ngiyaw-eBooks Home


Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem – Die Herzogin von Santa Rosa

Roman

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, Die Herzogin von Santa Rosa, Meisterverlag, Rosenheim
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



Auf einer der Bänke der Hohen Promenade in Zürich saßen an einem wunderschönen Maimorgen zwei junge Mädchen und sahen auf das herrliche Bild, das der blaue See mit seinen lachenden Ufern voll üppig blühender Blumen und Sträucher im strahlenden Morgenlicht bot.

Die kleinere der beiden Damen hätte ein Fremder gewiß in den südlichsten Süden Europas versetzt, so schwarz war ihr krauses Haar, so dunkel ihre Gesichtsfarbe. Der noch rötere Mund war wohl etwas zu groß und zu voll, um schön genannt zu werden, besonders, weil feine Linien um seine Winkel Unzufriedenheit verrieten, wenn er in Ruhe war, was freilich selten genug geschah. Auch die mandelförmigen Augen, schwarz wie Schlehdornbeeren, waren zu unruhig im Blick; immerhin wirkte dieses Gesichtchen im ganzen schon durch den Reiz der Jugend anziehend. Neben der Gespielin ihrer Kindertage und späteren Freundin aber rückte Melanie Oster, schon ihrer dürftigen Kleidung wegen, doch sehr in den Hintergrund. Die lichte Erscheinung der Freundin schien ein Typ des hohen Nordens zu sein. Doch brauchen veilchenblaue Augen und wie Platin schimmerndes Haar nicht unbedingt Attribute des Nordens zu sein. Es ist der Schnitt der Züge, der dem Antlitz das Gepräge gibt, und dieser wies in den klaren und edlen Linien, der niederen Stirn, die mit der feinen, leicht gebogenen Nase ein wundervolles Profil ergab, starke Anklänge an den lateinischen Typus auf, wie wir ihn oft an den Büsten des alten Roms bewundern, nur daß er auf diesem jungen Antlitz hier durch einen Hauch von Lieblichkeit und Herzensgüte verklärt wurde, der den klassischen Vorbildern oft mangelt. Zu diesen physiognomischen Vorzügen war Violanta Porsenna hoch und schlank gewachsen, ihre einfache, aber vom besten Material hergestellte Kleidung machte auf ihrer tadellosen Gestalt den Eindruck gediegener Eleganz, obwohl sie auch »nur«, gleich ihrer Freundin, die Tochter und Enkelin Züricher Professoren war. Großeltern und Eltern waren nicht mehr unter den Lebenden, Violanta war unter der Obhut ihrer väterlichen Großmutter erzogen worden.

»Ja, es wird einem doch einmal recht, recht schwerfallen, diesem lieben Zürich Valet sagen zu müssen«, sagte sie nach einer Pause mit seltsam getrübtem Blick ihrer blauen Augen, die dabei unter ihren dunklen Brauen und langen, gebogenen Wimpern ganz schwarz wirkten.

»Meinst du mit ›einem‹ dich oder mich?« fragte Melanie Oster scharf und lachend zu gleicher Zeit. Sie lachte ganz gewohnheitsmäßig eigentlich immer, um ihre weißen, spitzen, tadellosen Zähne zu zeigen, auch wenn nichts zum Lachen dabei war.

»Ich weiß nicht, wen von uns ich meinte«, erwiderte Violanta Porsenna ernst. »Immer werden wir beide ja doch nicht hierbleiben, – wenigstens geschieht es oft genug, das Menschen anderswohin verschlagen werden.«

»Also hast du uns beide gemeint«, stellte Melanie fest. »Was mich betrifft, so lag es nahe genug, nachdem ich dir erzählte, daß Vater mir erst gestern abend eine lange Rede gehalten, deren kurzer Sinn der war, daß es für mich nun höchste Zeit sei, mich nach Arbeit oder einer Anstellung umzusehen, weil meine jüngere Schwester nun groß genug sei, der Mutter an meiner Statt zur Hand zu gehen. Und da du dich vom Valetsagen nicht grundsätzlich aus-, vielmehr zugegebenermaßen eingeschlossen hast, so nehme ich an, daß du nun doch deinen Vetter, den eleganten, angehenden Staatsmann, Herrn von Aarburg, heiraten, dich von ihm in sein altes Stammschloß entführen lassen wirst. Gesteh's nur ruhig ein!«

Violanta lachte ehrlich belustigt und ohne rot zu werden, was den unruhigen Augen ihrer Freundin nicht entging.

»In puncto Phantasie warst du mir immer über, Melanie«, versetzte sie mit einer liebenswürdigen Neckerei, die ihr reizend stand. »Erstens habe ich nie daran gedacht, meinen Vetter zu heiraten, und zweitens hat er erst recht nicht daran gedacht, denn wir haben gestern abend seine Verlobungsanzeige erhalten. Du darfst also dein ungläubiges Gesicht ob dieser Versicherung ruhig in ein gläubiges umwandeln.«

»Schade!« seufzte Melanie. »Auf diesen Vetter hatte ich mich für dich verspitzt, und zwar aus dem sehr egoistischen Grund, weil ich gehofft, du würdest mir von deiner zukünftigen Höhe herab eine hilfreiche Hand zu irgendeinem Posten oder Pöstchen reichen. Du weißt, wir haben uns als Halbwüchsige fest versprochen, die andere zu schieben, falls die eine von uns irgendwo hinaufklettern würde. Natürlich haben wir das in unseren grünen Tagen erhabener ausgedrückt, aber es kommt auf das heraus, was ich mit dürren Worten eben wiederholte. Ich dummes Schaf dachte damals nicht anders, als daß wir beide auf derselben sozialen Stufe stünden –«

»Tun wir das etwa nicht?« fiel Violanta ein. »Mein Vater, den ich ja freilich samt der Mutter verlor, als ich noch im Steckkissen lag, war so gut Professor an Zürichs Alma mater, wie es der deinige noch ist, wie mein gleichfalls dahingeschiedener Großvater, allerdings nur als ›außerordentlicher‹ es gewesen –«

»Ja, aber deine Mutter und deine noch recht vergnügt lebende Großmutter väterlicherseits waren Töchter des uralten Geschlechtes Derer von Aarburg, das sich im Auslande ›Graf‹ nennt, was sie Anno dazumal, bevor die Schweiz eine Republik wurde, hier auch waren«, unterbrach Melanie ihre Freundin. »Darin liegt der Unterschied, Schatz, denn wir Osters sind nur bäurischer Herkunft, was ihr Porsennas, von denen man nicht recht erfahren konnte, woher sie kommen, jedenfalls nicht seid, sonst hätten sich nicht zwei Fräuleins von Aarburg zu ihnen herabgelassen. Als ob man nicht wüßte, daß unsere alten, ehemaligen Adelsgeschlechter viel zu exklusiv sind, um ihr blaues Blut mit gewöhnlichem roten zu vermischen. Und deine liebe Großmama, die dich erzogen hat und wie eine Königin-Witwe aussieht – höre! Da du dich entschieden mit eingeschlossen hast, als du vorhin sagtest, ›es würde einem doch einmal recht schwerfallen, von Zürich zu scheiden‹, so hast du wohl daran gedacht, daß deine Großmutter doch schon recht alt ist und du über kurz oder lang in die Lage kommen könntest, allein zurückgelassen zu werden, nicht?«

»Nein, daran habe ich bestimmt nicht gedacht«, versicherte Violanta. »Du lieber Gott, Großmutter ist geistig und körperlich so rüstig und frisch, daß es mir noch gar nicht eingefallen ist, ihre fünfundsiebzig Jahre für ein so hohes Alter zu halten, daß –«

»Nun ja, aber fünfundsiebzig Jahre sind für uns, für dich mit deinen einundzwanzig und für mich mit meinen zweiundzwanzig Jahren doch nun einmal ein hohes Alter, sintemal ein reichliches halbes Jahrhundert zwischen ihm und uns liegt«, meinte die andere. »Freilich, gemessen an den hundert Jahren, die ein Mann – wo war's doch gleich? – erreicht hat, sind fünfundsiebzig Jahre fast noch ein blühendes Alter. Laß mal sehen, – ja der Herzog von Santa Rosa war's, der – wie in der heutigen Zeitung steht – ›im hohen Alter von hundert Jahren weniger einem Monat in seinem Palast in Rom an der Grippe verschieden ist‹. Also nicht an seinen hundert Jahren, sondern an der Grippe. Das nenne ich großartig, denn dagegen ist deine liebe Großmutter ja fast noch ein Baby. Aber Vio«, unterbrach sie sich, »was ist dir? Du bist ja ganz weiß im Gesicht!«

»Mir – ist nicht gut«, erwiderte Violanta mühsam. Jede Spur von Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen, und als sie aufstand, mußte sie sich gleich wieder niedersetzen, weil ihr die Knie versagten. »Ich glaube, es wird besser sein, ich gehe heim.«

Melanie lachte ausnahmsweise einmal nicht, weil sie wirklich erschrocken war.

»Wie das aber auch so plötzlich über dich gekommen ist!« murmelte sie hilflos, doch als ihre Freundin nach einer kleinen Weile, immer noch ganz blaß, aufstand und sich zum Gehen anschickte, gab sie ihr den Arm und führte sie zu dem nahen Zeltweg, wo Frau Porsenna mit ihrer Enkelin in einem älteren Haus eine geräumige Wohnung hatte.

Unterwegs war es nur Melanie, welche sprach und sich alle Minuten erkundigte, ob die Freundin sich jetzt besser fühle, was diese, erst geistesabwesend, dann mit zunehmender Ungeduld bejahte. An dem Hause mit dem hübschen, wohlgepflegten Vorgarten angelangt, verabschiedete sie Melanie ohne Umstände; sie wollte allein sein, Großmutter würde schon für sie sorgen. Melanie fügte sich dem ohne großen Widerspruch, obwohl sie wirklich besorgt und auch neugierig war, was diesen doch so ganz ungewohnten Anfall verschuldet haben konnte, aber es war Zeit für sie, selbst heimzukehren, ja die Zeit war für sie so dringend geworden, daß sie sich noch rasch zehn Rappen von Violanta »entlieh«, um die Tram benutzen zu können. Es war für Melanie Oster ein chronischer Zustand, von ihrer Freundin solche kleine Sümmchen zu »entleihen«, um dann ganz regelmäßig zu vergessen, die Bagatelle wiederzugeben.

Nachdem Violanta Porsenna ganz mechanisch diesen üblichen Zoll entrichtet hatte, stieg sie langsam die zwei Treppen zur Wohnung ihrer Großmutter hinauf und trat dann bei ihr ein, die, wie Melanie sehr treffend gesagt hatte, eine wahrhaft königliche Erscheinung im noch vollen Schmuck ihrer wohlfrisierten, silberweißen Haare war.

»Liebe Großmama!« rief Violanta, »denke nur, in der Zeitung steht heute, daß mein – daß der Herzog von Santa Rosa fast hundert Jahre alt in Rom gestorben ist!«

Die alte Dame streckte ihre beiden Hände leicht zitternd ihrer Enkelin entgegen.

»Ich hab's erraten, Liebste, denn die Post brachte vor einer halben Stunde einen Expreßbrief an dich, aus Rom« sagte sie beherrscht. »Dort liegt er auf dem Tisch; lies ihn, bevor du dich, wie ich sehe, von einer Bewegung überwältigen läßt, die vielleicht ganz grundlos wäre.«

»Ach, aber Großmama, du weißt doch –«

»Ja, ich weiß, daß es jetzt für dich nur den dornenvollen Weg des Kampfes um dein Recht gibt, auf den dein Großvater und ich dich vorbereitet und erzogen haben. Du willst doch jetzt nicht etwa verzagen? Weder dein Großvater, noch auch dein Vater haben sich's verhehlt, daß sicheren Nachrichten zufolge dein Erbrecht angefochten werden könnte; das ist der Weg des Kampfes um dein Recht. Vermutlich enthält dieser Brief den Auftakt dazu – also nur Mut und nicht verzagen! Du wirst mein Vertrauen in deine Charakterstärke doch nicht enttäuschen wollen?«

»Ich hoffe es wenigstens nicht, liebe Großmama«, erwiderte das junge Mädchen, indem es die schönen Hände ihrer Großmutter zärtlich küßte. »Immerhin, der Sprung über den Rubikon, vorbereitet, wie ich darauf bin, braucht doch ein hübsches bißchen Mut, denn im Grunde bin ich keine Kampfesnatur, das heißt, ich bilde mir ein, keine zu sein. Aber der Brief erleichtert vielleicht die Sache, indem er mir die Initiative erspart. Also, laß uns sehen, was er bringt.«

Damit nahm sie das Schreiben vom Tisch, schnitt es auf und las den Inhalt mit erst sehr verdächtig schwankender, dann sich immer mehr festigender Stimme laut vor. Es war in italienischer Sprache abgefaßt und trug das Datum des gestrigen Tages.

»Der ergebenst unterzeichnete Sachwalter des Chefs des erlauchten Hauses Porsenna erfüllt hiermit die traurige Pflicht, Sie von dem in vergangener Nacht erfolgten Hinscheiden Ihres Herrn Urgroßvaters Don Pietro Porsenna, Herzogs von Santa Rosa della Rocca, geziemend in Kenntnis zu setzen. Seine Hoheit ist nur einen Monat vor seinem hundertsten Geburtstag in voller geistiger und relativ körperlicher Frische einem Grippeanfall binnen wenigen Tagen erlegen, nachdem er mich durch notariellen Akt zu seinem Testamentsvollstrecker ernannt hat. Laut den bestehenden Hausgesetzen vollzieht sich in dem Fideikommiß des erlauchten Hauses Porsenna die Erbfolge nach dem Recht der Erstgeburt ohne den sonst üblichen Ausschluß der weiblichen Deszendenz seit dem Jahre 1503, als Papst Julius II. dem Hause Porsenna die Herzogswürde verlieh. Damit treten Sie, erlauchte Donna Violanta, die Erbschaft Ihres nunmehr in Gott ruhenden Herrn Urgroßvaters ungeschmälert und unanfechtbar auf Grund, wie folgt, an:

Ihr Herr Urgroßvater hatte aus seinen zwei Ehen vier Söhne und eine Tochter, von welcher Deszendenz für die Nachfolge jedoch nur die beiden ältesten Söhne erster Ehe mit Donna Chiara, Fürstin von Aquasanta im eigenen Recht, in Betracht kommen. Der älteste Sohn, Don Ascanio, der in der Nachfolge seiner Frau Mutter den Titel eines Fürsten von Aquasanta führte, starb bereits in jungen Jahren. Sein einziges Kind, Don Riccardo, auf den Titel und Herrschaft von Aquasanta übergingen, folgte ihm bald im Tode nach und hinterließ einen einjährigen Sohn, der aber auch bereits ein Jahr nach dem Tode seines Vaters verstarb. Nunmehr trat der zweite Sohn erster Ehe Ihres Herrn Urgroßvaters in alle Rechte seines Bruders und dessen Deszendenz ein. Don Pietro Porsenna aber hatte infolge eines Zwistes mit seinem Herrn Vater Italien verlassen, wohlverstanden, ohne auf seine präsumtiven Erbrechte zu verzichten, und sich in Zürich niedergelassen, wo er sich in der Folge als außerordentlicher Professor der Römischen Geschichte an der dortigen Universität unter seinem Familiennamen Porsenna habilitierte. Vermählt mit einer Dame aus altadeligem Hause, dem hochgeborenen Fräulein Anna von Aarburg, wurde er Vater eines Sohnes, Don Guido Porsenna, der, den gelehrten Neigungen seines Herrn Vaters folgend, gleichfalls einen Lehrstuhl an der Züricher Universität einnahm, aber schon in jüngeren Jahren starb. Aus seiner Ehe mit dem hochgeborenen Fräulein Susanne von Aarburg, dem gleichen Geschlecht wie seine Frau Mutter entsprossen, hinterließ er eine Tochter, Donna Violanta, an welche diese Zeilen zu richten der Unterzeichnete die Ehre hat, um sie davon zu unterrichten, daß sie laut Familiengesetz durch das Hinscheiden des genannten Don Pietro Porsenna, Herzogs von Santa Rosa della Rocca, in alle dessen Titel, Herrschaften, liegende und fahrende Habe, Geld und Gut von Rechts wegen eingetreten ist.

Ich begrüße daher Sie, erlauchte Donna Violanta, als Herzogin von Santa Rosa della Rocca, Fürstin von Aquasanta und stelle mich Ihnen als Sachwalter und juristischen Berater zur Verfügung, indem ich Eure Altezza meiner Ergebenheit versichert halte.

Da es nun unumgänglich notwendig sein wird, daß Altezza baldmöglichst in Person in Rom erscheinen, um sowohl der feierlichen Beisetzung Ihres in Gott ruhenden Herrn Urgroßvaters beizuwohnen, als auch danach die Übergabe Ihrer Erbschaft in Empfang zu nehmen, so erbitte ich mir hierfür Ihre Entschließung und Instruktionen. Um diese wichtigen Akte jedoch nicht zu verzögern, und da Ihrer Jugend die Reise nach Rom ohne entsprechende Begleitung nicht zuzumuten ist, es vor allem aber Ihrem hohen Range entspricht, daß Sie Ihren Einzug in das Haus Ihrer Väter mit gebührender Würde halten, so folge ich diesem Schreiben in Person mit Dienerschaft nach und werde mich demgemäß morgen nachmittag bei Ihnen vorstellen, um Sie nach Rom zu geleiten.  

Euer Altezza ergebenster Commendatore Dr. Pompeo Nemi, Advokat und Notar.«

Donna Violanta, – wie wir sie nun nennen müssen – hatte, ohne sich zu unterbrechen, dieses inhaltsschwere Schreiben vorgelesen; ohne sie zu unterbrechen, hatte ihre Großmutter zugehört, und als ihre Enkelin geendet, erhob sie sich und drückte ihre Lippen auf die weiße Stirn.

»Ich grüße und huldige als erste der Herzogin von Santa Rosa«, sagte sie mit unnachahmlicher Würde und Anmut. »Dein Großvater und ich haben dich an der Stelle deines leider zu früh heimgegangenen Vaters unter strengster Geheimhaltung unserer Familienangelegenheiten vor den Augen der Menschen sorgfältigst für deine hohe Lebensstellung erzogen und vorbereitet; ich wiege mich in der festen Hoffnung, daß du deiner erlauchten Abstammung auch auf römischem Boden alle Ehre einlegen wirst. Daß deiner Erziehung durch mein und deiner lieben Mutter gutes, altes schweizer Blut eine freiere Richtung gegeben worden ist, halte ich für eine treffliche Mitgabe – möge sie dir für das ganze Leben zum Segen gereichen! Dein rechtmäßiges Erbe ist dir also ohne Kampf unangefochten, soweit man es bis jetzt übersehen kann, in den Schoß gefallen; Gott gebe, daß dir sonst auch keine Kämpfe auf dem heißen und glatten Boden deiner angestammten, aber noch ganz unbekannten Heimat bevorstehen. Aber auch darauf bist du von uns vorbereitet worden, denn dein Großvater hat sich's nie verhehlt, an welche Ecken und Kanten du dich dereinst dort stoßen wirst, gerade eben durch deine fremdländische Erziehung. Und so hat denn die Stunde des Scheidens für uns geschlagen, geliebtes Kind –«

»Großmama! Willst du mich wirklich allein ziehen lassen?« fiel Violanta bittend ein. 

»Ist das nicht längst besprochen und ausgemacht zwischen uns?« erwiderte die alte Dame. »Ich bin ein zu dürres Reis, um noch auf fremdem Boden Wurzel fassen zu können. Der Brief deines – ja, deines Sachwalters sagt ja auch ganz deutlich, daß du in Rom ohne Anhängsel erwartet wirst, sonst würde der Mann nicht selbst kommen, dich abzuholen, und wahrscheinlich ist das auch gut und richtig so. Daß man dir eine Ehrendame aussuchen wird, einen Schatten, der dir auf Schritt und Tritt in der Öffentlichkeit folgt, kannst du ohne weiteres annehmen in einem Lande, wo ein junges Mädchen, auch wenn sie eine Herzogin im eigenen Recht ist, allein und unbehütet nicht vor ihre eigene Haustüre gehen darf, wie hier zum Beispiel. Nun, für solch einen Schatten, der geduldig Bälle, Gesellschaften, Theater und Konzerte, und was weiß ich noch, in deinem Gefolge auszuhalten hat, wäre ich denn doch nicht mehr jung und beweglich genug. Aber wenn du erst einmal heimisch geworden sein, dich eingelebt haben wirst, dann werde ich gern kommen, dich zu besuchen, und dann nicht als die schlichte Frau Porsenna, als welche man mich hier kennt, sondern als die Fürstin-Witwe von Aquasanta, denn dieser Titel ging ja auf meinen Mann über und ist automatisch nun auch auf dich übergegangen.«

»Ach, Großmama, ich wollte, es wäre erst so weit«, seufzte Violanta unter dem Druck ihrer neuen Würden. »Du mußt aber nicht glauben, daß ich Furcht habe, – o nein! Ich weiß, was ich meinem Namen schuldig bin, aber kannst du es mir verdenken, daß ich inmitten aller meiner Pracht und Herrlichkeit den Wunsch hegen werde, mich gelegentlich mal mit jemandem in richtigem, gutem Schwyzerdütsch aussprechen zu können?«

»Nein, Liebste, das verdenke ich dir gar nicht«, gab die alte Dame mit leisem Lächeln zu. »Ich habe auch schon daran gedacht, und da ist mir eingefallen, ob du dir Melanie Oster nicht mitnehmen könntest. Ich meine nicht, daß du sie an dich binden sollst, denn das könnte zu einer Fessel werden, die wieder zu lösen dann nicht so leicht wäre. Lade sie dir auf einige Zeit ein – wegen des Schwyzerdütsch. Melanie ist anpassungsfähig; in dieser Beziehung würde sie kaum eine Last sein und unter der Flagge deiner Jugendgespielin auch ihren Platz behaupten.«

Violanta antwortete nicht gleich auf diesen Vorschlag, der seltsamerweise kein Echo in ihr erweckte; sie hatte sogar das ganz bestimmte Gefühl, daß es aus irgendeinem Grunde, den sie nicht hätte nennen können, besser wäre, Melanie nicht in Rom einzuführen. Sie war aber eine durchaus großmütige, großzügige und loyale Natur und schämte sich darum dieses Gefühls, obwohl ihr mit der erwachten Vernunft im Lauf der Zeit so mancher Charakterzug bei der Gespielin ihrer Jugend aufgefallen, beziehungsweise zum Bewußtsein gekommen war, der mit den ihr selbst anerzogenen und angeborenen Auffassungen nicht übereinstimmen wollte. Aber sie dachte daran, daß Melanie auch nicht ihre eigene, sorglose Jugend genossen, sich daheim mit den vielen kleinen Geschwistern tüchtig zu plagen hatte, und das entschied zugunsten der Freundin.

»Nun ja«, sagte sie immerhin noch zögernd. »Melanie würde, glaube ich, nur zu gern mitkommen wollen. Aber die Zeit ist doch sehr kurz, man müßte zuvor ihre Eltern fragen – auch für uns kommt die Sache doch sehr plötzlich, Großmama, nicht? Denn wenn ich in Rom helfen soll, meinen Urgroßvater beizusetzen, so müßte ich jetzt gleich mit dem Packen beginnen.«  

Diese Absicht wurde indes noch um ein weniges durch die Ankunft Melanie Osters herausgeschoben, die mit vor Aufregung blitzenden Augen hereingeschossen kam.

»Grüß Sie Gott, liebe Frau Porsenna!« rief sie noch unter der Tür. »Vio, es geht dir doch hoffentlich wieder gut; denn denk dir, als ich nach Hause kam, empfing Mutter mich mit der famosen Nachricht, daß für heute nachmittag von Professoren und Studenten ein Picknick auf dem Ütliberg geplant ist. Natürlich dachte ich gleich an dich und bin hergerannt, dich dazu zu kapern.«

»Liebe Melanie, Vio ist heute leider nicht in der Lage, ein Picknick mitzumachen«, nahm Frau Porsenna das Wort. »Statt langer Erklärungen wäre es vielleicht am einfachsten, wir geben Melanie den Brief aus Rom zu lesen.«

Wieder zögerte Violanta einen kurzen Augenblick, bevor sie Melanie, die ein verdutztes Gesicht machte, den Brief des Sachwalters reichte, aber die wechselnden Ausdrücke, welche das Schreiben auf den Zügen ihrer Freundin hervorrief, hätte sie fast laut lachen gemacht. Ungläubigkeit, maßloses Erstaunen, Schreck, das war das erste, was sich auf dem beweglichen, dunklen Gesichtchen malte, und als die Lesung beendet war, sah Melanie geradezu hilflos auf.

»Ist das – das nur ein nachträglicher Aprilscherz, oder ist's ernstlich gemeint?« stotterte sie. »Ernst ist's? Tatsächlich ernst, und Vio wäre –? Nun, das muß ich sagen, wenn Vio das gewußt hat, dann ist sie schon die heimtückischste Person, die mir noch vorgekommen ist! Eine Schlange, die ich an meinem Freundesbusen genährt –«

»Ich war durch ein Versprechen zum unverbrüchlichsten Schweigen verpflichtet«, fiel Violanta ein. »Du hättest an meiner Stelle also ebenso gehandelt.« 

Melanie hatte darauf keine Antwort, vielleicht weil sie ihrer Sache denn doch nicht so ganz sicher war, denn daß sie schwatzte und ausplauderte, war eine Tatsache, die sie nicht gut hätte leugnen können. Auch verschlug ihr die Bestätigung der wunderbaren Sache doch ein wenig die sonst immer bereite Sprache.

»Vio eine richtige, regierende Herzogin!« japste sie nur.

»Nicht doch«, berichtigte Frau Porsenna, ob so viel Naivität lächelnd, »Vio ist nur durch den Tod ihres Urgroßvaters zum Chef eines großen Adelsgeschlechtes geworden und in dieser Eigenschaft zur Führung eines fürstlichen Titels berechtigt, der früher allerdings mit Feudalrechten verbunden war. Man kann die Porsenna demnach eine mediatisierte Familie nennen, ungefähr wie wir Aarburgs eine sind, nur daß wir keine Titel mehr führen, während die Porsenna, wie du aus dem Schreiben ersiehst, reichlich damit bedacht sind und sich in ihrem Lande des Privilegiums erfreuen, dem hohen Adel anzugehören.«

»Vio Herzogin von Santa Rosa della Rocca!« wiederholte Melanie, immer noch etwas »verdonnert«. »Also muß man ihr wohl Glück wünschen und dich von Stund an siezen, Hoheit oder ich weiß nicht wie zu dir sagen?« setzte sie schrill hinzu, während der gelbe Neid unverhüllt aus ihren Augen herausschaute. »Das wäre also das Ende unserer Freundschaft. Vio klettert hinauf auf den Gipfel menschlicher Größe, und ich armes, ruppiges Ding darf weiter im Dreck krabbeln!«

»Schwatze keinen Unsinn, Melanie!« rief Violanta, unangenehm berührt, aber sie versuchte, ihrer Freundin einen Kuß zu geben, der jedoch sehr ungnädig abgewehrt wurde in der Bitterkeit dieses jungen Herzens, das in dieser Stunde verriet, wie eng es eigentlich war. »Du bist gekommen, mich zu einem Picknick einzuladen, und ich lade dich dafür ein, mich nach Rom zu begleiten.«

»In welcher Eigenschaft? Etwa als deine – Kammerjungfer?« sprudelte es von den roten Lippen ebenso unweise wie taktlos.

»Sei kein Schaf! Als meine Freundin, die ich mir als lieben Gast einlade«, versetzte Violanta halb lachend, halb verletzt, und wieder mit dem deutlichen Gefühl, daß die Einladung besser unterblieben wäre. Aber sie hatte die Wirkung, daß sich die wenig erfreulichen Gefühle in dem engen Herzen Melanies im Handumdrehen in jubelnde Freude umwandelten, denn aus ihrem schäbigen Familienkreise herauszukommen, gehörte längst zu ihren Träumen.

»Vio, du bist ein Engel!« jauchzte sie. »Ist's wirklich wahr? Nach Rom soll ich, als Gast eines Feudalpalastes, – denn natürlich hast du doch einen solchen, wie ich ihn mir vorstelle, einen weiten Platz beherrschend, strotzend von Marmor und Gold – Herrschaft! Mir wirbelt der Kopf! Und wann soll die Reise losgehen? Morgen schon? Du kannst es wohl schon gar nicht mehr erwarten?«

»Liebes Kind, Vio muß an der Beisetzungsfeier für ihren Urgroßvater teilnehmen«, fiel Frau Porsenna ein. »Wenn du also gleich mitreisen willst, die Einwilligung deiner Eltern vorausgesetzt, dann müßtest du schon heute abend reisefertig sein. Freilich hieße das aber wohl, heute auf das Picknick verzichten.«

»Ich pfeife auf das lumpige Picknick!« versicherte Melanie mit glühenden Wangen. »Ein Begräbnis ist ja freilich keine Lustbarkeit, aber einen römischen Herzog sieht man auch nicht alle Tage begraben, und wenn er erst mal glücklich eingebuddelt ist, dann wollen wir uns mächtig amüsieren, nicht?«

»Wir erwarten heute nachmittag die Ankunft von Vios Sachwalter; ich fürchte also, es wird uns keine Zeit bleiben, bei deinen Eltern vorzusprechen, um ihre Erlaubnis zu deiner Mitreise einzuholen«, warf Frau Porsenna kühl ein. »Und da auch du ja kaum mit deinen Vorbereitungen fertig werden dürftest, so wird es wohl besser sein, du schiebst deinen Besuch bis nach der Beisetzung in Rom auf.«

»Ei bewahre, ich werde schon noch fertig mit meinen Siebensachen, und die Plötzlichkeit der Sache ist doch gewiß auch eine vollgültige Entschuldigung bei meinen Eltern«, versicherte Melanie großmütig. »Jetzt muß ich aber machen, daß ich heimkomme, und um Zeit zu sparen, werde ich sogar zehn Rappen für den Tram springen lassen. Kannst du mir zehn Rappen leihen, Vio; – Danke schön, du Engel du!« Worauf Melanie davonschoß wie ein losgelassener Brummkreisel. Als die Tür mit einem Knall hinter ihr zugeschlagen war, sahen Großmutter und Enkelin sich an.

»Melanie hat mich heute – enttäuscht«, sagte die erstere dann. »Vielleicht wäre es besser gewesen, die Dauer ihres Besuches gleich festzusetzen. Es ist doch eigentümlich, wie plötzliche, unvorhergesehene Ereignisse den Charakter eines Menschen, den man seit seiner Geburt zu kennen glaubt, ganz anders enthüllen können. Lieber Himmel, aus dem Mädchen hat ja der blasse Neid herausgesehen, – Neid aber ist eine sehr, sehr häßliche Eigenschaft, aus der sich noch vieles andere entwickeln kann.«

Violanta sagte nichts dazu, weil ihr so mancher Zug einfiel, den sie nach und nach in Melanies Charakter entdeckte: Neigung zur Unwahrheit, zur Verstellung und Unaufrichtigkeit, zur Überhebung, und nur die Macht der Gewohnheit hatte ihr über diese wenig erfreulichen Entdeckungen hinübergeholfen. Das wollte sie ihrer Großmutter ebensowenig eingestehen, wie daß sie ihre impulsive Einladung schon bereute, sie wahrscheinlich überhaupt nicht ausgesprochen hätte, wäre Melanie nicht mit ihrer Einladung zum Picknick gekommen, was ja eine Freundschaftstat bedeutete, zu welcher sie ganz und gar nicht verpflichtet gewesen wäre.

