sich schon wieder dem nächsten zukehren, der auf den Platz wartete, um seinerseits seine Verbeugung machen zu können. Aber was war das? Die Königin streckte ihre Rechte nicht aus – die schlanken Finger spielten leicht mit einer der herabhängenden Perlenketten, die Linke hielt die schwere Schleppe ein wenig zurück – – und Seine Exzellenz der Herr Premierminister ging weiter, ohne die Hand der Königin geküßt zu haben, empfing den Händedruck seines Souveräns und durfte die ihm hingehaltene Rechte der Königin-Mutter mit den Lippen berühren, ehe die Obersthofmeisterin noch dazu gekommen war, auszudenken, welch ungeheurer Verstoß gegen die Etikette sich eben zugetragen.

»Majestät müssen die Hand zum Kusse reichen«, gapste sie hinter ihrem Fächer, als das halbe Ministerium schon auf die gleiche Weise erledigt war.

Das leise Lächeln, mit dem die Königin pflichtschuldigst die Handschuhe auszog, wurde, als sie diese im Theaterflüsterton gesprochenen Worte hörte, zu einem wirklichen Lächeln der Belustigung, das die Grübchen in ihren Wangen erscheinen ließ, aber die Hand blieb in der Lage, in der sie einen bequemen Halt gefunden und als hinter dem Fächer der Obersthofmeisterin ein stöhnendes: »Das ist unerhört!« herauf zu ihr klang, da teilten sich sogar ihre Lippen zu einem richtigen, wenn auch lautlosen Lachen und das bisher fast zu ernste junge Gesicht sah so reizend aus, daß ein flüchtiger Blick des Königs, mit dem auch er Notiz nahm von dieser Abweichung der Form, sie noch einmal streifte, um mit einem matten aber unverkennbaren Wiederschein dieses Lachens zu seinem Teil der »Arbeit« zurückzukehren.

Und so defilierten diese Hunderte vor dem Thron, ohne daß nur ein einziger die Hand der neuen Königin mit den Lippen berühren durfte, trotzdem die Obersthofmeisterin ihre Ermahnung schließlich wie ein Papagei herplapperte, weil sie zuletzt gar nicht mehr wußte, daß sie die stereotype Redensart hersagte.

Erstaunt hatte wohl auch der Obersthofmeister aufgesehen, als seine junge Herrin diese Zeremonie einfach überging, ohne es vorher angekündigt zu haben, und er war geneigt, das auf die Unkenntnis der ihrer Würde noch gar sehr Ungewohnten oder auf ihre mangelhafte Vorbereitung dazu zu schieben, – bis er die Königin mit ihren Grübchen lächeln und dann sogar lachen sah. Und da begriff er – denn er verstand sich gut auf die Menschen, Seine Exzellenz, der Freiherr von Tittmann, trotzdem ihm eigentlich keiner das zutraute. Auch ein andrer begriff, das war der Zeremonienmeister Graf von Tannenbruch, und er wechselte einen raschen, amüsierten Blick mit einem dunklen Mädchenkopf in der Reihe der Hofdamen, der sich ihm mit ein paar lustig funkelnden Augen, rund und groß wie schwarze Kirschen, zuwandte. Evident hatte auch dieser markante Kopf auf der kleinen, zierlichen Gestalt begriffen und das war eigentlich kein Wunder, denn Fräulein Johanna von Hartwig, Hans genannt, war mit der neuen Königin aufgewachsen, hatte alle die lustigen Jugendstreiche, an denen das fürstliche Haus Rothenburg eine reiche Chronik aufzuweisen hatte, mit ihr verübt und war die Auserwählte, die der Freundin im Range einer Hofdame nach Treustadt folgen gedurft, »damit sie doch in der neuen Heimat jemand hatte, der ihr die alte verkörperte«, wie der König es so hübsch ausgedrückt und gefühlt hatte.

Ob es noch ein vierter, die Hauptperson, der König, verstand, warum die Königin sich eigenmächtig und ohne sich zuvor darüber zu verständigen, über die hergebrachte Zeremonie hinwegsetzte, war nicht zu sagen, denn er gab kein Zeichen, daß er es tat, aber er begriff, daß seine Gemahlin das Versäumte nicht nachholen konnte, ohne die Übergangenen zu beleidigen, und damit zeigte er sich der armen Frau von Geyers überlegen (wozu nicht viel gehörte), die ohne Unterlaß vor sich hinmurmelte: »Majestät müssen die Hand zum Kusse reichen«, bis sie sich damit in einen Zustand gelinden Blödsinns hereinmurmelte, aus dem sie erst die Beendigung der Zeremonie riß.

Nun traten die Majestäten mit den nächsten Familienangehörigen in einen Nebenraum, bis die vielgeplagten Hofchargen den Zug in die Säle geordnet hatten, in denen das Diner stattfinden sollte – ein Diner bei Sonnenschein, weil der König heute noch mit seiner jungen Gemahlin nach dem Lustschlosse abreisen wollte, das für den kurzen Honigmond eines Monarchen hergerichtet und seine Morgengabe für die Königin war. – –

Während in den Kreisen der festlich Versammelten der ausgefallene Handkuß lebhaft besprochen wurde und natürlich die verschiedenste Beurteilung und – Verurteilung erfuhr, kam im Fürstenzimmer dieselbe Bombe unverweilt zum Platzen.

»Darf ich Sie fragen, mit welcher Berechtigung Sie eine Zeremonie unterlassen haben, deren willkürlicher Ausfall mit Recht allgemein mißfällig bemerkt wird?« fragte die Königin-Mutter ihre Schwiegertochter laut und scharf, als sich die Türen kaum hinter ihnen geschlossen hatten.

»Mit dem Rechte der Reinlichkeit und der Hygiene, Majestät«, erwiderte Königin Lily klar, unbefangen und mit aller ihrer natürlichen Liebenswürdigkeit.

Diese Antwort hatte die Königin-Mutter nicht erwartet – irgendeine verwirrt unter ihrem strengen Blick gestammelte Entschuldigung, irgendeinen Vorwand, ja, aber nicht diese klare, furchtlose Antwort, aus der ein so gesunder Geist wehte, daß die Versammelten sich unwillkürlich um die strahlende Gestalt scharten, von der es wie eine erfrischende Brise ausging. Erstaunt sah die Königin-Mutter erst ihre Schwiegertochter an und dann unwillkürlich herab auf ihre Hand, die gerötet von den vielen hundert Handküssen ihr plötzlich auch deren Spuren zu tragen schienen und hastig zog sie ihr spinnwebendünnes Spitzentaschentuch hervor und wischte damit über das mißhandelte Glied.

»Majestät sollten die Hand gleich mit einem Desinfektionsmittel waschen«, fuhr Königin Lily harmlos fort. »Ich bewundere den Heroismus, mit dem Sie sich, einer überlebten Sitte wegen, dieser Gefahr aussetzen. Es schien mir, als ob ich nicht das Recht hätte, allen diesen armen Menschen zuzumuten, dieselbe Stelle mit den Lippen berühren zu lassen, wenn ich auch hoffe, daß die meisten so klug waren, nur in die Luft zu küssen.«

Die erstaunt und zum Teil auch bewundernd auf die junge Königin gerichteten Blicke sahen einander jetzt verblüfft an und dann flog ein Murmeln, von einem Lächeln begleitet, durch den verhältnismäßig kleinen Kreis. Aber nur Ihre Königliche Hoheit die Prinzeß Sophie fand den Mut, sich direkt zur Sache zu äußern.«

»Lily hat recht, – die ganze Geschichte ist mit dürren Worten eine Schweinerei!« sagte sie sehr laut und sehr bestimmt. Man war ja unter sich und durfte schon deutlich werden.

»Meine liebe Sophie –!« verwahrte sich die Königin-Mutter mehr gewohnheitsmäßig als wirklich entsetzt durch den Ausdruck, denn sie rieb noch immer perplex und verstummt über ihrer Hand herum.

»Na, wenn man hier nicht deutsch reden soll, dann kann ich auch ›cochonerie‹ sagen«, murrte Prinzeß Sophie zum geheimen Gaudium ihres Auditoriums. »In diesem Falle möchte ich aber noch das Prädikat ›sale‹ hinzusetzen.«

Die Königin-Mutter antwortete nicht. Ihr immer noch schönes Gesicht hatte einen Ausdruck physischen Ekels angenommen und, sich rasch umwendend, ließ sie ihre Blicke suchend umherstreifen. »Ich möchte ein Waschbecken haben«, sagte sie, dem jüngsten der anwesenden Prinzen einen hilfeflehenden Blick zuwerfend. »Mit reinem Wasser, wenn kein Desinfektionsmittel zur Hand ist. Und Seife«, fügte sie hinzu, die Hände ausgespreizt vor sich hinhaltend.

Der Prinz verschwand durch eine Seitentür, um einen Lakaien zu suchen, dem er den nötigen Befehl erteilen konnte und dann entstand eine Pause in dem Zimmer der Fürstlichkeiten.

»Es ist wirklich wahr, man müßte diese Zeremonie abschaffen«, sagte die Königin-Mutter nach einer Weile, indem sie den König ansah.

»Meine Frau hat es schon getan, liebe Mama«, erwiderte Leo VII. nicht ohne Humor. »Sie ist deinen Wünschen zuvorgekommen.«

»Wie Alexander, als er den berühmten gordischen Knoten zerhieb«, meinte Prinzeß Sophie trocken.

Königin Lily lachte, lachte laut und ungeniert hell heraus wie ein Kind, das eben einen lustigen Streich ausgeführt hat.

»Wer hätte denn auf mich gehört, wenn ich's vorher gesagt hätte?« fragte sie nicht ohne Berechtigung. »Um Gotteswillen, was hätte das für eine Revolution gegeben und was für Weitläufigkeiten! ›Der Handkuß wird ausfallen‹ hätte allen Eingeladenen mitgeteilt werden müssen. Wenigstens behauptete es Frau von Maritz. Sie kennt sich in solchen Fragen aus, nicht wahr, Hans Heinrich? Da dachte ich mir, ich will den zuständigen Behörden diese Mühe lieber sparen und wenn sie darüber auf dem Rücken liegen, so müßte das sehr lustig aussehen. Mit Ausnahme meiner Frau Obersthofmeisterin haben sie sich aber tapfer auf den Beinen gehalten.«

Die Königin-Mutter konnte es nicht verhindern, daß die Anwesenden diese Erklärung mit einem Lachen aufnahmen, das sie selbst fast angesteckt hätte, aber auch nur fast, denn zu den vielen schönen und nützlichen Dingen, die eine sonst so verschwenderische Natur ihr versagt hatte, gehörte auch der Humor, der ihrer Ansicht nach der Königlichen Würde nicht entsprach. Der Beifall des fürstlichen Kreises brachte also nur ein Zucken ihrer Lippen zu wege, das sie sehr schnell unterdrückte.

»Ich hätte es trotzdem für passend gefunden, wenn der König mich vorher von dem allerhöchsten Willen seiner Gemahlin verständigt hätte«, sagte sie mit hohnvoller Betonung. »Denn ich nehme doch an, daß du, lieber Leo, eingeweiht warst.«

»O nein, Leo wußte nichts von meiner Absicht«, fiel Königin Lily ein, ehe der König etwas sagen konnte, was ihm herzlich schwer gefallen wäre, denn das Faktum einzugestehen, konnte ihm nicht leicht fallen und lügen hätte er weder gekonnt noch gewollt.

»Nun«, erwiderte die Königin-Mutter gereizt, »das wäre ja ein schöner Anfang, – ein Anfang der Überraschungen für den Gatten wie für den König, der hoffentlich noch nicht so unter dem Pantoffel steht, daß er nicht den Modus finden dürfte, seiner Gemahlin klar zu machen, bis zu welcher Grenze sie füglich in ihren Anordnungen gehen darf.«

»Donnerwetter, jetzt wird's schwül«, flüsterte einer der jungen Prinzen seinem Nachbarn zu. »Die schwiegermütterlichen Standpauken fangen ja recht prompt an!«

Zum Glück erschien eben der glücklich erwischte Lakai, der ein etwas einfaches Waschbecken, jedenfalls aus der Region der Dienerschaft, ein dito Stück Seife und ein Handtuch trug, und während die Königin-Mutter sich die Hände wusch, patschte Prinzeß Sophie wohlwollend die Schultern der jungen Königin und drückte damit ihren Standpunkt aus. Das Gesicht des Königs hatte sich unter den scharfen Worten seiner Mutter dunkel gefärbt, denn es ist für keinen Mann angenehm, sich einen präsumtiven Pantoffelhelden nennen zu hören und solche Peitschenschläge haben schon manchen zum Tyrannen gemacht, der gar kein Talent dazu hatte; aber noch stand er zu sehr unter dem Zauber seiner Braut und so quittierte er nur durch ein leichtes Achselzucken die schneidende Rede und warf einen flüchtigen Blick zur Seite, um den voll auf ihn gerichteten Augen seiner Gemahlin zu begegnen, in denen die ruhige Zuversicht in sein besseres Verständnis, aber auch keine Spur von Schuldbewußtsein wunderbar beredt zu lesen war.

Der Fürst von Rothenburg aber war empört. Natürlich hatte es ihm nicht verborgen bleiben können, daß die Königin-Mutter die Wahl ihres Sohnes nicht billigte; er hatte auch gewußt, daß sie alles versuchte, um die Heirat zu hintertreiben, aber er hatte sich mit dem Gedanken getröstet, daß sie sich schließlich in das Unvermeidliche fügen und so viel Gewalt über sich besitzen würde, ihrer Schwiegertochter die eigne Enttäuschung nicht entgelten zu lassen und fand sich in diesem Punkte nun bitter enttäuscht. Was sollte daraus werden, wenn es so fortging? Würde der König genug Energie besitzen, seine Schwester, der noch niemand im Leben unfreundlich begegnet war, vor seiner eignen Mutter zu schützen? Das freundliche, tapfere, zuversichtliche Lächeln, mit dem die »Goldne« zu ihm herübergrüßte, als sie seine finstere Stirn sah, beruhigte ihn ja wohl in etwas, denn verwöhnt durch Liebe, wie sie war, wußte er auch, daß sie Mut besaß und unbeirrt geradeaus ging, wo sie den rechten Weg einmal erkannt hatte, – aber der Boden von Rothenburg war doch himmelweit verschieden von dem des Hofes von Treustadt – –

»Die Königin, Ihre Schwester, hat uns heute gezeigt, wie denkfaul man eigentlich doch dahinlebt und sich vom Hergebrachten tyrannisieren läßt«, sagte da eine ruhige, gelassene, vornehme Stimme und sich rasch herumwendend sah er die Herzogin Xenia neben sich stehen. »Wir müssen ihr dankbar dafür sein, daß sie uns auf etwas aufmerksam gemacht hat, was eigentlich schon ein paar Generationen zu lange geübt wurde.«

»Wenn's nur nicht ein Kampf mit Windmühlenflügeln ist!« erwiderte der Fürst überrascht, daß gerade von dieser Seite eine so offene Parteinahme für seine Schwester kam.

Die Herzogin antwortete ihm zunächst mit einem Lächeln, das aber bei ihr nicht gewohnheitsmäßig und darum schon etwas Rares war, und dann sagte sie mit der gleichen Gelassenheit:

»Windmühlen sind im Zeitalter der Maschinen zum dekorativen Schmuck der Landschaft herabgesunken, aber auch Dekorationen können störend wirken, wo sie nicht hingehören. Was also zur Zeit der Don Quixote eine Torheit war, hat heut Berechtigung erlangt. Ich bin eben zu der Erkenntnis gelangt, daß uns mehr Windmühlenflügel im Wege stehen, als wir in unsrer gewohnheitsmäßigen Blindheit sehen und bin von der Aussichtslosigkeit eines Kampfes dagegen gar nicht überzeugt.«

»Ah – ja, vorausgesetzt, daß man es damit nicht anfängt wie der gute Ritter Don Quixote«, erwiderte der Fürst lebhaft und mit einem Blicke unverhohlener Bewunderung auf die kühle, vornehme Erscheinung an seiner Seite.

»Nun, Rothenburger Art scheint das auch nicht zu sein«, sagte sie lebhafter, als ein Mensch sie je gesehen. »Ich kenne die Königin zu wenig, um mir ein Urteil über sie erlauben zu dürfen, aber ich bilde mir ein, daß sie, in diesem Punkte wenigstens, nicht nach Canossa gehen wird. Die Zeremonie des Handkusses, wieder eingeführt, wäre auch nichts als nur ein geflickter Windmühlenflügel, der den ersten Lanzenstoß nicht aushalten würde.«

»Wenn aber als Flickmaterial die Macht der Gewohnheit genommen wird, Herzogin, was dann? Das ist ein eisenfester Kitt, gegen den die Kräfte eines jungen Mädchens schwerlich etwas ausrichten können. Ich denke dabei nicht allein an die Zeremonie, deren Spuren die Königin-Mutter eben so energisch zu vertilgen sucht. Aber meine Schwester ist durch ihre von der Schablone ganz abgewichene Erziehung gar nicht gewohnt, sich an Windmühlenflügel zu stoßen und wird sie daher zur Seite schieben, wo sie ihren Weg durch sie gehindert sieht.«

»Tant mieux, Fürst. Eine prinzipielle Opposition von meiner Seite hat die Königin dabei nicht zu erwarten. Zu einer Unterstützung freilich wäre ich machtlos, weil die Hände mir nach jeder Richtung gebunden sind. Ich bin nichts als ein Gast in Seeland und zwar, wie mir scheinen will, ein ungern gesehener Gast.«

Hans Heinrich von Rothenburg kannte die Herzogin Xenia nicht, sonst hätte er gewußt, daß ihr stolzer Mund solche Worte noch vor keinem Menschen gesprochen hatte. Er konnte darum auch nicht ahnen, daß gerade ihm gegenüber sie etwas dazu trieb, dem sie selbst keinen Namen geben konnte und als sie es getan, da erschrak sie vor sich selbst, es war ihr, als hätte sie eine Grenze überschritten, die sie um keinen Preis überschreiten durfte, weil die Schildwache ihres Stolzes davor Posten stand. Durfte, konnte ein Wachtposten aber einschlafen? War das erhört? Sie rüttelte den Pflichtvergessenen auf der Stelle wach, reckte den stolzen Kopf in die Höhe und – begegnete dem Blicke des Fürsten, der sie mit seinen offenen, treuen, blauen Augen ansah, dankbar, mitleidig, bewundernd – was war's, das in diesem Blicke lag?

»Es ist heut der Vorabend der Johannisnacht«, sagte sie verwirrt. »Wenn die Scheiterhaufen zu den Sonnwendfeuern aufgerichtet werden, dann kommt immer etwas Phantastisches über mich, ich bilde mir Dinge ein, die in Wirklichkeit nicht sind. Manche Menschen sind solchen Stimmungen unterworfen, nicht? Oder ist das auch eine der Windmühlen, die nur noch die Berechtigung einer Dekoration haben?«

Ehe der Fürst antworten konnte, und wie gerne hätte er's getan, weil er damit auf sein Gebiet gekommen wäre, – meldete der Obersthofmarschall, daß die Tafel bereit wäre und der letzte Akt des großartigen Schauspiels der Vermählungsfeier des Königs begann.

Endlich war auch das überstanden, die Trinksprüche waren verklungen, die Eingeladenen waren entlassen, das Schweigen kehrte zurück in die Prunkgemächer des Königsschlosses, der Tresorier hatte die Kronjuwelen in Empfang genommen und eilte, die ihm anvertrauten Kostbarkeiten in die Stahlkammern des Schatzes zurückzubringen, mit einem Seufzer der Erleichterung wurden schwere Courschleppen abgelegt, müde Glieder gestreckt und während die Sonne sich schon stark im Westen neigte, fuhr aus einem Seitenportal des Schlosses ein offener einfacher Zweispänner heraus, um auf dem Umwege durch menschenleere Seitenstraßen auf lautlosen Gummirädern der Landstraße zuzurollen, die noch im vollen Glanze des einbrechenden Sommerabends lag.

In dem Wagen aber saß ein einfach gekleidetes Paar – der König von Seeland und seine Gemahlin, und ihr Ziel war ein im Walde auf einem Hügel liegendes Schlößchen, der persönliche Besitz des Monarchen, das seit Menschengedenken unbewohnt lag, vor hundertfünfzig Jahren aus einer königlichen Laune entstanden und ebenso rasch wieder vergessen und verlassen. Ganz zufällig war der König im Vorjahre einmal dahin gekommen – und war entzückt von der Lage und von dem Bau, der seinem Umfang nach die Bedingungen eines »Jagdpavillons«, als welcher er im Inventar aufgeführt war, weitaus übertraf und hinreichenden Raum bot für einen kleinen Haushalt – was man so unter »klein« mit dem Maßstabe einer Hofhaltung mißt, denn für einen Privatmann wäre der Pavillon schon ein Schloß gewesen. Nachdem er den »Pavillon« einmal im ganzen Reize eines goldigen Herbsttages gesehen, mußte der König immerzu an diesen Besitz denken, von dem er bisher nichts gehabt und nichts gewußt hatte, als die Unterhaltungskosten. Er fing an, über die innere Einrichtung, die nur eben angedeutet vorhanden war, und über die Anlagen der gänzlich vernachlässigten Umgebung nachzudenken und verwarf diese Pläne wieder, weil es ihm plötzlich auffiel, daß alles das nicht für ihn, den Junggesellen paßte. In das köstliche Nest, das er sich ausgedacht, gehörte eine Frau, eine blonde, schlanke, schöne Frau – aber die Herzogin Xenia war dunkel und für eine »Freundin« fehlte dem König alle und jede Neigung. Nachdem er also die Ausgestaltung des »Pavillons« auf die Liste aller der Träume gesetzt hatte, die er als unerreichbar erkannt, trat ihm das Ideal, das er sich von der einzigen für ihn möglichen Lebensgefährtin zuletzt so geschaffen, daß er lieber ohne eine Frau als mit einer andern bleiben wollte, in der Gestalt der Prinzessin Lily entgegen und nun wußte er auch, für wen er den Pavillon hatte einrichten wollen.

Er tat es nicht nur mit verschwenderischer Hand, denn das kann jeder Protz, sondern vor allem mit Liebe, mit Phantasie und bei der kleinsten Einzelheit immer im Hinblick auf die Person, die darin an seiner Seite ein buen retiro, eine Ruhestätte von den Lasten ihres Standes finden sollte, dahin sie sich flüchten konnte für Tage oder Stunden, um Erholung in der Einsamkeit zu finden. So wurde aus dem Pavillon ein kostbarer Schrein zur Aufnahme des lebenden Heiligtums seiner Seele, und weil sie in seinen Augen schien, was sie in der Tat war: »so schön, so hold, so rein«, so stimmte er alles auf diesen Ton. Nichts war schwer darin oder frivol, nichts dunkel und düster, alles heiter, licht, in zarten Pastelltönen und wiewohl dem äußeren Barockstil auch im Innern durchaus angepaßt, war doch alles, ohne die Absicht merken zu lassen, vermieden, was den Eindruck des Schwülen oder gar Schlüpfrigen machen konnte. Und über dem Portal stand in goldenen Buchstaben »Lilianeum« –

Da die Königin-Mutter, konsequent in ihrer Opposition, von der Einladung ihres Sohnes, die Morgengabe für seine Gemahlin zu besichtigen, keinen Gebrauch gemacht hatte, so hatte das Lilianeum auch noch kein andres Auge gesehen. Vage Gerüchte von der wunderbaren Einrichtung dort gingen in Treustadt um; man erzählte sich fabelhafte Dinge von der verschwenderischen Pracht, mit der Leo VII. das vergessene und verlassene Schlößchen ausgestattet, daß eine der ersten Seidenfabriken Tag und Nacht habe arbeiten müssen, um die Tapeten, Vorhänge und Möbelbezüge noch rechtzeitig herzustellen, auf denen sich auf zartestem, ja sogar weißem Grunde die weiße Lilie in den extra von Künstlerhänden gefertigten Zeichnungen immer wiederholte; daß die Königliche Porzellanmanufaktur alles Porzellan mit Lilienmuster hergestellt hatte, daß die elektrischen Beleuchtungskörper die Form dieser Blume hatten und die Fresken, mit denen einer der ersten Maler der Residenz betraut worden war, eine einzige, reich variierte Apotheose der Lilie war und die Anlagen nur mit Lilien in ihren einheimischen und ausländischen, seltensten Varietäten bepflanzt wurden. Ja, sogar das Silberzeug sollte in der Form dieser königlichen Blüte hergestellt worden sein und wenn auch kein einziges Auge sich von der Wahrheit dieser Gerüchte überzeugen durfte, so hatten sie ausnahmsweise doch einmal recht: es war genau alles so geschaffen worden, wie es sich trotz aller Geheimhaltung verbreitet hatte, weil ja der König kein Stillschweigen darüber verlangt, sondern nur eine Ausstellung verboten hatte, und daß die Neugierde sich nicht zu der Indiskretion verleiten ließ, einzeln und in Scharen hinauspilgernd, in das Lilianeum einzudringen, dafür sorgte das kunstvolle, vergoldete Eisengitter, dessen Spitzen in Lilien ausliefen. Durch dieses wurde der Wald soweit eingefriedet, daß auch das schärfste Auge nicht das Privatissimum eines Königs erspähen, bekritteln und profanieren konnte. Anfangs schien das sogar böses Blut zu verursachen, aber die offiziöse Presse bemühte sich nicht vergebens, dem Publikum klar zu machen, daß es sich hier nicht um ein Gut der Krone handelte, dessen Besuch aller Welt in liberalster Weise gestattet werden würde, sondern um einen Privatbesitz, in den sich zurückzuziehen ein König das gleiche Recht hätte, wie jeder Bürger, der in der Lage wäre, ein eignes Haus zu haben und damit beruhigten die Gemüter sich auch zum größten Teil, wenigstens die einsichtigen. Das Lilianeum konnte mit raschen Pferden von Treustadt aus in einer Stunde erreicht werden; so nahe der Residenz und doch ganz weltfern inmitten des Königlichen Forstes, schien es für den gewollten Zweck geeignet wie kein andrer Ort; durch das Telephon verbunden mit den maßgebenden Stellen, waren der Monarch oder seine Gemahlin, oder alle beide, in dringenden Fällen sofort erreichbar – aber auch nur in solchen. Dafür hatte der König gesorgt. Es war auch alles darauf eingerichtet, einen kleinen, gewählten Kreis von Gästen in dem Schlößchen zu empfangen, besonders Bevorzugte darin aufzunehmen, aber Wohnung für ein größeres Gefolge war nicht vorgesehen, – mit der notwendigen Bedienung endete auch die Begleitung des Königspaares, das hier weder Hofdamen noch Adjutanten und Kammerherren mitnahm.

Und so saß auch nur ein Lakai in der sogenannten kleinen, unauffälligen Livree auf dem Bock neben dem Kutscher, als der König seine Gemahlin nach der Vermählungsfeier hinausbrachte in das Lilianeum, das er ihr zum alleinigen, unbeschränkten Privatbesitz schenkte.

Die Feier mit der langen, langen Cour in der schweren Robe war anstrengend und im höchsten Grad ermüdend gewesen, die natürliche Gemütsbewegung hatte den Rest getan, und eine fast durchsichtige Blässe auf dem lieblichen Gesichte, lehnte die Königin in dem Wagen und atmete erst auf, als dieser die Stadt hinter sich hatte und auf der mit Kirschbäumen eingefaßten Landstraße dem Ziele entgegenrollte. Gewohnt an den farblosen Teint seiner Mutter und seiner Cousine, fiel dem Könige die Blässe seiner Gemahlin nicht auf; daß sie müde sein mußte, nahm er wohl an, denn auch er war es, aber diese Anstrengungen gehörten eben zum »Metier«, und er dachte nicht daran, daß damit jemand zu viel zugemutet sein konnte, und da auch die Nähe der Leute auf dem Kutschbock eine intimere Unterhaltung verbot, so fiel es ihm nicht auf, daß sie schweigsamer war, als er es vielleicht erwartet hatte. Doch es war nicht die Müdigkeit allein, welche die junge Königin verstummen machte, denn trotz der unmittelbaren, Sicherheit gebenden Nähe dessen, dem sie rückhaltlos ihr junges, unberührtes Herz geschenkt, für dessen Person sie eine vielleicht noch etwas sehr jugendliche Schwärmerei hegte, die im Grunde nicht weniger intensiv war als die, mit der ihre jüngste Schwester, der durchlauchtigste Backfisch Vicky den König von Seeland zu ihrem Idol gemacht, – trotzdem sie ihm ganz vertraute und mit Begeisterung und gläubigster Liebe und Verehrung zu ihm aufsah, – jetzt wollte es sich wie Heimweh in ihr Herz schleichen. Es war ihr, als müßte sie aus dem Wagen herausspringen und zurücklaufen nach dem kleinen, stillen, verträumten Rothenburg, wo ein jeder sie mit strahlendem Gesichte grüßte, jedes Kind ihr in die Arme lief und keine Seele etwas darin fand, wenn sich die Prinzessinnen in den öffentlichen Anlagen zum »Hascherlesspiel« mit der Schuljugend herumjagten und den Konditorladen auskauften, um süße Preise verteilen zu können. Und wo es oben im Schlosse so gemütlich war, die Gäste sich darin bewegten, wie in einem Privathause, wo kein Hofmarschall, keine Obersthofmeisterin erst vermitteln mußte, wenn jemand einen sprechen wollte oder umgekehrt. Unwillkürlich faßte sie mit der Hand an den Kopf – sie spürte noch immer die Last der Krone darauf und an den Schultern den Druck, den die daran befestigt gewesene Schleppe so arg ausgeübt, daß sie während der Cour gemeint hatte, sie müsse ihm nachgeben und einmal, nur für einen kurzen Augenblick in die Knie sinken, um die Last zu erleichtern. Und dann schmerzten auch die unfreundlichen Worte der Königin-Mutter, und die versuchte Tyrannei der Obersthofmeisterin klang ihr wieder in den Ohren –

Waren das die Dornen an den Rosen des Lebens, deren Erblühen sie mit jauchzendem Herzen begrüßt? Sie war so frohen Sinnes erst gestern morgen von Rothenburg geschieden und hatte ihren betrübt zurückbleibenden Schwestern, der Gemahlin des Freiherrn von Burgpreppach (weil man diese in der Hofrangordnung von Treustadt nicht »unterzubringen« wußte) und der noch nicht »erwachsenen« Prinzeß Vicky so heiter Lebewohl gesagt und letzterer vollkommen recht gegeben, als sie ihr nachgerufen: »Was mußt du glücklich sein, Goldne, – denn du wirst ja seine, seine Königin!« Und nun, da sie als seine Königin an seiner Seite saß, da kam das Weh dieses Abschiedes aus der Heimat erst über sie, die heißen Tränen schossen ihr in die Augen und sie hatte alle Mühe, daß sie nicht gar zu weinen anfing. Aber sie tat es nicht; frei und zwanglos, wie die Prinzessinnen von Rothenburg erzogen worden waren, hatten sie sich nach jeder Richtung beherrschen lernen müssen und Frau von Maritz hatte ihr noch besonders eingeprägt, wie notwendig ihr die Selbstbeherrschung in ihrer neuen, verantwortlichen Lebensstellung sein würde. Es ist auch gar nicht wahr, daß Tränen allemal erleichtern; im Gegenteil, vielen nehmen sie nur die Kraft zum Widerstande gegen das Leid und den Kummer und die vielen Widerwärtigkeiten, die man durch Tränen nicht besiegt.

Die Königin machte die Augen fest zu, als sie es mit einem Male so heiß, so feucht, so unwiderstehlich darin aufsteigen fühlte, sie zog den Atem schnell und scharf ein und –

»Bist du gar so müde, – Goldne?« fragte die Stimme des Königs leise neben ihr.

Da war's vorbei – warm strömte es ihr durch den ganzen Körper, vom Herzen ausgehend, wie wenn die Sonne durch schweres, düsteres Gewölk bricht – woher wußte er diesen Namen, mit dem er die Heimat mit einem Schlage an seine Seite verpflanzte? Sie wandte ihm ein liebliches, strahlendes, seliges Antlitz zu, in dem nur die Augen etwas verdächtig feucht schimmerten.

»Ja, rechtschaffen müde bin ich schon«, sagte sie ehrlich, »aber das war es nicht allein – ich hatte Heimweh.«

»Ja«, nickte er verständnisvoll, »das ist ganz natürlich. Aber wir sind bald daheim.«

»Daheim!« wiederholte sie. »Daheim in Seeland! Es ist alles noch wie in einem Traume. Eine Weile glaubte ich sogar, daß mich der Alp drückte, das war während der Cour und dem Diner – aber jetzt ist wieder ein Traum daraus geworden. Oder ist es wirklich wahr, daß mich der König von Seeland geheiratet hat?«

»Goldne!« murmelte er statt jeder andern Antwort, aber nach einer kleinen Pause setzte er mit einem leisen Seufzer hinzu: »Ich fürchte, das Alpdrücken wird noch oft wiederkommen, denn mich drückt's auch manches Mal. Man gewöhnt sich daran. Aber was an mir liegt, uns den Traum zu erhalten, das soll geschehen, denn auch mir ist's, als träumte ich, weil ich dich gefunden und errungen habe.«

Sie nickte glücklich. »Das erinnert etwas an Rothenburg«, meinte sie dann mit einem frohen Gefühle, als der Wagen in den Wald einlenkte, der hier ein wenig bis zu dem kleinen Hügel hinan stieg, auf dem das Lilianeum lag. Sie wußte nichts von dem neuen Namen des Schlößchens, nicht, daß es ihr gehören sollte – die Überraschung war gut geheim gehalten worden und nun war es wirklich eine, und zwar eine große für den bescheidenen Sinn dieser jungen Königin, die heute früh als ein relativ »armes« Prinzeßchen aufgewacht war, um sich als Herrscherin über Millionen wieder schlafen zu legen – –

Schon die Inschrift: »Lilianeum« über dem Portal, vor dem der Wagen hielt, war eine Überraschung, die sie bis zu Tränen rührte – bei der Besichtigung ihres neuen Reiches aber fand sie keine Worte mehr, nicht, weil der Glanz sie überwältigte, sondern die Liebe, die alles das für sie, einzig für sie geschaffen, ausgedacht, geordnet hatte. Sie wußte ja, daß der König sie um ihrer selbst willen gewählt hatte und nicht politischer und andrer Vorteile wegen, aber sie hatte doch nicht geahnt, daß er einen solchen Kultus mit ihrer ihm gegenüber unbedeutenden Person trieb, wie er ihr hier entgegentrat und diese Erkenntnis machte, daß ihre natürliche Scheu sich mit einem Schlage verlor und gerührt, hingerissen, überglücklich schlang sie ihre Arme um seinen Hals und lehnte ihr glühendes Gesicht an seine Schulter und was die Welt nur zur Hälfte vermutete, was Dichter und Weise zu allen Zeiten für ein Ding der Unmöglichkeit erklärt und besungen haben, hier »ward's Ereignis«: Leo VII. von Seeland war glücklich »wie ein König!«

Vielleicht hätten die Dichter es für ein schlimmes Omen erklärt, daß sie, die er in den Armen hielt, weinte. »Nur aus Glück!« versicherte sie, als der heiße Quell unaufhaltsam aus ihren Augen strömte. Gewiß gibt es viele, die vor Glück, vor lauterem, vollkommenen Glück leichter weinen, als bei einem großen Leid, aber der jungen Königin trieb auch, ihr unbewußt, die Reaktion der starken Gemütsbewegungen dieses Tages die Tränen, die oft heut mit Gewalt zurückgehaltenen, aus den Augen und dann klang durch die Jubelhymne ihres Glückes noch ein Unterton für den sie keinen Namen hatte, – ein Unterton, wie wenn unirdische Finger Saiten berührten, die das Auge nicht sah, Saiten von einem so eignen, fremden, nie gehörten Klange, daß es wie ein Schauer durch ihre junge Seele lief, ein Schauer von etwas so Erhabenem, wie es nur Wenige, Auserwählte in Augenblicken des Lebens wie aus einer weiten, weiten Ferne herüberklingen hören, um unbegriffen wieder zu verhallen.

Aber noch einmal, nur etwas deutlicher, hörte oder fühlte sie diesen Unterton durch ihre Seele klingen, und das war, als sie am Arm des Königs, während die Dämmerung sich schon über den Wald ausbreitete, durch die Anlagen schritt und mit Staunen sah, welch wechselvolle und farbenreiche Bilder die Kunst des Gärtners durch die Varietäten einer einzigen Blume, der Lilie, zu schaffen gewußt hatte. Sie kamen dabei, vom Schlosse durch Teppichbeete, zwischen denen eine Fontäne ihren hohen Wasserstrahl emporwarf, getrennt, unter eine Gruppe hoher Blutbuchen unter der eine halbkreisförmige Bank von weißem Marmor stand, flankiert von zwei marmornen Piqueuren in der Tracht des achtzehnten Jahrhunderts, die, das Jagdhorn an den Lippen, die linke Faust in die Hüften gestemmt, eine unhörbare Fanfare dem Schlosse zuzuschmettern schienen. So hatten sie schon über hundertfünfzig Jahre gestanden und seit hundert Jahren vielleicht hatte der Schritt eines königlichen Jagdherrn sich nicht mehr dieser Bank genaht um darauf zu rasten, hatte keine leis' rauschende seidene Schleppe mehr die zwei Stufen gefegt, die zu ihr heran führten.

»Welch köstliches, malerisches Plätzchen! Laß uns hier niedersitzen, Leo!« hatte die Königin gerufen, aber als sie neben ihm auf der Bank saß, vor sich den weiten lilienbepflanzten Plan mit der leise plätschernden Fontäne, im Hintergrunde das weiße Schlößchen, hinter dem der Abendhimmel in der Glut eines rotgoldenen Sonnenunterganges wie in Flammen stand, während oben an dem türkisblauen Horizont eine weiße, blasse Mondsichel schwamm, da hörte sie den Unterton deutlicher durch ihre Seele klingen.

»Hier möchte ich schlafen, Leo«, sagte sie mit weitoffenen Augen, das unter einem inneren Schauer erblaßte Gesicht dem Abendrot zugekehrt, während sie die Hand nach der seinen ausstreckte.

»Schlafen?« wiederholte er verwundert.

»Ja, schlafen – bis zum jüngsten Tage«, nickte sie. »Das ist der Platz, – versprich mir, daran zu denken, ja?«

»Gewiß, Goldne – heut verspreche ich dir alles«, erwiderte er weich. Aber er hatte sie nicht verstanden, wie sie es meinte. Erst später kamen ihm ihre Worte wieder in den Sinn – später, als er sie überhaupt erst verstand und es zu spät dazu war – – –

Als die Johannisfeuer erloschen, die ringsum geloht hatten, seit das Dunkel eingebrochen war, als aus der in dem Lichtradius ihrer Laternen liegenden Residenz in der Ebene keine Raketen zur Feier der Vermählung des Königs mehr aufstiegen, um in tausend farbigen Sternen verpuffend in den Wellen der Treu glitzernde Widerspiele hervorzuzaubern, da verloschen im Lilianeum die letzten Lichter, der Tau der Nacht fiel herab auf den Lilienflor im Garten und unter den Blutbuchen um die Steinbank wob und flüsterte es leise. – Der Mond warf durch die Zweige ein Licht, in dem es schien, als senkten die steinernen Piqueure die Jagdhörner und schickten sich an, von ihren verschnörkelten Sockeln zu steigen, weil ihre Zeit hier vorbei war und sie Platz machen mußten für das Werk eines Meisters, zu dem der Marmorblock in den Steinbrüchen von Carrara schon gesprengt war, schon auf dem Wagen lag, auf dem langhörnige, rahmfarbene Ochsen ihn morgen zu Tal ziehen sollten – – –

Und in der Stille der Johannisnacht schwoll der Unterton im Glückhymnus der Königin von Seeland an zu einer Harmonie, von der die Menschen keine Ahnung haben, weil für irdische Ohren diese Klänge in dem Riesenraum verloren gehen, den wir die Welt nennen.


* * *


Schon während des königlichen Paares »Heimführung« nach dem Lilianeum, schon, als der Wagen das Weichbild der Stadt noch nicht hinter sich hatte, war die unvorbereitet ausgefallene Zeremonie des Handkusses zum Gegenstande einer allgemeinen Erörterung geworden. Was man »in der Stadt« darüber sprach, wie die Ansichten dort darüber verfochten wurden, dazu reicht der enge Rahmen dieser Geschichte nicht aus; uns gehen dabei nur die beteiligten Kreise an und in diesen tobte der Kampf der Meinungen wie ein Föhn in den Alpen, der sich bekanntlich auch auf den Höhen entwickelt und sonst mit der Windrose nichts zu tun hat. Bis zum Konklave der Lakaien herunter wurde die Angelegenheit gründlich durchgesprochen, und wenn die Sache an sich dabei weniger zur Geltung kam, so stand dafür die Person der Königin um so mehr im Vordergrunde. Viele freuten sich eigentlich über die Kühnheit die sie dabei bewiesen, aber wenige nur sprachen das aus und die Sorge: »wenn sie so anfängt, was wird sie dann weiter noch leisten?« stand im Vordergrunde aller der Besprechungen von den Mansarden bis in die Tiefen des Kellers herab. Die vier Hofdamen, von denen immer die zwei diensttuenden im Schlosse wohnten, fanden sich unverabredet im Salon der Fremden zusammen, um diese »Rothenburger Pflanze« zur Rede zu stellen über den Import einer so eigenmächtigen Königin und um zu erfahren, ob diese ihre Absicht schon daheim gefaßt und mit den Ihrigen besprochen hatte.

»Das weiß ich nicht, denn ich war nicht dabei«, erklärte Fräulein von Hartwig ihren Kolleginnen teils belustigt, teils wütend darüber, daß ihr zugemutet wurde, aus der Schule zu plaudern. »Mir hat Lil – ich meine die Königin – nichts davon gesagt, trotzdem Tante Maritz, also sozusagen unsre Obersthofmeisterin, wenn schon sie den Titel nicht führt, die Handkußzeremonie mit uns so gut durchgeübt hat, wie alle andern auch. Am Objekt selbst, jawohl. Sie üben doch auch mit der Courschleppe, nicht?«

»Aber nicht ›am Objekt‹ selbst«, murmelte Gräfin Leonie Vombach, eine große, stattliche, aber schon verblühende Erscheinung, die es noch nicht verwunden hatte, daß ihre Mutter nicht zur Obersthofmeisterin ernannt worden war und deshalb gegen die Königin eine prinzipielle Ranküne hatte, trotzdem sie und der ganze Hof sehr genau wußte, daß die Königin-Mutter ihre Kandidatin durchgesetzt hatte.

»Objekt ist gut.«

»Es sollte keine Majestätsbeleidigung sein und schlüpfte mir nur so heraus, weil Lil – ich meine die Königin – sich selbst so genannt hat«, verteidigte sich Fräulein von Hartwig lachend und ärgerte sich dann, weil sie den Blick sah, den die anderen miteinander wechselten.

»Duzen Sie die Königin?« fragte Gräfin Leonie, ihre Kollegin »aus'm Hinterwalde« aufmerksam betrachtend.

»Auch darüber kann ich keine Auskunft geben, denn ich habe mit der ›Königin‹ noch kein Wort gesprochen«, erwiderte Fräulein von Hartwig prompt. »Mit der Prinzessin Lily von Rothenburg habe ich mich geduzt, denn wir sind miteinander aufgewachsen und duzten uns nach dem Willen der Herrschaften weiter, auch als wir erwachsen waren. Ich hoffe, es wird ihr gestattet sein, mich auch noch jetzt ›Du‹ zu nennen.«

»Sie wird sich schon selber gestatten, was ihr paßt. Nach der Probe, die wir heute von ihrem eignen ›süßen Willen‹ erhalten haben, wird sie sich den Kuckuck darum scheren, was ihr gestattet ist«, sagte Gräfin Leonie wesentlich herablassender.

»Ich hoff's von Herzen, daß ihr der Kuckuck nicht zu viel in den Weg legt«, lachte Fräulein von Hartwig belustigt. Und dann wechselten alle vier einen Blick und lachten im Quartett hell heraus, weil sie alle denselben Gedanken hatten.

»Lassen wir's die Parole sein«, schlug Fräulein von Grünwinkel, ein vergnügt ins Leben schauender, mordsgarstiger, aber klug aussehender Rotkopf vor.

»Kuckuck sei die Parole, – die Losung: die Goldne!« deklamierte Fräulein von Hartwig. »Dabei bin ich mit Leib und Seele.«

»Einverstanden«, ließ sich Gräfin Leonie herab, nach einem Moment der Überlegung einzustimmen. »Auf die Losung sind wir ja eigentlich eingeschworen. Es ist sozusagen unser Fahneneid. Mit dem ›Kuckuck‹ hatte ich's zwar in dem Sinne nicht gemeint, den die Damen ihm untergelegt, aber ich stimme bei. Die blinde Henne hat wieder einmal ein Korn gefunden. Der Geyer, dem wir den durchaus gleichwertigen Namen geben, ist ein alter Ekel, man mag ihn betrachten, wie man ihn will. Prinzipiell, wie ich als konservativ erzogener Mensch gegen jede Fronde bin, – hier mache ich mit.«

»Vielleicht ist sie gar nicht so schlimm, wie sie aussieht«, nahm die vierte sich der namenlos Gebliebenen an.

»Na, ich danke«, machte Gräfin Leonie, ihre Schleppe zusammenraffend. »Sie kommen als Unschuld vom Lande in dieses Wespennest, Sie wissen nicht, wie der Hase läuft. Warten Sie mal Ihre erste Dienstzeit ab, dann werden Sie schon anders krähen.«

Damit stand sie auf und gab Fräulein von Hartwig die Hand.

»Wir wollen zusammenhalten«, sagte sie in ihrer schleppendsten Art, mit der sie den Leuten zu imponieren suchte und es teilweise auch tat; besonders dem jüngeren Nachwuchs jagte sie damit einen heillosen Respekt ein. »Das verlangt schon unser Interesse, sonst gehen wir einfach – – zum Kuckuck. Aber nicht allein deswegen – es war hübsch von Ihnen, daß Sie die Losung ausgaben. Vorschlugen, heißt das. Ich mag loyale Menschen gern leiden. Sie sind wieder einmal einer von denen, die von sich sagen können: ›Wir Wilden sind doch bessere Menschen.‹ Womit ich mich für diesmal seitwärts in die Büsche schlage.«

Mit diesem merkwürdigen Kompliment rauschte sie heraus und als Fräulein von Hartwig ihr belustigt nachrief: »Na, wir Wilden in Rothenburg scheinen wenigstens heilsam auf ›Europens übertünchte Höflichkeit‹ einzuwirken!« da steckte sie ihren Kopf noch einmal zum Türspalt hinein und sagte lachend – tatsächlich lachend: »Ich habe immer für Bauerbrot geschwärmt – ohne darum die Gänseleberpasteten zu verachten.«

Auf diese sonderbare Weise wurde im Hofdamenkreise eine Freundschaft geschlossen, die etwas mehr war, als eine Mädchenfreundschaft und den Beweis lieferte, daß die hochmütige und unnahbare Leonie Vombach die Spreu sehr gut vom Weizen zu unterscheiden verstand.

