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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem – Verschlungne Pfade

Novellen

Eufemia Gräfin Ballestrem, Verschlungne Pfade, Novellen, G. P. Aderholz' Buchhandlung, Breslau, 1876
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



Jadviga.

1.

Sie war eine große Frau, jene mächtige Czarin Katharina II., die Herrscherin aller Reußen, wer will es leugnen? Die zweite Schöpferin der jetzigen Größe Rußlands, hat sie sich persönlich dauernde Verdienste um die Cultur des nordischen Großreiches erworben; um so schmerzlicher aber ist es zu bedauern, daß ein solch trüber Hintergrund voll Blut und Mord das majestätische Bild der großen Frau verdunkelt. Aus dem Glanze und der Helle ihres Ruhmes tauchen zwei düstere Schatten auf: Peter III., ihr Gemahl, dem sie den Giftbecher reichte, und der schöne blonde Großfürst Iwan, dem sie das kalte Eisen in die junge Brust stoßen ließ – diese Flecken auf dem Purpur ihres Thrones waschen selbst ihre Verdienste nicht rein. Katharina II. war auch eine schöne Frau: auf mittelgroßer üppiger Gestalt ruhte ein vornehmer Kopf, umwallt von dunkelblondem Haare; die klugen, dunklen Augen waren überschattet von schön gewölbten Brauen, die Nase leicht und fein gebogen, der Mund klein und edel geschnitten. Ihrer Erscheinung stets etwas Imposantes zu geben, kleidete sie sich mit ausgesuchter Pracht. Von ihrer Prachtliebe zeugte auch die verschwenderische Ausstattung ihrer Paläste. Eines ihrer Lieblingsschlösser, welches sie während der Sommermonate bewohnte, war das reizende Zarskoje-Sselo; nicht allzu weit von Petersburg entfernt, hatte es Kaiserin Elisabeth erbaut, Katharina aber großartig erweitert und zu einem wahren Kaiseraufenthalte umgewandelt. Noch heute ist Zarskoje-Sselo ein oft besuchter Aufenthalt der russischen Herrscherfamilie.

Es war im Jahre 1794, ein Jahr nach der zweiten Theilung Polens, als mit dem Erwachen des Frühjahrs Katharina II. ihren Hof nach Zarskoje-Sselo verlegte, um dort, in abgelegener Stille, ihren Regierungsgeschäften obzuliegen.

Unter ihrer nächsten Umgebung nahmen drei Personen die am meisten bevorzugten Stellungen ein. In erster Linie stand Graf Orloff, der Czarin persönlicher Adjutant und General-Major in der Armee, ein schöner, kecker Mann von einigen dreißig Jahren, dessen Wille soviel wie der der Kaiserin galt; dann kam der Monarchin Kammerfrau, Frau von Puschkin, die Wittwe eines Offiziers, der sein Leben im Kriege gegen die Türken gelassen hatte. Frau von Puschkin war das Factotum der Kaiserin, sie wußte um alle Intriguen, kannte die Geheimnisse jedes Einzelnen und griff nicht unerheblich in die Schicksale vieler Persönlichkeiten ein.

Die dritte Bevorzugte Katharina's war eine ihrer Hofdamen, die märchenhaft schöne Gräfin Jadviga Orsinska – die Tochter eines »rebellischen« Polen. Warum Katharina grade an sie ihre Liebe und ihre Gnade verschwendete? Das war eine seltsame Geschichte.

Bei der im Jahre 1794 stattgehabten Erhebung gegen den Einfall der Russen in Polen hatte sich, gleich vielen Andern, auch Graf Stanislaus Orsinski betheiligt – die Polen wurden am 17. Juni bei Zaslaw geschlagen, und der Graf mit mehreren Kampfgenossen gefangen genommen und nach Sibirien transportirt; doch geschah dies nicht über Petersburg und die Gefangenen durften unweit von Zarskoje-Sselo Rast halten.

Der Zufall wollte, daß die Kaiserin mit einer glänzenden Cavalcade durch jene Ortschaft kam, und sie ließ sich herab, die Unglücklichen zu betrachten. Wie sie so an den Reihen dieser gefesselten Männer hinabritt, stieß sie plötzlich einen Schrei aus.

»Stanislaus Orsinski, bist Du es?« rief sie.

»Ja wohl,« sagte der Pole, »ich bin's – ich büße für meines Vaterlandes Befreiung, Ihr habt mich verurtheilt!«

»Thut mir leid, daß Du grade Dich unter den Meuterern befinden mußt – aber ich darf nicht Gnade für Recht ergehen lassen. Ich muß ein Exempel statuiren, um Euch heißblütigen Polen das Müthchen zu kühlen, ich hoffe – das war die letzte Empörung!«

Da richtete sich der Graf hoch empor:

»Ihr irrt, hohe Frau,« sagte er, »Polen wird sich erheben gegen Eure Herrschaft, so lange noch ein Blutstropfen in den Adern seiner Edelleute rollt, so lange noch Einer lebt! Denkt an mich! An mir ist Eure Strafe zu nichte geworden, Ihr straft nur die Meinigen; ich erreiche Sibirien nimmer –«

Er fiel erschöpft zurück.

»Mag sein, Orsinski; aber die Strafe soll nur Eure Person treffen, nicht auch Unschuldige. Sagt mir, kann ich Etwas für die Euren thun?«

»Mein Weib ist todt,« sagte der Pole dumpf, »aber mein Kind, meine Jadviga, lebt – lebt als Waise!« –

»Ich werde für sie sorgen,« rief die Kaiserin, »ich werde sie zu mir nehmen – mein kaiserliches Wort darauf! Leb' wohl, Stanislaus!«

Orsinski behielt Recht. Er überlebte den Transport nach Sibirien nicht.

Katharina aber beschied Jadviga, des Rebellen Tochter, zu sich – freilich mit Gewalt; denn die schöne Gräfin wollte Warschau nicht verlassen. Aber es galt gleich, Katharina wollte ihr kaiserliches Wort einlösen und überschüttete ihre neue Hofdame mit ihren Gunstbezeugungen, welche diese ruhig, aber ohne Freude entgegennahm.

Heute gab die Czarin auf Zarskoje-Sselo ein glänzendes Fest, wozu der Adel von Petersburg und der Landumgebung geladen war. Die Monarchin sah es gern, wenn Gäste ihre Prachtliebe bewunderten, das glänzende fröhliche Getriebe machte ihr Vergnügen.

Sie selbst saß in dem großen Audienzsaal, dessen Thüren nach der blühenden Terrasse offen standen, unter einem Baldachin, auf einem mit der kaiserlichen Krone geschmückten Lehnsessel, und unterhielt sich gnädig mit denen, welche sie zu sich heranwinkte.

Hinter ihrem Sessel stand die Gräfin Orsinska, still und sanft, wie immer, schön wie die Prinzessin im Feenmärchen.

Ihre hohe, biegsame Gestalt trug die reiche Hoftracht. Der tiefe, viereckige Ausschnitt der Taille, umrahmt von duftigen Spitzen, die sich leicht auf dem Blaßrosa der Atlasrobe kräuselten, ließ einen blendend weißen Hals von ebenmäßiger Schönheit frei, und auf diesem erhob sich der feine Kopf mit den tief dunklen Augen, die von schwarzen Brauen überwölbt waren. Das reiche Haar trug sie der Mode gemäß gepudert, doch schimmerte zwischen dem Puder das herrliche Blond hervor. Sie glich in ihrer traurigen Ruhe einer Marmorstatue.

Katharina hatte eben eine vornehme Dame gnädig verabschiedet, sie wendete sich um.

»Jadviga,« sagte sie halblaut, und die Hofdame schrak aus ihrem Sinnen empor.

»Majestät befehlen?«

»Was stehst Du so traurig da – wie immer?« fragte die Czarin gütig, »geh', mische Dich unter die Gäste, sei heiter!«

Ein mattes Lächeln glitt über Jadviga's Züge.

»Ersteres werde ich thun, wenn Eure Majestät befehlen. Letzteres kann ich nicht – ich passe nicht in heitere Gesellschaft.«

»Das weiß der Himmel,« sagte die Kaiserin, »ich glaube gar, Du bist krank!«

»Vielleicht!« Jadviga sagte es so leise, daß die Kaiserin es nicht verstand.

»Wenn Du nur nicht gar das Heimweh hast,« fuhr sie fort; »aber ich wüßte wieder nicht, nach wem und nach was? In Warschau hast Du Niemanden, der Dir verwandt wäre – Dein Vater ist todt!« –

»Gestorben auf dem Wege nach Sibirien, Majestät,« warf Jadviga bitter ein.

»Schweig,« sagte die Kaiserin finster, »das sind Staatsangelegenheiten, die Du nicht begreifen kannst! Jetzt bist Du bei mir, stehst unter meinem Schutz – Du bist eine Russin geworden –«

»Um Vergebung, Majestät, ich bin Polin, Polin von Geburt und aus Neigung!«

»Willst auch Du Dich empören gegen mich?« sagte Katharina drohend, »nimm Dich in Acht, Undankbare!«

»Der Undank ist meinem Herzen fremd,« entgegnete Jadviga ruhig und fest, »und ich weiß, daß Eurer Majestät Gnade größer ist, als mein Verdienst. Ich empöre mich nicht gegen Eurer Majestät Person; denn mein Dank wird ewig dauern!«

»Gut, Jadviga!« Sie reichte ihr gnädig die Hand zum Kusse und winkte dann dem Grafen Orloff.

Der schöne elegante Mann flog herbei und beugte sein Knie vor Katharina.

»Reiche der Gräfin Orsinska den Arm,« befahl sie ihm, »und führe sie ein wenig herum – geh' mit ihr in den Park, sie soll sich zerstreuen!«

Einen Augenblick zuckte es wie Freude auf in den Augen des Grafen, dann aber senkte er die Lider.

»Wie Du befiehlst, Czarina!«

Aber Jadviga wich einen Schritt zurück.

»Ich bleibe lieber hier in der Nähe Eurer Majestät.«

»Was soll das heißen?« fragte Katharina scharf. »Euch Polen scheint das Widersprechen zur zweiten Natur geworden zu sein! Geh', ich befehle es!«

Vor diesem Wort, welches Tausende von Menschen im Reich der nordischen Semiramis beben machte, beugte sich Jadviga und legte widerstrebend ihren Arm in den Orloff's, welcher sie schweigend durch den Saal hinaus auf die Terrasse und von da dem Parke zu führte.

Die dichten Laubgänge von Zarskoje-Sselo waren heute durch bunte Lampions feenhaft erleuchtet, gleichwohl aber gab es Plätzchen, deren diskretes Dämmerlicht zum Plaudern einlud, und an eine solche Stelle führte Graf Orloff seine schöne Dame.

Bis jetzt hatten weder sie noch er ein Wort gesprochen; endlich brach er das Schweigen.

»Ich preise meinen guten Stern, der mir ein Alleinsein mit Euch gestattet, Gräfin,« sagte er, und seine dunklen Augen blitzten zu ihr herab; »vergebens habe ich bis jetzt den Moment ersehnt, der mich Euch, fern von jedem Zwange der Etiquette, gegenüberstellt. Nun, Gottlob, er ist gekommen!«

Jadviga schrak auf bei diesen Worten.

»Ich wüßte nicht, weshalb Ihr diesen Moment herbeigesehnt haben könntet,« entgegnete sie einfach.

»Weßhalb? Gräfin, kündet Euch der Instinkt Eures Herzens nicht, daß ich Euch viel, sehr viel zu sagen habe?«

»Was könnte der mächtige, stolze Graf Orloff, der Bevorzugte der Czarin vor Allen im weiten Reiche, mir, der Tochter des polnischen Rebellen, zu sagen haben?« fragte sie stolz und kalt.

Er trat näher zu ihr heran.

»Jadviga,« flüsterte er leidenschaftlich, »Jadviga, laßt sie hier fallen, diese kalte, hochmüthige Rolle, die Ihr bei Hofe spielt; legt endlich hier die starre Marmormiene der Galathea ab, und –«

»Graf, ich glaube, Ihr sprecht im Fieber,« erwiderte sie, und ihre Stimme klang ebenso ruhig wie früher, »von welcher Rolle sprecht Ihr? Ich gebe mich, wie ich bin: Verstellung ist mir fremd, ich würde sie unter meiner Würde halten. Wenn Ihr meine öfters wiederkehrende Apathie für Hochmuth haltet, so denkt, wie Ihr wollt; aber ich sage Euch, ich müßte mich selbst verachten, wollte ich leichtsinnig mit in den Ruf Eurer Freude:

»Vive la joie!« einstimmen, ich, die das Unglück gelehrt hat, die Freuden Eures Hofes zu verschmähen. Jubelt weiter in Uebermuth und Leichtsinn, mich laßt davon aus! –«

»Jadviga!«

»Ich bin für Euch die Gräfin Orsinska, verstanden?« «

Wie konnte sie doch zornig klingen, die Stimme der schönen, sanften Hofdame der Czarin! Sie hatte sich von ihrer Moosbank erhoben und war im Begriff fortzugehen.

Da ergriff Orloff ihre Hand und hielt sie fest.

»Ihr werdet nicht eher von der Stelle gehen, bis Ihr mich angehört habt,« sagte er drohend.

»Also Gewalt? Ich begreife, der Herr Graf wollen eine neue Scene der Unterdrückung Polens durch Rußland aufführen,« sagte Jadviga kalt und spottend, »nun wohlan, was soll es, faßt Euch kurz!«

»Nun denn, Jadviga, Ihr müßt bemerkt und gefühlt haben, daß ich Euch liebe, Euch anbete, Euch –«

»Verzeihung, Herr Graf, das habe ich nicht bemerkt,« fiel sie ihm sarkastisch in's Wort, »ich fand im Gegentheil, daß ich von Euch auf verletzende Weise ignorirt wurde, daß Ihr sogar die Regeln der Höflichkeit mir gegenüber außer Sicht ließet – freilich, wenn das in Rußland Liebe genannt wird, dann –«

»Spottet nicht, Ihr macht mich rasend,« unterbrach er sie heftig, »laßt Euch sagen, daß die ewige Gegenwart der Czarin mir einen Zwang auferlegt, der mich zu ersticken droht! Ich bete Euch an, Jadviga, Ihr seid die schönste Frau der weiten Welt! Mag man sie bewundern, anstaunen, jene Zauberin, die sich Sophia Potocka nennt – bah, was ist sie gegen Eure majestätische Schönheit! Wendet Euch nicht ab, – Ihr müßt mich hören, ich muß Euch sagen, was mir das Blut schäumend durch die Pulse treibt, was mich dem Wahnsinn nahe bringt, das eine, das einzige Wort: ewig wie der Nachthimmel über uns, ewig wie die Welle im Meere und glühend wie der Sonnenball, wenn er seine Strahlen in die Fluthen der Newa taucht – das einzige Wort, daß ich Euch liebe!«

Tief athemholend hielt er inne, Jadviga aber war todtenbleich geworden, sie senkte die Augen.

»Graf Orloff,« sagte sie leise, aber fest, »es wäre besser gewesen für uns Beide, Ihr hättet dieses eine Wort nie ausgesprochen!«

»Nie? Haha, damit ich daran zu Grunde gegangen wäre!« stieß Orloff heraus, »antwortet mir, sagt, wollt Ihr mich erhören, und dem Zorn einer Katharina zum Trotz werdet Ihr meine Gattin, wir fliehen nach Frankreich – antwortet, bei meinem Zorn!«

»Ich habe Euch schon geantwortet, Graf Orloff, sprecht nie wieder solche Worte zu mir; denn ich kann und darf Euch nie erhören!«

Orloff stieß einen wilden Schrei aus.

»Jadviga,« knirschte er, »Jadviga, nehmt es zurück, dieses Wort, antwortet mir kurz und bündig, Ihr wollt die meine werden!«

»Nein – nimmermehr!«

Da stieß er sie von sich in blinder Wuth, der mächtigste Mann Rußlands.

»Und Eure Gründe für diese Weigerung?«

»Fragt nicht, Orloff, ich werde sie Euch nie nennen, ich darf nicht!«

Er athmete tief auf und faßte an seine feuchte Stirn.

»Jadviga,« sagte er, sich zur Ruhe zwingend, »erwäget meine Worte wohl! Geht mit Euch zu Rathe – ich werde nach zwei Tagen wieder bei Euch anfragen!«

Sie schüttelte das Haupt.

»Es wäre unnütz,« erwiderte sie, »ich kann Euch nur die eine Antwort geben, daß ich Eure Hand von mir weise – für ewige Zeiten!«

»Das ist Euer letztes Wort?«

»Mein letztes – ja!«

Da lachte er wild auf, daß es gellend durch die Ruhe der Nacht klang, und trat dicht vor Jadviga hin.

»Nun denn, Unglückliche,« drohte er, »so sollst Du erfahren, was es heißt, des Grafen Orloff Hand abweisen, seine Liebe verschmähen! Ich werde mich rächen, furchtbar rächen an Dir, und sollte ich Himmel und Erde in Bewegung setzen!«

Jadviga hatte die Arme über die Brust gekreuzt, sie zitterte nicht vor dem furchtbaren Zorne dieses Mannes.

»Ich muß Euch gewähren lassen,« sagte sie fest, »ich kann Euch keinen Hemmschuh entgegensetzen; denn ich bin nur ein schwaches Weib, ohne Macht, ohne Schutz! Euch aber bedaure ich, Graf Orloff; ich kann nur beklagen, daß ein solch' glänzendes Aeußere, wie das Eure, eine so niedrige Seele birgt. Thut, was Euch beliebt.«

Und sich langsam umwendend, ging sie dem Schlosse zu.

»Sie muß es büßen,« dachte Orloff erbittert, »kein Mensch darf mich ungestraft beleidigen!«

Jadviga aber blickte mit thränendem Auge auf zu dem glänzenden Sternenhimmel:

»O Du dort oben, von dem alle Kraft kommt, hilf mir, daß ich mein bitteres Loos muthig trage, daß ich den Schwur, der mich in dieses Joch schmiedete, erfülle. Ich bin müde, sterbensmüde und muß dennoch ausharren, ich werde das mir in Aussicht gestellte Glück nie kosten. Und Du, der Du fern weilest, umgeben von Gefahren und Tod, warum hast Du mir das gethan?«



2.

In seinem Cabinet schritt Fürst Czernyschew hastig auf und nieder. Der Minister stand am Ende der vierziger Jahre und war eher häßlich, als schön zu nennen; dennoch aber machte ein Zug von Güte in diesem schmalen, bartlosen Gesicht, daß man sich zu seinem Inhaber hingezogen fühlte.

Wie gesagt, er schritt hastig in seinem Arbeitscabinet auf und nieder, während düstere Wolken auf seiner Stirn lagerten. –

Katharina II. liebte es, ihre Pläne und Entwürfe auf die Schultern ihrer Minister zu laden. Wenn diese gearbeitet und gestritten hatten, dann konnten sie das Ganze als fait accompli der schönen Despotin zu Füßen legen, welche nur ihren gewichtigen Namenszug hinzufügte.

Während der Minister dumpf brütend auf und nieder schritt, klopfte es an der Thüre.

Auf das einladende »entrez« des Fürsten betrat Graf Orloff das Cabinet und reichte dem Inhaber desselben die Hand.

»Eh, bien,« sagte er, seine Handschuhe ablegend, »eh, bien, was giebt's Neues? Es fängt an, langweilig in Zarskoje-Sselo zu werden, und ich hoffe, Ihr habt Zerstreuungen in petto, und wären es selbst Arbeiten, gleichviel – die Langeweile ist ein böses Laster – ich hasse sie.«

»So geht nach Petersburg zurück!« rieth der Fürst.

»Petersburg?« wiederholte Orloff, »bah – auch nicht mehr amüsant! Ich glaube, ich bin blasirt geworden, oder – melancholisch, doch nun sagt, Peter Petrowitsch Czernyschew, was birgt heute Euer Portefeuille?«

»Trübes, nur Trübes, Gregor Orloff,« entgegnete der Minister langsam.

»Pfui, welch' ein Nebel liegt in der Atmosphäre Eures Gemaches! – Trübes, nur Trübes,« wiederholte Orloff.

»Nun denn, und woher kommt diese trübe Witterung?« –

»Von woher anders als von Polen?« rief der Fürst. »Polen heißt jeder Kampf, Polen heißt Sibiriens Bevölkerung, Polen nennt sich jedes Unglück, Polen jede Sorge – immer Polen und Polen! Wann endlich wird es ruhig in diesem unglücklichen Lande werden, wo Hoch und Niedrig, Edelmann und Bauer ein Rebell ist, ein Rebell wider Kaiser und Staat? Wann endlich werden die Gewehre unserer Soldaten Kugeln abschießen, welche kein polnisch Herz durchbohren? Wann wird Katharina das letzte Todesurtheil für Polen unterschreiben? Glaubt mir, Gregor Orloff, mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie sich dies herrliche Land in sich selbst verwüstet!«

Graf Orloff zuckte die Achseln.

»Man lasse sie verwüsten und sterben – sie wollen es nicht anders!«

Czernyschew athmete tief auf.

»Ihr habt Recht, leider Recht,« sagte er dumpf.

»Und was bereitet man wieder in Polen vor?« fragte Orloff, »hat man eine Verschwörung entdeckt?«

»Das nicht,« entgegnete der Minister, »aber es gährt unter dem Adel, wie unser Statthalter in Warschau meldet. Und diese Gährung verursacht Koscziusko's Gefangenschaft.«

»Man will ihn befreien?« brauste Orloff auf, – »nieder mit den Rebellen!«

»Noch verlautet nichts davon; aber man wird es wohl thun –« entgegnete Czernyschew.

»Zum Glück genießt Koscziusko eine seiner würdige Gefangenschaft – das besänftigt die Gemüther einigermaßen.«

»Ja, die Czarin läßt ihn leben und pflegen wie einen Prinzen,« grollte Orloff.

»Der vorurtheilsfreie Sinn unserer Souveränin erkennt eben die Tapferkeit, den Edelmuth dieses Mannes an.«

»Freilich, dem seltenen Vogel im schmucken Käfig geht nichts ab, als die Freiheit – und das erhitzt die Köpfe der Polen,« lachte Orloff.

»So ist es, und das macht bange Sorge für die Zukunft. Indeß – neben diesem Berichte kommt uns die Nachricht zu, daß sechszehn edle Polen, Graf Stephan Wiélopolski an der Spitze, sich dem neuen Regime öffentlich unterworfen haben. Sie sind auf dem Wege nach Petersburg, um der Czarin zu huldigen; ich denke aber, Katharina wird sie in Zarskoje-Sselo empfangen. Ihr, Gregor Orloff, werdet der Herrin wohl diesen Plan vorlegen?«

»Tres volontiérs,« sagte der Graf, »der Anblick ihrer Landsleute wird dann vielleicht der Gräfin Orsinska ein Lächeln entlocken.«

Er blickte bei diesen Worten scharf auf den Fürsten, und seltsam, der gewiegte Diplomat verlor momentan die Fassung.

Orloff brach in ein helles Lachen aus.

»Läuft der Hase so?« rief er. »Nun denn, wenn Ihr Lust habt, so rennt Euch den Kopf ein an dieser Marmorstatue!«

»Lacht nicht, Orloff,« sagte Czernyschew ernst, »Jadviga Orsinska wäre unter allen Frauen vielleicht die einzige, die ich zu meiner Gemahlin machen möchte!«

»Sehr schön – aber zum Heirathen gehören Zwei!«

»Ganz richtig – vielleicht auch Drei – das betreffende Paar und der Wille der Kaiserin, – doch sprechen wir von etwas Anderem!«

Orloff sprang schnell von dem berührten Thema ab und verabschiedete sich bald darauf von dem Minister.

Im Corridor begegnete ihm die intrigante Frau von Puschkin, der Kaiserin intime Kammerfrau. Orloff pflegte sie vertraulich nur das privilegirte Eulengesicht zu nennen, und in der That hatte die würdige Dame eine nicht allzu entfernte Aehnlichkeit mit diesem Vogel; im geselligen Leben aber zollte ihr der Graf jede Höflichkeit – sie war eben sehr mächtig bei der großen Czarin.

»Was giebt's Interessantes?« rief er ihr entgegen, »ich sterbe vor Langeweile.«

»Hihi,« kicherte sie, »hätte wohl eine seltsame Nachricht – aber sie ist werthvoll – sehr werthvoll, hihi!«

»Verstehe, Sacha, verstehe,« erwiderte er, »soll gut vergoldet werden – wer weiß sie schon?«

»Keine Seele, nur ich! Wollt Ihr sie, Gregor?«

»Ei, nun ja! Wen betrifft sie?«

»Hihi, die Orsinska, das neue Herzblatt der Czarin.«

Orloff fuhr zusammen – die Sache fing an, ihn zu interessiren.

Er schob daher den Arm der Kammerfrau unter den seinigen und sagte:

»Nun, Sacha, wir wollen Gemeinschaft machen in diesen Dingen – erzählt nur, – es könnte vielleicht ein hübsch Stück Geld abwerfen für Euch!«

,Schon gut,« flüsterte die Puschkin, »aber, Gregor Orloff, Ihr könnt schweigen?«

»Wie das Grab!«

»Nun denn –«

Die Puschkin erhob sich auf den Fußspitzen, um mit dem Munde Orloff's Ohr zu erreichen, und flüsterte ihm etwas zu.

Der Graf fuhr hoch empor, als hätte ihn eine Natter gestochen.

»Das ist nicht wahr!« stieß er brüllend heraus.

»Doch – mein Agent verbürgt sich dafür,« nickte die Puschkin bestätigend.

»Und der Name, der Name des Schuftes?« raste der Graf und rannte, seiner kaum mächtig, auf und nieder.

Die Kammerfrau zuckte mit den Schultern.

»Ist nicht herauszukriegen,« sagte sie bedauernd, »aber mein Agent schwört Stein und Bein darauf, daß, wie gesagt – Jadviga Orsinska die heimliche Gemahlin eines polnischen Edlen ist!«

»Schweigt!« schrie Orloff außer sich, »wiederholt es nicht, das Wort, das sie für mich verloren macht; schweigt – ich will mich fassen, mich erholen!«

Und er trat in eine tiefe Fensternische und lehnte den Kopf an die Scheiben, daß sich der Kampf in seinem Innern besänftige, während sein Mund mehr stöhnte, als athmete.

Plötzlich fuhr ein Blitz der Freude über seine Züge – er lächelte diabolisch.

»Puschkin –« er wandte sich um, »Puschkin, Ihr könntet viel Geld verdienen, wenn Ihr eine Arbeit für mich verrichtet – viel Geld!«

»Wie viel?« fragte sie.

Orloff sann nach: »Dreitausend Rubel!«

Der Puschkin runde Eulenaugen fingen an vor Habgier zu glänzen.

»Topp,« sagte sie, »nennt mir Euren Plan!«

Da zog Orloff seine Verbündete zu sich in die Fensternische und flüsterte lange mit ihr.

Plötzlich ertönte eine Glocke und die Puschkin fuhr empor.

»Die Kaiserin ist aufgestanden, Euer Plan soll bald zur Ausführung kommen!«

Und sie eilte den Gemächern der Czarin zu, aus welchen soeben Jadviga Orsinska trat.

»Ihre Majestät wünscht Toilette zu machen,« rief sie der Kammerfrau entgegen und ging mit leichtem Gruß an Orloff vorüber.

Dieser sah ihr höhnend nach.

»Hüte Dich, stolze Polin,« flüsterte er, »nicht umsonst hast Du Gregor Orloff beleidigt – meine Rache wird schrecklich sein!«

Inzwischen hatte sich Katharina II. von ihrem Lager erhoben, auf welchem sie sich früh die eingelaufenen Correspondenzen vorlesen ließ, soweit dieselben Privatangelegenheiten, als Bittgesuche u. s. w. betrafen; sie ließ sich den Pudermantel umlegen und übergab das kaiserliche Haupt den kunstreichen Händen der Puschkin.

»Nichts Neues?« – fragte die Czarin und bezeugte mit dieser Frage, daß auch sie nicht frei von Neugierde war – sie müßte eben keine Evastochter gewesen sein; womit übrigens, in Parenthese bemerkt, nicht gesagt sein soll, daß die sogenannten Herren der Schöpfung frei von dieser Eigenschaft wären – im Gegentheil, es ließe sich darüber Manches berichten.

Die Angeredete fand es jedoch für gut, nichts zu wissen.

»Hm – nichts Sonderliches, Majestät!« erwiderte sie, sorgfältig das Haar glättend.

Katharina warf einen Blick in den Spiegel auf das Gesicht ihrer Kammerfrau – diese aber hatte ihre Augenlider zu beiden Seiten der großen Nase ganz unschuldig gesenkt – ihre Züge hatten nichts, was auf das Gegentheil ihrer Antwort deuten konnte.

»Ei was, Puschkin, besinne Dich,« fuhr die Czarin fort, »ich bin heute grade in der Laune, etwas Klatsch mit anzuhören. Wenn Du nichts weißt, wer sollte dann etwas wissen? Orloff ist jetzt immer zerstreut, die Orsinska ist zu ernst zu solchen Dingen, und meine kleine Plaudertasche, die Gräfin Potocka, ist verreist – ich wünsche mein arbeitreiches Leben auch etwas amüsant und pikant zu machen!«

Die Puschkin hatte eben mit geübter Hand die letzte Locke hinter dem kleinen Ohr der schönen Despotin befestigt und ergriff die Puderquaste, um ihre Arbeit zu vollenden.

Durch dieses Manövre war Katharina genöthigt, die Augen vor der dichten weißen Wolke, die sich auf sie herniedersenkte, zu schließen.

Den Moment benützte die Cameriera.

»Hm,« machte sie wieder, »Eure Majestät haben Recht, Graf Orloff ist in letzter Zeit sehr zerstreut geworden!«

Katharina wendete hastig das Haupt um.

»So, hast Du es auch bemerkt?«

»Kaiserliche Majestät, zu dienen, ja!«

Jetzt war der Puder ebenmäßig auf der Frisur vertheilt und der Mantel fiel von der kaiserlichen Schulter.

Die Puschkin holte einen schweren, mit Gold gestickten Seidenrock herbei und warf ihn der Czarin über.

»Ja, aber warum ist Orloff zerstreut?« fragte die Letztere.

Sacha ließ wieder ihr klassisches »hm« hören und bückte sich, um den Saum des Rockes glatt zu zupfen.

»Er muß eben etwas im Kopfe haben, was ihn so verändert!«

»Sehr richtig – ich würde Dir aber verbunden sein, wenn Du mir dieses »Etwas« nennen wolltest!«

»Hm – er muß verliebt sein, Majestät,« warf die Kammerfrau harmlos hin, indem sie der Czarin das brillantengeschmückte Mieder anzog.

»Verliebt?«

Katharina hatte es so hastig und unangenehm berührt gerufen, daß sie dabei mit Gewalt ein feines Spitzentaschentuch zerfetzte.

»Puschkin, das fehlte grade noch,« fuhr sie schnell fort, »Orloff ist ein tüchtiger Kopf, den ich nothwendig brauche – wenn er verliebt ist, dann taugt er nichts mehr! Man muß also den Gegenstand seiner Aufmerksamkeit entfernen – anderweitig verheirathen!«

»Majestät treffen, wie immer, den Nagel auf den Kopf!«

»Ich muß wohl, muß Ordnung schaffen,« rief die Kaiserin erregt, »wie kann Gregor Orloff sich überhaupt unterstehen zu lieben, ohne meine Erlaubniß, ohne mich zu fragen?«

»Hm,« machte abermals die Puschkin, »es mögen sich schon Viele in die schöne Orsinska verliebt haben, warum Graf Orloff nicht auch?«

Katharina wendete sich zornesroth um und gab ihrer Vertrauten eine echt kaiserliche Ohrfeige.

»Du lügst,« donnerte sie, »Jadviga liebt Orloff nicht wieder!«

Die Puschkin rieb ihre schmerzende Wange und bemühte sich Thränen herauszupressen.

Für Katharina war das genug – sie nahm einen kostbaren Ring aus einer Cassette und gab ihn der Geschlagenen.

»Sei still, Puschkin,« beschwichtigte sie, »und sag' mir lieber, wie man Orloff diese Gedanken ausreden kann!« –

Die Kammerfrau trocknete ihre Augen und ließ den Ring innerlich vergnügt in ihre Tasche gleiten,

»Eure Majestät müssen die Polin verheirathen!« –

»Natürlich,« pflichtete die Czarin bei und wandelte erregt auf und ab, »es muß geschehen, auf jeden Fall, sonst wird Orloff unbrauchbar. Jadviga muß fort, weit fort – »aus den Augen, aus dem Sinn,« heißt's in einem deutschen Sprichwort. Eh bien, verheirathen wir sie, aber an wen, an wen?«

»Hm, die Hofcavaliere wären wohl Nichts!«

»Wart' einmal, da wäre Graf Potkoff – der Narr ist für Jadviga nicht gut genug, – Feodor von Uexküll – auch Nichts – sind Alle Hofschranzen, die für ein Wesen wie die Orsinska nicht passen! Ich wüßte Niemand.« –

»Fürst Czernyschew wäre wohl zu alt, Majestät?« fragte die Puschkin lauernd.

»Czernyschew? Ei, ein prächtiger Gedanke! Er zu alt? Er ist in den besten Jahren und ein Mann von Charakter. Aber er dürfte nicht hier bleiben. – Halt, ich hab's! – Mein Botschafter in Wien wird alt und schwach – wir berufen ihn zurück und betrauen Czernyschew mit seinem Posten – das geht! Puschkin, das hätte ich Dir nicht zugetraut!«

Puschkin warf mit sauersüßer Miene ihrer Gebieterin die zobelbesetzte Polonaise von blauem Sammet um und beendete hiermit die heute etwas stürmische Toilette.

Darauf empfing die Czarin den Grafen Orloff in etwas reservirter Haltung sie nahm seinen Arm, um sich nach dem Gemach führen zu lassen, wo sie täglich einige Stunden mit ihren Ministern arbeitete.

Orloff war ziemlich guter Laune; denn die Puschkin hatte ihm mit einem Wink angedeutet, daß »Alles in Ordnung sei.«

Letztere wog jetzt, nachdem die Kaiserin das Boudoir verlassen, den Ring in ihrer Hand; sie dachte, er sei ein brillantes Schmerzensgeld für eine bloße Ohrfeige ohne Zeugen; liebte doch Katharina ihren Untergebenen solche Geschenke oft vor Zeugen auszutheilen.



3.

Es war wenige Tage später. Der große Empfangssaal von Zarskoje-Sselo war heute mit besonderer Pracht geschmückt. Die hohe Petersburger Gesellschaft war auf die Einladungen des Oberhofmeisteramtes herbeigeströmt.

Die seidenen und sammtenen Roben der Damen rauschten, Brillanten blitzten an dem überladenen Aufputz der reichen Kleider, Brillanten blitzten im gepuderten Haar und an den spitzenumkräuselten Armen ihrer mehr oder minder schönen Trägerinnen.

Die Herren trugen heut ihr erstes Galacostüm nach französischem Muster, die goldgestickten Röcke aus den kostbarsten Stoffen, die mit Brillantenknöpfen geschlossenen Westen aus Gold- und Silberbrokat, die kurzen aus der Farbe des Rockes bestehenden Cülottes, die weißen, seidenen Strümpfe und die mit den werthvollsten Schnallen geschmückten Schuhe.

Man war sehr begierig auf den Zweck dieses Zusammenkommens; denn daß es etwas Wichtiges war, dem man beiwohnen sollte, das konnte man schon an der befohlenen Gala, an dem mit verschwenderischer Pracht drapirten Thronsessel ersehen.

Die Neugierde der Gemüther steigerte sich auf's Höchste, als man plötzlich aus dem geschlossenen Nebenzimmer Klänge vernahm, welche die größte Aehnlichkeit mit Sporengeklirr hatten – was konnte es sein? Das Räthsel sollte sich bald lösen; denn auf der Schwelle des Saales, gegenüber der geheimnißvollen Thüre, erschien der Oberceremonienmeister mit seinem goldenen Stab, den er dreimal auf die Erde stieß – das Zeichen, daß die Herrscherin aller Reußen nahte.

Da erschien sie denn auch, strahlend im Glanze ihrer Kaiserherrlichkeit; über das brillantenbesetzte Kleid von drap d'argent schlang sich der Mantel von purpurfarbenem Sammet, gefüttert und verbrämt mit dem weichen, weißen Fell des Hermelin und getragen von zwölf Pagen; das Haupt schmückte die kleine Krone von Brillanten.

Hinter ihr schritten die Hof- und Palastdamen, dann folgte das Heer der Würdenträger und Cavaliere des Hofes – ein stolzer, prächtiger Zug, wie ein Märchen aus Tausend und Einer Nacht.

Als die Czarin unter den Verneigungen der Anwesenden an den Stufen des Thrones angelangt war, trat Graf Orloff aus den Reihen des Zuges, beugte vor der Souveränin das Knie und reichte ihr die Hand, sie zum Thronsessel emporzuleiten; neben diesem stand ein vergoldeter Tisch, dessen Sammetplatte eine kostbare Cassette und das Reichsschwert mit der Toledoklinge und dem goldenen, edelsteingeschmückten Griffe trug.

Katharina II. ließ sich auf dem Sessel nieder, und die Damen stellten sich im Halbkreise herum. Die schönste unter ihnen war unstreitig die Gräfin Orsinska mit ihren traurigen, großen Augen.

Abermals stieß der Oberceremonienmeister seinen Stab dreimal auf das Parquet des Saales, und nun öffnete sich die festverschlossene Thüre.

Jetzt erhob sich die Czarin in ihrer imponirenden Hoheit und ergriff das Reichsschwert, dasselbe vor sich haltend.

Aus der Thüre des Nebengemachs aber traten sechszehn polnische Edelleute in ihrer schönen, kleidsamen Tracht, an ihrer Spitze eine edle, vornehme Männergestalt, der Apoll Warschau's, Graf Stephan Wiélopolski.

Es war gut, daß Aller Augen sich auf die Fremden, diese kühnen, kriegerischen Gestalten mit klirrenden Sporen, hefteten – denn so sahen sie nicht, wie Jadviga Orsinska bleich und bleicher wurde, wie sie die weißen Hände krampfhaft auf die Lehne des kaiserlichen Thrones stützte, um nicht zu sinken – nicht einmal Gregor Orloff sah es; denn ihn fesselte sein Amt an die Seite der Czarin.

Vor dem Thron angelangt, beugten die Edelleute die Kniee, und in einfachen Worten, deren Wirkung sein tiefes klangvolles Organ unterstützte, kündigte Graf Stephan Wiélopolski seine und seiner Kameraden Unterwerfung unter Katharina's Scepter an.

Tiefe Stille herrschte, nachdem er geendet – das war also der wichtige Tag, dem Petersburg's Adel in Gala beiwohnen mußte, und aus Aller Munde scholl ein donnerndes Hoch auf die Kaiserin – Graf Orloff hatte es angeregt.

Nur auf dem Antlitz Jadviga's leuchtete nicht die Freude über diesen Polensieg der Russen – ihr thränenfeuchtes Auge hing unverwandt an dem schönen Sprecher. –

Jetzt sah auch er zu ihr auf, und ein heimlich Grüßen flog hinüber und herüber.

Als das Hoch der Versammlung verhallt war, ergriff Katharina II. das Wort.

»Mit großer Genugthuung erfüllt es Unser Herz,« sagte sie, »daß endlich, nach jahrelangem Ringen und Kämpfen, die Blüthe von Polens Adel Mir, als der Kaiserin von Rußland und Königin von Polen huldigt und sich Meinem Scepter unterwirft. Wir haben uns daher veranlaßt gefühlt, diesen Tag feierlich zu begehen, und ernennen Euch, Graf Stephan Konstantinowitsch Wiélopolski, zum Comthur Unseres Ordens der heiligen Katharina, sowie Eure Kameraden zu Rittern dieses Ordens, und hoffen Euch stets zu Unsern getreuen Unterthanen zu zählen!« –

Wieder erscholl ein donnerndes Hoch, während die Kaiserin aus Orloff's Hand das Großkreuz des Katharinen-Ordens empfing und dasselbe dem Grafen Wiélopolski umhing.

Dann ergriff sie das Schwert und schlug den Grafen durch dreimaliges Berühren der Schulter zum Ritter.

Nachdem der Graf mit wenigen Worten gedankt, wurden die Polen durch Gregor Orloff aus dem Saal zum Bankett geleitet, an welchem jedoch die Czarin nicht Theil nahm. Ehe dieselbe aber ihre Herren zu diesem Zweck entließ, winkte sie den Fürsten Czernyschew zu sich in ein Cabinet.

»Hört, Peter Petrowitsch,« sagte sie, »ich habe Euch eine Sache von Wichtigkeit mitzutheilen. Unser Gesandter in Wien wird alt und schwach – man muß ihn seiner Dienste, welche er nicht mehr genügend versehen kann, entheben und in den wohlverdienten Ruhestand versetzen. Was sagt Ihr?«

»Eure Majestät sprechen das Richtige aus. Doch wer sollte sein Stellvertreter werden?«

»Wir haben die Absicht, Euch mit diesem Posten zu betrauen!«

Czernyschew verbeugte sich.

»Eurer Majestät Wunsch ist mir Befehl. Ich bitte unterthänigst um die weiteren Ordres!«

»Sehr gut, Peter Petrowitsch,« entgegnete Katharina gut gelaunt, »der Schritt darf jedoch nicht bekannt werden; ich werde Euch eine Vollmacht ausfertigen, so daß Ihr in vier Tagen abreisen könnt. Ebenso werde ich Euch mein Beglaubigungsschreiben an den Kaiser von Oesterreich mitgeben. Ihr werdet indeß nicht allein reisen!«

»Nicht allein, Majestät?«

Der Fürst schien sehr verwundert.

»Nein, Czernyschew, ich werde Euch einen Gefährten mitgeben, und zwar werdet Ihr in Gesellschaft Eurer Gemahlin reisen.«

»Majestät belieben zu scherzen!« –

»Nicht doch! Binnen vier Tagen wird die Gräfin Jadviga Orsinska Eure Gemahlin sein!«

»Majestät!« – stotterte der Fürst, überwältigt von der plötzlichen Erfüllung seiner geheimen Wünsche.

Katharina lachte hell auf.

»Eh bien,« rief sie, »habe ich Euch nicht eine schöne Braut zugedacht?«

»O, es ist zu viel Güte,« entgegnete der Fürst. »Aber wird denn die Gräfin wollen?«

»Das ist meine Sorge. Ich bin Vormund der Gräfin und werde für ihre Mitgift kaiserlich sorgen. Doch haltet auch diesen Akt geheim – ich habe meine Gründe. Und nun geht zum Bankett und bereitet Euch dann zur Reise vor.«

Das war eine Entlassung in bündigster Form. Nachdem daher der Fürst sich tief verbeugt und die dargereichte kaiserliche Hand geküßt hatte, verließ er das Cabinet der schönen Despotin.

Letztere winkte Jadviga zu sich.

»Komm,« sagte sie, »wir wollen mit einander plaudern!«

Vor der Toilette entledigte die Puschkin ihre Gebieterin der schweren Staatsgewänder und hüllte sie in leichtere, bequemere. Dann befahl die Czarin ihre Chokolade und zog Jadviga neben sich auf das schwellende Sopha nieder, aber nicht eher, bis sich die Diener und die Puschkin entfernt hatten.

Die Kaiserin fuhr mit der Hand liebkosend über Jadviga's Stirn.

»Wie Du wieder bleich bist!« sagte sie. »Mir scheint, die Luft meines Reiches ist Dir nicht gut – ich werde Dich bald andere athmen lassen, Kind.«

Jadviga blickte befremdet auf.

»Wie soll ich das verstehen, Majestät?«

»Wie?« Katharina lachte; »das sollst Du gleich erfahren. Vor Allem aber eine Gewissensfrage, Jadviga, und ich befehle Dir, aufrichtig zu antworten!«

»Die Lüge war mir von jeher fremd!«

»Nun gut, wir werden sehen. Antworte also auf Ehre und Gewissen: liebst Du Gregor Orloff?«

Die Kaiserin blickte durchbohrend in die Züge Jadviga's, aber diese änderte weder Ausdruck noch Farbe.

»Nein, kaiserliche Majestät!«

»Desto besser!« rief Katharina, »desto besser für Dich, Kind! Nun wohlan, Du weißt, daß ich die Vormundschaft über Dich übernommen habe: Dein Vater legte Dein Geschick in meine Hand. Der Augenblick ist gekommen, wo ich beweisen kann, daß ich für Dich und Deine Zukunft kaiserlich sorgen will. Bereite Dich also vor, Jadviga; denn in spätestens vier Tagen wirst Du vor dem Traualtar stehen und dem Fürsten Czernyschew als seine Gemahlin nach Wien folgen.«

Jadviga sank mit lautem Schrei zu Boden.

»Gnade, Majestät, Gnade!« stöhnte sie.

Die Kaiserin erhob sich sehr indignirt.

»Was soll das heißen?« fragte sie scharf. »Gieb mir einen Grund an für Dein Benehmen! – Du schweigst? Jadviga, antworte: was soll das heißen?«

»Gnade, nochmals Gnade, kaiserliche Majestät!« flehte die schöne Hofdame in herzzerreißendem Tone. »Laßt mich Tag für Tag Euch dienen, ich will es thun ohne Murren – nur das nicht – nie, nie im Leben kann ich die Gattin Czernyschew's werden!«

»Was ich befehle, geschieht,« rief erbittert die Kaiserin, indem sie den Boden stampfte; »Czernyschew weiß schon um meinen Entschluß – ich breche mein kaiserliches Wort nicht – nimmermehr, verstanden?«

Jadviga erhob sich vom Boden. Hochaufgerichtet stand sie der Kaiserin gegenüber.

»Eure Majestät wollen mich also – verkaufen?«

Empört über die Kühnheit dieser Worte trat Katharina einen Schritt zurück – sie wurde dunkelroth vor Zorn.

»Jadviga,« zischte sie, »was wagst Du? Wurm, den ich zertreten kann, wann ich will, Du wagst es, mich, – die Kaiserin aller Reußen – zu maßregeln?« –

Sie wendete der Hofdame den Rücken und befahl dann kalt und streng:

»Geh' auf Dein Zimmer – mein letztes Wort habe ich Dir gesagt! In vier Tagen wirst Du Czernyschew's Gemahlin – gutwillig oder gezwungen – einerlei, wie es geschieht; aber daß es geschieht, dafür bürgt mein Wort!«

Aus Jadviga's Zügen war jede Spur von Farbe gewichen – ihre Sinne drohten zu schwinden, dennoch entgegnete sie:

»Eure Majestät haben die Gewalt über meine Person – der Geist ist mein! Das Jawort wird über meine Lippen nicht kommen!«

»Schweig'!« donnerte die Czarin, »Du wärest die Erste, die meinem Willen trotzt! Du wirst das Jawort sprechen, so wahr ich Kaiserin bin!«

»Erbarmen!«

Wieder sank Jadviga der Erzürnten zu Füßen und erfaßte ihre Hand.