Am Nachmittag wurde der »Commendatore« Doktor Pompeo Nemi gemeldet und von Großmutter und Enkelin empfangen. Der Jurist, welcher in seinen römischen Kreisen den sehr treffenden Übernamen »der weiße Löwe« führte, weil seine kolossale Gestalt mit dem mächtigen, von einer wilden, weißen Mähne umwallten Kopf, und den gelben, durch eine stark konvexe Brille enorm vergrößerten Augen zu beiden Seiten der breiten Nase in der Tat lebhaft an den König der Wüste erinnerte, vorausgesetzt, daß man sich solch liebes Tier weiß vorstellen kann. Er wurde durch den Anblick seiner neuen jungen Klientin ersichtlich ebenso angenehm überrascht wie durch den ihrer Großmutter mit ihrer wunderbar königlichen Greisinnenerscheinung. Naturgemäß konzentrierte sich sein Hauptinteresse jedoch auf die liebreizende Herzogin von Santa Rosa, in deren schönen, reinen Zügen sein geübtes Auge auf den ersten Blick die würdige Tochter des großen römischen Geschlechtes erkannte, dem er seit mehr denn einem Vierteljahrhundert Berater, Sachwalter und Vertrauter gewesen; aber es war nicht sosehr ihre eigenartige Schönheit als die unzweifelhaften Zeichen der Rasse und der stete, klare Blick ihrer veilchenblauen Augen, die den großen Menschenkenner anzogen.

Die Begrüßung und ritterliche Huldigung des in seiner Art großen Mannes, dessen Löwenstimme die friedlichen Räume der alten Dame mit ihrem Donnerrollen erfüllte, mutete auch Violanta samt seiner entschieden originellen Persönlichkeit so angenehm und sympathisch an, daß schon aus der ersten Viertelstunde dieser Bekanntschaft der Keim einer Freundschaft sich entwickelte, die nichts mehr erschüttern konnte. Und dieser erste Eindruck nahm ihr auch sofort die ganz natürliche Befangenheit, mit der sie Doktor Nemi entgegengetreten war; sie gab sich frei und natürlich wie immer, und auch die leise in ihr schlummernde Furcht, ob und wie sie die ihrer harrenden Aufgabe bestehen würde, wich damit der immer deutlicher werdenden Stimme des Blutes, die ihr das Bewußtsein, nunmehr eine große Dame zu sein, verlieh. Sie glitt sozusagen ohne Übergang aus der Rolle des schlichten Fräuleins Porsenna in die der Herzogin von Santa Rosa hinein, und zwar nicht nur darum, weil sie durch ihre Großeltern sorgfältig dafür geschult war, sondern weil ihr Blut im Angesicht der eingetretenen Tatsache sein Recht behauptete.«

Nachdem festgesetzt war, daß die Abreise nach Rom mit dem Nachtzuge erfolgen sollte, berührte Frau Porsenna ein Thema, das zu erörtern ihr sehr am Herzen lag; nämlich, die von ihrem Mann befürchtete Möglichkeit, daß die Erbfolge ihrer Enkelin angefochten werden würde, weil es zum erstenmal in der Geschichte des Hauses Porsenna geschehe, daß die weibliche Deszendenz zur »Regierung« gelange.

»Das Erbrecht von Donna Violanta ist unanfechtbar«, tröstete Doktor Nemi sie, »aber es ist wohl meine Pflicht zu sagen, daß der Versuch dazu noch bei Lebzeiten des alten Herrn unterderhand wiederholt gemacht worden ist. Nun, es ist bei dem Versuch geblieben, denn selbst der gerissenste Rechtsverdreher kann keinen schwachen Punkt zum Angriff in den Urkunden entdecken.«

»Ah, den schwachen Punkt hat man darum also bei der Erbin selbst gesucht«, rief Violanta aus. »Ich erhielt nämlich heute mittag ein Schreiben von einem römischen Advokaten, der mir im Auftrag seines Klienten, Don Ferrante Porsenna, einen Vorschlag macht. Don Ferrante nimmt an, daß es mir infolge meiner ausländischen Erziehung und immerhin doch einem großen Hause untergeordneten Lebensstellung schwerfallen wird, mir eine erträgliche Position inmitten des sehr exklusiven römischen Hochadels zu erringen, der mich – seiner Meinung nach – als Fremde boykottieren würde. Er macht mir daher den Vorschlag, auf mein Erbe mit allen Titeln und was darum und daran hängt, zu seinen Gunsten gegen eine Rente zu verzichten, deren ziffernmäßige Höhe ja gewiß recht anständig bemessen ist, mich aber leider gar nicht reizt. Da Don Ferrante es für angemessen gehalten hat, mit mir durch seinen Advokaten in Verbindung zu treten, so halte ich es für entsprechend, ihm durch meinen Sachwalter erwidern zu lassen, daß meine Erziehung mich vollkommen dazu befähigt, mein Erbe anzutreten, und ich es ganz beruhigt auf die angedrohte Boykottierung ankommen lassen könnte. Ich bedaure daher, seine Großmut hinsichtlich der dargebotenen Rente mit höflichem Dank abzulehnen.«

»Ausgezeichnet!« dröhnte Doktor Nemi mit einem wahren Löwengelächter, indem er seine mächtigen Löwentatzen laut schallend zusammenschlug. »Dieser liebe Don Ferrante ist immer originell, – er würde es auch in der ganz regelmäßigen Nichtbezahlung der Rente gewesen sein, falls Altezza seinen großmütigen Vorschlag angenommen hätten! Es wird mir einen Genuß bereiten, diesen Brief zu beantworten; einen ganz hervorragenden Genuß sogar. Altezza werden wohl wissen, daß Don Ferrante der jüngere Stiefbruder Ihres seligen Großvaters aus einer zweiten Ehe des alten Herrn ist. Der älteste Sohn aus dieser nicht gerade sehr harmonischen Ehe, Don Luigi, zog den Zorn seines Vaters auf sich, weil er trotz des erlassenen Verbotes die Erbtochter des Besitzers eines Gutshofes in der Nachbarschaft des Stammschlosses heiratete, und infolgedessen für sich und seine Nachkommen auf seine Erbrechte verzichtete.« 

Es war ein strahlend schöner Nachmittag, als Violanta Porsenna, die nunmehrige Herzogin von Santa Rosa, in Begleitung Doktor Nemis, Melanie Osters und zweier von dem ersteren mitgebrachten Lakaien des verstorbenen Duca in Rom eintraf, – solch ein unvergleichlich köstlicher, römischer Mainachmittag, wo die noch nicht alles versengende Sonne von einem geradezu unwahrscheinlich blauen Himmel herabstrahlend all die zahllosen Brunnen und Fontänen in Gold und funkelnde Brillanten verwandelt, die Travertinmauern der Paläste wie aus glühender Lava erbaut erscheinen läßt, den Gartenanlagen der Plätze und den Blumenständen der Verkäufer eine berauschende Farbenpracht verleiht.

Nach langer Fahrt in einem allen Römern wohlbekannten prächtigen Landauer mit silbergezäumten Rappen landete die junge Erbin unter einer von kolossalen kannelierten Säulen getragenen Einfahrt, in der ein goldstrotzender, scharlachrot gekleideter, riesenhafter Portier mit schwarzer Kreppbinde um den Arm und an dem beschnürten und bequasteten hohen Stab mit dickem Messingknopf würdevoll aufgepflanzt stand. Und als Violanta mit Nemis Hilfe aus dem Wagen stieg und an seinem Arm zum erstenmal die Schwelle des Hauses ihrer Väter betrat, da hob der Mann seinen Stab hoch empor zum Gruß, zog den goldbetreßten Hut, von dem eine lange Kreppschleife herabhing, und sagte feierlich: »Es lebe die Herzogin von Santa Rosa, sie sei willkommen!« 

Was Violanta in Zürich befremdet, wenn nicht gar lächerlich gefunden hätte, durchrieselte sie hier mit einem ganz eigenen Gefühl der Zugehörigkeit und Schicklichkeit. »Ich danke Ihnen! Es ist schön, auf der Schwelle des Hauses willkommen geheißen zu werden«, erwiderte sie bewegt, indem sie dem Riesen die Hand reichte. »Sie sind gewiß schon lange hier – bei uns?«

»Dreißig Jahre, Altezza zu dienen«, antwortete er stolz, und Nemi fügte hinzu: »Als ich dieses Haus zum erstenmal betrat, also vor mehr als fünfundzwanzig Jahren, öffnete mir der damals noch junge Angelo schon die Tür. Er ist aus Santa Rosa della Rocca gebürtig und wird Ihren Großvater noch gekannt haben.«

»Gewiß!« versicherte der Portier strahlend. »War ich doch schon zehn Jahre alt, als Don Pietro Porsenna uns leider für immer verließ. Oft hat er mit mir gesprochen, denn er kam gern und oft nach Santa Rosa. Wer hätte es gedacht, daß seines Sohnes Tochter dereinst hier als Herrin einziehen und ich sie als erster im Palazzo Porsenna begrüßen würde!«

»Ja, wer hätte das gedacht!« wiederholte Violanta, die immense Vorhalle betretend, aus deren anderem Ende, dem Portal gegenüber, verglaste Türen in einen von Loggien umschlossenen Innenhof führten, aus welchem das leise Plätschern eines Brunnens zu hören war. Die Vorhalle wurde von einer doppelten Reihe von Säulen aus dunkelgrünem afrikanischen Marmor mit reichen Kapitälen getragen, zwischen denen auf hohen Sockeln die lebensgroßen Marmorstatuen von acht Kardinälen aller Zeitalter standen, – Söhne des Hauses Porsenna, wie Nemi Violanta erklärte.

»Und dies hier ist der Ahnherr Ihres Geschlechtes«, sagte er, indem er auf eine Bronzestatue deutete. »Der etruskische König Porsenna von Clusium, dem heutigen Chiusi. Einige Archäologen und Kunsthistoriker bestreiten zwar, daß dieses Bildwerk Porträt ist und aus dem fünften Jahrhundert vor Christi Geburt stammt, Tatsache aber ist, daß es sich seit undenklichen Zeiten im Besitz der Familie befindet. Porsenna der Prächtige in seiner historischen goldenen Rüstung –«

»Hören Sie, liebster Dottore, lassen Sie das arme Mädel doch erst mal über die Schwelle ihres Hauses treten, bevor Sie ihr kunsthistorische Vorträge halten«, unterbrach ihn eine frische Stimme, und Violanta sah auf dem Absatz des rechten Flügels der monumentalen Treppe eine kleine, kugelrunde Dame stehen, deren rosigem, rundem Gesicht die düstere Trauerkleidung, in die sie gehüllt war, nichts von seinem heiteren, freundlichen Ausdruck nahm.

»Die Frau Principessa-Witwe von Aquasanta, Witwe Don Riccardos, des Neffen Ihres Herrn Großvaters,« wandte sich Doktor Nemi vorstellend an Violanta, die den Arm ihres Führers losließ und die Treppe hinaufeilte, wo die noch außerordentlich jung aussehende Dame sie sogleich wie eine alte Bekannte umarmte und küßte.

»Willkommen in deiner Heimat, meine liebe, mir so lang fremd gebliebene Kusine«, rief sie herzlich in deutscher Sprache. »Da ich in diesem Hause bisher die stellvertretende Herrin war, so wollte ich auch die erste sein, die dich darin begrüßt. Ich habe mich nämlich schon auf dich gefreut.«

Violanta erwiderte diese freundlichen Worte ihrerseits durch eine geradezu stürmische Umarmung; so glücklich und froh machte sie die liebe, herzliche Art und Weise der Mutter des früh verstorbenen Erben.

»Das hatte ich nicht zu träumen gewagt, hier so freundlich begrüßt zu werden«, versicherte sie. »Nun bin ich ja mit einem Schlage hier zu Hause! Und ich darf du zu dir sagen, liebe – Tante?«

»Aber natürlich doch, ich habe dich ja auch nicht gesiezt! Und weißt du was? Nenne mich lieber bei meinem Vornamen, Olga. Eine richtige Tante bin ich streng genommen eigentlich auch nicht, ganz abgesehen davon, daß die sechs oder sieben Jahre, die ich mehr habe als du, auch noch kein Grund zum Betanten sind. Du sollst mich liebhaben! Ich brauche jemanden, der mich liebhat«, versetzte die Principessa, die in der Tat noch viel jünger erschien, als sie mit ihren achtundzwanzig Jahren war. »Und nun komme mit mir herauf, denn die ganze bucklige Verwandtschaft erwartet dich droben zur Begrüßung. Kommen Sie mit, lieber Doktor?« wandte sie sich an Nemi, der mit Melanie Oster nachgekommen war, und auf diese deutend, fragte sie halblaut: »Das ist wohl deine Kam –«

»Meine Freundin, Fräulein Oster, die so freundlich war, mich zu begleiten, um mir über die erste Zeit des Fremdseins hinwegzuhelfen«, fiel Violanta hastig ein und hoffte, daß Melanie den Ansatz zu dem Worte Kammerjungfer nicht gehört hatte. Melanie machte der Principessa ihren schönsten Tanzstundenknicks, der einer geschmeidigen Grazie indes nicht entbehrte. Sonst aber war sie entschieden noch auf den Mund gefallen, denn sie stotterte nur etwas Unzusammenhängendes, als die Principessa ihr die Hand reichte und auch sie willkommen hieß. 

»Wenn ich dir sagte, daß die ganze bucklige Familie sich zu deiner Begrüßung eingefunden hat, so meinte ich damit die Kinder und Schwiegersöhne von Onkel Ferrante, der ja mit seiner ältesten Tochter hier im Hause eine Wohnung hat«, plauderte die Principessa auf Deutsch weiter. »Onkel Birbante (›Spitzbube‹), wie mein seliger Mann diesen lieben Verwandten unter uns nannte, hat natürlich als Sohn sofort die ihm sehr zusagende Rolle des Oberzeremonienmeisters für die morgige Beisetzungsfeier übernommen, und das kommt ihm ja auch gewiß zu. Der Onkel ist, wie du wohl wissen wirst, Witwer. Seine drei Töchter, sein Sohn und seine beiden Schwiegersöhne sind also hier versammelt: seine Schwester, Tante Ciacinta, kann ja ihr Kloster natürlich nicht verlassen, und bei der Beisetzung werden wohl auch die Witwe und der Sohn von Onkel Ferrantes älterem Bruder Luigi fehlen. Es ist geradezu eine Schande, daß Onkel Ferrante diesen Leuten nicht einmal den Tod ihres Schwieger- und Großvaters angezeigt hat, – nun, das ist ein Kapitel, über das wir uns noch aussprechen müssen. Es ist ja wahr, daß Onkel Luigi gegen den Willen seines Vaters die Tochter des Bauern Volpe geheiratet hat, aber eben diese Tochter ist mit Tante Ciacinta zusammen im Institut der Damen vom Sacro Cuore auf Trinita del Monti erzogen worden und war dort sowohl wie später eng mit ihr befreundet. Tante Ciacinta war auch tapfer genug, an dieser Freundschaft festzuhalten, aber Onkel Ferrante hat sich bei seinem Vater lieb Kind gemacht und seines Bruders Familie ihm zu Ehren total geschnitten. Gut, das mag seine Ansicht sein, aber meinem Gefühle nach geht es denn doch zu weit, den ›Bauern Porsenna‹, wie er seinen Neffen ständig nennt, sogar von den Beisetzungsfeierlichkeiten auszuschließen.« 

Die Neuangekommenen wurden durch die Flucht der Gesellschaftsräume geführt, so daß Violanta sogleich die ganze Pracht und Herrlichkeit in Augenschein nehmen konnte.

»Herr, du meine Güte! Wird Vio auf diesem Thron sitzen und Hof halten?« rief Melanie erstaunt aus, als sie im Thronsaal auf einer um drei Stufen erhöhten Plattform den Thronsessel, ein Meisterwerk vergoldeter Schnitzerei, aufgestellt sah.

»So schlimm wird sie es nicht haben, liebes Fräulein«, erklärte die Principessa lächelnd. »In allen Häusern der großen, alten Familien Roms steht solch ein Thron für den Fall, daß der Papst das Haus mit seinem Besuch beehrt.«

In den Gesellschaftsräumen waren Kunstschätze in fast erdrückender Menge angehäuft: Gemälde und Familienbildnisse von den Händen erster Meister, antike und auch einige moderne Bildwerke in Marmor und Bronze; elegante Vitrinen voll kostbaren Porzellans, Juwelen, Familien- und anderen Reliquien, Kuriositäten von historischem Interesse – ein intimes Museum mit einem Wort, das gewöhnliche Sterbliche nie zu sehen bekommen, von dessen Vorhandensein der Reisende keine Ahnung hat.

Violanta schritt an der Hand ihrer freundlichen Führerin dahin wie in einem Traum, und das sah die Principessa sehr gut und flüsterte ihr zu:

»So, jetzt sind wir am Ziel, und nun wach auf, denn es dürfte sich empfehlen, den Verwandten mit wachen Sinnen entgegenzutreten.«

Irgend etwas im Tone der Sprechenden machte, daß von Violanta das eigentümliche, traumhafte Gefühl der Unwirklichkeit wich, mit dem sie wortlos durch die Prachtgemächer ihres – ihres Palastes geschritten war, gleichsam als hätte sie alles das schon einmal vor so langer Zeit gesehen, daß sich die Jahre gar nicht mehr zusammenzählen ließen. Ja, vor dem verhängten Bild, das Doktor Nemi ihr zeigen wollte, hatte sie die deutliche Erinnerung, als ob sie denselben Rahmen aus poliertem und ziseliertem Silber, teilweise vergoldet und mit Steinen besetzt, schon gesehen haben müßte, und hinter dem Vorhang ein Bildnis, welches aber so verschwommen vor ihrem geistigen Auge stand, daß sie nichts weiter darauf erkennen konnte als ein Paar dunkler Augen, die sie wie aus einem Nebel unter goldig schimmernden Wimpern klar und vertrauenerweckend ansahen, während eine kleine, schlanke und zarte Kinderhand herauszuwinken schien – Doch die mahnenden Worte der freundlichen Principessa rissen sie jäh aus diesem seltsamen Zustande eines Unterbewußtseins heraus, der ihrem Wesen sonst ganz fremd war – mit einem Ruck fand sie sich wieder zurück in die Wirklichkeit und begriff, daß es sich jetzt darum handeln würde, ihre Stellung entweder zu behaupten oder sich ihrer zu begeben, handelnde, selbständige Person oder Marionette zu werden, die so tanzen mußte, wie man ihr pfiff.

Das Zimmer, in welches sie nun eintrat, war ein schöner, mittelgroßer Salon mit seegrünen Seidendamast-Tapeten und in Weiß und Gold lackierten, echten Empiremöbeln mit rosa und grün gestreiften seidenen Überzügen. Hier befand sich eine Gruppe von Damen und Herren versammelt, aus welcher, als die Principessa die Tür öffnete, die große, elegante, schlanke und jugendlich wirkende Gestalt eines Mannes den Eintretenden entgegenging. Sein Kopf mit dem sorgfältig gescheitelten, kurz geschnittenen und noch restlos vollen, dunklen Haar machte auf den ersten Blick den Eindruck eines Mannes von etwa dreißig Jahren; ein zweiter Blick jedoch zeigte Spuren, die sich in wesentlich späterem Alter einzufinden pflegen. Die Augen aber waren es, die dem entschieden wohlgebildeten, aristokratischen Gesicht das Charakteristische verliehen. Sie waren von jener im Süden nicht gar zu selten vorkommenden Art, die man »Adleraugen« nennt, weil sie, auch im scharfen Profil gesehen, die Iris fast im ganzen Umfang sehen lassen. Hier waren sie von einem hellen Stahlgrau, und die Pupille hatte die bei Menschen nur selten beobachtete Eigenschaft, sich nicht zu einem Punkt, sondern zu einem ovalen Strich zusammenzuziehen, was ihnen etwas entschieden Katzenartiges verlieh.

»Onkel Ferrante, hier bringe ich unsere uns leider so lange unbekannt gebliebene Verwandte Violanta Porsenna«, sagte die Principessa vorstellend.

»Ah!« machte Don Ferrante gedehnt, wobei sein Blick über Violanta hinweg auf den hinter ihr eintretenden Doktor Nemi fiel, und an einem leichten Zucken seiner Augenbrauen und dem eigentümlichen Zusammenziehen seiner Pupillen ersah der letzere mit innerlicher Befriedigung, daß er gut getan, seine Klientin über den langen Umweg zu ihres Großvaters jüngstem Stiefbruder zu begleiten. »Ah,!« wiederholte Don Ferrante, auch Melanie Oster mit dem Blick streifend, indem er jetzt erst seine Nichte ansah. »Ich bin entzückt, deine Bekanntschaft zu machen, meine liebe Violanta, und zwar um so mehr, als dein Herz dich getrieben zu haben scheint, der Beisetzung meines in Gott ruhenden Vaters uneingeladen beiwohnen zu wollen.«

Bei diesen Worten, die in dem allgemeinen Schweigen wie ein kalter Wasserstrahl wirkten, sträubten sich Doktor Nemi sozusagen alle Federn, aber sie glätteten sich sofort wieder, denn nach einer kaum merklichen Pause der Überraschung lachte Violanta – sie lachte tatsächlich ehrlich belustigt und sagte dann wieder mit gebührendem Ernst:

»Es ist mir wirklich gar nicht einmal in den Sinn gekommen, daß die Herzogin von Santa Rosa einer besonderen Einladung zu der Totenfeier ihres Vorgängers in ihr eigenes Haus bedurfte. Da der Sohn ihm aber zweifellos nähergestanden hat als seine Urenkelin, so wird sie also die Einladung hier in ihrem Haus gebührend erwarten. Verzeihe mir also den begangenen Etikettenfehler, verehrter Onkel, verzeih auch, daß ich lachen mußte; es geschah nicht über die Zurechtweisung, sondern weil sie mir als erste Begrüßung so komisch vorkam. Ich hatte vergessen, daß du ja ein so origineller Mann sein sollst. Originelle Menschen wirken immer erheiternd auf mich.«

Jetzt war es Don Ferrante, der eine Pause machte, bevor er versetzte:

»Nun, in bezug auf Originalität scheinen wir einander ja nichts vorzuwerfen zu haben. Du bist also tatsächlich in der Eigenschaft einer Herzogin von Santa Rosa hier erschienen?«

»Sicherlich. Ich wüßte auch wirklich nicht, wie ich sonst dazu käme, hier zu stehen«, erwiderte Violanta klar und ruhig. »Offiziell und für alle Welt bin ich die Herzogin von Santa Rosa; als Privatperson habe ich als ein Mitglied des Hauses Porsenna auf einen Platz im Familienkreise gehofft.«

»So hast du meinen Brief in Zürich nicht mehr erhalten?« fragte Don Ferrante scharf.

»Deinen? Nein, von dir habe ich keinen Brief erhalten, wohl aber ein Schreiben deines Advokaten, das ich zwar durch meinen Sachwalter, Doktor Nemi, beantworten lassen wollte, aber ich denke, deine direkte Frage kann ihm die Mühe ersparen, indem ich ja auch ganz gut mündlich vor so vielen Zeugen bestens für dein gütiges Anerbieten danken kann. Ich bin nämlich in der glücklichen Lage, es in vollem Umfange ablehnen zu können, da ich durch meine Großeltern sorgfältig auf die Stellung und Pflichten einer Herzogin von Santa Rosa vorbereitet und erzogen worden bin, und was mir dazu noch fehlt, hoffe ich durch den guten Rat meiner lieben Olga, die mich so herzlich willkommen geheißen, noch zu lernen.«

»Bravo!« brummte Nemi, und »Bravo!« echote die Principessa, während unter den anderen ein leichtes Gemurmel entstand, das man bei einigem guten Willen als ein Echo des Echos hätte deuten können. Jedenfalls trat aus dem Kreise im Hintergrunde ein etwas zappeliger, wohlbeleibter Mann heraus und reichte Violanta die Hand.

»Nach diesem höchst unerquicklichen Vorspiel ist es wohl nun hohe Zeit, daß einer von uns das erlösende Wort spricht: Willkommen in der Casa Porsenna!« rief er laut und entschieden aus. »Ich also heiße die Herzogin von Santa Rosa ebenso herzlich willkommen wie die Kusine Violanta. Ich bin nämlich Don Ferrantes Schwiegersohn, Fabio Tor di Quinto genannt, und dies ist meine Frau Vittoria. Lassen Sie sich durch meinen Schwiegervater ja nicht ins Bockshorn jagen, Kusine; er ist nämlich ein unverbesserlicher Prinzipienreiter, und da er prinzipiell die weibliche Sukzession angreift, so ist es am besten, ihm dieses Vergnügen zu lassen. In diesem Sinne also hat seine ›originelle‹ Begrüßung weiter nichts zu bedeuten.«

»Was noch abzuwarten ist«, brummte Nemi auf seinem Posten hinter seiner Klientin, aber nicht laut genug, um selbst von der neben ihm stehenden Melanie gehört zu werden, die der Szene mit immer größer werdenden Augen zusah und zuhörte.

Jedenfalls hatte das Dazwischentreten des Fürsten Tor di Quinto den Bann gebrochen, denn Don Ferrante ließ plötzlich seine doch sehr nach Feindseligkeit schmeckende Haltung fallen, umarmte Violanta und küßte sie auf beide Wangen.

»Erst das Geschäft, und dann das Vergnügen; erst Klarheit und dann der dicke Saft gemeinsamen Blutes«, versicherte er mit bezaubernder Liebenswürdigkeit. »Wer ist denn glücklicher als ich, solch eine reizende Nichte an sein Herz drücken zu dürfen? Ich bekenne nämlich eine große Schwäche für reizende Nichten, namentlich, wenn sie den Mut haben, auf eigenen Füßen zu stehen. Es wäre wirklich nicht nötig gewesen, Violanta, mit dem Rechtsbeistand zur Seite dein Haus zu betreten! Also unter der Reserve meiner Prinzipien heiße ich dich willkommen als den Chef des Hauses Porsenna, unsere liebe Herzogin, Nichte und Kusine, die mich nebenbei lebhaft an meine Schwester Ciacinta in ihren jungen Jahren erinnert. Gestatte, dich mit meiner Familie bekannt zu machen. Fabio Tor di Quinto hat sich dir selbst ja schon vorgestellt. Er ist, wie du bemerkt haben wirst, in punkto Formlosigkeit ein ganz unverantwortlicher Mensch, sonst aber verantwortlicher Minister für Landwirtschaft und Gatte meiner Tochter Vittoria.«

Violanta hatte den Eindruck, als ob die verantwortliche Stellung dieses Schwiegersohns ihm ein gewisses Übergewicht über Don Ferrante verliehe; auf alle Fälle hatte sein Dazwischentreten einer höchst unerquicklichen Szene wie durch Zauberei ein Ende gemacht, und sie brauchte sich danach nicht mehr über Mangel an Entgegenkommen zu beklagen. Das nach der ersten Begrüßung noch ein wenig unter Steifheit leidende Benehmen der fremden Verwandten ging rasch genug in den Ton warmer Herzlichkeit über, wobei nur die älteste, unverheiratete Tochter Don Ferrantes insofern eine Ausnahme machte, als sie von Natur schüchtern und zurückhaltend war. Hübsch war sie nicht, auch schon stark verblüht, und in ihren Augen lag ein seltsamer, wartender Ausdruck. Donna Chiara, Don Ferrantes zweite Tochter, war eine sehr lebhafte, gut aussehende Brünette mit ausgeprägter Anlage zum Starkwerden, ihr Gatte, der Graf Cataldi, Kapitän in der Königlichen Marine und zur Zeit kommandiert zum Admiralitätsstab in Rom, ein ernster, stattlicher Mann mit energischem, bronzebraun gebranntem Gesicht. Vittoria, die dritte Tochter, aber war eine ausgesprochene und anerkannte Schönheit und sich dessen auch bewußt. Ihr etwas affektiertes Wesen stand in scharfem Gegensatz zu dem ihres bedeutend älteren Gatten, des Landwirtschaftsministers, der die Natürlichkeit selbst war, und Don Ferrantes Sohn mit dem klassischen Namen Markantonio in der kleidsamen Uniform der Kürassiere war ein harmloser, hübscher junger Mensch, der die neue Kusine mit sichtlichem Vergnügen begrüßte, nun er es ohne Rücksicht tun durfte.

Nach beendeter Vorstellung machte Violanta auch ihre Freundin mit dem Kreise ihrer Verwandten bekannt, die ihr nach allen Regeln des guten Tons auch gleich die gebührende Stellung als Gast des Hauses einräumten, und dann erschienen Diener, die den Teetisch zurechtmachten, während die Principessa Olga selbst die Zubereitung des anregenden Getränkes übernahm. Dieser belebte entschieden die Lebensgeister, so daß auch Melanie der eingefrorene Mund auftaute, zumal Don Ferrante und sein Sohn sich mit der unfehlbaren italienischen Höflichkeit ihrer annahmen. Und da sie so anpassungsfähig war wie ein Chamäleon, das seine Farbe nach dem Ort wechselt, an welchem es sich befindet, so kam das Gefühl, nun endlich auf den rechten Boden verpflanzt worden zu sein, mit solcher Überzeugung über sie, daß auch die sozialen Unterschiede, die sie von diesem Kreise trennten, gar nicht zu ihrem republikanischen Bewußtsein kamen.

»Wie mühelos ist Vio doch alles in den Schoß gefallen«, plauderte sie darauflos, wenn ich bedenke, daß wir als Kinder miteinander gespielt, zusammen auf der Schulbank gesessen sind, daß unser höchster Genuß noch bis vor kurzem in einer Tasse Schokolade oder einer Portion Erdbeereis bei Sprüngli in Zürich bestand, und daß dieselbe Vio plötzlich mir nichts, dir nichts eine römische Herzogin geworden, daß dieser Palast mit allen seinen Herrlichkeiten ihr gehört und, was weiß ich noch, außerdem, da kommt einem doch unwillkürlich die Frage, warum einer alles und der andere nichts hat!«

Bei diesen unter einem Lachen, das nichts Lustiges hatte, vorgesprudelten Worten sah Don Ferrante sich den mitgebrachten Gast seiner Nichte eigentlich zum erstenmal genauer an und entdeckte dabei in den schwarzen, unruhigen Schlehenaugen einen Ausdruck, der seine Aufmerksamkeit erregte: den Ausdruck nackten, unverhüllten und unbemäntelten Neides. Melanie Oster, über die er bisher mit höflicher Gleichgültigkeit hinweggesehen, wurde ihm mit einem Male interessant, viel interessanter als seine Nichte, obwohl diese vor ihm nicht zurückgewichen war wie zum Beispiel seine eigenen Kinder, wenn er nur die Stirn runzelte. Violanta war demnach keine Null, sondern eine Ziffer, mit der gerechnet werden mußte, und dieses kleine, zigeunerartige Persönchen, das sie sich mitgebracht, das sich ihre Freundin nannte und in der ersten Stunde schon ihren Glanz beneidete, war also auch eine Ziffer, deren Höhe und Wert zu prüfen sich vielleicht der Mühe verlohnte, möglicherweise ein Faktor in der großen Rechnung –

Melanie bemerkte die so intensiv auf sie gerichteten Augen des römischen Nobile und hatte das unbehagliche Gefühl, sich verraten zu haben.

»Natürlich gönne ich Vio ihre Pracht und Größe von Herzen«, versicherte sie mit der Hast eines ertappten Schulmädels.

»Natürlich!« wiederholte Don Ferrante mit einem eigenen Lächeln, ohne seine Augen mit ganz eng zusammengezogenen Pupillen von ihr zu wenden.