Zwei Treppenfluchten tiefer wurde der Handkuß auch noch einmal aufgewärmt.

Nachdem sie die letzten Gäste je nach ihrer Stellung mehr oder minder gnädig verabschiedet hatte, rauschte die Obersthofmeisterin noch einmal durch die ganze Flucht der Prunkgemächer, um irgendeine Ungehörigkeit zu entdecken, ehe sie sich in ihre Wohnung zurückzog, die, geräumig und elegant eingerichtet, ihr im zweiten Stockwerke des Schlosses angewiesen worden war. Dabei traf sie in einem kleineren Nebenzimmer den Obersthofmeister, der mit dem Zeremonienmeister am offenen Fenster stand und ganz gemütlich eine Zigarre rauchte. Frau von Geyers fand das unschicklich, aber während sie noch überlegte, ob sie als Obersthofmeisterin eigentlich befugt sei, den Obersthofmeister dienstlich zu reißen, trat von der andern Seite der Minister von Wellmer in das Zimmer – gleichfalls rauchend.

»Ach, hier sind Sie, Tittmann?« rief er, »ich suche Sie schon überall! O, Frau von Geyers! Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten? Sie rauchen nicht? Schade, – Sie entbehren dadurch einer ganz hervorragenden Erfrischung nach einer solchen Schlacht, wie die, die wir eben geschlagen haben. Sie gestatten doch, daß ich weiter rauche!«

»Aber ich bitte darum!« beeilte Frau von Geyers sich zu erwidern, denn sie wünschte aus naheliegenden Gründen durchaus nicht, sich in einen Gegensatz zu dem Premierminister zu stellen, wenn sie ja auch wußte, daß er und die Königin-Mutter das alte Spiel von Hund und Katze fortspielten. Sie wußte aber ebensogut, daß er dabei immer als Sieger hervorgegangen war, und wenn sie sich in ihrer Stellung auch abhängig von der Königin-Mutter fühlte, so fand sie den alten Ausweg, daß man sich mit Gott gut stehen könnte, ohne darum unhöflich gegen den Teufel zu sein, ganz ihrer Lage zwischen den zwei Feuern angemessen. »Es freut mich, daß ich Sie zufällig hier treffe, Exzellenz«, fuhr sie liebenswürdig fort, »denn da kann ich Sie doch gleich fragen, ob wir demissionieren müssen.«

»Demissionieren? Wir?« fragte Herr von Wellmer erstaunt.

»Herr von Tittmann und ich, meinte ich natürlich«, beeilte sich Frau von Geyers zu erklären.

»Ja, meine Gnädigste – warum denn um alles in der Welt?«

»Nun, ich dächte doch, das wäre klar«, ereiferte sich Frau von Geyers. »Wenn die Königin mit geflissentlicher Übergehung derer, die dafür verantwortlich sind, das Zeremoniell abändert, dann ist man doch einfach desavouiert, blamiert und überflüssig geworden.«

»Hm –!« machte der Minister mit seinem freundlichsten Gesichte und fuhr sich durch seine grauen Haarstoppeln, »ich denke, wir machen aus dieser Sache keine Staatsaffäre. Vor allem keinen unnützen Skandal. Falls Sie's nicht herumerzählt haben, daß die Königin ohne Ihr Vorwissen gehandelt hat – na ja, freilich, wenn Sie's allen Leuten sagen, dann dürfen Sie sich auch nicht wundern, meine gnädige Frau, wenn glücklich ein Stadttratsch aus einer Sache wird, die doch eigentlich zu herzlich unbedeutend ist, um dazu aufgebauscht zu werden. Das war zum mindesten unvorsichtig, wenn Sie mir diese Kritik gestatten wollen, nicht wahr? Ganz abgesehen davon, daß die Obersthofmeisterin nicht die Person sein sollte, um Stimmung gegen die Königin zu machen, der sie zur Seite stehen soll – vor der Welt wenigstens.«

»I, so unklug wird Frau von Geyers doch nit g'wese sein, 's rumzuerzähle, daß sie nix davon g'wußt hat«, fiel Herr von Tittmann seelenruhig ein, indem er ein Auge zumachte und mit dem andern seine Kollegin anblinzelte, die wie mit Blut übergossen unter ihrem Federschmucke dastand. »Ich hab' mich durch Dick und Dünn durchg'loge. Und hab' der Königin natürlich recht gegebe, denn recht hat sie im Prinzip, und d' Leut dabei g'lasse zu glaube, daß die Königin-Mutter grad ebe expreß bei dem alte, dumme Zeremoniell gebliebe isch, damit das alte Sprichwort, daß eine böse Schwiegermutter des Teufels Unterfutter isch, nit sei' B'deutung einbüßt. Ich für mein Teil hab' also gar kei Ursach' zu demissioniere, wie's Frau von Geyers so diplomatisch ausdrückt.«

»Es fehlte auch noch, daß gleich mit einer Palastrevolution angefangen würde, denn wo zwei sich streiten, dann freut sich der dritte, – um nur bei den Sprichwörtern zu bleiben«, meinte Herr von Wellmer lachend. »Gnädigste Frau werden, – falls Sie wirklich so unvorsichtig gewesen sein sollten, gegen sich selbst auszusagen, die Sache mit der Ihnen eignen Gewandtheit in Ordnung zu bringen verstehen, nicht wahr? Freund Tittmann wird Ihnen dabei helfen und Graf Tannenbruch sicherlich ebenso das Seinige beitragen –«

Frau von Geyers begriff. Klug war sie ja nicht im höheren Sinn des Wortes, aber sie war gerissen. Und dann war die Stellung eine Lebensfrage für sie. Als »demissionierte« Obersthofmeisterin konnte sie nicht mehr auf ihren vorigen Posten als Staatsdame zu rückkehren und dann hatte sie die heikle Frage auch gar nicht aufs Tapet gebracht, um sich damit sozusagen auf den Pfropfen zu setzen, sondern nur um von ihrer durch den Rücken der Königin-Mutter gedeckten, unangreifbaren Höhe den Leuten unter die Nase zu reiben, wer sie war. Zu spät sah sie ein, daß sie damit an den Unrechten gekommen war und ihr Kollege Tittmann sich wieder einmal als der Weise gezeigt hatte, den man ihm nicht zutraute, zu sein. Die Demissionsdrohung also ohne weitere Erörterung fallen lassend, deckte sie ihre Schlappe durch ihre Entrüstung, die sogar ganz echt war.

»Die Fehler sind dazu da, daß sie gemacht werden«, rief sie mit unbewußter Selbstkritik, »aber es gibt doch gewisse Grenzen –«

»Eben darum, ja«, murmelte der Obersthofmeister dazwischen.

»– und das kommt davon, weil man die Vermählung so Hals über Kopf betrieben hat, ehe die Prinzessin für ihre Stellung genügend erzogen war – –«

»Pardon, – die Prinzessin ist ausgezeichnet erzogen worden«, fiel Graf Tannenbruch ohne Hitze aber sehr entschieden ein. »Ich finde, es spricht im Gegenteil sehr für ihre Erziehung, daß sie den Mut gehabt hat, frei und aus eigner Entschließung, ohne zuvor ein langes Gerede und Geschreibe daraus zu machen, mit einer Sitte aufzuräumen, die zum mindesten doch unzeitgemäß geworden ist.«

»Nun ja, es ist bekannt, daß der Hof von Rothenburg demokratisch ist«, entgegnete Frau von Geyers spitz, »aber es wundert mich, daß Sie, lieber Graf, als ein Seeländer dermaßen davon angesteckt worden sind.«

»Nun, es ist ja bekannt, daß man immer von seiner Umgebung abfärbt«, lachte Graf Tannenbruch amüsiert. »Der Demokratismus des Rothenburger Hofes hat mir sehr eingeleuchtet. Mehr noch: ich halte ihn sogar für möglich für einen größeren Hof, der ja freilich soweit nicht wird gehen können, ohne den Mechanismus seines Uhrwerkes vollständig durch einen neuen zu ersetzen. Hier geht die Uhr eben noch auf Spindeln, wenn's hoch kommt, mit Ankerwerk, – dort ist die elektrische Uhr schon eingeführt. Man hält's ja als Großstädter nicht für möglich, aber wenn man sich durch den Augenschein überzeugt hat, dann kommt man doch dahinter, daß man fern von Madrid in vielen Dingen weiter voran ist.«

Wenn er gehofft hatte, durch diese Wendung das Gespräch in andre Bahnen zu lenken, so hatte Graf Tannenbruch nicht mit der Elastizität des Gummibandes gerechnet, das immer wieder in seine vorigen Dimensionen zurückfährt, wenn man auch glaubt, es länger gemacht zu haben.

»Gott bewahre einen vor einem solchen Fortschritt; vor dem Rückschritt werden wir uns schon selber zu schützen wissen«, entgegnete Frau von Geyers mit der vollen Überlegenheit ihrer konservativen Überzeugung. »Die Frage ist jetzt nur: wie schützt man sich gegen solche ferneren Überraschungen? Die Königin ist noch keine zwölf Stunden da und stellt schon das ganze Reich auf den Kopf – –«

»Na! Na!« warf der Minister lachend ein.

»Jawohl, das hat sie getan!« beharrte Frau von Geyers auf ihrer Anklage. »Erst hält sie extempore dem Bürgermeister eine ganz andre Rede, als die ihr aufgeschrieben war –«

»Nee!« machte Herr von Tittmann überrascht und auch Graf Tannenbruch wurde aufmerksam.

»Ich habe wie begossen dabei sitzen müssen«, entrüstete sich Frau von Geyers noch einmal über das Entsetzliche. »Ohne auch nur einen Blick auf die ihr vorgeschriebene Rede, die sie sich vorher doch schon durchgelesen hatte, zu werfen, fängt sie an, frei zu sprechen! Ich dachte, ich müßte vor Angst und Scham aus dem Wagen springen und saß dabei wie auf Kohlen –«

»I der Deixel, das isch ja famos!« rief Herr von Tittmann strahlend. »Was hat sie denn gesagt?«

»Unverantwortliches, sinnloses Zeug!« rief die Obersthofmeisterin, rot vor Empörung.

»O nicht doch, – die Königin hat sehr hübsch, sehr innig und warm gesprochen«, fiel der Minister ein, in seine Brusttasche fühlend. »Ich habe natürlich schon das Stenogramm der kleinen Ansprache, – hatte es, ehe die Vermählung vollzogen war. Ungewöhnlich, wie es sein mag, so ist es doch sehr erfreulich, daß eine einziehende Königsbraut selbst die Worte findet mit denen sie danken kann, statt einfach abzulesen, was ihr aufgeschrieben worden ist. Das wirkt ja natürlich ganz anders, ganz unmittelbar und macht einen Eindruck, der für die Dynastie von unschätzbarem Werte ist. Ich freue mich wirklich, als ob man mir ein Geschenk gemacht hätte, daß die Königin so selbständig gedacht und gefühlt hat und habe deshalb auch angeordnet, ihre Worte unverkürzt der Presse zu übergeben. Besonders der Passus, in dem sie sagt, daß sie lieber nicht ablesen will, was ihr als Erwiderung aufgeschrieben worden ist, wird unendlich zu ihrer Popularität beitragen.«

»Das sieht ihr ähnlich«, rief Graf Tannenbruch mit leuchtendem Blick. »Die Königin gehört zu den wenigen, auserwählten Menschen, die instinktiv fühlen, wo das rechte Wort am rechten Platze gesprochen werden muß. Was von Herzen kommt, wird immer zum Herzen gehen – irgendeine Berechnung ist ihr dabei ganz fern geblieben, dafür kann ich einstehen, denn ich kenne sie. Großherzig, gut und impulsiv wie sie ist, findet sie immer den rechten Weg. Es wäre schade, ihr den zu versperren oder unzugänglich zu machen.«

Frau von Geyers sah den Zeremonienmeister mit einem ganz eignen Blick an. Dann zuckte sie mit den reichlich sichtbaren, übervollen Schultern.

»Nun, ich sehe, daß ich überstimmt bin – das gewöhnliche Schicksal einer armen, schwachen Frau«, sagte sie mit einer Ergebung, die ersichtlich sagen wollte »der Klügere gibt nach.« »Wir werden ja sehen, wem die Zukunft recht gibt; ich kann nicht mehr tun, als meine Pflicht und die ist mir gerade und unentwegt von meinem Gewissen –«

»Das in diesem Falle Charlotte Christine mit Vornamen heißt«, dachte der Minister, während Herr von Tittmann »Hem! Hem!« machte und eine Prise nahm. Die Obersthofmeisterin fuhr auf und sah ihn, sich unterbrechend, scharf an, aber er sah so unschuldig aus, daß es nur ein natürliches Räuspern sein konnte, das ihr Mißtrauen für eine Marke genommen.

»Wir werden ja sehen«, fuhr sie fort und als niemand diesen Cassandraruf bestritt, so sagte sie etwas unvermittelt: »Ich wünsche den Herren einen rechten guten Abend. Wir haben uns unser bißchen Ruhe heute redlich verdient!« Und zog sich zurück.

Aber nicht, um auszuruhen. Sie ging direkt, und anscheinend sehr eilig zwar nach ihrer Wohnung, setzte aber dort ihre Kammerjungfer gehörig in Trab, um sich aus ihren Staatsgewändern rasch in ein gewöhnliches Kleid bringen zu lassen, wobei sie in Hast eine Tasse Tee so heiß trank, daß sie sich die Zunge verbrannte. Ohne das aber als ein böses Omen zu nehmen, weil die Wirkung der Ursache schon vorausgegangen war, fuhr sie eiligst nach dem Wittumspalais, in dem sie von der Königin-Mutter sogleich empfangen wurde. Mutig stürzte sie sich in die Höhle des Löwen, denn sie wußte sehr genau, daß die hohe Dame in der denkbar schlechtesten Laune war, in der sie selbst die Gesellschaft ihrer Nichte schroff abgelehnt hatte. Aber Frau von Geyers durfte sich den Luxus nicht leisten, den ersten Sturm in der relativen Sicherheit ihres Kämmerleins abzuwarten, weil es sich für sie um Sein oder Nichtsein handelte und dazu brauchte sie Instruktionen, nach denen sie sich richten konnte. Außerdem hatte sie ja auch etwas im Hinterhalt – »pour la bonne bouche.«

Sie erzählte der Königin-Mutter also brühwarm mit einigen kleinen Ausschmückungen von der Parteinahme des Ministers für die Königin, ohne dafür mehr zu ernten als ein nichts- und doch auch vielsagendes Achselzucken und ein leicht hingeworfenes: »Selbstverständlich! Wer ein Haus baut, lobt es auch und drängt dadurch seine Meinung der urteilslosen Masse auf. Der Herr Premierminister hat es in dieser Kunst sehr weit gebracht.«

Frau von Geyers lag gar nichts daran, das Feuer gegen Herrn von Wellmer zu schüren, denn sie wußte sehr genau, daß er ihr gegenüber auch ein Wörtlein mitzureden hatte, sie wußte, daß sie keine persona grata bei ihm war und durch ihre Stellung zur Königin-Mutter auch nicht sein konnte, hingegen empfand sie, daß er ein vornehmer und anständiger Mensch war, denn sonst hätte er heut durch ihre Unüberlegtheit sehr gut den Vorwand finden können, sie durch eine ihm gelegenere Obersthofmeisterin zu ersetzen, wenn er sonst gewollt hätte. Ganz aus dem Spiel durfte sie ihn aber nicht lassen, weil sie sich bei ihrer ehemaligen Herrin einheben wollte, ehe sie mit dem eigentlichen Zweck ihres Kommens herausrückte und nachdem sie sich also glücklich durch ihre widerspältigen Gefühle laviert hatte, ließ sie den Staatsminister fallen und ging zu Herrn von Tittmann über, der mit zwei Achselzucken erledigt wurde. Der Obersthofmeister war ein ganz unabhängiger Mann, der kehrte mit Seelenruhe zu seinem Kohl zurück, wenn man ihm etwas in den Weg legte und begleitete die Änderung höchstens durch eine seiner blumenreichen Dialektproben; er fiel durch die allgemeine und auch von der Königin-Mutter geteilte Unterschätzung seines Einflusses und seiner Fähigkeiten nicht ins Gewicht.

»Herr von Tittmann ist eben – Herr von Tittmann«, sagte Frau von Geyers, die beiden Achselzucken durch ein drittes ergänzend. »Aber«, setzte sie mit einem Seufzer hinzu und einem Zögern, das den eigentlichen Zweck der Übung einleitete, »aber – ich fürchte, Majestät, wir werden dem Grafen Tannenbruch etwas auf die Finger sehen müssen. Der ist kein Parteigänger und kein Enthusiast mehr, er ist ein Fanatiker! Was die Königin tut, das ist für ihn wohlgetan und was noch schlimmer ist: auch das, was sie noch tun wird!«

»Ich wollte, ich hätte auch einen solchen Fanatiker für mich hier«, erwiderte die Königin-Mutter nicht ohne Bitterkeit. »Wenn ich das gewußt hätte, so wäre ich über seine Ernennung nicht so achtlos hinweggegangen. Es spricht eigentlich für die Königin, daß jemand, der sie dort gekannt hat, so warm für sie eintritt, und noch dazu einer, für den der Posten in Rothenburg doch eine Art von Verbannung war, denn ich habe den Grafen von allen Seiten als einen geistig sehr hervorragenden jungen Mann rühmen hören.«

»Die Anerkennung Eurer Majestät von Gefühlen, die sich auf Personen beziehen, welche meiner teuern, hohen Herrin selbst unsympathisch sind, erfüllt mich mit Bewunderung für Ihre Größe«, rief Frau von Geyers mit gefalteten Händen.

»Nicht doch – ich versuche nur gerecht zu sein«, entgegnete die Königin-Mutter abwehrend und glaubte dabei fest an sich selbst.

»Das ist mehr als Gerechtigkeit, das ist Seelenadel«, versicherte Frau von Geyers andachtsvoll. »Ach, wenn doch nur die Hälfte der Welt eine Ahnung davon hätte, was Majestät ihr sein könnte! Ja, Majestät haben recht: die Parteinahme des Grafen spräche für die Königin, wenn – nun ja denn – es ist meine Pflicht, es zu sagen, wenn – wenn ich sie für ganz rein halten könnte.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Nun – ach Gott, Majestät, wir sind doch nun einmal Menschen und so unnatürlich wäre es am Ende nicht – aber es ist doch immer ein klein wenig verdächtig, wenn ein junger Mann sich in dieser Weise für eine junge Dame ereifert, die ja allgemein für sehr hübsch gehalten wird –«

Frau von Geyers schwieg bedeutsam und unterstützte das Ungesprochene durch eine Bewegung und durch ein Lächeln, das mehr sagte, als Worte.

Die Königin-Mutter sah ihre Exstaatsdame an und ihr Teint färbte sich dunkler.

»Sie glauben, daß der Graf – verliebt in die Königin ist?« fragte sie ohne jede Bewegung.

»Nun, warum denn auch nicht?« meinte Frau von Geyers unschuldig. »Sie gefällt vielen Leuten – der Geschmack ist ja zum Glück verschieden. Und besonders – der Graf mußte doch sehen, daß ihm in Rothenburg nichts in den Weg gelegt werden würde, nachdem der Fürst seine eigne Schwester ohne jedes Federlesen einem einfachen Edelmanne zur Frau gegeben hat. Darin läge nichts Unrechtes von seiten des Grafen. Und auch schließlich nichts von seiten der Prinzessin, – wenn – wenn sie seine Gefühle erwidert hätte. Daß er zurücktreten mußte, wenn sich ein König als Bewerber einstellte, das wäre auch ganz klar.«

Die Königin-Mutter antwortete nicht. Sie stand auf und schob da und dort auf den Möbeln ein Nippes, ein Buch zurecht.

»Man wußte mir nicht das geringste von einer etwaigen Liaison der Prinzessin zu melden«, sagte sie endlich ehrlich. »Sie wissen sehr genau, liebe Geyers, daß dies einer meiner Hoffnungsanker gegen diese Heirat war.«

»Wie heißt es doch im Volksliede, Majestät? ›Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß, als heimliche Liebe, von der niemand nichts weiß‹«, zitierte Frau von Geyers mit schwärmerischem Ausdruck. »Man darf nicht vergessen, daß der Präzedenzfall der Mesalliance der älteren Prinzessin erst bekannt wurde, als Seine Majestät schon Allerhöchstseine Werbung nach Rothenburg geschickt hatte. Nun, Majestät bemerkten sehr richtig, daß Graf Tannenbruch ein ganz hervorragend begabter junger Mann sei – – er ist sogar ein ganz hervorragend hübscher junger Mann, in den sich zu verlieben nicht nur begreiflich wäre, sondern sogar ein Wunder, wenn man es als junges Mädchen nicht zuwege brächte.«

»Sie vergessen, daß Prinzessinnen außerhalb dieser Reihe stehen«, rief die Königin-Mutter nicht nur mit der vollen Naivität ihrer exklusiven Erziehung, sondern weil sie sich – die Ehre muß ihr gegeben werden, – redlich gegen das Gift wehrte, das ihr ins Ohr geträufelt wurde.

Frau von Geyers, die es besser wußte, mußte ein Lächeln unterdrücken, das heißt, sie verwandelte es in den Ausdruck allergehorsamsten Zuredens.

»Ach meine gütigste, teuerste Majestät – die Welt hat sich geändert und heutzutage sind Prinzessinnen leider auch nur junge Mädchen«, sagte sie mit einem mißbilligenden Kopfschütteln über diese mit dem Zeitgeist eingerissene Verkehrtheit. »Der Fall der älteren Prinzessin von Rothenburg ist ein Beweis dafür, daß die Welt auf den Kopf gestellt wird. Und dieser Freiherr von Burgpreppach ist noch dazu nicht einmal ein Seeländer Magnat – wie Graf Tannenbruch«

»Seeländer Magnat!« wiederholte die Königin-Mutter verächtlich. »Da sind unsere slavonischen Magnaten ganz andre Grandseigneurs – nicht in einem Atem mit diesen zu nennen. Aber natürlich, Sie kennen die nicht und für Sie sind diese hier der Inbegriff – doch darauf kommt es hier nicht an. Der Freiherr von – wie heißt er? – soll schwer reich sein, während Graf Tannenbruch arm ist.«

»Ja, sein Vater ist mit dem ganzen Besitz fertig geworden. Ich habe ihn sehr gut gekannt. Majestät haben aber, wie immer, recht: der Graf hat seiner Armut wegen entsagen müssen!«

Davon hatte die Königin-Mutter zwar kein Wort gesagt, aber es kam ihr auf einmal vor, als hätte sie es getan. Die Macht der Suggestion ist groß, – besonders wenn man sehr geneigt ist, sich etwas suggerieren zu lassen. Aber noch war sie nicht ganz reif.

»Die Prinzessin soll den König sehr lieben«, wehrte sie sich, wenn auch schwach.

»Man liebt einen König immer – noch dazu einen solchen, wie unsern Allergnädigsten Herrn«, gab Frau von Geyers ihr sofort recht. »Wenn ein Freier mit dieser Persönlichkeit, dieser Stellung auftritt, welches Herz könnte da widerstehen? Meins sicher nicht, geschweige denn das eines jungen, phantasiereichen Wesens. Nein, darüber kann wohl kein Zweifel sein. Die Gefahr läge nur darin: könnte die alte, verstoßene und verbannte Liebe nicht wieder erwachen, wenn der Gegenstand derselben ihr täglich, stündlich vor Augen tritt, denn Graf Tannenbruch ist doch diensttuender Kammerherr, beauftragt mit den Funktionen eines Zeremonienmeisters.«

Die Königin-Mutter, das Gesicht ganz dunkel, erhob sich wieder.

»Sie phantasieren, liebe Geyers«, sagte sie hochmütig. »Unter den Königinnen von Seeland hat es Eheirrungen noch niemals gegeben, – dieses Vorrecht haben sich bisher nur die Könige vorbehalten«, setzte sie mit der Bitterkeit der eignen Erfahrungen hinzu. »Indes«, fuhr sie fort, indem sie ihre Fingerspitzen eingehend betrachtete, »indes wäre es vielleicht, wie Sie selbst sagten, angebracht, den Grafen etwas zu beobachten. Den Grafen! Sie werden das ja in einer ganz diskreten Weise tun können, da er, glaube ich, seine Dienstwohnung gleichfalls im Schlosse hat.«

Frau von Geyers war natürlich auch aufgestanden.

»Majestät können sich ganz auf mich verlassen«, versicherte sie mit einem vertraulichen Lächeln, das der Königin-Mutter mit einem Male auf die Nerven ging und sie fast zu einem sehr scharfen Worte gebracht hätte, aber das fatale Gefühl, daß sie sich unausgesprochen dieser Person halb und halb in die Hände gegeben hatte, hielt es auf ihren Lippen zurück. Und dann ging Frau von Geyers mit dem angenehmen Gefühl, daß sie ihre vormalige Herrin ganz in den Händen hatte und daß die diskrete Beobachtung des Grafen faktisch dem Befehl zu einer sehr indiskreten Beobachtung der Königin gleichkam. Mein lieber Himmel, ja – so etwas darf man ja natürlich nicht aussprechen, aber – den Sack schlägt man und den Esel meint man. Sans comparaison, natürlich. Sprichwörter sind immer derb und wählen ihre Vergleiche unpassend. Frau von Geyers mußte ordentlich lachen: wie wollte sie denn den Grafen beobachten? Sie war doch kein Mann, der zu ihm auf sein Zimmer gehen und ihm seine Zigarren wegrauchen konnte! Also war die Königin gemeint, wenn vom Grafen gesprochen wurde, das war klar wie Tinte. Nun, und wenn sie der Königin-Mutter diesen Dienst erweisen konnte, dann war sie ausgesorgt und die Zukunft, die sie heut fast aus Überhebung verscherzt, lag wieder im rosigen Lichte vor ihr. Denn umsonst ist der Tod und aus purer Ergebenheit riskiert man seine kostbare Haut heutzutage nicht mehr, wenigstens tun das nur die Dummköpfe von Idealisten. Der Reiz einer kleinen oder meinetwegen auch großen Intrige war dabei gar nicht zu verachten und das Bewußtsein, die Fäden dazu in der Hand zu halten, verlieh eine Wichtigkeit, die sehr angenehm zu spüren war. Jetzt schon. Natürlich durfte man dabei nicht auf morgen verschieben, was man heut schon tun konnte, und als Frau von Geyers wieder ihre geräumige Wohnung im Schlosse betrat, gab sie Befehl, das Abendessen in ihrem Speisezimmer für zwei Personen anzurichten und Fräulein von Hartwig dazu herunter zu bitten.

»Mein liebes Kind, Sie sind heut den ersten Abend in den Ihnen noch fremden Räumen so allein, da dachte ich mir, ich wollte Sie doch bitten, mit mir zu Nacht zu essen, damit ich Ihnen das Heimweh ein wenig vertreiben kann«, sagte Frau von Geyers süß, als die junge Hofdame bei ihr eintrat. Im Augenblick ganz gerührt von so viel Güte, küßte Fräulein von Hartwig die ihr entgegengestreckte, fette, weiße, wohlgepflegte Hand, aber als sie sich aufrichtete und in die fast weiß umrahmten, fischartigen Augen ihrer unmittelbaren Vorgesetzten sah, da hatte sie das vage Gefühl, als ob es nicht ganz lauteres Gold war, was ihr da glänzte, denn sie war ein sehr sensitives Geschöpf, diese kleine, lustig aussehende Ro­thenburgerin; nicht mißtrauisch, aber sehr fein besaitet für gewisse Empfindungen und sie war auf der Hut! Es war ihr, als wartete sie auf etwas, sie wußte nur nicht recht auf was, und dieses Gefühl wurde immer stärker in ihr, trotzdem es lauter ganz allgemeine, banale Dinge waren, von denen während des Nachtessens gesprochen wurde. Als es vorbei war, nahm Frau von Geyers den Arm der Hofdame und führte sie in ihr Boudoir, das sehr hübsch und kosig eingerichtet war, sozusagen ihr Santissimum, das profane Schritte nicht betraten, in dem die Obersthofmeisterin nur intime Freunde empfing.

»So, hier wollen wir noch zu einem Plauderviertelstündchen niedersitzen, ehe wir unsre wohlverdiente Ruhe suchen«, sagte Frau von Geyers mit ihrem süßesten Lächeln. »Ein hübsches Nestchen, das ich mir hier eingerichtet habe, nicht wahr? Nun, ich hoffe, Sie hier häufig bei mir zu sehen; es ist mein Wunsch, daß die Hofdamen vom Dienst mich als gute Tante betrachten, zu der sie mit ihren großen und kleinen Sorgen kommen können, – besonders Sie, liebes Kind, weil Sie doch so fremd hier sind. Es ist wahr, Sie haben ja die Königin, mit der Sie, wie ich höre sehr befreundet sind, aber, lieber Himmel! wenn eine Freundin Königin geworden ist, dann hat man sie zu zwei Dritteln verloren! Das liegt in der Natur der Sache, das muß man einsehen, nicht?

»Ja, Exzellenz«, sagte Fräulein von Hartwig gespannt, denn sie wußte nun, daß das, worauf sie gewartet hatte, jetzt kommen mußte.

»Nun, das ist vernünftig von Ihnen«, lobte die Obersthofmeisterin. »Sehen Sie, liebes Kindchen, die Königin ist gewissermaßen in derselben Lage wie Sie: jung, fremd, allein. Freilich hat sie den König, aber Könige sind auch nicht immer Herren ihrer Zeit. Aber sie hat mich, ich bin dazu da, um sie unmerklich aber sicher in alle die Dinge einzuführen und vertraut zu machen, die ihr noch fremd sind, sie vor Schritten zu bewahren, die ihrem Range, ihrer Würde, ihr selbst schädlich sein können, kurz, sie gewissermaßen für ihren Beruf zu erziehen. Ist Ihnen das klar?«

»Ja, Exzellenz«, sagte Fräulein von Hartwig erwartungsvoll nach einer kleinen Pause, denn sie hatte eigentlich nein sagen wollen, aber sie besann sich, daß dies das Kommende nur aufhalten würde.

»Nun, sehen Sie, ich habe mich oft gefragt: wie bringe ich diese schwere Aufgabe fertig ohne jede Hilfe, da ich die Königin doch noch so wenig kenne«, fuhr die Obersthofmeisterin mit einschmeichelnder Vertraulichkeit fort. »Da rechne ich nun auf Sie! Ja, wirklich, das tue ich – jung wie Sie sind, haben Sie über mich den immensen Vorteil, daß Sie die Freundin der Königin sind und genau wissen, wie sie genommen sein will! Wir beide haben doch nur den einen Wunsch, der lieben Königin den Weg hier so glatt wie möglich zu machen, ihr in jeder Weise dazu zu helfen, daß sie sich einlebt, heimisch wird in dem fremden Lande, die Leute hier zu nehmen, zu behandeln weiß und täglich beliebter wird, nicht wahr?«

»Ja, Exzellenz«, erwiderte Fräulein von Hartwig mit immer größerer Spannung.

»Also darüber wären wir einig«, fuhr Frau von Geyers in dem gleichen Tone fort. »Ich bilde mir wirklich ein, daß der Himmel Sie mir zu diesem Ende geschickt hat – ja, das tue ich. Wollen, können Sie mir helfen?«

»Wenn ich nur wüßte, wie ich das machen soll«, sagte die Hofdame erwartungsvoll.

»Ich werde es Ihnen sagen, liebes Kindchen! Ich kann der Königin in allem und jedem nur beispringen, raten und helfen, ohne daß sie es merkt, wenn ich über ihre Bewegungen unterrichtet bin, weiß, was sie tut, vorhat. Für die offiziellen Angelegenheiten hole ich ja dafür ihre Befehle ein, aber die vielen, vielen privaten Dinge sind es, bei denen eine so junge Fürstin am allerersten irren, sich bloßstellen kann. Da kann ich nun, auch wenn ich dabei im Hintergrunde bleibe, unendlich viel für sie tun – die gute Fee für sie spielen und da Sie ja voraussichtlich am meisten um sie sein werden, so ernenne ich Sie hiermit feierlichst zu meinem Puck, zu dem guten, freundlichen Geistchen, das vermittelnd hin und herflattert und auf seinen schillernden Schmetterlingsschwingen mir den Blütenstaub bringt, aus dem ich das unsichtbare Bollwerk um unsre geliebte Königin mauern kann, das sie vor allem und jedem Leid bewahrt. Haben Sie mich verstanden?«

»Nein, Exzellenz«, erwiderte Fräulein von Hartwig, ganz verwirrt durch diese poetische Wendung und heroisch eine unwiderstehliche Lachlust darüber unterdrückend.

»Aber Kindchen!« machte die Obersthofmeisterin neckisch lächelnd. »Ja, ja, in uns älterer Generation lebt doch mehr dichterischer Schwung, als in euch modernen Menschen! Ich habe mir eingebildet, Sie mit Ihren lebhaften Augen würden auf dem Fleck wissen, was ich meine. Nun also, – Sie sollen, im Interesse unsrer lieben Königin, immer zu mir kommen und mir sagen, was sie tut, was sie treibt, was sie geredet hat, damit ich weiß, wo ich ihr beispringen, raten und helfen kann, ohne daß sie mich erst lange darum fragen muß! Lassen Sie sich das so recht zur täglichen Gewohnheit werden und die Königin ist so geborgen wie ein Kind im Steckkissen. Da Sie als ihre Freundin ja auch kein andres Lebensziel haben, als sie glücklich zu wissen, so werden Sie gern und willig tun, um was ich Sie bitte, nicht wahr?«

»Nein, Exzellenz«, entgegnete Fräulein von Hartwig, die mit immer größer werdenden Augen zugehört, feuerrot im Gesicht.

»Nein?« wiederholte Frau von Geyers, sich aufrichtend. »Ich habe mich wohl verhört?«

»Nein, Exzellenz«, wiederholte das junge Mädchen fest und ohne die Augen von ihrer Vorgesetzten abzuwenden, die ihre weißen Wimpern unter dem sprühenden Blicke niederschlug. »Das heißt ja, – ich werde Ihnen natürlich alles sagen kommen, was die Königin mich beauftragen wird, Ihnen zu melden, werde Ihnen genau die Worte wiederholen, die sie befehlen wird, Ihnen zu sagen. Das war es doch, was Exzellenz gemeint haben?«

Frau von Geyers war, wie schon gesagt, nicht klug, aber gerissen; sie war bei der Königin-Mutter durch eine durchaus nicht leichte Schule gegangen und hatte dort gelernt, halbe Worte zu verstehen und Brücken zu bauen und begriff es also meist auch, wenn ihr selbst eine gebaut wurde. Ein Blick in die sprühenden Augen der jungen Hofdame hatte ihr gezeigt, daß sie heut wieder einen Bock geschossen und sich in der Person getäuscht hatte. In ihrer kolossalen Überhebung hatte sie, ohne sich die Mühe zu geben, sich ihrer Leute erst zu versichern, von vornherein angenommen, in der Rothenburger Hinterwäldlerin ein junges Gänschen zu finden, das mit einem süßen Brocken zu ködern war und dann Wachs in ihren Händen sein würde. Das klare »Nein« Fräulein von Hartwigs hatte sie aus diesem schönen Wahn erweckt und die Brücke, die ihr ohne Zögern geschlagen wurde, hatte sie darüber belehrt, daß dieser dunkle Mädchenkopf ihr völlig ebenbürtig, wenn nicht überlegen war. Gewandt schwenkte sie daher die Segel nach dem Winde und trat ohne Zögern auf die Brücke.

»Sehen Sie, ich wußte, daß Sie mich verstehen würden«, rief sie, die fetten Hände zusammenschlagend mit einem Lächeln, bei dem sie die Augen niederschlug, damit diese nicht verrieten, daß es nur ihre Lippen waren, die eine Muskelbewegung machten. »Natürlich habe ich es so gemeint, genau so! O es tut wohl, verstanden zu werden – das fühle ich jetzt um so mehr, da es mir als Untergebene selbst oft genug passiert ist, meine Vorgesetzten mißverstanden und ihre besten Absichten verkannt zu haben, weil man immer geneigt ist, sie nicht für Freunde zu halten. Und nun wir einig sind, wollen wir uns von den Lasten und Mühen dieses Tages ausruhen. Mir fallen die Augen zu und Ihnen, wie ich sehe, auch. Also eine recht gute Nacht, mein liebes Kind, und lassen Sie sich etwas Schönes träumen!«

Mit brennenden Wangen und klopfenden Pulsen und durchaus nicht zufallenden Augen verließ Fräulein von Hartwig die Wohnung der Obersthofmeisterin und flog die Treppe zu der ihrigen hinauf wie gejagt. So! Das war also die erste Erfahrung an dem großen Hofe!

»Und unter solch eine Bande ist Lily geraten, meine Lily!« wiederholte sie bebend vor Entrüstung auf jeder Treppenstufe und weil sie weder sah noch hörte, rannte sie blind an einen Herrn an, der, die Treppe herabkommend, an einer Biegung mit ihr zusammentraf.

»Fräulein von Hartwig!« rief er überrascht. »Ja, um alles in der Welt, was wollen Sie denn im Kavaliersflügel?«

»Graf Tannenbruch!« Zu sich kommend, sah sie sich um. »Nein, so etwas, da habe ich mich faktisch verlaufen und bin, statt rechts, links eingebogen im unteren Korridor!«

»Ein Wunder ist das nicht, wenn man fremd ist und den ersten Tag in solch großem Gebäude«, meinte er lachend. »Es ist nur gut, daß wir zwei Rothenburger aufeinander getroffen sind, da ist nicht erst eine große Erklärung notwendig. Kommen Sie, ich führe Sie auf die richtige Spur, denn ich kenne mich hier schon von früher her aus, ehe ich noch ahnte, daß drei kurze Jahre mich zum Rothenburger machen würden. Wo kommen Sie denn her? Gerechter, – Sie machen ja ein Gesicht, daß die Milch davon sauer werden könnte!«

»Sie soll auch sauer werden, – das ganze niederträchtige Nest, das Treustadt kann sich meinetwegen in Essig legen oder einpökeln lassen«, platzte Fräulein von Hartwig heraus und schüttelte die geballten Fäuste, daß Graf Tannenbruch ordentlich zurückwich.

»Sie scheinen ja in einer netten Wut zu sein«, meinte er, mit dem Lachen kämpfend.

»Wut?« wiederholte sie. »Wut ist gar nichts dagegen, – weißglühend vor Zorn bin ich. Woher ich komme? Vom Deixel komme ich, der mich zum Abendessen eingeladen hatte, um mich zum Spion bei Lily – ich meine bei der Königin – anzuwerben!«

»Pscht!« machte Graf Tannenbruch mit einem Blick nach oben und nach unten. »So etwas darf man hier, wo die Wände selbst in den Zimmern Ohren haben, nicht auf offener Treppe ausposaunen! Es ist ein Glück, daß alles heut wie ausgestorben ist! Darf ich fragen, wie der Deixel mit Vornamen heißt?«

»Den Vornamen weiß ich nicht«, erwiderte Fräulein von Hartwig unwillkürlich lachend. »Mit Zunamen heißt er Geyers. Denken Sie sich bloß mal –«

»Pscht!« machte der Graf wieder. »Was ich mir dabei nicht allein zusammenreimen kann, können Sie mir morgen erzählen – vielleicht nach der Marschallstafel, wo wir uns ein ungestörtes Eckchen für unsern Kaffee aussuchen können, denn in Ihre Wohnung darf ich nicht, schon damit wir nicht etwa in den Geruch von Konspiratoren kommen. Das heißt, wenn es überhaupt ratsam ist, mir die Geschichte zu erzählen.«

»Ratsam! Notwendig ist es! Sie sind der Fels, auf den ich baue.«

»Wenn Sie meinen, daß er stark genug ist für eins von Ihren kühnen Gebäuden –«

»Wenn ich auf einen Felsen trete, dann sehe ich ihn mir vorher an, ob er von richtigem Stein ist und nicht bloß von Pappe«, erwiderte sie, mit einem Male merkwürdig weich. »So, das ist meine Treppe. Gute Nacht, Graf Tannenbruch!«


* * *


Die Zeiten, wo eine Hochzeitsreise für unbedingt notwendig und zum guten Ton gehörig galt, sind vorüber; man hat einsehen gelernt, daß es viel besser und ersprießlicher ist, den Ehestand in den eignen vier Pfählen zu beginnen und das Reisen weit genußreicher, wenn man sich erst mit- und füreinander eingerichtet und eingelebt hat. Für junge Paare freilich, die gleich große Pflichten zu übernehmen haben, denen eine weitschichtige Repräsentation obliegt, mag es dahingestellt bleiben, ob sie nicht besser daran tuen, das »Einleben« ungestört von äußerlichen Einflüssen zu beginnen und dazu die Fremde aufzusuchen, die ihnen den Luxus gewährt, den jeder Tagelöhner umsonst hat: allein zu sein. Wenn aber ein König heiratet, dann hat er dazu weder die Freiheit des Privatmannes, der sich mit seinem jungen Glück in die relative Einsamkeit eines großen Fremdenstromes zurückzieht, noch die des geringsten seiner Untertanen, denn bei sich ist er nicht allein und kann's nicht bleiben, denn auf Reisen muß er eine seinem Range entsprechende Suite mit sich führen; und wenn er auch zehnmal inkognito reist, so werden ihm dadurch zwar die offiziellen Empfänge erspart, aber nicht die tausend andern Chikanen, die ihm folgen, wie die Bremsen dem Gespann im Walde.

Es war schon etwas ganz Unerhörtes, Ungewöhnliches, daß der König von Seeland sich mit seiner jungen Gemahlin ohne Gefolge nach dem Lilianeum zurückzog, aber dafür war die Freiheit auch um so kürzer bemessen. Daß sie überhaupt möglich war, lag in dem Umstande, daß das Schlößchen nur »einen Katzensprung« von der Residenz entfernt lag und die Repräsentation keine Einbuße erlitt; durch das Opfer des Hin- und Herfahrens waren die Stunden der Einsamkeit sowieso schon teuer genug erkauft. Wenn ein Gutsbesitzer seine junge Frau auf seiner Scholle einführt, so wird sie mit Girlanden, Fahnen, Böllern und ein paar Reden empfangen, er gibt dann ein Fest und hat danach Ruhe; ein König aber hat mit den Getreuen eines ganzen Reiches zu rechnen, die ihre Abordnungen nach der Residenz schicken, um zu glückwünschen, Adressen, Geschenke zu überreichen und bei Hofe zu speisen und keiner darf und kann dabei übergangen werden; seine Gemahlin aber darf nicht säumen, ihre Pflichten zu übernehmen, die Wohlfahrtsanstalten zu besuchen, die unter ihrem Protektorat stehen und die nicht darunter stehen, erst recht, damit jene nicht bevorzugt erscheinen.

Es waren nicht die Pflichten, vor denen die junge Königin von Seeland zurückschreckte, als schon kaum achtundvierzig Stunden nach ihrer Vermählung der Wagen vor dem Portal des Lilianeum vorfuhr, um sie mit dem Könige nach Treustadt zurückzuführen, gar nicht! Sie hatte sich vorgenommen, es sehr ernst mit ihren Pflichten zu nehmen, nichts oberflächlich zu tun, was ihr oblag, sondern mit offnem Auge und warmem Herzen fest zuzugreifen, wo es nottat und sie Schäden entdeckte. Sie wußte auch, daß dies nicht leicht war, weil Königinnen zumeist nur die Oberfläche der Dinge zu sehen bekommen, Potemkinsche Dörfer, Firnis, Parademärsche. Das hatte ihr Frau von Maritz ganz rücksichtslos im voraus gesagt und auch, daß man im Grunde nichts andres von ihr erwartete, als pflichtgemäße Rundgänge, regelmäßige Besuche, gnädige Fragen und Phrasen. Da hatte sie sich's denn fest gelobt, mehr zu tun, die Augen aufzumachen und hinter die Kulissen zu sehen, gleichviel, ob es den Leuten paßte oder nicht, denn wenn sie erst wirkliches Interesse sahen, würden sie schon die Helferin in ihr erkennen, die Mitarbeiterin, die erste Dienerin des Staates, die nicht nur erschien, um sich Buketts überreichen zu lassen und in Gala empfangen zu werden. Königin Lily hatte auch gar nicht nötig, sich in ein künstliches Interesse für Spitäler, Schulen, philantropische Anstalten hineinzugewöhnen, denn alles das war, freilich nur im kleinen Stile, der Größe von Rothenburg entsprechend, in mustergültiger Weise dort vorhanden und die Prinzessinnen dazu erzogen worden, Anteil zu nehmen an dem Betriebe; eine jede hatte praktische Kurse mitmachen müssen, damit sie auch wußten, was dazu gehörte; sie waren auf den Schulbänken gesessen und hatten im Lyceum dieselben scharfen Prüfungen zu bestehen wie die, welche sie brauchten fürs »feindliche Leben. »Wenn also die Königin-Mutter von einer »bürgerlichen Erziehung« ihrer Schwiegertochter redete, so hatte sie damit vollkommen recht, nur, daß die Prinzessinnen von Rothenburg mehr gelernt hatten, als man so gewöhnlich darunter versteht.

Es waren also nicht die Pflichten, die der Königin Lily Sorge machten, sondern die leeren, inhaltlosen Repräsentationen, die sie mit Schrecken erfüllten. Nämlich mit Schrecken vor sich selbst, denn sie wußte ganz genau, daß sie irgendein Verbrechen gegen die Etikette begehen würde, wenn sie etwas dabei lächerlich und sinnlos fand, um nicht das kräftigere Wort »dumm« zu gebrauchen. Denn so gut wie sie wußte, daß eine gewisse Form notwendig war für den täglichen wie für den außergewöhnlichen Verkehr, so hatte sie den »tiefen Sinn«, der oft im kindischen Spiele der Etikette liegen soll, noch durchaus nicht erfaßt oder gar ergründet und was die Leute dabei aufführten, erschien ihr vorläufig außerordentlich komisch; sie begriff einfach nicht, wie sich jemand einzig und allein damit abgeben konnte, über die Formen der Etikette zu wachen und sie zum Lebensberuf zu machen.

Der König war nicht mit einem einzigen Worte auf die von ihr verweigerte Zeremonie des Handkusses zurückgekommen; solche Fragen waren ihm im Grunde ganz gleichgültig, sie konnte es damit halten, wie sie wollte, denn er war sicher, daß ihre Persönlichkeit auch ohne dem die Geltung erlangen würde, die er für sie wünschte und erwartete. Außerdem war darüber schon mehr Lärm gemacht worden, als seinem Geschmacke entsprach und dann hatte ihm der Mut seiner jungen Gemahlin, mit dem sie einer wirklich überflüssigen und gefährlichen Sitte kurzweg ein Ende machte, direkt imponiert.

