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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem – Rosazimmer

Roman

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, Rosazimmer, Seyfert Verlag, Dresden [um 1920]
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



Der Schnellzug Rom-Wien donnerte, von Mestre kommend, über die Eisenbahnbrücke, die das Festland mit Venedig verbindet, um von dort, nach kurzer Rast, denselben Weg bis Mestre zurückzunehmen und dann die Reise über Pontebba-Villach fortzusetzen.

Am Fenster eines Abteils erster Klasse des direkten Wagens Rom-Wien stand ein noch junger Mann und sah nicht ohne eine gewisse Sehnsucht im Blick auf die Silhouette der »Meereskönigin«, die über die Lagunen hinweg sich fast schwarz gegen das Marineblau des Nachthimmels abzeichnete, auf dem eine phantastisch große, goldige Mondsichel stand und auf das leichtbewegte Wasser glitzernde Goldflitter streute. Zuerst waren es die Türme von Murano, die aus dem Wasser auftauchten, dann, als der Zug der Station näher kam, die Mündung des Canareggio, aus der eben ein beleuchteter kleiner Dampfer nach San Giuliano zueilte, dann der Glockenturm von San Giobbe, und schließlich war der häßliche, nüchterne Bahnhof mit seinem Hasten, Treiben, Rennen und Schreien erreicht.

Mit einem kleinen Seufzer trat der einsame Reisende in dem Abteil erster Klasse von dem Fenster zurück, zog den Vorhang zu, als wünsche er, nicht gesehen zu werden, und hielt zum Überfluß noch eine Zeitung vor, so daß er von außen sicher nicht zu erkennen gewesen wäre, trotzdem die elektrische Lampe in dem Abteil hell genug brannte.

»Noch sechzehn Stunden Fahrt – reichlich!« murrte er mit einem zweiten Seufzer. »Wenn die Nonna1 wüßte, daß ich ihr so nahe bin – und, hol’s der Geier, ich stiege mit Wonne hinaus aus dieser Schüttelmaschine, um sie zu umarmen, die liebe Alte! Sie hat ja nur noch mich und ich sie in dieser weiten Welt! Und sie darf’s nicht einmal wissen, wie nahe ich ihr bin, sie kann nicht gerade jetzt denken: Nun ist er angekommen! – und mir einen stummen Gruß zusenden.«

Er lehnte sich tiefer zurück in die Ecke, denn eben war draußen auf dem Bahnsteig die Mütze des Stationsvorstehers, den der Reisende persönlich kannte, vorbeigeeilt. Wie es ihm scheinen wollte, hatte sich dabei der Kopf des Inhabers bewußter Mütze nach dem Fenster emporgereckt, als ob er jemand suche.

»Das fehlte noch«, dachte er, »daß der Brave mich hier so laut begrüßt, daß man es bis nach San Marco hören kann – mit allen Titeln und Würden, damit es morgen in den Zeitungen steht, der Marchese von Terraferma dalla Luna sei –« In diesem Augenblick wurde die Tür des Abteils vom Gange aus aufgemacht, und der Gefürchtete trat herein, schloß sie sorgfältig hinter sich und zog die Vorhänge wieder über die Scheiben. Dann grüßte er feierlich und zog aus der Brusttasche ein geöffnetes Telegramm.

»Herr Marchese, ich habe den Auftrag, Ihnen diese Depesche zu überreichen«, sagte er nicht ohne ein gewisses Zögern. »Sie ist, wie Sie sehen, an mich, den Bahnhofsvorstand in Venedig, gerichtet, und wenn trotz der Unterschrift die Sache keine Mystifikation, kein schlechter Scherz ist –«

Achselzuckend hielt er inne, denn der junge Mann hatte ihm das Telegramm schon aus der Hand genommen und den mit dem Morseapparat gedruckten Inhalt schnell überflogen, der, den bekannten »Depeschenstil« verschmähend, den Wortlaut hatte: »Der Marchese von Terraferma dalla Luna wird mit dem Schnellzuge abends nach neun Uhr im direkten Wagen Rom-Wien eintreffen. Sie sollen ihn, ohne Aufsehen zu erregen, aufsuchen und ihm dieses Telegramm übergeben. Es wird erwartet, daß Sie über diese Angelegenheit absolutes Stillschweigen bewahren. Der Minister der Auswärtigen Angelegenheiten.« Dann folgte noch eine Reihe unverständlicher Worte.

Der Beamte, ein intelligent aussehender Mann, sah gespannt zu, wie der Marchese die Depesche zweimal las, dann einen Bleistift aus der Westentasche zog und damit die unverständlichen Worte, sie sorgfältig abzählend, nochmals niederschrieb und dadurch einen anderen Inhalt zusammenstellte als den augenscheinlichen. Er fand dabei offenbar seine Vermutung bestätigt, daß diese sonderbare Botschaft nur eine Chiffre war, die jenem sagte, was ihm ein Rätsel bleiben sollte.

»Ich danke Ihnen«, sagte der Marchese, indem er das Telegramm in seine Brusttasche schob und seine umfangreiche Reisetasche aus dem Netze hob. »Würden Sie die Güte haben, mir einen Facchino2 zu schicken? Ich bleibe hier.«

»Sofort!« erwiderte der Stationsvorsteher und verschwand ohne weiteres.

Der Marchese setzte den Hut auf, holte den Schirm aus dem Netz herab, steckte ein Buch und die Journale, die auf den Sitzen lagen, in die Taschen seines leichten Sommerüberziehers und übergab dem herbeigeeilten Gepäckträger sein Reisegepäck.

»Gondola!« befahl er kurz und folgte dem Mann den langen Bahnsteig hinab zum Ausgang, durch den sich die angelangte Fremdenflut schon in der Hauptsache hinausgedrängt hatte. Trotz des starken Verkehrs fand er ohne Aufenthalt alsbald eine Gondel.

»Palazzo Terraferma dalla Luna – kürzester Weg!« sagte er dem Gondelier, und dieser legte sich mit respektvollem Gruß alsbald fest ins Zeug. Sich wie ein Aal durch das Gewimmel der vor dem Bahnhof liegenden und abfahrenden Gondeln windend, glitt das lange, schlanke Fahrzeug an der im Mondlicht phantastisch aussehenden Fassade der Kirche der Scalzi vorüber und rechts in den engen, dunklen Rio Marina, dem kolossalen Palazzo Crotta gegenüber, also den enormen Bogen des Canale Grande abschneidend, mitten ins Herz von Venedig hinein.

»So«, dachte der Marchese, sich aufatmend zurücklehnend, »mein sentimentaler Wunsch, die liebe alte Nonna wiederzusehen, wäre ja mit zauberhafter Geschwindigkeit in Erfüllung gegangen. Anders zwar, wie ich mir’s geträumt habe, aber – ich habe zu gehorchen. Falls ich mich bei dem Lesen der Depesche nicht getäuscht habe, so –«

Hastig holte er das Telegramm hervor, zog eine elektrische Taschenlaterne aus der Tasche und las bei ihrem genügend hellen Schein den Text noch einmal durch.

»Nein, es ist richtig«, murmelte er nachdenklich, den Blick auf das Blatt heftend, dessen an sich unverständlicher Inhalt in richtiger Lesung den Wortlaut hatte: »Heute nacht Attentat auf Dokument geplant. Bleiben Sie in Venedig und reisen Sie morgen mit Frühdampfer über Triest nach Wien.«

»Also haben die Wände doch wieder einmal Ohren gehabt! Ich möchte nur wissen – Gott verzeih mir’s, wenn ich ihr unrecht tue, aber ich kann den Gedanken nicht loswerden, daß meine reizende Schwägerin –«

Mit einem heftigen Ruck stellte er die Taschenlampe wieder ab, steckte sie ein und faltete das Telegramm zusammen.

»Hätte ich dem Verdachte Worte geben sollen? Hätte ich’s müssen?« überlegte er. »Ein Verdacht ist ein Nichts ohne den Schatten eines Beweises – und sie ist meines leiblichen Bruders Witwe, er hat sie geliebt und sterbend meiner Fürsorge empfohlen. Das hält sie natürlich nicht ab, gegen mich zu intrigieren. – Nun, wenn sie wirklich dahintersteckte, dann war ihre Fürsorge ja, wie es scheint, ein Schlag ins Wasser, unser Geheimdienst einmal ihrem überlegen.«

Der Marchese Terraferma bekleidete den Posten eines Sekretärs beim Minister der Auswärtigen Angelegenheiten in Rom und befand sich auf der Fahrt, um ein Dokument von höchster politischer Wichtigkeit an das Kabinett in Wien zu überbringen. Es war kurz vor Beginn des italienisch-türkischen Krieges und die Geheimhaltung des Dokuments, an dessen Inhalt die Türkei das höchste Interesse hatte, folglich von der größten Wichtigkeit, weil eine nur annähernde Kenntnis zu den schwerwiegendsten Konsequenzen führen konnte. Der junge Diplomat war sich sehr wohl der Verantwortlichkeit bewußt, die der ehrenvolle Auftrag, das Dokument an seinen Bestimmungsort zu bringen, ihm auferlegte, und er wußte genau, daß diese unerwartete Reise keine gefahrlose war; er wußte aber auch, daß er sich auf sich selbst verlassen konnte, daß er wachsam war und sich keiner Nachlässigkeit schuldig machen würde. Denn abgesehen davon, daß er den Dienst im Interesse seines Vaterlandes als die höchste Pflicht auffaßte und verstand, war es für ihn eine Ehrensache, in der diplomatischen Laufbahn vorwärts zu kommen, und dieser Auftrag, mit dem er sich unterwegs befand, war sicherlich eine Sprosse auf der Leiter, die er erklimmen wollte und mußte. Vor knapp einem Jahre erst war er in den Besitz seines Titels durch den Tod seines älteren Bruders gelangt und damit der Chef seines Hauses, eines der ältesten Patriziergeschlechter Venedigs, geworden.

Die Terraferma, ursprünglich Arrigo genannt, waren unter den ersten, die vom Festlande, der Terra ferma kommend, sich in dem erstehenden Venedig ansiedelten, und erhielten daher ihren Namen, der ihnen verblieb. Die Familie blühte auf, erlangte große Reichtümer und teilte sich im Laufe der Zeit in mehrere Linien, die sich durch Zutaten in dem Wappen unterschieden und nach diesen benannt wurden, wie es in Venedig der Gebrauch ist. Da später das Stammhaus der Terraferma zur bleibenden Erinnerung an eine erfolgreiche Seeschlacht gegen die Türken, die einer seiner großen Männer befehligt hatte, zur Auszeichnung einen Halbmond in den mit einem silbernen Bande belegten purpurnen Schild erhielt, so gab der Volksmund ihm den Beinamen »dalla Luna«, den es schließlich offiziell annahm und fortführte.

Im Laufe der Zeiten erloschen die Seitenlinien des Hauses wieder, ihre Paläste kamen in fremde Hände, nur die Terraferma dalla Luna überlebten das Absterben der so zahlreich gesproßten Äste, und wenn auch der einstige Reichtum des Geschlechtes längst legendär geworden war, so hatte es sich doch sozusagen über Wasser gehalten. Es war noch reich zu nennen gewesen, als der letzte Marchese das Erbe seines Vaters antrat. Eine junge, schöne, mittellose Russin aus großem Hause aber hatte es verstanden, als die von ihm erwählte Gemahlin die Finanzen stark ins Wanken zu bringen, und als er sie, jung noch, nach kurzer, heftiger Krankheit als kinderlose Witwe zurückließ, hatte der Erbe, sein jüngerer Bruder Giovanni oder Gian, wie der Name im Venezianischen abgekürzt wird, alles zu tun, um wenigstens die schon gemachten Schulden zu begleichen und wieder Ordnung in die Finanzen zu bringen. Gian dachte auch nicht daran, die eingeschlagene diplomatische Laufbahn zu verlassen, denn er war nicht nur im guten Sinne ehrgeizig, sondern auch arbeitslustig und hätte ein zweck- und zielloses Dasein, wie es sein Bruder geführt, gar nicht ausgehalten. Das lag auch eigentlich nicht in der Tradition seines Hauses, das im Laufe der Jahrhunderte eine wahrhaft glänzende Reihe von Staatsmännern, Feldherren zu Land und zur See, ja im vierzehnten Jahrhundert sogar einen Dogen hervorgebracht, der das alte Stammhaus am Rio Terraferma zu dem Prachtpalaste umbaute, den der Durchschnittsreisende zwar nicht zu Gesicht zu bekommen pflegt, der aber das Entzücken und die Begeisterung des Kenners venezianischer Gotik erregt.

Der Palast liegt tief im Herzen Venedigs, dem Fremden schwer auffindbar, mit seiner grandiosen, dreistöckigen Fassade südlich gegen den schmalen Kanal, den jetzt eine häßliche eiserne Brücke überspannt; sie dient zugleich als Ausgang für das wundervolle, kleinere, arabisierende Portal in der Westecke. Im Osten streckt der Bau sich die ganze Länge eines Sackkanals entlang, im Westen liegt er an einer engen Gasse oder Calle, die nach dem Palast ihren Namen führt, und im Norden wird er abermals durch eine schmale Gasse begrenzt, die dort, ein scharfes Knie bildend, in einen der größten Plätze der Stadt mündet, palastumsäumt, von einer sehr alten Kirche mit schlankem Kampanile begrenzt. Die Fassade mit ihren schönen Verhältnissen, ihren interessanten Kapitälen, ihren eleganten Fenstern und Loggien war früher mit Fresken von Salviati bedeckt, von denen keine Spur mehr geblieben ist, aber wie sie heute noch steht, ist sie ganz wunderbar schön in malerischer Pracht und Färbung. Am Nordende enthält der Palast einen Lichthof, von säulengetragenen Loggien umgeben, die sich bis ins dritte Stockwerk übereinander aufbauen und im Erdgeschoß düstere Hallen bilden. Hier öffnet sich im Osten ein Portal nach dem Sackkanal, im Westen ein solches nach der Calle, nach der noch eine zweite Tür unter einer loggienartigen byzantinischen Fensterreihe, die von einem wunderbar gearbeiteten Eisengitter bedeckt ist, führt.

Der ganze große Palast wurde für gewöhnlich nur von einer einzigen Person bewohnt, von der Großmutter des jetzigen Besitzers. Sie hatte die mutterlosen Kinder ihres Sohnes, der seiner jungen Gattin schnell in die Ewigkeit nachgefolgt war, erzogen und ihnen die fehlenden Eltern nach besten Kräften ersetzt. Sie war selbst eine Venezianerin, die einst durch ihre Schönheit berühmte Tochter eines der ältesten Geschlechter, das den ersten Dogen von Venedig gewählt, eines der berühmten Zwölf, daher die Apostolischen genannt, das der Republik selbst nicht weniger als acht Dogen gegeben hatte. Obgleich Gegnerin der internationalen Ehen, hatte sie doch gute Miene zum bösen Spiel gemacht, als ihr ältester Enkelsohn die Tochter des durch Spiel ruinierten russischen Fürsten heimgeführt, und der Prinzessin3 als etwas Selbstverständliches den Vortritt gelassen.

Das war aber nur bei den seltenen Gelegenheiten nötig, wenn die junge Frau Venedig einen kurzen Besuch abstattete, denn sie fühlte sich dort nicht wohl: sie fürchtete sich in dem riesigen Haus mit seinen endlosen, düsteren Räumen, die sie gleichwohl oder vielleicht eben deshalb gründlich durchstöberte; sie haßte das einförmige, stille Leben in dem alten Patrizierhause und zog Rom mit seiner lebhaften, niemals zur Ruhe kommenden Geselligkeit vor. Dort war sie auch nach dem Tode ihres Gatten Don Pietro geblieben, und weil auch Don Gian, ihren Schwager, sein Beruf in der Metropole Italiens festhielt, so wurde es immer stiller im Palazzo dalla Luna, trotzdem seit Jahr und Tag die junge Schwester Don Gians, die aus ihrer Klosterschule gekommen war, bei der Großmutter weilte. Aber die junge Dame verlangte es nicht nach lärmenden Lustbarkeiten; sie war eine ernste, sinnige Natur, die glücklich war, ihrer geliebten Nonna bei den Werken christlicher Nächstenliebe und den Bestrebungen zur Hebung der Frauenarbeit helfen und zur Seite stehen zu können.

Also waren es, streng genommen, zwei Personen, denen der Palast zur Heimat diente, wenn schon eigentlich nur die alte Marchese genannt wurde, falls jemand fragte, wer dort drinnen wohnte; denn der Venezianer ist konservativ, und Donna Loredana war ja noch so jung und noch zu kurz im Haus, als daß man sich gewöhnt hätte, sie mitzuzählen.

Diesem seinem Palaste also fuhr Don Gian Arrigo, Marchese von Terraferma dalla Luna, an jenem mondhellen Abend entgegen, da das chiffrierte Telegramm so jäh und unerwartet seine Reise unterbrochen hatte. Er ließ die Gondel vor dem Hauptportal inmitten der Fassade anlegen und mußte öfters den schweren bronzenen Klopfer herabfallen lassen, ehe der alte, im Dienst des Hauses ergraute Portier öffnete und fast auf den Rücken fiel, als er seinen jungen Herrn vor sich erblickte.

»Ein Nachtquartier will ich, alter Brummbär!« rief Don Gian lachend und ihm seine Reisetasche übergebend. »Was macht die Marchesa? Ist sie schon zur Ruhe gegangen?«

»Was denken Sie? Es ist ja noch nicht zehn Uhr, und Ihre Exzellenz ist doch kein Kind mehr!« verwahrte sich der Alte gegen diese Zumutung mit der Vertraulichkeit eines Dieners, der seinen Herren auf den Armen getragen und aufwachsen gesehen hat. »Ich werde gleich dem Sebastiano klingeln und dem –«

»Wie vielen denn noch!« wehrte der Marchese ab, der inzwischen den Gondoliere bezahlt und entlassen hatte. »Laß den Majordomo und den Burschen, wo sie sind – ich will die Nonna überraschen. Klingle lieber der Nina, damit sie mein Zimmer richtet! – Meine Schwester ist doch zu Haus?« »Wo sollte sie wohl sein?« war die mürrische Antwort, denn der alte Agostino liebte Überraschungen nicht, die ihn aus seiner Ruhe brachten. »Sie sind im Salon der Frau Marchesa, soviel ich weiß – Eccellenza, Donna Loredana und die –«

Aber der Marchese hörte die Aufzählung der Liste nicht mit an, denn er eilte schon durch die mächtige Eintrittshalle die breite Treppe hinauf. Es fiel ihm nur beiläufig auf, daß der Vorsaal im ersten Stock, dem Piano nobile, erleuchtet war, was sonst nicht der Fall zu sein pflegte, wenn die Marchesa allein war, denn sie bewohnte nach venezianischer Sitte das zweite, das sonnigere und luftigere Geschoß, während das erste für gewöhnlich nur dem Empfange und der Repräsentation dient. Es war schon lange die Rede gewesen, für die alte Dame einen Aufzug bauen zu lassen, aber sie hatte der Ausgabe wegen nichts davon wissen wollen, rüstig wie sie ja noch war und an die endlosen Treppenfluchten der venezianischen Paläste gewöhnt.

Don Gian freilich war jung und eilte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, hinauf zum zweiten Stock, wo er leise die Tür zum Salon seiner Großmutter öffnete und lachend in der Vorfreude der Überraschung seines unerwarteten Erscheinens durch den Spalt hineinsah. Aber der Salon, behaglich mit schönen, alten Möbeln eingerichtet und mit grünverschleierten elektrischen Lampen beleuchtet, war leer. Nur das noch nicht völlig abgetragene Teegeschirr verriet, daß er eben noch benützt worden war.

Selbstverständlich fiel ihm auch hier nur beiläufig auf, daß drei leere Tassen auf dem runden Tisch standen statt zwei. Ohne dem weiter Beachtung zu schenken, durchschritt er den großen, eleganten Raum und schlug den schweren, purpurnen Samtvorhang der rechten Tür auseinander. Hier, in ihrem Boudoir mit den zierlichen, mit gelber Seide bezogenen Empiremöbeln saß die Marchesa an dem Schreibtisch – allein, aber eine Figur, die so in ihre Umgebung paßte, daß diese in der Tat ein Ausdruck ihrer Individualität schien: groß und schlank und aufrecht sich tragend wie eine Königin, mit einem blassen, runengezeichneten, edelgeschnittenen Gesicht wie altgewordenes Elfenbein, mit gütigen, dunklen Augen und schweren, schwarzen Brauen, zu denen das schneeweiße, wellige und modern frisierte Haar wie gesponnenes Silber kontrastierte – so saß sie, schwarzgekleidet, vor dem aufgeklappten Schreibsekretär, in der weißen, von alten, kostbaren Brillantringen blitzenden Hand die Feder im goldenen Halter – ein Genrebild, für das die heutige Kunst keine Augen mehr hat.

»Nonna!« rief Don Gian halblaut.

»Da! Nun habe ich einen Klecks gemacht! Nein – die Leute so zu überfallen und zu erschrecken – ist das eine Manier?« war die mit strahlenden Augen gegebene Antwort, und im nächsten Augenblick hielten Großmutter und Enkel sich umschlungen zu einer Umarmung, die wahrscheinlich den Spott der modernen Jugend herausgefordert hätte, welche die Zuneigung, Liebe und Zusammengehörigkeit des Blutes und den Zement der Dankbarkeit verneinen und aus der Welt schaffen möchte. »Wo kommst du her, Gian? Ist etwas geschehen? Doch was dich auch so unerwartet herführt: willkommen, tausendmal willkommen!«

»Nein, es ist nichts passiert, was man darunter versteht«, versicherte Don Gian, noch einen Kuß auf die schöne, edle Stirn der alten Dame drückend. »Ich bin – was du aber für dich behalten mußt – in einer diplomatischen Mission auf dem Wege nach Wien und erhielt, in Venedig angelangt, telegraphischen Befehl, hier zu übernachten und morgen früh mit dem Schiff weiterzufahren. Das ist des Rätsels Lösung – falls man es so nennen darf, denn ich weiß selbst nichts Genaueres. Also bitte ich um ein Nachtquartier und freue mich nur, daß du dich nicht schon ganz zurückgezogen hast.«

»Ich hatte einen Brief zu schreiben – wir waren eben noch zusammen im Salon, ich, Loredana und – und Xenia«, erwiderte die Marchesa etwas zögernd und mit einem scharfen Blick auf ihren Enkel.

»Xenia? Xenia ist hier?« fragte Don Gian zurückfahrend und mit plötzlich sehr ernstem Gesicht. »Meine Schwägerin?« wiederholte er. »Aber ich bin ihr ja gestern erst noch auf dem Pincio begegnet, und sie hat kein Wort davon gesagt, daß sie nach Venedig reisen wollte.«

»Sie kam heute nachmittag ganz unangemeldet, ohne Angabe des Grundes ihres seltenen Besuches – lachend, launisch wie immer«, erklärte die Marchesa achselzuckend.

»Sie ist also mit dem Nachtzuge von Rom abgereist und muß es am Nachmittage, als ich sie zufällig traf, doch gewußt haben, daß sie nach Venedig wollte!« rief Don Gian, immer noch ganz erstaunt. »Ich möchte wissen –«

»Sie hat dir also nichts –«

»Nichts hat sie gesagt, was auch nur die Reise aus dem Stehgreif hätte ahnen lassen. Sie war wie immer, lachend und spottend. Unser früherer Neckfuß ist längst zum Duell mit mehr oder weniger gedeckter Spitze geworden, und ich bekenne offen, es ist keine Liebe zwischen uns beiden verschwendet. Aber sie muß doch einen Zweck gehabt haben – ihn haben, Nonna! Hat sie – um’s knapp zu fassen: braucht sie Geld?«

Die alte Dame schüttelte den Kopf. »Sie hat’s wenigstens bis jetzt mit keiner Silbe durchblicken lassen, daß es das ist, was sie hergeführt. Es wäre ja auch so zwecklos gewesen –«

»Ja, und ich glaube auch nicht, daß sie Geld will oder braucht«, meinte Don Gian mit der gleichen Bewegung. »Denn – ich weiß nicht, Nonna, ob du es nicht schon aus einer anderen Quelle erfahren hast: Xenia lebt seit Monaten auf dem Fuße unbeschränkter Mittel! Wie macht sie das mit ihrem Wittum? Kostbare Toiletten in Weiß und Schwarz – der Halbtrauer wegen, ein Auto allerneuesten Modells, Juwelen, die ich früher nie an ihr gesehen, eine Wohnung im Palazzo Barberini, in der sie Hunderte von Gästen empfangen kann, ohne die Zimmer zu füllen. Woher kommt das alles? Ich – ich wage es kaum, mir die Antwort zu geben.«

»Gian!« rief die alte Dame erschrocken. »Das höre ich zum ersten Male! Willst du damit sagen –«

»Nein – nein!« wehrte er ab. »Es knüpft sich kein Skandal an ihren Namen; ich habe wenigstens nie etwas gehört, was darauf schließen ließe, was freilich nichts sagen will, denn die Angehörigen sind ja immer die letzten, die so etwas erfahren. Xenia ist kokett, das wissen wir alle längst, aber sie hat sich nie kompromittiert. Dazu ist sie zu klug und zu kalt. Aber ich habe mich oft schon mit wachsendem Unbehagen gefragt, ob der Luxus, mit dem sie auftritt, nicht eine – eine Bezahlung für gewisse Dienste ist, die sie –«

Er stockte und sah die Marchesa an, die sich mit einem scharfen Atemzuge zurücklehnte.

»Gian! Du willst doch damit nicht sagen, daß deines Bruders Witwe eine – eine Spionin ist?«

»Das ist ein häßliches Wort, Nonna mia. In unserer diplomatischen Sprache nennt man solche Leute geheime politische Agenten. Ich will das nicht mit dürren Worten gesagt haben, denn ich habe nicht den Schatten eines Beweises für diesen Verdacht, für diesen Gedanken, wollen wir sagen, da es sich um meines Bruders Witwe handelt. Schon deswegen nicht, weil ich ja gar nicht zum engeren Kreise ihrer Intimen gehöre und folglich auch nicht weiß, wen sie bei sich empfängt. Das mag meine Schuld sein, denn ich habe mich absichtlich zurückgehalten, um den bösen Zungen kein Futter zu geben.«

»Sehr richtig. Xenia ist eine sehr schöne junge Frau, und wenn du auch zehnmal ihres verstorbenen Mannes Bruder bist, so könnten die bewußten bösen Zungen doch auf den Gedanken verfallen, daß seine Stelle dir begehrenswerter erscheint als die eines Schwagers«, fiel die Marchesa ein.

»Eben darum«, bestätigte Don Gian den Einwurf. »Ich habe mich natürlich gehütet, es den Leuten zu erzählen, daß es für mich keine unsympathischere Person gibt als meine schöne Schwägerin, die ihrerseits es hoffentlich aufgegeben hat, sich mit mir zu identifizieren, nachdem sie erkannt hat, daß ich kein Roß für ihre Siegesquadriga bin und sein will. – Doch lassen wir Xenia, sag mir lieber, wie es Lore geht.«

»Gut, wie ich denke«, erwiderte die Marchesa zerstreut. »Willst du sie nicht noch sehen? Sie ist eben erst hinausgegangen. Sie hat die Zimmer über mir im dritten Stock bezogen und diese in der Hauptsache mit Büchern vollgestopft. Sie lebt von Büchern, das liebe Kind – oh, und dabei fällt mir ein: Xenia hat die sonderbare Laune gehabt, die Zimmer unten im Piano nobile, darunter das Rosazimmer, beziehen zu wollen. Wo sie doch früher immer erklärt hat, Rosa kleide ihr nicht. Es mache sie gelb wie eine reife Mispel! Aber kaum angelangt, hatte sie den Wunsch nach dem Rosazimmer. Nun, mir kann es ja recht sein, aber diese springenden Wünsche, diese Launen sind mir so verhaßt, daß ich –«

»Nun, vielleicht hat Xenia inzwischen die Entdeckung gemacht, daß Rosa ihr trotzdem steht«, meinte Don Gian trocken. »Ich würde ihrer ersten Ansicht sein, denn das klare Oliv ihres Teints ist entschieden vorteilhafter auf einem anderen Hintergrunde. Aber ich kann mich ja täuschen. – Also Lore wächst sich zum Bücherwurm aus! Du wirst wohl daran denken müssen, mein Schwesterchen etwas mehr der Welt zu zeigen.«

Die alte Dame seufzte. »Ich will nächsten Winter einen Ball geben, trotzdem Loredana davon nichts wissen will. Sie meint – Halt! Ging im Salon nicht die Tür? Vielleicht ist sie es – nein! Deine Schwester pflegt sich nicht durch ein solches Froufrou anzukündigen. Xenia kommt!«

»Ist’s erlaubt?« fragte eine tiefe, melodische Stimme hinter dem Vorhang, dessen Falten eine kleine, wundervoll gemodelte, von Ringen blitzende Hand zurückschlug, und ihre Inhaberin, eine zierliche, elfenhafte Gestalt in vielleicht etwas zu eleganter Abendtoilette von schwarzem, paillettenfunkelndem Chiffon schlüpfte hindurch. Auf der tadellosen Säule ihres wirklich schwanenartigen Halses saß ein kleiner, schöngeformter Kopf mit krausen Haar von der Farbe erloschener Goldbronze; große, dunkle Augen, viel zu groß fast für das kleine, zarte Gesichtchen mit dem süßen Munde und den entzückendsten Grübchen in den zarten Wangen, sahen unter zierlich gezeichneten Brauen mit Kinderblick in die Welt, und nur das feine, gebogene Näschen hätte dem scharfen Beobachter verraten, daß in diesem holden Geschöpfe, das wie ein eben aus dem Pensionat gekommener Backfisch aussah, ein starker Wille und auch die Kraft, ihn durchzudrücken, saß.

»Großmama, ich komme noch, dich um ein Buch zu bitten, denn ich werde doch nicht schlafen können«, begann die Marchesa Xenia di Terraferma, Prinzessin Bodnikoff. Dann stieß sie einen kleinen Schrei aus, der Don Gian auf die Nerven ging, weil er ihn als unnatürlich und gemacht berührte. »Gian, du bist’s!« rief sie aus, indem sie die Hände zusammenschlug. »Ja, träume ich denn? Wir sahen uns doch erst gestern, und da hast du kein Wort davon verlauten lassen, daß du nach Venedig reisen wolltest!«

»Ich kann dir diesen Vorwurf Silbe für Silbe zurückgeben, verehrte Schwägerin«, erwiderte der Marchese.

»Mir!« rief sie lachend. »Als ob du nicht wissen könntest, daß ich ein Geschöpf bin, das plötzlich eine Idee faßt, um sie in nächster Minute auszuführen. Mir fiel ein, daß ich Großmama endlich einmal wiedersehen wollte, und da –«

»Das hast du ganz vergessen, bei deiner Ankunft zu erwähnen«, fiel die Marchesa trocken ein.

»Habe ich? Aber das lag doch so auf der Hand, daß es der Erwähnung gar nicht bedurfte«, erwiderte Donna Xenia, indem sie neben die alte Dame trat und ihren reizenden Kopf an deren Wange rieb.

»Hm, du hast eigentlich von der ersten Minute an nur deiner Sehnsucht nach dem Rosazimmer Ausdruck gegeben«, meinte die Marchesa mit freundlicher Neckerei, denn sie war viel zu gütig, um ernstlich zu grollen.

»Ja, denk dir, das Rosazimmer fiel mir unterwegs ein«, plauderte Donna Xenia wie ein Kind, das etwas Wichtiges erzählt. »Da hat sich die Idee, darin zu wohnen, so fest in meine Gedanken gebohrt, daß ich gleich damit herausplatzte. Und in der Tat – das Rosa, dieses alte Rosa vergangener Zeiten steht mir bei künstlichem Lichte ausgezeichnet. Ich wollte das einmal ausprobieren, denn wenn ich erst wieder anfange, Farben zu tragen – du verstehst, Großmama, daß man daran denken muß – nicht wahr? Also – ich mußte wissen, wie Rosa mir steht, und –«

»Und da war’s also das Rosazimmer, dem dein Besuch galt, nicht mir!«

»Ein ganz, ganz, ganz klein wenig«, gab Donna Xenia mit einer neuen Liebkosung wie ein ertapptes Kind zu, während Don Gian dabeistand und die Gruppe mit sonderbaren, recht unangenehmen Gefühlen betrachtete. Und dabei war’s eigentlich eine ganz reizende Gruppe Aber er hatte dafür im Augenblick nicht den rechten Sinn, weil er sich den Kopf mit der Lösung eines Rätsels zerbrach.

»Hm – ja, und dieses Rosa, diese spezielle Nuance ist eigentlich ganz entzückend, besonders bei elektrischem Licht«, fuhr Donna Xenia zu plaudern fort. »Wo wird man sie aber herbekommen, wenn man sie über kurz oder lang einmal braucht? – Weißt du was, Großmama, dann läßt du die Vorhänge des Betthimmels abnehmen und schenkst sie mir zu einem Kleide – nicht wahr? O bitte, bitte!«

»Welche Idee!« sagte die Marchesa sichtlich erheitert. »Ein Kleid aus einem Bettvorhang, der hundertfünfzig Jahre alt ist, ja noch älter sogar! Für ein Maskenkostüm – das ließe sich hören! Aber ich habe hier nichts zu verschenken, denn dies Haus gehört nicht mir, sondern Gian.«

»Richtig, dies Haus gehört Gian!« rief Donna Xenia mit einem Gesicht, als hätte sie etwas ganz Neues erfahren. »Wer weiß, ob er wirklich so galant sein würde, für mich das Rosazimmer zu plündern – übrigens bin ich gar nicht mehr so sicher, daß es mich glücklich macht, es zu bewohnen. Bei Tage ging’s noch an, aber als ich vorhin hinabkam, müde, wie ich war, verging mir plötzlich der Schlaf, und es fing mich an dermaßen zu frieren, daß mir’s die Zähne zusammenschlug. Und dabei ist es doch so warm draußen –«

»Unbewohnte Zimmer haben das an sich. Ich sagte dir gleich, daß ein solcher Staatsraum kein gemütlicher Platz zum Bewohnen ist«, erwiderte die Marchesa. »Er wird ja regelmäßig gelüftet wie alle Zimmer drunten, aber wer hat je darin gewohnt? Wünschest du nun doch zu wechseln?«

»Nein – nein! Auf keinen Fall würde ich mich so blamieren wollen!« wehrte Donna Xenia lachend ab. »Wer sich die Suppe einbrockt, soll sie auch ausessen!«

»Seit wann hast du diese Weisheit gelernt?« erkundigte sich Don Gian grimmig.

»Hm – die Weisheit kommt mit dem Alter«, erwiderte sie kokett.

»Gott sei Dank!« murmelte er ziemlich deutlich.

Donna Xenia schnitt ihm eine Grimasse. »Woher kommt es nur, daß Verwandte immer so unangenehm sind?« fragte sie naiv.

»Kinder, vertragt euch!« ermahnte die Marchesa etwas nervös. »Liebe Xenia, ich vergaß vorhin zu sagen beziehungsweise dir anzubieten, daß Lucia natürlich in deinem Ankleidezimmer schlafen soll, weil du ja deine Kammerjungfer nicht mitgebracht hast.«

»Was? Du bist allein gekommen? Ohne deine Kammerjungfer?« fiel Don Gian ein. »Ja, um alles in der Welt, wie kommt denn das?«

»Reinweg vergessen!« sagte Donna Xenia lachend. »Mein Entschluß zu dieser Reise war ein so plötzlicher, daß ich ganz vergaß, Cesarina mitzunehmen. Und die dumme Gans hat mich nicht daran erinnert – das ist das Tollste! Sie fängt an, vergeßlich zu werden, diese Cesarina, und war wahrscheinlich heilfroh, Ferien zu haben. Aber ich werde sie dafür zausen, darauf könnt ihr Gift nehmen! – Lucia? Nein, danke, Großmama! Fremde Personen in meiner Nähe machen mich nervös – ich würde keinen Augenblick schlafen können, wenn sie nebenan wäre. Ich fürchte mich gar nicht, absolut nicht! Und dann – Gians Schlafzimmer ist ja über dem meinen. Sollte ich etwas Verdächtiges hören oder merken, dann werfe ich einfach meinen Stiefel an die Decke –«

»Worüber die Fresken von Tiepolo natürlich begeistert sein würden«, fiel Don Gian ein. »Herr des Himmels, jetzt hat dieser Mensch Angst für seine Fresken – nicht etwa für mich, die ich nur im äußersten Notfalle von diesem Mittel, Hilfe zu heischen, Gebrauch machen würde!« rief Donna Xenia hellauf lachend, aber es klang gereizt, besonders als sie hinzufügte: »Schlaf ruhig, bester Schwager! Als ich selbst vor einem Jahre noch Herrin dieses Hauses war, hätte ich Gelegenheit genug gehabt, deinem Tiepolo alle meine Stiefel an den Kopf zu werfen. Er ist, soviel ich weiß, unter meiner Herrschaft ganz unversehrt geblieben.«

»Gute Nacht, Nonna«, sagte Don Gian trocken. »Ich gehe noch zu Loredana und dann ins Bett – Auf Wiedersehen!« setzte er mit Betonung hinzu.

»Ja, willst du denn nicht noch etwas zu dir nehmen?« fragte die alte Dame mit einem antwortenden Blick, der ihm sagte, sie habe verstanden, daß seine Abreise am nächsten Morgen nicht erwähnt werden solle.

Er lehnte dankend ab, denn er habe im Speisewagen soupiert und wolle sich nur noch eine Limonade bringen lassen.

»Bist du zu deinen vielen Tugenden auch noch zum Blauen Kreuz übergegangen?« rief Donna Xenia.

»Übergegangen nicht unbedingt. Aber ich halte dafür, daß die Abstinenz der Wachsamkeit förderlich ist, und Wachsamkeit, verehrte Schwägerin, ist eine der Kardinaltugenden des Diplomaten«, entgegnete Don Gian.

Damit küßte er seiner Großmutter die Hand, machte seiner Schwägerin eine Verbeugung und verließ das Zimmer, um sich geradewegs nach dem dritten Stockwerk hinaufzubegeben, in dem seine Schwester mit dem größten Teil der Dienstboten wohnte. Nur Agostino, der Portier, hatte seine Wohnung im Erdgeschoß neben der Wasserpforte des Kanals.

Diesmal stieg Don Gian die Treppe sehr langsam hinauf und stand sogar öfter still; aber nicht, weil sie ihn ermüdete, sondern weil seine Gedanken ihn zurück hielten. »Erstens: warum ist sie nach Venedig gekommen? Zweitens: warum ist sie plötzlich auf das Rosazimmer so versessen? Drittens: warum hat sie ihre Kammerjungfer nicht mitgebracht, sie, die nicht imstande ist, sich ein Schuhband selbst zu knüpfen?« fragte er sich zum zehnten Male. »Ich glaube kein Wort von ihren Erklärungen. Nicht ein Sterbenswort. Gilt alles das mir oder vielmehr dem Dokument, das ich bei mir trage? Ist das Geheimnis dieses Vertrages durchgesickert, der Zweck meiner Reise, von der ich gestern, als ich Xenia begegnete, selbst noch keine Ahnung hatte, da ich meinen Auftrag erst gestern nacht erhielt? Das gliche ja aufs Haar der Hexerei! Das also kann ihr Zweck nicht gewesen sein, und doch, und doch – ich kann den Verdacht nicht loswerden, daß diese Reise nach Venedig, ganz allein, ohne Bedienung, einen Hintergrund hat, eine Absicht verfolgt, ein Ziel hat. Ihre sogenannten Launen haben alle ein Ziel!«

Jede Treppe nimmt einmal ein Ende, auch die, die in ein anderes Stockwerk in einem italienischen Palast führt, und Don Gian befand sich oben, ehe er auch nur eine annähernd befriedigende Antwort auf seine Fragen gefunden hatte. Er klopfte an die Tür des Salons seiner Schwester und fand sie lesend unter der Lampe eines mit Büchern bedeckten Tisches sitzend – eine noch überschlanke, feingemodelte Figur mit einem rassigen Kopfe, großen, verträumten, dunkelblauen Augen und einer Fülle rotblonden Haares, in dessen hochaufgebauschter Frisur sie beide Hände im Eifer der Lektüre vergraben hatte.

Gian! Giannino!« rief sie bei seinem Anblick wie ungläubig und flog ihm stürmisch um den Hals. »Nein, diese Freude! Wo kommst du denn her?«

»Von Rom natürlich, Kleine! – Nein, frag mich nichts – ich darf dir nicht mehr sagen!«

»Du bist ja der reine Lohengrin. Gut, ich frage nichts mehr. Hast du Großmama schon gesehen?«

»Nennst du das nichts fragen?« neckte er. »Natürlich war ich zuerst bei ihr und habe sogar Xenia auch schon gesehen und gesprochen.« »Xenia kam gerade so überraschend an wie du. War das Verabredung?«

»O nein – ich wenigstens bin beinahe auf den Rücken gefallen, daß ich sie hier traf, nachdem ich sie gestern noch in Rom gesehen, ohne daß sie von ihrer Reise hierher auch nur einen Ton gesagt hat. Hat sie erwartet, mich hier zu finden?«

Donna Loredana schüttelte den Kopf. »Gesagt hat sie nichts davon. Nicht einmal, daß sie dich gestern gesehen hat. Wir haben sie natürlich nach dir gefragt, aber sie lachte und meinte, du schienst ganz vergessen zu haben, daß sie noch existiere. Hast du dich mit ihr gezankt, Giannino?«

»Ich werde mich in acht nehmen«, erwiderte er trocken. »Dabei zieht man doch den kürzeren. Wir plänkeln nur, wenn du weißt, was das ist. Ist sie für längere Zeit hergekommen?«

»Ich weiß es nicht. Kaum. Denn sie hat nur einen kleinen Handkoffer mitgebracht, in dem sie das Kleid hatte, das sie heute abend trug, und die notwendigste Wäsche. Ich war dabei, wie sie auspackte, aber ich wollte sie doch nicht fragen, wie lange sie bleibt, denn das wäre ja unhöflich gewesen – nicht?«

»Hm!« machte er zweifelhaft. Xenia und ein einziges Kleid im Koffer – sie, die mindestens dreimal täglich die Toilette wechselte! Sie hatte also doch einen ganz zielbewußten, voraussichtlich schnell zu erledigenden Zweck zu dieser Reise. Auch die abwesende Zofe schien Don Gian plötzlich ganz erklärlich: sie wollte sich keinen Aufpasser mitnehmen.

»Nur eines verstehe ich nicht: warum wollte sie durchaus das Rosazimmer haben?« setzte er laut seinen Gedankengang fort.

»Nun, es ist doch ein sehr schönes Zimmer, in seinem Luxus so passend zu Xenia«, meinte Donna Loredana erstaunt, daß ihr Bruder darin etwas Verwunderliches fand. »Und es ist auch bequemer, denn man braucht nicht die vielen Treppen zu steigen, über die Xenia immer geseufzt hat. Freilich ist es auch etwas einsam, so mitten in der ganzen Flucht der unbewohnten, öden Säle und Zimmer, und wer sich leicht fürchtet, der braucht das Gruseln dort nicht erst zu lernen«, setzte sie lächelnd hinzu.

»Das ist’s. Weil’s einsam ist! Sie wollte unbeobachtet sein und wollte darum auch nicht Lucia neben sich haben!« fuhr es ihm durch den Kopf. »Sie hat für diese Nacht etwas vor, und ich werde wachen«, gelobte er sich. »Hier oder im Zuge, das bleibt sich gleich. Mir verschlägt eine schlaflose Nacht nichts.«

»Höre, Gian – bist du deshalb zu mir gekommen, um vor dich hinzustarren und Gedankenmonologe zu halten?« fragte Donna Loredana halb lachend, halb ärgerlich. »Was beschäftigt dich nur so? Bist du – o chiannino, du bist doch nicht etwa verlobt?«

Er riß sich zusammen und lachte sogar. »Noch nicht, Lore«, versicherte er. »Ich hatte dazu noch keine Zeit. Sei nicht böse – aber mir gehen gerade andere Dinge durch den Kopf.«

»Man merkt’s«, meinte sie lächelnd und setzte ernst hinzu: »Es ist doch nicht wegen – wegen Xenia? Unsere Nonna machte Andeutungen, daß sie viel Geld gebraucht hätte, und sprach davon, daß du wohl das Piano nobile vermieten würdest. Ich hoffe aber, das war nur eine Idee. Es wäre ja schrecklich, wenn Fremde hier in unserem Hause einziehen würden!«

»Nun, das wäre eine ganz nette Beihilfe«, erwiderte Don Gian achselzuckend. »Allein die Fremden, die sich in Venedig niederlassen, wollen am Canale Grande wohnen, höchstens wären es Engländer, die einen Reiz darin finden, im Herzen Venedigs einen alten Palast zu beziehen, oder ein Künstler, der Stimmung sucht. Und das müßte schon einer sein, dessen Ruhm ihm goldene Lorbeeren gebracht, denn an einem niedrigen Mietpreis ist mir nichts gelegen. Zu Industriezwecken aber gebe ich mein Haus sicher nicht her. Darüber kannst du beruhigt sein. So weit sind wir gottlob noch lange nicht. Von unseren Portalen brauchen wir unser Wappen und die Dogenkrone noch nicht entfernen zu lassen. Aber wenn wirklich ein reicher Fremder verrückt genug ist, unser Piano nobile für einen Phantasiepreis zu mieten – um so besser. Es ist nicht dringend, wäre aber angenehm.«

»Verrückt genug« rief Donna Loredana vorwurfsvoll »Wie du das nur sagen kannst Giannino! Wenn wir auch keine berühmte Gemäldegalerie haben, wie die Giovanelli – nun, so ist doch sicher unser Piano nobile eines der schönsten in Venedig.«

»Ganz sicher ist es das«, gab Don Gian ohne weiteres zu. »Unsere Gemälde bilden keine Galerie, dafür aber sind sie von hohem Wert und unbestritten echt, solange kein deutscher Kunsthistoriker, der ein neues Werk schreiben will, dahergezogen kommt und klüger sein will als die Überlieferung. Unsere Wandteppiche dürfen sich getrost neben den besten sehen lassen; unsere Spiegel und Glaslüster sind vielleicht die schönsten in Venedig. Aber unser Haus hat – nicht für uns, die wir daran gewöhnt sind – den Fehler, verborgen an einem schmalen Kanal zu liegen, und die Fremden wollen Licht und Luft für ihre Wohnungen, sie drängen nach der Riva, dem Canale Grande – in der Mehrzahl wenigstens. – Doch lassen wir das jetzt, Schwesterchen. Erzähle mir lieber, wie es dir geht, wie dir das stille Leben hier nach dem fröhlichen Beisammensein mit deinen Klosterschülerinnen behagt.«

»Oh, es behagt mir sehr, Giannino«, versicherte Loredana mit Überzeugung. »Erstens bin ich eine richtige Venezianerin, liebe unser schönes, edles, altes Haus in diesem stillen Winkel der Stadt – es ist für mich die Geschichte unserer Familie mit unserer großen Vergangenheit, und zweitens liebe ich die Einsamkeit, unser stilles Leben, das mir erlaubt, meiner Leidenschaft für die Bücher zu frönen. Sieh, ich trage wohl nicht umsonst den Namen von Großmamas großer Ahnfrau, der Dogaressa Loredana Marcello-Mocenigo, deren Steckenpferd ja auch das Studium war. Sie hat wohl bei mir Pate gestanden und mir als Gabe ihre Vorliebe für das geistige Leben in die Wiege gelegt.«

»Ah, per Bacco, die Dogaressa Loredana war aber auch einmal jung wie du und hatte dann sicher Gefallen an den Freuden der Jugend«, rief Don Gian lachend. »Die Nonna redete übrigens etwas von einem Ball. Nun, das wäre ja schon etwas, aber immerhin nur ein vereinzeltes Ausrufungszeichen in eurem Einsiedlerleben.«

»Die Nonna hat aber doch auch ihren Empfangstag, wo alle Welt kommt, Tee zu trinken und Dolci zu essen«, verteidigte sich die junge Dame lachend. »Und wir haben unsere Sitzungen zur Förderung der Frauenarbeit und der Hausindustrie, für die unsere Großmama so segensreich wirkt, wir machen Ausflüge zu Wasser und zu Land, Besuche – kurz, wir leben doch wie Menschen und nicht wie Säulenheilige! Wenn du dir das einbildest in deinem römischen Trubel, dann hast du dich gründlich geirrt.« »Va bene – die Hauptsache ist, daß du damit zufrieden bist«, meinte Don Gian lächelnd. »Lange wirds wohl sowieso nicht dauern, denn vermutlich wirst du ja nicht die Absicht haben, ledig zu bleiben.« »Oh, ich werde mich nie verheiraten – nie!« behauptete Donna Loredana im vollsten Ernst. »Ich würde es nie übers Herz bringen, die Nonna allein in diesem großen Hause zu lassen! Wir leben ja so harmonisch, so friedlich und glücklich hier miteinander! Und dann – lache nicht, Gian, aber es ist so! – dann würde ich mich nie verheiraten lassen, eine zwischen den Familien abgekartete Ehe eingehen – niemals!«

Don Gian stieß einen leisen Pfiff aus.  »Also –« begann er nach einer Weile.

Aber sie unterbrach ihn fast heftig. »Nein – nicht ›also‹, womit du wohl andeuten willst, daß schon jemand da ist, den ich mir gewählt. Niemand ist da! Ecco! Aber ich finde es unwürdig, sich ohne Neigung, nur um der Tradition willen verheiraten zu lassen, nur weil’s immer so war. Entweder ich habe freie Wahl oder ich bleibe ledig!«

»Hm – hast du diese modernen Ansichten im Kloster gelernt?«

»Nein, ich habe sie aus mir selbst geschöpft«, erklärte sie offen. »Ich habe gelesen, nachgedacht, erwogen – du mußt nicht lachen, Giannino! Ich bin nun einmal von dieser Art, die selbst denkt. Das bekannte venezianische Sprichwort, das unseren Frauen molti capelli e pocchi cervelli – viel Haar und wenig Gehirn spottend und vielleicht auch mit Recht zugesteht, braucht nicht auf jede Venezianerin Anwendung zu finden, selbst wenn sie, wie deine Schwester, erst achtzehn Jahre alt ist. Man muß jeden Menschen seines eigenen Glückes Schmied sein lassen, das ist meine Ansicht.«

»Sie ist die richtige, was die Männer betrifft, aber –«

»Wir Frauen haben das gleiche Recht. Ich wenigstens für mein Teil nehme es kühn in Anspruch.«

»Ich habe nicht die Absicht, es dir zu bestreiten, Und die Nonna hat trotz ihres Alters immer einen Stich ins Moderne gehabt, sie wird dich sicher nicht in eine dir unsympathische Ehe hineindrängen«, meinte Don Gian nachdenklich. »Unser Bruder Pietro freilich hat sich auch über das Herkommen hinweggesetzt und frei gewählt – wir können nicht sagen, daß es ihn glücklich gemacht hat.«

»Als ob das ein Beweis wäre! Deine Logik hinkt, Giannino«, rief Donna Loredana. »Hast du dir noch niemals einen Anzug gewählt, mit dessen Stoff du nachher nicht zufrieden warst?«

»Höre Lore, du bist ja eine ganz gefährliche Streiterin!« rief er erheitert. »Ich gebe zu, daß meine Logik lahm war, aber welche Logik bedürfte nicht einer orthopädischen Korrektur? Unter uns: ich würde es genau so machen wie Pietro, nur bilde ich mir ein, damit ein männliches Vorrecht zu besitzen, und muß nun lernen, daß meine eigene Schwester von den modernen Ideen angesteckt ist. Dein Wille geschehe, Lore, nur tu mir den Gefallen und sieh zu, daß deine Wahl nicht unbedingt ins allzu Volkstümliche fällt. Ein Kohlenträger als Schwager wäre mir entschieden genierlich.«

»Ich bin eine Terraferma und weiß, was ich meinem Namen schuldig bin«, erwiderte sie mit einer Würde, die ihren Jahren zwar fremdartig, aber doch eigentümlich gut stand. Und lachend setzte sie hinzu: »Falls ich mich in einen Facchino verlieben sollte – es braucht ja nicht gerade einer von denen zu sein, die Kohlen an der Stazione laden – , so verspreche ich dir, ihn nicht zu heiraten!«

»Nun, das ist mir eine riesige Erleichterung«, entgegnete er, auf ihren Ton eingehend. »Und nun gute Nacht Lore, und auch – auf Wiedersehen!«

»Also sehe ich dich doch morgen noch?« »Wenn du früh genug aufstehst – vielleicht. Das Wiedersehen darf ich ja auf alle Fälle wünschen.« –

Nachdenklich stieg Don Gian die Treppe zum zweiten Stock wieder hinab, in dessen Flügel die Zimmer lagen, die er für sich bestimmt hatte: eines, das die Ecke der beiden Kanäle einnahm, und daneben, nach dem Sackkanal gehend, das Schlafzimmer. Das erstere war vom Salon der Marchesa aus durch ein zweites Gesellschaftszimmer zu erreichen. Die Nachdenklichkeit Don Gians galt aber nicht seiner Schwester, denn er war ganz beruhigt darüber, daß sie trotz aller Rebellionsgelüste gegen die Tradition sich nicht in Irrgänge verlieren würde; die Tür hinter ihm war vielmehr noch nicht geschlossen, als seine Gedanken sich auch schon wieder mit dem Rätsel seiner Schwägerin und ihrer Reise nach Venedig beschäftigten. Er war jetzt ganz sicher, daß sie einen besonderen Zweck damit verband. Aber selbst in der Voraussetzung, daß sie im politischen Dienste stand – sie konnte doch auf keinen Fall wissen, daß seine Reise unterbrochen werden würde, da man in Erfahrung gebracht haben mußte, daß eine Attacke auf die Urkunde für die Reisenacht geplant war. Daß diese Attacke nur von der gegnerischen Seite ausgehen konnte, darüber hatte Don Gian natürlich nicht den geringsten Zweifel, aber er hätte etwas darum gegeben, zu wissen, ob Xenia dabei beteiligt war. Sein ganzes Mißtrauen war erwacht und zitterte förmlich in seinen Nerven, die mit einer Empfindlichkeit auf jeden Eindruck reagierten, daß er zusammenfuhr, als ihm beim Betreten seiner Zimmer ein gedämpfter Ruderschlag drunten vom Wasser entgegenschallte – ein leise plätscherndes Geräusch, auf das er sonst nicht geachtet hätte.

Mit einem Satz war er am Fenster, sah hinaus und gewahrte natürlich nichts anderes als eine Barke mit ein paar Tonnen beladen, die eben vorüberglitt. Und als er sich achselzuckend über seine eigene Nervosität umwendete, da meinte er ein leises Krachen des Holzgetäfels in dem tiefen, meterbreiten Rahmen der Tür zu hören, die sein Schlafzimmer von seinem Wohnraume trennte.

Er hatte das erstere durch einen langen, schmalen Raum betreten, der als Garderobe diente und künstlich beleuchtet werden mußte, was durch elektrisches Licht geschah, das den ganzen Palast erhellte. Das Schlafzimmer, ein saalartiger Raum, war links durch eine verhängte Tür von den anderen, östlichen Gemächern, die unbenützt waren, getrennt und führte rechts in das Wohnzimmer, das wiederum in einen ›Salotto‹ neben dem Salon der alten Marchesa sich öffnete. Durch den ersteren wurden die Besuche geführt, die Don Gian zu sehen kamen, wenn er in Venedig sich aufhielt; er selbst wählte, wie heute auch, meist die Garderobe als Zugang.

Trotzdem er sich eben überzeugt, daß seine Nerven ihm durch den leisen Ruderschlag der harmlosen Barke schon einen Streich gespielt, kreuzte er doch wieder den weiten Raum, um sich zu vergewissern, was eben im Holze gekracht – ein überflüssiges Beginnen, wie er sich selbst dabei sagte, denn nach einem so heißen Sommer, wie der diesjährige, pflegten Vertäfelungen, Parkette und Möbel naturgemäß zu krachen.

»Wie man sich nur durch das bloße Bewußtsein, der Hüter eines wichtigen Dokuments zu sein, so ins Bockshorn jagen lassen kann!« schalt er sich, während ihm dabei zum ersten Male eigentlich, wenigstens mit Bewußtsein, die ungewöhnliche Breite des Türrahmens auffiel, in dem er stand und kritisch die schöngearbeitete, mit Füllungen versehene Verschalung von rötlichem, mit Gold abgesetztem Mahagoni betrachtete, die offenbar einer späteren Epoche als der Palast selbst entstammte. Dann trat er durch die in das Wohnzimmer zurückgeschlagenen Türflügel vom gleichen Material, indem er einen raschen Blick durch den Raum warf, der wie das Schlafzimmer hell erleuchtet war.

»So, nun wollen wir uns verbarrikadieren«, sagte er grimmig vor sich hin. »Im eigenen Hause verbarrikadieren, als ob ich in eine Räuberhöhle geraten wäre. Aber Vorsicht ist die Mutter vieler Dinge, und ich will mir nichts vorzuwerfen haben.«

Zunächst schloß er die Läden der hohen, schmalen Spitzbogenfenster, dann die Türen und suchte darauf jeden Winkel und jede Ecke ab, sah unter das Bett und untersuchte die hohen, geräumigen Schränke im Garderobenraum, worauf er noch die Schlösser aller Eingänge einer genauen Inspektion auf ihre Zuverlässigkeit unterzog. Damit nicht zufrieden, entnahm er seiner umfangreichen ledernen Reisetasche ein Päckchen mit Patenttürverschlüssen, kleine, praktische Instrumente, die, mit dem innen steckenden Schlüssel an der Klinke befestigt, es unmöglich machen, ohne Sprengung der Tür diese nach Herausdrücken des Schlüssels mittels Dietrichs zu öffnen, also ohne ein größeres Geräusch, das auch einen tiefen Schläfer geweckt haben würde, einzudringen. Er hatte diese Apparate, die sich namentlich in Hotels sehr empfehlen, wo nächtliche Eindringlinge durchaus nicht zu den Seltenheiten gehören, stets bei sich und legte sie jetzt sorgsam an jeder der Türen, die aus seinen Zimmern führten, an, schob auch alle Riegel vor die ja an sich schon einen wirksamen Schutz gegen ein Eindringen ergeben.

»So«, sagte er befriedigt, wenn mich jetzt jemand besuchen will, dann muß er schon durchs Schlüsselloch fahren, und das traue ich selbst meiner holden Schwägerin nicht zu. Und außerdem gedenke ich nicht zu schlafen. Das Licht mag brennen bleiben – es ist für mich das beste Mittel zum Wachbleiben. – Nun machen wir’s uns etwas bequem – den Kragen herunter, die Stiefel von den Füßen – – so! Einen leichten Rock an, ohne die Weste mit dem kostbaren Dokument in der inneren Brusttasche abzulegen, und dann wollen wir uns die Zeit mit Lesen und Schreiben vertreiben und – die Ohren offen halten.«

Zu all diesen Vorbereitungen nahm er sich absichtlich Zeit, hin und wieder einen bedauernden Blick auf das einladend zur Nacht zurechtgemachte Bett werfend, denn eigentlich war er von der Fahrt rechtschaffen müde. Schließlich trat er an ein Tischchen, auf dem neben einem großen Trinkglase ein Siphon mit Sodawasser und eine kleine geschliffene Karaffe mit Fruchtsaft stand. Eigentlich hatte er sich eine Limonade bestellt, und ein Dessertmesser, Zucker in silberner Schale, ein gläserner Teller und eine ebensolche Zitronenpresse waren auch auf dem Servierbrett vorhanden, aber die Hauptsache, die frische Zitrone selbst, mußte der Diener vergessen haben.

»Nicht über die Türschwelle reicht doch das Gedächtnis dieses Idioten«, brummte Don Gian etwas ärgerlich, indem er den Stöpsel aus der Karaffe zog. »Granatapfelsaft«, stellte er mit einem Blick auf die darin enthaltene hellrot gefärbte Flüssigkeit fest. »Der wird natürlich nicht vergessen, weil er die ›Spezialität‹ des Koches ist. Nun, ich habe ihn ganz gern, er ist auch recht erfrischend.«

Damit goß er eine ziemlich große Portion des Saftes in das Glas, füllte es mit Sodawasser auf und trank es mit einem Zuge bis auf einen etwa fingerbreiten Rest leer.

Es schmeckte brennend, als ob der Saft in Gärung übergegangen wäre. Hoffentlich machte das Zeug keine Magenbeschwerden.

Etwas ärgerlich betrat er nach dem zweifelhaften Trunk wieder sein Wohnzimmer, setzte sich in einen bequemen Sessel und nahm die auf dem Tisch davor liegenden Abendzeitungen auf. Er hatte aber noch nicht die erste Seite halb durchflogen, als er das Blatt wieder sinken ließ.

»Bin doch schläfriger, als ich gedacht hatte«, murmelte er. »Förmlich bleierne Müdigkeit, die mir durch die Glieder kriecht! Will mal ein bißchen auf und ab gehen – geschlafen wird auf keinen Fall – – auf – keinen – Fall –« Damit streckte er beide Arme über den Tisch aus, ließ den Kopf darauf niedersinken und war in der nächsten Minute jenseits allen Wollens, aller Vorsätze angelangt.

Ein wahrer Generalmarsch, der an die Tür seines Wohnzimmers geschlagen wurde, ließ ihn auffahren.

Mühsam hob er den Kopf in die Höhe, der ihm schwer war, wie mit Blei gefüllt, und so heftig schmerzte, daß er ihn gleich wieder zurücksinken ließ. Nur halb die Augen öffnend, sah er den hellen Tag durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden schimmern, ohne sich’s im Augenblick bewußt zu sein, was dies für ihn bedeutete.

»Herr Marchese! Herr Marchese!« scholl es nach einer neuen Klopfsalve hinter der Tür. »Herr Marchese, es ist sechs Uhr!«

Nun war er ganz wach und erinnerte sich. »Ja es ist gut – ich höre!« rief er mit dem Versuche aufzuspringen, aber die Knie versagten ihm zunächst, und die Glieder waren ihm so steif und träge, daß er sich nur langsam und mühselig erheben und taumelnd wie ein Trunkener an das nächste Fenster bewegen konnte, um den Laden zu öffnen.

Die frische, von einer leichten Brise von Osten her bewegte Morgenluft brachte ihn rasch zu sich selbst.

»Herr des Himmels – ich habe nun doch die ganze Nacht geschlafen!« dachte er verwirrt. »Warum in aller Welt habe ich geschlafen? Und warum bin ich so schwer und steif wie ein Klotz?«

Immer noch taumelnd, verlöschte er das elektrische Licht, machte auch im Schlafzimmer die Läden auf und badete sich dann das Gesicht in seinem Waschbecken.

»So, nun wäre man wenigstens wieder ein halber Mensch«, versicherte er sich nach dieser Erfrischung. »Aber dieser fürchterliche Durst, den ich habe! Ich kann nicht warten, bis mein Kaffee kommt –«

Das Glas von seinem Waschtisch in der Hand, wollte er es eben mit dem abgestandenen Wasser aus der Karaffe füllen, als sein Blick auf das Servierbrett und den Siphon fiel. Schnell trat er darauf zu, ließ das Sodawasser bis an den Rand in das Glas sprudeln und trank es in einem Zuge leer. Als er es absetzte, fiel sein Blick auf die Saftflasche und halb benommen, wie er eben noch gewesen, brachte der Anblick dieses zierlichen Kristallgefäßes ihn plötzlich völlig zu sich.

Die Flasche, aus der er gestern abend ungefähr ein Drittel gegossen hatte - war leer. Und auch der Rest, den er in dem Kelchglas zurückgelassen – er erinnerte sich genau, das getan zu haben – befand sich nicht mehr darin: beide Gesäße waren rein und sauber ausgespült.

Mit einer merkwürdig zusammenziehenden Erstarrung sah er auf Flasche und Glas wie auf etwas Unbegreifliches, und dann blickte er um sich und sah die Sicherungen an den Türen, genau, wie er sie angebracht, und dann – und dann fuhr seine rechte Hand langsam, zögernd, furchtsam fast, ruckweise, als müßte er sie dazu zwingen, unter die Weste nach der inneren Brusttasche.

Noch ein kurzes Zögern, und seine plötzlich eiskalten Finger hatten ihr Ziel erreicht.

Die Brusttasche war leer, das kostbare Dokument war verschwunden!

Wie zu einer Salzsäule erstarrt stand er da, als er das Unerhörte, Furchtbare zu fassen begann, das Unmögliche zu verstehen suchte. Natürlich war ein Verschwinden unmöglich. Der Umschlag mit dem Dokument darin, verklebt und versiegelt mit dem Petschaft des Ministers, mußte ihm bei einer Bewegung im Schlafe herausgeglitten und drinnen unter den Tisch gefallen sein.

Aber die Tasche war doch zugeknöpft gewesen der größeren Sicherheit wegen, und seine tastenden Finger suchten vergebens den flachen Knopf. War er abgesprungen? Mit einem Ruck riß er die Weste auseinander, und ein röchelnder Schrei kam über seine trockenen Lippen: der Knopf war abgeschnitten und mit ihm das Stück des Futterstoffes, an den er angenäht gewesen war!

Er achtete nicht auf den Diener, der jetzt draußen an der Garderobentür klopfte, um das heiße Wasser zum Rasieren zu bringen, er stürzte zurück in das Wohnzimmer und an den Tisch, an dem er die ganze Nacht schlafend gesessen: da lag der abgeschnittene Knopf auf dem Teppich neben dem Sessel, und nun wußte er’s genau: die Flasche hatte einen starken Schlaftrunk enthalten, wahrscheinlich Chloralhydrat, weil der Saft so scharf und kratzend geschmeckt, und dann war jemand gekommen und hatte ihm das Dokument gestohlen und den stummen Zeugen, das Betäubungsmittel, ausgegossen.

Jemand? Wer?

Förmlich röchelnd vor Erregung rannte Don Gian von Tür zu Tür, sich davon überzeugend, daß ein menschliches Wesen unmöglich durch dieselben eingedrungen sein konnte, denn die Sicherungen der Schlösser lagen sämtlich unberührt davor.

Unbekümmert um das erstaunte und erschreckte Gesicht des Dieners, dem er bei dem Rundgange die Garderobentür öffnete, lief er von Fenster zu Fenster, um zu sehen, ob der Dieb diesen Weg benützt haben konnte. Unmöglich! Denn dann hätte er mindestens doch eine Strickleiter zurücklassen müssen, und wer hätte diese oben befestigen sollen? Zudem waren die Fensterläden alle geschlossen gewesen. Don Gian hatte sie ja eben noch selbst aufgeriegelt und fand keine Spur einer Gewalttätigkeit daran vor. Versteckt konnte der Dieb in den Zimmern auch nicht gewesen sein, davon hatte Don Gian sich gründlich überzeugt, ferner hätte er, nachdem sein Opfer unter der Einwirkung des Schlaftrunkes unschädlich gemacht und die Tat vollbracht war, durch eine der Türen die Wohnung verlassen müssen; wie aber hätte er das machen wollen, wenn ihr Verschluß und die innen angelegten Sicherungen völlig unberührt waren?

Es blieb also nur eine Möglichkeit: es war ein geheimer Zugang zu den Zimmern des zweiten Stockwerks vorhanden, und dieser mündete in die Wohnung, die der Marchese für sich bestimmt hatte.

So weit war er in der Erwägung aller Möglichkeiten zur Lösung dieses Rätsels, als es an die Tür des Wohnzimmers klopfte.