Katharina lachte grell auf.

»Erbarmen? Ich kenne keines – ich habe es nie gekannt, die Herrscherin aller Reußen ist hart wie Stein! Dein Jammern hilft nichts! Geh'!«

Und sie stieß Jadviga von sich, welche stöhnend ihren Kopf in die Falten des kaiserlichen Gewandes zu bergen suchte.

»Was sollte mich veranlassen,« fuhr die Czarin fort, »Erbarmen zu üben wegen empfindsamer Launen einer dame de cour? Wahrscheinlich steckt Dir das Bild irgend eines polnischen Rebellen wider mich und mein Scepter im Kopfe, und Du hast geschworen, keinem Andern, als ihm, Deine Hand zu reichen? Was kümmert's mich? Dein Pole wird sich trösten, und Du auch! Kurz – Du wirst Czernyschew's Gemahlin, auf jeden Fall – reize mich nicht noch mehr!«

Das war zu viel für Jadviga – sie vergaß in ihrer Verzweiflung, wer vor ihr stand, und mit erhobener Hand rief sie die kühnen, eindringlichen Worte:

»Majestät, bedenkt, was Ihr thut! Bedenkt, daß Ihr mich in den Tod treibt, in den sicheren Tod, mit Eurer Grausamkeit, die schon vor mir Viele, Viele zum Tode getrieben hat! Denkt an die Stunde Eures Sterbens, wo Gewissensqualen Euch foltern werden, und die bittere, blutige Reue Euch keine Ruhe giebt, wo die Schatten Eurer Opfer Euch umringen und Euch mahnen werden an die schrecklichen Thaten, mit denen Ihr Euren Thron, den Thron der Romanoff's befleckt! Da werden sie um Euch schreien, die hingemordeten Polen, da wird er Euch drohend anklagen, Euer kaiserlicher Gatte, dem Ihr den Giftbecher gereicht, und jammernd um sein junges Leben wird der schöne Prinz Iwan Euch mit blutigem Schatten verfolgen! – Erbarmen, Erbarmen! laßt mich nicht verzweifeln, gönnt mir mein Leben, ich bin noch so jung – Erbarmen, bei Dem der Euch die Krone auf dem Haupte gelassen – Erbarmen, Gnade!«

Erschöpft sank sie zusammen, während ein krampfhaftes Schluchzen ihre Gestalt erschütterte.

Vor ihr aber stand Katharina II.: ihr Antlitz war aschfahl ihr Auge blickte stier und die Lippen waren fest auf einander gepreßt. Wohl zum ersten Mal im Leben hatte sie solche Worte vernommen, und sie weckten in ihr einen tiefen Haß gegen die, welche die Geister der Blutschuld mit schreckhafter Gewalt wieder wachgerufen. Unvermögend, zu sprechen, hob sie nur den Arm und deutete nach der Thüre.

Jetzt erst gewahrte Jadviga, was und zu wem sie gesprochen; jetzt wußte sie, daß sie selbst sich ihr Schicksal besiegelt hatte. Sie hatte nicht an ihn gedacht, der mit einem Worte das Wirrniß lösen konnte – sie hatte ihr Dasein vernichtet! –

Aber vielleicht war es noch nicht zu spät? – Ihr Schluchzen erstarb – eine starre Ruhe kam über sie. Stumm wankte sie der Thüre zu und verließ das Gemach der Kaiserin.

Als diese sich allein sah, sank sie tief seufzend auf das Sopha.

»Und wenn ich Jahre meines Lebens darum gebe,« sagte sie in deutscher Sprache eintönig und langsam, »nicht mit allen Schätzen des Orients, nicht mit meiner ganzen Macht kann ich sie zurücknehmen, diese dunkle That! – Ich wußt' es wohl, diese Polen sind mein Fluch, und Eine dieses Stammes muß sie mir zurückrufen, die finsteren Geister, die ich betäuben will mit Festen und Gelagen – vergebens, vergebens! O, es ist Wahrheit, aber schreckliche und sichere Wahrheit! Die Geschichtsschreiber meines Reiches werden mir ein Denkmal setzen für ewige Zeiten, sie werden sagen, ich sei die größte Frau meines Jahrhunderts, die kluge und starke nordische Semiramis, aber – sie werden auch schreiben in den Blättern dieses Buches, welches Kaiser und Könige erbarmungslos richtet, – daß ich meinen Gatten mordete, um den Thron zu besteigen. – Warum traf mich nicht Pugatscheff's Kugel, die er in blindem Haß auf mich richtete – ich wäre dann ruhig geworden – für immer!«

Und Katharina erhob das Haupt – tiefe Gewissensqual lag in ihrem Blick, aber schnell richtete sie sich wieder empor.

»Ich darf nicht so düster träumen,« sagte sie ruhiger, »ich darf mir den Tod nicht wünschen; denn mein Leben gehört nicht mir, sondern meinem Volke, das ich groß und glücklich machen will! Ich muß die Gegenwart ausnützen; denn was kann die Zukunft bringen? Vielleicht eine Empörung, eine Palastrevolution, wie sie Petersburg schon so oft gesehen, – wie leicht kann da die Kugel des Meuterers ihr Ziel, mein Herz, treffen! – Wohlan, dann hätte ich gesühnt, was ich verbrach! D'rum muß ich bedacht sein, viel zu schaffen, damit ich einst ein großes Werk hinterlasse! – Und Jadviga? Sie muß sich meinem Willen fügen! Ihre Schönheit bethört Orloff, und ihn brauche ich zu nothwendig, um seiner entbehren zu können – sie muß Fürstin Czernyschew werden. Was kümmert mich ihr Ruf nach Gnade! – Die hat sie bei mir verwirkt durch jene furchtbaren Worte! Noch bin ich Kaiserin, noch will ich meine Macht zur Geltung bringen!«



4.

Unweit des Schlosses von Zarskoje-Sselo, wenige Schritte hinter den Grenzen des Parkes, lag in der Zeit, in welche unsere Erzählung fällt, hart an der fraglichen Landstraße, nach Petersburg zu, ein kleines, altes höchst einfaches Landhaus. Schon seit Jahrzehnten mochte es unbewohnt sein – das bewies der sichtliche Verfall des Gebäudes, das bewiesen die ständig geschlossenen, dichten Fensterläden. Von den Bauern kümmerten sich wenige um das Häuschen, welches ehemals ein polnischer Edelmann bewohnt hatte, und die es thaten, bei denen galt es für ausgemacht, daß es in seinen Räumen spuke – eine Beschuldigung, die ja das Schicksal so vieler alten Häuser ist. – Irgend ein alter Vorfahr, dessen verblichenes Conterfei ein melancholisches Gesicht zeigt, muß dann als ruhelos umgehender Geist herhalten. Besagter Edelmann, der glückliche Besitzer des verwahrlosten Anwesens, hatte sich nun in das südliche Rußland zurückgezogen und das Haus seinem Schicksal überlassen – ihm machte es keine Sorgen.

Wer von den Einwohnern von Zarskoje-Sselo heute das Landhaus beobachtet hätte, der wäre zu dem Schlusse gekommen, es müsse doch nicht ganz richtig damit sein; denn bei einbrechender Nacht waren zahlreiche dunkle Gestalten in dasselbe hereingeschlüpft, und man hätte das Geräusch von schallenden Tritten, welche der alten, schadhaften Treppe ein lautes Knarren entlockten, deutlich vernehmen können.

Zum Glück war die Nacht regnerisch und windig – ohne Noth war daher wohl Niemand bereit, ein zerfallenes, wenig Interesse erweckendes Landhaus zu beobachten.

Der Schriftsteller genießt das Vorrecht, das: »Sesam, öffne dich« zu besitzen. So versetzen wir uns denn sofort in das Innere des Hauses und treten in ein mittelgroßes Zimmer, dessen Wände mit zerfetzten Ledertapeten bekleidet sind. Das Ameublement besteht in einem schweren, großen Eichenholztisch, auf dem ein Candelaber mit fünf Kerzen brennt, und einer Reihe morscher Stühle mit hohen Lehnen und Lederpolstern. Um den Tisch herum sitzen fünfzehn bis sechszehn Cavaliere, und ohne Mühe erkennen wir in ihnen jene polnischen Edelleute, welche sich gestern dem Regime Katharina's II. unterworfen hatten. Den Vorsitz führte Graf Stephan Wiélopolski. Er hatte den thatkräftigen, kühnen Kopf mit dem schwarzen Bart und den brennenden Augen in die Hand gestützt und sah schweigend vor sich hin. Oftmals schon war die Thür aufgegangen und ein neuer Genosse hatte sich dem Tische zugesellt, – er hatte es kaum bemerkt, und längst waren die Polen versammelt, ohne daß er das Haupt erhob.

»Wir sind vollzählig,« mahnte endlich einer der Edelleute. Da fuhr er empor, wie aus einem Traum – hastig warf er das dunkle Haar, welches der Mode der Zeit zum Trotz ungepudert war, in den Nacken; dann stand er auf.

»Brüder und Genossen!« begann er. »Ich habe Euch herbeschieden in dies Haus, das Freundeshand mir zum Asyl für die Berathungen unsers großen Werkes geöffnet hat. Ihr seid eingegangen auf meinen Plan, Ihr seid mir gefolgt, getrieben von der Begeisterung für unser schönes Vaterland, über dem fremde Knechtschaft ihre blutige Geißel schwingt – verheerend und verwüstend! Der erste Schritt ist geschehen. Wir haben die entsetzliche Demüthigung ertragen müssen, uns, wenn auch nur scheinbar, dem Scepter dieser grausamen Usurpatorin zu unterwerfen, und ich habe meinen Mund dazu geliehen. – Genug, es geschah für das Vaterland! Mehr noch, wir mußten an einer Tafel mit denen speisen, die unsern Untergang ersinnen – und daß Ihr, Brüder und Genossen, das gethan, das lohne Euch Gott, – mein Dank ist zu schwach! Ich weiß, ich führe Euch vielleicht in Schande, in Kerker und Tod, ich verhehle Euch die Gefahr unseres Unternehmens nicht, – aber es ist Euer würdig! Schwört Ihr mir hier, auf russischem Boden, nochmals, den Heros unseres Volkes zu befreien, Thaddäus Koscziusko's Ketten zu brechen, ihn fortzuführen von Orloff's Schloß, zurück in's Vaterland?«

Und sie erhoben sich alle die polnischen Edlen, sie streckten ihre Hand zum Himmel empor, und wie aus einem Munde scholl es:

»Wir schwören!«

»Habt Dank,« fuhr Stephan Wiélopolski fort, »habt Dank! Wohl kann es lange, lange dauern, ehe wir die Mittel zur Befreiung des größten Helden gefunden haben werden, – aber unsere Kraft wird nicht erschlaffen – es gilt ja einen Beweis der Liebe für's Vaterland! Das muß uns stählen zu eiserner Kraft und Beharrlichkeit, und sollten wir den Weg zu Thaddäus Koscziusko uns bahnen durch Blut und Kampf! Denn geführt durch ihn, geleitet durch sein begeistertes Wort, wollen wir ihnen heimzahlen, den Russen, die Knechtung der Polen, wir wollen zeigen, was ein polnisch Schwert vermag! Dies zu erringen, habt Ihr heldenmüthig Heimath, Weib und Kind verlassen, und Ihr habt Recht! Wo es das Vaterland, die Freiheit gilt, da reißen alle andern Bande! Darum stimmt ein in den begeisterten Ruf, in unser Losungswort: »Hoch Koscziusko, hoch das Vaterland! Nieder mit den Usurpatoren!«

Donnernder Beifall belohnte die feurigen Worte, die Edlen umarmten einander in glühender Begeisterung. Es wurde manches stürmische Wort in der geheimen Versammlung gewechselt, bis der Vorsitzende die Genossen verabschiedete.

Fast lautlos, wie sie gekommen, entfernten sich die Verschworenen zur Befreiung Koscziusko's.

Graf Stephan Wiélopolski aber war wieder in seinen Lehnstuhl zurückgesunken – er betrachtete seine Taschenuhr.

»Elf Uhr,« murmelte er, »in einer Stunde kann sie hier sein.« –

Dann versank er wieder in sein tiefes Grübeln.

Kaum eine Stunde später trat leise aus einer Seitenpforte des Schlosses von Zarskoje-Sselo eine tief vermummte Frauengestalt und eilte dem dunkeln Parke zu. Kurz, ehe sie in einen der tiefschwarzen Gänge einlenkte, welche von hohen, dichten Laubkronen gebildet wurden, hielt sie einen Augenblick inne; sogleich aber schritt sie entschlossen, so gut es die Finsterniß erlaubte, vorwärts. An dem eisernen Gitter des Parkthores angelangt, zog sie einen Schlüssel hervor, öffnete das Schloß, trat hinaus und zog die Thür wieder schließend hinter sich zu. Es ist wohl kaum noch nöthig zu bemerken, daß es Jadviga Orsinska war, welche Graf Stephan Wiélopolski im alten, baufälligen Landhause erwartete. Jetzt hatte sie das Haus erreicht und trat leise durch die unverschlossene Thür in den Corridor. Erschöpft stand sie hier still und preßte die Hand auf's Herz – es schlug gar zu heftig, sie wollte erst Ruhe erringen. Leise, ganz leise schlich sie die Treppe hinan, durch die Ritze jener Thür schimmerte Licht. Sie legte die zitternde Hand auf die Klinke und ließ den dunkeln, weiten Mantel, der ihre ganze Gestalt umhüllte, fallen, so daß sie in ihrem reichen Hofkleide dastand, dessen schwere, meergrüne Atlasfalten in einer langen Schleppe ausliefen.

Sachte drückte sie die Klinke und die Thür ging auf. Da saß er noch, der junge Graf, der fanatische Pole, in seinem Sessel, und seine Augen schweiften in weite Fernen – er sah nicht die entzückende Gestalt in dem Rahmen der Thüre, er hörte nicht das Pochen ihres Herzens, nicht den Seufzer, der sich über die schönen Lippen stahl.

»Stephan!«

Jetzt schrak er auf bei dem leisen Klang dieser Stimme – wie geistesabwesend starrte er hin nach der Thüre. Er rieb sich die Stirne, – noch konnte er nicht fassen, wer sie war, diese glänzende Erscheinung. Ein todestrauriges Lächeln flog über Jadviga's Züge, und sie dachte:

»Er kennt mich nicht – er weiß nicht, wer ich bin!«

Und laut sagte sie nochmals: »Stephan – ich bin's, Jadviga, Deine Gemahlin!«

Wiélopolski erhob sich, er flog ihr entgegen.

»Jadviga – Jadviga!« brachte er mühsam hervor, und es dauerte einige Zeit, bis er sich zu fassen vermochte.

Endlich geleitete er sie zu einem der Sessel, auf welchem sie sich niederließ, während er vor ihr stehen blieb.

»Wie lang ist's her, seit wir uns nicht sahen, Jadviga?« begann er. »Vieles, Vieles hat sich seitdem ereignet!«

»Gewiß, Stephan, viel Trübes seit dem Tage, wo mein Vater nach Sibirien geschleppt wurde und auf halbem Wege starb, und viel seit dem Tage, wo – wo –«

»Vollende, Jadviga, vollende,« sagte er leise, aber hastig. »Ja, viel hat sich ereignet seit dem Tage, wo wir vor dem Traualtare standen und Du mein Weib wurdest! Gedenkst Du noch jener Stunde, in welcher zwei Menschen auf ewig verkettet wurden, um sich gleich darauf wieder fremd zu begegnen? O, hätten wir damals unsere Verbindung der Oeffentlichkeit übergeben dürfen! – Aber es sollte nicht sein!« –

»Sei ruhig, Stephan,« lächelte Jadviga dem Aufgeregten zu, »geschehen ist geschehen! Damals traten die Verhältnisse zwischen uns, als uns des Priesters Wort verbunden; heute stehst Du hier – und, ist's nicht so, Stephan, in wenig Tagen, ja vielleicht in wenig Stunden wird Petersburg wissen, daß ich die beneidete Gräfin Wiélopolski bin?«

Graf Stephan schlug die Augen zu Boden und eine leichte Röthe färbte momentan seine bleichen Züge. Er war offenbar verlegen und sann auf Antwort.

»Wie, Du antwortest nicht, Stephan?« fragte Jadviga verwundert. »Gott verhüte, daß Du den Schwur, den ich Dir dazumal in Warschau leistete, den Schwur, gegen Niemanden unserer Vermählung zu erwähnen, nicht von mir nehmen wirst! Treulich habe ich ihn gehalten – ich ehrte Deine mir unbekannten Gründe – aber der Moment ist gekommen, wo ich mich seiner entbunden wünsche. Antworte mir, Stephan, – wie ist's damit?«

Graf Wiélopolski's Miene hatte sich immer mehr verfinstert.

»Ich – darf diesen Schwur noch nicht von Dir nehmen,« sagte er endlich.

Jadviga blickte erschrocken empor.

»Stephan,« sagte sie flehend, »Stephan, was brütest Du? O, wenn Du geahnt hättest, welch namenlose Seligkeit ich empfand, als Du gestern den Thronsaal von Zarskoje-Sselo betratest! Welche Mühe hatte ich, mich nicht zu verrathen! Dann kam es aber wieder seltsam über mich. Ich sah inmitten des prunkenden Gepränges plötzlich vor meinem Geiste die Gestalt meines Vaters erscheinen; ich sah plötzlich Deine Mutter, die glühende polnische Patriotin, vor mir; ich sah, wie beide das Antlitz verhüllten; ich hörte wie sie sagten: Er, in dessen Adern nur polnisches Blut rollt, dessen Ahnen starben auf dem Felde der Ehre für Polen, dessen innerstes Mark sich empören müßte unter der Schmach fremder Knechtschaft, er steht hier, um in schönen Worten sich dem Joch der Unterdrückerin zu beugen!«

»Er beugte sich nicht und wird sich nimmermehr beugen,« brauste Stephan Wiélopolski auf.

Jadviga war todtenbleich geworden.

»Und dieses Schauspiel, dem russischen Adel gegeben,« rief sie, »diese Unterwerfung in dem Lande, das Thaddäus Koscziusko gefangen hält, was bedeutet es?«

»Dies Gaukelspiel auf Katharina's Parquet wird Dein todter Vater, wird meine Mutter segnen,« erwiderte Stephan schwärmerisch. »Wisse denn, daß ich nur deshalb mich an die Spitze dieser fünfzehn Edlen gestellt und die Komödie aufgeführt habe, um desto besser für die Befreiung Thaddäus Koscziusko's wirken zu können, um ihn desto sicherer dem Lande zurückzugeben, welches nur frei werden kann durch sein Schwert!«

Jadviga hatte hoch aufgeathmet bei diesen Worten.

»Gott segne Dein Bemühen,« sagte sie leise, »und Er wird auch das Gelingen geben. Doch nun gestehe, warum willst Du nicht erklären, daß ich Deine Gattin bin? – Dieses Bekenntniß würde Dich in der Gunst der Kaiserin nur befestigen – und Deine Vorbereitungen zu dem großen Werke fördern.«

Wieder flog jene Röthe der Scham über Wiélopolski's Gesicht.

»Es geht nicht, Jadviga,« sagte er wieder, »es geht nicht! Als meine Gemahlin müßtest Du bei mir sein, als Hofdame Orsinska bist Du aber stets um die Czarin – verstehst Du mich?«

»Noch nicht, Stephan,« erwiderte sie befremdet. »Du bist im Irrthum, wenn Du glaubst, ich übte politischen Einfluß auf Katharina II. aus. Ich wäre außer Stande, Dir auch nur mit dem Geringsten zu dem wichtigen Act die Hand zu bieten. Die Kaiserin hat mich stets in der vertrautesten, liebevollsten Weise behandelt – in Staatsangelegenheiten aber hat sie sich nie mitgetheilt, und ich habe es nie begehrt.«

Graf Stephan antwortete nicht augenblicklich – hastig durchmaß er mehrmals den Raum, es lag auf der Hand, er suchte sich zu sammeln zu einem entscheidenden Wort.

Da stand Jadviga auf und trat zu ihm heran.

»Stephan!« bat sie, »laß mich nicht länger unter dem schrecklichen Zwange dieses Schwures – ein längeres Schweigen würde die entsetzlichsten Folgen haben! – Denke nur, gestern kündigte mir die Kaiserin an, ich solle binnen vier Tagen dem Fürsten Czernyschew meine Hand am Altar reichen! In meiner Verzweiflung sagte ich Dinge, durch welche ich die Gnade der Monarchin verwirken mußte. Sie aber schwur mir, ihr dem Fürsten bereits gegebenes Wort zu erfüllen. Heute erlangte ich endlich von ihr einen Aufschub von zwei Wochen! Stephan, Du siehst, es geht nicht anders – schon morgen muß die Czarin wissen, daß ich Deine Gattin bin!«

Aber Graf Wiélopolski antwortete wieder nicht. Endlich, nach langer, langer Pause sagte er, wie für sich:

»Zwei Wochen Aufschub, sagst Du? Wohlan, diese Zeit muß genügen für meine Pläne! Jadviga,« fuhr er fort, indem er ihre Hände ergriff und ihr tief in das Auge sah, »Jadviga, Du bist Polin, Polin trotz der russischen Umgebung, vergiß das nie! Und als Tochter Deines Vaterlandes mußt Du lernen, Opfer zu bringen für sein heiliges, zertretenes Recht! – Du hast zwei Wochen Aufschub: in der Zeit muß Alles gemacht sein! – Die Edlen, die mir gefolgt, sind zum Aeußersten entschlossen, – Großfürst Paul, der Thronfolger, ist ein Verehrer Koscziusko's, nur unter seiner Regierung dürfte Polen aufathmen, um später das ganze Joch von sich zu werfen – Jadviga, um Alles, was Du liebst – Du mußt helfen, das Vaterland zu retten! Schwöre!«

Die Gräfin trat zurück – eine furchtbare Ahnung schnürte ihr die Kehle zusammen.

»Sag' erst, was ich schwören soll?«

»Schwöre, Jadviga, schwöre!«

»Nimmermehr, ehe Du mir nicht Deine Pläne enthüllst! Ich trage an dem einen Schwur eine übergroße Last; erst muß ich wissen, was der andere mir aufbürdet!«

»So wisse denn –« und Graf Wiélopolski stieß es förmlich heraus, »wisse, – Du sollst das Werkzeug für Polens Freiheit sein! – Das war der Grund, warum ich Dir den Eid des Schweigens auferlegte! – Du hast Stellung genommen bei der Person der Czarin, Du hast ihr Vertrauen, weißt, wie man zu ihr gelangt, – Du wirst uns eines Nachts in ihr Gemach führen, – und mit einem Streich wird Polen frei!«

»Stephan!«

Jadviga schrie auf, daß es durch das verlassene Haus gellte. Dann schlug sie die Hände vor das Gesicht, und wie vom Fieber geschüttelt, stöhnte sie dumpf:

»Ihr wollt die Kaiserin ermorden!«

»Sie soll als Opfer fallen für Polens Heil,« entgegnete finster der Graf, »und Du sollst schwören, das Werkzeug zu sein für die heilige Rache!«

»Nimmermehr!«

Jadviga richtete sich hoch auf, sie stand in edler Würde vor ihm. »Nimmermehr!« wiederholte sie. »Die Czarin hat mir bis jetzt jede Wohlthat angedeihen lassen, mir, der Tochter eines Polen, – ich werde ihr diese Wohlthaten nie dadurch vergelten, daß ich bei Nacht ihr den fanatischen Mörder zuführe, und wenn dieser Mörder auch mein Gatte ist; – es giebt Dinge, welche gebieterisch die Verleugnung solcher Bande verlangen. Indessen will ich mich in Geduld darein finden, und mein Leben als Gräfin Orsinska hier fortführen; aber nicht, um zum Königsmord zu leuchten, sondern um das Haupt derjenigen zu schützen, die mich zu sich genommen, als ich verwaist in der Welt stand. Wohl bin ich Polin, eine treue Polin, und mein Herz blutet unter den Ketten meines Volkes – ich werde den Tag segnen, wo Koscziusko wieder frei mit ehrlichen Waffen für das Vaterland kämpft; – aber ich werde mich nie dazu hergeben, ein Werkzeug Eurer Rache zu sein. So bleibe denn unser Ehebündniß geheim, damit ich vor Allem wachen kann! – Leb' wohl, Stephan, – laß mein Herz brechen im Verzweiflungskampfe um Liebe und Pflicht – mein Weg ist mir vorgezeichnet!«

Sie hatte schnell, aber mit Würde gesprochen. Jetzt eilte sie der Thüre zu und raffte den Mantel auf, in den sie sich hüllte.

»Jadviga, Jadviga!« tönte es bittend aus Stephan's Munde.

Sie wendete sich nochmals zu ihm hin.

»Ich vergebe Dir das Leid, das Du mir bereitet,« sagte sie sanft, »und stets werde ich beten, daß Gott Dir Erleuchtung sende. Ich werde weiter schweigen, meinen Eid nicht brechen, – aber wage es nicht, auch nur an die Pforten des Schlosses zu pochen: ich wäre die Erste, die Dich verriethe, um das Furchtbarste zu verhindern und – zu sterben. Nochmals leb' wohl, ich kann nicht anders!«

Da stürzte er auf sie zu und umfaßte ihre Kniee, er drohte, er bat, er flehte um Gottes Barmherzigkeit Willen, – sie blieb fest.

Noch einmal beugte sie sich zu ihm nieder und küßte ihn; dann war sie verschwunden.



5.

Lange, trübe Tage folgten für Jadviga nach jenem Abend in dem einsamen, verödeten Landhause. Und was ihr Leiden noch erhöhte, war, daß sie fast täglich unbefangen ihrem Gatten wie einer fremden Person auf den Parquets von Zarskoje-Sselo begegnen mußte.

Jeder Tag, jede Stunde brachte sie dem Augenblick näher, wo sie zur doppelten Vermählung am Altar stehen sollte, und nur die äußerste Selbstbeherrschung vermochte sie aufrecht zu erhalten.

Die Czarin hatte ihr, sei es aus Laune, sei es aus Mitleid für ihren ehemaligen Liebling, an dem sie gut zu machen suchte, was sie an dem edlen Orsinski verschuldete, zwei Wochen Frist gewährt.

Die Zeit war fast verstrichen, und Jadviga hatte keinen Ausweg gefunden aus dem Labyrinth, welches sie, die Freund- und Heimathlose, umfing. Wie oft überkam sie der Gedanke, zu fliehen! – Umsonst, die Angst um Stephan's Entschlüsse und Pläne lähmte ihre Flügel, und sie blieb. Wohl war sie keine jener Naturen, welche unbedingt einer Person bedürfen, der sie ihr Innerstes ausschütten müssen; aber in ihrer Lage war es begreiflich, daß sie sich nach einem treuen Berather, nach einem Tröster sehnte.

Immer drohender rückte die Zeit der furchtbaren Katastrophe heran. –

Da faßte sie einen Entschluß, der ihr viel Ueberwindung und Demüthigung kostete: sie ließ den Fürsten Czernyschew zu sich bitten, um an seinen Edelmuth zu appelliren.

Jadviga war stolz, aber nicht hochmüthig. In ihr bäumte sich nur das Herz gegen die Demüthigung auf, den Mann zu bitten, von dessen Bereitwilligkeit sie nicht viel zu hoffen wagte.

Der Fürst hatte sofort seinen Besuch zugesagt und verfügte sich um die bestimmte Stunde zu der schönen Gräfin Orsinska, die angesichts des Hofes als seine Braut galt.

Jadviga erwartete ihn in ihrem Boudoir mit Herzklopfen, aber doch nicht, ohne sich vorher mit einer kühlen Ruhe gewappnet zu haben. Dieser Mann durfte nicht wissen, was sie durchlebt, welch' bittere Früchte sie gekostet.

Fürst Czernyschew ward gemeldet und eingelassen. Galant drückte er einen Kuß auf ihre feine Hand und sagte mit lächelnder Miene:

»Gnädigste Gräfin befahlen und ich flog herbei! Wird mir doch so selten das Glück einer Zusammenkunft unter vier Augen zu Theil, daß –«

»Lassen Sie das, Fürst,« unterbrach sie ihn kalt. »Da ich Sie zu mir bitten ließ, werden Sie wohl annehmen können, daß es etwas Ernstes ist, was ich mit Ihnen besprechen will.«

»Ich stehe ganz zu Diensten,« antwortete Czernyschew artig.

»Nun denn,« sagte Jadviga beklommen, »so hören Sie wohl; denn ich möchte gern an Ihren Edelmuth, an das Gefühl des Edelmannes, appelliren. Ihre Majestät, die Kaiserin, befahl Ihnen also, mich zur Gattin zu nehmen, und –«

»Und sie erfüllte dadurch einen längst gehegten Herzenswunsch,« fiel ihr Czernyschew bewegt in's Wort. »Sie sind gleich ausgezeichnet durch Schönheit, Herzensgüte und Reinheit, Jadviga, und ich werde mich als den glücklichsten Menschen schätzen, wenn ich mit Ihnen am Altar stehen werde; denn Ihre Tugend ist der Bürge für mein Glück!«

Jadviga bedeckte das Antlitz mit der Hand.

»Und dennoch muß ich Ihnen sagen, daß ich nie die Ihre werden kann.«

»Jadviga!«

»Zürnen Sie mir nicht, wenn ich einen, vielleicht schönen Traum aus Ihrem Herzen reiße,« bat sie; »aber nichts vermag mich zum Altar zu bringen. Fragen Sie nicht nach den Gründen – ein Eid bindet meine Zunge. Die Kaiserin befahl mir unter den furchtbarsten Drohungen, Ihnen die Hand zu reichen, aber es ist mir unmöglich! Was soll ich thun? Es fehlt mir jedes Mittel, die Kaiserin umzustimmen; selbst die Flucht ist mir versagt. Auf Eurer Durchlaucht ruht meine einzige Hoffnung. Nach dem, was ich Ihnen vertraut, rechne ich nun auf Ihre Ehre als Edelmann, daß Sie meine Hand, selbst wenn die Kaiserin sie Ihnen aufdrängt, nicht annehmen werden!«

Czernyschew saß ihr lange still gegenüber. Offenbar kämpfte auch er mit sich. Endlich sagte er:

»Sie haben mir nicht umsonst vertraut, Gräfin! Unter diesen Umständen gebietet es meine Ehre, Alles zur Verhinderung dieser Verbindung zu thun. Es kostet mich viel – indeß: noblesse oblige. Ich gehe sofort zu der Kaiserin – ihr Zorn kann Ihnen vielleicht wieder die Ruhe geben, wenn – sie mich verbannt. Seien Sie meiner Ehrenhaftigkeit versichert, ich liebe Sie zu sehr, um nicht auch so Ihr Freund zu sein!«

Mit warmen Worten dankte ihm Jadviga, und so schied er. Bangen Herzens erwartete sie seine Nachricht – was konnte sie ihr bringen? Endlich, endlich erschien er wieder. Seine Audienz bei der Czarin war eine fruchtlose gewesen. Mit eiserner Beharrlichkeit hielt die Monarchin an ihrem Willen fest, und Jadviga blickte trostlos in den Abgrund, der sich vor ihr aufthat.

»Es müssen zwingende Gründe für Ihre Weigerung vorhanden sein,« sagte Czernyschew, »sonst würde Ihr ernster und ehrenhafter Charakter nicht verzweifeln an dem kaiserlichen »Muß« ! Und darum, Jadviga, werde ich thun, was in meinen Kräften steht. Ich werde fliehen mit dem, was ich besitze, – Schweden wird mich stets aufnehmen, – Sie sind dann frei!«

»O Fürst, was lade ich da auf mein Gewissen?« rief sie in Thränen, denn diese brauchte sie vor dem ritterlichen Czernyschew nicht zu verbergen, – sie waren keine Demüthigung mehr –

»Ihre Zukunft, Ihre Carriere, Sie wollen sie mir opfern?«

»O, wenn ich könnte, noch mehr,« entgegnete er. »Indeß, sorgen Sie nicht um mich. Schweden braucht Männer, und ein übergegangener Russe, namentlich wenn er ein grand seigneur war, wird dort mit Freuden begrüßt!«

»Nun denn, so lohne Ihnen Gott Ihren Ritterdienst,« sagte sie matt, »Sie erretten mich vor Schande und Tod. O wie gern will ich zugestehen, daß es auch in Rußland einen Ritter giebt ohne Furcht und Tadel!«

Bewegt reichte sie ihm die Hand zum Abschied. Ihr Herz hatte sich eingewiegt in das süße Bewußtsein der Sicherheit, des endlich beendeten Kampfes und Herzleides!

Stephan Wiélopolski war abgereist, um in Wilna mit einigen neu zu seinem Bunde hinzugetretenen polnischen Edeln zusammenzutreffen. Er machte sich um Jadviga keine Sorge: er glaubte sicher, daß sie Mittel und Wege finden würde, dem drohenden Schicksal zu entgehen. Zudem tröstete er sich mit dem Gedanken, daß Jadviga in der Aufregung die Sache weit greller dargestellt, als es in der That war.

Inzwischen war der Vorabend des zur Vermählung bestimmten Tages angebrochen. Jadviga hatte sich im Vertrauen auf das Wort Czernyschew's vollständig beruhigt. Wie mußte sie erschrecken, als sie jetzt die Kunde vernahm, daß Czernyschew nicht entflohen, sondern seit dem Tage seiner Audienz bei der Czarin gefangen sei, um sein etwaiges Entweichen zu verhindern.

Allerdings beschränkte sich die Gefangenschaft nur auf seine Zimmer; diese mußte er jedoch fortwährend mit drei Soldaten, die ihn bewachten, theilen.

Ueber Jadviga kam eine starre, thränenlose Ruhe. Oft faßte sie an ihren Kopf: sie sah Alles wie einen Traum an. Unter dumpfem Hinstarren verstrich ihr die Nacht, der Morgen. Was um sie vorging, bemerkte sie wohl; aber es vermochte nicht, ihr Interesse zu erwecken. Wie sollte sie ihr gegebenes Wort halten, ohne einen heiligeren Eid zu brechen? – das war es, was ihr ganzes Sein erfüllte, und es wollte sich kein Ausweg zeigen! –

Sie sah es daher gleichmüthig, wie die Kammerfrau das kostbare Brautkleid zurecht legte, wie sie den Brüsseler Schleier aus dem Karton nahm und den Kranz von Orangenblüthen auf die Toilette breitete.

Später – es war schon Nachmittag – wurde ein Etui vor sie hingestellt, und man sagte ihr, es sei ihr Brautschmuck, ein Geschenk der Kaiserin. Sie öffnete das Etui nicht einmal. Und wieder später fühlte sie, wie das Mädchen ihr die schönen, goldblonden Haare löste und kämmte, um sie dann in tausend Locken und Puffen wieder aufzustecken. Dann fühlte sie, wie der Puder sich auf ihr Haar senkte und zugleich die heiße, brennende Stirn traf. Mechanisch erhob sie sich, und wie empörte Wogen rauschte der schwere Brautstoff an ihr nieder, während die Spitzen sich leicht und wellig um die Robe schmiegten. Zum Schlusse ward der Schleier zugleich mit dem Brautkranz befestigt, die Diamanten der Kaiserin legten sich ihr kalt und schimmernd um Hals und Arme und hingen in glühenden Strahlen an goldenen Reifen im Ohr. So war die Toilette fertig.

Jetzt kam die Oberceremonienmeisterin Ihrer Majestät, um sie abzuholen, und sie folgte ihr stumm und apathisch.

Drunten, im kleinen Salon der Kaiserin, war die Hofgesellschaft versammelt. Hier stand auch Fürst Czernyschew, und seine Züge zeigten eine ruhige Heiterkeit.

»Ah, da wäre ja unsere Braut,« hörte Jadviga die Kaiserin sagen.

»Eh bien, Fürst, reicht ihr den Arm, um sie zum Altar zu führen!«

Da trat der Fürst hin zu ihr und legte ihre Hand in seinen Arm. »Muth!« flüsterte er.

Sie schrak auf. Was wollte er damit sagen? wollte er sie retten? Zu spät! Der Brautzug ordnete sich. Voran schritt der Ceremonienmeister, dann folgte die Czarin an Orloff's Arm, hinter ihr der Fürst mit Jadviga, umringt von Pagen mit Fackeln, trotz des hellen Tages.

Da – war's Traum, war's Wahrheit? – da flüsterte ihr der Fürst zu: »Muth, Jadviga, ich werde Sie retten!«

Und als sie eine heftig zuckende Bewegung machte, flüsterte er wieder:

»Verrathen Sie sich nicht! Fingiren Sie am Altar kurz vor dem entscheidenden Augenblick eine Ohnmacht! Man wird Sie forttragen, das Uebrige erfahren Sie später. Nur dieser kleine Betrug kann Sie retten. Vertrauen Sie!«

Und weiter schritt der Zug; aber in Jadviga's Herz war ein belebender Strahl von Hoffnung eingezogen, und – das Gefühl des tiefsten Dankes für den edeln Mann an ihrer Seite.

So war man in der prachtvollen Kapelle des Schlosses, einem Werk Katharina's, angelangt. Schon stand der Pope am Altar, der feierlichen Handlung gewärtig. Die Czarin ließ sich auf ihrem Thronsessel nieder, der Hofstaat gruppirte sich, und das Brautpaar nahm seinen Platz ein.

Nach einer blumenreichen Rede forderte der Pope das Paar auf, näher zu treten, und begann die Trauungsceremonie. Da – stieß Jadviga, die während der Handlung zusehends blässer geworden war, plötzlich einen Schrei aus und sank ohnmächtig zu Boden. Die Natur war der Kunst zu Hilfe gekommen, die Ohnmacht war keine fingirte.

Die Handlung war unterbrochen.

Auf den Wangen der Kaiserin war eine brennende Röthe erschienen, ein Beweis, daß sie zornig war. Sie erhob sich sehr lebhaft und trat an die Ohnmächtige heran, welche Czernyschew halb aufgerichtet hatte.

»Man schaffe die Gräfin auf ihr Zimmer,« befahl sie, »und ich hoffe, daß sie morgen kräftig genug zur Beendigung der Ceremonie sein wird!«

Darauf ergriff sie Orloff's Arm und verließ die Kapelle.

Schnell winkte der Fürst seinem Kammerdiener, der sofort mit seines Herrn Hilfe Jadviga aufhob und nach ihren Gemächern trug. Dort ward sie der Sorge ihrer Kammerfrau übergeben, mit welcher der Fürst etwas flüsterte.

Als er wieder das Zimmer verließ, warteten seiner schon die drei Soldaten, seine Wache. Er biß sich auf die Lippen – aber dagegen war nichts zu thun.

Nach langen Bemühungen schlug Jadviga die Augen auf. Sie sah erstaunt um sich, fuhr mit der Hand über den schweren Brautstoff, und ein tiefer Seufzer entstieg ihrer Brust – nun wußte sie, wo sie war.

Der Kammerdiener des Fürsten trat zu ihr hin.

»Fühlen die gnädige Gräfin sich bei vollem Bewußtsein?« fragte er.

»Gewiß, nur zu sehr.«

»Nun denn, so werde ich der gnädigen Gräfin den Plan der Flucht mittheilen –«

»Ich soll – ich kann fliehen?« –

»Es ist Alles vorbereitet. Hier die Kammerfrau hat die Mittel dazu schon bereit. Um halb neun Uhr Abends komme ich, um die gnädige Gräfin abzuholen.«

»Ist das Alles?«

»Gewiß! Einen Paß für mich und meinen Vetter Iwan, kaiserlichen Lakaien, habe ich in der Tasche.

Dies Billet ist noch von meinem Herrn an die gnädige Gräfin.«

Jadviga nahm das Billet in Empfang – sie fing an zu begreifen, und der Lakai ging.

Der Fürst schrieb: »Leider ist es mir versagt, Sie selbst zu retten. Vertrauen Sie sich aber meinem getreuen Petroff an, – er gewährt mir Bürgschaft für Ihre Sicherheit. Er wird Sie bis Königsberg geleiten, wo eine Schwester meines Vaters Sie liebevoll aufnehmen wird. Verzeihen Sie die profane Verkleidung, die ich Ihnen bestimmt – sie ist die einzige Möglichkeit der Rettung. – Czernyschew.«

Wie dankte sie ihm diesen einzigen Weg, der sie aus der Gewalt der Czarin bringen sollte! Langsam entledigte sie sich des flimmernden Brautstaates, und als der Abend sich düster und trübe auf die Erde senkte, zog sie mit Hilfe ihrer Kammerfrau den Anzug eines der einfachsten Lakaien des Schlosses an. Er paßte vortrefflich, und als sie das blonde Haar unter einer schwarzen Perücke verborgen, die zarten Linien ihrer Augenbrauen durch Kreide verdeckt, die weiße Gesichtsfarbe durch eine Schminke gebräunt und einen kleinen Bart auf die Oberlippe geklebt hatte, – da hätte Niemand in diesem schmächtigen, nicht besonders hübschen Burschen die schöne Gräfin Orsinska gesucht.

Schlag halb neun Uhr klopfte Petroff, des Fürsten Kammerdiener, an Jadviga's Thür; sie trat sofort, den Hut nehmend, hinaus und schritt, den Corridor entlang, neben ihm her. Auf der Treppe – sie glaubte ihr Herz stocken zu hören – trat ihnen Orloff entgegen. Petroff zog den Hut und trat zur Seite, Jadviga that dasselbe.

Schon war Orloff an ihnen vorüber, als er sich nochmals umwendete.

»Wer seid Ihr?« fragte er.

»Lakaien aus dem Schlosse,« antwortete Petroff.

»Und wollt wohin?« fragte Orloff weiter.

»Auf Urlaub in die Heimath.«

»Hast Du einen Paß?«

Petroff holte sofort zwei Papiere hervor, die Orloff durchflog – er selbst hatte die Pässe unterzeichnet. Er gab sie mit gedankenvoller Miene zurück und sagte dann:

»Lauf' Einer von Euch hinauf zur Gräfin Orsinska und melde mich im Namen der Czarin, verstanden?«

Ehe Petroff antworten konnte, flog Jadviga die Treppe hinauf und kam nach wenigen Minuten zurück.

»Die Gräfin lassen bedauern,« sagte sie, eine Männerstimme nachahmend, und das mit Glück, »sie ist noch zu unwohl, Besuche zu empfangen!«

»Diablo!« knirschte Orloff und fügte hinzu:

»Gleich geh' nochmals hinauf und sag', im Auftrag der Kaiserin komme ich!«

Wieder ging Jadviga und kam zurück mit dem Bescheid, den sie selbst gegeben:

»Die Gräfin bittet um schriftliche Mittheilung des Auftrages.«

»Morbleu!« fluchte der Graf und ging.

Auf einen Wink Petroff's folgte ihm Jadviga. Glücklich kamen sie aus dem Schlosse und durchschritten den Park. An der Landstraße wartete ihrer eine Troika. Schnell schwangen sie sich hinein und fort ging's in die kühle Nacht hinaus mit der rasenden Schnelligkeit, welcher nur die russischen Steppenpferde fähig sind.

Jadviga hüllte sich tief in ihren Mantel, welcher ihr Lakaiencostüm bedeckte, und faltete die Hände. Aber aus dem Grunde ihres Herzens kam nur das eine Wort: »Gerettet!«



6.

Sechs Tage später war's. Graf Stephan Wiélopolski weilte in Wilna, um, wie bereits bemerkt, neue Glieder für seine Verschwörung zu sammeln. Eben hatte er Nachricht aus Warschau erhalten, die ihn vor Gefahren warnten. Graf Orloff, schrieb man ihm, lasse überall Nachforschungen anstellen, und er solle sich vorsehen, daß kein Judas sich unter seinen Gefährten befinde.

Den Grafen hatten diese unheilverkündenden Botschaften lebhaft verstimmt, und noch mehr verstimmte es ihn, als man ihm meldete, ein kaiserlicher Lakai wünsche ihn zu sprechen.

»Habe keine Zeit,« beschied er seinen Diener. Doch dieser kam wieder: der Lakai ließe sich nicht abweisen; er brächte Nachricht aus Zarskoje-Sselo. Und der Bote trat ein.

»Was wünschest Du? wer bist Du?« herrschte ihn Wiélopolski an.

Da trat der Lakai dicht zu ihm heran und flüsterte:

»Sei ruhig, Stephan, ich bin's, – Jadviga!«

Der Graf fuhr zurück. »Was läufst Du mir nach?« rief er erbittert. »Willst Du auch hier meine Schritte überwachen, zur Sicherheit Deiner geliebten Czarin, der Unterdrückerin Deiner Landsleute? Und in diesem Aufzuge folgst Du mir? Was soll das bedeuten?«

»Das soll bedeuten, daß ich mit Hilfe Czernyschew's dem Traualtar entflohen bin,« versetzte sie.

Der Empfang hatte ihr bitter weh gethan, und mit diesem Augenblick begrub sie den Glauben an seine Liebe. Sie hätte laut aufschreien mögen vor Schmerz; aber sie war in eine harte Schule gegangen – sie bezwang sich.

»So sei froh, daß Du gerettet wurdest,« grollte der Graf.

»Und Du wirst hoffentlich jetzt, wo das Aeußerste beinahe geschehen wäre, wenn nicht ein edler Mann seine Existenz, sein Ansehen auf das Spiel gesetzt hätte, – Du wirst jetzt endlich der Welt bekannt machen, daß ich Deine Gattin bin?«

Stephan antwortete nicht. Hastig schritt er auf und nieder, während Jadviga lange da stand und ängstlich den Entschluß von seinen Lippen lesen wollte.

»Darf ich mich setzen?« fragte sie endlich leise; denn von den Anstrengungen der Reise drohte sie zusammen zu sinken.

Bei dieser Frage erröthete er leicht und führte sie an ein Fauteuil. Der Vorwurf, der in ihren Worten lag, traf ihn tief; denn er liebte sie unaussprechlich, freilich in seiner Art.

»Nun?« unterbrach sie das Schweigen.

»Jadviga,« entgegnete er und blieb vor ihr stehen, »Jadviga, hör' mich ruhig an – versprichst Du's mir?«

»O ja,« sagte sie bitter, »ich bin ruhig, ganz ruhig; vielleicht mehr, als mir selbst lieb ist.«

»Nun wohlan, so höre! Siehe, Du selbst wirst begreifen, daß meine Stellung bei Hofe in ein Nichts zusammensinken würde, wenn ich Dich, die Flüchtige, vielleicht Verfolgte, dort als meine Gemahlin vorstellte. – Siehst Du das ein?«

»Vollkommen – weiter,« entgegnete Jadviga. Aber der Ton, indem sie es sagte, war herzzerreißend.