»Was für ein herrlicher Tag«, hatte sie am Morgen – dem zweiten nach ihrer Vermählung – gesagt, als sie am Arme des Königs hinaustrat auf den Balkon und in die Ebene herabblickte, durch die das breite Silberband der Treu sich durch lachende, grüne Fluren wand, in der die Residenz mit ihren Türmen und Essen in einer goldigen Dunstschicht, halb verwischt und verschwommen lag. Der Wind kam heut früh aus der Richtung von Westen her und trug halbverhalltes, wie aus einer andern Welt kommendes Glockengeläut bis zum Lilianeum herüber, das vom feierlichen Schweigen des Waldes umgeben wie eine Insel des Friedens weiß schimmernd über die Wipfel der Bäume herüber ragte, umduftet von dem Lilienflor des Gartens. »Was für ein herrlicher Tag«, wiederholte die Königin mit einem Seufzer. »Und da muß man hinein in die dumpfe Stadt, in die heißen Säle und muß die schwere Schleppe tragen und sich mit Diamanten behängen – –«

Sie hielt unter einem Seufzer ein und der König lächelte.

»Du bist doch Blut vom Blute der guten Tante Sophie«, meinte er neckend. »Nur hätte sie es wesentlich drastischer ausgedrückt und tut es zur Stunde wahrscheinlich auch und schimpft wie ein Droschkenkutscher, daß sie ›den Zauber‹ heut wieder mitmachen muß. Aber im Grunde ist sie doch sehr stolz darauf, hinter der Schleppe ihrer Nichte dreinziehen zu dürfen.«

»Arme Tante Sophie!« lachte die Königin in der Erinnerung an diese wunderbare Verwandte. »Der Himmel hat's gut mit ihr gemeint, daß er sie nicht zur Königin gemacht hat; sie paßte dazu wie – nun, vielleicht wie ich! Ah nein, Leo, ich fische nicht nach Komplimenten, sondern bin mir meiner Unzulänglichkeit ganz bewußt. Denn wenn's nach mir ginge, ich bliebe am liebsten hier – aber ich vermute, daß dies wohl nicht gut angeht, nicht wahr?«

»Kaum – in Anbetracht dessen, daß die ganze Sache deinetwegen stattfindet und dir gilt«, erwiderte der König, leise ihren Arm drückend. »Es ist auch ganz recht und billig, daß die Leute ihre schöne Königin zu sehen bekommen – ich darf kein solcher Egoist sein, diese Augenweide für mich allein haben zu wollen. Vielleicht schmeichelt es auch ein ganz klein wenig deiner Eitelkeit, wenn ich dir sage, daß die Courrobe dir ausgezeichnet steht. Ich will auch dein Bild gemalt haben im vollen Brautschmuck – nicht wahr, du tust mir den Gefallen? Ja? Laß dich für die Zusage küssen – ach was! Es siehts ja zum Glück hier niemand und sollte es wirklich ein verborgener Gärtnerbursche sehen, nun, dann kann er seinen König doch mit Recht beneiden!«

»Und seine Königin dazu«, lachte sie froh und glücklich wie ein Kind. »Wie schön ist die Welt doch, Leo, und wie schön ist's, zu leben! Ich will auch nicht undankbar sein, will nicht mehr murren gegen diese schauerliche Defiliercour, die mir heut bevorsteht. Unter uns aber dürfen wir schon sagen, daß sie schauerlich ist, nicht? Wir stehen dabei wie die Pagoden unter unserm Thronhimmel und die Leute, die an uns vorbeimarschieren und ihren Knix machen, müssen sich dabei doch einfach blödsinnig vorkommen!«

»Das kommt darauf an, wie man es betrachtet«, meinte der König nachdenklich. »Wir müssen eben den tieferen oder höheren Sinn der heutigen Zeremonie erfassen und das rein Menschliche dabei ausscheiden. Der Adel und die Behörden des ganzen Reiches kommen heute, um durch die Vermittelung einer in Ermangelung eines besseren Wortes ›Defiliercour‹ genannten Zeremonie der Krone und ihren Trägern zu huldigen, dem von Gottes Gnaden über sie gestellten Haupte und seiner gleichberechtigten Gehilfin ihre Anerkennung und Unterwürfigkeit durch eine Verneigung kundzugeben.«

»Gewiß, – ich verstehe den Sinn sehr gut«, rief die Königin lebhaft. »Aber – die uns huldigen, sind dazu befohlen worden. Wo bleibt also der Wert, der innere Wert dieser sogenannten Huldigung? Ja, wenn wir von den Behörden, dem Adel, dem Volke eingeladen würden, um uns, aus innerem Bedürfnis heraus, zu huldigen, dann wäre die Bedingung erfüllt, die ich wenigstens an den Vorgang stelle.«

»Ah, du verlangst zu viel«, sagte der König kopfschüttelnd, »mehr noch, du überschätzest die Sache und die Leute. Sie erwarten und verlangen ihre Defiliercour!«

»Ja, und schimpfen dabei wie die Tante Sophie über die Anstrengung und die Kosten, die viele um der Eitelkeit willen, dabei gewesen zu sein, fast ruinieren – sagt Frau von Maritz«, entgegnete die Königin, ihrer Weisheit gleich die Quelle hinzufügend.

»Sie hat wahrscheinlich recht, deine oft zitierte Frau von Maritz«, sagte der König mit einem leisen, amüsierten Lächeln. »Ich brenne ordentlich darauf, diese würdige Dame kennen zu lernen, die mir ein Seitenstück zu Tante Sophie zu sein scheint. Habt ihr viel solcher Originale in Rothenburg? Aber, Scherz beiseite, liebe Goldne – deine Frau von Maritz schießt hier über das Ziel hinaus, denn die Kosten, die sie beanstandet kommen der Industrie zu gute, fördern die Geschäfte, die allemal sehr über Rückgang klagen, wenn zum Beispiel eine tiefe Hoftrauer alle Flöten verstummen läßt. Das ist die ökonomische Seite davon und es wäre ein schwerer Fehler der Krone, wenn sie die Zeremonien vom Etat striche. Der König bezieht eine Zivilliste, damit er würdig und glänzend repräsentieren kann und die dafür aufgebrachten Gelder wieder unter die Leute bringt. Unsere Anstrengung dabei, die, wenn du es so nennen willst, vergeudete Zeit, trägt auch ihre Früchte. Ich habe unter den an mir vorbeidefilierenden Gesichtern, trotz ihres ungewöhnlichen Putzes, oft sogar in der lächerlichsten Verunstaltung durch denselben, schon viele gesehen, die mich aufschauen machten, mir zu denken gaben und den Wunsch in mir weckten, den stummen Mund zu mir sprechen zu hören, weil mir ihre Augen so viel zu sagen schienen. Freilich ist dieser Wunsch bei mir zumeist ein frommer geblieben, ein unerfüllter, weil diese Gesichter unter der Menge verschwanden, ich nicht einmal ihren Namen kannte. Aber in einigen Fällen ist mir's doch geglückt und aus dem Gewinn, den ich daraus gezogen habe, ist mir die Freudigkeit erwachsen, mich einem anscheinend leeren Gepränge immer wieder nicht nur ohne Murren, sondern mit einer gewissen Erwartung zu unterziehen.«

Mit einem strahlenden Blicke reichte Königin Lily ihrem Gemahl die Hand.

»Ich danke dir«, sagte sie bewegt. »Du hast mir eine Lehre gegeben, die ich gewiß nicht mehr vergessen werde. Ich will mich auch sicher nie mehr gegen das, was mir eben noch wie eine Qual erschien, auflehnen, sondern es so machen wie du. Und nur die ideale Seite dieser scheinbar unsinnigen Pflicht dabei zu gewinnen suchen.«

»So ist's recht und ich danke dir, weil du mich verstanden hast«, erwiderte der König warm. »Ich ahnte, nein ich wußte es, daß du mich verstehen würdest, als ich dir zum ersten Male in die lieben Augen sah, du Königin nach meinem Herzen und nach meinem Sinne!«

»Könnt' ich's dir werden und – bleiben. Es soll gewiß an mir nicht liegen, aber du darfst auch nicht irre an mir werden, wenn ich auf meine Weise deinen Zielen zustrebe. Ich bin so gar anders erzogen, unter so ganz von andern Höfen verschiedenen Gesichtspunkten und Auffassungen aufgewachsen! Aber das hast du ja gewußt, als du mich wähltest – ein ins Drastische übersetztes Beispiel hattest du ja in Tante Sophie seit deiner Kindheit vor Augen! Und übrigens hast du recht – auch mir ist bei der Cour nach unsrer Vermählung manch ein Gesicht aufgefallen, daß ich mir dachte, es ist eigentlich schade, daß es so rasch wieder verschwand.«

»Ah, siehst du wohl? Nun, es würde nicht gar zu schwer sein, die Person, der dies Gesicht gehört, wiederzufinden, denn an der Vermählungscour nahm ja nur die Hofgesellschaft teil.«

»Nur!« rief die Königin lachend. »Du lieber Himmel, so viele hundert Personen und ›nur‹! Die Namen schwirrten wie summende Bienen an meinen Ohren vorüber – ich kann mich auf keinen einzigen mehr besinnen! Da war besonders eine Dame, die mir auffiel, eine ältere Dame mit schneeweißen Haaren und einem jungen Gesichte, – das heißt, es kam mir nur so vor, weil sie so merkwürdig junge Augen hatte und mich damit – wie soll ich's sagen? so frisch und froh und doch auch wieder so mitleidig ansah, als wollte sie sagen: ›du armes Ding mußt schon eine Krone tragen statt eines Rosenkranzes. Aber kränze dir nur dein Herz mit Rosen, unverwelklichen Rosen, die ohne Dornen blühen – –‹, so wenigstens habe ich mir diesen Blick verdolmetscht. Ich möchte wissen, wer die Dame war. Ich mußte ihr noch nachsehen – sie trug ein graues Samtkleid mit schönen, schwarzen, spanischen Spitzen darauf – o, und ich weiß auch, es fiel mir auf, daß sie die dicken, weißen Haare in zwei Zöpfe geflochten um den Kopf gewunden hatte, hinter denen der Schleier mit einem diademartigen hohen, juwelenblitzenden Kamm angesteckt war!«

»Ah, das kann nur die Witwe des verstorbenen Oberjägermeisters meines Vaters gewesen sein«, sagte der König, der dieser Schilderung aufmerksam gefolgt war. »Die Gräfin Tromnitz also. Sie ist eine Schweizerin und soll als junge Frau ihre blonden Zöpfe schon ebenso getragen haben, wie jetzt ihre weißen. Sie hat den Mut zu tragen, was ihr kleidet und nicht, was Mode ist. Ich kenne sie nur wenig, aber sie ist entschieden eine Persönlichkeit, die sich die Eigenart ihrer Rasse bewahrt und sich ihre Jugend ins Alter herüber gerettet hat. Das ist eine Kunst, die nur wenige verstehen.«

»Oder vielmehr eine Gnade von Gott. Frau von Maritz sagte es wenigstens, wenn sie uns für unsre Streiche die Leviten las und wir ihr dafür vorwarfen, daß sie selbst noch viel jünger und übermütiger wäre, wie wir alle zusammen. Lache nicht, Leo, ich werde Frau von Maritz noch oft zitieren, denn ich liebe sie sehr!«

»Darüber lache ich auch nicht, Goldne, denn das macht dir Ehre und ihr. Nun, die Gräfin Tromnitz wirst du dir schon heranziehen können, – das heißt, wenn sie deinem Rufe folgt, dann tut sie es wirklich nur dir zuliebe, denn sie lebt sehr zurückgezogen, seit sie Witwe ist und schert sich als überzeugte Republikanerin den Teufel um Kronen und ›allerhöchste Befehle‹, wenn die Leute dazu ihr nicht passen. Der Mensch und sein Wert müssen es bei ihr machen, nicht der Titel. Damit hat sie sich auch eine Sonderstellung inmitten unsrer monarchischen Kreise geschaffen, aber wenn ich mich nicht sehr irre, so ist sie innigst befreundet mit deinem Obersthofmeister von Tittmann –«

»Du, den liebe ich«, versicherte die Königin. »Der hat ein zu nettes, altes Gesicht! Mit ihm werde ich sicher herrlich auskommen!«

»Um so besser, – ich schätze ihn sehr und habe ihn eigentlich zum Hofmann wider Willen gemacht. Aber mir lag daran, einen Mann an die Spitze deines Hofes zu stellen, dessen Redlichkeit und wahrhafte Vornehmheit über jedem Zweifel steht. Man hat sich über meine Wahl wohl etwas gewundert, weil der alte Tittmann ein solches Original ist und vom Hofmann wenig oder nichts hat, aber – er ist eins von den Gesichtern, die ich in der Defiliercour bei meiner Großjährigkeit entdeckte und mir aus der Menge nicht ohne einige Mühe herausfischte. Was ihm abgeht, wird ja Graf Tannenbruch wohl zur strengen Befolgung des Zeremoniells tun. Er macht einen strammen Eindruck!«

»Wenn ihn die drei Jahre Rothenburg nur nicht dafür verdorben haben«, meinte die Königin neckend. »Stramm, ja, das war er dort auch, aber wer bei uns drüben steif bleibt, an dem ist Hopfen und Malz verloren. Er hat sich bei uns in dieser Beziehung entschieden gebessert; wir hatten ihn alle sehr gern, besonders als wir ihn soweit hatten, daß er, ohne sich in seiner männlichen Würde verletzt zu fühlen, die kindlichsten Spiele mit uns spielte.«

»Ihr müßt eine famose Gesellschaft dort gewesen sein – wer's doch auch so gut gehabt hätte, bei euch in Rothenburg aufzuwachsen«, erwiderte der König mit einem kleinen Seufzer, weil er dabei an seine eigne freudlose und einsame Kindheit und Jugend dachte. »Man darf aber einen Menschen nie aufgeben«, setzte er heiter und glücklich hinzu, »denn ich rechne fest darauf, daß der Rothenburger Sonnenstrahl, den ich mir eingefangen habe, Kraft genug besitzen wird, auch mich steifleinenes Gewächs zu beleben und aufzutauen aus meinem langen Winterschlafe.«

»Wir wollen sehen, was sich tun läßt«, sagte der Sonnenstrahl, seinem Namen alle Ehre machend und wieder konnte die höhersteigende Sonne am Himmel das seltene Schauspiel genießen, wie ein König und eine Königin sich unter freiem Himmel küßten.

Und eben, weil's so selten war, darum sah sie es auch nicht wieder – – –

Als sie aber an jenem Tage zu Neige ging, konnte sie die Nachricht eines Sieges zu den Antipoden des europäischen Festlandes herübertragen, denn was die strahlende Erscheinung der jungen Königin in ihrer »feenhaften« Toilette von silbergesticktem, lichtblauem Chiffon und der darüber fließenden Courschleppe von rosengeschmücktem lichtblauem Brokat, das Diadem von Diamanten und den wunderbaren hellen Sternsaphiren auf dem goldenen Haupt, das des Königs Brautgeschenk war, noch nicht zuwege gebracht hatte, das vollendete auf der ganzen Linie ihre hinreißende Persönlichkeit bei dem der Defiliercour folgenden »Cercle«, wobei sie das Wunder zuwege brachte, ohne stereotype Fragen und Phrasen, ohne das Wetter zu Hilfe zu nehmen, jedem etwas Freundliches zu sagen und jedem die angenehme Empfindung zu geben, daß sie gegen ihn ganz besonders gnädig gewesen war. Aber das ganze Geheimnis dieses Erfolges lag darin, daß sie gegen keinen »gnädig«, sondern ganz einfach liebenswürdig, freundlich und natürlich war; die Lektion des Königs hatte wirklich Früchte getragen, sie hatte die ideale Seite einer scheinbar leeren Zeremonie entdeckt und suchte sich nicht nur darein zu finden, sondern sich mit ihr auszusöhnen. Wohl war die Königin-Mutter, die bisher an der ersten Stelle gestanden, sehr gewandt in ihren geselligen Obliegenheiten gewesen und groß in der Gabe, Worte zu finden, aber einmal mußte der Massenverbrauch zur Schablone führen und dann konnte sie wohl, wenn sie wollte, herablassend und gnädig, nie aber liebenswürdig und freundlich sein, weil das zwei Gaben waren, welche die Natur ihr versagt hatte – Leuten gegenüber, die unter ihr standen und die sie gewohnt war, für zwar nach Menschenart gebildete und gestaltete, im übrigen aber für untergeordnete Geschöpfe zu halten.

Prinzeß Sophie von Seeland fand sich für die Qual ihrer Staatsgewänder durch den Erfolg des Festes, dem sie einen in keinem Sprachlexikon stehenden Namen gab, annähernd belohnt. Sie haßte Klatsch und verachtete gründlich die Leute, die brühwarm alles, was passierte, besonders »höheren Orts«, gleich in der ganzen Stadt herumtrugen oder denen berichteten, die vom Allerhöchsten Hause nicht mit dabei gewesen waren, aber heut machte sie einmal eine Ausnahme von der Regel. »Der Mensch will, wenn er geschunden worden ist, nachher auch sein Vergnügen haben«, murmelte sie, als sie Befehl gegeben hatte, nicht in ihr Haus, sondern zunächst am Wittumspalais vorzufahren. Selbstredend ohne Hofdame oder Kammerherrn, die gute Zeit bei ihr hatten, da sie sich »von solchen Anhängseln« längst emanzipiert. Mit dem sogenannten »Vergnügen« bemäntelte Prinzeß Sophie vor sich selbst wie gewöhnlich einen besseren Zweck, denn so wenig wie vor andern gestand sie sich's selbst ein, wenn sie sich eine Unbequemlichkeit machte, um jemandem einen Dienst zu erweisen oder noch jemandem andern »das Handwerk zu legen.« Sie tat aber immer so, als wäre sie aus reinem Egoismus, Schadenfreude und Vergnügungssucht zusammengesetzt, und mußte über sich selbst lachen, daß sie einen freiwilligen Besuch in der Courschleppe bei ihrer Schwägerin, der Königin-Mutter, als »Vergnügen« bezeichnete. »Ist auch eins, aber man bloß ein sogenanntes, gegen das eine Cour der reine Waisenknabe ist«, murrte sie in den leichten Mantel hinein, den sie im Wagen trotz der Wärme übergeworfen hatte.

Die Königin-Mutter hatte der Cour, die ja ein Huldigungsakt für die regierende Königin war, nicht beigewohnt, nicht aus Zurückhaltung oder aus Ranküne, sondern weil die Etikette ihre Anwesenheit hierbei nicht vorsah. Ebensowenig war die Herzogin Xenia anwesend, weil sie als ausländische Prinzessin nicht hingehörte. Die beiden Damen hatten zusammen eine weite Spazierfahrt unternommen und dann ein »gemütliches Teestündchen« unter sich gehabt, wobei es zwar Tee, aber keine Gemütlichkeit gegeben hatte, durch die fortwährenden Ausfälle auf »Ihre Majestät«, wie Charlotte Christine ihre Schwiegertochter zwar durchaus richtig und doch mit ausgesprochenem Spott nannte. Sie wollte dadurch Mitleid mit sich und Verachtung gegen jene erregen und hatte das auch im Kreise ihrer Getreuen so ziemlich erreicht, schon weil sie da den Ton angab den die Gimpel gelehrig nachpfiffen, aber als sie auch ihre Nichte zum Auditorium ihrer Ausfälle machte, beging sie einen Fehler; nicht alleine darum, weil man mit allzu betonter Absicht leicht bei selbständig denkenden Personen Opposition erzielt, wo man zu seiner Ansicht bekehren will, sondern auch weil das Gerechtigkeitsgefühl der Herzogin Xenia sich dadurch verletzt fühlte. Wenn man aber einmal einen Stoß erhält und plötzlich gewahr wird, daß der bisher für unfehlbar Gehaltene auf tönernen Füßen steht und der Nimbus schwindet, dann ist der innere Bruch schon geschehen. Bei der Herzogin Xenia hatte sich überhaupt seit dem letzten Vierteljahr ein Dämmerungsprozeß vollzogen, dem der Sonnenaufgang so plötzlich und überraschend gefolgt war, daß sie in der plötzlichen Helle mehr sah, als sie für möglich gehalten: sie hatte ihr Herz entdeckt und fühlte auf einmal Selbstbestimmungsgefühle in sich regen, keimen und wachsen und wenn man einmal entdeckt hat, daß hinterm Berge auch Leute wohnen, dann probiert man, erst leise und zaghaft und schließlich immer kräftiger und kühner, ob die Ketten, an denen man diesseits angeschmiedet liegt, nicht irgendwo eine schwache Stelle haben, an der man sie ohne Gewalt zerbrechen kann – oder mit, wenn's nicht anders geht.

Die heute besonders gereizte Laune der Königin-Mutter war nicht besser geworden, als sie bei dem »gemütlichen Teestündchen« ihrer Nichte die Eröffnung machte, daß alles in die Wege geleitet sei, um ihre Verbindung mit einem Erzherzoge herbeizuführen und die ruhige Erwiderung erhalten hatte:

»Liebe Tante, du bist die Güte und Vorsorge selbst und ich bin dir unendlich dankbar, daß du dich meiner Zukunft so liebevoll annimmst, aber ich bitte dich, diese Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen. Ich habe gar keine Eile, mich zu verheiraten und wenn ich es tue, dann werde ich nur meinem Herzen folgen!«

»Xenia!« hatte die Königin-Mutter ganz entgeistert über diese Kühnheit ausgerufen. »Was ist das für eine Sprache! Du denkst doch nicht an eine Mesalliance –«

»Nein, liebe Tante, du kannst ganz ruhig sein«, erwiderte Herzogin Xenia vollkommen gelassen. »Ich halte nichts von Mesalliancen – bei jenen, die ich gesehen habe, ist nur Leid und Elend für einen der beiden Teile herausgekommen. Aber man kann doch auch in seinem Stande seinem Herzen folgen, nicht? Leo ist ja ein Beispiel dafür, das müssen wir schon zugeben, auch wenn du seine Wahl mißbilligst.«

In diesem Moment, in dem die Königin-Mutter vage zu fühlen begann, daß ihre Autorität über ihre Nichte zu wanken anfing, wurde der Besuch der Prinzessin Sophie gemeldet und diese unausgesprochen von beiden Damen als rettender Engel begrüßt. Denn die Königin-Mutter wußte im Augenblick nicht, was sie sagen sollte und die Herzogin Xenia wollte nicht mehr sagen und so passierte es Ihrer Königlichen Hoheit zum ersten Male, daß man sie im Kreise der Königlichen Familie und noch dazu im Wittumspalais mit Engelsfittichen bekleidete, ohne daß sie davon eine Ahnung hatte.

»Ah du, liebe Sophie, – und noch dazu in full dress!« rief ihr die Königin-Mutter mit einer Liebenswürdigkeit entgegen, die in dem Busen ihrer Schwägerin sofort die berechtigte Frage erklingen ließ: »Nanu? Was ist denn da los? Hat sich der Wind etwa gedreht?«

»I, – ich dachte mir, du wirst doch gern hören wollen, wie der Zauber im Schlosse geklappt hat«, sagte sie laut. »Dein Telephon, die alte Geyers, ist noch unabkömmlich und auch dermaßen aufgelöst vom vielen Vorstellen, daß sie 'n Fettfleck hinterläßt, wo sie steht und sitzt! Mindestens zehn Pfund hat sie heut abgenommen – der hast du durch diesen Posten das Leben gerettet. Zum mindesten aber der dicken Pastete eine Marienbader Kur erspart. Apropos, hast du noch 'ne Tasse Tee für mich? Mir klebt die Zunge am Gaumen – danke schön, liebe Xenia. Tja – was ich sagen wollte –«

»Nun, womit hat Ihre Majestät heut die staunende Menge überrascht?« fiel die Königin-Mutter mit gemachter Nachlässigkeit .

»Mit sich selbst«, war die prompte Erwiderung. »Erstens hat sie ausgesehen wie – wie ein Gedicht. Entzückend, sage ich dir! Und dann hat sie alle Welt begeistert mit der Art, wie sie Cercle gehalten hat. Gut wie ich dem Mädel bin, – das habe ich ihr nicht zugetraut. Faktisch nicht. Es war einfach perfekt und sie hat die Leute auch geradezu damit hingerissen. Keiner, der nicht mit einem strahlenden Gesichte von ihr ging. Ich habe nämlich wie ein Schießhund aufgepaßt. Kurz, sie hat auf ganzer Linie gesiegt und ich dachte mir, es würde dir doch eine Freude und eine Beruhigung sein, es zu hören und darum bin ich erst bei dir vorgefahren, ehe ich meine müden Glieder daheim strecke.«

»Sehr gütig von dir«, sagte die Königin spöttisch. »Aber du mußt mir schon verzeihen, wenn ich einiges streiche – nach der Erfahrung von vorgestern. Du bist so nahe verwandt mit Ihrer Majestät, daß du parteiisch sein mußt, – naturgemäß.«

»Na, das kann mir mein schlimmster Feind nicht nachsagen, daß ich die Fehler und Schwächen bei meinem eignen Fleisch und Blut nicht sehe«, widersprach Prinzeß Sophie. »Vor dieser Blindheit hat mich der Himmel gnädig bewahrt. Daß die alte Geyers, die dir immer nach dem Munde geredet hat, ein paar Thron und Altar erschütternde Schnitzer bei Lily entdeckt haben wird, daran zweifele ich nicht einen Augenblick, denn der alte Drache weiß ja sehr genau, womit er sich bei dir angenehm machen kann. Aber wenn sie dir etwa erzählen will, daß Lily die königliche Würde verletzt hat und, – bildlich geredet – auf den Händen gelaufen und sich wie ein Pensionsmädchen dumm und töricht benommen hat, dann phantasiert sie, um es gelinde auszudrücken. So, ich habe geredet und drücke mich nun, denn ich sehe, daß eine mildere Stimmung bei dir noch nicht durchgedrungen ist. Und weil wir so hübsch unter uns sind, so gestatte mir, die Gelegenheit benützen zu dürfen, um dir mit verwandtschaftlicher Offenheit zu sagen, daß ich dich für gescheiter gehalten habe.«

»Sophie!«

»Ja, 's ist wahr! Ich habe aus meinem Herzen nie eine Mördergrube gemacht, – das kannst du nachgerade auch wissen. Wer sich mit dem Unvermeidlichen, mit den Tatsachen nicht abzufinden weiß, wer eine Opposition nicht aufgeben kann, trotzdem er sieht, daß sie überflüssig geworden ist, aus purer Rechthaberei, – der zieht allemal den Kürzeren. Davon gar nicht zu reden, daß du gegen dein eignes Fleisch und Blut wütest, denn Leo liebt meine Nichte – ich hätt's ihm nie zugetraut, daß er so lieben kann, aber er tut's, – und wenn er sich zwischen Mutter und Frau gestellt sieht, dann ist's seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, auf ihre Seite zu treten. Das ist Naturgesetz und wenn er dem nicht gehorcht, dann ist er ein elender Waschlappen, der mir gestohlen werden kann. Deine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit als Mutter ist es aber, dein Kind nicht erst vor solch einen Konflikt zu stellen und wenn du dein Herz dabei nicht zum Reden bringen kannst, dann lasse deinen Verstand zu Worte kommen, der dir doch sagen muß, was Leo zu tun hat, wenn er das ist, wofür ich ihn vorläufig noch halte: für einen Mann! So, nun habe ich gesagt, was ich sagen mußte und wasche meine Hände in Unschuld, wenn's anders kommt, wie man als redlicher Mensch hoffen und wünschen muß. Xenia, habe ich recht, oder habe ich unrecht?«

Die Herzogin hatte längst gewünscht, ein Mäuslein zu sein, um unbeachtet entweichen zu können, aber direkt aufgerufen, wich sie weder aus, noch zurück. Das lag nicht in ihrem Charakter.

»Tante Sophie hat, was sie sagen wollte, in ihrer gewohnten Weise zu drastisch ausgedrückt«, sagte sie ruhig, sich an ihre Tante wendend, »aber im Prinzip hat sie recht.«

Die Königin-Mutter blickte über ihre Nichte hinweg ins Blaue.

»Ich kann mich nicht erinnern, dich gefragt zu haben«, sagte sie schneidend, »und im übrigen hindere ich dich nicht, mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen ins feindliche Lager überzulaufen, nachdem ich vorhin schon eine Probe von deiner Renitenz erhalten habe, die mir die Augen darüber geöffnet, daß ich für alles, was ich für dich getan, eine Schlange an meinem Busen genährt habe. Und was dich betrifft, meine liebe Sophie, so möchte ich dich fragen, was dir das Recht gibt, mir in meinem Hause sagen zu kommen, wie ich mich meinem eignen Kinde gegenüber zu verhalten habe.«

Prinzeß Sophie trank ruhig ihre Tasse Tee aus und erhob sich dann.

»Den Präzedenzfall für das, was man gelegentlich in seinem eignen Hause anhören muß, den hast du geschaffen«, meinte sie gemütlich. »Wenn du es nicht mehr weißt, dann erlaube mir, dich an den Morgen zu erinnern, an dem du mir die Nachricht von Leos Verlobung gebracht hast. Das Recht nehme ich mir aus dem Umstand, daß die regierende Königin meine Nichte und der König mein leiblicher Neffe ist, für den ich persönlich sehr viel übrig habe und ferner durch meine Zugehörigkeit zu der Familie, der ich nun lange genug angehöre, als daß es mir gleichgültig sein sollte, sie durch innere Zerwürfnisse aufeinandergehetzt und vor der Welt durch Zwistigkeiten, die nicht nur unnötig, sondern ihrem Ansehen schädlich sind, diskreditiert zu sehen. Daß man dir durch gütliches Zureden nicht beikommt, das weiß ich längst, also muß man schon deutsch mit dir sprechen und wenn ich das Maul dabei gehalten hätte, dann wäre ich das Brot nicht wert, das ich hier esse!«

»Nun, hat Tante Sophie wieder recht?« wandte sich die Königin-Mutter über die Schulter an ihre Nichte. »Eine hübsche Manier, mit der vormals regierenden Königin und Regentin des Landes zu sprechen, nicht wahr?«

»Papperlapap!« machte Prinzeß Sophie, ihre Schleppe zusammenraffend. »Du weißt sehr gut, daß ich dir vor der Welt all und jede Ehre erweise, die deinem Range gebührt, aber hier sind wir unter uns, die Witwen zweier Brüder, im engsten Familienkreise. Da werden wir uns doch nicht Faxen vormachen, daß die Hühner darüber lachen. Es tut mir nur leid, Xenia, daß ich dich durch meine dumme Anrufung zu einer Parteinahme gezwungen habe, die dich in Unannehmlichkeiten gebracht hat. Du bist eine tapfere Seele und wenn dein Mut deiner Tante keinen Respekt einflößt, – bei mir bist du dadurch mindestens zehn Sprossen auf der Leiter meiner Achtung in die Höh' geklettert. Vielleicht ist dir das schnuppe, weil ich nur eine Prinzessin von Rothenburg bin, aber das macht nichts. Also, guten Abend allerseits; was ich sagen mußte, hab' ich gesagt und nehme nichts davon zurück. Freuen tät's mich aber, wenn's dir, liebe Schwägerin, lange genug in den Ohren klingen könnte, um dich wenigstens zum Nachdenken anzuregen.«

Damit nickte sie mit dem Kopfe und ging ungehindert und unbegleitet hinaus und fuhr mit wesentlich erleichtertem Gemüt heim, wobei sie sich eingestand, daß sie in der Haut der Herzogin Xenia in der nächsten halben Stunde nicht stecken mochte.

»Das Mädel hat Charakter, wenn sie auch kalt ist wie eine Hundenase«, murmelte sie ein übers andre Mal bewundernd vor sich hin.

Indes war auch im Schlosse der Kehraus erfolgt, und während der König im Anschluß daran in seinem Arbeitszimmer ohne Ruhepause die Vorträge des Premierministers und seiner Räte entgegennahm, begab die Königin sich, gefolgt von Fräulein von Hartwig, in ihr Ankleidezimmer, um sich ihrer Staatsrobe zu entledigen.

»Goldne, – was bist du heut wieder goldig gewesen«, flüsterte die Hofdame ihr zärtlich zu, ehe die Kammerfrauen zum Dienst erschienen. »Ich bin stolz auf dich!«

»Warum nicht gar – abwarten und dann Tee kochen«, lachte die Königin auf ihre wesentlich kleinere Freundin herab. »Wobei mir's zum Bewußtsein kommt, daß ich gern welchen haben möchte. Bleib nur hier, Hans, – wir trinken ihn dann zusammen und schwatzen ein vernünftiges Wort dabei. Umziehen kannst du dich dann auch noch – die Juwelen drücken dich ja nicht. Pscht! Die Weibsen kommen! Vergiß nur ja nicht, vor ihnen ›Majestät‹ zu sagen, hörst du? Wir müssen das Dekorum bewahren, denn sonst frißt die Eifersucht dich mit Haut und Haar, wie Mutter Maritz uns verwarnt hat und sie drücken dich weg. Du sollst aber bei mir bleiben, du kleiner Nichtsnutz du, und wenn wir allein sind, dann halten wir uns schadlos. Also, aufgepaßt!«

Und Hans von Hartwig paßte auf, das heißt, sie sagte gar nichts, so lange die Entkleidung der Königin vor sich ging, wobei diese sich heiter und ohne Herablassung mit den beiden Kammerfrauen unterhielt, die ja Töchter guter, gebildeter Familien waren, wie es notwendig ist für die intime, unmittelbare Berührung zu der Person der Königin. Rasch, wie die Toilette unter den gewandten, kundigen Händen vor sich ging, so sah Fräulein von Hartwig doch, daß ihre königliche Freundin damit ihre letzten Kräfte hergab; die Reaktion der anstrengenden Stunden trat ersichtlich ein, das noch eben von der Aufregung leicht gerötete Gesicht wurde so blaß, daß die Zuschauerin heilsfroh war, als man der Königin ein leichtes »Tea gown« übergeworfen hatte und sie mit ihr in das nebenanliegende »Boudoir« gehen konnte, wo auf einem niederen Tischchen das Teeservice mit dem summenden silbernen Wasserkessel schon bereit stand.

»Himmel, was bin ich müde – ich kann mich ja kaum mehr auf den Beinen halten!« rief die Königin, als sie allein waren. »Aber sag' selbst, Hans, hab' ich nicht schon viel gelernt?«

»Hans« wurde indes der schon bereiten, zustimmenden Antwort überhoben, denn sie hatte gerade noch Zeit, die schlanke Gestalt in ihren ganz kräftigen Armen aufzufangen und in den nächsten Sessel mehr zu werfen als gleiten zu lassen. Da lag sie nun, wie leblos, leichenblaß das schöne Gesicht, mit geschlossenen Augen und mit einer wilden Angst im Herzen sah Fräulein von Hartwig sich um, für den Moment ratlos, was sie tun sollte. Um Hilfe rufen, natürlich! Dabei fiel ihr Blick auf das Flacon mit Rum oder Arrak oder Kognak, das auf dem Teebrett stand und ohne erst Alarm zu geben, goß sie hastig von der scharf riechenden Flüssigkeit in einen Löffel aus und den Inhalt desselben durch die halboffenen, bläulichen Lippen der Ohnmächtigen. Der Alkohol tat auch sofort seine stimulierenden Dienste, denn gewaltsam schluckend, öffnete die Königin ihre Augen und richtete sich halb auf.

»Pfui!« murmelte sie, sich schüttelnd. »Was gibst du mir denn da? Was ist denn passiert?«

»Ach, nichts weiter, du bist halt schwach geworden von der Überanstrengung«, sagte Fräulein von Hartwig beruhigend, aber sie zitterte dabei selbst am ganzen Leibe. »Leg dich nur wieder hübsch bequem zurück, Goldne – ich rufe gleich jemanden –«

»Um alles nicht!« wehrte sich die Königin lebhaft und richtete sich vollends auf. »Gib mir eine Tasse Tee und ein Sandwich – ich glaube, ich bin halb verhungert. Hier bleibst du, hörst du? Das fehlte noch, daß das ganze Schloß angestürzt käme und einen Trara um mich macht um nichts und wieder nichts. Siehst du, es ist schon besser – wenn ich den Teller mit den Brötchen erst gegessen habe, ist mir wieder ganz gut. Iß nur selbst, sonst wird dir auch noch schwach!«

Fräulein von Hartwig gehorchte mechanisch, – sie beruhigte sich mit der Unkenntnis der Jugend und des Laien, die natürlich einen leeren Magen für solch ein Unwohlsein verantwortlich macht; die Farbe war auf Lippen und Wangen der Königin nach dem starken und ungewohnten Stimulant zurückgekehrt und sie lachte sogar, wenn auch noch etwas schattenhaft, während sie mit eiskalten Fingern ein Brötchen an den Mund führte und herzhaft herein biß.

»Nein, was hast du mir für einen Schrecken eingejagt«, versicherte Fräulein von Hartwig, dies für ihre Unerfahrenheit entschieden gute Zeichen mit Befriedigung beobachtend. »Ich dachte nicht anders als du stirbst mir unter den Händen! Wie kommst du denn dazu, solche Streiche zu machen?«

»Ich weiß es selbst nicht«, gestand die Königin, sich jetzt in ihren Sessel zurücklehnend. »Es ist zu dumm, gerade nur so umzuklappen. Es ist mir schon ein oder zweimal passiert, als ich im Winter bei Tante Sophie zum Besuch war, aber zum Glück war ich ganz allein in meiner Schlafstube und es hat's niemand gesehen. Heilsfroh war ich darüber, trotzdem ich mich einmal ordentlich an ein Möbel gestoßen habe und einen blauen Fleck danach bekam, so groß wie mein Handteller. Hier am Oberarm. Es war ein wahrer Segen, daß man damals ein paar Tage nicht dekolletiert zu erscheinen brauchte. Bei der nächsten Gelegenheit war der Fleck schon gelbgrün und ich konnte ihn mit Puder notdürftig anweißen.«

Sie lachte noch bei der Erinnerung an ihre Bemühungen und Hans Hartwig lachte in der Unschuld ihrer pathologischen Unkenntnis mit.

»Und dann ist mir's noch einmal nach dem Abschiedsfest in Rothenburg passiert«, fuhr die Königin ebenso harmlos fort. »Ich hatte so lange gestanden, weißt du, und war fast so müde wie heut, aber nur fast. Daß man auch solch ein Schwachmatikus ist, – nach solch einem bissel Herumgestehe, das die alten Damen hier aushalten, ohne auch nur zu zucken. Die Leute hätten mich ja reinweg ausgelacht, wenn sie nicht gar den Herrn Leibarzt bemüht hätten. Der hätte ja gedacht, man will sich einen Spaß mit ihm machen – und sieht doch so würdig aus!«

Sie lachte wieder bei dem bloßen Gedanken, aber diesmal klang es so farblos und matt, daß es Fräulein von Hartwig leise zu dämmern begann, als ob der Herr Leibarzt doch nicht die überflüssigste Person hier sein könnte.

»Du solltest ihn gelegentlich einmal fragen – er ist doch schließlich dazu da«, meinte sie, gegen ein unbehagliches Gefühl ankämpfend, dessen sie sich später genau und mit bitteren Selbstvorwürfen erinnern sollte.

»Das fehlte noch – bin ich jemals im Leben krank gewesen?« fragte die Königin mit voller Wahrheit. »Gib mir lieber noch einen Tropfen von dem schrecklich schmeckenden Zeuge – Rum ist's, nicht? So, das wirkt wie Medizin. Siehst du, damals im Winter, da hatte ich ein bißchen viel getanzt, das war ich nicht gewöhnt, und die vielen Leute vorgestern und heut – ach, aber reden wir doch von etwas Hübscherem, es ist ja wieder ganz vorbei und ich fühle mich so wohl wie ein Fisch im Wasser. Nur natürlich noch müde. Jetzt muß ich dir aber von dem Lilianeum erzählen«, setzte sie mit der alten Lebhaftigkeit hinzu und bald war der Zwischenfall vergessen in der nun folgenden Schilderung, aus der die in so grundverschiedener Lebensstellung stehenden Freundinnen vom Hundertsten ins Tausendste kamen.

Eine Rothenburger Reminiszenz vereinte die beiden frischen Stimmen gerade zu einem ungenierten Lachduett, als ein diskretes Klopfen an der Tür sie unvermittelt nach Treustadt zurückführte und auf das »Herein« der Königin erschien ihr Kammerdiener, um die Frau Obersthofmeisterin anzumelden, die ihm auf dem Fuße folgend, die Hofdame mit einem unbeschreiblichen Blicke maß.

»Was bringen Sie mir noch, Exzellenz?« fragte die Königin, sich erhebend und zwar nicht ganz ohne Mühe. »Kommen Sie im Dienst, oder – –?«

Sie wollte sagen »oder aus Freundlichkeit, um zu sehen, wie es mir geht«, aber das gemessene »Allerdings, Majestät«, der Obersthofmeisterin, und ihre antipathische Persönlichkeit ließ sie die Frage unterdrücken.

»Du bist nun frei, Hans«, sagte sie zu der Hofdame. »Du kannst dir's nun auch bequem machen, nachdem mein Egoismus dich so lange und ohne dir Zeit zu lassen, dich umziehen zu können, bei mir festgehalten hat.«

Damit beantwortete die Königin den Blick der Oberhofmeisterin, um Fräulein von Hartwig eine etwaige spätere Frage zu ersparen und nachdem die letztere eine total einwandfreie Verbeugung vor ihr gemacht und sich entfernt hatte, sagte sie, stehen bleibend, um damit anzudeuten, daß sie auf eine längere Konferenz nicht rechnete:

»Es ist wohl noch etwas Wichtiges, das Sie jetzt noch zu mir führt, nicht wahr? Denn ich muß gestehen, daß ich mich ganz gern etwas ausgeruht hätte, ehe wir uns zur Tafel setzen. Wir haben alle einen anstrengenden Tag gehabt und Sie werden auch müde sein.«

»Wenn meine Pflicht mich ruft, tritt meine körperliche Bequemlichkeit immer in den Hintergrund«, erwiderte Frau von Geyers mit Betonung. »Ihre Majestät die Königin-Mutter pflegen die Unermüdlichkeit Ihrer Umgebung als eine Voraussetzung zu betrachten. Ich war also dort in einer guten Schule. Allerdings fielen bei Allerhöchstderselben die Pflichten fort, die mir bei Eurer Majestät erwachsen sind, nämlich unverweilt Eure Majestät darauf aufmerksam zu machen, wenn Sie bei der Neuheit Ihrer Stellung einen Verstoß gegen die Etikette begehen.«

»Hab' ich wieder einen begangen?« fragte die Königin lachend. »Bei der Feierlichkeit, mit der Sie's einleiten, muß es ja fast ein Staatsverbrechen sein. Also heraus damit!«

»Es ist mir hinterbracht worden«, begann Frau von Geyers, »daß die Hofdame Fräulein von Hartwig, natürlich auf die Aufforderung Eurer Majestät, bei der Toilette Allerhöchstderselben zugegen gewesen ist und ich halte es für meine Pflicht, Eure Majestät darauf aufmerksam zu machen, daß dies absolut unstatthaft ist, weil es eine Intimität voraussetzt, die einer Hofdame gegenüber nicht erlaubt werden darf.«

»Das mag seine Berechtigung haben, aber mit Fräulein von Hartwig liegt die Sache anders, denn sie ist meine Freundin«, entgegnete die Königin freundlich. »Indes mögen Sie vielleicht darin recht haben, daß es vor den andern Damen besser ist, ihr keine Ausnahmestellung zu geben. Jedenfalls haben Sie mir und ihr mit Ihrem Wink einen Dienst erwiesen, für den ich Ihnen dankbar sein muß.«

»Ich freue mich, daß Eure Majestät mein Vorgehen richtig auffassen«, erwiderte Frau von Geyers, etwas aus dem Sattel gehoben, denn sie hatte sich auf einen Kampf gefaßt gemacht nachdem sie den Vorwand gefunden hatte, um persönlich die Königin mit ihrer Freundin zu überraschen und dieser etwas für den noch nicht vollzogenen Toilettenwechsel auszuwischen.

»Nun, ich hoffe, vernünftig genug zu sein, es einzusehen, wenn mir etwas entsprechend dargelegt wird«, sagte die Königin leicht, »aber«, setzte sie, sich plötzlich zu ihrer vollen Höhe aufrichtend hinzu, »aber gestatten Sie mir jetzt auch eine kleine Reklamation. Sie sagten eben, es wäre Ihnen ›hinterbracht‹ worden. Darf ich fragen, wer der Überbringer war?«

»Darauf kommt es wohl nicht an«, erwiderte die Obersthofmeisterin insolent, aber doch unwillkürlich einen Schritt zurückweichend, denn auf diese Frage war sie nicht gefaßt gewesen.

»Doch«, entgegnete die Königin, äußerlich ganz ruhig, »es kommt darauf sehr für mich an. Es kann mir nicht gleichgültig sein zu wissen, wer die harmloseste meiner Bewegungen brühwarm an meine Obersthofmeisterin berichtet. Also, Exzellenz, wer hat Ihnen ›hinterbracht‹, daß Fräulein von Hartwig bei meiner Toilette zugegen war?«

Frau von Geyers schwieg und blinzelte hinter ihren weißen Wimpern unbehaglich auf die schlanke, junge Gestalt, die mit fest auf sie geheftetem Blicke vor ihr stand.

»Majestät werden mir gnädigst erlassen, den Angeber zu spielen«, stammelte sie endlich mit dem innerlichen und wie immer vergeblichen Wunsche: wär' ich geblieben doch auf meiner Heiden!

»Also werde ich mich aufs Raten verlegen müssen«, sagte die Königin, ohne ihren Blick abzuwenden. »Ich denke, daß ich meinen Kopf dabei nicht zu sehr werde anstrengen müssen. Es können nur meine beiden Kammerfrauen um die Sache wissen und eine von ihnen hat sich mit dieser Angeberei ›liebes Kind‹ bei Ihnen machen wollen. Was mich dabei nur wundert, ist, daß Sie darauf eingegangen sind. Also: welche der beiden Damen war die Hinterbringerin, denn ich werde sie auf der Stelle aus meinem Dienste entlassen!«

»Majestät werden doch nicht – solch ein Skandal –«, rief die Obersthofmeisterin, leichenblaß und diesmal ehrlich entsetzt.

»Gewiß werde ich!« erwiderte die Königin. »Ja, glauben Sie denn, Exzellenz, daß ich mich mit dem Bewußtsein, einen solchen Spion um mich zu haben, heut noch ins Bett legen und schlafen werde? Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß – da mag denn dies unsaubere Gewerbe in Gottes Namen treiben, wer sich dazu hergibt, – es fällt auf ihn zurück. Aber wissentlich ein solch unheimliches Wesen um mich dulden – niemals. Noch einmal: welche von den beiden Damen ist es?«

Wieder schwieg Frau von Geyers – sie war in einem furchtbaren Dilemma, aus dem sie keinen Ausweg sah. So stand sie für vielleicht volle fünf Minuten der Königin gegenüber und es fiel ihr nichts ein, womit sie sich aus den zwei Feuern herausretten konnte: entweder sich bloßzustellen oder der Entlassenen ein Äquivalent für den verlorenen Posten zu sichern.

»Nun«, sagte die Königin, nachdem sie ihrer Meinung nach lange genug gewartet hatte, »es ist ja vielleicht verständlich, wenn Sie durchaus schweigen wollen. Dann gehen eben alle beide. Vielleicht stecken sie auch unter einer Decke, aber wenn eine von ihnen unschuldig wäre, so täte es mir leid. Wollen Sie der Unschuldigen nicht wenigstens eine Chance geben?«

»Majestät werden überlegen – ich kann meine Hand zu einer solchen Sache nicht bieten«, fand die Obersthofmeisterin endlich Worte.