»Bist du fertig, Gian?« rief die Stimme der alten Marchesa. »Ich habe dein Frühstück in meinem Boudoir servieren lassen und komme, um dich zu holen, denn es wird Zeit.«

Ohne antworten zu können, ging er zur Tür und öffnete sie. »Nonna!« war alles, was er heiser und gebrochen hervorbrachte.

»Gian, was ist? Bist du krank? Ist etwas geschehen?« rief sie erschrocken, zärtlich, unwillkürlich die Stimme dämpfend.

Der Marchese winkte dem Diener, der noch mit dem heißen Wasser in der Hand mitten im Schlafzimmer stand und mit offenem Munde dem sonderbaren Treiben seines ersichtlich verstörten Herrn zusah, und nachdem der Mann verschwunden, erzählte er der alten Dame, was geschehen, erst abgebrochen und unzusammenhängend, unter dem Bericht aber allmählich ruhiger werdend.

»So ist’s also«, schloß er dumpf, »und das Fazit kannst du dir selbst ziehen: nicht nur, daß das Verschwinden des Dokuments die schwersten politischen Folgen nach sich ziehen muß und wird – meine Laufbahn, mein ganzes Leben ist ruiniert, denn wer wird mir denn glauben, daß ich die Hand dabei nicht im Spiele hatte, wenn doch der einzige Zeuge zu meinen Gunsten, der Saft mit dem Schlafmittel darin, verschwunden ist? Wer wird mir glauben, daß alle Türen verschlossen, der Trunk mir mit der Erwartung, daß ich ihn ohne Vorkosten hinabgießen würde, gemischt war? Wer, frage ich? Ich selbst würde einem Menschen, der mir das erzählte, ins Gesicht lachen.«

»Giannino, Giannino – sage das nicht!« rief die Marchesa erschüttert. »Dein Ehrenwort –«

»Das Ehrenwort eines Menschen, der im Verdacht steht, die ihm anvertrauten Geheimnisse seines Vaterlandes verkauft zu haben, hat nicht so viel Wert wie ein dürres Blatt im Winde«, unterbrach er sie bitter. »Er ist einfach ein Schurke, und das ist mein zukünftiger Titel, mit dem ich mich begraben lassen kann, wenn meine Unschuld nicht zutage kommt!«

»Sie muß zutage kommen – sie muß! Wir werden Himmel und Erde dafür in Bewegung setzen, unseren letzten Heller dafür opfern!« rief die alte Dame außer sich, aber mit dem festen Entschlusse, ihre Worte wahr zu machen. »Das steht ganz außer Frage, Gian, und ich stehe dabei mit allem, was mein ist, dir zur Seite. Hast du – ist dir noch keine Möglichkeit zur Lösung des Rätsels eingefallen?«

»Das Nächstliegende wäre ein geheimer Zugang zu diesen Zimmern. Wir müssen danach suchen.«

»Ein geheimer Zugang!« wiederholte die Marchesa, um sich blickend. »Ich erinnere mich, daß mein Gatte, dein Großvater, einmal davon sprach, daß einer Überlieferung nach sich Geheimgelasse in diesem Hause befinden, vielmehr befunden haben sollen –«

»Sich höchst wahrscheinlich noch befinden«, fiel Don Gian ein. »Diese verborgenen Gelasse und Ausgänge waren in den Tagen der Republik unter der Herrschaft des Rates der Drei einfach eine Notwendigkeit, eine Lebensbedingung, ein Muß zu einer jeden Tag möglichen Flucht Schuldiger wie Unschuldiger.«

»So sagte auch dein Großvater«, rief die Marchesa lebhaft. »Aber er gestand auch, diese möglichen Geheimgelasse nicht zu kennen, ihr Geheimnis sei eben im Laufe der Zeiten verlorengegangen. Es interessierte sich auch niemand dafür, nur wie Xenia als junge Frau zum ersten Male herkam –« Die alte Dame stockte, eine feine Röte stieg in ihr blasses Gesicht, und die Augen niederschlagend setzte sie leiser hinzu: »Sie versicherte damals, daß sie es als ihre Lebensaufgabe betrachten würde, diesen Geheimnissen des Palazzo Terraferma auf die Spur zu kommen.«

»Hat sie das versichert? Wir wollen sie doch einmal fragen, ob sie diese ›Lebensaufgabe‹ zu lösen imstande war!« sagte Don Gian grimmig. »Ich will Gift darauf nehmen, daß Xenia hinter dieser ganzen Teufelei steckt!«

»Um des Himmels willen – das wäre ja eine namenlose Schändlichkeit!« rief die Marchesa entsetzt.

»Ich habe die Absicht, sie ihr auf den Kopf zuzusagen«, erklärte Don Gian mit funkelnden Augen. »Habe die Güte, meine Schwägerin sofort wecken zu lassen, falls sie noch schläft.«

»Giannino, tu nichts Übereiltes«, bat die Marchesa. »Es ist noch sehr früh –«

»Ich kann jetzt keine Rücksicht auf Xenias Morgenschlaf nehmen. Ich will sie sprechen, ehe ich meinen Bericht nach Rom sende. Jede Minute ist kostbar. Wenn du selbst gingest, sie zu wecken, Nonna, so würdest du mir damit den ersten Dienst in dieser Sache erweisen. Sage ihr nichts, warum ich sie sprechen muß, aber beobachte sie scharf mit den Augen des Mißtrauens.«

Mit einem tiefen Seufzer erhob sich die alte Dame von dem Sessel, in dem sie zusammengesunken gesessen hatte. »Es sei – in deinem Interesse. Sie ist die Witwe deines Bruders, meines Sohnes Sohn, steht mir also nahe wie mein eigenes Kind – aber noch näher stehst du mir, Giannino. Für dich will ich tun, was ich jedem anderen verweigert hätte: Hilfe zu leisten bei dem sicheren Familienzwist, der ausbrechen wird und muß, wenn du Xenia eine solche furchtbare Anklage entgegenschleuderst. Wenn sie aber unschuldig ist, was ich im Interesse unseres Namens hoffe – doch ich sage nichts weiter, denn die Minuten sind wahrlich kostbar.«

»Sie sind’s, Nonna«, erwiderte Don Gian ernst, »und darum bitte ich dich, Xenia nicht Zeit zu einer langen Toilette zu geben. Ich folge dir in fünf Minuten in den Salon hier unter meinem Wohnzimmer. Nonna, liebe Nonna, zögere nicht, denke daran, was für mich auf dem Spiele steht!«

Die Marchesa hob die Hand auf wie beschwörend. »In fünf Minuten also«, sagte sie und ging.

Don Gian aber machte rasch seine Toilette, und nur wenig über die festgesetzte Frist stieg er die Treppe hinab und betrat, ohne sich melden zu lassen, ohne auch nur anzuklopfen, im Piano nobile den Ecksalon, der unmittelbar unter seinem Wohnzimmer lag.

Dort fand er seine Großmutter vor, zusammengesunken in einem Sessel, um Jahre gealtert, in den zitternden Händen einen Briefbogen.

»Sie ist fort«, sagte sie heiser. »Neben ihrem Bett lag dieser an mich adressierte Brief.«

Don Gian nahm den dicken, mauvefarbenen nach Veilchen duftenden Brief mit einem scharfen Atemzuge entgegen und überflog ihn rasch. »Liebste Großmama«, las er, »verzeihe mir wenn ich mich mit diesem kurzen Abschiedswort so plötzlich entferne, wie ich gekommen bin. Mir ist eben eingefallen, daß ich versprochen habe, auf einem Wohltätigkeitsbasar in Rom in einer Zigeunerbude als Wahrsagerin morgen abend Haufen Goldes zum Besten der Soldaten zu verdienen. Ich hatte das total vergessen und will daher mit dem Frühzuge nach Rom zurückkehren. Weil ich Dich in aller Herrgottsfrühe nicht stören will, so nimm gütigst diesen kurzen Abschiedsgruß mit dem Handkuß Deiner gehorsamen Enkelin Xenia.«

Dann kam noch eine Nachschrift.

»Loredana und Gian meinen herzlichsten Gruß. Ich bitte um Dein Beileid, daß ich Arme von früh bis abends fahren und dann schleunigst zu diesem schrecklichen Basar muß. Aber Du wirst sagen Warum ist sie auch so vergeßlich, diese unverbesserliche Xenia, es geschieht ihr schon recht! – Addio!«

»Ob sie uns wirklich für so dumm hält, dieses Gewäsch zu glauben?« knirschte Don Gian, indem er den Brief in die Tasche steckte.

»Und sie hat ihren Koffer zurückgelassen. Nur die kleine Handtasche hat sie mitgenommen«, flüsterte die Marchesa.

»Hat sie?« fragte er, und nach einer kleinen Pause setzte er hinzu: »Ich danke dir, Großmama. Ich muß nun ohne Zaudern meine Meldung machen. Vorher aber will ich noch hören, wie und wann Xenia das Haus verlassen hat.« –

Er fand den alten Agostino, den Portier, damit beschäftigt, in der großen Halle das schwere, eisenbeschlagene Portal zu öffnen, das auf den Kanal hinausging. Er war höchst erstaunt, daß sein Herr schon unten erschien.

»Die Gondel ist noch nicht da, Herr Marchese«, brummte er, weil er nach alter Diener Art sich nicht gern aus dem Text bringen ließ. »Der Herr Marchese bestellten sie um –«

»Schon gut. Die Gondel braucht gar nicht zu kommen«, unterbrach Don Gian ihn kurz. »Ich will nur wissen, um welche Zeit die Signora Principessa abgereist ist.«

»Die Signora Principessa?« wiederholte Agostino erstaunt »Abgereist? Wann sollte sie denn abgereist sein? Davon müßte ich doch etwas wissen!«

»Deshalb frage ich dich ja eben, alter Esel«, rief Don Gian ungeduldig, aber trotz des Liebesnamens ohne Schärfe »Sie ist heute früh abgereist ohne Gepäck – zum Frühzuge nach Rom.«

»Eh?« machte Agostino verblüfft und lachte dann kurz auf. »Dann muß sie das Haus durchs Schlüsselloch verlassen haben, Don Giannino – wollte sagen, Herr Marchese.«

»Unsinn!«

»Aber, Herr Marchese, ich sperre doch die Türen alle selbst ab und nehme die Schlüssel zu mir! Hier sind sie. Ich habe dem Bäckerjungen die Tür nach der Calle aufgesperrt und eben hier die große Wasserpforte – die anderen Türen und Tore sind noch fest verschlossen.«

»Hast du sie schon nachgesehen?«

»Nachgesehen – nein. Ist aber gleich geschehen.«

Agostino humpelte seinem Herrn, in dem er immer noch den kleinen Don Giannino sah, voraus zu den übrigen Ausgängen des Palastes, die sämtlich noch fest verwahrt und innen mit mächtigen Riegeln verschlossen waren, so daß die Möglichkeit, Donna Xenia könne einen anderen Schlüssel benützt haben, einfach wegfiel.

»Falls du sie nicht hinausgelassen und hinter ihr wieder zugeriegelt hast«, gab Don Gian nach einem Augenblick der Verblüffung einem plötzlichen Verdachte Worte.

»Ich?« fragte Agostino mit unnachahmlicher Verachtung. »Was hätte es mir geholfen, hinter der Signora Principessa zuzuriegeln? Wenn sie wieder hereingewollt hätte, mußte ich ihr ja doch wieder öffnen!«

»So meinte ich’s nicht«, rief Don Gian ungeduldig. »Aber es hätte ja auch wirklich gar keinen Sinn gehabt«, setzte er hinzu.

»Also – mit allem Respekt vor dem was der Herr Marchese sagen – ist die Frau Principessa nicht abgereist«, tat Agostino den Fall ab. »Nicht, daß ich gegen ihre Abreise etwas einzuwenden hätte, Gott behüte –«

Gian wußte sehr genau, daß seine Schwägerin nicht beliebt war bei der Dienerschaft. »Also«, unterbrach er den Portier, »muß sie ein anderer hinausgelassen haben, denn abgereist ist sie.«

»Verzeihung, wenn ich mit allem Respekt dem Herrn Marchese widerspreche«, behauptete Agostino hartnäckig. »Aber nein – ich widerspreche nicht. Wenn der Herr Marchese sagen, die Frau Principessa ist abgereist, dann ist sie abgereist – und glückliche Fahrt, sage ich. Nur durch diese Türen ist sie nicht hinaus, denn dazu hätte jemand anders – Ich möchte ihn sehen! – die Schlüssel gebraucht, und die liegen nachts unter meinem Kopfkissen, und meine Zimmertür ist abgesperrt. Ecco!«

»Ecco!« wiederholte Don Gian mechanisch. Er zweifelte nicht an dem alten Portier. Welchen Zweck hätte es auch haben sollen, zu leugnen? Welchen Zweck hätte es gehabt, Agostino die Schlüssel durch einen anderen wegnehmen zu lassen, sie ihm wieder zuzustellen und die Riegel wieder vorzuschieben, da ja Xenia ihre Abreise gar nicht verheimlicht hatte, nicht hatte verheimlichen wollen?

Die rasch zusammengetrommelte gesamte Dienerschaft des Hauses verneinte energisch und einstimmig, irgend etwas zu wissen – so blieb nur die Annahme übrig, daß ihr ein geheimer Ausgang aus dem Palaste bekannt gewesen und sie diesen benützt hatte.

Agostino bestritt heftig und nachdrücklich, daß es einen solchen Ausgang gäbe, und ließ die Bemerkung fallen, der Palast hätte wohl viele Schlupfwinkel, in denen ein Mensch sich verstecken könne, um abzuwarten, bis er unbeachtet das Haus auf einem der Landausgänge verlassen könne, aber einen ihm unbekannten Ausgang gäbe es nicht.

Don Gian befahl ihm, alle Ausgänge zunächst verschlossen zu halten, wennschon er nicht an die Möglichkeit glaubte, daß Xenia noch im Hause sei, aber es war von allem das einzige, an das man sich halten konnte.

Auch die Untersuchung wegen des gemischten Saftes lieferte nur ein negatives Resultat. Die alte Lucia, die seit mehr als zwanzig Jahren das Amt einer Beschließerin im Palazzo Terraferma versah, hatte es sich nicht nehmen lassen, den Granatapfelsirup selbst in die Glaskaraffe zu füllen und mit einer Zitrone ihrem jungen Herrn in seinem Schlafzimmer zurechtzustellen, weder sie noch der Diener hatten die Zitrone wieder mitgenommen, und da der letztere auch schon jahrelang im Hause war, so konnte seine Aussage kaum angezweifelt werden.

Es blieb also nur die Annahme übrig, daß ›jemand‹ das Zimmer betreten, das Chloral, oder was es sonst war, dem Saft beigemischt und die Zitrone entfernt hatte, um zu verhindern, daß diese statt des Saftes benützt wurde. Und derselbe ›Jemand‹ war dann auf einem nur ihm bekannten Wege in die Wohnung eingedrungen, hatte das kostbare Dokument dem Schläfer geraubt, den Saft ausgegossen – vermutlich zum Fenster hinaus – und Mittel und Wege gefunden, das Haus zu verlassen.

Daß dieser ›Jemand‹ ein und dieselbe Person, Donna Xenia, gewesen war, darüber konnte kein Zweifel mehr sein.

Der Italiener pflegt beim ersten Frühstück mit einer Tasse schwarzen Kaffees fürliebzunehmen, und nachdem Don Gian eine solche auf das dringende Zureden seiner Großmutter hinabgestürzt, machte er sich unverweilt an die schwere Arbeit – die schwerste seines Lebens – den Bericht über das Geschehene an seinen Chef in Rom, zunächst in Form eines Telegramms, zu verfassen, und das allerhärteste dabei war, daß er diese umfangreiche Depesche mit den Worten schließen mußte: »Ich habe meine Schwägerin, die Marchesa Donna Xenia Terraferma, in dem dringenden Verdachte, den Raub ausgeführt zu haben. Sie ist gestern unerwartet in meinem Hause in Venedig eingetroffen und hat sich daraus auf eine noch unaufgeklärte Weise während der Nacht oder zu früher Morgenstunde entfernt unter der brieflich hinterlassenen Angabe, sie müsse wegen Teilnahme an einem Basar heute abend in Rom sein. Ich bitte ergebenst, diese Anklage, die mir sehr schwer gefallen ist, als eine ganz vertrauliche und vorläufig noch jeden Beweises ermangelnde zu betrachten.«

Don Gian übersetzte das Telegramm sodann in Chiffreschrift und gab es selbst auf, wonach er in seinen Palast zurückkehrte, um dort weitere Befehle von Rom zu erwarten und eine vollständig vergebliche Untersuchung zur Erforschung eines notgedrungen vorhandenen geheimen Zugangs zu seinen Zimmern vorzunehmen.

Er ließ kein Möbel unabgerückt, keine Stelle der Wände unbeklopft und ununtersucht, aber das Ergebnis aller dieser Mühen war gleich Null, und mit schmerzendem Kopfe, noch von der Einwirkung des starken Schlaftrunkes, und mit weher Seele über das notwendige Ende seiner diplomatischen Laufbahn warf er sich endlich auf das Bett in einem Zustand physischer und moralischer Erschöpfung.

Kaum war er in einen unruhigen Schlaf verfallen, als ihn auch schon ein Telegramm seines Chefs nach Rom zurückrief mit der Weisung, sich sofort nach Ankunft zum Rapport zu melden.

Natürlich hatte er das vorausgesehen, und obwohl ihm noch reichlich Zeit blieb bis zum Abgang des nächsten Zuges, so machte er sich doch gleich reisefertig und suchte dann die alte Marchesa auf, mit der er sich darüber verständigte, daß kein Mittel unangewandt bleiben dürfe zur Rettung seiner Ehre. Die alte Dame wollte es zwar durchaus nicht glauben, daß Donna Xenia die Tat vollbracht haben sollte, und anfangs nichts davon hören, sie in die Angelegenheit hineingezogen zu wissen, aber schließlich konnte sie sich der Einsicht nicht entziehen, daß ihres Enkels ganzes künftiges Leben auf dem Spiele stand, und fügte sich in das Unabänderliche mit Trauer und Bitterkeit im Herzen.

Don Gian unterließ es nicht, sich auch auf dem Bahnhof zu erkundigen, ob und wann Donna Xenia abgereist war. Der Schalterbeamte konnte sich aber keiner Dame ihrer Beschreibung erinnern, und der Mann an der Sperre, der zum Frühzuge den Dienst gehabt, verneinte es mit Entschiedenheit, die Signora Principessa gesehen oder zum Bahnsteig zugelassen zu haben, denn er wohnte ganz in der Nähe des Palazzo Terraferma und kannte dessen Bewohner zu genau, um sich getäuscht haben zu können.

Gian wußte nicht, was er denken und glauben sollte. Er hielt diese Aussage für sicher und zweifelte keinen Augenblick, daß sie der Wahrheit entsprach, denn der Italiener hat ein geradezu erstaunliches Physiognomiengedächtnis. Die Abreise mit dem Frühzuge war also in der Tat nur eine Finte gewesen, um auf eine falsche Fährte zu führen, löste sie doch auch die Rätsel, wie Donna Xenia aus dem Hause gekommen sein sollte, keineswegs.


* * *


Am frühen Morgen des folgenden Tages, dem frühen Morgen der Milchwagen, der Bäckerjungen und der Straßenkehrer, langte Don Gian in Rom an. Er fand den Minister seiner wartend, denn er wurde sofort und ohne Meldung in dessen Privatkabinett geführt.

Seine Exzellenz, der Conte San Maurizio, war trotz der frühen Stunde nicht allein. In einem der tiefen Ledersessel, die um den großen Mitteltisch standen, saß ein älterer Herr mit glattrasiertem Gesicht und scharfen Zügen, der Don Gian bekannt vorkam, ohne daß er ihn im Augenblick hätte nennen können. Er erhob sich zwar zu einer leichten Verbeugung beim Eintritt des jungen Diplomaten, aber da der Minister es anscheinend vergaß, die Vorstellung zu übernehmen, so blieb Don Gian auch vorläufig im Dunkeln über die Persönlichkeit dieses Besuches zu einer Stunde, die die meisten Leute noch zur Nacht zu rechnen pflegen.

»Ah – da ist er ja!« rief Exzellenz aus, als Gian eingetreten war. Er erhob sich nicht und streckte dem jungen Mann auch nicht die Hand entgegen, was dieser mit Recht als ein ernstes Zeichen seiner Ungnade ansah – das erste wahrscheinlich von vielen folgenden. Aber er war ja darauf vorbereitet, daß er sich zu rechtfertigen hatte, sich rechtfertigen mußte, ehe er den Kopf wieder erheben durfte.

»Ich habe Ihre höchst erstaunliche und peinliche Mitteilung erhalten, Marchese Terraferma«, fuhr der Minister fort, und Don Gian zuckte wieder zusammen, denn bisher hatte sein Chef ihm seinen Titel niemals gegeben. »Sind Sie sich der Tragweite derselben bewußt?«

»Voll bewußt, Exzellenz«, erwiderte Don Gian heiser vor innerer Erregung. »Durch Ihre eigene Instruktion, sowie durch meine persönliche Auffassung. Vermöge dieser Erkenntnis war ich gezwungen, dem Verdacht Worte zu geben, den ich sonst kaum ausgesprochen haben würde.«

»Wir werden darauf zurückkommen«, fiel der Minister ein. »Wiederholen Sie jetzt Ihren telegraphischen Bericht mündlich.«

Don Gian schöpfte Atem und trat einen Schritt näher, indem er den Fremden ansah, der kaltblütig ein Notizbuch hervorzog und offen vor sich hinlegte.

»Der Herr Doktor ist eingeweiht«, sagte der Minister, den Blick auffangend. »Wenn einer dies Mysterium, wie Sie es etwas konfus schildern, lösen, das verlorene Dokument zurückbringen kann, so ist er es. Er hat die Güte gehabt, diesen Fall zu übernehmen, Sie möglicherweise von einer schweren Anklage zu reinigen, Terraferma. Sie werden daher gut tun, etwaige Fragen des Herrn rückhaltlos zu beantworten!«

Jetzt begriff Don Gian: es hatte ihm jemand einmal diesen Mann genannt und gezeigt als einen in Rom wohnenden deutschen Gentleman-Detektiv, der schon viele scheinbar hoffnungslose Fälle gelöst, manchem Verzweifelten die Hoffnung und das Leben wiedergegeben hatte. Und gleichzeitig hörte Don Gian in dem diesmal fortgelassenen Titel vor seinem Namen und in einem vielleicht nur seinem empfindlichen Ohr bemerkbaren Unterton in der Anrede seines Chefs etwas heraus, das seine Lebensgeister wieder erfrischte: er hielt ihn nicht für einen Landesverräter, nicht für einen lässigen Beamten, sondern er glaubte an ihn. Eine leichte Röte stieg bei diesem Gedanken in sein blasses, übernächtigtes Gesicht, und ein dankbarer Blitz leuchtete aus seinen Augen.

»Windmüller », murmelte der Fremde, sich selbst vorstellend, und dann plötzlich scharf aufblickend fuhr er mit dem leisen, klaren Tonfall des Gebildeten fort: »Herr Marchese, es sind vierundzwanzig Stunden, vielleicht dreißig schon über dem Verschwinden des Dokuments vergangen – Zeit genug, um seine Wiedererlangung unmöglich zu machen. Sie dürfen von mir keine Zauberkünste erwarten, sondern nur die Möglichkeiten eines für solche Dinge geschulten Kopfes. Wollen Sie, bitte, Ihre Erfahrungen von Anfang an erzählen, auch nicht übergehen, was Ihnen vor Ihrer Ankunft in Venedig aufgefallen oder nachträglich eingefallen ist. Sind Sie sicher, daß das Dokument noch in Ihrem Besitze war, als Sie in Venedig eintrafen?«

»Ganz sicher«, erwiderte Don Gian ohne Zögern. »Ich habe mich davon noch überzeugt, als ich in der Gondel nach meinem Hause fuhr. Ich hatte das Abteil ganz allein für mich, habe mir das Essen aus dem Speisewagen bringen lassen und keinen Augenblick geschlafen. Ich habe auch keinen Wein getrunken, sondern nur Mineralwasser, dessen Flasche der Kellner vor meinen Augen geöffnet hat. Ich habe mich von dem Vorhandensein des Dokuments in seinem versiegelten Umschlage in der inneren, zugeknöpften Tasche meiner Weste überzeugt, als ich mein Zimmer für die Nacht betrat, und war entschlossen, diese wachend zuzubringen –«

»Gut. Fangen Sie jetzt mit Ihrer Ankunft in Venedig an«, unterbrach ihn Doktor Windmüller mit dem kurzen Ton eines Menschen, der es gewohnt ist, zu befehlen und seine Wünsche geltend zu machen. Don Gian hatte etwas bei diesem Ton hinunterzuschlucken; denn dieser Mann war doch schließlich nicht sein Vorgesetzter; aber Don Gian war ein Mensch, der Selbstbeherrschung gelernt hatte, und überdies vernünftig genug, um sofort zu begreifen, daß der Mann dort genau so einschneidend seine Interessen vertreten wollte und konnte wie die des Staates, der der erste Leidtragende in dieser furchtbaren Sache war. Er überwand daher, so schnell wie sie gekommen, die Auflehnung gegen den Kommandoton des fremden Nothelfers und begann seine Erzählung, die nur ein paarmal durch dazwischengeworfene Fragen Doktor Windmüllers unterbrochen wurde.

»Und wie kommen Sie darauf, Ihre Schwägerin mit dem Verschwinden des Dokuments in Verbindung zu bringen?« fragte der Minister.

»Ich weiß in der Tat nicht, was ich darauf antworten soll, Exzellenz«, erwiderte Terra­ferma offen. »Es ist ein Verdacht, nichts weiter.«

»Aber man muß doch für einen Verdacht mindestens einen Grund haben! Wer A sagt, muß auch B sagen – heraus mit der Sprache! Es hängt zu viel davon ab, als daß Sie etwas zurückhalten dürften!«

Don Gian holte tief Atem. »Ich weiß das alles, und doch – ich habe so wenig dazu zu sagen. Meine Schwägerin hat von Hause aus nichts – sie ist ohne jede Mitgift in unsere Familie getreten, hat viel verbraucht, und mein Bruder hat auch noch Schulden ihres Vaters bezahlt. Ihr Wittum ist kein sehr glänzendes – es würde für bescheidene Ansprüche und mit der Wohnung in Venedig standesgemäß gewesen sein, aber meine Schwägerin erklärte, in dem düsteren Palaste umkommen zu müssen, und zog nach Rom zurück, wo sie ja auch mit ihrem Gatten, meinem Bruder, gelebt – über ihre Verhältnisse, wie sich’s nach seinem Tode herausstellte. Und in Rom trat sie nach kurzer Zeit mit dem Luxus einer Frau mit unbeschränkten Mitteln auf; sie zeigte Juwelen, die ich nie an ihr zuvor gesehen; sie führte einen Haushalt, der Riesensummen kosten mußte – kurz, ich, der ich doch nur zu genau weiß, was sie hat, ich mußte mich fragen: Woher auf einmal das viele Geld?«

»Hm«, machte Doktor Windmüller trocken.

»Es ist mir aber nie ein Skandal über meine Schwägerin zu Ohren gekommen«, beantwortete Don Gian prompt den Laut ohne Worte.

»Mir auch nicht«, fiel der Minister ein. »Und ich habe genug Klatschbasen, männliche wie weibliche, in meiner Verwandtschaft, die sicher gewußt hätten, wenn es etwas zu klatschen gegeben hätte. Und die Principessa hat Ihnen nie eine Erklärung ihrer glänzenden Lage gegeben?«

»Nie. Ich habe mich auch, als ich mir darüber klar war, sehr von ihr zurückgezogen«, erklärte Don Gian. »Aber man macht sich doch seine Gedanken, und dann – dann habe ich einmal bei einem Diner, bei dem ich unerwartet mit meiner Schwägerin zusammentraf, einen Blick aufgefangen, den sie mit dem gleichfalls anwesenden türkischen Gesandten wechselte – einen Blick, der mich auf eine Spur zu leiten schien und mich veranlaßte, mich noch mehr, in fast unhöflicher Weise von ihr fernzuhalten.«

»Hm«, machte Doktor Windmüller wieder und setzte dann hinzu: »Es wäre vielleicht im Gegenteil weiser gewesen –«

»Es widerstrebte mir, bei meines Bruders Witwe den Spion zu spielen«, erwiderte Don Gian ruhig und mit Anstand.

»Das ist begreiflich. – Nun noch eine Frage: Ihre Frau Schwägerin hat in Ihrem venezianischen Palaste jedenfalls ein Absteigequartier. Liegt dieses weit von dem Ihrigen ab?«

»Ja. Es liegt im dritten Stock über den Wohnräumen meiner Großmutter, wo es ihr auf eigenen Wunsch nach dem Tode meines Bruders eingeräumt wurde. Letzterer hatte früher die östliche Zimmerseite bewohnt, von der ich mir dann zwei Räume zum eigenen Gebrauch nahm. Aber meine Schwägerin hat, als sie vorgestern so unerwartet in Venedig eintraf, ihre Zimmer nicht bezogen, sondern in ihrer Launenhaftigkeit im ersten Stock, dem Piano nobile, zu wohnen verlangt.«

»Ah!« machte Doktor Windmüller sehr interessiert. »Warum erwähnten Sie diesen Umstand nicht vorher?«

»Ist er von Wichtigkeit?«

»Es ist alles von Wichtigkeit in solchen Fällen, Herr Marchese. – Darf ich weiter fragen: Wo liegen diese Zimmer, die die Principessa während der verhängnisvollen Nacht bewohnte?«

»Genau unter den meinen.«

»Ich nehme an, daß das Piano nobile bei Ihnen, wie in den meisten Palästen Italiens der Repräsentation dient. Es mußte wohl demnach erst ein Bett für die Principessa dort aufgestellt werden?«

»Nein«, entgegnete Don Gian, »das Piano nobile enthält ein sogenanntes Staatsschlafzimmer, das seinerzeit für den Besuch der Königin von Polen und Kurfürstin von Sachsen, Maria Josepha von Österreich, eigens eingerichtet wurde und mit seinem thronartigen Bett und seinem Silbergeschirr auf der Toilette so blieb. Mein Bruder wollte nach seiner Verheiratung die Zimmerreihe, in der sich dieses Schlafgemach befindet, mit seiner jungen Gemahlin beziehen, aber meine Schwägerin behauptete damals, die Farbe der Tapeten und Vorhänge in diesem Zimmer kleide ihr nicht, und so wurde der östliche Teil des darüberliegenden Stockwerks eingerichtet. Offen gesagt, die Laune meiner Schwägerin, auf einmal das Rosazimmer zu bevorzugen, hat mich vorgestern geärgert –«

»Ah!« machte Doktor Windmüller wieder. »Demnach also liegt dieses Staatsschlafgemach, das Ihre Frau Schwägerin plötzlich haben wollte, so ziemlich unter Ihren Zimmern, Herr Marchese?«

»Es liegt genau unter meinem eigenen Schlafzimmer.«

»Aha! Ist Ihnen dieser Umstand nicht aufgefallen?«

Don Gian sah den Detektiv erstaunt an. »Ehrlich gestanden – nein«, erklärte er kopfschüttelnd. »Und warum hätte er mir auffallen sollen? Es besteht doch keine Verbindung der beiden Zimmer miteinander.«

»Wissen Sie das genau?«

Jetzt ging Don Gian ein Licht auf, worauf Doktor Windmüller hinzielte. »Das wäre in der Tat eine Möglichkeit zur Lösung des Rätsels«, rief er lebhaft. »Aber«, setzte er gleich hinzu, »dann hätte ich diese Verbindung doch finden müssen! Ich sagte schon, daß ich keinen Fleck nach einem geheimen Eingang in meine Zimmer ununtersucht gelassen habe.«

»Das will noch nichts sagen«, entgegnete Windmüller trocken. »Gesetzt den Fall, Sie haben recht mit Ihrem Verdachte, daß Ihre Frau Schwägerin Ihnen das Dokument geraubt, so muß sie auf einem ihr bekannten Wege in Ihre Zimmer gelangt sein und außerdem noch auf einem ebensolchen geheimen Wege das Haus verlassen haben, falls Ihr Vertrauen, das Sie in Ihre Dienerschaft setzen, Sie nicht getäuscht hat.«

»Das denke ich nicht«, entgegnete Don Gian. »Bei näherer Überlegung habe ich gefunden, daß eine solche Täuschung eine ganz überflüssige Sache gewesen wäre. Donna Xenia hat ja einen Brief hinterlassen, daß sie fort müsse – sie hatte es also gar nicht nötig, meinen Portier, der die Schlüssel verwahrt, zu bestechen. Sie brauchte ihn nur zu wecken und ihm zu befehlen, das Tor zu öffnen. Aber sie hat das nicht getan. Wie also ist sie aus dem Hause gekommen? Die Idee, daß sie die Zeit verschlafen hat und sich dann verbarg, um Fragen zu entgehen, ist mir ja auch gekommen, aber der Portier hatte Befehl, die Ausgänge und Wasserpforten verschlossen zu halten. Tatsache ist, daß bis zur Stunde meiner Abreise gestern, also bis mittags, Donna Xenia keinen Versuch gemacht hat, das Haus zu verlassen. Daß sie mit dem von ihr bezeichneten Zug nicht abgereist ist, steht ebenso fest –«

»Wie die Tatsache, daß sie gestern abend in Rom nicht eingetroffen ist und auch nicht das Schiff benützt hat, mit dem Sie nach Triest abreisen sollten«, fiel der Minister ein.

»An das Schiff habe ich gar nicht gedacht«, rief Don Gian.

»Aber ich«, sagte der Minister trocken. »Ich habe das gleich nach Eingang Ihrer Depesche festgestellt – durch unsere Triester Agenten. Donna Xenia hat zweifellos Kenntnis von einem verborgenen Ausgang aus Ihrem Hause und diesen benützt. Unser kostbares Dokument ist wahrscheinlich schon im Besitze unserer Gegner. – Nun«, setzte er hinzu, als Don Gian, unfähig, sich länger zu halten, auf den nächsten Stuhl sank und stöhnend das Gesicht mit den Händen bedeckte, »nun, Terraferma, nehmen Sie sich zusammen. Ich glaube nämlich an Ihre Schuldlosigkeit – bis man mir das Gegenteil beweist. Ich kann es Ihnen nicht einmal zur Last legen, daß Sie mit Ihrem Verdacht gegen Ihre Schwägerin nicht früher herausrückten, denn Sie haben nach Ihrer Aussage alles getan, sich gegen einen nächtlichen Überfall zu schützen, und wer wird an solche Teufeleien denken, wenn er in seinem eigenen Hause Fruchtsaft mit Sodawasser trinkt? Wir haben eben den Fehler begangen, den Feind auf einer anderen Stelle zu vermuten, und sind auf die sehr geschickt gelegte Falle, die Tatarennachricht, daß auf der Strecke zwischen Pontebba und Wien eine Attacke gegen das Dokument beziehungsweise seinen Überbringer geplant war, glatt hereingefallen. Wo wir den Feind im eigenen Hause zu suchen haben, der es – früher wie Sie, Terraferma – erfahren hat, wann und durch wen der Vertrag nach Wien befördert werden soll, diese Aufgabe zu lösen, hat Doktor Windmüller übernommen, denn das Objekt selbst, das durch solch raffinierte Gegenmine uns entrissen wurde, wiederzuerlangen, scheint mir eine Unmöglichkeit, wennschon wir wissen, daß Sie, Herr Doktor, der Mann der unbegrenzten Möglichkeiten sind.«

Windmüller lächelte fein. »Exzellenz, ein jeder Mensch hat seine Grenzen – er muß nur wissen, wo sie ihm gezogen sind. Es ist wahr – ich habe schon mehrere solche diplomatischen Dokumente wiedererlangen können, aber ich kann natürlich nicht dafür bürgen, daß es mir auch mit diesem gelingt, denn es ist schon zu viel kostbare Zeit darüber verloren worden. Aber meine Fühler sind trotzdem so ausgestreckt, daß eine direkte Unmöglichkeit noch nicht behauptet werden kann. Wenn es nicht verlorene Zeit wäre, forschte ich am liebsten nach, wie das Mysterium im Palazzo Terraferma sich vollzogen –«

»Ich werde ihn niederreißen lassen, um es zu ergründen!« rief Don Gian, bei dem die Überreizung der Nerven anfing, sich merkbar zu machen.

»Sie werden das hübsch bleiben lassen, denn man kann solche Dinge schon noch etwas weniger drastisch ergründen«, entgegnete Windmüller, indem er sich erhob. »Einstweilen aber, bis ich einige telegraphische Nachrichten erhalten kann, auf die ich warten muß, möchte ich Sie, Herr Marchese, bitten, mit mir der Wohnung Ihrer Frau Schwägerin einen Besuch abzustatten. Sie wohnt im Palazzo Barberini – nicht wahr?«

»Gewiß. Aber ich kann doch in ihrer Abwesenheit nicht –«

»Doch, Sie können«, fiel Windmüller seelenruhig ein. »Mehr noch – Sie müssen. Ich glaube freilich nicht, daß wir in der Wohnung einer Dame von ihrer Qualität, ihrer Umsicht und ihren Instinkten große Schätze heben werden, aber meiner langjährigen Erfahrung nach sind es gerade solche Leute, die im Vertrauen auf ihre Umsicht und Gerissenheit Spuren übersehen und für unwichtig halten, die für Leute meiner Qualität geradezu als Wegweiser wirken. Wer weiß – also gehen wir. Und um es vorweg zu sagen: erschweren oder vereiteln Sie mir meine Arbeit, die ja auch in Ihrem Interesse geschieht, nicht durch Einwände und Zweifel, sondern lassen Sie mich ruhig tun, was ich für gut halte, selbst wenn es Ihnen unbegreiflich oder – nicht schick erscheinen sollte.«

Don Gian begriff und nachdem er die ihm jetzt gereichte Hand seines Chefs vor innerer Erregung fast zerdrückt, folgte er dem Detektiv, von dessen Fähigkeiten und Erfolgen er schon Wunderdinge gehört hatte.

Sie stiegen, auf der Straße angelangt, in den nächsten freien Taxameter ein, der sie bald vor den Palazzo Barberini in der Via Quattro Fontane brachte.

Kein Mensch, der es nicht gesehen, kann eine Ahnung von der geradezu fabelhaften Größe dieses Gebäudes haben, das zwar seine berühmte Bildergalerie behalten hat, von den Erben des ausgestorbenen Geschlechtes der Barberini nun aber zur Vermietung gestellt ist. Von Carlo Maderna um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts durch Papst Urban VIII. Barberini errichtet, ist der Palast eines der Wahrzeichen der vergangenen Größe Roms; er hat nicht nur Raum für die Repräsentations- und Wohnräume einer Gesandtschaft, die kleinste der zahlreichen anderen Mietwohnungen darin enthält mindestens zwanzig Zimmer, und wenn auch die stattliche Bibliothek durch Kauf der vatikanischen Bibliothek einverleibt wurde, so bleiben darin immer noch die Gemäldesammlung, die Fresken Cortonas in der riesenhaften Halle, die Statuen, Büsten und andere Antiken.

In diesem Palast stiegen Don Gian Terraferma und Doktor Windmüller die lange Flucht der weißen, bequemen Marmortreppen zu der Wohnung der Principessa hinauf – ersterer mit dem natürlichen Widerwillen des Gentlemans, in Räume einzudringen, in denen er kein Recht hat.

»Ihr Einkommen würde vielleicht gerade dazu reichen, diese Wohnung zu bezahlen – woher also kommt das übrige?« fragte er sich zum hundertsten Male. »Gott weiß, daß ich ihr kein Unrecht tun möchte, aber was bleibt mir zu denken und zu glauben übrig?«

»Vielleicht hat sie eine Erbschaft gemacht«, beantwortete Windmüller laut diese Gedanken, so daß Don Gian zusammenfuhr und seinen Begleiter fast entsetzt ansah. »Man muß allen Möglichkeiten Raum lassen. Indessen – ah, da sind wir ja!« Eine junge, zierliche Kammerzofe war es, die endlich nach wiederholtem Läuten die Tür öffnete.

»Ist meine Schwägerin, die Frau Prinzessin, zu Haus?« fragte Don Gian die sichtlich ob des frühen Besuches Überraschte kurz.

»Aber nein, Herr Marchese«, war die in entschieden anklagendem Ton gegebene Antwort. »Altezza sind vorgestern abend verreist und wollten gestern abend zum Basar bei der Signora Contessa zurück sein, sind aber nicht angekommen, haben keine Nachricht gegeben, und Herr Marchese sehen mich in größter Bestürzung – ich weiß nicht, was ich denken soll.«

Durch Windmüller vorher instruiert, trat Don Gian, von seinem Begleiter gefolgt, ohne weiteres in den mit orientalischen Teppichen und Waffen geschmückten großen Vorraum ein.

«Nun, ich denke, die Frau Prinzessin wird wohl in diesem Falle aufgehalten worden sein«, murmelte er unbehaglich.

»Aber Durchlaucht haben nur einen ganz, ganz kleinen Koffer mit dem Nötigsten für eine Nacht mitgenommen«, erwiderte die Zofe ratlos.

»So?« fragte Don Gian. »Wie kommt es aber, daß Sie öffnen, Cesarina? Wo ist denn der Diener?«

»Er ist schon ganz früh fort, um auf den Bahnhof zu gehen, für den Fall, daß Durchlaucht die Nacht gereist sein sollten«, erklärte Cesarina gekränkt. »Er ist noch nicht zurück, der hohe Herr Iwan! Natürlich hat er den zweiten Diener mit einer Menge Aufträge fortgeschickt, und ich muß nun jedesmal laufen, wenn es läutet!«

»Der erste Diener ist ein Russe?« warf Windmüller zu Don Gian gewendet ein, und als dieser nickte, trat er in Aktion. »Hören Sie mich an, Mademoiselle Cesarina«, wendete er sich in ihrer Landessprache an die Französin, die er vorher scharf beobachtet. »Wir – der Herr Marchese und ich – haben natürlich gehofft, die Frau Prinzessin anzutreffen, da sie aber verreist ist und Sie ohne Nachricht über ihren Verbleib sind, so beunruhigt uns das einigermaßen. Sie müssen uns daher genau und wahrheitsgetreu sagen, was Sie über diese plötzliche Abreise Ihrer Herrin wissen, und je aufrichtiger Sie das tun, um so weniger soll dies Ihr Schade sein.«

Das Aufleuchten in den schwarzen Augen der Französin belehrte Windmüller, daß sein Scharfblick ihn nicht getäuscht, als er das Mädchen auf den ersten Blick als habgierig taxierte.

»Aber ich weiß ja nichts, gar nichts!« jammerte Cesarina. »Durchlaucht sagten plötzlich: ›Ich verreise in einer Stunde, packe mir Nachtzeug und eine einfache Abendtoilette ein‹ – das war alles! Nicht eine Silbe, wohin Madame reisen will – nur den Befehl: ›Lege mir das Zigeunerinnenkostüm für den Basar zurecht, ich werde zur rechten Zeit morgen abend zurück sein‹ – nichts, nichts weiter! Aber unter uns, Monsieur – Iwan, der Kammerdiener, der verstockte Mensch, weiß sicher mehr – sicher! Er hat Madame auf den Bahnhof begleitet, er muß wissen, wohin sie gereist ist, er hat Madames Vertrauen. Einmal wird es ihm ja belieben, zurückzukommen, und wenn Monsieur warten können –«

Monsieur wollte nicht warten – im Gegenteil, er pries seinen guten Stern, der ihm den Kammerdiener aus dem Wege geräumt, und hoffte inbrünstig von eben diesem guten Stern, daß seine ›Geschäfte‹ den Würdigen noch eine Weile fernhalten würden

»Was Sie mir sagen können, würde Iwan wahrscheinlich nicht wissen«, erwiderte er in dem überzeugend zuredenden Ton, der ihm schon so oft gute Dienste geleistet hatte »Der Herr Marchese ist, wie er mir sagte, der Frau Prinzessin am Nachmittag vor ihrer Abreise in der Villa Borghese begegnet, und sie schien damals noch nichts von dieser plötzlichen Reise zu wissen. Sie scheinen mir aber eine kluge Person zu sein, die ein Paar scharfe Augen im Kopf hat. Aber sicher – ich schmeichle Ihnen nicht, Mademoiselle – ich sehe, was ich sehe. Nun wohl – Sie müssen doch etwas gemerkt haben, was Ihnen diesen plötzlichen Entschluß Ihrer Herrin begreiflich gemacht hat – nicht?«

»Oh – wenn es das ist, was Monsieur wissen will – voila!« machte Cesarina mit raschem Verständnis. Dann schloß sie die noch offene Tür des Vorraums, nicht ohne vorher nach der Treppe gehorcht zu haben, und schob einen Riegel vor – eine scheinbar überflüssige Handlung, die sich der alles sehende Detektiv sehr richtig dahin deutete, daß Mademoiselle Cesarina sich bei dem, was sie auszuplaudern entschlossen schien, nicht von dem gefürchteten Kammerdiener überraschen lassen wollte.

»Hören Sie also, Monsieur! Madame kamen vorgestern – nein, vorvorgestern von ihrer Ausfahrt zurück, und ich öffnete ihr die Tür, weil der Herr Iwan wieder einmal nicht da war und Beppino, der zweite Diener, gerade den Tisch deckte. Madame waren kaum über der Schwelle, als ein Herr schnell die Treppe heraufkam, Madame ein paar Worte in der barbarischen Sprache zurief, in der Madame immer mit dem Iwan spricht, und ihr einen Brief überreichte, worauf er wieder die Treppe hinablief –«

»Wer war der Herr?« warf Windmüller ein.

»Weiß ich nicht«, entgegnete Cesarina achselzuckend. »Ich habe ihn nie vorher gesehen, und Madame empfängt oft Besuche, die ihren Namen nicht sagen, die gehen, ohne wiederzukommen, mit denen sie Russisch redet, so daß man nicht wissen kann, warum sie kamen und was sie wollen, kurz –«

»Rücksichtslos gegen Sie, Mademoiselle«, sagte Windmüller teilnahmvoll. »Nun, und die Frau Prinzessin las den Brief natürlich und –«

»Gewiß«, fiel Cesarina bereitwilligst ein. »Madame öffnete den Brief gleich hier, überflog ihn, und ohne sich Zeit zu nehmen, Hut und Mantel abzulegen, setzte sie sich damit vor das Tischchen dort am Kamin, zog die Handschuhe aus und las den Brief mindestens zehnmal durch, Monsieur, denn ich schielte natürlich hin, während ich die Handschuhe aufnahm, und sah ganz genau, daß er nur wenige Zeilen enthielt. Eh bien, Madame achtete nicht auf mich, schien mich evidemment ganz vergessen zu haben, und natürlich blieb ich, wo ich war, denn ich mußte doch meine Befehle abwarten – nicht?«

»Sehr korrekt, sehr!« lobte Windmüller mit Enthusiasmus.

»Ich sehe, Monsieur haben den richtigen Sinn für meine Pflicht«, fuhr Cesarina mit einem nur einer Französin möglichen Augenaufschlag fort. »Eh bien, Madame nahmen, was mich natürlich sehr wunderte, nachdem sie über dem Brief eine Weile gegrübelt, einen der Papierbogen, die immer hier bereit liegen, für den Fall, daß ein Besuch, der Madame nicht antrifft, eine Botschaft hinterlassen will, den daneben liegenden Bleistift, zog damit über das Blatt lauter Quadrate und schrieb Nummern hinein, und dann, den Brief in der Hand, schien sie ihn abzuschreiben, aber nicht etwa in einer Linie, sondern einmal ein Wort hier, ein Wort da, ganz durcheinander –«

»Ganz merkwürdig!« meinte Windmüller. »Und dann – ?«

»Dann tippte sie mit dem Stift auf die Quadrate, in die sie geschrieben – in das eine zwei, drei Worte, in das andere wieder nichts, sah plötzlich auf und fuhr mich an, was ich hier mache, lachte dann kurz auf, tippte noch einmal das sonderbare Geschreibsel mit dem Bleistift ab, ballte den Bogen zusammen und warf ihn ins Feuer, denn es ist schon kühl am Abend, und wir müssen immer den Kamin hier heizen –«

»Natürlich!« fiel Windmüller ein. »Und nachdem der Bogen verbrannt war –«

»Gab Madame den Befehl, zu packen. Voila tout!«

Windmüller zog ein Goldstück aus der Westentasche und drückte es in Cesarinas rasch hingehaltene Hand. »Und was machte Madame mit dem Briefe, den sie erhalten?« fragte er in gewinnendem Ton.

»Das weiß ich nicht. Ich habe darauf nicht geachtet«, war die sicherlich ehrliche Antwort. »Sie wird ihn wohl mit dem Bogen verbrannt haben.«

»Jedenfalls – jedenfalls«, stimmte Windmüller zu, indem er in seiner Westentasche herumfingerte und den gierigen Blick auffing, mit dem Cesarina das verfolgte. »Nun, das wäre wohl alles. Hm. Ja, was ich noch sagen wollte – die Signora Principessa ist dann wohl in dem Anzuge abgereist, den sie am Nachmittag trug?«

»Aber Monsieur!« machte die Zofe mit Entsetzen. »Madame hatte ein weißes Tuchkleid an, eine Robe, die erst tags zuvor aus Paris gekommen war, ein Traum von einer Robe – Rock, Paletot und Weste mit Seidengalonen besetzt. Das hätte gut ausgesehen nach einer Fahrt in der Eisenbahn! Und von dem weißen Hute gar nicht zu reden, Fasson Marquis, mit einer köstlichen weißen Pleureuse darauf. Nein, nein, Monsieur, sie hat gewechselt und ein graues Reisekleid mit grauem Staubmantel angezogen, während ich den kleinen Koffer packte.«

Windmüller lächelte gewinnend. »Ja, wenn ich gewußt hätte, daß Madame ein weißes Kleid anhatte, ehe sie abreiste, dann hätte ich die dumme Frage nicht getan«, sagte er mit rührender Einfachheit. »Also ein ›Traum‹ war dieses Kleid! Ich schwärme für solche Träume, Mademoiselle –«, wieder fingerte er in seiner Westentasche und zog noch ein Zwanziglirestück hervor. »Sehen Sie«, machte er naiv, »da habe ich ja noch solch ein Ding hier – hübsche Münzen, Mademoiselle – nicht wahr? Ich gäbe dieses Stück darum, wenn ich das neue weiße Kostüm der Frau Prinzessin aus Paris einmal sehen könnte.«

»Wenn es weiter nichts ist, Monsieur – ich hole das Kostüm sofort«, rief Cesarina mit funkelnden Augen. »Madame hat es selbst in der Garderobe aufgehängt, während ich den Koffer packte, denn sie ist sehr eigen mit ihren Sachen.«

Windmüller hob beide Hände beschwörend auf. »Wie würde ich Sie selbst bemühen wollen, Mademoiselle!« rief er in dem Tone eines Menschen, dem man eine Unwürdigkeit zumuten will. »Das sei fern von mir! Zudem müssen Sie doch hier an der Tür sein, für den Fall der Herr Kammerdiener zurückkehrt, der sicher die Hintertreppe verschmähen dürfte – wenigstens solange Ihre Herrin nicht da ist! Nein, nein, nein! Ich gehe selbst, diesen Traum von einer Pariser Robe zu bewundern – natürlich in Gesellschaft des Herrn Marchese – – Oh, haben Sie sich erkältet?« unterbrach er sich teilnahmvoll, durch einen Hustenanfall Don Gians veranlaßt, dessen blasses Gesicht plötzlich purpurrot geworden war. »Nicht erkältet, sondern nur die Luft verfangen?« erläuterte er ein undeutliches Murmeln des sichtlich wortlosen Diplomaten. »Hm – desto besser. Also haben Sie die Güte, Herr Marchese, mir den Weg zu zeigen. – Und Sie, Mademoiselle, würden mich unendlich verbinden, für den Fall, daß der Herr Kammerdiener zurückkehrt, ehe wir den ›Traum‹ gesehen haben, wenn Sie diesen Würdigen mit Ihrer Konversationsgabe aufhalten wollten, bis ich fertig bin. Sie verstehen mich – nicht wahr?«

Cesarina nickte mit blitzenden Augen – sie verstand.

Mit sehr widerstreitenden Gefühlen folgte Don Gian einer einladenden Handbewegung des mild lächelnden Detektivs und ging ihm voraus. Durch eine Reihe eleganter Salone, alle mit ausgesuchtem Geschmack eingerichtet, führte er ihn unter einem Schweigen, das eine Explosion verhindern sollte.

In der offenen Tür des raffiniert luxuriösen Schlafgemachs aber stand er still. »Herr Doktor, wollen Sie mir jetzt erklären –«, begann er.

Aber Windmüller schob ihn einfach zur Seite. »Später, lieber Marchese, später. Es ist jetzt keine Zeit dazu, Ihnen meine Methode auseinanderzusetzen Wir müssen fertig sein, ehe der Spion kommt. – Jawohl, Iwan, der Kammerdiener! Ich kenne ihn und er mich, was wesentlich dazu beiträgt, daß ich vor ihm zum Tempel wieder hinaus sein möchte. Nicht, daß ich ihn fürchte, aber warum einen Zusammenstoß heraufbeschwören, wenn er zu vermeiden ist! – Hm – dieses Schlafzimmer ist sehr gut aufgeräumt – wir können darüber zur Tagesordnung übergehen, denn hier dürfte Cesarina, diese Perle, schon Musterung gehalten haben. Welches ist die Tür zur Garderobe? Ah, das können Sie natürlich nicht wissen, also öffnen wir die erste – mir scheint, wir haben die richtige gefunden. Mein altes Glück, Herr Marchese! Hoffen wir, daß es mir auch mit dem ›Traum aus Paris‹ zur Seite bleibt.«

Es war ein hübsch proportioniertes Zimmer, das in langer Reihe die Garderobenschränke, einen drehbaren, dreiteiligen großen Spiegel mit Teppich davor und ein niedriges Sofa enthielt. Windmüller machte ohne Federlesens den ersten dieser Schränke auf, in dem auf breiten hölzernen Bügeln an messingener Stange eine Reihe von Kleidern hing und darunter ein weißes von feinem Tuch mit seidenen Galonen besetzt.

»Mir scheint, das war’s, das meine Schwägerin am Vorabend ihrer Abreise trug«, sagte Don Gian darauf deutend.

»Ah – ein perfektes Schneiderkleid!« machte Windmüller bewundernd, indem er mit geübten und geschickten Fingern an den Säumen des fußfreien, engen Rockes entlang fuhr. »Natürlich hat es keine Tasche – in einer solchen Schlangenhaut würde ja ein Bogen Papier schon die Fasson verderben. Auch im Paletot nichts von solch einem nützlichen Behältnis. Diese Taschenklappen an den Vorderteilen sind Blendwerk der Hölle, nichts weiter. Wird dasselbe mit dieser ärmellosen, eleganten Weste sein, die gleichfalls durch schneidige Klappen Taschen heuchelt – also eine vergebliche Hoffnung – die mit zwanzig Lire in Gold zwar etwas teuer bezahlt ist doch das muß man eben riskieren. – Halt! Was bedeutet dieser durch Druckknopf geschlossene Schlitz? Eine sehr geschickt und raffiniert angebrachte Brusttasche! Und in dieser Brusttasche ein etwas lässig gefaltetes Papier – Herr Marchese«, schloß Windmüller fast andächtig seinen Monolog, »hier haben Sie wieder einmal den Beweis, wie unvorsichtig vorsichtige Leute sein können! Wenn wir uns den Vorgang rekonstruieren, so können wir sehen, wie Ihre Frau Schwägerin, in Gedanken versunken, auf dem langen Wege bis zu ihrem Schlafzimmer das dünne Blatt überseeischen Papiers, das ihr der Unbekannte im Augenblick ihrer Heimkehr überreicht, dieser Tasche anvertraut, von deren Existenz Cesarina wahrscheinlich keine Notiz genommen hat. Während die Perle einpackt, entledigt sich die Herrin selbst des Pariser ›Traumes‹, hängt das Kleid selbst, da sie sehr ordentlich ist, in dem Schranke auf, des Papiers darin vergessend, das ihr eine Aufgabe stellt, die ihre ganze Aufmerksamkeit, ihr ganzes, fieberhaft arbeitendes Gehirn in Anspruch nimmt – es fällt ihr wahrscheinlich erst auf der Reise ein, daß sie dieses wichtige Papier vergessen hat, und sie tröstet sich damit, daß Cesarina kaum das Kleid berühren wird, und selbst wenn sie es tut, würde ihr dieses Blatt nichts sagen, sie um nichts klüger machen, denn wie käme sie auf den Gedanken, daß ein gewisser Franz Xaver Windmüller so verrückt sein könnte, die neueste Schöpfung ihres Schneiders bewundern zu wollen?«

Don Gian trat hastig einen Schritt näher. »Herr Doktor – glauben Sie, daß es in der Tat dieser Brief ist?« fragte er mit erwachtem Interesse, das seinen stummen Protest gegen die ›Methoden‹ des Detektivs völlig überragte.

»Irren ist menschlich, Herr Marchese. Unter dieser Reserve glaube ich Ihre Frage bejahen zu können«, erwiderte Windmüller, das Blatt sorgfältig in seiner Brusttasche verwahrend. »Es ist hier nicht der Ort, die Probe aufs Exempel zu machen. Lassen Sie uns daher dies leere Nest verlassen und zu mir fahren, wo Sie außer der Lösung des Rätsels auch ein Frühstück erhalten sollen, das Ihren Lebensgeistern, wie ich sehe, sehr vonnöten ist. Wie lange haben Sie denn nichts mehr an leiblicher Nahrung zu sich genommen?«

»Seit gestern mittag nichts mehr – aber das ist Nebensache und –«

»Pardon, wenn ich widerspreche: es ist von wesentlicher Bedeutung, wenn Sie Ihre Nerven in diesem Falle nicht verlieren, Herr Marchese. Sie würden bald abgewirtschaftet haben, wenn Sie unterlassen, Ihrem Körper und Ihrem Gehirn die notwendige Nahrung zuzuführen. Sie müssen mir schon verzeihen, wenn ich mich auch darum kümmere. Ich betrachte Sie eben als meinen Klienten, weil die Sache Sie doch verteufelt nahe angeht, und es ist Gewohnheit bei mir geworden, auch ein wenig über das leibliche Wohl derer zu wachen, deren moralischen Zustand ins Gleichgewicht zu bringen die ideale Seite meines Berufes ist.«

Don Gian sah den Detektiv erstaunt an. »Ihr Klient?« wiederholte er. »Sie sind doch beauftragt worden, herauszubekommen, ob nicht vielleicht ich selbst das Dokument veruntreut und – und verkauft habe?«

Windmüller machte eine Bewegung. »Das war nur eine Möglichkeit, mit der gerechnet werden mußte, weil die menschliche Seele Tiefen verbergen kann, die man in ihr nicht vermutet«, sagte er ernst. »Ihr Chef hat diese Möglichkeit nicht zugeben wollen und ist von vornherein mit großer Loyalität für Sie eingetreten. Ich indes, der mit der dunklen Seite der menschlichen Seele zu tun hat, mußte mich erst überzeugen, und ich freue mich, sagen zu können, daß ich jetzt ganz auf Ihrer Seite stehe. Ob es möglich sein wird, das verlorene Dokument wieder zu erhalten, kann ich jetzt noch nicht sagen, aber ich denke, daß Ihre Unschuld zu beweisen nur noch eine Frage von kürzester Zeitdauer ist. Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich diesen Beweis hier in meiner Brusttasche. – Also eilen wir, ihn der Prüfung zu unterwerfen!«

Don Gian verlor keine Worte. Stumm reichte er dem Detektiv zu kräftigem Drucke die Hand und folgte ihm mit einem Gefühl der Erleichterung, als ob jemand ihm eine unerträglich werdende Last von den Schultern genommen hätte. Weil er aber ein guter Mensch mit tiefem Gemüt war, so mischte sich in die persönliche Erleichterung die Trauer darüber, daß seine eigene Rehabilitierung auf Kosten der Witwe seines Bruders zu geschehen hatte.

Im Vorzimmer fanden sie Cesarina auf ihrem Posten vor. Der Kammerdiener war noch nicht zurückgekehrt, und mit wiederholten Knicksen nahm sie ihr zweites Goldstück von Windmüller entgegen.

»Die Robe von Madame ist in der Tat ein Traum«, sagte letzterer. »Aber sie hat doch einen Fehler – sie besitzt keine Taschen!«

»Aber Monsieur!« rief Cesarina, den Himmel für solch eine Barbarei anrufend. »Madame ist doch keine Bäckersfrau, die sich ihre Taschen mit allem möglichen vollstopft! Madame steckt ihr Taschentuch in den Ärmel und trägt die Börse in ihrem Ledertäschchen. Und wo wollen Monsieur, daß man Taschen in einem modernen Kleide anbringen soll, das wie ein Handschuh sitzen muß?«

»Ah ja, natürlich! Daran denkt man als Mann nicht, wenn man nicht zufällig ein Schneider ist«, erwiderte Windmüller.

»So ist’s!« bestätigte Cesarina, indem sie mit einem Knicks die Tür hinter den beiden Herren zuschloß, von denen sie den älteren entschieden bevorzugte. Liebevoll klimperte sie mit ihren beiden Goldstücken in dem Täschchen ihrer koketten Schürze und pries ihr Glück, das den Kammerdiener weggeführt hatte. »Also Taschen hat er in dem Kleide gesucht!« dachte sie achselzuckend. »Ich hätte ihm die Mühe sparen können, wenn es das war, was, er wollte. – Taschen! Wenn das Kleid Taschen hätte, wären sie von mir längst nachgesehen worden!« – »Woraus erhellt«, murmelte Windmüller noch auf der Treppe, »daß auch einem Schneider Ideen kommen können, die ihm selbst eine Kammerfrau nicht zutraut!«


* * *


Auf der Straße vor dem Palaste angelangt, hielt Windmüller ein vorüberfahrendes leeres Auto an und gab dem Chauffeur die Adresse seiner Villa am Janiculus mit der Weisung, daß er dort wahrscheinlich würde zu warten haben.

»Ich vermute nämlich, daß wir Ihrem Chef etwas mitzuteilen haben werden«, sagte er, als sich das Auto in Bewegung gesetzt hatte, indem er seine Brieftasche hervorzog und das Blatt daraus entnahm, das er in der Garderobe der Marchesa von Terraferma entdeckt. Er sah es eine Weile an und reichte es dann Don Gian. »Was machen Sie daraus?« fragte er.

»Das ist in deutscher Sprache geschrieben!« rief der junge Diplomat überrascht. »Ich wußte nicht, daß meine Schwägerin Deutsch versteht.«

»Die meisten gebildeten Russen sprechen Deutsch«, erwiderte Windmüller. »Donna Xenia hatte in Ihrer Familie vielleicht nur keine Gelegenheit, diese Kenntnis anzuwenden.«

»Doch, sie wußte, daß ich sehr eifrig deutsche Sprachstudien treibe, die mir für meinen Beruf neben dem Französischen und Englischen sehr von Wert sind.«

»Natürlich – ein Diplomat muß alle Sprachen kennen. – Bitte, lesen Sie das Blatt durch und sagen Sie mir, was Sie daraus machen.«

Don Gian tat, wie ihm geheißen, und las folgendes:


Braunschweig, 27. Februar 1912.
Morgen (erlangt) Zug sofort Festland (sie) Venedig
Meldung eintreffen Frühschiff (Nachtzug) mit Reisen
(heut) Weiterreise wahrscheinlich (Rom) voraussichtlich wird (Wenn) nächsten Venedig Abend (Objekt) Triest. –


Don Gian gab das Blatt, nachdem er es gelesen, mit einem Achselzucken der Enttäuschung zurück. »Geheimschrift natürlich, für die sich vielleicht der Schlüssel finden ließe. Aber wozu? Das Billett ist über ein halbes Jahr alt, kann also das nicht sein, welches meine Schwägerin zu ihrer plötzlichen Abreise veranlaßt hat, wennschon das Wort ›Venedig‹ zweimal darin vorkommt. Eine alte Mitteilung, vom 27. Februar datiert, die Donna Xenia in ihrem Kleide vergessen hat.«

»Das war auch mein erster Gedanke, als ich das Blatt überflog«, gab Windmüller zu. »Indes, mein Beruf weist darauf hin, nichts zu überhören und nichts zu vergessen, und darum fiel mir auch gleich wieder ein, daß Cesarina gesagt, ihre Herrin habe das Kleid, dies weiße Kleid mit Paletot und Weste, erst vor ein paar Tagen aus Paris erhalten. Wäre es anzunehmen, daß Donna Xenia Zeit gehabt hätte, ein altes Schreiben in diese verborgen angebrachte Tasche zu stecken, selbst den Fall gesetzt, daß es ihr ›zufällig‹ beim Auskleiden in den Weg gekommen ist? – Kaum! Ferner ist das Papier hier nicht verlegen, nicht monatelang irgendwo aufbewahrt worden – es ist ganz frisch; nicht weich geworden wie altes Papier, sondern glatt und tadellos weiß. Die Tinte« – damit zog er ein Vergrößerungsglas hervor und betrachtete damit genau die Schrift – »die Tinte ist frisch, wenige Tage nur auf dem Blatt – oh, ich kann das genau bestimmen. Dies Spezialstudium gehört zu meinem Beruf. Folglich ist das Datum nur ein Blender, bestimmt, irrezuführen für den Fall, daß die Mitteilung in unrechte Hände geraten wäre, oder – beim Zeus, ich hab’s! – es enthält den Schlüssel für die chiffrierte Mitteilung selbst!«

»Den Schlüssel?« wiederholte Don Gian elektrisiert.

»Es kann das nur sein«, entgegnete Windmüller mit einer bei ihm ungewöhnlichen Erregung. »Der Umstand, die Mitteilung, die durch persönlichen Boten in Rom am 6. September überbracht wurde, von Braunschweig mit einem über ein halbes Jahr alten Datum zu versehen, kann nur einen ganz bestimmten Zweck verfolgen, und daß dieses Blatt wirklich nicht vor sechs Monaten geschrieben worden ist, dafür stehe ich mit Hilfe dieser allerschärfsten Vergrößerungslinse ein! – Erinnern Sie sich, daß Cesarina beobachtet hat und uns genau beschrieb, wie Donna Xenia nach Empfang des Billetts sich in der Vorhalle hinsetzte, einen Bogen Papier mit Quadraten einteilte, diese numerierte und dann, das Billett in der Hand, in diese Quadrate schrieb? Wohl, es war nicht schwer zu erraten, daß sie die erhaltene Mitteilung dechiffrierte. Das bedarf kaum der Erwähnung, aber daß es dieses Blatt war, das sie entzifferte, daß sie es auf dem Weg in ihr Schlafzimmer ›einstweilen‹ in die Brusttasche ihrer Weste steckte, endlich, daß gerade dieses irreführende Datum den Schlüssel der Chiffre enthält – dafür möchte ich das schönste Stück meiner Sammlung verwetten! – Wo sind wir eben? Oh, erst auf der Piazza Cairoli! Also lassen Sie uns keine Zeit verlieren und den Rest des Wegs dazu benützen, dem Rätsel nachzusinnen!«

Und das Billett in der Hand, den Blick fest darauf richtend, versank der berühmte Gentlemandetektiv in ein tiefes Kombinationsstudium, aus dem er erst aufsah, als das Automobil vor der kleinen, hübschen Villa auf der halben Höhe des Janiculus jenseits des Tibers vorfuhr.

Windmüller befahl dem Chauffeur, zu warten, öffnete die verschlossene Pforte zu dem zierlich bepflanzten Gärtchen, das die Villa umschloß, mit einem Patentschlüssel, während er gleichzeitig die elektrische Glocke drückte, und bat Don Gian, einzutreten.