Begleitet von Melanie, der Principessa und Doktor Nemi hatte sich Violanta, nachdem der Tee getrunken war, von ihren Verwandten verabschiedet, um sich in ihre Zimmer zurückzuziehen, welche ihr zu zeigen die Principessa sich erbot. Als sie in das Vestibolo auf dem nächsten Wege hinaustraten, fanden sie dort die gesamte Dienerschaft versammelt, welche der Majordomo des Palastes der neuen Herrin vorstellen wollte, und auch in diese Zeremonie fand die letztere sich als in etwas ganz Natürliches hinein und hatte bis zum Küchenmädchen und Heizer herab für die ganze stattliche Schar ein gutes Wort und ein freundliches Lächeln, namentlich da, wo langjährige Dienstzeit die Vorgestellten besonders empfahl. Auch hier vermittelte die Principessa in einer wichtigen Frage, indem sie die Tochter des Portiers, der mit seiner Familie eine Wohnung im Mezzanin innehatte, der neuen Herrin als Kammerfrau empfahl, was gern angenommen wurde, namentlich da diese nicht mehr ganz junge, sympathische Person Violanta sogleich gefiel.

Als auch dieser »Regierungsakt«, wie Melanie spöttisch sagte, erledigt war, wollte die Principessa nunmehr den Weg in das zweite Stockwerk zeigen, wo in italienischen Palästen die Wohnräume liegen, als Doktor Nemi noch um ein Wort mit seiner Klientin bat. Sie folgte ihm daher in den Ballsaal, der jetzt im Dämmerungslichte des scheidenden Tages lag und nun in seiner unbeleuchteten Pracht etwas Geisterhaftes hatte. Die Tür hinter sich schließend, begann Nemi alsbald:

»Zunächst meine Bewunderung, Altezza, über die Schlagfertigkeit, mit welcher Sie die ›originelle‹ Begrüßung Don Ferrantes pariert haben. Ich fürchtete etwas Derartiges und erlaubte mir darum, Sie nach oben zu begleiten. Was ich Altezza raten möchte, ist, so bald als möglich, am besten gleich morgen nachmittag, nach Santa Rosa della Rocca zu fahren, um Besitz von Stadt und Schloß, dem Kern Ihres Erbes, zu ergreifen. Unter meinem Beistand natürlich, und vielleicht auch in Begleitung der Frau Principessa. Die Einwohner von Santa Rosa della Rocca sind Volsker, ein sehr eigenartiges Volk, aber ihren angestammten Patronen durchaus ergeben. Nun, nach der Probe, die Don Ferrante Ihnen zur Begrüßung gegeben, halte ich es nicht für ausgeschlossen, daß er mit seiner hinreißenden Liebenswürdigkeit und Beredsamkeit die Leute dort überzeugt, der eigentlich berechtigte Erbe seines Vaters zu sein, und Ihnen dadurch einen Empfang bereitet, der Ihnen Santa Rosa vielleicht für alle Zeiten verleidet. Falls er das nämlich vorsorglicherweise nicht schon getan hat, was eben riskiert werden muß. Aber es kann auch sein, daß er so sicher war, Sie hier schon zur Umkehr zu bewegen, daß er diesen Schachzug noch in der Reserve hat. Glauben Sie mir, Altezza, ich kenne Don Ferrante und bin überzeugt, daß ohne die gewiß nicht berechnete Gegenwart des Principe, seines Schwiegersohnes, und auch der meinigen, Ihr Empfang hier nicht so relativ glatt verlaufen wäre. Ich bitte also um Ihre Genehmigung, Ihre Ankunft in Santa Rosa in die Wege zu leiten, und ich werde mich Ihnen in diesem Falle morgen nachmittag drei Uhr an der Porta Sebastiano anschließen. Es wird also gut sein, wenn Sie die Frau Principessa, aber sonst niemand, ins Vertrauen ziehen; sie hat viel Liebe für Don Ferrante nicht übrig und ist eine starke Bundesgenossin, überdies in Santa Rosa sehr beliebt, sowohl ihrer selbst wegen als auch als Witwe des verstorbenen Erben.«

Violanta versprach den Rat ihres Sachwalters, zu dem sie volles Vertrauen gefaßt hatte, genau zu befolgen. Als sie allein zurückgeblieben war in ihren großen Räumen, durch deren Fensterreihe die Pracht und Glut eines römischen Sonnenuntergangs das Gold der Bilderrahmen noch intensiver vergoldete, während die Schatten der sinkenden Nacht sich schon in den Winkeln zu sammeln begannen, da kam das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit mit solcher Gewalt über sie, daß sie plötzlich nicht aus noch ein wußte und eine geradezu wilde Sehnsucht nach ihrem traulichen Mädchenstübchen am Zeltweg in Zürich sie dermaßen ergriff, daß sie am liebsten hinausgestürzt wäre, um mit dem nächsten Zuge zurückzufahren.

Inmitten dieser Not der jungen Seele und des Heimwehs ihres Herzens, das zum Zerspringen klopfte, begannen die Glocken das Ave zu läuten, die Glocken von Rom! Es waren nicht die zum vollen Akkorde gestimmten Glocken, die im überwältigenden Chor in Zürich zusammenklingen, feierlich wie ein Choral, wenn sie am Samstagabend alle zugleich ihre Stimmen erheben, sondern die ehernen Stimmen der Ewigen Stadt, die einem jenseits der Alpen noch oft in der Erinnerung wiederklingen und Abende von einer Schönheit zurückzaubern, wie sie bei uns ungeahnt sind. Und unter diesen Klängen wurde Violanta mit einem Male wieder ruhig. Mitten in ihrem prächtigen Salon stillstehend, lauschte sie mit angehaltenem Atem diesem ganz eigenen, noch nie gehörten Läuten, das sie der Gegenwart entrückte, fremd und vertraut zugleich klang –

Nur das eine wußte sie plötzlich ganz deutlich: sie war eine Römerin, sie gehörte hierher! »Und wenn du zum erstenmal die Glocken von Rom läuten hörst, dann denke mein und grüße von mir: »Ave, Roma immortalis!« Das waren die letzten Worte, die ihr Großvater, der Sohn dieses Hauses, an sie gerichtet, und unwillkürlich wiederholten die Lippen laut den Gruß des Sterbenden: »Ave, Roma immortalis!« Da versank die Sehnsucht nach dem Mädchenstübchen in Zürich in die Dämmerung einer freundlichen Erinnerung hinab, die immer lebendig in ihr bleiben würde. Violanta Porsenna wurde zu einer sagenhaften Gestalt, und gleich einem Phönix erhob sich aus der Asche dessen, was vor achtundvierzig Stunden noch war – die Herzogin von Santa Rosa, die Tochter eines großen, im Dunkel der Vergangenheit sich verlierenden Geschlechtes, das in Rom geholfen hatte, Geschichte zu machen, das in der Überlieferung heute noch einen ersten Platz in der Ewigen Stadt behauptete! Ein Geschlecht, dessen Haupt sie war, die in die Glocken, deren Klang die Stimme des Blutes in ihr erweckt, hineinrief: »Ave, Roma immortalis!«

Man sollte die Stimme des Blutes nicht leichtfertig mit »Gefühlsduselei« abtun; das Blut ist wirklich »ein besonderer Saft«, – es mag im Sande des Alltags, in den Wellen fremder Meere, in Not und Sorgen verstummen, verdünnt und gemischt werden mit fremdem Blut, aber es kommt immer eine Stunde, wo es wieder hervorbricht. Das Blut der Porsenna hatte in Violantas Vater, der Rom nie betreten, ganz geschwiegen und war in ihr eigentlich doch auch nur erwärmt geblieben durch ihren Großvater, der aber, seitdem er wußte, daß seine Enkelin das Haupt des Hauses Porsenna werden mußte, es angefeuert und mit seiner eigenen, nie erloschenen Glut erfüllt hatte. Und zu dieser Stunde fühlte Violanta: Hier gehörst du her, hier ist deine Heimat, hier liegen deine Pflichten, hier die Wurzeln, denen du entsprossen, hier ist der Boden, die Erde, der du urständig bist.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach Violantas Gedanken. Die Principessa kam, um sie zum Pranzo abzuholen. Als Violanta ihr von Doktor Nemis Vorhaben erzählte, erklärte sie sich sofort bereit, am folgenden Nachmittag nach Santa Rosa mitzufahren, setzte aber hinzu:

»Der gute Nemi ist ja von Beruf Verdachtschöpfer und hat hier wohl Gespenster gesehen, denn ich kann mir nicht denken, daß Onkel Ferrante so weit gegangen sein sollte oder beabsichtigt, die Einwohner von Santa Rosa gegen dich aufzuhetzen. Das hätte blutwenig Sinn, denn selbst wenn es ihm gelingen sollte, dir den Ort zu verleiden, so änderte das nichts an der Tatsache, daß du nun einmal dort die Herrin bist. Übrigens ist der Onkel weniger aus Prinzip denn aus Notwendigkeit Gegner der weiblichen Erbfolge. Mit dürren Worten: er braucht Geld. Da sein älterer Bruder für sich und seine Nachkommen auf alle Rechte verzichtet hat, als er seine Liebesheirat machte, so rückte er damit in seine Stelle ein. So also liegen die Sachen, was zu wissen notwendig für dich ist, und wenn du dazu meine persönliche Ansicht wissen willst, so kann ich nur sagen: ich habe die feste Überzeugung, daß Onkel Ferrante sich mit der Tatsache deines ›Regierungsantrittes‹ nicht zufriedengeben und keinen Stein unumgedreht lassen wird, um darunter ein Loch zu entdecken, durch das er noch in die Erbschaft hineinschlüpfen kann.«

»Findet er aber wirklich etwas, was mein Recht in Zweifel setzt, nun, dann wäre ich die letzte, ihm das Seinige zu bestreiten«, meinte Violanta. »Also, wir fahren morgen, du, ich und Doktor Nemi, der uns an der Porta San Sebastiano erwarten will. Was aber machen wir mit meiner Freundin Melanie? Das arme Ding wird sich allein hier zu Tode langweilen.«

»Ich fürchte, wir werden ihr nicht helfen können«, erwiderte die Principessa trocken.

»Es wäre besser gewesen, ich hätte Melanie nicht gleich mitgebracht, sie erst später eingeladen, mich zu besuchen«, sagte Violanta mit einem kleinen Seufzer des Bedauerns. »Nun, das ist nicht mehr zu ändern. Dann ist noch etwas, worüber ich mir deinen Rat erbitte – meine Großmutter malte mir nämlich das Schreckgespenst einer Ehrendame an die Wand. Ist solch ein Geschöpf wirklich eine Notwendigkeit?«

»Ich fürchte, dieser Drache wird dir nicht erspart bleiben, denn so lange du unverheiratet bist, und würdest du darüber so alt wie Methusalem, fordert die italienische Etikette solch ein Anhängsel mit großem Nachdruck. Aber es hat damit keine Eile, denn so lange ich hier bin und dich unter meine Fittiche nehme, ist dem ungeschriebenen Gesetz Genüge getan. Allerdings hatte ich vor, baldmöglichst zu meinen Verwandten nach Tirol zu verreisen, aber wenn du mich magst und brauchen kannst bin ich gern erbötig, die Rolle des Schreckgespenstes, wenigstens für die erste Zeit, bei dir zu übernehmen.«

»Olga! Womit habe ich diese Güte verdient?« fragte Violanta ehrlich gerührt.

»Ach was! Güte! Schwatze keinen Unsinn!« polterte die Principessa lachend. »Verdient? Ja, das weiß ich nicht, ob du solch Bagatellopfer verdienst, denn ich kenne dich erst seit ein paar Stunden. Aber du hast es mir auf den ersten Blick angetan, und ich bin ein schrecklich einsamer Mensch geworden seit dem Tod meines Mannes. Doch seitdem ich deutsch mit dir reden kann, komme ich mir überhaupt gar nicht mehr so – so absonderlich vor. Du darfst aber nicht glauben, daß es immer so war, o nein! Ich war glücklich in meiner kurzen Ehe. Auch habe ich hier ein sehr freundliches Entgegenkommen und liebe Freunde gefunden, – man mag von den Italienern denken, wie man will, daß sie gutmütig, warmherzig und teilnehmend sind, kann man ihnen nicht abstreiten; auch darf man auf die angestammte Dienerschaft Häuser bauen, wobei mir einfällt, daß ich dir empfehlen möchte, den alten Kammerdiener deines Urgroßvaters in deine Dienste zu nehmen. Attilio ist eine Perle, er geht für das Haus Porsenna durchs Feuer, und weil du ja doch auch einen ersten, einen Kammerdiener, brauchen wirst, so kann ich ihn dir nur wärmstens empfehlen. Er ist auch aus Santa Rosa gebürtig, im übrigen trotz seiner vierundsiebzig Jahre sehr rüstig und auch recht unterrichtet, so daß er dir gegebenenfalls wie deinem Urgroßvater als Sekretär dienen kann.«

»Ich wußte gar nicht, daß ich auch einen Kammerdiener haben muß«, erklärte Violanta erstaunt. »Selbstverständlich wird der alte Attilio bei mir bleiben, wenn er mag.«

»Das können wir gleich erfahren«, rief die Principessa lebhaft, indem sie Attilio herbeizurufen befahl. »Ich kann dir versprechen, daß er mit großer Würde darauf achten wird, daß dein Haus in jeder Beziehung allzeit an der Spitze des römischen Patriziats seinen Platz behauptet. Denn Attilio weiß, wem er dient, und was sich für ihn schickt.«

Der alsbald Erscheinende sah allerdings aus, als ob er sich dessen bewußt wäre, denn der sich aufrecht und mit Würde tragende Siebziger mit seinem glattrasierten Römerkopf, den das schneeweiße, schöngescheitelte Haar wohl kleidete, machte im Verein mit seinen intelligenten Augen noch durchaus keinen greisenhaften Eindruck. »Attilio, die Herzogin hat auf meine Empfehlung den Wunsch ausgesprochen, Euch als Kammerdiener und Sekretär in ihren Dienst zu nehmen«, ergriff die Principessa das Wort, worauf der Mann sich noch einmal mit Anstand verneigte.

»Wenn ich Altezza nicht zu alt bin, wird mir dadurch mein größter Wunsch erfüllt«, rief er bewegt. »Im gleichen Jahre wie Don Pietro Porsenna geboren, trat ich mit sechzehn Jahren in seinen Dienst und blieb bei ihm, bis – bis es ihm gefiel, Italien zu verlassen, worauf sein Herr Vater mich in seinen Dienst nahm, in welchem ich bis jetzt wirken durfte. Wenn ich nun den Rest meines Lebens und meiner Kraft der Enkelin dieses ersten, unvergeßlichen Herrn widmen darf, so würde ich überglücklich sein.«

Impulsiv reichte Violanta ihm die Hand, die er mit Anstand küßte.

»Sie haben meinen lieben Großvater gekannt? Wie mich das freut! Wenn er gewußt hätte, daß ich bei meinem Eintritt in das Haus seiner Väter gleich die bewährte Fürsorge eines so treuen, langjährigen Dieners seines Vaters finden würde, hätte ihn das sehr glücklich gemacht. Ich danke Ihnen, daß Sie bei mir bleiben wollen, und werde mich bemühen, Ihnen eine gute, dankbare Herrin zu sein.«

»So«, sagte die Principessa lachend, als Attilio wieder gegangen war, »so, das hast du fein gemacht. Oh, da haben wir den Tamtam, der uns zum Pranzo ruft, aber er rasselt zweimal, wir haben also noch Zeit, die ich dazu benutzen möchte, dir zu sagen, daß du dich nicht wundern sollst, wenn Ortensia dich etwas auffallend anstarrt. Das ist so ihre Manier und hat nichts zu sagen. Ihre Neigung zieht sie zu einem beschaulichen Leben ins Kloster, doch behauptet sie, in der Welt noch eine Mission erfüllen zu müssen, die zu ihrem Vater in Beziehung steht, aber sie spricht sich nicht aus, inwiefern. »

Der feierlich, unter Entfaltung von vielem, prächtigem Silberzeug und Kristall servierte Pranzo, wobei auf jede der daran teilnehmenden fünf Personen je ein Diener kam, ohne den auffallend gerader gewordenen Attilio im schwarzen Frack, schwarzseidenen Kniehosen und Strümpfen hinter dem Stuhl seiner neuen Herrin mitzurechnen, war natürlich unter dem Schatten der tiefen Trauer kein fröhliches Mahl. Don Ferrante, der durch seine glänzende Unterhaltungsgabe ein allzeit willkommener Gast in seinen römischen Kreisen war, hielt sich heute sehr zurück, was seiner Stellung als Hauptleidtragendem ja auch entsprach. Er begnügte sich damit, Fragen über Züricher Verhältnisse an Violanta zu richten und Melanie dabei zu beobachten, deren unruhige Augen auf der reichgedeckten Tafel umherirrten, die nur eine kleine Insel unter dem mittleren der von der Kassettendecke herabhängenden drei Kronleuchter in dem Speisesaal bildete, in welchem fünfzig Personen an einer langen Tafel reichlich Platz gefunden hätten, vier mächtige, reichgeschnitzte Kredenztische oder Büfetts, beladen mit wundervollen, silbernen Schaugefäßen an den Wänden standen, die mit unschätzbaren alten flandrischen Wandteppichen bekleidet waren.

Für Violanta war es gut, daß die Principessa sie vorher auf die Eigentümlichkeiten von Donna Ortensia aufmerksam gemacht hatte, trotzdem aber konnte sie ein gewisses Unbehagen über das unausgesetzte Anstarren dieser beiden großen, verträumten Augen nicht recht überwinden, um so mehr, als wiederholte Versuche, diese sonderbare Verwandte ins Gespräch zu ziehen, total mißlangen.

Nach beendetem Pranzo ging die kleine Gesellschaft in den anstoßenden »salotto«, dessen Größe der des Speisesaals entsprach, aber durch hübsch verteilte Gruppen von Sitzmöbeln, Palmen, Schränken und Tischchen im eleganten Stil des römischen Rokoko, seine Tapeten von goldgelbem Seidendamast und reichem Bilderschmuck trotz seines imposanten Umfanges einen wohnlichen Eindruck machte. Auch stand in der Mitte ein großer Flügel, der natürlich im Hause der Trauer geschlossen war, und in den beiden offenen Kaminen brannte, weil der Abend kühl war, ein helles Feuer von Pinienäpfeln, die einen würzigen Duft von Harz verbreiteten.

Hier, in der unmittelbaren Nähe eines dieser Feuer, überlief Violanta plötzlich ein Frösteln, bei welchem sie erst gewahr wurde, daß sie nach den seelischen Erregungen der beiden letzten Tage und nach der Reise während der dazwischenliegenden Nacht einfach derart übermüdet war, daß ihr die Augen zuzufallen drohten. Zum Glück bemerkte die Principessa den Kampf, den die erschöpfte Natur mit dem Bestreben, die Müdigkeit zu überwinden, kämpfte; sie ergriff den Arm Violantas, erklärte Don Ferrante und seiner Tochter, es sei für müde Kinder Zeit, zu Bett zu gehen, und führte sie ohne weiteres in ihre Wohnung, zögernd gefolgt von Melanie, die sich schmollend erkundigte, ob ihre Freundin wirklich vorhabe, mit den Hühnern ins Bett zu gehen; sie selbst sei gar nicht müde.

»Sie sehen auch tatsächlich ganz munter aus«, bestätigte die Principessa diese Versicherung. »Aber Sie müssen Vio heute schon mal etwas nachsehen, denn so leicht, wie es scheint, solch kleines Häuschen wie dieses hier mit allem Drum und Dran zu erben, so bedeutet das nebenbei auch ein Verpflanzen mit allen Wurzeln in ein fremdes Erdreich, was gar nicht so einfach ist, und durch die damit verbundenen Gemütsbewegungen starke Anforderungen an die Nerven stellt. Für Sie ist Ihre Anwesenheit eine Reise nach Rom, nichts weiter. Also, marsch in die Federn, und lassen Sie sich etwas Schönes träumen. Gute Nacht!«

Die Beisetzungsfeierlichkeiten für den verstorbenen Chef eines Hauses der römischen »Nobili coscriti«, dem ehedem mit souveränen Rechten belehnten Uradel, sind heute noch ein Schaugepränge, welches ganz Rom derart anzieht, daß schon Stunden vorher in den zuständigen Parochialkirchen kein Apfel mehr zur Erde fallen könnte. Auf einem thronartigen Lehnstuhle, von Don Ferrante geführt, nahm Violanta als Nachfolgerin des Verstorbenen in Titel und Würden Platz, während er sich zu ihrer Rechten niederließ. Es war dies ein besonders interessanter Augenblick für die im Schiff der Kirche versammelte Menge, denn »ganz Rom« wußte doch, daß die im Ausland erzogene junge Erbin zu der Trauerfeier erwartet wurde, und jedermann renkte sich die Halsmuskeln aus, um so viel wie möglich von der nunmehrigen Herzogin von Santa Rosa zu sehen, aber man sah nur ihre schlanke, hochgewachsene Gestalt, und auch diese ließ der dichte, die ganze Figur von Kopf bis zu den Füßen einhüllende Schleier von schwarzem Krepp nur ahnen, doch wo sich seine Falten oben bei einer Bewegung etwas verschoben, schimmerte die reiche Fülle ihrer goldblonden Haare durch, zeichnete sich die reine Linie ihres Profiles ab.

Gleich nachdem die Familie erschienen und Platz genommen, betrat die Geistlichkeit die Kirche, und das Requiem begann unter dem atemlosen Lauschen der stillen Gemeinde, denn es war kein geringerer, als der weltberühmte Chor der Sixtinischen Kapelle, welcher ein wunderbar eindrucksvolles Requiem ihres Dirigenten sang, entsendet von dem Papst, der damit dem Verstorbenen eine besondere Ehre erwies.

Jeder, der sie einmal singen gehört, selbst jene, die ganz unmusikalisch sind, wissen und können bezeugen, daß die Engelsstimmen der Sixtinischen Kapelle nicht nur bezaubern, daß sie das tiefste Innere ergreifen, aufwühlen, erschüttern und besänftigen. Das Kyrie eleison rief darum auch mit seinem demütigen, herzbewegenden Flehen um die göttliche Erbarmung die Andacht wach, um deretwillen viele sicherlich nicht gerade gekommen waren, dem fast hundertjährigen Duca, von dessen Eigenheiten Geschichten im Umlauf waren, mit denen man einen stattlichen Band hätte füllen können, die letzte Ehre zu erweisen.

»Le Roi est mort; vive la Reine«, murmelte Don Ferrante, als er nach der Trauerfeier Violanta in den Wagen half, in welchem sie mit der Principessa den kaum zwei Minuten langen Weg zurück zum Palazzo Porsenna zurücklegte.

»Umgekehrt wär's ihm wahrscheinlich lieber«, bemerkte Violanta trocken, während die Wagentür ins Schloß fiel.

»Immerhin kann ich bezeugen, daß er's gesagt hat, und fasse es als deine endgültige Anerkennung auf«, versetzte die Principessa.

»Nun, wer auf diese Brücke treten will –«

»Ein so vorsichtiger Fechter, wie Onkel Ferrante es ist, sagt nichts, was er sich nicht mindestens zweimal überlegt hat. Übrigens hätte ich sein Gesicht sehen mögen, woran mich aber der Wall von Kerzen auf der anderen Seite verhinderte, als ›der Bauer Porsenna‹ erschien und sich nach einer tiefen Verneigung vor dir ohne weiteres und gänzlich uneingeladen an deiner linken grünen Seite niederließ, wodurch Markantonio gezwungen wurde, ein Häuschen weiter zu rücken.«

»Nein!« machte Violanta erstaunt. »Das ist mir ganz entgangen. Ich habe mich freilich auch nicht umgesehen, wer neben mir saß. Der Bauer Porsenna! Das ist doch – ist doch –«

»Onkel Ferrantes leiblicher Neffe, der Sohn seines älteren, rechten Bruders Luigi, geschnitten von der ganzen lieben Familie, die ganze zärtliche Verwandtschaft seinerseits schneidend, selbst heute vor dem Sarge. Er hat aber dort mit großer Selbstverständlichkeit den ihm gebührenden Platz, uneingeladen von Onkel Ferrante genauso wie du, eingenommen. Dir, als Chef des Hauses, hat er auch nur allein seine Verbeugung gemacht.«

»Und ich habe das alles gar nicht beachtet! Was mag er von mir gedacht haben?«

Melanie Oster kam sich bei den Trauerfeierlichkeiten recht ausgeschaltet vor, obwohl sie einsah, daß sie nicht zum engeren Familienkreis zugezogen werden konnte. Zu ihrer noch größeren Enttäuschung wurde ihr nach der sehr schweigsamen Mittagsmahlzeit ein Briefchen ihrer Freundin zugestellt, in dem diese mitteilte, daß sie genötigt sei, mit der Principessa auszufahren. Melanie möchte nicht mit dem Tee auf sie warten, sich die Schätze im Piano Nobile betrachten, die Bibliothek zeigen lassen, oder auch eine Spazierfahrt machen, wozu die offene Victoria zu ihrer Verfügung stehe. Unaufgeklärt über die Veranlassung zu der Ausfahrt Violantas allein mit der Principessa, kam Melanie das Unzeitgemäße ihrer Reise nach Rom immer klarer zum Bewußtsein; wäre sie im ersten Moment der Einladung nicht so selig und aufgeregt gewesen und hätte sie sich Zeit nehmen dürfen, zu überlegen, so wäre es ihr schon gekommen, daß ein Haus mit einem toten Urgroßvater und der notwendigen tiefen Trauer keine Stätte des Vergnügens sein konnte und jedenfalls auch für längere Zeit nicht sein würde. Wunderbar wie dieser Palazzo Porsenna immer sein mochte, so mußte er doch unter diesen Umständen ein von den engen Mauern dunkler Gassen eingerammeltes Gefängnis werden; ja, es kam Melanie schon jetzt als ein solches vor, als sie in einsamer Pracht und Herrlichkeit ihren Tee aus wundervollem Silberzeug und Sevresporzellan schlürfte und ungemessene Mengen köstlicher süßer Kuchen dazu aß. Violanta war also, um langen Erklärungen zu entgehen, die sie nicht geben sollte und wollte, sozusagen heimlich mit der Principessa entschlüpft, hatte Doktor Nemi an der verabredeten Stelle getroffen und war mit ihm davongefahren. Die Fahrt wurde für Violanta zu einem unbeschreiblichen Genuß. Sie wurde aufs tiefste beeindruckt von den herrlichen antiken Baudenkmälern und dem Appianischen Weg, zwischen dessen Gruftruinen man eine Aussicht ohnegleichen über die römische Campagna, begrenzt von dem köstlichen Albanergebirge, dem Monti Lepini und dem majestätischen Zuge der Volskerberge genießt – eine Aussicht, die niemals mehr vergessen kann, wer sie einmal geschaut hat.

Und in dieses herrliche, lachende, blühende Gelände, wo jeder Schritt geweihter, historischer Boden ist, eine oft furchtbare, blutige, aber auch große Vergangenheit den gefangenhält und verfolgt, der sie kennt, fuhr Violanta Porsenna dem Stammsitze ihres Geschlechtes, dem Schloß von Santa Rosa della Rocca entgegen. Ihr Großvater hatte Sorge getragen, sie mit der Geschichte ihres Hauses bekanntzumachen, aber die Geister, die diese Geschichte für sie beschwor, greifbar gemacht durch jeden Stein am Wege, sie verblaßten ihren jungen, ungetrübten Augen in dem glorreichen Sonnenschein dieses lachenden Maientages, angesichts der landschaftlichen Schönheiten des unvergleichlichen Bildes, das sich überwältigend vor ihnen entrollte.

Nach dem Städtchen Cisterna wandte sich das Auto der jäh aus der Ebene aufsteigenden Mauer der Lepinischen Berge zu, in denen die ehemaligen Volskerfestungen Cori, Norma und Norba liegen und des letzteren Ortes gewaltige Zyklopenmauern aus dem Grün der Eichen auftauchen. Und da kamen sie denn auch an einer noch in der Ebene, hart unterhalb des Gebirges gelegenen seltsamen Stadt vorüber, deren Häuser und Kirchen keine Dächer hatten, deren Mauern und Türme auftauchten wie aus einem unwahrscheinlichen Zaubergarten von wildem Wein, Efeu, Brombeergebüsch, Erdbeerbäumen, immergrünen Eichen, Goldlack, wilden Rosen, Ringelblumen, Narzissen, rotem Fingerhut, Myrten, Lorbeer, und wie Gold leuchtendem Ginster. Und in dieser Stadt hatten die Türme keine Glocken, kein Zeichen menschlichen Lebens durchbrach ihre todesähnliche Stille, nur das Murmeln eines diese seltsame Stadt durchströmenden Baches und das leise Flüstern des hohen Schilfes an einem kleinen See, in welchem sich der hohe viereckige Turm eines noch unter Dach liegenden Kastells spiegelte, erzählte von längst dahingegangenen, ins Meer der Geschichte versunkenen Zeiten.

Das war Ninfa, die tote Stadt, deren Einwohner der Geisel der Malaria wegen geflohen waren, man weiß nicht mehr genau, wann es geschah; die tote Stadt, in welcher ungehindert eine Flora ihren Einzug hielt, die wie mit Feenhänden ihre Gaben an Blumen über die leeren Häuser, öden Straßen und Plätze ausstreut. Der Überlieferung nach stand einst an dem kleinen See ein den Nymphen geweihter Tempel, der dem Ort den Namen gegeben. An seiner Stelle erbaute Ugolino Conti im Jahre 1216 die Kirche Santa Maria del Mirteto – im Myrtenhain –, in deren bröckelnden Mauern heute noch ernste al fresco gemalte Heiligenbilder mit großen, stillen Augen aus ihren bleichenden Aureolen mit betend erhobenen Händen, in goldleuchtende Gewänder gekleidet, hinter einem Schleier blühender Schlinggewächse herabschauen. Vielleicht aber hat auch der die Stadt durchfließende Bach, heute noch Nympheus genannt, dem Ort den Namen gegeben, dessen Geschichte im Dunkel liegt. Wir wissen nur, daß im zwölften Jahrhundert die Frangipani Schloß und Stadt besaßen, Ende des dreizehnten Jahrhunderts die Caetani als Besitzer genannt werden.

Begeistert und bezaubert von dem Anblick dieser im Dornröschenschlafe unter Blumen versunkenen Stadt, wäre Violanta für ihr Leben gern hineingegangen, aber die Principessa, unterstützt durch Doktor Nemi, wehrte sich energisch gegen einen solchen Aufenthalt, der zudem nicht einmal ohne Gefahr gewesen wäre, da die Malaria noch in den verlassenen Mauern umging.

»Im Herbst, wenn die schrecklichen Geiseln der Campagna ihren Winterschlaf antreten, kannst du Ninfa besuchen«, sagte sie. »Die Vegetation ist dann um nichts weniger prächtig, im Gegenteil, denn dann färben die Blätter des wilden Weins sich purpurrot. Reiße deine Augen los von dem Zaubergarten der Circe, die sich hierher zurückgezogen hat, als man sie von ihrem Kap vertrieb, und schaue aufwärts, denn dort oben liegt Santa Rosa della Rocca!«

Es war ein jäh und steil aus der Ebene aufragender Vorsprung des Gebirges, auf den die Principessa deutete, und auf dieser »rocca«, dem hochragenden Felsen, lag, wie aus ihm herausgewachsen, ein großes, imposantes Schloß, in dessen vielen Fenstern sich die Sonne spiegelte, daß es aussah wie eine von Juwelen funkelnde Krone auf dem Haupt eines Riesen. Schon zu Ende des 13. Jahrhunderts hatten die Porsennas das alte Schloß erworben, es erweitert und in dem dahinter liegenden Städtchen die Kirche zu Ehren der heiligen Rosa von Viterbo erbaut. Zunächst wurden die Besitzer nur schlichtweg Signori, Herren ihrer Länder, genannt, später aber wurden sie als Herzöge von Santa Rosa della Rocca mit allen Feudalrechten, auch dem der Gewalt über Leben und Tod ihrer Untertanen, belehnt; Rechte, die erst mit dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts offiziell erloschen. Wie es ja in jenen wilden und unruhigen Zeiten der Renaissance gewissermaßen an der Tagesordnung war, daß die großen Feudalherren einander bekriegten, so hatten auch die Rocca manchen harten Strauß zu bestehen. Im Jahre 1500 belagerte der schreckliche Gewaltmensch Cesare Borgia, dem der herrliche Besitz in die Augen gestochen, Stadt und Schloß, nahm beides ein, ließ den jungen, nur sieben Jahre alten Erben Giacomo Porsenna samt seinem Oheim, dem Prälaten, töten und sich selbst zum Herzog von Santa Rosa machen, indem er alle Ländereien der Porsenna einzog. Als aber Julius II. 1503 den heiligen Stuhl Petri bestieg, gab er dem beraubten Geschlecht den Besitz zurück mitsamt der herzoglichen Würde von Santa Rosa, die nun, vierhundert Jahre später, auf das junge Mädchen übergegangen war, das mit weit offenen, schönheitstrunkenen Augen zu dem prächtigen Schloß auf dem Felsen emporblickte, dessen Herrin sie nunmehr war.