»Das tut mir leid, denn dann muß es über Ihren Kopf hinweg geschehen«, erwiderte die Königin fest. »Sollte eine der beiden Kammerdamen unschuldig sein, dann muß sie es eben mit Ihnen ausmachen. Ich weigere mich mit Entschiedenheit, mich auch nur ein einziges Mal noch von einer von ihnen bedienen zu lassen, und wenn ich, wie ich bin, zur Tafel erscheinen soll! Was aber nicht nötig sein wird, da ich mich zur Not selbst bedienen kann und auch Fräulein von Hartwig mir gern helfen wird, wobei allerdings wieder der Verstoß begangen werden würde, daß eine Hofdame bei meiner Toilette zugegen ist. Für einen Ersatz der beiden Entlassenen zu sorgen, werde ich selbst Herrn von Tittmann beauftragen. Schon halb acht Uhr durch! Da muß ich mich beeilen, um noch rechtzeitig fertig zu werden, bis der König mich holt! Haben Sie die Güte, Exzellenz, den beiden Kammerdamen zu sagen, daß sie entlassen sind und in meinem Ankleidezimmer nicht mehr zu erscheinen haben.«

Damit wandte sich die Königin um zum Zeichen, daß Frau von Geyers entlassen war, aber dieser gab die Verzweiflung den Mut, der Aufforderung zu trotzen.

»Majestät, ich will den Namen sagen –«, begann sie stockend, »aber ich muß die Bedingung stellen, daß die Betreffende lautlos und erst nach einiger Zeit verschwinden darf.«

»Ich bedauere, darauf nicht eingehen zu können, ganz abgesehen davon, daß Sie gar nicht das Recht haben, mir Bedingungen zu stellen«, erwiderte die Königin empört, indem sie sprühenden Blickes vor die Obersthofmeisterin hintrat. »Beide gehen, und dann sicher lautlos, wie Sie es nennen. Aber wenn Sie den Namen der Person sagen, dann fordere ich, daß eine strenge Untersuchung eingeleitet wird – zum warnenden Beispiel für die Nachfolgerin, – vor allem für die Bleibende. Das ist mein letztes Wort – also überlegen Sie wohl, ehe Sie reden.«

Frau von Geyers redete nicht. Sie stand noch eine Weile weiß wie ein Tischtuch da, machte dann eine Verbeugung und ging still hinaus.

Von dem »lautlosen« Verschwinden der beiden Kammerfrauen der regierenden Königin hallte natürlich die ganze Stadt wider, wie es nicht anders zu erwarten war. Zwar hatte der Obersthofmeister das Schloßpersonal versammelt und es ermahnt, von dem ärgerlichen Vorkommnis »kei unnützes G'red' z'mache«, aber das war längst im Umlauf, ehe er noch dazu kam, darüber zu sprechen. Aus dem hochnotpeinlichen Verhör, das er mit den Entlassenen anstellte, kam nichts heraus; sie hatten beide »gedacht und geglaubt, daß usw.« und waren im übrigen dabei durchaus nicht tränenreich, was Herrn von Tittmann, der auf ein ausgiebiges »Geheul« gefaßt gewesen, sehr nachdenklich machte. Die ganze fatale Sache hätte ja nun immer noch, nachdem sie einigen Staub aufgewirbelt, ins Meer der Vergessenheit versinken können, wenn – die Königin-Mutter die beiden Entlassenen nicht in ihren Dienst genommen hätte und es nicht ausgesprengt worden wäre, daß die hohe Dame »in ihrem Gerechtigkeitsgefühle den um einer Laune ihrer Schwiegertochter wegen rücksichtslos brotlos Gemachten eine Zufluchtsstätte in ihrem Hause gewährt hätte. »Damit war der Skandal natürlich an die große Glocke gehängt worden und der Parteinahme die Tür geöffnet. Viele, ja die Mehrzahl fast priesen den Edelmut der Königin-Mutter und verurteilten das jugendlich rasche Vorgehen der regierenden Königin, ohne daß man eigentlich recht wußte, was vorgefallen war, denn die Getroffenen hielten »dicht« und zuckten nur vielsagend und alle Deutungen zulassend mit den Achseln, wenn sie über den Vorgang ausgefragt wurden, und von den Hofchargen war erst recht nichts herauszukriegen, schon weil sie, mit Ausnahme der Obersthofmeisterin, wirklich nichts wußten. Und Frau von Geyers hatte alle Ursache, den Mund zu halten, wenn sie da bleiben wollte, wo sie war. Herr von Tittmann aber fing an zu begreifen, warum die beiden Entlassenen bei dem Verhör »nit g'heult hatten.«

Dem Könige verursachte die Handlungsweise seiner Mutter das peinlichste, schmerzlichste Erstaunen und ein Ärgernis, das zu verwinden es des ganzen Aufgebots seiner kindlichen Gefühle brauchte, denn er sah darin natürlich mit Recht nichts andres, als eine Opposition gegen seine Gemahlin. Hätte ihm jemand auch nur die leiseste Andeutung gemacht, daß die Sache sich auch noch anders verhalten könnte, daß die beiden Spione von ihrer Auftraggeberin entschädigt und mundtot gemacht wurden, er hätte ihm nicht geglaubt und ihn die ganze Schwere seines königlichen Zornes fühlen lassen, aber es fand sich natürlich niemand, den es gelüstet hätte, dem Könige den Star zu stechen. Es war ja auch schon genug, daß der König darin einen Streich gegen seine Gemahlin sah, der er im Prinzip zwar recht gab, aber es regte sich in ihm doch auch leise und unausgesprochen die Meinung, daß sie weniger schroff hätte sein können, diplomatischer die Angelegenheit hätte erledigen dürfen. Die Königin-Mutter hielt vor ihm aufrecht, was die ganze Stadt und bald das ganze Land darüber wußte: sie hatte nur getan, was ihr Gerechtigkeitsgefühl ihr gebot, um gut zu machen, was ihre Schwiegertochter in jugendlicher Raschheit verfehlt, weil sie die Entlassenen für ihre Stellung ausgewählt und empfohlen und weil sie im übrigen nicht einen Moment glaubte, daß sie etwas andres, als das Beste ihrer jungen Herrin im Auge gehabt und beabsichtigt hätten – die Annahme einer Spionage wäre absurd! Der Königin Lily selbst fiel es in ihrer Harmlosigkeit nicht einen Augenblick ein zu glauben, daß eine organisierte Überwachung ihrer Person zugrunde lag, und wenn sie ihrer Obersthofmeisterin den Vorwurf nicht ersparen konnte, daß diese der oder den Hinterbringerinnen ihr Ohr geliehen, statt sie mit einem Verweis fortzuschicken, so machte sie das gegen Frau von Geyers doch nicht geltend. Sie hatte ihr dafür ihre Meinung gesagt und damit war die Sache auch für sie erledigt, ja sie anerkannte sogar die von der Königin-Mutter ausgegebene Parole und entschuldigte sie damit vor dem Könige, der insgeheim den offen bekannten Beweggründen seiner Mutter zuneigend, andererseits gerührt war von der Großmut seiner Frau.

Die königliche Familie war der Ansicht, daß die Königin ihre Ehe besser ohne einen »solchen Eklat« begonnen hätte, – mit Ausnahme der Prinzessin Sophie, die, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, es für »eine Affenschande« erklärte, daß die Königin-Mutter ihre Schwiegertochter öffentlich bloßstelle, womit sie zwar recht hatte, aber nicht durchdrang, weil man sie als Tante der jungen Königin für parteiisch hielt; aber wenn das Lager der oberen Zehntausend im allgemeinen die letztere für den Vorgang, den keiner genau kannte, verurteilte, so nahmen die breiten Schichten der Bevölkerung Partei für sie und stellten sich auf ihre Seite, da man sie seit ihrem Einzuge, seit sie aus sich heraus jene Worte dabei gesprochen, einfach vergötterte. Ihr Bildnis als Photographie, Chromodruck oder Postkarte fand einen geradezu unerhörten Absatz, ja selbst in Häusern, die ausgesprochen königsfeindlich waren, hielt das Bild der Königin Lily siegreiche Einkehr als liebliches Frauenbild, als Illustration taufrischer Mädchenhaftigkeit und Anmut, und wo sie sich zeigte, flogen selbst die Hüte von den Köpfen, die sich sonst grundsätzlich bei dem Erscheinen eines Mitgliedes der Dynastie abwendeten und demonstrativ das Lokal verließen, wo ein Hoch auf den König ausgebracht wurde. Der gesunde Sinn des Volkes entschied, daß ein jeder Herr in seinem Hause sei und das Recht hätte, die heim zu schicken, die zu irgendeinem Zwecke darin herumspionierten und zwar je schneller je besser, aber leider spricht der gesunde Sinn nicht immer das entscheidende Wort an maßgebender Stelle; die Klatschsucht und die Gedankenlosigkeit, gehetzt vom bösen Willen, der unter der Maske sittlicher Entrüstung so gern sein Wesen treibt, sind meist mächtiger und so kam es denn auch, daß die sonst so unbeliebte Königin-Mutter eine größere Partei in den Hofkreisen und der Gesellschaft fand, als die »Fremde«, die sich das Land erst Schritt für Schritt zu erobern hatte.

Vor allem gewann Frau von Geyers aus dieser Angelegenheit das Oberwasser, in dem sie in vollem Triumph herumplätscherte. Es hatte einen Augenblick böse für sie ausgesehen, denn sie war durchaus nicht sicher, ob die Königin-Mutter sie nicht fallen lassen würde; daß es nicht geschah, verdankte sie einzig und allein dem Umstande, daß für diese hohe Dame aus der Sache eine Schlappe für ihre Schwiegertochter zu gewinnen war, die sie um so bereitwilliger ausnützte, als ihre Erbitterung durch die Prinzessin Sophie gerade zu dem Gegenteil von dem aufgestachelt worden war, was diese beabsichtigt hatte.

Bei Leuten aber, die an sich zur Überhebung neigen und sich im Rücken gedeckt wissen, ist das Oberwasser ein gefährliches Element; nicht nur weil sie Überschwemmungen anrichten dadurch, daß sie gleich alle Schleusen ziehen, sondern auch, weil sie selbst leicht darin ertrinken können. Weil ihnen ein Schwimmgürtel angelegt worden ist, glauben sie selbst zu schwimmen und wenn sie damit ohne Schaden zehnmal wieder ans Land gekommen sind, so glauben sie beim elften Male, es auch auf eigne Faust probieren zu können. Bei solchen Leuten nennt man das aber nicht Mut, sondern Verwegenheit alias Frechheit, die allemal eine angeborene Eigenschaft ist, und in dieser Welt oft zum Ziele führt, selbst wenn die Dummheit ihre Zwillingsschwester ist. Aber nicht immer, denn was die Frechheit erreicht, das verdirbt die Dummheit gern wieder. Frau von Geyers besaß von der ersteren ein vollgerütteltes und geschütteltes Maß und von der letzteren gerade genug, um sich selbst damit Fallen zu stellen, aber sie hatte auch das Glück, jemanden zu besitzen, der sie aus der Schlinge zog und verließ sich darauf. Durch diese Deckung angefeuert und weil Menschen ihres Schlages andre allemal für dümmer halten, als sie selbst sind, hatte sie den Fehler begangen, die Königin durch die Worte: »Es ist mir hinterbracht worden« zu dem fatalen Ausgange, den die Angelegenheit mit den Kammerfrauen genommen hatte, selbst hinzuführen und zu spät erst sah sie ein, daß eine andre Wendung auch ein andres Resultat gezeitigt hätte. Aber die Wendung der Dinge, wie sie durch das Eingreifen der Königin-Mutter erfolgte, ließ sie die erhaltene Lehre schnell wieder vergessen und aus ihrer Stellung als Obersthofmeisterin maßte sie sich die einer Hofmeisterin der jungen Königin an, trotzdem sie in erster Stunde auch damit schon üble Erfahrungen gemacht hatte. Der Kamm war ihr einmal geschwollen und statt nun wenigstens die Klugheit zu besitzen, im Verborgenen und unter dem Deckmantel größter Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit im Trüben zu fischen, grub sie sich durch Überhebung und Aufgeblasenheit die eigne Grube, in deren Tiefe sie später sehr bezeichnend nur das tröstete, daß sie nicht allein hineingefallen war.

Zunächst hatte sie die Kühnheit, es der Königin nahe zu legen, ihre Schwiegermutter um Entschuldigung zu bitten für die Entlassung der Kammerfrauen, weil diese auf den Vorschlag der Königin-Mutter bei ihr angestellt worden waren. Sie hatte das Glück, daß Königin Lily ihr diese Einmischung weder übel nahm, noch sie auch damit zurückwies, sondern ganz einfach darüber hinwegging, ohne Notiz davon zu nehmen, aber der Blick, mit dem sie dabei angesehen wurde, der Ausdruck der klaren, erstaunten, ungläubigen Augen belehrte sie, daß es weise sei, vorläufig diesen Punkt fallen zu lassen. Die Königin, trotz des Bewußtseins ihres guten Rechtes immer bereit, die Friedenspalme zu tragen und ihrer Schwiegermutter, wenn es sein mußte, auch durch eine persönliche Demütigung sich geneigt zu machen, hatte ihren Gemahl gefragt, ob sie seiner Mutter eine Erklärung, nicht eine Entschuldigung zu machen hätte und Leo konnte mit gutem Gewissen nur davon abraten, denn er wußte sehr genau, daß nichts dabei herauskam und so wurde das Thema zwischen den beiden hohen Damen totgeschwiegen, und die Kluft, die keine zarte Aufmerksamkeit der jungen Königin überbrücken zu können schien wurde täglich weiter.

»Was habe ich deiner Mutter nur getan, Leo?« fragte sie den König schmerzlich bewegt. »Das ist ja keine Abneigung mehr, die sie gegen mich hegt, das ist Haß! Ich wußte, daß sie deine Wahl nicht billigte, weil mein Haus ihr nicht groß und mächtig genug war, aber daß ihr meine Person auch so zuwider ist, das konnte ich nicht ahnen, nachdem sie mich doch – zu ihrer Hofdame haben wollte!«

»Ihr Sohn hat dich zu seiner Königin gewollt – laß dir das genug sein. Und habe Geduld. Sie wird sich schon finden«, erwiderte der König. Aber er glaubte selbst nach diesem Anfang nicht recht an seinen Trost.

»Leo«, meinte sie nach einer Weile schüchtern, »ich glaube, wenn – Frau von Geyers nicht da wäre, so könnte ich eher etwas ausrichten. Ich weiß es nicht bestimmt, aber ich habe das Gefühl, als stünde sie zwischen mir und deiner Mutter –«

»Aber Lily, das ist doch undenkbar!« rief der König ungläubig. »Meine Mutter ist nicht die Person, mit jemandem aus ihrer Umgebung zu – zu – kurz, Familienangelegenheiten zu besprechen. Dazu ist sie schon viel zu stolz, zu unnahbar für jemanden, der ihrer Meinung nach unter ihr steht, also nicht im Purpur geboren ist. Ich weiß, du magst Frau von Geyers nicht –«

»Ach Leo, sie ist mir so entsetzlich unsympathisch!« unterbrach ihn die Königin, sich schüttelnd. »Ich gebe mir ja alle Mühe, dieses Gefühl zu bekämpfen, ich fasse jeden Tag die besten Vorsätze und trete ihr mit dem ehrlichsten Willen entgegen, so nett wie nur irgend möglich zu ihr zu sein, alle ihre guten Eigenschaften zu entdecken und zu würdigen, aber wenn sie dann vor mir steht mit ihren weißbewimperten Fischaugen und dem insolenten Zug um den Mund, dann fühle ich, wie meine besten Vorsätze zum Schornstein herausfliegen und ich muß mich nur zusammennehmen, damit ich höflich bleibe. Leo – hast du nicht irgendeinen Posten im Königreiche, auf dem sie mehr ist und sich besser stünde, als bei mir?«

»Aha, um sie sozusagen kalt zu stellen?« meinte der König mit einem leisen Lächeln, aber als sie ihm jubelnd mit einem lachenden: »Ja, ja, kaltstellen!« um den Hals flog, da wurde er sehr ernst und wehrte die liebliche Versucherin rasch ab. »Nein, Lily, davon kann keine Rede sein, das würde den Gegensatz zu Mama in einer Weise verschärfen, daß es zum offenen Bruch kommen müßte. Sie hat Frau von Geyers für den Posten deiner Obersthofmeisterin vorgeschlagen und wenn ich sie entließe, selbst mit allen Ehren, selbst wenn ich extra für sie einen Orden stiften wollte, dann wäre meine Mutter außer sich. Denke an die Kammerdamen! Unmöglich, Lily, – an einen Obersthofmeisterinnenwechsel ist nicht zu denken. Vorläufig und für absehbare Zeit wenigstens nicht. Du mußt dich mit ihr abzufinden suchen, schon um des lieben Friedens willen, und so lange Frau von Geyers sich nichts zu schulden kommen läßt –«

»Leo, sie ist unerträglich!« fiel die Königin betrübt ein. »Sie behandelt mich wie einen unerzogenen Backfisch, sie hofmeistert an mir herum in einer Weise – – es ist wahr, ich wehre mich dagegen und nicht immer ohne Erfolg, aber es ist doch eigentlich nicht richtig, nicht wahr?«

»Ich hoffe doch, sie läßt es an dem schuldigen Respekt nicht fehlen! Das wäre ja auch undenkbar!« rief der König. »Du bist jung, Goldne, – sie hält es vielleicht für ihre Pflicht, dich auf Dinge aufmerksam zu machen, die du noch nicht wissen kannst. Sollte sie dabei die richtige Art nicht treffen, so ließe sich darin gewiß durch eine Rücksprache mit ihr Remedur schaffen – aber um Gotteswillen beschwöre ich dich, lasse dich durch deine persönliche Antipathie nicht hinreißen, der unfehlbare Bruch mit meiner Mutter würde die Folge sein. Alles, nur das nicht! Komme mit allem, was du gegen sie zu klagen hast, zu mir –«

»Ja, das fehlte gerade noch!« unterbrach ihn die Königin, dem Weinen näher, als dem Lachen. »Du Armer hast genug Sorgen mit deiner Regierung, als daß ich dich auch noch mit Weibergezänk plagen würde! Damit du nur bald Reißaus nimmst, wenn du mich von ferne siehst! Statt dich zu freuen, wenn wir einmal einen Augenblick für uns haben! Nein, Leo, so töricht bin ich nicht. Sieh, ich will ja, ich habe die besten Vorsätze und wenn ich heute eine leise, leise Frage nach dieser Richtung hin wagte, so geschah es nur, weil ich dachte, es ließe sich vielleicht doch machen. Aber ich sehe ein, daß es jetzt nicht geht. Ich werde nichts mehr sagen. Eins möchte ich dich noch fragen: ist es wirklich nicht passend, wenn ich es versuchte, die Gräfin Tromnitz zu mir heranzuziehen?«

»Ja um alles in der Welt, warum sollte denn das nicht passend sein?« fragte der König erstaunt.

»Ich beauftragte Frau von Geyers damit«, erwiderte sie eifrig, »und sie erklärte mir sehr kurz angebunden, das wäre kein Verkehr für mich. Die Frau wäre von ganz obskurer bürgerlicher Abkunft und würde bei Hofe nur geduldet, weil sie die Witwe des Oberstjägermeisters wäre, im übrigen sei sie eine zudringliche Person. Auf meine Frage inwiefern, sagte Frau von Geyers, sie hätte, da man doch dafür sorgen müßte, die unpassenden Elemente auszuscheiden, die Einladungskarte zur Vermählung für Gräfin Tromnitz persönlich zurückgehalten und es hätte Frau von Geyers fast der Schlag gerührt, als sie dennoch erschienen wäre.«

»Aber das ist ja unerhört! Ich meine, daß die Gräfin keine Einladung bekommen hat!« rief der König vor Erregung aufspringend. »Das wäre ja eine Eigenmächtigkeit von Frau von Geyers, für die sie ihre sofortige Entlassung verdiente, wenn – wenn mir die Hände nicht gebunden wären. Ich selbst habe den Namen der Gräfin auf die Liste gesetzt! Ich kann mir nur denken, daß Tittmann, der sehr mit ihr befreundet ist, gehört hat, daß sie keine Einladung erhalten und im Glauben, daß die Karte vertragen oder sonstwie verloren gegangen ist, die Sache in Ordnung gebracht hat. Gräfin Tromnitz und uneingeladen bei Hofe erscheinen, noch dazu bei meiner Vermählung! Das sähe ihr ähnlich bei ihrem republikanischen Stolze, ihrem Selbstbewußtsein. Außerdem ist sie nicht von obskurer Herkunft; sie ist zwar »nur« eine geborene Chüchli, aber ihr Vater war ein hervorragender Jurist und sogar Bundespräsident. Diese Angelegenheit werde ich in Ordnung bringen, Goldne, denn ich halte die Gräfin Tromnitz für einen sehr passenden Umgang für dich. Wenn du dir die Freundschaft dieser Frau erwerben kannst, dann hast du damit eine der so seltenen blauen Blumen auf der dürren Steppe des geselligen Verkehrs gefunden.«

»O, ich danke dir«, sagte die Königin warm. »Du glaubst es nicht, wie lieb sie mich angesehen hat den kurzen Moment bei der Cour. Aber – Frau von Geyers war sehr absprechend und gar nicht geneigt, eine Verbindung mit der Gräfin zu vermitteln. Ich sagte ihr aber, daß ich dich fragen wollte.«

»Ich werde selbst mit ihr darüber sprechen, Lily«, versicherte der König. »Selbst, – das ist also abgemacht. Es ist unerhört von der Obersthofmeisterin – aber wir müssen das übersehen, – ein Mißverständnis annehmen – unsern Wunsch mit der größten Liebenswürdigkeit und Rücksicht zur Sprache bringen –«

»Ja, Leo, – sind wir denn nun die Herren hier im Hause oder ist es Frau von Geyers?« platzte die Königin heraus, die mit immer größer werdenden Augen zugehört.

»Aber, Lily, ich sagte dir doch, wir müssen jede Reibung vermeiden! Wenn Frau von Geyers sich gekränkt fühlte und uns den Rücken drehte, würde meine Mutter es persönlich nehmen. Wie sie es ja leider auch mit der Angelegenheit der Kammerfrauen getan hat. Du hättest dich mit ihnen abfinden sollen – fürs erste natürlich nur – und man hätte dann einen plausiblen Grund zu einem friedlichen Wechsel finden können.«

Das war zum erstenmal, daß der König ihr diesen Vorwurf machte und ein Gefühl, das ihr die Kehle zusammenschnüren wollte, ließ die Königin verstummen. Sie sah ihn fragend an, ungläubig, ob sie auch recht gehört, aber er hatte den Blick abgewendet und machte sich mit Papieren zu schaffen, die vor ihm auf dem Tische lagen.

»Ich will dich nicht länger stören«, sagte sie nach einer Weile. »Du hast zu arbeiten. Also auf Wiedersehen bei der Tafel.«

Und da er sie nicht hielt, ging sie – zum ersten Male in ihrer kaum vierzehntägigen Ehe, ohne daß er ihr ein liebes, freundliches Wort mit auf den Weg gab und sie fühlte, daß sie eigentlich gescholten worden war.

Beim Cercle vor der Tafel und bei dem kurzen Zusammensein nachher, denn es war noch ein Theaterbesuch auf dem Programm des Tages, wartete die Königin vergeblich darauf, daß der König mit Frau von Geyers, gegen die er besonders liebenswürdig war, wegen der Gräfin Tromnitz sprechen würde. Er hatte es über den Geschäften sicherlich vergessen, tröstete sie sich. Sollte sie ihn daran erinnern? Durch ein Wort nur, durch ein Lächeln? Aber nein, – er war so überhäuft mit Arbeit und mit Sorgen, daß er sogar einen nochmaligen kurzen Aufenthalt im Lilianeum hatte aufgeben müssen, dringender Regierungsgeschäfte wegen; sie wollte ihn nicht noch mit ihren Angelegenheiten plagen und außerdem – sie warf bei dem Gedanken den Kopf zurück – außerdem war sie in seinem Hause ja die Herrin und die Autorität lag in ihren Händen – Sie näherte sich, als der König sich entfernt hatte, der Obersthofmeisterin mit einem freundlichen Lächeln, das ganz aus ihrem guten Willen herauskam und sagte liebenswürdig:

»Apropos, Exzellenz, ich habe mit dem Könige über die von mir angeregte Sache wegen der Gräfin Tromnitz gesprochen. Er war sehr erstaunt, daß Sie Einwände geltend gemacht haben und war im Gegenteil sehr erfreut, daß ich eine Annäherung an die Gräfin wünsche. Sie haben also wohl die Güte, das Weitere zu veranlassen, nicht wahr? Ich wäre Ihnen sehr dankbar dafür.«

Frau von Geyers maß die Königin mit einem langen Blick und schlug ihre weißen Wimpern nieder. »Majestät«, sagte sie mit einem überlegenen Lächeln, das der Königin das Blut in die Wangen trieb, »der König urteilt aus Allerhöchstseinem gütigen Herzen heraus, weil Graf Tromnitz ein langjähriger Diener seines hochseligen Vaters war. Und vielleicht auch als galanter junger Ehemann, mit gnädigster Erlaubnis zu sagen. Aber mit einem neuen Regime, wie es durch Allerhöchstseine Vermählung eingetreten ist, muß auch notwendig eine etwas straffere Handhabung der Etikette eintreten, und dazu bin ich hier. Zu Lebzeiten des Grafen hat man seinetwegen ein Auge zugedrückt. Das hat nun ein Ende. Ich werde nicht darein willigen, daß die Gräfin bei Hofe erscheint, denn es ist mein Amt, über der Würde desselben zu wachen. Ich werde das Seiner Majestät vorstellen und zweifle nicht, daß ich recht bekommen werde.«

»Pardon, Exzellenz, – Sie haben mich nicht verstanden«, entgegnete die Königin, einen Schritt zurücktretend, »ich sagte Ihnen, daß ich – ich mit dem Könige gesprochen habe –«

»Und ich sagte Majestät, daß ich mit dem König sprechen werde«, fiel Frau von Geyers ein, die weißen Wimpern noch tiefer senkend. Dann plötzlich die Augen aufschlagend setzte sie mit ihrem insolentesten Lächeln hinzu: »Natürlich haben Majestät so die Wahl: ich oder Gräfin Tromnitz!«

»O dann – Gräfin Tromnitz«, erwiderte die Königin und drehte sich auf dem Absatz um. Sie hatte äußerlich ihre volle Ruhe bewahrt, aber in ihrem Inneren zuckte und bebte alles. Durfte sie sich das bieten lassen? Durfte sie? »Nein«, sagte sie sich mit zusammengepreßten Lippen und bebenden Nasenflügeln, »nein und tausendmal nein! Nicht als Lily von Rothenburg, nicht als Königin von Seeland! Vor die Wahl gestellt, habe ich meine Wahl getroffen, mag sie denn gehen – die Folgen werde ich tragen!«

Aber der Abend und der ganze folgende Morgen verging, ohne daß sie etwas von der Entlassung der Obersthofmeisterin hörte und auch der König gab kein Zeichen, daß sie mit ihm oder er mit ihr gesprochen. Sie war bei dem gemeinsamen Empfange einer Behörde, den das Königspaar abhielt, zugegen und nichts ließ darauf schließen, daß sie der Antwort der Königin den Sinn gegeben, den er doch zweifellos hatte.

»Ob sie mich nicht gehört, nicht verstanden hat?« fragte die junge Herrscherin sich verwundert. »Aber ich habe doch so laut und deutlich gesprochen, wie ich sprechen wollte und mußte.«

Nein, Frau von Geyers hatte evident nichts gehört oder die Antwort nicht in dem gemeinten Sinne aufgefaßt. Sie war im Gegenteil sehr aufmerksam und beflissen, solange der König zugegen war und dann hatte ihr Benehmen etwas so Sicheres, ja fast Triumphierendes, als hätte die Königin bei der Wahl, vor die sie gestellt worden war »Aber natürlich Sie, liebste Frau von Geyers« gesagt. Einen Moment zögerte die Königin, aber dann siegte die Prinzessin Lily von Rothenburg, die nie in Verlegenheit geraten war, wenn es galt, gegen Schwestern, Bruder oder Frau von Maritz einen Staatsstreich auszuführen, bei dem sie allemal die Siegerin geblieben war. Sie befahl ihren Wagen und fuhr ohne jede Begleitung zu der Gräfin Tromnitz, bei der sie sich durch den Lakaien anmelden ließ, wie jeder andre Besuch.

Die Gräfin war daheim in ihrer kleinen Villa im Parkviertel der Stadt, sie stand sogar in dem Vorgarten und band einen Rosenstock an seinen Pfahl fest und wendete den feinen Kopf mit den darum gewundenen, dicken, weißen Zöpfen verwundert um, als die Hofequipage vor ihrem Tor vorfuhr.

»Nun, was will denn Freund Tittmann zu dieser ungewohnten Zeit?« dachte sie, durch das Gebüsch hinter dem Zaun lugend, »es ist doch noch lange nicht Teestunde!«

Da trat schon der Lakai mit abgezogenem Hute auf dem Kieswege zu ihr.

»Ihre Majestät die Königin!« meldete er feierlich.

»Nein!« rief die Gräfin in der ersten Verwunderung, dann die wildledernen Gartenhandschuhe ab streifend, eilte sie mit raschen, jugendlichen Schritten der schlanken, feinen Mädchengestalt entgegen, die im lichtgrauen, perfekt sitzenden Schneiderkleide, einen großen, rosengeschmückten Hut auf dem goldenen Haar, schon auf sie zukam.

»Ich komme Ihnen meinen Besuch machen, Frau Gräfin«, sagte die Königin einfach und ganz glücklich darüber, daß die Erscheinung der aparten älteren Dame im Hauskleide nichts von dem ersten Eindruck verlor, sondern im Gegenteil noch gewann. Und er wurde vertieft durch die Art und Weise, wie sie den unerwarteten hohen Besuch aufnahm: nichts von Verwirrung, nichts von pomphaften, tiefen Verbeugungen, nichts von ersterbender Devotion! Mit einer Freude, die über ihr ganzes, feines Gesicht mit den wunderbar edlen, vergeistigten Zügen leuchtete, ergriff sie die ihr hingereichte Hand und dieselbe herzhaft drückend sagte sie mit einem leichten Neigen ihres eigenartigen Kopfes ebenso schlicht und einfach:

»Das ist aber lieb von Euerer Majestät! Wußt ich's doch, als ich zum erstenmal in Ihre Augen sah, daß Sie anders waren, als die andern alle! Freilich kommen Majestät ja vom Stamme der Prinzessin Friedrich!«

Die Königin lachte und hielt die Hand der alten Dame fest.

»Ja, wir Rothenburger!« meinte sie froh und angeheimelt. »Aber Sie dürfen keine Angst haben, Frau Gräfin, – so grob wie Tante Sophie bin ich nicht – wenigstens noch nicht!«

Gräfin Tromnitz lachte auch und ihre jungen Augen tanzten dabei vor Vergnügen.

»Prinzeß Friedrich ist ein Original, das ist sie«, erwiderte sie und legte ihre Linke auch noch über die Hand, die sie in ihrer Rechten hielt. »Ein goldener Kern in einer rauhen Schale. Nur, daß die Menschen meist nicht durch die Schale kommen, weil sie ihnen zu hart ist zum Durchbeißen. Das kommt daher, weil die Leute heutzutage schon von Jugend an – bildlich geredet – falsche Zähne tragen; die halten einen festen Biß nicht aus. Ich habe aber alle meine eignen noch und bin damit bis zu dem goldenen Kern durchgekommen. Wollen Majestät nicht in das Haus eintreten, in mein Vogelgebauer, wie ich's nenne.«

»Gern«, erwiderte die Königin heiter. »Es ist zwar so schön draußen, aber es geht wohl doch nicht, so nahe an der Straße. Was für einen entzückenden Garten Sie haben!«

»Lauter altmodische Blumen, wie ich sie so liebe: Sonnenröschen, Rosen, Reseda, Rittersporn, Malven, Türkenbund, Goldlack und – weiße Lilien. Das Zeichen, unter dem wir jetzt stehen! Aber ein schönes, bedeutsames Zeichen, über das ich mich gefreut habe, denn ich bin nun einmal solch eine sinnierliche Natur. Ja, solche Blumen hatten wir daheim in unserm Garten um unser schönes, altes Berner Landhaus mit dem überhängenden Dach und den verschalten Giebeln, und von unserm Balkon, unter dem tief unterhalb der »Enge« die grüne Aare vorbeifloß, da sahen wir die ganze, weiße Kette der Alpen des Oberlandes und über der Spitze des Münsterturms ragte die Jungfrau in ihrer glorreichen, schneeschimmernden Pracht empor. Davon träum' ich so manche Nacht und höre die Herdenglocken läuten.«

Sie waren während dieser Worte über die Veranda in das Haus getreten und die Gräfin schob ihrem hohen Gaste einen Sessel an die offene Glastür, durch die der Duft der Blumen hereindrang und sich mit dem feinen Lavendelgeruch mischte, der durch das große helle Zimmer mit seinen glänzend polierten alten Mahagonimöbeln mit den Messingbeschlägen schwebte, ein Zimmer, das so recht die Persönlichkeit seiner Bewohnerin charakterisierte, an dem der »Dekorateur« kein Teil hatte: gediegen, wohnlich, patriarchalisch mit einem undefinierbaren Hauch von Poesie und Lebensfreude darüber, licht und »frohmütig«, wie der Schweizer sagt, denn durch die weißen, gestickten Musselinvorhänge der Fenster durfte das Licht ungehindert durch Lambrequins und Übergardinen frei hereintreten und beleuchtete voll die Hauptstücke des Wandschmuckes: die Jungfrau im Morgensonnengold von Calame, das Matterhorn im Föhn von Gos, und einen ergreifenden dornengekrönten Christuskopf von Burnand.

Unbeschreiblich wohl wurde es der jungen Königin in diesem Zimmer, der weißbezopften alten Dame gegenüber, die sie mit so gütigen, klugen Augen ansah und in ihr zu lesen schien. Das Häßliche, Schwere, Drückende, das seit ihrem Eintritt in die neue Heimat an sie herangetreten war, fiel ab von ihr und sie hatte das Gefühl, als müßte sie in dem Zimmer herumtanzen, an den alten Delfter Potpourrivasen riechen, aus deren durchlochten Deckeln der Lavendelgeruch herausströmte, die Bücher in die Hand nehmen, die auf einer drehbaren Etagere in dichten Reihen standen, die alte eingelegte Standuhr in der Ecke anhalten, damit ihre Zeiger nicht so unbarmherzig rasch vorrückten – aber sie besann sich, daß sie ja nicht mehr die Prinzessin Lily war, sondern die Königin dieses Landes, in dem ihre Wirtin stand wie ein fremdartiger, immergrüner Baum, – wetterfest, stark und schutzgebend gleich einer jener Arven, die noch in einer Höhe wachsen, auf der keine Tanne mehr bestehen kann.

»Ich freue mich, daß der König sich eine Frau gewählt hat, die sich auf ihrer Höhe nicht abschließt, sondern als Mensch den Menschen näher treten will«, sagte die Gräfin nach einer Pause, während der sie dem Blicke der Königin rund um ihr Zimmer gefolgt war. »Das ist nicht nur ein Zug, der mich alte Frau erwärmt, sondern mir auch zeigt, daß Majestät den Mut Ihres Wollens haben. Recht so! Denn in der Abgeschlossenheit der Königsschlösser kann man wohl auch Menschen kennen lernen, aber vom Leben nur so viel, als der verengte Horizont es erlaubt.«

»Ich kann in einem engen Horizont nicht leben – ich würde daran zugrunde gehen«, erwiderte die Königin tief atmend. »Denken Sie doch an die Freiheit, in der ich aufgewachsen bin.«

Die Gräfin nickte verständnisvoll.

»Ich weiß es«, sagte sie. »Aber wenn man aus der Freiheit mit einem Male in einen Raum gerät, der von allen Seiten mit Stacheldraht abgeschlossen ist, dann braucht man schon eiserne Handschuhe und ein sehr festes Handgelenk, um ihn so zur Seite biegen zu können, daß man frei und ungehindert so oft hinaus kann, wie man will – um die Glieder wieder tüchtig strecken und sich auslaufen zu können. Ich weiß das aus Erfahrung. Der Draht sticht und die Kraft will erlahmen, und wenn's dahinter nicht unwiderstehlich lockt, dann läßt man es sein und sieht zu, wie man die erhaltenen Risse und Wunden wieder heilt. Setzt man's aber durch, dann heilen sie fast ohne Narben. Dafür bleibt man auch immer etwas außerhalb des Zaunes stehen. Das ist eine Allegorie, Majestät, aber ein lebendiges Beispiel dafür bin ich. Mein Stacheldraht war die Hofgesellschaft.«

»Und meiner ist die Etikette«, erwiderte die Königin lachend. »Aber wir Rothenburger kriegen die eisernen Handschuhe schon in die Wiege mit – ich denke fertig zu werden mit den Stacheln und fürchte mich vor den Rissen und Stichen nicht. Sie, Frau Gräfin, müßten meine Obersthofmeisterin sein – wir beide rissen den ganzen Stacheldraht zusammen um und zögen dafür samtbezogene Kordons, durch die ein jeder ohne Mühe zu uns gelangen könnte, und wir zu ihm!«

»Eh' es soweit kommt, wird noch mancher Tropfen Wasser ins Meer fließen«, rief die Gräfin, aber mit leuchtendem Blick. »Da sitze ich nun mit meinen weißen Haaren und hätte noch große Lust, an solch einer Sysiphusarbeit mitzuschaffen und das Faß der Danaiden zustopfen zu helfen. Wer weiß – zwei, drei Generationen später und es ist so weit, daß die Person der Könige nicht mehr unnahbar ist, sondern so zugänglich wie jeder Privatmann. Von meinem Standpunkt aus wäre das ein sehr wünschenswerter Zustand, aber ich bin eben eine Republikanerin.«

»Zwei, drei Generationen!« wiederholte die Königin. »Bewahre mich in Gnaden! Ich will diesen Zustand doch noch erleben! Ich hab's wenigstens vor. Und inzwischen: wenn der Prophet nur auf dem Instanzenwege zum Berge gelangen kann, dann macht eben der Berg sich auf und – brennt zum Propheten durch.«

»Das Beispiel hätten wir ja«, lachte die Gräfin heiter. »Für das Durchbrennen habe ich immer großes Verständnis gehabt«, setzte sie fein hinzu, »aber ich weiß doch nicht, ob es recht ist, Durchbrenner aufzunehmen und zu ermutigen.«

»Wenn's ein richtiger Durchbrenner ist, dann braucht er das nicht«, versetzte die Königin vergnügt. »Die Erinnerung an ein paar liebe, freundliche, gütige Augen und an ein lavendeldurchduftetes Stübchen genügt für einen Rückfall.«

Und sie reichte ihrer Wirtin wieder die Hand herüber und wieder drückte diese sie herzhaft, ohne auch nur den Versuch eines Handkusses zu machen, – nicht allein weil sie ja von der Vermählungscour her wußte, daß die Königin ihn nicht wollte, sondern weil es gegen ihre Grundsätze war, jemandem die Hand zu küssen. Und so plauderte dies ungleiche und doch innerlich so gleiche Paar angeregt und anregend noch ein gutes Weilchen fort und als die Königin ins Schloß zurückkehrte, kam sie sich vor, als hätte sie im belebenden salzigen Wellenschlage der See ein Bad genommen.

Kaum war sie aber wieder in ihrem Zimmer, als ihr auch schon die Obersthofmeisterin gemeldet wurde. »Aha! Der Stacheldraht«, dachte sie vor sich hin lachend, aber ohne Voreingenommenheit, heiter und froh trat sie Frau von Geyers entgegen.

»Bringen Sie mir etwas, Exzellenz? Hoffentlich etwas zum Schaffen – wir wollen's bei einer Tasse Tee erledigen, nicht?« rief sie liebenswürdig, denn sie hatte im Geiste einen dicken Strich unter das Konto der Obersthofmeisterin gemacht – sie wollte heut eine neue Seite beginnen.

»Majestät sind eben von einer Ausfahrt zurückgekehrt, von der ich nicht unterrichtet worden bin – darf ich fragen, wo Majestät waren?« fragte Frau von Geyers ohne Umschweife.

»Natürlich dürfen Sie fragen«, erwiderte die Königin heiter. »Ich will's Ihnen sogar sagen, trotzdem ich's ja nicht nötig hätte, denn darüber sind wir uns doch einig, nicht wahr? Ich war bei der Gräfin Tromnitz.«

»Also doch!« rief Frau von Geyers und schlug die Hände zusammen. »Ich habe es nicht glauben wollen! Und nach allem, was ich Majestät gesagt hatte!«

»O, Sie hätten das ganz gut glauben können nach allem, was ich Ihnen gesagt habe«, versetzte die Königin, die mit einem Male fand, daß neue Seiten sehr schwer zu beginnen sind. »Ganz besonders aber, nachdem ich Ihnen des Königs Meinung mitgeteilt.«

»Ich bin für Majestät die Instanz in derartigen Angelegenheiten, nicht der König«, behauptete Frau von Geyers insolent.

»So? Das ist mir neu«, erwiderte Königin Lily kühl. »Sie müssen schon verzeihen, wenn ich Ihnen diese kühne Behauptung nicht eher glauben kann, als bis es der König mir selbst sagt. Und nun wollen wir von etwas anderm reden – wenn Sie mir nämlich noch etwas zu sagen haben.«

»Ja«, sagte Frau von Geyers, blaß vor Wut. »Majestät sind ohne Hofdame ausgefahren. Das ist so unschicklich, daß es mir schwer wird, Worte dafür zu finden.«

»Dann suchen Sie lieber keine«, riet die Königin, etwas zurücktretend. »Sie werden sich an diese ›Unschicklichkeit‹ besser beizeiten gewöhnen, Exzellenz, denn ich habe nicht vor, mir immer einen Appendix mitzunehmen, wenn ich heraus will. Ich bin das nicht gewöhnt, ganz abgesehen davon, daß es ja geisttötend für Kammerherren oder Hofdamen ist, hinter mir dreinzuziehen und als Ölgötzen dabei zu sitzen, wenn ich einen Besuch mache oder Anstalten besichtige. Die Ärmsten können ihre Zeit besser anwenden. Und dann bin ich auch sehr unabhängig, weiß mir ganz gut allein zu helfen und fürchte mich nicht. Nicht einmal vor Ihnen, Exzellenz. Es ist ganz gut, wenn wir uns darüber klar werden.«

Die Obersthofmeisterin rang nach Worten.

»Majestät«, brachte sie endlich heraus, aber die Königin winkte mit der Hand.

»Sie fassen Ihre Stellung viel zu schwer auf«, sagte sie zuredend. »Ich bin doch nicht die Kaiserin von China, die hinter einem Schirm, von Mandarinen umgeben, wie in einem Glaskasten sitzt, sondern die Gemahlin eines Monarchen des zwanzigsten Jahrhunderts im modernen, zivilisierten Europa! Sie können auch ganz beruhigt sein: ich tue nichts Unrechtes und wenn ich es täte, so erkenne ich nur die Autorität des Königs an, mich darauf aufmerksam zu machen.«

»Der König ist in diesen Dingen ganz inkompetent und ich fasse meine Stellung so auf, wie ich das Recht dazu habe«, behauptete Frau von Geyers. »Majestät können das natürlich nicht beurteilen, da Sie ja gar nicht wissen, was einer Obersthofmeisterin an einem großen Hofe obliegt – und mit Ihrer Jugend nicht imstande sind zu erkennen, was sich für eine Königin schickt. Majestät sollten darin bei der Königin-Mutter in die Lehre gehen, die als Muster einer Souveränin gilt und mich damit beauftragt hat, darüber zu wachen, daß der Hof von Seeland auch so mustergültig bleibt, wie er unter ihrer Regierung gewesen. Wenn aber Majestät so fortfahren, wie Sie begonnen haben und nicht auf mich hören, dann werden Sie die Folgen zu tragen haben. Ich bin nicht so fortzuschicken, wie Ihre Kammerdamen, wenn Majestät etwa im Sinne haben, sich meiner zu entledigen, weil ich Ihnen unbequem bin, worauf ich mir erlauben möchte, Majestät alleruntertänigst aufmerksam zu machen.«

Damit machte sie vor der Königin eine tiefe Verbeugung, die nach den eben gesprochenen Worten der lautere Hohn, der Gipfel der Insolenz war, rauschte heraus wie eine Juno Vixtrix und warf in der Tür noch einen Blick, begleitet von einem unbeschreiblichen Lächeln zurück auf die schlanke, regungslose Gestalt, die unter den eben gehörten Worten wie versteint dastand, und, als sie allein war, mit beiden Händen an den Kopf griff, um sie dann wieder schlaff an den Seiten herabfallen zu lassen.

War sie wirklich schutzlos der Gnade oder Ungnade dieser Frau überantwortet worden, als sie die »regierende Königin« von Seeland wurde? Standen alle Königinnen unter solch einem Tyrannen? Das Blut der Rothenburger Dynastie war sehr wohl temperiert worden in der Retorte moderner Anschauungen, aber es war Fürstenblut, durch eine siebenhundertjährige Unabhängigkeit auf einem kleinen Fleckchen der Landkarte stark und kräftig geblieben, undegeneriert, rasch und heiß zu allen Zeiten; heiß wallte es auf in den Adern seines vorjüngsten Sprossen und empörte sich zu einem wahrhaft königlichen Zorn, der aus den sonst so sanften, fröhlichen Kinderaugen sprühte und flammte, die zarten Wangen heiß färbte und in roten Wellen aus dem Herzen heraufstieg. Aber dieses Herz war nicht stark genug für eine solche Anstrengung – erst zum Bersten klopfend, verließ es die Kraft, das entflammte Blut ebbte zurück in seinen Quell und wo sie unbeweglich gestanden, brach die arme junge Königin zusammen, das liebliche Gesicht erblaßt, die Lippen bläulich gefärbt – –

Sie kam zu sich durch ein Klopfen an ihrer Tür, das sich ungehört schon mehrmals wiederholt und einen Moment mußte sie sich besinnen, wo sie war. So rasch als sie konnte, mit merkwürdig schweren, steifen Gliedern, raffte sie sich empor und überwand mit ihrem starken Willen die immer noch vorherrschende Schwäche, ehe sie ihr »Herein« rufen konnte – und Fräulein von Hartwig in das Zimmer schlüpfte.