Ehe die Herren den kurzen, mit Blumenrabatten eingefaßten Gang bis zu dem Hause zurückgelegt, wurde dessen Tür von einem kleinen, drollig aussehenden Menschen mit beweglicher Spitzmausphysiognomie und kleinen, funkelnden Schweinsaugen geöffnet, den die ruhige, dunkle Livree, die er trug, wie etwas Ungehöriges kleidete, besonders da er die Ankommenden mit militärischem Gruß empfing.

»Der Kerl kann sich die Faxen nicht abgewöhnen«, murmelte Windmüller ärgerlich. – »Schnell ein Frühstück in mein Arbeitszimmer, Pfifferling!« befahl er, noch auf der Türschwelle. »Tee, Gebäck, Schinken, Eier – aber rasch! Jemand hier gewesen? Briefe gekommen?«

»Versteht sich, Herr Doktor«, versicherte Pfifferling höchst inkorrekt – für seine Livree. »Briefe, mehrere Telegramme und ein zierliches Schreiben, für das ich dem Überbringer, einem schäbigen Individuum, eine Quittung schreiben mußte. Es liegt noch keine zehn Minuten oben.«

»Gut. Nehmen Sie dem Herrn hier Paletot und Hut ab und trollen Sie sich. Verstanden?«

»Vollkommnement, Herr Doktor!« erwiderte Pfifferling mit einem Kratzfuß, der in einer Posse auf einer Volksbühne Effekt gemacht hätte. »Ich verdufte!«

»Wenn Sie mal einen korrekten Diener brauchen sollten, Herr Marchese, dann holen Sie sich den Menschen«, sagte Windmüller lachend, als er seinen Gast die Treppe hinaufgeleitete, die wie die kleine Vorhalle mit seltenen alten Waffen aller Länder dekoriert war. »Die Livree ist aber nur Blendwerk – Pfifferling ist nämlich mein Faktotum, zu dem er sich aus eigener Machtvollkommenheit gemacht hat. Er führt mit mir das alte Märchen von Sintbad, dem Meerfahrer, auf, indem er den Meergreis mimt, den ich nicht mehr loswerden kann. Aber er fängt an, sich zu machen, was seine bescheidene Mitwirkung an meiner Arbeit betrifft – zum Diener hat unser Herrgott ihn in seinem Zorne werden lassen.«

Don Gian folgte seinem Wirte mit unwillkürlich erwachter Aufmerksamkeit in das Gemach, das er als sein Arbeitszimmer bezeichnet hatte. Es war mehr eine Bibliothek, denn die Wände waren mit Bücherregalen bis auf Manneshöhe bedeckt und zuoberst mit allen nur möglichen Gegenständen bestellt: Büsten, Vasen, antiken Fragmenten; Gemälde wechselten in zwangloser Reihe miteinander ab, aber in dem ganzen Arrangement verriet sich der wohlgeschulte Liebhaber, der seine Schätze nicht wahllos hier aufgestapelt. In der Mitte des schönen, großen Raumes stand ein großer, kostbarer Schreibtisch von Boule, bedeckt mit Papieren, Aktenfaszikeln, Büchern, und auf der ledernen Mappe mit dem davorgeschobenen Lehnsessel, einem Prachtstück des Cinquecento, lagen wohlgeordnet die eingelaufenen Briefe und Telegramme.

Windmüller bat seinen Gast, vor einem leeren eingelegten Tisch in der einen Fensternische Platz zu nehmen, und setzte sich dann selbst vor seinen Schreibtisch, um die Depeschen zu durchfliegen, die er nebst dem einen markenlosen Briefe mit einem Stück orientalischen Jaspis beschwert neben sich hinlegte, und Don Gian, der ihm mit unverhohlen brennendem Interesse zusah, machte die Beobachtung, daß sein Wirt während dieser mit Methode betriebenen Beschäftigung sehr nachdenklich aussah, als ob ihm ein neues Rätsel in den Weg getreten wäre.

»Alles zu seiner Zeit, Herr Marchese«, sagte Windmüller, das Gesicht seinem Gast zuwendend, der erstaunt zurückfuhr und sich fragte, ob er seine Beobachtung unbewußt in Worte gekleidet. »Es scheint in der Tat, als ob wir in eine neue Phase der Angelegenheit getreten wären. Ehe wir jedoch auf diese eingehen, müssen wir suchen, das chiffrierte Billett zu enträtseln. Wenn der Schlüssel paßt, auf den ich unterwegs geraten bin, dann werden wir bald klüger sein. Ich habe so viel mit Geheimschriften zu tun, die ein ganzes Studium für mich gebildet haben und immer noch bilden, daß mir so leicht keine unzugänglich ist. Also, ans Werk!«

Don Gian sah mit fieberhafter Spannung zu, wie Windmüller einen leeren Papierbogen in Quadrate mit dem Bleistift einteilte, diese Quadrate von 1 bis 25 numerierte und dann, den linken Zeigefinger gewissermaßen als Weiser auf dem chiffrierten Blatte führend, in die Quadrate zu schreiben begann.

Er war damit noch eifrig beschäftigt, als Pfifferling mit dem Frühstück erschien, das Brett auf einen Wink seines Brotherrn auf den Tisch vor den Gast stellte und dann schleunigst wieder verschwand.

Mechanisch goß Don Gian sich eine Tasse Tee ein und trank sie rasch aus, aber seine Nerven waren in einem Zustande der Erwartung, daß er vorläufig noch keinen Bissen hinuntergebracht hätte.

Da sah Windmüller auf. »Die Sache war einfacher, als ich gedacht«, sagte er. »Das Datum ist’s, das den Schlüssel enthält, wie ich es angenommen; es war der ›Vogel‹ der die Geschichte verraten hat. Einen Augenblick wollten mich die eingeklammerten, einfach und doppelt unterstrichenen Worte aus dem Sattel heben, aber auch sie fügten sich dann wie von selbst dem Ganzen ein. Doch ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen. Der dechiffrierte Inhalt des Billetts lautet: ›Festland‹ – das ist die deutsche Übersetzung Ihres Namens Terraferma – Festland wird morgen abend voraussichtlich Venedig eintreffen. Weiterreise Triest Frühschiff wahrscheinlich. Reisen Sie heut mit Nachtzug Venedig. Wenn Objekt erlangt, nächsten Zug Rom. Sofort Meldung. – Nun, Herr Marchese, dieses kostbare Blättchen bestätigt zwar Ihren Verdacht über die Beschäftigung und Einnahmequellen Ihrer Frau Schwägerin, aber es ist auch Ihre eigene, vollständige Rechtfertigung, zu der ich Sie von Herzen beglückwünsche –«

»Und die Bestätigung, daß dieses inhaltschwere Dokument in den Händen derer ist, die es gegen mein Vaterland bis zum äußersten ausnützen werden!« rief Don Gian aufspringend.

»In dieser Beziehung ist das letzte Wort noch nicht gesprochen«, erwiderte Windmüller mit Nachdruck. »Auf alle Fälle stehen Sie rein da, Sie sind das Opfer eines Verrates und einer Intrigantin geworden, die ihre Netze mit einer Berechnung gelegt hat, die fast alles Dagewesene übersteigt. Doch davon später. Hier diese Depeschen meiner Agenten melden mir, daß Donna Xenia auf keiner der Etappen, die sie auf ihrer vermutlichen Weiterreise berühren mußte, eingetroffen ist. Eine Verkleidung, die ja eigentlich anzunehmen war, scheint nach den Berichten zwar ausgeschlossen, aber es ist immerhin möglich, daß sie unter einer solchen doch noch durchgeschlüpft ist. Nun aber sehen wir aus diesem chiffrierten Billett, daß Donna Xenia den Befehl hatte, mit dem erlangten Objekt nach Rom zurückzukehren und sich damit sofort bei ihren Auftraggebern zu melden. Daß sie in ihrer Wohnung jedoch nicht eingetroffen ist, davon haben wir uns vorhin überzeugt, und dieser Zettel, den mein Agent vor unserer Ankunft in meinem Hause hier abgegeben hat, meldet mir, ›daß das Ausbleiben der Marchesa Terraferma an zuständiger Stelle‹ – um keine Namen zu nennen – ›Unruhe und Bestürzung verursacht hat‹. Mithin ist ›man‹ auch dort ohne Nachricht über sie, hat – was für Ihre Regierung das Wesentliche ist – das bewußte Dokument nicht oder wenigstens noch nicht in Händen.«

Windmüller hielt ein und sah seinen Gast an, der näher getreten war und sich über den Schreibtisch herüberlehnte.

»Sie hatte Befehl, nach Rom mit dem Dokument zurückzukehren, und hat es nicht getan!« rief Gian aus. »Ja, um alles in der Welt – wo ist sie dann hingekommen?«

»Das zu ergründen, wird meine Arbeit sein«, erwiderte Windmüller sinnend. »Es gibt – soweit ich es im Augenblick übersehen kann – drei Möglichkeiten: sie ist beseitigt worden von Leuten, die auch ein Interesse an dem Dokument haben, oder sie hat dieser anderen Seite das Dokument freiwillig ausgeliefert und findet nun für gut, sich ihren Auftraggebern zu entziehen, bis es wieder sicher ist –«

»Meine Schwägerin hat ihren kleinen Koffer, der nur das Nötigste für die Nacht und eine einzige Abendtoilette enthält, in Venedig zurückgelassen«, unterbrach ihn Don Gian kopfschüttelnd. »Eine Person von ihren Ansprüchen geht nicht mit sozusagen nichts auf eine Reise von unbestimmter Dauer.«

»Mit Geld in der Hand kann man alles kaufen, was man braucht oder zu brauchen glaubt«, entgegnete Windmüller ruhig. »Es war sehr geschickt, den Trick, wenn sie einen beabsichtigt hat, ohne Reisegepäck auszuführen. Das macht den Verdacht einer Beseitigung wahrscheinlicher, und der Befehl für Cesarina, das Maskenkostüm für den Basar zu gestern abend bereitzulegen, unterstützt ihn, unterstreicht ihn gewissermaßen. Anderseits blieb ihr nichts anderes übrig, als Ihr Haus in Venedig unbeschwert von jedem Reisegepäck zu verlassen, wenn sie es unbeobachtet tun wollte, tun mußte, um heil und ungefragt herauszukommen. – Und dann ist noch die dritte, aber unwahrscheinlichste Möglichkeit, daß Donna Xenia sich dadurch, daß sie alle Ausgänge des Hauses verschlossen fand, genötigt sah, sich in demselben zu verbergen, bis die Gelegenheit sich bot, unbemerkt hinauszuschlüpfen.«

»Das ist so ungefähr, was mein Portier behauptete«, sagte Don Gian kopfschüttelnd. »Ich glaube zwar nicht daran, habe aber für alle Fälle einen Geheimpolizisten in mein Haus genommen, der die Ausgänge nicht nur zu bewachen, sondern auch zu verhindern hat, daß Donna Xenia den Palast verläßt. Ob das erlaubt ist oder nicht, darum konnte ich mich nicht kümmern. Meine Großmutter versprach mir, auf alle Fälle Nachricht zu geben, und diese liegt wohl jetzt schon in meiner Wohnung. Ich zweifle nicht, daß sie eine negative ist, denn meine Schwägerin dürfte sich vorher versichert haben, wie und auf welchem Wege sie das Haus verlassen konnte. Sie hat es sicher nicht darauf ankommen lassen, ob sie die Schlüssel in den Schlössern der Ausgänge finden würde oder nicht, sondern sich vorgesehen. Das Sonderbare dabei ist – und es gibt Ihrer dritten Möglichkeit das meiste Recht – daß mein Portier darauf schwört, alle Ausgänge seien früh innen verriegelt gewesen.«

»Was für einen Ihnen unbekannten geheimen Ausgang spräche«, schloß Windmüller aufstehend. »Und nun, Herr Marchese, essen Sie schnell etwas – einen Bissen Schinken, ein paar Eier. Ich helfe Ihnen dabei, und dann wollen wir über Ihre Wohnung, um dort nachzusehen, ob und welche Botschaft Sie von daheim erwartet, zu Ihrem Chef zurückkehren und ihm Bericht erstatten. Und da es ihn freuen wird, Sie frei von jedem Verdachte zu wissen, so wollen wir uns beeilen – abgesehen davon, daß auch ich so rasch wie möglich in Aktion treten muß, um zu versuchen, das geraubte Dokument wiederzuerlangen.«

Don Gian sah ein, daß gegen Windmüllers menschenfreundliche Anordnung nichts zu wollen war, und zwang sich, das vorgesetzte Frühstück zu sich zu nehmen.

In der Tat fühlte er sich danach und nicht zum mindesten im Verein mit dem in Windmüllers Brusttasche ruhenden Beweis seiner Schuldlosigkeit wesentlich gekräftigt, als er nach wenigen Minuten wieder neben dem Detektiv im Automobil saß und zunächst seiner Wohnung an der Piazza Colonna auf dem kürzesten Wege entgegenfuhr. Windmüller sprach unterwegs keine zehn Worte; er war in tiefes Schweigen versunken, und Don Gian hatte auch genug zu denken, um ein Gespräch zu vermissen. Als das Auto vor dem alten Palast, in dem er seine Mietwohnung hatte, hielt, eilte er allein hinauf, um nach einer etwa eingetroffenen Nachricht zu sehen.

Er fand ein Telegramm einer Großmutter, in früher Morgenstunde aufgegeben, vor, das, wie er es eigentlich ja auch erwartet hatte, nur die Worte enthielt: »Von Xenia nichts gehört und gesehen. Grüße. Nonna.« Er eilte damit wieder zu dem Wartenden zurück und fuhr mit ihm zu seinem Chef, der die Gemeldeten sofort vorließ und ihnen mit einem, seine Ungeduld verratenden »Nun – was gibt’s Neues?« entgegentrat.

»Viel und – nichts«, erwiderte Windmüller und erstattete ohne Verweilen seinen Bericht, indem er das gefundene Billett und dessen Dechiffrierung vorlegte. »Exzellenz haben damit auch die nicht ganz wertlose Kenntnis der angewendeten Geheimschrift erlangt«, schloß er. »Diese muß ja natürlich gewechselt werden, wie wir Eingeweihten alle wissen – um dem Vorteil vorzubeugen, den die nicht Zuständigen daraus bei einem etwaigen Verrat ziehen können; indes wird diese Formel wohl jetzt die ›dort‹ angewendete bleiben, falls der Verdacht, daß dieses Billett in unsere Hände gefallen ist, nicht zur Gewißheit wird. Die Ohren jedoch, die gehört haben, daß der Marchese Terraferma beauftragt werden würde, das bewußte Dokument nach Wien zu bringen, können in diesem Augenblick auch hören, daß der Auftrag an die Principessa in unseren Händen und der Schlüssel der Geheimschrift gefunden ist.«

»Ich hoffe und glaube das nicht«, erwiderte der Minister grimmig. »Ich habe vor kaum einer halben Stunde den Bericht des Chefs unserer Geheimpolizei erhalten, daß sich an dem verhängnisvollem Tage, an welchem die Reise Terrafermas beschlossen wurde, unter den Arbeitern, die hier im Ministerium eine neue elektrische Anlage zu machen hatten, ein Mann befand, der sich nach Angabe der Dienerschaft mehrmals in dem großen Hause ›verirrt‹ haben wollte. So gab er wenigstens an, als er zu wiederholten Malen in diesem Teil des Palastes betroffen wurde. Der Mann, der Basilio Mamerti zu heißen vorgab, war den anderen Arbeitern unbekannt und nach ihnen erschienen mit der Angabe, daß der Padrone des Geschäfts ihn nachgesandt habe, um gewisse Teile der Anlage nachzuprüfen. Diese an sich recht unglaubwürdige Angabe wurde indes anstandslos hingenommen, und ich zweifle nicht, daß dieser Mann es war, der – wahrscheinlich mit Hilfe eines bestochenen Individuums – in dem Hause einen bequemen Lauscherposten fand.«

»Daran zweifle ich auch nicht«, meinte Windmüller trocken. »Hoffen wir also, daß dieser Posten im Augenblick unbesetzt ist, denn da die Geheimpolizei nach dem schönen Grundsatz: ›Eile mit Weile‹ diesen rätselhaften Basilio Mamerti jedenfalls erst im Geiste dingfest gemacht haben dürfte, wobei es ja auch bleiben wird, so hat der Mann inzwischen längst Zeit gehabt, zu verduften. Allein er liegt außer dem Bereiche meiner Aufgabe, die jetzt wohl einzig und allein darin besteht, die Marchesa Terraferma zu suchen. Daß sie von – von der Seite, in deren Auftrage sie ihre Fahrt nach Venedig unternahm, vermißt wird, wissen wir –«

»So sagten Sie«, unterbrach ihn der Minister. »Darf ich fragen, wie Sie zu dieser Information gekommen sind?«

»Gewiß dürfen Exzellenz fragen«, erwiderte Windmüller liebenswürdig, »aber eigentlich dürfte ich darauf nicht antworten. Indes erkenne ich das Recht an, mit dem Exzellenz eine Garantie für die Zuverlässigkeit dieser Angabe verlangen können. Nun, ich habe an eben jener Stelle, welche die Marchesa Terraferma als politische Agentin beschäftigt, eine kleine Aufgabe zu lösen – oh, keine politische, nichts, was unsere Sache stört, nur ein ganz gewöhnlicher Fall von – hm – Kleptomanie. Da ich es für Kraftvergeudung halte, mir meine Zeit damit zu vertrödeln, so habe ich einen meiner Agenten in der hübschen und netten Rolle eines Kronleuchterreinigers, der gerade dort gebraucht wurde, eingeschmuggelt. Er ist ein intelligenter und geschickter Mann, mein Agent, der seine Ohren und Augen zu gebrauchen weiß – ein hübscher Mensch außerdem, der diesen Vorzug bei Stubenmädchen und Kammerzofen zur Geltung zu bringen versteht. Die Hauptsache aber ist: er ist sehr zuverlässig in seinen Angaben, und – er wird noch ein paar Tage mit dem Reinigen der vielen Kronleuchter in dem Botschaftspalaste zu tun haben, so daß die Nachrichten über die Marchesa Donna Xenia uns ganz warm erreichen werden – Sie wenigstens, Exzellenz, denn ich werde mich unverzüglich auf die Suche nach ihr begeben und als Ausgangspunkt Venedig wählen, wo ich mir eine kurze Gastfreundschaft von dem Herrn Marchese erbitte.«

Don Gian wollte sofort bejahend antworten, aber der Minister fiel ihm ins Wort.

»Sie sollen den Herrn Doktor begleiten, Terraferma«, rief er freundlich. »Einmal dürfte Ihre Anwesenheit dort an sich von Nutzen sein, und dann sollen Sie sich daheim bei den Ihrigen von dem Nervenschock erholen, der, wie ich nur zu gut sehe, selbst Ihre gesunde Natur stark ins Wanken gebracht hat. Ja, ja, Sie haben Urlaub – ich will mir meinen Sekretär erhalten und ihn nicht gleich in das Joch der Arbeit spannen – Sie würden ja doch jetzt nichts leisten können. – Nein, fassen Sie es nicht falsch auf: Sie haben mein volles Vertrauen und hatten es selbst im Augenblick des ersten Schreckens, und niemand freut sich mehr als ich, daß Ihre Schuldlosigkeit, für die ich gleich und ohne Zögern eingetreten bin, so glänzend bewiesen worden ist. Doktor Windmüller ist mein Zeuge, daß ich an Ihnen nicht gezweifelt habe, und wenn er erst sehen und prüfen wollte und mußte, so war dies nicht mehr, als auch ich zu tun verpflichtet war. – Es ist Ihnen doch recht, Herr Doktor, daß der Marchese Sie begleitet?«

»Exzellenz sind mir damit zuvorgekommen – ich hatte darum bitten wollen«, erwiderte Windmüller verbindlich. »Und nun lassen Sie uns keine Zeit verlieren – wir können den Mittagszug noch erreichen.«

»Sie haben jedenfalls aber noch Zeit, um mir einen Wink über den Schlüssel der Chiffre dieses wichtigen Billets geben zu können«, bemerkte der Minister, aus das im Kleide der Marchesa gefundene Schriftstück deutend, das auf seinem Schreibtische lag.

»Gern«, entgegnete Windmüller mit einem Blick auf die Uhr. »Die Sache ist eigentlich von größter Einfachheit – wenn man sie erst weg hat. Das Datum war’s, das mir auf die Spur half – das Datum vom 27. Februar auf einem frischen Papier mit ebenso frischer Tinte geschrieben – und dieser Zettel in einem Kleide, das erst vor ein paar Tagen vom Schneider aus Paris gekommen ist. Ferner die von der Zofe beobachtete Einteilung eines anderen Papiers in Quadrate, das Numerieren derselben. Gut. Ich numerierte auch – von 1 bis 25, so viel Ziffern, als das Alphabet Buchstaben hat. Und dann versuchte ich, die Worte der chiffrierten Botschaft in der Reihe, in der sie standen, in die Quadrate einzutragen. Doch das klappte nicht, und ich sah, daß die eingeklammerten, einfach und doppelt unterstrichenen Worte ihren besonderen Sinn haben mußten. Nochmals das Datum durchprüfend, kam mir die Erleuchtung: es enthält mehrere Buchstaben doppelt, einen, das r, dreifach, zwei Buchstaben, a und b, sogar vierfach, denn die Ziffern in 27 und 1912 sind natürlich gleichbedeutend mit den entsprechenden Lettern der Alphabetreihe. Die Klammern und Unterstreichungen konnten also nur die erste, zweite und dritte Wiederholung desselben Buchstabens bedeuten, und so trug ich denn den Wortlaut des Billetts nach dem Schlüssel des alphabetisch geordneten Datums oder Buchstabenzeigers in die entsprechend bezifferten Quadrate ein, das zweite a, b, u, r einklammernd, das dritte einfach, das vierte zweimal unterstreichend, las dann abermals, der richtigen Buchstabenfolge des Datums nachgehend, den Text im Zusammenhange ab und schrieb ihn so unter die Chiffre, wie er vor Ihnen liegt.«

»Höchst geistvoll!« rief der Minister, welcher der Erklärung mit dem Stift in der Hand gefolgt war und das gleiche Resultat wie die ihm vorliegende Entzifferung erzielt hatte. »Und zu dieser Lösung, die unsere Experten vielleicht eine Woche und dann noch ohne Resultat beschäftigt hätte, haben Sie eine halbe Stunde gebraucht! Es ist wunderbar!«

»Exzellenz – Sie schmeicheln mir«, rief Windmüller abwehrend, aber doch nicht ohne ein befriedigtes Schmunzeln. »Zwischen mir und Ihren Sachverständigen ist eben der Unterschied, daß hinter ihnen nicht die Notwendigkeit der Eile steht, die bei mir die Rolle des Wetzsteines für die Klinge meiner Gehirntätigkeit spielt. In einem Falle wie diesem, wo jede Stunde von dringendster Wichtigkeit für schnelles Handeln ist, darf man die Lösung eines im Wege stehenden Rätsels nicht einer weitschichtigen Analyse unterziehen, sondern muß sich aufs Raten verlegen. Es gibt sehr kluge und sehr gelehrte Leute, die im Leben nicht imstande sind, die einfachste Scharade zu raten, und wiederum notorisch Beschränkte, die sofort auf das richtige Wort kommen. Zwischen diesen beiden Sorten stehe ich; ich lebe von meiner Fähigkeit, rasch zu denken, und schließlich ist ja alles im Leben nur Übungs- und Gewohnheitssache. – Nun aber wollen wir uns empfehlen,  Exzellenz,  denn ich muß noch heim, um meine Befehle zu geben für die Zeit meiner Abwesenheit.«


* * *


Das wartende Automobil entführte Windmüller allein nach seinem Hause während Don Gian den kurzen Weg nach seiner Wohnung zu Fuß zurücklegte, noch einige Sachen packte, auf den Bahnhof fuhr und dort, nachdem er sein Gepäck aufgegeben und die Fahrkarten für sich und Windmüller besorgt hatte, auf den letzteren, wie verabredet, am Eingang bei dem Zeitungsverkauf wartete.

Die Zeit drängte nicht gerade, aber sie schritt doch merklich vor, und Don Gian fing an besorgt zu werden, ob sein Begleiter auch noch rechtzeitig eintreffen würde. Um das Warten abzukürzen, kaufte er die neuesten Zeitungen, und als er sich damit umwendete, stand er dem russischen Kammerdiener seiner Schwägerin gegenüber, der eben in die Eingangshalle getreten war und beim plötzlichen Anblick des jungen Diplomaten zwar sofort den Hut zog, aber den Ausdruck seiner Überraschung über diese unerwartete Begegnung nicht verbergen konnte.

Der Herr Marchese wollen die Frau Marchesa auch empfangen?« fragte er zwar respektvoll, aber doch so dringlich, daß Don Gian den Mann etwas hochmütig musterte, ehe er, ganz auf der Hut, nach einer kleinen Pause antwortete: »Erwarten denn Sie die Frau Marchesa jetzt?«

Der Kammerdiener räusperte sich. »Durchlaucht haben zwar nicht befohlen, aber ich denke doch, sie werden mit dem Expreßzug jetzt eintreffen, und daher wollte ich nicht ermangeln, auf alle Fälle zur Stelle zu sein.«

»Sehr richtig«, murmelte Don Gian scheinbar uninteressiert, indem er sich mit einem Kopfnicken abwandte und Windmüller langsam folgte, der, während Iwan sprach, hinter ihm in die Halle getreten war und seinem Reisegefährten ein Zeichen gemacht hatte, das dieser nicht mißverstand.

Der vorausgehende Detektiv hatte sich inzwischen schon mit dem Mann an der Bahnsteigsperre verständigt und war, als Don Gian diesem die beiden Fahrkarten vorwies, samt seiner Reisetasche, die er selbst trug, schon weit vorausgeeilt und in ein leeres Abteil erster Klasse gestiegen.

»Tun Sie, als ob Sie nicht zu mir gehörten«, sagte er hastig, als Don Gian sich gleichfalls anschickte, einzusteigen. »Gehen Sie in ein anderes Abteil und kommen Sie erst während der Fahrt hier herein. Iwan dürfte seine Bahnsteigkarte schon haben, aber ich glaube nicht, daß er mich gesehen hat.«

Don Gian tat, als ob er sich eines anderen besonnen hätte, und schlenderte zum nächsten Wagen, aber ein rascher Blick nach dem Eingang hatte ihn davon überzeugt, daß Iwan in der Tat den Bahnsteig schon betreten hatte. Die Absicht war klar, denn da der Eilzug Venedig-Mailand auf einem anderen Gleis einlief, so war es nicht schwer zu erraten, daß er zu wissen wünschte, ob der Schwager seiner Herrin mit diesem Zuge abreisen oder jemand Abreisenden sehen wolle.

Da es nun unvermeidlich schien, dem Manne diese Gewißheit zu verschaffen, so blieb Don Gian nichts übrig, als in den Zug zu steigen, aber er lehnte sich, scheinbar das Publikum betrachtend, aus dem Fenster, um sich zu vergewissern, ob Iwan sonst noch die Reisenden zu beobachten die Absicht hatte. Natürlich wußte er, daß Windmüller nur auf den Gang auf der dem Bahnsteig abgekehrten Seite des Wagens zu treten brauchte, um sich dem Blick des Kammerdieners zu entziehen, aber es war doch immer gut, zu wissen, ob er von dem letzteren vorher gesehen worden war. Es schien ja nichts darauf zu deuten, indes wollte das noch nichts sagen.

»Ich glaube nicht, daß er mich gesehen, wenigstens nicht, daß er mich beachtet hat«, war Windmüllers erstes Wort, als Don Gian, nachdem der Zug den Bahnhof verlassen, herüber in sein Abteil gekommen war. »Ich sah ihn dermaßen in Ihren Anblick versenkt, daß ich, wie ich denke, unbeachtet an ihm vorbeihasten konnte. Was wollte denn der Mensch von Ihnen?«

»Iwan war so überrascht, mich auf dem Bahnhof zu finden, daß er sich so weit vergaß, mich zu fragen, ob ich die Frau Marchesa auch zu empfangen käme. Demnach ist sie nicht nur nicht inzwischen eingetroffen, sondern man weiß im Hauptquartier auch noch nicht, wo sie ist. Noch nicht!«

»Ich möchte danach prophezeien, daß ›man‹ darüber auch noch einige Zeit in Ungewißheit bleiben wird«, meinte Windmüller nachdenklich. »Die Sache fängt nun nachgerade an, ein ernstes Gesicht anzunehmen. Die Möglichkeit, daß Ihrer Schwägerin etwas zugestoßen ist, tritt vor der Annahme, sie könnte mit dem Dokument eigene Zwecke verfolgt haben, stärker in den Vordergrund. In beiden Fällen aber scheint es fast sicher, daß jemand anderes dem Dokument nachgestellt hat, um es wahrscheinlich für seinen eigenen Nutzen zu verwerten, entweder also es den Absendern zum Rückkauf oder den Interessenten für einen Phantasiepreis anzubieten. Natürlich ist damit noch nicht gesagt, daß eine Mitwirkung von Donna Xenia ausgeschlossen ist, obwohl ich persönlich diese Annahme ausschalten möchte. Ich kenne die Dame nicht, kann also für ihre Integrität nicht eintreten, aber wenn sie so klug ist, wie sie sein muß, um von jener Seite politisch beschäftigt zu werden, so wird sie wissen, daß die Gefährlichkeit eines solchen Spieles mit dem Einsatz in keinem Verhältnis steht.«

Don Gian zuckte die Achseln. »Meine Schwägerin posiert als ›kapriziöse Frau‹ aber sie ist dreimal so klug, als sie launisch und unberechenbar ist. Sie wird sicher ihren Hals nicht in eine Schlinge legen, die sich zuziehen könnte. Ich habe keine anderen Sympathien für sie, als daß sie meines Bruders Witwe ist, aber aus diesem letzteren Grunde und rein menschlich gesprochen, hoffe ich von Herzen, daß ihr nichts – zugestoßen ist, wie Sie eben sagten.«

»Es deutet alles darauf hin, Herr Marchese«, erwiderte Windmüller ernst. »Damit brauchen wir freilich noch nicht gleich das Schlimmste anzunehmen.«

»Aber man läßt die Leute doch heutzutage in einem Kulturstaate nicht mehr einfach verschwinden!« fiel Don Gian ein.

»Hm – meinen Sie?« fragte Windmüller trocken. »Wir müssen jedenfalls auch mit dieser Möglichkeit rechnen, und wenn sie Wirklichkeit ist, so werden wir sehr bald darüber hören. Wie die Sachen sich bis zur Stunde entwickelt haben, dürfen Sie aber nicht unbedingt darauf rechnen, daß ich das Rätsel werde lösen können. Einer kürzlich veröffentlichten Statistik zufolge verschwinden jährlich ungefähr zweitausend Personen so spurlos, als ob die Erde sie verschlungen hätte. Freilich besteht der größte Prozentsatz dieser Vermißten aus Vergnügungsreisenden. Ich gebe jedenfalls keine Schlacht für verloren, ehe ich mich nicht geschlagen fühle, und das tue ich im Falle der Donna Xenia durchaus noch nicht. Ich bezweifle zunächst, daß die Marchesa mit dem Zuge, der den unseren eben gekreuzt hat, in Rom eintrifft; wir werden es in Florenz, wohin ich mir eine Depesche bestellt habe, erfahren. Aber ich zweifle nicht, daß man, dank dem Herrn Iwan, in seinem Hauptquartier jetzt schon weiß, daß Sie mit diesem Zuge abgereist sind; daß ich mit Ihnen in der Wohnung der Marchesa war, weiß man seit Stunden schon, denn Cesarina, diese Perle, wird mit ihrer Personalbeschreibung vor dem Kammerdiener ebenso beredt gewesen sein, wie ich selbst sie gefunden, besonders wenn – was ich annehme – der Herr Iwan diese Beredsamkeit gut bezahlt hat.«

Wie Windmüller es vorausgesehen, enthielt das ihn in Florenz erwartende Telegramm die Nachricht, daß Donna Xenia in Rom wiederum nicht eingetroffen war, und damit begann Don Gian eigentlich zum ersten Male eine gewisse Beunruhigung in bezug auf seine Schwägerin zu empfinden. »Es muß ihr in der Tat etwas zugestoßen sein« bemerkte er unbehaglich. »Ich fürchte es auch«, gab Windmüller lakonisch zu.

In Bologna stieg er aus, um beim Bahnhofvorsteher ein zweites und drittes Telegramm, die dort auf ihn warteten, in Empfang zu nehmen. Er gab beide Don Gian zu lesen. Das erste war von dem Minister und teilte mit, daß keinerlei Anzeichen gemeldet worden wären, die darauf schließen ließen, daß das bewußte Dokument in den Händen oder zur Kenntnis der türkischen Regierung gelangt sei.

»Gott sei Lob und Dank dafür!« kam es Don Gian dabei aus vollster Seele. »Und doch kann die nächste Stunde schon das Befürchtete bringen. Und ich bin die mittelbare Ursache dazu!«

»Wie der Blitzableiter, den man vergessen hat zu vergolden, und trotz welchem es nun in der Kirche einschlägt«, bemerkte Windmüller und setzte scharf hinzu: »Verrennen Sie sich nicht in diese Vorstellung, Herr Marchese! Sie sind an der ganzen Sache so schuldlos wie ein neugeborenes Kind, und solange Ihr Gewissen Sie von der kleinsten Nachlässigkeit freispricht, dürfen und sollen Sie eine solche Last nicht auf sich laden!«

Don Gian seufzte und las das zweite Telegramm, das Windmüller ihm reichte. Es kam von einem Agenten und berichtete, daß in Rom die Unruhe und Besorgnis über das Ausbleiben Donna Xenias im Zunehmen begriffen sei, um so mehr, als die Rückkehr des Marchese Terraferma und seine neue Abreise, namentlich aber sein Besuch in früher Morgenstunde in der Wohnung seiner Schwägerin als ein Beweis, daß auch er nichts über den Verbleib der Dame wüßte, geradezu Bestürzung hervorgerufen habe.

Beide Herren schwiegen und lehnten sich in schweren Gedanken in ihre Ecken zurück. Gian wurden die Augen schwer; sie brannten ihm vor Übermüdung, aber die Gedanken hielten ihn wach, alle Nerven in ihm bebten – freilich war ja der Verdacht von ihm genommen, ein Landesverräter zu sein, aber noch schwebte das Damoklesschwert unberechenbarer Folgen über seinem Vaterlande, falls das Dokument nicht wiedergefunden wurde, und ein Mitglied seiner Familie war es, das den Verrat ausgeübt, sich für ihn hatte – bezahlen lassen! Darüber kam er nicht weg: seines eigenen geliebten und betrauerten Bruders Witwe eine bezahlte Spionin gegen das Land, dem sie gesetzlich angehörte! Die alte Marchesa hatte schon recht: diese ausländischen Heiraten brachten keinen Segen! Und das früher bestandene Verbot, nach dem ein Diplomat keine Ausländerin heiraten durfte, war ein sehr richtiges. Natürlich, da der verstorbene Marchese Terraferma nicht in der diplomatischen Laufbahn sich befunden, war diese Betrachtung auch nicht zur Sache gehörig. Don Gian aber hatte damit einen Rückblick verbunden, indem er vor Jahr und Tag selbst drauf und dran gewesen war, eine sehr hübsche und steinreiche Amerikanerin aus gutem Hause zu heiraten. Sie hatte unverhohlen mit ihm geflirtet und ihm dadurch ebenso unverhohlen geschmeichelt, doch als er so weit mit sich im reinen war, das entscheidende Wort zu sprechen, teilte sie ihm freundlicherweise selbst mit, daß sie sich mit einem englischen Herzog verlobt habe.

Dieses Erlebnis hatte Don Gian – wie der Mensch nun einmal ist – im Zusammentreffen mit der ihm so unsympathischen Schwägerin gegen das Ausländertum im allgemeinen und gegen seine weiblichen Vertreterinnen im besonderen ungünstig beeinflußt. Nicht, daß sein Herz sonderlich beteiligt gewesen wäre. Er hatte die hübsche, muntere Amerikanerin durchaus schick gefunden und fest geglaubt, auch ohne jenes tiefere Gefühl, das man die Liebe nennt, die Reise durchs Leben machen zu können und auf dem Fuße einer ausgezeichneten Kameradschaft mit ihr das berühmte ›große Los‹ zu ziehen – das war alles auf dem Hintergrunde ihres Reichtums, der ihm für seine Laufbahn recht wünschenswert erschien. Was also bei dieser Angelegenheit ihn traf, war die Verletzung seiner Eitelkeit und Eigenliebe, denn auch der beste Mensch ist nicht frei davon.

Don Gians Gedanken gingen immer weiter spazieren, und endlich schloß er die schmerzenden, brennenden Augen und zwang sein Sinnen auf lauter nichtige, unwesentliche Dinge und Personen. Aber sobald er sich eine solche recht deutlich vorgestellt, verwandelte sie sich in die kleine, elfenhafte Gestalt seiner Schwägerin mit ihren gleitenden Bewegungen, die ihn immer an die einer Schlange erinnerten; er sah ihr kleines, feines, blasses Gesichtchen mit den übergroßen Augen vor sich – sie schienen ihn flehend anzublicken, der süße Mund öffnete sich, um zu sprechen – und mit einem Schrei fuhr er in die Höhe. Er war eingeschlafen und hatte geträumt.

Es war lange nach Mitternacht, als der Zug in Venedig anlangte. Da Don Gian seine und Windmüllers Ankunft telegraphisch gemeldet, so erwartete sie die Gondel der alten Marchesa, und die beiden Ruderer brachten das lange, schlanke Fahrzeug durch die jetzt ganz stillen und verlassenen Kanäle rasch vor den Palazzo Terraferma dalla Luna, in dessen Portal Agostino, der Portier, der Kammerdiener sowie ein Lakai wartend standen, um das Gepäck in Empfang zu nehmen und die Herren in ihre Zimmer zu führen.

»Ihre Exzellenz die Frau Marchesa und Donna Loredana sind auf den Wunsch des Herrn Marchese schlafen gegangen und haben nicht gewartet«, meldete Sebastiano, der Kammerdiener, in dem diskreten Ton des Dieners eines großen Hauses. »Ein kalter Imbiß für die Herren steht in ihren Zimmern serviert.«

»Das ist gut«, erwiderte Don Gian. »Sonst nichts Neues? Die Signora Principessa ist nicht wiedergekommen?«

»Nein, Herr Marchese. Es ist auch keine Order gekommen, ob und wohin der Koffer von Altezza zu senden ist«, erwiderte Sebastiano, indem er zur Treppe vorausschritt.

Don Gian sah Windmüller an, aber dieser schien in den Anblick der riesigen Halle versenkt, in die sie direkt aus der Gondel eingetreten waren, eine Halle, wie sie nur ein venezianischer Palast haben kann, mit Marmorfliesen, einer Decke von vergoldeten und bemalten Balken, von der schmiedeeiserne Laternen in riesigen Dimensionen herabhingen, und wenn das elektrische Licht sich auch darin als ein Zeichen der Neuzeit eingeschlichen hatte, so konnte auch dieses nur einen gewissen Radius durchdringen, und in all den entfernteren Ecken und Winkeln schliefen die Schatten der Vergangenheit und hüllten sie in tiefes, geheimnisvolles Dunkel, während in dem Hofe der uralte Brunnen über der längst geschlossenen Zisterne von dem darüber stehenden goldenen Monde phantastisch beleuchtet wurde, um die den Hof umgebenden Säulenhallen in um so tieferer, fast samtschwarzer Finsternis erscheinen zu lassen.

»Darf ich bitten, Herr Doktor?« lud Don Gian seinen Gast ein, ihm voranzugehen. – »Oh, und ehe ich’s vergesse«, setzte er, zu dem Majordomo gewendet, hinzu, »ich sah beim Kommen von der Gondel aus oben im ersten Stock ein Fenster offen stehen, ein Fenster des Rosazimmers. Es ist wohl vergessen worden, beim Aufräumen zu schließen?«

»Nein, Herr Marchese«, erwiderte Sebastiano mit sichtlicher Verlegenheit. »Die – die fremden Herrschaften sind heute nachmittag im Piano nobile eingezogen und –«

»Die fremden Herrschaften?« wiederholte Don Gian stehenbleibend. »Welche fremden Herrschaften?«

»Herr Marchese haben also den Brief Ihrer Exzellenz doch nicht mehr erhalten! Ich sagte es gleich, als das Telegramm des Herrn Marchese heute mittag eintraf –«

»Einen Brief? Nein, ich habe keinen Brief mehr erhalten. Der liegt jedenfalls ruhig im Briefkasten meiner Wohnung – ich habe in der Eile vergessen, nachzusehen. Also, wer ist angekommen und wohnt im Piano nobile?«

»Herr Marchese halten zu Gnaden, aber den fremden Namen habe ich noch nicht aussprechen gelernt«, erwiderte der Kammerdiener kopfschüttelnd. »Die Frau Gräfin von Candiani kamen, kaum daß Herr Marchese vorgestern abgereist waren, mit den Herrschaften her, und diese haben das Piano nobile, das heißt den eingerichteten Teil, gemietet und sind heute nachmittag eingezogen!«

»Das Piano nobile also vermietet!« murmelte Don Gian bestürzt. Die Vermietung war ja verabredet und beschlossen und doch berührte ihn die Tatsache wie etwas Wehes, Widerstrebendes, etwas, das ihm auf die Nerven ging und ihm das Herz zusammenzog. »So, so!« sagte er laut. »Und meine Tante Candiani hat die Herrschaften selbst hergebracht? Also müssen es doch Bekannte von ihr sein, eh?«

»Gewiß, Herr Marchese«, bestätigte Sebastiano, aber ohne sonderliche Begeisterung. »Die Frau Gräfin reisen so viel im Auslande und kennen so viele, viele Leute. Sie empfangen immer wieder neue.« –

Don Gian kannte diese Manie seiner Tante, aber er wußte auch, daß sie trotzdem wählerisch war. Darin lag eine gewisse Garantie. Sie würde sicherlich nicht eine beliebige ›Rotte Korah‹ in sein Haus gebracht haben. »Sind es viele Personen?« fragte er, den unterbrochenen Weg wieder aufnehmend.

»Nur drei. Ein alter Herr, eine alte und eine junge Dame – Deutsche«, berichtete Sebastiano, sichtlich über die geringe Zahl befriedigt. »Und eine Kammerzofe«, setzte er hinzu.

Don Gian war nicht neugierig; da seine Großmutter für gut befunden hatte, diesen Leuten das Piano nobile zu vermieten, so mußten ihre Referenzen auch befriedigende sein. Der Name war dabei gleichgültig.

»Die Hauptsache ist, daß Ihnen, Herr Doktor, damit der Weg zu den Zimmern abgeschnitten ist, die meine Schwägerin hier zuletzt bewohnt hat«, wandte er sich in französischer Sprache an seinen Gast.

»Durchaus nicht«, erwiderte Windmüller gleichmütig. »Auf derartige kleine Hindernisse muß ich immer gefaßt sein. Sie sind nicht der Rede wert!«

»Va bene!« murmelte Don Gian nicht ganz überzeugt, denn er konnte sich nicht gut vorstellen, wie man fremden Leuten ohne weiteres und doch sicherlich ohne genügende Begründung ›auf die Bude‹ rücken wollte.

»Die Begründung liegt ganz auf der Hand«, beantwortete Windmüller diesen Gedanken, als ob Don Gian ihn ausgesprochen hätte. »Übrigens, ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß ich der Architekt bin, den Sie sich mitgebracht haben, um in diesem Hause einige Änderungen zu begutachten. Was war es doch, das Sie längst beabsichtigten hier machen zu lassen?«

»Einen Personenaufzug!« erwiderte Don Gian prompt. Er hatte begriffen.

»Richtig. Ich werde also wegen des Personenaufzugs morgen den Palast gründlich besichtigen«, sagte Windmüller italienisch zur Befriedigung Sebastianos, der aber still für sich den Kopf schüttelte. Denn wozu ein Aufzug, wenn doch das Piano nobile vermietet wurde? Freilich, der alten Exzellenz wurden die Treppen schon recht sauer, aber die Ausgabe, das schwere, schöne Geld, das solch ein Aufzug kostete! Und Sebastiano seufzte schwer, denn die Ausgaben und finanziellen Schwierigkeiten des Hauses Terraferma gingen dem treuen alten Diener und Vertrauten aller dieser Sorgen sehr zu Herzen.

Inzwischen waren die Angekommenen oben im zweiten Stockwerk angelangt, und Don Gian führte seinen Gast in die ihm bestimmten Fremdenzimmer, die unmittelbar an sein eigenes Schlafzimmer anstießen, wünschte ihm eine gute Nacht und zog sich in seine Wohnung zurück. Dort fiel sein erster Blick mit einem Schauder des Entsetzens auf die zurechtgestellte Flasche mit Fruchtsaft, die ihm die im Nebenzimmer in tiefem, unnatürlichem Schlafe verbrachte Nacht so lebhaft wieder ins Gedächtnis zurückführte, daß es ihm schien, als wollte die Luft in den geschlossenen Räumen ihn ersticken.

Er machte das eine der Fenster auf, und den Riegel des Ladens zurückstoßend, wollte er diesen eben heftig zurückschlagen, um der Nachtluft, der schönen, reinen, salzgetränkten Nachtluft Venedigs Eingang zu verschaffen, als er sich erinnerte, daß ja das Zimmer, das Rosazimmer, unter ihm bewohnt war und er ein Fenster drunten offen gesehen hatte. Um also den Inhaber dieses Zimmers nicht in seinem Schlafe zu stören, legte er die Läden leise und vorsichtig zurück und lehnte sich dann selbst hinaus, um Luft zu schöpfen.

Der Mond stand hoch am dunkelblauen, sternengestickten Himmel und streute Tausende von schimmernden Goldflittern auf das dunkle, von der Nachtbrise leichtgekräuselte Wasser der Kanäle, die sich an der Ecke des Palastes kreuzten. Kein Ton, kein Klang unterbrach die Stille der weit vorgerückten Nacht, nur das leise, leise Plätschern der steigenden Flut, wenn das Wasser sich an den Ecken der Häuser brach oder gegen die Marmorstufen vor den Wassertoren schlug, gab Zeugnis davon, daß nicht alles Leben erstorben war, machte die tiefe, tiefe Stille nicht lastend. Don Gians müde, übernächtige Augen folgten dem flimmernden Spiel des Mondlichtes auf dem Wasser in dem Sackkanal unter sich, und im selben Augenblick zog sich sein Kopf mit einem Ruck zurück. Er hatte unter sich einen anderen Kopf gesehen, der aus dem Fenster des Rosazimmers herausschaute.

Einen Kopf, den Ströme von lichtem Haar umflossen, das im Mondschein wie flüssiges Platina aussah.

Leise beugte er sich von neuem hinaus, um dieses krause, metallisch schimmernde Haar noch einmal zu sehen, weil ihm ein ähnliches noch nie im Leben vorgekommen war und ihm das Bild der auf der Weltkugel thronenden Venezia von Paul Veronese im Dogenpalaste dabei in den Sinn kam, das auch solche Haare hatte.

In der kleinen Pause aber, die zwischen seinem ersten und zweiten Herauslehnen aus dem Fenster lag, hatte sich das Bild unter ihm verändert: zwei weißbekleidete Arme hatten sich mit ineinandergeschlungenen schlanken, weißen Händen über die Fensterbrüstung gestreckt, und der Kopf mit der Flut metallisch schimmernden Blondhaares hatte sich müde darauf gestützt. Das Haar, auf das der Mond gerade schien, legte sich wie ein Mantel halb über die rechte Schulter seiner Besitzerin, so daß von oben von ihrem Profil nichts zu sehen war; aber Don Gian fürchtete, daß durch einen Blick unter dem schimmernden Schleier zu ihm selbst heraufgesehen werden könnte, und lautlos zog er sich wieder zurück.

»Solches Haar! Ich hätte nie geglaubt, daß es solches Haar geben könnte, das Haar der ›Venezia‹ des Veronese!« dachte er lächelnd – zum ersten Male lächelnd seit – seit er mit seiner Schwester gesprochen. Ob’s dieses Lächeln war, ob ein Zauber von diesem mondlichtbeleuchteten Haar ausging, das den eisernen Bann brach, der ihm Herz und Seele umklammert hielt, – er wußte es nicht und fragte auch nicht danach. Ohne den im Nebenzimmer bereitstehenden Imbiß zu berühren, kleidete er sich rasch aus, legte sich zu Bett, und der Schlaf völligster Erschöpfung rettete ihn in das traumlose Land der zur dringenden Notwendigkeit gewordenen Erholung hinüber.


* * *


Als Gian die Augen wieder aufschlug mit dem Unterbewußtsein, daß irgendeine gegenwärtige Person wegen irgendeiner Pflicht ihn geweckt, war es heller Tag, aber spät konnte es noch nicht sein, denn die Sonne war noch nicht über das gegenüberliegende Gebäude gestiegen.

»Eh?« machte er erstaunt, als seine noch halb geschlossenen Augen von dem offenen Fenster an das Fußende seines Bettes glitten, denn dort auf dem davorstehenden Stuhl saß Doktor Windmüller, die Hände überm Knie gefaltet, und sah ihn wohlwollend an.

»Es tut mir sehr leid, lieber Herr Marchese, Ihnen den so notwendigen Schlaf verkürzen zu müssen«, sagte er mit seinem wohlmodulierten Organ, das auch ein Vorrecht oder eine Errungenschaft der Bildung ist. »Da Sie aber die schlechte Gewohnheit haben, bei offenen Türen zu schlafen –«

»Warum hätte ich sie denn zuschließen sollen?« unterbrach ihn Don Gian, im Bette aufsitzend. »Ich habe ja heute nichts bei mir, was mir hätte gestohlen werden können! Schlimm genug, daß ich für eine Nacht in meinem eigenen Hause das Gefühl der Notwendigkeit hatte, mich gegen eine eigene Verwandte verrammeln zu müssen – mit welchem Erfolge, wissen Sie ja! Ich hätte ebensogut, vielleicht sicherer, auf offener Straße schlafen können.«

»Vermutlich sicherer im Eisenbahnwagen«, gab Windmüller unumwunden zu. »Aber die Gewohnheit des Schlafens bei offenen Türen ist doch eine schlechte, selbst im eigenen Hause. Besonders in Ihrem Falle. Indes, das war nur eine Nebenbemerkung, eine pädagogische Abschweifung. Also, ich fand Ihre Tür offen – sie war nicht einmal eingeklinkt – und trat ein, um Sie zu wecken. Es ist noch früh am Tage, wenigstens für Leute, die nichts zu tun haben; weil wir aber in Geschäften hier sind, die uns über die notwendigste Rast nicht erlauben hinauszugehen, so mußte ich mir die Freiheit schon nehmen – Der anstoßende Raum ist Ihr Wohnzimmer, nicht wahr? Und vor dem großen runden Tisch schliefen Sie Ihren verhängnisvollen Schlaf, wenn mir recht ist. Hm. Zeit ist nicht nur Geld, lieber Herr Marchese, sondern auch Wissen. Während Sie sich also anziehen, werde ich die Topographie Ihres Wohnzimmers studieren – die des Vorraums für Ihr Schlafzimmer habe ich schon, allerdings nur oberflächlich, in Augenschein genommen. – Nein, bemühen Sie den Diener nicht, ich werde die Fensterläden selbst öffnen. – Übrigens sind diese Patenttürsperrer, deren Sie sich bedienten, noch verbesserungsfähig, denn sie haben, wie ich wenigstens an der Tür dort sehe, das Holz leicht verkratzt.«

»Ich war wohl beim Abnehmen ein wenig hastig in der Aufregung – es ist meine Schuld«, murmelte Don Gian, der sich durch seinen Gast etwas geniert fühlte, nachdem er heroisch einen inneren Protest über dessen ungeniertes Eindringen in sein Schlafzimmer unterdrückt hatte.

»Ah ja, natürlich – Sie mußten ja selbst die Dinger wieder entfernen, die sonst entschieden einen Einbrecher stark aufgehalten hätten«, meinte Windmüller, der inzwischen aufgestanden war und die Augen in dem Schlafzimmer herumschweifen ließ. »Die Bettstelle ist schwer – sie ließe sich selbst von einer kräftigen Frau nicht ohne Anstrengung und Geräusch abrücken, weil die Füße, die sehr niedrig sind, keine Rollen haben«, bemerkte er, das Möbel prüfend ansehend.

Don Gian machte eine abwehrende Bewegung. »Ich habe das Bett abrücken lassen, um nachzusehen, ob darunter, dahinter oder daneben jemand eindringen könnte«, versicherte er lebhaft. »Ich fand nur glatten, undurchbrochenen Steinboden, solide Wände, glatt mit der Tapete bespannt, die Sie im ganzen Zimmer sehen. Nichts – nichts was auch nur den Verdacht, hier möchte eine verborgene Tür sein, erwecken könnte.«

»Und die Tür, die in mein Schlafzimmer geht, trägt, wie ich sehe, noch den Patentsperrer«, sagte Windmüller, der den verhüllenden Vorhang zurückgeschlagen hatte. »Überdies habe ich schon von meiner Seite festgestellt, daß die Tür sehr lange nicht mehr geöffnet worden ist«, fuhr er fort. »Es liegt Staub auf der Schwelle jenseits der geschlossenen Flügel, alter, unberührter Staub. O ja, mangelhaft aufräumende Stubenmädchen haben schon oft geholfen, solch wichtige Dinge zweifellos festzustellen. Auch fand ich an der ganzen Wand nichts, was darauf schließen lassen könnte, daß sie vielleicht den Vermittler gespielt. Aha, und dort steht auch die Saftflasche, deren Sie erwähnten – diesmal unberührt, wie ich sehe. Ich vermute, es wird Zeit brauchen, bis Sie sich wieder überwinden werden können, Saft aus solch einer Flasche in Ihr Sodawasser zu gießen – so etwas bleibt lange an einem hängen, kann einem den unschuldigsten Genuß gründlich verleiden. – Ah, was haben wir denn da?« unterbrach er seine Betrachtung, die dem armen jungen Diplomaten die ganze Bitterkeit seines Erlebnisses zurückbrachte.

Mit Verwunderung sah er dem berühmten Manne zu, wie dieser sich neben dem Tischchen, auf dem das Tablett mit den Flaschen und dem Glase, der Zuckerschale und der diesmal nicht fehlenden Zitrone stand, auf die Knie niederließ und den Boden von glatter, bunter Breccia, dem zusammengesetzten Marmorguß, aus dem die Fußböden hergestellt werden, mit tief herabgebeugtem Kopfe betrachtete, denn der große, türkische Teppich, der das Zimmer bedeckte, ließ rings an den Wänden einen fast meterbreiten Streifen frei, auf dem die Kastenmöbel und eben der erwähnte Tisch standen. Don Gian konnte um die Welt nicht sehen, was Doktor Windmüller dort zu betrachten fand, aber er hatte doch schon etwas über die verschiedenen Methoden von Detektiven gehört und vermutete also seinen Gast nicht mit Unrecht auf einer sogenannten ›Spur‹.

»Nein«, beantwortete der letztere laut diesen Gedanken. »Nach dem, was wir wissen, ist das keine Spur mehr, sondern einfach eine Bestätigung. Können Sie von dort aus diesen matten Fleck auf der glänzenden Breccia sehen? Er ist etwa so groß und rund wie ein Lirastück. Gut. Nun, wenn wir noch nicht wüßten, daß Ihnen in jener Nach mit dem Fruchtsaft ein Schlaftrunk beigebracht worden ist, wenn noch ein Zweifel darüber wäre, dann würde dieser Flecken uns helfen. So wird er uns jedenfalls sagen können, womit man Sie unschädlich gemacht hat. Der Fleck hier ist ein Tropfen, ein großer, reichlicher Tropfen, der unbeachtet beim Einfüllen des Schlafmittels daneben gefallen und später beim Reinigen des Zimmers unbeachtet geblieben ist. Zimmermädchen, lieber Herr Marchese, beachten gemeinhin nur das, was sie nichts angeht. Der Tropfen ist ziemlich dick an den Rändern und nach der Mitte konkav, also besteht er aus einer dickflüssigen Masse, die, wie ich sehe, noch nicht ganz trocken, sondern noch ziemlich zähe ist.«

Windmüller zog ein Taschenmesser mit vielen Klingen hervor, klappte von diesen eine lange, sehr dünne auf, hob damit den Tropfen von dem glatten Grunde ab, strich die Masse auf ein Stückchen weißes Pergamentpapier, das er aus seiner Brieftasche nahm, faltete das Papier sorgfältig zusammen und steckte es zu sich.

»Ich vermute, es ist eine sirupartige Chlorallösung, was ja auch der brennende Geschmack, dessen Sie erwähnten, bestätigen würde«, sagte er, das Messer mit dem Taschentuche reinigend. »Viel Wert, es zu erfahren, hat das ja nicht mehr, indessen – wer weiß? Man soll den Pfennig, den man am Wege findet, nicht liegen lassen, denn er fehlt dann am Ende, um den Taler voll zu machen. – So, und nun verlasse ich Sie, damit Sie aufstehen können. Was das für eine auffallend dicke Wand zwischen Ihren beiden Zimmern ist! Ich meine, sie sei viel dicker als die, die Ihr Schlafzimmer von dem meinen trennt.«

»Glauben Sie?« fragte Don Gian zweifelnd »Mir ist in – in jener Nacht eigentlich zum ersten Male diese tiefe Türnische aufgefallen –«

»Ja – sie ist tiefer wie zum Beispiel jene, die in das jenseitige Zimmer führt«, bestätigte Windmüller. »Ich schätze natürlich nur nach dem Augenmaß. Also entweder ist diese enorm dicke Wand eine architektonisch-technische Notwendigkeit gewesen oder – sie hat einen anderen Zweck –«

»Das war auch meine Idee«, fiel Don Gian ein. »Aber dann würde sie oder die Holzverschalung des Türdurchbruchs hohl klingen. Ich habe überall versucht – es ist alles solides Mauerwerk!«

»Es scheint so«, bemerkte Windmüller, mit dem Taschenmesser die hölzernen, mit schönster Intarsiaarbeit verzierten Paneele zwischen den Türrahmen beklopfend, mit geübten Fingern Ritzen befühlend und dem eingelegten Muster folgend, hie und da auch fest darauf drückend. »Es scheint wirklich alles in Richtigkeit, womit natürlich das letzte Wort noch nicht gesprochen sein soll. Wir wollen später darauf zurückkommen. Und jetzt lasse ich Sie allein.«

Don Gian beeilte sich mit seiner Toilette und trat nach ihrer Beendung in sein Wohnzimmer, in dem er Windmüller am offenen Fenster stehend vorfand.

»Oh«, machte er mit einem Blick auf den unberührt auf dem Tisch stehenden Imbiß, »da haben Sie bei meiner verschmähten Mahlzeit von gestern Abend sein müssen! Wie ekelhaft das kalte Fleisch doch gleich aussieht, wenn es der Luft ausgesetzt war und – den Fliegen! Wollen wir zum Frühstück in den Speisesaal hinübergehen, oder wünschen Sie es hier serviert?«

»Hier, wenn es Ihnen recht ist«, erwiderte Windmüller. »Diese dicke Wand dort interessiert mich – ich hoffe noch auf eine Inspiration durch sie. Ja. Ja, und noch eines: ich möchte gern den Koffer sehen, den Ihre Frau Schwägerin hier zurückgelassen hat. Macht es Mühe, ihn hierherzubringen?«

»Durchaus nicht«, versicherte Don Gian, indem er läutete und dem alsbald erscheinenden Diener seine Befehle gab.

Während der Mann abräumte und bis das Frühstück kam, redete Windmüller nur von allgemeinen Dingen, er streifte mit einigen scheinbar unwesentlichen Fragen die Topographie des Palastes und seiner Umgebung, und aß sein Frühstück methodisch und ohne Hast. Während desselben wurden ihm zwei Telegramme übergeben, die er, nachdem er sie gelesen, seinem Wirte über den Tisch schob. Das eine von dem Minister enthielt die Mitteilung, daß über den Verbleib des Dokuments noch nichts bekannt und eine beunruhigende Nachricht nicht eingelaufen sei; das andere von Windmüllers Agenten berichtete, daß Donna Xenia in Rom immer noch nicht angekommen und man ohne jede Nachricht von ihr von ihr sei.

»Das wären nun, rund gerechnet, sechsunddreißig Stunden, seit die Botin mit ihrem Raube fällig ist – die Zeit ungerechnet, die sie zur Reise gebraucht hätte«, beantwortete Windmüller den beunruhigten Blick des Diplomaten. »Die Annahme, daß noch etwas mit dem Dokument beabsichtigt und in Vorbereitung ist, wird damit noch nicht hinfällig, denn es können ja unerwartete Gründe zu der Verzögerung eingetreten sein. Anderseits ist es aber auch möglich, daß eine Attacke auf die Agentin insofern mißglückt ist, als diese vielleicht noch in der Lage war, das kostbare Schriftstück zu verbergen oder – zu vernichten, ehe sie das Opfer eines Anschlages darauf wurde. Das sind aber alles nur Theorien, Herr Marchese. – Ah«, unterbrach er sich, »da kommt der Koffer. Ja, lassen Sie ihn nur auf den ersten besten Stuhl stellen!«

Windmüller hielt sich bei seinem Frühstück nicht mehr auf, nachdem der Diener den eleganten Handkoffer von dunkelrotem Juchtenleder niedergestellt und sich entfernt hatte. Hastig trank er seine Tasse aus, zog den Stuhl, darauf das Kofferchen niedergestellt war, neben den seinen und prüfte das Schloß.

»Zugeschlossen!« stellte er fest. »Den Schlüssel hat die Besitzerin mitgenommen, setze ich voraus. Ganz richtig, sie hat den Koffer gepackt, ehe sie sich entfernt – und Sie haben ihn so vorgefunden, wie er hier ist. Hm. Das Schloß ist gut, aber zum Glück nicht unüberwindlich. Ordentliche Handarbeit – dieser Koffer. Russische Arbeit schätze ich.«

Damit zog er aus der Westentasche einen kleinen, flachen Haken, schob ihn in den schmalen Schlüsselritz des Patentschlosses ein und klappte im nächsten Augenblick den Koffer auseinander, aus dem der feine und doch so schwere, schwüle, exotische Duft von Gardenien herausstieg und fast das ganze Zimmer erfüllte

»Per Bacco! War das nötig?« fuhr Don Gian auf.

Jetzt mußte Windmüller lachen. »Ich meine schon, daß es nötig war, da meine Augen ja leider keine X-Strahlen sind, die den Inhalt eines Juchtenkoffers durchleuchten können! Wenn Sie mir das aber zugetraut haben, so danke ich Ihnen für diese hohe Meinung meiner Fähigkeiten.«

Pardon!« murmelte Don Gian beschämt. »Es ist nur, weil es für unsereins so ungewohnt ist, fremder Leute Eigentum zu – zu –«

»Durchstöbern«, half Windmüller ein. »Meine Privatleidenschaft ist das auch nicht, aber im Namen des Gesetzes, das mich beauftragt, darf man sich nicht mit solchen Bedenken aufhalten.«

»Glauben Sie, daß meine Schwägerin ihren Raub hier in diesem Koffer –«

»Hm, es wäre das eine kühne Idee gewesen, frei von diesem gefährlichen Schatz die Reise zu machen und sich ihn harmlos in diesem Köfferchen nachschicken zu lassen!« meinte Windmüller. »Eine kühne Idee, die ins Konversationslexikon zu kommen verdiente. – Nein, ich glaube nicht, daß wir das Dokument hier finden werden, aber vielleicht doch ein paar nützliche Winke. Lassen Sie uns nachsehen. Diese Abteilung enthält ein schwarzes Kleid, wie ich meine, ein ›Traum‹ von spinnwebdünnem Florstoff mit Pailletten gestickt.«

»Das trug sie an dem Abend, als ich in Venedig eintraf«, rief Don Gian.

»Ah so! – In dem Täschchen der Klappe des anderen Abteils ist, wie Sie sehen, Briefpapier, ein paar Bogen nur und passende Umschläge. Sonst nichts? Nein. – Gehen wir weiter. Das verschlossene Abteil enthält – was? Ein unbenütztes Nachthemd – unbenützt! Sie hatte also gar nicht die Absicht, hier zu schlafen. Kämme, Bürsten, Handspiegel von getriebenem Silber und Elfenbein – Taschentücher, davon einige benützte in die Ecken gestopft – einen Spitzenschal, seidene Strümpfe – was man so für einen kurzen Ausflug braucht. Nichts weiter. – Doch! Hier in diesem gebrauchten Taschentuch ist etwas Hartes – eine Flasche! Eine ganz gewöhnliche, leere Apothekerflasche, ohne Etikette, sogar ohne Stöpsel, Inhalt hundertfünfzig Gramm. Und ein kleiner Rest ihres ehemaligen Inhalts noch auf dem Boden –«

Windmüller ließ von dem kleinen Rest, der langsam floß, ein paar Tropfen auf seinen Handrücken fallen und kostete davon.

»Pfui Teufel!« machte er. »Wissen Sie, was das ist, Herr Marchese? Eine sehr starke Chloralhydratlösung! Glauben Sie, daß Donna Xenia die selbst gebraucht hat? Ich nicht. Chloralhydrat nimmt man, um schlafen zu können, was sie doch nicht vorhatte. Hm. Wenn die Flasche hier voll war, als sie den Inhalt in Ihre Fruchtsaftkaraffe ausleerte, dann wundert es mich nicht, daß Sie von der genossenen Portion wie ein Siebenschläfer geschlafen haben! Ein Glück nur, daß Sie nicht noch eine zweite Gabe nachstürzten, sonst hätten Sie das Aufwachen ohne Schwierigkeit ganz vergessen können! Ein recht nettes Kapitel, ›schwägerliche Fürsorge‹ betitelt. Na, dafür ist’s noch gnädig abgelaufen! – So, diese Abteilung hat uns sonst weiter nichts zu sagen. Lassen Sie uns nun einmal das Kleid betrachten. Es ist ordentlich zusammengelegt. Wenn ich’s so nicht wieder hineinbringe, kann ich nicht helfen. Hm. Cesarina würde dies Gebilde wohl auch einen ›Traum‹ nennen, trotzdem der Saum mitsamt dem des seidenen Untergewandes recht starke Spuren des Gebrauchs zeigt. Sehr interessante Spuren! – Wofür halten Sie diesen Schmutz, Herr Marchese?«

»Für Staub, dicken Staub«, erklärte Don Gian, der noch mit einem gewissen Übelkeitsgefühl kämpfte, das die leere Flasche und – Windmüllers Kommentar dazu in ihm wachgerufen hatten.

»Staub!« entgegnete der Detektiv energisch. »Ja, Es ist Staub, gewiß, aber vermoderter, verrotteter Staub, den kein Besen, keines Menschen Schritt seit Generationen aus seiner Ruhe gestört! Und Donna Xenia hat ihn mit ihrer eleganten, glitzernden, schwarzen Chiffonrobe mitgenommen, ehe sie sich anschickte, den Palast zu verlassen – das ist sehr verdächtig, nicht wahr? Weil es verrät, daß sie auf einem nur ihr bekannten, verborgenen Wege in Ihr Zimmer drang, wahrscheinlich in der Zeit, während Sie bei Ihrer Schwester waren, um Ihnen den Trank für die Nacht zu mischen. – Und sehen Sie das Spinngewebe, das hier in dieser Ranke der Paillettenstickerei hängen geblieben ist? Daran sind Ihre Zimmermädchen unschuldig: es ist schwer, zum dichten Stoff geworden durch denselben vermoderten Staub, den der Saum des Kleides zusammengefegt hat. – Eine sehr interessante Dame, Ihre Frau Schwägerin, und absolut skrupellos. Es wäre ganz logisch, wenn ihr ein gleich skrupelloser Gegner gegenübergetreten wäre – und ich fürchte, daß dies ihr Schicksal war!«

Don Gian sah wie im Traume zu, während Windmüller das Kleid in den Koffer hineinstopfte und diesen dann mit seinem Patentschloßdietrich wieder zuschloß. »Aber ich muß wissen, wie sie hier eingedrungen ist!« rief Don Gian, ratlos die vier Wände betrachtend.