Als das Auto die gute, in vielen Kehren nach der Rocca emporführende Straße hinauffuhr, tauchte erst der von unten nicht sichtbare, viereckige Campanile der Kirche hinter den ihn verdeckenden Höhen auf, und erst bis man fast den nordwestlich abfallenden Hügel erklommen, wurde die auf dem Plateau hinter dem Schloß gelegene kleine Stadt sichtbar. Auf- und sozusagen übereinander gepackt, wie die steinernen Häuser dieser malerischen italienischen Gebirgsstädte mehr oder minder erscheinen, konnte Santa Rosa sich neben seinen engen und schmalen Gassen und Gäßchen jedoch einer ganz stattlichen Piazza rühmen, an welcher die für den Ort unverhältnismäßig große Kirche, aus rotem Backstein im romanischen Stil mit schönem Portal, herrlichen Rosettenfenstern von weißem Marmor und eleganter Loggia darunter lag, sowie ein kleiner aber feiner »Palazzo Municipale«. Und hier, rasch aber effektvoll zusammengetrommelt durch den vorausgeeilten Attilio, empfingen der Bürgermeister und der Pfarrer des kleinen Städtchens mit der großen Kathedrale und dem enormen Schlosse die neue Herrin, umringt von der neugierig gaffenden Einwohnerschaft, die mit lauten Beifallsrufen nicht geizte, als der Bürgermeister sie anstimmte.

Violanta war, als das Auto auf der Piazza hielt, aufgestanden und hörte stehend die kunstlose Rede, mit der ihr Kommen begrüßt wurde, an; sie tat es aus Respekt für die beiden alten Herren, den Monsignore in seiner abgeschabten Soutane mit dem feinen, milden Gesicht, und den Bürgermeister im Sonntagsrock. Damit aber zeigte sie sich in ihrer ganzen jugendlichen Schönheit der gesamten Einwohnerschaft, die sich um das Auto drängte, und eroberte sich damit allein schon alle Herzen.

»Ich danke Ihnen allen für Ihren freundlichen Empfang«, sagte sie mit ihrer klaren, weittragenden Altstimme, die etwas vom Glockenklang in sich hatte. »Noch bin ich fremd hier, dennoch aber keine Fremde, denn mein Großvater, Don Pietro, hier in Santa Rosa geboren und in dieser Kirche getauft, hat mich zu einer echten Porsenna erzogen, und Ihr alle sollt mich lehren, dieses herrliche Stück Erde, mein Vaterland Italien und mein Erbe zu lieben, wie es verdient, geliebt zu werden.«

Diese kleine Rede wurde von dem sonst allem Fremden abholden Bergvolk begeistert aufgenommen. Violantas starke Persönlichkeit, ihr bezauberndes Lächeln, der klare Blick ihrer veilchenblauen Augen hatten zweifellos gesiegt.

»Der Staatsstreich wäre also gelungen«, sagte Nemi schmunzelnd, als das Auto sich dem Schlosse zu wieder in Bewegung setzte. Er hatte den Vorgang genau beobachtet, die Physiognomien der das Auto erst in achtungsvoller Entfernung, dann bis an die Räder umdrängenden Leute studiert.

Hatte das die Rocca krönende Schloß vom Tal aus schon durch seine Größe imponiert, so wuchs dieser Eindruck in der unmittelbaren Nähe noch bedeutend. Eine Schilderung in Worten kann kaum einen Begriff geben von der Ausdehnung dieser wahrhaft fürstlichen Residenz, von der doch nur ein kleiner Teil bewohnt wurde, und dieser kleine Teil, in welchem ein halbes Dutzend Familien Platz genug gehabt hätte, umfaßte Räume von einer Größe, wie man sie eben nur in Italien finden kann. Als Cesare Borgia das Schloß eingenommen beziehungsweise geraubt hatte, ließ er einen großen Flügel allein für die Gefängnisse anbauen, die mit zarter Rücksicht für die Gefangenen oben mit schönen, hohen, geräumigen Zimmern beginnen, in den unteren Stockwerken kleiner, niederer und enger werdend, endlich mit finsteren, unheimlichen Verließen enden. In vielen dieser Gefängnisse haben die Unglücklichen, die darin meist spurlos verschwanden, Inschriften auf den Wänden hinterlassen, und doch waren es nur drei Jahre, daß dieser Flügel seinem Zweck diente, der seitdem verlassen und verödet steht, ein Tummelplatz für die Geister der Vergangenheit.

Durch die Einfahrt, die wie ein Tunnel die ganze Tiefe des nördlichen Flügels durchbrach, fuhr das Auto in den viereckigen, oblongen Innenhof des Schlosses ein, der groß genug zur Abhaltung von Turnieren gewesen wäre, groß genug, ein Bataillon Soldaten darin exerzieren zu lassen. Hier, vor dem imposanten, säulengetragenen Hauptportal des Südflügels stand der Schloßkastellan mit seiner Familie, seinem Stabe von Bediensteten und, angeführt von Attilio, bereit zum Empfang der neuen Herrin. Bei der Kürze der Zeit, seit Attilio die unmittelbar bevorstehende Ankunft der Herzogin angemeldet, konnte natürlich von festlichen Vorbereitungen nicht die Rede sein.

In der riesigen, aber düsteren Halle machte Violanta die Bekanntschaft eines Geschöpfes, das in ihrem Leben eine Rolle spielen sollte. Auf einer gepolsterten Bank, wie sie in Abständen um die Wände der Halle aufgestellt waren, bemerkte sie eine sehr große rote Katze, die sich eifrig das Gesicht wusch. Mit smaragdgrünen Augen sah das schöne Tier auf, als Violanta vor ihm stehenblieb. Als sie aber die Hand ausstreckte, das glänzende Fell zu streicheln, rief der Kastellan warnend:

»Er kratzt und spuckt, wenn er angefaßt wird, denn er hat einen Hochmut ohne Maßen, darum heißt er auch Numa Pompilius.«

Der Kater mit dem hochtrabenden Namen und dem hochmütigen Charakter aber hatte sein Geschäft des Waschens eingestellt und betrachtete aufmerksam die vor im Stehende, erhob sich dann aus seiner sitzenden Stellung, machte erst nach Katzenart einen Buckel und stieß dann ein durchaus freundschaftliches »Mrrrr« aus, was Violanta, die sich darin auskannte, für eine Einladung hielt, den Kopf des Tieres zu streicheln, welche Liebkosung sofort durch ein lautes Schnurren anerkannt und erwidert wurde.

»Sieh an!« machte die Kastellanin mit erhobenen Händen. »Sagte ich's nicht? Eine Herzogin darf ihn streicheln, diesen Numa Pompilius, darunter tut er's nicht in seinem ungeheuern Stolze!«

Der hochmütige Kater tat aber noch mehr, denn als die kleine Gesellschaft, geführt von dem Kastellan, die Treppe hinaufstieg, sprang er von der Bank herunter und trabte unentwegt wie ein Hund neben Violanta her.

Nachdem der Rundgang endlich beendet war, kehrte man in einen mit kostbaren Barockmöbeln eingerichteten Salon des ersten Stockwerks zurück, aus welchem man auf einen balkonartigen Mauervorsprung heraustreten konnte, der eine wunderbare, ganz einzig herrliche Aussicht über die Pontinische Ebene bis zum Meer gewährte.

Es gibt noch viele Leute unter den Reisenden, die sich unter den »Pontinischen Sümpfen« eine öde Wildnis vorstellen, abschreckend dem Auge, ekelhaft den Atmungsorganen, aber wer sie einmal gesehen hat, ändert sehr schnell sein Vorurteil. Eingerahmt einerseits von einem höchst malerischen, grünbewaldeten Gebirge, andererseits von den Ufern des Tyrrhenischen Meeres, sind diese »Sümpfe« eine weite, grüne, mit einem herrlichen Blumenflor wie bestickte Fläche, in welcher Oliven-, Orangen- und Ilexwälder mit wohlgepflegten Bodenfrüchten wechseln, durchzogen von glitzernden Kanälen. In dem hohen Präriegras weiden Herden rahmweißer Rinder mit mächtigen, nach außen gebogenen Hörnern, halbwilde Pferde springen frei in ihren Hürden umher; Schafe, die bei leichtbedecktem Himmel wie versilbert aussehen, grasen auf unendlichen Flächen, und dann und wann flitzt ein Aufseher, der wohlbekannte Campagna-Reiter, auf seinem flinken Roß, dessen Schweif den Boden fegt, eine Art Lanze am Fuß, den Karabiner vorn über den Sattel gelegt durch die Herden, um sie zusammenzutreiben. Und jenseits dieses grünenden, blühenden Geländes schimmert das Meer, das blaue Meer herüber, und aus seinen flachen Ufern erhebt sich mit seinen violetten Konturen der Monte Circello, jetzt ein Vorgebirge, einst, wie man sagt, das Eiland der Circe, an welchem Odysseus landete.

Aber in diesem saftig grünen Gelände, in dieser leuchtend bunten Herrlichkeit lauert der Tod in Gestalt der gefürchteten Malariamücke, die in den Sümpfen brütet.

Violanta Porsenna war über den unvergleichlichen Anblick, der sich ihr von der hohen, gesicherten Warte ihres Schlosses bot, vor Entzücken ganz außer sich.

»Hier möchte ich wohnen, hier!« rief sie aus.

»Nichts hindert Sie an der Erfüllung dieses Wunsches, denn Ihnen gehört dieses Haus, das völlig eingerichtet seine Herrin erwartet«, sagte Nemi. »Sie können heute schon hier bleiben, Sie können morgen kommen, denn es steht Ihnen frei, zu tun oder zu lassen, was Ihnen beliebt.«

»Ich komme! Ich komme, ja, morgen schon komme ich!« jubelte Violanta wie ein beschenktes Kind.

»Bei aller Freiheit deines Willens, – aber allein kannst du hier nicht wohnen, wirklich nicht«, fiel die Principessa ein.

»Allein? Natürlich werde ich nicht allein hier bleiben, denn du wirst mich doch begleiten!« rief Violanta, indem sie die Principessa stürmisch umarmte. »Du hast mir gestern feierlich versprochen, bei mir zu bleiben. Oder bist du nicht gern in Santa Rosa?«

»Doch, sehr gern sogar, denn ich war oft und lange mit meinem Mann hier, und auch mit deinem Urgroßvater, der meine Wohnung immer bereithalten ließ«, erwiderte die Principessa. »Was ich versprochen habe, pflege ich immer zu halten; wenn du mich also magst und mich einlädst –«

Den Rest verschlang eine stürmische Umarmung, mit der Violanta der ihr so schnell liebgewordenen Verwandten ihren Dank kundtat.

»Es ist wirklich ganz eigen«, wunderte sich Violanta bei der Rückfahrt nach Rom, »ich bin hier zum erstenmal, und fühle mich doch ganz daheim, viel, viel mehr, als in dem Palazzo in Rom. Und ich weiß, ich weiß, daß mich das Glück hier erwartet. Ah – was ist das für ein Haus?« unterbrach sie sich, indem sie auf eine Villa deutete, welche neben der Schlucht lag, die Santa Rosa von dem langgestreckten östlichen Gebirgsstock trennte. Diese Villa – unter welchem Namen man in Italien das Grundstück versteht, in welchem das Wohnhaus liegt, – war etwa einen Steinwurf weit von den letzten Häusern der Stadt entfernt; das etwas zurückliegende, halb unter hohen Steinchen versteckte Haus war ein schloßähnliches Gebäude, ähnlich dem Kasino in der Villa Borghese in Rom. Violanta hatte es bei der Herfahrt wohl übersehen, nun aber fiel ihr das elegante Gebäude mit den beiden vorspringenden Flügeln, zwischen denen über dem Vestibolo eine Veranda lag, auf.

»Das ist die Villa Testi, welche zum Heiratsgut der Gemahlin Don Ferrantes gehörte, und hier wohnt der Juwelen-Doktor während der schönen Jahreszeit.«

»Der – wer?« fragte Violanta erstaunt.

»Ah, Altezza wissen natürlich noch nicht, daß Don Ferrante in der ganzen Gegend als der Juwelen-Doktor bekannt ist. Er kuriert nämlich die Leute mit Juwelen, und das ist eine Tatsache«, berichtete Nemi lachend, wodurch er seinen eigenen Zweifeln über die Wirksamkeit der ungewöhnlichen Arznei diskreten Ausdruck gab. »Es hat zu allen Zeiten Menschen, männliche wie weibliche, gegeben, denen der Dilettantismus in der Medizin höchst reizvoll erschien. Der Glaube an die okkulten Eigenschaften der Edelsteine und auch der Edelmetalle ist sehr alt und auch heute noch im Orient an der Tagesordnung. Jedenfalls schwört Don Ferrante auf seine Kuren und hat dafür auch seine Gemeinde. So behauptet er, daß sein Vater nur dadurch sein hohes Alter erreicht hat, daß er ihm in kleinsten Dosen reines Gold beigebracht hat. Mir scheint jedoch, daß die Erfolge dieser Therapie, wie so vieler anderer, auf Suggestion und Autosuggestion beruhen.«

Violanta hatte sozusagen nur mit halbem Ohr zugehört, denn als sie den Berg herabfuhren, war es weniger die Villa Don Ferrantes, als das sich ihrem Auge bietende Naturschauspiel, das sie völlig in Anspruch nahm.

»Lieber Gott, ist das schön!« murmelte sie überwältigt. Und in der Tat: wer zum erstenmal einen Sonnenuntergang in der römischen Campagna erblickt, dem kann man mit Recht zurufen: »Sieh her, und bleibe deiner Sinne Meister!« Denn der Himmel, oben noch tiefblau, allmählich in ein lichtes Apfelgrün verlaufend, war im Westen nun ein Feuermeer, das vom leuchtenden Goldrot in brennendem Scharlach und tiefem Purpur verlief, während über der Ebene ein violetter Schleier schwebte. Von diesem flammenden Hintergrund, dessen geradezu wilde Farbenpracht derart intensiv ist, daß man sich keinen Begriff davon machen kann, wenn man sie nie gesehen, die man gemalt für unnatürlich und übertrieben halten würde, obwohl kein Pinsel imstande ist, sie auch nur annähernd wiederzugeben, hob sich die Silhouette der toten Stadt Ninfa in dem tiefen Purpur-Violett des orientalischen Amethysten unwahrscheinlich vergrößert ab mit dem hochragenden Turm des Schlosses und dem wie geschmolzenes Erz glühenden See, während die flammende Röte des Himmels durch die leeren Fensterhöhlen leuchtete und die Säume der bröckelnden Mauern vergoldete, – ein Bild, das einen im Traum noch verfolgt.

Noch war der letzte Widerschein des Sonnenuntergangs nicht ganz erloschen, als Violanta mit der Principessa im Palazzo Porsenna wieder anlangte, und unmittelbar nach ihrer Ankunft kam auch schon Melanie angewirbelt, die Entschuldigung ihrer Freundin über deren schnödes Verlassen großmütig entgegennehmend.

»Nun ja, als ich dein Billett erhielt, war ich im ersten Augenblick wirklich ein wenig verschnupft, denn die Mühe des Schreibens hättest du dir eigentlich sparen können, weil ich mich dir sicher nicht aufgedrängt hätte, wenn du schon Geschäfte hattest«, erklärte sie unumwunden. »Schließlich habe ich mich den Nachmittag aber doch noch recht gut unterhalten, denn als ich mir die Bibliothek zeigen ließ, um mir darin einen Schmöker zu suchen – höre, du Glückspilz, weißt du auch, wie groß deine Bibliothek ist, wieviel Bände sie enthält, abgesehen von den Inkunabeln und Handschriften. Und der Bibliotheksaal an sich, mit einem Deckengemälde von irgendeinem großen Pinsel des siebzehnten Jahrhunderts gemalt, ist ja schon eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges! Kurz und gut, in der Bibliothek traf ich deinen Herrn Onkel, Don Ferrante – nein, was das für ein schöner, liebenswürdiger Mann ist! Und der hat mir alles gezeigt und erklärt, mich auch unten durch das ganze Piano Nobile geführt und mich dann zum Tee zu seiner Tochter gebracht, die aber nicht ›Muck‹ gesagt, mich dafür aber ununterbrochen angeglotzt hat, wie die Kuh das neue Tor. Unter uns: ein bißchen hat Don Ferrante mich über dich schon ausgequetscht, aber wenn ich es auch merkte, so hat es mich doch nicht weiter verlegen gemacht, denn was hätte ich ihm über dich auch sagen sollen? Wissen wollte er ja wohl hauptsächlich, ob du in Zürich oder Umgegend einen Freund hast oder hattest. Nun, da konnte ich mit gutem Gewissen sagen, daß dir zwar alles zu Füßen lag, daß du aber kalt wie eine ›Hundenase‹ gewesen bist, weshalb du den Übernamen die ›Schneeflocke‹ führtest. Also, wir haben uns famos unterhalten, und ich habe so viele dolci zum Tee gefuttert, bis ich wirklich nicht mehr konnte, woraus du ermessen kannst, wie viele es gewesen sein müssen, denn in diesem Punkte war ich dir immer über.

So, das sind meine Erlebnisse, und nun schieße los, was du getan hast, wo du gewesen bist«, schloß sie ihren überstürzten Bericht.

»Ich war heute nachmittag in Santa Rosa«, erwiderte Violanta, »und ich bin davon so entzückt, daß wir in ein Paar Tagen dorthin übersiedeln werden.«

»Was? Wir bleiben nicht hier? Ich werde nichts von Rom sehen?« rief Melanie entschieden enttäuscht, aber sie sah doch schließlich ein, daß Violanta in ihrer tiefen Trauer nicht gut mit ihr herumziehen konnte, wie eine gewöhnliche Touristin.

Aus den paar Tagen vor der Übersiedelung nach Santa Rosa wurden doch schließlich ein paar Wochen; denn da die liebenswürdige Principessa nun einmal, wie sie scherzend sagte, das Amt einer »Oberhofmeisterin« bei Violanta übernommen hatte, so fühlte sie sich auch verpflichtet, sie auf alles das aufmerksam zu machen, was »man« von ihr erwartete. Zunächst mußte sie am Tage nach der Beisetzung des alten Duca die pflichtschuldigen Besuche bei den Verwandten machen, und zwar den ersten davon bei ihrer Tante, der Schwester Don Ferrantes, die unter dem Namen Schwester Teresa di Gesu Oberin des Klosters der Damen della Santa Annunziata, war. Dieser Besuch wurde für Violanta zu einer Quelle der Freude, denn schon als ihr in dem Sprechzimmer des Klosters die hohe Gestalt der unbekannten Tante im violetten Habit und Skapulier und weißen Schleier entgegentrat, aus dem das vergeistigte, schöne, rassige Antlitz mit den gütigen schwarzen Augen wie eine Camee geschnitten herausblickte, fühlte sie sich gleich mächtig zu ihr hingezogen, und unter der herzlichen Begrüßung verschwand sofort jede Spur von Befangenheit.

»Willkommen, Enkelin meines nie gekannten Bruders Pietro!« kam Donna Ciacinta ihr mit ausgestreckten Händen entgegen. »Nun hat das Haus Porsenna wieder eine Herzogin von Santa Rosa, die erste im eigenen Rechte, die noch dazu Violanta heißt. Eine blonde Violanta, wie unsere Ahnfrau es war! Möge Gott deinen Eingang im Hause deiner Väter segnen und ihm durch das junge Reis den frischen Trieb verleihen, der ihm so nötig ist.«

Im Laufe des Gesprächs kam dann die Rede darauf, daß Violanta die Absicht habe, in der nächsten Zeit nach Santa Rosa überzusiedeln, welchen Entschluß Schwester Teresa guthieß.

»Von allen unseren Villegiaturen habe ich Santa Rosa am meisten geliebt«, versicherte sie. »Meine schönsten Kinder- und Jugendjahre habe ich dort verlebt. Du wirst dich übrigens dort auch ganz in der Nähe von Verwandten befinden«, setzte sie etwas zögernd hinzu. »Ich meine damit nicht meinen Bruder Ferrante, dessen Villa ja gewissermaßen vor den Toren des Schlosses liegt, sondern die Witwe und den Sohn meines Bruders Luigi. Man kann den Gutshof von Santa Rosa in Vigna zu Fuß in einer guten halben Stunde erreichen. Ich weiß zwar nicht, wie du dich zu ihnen stellen willst –«

»Es wird mein Erstes sein, mich meiner Tante dort vorzustellen«, fiel Violanta ein. »Ich weiß ja natürlich, daß die Familie den Onkel Luigi seiner Heirat wegen boykottiert hat, aber es fällt mir nicht ein, die Familienfehde weiterzuspinnen. Ob, vom Standpunkt der Porsennas aus betrachtet, das Verfahren berechtigt war, wage ich nicht zu beurteilen; das Schweizer Blut in mir, das Blut meiner Mutter und Großmutter lehnt sich dagegen auf. Ja, wenn Onkel Luigi ein Mädchen aus der Hefe des Volkes geheiratet hätte, dann könnte man die Haltung meines Urgroßvaters und der ganzen Familie verstehen, aber die Tochter eines Bauern steht doch eigentlich hoch darüber.

Schwester Teresa drückte Violanta die Hand.

»Ich habe mich auch nie dazu verstehen können, den Verkehr mit Luigi und den Seinen abzubrechen«, meinte sie. »Ich hatte nämlich mit Filomena Volpe in Sacre Coeur Freundschaft geschlossen und freute mich, daß sie meine Schwägerin wurde. Ihr Vater, der alte Volpe, war ein Ehrenmann vom rechten Schrot und Korn, er hatte seinen Familienstolz so wie wir, und für sein einziges Kind war ihm ein Porsenna gerade gut genug. Übrigens hatte auch er außerhalb seines Standes geheiratet, nämlich ein sehr armes Edelfräulein, deren Einfluß es zu verdanken war, daß die Tochter eine gute Erziehung erhielt. Nun, ich bin also meiner Mädchenfreundschaft treu geblieben und freue mich heute noch, wenn meine Schwägerin mich besucht, so oft sie nach Rom kommt, sie und ihr Sohn, mein sehr lieber Neffe, ›der Bauer Porsenna‹, der nebenbei ein sehr gebildeter Mann ist, in Rom, Bologna und Padua studiert hat, Doktor der Rechte ist und mit Vorliebe heute noch bei der Universität hospitiert. Es ist allerdings nicht zu leugnen, daß sich in ihm der aristokratische Stolz der Porsenna mit dem Bauerstolz der Volpes zusammengeschweißt hat; nun, jeder Mensch hat eben seine Fehler. Ich freue mich, daß du den Verwandten in der Vigna nähertreten willst, und bin überzeugt, daß es dich nicht reuen wird. Du solltest dich in diesem Entschluß von meinem Bruder Ferrante auch nicht abbringen lassen.«

»Ich bin keine Windfahne, ehrwürdige Tante«, versetzte Violanta. »Wenn ich einmal etwas für recht und richtig erkannt habe, dann bleibe ich auch dabei. Ich halte es für ein Gebot der Höflichkeit, mich den Verwandten in der Vigna vorzustellen, und werde es ganz sicherlich tun, ohne mich mit Onkel Ferrante darüber erst zu beraten. Aber ich habe Olga meine Absicht mitgeteilt, und sie hat sich sofort bereit erklärt, mich zu begleiten, um lang Versäumtes nachzuholen.«

»So ist es recht, von dir wie von ihr, denn ich weiß, daß Olga den Verwandtenzwist nie gebilligt hat. Und weil ich dich als eine echte Porsenna erkannt habe, so will ich dir zum Angebinde eine alte Familienreliquie zurückgeben, die mein Vater mir, als seiner einzigen Tochter, als Leihgabe gewissermaßen anvertraute, als ich noch daheim war und eben ins Leben trat. Wir Klosterfrauen sollen ja keine irdischen Besitztümer haben, ich durfte den Schmuck, denn ein solcher ist es, jedoch behalten, weil er nach meinem Tode wieder an die Familie zurückfallen sollte. Vielleicht hast du von unserer Ahnfrau Violanta, der zweiten Herzogin von Santa Rosa, gehört, die, aus großem spanischem Hause entsprossen, das mit dem ersten spanischen Vizekönig nach Neapel kam, das unschuldige Opfer einer schmählichen Intrige wurde. Sie war von ihren Feinden fälschlich der Untreue angeklagt worden. Der Herzog, welcher seine schöne blonde Frau mit den sanften schwarzen Augen schwärmerisch liebte, hätte die Anklage sicher unbeachtet gelassen, aber die Verschwörer hatten Sorge getragen, die Verleumdung in ganz Rom zu verbreiten. Nach damaligen Begriffen war damit die Ehre des Hauses an den Pranger gestellt und der Herzog damit gezwungen, als Herr über Leben und Tod seiner Untertanen und kraft des Rechtes der Jurisdiktion über seine eigene Frau zu Gericht zu sitzen. So lebhaft Violanta ihre Unschuld auch beteuerte, um so erdrückender waren die Aussagen bestochener und erkaufter Zeugen gegen sie und ihr schönes, junges Haupt fiel auf dem Block unter dem Beile im Kastell Santa Rosa. Daß bald nachher die Unschuld der Armen sonnenklar ans Licht kam und der Herzog selbst seine Tat mit den Verleumdern durch das Schwert in der Engelsburg büßen mußte, war die irdische Sühne für den Tod der armen Märtyrerin, als welche das Haus Porsenna sie seitdem verehrt. Nun, auf ihrem letzten Gange trug sie den damals schon alten Schmuck, der im Besitz der Familie blieb und als Reliquie gilt. Ich gebe ihn dir heute zurück – hier ist er.«

Damit zog Schwester Teresa ein Etui aus der Tasche, dessen mit Leder bezogener Deckel das Wappen der Porsenna, gepaart mit dem der spanisch-neapolitanischen Familie, der die unglückliche Ahnfrau entsprossen, und überragt von einer Fürstenkrone in italienischer Stiftvergoldung, schmückte, und in ihm lag der eigenartige Schmuck, ein Anhänger in der Form eines achteckigen, goldenen Sterns, dessen Zacken je eine orientalische Perle schmückte, während in der Mitte ein herzförmig geschliffener, sehr schöner großer orientalischer Rubin prangte. Auf der Rückseite war der Rubin mit einer Goldplatte bedeckt, auf welcher das Heilandswort aus dem Evangelium des heiligen Matthäus 6, 21 graviert war:

»UBI THESAURUS TUUS IBI ET COR TUUM.«

Violanta, welche tiefergriffen die Geschichte der Ahnfrau zum erstenmal hörte, war von dem eigenartigen, sicher sehr alten Schmuck ebenso entzückt, wie von der Güte der Spenderin, die sich ihrerseits über die Begeisterung, mit welcher ihre Gabe aufgenommen wurde, kindlich freute.

»Vergiß nie die Bedeutung der Worte, die hier eingegraben sind, und halte dich an sie: ›Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz‹«, sagte sie warm. »Ich habe mich von ihnen leiten lassen, und meinen Schatz in diesem Gewande weltlicher Entsagung und in der Jugend gefunden, die meiner Leitung anvertraut ist. Zu welchem Schatz dein Herz dich immer auch ziehen wird, so folge ihm unentwegt, wende dich von ihm durch weltliche Einflüsse nicht ab, denn was Rost und Motten fressen können, wird und darf nie dein einziges und letztes Ziel sein. Und vergiß nicht, daß hier in diesen stillen Mauern, unter diesem Habit ein Herz für dich schlägt, dessen Gebet und dessen Rat immer von dir gesucht werden kann.«

Violanta fühlte sich wunderbar erhoben und beglückt, als sie das Kloster verließ, ihren Weg fortzusetzen, um ihren anderen Verwandten den erwarteten, förmlichen Besuch abzustatten.

»Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz«, wiederholte sie unterwegs. »Ist mein Schatz der Besitz, in den ich kraft meines Erbrechtes eingetreten bin, ihm als ›getreuer Verwalter‹ für kommende Geschlechter vorzustehen? Noch weiß ich ja nicht, ob diese Erbschaft mich glücklich machen, mein Herz ausfüllen wird. Wohl bin ich dazu erzogen worden, mein Herz an ihn zu hängen, weil er mein Recht ist, weil ich um ihn kämpfen soll, wenn er mir bestritten wird, und nun ich einen Teil davon wenigstens kenne, freut er mich auch, bin ich stolz darauf, aber – Rost und Motten können ihn fressen, also kann er wohl nicht der Schatz sein, den diese liebe, herrliche Tante gemeint. Vielleicht, vielleicht –«

Über ihren Empfang bei den Töchtern Don Ferrantes konnte Violanta ganz befriedigt sein ; er war verwandtschaftlich und herzlich. Den ernsten, etwas steifen Conte Cataldi hatte Violanta daheim nicht vorgefunden, und auch der Minister kam erst nach Hause, als sie eben wieder aufbrechen wollte.

»Nun, Kusine, haben Sie sich von Ihrem Empfang durch meinen Schwiegervater erholt?« war sein erstes Wort bei der Begrüßung. »Nun ja«, meinte er, als Violanta lachend versicherte, daß die Erholung schon ganz gut vorgeschritten sei. »wenn meine Frau nicht aus purer Neugier den guten Einfall gehabt hätte, die ganze Familie zu Ihrer Begrüßung zusammenzutrommeln, ich also nicht dabei gewesen wäre, um auf dem kritischen Punkt dazwischenzufahren, dann hätte sich die Sache leicht zuspitzen können und der weiße Löwe Nemi etwas zu tun gekriegt. In Erwartung dessen er Sie vermutlich auch begleitet hat. Daß mein Schwiegervater Ihnen durch seinen Esel von Anwalt sofort eine – hm – Ablösung vorschlagen ließ, beweist, daß er seinen Prinzipien in punkto der Rechtmäßigkeit der weiblichen Erbfolge doch nicht recht traut, denn sein Vorschlag ist nichts mehr und nichts weniger als eine Anerkennung Ihrer Rechte, was dieses Rhinozeros, sein Anwalt, ihm eigentlich hätte sagen müssen. Also heben Sie sich dieses kostbare Schreiben nur ja gut auf. Und sollten Sie jemals in eine Lage kommen, in der Sie einen Ratschlag brauchen, dann rufen Sie mich nur getrost; ich stehe Ihnen gern zur Verfügung, falls Sie nämlich Vertrauen zu mir fassen können.«

»Ich kann's nicht nur, ich hab's sogar schon getan«, versicherte Violanta dankbar. »Ihr Dazwischentreten bei meinem Empfang durch Onkel Ferrante hat dieses Vertrauen sofort in mir begründet, ich werde Ihr freundliches Anerbieten sicherlich nicht verschmähen, falls mir namentlich von derselben Seite Schwierigkeiten bereitet werden sollten. Da ich in der nächsten Zeit nach Santa Rosa übersiedeln werde, wird Onkel Ferrante mein nächster Nachbar.«

»Oh, Sie wollen nach Santa Rosa gehen? So, so! Nun, ich glaube nicht, daß mein Schwiegervater Ihnen offenkundige Schwierigkeiten bereiten dürfte. Er kann ja sehr liebenswürdig sein und ist auch viel zu klug, den Don Quichotte zu spielen, namentlich wenn er einmal eingesehen hat, daß es – Windmühlenflügel sind, gegen die er kämpft. Aber er ist nicht nur klug, sondern auch sehr gerissen, was mich zu dem unerbetenen Rat verleitet, ihn nicht unbedingt zum Vertrauten zu machen. Vielleicht befremdet Sie das in Anbetracht dessen, daß es der Vater meiner Frau ist, von dem ich also spreche, vielleicht stößt es Sie sogar ab, aber das muß ich eben riskieren, weil ich es für meine Pflicht halte, Sie ein klein wenig zu warnen. Mein Schwiegervater tut nichts ohne Überlegung, und wo er keinen geraden Weg zur Erreichung seiner Zwecke sieht, wird er, bilde ich mir ein, sicher den krummen gehen. Wo er selbst nicht zugreifen kann oder ihm das nicht geraten scheint, wird er sich ohne Bedenken einer Katzenpfote bedienen, die ihm die Kastanien aus dem Feuer holt.«

Violanta fuhr mit einem vagen Gefühl der Unruhe davon, denn sie selbst war so wenig, so gar nicht hinterhältig, daß sie sich keinen rechten Begriff von den Worten des Ministers machen konnte, wennschon die Warnung darin nicht zu überhören war.