»Du hast mich zum Tee rufen lassen, Goldne«, rief sie fröhlich, »und ich warte im Vorzimmer schon eine Ewigkeit, weil Frau von Geyers bei dir war. Der Kuckuck war wieder mal mordsschlechter Laune und gab mir einen festen dienstlichen Riß, weil ich, als vom Dienst, dich hätte allein ausfahren lassen! Ich wußte doch gar nicht, daß du ausgefahren warst, aber sie ließ das nicht gelten und drohte mir, mich aufzupacken und heimzuschicken, wenn ich nicht wüßte, was ich zu tun hätte. Und so weiter. Die Standpauke war nicht übel und gipfelte darin, daß ich mich mit Ablauf meiner Dienstzeit als a. D. betrachten könnte. Ich hab' natürlich nichts darauf gesagt – hätte ja gar keinen Zweck gehabt, aber es lag mir höllisch nahe, Ihre Exzellenz darauf aufmerksam zu machen, daß du darüber die Entscheidung hättest, nicht?«

»Es scheint nicht so, guter, armer, alter Hans!« rief die Königin mit etwas wie einem Schluchzen kämpfend. »Ach Gott! Wenn der König mir nicht hilft, dann bist du das Opfer dafür, daß ich geglaubt habe, ich selbst bleiben zu dürfen auch mit dieser Krone, die ich ja gar nicht gewollt habe, sondern nur ihn, der sie mir gegeben hat!«

Aber der König half nicht. Sie war nicht gleich zu ihm gelaufen mit dem, was sie drückte, sondern hatte es hin und her überlegt, wie sie es machen und sich unter seinen Schutz stellen konnte, ohne ihm zwischen seine Sorgen und Arbeit mit dieser widerwärtigen Angelegenheit zu kommen. Ruhig und unbeirrt ihren Weg gehen? Ohne ihm etwas zu sagen? Würde sie das imstande sein? Durfte sie es überhaupt ohne Stütze auf seine Autorität? Mehr noch, konnte sie es, ohne die Würde preiszugeben, die sie doch nun einmal übernommen hatte, die ihr übertragen worden war, die sie zu vertreten hatte?

Sie war sich selbst noch nicht klar darüber geworden, noch zu keinem ruhigen Schluß gekommen, als sie von ihm selbst erfuhr, daß sie auf ihn nicht zu rechnen hatte. Er kam vor der Tafel wie gewöhnlich zu ihr, um sie abzuholen und vorher ein Viertelstündchen des Alleinseins mit ihr zu haben.

»Also meine Goldne macht Rothenburger Streiche«, sagte er, bei ihr eintretend. Es sollte scherzhaft klingen und war freundlich gemeint, aber sie hörte doch aus seinem Ton etwas heraus, das sie noch nicht kannte; nicht gerade das Grollen des Löwen, – das wäre zuviel gesagt gewesen, aber doch etwas wie Mißbilligung, Abweisung, etwas Definitives, mit einem Worte: den König.

»Leo!« sagte sie bestürzt, über und über rot werdend.

»Liebste, es war gewiß sehr hübsch gedacht und – goldig von dir, die Gräfin Tromnitz zu besuchen«, fuhr der König fort, »aber wir sind hier eben noch so schrecklich weit zurück, solch einen Schritt, einen ersten Schritt durch die Königin nicht zu verstehen. Es steht eben nicht im Kodex der Etikette und damit basta. Deine gute Frau von Maritz hätte sicher nichts darin gefunden, ebensowenig wie ich etwas andres darin sehe, als eine reizende, zarte Aufmerksamkeit gegen die alte Dame, die meine volle Verehrung hat. Aber – daheim hättest du Frau von Maritz sicher gesagt, was du vorhattest, nicht?«

»Es ist möglich, Leo, weil Frau von Maritz nicht nur meine Erzieherin, sondern meine Freundin, meine mütterliche Freundin war«, gab die Königin ohne weiteres zu. »Es ist aber auch ebensogut möglich, daß ich ihr nichts gesagt hätte nicht, weil ich fürchtete durch sie verhindert zu werden, sondern weil Frau von Maritz sicher sein konnte, daß ich nichts Unrechtes oder gar Verbotenes tun würde.«

»Das ist alles ganz gut und schön« . erwiderte der König etwas ungeduldig, »hättest du dir nur wenigstens eine Hofdame mitgenommen! Fräulein von Hartwig hat ja wohl den Dienst, nicht wahr? Es ist nun einmal bei uns Sitte, daß die regierende Königin nicht ohne Begleitung ausfährt und du darfst darin keine Überwachung sehen, sondern nur eine Erhöhung deiner Würde, deines Ranges. Mir dröhnt der Kopf noch von dem Veitstanz, den Frau von Geyers über diesen unschuldigen Rothenburger Streich bei mir aufgeführt hat und ich würde einfach darüber lachen, wenn sie nicht die Entlassung von Fräulein von Hartwig gefordert und mit ihrem Rücktritt gedroht hätte!«

»Und du – hast ihr nachgegeben? Du, der König?« flammte sie auf, aber mit einem schrecklich wehen Gefühl dabei und einem Empfinden, als wiche der Boden unter ihr.

»Liebe, Goldne, – so wie ich mit meiner Mutter stehe, kann ich mir den Luxus nicht erlauben, sie durch Frau von Geyers vor den Kopf zu stoßen. Das bedeutete nichts mehr und nichts weniger als einen vielleicht unheilbaren Bruch. Ich habe dir das erst gestern auseinandergesetzt und nur darum die Sache mit Gräfin Tromnitz noch nicht mit der Obersthofmeisterin berührt, um die Gemüter erst zu beruhigen. Es eilte doch damit nicht so.«

»Doch, es eilte, damit Frau von Geyers klar darüber wurde, vor wem sie steht, wenn sie mir ihre Ratschläge gibt, die ich gewiß gern annehme, so lange sie in der Form bleiben, die mir als deiner Frau gebührt«, entgegnete die Königin sanft und traurig.

Der König räusperte sich, sah zu Boden und machte sich dann am Portepee seines Säbels zu schaffen.

»Das wird alles in Ordnung kommen«, sagte er freundlich, aber doch wieder mit dem Unterton, der etwas von der Schlußnote in sich hatte. »Frau von Geyers kämpft eben noch mit dem Übereifer ihrer funkelnagelneuen Stellung; sie ist eine langjährige verdiente Dienerin meiner Mutter, die sie hergegeben hat, um durch ihre Erfahrungen meiner Gemahlin zu nützen, sie ist die Witwe eines verdienten Generals meiner Armee – sie hat also allen Anspruch darauf, daß wir Nachsicht üben und ihr Zeit lassen, sich zurechtzufinden. Meine Mutter würde sehr mit Recht eine Zurechtweisung ihrer alten Staatsdame – von einem Rücktritt derselben gar nicht zu reden, – als eine persönliche Beleidigung auffassen. Das ist unter allen Umständen zu vermeiden. Kommt Zeit, kommt Rat, und wenn du später wirklich meinst, dich mit ihr nicht verstehen zu können – – aber ich hoffe, daß die Gegensätze sich ausgleichen werden. Das Opfer dieses unerquicklichen Zwischenfalls ist ja nun leider die arme kleine Hartwig –«

»Leo! Du willst sie fortjagen?« kam es wie ein Schmerzenslaut, kaum hörbar über die Lippen der Königin, die ganz blaß geworden war und sich schwer auf das Tischchen stützte, neben dem sie stand.

»Um Gotteswillen nicht!« erwiderte der König, jetzt mit seinen Orden beschäftigt. »Nur keinen Lärm, keinen Hofskandal! Fräulein von Hartwig bleibt wo sie ist bis die Zeit ihres Urlaubs kommt, reist dann ab und – kommt nicht wieder. Das ist alles – das mindeste von dem, was Frau von Geyers forderte. Es ist ein Kompromiß.«

»Und ich? Darf ich bleiben?« fragte die Königin, blaß, aber ganz gesammelt.

»Aber, Goldne –«

»Nun, es ist ja alles mögliche, daß Frau von Geyers nicht auch meine Entlassung gefordert hat«, fiel sie mit einer ihr selbst ganz fremden Ironie ein, die sie bereute, kaum daß sie ausgesprochen war. »Verzeih', Leo! Aber daß meine arme, kleine Hans für etwas büßen soll, woran sie unschuldiger ist, als ein Wickelkind, das tut mir so weh, wie ich es dir gar nicht sagen kann! Ist das – ist das endgültig?«

»Ich – ich fürchte, ja«, war die halblaute Antwort. »Es war kein andrer Ausweg, wenn Frau von Geyers nicht gehen und nach dem Kammerdamenskandal noch eine Obersthofmeisterinaffäre in Szene gesetzt werden sollte. Drei Wochen nach unsrer Vermählung! Die öffentliche Meinung hätte dir wieder die Schuld gegeben – das wäre ein böser Anfang für die regierende Königin von Seeland. Warum der Partei recht geben, die du nun doch einmal gegen dich hast, denn darüber dürfen wir uns nicht täuschen. Es tut mir unendlich leid, daß du deine Freundin verlieren sollst, unendlich, Goldne! Aber es ist nun einmal der Lauf dieser Welt, daß die Kleinen für die Fehler der Großen über die Klinge springen –«

Heut zum ersten Male lernte die arme junge Königin verstehen, wie schwer es war, gleichmäßig, ruhig und unbewegt zu erscheinen, zu lächeln, leicht und angenehm zu plaudern, glücklich auszusehen und die Sonne ihrer Gnade nach allen Seiten leuchten zu lassen, während das Herz ihr zentnerschwer in der Brust lag und die verräterischen Tränen ihr immerzu heiß in die Augen stiegen und oft genug machten, daß das glänzende Bild um sie wie in einen Schleier gehüllt erschien, besonders wenn ihr Blick auf die kleine Hans Hartwig fiel, die, wo es die Würde ihres Amtes nicht verbot, mit strahlendem Gesicht, vor Heiterkeit sprühend, unter den Gästen des Königs stand, und alles durch ihre frohe Laune ansteckte. Wenn etwas die Königin bei dieser Prüfung ihrer Selbstbeherrschung wirkungsvoll unterstützte und machte, daß sie die Zähne zusammenbiß und die echt mädchenhaften Tränen in ihren Augen trocknete, so war es der Triumph in jeder Bewegung ihrer Obersthofmeisterin, der funkelnde Blick ihrer Fischaugen, der sich gesucht oft mit dem ihrigen kreuzte, das fatale Lächeln, mit dem sie diesen Blick begleitete. Nein, nur dieser Frau nicht zeigen, wie weh sie ihr getan, an welch empfindlicher Stelle sie von ihr getroffen worden war. Aber als der Hof sich zurückgezogen, als der König heute etwas hastig und flüchtig ihr einen guten Abend gewünscht, um noch, bevor er zur Ruhe ging, einige Geschäfte zu erledigen und zu arbeiten, da brach ihre junge, übermäßig geprüfte seelische Kraft zusammen und sie mußte, mußte sich erst ausweinen in der Stille ihres Kämmerleins. Nicht um sich weinte sie, um die erlittene Demütigung vor Frau von Geyers – daran dachte sie kaum, aber um den Sturz der treuen Freundin, den sie verschuldet, ahnungslos, harmlos, ihrem guten Recht vertrauend! Und um solch einer Bagatelle willen, um ein Nichts, das ihr einfach unverständlich war!

Da öffnete sich leis, ohne vorheriges Anklopfen die Tür und Fräulein von Hartwig schlüpfte herein.

Einen Moment stand sie wie angewurzelt vor der in einen Sessel zusammengesunkenen Gestalt mit dem tiefgebeugten goldenen Kopf, in dessen Haarfülle die beiden Hände sich eingegraben hatten, dann aber hatte sie auch schon beide Arme um sie geschlungen und ihr eignes Gesicht an das der Freundin gelehnt.

»Warum nicht gar, Goldne, wer wird denn weinen«, rief sie mit einem tapferen Lächeln. »Wenn ich noch weinen wollte! Schau mich doch an, ob ich's tue! Nicht wahr, damit der alte, giftige Kuckuck sich desto mehr freut! Das fehlte noch! Nur nicht zeigen, daß es uns nahe geht! Schimpfen wollen wir, – das erleichtert, da mach ich mit! Leonie Vombach und ich haben's auch schon redlich zusammen besorgt. Haben wir! Kannst du dafür? Nein, tausendmal nein! Das ist ja auch nur ein Vorwand, – ich werde wegen ganz etwas anderm fortgeschickt von Ihrer Exzellenz und wenn's der König nicht aus Liebe zu dir verweigert hätte, so säße ich wegen dem alten Drachen jetzt schon im Nachtzuge nach Rothenburg. Ja, sieh mich nur verwundert an – die Sache liegt tiefer, als du in deiner Harmlosigkeit denkst! Für Frau von Geyers war ich eine überlästige Person seit dem Abend deiner Vermählung. Es hat aber auch sein Erhebendes, wenn man weiß, daß man nicht wegen vorgeschrittener Dummheit fliegt, sondern weil man den Leuten zu gescheit ist! Siehst du, da mußt du doch lachen! Bis zum Oktober bleiben wir ja noch beisammen, Goldne – bis dahin wollen wir die Zeit recht ausnutzen, nicht wahr? Wer weiß, was sich bis dahin noch zuträgt – – hm! Die Komödie ist ja doch eigentlich zum Begraben! Die Kammerfrauen setzt du an die Luft, Frau von Geyers schickt mich zum Kuckuck und wenn sich jetzt noch einer findet, der sie vor die Tür befördert, dann will ich dem sogar einen Kuß geben, und wenn's der Hausknecht aus Nubierland wäre.«

Wenn es die tapfere kleine Person in dem Heroismus ihrer Freundschaft auch erreichte, daß die Königin genügend Fassung zurückgewann, um dem Könige keine verweinten Augen zu zeigen und ihre Niederlage vor der Obersthofmeisterin wortlos zu übergehen, so war doch ein Stück ihrer Harmlosigkeit dahin; die Schmetterlingsflügel ihrer Seele waren von einer rücksichtslosen Hand gestreift worden und hatten etwas von dem Blütenstaub verloren, aber doch zum Glück nur etwas. Die Erfahrung, die Königin Lily gemacht, war für sie etwas so Fremdes, so Unbegreifliches, so ganz außerhalb dessen Stehendes, worin sie aufgewachsen, daß sie sich mit der Elastizität ihrer sorglosen, ungebundenen Jugend bald genug erholte und auf die gemachte Erfahrung zurückblickte, wie auf ein Alpdrücken, das ja noch in ihr nachzitterte, von dem ihr Optimismus aber zu hoffen begann, daß es wirklich nur ein böser Traum gewesen und alles ja wieder gut werden würde. Und das um so mehr, als der König sie mit Aufmerksamkeiten überhäufte und so liebevoll zu ihr war, wie kaum vorher, denn wenn sie ja auch kein Wort mehr vor ihm über diese Angelegenheit laut werden ließ, so las er doch in ihren Augen noch den Schrecken, der ihr eingeflößt worden war, wie in einem offenen Buche und weil er sie doch sehr lieb hatte, mehr, als er selbst es wußte und ahnte, so tat ihm dieser Blick weh – – Unbeschreiblich und ehrlich tat es ihm leid, ihr das Wesen wieder nehmen zu müssen, das er selbst aus eigner, freier Entschließung, entgegen allen Traditionen, die fremdländischen Hofdamen kein Asyl am Hofe von Treustadt gewährten, beigesellt, um ihr das Gefühl des Alleinseins im fremden Lande zu nehmen; aber schließlich ging ja Fräulein von Hartwig nicht gleich; er hoffte, daß seine Frau sich bis dahin mehr an ihre neue Stellung gewöhnt haben würde und das Opfer war auch am Ende nicht zu groß, wenn damit der Frieden mit der Königin-Mutter erkauft werden konnte. Es lag auch wieder etwas rührend Unbeholfenes in der Weise, wie der Monarch versuchte, seiner jungen Frau das ihr zugefügte Leid zu versüßen; wie er sich die freien Minuten abstahl, es möglich machte, einen ganzen, langen Tag mit ihr im Lilianeum zuzubringen, sie mit erlesenen Bonbons fütterte, ihr Blumen brachte, Bücher, Juwelen – –

Das alles erfüllte ihr Herz mit gerührter Dankbarkeit für ihn und sie begriff sehr gut, daß der König mit all dem sich nicht entschuldigen wollte, weil er ja selbst überzeugt war, das Richtige getan zu haben, sondern um ihr zu zeigen, wie leid es ihm tat, ihr einen Schmerz machen zu müssen. Aber gerade weil sie das so richtig erkannte, darum wurde es ihr schwerer es zu verwinden, daß er es für richtiger fand, den Egoismus seiner Mutter zu schonen, statt seine eigne Frau vor den insolenten Übergriffen ihrer Obersthofmeisterin zu schützen und dieser damit das Recht zu geben, darin unentwegt fortzufahren. Gewiß, es war nicht angenehm für die Königin-Mutter wenn die Personen, die sie für den Hofstaat ihrer Schwiegertochter ausgewählt, sich in irgendeiner Weise als nicht geeignet erwiesen, aber, lieber Himmel, man steckt doch in diesen Leuten nicht und kann nicht verlangen, daß die mit ihnen Beglückten ein unerträgliches Zusammenleben mit ihnen führen, nur damit der Empfehler sich weiter in dem süßen Wahne wiegen kann, daß von ihm das Richtige ausgegangen ist.

Da Königin Lily keine gering oder mittelmäßig veranlagte Person war, sondern ganz klar und logisch zu denken wußte, so war es natürlich, daß diese Einwände durch noch so große und gehäufte Aufmerksamkeiten des Königs unbeeinflußt blieben und das Gefühl nicht nur des ihr widerfahrenen Unrechtes, sondern der Kränkung ihrer fraulichen und königlichen Würde in ihr zurückblieb; der Stachel saß in ihrer Seele und es wäre nicht natürlich, nicht menschlich gewesen, wenn sie die ihr schuldige Genugtuung nicht vermißt hätte. Schnell und leicht, wie sie sonst vergessen konnte, wenn sie gekränkt worden war, – hier fühlte sie es instinktiv heraus, daß sie nicht vergessen durfte und das Schlimmste war, daß sie sich nicht verhehlen konnte, von welcher Seite Frau von Geyers ihre starke Rückendeckung empfing. Das freilich konnte und wollte sie dem Könige nicht sagen, um seine kindlichen Gefühle nicht zu verletzen und um kein Öl ins Feuer zu gießen, denn ihre feinfühlige Seele entsetzte sich vor Familienzwisten und litt mehr als sie sich selbst eingestand, darunter, daß die Königin-Mutter ihr so feindselige Gefühle entgegenbrachte und auch durch nichts zu einer milderen Auffassung zu bringen war. Sie duldete ihre Schwiegertochter, das war alles und noch dazu war diese Duldung eine ausgesprochen ungnädige.

»Scher' dich nicht darum, sondern gehe du ruhig deinen Weg«, riet ihr weise die Prinzessin Sophie, der sie einmal ihr Herz ausschüttete. »Das ist das einzige, was du dabei tun kannst, wenn Leo schon einmal kein Machtwort sprechen will. Was, er kann nicht? Papperlapap! Blödsinn! Alles hat seine Grenzen und schließlich ist er doch nicht bloß das Söhnchen, das wie ein Zappelmann Arme und Beine und Kopf so schlenkert, wie die Frau Mutter den Faden zieht, sondern er ist doch nebenbei noch König und Ehemann. Ich will ihm das sehr gern selbst sagen, aber erst muß ich ihn haben! Er weiß sehr gut, daß er von mir die Wahrheit zu hören bekommt, sobald ich ihn mal erwischen kann, und darum geht er mir auch aus dem Wege, wie die Maus der Katze. Laß dich nicht ins Bockshorn jagen, altes Mädel, sonst hast du verspielt für alle Zeit. Blase der alten Geyers den Marsch, daß ihr Hören und Sehen vergeht und sie merkt, wer ihr Herr ist – meine Schwägerin oder du. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung bist du's, zu welcher Ansicht die Macht der Gewohnheit meinen lieben Neffen noch nicht bekehrt zu haben scheint. Ich bin nur froh, daß mein Junge, der Erich, gerade um die Welt gondelt und fern ist vom Schuß, denn er ist von meiner Sorte und sagt, was ihm nicht gefällt, wobei man sich gelegentlich das Maul verbrennen kann.«

Die Königin konnte im Prinzip ihrer Tante nicht unrecht geben, aber was war zu tun? Sie konnte nur eins: sich mit aller Gewalt zusammennehmen und über sich wachen, denn sie fühlte, daß es nur noch eines kleinen Anstoßes bedurfte, um in ihrem Verhältnisse zu Frau von Geyers eine Explosion herbeizuführen, – ein Funken und der aufgehäufte Zündstoff mußte in Brand geraten. Davor fürchtete sie sich und vermied, soweit sie es mit Würde und Anstand konnte, jede Annäherung mit ihrer Obersthofmeisterin. Sie sprach mit ihr nur das Allernotwendigste und das auch nur in Gegenwart der Hofdame oder eines Kammerherrn, aber es bedurfte schon einiger geschickter Manöver, um das möglich zu machen und es ermüdete und verletzte sie, es kränkte sie in dem Bewußtsein ihrer Würde, in ihrem eignen Hause solche Mittel anwenden zu müssen – um des lieben Friedens willen. Denn einmal aus ihrer Harmlosigkeit aufgerüttelt, war das Mißtrauen in ihr erwacht, das ihr zuflüsterte, Frau von Geyers warte nur auf eine neue Gelegenheit, um sie wieder ihre Überlegenheit fühlen zu lassen, ungestraft, wie sie ja sicher war, das tun zu können.

Und der Funke flog überall in der Luft des Schlosses herum und der Anstoß zur Explosion kam, mußte kommen.

Und noch dazu an einem Tage, an dem die arme Königin ganz geneigt war, die berühmten »Millionen zu umschlingen und der ganzen Welt einen Kuß zu geben.«

Sie hatte mit dem Könige einen köstlichen Morgen im Lilianeum verlebt, in dessen Glück und Freiheitsfreude inmitten der sonnenvergoldeten Waldespracht eigentlich zum ersten Male nach fast vierzehntägiger Spannung die grausame Erfahrung ganz in den Abgrund des Vergessens versank. Der König war heiter gewesen, wie noch nie, weil eine Wolke am politischen Horizont sich eben verzogen und auch sonst alles zurzeit bei der Regierungsmaschine klappte. Das konnte heut abend natürlich schon wieder anders sein, wie das bei solch komplizierten Maschinen jede Minute zu erwarten ist, aber der König war nun lange genug im Amte, um sich über die Möglichkeiten nicht schon im voraus Sorgen zu machen und mit befreiter Seele nutzte er seinen Tag.

Die Königin, die einmal endlich eine wolkenlose Stirne bei dem geliebten Manne sah, entfaltete unter diesem klaren Himmel auch die ganze Fröhlichkeit ihres sonnigen Charakters und wie ein paar vergnügten Kindern flossen dem Herrscherpaar eines großen Reiches die wenigen Stunden ungetrübten, ungestörten Zusammenseins in seinem stillen Winkel dahin, in dem es keine andre Etikette als die der Bildung und Wohlerzogenheit gab und ganz besonders – keine Obersthofmeisterin, Exzellenz.

Diese frohe alles vergessende Stimmung hielt auch bei der Rückfahrt nach der Residenz an. Die Sonne, die von dem jungen Augusthimmel herablachte auf Gerechte und Ungerechte, lachte und leuchtete der Königin bis ins Herz herein; ihre Wärme wich nicht, als sie schon wieder in ihren Zimmern stand – wenn jetzt Frau von Geyers zu ihr hereingetreten wäre, so hätte sie wahrscheinlich mit zu den umschlungenen Millionen gehört. Denn die Königin war zur Stunde ganz geneigt, sich in harmloser Weise höchstens über den Pomp im Auftreten ihrer Obersthofmeisterin »königlich« zu amüsieren, – so sehr hatte das Glück ihr immer noch etwas wund gewesenes Gemüt geheilt, versöhnt und mild gestimmt.

Ein Blick auf die Uhr belehrte die Königin, daß sie zur Toilette für das offizielle Diner, wegen dessen sie schon am Nachmittage aus dem Lilianeum in die Stadt zurückkehren mußten, noch reichlich Zeit hatte und sie setzte sich an den Schreibtisch, um noch einen Brief an die Ihrigen zu schreiben. Aber es ging damit nicht, sie war noch zu froh angeregt, noch zu sehr erfüllt von der dufterfüllten Luft draußen im Lilianeum – ihre Gedanken irrten ab und was sie sagen wollte, ließ und ließ sich nicht in Sätze bilden. Sie gab sich auch weiter keine Mühe damit. Wäre sie noch daheim in Rothenburg gewesen, so hätte sie sich jetzt ein Feld für ihre Taten gesucht, dem natürlichen Übermut ihrer Jugend in irgendeinem harmlosen Streich die Zügel schießen lassen, wozu sie sich gerade ganz aufgelegt fühlte. Und da es ja noch gar nicht so lange, wenige Wochen nur her war, daß sie diesen Eingebungen ungehindert und ungestraft nachgeben konnte und durfte, so überlegte sie, was sich hier eigentlich darin tun lassen konnte. Viel war's nicht, im Grunde genommen gar nichts, denn es war doch niemand hier, den sie »überfallen« und mit ihm Unsinn treiben konnte, den köstlichen Unsinn, der das spezielle Vorrecht der Jugend ist. Doch, natürlich – Hans Hartwig war ja da, die immer zu jedem Streiche aufgelegte, sozusagen die erfindungsreiche Anführerin all der vergnügten und kindischen und harmlosen »Tollheiten«, an deren Chronik das Schloß von Rothenburg so reich war.

Ohne weiter zu überlegen, schlüpfte die Königin aus ihrem Zimmer in den Korridor, in dem eine Seitentreppe direkt zu dem Teil des oberen Stockwerkes hinaufführte, den die Hofdamen vom Dienst bewohnten. Hier lungerten keine Lakaien herum und ungesehen kam die Königin herauf. Sie kannte den Weg, weil sie einmal die Wohnungen der Hofdamen »in Augenschein« genommen hatte, wie das Ansehen einer Sache bei einer Königin genannt wird, sie kannte auch genau die Tür, die zu den Zimmern Fräulein von Hartwigs führte. Selig darüber, daß sie so hübsch unbemerkt einmal entschlüpfen gekonnt, lief die Königin den Gang entlang, aber dann zögerte sie, weil sie hinter der Tür des Salons ihrer Freundin Stimmen hörte, Worte, helles Gelächter. Und dann Pfeifen! Wahrhaftig, es pfiff jemand drin eine Melodie, die der Königin sehr bekannt vorkam, keine klassische Melodie, keine Volksweise, sondern die Noten eines so populär gewordenen Musikstückes, daß man es schon einen Gassenhauer nennen durfte. Und sie wußte auch, wer ihn pfiff, unterbrochen von doppelten Lachsalven – so wie ein rechter, echter Bub konnte nur Hans Hartwig pfeifen. Unwiderstehlich angezogen von dieser Reminiszenz, legte die Königin die Hand auf die Türklinke, drückte sie leise nieder und steckte ihren Kopf durch den Türspalt, – um bei dem Anblick, der ihr wurde, laut heraus zu lachen, denn um den runden Tisch herum, der mitten im Zimmer stand, übten, als ginge es ums Leben so voll Eifer, Fräulein von Hartwig und Gräfin Leonie Vombach – ausgerechnet, Leonie Vombach! – den Cakewalk!

Beim Erscheinen der Königin nahm diese Produktion freilich ein jähes Ende und die eben noch ganz ausgelassen lachende Gräfin, die der Königin gerade ihre kunstreich und regelrecht ausgestreckte Fußspitze gezeigt, wäre fast umgefallen in dem Bemühen, dieselbe Extremität in ihre normale Lage zu einer Verbeugung zurückzubringen und ihr Gesicht dabei in die bei ihr bekannte hochmütige Unbeweglichkeit zu versetzen, aber dazu kam sie gar nicht erst.

»Der Cakewalk!« rief die Königin, die Hände zusammenschlagend. »Weißt du noch, Hans, wie wir alle zusammen in Rothenburg tanzten und Vicky ihre langen Beine dabei im Eifer des Gefechtes so entsetzlich warf, und dir bei einer Wendung die Fußspitze so unter die Nase schlug, daß wir dir Umschläge von rohen Kartoffeln machen mußten, damit du wenigstens mit einigem Anstand bei Tafel erscheinen konntest?«

»Jawohl, und Graf Tannenbruch glaubte, ich hätte mir plötzlich einen solchen Riesenschnupfen beigelegt und ich machte ihm weiß, daß ich diese entsetzliche Nase beim – Boxen erwischt hätte. Er war sichtbar sittlich entrüstet über diesen neuen, unweiblichen Sport!« ergänzte Fräulein von Hartwig jubelnd diese Erinnerung an die Schädigung ihres Riechorgans, welches so keck zum Himmel strebte, daß es immer wie ein Protest aussah. »Tempi passati, Goldne, – aber wenn du den Cakewalk auch kaum mehr tanzen wirst, so hast du wenigstens das schöne Bewußtsein, diese erhabene Kunst einst beherrscht zu haben.«

»Ach was – wenn's sonst keiner sieht, warum sollte ich denn nicht einmal wieder den Cakewalk wenigstens üben?« widersprach die Königin lachend. »Nun pfeif mal los, Hans, nimm die Tete und wir folgen, die Gräfin und ich!«

»Majestät –«, wehrte sich die Hofdame, aber mehr aus Grundsatz, als aus Überzeugung, denn einmal aus ihrer hochmütigen Reserve durch ihre unverwüstliche und unverbesserliche Kollegin herausgerüttelt, war sie vor dieser längst schon zu der gesunden Natur zurückgekehrt, die sie in sich hatte, und dadurch lieferte sie auch – freilich nicht vor profanen Augen – den Beweis, daß die Leonie Vombach, welche die Welt kannte, nur eine Maske war.

Die Königin, einmal übermütig gemacht, lachte ihr geradewegs ins Gesicht.

»›Majestät‹ sind unten geblieben«, rief sie vergnügt. »Hier sind wir mal ›three little maids from school‹ beisammen, die sich einen lustigen Tag machen. Also, los!«

Hans Hartwig ließ sich nicht lange bitten – sie war heilsfroh, ihre »Goldne« einmal wieder so übermütig zu sehen, wie sie daheim in Rothenburg gewesen und sie kannte nun die Gräfin gut genug, um zu wissen, daß sie mit dem Berichte dieses königlichen Scherzes nicht in der ganzen Stadt herumlaufen würde, um ein Verbrechen aus der frohen Laune ihrer Herrin zu machen. Aber das Gesicht ihrer Kollegin, auf dem die widersprechendsten Gefühle sich malten, reizte sie zunächst so zum Lachen, daß sie sich davon erst erholen mußte.

»Wenn ick Ihnen sehe, denn muß ick lachen, und wenn ick lache, denn kann ick nich pfeifen«, zitierte sie des Berliner Schusterjungen klassische Erklärung an den Feldmarschall Wrangel, und als Gräfin Leonie mitlachen mußte, fiel auch die Königin ein. Als aber das Terzett verklang, spitzte Hans Hartwig die Lippen, um trotz jenem Schusterjungen den Cakewalk zu pfeifen, und dann marschierten die drei, eine hinter der andern, im Takt die Fußspitzen in die Luft werfend, um den runden Tisch und fanden den Spaß in ungeteilter Einmütigkeit »gottvoll.« Drei- – viermal hatten sie schon die Runde gemacht mit der schönen Unermüdlichkeit der Jugend, da kam das jähe Ende der harmlosen Freude. Ungehört von allen im Eifer der Übung wurde die Tür aufgemacht – es war sicher nicht vorher angeklopft worden, wie Hans später zu schwören bereit war – und Ihre Exzellenz, die Frau Obersthofmeisterin, stand im Zimmer – »wie eine Rachegöttin«, behauptete Gräfin Leonie mit entschuldbarer Übertreibung.

Hans Hartwig sah sie zuerst, weil sie sich eben mal umgewendet hatte, als die drei, den Rücken gegen die Tür marschierten und mit einer Kühnheit, über die sie selbst erstaunt war, unterbrach sie nicht das Leitmotiv dieses sonderbaren Tanzes, sondern pfiff unentwegt weiter und warf die Fußspitzen noch extra hoch – zu verlieren hatte sie ja nichts mehr hier und wer uneingeladen und ohne zu klopfen in ihr Zimmer kam, der konnte ja in Gottes Namen mittanzen, wie es die Königin getan. Ja, der Gedanke an die in dieser Stellung daherwandelnde Obersthofmeisterin machte ihr sogar ein diebisches Vergnügen, das freilich nur so lange anhielt, als die kurze Runde um den Tisch dauerte.

»Solche Dinge werden also hinter meinem Rücken getrieben«, rief Frau von Geyers, als die Prozession bei ihrem Anblick zu einem jähen Stillstand kam.

»Pardon, – wir sind vor der vollen Front Eurer Exzellenz und – im Privatissimum meines Zimmers«, sagte Fräulein von Hartwig, neben die Königin tretend, an deren andere Seite sich Gräfin Leonie ohne Zögern aufstellte und ihr hochmütigstes, unnahbarstes Gesicht dazu machte – eine ganz spontane, gemeinsame Handlung, die den Heroismus nicht entbehrte, der sich ja auch in kleinen Zügen zeigen kann. Wäre Frau von Geyers eine kluge und verständnisvolle Frau gewesen, so hätte sie gelacht, oder zum mindesten doch gelächelt und, wenn sie etwas an dem unschuldigen Vergnügen von Amts wegen aussetzen mußte, dies in ein paar scherzhafte Worte gekleidet – aber sie war eben keine kluge Frau und ihre natürliche, künstlich großgezogene Überhebung war durch den Erfolg zur Sinnlosigkeit gesteigert worden.

»Schweigen Sie, Fräulein von Hartwig«, herrschte sie die sowieso Mißliebige an. »Sie werden für diese unwürdige Schaustellung in Ihrem Zimmer heute noch abreisen und Sie, Komtesse, können die Kündigung Ihrer Stellung als fait accompli betrachten!«

»Die Frau Obersthofmeisterin übertreibt«, sagte die Königin, mit unnachahmlicher Würde vortretend. »Wir werden nicht noch eine Person das entgelten lassen, woran sie keine Schuld trägt. Ich allein mache mich verantwortlich für den Scherz, dessen Zeuge Sie gewesen sind!«

»Ich hätte es mir denken können«, erwiderte Frau von Geyers beißend. »Wenn Majestät so wenig wissen, was Sie Ihrem Range und Ihrer Stellung schuldig sind, um zu Ihren Hofdamen auf das Zimmer zu gehen und sie zu unanständigen Vergnügungen zu verleiten, dann würde ich Sie, wenn ich der König wäre, dahin zurückschicken, woher er sie geholt hat – in das obskure Milieu des sogenannten Hofes von Rothenburg, an dem es ja recht nett zugehen muß, wenn das, was ich eben sehen mußte, eine Probe davon war –«

»Still unterbrach die Königin die wie Peitschenschläge niederfallenden insolenten Worte mit einer solchen königlichen Autorität, mit solch flammender Entrüstung in den eben noch so lachenden Augen, daß Frau von Geyers wirklich verstummte. Einen Moment stand die Königin dicht vor ihr, Auge in Auge, – dann schritt sie ohne Hast, ohne Eile, jeder Zoll eine Herrscherin, an ihr vorbei, zur Tür hinaus und erst, als sie schon am Füße der Treppe stand, bekam ihre Entrüstung Flügel, und sie flog mehr als sie ging den langen Korridor hinab, vorbei an den erstaunt zur Seite tretenden Lakaien, vorbei vor der Glastür mit dem Doppelposten, welche das Appartement des Königs abschloß, und ohne sich melden zu lassen, ohne sich vorher zu vergewissern, daß er allein sei, trat sie in das Arbeitszimmer des Monarchen.

Er war's, er saß vor seinem Schreibtisch und las eingegangene Depeschen durch, und erstaunt blickte er auf, als seine Gemahlin bei ihm eintrat, auf dem schönen Gesichte die Röte einer ungewöhnlichen Erregung.

»Ich komme, Gerechtigkeit und Schutz von dem Könige zu fordern«, sagte sie, kaum, daß sie die Tür hinter sich geschlossen.

Leo VII. war noch sehr weich und glücklich gestimmt von dem schönen Tage, den er mit seiner jungen Gemahlin im Lilianeum verbracht. Rasch erhob er sich und ging ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen, bereit, sie an sein Herz zu schließen.

»Goldne. – du bist ja meine Königin«, sagte er zärtlich. Aber sie wich den Armen, nach denen sie sich eben jetzt wie noch nie gesehnt, aus.

»Ich komme nicht zu meinem Gatten, ich komme zu dem Könige«, rief sie mit erstickter Stimme. »Und wenn der König sich mir versagt, dann – aber er wird sich nicht versagen, er kann nicht, wenn er mir doch den Platz an seiner Seite gegeben hat – –«

Und mit fliegendem Atem berichtete sie, was sich eben zugetragen.

Der König holte tief und nicht ohne Ungeduld Atem, als sie geschlossen.

»Ich – ich werde gleich mit Frau von Geyers sprechen«, sagte er. »Und dann auch persönlich der Komtesse Vombach ein Wort sagen. Das geht nicht, – sie ist die Nichte des Premierministers – es wäre ja ein Schlag gegen den guten Wellmer, wenn sie wegen einer solchen lächerlichen Bagatelle aus ihrer Stellung entlassen würde – ich begreife diese gute Frau von Geyers nicht, wie sie, selbst in der ersten Erregung, das hat übersehen können – du kannst ganz ruhig sein, Lily, der König wird diese Sache in Ordnung bringen; du sollst ihn nicht vergebens angerufen haben.«

»Das habe ich vorausgesetzt«, erwiderte die Königin, durch deren Herz ein sonderbares Gefühl von Kälte zu schleichen begann. »Der König muß sich seiner Untertanen annehmen, aller, ganz gleich, ob sie ihm fernstehen oder nahe Anverwandte seines verdienten und bewährten Ministers sind. Ich kam um seinen Schutz für mich zu bitten.«

»Aber liebste Lily, – du stehst doch außerhalb dieser Angelegenheit –«, rief der König, die Hand ausstreckend.

»Du hast mich nicht verstanden«, erwiderte sie, befremdet zurücktretend und wiederholte ihm, was Frau von Geyers zu ihr gesagt.

»Du mußt keinen Wert darauf legen«, sagte der König zuredend. »Überhöre es einfach. Gewiß, es hat dich im Moment sonderbar berührt, – aber wir müssen uns so oder so mit dieser Eigentümlichkeit der Frau von Geyers vorläufig noch abfinden! Wenn ich Notiz davon nehme, wenn ich im Wortlaut anerkanntermaßen weiß, was sie dir gesagt hat, dann bleibt mir ja gar nichts andres übrig, als sie zu entlassen und ich habe dir doch schon oft genug klar gemacht, was dies zu bedeuten hätte. Mir sind die Hände durch meine Mutter gebunden, ich kann und darf einen solchen Schritt nicht tun. Habe Geduld, Goldne, sei vernünftig!«

»Nein, Leo«, entgegnete sie fest. »Es hat alles seine Grenzen. Ich bin vor den Ohren meiner beiden Hofdamen heruntergeputzt worden wie ein Schulmädchen, vor ihren Ohren in meiner Familie so unerhört beleidigt worden, daß von einem ›überhören‹ keine Rede mehr sein kann. Und darf! Ich bin außer einer Prinzessin von Rothenburg noch Königin von Seeland und weiß, was ich dieser schuldig bin. Und ich bin daneben auch noch ein Mensch, der an den Grenzen dessen, was er ertragen kann und ertragen darf, ohne sich zu erniedrigen, angelangt ist. Du wirst jetzt zu wählen haben zwischen mir und deiner Mutter.«

»Aber Lily, wer wird denn gleich so tragisch sein! Frau von Geyers –«

»Lassen wir Frau von Geyers aus dem Spiel – ich kann, will und werde sie nicht mehr wiedersehen. Wenn sie hier bleibt, gehe ich.«

»Sie muß hier bleiben –«

»Also – ich!«

Nicht heftig, nicht eigensinnig, nicht erregt kam es über ihre Lippen, sondern leise, traurig, resigniert, ja fast ungläubig.

Der König zuckte mit den Achseln und wendete sich ab.

»Du wirst es dir überlegen«, sagte er kühler als er fühlte, und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Du wirst nicht mehr Zwietracht zwischen mir und meiner Mutter säen wollen, als es so schon geschehen ist.«

»Also – ich!« wiederholte sie noch einmal, aber dieses Mal fester, entschlossener. Und wieder zuckte der König mit den Achseln. Da ging sie wortlos heraus, die Tür ganz leise hinter sich schließend. Ihr Gesicht war völlig ruhig, aber ein Zug der Entschlossenheit lag um ihren lieblichen Mund, – es war schade, daß ihn der König nicht sehen konnte, – und eine Entschlossenheit war in ihrer Seele, die den Schmerz in ihr übertäubte und ihr ganz klar den Weg wies. Stracks, ohne anzuhalten, ohne auch nur einen Moment zu zögern, ging sie durch ihr Zimmer bis in den Ankleideraum, in dem die Dinertoilette schon ausgebreitet lag.

»Meinen Hut, meine Handschuhe und meinen Staubmantel«, sagte sie zu der herbeieilenden Kammerfrau.

»Majestät?« fragte diese verblüfft in der Meinung, daß sie sich verhört. »Es ist höchste Zeit zum Ankleiden –«

»Meinen Hut, meine Handschuhe und meinen Staubmantel, bitte«, wiederholte die Königin freundlich, aber mit solcher Bestimmtheit, daß die Kammerfrau nicht zu widersprechen wagte und ihrer Herrin das Verlangte reichte, das in den Schränken zur Hand war. Die Königin setzte den Hut auf, ohne in den Spiegel zu sehen, schlüpfte in den Mantel, nahm die Handschuhe in die Hand und ging heraus ohne weiter ein Wort zu verlieren, die unglückliche Kammerfrau in einem Zustande gänzlicher Ratlosigkeit zurücklassend. Ungesehen, unbemerkt stieg sie wieder die Treppe zu der oberen Etage herauf und klopfte an dem Zimmer von Fräulein von Hartwig an, die ihr, selbst zum Ausgehen fertig, entgegentrat.

»Bist du bereit, Hans?« fragte sie ohne Vorbereitung, ohne Erklärung. »Das ist mir lieb, dann brauche ich auf dich nicht zu warten.«

»Nein, – Frau von Geyers hat die Güte gehabt mir sagen zu lassen, daß der Schnellzug, Richtung Rothenburg, in einer halben Stunde abgeht und daß der Wagen vor der Tür steht. Mehr kann man doch wahrhaftig nicht verlangen«, erwiderte Fräulein von Hartwig mit Galgenhumor.

»Aber Goldne – du willst mich doch nicht etwa auf den Bahnhof begleiten!« setzte sie fast erschreckt hinzu. »Das geht nicht – das – das darfst du wirklich nicht. Denn erstens mußt du dich jetzt zu dem Diner anziehen lassen und dann – unnötigerweise muß man den Löwen nicht zu reizen versuchen. Außerdem ist mir verboten worden, Abschied von dir zu nehmen. Ich werde in höchster Ungnade Knall und Fall abgefuhrwerkt zum warnenden Beispiel für die andern. Also lautet der Tenor meiner Entlassung.«

»Es ist recht, Hans. Wir gehen zusammen«, erwiderte die Königin mit zuckendem Munde.

»Um Gotteswillen, Goldne –«, begann Fräulein von Hartwig, nun wirklich erschrocken, aber die Königin ergriff ihren Arm.

»Komm!« sagte sie.

Fräulein von Hartwig warf einen hastigen, prüfenden Blick auf das blasse Gesicht unter dem rosengeschmückten Hute und was sie darin mit den Augen der Liebe und Freundschaft las, das machte jede Gegenrede bei ihr verstummen. Es war etwas, das sie nie zuvor in diesen Zügen gesehen hatte, etwas, das jedes weitere Wort aufhob, überflüssig machte.

»Komm«, wiederholte sie und instinktiv wandte sie sich von der Haupttreppe ab, die in den Korridor der königlichen Gemächer führte und wählte die Stiege, die direkt und mit Umgehung der bewohnten Flügel in den inneren Hof herabführte, in dem ein einfacher, geschlossener Wagen, wie die Hofbeamten ihn gewöhnlich benutzten, angespannt bereit stand. Es war ihnen keine Seele begegnet und der Diener, der wartend an dem geöffneten Schlage des Wagens stand, glaubte zu träumen, als noch eine Dame einstieg, die gerade so aussah, als ob sie die Königin wäre.

»Was wollen Sie denn noch, Schneider?« fuhr Fräulein von Hartwig den Lakaien an, der mit offenem Munde, die Tür in der Hand, vor dem Wagen stand und hereinstarrte, als hätte er einen Geist darin gesehen. »Machen wir, daß wir fortkommen, sonst verpassen wir heilig den Zug noch!«

Der Zug war jedenfalls über alle Berge, als der Hofwagen ins Schloß zurückkehrte und der Lakai nun, da ihm Schweigen nicht auferlegt worden war, die erstaunliche Nachricht verbreiten konnte, daß Ihre Majestät mit Fräulein von Hartwig zusammen, ohne Gepäck, ohne nichts sozusagen, mit dem Nord- Süd-expreß abgereist war!

Und ganz oder doch dreiviertel Treustadt wußte es, ehe die zu dem offiziellen Diner Eingeladenen selbst eine Ahnung davon hatten. Daß das Erscheinen der Allerhöchsten Herrschaften sich an diesem Abend in einer Weise verzögert hatte, die etwas Ungewöhnliches vermuten ließ, war ein Faktum; endlich, endlich erschien unter dem Vortritt des Obersthofmarschalls der König allein und ließ bei dem Cercle hören, wie sehr seine Gemahlin es bedauern würde, heute nicht die Honneurs machen zu können – ein plötzliches Unwohlsein – nicht bedeutend, aber doch hinreichend, um ihr die Freude zu nehmen, die Herren begrüßen zu können – – das übrige verlor sich in der Begrüßung des Zunächststehenden und niemand fiel es ein, etwas Besonderes zu vermuten. Der König war so ruhig, gnädig und zuvorkommend wie immer, und nur die Eingeweihten sahen und bemerkten es, wie er sich manchmal mit dem Taschentuch die feuchte Stirn trocknete. Als die Königin vermißt wurde und die Kammerfrau halb weinend erklärte, daß sie in Hut und Mantel fortgegangen, glaubte der König zunächst, daß sie bei der Prinzessin Friedrich wäre, aber ein Telephonruf verneinte sehr bald diese Annahme.

»Also – ich –«, klang es den ganzen Abend vor den Ohren des Königs .


* * *


In das Wittumspalais kam die Nachricht durch Frau von Geyers, deren Anwesenheit im Schlosse dadurch überflüssig geworden war, daß Ihre Majestät an dem offiziellen Diner nicht teilnahm. Ihre Darstellung des Vorganges war natürlich sehr einseitig und so zu verstehen, als hätte die Obersthofmeisterin durch ihre rechtzeitige Dazwischenkunft einem skandalösen Vorgang unter der Anführung der Königin ein Ende gemacht. Da sie nicht wußte, daß die letztere vor ihrer Abreise bei dem Könige gewesen, so stellte sie es als positiv hin, daß die junge Frau, überwältigt von Scham und Reue, sofort die Flucht ergriffen hatte – und zwar in Begleitung der Hofdame, deren Zimmer der Schauplatz des »Bacchanals« gewesen und die deshalb sofort ausgewiesen worden war; diese Annahme »schien zweifellos«, trotzdem Frau von Geyers aus dem Munde des Lakaien ganz genau wußte, daß sie angesichts eines Faktums stand.