»Das hat Zeit, Herr Marchese. Es ist jetzt viel wesentlicher, zu wissen, wie sie aus dem Hause hinausgekommen ist. Ist es Ihnen recht, wenn wir jetzt gleich einmal die Topographie des Palastes studieren? Wenn Sie aber jetzt lieber oben bleiben, kann ich das unter der Führung Ihres Majordomo auch allein besorgen.«

»Nein, nein – ich begleite Sie natürlich!« raffte Don Gian sich aus seinem Hinbrüten auf. »Ich bin als Knabe in dem großen Hause überall herumgekrochen und weiß annähernd Bescheid darin, aber ich denke, wir nehmen Sebastiano dennoch mit, denn diese alten Diener kennen die Traditionen oft besser als ihre eigene Herrschaft, die leider – wie zum Beispiel ich – den Sinn, das Gedächtnis und das Interesse für solche Dinge nicht hat. Meine Entschuldigung, wenn’s dafür gelten kann, ist, daß ich ja bis vor einem Jahre der jüngere Sohn, nicht der Erbe war, früh aus dem Haus kam, um zu studieren und einen Beruf zu ergreifen. Mein Bruder kannte die Geschichte unseres Hauses nicht nur aus dem Grunde, sondern auch die des Palastes, seiner Legenden und vielleicht auch seiner Geheimnisse. Ich bin überzeugt, daß dieses alte Haus solche hat, denn alle unsere Paläste haben sie, trotzdem man das heute gern ins Reich der Märchen verweisen möchte.«

»An die die Leugner nur darum nicht glauben, weil sie nie etwas anders als die nüchterne Luft ihrer reizlosen Miethäuser eingeatmet und gekannt haben«, fiel Windmüller ein. »Die Geheimnisse der alten Paläste sind eine ganz logische Folge der Zeiten, die über sie hingegangen sind: sie waren genötigt, Geheimnisse zu haben. Manche werden von späteren Generationen entdeckt, die meisten bleiben, was sie waren – Geheimnisse. Als ob unsere Generation keine hätte! Das weiß niemand besser als ich, dessen Beruf es ist, gelegentlich eines oder das andere ans Licht zu bringen.«

Die Herren waren inzwischen hinausgetreten und die Treppe zum ersten Stockwerk hinabgestiegen, wo Sebastiano mit einem großen Schlüsselbunde bewaffnet auf den schon vorher erteilten Befehl seines Herrn hin wartete.

»So ist’s recht«, sagte Windmüller, den Mann freundlich grüßend. »Diese Schlüsselsammlung verspricht ja eine kleine Reise. Zeigen Sie uns nur alles, Signor Majordomo, ganz besonders aber verborgene Gelasse und Winkel, die man, ohne die Zimmerflucht zu stören, etwa für den – hm – Personenaufzug benützen könnte.«

»Zu Befehl, Signor«, erwiderte Sebastiano, indem er den Marchese mit einem Blick ansah, der eine Welt von Vorwurf ausdrückte. Dann räusperte er sich und sagte respektvoll, aber mit Entschlossenheit: »Wollen gnädigst entschuldigen, wenn ich mir erlaube daran zu erinnern, daß der Herr Architekt, der im vorigen Jahre wegen des Aufzuges hier war, die Nische neben der Treppe in der Halle für sehr geeignet erklärte, weil die Decken bis zum Oberstock sich auf dieser Stelle leicht durchbrechen lassen, ohne daß die Zimmer dadurch gestört werden. Es würde in jedem Stock nur ein Teil der dunklen Garderoben fortfallen. Der Herr Architekt meinten, den Aufzug in dem ganz unbewohnten Nordtrakt anzubringen, hätte wegen der damit verbundenen Unbequemlichkeit für die Herrschaft keinen Zweck.«

»Das wollen wir eben nachprüfen«, entgegnete Windmüller ruhig.

Was der letztere aber mißverstanden, hatte Don Gian aus Sebastianos Blick sofort begriffen. »Was hat dir die Marchesa, meine Großmutter, über den Besuch des Herrn hier gesagt?« fragte er, als sie das erste der aufzuschließenden Gelasse betreten hatten, indem er dem Manne die Hand auf die Schulter legte.

Über das glattrasierte Gesicht des alten Dieners ging es wie Wetterleuchten von widerstreitenden Gefühlen. »Don Gian – wollte sagen Herr Marchese«, entgegnete er nach einer Pause der Unentschlossenheit, »Ihre Exzellenz haben mir eigentlich nichts gesagt, weil sie selbst nicht wußten, was der Signor hier wollten. Aber Eccellenza haben mich oft mit Ihrem Vertrauen beehrt und ließen durchblicken, daß der Signor wahrscheinlich wegen der Abreise der Frau Principessa herkämen. Altezza seien nämlich nicht in Rom eingetroffen, geruhten Eccellenza mir vertraulich mitzuteilen. Ich habe natürlich niemand etwas davon mitgeteilt. Die Angelegenheiten meiner Herrschaft sind gut bei mir aufgehoben und Eccellenza wissen das. Bene. Als nun der Signor gestern abend bei der Ankunft sagten, er käme wegen des Aufzugs, dachte ich im Augenblick auch nichts anderes, dann aber überlegte ich mir, daß der Herr Marchese wegen dieser Sache die Reise von Rom zweimal in sechsunddreißig Stunden nicht machen würden, indem der Herr Marchese doch Ihren Beruf haben. Also, dachte ich mir, wenn ich den fremden Signor in dem Teil des Palazzo herumführen soll, wo höchstens die Ratten einen Aufzug brauchen, so werden Eccellenza wohl recht haben, und der Herr Marchese hätten dem alten Sebastiano, der ihn als Kind auf den Armen herumgetragen hat, ein klein wenig mehr Vertrauen schenken können.«

Zu Windmüllers Entsetzen umarmte Don Gian den Majordomo kurzweg und rief, ehe sein Gefährte ihm noch ein Zeichen machen konnte: »Du hast recht, mein Alter – alles Vertrauen will ich dir schenken! Ja, der Signor Dottore hier ist gekommen, um zu erfahren, was aus Donna Xenia geworden ist –«

»Pardon«, fiel Windmüller, vor Ungeduld in die Hände schlagend, ein, »meinen Sie nicht, Herr Marchese, daß wir diese – diese Dinge besser etwas leiser besprächen? Soweit ich mich orientiere, stößt dieser Raum, in dem wir stehen, direkt an die Zimmerflucht an, die gestern von stockfremden Menschen mietweise bezogen worden sind. Zum mindesten geht es diese Leute doch nichts an, was Sie und mich nach Venedig gebracht hat – nicht wahr?«

»Per bacco! An diese fremden Leute habe ich nicht mehr gedacht!« rief Don Gian überrascht aus. »Wie sollte ich auch? Sie sind eine solche Neuheit hier im Hause! Aber wie sollten sie uns hier gehört haben? Neben dem Rosazimmer liegt zwischen ihm und dem Saal, in dem wir stehen, ein ziemlich großer Raum, dessen Türen mit schweren Samtvorhängen versehen sind, die den Schall absolut dämpfen –«

»Wenn sie zugezogen sind«, murmelte Windmüller grimmig.

Und die Tür ist abgeschlossen – hier ist der Schlüssel«, sagte Sebastiano. »Ich habe alles nachgesehen und besorgt, ehe die fremden Herrschaften einzogen. Sie haben gerade die Hälfte der Räume – zehn im ganzen, aber ihr Teil ist größer, weil ja der große Saal über der Halle dabei ist. Ebbene, der Signor Dottore soll den unbewohnten Teil sehen, wie er es wünscht. Es gibt darin ein paar sehr gut und geschickt versteckte Kammern zur Aufbewahrung von Kostbarkeiten und als Verstecke, das ist richtig, aber als Ausgang kann die Signora Principessa sie nicht benutzt haben – gewiß nicht!«

»Das eben wollen wir feststellen«, erwiderte Windmüller, der inzwischen den Fußboden in dem Saal, in dem sie standen, einer genauen Prüfung unterzogen hatte. Er war, wie die Zimmer alle, von Breccia, ungewichst, jedoch ganz staubfrei. »Es ist hier unlängst ausgekehrt worden«, bemerkte er, sich in dem nur spärlich möblierten Raum umsehend, wie nebenbei.

»Ich habe reinmachen lassen, als ich gestern zusah, ob die Tür nach der vorderen Flucht auch abgeschlossen sei«, erwiderte Sebastiano und setzte achselzuckend hinzu: »Sie war natürlich zu.«

»Natürlich«, murmelte Windmüller. »Sind die anderen Zimmer auch reingemacht worden? Ich meine die nichtvermieteten.«

»Nein, Signor – wenigstens jetzt nicht«, erklärte der Majordomo bereitwilligst. »Es kommt das ganze Jahr kein Mensch hier herein«, fuhr er entschuldigend fort, »für wen sollte man da immerzu ein Heer von Leuten beschäftigen? Zwei-, dreimal im Jahre wird alles nachgesehen und geputzt und gelüftet – ja, zu Zeiten des Herrn Marchese Federigo, Don Gians Großvater, da wurden noch Feste, große Feste im Palazzo Terraferma gegeben, Feste, von denen die Leute in ganz Venedig sprachen, und da waren alle diese Zimmer und Säle offen, und man hatte alle Hände voll zu tun, um sie in Ordnung zu halten. Aber schon der Herr Marchese selig – ich meine Don Gians Vater – waren ja nur selten hier, und Don Pietro – vielmehr die Frau Principessa hat es ja länger als ein paar Tage hintereinander in Venedig nicht ausgehalten. Die fremde Herrschaft hätte diese Hälfte des Piano nobile auch noch mieten sollen, dann wäre sie bewohnt gewesen, und das ist gut gegen Mäuse, Motten und Moder.«

Sebastiano war, während er mehr vor sich hin als zu den anderen redete, vorausgegangen und öffnete die Fensterläden. Das selten in diese Zimmerreihe eingelassene Tageslicht machte sie aber nicht freundlicher, sondern beleuchtete nur ihre Verlassenheit, die ihnen durchweg den Stempel aufdrückte, um so mehr als diese Flucht wohl immer nur der Repräsentation gewidmet gewesen war. Dementsprechend war die Einrichtung auch nur die, wie man sie in solchen Räumen zu sehen gewohnt ist: Sofa, Lehnstühle und Taburette an den Wänden aufgereiht, mit Marmorplatten versehene Konsoltische zwischen den Fenstern, hie und da ein kostbar eingelegter und geschnitzter Schrank, ein paar Gueridons, ein paar Postamente mit Bronze- oder Marmorbüsten darauf, an den mit gepreßten Ledertapeten oder Seidendamast bespannten Wänden große, stark nachgedunkelte Gemälde, da und dort ein Spiegel in geschliffenem Glasrahmen, und von den Decken, die noch zumeist die ursprünglichen dekorierten Balken aufwiesen, hingen Glaslüster von Murano herab. Die hohen, schmalen Spitzbogenfenster mit ihrer arabisierenden Form venezianischer Gotik, die allen liebevoll beobachtenden Freunden der Lagunenstadt so vertraut ist, ließen von Osten und Norden nur ein spärliches Licht in diese verlassenen Räume durch halberblindete Fensterscheiben fallen, und auf den teppichlosen steinernen Böden schallten die Schritte der drei Männer wie eine Entweihung der Grabesruhe und weckten allenthalben leise, geisterhafte Echos auf. Doktor Windmüller hatte nur flüchtige, wenn auch alles umfassende Blicke für die Einrichtung der Räume; er schien auch nur ein ganz geringes Interesse für die verborgenen Kämmerchen und Winkel zu haben, die Sebastiano mit Wichtigkeit zeigte – seine Aufmerksamkeit galt vor allem den steinernen Böden, auf denen wie ein ganz feiner, dünner Schleier die Staubschicht lag, die sich seit der letzten Reinigung mit dem Besen darauf angesammelt.

In Venedig gibt es den Staub der Städte nicht, in denen der Straßenverkehr die Lungen der Einwohner mit Bazillen und Bakterien füllt; man kann dort tagelang umherlaufen, ehe die Schuhe den Glanz verlieren. Aber natürlich wird auch der verrottende Kehricht in den Callen und auf den Plätzen zu Staub und der Wind trägt ihn in die Häuser, und wenn ihm Zeit gelassen wird, sich zu setzen, dann wird er zu der feinen, schleierartigen Patina, die den alten Spiegeln und Lüstern von Murano, den Vergoldungen und Skulpturen das ›cachet‹ der Zeit verleiht, das dem Auge des Liebhabers und Kenners so lieb und wert ist.

»Nein«, sagte Windmüller, als sie, aus den wenigen westlichen Zimmern zurückgekehrt, in den großen Saal traten, der den Hauptteil der Nordfront einnahm, »nein, Donna Xenia hat, welchen Ausgang sie auch gewählt, diese Zimmer dazu nicht berührt. Es ist nicht eine Stelle des Fußbodens, die darauf schließen ließe, denn der wenige Staub, der in den zwei Tagen darauf gefallen ist, würde nicht hinreichen, ihre Spuren zu verwischen. Wenigstens hier in Venedig nicht und obendrein in Räumen, die so abgeschlossen sind wie diese. Wir müssen uns also anderswo nach einem Ausgang umsehen, denn es steht außer jedem Zweifel, daß Donna Xenia einen solchen gekannt – kennt und benützt hat.«

»Mit Verlaub, Signor – warum steht das außer Zweifel, wenn die Signora Principessa doch nur den Agostino zu wecken brauchte, um durch die Tür hinauszugehen, die sie zu benützen wünschte?« fragte der Majordomo.

»Hm – da sie das aber nicht getan hat, so haben jedenfalls gute Gründe sie bewogen, diesen einfachen Weg nicht zu wählen«, erwiderte Windmüller trocken. »Und da die Signora Principessa sich auch nicht gut fast drei Tage lang ohne jede Nahrung im Hause verbergen kann, so liegt es ganz nahe; daß sie es eben auf einem nur ihr bekannten Wege verlassen hat –«

»Wozu aber auch eine Tür gehört«, warf Don Gian achselzuckend ein.

»Oder ein Fenster!«

»Signor Dottore, die Fenster im ersten Stock waren alle geschlossen, und die des Erdgeschosses sind sämtlich vergittert!« rief Sebastiano, über die Hartnäckigkeit des Gastes in seinem Innern empört. »Bleiben nur noch die Keller auf den Landseiten – doch dort kommt keine Ratte hinaus, wenn sie einmal drin ist. Proprio! Mein Großvater selig, der schon Majordomo im Palazzo Terraferma war und uns Kindern oft davon erzählte, wie herrlich es zu seiner Jugend darin zugegangen, kannte auch alle die alten Legenden und Geschehnisse aus früherer Zeit und verstand schön davon zu reden. Von geheimen Zimmern hat er gesprochen, und daß die Leute aus den drei Stockwerken zueinander gelangen konnten, ohne die Treppen zu benützen –«

»Ah!« rief Windmüller aufmerksam.

»Ja, aber er sagte nicht, wie und wo das geschehen konnte«, fuhr Sebastiano geschmeichelt fort. »Er hat es wohl selbst nicht gewußt. Er erzählte auch, daß es in dem Palaste eine Trappola geben sollte, eine Falle für – für Menschen –«

»Unsinn! Eine Oubliette hier im Hause!« fiel Don Gian ein.

»Warum Unsinn?« fragte Windmüller. »Diese menschenfreundlichen Vorrichtungen gegen unbequeme Zeitgenossen waren namentlich in der Renaissance sehr beliebt. Ich kann Ihnen in Rom wenigstens zehn Paläste nennen, wo Oublietten existiert haben, von den Bergschlössern ganz zu schweigen –«

»Gewiß, Signor!« rief Sebastiano. »Auch hier in Venedig gibt’s solche Trappole! Hat man im Palazzo Candiani nicht eine gefunden, als man den Aufzug dort anlegte? Gefüllt mit Skeletten! Der Herr Marchese werden sich erinnern, welches Aufsehen der Fund machte – es sind noch keine drei Jahre her!«

»Ja, ja, ich erinnere mich!« gab Don Gian unbehaglich zu. »Aber hier im Hause! Davon müßte ich doch etwas gehört haben!«

»Wer hatte es im Palazzo Candiani gewußt, Herr Marchese? Kein Mensch. Mein Großvater selig hat’s noch von seinem eigenen Großvater gehört als ein großes Geheimnis.«

»Was es meinetwegen auch bleiben darf«, sagte Windmüller. »Mich interessiert es mehr, wieso und wo die Leute hier im Hause ungesehen und ohne die Treppen zu benützen in die verschiedenen Stockwerke kommen und ebenso das Haus verlassen konnten. Ich fürchte, ich werde die fremden Herrschaften in der Rolle des Architekten doch noch inkommodieren müssen. Später. Es eilt jetzt nicht. Ich werde jetzt einmal ausgehen, und wenn Sie mich begleiten wollen, Herr Marchese, so soll’s mir recht sein. Nötig ist es nicht, falls Sie etwas anderes vorhaben, Ihre Verwandten begrüßen wollen oder –«

»In der Tat – ich möchte meiner Großmutter und meiner Schwester guten Tag sagen«, erwiderte Don Gian unentschlossen. »Doch nein – das muß warten«, setzte er hinzu, seinen Gefühlen als Mensch Zwang antuend. – »Sebastiano, du sollst der Frau Marchesa und Donna Loredana sagen, daß ich mit dem Herrn Doktor ausgehen mußte. Ist die Gondel zur Stelle?«

»Ich werde sie sogleich bestellen, Signor Marchese.«


* * *


Die Gondel lag bereit vor dem offenen Hauptportal des Palastes, als Windmüller und sein Gastgeber die Treppe in die Halle hinabstiegen. Ersterer blieb darin stehen, scheinbar in den Anblick der malerischen Schönheit der Architektur dieses königlichen Raumes versenkt, während der letztere dem Portal zuschritt.

Agostino, der Portier, trat aus seiner Loge heraus und blieb halbwegs stehen in dem Gefühl, daß er dem Gast des Hauses die Ehre zu erweisen hatte. Er hatte nichts gegen den Gast einzuwenden; dieser fremde Herr war schon frühzeitig herabgekommen, hatte sich mit ihm über die Frau Principessa unterhalten und ganz seine Ansicht über den sonderbaren Fall geteilt. Er hatte ihm auch ein schönes, sehr schönes Trinkgeld dafür gegeben, weil er die letzte Nacht so lange seinetwegen hatte aufbleiben müssen.

Windmüller grüßte den Portier freundlich, fast vertraulich. »Ein hübscher Mensch, der Gondoliere«, bemerkte er, auf die schlanke Gestalt im weißen Matrosenanzug und blauer Schärpe deutend, der, das Ruder in der Hand, mit abgezogenem Strohhut auf der Poppa des Fahrzeugs stand.

»Er ist mein Sohn, Signore«, erwiderte Agostino mit einem stolzen Blick auf den schmucken Burschen.

»Ich hatte es mir gedacht, der Ähnlichkeit nach«, meinte Windmüller treuherzig. »Hm, ja! Er hat wohl die Frau Principessa vom Bahnhof abgeholt, als sie vor ein paar Tagen hier ankam?«

»O nein! Es wußte ja niemand, daß die Frau Principessa kommen würde. Altezza hatten sich eine Gondel am Bahnhof genommen.«

»Natürlich. Haben Sie zufällig – ganz zufällig bemerkt, welche Nummer die Gondel hatte?«

»Die Nummer? Dio mio, nein, darauf habe ich nicht geachtet«, machte Agostino bedauernd. »Aber ich kann sie leicht erfahren«, setzte er dienstfertig hinzu, »denn der Inhaber ist der Sohn von dem Obsthändler in der Ruga vecchia, dicht neben San Giovanni Elemosenario. Er hat sie noch nicht lange, die Gondel, der Mario – aus zweiter Hand gekauft, nicht neu, aber schön hergerichtet. Und mächtig stolz ist er darauf, gerade als ob das Ding für ihn gebaut worden wäre!«

»Nun ja, die erste eigene Gondel – das ist zu verstehen!« sagte Windmüller verständnisvoll. »Nein, es ist nicht nötig, nach der Nummer zu fragen. Es war nur so eine Idee von mir.«

»Er hat den Dienst jetzt an der Stazione, der Mario Spezier – ein guter Posten, Signor«, berichtete Agostino, »manche Leute haben eben Glück, aber der Mario wird auch nicht alle Tage eine Principessa zu fahren bekommen, die ihn mit Gold für die paar Ruderschläge von der Stazione bis hierher bezahlt!«

»Mit Gold?« wiederholte Windmüller mit gutgespieltem Staunen.

»Mit Gold«, bestätigte Agostino die unbegreifliche Angabe. »Ich hab’s gesehen. Ich wollte die Gondel bezahlen, als die Frau Principessa damit angefahren kam, und dem Gondoliere das Trinkgeld geben, das immer dafür ausgelegt wird, aber Altezza hatten schon ihre Börse zur Hand und gaben dem Mario ein Goldstück. Ich hab’s gesehen – ein gelbes Goldstück! Als ob der Mario das wechseln könnte, dachte ich mir. Aber der Mario dachte gar nicht daran, es zu wechseln! Er stecke es einfach in die Tasche und sagte: ›Mille grazie Eccelenza!‹ Er hätte das nicht gesagt, wenn Altezza sich vergriffen und ihm einen blanken Soldo gegeben hätte! Dann hätte er gewartet, bis Altezza im Hause war, und ich hätte ihm den Rest nachgezahlt. Aber er wartete nicht, sondern fuhr gleich davon, als Altezza kaum im Hause waren. Ein Goldstück für die Fahrt vom Bahnhof hierher! Natürlich hat er gemacht, daß er fortkam, ehe man ihm das Sündengeld wieder abjagen konnte!«

»Nun, zu verdenken ist’s ihm nicht, wenn er den guten Fang behalten wollte«, meinte Windmüller, indem er dem Portal zuschritt, unter dem Don Gian wartend stand. Er stieg in die Gondel und sagte mit einem Blick auf die Uhr: »Wenn es Ihnen recht ist, Herr Marchese, möchte ich doch lieber zuerst zum Palazzo Labia, um die Fresken von Tiepolo zu sehen.«

Don Gian sah seinen Gast fast fassungslos an, ehe er dem Gondoliere: »Also – Palazzo Labia!« zurief und dann neben Windmüller Platz nahm mit der Miene eines Menschen, der den dringendsten Verdacht hat, neben einem Übergeschnappten zu sitzen.

»Ich hoffe, so weit ist es noch nicht mit mir«, beantwortete Windmüller laut diesen Gedanken mit einem leisen Schmunzeln. »Natürlich sage ich das nur mit dem Vorbehalt, den die mangelhafte Selbsterkenntnis jedem Menschen auferlegen sollte. Und zu Ihrer größeren Beruhigung; ich glaube auf dem Wege zur ersten Spur zu sein. Mehr kann ich jetzt nicht sagen und muß Sie auf später vertrösten; denn nachdem Sie mich am Palazzo Labia abgesetzt haben werden, muß ich Sie bitten, nach Ihrem Hause allein zurückzukehren. Ihre Gegenwart würde bloß ein Hindernis sein bei dem Gange, den ich vorhabe. – Mir kam nämlich beim Anblick Ihrer Gondel ein Gedanke, der mir eigentlich schon früher hätte kommen sollen. Aber was wollen Sie? Der Mensch ist ein Bündel von Unvollkommenheiten. Ich habe wieder einmal die Lehre erhalten, daß man sich nie auf Voraussetzungen verlassen darf. Man sollte überhaupt nichts voraussetzen, lieber Herr Marchese, ohne sich gleich zu vergewissern, ob das Konkrete mit dem Abstrakten übereinstimmt. Diese Betrachtung gilt natürlich nicht Ihnen, sondern ist nur ein Memorandum für mich.«

»Man wird ihm die allgemeine Nützlichkeit nicht abstreiten können«, erwiderte Don Gian ergeben. »Mein Verstand mag durch die Ereignisse etwas gelitten haben, Herr Doktor, denn wenn Sie mich totschlagen, so kann ich mir nicht vorstellen, inwiefern die Fresken Tiepolos im Palazzo Labia Sie auf eine Spur bringen können!«

»Ah!« machte Windmüller mit behaglichem Lachen. »Sie wollen mir schmeicheln, denn ich glaube bestimmt, daß Sie längst durchschaut haben, daß der Palazzo Labia nur ein Vorwand zum Benefiz Ihres Personals ist. Ein so großer Verehrer Tiepolos ich auch bin – heute habe ich leider nicht die Muße, eines seiner virtuosesten Werke zu bewundern. Ihr Gondoliere und sein würdiger Herr Vater brauchen aber nicht gleich zu wissen, was ich vorhabe, trotzdem ich dem letzteren den Hinweis auf die Spur verdanke, die sich hoffentlich als eine solche erweist.

»Capisco!« machte, Don Gian, sichtlich über den geistigen Zustand seines Gastes beruhigt. »Und ich? Was tue ich indessen?«

»Ah, Sie, lieber Herr Marchese, kehren in Ihrer Gondel in Ihr Haus zurück und sagen Ihren Verwandten dort guten Tag. Empfehlen Sie mich inzwischen der Frau Marchesa, der ich meine Aufwartung machen werde, sobald ich meine Geschäfte erledigt habe.«

»Die Collazione4 wird um ein Uhr serviert«, erwiderte Don Gian mit förmlicher Höflichkeit. »Ich hoffe daran teilnehmen zu können, bitte aber nicht auf mich zu warten, falls ich nicht pünktlich da bin. Vielleicht finde ich die Persönlichkeit, nach der ich fahnde, gleich – vielleicht erst nach langem Suchen. Doch da mir sehr viel daran liegt, sie zu finden, so darf ich mir eine Rast auf der Jagd nicht gönnen. Das ist in meinem Berufe Gewohnheitssache. – Ah, dort grüßt der Palazzo Labia ja schon herüber!«

In der Tat glitt die Gondel eben aus dem Seitenkanal heraus auf den Canale Grande, kreuzte ihn schräg rechts, bog in den breiten Kanal des Canareggio ein und legte, in zwei Minuten die Fondamenta von San Geremia passierend, vor der stolzen Front des eleganten Palazzo Labia an, in dessen seit Jahren unbewohnten zahllosen Räumen die berühmten Kleopatrafresken Tiepolos langsam aber sicher ihrem völligen Ruin entgegengehen.

Hier stieg Windmüller aus, nachdem er sich von Don Gian verabschiedet, sah, auf dem Trottoir vor dem Palaste stehend, wie einer, den die Zeit nicht drängt, zu, wie die Gondel wieder zurückgewendet wurde, und als sie um die Ecke bei San Geremia verschwunden war, ging er mit einem abermaligen Blick auf die Uhr rechts um den Palast herum, überschritt, geradeaus bleibend, den dahinterliegenden Platz und ging ohne Hast, aber doch stetig fürbaß schreitend, die Lista di Spagna hinab. Diese Straße, ein im achtzehnten Jahrhundert zugeschütteter Kanal, führt vom Palazzo Labia aus in kurzer Zeit vorüber an dem ehemaligen Palast der spanischen Gesandtschaft, die ihn von der alten Patrizierfamilie Zeno kaufte. Jetzt ist das große Gebäude ein Erziehungsinstitut. Rechts von ihm liegt noch der alte Torweg zum Garten des Palazzo Morosini, der von den Österreichern als Kaserne benützt und dadurch dermaßen ruiniert wurde, daß er abgerissen werden mußte. So verschwand die berühmte, von Pordenone bemalte Fassade für immer aus der Reihe der Paläste am Canale Grande.

Bald stand Windmüller vor dem Ausgang des häßlichen Bahnhofs, für den aber der Kanal selbst mit der jenseitigen Reihe schöner Paläste, der hochragenden grünen Kuppel von San Simeone Piccolo und dem großen, prächtigen Garten der Grafen Papadopoli eine Entschädigung bietet. Wo in anderen Städten die Droschken stehen, liegen hier die Gondeln zur Beförderung der ankommenden Reisenden bereit, und da in wenigen Minuten ein Schnellzug fällig war, so waren die Gondeln auch in großer Zahl vorhanden.

Windmüller ging langsam den Kai entlang und musterte die mehr oder minder eleganten, mehr oder minder sorgfältig gehaltenen Fahrzeuge und ihre Lenker mit scharfem Blick, bis er darunter eine Gondel entdeckte, deren Hellebarde und die messingnen Seepferde5 in der Sonne nur so funkelten, deren Kissen und Teppich noch fast neu erschienen. Mehr noch, der auf der Poppa hockende Gondoliere war ein junger Mann, der noch nicht lange der Gilde angehören konnte.

»Mario – Mario Spezier?« fragte Windmüller.

Zehn Stimmen erwiderten gleichzeitig: »Eccolo! Da ist er!«

Der junge Gondoliere, den Windmüller darauf taxiert hatte, der Gesuchte sein zu können, erhob sich sofort und brachte sein Fahrzeug an die Stufen. Windmüller stieg ein, machte eine Handbewegung nach der Brücke zu, und bald hatte sich die Gondel aus dem Gewirr geschickt und, ohne auch nur eines der vielen anderen Fahrzeuge zu streifen, herausgewunden.

»Palazzo Terraferma dalla Luna!« sagte Windmüller, sich auf seinem Sitze umwendend, und der Ausdruck, den er bei dieser Adressenangabe über das hübsche, gebräunte Gesicht des Gondoliere fliegen sah, belehrte ihn, daß er sich nicht verrechnet hatte, als er hier eine mögliche Spur zu suchen kam. Aber dieser Ausdruck gab ihm zu raten – es war mehr wie Ärger, der sich am Ende auf die zu kurze Fahrt, die den Mann um einen besseren Verdienst brachte, beziehen lassen konnte; die Röte, die dem Gondoliere ins Gesicht gestiegen, war eine unleugbare Zornesröte, die das Aufblitzen der Augen unterstützte.

Windmüller hatte nicht viel Zeit übrig, zu reden und zu überlegen; er mußte sich, wie so oft in seinem Beruf, auf seinen Witz verlassen, namentlich aber auf seinen feinen, hochgradig entwickelten Instinkt, dem er zum größten Teil seine Erfolge verdankte.

Als die Gondel vom Canale Grande rechts in den Seitenkanal abbog, drehte er sich um. »Rudern Sie langsam, Mario – ich habe mit Ihnen zu reden«, sagte er in dem Tone vertrauenerweckender Selbstverständlichkeit, der ihm so oft schon gute Dienste geleistet, und den er der vor ihm befindlichen Person entsprechend so ungemein überzeugend modulieren konnte. »Va bene, Signor!« erwiderte der Gondoliere, sein Ruder einziehend. »Ich dachte es mir, daß der Signor mir etwas zu sagen hatte. Warum hätte er sonst gerade mit mir fahren wollen?«

»Altro!« machte Windmüller trocken und setzte lachend hinzu: »Warum machten Sie dann aber ein so böses Gesicht, als ich Ihnen sagte, Sie sollten mich zum Palazzo Terraferma fahren?«

Mario zuckte mit den Achseln, antwortete aber nicht, sondern sah seinen Fahrgast nur erwartungsvoll an.

Diesem wären ein paar Worte, die ihm einen Anhalt für die nachfolgende Unterhaltung gegeben hätten, lieber gewesen; da Mario aber offenbar dem diplomatischen Grundsatz huldigte, daß man das erste Wort immer von der anderen Seite erwarten müsse, so blieb Windmüller nichts übrig, als einen Fühler auszustrecken. Er zog seine Geldtasche und sagte vertraulich: »Die Frau Principessa ist Ihnen etwas schuldig geblieben – nicht wahr?«

Mario zuckte wieder mit den Achseln und legte den Beweis ab, daß er wirklich diplomatisches Talent hatte. »Der Signor sind beauftragt, mit mir darüber zu sprechen?« fragte er vorsichtig.

»Gewiß!« versicherte Windmüller ohne Zögern, wozu er auch volles Recht hatte, denn sein Auftrag lautete, das verschwundene Dokument zu suchen. Dazu mußte er natürlich erst die Principessa finden, und zu diesem Ende durfte kein Weg unversucht bleiben. Daß dieser kein Holzweg sein konnte, war schon jetzt ziemlich zweifellos geworden. »Die Frau Principessa hatte Sie beauftragt, sie zu einer bestimmten Stunde am Palazzo Terraferma abzuholen. So war es doch?«

Jetzt gab Mario seine abwartende Rolle auf. Er trat von der Poppa herunter und dicht hinter den Doppelsessel der Gondel, auf dem Windmüller saß, halb nach rückwärts gekehrt.

»So war es«, bestätigte er halblaut. »Die Frau Principessa hatte mir das Versprechen abgenommen, nicht darüber zu sprechen, wenigstens nicht für die nächsten Tage, und ich habe mein Versprechen gehalten. Warum auch nicht? Was geht’s mich an, was geht es die Leute an, was sie tut? Es ist ihre Sache. Und wie es sich gemacht hat, liegt mir auch gar nichts daran, daß die Leute sich schadenfroh erzählen können: der Mario hat im September einen Aprilfisch gefangen. Va bene! Und weil ich doch glauben mußte, daß die Frau Principessa mich angeführt, so hat der Name des Palazzo Terraferma eben gemacht, daß ich ein wenig böse aussah. Daß der Signor es bemerkte, war nicht meine Absicht. Ich überlegte mir auch gleich, daß der Signor nicht umsonst nach meiner Gondel gefragt hatte.«

»Das war gescheit«, lobte Windmüller, dem die Unterhaltung nun sehr interessant wurde. »Die Frau Principessa hatte natürlich nicht die Absicht, Sie in den April zu schicken – das versteht sich von selbst. Man ist in einem Hause, in dem man nicht der Herr ist, nicht immer imstande, die Zeit einzuhalten. Es kommt dieses und jenes dazwischen, man bekommt Besuche –«

»Die Frau Principessa hatte mich nachts um zwei Uhr bestellt. Da wird sie wohl keine Besuche mehr bekommen haben«, fiel Mario ein.

Das hatte Windmüller aber nur wissen wollen. »Vielleicht nicht«, gab er zu. »Nun, auf alle Fälle war die Frau Principessa verhindert, sich zu der vorgesehenen Zeit nach Fu- nach Giu-«

»San Giuliano, Signor.«

Richtig – nach San Giuliano rudern zu lassen«, bestätigte Windmüller, indem er sich den Kopf zerbrach, wo in aller Welt dieser Ort liegen konnte, und was die Principessa dort gewollt.

Eine kleine Erleuchtung über diesen Punkt, die aber zur befriedigenden Erhellung nicht hinreichte, erhielt er durch den Gondoliere ungefragt. »Signor, das ist alles ganz gut und schön«, sagte Mario lebhaft, »aber schließlich, einen kleinen Wink hätte die Signora Principessa einem schon geben können! Ich will ja nicht davon reden, daß ich fast zwei Stunden an der Lastra auf sie gewartet habe, ohne daß ich vom Palazzo aus ein Zeichen erhalten hätte. Es gibt ja doch Fenster im Palazzo, Signor, durch die man den Leuten draußen einen Wink geben kann! Und sie hatte mich doch auch am Nachmittag schon nach San Giuliano geschickt, um im Albergo della Scimia das Zimmer für sie zu bestellen. Der Padrone hat auch natürlich umsonst gewartet, aber das war schließlich sein einziger Verlust. Mir aber wollte die Frau Principessa die verlorene Zeit am Nachmittag bezahlen und die Fahrt in der Nacht natürlich extra – – eh, per Bacco, Signor, wenn man denkt, um den hübschen Verdienst genarrt worden zu sein, da kann’s einem kein Mensch verargen, wenn man ein Gesicht schneidet!«

»Nein, mein guter Mario, das verargt Ihnen kein Mensch!« rief Windmüller, den Geldbeutel wieder einsteckend und seine Brieftasche hervorholend, denn hier handelte es sich nicht mehr um ein paar Silberstücke, sondern um Banknoten. Ob diese auf die Kostenrechnung seines Auftraggebers oder auf das Konto des Hauses Terraferma oder aber am Ende auf das der Principessa fallen würden, kam im Augenblick nicht in Betracht: der arme Teufel von Gondoliere durfte nicht um sein redlich verdientes Geld gebracht werden. Es war ja nicht Marios Schuld, wenn er die Arbeit dafür nicht verrichten konnte.

Mario war aber ein redlicher Mensch. Nicht, daß er sich ein Gewissen daraus gemacht hätte, einen Fremden zu überfordern: wer zu seinem Vergnügen reist, der soll auch dafür bezahlen, das war seine Meinung. »Ich will ja«, sagte er eifrig, »nicht von den hundert Lire reden, die die Frau Principessa wir versprochen hatte. Wenn ich nur die Entschädigung für die verlorene Zeit, wo ich am Nachmittag mit dem Dampfer nach San Giuliano fuhr, um mit dem Padrone der ›Scimia‹ zu sprechen, und für das unnötige Warten in der Nacht bekomme, dann will ich schon zufrieden sein!«

Windmüller nahm eine Banknote aus seiner Brieftasche und gab sie dem Gondoliere. »Geschäft ist Geschäft«, sagte er ernsthaft. »Es ist nicht Ihre Schuld, daß Sie die beanspruchte Zeit nicht rudern, sondern warten mußten. Und hier sind auch noch zehn Lire für den Padrone der ›Scimia‹, die Sie ihm gelegentlich geben können. – So, und jetzt zum Palazzo Terraferma!«

Mario bedankte sich mit strahlendem Gesichte, aber mit Anstand und keineswegs servil, und zu seiner Poppa zurückkehrend, ließ er die Gondel den Rest des Weges so rasch zurücklegen, als es die zu nehmenden Ecken des schmalen Kanals nur eben erlaubten.

Dicht vor dem Sackkanal an der östlichen Ecke des Palastes angelangt, wendete sich Windmüller um. »Zeigen Sie mir die Lastra, bei der Sie auf die Frau Principessa warten sollten«, sagte er zu dem Gondoliere.

»Va bene! Der Signor kann am Ostportal auch aussteigen«, erwiderte Mario, indem er in den Kanal hineinlenkte. »Ecco la lastra!«

Es war eine etwa mannshohe Platte von Marmor, auf die er hinwies, die dicht über der Fluthöhe des Kanals, umgeben von einem Rahmen von bearbeitetem weißem Marmor, zwischen dem zweiten und dritten Fenster des darüberliegenden Geschosses in die Backsteinmauer eingelassen war und eine Inschrift trug, die die Erbauung des Palastes behandelte und diesen als Geburtsstätte des Dogen aus dem Hause Terraferma feierte. Die Wassermarke von der letzten Flut war noch deutlich am Fuße der Steinplatte sichtbar: sie reichte gerade bis an den unteren Teil des Rahmens der Platte, die am äußeren Rande das gezahnte gotische Muster der Fensterumrahmungen und der Ecken des Palastes zeigte.

Windmüller betrachtete diese Lastra mit einem Interesse, das Mario zu der innerlichen Bemerkung veranlaßte, sein Fahrgast könnte am Ende doch ein Fremder sein. Aber das archäologische Interesse Windmüllers, das ihm zunächst die Frage aufgedrängt, warum diese Gedenktafel nicht an der Front des Palastes angebracht worden war, trat sehr in den Hintergrund vor gewissen Berechnungen, die er anstellte.

»War es gerade die Zeit der Flut, als Sie hier warteten, Mario?« fragte er dann lebhaft.

»Si, Signor – Hochflut« erwiderte der Gondoliere und setzte auch seinerseits lebhafter hinzu: »Ich erinnere mich, daß die Signora Principessa mich fragte, wann in nächster Nacht die Flut einträte. Ich war nicht ganz sicher und sagte nur, das würde gegen zwei Uhr sein, und dann bestimmte die Signora, ich sollte um zwei Uhr hier an der Lastra sein. Es geht mich nichts an, Signor, aber man macht sich doch seine Gedanken, und darum habe ich mich auch gefragt, warum ich an der Lastra warten sollte und nicht lieber gleich dort am Ostportal, da sie doch wahrscheinlich in die Gondel steigen wollte!«

»Ja, vermutlich«, gab Windmüller zu. »Nun rudern Sie mich jetzt dorthin.«

Die enorme Tiefe des Palastes wurde etwa in der Mitte durch das genannte Portal unterbrochen, zog sich dann bis zum Ende des Kanals und ein Stückchen über diesen hinaus auf der Fondamenta hin und zeigte keinerlei weitere Unterbrechung der wetterfesten Backsteinmauer im Erdgeschoß als hie und da unregelmäßig angebrachte, stark vergitterte quadratische Fenster, welche die unteren Räume jedenfalls nur schwach erleuchteten, selbst wenn Staub und Spinnweben gefehlt hätten.

Tief in das immer verwickelter werdende Rätsel der Principessa Terraferma versenkt, stieg Windmüller die Treppe des Palastes hinauf, nachdem er sich freundschaftlich von Mario verabschiedet und ihm den Rat gegeben hatte, möglichst reinen Mund über die nicht stattgefundene nächtliche Fahrt zu halten. Er hatte das nur im Interesse der Familie getan nicht, weil es sonstwie darauf angekommen wäre.

Unten beim Portier, der ihm zuflüsterte, daß der Gondoliere, der ihn eben hergeführt, der nämliche sei, dem die Frau Principessa die Fahrt vom Bahnhofe mit einem Goldstück bezahlt, hatte er sich den Fahrplan der Schiffskurse für die Umgebung Venedigs geben lassen und darauf gefunden, was er gesucht: den Ort San Giuliano, der am nördlichen Ufer des Festlandes liegt, durch einen vom Rialto abfahrenden Dampfer mit Venedig und durch eine Straßenbahn mit Mestre verbunden. Daß die Principessa die letztere benützen wollte, um ungesehen dort den Zug nach Rom erreichen zu können, und zwar den Schnellzug, der in Venedig um acht Uhr abgeht, und nicht den Frühzug um fünf Uhr, war ganz klar, denn die Straßenbahn von San Giuliano ging natürlich um diese Zeit noch gar nicht. Sie wollte also im Albergo della Scimia mit Ruhe den für den Achtuhrzug passenden Wagen in San Giuliano abwarten. Auf keinen Fall hatte es die Principessa für geraten gefunden, im Palazzo Terraferma zu bleiben, und ihr Plan, sich auf dem kleinen Umwege beizeiten mit ihrem Raube zu entfernen, war, von ihrem Standpunkte aus betrachtet, durchaus wohl erwogen und klug. Es war auch zu verstehen, daß sie sich mit ihrem Koffer keinen Ballast aufladen wollte, der sie dazu gezwungen hätte, ihre Aufmerksamkeit zwischen diesem für eine Tagereise entbehrlichen Gepäck und ihrer Handtasche zu teilen, die jedenfalls das geraubte Gut enthielt. Sie hatte an alles gedacht und es sehr sorgfältig erwogen, wie es von der geheimen Agentin einer Großmacht zu erwarten war – hier aber setzte das noch ungelöste Rätsel ein, denn es stand nun fest, daß sie die bestellte Gondel nach San Giuliano nicht benützt hatte. Der Mann hatte nach seiner Angabe vergeblich auf die Principessa gewartet und war dann davongefahren, ohne ein Zeichen, eine Weisung erhalten zu haben.

Wie und auf welchem Wege hatte sie sich nun aus dem Palaste entfernt, den sie doch unbedingt verlassen haben mußte? Welchen Zweck hatte sie mit der Wahl des Rosazimmers für ihren kurzen Aufenthalt gehabt? Warum mußte die Gondel, statt an einem der Wassertore, gerade an der Mauer vor der Lastra warten? Wo war sie mitsamt dem Dokumente hingekommen? Wo sollte man sie suchen, wenn sie keine Spuren hinterlassen?

Wenn der Majordomo behauptet hatte, daß sie durch die Luft nicht gut verschwunden sein konnte, so traf das für unsere Tage nicht mehr zu, denn jeder Mensch kann sich heut mit einem Aeroplan entfernen. Aber auch dazu muß man das Haus erst auf dem ordentlichen Wege verlassen, sintemalen eine Flugmaschine genötigt ist, sich auf einem entsprechenden Platze niederzulassen, um einen Passagier aufzunehmen. Windmüller zweifelte daran, daß das Dach des Palazzo Terraferma der geeignete Platz dafür sein konnte. Ferner fliegt ein Aeroplan nicht lautlos, sondern seine Propeller machen Lärm genug, um selbst Leute mit festem Schlaf aufzuwecken; die ganze Nachbarschaft wäre sofort auf den Beinen gewesen, von den Bewohnern des Palazzo ganz zu schweigen.

Natürlich war diese Möglichkeit nur ein Phantasiesprung, der überhaupt nicht ernstlich in Betracht kommen konnte, schon weil Flugmaschinen noch nicht als Luftdroschken anzusehen sind. Auch hätte sich die Principessa keine Gondel bestellt, wenn sie eine derartige Abholung beabsichtige oder vermutete.

Windmüller hielt es gleich jedem guten Feldherrn für keine Schande, von einem ebenbürtigen Gegner geschlagen zu werden. Während er die Treppe des Palazzo Terraferma hinaufstieg, hatte er jedoch das sonderbare Gefühl, daß sein Gegner, dem er einen Raub von völkerbewegender Wichtigkeit entreißen solle, ein Schatten war, durch den seine sonst so sichere Hand durchgriff – ins Leere. Nicht, weil die ganze Sache keinen Präzedenzfall hatte – nein, weil die Spuren so plötzlich aufhörten, wie die eines Vogels im Sande, der sich plötzlich in die Luft erhebt und davonfliegt. Dieser Vergleich war es, der Windmüller an den Aeroplan denken ließ. Die Principessa Terraferma hätte ihre Spuren gar nicht erfolgreicher plötzlich unterbrechen können, als ein davonfliegender Vogel. Da sie aber keiner war –

In seine Gedanken versunken, hatte Windmüller gar nicht bemerkt oder wenigstens nicht darauf geachtet, daß jemand vor ihm die Treppe hinaufging und an der Biegung sogar stehen blieb, um ihn mit ein Paar großen, veilchenblauen Augen unverhohlen zu betrachten. Dieser Jemand war eine junge Dame in einem weißen, sehr schick gearbeiteten Leinenkleide, einem weißen Strohhut mit einfachem, schwarzem Bande darum, aber darunter einer Haarpracht von der seltenen Farbe, die wie Platina in den höchsten Lichtern metallisch glänzt und tiefgoldene Schatten hat. Und zu diesem Haar gehörte naturgemäß ein Teint wie eine Malmaisonrose, der obendrein noch zu einem jungen Gesicht gehörte, das, ohne geradezu schön zu sein, so lebhafte, charakteristische Züge und eine so unwiderstehliche Anmut hatte, das sicher neun von zehn Personen ihnen den Vorzug vor jedem Schönheitsideal gegeben hätten.

verkörperte Göttin der Jugend blieb auf der obersten Treppenstufe des Piano nobile stehen und wartete es ab, bis der in seine Gedanken Versunkene auch oben war.

»Herr Doktor Windmüller?« fragte sie mit einem reizenden Lächeln auf deutsch.

»Zu Befehl! Aber mit wem –«

»Also habe ich mich doch verändert!« rief sie lebhaft. »Und die Leute sagen alle – nein, nun raten Sie mal, Herr Doktor! Besinnen Sie sich noch vor – na, vor einigen Jahren zum Besuch auf dem Gute des Freiherrn von Rittersbach gewesen zu sein?«

»Ich besinne mich sehr gut darauf«, erwiderte Windmüller trocken, denn dieser Besuch hatte der Entdeckung einer hochgestellten Dame gegolten, die an ›Kleptomanie‹ litt und Diamanten zu ihrer Spezialität gemacht hatte.

»Schön! Besinnen Sie sich ferner darauf, unter den zahlreichen Gästen des Hauses einen Botschaftsrat Graf Meldeck gesehen zu haben –«

»Natürlich!« fiel Windmüller ein. »Er hatte eine Tochter mit sich, ein halberwachsenes Ding, das mit lang herabhängenden blonden Haaren auf einem langmähnigen und langgeschwänzten, halbwilden Pony herumritt und mich mit ihrer Freundschaft beehrte – und diese junge Walküre wollen Sie doch nicht etwa sein?«

»Ob ich will oder nicht – ich bin’s!« rief sie mit einem wundervoll graziösen Knicks. »Wegen der aufgedrängten Freundschaft bitte ich um Entschuldigung, aber wenn man als Backfisch mal für jemand schwärmt, dann wehe dem armen Opfer! Sie hätten mich aber fast von dieser Krankheit geheilt, denn als ich Sie damals, wie ich Sie allein in der Bibliothek fand, selig über diesen Zufall, unterhalten wollte, schickten Sie mich einfach fort, indem Sie mir vorflunkerten, Papa suche mich wie eine Stecknadel! Hübsch war das nicht von Ihnen, und es hat mir damals fast das Herz gebrochen – faktisch!«

»Nein, hübsch war’s nicht«, entgegnete Windmüller schmunzelnd. »Aber was wollte ich machen? Ich wartete damals auf eine höchst dramatische Schlußszene mit einer höchst rabiaten Person, und da kamen Sie und fragten mich, ob ich gern kandierte Veilchen esse! Ich habe Ihnen übrigens nach meiner Abreise welche zum Trost und als Friedenspfeife sozusagen geschickt –«

»In einem Beutel von Goldbrokat! – Und das waren Sie! Ich hab’ ihn noch – den Beutel nämlich, ohne zu ahnen, daß diese fürstliche Überraschung von Ihnen, meinem ›Schwarm‹, kam! Sie waren mir damals ganz furchtbar interessant!«

»Ich werde mich bemühen, diesen Zustand zu erhalten«, sagte Windmüller, angeregt und erfrischt durch die Natürlichkeit dieses jungen Wesens. »Aber wie kommt es, daß ich Sie hier treffe? Oh, ich verstehe – Ihr Herr Vater ist der Mieter, der gestern hier eingezogen ist!«

»Ach du lieber Himmel! Papa wäre viel zu arm gewesen, um diese Wohnung zu mieten«, rief sie mit größter Aufrichtigkeit, und mit plötzlich umflorten Augen setzte sie leiser hinzu: »Mein Vater starb schon ein halbes Jahr nach unserem Besuche bei Rittersbachs.«

Windmüller ergriff bewegt ihre Hand und drückte sie stumm, denn er hatte den Toten gekannt und geschätzt und wußte, daß seine Tochter nun eine doppelte Waise war.

»Papa hatte zu meinem Vormund einen Jugendfreund bestimmt«, fuhr Komtesse Meldeck nach einer Pause vertraulich fort. »Aber der konnte mich bei sich nicht aufnehmen – er hatte keinen Platz. Da ging ich zu einer Patin, einer wunderlichen alten Dame – sie hatte sicher etwas von Aschenbrödels Patenfee an sich – und blieb bei ihr, bis auch sie unlängst starb. Nun hatte mein Vormund Platz für mich, und trotzdem ich eigentlich – eigentlich lieber in die weite Welt gegangen wäre, ließ ich mich doch überreden und zog zu ihnen. Aber mein erstes war, den Onkel ›Kumm‹ und die Tante ›Wenn‹ zu einer Reise nach Venedig breitzuschlagen, und hier trafen wir zufällig die Gräfin Candiani, die ich von Rom her kannte, und als ich ihr meine Sehnsucht vortrug, in einem richtigen alten venezianischen Palast zu wohnen, in dem es rechtschaffen spukt und der voll von historischen Erinnerungen ist, da sagte sie, mir könnte geholfen werden, brachte uns selbst hierher – und da sind wir!«

»Und da sind Sie – mit allerhand Hochachtung vor einem Vormund, der so willig auf die Wünsche seines Mündels eingeht.«

»Ja – ’s ist die Menschenmöglichkeit«, sagte Komtesse Meldeck trocken – so trocken, daß Windmüller aufhorchte: »Vielleicht kennen Sie ihn – wenigstens dem Namen nach, denn er ist ein bedeutender Heraldiker – Freiherr von Krähenhausen.«

»Hm, ja – mir scheint, als hätte ich von ihm gehört. Nannten Sie nicht vorher einen anderen Namen? Onkel Krumm?«

Sie lachte lustig auf. »Nicht Krumm, sondern Kumm! Das ist nur ein Spitzname, den ich ihm gegeben habe. Er leidet nämlich an chronischem Stockschnupfen, der Gute, und wenn ihm der in den Weg tritt, dann erleichtert er sein Riechorgan durch einen Stoß, den die Silbe ›Kumm!‹ begleitet. Und weil seine Frau für alles und jedes in dieser schönen Welt eine Verbesserung weiß und diese immer mit einem ›Wenn‹ einleitet, so habe ich sie ›Tante Wenn‹ getauft. Sie haben auch einen Sohn, der ausgerechnet Wiwigenz heißt und Professor der Geschichte ist, und – ich kenne ihn zwar noch nicht – ein gräßlicher Kerl sein muß, denn seine Eltern loben und preisen seinen Geist, sein Wissen, seine Schönheit und die Erhabenheit seines Charakters bei jedem Quark, den wir miteinander sprechen. Ein solcher Ausbund muß fürchterlich für einen gewöhnlichen Sterblichen zu ertragen sein – nicht?«

»Es kommt darauf an. Wenn er sich selbst für einen Ausbund hält, dann gebe ich Ihnen recht, Komtesse«, erwiderte Windmüller, indem er sich fragte, ob diese Loblieder einzig und allein das Resultat einer Affenliebe waren oder sonst noch einen Zweck verfolgten, was ja nicht unmöglich schien, wenn diese Leute so reich waren, daß es nicht darauf ankam, ob ihr Sohn ein armes Mädchen heiratete – falls er nicht schon verheiratet war. »Hoffentlich ist seine Frau derselben Ansicht wie seine Eltern«, setzte er gewohnheitsmäßig sondierend hinzu.

»Hoffentlich findet er eine, die’s tut – meinen Segen hat sie«, versicherte Komtesse Meldeck. »Und wie sind Sie zufrieden mit Ihrem Quartier?« fragte Windmüller, ein anderes Ziel verfolgend, nachdem seine berufsmäßige Wißbegier auf diesem Seitensprunge befriedigt war.

»Oh, der Palast – mindestens was wir davon haben – ist wunderbar!« ging sie mit vollem Enthusiasmus auf dieses Thema ein. »Kennen Sie ihn schon lange? – Erst seit gestern? Dann müssen Sie unsere Wohnung sehen – sie ist ein Traum, ein richtiger Traum von Venedig! – Haben Sie jetzt Zeit? Onkel Kumm und Tante Wenn sind noch auswärts – ich habe sie schnöde verlassen, als sie auch San Marco mit Weihrauchwolken für ihren Wiwigenz füllen wollten. Das war mir zu viel – ich schützte Müdigkeit vor und habe dadurch – Sie getroffen, angefallen dürfen wir schon ruhig sagen, denn sonst hätte ich dieses Wiedersehen wohl kaum feiern dürfen!«

Windmüller bestritt das sofort. »Ganz im Gegenteil – dies Wiedersehen wäre für Sie unvermeidlich gewesen, Komtesse. Ich hatte nämlich die für mich noch namenlosen Bewohner des Piano nobile bitten wollen – durch die Vermittlung des Marchese Terraferma wohlverstanden – ihre Wohnung besichtigen zu dürfen. Es soll hier ein Aufzug angelegt werden, und ich als der dazu berufene Architekt –«

»Architekt?« unterbrach sie ihn verwundert. »Seit wann sind Sie denn – Architekt geworden? Noch dazu einer, der Aufzüge in die Häuser baut?«

»Das ist doch ein sehr nützlicher Beruf, Komtesse«, erwiderte Windmüller unschuldig.

»Sehr!« wiederholte sie lachend. »Aujust, merkst du was? Also, als Architekt sind Sie hier! Bei Rittersbachs waren Sie als ›Privatgelehrter‹, was mir furchtbar imponierte. Papa hat mir aber dann verraten, wer Sie eigentlich sind – eben der Große Windmüller, und das hat mir nicht nur noch mehr imponiert, sondern mir geradezu Ehrfurcht, vermischt mit angenehmem Gruseln, eingeflößt!«

»Nun«, meinte er, gleichfalls lachend, »dann brauche ich mich vor Ihnen ja nicht erst mit technischen Gemeinplätzen anzustrengen! Möglicherweise wissen aber Ihr Herr Vormund und seine Gattin nichts vom ›Großen Windmüller‹, und da wäre es mir ganz lieb, wenn Sie es beim Architekten bewenden ließen!«

Jetzt machte Komtesse Meldeck noch größere Augen.

»Oh – Sie sind also im Berufe hier!« flüsterte sie, unbewußt und unwillkürlich die Stimme dämpfend. »Nein, wie interessant!«

»Nun, was das betrifft, so fürchte ich, ›es zahlt sich net aus‹, wie ein Bekannter von mir zu allem sagt, was enttäuschend auf ihn wirkt. Ich will in diesem Hause keinen Räuber, Mörder oder gemeinen Dieb abfassen – es ist für mich nur ein Absteigequartier in Venedig, und vielleicht bin ich in wenigen Stunden schon über alle Berge. Mein Interesse am Piano nobile hier ist wirklich nur ein rein – architektonisches und richtet sich hauptsächlich auf ein gewisses Rosazimmer und – seine nächste Umgebung.«

Windmüller fand es etwas schwer, diese halben Wahrheiten unter dem Blick der auf ihn gerichteten blauen Augen glaubwürdig vorzutragen, denn diese Augen waren nicht nur außergewöhnlich intelligent, sondern auch so klar und rein wie ein Bergsee – das köstliche »Blauseeli« im Kandertal kam ihm unwillkürlich in den Sinn bei diesen Augen, die ihn schon vor nun fast fünf Jahren einmal fast »aus dem Text« gebracht hatten. Sie waren noch geradeso wie damals: man konnte bei ihnen, wie beim »Blauseeli«, bis auf den Grund sehen, und auf diesem erblickte er hier eine ganze Herde von Schelmen, die sich königlich über seine »Erklärung« amüsierten.

»Das trifft sich herrlich, denn das Rosazimmer und seine nächste Umgebung bewohne ich!« rief Komtesse Meldeck triumphierend. »Mein Vormund und Frau von Krähenhausen haben auf der Westseite sieben Zimmer zu ihrer werten Verfügung – sie können darin Verstecken spielen, wenn sie wollen. Dann kommt als neutraler Boden der Saal und an diesen stößt mein Reich – in das ich Sie hiermit feierlich einlade.«

Windmüller versprach sich zwar nicht viel von einer jetzt notgedrungen nur sehr flüchtigen Besichtigung der Räume, aus denen die Prinzessin Xenia Terraferma auf einem bisher noch unerklärten Wege aus dem Palast entschwunden war, indes durfte er die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um wenigstens einen Überblick davon zu erhalten, und so folgte er seiner reizenden jungen Führerin durch den von der Loggia begrenzten Vorsaal, in dem sie bisher gestanden, zunächst in den mit verschwenderischer Pracht ausgestatteten Saal. Den ursprünglichen gotischen Stil hatte eine Restauration des sechzehnten Jahrhunderts verdrängt – an die Stelle der alten Balkendecke war eine von vergoldeter Holzschnitzerei getreten, wie wir sie im Dogenpalast ob ihres Reichtums bewundern können. In ihrem zum Rahmen sich formenden Zentrum hatte Paul Veroneses Pinsel ein Deckenbild von unvergänglichem Farbenzauber geschaffen, den historischen Moment verherrlichend, in der Admiral Angelo Terraferma der thronenden Venezia die eroberten Türkenfahnen mit dem Halbmond überreicht. Die Wände des Saales bedeckten Paneele von vielscheibigem Spiegelglas, in holzgeschnitzte, vergoldete Rahmen gefaßt, zwischen denen Streifen einer Tapete von Seidendamast sichtbar wurden, von jenem zarten Gelblichgrün, dessen Färbung zu den verlorenen Tönen gehört oder durch die Zeit geschaffen ist. Die Polstermöbel überspannte derselbe Stoff, der auch von der durch schlanke Säulen getrennten gotischen Fensterreihe als Vorhänge in reichen Falten herabhing.

»Das ist ein königlicher Saal«, bemerkte Windmüller mit der andächtigen Bewunderung des Kenners. »Stören Sie vielleicht die gotischen Fenster, Komtesse? Mich nicht! Die Künstler jener Zeit, die doch heute noch maßgebend sind, scheuten die Mischung der Stilarten keineswegs, und sie hatten recht damit. Sie haben damit wunderbar malerische Effekte erreicht.«

»Es ist ein wonniger Saal!« bestätigte Komtesse Meldeck, über den glatten Marmorboden hinschassierend. »Ich war in ihn verliebt, ehe das Rosazimmer mich einfach verzaubert hat. Ob Paul Veronese im grünen Wams und Mantel und in der spitzenbesetzten Halskrause, wie er sich selbst auf dem Bilde des ›Gastmahls‹ in der Akademie gemalt, hier herumgewandelt ist? Gewiß! Ich kann ihn förmlich drüben in der Tür stehen sehen. Ich kann überhaupt vieles sehen, was andere nicht sehen. – Droben in der zweiten Etage ist der Saal in zwei Räume geteilt – einer davon ist der Salon der famosen alten Marchesa – sieht sie nicht aus wie ein aus dem Rahmen gestiegenes Ahnenbild? – So, und nun kommen wir hier links in das Eckzimmer, die Stanza del’ Brustoloni genannt, weil dieser Meister die Ebenholzmöbel darin geschnitzt hat. Es ist mein ›Empfangszimmer‹, denn um darin zu wohnen, sind diese Möbel weniger geschaffen. Man stößt sich Schienbeine und Knie an den Füßen der Tische zuschanden und schlägt sich Löcher in den Kopf, wenn man sich in den Sesseln und auf dem Sofa bequem anlehnen will. Sonst aber sind’s ja Wunderwerke – nicht wahr?«

Windmüller konnte seiner Führerin nur recht geben: die figürliche Plastik, aus dem eisenharten, bleischweren Material des glänzend schwarzen Ebenholzes geformt, war bewunderungswürdig in ihrer Kühnheit und in ihrem Reichtum; jeder Sessel, jeder Tisch war ein Schaustück, aber sicherlich nicht zum täglichen Gebrauch bestimmt. Die goldfarbenen Damastbezüge und Tapeten hoben das tiefe Schwarz zu künstlerischer Wirkung, und auch der Mantel des Kamins war von schwarzem, mit nur wenig weißen Adern durchzogenem Marmor. An den Wänden hingen Porträte – Familienbilder von Tizian, Tintoretto, Giorgione und Pordenone gemalt, Kunstschätze, die das Auge des Fremden in Venedig nicht einmal ahnt, geschweige denn zu sehen bekommt.

»Und nun – › sieh her und bleibe deiner Sinne Meister!« zitierte Komtesse Meldeck, indem sie die Türflügel zu dem folgenden Zimmer, das nach Windmüllers Berechnung unter dem Schlafzimmer des Marchese lag, öffnete und eine einladende Handbewegung machte. »Dies ist das berühmte Rosazimmer. Es wurde für den Besuch der Königin von Polen und Kurfürstin von Sachsen, Maria Josepha von Österreich, des Kaisers Joseph I. Tochter, hergerichtet, und, wie Sie sehen, nicht daran gespart. Es war damals Sitte, daß die großen Patrizierfamilien die fremden Souveräne, die nach Venedig kamen, bei sich aufnahmen, und daß sie sich dabei nicht lumpen ließen, dafür bürgte der Glanz der Meereskönigin. Es kam bei solchen Gelegenheiten gar nicht darauf an, was es kostete; wurde doch beim Besuch Kaiser Friedrichs III. im Jahre 1452 die Rialtobrücke einfach abgerissen, um den ›Bucintoro‹ durchzulassen, mit welchem Staatsschiff der Doge seinen hohen Gast von Mestre abgeholt hatte.«

Während Komtesse Meldeck mit enthusiastischer Lebhaftigkeit also plauderte, hatte Windmüller festgestellt – was er übrigens auch erwartet hatte – , daß die Verbindungsmauer zwischen dem Eck- und dem Rosazimmer ebenso auffallend tief war, wie oben, vielleicht sogar noch etwas tiefer. Aber das war nur eine Annahme nach dem Augenmaß. Nähertretend sagte er dann das erwartete: »Ah – wie schön!« mit voller Überzeugung.

Es war in der Tat ein Gemach für eine Königin, die eines Kaisers Tochter gewesen – ein raffiniert ausgedachter und angepaßter Hintergrund für die hellblonde Fürstin mit dem Teint wie Pfirsichblüte. Wie ihr bekanntes Porträt von Rosalba Carriera, der venezianischen Meisterin des Pastells, in der Dresdner Galerie, so hing auch hier eines im silbernen Rahmen und bewies, wie wunderbar Maria Josepha in dieses Zimmer gepaßt haben mußte. Die Wände waren mit rosa Brokat bespannt, in dem blassen; eigentümlichen Rosa der alten Bilder, dem Rosa Paul Veroneses. Der Brokat war mit großen, silbernen Sträußen broschiert und rauschte in schweren, knisternden, schillernden Falten als Vorhang aus einer riesigen, vergoldeten, mit Steinen besetzten Königskrone, die den Baldachin bildete, über dem Bett herab, das, gleichfalls mit einer Decke von rosa Stoff, mit Silberstickerei bedeckt, auf einem erhöhten Tritt stand. Die Bettstelle selbst war reich geschnitzt, versilbert und mit zarten Malereien bedeckt; geschnitzt, versilbert und bemalt waren die geschweiften Girandolen, der Toilettentisch mit dem Spiegel im schweren, handgetriebenen Silberrahmen, die Sitzmöbel. Nur der Mantel des Kamins zwischen den beiden Fenstern war von weißem Marmor, wie die Platten der Kastenmöbel, und über all diese von der Zeit mit einer um so reizvolleren Patina überzogenen Pracht lachte der Plafond, von Tiepolo gemalt, in unvergänglicher Farbenfrische herab: auf sonnendurchleuchteten, vom blauen Himmel durchschimmerten Wolken wand eine Schar köstlicher Amoretten Rosen zu Girlanden, schleppte sie Arme voll, Körbe voll Rosen herbei, streute Rosen herab, daß man meinte, man brauchte sie gerade nur aufzufangen.

»Es ist ein Zimmer für die Feenkönigin«, meinte Windmüller mit einem Blick auf die jetzige Inhaberin, wurde aber plötzlich aufmerksam, denn er sah in den auf ihn gerichteten, sonst so klaren blauen Augen eine Wolke – etwas, wie eine leise Beunruhigung, ein gespanntes Horchen auf – auf was? »Auf alle Fälle ist dies nicht das Spukzimmer des Palastes«, setzte er lächelnd hinzu.