»Weiter?« fragte der Graf. »Nun, ich dächte, das Weitere ergäbe sich von selbst. – Der Plan, Koscziusko zu befreien, würde zerstört; denn Dein Credit bei der Kaiserin ist vernichtet!« –

»Und um Koscziusko zu retten, stößest Du Dein Weib in die weite, fremde Welt?« rief sie in schmerzlicher Enttäuschung.

»Der Dienst für das Vaterland ruft – ihm gegenüber lösen sich alle Bande!« –

»Dein Fanatismus führt Dich irre! Hassen müßte ich ein Vaterland, das mich zwänge, die heiligsten Gefühle zu verachten. – Das Vaterland ist viel zu erhaben, als daß es solche Dienste von seinen Kindern heischte. – Hab' Erbarmen, Stephan, bedenke, Deine Verirrung würde sich furchtbar rächen! – O Stephan, daß Deine Liebe so schnell entschwinden mußte –«

»Wer sagt, daß ich Dich nicht liebe?« brauste er auf. »Wer es sagt, lügt! Für Dich arbeite ich mit an der Freiheit Polens, damit Du einst in Glanz und Größe neben mir stehst!«

Sie schüttelte traurig das Haupt.

»Sprechen wir nicht mehr davon,« sagte sie matt. »Weise mir einen Platz an, wo ich ruhen kann; seit sechs Tagen bin ich auf der Flucht – ich muß jetzt ruhen, damit ich wenigstens die Kraft gewinne, die Grenzen Rußlands noch zu überschreiten.«

Er hob sie auf und trug sie auf starken Armen in die Nebenstube, wo er sie auf ein bequemes Ruhebett legte.

Nachdem sie etwas stärkenden Wein genossen, schlief sie ein, – trotz des Kummers, der auf ihr lastete; denn die Natur machte ihre Rechte geltend.

Leise verließ Wiélopolski das Gemach und schloß die Thüre. Seiner Dienerschaft sagte er, der Courrier habe heute wichtige Nachrichten gebracht; deshalb habe er ihm eins seiner Zimmer zum Ruhen überlassen.

Darauf setzte er sich an seinen Schreibtisch und durchlief nochmals die in Chiffern geschriebenen Berichte der Polen.

»Orloff!« murmelte er. »Was hätte ich von Orloff zu fürchten. Zur Vorsicht wollen wir aber diese Papiere vernichten.«

Langsam entzündete er eine Wachskerze, und bald waren die Briefe nur noch ein Häufchen Asche.

»So,« sagte er, »nun mag kommen, wer will; hier findet er nichts Compromittirendes. Die Documente, die es sind, und deren ich bedarf, ruhen auf meiner Brust – ich habe nichts mehr zu fürchten.«

Unterdessen jagte ein Reiter in Begleitung zweier Diener gen Wilna zu. Die Pferde liefen, was in ihren Kräften stand, und eher, als es anderen möglich gewesen wäre, schien der Eilfertige an seinem Ziele zu sein.

Er stieg vor dem Hause ab, welches Wiélopolski bewohnte, die Diener aber brachten die Pferde in eine nahe Stallung.

Wer beschreibt das Erstaunen Wiélopolski's, als sich plötzlich Graf Orloff anmeldete?

»Er ist Jadviga auf der Spur,« dachte er, und ließ den Grafen bitten, hereinzutreten.

Dem Hause des Grafen Wiélopolski gegenüber befand sich eine kleine Schenke, in welcher sich der treue Petroff stärkte, während er beobachtend am Fenster saß.

Als er aber den Grafen Orloff vor dem Quartier Wiélopolski's aussteigen sah, pfiff er leise durch die Zähne, ein Zeichen, daß er begriff, was vorgehen sollte. Unverzüglich eilte er nach seiner Schutzbefohlenen.

Ein Diener schaffte ihm leicht Eingang in die Gemächer des Grafen, wo der angebliche Courrier schlummerte.

Nebenan hörte er die beiden Herren laut sprechen. Es kostete ihm nicht wenig Mühe, die Schlafende zu wecken.

»Schnell auf, gnädige Gräfin,« flüsterte er, als seine wiederholten Versuche endlich geglückt waren, »Graf Orloff ist uns auf der Spur!«

Verwirrt vom Schlafe erhob sich Jadviga. Aber als sie des Gefürchteten Stimme vernahm, kehrte ihr die Besinnung rasch zurück.

»O Gott, Petroff,« fragte sie, »wohin?«

»Fliehen, so schnell wie möglich, je eher Wilna hinter uns liegt, desto besser!«

Ohne ein Wort weiter zu verlieren, schlichen sie hinaus. Nach kaum einer halben Stunde waren sie bereits außerhalb der Mauern von Wilna.

Inzwischen wollen wir sehen, was Orloff zu dem Grafen Wiélopolski führte. Letzterer empfing seinen Gast mit der den Polen eigenen Höflichkeit, die indeß eine kleine Beimischung von verwundeter Zurückhaltung besaß.

»Was schafft mir die Ehre Ihres Besuches?«

»Verteufelt ernste Geschäfte,« rief Orloff. »Vor Allem aber laßt mich sitzen – ventre á terre bin ich von Zarskoje-Sselo bis hierher gejagt – kaum daß ich mir des Nachts Ruhe gönnte. – Ich fühle meine Glieder nicht mehr. Unsere Landwege in Rußland sind alle schlecht und werden es wohl für ewige Zeiten bleiben; aber der, den ich zurückgelegt, überstieg alle Grenzen.«

Und laut stöhnend ließ er sich in einen Sessel fallen. Wiélopolski nahm ihm gegenüber Platz.

»Sie werden wohl ahnen, daß ich im Namen der Czarin komme,« fuhr Graf Orloff fort, – und Wiélopolski nickte zustimmend. –

»Wir haben sichere Nachricht, daß die Polen einen Aufstand oder eine Demonstration – was weiß ich? – vorbereiten sollen. Sie sind Pole, Graf, d. h. zugleich Russe, wie Sie bewiesen – und ich frage Sie im Namen der Czarin: Wissen Sie etwas darum?«

»Wie sollte ich?« erwiderte Wiélopolski, – doch er ward um einen Schatten bleicher als sonst, – »mir fehlt jede Nachricht aus Polen.«

»So –?« fragte Orloff gedehnt, »und gerade das wird bestritten.« –

»Von wem, Graf Orloff?«

»Jedenfalls von müßigen Köpfen,« erwiderte Rußlands Allmächtiger.

»Und wegen des Geredes dieser müßigen Köpfe jagen Sie ventre á terre zu mir nach Wilna?« – fragte Stephan mit Ironie.

»Nicht doch – ich benutze nur meine kurze Anwesenheit dazu. Ich bin auf der Verfolgung eines edeln Wildes, das uns entsprungen ist. Stellen Sie sich vor – die Gräfin Orsinska, die schöne Hofdame, ist uns factisch vom Traualtar weg entflohen. Man vermuthet stark, daß sie ihre Richtung über Wilna genommen hat, – darum bin ich eben hier. Sollten Sie vielleicht die Gräfin gesehen haben?«

Der lauernde Blick, das seltsame Lächeln Orloff's warnten Stephan – er dachte nicht ohne Sorge an die im Nebenzimmer weilende Jadviga; – konnte er doch von ihrer erneuten Flucht mit Petroff nichts ahnen.

»Glauben Sie, daß die Gräfin mich mit ihrem Besuch beehren würde?« sagte er nichtsdestoweniger mit vollkommener Ruhe.

»Nun – ich glaubte, die treue Polin würde sich zuerst an einen Landsmann wenden. – Im Uebrigen war es nur eine Frage, während ich jetzt zu Geschäften übergehen muß.«

 »Zu Geschäften?« wiederholte Stephan verwundert.

»Was könnte ich mit Geschäften zu thun haben, es sei denn ein Auftrag der Czarin –!« –

Er hielt fragend inne und musterte Orloff, welcher verlegen mit den Fingern auf der Lehne seines Sessels trommelte. Aber das war nur eine vorübergehende Empfindung – ein Orloff konnte sich von ihr nicht beherrschen lassen.

»Mon Dieu, oui,« sagte er leichthin, »allerdings hat die Czarin mir mein Thun vorgezeichnet; auch hat sie mir eine Vollmacht ausgestellt, und diese Vollmacht setzt mich in die unglückliche Lage, Haussuchung bei Ihnen halten zu müssen!« –

»Graf Orloff –!« brauste Stephan auf, »was soll das heißen?« –

»Regen Sie sich nicht auf, lieber Graf,« entgegnete Orloff beruhigend; »diese Handlung, die mir aufgetragen wurde, damit ein Edelmann dieses peinliche Geschäft besorge, ist nur ein Präservativ gegen einen etwaigen Verdacht, und –«

»Sehr gütig,« meinte Wiélopolski ironisch. »Indeß, wer sollte mich verdächtigen?«

»Theurer Graf,« erwiderte der mächtige Mann, »Sie wissen, die Polen sind hier zu Lande sehr discreditirt – und es könnte leicht Jemanden einfallen, – Sie verstehen mich, und werden mir mein Amt, welches ich ganz im vertraulichen Wege erledige, gewiß erleichtern –«

»So viel es in meinen Kräften steht! Ich beuge mich dem Willen der Kaiserin; zudem wüßte ich nicht, was Sie bei mir entdecken könnten. Da mich aber das Gerücht, daß Graf Orloff Haussuchung bei mir gehalten, namentlich in Petersburg, discreditiren könnte, so bitte ich um Ihr Wort, daß die Sache unter uns bleibt!«

»Ich habe Ihnen schon bemerkt, Graf Wiélopolski –«

»Sehr gut – aber ich bitte um Ihr Ehrenwort!«

»Wofür halten Sie mich?« fragte Orloff hochmüthig.

»Vorläufig noch für einen Edelmann,« erwiderte mit der größten Ruhe Stephan, »und ich möchte diese Meinung fürder behalten.«

Orloff fühlte sich in der Schlinge gefangen – er gab sein Ehrenwort. Dann öffnete ihm Wiélopolski seinen Sekretär, und mit gieriger Hast durchwühlte er die Papiere, ohne etwas Compromittirendes zu entdecken. Eine Durchsuchung des Zimmers hatte den gleichen Erfolg. Nun öffnete Stephan die Thür zu dem Gemach, in dem nach seiner Meinung Jadviga schlief, – Jetzt erwartete er den Sturm. Wie angenehm war er aber enttäuscht, als er das Gemach leer fand! – Sehr unbefriedigt verließ Orloff endlich den Grafen.

»Er hatte Witterung,« murmelte er, »und ich gebe meinen Kopf zum Pfande, daß er etwas einrührt. Trau' Einer diesen falschen Polen!« –

Unter solchen freundlichen Betrachtungen hatte er seine Diener aufgesucht. Dieselben hatten mittlerweile frische Pferde geschirrt. Nach kurzer Rast begann von Neuem die Jagd nach der »verteufelten Orsinska;« denn haben mußte er sie, um jeden Preis. Zuerst hatte er Erkundigungen eingezogen, ob Niemand Verdächtiges die Stadt verlassen. –

Es seien nur zwei kaiserliche Lakaien nach der westlichen Richtung in einer Troika abgereist, hieß es.

»Vielleicht sind die Kerls ihr begegnet,« calculirte der Graf weiter, – »wir wollen sie einholen. Petroff ist ein schlauer Bursch; wenn Einer sie erkannt hat, so ist er's; ich wette hundert gegen eins, daß sie ihre Tour nach Deutschland genommen!« –

Und nun ging's wie mit Windesflügeln aus Wilna's Thoren hinaus, den beiden kaiserlichen Lakaien nach. Diese ahnten nicht die Ehre, dem mächtigsten Manne Rußlands zu begegnen. Allerdings war ihnen unbekannt, wie groß der Vorsprung war, den sie dem Verfolger abgewonnen; dennoch aber war über Petroff ein gewisses Gefühl der Sicherheit gekommen.

Jadviga war todesmatt, die Strapatzen der Reise hatten ihr jede Kraft geraubt, der kurze Schlaf in Wilna sie gar nicht gestärkt. Petroff sah ein, daß hier eine kurze Rast unumgänglich nothwendig war. Er ließ daher in einem elenden Dorfe an einer Schenke halten und führte seine Schutzbefohlene in eine kleine Kammer, um sie der Gesellschaft der rohen Fuhrleute in der Schenkstube nicht auszusetzen. So gut als möglich richtete er's ihr bequem ein und ging, eine Erfrischung zu besorgen. Ein Glas warme Milch und eine leichte, von Petroff selbst zubereitete Eierspeise – denn er traute der Reinlichkeit der unglaublich schmutzigen Wirthin nicht – stärkten Jadviga einigermaßen, so daß Petroff hoffte, nach einem Stündchen weiterer Ruhe werde die Gräfin die Strapazen der Reise wieder aufnehmen können. Fast war die Zeit um, da sprengten im gestreckten Galopp drei Reiter daher, um vor der Schenke zu halten. Da es bereits dunkelte, so vermochte Petroff noch nicht die Persönlichkeiten zu erkennen, aber der gebieterische Befehl des Ersten der kleinen Cavalcade konnte ihn nicht länger über die Identität Orloff's in Zweifel lassen.

»Heiliger Nikolaus!« stöhnte der arme Mensch. Von einem Versteck war nicht mehr die Rede, denn schon hatte der Graf Beide bemerkt und – erkannt. Petroff hatte nur noch Zeit, zu flüstern:

»Gnädige Gräfin, vergessen Sie Ihre Rolle nicht!«

»Heda, Ihr Beide, vortreten!« befahl der Graf, und dem Befehl mußte Folge geleistet werden. Orloff war vom Pferde gesprungen und trat den Beiden entgegen.

»Hör' mal, Petroff,« sagte er, mit der Reitpeitsche fuchtelnd, »auf meine Ungnade: bist Du der Gräfin Orsinska begegnet?«

»Nein, Herr Graf!« – »Petroff, lüg' nicht – ich schicke Dich nach Sibirien, sag' die Wahrheit!«

Der arme Bursche wußte sein Schicksal unterzeichnet, aber er wiederholte: »Ich bin der gnädigen Gräfin auf meiner Reise nicht begegnet!«

»Und Du?« sagte Orloff zu Jadviga.

»Auch nicht,« antwortete diese.

»Schlafmütze Du,« schrie Orloff wüthend, »steht der Kerl da wie ein Murmelthier – ich werde Dir Raison beibringen, antworte, wie sich's gehört!«

Und in seiner Wuth faßte er den vermeintlichen Lakaien am Arm und schleuderte ihn heftig gegen die Wand der Schenke, so stark, daß die schwarze Perücke herunterfiel.

In diesem Augenblick trat der Mond voll und klar hinter den Bäumen hervor und leuchtete hell auf die goldenen Flechten, die lang und schwer über die grobe Verkleidung hinwegrollten.

»Ah, sieh da!« frohlockte der Graf, nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt. »So hätte ich den Vogel doch erwischt! Gräfin, im Namen der Czarin, Sie sind meine Gefangene!«

Jadviga richtete sich hoch empor: »Nähern Sie sich mir nicht,« sagte sie fest, »Sie könnten es bereuen!«

»Sie widersetzen sich? Wohlan, so muß ich Sie zwingen!« Und mit blitzenden Augen näherte er sich ihr.

Da zog sie eine kleine Pistole hervor – ein Druck, es flammte auf – ein Knall, und Orloff war am Arm gestreift; der Schuß hatte genügt, das Blut fließen zu lassen.

Mit rasender Wuth, die der Schmerz in ihm weckte, warf er sich auf sie, entrang ihr die Waffe, Und ihre schwache Kraft unterlag. Gefesselt ward sie in die Troika gehoben, Orloff setzte sich an ihre Seite, und fort ging's in die helle Mondnacht hinaus, gefolgt von den Dienern Orloff's, die Petroff in ihrer Mitte führten.

Im Fahren löste Orloff Jadviga's Fesseln, während er mühsam seine Wunde verband. Seine Gefährtin aber saß schweigend da – ihr war jede Hoffnung entschwunden, ihr Geschick besiegelt.



7.

Die Czarin hatte mit ihren Ministern gearbeitet und ruhte nun in ihrem Gemache. Die Dienst thuende Hofdame hatte sie fortgeschickt, sie wollte allein sein nur der Adjutant mußte im Vorzimmer warten. Orloff war schon zwölf Tage fort – das machte sie unruhig, und zugleich kochte in ihr auch der Zorn über Jadviga's Entfernung. Diese sollte die ganze Strenge, deren sie fähig war, fühlen. Mit Vorbedacht hatte sie Orloff zu der Einholung der entwichenen Hofdame gewählt – noch dieser letzte Coup, und dann wurde Jadviga entfernt. Da wurde der Gedankengang der Kaiserin durch ein leises Pochen an der Thüre unterbrochen. Unwillig über die Störung, öffnete sie dieselbe, ein Page stand vor ihr.

»Was giebt's!« herrschte ihn die Monarchin an.

»Graf Orloff bittet um Audienz.«

»Orloff? Laß ihn eintreten!«

Und ehe wenige Minuten verstrichen waren, wurde die Thüre abermals geöffnet und Graf Orloff, den Arm in der Binde, trat ein. Ihm folgte in den groben, zerrissenen Reisekleidern eines kaiserlichen Lakaien eine schlanke Gestalt.

Orloff beugte vor der Czarin das Knie und sagte:

»Eurer Majestät Befehl ist erfüllt, ich bringe die Flüchtige wieder.« Und damit deutete er auf seinen Begleiter.

Jetzt erst gewahrte die Kaiserin die langen, blonden Flechten, die dem letzteren über den Rücken hinweghingen und mit ihren Spitzen fast den Estrich schleiften.

»Jadviga!« rief sie zornbebend, »gelang es, Dich festzunehmen? – Aber in welchem Aufzuge unterfängst Du Dich, vor mich zu treten?«

Ueber Jadviga's Züge flog eine leichte Röthe.

»Dieses »Unterfangen« ist auf Seiten des Grafen Orloff, Majestät! Er verweigerte mir die Zeit, meine Kleidung zu wechseln!«

Die Czarin biß sich auf die Lippen.

»Wo fandest Du sie?« wendete sie sich an Orloff.

»Vierzehn bis fünfzehn Werst hinter Wilna: – es setzte einen kleinen Kampf ab – die Löwin wehrte sich ihrer Haut und zerschoß mir den Arm.«

»Jadviga, Du wagtest –?« donnerte die Kaiserin.

»Majestät, ich kann nicht ermessen, in welchem Maß ich das Unglück hatte, den Grafen zu verwunden – gefährlich wohl auf keinen Fall, denn während der ganzen Reise gebrauchte er den Arm ohne Schwierigkeit.«

»Was wollen Sie damit sagen, Gräfin?« rief Orloff hochmüthig dazwischen.

»Daß es sehr interessant sein müsse, den Arm in der Binde zu tragen.«

»Schweig',« befahl Katharina, »vor Allem erkläre, was Dich zu entfliehen bewog!«

»Eurer Majestät kann es nicht unbekannt sein. Gnade hatte ich nicht zu hoffen – Flucht war das einzige Mittel.« –

»Du weißt, daß Du für diese That Sibirien verdient hast? – Ich werde Dich nicht nach Sibirien schicken – es liegt nicht in meinem Plan; ich würde dadurch nur Deinen Launen nachgeben, und nachgeben hieße Schwäche zeigen. Außerdem würde ich mit Deiner Verbannung das Versprechen schlecht erfüllen, das ich Deinem Vater gab – ich werde mein kaiserliches Wort halten.«

Während dieser Worte war die Czarin lebhaft auf- und abgeschritten. Katharina schwankte, ob sie Jadviga freigeben sollte, oder nicht.

Letztere lehnte erschöpft an der Wand. Die Tage der Flucht hatten sie zum Schatten ihrer selbst gemacht. Ihr war es gleichgültig, was mit ihr geschah, sie hatte jede Hoffnung begraben.

Orloff kannte seine Gebieterin sehr wohl; seinem scharfen Auge entging es nicht, daß sie mit sich kämpfte. Seine Rache wollte er nicht verloren geben, er schmiedete das Eisen, so lange es warm war.

»Ich verstehe Eure Majestät,« warf er leicht hin, »und erwarte die Befehle zur Benachrichtigung des Fürsten Czernyschew und des Popen. Zu welcher Stunde wird die Trauung stattfinden?«

Die Kaiserin lächelte. Sie trat dicht an die arme Verfolgte heran und legte die Hand auf deren Schulter, während ihre Augen seltsam funkelten.

»Jadviga,« sagte sie mit durchdringender Stimme, »ich will vergessen, was Du gethan hast. Aber mein kaiserliches Wort darf ich nicht zurücknehmen; es steht unumstößlich fest, daß Du morgen Fürstin Czernyschew wirst. Mehr verlange ich nicht, ich werde im Weiteren Gnade üben. Du willst mit dem Fürsten nicht leben – gut, Du sollst es nicht. Die Vorsteherin des Stiftes zur Erziehung adeliger Fräulein ist gestorben, ich übertrage Dir nach der Trauung ihre Würde.«

Jadviga schwieg, als die Czarin geendet.

»Nun, Gräfin Orsinska,« höhnte Orloff, »Sie fallen Ihrer Majestät nicht zu Füßen, um ihr zu danken für diese Gnade? Sie sonnen sich nicht in der Huld, die Ihnen wird?«

»Ich wollte, ich wäre in Sibirien, oder – es wäre vorbei,« erwiderte matt die Arme. Dann sank sie in die Kniee – der letzte Rest von Kraft hatte sie verlassen.

Erst in ihren Gemächern fand sie sich wieder. Sie war allein. Als ob sie aus einem langen Traum erwachte, rieb sie sich die Augen. Dort auf jenem Divan lag noch der ganze Brautstaat ausgebreitet. – War sie denn ein Traum, jene schreckenvolle Flucht? ein Traum die Unterredung mit Stephan, der sie dem Elend preisgegeben hatte in seinem wahnsinnigen Eifer für das Vaterland? Nein, kein Traum – die elende Verkleidung, auf der ihr Auge haftete, sagte ihr die Wahrheit. Hastig, so weit ihre Kraft es erlaubte, kleidete sie sich um und sank dann nieder auf dem Bett, um sich wieder und wieder zu sagen, daß sie unglücklich, daß sie verlassen sei, verlassen von dem, der ihr Gatte war!

Aber es waren keine lauten Ausbrüche der Verzweiflung, die diesen Vorstellungen folgten – apathisch, mit thränenlosem Auge, lag sie da. Plötzlich fiel ihr Auge auf ein kleines Crucifix mit dem sterbenden Erlöser, aus Elfenbein kunstvoll geschnitzt. Es hatte dereinst ihrer Mutter gehört, und diese oft gesagt, es besitze die Kraft des Trostes gleich Unserer lieben Frau von Czenstochau. Und wie Jadviga das Kreuz mit den milden Zügen des Erlösers betrachtete, da wurde es ihr ruhiger um's Herz – sie suchte Trost im Gebete. Unsichtbar schwebte der Engel des Trostes über ihr und berührte sie mit der Palme des Sieges über sich selbst. Gleich finsteren Geistern flohen die Gedanken des Hasses und Grolles aus ihrem Herzen, und eine ruhevolle Ergebung zog hinein. Unter dem Gebet schloß sich ihr Auge, und sie schlief ein, in selige Träume versunken. Als sie erwachte, war es längst Abend. Im Nebenzimmer war die Kammerfrau mit dem Entzünden der Lichter beschäftigt.

»Gnädige Gräfin schliefen so fest, daß ich nicht wecken wollte,« sagte sie und überreichte ihr einen sorgfältig versiegelten Brief.

»Diesen Brief brachte vorhin einer der polnischen Herren. Die Kaiserin hat bestimmt, daß die Trauung morgen Abend um sieben Uhr stattfinde.«

Es kostete Jadviga nicht wenig Ueberwindung, gefaßt zu bleiben, als sie die Hand Stephan's und das Wappen der Wiélopolski erkannte. Sie erbrach jedoch das Schreiben nicht sogleich. Erst als sie ihre Kammerfrau verabschiedet hatte, löste sie das Siegel. Ihr Gatte schrieb:

»Soeben erfahre ich, daß Du, meine Jadviga, auf Deiner Flucht von Orloff eingeholt und verhaftet wurdest. Der furchtbare Schlag bringt mich zur Besinnung: ich sehe ein, wie ich Unrecht gethan, als ich Dich zum Mittel für meine Pläne machen wollte. Ich sagte einst in frevelndem Uebermuthe, der Dienst des Vaterlandes zerreiße alle Bande der Familie, ich muß in so schrecklicher Weise das Gegentheil empfinden! Doch Du sollst gerettet werden! Orloff ließ in Wilna verlauten, sobald Du eingeholt seiest, müßtest Du dem Fürsten Czernyschew angetraut werden. Dies könnte also frühestens am Nachmittag des folgenden Tages, den Du in Zarskoje-Sselo zubringst, geschehen – bis dahin bin ich bei Dir und erkläre Dich als meine Gattin. Zugleich mit diesem sende ich einen Brief an Orloff, er entdeckt ihm unser Geheimniß. Sei darum ruhig; was auch kommen mag, Du wirst gerettet! Stephan

Jetzt endlich, nach langem Ringen, ward Jadviga die Wohlthat zu Theil, weinen zu können. Aber es waren Thränen der Freude, der Dankbarkeit, die sie weinte; denn ihr Herz war übervoll. Nach so vielen Tagen des Leidens schien ihr die Sonne wieder, sie durchleuchtete und erwärmte sie mit den glänzenden Strahlen der Hoffnung. Nur Eins bereitete ihr Sorge: daß Stephan dem Grafen Orloff ihr Geheimniß zu früh mitgetheilt – sie wußte, der Günstling haßte sie, und wer weiß –.

Aber ihre Bangigkeit schwand vor dem Gefühl der Freiheit, vor dem Gebet des Dankes. Die Nacht verging, der Morgen kam, und Jadviga wartete, vor die Czarin beschieden zu werden. – Aber Stunde um Stunde verrann, und es kam kein Auftrag der Kaiserin. Ob Stephan wohl da war? Jadviga befragte die Kammerfrau. –

Nein, er war nicht da. »Er wird sich verspätet haben,« dachte sie aber eine seltsame Unruhe hatte ihr Herz erfaßt, und steigerte sich, je weiter der Nachmittag vorrückte.

Es schlug sechs Uhr auf dem Thurm der Kapelle. Die Kammerfrau trat ein und begann die Toilette ihrer Herrin. Was sollte das heißen? Hatte Orloff über den Inhalt von Stephan's Brief geschwiegen? War Stephan verunglückt? –

Zwischen den bangen Zweifeln hindurch leuchtete aber wieder ein schwacher Strahl der Hoffnung. Die Toilette war nunmehr beendet. Wie damals, so trat auch heute die Oberhofmeisterin in das Gemach. Wie im Traume folgte ihr Jadviga in den festlich erhellten Thronsaal. Da saß wiederum, wie damals, die Kaiserin aller Reußen im Glanze ihres Hofstaates. Ihr zur Seite stand Orloff im kostbaren Hofkostüm – Stephan jedoch war nicht da. Kam er erst in der elften Stunde? Warum sprach Orloff nicht?

»Gräfin Orsinska,« tönte der Czarin Stimme, »wie vor Kurzem, so bin ich auch heute bereit, Dich zum Altar zu führen. Folge mir!«

Und sie erhob sich. Aber Jadviga trat ihr entgegen.

»Majestät,« begann sie mit bebender Stimme, »ich pflege Ihre Befehle ehrfurchtsvoll entgegenzunehmen; aber dieser Befehl, – er dünkt mir unbegreiflich; Graf Orloff muß Eurer Majestät doch mitgetheilt haben, daß ich mich nicht vermählen kann, nicht darf –«

»Sie träumen, Gräfin,« fiel ihr Orloff höhnisch in's Wort.

Jadviga richtete sich hoch empor.

»Ich frage Sie, Gregor Orloff, werden Sie sprechen, wie es Ihnen der Brief des Grafen Wiélopolski auferlegt?«

»Ich verstehe nicht, was die gnädige Gräfin wollen.«

»Wohlan denn, »rief Jadviga glühend, »so werde ich sprechen. – Kaiserliche Majestät, ich kann dem Fürsten Czernyschew meine Hand nicht reichen; – denn ich bin vermählt!«

Alles wich zurück – Jadviga stand allein.

Da schlug Orloff ein helles Lachen an.

»Gut ausgedacht, Gräfin, ein feiner Vorwand, sich dem Befehle der Czarin zu entziehen!«

»Gregor Orloff, Sie wissen nur zu gut, daß ich die Wahrheit spreche.«

»Und ich erkläre, daß Sie lügen,« rief er mit blitzenden Augen. Dann flüsterte er der Czarin etwas zu. Katharina hatte erstaunt, aber schweigend dem Zwiegespräch zugehört. Sie suchte das Aufwallen ihres Zornes zu unterdrücken.

»Jadviga,« sagte sie mit einer gewissen Ruhe, »ich will Dir diese Lüge vergeben.« Dann fuhr sie in strengerem Tone fort: »Doch Alles hat seine Grenzen, komme, der Pope wartet!«

»Nimmermehr!« rief die Arme in verzweifeltem Tone, »ich darf und kann nicht! Laßt mich diesen Elenden Lügen strafen, ich spreche die Wahrheit, so wahr ein Gott lebt!« –

»Eine schöne Scene voll dramatischer Wirkung!« spottete Orloff. »Nur schade, daß wir nicht auf der Bühne stehen Sie sind eine treffliche Komödiantin, schöne Gräfin.«

»Mein Gott, bin ich denn wahnsinnig?« Jadviga rieb sich die Stirn. »Gregor Orloff, bedenken Sie, welches Verbrechen Sie auf sich laden durch Ihr nichtswürdiges Schweigen!«

»Die arme Gräfin redet schon irre,« bemerkte er kalt.

»Folge mir, Intrigantin,« donnerte jetzt die Czarin, »ohne Widerrede!«

Jadviga war betäubt, außer Fassung gebracht; sie fühlte nur noch, wie Orloff's Hand sich fest auf ihren Arm legte – willenlos folgte sie und stand bald vor dem hellerleuchteten Altar.

»Schnell die Ceremonie, ohne Aufschub, Hochwürden,« befahl die Kaiserin, und wie im Traum hörte Jadviga des Fürsten »Ja!« Jetzt war die Reihe an ihr – kam denn Stephan wirklich nicht? »Ich werde für die Gräfin antworten,« rief die Czarin. Laut und fest tönte ihr Ja, und: »Nein, nein!« protestirte Jadviga.

Da legte die Czarin ihre Hand auf Jadviga's Arm und drückte ihn, bis sie krampfhaft aufschrie. Ihr Schmerzensruf wurde als »Ja!« gedeutet, und der Pope sprach den Segen. In langer Reihe schritt man aus der Kapelle nach dem strahlenden Thronsaal; – aber auf Jadviga war die Nacht des Wahnsinns gefallen.

»Geh', ändre Deine Toilette, der Wagen steht bereit zur Abreise,« herrschte die Czarin sie an. Mechanisch verließ die Arme den Saal; jedoch nicht in ihre Gemächer ging sie – sie trat in den einsamen dunkeln Park. Rasch eilte sie vorwärts und stand nun am Ufer des See's. Schilf rahmte ihn ein, und weiße Wasserrosen schwammen märchenhaft auf seinem grünen Spiegel. Träumerisch irrte die Wahnsinnige auf dem schmalen Uferpfade. Auf einmal tönte von der anderen Seite flüchtiger Hufschlag; das Geräusch kam immer näher. Jetzt hatte sie, durch die Nacht des Wahnsinns, den Reiter erkannt.

»Mein Stephan!« rief sie, »da bist Du!« und wollte ihm entgegeneilen, durch Schilf und Wasserrosen. Aber statt des Gatten Arm öffnete sich ihr die kühle Fluth hoch schlugen die Wellen auf und schlossen sich wieder; nur ihr weißes Brautkleid hob sich geisterhaft über die Wasserfläche. Doch nicht lange sollte sie gebettet bleiben zwischen Schilf und Wasserrosen – zwei kräftige Arme faßten die Sinkende und ruderten sie an's nahe Ufer.«


* * *


Im Thronsaal von Zarskoje-Sselo wartete man inzwischen vergebens auf die »Fürstin Czernyschew.«

»Eine Damentoilette erfordert viel Zeit,« bemerkte Graf Orloff mit sarkastischem Lächeln.

Eine trübe Stimmung lagerte jedoch über der glänzenden Hofgesellschaft. Die erschütternde Scene in der Kapelle lastete auf allen Gemüthern und drängte jedes Aufwallen des Uebermuths zurück. Die Czarin war ernst und düster, Fürst Czernyschew still und abweisend; nur Orloff sprühte von Witz und Laune.

Eben war wieder eine lange Pause in der Unterhaltung eingetreten, kaum daß man ein vereinzeltes Flüstern vernahm – da meldete ein Lakai: »Graf Wiélopolski bittet um die Gnade, so wie er von der Reise kommt, vor Eure Majestät zu treten.«

Die Czarin nickte. Alle blickten erwartungsvoll auf, als Graf Stephan hereintrat. Er war sehr bleich; im groben Reitermantel, den er sich im Schlosse entliehen, mit Reitstiefeln und Reitpeitsche, schritt er auf die Czarin zu und beugte vor ihr sein Knie.

»Was wünschen Sie, Graf?« fragte sie herablassend.

»Majestät werden mein wenig hofmäßiges Auftreten entschuldigen; aber ich habe dringendere Pflichten, als die Etikette heischt: ich verlange Auskunft über die Gräfin Orsinska!«

Katharina schwieg. »Sie sind sehr kühn, Herr Graf!« brach sie endlich das Schweigen, – »aber die Polen sind's alle. Ich will darum nicht weiter fragen, was Ihnen ein Recht giebt zu diesem Auftreten, sondern Ihnen mittheilen, daß seit einer Stunde Jadviga Orsinska sich die angetraute Gemahlin des Fürsten Czernyschew nennt.«

Einen Augenblick war es Stephan, als schwinde seine Fassung; allein schnell hatte er sich ermannt, und statt jeder Antwort einige Papiere hervorgezogen, und sie schweigend der Monarchin gereicht: sie enthielten die Beweise für seine Ehe mit Jadviga.

»Ich bedauere,« bemerkte die Czarin, indem sie die Papiere zurückgab, – »daß ich das nicht vorher wußte. Aber warum, Graf, haben Sie das nicht eher gesagt?«

Flammenden Auges wandte sich Stephan gegen Orloff.

»Graf Orloff,« rief er bebend, »Sie haben gestern Abend durch Herrn von Klunikowski ein Schreiben von mir empfangen!«

»Und wenn auch?«

»In diesem Schreiben theilte ich mit, daß Jadviga seit einem Jahre meine Gemahlin ist –«

»Was geht das Alles mich an?«

»Und dieses Schreiben, dessen Inhalt augenscheinlich für die Kaiserin bestimmt war, haben Sie unterschlagen! – Und nicht genug damit, haben Sie Wegelagerer gedungen; sie sollten mich unterwegs überfallen und es mir unmöglich machen, meine Gattin vor dem Zwange der Scheintrauung zu bewahren! Ich selbst habe mich noch glücklich aus der Gefahr herausgeschlagen; – aber ich bin zu spät hier angelangt, und meine Jadviga ist darüber wahnsinnig geworden – ich kam grade noch zurecht, um sie vor dem nassen Tode des Ertrinkens zu retten!«

Ein Schrei des Entsetzens ging durch die Versammlung. Stephan aber fuhr mit steigender Erregtheit fort:

»Das Alles ist Ihr Werk – und Sie haben die Stirne und wollen mich mit kaltem Hohne abfertigen? Für solche Bubenstücke giebt's nur Eine Züchtigung, –« und er hob die Reitpeitsche – »aber die Gegenwart Ihrer Majestät lähmt meine Hand – zudem wäre bei Ihnen mit dem Schmerze die Strafe vergessen! Möge ein Höherer richten!« sprach er dann ruhiger, zur Kaiserin gekehrt, die ihre schmerzliche Erregung nur mit Mühe zu beherrschen vermochte. »Mir erübrigt blos, Eure Majestät zu bitten, daß ich mit meiner Gattin ungehindert wegziehen dürfe von diesem Orte trauriger Erinnerung.«

Orloff stand wie niedergeschmettert – die alte Dreistigkeit hatte ihn verlassen.

Die große Katharina aber weinte. In überwallender Großmuth wollte die Czarin jetzt gut machen, was ihre Befehle verschuldet hatten. Deshalb beschränkte sie sich nicht darauf, die bescheidene Bitte Stephan's zu gewähren, sondern suchte das unglückliche Paar förmlich mit den Beweisen ihrer Huld zu überhäufen. Allein Stephan schlug beharrlich Alles aus. –

Orloff fiel in Folge seines gewissenlosen Handelns in Ungnade; – doch nur für wenige Wochen blieb ihm der Himmel kaiserlicher Gunst überwölkt – dann wurde er wieder in Gnaden aufgenommen und mit dem Fürstentitel beschenkt – Orloff war eben zu Allem brauchbar.


* * *


In einem freundlichen Landhause an den Ufern der Weichsel sitzt ein blasser Mann am Krankenbett einer jungen blassen Frau. In den Zügen des Mannes hat der Gram tiefe Furchen, im Gesichte der Frau der Tod sein Zeichen eingegraben. Aber Ruhe und Frieden liegt in beider Antlitz. Die Kranke schlummert eben, und ängstlich lauscht der blasse Mann den schweren, unterbrochenen Athemzügen, welche ihre Brust heben. Sie wacht auf, und ihr erstes Wort, mit schwacher Stimme, aber unnennbarer Liebe gesprochen, ist: »Stephan!«

Und er drückt zärtlich das Haupt der Kranken an seine Brust und fragt:

»Jadviga, hast Du gut geruht?«

Jadviga's Wahnsinn ist also gebrochen? Seit einem Monate; aber mit der Kraft des Wahnsinns ist auch die Kraft ihres Körpers gebrochen. Acht Monate lang hatte sich über ihrem Geiste undurchdringliche Nacht gelagert – da ward sie von heftigem Nervenfieber ergriffen, und in der Krankheit fiel der Schleier. Als sie zum ersten Male wieder mit klarem Blicke den Gatten anschaute und mit ruhigem Tone seinen Namen aussprach, da hätte er sein Glück nicht mit allen Freuden und Ehren der Welt vertauscht. Noch drei Monate lebte Jadviga. Diese drei Monate waren für beide Gatten eine selige Zeit, reich an reinen Freuden. Waren die Freuden auch getrübt durch den Gedanken an die baldige Trennung, so ward die Trennung selbst wieder verklärt durch das sichere Bewußtsein, daß für gottvereinte Seelen der Grenzstein des irdischen Lebens nicht auch der Grenzstein der Liebe und Vereinigung ist.




Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht.

In meinem Besitz befindet sich ein kleines Pastellportrait, eine wunderbar schöne Frauengestalt darstellend, mit prachtvollem goldnem Haar und tiefdunklen Augen, über welchem sich kühngezeichnete schwarze Brauen wölben. Der kleine und feingeschnittene Mund ist halb geöffnet und eine elfenhaft kleine Kinderhand spielt mit der Perlenschnur, die sich um den weißen Nacken schlingt.

Dieses reizende Weib hat eine eigene Geschichte, und diese will ich hier erzählen.

Sie war eine reiche und vornehme Dame gewesen . . .

[. . . nicht lesbarer Teil in der Vorlage . . .]

war der letzte männliche Sproß seines Stammes, Giovanna war sein einziges Kind, und daß dieses in all' der wunderbaren Herrlichkeit einer vollendeten Schönheit erblüht war, haben wir oben schon gesagt. Der Fürst bewohnte ein prachtvolles, in ächt italienischem Geschmack aufgeführtes Schloß am Lago maggiore, dessen blaue Wellen den imposanten Bau magisch widerspiegelten – ein schönes Bild, dem als Folie der herrliche blaue Himmel Italiens und die sich im Nebel der Ferne verlierenden Riesen der Schweiz dienten. Die tiefe, heilige Ruhe, welche über dieser Landschaft lag, machte diese um so anziehender, und glücklich. Der, welcher diesen zauberischen Flecken Erde bewohnen und sein nennen durfte.

Das mochte wohl auch der junge Mann, den die Mappe unter'm Arm bald als Maler kennzeichnete, denken, als er den breiten Kiesweg, durch hohe Bäume beschattet, nach dem Schlosse zueilte, denn bewundernd blickte er bald auf den Lago, bald auf das Schloß, indem er ein lustiges deutsches Liedchen summte. Und er war ein Deutscher, der junge und beliebte Maler Arthur Werner, ein an den Gütern der Welt armes, aber von den Musen herrlich ausgestattetes Erdenkind, dem es endlich gelungen war, das Ziel seiner Wünsche, Italia la bella, zu erreichen, um dort den Odem der Kunst mit vollen Zügen zu trinken.

Was er da fand, übertraf selbst seine kühnsten Erwartungen – so schön hatte er sich die cara, bella Italia doch nicht geträumt, über dieses Land hatte die Natur ihr Füllhorn verschwenderisch ausgeschüttet!

Und dort, wo die mächtigste aller Sprachen, die Natur, so wunderbar in seine Seele sprach, dort hatte er das Pfund, das ihm Gott verliehen, in üppiger Weise wuchern lassen, da war er ein Künstler geworden von Gottes Gnaden, und die größten Kenner der edlen Malerkunst ertheilten seinen Bildern das größte Lob, schöne Frauenlippen wiederholten dasselbe in berückendster Weise. Doch hatte all' dies es nicht vermocht, ihn eitel und selbstgefällig zu machen; dankbar nahm er das stolze Lob hin und arbeitete dann mit um so größerem Fleiße, um es eben noch besser zu machen.

Da hatte er denn einst die Einladung des Principe d'Albano erhalten, auf dessen Schloß zu kommen, um die junge, schöne Principessa zu malen; er folgte dieser Einladung und befand sich bald in dem Schlosse am Lago maggiore. Was er da fand, übertraf wohl all' das Schöne, was er in Italien mit entzücktem Auge geschaut, die Blume dieses Edens, die herrlichste wunderschönste Frauengestalt.

Und er malte sie, in dem ganzen Glanze und all' der Pracht ihrer Umgebung – ein herrliches Bild! Nebenbei jedoch für sich ganz allein schuf er jenes Pastellportrait, und das malte er nicht mit dem Pinsel und den bloßen Farben allein, das malte er mit der Seele, mit dem Herzen.

Bedarf es noch der erklärenden Worte, sollen diese sagen, daß Arthur Werner sein Herz verloren hatte an die schöne Giovanna?

Und sie? O, sie war stets kalt und stolz, sie unterhielt sich wohl mit dem Forestiére pittore leicht und angenehm, doch Niemand konnte glauben, daß sie wärmer für ihn fühlte. Er lehrte sie die deutsche Sprache, die sie leicht begriff, und sang ihr wohl hin und wieder eine unserer tieftraurigen Volksweisen, die sie dann mit ihrer glockenreinen Altstimme leise nachsang.

Als Arthur heute in das Atelier trat, saß sie an dem Instrument und spielte die Melodie: »In einem kühlen Grunde –«

»Es ist sehr traurig, dieses Lied,« meinte sie, sich erhebend.

»Wie alle Volksweisen, Principessa,« sagte er.

»Könnt Ihr mehr davon?«

»O ja –«

»O, so sprecht, ich höre die deutschen Worte so gern!«

Da sprach er jenes todestraurige:

»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht,
Er fiel auf die zarten Blaublümelein,
Die sind verwelket, verdorret.«


Als er geendet, trat sie rasch an das Fenster und blickte mit zuckender Lippe hinaus auf den See

»Sie waren verdorben – gestorben,« wiederholte sie leise; »wie seltsam, daß dies so oft vorkommt! Warum, weshalb ist die Welt so hart?«

»O, hart und grausam,« sagte er, »aber doch nicht immer, es kommt wohl für Jeden die Zeit, wo sie ihre Sonne wieder einmal strahlen läßt.«

»Für Jene strahlte sie nicht mehr,« entgegnete Giovanna, »sie mußten ja verderben – sterben!«

»Und doch leuchtete ihnen die Sonne, denn sie liebten sich!« –

Giovanna blickte verwundert zu ihm hinüber – faßte sie den Sinn dieser Worte nicht?

»Seltsam,« flüsterte sie, »Sie sprechen mithin aus, daß es, da sie sich liebten, ein Glück für sie war, zusammen, vereint zu sterben?«

»So meinte ich es, Principessa!«

Sie schwieg und lehnte nachdenkend in dem Sessel, während Arthur Werner ihre schönen Züge auf die Leinwand bannte.

Als Giovanna dann am Abend allein war und, wie sie es gern that, auf den See hinausblickte, flüsterte sie die Verse von dem Reif, der in der Frühlingsnacht fiel. Eine große Thräne rollte über ihre Wange und fiel wie ein strahlender Brillant auf die Purpurrose, die der junge Forestiére ihr zum Abschied heute gegeben, und wie eine süß- schmerzliche Ahnung zog es durch ihre Seele, daß auch einst ein Reif in den Frühling ihres so herrlichen blühenden Lebens fallen würde.

Da tönte eine volle, kräftige Männerstimme über den See – sie sang das Ritornell aus Rossini's Othello, jene todestraurige Weise:


Nessun maggior dolore,1
Che riccordarsi del tempo felice
Nella miseria – – –


Giovanna sank in die Kniee und schlug die Hände vor das Gesicht, während ihre zuckenden Lippen murmelten:


»Sie sind verdorben – gestorben!«


* * *


Und er kam tagtäglich, der junge Maler Arthur Werner, um das Bild Giovanna's zu schaffen, und an dem Tage, an welchem er sein Werk für vollendet erklärte und es so wunderbar still und ruhig rings um sie war, da sank er nieder zu ihren Füßen und sagte es ihr, wie er sie liebte und wie sie der Sonnenglanz seines Lebens geworden sei.

Sie war bleich geworden, hochaufgerichtet stand sie vor ihm, die dunklen Augen blitzten.

»Elender –« rief sie athemlos, »Elender, Ihr wagt es – fort, hinweg von mir!«

Er war aufgesprungen.

»Giovanna –« preßte er hervor.