Die Königin-Mutter war wie vom Donner gerührt und wußte nicht, ob sie außer sich sein oder sich freuen sollte; außer sich über den Skandal, vor dem die vornehme Seite ihrer Natur zurückschreckte, und den Kummer, dem ihr Sohn dadurch ausgesetzt war, – oder sich freuen, daß sie ja eigentlich erreicht, was sie gewollt und die unwillkommene Schwiegertochter nun los war. In dieser Unentschiedenheit ihrer Gefühle wurde es Frau von Geyers etwas schwül; zwar rechnete sie fest darauf, daß die Königin-Mutter sie nicht fallen lassen würde – dazu war sie zu weit gegangen, aber der Boden, auf dem sie stand, wollte ihr auf einmal etwas unsicher vorkommen, um so mehr, als die erhoffte Belobigung ihrer Energie, Pflichttreue und Hingebung an das angestammte Herrscherhaus zunächst auf sich warten ließ.

Die Königin-Mutter, die mit ihrer Nichte in der letzten Zeit auf etwas gespanntem Fuße gelebt hatte, weil Herzogin Xenia wiederholt die Bemühungen ihrer Tante wegen einer geplanten Vermählung dankend abgelehnt, ließ in diesem Augenblicke der Verwirrung fünfe gerade sein und rief die Herzogin zu sich, um ihr Mitteilung von dem zu machen, was sie von der Obersthofmeisterin erfahren.

»Ist sie nicht empörend, diese Person?« schloß sie, die Hände ringend. »Was soll ich denn nun in aller Welt tun?«

»Zunächst den andern Teil auch hören, liebe Tante«, war der sehr ruhige und vernünftige Rat.

»Den andern Teil!« wiederholte die Königin-Mutter konsterniert. »Ja, du verlangst doch nicht gar von mir, daß ich diesem Geschöpf nachreise und es frage!«

»Durchaus nicht, liebe Tante, – das wäre doch zuviel verlangt, nicht?« erwiderte Herzogin Xenia mit einem kaum merklichen Lächeln.

»Aber ich würde mir Leonie Vombach rufen lassen, damit sie dir den Vorgang erzählt. O, ich weiß, sie ist dir nicht sehr sympathisch, aber du mußt zugeben, daß sie unangreiflich korrekt ist und sich eher die Zunge abbeißen würde, ehe sie eine Unwahrheit sagt. Bittet sie, schweigen zu dürfen, dann wäre freilich die arme, unvorsichtige Königin dadurch verurteilt.«

»Arme –«, fuhr die Königin-Mutter auf, aber sie besann sich, daß sie sich das für später aufheben konnte, sintemalen der Abend vorrückte. »Du hast recht«, sagte sie gnädig. »Man kann die Komtesse Vombach zu mir rufen lassen. Sie ist korrekt und es wird mir darum schwer zu glauben, daß sie an etwas – Unanständigem teilgenommen haben sollte.«

Der Befehl wurde durch das Telephon nach dem Schlosse erteilt, und es dauerte auch nur sehr kurze Zeit, bis der Königin-Mutter gemeldet wurde, daß Komtesse Vombach im Wittumspalais angelangt sei.

»Du kannst bleiben«, sagte sie zu ihrer Nichte, die sogleich aufstand und sich entfernen wollte. »Sollte – etwas zur Sprache kommen, das für deine Ohren nicht paßt, so ist es immer noch Zeit, daß du gehst«, setzte sie hinzu, worauf die Herzogin mit einer Ruhe wieder Platz nahm, wie nur eine Person, die ihrer Sache ganz sicher ist sie zeigen kann.

Im nächsten Augenblick stand Leonie Vombach vor der Königin-Mutter, korrekt, mit ihrem undurchdringlichsten, hochmütigsten Gesichte.

»Majestät haben befohlen – –?!« murmelte sie, mit gerade eben nur so viel Befremdung, als es korrekt war, zur Schau tragen.

»Ich wollte Sie bitten, liebe Gräfin, mir den Vorgang, infolgedessen die Königin abgereist ist, so zu erzählen, wie er sich zugetragen hat«, begann die Königin-Mutter so gnädig, wie sie das in ihren besten Momenten imstande war und damit auch Eindruck zu machen pflegte. »Sollte aber irgendeine Scheu Ihnen verbieten, darüber zu sprechen, so will ich Sie nach Darlegung des Grundes, davon entbinden.«

Die Skala des Erstaunens, die Gräfin Leonie über ihr sonst so bewegungsloses Gesicht spielen ließ, sprach geradezu Bände; gewürdigt wurde sie von der aufmerksam zusehenden Herzogin, die sich einen Moment zur Seite wenden mußte, um auf ihren sonst gleichfalls bewegungslosen Zügen, die von der Hofdame ein wenig nachgemacht worden waren, den Widerschein, ein darüber huschendes Lächeln, zu verbergen.

»Majestät versetzen mich in das größte Erstaunen«, erwiderte Gräfin Leonie ohne jedes Zögern. »Warum Ihre Majestät die Königin abgereist sind, weiß ich nicht, da sie nicht die Gnade hatte, es mir zu sagen, auch ein offizieller Grund nicht bekannt gegeben worden ist. Wenn aber Majestät den Vorgang im Zimmer des Fräulein von Hartwig meinen, so gehe ich wohl nicht fehl, wenn ich zuversichtlich behaupte, daß Ihre Majestät deswegen die Hauptstadt nicht verlassen haben kann. Die Worte, die Ihre Exzellenz, die Frau Obersthofmeisterin, in ihrer mir ganz unfaßlichen Erregung dabei zu sprechen sich erlaubte, lassen einen solchen Schluß nicht rechtfertigen. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mir das auszusprechen erlaube, da Majestät ja jedenfalls besser unterrichtet sind.«

Die Königin-Mutter war, um es vulgär auszudrücken, etwas auf den Pfropfen gesetzt.

»Allerdings«, sagte sie zwar kühl, aber doch unsicher genug, daß man es heraushören konnte. »Wollen Sie mir nun erzählen, Gräfin, was sich im Zimmer von Fräulein von Hartwig zugetragen hat?«

»Majestät haben zu befehlen«, entgegnete Leonie Vombach ohne Zögern. »Die Königin erschien unangemeldet nach Allerhöchst Ihrer Rückkehr vom Lilianeum bei Fräulein von Hartwig, als ich gerade bei ihr war und wir zusammen den amerikanischen Tanz einübten, von dem Eure Majestät sicher schon gehört haben und der namentlich in Paris, in den besten Kreisen getanzt wird, Cakewalk genannt. Ihre Majestät hatten die Gnade uns zu sagen, daß sie diesen Tanz auch kannte und nahmen an der Übung teil. Das ist alles.«

Eine kleine Pause entstand.

»Es soll dabei – hm – gepfiffen worden sein«, bemerkte die Königin-Mutter dann mit einem scharfen Blick.

»Um einen Tanz üben zu können, Majestät«, erwiderte Gräfin Leonie, respektvoll erklärend, »muß man Musik dazu haben, weil sonst unmöglich der richtige Takt der Bewegungen zu erreichen ist. Da wir ja nun niemand hatten, der uns die Musik hätte spielen können, so kam Fräulein von Hartwig auf den glücklichen Gedanken, die Melodie, die mir fremd war, zu pfeifen.«

»Man hätte die Melodie auch singen können, – das wäre weiblicher gewesen«, schlug die Königin-Mutter vor, da sie darauf doch etwas sagen mußte. Gräfin Leonie machte ein Gesicht, als dächte sie über diese Frage nach.

»Man hätte es können, Majestät«, gab sie zu, »aber Fräulein von Hartwig kann gar nicht singen und mir war, wie gesagt, die Melodie fremd.«

Wieder mußte sich die Herzogin Xenia etwas abwenden, um es zu verbergen, daß ihr Gesicht seine unbewegliche Ruhe gegebenenfalls verlieren konnte.

»Nun ja, wenn es schon durchaus dieser Tanz sein mußte, so war es wohl der einzige Ausweg aus dem Dilemma«, bemerkte die Königin-Mutter gnädig. »Und das ist alles, Gräfin, wirklich alles? Es ist nichts – hm – Unpassendes vorgefallen?«

Über das sonst etwas blasse Gesicht der Hofdame flog ein tiefes Rot und sie richtete sich auf.

»Da für bürgen Eurer Majestät die teilnehmenden Personen«, erwiderte sie mit etwas stärker betonter Befremdung. »Das einzig Unpassende waren die Worte Ihrer Exzellenz der Frau Obersthofmeisterin, die sie für gut fand, an Ihre Majestät zu richten; sie zu wiederholen verbietet mir allerdings eine Scheu und ich mache daher von der gnädigen Erlaubnis Euerer Majestät Gebrauch, diese Worte mit Schweigen übergehen zu dürfen.«

Das war nun freilich deutlich und eigentlich auch eine unerwartete Wendung.

Die Königin-Mutter neigte grüßend ihren Kopf.

»Ich danke Ihnen, Gräfin«, sagte sie hastig, und als die Hofdame, sich damit für entlassen haltend, verneigte, setzte sie hinzu: »Und Sie verbürgen sich für die – hm – Korrektheit Ihrer Darstellung?«

»Sicherlich, Majestät, ich bürge dafür mit meinem Worte«, war die ohne jedes Zögern gegebene Antwort. Noch ein gnädiges Kopfnicken der Königin-Mutter und Gräfin Leonie durfte in ihre Wohnung in dem von seiner Herrin verlassenen Schlosse zurückkehren, sehr befriedigt davon, daß sie aufgerufen worden war, ein Zeugnis abzulegen, von dem sie hoffte, daß es Ihrer Exzellenz etwas in den Ohren klingen würde. Sie hatte dabei nichts zu riskieren, weil sie ja entlassen war, aber zu ihrer Ehre muß es gesagt werden, daß sie genau dasselbe gesagt hätte, auch wenn sie ihre Stellung dadurch noch zu verlieren gehabt hätte, denn sie hatte Freundschaft geschlossen mit ihrer so schnöde fortgejagten Kollegin und – sie hatte es gelernt, Ihre Majestät zu lieben und sie insgeheim auch die »Goldne« zu nennen.

Hochmütig und zurückhaltend wie sie sonst war, aber mit der Freundschaft und mit der Zuneigung nahm sie es ernst, die Gräfin Leonie.

Am folgenden Morgen in aller Frühe, nach einer durchwachten Nacht, die ihm in spätester Stunde ein Telegramm des Fürsten von Rothenburg mit der kurzen Nachricht gebracht, daß seine Schwester, die Königin, in Begleitung ihrer Hofdame glücklich dort eingetroffen sei, begab der König sich in das Wittumspalais. Das war ein schwerer Gang, aber er hielt es für seine Pflicht seiner Mutter selbst zu sagen, was sich zugetragen. Eine Entscheidung darüber, was er in der Angelegenheit tun wollte und mußte, hatte er noch nicht getroffen und ein halb Dutzend Briefe, die er an seine Gemahlin angefangen und teilweise auch geschrieben hatte, waren während dieser Nacht, in Fragmente zerrissen, in den Papierkorb gefallen. Trotzdem er sich ja eigentlich hätte sagen müssen, daß die Nachricht ihm vorausgegangen war, weil dergleichen Unglücksposten mit telegraphischer Geschwindigkeit zu reisen pflegen, so berührte es ihn doch unangenehm, daß die Königin-Mutter ihm mit den Worten entgegenkam: »Mein armer, armer Sohn! Du kommst an mein Mutterherz – und nicht umsonst! Es ist dir mit dem größten, innigsten Mitgefühl geöffnet!«

Er befreite sich rücksichtsvoll, aber mit Entschiedenheit aus ihren umschlingenden Armen, denn die meisten Menschen lieben es nicht, bemitleidet zu werden, besonders Männern ist es ganz unangenehm. Zudem bemerkte er, daß die Herzogin Xenia anwesend war und das machte ihm die Szene doppelt peinlich.

»O, du bist also schon unterrichtet, Mama«, sagte er trocken und ruhig. »Guten Morgen, Xenia!«

»Deine Cousine weiß, was wir alle wissen, – sie fühlt mit uns, mit dir«, fiel die Königin-Mutter ein. »Ich bat sie deshalb, hier zu bleiben, als du gemeldet wurdest.«

»All right«, erwiderte der König, der im Grunde die Gegenwart seiner Cousine als eine Erleichterung empfand, als einen Blitzableiter gewissermaßen und nur das Bemitleiden vor ihr beanstandete. »Nein, bleibe nur, Xenia – wir haben ja keine Geheimnisse zu verhandeln. Ich vermute, daß die ganze Stadt schon weiß, was ich dir, liebe Mama, persönlich mitzuteilen für meine Pflicht hielt.«

»O, ich bin außer mir über diesen Skandal!« rief die Königin-Mutter. »Du siehst nun, wenn auch leider zu spät, vielleicht ein wie recht ich hatte, gegen diese Verbindung zu sein! Dieses unselige Geschöpf –«

»Bitte, liebe Mama, kein Wort gegen meine Frau«, fiel der König ruhig und bestimmt ein. »Die Schuld an diesem vielleicht ein wenig voreiligen Schritte trifft mich, – mich allein.«

»Leo!« schrie die Königin-Mutter auf und die Herzogin Xenia nickte mit aufleuchtenden Augen.

»Mich trifft die Schuld«, wiederholte der König mit der gleichen Bestimmtheit; er hatte die Bewegung seiner Cousine gesehen. »Die Sache liegt einfach so: ich habe eine ganz falsche Rücksicht auf deine Empfindlichkeit genommen, liebe Mama, weil ich dich nicht richtig beurteilt habe. Ich hätte wissen müssen, daß du groß genug denkst und gerecht genug bist, um einen Irrtum nicht mit königlicher Offenheit eingestehen zu können, besonders wenn es sich dabei um die Aufrechthaltung meiner Würde handelt, mit der die meiner Frau natürlich eins ist. Für diese falsche Beurteilung deines großen Herzens bitte ich dich vielmals um Verzeihung.«

»Leo –!«

»Wir sind nicht nur Könige, liebe Mama, wir sind auch Menschen und daher dem Irrtum unterworfen. Du hast es sehr, sehr gut gemeint, als du dich selbstlos einer erprobten Dienerin entäußert hast, um sie uns für den verantwortlichen Posten zu überlassen, an die Spitze unseres Hofhaltes zu treten; – daß du dich in der Person irren konntest, ist nicht dein Fehler, denn man steckt doch nicht in den Leuten. Sie entwickeln ihre eigentliche Natur ja meist erst, wenn man sie dahin stellt, wo sie Auswüchse treiben können, die eine erfahrene Hand wie die deine zwar zu entfernen versteht, vor denen die unerfahrene Jugend, die meine Frau darstellt, aber machtlos ist. Nun wäre es an mir gewesen, hier ein rücksichtsloses Messer anzusetzen, aber ich war so töricht und meinetwegen auch zu schwach, zu glauben, daß ich dich damit verletzen könnte. Ich habe dir damit ein großes Unrecht getan und meine arme junge Frau zu einem Schritte getrieben, den auch du an ihrer Stelle getan hättest: im vollen Bewußtsein ihrer königlichen Würde einer unerhörten Überhebung zu weichen, vor der ich glaubte, sie nicht schützen zu dürfen, vor der ich sie nicht geschützt habe.«

Die Königin-Mutter wußte zum ersten Male in ihrem Leben nicht, was sie sagen sollte – und die Herzogin Xenia nickte wieder.

»Aber«, begann die Exregentin nach einer Pause dann wieder, »gesetzt, es ist wie du sagst – war es denn nötig, diesen Skandal zu veranlassen, den die Spatzen hier von allen Dächern pfeifen? War es nötig, wie der Dieb in der Nacht das Schloß zu verlassen und davonzulaufen?«

»Lily ist noch sehr jung, liebe Mama«, erwiderte der König ruhig. »Man setzt sich in ihrem Alter, wo das Blut heiß durch die Adern strömt, noch nicht hin und überlegt in Ruhe. Offen gesagt, sie hat mir Respekt eingeflößt. Die königliche Würde, das Bewußtsein, was sie ihr schuldet, ist bei ihr in guten Händen!«

»Verblendung! Verblendung!« murmelte die Königin-Mutter mit gerungenen Händen, aber sie sagte nichts weiter, weil sie sehr genau fühlte, daß der König eigentlich recht hatte – nach dem, was die Gräfin Leonie gestern abend gesagt, oder vielmehr nicht gesagt hatte. Die Herzogin Xenia beglückwünschte sich noch nachträglich zu dem guten Gedanken, diese junge Dame rufen zu lassen – deren Korrektheit eine so anerkannte Sache war.

»Und was gedenkst du nun zu tun?« fragte die Königin-Mutter nach einer langen Pause. »Eine – eine Scheidung ist doch wohl die einzige Lösung.«

»Warum nicht gar!« fuhr es dem Könige heraus und eiligst setzte er hinzu: »Pardon, Mama, für den formlosen Ausdruck! Aber so heiß brauchen wir denn doch nicht zu essen! Ich – ich bin über den nächsten Schritt noch nicht schlüssig geworden. Vor allem werde ich Lily natürlich schreiben, daß ich ihr mit deiner völligen Übereinstimmung Genugtuung verschaffen werde, und –«

»Warum nicht gar, sage ich jetzt, aber ohne um »Pardon zu bitten«, fiel die Herzogin Xenia mit ihrer klaren Stimme fast heiter ein. »Verzeih, Leo, wenn ich es wage, mich in diese intime Angelegenheit einzumischen und auch du, liebe Tante, verzeihe mir! Schreiben! Leo! Man darf seine Vorrechte nicht mißbrauchen, Cousin, und ein Mißbrauch deiner ›Portofreiheit‹ wäre es, wenn du die Post in Bewegung setztest gleichviel ob dadurch die Papierindustrie wesentlich gefördert wird. Solche Sachen müssen von Mund zu Mund, von Herz zu Herzen geordnet werden.«

»Xenia, du überschreitest die Grenzen deiner Vorrechte, die ich dir eingeräumt habe!« rief die Königin-Mutter scharf und befehlend, aber der König fuhr auf, wie elektrisiert.

»Xenia hat recht!« sagte er lebhaft. »Daß ich auch darauf nicht gekommen bin! Gestatte mir, liebe Mama, mich von dir beurlauben zu dürfen, damit ich die nötigen Befehle gebe! Ich reise sofort, so schnell als der Sonderzug nur gestellt werden kann, nach Rothenburg!«

»Aber«, begann die Königin-Mutter außer sich; dann stockte sie, nach Worten suchend und wieder fiel die klare Stimme der Herzogin Xenia ein:

»Das ist es ja, daß man so oft das Zunächstliegende nicht sieht! Und, Leo – sage – verzeih wieder, wenn ich mir zu fragen erlaube – willst du allein reisen?«

»Allein?« wiederholte der König erstaunt. »Nun, ich werde natürlich einen Begleiter haben müssen, – einen der Flügeladjutanten mitnehmen –«

»Wie wäre es, wenn du eine kleine Familienpartie aus der Reise machtest?« schlug die Herzogin vor. »Das würde vor der Welt einen guten Eindruck machen und – wer weiß – am Ende wäre auch eine weibliche Hand zum Glätten etwaiger unerwarteter Unebenheiten von hier aus, von Leuten, die dich und die Verhältnisse kennen, kein undiplomatisches Hilfsmittel. Ich bin mit Freuden bereit, dir diesen verwandtschaftlichen Liebesdienst zu leisten.«

»Xenia!« rief die Königin-Mutter, ungläubig, atemlos vor Staunen.

»Natürlich vorausgesetzt, daß du nicht vorziehen solltest, die Prinzessin Friedrich lieber mitzunehmen«, vollendete die Herzogin, ohne auf den Einwurf zu hören.

»Ich danke«, fiel der König ohne Besinnen ein. »So sehr ich Tante Sophie schätze, aber für ein ›diplomatisches Hilfsmittel‹ möchte ich sie lieber doch nicht halten und ich glaube auch, daß sie mir bei dieser Reise etwas auf die Nerven gehen würde. Ich nehme dein Anerbieten mit Dank an, liebe Cousine, denn ich denke wirklich, daß du mit diesem selbstlosen Vorschlag das Rechte getroffen hast –«

»Nun, also, das ist abgemacht«, rief die Herzogin fast lebhaft und heiter. »Ich eile, auch meine Vorbereitungen zu treffen – o, meine Hofdame ist nicht reisefähig, die Arme hat einen so entsetzlichen Schnupfen. Und da es wohl doch ohne eine Begleitung nicht gut geht, so möchte ich den Vorschlag machen, mir Gräfin Leonie Vombach zu leihen, was ja auch für Lily – für die Königin den Vorteil hat, mit voller Begleitung in der Residenz wieder einzutreffen!«

»Eine ausgezeichnete Idee!« pflichtete der König bei, der wie ausgewechselt erschien. »Wir dürfen keine Zeit verlieren, deshalb adieu, Mama! Ich mache dir mein Kompliment, denn wenn du Xenia nicht nach jeder Richtung so vortrefflich erzogen hättest –« Er vollendete den Satz, indem er sich tief herabbeugte, um die Hand seiner Mutter zu küssen, die von der Wendung der Dinge nichts weniger als erbaut war.

»Nun, diese vortreffliche Erziehung zeigt sich, wie mir scheint darin, daß ich nicht einmal gefragt werde«, erwiderte sie bitter, indem sie ihre Hand brüsk fortriß.

»Ich habe deine Einwilligung vorausgesetzt, liebe Tante«, bemerkte die Herzogin ruhig und respektvoll. »Schon, weil ich doch nun alt genug bin, um dir nicht mit allem zur Last fallen zu müssen, wo meine eigne Erkenntnis mir den rechten Weg weist. Und weil mein Eintreten in diese Familienangelegenheit mir ja auch Gelegenheit gibt, dem Könige für die genossene Gastfreundschaft einen kleinen Gegendienst zu erweisen, so glaube ich durch Betonung der eignen Initiative diesem einen wenn auch noch so kleinen Wert zu verleihen.«

Die Königin-Mutter neigte kalt den Kopf – dagegen ließ sich nichts sagen, denn der unerwartete Entschluß der Herzogin kam ja ihrem eignen Fleisch und Blut zu Hilfe in einer Sache, die mehr Staub aufwirbeln mußte, als dem Ansehen der Königlichen Familie dienlich war und wenn sie mit dem Könige nach Rothenburg fuhr, die man so lange als seine künftige Gemahlin betrachtet hatte, so gab dies der Sache eine Beleuchtung, die geeignet war, müßigem Gerede die Spitze abzubrechen. Dazu mußte sie gute Miene zum bösen Spiele machen und die Augen ihres Sohnes lagen auf ihr und sie las darin einen Hunger, eine Sehnsucht nach dem Weib seiner Liebe, die sie eigentlich hätte rühren müssen, wenn die Eifersucht ihr Herz nicht erst recht verhärtet hätte.

»Es ist gut«, sagte sie kalt. »Ich muß deine Entschuldigung annehmen, wenn mich deine so plötzlich entwickelte Selbständigkeit auch einigermaßen erstaunt. Leo hat sehr recht: man lernt die Menschen nie aus.«

Mit diesen bitteren Worten wendete sie sich um und blieb dann allein, um ihre Enttäuschung durch die Scherben von ein paar Porzellanvasen, die ihr gerade in den Weg kamen, zu symbolisieren. Sie hing an diesen Vasen, die ein Andenken waren, und es war kein gutes Zeichen, daß sie zerbrach was ihr lieb und wert war –

Draußen vor der Tür ergriff der König, der sonst eine wenig demonstrative Veranlagung hatte, beide Hände seiner Cousine.

»Xenia, du bist ein Fels von Erz, auf den man bauen kann«, sagte er warm.

Sie errötete bis unter die Haarwurzeln.

»Lobe mich nicht zu sehr«, erwiderte sie leise. »Du ahnst ja gar nicht, wieviel Egoismus dahinter steckt!«

Damit eilte sie, die stets Ruhige, Gemessene, davon wie auf den Flügeln einer großen Erwartung.

Als sie wenige Stunden später neben der Gräfin Leonie Vombach in dem Wagen saß, der sie zum Bahnhof brachte, sagte sie leicht:

»Bitte Gräfin, widersprechen Sie nur ruhig, wenn man Ihnen später erzählen will, daß Fräulein Streeschneff, meine Hofdame, gesund genug gewesen wäre, um mich begleiten zu können, ja?«

»Aber Fräulein Streeschneff ist doch krank, Kaiserliche Hoheit!« erwiderte die Gräfin verwundert.

»Sie hat gestern ein paarmal geniest, sonst ist sie gesund wie ein Fisch im Wasser«, erklärte die Herzogin lächelnd. »Aber ich mußte doch einen Vorwand haben, um Sie mir erbitten zu können. Ich dachte nämlich, daß die Königin sich freuen würde, Sie wiederzusehen.«

Gräfin Leonie begriff, und trotzdem übergroße Devotion gar nicht ihre Sache war, so konnte sie doch nicht umhin, sich herabzubeugen, um die Hand der Herzogin zu küssen.

»Kaiserliche Hoheit waren es der ich es verdanke, gestern abend zu Ihrer Majestät der Königin-Mutter gerufen worden zu sein?« fragte sie mit plötzlicher Erleuchtung.

»Pst!« machte die Herzogin und legte den Finger auf den Mund. »Das sind Staatsgeheimnisse. Die Hauptsache ist: wir sind auf dem Wege nach Rothenburg!«

»Das ist die Hauptsache!« bestätigte Gräfin Leonie, aber sie wunderte sich doch, daß gerade die Herzogin Xenia sich darüber so zu freuen schien wie ein Kind, wenn es den Weihnachtsbaum von ferne sieht.


* * *


»Ihre Majestäten der König und die Königin trafen heut mittag, von Rothenburg kommend, mittels Sonderzuges in Begleitung Ihrer Kaiserlichen Hoheit der Herzogin Xenia von Slavonien, des diensttuenden Flügeladjutanten und der beiden Hofdamen Gräfin Vombach und Fräulein von Hartwig, in Treustadt ein. Zum Empfange hatten sich am Bahnhofe neben den Spitzen der Behörden eingefunden Ihre Majestät die Königin-Mutter mit ihrem Hofstaat, die Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses, soweit diese anwesend in der Residenz sind, sowie der gesamte Hofstaat der Majestäten. Das zahlreich versammelte Publikum begrüßte die Majestäten mit begeisterten Hochrufen und brachte namentlich Ihrer Majestät der regierenden Königin auf dem ganzen Wege bis zum Schlosse stürmische Ovationen dar. Nach kurzem Verweilen im Schlosse begaben Ihre Majestäten sich alsbald auf einige Tage nach dem Lilianeum.«

Also lautete der Hofbericht, der es dem Publikum noch einmal schwarz auf weiß erzählte, was es zum größten Teil selbst gesehen, aber der Bericht war trotzdem ungenau, denn es war nicht der gesamte Hofstaat, der die Majestäten am Bahnhof empfangen hatte, ohne daß man deshalb hätte sagen können, daß er »ruiniert, ein verstimmter Akkord« gewesen wäre, denn selbst die Umstehenden hatten es nicht einmal alle bemerkt, daß Ihre Exzellenz, die Obersthofmeisterin fehlte – vielleicht weil man nur Augen hatte für die so stürmisch begrüßte junge Königin, die mit strahlendem Lächeln und überströmenden Augen nach allen Seiten dankte. Und in der Tat war dieser Empfang auch eine öffentliche Parteinahme für sie, denn in dieser Kundgebung zeigte es sich sattsam, daß über die Ursache ihrer Abreise genug durchgesickert war, um ihr recht zu geben. Für die »Eingeweihten« bedeutete aber das Erscheinen der Königin-Mutter zum Empfange mehr als das Fehlen der Obersthofmeisterin: es wurde als eine Aussöhnung mit dem status quo unter gleichzeitiger Verleugnung der Frau von Geyers aufgefaßt; in Wahrheit aber war es nur das letztere. Weil doch etwas geschehen mußte und nur so geschehen konnte.

Der König hatte seinen kurzen Aufenthalt im Schlosse dazu benutzt, um den Vortrag des Premierministers und einiger anderer zu hören, denn kurz wie sein Aufenthalt in Rothenburg gewesen, die Staatsmaschine steht während zwei Tagen und zwei Nächten nicht still, nicht einmal zur Zeit, da die Seeschlange spukt und die sauern Gurken grassieren, denn ein König hat niemals Ferien und ginge er an den Nordpol auf Reisen. Sein Bureau, seine Schule wird nie geschlossen, überall folgt die Arbeit ihm nach und nur wenn er so krank ist, daß er sich jenseits des Begreifens und der Möglichkeit befindet, noch seinen Namen schreiben zu können, dann tritt der Regent an seine Stelle, dann darf er ausruhen. Trotzdem aber gibt es noch Leute, die einen König beneiden und diese Leute haben meist ihre vier bis sechs Wochen Ferien alle Jahre, in denen für sie »alle Flöten schweigen.« »Die Minister und ihre Unterbeamten machen die Arbeit«, sagen sie, aber sie sollten nur einmal einen Tag »König spielen« und die Augen würden ihnen aufgehen.

Der König von Seeland, dessen Reisen in diesem Jahre darin bestehen sollten, an verschiedenen Höfen mit seiner jungen Gemahlin die üblichen Antrittsbesuche zu machen – eine aufreibende »Erholung«, – suchte nun in der heißen Jahreszeit seine Sommerfrische im Lilianeum, von wo er jeden Morgen zur Erledigung der Geschäfte nach Treustadt herüberzufahren gedachte – wenn nichts andres dazwischenkam.

Am Morgen nach dem so festlich gestalteten Wiedereinzug der Königin in die Residenz geschah es, daß Fräulein von Hartwig frühmorgens, ein Zeitungsblatt in der Rechten schwingend, wie ein Wurfgeschoß in das ihr benachbarte Zimmer der Gräfin Leonie sauste und ihr ohne jede Vorrede mit den Worten um den Hals fiel: »Enfin seuls!«

»Grundgütiger! Was gibt's denn?« rief die also Attackierte lachend.

»Das gibt's – ›sieh her und bleibe deiner Sinne Meister‹«, deklamierte die andre mit Pathos und reichte ihrer Kollegin das Zeitungsblatt, indem sie auf eine mit Rot dick umstrichene Stelle unter der Rubrik: »Amtliches« deutete. Und Gräfin Leonie las:

»Seine Majestät der König haben sich Allergnädigst bewogen gefunden, Ihre Exzellenz die Obersthofmeisterin Ihrer Majestät der Königin, Frau von Geyers, unter Enthebung von ihrem bisherigen Amte zur Priorin des Freiweltlich-Adligen Stiftskapitels St. Hildegund zu ernennen.«

Die beiden Hofdamen sahen sich einen Moment stumm an, dann brach Hans Hartwig in ein Lachen aus, das nicht ganz frei von einer gewissen sittlichen Empörung war.

»Und sieh: der Tante Nase faßt er, und wieder triumphiert das Laster«, zitierte sie ihren Lieblingsklassiker. »Meinetwegen, wenn der Königin-Mutter schon durchaus noch ein Licht für dieses Kuckucksei angezündet werden mußte. ›Geh in ein Kloster, Ophelia!‹ Los sind wir sie damit ja hoffentlich auf alle Fälle. Was heißt denn das, ›Priorin‹?«

»Ach, das ist eine Sinekure«, erklärte Gräfin Leonie, »St. Hildegund ist ein Königliches Damenstift, das seinen Sitz hier in Treustadt hat und die Äbtissin ist allemal eine der Prinzessinnen, die mit dieser Würde der Reihe nach daran kommen, bis sie sich verheiraten. Da die Fürstäbtissin aber nur zu feierlichen Gelegenheiten im Stifte erscheint, so wird sie dort durch eine Priorin vertreten und die hat, da die Verwaltung durch die Regierung geschieht, nichts zu tun, als zu repräsentieren und die Stiftsdamen zu schinden. Eine ganz bequeme Beschäftigung bei glänzender pekuniärer Stellung. Die alte Priorin starb an dem Tage, als – die Königin mit Ihnen nach Rothenburg abreiste. Geschickter konnte sie den Zeitpunkt, dieses irdische Jammertal zu verlassen, gar nicht wählen und – die Königin-Mutter hat das Präsentationsrecht für die neue Priorin«

»Wer's Kreuz hat, der segnet sich«, sagte Fräulein von Hartwig salbungsvoll.

»Ich bitte mir eine Dankadresse zu stiften«, meinte Gräfin Leonie lachend, »denn wenn ich bei der Königin-Mutter nicht bedeutungsvoll zu – schweigen verstanden hätte, so wäre meine Mutter jetzt vielleicht Priorin zu St. Hildegund, was ihr gar nicht schlecht stehen würde.«

»Die Obersthofmeisterin Ihrer Majestät wird ihr auch nicht schlecht stehen«, behauptete die muntere kleine Rothenburgerin bedeutungsvoll.

Gräfin Leonie schüttelte mit dem Kopfe.

»Nein«, erklärte sie mit einem kleinen Seufzer. »Sie würde ablehnen für den Fall, daß man an sie dächte. Onkel Wellmer möchte nicht, daß es so aussähe, als ob er zugunsten der Seinen von dem Sturze der Obersthofmeisterin profitierte. Die Welt würde gleich sagen, daß er den Wechsel herbeigeführt hätte und vor allem: Frau von Geyers würde diese Parole offiziell ausgeben. Ja, ja, die Welt ist böse, liebwerte Kollegin und wir werden sie nicht ändern.«

Damit hatte sie ein großes Wort gelassen ausgesprochen und wenn Hans Hartwig über diese Weisheit noch lachen konnte, so bewies das nur, daß sie eben keine Ahnung hatte, wie böse die Welt sein konnte. Das wurde ihr erst wenige Wochen später klar.

Zur selben Stunde gab im Lilianeum der König seiner jungen Frau das gleiche Blatt, gleichfalls rot angestrichen, zu lesen, und als sie es getan, reichte sie ihm beide Hände hin und scherzte ihre Bewegung mit denselben Worten fort, die ihre Freundin in Treustadt zur selben Stunde gesprochen: »Enfin – seuls!«

»Es ist deine Genugtuung, Goldne, und sie schließt mit einer – Belohnung der Inkulpatin«, sagte der König mit einem Seufzer. »Aber was war zu tun? Ich fand gestern, als wir im Schlosse ankamen, die Präsentation der Frau von Geyers, von meiner Mutter unterzeichnet, vor. Das war die Erklärung für ihr unerwartetes, in meinen kühnsten Träumen nie erhofftes Erscheinen zu unserm – deinem Empfange am Bahnhofe. Ich Tor hatte es für ein endliches Nachgeben gehalten, für eine Anerkennung deines Rechtes und in einem gewissen, sehr beschränkten Sinne hat es auch diese Bedeutung. Und so unterschrieb ich die Präsentation, unterschrieb auf den Rat von Wellmer, der mir im selben Atem sagte, daß seine Schwester, die Gräfin Vombach, den erledigten Posten nicht annehmen würde, damit die Welt nicht sagen könnte, Frau von Geyers sei ihretwegen entfernt worden. Wir stehen nun wieder vor der Obersthofmeisterinnenfrage, aber diesmal, Goldne, erteile ich dir feierlichst das Präsentationsrecht.«

Königin Lily sah ihren Gemahl strahlend an.

»Wie gut du bist«, sagte sie naiv. »Es ist schade um Gräfin Vombach, denn ich mag sie gern, schon weil sie die Mutter ihrer Tochter ist. Das gibt ihr eine Garantie, denn Xenia hat mir erzählt, mit welchem Mut und welcher unnachahmlichen Feinheit Leonie für mich eingetreten ist, als deine Mutter sie auf den Rat deiner Cousine rufen ließ. Und dabei fällt mir ein, Leo, um was ich bisher ganz vergaß in dem Egoismus meiner eignen Angelegenheiten zu fragen: muß Leonie wirklich gehen und – und Hans Hartwig auch?«

»Leonie bleibt, und was deine kleine, tapfere Freundin betrifft, so erhält sie heut noch ein Patent ihrer Charge. Ich habe Befehl erteilt, es ihr unverweilt auszustellen und es wird begleitet sein von einem schönen Diamantenmedaillon, als Ersatz für den Betrag ihrer Auslagen, denn meine Goldne hatte bei ihrer Flucht aus dem Schlosse eine Kleinigkeit vergessen: ihren Geldbeutel. Auf mein Befragen gestand Fräulein von Hartwig ein, daß sie das Billett für dich gekauft und deinetwegen erster Klasse gefahren ist; ihr Mammon hätte gerade nur zur Not hingereicht, um mit Anstand nach Rothenburg zu kommen.«

»Ach, das arme Wurm!« rief die Königin lachend. »Leo, laß dir einen Kuß geben für deine Güte!«

»Nun, da verdiene ich schon zwei dafür – mit Zinsen«, behauptete der König, den Lohn sofort einziehend, »denn im Falle Hartwig hatte der König schon gesprochen und der darf eigentlich nicht zurücknehmen, was er einmal gesagt hat und wenn's geschah, so tat er's nur, weil wir doch einmal in einer anormalen Zeit gelebt haben, die hoffentlich damit auch vorüber ist. Aber für die Freude, dir eine Freude gemacht zu haben, Goldne, gönne ich Frau von Geyers wenigstens diese Niederlage – nämlich die Aufhebung ihrer Obersthofmeisterlichen Verfügung. Was nun aber ihre Nachfolgerin anbelangt –«

»Leo, – ich hätte eine Kandidatin«, fiel die Königin mit einem bittenden Blick ihrer sprechenden Augen ein. »Es ist – die Gräfin Tromnitz!«

Der König zog die Augenbrauen herauf und ließ einen leisen Pfiff ertönen.

»Das würde einen Sturm geben und die Mäuler in Bewegung setzen!« rief er. »Aber das tut nichts, man muß den Leuten auch ein Vergnügen gönnen! Ich nehme die Kandidatur an, Goldne, und wenn die Gräfin es auch tut, dann kannst du von Glück sagen – ich halte sie für eine seltene Frau, für eine unter Tausenden, wie es der alte Tromnitz auch war.«

Den Ausdruck der stürmischen Freude der Königin über diese Zustimmung, auf die sie nur halb zu hoffen gewagt hatte, nachdem Frau von Geyers ihr erklärt, daß man die Gräfin Tromnitz geborene Chüchli in der Hofgesellschaft nur dulde, mag sich ein jeder am besten selbst ausmalen, es soll nur festgestellt werden, daß ihn der König mit Begeisterung entgegennahm, weil er nicht nur Monarch, sondern auch daneben noch ein gewöhnlicher Sterblicher war, den es nach Liebe dürstete und der die Stunde nützte, in welcher er die holdseligste Verkörperung derselben in den Armen hielt. Doch jede Stunde nimmt ein Ende hienieden und die schönste bekanntlich am schnellsten. Als sie voneinander gingen, wandte sich der König noch einmal um – er hatte es, nebenbei gesagt, schon öfter getan, und trat zögernd näher.

»Goldne«, sagte er, »ich möchte dir noch etwas erzählen, trotzdem ich eigentlich eine Indiskretion begehe, denn was ich dir zu sagen habe, ist noch gar nicht spruchreif und sollte eine Überraschung für dich sein. Aber ich halt's nicht aus – auf die Gefahr hin, für einen Schwätzer von dir gehalten zu werden, weil ich weiß, wie froh es dich machen wird.«

»Nein!« rief sie lachend. »Nach dieser Einleitung mußt du ja reden, sonst berste ich vor Neugier und du hast mich auf dem Gewissen.«

»Ja, nicht wahr? Nun denn – du nanntest Xenia vorhin meine Cousine, meine! Das ist sie, gewiß, aber sie ist doch auch die deine.«

»Das schon, aber –«

»Nun, wenn du sie dafür nicht anerkennen willst, was würdest du dazu sagen, wenn sie in ein näheres und direktes Verwandtschaftsverhältnis zu dir träte –«

»In ein direktes – Leo, du sprichst in Rätseln!«

»Die meine kluge Goldne aber schon erraten hat –«

»Nicht die Spur! Leo, spanne mich nicht auf die Folter –«

»Nun also: wie würde Xenia dir als deine – Schwägerin gefallen?«

»Leo! – Nein, aber das ist doch nicht möglich –«

»Warum denn nicht? Xenia ist doch eine sehr schöne Erscheinung und dein Bruder, – ich will dich nicht eitel machen, dein Bruder sieht dir ähnlich, wenn du auch viel, viel hübscher bist, du liebe Rothenburgerin. Sie haben sich gestern früh, vorläufig natürlich nur heimlich, miteinander verlobt, um das Sprichwort wahr zu machen: ›Es wird keine Hochzeit gemacht, ohne daß dabei wird an eine andre gedacht. ‹«

Die Königin war starr vor Überraschung und Staunen.

»Dieser Hans Heinrich!« sagte sie nur mit großen Augen. »Diese Xenia!«

»Arme Xenia«, meinte der König mild, und als sie ihn erstaunt ansah, fügte er lächelnd hinzu: »Nicht, weil sie deinen Bruder gewählt hat, denn auf einen Besseren konnte ihre Wahl gar nicht fallen, aber weil sie hart wird um ihr Glück kämpfen müssen.«

»Deine Mutter!« machte die Königin erschrocken.

»Ja«, nickte er mit einem Seufzer. »Sie wird nach den Erfahrungen, die wir gemacht haben, nie in diese Verbindung einwilligen. Und wenn sie ja das entscheidende Wort auch nicht zu sprechen hat, so wird sie Xenias Dankesschuld anrufen und wenn die Arme dann auch noch fest bleibt, was ich ihr zutraue, so wird meine Mutter Himmel und Erde in Bewegung setzen, um die Einwilligung ihres Bruders, des Kaisers, Xenias Vater, zu verhindern und zu hintertreiben. Da kann man wohl sagen arme Xenia, denn ich fürchte, ich fürchte, der Einfluß meiner Mutter wird bei dem Kaiser bestimmend sein.«

»Arme Xenia!« wiederholte die Königin. »Ich habe sie für meine Feindin gehalten – wenigstens nicht für meine Freundin, woraus ich ihr aber keinen Vorwurf machte, da sie doch für die Stelle an deiner Seite erzogen worden war, die ich jetzt einnehme; sie konnte mich ja gar nicht mit freundlichen Augen betrachten. Aber ich weiß es besser, seitdem sie mit dir in Rothenburg ankam.«

Der König lächelte fein – er hatte begreifen gelernt.

»Diese Wandlung hat die Liebe vollbracht«, sagte er freundlich, »wenngleich ich ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen muß, daß sie die – die Änderung ihres Lebensprospektes mit einer Großherzigkeit aufgefaßt hat, von der ich die Probe erhalten habe. Aber gesetzt auch, daß dein, unser Glück eine Nebenrolle in ihrem Entschlusse, mich nach Rothenburg zu begleiten, gespielt hat, so muß man doch ihren Mut anerkennen, mit dem sie die Initiative ergriff, denn dein Bruder, Goldne, bei dem es ja auch eine Liebe auf den ersten Blick war, hatte nicht im Traume zu hoffen gewagt, sie gewinnen zu können. Er ist für seine Eigenschaften ein rührend bescheidener Mensch, dieser gute Hans Heinrich, und sieht zu Xenia auf wie zu einem höheren Wesen. Nicht, weil sie die Tochter des Kaisers von Slavonien ist, denn er fühlt sich trotz seiner liberalen Anschauungen durchaus als souveräner Fürst, sondern um ihrer selbst willen. Wie er es gemacht hat, seiner Werbung Worte zu geben, darüber habe ich mir schon den Kopf zerbrochen, aber das sonst so kühle Augenpaar meiner Cousine muß wohl beredt genug gesprochen haben, um ihm Mut zu machen. Übrigens ist meine Indiskretion nicht so schlimm, denn ich habe Erlaubnis erhalten, dich einzuweihen.«

»Und tust es erst heut!« rief die Königin mit drolligem Vorwurf.

»Wir hatten ja noch keine Zeit – für andre Leute«, beschwichtigte er sie und sie konnte nicht anders, als den Grund für vollgültig anzuerkennen.

Am Nachmittag desselben Tages fuhr der Wagen der Königin wieder vor der Villa der Gräfin Tromnitz vor und wieder stand die alte Dame mit den weißen Zöpfen um den feinen Kopf in ihrem Vorgarten und schnitt Rosen ab.

»Majestät!« rief sie erfreut ihrem hohen Besuche entgegen, der Monarchin die Rosen reichend, die sie in der Hand hielt. »Eigentlich müßten es wohl Lilien sein, aber die sind nun verblüht, denn ein jedes Ding hat seine Zeit! Wie gütig, wie lieb, mich alte Frau wieder aufzusuchen! Aber mein Zimmer riecht jetzt nicht mehr nach Lavendel, sondern nach Naphtalinkampfer, denn ich reise morgen nach der alten Heimat ab, um mir die Lungen für den Winter mit frischer Bergluft und die Seele mit Heimatsluft zu stärken. Meine Möbel sind schon fein säuberlich zugedeckt und brav eingemottet.«

»Ich komme auch nicht zu Ihren Möbeln, sondern zu Ihnen, Exzellenz«, erwiderte die Königin lachend.

»Um so besser«, ging die Gräfin im gleichen Ton ohne Ziererei ein. »Vorläufig besiegen meine Rosen ja auch noch den Naphtalinkampfer, dem der zarte Lavendel das Feld geräumt hat. Majestät müssen mich aber nicht Exzellenz nennen, denn diesen Titel hatte mein seliger Mann nicht, als er heimging.«

»Ich weiß es«, erwiderte die Königin strahlend vor Freude, wie ein Kind, das ein Geschenk in petto hat. »Aber Ihnen, Gräfin, gebührt der Titel, denn ich bringe Ihnen die Ernennung des Königs zu meiner Obersthofmeisterin.«

Die Gräfin Tromnitz stand, wie sie später selbst erzählte, da, »wie Heinrich der Vogler, als er beim Finkenfang die Nachricht erhielt, daß er deutscher Kaiser geworden sei.« Erst stumm, mit erhobenen Händen, wie abwehrend, und dann senkte sie den Kopf und sagte leise:

»Herr Gott, wie dir's gefällt! Man soll sich nicht fürchten, dort zu stehen, wohin dein Wille uns ruft. Wer weiß, ob ich dem lieben jungen Wesen hier nicht damit noch etwas nützen kann!«

»Ich danke Ihnen«, erwiderte die Königin einfach und drückte warm die Hand, die sich ihr treuherzig entgegenstreckte. Aber als sie zusammen die Veranda heraufgestiegen waren und in das Zimmer traten, in dem die »Jungfrau« in voller Glorie auf verhängte Möbel herablächelte, da rief die Gräfin, die Hände zusammenschlagend:

»Grundgütiger – und meine Reise?«

»Die werden Sie schon aufschieben müssen«, meinte die Königin bedauernd, »denn wir können Ihnen wirklich jetzt keinen Urlaub geben, weil unerwartet fürstlicher Besuch angesagt worden ist und ich meine Obersthofmeisterin dazu so nötig brauche, wie's liebe Brot. Das gäbe einen hübschen Kuddelmuddel, wenn ich mit meinen Hofdamen allein auf den Monarchen losgelassen würde, der uns mit seiner Gemahlin beehren will, trotzdem Herr von Tittmann ja sein möglichstes tun würde. Sie dürfen Ihrem alten Freunde aber wirklich nicht die ganze Arbeit allein aufpacken!«

Und so versetzte denn am nächsten Tage die Ernennung der Gräfin Tromnitz zur Obersthofmeisterin der regierenden Königin die Residenzstadt in eine Aufregung – natürlich nur die beteiligten Kreise, wohlverstanden, die etwas Revolutionäres in sich hatte. Wenn der König gemeint hatte, man müßte den Leuten auch ein Vergnügen gönnen, so hatte er das glänzend erreicht, denn im Grunde war es ja ein Vergnügen, sich über diese Sache, die ohne Präzedenzfall dastand, aufzuregen. Ja, was sollte aus diesem Hofe, was aus Thron und Altar werden, wenn man »solche Leute« zu den höchsten Hofämtern zuließ! Wenn die Gräfin wenigstens eine Seeländerin gewesen wäre – aber noch dazu eine Ausländerin, eine Republikanerin!