»Ich weiß nicht – nein, es sieht nicht danach aus«, erwiderte Komtesse Meldeck nachdenklich. »Das Rosa ist so freundlich, das Silber so unaufdringlich und beruhigend – nicht? Und doch habe ich die erste Nacht hier nicht geschlafen, trotzdem das Bett wirklich sehr mollig ist. Ich schlafe sonst sehr gut, auch in fremder Umgebung – aber vielleicht war meine Phantasie doch etwas zu aufgeregt. Solch alter, venezianischer Palast hat eben etwas sehr Suggestives –«

»Das hat er zweifellos für Leute, die überhaupt Phantasie besitzen, die Geschichte dieser Stadt kennen und keine Philister sind«, erklärte Windmüller zustimmend. »Der Allgemeineindruck, die große Stille ferner, die in und um diese im Herzen der Stadt liegenden Häuser herrscht – das alles sind Faktoren, die bei sensitiven Naturen schlafhindernd einwirken können. Es bedarf dazu gar nicht erst eines bestimmten, sichtbaren oder fühlbaren Spezialeindrucks, der ja in Ihrem Falle auch gefehlt haben dürfte.«

»Ich weiß nicht – ja und nein«, sagte sie nach einer kleinen Pause. »Ich habe natürlich nichts Übernatürliches gesehen oder gehört. Gar nichts, Aber –«

Sie stockte und zuckte mit den Achseln.

»Dummheit!« fuhr sie dann rasch fort. »Sie werden mich ja bloß auslachen!«

»Durchaus nicht – nicht einmal in Gedanken«, rief Windmüller lebhaft. »Lieber Himmel, wenn ich zu den Leuten gehörte, die über alles lachen, was sie selbst nicht empfinden können, dann würde ich’s in meinem Berufe, den ich von einer sehr psychologischen Seite auffasse, nicht so weit gebracht haben, als es tatsächlich der Fall ist. Ich gehöre auch aus Überzeugung nicht zu denen, die nur glauben, was sie selbst sehen, fühlen und hören, sondern ich gestehe anderen unbedingt die höhere Gabe zu, mehr hören und sehen zu können als der Durchschnitt. Mir ist nicht kurzweg ›Einbildung‹, woran ich selbst nicht teilnehmen kann, auch wenn ich keine sogenannte ›natürliche‹ Erklärung dafür weiß – schon weil ich eben nicht zu den Philistern gehöre, für die es kein Ding zwischen Himmel und Erde gibt, das sie sich nicht ganz leicht erklären könnten. Ich stehe also ganz auf Hamlets Seite –«

»Gerade so meine ich es«, rief Komtesse Meldeck lebhaft. »Es gibt so viele Menschen, mit denen einfach über diese Dinge nicht zu reden ist – zum Beispiel mein Vormund und seine Frau. Es war dumm von mir, zu sagen, daß Sie mich auslachen würden, denn wenn ich es nicht in Ihren Augen gesehen hätte, daß Sie mich verstehen und – und all diese Dinge ›zwischen Himmel und Erde‹, dann hätte ich überhaupt nichts davon gesagt. Nein, ich habe nichts gesehen und gehört, nur gefühlt und – gerochen!«

»Gerochen?« wiederholte Windmüller verblüfft, aber er lachte nicht dazu.

Komtesse Meldeck nickte. »Ja. Beim ersten Male, als wir kamen, die Zimmer anzusehen, habe ich nicht die geringste Empfindung irgendeines besonderen Geruches gehabt, trotzdem man die Fenster erst für uns aufsperrte. In dem ganzen Stockwerk war nur jener leise, eigentümliche Hauch, den alle unbewohnten Räume haben, zu spüren, aber doch nicht auffallend. Nun, als wir gestern hier einzogen und ich dieses Zimmer hier betrat, fiel mir auch noch nichts Sonderliches auf. Die Fenster waren geöffnet, und der frische Hauch des Wassers kam herein. Aber während ich meine Sachen einräumte, fing es an, so ausgesprochen nach Gardenien zu duften –«

»Ah – das ist leicht erklärlich!« fiel Windmüller ein. »Das Zimmer ist vor wenigen Tagen erst von einer Verwandten des Hauses – allerdings nur für einen halben Tag und eine Nacht bewohnt worden. Sie hatte ihre Sachen stark mit Gardenienduft parfümiert, der sich jedenfalls den von Ihnen geöffneten und benützten Schubfächern mitgeteilt hat und –«

Er brach kurz ab, denn es fiel ihm ein, daß die wenigen Wäsche- und Toilettegegenstände der Donna Xenia dem kleinen Reisekoffer – mit Ausnahme des Kleides – nicht entnommen worden waren, mithin auch die Fächer nicht parfümiert haben konnten.

»Ja, das dachte ich auch und habe meine Nase darum prüfend in alle Ecken gesteckt«, sagte Komtesse Meldeck. »Ich glaubte nun, daß der Geruch von draußen kam, und schloß die Fenster, weil Gardenienduft mich – ja, wie soll ich sagen? – mich nervös macht. Ich habe ihn nicht ungern, aber ich kann ihn schwer auf die Dauer ertragen. Der Duft wurde aber immer stärker und schließlich mischte sich ein anderer Geruch herein, der über dem Blumenduft dominierte – ich weiß nicht, welchen Namen ich ihm geben soll, denn ich habe noch nie ähnliches gerochen. Es wurde mir so übel davon, daß ich die Fenster wieder öffnete. Da wurde es besser – sogar wieder gut kann man sagen, obwohl der Gardenienduft blieb. Und letzte Nacht war’s geradeso. Erst wurde dieser immer schwerer und schwüler, und dann mischte sich jener andere, namenlose Geruch darunter und wurde immer zudringlicher, den Duft erstickend, bis ich’s nimmer ertragen konnte, aufstand, das Fenster hier aufmachte und mich davor setzte, bis mir besser wurde. Ich hab’ dann auch geschlafen – bei offenem Fenster – Sie müssen die Gardenien doch auch riechen, Herr Doktor! Der Duft ist ja nicht sehr stark, weil die Luft von außen ihn gewissermaßen verdünnt, aber er ist doch merkbar, deutlich merkbar!«

Windmüller nickte. Er roch nichts, trotzdem er eine recht empfindliche Nase hatte, die wohlgeübt und wohlgeschult war wie die eines Polizeihundes, aber er verwarf deswegen die Mitteilung der jungen Dame nicht als ›Unsinn‹ oder ›Einbildung‹, eben weil er nicht zu denen gehörte, die nur gelten lassen, was sie selbst sehen und hören, fühlen und riechen können, und neben sich keinen Platz lassen für die, deren Sensitivität in einem höheren Grade entwickelt ist, die einen sogenannten sechsten Sinn besitzen.

Zudem war ja auch noch eine andere Theorie möglich.

»Sie sagten, Sie hätten auch etwas gefühlt«, erwiderte er statt einer direkten Antwort.

»Ja, aber das kann – kann vielleicht Autosuggestion sein«, sagte Komtesse Meldeck. »Ich meine, durch das Bewußtsein, sich in einem uralten venezianischen Palast zu befinden, in dem man die Geister der Vorzeit gewissermaßen erwartet. Ich wenigstens, die ich eine solch enthusiastische Liebe zu dieser wunderbaren Stadt habe! – Gefühlt? Ich fühle es eben jetzt, jeden Augenblick, den ich in diesem Zimmer bin – ein klein wenig auch nebenan, aber nicht so deutlich. Was es ist? Oh, ich denke, die Gegenwart von etwas, von jemand, um präziser zu sein, der den Raum mit mir teilt, jemand, der mich im Vorübergehen jeden Augenblick streifen kann. Das Herz schlägt mir wild bei dem Gedanken, daß es geschehen könnte, und doch wär’s vielleicht ganz gut, wenn es geschähe, damit man doch weiß, was es ist!«

Windmüller antwortete nicht gleich. Sein Blick wanderte rings um das wundervolle Zimmer, jedes Detail in sich aufnehmend. »Sie sollten diese rosigsilberne Pracht mit einem anderen Raume vertauschen«, meinte er danach.

»Es fällt mir nicht im Traume ein, mich auslachen zu lassen, nachdem ich mir dieses Zimmer mit solcher Begeisterung auserkoren habe!« rief sie mit einem Lachen, das nicht recht gelang. »Wenn mein Vormund, seine Frau und die Jungfer die Gardenien gerochen hätten, so würden sie ja etwas darüber gesagt haben. Oder sie halten den Duft für etwas Zugehöriges – und er ist’s ja auch. Das andere ist natürlich nur Einbildung. Warum sagen Sie es denn nicht gerade heraus, Herr Doktor?«

»Wenn es nur das wäre, was Sie von mir erwarteten, so hätten Sie mir die Geschichte ja nicht erzählt«, erwiderte Windmüller fein. »Lassen Sie mich mit der Antwort noch etwas warten – sie ist gar nicht so einfach, weil ich mir einbilde, kein Philister zu sein. Aber wirklich und aufrichtig: bleiben Sie auf Kosten Ihrer Nerven nicht in diesem Zimmer. Der Preis wäre ein zu hoher im Vergleich gegen das bißchen Neckerei oder auch Schelten wegen scheinbarer Launenhaftigkeit. Die Last einer ständigen Furcht –«

»Nein, nein – ich habe keine Furcht!« fiel sie lebhaft ein. »Ich weiß ganz gewiß, daß das Klopfen meines Herzens, von dem ich eben sprach, keine Furcht im eigentlichen Sinne des Wortes ist, sondern mehr die Erwartung von etwas, das sich offenbaren will, das hinter einem Vorhang sich bewegt, ohne daß man weiß, was es ist. Verstehen Sie mich? Ich habe nicht die Empfindung, daß etwas mich bedroht, daß eine persönliche Gefahr mir nahe ist!«

»Nun, ich taxiere Sie auch nicht darauf, daß sie furchtsam sind und vor einer Gefahr davonlaufen würden«, erwiderte Windmüller mit einem freundlichen Blick auf die junge Dame, in deren klaren blauen Augen er in der Tat keine Furcht las, aber ein Etwas, das man nicht oft zu finden pflegt: die Fähigkeit, zu sehen, was den meisten unsichtbar bleibt. »Es ist keine Feigheit und auch keine Schande, die Waffen vor den Dingen ›zwischen Himmel und Erde‹ zu strecken.«

»Also meinen Sie –«

»Ah, es soll dies keine Meinung sein, sondern nur ein Vorschlag. Ich bin noch gar nicht in der Lage, eine Meinung zu äußern. Vielleicht reden wir noch einmal darüber, falls ich länger in Venedig bleiben sollte – für den Augenblick fürchte ich, daß ich mich Ihnen empfehlen muß – Dies Zimmer nebenan ist das letzte in der Flucht, die Sie bewohnen, nehme ich an. Ganz recht. Und diese schmalen Türen rechts und links von dem Bette, in dem man eigentlich königlich schlafen müßte, führen in den Vorsaal?«

»Nicht direkt. Diese rechts geht in die Garderobe, die links in das Badezimmer. Von der ersteren aus gelangt man unmittelbar in den Vorsaal und in das Treppenhaus.«

Windmüller interessierte sich sehr für beide Räume und besichtigte sie so eingehend, daß Komtesse Meldeck nur mit Mühe ein paar Fragen zurückhielt, die sich ihr aufdrängten. Aber sie hielt sich zurück und bewies damit, daß sie über ihre jungen Jahre hinaus taktvoll war.

Die Garderobe war ein geräumiges Gelaß, dem darüberliegenden, zur Wohnung des Marchese gehörigen entsprechend, und wie dieses künstlich beleuchtet. Die weißlackierten, reich mit Gold verzierten Schränke, ein mit Spitzen über Seidenfutter elegant arrangierter Toilettentisch, ein hoher Spiegel in geschnitztem und vergoldetem, verstellbarem Rahmen entsprachen ganz der Pracht des Rosazimmers. Auch das Badezimmer, in Weiß und Gold gehalten, machte den Eindruck einer Rokokobonbonniere; es hatte noch einen zweiten, maskierten Ausgang nach der Garderobe, in die es gewissermaßen eingebaut war, bot sonst aber, wie die letztere, keinen Anhalt für die Möglichkeit eines geheimen Zutritts.

Der Salon, dessen Nachbarschaft Windmüller am Morgen bei Besichtigung des unbewohnten Teils des Piano nobile für die Verhandlungen mit dem Majordomo beanstandet hatte, war von Komtesse Meldeck als Wohnzimmer erwählt worden und machte durch die mitgebrachten Bücher und Bilder, mit seinen kostbaren alten Wandteppichen und bequemen Möbeln aus der Empirezeit einen sehr behaglichen Eindruck.

Windmüller schien es zu überhören, daß Komtesse Meldeck ihn darauf aufmerksam machte, man könne von diesem Salon aus in das Vestibül gelangen, denn er nahm den Weg wieder zurück durch das Rosazimmer, das ja den Schlüssel zu dem Rätsel der Donna Xenia enthalten mußte. Wenn diese früher behauptet hatte, daß die ganz eigentümliche rosa Farbe sie nicht kleidete, so konnte er ihr, falls sie eine Brünette besonderer Art mit klarem Oliventeint war, nicht unrecht geben. Warum also diese plötzliche Vorliebe für das Rosazimmer? Warum mußte es für sie bei diesem plötzlichen, kurzen Besuch hergerichtet werden, wenn doch ihr Absteigequartier im obersten Stock immer für sie bereit gehalten wurde?

Windmüller wußte sehr gut, daß es Frauen mit ganz unberechenbaren Launen gab, in dieser aber schien doch Methode gewesen zu sein. Es war erwiesen, daß Don Gian das Dokument bei verschlossenen Türen geraubt wurde, erwiesen schien auch, daß Donna Xenia den Palast zu einer Zeit verlassen hatte, in der darin noch alles schlief. Im Rosazimmer mußte und mußte also die Lösung des Rätsels zu finden sein.

Windmüller zog auch die Möglichkeit in Betracht, daß die Bestellung des Gondoliere einfach eine Ableitung von der richtigen Spur sein konnte. Wahrscheinlich hatte sie die Absicht, den Mann später irgendwie zu entschädigen, und wenn das bisher noch nicht geschah, so war dies ein Beweis mehr, daß Donna Xenia entweder vorläufig für besser fand, ihre Spur zu verwischen, oder – daß diese von anderen verwischt worden war.

Windmüller klopfte im Vorübergehen mit dem Griff seines Stockes an die weißlackierten und mit reicher vergoldeter Schnitzerei verzierten Paneele des so auffallend tiefen Türrahmens, der das Rosazimmer von dem Eckzimmer mit den Ebenholzmöbeln trennte.

»Elegant bis ins kleinste war doch die von Stilfanatikern so gern geschmähte Rokokoepoche, für die ich eine Schwäche bekenne«, meinte er, indem er auch der linken Seite ein paar leichte Schläge gab.

»Ich auch«, erwiderte Komtesse Meldeck im gleichen Ton. »Ich habe alle diese Paneele auch sorgfältig abgeklopft, denn diese Mauer ist wirklich unvernünftig dick. Ich hatte mich schon darauf gefreut, ein mysteriöses verborgenes Gemach zu entdecken, wie es sich eigentlich in solch einen Palast gehört, aber es ist nichts damit, denn es klingt überall ganz solid. Indes gebe ich die Hoffnung noch nicht auf, denn einen Zweck muß diese eine dicke Mauer doch haben – nicht wahr? Ich nehme nämlich an, daß ihr das architektonische Interesse gilt, dessen Sie vorhin erwähnten.«

Windmüller war stehengeblieben und sah mit einem leichten Schmunzeln auf das junge Menschenkind an seiner Seite. Junge Damen, selbst wenn sie wußten, wer und was er war, pflegten seine Tätigkeit meistens nicht auf leblose Dinge zu beziehen, sondern ihn für eine Art von Floh zu halten, der von Person zu Person sprang – ängstigend, beißend, Blut saugend und hin und wieder Handschellen anlegend. Und dieses Mädchen mit den Blauseeligaugen verneinte ihm nicht nur rein architektonische Interessen, sondern fixierte ihm dieselben sogar auf einen ganz bestimmten Punkt. ›Und was der Verstand der Verständigen nicht sieht, das findet in Einfalt ein kindlich Gemüt!‹ dachte er, wennschon das Zitat nicht ganz korrekt war, denn die besagte Mauer, von Komtesse Meldeck sehr richtig ›unvernünftig dick‹ genannt, hatte ihn längst beschäftigt, und ›einfältig‹ war die Tochter des Diplomaten sicher nicht zu nennen.

Mit diesen Einschränkungen stimmte es sonst. »Es kann sein«, sagte er nach einer Pause, »daß diese ›unvernünftige‹ Mauer nichts oder – alles mit meinen architektonischen Interessen an diesem Palaste zu tun hat. Setzen Sie immerhin Ihre Forschungen fort – aber reden Sie darüber besser mit niemand und erwähnen Sie namentlich nicht, daß ich mir diese Zimmer näher angesehen habe, als sich mit der Neugierde des Amateurs verträgt. Nicht wahr, Sie verstehen mich?«

»Annähernd!« versicherte sie. »Und darüber reden? Du lieber Himmel, mit wem denn? Mit meinem Vormund und seiner Frau? Die besorgen das Reden allein, und zu den Damen Terraferma oder zu der Gräfin Candiani, die verwandt mit ihnen ist, werde ich doch sicher nicht davon anfangen.«


* * *


In seinem Zimmer fand Windmüller einige Depeschen vor, die ihm von Nord und Süd wiederum nur die Nachricht gaben, daß die Principessa Terraferma weder in Rom noch sonstwo aufgetaucht war, noch auch hatten sich Zeichen bemerklich gemacht, die Ursache zu einer Beunruhigung nach dieser Richtung geben konnten, während ›man‹ über das Verschwinden der Agentin selbst auf der Botschaft in Rom direkt von Unruhe in Alarm übergegangen war. Also berichtete der ›Kronleuchterputzer‹; Windmüller wußte, daß er sich auf ihn verlassen konnte.

Windmüller sah sich nun vor einer doppelten Aufgabe: erstens das Dokument zu suchen, das, selbst wenn es hinfällig geworden, nicht in unberufene Hände fallen durfte, und zweitens dem Verbleib der Donna Xenia nachzuforschen, von der er nicht mehr zweifelte, daß sie ihrem gefährlichen Berufe zum Opfer gefallen war.

In dieser Betrachtung störte ihn das erste Zeichen zur Collazione, und nach wenigen Minuten betrat er den Salon der Marchesa, die er dort mit ihren beiden Enkeln vorfand.

Die alte Dame trat dem ihr noch unbekannten Gast des Hauses nicht ohne eine leichte Befangenheit entgegen; Don Gian hatte ihr zwar versichert, daß der berühmte Detektiv ein Doktor der Jurisprudenz und ein Gentleman obendrein sei, der in Rom von ›aller Welt‹ – worunter die Dame natürlich nur einen sehr beschränkten Teil der Menschheit verstand – empfangen wurde, aber sie hatte sich den Beruf doch nicht so recht damit zusammenreimen können. Der erste Blick auf die schlanke, hohe Gestalt mit dem ausdrucksvollen Kopf ihres Gastes beruhigte sie jedoch sofort und völlig; sie erhob sich lebhaft bei seinem Eintritt und reichte ihm die immer noch schöne, schlanke Hand.

»Ich heiße Sie doppelt willkommen, Herr Doktor«, sagte sie ernst, aber in der gewinnenden Art, die ihr eigen war. »Zuerst als Gast im Hause Terraferma und dann als Retter in schwerer Not.«

Windmüller küßte die ihm gereichte Hand in vollendeter weltmännischer Weise – respektvoll, wie es dem Alter und dem Range der Dame zukam, aber nicht servil und kriechend.

»Eccellenza müssen das Wenige, das ich in dieser Angelegenheit bisher habe tun können, nicht überschätzen«, sagte er abwehrend und doch erfreut wie immer, wenn er der Unschuld zu ihrem Rechte verholfen.

Don Gian fiel ihm sofort ins Wort. »Das Wenige!« wiederholte er. »Herr Doktor, Sie haben von mir den Verdacht genommen, ein Vaterlandsverräter zu sein. Ohne Sie wäre der Beweis dafür wohl kaum jemals ans Licht gebracht worden!«

»Nein – vielleicht nicht, wenigstens nicht gleich«, gab Windmüller lachend zu und fuhr fort: »Sie haben hoffentlich auch eingestanden, Herr Marchese, daß meine Methoden dabei Ihr starkes Mißfallen erregt haben.«

»Ich nehme das feierlich zurück«, versicherte Don Gian, Windmüller die Hand reichend. »Wie stünde ich jetzt da, wenn Sie sich daran gekehrt hätten!«

»Ich kehre mich nie an die Einwände derer, die meinem Berufe nicht angehören«, versicherte Windmüller sanft und mit einer Miene, als beklage er damit einen eigenen, leider unüberwindlichen Defekt, was auf den drei Gesichtern ein flüchtiges Lächeln hervorrief. Denn was auch dem Italiener im Auge des Ausländers fehlen mag – der Humor gehört nicht zu diesem Manko.

»Herr Doktor, ich fürchte durch Ihre Methoden unwissentlich einen Strich gemacht zu haben, indem ich unseren Majordomo in den Zweck Ihres Kommens einweihte«, begann die Marchesa mit einer leichten Verlegenheit. »Gian hat mir wenigstens Vorwürfe darüber gemacht. Nun hat aber Sebastiano durch seine, seines Vaters und Großvaters treue Dienste längst das Vorrecht erworben, Leid und Freud mit seiner Herrschaft teilen zu dürfen, ist eingeweiht in unsere Familienangelegenheiten und hätte es als Zurücksetzung betrachtet, in dieser Sache ausgeschlossen zu werden.«

»So lange er reinen Mund hält, kann er großen Schaden ja kaum mit seiner Mitwisserschaft anrichten«, entgegnete Windmüller trocken.

»Sebastiano ist kein Schwätzer – durch ihn werden unsere Familiengeheimnisse sicher nicht an die große Glocke kommen«, sagte die Marchesa mit Würde. »Glauben Sie mir, es ist wirklich besser, wenn er weiß, was vorgeht. Verfügen Sie ganz über seine Dienste!«

»Und über meine«, fiel Donna Loredana lebhaft ein. »Meine Großmutter und mein Bruder haben zwar ganz vergessen, uns förmlich miteinander bekannt zu machen, Herr Doktor; nun, so tue ich es eben selbst. Es ist so erfrischend, einmal unkonventionell zu sein. Alles in allem genommen, hat meine Schwägerin sich doch auch über das Konventionelle hinweggesetzt und ist ihre eigenen Wege gegangen. Mögen wir diese nun richtig finden oder nicht, so dürfen wir ihr die Anerkennung nicht versagen, daß sie Mut bewiesen hat. Es ist etwas Großes um den Mut, zu tun, was man für recht findet!«

»Gewiß. Die Frage wäre nur noch die: hat Ihre Durchlaucht die Prinzessin Terraferma in der Tat das Bewußtsein gehabt, recht zu handeln?« entgegnete Windmüller scharf. »Ihr jetziges Vaterland ist das ihres verstorbenen Gatten, und ob es recht ist, dieses zu verraten und den Bruder ihres Gatten hinterlistig zu berauben und seine bürgerliche Ehre, seine Existenz damit nicht nur aufs Spiel zu setzen, sondern mit größerer Wahrscheinlichkeit ein für allemal zu vernichten – darüber dürfte das Urteil eigentlich ziemlich abgeschlossen sein!«

»Ich verteidige sie nicht – wie könnte ich’s auch wohl, wenn doch mein eigener Bruder auf dem Spiele steht!« rief Donna Loredana. »Man kann aber jemandes Richtung verwerfen und doch vorurteilslos genug sein, ihm ein Ideal – sein Ideal zuzugestehen.«

»Das Ideal des Judas – die dreißig Silberlinge!« fiel Don Gian bitter ein. »Xenia hatte nicht genug, um ihre Sucht zum Luxus zu befriedigen, und da ging sie hin und – verkaufte ihres Gatten Vaterland, ihre eigene Seele! Ich – mein Leben, meine Ehre waren nur ein Zwischenfall dabei! Es ist gewiß edel von dir, daß du Xenia mit einem ›Ideal‹ zu verteidigen suchst, aber du verschwendest deine eigenen Ideale an einen Götzen mit tönernen Füßen. Warum auch nicht? Du bist ja noch jung genug dazu!«

»Xenia ist durchaus nicht mein Ideal – ich sprach nur von dem Rechte eines jeden, seine eigenen Wege zu gehen, und erkenne den Mut dazu an!« entgegnete Donna Loredana leidenschaftlich. »Ich glaube es nicht, daß sie es des Geldes wegen tat – ich glaube es einfach nicht! Laßt mir doch diesen Glauben! Besonders da ja nichts geschehen und es jetzt erwiesen ist, daß du, Gian, das Dokument nicht genommen hast!«

Windmüller hätte über diese jugendliche Logik fast gelacht, aber er unterdrückte es wohlweislich, schon um diese kleine Enthusiastin des ›eigenen Weges‹ nicht zu weiterer Opposition anzustacheln. Er nickte daher nur, murmelte ein leises ›Bravo!‹ und fügte dann hinzu: »Wir dürfen nicht übersehen, Donna Loredana, daß das Dokument verschwunden ist, und so lange es nicht wiedergefunden wird –«

Er hielt ein und zuckte mit den Achseln.

»So lange hängt diese Wolke über meiner Ehre«, vollendete Don Gian. »Natürlich, was ist dieser unbedeutende Umstand gegen Xenias Menschenrecht, ihre eigenen Wege gegangen zu sein!«

»Gian!«

Donna Loredana war rot und blaß geworden ein kurzer Kampf, und dann siegte ihre Liebe zu dem Bruder. Unbekümmert um die Anwesenheit des Fremden schlang sie die Arme um seinen Hals und küßte ihn, wie nur die Italiener ihre Verwandten küssen können, rechts und links mit erstaunlicher Energie. »Giannino mio!« schluchzte sie. »Wie konnte, wie konnte sie dir das nur antun, dir, der Nonna, uns allen – unserem Namen! Das Dokument – wir müssen das Dokument finden, ich werde es suchen – ich!«

»Nicht nötig, Lore, dazu ist ja der Herr Doktor gekommen!« erinnerte die Marchesa mit Betonung, aber Donna Loredana hatte einen anderen Ausgangspunkt für ihren Enthusiasmus gefunden und nahm mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen Besitz davon.

»Ich werde dem Herrn Doktor helfen«, erklärte sie mit dem Feuereifer, der ihre falsche erste Stellungnahme entschuldigen und gutmachen sollte.

Windmüller hatte aber, gestützt auf alte Erfahrungen, eine eingewurzelte Abneigung gegen die ›Hilfe‹ von Dilettanten, und er stand in solch einer Gefahr nicht einen Moment an, derartige Helfer geschickt und effektvoll ›kalt zu stellen‹.

»Bravo! Bravo!« rief er, mit großer Begeisterung in die Hände klatschend. »So ist es recht, Donna Loredana! Ja natürlich können Sie mir helfen! Sie haben doch ein Archiv im Haus? Natürlich – das habe ich angenommen! Nun wohl, so durchsuchen Sie es recht sorgfältig nach einem Wink über einen etwaigen geheimen Ausgang des Palastes. Sie würden uns damit einen immensen Dienst leisten!«

Donna Loredana war gleich Feuer und Flamme für eine Arbeit, die ihrer Neigung so sehr entsprach, und gelobte, gleich nach der Collazione zu beginnen.

›Die ist besorgt und aufgehoben!‹ dachte Windmüller befriedigt, und auf die Frage der Marchesa, ob er wirklich glaube, daß Donna Xenia einen solchen Ausgang benützt haben könnte, erwiderte er zur weiteren Anstachlung von Donna Loredanas Eifer, daß nach den vorliegenden Tatsachen eine derartige Annahme die einzige Möglichkeit zur Lösung des Rätsels sei.

»Und das Rosazimmer muß in irgendeinem Zusammenhang damit stehen!« rief die alte Dame. »Ich habe es hin und her überlegt – Xenias plötzliche Vorliebe für diesen Raum war mehr als eine Laune und hätte uns gleich verdächtig sein müssen. Aber wer denkt denn an solche unmöglichen Dinge? Und nun habe ich auch noch durch die Aufnahme dieser Fremden den Weg zu dem Rosazimmer abgeschnitten!«

»Aber ganz und gar nicht, Eccellenza«, sagte Windmüller beruhigend. »Ich war eben darin – es ist wirklich ein Raum, einer Königin würdig und wie geschaffen für seine jetzige Inhaberin.«

Don Gian sah seinen Gast mit einem fast drolligen Staunen an. »Wie in aller Welt« – begann er, hielt dann aber ein und setzte resigniert hinzu: »Ich glaube, Sie kommen in einen verschlossenen eisernen Kassenschrank, wenn Sie wünschen, hineinzugelangen.«

»Nichts einfacher als das!« erwiderte Windmüller lachend. »Übrigens hat mich die Inhaberin des Rosazimmers selbst und ganz freiwillig hineingeführt. Wir sind nämlich alte Bekannte. Es war also gar keine Hexerei dazu nötig. Sie sehen, Herr Marchese, daß bei einem Menschen wie mir nicht alles Geschicklichkeit und Geisteskraft, sondern auch sehr, sehr viel Glück ist, so was man im Deutschen ›Dusel‹ nennt.«

»Nein, wie interessant, daß Sie die Komtesse auch kennen!« rief Donna Loredana enthusiastisch. »Sie ist das schönste Wesen, das man sehen kann – viel schöner wie Xenia. – Ich sage dir, Gian, sie hat Haare wie – wie gesponnenes Gold? Nein, das ist noch zu gelb – wie Gold mit einem Silberschleier darüber –«

»Ja – wie Platina!« bestätigte Don Gian unter dem Eindruck einer Erinnerung. »In ganz kleinen, gerippten Wellen dahinfliegendes Platina, das oben wie poliertes Silber aussieht und tiefe, goldene Schatten hat. Solche Haare sind, glaube ich, sehr selten.«

»Ich habe sie nur einmal zuvor in meinem Leben gesehen – bei einer Florentinerin«, bemerkte die Marchesa sinnend. »Das war vor vielen, vielen Jahren. Aber dieses Mädchen hatte dunkle, fast schwarze Augen, und die junge Dame unten hat blaue – so blaue, durchsichtig blaue, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe. – Sie also bewohnt das Rosazimmer? Nun ja, sie hat den weißen, alabasterartigen Teint dazu, wie ihn die Königin von Polen hatte, falls Rosalba Carriera ihr nicht schmeichelte. Dieses Rosa unten ist wirklich nur für veronesische Blondinen –«

Der Eintritt Sebastianos, der die Collazione zu melden kam, unterbrach das Gespräch, das sich natürlich in Gegenwart der Dienerschaft nur um ganz allgemeine Dinge drehen konnte.

Als Windmüller sich nach beendeter Mahlzeit von den Damen verabschiedete und der Einladung des Marchese zu einer Zigarre in dem Zimmer des letzteren folgte, fragte dieser, kaum, daß sich die Tür hinter ihnen geschlossen, ob über den Verbleib von Donna Xenia etwas in Erfahrung gebracht worden sei.

Windmüller stand nicht an, das Wenige, das er erfahren, zu erzählen. »Also entweder war die Bestellung des Gondoliere überhaupt nur eine Finte, oder Donna Xenia hat in der Zwischenzeit Nachrichten erhalten, die es wünschenswert erscheinen ließen, sich auf einem anderen Wege aus dem Palast zu entfernen. Diese Nachrichten können mit der Post gekommen sein. Es ist aber natürlich nicht ausgeschlossen, daß sie auch auf einem anderen Wege zu ihr gelangt sind – durch eine vorüberfahrende Gondel, durch mündliche Mitteilung eines Boten. Daß sie selbst während ihrer kurzen Anwesenheit im Palazzo Terraferma diesen nicht verlassen hat, scheint durch die Aussagen des Portiers erwiesen. Vielleicht fragen Sie noch einmal nach, ob Briefe, Telegramme, Botschaften irgendwelcher Art für sie eingetroffen sind. Das Verschwinden Ihrer Schwägerin wird, wenn es in den nächsten Stunden nicht aufgeklärt werden kann, vielleicht morgen schon von allen Zeitungen gemeldet und kommentiert werden – es liegt also keine Veranlassung mehr vor, offiziell ihre Privatangelegenheiten mit Diskretion zu behandeln. Im Gegenteil – jede, auch die kleinste Einzelheit kann zum wichtigen Schlußsteine werden.«

»Gut – ich werde Agostino und Sebastiano fragen. Der erstere nimmt zwar die Briefe von dem Postboten in Empfang, aber ich zweifle, daß er sich die Adressen besonders ansieht – er ist kein Schriftgelehrter. Sebastiano aber holt die Post selbst und allein vom Portier ab, der sie nur ihm auszuhändigen hat, sortiert und verteilt sie dann. – Nehmen Sie indes Platz, Herr Doktor – hier sind die Zigarren!«

»Freilich – ich bin ja nur hergekommen, um Zigarren zu rauchen«, brummte Windmüller, nachdem der Marchese das Zimmer verlassen, und gleichzeitig stand er auch schon in dem Türrahmen zwischen Wohn- und Schlafzimmer – vielmehr er kauerte sich darin nieder und betrachtete, mit dem Finger den Paneelfüllungen nachgehend, diese auf das allergenaueste.

»Hier – rechts oder links muß der Haken unbedingt sitzen«, murmelte er. »Daß hier wie unten im Rosazimmer nichts hohl klingt, ist kein Beweis – gar keiner. Wenn man schon geheime Verbindungen oder Schlupfwinkel hergestellt hat, dann ist auch bombensicher dafür gesorgt worden, daß nicht jeder, der mit dem Ellbogen dagegenstößt, sofort heraus hat: ›Aha! Hier kannst du suchen, wenn du Lust hast!‹ Man darf auch hundert gegen eins wetten, daß die, so hier zu suchen kamen, jede Wand, jedes Paneel hübsch abgeklopft haben. Also mit Klopfen ist nichts zu holen. Suchen, suchen und wieder suchen –«

Als Don Gian nach kaum viertelstündiger Abwesenheit in sein Zimmer zurückkehrte, fand er seinen Gast der Länge lang auf dem Boden zwischen der Tür nach dem Schlafzimmer liegen, anscheinend bemüht, den Ritz zu betrachten, der zwischen Schwelle und Füllung an der rechten, der Fensterseite, deutlicher sichtbar war, als auf der gegenüberliegenden.

»Holz verhält sich ja natürlich nicht gleichmäßig; eins zieht sich mehr zusammen als das andere, je nachdem es trocken und abgelagert war, und je nachdem die von außen eindringende Feuchtigkeit es berührt«, sagte er, ohne seine Stellung zu verändern. »Dieser Ritz braucht in keiner Weise anders entstanden sein, als der da drüben. Aber er ist suggestiver. Haben Sie ein Wachszündholz bei sich, Marchese?«

Don Gian reichte Windmüller die ganze Schachtel, die auf dem Tische stand. »Es sind leider keine dicken«, sagte er bedauernd. »Darf ich fragen, was Sie da suchen? Ich meine, ist Ihnen etwas heruntergefallen?«

Windmüller hörte die Frage nicht, oder er überhörte sie. Ohne sich zu erheben, strich er ein Wachslichtchen an und leuchtete damit die Spalte ab. Dann bat er Don Gian, dasselbe für ihn zu tun, und während der venezianische Patrizier und Diplomat ohne Widerrede gleichfalls auf dem Boden lag und diese Arbeit verrichtete, führte Windmüller die lange, dünne Klinge seines Taschenmessers in den Ritz hinein und diesen entlang.

»Ich habe auch schon versucht, ob sich das Paneel mit der Messerklinge nicht heben läßt, und die Spitze dabei abgebrochen«, sagte Don Gian mehr mit der Absicht zu warnen, als Windmüller von seinem Bemühen abzubringen. »Auf der anderen Seite ist das Messer nicht so tief eingedrungen, wie hier.«

»Natürlich mußte die Spitze beim Hebenwollen abbrechen«, murrte Windmüller. »Ich habe gar nicht die Absicht, dies gute Messer einem offenbar fruchtlosen Versuche zu opfern – auch eigentlich nicht die, Ihre Spitze wieder ans Tageslicht zu befördern. Oder haben Sie zwei abgebrochen?«

Don Gian verneinte, und Windmüller kratzte und schippte mit seiner Klinge im Ritz entlang mit einem »Nun also!« den darin angesammelten und fest gewordenen Staub heraus, den er sodann abermals mittels des Messers auf ein Stückchen Papier zusammenfegte, das Don Gian ihm reichen mußte.

Hierauf richtete er sich aus seiner unbequemen Stellung auf, begab sich sodann ans Fenster und unterzog den Staub einer sehr eingehenden Untersuchung.

»Da haben Sie Ihre Messerspitze!« sagte er, das Partikelchen mit seinem Instrument herausholend. »Und hier«, fuhr er fort, auf ein kreisrundes, glänzendes Plättchen deutend, das er aus dem Staube ausgesondert, »hier haben Sie den Beweis, daß Donna Xenia an jenem Abend, in jener Nacht in Ihrem Zimmer war. Ein sehr, sehr wertvolles Stück, Herr Marchese!«

Don Gian sah den winzigen Gegenstand an, dann seinen Gast und schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht –«, begann er befremdet.

Windmüller aber blies, den Finger auf die kleine Scheibe legend, den Staub zum Fenster hinaus und betrachtete dann liebevoll seinen Fund. »Es ist eine Paillette im allgemeinen, ein Stahlflitter im besonderen, und mit solchen ist das schwarze Kleid gestickt, das wir heute früh hier aus dem Koffer nahmen, das Kleid, das Donna Xenia an jenem Abend getragen und dann nebst einigen interessanten Spinngeweben eingepackt hat. Verstehen Sie nun? Die Nadel und der Faden, mit dem diese Flitterchen durch das darin bemerkbare Loch dem Stoffe aufgestickt werden, sind auch spinnwebendünn, der Rand des Loches aber ist scharf und schneidet den Faden leicht durch, und das Flitterchen fällt herab und wird zum Verräter einer Gegenwart, für die sich ein Beweis sonst schwer oder gar nicht führen ließe. Darum ist diese kleine Stahlpaillette, die im Lichte aufleuchtete, ein stummer Zeuge, der beredter ist als vielleicht zehn lebende. Ein neuer Beweis, Herr Marchese, daß man auch an seine Toilette denken muß, wenn man auf den Pfaden wandelt, die das Licht scheuen oder scheuen müssen! Freilich, wer denkt an eine Paillette, die den sie haltenden Faden durchschneidet, damit ein Unschuldiger nicht leiden muß! Glauben Sie, daß es ein ›Zufall‹ war, der diesen Faden gerade in dieser Stunde und an diesem Orte reißen ließ? Ich nicht, denn es gibt überhaupt keinen Zufall. Ein törichteres, gedankenloseres Wort als dieses ist nie gemünzt worden. Die Frage, wie diese Paillette dort in den Ritz zwischen Schwelle und Türrahmen gekommen ist, tritt mit jener, wie Donna Xenia des Nachts in Ihr Zimmer gelangte, für den Augenblick in den Hintergrund. Genug, daß die Paillette da ist, um für die Gegenwart der Dame zu zeugen. Wahrscheinlich ist der Gegenstand in den Ritz hineingefegt worden, ohne von dem reinigenden Mädchen bemerkt worden zu sein. Nun, und hat sie sich nach dem glitzernden Dinge gebückt, dann hat sie sich dabei entweder gar nichts oder allerlei gedacht. Das hängt von der geistigen Veranlagung dieser Zimmerfee ab, und Sie werden mir zugeben, daß eine Paillette von der Toilette einer Dame, im Zimmer eines Junggesellen gefunden, mindestens eines Fragezeichens wert ist. Haben Sie ein Stückchen Seidenpapier? Wir wollen diese kostbare Paillette darin sorgsam einpacken und das wichtige Beweisstück zunächst in meiner Brieftasche verwahren. – Ihre Nachfrage wegen Briefen an Donna Xenia war natürlich resultatlos?«

»Gänzlich«, erwiderte Don Gian. »Der Portier und sein Stellvertreter verneinen ferner mit Entschiedenheit, daß jemand mit einer Botschaft an meine Schwägerin dagewesen ist. Sie hat übrigens während des Nachmittags ihrer Anwesenheit hier das Haus nicht verlassen.«

»Das hatte ich schon festgestellt«, bemerkte Windmüller. »Übrigens – wer wohnt hier gegenüber in diesem großen Palaste?«

Er deutete auf den langen Seitentrakt des Renaissancegebäudes jenseits des Sackkanals, das mit seinen verschlossenen Fensterläden einen verlassenen Eindruck machte. Nur im Mezzanin6 waren ein paar Fenster geöffnet, mit Blumenstöcken besetzt und mit zum Trocknen aufgehängten kleinen Wäschegegenständen dekoriert.

»Nur der Besitzer wohnt darin, Conte Asolo« antwortete Don Gian mit leichtem Erstaunen über diesen Seitensprung. »Er ist noch auf seinem Landgut bei Padua. Die Nordseite des Palastes, der zwar fast so tief ist wie der meine, aber im Verhältnis sehr schmal, ist als Magazin vermietet, sonst hat aber Asolo – glücklicher Mensch! – sein Haus für sich behalten. – Wobei mir einfällt, daß meine Großmutter unsere Mieter heute zum Diner erwartet. Sie sagten ja, daß Sie die Leute kennen – nicht wahr?«

»Nur die junge Dame«, erwiderte Windmüller zerstreut, den Blick auf das Haus gegenüber heftend, in dessen einem offenen Fenster im Mezzanin jetzt eben eine behäbige Frau die aufgehängte Wäsche auf ihren Trockengrad prüfte.

»Ich bin ihr eben auf der Treppe begegnet«, erzählte Don Gian, ebenso zerstreut. »Meine Großmutter hat recht – ich habe auch noch nie solche eigentümliche blaue Augen gesehen, wie die ihrigen. Und solch blonde Haare«, setzte er in der Erinnerung an die Vision der vergangenen Nacht hinzu. »Und solch einen – einen muschelähnlichen Teint!« schloß er mit der Energie der Überzeugung.

»Wie?« fragte Windmüller, der nur mit einem Ohr sozusagen zugehört hatte. »Oh – Sie reden von Komtesse Meldeck! Ja, sie ist auffallend hübsch und nett, aber das ist leider heutzutage keine Mitgift. Sie hat nichts. Damit ist ihr Urteil gesprochen, es ist gewissermaßen die Warnungstafel gegen das Verlieben.«

»Es scheint so, denn Tante Candiani hat sie auch schon hier aufgestellt und selbst meine sonst ganz ideal veranlagte Nonna hat sich verpflichtet gefühlt, mir den Text gut einzuprägen«, sagte Don Gian achselzuckend. »Schon weil mein Bruder eine gänzliche Nichtachtung davor bewiesen hat. Womit wir wieder bei der brennenden Frage, meiner Schwägerin, angelangt sind. Der Fund dieser Paillette ist ja gewiß ein sehr wertvoller; denn er beweist, daß Xenia in meiner Wohnung war, aber sie kann das Ding auch verloren haben, ehe ich in jener Nacht meine Wohnung betreten, während ich droben bei meiner Schwester verweilte. Da standen ihr noch die Türen offen, durch die sie kommen und gehen konnte. Der Beweis dafür, daß sie nachts kam – auf einem geheimen Wege – , während ich im tiefen künstlichen Schlaf einfach ausgeschaltet war, ist also diese Paillette eigentlich nicht! Ich meine: nicht für jene, die für diese meine Aussage eine Erhärtung verlangen können, wollen oder – müssen.«

Windmüller nickte. »Sie haben den Finger auf den einen schwachen Punkt gelegt, der diesen kleinen und doch so großen Zeugen für Ihre Aussage angreifbar machen könnte. Daß der Einwand von Ihnen selbst erhoben wird, erfüllt mich mit neuem Eifer für Ihre Sache, denn Leute, die einen Schatten zu zerstreuen haben, pflegen sich nicht selbst vor das Licht zu stellen, das ihnen angezündet wird. So – und nun lassen Sie mich wieder an die Arbeit gehen. Ich sehe eine Möglichkeit für eine Spur und darf die Zeit, um sie zu finden, nicht vergeuden.«


* * *


Kurz darauf verließ Windmüller den Palast auf der Landseite durch die eine für den Verkehr benützte Tür, die in die Calle Terraferma hinausführte. Daß die Fenster des Piano nobile auf dieser Seite mit kunstvoll gearbeiteten, zum Teil vergoldeten schmiedeeisernen Gittern versehen waren, mochte sich in der besseren Angreifbarkeit der Landfront begründet haben, doch da diese Sicherheitsmaßregel im allgemeinen nicht gebräuchlich war, so hatten vielleicht auch andere Bedenken Veranlassung dazu gegeben.

Windmüller ging die Calle nach Norden zu hinauf, bog um die Ecke und erreichte den großen, palastumsäumten Platz, auf dem der Landeingang zu dem Palazzo Asolo liegt, denn der Winkel, den dieses Gebäude am Ende des Sackkanals macht, bildete den Teil, der als Magazin vermietet worden war.

Er kannte genügend die Geschichte des venezianischen Patriziats, um sich zu erinnern, daß die Familie Asolo nicht zu den ›Tribunen‹ der Republik gehört, sondern erst im siebzehnten Jahrhundert eingewandert war und sich – wie viele andere – durch reiche Geschenke die Eintragung in das ›Goldene Buch‹ erkauft hatte. Windmüller wußte das wohl, konnte sich hingegen nicht erinnern, den Palazzo Asolo jemals als reich an Kunstwerken rühmen gehört zu haben, trotzdem läutete er an der verschlossenen Tür und fragte die behäbige Frau, die zu öffnen kam – es war dieselbe, die vorhin die Wäsche aufgehangen – mit der ganzen Harmlosigkeit des Touristen, ob es erlaubt sei, den Palazzo zu besichtigen.

Die Frau, der diese Frage wahrscheinlich zum ersten Male im Leben gestellt wurde, machte schon den Mund zu einer ablehnenden Bemerkung auf, Windmülles Erscheinung war aber eine so entschieden ›herrschaftliche‹ und der Gedanke an ein gutes Trinkgeld daher so naheliegend, daß die Frau die verneinende Antwort wieder hinabschluckte und dafür etwas zögernd zugab, daß der Signor Conte zwar nie ein Verbot gegen die Besichtigung des Palazzo durch Fremde erlassen habe, daß aber auch dafür nicht viel zu sehen sei, worauf Windmüller meinte, sie sei da offenbar viel zu bescheiden, denn ein venezianischer Palast, selbst wenn er leer sei, sei immer noch sehenswerter als irgendeiner anderswo, und wenn es nicht zu viel Mühe mache – er würde sich gern erkenntlich zeigen –

Und so folgte er denn alsbald seiner Führerin die Hintertreppe hinauf ins Piano nobile und durchwanderte mit ihr, die die Fensterläden zu öffnen vorausging, eine Reihe recht hübscher Räume, die hauptsächlich mit Familienbildern geschmückt waren, namentlich aber wertvolle, eingelegte Möbel enthielten und sicherlich einen durchaus vornehmen Eindruck machten. Windmüller nahm indes davon nur sehr flüchtig Notiz, während er sich von der Frau des Portiers, als welche er sie sehr richtig vermutet hatte, die Familiengeschichte der Asolo erzählen ließ. Das war eine seiner ›Spezialitäten‹, daß er die Leute durch geschickt gestellte Fragen und Bemerkungen zum Plaudern brachte, und es gab nur wenige, bei denen diese Kunst versagte.

Nachdem der große Salon, der die Front des Hauses einnahm, gebührend bewundert worden war, gelangten sie dahin, wohin Windmüller von vornherein gestrebt, in eine lange, schmale Galerie der Westseite, die mit alten, wertvollen Gobelins behangen, mit Waffen und Büsten auf Marmorkonsolen geschmückt war. Diese scheinbar mit besonderem Interesse betrachtend, trat Windmüller wie von ungefähr an eines der geöffneten Fenster nach dem Sackkanal.

»Ah, der Palazzo Terraferma – nicht?« fragte er hinüberdeutend. »Ich kenne nämlich den Marchese – von Rom her. Schade, daß er sein schönes Haus hier nicht bewohnt. Ein liebenswürdiger Herr – und seine Schwägerin, die Principessa, eine so schöne Dame!«

»Sicher – sicher!« gab die Frau eifrig zu. »Und so jung schon Witwe! Nun, man sagt, sie tröstet sich ganz gut in Rom. Sie ist jetzt zum Besuch der alten Marchesa hier – oder war da, was weiß ich. Es ist ihr wohl zu still in dem einsamen Haus. Nun, schließlich will die Jugend auch ihr Recht haben.«

»Das will sie – das will sie!« bestätigte Windmüller. »So, so! Also die Frau Principessa war hier! Wohl erst unlängst? Ich sah sie doch erst vorige Woche in Rom!«

»Eh – wie lange ist’s her? Zwei – drei Tage erst, da sah ich sie dort an jenem Fenster im Piano nobile«, plauderte die Frau, indem sie auf eines der offenen Fenster des Rosazimmers deutete. »Es war am frühen Nachmittag, und sie hatte den Hut auf, einen schönen, schillernden, grauseidenen Reisemantel an und zog sich gerade die Handschuhe aus. Wahrscheinlich war sie eben angekommen, und ich wunderte mich, warum sie gleich in die unbewohnten Zimmer gegangen ist.«

»Nun, sie wird wohl dort immer wohnen, wenn sie nach Venedig kommt«, meinte Windmüller unschuldig.

»Wer wird denn in den Prunkzimmern wohnen!« wehrte die Frau diese unerhörte Zumutung ab. »Die Frau Principessa hat ihre Wohnung drüben auf der anderen Seite, im dritten Stock, gerade über den Zimmern der alten Marchesa! Sie hatte aber doch wohl gewechselt, denn ich sah sie am Abend, gerade als ich schlafen ging und das Fenster schloß, im zweiten Stock am Fenster. Sie hatte ein schwarzes Kleid an, ganz mit Flittern bestickt, die im Mondschein nur so funkelten. Ich hatte das Licht schon ausgelöscht und stellte mich hinter den Vorhang, um sie anzusehen. Madonna mia! Was sah sie prächtig aus! Ich konnte sie gut sehen, denn sie bog sich zum Fenster heraus und goß dann eine Wasserflasche in den Kanal, und ich sah dabei die Ringe an ihrer weißen Hand funkeln –«

»Dio mio!« machte Windmüller. »Eine so große Dame und gießt selbst ihre Wasserflasche aus!«

»Ja, ich meine, sie muß eine Vorliebe dafür haben, denn ich sah sie’s noch zweimal in derselben Nacht und an demselben Fenster tun«, rief die Frau mit gutmütigem Lachen.

»Nein, so etwas!« rief Windmüller mit gutgespieltem Staunen. »Zweimal noch?«

»So ist’s, Signor! Es war eine heiße Nacht, und ich konnte nicht schlafen und dachte mir, wenn das Fenster offen wäre, könnte es auch meinem Mann nicht schaden, der zwar fest, aber unruhig schlief. Es war der Schirokko, Signor, der Schirokko! – Also, ich stand leise auf, und wie ich ans Fenster trete, sehe ich drüben, oben in der zweiten Etage, Licht und das Fenster offen stehen. Und wer steht darin? Die Frau Principessa wieder mit der Wasserflasche in der Hand und gießt sie aus! Dann trat sie ins Zimmer zurück, und nach einer kleinen Weile kommt sie wieder und schüttet dieselbe Flasche nochmals aus, indem sie sie schwenkte, wie um sie auszuspülen. Dann machte sie den Fensterladen wieder zu.«

»Ah – sie hat vielleicht auch nicht schlafen können –«

»Sie war ja noch angezogen, Signor, nicht mehr in dem funkelnden schwarzen Kleide, sondern in einem anderen Straßenkleide – mich dünkt, es war grau. Und es muß doch Mitternacht vorbei gewesen sein. Nun, es geht mich ja nichts an. Mein Mann pflegt immer zu sagen: Filomena, sagt er immer, laß die Leute tun, was sie wollen, und halte den Mund dazu.«

»Ein sehr weiser Mann, Ihr Gatte, Signora!« lobte Windmüller mit einem leisen Lächeln über den Erfolg dieser Lehre.

»Er ist ein Mann, der die Welt gesehen hat, denn er war schon einmal in Mailand«, verkündete Filomena mit berechtigtem Stolze. Ebbene, er war der Ansicht, daß ich entweder geträumt oder mich geirrt haben müßte, und wir haben uns fast darüber gestritten. Nicht darüber, daß ich die Frau Principessa die Flasche ausgießen sah, sondern wo! Als ob ich nicht wüßte, was der zweite Stock und was der Piano nobile ist! Das merkwürdigste dabei ist bloß, daß ich selbst ganz irre geworden bin. Ich lag nämlich, nachdem ich die Frau Principessa eine Weile den Laden schließen gesehen hatte, immer noch auf den Schlaf wartend, in meinem Bette – bei offenem Fenster, Signor – , da höre ich wieder über den Kanal herüber einen Laden aufmachen. Madonna mia, denke ich mir, will sie schon wieder die Flasche ausgießen? Ich mußte über den Gedanken lachen, und weil ich doch gern wissen wollte, ob das wirklich eine Liebhaberei von ihr ist, stehe ich also leise auf und schaue hinüber, so, daß man mich nicht sehen konnte; denn man will doch nicht, daß jemand von einem glaubt, daß man spioniert! Nun, ich denke wirklich, ich sehe nicht recht, denn der Laden droben ist fest zu und der darunter im Piano nobile halb offen, und die Signora Principessa lehnt sich zum Fenster heraus, den Hut auf dem Kopfe und den Mantel an, gerade wie ich sie am Nachmittag zuvor gesehen habe. Es war eine so helle Nacht, Signor, der Mond am Himmel, wennschon er jetzt hinterm Hause war, daß ich ihr weißes Gesicht unter dem großen schwarzen Hute ganz deutlich sehen konnte, und es war auch Licht im Zimmer hinter ihr. Sie schaute um den halboffenen Fensterladen herum nach dem Kanal, machte dann schnell den Laden wieder zu und das Licht, das durch die Ritzen schimmerte, erlosch gleich darauf. Ich trat nun bis an mein Fenster heran, denn ich war nun doch neugierig geworden, was mir keiner verdenken kann, Signor – Sie hätten es auch nicht anders gemacht –«

»Sicher nicht«, flocht Windmüller ermunternd ein.

»Nun ja, wenn eine so große Dame in der Nacht – es muß schon fast zwei Uhr gewesen sein – im Hut und Mantel zum Fenster herausschaut! Va bene, wie ich also am Fenster stehe – am halbgeschlossenen hinter dem Vorhang, denn man will doch nicht zeigen, daß man ein bißchen neugierig ist – da sehe ich eine geschlossene Gondel am Palazzo entlang kommen! Aha, denke ich mir, jetzt wissen wir ja, warum sie den Hut aufhat – sie will abreisen. Nun, hatte ich so viel gesehen, wollte ich auch noch zuschauen, wie sie in die Gondel drüben am Portal steigt – eine Principessa steht man nicht alle Tage abreisen, das ist für unsereins gerade so, als ob man im Theater wäre. – Nun, Signor, mögen Sie mir’s glauben oder nicht – die Gondel fuhr nicht zum Portal, sondern legte zwischen den beiden Fenstern dort, gerade wo die Lastra ist, an! Und dort blieb sie wie festgenagelt liegen – ein, zwei Stunden, was weiß ich! Nun, ich warf einen Rock über, denn mich fing an zu frieren trotz der warmen Nacht, und blieb am Fenster und wartete, denn wer kann denn einsteigen, wenn keine Tür da ist, um herauszukommen, und wer durch eine Mauer kann, dem muß der Leibhaftige schon helfen! Es war mir ganz unheimlich dabei, Signor! Und was hatte die Gondel hier in der Nacht sonst zu tun, wenn sie nicht auf jemand wartete, so frage ich! Aber niemand kam, der Gondoliere saß auf seiner Poppa und gähnte zum Erbarmen – ich dachte mir aber, du bleibst auf deinem Posten und wartest, und wenn die Sonne drüber aufgehen sollte, denn wer hatte je schon so etwas gesehen? Wie ein Steinbild stand ich hinter dem Fenster und wartete, hörte, wie der Gondoliere leise vor sich hinfluchte, und endlich fuhr er wieder davon! Nun, mein Mann hat den Kopf geschüttelt, wie ich’s ihm erzählte, und wir stritten uns fast darum, und dann sagte er: Filomena, sagte er, lasse die Leute tun, was sie wollen, und halte den Mund dazu! Das habe ich dann auch getan, Signor, das habe ich redlich«, schloß sie mit einem Seufzer der Erleichterung.

Windmüller lobte die bewiesene Enthaltsamkeit, indem er sich fragte, ob die ganze oder nur die halbe Nachbarschaft eine Stunde später die Geschichte schon gewußt – die halbe sicherlich, falls der brave und weise Mann nicht dem Grundsatz huldigte, daß man sich nach seinen Worten und nicht nach seinen Taten zu richten habe. Er, Windmüller nämlich, besah dann den Rest der Ca’ Asolo mit scheinbar ungemindertem Interesse und verabschiedete sich von Frau Filomena mit vielem Dank und einem warmen Händedruck, dessen Betrag einen sehr tiefen Knicks von seiten der würdigen Dame und ein halbes Dutzend »Mille grazie, Senor Eccellenza« auslöste.

Windmüllers erwiderndes Lächeln aber verschwand sofort von seinem Gesicht, nachdem die Hintertür des Palazzo Asolo hinter ihm zugefallen war. Er ging, ohne sich weiter aufzuhalten, zurück in den Palazzo Terraferma, erreichte  in  diesem  sein  Zimmer,  ohne jemand zu begegnen, und versank dort in tiefes Nachdenken.


* * *


Ein halbe Stunde vor Beginn der Tafel klopfte der Marchese an Windmüllers Tür und fand seinen Gast in Hemdärmeln am Schreibtische sitzend, sonst aber auch schon für die feierliche Stunde gerüstet.

»Ah!« sagte er aufsehend und seinen Wirt mit Wohlgefallen betrachtend, »schon im Kriegsschmuck? Mein Grundsatz, nie ohne das grausige Kleidungsstück, Frack genannt, zu reisen, hat sich, wie ich sehe, wiederum bewährt. Es steht Ihnen aber gut, sehr gut sogar – was entschieden von der Figur abhängt, die einem der Himmel auf diese irdische Pilgerfahrt mitgegeben hat, und – vom Schneider. Nur die Gardenie in Ihrem Knopfloch – – hm! Sehen Sie, eine gütige Fee, wie ich sie in Ihrer Frau Großmutter vermute – sie hat entschieden etwas von solch einem Wesen – , hat einen Nelkenstrauß in mein Zimmer stellen lassen. Suchen Sie sich eine davon aus, und lassen Sie die Gardenie dafür zurück.«

»Ja warum denn in aller Welt?« fragte Don Gian erstaunt, von seinem Gast auf die wachsweiße, exotische Blume herabsehend, die seinem tadellosen Frack eine besondere Distinktion verlieh.

»Ich kenne jemand in unserem heutigen Kreise, dem der Gardenienduft zu schwül ist und Unbehagen macht«, erwiderte Windmüller mit leisem Lächeln. »Idiosynkrasie, wenn Sie wollen, aber solche Abneigungen kommen vor und sind schwer zu bekämpfen. Das kann Ihnen freilich ganz gleichgültig sein und ist ja auch nur ein Vorschlag von mir, weil ich diese kleine Eigentümlichkeit meiner jungen Freundin zufällig kenne.«

Don Gian zog ohne ein Wort zu sagen die Gardenie aus seinem Knopfloch und steckte eine gelbe Nelke aus dem Blumenstrauß, der auf dem Tische in einem schlanken venezianischen Glase stand, an. »Ecco« sagte er, »und besten Dank. Verzeihen Sie, Herr Doktor, wenn ich Sie störe, aber ich habe Sie den ganzen Nachmittag nicht mehr gesehen und möchte doch nun gern wissen, ob Sie in unserer Angelegenheit weiter gekommen sind.«

»Das ist mit Ja oder Nein nicht ohne weiteres zu beantworten«, erwiderte Windmüller nach einer Pause, während welcher er seine Papiere wegschloß. »Ich wollte noch ein paar Nachrichten abwarten, ehe ich Sie aufsuchte. Diese Nachrichten habe ich erhalten. Sie sind, um es kurz zu sagen, alle auf demselben Punkt wie die früheren: Ihre Frau Schwägerin ist nirgends aufgetaucht und gesehen worden, das Dokument scheint mit ihr verschwunden zu sein, denn nicht das geringste Zeichen, daß es in die – unrechten Hände geraten sei, hat sich in dem diplomatischen Verkehr zwischen Ihrem Vaterland und der Pforte bemerkbar gemacht –«

»Gott sei Dank!« fiel Don Gian inbrünstig ein.

»Die Gefahr, die damit verbunden war, darf also als vorübergegangen betrachtet werden«, fuhr Windmüller fort. »Die drei Tage, die seit dem Verschwinden des Vertrages vergangen sind, haben mehr als genügt, um die Sache auszugleichen, und sollte das Dokument jetzt noch irgendwo auftauchen, so kann es einen Schaden nicht mehr verursachen. Die Gefahr lag ja nur in der unmittelbaren Ablieferung in die Hände derer, die ein Interesse daran hatten, dem Abschluß des Vertrages entgegenzuarbeiten, der inzwischen – dank Ihrem sofortigen Bericht – erfolgt ist. Diese Tatsache liegt vor und schließt jede Gefahr aus – nur ihre Verhinderung konnte eine werden. Doch das wissen Sie so gut wie ich. Es sollte nur erwähnt werden, um Sie durch die Kenntnis von dem Fehlschlagen des Anschlags zu beruhigen, das im übrigen nicht die Schuld des Gegners war.«

»Gott sei Dank!« sagte Don Gian noch einmal und dann fuhr er mit unwillkürlich gedämpfter Stimme fort: »Aber was ist dann aus meiner Schwägerin geworden? Glauben Sie, daß sie einer Gegenintrige zum Opfer gefallen, vielleicht gar –«

Er hielt mit einem Schauder ein, denn so wenig er seines Bruders Witwe liebte, so war das Unausgesprochene doch zu furchtbar, um ihm Worte zu geben.

»Sie meinen, ob sie entweder entführt oder gar ermordet worden ist?« vollendete Windmüller ernst. »Nein. Ich bin von diesen beiden Möglichkeiten deshalb stark zurückgekommen, weil in jedem der beiden Fälle das Dokument längst zum Kauf denen angeboten worden wäre, für die es entwendet worden ist. Wer seinen Wert so kannte, daß er es durch das Äußerste zu erlangen suchte, würde nicht bis heute gewartet haben, es um hohen Preis zu verkaufen. Ich glaube auch nicht, daß Ihre Schwägerin damit das Weite gesucht hat, denn es wäre ja einfach Wahnsinn, sich mit ihren – Brotgebern zu entzweien. Man könnte zwar noch den Fall setzen, daß ihr plötzlich das Gewissen geschlagen hat – unterwegs, auf der Fahrt zum Verrat, und daß sie, diese unterbrechend, sich verborgen hält, bis etwas Gras über die Sache gewachsen ist. Jedoch halte ich dafür, daß erstens Ihre Frau Schwägerin, nachdem sie schon soweit gegangen war, ihr Gewissen längst über Bord geworfen, und dann müßte sie auf dem Wege von hier nach Rom irgendwo gesehen worden sein. Das ist aber nicht der Fall. Was ich zu glauben anfange, ist, daß Donna Xenia auf einem noch unaufgeklärten Wege die Nachricht von einer ihr drohenden Gefahr erhalten hat – nach der Tat, wohlverstanden – und daß sie, da sie nicht wagen darf, das Haus zu verlassen, und doch den Boden darin zu heiß für sich verspürt, einen Schlupfwinkel darin gefunden hat – mit anderen Worten, daß sie noch unter diesem Dache weilt und zu bleiben gezwungen ist, bis sie glaubt oder weiß, sich mit Sicherheit entfernen zu können.«

Don Gian war so starr vor Überraschung über diese mögliche Lösung, daß er Windmüller wie geistesabwesend ansah, und das war viel für eine so intelligente Physiognomie wie die seine. Dann aber machte er eine abwehrende Handbewegung. »Herr Doktor«, begann er und fand damit seine Haltung wieder, »nehmen wir an, dieses Haus hat solche Schlupfwinkel – wahrscheinlich sogar hat es welche. Wenn meine Schwägerin einen mir unbekannten Weg kennt, um in mein Zimmer bei verschlossenen Türen und Fenstern zu gelangen, so wird sie schon noch mehr von den Geheimnissen dieses Hauses wissen, aber – ein Mensch kann doch nicht tagelang ohne jede Nahrung leben!«

»Sicher nicht«, gab Windmüller sofort zu. »Es ist aber möglich, sich nachts, wenn alles schläft, heimlich zu verproviantieren, oder jemand hier im Hause besorgt dieses Geschäft. Ich neige der letzteren Ansicht zu.«

»Per bacco!« machte Don Gian verblüfft »Aber wer? Tatsache ist, Herr Doktor, daß meine Schwägerin bei den Dienstboten im Hause nicht beliebt ist. Sie hat eine von der unseren stark abweichende Art, mit ihnen umzugehen und –«

»Lieber Herr Marchese, Ihre Schwägerin ist, soviel ich weiß, nicht knauserig, und Geld hat die unleugbare Eigenschaft, selbst Unbeliebtheit erträglich zu machen – in den Sphären wenigstens, in denen wir zu suchen haben, falls – falls der jugendliche Enthusiasmus von Donna Loredana für die Rechte eines jeden, seine eigenen Wege gehen zu dürfen, sie nicht zur Verbündeten ihrer schönen und, wie es scheint, sehr bewunderten Schwägerin gemacht hat«, schloß Windmüller liebenswürdig.

Don Gian war von dem Sessel, auf dem er Platz genommen, aufgesprungen, als ob er von einer Natter gestochen sei. »Das ist – das ist zu weit gegangen! Meine Schwester, meine eigene Schwester, die weiß, was für mich auf dem Spiele steht –«

»Verzeihung, Herr Marchese, ich hatte den Eindruck, daß sie das, bis heute mittag wenigstens, nicht wußte! Donna Loredana ist noch sehr jung und sehr enthusiastisch – sie ist wie weiches Wachs in den Händen einer so gewandten Dame wie Ihre Schwägerin, der sicher alle Töne zur Verfügung stehen, sie zu einer – natürlich anscheinend ganz unschuldigen kleinen Intrige zu begeistern. Herr Marchese, glauben Sie mir, es ist für jemand wie Ihre Frau Schwägerin nicht schwer, den Eingang in solch jugendliches Gemüt zu finden.«

Don Gian hatte sich, während Windmüller sprach, wieder gesetzt. »Nein«, sagte er finster, »da haben Sie recht. Wenn ihr die Brücke nicht zu unsicher war, so ist sie gewiß mit ihren infamen Absichten darauf getreten. Soll ich meine Schwester fragen?«

»Überlassen Sie das mir«, erwiderte Windmüller. »Ich kann das mit ein paar geschickten Wendungen unauffällig, ohne Schwierigkeiten und ohne die junge Seele aufzuregen oder zu verletzen, besorgen und vertraue meiner Übung in solchen Dingen, sehr bald zu wissen, wie die Dinge liegen. Denn sehen Sie: ist Ihre Schwester ahnungslos, dann würde der bloße Verdacht einen Sturm in ihrem Gemüt erregen, dessen Nachwehen wir ihr ersparen müssen. Die Jugend will mit sehr schonenden Händen angefaßt werden.«

Don Gian reichte seinem Gast die Hand. »Sie sind ein sehr guter, sehr zartfühlender Mann, Herr Doktor!«

»Nun, man hat sich nur das Verständnis für die Regungen der Seele zu bewahren gewußt«, entgegnete Windmüller freundlich. »Der Gedanke an diese Möglichkeit ist mir übrigens erst in letzter Stunde gekommen, und wenn ich Ihnen überhaupt Mitteilung davon machte, so geschah es nur, um Sie vorzubereiten. Ich halte übrigens für mein Teil die Beihilfe von jemand aus Ihrer Dienerschaft für wahrscheinlicher. Wurde aber Ihre Schwester in ihrer Unschuld benützt und zum Hehler gemacht, dann ist sie heute mittag sehr kräftig alarmiert worden, und dann werden wir gut tun, heute nacht dem entfliehenden Vogel den Weg zur Freiheit zu vertreten. – Ah – das Tamtam ruft uns – nicht? – Oh, es ist nur das erste Signal! – Nun, so bleibt noch Zeit, um Ihnen mitzuteilen, daß Donna Xenia die kleine Stahlflitter in Ihrem Zimmer verloren hat, als Sie Ihnen den Schlaftrunk zurechtmachte.«

»Wie in aller Welt wollen Sie das wissen?« fragte Don Gian erstaunt, als Windmüller eine Pause eintreten ließ und dann kurz erzählte, was er im Palazzo Asolo erfahren.