Mit den Besuchen bei den nächsten Verwandten war Violantas Eintritt in die neue Welt noch lange nicht erledigt; sie mußte sich auch, begleitet von der Principessa Olga, der übrigen Sippe vorstellen, was einen wahren Rattenkönig von entfernteren Tanten und Onkels, Vettern und Basen bedeutete. Die große Rundtour in den Palästen ihres Kreises hatte Zeit bis zum Herbst, wenn die Wintersaison eröffnet wurde. Was aber nicht Zeit hatte, das waren die pflichtschuldigen Audienzen im Vatikan bei dem Papst und den Kardinälen, die darauffolgenden bei dem König und der Königin ; die erstere als treue Tochter der Kirche, die letztere als landsässige Fürstin im eigenen Recht.

Daß zwischen allen diesen Erfordernissen Melanie Oster gewissermaßen als Fesselballon in der Luft schwebte, verankert im Palazzo Porsenna, war nicht zu ändern. Melanie hatte viel Zeit für sich, und hier sprang Don Ferrante galant und liebenswürdig ein. Indem er seinen Töchtern erklärte, die kleine Zigeunerin mit ihrem schlagfertigen Mundwerk mache ihm Spaß, nahm er sie unter seine Fittiche, das heißt, er fuhr und ging mit ihr aus, zeigte ihr Museen, Kirchen, Forum und Palatin und so weiter, wodurch Melanie von Rom mehr zu sehen bekam, als die Römerin Violanta, die ihm wirklich dankbar dafür war und es dem älteren Herrn, der übrigens noch wie der Bruder seiner Tochter aussah, hoch anrechnete, daß er sich ihres Gastes so gütig und väterlich annahm.

»Onkel Ferrante in der Rolle eines väterlichen Lämmerhirten ist auch wieder mal eine neue Seite seines schillernden Wesens«, meinte die Principessa trocken dazu. »Ich hab's übrigens vom ersten Tage an gesehen, daß Fräulein Oster ihn interessierte, was mehr ist, als ich begreifen kann, denn sie ist zwar eine ganz pikante Erscheinung, aber ich halte sie für oberflächlich, unaufrichtig und neidisch.«

»Olga! Ist das dein Ernst?« fragte Violanta frappiert. »Ich kenne Melanie doch seit meinen Kindertagen, und –«, sie stockte, denn es fiel ihr plötzlich so mancher Zug ein, der in das von der Principessa entworfene Bild paßte, und es wurde ihr mit einem Male klar, warum sie Melanie im Grunde ungern mit nach Rom genommen hatte.

»Nun ja, die Macht der Gewohnheit hat dich eben blind gemacht«, ergänzte Olga Porsenna verständnisvoll.

Dabei wußte die so klar sehende Principessa nicht einmal, daß Melanie bereits eine »Anleihe« gefordert hatte, um ihre Garderobe zu ergänzen. Ja sie befand sich in einem wahren Einkaufsrausch, und es war hohe Zeit, sie den Verführungen der römischen Schaufenster zu entrücken. An sich waren diese »Auslagen« für Violantas Mittel ohne Bedeutung. Es war nur die Selbstverständlichkeit und Unaufrichtigkeit, mit der Melanie diese »Anleihen für Zeit und Ewigkeit« ohne Dank an sich nahm, die Violanta mißbilligte.

Über den notwendigen Geschäften, Besuchen und Audienzen waren gut zwei Wochen vergangen, bevor Violanta mit der Principessa, Melanie und dem üblichen Troß an Dienerschaft nach Santa Rosa übersiedeln konnte, und wie befreit atmete sie auf, als ihr Auto sie ins Freie, auf die Höhe ihres Stammsitzes entführte. Herausgerissen aus ihrem ruhigen, beschaulichen und im Vergleich auch bescheidenen Mädchendasein in Zürich, verpflanzt in ein ihr so fremdes Dasein, in eine Lebensstellung, auf die sie zwar vorbereitet worden war, die aber doch Anforderungen an sie stellte, von denen sie keine Ahnung gehabt, hatten diese ersten Wochen sie bedrückt und physisch ermattet. Der zwar prächtige, aber düstere Palast im Herzen Roms hatte niederdrückend auf ihr Gemüt gewirkt. Von Stunde zu Stunde hatte sie sich dringender hinausgesehnt nach dem so herrlich gelegenen Schloß auf luftiger Höhe über der grünen, mit Blumen überschütteten Campagna, und »dort werde ich glücklich sein, glücklich und frei!« tröstete sie sich selbst, wenn sie es in dem täglich heißer werdenden Rom nicht mehr aushalten zu können meinte. Was sie mit dem Glücklichsein meinte, hätte sie selbst kaum sagen können, sie hoffte und ahnte mehr, als sie es auszudrücken vermochte, daß etwas Wunderbares in Santa Rosa auf sie wartete und daß sie viel zu lange schon gezögert, dem Unbekannten Unnennbaren, Ungreifbaren entgegenzukommen. Die Principessa hatte ihr gesagt, daß »man« später von ihr ein offenes Haus erwarte, das heißt, daß sie es einem Schwarm von Gästen öffnen müsse, und Violanta war froh, daß die tiefe Trauer des Hauses Porsenna ihr für diesen Sommer noch eine derartige Prüfung ersparte, denn bei aller jugendfrischen Lebensfreudigkeit neigte sie doch mehr zur Einsamkeit, diesem kostbaren Gute Erwählter, das viele lieben, die Mehrzahl aber fürchtet und flieht. Wie erlöst kam sie sich darum vor, als die Mauern Roms hinter ihr lagen.

»Das ist Santa Rosa?« fragte Melanie mit großen Augen, als der aus dem Gebirge hervorspringende Fels, gekrönt von dem Schloß, auftauchte. »Dieses riesige Schloß dort oben? Ja, was willst du denn mit solch einem Schloß anfangen? Hast du denn nicht genug mit dem Palast in Rom?« setzte sie neidisch hinzu.

»Oh, Vio hat noch mehr solcher Schlösser, vom Castell Aquasanta nicht zu reden«, meinte die Principessa. »Übrigens können wir einmal einen Tagesausflug nach Aquasanta machen, denn gesehen mußt du, liebste Vio, dieses Eulennest in den Abruzzen wenigstens haben. Ein grauer, drohender, efeuumsponnener Steinkasten mit Wehrgängen, Hallen und Sälen, in denen der Wind ein schauerliches Echo weckt, in denen es heult, pfeift und wehklagt, als ob die ganze Hölle darin losgelassen wäre; mit einer Gruft voll von verrotteten Särgen, grauenvollen Verließen und einem Hungerturm. Wer das Gruseln lernen will, der braucht im Castell Aquasanta, meinem offiziellen Witwensitz, von dem mir aber nicht ein Stein gehört, nur eine Nacht zuzubringen, dann weiß er, wie es ist.« 

»Wie? Aquasanta gehört nicht Ihnen, Altezza?« fragte Melanie.

»Nein, ich habe nur das Recht, das Schloß als Witwensitz zu bewohnen, wofür ich aber ganz ergebenst danke«, versetzte die Principessa, sich schüttelnd. »Der Titel mit dem Besitz ging nach dem Tode meines Mannes auf unser Söhnchen über und nach dessen frühzeitigem Hinscheiden auf den nächstberechtigten Erben. Vio hat also schon seit vier Jahren das Recht, sich Fürstin Aquasanta zu nennen.«

»Und ich habe unbewußt drei Jahre mit einer Fürstin verkehrt, wie mit jeder anderen Schulkameradin!« rief Melanie naiv. »Aber daß du mir auch niemals den leisesten Wink gegeben hast, verzeihe ich dir nie!«

»Nur keine Aufregung, – Fräulein Osters Anwesenheit allhier ist der beste Beweis, daß diese Drohung ernstlich nicht gemeint ist«, fiel die Principessa trocken ein.

»Natürlich nicht«, beeilte Melanie sich lachend selbst zu widersprechen. »Und was werden wir in dem Schlosse dort oben tun?«

»Herrliche Sommertage werden wir verleben, Entdeckungsreisen drinnen und draußen machen, hinaus bis ans Meer, hinein in die Berge«, rief Violanta mit strahlenden Augen. »Ich werde nicht wanken und weichen, bis der Winter uns nach Rom zurücktreibt, nach Rom, von dem ich noch so wenig kenne, daß man es eigentlich nichts nennen muß. Die Trauerzeit ist ja ein herrlicher Vorwand, den gesellschaftlichen Verpflichtungen für ein ganzes Jahr zu entgehen, denn ich muß schon bekennen, daß ich davor einen heilsamen Schrecken habe.«

»Also werden wir nächsten Winter in Rom gar nichts mitmachen?« fragte Melanie mit langem Gesicht.

»Oh, gedenken Sie den Winter über bei Vio zu bleiben?« erkundigte sich die Principessa, bevor ihre Kusine im ersten Schrecken, über den sie sich sofort selbst Vorwürfe machte, eine Antwort fand.

»Nun ja«, erwiderte Melanie, ganz erstaunt über diese Frage. »Vio hat mich ja auf eine bestimmte Zeit nicht eingeladen, und wenn sie mich nicht etwa hinauswirft –«

»Schwatze keinen Unsinn«, fiel Violanta hastig ein, da sie fühlte, daß dies das Wenigste war, was sie sagen mußte. »Als ich dich bat, mich zu begleiten, hatte ich nicht daran gedacht, daß die Trauer mir solch große Zurückhaltung auferlegen würde, sonst hätte ich dich gebeten, später zu kommen. Mitgefangen, mitgehangen«, setzte sie mit einem Versuch zum Scherz hinzu, aber es kam ihr nicht von Herzen, was die feinen Ohren der Principessa wohl heraushörten.

»Nun, Konzerte und Theater werden hoffentlich doch nicht auf dem Index stehen«, sagte Melanie, sichtlich enttäuscht. »Oder doch?«

»Konzerte und Theater sind öffentliche Vergnügungen, die mit unserer Auffassung von Trauer für einen so nahen Verwandten, den Chef des Hauses, nicht übereinstimmen«, kam die Principessa Violanta wieder zu Hilfe, und zwar dieses Mal so scharf, wie sie es in ihrer Gutmütigkeit zuwege brachte. »Sie werden sich schon daran gewöhnen müssen, Fräulein Oster, Ihre Freundin zu den prominenten Personen zu rechnen, deren Beispiel tonangebend ist, auf welche die Augen von ganz Rom gerichtet sind. Was Vio privatim für Sie ist, spielt keine Rolle – vor der Welt ist sie die Herzogin von Santa Rosa, welche die Würde ihrer Stellung aufrechtzuerhalten verpflichtet ist.«

»Danke schön für die Lektion«, versetze Melanie schnippisch, da sie aber doch uneingestanden Respekt vor der großen Dame hatte, so setzte sie gleich entschuldigend hinzu: »Wäre Vio über ihren wahren Rang nicht so zugeknöpft gewesen, hätte sie mir wenigstens einen kleinen Wink gegeben –«

»Laß doch endlich mal diese ewigen Spitzen, Melanie, die schon anfangen, langweilig zu werden«, fiel ihr Violanta ungeduldig ins Wort. »Sieh dir lieber diese wunderbare Landschaft an, und dort die Silhouette der toten Stadt Ninfa!«

»Was kaufe ich mir für eine tote Stadt?« lachte Melanie, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen. »Lebende Städte sind mir lieber, und aus Landschaften habe ich mir nie etwas gemacht, vielleicht weil wir von diesem Artikel zuviel in der Schweiz haben. Gemalt sind sie ja soweit ganz nett – na, mach nur kein solch empörtes Gesicht, das ich schon zur Genüge kenne, wenn ich aus meinem Herzen keine Mördergrube mache. Für mich sind Bäume Bäume und Berge Berge, dafür kann ich nichts. Aber das Schloß da droben macht sich wirklich von weitem ganz entfernt, sieht wirklich feudal aus. Hoffentlich ist's in der Nähe und inwendig noch hübscher.«

»Hoffen wir, daß es Ihren Beifall hat; für die Porsennaschen bescheidenen Ansprüche hat es immer noch genügt«, versetzte die Principessa lachend. »Womit natürlich aber nichts gesagt ist, denn das ist Geschmackssache. Viele ziehen ein modernes Landhaus einem siebenhundertjährigen Schlosse wesentlich vor.«

»Spukt's auch in Santa Rosa?« erkundigte sich Melanie, ohne darauf einzugehen, was sie vorzog. 

»Nun, so massenhaft wie im Castell Aquasanta gehen die Geister in Santa Rosa nicht um«, erklärte die Principessa.

»Immerhin schwören die Leute dort auf gewisse Erscheinungen, die ich allerdings noch nicht zu Gesicht bekommen habe, wahrscheinlich, weil ich nur eine angeheiratete Porsenna bin. Aber der alte Duca und mein seliger Mann glaubten daran, wenigstens lehnten beide es ab, darüber zu sprechen, wenn die Rede darauf kam, indem sie sagten, man täte besser, über derlei Dinge weder zu lächeln, noch sie kurzerhand ins Reich der Einbildung zu verweisen. Vor allem ist es der arme kleine Giacomo Porsenna, welcher im Jahre 1500 durch Cesare Borgia so schändlich ermordet wurde, dessen rührende Erscheinung schon viel gesehen haben wollen, und dann ist es eine gewisse Donna Violanta –«

»Ich weiß, ich habe ihre Geschichte von Tante Ciacinta gehört, die mir einen Schmuck schenkte, den jene getragen – einen Stern mit einem Herzen von Rubin darin«, fiel Violanta lebhaft ein. »War es auf Santa Rosa, wo die unschuldig Verleumdete ihren schrecklichen Tod erlitt?«

»Ja«, bestätigte die Principessa. »Ihre irdischen Überreste sind in der alten Familiengruft droben in der Kirche von Santa Rosa beigesetzt, aber ihr Herz ließ ihr Gemahl, der schwach genug war, die von ihm so Heißgeliebte der sogenannten Ehre des Hauses zu opfern, einbalsamieren, um es ständig bei sich zu haben, wie man sagt, aber man weiß nicht, wo diese Reliquie hingekommen ist.«

»Und diese Violanta geht droben im Schloß um?« fragte Melanie skeptisch.

»Ja nun, die Leute behaupten es wenigstens«, antwortete die Principessa. »Mein Mann und sein Vater vermieden ja das Thema, wie ich schon sagte. Meine Kammerfrau, die es vom Majordomo oder dessen Frau gehört hat, erzählte mir, daß die Erscheinung sich nur auf bestimmte Räume beschränkt, Räume, ›in denen sie ihr Herz sucht‹. Ich finde die Idee eigentlich sehr poetisch; sie würde einen rührenden Stoff zu einer Ballade geben.«

 

Die erste »Person« – wenn man so sagen darf, – welche Violanta bei ihrem Einzug in Santa Rosa im buchstäblichen Sinne des Wortes »begrüßte«, war der Kater Numa Pompilius, der auf der Schwelle des Portals im Innenhofe saß und sich eifrig wusch. Beim Klange von Violantas Stimme, die ihn anrief, stieß das intelligente Tier ein lautes »Mrrau« aus, sprang ihr entgegen, als sie aus dem Auto stieg, und drückte seine Freude des Wiedersehens nicht nur durch ein kräftiges Schnurren aus, sondern blieb auch an ihrer Seite, als sie die Treppe emporstieg, um sogleich ihre Zimmer, zu denen der Salon gehörte, welcher auf den balkonartigen Söller führte, in Besitz zu nehmen. In dem Salon war auch schon der Teetisch zurechtgemacht, und die drei Damen setzten sich sogleich zu dem erfrischenden Getränk nieder, bevor die Principessa und Melanie in ihre Gemächer im oberen Stockwerk sich hinaufbegaben. Kaum daß sie sich gesetzt, nahm Numa Pompilius unaufgefordert den vierten Platz ein, was Melanie sofort beanstandete.

»Huh, das gräßliche Vieh!« rief sie aus, und schlug mit der Serviette nach ihm. »Ksch! Ksch! Mach, daß du fortkommst, du gelbes Ungeheuer!«

Numa Pompilius nahm das aber entschieden übel; ohne sich von seinem Sessel herunterzurühren, machte er einen Buckel, sein an sich schon buschiger Schwanz sträubte sich, daß er wie ein Lampenzylinderputzer aussah, seiner Brust entrang sich ein drohendes Knurren, das in einem energischen Fauchen und Spucken endete –«Hch! Pff! Pt!« – seine smaragdgrünen Augen phosphoreszierten, groß wie zwei Lokomotivenlaternen, und hätte Violanta ihn nicht durch Streicheln beruhigt, wäre er sicher zum tätlichen Angriff auf seine Widersacherin übergegangen.

»Aber Melanie, wie du dieses Prachtexemplar von einer Katze ein gräßliches Vieh nennen kannst, begreife ich nicht«, sagte sie vorwurfsvoll. »Ihr habt daheim doch auch eine Katze –«

»Mir ist das Tier einfach unheimlich«, murmelte Melanie, und mit ihrem girrenden Lachen fuhr sie fort: »Aber der Tee ist gut, und ich stehe auch nicht an, dieses Haus großartig zu finden.«

»Und der Blick von diesem Balkon über die Campagna bis zum Meer ist hoffentlich auch deiner Beachtung wert«, fiel Violanta ein. »Komm, tritt heraus und gestehe, daß du Ähnliches noch nicht gesehen hast.«

»Recht nett«, versicherte Melanie großmütig, jedoch verabschiedete sie sich bald darauf, was auch die Principessa veranlaßte, sich zurückzuziehen.

Violanta machte sich dann, gefolgt von Numa Pompilius, in den ihr noch fremden Räumen heimisch, die nun für längere Zeit ihre Heimat werden sollten. Den Salon hatte sie vorweg zu ihrem Empfangsraum bestimmt, wo sich ihre Hausgenossen am Nachmittag zum Tee einfinden sollten; an ihn schloß sich nach Osten zu das Wohn-und Arbeitszimmer, groß, hell und luftig wie der Salon, und durch ein kleineres Bibliothekzimmer gelangte man in das wiederum sehr große Schlafgemach, neben welchem eine Garderobe und ein Badekabinett lagen.

In der Garderobe war die Violanta sehr angenehme Kammerjungfer Marietta bereits beschäftigt, aus den schon früher angelangten Koffern Wäsche und Kleidungsstücke in die Schränke einzuräumen. Violanta ging durch die kleine, aber reich gefüllte Bibliothek, die mit ihrem vor dem Fenster aufgestellten Lesetisch und den hochlehnigen lederbezogenen Armsesseln einen recht behaglichen Eindruck machte, zurück in das Wohnzimmer, auf dessen Diwan von goldgelbem, schwerem Seidendamast, Numa Pompilius inzwischen ein Plätzchen entdeckt hatte, das seiner Auffassung von luxuriöser Behaglichkeit zu entsprechen schien. Denn er lag auf einem großen, weichen Kissen von silbergrauem Atlas so zufrieden schnurrend da, als sei das sein gutes Recht, und Violanta konnte auch nicht umhin, zu gestehen, daß dies zarte Grau, umrandet von goldenen Schnüren und Quasten, ganz der richtige Hintergrund für das rote Fell ihres vierbeinigen Verehrers war, der sich mit selig-zufriedenem Ausdruck unter ihrer liebkosenden Hand dehnte und das Lob seines guten Geschmackes selbstgefällig entgegennahm.

Violanta hatte bei der Wahl ihrer Zimmer kaum geschwankt und die früher von ihrem Urgroßvater bewohnten Räume sogleich den anderen vorgezogen. Namentlich das Wohnzimmer mit seinen kostbaren, schönen Mahagonimöbeln im reinsten italienischen Empirestil, hatte es ihr beim ersten Blick angetan, ihr den Raum gleich lieb und wert gemacht. Die mit grauen, goldblumenbestreuten seidenen Damasttapeten bespannten Wände, an denen einige treffliche alte Gemälde bedeutender Künstler und Familienporträts hingen, der monumentale, allerdings der Renaissance angehörige Kamin von gelbem weißgeäderten Marmor, die goldfarbenen Vorhänge der Türen und Fenster von dem Stoff der Möbelüberzüge, – alles das stimmte wunderbar fein und vornehm zusammen und machte das große, hohe Zimmer zu einer Perle der Raumkunst, imposant und wohnlich zugleich. Der Fußboden war ja natürlich wie im ganzen Schlosse nach italienischem Brauch von Marmorbreccia, aber alte, unschätzbare orientalische Teppiche bedeckten ihn zum größten Teil, und der Plafond, mit seiner hölzernen, reichgeschnitzten, bemalten und vergoldeten Kassettendecke, der gleichen Epoche wie der Kamin angehörig, ergänzte harmonisch den ebenso prächtigen wie behaglichen Raum.

Bevor Violanta sich noch entschieden hatte, welches der verschlossenen Möbel sie zuerst öffnen sollte, zog die Glut des beginnenden Sonnenunterganges sie an eines der offenen Fenster. Da sich auf der Höhe, auf welcher das Schloß lag, die übliche Vorsicht, die in der Ebene nötig war, erübrigte, nämlich mit dem scheidenden Tage die Fenster zu schließen, um die zu dieser Stunde aufsteigenden Nebel mit ihren fieberbringenden Miasmen nicht in die Wohnräume eindringen zu lassen, hatte man die Fenster weit geöffnet gelassen und gewährte der herüberstreichenden Prise vom Meer ungehinderten Eintritt.

Das unbeschreiblich großartige Schauspiel des Sonnenunterganges fesselte Violanta dermaßen, daß sie darüber gar nicht hörte, wie Marietta mit den ausgepackten Sachen hereinkam. Erst als die Glut schon zu verblassen begann und die schnell sich herabsenkende Dämmerung die Campagna drunten in ein geheimnisvolles Zwielicht hüllte, wurde sie durch ein Klopfen an der Tür vom Fenster fortgezogen, und auf ihr »Avanti« trat Attilio ein, um zu melden, daß der Pranzo im kleinen Speisesaal angerichtet sei. Attilio öffnete danach die Tür, welche direkt auf das große und prächtige Vestibolo, in welches die Treppe aus der Halle mündete, hinausführte.

Violanta sah sich heute eigentlich zum erstenmal diesen Vorplatz genauer an, und im Hinblick auf die glatte Mauer, welche sich neben der Tür, durch die sie hinaustrat, bis zur Einmündung des links abzweigenden Korridors etwa acht bis neun Schritt hinzog, fragte sie:

»Jener Gang führt ja wohl direkt zu meiner Garderobe, beziehungsweise in den östlichen Flügel längs des Hofes, die Rückwand meines Wohnzimmers aber schließt mit dieser Ecktür ab, was also hat dieser Vorsprung zu bedeuten?«

 »Ah, Altezza haben mit dem ersten Blick gesehen, was den wenigsten auffällt, nicht einmal den Hausbewohnern«, erwiderte Attilio. »Dieser Mauervorsprung, welcher der Breite der Garderobe entspricht, umschließt einen versteckten Raum, der wohl früher zur Aufbewahrung des Silberzeugs und anderer Wertgegenstände, namentlich in unruhigen Zeiten, bestimmt war. Fenster hat diese Kammer nicht; frische Luft also könnte ihr wohl nur durch eine angeblich vorhandene, aber wohlverborgene Tür, die in die Bibliothek führen soll, zugeführt werden. Ob die Kammer noch etwas enthält, vielleicht altes Gerümpel, kann ich nicht sagen; daß sie aber existiert, hat der verstorbene Herr Herzog mir selbst gesagt, mit dem Bemerken, daß er den Raum selbst niemals betreten hat. Er ist verschlossen geblieben, seit der Vater des seligen Herrn Herzogs als junger Mann einen Nervenschock darin erlitten hat, dessen Nachwirkung er sein ganzes Leben hat spüren müssen.«

»Lieber Himmel, dann muß ja seit mehr denn hundert Jahren kein Mensch mehr diese Kammer betreten haben!« rief Violanta aus. »Wie gelangt man denn hinein?«

»Das weiß ich nicht«, erklärte Attilio kopfschüttelnd. »Der Herr Herzog erwähnte nur, daß man aus der Bibliothek hineingelangen soll, aber gefunden habe ich den Eingang nicht, obwohl ich, neugierig, wie ich in jüngeren Jahren noch war, danach gesucht habe, wie ich bekennen muß.«

»Und was hat den Nervenschock meines Ur-Urgroßvaters verursacht?« erkundigte sich Violanta, die die Neugier des alten Kammerdieners sehr gut begriff.

»Darüber haben der Herr Herzog nichts gesagt. Er hat es selbst nicht gewußt, da sein Herr Vater strenges Stillschweigen darüber beobachtete«, antwortete Attilio und setzte ängstlich hinzu: »Altezza werden doch hoffentlich den Raum nicht betreten wollen? Und wenn schon, dann doch sicher nicht allein!«

»Nun, reizen könnte es mich gewiß, genau wie es Sie gereizt hat, das eventuell darin befindliche Gerümpel in Augenschein zu nehmen«, gestand Violanta lachend. »Aber die Gefahr ist nicht groß, denn was Sie nicht gefunden haben, nämlich den sagenhaften Eingang, werde ich wohl kaum entdecken. Sollte mir das zufällig aber doch glücken, dann werde ich Sie rufen, mich in die geheimnisvolle Kammer zu begleiten.«

»Dann erlaube ich mir die Hoffnung auszusprechen, daß der Zufall Altezza diese Entdeckung erspart«, sagte der alte Mann ängstlich. »Ich bin gewiß kein Feigling, wenn es Mann gegen Mann gilt, und würde Altezza gegen jede Gefahr mit meinem letzten Blutstropfen verteidigen, aber es gibt Dinge, die man besser nicht heraufbeschwört. Es gehen von diesem Schloß Gerede um, – – lieber Gott, in solch altem Hause kann es ja nicht immer ruhig und friedlich zugegangen sein! Man erzählt sich von rätselhaft verschwundenen Menschen, von Gewalttaten –«

»Nun ja, das Schloß hat im Laufe der Zeiten gewiß viel durchgemacht«, nickte Violanta zustimmend. »Was für Räume befinden sich oberhalb dieser verborgenen Kammer?«

Nur zwei Gelasse zur Aufbewahrung von Hausutensilien und unbenutztem Gerät. Altezza wissen, daß oberhalb Ihrer Wohnung jene der Frau Principessa liegt; alle Wohnräume sowie die Zimmer für Gäste befanden sich früher im zweiten Stock; erst als dem seligen Herrn Herzog in seinem hohen Alter die Stiegen zu beschwerlich fielen, wurden von den Gesellschaftsräumen hier im Piano Nobile die Zimmer für ihn eingerichtet, die Altezza nun bewohnen. Und das ist nun auch schon fast dreißig Jahre her.«

Im sogenannten kleinen Speisesaal, in welchem eine Tafel für etwa fünfzig Personen ganz gut Platz gehabt hätte, der »kleine« aber zum Unterschied von dem Bankettsaal genannt wurde, der den alten Bau von dem Borgiaflügel trennte, fand Violanta die Principessa und Melanie schon vor, und der Pranzo, die Hauptmahlzeit der Italiener, wurde unter Attilios Oberaufsicht durch zwei Diener mit der ganzen Feierlichkeit eines großen Hauses aufgetragen, wobei Violanta nicht umhin konnte, das Fehlen Don Ferrantes und seiner stummen Tochter, trotz der unleugbaren Unterhaltungsgabe ihres Onkels, mit einer gewissen Erleichterung zu empfinden. Denn mochte sie damit im Unrecht sein oder nicht, dieser Verwandte hatte sie mißtrauisch gemacht, woran vielleicht auch die mehr oder minder versteckten Warnungen des Ministers beteiligt waren. Violanta fand, daß man den Leuten nicht gleich auf der Türschwelle mit seinen fragwürdigen Prinzipien ins Gesicht zu springen braucht, um einem dann im Handumdrehen um den Hals zu fallen. Eine fortgesetzt zur Schau getragene Feindseligkeit hätte sie besser überstanden und vertragen, als die aalglatte Liebenswürdigkeit des prinzipienreitenden Onkels, vor der eine innere Stimme sie warnte. Übrigens wollte Don Ferrante schon in allernächster Zeit mit seiner Tochter seine Villa beziehen, und sie würde dann voraussichtlich noch genug von ihm sehen.

Nach beendetem Pranzo erklärte die Principessa sich zurückziehen zu wollen, indem sie Violanta empfahl, das gleiche zu tun. Wozu war man auf dem Lande, wenn man die Freiheit, mit den Hühnern zu Bett zu gehen, nicht ausnutzen wollte? Melanie hatte jedoch gar keine Lust, »schlafen geschickt zu werden wie ein Baby«, aber die Principessa machte kurzen Prozeß, denn sie fand, daß Violanta nach ihren ersten römischen Wochen angegriffen aussah, und die letztere war wirklich dankbar, allein gelassen zu werden.

Der Anblick ihrer ausgepackten Sachen im Wohnzimmer das durch altmodische Lampen gut erleuchtet war, ließ Violanta zunächst Abstand davon nehmen, sich sofort in ihrem schönen, breiten Bett auszustrecken. Sie schloß den Schreibsekretär auf, ein großes, schönes, reich mit Goldbronzebeschlägen verziertes Möbel mit herunterzuklappender Tischplatte, wie es zur Zeit des Empirestiles besonders beliebt war. In diesem Sekretär fand Violanta allerlei Dinge, die der alte Herzog zurückgelassen hatte. Briefpapier und Umschläge mit dem eingeprägten Wappen der Porsenna und dem Aufdruck: Castello di Santa Rosa della Rocca. Ferner einen ganzen Vorrat von Stahl- und Gänsefedern, ein Kästchen voll Briefmarken, einfaches Schreibpapier, Siegellack, ein Petschaft mit eingeschnittenem Wappen, und in dem einen Schub einen Schlüssel, an welchem ein Stück Pappe hing, darauf in sehr veralteten und fast verblaßten Schriftzügen zu lesen war: »Schlüssel zu der geheimen Kammer«, und auf der Rückseite eine genaue Beschreibung, wie und wo der Schlüssel zu gebrauchen war.  