»Ihr habt mich tödtlich beleidigt,« sagte sie, und ihre Augen sprühten Feuer, »mich die Prinzessin d'Albano, Ihr, der einfache Maler.«

»Genug!« rief er befehlend, »genug! Ich werde Euch nie wieder nahen; vergebt, wenn ich, von Eurer Schönheit hingerissen, Worte sagte, die ich dennoch nie zurücknehmen kann. Aber Ihr habt ein falsches Spiel mit mir gespielt, Prinzessin d'Albano, denn Ihr habt mir gezeigt, daß Ihr mehr für mich fühltet, als bloße Freundschaft. Ich Thor, der ich mir nicht selbst sagen konnte, daß die Prinzessin d'Albano, die Verwandte des Königshauses, für mich zu hoch steht! – Aber ich sage Euch, Giovanna, in Euer Herz wird die Reue einkehren, denn diese Kälte ist nur erheuchelt, sie wird Euch nahen, streng und unerbittlich, und der, den Ihr liebt, wird dann fern sein und Ihr werdet vergehen vor Sehnsucht nach ihm! Lebt wohl!«

Er war fort. Giovanna lehnte todtenbleich am Fenster, sie sah ihn die breite Orangen-Allee hinunterschreiten – und mit einem schmerzlichen Schrei faßte sie nach ihrem Herzen; war es denn wahr, liebte sie ihn wirklich und kam die Reue jetzt schon – schon jetzt? –

Das Herz des Menschen ist wohl mit das größte Wunder der Natur, und die Weisheit von allen Gelehrten der Erde wird seine Räthsel nie lösen können – es geht seinen eignen Gang trotz der verschiedensten Arten von Einflüssen, welche ihm drohen! Und wer da meint, diesem Herzen befehlen zu können, zu lassen von dem Licht, der Wärme und Liebe, der ahnt es nicht, daß das Herz von diesem sein Leben fristet; wer das will, hat selbst nur ein Herz von Stein! Freilich, das Herz des Menschen ist auch verschieden in seinen Leidenschaften, seiner Ruhe. Gebt ihm, was es bedarf, die Liebe, das Licht, die Wärme, und es wird warm und voll schlagen, das ist die Ruhe! Raubt ihr ihm aber sein Schönstes, dann ist es leicht, daß es versteint und verbittert. Darum hegt und pflegt dieses Herz, laßt ihm, was es bedarf, und ihr werdet nur gute Menschen um euch sehen!

Das stolze Herz der Giovanna d'Albano kämpfte auch einen harten Kampf. Arthur Werner war fort auf Nimmerwiedersehen, und so schmerzlich sie dies auch empfand, äußerlich war sie dieselbe geblieben: stolz, ruhig und voll edler Anmuth. Freilich, daß bei diesem äußerlichen Zwang das Herz blutete, um nach und nach zu erstarren, das brauchte Niemand zu wissen, denn Giovanna war eine Natur, die es vermochte, das Bittere und die Schmerzen des Lebens allein zu tragen und in sich zu verschließen. Es kamen natürlich auch Stunden, wo all' ihr Schmerz sich Bahn brechen wollte in wilden Klagen, wo sie zu sterben vermeinte – aber es stirbt sich nicht so leicht, und wenn diese Stunden des Schmerzes überstanden waren, da ward es ihr erst klar, daß ein Reif auf ihr Herz gefallen war.


»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht,
Er fiel auf die zarten Blaublümelein,
Die sind verwelket, verdorret.«


Der Winter war gekommen, und der Fürst d'Albano war mit seiner Gemahlin und seiner Tochter nach Rom gegangen, um dort an den Vergnügungen der haute volée Theil zu nehmen. Zu demselben Zweck war auch zugleich mit ihnen ein deutscher Prinz anwesend, ein entfernter Verwandter eines mächtigen Fürstenhauses; er sah Giovanna und in ihm stand der Entschluß fest, diese märchenhafte Schönheit zu seiner Gemahlin zu machen. Er hielt um ihre Hand bei dem Fürsten an, und obgleich Giovanna dies erwartet hatte, so war sie doch davon für den Augenblick so überrascht, daß sie um Bedenkzeit bat.

Nun kamen wohl die qualvollsten Stunden für sie, und als sie die Schmerzen der Seele durch ihren starken Willen überwunden hatte, als sie Alles, was ihr Herz höher schlagen machte, um den höchsten Preis geopfert und zu Grabe getragen hatte, da vermochte sie es, dem Prinzen mit lächelndem Munde ihr »Ja« entgegen zu bringen.

Wieder verging einige Zeit, und als die Landschaft am Lago maggiore wieder in ihrer ganzen prachtvollen südlichen Schönheit prangte, da reichte Giovanna ihrem Verlobten die Hand zum ewigen Bunde. Sie bildeten ein schönes Paar, als sie so am Altar standen: des Prinzen hohe, ritterliche Gestalt, neben ihm die zauberschöne Braut, umwallt von dem kostbaren Spitzenschleier, durch welchen ihr üppiges Haar wie flüssiges Gold schimmerte. Die Ceremonie war vorüber, die Gesellschaft verließ die Capelle, da tönte vom See her ein herrlicher Mollaccord und eine klangvolle Männerstimme sang das Ritornell aus dem Othello:


Nessun maggior dolore,
Che riccordarsi del tempo felice
Nella miseria – – –


Giovanna, am Arme ihres Gatten, hatte ihre Schritte gehemmt, mit angehaltenem Athem lauschte sie den traurigen Klängen.

»Wer sang da?« fragte sie, als es wieder still war.

»Es war eine Gesellschaft junger Maler, die auf dem See fuhr,« antwortete man ihr, »das Solo sang der Forestiére pittore, der Ew. Hoheit Bild damals malte.« –

Giovanna schritt ruhig weiter, aber ihre Züge waren todtenblaß geworden, er sang draußen auf dem Lago, an ihrem Vermählungstage!

»Hier sieht es so festlich aus, »meinte lachend einer der jungen Maler draußen im Boot, indem er auf das Schloß des Fürsten zeigte

»Fast wie bei einer Hochzeit,« sagte ein Anderer.

»Hurrah! Da wollen wir uns zu Gaste laden,« rief ein Dritter in ausgelassenster Laune aus.

Arthur Werner schwieg – was kümmerte ihn die Fröhlichkeit seiner Collegen!

»Leg' an, Gondoliere,« rief der Dritte, »leg' an den schwankenden Kahn an den weißen Marmorstufen, wir wollen fröhlich sein, denn ich wette, da drinnen wird Champagner getrunken.«

Die Andern lachten. »Die Idee ist so übel nicht,« meinten sie, »und der kunstliebende Fürst wird uns gewiß mit offenen Armen empfangen!«

»Die Geschichte ist also abgemacht, basta,« rief der Dritte wieder, »und wenn Arthur Werner damit einverstanden ist –«

»Warum nicht?« sagte dieser, sich gewaltsam fassend, »warum nicht? Ich schließe mich Euch an!«

Und das heitere, vierblätterige Künstlerkleeblatt begann seinen abenteuerlichen Entschluß auszuführen.

Drinnen im Schlosse saß man bei heiterer Tafel, als ein Diener dem Fürsten die Ankunft der Maler meldete; der Fürst, dessen Enthusiasmus für Alles, was Kunst hieß, leicht zu wecken war, befahl, sofort die Maler herein zu führen.

In scherzhafter Rede erklärte nun der Sprecher der kleinen Gesellschaft den Grund ihres Kommens; man hieß sie freundlich willkommen, und der Zufall wollte es, daß Arthur Werner seinen Platz an der rechten Seite Giovanna's erhielt.

Mit fester, ruhiger Stimme brachte er ihr seine Wünsche dar, als sei Nichts vorgefallen zwischen ihm und ihr; erst später, als sie zusammenstanden an einem der hohen Fenster, als sie unbelauscht waren von Allen, da sagte sie mit zuckender Lippe:

»Arthur – warum habt Ihr mir das gethan, warum kehrtet Ihr zurück, da Ihr wußtet, wie es um mich steht?«

»Es hat sich so erfüllt, wie ich Euch damals sagte, Giovanna?«

Sie neigte leise das schöne Haupt – er sah ihr in die Augen und merkte es nicht, wie eine hohe Männergestalt mit drohenden Blicken zu ihnen herübersah.

»O, ich wußte es, daß es so kommen mußte,« flüsterte er, »Giovanna, ich wußte, daß Ihr mich liebtet!«

Sie erhob den Blick zu ihm.

»Ja, Arthur, ich liebe Euch,« sagte sie, »aber das darf nicht sein! Geht darum hinweg, die Welt ist so groß, daß Ihr nicht nöthig habt, mir zu begegnen. Geht mit Gott und lebt wohl!«

»Nimmermehr,« rief er, »ihre Hand ergreifend, »nimmermehr! Giovanna, ich lasse von Euch nicht – und sollte es mir das Leben kosten! Kommt, folgt mir, verlaßt dieses Schloß heimlich mit mir, und –«

Er konnte nicht aussprechen, denn ein Schuß ertönte, es blitzte in der Luft und Arthur Werner sank von Blut überströmt zusammen. Giovanna's Gemahl hatte den Schuß abgefeuert.

»Nimm Deinen Lohn, Bube,« sagte er kalt, »denn Du wolltest mein Weib verführen! Komm, Giovanna, ich zürne Dir nicht, denn Du hättest dem Nichtswürdigen widerstanden!«

Aber Giovanna hörte nicht – starr, mit thränenlosen Augen sah sie nieder auf Arthur Werner's leblose Gestalt.

Das entsetzliche Ereigniß hatte die heitere Hochzeitsgesellschaft hineingelockt in das Gemach; ruhig und kalt erklärte der Prinz den Vorgang. Der Fürst d'Albano erfaßte seiner Tochter Hand:

»Komm, mein geliebtes Kind,« sagte er zärtlich, »komm in Deine Gemächer, denn das ist kein Anblick für Dich – er ist todt –«

»Todt!« schrie Giovanna auf, »todt!« murmelte sie ruhiger und mit klangloser Stimme, und wankte aus dem Zimmer.

Niemand wußte, wohin sie gegangen – nirgends fand man sie. Aber als der Morgen wiederkehrte, da sah man die blauen Wellen des Lago maggiore eine Frauengestalt tragen – umflossen von goldnem Haar, in welchem in den ersten Strahlen der Morgensonne ein fürstliches Diadem von Diamanten blitzte – das war Giovanna d'Albano.

Ob sie ihren Tod durch eine Unachtsamkeit oder mit Willen gefunden, das wissen nur die Nixen des See's und die weißen Wasserrosen, die ihre blendenden Kelche herunter neigen nach den fluthenden Tiefen – Und ein leises Singen und Klingen durchzittert die Luft, bewegt die Wellen, die so liebevoll den schönen Körper der Giovanna umschlingen, um ihn hinunter zu ziehen nach den feuchten Tiefen, wo es schöner leuchtet, als die blitzenden Brillanten in dem goldenen Haar der Principessa es vermögen.


* * *


Der fremde junge Maler Arthur Werner aber war nicht todt – die Kugel des deutschen Prinzen hatte ihn wohl getroffen, aber sie hatte ihm nicht das Leben genommen; durch die Kunst eines weisen dottore war er dem Leben erhalten geblieben. Und was aus ihm geworden ist? Ein wüster Gesell und ein berühmter Maler. Er lebt jetzt nicht mehr – Staub und Asche sind seine Gebeine geworden; nur der deutsche Prinz lebt noch, er ist unvermählt geblieben.

Mein lieber Leser, wohl war die Geschichte traurig, die ich erzählt habe, aber sie ist wahr –


»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht,
Er fiel auf die zarten Blaublümelein,
Die sind verwelket, verdorret.« –




Giacinta.

»In keinem Städtchen langt er an,
Wo er's nicht Mancher angethan.«
Goethe.


Vor mir auf dem Schreibtisch liegen vergilbte Papiere, Briefblätter, Tagebücher – ihr Inhalt füllt meine Augen mit Thränen, denn sie erzählen die Geschichte eines edlen, leidenschaftlichen, gebrochenen Frauenherzens, welches den Stürmen, die das Leben durchbrausen, nicht gewachsen war. Ich habe sie geliebt, die schon lang' unter der kühlen Erde ruht, geliebt, wie eine Mutter ihr Kind liebt, wie Schwestern einander lieben, und doch hab' ich's nicht abwenden können von ihrem Haupt das grausame Geschick, welches mit rauher Hand die Blumen knickt und sie dann verwelkt in alle Winde streut.

Inmitten dieser vergilbten Papiere steht ihr Porträt, ihre edlen, scharfgeschnittenen Züge, deren jeder von vollkommener Schönheit spricht, ihre herrlichen, dunklen, träumerischen Augen von jener Sammetschwärze, wie Murillo sie zu malen pflegte, diese Augen blicken zu mir herüber, der feine Mund ist halb geöffnet und scheint reden zu wollen, die schweren, gekrausten schwarzen Haare legen sich um ihre Alabasterschultern, und ich – muß weinen!

Ich will die Geschichte dieser herrlichen Frauengestalt erzählen, wie ich sie selbst erlebt und wie sie in diesen vergilbten Briefblättern steht.

An den Ufern des Rheins, wo dieselben den schönsten Reiz der Natur bieten, liegt hoch erhaben über den smaragdenen Wassern ein stolzes, großes Schloß, im reinsten Styl der Renaissance erbaut. Die Parkanlagen um dasselbe mit ihren Fontainen, Terrassen, Blumen- und Baumgruppen waren ganz der Pracht des Schlosses angemessen und die einzige Besitzerin desselben war die verwittwete Gräfin Brandegg, die oberste und erste Repräsentantin derer von Brandegg, welche bei wichtigen Gelegenheiten die übrigen Glieder und Linien der Familie zusammenzuberufen hatte zum Familienrath, in welchem jedoch nur Majorenne Stimme hatten.

Ich hatte das Glück, seit meinem zwanzigsten Jahre Schloß Brandegg zu bewohnen, nannte die Gräfin Tante, und wußte nicht, wie ich dazu kam, da eine Verwandtschaft zwischen uns nicht bestand. Ich wußte nur, daß meine Mutter eine Jugendfreundin der Gräfin gewesen war, und letztere hatte mich, die mittellose Waise, als Gesellschafterin zu sich genommen und in edelster Weise für mich gesorgt. Unsere Charaktere paßten nicht zu einander, wir verstanden uns jedoch und mit den Jahren wurde das Verhältniß recht freundschaftlich zwischen uns Beiden. Mein Name ist Anna von Plenken und in dem Zeitpunkt, da ich meine Erzählung beginne, hatte ich fünfzehn Jahre bei der Gräfin Brandegg gelebt, befand mich mithin schon längst in dem Register der alten Jungfern. So hatten die Gräfin und ich still gelebt und einsam, etwa ausgenommen einige Verwandtenbesuche und die zwei großen Diners, welche alljährlich auf Brandegg absolvirt wurden, denn seit meine Tante Wittwe war, wurde ihr Verkehr mit der Welt nur auf die zur Repräsentation der Familie nothwendigen Dehors beschränkt.

Ein ungeheurer und ungemäßigter Ahnen- und Adelsstolz war der Erbfehler aller derer, welche den Namen Brandegg trugen, und es schien, als ob meine Tante, als Erste der Familie, denselben in besonders hohem Grade besäße. Ein Jeder hält auf seinen Namen und hängt ihm mit Liebe und – Hochmuth an, denn er hält ihn für den besten. Dagegen läßt sich Nichts sagen und ich schwärme sehr für den Nimbus, den alle Namen und Wappen für mich haben, ich halte sogar etwas Hochmuth für nothwendig, aber derselbe darf nicht ausarten, sonst nenne ich ihn Erbfehler.

Wie gesagt, meine Tante war hochmüthiger als ihre ganze Sippe, und diesem Hochmuth wurde noch mehrere Jahre vor meinem Einzug auf Brandegg dadurch ein arger Stoß versetzt, daß ein jüngerer Bruder des damals lebenden Grafen eine Mesalliance einging, welche die Empörung der ganzen Familie hervorrief. Graf Carl war rasch, rascher als die kühnste Phantasie vermuthen konnte, mit seinem Vermögen, wie man so sagt, fertig geworden und befand sich bald in recht schlechten Verhältnissen. Der Gatte der Tante Christine auf Brandegg half ihm oft recht brüderlich aus, und als Graf Carl einst wieder eine bedeutende Summe erhalten hatte, ging er damit nach Italien. In Mailand an der Skala hörte er die berühmte Diva, Signora Enriquetta Cattanea singen und liebte sie. Die stolze, verwöhnte und reiche Sängerin erhörte bald den bildhübschen Forestiére und eines schönen Tages langte auf Brandegg die Verbindungsanzeige der Beiden an. Erst soll es gewaltigen Sturm gegeben haben in dem alten Schloß, dann Familienrath und zuletzt wurde die Affaire todtgeschwiegen.

Nach kaum zwei Jahren langte eine Todesanzeige auf Brandegg an. Graf Carl berichtete mit wenig kargen Worten den Tod seiner Gemahlin, indem er hinzufügte, daß er sein Domicil in Gesellschaft seiner kleinen, einjährigen Tochter fernerhin in einer kleinen Stadt der Schweiz aufschlagen würde.

Der Brief wurde schweigend bei Seite gelegt und keine Silbe wurde fernerhin über dies Ereigniß gesprochen.

Der Gemahl der Gräfin Christine starb, nachdem ich etwa fünf Jahre auf Brandegg gewesen war. Kaum ein halbes Jahr nachher lief von Vevey die Nachricht ein, daß auch Graf Carl daselbst gestorben sei, und hier sah ich zum ersten Mal, daß meine Tante auch für Solche, die ihre Vorurtheile verletzten, ein Herz hatte. Sie reiste sofort selbst in meiner Gesellschaft nach Vevey ab und dort fanden wir die kleine achtjährige Waise, ein braunes Kind mit brennend schwarzen Augen und wirren Locken derselben Farbe, die einen nicht unbeträchtlichen Stolz für ihre Jahre besaß. Sie attachirte sich jedoch sofort an mich und erzählte mir Märchen in einem reizenden Gemisch von deutsch und italienisch. Tante Christine ordnete, was bei Gericht und sonst noch zu ordnen war, dann reisten wir mit der kleinen Giacinta ab und brachten sie in ein renommirtes Damen-Institut in der Schweiz, woselbst sie bis zu achtzehn Jahren bleiben, nach diesem Zeitraum aber die Comtesse Brandegg zu ihrer Tante kommen sollte, um dann das Nähere über ihr ferneres Schicksal zu erfahren.

Das arme, kleine Mädchen that mir damals von Herzen leid, da sie nicht viel besser behandelt werden sollte, als ein Automat, der sich nur nach dem Willen Anderer bewegt. Nur Eins half mir über dieses Mitleid hinweg, das war ein gewisser Ausdruck der schwarzen Augen Giacinta's, welcher mir sagte, daß in diesen wirren Lockenköpfen Trotz sitze, Charakter und Stolz, und daß es den hochmüthigen Brandeggs in Folge dessen vielleicht nicht leicht werden dürfte, nach ihrem Willen mit Giacinta zu verfahren.

Die Jahre vergingen. Regelmäßig zu Ostern und Weihnachten kam die Censur Giacinta's aus dem renommirten Institut in der Schweiz an Tante Christine an und regelmäßig lautete es gleich. Fleiß: Im Ganzen lobenswerth. Betragen: Oft heftig und aufbrausend; hat sich noch sehr zu menagiren. Das war das Blut der Mutter, das sich gegen allen und jeden Zwang empörte.

Endlich kam Giacinta's achtzehnter Geburtstag und mit diesem sollte sie das Institut verlassen und nach Brandegg kommen. Es wurde für sie ein reizendes Zimmer eingerichtet, und ich muß gestehen, daß ich mit großer Spannung das kleine, schwarze Mädchen erwartete. Meine Tante und ich saßen am Tage ihrer zu erwartenden Ankunft in dem Zimmer der Ersteren.

Meine Tante nahm ihren gewohnten Platz am Fenster mit der herrlichen Perspective des Rheins ein, und ließ wie gewöhnlich ihre durchsichtig weißen Hände mit den blitzenden Juwelenringen müßig auf der starren, schwarzen Seide ihres Kleides ruhen. Tante Christine war noch heut eine Schönheit, aber sie war eine solche, die kalt läßt. Niemand bewundert mehr als ich weibliche Schönheit, aber ich verlange von einer solchen, daß sie seelenvoll ist und nicht allzusehr an die tadellose und marmorkalte Schönheit der Venus vom Capitol erinnert. Die Züge meiner Tante waren vollkommen den Regeln der Schönheit entsprechend, wie die griechischen Götterbilder uns dieselbe zeigen, und ihre hellen, kalten Augen machten auch vollkommen den Eindruck der leblosen Augenhöhlen einer Statue. Schneeweißes Haar rahmte das edle Oval ihres Antlitzes ein und kostbare schwarze Spitzentücher trug sie stets über demselben arrangirt. Ich saß in geringer Entfernung von meiner Tante und las ihr einen Roman von Balzac vor, aber ich war nicht bei der Sache, denn ich lauschte fortwährend auf das Rollen der Equipage, welche die Comtesse Brandegg von der Eisenbahnstation abholen sollte.

Endlich ertönte das Rollen und der Kammerdiener meiner Tante meldete:

»Baron Alfred Ostenburg!«

Welche Enttäuschung!

Baron Ostenburg war ein Neffe meiner Tante, der Sohn ihrer Schwester und unweit von Brandegg waren seine Eltern ansässig. Er war ein schöner, hochgewachsener junger Mann, eine echte Lohengringestalt und führte den Beinamen: der Rattenfänger von Hameln, weil die Welt der Damen ihn fast über Gebühr bewunderte und verwöhnte, nicht nur um seiner blonden, echt altdeutschen Schönheit Willen, sondern auch wegen seines Violinspieles, in welchem er freilich den ersten Künstlern gewachsen war.

Er wartete übrigens nicht erst die Erlaubniß, einzutreten, ab, sondern folgte dem meldenden Kammerdiener auf dem Fuße, schön, elegant und seines Sieges gewiß, wie immer. Er küßte meiner Tante die Hand, fragte nach ihrem Befinden und machte mir eine leichte Verbeugung. Ich existirte eigentlich nur halb für ihn, ich mochte ihm wohl zu alt für eine Eroberung erscheinen, und sprach er je mit mir, so waren es gewiß Wortgefechte, in denen wir uns ergingen. Ich sagte, ich fand, daß ihm der Name des Rattenfängers von Hameln mit Recht zukam, und ich füge hinzu, daß es mir damals schien, sein Charakter sei diesem Namen angemessen: leichtfertig und grausam. Die Folge wird lehren, in wie weit ich Recht hatte.

»Nun, chére tante, ist Ihre kleine Italienerin schon angelangt?« fragte er, sich setzend.

»Aha, Du bist neugierig, sie zu sehen, und Dein Besuch gilt nicht mir,« meinte Tante Christine spöttisch. Sie wurde, als das Haupt der Brandeggs, nur mit »Sie« angeredet.

»Neugierig?« wiederholte Alfred lachend, »vielleicht Tante Christine, die Kleine interessirt mich schon wegen des heillosen Spectakels, den die Vermählung ihres Vaters unter den Brandeggs hervorgerufen haben soll.«

»Und das mit Recht,« sagte die Tante scharf, »wir durften eine solche Mesalliance in unserer Familie nicht stillschweigend dulden!«

»Ich verstehe – Ihr habt sie also mit möglichst viel Lärm geduldet – aber dulden mußtet Ihr sie,« warf Alfred sarkastisch hin.

Meine Tante erröthete vor Aerger bis an die Stirn.

»Es kommt Dir nicht zu, die Handlungen der Brandegg zu tadeln,« sagte sie schneidend.

»Ich werde mir diesen Wink ad notam nehmen, »entgegnete Alfred mit einer ironischen Verbeugung und fügte, mich anlachend, hinzu: »Fräulein von Plenken, das gilt auch für Sie – hören Sie stets in stummer Bewunderung den Rathschlüssen der Brandeggs zu, halten sie dieselben für göttliche Offenbarungen und erlauben Sie sich auch selbst keine tadelnden Gedanken, denn –«

»Alfred, Du bist heut unausstehlich,« schnitt ihm die Tante das Wort ab. Sie war offenbar sehr geärgert, denn Alfred liebte es, die aristokratische Unnahbarkeit seiner Verwandten lächerlich zu machen.

»Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre gute Meinung,« erwiderte Alfred und fragte dann: »Aber ich weiß noch immer nicht, ob »la Giacinta« schon angekommen ist?«

»Noch nicht,« sagte Tante Christine und fügte hinzu: »Ich hasse diesen italienischen Namen, denn er erinnert mich fortwährend an den Flecken in unserem Stammbaum. Ich habe beschlossen, diesen Namen in's Deutsche zu übertragen und la jeune Brandegg Hiazintha zu nennen!« –

»Ja, wenn sie sich so nennen läßt,« opponirte Alfred. Er opponirte nämlich immer aus Princip.

»Sie wird müssen,« erwiderte die Tante mit eisiger Kälte.

»Kein Mensch muß müssen,« läßt Lessing seinen Nathan sagen,« warf Alfred hin.

»Ich habe nicht begehrt, den demokratischen Ausspruch Deines Lessing zu hören,« entgegnete Tante Christine hochmüthig.

In demselben Augenblick hörten wir den Wagen in die Einfahrt rollen. Meine Tante strich ihr Haar glatt, und setzte ihre unnahbarste Miene auf. Ich legte mein Buch in den Schooß und Alfred sprang auf, um sich dann graziös an den Fensterpfeiler zu lehnen. In diesem Moment war er ganz der Rattenfänger von Hameln, nur die Geige in seiner Hand fehlte, um die Angekommenen sofort in seinen Zauberbann zu ziehen.

»Comtesse Brandegg,« meldete der Kammerdiener und schlug die Portiere zurück.

In dem Rahmen der Thüre erschien eine hohe, schlanke, ebenmäßig schöne Gestalt im einfachen grauen Kleide. Der Kopf war wunderbar, bezaubernd mit seinem farblosen, reinen Teint und den brennend schwarzen Augen. Das schwarze Haar war kraus und sehr stark, es war in zwei Flechten geordnet, welche den Hinterkopf zierten. Das also war das wilde braune Mädchen aus Vevey, eine tadellose Schönheit und doch so seelisch belebt, so unendlich anziehend! Sie überflog unseren kleinen Kreis mit schnellem Blick und trat dann zu der Tante, welche sie kalt musterte.

»Willkommen auf Brandegg,« sagte sie endlich feierlich.

Giacinta beugte sich herab und küßte die Hand der Tante.

»Ich schulde Ihnen vielen Dank, Frau Gräfin,« sagte sie mit unendlich wohlklingender Stimme, »denn Sie haben sehr gütig an mir gehandelt!« –

Tante Christine beugte bejahend den Kopf.

»Ich habe Dich lernen lassen, was eine Brandegg wissen muß,« sagte sie gnädig, »und ich hoffe und wünsche, daß Du nie vergessen wirst, welchen Namen Du trägst – einen edlen, alten Namen, der sich bis in die grauesten Zeiten verliert!«

»Ich weiß,« erwiderte Giacinta lebhaft, »mein Papa erzählte mir von den zweiunddreißig Ahnen der Brandeggs! Aber der Stammbaum der Cattanea's, der alten Florenzer Patrizierfamilie, zählt deren noch mehr, und ihr Name ist edler, denn er ist mit Lorbeeren bedeckt!«

Um den Mund meiner Tante spielte ein häßliches Lächeln.

»Lorbeeren?« fragte sie spöttisch, »Du meinst wohl die Lorbeeren, welche Deiner Mutter zugeworfen wurden, wenn sie auf der Bühne eine Bravourarie vollendet hatte? In diesem Falle ließe sich der Lorbeer freilich mit Scheffeln messen.«

Ueber Giacinta's schöne Züge breitete sich eine tiefe Röthe und sie trat einen Schritt zurück.

»Sie wollen mich beleidigen, indem Sie meine Mutter schmähen,« sagte sie mit bebender Stimme, »das hat Madame Vernies, die Vorsteherin unserer Pension, nie gethan, denn sie war sehr tactvoll! Wenn Sie im Sinne haben, mich immer so zu behandeln, so lassen Sie mich zu Madame Vernies zurückkehren – ich habe sie ohnedem ungern verlassen!«

»Du wirst hier bleiben,« ließ sich meine Tante hart vernehmen, »denn ich habe über Dich zu bestimmen. Ich liebe Deine Art und Weise nicht – nun, wir wollen sehen, wie Du Dich hier benehmen wirst! – Du siehst hier Deinen Vetter, Baron Alfred Ostenburg und Fräulein Anna von Plenken. Dieselbe wird die Güte haben, Dir Dein Zimmer zu zeigen, damit Du Toilette zum Thee machen kannst!«

Alfred ergriff sofort die Hand seiner neuen Cousine und küßte sie galant. »Madonna mia,« sagte er, »nehmen Sie mich freundlichst auf in die Liste Derer, denen Sie Ihre Huld widmen. Ich habe mich schon lange auf den Augenblick gefreut, der mich mit Ihnen zusammenführte.«

Giacinta warf einen raschen Blick auf ihn.

»Vergessen Sie nicht,« sagte sie bitter, »daß Sie diese Worte zu der Tochter der Sängerin sprechen, welcher man, wenn sie eine Bravourarie gesungen hatte, den Lorbeer scheffelweise auf die Bühne warf!«

»Grade um dieses Lorbeer's willen, der mein höchstes Ziel wäre, beneide ich die Diva Cattanea,« erwiderte er, »denn: ›La vita é corta, e l'arte é lunga!‹«

Giacinta schlug voll ihre herrlichen Augen zu ihm auf und lächelte – und mich ergriff eine heiße Angst, daß der »Rattenfänger« sein Handwerk übte! Ich sagte ihr deshalb, daß ich sie in ihr Zimmer führen wollte und sie folgte mir sofort.

»O, wie herrlich ist's hier,« sagte sie, in das Erkerfenster ihres Zimmers tretend, indem sie wie gebannt das reizende Panorama des Rheins mit seinen im Herbstschmuck liegenden Ufern betrachtete, »wie schön ist doch die Welt!« –

Dann trat sie seufzend hinweg und sah mich an.

»Als mich damals die Gräfin Brandegg von Vevey abholte,« sagte sie, »wurde sie von einer Dame begleitet, die sehr freundlich zu mir war, so freundlich, daß ich's heut noch nicht vergessen habe –«

»Ich bin diese Dame,« fiel ich ihr in's Wort, »und ich möchte gern die erwachsene Comtesse Brandegg ebenso in mein Herz schließen, wie ich es damals mit dem kleinen, braunen Mädchen gethan habe. –

Giacinta, ich glaube, Sie werden sich hier nicht recht heimisch fühlen, hier ist man kalt und versteht nicht, was ein junges Herz bewegen kann!«

»Ich hab's gefühlt,« murmelte sie und fügte dann herzlicher hinzu: »Ach, wenn Sie mich lieb haben könnten – ich bin so freundlos und allein in der Welt, nur Madame Vernies liebt mich, und die werde ich nie wiedersehen. Ja, wenn ich in Italien wäre, aber hier, hier ist's so frostig und die Menschen haben einen kalten Reif über ihren Herzen –«

»Nicht alle, Giacinta!«

»Nein – Sie nicht und –« sie stockte.

Ich fühlte, daß sie verlegen war und half ihr darüber hinweg, indem ich ihr einige Winke über ihr Benehmen der Tante gegenüber gab.

»Ich soll mich verstellen?« rief sie heftig, »nein, das vermag ich nicht.«

»Nicht verstellen, Giacinta, Sie sollen nur klug handeln. Und wenn Sie ähnlichen Scenen, wie der vorhin entgehen wollen, so schweigen Sie lieber in der Tante Nähe, oder sprechen Sie nur von gleichgiltigen Dingen, berühren Sie nur Gemeinplätze.«

Sie dankte mir für meinen Rath und ich half ihr Toilette machen, die natürlich sehr einfach war: Ein weißes Kleid, und im Haar, welches sie auflöste, daß es in mächtigen Wellen lang herabfloß, wie an der Brust eine blühende frische Bourbon-Rose – eine Toilette, deren Einfachheit Andere vielleicht niedergedrückt hätte, welche ihrer Schönheit indeß keine Einbuße that, obwohl ich mir gestand, daß kostbare Stoffe und Edelsteine vielleicht die passendste Draperie ihrer Schönheit bilden könnten.

Im Thee-Salon fanden wir außer der Tante und Alfred noch einen Major Brandegg und dessen Frau, welche zum Besuch da waren, vor.

Alfred war sofort an Giacinta's Seite und versorgte sie auf das Zuvorkommendste mit Backwerk und Thee, indem er ihr wahrscheinlich Schmeicheleien zuflüsterte, denn ich sah sie oft heftig erröthen oder in ihrer seltsamen, herzbethörenden Weise lachen.

Nachdem der Thee genommen war, gingen wir in den Musiksaal, wo der herrliche Erard'sche Flügel stand, auch Alfred's Geige war da, er hatte sie gewiß von Ostenfelde holen lassen, da dasselbe nur eine halbe Meile von Brandegg entfernt war.

Ich pflegte sein Spiel, wenn er es bei uns hören ließ, auf dem Flügel zu begleiten und setzte mich daher sofort an denselben, indem ich meine Hände präludirend über die Tasten gleiten ließ. Alfred nahm seine kostbare Stradivari aus dem Kasten, prüfte die Stimmung und legte mir dann die Elegie von Ernst vor. Ich war an seine Wahl schon gewöhnt, er spielte zum Anfang immer solche Piecen, die sich wie Syrenensang in Aller Herzen schleichen – das Lied des Rattenfängers. Gewöhnlich ließ er demselben eine Piece folgen, in welcher er seine enorme Technik zeigte und durch dieselbe seine Zuhörer in athemlose Spannung versetzte.

Ich begann also die Begleitung der »Elegie« – und seine Geige sang dazu so bezaubernd, glockenrein und märchenhaft, daß ich kaum die Töne der Begleitung anzuschlagen wagte und dem Schmetterling zürnen wollte, welcher lautlos wie ein Traum durch das offene Bogenfenster hereinschwebte. In solchen Momenten unterlag ich selbst dem Zauber des »Rattenfängers von Hameln,« und begriff vollkommen, daß alle Welt ihm huldigte.

Der letzte Ton war verhallt, leise bebend, und ich sah auf, um Giacinta's bleiches Gesicht zu sehen, wie sie mit weitgeöffneten, thränengefüllten Augen verloren in die Ferne blickte.

Vetter Brandegg, welcher mit seiner Gattin uns immer mit längeren Besuchen beehrte, und sich für verpflichtet hielt, das große Wort zu führen, fing an zu applaudiren, daß die Wände zitterten, indem seine dröhnende Baßstimme ein Bravo nach dem andern erschallen ließ. Bei diesen Zeichen des Beifalls, die Alfred nur mit Achselzucken entgegennahm, erwachte Giacinta erst aus ihrer Betäubung. Sie schritt auf Alfred zu und reichte ihm beide Hände.

»Das nenne ich Musik,« sagte sie lächelnd unter Thränen, »und Sie verstehen zu zaubern –«

»Ich wollte, ich könnte es,« erwiderte er, ihre Hände küssend, »aber ich wette, Sie sind auch musikalisch,« setzte er hinzu, »denn wenn man Giacinta heißt und die Tochter einer Diva der Scala ist, muß man musikalisch sein!« –

»Ich habe die Stimme meiner Mutter geerbt,« entgegnete sie lächelnd.

Der Tante Christine war dieses Gespräch entschieden unangenehm, denn es handelte ja von einem mißliebigen Thema. Sie sagte daher so kalt wie möglich:

»Ich liebe Naturstimmen nicht und ziehe geschulte vor. Jedenfalls hat Deine Stimme keine Ausbildung genossen und würde daher durch falsche Töne das Ohr beleidigen.«

»Sie irren, Frau Gräfin,« erwiderte Giacinta, »ein berühmter Professor der Gesangskunst hörte mich einmal im Institut ein kleines Lied singen und übernahm es sofort, mich freiwillig zu unterrichten. Da er sich wegen seiner Gesundheit immer in Montreux aufhielt, so hatte ich das Glück, drei Jahre von ihm unterrichtet zu werden«

»So –? Nun wir wollen sehen.«

Giacinta setzte sich ohne Ziererei sofort zum Flügel und sang ein süßes, einfaches Lied von Frühling und Liebe mit heller, glockenreiner Stimme voll Seele und Gefühl, daß Einem ihr Gesang unmittelbar zum Herzen drang. Ich zweifle, daß die Diva Enrichetta Cattanea besser gesungen hat, als ihre Tochter; wenn sie ebenso gesungen hatte, dann war der Schritt deß Grafen Carl zu begreifen.

Ich stand, während Giacinta sang, mit Alfred in einer Fensternische dem Flügel gegenüber. Er war oder schien tief bewegt, denn er sagte, als sie geendet hatte:

»O diese Stimme – ich glaube, sie könnte Sünder zur Buße führen! Was sind gegen sie meine elenden Katzensprünge auf den vier Saiten der alten Geige?«

Ich glaube, ich habe Alfred in diesem Augenblick gern gehabt. Es gab überhaupt Momente, wo ich es that; er war eben eine problematische Natur, und ich bin nie klug aus seinem seltsamen Charakter geworden.

An diesem Abend sang Giacinta noch mehrere Lieder mit dramatischem, kunstgerechtem Vortrag, mit dem ganzen Zauber ihrer herrlichen Stimme, und ich hörte Alfred zu ihr sagen:

»Wenn Sie nicht die Comtesse Brandegg wären, Madonna mia, so müßten Sie den Namen Cattanea in der Kunst neu aufleben lassen.«

»Ja, wenn,« entgegnete lachend Giacinta, »aber an diesem »Wenn« scheitern oft alle Hoffnungen.«

Er sah ihr sinnend in das schöne Gesicht.

»Würde das Leben auf den Brettern Ihren Wünschen entsprechen?« fragte er langsam.

»Ganz der Kunst leben zu dürfen, ist das höchste Ziel meiner Wünsche,« sagte sie leise und schnell.

»So mein' auch ich,« erwiderte Alfred feurig, »wie gern wollte ich meinen Titel an den Nagel hängen, um ein Künstler zu sein, ein Künstler, der die ganze Welt sein Eigen nennt. Was wissen die Leute hier von Kunst-Enthusiasmus? Bah – nichts, gar nichts.«

»Und warum ziehen Sie nicht in die schöne Welt hinaus mit Ihrer Stradivari, um ein Künstler zu werden?« fragte Giacinta heftig, »warum werfen Sie die Fesseln des Vorurtheils nicht von sich?«

Alfred zuckte mit den Achseln.

»Der einzige Stern, der mich hinausführte, wäre der Ruhm,« sagte er, »und ich meine, es bedarf noch eines anderen Sternes, der Einem leuchtet auf dem Wege zum Ruhm. Dieser Stern hat mir noch nicht gelächelt.«

»Welchen Stern meinen Sie?« fragte Giacinta verwundert.

»Sie kennen ihn nicht, contessina?« er lächelte, und seine schönen Augen blitzten zu ihr herab.

»Nein, ich kenne ihn nicht.«

»Dieser Stern ist die Liebe. Oder sollten Sie noch nicht gehört haben, daß der echte Künstler es erst durch die Liebe wird?«

Sie sah fragend zu ihm auf und schüttelte mit dem Kopf.

»Nein, das wußte ich nicht,« sagte sie naiv, »bei Madame Vernies wurde das nicht gelehrt.«

Ein Lächeln flog über Alfred's Züge, aber es war nicht sein gewöhnliches spöttisches Lächeln, das er besonders gern jungen Damen gegenüber anwendete, es war eher ein Lächeln der Bewunderung.

»Ich glaube wohl, daß Madame Vernies das nicht lehrte. Sie haben dort Alles gelernt, was eine fashionable junge Dame wissen muß, Giacinta mia, aber eins haben weder Sie, noch ihre Mitschülerinnen gelernt.«

»Nun, das ist? »fragte sie neugierig.

»Die Weltklugheit,« entgegnete er.

»Und wo wird diese gelehrt und wer lehrt sie?« –

»Die Welt,« entgegnete er kurz, wendete sich ab, legte Noten auf den Flügel und bat mich, ihn zu begleiten. Er spielte den Hexentanz von Paganini und jedesmal, wenn ich denselben von ihm hörte, drängte sich mir der Gedanke auf: er besitzt eine unheimliche Technik, denn es schien Einem gar nicht, als ob Menschenhände diese sinnverwirrenden Sextengänge, Octavsprünge und Cadenzen hervorzaubern könnten. – Wenn Alfred den Hexentanz spielte, dann fürchtete ich mich fast vor ihm und seinem dämonischen Spiel, und ich athmete an jenem Tage ordentlich auf, als er sein Pferd zum Nachhauseritt vorführen ließ.

Ich ging an demselben Abend noch in Giacinta's Zimmer, da ich verfehlt hatte, ihr eine gute Nacht zu wünschen.

Ich traf sie, an das Fenster gelehnt, scheinbar versenkt in den Anblick des mondbeglänzten Rheins, welcher einen wahrhaft zauberischen Anblick bot.


»Mondbeglänzte Zaubernacht,
Die den Sinn gefangen hält,
Wunderbare Märchenwelt,
Steig' auf in der alten Pracht.«


Ich sprach diese Worte Ticks, als ich ihr leise näher trat.

»Welch' schöne Verse,« sagte sie, ich glaube, es ist mir Aehnliches in den Sinn gekommen, als ich hier so stand – ich träumte mit sehenden Augen ein Märchen von Elfen und Feen, und dazwischen brauste und fluthete der wilde Reigen des Hexentanzes. Es ist ein sinnverwirrendes Musikstück!«

»Ja, und Sie verflechten es so poetisch in Ihr geträumtes Märchen, Giacinta,« sagte ich.

»Poetisch? Ich möchte es sein – wenigstens besitzt die Poesie einen magischen Zauber für mich. – Baron Ostenburg ist ein großer Künstler.«

»Er ist der Rattenfänger von Hameln,« sagte ich lachend.

Sie fragte mich begierig, wer das sei, und ich erzählte ihr das hübsche deutsche Märchen vom Rattenfänger, wie er nach Hameln gekommen war, um dort die zahllose Masse Ratten gegen die Summe von fünftausend Goldgulden zu vertreiben. Der Magistrat hatte ihm die hohe Summe bewilligt, denn man wußte vor Ratten weder aus noch ein. Da nahm der Rattenfänger seine Flöte und blies darauf eine seltsame Melodie, und aus allen Ritzen und Löchern kamen die Ratten hervor und folgten in hellen Schaaren dem Jüngling, welcher spielend vorausging. Vor der Stadt schürzte er seine Kleider und ging spielend und blasend in den Fluß, und die Ratten folgten seinem Zauber und ertranken. – Als nun der Spielmann kam, sich seinen Lohn zu holen, da wurde ihm derselbe von dem hohen Magistrat verweigert. Da lächelte der Spielmann seltsam und ging auf den Marktplatz, indem er eine neue, weit seltsamere Melodie zu blasen anfing.

Da kamen aus allen Häusern die Jungfrauen von Hameln herfür und folgten, wie vorher die Mäuse, dem Spielmann nach, denn die Melodie seiner Flöte bezauberte sie.

Und er führte die rosigen Mägdelein, aus Rache wegen des ihm vorenthaltenen Lohnes, in den Fluß, daß sie alle ertranken. Der Spielmann aber war verschwunden und Niemand sah ihn wieder!

»Welch' hübsches Märchen,« sagte Giacinta, »der Spielmann hat gewiß den Hexentanz geblasen, um die schönen Mädchen zu verderben. Ich würde diesem Hexentanz auch bis in's Wasser nachgehen.«

»Brr« – sagte ich, »ich ginge lieber der Elegie nach. Paganini's Werk ist mir zu dämonisch.«

»Eben deshalb – ich liebe das Dämonische,« rief Giacinta lebhaft.

Ich fand, daß es schon sehr spät war und sagte meiner jungen Freundin gute Nacht. Sie erwiderte herzlich diesen Wunsch und ich ging. Mein Zimmer lag neben dem ihrigen und ich hörte sie noch lange umherwandern und halblaut sprechen. Endlich verstand ich ganz deutlich folgende Worte in italienischer Sprache:

»Ich möchte wissen, wie der Stern aussehen müßte, der ihm heraufleuchten sollte zur Höhe des Ruhmes?«

Ich war einigermaßen erschreckt durch diese Worte, – hatte der Rattenfänger von Hameln nicht umsonst seine dämonische Musik ertönen lassen, hatte sein räthselhafter Zauber auch schon diesem jungen Herzen den Frieden geraubt, und so schnell?

Wer wußte es? – – –

– – – – – – – – –


Und sprich: Wie kommt die Liebe?
»Sie kommt, und sie ist da.«


– – – – – – – – –


Und sprich, wie redet Liebe?
»Sie redet nicht, sie liebt!«
Halm.


Giacinta's Stellung in Brandegg war fast dieselbe geblieben, wie sie sich am ersten Tag gezeigt hatte. Meine Tante hatte einen großen Fehler begangen, indem sie das junge, leicht erregbare Mädchen von Anfang an beleidigte, indem sie ihr die Mutter verspottete. Giacinta hatte ihr das wohl vergeben, aber nicht vergessen, denn sie bewahrte vor der Tante ein sehr reservirtes Benehmen, welches aus dem Mißtrauen entsprang, das die Tante ihr einflößte.

Sie kam indeß wenig mit der Tante zusammen, dieser war jedoch Giacinta's Gesang bald die liebste Unterhaltung, und dadurch wurde meine junge Freundin mehr einer Conversation enthoben, die beide Theile mit gleichen Kräften zu führen verstanden.

Ich hatte in dieser Zeit genügend Gelegenheit, Giacinta's Charakter kennen zu lernen, das Resumé war kurz und einfach: edel, großmüthig und ohne Falsch.

Alfred Ostenburg kam alle Tage nach Brandegg und bald war es das einzige Gespräch der Umgegend, daß er sterblich in die schöne Italienerin, wie man Giacinta nannte, verliebt sei.

In einer Gesellschaft, verbunden mit Ball, welche auf Brandegg gegeben wurde, tanzte Alfred nur mit ihr, und ließ den übrigen blühenden Flor der jungen Damen gänzlich unbeachtet, was natürlich große Sensation hervorrief.

Giacinta bewegte sich in Gesellschaft mit einer staunenswerthen Sicherheit, was um so mehr zu bewundern war, als sie eben erst die Pension verlassen hatte, und solche junge Damen sind gewöhnlich dann recht schüchtern und unbeholfen.

Alfred's Auszeichnungen an diesem Ballabend waren wirklich auffallend. Im Cotillon brachte er ihr ein eigens bestelltes, prachtvolles Bouquet und sie schmückte ihn dafür mit einem glänzenden Stern.

Als kurz nach ihr eine andere Dame ihm ebenfalls einen Orden brachte, dankte er so unhöflich wie möglich dafür, indem er sagte: »Meine Gnädigste, diese Decoration duldet keine andere neben sich.«

Ein Anderer hätte das nicht wagen dürfen, Alfred war Alles erlaubt, und man betrachtete seine Unarten wie Orakelsprüche, natürlich nur die Damen. Solch' ein Lion der Gesellschaft darf sich eben Alles herausnehmen.