»Es ist möglich – wahrscheinlich sogar, daß Donna Xenia in der Zeit zwischen ihrem zweiten Besuche bei Ihnen und ihrer beabsichtigten Abreise eine Warnung erhalten hat«, fuhr er fort. »Sie war dann gezwungen, die Gondel im Stich zu lassen, die gerade in den Sackkanal einbog, als sie unten im Rosazimmer am Fenster gesehen wurde. Daß sie dabei den Hut aufhatte, ist kein Beweis, daß sie trotzdem beabsichtigte, abzureisen; sie mußte aber ihre Abreise markieren und durfte den Hut nicht zurücklassen. Warum sie ihren Koffer jedoch nicht mitnahm oder daraus wenigstens die notwendigsten Dinge, die der Kulturmensch nun einmal nicht entbehren kann, ist schon schwerer verständlich. Sie hat vielleicht nicht gedacht, daß ihr Versteck von Dauer sein würde, und als sie sich dann notgedrungen jemand im Hause hier offenbaren mußte, war der Koffer diesem Jemand nicht mehr zugänglich. – Das sind natürlich alles nur Vermutungen, die jedoch zur Konstruktion des Bildes gehören – und auch alle unrichtig sein können. Es bleibt aber freilich noch eine zweite Möglichkeit für Donna Xenias Verschwinden, die jedoch mit der vergeblich auf sie wartenden Gondel nicht übereinstimmt: daß sie das Dokument vor der drohenden Gefahr entweder verborgen und vernichtet hat, und daß der Anschlag auf ihre Person fruchtlos war. – Wie gesagt – das stimmt nicht mit der unbenützten Gondel überein und ist nur deshalb erwähnt, um keine Möglichkeit aus den Augen zu lassen. – Nun aber dürfen wir nicht länger zögern und Ihre Exzellenz die Frau Marchesa warten lassen!«


* * *


Die beiden Herren fanden die alte Dame und ihre Enkelin noch allein, als sie eintraten, bevor das Tamtam zum zweiten Male ertönte. Aber auf dem Fuße folgte ihnen, feierlich von Sebastiano angemeldet, der Freiherr von Krähenhausen mit seiner Frau und seiner Mündel, deren Erscheinung den Vergleich mit einer weißen Taube zwischen zwei Krähen förmlich herausforderte. Ihnen folgte fast gleichzeitig die Contessa Candiani, die die Fremden im Palazzo Terraferma eingeführt hatte, eine ältere, lebhafte, elegante Dame, und damit war der Kreis geschlossen.

Herr von Krähenhausen war ein älterer, überschlanker Mann mit schneeweißem Vollbart, der ihm im Verein mit seinen wallenden, weißen Locken das Aussehen eines altbiblischen Patriarchen in sehr schlechtsitzendem Frack gab. Die Augen zu beiden Seiten der enormen Adlernase, beschattet von buschigen Brauen, hatten indes einen gutmütigen, fast kindlichen Ausdruck, der von Geduld und Nachgiebigkeit zeugte.

In einem violettseidenen Kleide, das die unverkennbare Etikette ›gefärbt‹ trug und, mit billigen weißen Spitzen besetzt, entschieden ›aufgedonnert‹ aussah, machte seine kleine, dürre Frau mit dem scharfen Wieselgesichte und den schwarzen, stechenden Augen den weniger sympathischen Eindruck. Der Menschenkenner hätte freilich in ihren zugespitzten Zügen den Kampf eines Lebens mit den Sorgen des Daseins lesen können, die ihre Runen der Physiognomie ja sehr verschieden aufprägen. Auch ihr sichtliches Bestreben, um jeden Preis die Merkzeichen ihrer aristokratischen Geburt und Stellung aufrechtzuerhalten, hätte etwas Pathetisches gehabt, wenn sie es nicht in Äußerlichkeiten gesucht hätte: in einer gezierten Überlegenheit, einer hohen, flötenden Stimme und in so langen Fingernägeln wie ein chinesischer Mandarin. Und je natürlicher die anderen sich gaben, um so gezierter wurde sie in der Meinung, daß es so der Freifrau von Krähenhausen geborenen Freiin von Ebingen zukam.

Die Unterhaltung wurde, da das Paar des Italienischen nicht mächtig war, französisch geführt, aus welcher Sprache Herr von Krähenhausen ein Kauderwelsch machte, das zwar der Klarheit entbehrte, dafür aber recht erheiternd wirkte, woran er gutmütig und ohne falsche Scham am herzlichsten teilnahm. Seine Frau sprach Französisch korrekt, aber wie auf den Stelzen des höheren Töchterschulenunterrichts einherschreitend, und man merkte ihr an, daß sie wie ein Schießhund aufpassen mußte, um der rasch fließenden Unterhaltung folgen zu können.

»Diese Deutschen sind doch eine komische Rasse«, raunte Contessa Candiani der Marchesa zu. »Solch reiche Leute, die euch den Piano nobile abmieten und dabei aussehen, als ob sie nichts zu beißen und zu brechen hätten!«

»Nun, vielleicht sind sie erst unlängst in den Besitz gelangt und wissen ihn noch nicht anzuwenden.«

»Hm – ja, wahrscheinlich ist es so«, gab die Contessa zu. »Oder es ist ihnen ganz egal, wie sie aussehen. Geiz ist es nicht, denn der Mietpreis hat ihnen kein Zucken mit den Wimpern abgelockt. – Die kleine Meldeck ist süß – nicht wahr? Dies einfache weiße Kleid so schick, als ob Paquin in Paris es gemacht hätte. Und diese blauen Augen – hoffentlich verliebt Gian sich nicht in sie, denn sie hat nichts – absolut nichts, sage ich dir! Die Meldecks sind arm wie die Kirchenmäuse! Ich habe den Vater ja so gut gekannt, als mein guter seliger Mann Gesandter in – oh, carissima mia«, fuhr sie liebenswürdig nach der anderen Seite herum, als sich das Objekt dieser Mitteilungen eben nahte. »Ich erzählte meiner Tante eben von deinem lieben Vater! Du hast ganz seine Augen und – was für eine köstliche Toilette du hast!«

Komtesse Meldeck lachte und strich mit ihrer schmalen Hand im weißen, gutsitzenden Handschuh an ihrem schlichten Empirekleid entlang, das ihren schlanken Körper wie eine Schlangenhaut umschloß.

»Was du für einen Blick hast, zia mia! Paquin in Paris hat nämlich das Kleid gemacht!« sagte sie vergnügt.

Contessa Candiani stieß einen leisen Schrei aus. »Du kleine Verschwenderin!« rief sie gutmütig scheltend. »Wart, ich werde dir den Kopf waschen! Trägt das Mädchen Kleider von Paquin, dem größten, aber natürlich auch dem teuersten Schneider! Wohl ein Geschenk von deinem Vormund, liebste Fiore?«

»Wie heißen Sie, Contessina?« fragte die Marchesa, die lächelnd zugehört, mit einem Interesse, das ihren großen dunklen Augen einen ganz eigenen Ausdruck gab und Don Gian, der eben zu der kleinen Gruppe getreten war, seine Großmutter erstaunt ansehen ließ.

»Ich heiße Fiore, Eccellenza«, erwiderte Komtesse Meldeck harmlos. »Eigentlich Fiorenzia, aber der Name ist zu lang zum Aussprechen und wurde immer in Fiore abgekürzt!«

»Das ist ein italienischer Name!« sagte die Marchesa zögernd, erwartungsvoll.

»Gewiß. Meine Mutter war eine Italienerin, und ich bin nach ihr benannt worden. »

»Also darum sprechen Sie so gut Italienisch, Contessina!« fiel Don Gian mit einer Begeisterung ein, die entschieden darauf schließen ließ, daß er auf dem besten Wege war, das zu tun, was die Gräfin Candiani vor ein paar Minuten für nicht wünschenswert gehalten hatte. »Dann sind wir ja halbe Landsleute!«

Weder die Gräfin noch die Marchesa achteten auf die an ihrem Verwandten sonst ungewohnte Lebhaftigkeit. Die erstere machte ein merkwürdig verlegenes Gesicht, und die letztere schien ihre Augen von dem jungen Mädchen nicht losreißen zu können.

»Eine Italienerin!« wiederholte sie. »Es ist eigen – Sie erinnern mich besonders jetzt, ohne den Hut, an eine junge Dame, die – die ich vor Jahren kannte. Sie hieß seltsamerweise auch Fiorenzia und war eine Florentinerin.«

»Meine Mutter war auch eine Florentinerin!« rief Fiore überrascht. »Wer weiß, vielleicht war sie es, Eccellenza, die Sie kannten. Sie hieß mit ihrem Mädchennamen Fiorenzia Crespolo und war die Tochter des Herzogs von Rifreddi –«

Sie hielt ein, denn die Marchesa hielt ihr beide Hände entgegen und zog sie bewegt an sich. »O cara mia!« murmelte sie mit feuchten Augen. »Ja, ja – sie war’s, die ich kannte und sehr, sehr liebhatte! Darum also! Sie haben ihre Haare, Fiore – nur sind die Ihren noch ein wenig heller! Und ganz die Züge der armen Fiorenzia haben Sie. – Doch hatte sie dunkle, sehr dunkle Augen. Dio mio! Dio mio – nach so viel Jahren! Ist sie – ist sie schon lange von Ihnen gegangen?«

»Sie starb, als ich noch kaum laufen konnte« sagte Fiore leise.

Dann folgte sie, begleitet von Don Gian, eigentlich nur ungern einem Rufe von Donna Loredana, denn sie hätte die alte Dame gern über die Mutter befragt, von der sie so wenig wußte. »Hast du das – das gewußt?« fragte die Marchesa, während auch sie sich erhob, denn Sebastiano war eben eingetreten, um zu Tisch zu bitten.

Gräfin Candiani hustete. »Natürlich habe ich es gewußt«, tuschelte sie zurück. »Wozu hätte ich es dir aber sagen sollen? Du hattest Fiorenzias Frauennamen längst vergessen. Warum an alten Wunden rühren? Ich dachte auch kaum, daß du mit deinen Mietern Verkehr pflegen würdest. Es ist das eigentlich nicht gebräuchlich.«

»Nein, es ist sonst wohl nicht gebräuchlich«, erwiderte die Marchesa mit einem Blick auf ihre Gäste. »Es war das Mädchen, das mich dazu bewog. Ich dachte mir, vielleicht wäre es ein Verkehr für Loredana.«

»Ah ja!« machte die Contessa verständnisvoll. »Sie ist in der Tat ein passender Verkehr für Loredana, darüber ist kein Zweifel. Und sie ist so frisch und natürlich, Loredana aber solch ein Bücherwurm, dem es ganz gut täte, wenn jemand ihn aus seinen dummen Gedanken, die er sich in den Kopf pfropft, herausrisse, und –«

Das Herantreten des Freiherrn von Krähenhausen machte der sich überstürzenden Mitteilung ein Ende. Er verbeugte sich altmodisch, aber würdevoll vor der Marchesa und reichte ihr den Arm, wobei sein Frack eine Wasserfalte auf dem Rücken schlug. »Kumm!« machte er, und nachdem er durch diesen Laut seiner Nase Luft verschafft, fuhr er galant fort: »J’ai l’honneur de – de – de tirer Votre Excellence sur la table.«

»Um Gottes willen!« murmelte die Contessa, über diese fürchterliche Ankündigung, auf die Tafel gezogen zu werden, fast ihr Gleichgewicht verlierend.

Die Marchesa unterdrückte aber heroisch ein verdächtiges Zucken ihres Mundes, und als sie neben ihrem Gast bei Tische saß, äußerte sie ihm in liebenswürdigen Worten ihre Freude, daß er ein so junges, frisches Wesen wie Fiore Meldeck bei sich haben dürfe, und fragte ihn, ob er selbst Familie habe.

Von der ganzen Rede verstand Herr von Krähenhausen indes nur den freundlichen Ton, und seine guten Augen strahlten die Freude darüber zurück, während er sich darauf beschränkte, ein paarmal mit besonderer Energie ›Kumm!‹ zu machen.

Die Marchesa, die nicht wußte, daß es ein chronischer Stockschnupfen war, der ihn zu diesem eigentümlichen Laute zwang, beschloß sich zu erkundigen, was die Silbe ›Kumm!‹ in einer ihr sonst doch bekannten Sprache bedeutete. Frau von Krähenhausen aber, die nahe genug an der Seite des Marchese saß, um hören zu können, was des letzteren Großmutter redete, kam ihrem Gatten zu Hilfe und erzählte in gewählten Worten, daß sie einen Sohn hätten, der Professor der Geschichte an der Universität ihrer Heimatprovinz sei und eine glänzende Laufbahn vermöge seiner noch um vieles glänzenderen Geistesgaben vor sich habe. Er sei ja so schnell vom Privatdozenten zum außerordentlichen Professor befördert worden. »Wir erwarten unseren Wiwigenz in den nächsten Tagen hier in Venedig. Er hat einen außergewöhnlichen Urlaub zum Studium im Staatsarchiv erhalten«, schloß sie mit einem Rundblick des Triumphes.

»Wie sagten Sie, daß Ihr Herr Sohn heißt?« fragte die Marchesa.

»Wi– wi– genz!« skandierte die stolze Mutter. »Es ist ein alter, uralter Familienname.«

»Oui, oui – un nom tres vieux – kumm!« fiel Herr von Krähenhausen ein. »Tout mes anes s’ appellent Wiwigenz.«

Die arme Marchesa wußte wirklich nicht, ob sie sich mehr darüber wundern sollte, daß ihr Gast so viele Esel besaß, oder warum sie alle Wiwigenz hießen. Zum Glück klärte seine Frau sie darüber auf, indem sie mit einem vernichtenden Blick auf die arbeitenden Gesichtsmuskeln der anderen scharf und ohne Lächeln verkündigte, ihr Mann habe natürlich arcetres sagen wollen, was auf deutsch ›Ahnen‹ hieße – eine Erklärung, die nun auch die Marchesa hart an den Rand einer unauslöschlichen Heiterkeit brachte.

Dank solchen wiederholten Zwischenfällen, der Unterhaltungsgabe der überwiegenden Mehrzahl des kleinen Kreises und dem echt germanischen Bedürfnisse Herrn von Krähenhausens, eine Rede halten zu müssen, in der er seine Gastgeber leben ließ, verlief das Mahl recht angeregt und heiter, besonders da der besagte Toast grammatikalisch und wörtlich fehlerlos zum Ausbruch kam, was jedem ohne weiteres die Vermutung aufdrängte, daß er von der besseren Hälfte des Paares redigiert und von der stärkeren vorher auswendig gelernt und von der Gattin gründlich überhört worden war.

Im Hause Terraferma war die englische Sitte eingeführt worden, nach der die Damen die Tafel auf ein Zeichen der Wirtin verlassen, während die Herren bei einem Glase Wein zu einer Zigarette zurückbleiben, was den Vorteil hat, daß die Gesellschaft in absehbarer Zeit wieder vereint ist und das stärkere Geschlecht für den Rest des Abends nicht durch seine Abwesenheit im Rauchzimmer glänzt, wodurch der Zweck eines gemeinsamen Beisammenseins bei uns in Deutschland meist hinfällig gemacht wird.

Die Marchesa erhob sich also mit einem einladenden Rundblick auf ihre weiblichen Gäste, indem sie zu ihrem Tischherrn: »Vous fumez certainement, Monsieur?« sagte.

»Oui, Madame«, erwiderte Herr von Krähenhausen mit dröhnender Stimme, »je suis un grand fumier.«7

Die Marchesa mußte sich im ersten Schrecken über dieses Geständnis noch einmal niedersetzen, erhob sich aber schnell wieder und verließ, das Taschentuch vor dem Munde und mit zuckenden Schultern, den Tisch mit einer Eile, die auf ihre schwindende Selbstbeherrschung einen traurigen Schluß zuließ. In derselben Verfassung folgten ihr die anderen Damen, deren jüngerer Teil mit schlecht unterdrückten Lachkrämpfen rang – ja selbst Frau von Krähenhausen machte ein ganz merkwürdiges Gesicht, als ob sie niesen wollte, und ehe die Damen den Vorsaal gekreuzt und wieder im Salon der Marchesa angelangt waren, hörten sie im Speisesaal ein herzhaftes männliches Lachterzett ertönen, was darauf schließen ließ, daß Doktor Windmüller wahrscheinlich übernommen hatte, Herrn von Krähenhausen darüber aufzuklären, was er eigentlich gesagt hatte.

»Wenn mein Mann mehr Gelegenheit gehabt hätte, die französische Sprache zu üben, so würden ihm solche – hm – Verwechslungen nicht passieren«, erklärte Frau von Krähenhausen scharf, als sie kaum auf dem Sofa neben der Marchesa saß. »Wir leben – der ungestörten Studien meines Mannes wegen – in einer kleinen Stadt, in der das Interesse selbst der höheren Kreise, in denen wir natürlich ausschließlich verkehren, für fremde Sprachen ein sehr geringes ist. Ich muß das mit größtem Bedauern eingestehen, um so mehr, als sich in den Kreisen der Bourgeoisie ein ganz unpassender Geist eingeschlichen hat und sogar ein Lesekränzchen existiert, in dem diese Leute klassische Dramen mit verteilten Rollen lesen!«

Sie schloß diese etwas unklare Rede, die mit den französischen Entgleisungen ihres Gatten eigentlich nichts zu tun hatten, mit einem aristokratisch sein sollenden Zurücklehnen, indem sie ihre Hände so auf ihren Schoß legte, daß man die Mandarinennägel daran in ihrer vollen Glorie bewundern konnte.

Die Marchesa, die sich auf eine Unterhaltung über die Übergriffe der Bourgeoisie nicht weiter einlassen wollte, machte nur ein verbindliches: »Oh, wirklich?« womit man ja so gut zur Tagesordnung übergehen kann, und fragte dann, wie sich Frau von Krähenhausen in ihrer Wohnung eingerichtet habe.

»Oh, ich danke«, war die gedehnte Antwort. »Wenn die Zimmer nicht so groß und hoch wären, würden sie gemütlicher sein. Man muß sich erst an die Marmorplatten der Tische gewöhnen. Für Nacht- und Waschtische ist Marmor ja ganz praktisch, für den täglichen Gebrauch ist man ihn bei uns nicht gewöhnt. Auch nimmt man bei uns weißen und grauen Marmor. Dieser gelbe, schwarze und rötliche ist so – so ungewohnt.«

»Diese Sorten galten als sehr kostbar«, flocht die Contessa beiläufig ein.

»So sagte Fiore«, erwiderte Frau von Krähenhausen von oben herab. »Aber was kann solch junges Mädchen wissen? Die Steinfußböden sind schrecklich, für unseren Geschmack wenigstens. Ich war, offen gesagt, ganz zufrieden mit meinem Zimmer im Hotel, aber Fiore redete von nichts anderem als von einem ›alten Palaste‹. Es war bequemer im Hotel, das muß ich schon sagen. Man hatte auch mehr Aussicht. Wenn die Straßen hier wenigstens nicht mit Wasser gefüllt wären, so wäre es für meinen Geschmack hübscher und weniger melancholisch.«

»Ja – diese mit Wasser gefüllten Straßen sind doch aber eigentlich charakteristisch für Venedig«, murmelte die Marchesa entschuldigend.

»Das erinnert mich an die nette Geschichte von einem fremden Paar, das heimkommend gefragt wurde, wie ihm Venedig gefallen habe. Die guten Leutchen erwiderten, daß sie darüber eigentlich nichts sagen könnten, denn sie hätten leider gerade eine große Überschwemmung angetroffen und seien genötigt gewesen, in einem Kahn ins Hotel zu fahren. Natürlich wären sie dann gleich wieder abgereist, denn was hätte man davon, und es sei auch ungesund«, erzählte die Contessa.

Frau von Krähenhausen zuckte zu dieser lustigen Geschichte nur vornehm mit den Achseln und meinte, so ganz unrecht hätten diese Leute nicht, sie selbst hätte sich Venedig mit weniger Wasser vorgestellt und müsse schon gestehen, daß sie etwas enttäuscht sei.

»Ja, warum sind Sie dann überhaupt hergekommen und haben zum mindesten nicht darauf bestanden, im Hotel zu bleiben?« erkundigte sich die Contessa lachend. »Da Ihr Wunsch doch der ausschlaggebende ist, so wäre es leicht gewesen, Fiore zu überstimmen!«

Frau von Krähenhausen bekam einen kleinen Hustenanfall. »Was will man denn machen, wenn man doch einem Gast gefällig sein möchte«, meinte sie. »Sie glauben nicht, was für eine Phantasie dieses Mädchen hat und wie sie betteln kann, wenn sie etwas haben will! Kaum, daß wir sie bei uns aufgenommen hatten, das arme Ding, heimatlos, wie sie war, da sprach sie von nichts als von einer Reise nach Venedig. ›Gut – machen wir ihr die Freude‹, sagte mein Mann. Schon unterwegs fing sie an, von einem Palaste zu schwärmen, und wieder gab mein Mann nach, als wir durch Sie wußten, daß man einen solchen Palast mieten kann. Und wenn mein Sohn kommt und sie setzt sich in den Kopf, ihn zu heiraten, so würde mein Mann wahrscheinlich auch Ja und Amen dazu sagen«, schloß sie mit einem stechenden Blick auf ihre beiden Zuhörerinnen und auf das Objekt ihrer Klagen, das mit Donna Loredana zusammen in einer fernen Ecke des Salons eine sehr reizende Gruppe bildete.

Die Marchesa folgte diesem Blick und lächelte. »Nun«, meinte sie, »vielleicht setzt Ihr Herr Sohn selbst sich einen solchen Wunsch in den Kopf.«

»Mein Sohn ist vermöge seiner überlegenen und außergewöhnlich entwickelten Geistesgaben erhaben über die Eindrücke eines hübschen Lärvchens. Er sieht nur auf den Geist und auf den inneren Wert«, verkündigte die stolze Mutter eines solchen Sohnes mit Nachdruck.

»Fiore hat mir immer den Eindruck gemacht, als ob sie diesen Forderungen entspräche«, bemerkte die Contessa anerkennend, aber nicht ohne eine kleine Schärfe, denn sie fing an, sich über diese Frau zu ärgern, die sie bisher nur amüsiert hatte, und in Gedanken setzte sie hinzu: ›Bewahre der Himmel das arme Mädchen vor solch einer Schwiegermutter!‹ –

Der Eintritt der drei Herren machte diesen Gedanken ein glückliches Ende, und während die Diener den Teetisch hereinbrachten, suchte und fand Windmüller Gelegenheit, mit Donna Loredana abseits von den anderen Gruppen ein kleines Gespräch zu führen.

»Ich bin so neugierig, zu erfahren, ob Sie schon etwas in der heute mittag von Ihnen übernommenen Aufgabe getan haben«, begann er mit eifriger Harmlosigkeit.

»Ich habe den ganzen Nachmittag die handschriftliche Chronik, die mein Urgroßvater über unser Haus und unsere Familie hinterlassen hat, durchgesehen«, erwiderte Donna Loredana bereitwilligst. »Sie enthält eine ausführliche Schilderung des Palastes, von dem er unter anderem schrieb: Man sagt, daß das Haus geheime Gänge, Treppen und Gemächer besitzt, und daß ein geheimer Plan davon aufgezeichnet ist, der wohl im Laufe der Zeit verlorenging, denn ich habe ihn nicht finden können. – Das ist alles, Herr Doktor. Aber ich werde weiter suchen, und es wäre wundervoll, wenn ich diesen Plan entdeckte.«

»Sie würden sich damit den Dank Ihrer ganzen Familie verdienen«, sagte Windmüller ernsthaft und fügte mit gedämpfter Stimme hinzu, indem er Donna Loredana fest ansah: »Wir müssen Ihre Frau Schwägerin finden – es ist von größtem Interesse für Ihren Herrn Bruder. – Glauben Sie, daß es zum Beispiel möglich wäre, daß Donna Xenia sich hier im Hause verborgen hält?«

Sie sah ihn groß und erstaunt an und erwiderte ihm dann fast mit den gleichen Worten wie ihr Bruder: »Welche Idee! Ein Mensch kann doch nicht so lange ohne Nahrung bleiben!«

»Das geht freilich nicht«, entgegnete Windmüller mit einer Miene, als hätte er daran gerade nicht gedacht, und setzte, wie einem plötzlichen Gedanken folgend, hinzu: »Natürlich setzte diese Möglichkeit voraus, daß jemand hier im Hause eingeweiht sein müßte, der bei der freiwillig Gefangenen die Rolle des speisenden Raben spielt.«

»Ja, so wäre es freilich möglich«, gab Donna Loredana ohne weiteres zu. »Das könnte nur einer von den Dienstboten tun. Aber wenn das herauskommt, dann möchte ich nicht in seiner Haut stecken, denn Großmama würde sehr kurzen Prozeß mit ihm machen.«

»Ah ja – es wäre in der Tat ein zu großes Risiko«, stimmte Windmüller bei, ohne die Frage einer in solchem Falle garantierten Entschädigung zu berühren. »Nun, es war nur eine Idee von mir, denn natürlich hätte sich die Frau Principessa in diesem Falle nicht an einen der Dienstboten, sondern an einen ihr Nahestehenden, zum Beispiel an Sie, gewendet.«

»Gott bewahre!« rief Donna Loredana erschrocken. »Aber ich hätte ihr wahrscheinlich geholfen, denn sie würde mir die Wahrheit doch nicht gesagt haben – in diesem Falle meine ich nur«, fügte sie hinzu.

Windmüller war ganz zufrieden mit dem Ergebnis dieser kurzen Unterhaltung, die damit schloß, denn Donna Loredana eilte davon, um den Tee zu bereiten. Er sah ihr befriedigt nach, denn es hätte ihn geschmerzt, das junge Mädchen in diese Sache verwickelt zu sehen.

Er warf einen Blick durch die Tür in das Boudoir und lächelte ein wenig, denn dort standen vor dem unschuldigen Bilde, das in diesem Falle den Elefanten abgeben mußte, Fiore Meldeck und Don Gian, und des letzteren intelligentes Gesicht mit der kühnen, typischen Nase der venezianischen Patrizier hatte einen ganz verklärten Ausdruck.

»Nun«, dachte Windmüller, »da haben wir wieder einen, dessen Ansichten durch die Umstände geändert werden, oder ich müßte mich sehr täuschen, wenn dieses Mannes leider nur zu verständliche Ideen über ›ausländische Ehen‹ nicht seit diesem Abend wenigstens eine wesentliche Einschränkung in bezug auf die Nationalität erfahren haben sollten.« –

Der Tee war eingenommen, die Contessa hatte erklärt, heim zu müssen, da ihre Gondel jedenfalls schon lange warte; sie hatten bereits lebhaften Abschied genommen, aber Frau von Krähenhausen blieb auf ihrem Sofaplatz sitzen, was Don Gian jedenfalls ganz angenehm fand, denn er bot ihr fortwährend Kuchen an. Und da sie jedesmal eines der Stückchen annahm, so konnte das Verfahren sich in Anbetracht dessen, daß der Korb noch ziemlich voll war, ganz hübsch in die Länge ziehen, während ihr Gatte durch seine Mißhandlung der französischen Sprache die Marchesa amüsierte.

Als Frau von Krähenhausen aber wieder einmal zugriff, stand Fiore auf, trat an sie heran und flüsterte ihr zu, daß es hier Sitte sei, nach dem Tee aufzubrechen.

Frau von Krähenhausen machte das Beste aus diesem Wink. »Müde sind Sie, liebes Kind?« fragte sie laut. »Nein, diese Jugend von heut! Nun, wenn Sie schlafen gehen müssen, so wird die Frau Marchesa uns gewiß entschuldigen –«

Die Frau Marchesa entschuldigte sehr gern, und so zogen sich Krähenhausens endlich zurück, bis zur Treppe von dem Marchese geleitet.

Als er bei seiner Großmutter wieder eintrat, rief er: »Nonna – was hättest du getan, wenn deine Kuchenstücke sämtlich aufgegessen waren? Neue backen lassen? Wetten wir, daß diese alte Vogelscheuche darauf gewartet hätte? – Arme Nonna – ich sah doch, wie müde du warst! Uff – diese Leute sind sehr anstrengend! Und zu denken, daß die Contessina mit ihnen leben muß, ein Phönix unter – Krähen!«


* * *


Windmüller, der den Schluß des Abends auch stark verspätet gefunden, gab dem Majordomo nach der Verabschiedung von der Marchesa durch ein paar rasch hingeworfene Worte zu verstehen, daß er ihn heute noch zu sprechen wünschte.

Er hatte nicht lange zu warten, denn bald nachdem er in seinem Zimmer war, trat Sebastiano bei ihm ein.

»Hören Sie, wir müssen etwas Wichtiges miteinander besprechen«, begann Windmüller vertraulich. »Sie sind in die Familienangelegenheiten dieses Hauses eingeweiht, und die Frau Marchesa hat mir gesagt, daß dies das Verdienst Ihrer langen, treuen Dienste ist, daß man sich unbedingt auf Sie verlassen kann. Man hat Ihnen jedenfalls mitgeteilt, daß die Signora Principessa nicht nur hier aus dem Hause, sondern überhaupt spurlos verschwunden ist.«

»Diavolo!« machte Sebastiano überrascht. »So ist sie nicht in Rom?«

»Weder in Rom noch anderswo«, bestätigte Windmüller. »Das hat mich nun auf den Gedanken gebracht, daß sie den Palazzo überhaupt nicht verlassen hat.«

»Den Gedanken, Signor, hat der Agostino von vornherein gehabt«, sagte Sebastiano mit einer Handbewegung, die seine Meinung gleichzeitig und zwar negativ ausdrückte. »Er sagte: sie ist durch keine der Türen des Hauses heraus, weil ich die Schlüssel habe und alle Riegel innen vorgeschoben waren. Sie ist nicht durchs Fenster, denn die waren zu; fliegen kann sie nicht, um vom Dache herabzukommen, und das ist auch zu hoch für eine Leiter; ein Seil, wenn sie daran heruntergerutscht wäre, müßte doch zu sehen sein, weil es oben angemacht werden müßte – folglich ist sie überhaupt nicht aus dem Hause heraus. Ich habe dem Agostino gesagt, er sei ein alter Esel, denn ohne Nahrung könne doch kein Mensch in einem Loche leben.« Windmüller steckte das Kompliment, das ja auch ihm galt, da er mit Agostino den gleichen Gedanken hatte, ohne zu zucken ein und beantwortete den gemachten Einwand zum dritten Male an diesem Tage, indem er bemerkte, daß jemand hier im Hause die freiwillig Gefangene speisen könne.

»Wer denn?« fragte Sebastiano verächtlich. »Die Lucia? Der Chef? Ich? Keines von uns würde sich darauf eingelassen haben. Warum? Weil wir hinter dem Rücken der Herrschaft keine gemeinsame Sache mit der – der Fremden machen würden. Wir nicht! Und die Gans, die Assunta? Die hätte sich damit in den ersten drei Stunden verraten.«

»Wer ist Assunta?« fiel Windmüller ein.

»Das Stubenmädchen, das die Frau Principessa hier bediente, weil sie ihre Zofe nicht mitgebracht hatte«, erklärte Sebastiano, der offenbar von der Erwähnten keine hohe Meinung hatte. »Sie kam heulend zum Essen, die Assunta nämlich, weil die Signora Principessa sie eine Gans genannt hat, als sie ihr beim Ausziehen helfen mußte, und später schickte die Frau Principessa sie fort, weil sie sich lieber allein ausziehen als von solchem Trampeltier bedienen lassen wollte. Die Assunta hätte jedem Menschen im ganzen Hause erst jeden Bissen gezeigt, ehe sie ihn ›heimlich‹ zugesteckt hätte! Eine Gans bleibt eine Gans, und Gänse müssen schnattern!«

»Hm – man kann aber den Gänsen den Schnabel zubinden«, wandte Windmüller ein.

Sebastiano verstand sofort, wie es gemeint war, denn er antwortete prompt: »Solche Gänse, wie die Assunta eine ist, schlagen dann wenigstens mit den Flügeln um zu zeigen, daß sie nicht schnattern dürfen.« Und nach diesem Beweis, daß ihm die vergleichende Zoologie geläufig war, fuhr er unaufgefordert fort: »Auch mit den beiden jungen Dienern und wer sonst noch im Hause ist, können wir nicht rechnen, Herr Doktor. Ich weiß bestimmt, daß sie mit keinem von der Dienerschaft, außer mit der Assunta, geredet hat. Ich will schon eingestehen, daß der alte Esel, der Agostino, mir einen Floh ins Ohr gesetzt hat. Ich habe also das ganze Haus durchsucht. Drin ist sie nicht, und wenn ihr der Teufel nicht geholfen hat, dann ist sie auch nicht herausgekommen. Es ist eine verdonnerte Geschichte Signor – das ist sie. Und unter uns: die Frau Principessa ist, ohne dem Respekt zu nahe zu treten, eine Dame, die sozusagen mit allen Hunden gehetzt ist, die dem Teufel selbst ein Schnippchen schlagen würde, wenn’s darauf ankommt!«

Windmüller zweifelte zwar nicht daran, aber die Übereinstimmung dieser Ansicht tröstete ihn nicht über das Bewußtsein, daß es in der Tat eine ›verdonnerte Geschichte‹ war.

»Können Sie mir die Assunta mit irgendeinem Auftrag schicken, so daß sie nicht merkt, daß ich mit ihr reden will?« fragte er nach einer Pause. »Ich möchte gern noch ein paar Fragen an sie stellen, aber es ist notwendig, daß sie nicht vorbereitet zu mir kommt. Die Frau Marchesa hat mir Ihre Mithilfe zugesichert, lieber Herr Majordomo, und Sie sehen, daß ich recht sehr damit rechne.«

»Sie können in jeder Beziehung auf mich zählen, was die Interessen der Familie anbetrifft«, erwiderte Sebastiano mit Würde. »Die Assunta kann Ihnen eine Flasche Wasser bringen, Signor, falls sie nicht schon im Bett liegt! Das fällt um so weniger auf, als sie ja den Dienst bei Ihnen hat.« –

Die Assunta lag noch nicht im Bett, denn sie erschien sehr bald mit einer Platte, auf der eine Flasche Mineralwasser und ein Glas standen, stellte sie auf den Tisch neben den scheinbar in ein Buch vertieften Windmüller und wollte sich mit einem Knicks wieder entfernen, als er plötzlich aufsah.

»Danke sehr«, sagte er freundlich. »Sie sind die Assunta, nicht wahr? Dieselbe, die die Frau Principessa bei ihrer letzten Anwesenheit hier bedient hat? Sehr gut. Dann sagen Sie mir einmal, wann und um welche Zeit Sie sie zum letzten Male gesehen haben.«

Assunta legte den rechten Zeigefinger an die Nase und schien zu überlegen. Dann schüttelte sie den Kopf. »Das kann ich nicht so genau sagen«, erklärte sie. »Es kann so zwischen zehn und elf Uhr morgens gewesen sein, als ich der Lucia half, die Zimmer für die fremde Herrschaft zurechtmachen. Ja, sie sind am Nachmittag bald nach der Collazione gekommen, und wir hatten bis zum Mittagläuten alles fertig gemacht.«

Windmüller sah das Mädchen erstaunt an. »Aber die fremden Herrschaften sind doch gestern erst eingezogen!« sagte er langsam.

»Jawohl, Signor – gestern«, bestätigte Assunta unbeirrt.

»Und gestern haben Sie die Frau Principessa hier zum letzten Male gesehen?« fragte Windmüller »Haben Sie auch mit ihr gesprochen?«

»O nein!« machte Assunta achselzuckend. »Sie hat nichts gesagt, und es ist doch nicht meine Sache, eine so große Dame anzureden!«

»Nein – natürlich nicht!« gab Windmüller zu. »Aber ich meine verstanden zu haben, daß die Frau Principessa schon am anderen Morgen wieder abgereist ist – nicht?«

»Ja, so ist’s uns gesagt worden. Wie kann Sie aber abgereist sein, wenn ich sie doch gesehen habe? Vielleicht ist sie bloß noch einmal rasch wiedergekommen! Mir kann’s gleich sein, so lange ich den Dienst nicht bei ihr habe.«

Windmüller überging diese Bemerkung, die freilich in einem unzweifelhaften Ton der Kränkung gemacht und mit einem Blick begleitet wurde, der eine Aufforderung enthielt, sie darüber weiter zu befragen. »Bitte, erzählen Sie mir, wie und wo Sie die Frau Principessa gesehen haben. Ich werde mich gern erkenntlich dafür zeigen«, sagte er einladend.

»Es war unten im Rosazimmer«, begann Assunta bereitwillig. »Ich hatte das Bett zu überziehen, während die Lucia drüben das andere Schlafzimmer mit den beiden Betten herrichtete. Nun, die Kissen waren überzogen, und ich legte das Laken auf, und weil doch das Bett so breit ist, mußte ich nach der anderen Seite herum, wo die Tür zum Badekabinett ist, um es dort unter die Matratze zu stecken – man reicht mit den Armen so nicht hinüber, und die Lucia ist schrecklich, wenn man nicht alles ganz genau macht. Das ist sie, Signor, Sie glauben nicht, wie sie einem auf die Finger sieht! Erst heute hat sie –«

»Weiter, weiter!« unterbrach Windmüller den drohenden Seitensprung.

»Also, ich gehe um das Bett herum, bücke mich, um das Laken unterzustecken, und auf einmal riecht es so stark und merkwürdig, genau wie das Parfüm, das die Frau Principessa gebraucht. Ich denke mir, sie hat welches auf dem Bett verschüttet, hebe den Kopf, sehe auf, und da stand sie leibhaftig in der Tür auf der Schwelle. Sie hatte ihren grauseidenen Reisemantel an, aber keinen Hut auf dem Kopf und sah schrecklich blaß aus, und die Haare waren ganz in Unordnung. Sie sah mich nicht an, sondern geradeaus, und wie ich so stehe und darauf warte, ob sie etwas sagen wird, höre ich die Lucia durch den Saal herüberkommen. Weg war sie auf einmal, die Frau Principessa! Ich denke also, sie ist in den Salotto zurückgetreten und horche, ob sie mit der Lucia reden wird, aber die kam ohne anzuhalten, ohne daß ich sie auch nur flüstern gehört hätte, bis ins Rosazimmer und fragte mich, ob ich denn noch nicht fertig wäre, gerade als ob man hexen könnte!«

»Weiter!«

»Weiter ist nichts, Signor. Ich fragte die Lucia aber, ob nicht jemand im Nebenzimmer gewesen wäre, als sie durchkam – es wäre mir so gewesen, als ob ich jemand gehört hätte. Sie hatte aber niemand gesehen und ging sogar noch einmal zurück, um nachzuschauen. Es war aber niemand da.«

»Haben Sie der Lucia denn nicht gesagt, daß Sie die Frau Principessa gesehen hätten?« fragte Windmüller nach einer kleinen Pause.

»Ah – wo werde ich!« erwiderte Assunta. »Ich hatte gar keine Lust, wieder zum Dienst bei ihr befohlen zu werden! Nichts macht man ihr recht, und dann hat sie mich auch noch ein Trampeltier genannt – danke schön!«

»Nun, mit den anderen Dienstboten werden Sie aber doch wohl davon gesprochen haben?«

»Keine Silbe«, versicherte Assunta, wodurch sie Sebastianos Meinung über sie unrecht gab. »Ich hätte es ja tun können, es ist wahr, und ich weiß auch nicht, warum ich nichts sagte. Ich denke, es muß die Furcht gewesen sein, wieder den Dienst bei der Frau Principessa zu bekommen. Jetzt, wo Sie davon reden, Signor, fällt’s mir ein, daß ich eigentlich den ganzen Tag darauf wartete, die anderen würden es erzählen, daß die Frau Principessa wieder angekommen sei. Keiner hat aber ein Wort davon gesagt, daß sie mit der Herrschaft gegessen hätte. Es wurde auch nicht mehr davon gesprochen, wie sie aus dem Haus gekommen sein könnte, denn der Sebastiano wollte nicht, daß darüber getratscht würde. Und dann waren ja auch die Fremden gekommen, über die wir genug zu reden hatten. Da dachte ich mir: behalte es für dich, aber wenn dich einer fragt, dann sag’s nur ruhig. Ecco!«

Nachdem Assunta mit ihrer verheißenen Belohnung strahlend abgezogen war, blieb Windmüller nachdenklich auf seinem Platze sitzen, um den nächsten Schritt zu überlegen. Die Principessa also war wirklich im Hause, und Lucia wußte vermutlich darum – vorausgesetzt, daß die Aussage der Assunta der Wahrheit entsprach. Die Erzählung war ja eine ganz natürliche gewesen, aber sie hatte auch ihre Reserven in sich getragen, und zwar lag für Windmüller der Haken darin, daß das Mädchen die Sache für sich behalten und nicht mit den anderen Dienstboten besprochen hatte, was nach dem Aufsehen, welches das noch unaufgeklärte Verschwinden der Principessa aus dem Hause gemacht, einfach unverständlich war. Windmüller hatte Assunta, während sie redete, scharf beobachtet, und ein gewisser unsteter Ausdruck in ihren Augen war ihm nicht entgangen. Die Erklärung, warum sie, unmittelbar nachdem sie die Principessa gesehen haben wollte, sogar der Lucia gegenüber geschwiegen, war ungenügend, nachdem Sebastiano der Assunta das Zeugnis ausgestellt, daß sie nicht schweigen könnte.

Ein Klopfen an seiner Tür unterbrach diese Betrachtung, und auf Windmüllers Aufforderung steckte Don Gian seinen Kopf herein.

»Ich sah noch Licht bei Ihnen, Doktor – darf ich?« fragte er und betrat das Zimmer, gefolgt von einer kleinen, älteren Frau mit krausem, weißem Scheitel, deren freundliches, runzeliges Gesicht einen angenehmen und zuverlässigen Charakter verriet. »Spät wie die Stunde ist«, fuhr Don Gian fort, indem er den Arm um die Schulter der Alten legte, »so möchte ich Ihnen doch heute noch unseren guten Hausgeist, unsere treffliche Lucia, vorstellen. Ich habe mit ihr eben den Fall meiner Schwägerin besprochen, sie um ihre Meinung befragt, und sie soll Ihnen nun selbst sagen, was sie davon hält.«

Windmüller unterdrückte heroisch ein tiefes Stöhnen bei der Erinnerung an die vielen ›Fälle‹, die ungebetene und voreilige Dilettantenhilfe ihm schon verpfuscht hatten und resigniert versicherte er, daß es ihm Freude machen würde, die Meinung der Signora zu hören.

Lucia nahm mit einem dankbaren Lächeln, das ihr sehr gut stand, auf dem ihr von Don Gian mit fast zärtlicher Aufmerksamkeit hingeschobenen Stuhle Platz und faltete ihre Hände auf dem Schoß. »Signor«, begann sie ohne Umschweife und ohne Verlegenheit, »ich habe den Herrn Marchese und seinen verstorbenen Bruder auf dem Arme getragen und darum müssen Sie sich nicht wundern, wenn er einiges Gewicht auf die Meinung einer alten Frau legt, die seinem Hause so lange treu gedient hat. Nun, um Ihre Zeit nicht durch viele Worte zu verschwenden: ich glaube nicht, daß die Frau Principessa noch hier im Hause ist. Wie sie es verlassen hat, ist freilich mehr, als ich sagen kann. Sie wird schon gewußt haben, wie es zu machen war, und sie hat auch gewußt, daß hinter dem Rücken der Herrschaft mit uns alten Dienern nichts anzufangen gewesen wäre. Auf die jungen aber habe ich ein scharfes Auge, wie’s notwendig ist, Signor, und wie es meine Pflicht ist – da hätte ich längst etwas Verdächtiges bemerkt, denn ich habe sie gleich alle scharf ins Gebet genommen, und ich darf schon sagen: stand hätte mir keiner gehalten, wenn er eine Heimlichkeit auf dem Gewissen hatte!«

Windmüller machte eine zustimmende Bewegung. »Die Frau Principessa ist gestern vormittag hier im Palazzo gesehen worden«, sagte er ruhig, indem er die Beschließerin voll ansah.

Das Erstaunen, das sich bei dieser Mitteilung auf dem Gesicht der Alten malte, war ein zu natürliches, als daß es ein geheucheltes hätte sein können, auch war es ein ganz reines, von jedem Schrecken oder Verlegenheit ungemischtes.

»Ist es möglich?« rief sie mit erhobenen Händen. »Darf ich fragen, wer sie gesehen hat?«

Windmüller gab in knappen Worten wieder, was er von Assunta gehört. Während Don Gian aber dabei Zeichen von Erregung kundgab, schüttelte Lucia mit dem Kopfe.

»Ja, wenn ein anderer sie gesehen hätte! Aber die Assunta – bah!« sagte sie. »Signor, die Assunta ist eine von denen, die immer etwas sehen! Vor ein paar Tagen schickte ich sie in den Saal drunten, um ein Staubtuch zu holen, das sie dort liegen gelassen, und sie kam ohne dieses zurück, denn im Saal habe ein Kardinal in roter Schleppe und im weißen Spitzenrochet gestanden und habe sie angeschaut! Nun weiß ja jedes Kind, daß die Leute sagen, der Kardinal Luigi Terraferma gehe hier im Palazzo um. Ich habe ihn noch nicht gesehen – Gott sei Dank! Aber die Assunta hat das Gerede gehört, hat sein Bild, das drüben im Nordflügel hängt, gesehen und hat sich natürlich eingebildet, daß er ihr in eigener Person erschienen ist. Und ein paar Tage später stürzte die Assunta, als ich mich gerade schlafen legen wollte, in mein Zimmer. Ihr Großvater stände vor ihrer Kammertür, und der sei doch schon vor zwei Jahren gestorben! Sie ist eben ein von denen, die sich einbilden, Geister zu sehen, und wenn ja auch die Frau Principessa keiner ist, so wird sie eben im Rosazimmer an sie gedacht und dann gemeint haben, sie zu sehen. – Darum also fragte sie mich, ob nicht jemand im Nebenzimmer gewesen sei, als ich durchkam! Und ich habe richtig noch einmal hineingeschaut, trotzdem ich nun schon wissen konnte, daß die Assunta immer etwas sieht, was andere Leute nicht sehen können, weil eben nichts zu sehen ist!«

Windmüller hatte die alte Lucia bei sich längst von einer Mitwisserschaft freigesprochen und fand ihre Erklärung, Assunta betreffend, annehmbar »Das Mädchen war aber über die Kleidung der Frau Principessa, als sie sie, sagen wir denn, zu sehen vermeinte, ganz sicher«, wandte er indes noch ein. »Sie hat die Frau Principessa zuletzt in ihrer flittergestickten schwarzen Abendtoilette gesehen und gab an, daß sie gestern in ihrem grauseidenen Staubmantel, jedoch ohne Hut, gekleidet war.«

Jetzt lächelte die Lucia nicht nur, sondern sie lachte. »Signor, die Assunta hat ihren Großvater zuletzt im Totenhemd gesehen; als sie ihn dann vor ihrer Kammertür gesehen haben wollte, trug er nach ihrer Beschreibung schwarzweißkarierte Hosen und einen braunen Rock mit Messingknöpfen. Sie hat ihn mir ganz deutlich beschrieben und hat auch gesehen, daß der Großvater frisch rasiert war.«

»Madonna mia«, murmelte Don Gian enttäuscht.

Windmüller war es auch, denn er fand das Argument Lucias überzeugend und in Übereinstimmung mit dem sonderbaren Ausdruck in Assuntas sonst ganz hübschen braunen Augen. Und als er bald darauf wieder allein war, mußte er sich eingestehen, leeres Stroh gedroschen zu haben, und wenn das nun zwar auch eine unvermeidliche Sache im ›Geschäft‹ war, so wurde das Bewußtsein darum doch nicht süßer, weil kein arbeitender Mensch gern seine Zeit vergeudet sieht. War sie das aber wirklich? Windmüllers praktischer Sinn sagte ja, aber Windmüller war ein Mensch mit einem sechsten Sinn – die Leute, die er ›zur Strecke‹ gebracht, gaben ihm noch mehr Sinne, über die wir jedoch hier zur Tagesordnung übergehen können.

Windmüllers sechster Sinn war zwar keiner, mit dem er ›arbeitete‹, er half ihm nur, die Menschen zu verstehen, die ihn wirklich besaßen, und darum konnte und wollte er die Assunta nicht so ganz ohne weiteres als Kuriosität unter diejenigen schieben, die in den Augen der ›vernünftigen Leute‹ zu den Verrückten gehören, bloß weil sie mehr sehen können als jene. Er glaubte im tiefsten Schreine seines Herzens ganz fest daran, daß es trotz der ›Vernünftigen‹ solche Menschen gibt, hypersensitive Naturen. Er fand Hudsons Lehre von diesen Naturen ganz glaubwürdig und überzeugend, und was Robert Hugh Benson darüber geschrieben, hielt er, Windmüller, keineswegs für überspannt. Warum sollte ein venezianisches Stubenmädchen nicht auch diesen sechsten Sinn besitzen?

Freilich, in bezug auf die Principessa konnte Lucias Erklärung durchaus richtig sein: woran oder an wen man gerade recht lebhaft denkt, in diesem Falle unterstützt durch einen ganz spezifischen Geruch, einen prägnanten Duft, von dem ist es sehr gut möglich, daß man ihn auch in Person zu sehen vermeint. Es wäre eine krasse Unvernunft gewesen, das nicht zu bedenken.

Aber man durfte auch die andere Möglichkeit nicht übersehen. Nach Hudsons Lehre prägt sich eine Persönlichkeit dem Raume, in dem sie eine physische oder geistige Angst durchzukämpfen hatte, in einem solchen Grade ein, daß sensitiv veranlagte Naturen sie darin zu sehen vermögen, und zwar in der umgekehrten Folge, in der man gewöhnlich zu sehen pflegt, das heißt also erst mit dem Hirn und dann mit den Augen.

Bei dem hohen Einsatz und der Natur des Spieles, das sie gespielt, war es ganz begreiflich, daß die Principessa in dem Rosazimmer zum mindesten die geistigen Angstzustände des Gewinnens oder Verlierens durchzukämpfen gehabt hatte. Niemand war da, um zu sagen, ob und was sie auch physisch leiden mußte. Die Vorbedingung für Hudsons Theorie war also vorhanden, und das Subjekt, wie es schien, in der Person Assuntas gleichfalls.

Windmüller beschloß, ehe er zur Ruhe ging, morgen früh noch eine Unterhaltung mit der Assunta anzuknüpfen, und wenn es auch nur im Interesse einer Wissenschaft war, über die die Wissenschafter die Achseln zucken, weil sie ein Rätsel ist, dem man mit ›natürlichen Erklärungen‹ nicht zu Leibe rücken kann.

Im übrigen wurde Windmüllers Überzeugung, daß Donna Xenia den Palazzo Terraferma überhaupt nicht verlassen hatte, keineswegs dadurch erschüttert, daß er die alten Diener und die Assunta von einer Mitwissenschaft gänzlich freizusprechen geneigt war. Mit dem, was er über den Charakter der Verschwundenen wußte und bei den großen Gefahren des Spieles, das sie spielte, war es nur logisch, wenn sie sich keine Mitwisser gemacht, sondern sich auf eigene Hilfsmittel verlassen hatte. Daß sie ihr Kofferchen zurückgelassen, konnte eine absichtliche Irreleitung, aber auch unbeabsichtigt gewesen sein, falls die Annahme zutraf, daß in letzter Stunde, vielleicht in letzter Minute etwas sehr Drohendes sie von ihrer Abfahrt mit der bestellten Gondel zurückgehalten und sie gezwungen hatte, sich zu verbergen.

Windmüllers ›Ruhe‹ bestand zunächst nun darin, daß er es sich bequem machte. Insbesondere legte er mit liebevoller Sorgfalt ein Paar leichte Hausschuhe mit Gummisohlen an, die es ihm ermöglichten, als alle Lichter im Hause erloschen waren, lautlos die Treppe hinabzusteigen und sich zu überzeugen, daß alle Ausgänge nach den Wasser- und Landseiten ordnungsmäßig verschlossen und verriegelt waren und die Schlüssel sich in Agostinos treuer Hut befanden.

Und dann hielt er auf der Loggia, von der er den ganzen Hof übersehen konnte, eine lange, lange und – fruchtlose Wache, die er erst aufgab, als Agostino, der mit den Hühnern aufstand, den Hof so laut gähnend betrat, daß Fafner, der Lindwurm, in der Neidhöhle darob vor Neid geborsten wäre.

»Und sie steckt doch noch hier!« murmelte Windmüller, als er danach steif und fröstelnd sein Bett aufsuchte.

Galilei hat sein berühmtes Wort: ›Und sie bewegt sich doch!‹ sicher nicht überzeugter ausgesprochen, als Windmüller sein: ›Und sie steckt doch noch hier!‹ worauf er gewohnheitsmäßig sofort einschlief, um nach ein paar Stunden wieder ganz frisch und ausgeruht am Frühstückstisch zu erscheinen.

Die Post war noch nicht eingetroffen, aber sie kam, während er noch mit Don Gian beim Kaffee saß, und ein paar Telegramme folgten ihr auf dem Fuße.

»Das alte Lied«, sagte er, sie Don Gian hinüberschiebend. »Donna Xenia ist nirgend aufgetaucht, man hat auch in Rom nichts von ihr gesehen oder gehört. Das spricht sehr für meine Theorie über ihren Verbleib. Hier dieser Brief meines Agenten – er hat Glück, der junge Mann, daß man ihn mit seiner Trödelei beim Kronleuchterreinigen bis gestern noch nicht an die Luft gesetzt hat – dieser Brief berichtet, daß ›man‹ dort fieberhaft tätig ist, die Verschwundene zu suchen.«

Vielleicht sind sie glücklicher damit wie wir«, bemerkte Don Gian. »Sie müßten ja doch ihre Bewegungen besser kennen als wir, die wir erst seit kurzem Gewißheit darüber erlangt haben.«

»Glücklicher? Hm. – Wir wissen mehr als ›sie‹« › warf Windmüller hin. »Wesentlich mehr. Wenn das auch noch zu keinem Resultat geführt hat, so dürfen Sie nicht übersehen, daß verlorengegangene Menschen viel schwerer zu finden sind als gestohlene Brillanten. Es ist eine charakteristische Eigentümlichkeit des Menschen, daß er durch ein Brett nur sehen kann, wenn es ein Loch hat. Die Leute behaupten zwar, daß ich’s auch ohne Loch zuwege bringe, doch ist das eine kolossale Übertreibung. Das Brett hätten wir – es bleibt mir nur übrig, das ungemein gut zugepichte Loch zu finden, und ehe ich das nicht habe, müssen Sie mir schon noch weitere Gastfreundschaft gewähren, Herr Marchese!«

Don Gian reichte Windmüller die Hand zu wirklich herzlichem Drucke. »Mein Haus ist das Ihre – auch wenn das Loch gefunden ist, sagte er warm. »Ohne Sie säße ich jetzt nicht bei meinem Kaffee im Vollbesitz meiner Ehre. Das wird Ihnen bei mir und den Meinen unvergessen bleiben.«

»Das ist ein langes und großes Wort«, erwiderte Windmüller mit einem melancholischen Lächeln. »Es steht nur im Wörterbuch von wenigen. Ich glaube aber, daß Sie zu diesen gehören, und der Gedanke ist mir ein sehr lieber und werter. Und nun wünsche ich Ihnen einen guten Morgen. Es ist eben neun Uhr, und die Dringlichkeit der Sache muß bei meinem Werk die frühe Stunde entschuldigen.«

Der Rede letzter Teil bezog sich – was Don Gian aber nicht wußte – darauf, daß Windmüller nach dem ersten Stock hinabstieg und in Ermangelung einer Person, die ihn melden konnte, einfach in den großen Saal trat und an der geschlossenen Tür zur Stanza del’ Brustoloni anklopfte.

Eine Antwort erfolgte nicht, aber Fiore Meldeck öffnete selbst die Tür.

»Sie, Herr Doktor?« rief sie überrascht. »Seien Sie mir herzlichst willkommen!«

»Das ist in Anbetracht der frühen Stunde doppelt liebenswürdig von Ihnen, Komtesse. Sie wollen wohl eben ausgehen?«

»Das hat Zeit«, erklärte sie energisch. »Herr und Frau von Krähenhausen sind eben auf den Bahnhof gefahren, um ihren Wiwigenz abzuholen, der sich heute früh telegraphisch angemeldet hat. Ich habe zwar eine gründliche Vermahnung erhalten, mich würdig auf den Empfang dieses Übermenschen vorzubereiten, aber ich habe nicht vor, mit einem Blumenstrauße in der Hand aufgebaut zu stehen und bei seinem Erscheinen einen Kotau zu machen. Kumm! Wenn ich mir der zu erwartenden Ehre voll bewußt wäre, so – ec. ec. Sie glauben gar nicht, welch wilden Haß ich gegen diesen Wiwigenz im Herzen hege!«

»Na, vielleicht ist er gar nicht so schlimm«, meinte Windmüller lachend »Wissen Sie, daß ich den alten Herrn für einen ganz netten Menschen halte? Er hat Humor, und das spricht Bände für ihn.«

»Oh, Vater Kumm ist lieb. Wenn seine bessere Hälfte nicht seine nettesten Regungen allemal in ihm zusammentrampelte, wäre er sogar ganz famos«, versicherte Fiore großmütig. »Aber er ist ein Schwachmatikus und – mürbe geworden. Da liegt der Hase im Pfeffer. Es hat indes alles sein Gutes: ich lerne von Frau von Krähenhausen, wie man seinen Mann – nicht behandeln soll.«

»Glücklicher Mensch, Ihr künftiger Gatte!« rief Windmüller mit Überzeugung. »Ich will Sie aber nicht lange aufhalten, Komtesse, und darum gleich mit meinem Anliegen kommen. Ich möchte gern das Rosazimmer noch einmal sehen.«

»So lange und so oft Sie wollen, Herr Doktor«, versicherte Fiore bereitwilligst. »Darf ich dabei sein? Es interessiert mich wirklich brennend – Ihnen zuzusehen nämlich. Das Rosazimmer an sich natürlich auch. Es ist ein wunderbarer Raum, obgleich ich gestehen muß, daß – daß er als Schlafzimmer einigermaßen den Reiz für mich verloren hat.«

»Warum? Ist der Gardenienduft immer noch so stark bemerklich?« fragte Windmüller aufmerksam.

»Immer noch«, bestätigte Fiore. »Der Gardenienduft wäre fast noch zu ertragen, aber der andere Geruch, der sich damit mischt – er ist einfach gräßlich. Wirklich gräßlich! – Warten Sie einmal hier einen Augenblick – ich will im Rosazimmer die Fenster schließen, und dann sollen Sie selbst sagen, was Sie davon denken!«

Windmüller sah der schlanken Gestalt wohlgefällig nach, wie sie durch die offene Flügeltür in das Rosazimmer eilte, dort beide Fenster schloß und dann stehenblieb und den Kopf witternd hob.

»Noch sind’s nur die Gardenien, die ich rieche – kommen Sie!« rief sie ihm zu, und als er langsam hereintrat, da sah er, daß sie sich schüttelte. »Da haben wir ihn wieder, diesen – diesen Gestank, der gewissermaßen unter dem aufdringlichen Duft einherschwebt. Es wird einem ganz übel dabei – puh!«

Windmüller, dessen Geruchsorgan so hyperempfindlich war, daß er zum Beispiel genau sagen konnte, welche Tabaksorten in einem Raume geraucht worden waren, roch nichts – einfach nichts als die frische, anregende Morgenbrise der See, die, von Osten kommend, Venedig an diesem Morgen durchzog. Er sah Fiore prüfend an: sie war ganz blaß, und nun bemerkte er auch, daß sie blaue Ringe unter den Augen hatte und diese müde aussahen und dabei auch beunruhigt.

Er trat ans nächste Fenster, machte es wieder auf und sah, wie sie die hereinströmende frische Luft erleichtert einsog.

»Schrecklich – nicht wahr?« sagte sie matt.

»Komteßchen, Sie sollten das Zimmer wechseln«, entgegnete er besorgt. »Sie sehen heute ganz elend aus.«

»Ach – das ist ja nicht des Geruchs wegen«, meinte sie. »Wenn die Fenster offen sind, ist’s ganz erträglich. Ich – ich habe heute nacht einen Schrecken gehabt und danach nicht schlafen können – das ist’s. Ich denke nicht daran, das Zimmer zu wechseln – das gäbe einen schönen Trara und eine nette Predigt von Frau von Krähenhausen, nachdem wir dieses Zimmers wegen, in das ich mich verliebt hatte, in den Palazzo gezogen sind. Sie ist furchtbar, die liebe Tante ›Wenn‹, sobald die Schleusen ihres Sprechmechanismus gezogen sind.«

»Ich kann’s mir denken«, meinte Windmüller trocken. »Was hat Sie denn heute nacht so erschreckt?«

»Ach – ich habe mir eingebildet, etwas zu sehen – es kann aber doch nur eine Einbildung gewesen sein, denn die Türen waren alle geschlossen.«

»Was war’s?« redete Windmüller zu, als Fiore stockte.

»Wenn Sie mir auf der Seele knien, dann würde ich sagen: ich war so munter und wach, wie ich jetzt bin«, rief sie mit etwas ungerechtfertigter Energie, denn Windmüller hatte das ja noch gar nicht bestritten. »Ich hatte überhaupt noch nicht geschlafen, sondern lag mit offenen Augen und sah dem Mondstrahl zu, der durch das offene Fenster schräg nach meinem Bett zu ins Zimmer fiel, und dachte an gar nichts Ungewöhnliches, sondern ließ den Abend droben bei der Marchesa noch einmal vor meinen geistigen Augen vorüberziehen – es war doch ein sehr netter Abend – nicht wahr? Nun also! Dann richtete ich mich etwas auf, um mich nach der anderen Seite umzudrehen, und – da sah ich sie in der Tür zur Stanza del’ Brustoloni stehen: eine Dame war’s, etwa von Mittelgröße, in einem ganz modernen grauseidenen Reisemantel, aber ohne Hut, mit dunklen, etwas wirren Haaren und blassem, aber jungem, hübschem Gesicht. Ich rief sie an. Sie gab aber keine Antwort, schien mich gar nicht zu sehen, und ich sprang nun aus dem Bett und ging auf sie zu. Da war sie plötzlich verschwunden. Ich dachte, sie sei ins Nebenzimmer zurückgewichen, und ich lief ihr nach, denn ich war empört über dieses lautlose Eindringen. Aber drinnen waren die Läden geschlossen, es war fast ganz finster, und ich drehte das elektrische Licht auf. Das Zimmer war leer, die Türen innen geschlossen! In mein Schlafzimmer zurückgekehrt, hab’ ich noch nachgeschaut, ob irgendwelcher Schatten mich getäuscht haben könnte; es war aber absolut keiner vorhanden, und ich muß schon sagen, daß es mir etwas unheimlich wurde – mein Herz fing an wie ein Schmiedhammer zu schlagen, und eingeschlafen bin ich erst, als schon der Morgen zu dämmern anfing. – So, jetzt können Sie mich meinetwegen auslachen, Herr Doktor!«

»Ich lache Sie ganz und gar nicht aus«, versicherte Windmüller, der mit dem größten Interesse zugehört hatte. »Komteßchen – verzeihen Sie die alte Anrede – ich möchte Sie zu meiner Vertrauten machen. Ich kann mich auf Ihre Diskretion doch verlassen – nicht wahr?«

»Ich denk’ es schon – ich bin doch meines Vaters Tochter«, erwiderte Fiore.

»Darum meine ich’s eben«, sagte Windmüller zustimmend. »Also ganz im Vertrauen: ich bin hier, um eine Dame – ihr Name tut nichts zur Sache – , um eine Dame zu suchen, die in diesem Zimmer vor wenigen Tagen gewohnt hat, offiziell abgereist und seitdem verschwunden ist. Ich habe nun die Überzeugung, daß ihre Abreise fingiert war und sie sich hier im Hause aus nur ihr bekannten Gründen verborgen hält. Ihre Beschreibung der – Gestalt, die Sie heute nacht hier gesehen haben, paßt auf die Gesuchte, und ich habe die Idee, die Sie ja schon gestern erraten haben, daß in diesem Rosazimmer sich ein geheimer, der Familie unbekannter Ausgang befindet –«

»Und den Sie suchen wollen. – Nein, wie romantisch!« fiel Fiore mit leuchtenden Augen ein, aus denen der Ausdruck der Beunruhigung vollständig verschwunden war. »Hat – doch nein, ich will nichts fragen, sondern mich mit dem begnügen, was Sie mir zu sagen für gut halten. Nun, wenn es einen verborgenen Ausgang hier gibt, dann muß er der Tür zur Stanza del’ Brustoloni verzweifelt nahe sein, denn weit zu gehen hatte diese geheimnisvolle Dame nicht Zeit – sie war kaum verschwunden, da war ich ja schon aus dem Bett heraus und in der Tür, wo sie gestanden!«

Windmüller nickte. Diese Beobachtung stimmte ganz mit der überein, die Assunta gemacht, als sie fast gleichzeitig mit den Schritten Lucias das Verschwinden der Principessa bemerkt, und da Lucia die letztere beim Betreten der Stanza del’ Brustoloni nicht mehr gesehen, so konnte der notwendig vorhandene Ausgang nur dicht neben der Tür oder in dem auffällig tiefen Rahmen derselben liegen. Diese Erwägung vereinfachte natürlich die Sache insofern, als nur ein bestimmter Umkreis in oder zwischen den beiden Räumen in Frage kam, aber diese ›Vereinfachung‹ blieb trotzdem eine harte Nuß, denn methodisch, wie Windmüller damit vorging, ausgerüstet mit der Kenntnis der Schleichwege solch alter Häuser, wie er war – er konnte keine Fuge finden, keine Kombination entdecken, mit der dem Geheimnis beizukommen möglich gewesen wäre.

Das erschütterte aber seinen felsenfesten Glauben an die Existenz eines verborgenen Ausganges keineswegs. Wozu sonst die plötzliche Vorliebe der Principessa für das Rosazimmer, das sie bisher verschmäht hatte? Mehr noch: das Zimmer oder aber die Stanza del’ Brustoloni mußte eine Verbindung mit dem oberen Stock enthalten, die sie zum Raube des Dokumentes benützt hatte.