»Nun also, da wär's ja heraus, das große Geheimnis hinter das nicht einmal die Neugier eines Kammerdieners kommen konnte«, sagte Violanta in der ersten Überraschung ganz laut. »Aber sosehr die Sache mich vorhin gereizt, verspüre ich jetzt doch gar keine Lust auf einen Nervenschock, wie ihn der Ur- Urgroßvater in dieser Kammer erlitten haben soll. Soll, wohlverstanden. Vielleicht ist der Nervenschock nur als ein Kinderschrecken erfunden worden, damit die Kammer unbehelligt im Besitz der Dinge blieb, die Unberufene gar nichts angingen. Ob mein Urgroßvater die Kammer wirklich niemals betreten hat? Attilio behauptete zwar, er habe es ihm selbst gesagt, also muß man ja auch annehmen, daß es wahr ist; es fragt sich nur, ob er gewußt hat, was seinem Vater diesen tödlichen Schrecken verursacht hat. Über eine Maus oder gar über eine Ratte kann man doch unmöglich dermaßen erschrecken – nun, wir werden ja sehen. Vielleicht weiß von der Familie jemand mehr darüber als der alte Attilio; ich werde also erst einmal Erkundigungen einziehen, bevor ich auf eigene Faust Entdeckungsreisen unternehme.«

Danach ging sie durch die Bibliothek in ihr Schlafzimmer, um dort ihrer Zofe zu läuten, die im Ostflügel, anstoßend an das Badekabinett, ihr Zimmer hatte. In der Bibliothek stockte indes für einen Augenblick ihr Schritt, denn als sie über die Schwelle der Verbindungstür trat, war es ihr, als hätte sich eine Gestalt neben dem Kamin bewegt, der dem Fenster gegenüber an der Schmalseite des langen, aber nicht sehr breiten Raumes lag. Es mußte aber eine Täuschung gewesen sein, denn die Lampe, welche über dem Lesetisch hing, verbreitete genügend Licht, um auch die entfernten Winkel zu beleuchten, und diese waren mit Bücherschränken so ausgefüllt, daß keine Katze sich hätte dahinter verstecken können. Aber es war keine Katze gewesen, die Violanta zu sehen vermeint, sondern eine menschliche Gestalt oder vielmehr deren Schatten.

»Nun? Ich werde doch nicht etwa anfangen, Gespenster zu sehen?« versuchte sie über sich selbst zu lachen, und nach nur sekundenlangem Zögern ging sie tapfer hin zu dem übrigens sehr schön gemeißelten Kamin von weißem Marmor, der so breit war, daß an seinen beiden Seiten nur noch je ein schmales Bücherregal Platz hatte, von denen das rechte laut der Aufschrift auf dem Karton, welcher an dem Schlüssel zu der geheimen Kammer hing, die Tür zu diesem Gelaß maskierte. Aber Violanta widerstand der Versuchung, das versteckte Schlüsselloch zu suchen; nach einem flüchtigen Blick auf den fast bis zur Decke reichenden Kaminmantel ging sie langsam zwischen der doppelten Reihe der an den Wänden aufgestellten Bücherschränke zurück bis zum Lesetisch, stand dort unentschlossen eine kleine Weile still und trat dann auf die Tür ihres Schlafzimmers zu. Mit der Hand auf der Klinke blickte sie aber doch noch einmal hin nach dem Kamin, als erwarte sie dort wieder zu sehen, was wahrscheinlich nur ihr eigener Schatten gewesen war, den das hinter ihr im Wohnzimmer brennende Licht bis in jene Ecke geworfen hatte. Einen Schatten sah sie dabei zwar nicht, wohl aber etwas anderes, sehr Merkwürdiges: einen bläulich leuchtenden Schein, der wie ein Irrlicht über dem rechten Bücherregal hin und her schwebte.

Violanta nahm die Hand von der Türklinke und fuhr sich damit über die Augen – nein, sie hatte sich nicht getäuscht: der wie eine kleine Flamme brennende Schein war da. Von der Lampe über dem Tisch konnte er nicht herrühren, denn dann hätte sie ihn schon vorher sehen müssen, auch durch das noch offenstehende Fenster kam er nicht, denn der Mond war noch nicht aufgegangen, und die vielen Sterne an dem dunkelblauen Nachthimmel warfen auch kein solches Licht durch die ganze Tiefe des Zimmers; kurz, es war wirklich etwas sehr Sonderbares, Unirdisches um dieses Licht, bei dessen Betrachtung es Violanta zwar ganz eigen durchrieselte, aber Furcht verspürte sie nicht. Während sie langsam auf die blaue Flamme zuschritt, fing diese unruhig an hin und her zu flackern und erlosch vor ihren Augen, bevor sie den Kamin noch erreicht hatte.

»Eine Ursache muß diese merkwürdige Lichterscheinung doch haben«, überlegte sie ganz sachlich. »Daß sie keine Einbildung war, will ich jederzeit bezeugen, und falls ich sie noch einmal sehen sollte, werde ich der Sache auf den Grund zu gehen versuchen, vorläufig aber nicht darüber reden. Denn erstens glauben einem die Leute solche Dinge ja doch nicht, und zweitens hab ich so das Gefühl, als ob diese Sache nur mich allein anginge.«

Darauf legte sie sich zur Ruhe und schlief alsbald den tiefen, erquickenden Schlaf der Jugend, traumlos und ungestört, bis sie zur gewohnten Stunde wieder erwachte. Für gewisse Leute, die abends nicht ins Bett und früh nicht aus den Federn kommen können, wäre Violantas »gewohnte Stunde«, die sie sich vorgenommen hatte, um keinen Preis ihrem neuen Leben zu opfern, eine unheimlich frühe gewesen; aber für andere, die zur Erkenntnis gekommen sind, daß es nichts Schöneres und Erquickenderes gibt, als den Tag mit der aufgehenden Sonne zu beginnen, wäre sechs Uhr, namentlich im Sommer, durchaus keine »unheimliche« Zeit. Viele Leute bilden sich ein, daß Frühaufstehen »nervös« macht, während doch nichts die Nerven mehr stärkt, als die stillen, taufrischen noch vom Lärm des Tages unberührten Stunden und gerade das lange Herumliegen im Bett und womöglich auch das Frühstücken darin nervös, mißmutig und unlustig für den ganzen Tag macht.

Violanta stand also auf, bevor die Uhr noch sechs geschlagen, und während sie sich, wie gewohnt, ohne Hilfe ankleidete, warf sie immer wieder einen Blick durch die offenen Fenster herab auf die vom Tau der Nacht im Frühsonnenlicht wie mit Diamanten bestreut funkelnde Campagna, auf die wie eine Vision am Strande aufsteigende blaue Silhouette des Kaps der Circe. Ja, von allen Schätzen, mit denen ihr Erbe sie überschüttet hatte, war dieses Schloß mit seiner unvergleichlichen Lage das Allerschönste, und wer weiß, was es ihr noch spenden konnte.


»Und morgens in der roten Frühe
Erwacht mein Herz so reich und froh,
Als wüßt es, daß sein Glück ihm blühe,
Und müßte nur noch raten: wo?«


sang sie leise vor sich hin. Und als sie eben fertig angekleidet war, hörte sie die tiefen Glocken der Kirche läuten, und ohne sich lange zu besinnen, lief sie durch ihre Zimmer hinaus in das Vestibolo, und die Treppe hinab durch die Halle und den Innenhof hinaus ins Freie, wie ein Gespenst angestarrt von den ausfegenden Hausgeistern, denen es sicher noch nicht vorgekommen war, daß eine so große Dame, die noch dazu ein junges Mädchen war, in aller Frühe zu Fuß und ohne jede Begleitung hinauslief wie ein gewöhnlicher Mensch. Und Violanta, die diese erstaunten Blicke sah, lachte vergnügt vor sich hin:

»Es ist schon recht so; wir wollen die guten Leute beizeiten daran gewöhnen, daß die Herzogin von Santa Rosa keine Treibhauspflanze ist, sondern ein ganz unkonventionelles Menschenkind. Je eher sie das merken, um so besser.«  

Es machte ihr einen »diebischen« Spaß, daß die wenigen Menschen, die ihr auf dem Wege zur Kirche begegneten, sowie die schon in der Kirche versammelten Andächtigen sie ebenso entgeistert ansahen wie ihre Diener. Man denke aber auch nur: die Herzogin kam ganz allein, nicht einmal einen Diener hinter oder ihre Zofe neben sich, in die Kirche, in einem weißen Kleide, in einem weißen, obwohl der alte Duca noch keine drei Wochen tot war! Violanta fühlte sich wunderbar erhoben in dieser ebenso schönen wie interessanten Kirche, deren Größe in keinem Verhältnis zu dem kleinen Städtchen stand, wie man es so oft in Italien sehen kann. Schon die Außenseite mit der weißen, säulengetragenen Loggia über dem imposanten dreifachen Portal und dem wunderbaren großen Rosettenfenster war für den Kenner eine Augenweide. Ebenso der viereckige elegante Campanile mit seinen drei übereinander gebauten Loggien, während das mit verblaßten Fresken bemalte Innere beim ersten Anblick den Eindruck von zwei übereinanderliegenden Kirchen machte, denn zu beiden Seiten des freistehenden Hochaltars führten Treppen zu einer breiten und tiefen Apsis mit einem zweiten Hochaltar empor. Geweiht war diese Kathedrale der heiligen Rosa von Viterbo, einer der reizendsten Gestalten des italienischen Mittelalters, die, kaum dem Kindesalter entwachsen, ihren kurzen, inhaltreichen Lebenslauf im Nimbus außerordentlicher Heiligkeit und außergewöhnlicher Gaben des Geistes und des Herzens vollendete. Ihr unverwester Körper ist heute noch in einem gläsernen Sarge zu sehen ; das liebliche Gesicht, obwohl durch die Zeit dunkelbraun gefärbt, hat einen ruhigen, rührenden Ausdruck. Und ein Porsenna, der bald nach ihrem frühen Hinscheiden an dem Sarge der sehr bald nach ihrem Tode Kanonisierten gebetet und die erbetene Gnade empfangen hatte, errichtete in dem kleinen Städtchen vor seinem Schlosse die große Kirche zu ihrem Gedächtnis.

Nachdem Violanta bewegt und erhoben dem Gottesdienst beigewohnt, trat sie wieder hinaus in den glorreichen Sonnenschein des noch jungen Tages, grüßte die Leute, die vor dem Portal zögerten, um die junge Herzogin noch einmal zu sehen, und erwarb sich dadurch unabsichtlich die Zuneigung der Bevölkerung. Nachdem sie also ihre »Untertanen« ganz absichtslos durch ihr freundliches Wesen und ihre Schönheit bezaubert hatte, spürte sie noch gar keine Lust in das Schloß zurückzukehren. Sie besann sich nicht lange und ging die Hauptstraße des Ortes entlang, dabei gelangte sie sehr bald ins Freie auf einen schattigen Weg, der, sich hart am Abhang hinziehend, hinab nach der Campagna führte. Es war unsagbar schön, in dem wonnigen Walde dahinzuwandeln, keine Menschenseele war zu sehen, und das Singen, Zwitschern und Tirilieren der Vögel in den von einer leisen Brise bewegten, immergrünen Zweigen der Steineichen war ein gar liebliches Morgenkonzert. Zuweilen huschte eine der großen, grünen Eidechsen über den Weg oder hielt darauf an, um die weiße Gestalt zu betrachten und dann rasch wieder unter den großen, saftigen Blättern des Huflattichs zu verschwinden. Und weil die Pinien bald durch einen dichten Olivenhain abgelöst wurden, so wollte sie auch diesen noch erreichen, um die noch nie in der Nähe geschauten Bäume zu sehen, deren knorrige Stämme und Äste mit ihrem hellen, silbergrünen Laub sie fremdartig und doch auch wieder heimatlich anmuteten, wie seltsamerweise alles, was sie in diesem Lande sah.

Sie hatte die Oliven noch kaum erreicht, als sie Hufschläge hinter sich hörte, und als sie sich unwillkürlich umdrehte, sah sie einen Reiter auf sich zugetrabt kommen, einen jener »Campagnareiter«, die dem Kenner dieser Gegend so vertraut sind, und die die Maler der Campagna nie vergessen als Staffage zu benutzen, mit ihren flinken, kleinen Pferden, deren langer Schweif den Boden fegt, mit langer Mähne und glänzend geputzten Messingbeschlägen auf dem Zaumzeug, wehenden Fasanenfedern am Stirnriemen. Auch der Mann, der im Sattel saß, trug die gewohnte Tracht: einen Anzug von geripptem, braunem Baumwollsamt, hohe Stiefel, den spitzen Kalabreser von schwarzem Filz auf dem Kopf, den einen Zipfel des rotgefütterten weiten schwarzen Mantels über die Schulter geschlagen. Dieser aber hatte im Bügel nicht die lanzenartige Stange stecken, mit welcher die Campagnareiter die Büffelherden zusammentreiben, wohl aber lag vor ihm über dem Sattel der Karabiner.

Violanta trat zur Seite, um den Mann vorüberzulassen; als er aber dicht bei ihr angelangt war, hielt er das Pferd an, sprang aus dem Sattel, zog den Hut und redete sie an.

»Altezza verzeihen, wenn ich mir die Freiheit nehme, Sie gewissermaßen anzufallen«, sagte er mit dem Tonfall und den Manieren des gebildeten Mannes. »Ich würde jedoch eine Pflicht verletzen, wollte ich Sie nicht darauf aufmerksam machen, daß es besser ist, nicht ohne männliche Begleitung im Walde spazierenzugehen. Zwar ist das Banditenunwesen in dieser Gegend so gut wie erloschen, aber ich möchte doch nicht dafür stehen, daß die Versuchung, durch die Entführung der Herzogin von Santa Rosa in den Besitz eines glänzenden Lösegeldes zu gelangen, die Zeit des Brigantentums wieder aufleben lassen könnte. Wie Altezza sehen, reite ich selbst auch niemals unbewaffnet aus. Sicher ist sicher.«

Während dieser Anrede hatte Violanta Zeit, sich ihren freundlichen und respektvollen Warner anzusehen; er war ein groß und kräftig gewachsener junger Mann, dessen sonnenverbranntes, wie aus Bronze gegossenes Gesicht mit der kühnen Adlernase, dem feinen, festgeschnittenen Munde, den großen, dunklen, aber nicht harten Augen und der hohen, offenen Stirn, über der kurzgeschnittene, wellige, schwarze Haare durchaus wohlgepflegt und sorgfältig seitlich gescheitelt lagen, einen entschieden sehr angenehmen und vertrauenerweckenden Eindruck machte, besonders da das kühne Gesicht beim Sprechen einen einnehmenden Ausdruck freundlicher Güte bekam.

»Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Warnung, denn ich lege wirklich gar keinen Wert darauf, von Räubern entführt zu werden«, erwiderte sie so frank und frei, wie es ihre Art war. »Mich hat der schöne Morgen, der herrliche Wald und das Gefühl von Freiheit verführt, weiter zu gehen, als ich eigentlich vorhatte. Aber woher kennen Sie mich? Ich bin doch erst seit gestern in Santa Rosa.« 

»Oh, ich sah Altezza in Rom mit der Principessa Aquasanta im offenen Wagen fahren«, erklärte er. »Ohne den Schleier, notabene, in den Sie bei der Beisetzung meines Großvaters undurchdringlich eingehüllt waren.«

»Bei der Beisetzung Ihres Großvaters?« wiederholte Violanta erstaunt, und dann ging ihr ein Licht auf. »Also sind Sie der –«

»Der Bauer Porsenna«, ergänzte er mit einer Verbeugung.

»Mein Vetter Pietro Porsenna!« rief sie fröhlich und reichte ihm die Hand. »Daß wir uns auf diese Weise kennenlernen müssen, das ist ja köstlich. Und ich hatte vor, heute nachmittag in großer Gala Ihrer, nein, deiner Mutter meinen Antrittsbesuch zu machen und um gute Nachbarschaft zu bitten.«

»Altezza, das ist –«

»Bitte, ich heiße Violanta, von meinen Verwandten gewöhnlich Vio genannt, und werde von ihnen geduzt«, fiel sie herzlich ein.

»Man sollte Vorbedeutungen wirklich nicht kurzweg für Aberglauben erklären«, versetzte er ernsthaft. »Heute früh, als ich mein Fenster aufmachte, saß eine weiße Taube auf dem Sims, was nach dem Glauben unserer Landleute hier unfehlbare Auspizien für ein nahendes Glück bedeutet. Also wollen Sie – willst du, Kusine, den Familienzwist begraben? Wird mein Großvater sich darüber nicht im Grabe umdrehen?«

»Ja, was geht denn mich der Familienzwist an?« versetzte Violanta lachend. »Die Ursache dazu ist mir total gleichgültig.«

»Auch die Tochter des Bauern Volpe, meine Mutter?«

»Nein, die ist mir gar nicht gleichgültig, denn nach allem, was Tante Ciacinta mir von ihr erzählte, freue ich mich sehr darauf, sie kennenzulernen.«

»Und was wird die andere Verwandtschaft dazu sagen? Die Principessa, Onkel Ferrante und seine Familie?«

»Oh, die können alle sagen, was sie wollen. Olga Porsenna hätte längst gern eure Bekanntschaft gesucht, aber sie war durch die Abhängigkeit von meinem Urgroßvater gebunden, indes will sie mich heute bei meinem Besuch bei deiner Mutter begleiten, um sich ihr, wenn auch verspätet, vorzustellen. Onkel Ferrante zu fragen, fällt mir gar nicht ein, denn ich bin mündig und von ihm ganz unabhängig, und was seine Familie betrifft, so habe ich mit ihr zwar noch nicht darüber gesprochen, bin aber überzeugt, daß sein Schwiegersohn Tor di Quinto auch hier auf meiner Seite steht, wie er es auch in einer anderen Sache schon getan hat.«

»Du bist also als Taube mit dem Ölzweig gekommen. Ja, ja, die weiße Taube heute früh auf meinem Fenstersims – nun, Kusine, allein kann und darf ich dich wirklich nicht nach Santa Rosa zurückgehen lassen – wie wäre es, wenn du mich etwa zehn Minuten weiter bis zu meinem Hause begleitetest, von wo ich dich dann mit dem Wagen heimfahren kann?«

»Das wäre sehr, sehr freundlich von dir, und gern nehme ich dein Anerbieten an. Nein, das ist ja ein ganz reizendes kleines Abenteuer!« versicherte sie so harmlos vergnügt, daß auch »der Bauer Porsenna«, angesteckt davon, fröhlich lächelte, was sein ernstes Bronzegesicht sehr gut kleidete und ihm einen jungenhaften Ausdruck verlieh.

Die beiden Verwandten, die sich auf eine solch unkonventionelle Weise kennengelernt hatten, gingen dann plaudernd, als hätten sie sich ihr Leben lang schon gekannt, durch den Olivenhain, an den sich ein ausgedehnter Weinberg anschloß, und seitlich davon ein großes Gehöft, umgeben von steinernen Mauern, die, unterbrochen von niederen, zinnengekrönten Wachttürmen, flankiert von einem hohen, konischen Turm, den Eindruck einer kleinen Festung machten, was auch Violanta veranlaßte zu fragen, ob es eine solche sei.

»Es ist unser Bauernhof«, erklärte Pietro Porsenna. »Das Gehöft ist schon seit Jahrhunderten im Besitz der Familie Volpe. Der früheren und noch nicht einmal so fernliegenden unsicheren Zeiten wegen mußte der Bauer sich, ebenso wie die einsam liegenden Klöster, richtig befestigen. Es wäre schade gewesen, die eigentlich doch recht malerischen Ringmauern und Türme einzureißen ; mögen sie als ein Wahrzeichen vergangener Tage bleiben, wie sie sind. Den Namen Santa Rosa in Vigna führt der Hof von einem ganz kleinen Kirchlein, das man dort oben im Weinberg liegen sieht; es wurde vor etwa fünfhundert Jahren von einer Ahnfrau meines Vaters infolge eines Gelübdes erbaut, und ›Zur heiligen Rosa im Weinberg‹ heißt das Gehöft seitdem. Aber wenn ich mich nicht täusche, tritt meine Mutter gerade dort aus dem Tor heraus, wahrscheinlich, um zu sehen, wo ihr Sohn bleibt, der heute schon bei Tagesgrauen in die Campagna geritten ist, dort nach unseren Maisfeldern und grasenden Rindern zu sehen. Ja, sie ist's.«

Es war eine große, schlanke, in ihrer Haltung königliche Gestalt, die aus dem offenstehenden, breiten Tor heraustrat, eine Frau in der Tracht der Bäuerinnen jener Gegend, dem dunkelgrünen Rock mit roten Streifen um den Saum, rotem, steifem Mieder mit weißem Brusttuch und weißen Hemdärmeln, auf dem Kopf mit dem stark ergrauten naturkrausen Haar, dessen dicken Zopfknoten am Hinterhaupt der silberne Dolch zusammenhielt, den »Panno«, das viereckig zusammengefaltete, auf dem Scheitel liegende weiße Leintuch, und der vielfarbig quergestreiften Schürze, in den Ohren die riesengroßen, ringförmigen silbernen Ohrringe. Und was war die Frau, trotz ihrer grauen Haare, immer noch schön! Aber es war nicht nur die wahrhaft klassische Schönheit des stolz getragenen Kopfes, sondern das geradezu bezaubernde Lächeln des feinen, lieblichen Mundes, das sie auch im Alter noch unwiderstehlich machte. Und ihr Sohn hatte dieses Lächeln geerbt.

»Ja, Pieruccio, wen bringst du mir denn da?« rief sie dem Sohn entgegen.

»Die weiße Taube von heute früh, mit einem Ölzweig, mamma mia«, gab er zurück. »Ich fand sie ganz allein im Walde wandelnd und hatte Furcht, ein Habicht könnte auf sie herabstoßen, deshalb führte ich sie zu dir, weil sie ohnedies heute noch kommen wollte, dir eine Staatsvisite zu machen.«

»Was der Bub nicht alles schwatzt!« lachte Donna Filomena Porsenna. »Wenn Tauben Staatsvisiten machen, dann müssen sie auch einen Namen haben; kurz, wie nennt sich diese weiße Taube?«

»Sie heißt Violanta Porsenna und ist die Herzogin von Santa Rosa«, stellte Don Pietro vor.

»Und sie kommt, um gute Nachbarschaft und um etwas Liebe zu bitten«, vollendete Violanta, indem sie der Frau in der Bauerntracht die noch vor ihrer Namensnennung entgegengestreckte Hand küßte. Einen Moment schien's, als ob diese kräftige, aber schön geformte braune Hand sich zurückziehen wollte, doch als das dunkle Auge der Frau dem veilchenblauen des jungen Mädchens begegnete, hielt sie die unwillkürliche Bewegung zurück, das von den Lippen wie ausgelöschte Lächeln erschien wieder, und mit verhaltener Stimme fragte sie:

»Ist das dein ehrlicher Wille, Violanta Porsenna? Mein heute noch heißgeliebter seliger Mann hat viel um mich aufgegeben und alles getan, mir den bitteren Kelch des Widerstandes seiner Familie zu versüßen. Aber als er mich viel zu früh allein ließ, fand sich doch noch ein bitterer Satz vor, weil man eben nur ein Mensch ist. Kannst du das verstehen?«

»Tante Filomena, ich komme zu dir aus eigenem, freiem Willen; die Tore von Santa Rosa und vom Palazzo Porsenna in Rom sind weit für dich geöffnet und werden sich nicht mehr vor dir schließen, solange ich Herrin darin bin«, erklärte Violanta fest. »Die Haltung der Familie habe ich natürlich kein Recht zu bestimmen; daß Olga Aquasanta meinem Beispiel mit dem Ölzweig folgen wird, steht jedoch schon fest, und wie Vetter Pietro bereits sagte: sie wäre längst gekommen, wenn ihre Abhängigkeit von dem alten Duca sie nicht zurückgehalten hätte. Gieße den Satz der Bitternisse in deinem Kelch nur ruhig aus; wer kann's wissen, ob der alte Duca nicht während seines langen Lebens selbst bereut hat und nur sein Stolz und der harte Kopf der Porsenna ihn davon zurückgehalten hat, den ersten Schritt zum Frieden zu tun; waren denn mein Großvater und mein Vater besser daran als dein Gatte, der den Zorn des alten Herrn über sich herabrief, weil er die heiratete, die dieser nicht mochte, während mein Großvater die verwarf, mit der sein Vater ihn vermählen wollte. Schon die Gemeinschaft unserer sich so ähnlichen Bitternisse sollte uns einander nahebringen.«

»Damit hast du recht, Kind«, gab Donna Filomena unumwunden und herzlich zu. »Der Mensch ist ein Egoist. Man denkt nur an das eigene erlittene Unrecht und vergißt darüber das seines Bruders. Also, willkommen denn, Violanta Porsenna, willkommen auch als Herzogin von Santa Rosa und Haupt unserer Familie, als Taube mit dem Ölzweig!«

Indes Don Pietro sein Pferd in den Stall führte, geleitete seine Mutter ihren frühen Gast durch das Gärtlein und die gedeckte Freitreppe hinauf zum Wohngeschoß des nicht hohen, aber breiten und tiefen Hauses und betrat mit ihr direkt durch die Haustür die große, die ganze Tiefe des Hauses einnehmende Küche mit dem enormen offenen Herd. Ringsum an den Wänden, auf Schäften aufgereiht, prangte der Schatz und Stolz des Hauses, das blitzblank geputzte Kupfergeschirr, in hohen, offenen Ständern buntbemalte Teller, Tassen, Schüsseln, Tonkrüge und zinnerne Kannen, Becher und Humpen. In der Mitte der Küche stand, umgeben von Strohstühlen, die lange Tafel, an der das Gesinde seine Mahlzeiten verzehrte, quer davor der Tisch für den Bauern und seine Familie. Und an einem der Fenster saß in einem hochlehnigen, lederbezogenen Armsessel eine alte Frau mit der Spindel und spann, neben sich auf dem blumenbesetzten Fensterbrett ein paar schlafende Katzen, – ein Idyll.

»Das ist meine liebe Mutter«, sagte Donna Filomena, indem sie auf die alte, weißhaarige Spinnerin in der ländlichen Tracht deutete. »Ich darf dich ihr doch vorstellen? Sie hört und sieht noch vortrefflich, nur ihr Gedächtnis hat etwas nachgelassen. Mamma mia, sieh, wen ich dir hier bringe, – das ist die Herzogin von Santa Rosa.«

»Dio mio!« machte Maria Volpe, »die Herzogin von Santa Rosa? Ja, hat denn der alte Duca mit seinen hundert Jahren noch einmal eine so junge Frau genommen?«

»Aber Mutter! Der alte Duca ist ja schon vor ein paar Wochen gestorben!« rief Donna Filomena lachend. »Das ist doch seine Erbin, die Enkelin seines zweiten Sohnes Pietro, der ins Ausland ging!«

»Sicuro, sicuro!« Die alte Frau schüttelte sich vor Lachen über die drollige Verwechslung, und Violanta stimmte vergnügt ein, sekundiert von Don Pietro, der eben erschien, und dann beugte er sich zu seiner alten Nonna herab und küßte sie zärtlich auf die runzligen Wangen, ohne sich auch nur im geringsten vor der »Fremden« dieser Gefühlsäußerung zu schämen, die überdies echt italienisch war. Der Übergang aus der Küche des stattlichen Bauernhofes in das Privatzimmer der »Bäuerin« war eine Überraschung, denn dieser Raum war das Zimmer einer Dame von Bildung und künstlerischem Geschmack. Der große, wenn auch niedrige Raum war mit schönen, alten, eingelegten Kastenmöbeln, modernen Polstersesseln, Perserteppichen und wohlgefüllten Bücherregalen ausgestattet, gute alte Kupferstiche und einige Ölbilder, meist Porträts, hingen an den mit Olivenholz verschalten Wänden, die das Alter goldbraun getönt hatte; eine kostbare, kreuzsaitige, also moderne Erardsche Harfe bezeugte, daß auch die Musik hier ihre Stätte hatte.

»In diesem Zimmer erholt sich die Padrona des Hofes Santa Rosa in Vigna von ihren häuslichen Pflichten und erinnert sich daran, daß sie die Bildung einer Dame genossen hat und die Witwe eines Porsenna ist«, sagte Donna Filomena, als sie das überraschte Gesicht Violantas sah. »Man kann ja darüber streiten, ob es richtig ist, wenn ein Bauer seiner einzigen Tochter eine über ihre Sphäre hinausgehende Erziehung gibt, die ihr eine andere Welt öffnet, sie in neun von zehn Fällen unfähig macht, in den ihr gezogenen sozialen Schranken weiterzuleben und aus dieser Zwitterstellung zum Unbefriedigtsein, ja sogar zum Unheil führen kann. Das Resultat hängt vermutlich von der Persönlichkeit ab, mit welcher das Experiment gemacht wird. Mein seliger Vater war ein sehr stolzer Mann, dessen Ehrgeiz es war, sein einziges Kind und Erbin zu einer ›Signora‹ zu machen, weil er selbst den Drang und das Streben nach Bildung nie hatte befriedigen können, und weil er meinte, in mir die Fähigkeiten zur Erfüllung seiner Wünsche zu sehen, so ließ er mir eine Erziehung geben, wie die Besten und Ersten des Landes sie oft nicht erhalten. So bin ich geistig wenigstens meines hochgebildeten, feinsinnigen Gatten ebenbürtige Lebensgefährtin geworden, und wenn die Bäuerin Porsenna in Haus und Hof ihre Pflicht getan, dann zieht sie sich in diesem Raum zurück, um zu lesen, zu musizieren, dem Geist neue Nahrung zuzuführen, kurz, die Donna Filomena Porsenna zu sein. Übrigens war mein Vater der Ansicht, daß der Bauer dem Adel ebenbürtiger sei als der Bürger, der Wechselbeziehungen beider Stände wegen. Und mein Sohn hat so ungefähr die gleichen Grundsätze, nur mit der Einschränkung, daß erst durch die Bildung die Ebenbürtigkeit in Kraft tritt.«

Nach dem Frühstück, zu dem Violanta eingeladen worden war, und das ihr zur Befriedigung ihres gesunden Hungers sehr willkommen gewesen, fuhr der leichte, einspännige Wagen vor, der sie nach Santa Rosa zurückbringen sollte. Sie nahm also herzlichen Abschied von der Tante, dem Vetter und der Großmutter, die ihr einen kleinen Strauß, gewunden aus »Brennender Liebe« und Orangenblüten, aus denen in Italien die Brautkränze gewunden werden, überreichte.

»Diese beiden Blumen gehören zusammen«, erklärte sie feierlich. »Denn ›Brennende Liebe‹ ohne Orangenblüten verzehrt Herz, Leib und Seele, Orangenblüten ohne ›Brennende Liebe‹ aber sind schlimmer als ein Strauß der Totenblumen Asphodelus. Erinnert Euch dessen, Herzogin von Santa Rosa, wenn Euch die Freier umschwärmen werden.«

»Ich werde es nicht vergessen«, versicherte Violanta ernsthaft. »Wenn ich mich verheiraten sollte, was ich aber für sehr unwahrscheinlich halte, dann werde ich es sicher nicht ohne – ›Brennende Liebe‹ tun.«

Begleitet von Don Pietro fuhr sie darauf die schmale, aber gute Landstraße zurück nach Santa Rosa, aber er hatte sich mit feinem Takt nicht neben sie in den Wagen gesetzt, sondern ritt nebenher und empfahl sich vor dem Tor des Städtchens. Dann stand er noch eine ganze Weile still und sah dem Wagen nach, bevor er sein Roß zur Heimkehr wendete.