Um seine Huldigungen natürlich so auffallend wie möglich zu machen, trug Alfred permanent eine Hyazinthe im Knopfloch; und Giacinta?

Ich machte sie einst auf das Auffallende dieser Huldigungen aufmerksam, und sie lachte und fand es reizend.

»Aber mein Gott,« sagte ich, »man findet in unseren Kreisen solche Ovationen nicht passend!«

»Was gehen mich Ihre Kreise an, Anna mia,« lachte sie, »man hätte viel zu thun, wenn man Jeden nach seiner Meinung fragen wollte!«

»Nein, das ist nicht möglich, aber man muß sich doch nach dem allgemeinen Brauch richten,« sagte ich eifrig und setzte hinzu: »Weisen Sie Alfred's Ovationen zurück, ehe er selbst ihrer überdrüssig wird und die Hyazinthe aus seinem Knopfloch entfernt, um vielleicht eine Rose hineinzustecken.«

Giacinta's schönes Gesicht überzog sich mit dunkler Röthe und sie richtete sich hoch auf.

»Das wird er nie thun,« sagte sie mit erstickter Stimme.

Ich zuckte mit den Achseln.

»Sie kennen ihn nicht,« erwiderte ich, »er hat wohl schon mehr als ein Dutzend Mal die Blumen, denen er huldigte, gewechselt!«

Giacinta sah mich mit einem flehenden Blick an.

»Sagen Sie das nie wieder,« bat sie mich, »ich kann es nicht anhören! Wenn Alfred die Hyazinthe in den Staub wirft, um einer anderen Blume Willen, dann sei mir Gott gnädig!«

Sie wendete sich rasch von mir ab und ich wußte von diesem Augenblick an, daß sie ihn liebte! Ja, Gott sei ihr gnädig, dachte ich und hoffte aus vollem Herzen, daß Alfred's Neigung zu meiner schönen Blume auch so wahr und edel sei, wie die ihrige!

Wir waren während unseres Gespräches im Park spazieren gegangen, jetzt war sie in's Haus geeilt und ich hörte ihre wunderbare Stimme glockenhell und rein aus dem Musiksaal klingen, wie sie das Liebeslied des Antonio Lotti sang:


»Pur dicesti o bocca, bocca bella.«


Dann hörte ich, wie ein Pferd vor dem Portale hielt – wie Giacinta's Gesang verstummte, und bald darauf klang Alfred Ostenburg's Violine hinreißend zu mir hinaus – und mich überkam eine heiße Angst um sie, um ihre Zukunft – wie sollte das enden?

Ein paar Tage später wurde ich zu meiner Tante gerufen. Sie saß ungewöhnlich feierlich in ihrem hochlehnigen Stuhl und ihre Züge sahen starrer, unerbittlicher aus denn je. Mir ahnte nichts Gutes, denn so sah Tante Christine immer aus, wenn sie irgend welchen Entschluß gefaßt hatte.

»Setze Dich,« redete sie mich an.

Ich nahm schweigend ihr gegenüber Platz.

»Alfred ist wieder hier,« sagte sie nach einer Pause.

Ich wußte nichts anderes dieser unleugbaren Wahrheit gegenüber zu sagen, als ein einfaches Ja.

»Das gefällt mir nicht,« fuhr meine Tante fort, »das gefällt mir ganz und gar nicht. Er macht Hyazintha mit einer Ostentation die Cour, die ich nicht billigen kann.«

Ich nickte nur mit dem Kopf, was sollte ich auch sagen?

»Man muß die Beiden also aus einander bringen,« sprach meine Tante weiter, »man muß sie trennen. Ich kann Alfred, dem Sohn meiner Schwester, nicht die Thür weisen, und ich will auch nicht – ebenso wenig dürfte es passend sein, Hyazintha mein Haus zu verbieten. Giebst Du mir Recht?«

Ich that es natürlich, aber ich wartete in fieberhafter Spannung auf das Folgende.

»Ich habe also einen Beschluß gefaßt. Ich werde die Glieder der Brandegg's zusammenberufen zum Familienrath, um in demselben zu beschließen, was mit Hyazintha zu thun ist. Du wirst an alle Brandegg's die Einladung zum Familienrath ergehen lassen, Anna, in meinem Namen, hörst Du?«

Ich hörte nur zu gut und wußte auch, daß Einwendungen unmöglich waren. Tante Christine empfahl mir noch, Stillschweigen Giacinta gegenüber zu bewahren, und ich mußte mich hinsetzen, die Einladungen schreiben. Arme Giacinta – was also über Dich beschlossen werden sollte, darein solltest Du Dich fügen! Ach, wie falsch hatte ich Giacinta beurtheilt, indem ich einfach glaubte, daß sie sich als Spielball ihrer Verwandten benutzen lassen würde!

Irrthum, Irrthum und Wahn! Warum kann das Leben nicht ohne diese sein?

Die Einladungen wurden zur Post befördert, und bald füllte sich das Schloß mit alten, jungen und mittelalterlichen Brandegg's, welche darauf brannten, ihre Nasen in Angelegenheiten zu stecken, die sie Nichts angingen, nach meiner Meinung.

O, wie haßte ich sie Alle, die unter Scherz und Lachen in dem Schlosse einzogen und die ihr herzloses Urtheil über meine schöne Blume sprechen sollten.

Sie sahen sie Alle verwundert an, meine Giacinta, fanden dies und jenes an ihr auszusetzen, lobten diese Bewegung und tadelten jene, um dann schließlich achselzuckend über die Mesalliance ihres Vaters zu sprechen.

Nachdem sie alle versammelt waren die hochweisen Glieder der Brandegg's, und nachdem sie tagelang erst vortrefflich dinirt und soupirt und sich nach Kräften amüsirt hatten, versammelte sich die hochgeborene Gesellschaft in dem riesigen Ahnensaal; die Thüren wurden fest verrammelt, Giacinta und ich zu auswärtigen Ehrenmitgliedern ernannt und der hohe Familienrath begann.

Alfred war in diesen Tagen nicht nach Brandegg gekommen, denn einmal hatte er in Geschäften verreisen müssen, dann aber war ihm keine Einladung zugegangen, und ohne eine solche hätte er unser Schloß auch nicht betreten.

»So viel Köpfe, so viel Sinne,« sagt ein altes, sehr wahres Sprichwort, und so mußte es auch dem »Familienrath« gehen, denn Stunden um Stunden vergingen, ohne daß sie einig geworden wären.

Endlich öffnete sich eine der Thüren, aber nicht um Giacinta zu rufen, sondern um Erfrischungen zu bestellen.

Sekt und Austern wurden hineingeschafft, und bei Sekt und Austern wurde das Schicksal eines Menschen berathen.

Giacinta's Lippen zuckten verächtlich und ein seltsamer, fester Zug, wie ich ihn noch nie an ihr bemerkt, erschien um ihren Mund – dieser Zug flößte mir Angst ein, denn er war der Vorbote der kommenden Tragödie.

Endlich, endlich erschien ein Brandegg aus der hohen Versammlung und beschied uns in den Saal.

Giacinta betrat ihn bleich, aber ruhig, ich erregt und fast zitternd. An der langen Tafel in der Mitte saßen sie Alle, die Richter der Familie, und um sie herum standen halbgefüllte Champagnergläser, lagen leere Austernschalen – ein widerwärtiger Anblick. Tante Christine saß am oberen Ende der Tafel auf dem mit der Grafenkrone geschmückten Stuhl, der wie ein Thronsessel aussah.

»Giacinta,« begann sie feierlich, »die hochgeborenen Glieder derer von Brandegg sind hier um Deinetwillen versammelt – Du wirst die Ehre zu schätzen wissen!«

Giacinta stand mit stolz erhobenem Kopfe vor der champagnernden Gesellschaft.

»Und warum sind alle diese hier?« fragte sie laut.

»Weil wir über Deine Zukunft beschlossen haben. Du bist eine Waise, und obwohl ich Deine Vormünderin bin, so wollte ich dennoch nicht über Dich bestimmen, ohne den Rath der Familie. Du siehst, ich bin Dir sehr gnädig gesinnt! Du hast väterlicherseits kein Vermögen, das Deiner Mutter ist noch während der Lebzeit Deines Vaters aufgegangen. Du besitzest mithin nur einige erbärmliche Pretiosen aus der Glanzzeit Deiner Mutter – nicht der Rede werth! Nun wohlan! Ich will Dich ausstatten, wie es Deinem Stande gebührt, und wie ich eine Tochter ausstatten würde, denn ich habe mit dem hohen Rath meiner Familie beschlossen, daß Du dem Grafen Theodor Brandegg Deine Hand reichen und seine Gattin werden wirst. Ich bin bereit, Deinen Dank für mein echt mütterliches Bemühen entgegenzunehmen!«

Tante Christine schwieg und sofort erhob sich ein junger, einfältig aussehender Mensch, der Familienesel wurde er genannt, und trat auf Giacinta zu.

»Schöne Cousine,« näselte er, »da der Rath der Familie uns zusammengefügt hat – –«

»Sparen Sie Ihre Worte, Herr Graf,« brauste Giacinta auf, »ich bedanke mich für Ihre Versorgung, meine Herrschaften – ich weise sie zurück – verstehen Sie mich?«

»Wahre Deine Zunge –,« zischte meine Tante.

»Weitere Worte sind auch überflüssig,« entgegnete Giacinta verächtlich, »denn diese ganze Comödie ist mir zu widerwärtig, als daß ich sie lange mit ansehen wollte! Ich werfe Ihnen Ihre Wohlthaten vor die Füße, denn ich bin zu stolz, sie anzunehmen, und ich werde allein, ohne Ihre Hilfe, durch die Welt kommen, ohne einen Groschen aus Ihrer Tasche, nur mit Hilfe der elenden Pretiosen aus der Glanzzeit meiner Mutter, die kaum der Rede werth sind! Ich werfe Ihnen die Wohlthaten vor die Füße, wie ich Ihnen den stolzen Namen Brandegg, hinter welchem doch nur Erbärmlichkeit steckt, zurückgebe, ich mag ihn nicht tragen. Behalten Sie Ihre zweiunddreißig Ahnen, ich bedarf ihrer nicht, die Tochter der Enrichetta Cattanea kann allein den Weg durch die Welt machen!«

Sie wendete sich um und verließ den Saal. Ich ging hinter ihr her, gepeinigt von Angst und Kummer, nicht achtend des Wuthausbruches der Brandegg's, welche an dem stolzen Sinn eines jungen Mädchens scheitern mußten.

Giacinta ging in ihr Zimmer und schloß sich daselbst ein. Kein Bitten meinerseits vermochte sie zu bewegen, zu öffnen. So schlich ich mich wieder hinweg, mußte mir schweigend und innerlich empört die wüthenden Aeußerungen des Familienrathes anhören und wußte schließlich nicht, wo ich hin sollte.

Gegen Abend ging ich nochmals vor Giacinta's Thür. Dieselbe war offen und das Zimmer leer. Auf ihrem Schreibtisch lag ein Brief – von einer seltsamen Ahnung durchzuckt, ergriff ich denselben – er trug meine Adresse. Hastig zerriß ich das Couvert, las und las und sank dann weinend in einen Stuhl! Weinend, ja wohl, denn der Inhalt des Briefes schien mir der Bürge für den Untergang Giacinta's.

Die Worte des Briefes lauteten folgendermaßen:


Meine liebe Anna! Ich verlasse Brandegg für immer und werfe einen Namen ab, durch den mir so viel Weh geschehen. Ich lasse der Tante noch danken für das Gute, das sie mir erwiesen, indem sie für mich sorgte bis vor Kurzem, daß sie mich aber wie eine Waare an den Bornirten der Familie verkaufen wollte, um mich los zu werden – dafür fehlen mir die Worte, und es ist bezeichnend für die Denkungsart derer von Brandegg. Sei mir tausendmal gegrüßt, liebste Anna, und – bitte, zürne mir nicht. Ich gehe, um womöglich eine Künstlerin zu werden, – wenn mir das Talent dazu fehlt, – nun dann mag Gott mir helfen. Bringe auch dem Baron Ostenburg meinen letzten Gruß und sage ihm, er möge die Hyazinthe in die Wellen des Rheins versenken – für immer!

Giacinta.

 

Ich konnte mich nur mit Mühe fassen und, als ich es einigermaßen gethan hatte, suchte ich Tante Christine auf.

»Deine Augen sind verweint, Anna,« sagte sie forschend, »was fehlt Dir?«

Schweigend reichte ich ihr den Brief. Sie las und warf ihn dann zu Boden, indem sie mit dem Fuß darauf trat. Ihre Gesichtszüge waren starr geworden, wie von Stein.

»Mag sie gehen, die Tochter der Comödiantin,« sagte sie eisig kalt, »ihr Name darf in meiner Gegenwart nicht mehr genannt werden, ich befehle es so.«

»Wollen – wollen wir sie nicht suchen lassen, oder soll ich sie selbst suchen –« stammelte ich.

»Nein,« klang es scharf zurück, »laßt sie gehen, mag sie betteln, hungern, im Elend verderben – ich habe Nichts mit ihr gemein!«

Ich verließ schweigend das herzlose Weib – ich konnte Giacinta nicht tadeln, wenn mir an ihrer Stelle auch die Willenskraft gefehlt hätte, dem Kampf des Lebens so muthig entgegen zu gehen.

Am anderen Morgen kam Alfred in vollem Carriére nach Brandegg geritten und stürmte sans vacon in mein Zimmer.

»Fräulein von Plenken,« rief er ohne Gruß, »was ist das für ein tolles Gerücht von dem plötzlichen Verschwinden der bella Giacinta! Ich hoffe, es ist wieder eine jener hirnlosen Salbadereien der großen Menge, die so gern den lieben Nächsten zerpflückt.«

»Es ist leider nur zu wahr – sie ist fort!«

»Fort –« er faßte an seinen Kopf, »Fräulein von Plenken, ich hoffe, Sie scherzen nicht!«

Ich erzählte ihm, was vorgefallen war, von dem Rath der Familie, dem abscheulichen Beschluß desselben und reichte ihm schließlich Giacinta's Brief.

Er war wie vom Donner gerührt.

»Haha, sie sind kostbare Exemplare, diese Brandegg's,« rief er aus, »ich habe sie von jeher für hochmüthige Narren gehalten, daß sie aber auch so niedrig handeln konnten, hatte ich kaum erwartet! Wahrhaftig, ein Meisterstück nobler Gesinnung: unsere schöne, edle und gute Giacinta bei Austern und Champagner dem Familienesel zu verkaufen – reizend in der That! Ich sehe Keinen von dieser Sippe mehr an – meinetwegen kann sich die ganze Gesellschaft nach Jericho scheeren! Auf Brandegg war ich heut zum letzten Mal; – leben Sie also wohl, meine Gnädigste, und behalten Sie mich in gutem Andenken. – Sapristi, ich will nicht der Rattenfänger heißen, wenn ich den Krautjunker nicht an den Nagel hänge und mich eines Tages auf holländisch empfehle! Addio, illustrissima

Und schnell, wie er gekommen, ging er auch. Mein erster Gedanke war: er wird ihr nachreisen, und ich konnte es nicht verhindern! Die Sippe der Brandegg's kam Alfred's liebenswürdigem Wunsch einigermaßen nach: sie »scheerte« sich allerdings nicht nach Jericho, sondern Eins nach dem Andern reiste sehr kleinlaut ab, Graf Theodor, den böse Zungen ob seines Mangels an Verstand mit so hübschem Ehrentitel bedacht, ganz besonders. Er verschwur sich hoch und theuer, daß die Cousine Hyazintha ein albernes Pensionskind sei, welches nicht wüßte, was es gethan, als es seine Hand refüsirte, und Leuten, die nicht wüßten, was sie thäten, müßte man vergeben.

Diese Rede trug er bei dem letzten Dejeuner auf Brandegg mit großer Bravour unter dem lebhaften Applaus der Familie vor, und zum ersten Mal wünschte ich mir, daß Alfred zugegen gewesen wäre, um diesen vorlauten Sprossen der Brandegg's zur Ruhe zu bringen.

Nun, auch dieses Uebel ging vorüber wie alle anderen und wir waren endlich allein.

Von Ostenfeld kam die Nachricht, daß Alfred nach Paris abgereist war und ich erlaubte mir, an dieser Nachricht zu zweifeln. Aber ich hatte Unrecht, denn ich erhielt wenige Tage später einen Brief von ihm, der den Poststempel Paris trug. Er enthielt nur wenige Zeilen, in welchen er um Zusendung seiner in Brandegg liegenden Noten bat.

Mehr als zwei Monate vergingen, ohne daß nur der Schimmer einer Nachricht über Giacinta zu meinen Ohren gedrungen wäre. Diese Ungewißheit war entsetzlich und kaum mehr zu ertragen, um so mehr, als ich Niemand hatte, mit dem ich über meinen Liebling sprechen konnte.

Eines Tages las ich meiner Tante die Zeitung vor und kam auch auf die Kunstnotizen. Da sah ich einen Namen, der mir das Herz stocken machte, aber ich las, ohne mich zu unterbrechen, laut Folgendes vor:

»W. . ., im Februar 18 . . . . Wir haben unserem berühmten Maestro in der Kunst des Gesanges, Herrn Professor N. N., welcher seit den letzten Jahren in Montreux lebte, abermals einen Stern ersten Ranges am Himmel der Kunst zu verdanken. Gestern Abend trat in der großen Oper Signora Giacinta Cattanea in der Rolle der Donna Anna im »Don Juan« von Mozart auf, und riß durch ihre herrliche Stimme und ihren vollendeten Vortrag, so wie durch ihr lebenswahres Spiel das bis zum letzten Platz gefüllte Haus zu den lebhaftesten Acclamationen hin. Wir dürfen uns wohl mit der Hoffnung schmeicheln, diese Königin im Reiche des Gesanges und der Schönheit unserem Institute gewonnen zu sehen. Jedenfalls ist Signora Cattanea eine jener wahrhaften Künstlerinnen, welche zu hohem Ruhme berufen sind.«

Vor meinen Angen flirrte es und mein Herz schlug hoch vor – Freude. Meine Tante hatte sich erhoben und das Zimmer verlassen, ich hätte ihr auch meine Genugthuung nicht verbergen können, denn ich hatte nie gezweifelt an Giacinta's Talente.

Der folgende Tag brachte mir folgendes Briefblatt von W. mit den festen, constanten Schriftzügen Giacinta's:


»Nicht eher, als bis meine Laufbahn gesichert war, wollte ich ein Lebenszeichen von mir geben, wäre mein Experiment auf den Brettern, die die Welt bedeuten, mißlungen, so wäre ich zurückgekehrt in den Staub des Alltäglichen und Du hättest nie wieder den Namen der armen Giacinta gehört, Annetta mia. Aber es ist gelungen – mein Erfolg war ein entscheidender, und ich schreibe an Dich, bedeckt mit Ruhm, und in meinen Ohren tönt er noch wieder, der rauschende Beifall des Auditoriums. – Als ich Brandegg verlassen hatte, ging ich nach Montreux zu meinem lieben alten Maestro, ich sagte ihm, daß ich eine Künstlerin werden wollte und er gab mir das Zeugniß zu einer Solchen. Nach kürzester Zeit, in der er Rollen mit mir studirte, brachte er mich nach W., stellte mich dem Intendanten vor, räumte selbst alle Hindernisse bei Seite und ich trat zum ersten Mal vor das Licht der Lampen, als Donna Anna! Ich fühlte keine Furcht, denn ich sang mit der Begeisterung die die Kunst verleiht, ich wußte auch, daß dieser Abend meine Zukunft entscheiden sollte. Nun wohlan, sie ist entschieden, ich bin heut laut Contract in die Reihen der Künstler der großen Oper getreten. Der alte Capellmeister hat in der Scala dirigirt, als meine Mutter dort sang; er hat seine Freundschaft für diese auf mich übertragen und der Name Cattanea soll wieder blühen, umsproßt von neuem Lorbeer, Ruhm, Ehre, drei berauschenden Dingen, und ich muß gestehen, daß ich Mensch genug bin, um mein Herz daran zu hängen und mich zu berauschen in ihrem Zauber.

Anna mia – mein väterlicher Freund aus Montreux verläßt mich sehr bald und ich muß mir eine dame d'honneur suchen! Was für ein Geschöpf wird es sein! Ich entsetze mich schon im Voraus über sie, denn immer denke ich an Dein mildes, freundliches Gesicht und hege den thörichten Wunsch, Dich einst in meiner Nähe zu wissen.


Darf ich Dir öfters schreiben, wirst Du die Briefe der Theaterprinzeß überhaupt annehmen?

For ever Deine

Giacinta«


Ich ging seit Empfang dieses Briefes wie im Traume einher. Ich bin nicht rasch von Entschluß und im Denken langsam, daher mußte ich erst lange erwägen, ehe ich das auszusprechen vermochte, was mir wie Zentnerlasten auf der Seele lag.

Endlich war mein Entschluß gereift und ich betrat klopfenden Herzens das Wohnzimmer meiner Tante.

»Wünschest Du etwas von mir, Anna?« –

»Ja,« sagte ich stockend und unsicher, »ich kam, um Ihnen mein volles, dankerfülltes Herz zu bringen für all' Ihre Güte –«

»Nun, was sollen diese sentimentalen Phrasen?«

Ich rang innerlich mit mir.

»Ich – komme, Sie zu bitten, Brandegg verlassen zu dürfen!«

»Brandegg verlassen? Anna, bist Du gescheut? Oder bist Du etwa krank geworden – wohin willst Du gehen?«

Jetzt erhob ich muthig den Kopf.

»Ich will zu Giacinta gehen, um ihr in schwesterlicher Freundschaft auf dem glatten Wege der Kunst zur Seite zu stehen.«

»Gehe!« – klang es hart zurück.

Das war das letzte Wort, das Tante Christine mir gesagt hat, und ich habe sie niemals wieder gesehen.

Ich verließ am andern Tage Brandegg und schloß 24 Stunden später Giacinta unter Lachen und Weinen in die Arme, um sie niemals mehr zu verlassen.

Ach, wie kurze Zeit währte dieses »Niemals« und was liegt Alles zwischen heut und damals! Wer vermag Gottes Wege zu ergründen? Wir armen, kurzsichtigen Menschen nicht – wir sind nur bestimmt, das zu tragen, was der Wille des Herrn über Himmel und Erde über uns verhängt.


* * *


»Noch am dunklen Firmament
Scheinen sich die hellen Sterne –
Doch ein Himmelsabgrund trennt
Ihre schwarze Weltenferne.«
Lingg.


Mit Giacinta's Eintritt in die Welt der Kunst beginnt ihre eigentliche Geschichte; was vorherging, dient nur zur Erläuterung des Nachstehenden. Arme Giacinta – wie kurz war das ihr zugemessene Maß des Ruhms, und welche kleine Spanne Zeit war ihr für denselben gegeben!

An dem Abend des Tages, welcher mich zu Giacinta brachte, fand ihr zweites Auftreten statt, sie sang die »Elsa« in »Lohengrin« von Wagner. Es war die vollendetste Kunstleistung, die ich je gehört, und ich war genöthigt, Giacinta's Talent zu bewundern. Sie war eine wunderbar poetische Elsa mit ihrem fein gemeißelten Kopf, der Fülle tiefschwarzen Haares, welches fessellos beinahe bis zum Saum ihres Gewandes, das sich eng an die vollendete Gestalt anschmiegte, herabfiel.

Und sie sang. Der »Traum« floß wie süßer Zauber um das Ohr der Hörer, es war eine Stimme, geschaffen für eine Loreley, und ich begriff vollkommen den nicht enden wollenden Beifall des Publikums.

Nach dem Schluß der Vorstellung kam der König in eigener Person durch das kleine Pförtchen im Proscenium auf die Bühne, um Giacinta selbst seinen Beifall und seine Gratulation zu ihrem Erfolge auszudrücken, indem er lächelnd auf die zahllose Menge der Bouquets, welche die Bühne bedeckten, hinwies.

»Soviel mir berichtet wurde, ist der Name Cattanea nur der, den Sie auf der Bühne führen,« sagte der König plötzlich.

»Ich nenne mich auch außerhalb der Bühne nicht anders, Ew. Majestät,« erwiderte Giacinta.

Der König winkte mit der Hand. »Ich weiß, ich weiß,« sagte er, »doch das ist nur Ihr Künstlername. Man nannte mir Ihren Vaternamen. Wie lautete er doch gleich? Brandenfels oder anders?«

»Majestät werden verzeihen,« erwiderte Giacinta fest, »ich habe diesen Namen ganz abgelegt.«

Seine Majestät aber ließ sich nicht abschrecken – ein Beweis, daß auch gekrönte Häupter neugierig sein können.

»Ja wohl, gewiß,« sagte er, »war es nicht Brandenfels?«

Dieser Wink von königlicher Hand war zu deutlich und Giacinta mußte ihm gehorchen.

»Brandegg, Gräfin Brandegg, Ew. Majestät,« sagte sie gezwungen.

Der König schien sehr überrascht.

»Brandegg? I was tausend! Von der Linie der Brandegg's am Rhein?«

»Ja, Majestät.«

»So, so! Und was hat Sie denn von Schloß Brandegg auf die Bretter der großen Oper geführt?« inquirirte Seine Majestät weiter.

»Familienverhältnisse,« entgegnete sie kurz.

Am folgenden Tage erhielt Giacinta von der Prinzessin Hildegard, der Schwägerin Seiner Majestät, ein prachtvolles Bracelet nebst einigen huldvollen und schmeichelhaften Worten der hohen Frau.

Der Brief trug die Ueberschrift: »Liebe Gräfin!« Die Adresse war an Signora Cattanea.

Man schien sich also bei Hofe für die neue Sängerin zu interessiren, weil sie courfähig war, da sie ja dem alten, mächtigen Geschlecht der Brandegg's angehörte.

Von nun an wurde Giacinta regelmäßig zu den musikalischen Abendcerkeln im königlichen Schloß befohlen, zu denen nur eben Auserwählte zugelassen wurden. Unter ihren Colleginnen mochten diese Auszeichnungen Neid erregen, aber Giacinta verstand es, sich so mit ihnen zu stellen, daß trotz ihrer großen Bevorzugung, die Glieder der großen Oper für sie durch's Feuer gegangen wären. Nichts lag Giacinta's Charakter ferner als Ueberhebung und herablassender Stolz, der so sehr verletzen kann; sie war und blieb das bescheidene Mädchen außerhalb der Bühne, das sie stets gewesen war, und liebenswürdig gegen ihre erste Partnerin bis herab zur Choristin.

Das war es, was ihre Stellung an der großen Oper dauerhaft gemacht hätte für alle Zeiten, wenn – doch ich will nicht vorgreifen.

Giacinta sang also wöchentlich ein Mal im königlichen Schloß, sie stand auf dem Podium als Signora Cattanea und erhielt den Befehl zur Tafel für die Gräfin Brandegg.

Der jüngste Sohn der Prinzessin Hildegard, Prinz Friedrich, ein junger, bildhübscher Mensch in der Uniform der Garde-Husaren, zeichnete Giacinta in auffallender Weise aus, ohne auch nur das geringste Zeichen der Aufmunterung von ihr zu erhalten.

Er kam alle Tage, sich bei ihr melden zu lassen und wurde nur in den seltensten Fällen angenommen.

Er schickte alle Tage prachtvolle Bouquets und erhielt kaum einen Dank dafür.

Seine Beständigkeit war rührend und in seinen treuherzigen blauen Augen las man seine Liebe, seine warme, rührende Liebe.

Eines Tages, ich saß in der Nebenstube unseres Salons, in welchem Giacinta am Flügel saß und Rollen studirte, klopfte es an der Thür und Prinz Friedrich trat ein.

»Verzeihen Sie, Gräfin, daß ich mich nicht melden ließ,« sagte er, »aber wenn ich es gethan hätte, so hätten Sie mich abgewiesen, und dem wollte ich entgehen. Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie mich schlechter behandeln, als den letzten Arbeiter in der großen Oper?«

Giacinta schwieg eine Weile, dann sagte sie ernst: »Ich werde die Frage Ew. königlichen Hoheit mit anderen Fragen beantworten:

Warum belagern Sie meine Wohnung, warum folgen Sie mir wie mein Schatten, warum verfehlen Sie keine Oper, in der ich singe? Warum endlich plündern Sie meinethalben die Treibhäuser und warum sind Sie stets mein vis-à-vis bei den Soupers der musikalischen Cercles?«

»Warum ich das Alles thue? Gräfin Giacinta sind Sie blind, oder wollen Sie das Alles nicht verstehen? Ich thue es, weil ich Sie liebe! Ich liebe Sie mehr, wie mein Leben, ich könnte für Sie thun, was noch kein Mensch gethan, und Sie – verschmähen mich.«

Prinz Friedrich hatte leidenschaftlich erregt gesprochen und doch mit jenem zarten, achtungsvollen Ton, der ihm so sehr eigen war.

Giacinta seufzte schwer auf.

»Ich bin Ihnen nicht ebenbürtig,« sagte sie endlich.

»Ich weiß es, daß ich Ihnen nur meine linke Hand anbieten darf,« erwiderte der Prinz, »aber ich habe schon von vielen glücklichen morganatischen Ehen gehört, warum also können wir es nicht werden? Giacinta – Gräfin Brandegg, das ist nicht der Grund, warum Sie mich zurückweisen –«

»Nun gesetzt auch,« fiel ihm Giacinta in's Wort, »gesetzt auch, dies wäre nicht der Grund, – was würden Ihre hohen Eltern, was Se. Majestät zu einer solchen Verbindung sagen? Für Sie hat man gewiß längst eine fürstliche Braut bestimmt, und bin ich auch von altem, adligen Geschlecht, für die Oeffentlichkeit bleibe ich doch nur die Sängerin Cattanea.«

»Ich würde alle Schwierigkeiten zu überwinden wissen,« entgegnete der Prinz fest, »denn es handelt sich hier nicht um eine Marotte, sondern um das Glück und die Ruhe meines Lebens. Giacinta – ist Ihr Herz noch frei?«

Eine lange, bange Pause entstand und ich hörte Giacinta's fliegenden Athem.

Endlich löste sich ein »nein«, ein leises, zagendes »nein« von ihren Lippen, und wieder ward's still, bang' und still.

Der Prinz war in ein Fenster getreten und sah durch die Scheiben, ohne zu sehen, was er sah. Er schien schwer und hart mit sich zu kämpfen.

Endlich wendete er sich wieder zu Giacinta.

»Mein Werben soll Sie nicht wieder belästigen,« sagte er, und seine Stimme klang unsicher, »ich trete vor dem zurück, dem Glücklichen, der es verstanden hat, Ihr Herz zu gewinnen, – man soll nicht sagen, Prinz Friedrich habe mit der Macht seines Titels Ihr Jawort erzwungen. Es mag sein, daß ich ein sentimentaler Schwärmer bin, aber ich sage es Ihnen dennoch zum letzten Mal: Sie sind meine einzige Liebe und nie wird meine rechte Hand sich am Altar verschenken. Leben Sie wohl, Giacinta, der Himmel behüte Sie!«

Er ging, und Giacinta trat mit glühenden Wangen zu mir ein. Wir schwiegen eine kleine Weile, endlich sagte sie:

»Du hast Alles gehört?«

»Ja,« entgegnete ich, und fügte hinzu: »Es ist besser, daß es so kam. Die morganatisch angetraute Gattin eines Prinzen aus königlichem Blut wird von seinen Verwandten immer nur über die Achsel angesehen. Ich halte von solchen Verbindungen nichts.«

Giacinta zuckte mit den Achseln.

»Bah,« sagte sie verächtlich, »wenn ich ihn geliebt hätte, so hätte ich mir nicht so viel aus seinen Verwandten gemacht, – ich kenne keine Hindernisse.«

»Und doch, ich wiederhole es, war es besser so! Man sprach auch schon mehr als genug darüber«

»Wer sprach?« fragte sie heftig.

»Die Welt,« entgegnete ich.

»Die Welt,« wiederholte sie, »die Welt spricht mehr, als sie verantworten kann, und das on dit ist die Zeitung der Thoren.«

»Gleichviel, – der Prinz ist ein edler, hochherziger Mensch!«

»Das ist er,« sagte sie warm, »und wenn – wenn es mir möglich gewesen wäre, hätte ich nicht das Herz gehabt, ihn zurückzuweisen. So mußte er gehen!«

»Von wegen des Rattenfängers von Hameln,« sagte ich bitter.

Sie warf einen raschen Blick auf mich.

»Ja gewiß,« sagte sie laut und fest, »wegen des Rattenfängers! Ich liebe ihn und werde ihn lieben und wenn mein Auge ihn nie wiedersehen sollte.«

Ich schwieg. Was sollte ich auch erwidern? Daß ich ihn für keinen guten Menschen hielt? Dafür hatte ich keine genügenden Beweise, und von meinen Vorurtheilen mich leiten lassen, wäre schlechte Freundschaft gewesen.

Wenn man schweigen kann, muß man es thun, die Zeit, wo Pflicht und Gerechtigkeit einen sprechen lassen, kommt zeitig genug. Mein Blut war ruhiger geworden, denn die Jugend lag hinter mir wie ein seltsamer Traum ohne fröhliche Rückerinnerung, denn die Liebe hatte ihr gefehlt. Dennoch aber war mein Herz nicht verschlossen gegen den Lenz, der in Anderer Herzen blühte; aber hier erschreckte er mich und bleischwer legten sich bange Befürchtungen auf meine Brust.

Ich schwieg also – Giacinta hätte vielleicht die misanthropische alte Jungfer gescholten und sie vorurtheilsvoll genannt – ich schwieg. Die auffallenden Ovationen des Prinzen hörten auf und Giacinta sah ihn nur noch in den Cercles, wo er sich dann ungezwungen, ohne aufzufallen, mit ihr unterhielt.

Inzwischen kam die Nachricht nach W., daß eine Kunstgröße ersten Ranges, ein zweiter Paganini, welcher vor Kurzem in Paris aufgetaucht war, hierherkommen sollte, um zuerst im königlichen Schlosse zu spielen.

Aus vollständigem Dunkel hervorgetreten, sollte der Künstler, welcher sich Romeo dall' Anese nannte, zum ersten Mal in einem Concert in Paris gespielt haben und mit dem ersten kecken Bogenstrich, den er über die Saiten seiner Stradivari-Geige tanzen ließ, war seine Zukunft entschieden. Die Kritik hob ihn zum siebenten Himmel hinauf und nannte sein Spiel einen Zaubersang, hervorgebracht durch eine »unheimliche Technik.«

Giacinta freute sich wie ein Kind auf den neuen Kunstgenuß, und erging sich in Vermuthungen, wie das Phänomen aussehen würde.

»Gewiß klein, gelb und vertrocknet, oder lang, blaß, mit wilder Pianistenmähne,« lachte sie.

Eines schönen Morgens brachte der Diener eine Karte.

»Romeo dall' Anese,« las Giacinta und fügte hinzu: »Ich lasse bitten.« –

Der Diener ging und sie flüsterte mir lachend zu, ob es der Lange sein würde oder der Kleine. Dieser Zweifel wurde sofort gelöst, denn die Thüre öffnete sich und in ihrem Rahmen erschien – nicht die imaginäre Figur des neuen Virtuosen, sondern – die herrliche Lohengringestalt Alfred Ostenburg's.

Giacinta war gleich mir sprachlos, sie trat ihm einen Schritt entgegen, wankte dann und mußte sich festhalten an der Lehne eines Stuhles.

Er ging ihr entgegen und ergriff ihre Hände.

»Nun, Giacinta mia,« sagte er fröhlich, »was sagen Sie, daß ich es gemacht habe, wie Sie, daß ich den Staub lederner Pedanterie von meinen Sohlen schüttelte und mich auf den Weg machte zum Parnaß?«

»Seien Sie willkommen,« stammelte sie, »und vergeben Sie mein Benehmen – aber die Karte dort –«

»Meldete Ihnen den berühmten dall' Anese, den zu lobhudeln sich alle Recensenten reißen, ganz recht,« unterbrach er sie, »Giacinta mia, dieser neue Matador mit der »unheimlichen Technik,« er legt sich Ihnen zu Füßen – ich bin es!«

»Sie?« riefen wir Beide erstaunt.

»Da wird es viel Geschrei gegeben haben im weisen Rathe der Brandegg's,« meinte ich.

»Wegen mir mögen Sie schreien,« lachte er, »fait accomplie, damit Punktum! Erinnern Sie sich, Giacinta, des Abends, es war Ihr erster auf Brandegg, als ich Ihnen sagte, es müßte noch ein anderer Stern sein, als der lockende des Ruhmes, der mich leiten und locken sollte auf die Bahn der Kunst. Sie antworteten, Sie kennen den Stern nicht – was sagte ich Ihnen, wie er sich nannte?«

»Die Liebe –« stammelte Giacinta erglühend.

»Nun wohlan, dieser Stern sind – Sie.«

Er streckte ihr die Hand entgegen und sie legte die ihrige hinein – dann floh sie, nicht im Stande, ihre Bewegung zu verbergen, in's nächste Zimmer.

Ich aber hatte ein Gefühl, als müßte ich diesen Menschen verdammen.

»Baron Ostenburg,« sagte ich mit fliegendem Athem, – »wollen Sie Giacinta zu Ihrer Gemahlin machen?«

»Sie haben es errathen, weise Sybille,« sagte er spöttisch, »oder sollten Sie etwas dagegen einzuwenden haben?«

»Das steht mir nicht zu,« entgegnete ich, »aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie sehr flatterhaft sind und gern andre Blumen pflücken, die Ihnen begegnen, und – daß eine Ehe zwischen Katholiken unlöslich ist.«

»Nun?« fragte er spöttisch, »was weiter? Außerdem bin ich Protestant.«

Ich wendete mich ab, denn mir schien, als wären diese Worte Giacinta's Todesurtheil.

Alfred spielte an diesem Abend bei Hofe mit ungeheurem Beifall. Natürlich feierte man in ihm zugleich mit dem Künstler auch den aristokratischen Hof-Cavalier. Giacinta sang an demselben Abend auch, und sie erzählte mir, daß Alfred auf die Frage Ihrer Majestäten, ob sie mit Romeo d'Anese verwandt sei, geantwortet habe: nicht eigentlich nahe verwandt, doch bald. Und auf eine weitere Anfrage habe er erklärt, daß sie seine Braut sei.

Somit war der Würfel gefallen, – er rollte dahin, unaufhaltsam und hätte es meine Seligkeit gegolten, ich hätte ihn nicht halten können.

Nun wurde viel und oft über die Zukunft berathen. Giacinta zeigte sich bereit, ihrer Laufbahn zu entsagen, sobald sie Alfred's Gemahlin wäre, aber sie hatte, wie man zu sagen pflegt, ihre Rechnung ohne den Wirth gemacht und Alfred mußte erörtern, daß sie ohne Giacinta's Verdienst nicht leben könnten.

Zu derselben Zeit erhielt Letztere eine brillante Engagements-Offerte nach Mailand und sie unterzeichnete den Contract.

Ungefähr sechs Wochen später verband des Priesters Wort Alfred's und Giacinta's Hände zum ewigen Bunde.

Ich glaubte meine Mission erfüllt und wollte Giacinta Lebewohl sagen, stieß aber auf hartnäckigen Widerstand. Sie wollte nicht von mir lassen, wozu Alfred unhöflicher Weise die tollsten Grimassen machte, denn meine Abneigung gegen ihn beruhte auf Gegenseitigkeit.

Ich suchte und fand einen Ausweg. Ich ging nach Mailand, miethete mir dort ein kleines Stübchen und war wenigstens so in einer Stadt mit meinem Liebling.

Giacinta, jetzt Signora d'Anese, erregte Stürme von Beifall und machte, daß, wenn sie sang, das Haus bis auf den letzten Platz gefüllt war. Ich möchte sie jetzt mit einem Meteor vergleichen – ebenso schnell strahlend und leuchtend, wie verlöschend.

Wenn Giacinta nicht sang, so spielte Alfred seine dämonischen Weisen im großen Concertsaal, und selten sah ich ein Künstlerpaar, das gefeierter war, als diese Beiden. Und so oft Giacinta mich aufsuchte, erzählte sie mir von ihrem Glück, welches ihr auch, ohne Worte, aus den Augen leuchtete. Eines machte mir nur ein unerklärliches Bangen: ich hörte sie oft und mit Anstrengung husten. Dabei aber sah sie frisch und blühend aus und sang ihre Rollen mit einer Begeisterung und Leidenschaft, die schon kräftigere Menschen, als Giacinta, aufgerieben hatte.

Alfred war natürlich der vergötterte Liebling der Damenwelt. Er schien auf einem hocherhabenen goldenen Piedestal zu stehen, und um ihn herum zogen die Wolken des Weihrauchs, den man ihm streute. Von großer Bescheidenheit war er nie gewesen, und es thut mir leid, sagen zu müssen, daß er jetzt arrogant wurde – was übrigens die sehr natürliche Consequenz dieses Vergötterungssystemes war.

Namentlich that sich unter den Damen des high life die reizende Prinzipessa Maraviglia hervor – eine junge Wittwe mit den hellen Haaren der Venetianerinnen, welche ohne Widerrede die Modeschönheit der Saison war.

Wäre Alfred in Wirklichkeit nur der simple Romeo d'Anese gewesen, so hätte sich ihr »Kunstenthusiasmus« vielleicht nur auf den Besuch seiner Concerte beschränkt, da er aber der Baron Ostenburg war, so genoß er den Vorzug einer täglichen Einladung zu der schönen herzlosen Wittwe, die ihn obendrein noch mit den kostbarsten Cadeaux überschüttete.

Und Alfred?

Nun bei Gott, der konnte nichts Anderes sein, als was er eben war, ein Schmetterling – der Rattenfänger von Hameln. Er ließ so bald als möglich seine dunkeläugige Giacinta allein zu Hause sitzen und machte der blonden Wittwe so auffallend als möglich den Hof. Giacinta aber ahnte Nichts, oder wollte nichts ahnen und ich war nicht herzlos genug, ihr den Stand der Dinge klar zu machen.

So wälzte sich das Verderben wie eine dunkle Wolke näher und näher – und ich vermochte sie nicht zu halten. Es war Gottes Wille und gegen Gottes Willen sollen wir nicht murren und nicht – verzweifeln.

Eines Tages, es war zum Abend »Der Troubadour« von Verdi, mit Giacinta als »Leonore« angesagt, trat sie bei mir ein, todtenblaß aber wunderbar ruhig.

»Giacinta,« sagte ich zitternd, »was ist geschehen?«

Sie sah mich lange traurig an.

»Du fragst, was geschehen ist? Was geschehen mußte, als ich so wahnsinnig war, Alfred's Weib zu werden. Ich habe Dir nie geglaubt, hier ist der Beweis Deiner Worte!«

Und sie reichte mir ein duftendes Billet, es trug die Krone und das Monogramm der Prinzipessa Maraviglia.

Ich sah sie fragend an.

»Ich fand es gestern Abend schon auf dem Teppich liegend,« sagte sie ruhig, »lies, es ist mein Urtheil.«

Ich las. Der Inhalt war sehr kurz und sehr deutlich. Die blonde Fürstin trug Alfred an, sich von seiner langweiligen sentimentalen Frau scheiden zu lassen, um als ihr Gatte ein Leben voll Reichthum und Glanz zu führen. Wenn er auf ihren Vorschlag einginge, so solle er heute Abend in der Oper im vierten Act während des »Miserere« in ihre Loge kommen und eine Rose im Knopfloch tragen.

Ich war vernichtet, und begriff Giacinta's Ruhe nicht.

»Ich habe ausgerungen schon in der vorigen Nacht,« sagte sie, »und meinen Entschluß gefaßt. Folge mir heute in die Garderobe, Du sollst Zeuge sein von dem, was mir zu thun übrig bleibt.«

Mich erschreckte diese Apathie bis in's tiefste Herz hinein, denn ich begriff sie bei Giacinta's lebhaftem Temperament nicht. Schweren Herzens folgte ich ihr in die Oper und half ihr bei ihrer Toilette. Sie sang nie schöner als an jenem Abend.

Während des zweiten Actes erschien die Fürstin Maraviglia in ihrer Loge, schöner, strahlender denn je, lauschte sie den zauberhaften Tönen des armen gefolterten Weibes, das sie verrathen hatte – ja, sie schickte ihr sogar ein prächtiges Bouquet in die Garderobe.

»Das ist der Kuß des Judas,« sagte Giacinta mit klangloser Stimme, die mir das Herz zerriß.

»O,« sagte ich bebend, und selbst nicht an den Sinn meiner Worte glaubend, »Alfred wird nicht erscheinen, er kann Dich nicht um den Preis dieses herzlosen Weibes verkaufen.«

Sie zerpflückte achtlos die Rosen des Bouquets.

»Die Juden verkauften Christus um dreißig Silberlinge – der Preis, den die Fürstin bietet für mich – ist höher und Alfred ist ein Mensch,« sagte sie.

»Doch der vierte Act beginnt, die Klänge des Miserere ertönen. Ich muß auf die Bühne.«

Sie trat auf in ihrem langen schwarzen Atlasgewand und dem großen Schleier, der sie wie ein Bahrtuch umhüllte.

Sie sang schön wie immer, ergreifend, zu Thränen rührend. Nun tönte das Miserere leise und klagend, und aus dem Thurm erschallte das Lied Manrico's – da öffnete sich die Thür der Loge der Fürstin und Alfred trat ein, die Rose im Knopfloch!

Wie Giacinta ihre Rolle zu Ende gesungen – ich weiß es nicht, es war Alles wie ein Traum.

Sie wechselte nicht ihre Toilette, sondern fuhr im Costüm in ihre Wohnung mit mir zurück. Alfred wartete bereits auf sie – ein seltener Fall.

»Du hast sehr gut gesungen, cara mia,« sagte er galant. »Aber, mein Gott – wie Du blaß bist.«

»Lassen wir die Comödien,« sagte sie kalt, »verschwende Deine Complimente nicht an mich, Du dürftest sie anderweitig nöthiger brauchen.«

»Was soll das heißen?«

Sie reichte ihm schweigend den Brief der Fürstin.

»Diavolo –« knirschte er wüthend.

»Dein Wunsch und der der Fürstin soll erfüllt werden,« sagte Giacinta kalt und eintönig, ohne Bewegung, »denn ich will Deinem eingebildeten Glück nicht im Wege stehen und lieber freiwillig zurücktreten, ehe man mich gehen heißt. Du sollst frei sein – Alfred, denn eine Scheidung zwischen uns hindert Dich nicht an dem Knüpfen eines neuen Bandes. Es sei d'rum. Da Du aber einen Grund haben mußt, damit die Gerichte uns scheiden, so werde ich Dich verlassen, Dein Haus verlassen – der Grund wird genügen. Leb' wohl – es war ein kurzer Traum.«

Und Giacinta zog den Trauring von ihrem Finger und legte ihn auf den Tisch – dann ging sie hinaus.