Zu beiden Seiten der Flügeltüren, die nach dem Zimmer mit den Ebenholzmöbeln führten, standen große, hohe Lehnsessel, die sich vermöge ihrer ungeheuren Schwere kaum von der Stelle schieben ließen, geschweige denn von einer so zarten Persönlichkeit wie der Principessa so weit abgerückt werden konnten – mit einer solchen Schnelligkeit wenigstens nicht, wie es ihr ›Verschwinden‹ bedingte, um ihr genügenden Raum zu geben, dahinter zu schlüpfen. Fiore war ganz sicher, daß diese Sessel nicht von ihrem Platze gekommen waren, so lange sie diese Räume bewohnte; zudem war die Tapete hier ganz ohne jede bemerkbare Fuge, die Wand dahinter so solid, daß sie der Annahme einer verborgenen Tür einfach spottete, und neben den Sesseln standen eine Ecketagere und ein Schrank von solcher Schwere und Solidität, daß schon die Kräfte mehrerer Männer dazu gehörten, um sie auch nur um Zentimeter von den Wänden fortzubewegen. Es blieb also die Türfüllung, die, durch vergoldete Leisten in je zwei bemalte Paneele rechts und links abgeteilt, ihr Geheimnis, wenn sie eines verbarg, so trefflich hütete, daß Windmüller sich nach genauester Untersuchung für geschlagen erklärte – wenigstens zunächst, denn daß hier des Rätsels Lösung zu suchen und infolgedessen auch zu finden war, davon war er fester denn je überzeugt.

Nach kurzem Nachdenken, in dem Fiore ihn durch keine Silbe störte, kam er zu dem Entschluß, der Sache von unten beizukommen, mindestens aber vielleicht durch die Architektur des Erd- oder Wassergeschosses einen Fingerzeig zu erspähen. Er verabschiedete sich von Fiore, die ihn durch den Saal begleitete und ihm unterwegs versprach, die Forschung auf eigene Faust fortzusetzen.

»Nicht, daß ich mir anmaße zu finden, was Ihnen entgangen ist«, meinte sie bescheiden, »indes kann man ja immer nicht wissen. Die Maus soll dem Löwen auch schon einmal geholfen haben.«

»Komteßchen, ich weiß, was ich kann, aber ich bin durchaus nicht so anmaßend, mich für allvermögend zu halten«, erwiderte Windmüller lächelnd. »Die Hilfe der Maus wird dankbar angenommen. Vor allem aber: Diskretion! Namentlich Ihrem Vormund und seiner Frau gegenüber, die dieser Sache verständnislos gegenüber stehen dürften.«

»Die wären auch die letzten, mit denen ich darüber reden würde«, rief Fiore.

Sie waren inzwischen nach der Vorhalle gekommen, und diese öffnend, befand sich Windmüller einem Herrn gegenüber, der offenbar eben im Begriffe war, anzuklopfen. Es war ein noch junger Mann, in so tadellos elegantem Zivil, daß man ausnahmsweise sicher nicht den deutschen Offizier auf Urlaub in ihm vermutet haben würde, wenn er beim Anblick der ihm Entgegenkommenden nicht die Hacken ganz militärisch zusammengeschlagen hätte. Er war auch ein ganz hübscher Mensch mit rassigen Zügen, und er wäre sicher noch hübscher gewesen ohne den verschnittenen modernen Schnurrbart, der wie eine Zahnbürste unter der Nase hängt und allen Gesichtern, die ihn als ›Zierde‹ tragen, den gleichen halb törichten, halb ›wurstigen‹ Ausdruck zu verleihen pflegt.

»Vetter Fritz!« rief Fiore überrascht, aber ohne Begeisterung.

»In Person, Bäslein!« bestätigte der Fremde, und mit nochmaligem Zusammenklappen der Hacken stellte er sich Windmüller vor: »Rittmeister Graf Meldeck!«

»Doktor Windmüller!« erwiderte dieser die erwiesene Höflichkeit, sagte dann: »Also auf Wiedersehen, Komteßchen!« grüßte kurz und ging rasch seiner Wege.

»Donnerwetter – ! Kolossal feudales Lokal!« Das waren Graf Meldecks erste Worte, als er den Saal betreten hatte, indem er sich überrascht darin umsah.

»Kolossal!« bestätigte Fiore. »Und was verschafft mir die hohe Ehre deines Besuches, Vetter Fritz?«

»Hohe Ehre – na, hör mal, begrüßt man so seinen nächsten Verwandten?« rief Graf Meldeck lachend.

»Nachdem der nächste Verwandte sich fünf Jahre lang nicht um einen gekümmert, einem nicht mal eine Postkarte zu Neujahr geschrieben hat, muß man wohl von ›hoher Ehre‹ reden«, gab Fiore prompt zurück.

»Man sachte mit die jungen Pferde, Bäschen!« war die ebenso prompte Antwort »Wohin hätte ich denn mit deiner gütigen Erlaubnis schreiben sollen? Du bist’s, die es nicht für nötig gehalten hat, uns mitzuteilen, wohin du mit der alten Vogelscheuche, die du deinen nächsten Verwandten vorgezogen hast, verduftet warst!«

»Hast du mich gefragt, wohin ich ›verduften‹ wollte?« entgegnete Fiore hitzig. »Na, denn nicht, liebe Seele, hast du einfach nur gesagt, als du damals Papas Begräbnis mit deiner Gegenwart verherrlicht hattest und mir, der armen, mittellosen Verwandten, großmütig eine Stelle als – Kindermädchen bei deiner Schwester anbotest, die es nicht für notwendig gehalten hatte, dich zu begleiten. Ja, wenn noch von einem ›Heim‹ bei deiner Schwester die Rede gewesen wäre! ›Du kannst dich bei den Kindern dort nützlich machen‹ – das war alles. Kannst du mir’s etwa noch übelnehmen, daß ich das mir so gütig angebotene Heim bei meiner Pate vorzog, die schon vorher gekommen war, um mir in den letzten Tagen meines Vaters beizustehen? Ich möchte den sehen, der nach einem Knochen schnappt, wenn ihm ein Herz geboten wird!«

»Da hast du nun wieder recht«, gestand Graf Meldeck unumwunden ein. »Ich hab’ halt damals ausgerichtet, was mir aufgetragen wurde – na, am Ende war’s vielleicht ganz gut, daß ich’s so tappig gemacht. Du warst glücklich bei deiner Pate, und Sie hat dir, wie ich höre, auch ein bißchen Moos vermacht – nicht?«

»Die alte Vogelscheuche, wie du die Pate zu nennen beliebtest, hat mich nicht ganz mittellos hinterlassen«, erwiderte Fiore etwas besänftigt, aber immer noch mit – natürlich bildlich gesprochen – gesträubten Federn. »Ich war sehr glücklich bei ihr – wenn dir’s eine Beruhigung ist, das zu hören.«

»Freut mich von Herzen«, versicherte Graf Meldeck aufrichtig. »So, und nun du deinem Herzen Luft gemacht, laß uns das Kriegsbeil vergraben, an dem ich eigentlich ganz unschuldig bin. Darf ich mich setzen?«

Jetzt mußte Fiore lachen. »Ja, setz dich nur«, sagte sie heiter. »Und entschuldige, daß ich dich so ungastlich behandelt habe, Vetter Fritz!«

»Schon recht – nur aus seinem Herzen keine Mördergrube machen, das ist mein Grundsatz! Übrigens mein Kompliment: wenn schon die Puppe viel versprach – der Schmetterling hat mehr gehalten!« meinte Graf Meldeck mit ungeheucheltem und unverhohlenem Wohlgefallen seine Verwandte betrachtend.

Die begriff das Kompliment gar nicht einmal, weil sie ein ganz unaffektiertes Wesen war, und fragte höchst erstaunt: »Welche Puppe?«

Vetter Fritz lachte jetzt auch. »Na, hör mal – welche?« machte er belustigt. »Das hab’ ich doch hübsch und poetisch gesagt – nicht? Gemeint hab’ ich: du hast dich höllisch herausgemausert – paff war ich, wie ich dich vorhin sah!«

»Ach, so war’s gemeint?« rief Fiore übermütig lachend mit einem Blick auf den sich lichtenden Scheitel des Vetters. »Ich werde dir das Kompliment zurückgeben, wenn du einmal mit dem Mausern fertig bist.«

»Grundgerechter – hat die ein Mundwerk!« stöhnte Graf Meldeck mit einem Blick gen Himmel und einem zweiten begeisterten auf Fiore. »Na, ich werde mich in acht nehmen und noch einmal galant sein – die Gefahr ist mir zu groß. – Übrigens – war das dein Vormund, der vorhin hinausging? Habe den Namen nicht recht verstanden.«

»Nein – es war ein alter Freund«, erwiderte Fiore. »Mein Vormund heißt Krähenhausen.«

»Ganz richtig, das las ich im Fremdenbuch meines Hotels, in dem ich zu meiner Überraschung deinen Namen fand, worauf mir gesagt wurde, daß du mit den Herrschaften in diesen Palast übergesiedelt seist. Natürlich nahm ich mir gleich eine Gondel, um dich aufzusuchen.«

»Daher also wußtest du, daß ich hier bin!« rief Fiore. »Nun, es ist sehr nett, daß du gekommen bist, Vetter Fritz. Ich danke dir für deinen Besuch und bitte dir den etwas – hm – etwas steifen Empfang ab.«

»Steif ist gut«, meinte Graf Meldeck gutmütig. »Übrigens ist da nichts zu danken – Blut ist nun mal dicker als Wasser. Ich hätte gar nicht anders gekonnt, als zu dir zu kommen, nun ich dich am selben Ort mit mir wußte. Sag mal – muß ich nicht auch deinem Vormund meinen Besuch machen?«

»Kannst du gleich haben. Er ist mit seiner Frau auf den Bahnhof, um seinen Sohn – den ich noch nicht kenne – den Professor Doktor Wiwigenz Freiherrn von Krähenhausen, Hochgeboren, abzuholen. Er will hier im Archiv Studien machen, denn er lehrt Geschichte in –«

»Was – das ist der?« rief Graf Meldeck. »Ich kenne ihn gut, den außerordentlichen Kich-Wiwi!«

»Wie nennst du ihn?«

»Das ist sein Spitzname«, erklärte Graf Meldeck schmunzelnd. »Bezugnehmend auf seine Stellung als außerordentlicher Professor, auf eine seiner Eigentümlichkeiten und auf seinen ebenso schönen wie ungewöhnlichen Vornamen.«

»Das nennt man Ausnützung!« rief Fiore belustigt. »Was ist er denn für ein Mensch?«

»Oh, er ist ein ganz netter, anständiger Kerl, der viel in unserem Regiment verkehrt«, erwiderte Meldeck. »Wir haben ihn ganz gern, lachen aber manchmal ein bißchen über ihn. Du weißt ja – ›Leutnants, stets verbrecherlich, finden alles lächerlich‹. – Und um noch ein Zitat anzuwenden – er kann von sich sagen: ›Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!‹ Die eine Seele ist die eines von Natur harmlosen, stillvergnügten, netten Kerls –«

»Hat er vom Vater!« flocht Fiore ein.

»Die andere Seele ist die eines auf seine Fähigkeiten und seine Stellung als außerordentlicher Universitätsprofessor viel zu hochmütigen Aristokraten –«

»Hat er von der Mutter!«

»Na ja – und beide Seelen streiten miteinander. Wenn er der Stimme der ersteren gefolgt und uns alle damit gewonnen hat, dann besinnt er sich plötzlich darauf, daß er eigentlich geistig turmhoch uns armen Landsknechten überlegen ist. Er macht dann ›Kich‹, mit welchem Laut er seiner von einem chronischen Stockschnupfen belasteten Nase Luft verschafft –«

»Erbteil vom Vater!«

»Worauf er sich aufs Katheder – bildlich geredet – schwingt und uns durch ein Privatissimum einfach niederschmettert, bis seiner Nase wieder die Luft mangelt. ›Kich!‹ macht er dann wieder und steigt zu uns Sterblichen als Sterblicher von neuem herab. Deshalb nennen wir ihn den außerordentlichen Kich-Wiwi.«

»Seine beiden Seelen sind demnach von seiner Nase in ihrer Wechselseitigkeit abhängig?«

»Scheint so. Na, wir haben halt alle eine Schraube irgendwo locker. Lassen wir jetzt den Kich-Wiwi, erzähle mir lieber, warum du das gute und bequeme Hotel gegen diesen alten Kasten verlassen hast?«

»Geschmacksache, Vetter Fritz! Ich finde diesen alten Kasten wundervoll, und weil er gerade zu haben war, so haben wir zugegriffen und sind nun erst so richtig in Venedig.«

»Hm – ja. Wenn alle Zimmer so sind, wie dieser Saal, dann allerhand Hochachtung! Ich verstehe nur nicht, wie der Besitzer dieses Haus vermieten kann. Ruinierter Nobile – wie?«

»Es macht mir nicht den Eindruck. Ich glaube eher – wenigstens deutete die Gräfin Candiani es an – , daß nur eine vorübergehende Verlegenheit die Ursache ist, Mieter zuzulassen, die übrigens einer sehr gewichtigen Empfehlung zur Zulassung bedürfen. Denn diese Räume sind ja voll von Kunstgegenständen, für die man eine Garantie verlangt. Von einer Vermietung des Hauses ist auch nicht die Rede. Die Familie bewohnt die oberen Stockwerke, und von der unbenützten Flucht in dieser Etage haben wir nur die Hälfte – zehn Zimmer im ganzen.«

»Alle Wetter – das ist imposant! – Wer ist eigentlich der Besitzer? – Marchese Terraferma? Mir begegnete unten vorhin, als ich ankam, ein sehr schick aussehender junger Herr »

»Das wird schon der Marchese gewesen sein. Er ist zur Zeit auf Urlaub hier«, sagte Fiore wie obenhin und ohne die Augen zu senken, denn Graf Meldeck sah sie eigentümlich forschend an.

»Ist er Offizier?«

»Nein – Diplomat. Sekretär des Ministers der Auswärtigen Angelegenheiten.«

»So? Hm. Verheiratet?«

»Nein. Seine Großmutter und Schwester leben hier im Palazzo. Die solltest du sehen, Vetter Fritz! Ich sage dir: eine echt venezianische Schönheit mit rotgoldenem Haar und schwarzen Augen!«

»Wäre ganz mein Geschmack!« rief Graf Meldeck. »Blondinen – helle Blondinen sind nämlich meine Passion«, setzte er mit einem Seufzer hinzu, der Fiore lachen machte.

»Na, dann sieh nur zu, daß du keine Gefärbte erwischst«, meinte sie heiter. »Wobei mir einfällt: bist du eigentlich verheiratet?«

»Ich? Aber absolut nicht! Erstens weil ich die gesuchte Blondine noch nicht gefunden habe, und dann ist noch sehr die Frage, ob sie sich einen armen Teufel, wie mich, der nischt hat als sein Gehalt und ein paar Schulden, nehmen würde. Denn zum Heiraten gehören nämlich zwei.«

»Ist die Möglichkeit!« staunte Fiore. Und dann, aufhorchend, fuhr sie lebhaft fort: »Jetzt kannst du gleich deine Bekanntschaft mit dem ›Außerordentlichen‹ erneuern. Denn ich höre die Krähenhausens eben die Treppe heraufkommen.«

Sie waren’s wirklich und betraten gleich darauf den Saal, und es entging Fiore nicht, daß Frau von Krähenhausens Gesicht ganz unverhohlen den Ausdruck unangenehmster Überraschung beim Anblick Meldecks zeigte, als sie, ihren Sohn an der Hand, ihn dem Mündel ihres Gatten mit den Worten zuführte: »Hier, liebes Kind, bringe ich Ihnen meinen Wiwigenz, der sich schon sehr darauf freut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Wenn ich freilich gewußt hätte, daß Sie Besuch haben, so –«

»Guten Tag, Herr Professor! Haben Sie eine gute Reise gehabt?« unterbrach Fiore den mit ›so‹ beginnenden unvermeidlichen Nachsatz, indem sie dem ›Außerordentlichen‹ die Hand reichte.

Er war eine ganz stattliche Erscheinung, dieser jüngere Krähenhausen – eine zweite Auflage seines Vaters, der mit noch dunklem Haar und Bart genau so ausgesehen haben mußte.

»Mein Vetter, Graf Meldeck«, stellte Fiore den Genannten vor, ohne auf eine Antwort ihrer Höflichkeitsfrage zu warten. »Ich höre, die Herren kennen sich schon –«

»Das ist ja eine angenehme Überraschung, Herr Graf! Als Sie mir sagten, daß Sie eine Urlaubsreise machen wollten, erwähnten Sie nicht, daß Sie nach Venedig reisen würden«, rief der Professor mit harmloser Herzlichkeit, aber mit einem Seitenblick auf seines Vaters Mündel.

»Ich gebe Ihnen diese Unterlassungssünde zurück«, erwiderte Meldeck lachend. »Denn als Sie sagten, Sie träten gleichzeitig eine Studienreise an, erwähnten Sie auch nicht, daß Venedig Ihr Ziel sei. Und so treffen wir uns in der Seestadt in diesem höchst feudalen Palaste – nur daß ich, nach Venedig kommend, noch keine Ahnung hatte, meine Base hier wiederzusehen!«

»Oh – in der Tat? Und woher erfuhren Sie, daß Gräfin Fiore hier ist?« fragte Frau von Krähenhausen mißtrauisch.

»Aus dem Fremdenbuch des Hotels, gnädige Frau«, entgegnete Meldeck bereitwillig. – »Doch ich will die Herrschaften nun nicht länger stören. – liebes Bäslein, ich darf doch wiederkommen? Stelle mich auch für einen Ausflug ganz zu Diensten. – War mir eine besondere Ehre, meine Herrschaften!«

Als die Tür hinter Graf Meldeck kaum geschlossen war, sah Frau von Krähenhausen sich zu einer kleinen Ermahnung veranlaßt.

»Hast du gewußt, Wiwigenz, daß dieser Graf Meldeck ein Vetter unserer lieben Fiore ist?« begann sie sauersüß und fuhr im selben Atem fort: »Aber gleichviel, liebe Fiore, ich hätte es für passender gefunden, wenn Sie den Herrn in meiner Gegenwart empfangen hätten!«

»Kumm!« machte Herr von Krähenhausen einleitend.

Aber Fiore ließ ihn nicht zur Rede kommen. »Ah, nein!« sagte sie ruhig. »In Ihrer Gegenwart hätten wir uns ja nicht zanken können! Das war für dieses Mal. Sollten Sie bei seinem nächsten Besuch, der Ihnen ja gelten wird, wieder nicht zu Hause sein, dann muß ich mir halt getrost das ›Passendere‹ versagen, damit sich mein nächster Blutsverwandter nicht erst einbildet, daß ich mich in bezug auf seine Person dummen Gedanken hingebe –«

»Gnädigste Komtesse gestatten mir, die Sache dahin moderieren zu dürfen, daß ich kühn behaupte, es wäre besser, einen so verwöhnten Liebling der Damen wie Ihren Herrn Vetter, nicht selbst auf ›dumme Gedanken‹ zu bringen,« fiel der Professor mit solch harmlosem Lachen ein, daß Fiore ohne Rückhalt herzlich einstimmte.

»Sie müssen ihn besser kennen wie ich, Herr Professor, und darum schließe ich mich Ihrer Begründung für seinen künftigen Empfang an, die ja auch Ihre Frau Mutter nicht umhin können wird zu billigen,« sagte sie heiter.

»Ich weiß doch nicht«, widersprach Frau von Krähenhausen. »Wenn es einem jungen Mädchen zu meiner Zeit eingefallen wäre, einen jungen Herrn allein zu empfangen, so –«

»Kumm!« machte Herr v. Krähenhausen vermittelnd.

»Kich!« ließ sich gleichzeitig der Professor vernehmen.

Vor dieser dreifachen Äußerung Krähenhausenscher Familieneigentümlichkeiten strich Fiore einfach die Segel, weil sie sich der Möglichkeit, dem standzuhalten, nicht sicher war. Ehe der Professor nach dem erfolgten Warnungssignal den ›außerordentlichen‹ Wiwigenz zur Geltung bringen konnte, erklärte sie, mit allen Geistern der Lachlust ringend, daß sie die Freude des Wiedersehens zwischen Eltern und Sohn nicht länger stören, sondern hinauf zu Donna Loredana gehen wollte, mit der sie eine Verabredung getroffen hätte.

»Wenn Sie mich vorher befragt hätten, so wäre das rücksichtsvoller gewesen«, sagte Frau von Krähenhausen scharf und zurechtweisend.

»Befragt?« wiederholte Fiore ruhig und höflich, aber sich höher emporrichtend. »Das verstehe ich nicht. Warum hätte ich Sie wegen einer einfachen Verabredung mit einer einwandfreien Persönlichkeit befragen sollen? Und ich dachte gerade recht rücksichtsvoll zu sein, weil ich Sie Ihrem Herrn Sohn nicht entziehen wollte, mit dem Sie sich ja viel zu sagen haben werden. Aus diesem Gefühl heraus habe ich auch für meine Person die Einladung der Marchesa zum Lunch angenommen und zu einer Spazierfahrt mit den Damen, werde aber, wenn Sie nicht lieber allein unter sich bleiben wollen, an unserem gemeinsamen Mittagsmahl teilnehmen.«

Mit einer anmutigen Verbeugung entfernte sich Fiore, ohne eine Entscheidung über die letztere Frage abzuwarten, ohne Hast, aber mit einer zweifellosen Endgültigkeit, und eilte die Treppen zur Wohnung Donna Loredanas hinauf. Daß sie oben den Marchese bei seiner Schwester antraf, war wirklich reiner Zufall und nicht Verabredung oder gar Gelegenheitsmacherei, wie Frau v. Krähenhausen annahm, die diesem Verdacht scharfen Ausdruck gab, kaum daß die Tür sich hinter ihres Gatten Mündel geschlossen hatte.

»Na, laß gut sein, Alte – kumm«, meinte Herr von Krähenhausen. »Wir haben dafür, daß die Leute droben Fiore einfangen wollen, doch nicht den geringsten Anhalt. Es scheinen mir im Gegenteil höchst anständige und vornehme Menschen zu sein –«

»Scheinen! Scheinen!« rief Frau von Krähenhausen giftig. »Dir ›scheint’ immer, was gelb ist, Gold zu sein, bis ich dir beweise, daß es bloß Messing ist. Was dir ›scheint‹, dafür gebe ich keinen roten Pfennig! Der Preis für diese Wohnung ist freilich so ›anständig‹, daß mir die Augen vom bloßen Hören noch tränen, aber was wissen wir sonst von dieser welschen Lumpenbagage? Nichts – nichts, sage ich dir!«

»Hm – kumm – die Gräfin Candiani –« »Ist auch ein Vogel vom gleichen Neste. Ich huste auf die Gräfin Candiani!« ereiferte sich Frau von Krähenhausen. Aber freilich, bei Fiore ist’s das welsche Blut der Mutter, das im welschen Lande anfängt sich zu regen und nach dieser Seite zu drängen, und wenn wir nicht ordentlich aufpassen –«

»Komtesse Meldeck ist wirklich ein sehr schönes Mädchen«, fiel der Professor hastig ein. »Und sie hat auch Charakter. Sie weiß, was sie will.«

»Na, wenn sie dir gefällt, dann ist’s ja gut«, erwiderte Frau von Krähenhausen mit einem Ton, der eine starke Dosis persönlichen Widerspruchs enthielt. »Ob Fiore wirklich weiß, was sie will, das möchte ich doch sehr bezweifeln nach dem Schwabenstreich mit diesem Palaste. Ich werde sie schon noch schärfer anfassen müssen, wenn –«

»Alte, Alte, tu’s lieber nicht!« fiel Herr von Krähenhausen besorgt ein. »Sie ist so – so selbständig von ihrem Vater erzogen worden – und wenn sie nicht will, können wir sie nicht zwingen, bei uns zu bleiben. Wäre es jetzt nicht ganz praktisch, wenn Wiwigenz sein Frühstück bekäme?«

Frau von Krähenhausen bejahte ausnahmsweise einmal eine Frage ihres Gatten, was er nicht ohne Berechtigung auch für eine Zustimmung zu seiner vorangegangenen Warnung anzusehen geneigt war.


* * *


Windmüller war mit Agostino ins untere Geschoß gestiegen, um dort seine Untersuchungen fortzusetzen. Er fand die Mauer, deren außergewöhnliche Dicke zwischen den Zimmern des ersten und zweiten Stockwerkes ihm zu denken gegeben, zum mindesten noch einmal so stark vor, ohne jedoch eine Lösung für dieses Rätsel zu finden. Es war ja freilich möglich, daß architektonische Rücksichten gerade diese eine Mauer in diesem Umfang auszuführen geboten hatten, aber Windmüller wollte diese Erklärung nicht recht einleuchten. Der Raum zur rechten Seite der Halle – wenn man diese vom Wasserportal aus betrat – dieser Raum, der genau unter dem Eckzimmer, der Stanza del’ Brustoloni, lag, entsprach in seiner Länge an der Seite des Sackkanals nicht ganz dem oberen Raum, die Mauer, die oben von der Tür in das Rosazimmer unterbrochen wurde, schob sich hier unten schon um etwa siebzig Zentimeter weiter vor und zeigte keinerlei Durchgang oder auch die Spur, daß jemals ein solcher darin bestanden. Es war dies ganz zweifellos festzustellen durch den ebenmäßig aufgetragenen Kalkverputz, den die Zeit schon stark abgebröckelt hatte. Im übrigen wurde dieser Raum als Rumpelkammer für alle möglichen Hausgeräte gebraucht.

Auf der gegenüberliegenden Seite dieser Windmüller so stark beschäftigenden, rätselhaft dicken Mauer befand sich die Wohnung des Portiers. Die Wand war hier ebenmäßig verputzt, blau getüncht und zeigte nicht einmal die Möglichkeit eines etwaigen Ausganges. Und doch – nach einer ungefähren Messung betrug die Dicke dieser merkwürdigen Mauer hier unten mehr als zwei Meter, eine Tatsache, die bisher anscheinend niemand aufgefallen war.

»So war’s immer und wird wohl von Beginn an so gewesen sein«, brummte Agostino kopfschüttelnd. »Der das Haus gebaut hat, wird wohl gewußt haben, warum er diese Mauer so dick gemacht hat. Ob sie massiv oder innen hohl ist – wer soll das wissen nach so langer Zeit, und der’s sagen könnte, ist längst tot. Was geht’s uns schließlich an?«

Windmüller war zwar nicht dieser Ansicht, denn die Meinung, daß es ihn zum Beispiel etwas ›angehen‹ könnte, setzte sich immer mehr in seinem Kopfe fest, aber er mußte einsehen, daß dieser Mauer von den vier Seiten, die in Betracht zu ziehen waren, nicht beizukommen war. Wo er sie auch prüfte, klang sie ganz ausnehmend massiv und solid und dennoch – welcher Architekt legt solch einen Mauerblock in die Mitte eines Hauses, ohne einen ganz besonderen Zweck damit zu verbinden? Als Stütze des ganzen südöstlichen Teiles des Palastes, der doch wie das ganze übrige Gelände auf dem Rost von Lärchen- und Eichenpfählen erbaut war, auf dem ein jedes Haus in Venedig steht? Nur ein Grundriß des Palastes hätte darüber Auskunft geben können. Daß ein solcher existiert hatte, war ebenso sicher wie die Annahme, daß er im Laufe der Zeiten verlorengegangen. Und ebenso sicher bemächtigte sich Windmüllers die Überzeugung, daß zwischen diesen vier Mauern sich das Rätsel der Donna Xenia barg, das Rätsel, zu dem sie die Lösung besessen hatte, ja, sie noch besaß, denn daß sie den Palast nicht verlassen, das stand nach dem Erlebnis Fiore Meldecks in der vergangenen Nacht fester denn je.

Vorausgesetzt natürlich, daß die Person, die Fiore Meldeck in der Tür ihres Schlafzimmers gesehen, die Principessa war!

Und auch darüber sollte Windmüller bald eine größere Gewißheit erhalten, denn als er nach langer, fruchtloser Prüfung der rätselhaften Mauer wieder in das zweite Stockwerk hinaufstieg, kam vom dritten Fiore Meldeck von ihrem Besuch bei Donna Loredana herab.

»Denken Sie nur, Herr Doktor«, rief sie ihm schon von weitem, aber mit gedämpfter Stimme entgegen, »denken Sie, ich habe eben bei Donna Loredana die Photographie meiner nächtlichen Besucherin gesehen! Es ist ihre Schwägerin, die Witwe ihres ältesten Bruders!«

»Tatsächlich? Sie haben sie auf dem Bilde wiedererkannt?«

»Auf den ersten Blick, trotzdem sie auf der Photographie anders angezogen ist. Das schmale Gesicht mit den übergroßen Augen ist nicht zu verkennen und gab mir einen solchen Ruck, daß ich mich fast verraten hätte. Aber natürlich habe ich nichts gesagt, trotzdem Donna Loredana mich ganz erstaunt fragte, ob ich ihre Schwägerin kenne, was ich ja mit gutem Gewissen verneinen konnte. Ich sagte nur, das Bild sieht jemand ähnlich, den ich unlängst gesehen.«

»So ist’s recht, Komteßchen. Es ist besser, wenn die Familie vorläufig nichts von Ihrem nächtlichen Besuche erfährt.«

»Ich hätte mich auch gar nicht überwinden können, vor ihnen davon zu sprechen, und weiß überhaupt nicht, wie ich dazu kam, es vor Ihnen zu tun. Es war etwas so – wie soll ich sagen? – so Unwahrscheinliches in der Art, wie diese Dame ungehört, lautlos bei mir erschien und ebenso lautlos und spurlos wieder verschwand. Ich denke mir, sie muß nicht gewußt haben, daß das Rosazimmer bewohnt ist. Oder –«

»Oder?«

»Ach, ich weiß nicht. Ich muß jetzt meinen Hut holen. Donna Loredana will mit mir ausfahren.«

»So, so! Viel Vergnügen, Komteßchen!« –

Kaum daß Windmüller in seinem Zimmer war, kam auch Don Gian von seiner Schwester herab. Er zögerte einen Augenblick vor der Tür seines Gastes, besann sich dann aber eines anderen und ging zu seiner Großmutter, die ihn wie immer mit offenen Armen empfing.

»Etwas Neues über Xenia,« fragte sie mit einem forschenden Blick in sein Gesicht, das einen von den vergangenen Tagen sehr verschiedenen, fast frohen Ausdruck zeigte.

»Xenia?« wiederholte er und setzte mit verdüsterter Miene hinzu: »Nein, nichts Neues. Ich wollte, Xenia wäre in – in Jericho meinetwegen! Wir werden schon noch zeitig genug von ihr und ihren neuesten Taten hören – trotz der pessimistischen Auffassung von Doktor Windmüller über ihren Verbleib. – Sieh nicht so erstaunt aus, Nonna! Es ist mir nicht zu verdenken, wenn der Name Xenia mich nicht gerade wie ein Zephyr umkost. – Sag mal, was ist’s eigentlich mit der Mutter der Komtesse Meldeck? Warum warst du so bewegt, als du hörtest, wer diese Mutter war?«

Die alte Dame kämpfte sichtlich mit sich selbst. »Giannino – das ist ein schmerzliches Kapitel in der Geschichte unserer Familie«, sagte sie endlich. »Ich – ich möchte lieber nicht darüber sprechen –«

»In der Geschichte unserer Familie?« fiel Don Gian erstaunt ein. »Unserer? Aber liebe Nonna –«

»Oh, nun habe ich dich erst neugierig gemacht!«

»Ja, das hast du – ehrlich und rechtschaffen!«

»Nun, so sei es. Dein Vater war mit der Mutter von Fiore Meldeck verlobt. Ihr Großvater, der Duca di Rifreddi, und dein Vater waren entfernt verwandt, und die Familien hatten die Verbindung besprochen und verabredet, als beide Verlobte noch Kinder waren – ebbene, wie es eben so Sitte ist. Fiorenzia Crespolo war ein sehr schönes Mädchen – schöner, viel schöner noch, als ihre Tochter ist. Ich habe sie sehr lieb gehabt und mich auf sie gefreut, wie auf eine leibliche Tochter, Gian, und – acht Tage vor der Hochzeit erklärte dein Vater ihr, er könne sie nicht heiraten, denn er liebe eine andere, die dann ja in der Folge auch deine Mutter wurde. Ich brauche dir nicht erst zu sagen, was diese Handlung deines Vaters im Gefolge hatte – denk nur allein an das Aufsehen, das dieser Bruch so kurz vor der Hochzeit erregte! Es war sehr, sehr hart für uns alle! Und dann der notwendige Bruch mit dem Hause Crespolo, der Affront, der dem armen Mädchen zugefügt wurde, denn wer hätte sich entschlossen, die in letzter Stunde verschmähte Braut noch heimzuführen? Ein deutscher Diplomat, Graf Meldeck, hatte mehrere Jahre später diesen Mut, sich über den Flecken auf dem Leben des jungen Mädchens hinwegzusetzen –«

»Nonna!« unterbrach Don Gian die alte Dame. »Wie kannst du von einem ›Flecken‹ auf ihrem Namen reden – ich meine, der fiele doch auf den, der ihr sein Wort gebrochen hat!«

»Ah, Giannino, so urteilt die Welt nicht! Eine verschmähte Braut ist gebrandmarkt nach unseren Begriffen –«

»Die sich gottlob stark geändert haben, Nonna. Ich tadle meinen Vater nicht, der den Mut hatte, für sein Glück ein Band zu zerreißen, in letzter Stunde zu zerreißen, das nicht er geknüpft hatte, sondern das ihm durch die Überlieferung aufgedrängt worden war. Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Ich kann aber auch nicht finden, daß der verlassenen Braut damit ein ›Flecken‹ angeheftet worden ist. Vielleicht ist ihr die größte Wohltat ihres Lebens erwiesen worden – da sie wohl meinen Vater ebensowenig geliebt haben wird, wie er sie.«

»Gian!« machte die Marchesa mit einer abwehrenden Bewegung, die aber von einem Blick begleitet war, den man bei einer jungen Dame schelmisch genannt hätte. »Gian, ich bitte dich! Ein junges Mädchen unseres Standes hat fraglos den Mann zu lieben, den ihre Eltern für sie gewählt haben!«

Don Gian lachte. »Nonna, Nonna«, sagte er neckend, »mir ist, als ob ich gehört, von dir selbst gehört hätte, daß du zu diesen Gliederpuppen auch nicht zu zählen warst, sondern mit großer Energie für deine Liebe, meinen Großvater, eingetreten bist! Va bene, ich finde, daß Graf Meldeck ein sehr vernünftiger Mann war, als er sich den Teufel um die sogenannten ›Flecken‹ auf dem Dasein der Donna Fiorenzia Crespolo scherte, und ich finde ferner, daß wir für diesen selben ›Flecken‹ ihrer Tochter eine Genugtuung schulden. Findest du nicht auch?«

Die alte Dame schlug die Hände zusammen. »Gian!« rief sie, ihren Enkelsohn zärtlich ansehend. »Gian! Du – du –«

»Ja, Nonna, ich wäre eigentlich dazu berufen, diese Genugtuung zu leisten. Und noch dazu mit vollster Begeisterung, sicher deiner Zustimmung.«

Die Marchesa antwortete nicht gleich. »Fiore Meldeck ist nicht nur ein sehr reizendes, sondern auch, was mehr ist, ein sehr, sehr liebes Wesen«, sagte sie dann zögernd. »Mehr noch, ich glaube, daß sie dich und du sie glücklich machen würdest. Aber sie ist ein armes Mädchen und wir – wir könnten zur Abwechslung einmal eine reiche Marchesa Terraerma ganz gut brauchen.«

Don Gian lachte glücklich und leichtherzig. »Wir könnten’s, das ist sicher, aber ich denke und hoffe, es wird auch so gehen. Ich wenigstens fühle, daß – daß es gehen wird. Es kommt eben alles auf die Person an, Nonna. Vorgestern noch dachte ich nur eine reiche Frau heiraten zu können, und heute ist der Mammon für mich eine Sache, die mir so fern liegt wie der Wunsch, auf dem Himalaja sitzen zu müssen. Ich weiß überhaupt gar nicht mehr, wie ich dazu kam, das Geld mit dem Gedanken an meine zukünftige Frau zu verquicken. Ich weiß nur eines noch: daß ich der unglücklichste Mensch wäre, wenn Fiore Meldeck mich nicht mag, mich nicht lieben könnte!«

»Nun, dann wird sie wohl die Rechte für dich sein«, rief die alte Dame mit strahlenden Augen, die den leisen Seufzer, mit dem sie ihre Worte eingeleitet, glorreich überstimmten. »Glückauf zur Werbung, mein Junge! Ich für mein Teil bin ja eine viel zu unverbesserliche Idealistin, als daß ich Geld und Gut über das Glück des Herzens stellen könnte, wennschon die Güter dieses Lebens nicht zu verachten sind.«

»Das wollen und sollen wir auch nicht, Nonna, aber ich habe einsehen gelernt, daß sie Götzen sind, die auf tönernen Füßen stehen. Und ich meine, daß ich damit eine große Lebensweisheit errungen habe!«


* * *


Vor seiner Tür traf Don Gian Windmüller an, der gerade vergeblich bei ihm angeklopft hatte, und als nun die beiden Herren in das Zimmer eintreten wollten, kam einer der Diener von unten herauf und übergab dem Marchese eine Visitenkarte mit der Meldung, der Herr frage an, ob er trotz der frühen Stunde seine Aufwartung machen dürfe.

Don Gian warf einen prüfenden Blick auf die Karte, zögerte einen Augenblick und reichte sie dann Windmüller.

»Mahmud Reschid Bey, Attache a l’Ambassade de Turquie«, las der und gab die Karte zurück.

»Ich lasse den Herrn bitten«, sagte Don Gian nach abermaligem, kurzem Zögern, und nachdem der Diener sich entfernt, sah er Windmüller fragend an. »Mir scheint«, sagte er dann, brach aber kurz ab und zuckte mit den Achseln.

»Hm – mir scheint auch«, murmelte Windmüller trocken.

»Liegt Ihnen daran, diesen Besuch mit mir zu empfangen?« fragte der Marchese.

»Sehr viel liegt mir daran«; gab Windmüller unumwunden zu. »So viel, daß ich sogar den Posten eines ›Lauschers an der Wand‹ nicht verschmähen würde. Aber eine unmittelbare Gegenwart ist besser.«

»Darf ich fragen, inwiefern?«

»Erlassen Sie mir die Antwort bis nachher – ja? Ich möchte nämlich nicht gern eine Voreingenommenheit schaffen, und da Sie die Güte hatten, mich zu dem Besuche einzuladen, so bin ich ja da, um etwaigen Überraschungen zu begegnen.«

Don Gian fragte nicht weiter, und nach wenigen Minuten des Wartens wurde der Besuch, ein eleganter, noch junger Mann mit sorgfältig gepflegtem, dunklem Bart und einem Monokel im rechten Auge, tadellos besuchsmäßig gekleidet, in das Wohnzimmer des Marchese eingeführt.

»Das ist eine Überraschung, aber eine angenehme Überraschung, Sie hier in meinen vier Pfählen begrüßen zu dürfen«, trat Don Gian dem Türken verbindlich entgegen. »Gestatten Sie mir, Sie mit meinem derzeitigen Gast, Herrn Doktor Windmüller, bekannt zu machen –«

»Oh, wir sind alte Bekannte«, fiel Windmüller ein. »Wir sind uns gesellschaftlich und – geschäftlich schon oft begegnet.«

»In der Tat – ganz außerordentlich erfreut, Sie hier zu treffen, lieber Herr Doktor«, murmelte Mahmud Bey, dem Detektiv die Hand reichend, der mit seinem liebenswürdigsten Lächeln zur Notiz nahm, was Don Gian entgangen – nämlich, daß seine, Windmüllers Gegenwart dem fremdländischen Diplomaten eine Überraschung war, mit der er sicherlich nicht gerechnet hatte.

»Sie sind wohl auf der Durchreise in Venedig – oder auf Urlaub?« fragte Don Gian, nachdem die Herren Platz genommen. »Woher wußten Sie, daß ich gerade auch daheim bin?«

»Ah, ich suchte Sie in Rom auf und hörte dort, daß Sie Urlaub genommen haben«, erwiderte der Diplomat leicht. »Und weil ich gern eine Auskunft von Ihnen erbitten wollte, so benützte ich das schöne Wetter – et me voila! Daß ich den Herrn Doktor hier antreffen würde, ist in der Tat eine angenehme Überraschung für mich, denn ich hatte auch an ihn einen Auftrag oder eine Frage meines Chefs zu bestellen und suchte ihn vergeblich auf, ohne erfahren zu können, wohin er seine Schritte gelenkt.«

»Sehr begreiflich«, meinte Windmüller wohlwollend. »Wer von meinem Stabe verrät, wo ich mich zur Zeit befinde, darf sich getrost zur selben Stunde nach einer anderen Beschäftigung umsehen.«

»Sehr begreiflich – sehr begreiflich«, wiederholte der türkische Diplomat.

»Und womit kann ich Ihnen dienen?« fiel Don Gian ein. »Sie machen mich neugierig, denn die gewünschte Auskunft muß doch eine gewisse Dringlichkeit haben, wenn Sie den Ausflug nach Venedig für geboten hielten.«

»Ah – ich schlage damit zwei Fliegen mit einer Klappe«, versicherte der Besucher mit gutgespielter Gemütlichkeit. »Erstens war es längst mein Wunsch, mich einmal ein paar Tage in Venedig von dem Wagengerassel und Autogepuste der Großstadt auszuruhen, und dazu bot sich mir diese Gelegenheit wie gerufen. Wunderbarer alter Palast, der Ihrige, Herr Marchese! Und wenn Sie gestatten, einmal wiederzukommen, dann will ich Ihnen auch meine Frage vortragen.«

»Das Wiederkommen versteht sich von selbst«, erwiderte Don Gian, einen Blick Windmüllers auffangend. »Ich werde mir dann erlauben, Sie meiner Großmutter und meiner Schwester vorzustellen. Darum mag Ihre Frage am besten gleich zur Sprache kommen – Herrn Doktor Windmüllers Gegenwart darf Sie in keiner Weise davon abhalten.«

Der Türke ließ sein Monokel aus dem Auge fallen, worauf er es sorgfältig mit einem feinen Batisttaschentuch abputzte und es sodann wieder mit der unumgänglichen Grimasse einklemmte. Die durch diese Manipulation bedingte Pause gab ihm Zeit, sich die Sache zurechtzulegen. »Also«, sagte er dann gemütlich, »wenn Doktor Windmüller gestattet – ein Geheimnis ist es schließlich nicht. Ihre Frau Schwägerin, lieber Terraferma, hat nämlich eine Erbschaft in Konstantinopel gemacht, und ich hatte den angenehmen Auftrag, sie davon zu unterrichten. Eine recht bedeutende Erbschaft von einem Verwandten ihrer Mutter –«

»Meine Schwägerin wird das allerdings als eine sehr angenehme Nachricht empfinden. Ich freue mich für sie aufrichtig darüber. Sie hat die Nachricht – bei aller gebührender Trauer über den damit leider verknüpften Todesfall gewiß mit einer gewissen Genugtuung aufgenommen?«

»Prinzeß Xenia weiß leider noch nichts davon«, rief der Besucher lebhaft. »Sie ist, wie ich hörte, vor ein paar Tagen verreist – man sagte mir, nach Venedig. Jedenfalls ist sie noch nicht nach Rom zurückgekehrt, und darum bin ich zu Ihnen gegangen, lieber Terraferma, um von Ihnen zu hören, wo sie sich eigentlich befindet, ob sie tatsächlich hier war und vielleicht noch ist, denn merkwürdigerweise konnte ich darüber nichts Sicheres erfahren.«

»Meine Schwägerin war tatsächlich vor ein paar Tagen zu einem kurzen Besuch bei meiner Großmutter unangemeldet hier und ist ohne vorherige Benachrichtigung wieder am frühen Morgen abgereist«, erwiderte Don Gian nach einer kleinen Pause. »Ein an meine Großmutter gerichtetes Billett, das sie zurückgelassen, teilte mit, daß sie nach Rom zurückkehren müsse, um bei einem Basar mitzuwirken. Daß sie in Rom aber nicht eingetroffen ist, wissen wir – wenigstens bei dem Basar war sie nicht und seitdem sind wir ohne Nachricht über sie.«

»Oh – in der Tat?« fragte Mahmud Bey gedehnt, und in seinem Ton lag so viel höfliche Ungläubigkeit, daß Don Gian das Blut in die Wangen stieg. Ein Blick von Windmüller aber hielt ein schnelles Wort von ihm zurück.

Letzterer sagte, indem er scheinbar das Teppichmuster zu seinen Füßen betrachtete: »In der Tat! Die Familie Terraferma ist begreiflicherweise in großer Sorge über das Nichteintreffen der Donna Xenia in Rom und hat mich beauftragt, die Verlorengegangene zu suchen. Sollten Sie am Ende mit dem gleichen Auftrag von Ihrem Chef zu mir gekommen sein?«

Der Besucher fuhr so heftig zurück, daß ihm das Monokel unfreiwillig aus dem Auge flog. »Herr Doktor, was immer mich im Auftrag meines Chefs zu Ihnen geführt, ist und muß eine Angelegenheit unter vier Augen bleiben«, sagte er scharf.

Windmüller lehnte sich lachend zurück. »Die Indiskretion ist nicht auf meiner Seite«, sagte er heiter. »Ich habe, soviel ich weiß, von Ihnen noch keinen Auftrag erhalten. Wenn Sie also den ausgestreckten Fühler, beziehungsweise eine harmlose Frage in dieser Weise monieren, so muß ja die harmloseste Seele auf den Gedanken kommen, daß ich den Finger auf die richtige Stelle gelegt habe.«

Es gibt nur sehr wenige Menschen, die es direkt zugeben, wenn sie sich ›verhauen‹ haben. Windmüller wunderte sich auch gar nicht, daß der Türke nur überlegen mit den Achseln zuckte, ein paar Stäubchen von seinem Rocke schnippte und dann erklärte, er hätte sich nur im allgemeinen gegen ein Gespräch über Amtsgeheimnisse verwahren wollen.

»Ich habe keine berührt«, erwiderte Windmüller mit unvermindert guter Laune. »Ideenassoziation – nichts weiter! Es lag doch so nahe, den gleichen Auftrag bei Ihnen zu vermuten, denn die Familie Terraferma und Ihre Regierung haben – wenn auch in verschiedenem Sinne – das gleiche Interesse an der Wiederfindung der Donna Xenia.«

»Wieso das gleiche Interesse?«

»Nun, auf dieser Seite ist es die liebe Verwandte, die vermißt wird, auf Ihrer die werte politische Agentin«, sagte Windmüller sanft.

Jetzt war der Diplomat besser zur Attacke gerüstet. »Ich verstehe Sie nicht«, erwiderte er hochmütig.

»Das nimmt mich wunder in Anbetracht dessen, daß Sie das Ressort der geheimen politischen Agenten unter sich haben«, gab Windmüller seelenruhig zurück. »Sie sehen, dies Fechten mit Worten hat keinen Zweck – ich bin vollständig im Bilde. Ich weiß auch genau, daß Sie wegen des Ausbleibens der Marchesa Xenia in großer Unruhe sind, und über ihren Verbleib gar nichts wissen, sonst wäre ich längst bei Ihnen erschienen, um Rechenschaft über den Verbleib einer so bekannten Persönlichkeit der römischen Gesellschaft zu fordern, deren Familie begreiflicherweise in schwerer Sorge um ihre Verwandte schwebt.«

Der türkische Diplomat zuckte wieder mit den Achseln, kreuzte die Arme über der Brust, nahm eine überlegene Miene an und sagte langsam und schleppend: »Sie sind der Mann, der den Ruf hat, immer recht zu haben, verehrter Herr Doktor. Nehmen wir also an, Sie haben darin recht, daß es unnütz ist, mit Worten zu fechten, daß die Prinzessin Xenia in der Tat unserer Regierung nahe steht. In diesem Falle aber bin ich es, der Rechenschaft über ihren Verbleib fordert. Sie ist eingestandenerweise in Venedig, in diesem Hause eingetroffen und seitdem verschwunden. Das ist doch, zum mindesten gesagt, sehr verdächtig, wenn man in Betracht zieht, daß – sagen wir, der Herr Marchese hier ein brennendes Interesse daran hatte, sie nicht ohne weiteres nach Rom zurückkehren zu lassen!«

»Was soll das heißen?« fuhr Don Gian blaß vor Zorn auf. »Für diese niederträchtige Verdächtigung werden Sie mir –«

»Ruhe, lieber Marchese, Ruhe!« fiel Windmüller ein. »Von einer Verdächtigung kann schon darum keine Rede sein, weil ich jederzeit bereit bin, zu erklären, daß ich von Ihnen wie von Ihrem Chef gerufen worden bin, um die Verschwundene zu suchen. Der Herr hat sich nur nicht richtig ausgedrückt – das ist alles. Das kann auch dem geschicktesten Diplomaten passieren, denn selbst ein solcher ist nicht allwissend, und wir dürfen auch nicht jedes Wort auf die Goldwage legen, das jemand in begreiflicher Erregung über den Verbleib – nicht der Person, sondern ihres Auftrags – heraussprudelt. Ich habe da zufällig – oder mit Vorbedacht, wie Sie wollen – den Brief der Donna Xenia bei mir, mit dem sie ihren, hm – französischen Abschied aus dem Palazzo Terraferma zu erklären sucht. Ich habe ferner die eingelaufenen Telegramme chronologisch nach Tag und Stunden zusammengelegt in meinem Zimmer, die den Beweis liefern, wo und wie wir die Verschwundene schon gesucht. Ich hole sie gern, während Sie die Güte haben, diesen Brief zu lesen, den ich mir nach der Lektüre aber zurück erbitte.«

Mit diesen Worten reichte Windmüller dem Diplomaten den mauvefarbenen, nach Gardenien duftenden Brief, den die Marchesa an jenem verhängnisvollen Morgen in dem verlassenen Zimmer ihrer Schwiegerenkelin gefunden, stand dann auf und entfernte sich.

Der Türke las den Brief aufmerksam durch, während der Marchese seinerseits mit gekreuzten Armen dabeisaß, den Mund fest zusammengepreßt, scheinbar entschlossen, dem anderen das erste, einleitende Wort zu lassen.

Doch der Doktor kehrte mit den Depeschen in der Hand zurück, ehe der Türke den Brief zum zweiten Male durchgelesen hatte, und legte den ganz stattlichen Pack auf den Tisch.

»Es versteht sich zwar von selbst«, sagte er liebenswürdig, »aber ich möchte es trotzdem nicht unerwähnt lassen, daß ich Ihnen diesen Brief und diese Depeschen nicht aus dem Grunde zur Einsicht vorlege, um einen etwaigen unwürdigen Verdacht Ihrerseits zu entkräftigen, sondern einzig und allein nur deshalb, um Ihrer Behörde den Beweis zu geben, daß es unnütz ist, mich für die Auffindung der Donna Xenia zu gewinnen, indem ich in dieser Richtung schon für das Haus Terraferma tätig bin. Das Verschwinden der Prinzessin ist jetzt kein Geheimnis mehr, kann keines bleiben, darum ist diese Einsicht in meine Tätigkeit auch keine Indiskretion. Da Sie aber indes am besten wissen werden, wer ein Interesse daran haben konnte, sie – aufzuhalten, ihr den Weg nach Rom zurück abzuschneiden, so ist es Ihnen natürlich unbenommen, unabhängig von meinen Forschungen, die Ihrigen einer anderen Kraft anzuvertrauen. Hoffen wir, daß Donna Xenia bald in den Genuß der Erbschaft gelangen möchte, wegen der Sie sich so liebenswürdig nach Venedig bemüht haben«, schloß er salbungsvoll.

Der türkische Diplomat, welcher der Form wegen die meist chiffrierten Depeschen, zu denen er den Schlüssel nicht besaß, durchblättert hatte, erhob sich steif. »Hoffen wir’s«, wiederholte er für die Allgemeinheit, und sich dann speziell an Don Gian wendend, sagte er mit Anstrengung: »Ich hoffe aber auch, lieber Terraferma, daß Sie in der Tat, wie Herr Doktor Windmüller schon vorschlug, meinen Worten nicht die Deutung geben werden, in der sie, wie ich gern einräume, im ersten Augenblick erscheinen konnten. Es kann mir selbstredend nichts ferner liegen als ein solcher Gedanke, und wenn ich mich ungeschickt ausgedrückt, so bedaure ich das am allerersten –«

»O bitte, reden wir nicht weiter davon – die Sache ist erledigt«, fiel Don Gian ohne Wärme, aber doch völlig korrekt ein, und mehr schien der Türke auch nicht erwartet zu haben, denn er machte eiligst nur noch ein paar Redensarten und empfahl sich dann – gleichfalls ohne Wärme, aber auch seinerseits durchaus korrekt.

»So, nun wissen Sie, warum ich diesem Besuche beiwohnen wollte«, sagte Windmüller, als er mit Don Gian allein war. »Es war meine volle Absicht, ihn Farbe bekennen und dann seine Verdächtigung zurückziehen – vor einem Zeugen zurückziehen zu lassen –«

»Sie nahmen also an, daß er mit einer Verdächtigung gekommen ist?« fiel Don Gian ein.

»Ich war dessen sicher«, erwiderte Windmüller, »denn Mahmud Bey ist immer die Vertrauensperson, die von dort mit solch delikaten Aufträgen abgesandt wird, und ich habe mir längst gesagt, daß ›man‹ dort den Verdacht hegen würde, als ob Sie bei dem Raube des Dokumentes die Täterin in der begreiflichen Aufregung – beseitigt haben könnten. Der Mann kam zu Ihnen, um zu drohen, und wenn ich nicht dabei war, so hätte der Besuch höchstwahrscheinlich den Ausgang eines Zweikampfes gehabt falls er verfehlte, Sie einzuschüchtern oder zu dem beabsichtigten Geständnis zu zwingen.«

»Herr des Himmels!« rief Don Gian. »Darauf wäre ich im Leben nicht verfallen, daß man mich für das Verschwinden meiner Schwägerin verantwortlich machen könnte!«

Windmüller zuckte mit den Achseln. »Hm – ich weiß nicht. Für jemand, der nicht ahnen konnte, was wir in Erfahrung gebracht, liegt der Verdacht gar nicht so fern. Die Leute wissen nicht, welcher Mittel sich ihre Agentin bediente, um in den Besitz des Dokumentes zu gelangen; sie nahmen eben an, daß die Sache sich mit Ihrem Widerstand abgespielt – ich habe jedenfalls damit gerechnet, daß ›man‹ diesen Fühler ausstrecken würde, um in Erfahrung zu bringen, was aus dem Dokument geworden ist. Die Agentin beziehungsweise ihr Schicksal ist dabei gänzlich Nebensache. Sie wird von ihren Auftraggebern einfach fallen gelassen – nun, Sie wissen ja, daß die geheimen Agenten nur unter dieser Voraussetzung beschäftigt werden, daß das Risiko lediglich ihre Privatangelegenheit ist. Die Erbschaft – falls eine solche überhaupt existiert – war ein willkommener oder erfundener Vorwand, um zur Sache selbst zu gelangen. Also –«

»Also bin ich durch Ihre Umsicht und Vorsorge abermals einem wenig schmeichelhaften Verdachte entgangen«, fiel Don Gian ein, indem er Windmüller die Hand reichte, die dieser herzlich schüttelte.

»Ich hatte vor, Sie auf diese Möglichkeit vorzubereiten, lieber Marchese. Nun kam sie aber in unerwarteter Weise zum Austrag, und ich hatte keine Zeit, sie Ihnen auseinanderzusetzen. Unter uns: ich habe Mahmud Bey zwar deutlich unter die Nase gerieben, daß ich keinerlei Veranlassung hätte, ihm die beweisführenden Papiere zu zeigen, aber es war natürlich meine volle Absicht, es zu tun, denn er reist nun, wahrscheinlich schon mit dem nächsten Zuge, so weit überzeugt zurück, als ein Diplomat sich überhaupt überzeugen läßt. Es ist ein wahres Glück, daß ich nicht ausgegangen war! – Nun dieser Zwischenfall erledigt ist, können wir zur Tagesordnung übergehen: Donna Xenia ist heute nacht abermals hier im Hause gesehen worden. Leider nicht von mir, sondern von der Komtesse Meldeck. Natürlich sieht sie nach so langer Gefangenschaft schlecht aus. Es müssen doch sehr, sehr dringende Gründe sein, die sie zu so langer Selbstberaubung der Freiheit zwingen, aber wir müssen das Geschäft des Suchens jetzt doch energisch und systematisch betreiben, denn was immer auch ihre Schuld ist – die Menschlichkeit fordert es ja schon, die ersichtlich schwer Geängstigte aus dieser schrecklichen Lage zu befreien.«

»Wüßte man nur, wo sie sich wieder zeigen könnte, so sollte man eine Notiz so niederlegen, daß sie sie finden muß, eine Nachricht, daß sie von uns aus nichts zu fürchten hat«, sagte Don Gian, von großmütigem und ehrlichem Mitgefühl bewegt.

»Da liegt der Hase im Pfeffer«, meinte Windmüller nachdenklich. »Wenn wir wüßten, wo sie sich wieder zeigen könnte, dann wäre die Sache leicht genug, und wir könnten Komtesse Meldeck einweihen beziehungsweise beauftragen, oder ich könnte selbst mit ihr die Wache im Rosazimmer übernehmen. Es ist jedoch nicht zu erwarten, daß sie diesen Raum noch einmal aufsuchen wird, nun sie weiß, daß er bewohnt ist. Die einzige Chance wäre nur die, daß Donna Xenia nicht wissen kann, ob die Benützung des Zimmers eine dauernde ist, und daß sie sich vielleicht doch noch einmal hereinwagt, um möglicherweise zu ihrem zurückgelassenen Koffer zu gelangen. Inzwischen – halt! Was ist das?«

Windmüller hatte, während er sprach, den Blick nicht von der dicken Wand zwischen dem Wohn- und Schlafzimmer, dessen Tür offen stand, abgewendet und trat nun schnell auf das die Türfüllung bekleidende Paneel an der Außenwand zu.

»Es ist merkwürdig!« sagte er, es betrachtend. »Mir war’s von dem Standpunkt, den ich eben noch am Tische eingenommen, als hätte ich hier an dem Ritz etwas blitzen sehen. Da war wohl wieder einmal der Wunsch der Vater des Gedankens –«

Halb mechanisch zog er sein Taschenmesser hervor, klappte eine Klinge auf und fuhr damit in den Ritz, der an dem Pfosten entlang lief, dem Auge kaum bemerkbar. Etwa in halber Höhe blieb die Klinge stecken – sie hatte einen Widerstand gefunden! Windmüller stieß einen leisen Pfiff aus und begann an der Stelle, wo das Messer steckte, an der eingelegten Füllung herumzutasten. Das Muster der Intarsie schloß hier der Länge nach in einer Anzahl rautenförmiger Quadrate ab, welche die Bordüre bildeten. Diese versuchte Windmüller eins nach dem anderen, indem er mit dem Finger daraufdrückte. Die zweite Raute unterhalb der Messerklinge wich dem Druck nach innen, und gleichzeitig löste sich das Paneel als eine niedrige und schmale, innen mit Polsterung versehene Tür lautlos nach außen heraus und enthüllte eine schmale Wendeltreppe, die sich in leiterartigen Stufen im Innenraume der Wand nach unten verlor.

»Aha!« machte Windmüller mit blitzenden Augen, während Don Gian abwehrend die Hände mit einem lauten Ausruf in die Höhe hob. »Aha! Da hätten wir’s ja vermöge einer plötzlichen Erleuchtung, die natürlich alle spitzfindigen Kombinationen schlägt. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe – sozusagen allerdings nur, denn ich war nie mehr wach, als in diesem Augenblick. Nun lassen Sie uns sehen, wohin wir hier gelangen. Es ist zwar keine Kunst, es zu sagen, aber Praxis geht über Theorie!«

Damit zog er eine Schachtel Wachszündhölzer hervor, setzte eines davon in Brand und schlüpfte durch die Tür auf die Treppe.

»Eng! Aber die sie benützten, hatten sie ja auch nicht als Paradetreppe beabsichtigt«, rief er zurück und verschwand alsbald in der Schneckenwindung, während Don Gian mit atemloser Spannung oben stehenblieb und die solide Polsterung der Paneeltür betrachtete, die es ebenso natürlich wie sinnreich verhinderte, daß das Holz hohl klang.

Windmüller blieb nicht lange aus; mit etlichen verstaubten Spinnweben an den Rockärmeln erschien er sehr bald wieder oben und schloß die Tür hinter sich, was fast ohne Geräusch geschah.

»So«, sagte er befriedigt, »nun wissen wir, wie Donna Xenia in Ihr Zimmer gelangt ist und warum sie das Rosazimmer mit ihrer plötzlichen Vorliebe beehrt hat. Die Treppe mündet an derselben Stelle in der Türfüllung der ersten Etage und ist mit verschiedenen Pailletten von ihrer eleganten schwarzen Toilette dekoriert, wofür sie den Staub und die Spinnweben eingeheimst hat. Die Paneeltür geht auch unten ohne Geräusch auf, denn die Scharniere sind sorgsam mitsamt der schließenden Feder frisch geölt. Nur wie man unten von außen die Tür öffnet, habe ich noch nicht ergründen können, denn ich hörte die Kammerjungfer in der Garderobe herumhantieren und wollte mich darum nicht aufhalten. Komtesse Meldeck wird mir, wenn sie wieder daheim ist, schon erlauben, meine Neugierde in dieser Sache zu befriedigen. Lehrreich, wie die Entdeckung ist, tritt sie aber vor dem Wert der Frage zurück: auf welche Weise gelangt Donna Xenia bei verschlossenen Türen in das Rosazimmer und seine Umgebung und auf welchem Wege gedachte sie mit Umgehung des Portiers das Haus zu verlassen? Hoffen wir, auch dieses Rätsel bald und gründlich zu lösen. – Hm. Sagte Ihr trefflicher Majordomo nicht, im Palazzo Terraferma ginge die Sage, daß man auf einem geheimen Wege bis in das dritte Stockwerk gelangen könnte? Vielleicht gibt das gegenüberliegende Paneel dieser Türfüllung darüber Auskunft. Lassen Sie doch einmal sehen! Es ist die vierzehnte Raute, von unten gezählt, die dem Druck meines Fingers nachgab – ja! Die vierzehnte weicht auch hier dem Druck, aber schwerer – man hat hier nicht geölt. Da hätten wir’s! Auch hier ist eine solch liebliche Wendeltreppe, die sich aber nach oben, nach dem dritten Stocke, emporwindet – es hat sie seit Generationen keiner mehr betreten, nach dem unberührten Staube auf den Stufen zu urteilen. – Lassen wir ihn auch ungestört sich weiter sammeln, denn es hat keinen Wert für uns, oben einzudringen.«

Windmüller schloß auch dieses Paneel, dessen Schnappschloß hier nicht geräuschlos arbeitete, klopfte den Staub von seinem Rocke ab und nickte Don Gian zu, der mit festgeschlossenen Lippen dabei gestanden.

»Ja«, beantwortete er den Blick seines Gastes. »Ich schäme mich nicht, einzugestehen, daß diese Entdeckung mein eben noch erwachtes Mitleid mit meiner Schwägerin doch wieder stark ins Wanken gebracht hat. Sie hat natürlich diesen Schleichweg längst gekannt und sich seiner bei ihrem Auftrag mit ihrer oft bewiesenen Geistesgegenwart erinnert. Die Sache war demnach wirklich ganz einfach – nur schade, daß mir die Gabe der Bewunderung dafür abgeht.«

»Hm«, machte Windmüller verständnisvoll. »Was ich aber schon gern wissen möchte, ist, ob Donna Xenia ihren Auftraggebern von den Geheimnissen dieses Hauses gelegentlich einmal etwas erzählt hat. Es möchte so scheinen, wenn man an die Tatarennachricht an Ihre Behörde denkt, die Sie dazu veranlaßte, Ihre Reise gerade in Venedig zu unterbrechen. – Es kann natürlich aber auch sein, daß ›man‹ als Terrain für die Operation Ihr eigenes Haus, in dem Sie sich natürlich besonders sicher fühlen mußten, überhaupt als besonders zweckmäßig betrachtete – was es ja zweifellos auch durch Donna Xenias Gegenwart war, während es von Ihrer Seite als hervorragend sicher galt. Nun, sei dem, wie ihm will – eine andere Macht hat rettend für Sie und Ihr Vaterland eingegriffen. Wir aber müssen nun Donna Xenia wieder ans Tageslicht bringen und werden es, wie ich hoffe, im Laufe der nächsten Stunden auch tun.«

»Es ist mir einfach unbegreiflich, wie und auf welche Weise meine Schwägerin es zuwege bringen kann, sich hier im Hause so lange zu verbergen!« rief Don Gian ungeduldig. »Es grenzt ja geradezu an das Unmögliche, und bis ich den lebendigen Beweis nicht vor mir habe, möchte ich lieber glauben, daß die Assunta von ihrer Phantasie getäuscht worden ist und Komtesse Meldeck – geträumt hat.«

»Das erstere ist möglich, das letztere wäre aber doch sehr wunderbar, wenn man bedenkt, daß Komtesse Meldeck Ihre Schwägerin nie gesehen und ihr ›Traumbild‹ auf der Photographie droben bei Donna Loredana wiedererkannt hat«, bemerkte Windmüller.

»Auch das kann Täuschung sein. Bei der Nacht, auch wenn sie noch so hell ist, sind eines Menschen Züge in einer gewissen Entfernung nie ganz deutlich zu erkennen«, widersprach Don Gian. Windmüller raffte die Depeschen, die noch auf dem Tische lagen, zusammen und ging in sein Zimmer zurück, wo er seinen Feldzugsplan trotz Don Gians Ungläubigkeit zur Reife brachte.


* * *


Fiore Meldeck hatte eine angenehme Fahrt in Gesellschaft von Donna Loredana gemacht, die die beiden jungen Damen einander in herzlichster Weise nahe brachte, und hatte darauf im Kreise der Familie Terraferma und Doktor Windmüllers an dem ›Lunch‹ teilgenommen.

Nach beendigter Mahlzeit eilte sie dann in ihre Wohnung hinab, leichten und frohen Herzens, glücklich und zufrieden mit dieser schönen Welt im allgemeinen und dem Hause Terraferma im besonderen, denn die liebe, alte Marchesa war so gütig, so mütterlich-liebevoll zu ihr gewesen, daß es ihr ganz warm dabei geworden, Donna Loredana verhieß ihr eine so vielversprechende, innige Mädchenfreundschaft, und Don Gian – oh, Don Gian nahm einen ganz besonderen Platz für sich ein, einen Platz, den Fiore noch nicht ganz zu bestimmen wußte und wagte, aber es war doch ein sehr, sehr hervorragender Platz in ihrem jungen Dasein, um den sich ›hangende, bangende‹ und doch merkwürdig sonnige und selige Zukunftsträume spinnen ließen.

Das leichte, frohe, halb unbewußte Glücksgefühl wich aber, kaum daß sie das Rosazimmer durch die Garderobe betreten hatte, einer gewissen Gedrücktheit, die sich in diesem rosigen, wundervollen Raum immer auf ihr Gemüt legte.