»Ein unerreichbarer Stern!« sagte er laut mit einem Seufzer. »Warum sind doch alle Sterne unerreichbar?«

»Jetzt bin ich wirklich neugierig, ob sie mich daheim überhaupt vermißt haben«, fragte sich Violanta, als sie das Schloß erreichte und die große Uhr über der Einfahrt zum Innenhofe ihr zeigte, daß der halbe Vormittag schon vorüber war. Man hatte sie aber nicht nur vermißt, sondern das ganze Haus stand schon ihres Verschwindens wegen auf dem Kopf, und in der Halle waren die Principessa, Melanie, der Kastellan mit seiner Familie und die ganze Dienerschaft einschließlich des Kochs und der beiden über die Sicherheit der Stadt wachenden Carabinieri zu einem Kriegsrat versammelt, wo und wie man die Vermißte zu suchen habe. Groß war daher das allgemeine Erstaunen, als sie in den Hof und vor dem Portal vorfuhr, und kaum war sie aus dem Wagen gesprungen, da lief die Principessa ihr auch schon in die Arme.

»Du Ausreißerin, wo bist du denn in aller Welt nur gewesen! Wir sind ja alle halbtot vor Angst um dich! Soviel haben wir ja ermittelt, daß du früh in der Kirche warst und dann allein – allein, Liebste! – durch die Stadt in den Wald gegangen bist, wo es hier für eine einzelne Person, eine Dame noch dazu, doch gar nicht so sicher ist, wie etwa in der Villa Borghese in Rom –«

»Ich weiß es, ich hab's erfahren«, fiel Violanta mit übermütig blitzenden Augen ein. »Ja, hier im Walde geht der Räuberhauptmann Gasparone noch um! Er hat mich in seine Räuberhöhle geschleppt, seine Mutter hat mir ein Frühstück und seine Großmutter diesen schönen Strauß gegeben, dann hat er anspannen lassen und mich hoch zu Roß bis vor die Stadt begleitet, damit nicht etwa ein Konkurrent im selben Artikel mich nochmals entführt. Für die ausgestandene Angst um mich soll euch allen der Koch heute ein Festmahl bereiten mit – oh, lieber Kastellan, haben wir Wein aus der Vigna di Santa Rosa im Keller?«

»Gewiß, Altezza. Wir haben den weißen Wein, den Vino scelto (Auslese) der Vigna, der ja weit berühmt ist.«

»Also, mit diesem Wein sollt ihr alle meine Wiederkehr feiern. Und die umsonst bemühten Herren Carabinieri sind natürlich dazu eingeladen.«

»Wer aber ist dieser Gasparone, der dich entführt haben soll?« fragte die Principessa, als die Damen die Treppe emporstiegen. »Deinem vergnügten Aussehen zufolge muß er wesentlich angenehmer sein, als seine berüchtigte Vergleichsgröße es war.«

»Ich habe zwar Gott sei Dank nie das Mißvergnügen gehabt, den letzteren kennenzulernen, behaupte aber trotzdem kühn, daß mein Gasparone furchtbar nett ist«, lachte Violanta. »Er wird dir gewiß auch gefallen, nicht nur im Wesen, sondern auch äußerlich.«

»Oh, ich kenne ihn vom Sehen längst«, sagte die Principessa, denn sie hatte natürlich den Wagen des »Bauern Porsenna« erkannt, der die Verlorene zurückgebracht hatte. »Pietro Porsenna ist, ohne gerade ein Adonis zu sein, doch in seiner Art ein auffallend hübscher Mensch ; ich habe selten einen Mann gesehen, den der eigentlich doch gräßliche, nivellierende schwarze Frack so gut kleidet wie ihn. Seine Mutter habe ich meines Wissens nie gesehen und freue mich auf ihre Bekanntschaft, schon weil Tante Ciacinta sie so ins Herz geschlossen hat.«

Diese verspätete Bekanntschaft fiel für beide Teile durchaus befriedigend aus. Als die drei Damen am Nachmittag in dem malerischen Gutshof eintrafen, wurden sie schon beim Aussteigen von Don Pietro empfangen, der im tadellosen weißen Flanellanzug noch weniger als in seiner Campagnareitertracht verleugnen konnte, was und wer er war: der Sproß eines großen Hauses, dem es gelegentlich Spaß machte, den Bauern zu spielen.

Donna Filomena küßte Violanta mit herzlicher Freude auf die Wange und reichte der Principessa dann lächelnd die Hand.

»Seien Sie uns willkommen, – besser spät, als niemals«, sagte sie einfach, und gab auch Melanie die Hand, die diese mit einem tiefen Knicks zu ihrem eigenen Erstaunen küßte, denn diese Frau, die ihre Bauerntracht wie eine Königin trug, hatte ihr unwillkürlich imponiert. Aber auch die Principessa, große Dame, wie sie war, und obwohl sie wußte, daß keine Nation so anpassungsfähig ist wie die italienische, die sich in jeder Lebenslage mit spielender Leichtigkeit zurechtfindet, und obwohl ihr bekannt war, daß Filomena Volpe die Erziehung einer Dame genossen – auch sie mußte sich gestehen, daß sie selbst, an der Stelle dieser Frau stehend, ihren Gast in einem besseren Stil nicht hätte begrüßen können und damit das immerhin Peinliche der Begegnung für beide Teile völlig ausglich. Als man in dem schönen Zimmer Donna Filomenas bei einer Tasse Tee saß, sagte die Principessa lachend:

»Mit Ihnen, Vetter Pietro, habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen. Haben Sie sich mir vorstellen lassen, wenn uns irgendein Ball oder Tee oder sonst etwas in demselben Raum zusammenführte? Nein! Oder haben Sie nicht rasch mit einem anderen Herrn gewechselt, als eine Kotillontour Ihnen einmal auferlegte, mit mir zu tanzen? Leugnen Sie, wenn Sie können!«

»Ich leugne selbstverständlich alles und erwarte die Gegenbeweise«, erwiderte er gleichfalls lachend, ernst aber setzte er hinzu: »Ich habe nie gezweifelt, daß Sie mich anders behandeln würden als jeden x- beliebigen Herrn Ihrer Bekanntschaft, denn Sie haben mir einen viel zu gütigen Eindruck gemacht, als daß ich Ihnen zugetraut hätte, Sie würden mir die kalte Schulter zeigen. Aber ich wollte Sie nicht in Konflikt mit meinem entschieden doch sehr tyrannischen Großvater, dem alten Duca, bringen, und schließlich auch nicht mit Ihrem Gatten, der mich im Gehorsam mit dem einmal erlassenen Ukas restlos – geschnitten hat. Man ist doch auch ein Porsenna, und wer diese Dickköpfe kennt, weiß, was das sagen will.«

»Mit dieser Ihrer Meinung freut es mich um so mehr, daß mein leider durch die Umstände so verspäteter Besuch bei Ihrer lieben Mutter eine so freundliche Aufnahme gefunden hat«, erklärte die Principessa aufrichtig. »Übrigens muß ich aber doch sagen, daß mein Mann, als der ältere, Ihre Annäherung erwartet hatte und Sie sicher nicht geschnitten hätte, wenn Sie ihm nicht ausgewichen wären. Denn so – dickköpfig war er wirklich nicht. Nun, da das Kommen unserer lieben Violanta das Eis gebrochen hat, soll es unsere Sorge sein, diesem Frühling keinen eisbildenden Winter mehr folgen zu lassen.«

Die Sonne begann schon zu sinken, als die drei Damen zum Schlosse zurückkehrten, eine jede in ihrer Weise sehr befriedigt von dem Besuch des Gutshofes.

»Das sind liebe Menschen dort, nicht wahr?« hatte Violanta unterwegs gefragt und die Principessa dem rückhaltlos beigestimmt, während Melanie Don Pietro für den schönsten und liebenswürdigsten Mann ihrer Bekanntschaft erklärte. »Den nehme ich gleich, wenn er mich mag«, erklärte sie mit schöner Offenheit.

»Und überdies ist er reich, und ich mag nur einen reichen Mann. Mache kein solch empörtes Gesicht über meine Offenheit, Vio, es ist wirklich so. Wenn man in der eigenen Familie sieht, wie jeder Rappen zehnmal umgedreht werden muß, bevor er ausgegeben wird, kriegt man einen heiligen Respekt vor dem ›Raum in der kleinsten Hütte‹.«

»Wenn man dich so daherreden hört, möchte man dich wirklich für ein schrecklich gieriges Geschöpf halten«, rief Violanta ungeduldig. »Gewiß ist es ja richtig, daß bei euch daheim kein Überfluß herrscht, aber euer reizendes Familienleben wiegt das doch reichlich auf, und mit welchem Frohsinn schafft deine liebe Mutter die viele Arbeit, wie zufrieden und glücklich leben deine Eltern in ihren gemeinsam getragenen Sorgen.«

»Nun, Reichtum ist keine Schande, und Armut macht nicht glücklich«, brummte Melanie. »Und wer das Gegenteil davon behauptet, der schwindelt. Du hast gut reden mit deinen Palästen und Schlössern, mit deinen Titeln, und was weiß ich noch«, fuhr sie fort, als sie aber den entsetzten Blick auffing, mit dem Violanta sie ansah, sagte sie hastig: »Nicht, als ob ich dir das alles nicht gönnte!«

Es war fast noch eine Stunde Zeit bis zum Abendessen, als die Damen wieder im Schloß eintrafen. So setzte sich Violanta in die Bibliothek, durch deren offenes Fenster die Sonne noch voll hereinschien, an die Schmalseite des Tisches, auf welchen sie vorher schon ein rotes marokkoledergebundenes, dickleibiges Buch gelegt, das sie in einem der Glasschränke gefunden hatte: eine geschichtliche und topographische Beschreibung des Schlosses Santa Rosa, vor etwa einem halben Jahrhundert geschrieben, gedruckt, und wortreich dem alten Duca gewidmet. Numa Pompilius, der auf der Schwelle zum Wohnzimmer zwar einen verlangenden Blick auf das schöne, weiche Kissen geworfen hatte, zog die Gesellschaft seiner selbstgewählten Herrin der Einsamkeit seines üppigen Lagers vor; er sprang auf den Tisch, setzte sich neben dem vor Violanta liegenden, aufgeschlagenen Buch in die Sonne und fing an, sich energisch zu waschen.

Mochte nun die etwas weitschweifige Einleitung des Buches nicht so recht fesselnd, Violanta selbst müde sein oder ihre Gedanken nicht ganz bei der Sache – kurz, den Kopf in die Hand gestützt, sah sie geistesabwesend dem Kater zu, wie er seine Pfoten naßleckte und sich damit das Gesicht wusch. Auf einmal aber wurde sie aufmerksam, weil Numa Pompilius, im Begriff mit der linken Vorderpfote von rückwärts das linke Ohr zu bearbeiten, die Pfote frei in der Luft stehen ließ, während er mit ausgestrecktem Kopf nach der Richtung des Kamins blickte und dazu einen leisen Laut ausstieß. Unwillkürlich dem Blick der großen, grünen Augen folgend, sah Violanta vor dem Kamin einen weißen, wolkenartigen, durchsichtigen Nebel, der die Form einer menschlichen Gestalt, der Gestalt einer Frau hatte, die mit den Füßen kaum den Boden berührte.

Im ersten Augenblick glaubte sie an eine Augentäuschung, aber es war kein Zweifel, das Tier hatte schon vor ihr gesehen, was sie erst, seinen Blicken folgend, nun ganz deutlich, und zwar ohne jede Spur von Furcht erblickte. Mit atemloser Spannung, jedoch ohne das Gefühl, etwas Ungewöhnliches oder gar Unheimliches zu sehen, verfolgte sie mit den Augen die transparente Erscheinung, wie sie, sich leise bewegend, einmal verdichtete, dann wieder undeutlicher, verschwommener in den Umrissen werdend, mit dem Sonnenlicht zusammenfloß, das jetzt gerade den ganzen Raum bis zu dem Kamin durchströmte. Und das vielleicht ganz natürliche Gefühl des Unheimlichen, wenn es Violanta auch nur für einen Augenblick beherrscht hätte, wurde vollends dadurch von ihr genommen, daß Numa Pompilius sich mit lautem, behaglichem Schnurren auf das aufgeschlagene Buch vor ihr setzte und mit seiner unterbrochenen Wäsche fortfuhr, gleichsam als wollte er damit sagen, daß durch seine größere Nähe und seine Tätigkeit Grund zu irgendwelcher Besorgnis nicht vorhanden sei, denn wenn er, der die Erscheinung am Kamin zuerst erblickt hatte, sich nicht fürchte, dann sei die Sache ganz in der Ordnung. Und merkwürdigerweise faßte Violanta die Bewegung des Tieres auch ganz in diesem Sinne auf. Sie streichelte leise sein seidenweiches Fell, was ihn zu erhöhter Schnurrtätigkeit ermunterte, und flüsterte ihm zu: »Es ist auch wirklich gar nichts Schreckliches, was wir dort sehen, nicht wahr? Wäre die Gestalt schwarz wie die Nacht, – Dunkles ist immer unheimlich, – aber weiß wie das liebe Sonnenlicht, mit ihm zusammenfließend, was wäre dabei zu fürchten?« Und während sie das eigentlich mehr dachte als aussprach, verschwand die untergehende Sonne unter dem Fenster und erleuchtete nur noch den oberen Teil des Kaminmantels und ein Stück des Plafonds; für einen kurzen Augenblick wurde die Lichterscheinung dichter, wodurch die Form der Gestalt deutlicher hervortrat und erkennen ließ, daß ein loses Gewand sie einhüllte und die eine ihrer Hände einen Schleier unter dem Kinn zusammenhielt, und dann war sie nicht mehr zu sehen.

Indes Violanta noch unbeweglich saß und über die Erscheinung oder Vision – sie wußte nicht, wie sie es nennen sollte – nachdachte, überhörte sie ein kurzes Klopfen an der Tür ihres Wohnzimmers und schreckte erst aus ihrem Sinnen auf, als sie Melanie mit deutlicher Mißbilligung sagen hörte:

»Oh, ich sehe, du bist nicht allein. Auf ein anderes Mal denn!« Und ehe sie, noch etwas benommen von dem Erlebten, eine Antwort geben konnte, schlug auch die Tür zum Salon schon wieder zu. Der damit verbundene Knall kündigte deutlich – ein »Lied ohne Worte« – an, daß Melanie ärgerlich war; denn es war ihre Gewohnheit, ihr Mißfallen über irgend etwas, das ihr in die Quere kam, durch Geräusch, am liebsten durch Türzuwerfen kundzugeben. Eine Unmanier und eine Ungezogenheit dazu, aber in gewissen Dingen hatte die Erziehung bei Melanie versagt, besonders wo es sich um ihr eigenes, süßes Ich handelte.

Die geräuschvolle Entfernung hatte aber heute insofern ihr Gutes, als sie Violanta sehr energisch aus ihrer Träumerei aufschreckte. Halb ärgerlich, halb lachend stand sie auf, trug Numa Pompilius, der damit nicht ganz einverstanden war, zu der Tür nach dem Vestibolo, ließ ihn dort hinaus und ging dann in den Salon, um vom Balkon den Sonnenuntergang zu sehen. Hier traf sie Melanie, die, in einen Sessel geworfen, auf sie zu warten schien.

 »Warum bist du denn so davongestürmt?« fragte sie freundlich.

»Weil ich etwas mit dir besprechen wollte und dazu keine fremden Ohren brauche«, versetzte Melanie ungnädig.

»Fremde Ohren?« wiederholte Violanta verständnislos.

»Ist er fort?« war die Gegenfrage.

»Er? Wer?« machte Violanta, und weil sie nur an Numa Pompilius dachte, lachte sie.

»Den Jungen, der bei dir war, meine ich natürlich doch.«

»Den Jungen? Du hast geträumt – es war kein Junge bei mir.«

»Wenn du ihn verleugnen willst, dann auch gut. Ich war aber nahe genug, um ihn an dem Tisch neben dir stehen zu sehen«, behauptete Melanie gereizt. »Übrigens«, setzte sie einlenkend hinzu, bevor Violanta ihrem Erstaunen über die merkwürdige Illusion, die Melanie gehabt haben mußte, Worte geben konnte, »übrigens vergaß ich, daß der Junge wohl schwerlich Deutsch versteht; immerhin aber wäre mir auch in diesem Falle die Gegenwart eines Dritten nicht angenehm gewesen.«

»Ja, aber um alles in der Welt –«

»Laß gut sein. Wie spät ist es? Oh, noch Zeit genug bis zum Pranzo, dir zu sagen, was ich von dir wollte. Ich fand vorhin bei unserer Heimkehr einen Brief meines Vaters vor, der Angst hat, daß ich deine Gastfreundschaft zu lange in Anspruch nehmen könnte. Vater, der in solchen Dingen immer überängstlich ist und etwas altmodisch denkt, ist der Meinung, daß ich nur dann länger noch unter deinem Dach bleiben dürfe, wenn ich von dir irgendein Amt erhielte, zum Beispiel als deine Sekretärin oder als deine Gesellschafterin. Das also wollte ich dir sagen.«

Violanta kannte den Professor Oster seit ihrer Kindheit und schätzte den grundvornehm denkenden Mann hoch ; sie glaubte daher nun und nimmermehr, daß er ihr in dieser Form die Pistole auf die Brust setzen würde, vielmehr stieg in ihr der Verdacht auf, daß die Principessa am Ende Melanie gegenüber eine Bemerkung darüber gemacht, daß man eine Gastfreundschaft nicht ins Unendliche ausdehnen dürfte. Auch hatte Attilio ihr bei der Heimkehr heute nachmittag gesagt, daß mit der Post gar keine Privatbriefe eingetroffen seien; folglich irrte Melanie sich in der Ankunftszeit des väterlichen Briefes, oder – was das Wahrscheinlichere war, – sie hatte sich ihn selbst geschrieben, in Gedanken nämlich, um einen eigenen Wunsch damit zu bemänteln.

»Ah so«, wiederholte sie, um Zeit zur Antwort zu gewinnen. Dann aber siegte in ihr die Erinnerung an gemeinsame Kinder- und Jugendjahre, und freundlich sagte sie: »Nun, nach den paar Wochen, die du bei mir bist, kann doch noch keine Rede davon sein, daß du meine Gastfreundschaft schon zu lange in Anspruch genommen hast. In einer sehr beschränkten Wohnung mag ja ein längerer Logierbesuch am Ende lästig fallen, aber da ich ja genug Platz für ein paar Dutzend Gäste habe, wovon du dich gewiß überzeugt haben wirst –«

»Du brauchst mir deine Paläste und Schlösser gar nicht erst noch extra unter die Nase zu reiben; ich habe Augen, um damit zu sehen«, fiel Melanie gereizt ein, besann sich jedoch und fuhr liebenswürdiger fort: »Nimm mir's nicht übel, wenn man aber so sehen muß, wie auf einen einzigen Menschen alles herabregnet, was nur denkbar ist, während unsereins in seiner filzigen Armut daneben steht und nur das Zusehen hat – ich bin ja gewiß nicht neidisch, nur reicht meine Philosophie nicht ganz hin, mich in deinen Überfluß ganz ohne Vergleich zu finden. Das ist nun einmal nicht zu ändern, lassen wir also das Thema, und sage mir lieber, wie du dich zu Vaters Vorschlag stellst.«

Bei aller Gutmütigkeit und allem guten Willen im Namen der Freundschaft fand Violanta nun doch, daß sie jetzt oder nie entschieden zu sein hatte, damit nicht erst ein Schneeball ins Rollen kam, der sich zur Lawine auswachsen mußte, wenn ihm kein Hindernis in den Weg gelegt wurde.

»Dein Vater hat wohl nur sagen wollen, daß er dich lieber in einem Amt und Arbeit sehen möchte, als deine Zeit müßig zuzubringen«, sagte sie. »Bei mir kann ich dir leider ein Amt nicht bieten, denn eine Sekretärin brauche ich nicht, weil ich meine Privatbriefe selbst schreibe, die Geschäftsbriefe aber durch Attilio erledigt werden, der sich darin auskennt, weil mein Urgroßvater ihn dafür schon geschult hat. Und eine Gesellschafterin – Melanie, erinnere dich daran, daß wir beide immer einig darin waren, eine Gesellschafterin für ein höchst überflüssiges Möbel zu halten. Ich bin heute noch derselben Ansicht. Was ich der Meinung der Welt nach brauchen werde, ist eine sogenannte Ehrendame, die ja schließlich auch eine Art von Gesellschafterin ist, und dazu bist du, gleichalterig mit mir, doch noch zu jung; außerdem muß dieser Appendix meiner Würde eine Dame der italienischen Gesellschaft sein. Wenn du aber gern in Italien bleiben möchtest, so werde ich mich mit Hilfe Doktor Nemis bemühen, dir eine angemessene Stellung zu verschaffen, was ja wohl Zeit hat, bis wir im Herbst nach Rom zurückkehren. Ich denke, dein lieber Vater wird dir die paar Monate Ferien als mein lieber Gast gern bewilligen.«

»O ja – ich denke schon«, machte Melanie gedehnt. Jedenfalls hielt sie es nicht für nötig, für die gewiß sehr großzügige Einladung einen Dank zu stammeln, sondern rückte nun mit dem eigentlichen Zweck der Übung heraus.

»Weißt du was? Empfiehl mich Donna Filomena Porsenna als Gesellschafterin, oder meinetwegen auch als Stütze. So viel könntest du schon für mich tun.«

»Höre, Tante Filomena macht mir gar nicht den Eindruck, als ob sie die eine oder die andere brauchen könnte«, versicherte Violanta ehrlich. »Bei ihrer Tatkraft braucht sie sicher keine Stütze, am allerwenigsten eine ausländische, die keine Ahnung vom Betrieb der Wirtschaft und der Behandlung des Gesindes beziehungsweise seiner Eigenart hat. Und wenn du dich in ihrem Zimmer umgesehen hast, wirst du ohne weiteres erraten haben, daß sie für ihre knappen Mußestunden ihre Bücher und ihre Musik sicher einer Gesellschafterin vorzieht, sonst hätte sie eine solche sicher längst schon haben können und nicht auf dich gewartet.«

Vielleicht hatte sich Melanie das selbst schon gesagt, denn sie widersprach diesen Gründen nicht.

»Nun, dann sei wenigstens nett und vermittle mir eine Einladung in ihr Haus«, sagte sie, nicht ohne eine kleine Verlegenheit.

»Ja, um alles in der Welt, hat dich der einsame Hof so bezaubert, daß du ihn diesem Hause hier vorziehst?« rief Violanta erstaunt. »Davon gar nicht zu reden, daß es für mich nicht gerade schmeichelhaft ist –«

»Ach, Unsinn!« fiel Melanie ein. »Der Hof mag ja ganz romantisch sein, aber reizen könnte er mich nur, wenn – wenn ich zum Beispiel die Herrin darin wäre. Du verstehst nun, nicht?«

»Was soll ich verstehen?«

»Dummerchen! Das ist doch klar wie – wie Nudelbrühe; ich wäre nicht abgeneigt, Herrin des Hofes zu werden, und du sollst dazu ein wenig nachhelfen.«

»Ach so! Nun fängt's an, hell zu werden«, sagte Violanta nach einer Pause, während welcher sie sich Mühe gab, ruhig zu bleiben. »Ich habe wahrhaftig einen Augenblick geglaubt, du sprichst im Ernst, ich bitte dich wegen dieses unwürdigen Verdachts um Entschuldigung.«

Sie wußte zwar ganz genau, daß Melanie keineswegs gescherzt, aber sie baute sich selbst diese Brücke, um nicht die Antwort geben zu müssen, die ihr auf der Zunge lag, während Melanie ebenso genau wußte, was die Antwort war, die Violanta umging. In dieser Sackgasse angelangt, war es für beide Teile eine Erleichterung, daß ein Diener erschien, um zu Tisch zu bitten. Gleichzeitig trat auch die Principessa von der anderen Seite, von der Bildergalerie aus, ein.

»Ich freue mich immer, daß der alte Duca durch Anbringung der Namen auf Kartuschen die Originale der Bildnisse der Vergessenheit entrissen hat«, meinte sie, indem sie mit Violanta und Melanie den Weg durch die Bildergalerie nahm. Dort konnte man die historischen Patriziernamen ganz Italiens unter den »Angeheirateten« finden, Namen, die heute noch zum größten Teil florieren, heute noch in ihren alten Feudalpalästen hausen; Namen, die sich in den verklungenen Baronialzeiten befehdeten, haßten und mordeten, ihren Frieden erst »tief unter der Erd« schlossen. Da war auch ein Doppelbildnis, von unbekannter oder vergessener Hand gut gemalt, das heute nicht zum erstenmal Violantas Interesse erregte: ein Herzog von Santa Rosa aus der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts mit einer blendend schönen, wenn auch nicht gerade viel Geist verratenden Gemahlin aus umbrischem Geschlecht, deren süßes Lächeln im scharfen Gegensatz stand zu dem harten, ja grausamen Gesicht ihres Eheherrn. »Dieser Vorfahr erinnert mich an den König in Uhlands Ballade von ›des Sängers Fluch – so finster und so bleich‹ », sagte sie mit einem leisen Erschauern.

»Damit hast du einen Vergleich getroffen, dem glücklicherweise das tragische Ende fehlt«, erklärte die Principessa. »Der alte, fluchende Sänger ist freilich nicht nachweisbar, dafür aber der junge um so mehr. Er war ein Verwandter der schönen Herzogin mit dem süßen Mund und dem dummen Lächeln und besaß neben seinem glänzenden Äußeren die schon so oft gefährlich gewordene Gabe, mit einschmeichelnder Stimme Lieder zur Laute zu singen. Zwar konnte ihm der Herzog, als der umbrische Kavalier zu längerem Besuch hier im Schlosse weilte, nicht wie der König in der Ballade vorwerfen, daß er mit seinem Gesange sein Volk verführt, – daß er ihm sein Weib verführt, scheint aber ziemlich sicher zu sein. Das Ende vom Lied war, daß der gefährliche Sänger eines schönen Tages verschwunden war, ob einfach abgereist oder sonstwie ungefährlich gemacht, darüber sind nur unverbürgte Gerüchte vorhanden. Die Zeiten, in denen der Herr Gemahl kraft seiner Jurisdiktion über seine Untertanen diese – gleich wie im Falle der Herzogin Violanta – so tragisch ausübte, waren damals schon, dank diesem schrecklichen Beispiel, etwas in Verruf gekommen, das heißt, die Feudalherren waren vorsichtiger geworden. Tatsache ist, daß die schöne Herzogin als eine einsame, kraft des Willens und Rechtsspruches ihres finsteren Gatten, Verbannte bis in ihr hohes Alter hier im Schlosse gehaust hat. Nicht einmal die Kirche durfte sie besuchen, der Gottesdienst wurde durch einen eigens bestellten Schloßkaplan drunten in der Sühnekapelle für sie gehalten und außerdem gute Sorge dafür getragen, daß sie ihrem Exil nicht etwa entfliehen konnte, wozu sie, scheint's, auch nicht die Energie und den Mut besaß. Nicht einmal ihre Kinder durfte sie mehr sehen. Und wenn du wissen willst, wie der ihr so fatal gewordene Sänger mit der Laute ausgesehen hat – dort hängt das Porträt des nichtsnutzigen Schlingels, wie mein Mann ihn nannte. Wie das Bild hierhergekommen und nach der Katastrophe geblieben ist, darüber fehlen die Nachrichten.«

Der »nichtsnutzige Schlingel« – sein Bildnis war vielleicht darum der Ausweisung oder der Vernichtung entgangen, weil es, von Alessandro Algardi gemalt, Anspruch auf Kunstwert machte – mußte seinem Aussehen nach allerdings eine Art von Rattenfänger gewesen sein.

Bartlos, mit Ausnahme eines dunklen Flaumes über den leichtfertig lächelnden roten Lippen, das glatte, zu glatte und zu weiße Gesicht von lockigen, kastanienroten Haaren überschattet, sah er aus dem Rahmen mit einem Paar gefährlich schöner, goldbrauner Augen heraus, die das »Klappern« sogar im gemalten Zustande verstanden. Auch der weißen, schlanken Hand, die sich kokett aus der Spitzenmanschette auf die Hüfte seines violetten, reich mit Goldspitzen verzierten Samtrockes legte, sah man es an, daß sie verführerisch auf den Saiten seiner Laute geruht haben mußte, und der breite Kragen von kostbarem Guipure, aus dem vorn am Hals ein reiches Spitzenjabott, gehalten von einer Diamantagraffe, auf die Brust fiel, zeigte deutlich, daß dieser schöne junge Mensch auch viel auf sein Äußeres gehalten.

»Mir wäre dieser Angelo nicht gefährlich geworden«, erklärte Violanta energisch. »Er ist mir zu schön für einen Mann und weiß es zu sehr, daß er es ist. Hoffentlich hat er sich's hinter die Ohren geschrieben, daß Lautespielen und Singen auch eine Kehrseite der Medaille haben.«

»Nach der Art und Weise, wie dein Vorfahr das seiner Gattin klargemacht hat, fürchte ich sehr, daß es ihm hinter die Ohren geschrieben wurde«, meinte die Principessa. »Wir wollen aber doch nicht vergessen, daß der Pranzo auf uns wartet; Fräulein Oster ist vor Hunger schon ganz verstummt.«

Nach der Mahlzeit zogen sich die drei Damen zu einer für italienische Gewohnheiten noch recht frühen Stunde in ihre Gemächer zurück. Violanta setzte sich an ihren Schreibtisch, um einen an ihre Großmutter begonnenen Brief zu vollenden. Danach wollte sie aus einer Schublade einen Umschlag herausnehmen, konnte diese jedoch nicht aufziehen, weil irgend etwas sich darin verklemmt hatte. Es war dies eine jener Schubladen, die die herunterklappbare Platte des alten Empiresekretärs verdeckte, wenn sie geschlossen war, eine von den zwei Reihen kleiner Schubladen, zwischen denen ein offenes Mittelfach in der Form eines antiken Tempelchens von weißem Marmor lag, das der Aufnahme eines kostbaren Schreibzeuges von Lapislazuli und Goldbronze diente. In der irrigen Meinung, daß eine der beiden zu dem als Säulentempelchen gestalteten Fach hinaufführenden Marmorstufen die Ursache des Hindernisses sei, suchte Violanta diese etwas nach rechts zur Seite zu drücken, was zwar nicht gelang, aber den Erfolg hatte, daß die vermeintliche Stufe sich nach vorwärts bewegte, und eine dahinterliegende, flache, leere Schublade zum Vorschein kam. Diese Entdeckung brachte Violanta auf den Gedanken, auch die obere, etwas schmälere Stufe herauszuziehen, hinter welcher richtig eine zweite flache Schublade lag, und in dieser ein großes, offenes Kuvert, dessen obere Seite beschrieben war. Eine kleine Weile zögerte sie zu lesen, was ihr so unvermutet, jedenfalls hier vergessen, in die Hände gefallen war, aber die Erwägung, daß sie ja doch die Erbin alles dessen war, was ihr Urgroßvater hinterlassen, gab ihr nicht nur das Recht dazu, sondern machte es ihr sogar zur Pflicht, Einsicht in die Papiere des alten Herrn zu nehmen. Sie las also, was er mit eigener Hand, bestätigt durch seine Unterschrift, mit seiner feinen, eleganten, immer noch recht festen und klaren Schrift auf das große Kuvert geschrieben hatte.