Ich blieb zurück, gelähmt an allen Gliedern.

Alfred sprach kein Wort, aber er zerpflückte die Rose in seinem Knopfloch und steckte den Ring zu sich, dann stellte er sich stumm an das Fenster und sah in die Nachtluft hinaus.

Plötzlich tönten aus dem Nebenzimmer leise Klänge, und zart, heimlich, wehmüthig, wie ein Traum, sang Giacinta's süße Stimme ein traurig Lied mit dem Refrain:


Behüt' Dich Gott – es wär' zu schön gewesen,
Behüt' Dich Gott – es hat nicht sollen sein.


Die Klänge erstarben, wie das Ave-Läuten in der Luft – Alfred aber – weinte.

Sonderbar! konnte dieser Mensch weinen? Ich schlich mich hinaus, mir graute vor diesen Thränen.

Und im Nebenzimmer am Flügel lag Giacinta am Boden ohnmächtig – und über ihre Lippen floß der warme Strom des Lebens – unaufhaltsam in rothen Wellen! Das war der Anfang zum Ende dieser Tragödie.


* * *


Die Leonore im Troubadour war Giacinta's letzte Rolle gewesen, sie hat niemals wieder die Bretter betreten.

Sie erholte sich nur langsam unter sorgfältiger Pflege. Ich hatte sie in ein Frauenkloster, nahe bei Florenz, geschafft, und die freundlichen Nonnen pflegten sie im Verein mit mir nach besten Kräften.

Mehr als ein halbes Jahr verging, ehe die Scheidung zwischen ihr und Alfred vollzogen war.

Sie nannte niemals seinen Namen und ich auch nicht. Wozu auch? Dante sagt nur zu wahr:


»Nessun maggior dolore,
Che riccordarsi del tempo felice
Nella miseria –«


Aber wenn sein Name auch nicht genannt wurde, so dachte sie ihn doch. Wenigstens sah ich sie häufig ihr Tagebuch durchblättern, Neues hinzufügend oder Randbemerkungen machend.

Arme Giacinta!

Die Rosen auf ihren Wangen waren längst verblüht, das Feuer ihrer Augen erloschen und dennoch war sie vielleicht niemals schöner, als grade jetzt.

Als ich sie hinreichend gestärkt sah, reiste ich mit ihr nach Nizza ab, wo sie den Winter zubringen sollte. Sie fragte kaum nach dem, was geschehen, mit ihr geschehen sollte, sie war glücklich, ein nach Orangenblüthen duftendes Balconplätzchen zu haben, wo sie träumen konnte von ihrem entschwundenen Glück.

Ich war sehr erstaunt, als ich in jenen Tagen einen Brief meiner Tante aus Brandegg erhielt, Sie hatte von Giacinta's Krankheit gehört und frug, ob diese die Mittel hätte, um sich allen Comfort zu schaffen. Gott sei Dank, sie besaß dieselben und ich konnte das Almosen ablehnen.

Ein paar Wochen darauf, es war am Morgen, erzählte uns unsere geschwätzige Wirthin, die Villa nebenan sei gestern von einer Dame, einer Prinzipessa, bezogen worden. Dieselbe würde sich heut in Nizza vermählen mit einem Forestiere, einem edlen Herrn, der so schön sei, als es weiland König Enzio gewesen.

Die Kirche lag dem Balcon Giacinta's gerade gegenüber und diese könnte somit den Hochzeitszug bequem anschauen.

Ich machte Einwendungen dagegen, denn ich fürchtete, trübe Erinnerungen in Giacinta zu wecken, aber sie wollte den Hochzeitszug sehen.

Die Wirthin erzählte noch, die Prinzipessa wäre die Besitzerin der Villa, eigentlich wohnte sie in Milano, doch da das junge Paar wahrscheinlich das Treiben der großen Welt haßte, so hätte die Braut diese Villa gekauft, um den Winter daselbst zu verleben. Wir hörten zu, wie man eben zuhört, halb neugierig, halb interesselos.

Giacinta bettete sich hinter ihren Blumen auf dem Balcon und nahm trotz der großen Nähe der Kirche ein Opernglas zur Hand, um den Hochzeitszug besser zu sehen.

Die Wagen rollten heran, es stiegen fremde, geputzte Menschen aus – der Brautwagen war der letzte, der Schlag öffnete sich, heraus sprang ein Herr im Frack – blond, groß, eine echte Lohengringestalt –

Giacinta sah ihn an – sie schrie nicht, aber sie klammerte sich fest an mein Handgelenk an, denn dieser Herr war – Alfred.

Ihm folgte auf dem Fuß in prächtiger Brauttoilette, im Orangenblüthenkranz und Schleier die Prinzipessa Maraviglia – seine Braut.

Er reichte ihr den Arm und führte sie in die Kirche, voll und hell klangen die Hochzeitsglocken durch die reine Luft. – Giacinta war zurückgesunken – sie hatte die Hände vor ihre Augen gepreßt und ich stand in stummer Angst vor ihr. –

Endlich, endlich richtete sie sich auf – ihr Auge war klar, heiter ihr Lächeln. –

»Ich habe überwunden,« sagte sie fest, »und mir ist sehr leicht zu Muth – so leicht, als könnte ich gleich emporfliegen zum Himmel! Anna – ich habe ihn geliebt – mag er glücklich werden! Er hat mich verrathen und ich vergebe ihm, das sei meine Rache. Es hat nicht sollen sein!« –

Sie lehnte sich zurück mit himmlischem Lächeln, wie eben nur Engel lächeln können, und auf dem Thurm verklang die Glocke – ein Zeichen, daß das bindende Wort gesprochen war.

Giacinta hatte die wachsbleichen Hände gefaltet – leise, ganz leise bebte der letzte Glockenton herüber. –

»Gott segne ihn –« sagte sie wie im Traume und sank zurück. –

Sie war todt!


»Wie zwei Leben eng vereint,
Als der Ton verklungen,
Hat ein Herz zur selben Stund'
Langsam ausgerungen.«


Am folgenden Tage, als Giacinta im offenen Sarg gebettet lag, als ich sie mit Blumen schmückte, unter schweren, heißen Thränen, da öffnete sich die Thür und Alfred trat ein, bleich, verstört.

»Das ist Ihr Werk!« sagte ich erbarmungslos auf die Todte deutend.

»Mein Werk!« wiederholte er dumpf, »mein – wer konnte das ahnen. O Gott, es giebt eine Nemesis!«

»Ich hoffe es,« entgegnete ich, »denn ich besitze nicht die engelgleiche Güte der Todten, deren letztes Wort war, daß sie Ihnen vergab! Gehen Sie fort von diesem geweihten Ort – entweihen Sie ihn nicht durch die große Lüge einer gespielten Reue.«

»Anna –,« rief er heftig, »das hätte Giacinta nie gesagt!«

»Nein, sie hätte es nie gesagt, und weil Sie wußten, welch' edles, gütiges Herz sie besaß, traten Sie die arme Blume in den Staub – bei Gott, eine That, würdig des Rattenfängers von Hameln –.«

Er streckte die Hand aus.

»Still!« sagte er befehlend, »still! Stören Sie ihre Ruhe nicht! Sie haben Recht, ich war ein Elender, ein dreifach Elender, und ob ich bereue oder nicht – das weiß allein Gott! Nur eines sage ich Ihnen: das hab' ich nicht gewollt; niemals! Ich war leichtsinnig, nicht schlecht und lebte nur dem Augenblick, der Alles begehrt, um es dann von sich zu werfen. Ihre Vorwürfe sind gerecht und mein Leben soll beweisen, ob sie mich getroffen haben oder nicht. Daß Giacinta mir vergeben, ist mehr als ich jemals verdienen konnte – ich will ihr Lebewohl sagen! Ach, muß es denn sein, daß wir armen Menschen grade das Verlorene so heiß wiederersehnen müssen?«

Ich sagte Nichts mehr und Alfred kniete an dem Sarge nieder und küßte Giacinta's Hände.

Lange lag er vor ihr auf den Knieen, dann ging er – – – – – – – – – – – – – – – –

Ich habe nur selten von ihm gehört, aber was ich hörte, sprach für ihn. Seine Frau spielt noch heut eine der ersten Rollen in der »Gesellschaft« in Florenz, er läßt sie gewähren und soll nur der Musik leben. Ich wohne in einer kleinen Stadt am Rhein nur meinen Erinnerungen. Meine letzte Reise nach Italien galt Giacinta's Grab auf dem Friedhof zu Nizza. Ich fand es umblüht von den herrlichsten Blumen und ein schneeweißes Denkmal von carrarischem Marmor darauf. Es stellt ein offenes Buch dar, auf welchem wie hingehaucht ein Strauß Hyazinthen liegt, die von wunderbarer Kunstfertigkeit reden. Ich vermuthe den Geber – er hat nicht zuviel gethan ihrem Andenken.

Auf dem einen Blatt dieses Buches steht in deutscher Sprache: »Giacinta, Baronin Ostenburg, geb. Gräfin Brandegg – 24 Jahr alt »'

Auf dem anderen Blatt aber steht der todttraurige Vers, den sie zuletzt gesungen und den Alfred nie vergessen konnte:


»Behüt' Dich Gott – es wär' zu schön gewesen,
Behüt' Dich Gott – es hat nicht sollen sein.«




Die wilde Margareth.

Die junge Baronesse Asta von Kühlen war nach den authentischen Nachrichten einer alten Chronik eines der reizendsten Geschöpfe ihrer Zeit, und wurde darob natürlich von ihren »Freundinnen« auf's eifrigste beneidet, denn es ist wirklich ganz unerlaubt, wenn auf ein einziges solches Menschenkind die Prädikate: jung, schön und reich angewendet werden müssen. Wie gesagt, die Baronesse war reizend, aber sie besaß einen großen Fehler, sie war neugierig. Böse Zungen behaupten zwar, alle Evastöchter besäßen von dieser Eigenschaft eine mehr oder minder große Portion, aber Asta von Kühlen war damit ganz besonders behaftet, und diese Neugierde übertrug sich vorzugsweise auf eine, im Schloß ihres Vaters lebende Tante.

Baron von Kühlen bewohnte das Stammschloß seiner Vorfahren, ein weites, im Quarré gebautes Gebäude, in seinem Innern ein wahres Labyrinth von Gängen, Treppen und geheimen Thüren bildend.

Die alten Dienstboten des Hauses behaupteten auch, es spuke in dem Schlosse, und Einige wollten sogar schon einer blutigen, mit Ketten rasselnden Gestalt begegnet sein. Asta hörte diesen Geschichten mit leichtem Beben zu, dann aber warf sie das gepuderte Köpfchen in den Nacken, zuckte spöttisch mit den frischen rothen Lippen, und meinte: die Gespenster sollten nur kommen, sie wolle sie schon »jagen.« Merkwürdigerweise jagten die Gespenster aber sie, denn eines schönen Abends stürzte Asta athemlos in ihres Vaters Zimmer, und verkündete bebend, ein weißer Geist wäre in ihrem Zimmer. Zum Glück für die Ruhe der Baronesse stellte sich aber der »Geist« als ein am Fenster hängender Pudermantel heraus. Im nördlichen Flügel des Schlosses wohnte nun des Barons einzige, unverheirathete Schwester, Margarethe von Kühlen, oder wie das Volk sie nannte, die wilde Margareth. – Das war nun eben das Räthsel für Asta. Warum nannte man die Tante: die wilde Margareth? Asta hatte noch nichts »wildes« an ihr entdecken können. Wie oft betrachtete sie die Tante, wenn diese die tägliche Messe in der Schloßkapelle besuchte; da kam sie hereingeschritten die hohe Gestalt in den steifen dunklen Gewändern, den schwarzen Schleier auf den noch schwärzeren Haaren, die schönen Züge ihres Gesichtes bleich und starr, wie aus Marmor gemeißelt. – Warum hieß sie die wilde Margareth? Lag doch in ihrem Wesen nichts Herausforderndes, Keckes, im Gegentheil, ihr ganzes Sein schien durch innere Kämpfe wie gebrochen, und der einzige Ausdruck, den diese starren, steinernen Züge je annehmen konnten, war der des furchtbarsten Schmerzes.

»Die Tante muß etwas Entsetzliches erlebt haben,« dachte Asta, »und eigentlich fürchte ich mich vor ihr!« –

Und so war es auch. Die wilde Margareth flößte ihr eine unüberwindliche Scheu ein, und ihr Trost dabei war, daß es ja anderen Leuten nicht besser ginge wie ihr, denn wenn die Tante, wie sie es oft that, allein durch das Dorf nach dem weiten, öden Forst hinaus ging, da riefen die Bauern ihre Kinder in die Hütten hinein, besprengten sie mit Weihwasser und sagten: »damit es Dir der Böse, der in der wilden Margareth wohnt, nicht anthue!«

Asta, von der gewaltigsten Neugierde getrieben, hatte ihren Vater wohl schon nach der Lebensgeschichte der Tante gefragt, der Baron hatte ihr aber ausweichend geantwortet. Dann war sie zu Mademoiselle Duval, einer Freundin ihrer verstorbenen Mutter, die jetzt des Barons Haushalt führte, gegangen und hatte ihr die wichtige Frage vorgelegt. Da aber die gute Französin eben so wenig wußte, als Asta selbst, hatte sie gesagt:

»Je le ne sais pas, mon enfant; Deine Tante muß aben ein groß chagrin!« –

Da hatte nun Asta zu dem letzten Mittel das Geheimniß herauszubekommen, gegriffen, und sich an den ältesten Diener des Hauses gewendet, der aber hatte geantwortet:

»Lassen Sie, Baroneßchen, das ist Nichts für Sie!« –

Asta war nun trostlos, und doch – sie sollte das Gewünschte eher erfahren, als sie dachte.

Eines Abends, als sie ihren Vater in dessen Zimmer aufsuchen wollte, und soeben vor der mit schweren Sammetportieren verhangenen Thür angelangt war, hörte sie Mademoiselle Duval's Stimme, die in bittenden Tönen folgende Worte rief: »Eh bien, monsieur le baron, lassen Sie mich hören das secret der Baronesse Marguerite, es ist bei mir geborgener, als läge es vergraben sous la terre! Wenn ich kenne ihr chagrin, werde ich wissen besser mit ihr umzugehen!«

Daß Asta auf diese Worte hin mäuschenstill hinter der Portiere stand, wird Jedes errathen, und daß sie diesen Posten auch sobald nicht verließ, als der Baron: »Nun wohlan, so hören Sie,« sagte, wird man, wenn man den Charakterzug dieser jungen Dame kennt, begreiflich finden Sie hörte also, und sah, wie der Baron seinen Stuhl näher zu dem leichten Caminfeuer rückte, und dann folgendermaßen begann:

»Mein verstorbener Vater war, wie Sie wohl schon gehört haben werden, ein Mann, der von frühester Jugend an lieber Gewehr und Schwert, als die Feder führte. Er verachtete alle Wissenschaften und verhöhnte die Kunst, blos das edle Waidwerk, die Fecht- und Reitkunst hielt er werth. Was Wunder also, wenn er seine Kinder ihm gleich erziehen wollte. Mein ältester Bruder starb früh, und so blieben ihm nur Margareth und ich. Schon als kleines Kind gab mir der Vater Waffen in die Hand und versuchte meine schwachen Arme durch Fechtübungen zu stählen. Aber seine Bemühungen scheiterten an mir vollständig; mich ekelten diese immerwährenden Gelage, die mein Vater mit seinen Freunden hielt, auf's Aeußerste, und an den wilden Jagden fand ich durchaus keinen Geschmack. Durch Zureden meiner Mutter wurde ich auf die Hochschule gebracht, von der ich nach Verlauf von 4 Jahren wieder in's elterliche Haus zurückkehrte. Ganz anders war es mit Margareth. Sie war des Vaters treuer Genosse, fechten, reiten und jagen waren ihre Leidenschaften, auch dem Weine war sie nicht abhold, und manchen Humpen hat sie geleert; dabei war sie jähzornig im höchsten Grade und kannte darin keine Grenzen. Zog die glänzende Jagdcavalcade hinaus in den Forst mit Hörnerklang zur Sauhatz, da fehlte Margareth gewiß nicht, und mancher Eber, mancher edle Hirsch mußte unter ihrer Büchse und ihrem Waidmesser verbluten. Schön aber, bezaubernd schön sah sie aus, wenn sie so dahinflog auf schnaubendem Roß, und wer sie sah, der konnte sich nicht wieder losreißen von dem herrlichen Bilde, es war als bannten ihre wunderschönen Augen Jeden fest an sie. Das Volk aber nannte sie ob ihres Treibens die wilde Margareth. So wurde sie zwanzig Jahr alt, als mein Vater sie mit einem schönen edlen Cavalier, einem Grafen von Hochkirch, verlobte. Ob sie ihn je geliebt hat – Niemand wußte es, aber ich allein ahnte die Wahrheit, denn seit der öffentlichen Bekanntmachung ihrer Verlobung trieb sie ihr wildes Leben noch toller, sie war der Schrecken der Umgegend geworden. Es schien, als wollte sie dadurch einen inneren Schmerz betäuben, und so war es auch. Die wilde Margareth hat trotz ihres unbändigen Lebens ein weiches, edles Herz gehabt, aber es war ihr grausam gebrochen worden; Niemand außer mir hat es geahnt, daß sie geliebt hatte, trotzdem sie ihr Herz verleugnet. Auch der, den sie geliebt, ein armer, aber edler Officier aus Friedrich Wilhelm des Ersten Riesengarde, auch er wußte es nicht, er hatte sich vermählt, darüber brach ihr Herz. Von da an war ihr Alles gleichgültig; ohne sich einen Augenblick zu bedenken sagte sie ja zu Graf Hochkirch's Bewerbungen, und indem sie sich immer tiefer in ihr wüstes Leben stürzte, suchte sie die Stimme ihres gequälten Herzens zu übertäuben. Ach, ich ahnte wohl, daß eine Katastrophe kommen müsse, die Alles änderte! Margareth war etwa zwei Monate verlobt, als mein Vater ein großes Jagdfest veranstaltete, an welchem Margareth am ungezwungensten Theil nahm. Auch Graf Hochkirch war dabei; ich merkte wohl, daß er Etwas auf dem Herzen habe, und hörte selbst mit an, wie er Margareth um eine Unterredung bat, die sie, obwohl zögernd, zusagte. Beide gingen, noch im vollen Jagdcostüm, hinauf in das »rothe Zimmer,« welches neben Margareth's jetzigen Gemächern liegt. Der Graf setzte sich in einen Sessel neben dem Camin, während Margareth vor ihm stand und ihm zurief: »es kurz zu fassen!« –

Der Graf sagte ihr nun in ruhigen leidenschaftslosen Worten, wie schlecht die Welt von ihr denke, und wie sehr man ihr Leben verdamme, deshalb gebe er ihr das Wort zurück, das sie an ihn fesselte, da er sie unter diesen Umständen nicht zu seiner Gemahlin machen könne und dürfe. Margareth's Augen schossen Blitze.

»Wie,« rief sie, »Ihr verschmäht mich? Mich, eine Tochter aus dem edlen Hause Derer von Kühlen?«

»Ich kann nicht anders,« erwiderte der Graf, »was die Welt von Euch spricht, verträgt sich nicht mit der Ehre meines Namens!« –

Das war zu viel für die echte Tochter des Jägers, die wilde Margareth; schäumend vor Zorn riß sie den Hirschfänger aus der Scheide und – stieß ihn dem Grafen tief in die Brust. – Als der Unglückliche nun mit lautem Schrei zusammenbrach, da erst erwachte sie zum Bewußtsein dessen, was sie verübt hatte. Auf des Grafen Schrei hin eilte meines Vaters Kammerdiener, der heute noch hier ist, in das Zimmer.

»Baronesse,« stammelte er bei dem unerwarteten Anblick, »was – was ist hier geschehen?«

Da lachte Margareth hell, und es klang wie das Lachen des Wahnsinns.

»Ich habe ihn ermordet!« rief sie, daß es gellte, warf den blutigen Hirschfänger dem Diener vor die Füße und eilte hinweg, wohin wußte Niemand. Bald war die That ruchbar, und als mein Vater mit seinen Gästen ob der entsetzlichen Kunde in das Zimmer eilte, da erklärte der Sterbende, er selbst hätte Hand an sich gelegt, und nahm Allen den Eid ab, über die Sache zu schweigen. Nur mir vertraute er die Wahrheit, dann war er todt. – Erst den Tag darauf kam Margareth nach Hause mit zerrissen Kleidern und irrem Blick; dann fiel sie in eine lange, schwere Krankheit. Als sie wieder genas war sie eine Andere geworden, sie war ruhig, übernatürlich ruhig, ihre Züge waren versteinert. Seit der Zeit hat sie nie wieder ein Pferd bestiegen. In dem Zimmer, in welchem der Graf unter ihrer Hand verbluten wußte, sitzt sie täglich stundenlang und starrt auf die Blutflecken am Boden. Gelacht hat sie nie wieder, überhaupt fast gar nicht gesprochen. Ob sie ihre That bereut? Chi lo sa! Sie lebt in stillem Irrsinn weiter fort, obwohl sie sich dessen bewußt ist, was sie einst verbrach!« – –

Baron von Kühlen hielt tief aufathmend ein, und vor der Thür, da lehnte die kleine Lauscherin Asta mit bleichem Gesicht und zitternden Gliedern. Draußen hatte sich ein Gewitter grollend zusammengezogen, dumpf rollte der Donner und die fahlen Blitze erleuchteten matt den weiten hohen Vorsaal; Asta war mehr todt als lebend, das eben Gehörte zog ihr im Kopf herum, und ihre Phantasie bevölkerte die Umgebung mit allen möglichen Spukgestalten. Leise verließ sie den Saal, um sich in ihre Zimmer zu begeben und betrat einen dahin führenden dunklen Corridor. Bebend am ganzen Körper schritt sie dahin, und sah sich ängstlich um, immer in der Furcht, plötzlich das bleiche Gesicht des ermordeten Grafen vor sich zu sehen. Da – auf einmal stieß sie einen langen Schrei aus, denn wie aus der Erde gewachsen stand vor ihr von einem zuckenden Blitz beleuchtet, die hohe schwarze Gestalt Margareth's. Hatte Asta schon vorher eine Art Furcht vor ihrer Tante empfunden, so erschien sie ihr jetzt, belastet mit der furchtbaren Anschuldigung des Mordes geradezu entsetzenerregend; mit dem wiederverlöschenden Leuchten des Blitzes verlor sie die Besinnung, und einige unartikulirte Laute ausstoßend sank sie ohnmächtig zu Boden.

Als Asta wieder die Augen aufschlug, sah sie sich in dem Zimmer der Gefürchteten auf dem Ruhebett liegen. Margareth ging vor ihr auf und ab, draußen aber tobte das Ungewitter lauter und lauter. Als Asta sich halb aufrichtete, trat Margareth an sie heran, die dunklen, glanzlosen Augen mit einer Art Besorgniß auf sie richtend. Asta, deren Phantasie noch auf's Aeußerste erregt war, überkam eine namenlose Angst, und als die Tante ihr die bleiche, schmale Hand auf die erhitzte Stirn legte, schleuderte sie dieselbe fort, sprang auf und rief im Tone der verzweifelndsten Furcht:

»Um Gottes willen, rühr' mich nicht an, an Deiner Hand klebt noch des Grafen Blut!« –

Ihr ganzes Leben hindurch hat Asta diese Worte bereut, denn furchtbar war die Wirkung derselben.

Die kalten, glanzlosen Augen Margareth's sprühten auf in rothem Feuer, über ihre Züge zuckte es seltsam, und der Mund, der seit Jahren nur karge Worte gesprochen hatte, lachte nun laut auf, in entsetzlich markerschütternder Weise. Hastig stieß sie eine geheime Thür auf und zog die halb todte Asta mit sich hinein, in ein hohes, mit rothem Sammet tapeziertes Zimmer.

»Da,« rief sie und deutete auf einen großen dunklen Flecken, nahe am Camin, »da vergoß ich sein Blut, es schreit wider mich gen Himmel, o, könnt' ich's fortwaschen mit meinen Thränen! Hörst Du draußen den Donner rollen? Das ist Gottes Gericht, aber mein Urtheil ist noch nicht gesprochen. Hörst Du ihn wimmern?« fuhr sie leise fort, »hörst Du ihn? Sieh nur, wie das Blut ihm aus der Wunde strömt, so dunkel und so warm, denn es ist ja sein Herzblut! Horch, es ruft mich, die Fanfaren ertönen, ich muß hinaus zur Jagd. Laß sein Blut dahin strömen, er hat es nicht anders verdient, denn er hat mich, die wilde Margareth, tödtlich beleidigt!« –

Die letzten Worte hatte sie mit finsterem Grolle ausgesprochen, dann zuckte sie plötzlich zusammen, und eilte aus dem Zimmer, die arme bebende Asta allein lassend.

Inzwischen war Herr von Kühlen über das lange Ausbleiben seiner Tochter unruhig geworden und eilte mit der Duval, dieselbe zu suchen; eben wollten sie die Treppe, die zu dem nördlichen Flügel führte, betreten, als ihnen Margareth entgegen eilte; es war der Moment, in welchem sie Asta im »rothen Zimmer« zurückgelassen hatte.

»Wohin, Margareth?« rief der Baron, besorgt über das veränderte Aussehen seiner Schwester.

»Fort, fort in den Wald,« entgegnete sie hastig, dann lachte sie hell auf. »Hörtet Ihr den Schrei? Er tönte ja im ganzen Schlosse wieder! Geht nur herein, da liegt er in seinem Blut und ich, ich habe es vergossen!« –

Und ehe der Baron sie halten konnte, war sie hinausgestürmt in das tobende Wetter. –

In dem »rothen Zimmer« fand man Asta in heftigem Fieber, doch außer Gefahr. Die Stunden vergingen, Margareth kehrte nicht wieder, selbst die Nachforschungen des von dem Baron ausgeschickten Boten blieben erfolglos. Endlich gegen Morgen fand man sie im tiefen Walde, ausgestreckt auf den Stufen eines verfallenen Jagdpavillons, vom Blitze getroffen – todt!

Der Himmel hatte gerichtet. –

Und als man den schönen Körper auf einer Bahre hinauf trug zum Schlosse, da riefen die Bauern nicht mehr ihre Kinder in die Hütten, die wilde Margareth war ja nicht mehr, sie konnte es Keinem mehr »anthun.«

Mit Weihrauchduft ward sie eingesenkt in die alte Familiengruft und von Asta's kleiner Hand fiel ein Kranz von Orangenblüthen auf den Sarg – wie bat sie ihr die unüberlegten Worte ab und Herr von Kühlen sagte:

»Gönnen wir ihr die Ruhe, die ihr Herz nie gekannt!« –

Im Munde des Volkes aber geht die Sage, daß ihre Seele keine Ruhe finden kann, und in mitternächtlicher Stunde da reitet die wilde Margareth auf schwarzem Rosse ohne Rast und Ruh durch die öden Forsten, und der einsame Wanderer, den um diese Zeit sein Weg an dem alten Pavillon vorbeiführt, spricht vorher ein frommes Gebet. –




Das Opfer.

Kennt ihr sie, die Waldeinsamkeit, wenn man allein wandelt unter flüsternden Laubkronen und rauschenden Tannenwipfeln, durch deren Zweige es grüngolden glitzert und webt, während über glatte Steine, über ein sandiges Bett murmelnd ein kleiner Bach hinabeilt in's Thal?


»Es steht im Wald geschrieben
Ein stilles, ernstes Wort,
Von rechtem Thun und Lieben,
Und was des Menschen Hort.«


Im Herzen eines deutschen Tannenwaldes liegt ein kleines Rococoschlößchen, das früher als Jagdaufenthalt diente; diesen Zweck künden noch die zur Genüge angebrachten Hirschgeweihe und Rehkronen, sowie die Steinbilder der berittenen, in's Horn blasenden Jäger vor der kleinen Freitreppe am Eingange des Schlößchens. Ueber dem zierlichen alters- und wettergrauen Gebäude liegt ein eigener Zauber, wie ein Märchen aus alter Zeit, jener seltsamen, fröhlichen Zeit des sogenannten »Rococo.« Man meint, dort aus jener Thür müßten sie heraustreten in den niedlichen Garten, jene gepuderten Herrn und Damen, wie sie uns aus alten Familienbildern entgegenlächeln; man hört ordentlich die schweren seidenen Gewänder rauschen.

Es war schon spät am Nachmittag, die Sonne schickte ihre Strahlen immer schräger in das dunkle Waldesgrün; unverdrossen schmetterten die gefiederten Sänger des Waldes ihr tausendstimmiges Lied, und zuweilen streckte ein Hirsch neugierig den Kopf durch das niedere Buschwerk, oder sprang ein Reh scheu über den schmalen Pfad. Diesen entlang schritten zwei Männer daher. Der eine trug die bequeme Tracht des Touristen; er hatte an der Seite eine grünlackirte Botanisirbüchse. Die hohe, gedankenvolle Stirn verdeckte ein leichter Strohhut, die markigen Züge des Gesichtes umrahmte ein tiefschwarzer, bis auf die Brust niederwallender Vollbart. Dieser Mann mit der schönen Gestalt und dem edlen Kopf war der Universitätsprofessor Erich Langenstein, der andere, im einfachen Bauernkittel, diente dem Gelehrten als Führer. Schweigend gingen sie nebeneinander her, bis sich auf einmal bei der Wendung des Weges auf etwa hundert Schritt Entfernung der prächtige Anblick des Waldschlößchens vor ihnen entrollte. Der Professor hielt seine Schritte an – jedenfalls überrascht durch das reizende Bild – und ließ sich auf einem moosbewachsenen Stein nieder.

»Wer wohnt hier, guter Freund?« fragte er den Führer.

»Wer? Ja, Herr, das weiß wohl nur der Himmel und die alte Frau Herzogin, die bis zum vorigen Jahre für den jungen Landesherrn das Land regiert hat!«

Der Fremde blickte erstaunt auf.

»Wie so? Sind die Bewohner des Schlößchens unsichtbar?«

»Na ob! Da drinnen wird Eine eingesperrt gehalten.«

»Warum nicht gar,« scherzte der Gelehrte, »und warum in aller Welt sollte gerade nur die Herzogin-Wittwe um das Geheimniß wissen, wenn es überhaupt da drinnen eines giebt?«

»Ja, Herr, es ist kein Spaß,« begann der redselige Führer mit wichtiger Miene. »Es wird im Spätsommer ein Jahr, daß die Herzogin das Häuschen da ordentlich herstellen ließ, gerade als ob Jemand hereinziehen sollte. Und richtig, keine acht Tage später rollt ein festverhangener Wagen mit großen Glasfenstern durch das Dorf, geradeswegs auf das einsame Nest zu. Mich und meine alte Nachbarin plagt die Neugier schon lange; wir machen uns eiligst auf, nehmen den kurzen Weg durch's Dickicht und kommen noch vor dem Wagen an, der die lange Landstraße zu fahren hatte. Kaum haben wir uns hinter der Taxushecke dort versteckt, als der Wagen gerollt kommt und vor dem Eingange hält. Springt der lange Bediente vom Bock, macht die Thür auf, und wir beide fallen fast um vor Schreck; denn wer steigt aus? Die alte Frau Herzogin, wie sie leibt und lebt! Hinter ihr kommt dann eine andere Dame, groß und hoch gewachsen, mit einem dichten schwarzen Tuch über dem Kopf. Wie sie aber herunter will vom Tritt, bleibt ihr das Tuch oben am Schlage hängen, und reißt ihr die Haare 'runter; so lange und feuerrothe Haare habe ich meiner Lebtage nicht gesehen, und als sie den Kopf herumwendet, seh' ich ein Gesicht, wie man's nicht schöner malen kann. Schnell macht sie das Tuch los und geht neben der Herzogin her in das Schloß. Zu guterletzt steigt noch aus dem Wagen der Kammerdiener der Allergnädigsten, der Taugenichts, den sie damals sich aus England mitgebracht hat, Mister Green, oder wie sie ihn nennen. Wo der dabei ist, da wird's sicher nichts Gutes und Rechtes geben. Wie die Leute im Dorfe erfahren – denn geschwiegen hab' ich nicht, – daß die Herzogin im Schloß ist, zieht das ganze Dorf mit Schulze und Pfarrer vor das Schloß und schreit Hoch! und Vivat! und die Schulkinder singen einen Choral. Der alten Herzogin muß das Ding gar nicht recht gewesen sein; denn wie sie aus der Hausthür heraustrat, machte sie ein bitterböses Gesicht; nachher aber, als die Kinder fertig gesungen hatten und der Pfarrer seine Rede gehalten hatte, stieg sie von der Steintreppe herunter und bedankte sich lang und breit für die »rührende Aufmerksamkeit.« Dann erzählte sie, daß sie eigentlich hätte einige Zeit im Waldschlößchen wohnen wollen; es wäre ihr aber doch zu einsam, und damit das »liebe, alte« Häuschen nicht verfalle, hätte sie dem Mister Green, der eine ihrer Kammerfrauen heirathen würde, die Stelle als Castellan darin übertragen. Nach ein paar Tagen reiste die Herzogin allein mit einem Diener ab, und den Sonntag darauf sollte Mister Green's Hochzeit sein. Ich denke, die Braut wird das schöne, rothhaarige Frauenzimmer sein – ei bewahre! Die wird seit der Zeit da drinnen hinter Schloß und Riegel gehalten – warum? das wird wohl die alte Herzogin wissen; gesehen hat sie noch kein menschliches Auge, aber alle Abend kann man die schönste Musik dort hören!«

Der Mann hatte mit sichtlicher Befriedigung seine Erzählung beendet, während der Professor mit Interesse das Schlößchen betrachtete, welches der nur zu rasch entstehende Glaube des Volkes zu einem romantischen Gefängniß für ein schönes Weib gestempelt hatte.

Erich Langenstein erhob sich jetzt und verabschiedete den Führer, dessen kräftige Gestalt bald hinter den Bäumen verschwand. Der Professor setzte indeß seinen Weg nicht gleich fort, sondern näherte sich dem Waldschlößchen, welches eine lebhafte Anziehungskraft zu äußern schien, und an den Sockel eines der steinernen Reiter gelehnt, überließ er sich ganz seinen Träumereien.

Halt! knisterte es nicht plötzlich an der Thür und rauschte leise, wie wenn schwere Seidenstoffe den Estrich streifen? Der Professor erhob das Haupt; über ihm stand, den Rücken ihm zugekehrt, eine hohe schlanke Frauengestalt; von ihrem Haupt wallte den Rücken herab das glänzend rothe Haar in üppiger Fülle. Träumend blickte sie in die Ferne, während die feinen, weißen Finger die Heckenrosen brachen, welche sich an dem seltsam verschnörkelten Gitter der Freitreppe hinauf rankten. Jetzt wendete sie ein wenig das Haupt, und von dem Dunkel des Waldeshintergrundes stach in leuchtender Weiße das schöne Gesicht mit den großen, braunen Augen ab, über denen sich die schwarzen Brauen wölbten.

Der ernste, gelehrte Mann dort zu den Füßen des steinernen Reiters war plötzlich todtenblaß geworden – wie geistesabwesend starrte er in die schönen Züge der Dame im einsamen Waldschloß, dann trat er näher, und zugleich tönte es von seinen Lippen mit unbeschreiblichem Ausdruck: »Felicitas!!«

Die Dame drehte sich erschrocken um; aber der Ruf war auch im Innern gehört worden, und alsbald trat ein ältlicher, finster blickender Mann in geschmackvoller Livree aus der Thüre, und mit leisem Aufschrei floh die schöne Frau in's Haus. Der Bediente schloß die Thür hinter ihr und eilte auf den Professor zu.

»Sie wünschen, mein Herr?«

Langenstein hatte sich noch kaum von dem Eindrucke der unerwarteten Erscheinung erholt – dennoch entgegnete er ziemlich ruhig:

»Eigentlich nichts – mein Weg führt mich nur zufällig hier vorbei; doch eine Frage – woher ist jene Dame?«

»Madame ist Französin,« erwiderte Mister Green, der Castellan – denn dieser war es, – ziemlich abstoßend.

»Melden sie der Dame mein Bedauern, sie erschreckt zu haben – Aehnlichkeit mit einer Bekannten verleitete mich, aus meinem Versteck hervorzutreten!«

Und leicht seinen Hut lüftend, wendete er sich zum Gehen. Sein Weg führte ihn an der hinteren Längsseite des Schlosses her – droben im ersten Stocke, da stand ein Fenster geöffnet, und durch dieses tönte Musik in den Wald hinein. Lauschend hielt Langenstein seine Schritte an; von Oben erklang, mit Meisterhand auf prachtvollem Flügel gespielt, eine der ungarischen Rhapsodien von Liszt. Wie gebannt lehnte der Professor drunten an der Mauer und lauschte den wilden Weisen. Vor seinen Augen stieg es auf, das süße Bild der Vergangenheit von zwei Jahren!

Er sah sich wieder wandeln im heimisch- dunklen Tannenwald, bis an das schmucke Haus des Oberförsters, eines alten, braven Junggesellen, um dessen schöne Nichte, die dem einzigen, alten Verwandten das Hauswesen führte, er warb! Sie war von seltener Schönheit, in langen Flechten fiel das Gold ihres rothen Haares von ihren Schultern hernieder. Und sie nahm seine Hand an, sorglos, heiter – denn er konnte ihr, dem armen Mädchen, eine sorgenfreie Zukunft bieten. Da starb plötzlich der kreuzbrave Oberförster, und Felicitas stand einsam, allein in der Welt, – doch nur wenige Wochen; denn binnen dieser Zeit wollte Erich Langenstein die Braut heimführen! Da kam ein wichtiges Geschäft, das ihn abrief von der Universität, und als er wieder heimkehrte, reich beladen mit Geschenken für Felicitas – da fand er auf seinem Schreibtisch ein Briefchen vor, worin sie ihm schrieb, ein Anderer, dessen Namen sie nicht nennen dürfte, hätte ihr das Herz geraubt – Erich möchte ihr vergeben; denn mit jenem sei sie heimlich – vermählt! – –

Erich ward anfangs ganz tiefsinnig, Monate lang mied er jeden Umgang; aber endlich machte die Freundschaft wieder ihre Rechte über ihn geltend.

»Tröste Dich, Lieber,« sagte ein Freund zu ihm, als er zum ersten Male wieder in eine Gesellschaft kam; »tröste Dich, denke philosophisch noch eine Weile drüber nach und laß den »Rothkopf« laufen! Was verlangst Du? cosi van tutte, so sind sie Alle!«

Das Spiel oben brach ab mit einer wilden Cadenz, und wie aus einem Traum erwachend, hob der Professor das Haupt. – »Fort mit Eurem Zauber, ihr Märchen aus alter Zeit, cosi van tutte!« –

Und ohne noch einen Blick auf das Waldschlößchen zu werfen, wanderte er weiter, in den grünen Wald hinein. Es war nur noch ein kurzer Weg, den er zu machen hatte, ehe er die Residenz erreichte, nach welcher ihn eine ehrenvolle Einladung des jungen Herzogs gerufen, damit er das umfangreiche Archiv des Schlosses ordne. Allmählich begann sich der Wald zu lichten, nur wenige Schritte, und die freundliche Residenz lag vor ihm, in ihrer Mitte auf leichter Anhöhe der architektonisch-vollendete Bau des herzoglichen Schlosses, ein reizendes Perspectiv.

Nachdem sich Langenstein einen Augenblick das schöne Bild betrachtet hatte, durchschritt er ein paar schmale Feldwege und stand dann plötzlich vor einer Gitterthür – hinter ihr lag der Friedhof. Er trat hinein, es dämmerte bereits. Langsam schritt er vorwärts, plötzlich Halt machend.

»Ah,« murmelte er, »da drüben auf jenem Grabe blühen Heckenrosen und Syringen von seltsamer Schönheit – von letzteren möchte ich einige für meine Sammlung.«

Und er wendete sich dem bezeichneten Grabe zu; es schmückte dieses nur ein einfaches Kreuz von Granit; aber die Erde deckte ein blühender Teppich von Heckenrosen und Syringen. Der Professor wählte ein schönes Exemplar der letzteren und verschloß sie in seine Blechbüchse, worauf er sich zum Gehen wendete.

»Halt,« sagte er, »wir wollen doch sehen, wer uns das schöne Kind Flora's gespendet.«

Und er beugte sich nach der einfachen, goldenen Inschrift herab. Da stand:


Felicitas von Plenken.
22 Jahre alt.
R. i. p.


Sonst nichts. Langenstein aber sank in die Kniee, ein dumpfes Schluchzen entrang sich seiner starken Brust, und in tiefem Schmerz schlang er seinen Arm um das kalte Kreuz. – Unten in der kühlen Erde ruhte das schönste Weib, das Haupt umwallt von einer reichen Fülle rothen Haares, eine königliche Erscheinung – und dieses Weib war einst seine Braut gewesen! –


* * *


In den Gemächern der verwittweten Frau Herzogin versammelten sich der Hof und die ausgewähltesten Kreise der Residenz um den Theetisch. Die alte Hoheit liebte diese Abende ungemein. Für einen feinen Beobachter lieferten dieselben ein ergiebiges Feld: da gab es der bemerkenswerthen Köpfe die Menge, Originale und problematische Naturen; doch nicht das wenigste Interesse bot die herzogliche Familie selbst. Die Wirthin dieses Kreises war eine hohe, ernste Gestalt, wenig geeignet, ein augenblickliches Zutrauen einzuflößen. Ihr vornehm feines Antlitz mit den dunklen, durchbohrenden Augen trug fortwährend eine sozusagen staatsmännische Undurchdringlichkeit und Unbeweglichkeit zur Schau. Seit dem Tode ihres Gemahls ging die Herzogin beständig in Trauer gekleidet, und der schwarze Spitzenschleier, welcher das graue, zu einem mächtigen Chignon hinaufgeschlagene Haar verhüllte, trug wesentlich dazu bei, ihre Erscheinung zu einer besonders düsteren zu machen. Der regierende Herzog, ein junger Mann von etwa fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, war eine anmuthige, vornehme Erscheinung, deren ruhiger Ernst aber einen etwas unnahbaren Eindruck machte. Seine junge Gemahlin, eine Prinzessin aus königlichem Hause, war bald der Liebling Aller geworden, die Gelegenheit fanden, ihr leutseliges Wesen in der Nähe zu schauen. Bei dem heutigen Thee war die Unterhaltung äußerst lebhaft und anregend, man lachte und scherzte, räsonnirte und kritisirte, machte gute und schlechte Witze. Den Mittelpunkt des ausgesuchten Kreises bildete aber Erich Langenstein; ein Jedes wollte sich mit dem berühmten Manne näher bekannt machen.

»Langenstein's Ankunft hat mich sehr erfreut,« sagte Herzog Ludwig zu seiner Mutter, »wie werde ich nun in meinen Mußestunden mit ihm arbeiten, mich in die Wissenschaft vertiefen können!«

»Sie sollten sich mehr Ruhe gönnen, mein Sohn,« erwiderte die Herzogin-Wittwe mit Zärtlichkeit. »Sie strengen Geist und Körper zu sehr an; ich fürchte, Sie werden uns krank!«

»O nicht doch, theure Mama; mir ist das wissenschaftliche Arbeiten Bedürfniß, und Langenstein hat mir seine Begleitung während einer Reise im Herbst zugesagt – mir winken also Ferien, wie ich sie mir nicht genußreicher vorstellen kann; die geistvollen Erklärungen des Gelehrten werden mich so recht in den Stand setzen, mein Herz den Schönheiten der Natur und Kunst ohne allen Rückhalt zu erschließen.«

Die Herzogin -Wittwe blickte längere Zeit nachdenklich auf das schöne Gesicht des jungen Herrschers; dann fragte sie:

»Und Ihre Gemahlin, Ludwig?«

»Meine Gemahlin? »entgegnete der Herzog, »nun, sie wird mich begleiten – sie hat mir gute Kameradschaft versprochen, auch sie liebt gleich mir alles Schöne! O theure Mama, Elisabeth ist eine edle Natur, uneigennützig und voll Gefühl!«

»Es freut mich sehr, Ludwig, dies zu hören,« erwiderte mit blitzenden Augen die Herzogin, »denn früher dachten Sie nicht so!«

»Früher? Nein, Sie haben Recht. Früher war überhaupt Alles anders, aber Elisabeth flößt Vertrauen ein – sie weiß um meine Vergangenheit!«

»Ludwig!« Die Herzogin-Wittwe war mit einem Male blaß geworden.

»Was ist da zu fürchten?« fragte der Herzog, »ich sagte Ihnen, Elisabeth ist eine edle Natur. Ich, ich selbst sprach ihr von der Vergangenheit, sie fühlte mit mir, mit der ganzen Uneigennützigkeit ihrer reinen Seele, und aus der bloßen Duldung, die wir anfänglich gegen einander übten, wurde Freundschaft und zuletzt Liebe. Ueber dem Grabhügel der – Vergangenheit reichte sie mir ihre Hand zum gemeinsamen Gange durch das Leben; mit ihr spreche ich über das Wohl meines Volkes, und in einsam vertraulichen Stunden darf ich ihr erzählen von vergangenen Tagen, von meinen Reisen – vom grünen Tannenwalde. Das thut wohl!«

Die alte Herzogin antwortete nicht, aber es zuckte wie Wetterleuchten über ihr Antlitz. Da tönten die Klänge des Piano's durch das Gemach – ein junger, talentvoller Pianist saß vor dem herrlichen Erard und spielte Phantasien. Auf einen Wink des Herzogs nahte sich Langenstein und ließ sich zwischen ihm und der herzoglichen Wittwe nieder. Wieder erklangen die seltsamen Weisen der Pußta, welche der Professor bereits aus dem Waldschlößchen vernommen hatte. Der junge Künstler spielte kunst- und verständnißvoll – aber auffallend, der Professor blieb dieses Mal kalt und ruhig; vielleicht vermißte er das Gefühl. Mit lautem Akkord schloß der Künstler, donnerndes Bravo folgte.

»Es ist etwas Seltsames um diese Musik,« meinte der Herzog und wendete sich halb um.

»Aber sie ist schön, nicht wahr, lieber Professor?« warf die Herzogin-Wittwe ein.