»Es ist der Gardenienduft, der in den schweren Stoffen hängen geblieben ist, und den die frische Luft von draußen immer noch nicht vertreiben kann«, dachte sie mit einem leisen Schauer des Widerwillens. »So lange das Wetter schön ist und man die Fenster offen halten kann, geht’s ja noch an – wie aber, wenn es kühl und trübe ist und man alles schließen muß? Dann ist’s nicht mehr zum Aushalten, und dann kommt auch wahrscheinlich wieder der andere, unnennbare Geruch zur Oberherrschaft! Ich begreife wirklich nicht, wie man sich dermaßen parfümieren kann!«

Sie holte sich ihre Schreibmappe und setzte sich damit in die Stanza del’ Brustoloni an den Tisch, um einen Brief zu schreiben. Aber nachdem das Datum in die rechte, obere Ecke des Briefbogens ordnungsmäßig eingetragen worden war, verfiel sie, die Feder in der Hand, in eine Träumerei, die mit dem beabsichtigten Text des Briefes nichts zu tun hatte, und als die Tinte in der Feder trocken war, tauchte sie diese wieder in das elegante kleine Reisetintenfaß ein und zeichnete damit auf dem Löschpapier allerlei Schnörkel und Arabesken und dann das charakteristische Profil eines Männerkopfes, das eine sprechende Ähnlichkeit mit dem glücklichen Besitzer der Ebenholzmöbel von der Meisterhand des Brustoloni trug. Denn Fiore Meldeck war eine mit ganz entschiedenem und zweifellosem Talent für das Porträt begabte junge Dame, und nach der Probe zu urteilen, hatte dieses Talent auch eine ganz beträchtliche Ausbildung erhalten.

Wenn nun jemand einen Blick für die charakteristischen Eigenschaften der menschlichen Züge hat, so ist es auch ganz natürlich, daß er sie zeichnerisch festzuhalten versucht, und das Profil Don Gians mit der typischen Nase der venezianischen Patrizier, das sogenannte Adlerauge, das auch im Profil so viel von der Iris und dem bläulichen Weiß darum sehen läßt, forderten ja geradezu einen Versuch der Wiedergabe nach dem Gedächtnis heraus. Auch das energische, viereckige Kinn mit dem tiefen Spalt darin gelang ihr überraschend, und nur der Mund wollte sie nicht recht befriedigen, denn sie hatte ihn mit dem festgeschlossenen Ausdruck des Ernstes wiedergegeben, während er – namentlich, wenn er zu ihr, Fiore, redete – einen ungemein gewinnenden Ausdruck hatte.

»Wie hübsch, daß Don Gian der englischen Mode der Bartlosigkeit huldigt«, dachte sie, die Zeichnung mit schiefem Kopf betrachtend. »Diese Tracht des Glattrasierten bringt doch die Züge des Gesichtes zu viel besserer Geltung, man sieht den Mund des Mannes und –«

Ein Klopfen an der Tür zu dem Saale ließ sie aus ihrer Betrachtung auffahren. Sie schob hastig den Briefbogen über die Zeichnung auf dem Löschblatt, und auf ihre Aufforderung betrat Frau von Krähenhausen das Zimmer.

»Ich wollte einmal nachsehen, ob Sie schon von droben herabgekommen sind, liebes Kind«, sagte sie mit sauer-süßer Freundlichkeit. »Wenn die Herrschaften Sie nicht von uns ausgesondert, sondern uns alle eingeladen hätten, so wäre dies höflicher gewesen, das muß ich schon sagen, aber vielleicht ist es hier so Sitte, und man muß Konzessionen machen – in Rom wie die Römer leben, wie das Sprichwort sagt. Doch dies auszusprechen, war nicht der Zweck meines Kommens.«

»Nicht?« fragte Fiore gefaßt. »Wollen Sie nicht Platz nehmen?«

»Gern«, erwiderte Frau von Krähenhausen, und da sie sich beim Niedersetzen zurücklehnte, erlitt sie von der monumentalen Schnitzerei, die die Rücklehne des Sessels krönte, einen recht unsanften Stoß. »Wenn man diese Möbel mehr auf die Bequemlichkeit als auf die Zierde berechnet hätte, so wäre das praktischer gewesen«, bemerkte sie, ihren Hinterkopf befühlend, indem sie Fiore dabei anklagend ansah. »Der Hausrat in diesem Palaste verdirbt einem die ganze Freude daran, die im übrigen eine recht mäßige, wenigstens für meinen Geschmack, ist.«

Fiore kannte diesen grundsätzlichen Protest gegen alles, ›was so ganz anders ist wie bei uns‹, und hatte gelernt, ihn mit Schweigen zu beantworten

»Aber natürlich kommt es ja darauf ganz und gar nicht an«, erklärte Frau von Krähenhausen und kam auf den eigentlichen Zweck ihres Kommens.

Man wollte eine Gondelfahrt unternehmen, um dem ›Außerordentlichen‹ den Canale Grande gebührend vorzustellen, und setzte voraus, daß Fiore mit von der Partie sein würde.

Aber Fiore lehnte mit einer Lebhaftigkeit ab, die mehr deutlich als weise war. Sie sei müde – sie wolle das erste Beisammensein von Eltern und Sohn nicht stören – sie habe ein paar dringende Briefe zu schreiben, die noch mit der Abendpost fort müßten.

Frau von Krähenhausen lehnte den ersteren Grund als ›unnatürlich für die Jugend‹ schlankweg ab und protestierte warm gegen den zweiten; schließlich aber mußte sie sich mit dem dritten zufrieden geben, schluckte sichtlich nur mühsam eine Bemerkung darüber hinab, was Fiore eigentlich hätte stutzig machen müssen, und stand dann auf, um einen würdevollen Rückzug anzutreten.

Schon an der Tür angelangt, drehte sie noch einmal um, lächelte ihr sauersüßestes Lächeln, das Fiore höchst respektlos immer an eine Essigzwetschge erinnerte, und sagte mit schelmisch erhobenem Zeigefinger: »Ich möchte wirklich wissen, liebes Kind, ob Ihnen vorhin nicht die Ohren geklungen haben!«

Fiore, die sich dieses Vorganges durchaus unbewußt war, gestand dies mit dem unbedachten Leichtsinn der Jugend offen ein.

»Aber«, sagte sie verwundert, »warum sollten sie mir denn geklungen haben?«

»Sie haben eine Eroberung gemacht!« erwiderte Frau von Krähenhausen vertraulich. »Mein Wiwigenz hat die ganze Zeit über dermaßen von Ihnen geschwärmt, daß es mich ganz eifersüchtig gemacht hat. Eifersüchtig natürlich nur im besten und edelsten Sinne, denn eine Mutter muß ja immer darauf vorbereitet sein, das Herz ihres Sohnes einmal mit einer Fremden teilen zu müssen, und ich bin ja so dankbar, daß es in diesem Falle keine Fremde ist –« Sie hielt ein, um ihre Worte besser einwirken zu lassen, fiel dann der auf die Attacke völlig Unvorbereiteten um den Hals und flötete in den süßesten Tönen: »Ach, mein liebes, liebes Kind, es ist der so seltene Fall der Liebe auf den ersten Blick! Solche Gefühle sind ja immer gegenseitige – nicht wahr?«

Fiore machte sich sanft, aber mit Entschiedenheit aus der unerwarteten Umarmung los und trat einen Schritt zurück. Frau von Krähenhausen bitter, giftig und sauer war keine Wonne, süß aber schien sie ihr geradezu ungenießbar.

»Pardon, wenn ich widersprechen muß«, sagte sie. »Ich habe Ihren Herrn Sohn bisher nur wenige Minuten gesehen und kann nicht behaupten, daß diese entscheidend auf mich gewirkt hätten –«

»Ah, mein Kind – ich verstehe das. Diese Gefühle schlummern noch unbewußt in Ihrer Seele«, behauptete Frau von Krähenhausen noch süßer als zuvor. »Ich will ja auch nicht darauf dringen, sie eingestanden zu hören. Lassen wir die Zeit ihr Werk vollenden. Wenn ein Mann von den hohen und hervorragenden Eigenschaften des Herzens, des Charakters und des Geistes wie mein Sohn wählt, dann ist er ja so sicher, so unfehlbar sicher, die gleichen Gefühle zu erwecken! Welch glückliches Wesen sind Sie! Ich bin überwältigt von den Gefühlen, die Sie einem Manne, wie mein Wiwigenz einer ist, einflößen konnten! Denken Sie an die strahlende Zukunft, der Sie an der Seite dieses Auserwählten entgegengehen, und lassen Sie sich den Blick nicht trüben durch den Gedanken an andere, wie zum Beispiel Ihr Vetter einer ist, von dem mein Sohn uns erzählte, daß er nur auf Geld und Gut sieht und bekannt dafür ist, daß er jedem Mädchen nachstellt, von dem er vermutet, daß es vermögend sein könnte. Er weiß ja natürlich, daß Ihre Pate Sie zur Erbin eingesetzt hat –«

»Ich denke, gnädige Frau, wir brechen das Thema ab«, fiel Fiore ruhig, aber mit Entschiedenheit ein. »Ich will Sie von Ihrer Gondelfahrt nicht länger abhalten und wünsche Ihnen viel Vergnügen dazu!«

Frau von Krähenhausen hatte gesagt, was sie sagen wollte, und machte gute Miene zum bösen Spiel. »Oh, ich begreife Ihre mädchenhafte Zurückhaltung, mit der Sie Ihre Herzensangelegenheiten selbst mir verschweigen möchten«, sagte sie mit bewundernswerter Selbstüberwindung. »Ich lasse Sie darum allein mit Ihren Mädchenträumen Auf Wiedersehen!«

Und Fiore eine Kußhand zuwerfend, entfernte sie sich.

Fiores Gefühle machten sich, als sie allein war, zunächst in dem klassischen Ausspruche Luft: »Na, da schlägt’s dreizehn!« und dann sank sie auf ihren Stuhl zurück und lachte, lachte, daß ihr die hellen Tränen über das zarte Gesicht herabliefen, was nun zwar ihre ›Mädchenträume‹ in bezug auf den außerordentlichen Wiwigenz in ein eigentümliches und nicht gerade sehr verheißungsvolles Licht setzte, dafür aber sehr für ihren Sinn für Humor sprach. Sie wollte sich dann eigentlich über diese Überrumpelung zu ärgern anfangen, weil sie sich sehr mit Recht sagte, daß Frau von Krähenhausen sie doch eigentlich für wesentlich törichter halten mußte, als sie tatsächlich war, aber dazu kam sie nicht recht, weil die Komik der Sache die Oberhand behielt – was wiederum sehr für ihre geistigen Fähigkeiten sprach, besonders, da sie ohne weiteres ihren Vormund wie seinen Sohn von der Mitwisserschaft an dieser Attacke freisprach.

»Es fällt ihnen ja gar nicht ein, dazu geraten zu haben«, dachte sie, sich die Augen trocknend. »Das war ein Staatsstreich, den Mutter ›Wenn‹ ganz allein ausgeheckt hat. Der außerordentliche Wiwi hat mir einen ganz anständigen und vernünftigen Eindruck gemacht – was aber doch noch lange nicht hinreicht, um ihn zu heiraten. Mutter ›Wenn‹ als Schwiegermutter – das müßte kein übles Vergnügen sein. Ich danke bestens!«

Durch dieses Erlebnis war ihr aber alle Lust zum Briefschreiben vergangen. Es ist wahr, sie hätte den Brief eigentlich schreiben müssen, aber sie konnte ihre Gedanken auf den trockenen, geschäftlichen Inhalt nicht lenken und sah sich nach einer anderen Beschäftigung um.

Ein vorgenommenes Buch verfehlte gleichfalls sie zu fesseln, und sich ihres Versprechens an Doktor Windmüller erinnernd, trat sie an das Paneel der Türfüllung zwischen der Stanza del’ Brustoloni und dem Rosazimmer, dem der Genannte heute früh seine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, und ahnungslos, daß er bereits den Weg durch diesen Zugang gefunden, begann sie ihrerseits das schon so oft versuchte, fruchtlose Geschäft des Anklopfens. Sie tat das sehr vorsichtig, um sowohl die reizende Malerei der Füllung als auch die geschnitzten und vergoldeten Ornamente nicht zu beschädigen.

Die Füllung war hier in zwei oblonge Felder eingeteilt, deren Rahmen schlanke Stäbe bildeten, die in den entsprechenden vier Ecken in graziösem Muschel- und Gitterwerk ausliefen, an den Längsseiten aber durch zierliche, an Schleifen hängende Fruchtkörbe unterbrochen wurden, deren leichte, kunstvolle Ausführung schon oft ihre Bewunderung erregt hatte. Sie legte auf das rechts von ihr befindliche Körbchen die schlanken Finger – die Schnitzerei war so plastisch, daß man meinen konnte, das niedliche Ding hinge wirklich angeknüpft an der Leiste und man brauchte es nur abzuheben, um es in den Händen halten zu können.

Aber was war das? Mit einer unwillkürlichen Bewegung hatte Fiore das Ornament nach links geschoben, tatsächlich geschoben, und dabei löste sich das Paneel an dem vorstehenden Türrahmen los und öffnete sich lautlos ein wenig wie eine aufgegangene Tür in der halben Höhe des Rahmens, in der die teilende Leiste den oberen Rand maskiert hatte!

Mit einem leisen Ausruf der Überraschung machte Fiore die so zufällig entdeckte, innen gepolsterte Tür ein wenig weiter auf und erblickte die Wendeltreppe, die Windmüller heute früh schon hinabgestiegen war.

»So hat die Maus dem Löwen doch geholfen«, flüsterte sie vor sich hin, ahnungslos, daß die Entdeckung schon gemacht war. Und nun kam die Neugierde über sie, wohin diese Treppe wohl führen mochte, und die unwiderstehliche Lust, die Entdeckungsreise darauf anzutreten. Ob die Stufen wohl sicher waren? Doch – sie sahen ganz solid aus, wennschon sehr schmal und recht staubig. Finster war’s auch in dem engen Raum, aber dagegen gab’s ja ein Mittel.

Ohne weiter zu zögern und zu überlegen, zündete Fiore die Kerze auf ihrem Nachttisch an, und mit der begeisterten Versicherung, daß ›solch ein alter, geheimnisvoller Palast doch geradezu wonnig romantisch‹ sei, fing sie an, die Wendeltreppe emporzusteigen. Sie kam ihr endlos vor, und ihrer Berechnung nach mußte sie mindestens in dem Speicher des Hauses, wenn nicht gar auf dem Dache münden, und dann stand sie nach der letzten Windung plötzlich vor einer gleichfalls gepolsterten Tür, deren hier ganz offenkundiger Riegel sich federleicht öffnen ließ. Sie schob den Riegel im Feuer ihres Entdeckungseifers unbedenklich zurück und – stand Auge in Auge vor Don Gian, der gerade aus einem seiner Zimmer ins andere gehen wollte.

»Fiore!« rief er in der ersten Überraschung höchst inkorrekt, aber – wovon das Herz voll ist, davon strömt der Mund über.

Fiore selbst aber war so überrascht, daß sie das gar nicht beachtete. »Himmlischer Vater – wo bin ich denn da hingeraten?« fragte sie halb lachend, halb entsetzt über diese plötzliche Begegnung.

»Oh – das ist – gewissermaßen meine Wohnung«, belehrte er sie.

»Ihre Wohnung!« wiederholte sie erschreckt. »Ja, ums Himmels willen, was müssen Sie von mir denken! Ich fand nämlich zufällig in der dicken Wand unten bei mir eine Tür in der Füllung zum Rosazimmer und diese Treppe da – und da faßte mich die Neugier, zu sehen, wohin sie führt. Aber Sie müssen nicht denken, daß ich – daß ich hier herumspionieren wollte – o Gott, mir ist es ja so schrecklich, hier bei Ihnen eingedrungen zu sein! Verzeihen Sie mir, bitte – ich trete natürlich sofort meinen Rückzug an. – Das ist ja eine ganz gräßliche Sache, die ich da zuwege gebracht habe!«

Es ist nicht zu verwundern, daß Fiore in ihrer sehr natürlichen Verwirrung und wirklichen Bestürzung über ihr unbeabsichtigtes Erscheinen in diesen Räumen in ihrer Hast die erste Stufe der ohnehin schmalen Wendeltreppe verfehlte und fast gestürzt wäre. Es ist noch weniger verwunderlich, daß Don Gian, die Gefahr sehend, Fiore auffing und sie damit vor einem schmerzlichen Unglücksfall bewahrte. Das hätte an seiner Stelle natürlich ein jeder getan, der auch nur einen Funken von Geistesgegenwart und Menschlichkeit besaß; nach seiner Unterhaltung aber, die er am Morgen dieses Tages mit seiner Großmutter hatte, kann es jedoch auch keinem Menschen von Einsicht wundern, daß er Fiore nicht gleich wieder losließ, nachdem er den drohenden Sturz aufgehalten. Der Raum war eng, sehr eng sogar, die Lage eine entschieden unbequeme auf der leiterartigen Wendeltreppe, aber die Gelegenheit war äußerst günstig, und wer sie unbenützt vorübergehen ließe, wäre ein Tor, der das Salz auf seinem Brot nicht verdient.

Man konnte nun von Don Gian nicht eben behaupten, daß er ein Genie war – ein Tor aber war er sicher nicht, das hätte sein bitterster Feind ihm nicht vorwerfen können. Und er bewies es in dieser Stunde zwischen der bewußten dicken Mauer der Ca’ Terraferma. Nicht, daß er bei dieser Gelegenheit gerade originell gewesen wäre; er sagte eigentlich nichts weiter als nur immer und immer wieder: »Fiore! Oh, Fiore – liebe, süße, süße Fiore!«

Fiore schien diesen Mangel an Ausdrucksfähigkeit ansprechender zu finden, als wenn Don Gian ihr ein wohlgesetztes Sprüchlein aufgesagt hätte; um korrekt zu sein, muß gesagt werden, daß er sich solch ein Sprüchlein schon ausgedacht und gründlich überlegt hatte. Aber angesichts des Unerwarteten vergaß er ebenso gründlich, was er hatte sagen wollen, und das sprach wieder Bände für ihn und die Echtheit seiner Gefühle. Fiore empfand das auch mit dem feinen Instinkt des Herzens, der in solchen Fällen nicht irrt, sie empfand auch, daß er sie in den Armen hielt wie ein Heiligtum, und machte keinen Versuch, sich zu befreien, was ja auch räumlich schwer zu machen gewesen wäre.

»Ja, Gian«, sagte sie nur leise. »Es hat wohl alles so kommen müssen, wie’s gekommen ist – nicht wahr?«

»Ach, Fiore – und du weißt nicht einmal, wie’s gekommen ist«, meinte er ausatmend. »Es ist ja ein reines Wunder, daß und wie ich dich finden mußte. Und nun gar noch in diesem Loch! – Gesegnet sei es, dieses Loch, denn es ist doch wenigstens neutraler Boden – zwischen den Etagen!«

Die hellen Tränen des Glücks und der Rührung noch in den Augen, mußte Fiore jetzt aber doch lachen. »Und was für ein Boden!« sagte sie. »Ein Fuß oben, der andere unten – nie im Leben hätte ich vermutet, daß ich mich in solch einem Loche verloben würde. – Gian, nicht wahr, du versprichst mir heilig, und nicht nur der Lächerlichkeit wegen, daß du nie, niemals und keiner einzigen Seele jemals verrätst, wann, wo und wie wir uns gefunden?«

Don Gian hätte in dieser seligen Stunde noch ganz andere Dinge heilig versprochen. Er kannte außerdem die Welt im allgemeinen und seine engere Welt im besonderen und wußte, daß sie nicht leicht an ›Zufälligkeiten‹ glaubt.

Auch er selbst glaubte ja nicht an den Zufall, sondern war fest davon überzeugt, daß eine sehr, sehr gütige Vorsehung das Glück seines Lebens auf demselben Weg zu ihm geleitet, auf dem vor wenigen Tagen erst das Verhängnis zu ihm emporgestiegen war, das ihm sein bürgerliches Leben vernichten wollte.

»Ich werde diese Treppe vergolden lassen«, gelobte er sich mit einem heißen Dankgefühl im Herzen, und doch schien sie ihm, so wie sie eben war, schon von purem Golde zu sein.

Irgendein Geräusch – ob von oben, ob von unten, blieb unentschieden – schreckte das selige Paar in seine korrekten Räume zurück, die ihr Geheimnis so trefflich wahrenden Paneele schlossen sich unten wie oben, und die Angehörigen Don Gians konnten sich in der Folge ruhig, aber erfolglos die Köpfe zerbrechen, wo in aller Welt ihr Enkel beziehungsweise Bruder es möglich gemacht hatte, sich mit Fiore Meldeck zu verloben.

Infolge dieses Ereignisses erfuhr auch Doktor Windmüller nichts von dem Geheimnis des Paneels zwischen dem Rosazimmer und der Stanza del’ Brustoloni, als er kurz darauf bei Fiore vorsprach, um sie in sein Vorhaben einzuweihen.

Sie kam sich ein klein wenig ›schändlich‹ vor, wie sie so ruhig und ohne auch nur den kleinsten Wink zu erteilen, daneben stand und zusah, wie Windmüller die Stelle suchte, an der das Paneel sich öffnen ließ. Allerdings hielt er sich nicht lange damit auf, da es darauf nun nicht mehr ankam, sondern er nur der Wissenschaft wegen noch einen Versuch machte.

»Wir werden schon noch dahinterkommen – wenn nicht von dieser, so doch von der anderen Seite«, sagte er nach kurzer Prüfung. »Warum ich eigentlich kam, ist die Bitte, heute Nacht hier Wache halten zu dürfen. Es wäre nämlich nicht unmöglich, daß Ihre ungebetene Besucherin der vergangenen Nacht noch einmal den uns unbekannten Weg in das Rosazimmer betritt, und ich möchte sie gern dabei abfassen. Ich stehe unter dem Siegel des Dienstgeheimnisses und darf Ihnen eine nähere Aufklärung über diese ganze Angelegenheit nicht geben, Komteßchen, bin mir also bewußt, daß ich mit meiner sonderbar scheinenden Zumutung ganz von Ihrem guten Willen abhänge.«

»Ganz und gar nicht – verfügen Sie vollständig über mich, denn ich möchte die Angelegenheiten des Hauses Terraferma ganz zu den meinen machen«, versicherte Fiore mit glühenden Wangen.

Windmüller horchte auf, sah sie prüfend an und schmunzelte. »Um so besser«, sagte er mit einer Befriedigung, die weit über sein Berufsinteresse hinausging. »Wir wollen aber nicht weiter darüber reden, Komteßchen, damit das Haus Terraferma mein nächtliches Eindringen bei Ihnen nicht als Übergriff betrachtet und meinen Plan zu vereiteln sucht. Wenn alles zur Ruhe gegangen ist, haben Sie dann vielleicht die Güte, mich in den Saal neben dem Rosazimmer einzulassen – ich kann von dort durch die herabgelassene Portiere die Tür gegenüber beobachten und schlage vor, daß Sie sich scheinbar, wie gewöhnlich, zur Ruhe begeben. Ist es so recht?«

»Vollständig«, stimmte Fiore zu. »Weiß Gi- weiß der Marchese von Ihrem Vorhaben?«

»Hm«, machte Windmüller nachdenklich. »Er weiß es noch nicht, aber ich halte dafür, daß er eingeweiht werden muß. Unter dem ›Haus‹ verstand ich eigentlich nur die Damen desselben, die ich nicht beunruhigen möchte. Ich habe auch noch andere Gründe, sie außerhalb der Sache zu lassen. Wäre es Ihnen sehr peinlich oder unangenehm, wenn ich Don Gian als mögliche Hilfskraft im Hintergrund hielte?«

»Gar nicht unangenehm wäre es mir. Meine Frage zielte sogar darauf hin«, erwiderte Fiore einfach und ernst.

»Sie sind das vernünftigste ›weibliche Frauenzimmer‹, das mir seit langem begegnet ist«, rief Windmüller lachend. »Gestatten Sie mir, zur Abwechslung auch einmal den Propheten spielen zu dürfen, indem ich Ihnen weissage, daß Sie einmal – hoffentlich in nicht zu ferner Zeit – eine ideale Diplomatenfrau sein werden.«

»Das ist eine billige Prophezeiung«, rief Fiore im gleichen Tone. »Nachdem ich mich eben mit ›Gian‹ gründlich verschnappt, ist die ganze Wahrsagerei überhaupt nichts wert.«

Windmüller reichte ihr beide Hände. »Bin ich der erste, der Ihnen Glück wünschen darf?« fragte er herzlich.

»Ich freue mich, daß Sie’s sind. Aber es ist sonst ein großes Geheimnis, das noch keine Stunde alt ist«, entgegnete sie mit strahlendem Gesicht.

»Geheimnisse sind meine Spezialität«, meinte er, »nur ist’s mein Beruf, sie zu enthüllen. In diesem Falle aber werde ich geduldig warten, bis ich mich ungehindert freuen darf, und heute nacht mit doppelter Wichtigkeit die Ehrendame beziehungsweise den Ehrenonkel spielen. Sie können dabei ganz ruhig sein, denn ich habe Übung in dieser Rolle.«

Im Grunde war’s Windmüller aber viel weniger scherzhaft zumute, als er es ausdrückte, denn er war gar nicht so sicher, daß sein Plan zu irgendeinem Erfolg führen würde; es war sogar zehn gegen eins zu wetten, daß Donna Xenia das Rosazimmer vermeiden würde, nun sie wußte, daß es bewohnt war; aber Windmüller war entschlossen, diesen Versuch zu wagen, den er darauf begründete, daß die Principessa offenbar in ihrem Logis etwas suchen wollte, zum mindesten doch aber einen Zweck mit ihren wiederholten Besuchen verbinden mußte. Was für ein Zweck dies auch war: die Hauptsache blieb, ihrer habhaft zu werden, und zwar aus dem einzigen, rein menschlichen Grunde, sie ihrer Selbstgefangenschaft zu entreißen, in der sie sich ja nur unter dem Zwange einer unerhörten Furcht vor – ja, vor was und vor wem? – befinden konnte.


* * *


Auf Fiore legte sich, als Windmüller sie verlassen hatte, um Don Gian aufzusuchen, plötzlich wie ein Alp das Bewußtsein, daß sie den Abend in Gesellschaft der Krähenhausens zuzubringen hatte, und sie zerbrach sich den Kopf nach einer Entschuldigung, um diesem Genuß zu entgehen. Kopfschmerzen vorschützen? Sie sah in den Spiegel und mußte lachen, als ihr daraus ihr blühendes, strahlendes Gesicht, ihre hellen Augen entgegenblickten. Frau von Krähenhausen würde sicher kommen, sich von der Wahrheit der Entschuldigung zu überzeugen, sie würde natürlich nicht ein Wort davon glauben und wieder von ihrem Wiwigenz zu reden anfangen.

»Es ist gräßlich, aber ich werde mich einfach ins Bett legen müssen«, dachte sie betrübt. »Was will ich denn sonst machen? Ich kann und darf es doch nicht riskieren, daß der außerordentliche Wiwigenz auf allerhöchsten Befehl seiner Frau Mutter erst anfängt, mir die Cour zu schneiden! Er mag sein, wie er will – aber das darf ich ihm wirklich nicht antun. – Wie spät ist es jetzt? Erst fünf Uhr? Oh, dann habe ich ja noch eine Gnadenfrist, denn so bald wird ja wohl das Trio Kumm, Wenn und Kich noch nicht heimkehren.« –

Fiore Meldeck war ein Sonntagskind und hatte in ihren härtesten Bedrängnissen immer Glück gehabt. Sie war sich kaum der ihr geschenkten Gnadenfrist bewußt geworden, als ein Diener erschien und ihr den Besuch der Marchesa meldete. Überrascht über diese Auszeichnung von seiten der alten Dame ging sie ihr durch den Saal entgegen und führte sie in die Stanza del’ Brustoloni. Kaum hatte der feierlich folgende Diener die Tür hinter ihnen geschlossen, als die Marchesa sie zärtlich und bewegt in die Arme schloß.

»Welch frohe Botschaft hat Gian mir eben gebracht! Weißt du, daß deine Mutter meine Tochter hätte werden sollen? Ich habe sie geliebt wie mein eigenes Kind und habe sie so ungern hergegeben – und nun bist du, cara mia, meines Enkels Braut geworden! Ich hab’s droben nicht ausgehalten und mußte kommen, dich an mein Herz zu schließen!«

Fiore schlang wortlos ihre Arme um den Hals der alten Dame. »Jetzt habe ich wieder eine Heimat!« flüsterte sie selig.

Und dann saßen die beiden, die Alte und die Junge, zusammen und plauderten, bis dann Loredana, gefolgt von Don Gian, hereingestürmt kam, voll von der großen Neuigkeit, um die neue Schwägerin zu umarmen.

Dem glücklichen Quartett in der Stanza del’ Brustoloni verflog die Zeit wie auf Flügeln, bis mit einem Male die scharfe, weittragende Stimme von Frau von Krähenhausen, die mit ihren Herren zurückgekehrt war, sozusagen die Stunde schlug.

»Die hatte ich ja ganz vergessen!« rief Fiore mit komischem Schrecken.

»Ich auch!« gestand Don Gian lachend. »Besonders aber hatte ich vergessen, daß ich ja bei Herrn von Krähenhausen feierlich um deine Hand anhalten muß. Soll ich’s gleich tun?«

»Ich weiß nicht«, meinte Fiore zweifelnd. »Mein Vormund lebt in Krähwinkel und erwartet einen solchen feierlichen Akt sicher mittags um Zwölf in Frack, weißer Binde, weißen Handschuhen und Zylinder, ein Tellerbukett in der Hand. So hab’ ich’s wenigstens in Krähwinkel gesehen und bin sehr scharf darüber belehrt worden, daß es sich so für einen Heiratskandidaten schickt.«

»Da wir aber nicht in Krähwinkel, sondern in Venedig sind –«

»Kinder, die Leute sind lächerlich kleinstädtisch – es ist wahr«, fiel die Marchesa ein, »aber wir verdanken ihnen unsere Fiore. Hätten sie bei uns nicht gemietet, so hätten wir dich, mein liebes Töchterchen, nicht kennengelernt.«

Fiore stutzte, öffnete die Lippen, um etwas zu sagen, besann sich aber eines anderen und meinte statt dessen: »Sie – wir werden aber die ersten und letzten Mieter sein, die im Palazzo Terraferma eingezogen sind – nicht wahr, Gian?«

Der Marchese seufzte ein wenig und antwortete nicht gleich. »Wenn’s nach mir, nach uns allen ginge – gewiß«, sagte er dann zögernd. »Aber es geht leider nicht nach uns, sondern nach dem Zwang der Umstände. Ich bin durch – durch Abtragung von Schulden meines Bruders und seiner Frau gezwungen, zu dieser Maßregel der Vermietung zu greifen, wenn ich meine Laufbahn nicht aufgeben will. Es wird mir schwer, darüber zu sprechen, aber schließlich bin ich es dir doch schuldig, reinen Wein über meine Verhältnisse einzuschenken, liebste Fiore. Ich kann dir einen alten, in Venedigs Geschichte berühmten Namen bieten, aber an irdischen Gütern eben nur gerade, was knapp zum standesgemäßen Leben reicht –«

»Als ob ich danach früge!« fiel Fiore lebhaft ein. »Nein – nein! Der Palazzo Terraferma soll und darf keine Mieter mehr sehen, denn – denn ich komme ja nicht mit leeren Händen, und ich hoffe, du wirst nicht zu stolz sein, um anzunehmen, was ich mitbringe, sondern es als das Deine betrachten. Was sollte ich allein wohl auch mit dem vielen Gelde anfangen?« schloß sie lachend.

»Fiore – was redest du da?« rief die Marchesa erstaunt. »Ich meine doch gehört zu haben, daß du, wie die gute Candiani sich ausdrückte, ›nichts hast‹.«

»Habt ihr das gehört?« fragte Fiore mit einem glücklichen Lächeln. »Wie schön! Ich meine, wie schön, wie herrlich für mich, daß ihr alle mich trotzdem aufgenommen und als die Eure begrüßt habt, als wäre ich des seligen Krösus einzige Erbin. Oh, ihr wißt nicht, was ihr mir damit schenkt: das Bewußtsein, daß ihr mich um meiner selbst willen liebt, mich liebt, nur weil Gian mich gewählt! Nun, des seligen Krösus Erbin bin ich zwar nicht, aber die meiner Patin, die mich bei sich aufnahm, als Papa starb, und weil er ihre Jugendliebe war, so hat sie mir alles hinterlassen, was sie besessen hat. Ich dachte selbst niemals, daß es viel sein könnte, denn sie lebte so einfach und sah, wie’s mein Vetter Fritz Meldeck sehr geschmackvoll ausdrückte, wirklich wie eine ›alte Vogelscheuche‹ aus. Aber originell wie sie war – sie hatte ein goldenes Herz und hat mir mehr als ihre paar Millionen hinterlassen: das Andenken an ihre große, große Liebe. Und was nun die Krähenhausens betrifft – sie hatten ›keinen Platz‹ für mich, als Papa starb und Vater Kumm mir zum Vormund bestimmte; nachdem aber auch meine Patin heimgegangen und es etwas zu verwalten gab, da hatten sie Platz und schlugen mich breit, zu ihnen zu ziehen, und mithin –«

»Mithin bist du unsere Mieterin!« fiel Donna Loredana ein.

»Eigentlich ja, aber uneigentlich habe ich’s für höflicher gefunden, den Krähenhausens damit den Vortritt einzuräumen.«

»Darum also!« rief die Marchesa und fügte lächelnd hinzu: »Es wird ein schwerer Schlag für Gina Candiani sein, wenn sie erfährt, daß sie einmal in ihrem Leben etwas nicht gewußt hat, was ihren lieben Nächsten angeht!«

»Ich bin auch sehr froh, daß ich’s nicht gewußt habe«, erklärte Don Gian, »trotzdem ich mir schon Vorwürfe gemacht habe, dich in meine Sorgen hereingezogen zu haben, Fiore.«

»Tugend wird belohnt«, rief Donna Loredana. »Es hätte uns eigentlich stutzig machen können, daß Fiore ›mit nichts‹ Toiletten von Paquin trägt, und wir dachten in unserer Blindheit, daß Frau von Krähenhausen solch eine offene Hand und solch vorzüglichen Geschmack hat –«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach dieses Geständnis, das Fiore köstlich amüsierte, und auf ihr ›Herein‹ erschien Herr von Krähenhausen in dem Zimmer.

»Kumm!« machte er einleitend. »Pardon, ich dachte, meine Mündel wäre allein. Ich küsse Eurer Exzellenz die Hand – Ihr Diener, Donna Loredana. Herr Marchese – ich grüße Sie! – Kumm! Bin sehr erfreut, die Herrschaften hier vorzufinden – die reine Familienpartie sozusagen!«

»In der Tat!« nahm die Marchesa das Wort. »Es ist eine Familienpartie im wahren Sinne des Wortes, denn mein Enkelsohn hat sich eben mit Komtesse Meldeck verlobt und hatte es vor, sobald als möglich bei Ihnen offiziell um ihre Hand anzuhalten.«

»Verlobt?« rief der alte Herr. »Gratuliere – gratuliere herzlichst!« setzte er strahlend hinzu, besann sich dann aber und kriegte einen sichtlichen Schreck. »Ich freue mich natürlich«, stotterte er, »außerordentlich sozusagen, aber ich weiß doch nicht, ob meine Frau – ich werde gleich gehen, es ihr zu sagen. – Oder wollen Sie lieber selbst, Herr Marchese – – es wäre in der Tat besser, wenn Sie selbst –«

»Natürlich werden wir es Frau von Krähenhausen anzeigen und uns vorstellen«, fiel Fiore ein. »Die Hauptsache ist aber, daß Sie sich freuen und zustimmen, da Sie ja doch der Vormund sind.«

»Kumm!« machte Herr von Krähenhausen betreten. »Ich hätte es wohl nicht gleich sagen sollen – meine liebe Frau und ich pflegen alle Angelegenheiten immer gemeinsam zu beraten – – wir wollen es überlegen. Jawohl, wir wollen es überlegen!«

»Gewiß – überlegen Sie nur! Aber an der Tatsache kann es ja nichts mehr ändern, daß Sie Ihre herzlichste Zustimmung gegeben haben«, sagte die Marchesa, der der arme Pantoffelheld leid tat. »Ich danke Ihnen in unser aller Namen dafür aufs wärmste und bin glücklich, daß Sie so freundlich teilnehmen an unserer Freude. Sie verlieren dadurch freilich die strahlende Jugend als Hausgenossin, aber wenn man ein so liebes, reizendes Mündel hat, muß man eben darauf vorbereitet sein, sie über kurz oder lang einem anderen abtreten zu müssen.«

»Kumm – kumm!« machte Herr von Krähenhausen mit einem Blick auf die Tür. »Ich freue mich wirklich, freue mich von Herzen«, setzte er dann energisch hinzu. »Fiore ist ein so liebes Mädchen – ja, ja, Fiore, das sind Sie! Und daß Sie gut gewählt haben, dafür bürgt mir Ihr ganzer solider, höchst solider Charakter. Das sage ich unabhängig von den Ansichten meiner lieben Frau – wohlverstanden. – Ich wollte, sie wüßte es erst«, schloß er mit einem tiefen Seufzer. –

Fiore ist heute noch eine junge, schöne Frau und hat nach menschlichem Ermessen noch ein langes Leben vor sich; sollte sie aber hundert Jahre alt werden, so wird sie sich selbst dann nicht erinnern können, jemals einen ungemütlicheren Abend verlebt zu haben als den ihres Verlobungstages im Kreise der Familie von Krähenhausen. Vater ›Kumm‹ wollte ja gern gemütlich sein, wagte es aber nicht; Mutter ›Wenn‹ war ausfallend, spitz und bitter, und nur der ›Außerordentliche‹ vermochte es, eine gewisse Harmlosigkeit in den kleinen Kreis zu bringen, wofür Fiore ihm dankbar war und ihm die Krone seiner Sippe, bildlich geredet, zugestand, während sie die nicht beneidete, der er dereinst diese Schwiegermutter zumuten würde. Ohne dieses notwendige Übel wäre er wirklich gar nicht so übel gewesen, dieser Wiwigenz.

Fiore war jedenfalls seelenfroh, als sie sich endlich in ihre Zimmer zurückziehen konnte, und doch hatte sie dort noch lange zu warten, ehe sie annehmen konnte, daß im Hause alles zur Ruhe gegangen war. Sie hatte sich mit Hilfe der Kammerjungfer zum Schlafen vorbereitet und sie dann entlassen und empfand es heute als günstig, daß dieser dienende Geist sein Zimmer in dem von den Krähenhausens bewohnten Flügel jenseits des Saales hatte. Als sie dann allein war, zog sie sich wieder an, verschloß alle Türen und wartete nun in Gesellschaft ihrer jungen Glücksträume, wodurch die Zeit rascher verging, als es sonst wohl der Fall gewesen wäre, der Dinge, die da kommen sollten.

Es war nach elf Uhr, als es endlich leise an die Tür des nördlich an das Rosazimmer stoßenden Salons klopfte. Sie öffnete ebenso leise und ließ Windmüller, gefolgt von Don Gian, ein, wonach ersterer die Tür wieder verriegelte und sofort das elektrische Licht abdrehte, das Fiore während der Zeit des Wartens in diesem Raume brennen ließ, während er gleichzeitig durch eine Bewegung Schweigen empfahl. Fiore schlüpfte demgemäß auch durch die herabgelassene Portiere in das Rosazimmer, legte sich dort, wie sie war, auf das Bett und wartete ruhig, aber wachsam, indem sie dem Mondlicht zusah, das durch das offene Fenster schräg ins Zimmer fiel und dem rosa Silberbrokat der Möbel, Tapeten und Vorhänge einen goldenen Lüster gab. –

Windmüller hatte Don Gian im Nebenzimmer seinen Platz angewiesen und selbst so vor der Tür Posten gefaßt, daß er das Rosazimmer und durch dessen offenstehende Tür die Stanza del’ Brustoloni in gerader Linie übersehen konnte. Ihm verschlug das bewegungslose Ausharren auf einer Stelle nichts, er hatte es in wesentlich unbequemeren Lagen in seinem Berufe oft üben müssen, während Don Gian, als die Zeit vorschritt, manchmal die Stellung zu ändern sich veranlaßt fühlte.

Es schlug Mitternacht von den nahen Türmen von San Polo und den Frari, andere, fernere Glocken stimmten ein, und wieder wurde es totenstill – kaum daß noch eine verspätete Barke mit leisem Ruderschlag an der Mündung des Sackkanals vorüberglitt, oder man von ferne Schritte über die Eisenbrücke an der Westseite des Palastes klappern hörte.

Und wieder schlugen die Glocken und kündeten die erste Morgenstunde; der Mond war hinter dem Palaste verschwunden, aber die Nacht so hell, daß man die Gegenstände in den Zimmern deutlich erkennen konnte, denn die Fensterläden waren auch in der Stanza del’ Brustoloni nicht geschlossen worden, nur die in dem Salon, in dem die Herren saßen, waren zu, so daß dort deren Anwesenheit nicht zu erkennen gewesen wäre.

»Vergebliches Warten!« dachte Don Gian, sich wieder einmal streckend, indem er sich wunderte, wie Windmüller es fertig bringen konnte, so unbeweglich zu sitzen.

Dieser aber gab die Sache noch nicht auf; zwar hatte auch er keine große Hoffnung, Donna Xenia erscheinen zu sehen, aber die Möglichkeit war darum doch noch nicht ausgeschlossen. Drinnen im Rosazimmer rührte sich nichts; es war so still, daß Windmüller dachte, Fiore müsse wohl eingeschlafen sein. Etwas um die Ecke der Türöffnung lugend, sah er sie auf der rechten Seite, den Arm unter dem Kopfe, auf dem Bett liegen, aber er konnte nicht erkennen, ob sie die Augen geschlossen hatte.

Doch nein – sie schlief nicht: er sah, wie sie sich leise aufrichtete und nach der offenen Tür hinsah. Hatte sie etwas gehört, das ihm entgangen war? Gespannt beobachtete er Fiore, ohne darum die Tür aus den Augen zu verlieren, denn es war offenbar, daß das junge Mädchen etwas hörte, es schien fast, als ob sie auch etwas sah. Und doch – es war nichts zu sehen, nichts zu hören!

Windmüllers Gehör und Gesicht war oft mit dem eines Luchses verglichen worden, er konnte sich jedenfalls darauf verlassen. Zwar war es jetzt wesentlich dunkler geworden, nun der Mond nicht mehr in die Fenster hereinschien, aber er stand doch noch hoch genug am Himmel, daß man eine Person, die sich in Tür und Zimmer bewegte, zweifellos zu sehen vermocht hätte, wie er es auch sehen konnte, daß Fiore, das Profil nach der Tür gerichtet, jetzt lautlos von dem Bett herabglitt, daneben stehenblieb und dann mit ein paar raschen Schritten, die der weiche Teppich völlig dämpfte, vor den Türrahmen trat.

»Was wollen Sie hier, Madame?« hörte er sie laut und klar fragen. »Wie kommen Sie hier herein? Das Zimmer ist, wie Sie sehen, bewohnt.«

Mit ein paar Schritten stand Windmüller nun neben Fiore. »Mit wem reden Sie, Komtesse? Wo ist –«

Fiore legte ihre eiskalte Hand auf die seine und sah ihn mit großen, weitgeöffneten Augen an, in denen er selbst in dem herrschenden unsicheren Licht einen niegesehenen Glanz leuchten sah.

»Sie ist wieder fort«, sagte sie mit gedämpfter Stimme. »Sie stand hier, genau vor mir – es war wie ein Licht, wie ein leuchtender, grünlicher Nebel um sie. – Sie müssen sie doch auch gesehen haben!«

Windmüller schüttelte den Kopf, aber er widersprach nicht. »Wo ist sie hingegangen?« fragte er nur.

»Ja, sahen Sie es denn nicht?« erwiderte Fiore erstaunt. »Durch die Türfüllung hier rechts. Sie ging genau auf wie jene andere links – auf und zu, während ich sie anredete. Machen Sie Licht, und ich werde es Ihnen zeigen! Ich dachte, Sie wären hinter dem Türrahmen und paßten auf.«

Windmüller drehte sich um und machte Don Gian ein Zeichen, die schweren Vorhänge an den Fenstern des Rosazimmers zuzuziehen, während er selbst in der Stanza del’ Brustoloni dieses Geschäft besorgte. Dann erst drehte er das elektrische Licht auf.

»Nun zeigen Sie uns, wo Donna Xenia das Zimmer verlassen hat, Komteßchen«, sagte er zu Fiore, die unbeweglich auf derselben Stelle geblieben war. Gleichzeitig machte er eine Bewegung gegen Don Gian, der hinter seine Braut getreten war, um ihn daran zu verhindern, auszusprechen, was ihm auf den Lippen lag.

»Hier«, erwiderte Fiore mit derselben selbstverständlichen Sicherheit, mit der sie bisher gesprochen, indem sie auf das mit der entgegengesetzten Seite korrespondierende Ornament des Blumenkörbchens auf dem Paneel zeigte. »Hier«, wiederholte sie, das zierliche, vergoldete Schnitzwerk zurückschiebend, und wie links, so öffnete sich auch rechts nun das Paneel, lautlos und ohne jede Schwierigkeit, nur daß es nicht wie dort eine Wendeltreppe enthüllte, sondern einen schmalen Gang.

»Da ist sie hineingegangen«, wiederholte Fiore. »Riechen Sie nicht den Gardenienduft? Und das – das andere? Oh, diese Gardenien – sie machen mir Schwindel –«

Und in der Tat griff Fiore um sich, als ob sie eine Stütze suchte, die sie in Don Gian auch fand.

Windmüller nahm sie ihm aber aus den Armen und trug sie mehr, als er sie führte, zu dem Bett. »Legen Sie sich hin, Komteßchen, und sehen Sie zu, daß Sie schlafen können«, sagte er, ihr wie einem Kinde zuredend. »Sie sind übermüdet, überwacht. Wir zwei, Don Gian und ich, werden schon allein das – das andere besorgen.«

Fiore streckte sich ohne Widerstreben auf dem Bett aus, schloß die Augen, und ehe Windmüller noch die Decke über sie ausgebreitet, bewiesen ihre ruhigen, tiefen Atemzüge, daß sie sofort wie ein müdes Kind eingeschlafen war.

»Ist sie krank?« flüsterte Don Gian besorgt.

»Nein, nur geistig erschöpft«, entgegnete Windmüller ebenso. »Und, um es gleich zu sagen: ich habe nicht gesehen, was Komtesse Meldeck sah – Donna Xenia! Ich habe jede Bewegung Ihrer Braut verfolgt und hätte sehen müssen, was sie zu sehen vermeint, oder wirklich gesehen hat. Haben Sie die Gardenien gerochen? Nein. Ich auch nicht. Trotzdem aber – Doch davon später. Lassen Sie uns nun auf die Entdeckungsreise zwischen diesen Mauern gehen.«

»Aber ich verstehe nicht –«

»Nein, natürlich nicht. Und doch gibt es tatsächlich mehr Dinge zwischen Himmel und Erde – Sie kennen ja den abgedroschenen Spruch«, erwiderte Windmüller, indem er eine kleine Azetylenlampe aus der Tasche zog, sie entzündete und damit in den Gang hineinleuchtete.

Er war nicht lang, dieser Gang, nur wenige Schritte, und führte zu einer kurzen Treppe von vier gemauerten Stufen, die wiederum auf einer Art von hölzerner Plattform endeten, von der abermals eine Flucht von Stufen sich im Dunkel verlor.

»Dort funkelt etwas«, flüsterte Don Gian, auf einen Gegenstand deutend, der auf diesen Stufen lag. »Es sieht aus wie der goldbronzene Bügel einer Handtasche – einer modernen, neuen Handtasche –«

Damit bückte er sich unter dem die Laterne haltenden Arm Windmüllers hindurch und wollte auf den an diesem verborgenen Orte so fremdartig anmutenden Gegenstand zueilen, als ihn – noch ehe er die erste der vier Stufen, die zu der Plattform führten, betreten hatte – Windmüllers Arm packte und mit eiserner Kraft zurückhielt.

»Zurück, Mann! Sie rennen ja in den sicheren Tod!« keuchte er in höchster Erregung. »Sehen Sie – hier!« fuhr er fort, ohne Don Gian loszulassen, indem er zu seinen Füßen, dicht am Eingang, auf einen eisernen Ring zeigte, der an einer dünnen Kette befestigt war, die an der Wand entlang neben den vier Stufen bis zu der Plattform lief. »Gottlob, daß ich den Mechanismus gleich suchte und fand, als der Ritz in der Mitte der Plattform dort mir in die Augen sprang –«

»Was ist’s damit? Es sind zwei aneinandergefügte Dielen, wie ich sehe«, sagte Don Gian verwundert.

»Es ist eine Trappola – eine Falltür«, erwiderte Windmüller grimmig, indem er sich mit der Hand, die die Laterne hielt, über die Stirn fuhr, auf der dicke Schweißperlen standen. »Mit einem Worte: die Oubliette, von der im Palazzo Terraferma die Sage ging. Die Sage ist eine grausige Wirklichkeit, und der erste Schritt auf die Plattform hätte Sie in den sicheren Tod, in die Ewigkeit befördert. Hinter dem letzten – oder vielmehr dem Vorletzten, der diesen Schritt tat, ist vergessen worden, die Trappola zu schließen. Sehen Sie – so!« Und, sich bückend, zog er an dem Ring die Kette zurück und streifte ihn über einen Haken, der sich dicht neben dem Eingang unten an der Wand befand. »So«, sagte er, sich aufrichtend, »nun ist unterhalb der Plattform der Riegel vorgeschoben, nun dürfen wir beide mit Sicherheit darauf treten. Ich kenne diesen Mechanismus, habe ihn in einem Kastell in den Sabinerbergen bei Rom gesehen – zu Ihrem Glücke gesehen.«

Nun war es Don Gian, der sich den hellen Schweiß von der Stirn wischte. »Wer hätte das hier in diesem Hause vermutet, für möglich gehalten!« murmelte er mit einem Blick des Abscheus auf die trügerische Plattform.

»Hm – es wird wohl nicht die einzige Trappola in dieser Stadt sein, wo man unbequeme Mitbürger der Vergessenheit übergab – daher der Name Oubliette, von oublier, vergessen«, entgegnete Windmüller, indem er einen Schritt vorwärts machte.

»Was sagten Sie eben? Daß man vergessen hätte, die Trappola hinter dem – vorletzten zu schließen? Warum hinter dem vorletzten?« fragte Don Gian stockend, indem er Windmüller zurückhielt.

Dieser wendete sich um und sah den Marchese ernst an. »Weil die letzte, die ahnungslos diesen Weg nahm, keine andere gewesen sein dürfte als – Donna Xenia.«

»Herr des Himmels!« schrie Don Gian auf – so laut, daß Windmüller ihm die Hand auf den Mund legte und durch den Eingang zurücklauschte, ob Fiore von dem Ausrufe nicht erwacht war.

»Es ist ja ganz klar«, sagte er dann, als drinnen im Rosazimmer sich nichts rührte. »Sie kannte den Weg und wollte ihn als Ausgang benützen, um den Palast darauf zu verlassen. Wir werden diesen Ausgang jetzt finden. Sie kannte den Weg, aber nicht die Oubliette. Als sie darauf trat, hat die Falltür sich geöffnet und sich dann für immer über ihr wieder geschlossen. In dem Augenblick des Sturzes aber ist ihr durch das plötzliche Weichen des Bodens unter ihr die Tasche dort aus der Hand geschleudert worden, um als stummer Zeuge für den grausigen Vorgang der Stunde der Entdeckung zu warten. Und das Instrument dazu war – Ihre Braut, Herr Marchese, mit ihrer Gabe, mehr zu sehen als andere Sterbliche. Sie werden danach wohl auch verlernen, von einem ›Zufall‹ zu reden – dem Zufall, der dieses Mädchen in Ihr Haus geführt hat, um nicht nur das Glück Ihres Lebens zu werden, sondern auch den letzten und besten Beweis für Ihre Schuldlosigkeit bei dem Verluste des bewußten Dokumentes zu führen, das, wenn ich mich nicht sehr täusche, in jener Handtasche dort enthalten ist.«

In tiefster Seele erschüttert folgte Don Gian dem Doktor, der mit erhobener Lampe nun auf die Plattform und von dieser auf die sich im Dunkel verlierende Treppe trat und die längliche, elegante Tasche von Juchtenleder aufhob. Ein paar Stufen herabtretend, stellte er die Lampe auf die Falltür, die unter den Schritten der Darauftretenden leise bebte und damit ihre düstere Bestimmung dem Wissenden verriet. Don Gian zum Vorbeigehen Platz machend, öffnete er den nur durch eine Schiebevorrichtung verschlossenen Bügel und nahm einen länglichen, versiegelten Umschlag heraus, den der Marchese auf den ersten Blick erkannte.

»Die Siegel sind unverletzt«, bemerkte Windmüller, indem er Don Gian den Umschlag übergab. »Wir nehmen die Tasche natürlich mit uns hinauf. Sie enthält, soviel ich sehe, nur noch ein Taschentuch, ein Portemonnaie – hier die Rückfahrkarte für Rom und – ja, was ist denn das? Ein vergilbtes, gerolltes Pergament? Wahrhaftig, da haben Sie’s: es ist der Plan für das Geheimnis dieser dicken Mauer, die mir so viel Kopfzerbrechen gemacht, ihr Durchschnitt – und hier am Fußende eine Tür, die auf den Kanal hinausführt. – Donna Loredana wird ihn vergeblich suchen, diesen Plan. Sehen Sie, die Falltür und die Kette sind darin säuberlich eingezeichnet und mit Schattenstrichen der tiefe, durch den Rost, auf dem der Palast ruht, hinabgehende Schacht! Sie muß ihn übersehen oder nicht gewußt haben, was er bedeutet – nun, eine Antwort auf dieses Entweder – Oder werden wir nicht mehr erlangen. – Lassen Sie uns nun sehen, wo diese Treppe mündet, wo diese Tür nach dem Kanal sich befindet, die doch von außen nicht zu sehen ist.«

Die Treppe machte kurz hinter der Falltür eine Biegung und mündete unten in einen ziemlich breiten Gang, der vor einer mit Holz verkleideten, mannshohen Tür endete. Sie war mit zwei eisernen, schweren Riegeln verschlossen. Windmüller schob die Riegel mit einiger Schwierigkeit zurück und konnte einen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken, denn es war die innen mit Holz verschalte Lastra, an der der Gondoliere hatte warten sollen und auch gewartet hatte, die sich langsam und schwer nach innen bewegte.

»Man soll nicht sagen, daß die Architekten von ehedem nicht erfinderisch waren«, sagte er mit unverhohlener Bewunderung. »Die Herrschaften jener sogenannten ›guten alten Zeit‹ hatten es ja nötig, über Mittel und Wege zu verfügen, um dem sehr langen Arm des Rates der Drei zu entweichen, wenn er sich einmal nach ihnen ausstreckte. Ich kenne viele dieser sonderbaren Wege, aber dieser verdient entschieden den Preis. Die Lastra – die von außen so unschuldige Lastra! Wenn der brave Gondoliere sie sich öffnen gesehen hätte, wäre sie ja freilich kein Geheimnis mehr gewesen, aber der Mohr, der seine Arbeit getan, war ja auch dann ein unnützes und gleichgültiges Möbel geworden. Ganz abgesehen davon, daß dem Gondoliere kein Mensch seine Geschichte geglaubt hätte. Die Lastra war von innen gut verwahrt, das Paneel droben hütete sein Geheimnis so gut, daß selbst ich es nicht ergründet habe – nun, und durch eine Marmortafel kann kein Mensch aus einem Hause gehen. Insoweit war alles bewunderungswert ausgedacht, vorbereitet und überlegt – nur den Schatten der alles ausgleichenden Gerechtigkeit sah Donna Xenia bei ihrer verräterischen Tat nicht hinter sich herschreiten, weil sie nicht an die Wahrheit des Spruches dachte oder glaubte: ›Jede Schuld rächt sich auf Erden!‹« –

Wenige Minuten später standen Don Gian und Windmüller wieder jenseits der sorgfältig geschlossenen Paneeltür, und letzterer deutete mit einem freundlichen Lächeln auf die trotz des noch brennenden Lichtes friedlich schlafende Fiore.

»Gehen wir leise, stören wir sie nicht – sie braucht den Schlaf!« flüsterte er, das Licht abdrehend und an seiner Handlampe die Schutzblende schließend. »Vermutlich wird sie morgen nichts von den Ereignissen dieser Nacht wissen; ich schließe darauf durch den plötzlich bei ihr eingetretenen Schlaf, der dem visionären Zustand unmittelbar folgte. – Kommen Sie!«

Don Gian folgte dem Rufe, wenn auch mit einem kleinen Umwege. Er trat leise, leise neben das Bett und küßte die reine Stirn der Schläferin, um deren Mund ein glückliches Lächeln spielte wie der Widerschein eines seligen Traumes. –

Im oberen Stock wollte Don Gian sich von seinem Gast verabschieden, doch dieser bat ihn, in sein Zimmer einzutreten.

»Schlafen werden wir ja doch alle beide nicht können«, sagte er, »und es bleibt uns noch einiges zu besprechen. Meine Mission hier ist beendet, und ich werde mit dem Schnellzug am Vormittag nach Rom zurückkehren. Wenn ich mir einen Rat erlauben darf, so ist es der: Kommen Sie mit und unterstützen Sie meinen Bericht bei Ihrem Chef!«

»Ich habe auch schon daran gedacht«, erwiderte Don Gian bereitwilligst. »Es ist in der Tat das Richtige und dürfte auch von mir erwartet werden. Dann aber werde ich zurückkehren müssen, um –«

Er brach ab, und ein schmerzlicher Zug flog über sein Gesicht.

»Ich habe das erwartet und wollte mir darum noch ein Wort gestatten«, fiel Windmüller ein. »Vor allem: es wird notwendig sein, Ihre Damen über die gemachte Entdeckung nicht aufzuklären. Wie ich die Sache kenne, kann ich nur sagen, daß ich es für geboten halte, Ihren Chef zwar einzuweihen, Donna Xenia aber vor den Ihrigen und der ganzen Welt der leider nur zu großen Gemeinde der Verschollenen beizuzählen –«

»Ich kann aber doch, was übrig ist von ihren sterblichen Resten, nicht in diesem – Loche liegen lassen!« brach Don Gian los. »Denken Sie daran, wie furchtbar sie gesühnt hat! Der Gedanke allein muß ja in jedem fühlenden Menschen volle Vergebung auslösen – wie könnte ich ihr, der Witwe meines Bruders, ein christliches Begräbnis vorenthalten?«

»Ich wäre der letzte, dazu zu raten, wenn ich nicht die beinahe völlige Unmöglichkeit beurteilen könnte, die Unglückliche aus der Oubliette herauszuholen«, entgegnete Windmüller ernst. »Sehen Sie auf dem Plan den mit Schattenstrichen angedeuteten Schacht, berechnen Sie seine Tiefe, seine Lage und sagen Sie mir: wie wollen Sie auf den Grund gelangen, ohne den ganzen Teil des Palastes abtragen zu lassen? Bedenken Sie, wie viele Tage die Verunglückte schon in der Tiefe liegt – mehr brauche ich nicht anzudeuten. Sie ist da unten unauffindbar, selbst wenn jemand sie mit einem Taucherhelm suchen wollte. Ich bin überzeugt, daß Ihr Chef meine Ansicht teilt. Kennen Sie einen Geistlichen, von dem Sie sicher sind, daß er verschwiegen ist, so lassen Sie ihn über dem Schacht den Segen für die Heimgegangene sprechen, schließen Sie dann das Paneel in der Türfüllung des Rosazimmers so, daß kein ›Zufall‹ es mehr öffnen kann, und lassen Sie Gras über das rätselhafte Verschwinden der Donna Xenia wachsen. Die Welt, die so leicht vergißt, wird in Jahresfrist höchstens noch hin und wieder von ihr als von einer Verschollenen reden, wenn die Zungen müde geworden sind, sich in Vermutungen zu erschöpfen und anderen Stoff zum Klatsch gefunden haben. Ich weiß und kann wohl verstehen, daß die Kenntnis dieses Geheimnisses Ihnen das Haus Ihrer Vorfahren verleiden kann, Sie haben aber auch an die Ihrigen, besonders an Ihre würdige Großmutter, zu denken. Und dann Ihre Braut! Es wäre schrecklich, wenn dieser Schatten ihr junges Glück trübte! Sie wird morgen von den Ereignissen dieser Nacht kaum mehr viel wissen, denn ich habe es in ihren Augen gesehen, daß sie sich’s unbewußt war, als sie vom Bett aufsprang und vor die Tür trat – das sind seelische Zustände, psychische Rätsel, die noch unergründet sind, es vielleicht immer bleiben werden.«


* * *


»Ja«, sagte Frau von Krähenhausen bissig und mit nur schlechtverhehlter Schadenfreude, als sie am folgenden Tage den Besuch des Grafen Meldeck empfing. »Ja, Ihre Base ist mit den Damen Terraferma ausgefahren, und der Marchese ist heute früh mit dem Doktor Windfang, oder wie er heißt, nach Rom abgereist, nachdem er sich gestern mit Komtesse Fiore verlobt hat!«

»Waaas?« machte Graf Meldeck. »Verlobt? Fiore hat sich mit dem Marchese verlobt?«

»Jawohl!« bestätigte Frau von Krähenhausen energisch. »Sie sich mit ihm und seinem großmächtigen Titel von Habenichts, und er sich mit ihren Millionen.«

»Kumm!« fiel Herr von Krähenhausen ein. »Das ist denn doch wohl etwas – sagen wir, etwas zu scharf ausgedrückt, liebe Frau! Der Marchese, um ihm die Ehre zu geben, hat nicht gewußt, daß Komtesse Fiore eine reiche Erbin ist, sondern uns – hahaha! – uns tatsächlich für die gehalten, die ihm den Phantasiepreis für diese Wohnung bezahlen!«

»Dummes Gerede!« rief Frau von Krähenhausen bissig, es dem Scharfsinn ihres Gatten überlassend, ob sie das auf ihn oder den Marchese bezog. »Ein Mädel, das nichts hat, zieht sich doch nicht an wie Fiore! Es sollte mir einer so etwas weismachen!«

»Nun, ich hab’ auch nicht gewußt, daß Fiore so reich ist«, bemerkte Graf Meldeck zur eigenen Verteidigung. »Gehört hatte ich wohl, daß sie von ihrer Patin geerbt, aber Millionen – ! Ist wohl ein bißchen hochgegriffen, gnädige Frau, denn diese Patin sah, gelinde ausgedrückt, eigentlich mordsschäbig aus.«

»So hörte ich auch«, stimmte sie zu. »Der Schein hat aber wieder einmal getrogen, denn sie hat – neben anderen Vermächtnissen – Fiore runde zwei Millionen vermacht. Nun, der Marchese wird sich ins Fäustchen lachen und die Braut dazu eben mit in den Kauf nehmen.«

»Es werden ihn viele um diesen ›Kauf‹ beneiden«, nahm sich der Außerordentliche nun der Abwesenden an. »Komtesse Meldeck ist eine sehr schöne, sehr begabte und sehr liebenswürdige junge Dame, die –«

»Geschmacksache!« rief Frau von Krähenhausen abfällig. »Mich würde sie nicht begeistern.«

»Kumm!« machte ihr Gatte mit einem warnenden Blick auf den Besuch.

»Ist über die Hochzeit schon etwas bestimmt?« fragte Meldeck.

»Was weiß ich!« erwiderte Frau von Krähenhausen wegwerfend. »Die alte Marchesa hat etwas vom Oktober geredet und mir vorgeflunkert, daß sie natürlich in ihrem Alter die weite Reise bis zu uns nicht machen könne und Fiore darum bei ihr bleiben und hier verheiratet werden solle. Hat man so etwas schon erlebt, daß die Braut im Hause des Bräutigams Hochzeit macht? Ich finde es geradezu skandalös!«

»Unter den obwaltenden Umständen, liebe Mama, und weil man es der Marchesa doch nicht verdenken kann, wenn sie der Hochzeit ihres Enkels beiwohnen will, finde ich es wirklich nicht so unpassend«, bemerkte der Professor.

»Aber ich finde es so«, erklärte Frau von Krähenhausen scharf. »Ich hätte sonst nicht zugestimmt, so lange hierzubleiben. Aber man ist doch der guten Sitte ein Opfer schuldig. Ich habe es auch nur getan unter der Bedingung, daß ich die Wartezeit bis zur Hochzeit nicht in diesem ungemütlichen alten Kasten absitzen muß, und siedle heute noch ins Grand Hotel über.«

»Wo Fiore uns eine bequeme und geräumige Wohnung sofort zur Verfügung gestellt hat«, plauderte Herr von Krähenhausen in der harmlosen Unschuld seiner Seele strahlend aus, was ihm einen fürchterlichen Blick von seiner Gattin eintrug. Er verhieß eine Gardinenpredigt, die sich gewaschen haben dürfte.

»Es ist das Mindeste – das Mindeste, was sie für uns tun konnte, nachdem sie gesehen, wie unglücklich ich mich in diesem sogenannten Palaste fühle«, erklärte sie.

»Ich wollte, ich hätte solch einen Palast«, meinte Graf Meldeck lachend. »Was ist das übrigens für eine Marchesa Terraferma, von deren rätselhaftem Verschwinden heute alle Zeitungen voll sind? Wohl eine Verwandte?«

»Ja, und wie es den Anschein hat, eine höchst zweifelhafte Person«, fauchte Frau von Krähenhausen. »Hoffentlich taucht sie bis zur Hochzeit nicht wieder auf. Man muß ja eine solche Person einfach schneiden, die sich derart aufführt und rätselhaft verschwindet. Man weiß schon, was das sagen will!«

»Nun, nun, Mama –« begann der Professor begütigend.

Aber seine Mutter fuhr ihm sofort in die Parade und fragte ihn: »Willst du ein solches Betragen auch noch etwa gar entschuldigen?«

»Auf alle Fälle ist die Sache sehr peinlich und schmerzlich für die Familie«, behauptete er seinen menschenfreundlicheren Standpunkt.

Graf Meldeck aber beeilte sich, durch eine möglichst beschleunigte Abkürzung seines Besuches der entschieden aggressiven Atmosphäre des Krähenhausenschen Familienkreises zu entrinnen. –

»Wenn Wiwigenz mit seinem Urlaub nicht so unverantwortlich gezögert hätte, so wäre Fiore nicht in die Netze dieser italienischen Spitzbuben geraten, sondern er hätte die Braut heimgeführt. Es lag einzig und allein daran, daß er zu spät kam«, schloß Frau von Krähenhausen ihre Predigt, als sie mit den Ihrigen wieder allein war.

»Kumm!« machte Herr von Krähenhausen, ob zustimmend, ob zweifelnd, blieb unentschieden.

»Kich!« war auch das einzige, was der Außerordentliche zu seiner Entschuldigung anzuführen wagte. Was er sich sonst noch dachte, war seine Sache, aber es darf schon verraten werden, daß er dem Marchese von Terraferma dalla Luna trotz allem und allem von Herzen sein großes, in jeder Hinsicht großes Glück gönnte und sich darin einig mit seinem Vater wußte.


* * *


Das Rosazimmer gehört heute wieder zu den unbewohnten Räumen des schönen alten Palastes im Herzen Venedigs, und außer einigen wenigen Personen ahnt niemand, selbst seine schöne, neue junge Herrin nicht, daß es der Ausgangspunkt zu einer infamen Tat war und zu der Sühne, die ihr auf dem Fuße folgte.

Es ist vermutlich nicht das einzige Geheimnis, das es zu hüten hat, und wie jene, welche die Zeit längst zur Sage werden ließ, so wird auch das der Donna Xenia verklingen und vergehen unter dem Flügelschlage der kommenden Jahrhunderte.




1Nonna Großmutter

2Facchino Gepäckträger

3In Italien behält die Frau Ihren Titel, wenn er ein höherer ist als der ihres Gatten

4Collazione Frühstück

5Halter für die Schnur, die als Armlehne dient

6Mezzanin Halbgeschoß

7furmier Misthaufen, fumeur Raucher