»Der Einwand, dees isch der allergröschte Blödsinn!« erklärte Herr von Tittmann jedem, der's hören und jedem, der's nicht hören wollte. »Die Republik isch e anerkannte Staatsform; Standesunterschiede exischtiere dort net; in der Schweiz gibt's bloß Eidgenosse und die werde als in Gebildete und Ungebildete eing'teilt. Da nun aber die Gräfin Tromnitz zweifellos zu dene G'bildete g'hört, wie jeder sich davon überzeuge kann, der sich überzeuge lasse will, so ist sie auch ebebürtig, was überhaupt jeder Gebildete isch, oder sein sollte. Mer soll's doch abwarte, da wird mer schon sehe, was für e Obersthofmeischterin sie als sein wird.«

Und man sah es sehr bald. Voll Ernst für die Sache, aber gütig, zuvorkommend und freundlich gegen jedermann, würdevoll und doch nicht auf dem hohen Pferde, nicht devot nach oben und anmaßend nach unten, so führte die Gräfin Tromnitz sich in ihr Amt ein, das sie nicht als eine Autokratie der Etikette auffaßte, sondern als die Verwaltung des ersten und vornehmsten Haushaltes im Lande. Es war ihr gleichgültig, wie tief jemand seine Komplimente machte, sie sah nur darauf, daß ihrer Herrin die Ehren erwiesen wurden, die ihr als Frau und Königin, als der ersten Dame des Landes gebührten und wer sich am schüchternsten im Hintergrunde hielt, der wurde nicht noch mehr »geduckt«, sondern konnte sicher sein, von ihr besonders hervorgeholt zu werden. Aber das paßte natürlich denen nicht, die den Rahm für sich allein abschöpfen wollten. Jede neue Ordnung will ihre Zeit haben, um sich einzugewöhnen und allen Leuten kann man es nicht recht machen; das wußte die Gräfin Tromnitz und darum versuchte sie es nicht erst. Sie ging ruhig den Weg, in dem sie sich eins mit der Königin wußte. Wäre sie vorgegangen wie Frau von Geyers, so hätten die Leute gesagt: »Natürlich, – die Plebejerin, die Republikanerin will sich an der Hofgesellschaft reiben!« und da sie nichts dergleichen tat, so sagten dieselben Leute: »Sie will nivellieren, uns zu ihrem Standpunkt herabziehen.«

Dieses rasche Urteil kam durch den unerwarteten Monarchenbesuch, von dem die Königin gesprochen, zu einem Abschluß, der gar nicht möglich gewesen wäre in so kurzer Zeit, da die Gräfin ihr Amt ja in der stillen Zeit antrat, in der die meisten sonst auf Reisen oder auf dem Lande waren, um dem Sommer in der Stadt zu entgehen; aber wer in erreichbarer Nähe war, kam dazu nach Treustadt zurück und fand es nicht mehr der Mühe wert, noch einmal eine Umsiedlung vorzunehmen, um so mehr, als der Hof selbst in diesem Sommer offiziell in der Residenz blieb, denn das Lilianeum gehörte so gut wie dazu. Auch die Königin-Mutter war, entgegen ihren sonstigen Gepflogenheiten, über die heiße Zeit in der Residenz geblieben, weil sie erst später ihre Reise nach Slavonien antreten wollte, um dort gewissen Feierlichkeiten beizuwohnen. Nur die Prinzeß Friedrich hatte sich vor dem Monarchenbesuch davongemacht, »da ihr Bedarf gedeckt wäre für dieses Jahr«, wie sie nachdrücklich versicherte, und sie hielt auch durchaus nicht hinter dem Berge damit zurück, daß sie ja ruhig reisen könnte, weil der »alte Drache« kalt gestellt sei und niemand mehr mit Haut und Haaren fressen könnte.

Die Menschenkenntnis der Prinzessin Friedrich war ihre schwächste Seite, sonst hätte sie gewußt, daß kein Geschöpf hungriger zum Fressen wird, als ein kaltgestellter Drache. Frau von Geyers war nämlich gar nicht geneigt, ihre »Kaltstellung« auf einem so lukrativen Posten als Priorin zu St. Hildegund als eine unverdiente Gnade aufzufassen, die sie nur dem Umstande verdankte, daß die Königin-Mutter sich ein wenig in den Händen ihrer ehemaligen Hof- und späteren Staatsdame fühlte und um vor der Welt ihrer Schwiegertochter unrecht zu geben; im Gegenteil, sie geberdete sich in ihrer Koterie als das Opferlamm ihres Pflichtgefühls und einer Herrin, die sie nicht nur total verkannt, sondern die auch keine blasse Ahnung von der Würde ihrer Stellung besaß und sich darin benahm, wie das Bauernmädchen des Königs Cophetua. Wer es hören wollte, – und wer hätte es nicht hören gewollt? – dem erzählte sie »ganz im Vertrauen natürlich« Wunderdinge über »die Unerzogenheit der Königin, die sich nicht entblödete, zu ihren Hofdamen auf deren Zimmer zu laufen, um sie zu den unanständigsten Spielen zu verführen! Leonie Vombach sollte doch auch dabei gewesen sein? Freilich war sie dabei, was sollte sie denn machen, wenn die Königin zu ihr aufs Zimmer lief und ihr solche Sachen zumutete und überhaupt – man lasse sich nur nicht durch solche Prüden täuschen; stille Wasser sind ja meistens tief! Wohin diese ganze heillose Wirtschaft bei Hofe führen sollte, das wisse der Himmel; man würde schon noch etwas erleben und wenn sie reden wollte – aber der Himmel behüte sie davor, auch nur den Mund aufzutun, dazu täte ihr die Königin-Mutter zu leid, die unbeschreiblich unter dieser Schwiegertochter litte, welche sich die Gräfin Tromnitz nur deshalb zur Obersthofmeisterin ertrotzt, weil man dieser dummen Pute am leichtesten ein X für ein U machen und ihr auf der Nase herumtanzen könnte, soviel man wollte. Ja, wenn sie reden wollte – – der arme König! So ginge es aber allemal, wenn ein Mann sich so spät zur Ehe entschlösse, dann ließe er sich immer durch ein hübsches Lärvchen betören. Als ob er das nicht auch so hätte haben und dabei eine Prinzessin von der Qualität und Erziehung der Herzogin Xenia heiraten können, – das käme doch alle Tage vor!«

In dieser Weise spritzte der Drache sein Gift aus und säete seinen Samen; wo wäre der Boden, auf dem er noch nicht aufgegangen wäre und am fruchtbarsten ist er, wo das meiste Gestrüpp ist. Und so oft versicherte Frau von Geyers, wenn sie reden wollte – – daß die Neugierde zuletzt in hellen Flammen aufschlug und sich in Vermutungen erging, zu denen das Opferlamm mit vielsagendem Gesichte den Kopf schüttelte – und das Ende vom Liede war, daß sie doch damit herausrückte, was sie wußte oder vielmehr nicht wußte, sondern sich in ihrem Drachengemüt so zusammengereimt hatte, bis sie es selbst beinahe glaubte.

Zuerst wurde es der notorischsten Klatschbase von ganz Treustadt unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit mitgeteilt – nicht einer von jener Sorte, die so gut sind wie die Posaunen von Jericho, die ja die Eigenschaften besitzen sollen, so laut zu sein, daß sie beim ersten Ton gleich bis ins entfernteste Mauseloch klingen und Siebenschläfer aufwecken können, sondern eines jener subtilen Instrumente, die im Orchester leise, unbemerkt einsetzen, die keine führende Stimme haben und doch das Ganze beherrschen. Mit solchen Dingen läuft man auch nicht als Alarmtrompete herum und tritt sie beim Kaffeeklatsch breit, damit jeder weiß, woher der Wind bläst –: Das sagt man unter vier Augen einer Vertrauensperson unterm Siegel der tiefsten Verschwiegenheit; jede Vertrauensperson hat wieder die ihrige und es ist merkwürdig, wie sich damit immer Personen der gleichen Qualität zusammenfinden. Wenn sie einmal an den Unrechten geraten, der die Sache wirklich für sich behält, gleichviel ob aus moralischen oder aus Klugheitsgründen, dann macht das nichts, aber es gibt auch Leute, die es ganz falsch auffassen und dem Kolporteur gründlich den Marsch blasen; für diese hat der Klatsch freilich eine ausgezeichnet feine Witterung und er läßt sie meist ungeschoren.

So kam es, daß in dem großen Orchester der Treustädter Gesellschaft jenes subtile und doch durchdringende Instrument das Motiv aufnahm: der diensttuende Kammerherr Graf Tannenbruch (beauftragt mit den Funktionen des Zeremonienmeisters), liebe die Königin bis zum Wahnsinn (weniger hätte die Sache ja gar keinen Zweck gehabt) und die Königin erwidere diese Neigung. Es habe schon in Rothenburg ein Verhältnis zwischen den beiden bestanden, das aber, trotzdem der Fürst ja seine Schwestern mit den ersten besten Knallprotzen zu vermählen pflege, aussichtslos gewesen sei wegen der Armut des Grafen und die Prinzessin hätte bei der Werbung des Königs ihrem Liebhaber den Laufpaß gegeben; ohne großes Zureden natürlich, denn die Königskronen liegen doch nicht wie die Kieselsteine auf den Straßen herum. Sie hätte es dann aber durchgesetzt, daß Graf Tannenbruch ihr nach Treustadt gefolgt sei, was ja durch die Seeländer Nationalität des Grafen auf Schwierigkeiten nicht gestoßen wäre, und der arme, ahnungslose König nähre nicht nur die Schlange an seinem Busen, sondern auch den Coeurbuben seiner Herzkönigin! Es war einfach entsetzlich, was es doch für Verderbtheit in der Welt gab!

Der »arme, ahnungslose König« teilte seine Ahnungslosigkeit natürlich auch mit den andern Beteiligten an dieser Mordsgeschichte, von denen ja überhaupt nur Graf Tannenbruch das Bewußtsein seiner zarten und ritterlichen Minne der Rothenburger Tage besaß, gepaart mit jener vollkommenen und großzügigen Entsagung, die das neunte Gebot auch nicht mit dem Hauch eines Gedankens übertritt. Denn von dem Augenblicke an, als er das »Ja« der Prinzessin Lily am Traualtar gehört, hatte sie aufgehört, für ihn ein Gegenstand des Wunsches zu sein und sie wurde für ihn ein Ikon, zu dem er mit gläubiger, inbrünstiger Verehrung aufblickte, ihr furchtloser aber vielleicht nicht immer ganz vorsichtiger Parteigänger. Was er für sie in Rothenburg mit freudiger Zustimmung aller einsetzen konnte, das wurde ihm im Babel der Großstadt ganz anders ausgelegt. Um gerecht zu sein: es dachte eigentlich niemand etwas Arges ehe der Arge sich nicht fand, der das Arge herausgeschnüffelt hatte. Und auch dann noch nicht, weil andre Ereignisse den Verdacht verdrängt, bis die Muße die Priorin von St. Hildegund wieder darauf brachte. Je mehr sie darüber nachdachte, um so mehr häuften sich ihre Verdachtsgründe. Da hatte die Königin mit dem Kammerherrn einen bedeutungsvollen Blick gewechselt; dort hatte sie ihm sogar schon offen zugelacht; hier hatte er ihre Hand, die sie ihm gereicht, ungewöhnlich lange festgehalten, man hatte es an der Bewegung seiner Muskeln gesehen, daß er ihre Hand gedrückt; da war sie beim Vorübergehen vor ihm stehen geblieben und hatte etwas leise gesagt, was kein Mensch der Entfernung wegen verstehen konnte und er hatte ebenso geantwortet; das alles war sehr verdächtig, sehr, und Frau von Geyers baute sich daraus ein Kartenhaus, um das alles mit angehaltenem Atem saß, damit es durch eine unvorsichtige Bewegung nur ja nicht zusammenfiel. Sie wußte selbst nicht, daß sie sich aus reiner Rache und Haß so in den Gegenstand verbohrte, daß sie schließlich alles das selbst glaubte, was sie sich zusammen fabelte, sie fühlte nur den dunklen Drang sich selbst rein zu waschen von jedem Vorwurf und sich als Opferlamm der Königin hinzustellen, der sie durch ihre Wachsamkeit unbequem war, und – last not least – sich der Königin-Mutter angenehm zu machen und zu erhalten, die das Patronat von St. Hildegund besaß, in dessen Annalen die Absetzung einer Priorin irgendwo eine Rolle spielte.

Als dann die böse Saat aufgegangen war, über Nacht sozusagen, wie es die Eigenschaft aller Saaten, namentlich in einem gut gepflügten Felde ist, als sie üppig sproß und reiche Frucht zu tragen verhieß, als die Schwüle so drückend geworden war, daß ein Donnerwetter ganz unvermeidlich schien und mit Spannung erwartet wurde, ohne doch kommen zu wollen, da fand Frau von Geyers es an der Zeit, ein wenig den Wolkenschieber zu spielen, um dem Naturereignis nachzuhelfen. Das war nicht schwer, denn sie hatte allzeit das Recht bei der Königin-Mutter zu erscheinen und brauchte nur die gerade herrschende Stimmung zu benutzen, die für eine elektrische Entladung günstig war.

Die Königin-Mutter aber war durch Erfahrung klüger geworden; sie überhörte ein paarmal die leicht hingeworfenen Andeutungen und ging nicht darauf ein, um so mehr als sie sich durch den Empfang ihrer Schwiegertochter, als diese mit dem Könige von Rothenburg zurückkehrte, auf ihre Seite gestellt hatte. Der Fall Tromnitz hatte nur ein achselzuckendes Interesse bei der Königin-Mutter erregt; solange nicht die Gräfin Vombach, die Schwester ihres Erzfeindes Wellmer ans Ruder kam, war es ihr gleichgültig, wer Obersthofmeisterin bei ihrer Schwiegertochter wurde und so viel hatte sie in den Jahren ihrer Regentschaft doch gelernt, um zu wissen, daß eine gebildete Untertanin einer Republik, die eine anerkannte Rolle im Staatenkonzert spielte, unanfechtbar »ebenbürtig« war, selbst wenn sie kein Adelsprädikat mitbrachte, das ja auch im eignen Heimatlande der Exregentin nicht unbedingt zur Adelszugehörigkeit notwendig war. Hieß doch die Hofdame der Herzogin Xenia auch nur kurzweg Fräulein Streeschneff und gehörte doch dem Adelsstande an; die Königin hatte sich seinerzeit überdies sagen lassen, daß die Chüchli ein altes Berner Patriziergeschlecht waren. Sie teilte also nicht das Vorurteil der Seeländer, die nur den für adlig anerkannten, der sich »von« schrieb, voll von Vorurteilen, wie sie auch sonst war, und die Person der Gräfin Tromnitz flößte ihr sogar einen gewissen wohlmoderierten Respekt ein. Sie fand auch nichts daran auszusetzen, wie sie ihr Amt bei dem schon erwähnten Monarchenbesuch ausübte und gestand sich sogar in der Stille ihres Kämmerleins ein, daß die Gräfin viel würdevoller aussah, als Frau von Geyers.

Damit war also nichts zu wollen und es kam Frau von Geyers fast mit Staunen und Grauen vor, als ob der Wind sich überhaupt gedreht hätte und gegen die Königin nichts mehr auszurichten war, bis unerwartet von einer andern Seite ein Ungewitter anzog, in dem Jupiter tonans seinen Blitzstrahl mit blinder Wut um sich zu schleudern begann.

Es brach los, als die Herzogin Xenia den Augenblick gekommen glaubte, der Königin-Mutter die Eröffnung machen zu können, daß ihr eignes Herz gewählt und sie sich mit dem Fürsten von Rothenburg verlobt hätte. Das schlug dem Fasse den Boden aus. Nicht genug, daß der Eigenwille ihres Sohnes alle ihre Lieblingspläne zertrümmert und vernichtet hatte, nicht genug, daß ihre Anstrengungen und Intrigen diese Heirat nicht hatten verhindern können nun wollte gar noch die Nichte, die sie erzogen, mit der sie so Großes vorgehabt und noch vorhatte, den Bruder der verhaßten Schwiegertochter heiraten, den kleinen, unbedeutenden Duodezfürsten über ein paar Quadratkilometer Land mit einer Handvoll Untertanen? Nun und nimmermehr! Jeder nachgeborene Prinz, der doch wenigstens den Titel einer Kaiserlichen Hoheit hatte, wie die Herzogin selbst, war annehmbarer und besser, als diese obskure »Durchlaucht.« Vergebens wies die Herzogin darauf hin, daß sie ja ihren eignen Titel mit der Heirat nicht verlöre, daß der Fürst von Rothenburg als Souverän den Vortritt vor jeder nachgeborenen Kaiserlichen Hoheit hätte, – nichts verfing vor dem Zorn, der Enttäuschung der Königin-Mutter, die ihrer Nichte das Recht nicht zugestand, selbst wählen zu dürfen, sondern verlangte, daß sie den Gemahl, den sie ihr aussuchte, mit Demut und Dankbarkeit annehme. Ja, wenn es noch ein andrer gewesen wäre, aber gerade der Fürst von Rothenburg, der kleinste aller kleinen Fürsten, der unbedeutendste dem Range nach, der sich nicht entblödet hatte, eine seiner Schwestern mit einem einfachen Landedelmann zu verheiraten und die andre mit ihrem eignen Sohne! Gegen ihren ausdrücklichen Wunsch und Willen! Nie und nimmermehr! Mit diesem Ultimatum, dem die Herzogin das ihrige in respektvollster Form aber mit großer Festigkeit entgegenstellte, stieß sie ihre Nichte von sich. Aber als diese bat, unter den gegebenen Umständen in das väterliche Haus zurückkehren zu dürfen, schlug sie das ab, denn trotzdem sie es für ausgeschlossen hielt, daß der Kaiser seine Einwilligung zu einer solchen »pauvren« Heirat seiner einzigen Tochter geben könnte, so fürchtete sie doch den persönlichen Einfluß des so lang entbehrten Kindes, und wenn der Kaiser sich weich machen ließ, wo blieb dann ihre eigne Autorität, die eine neue Niederlage nicht ertragen zu können glaubte. Auf diesen Boden fiel die Drachensaat der Frau von Geyers jetzt nicht mehr umsonst: wenn es war, wie es nun zum zweiten Male so subtil angedeutet wurde, wenn man die Königin überführen und endgültig von dem Könige trennen konnte, dann durfte der Traum noch in Erfüllung gehen, die Herzogin Xenia konnte des Königs zweite Gemahlin werden – sie, die Mutter, würde dann allen Einfluß zurückgewinnen und dadurch den politischen Einfluß Slavoniens auf Seeland ein für allemal sichern und das erstere sich selbst unter diesem Drucke stärkend die Diktatur in Europa übernehmen. Daraufhin hatte die Politik der Regentin gezielt, dagegen hatte die Politik des Premierministers gearbeitet und durch eine einflußlose Königin einen momentanen Sieg davongetragen, – aber noch war es nicht aller Tage Abend, Ehen konnten gelöst, für null und nichtig erklärt werden, wenn die Erhaltung einer Dynastie in Frage kam, und die Königin-Mutter war nicht gewillt, diejenige aus den Händen zu lassen, in deren Person die Erfüllung ihrer Ziele gipfelte.

»Du bleibst, denn über kurz oder lang wirst du Königin von Seeland sein, – für das Wie werde ich sorgen!« hatte sie ihrer Nichte gesagt und dieser damit einen Schrecken eingejagt, der voll von Mitleid war, denn die Herzogin dachte nicht anders, als daß die Aufregung ihrer Tante den Geist getrübt hätte. Aber sie erschrak noch mehr, als die Königin-Mutter erregt fortfuhr:

»Ja, sieh mich nur an – unsere Stunde ist nicht mehr fern, in der ich mein Ziel erreicht sehe und du nur noch mitleidig über diese Kinderei mit dem Fürsten von Rothenburg lächeln wirst. Ich weiß aus sicherster Quelle, daß die Schwester dieses obskuren Menschen, dieses Zerrbild einer Königin, den Thron besudelt, auf den die Weisheit des Herrn von Wellmer sie gehoben hat –«

»Tante!« fiel die Herzogin entsetzt, empört und doch wieder angsterfüllt ein. »Wer hat gewagt, dir solche Dinge zuzutragen? Lily! Ich bitte dich! Mein Gott, ist denn das Reinste nicht vor den Lästerzungen sicher? Wer ist denn überhaupt noch sicher, wenn die Verleumdung sich an ein Wesen, wie Lily, heran wagt?«

»Ein Wesen wie Lily!« höhnte die Königin-Mutter. »Diese Vergötterung ist mir neu – an dir, die du, wenn noch ein Funken von Interesse für dein Vaterland in dir lebendig sein sollte, noch ein Atom von Dankbarkeit für mich, deine Wohltäterin, in dir lebt, helfen solltest zu vernichten, statt ihre lahme Verteidigung zu übernehmen. Geh! Und wenn ich dich wiedersehe, wenn du mir wieder unter die Augen kommst, so erwarte ich, daß du dein Unrecht einsiehst, mich um Verzeihung bittest und – der Absagebrief an Seine Durchlaucht den Fürsten von Habenichts unterwegs ist.«

Die Herzogin lächelte unwillkürlich.

»Ich bin von deinem Blute, liebe Tante«, sagte sie ruhig. »Eine Wetterfahne, die sich von jedem Windstoß drehen läßt, bin ich daher nicht. Hans Heinrich hat nicht nur mein Wort, das ich wohlüberlegt zu geben pflege, er hat auch mein Herz und das hält er fest, ganz abgesehen davon, daß, was ich einmal verschenkt habe, als freiwillige Gabe von mir nie zurückgefordert werden kann.«

»Das lohnt bei wertlosen Dingen auch nicht der Mühe«, erwiderte die Königin-Mutter beißend mit der souveränen Verachtung des Zieles, das die Pfeile ihres Zornes trafen. »Es kann ruhig da bleiben, wo es ist, dein sogenanntes Herz, solange du tust, was deine Pflicht ist.«

Die Herzogin antwortete nicht, weil sie einsah, daß sie zur Stunde damit doch nichts ausgerichtet hätte. Sie war auf einen Kampf ja auch gefaßt gewesen und schreckte nicht davor zurück, ihn weiter zu kämpfen. Aber ihr bangte doch ein wenig vor ihrer Tante, die ja unmöglich geistig ganz normal sein konnte, wenn sie die Idee, sie, die Herzogin Xenia, auf dem Throne von Seeland zu sehen, noch nicht aufgegeben hatte und solch wilde Worte sprach, wie die eben gehörten, sich in einen Haß gegen ihre Schwiegertochter verrennen konnte, der ja geradezu an Wahnsinn grenzte! Der Gedanke, daß der erste Zorn über die erhaltene Mitteilung, einmal verraucht oder doch wenigstens einem ruhigeren Nachdenken gewichen, auch diese fixe Idee wieder in den Hintergrund drängen würde, gab zwar eine kleine Beruhigung, weil die Herzogin ja aus Erfahrung wußte, daß die Königin-Mutter, wenn sie gereizt war, immer Drohungen ausstieß und maßlos dabei wurde, aber ein gewisses Unbehagen blieb doch zurück. Nicht für sich, nicht für den möglichen Ausgang dieses Kampfes, den die Herzogin entschlossen war zu ihren Gunsten auszufechten, weil sie sich bewußt war nach jeder Richtung hin gut gewählt zu haben und das Glücksbedürfnis doch gar so mächtig in ihr sprach, aber für die Königin und den König wollte sich dieses Unbehagen doch nicht ganz verbannen lassen. Nicht, daß sie in ihrer vornehmen Seele auch nur einen Augenblick auf den Gedanken gekommen wäre, ihre Tante mit den Vorkommnissen bei Hofe in Verbindung zu bringen, aber sie hatte den vagen Verdacht, daß Frau von Geyers, für die sie nicht viel übrig hatte, durch törichtes Geschwätz und um sich der Königin-Mutter angenehm zu machen, Klatscherein zutrug und dadurch Öl ins Feuer goß. Was die Königin-Mutter, im Augenblicke sinnlos vor Zorn über ihre Schwiegertochter gesagt, war ja so ungeheuerlich, daß man es nicht einmal denken durfte, geschweige denn darüber grübeln, aber daß über die Lippen ihrer Tante, wenn auch nur im Exzeß der Erregung, solche Worte treten konnten, das ließ das Schlimmste für die Sprecherin fürchten. Indes, zu sehr beschäftigt mit ihren eignen Angelegenheiten vergaß die Herzogin Xenia bald genug die wilden Worte ihrer Tante – – –

So war der August übers Land gegangen und der September ließ sich durch seinen blauen Himmel nicht beschämen; wolkenlos, klar, warm und heiter lachte er über das Lilianeum herab, wo der König nach dem Monarchenbesuch indes nur eine kurze Rast fand, denn die Konstellation des politischen Himmels veranlaßte die »Badekur« des Souveräns einer Großmacht in einem auf Seeländer Gebiete liegendem Kurort und da erforderte es die Höflichkeit, daß König Leo VII. auch dahin reiste, um den hohen Herrn auf seinem Gebiete zu begrüßen.

Wenn auch die Abwesenheit des Königs nur auf wenige Tage berechnet war, indem er damit eine Truppenrevue in der Provinzialhauptstadt verband, in deren Nähe der bewußte Badeort lag, so verließ er Treustadt im Augenblick doch nur schweren Herzens, weil die Aufregung seiner Mutter über die Verlobung der Herzogin Xenia auch ihm Besorgnis einflößte und er vielleicht nicht mit Unrecht fürchtete, daß seine Gemahlin darunter zu leiden haben könnte. Ein Versuch, die Herzogin Xenia während der Abwesenheit des Königs nach dem Lilianeum einzuladen, erfuhr eine sehr schroffe Ablehnung von seiten der Königin-Mutter, deren Gründe der König darin suchte, daß seine arme Cousine durch dieses intime Zusammenleben mit der Königin eine Art von Nachgeben erblicken könnte, mindestens aber eine Ermutigung zum Widerstande. Mit herzlichem Bedauern darüber, daß er sie nicht wenigstens für ein paar Tage aus der Hölle herausholen konnte in der sie unter dem Dache seiner Mutter gegenwärtig lebte, überbrachte er seiner Gemahlin die Nachricht seiner gescheiterten Mission, und da ihm das Schicksal seiner Cousine wirklich nahe ging, so entschloß er sich in letzter Stunde vor seiner Abreise noch einmal zu einer Bitte an seine Mutter. Die Königin gab dafür die kleine Freude auf, ihren Gemahl auf den Bahnhof zu begleiten, denn sie konnte doch unten im Wagen nicht gut sitzen bleiben, während er bei seiner Mutter war und diese hatte sich mit ihrer Schwiegertochter so gestellt, daß sie unaufgefordert das Wittumspalais nicht betreten konnte. Sie nahm also Abschied von dem Könige im Schlosse, worauf er auf dem Wege zum Bahnhof bei seiner Mutter vorfuhr offiziell, um sich von ihr zu beurlauben, weil man bei Hofe doch jeder Bewegung einen Namen geben muß für den Bericht in der Zeitung.

»Ich komme noch einmal adieu sagen, liebe Mama«, rief er, bei ihr eintretend. »Wir waren gestern so sehr mit – andern Dingen in Anspruch genommen, daß ich ganz vergessen habe, mich richtig zu verabschieden.«

»O, nicht doch«, wehrte sie gnädig ab. »Es tut mir leid, daß du dich deswegen noch einmal herbemühst, denn ich weiß, daß vor einer solchen Reise die Zeit immer knapp ist, aber ich bin dir dankbar dafür und wünsche dir für deine Fahrt den erhofften Erfolg.«

Ermutigt durch diese freundliche Aufnahme wagte er nun seine Bitte.

»Mama, du hast es dir vielleicht indes überlegt und darum komme ich noch einmal mit meinem gestrigen Vorschlag: lasse Xenia für die Zeit, die ich fort sein werde, ins Lilianeum! Du würdest Lily damit eine so unendlich große Freude machen – sie ist so allein draußen –«

Die Königin-Mutter, die ihre Hand bisher in der ihres Sohnes gehalten, zog sie brüsk zurück und trat einen Schritt rückwärts.

»Allein?« wiederholte sie mit eigentümlicher Betonung.

»Nun was man so ›allein‹ nennt«, erwiderte er mit einem Lächeln »Gräfin Tromnitz ist ja bei ihr und die beiden Hofdamen –«

»Deine Frau versteht es sehr gut, sich mit ihren Hofdamen zu amüsieren«, fiel sie ein.

»Das schon«, gab er ruhig zu, denn er wußte ja genau, daß seine Mutter auf den unglückseligen Cakewalk anspielte, »aber das ist noch kein Grund, warum Xenia sich mit der frischen Jugend nicht auch etwas amüsieren sollte. Das wird ihr ganz gut tun.«

»Und sonst ist niemand im Lilianeum, wie du den Jagdpavillon umzutaufen beliebt hast?« fragte die Königin-Mutter lauernd.

»Ja natürlich – noch ein männlicher Schutz«, erwiderte der König, verwundert, warum seine Mutter sich nach etwas erkundigte, was doch in der Natur der Sache lag.

»Ah, – der Obersthofmarschall«, riet sie mit starker Betonung.

»Nein, Tittmann ist auf Urlaub«, sagte der König, dessen Verwunderung über dieses plötzliche Interesse an seinem Hofe wuchs. »Graf Tannenbruch, der ja den Dienst hat, geht über die Zeit, wo ich fort bin, ins Lilianeum heraus.«

»Ah« – machte die Königin-Mutter und trat noch einen Schritt zurück. »Das – das ist etwas – wie soll ich sagen? – etwas sonderbar. Aber, enfin, du bist ja der Herr in deinem Hause –«

Der König schüttelte mit dem Kopfe; er begriff nicht, wo das heraus sollte, aber seine Zeit war nur sehr knapp bemessen und er hatte nicht erfahren, was er wissen wollte.

»Also, wie ist es mit Xenia?« bat er herzlich.

»Ich bedaure, dir diese Bitte verweigern zu müssen«, sagte sie schroff.

»Mama, es soll keine Verschwörung sein«, versicherte er lächelnd mit Bezug.

»Davon ist nicht die Rede«, gab sie im gleichen Tone wie vorher zurück. »Aber wenn du es durchaus wissen willst: deine Frau ist kein passender Umgang für meine Nichte.«

»Liebe Mama«, erwiderte der König sehr ruhig, »finde dich doch endlich mit der Tatsache ab, daß Lily die Königin von Seeland ist und es keinem der fremden Hofe auch nur im Traume eingefallen ist, sie nicht für voll anzusehen – –«

»O, das ist es nicht«, fiel sie ein. »Man muß sich mit der Strömung abfinden, die augenblicklich durch die Höfe geht und Personen als seinesgleichen anerkennen, die – nun, lassen wir das.«

»Ja, dann begreife ich aber wirklich nicht –«

»Gut, wenn, du darauf bestehst, so höre die Wahrheit«, rief die Königin-Mutter heftig. »Der Ruf meiner Nichte würde leiden, wenn ich sie als Gast zu deiner Frau gehen ließe –«

»Mama!« unterbrach sie der König; dunkelrot im Gesicht und mit flammenden Augen stand er vor ihr und unwillkürlich trat sie vor diesem Warnungszeichen noch einen dritten Schritt zurück. Aber mit einem tiefem Atemzuge kämpfte er seine Erregung nieder. »Es hat alles seine Grenzen, auch der Haß«, sagte er mit rauher Stimme. »Hat denn der deine keine?«

»Haß!« wiederholte sie verächtlich. »Mit dem Hasse bin ich fertig, seit – ich dein Unglück kenne.«

»Ich kenne nur mein Glück«, entgegnete er. »Willst du mir vielleicht erklären, was du mein Unglück nennst?«

Sie kämpfte einen Augenblick mit sich selbst vor dem fest auf sie gerichteten Blicke ihres Sohnes.

»Ein Mann weiß es ja nie, daß seine Frau ihn betrügt, ehe es nicht zu spät ist«, konnte sie sich aber doch nicht enthalten zu sagen.

»Das ist zuviel!« brach der sonst so ruhige Monarch jetzt los. »Was sollen diese unerhörten Andeutungen? Ich verlange jetzt eine Erklärung –«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn und als er verstummte, erschien der alte Kammerdiener der Königin-Mutter auf der Schwelle.

»Majestät wollen allergnädigst verzeihen, aber Seine Exzellenz der Herr Generaladjudant lassen Majestät untertänigst darauf aufmerksam machen, daß es die höchste Zeit ist, auf die Bahn zu fahren«, meldete er unbewegt, denn laute Stimmen waren bei seiner Herrin nichts Seltenes, besonders in der letzten Zeit. Der König schwankte einen Augenblick, aber die Pflicht siegte. Auf dem Bahnhof erwartete ihn der ihn begleitende Premierminister, dessen Anwesenheit der Reise ihren hochoffiziellen Charakter aufdrückte – er durfte nicht warten lassen.

»Ich danke, ich komme sofort«, sagte er kurz und als der Kammerdiener die Tür hinter sich geschlossen, wandte er sich wieder an seine Mutter.

»Du wirst die Gnade haben, mir deine Erklärung zu geben, wenn ich zurückkomme. Ich werde mich mit Ausflüchten nicht begnügen, denn meine und meiner Frau Ehre stehen auf dem Spiele.«

Damit machte er seiner Mutter eine Verbeugung und wandte sich zum Gehen.

»Wie der König befiehlt«, rief sie ihm nach. »Ich meine auch, es ist barmherziger wenn deine Mutter dir die Augen öffnet, ehe du es hörst, was die Spatzen hier von den Dächern pfeifen und in Rothenburg auch. Denn erinnere dich, daß deine Frau in Rothenburg den schon gekannt hat, den du ihr hier vertrauensvoll zum ›männlichen Schutz‹ zurückgelassen!«

Von des Königs Lippen kam ein Laut wie ein Röcheln und er machte eine Bewegung, als wollte er sich auf seine Mutter stürzen; aber er hörte dabei doch ein diskretes Räuspern hinter der Tür, mit dem der Ruf der Pflicht an ihn ging: der erste Diener des Staates hatte keine Zeit zu seinen eignen Angelegenheiten. Noch ein Augenblick des Zögerns und dann schloß die Tür sich hinter ihm und der furchtbaren Anklägerin, die seine eigne Mutter war.

Wie er die Treppe herabkam, wem er dabei begegnete, – er wußte es nicht. Der Generaladjutant, der unten im Wagen gewartet hatte, stieg aus, als der König durch das Portal kam und setzte sich dann erst wieder neben ihn als der Monarch eingestiegen war, indem er dem Kutscher zurief: »Nun aber rasch, was die Pferde laufen wollen!« Und in einem selbst für die berühmten Traber des Königlichen Marstalls ungewohntem Tempo ging es fort.

Auf dem Wege bis zum Bahnhofe sprach der König kein Wort; er sprach ja überhaupt niemals viel, aber er pflegte doch immer eine kleine Unterhaltung mit seinem Gefolge aufrecht zu erhalten. Es war nicht schwer zu erraten, daß dem hohen Herrn etwas quer gegangen war und der Generaladjutant konnte nicht umhin, in seinem Innern die vergebliche Frage zum Himmel zu schicken: »Wann wird die Königin-Mutter endlich einmal aufhören, allen Leuten das Leben sauer zu machen?«

Als der König mit der Eile, welche die vorgerückte Zeit gebot, den Wartesaal betrat, fand er dort nicht nur den Premierminister und sein übriges Gefolge, sondern auch die Königin in Begleitung einer Hofdame und des diensttuenden Kammerherrn seiner wartend; in der orthodoxen und langweiligen Pracht dieses düsteren Raumes sah sie in ihrem weißen Kleide und rosenbekränzten Hute wie eine Verkörperung des Frühlings aus. Rasch schritt sie ihm entgegen.

»Ich wollte dich doch noch einmal sehen«, sagte sie strahlend vor Freude über die gelungene Überraschung, leise, nur ihm vernehmbar. »Kommt sie?« setzte sie ebenso hinzu.

Der König schüttelte nur mit dem Kopfe, – er konnte nicht sprechen, es drückte ihm etwas die Kehle zu. Sein Blick glitt über die wunderschöne Erscheinung seiner Frau hinüber auf die Gruppe der Wartenden, in denen er nur Graf Tannenbruch erkannte, der sich für das Auge des Königs wie aus einem Nebel von einem seltsamen, diabolischen Lichte beleuchtet heraushob – und doch so korrekt, so zuverlässig, so ganz Gentleman aussah wie immer.

Aber die Zeit drängte; mechanisch küßte der König die Hand seiner Gemahlin und ging dann rasch und das draußen Spalier bildende Publikum militärisch grüßend über den roten Plüschläufer zu dem Salonwagen, in den er einstieg, eiligst gefolgt von den Herren der Suite.

Die Königin war in die offene Tür des Wartesaals getreten und sah hinüber nach dem Zuge, der sich auch schon in Bewegung setzte, kaum daß der letzte auf der Plattform des Wagens stand. Da erschien der König am Fenster seines Salons und grüßte noch einmal heraus, wie es von ihm erwartet wurde, aber die Königin nahm es als einen besonderen, für sie allein bestimmten Gruß und winkte mit dem Taschentuch, bis der Zug die glasgedeckte Bahnhalle verlassen hatte – –

»Der König hat Unannehmlichkeiten gehabt«, flüsterte Fräulein von Hartwig dem Grafen Tannenbruch zu, aber leise wie es gesagt wurde, hatte die Königin es doch gehört und ein Schatten flog über ihr schönes Gesicht.

»Armer Leo!« dachte sie. »Arme Xenia! Und wir hätten ihr doch so gern geholfen!« Sie hätte auch ganz gut sagen können: »Arme Lily!«


* * *


Die Reise des Königs hatte den »gewünschten Erfolg«, denn das Fieber der Ungeduld, das ihn verzehrte, ließ ihn die Vorschläge seines Premierministers mit einer Energie unterstützen, die dem letzteren etwas Ungewohntes war und seine freudigste Zustimmung gefunden hätte und nach dieser Richtung auch fand, wenn für sein persönliches und menschliches Empfinden der hohe Herr nicht so verändert erschienen wäre – um zehn Jahre mindestens gealtert, gereizt, zerstreut.

»Da sitzt eine Teufelei von der Königin-Mutter dahinter«, vertraute der Generaladjudant seinem alten Freunde, dem Premierminister, an. »Der König war ganz wie immer, als er vor der Abreise am Wittumspalais vorfuhr und ganz verhagelt hat er's verlassen. Die hohe Dame muß mal wieder besonders angenehm gewesen sein. Na, Sie kennen Sie ja!«

»Ausgiebig«, bestätigte Herr von Wellmer trocken. Der König war nie ein leidenschaftlicher Soldat gewesen, aber die unerbittliche Pflicht hatte nach dieser Richtung immer noch unter fachmännischer Führung das Manko ergänzt, dessen er sich als oberster Kriegsherr selbst ganz gut bewußt war; er zwang sich zu einem richtigen strategischen Blicke durch einen eisernen Fleiß, der ja mangelnde Fähigkeiten ersetzen kann und seine militärischen »Kritiken« entbehrten mit Hilfe dessen, was seine Adjutanten sahen, nicht der Richtigkeit, die man »Hand und Fuß« nennt. Aber die Kritik der großen Parade, die er nach der Monarchenbegegnung in der Provinzialhauptstadt abhielt, war eine Leistung, die manch einen in Erstaunen versetzte und seine militärischen Begleiter in eine gelinde Verzweiflung; denn was mäßig gewesen, lobte er »über den grünen Klee«, und das wesentlich darüber Stehende tadelte er in einer so scharfen, präzisen Weise, daß die aus allen Himmeln Gefallenen an der Spitze ihrer Kohorten nach Hause ritten mit der traurigen Gewißheit ihr Budget durch Bestellung eines Zylinders bereichern zu müssen und der Generaladjutant sich zerreißen mußte, um die Schärfe der Königlichen Meinung soweit abzustumpfen als es nur eben anging.

Aber als alter, treuer und bewährter Begleiter seines königlichen Herrn nahm er sich nach der Parade die Freiheit, dem letzteren den Vorschlag zu machen, die Reise etwas abzukürzen, und der Monarch nahm das mit einer so sichtlichen Erleichterung auf als hätte er darauf gewartet.

»Ich bin nicht wohl«, gab er zu, »ich muß wirklich, glaube ich, Ruhe haben – – veranlassen Sie also das Weitere. Es tut mir sehr leid, die angesagten Empfänge nicht mehr abhalten zu können – vertrösten Sie die Leute damit, daß ich in kürzester Zeit wiederkommen werde. Ich verspreche es. Sie haben recht und ich fühle es selbst: es geht nicht mehr. Force majeure! Ich kehre also direkt nach Treustadt zurück – aber ich will keine Empfänge unterwegs, keinen dort. Unangemeldet, ohne daß es ein Mensch weiß, will ich in Treustadt ankommen und ich bitte Sie, dafür zu sorgen, daß man sich an den Buchstaben meines Befehls hält. Auf mein Gefolge kann ich mich dabei verlassen; wer aber von der Dienerschaft die Nachricht meiner verfrühten Ankunft vorausreisen läßt, ist entlassen. Schärfen Sie das den Leuten ein, bitte.«

Der Generaladjutant schlug die Absätze zusammen und tat wie ihm geheißen, aber er wunderte sich. Warum wollte der König ein Geheimnis aus seiner Ankunft machen? Daß er in der zweifellos anormalen Stimmung, in der er sich befand, die Empfänge vermeiden wollte, die ihm immer ein Greuel waren, ließ sich begreifen, ein großer Apparat war ja auch auf dem Bahnhof in Treustadt nicht nötig, aber zum Kuckuck, es mußten doch Wagen bestellt werden zur Abholung, in einem Taxameter konnte der König nicht ins Schloß oder gar nach dem Lilianeum heraus fahren. »Ja«, entschied der Generaladjutant in seinem Inneren, »wenn man kein Telegramm vorausschicken darf, dann muß der König eben im Wartesaal sitzen, bis man eine Hofequipage herantelephoniert hat! Dagegen ist, wie Freund Tittmann sagen würde, ›nix z'wolle‹. »Will er die Königin überraschen? Es sieht fast so aus. Tja, ja, – wenn man ein junger Ehemann ist, dann hat man solche Ideen noch; besonders wenn man sicher ist, daß man wirklich Freude damit macht, wenn man vierundzwanzig Stunden früher heimkommt, als man erwartet wird. Gott erhalt's!«

Der Generaladjutant hatte recht geraten: der König wollte die Königin überraschen, – um einem Zweifel ein Ende zu machen, der ihm das Herz im Leibe abnagte, ihm den Schlaf nahm, ihm seine königlichen Pflichten zur unerträglichen Qual steigerte und für den er sich selbst haßte, trotzdem seine eigne Mutter, an deren Wort er eigentlich nicht zweifeln durfte, ihm den Stachel in die Seele gedrückt.


* * *


Im Lilianeum waren die vier kurzen Tage, die der König nun fern war, auch vergangen, trotzdem es der Königin vorkam, als wären es ebensoviel Jahre gewesen. Aber sie wußte, daß solche Trennungen zu ihrem Range gehörten, ein Teil ihrer Pflichten waren; so übte sie sich in der Entsagung, was ihr dadurch erleichtert wurde, daß ihre Umgebung ihr durchaus sympathisch war und sie in ihr nicht auf dem Isolierschemel ihrer hohen Stellung saß. Zwar riefen tägliche Pflichten sie nach der Stadt zu vorübergehendem Aufenthalt, aber diese bestanden in der Arbeit, die sie liebte, in dem Besuch von Anstalten, in den Vorsitz über philanthropische Versammlungen, die sie mit Wißbegier übernahm und sich in diese Aufgabe mir dem Enthusiasmus vertiefte, den ihr das Wollen zur Sache verlieh. Und sie fuhr auch täglich am Wittumspalais vor, sich nach dem Befinden der Königin-Mutter zu erkundigen, doch war diese niemals zu sprechen – – –

Am vierten Tage blieb die Königin im Lilianeum – sie hatte den ganzen Tag für sich und freute sich darüber, wie über ein Geschenk; dagegen gab sie Fräulein von Hartwig den Auftrag in die Stadt zu fahren, um sich in ihrem Namen nach dem Befinden einer schwer erkrankten Dame der Hofgesellschaft zu erkundigen und ihr einen Strauß Rosen zu bringen, – eine Aufmerksamkeit, die sie keinen Tag unterließ.

Die Hofdame fuhr, scheinbar unbemerkt von den Bewohnern der eleganten Villa des Parkviertels vor und wurde von dem die Tür öffnenden Diener in einen kleinen Salon geführt, um dort zu warten, bis er sich erkundigt haben würde, ob die Kranke den Besuch sehen könnte, und Hans Hartwig setzte sich, ihre Rosen in der Hand, an den Tisch und betrachtete müßig, mit latentem Interesse, ein darauf liegendes Journal, wobei sie gewahr wurde, daß nebenan jemand sprach, denn murmelnde Stimmen drangen durch die dicht geschlossenen Portieren zu ihr herein. Es war also jedenfalls ein andrer Besuch da, den man drinnen empfangen hatte.

Der Tag war warm, die Landstraße sonnig und staubig gewesen – das Zimmer war durch herabgelassene Rollvorhänge halbdunkel und kühl – die Stimmen nebenan murmelten so einschläfernd und Hans Hartwig anerkannte diesen Einfluß durch ein ganz unhofgemäßes, aber desto herzhafteres Gähnen, das für die Journalnummer, die sie in Händen hielt, zwar gerade kein Kompliment, aber für die Autoren, die dazu beigetragen, auch nicht beleidigend war, weil sie es ja nicht sehen konnten. »Die drinnen scheinen auch am Einschlafen zu sein«, dachte sie gewissermaßen zu ihrer eignen Entschuldigung, aber wie um diese Beschuldigung zu widerlegen, ertönte eben im Nachbarraume ein wenn auch gedämpftes Lachen, nach dem die Stimmen lauter wurden, so daß man schon Worte unterscheiden konnte.