»Ganz gewiß, hohe Frau, wenigstens für mich haben sie einen eigenen Reiz, diese harmlosen Töne der ungarischen Haide, aber ich meine, es kann sie nur der spielen, der sie erlebt!«

»Die Töne? Professor, Sie scherzen!«

»Durchaus nicht, Eure Hoheit! Man erlebt Töne ebenso wie andere Dinge. Das mag verwunderlich klingen, aber der Sinn meiner Worte liegt tiefer. Glauben Eure Hoheit nicht, daß der Schmerz, die Freude in Töne zu setzen sei?«

»Ganz gewiß – aber Töne erleben –«

»Der Sohn der Haide sagt, der hätte ein klingendes Herz, der zugleich in Tönen erlebt, was seine Seele erschüttert – und ich glaube, er hat Recht!«

»Es schwebt doch ein eigenthümlich anheimelnder, wenn auch wilder, ungebändigter Geist über der Pußta und ihren Söhnen,« erwiderte die alte Dame; »indeß erlauben Sie die Frage, lieber Professor, haben Sie diese Musik schon im Original gehört?«

»Nein, Hoheit! Aber ich hörte erst kürzlich diese Töne in wahrhaft überwältigender Weise spielen!«

»Und wo das?«

»Sie klangen mir aus den geöffneten Fenstern des Waldschlößchens, draußen im tiefen Forst, entgegen.«

Die hohe Gestalt der alten Dame richtete sich in ihrer ganzen Größe empor.

»Im Waldschlößchen?«

»Gewiß, Hoheit,« erwiderte Langenstein befremdet.

»Und – und – sahen Sie die – oder denjenigen, welcher diese Weisen spielte?«

»Nein, Eure Hoheit! Aber ich vermuthe ihn.«

»Sie vermuthen!« Die Stimme der Herzogin-Wittwe klang heiser und streng. »Und wen vermuthen Sie?«

»Eine Dame von seltener Schönheit, die ich kurz vorher auf der Freitreppe des Waldschlößchens sah.«

Erich Langenstein hielt erschrocken ein – die Herzogin lehnte mit aschfahlem Antlitz in ihrem Sopha, ihre Lippen zuckten krampfhaft, während die Hände den zarten Battist ihres Taschentuches zerfetzten.

»Um Himmelswillen – was fehlt Eurer Hoheit?«

»Schweigen Sie, Professor,« flüsterte die Dame, augenblicklich gefaßt, »es war nur ein kleiner Anfall, wie ihn mein Herzleiden öfters hervorruft. Es geht schon wieder!«

Der Professor verbeugte sich stumm, aber eigenthümliche Gedanken durchzuckten sein Gehirn, und plötzlich standen die Erzählungen des schwatzhaften Bauern vor seinen Augen.

»Hier scheint ein düsteres Räthsel verborgen zu werden,« dachte er, »wir wollen sehen, vielleicht gelingt mir die Lösung!«

Aber die muntere Gesellschaft ringsum unterbrach bald seinen trüben Gedankengang und nöthigte ihn, an ihren Scherzen Theil zu nehmen. Man trennte sich erst zu später Stunde, in der aufgeräumtesten Stimmung.

Die Nacht war schon weit vorgeschritten. Langenstein war noch auf der Sternwarte des Schlosses beschäftigt gewesen und gedachte endlich, sein Bett aufzusuchen. Langsam stieg er die Treppen des Thurmes herab und wollte eben die Thüre, welche auf einen Seitengang führte, aufstoßen, als er leise flüsternde Stimmen vernahm. Unwillkürlich hielt er seine Schritte an, da rauschte es auch schon herbei, und im Schimmer einer kleinen Blendlaterne erkannte er die alte Herzogin. Wer aber war ihr Begleiter – ihn mußte er schon gesehen haben! Ganz recht, es war Mister Green, der Castellan des Waldschlößchens!

»Nun gut,« hörte er die Herzogin sagen, »seid wachsam und auf Eurer Hut, Green, damit mein Sohn keinen Verdacht schöpft!«

»Und der Professor?« fragte der Castellan.

»Ihn werde ich bald zu entfernen suchen, »erwiderte die Herzogin, »und geht er nicht im Guten, so werde ich ihn zwingen.«

»Dazu rathe ich nicht,« meinte Mister Green.

»Und weshalb?«

»Die Klugheit verbietet es, Madame. Sollte im Uebrigen Se. Hoheit durchaus nicht von dem Gedanken, den Professor hier zu behalten, ablassen, so müßte man eben –«

»Was?«

»Man müßte »sie« fortschaffen.«

»Unmöglich! Sie wird nicht gehen!«

»Man zwingt sie; das kann ja doch nichts mehr schaden, da sie die Wahrheit weiß.«

»Um Gotteswillen, wer hat ihr gesagt –?«

»Niemand. Sie fand ein Zeitungsblatt bei mir und las darin, was sie zu wissen brauchte.«

»Und sie tobte, weinte, jammerte?«

»Ja, da kennen Hoheit sie schlecht! Die weinen und jammern! Eine Ohrfeige hat sie mir gegeben und sich dann eingeschlossen!«

»Nun denn, so wacht gut, ich werde das Meinige thun! Ihr sollt Euch über meine Erkenntlichkeit nicht beklagen!«

»Ich empfehle mich Frau Herzogin!«

»Geht, Mister Green!«

Und nun rauschte ein seidenes Kleid den Gang hinab, und kaum hörbar, wie eine Katze, entfernte sich auch der würdige Castellan des Waldschlößchens.

Der Professor hinter der Thurmthüre blieb allein zurück. Seine Gefühle waren nicht die behaglichsten. In erster Reihe war es ihm peinlich den Horcher gespielt zu haben; nicht minder peinlich war es ihm, der halbe Mitwisser eines, wie es schien, lichtscheuen Geheimnisses zu sein; denn daß das Waldschlößchen ein solches enthielt, das war sonnenklar. Aber hervorzutreten und das Gespräch zu stören, wäre noch schlimmer gewesen. Es blieb hier also nichts übrig, als auf seiner Hut zu sein – enthielt das Waldschlößchen auch ein schlimmes Räthsel, was ging's ihn an?

Freilich, das war ganz schön so gedacht, allein, Herr Professor – es giebt eben auch Dinge, die man sich in seiner Schulweisheit nicht träumen läßt, oder wie der Franzose sagt: die Medaille hat auch ihre Kehrseite.

Ein paar Tage später trat ein Lakai bei dem Professor ein.

»Se. Hoheit lassen den Herrn Professor in das Arbeitscabinet bitten.«

Langenstein folgte sofort dieser Einladung, er traf den jungen Herzog unter einem wahren Berge von Aktenstücken, Bittschriften, Büchern und alten Pergamenten vergraben.

»Guten Morgen, Langenstein,« rief er dem Eintretenden entgegen, »ich erwarte Sie mit Ungeduld; denn ich habe einen seltenen Fund gethan – setzen Sie sich, noch einige Schriftzüge, und ich habe meine Geschäfte erledigt.«

Er beugte sich über seinen Schreibtisch, und rasch fuhr die Feder über das Papier. Endlich warf er sie fort.

»Nun zum Vergnügen! Denken Sie, Langenstein, heute finde ich unter alten Scharteken in der Bibliothek dieses bisher unbekannte Pergament aus dem dreizehnten Jahrhundert, das ich unbedingt zu den werthvollsten Quellen unserer Hausgeschichte zählen muß. Doch überzeugen Sie sich selbst.«

Und er gab dem Professor das erwähnte Blatt. Langenstein las mit großem Interesse die Handschrift und pflichtete dem Urtheile seines fürstlichen Gönners vollkommen bei. Das Pergament enthielt in der That eine ebenso wichtige als neue Mittheilung über die vergangene Geschichte des Fürstenhauses. Dem jungen Herzoge gereichte es zu nicht geringer Genugthuung, durch einen so bewährten Gelehrten wie Langenstein seine Auffassung in jeder Hinsicht bestätigt zu sehen.

»Wie freue ich mich über diesen Fund,« rief er aus, »und um so mehr, da er mir die schöne Gelegenheit zu der anregenden Unterhaltung gegeben hat. Ein wissenschaftliches Gespräch läßt mich all' der Sorgen, alles Kummers vergessen.«

»Ein seltsames Wort aus Ew. Hoheit Munde,« sagte Langenstein, »Ew. Hoheit regieren ein schönes Land, dessen Bewohner Sie verehren.«

»O ja, ich weiß es,« erwiderte Herzog Ludwig, »dennoch –«

»Dennoch, Hoheit?« fragte der Gelehrte, »gibt es ein »Dennoch« ? Verzeihen Sie, mein Fürst, aber es klingt seltsam, aus dem Munde eines Souverains, dessen Land reich und glücklich ist, und dem eine edle und milde Gemahlin zur Seite steht, ein »Dennoch« zu hören.«

»Sie haben Recht, Langenstein,« entgegnete der junge Fürst, »es klingt seltsam. Meine Gemahlin ist edel und gut, sie hat fast keinen Fehler, aber trotzdem gibt es für mich ein »Dennoch.« Ich gehöre nicht zu den Menschen, die mit dem Geschicke hadern, aber es ist hart, sehr hart – härter vielleicht für den Fürsten, als für den freien Mann. Es ist eine Wohlthat, sich aussprechen zu dürfen, zu sprechen von dem, was man die Vergangenheit nennt – ich kann es nicht! Mit meiner Gemahlin könnte ich es, aber es gibt ein Zartgefühl, das die Zunge zurückhält zu sprechen. Und meine Mutter? Sie ist dafür nicht empfänglich. Meine Umgebung bietet mir gleichfalls diese Wohlthat nicht, meine Minister sind eingefleischte Bureaukraten, die Kammerherren fast durchgehends schweifwedelnde, blasirte Menschen; ich wüßte Keinen, den ich mir zum Günstling oder Vertrauten wählen könnte; man ist sich selbst der beste Vertraute, so lange man sich eben selbst vertrauen kann. Ein jeder Mensch hat einen wunden Punkt in der Vergangenheit, warum nicht auch Fürsten und diese vielleicht mehr als Andere?! Ich sehe es in Ihrem Gesichte seltsam zucken, Langenstein, und ich denke, Sie werden mir Recht geben. Ich will Ihnen den Zauber meiner Vergangenheit zeigen, es wird mir wohlthun, dem Manne der Wissenschaft Einblick zu gewähren, welches Elend unter der trügerischen Hülle fürstlicher Würde und Macht sich verbergen kann. Ehe die Herzogin Elisabeth meine Gemahlin wurde, war ich schon einmal vermählt gewesen – heimlich, wie Sie sich wohl denken können; denn in den Adern der von mir Gewählten rollte zwar blaues, aber kein fürstliches Blut. Eine furchtbare, epidemische Krankheit raffte sie dahin, die schöner war, als alle Frauen der Welt – ich wurde durch ihren Verlust erst der Mann, der ich jetzt bin. Früher war ich leichtlebig, vielleicht auch leichtsinnig, jetzt bin ich ernst und gerecht, das macht der Gram und Kummer, Sie sehen mich ungläubig an, Langenstein, und dennoch ist's wahr, wenngleich es nicht im Gothaer Almanach steht.«

Der Herzog hatte zuletzt hastig gesprochen, sein Antlitz hatte sich geröthet – der Strom der Erinnerung flutete allzu mächtig auf ihn ein. Nun erhob er sich rasch und lebhaft und schritt auf ein in der Wand eingelassenes Oelgemälde zu, dessen Rahmen er anfaßte.

»Hinter diesem Bilde,« sagte er feierlich, »verbergen sich vor den Augen Unberufener die Züge derjenigen, die einst mein Lebensglück ausmachte. Und doch hatte ich es mir durch ein Unrecht erworben!« fügte er leiser hinzu. Dann drückte er leicht an eine der Verzierungen des Rahmens, das Bild flog auf, und in Pastell gemalt, lachte dem Professor ein Weib von wunderbarer Schönheit entgegen, das Haupt umflossen von reichem rothen Haare. Der Gelehrte starrte es an, wie eine Geistererscheinung, dann sagte er tonlos:

»Felicitas von Plenken!«

Der Herzog wendete überrascht das Haupt um.

»Sie kannten sie?« fragte er, »ja, so hieß sie, aber –«

»Sie war meine Braut,« erwiderte Langenstein und verhüllte mit der Hand die Augen – das Pastellbild lächelte gar zu lieblich hinüber, der kleine rothe Mund schien sprechen zu wollen!

Herzog Ludwig war todtenblaß geworden. Er trat dicht vor den Professor hin.

»Ich sagte Ihnen,« murmelte er, »ich sagte es Ihnen bereits, ich hatte mein Glück durch ein Unrecht erkauft! Als ich vor ein paar Jahren incognito das Land bereiste, kam ich auch in jenes Försterhaus – ich sah Felicitas in ihrer wunderbaren Schönheit. Unter meinem wahren und nicht erlognem Namen und Titel machte ich sie Ihnen abspenstig, der Pfarrer in der nahen Dorfkirche segnete unsern Bund ein. Mit welchem Sturm des Zornes ich hier empfangen wurde – ich brauchte es Ihnen nicht zu erzählen, aber ich weiß, Sie haben ein Anrecht darauf; denn ich raubte Ihnen ja Alles. Dennoch hielt ich diese Stürme hier tapfer aus, endlich legte sich der Zorn Ihrer Hoheit der Herzogin, meiner Mutter. Sie wurde freundlicher gegen mich und meine junge Frau, und als ich nach längerer Zeit auf eine Einladung an den benachbarten Königshof reisen mußte, versprach sie mir, mein Kleinod zu hüten, wie ihren Augapfel. Aber während meiner Abwesenheit brach eine Epidemie in der Residenz aus, und ihr erstes Opfer war Felicitas! Meine Schuld war schwer gesühnt worden.«

Es war still geworden in dem Arbeitscabinet des Herzogs. In des Professors Herzen kämpften wohl zwei Parteien einen schweren Kampf; da waren Zorn und Schmerz auf der einen Seite, Vergebung und Edelmuth auf der anderen, und letztere siegten.

»Hoheit,« sagte er ernst und gefaßt, »Hoheit, das Grab deckt gemeinschaftlich das, was Ihr Vergehen und mein Glück ist. Unsere Sache sei es nicht, zu richten; der da droben, der in alle Herzen sieht, hat allein zu entscheiden. Er will nicht Hader und Streit und Rachsucht, er ist der Gott der Milde. Herzog Ludwig, nehmen Sie meine Hand – noch einen Blick auf jene Züge, und dann sei Alles vergessen!«

Wortlos ergriff der Herzog des schlichten Gelehrten Hand – er empfand die Weihe dieses Augenblicks. Sie traten beide vor das Bild, und abermals flog es vorüber vor des Professors Seele, dies Märchen aus schöner Zeit, und dann mischten sich Klänge darunter, wild dahinstürmend, leidenschaftlich klagend. Wo hatte er sie gehört? Wo war es doch gewesen, als die packenden Akkorde des Czárdas sein Ohr umtost hatten? Ein dunkler Traum stieg auf in Erich Langenstein's Seele – es war, als ob Dämonen ihm seltsames Geflüster in's Ohr raunten, die Gestalten formten sich empor aus dichtem Nebel, sie traten deutlicher hervor – deutlicher und heller lösten sie sich daraus – war es denn möglich? Der kalte Schweiß trat dem Gelehrten auf die hohe Stirne – ein Glied nach dem andern reihte sich an die Kette seiner Combinationen, dann sagte er mit heiserer, fast erstickter Stimme: »Hoheit – Felicitas von Plenken ist nicht todt, sie lebt!«

Der Herzog fuhr zurück, wie von der Natter gestochen.

»Langenstein – was, was soll dieser Scherz?«

»Nicht Scherz, Hoheit, es ist die furchtbarste Wahrheit. Noch vor einer Viertelstunde glaubte ich, wie Sie, Felicitas von Plenken ruhe draußen im Friedhof unter Haiderosen und Syringen – auf einmal drängte sich mir die furchtbare Wahrheit in die Seele, sie lebt, sie muß noch leben!«

»Halten Sie ein« – der Herzog trat in eine der Fensternischen – er mußte sich sammeln, sich fassen, das Gehörte stürmte zu wuchtig auf ihn ein. Auch hinter des Professors Stirne arbeitete es fieberhaft; aber er hatte schon viel durchgekämpft, bei ihm herrschte der Geist über die Materie. Langsam ließ er das deckende Gemälde über das bezaubernde Porträt sich einfügen, dann athmete er auf, er hatte seine Ruhe, seine sichere Ueberlegung wiedergewonnen. Des Herzogs Erzählung hatte den Funken in der Asche heller aufglühen gemacht, nun war er wieder er selbst, der kalte, nüchterne, überlegende Gelehrte.

Endlich trat Herzog Ludwig wieder näher.

»Der Sturm hat ausgetobt,« sagte er matt, »nun lassen Sie mich Ihre Beweisgründe hören, ich bin bereit.«

Erich Langenstein erzählte nun einfach und deutlich, was wir bereits wissen, und was er aus dem Munde des Bauern gehört hatte, sodann seine Begegnung mit der Dame bei dem Waldschlößchen. Daran knüpfte er die auffallende Veränderung in dem Gesichte der Herzogin-Wittwe bei der Erwähnung jenes Klavierspiels im Waldschlosse, sodann das, was er unfreiwillig vor wenig Tagen zwischen Mister Green und der Herzogin belauscht.

Herzog Ludwig hatte schwer athmend zugehört, nun erhob er sich.

»Ich danke Ihnen, Langenstein,« sagte er einfach, und fügte voll Würde hinzu: »Ich werde diese Angelegenheit untersuchen. Hat man jenes Verbrechen begangen, so werde ich es zu ahnden wissen! Auf Ihren Beistand darf ich wohl nicht mehr bauen?«

»Hoheit irren,« entgegnete der Professor fest, »Felicitas von Plenken ruht für mich unter jenem einfachen Kreuz auf dem Friedhof – ich biete Euer Hoheit meine Hand, den Schleier des Geheimnisses zu lüften.«

»Sie sind eine edle Natur, Professor,« erwiderte der Herzog, »und ich kann Ihnen nur dankbar sein. Ja, je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer liegt es jetzt vor meiner Seele: meine Mutter – Gott verzeih' ihr diese Sünde – hat einen sehr wohlüberlegten Plan ausgeführt und zu seiner Ausführung meine Abwesenheit benutzt. Doch wir wollen sehen, die nächsten Tage müssen Alles an's Licht bringen.«

Den ganzen Tag über war der Herzog fieberhaft erregt, und auch in des Professors Inneren stürmte es noch – wer hätte es ihm verargen können? Es sollte ja doch eine Katastrophe hereinbrechen, welche für beide gleich verhängnißvoll war.

Zwei Tage nach dem erwähnten Gespräche befahl der Herzog Reitpferde, und bald darauf ritt er, nur in Begleitung des Professors, zum großen Erstaunen des Hofpersonals, fort; sie begegneten nach wenigen Minuten Mister Green, dem Castellan. Dieser starrte den beiden Reitern wie ein Träumender nach; kaum hatte er aber gesehen, daß sie den Weg zum Walde einschlugen, als er trotz seiner Corpulenz sich in Trab setzte, und nicht eher in diesem Tempo zu laufen aufhörte, bis er in dem Boudoir der verwittweten Herzogin stand.

»Was gibts?«

»Hoheit – der Herzog reitet mit dem Professor nach dem Waldschloß!«

Die alte Dame erhob sich hastig.

»Meinen Wagen, schnell!« befahl sie.

Nach wenigen Minuten rasten die wilden Trakehner mit dem leichten Coupé der Herzogin davon. Herzog Ludwig ritt indeß mit seinem Begleiter schweigend und in langsamem Tempo dahin, ein jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, bis das zierliche Gebäude des Waldschlößchens vor ihnen lag. Die Herren sprangen von den Pferden, banden dieselben an einem Baume fest und schritten den Anlagen zu. Der Herzog ging voran, die Steinstufen herauf, und öffnete mit fester Hand die Glasthür, welche in den mit Hirschgeweihen geschmückten Vorsaal führte – es war todtenstill! Da rollte draußen ein Wagen vor, die Pferde stampften den Boden, und die Herzogin sprang heraus – Mister Green folgte.

»Jetzt wird es furchtbar tagen,« murmelte Langenstein, und der Herzog entgegnete: »Sie hat es nicht anders gewollt.«

»Ah, mein Sohn, welche Ueberraschung,« rief die herzogliche Wittwe ihm zu, »was führt Sie hierher?«

Aber der Herzog entgegnete finster:

»Lassen Sie diese Komödie, Madame! Mister Green, Sie bleiben hier – ich will mir dieses Haus ein wenig betrachten! Folgen Sie mir, ich befehle es!«

»Aber, wollen Eure Hoheit gnädigst bedenken – diese Räume sind verfallen – die Decken schadhaft. –«

»Schweigen Sie, Mister Green! Wer ist hier Herr, Sie oder ich, gehen Sie mit!«

»Hoheit werden gütigst gestatten, daß ich mich zurückziehen darf –«

»Sie gehen mit, marsch!«

Was blieb dem Castellan übrig – er mußte. Voran schritt der Herzog mit seiner Mutter, der Professor mit Mister Green folgte. Stumm durcheilten die Vier die Räume des Schlosses, unten und oben – keine Menschenseele war zu sehen – doch nein! Eben traten sie in ein kleines Cabinet, und aus der Fensternische erhob sich tief erschrocken des Castellans Frau. Wie überall, so tastete der Herzog auch hier an den Wänden umher – es fand sich nichts! Doch auch Langenstein machte Versuche, endlich rief er: »Hier ist eine Tapetenthür!«

»Endlich!« rief der Herzog, »Mister Green, öffnen Sie dort!«

Aber Mister Green lehnte sich an die bezeichnete Stelle der Wand und sprach:

»Hoheit irren, hier ist keine Thür!«

»Doch, es ist eine vorhanden,« erwiderte der Professor.

»Green, öffnen Sie!« donnerte der junge Fürst.

»Hoheit,« lächelte der Castellan, durch eine Geberde der Herzogin bestärkt, »Hoheit – ja, hier ist eine Thür, sie führt nur in ein kleines Gemach, wo meine Frau Vorräthe aufbewahrt –«

»Ich wünsche sie zu sehen!«

»Mein Sohn!« – begann die Herzogin, aber der Fürst hörte nicht. »Mister Green, Sie werden öffnen!«

Aber der Castellan zuckte nur mit den Achseln. Da trat der Herzog dicht vor ihn hin, seine Rechte faßte krampfhaft die Reitpeitsche –

»Frecher Bube, Du wagst mir zu trotzen? Oeffne, sag' ich!«

»Nein,« entgegnete trotzig der Engländer, während die alte Herzogin stumm und starr dastand, wie eine Bildsäule.

Aber kaum war diese neue Weigerung des Widerspenstigen laut geworden, als auch schon die Reitpeitsche des Herzogs auf ihn niederschlug und so lange schlug, bis der Elende, vom Schmerz gepeinigt, ausrief: »Gnade, Hoheit – ich öffne!«

Der Herzog hielt ein, und der Castellan erhob sich mühsam, drückte an einer Verzierung des hölzernen Getäfels, und eine Tapetenthüre sprang auf; doch eine andere Thüre aus Eichenholz versperrte noch den Weg. Schnell beseitigte der Professor auch dieses Hinderniß, und die Anwesenden standen an der Schwelle eines kleinen, luxuriös ausgestatteten Gemaches, dessen Möbel, bis auf einen prachtvollen Erard'schen Flügel sämmtlich dem Rococogeschmack angehörten. In dem Marmorkamin brannte trotz des Sommers ein helles Feuer, die Fenster waren noch immer geöffnet, von Außen aber stark vergittert. Eine kleine Thür führte anscheinend in einen Alkoven. In der Mitte des Zimmers aber stand hochaufgerichtet eine wunderschöne Frauengestalt – dieselbe, die der Professor an jenem Abend gesehen hatte. Bei ihrem Anblick stürzte der Herzog auf die Kniee –

»Felicitas – bist Du es?«

»Ja, Ludwig, ich bin es,« antwortete die schöne Frau mit voller, fester Stimme, »ich bin es, Dein Dir vor Gott angetrautes Weib, ich wußte, Du würdest eines Tages kommen!«

Der Herzog kniete noch immer vor ihr – er weinte. »Du weinst, Ludwig,« fuhr Felicitas fort, »und ich weiß, warum Du weinst. Du weinst über das mir zugefügte Verbrechen, welches die da,« sie deutete auf die Herzogin, »verübt hat. Willst Du wissen, wie ich hierher kam? Ich werde es Dir sagen; denn Ihre Hoheit würde Dir auch darüber Lügen erzählen, wie sie Dir vorgelogen hat, ich wäre todt – gestorben! Als Du verreisen mußtest – und man hatte sehr klug manövrirt, um das zu bewerkstelligen –, als Du verreistest, brach in der Residenz eine böse Krankheit aus, und Deine durchlauchtigste Mutter bewog mich, die Stadt zu verlassen. Ich nahm den Vorschlag an; denn ich sah darin nur Güte und Liebe – wie thöricht! Wie konnte ich, Deine Dir unebenbürtige Gemahlin, auf solche Dinge bauen! Ich wurde hierher gebracht, mit Luxus überhäuft und erwartete in der schönen Waldeinsamkeit Deine Rückkehr. Aber Du kamst nicht! Ich wartete in banger Verzweiflung, ich fragte diejenigen, die mich umgaben, man antwortete mir nur ungenügend. Monate vergingen – ich verzehrte mich in Gram, und Du kamst nicht! Da eines Tages fand ich einen Rest alter Zeitungen in dem Zimmer meines Gefangenenwärters – denn ein solcher war der da! Ich nahm die Blätter an mich, ich hoffte in den Hofnachrichten etwas über Dich zu erfahren. In einem alten Blatt las ich, daß das Leichenbegängniß einer in der Residenz wohnenden Frau Felicitas von Plenken stattgefunden habe – ich faßte an meinen Kopf – träumte ich denn, es war ja mein Name! Doch ich las weiter – und da fand ich in den Nachrichten vom März Deine Verlobung – und in wenigen Nummern später Deine Vermählung mit der Prinzessin Elisabeth. Du vermählt – und ich, Deine rechtmäßige Gemahlin, hier schmählich zurückgehalten! Soll ich Dir sagen, was ich empfand? Haß, Verachtung und Schmerz über Euch Alle, ich wußte noch nicht, daß Du unschuldig seist, Ludwig! Aber ich erfuhr es bald, ich fand, zerdrückt und zerknittert, ein Billet Ihrer Hoheit an ihren saubern Gehilfen da – in dem Billet stand, es sei Alles wohl gelungen, Du glaubtest an meinen Tod, Green solle mich nur gut bewachen, und es würde nie etwas an's Licht kommen. Sie hat uns Alle betrogen, diese alte Frau – Gott verzeih's ihr. Da sie es nicht wagte, mich zu tödten, beschloß sie mich hier eingeschlossen moralisch sterben zu lassen, sie, die jenes nichtswürdige Puppenspiel auf dem Friedhof ausführen konnte. Schmeichelnd lockte sie mich hierher, sagte mich todt, damit Du den herzoglichen Thron mit einer ebenbürtigen Prinzessin theilen konntest! O, über Euern Hochmuth – er vernichtet mehr, als Ihr verantworten könnt! Dich hat sie auch betrogen, und betrogen hat sie wohl am meisten Deine edle – zweite Frau, die nicht weiß, daß sie es unrechtmäßig ist!«

Felicitas schwieg tief ergriffen. Ihr schönes Gesicht war leichenblaß und die Flammen des Kamins gaukelten magisch über die rothen Haarwellen. Ihr Auge, das bisher auf dem knieenden Herzog geruht hatte, hob sich jetzt empor und schaute mit unendlicher Wehmuth durch das vergitterte Fenster. In ihren Zügen spiegelte sich unsäglicher Gram. Es war still – still wie im Grab geworden in dem kleinen Gemach. Endlich erhob sich der Herzog – kalt und entschlossen.

»Man hat mehr an Dir verbrochen, als ein menschlicher Mund aussprechen kann, »sagte er fest, »und ich kann das Verbrechen nicht strafen nach dem Buchstaben des Gesetzes – denn es ist meine Mutter, die es verübt, nur der himmlische Vater dort oben kann es sühnen! Aber hier auf Erden sollst Du, Felicitas, entscheiden, in Deine Hände lege ich die Zukunft! Wo sind die Papiere dieser Dame – ihr Trauschein?« fragte er.

»Mein Sohn –« unterbrach ihn die Herzogin.

»Den Trauschein – ich will ihn, ich, der regierende Herzog.«

»Ludwig, Du wirst doch nicht –,« schrie verzweifelnd die Herzogin-Wittwe auf.

»Ja, ich werde! Den Trauschein!«

Schweigend wankte die alte Dame heran und zog ein ledernes Täschchen hervor – sicher auf ihrer Brust hatte das kostbare Document geruht.

Herzog Ludwig nahm es aus ihrer Hand und reichte es Felicitas.

»Nimm es hin,« sagte er, »Du darfst damit hervortreten vor alle Welt, kannst Dein Recht geltend machen – nimm!«

Felicitas nahm das Papier aus seiner Hand und sah lange darauf hin – sie kämpfte wohl schwer mit sich selbst. Und wieder war es still geworden, nur im Kamin knisterten die Flammen. Endlich trat Felicitas hinweg – an den Flügel und spielte. – Erich Langenstein meinte später, er habe noch nie solche Musik gehört und wolle auch keine solche mehr hören. Sie spielte lange, seltsame Melodien und schloß harmonisch ab. Dann stand sie auf und nahm das Document zur Hand.

»Herzog Ludwig,« sagte sie, »Sie haben mir viel in die Hand gegeben – denn wenn ich dieses Papier vorzeige, so stelle ich nicht allein Ihre Mutter, nein auch das ganze Land an den Pranger, so vernichte ich das Lebensglück der jungen Herzogin. Ich weiß es und habe es wohl erwogen. Was meint Ihr, was ich thue? Diese alte Frau da zittert vor meinem Beginnen, und dort in jener Ecke lehnt Erich Langenstein, den ich betrogen – auf seinen Lippen schwebt das verächtliche: cosi van tutte! – als warte er nur auf neuen Beleg dafür. Ich weiß es wohl, und Ihr zittert – weil Ihr den Glauben an eine edle Natur verloren habt! Wohl habe ich Haß gegen Euch empfunden und Verachtung – aber nun spreche ich wie der Herzog, der edle, hintergangene Herzog: der Himmel mag richten – obwohl die Macht zum weltlichen Gericht in meinen Händen ruht. Vielleicht könnte ich gerade doch beweisen, daß ich nicht so bin, wie Alle. Draußen im Friedhof ruht Felicitas von Plenken – es gehört nur ein Wort dazu, und sie lebt wieder – oder auch eine Handvoll Asche, und ein neuer Vogel Phönix erhebt sich daraus. Ich soll entscheiden, nun wohlan denn, es sei!«

Und rasch trat sie vor den Kamin, das Document fiel hinein – und schon hatten die Flammen es verzehrt.

»Da habt Ihr meine Entscheidung,« sagte sie laut, fast fröhlich. »Ich habe Dich geliebt, Ludwig; doch ehe ich Dich in den Abgrund des Kummers, der Schmach stürze, eher gehe ich unter. Du sollst leben für Dein Volk, Felicitas von Plenken sei todt für Dich! Aus der Asche dieses Papiers mag ein neuer Name für mich entstehen! Und nun gehe ich; denn ich habe Euch, habe Erich Langenstein bewiesen, daß eine Frau auch edel und muthig sein kann. Lebe wohl, Ludwig, lebe glücklich! Ihnen, Madame, mag Gott vergeben. Doch vorher schwöre ich bei Gott –, daß in mir dieses Geheimniß ruhen soll wie im Grab; noch einmal, lebt wohl! Gott behüte Dich, Ludwig!«

Sie winkte mit der weißen Hand, ihr Auge strahlte feucht, dann ging sie – ihr Opfer war angenommen.


* * *


Was aus ihr geworden ist? Ich höre es meine Leser fragen. Wäre unsere Erzählung Dichtung, so könnten wir sagen, sie habe sich in ein Kloster zurückgezogen oder irgend Etwas der Art. Aber unsere Erzählung ist wahr.

Kurze Zeit nach jener Katastrophe im Waldschlößchen tauchte in Paris eine bildschöne Schauspielerin auf mit goldrothem Haar, und der Gestalt und Tournure einer Königin. Sie war eine zweite Rachel – gewaltig, hinreißend in der Darstellung tragischer Rollen. Ihr Name war Marguerite Delavigne und die Pariser schwuren, sie sei eine Vollblutfranzösin. Außer dem Französischen sprach sie italienisch und englisch, aber nie kam ein deutsches Wort über ihre Lippen. Beim Ausbruch des deutsch-französischen Krieges im Jahre 1870 verschwand sie aus Paris und Niemand hat sie je wiedergesehen.

Wohin sie gekommen? Und ob Marguerite Delavigne identisch war mit Felicitas von Plenken? Wer weiß es! Auf dem Friedhof der herzoglichen Residenz aber steht noch das einfache Kreuz mit ihrem Namen – der Zeuge ihres Opfers! –




Sub Viola.

Es war Herbst geworden in der weiten, weiten Welt. Auch im Parke des St. James-Palastes zu London hatte dieser Vorbote des Winters sein Recht geltend gemacht, er hatte die Blätter der hohen, alten Bäume gelb und die langen Ranken des wilden Weines roth gefärbt, den Blumen die Köpfchen gebeugt und gestattete nur hie und da einer verspäteten Rose ihr duftloses Herbstleben.

Hell und freundlich lachte die Sonne hernieder auf die schöne Erde, glitzerte in den in Blei gefaßten Scheiben des Palastes und tanzte kokett durch die staubigen, sprudelnden Wasser der Fontainen.

In einer dichten, dunklen Allee gingen zwei Herren auf und nieder; der eine war ein feines, zierliches Herrchen, der andere, etwa dreißig Jahre alt, von bestechendem Aeußeren. Auf einer mächtigen, herkulischen Gestalt saß ein feingeschnittener Kopf mit vollem blonden Haar; die Stirn, hoch und zurücktretend, zeigte, daß ihr Besitzer Geist hatte; zu beiden Seiten der Adlernase blickten kluge, tiefblaue Augen; Oberlippe und Kinn schmückte ein dunkelblonder Bart.

Die Herren, angethan mit der reichen, kleidsamen Tracht des 17. Jahrhunderts, – denn an den Hof Carl's I. von England führen wir den Leser, – schritten lange schweigend nebeneinander her; endlich begann der Kleinere mit dem Ausdruck komischer Verzweiflung:

»George Villiers, ich finde Euch langweilig zum Sterben!«

»Und ich, Sir Reginald Wilfort, finde Euch zum Erschrecken aufrichtig,« entgegnete der Andere in demselben Tone

»Das dürft Ihr mir nicht übel nehmen,« fuhr Sir Reginald Wilfort, der Hof-Cavalier des Königs, fort; »bedenkt, daß wir nun schon eine halbe Stunde hier einhergehen, ohne daß Ihr gesprochen hättet.«

»Ich habe dafür meine Gründe,« entgegnete Lord George Villiers, der Oberjägermeister Sr. Majestät, »und überdies, weshalb sprecht Ihr nicht?«

»Ich langweile mich!« – entgegnete der Andere.

»O, läuft der Hase so?« lachte nun Lord George; »ja, mein hochedelster Herr, der Hof von England ist langweilig zum Sterben, und besonders seid wir in Frankreich waren, um Ihre Majestät als Braut unseres Herrn abzuholen, genügt uns das Leben hier gar nicht mehr; ventre saint gris! in mir fließt halb französisches Blut, und dieses Blut will sich amüsiren. Nun, Ihr sollt den Grund meines Schweigens hören. Also erstens, langweile ich mich auch.«

»O!« rief Sir Reginald.

»Zweitens sitze ich in Schulden bis über die Ohren.«

»Oho!«

»Drittens fehlt es mir an geistiger Anregung. Hier giebt's Nichts zu conspiriren oder zu intriguiren – höchst mangelhafte Hoffeste – kurz und gut, entweder reiße ich aus nach Frankreich, oder –«

»Oder?« ertönte hinter Beiden eine helle Stimme, und die Besitzerin derselben, eine bezaubernd schöne Aschblondine mit schalkhaften, dunklen Augen, stand vor den Klagenden. Sie war Ehrendame der Königin und die zwanzigjährige Wittwe des Earls von Evandale.

»Ah, sie hat uns belauscht,« murmelte George Villiers; »man muß darnach trachten, ihr Etwas weiß zu machen, denn sie besitzt Einfluß; und wenn –«

»Nun, Mylord,« lachte nun das schöne Weib hell auf, »bin ich denn eine Medusa, daß Ihr vor meinem Anblick versteint? Doch ich bitte Euch, vollendet! Ihr sagtet, entweder Ihr geht nach Frankreich, oder –«

»Oder ich bleibe hier,« entgegnete George Villiers etwas erzwungen.

»Ganz recht,« nickte Lady Elisabeth. »Doch erlaubt mir, daß ich den Satz vollende: – Oder ich bleibe hier und werde Minister – ist's nicht so?«

»O, Ihr scherzt,« sagte der schöne Oberjägermeister Sr. Majestät ein wenig betroffen, während Lord Reginald einen flüchtigen Blick des Einverständnisses mit ihm wechselte.

»Ihr seht, daß ich selbst Gedanken errathe,« scherzte Lady Evandale, »es ist schwer, mir Etwas zu verbergen. Nun also, Ihr wünschet Minister zu werden – sehr gut! Indeß wird Euch dies wohl etwas schwer fallen, indem der Herzog von Richmond vorläufig sein Portefeuille noch recht fest hält!«

»Ihr seid bewunderungswürdig, Mylady,« entgegnete George Villiers mit feiner Ironie, »Ihr errathet Dinge, die für mich selbst noch in weiter Ferne liegen. Lord Richmond stürzen – welcher Einfall, aus einem Oberjägermeister einen Minister machen zu wollen! O, ich verstehe Euch – Ihr prüft sorgfältig das Terrain!«

Lady Elisabeth lächelte – und sie war bezaubernd schön in diesem Lächeln.

»Ich führe nur Thatsachen an,« sagte sie, »warum verrathet Ihr auch Geheimnisse, die so gefährlich sind? Ihr meint, ich hätte Euch belauscht? Nicht doch! Nein; ich hatte Euch eine Botschaft von Ihrer Majestät zu bestellen, und da man mir sagte, daß Ihr im Park seiet, so ging ich ebenfalls in denselben. Ich suchte nach Eurer Spur, dem Dufte der Veilchen, die Ihr ja das ganze Jahr in Euren Gewächshäusern ziehen laßt und die Euch den Namen »der Veilchenlord« eintrugen. Nun wohl! Ich suchte nach dieser Spur, und richtig – inmitten jenes Kieswegs lag ein Bouquet von Veilchen, deren Stiele mit Pergament umwunden waren; das Pergament war mit folgenden Worten beschrieben »An Mylord, den Grafen von Kent! Sorgt Euch nicht – das Regime des Herzogs von Richmond wird gestürzt und ich werde Minister. Meine Wette werde ich gewinnen, parole d'honneur! oder ich gehe unter. G. V.!« Ich muß Euren Ehrgeiz loben, Mylord, indeß, dies Spiel ist doch etwas gewagt!«

Villiers biß sich auf die Lippen – hier war kein Entweichen möglich.

»Nun gut, Mylady,« sagte er, »ich kann nicht mehr leugnen; Ihr mögt Recht haben, daß dieses Spiel gewagt ist – um so mehr, als Ihr mich – oder vielmehr meinen Kopf – in Euren schönen Händen habt.«

»Ihr spottet, George Villiers,« entgegnete sie mit ihrer metallreichen Stimme, »Ihr spottet! Wäre es wohl das Geschäft einer Frau, den Kopf eines der Ersten des Königreichs an das Messer zu liefern?«

»Nun denn, Mylady Elisabeth – so bitte ich Euch um Rückgabe jenes Veilchenstraußes!«

Die schöne Frau lächelte.

»Damit Ihr denselben dem Grafen von Kent schickt und Euch nochmals der Gefahr, ihn zu verlieren, aussetzt? Nicht doch!«

George Villiers stampfte leicht mit dem Fuße.

»Diable!« murmelte er, und fuhr laut fort: »Nun denn, schöne Dame, was gedenkt Ihr zu thun?«

»Ihr sollt es hören,« antwortete sie. »Irre ich nicht, so machtet Ihr mir vor Kurzem den Antrag, Eure Gemahlin zu werden.«

»Ja, und Ihr schlugt es aus,« unterbrach sie Villiers.

»Nicht doch,« antwortete Lady Evandale, »ich versprach Euch später eine entscheidende Antwort. Ihr sollt sie heute haben: – ich will Euch dann meine Hand reichen, wenn Ihr nächst dem König der erste Mann im Reiche, – kurz gefaßt, Minister seid! Ihr seht, George, ich habe auch meinen Ehrgeiz!«

»Ah, Lady Elisabeth, Ihr seid sehr gütig,« sagte lächelnd der Lord, und vor der Dame das Knie beugend fuhr er fort: »Jetzt preise ich den Zufall, der es wollte, daß Ihr meine Veilchen fandet; es sei, wie Ihr sagt! Ich will versuchen, Euch zu erringen, ich will emporsteigen zu der höchsten Höhe um Euretwillen; falle ich herab, so sterbe ich für Euch!«

»Wir wollen nicht hoffen, daß es dazu kommt,« erwiderte die schöne Frau lächelnd, »indeß glaube ich doch, daß Ihr in mir eine gute Verbündete haben werdet. Wie gedenkt Ihr Euer Vorhaben auszuführen? Ich weiß, Ihr seid ein guter, und was noch mehr ist, ein feiner Degen, allein die rohe Gewalt ist hier nicht angebracht.«

»Ich weiß es wohl,« erwiderte Villiers, »und muß gestehen, daß ich bis jetzt noch Nichts gefunden habe; denn obwohl der Herzog von Richmond alt und schwach ist, und nur unvollkommen sein Amt als Minister ausfüllt, so ist er dem Könige doch theuer. Wie also ihn entfernen?«

»Man muß eben eine kleine Intrigue einfädeln!«

»Sehr gut gesagt, Mylady; aber intriguiren ist meine schwächste Seite – ich verstehe es nicht!«

»Ich desto besser,« entgegnete Lady Evandale.

»Bei Eurem feinen Geiste, Mylady, ist dies wohl keiner Frage unterworfen,« nahm nun Sir Reginald Wilfort das erste Mal das Wort.

Ueber die schöne, klare Stirn der Lady Elisabeth flog eine Wolke – George Villiers biß sich auf die Lippen – sie hatten Beide die Gegenwart eines Dritten unbeachtet gelassen.

»Wir wollen sehen, Sir,« sagte sie; »vor Allem aber hoffe ich, daß Ihr von dem, was Ihr gehört habt, schweigen werdet.«

»Ich nenne mich Villiers Freund und Euren Verehrer,« sagte sich verbeugend Sir Reginald, »und ich werde schweigen, besonders da Eure schöne Hand mir ein Schloß vor den Mund legt!«

»Schön gesagt,« erwiderte die Lady kalt, »indeß wäre es mir lieb, hätte ich Euer Edelmannswort.«

»Ihr habt es.«

»Gut, meine Herren – ich verlasse Euch nun, denn der Dienst der Königin ruft. Euch, Mylord Villiers, wünsche ich nach dem Diner noch einige Worte zu sagen!«

Mit einer leichten Verbeugung schritt sie davon, dem Schlosse zu.

»Teufel, meine Actien stehen gut,« dachte George Villiers; Sir Reginald aber sagte leise zu sich selbst:

»Sie traut mir nicht, sonst hätte sie mehr gesagt – was mich indeß nicht abhalten soll, dieses »Mehr« zu erfahren.«

Indeß war Lady Elisabeth in das Gemach der Königin getreten. Henriette Maria, die Tochter des großen Heinrich's IV. von Frankreich, saß am brennenden Camine, die dunklen, geistvollen Augen auf die Flammen geheftet. Bei dem Eintritt ihrer Ehrendame wendete sie leicht den Kopf.

»Ah, Ihr seid es, Elisabeth? Tretet näher und nehmt mir gegenüber Platz!«

Lady Evandale folgte dem Befehle der Königin, und setzte sich, den Veilchenstrauß George Villiers in der Hand, ihr gegenüber auf ein Tabouret.

»Erzählt mir Etwas, Elisabeth,« fuhr die Königin fort, »Ihr wißt, daß mir immer bange ist an dem freudlosen Hofe von St. James. Der König hat dringende Geschäfte, er arbeitet, und ich – langweile mich; Ihr, als meine Landsmännin, bleibt mein einziger Trost. Ach, es war doch schöner an dem Hofe von Frankreich – da langweilte man sich nie – nie! Und hier? Ach, Elisabeth, hier giebt es keine täglichen Feste, keine Jagdcavalcaden – ja nicht einmal die kleinste Intrigue.«

Lady Evandale lächelte. Sie steckte ihr feines, gerades Näschen in die Veilchen und sagte:

»Ew. Majestät haben leider sehr Recht. Indeß – man muß sich zu helfen wissen! Sind die Engländer zu faul, Intriguen zu machen, so ist dies Geschäft eben an uns.«

Die Königin heftete ihre Augen erwartungsvoll auf ihre Ehrendame.

»›Ventre saint gris‹, wie mein großer Vater zu sagen pflegte, Elisabeth, Ihr habt Etwas in petto!«

»Ah, Majestät errathen es, das zeigt den französischen esprit,« rief Lady Evandale. »Eh bien! Würden Ew. Majestät mir wohl erlauben ein Märchen zu erzählen?«

»Ein Märchen?« fragte die Königin.

»Gewiß, Madame,« entgegnete die schöne Frau, »ein Märchen; denn eine Eigenschaft hat England mit Frankreich gemein – im Louvre wie im Palast St. James haben die Wände Ohren, und besonders ist eine Königin nie unbelauscht. Wenn indeß eine Ehrendame ihrer Souveränin Märchen erzählt, so kann darin selbst der Mißtrauischste Nichts finden.«

»Ah, »rief die Königin, »ich verstehe Euch, Elisabeth! Es ist wahr, Königin von England zu sein, ist eine Ehre, die einen sehr bittern Beigeschmack hat, wie man weiß – und besonders ich, die Fremde, werde scharf beobachtet. Wir wollen uns daher sehr kindlich beschäftigen – erzählt mir also ein Märchen!«

»Nach Eurem Befehl, Madame,« erwiderte Lady Evandale; »indeß werde ich dieses Märchen nicht sub rosa, sondern diesmal sub viola erzählen.«

Und sie reichte der Königin den Veilchenstrauß.

»Veilchen? zu dieser Jahreszeit?« sagte verwundert Henriette Maria »seltsam – es giebt nur eine Person, welche immer frische Veilchen hat; – ah!« rief sie dann mit einem Blick des Verständnisses, »ah – Ihr wollt mir ein Märchen von dem Veilchenlord erzählen?«

»Ew. Majestät sind vollständig au fait,« lächelte Lady Elisabeth, »und nun bitte ich Euch, Madame, erzählen zu dürfen. Hört also wohl: »Es war einmal ein König, der eine Insel, nahe dem Continent, sein Reich nannte. Dieser König, ein edler, erhabener Monarch, war, wie alle Herrscher, umgeben von einem Kreis würdiger Räthe, hoher Würdenträger und Edelleuten, welche den Vorzug genossen, den Dienst um seine erhabene Person zu versehen. Unter den Räthen und treuen Freunden des Landes nahm ein Greis den ersten Platz ein, welchen er schon seit Jahrzehnten inne hatte. Er hatte Sturm und Sonnenschein gesehen, er hatte inmitten gestanden wie eine starke Eiche. Aber auch diese wird morsch – wie viel weniger nicht ein Mensch – kurz, dieser erste Rath des Königs begann, von Mißtrauen und Ehrgeiz beherrscht, eine eigne Art, das Land zu regieren – ein System, das vielleicht vor fünfzig Jahren reüssirt hatte, jetzt aber veraltet und lächerlich geworden war. Die Zeiten ändern die Sitten, natürlich auch die politischen Lehrsätze – und dieser alte Rath verfolgte ein ganz merkwürdiges Species dieses Genres wozu aber weder Parlament noch Reich seine Zustimmung gab.«

»Ei, ei, ma chére,« unterbrach die Königin die Erzählerin, »mir scheint, Euer Märchen nimmt eine politische Färbung an.«

»Nur theilweise, Madame,« erwiderte Lady Evandale und fuhr fort: »Der König seinerseits sah, oder wollte die Mängel und diplomatischen Schnitzer, die sein Minister machte, nicht sehen – er schwieg, indem er meinte, man müsse einem alten, treuen Diener der Dynastie und des Landes Manches zu Gute halten und bedenken, daß er für das Wohl seines Herrn, falls es nöthig sei, sein Blut vergießen würde. Darin hatte sich nun der König vielleicht nicht geirrt, soweit es seine Person betraf. Aber er hatte eine schöne junge Gemahlin, die Tochter eines großen Königs auf dem Continent, und eben diese junge Königin war dem Minister ein Dorn im Auge – erstens, weil er zu dieser Vermählung nicht Ja und Amen gesagt hatte, indem der König ihn nicht einmal darum gefragt, zweitens aber, weil der Minister den stolzen Plan hatte, seine eigne Tochter als Königin zu sehen.«

»Elisabeth, was sagt Ihr da?« fuhr Henriette Maria auf.

»Habt die Güte, Madame, mich meine Erzählung vollenden zu lassen. Der Minister, als er sah, daß der große Plan seines Lebens gescheitert war, fing an, Rache zu brüten; er schrieb in seinem blinden Zorne Briefe, welche die empörendsten Schmähungen gegen die Königin enthielten. Ein einziger dieser Briefe wäre hinreichend, die alte, morsche Eiche zu fällen!«

»Und bei Saint -Denis, wir wollen sie fällen!« rief die Königin mit stolzem Tone, »dieser Erbärmliche soll es nicht umsonst gewagt haben, die erhabene Tochter des großen Königs geschmäht zu haben!«

»Ew. Majestät haben vollkommen Recht,« erwiderte Lady Evandale, »indeß, meine Erzählung ist noch nicht beendet. Diese Papiere befinden sich in Frankreich in sicherem Gewahrsam; aber ein kühner junger Mann von eminentem Geist, stark wie Herkules, treu wie Blondel, muthig wie Richard Löwenherz – nennen wir ihn den Chevalier aux violettes, will diese Papiere in die Hände der Königin liefern um einen Preis, den sein Geist und sein mächtiger Wille ihm längst zusprachen – um den Preis, den Platz des alten Ministers einnehmen zu können!«

»Sehr gut,« lächelte die Königin, »ich sehe, Eure Chevalier aux violettes hat Ehrgeiz, und Ihr, Elisabeth, mögt Recht haben, er bewirbt sich um einen Platz, der ihm längst zukommt. Doch nun das Wichtigste – in wessen Händen befinden sich diese Papiere, die den anmaßenden Herrn Minister stürzen sollen?«

»Majestät, ich habe darüber keine Gewißheit – ich kann nur vermuthen. Der Herzog von Richmond hat eine Nichte, eine ränkevolle, ihm ganz ergebene Frau – nur an sie können die Briefe gerichtet sein, folglich muß sie dieselben auch besitzen!«

»Gut,« nickte die Königin, »und der Name dieser Frau?«

»Lady Anna Churchill – doch dies ist ihr Mädchenname, jetzt ist sie vermählt an einen französischen Seigneur mit Namen Gaston, Graf von Bearn.«

Die Königin stieß einen leisen Schrei aus und bedeckte das Antlitz mit den Händen; endlich sagte sie, und ein trauriges Lächeln spielte um ihre schönen Lippen:

»Wir werden diese Papiere erlangen, Gaston von Bearn wird sie mir ausliefern. Ach, Elisabeth, auch ich könnte ein Märchen erzählen von einer Königstochter, die einen kühnen Ritter, ach! so lieb hatte, – und die ihn doch lassen mußte für das Wohl des Staates! Begreift Ihr, Elisabeth, was Ihr mit dem Namen Gaston's von Bearn in mir wachgerufen habt? Eine schöne Welt voll süßer Träume, voll Glück und Wonne! Der treue Ritter wird dem Wunsche seiner Königin nachkommen, ich weiß es, ich –«

Die Königin konnte nicht vollenden, denn es wurde eben gemeldet, daß das Diner servirt sei. Im Vorzimmer hatte sich der Hofstaat Henriette Maria's versammelt, und durch seine Reihen schreitend begab sich die Königin nach dem Saale, wo die Tafel aufgestellt war. Ihre Züge waren wieder heiter, ihre Lippen lächelten und sie hatte ein gütiges Wort für Jedermann – Königinnen sind oft bessere Schauspielerinnen, als diejenigen, welche auf den Brettern, die die Welt bedeuten, stehen. In dem Speisesaale erwartete sie König Carl I. Er ging ihr entgegen und beugte sein Haupt mit den edlen bleichen Zügen, umrahmt von tiefschwarzem Haar, zu ihrer Hand herab, um dieselbe zu küssen.

»Ah, Charles, Ihr habt wieder viel gearbeitet,« sagte leise mit besorgtem Tone die Königin, »Eure Augen haben tiefe Ränder – Ihr strengt euch zu sehr an.«

Carl lächelte trübe.

»Ich bin Herr über ein weites Reich,« sagte er, »und meine Verantwortung dafür ist groß – ich muß arbeiten, so weit meine Kräfte reichen!«

»O, ich weiß wohl, Ihr seid ein rechtlicher Monarch, Sire,« entgegnete die Königin, »und ich verehre Euch tief! Aber Ihr habt auch eine Gattin und Kinder, für die Ihr, wie der gewöhnlichste Mann, Euch erhalten müßt. Laßt Eure Minister mehr für Euch sorgen!«

»Nicht doch, Madame, »erwiderte der König, »ein Monarch darf sich nie ganz den Händen seiner Diener überlassen.«

»Ganz besonders, wenn dieselben alt und schwach sind!«

»Ah, Ihr meint den Herzog von Richmond, Henriette?« fragte der König: »Ihr mögt nicht Unrecht haben, indeß – er ist mein treuester Diener; wo finde ich einen Ersatz für ihn?«

»Ich wüßte Einen,« sagte lächelnd die Königin.

»Ah bei meinen Ahnen, ich glaube, Ihr treibt Politik, Madame, »erwiderte lachend Carl; »parbleu, ich hätte wohl Lust, dieses Wunder zu sehen und zu prüfen!«

»Lacht immerhin, Sire,« scherzte die Königin, »besonders da Ihr wißt, daß Politik meine schwächste Seite ist. Da es indeß Euer Wunsch ist, den Herrn Minister -Aspiranten zu prüfen, so will ich Befehl geben, daß er seinen Platz neben Euch einnimmt!«

Und sich umwendend befahl sie:

»Se. Majestät wünscht heute zum Tischnachbarn Lord George Villiers!«

»Der Veilchenlord!« rief Carl laut lachend.

»Was wollt Ihr, Sire?« meinte die Königin, »die größten Geister sind oft hinter kleinen Aemtern verborgen. Denkt nur an Richelieu, den größten Minister meines königlichen Bruders, was war er? Bei Gott, nur ein einfacher Priester, und erst gar der Herr Herzog von Richmond? Er war ein gar einfacher Landjunker, als Se. Majestät Jacob I. fand, er hätte Talent zum Diplomaten.«

»Nun gut, Madame,« entgegnete der König, »ich werde mit Villiers conversiren – pour passer le temps! Und nun, falls es Euch gefällig ist, zur Tafel!«

Und sich verbeugend reichte er der Königin die Fingerspitzen, um sie zur Tafel zu führen. Auf einen Wink der Letzteren sprang George Villiers herbei, um den Fächer der Königin zu tragen, und ihm denselben reichend, flüsterte sie schnell:

»Entfaltet all' Euren diplomatischen Geist, seid fein in der Politik, Ihr könntet Minister werden!«

George Villiers verbeugte sich lächelnd, er begriff, daß Lady Elisabeth Evandale der Königin eine kleine Intrigue vorgeschlagen hatte, und er war ruhig des halb, denn die schöne Frau that Nichts ohne Vorbedacht. Außerdem bemerkte er in der Hand Henriette Maria's seinen Veilchenstrauß – ein gutes Vorzeichen.

Carl nahm mit seiner Gemahlin Platz, der Hof folgte seinem Beispiel. Der König, obwohl sonst mäßig in seinen Bedürfnissen, liebte doch eine gute Tafel, und vorzüglich war es Wild, welches er gern genoß. Er aß nicht viel, aber gern mehrere Gerichte, dazu trank er denn zwei bis drei Sorten Wein, namentlich Burgunder. Dabei liebte er ein anregendes Gespräch, während Jacob I., sein Vater, ein großer Gourmand, während der Mahlzeit stets schwieg, um sich ganz dem Genusse hinzugeben.

Carl war heute guter Laune. Er vertiefte sich bald in ein Gespräch mit George Villiers, der sich Mühe gab, dem Wunsche der Königin zu entsprechen. Lady Elisabeth plauderte indeß in ihrer gewohnten bezaubernden Weise mit ihrem Nachbar Sir Reginald, welcher George Villiers nicht einen Augenblick aus dem Gesicht verlor, während die Königin ihren Veilchen eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen schien.

Es wurde ein neuer Gang herumgereicht und Carl bemerkte den Strauß in den Händen der Königin.

»Ah, Veilchen im Herbst,« sagte er, »ich vermuthe, daß sie aus den Treibhäusern unseres Veilchenlords kommen.«

»Eine meiner Damen überreichte sie mir,« entgegnete die Königin, »und ich hörte, daß Lord Villiers sie gezogen hätte. Es ist eine schöne, große Blume, welche die Pflege Eures Gärtners erzielt hat; Sir George, ich vermuthe, es ist Eure edelste Gattung.«

»Ew. Majestät irren nicht,« erwiderte Villiers.

»Und dennoch kenne ich eine noch schönere,« fuhr die Königin fort, »und diese besitzt mein königlicher Bruder, Ludwig XIII. Ihr wißt, Sire, daß der König ein großer Liebhaber der Gärtnerei ist! Nun denn, er hat durch sorgfältige Pflege unter Anwendung geheimer Mittel unser gewöhnliches Veilchen zu einer wahren Prachtblüthe verwandelt und dieselbe nach meiner hohen Schwägerin Anne d'Autriche genannt. Aber nur in den Gärten von St. Germain und St. Cloud blüht dieses Veilchen, wahrlich sehr schade, trotzdem es lange mein höchster Wunsch war, ein Exemplar für mein Boudoir zu besitzen.«

»Parbleu, Euer Bruder, Madame, ist ein Egoist,« scherzte der König, »und man müßte zur Erfüllung Eures Wunsches einen Ritter nach Paris senden, der in unserm königlichen Namen dieses Wunderveilchen für Englands Majestät fordert.«

Ueber das Antlitz der Königin zuckte ein freudiger Strahl, sie sah Lady Evandale lächelnd an, welche ein Zeichen mit den Augen machte.

»Ich nehme Ew. Majestät beim Wort,« rief nun Henriette Maria lächelnd, »und bitte um Eure definitive Erlaubniß, einen Chevalier in der Angelegenheit des Veilchens »Anne d'Autriche« nach Paris senden zu dürfen.«

»Ich gebe Euch die Vollmacht, Madame,« sagte Carl I. lachend.

»Nun denn,« rief die Königin sich umblickend, »nun denn, wer von Euch, Mylords, will für mich nach Paris reisen?«

»Ich! ich!« erscholl es im Chor aus allen Kehlen der jungen Cavaliere.

»Ah,« lachte Henriette Maria, »Euer Wille ist gut, Mylords, ich danke Euch! Indeß, da nur Einer von mir verlangt wird, so werde ich wählen. Sir Reginald Wilfort? Nicht doch, Ihr seid zu bequem! Mir kommt ein guter Gedanke! Wer von Allen könnte die Angelegenheit der Ueberführung eines französischen Veilchens nach Englands Küste besser besorgen, als unser Lord Villiers?«

»Gut, Madame, ich lobe Eure Wahl,« sagte der König.

Lady Elisabeth athmete auf.

»Sie ist eben eine Französin,« dachte sie und sandte einen sprechenden Blick an Villiers, welcher besagte:

»Sollte ich anfangen zu begreifen?«

Sir Reginald aber machte nur »Aha!« und lächelte ironisch.

»Mylord George Villiers,« fuhr die Königin fort, »ich ernenne Euch nun zum Veilchenritter der Königin von England, und beauftrage Euch, morgen nach Paris zu reisen. Eure Instructionen mögt Ihr von meiner Ehrendame Lady Elisabeth Evandale empfangen!«

»Ich werde die Ehre zu schätzen wissen, Madame,« rief Villiers mit tiefer Verbeugung.

Man lachte und scherzte noch über den neuen Gesandten nach Paris, dann hob Carl I. die Tafel auf und verließ mit seiner Gemahlin den Saal.

Auf einen Wink Lady Elisabeth's trat der Veilchenlord zu ihr heran.

»Heute Abend um 10 Uhr im nördlichen Pavillon,« raunte sie ihm zu, und sagte dann lauter: »Im Dienste für Ihrer Majestät.«

Sie hatte sehr leise gesprochen, die schöne Frau, aber Sir Reginald, der wie zufällig vorbeiging, hatte es doch gehört.

»Gut,« murmelte er, »auch ich werde die Stunde nicht verfehlen.« –

Der Park des St. James-Palastes war ehemals mit sechs bis acht Pavillons im Tudor-Styl geschmückt. Jeder dieser kleinen, dem Auge wohlgefälligen Gebäude war innen elegant eingerichtet und bestand aus einem Vorzimmer und einem sehr behaglichen, zum Plaudern einladenden Cabinet mit Camin versehen. Königin Anna von England, die Letzte des edlen Hauses Stuart, ließ die Pavillons im ersten Jahre ihrer Regierung dann abtragen – sie empfand eine lebhafte Abneigung gegen die kleinen Gebäude, welche der Mund des Volkes und die Traditionen des Hofes mit allerlei Spukgestalten und düsteren Episoden aus Elisabeth's und Cromwell's Zeiten bevölkerten. Was Wahres daran war, können wir nicht verrathen, Königin Anna war indeß abergläubisch und wollte sie nicht mehr sehen.

Die Nacht war finster und sehr neblig geworden, dabei bitter kalt. Als die Uhr des Schlosses dreiviertel zehn schlug, schlich sich eine in einen Mantel gehüllte, männliche Gestalt nach dem nördlichen Theil des Parkes und machte vor dem dort liegenden thurmartigen Pavillon Halt. Mittelst eines kleinen Instrumentes öffnete er die Thüre, die er hinter sich wieder in ihr Schloß schnappen ließ. Dann stieg er die kleine, stockdunkle Treppe hinan und trat in das Vorgemach, öffnete eine schwere Sammetportiére und befand sich in dem erwähnten Cabinet, dessen Fenstervorhänge dicht verschlossen waren und in dessen Marmorcamin ein leichtes Feuer prasselte, das mit seinem unsichern, rothen Schein in den wundersamsten Reflexen unheimlich das Gemach beleuchtete. Der Cavalier nahm seinen Hut ab und blickte sich um.

»Hier ist es,« murmelte er und schritt auf das lebensgroße Bildniß der Königin Maria Tudor zu, deren starre, grausame und bleiche Züge seltsam von den zuckenden Lichtern des Camins erhellt wurden.

Der Cavalier suchte mit der Hand an dem Rahmen des Bildes, indem er an jeder Verzierung drückte; endlich wurden seine Bemühungen mit Erfolg gekrönt, denn als er eben eine leichte Arabeske berührte, sprang das Bild gleich einer Thüre auf und ließ einen kleinen Raum frei, in welchen der Vermummte sogleich trat, hinter sich das Bild in seinen Rahmen zog und es inwendig durch einen daselbst angebrachten Riegel befestigte. Durch ein künstlich in der Tapete angebrachtes kleines Loch konnte er bequem das Cabinet überschauen.

»So,« murmelte er, »nun sind wir sicher und wollen hören, was sich unter dem Vorwande des Dienstes der Königin begeben soll.«

Und es war die höchste Zeit gewesen, daß der Lauscher sich verborgen hatte, denn schon erschollen Tritte auf der Treppe und Villiers trat in das Gemach; dicht hinter ihm folgte Lady Evandale.

»Brr, »sagte sie, »was für eine kalte Nacht! Es war ein glücklicher Gedanke von mir, ein Caminfeuer zu bestellen, um Euch den Dienst der Königin warm zu machen!«

»Ihr seid bewundernswerth, Elisabeth,« rief Lord Villiers, die Hände der schönen Frau küssend, »und ich begreife, was Ihr beabsichtigt. Ihr habt die Königin in's Vertrauen gezogen?«

»Wie Ihr es nehmen wollt,« erwiderte Lady Elisabeth, »die Königin ist eine Französin, wie ich, und langweilt sich hier ebenso wie ich. Um sie zu beschäftigen, habe ich ihr eine kleine Intrigue vorgeschlagen!«

»Ah,« erwiderte Villiers, »und aus purer Langeweile will die Königin mich zum Minister machen, und hat mich heute schon deshalb zum Tischnachbar des Königs gemacht!«

Lady Evandale lachte hell auf.

»O mein Gott, nein, Ihr mißversteht mich ganz und gar,« rief sie, indem sie das Feuer schürte, »laßt mich Euch die Sache erklären: In dem Besitz der Gräfin von Bearn zu Paris, die, wie Ihr wißt, eine Nichte Lord Richmond's ist, befinden sich Papiere, in deren Besitz zu kommen die Königin brennt; diese Papiere sind vom Herzog von Richmond verfaßt und enthalten die tödtlichsten Beleidigungen gegen unsere Souveränin – entsprungen dem Hasse des Ministers, der seine Nichte gern auf Englands Thron wissen wollte –«

»Ah,« unterbrach sie Lord Villiers, »ich fange an, zu begreifen, daß diese Papiere den Herzog stürzen sollen, und daß die Rache der Königin dies bewerkstelligen soll. Nicht so?«

»Ihr habt es errathen, Georges! Und unter dem Vorwand, das Veilchen »Anne d'Autriche« für die Königin von Ludwig XIII. zu holen, setzt Ihr Euch in den Besitz der Papiere!«

»Sehr schön,« erwiderte der Veilchenlord, »indeß ist dabei doch ein heißes »Aber!« Ich werde mich ganz und gar nicht dazu verstehen, die Papiere zu rauben, selbst nicht um den Preis, Minister zu werden!«

»Das sollt Ihr auch nicht,« rief Lady Elisabeth aus, »denn die Gräfin von Bearn hat einen Gemahl, den Grafen Gaston, und dieser war ehedem ein großer Verehrer Henriette Maria's. Ihr begreift, daß ein Vasall die Tochter König Heinrich's IV. nie zum Altar führen konnte, und der treue Ritter aus der Gascogne mußte zurücktreten vor Englands König. Diesem Grafen Gaston werdet Ihr nun ein Billet der Königin überbringen, und wir sind sicher, daß er Euch dafür die Briefe des Lord Richmond herausgeben wird – die Zeilen der hohen Frau werden dies bewirken.«

»Sehr schön,« sagte Lord Villiers, »ich bin nun vollkommen au fait und werde meinen Auftrag würdig eines Cavaliers vollziehen, um so mehr, als ich den Grafen Gaston von Bearn zu meinen Freunden zähle.«

»Tant mieux! Verliert keine Zeit.«

»Nicht die geringste. Doch die Veilchen?«

»Ah, die bringt Ihr ebenfalls mit. Hier ist der Brief der Königin an Ludwig den XIII., er wird Euch beglaubigen!«

»So lebt wohl, Elisabeth! Ich gehe, um mir durch meine zukünftige Größe Euch, als den höchsten Preis, zu erringen.«

»Gott geleite Euch, Mylord! Doch noch Eins: Hütet Euch vor Lord Wilfort, er ist ein schlauer Fuchs, und es ist mir nicht angenehm, daß er von unseren Plänen weiß!«

»Bah! Er gab Euch sein Wort als Edelmann!«

Lady Evandale zuckte mit ihren schönen Schultern.

»Gleichviel – er braucht es noch nicht zu brechen, indeß traue ich ihm nicht, er könnte seinen Vortheil wahrnehmen wollen!«

»Seid unbesorgt – ich führe eine gute Klinge!«

»Ich weiß es, indeß – providentia est mater sapientiae, wie der Herr Cardinal von Richelieu zu sagen pflegt!«

»Lebt wohl!«

»Au revoir!«

Und Lord Villiers nahm seinen Hut, um zu gehen. Lady Elisabeth blieb allein zurück.

»Wir wollen vorsichtig sein,« sagte sie laut, »damit England bald besseren Händen überantwortet wird – und ich Lady Villiers mich nenne. Und will Sir Reginald uns einen Strich durch die Rechnung machen – mon Dieu, dann thun wir dasselbe. Gott mit Euch, mein lieber Veilchenlord!«

Und sie nahm ihren Mantel, um den Pavillon zu verlassen. – Als Alles wieder still und ruhig geworden, kam der Vermummte aus seinem Versteck hervor und schloß dasselbe wieder sorgfältig.

»Gut,« murmelte er, »ich weiß, was ich will! Ihr mögt Recht haben, Lady Elisabeth, ich bin schlau, und werde mich so benehmen. Laßt sehen! Villiers braucht zwei Tage bis Calais, sechs bis Paris. Drei Tage wird er dort bleiben, macht, bis wieder in Calais angelangt, siebenzehn Tage. Gut, wir werden unsere Vorkehrungen treffen!«


* * *


Es ist nicht unsere Absicht, George Villiers auf seiner Reise nach Paris zu begleiten, noch uns daselbst mit ihm aufzuhalten; die Folge wird zeigen, wie er seine Sendung erfüllte. Thatsache jedoch ist, daß Seine Majestät Ludwig XIII. von Frankreich ihm ein Dutzend Exemplare des seltenen, von ihm gepfropften und gepflegten Veilchens »Anna d'Autriche« überantwortete. Diese Veilchen wurden in einen langen, halb mit Erde gefüllten Kasten mit Glasdeckel gepflanzt und der Gesandte der Königin von England reiste damit ab wie ein fahrender Gärtner, der unterwegs seine Waare an den Mann bringen will.

Es war Nacht geworden, eine rechte, echte, kalte Herbstnacht mit fahlem Mondenschein, welcher die Landstraße von Dover bis London nur mäßig erhellte. Etwa drei Meilen vor Englands Hauptstadt liegt ein mäßig großes, aber ein sehr dichtes Bosquet, dem der nahende Winter bereits die Hälfte seines Blätterschmuckes geraubt hatte, das indeß noch dicht genug war, Jemand zu verbergen, der dies gerade wollte. In diesem Bosquet lagen in gedachter Herbstnacht drei Männer im Hinterhalt. Sie waren Alle bis an die Zähne bewaffnet, ein Zeichen, daß sie etwas ganz Besonderes auszuführen gedachten.

Plötzlich tönten die Schritte galoppirender Pferde durch die Nacht. Lautlos und vorsichtig erhoben sich die drei Männer mit vorgebeugten Köpfen – die Straße daher galoppirten zwei Reiter, – der Erste voraus, der Andere hinterher, vor sich einen seltsam gebauten Kasten haltend.

Da ertönte ein Schuß – und eine Kugel pfiff dicht an dem Kopfe George Villiers, denn dieser war der erste Reiter, vorbei.

»Hoho,« rief er, »ein Hinterhalt! Patrik,« sagte er zu seinem Lakaien, »Patrik, halte Dich bereit und zertrümmere nicht den Kasten mit den Veilchen! Vorwärts!«

»Halt!« donnerte die Stimme Desjenigen, der geschossen hatte, »halt, oder Ihr verliert Euer Leben!«

»Mir scheint, lieber Freund, Ihr wollt es mir nehmen,« entgegnete Lord Villiers, »indeß rathe ich Euch nicht, mir zu nahen – ich habe einen vorzüglichen Raufdegen bei mir!«

Der Lord zog denselben mit der größten Kaltblütigkeit und versuchte ihn mit kräftigem Schwunge.

Zwei paar Hände fielen ihm in die Zügel.

»Gebt uns Eure Papiere und Ihr sollt frei von hinnen ziehen,« sagte der Erste.

»Sehr klug, bei Gott!« lachte Villiers; »was sollte ich für Papiere bei mir führen?«

»Leugnet nicht,« tönte die Antwort, »die Papiere, die Euch der Graf von Bearn übergeben hat!«

»Ah, ich verstehe,« rief der Lord; »indeß sagt Eurem Herrn, dem Herzog von Richmond, der Euch ohne Zweifel hierher gesendet, meine Empfehlung! Zurück, oder ich schlage! Patrik vorwärts!«

Und er gab seinem Pferde die Sporen, daß es sich bäumte. Nun fing die Sache an ernst zu werden. Die Männer zogen Pistolen und Dolche hervor; einer warf sich auf des Lords Kammerdiener, der mit aller Kraft seine Veilchen vertheidigte. Ein kurzer, mörderischer Kampf entstand. Ein Schuß hatte Villiers Pferd getödtet, er stand nun allein auf dem Platze, den Degen in der Faust. Ein kräftig geführter Stoß streckte einen seiner Gegner nieder, schnell schleuderte der Andere seine Pistole fort und zog den Degen.

»Ah, »rief Villiers, »sollte ich es zufällig mit einem Edelmanne zu thun haben?«

»Eure Papiere!« rief derselbe.

»Gemach, so schnell geht es nicht!« entgegnete der Lord, indem er sich in Positur setzte und kühn und sicher seinen Raufdegen führte, als hätte er statt dessen ein Spielzeug in der Hand. Mit einem kräftigen Stoß parirte er eine wohlgezielte Terz – sein Gegner stieß einen tiefen Schrei aus, er war verwundet.

Eben wollte sich Villiers auf ihn stürzen, da erhielt er von hinten einen Kolbenschlag auf das Haupt – er stürzte nieder – das Bewußtsein verließ ihn. Der Gegner Patrik's, welch Letzterer geknebelt auf der Straße lag, hatte den Schlag geführt.

»Er ist todt,« sagte er.

»Desto besser,« entgegnete der Andere. »Nun schnell die Papiere, denn ich bin verwundet.«

Mit unglaublicher Gewandtheit durchsuchte der Mensch die Kleidungsstücke des Veilchenlords, er befühlte jedes Futter, jede Naht.

»Er hat keine Papiere bei sich,« sagte er endlich.

»Teufel!« rief der Andere mit dem Fuße stampfend, »und der Diener?«

»Auch Nichts!«

Mit einer wüthenden Geberde warf er sich über den leblosen Körper, er wühlte und fühlte, er zog ihm die Stiefeln aus, – es war Nichts zu finden.

»Wart', Schlange, das sollst Du büßen!« knirschte der Räuber. Dann luden sie ihren Todten auf und verschwanden im Dickicht.

George Villiers aber war nicht todt, nur betäubt. Langsam aber erfrischt durch die Kühle der Nacht, erholte er sich von dem furchtbaren Schlage. Er richtete sich halb auf und fuhr mit der Hand über die Stirn, wie um seine Besinnung zu sammeln. Nicht weit von ihm lag sein armer Patrik geknebelt und gebunden. Villiers raffte seine ganzen Kräfte zusammen und schleppte sich bis zu dem armen Burschen, um ihn von seinen Banden zu befreien.

»Weiß Gott, Mylord,« sagte er sich reckend, »das war ein kurzer und harter Kampf – Gott Lob, daß Ihr wenigstens nicht todt seid, denn Sir Reginald Wilfort führt eine scharfe und feine Klinge!«

»Sir Reginald – Bursche, was schwatzest Du?« rief Villiers überrascht aus.

»Meiner Seel',« betheuerte Patrik, »ich habe ihn erkannt trotz seiner Maske – meine Gegner waren seine Knappen Dick Winters und Nobert Clark – so wahr ich Patrik heiße!«

»Reginald – Reginald,« murmelte Villiers, »noch kann ich's nicht glauben – er, mein guter, zärtlicher Freund!«

»Die zärtlichsten Freunde sind nicht immer die besten,« sagte Patrik philosophisch und fuhr fort: »Ich wollte Euch warnen, nicht im nördlichen Pavillon von St. James mit Ihrer Herrlichkeit der Lady Evandale zu conferiren – aber Ihr waret fort wie der Wind und –«

»Und warum nicht im nördlichen Pavillon?«

»Ei, meiner Seel', weil da ein Versteck ist – hinter dem Bilde der finsteren Königin.«

»O ich Thor!« rief Villiers, »und er hat Alles gehört – er vergilt meine Freundschaft gut – doch laß uns weiter wandern, mein Kopf und mein Arm schmerzen mich – nimm die Veilchen wohl in Acht – ich werde sie morgen der Königin als Morgengruß überreichen!«

Allein so gern er es gewollt hätte – es kam nicht so. George Villiers lag am nächsten Morgen in heftigem Fieber darnieder, von dem er sich Tage lang nicht erholte. Man wird sich vorstellen können, daß Lady Elisabeth Evandale in einer nicht geringen Unruhe schwebte; sie hatte durch Patrik von dem Hinterhalte gehört, sie wußte Villiers am Wundfieber krank – sie fürchtete für ihre Papiere – kurz, es waren qualvolle Tage, die mit ihr die Königin theilte.

Welch freudigen Schrecken empfand sie daher, als beinahe sechs Tage nach dem Unfall George Villiers sich bei ihr melden ließ.

»O Gott Lob,« rief sie, »daß Ihr gesund seid, George! Ich habe mich sehr um Euch gebangt. Wißt Ihr, wer Euch jenen abscheulichen Hinterhalt legte?«

»Ich ahne es – Sir Reginald!«

»Pfui – Ihr müßt mit ihm abrechnen! Doch nun das Wichtigste: Ihr spracht den Grafen von Bearn?«

»Er empfing mich sehr zuvorkommend.«

»Und las den Brief der Königin?«

»Der ihn sehr bewegte.«

»Desto besser. Und dann?«

»Dann übergab er mir zwei bis drei Briefe, an deren Aufschrift ich die Hand des Herzogs von Richmond erkannte.«

»Ah – vortrefflich! Und diese Papiere – wo sind sie? Doch nicht in den Händen der Räuber?«

»Dank meiner Vorsicht – nein. Ich hatte eine seltsame Ahnung in Bezug auf meine Person – und sie hat mich nicht getäuscht. Etwa eine Meile vor London liegt auf freiem Feld ein kleines Haus – es wird bewohnt von einer alten Frau, der Wärterin meiner Jugend – eine treue Seele, welche für mich durch's Feuer geht. Dieser sicheren Hand übergab ich die Papiere, um sie bei Tage von ihr zurückzufordern, und keine zwanzig Schritt später wurde ich überfallen.«

»Gut,« sagte Lady Elisabeth, »und wie heißt diese Frau?«

»Anna Manor; – indeß –«

»Wir wollen uns Beide auf den Weg zu ihr machen,« fiel ihm die schöne Frau in's Wort, »reiten jedoch des Aufsehens halber nicht zusammen. Eins von uns muß die Papiere an sich nehmen.«

George Villiers war es zufrieden, und zehn Minuten später trabten zwei kleine Cavalcaden, jede einen andern Weg, aus den Thoren von London. Lady Elisabeth, welche den kürzeren Weg gewählt hatte, kam zuerst bei dem kleinen Hause an, fand jedoch zu ihrer Verwunderung vor der Thüre desselben drei Pferde, eines mit einem Damensattel versehen, angebunden. Rasch schwang sie sich von ihrem Araberroß, warf dem Stallmeister die Zügel zu und trat in die offene Hausthüre. Eine alte, saubere Frau trat ihr entgegen.

»Seid Ihr Anna Manor, George Villiers Amme?« fragte die Lady.

»Ich bin's, schöne Dame,« entgegnete die Alte; doch was schafft Ihr?«

»George Villiers folgt mir auf dem Fuße und läßt Euch sagen, die Papiere, die er Euch vor einigen Tagen übergab, für ihn bereit zu halten.«

Die Alte machte ein einstimmendes Zeichen und eilte die Treppe hinauf, während Elisabeth Evandale in das Zimmer zur ebenen Erde eintrat. Dort saß dicht bei der Thüre eine Dame im Reitkleide; vor ihr stand ein hoher, starker Mann, jedenfalls ein höherer Diener.

»Gott zum Gruß, Mylady,« sagte Elisabeth freundlich.

Die Dame wendete das Haupt, welches strenge Züge zeigte, und erwiderte:

»Dank' Euch!«

Bei dem Tone dieser Stimme drehte Elisabeth überrascht sich um und rief im nächsten Moment:

»Wie, Ihr seid's – die Gräfin von Bearn?«

Und schnell hatte sie es sich klar gemacht, was die Dame nach England führte – sie wollte ihren Oheim warnen vor der dringenden Gefahr – oder gar sich wieder in den Besitz der Papiere setzen.

Als sie ihren Namen nennen hörte, stand die Gräfin auf.

»Wie, Ihr wißt meinen Namen? Wer seid Ihr?«

Elisabeth nannte ihren Namen, worauf die Gräfin eine steife Verbeugung machte; ehe sie jedoch Etwas erwidern konnte, trat ihr zweiter Diener ein und flüsterte seiner Herrin Etwas in's Ohr.

»Nicht möglich,« sagte die Gräfin scharf; »allerdings weiß ich nicht, was diese Dame – doch halt! Vorsicht.«

Und sich zu Elisabeth umwendend sagte sie plötzlich: »Was führt Euch hierher, Mylady?«

Die schöne Frau sah erstaunt auf, dann lächelte sie. »Ihr habt eine sonderbare Art,« sagte sie, »was geht's Euch an?«

»Was für Papiere bewahrt die Alte für George Villiers auf?« fuhr die Gräfin fort.

»Wer Euch hörte, sollte meinen, Ihr seiet der Großinquisitor,« entgegnete Elisabeth.

Die Gräfin von Bearn stampfte mit dem Fuße. »Ihr weicht mir aus,« rief sie; »antwortet, oder ich brauche Gewalt!«

»Ihr seid von Sinnen, Madame,« sagte Elisabeth kalt, »ich begreife nicht, was Euch einfällt, mich hier zu beleidigen! Man sollte Wahnsinnige nicht reisen lassen,« fuhr sie, zu den Lakaien gewendet, fort.

Diese Worte schienen die Gräfin von Bearn etwas zur Besinnung zu bringen, sie biß sich auf die Lippen und sagte Etwas vor sich hin, das jedenfalls eine Entschuldigung sein sollte. Sie setzte sich an ihren Platz an das Fenster und sah heraus. Auch Elisabeth beobachtete scharf die Landstraße – kam denn Villiers noch nicht?

Mittlerweile erhob sich die Gräfin von Bearn, flüsterte mit ihren Lakaien, setzte sich schließlich zu Pferde und tummelte dasselbe vor dem Hause herum. Plötzlich hörte Elisabeth einen Schrei; schnell, wie von einer unbestimmten Ahnung erfaßt, verließ sie das Zimmer – da draußen im Flur rang der eine der Diener der Gräfin mit der alten Frau Anna Manor – und sie schien übernatürliche Kräfte zu besitzen. Und doch erschlafften die gewaltsam angestrengten Muskeln naturgemäß; die treue Alte sank zu Boden und der freche Räuber hielt triumphirend ein Päckchen Papiere in die Höhe. In diesem Moment trat Elisabeth leise näher, ein kühner Griff, und das gefährdete Gut war in ihrer linken Hand, während in der Rechten der muthigen Dame ein Dolch mit langer, haarscharfer Klinge glänzte. Einen Augenblick war der Mensch verblüfft – dann aber stürzte er mit der ganzen Wuth eines gereizten Tigers auf seine Gegnerin, welche indeß, die Papiere in ihrem Kleide verbergend, sich an die Wand stellte, den Rücken deckend, und nun begann, sich mit dem ganzen Muth ihres Charakters zu vertheidigen. Durch mehrfache Stiche hatte sie ihren Gegner fast kampfunfähig gemacht, aber leider kam Verstärkung durch den zweiten Diener; fast verließen sie ihre Kräfte, was die Gräfin von Bearn, an der Thüre stehend, mit hämischem Lächeln erwartete. Jetzt – jetzt war es fast vorbei, jeden Augenblick glaubte sie sinken zu müssen – und Villiers kam nicht! Elisabeth's Stallmeister war ihm entgegengeeilt – es war vorbei!

Vor ihre Augen legte sich ein dunkler Schleier, sie wankte – da machte ein dreifacher Aufschrei sie wieder zu sich kommen – wie aus der Erde gewachsen stand die herrliche herkulische Gestalt von George Villiers vor ihr, die Diener der Gräfin kräftig zurückschleudernd. Jetzt athmete Elisabeth auf – ihre Lebensgeister kehrten zurück.

»Laßt mir Eure Diener, George,« sagte sie, »und nehmt die Papiere – ich habe sie – also Eure Zukunft mit meinem Blut vertheidigt! Nehmt sie und reitet so schnell Euch Euer Araber-Hengst trägt, bringt sie der Königin, schnell, verliert keine Zeit, ich folge Euch!«

»Aber Ihr seid zum Tode ermattet, Elisabeth,« sagte Villiers besorgt.

»Nicht doch,« entgegnete die schöne Frau, »nicht doch – eilt, ehe die Gräfin von Bearn Euch zuvorkommt!«

Und mit einer gebietenden Handbewegung hieß sie ihn gehen – noch einen liebenden, bewundernden Blick warf er auf sie – dann jagte er von dannen, St. James zu.

Es war die höchste Zeit gewesen, daß Villiers kam, denn kaum, daß er fort war, sank Lady Elisabeth Evandale in eine tiefe, erquickende Ohnmacht.

Am nächsten Morgen spielten einige seltsame Scenen in dem Arbeitscabinet des Königs.

Die erste Scene leitete Henriette Maria, des Königs Gemahlin, selbst ein – in höchsteigener Person, um uns dem Hofceremoniel gemäß auszudrücken. Höchst erregt trat die Königin durch eine nur ihr bekannte geheime Thüre in das Cabinet, jene Papiere in der Hand, welche zwei Personen um ein Haar das Leben gekostet hätten, der Gräfin von Bearn ein Gallenfieber einbrachten und einen Lord des Hofes zum Strauchdiebe gemacht hatten.

Kleine Ursachen – große Wirkungen!

»Sire,« begann die Königin, »meine Person ist durch einen Eurer Diener auf das Schmachvollste beleidigt worden und ich verlange Genugthuung vor den Augen Eurer Majestät!«

»Ich will nicht hoffen, daß meine Diener sich gegen Eure erhabene Person vergangen haben,« sagte der König ernst und drohend, »ich erwarte Eure Anklagen, Mylady!«

»Ich richte sie gegen Euren ersten Minister, den Herzog von Richmond!«

»Henriette,« sagte der König ernst und mild, »ich weiß, Ihr mögt den Herzog nicht leiden – deshalb überlegt wohl, ehe Ihr anklagt, ohne Beweise zu bringen!«

»Sire, es ist nicht meine Art, solches zu thun – ich bin gerecht, wie es mein Vater, Heinrich IV., war. Ohne genügende Beweise in den Händen zu haben, würde ich nimmer gewagt haben, Euch zu nahen. Allein diese Papiere von der Hand des Herzogs geben nur zu deutlich kund, daß der kühne Mann beabsichtigte, seine eigene Tochter als Eure Gemahlin auf Englands Thron zu sehen –«

»Henriette!« brach der König drohend aus.

»Nehmt die Papiere,« sagte ruhig die Königin, »nehmt sie und leset die Schmähungen, mit denen Euer Vasall mich, seine Herrin und Königin, überhäufte! Leset!«

Und sie reichte ihm die Papiere, welche Carl I. ergriff und sorgfältig, mit zusammengebissenen Lippen und aufgeschwollener Stirnader, las. Als er endlich seine Augen erhob, war die Königin verschwunden.

Heftig rührte der König die silberne Klingel – ein Page erschien.

»Der Herzog von Richmond!« herrschte er ihn an.

Der Page verschwand und bald darauf erschien der Gerufene, ein hoher, finsterer Greis, in dem Cabinet.

»Tretet näher, Richmond,« rief Carl I.; »erkennt Ihr diese Schrift als die Eure an?«

Der Herzog prüfte kurz die Schriftzüge der Papiere und sagte dann: »Ja, Sire!«

»Wißt Ihr, was diese Papiere enthalten?«

»Nein, Sire!«

»Es ist Eure Correspondenz mit der Gräfin von Bearn,« fuhr der König fort, »und sie enthüllt mir Eure Pläne mit Eurer Tochter und die Schmähungen auf meine Gemahlin! Bekennt Ihr, diese Pläne geschmiedet, diese Nichtswürdigkeiten geschrieben zu haben?«

Keine Muskel in dem Gesicht dieses Mannes zeigte, was in ihm vorging, und zu stolz, eine Lüge zu gebrauchen, sagte er wieder:

»Ja, Sire!«

Carl I. seufzte tief auf – man sah, es wurde ihm schwer, das zu sagen, was die Pflicht von ihm forderte.

»Richmond,« sagte er, »Richmond, es thut mir sehr leid, Euch in dieser Weise kennen lernen zu müssen – ich glaubte, Ihr wäret ein treuer Diener gewesen.«

Carl trat in die Fensternische, um seine Bewegung zu verbergen, dann fuhr er fort: »Ich will Euch nicht die Schmach anthun, Euch zu verbannen – Ihr mögt Euch auf Eure Güter in Schottland zurückziehen – geht und sendet mir Euer Portefeuille – geht!«

Ohne eine Miene zu verziehen verließ der Herzog das Gemach. Kaum, daß sich die Thüre hinter ihm geschlossen hatte, öffnete sich der geheime Zugang und die Königin erschien.

»Ich danke Euch, Sire, Ihr habt mich gerächt, »sagte sie und reichte dem König ihre schöne, weiße Hand, die er zärtlich küßte

»Ich war sehr mild gegen den mir sonst so theuren Diener,« sagte er.

»Diese Milde war Eurer würdig,« lächelte Henriette Maria, und schelmisch fügte sie hinzu: »Darf ich meinen Wunsch äußern?«

»Sprecht, Mylady!«

»Nun denn für einen Ersatz Richmond's habe ich gesorgt; ich, die ich so unpolitisch bin, habe mit feinem Gefühl dennoch einen würdigen Vertreter dieses schweren Amtes gefunden!«

»Nun, Madame, wer ist Euer Aspirant?«

»Seine Herrlichkeit, der Veilchenlord!«

Aber dieses Mal lachte der König nicht.

»Ihr habt Recht, Madame,« sagte er ernst, »ich habe wohl an Villiers gedacht und seine Anstellung mit einigen guten Räthen wohl erwogen – England soll von dem Veilchenscepter beherrscht werden.«

Die Königin wollte eben in eine eifrige Danksagung ausbrechen, als ein Page den Genannten meldete.

»Lupus in fabula,« sagte lächelnd der König.

George Villiers trat ein, mit dem ihm eignen, so sehr vornehmen Anstand, und überreichte dem König eine kleine, mit mehreren Schlössern versehene Saffianmappe.

»Se. Herrlichkeit, Mylord Herzog von Richmond, beauftragte mich, Ew. Majestät diesen Gegenstand zu überbringen!«

»Der Herzog,« sagte der König mit Betonung, »hat sich von den Staatsgeschäften in das Privatleben zurückgezogen. – Wir, von Gottes Gnaden König von Großbritannien und Irland übergeben daher dieses Portefeuille Euch, Mylord Villiers, und ernennen Euch zu Unserm ersten Minister der vereinigten Königreiche mit dem Titel und der Würde eines Herzogs von Buckingham!«

George Villiers beugte sein Knie und sein stolzes, edles Haupt, so das Portefeuille entgegen nehmend; dann legte er die Linke auf die Brust, hob die Rechte auf gen Himmel und sagte mit vollem, ernstem Ton:

»Ich schwöre, Ew. Majestät ein treuer Diener zu sein, Euer Recht zu wahren mit Gut und Blut! Amen!«

Er hat sein Wort gehalten, der Herzog von Buckingham, bis Fenton's Dolch sein junges Leben zerstörte.

»Wann gedenkt Ihr Euer Amt anzutreten, Mylord?« fragte die Königin.

»Wenn es Ew. Majestät genehm ist, in einigen Tagen, bis ich Lady Elisabeth Evandale zum Altar geführt habe!«

»Gut,« rief Carl I. heiter lachend, »Wir laden Uns mit Unserer Gemahlin zur Hochzeit ein – gestattet, daß ich den Brautführer mache.«

Und der König hielt Wort. Nach einigen Tagen führte er die wunderschöne Braut, deren aschblonden Haaren sich ein Kranz von Orangenblüthen und Veilchen anschmiegte, vor den Altar der Schloßkapelle von St. James, um sie dort dem jungen, stolzen Minister, dem schönsten Mann im Lande, für's Leben zu übergeben.

Nach der Trauung folgte ein fröhlich-verschwenderisches Banket. Als dann das junge Paar sich dem König empfahl, sagte dieser scherzend zu Elisabeth:

»Frau Herzogin – die Königin hat mir Eure Intrigue gebeichtet! Ihr seid eine eben so kluge, als muthige Frau, und wenn ich später einmal ein Ding von Wichtigkeit erlangen will, so werde ich mich an Euch und Euren Gemahl wenden: Ihr Beide werdet es mir schon »sub viola« besorgen!«



1 Dante. Divina Comedia, 5er Gesang: die Hölle