»Der König kommt ja morgen zurück«, klang es jetzt deutlich an Hans Hartwigs Ohr. »Ob die Herrschaften noch vor der Abreise ins Schloß übersiedeln werden? Ich möchte wissen, ob es während ihrer Abwesenheit wenigstens der Hofgesellschaft erlaubt sein wird, das Lilianeum besichtigen zu dürfen! Man hört ja Wunderdinge darüber! Ich hoff's, möchte es gern einmal sehen, doch der König scheint profane Augen ja ganz von diesem Heiligtum ausschließen zu wollen! Es ist eigentlich rührend – so nach allem, was sich die Leute erzählen – –«

»Ach, was schwatzen die Leute nicht alles«, fiel jetzt eine andre, gleichfalls erhobene Stimme ein. »Es ist ja auch eigentlich gar nicht zu glauben, daß die Königin ein Verhältnis mit dem Grafen Tannenbruch haben soll –«

»Nun, Frau von Geyers könnte es doch wissen«, ließ die erste Stimme sich vernehmen. »Sie hat es mit eignen Augen gesehen, wie die beiden sich umarmt haben –«

Es ist eine alte Geschichte: der Maulwurfshaufen hatte seine Wandlung zum Montblanc wieder einmal hinter sich!

Hans Hartwig fand plötzlich, daß sie gar nicht mehr schläfrig und dabei eisig kalt war. Sie saß, ihre Rosen in der Hand, wie versteint da mit ein paar großen, großen Augen ins Leere starrend und vor ihren Ohren brauste es wie Meeresbrandung. Sie mußte zweimal »Wie?« fragen, als der Diener jetzt zurückkehrte und ihr meldete, daß die Kranke sie auf einen Augenblick sehen wollte.

Hans Hartwig war nicht auf den Kopf gefallen, sie war rasch im Denken und im Entschluß und der Anblick der Notwendigkeit fand sie ganz auf dem Fleck, aber sie hatte schon den halben Weg zurück zum Lilianeum hinter sich, ehe es ihr ganz klar wurde, was sie gehört. Nun löste sich bei ihr eine Empörung aus, die so echt und tiefgefühlt war, daß sie sich in einer Serie von epitheton ornans Luft machte, die zwar ganz und gar nicht parlamentarisch waren, aber sie in etwas erleichterten und den Zwang, in dem ihr Denken lag, von ihr nahmen. Nachdem dies geschehen kam ein Mitleid über sie, das sich in einem Tränenstrome ergoß, den sie auch gar keine Mühe nahm zu hemmen, trotzdem Kutscher und Diener vor ihr auf dem Bock des offenen Wagens saßen. Was scherte sie die Verwunderung dieser Leute, die sich zwar, wohlgeschult wie sie waren, nicht einmal nach ihr umdrehten, trotzdem sie ein paarmal recht vernehmlich schluchzte – es handelte sich ja um die Königin, um ihre Freundin Lily, um die Goldne!

»Dieses niederträchtige, gemeine Weibsstück!« klang die ohnmächtige Wut und Empörung immer wieder durch ihren Jammer durch und trocknete ihre Tränen, ehe noch das Parkgitter des Lilianeums erreicht war. Dort ließ sie den Wagen halten, um den übrigen Weg zum Schlößchen zu Fuß zurückzulegen und zu überlegen, was sie nun tun sollte, tun mußte.

»Himmlischer Vater«, dachte sie, mühsam, als hätte sie Blei in den Gliedern, den sorgsam gepflegten Kiesweg dahinschleichend, »ich kann mich doch nicht auf den Marktplatz in Treustadt stellen und es den Leuten in die Ohren schreien, daß alles eine empörende Lüge und Verleumdung ist! Was soll ich denn tun? Es muß etwas geschehen, es muß! Aber was denn? Er muß fort!« schrie sie laut heraus.

»Wer muß fort und noch dazu so energisch?« fragte eine sehr bekannte Stimme und Graf Tannenbruch stand vor ihr. Sie hatte ihn weder gesehen noch kommen gehört; er war, ein Buch in der Hand, offenbar spazieren gegangen oder hatte damit im Walde gesessen, – was wußte sie? Was kümmerte es sie? Sie erschrak nicht einmal, als er so plötzlich vor ihr stand.

»Sie müssen fort«, fuhr es ihr heraus, ihn feindlich mit ihren verweinten Augen ansehend.

»Ich?« wiederholte er erstaunt. »Gott bewahre – was habe ich Ihnen denn getan?«

»Nichts haben Sie mir getan«, schluchzte sie mit neu hervorströmenden Tränen. »Und ich weiß, Sie haben auch der Königin nichts getan –«

Sie hielt ein, weil sie vor Weinen nicht weiter konnte.

»Der Königin nichts getan«, wiederholte Graf Tannenbruch mechanisch. »Ich der Königin etwas tun!« empörte er sich gegen den bloßen Gedanken. »Ich, der ich zu ihr aufsehe, wie zu einem Heiligenbilde!«

»Ich weiß, ich weiß!« schluchzte Fräulein von Hartwig, ihm eine ganz zitternde Hand reichend, »aber die Bilderstürmer sind gekommen und sie haben das Heiligenbild in den Dreck gezerrt und trampeln darauf herum«, schrie sie mit neu erwachender Entrüstung, die dem Tränenquell wieder Einhalt gebot und ihre Augen Blitze schießen ließ, naß wie sie eben noch waren.

Graf Tannenbruch, den es sonst immer amüsierte, wenn Fräulein von Hartwig »Slang« redete, besonders wenn sie im Zorn war, lächelte diesmal nicht. Er war blaß geworden und schlug alles Dekorum in die Winde, indem er ihr beide Hände auf die Schultern legte und sie schüttelte.

»Reden Sie!« rief er befehlend »Was soll das heißen?«

»Lassen Sie mich los! Ich – kann nicht –«

»Sie müssen! Sie haben schon zu viel gesagt!«

»Ja doch – es kommt auch gar nicht mehr darauf an, – es kommt auf nichts mehr an«, stieß sie heraus. »Denken Sie bloß um Gotteswillen, die Leute in Treustadt erzählen sich –«, sie stockte, weil's ihr zum Bewußtsein kam, daß man so etwas als junges Mädchen einem Manne eigentlich nicht sagen darf, aber dann überwog bei ihr doch das Bewußtsein, durch Ungewöhnliches dem Unerhörten entgegentreten zu müssen und resolut schloß sie: »Die Leute erzählen sich, daß Sie – daß Sie – der Königin – nahe stehen!«

So, jetzt war's heraus und erleichtert atmete sie auf – hatte er sie verstanden? Doch, er hatte verstanden, nur zu gut verstanden. Minutenlang standen sie voreinander und sahen sich an, – sie jetzt ganz ruhig und gefaßt, er blaß und schwer atmend.

»Sie haben sich nicht verhört, wirklich nicht?« sagte er endlich wie ungläubig und als sie nicht antwortete, biß er die Lippen zusammen wie unter einem physischen Schmerz.

»Das ist – das ist – namenlos«, stieß er hervor. »Darum also hatten Sie so verweinte Augen«, fuhr er fort. »Freilich, das erklärt's ja, warum Sie so schrecklich weinen gemußt. Es ist auch, um blutige Tränen zu weinen. Aber das nutzt ihr, nutzt der Königin nichts. Gar nichts! Was soll man denn tun?«

»Das frage ich mich schon seit einer halben Stunde!« jammerte Fräulein von Hartwig, die Hände ringend. »Ich weiß nichts andres als: Sie müssen fort!«

»Damit die Lästerzungen neuen Stoff kriegen«, sagte er grimmig. »Es sind schon mehr als genug fort, seit sie gekommen ist! Und es ist nicht einmal ihre Schuld gewesen –«

»Ich weiß etwas!« schrie sie auf. »Sie müssen jemanden heiraten!«

Graf Tannenbruch prallte förmlich zurück.

»Jemanden!« wiederholte er. »Wen denn? Ich kenne niemanden, der mich nehmen möchte!«

»Natürlich nicht!« rief sie, dunkelrot im Gesicht und mit dem Fuße aufstampfend. »Wenn man Heiligenbilder verehrt und zu ihnen aufschaut, dann sieht man nicht, was sonst noch auf dieser schönen, niederträchtigen Erde herumläuft!«

Aber er sah es, er kam aus den schwarzen, grausigen Tiefen seiner Entrüstung mit einem Male in die Wirklichkeit zurück.

»Solch ein hoffnungsloser Träumer bin ich denn doch nicht«, sagte er mit verhaltener Stimme. »Ich sehe ganz gut, wer sonst noch – auf der Erde herumläuft, wer die Leute auslacht und für seine Freundschaft so weinen kann – wie Sie. Aber was nutzt mir das? Reden darf ich ja doch nicht, denn ich bin ein armer Teufel und die ich meine hat genau ebensoviel. Zweimal Null macht wieder Null, soviel habe ich auch rechnen gelernt.«

»Und aus Nichts hat Gott die Welt erschaffen«, lachte sie unter Tränen. »Er hat's gezeigt, wie man's machen muß.«

»Wollen wir's ihm nachmachen, Johanna?«

»Hans heiß ich! Johanna ist gräßlich! Was kann man denn aber dafür, wie man getauft wird? Nachmachen? Hören Sie, Graf Tannenbruch – Fritz – das dürfen Sie mir nicht zweimal sagen, denn Sie wissen ja, daß ich allemal zu jedem dummen Streich zu haben bin, und –«

Weiter kam sie nicht, denn schon hatte er sie in die Arme genommen und das weitere dämpfte seine Schulter, gegen die ihr Gesicht gedrückt wurde, dermaßen, daß er es nicht einmal verstand, was auch ganz überflüssig war – – –

»Ich hatte immer das Gefühl, als ob mein Glück aus Rothenburg kommen müßte, trotzdem ich mir einmal eingebildet habe, daß ich dort unglücklich geworden bin«, sagte er andächtig und etwas unverständlich. Doch sie wußte, was er meinte, weil diese Stunde unter den Bäumen sie hellsehend gemacht. Und so war wieder einmal aus Tränen die blaue Blume des Glückes entsprossen, die längst schon für beide im Schoße der Erde darauf gewartet hatte, daß jenes wunderbare Etwas, das die Leute Zufall nennen, sie ans Licht rufen würde.


* * *


Als der König am Nachmittage in Treustadt eintraf wie er es gewünscht hatte, unvermutet, unerwartet von jedermann außer dem Bahnvorstande und der Eisenbahnverwaltung, die natürlich vorher unterrichtet werden mußten, wenn ein königlicher Sonderzug ablief und einlief, aber darüber zu absolutem Schweigen verpflichtet worden waren, hatte er, wie es der Generaladjutant vorausgesagt, auf dem Bahnhof in dem ungemütlichen Wartezimmer der Königlichen Familie warten müssen bis der herbeitelephonierte Hofwagen zur Stelle war, ohne daß man im Marstall wußte, für wen. »Nach dem Lilianeum!« befahl der König einsteigend und die Vorhänge der Fenster herablassend, damit niemand ihn erkannte. Aber es hätte auch so niemand in dem einfachen Wagen ohne die gewohnten Abzeichen des Kutschers – die goldene Fangschnur auf der linken Achsel – den Monarchen vermutet, der jede Begleitung ablehnend, davonfuhr und sein Gefolge mit nicht gerade behaglichen Gefühlen zurückließ, denn es war doch sicher »etwas nicht ganz in Ordnung« und das um so mehr, als niemand bei dem Könige die Nervosität gewohnt war, die er seit seiner Abreise von Treustadt gezeigt und die in den letzten Reisestunden geradezu den Höhepunkt erreicht hatte.

Wie Hans Hartwig wenige Stunden zuvor, so ließ auch er am Parkgitter halten und stieg aus, indem er den Befehl gab, daß der Wagen in den Marstall zurückzukehren hätte. Die abseits liegenden Ställe des Lilianeum boten nur Raum für den Bedarf im Schlößchen, und der König wußte, daß sie im Augenblick besetzt waren, da die Königin ihr Gefolge hier hatte. Ohne jemand zu begegnen legte der König den schattigen Weg ungesehen zurück und ebenso gelangte er bis in das Vestibül, in dem ein Lakai vom Dienst behaglich in einem bequemen Sessel saß und eine Zeitung las, der man ansah, daß sie handlich gefaltet, leicht in einer seiner unergründlichen Livreetaschen gegebenen Falles verschwinden konnte. Aber die Überraschung des Mannes, plötzlich, und ohne daß ein Wagen zu hören gewesen war, den König vor sich stehen zu sehen, war so groß, daß er das gewohnte Manöver auszuführen vergaß und aus seinem Sessel in die Höhe springend, mit dem Blatte salutierte.

»Guten Tag«, sagte der König mit seiner gewohnten Höflichkeit gegen sein Dienstpersonal. »Ist die Königin zu Hause?«

»Zu Befehl, – Majestät sind droben in Ihrem Salon mit Fräulein von Hartwig und Herrn Grafen Tannenbruch. Ich glaube es wenigstens –« Und der Lakai machte Miene, vor dem Könige die Treppe heraufzuspringen, um den unerwarteten Besuch zu melden.

»Nein, bleiben Sie hier, Wenzel, – ich will – die Königin überraschen«, befahl der König und wandte sich rasch der Treppe zu. Wenzel begriff, denn ein Schmunzeln ging über sein glattrasiertes, gereiftes Gesicht und sich wieder setzend, dachte er: »Tja, ja! So hawwe mir's aach g'macht, wie mir noch als e junger Ehemann g'wese isch!«

Langsam, ungehört, ungesehen schritt der König die Treppe zum ersten Stockwerk herauf. Er hatte gehofft, seine Gemahlin allein zu treffen – oder hatte er das doch am Ende nicht gehofft? Er wußte es nicht mehr recht und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, um sich zu besinnen, wie es eigentlich war. Oben angelangt, zögerte er einen Moment, ob er sich zuerst in sein eignes Zimmer am Ende des Korridors begeben sollte, dann aber machte er leise die Tür des Salons auf, den er für sie mit so verschwenderischer Pracht geschmückt. Nein, sie war nicht allein, nur – Fräulein von Hartwig war nicht bei ihr. Sie stand mitten in dem Zimmer, ihre Hand in der des vor ihr stehenden Kammerherrn und sagte gerade als die Tür aufging:

»Das Glück ruht in Ihrer Hand, von Ihnen erwarte ich es für –«

»Leo!« unterbrach sie sich mit einem Aufschrei, indem sie die Hand des Grafen fallen ließ, als der König plötzlich in dem Zimmer stand, unvermutet, unerwartet, wie aus der Erde gewachsen, und das Gesicht ganz rosig übergossen von dieser Freude, flog sie ihm mit ausgestreckten Händen entgegen. Aber der König sah diese Hände nicht, er hörte nicht den Jubel, der in dem Ausruf seines Namens geklungen, – vor seinen Ohren sang und brauste es und ein roter Nebel lag vor seinen Augen.

»Leo!« rief sie noch einmal. »Nein, diese Überraschung! Und ich erwartete dich doch erst morgen! Wie bist du denn hergekommen, ohne daß man davon etwas –«

Sie unterbrach sich jäh, befremdet, erstaunt, weil er so steif und unbeweglich vor ihr stand und folgte seinem Blicke, der mit einem merkwürdigen Ausdruck dem sich diskret durch eine andre Tür zurückziehenden Kammerherrn folgte – – ja natürlich! In der ersten Freude hatte sie ganz auf die Anwesenheit des Grafen vergessen, es vergessen, daß ein königliches Ehepaar sich vor seiner Umgebung nicht so begrüßen darf wie andre, gewöhnliche Sterbliche. Aber nun hatte sich die Tür hinter diesem guten Tannenbruch geschlossen und von neuem streckte sie die Arme aus und – – der König trat vor der Berührung zur Seite!

»Du bist eine gute Komödiantin«, sagte er heiser mit einer ihm selbst ganz fremd klingenden Stimme. »Du weißt nicht, daß ich zu frühe hereingetreten bin, daß ich gesehen und – gehört habe! Also hatte meine Mutter recht – und ich habe mich geschämt, ihr zu glauben! Eine reine Lilie habe ich geglaubt auf meinen Thron zu pflanzen – und du, du hast ihn besudelt und mein Herz in den Staub getreten!«

Damit drehte er sich um und ging hinaus. Die Königin aber, die ihm entsetzt, mit immer größer werdenden Augen zugehört, faßte, als die Tür sich hinter ihm geschlossen, mit beiden Händen an den Kopf, dann jäh an das Herz und dann fiel sie mit ausgestreckten Armen vornüber zu Boden wie der weiße Stamm einer gefällten jungen Birke – – –

So fand sie fünf Minuten später Hans Hartwig, als sie durch die Tür, die der König hinter sich geschlossen, wie ein Wirbelwind mit den Worten hereinflog:

»Denk dir nur, Goldne – entweder habe ich einen Geist gesehen oder den König, der den Korridor entlang in sein Zimmer ging – –«

Im selben Atem gellte auch schon ihr Ruf um Hilfe durch die noch offene Tür und als erster eilte aus dem Nebenraum Graf Tannenbruch herbei.

»Der König! Wo ist der König geblieben?« rief er, erschrocken auf die ausgestreckte, leblose Gestalt blickend. »Rufe den König, Hans! Er kann nicht weit sein, er war eben noch hier!«

Hans wußte, wo er war. Vorbei an den herbeistürzenden Leuten, die den Ruf um Hilfe gehört, rannte sie den Korridor herab und indem sie anklopfte, machte sie auch schon die Tür zu dem Arbeitszimmer des Königs auf und stand dicht vor ihm: er mußte den Ruf auch gehört haben.

»Majestät, die Königin liegt auf dem Boden des Salons – leblos!« stieß sie atemlos hervor. »O kommen Sie, kommen Sie! Es ist nicht meine Schuld, gewiß nicht! Wir waren ja noch eben bei ihr, Fritz – ich meine Graf Tannenbruch und ich, um ihr zu sagen, daß wir uns verlobt haben – – sie war so munter und freute sich so über unser Glück und ich war doch nur rasch in mein Zimmer gelaufen, um den Brief an meinen Vater zu holen, unter den sie selbst noch ein paar Worte schreiben wollte – – o Gott, Majestät, so kommen Sie doch!«

»Sie haben sich mit Graf Tannenbruch verlobt?« fragte der König wie einer, der im Traume redet, ohne sich von der Stelle zu rühren.

»Ja«, nickte sie, befremdet, daß er davon jetzt sprach, sprechen konnte. »Wir sind uns lange schon gut gewesen, aber weil wir doch beide nichts haben, hat Fritz nichts gesagt, aber die Königin hat ihm versichert, daß es doch gar nicht nötig ist, Millionär zu sein, wenn man sich nur liebt – sie sagte, Majestät würden das ganz gut verstehen und sicher nichts dagegen haben –«

»Nein, ich verstehe das wirklich ganz gut«, erwiderte der König mechanisch. »Aber Sie sagten doch eben, die Königin – was ist mit der Königin geschehen?«

»Sie liegt auf dem Boden im Salon, ganz, ganz leblos!« rief Hans Hartwig, außer sich über den unbegreiflichen Verzug. »Fritz sagte, ich sollte Majestät rufen, Sie wären hier –«

»Ja, ich bin hier«, wiederholte er, immer noch wie in einem Traume und dann folgte er der Hofdame, die ganz unzeremoniell seinen Arm ergriffen hatte und ihn mit sich fortzog.

Das eben noch so stille Lilianeum war in der nächsten halben Stunde der Schauplatz einer fast wilden Unruhe. Die Diener rannten die Treppen auf und ab, Befehle auszuführen, das weibliche Personal huschte mit allen möglichen Gegenständen beladen durch die Korridore, Graf Tannenbruch stand am Telephon und in dem Salon standen die beiden Hofdamen mit blassen Gesichtern und horchten und warteten –

In ihrem breiten Bette unter den mattrosa Vorhängen, auf deren schimmerndem Atlas silberbrochierte Lilien sich rankten und ineinander verwoben, lag die Königin, die Augen geschlossen, um den süßen Mund ein Schmerzenszug, bewußtlos. Über sie gebeugt stand die Gräfin Tromnitz, ein Mittel nach dem andern versuchend, das Leben zurückzubringen, das wie ein verlöschendes Flämmchen nur hin und wieder über die geschlossenen Lider zuckte, und am Fußende des Bettes stand der König und sah, blaß bis an die Lippen, unverwandt auf die leblose, rührende Gestalt herab, die immer, immer noch nicht erwachen wollte. Er war aus einem schlimmen Traume erwacht, und doch schien er ja das alles auch nur zu träumen, was so schrecklich unwahrscheinlich war – –

Endlich, endlich kam der Leibarzt und der König zog sich in den Salon zurück, in dem sich nun auch Graf Tannenbruch zu den Hofdamen gesellt hatte, die sich immer noch in Vermutungen ergingen, wie das Schreckliche so plötzlich hatte kommen können. Er konnte auch keine Auskunft geben, das heißt, er wollte es nicht, denn er sah ja tiefer, er hatte den eigentümlichen Ausdruck im Gesichte, in den Augen des Königs gesehen, als er so unvermutet erschienen war und wenn er auch nicht gehört, was in den wenigen Augenblicken, nachdem er sich zurückgezogen, zwischen dem hohen Paare gesprochen worden war, so nahm er doch an, daß es mit der Ohnmacht der Königin im Zusammenhang stand, daß irgendeine kurze, entscheidende Tragödie sich abgespielt. Er begegnete dem Blicke des Königs, als dieser aus dem Schlafzimmer trat, mit einer Frage in dem seinen, auf die er keine Antwort erhielt, denn der Monarch senkte seine Augen und trat rasch an eins der Fenster – – Da winkte Graf Tannenbruch den Damen, sich zurückzuziehen, aber der König bemerkte die Bewegung und wandte sich wieder um.

»Nein, bleiben Sie nur, bleiben Sie alle«, sagte er milde. »Ich weiß ja, wie Sie die Königin lieben, – Sie werden mit mir hören wollen, was der Arzt sagt, ob er uns Hoffnung gibt –«

Er brach ab, weil ihm die Stimme versagte und Hans Hartwig trat mit überströmenden Augen näher.

»Ich danke Majestät – wir danken Ihnen alle«, stieß sie heraus. »Ob wir sie lieben! Mein Bräutigam und ich noch viel mehr, als Leonie, denn wir kennen sie doch noch länger als sie und ich habe mit ihr gespielt, als wir noch Kinder waren –«

Graf Tannenbruch winkte seiner Braut – er sah wie der König schon ohnedem litt und der Monarch fing diesen zarten Wink auf und mußte sich wieder abwenden – –

Endlich öffnete sich die Tür und der Leibarzt erschien. Sein ernstes Gesicht verhieß nicht viel Gutes.

»Ihre Majestät leiden unter einer Ohnmacht, die ein plötzlicher Schrecken verursacht haben muß«, berichtete er mit einer Zurückhaltung, die mehr sprach, als Worte. »Es ist mir bis jetzt nicht gelungen das Bewußtsein zurückzubringen und ich möchte Majestät bitten, mir die Erlaubnis zu geben, einen Kollegen zur Konsultation herbeizurufen.«

Der König neigte wortlos zustimmend den Kopf und gefolgt von Graf Tannenbruch ging nun der Leibarzt an das Telephon. Der Anruf eines weit und breit berühmten Spezialisten für Herzleiden gab dem Kammerherrn einen Schlüssel, der seine Besorgnisse sehr, sehr ernst machte und er atmete auf, als der Angerufene selbst antwortete: Gottlob, er war zur Stelle!

Und wieder vergingen fast anderthalb Stunden bangen Wartens, ohne daß eine wesentliche Änderung in dem Zustande der Königin eintrat, bis der große Arzt eintraf und unverweilt an das Lager trat, an dem der Leibarzt inzwischen unermüdlich seines Amtes gewaltet hatte, und wieder stand der König an dem Fenster des Salons und die kleine Gruppe hinter ihm.

»Ihre Majestät sind zum Bewußtsein zurückgekehrt, brauchen aber absolute Ruhe.«

Mit diesen Worten trat der berühmte Arzt nach einer fast unerträglich lang gewordenen Pause in den Salon. Er war ein starker, ältlicher Mann mit ein paar sehr freundlichen Augen in dem scharf geschnittenen Gesichte.

»Nun?« fragte der König, ihm entgegengehend. »Reden Sie, Herr Professor – die Damen und Graf Tannenbruch haben das Recht zu hören, was Sie mir zu sagen haben.«

»Es ist mir sehr, sehr schmerzlich, damit beginnen zu müssen, daß es leider nichts Gutes ist«, erwiderte der Spezialist ohne Zögern, aber mit einer Teilnahme im Blick, die ihm die Gewohnheit, an Krankenbetten zu stehen, nicht hatte rauben können. »Ihre Majestät leidet an einem angeborenen Herzfehler, für den jeder plötzliche Schreck, jede zu jähe Freude fatal werden konnte. Ihrer früheren Umgebung darf kein Vorwurf daraus gemacht werden das Leiden übersehen zu haben, denn es ist von der Art, wie es sich erst in späteren Jahren sehr schnell zu entwickeln pflegt – – Majestät hat sich bei ihrer zarten Konstitution jedenfalls zuviel durch die Anstrengungen der Vermählungsfeierlichkeiten zumuten müssen.«

»Ist – ist Hoffnung vorhanden, daß die Königin den Anfall bald übersteht?« fragte der König, als der Arzt schwieg.

»Majestät, solange ein Mensch atmet, solange darf man die Hoffnung nicht aufgeben«, war die Antwort, die er schon so vielen hatte geben müssen. »Aber es ist meine schmerzliche Pflicht zu sagen, daß meine Hoffnung eine sehr geringe ist – so gering, daß sie eigentlich –«

Er hielt ein, um dem Könige Zeit zu lassen, zu begreifen und schloß dann mit merkwürdig belegter Stimme:

»Nach meinem Dafürhalten, das ja aber auch dem Irrtum unterworfen ist, dürfte Ihre Majestät den kommenden Tag nicht mehr erleben.«

Graf Tannenbruch legte seiner Braut die Hand auf den Mund und zog sie hinaus, damit nicht einmal das schluchzende Atmen, das sie erbeben machte, die feierliche Stille dieses Augenblickes störte und leise, lautlos folgte Gräfin Leonie dem Paare – –

Draußen ging die Sonne gerade unter und leitete mit ihrem leuchtenden Glanze die Vigilie ein, die keines der Anwesenden im Lilianeum vergessen wird, solange sie leben.

Wie lange der König gebraucht sich von dem Schlage zu erholen, der auf ihn niedergefallen war, wußte er selbst nicht, aber er wußte, daß er keine Zeit verlieren durfte, wenn er noch einen Blick der Augen haben wollte, die sich für immer schließen sollten. Alles andre konnte später kommen, alles andre mußte warten, bis –

Und doch, trug er die Schuld? Ja, er war der unmittelbar Schuldige. »Ich, ich!« wiederholte er, als er leise zurückging in das rosige Schlafgemach, wo sie, die Goldne, wie eine weiße, gebrochene Lilie in ihren weißen Kissen lag, das stille, blasse, schöne Gesicht nach oben gerichtet mit geschlossenen Augen, als wäre sie nicht mehr auf der Erde, als flöge ihre nur noch widerwillig in ihrer irdischen Hülle zögernde Seele schon auf halbem Wege dahin, woher sie gekommen – in unbegrenzte, frühlingshelle Räume. Denn draußen fing es an Herbst zu werden. Als der König sich über sie beugte, mit Gewalt den Nebel verscheuchend, der sich über seinen Blick legte, damit er nicht verhinderte zu sehen, was sein wehes, hungerndes Herz sich sehnte zu sehen, da schlug sie die Augen auf und ein Lächeln zitterte über den süßen, blassen Mund.

»Bist du endlich da, Leo?« hauchte sie kaum hörbar für menschliche Ohren, aber es tat nichts, denn er hörte ja auch mit dem Herzen.

»Goldne!« war das einzige, was er hervorbrachte, aber es war genug, denn ein Leuchten flog über ihr Gesicht.

»O, ich wußte, daß du mir doch gut bist«, sagte sie lauter und kräftiger, wie neu belebt. »Nicht wahr, solch eine Liebe wie die unsrige, stirbt nicht mit einem Male?«

»Nein, Goldne, sie ist unsterblich«, flüsterte er ihr zu und mit einem seligen Lächeln legte sie die Arme um seinen Hals. Aber das war schon zuviel für ihre sinkenden Kräfte und mit geschlossenen Augen und mit zitternd, stoßweis aus ihrer Brust kommendem Atem sank sie zurück in die Kissen.

Da setzte sich der König neben ihr Bett und hielt ihre Hand in der seinen und kein Mensch in dem stillen Zimmer, in dem die Schatten des Abends sich zu sammeln begann, sprach mehr ein Wort bis es Nacht geworden war. Von Zeit zu Zeit traten die Ärzte an das Bett, an dessen andrer Seite die Gräfin Tromnitz unbeweglich saß, und fühlten den Puls oder flößten eine stimmulierende Arznei ein, die sie mit einem leisen »Danke« gehorsam schluckte, oder auch nur mit leisem Zusammenzucken die Augen öffnete, wenn die nadelscharfe, silberne Spritze mit dem Stimmulant sich in ihre weiße Haut bohrte.

Als kein Strahl des scheidenden Tageslichtes mehr durch die offenen Fenster fiel, winkte der Leibarzt der Gräfin Tromnitz, die sich rasch erhob und nach einer kleinen Weile mit einem weißen Tuch und zwei Leuchtern zurückkam. Sie deckte das Tuch über ein kleines Tischchen, zündete die Kerzen an und stellte ein elfenbeinernes Kruzifix, das auf dem Betstuhl der Königin stand, dazwischen; das Tischchen trug sie neben das Bett und sah zu dem Könige hinüber.

Da begriff er, was er bisher, für die Umgebung blind, nur mit halbem Bewußtsein gesehen, und erblassend neigte er zustimmend den Kopf.

Die Gräfin ging noch einmal heraus und kam mit zwei Tellern zurück, die sie auf den Tisch vor das Kruzifix stellte; auf dem einen lagen fünf Baumwollflocken, auf dem andern Salz und dann glitt sie zur Tür und der Schloßkaplan in der weißen Albe, die Stola um den Hals, trat ein.

»Pax vobiscum«, sagte er leise und seine Hand in das Weihwasserbecken neben dem Betstuhl tauchend, sprengte er über die Kranke das Zeichen des Kreuzes.

Der König war von seinem Stuhle in die Knie gesunken, die Gräfin Tromnitz kniete auf der andern Seite des Bettes hinter dem Priester nieder und antwortete leise das »Ora pro nobis« auf die Invokation, die er betete. Und dann salbte er fünfmal die bewegungslos wie im Schlafe Daliegende mit dem heiligen Chrysam und streute auf ihre Lippen ein Weniges von dem Salz – dem Symbol des ewigen Lebens.

Als das Chrysam ihre Stirn berührte, schlug sie die Augen auf.

»Amen«, sagte sie leise, wie von fern.

Dann verloschen die Lichter wieder, die Tür schloß sich hinter dem Priester – und die Stille der Nacht zog auf leisen Flügeln durch das Zimmer, in dem der König noch auf den Knien lag, den Mund auf der weißen durchsichtigen Hand, die er nicht mehr losgelassen.

Ein Nachtschmetterling, der über das Gesicht der nur schwach atmenden Königin hinwegflatterte, ließ sie die Augen aufschlagen.

»Ich bin so müde«, sagte sie leise. »Aber ehe ich schlafen gehe möchte ich Hans und Leonie noch gute Nacht sagen!«

Gräfin Tromnitz sah zweifelnd zu dem Könige hinüber, der den Kopf erhoben hatte. Er nickte und stand selbst auf und die Tür zum Salon öffnend, in dem die beiden Hofdamen mit dem Kammerherrn und den Ärzten saßen, winkte er ihnen.

»Graf Tannenbruch!«

Zögernd, als hätte er nicht recht gehört, folgte der Gerufene den Damen und als er vor dem Könige stand, flüsterte dieser ihm zu:

»Sie sollen auch Abschied von ihr nehmen, – das ist meine Ehrenerklärung, die ich Ihnen schulde, ohne daß Sie es vielleicht selbst wissen.«

Da begriff Graf Tannenbruch – er verstand alles, was geschehen war! Zwar zuckte er darunter zusammen, wie unter einem Peitschenschlage, aber durch die geöffnete Tür sah er die weiße Gestalt mit dem goldenen Haar in den Kissen liegen, und vor der makellosen Majestät dieser scheidenden Seele legte er mit warmem Druck seine Hand in die ihm hingehaltene des Königs: er nahm die Satisfaktion an, denn er wußte ja, daß nicht der Beleidiger vor ihm stand, sondern nur sein Werkzeug.

Die Königin aber sah lächelnd zu den Hofdamen auf, die blind vor Tränen an ihr Bett getreten waren.

»Gute Nacht, ihr Lieben«, flüsterte sie ihnen zu und schloß wieder die Augen.

»Lassen Sie mich hierbleiben, Majestät, – ich will ja mäuschenstille sein«, bettelte Hans Hartwig, als Gräfin Tromnitz ihnen winkte wieder herauszugehen.

Aber der König schüttelte mit dem Kopfe. »Gehen Sie lieber hinaus, ja? Wir wollen ihre Ruhe nicht stören!« Da ging sie und warf in der Tür, in der Graf Tannenbruch stehen geblieben war, noch einen Gruß zurück – –

In diesem Augenblick hörte man einen Wagen vorfahren, so gedämpft das Geräusch auch auf den weichen Kieswegen klang. Aber das Lilianeum lag ja inmitten der traumhaften Stille des Waldes, in der lauen Spätsommernacht rührte sich kein Lüftchen, da konnte man es hören, wenn ein Blatt vom Baume fiel. Der König seufzte, als er den Wagen hörte – kam die Pflicht ihm schon wieder nachgereist? Mochte sie warten – er stand vor diesem Lager wie an einem Altar, an dem auch die dringendste Arbeit einen Augenblick Halt macht. Nun ein Flüstern nebenan, die tiefe Stimme des fremden Arztes murmelte etwas und dann ging leise die Tür auf. Ungeduldig wandte der König sich um – konnte man ihn denn nicht einmal hier, zu dieser Stunde in Ruhe lassen?

Die Königin-Mutter stand im Zimmer und hinter ihr erschien das weiße, schmerzerfüllte Gesicht der Herzogin Xenia, die mit einem raschen Schritte den Vortritt nahm und neben dem Bette der Königin in die Knie sank.

»Lily«, flüsterte sie weinend und wieder schlug die Kranke die müden Augen auf.

»Du!« sagte sie mit Anstrengung. »Wie lieb von dir. Sei froh, Xenia, denn nun darfst du gewiß glücklich werden. Grüße Hans Heinrich von mir und meine Schwestern –«

Dann hob sie den Blick nach der Richtung, wo die Königin-Mutter stand und sah ihr in die Augen und vor diesem Blick des verwundeten Rehes, das den Jäger anschaut, nachdem seine Kugel es getroffen, wandte die stolze Frau sich ab und ging leise hinaus.

»Sag' ihr, daß ich ihr vergeben habe«, klang es leise, aber fest von den blassen Lippen und mit dieser Botschaft durfte die Herzogin Xenia das Gemach verlassen, nachdem sie ehrfürchtig die Stirn geküßt, auf der die Schatten des Todes sich schon niedergelassen hatten.

Aber die Königin weilte noch auf dieser Erde bis der Morgen kam; zwischen Wachen und Schlafen dämmerte sie die Stunden hin nachdem die Mitternacht übers Land gezogen war, immer bewußt, daß der König ihre erkaltende Hand in der seinen hielt, denn sie lächelte, wenn er sie küßte oder zärtlich streichelte. Als dann die Vorboten der Morgendämmerung kamen, die Herz und Seele erschütternde Zeit des Zwielichtes, wenn noch die Vögel schweigen, die Fledermäuse mit geisterhaftem »Schwsch–« durch die Luft streichen, um ihre Schlupfwinkel zu suchen und selbst die Bäume aufhören zu rauschen, als müßten auch sie atemlos durch die Verheißung auf die Erfüllung warten, da schlug die Königin Lily die Augen wieder auf, die seit so vielen Stunden schon geschlossen waren und unruhig warf sie den Kopf hin und her. Fragend beugte der König sich über sie.

»Ich warte auf das Morgenrot«, sagte sie flüsternd.

Und als das opalartige Licht sich mit einem Schlage erhellte, wie wenn die Dämmerung transparent geworden wäre, als eine Amsel draußen ihr süßes Lied begann und es purpurn aufstieg hinter den Wipfeln der Bäume, da breitete sie beide Arme weit aus.

»Ja, ich komme!« rief sie laut – dann ein leiser, zitternder Seufzer und Ihre Majestät die Goldne hatte ihre irdische, schwere Krone gegen die des ewigen Lebens vertauscht.


* * *


Das Lilianeum ist jetzt wieder, was es als Jagdpavillon gewesen – eines der vielen verlassenen Schlösser, die aus einer fürstlichen Laune entstanden sind, um einer andern Platz zu machen. Aber seine Bedeutung hat es trotzdem nicht verloren, denn auf der Stelle wo die runde Steinbank gestanden, flankiert von den Statuen der zwei in das Jagdhorn stoßenden Piqueure, steht jetzt ihr Mausoleum – das Ziel manch einer Pilgerfahrt, der Ort der Ruhe und des Friedens für den König, wohin er flüchtet, wenn er allein sein will, allein mit sich und der Erinnerung, die ja nach dem schönen Worte Jean Pauls das einzige Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben werden können.

Die steinernen Piqueure bewachen jetzt das Tor des Parkgitters, an dem der König damals ausstieg, als er unerwartet von seiner Reise zurückkehrte und über dem Tore steht in schmiedeeisernen vergoldeten mächtigen Buchstaben das Wort: »Pax.«

Das Mausoleum ist, zum Entsetzen der Kunstkritiker, die sich und ihren Ruf verloren glauben würden, wenn sie wenigstens nicht so täten, als ob sie entsetzt wären, eine kleine Kapelle im Stil des Barock, in dem das Lilianeum erbaut wurde; in heiteren, leichten Linien steigt ihre Fassade auf zu den Kronen der Blutbuchen, die sie umgeben, und pausbäckige, köstliche Engelchen tummeln sich darauf herum mit vielerlei Musikinstrumenten und scheinen aufwärts, himmlische Weisen spielend, zu dem Kreuz, das den Giebel abschließt, zu schweben. Tritt man durch das reichvergoldete Gitter hinter dem Portal, das aber meist offen steht, in den inneren Raum, so sieht man sich wieder inmitten eines prächtigen Barockinterieurs wie es die Kirchen jener Epoche heut noch allenthalben bewahrt haben und der gemalte Plafond ist ein blauer, mit sonnendurchglühten Wölkchen herablachender Himmel, in dem um die wunderliebliche Gestalt der Himmelskönigin blumenstreuende Engelsscharen schweben. Vor dem liliengeschmückten Altar, mitten in dem heimeligen Raume, das Gesicht ihm zugekehrt, steht in schneeweißem carrarischen Marmor ein Sarkophag und darauf ruht, als ob sie schliefe, die Statue der Königin Lily in wunderbarer Ähnlichkeit. Die schlanke Gestalt im schlichten, am Halse geschlossenen, in leichten Falten herabfließenden Gewande, die Füße bedeckt mit dem hermelinumsäumten Königsmantel, ruht sie auf einem weichen Kissen, den schönen Kopf leicht zur Seite geneigt, im duftigen Haar ein kleines Krönchen, von dem der Schleier herabrieselnd über die Schultern fällt. Die linke Hand auf der Brust, hält sie in der Rechten wie ein Szepter einen Lilienzweig und das Licht, das durch rosig gefärbte Fensterscheiben auf ihr Gesicht fällt, übergießt es wie mit einem Hauche des Lebens – – – –

Im Grunde genommen lebt sie selbst auch noch weiter. Kurz, wie ihr irdischer Pilgerlauf war, ist sie unvergessen geblieben in dem Liebreiz ihrer Erscheinung und ihres Wesens und das Volk, das sie im Leben vergöttert, treibt jetzt noch einen Kultus mit der Toten, die nach des Dichters Wort »die Größten jetzt riesengroß überragt.« Zur Sommerszeit pilgern die Leute in Scharen hinaus, um große Sträuße weißer Lilien an ihrem Sarkophage nieder zulegen. So ruht sie, umduftet von Lilien, zu einer lieblichen Sage geworden, um welche die Volkspoesie immer neue Ranken spinnt und wenn die Leute von ihr sprechen, dann glänzen Tränen in ihren Augen. Sie hat keine Nachfolgerin bekommen; der König blieb unvermählt und es scheint auch ausgeschlossen, daß er an die Stelle der Lilie auf seinem Throne je eine andere Blüte pflanzen wird. Prinz Erich, der Sohn der Prinzessin Friedrich hat seinen Platz als Thronfolger nach seiner Rückkehr von seiner Weltreise ganz offiziell eingenommen und sich bald darauf – mit seiner Cousine Vicky von Rothenburg vermählt, ohne ihr Zeit zu lassen, die langen, blonden Zöpfe aufzustecken und sich an ein Schleppkleid zu gewöhnen. Prinzeß Friedrich, die es seinerzeit mit Erfolg verhindert hatte, daß ihr Sohn die »Dummheit« beging, sich die zu erwählen, die nun im Mausoleum des Lilianeum so friedlich schläft, schlug zwar die Hände über dem Kopfe zusammen, aber da das für eine Person ihrer Konstitution eine sehr unbequeme Stellung ist, so ließ sie es mit einem Male bewenden und tut unter »Protest« ihr Menschenmöglichstes, um ihre Schwiegertochter zu verhätscheln und zu verwöhnen, die wie ein richtiger »Tomboy«, ihr nicht nur dem Blute nach, sondern auch im Wesen sehr nah verwandt ist. Sie verträgt sich herrlich mit »Tante Schwiegermama«, die mit ihren drei rosigen Enkelchen die wunderbarsten Sachen anstellt und es nicht verschmäht, sich von dem Ältesten als Elefant reiten zu lassen, wobei sie zwar gräßlich stöhnt und schimpft, aber die harte Arbeit doch geduldig vollbringt.

Die Königin-Mutter hat sich ganz auf eines der Wittumsschlösser im Inneren des Landes zurückgezogen und betritt nur selten noch die Residenz; Herr von Wellmer ist noch Premierminister; Herr von Tittmann baut wieder seinen Kohl unter tätiger Mithilfe seiner Frau Leonie geborene Gräfin Vombach. »Ja, dees isch nu mal als so – Alter schützt vor Torheit nicht«, sagte er schmunzelnd, als man ihm zu seiner Verlobung gratulierte. Die Gräfin Tromnitz pflegt wieder ihre Rosen vor ihrer Villa im Parkviertel von Treustadt und amtiert als Obersthofmeisterin, wenn bei feierlichen Gelegenheiten die junge Prinzessin Erich die Repräsentationspflichten an Stelle der dem Hofe mangelnden Königin übernimmt.

Frau von Geyers tyrannisiert die Stiftsdamen von St. Hildegund, soweit sie sich's gefallen lassen und wenn in ihrer Gegenwart die Rede auf die verstorbene Königin kommt, so weint sie allemal eine Krokodilsträne und kann es nicht begreifen, wer damals das »dumme Gerede« über die »liebe, unvergeßliche Verklärte« aufgebracht hat – – – sie war doch dem Klatsch immer entgegengetreten, wie jedermann ihr das Zeugnis ausstellen könnte. Und bis auf einige wenige mit gutem Gedächtnis oder doch mit vagem Erinnerungsvermögen Begabte, erhält sie das begehrte testimonium auch allemal prompt zu ihrer großen Befriedigung.

Und das wäre alles, womit die kurze und leider so alltägliche Tragödie von Ihrer Majestät der Goldnen ausklingt? Doch nicht.

Es ist ein altes Naturgesetz, daß aus dem Sterben neues Leben erwacht, daß eine Blume, die der Sturm vorzeitig gebrochen, andern Knospen Platz macht und wenn der Winter die Erde in sein weißes Leichentuch hüllt, dann keimt der Frühling schon wieder darunter. Und so entsproß aus dem Tode der Königin Lily auch ein stilles, reines Glück, das im Keime vernichtet worden wäre, wenn sie gelebt hätte.

Damit ist nicht die kleine, muntere Hans Hartwig gemeint, denn der König sorgte dafür, daß pekuniäre Hindernisse ihrer Verbindung mit Graf Tannenbruch nicht im Wege standen, indem er ihn als Intendanten der Königlichen Bühnen auf einen Posten stellte, auf dem er seine Fähigkeiten verwerten und bekunden konnte, und damit auch in die äußere Lage versetzte, seinem Herzen zu folgen und eine Frau zu nehmen, die so arm war, wie er selbst. Daß dieser Posten für ihn keine Sinekure war, bewies Graf Tannenbruch dadurch, daß er die Königlichen Bühnen zu Musteranstalten machte, wo jedes frische, neue Talent zu Worte kommt, ohne die Klassiker damit in die Rumpelkammer zu verbannen. Jedermann weiß, daß seine Frau ihn dabei kräftig und werktätig unterstützt, indem ihr Haus das Zentrum geistiger Geselligkeit ist und namentlich den Künstlern zum Mittelpunkt dient.

Noch ehe das Mausoleum unter den Blutbuchen des Lilianeum die irdische Hülle der jungen Königin aufnehmen konnte, führte der Fürst von Rothenburg die Herzogin Xenia heim in seine stille, kleine Residenz. Der König hatte seine ganze Macht in die Wagschale geworfen, um den schon geschaffenen Widerstand des Kaisers von Slavonien zu besiegen, aber um die Wahrheit zu gestehen: dieser Widerstand war nur ein schwacher, mehr künstlich genährter als grundsätzlicher. Von einer kaiserlichen Aussteuer begleitet hielt die neue Fürstin ihren Einzug auf der Rothenburg, aber sie brachte Besseres mit als Gold und Edelsteine: ihre vornehme Gesinnung, ihren festen, im Feuer geläuterten Charakter und – last not least – ihre große und treue Liebe zu dem Manne ihrer Wahl. Das Eis, mit dem sie ihr besseres Ich lange erfolgreich umhüllt, blieb in den Fluten der Treu zurück um darin dem Meere der Vergessenheit zuzutreiben und die Sonne, die es geschmolzen, wich nicht mehr von ihrem Himmel. Die früher so unnahbare Kaiserstochter ist die heut jedermann zugängliche Frau des »Bürgerfürsten« und regiert mit ihm in dem Sinne, wie die arme junge Königin geträumt hatte regieren zu können und es vielleicht auch gekonnt hätte, wenn sie, wie Herr von Tittmann zu sagen pflegt, »nit als z'früh gebore worde wär'.«

Nächst dem Könige waren es der Fürst und die Fürstin von Rothenburg, die als die ersten die Pilgerfahrt zu dem Mausoleum des Lilianeum antraten. Erschüttert standen sie vor dem Sarkophag in dem rosigen Lichte und reichten sich über die schlummernde Marmorstatue hinweg die Hände zu einem neuen, stummen Gelöbnis und als sie wieder gingen, da rauschte und raunte es wunderbar süß, verheißungsvoll und doch auch wieder unendlich wehmütig in den hohen Blutbuchen, unter denen sie unvergessen schläft – Ihre Majestät, die Goldne.