»Heute bin ich neunundneunzig Jahre alt geworden, und da es möglich scheint, daß ein höheres Alter mir nicht mehr beschieden sein könnte, will ich das inliegende Dokument für meinen Nachfolger mit einigen erklärenden Zeilen begleiten. Wie die Lage heute ist, wäre es die Enkelin meines zweiten Sohnes erster Ehe, Violanta Porsenna, die mich nach menschlichem Ermessen beerben wird; in ihre Hand also lege ich den Inhalt, nämlich die notariell beglaubigte Urkunde der Verzichtleistung meines Sohnes Luigi auf seine eventuelle Erbfolge. Violanta Porsenna wird wissen oder erfahren, warum ich Luigi von der Erbfolge ausgeschlossen habe; für seine eventuellen Nachkommen wollte ich sie indessen nicht ausgedehnt wissen, er aber war in seiner Verblendung starrsinnig und wünschte auch für seine Deszendenz zu verzichten. Ich aber war ebenso starrsinnig, habe die Klausel in die Entsagungsurkunde sozusagen doch eingeschmuggelt, und Luigi hat das Dokument unterschrieben, ohne es zuvor noch einmal durchzulesen. Er wußte also bis zu seinem Tode nicht, daß er nur für seine Person Verzicht geleistet hatte. Der Grund, weshalb ich lieber einen Enkel des Bauern Volpe zum Nachfolger will als Luigis jüngeren Bruder Ferrante, ist in dem beiliegenden verschlossenen Kuvert niedergelegt; meine präsumtive Nachfolgerin Violanta Porsenna soll davon Einsicht nehmen, falls bei einem nicht ausgeschlossenen eventuellen Versuch Ferrantes, ihr die Erbschaft zu bestreiten, die in der Entsagungsurkunde meines Sohnes Luigi enthaltene, oben angeführte Klausel angefochten werden sollte, um sich selbst zum nächstberechtigten Agnaten aufzustellen. Übrigens ist es ihr nicht untersagt, auch schon an dem Tage, an welchem sie das einliegende Dokument in meinem Nachlasse finden wird, die Anlage in Augenschein zu nehmen. Pietro Porsenna, Herzog von Santa Rosa.«

Interessiert las Violanta die in dem Umschlag steckende Urkunde, unterschrieben von dem alten Duca, seinem Sohne Luigi Porsenna, dem Notar Pollini und zweier Zeugen, aufmerksam durch. An sich berührte Violanta diese Urkunde ja nicht; sie trat nur für den Fall in Kraft, daß sie unvermählt oder ohne eheliche Nachkommen sterben sollte, denn nach dem Familienerbrecht gingen Titel und Besitz auf ihre Deszendenz aus vollbürtiger Ehe über, und das war's ja auch hauptsächlich, was Don Ferrante, der in dieser Bestimmung eine Schmälerung seines Blutrechtes sah, – und vielleicht nicht einmal ohne Berechtigung, – zu seiner Gegnerschaft der weiblichen Erbfolge veranlaßte, obschon solche Bestimmungen ja auch in regierenden Häusern bestehen.

Welches aber war der Grund, der den alten Herrn bewogen hatte, lieber einen Enkel des Bauern Volpe zum Nachfolger zu haben als seinen Sohn Ferrante?

Violanta nahm den in das Dokument eingeschlossenen und versiegelten Umschlag, der die Erklärung enthalten sollte, in die Hand und drehte ihn unentschlossen darin herum. Es war ihr ja ausdrücklich anheimgestellt, den Inhalt zu lesen, auch ohne daß etwaige Schritte Don Ferrantes gegen ihr Erbrecht sie dazu nötigten; ohne diese Erlaubnis hätte sie sich sicher nicht einen Augenblick versucht gefühlt, das Siegel zu brechen. Aber diese seltsame Entschließung eines Vaters gegen seinen Sohn machte sie sehr wißbegierig, den Grund zu erfahren, sie war jung und neugierig, kurz, sie öffnete das Kuvert und las den Inhalt, der übrigens nur knapp eine Seite des eingeschlossenen Bogens Papier umfaßte. Und nicht nur ein-, sondern zwei- und dreimal las sie, was der alte Herr nicht mit in sein Grab nehmen wollte, und dann war ihr erster Impuls, das Blatt zu vernichten. »Entweder kennt Onkel Ferrante dieses Familiengeheimnis schon«, überlegte sie, »und dann – dann weiß er ja ohnedem Bescheid, oder er kennt es nicht, und dann wäre ich wahrhaftig die letzte, die es ihm enthüllen würde, – es müßte denn sein, daß er selbst mich dazu zwingt. Für mich selbst, für meine Person hätte ich sicher das Recht, diese Sache hier zu vernichten, denn selbst wenn es ihm gelingt, mich aus meinem Erbe herauszudrängen, so würde ihm das gar nichts nützen, weil ja durch diese Urkunde die Nachfolge gesichert ist; aber habe ich das Recht für den Fall, daß auch Pietro Porsennas Rechte angefochten werden sollten? Nein, im Hinblick auf diese Möglichkeit habe ich das Recht nicht, ganz bestimmt nicht. Also –«

Und ohne sich weiter zu besinnen, tat sie, was vorhin, als die geklemmte Schublade sich nicht herausziehen ließ, das Nächstliegende gewesen wäre: sie schob ein dünnes stählernes Falzbein in den oberen Spalt des Schubes, wodurch ein dickes Paket Briefumschläge herabgedrückt wurde, und nun ließ sich der Schub leicht herausziehen. Nach der Lektüre steckte sie das vordem versiegelte Familiengeheimnis in ein neues Kuvert, das sie mit der Petschaft des alten Duca versiegelte. Wie sehr wünschte sie, daß sie in Unwissenheit des Geheimnisses geblieben wäre!

»Das kommt davon, wenn man in Blaubarts Zimmer die Nase steckt, wenn's einem auch nicht verboten ist, hineinzugucken«, seufzte sie und stieß den flachen Schub unnötig heftig hinein. »Nun, als der Chef des Hauses Porsenna bin ich doch wohl verpflichtet, die Skelette in den Schränken meiner Häuser gebührend in Augenschein zu nehmen, aber Skelette sind kein lieblicher Anblick, und dieses hier scheint mir besonders abstoßend. Ich wollte, der alte Herr hätte es lieber mit in sein Grab genommen, denn die Klausel in Onkel Luigis Verzichtleistung würde doch wahrhaftig genügen, Onkel Ferrantes Sukzessionsgelüste im Keim zu ersticken, falls er sie noch haben sollte, was ich eigentlich nicht mehr annehmen möchte.«

Violanta, die heute gar nicht müde war, sich im Gegenteil in einer ihr selbst unerklärlichen Stimmung befand, die selbst über den Ärger triumphierte, in welchen Melanie sie versetzt, hatte nun erst recht keine Lust zu Bett zu gehen, um dort doch bloß über das »Familiengeheimnis« nachzusinnen, in dessen Besitz sie so unerwartet gelangt war. Sie ging in die Bibliothek, um sich aus dem noch bereitliegenden Buche über die Geschichte des Schlosses Santa Rosa zu unterrichten, doch wurde diese Absicht dadurch verhindert, daß sie beim Hineintreten wieder wie gestern abend den in der Form einer menschlichen Gestalt flüchtig, aber doch deutlich genug erkennbaren Schatten vor dem Kamin erblickte. Ob es derselbe war, den sie gleich einem weißen Nebel im vollen Licht der Sonne vor wenigen Stunden gesehen, war durch die Flüchtigkeit der Erscheinung nicht möglich zu entscheiden, denn sie hatte kaum einen Blick darauf geworfen, da war der Schatten auch schon wieder verschwunden, und statt seiner leuchtete wieder das flammenähnliche bläuliche Licht rechts neben dem Kamin mit unruhigem Flackern. Obwohl Violanta bei seinem Anblick keine ausgesprochene Furcht verspürte, war es ihr doch klar, daß es ihr unmöglich sein würde, ruhig sitzen zu bleiben.

»Ich möchte wissen, ob Numa Pompilius das Licht auch sehen, und wie er sich dabei verhalten würde«, dachte sie, indem sie rasch durch die Bibliothek in ihr Schlafzimmer ging. »Vorhin den – den weißen Schatten hat er gesehen so gut wie ich und hat ruhig geschnurrt, also kann es nichts Beunruhigendes gewesen sein, ich selbst hab's als solches auch nicht empfunden, aber, ich weiß nicht, – dieses sonderbare Licht ist mir unsympathisch, sehr –«  

Numa Pompilius lag, als sie ihr Schlafzimmer betrat, auf der grünseidenen Steppdecke ihres Bettes und schien dieses Lager so angenehm zu finden, daß er seinen Entschluß, es für diese Nacht nicht mehr zu verlassen, durch ein höchst wohliges Strecken, begleitet von einer schläfrigen Anrede an die rechtmäßige Besitzerin des Bettes, kundgab. Dieser Anblick gab Violanta den Gedanken ein, gleich die Probe zu machen und dann Numa Pompilius höflich aber fest zu ersuchen, seine nächtliche Ruhestätte anderswo aufzuschlagen. Sie kehrte sich demnach nicht daran, daß er Protest einlegte, als sie ihn aufhob und in die Bibliothek trug, wo das rätselhafte Licht neben dem Kamin immer noch unruhig hin und her flackerte. Mit dem Gesicht der Stelle zugekehrt, ließ sie ihn auf den Fußboden herab, und kaum hatte das Tier die Flamme erblickt, als es mit gesträubtem Fell einen Buckel machte, ein entsetztes Geheul ausstieß, fauchte, spuckte und mit einem Satz zurück in das Schlafzimmer sprang und sich dort zitternd vor Angst unter das nächste Möbel verkroch.

Am liebsten wäre Violanta, bestürzt durch diese Wirkung, dem Kater unter den Schrank gefolgt – ohne Bemäntelung sei's gesagt! –, aber da dies leider nicht anging, so mußte sie sich damit begnügen, ihm nur so rasch wie möglich nachzulaufen, die Tür zuzumachen, den Schlüssel umzudrehen und zum Überfluß auch noch den Riegel vorzuschieben, eine Maßregel, deren Überflüssigkeit und – Lächerlichkeit ihr erst später zum Bewußtsein kam, als sie sich klarmachte, daß Schloß und Riegel gewiß ganz gut, und wirksam gegen Menschen sind, gegen Licht- und andere rätselhafte Erscheinungen aber kaum Gewähr bieten dürften. Das fiel ihr im Augenblick natürlich nicht ein, weil sie, genau wie das Tier, Angst hatte, ohne jede Phrase, obwohl sie für gewöhnlich eigentlich kein Hasenfuß war. Sie ärgerte sich dabei auch redlich über diese kindische Furcht, denn was konnte ihr denn eine Lichterscheinung anhaben, die sich doch erklären lassen mußte? War nicht der Schatten, der doch ganz zweifellos eine menschliche Gestalt hatte, weit eher dazu angetan, durch das Unheimliche dieser Erscheinung Furcht einzuflößen, und doch hatte sie nicht einen Augenblick Angst davor empfunden, ebensowenig wie das Tier, – warum also hatte die sonderbare Flamme diese Wirkung auf das unvernünftige Geschöpf ausgeübt, und damit rückwirkend auch auf sie?

Durch die spontane Zuneigung, die Numa Pompilius vom ersten Blick an zu Violanta gefaßt hatte, gelang es ihr sehr bald, ihn unter dem Schrank hervorzulocken. Sie nahm ihn auf den Schoß, streichelte ihn, indem sie sich selbst durch seine unmittelbare Nähe beruhigte, so lange, bis sein Fell sich wieder glättete und er zu schnurren begann. Aber etwas von dem Schrecken war ihr doch haftengeblieben, die Gesellschaft eines lebenden Wesens war ihr, obgleich Numa Pompilius bewiesen, daß sein Heldenmut und sein Schutz recht fraglich waren, so angenehm, daß ihm die grünseidene Steppdecke für diese Nacht nicht mehr entzogen wurde, und da er darauf bestand, den ihm angewiesenen Platz am Fußende des Bettes mit einem anderen, dicht an ihrem Arm, zu vertauschen, so wurde ihm auch dieser bewilligt, und beide »Helden« schliefen also, sich gegenseitig Mut einflößend, sehr bald ein.

Am nächsten Morgen fuhren die drei Damen, wie es am Abend zuvor schon verabredet worden war, gleich nach dem Frühstück im Auto fort, um der Villa Porsenna am Meeresstrande einen Besuch abzustatten, und als sie an der Villa Don Ferrantes vorüberkamen, sahen sie dort die Fensterläden und die Fenster geöffnet, ein Zeichen, daß der Besitzer bald in seiner Sommerresidenz erwartet wurde.

»Man wird wohl also zum Empfange Blumen schicken müssen«, meinte Violanta mit einem fragenden Blick auf die Principessa, die mit den Schultern zuckte. »Nun ja, daheim, ich meine in der Schweiz, ist es so Sitte, heimkehrende Verwandte, Freunde und Bekannte durch Blumen und andere Spenden zu begrüßen.«

»Gewiß, diese Sitte besteht hierzulande auch«, versetzte die Principessa trocken, womit die Sache erledigt war, denn die Gegenwart Melanies legte den Kusinen Zurückhaltung in der Besprechung von Familienangelegenheiten auf, und Melanie merkte das.

»Mir scheint, ich bin hier im Wege«, meinte sie spitz.

»Liebes Fräulein Oster, wenn wir den Namen eines Verwandten in Ihrer Gegenwart nicht nennen dürfen, ohne daß Sie sich gleich ausgeschaltet fühlen, so sind wir, scheint es, eben im Wege«, sagte die Principessa ruhig und ohne Schärfe. »Sind Sie immer so empfindlich und so – mißtrauisch? Ich beneide keinen Menschen um sein Mißtrauen, auch wenn es berechtigt sein sollte. Mißtrauen verdirbt nicht nur den Charakter, sondern auch die Freude am Dasein und an der Gesellschaft der Menschen, – es gehört, wie seine Zwillingsschwester, die Eifersucht, zu den Dingen, die mit Eifer suchen, was Leiden schafft.«

»Mir ist, als hörte ich meine Mutter reden«, gab Melanie zu .«Aber man kann doch nichts für seine Veranlagung.«

»Gewiß nicht, aber man kann sie bekämpfen, sich nicht zu ihrem Sklaven machen«, erwiderte die Principessa.

»Wir wollen uns diesen herrlichen Morgen aber nicht durch pädagogische Weisheit und Wahrheiten verderben, deshalb schlage ich vor, lieber von etwas anderem zu reden, sintemalen es doch nichts nutzt. Wie schön die Campagna in der Frühlingssonne ist!«

»Wunderbar ist sie, ein Paradies in der Pracht ihres Grünens und Blühens«, gab Violanta ihrer längst gefühlten Begeisterung Ausdruck. »Es ist wirklich schwer zu verstehen, daß hier auf Schritt und Tritt der Tod lauern soll, die mörderische Malaria.«

»Die Malaria! Ist es nicht zu gewagt für mich, ich meine für uns, hier herumzukutschieren?« fragte Melanie erschrocken und verriet durch die Korrektur ihrer eigenen Worte deutlich genug den »heiligen Egoismus« ihrer Natur, von Violanta aus alter Gewohnheit kaum beachtet, von der Principessa aber zur Notiz genommen.

»Sie brauchen keine Angst zu haben, denn ich hätte mich an dieser Fahrt wohl kaum beteiligt, wenn meine werte Haut dabei in Gefahr wäre«, versicherte sie mit gutmütigem Spott. »Ich lege nämlich merkwürdigerweise gar keinen Wert darauf, Malaria zu bekommen. Im Ernst: wir haben jetzt, zu dieser Zeit, nichts zu befürchten, denn die Malariamücke schläft bei Tage und wacht erst mit den aus den Sümpfen aufsteigenden Nebeln auf, wenn die Sonne untergeht. Bis hinauf nach Santa Rosa steigen weder die Nebel noch die Moskitos. Es sind die armen Leute hier in den Sümpfen, die ihnen zum Opfer fallen.«

»Aber warum verlassen diese Leute nicht solch ein gefährliches Land?«

»Die Gewohnheit, die Anziehungskraft der Scholle hält sie, gerade so wie immer wieder von Erdbeben zerstörte Städte genau an derselben Stelle neu aufgebaut werden, wie die von Vulkanen bedrohten und verschütteten Orte an dem gleichen Punkt neu entstehen.«

Am Ziel der schönen Fahrt angelangt, hatte Melanie wieder einmal Gelegenheit, große Augen zu machen, denn als sie am Meeresstrand entlangfuhren, deutete sie auf ein großes, weißes Marmorschloß, das auf einem von der Brandung umspülten Fels in die blauen Wellen des Meeres hineinragte, und rief aus: »Habt ihr das Schloß gesehen, das hohe Schloß am Meer? Wem mag dieses Schloß wohl gehören?«

»Es gehört der Herzogin von Santa Rosa und wird die Villa Porsenna genannt«, sagte die Principessa nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit, indem sie Violantas Hand drückte, deren Augen nun auch größer wurden.

»Das ist die Villa Porsenna? Ich stellte mir darunter ein kleineres Landhaus inmitten eines Gartens vor«, staunte Melanie.

»In Italien nennt man eine Villa das Grundstück, welches zu dem darauf stehenden Haus gehört«, erklärte die Principessa. »Sehen Sie, wir fahren eben in den, wie ich fürchte, etwas verwilderten Park ein, der sich an das Gebäude anschließt, das Sie mit Recht ein Schloß nannten. Der alte Duca kam aber so selten her, daß man den Park vernachlässigt hat, obschon ich nicht finden kann, daß es zu seinem Nachteil geschah, denn ich habe immer diese Naturparks mit ihren mysteriösen Schatten, ihren im Grün der Schlingpflanzen halb verschleierten Hermen und Statuen, ihren leis murmelnden Quellen und plätschernden Fontänen den geschniegelten Gärten mit ihren abgezirkelten Blumenbeeten vorgezogen.«

Violanta sagte nichts, aber der Blick, den sie in das Grün der Zypressenallee tauchte, durch welche sie zu dem in seiner großartigen Einsamkeit liegenden »hohen Schloß am Meer« dahinglitten, sagte auch ohne Worte, daß sie die Vorliebe der Principessa teilte. Sie sagte auch nicht viel, als sie das Schloß mit seinen kühlen Marmorhallen durchschritt und auf einer monumentalen Treppe zu der Zimmerflucht emporstieg, die, im Stil des römischen Empire nur spärlich, aber kostbar eingerichtet, zwar das entbehrte, was man mit »gemütlich« bezeichnet, hingegen aber imposant wirkte; erst als sie auf einen söllerartigen Balkon hinaustrat und das weite, blaue Meer überblickte, rechts das mit alten Seeräubernestern beklebte Ufer, links das weit vorspringende Kap der Circe mit den altersgrauen Mauern von Torre d'Astura zu Füßen, da atmete sie tief auf und sagte träumerisch:

»Hier könnte man während der heißesten Zeit wohnen. Am Meer! Es ist das erstemal, daß ich das Meer sehe. Ein Wunder ist's, ein Wunder! Seht, wie die weiße Jacht dort vorübersegelt, wie ein Schwan mit entfalteten Schwingen – es muß eine Wonne sein, auf dem Meer zu segeln.«

Die Principessa nickte. »Das ist's. Ich hab mir immer eine Jacht gewünscht, aber mein Mann vertrug das Wasserfahren nicht. Nun, du kannst es aber versuchen, und dir eine eigene Jacht anschaffen.«

»Ja, und ich werde sie Santa Rosa taufen!« rief Violanta mit strahlenden Augen. »Welch herrliche Gedanken du hast, Olga! Ich wäre von selbst gar nicht darauf gekommen.«

»Vielleicht kannst du dir auch noch ein Luftschiff kaufen, wenn es dir einfällt, daß es herrlich sein muß, zur Abwechslung mal zu fliegen«, sagte Melanie giftig. »Eigentlich muß es dir doch ekelhaft werden, so reich zu sein.«  

»Nun, ich weiß doch nicht«, meinte Violanta lachend. »Vielleicht kommt dieser Zustand später, vorläufig komme ich mir noch wie Hans im Glück vor. Ganz wie im Märchen, besonders hier am Meer. Ja, nicht wahr, Olga, wir werden die heiße Zeit hier zubringen? Sei lieb, und sage ja.«

»Gern«, versetzte die Principessa bereitwillig. »Und wenn wir die vielen und ganz überflüssigen Zimmer plündern, um damit die doch sehr leeren, wenn auch stilvollen Räume behaglicher zu machen, Teppiche mitbringen und dem Garten seinen Überfluß an wilden Blumen und Pflanzen rauben, um sie in Vasen und Kübeln in den Zimmern zu verteilen, dann wird es auch ganz wohnlich hier sein.«

»Wohnlich? In dieser Einsamkeit? In diesem von Marmor starrenden Schloß, in dem jeder Schritt ein Echo und dieses wiederum zehn Echos erweckt?« protestierte Melanie schlechtgelaunt. »Werden Gäste nicht gefragt, ob sie in solch ein Haus mitkommen wollen?« setzte sie keck hinzu.

Violanta sah ihre Freundin erst groß an, aber statt sich zu ärgern, lachte sie. »Mitgefangen, mitgehangen, Melanie. Man ladet sich Gäste ein, zwingt sie aber nicht zum Kommen.«

»Und mit der Einsamkeit ist es hier nicht so schlimm«, meinte die Principessa. »Der Strand ist ja besät mit Villen, die meist den römischen Familien unserer Bekanntschaft gehören. Man wird also von der Herzogin von Santa Rosa erwarten, daß sie Besuche macht und ihr Haus öffnet. Man ist hier viel weniger einsam, als droben in Santa Rosa, wo man auf Logierbesuch angewiesen ist, wenn man nicht allein bleiben will.«

»Oh, unter diesen Umständen stimme ich entschieden für das hohe Schloß am Meer«, beeilte sich Melanie großmütig zu versichern.

»Nun, da wir also Ihre gütige Erlaubnis haben, steht uns ja nichts mehr im Wege«, sagte die Principessa trocken und drehte sich um, wobei sie in einem Spiegel sah, daß Melanie hinter ihrem Rücken ein Gesicht schnitt. Wie ein Gassenbube, nur nicht so harmlos, dachte sie. Es wird Zeit, daß ich mich ernstlich mit der Frage beschäftige, wie man Vio am besten von diesem Meergreis erlöst.

Als die Damen beim Mittagläuten von ihrem Ausflug zurückkehrten, trat ihnen im Portal des Schlosses Don Ferrante entgegen, geschniegelt und gebügelt wie immer, im Knopfloch eine weiße Nelke.

»Ich bin gekommen, dir, liebe Nichte, meinen Besuch zu machen und mich deiner Gnade als nächster Nachbar zu empfehlen. Wir sind erst vor einer Stunde aus Rom eingetroffen, und indem ich Ortensia in einem schrecklichen Wirrwarr von un- und halbausgepackten Koffern zurückließ, habe ich mich schleunigst aus diesem ungemütlichen Zustand entfernt. Man sagte mir, die Damen haben einen Ausflug gemacht, – ich schätze mich glücklich, euch nun doch noch gesehen zu haben.«

Violanta murmelte, was die Höflichkeit von ihr verlangte, und lud den Onkel, der frisch und merkwürdig jung aussah, ein, beim Mittagmahl zu bleiben, was dieser jedoch dringender Geschäfte halber ablehnte.

»Wenn ich mich jedoch mit Ortensia heute zum Pranzo ansagen darf, so wäre das eine Entlastung für unsere Köchin, die sich ihr Reich hier erst einrichten muß«, meinte er.

»Ja, gewiß, Onkel, du und Ortensia seid immer willkommen«, versicherte Violanta und setzte zögernd hinzu: »Nur weiß ich nicht, ob die Gesellschaft, die du heute hier finden wirst, dir genehm ist. Pietro Porsenna und seine Mutter kommen heute zum Pranzo zu mir.«

Don Ferrante war so überrascht, daß er nicht gleich antwortete. »Du hast im Gutshof Besuch gemacht?« fragte er endlich.

»Gewiß; es wäre sehr unhöflich von mir gewesen, wenn ich es unterlassen hätte«, versetzte sie ruhig. »Da irgendein gegenteiliger Wunsch meines Großvaters oder gar ein Verbot deines Vaters nicht vorliegt, so habe ich keinen Tag gezögert, eine verwandtschaftliche Pflicht zu erfüllen, und zu meiner Freude hat Olga sich mir bei dem Besuch angeschlossen. So brauche ich später nicht zu bereuen, diesen lieben Menschen nähergetreten zu sein.«

»Hm – nun ja, – vielleicht hast du recht daran getan. Immerhin hast du dich damit in den Gegensatz zu deiner Familie gebracht, und eine vorherige Beratung mit mir, dem Senior der Familie und nächsten Agnaten, wäre korrekter gewesen, wenn ich offen sein soll.«

»Diese Beratung wäre zwecklos gewesen, Onkel, da ich ja fest entschlossen war, diesem törichten Familienzwist, soweit ich selbst in Betracht kam, ein Ende zu machen. Wenn du gerecht sein willst, mußt du wohl selbst sagen, daß Pietro Porsenna doch nichts dafür kann, daß der Vater seiner Mutter der Bauer Volpe war, der doch der eigentliche Stein des Anstoßes für deinen Vater gewesen ist. Meines Erachtens habe ich dir mit dem Begraben des Kriegsbeils eine ganz annehmbare Brücke gebaut; es liegt nun an dir, sie zu betreten.«

»Das ist allerdings auch eine Auffassung«, gab Don Ferrante nach einigem Bedenken zu. »Schließlich ist ja deine Vermittlung in der Tat ein ganz annehmbarer Weg – also gut, wir werden uns heut abend einfinden. Ich setze dabei aber voraus, daß uns die Leute nicht vor den Kopf stoßen werden.«

»Nun«, meinte Violanta lachend, »ich kann natürlich nicht dafür einstehen, ob sie euch gleich um den Hals fallen und Tränen der Rührung vergießen werden. Pietro hat mir aber ganz den Eindruck eines Mannes von Welt gemacht, und seine Mutter ist eine wohlerzogene Dame. Mithin darf man schon annehmen, daß diese erste Begegnung sich durchaus in den vorschriftsmäßigen Grenzen bewegen dürfte, wie es unter Gebildeten üblich ist.«

»Wir wollen es voraussetzen. Ich hatte ja öfter Gelegenheit, Pietro in und außer Gesellschaft zu sehen und zu beobachten, kannte auch seine Mutter, als sie noch Signorina Volpe hieß, als eine sehr nette junge Dame von außergewöhnlicher Schönheit. Sie werden wohl begriffen haben, was und wer mir die Zurückhaltung ihnen gegenüber auferlegt, die Mauer aufgerichtet hat, die dein Kommen ohne weiteres niedergerissen. Ich möchte wirklich wissen, ob dir das zu meines Vaters Lebzeiten, falls er dich zu sich berufen hätte, wie es schon seine Absicht war, auch gelungen wäre. Mein Vater pflegte den Seinen Furcht und Zähneklappern einzuflößen.«

»Ob's mir gelungen wäre, kann ich natürlich nicht wissen; versucht hätte ich's auf alle Fälle, den nächsten Blutsverwandten ihre gebührende Stelle im Kreise der Familie zurückzuerobern«, versicherte Violanta ernsthaft. »Man kann ja ganz respektvoll Protest gegen etwas einlegen, wenn man es ehrlich meint und sein Gewissen nicht vergewaltigen will. Ich bin nämlich gar nicht furchtsam, wo ich mich im Recht weiß.«

»Oder dich zu wissen glaubst«, vollendete Don Ferrante. »Nun ja, das hast du schon bewiesen. Aber lassen wir dieses Thema. Wie sind wir überhaupt darauf gekommen. O ja, ich weiß, anläßlich meiner bevorstehenden Begegnung mit den Leuten aus dem Bauernhof. Um nun von etwas anderem zu reden: ich fand da vor einigen Tagen in unserm Archiv in Rom einen ganz bestimmten, direkten Hinweis auf ein geheimes Familienarchiv hier in Santa Rosa, von dem mein Vater anscheinend nichts gewußt haben muß oder das er niemals vor uns erwähnt hat. Hat sich unter seinen Papieren, die Nemi ja gleich nach seinem Tode für sich beschlagnahmte, irgendeine Notiz darüber gefunden?«

»Nein«, erwiderte Violanta ohne Besinnen. »Nicht das geringste. Wo sollte sich das Archiv hier befinden? Ich bin ja zwar erst seit ein paar Tagen hier und habe das Schloß natürlich nur oberflächlich gesehen, aber was ich nicht gefunden, müßtest du doch längst entdeckt haben, der das Schloß wie seine Tasche kennt.«

»Mein Vater liebte es nicht, wenn man hier herumstöberte; hauptsächlich darum, weil er der Meinung war, es gebe vermutlich allerlei Fallen, in die man geraten könnte, womit er vielleicht auch recht hatte, denn unsere Vorfahren waren – durch die unsicheren Zeitläufte – gezwungen, Schlupfwinkel aller Art in ihre Häuser einzubauen und wohl auch Fallen, in welchen man unbequeme Zeitgenossen verschwinden lassen konnte. Cesare Borgia dürfte das letztere beim Bau des nach ihm genannten Flügels kaum übersehen haben. Sicher wissen wir, daß hier im Hauptbau ein geheimes Gemach existiert, doch wie man hineingelangt, hat mein Vater sorgfältig geheimgehalten, weil sein Vater darin etwas gesehen oder erlebt haben wollte, was ihm einen Nervenschock verursachte. Dieses Gemach befindet sich, so viel wissen wir natürlich, hinter dem Mauervorsprung neben dem Eingang zu meines Vaters ehemaligem, jetzt deinem Wohnzimmer. Mir ist der Gedanke gekommen, ob sich das geheime Familienarchiv, über dessen Lage ich nichts finden konnte, nicht am Ende in diesem Raum befinden könnte.«

Während Don Ferrante sprach, hatte Violanta Zeit, sich ihre Stellungnahme zu dieser Sache zurechtzulegen, und sagte nun: »Ich habe von diesem Raum schon sprechen hören, aber nicht gehört, daß er ein Archiv enthalten könnte, was auch recht unwahrscheinlich ist, denn das wäre doch kein Ort, in welchem man sich einen Nervenschock zuziehen könnte. Alte, verstaubte Papiere sind doch nichts Schreckliches, selbst wenn sie etwas Derartiges enthielten. Gesetzt, man könnte in diesen Papieren Dinge zu lesen bekommen, bei denen sich einem die Haare sträuben, so würde sich ein Mann sicher nicht über solch längst vergangene Taten derart aufregen, daß es ihn krank macht. Wenn also wirklich ein geheimes Archiv in Santa Rosa vorhanden ist, so wird es wohl anderswo zu suchen sein.«

»Das glaube ich nicht«, widersprach Don Ferrante. »Mein Großvater, den ich ja natürlich nicht mehr gekannt habe, da er vierzig Jahre vor meiner Gehurt starb, hat leider keine Angaben über die Ursache seines Schreckens gemacht, und mein Vater, wenn er sie kannte, hat sich darüber ausgeschwiegen. Du hast darüber nichts im Nachlasse meines Vaters gefunden?«

»Nicht ein Wort«, konnte Violanta mit bestem Gewissen versichern. Sie war aber fest entschlossen, der Frage, ob sie den Zugang zu dem geheimnisvollen Raum kenne, auszuweichen, weil sie sich ja so ungefähr denken konnte, was Don Ferrante in einem geheimnisvollen Familienarchiv suchen wollte, nämlich einen Hebel, mit welchem er die weibliche Erbfolge umstoßen konnte. Da sie aber nun wußte, daß nicht Don Ferrante, sondern seines älteren Bruders Sohn der nächste Agnat war, so hatte es gar keinen Zweck, ihn erst suchen zu lassen. Die gefürchtete Frage kam jedoch nicht oder doch nur in einer andern Form.

»Trotzdem habe ich die Überzeugung, daß das Archiv sich nur in diesem Raum befinden kann. Ich möchte dir anheimstellen, beziehungsweise dir den zeitgemäßen Rat erteilen, dem Mysterium dieser geheimen Kammer endlich ein Ende zu machen, und da man den natürlichen Zugang nicht kennt, gewaltsam einzudringen, indem man von außen eine Bresche in die Mauer schlägt. Solche Räume mögen in früheren Zeiten ihre Berechtigung gehabt haben zur Verwahrung von Kostbarkeiten, die man nicht in Feindeshände fallen lassen wollte, heutzutage aber sind sie nicht nur überflüssig, sondern einfach lächerlich, weil dazu geeignet, der Phantasie ungebildeter Köpfe Nahrung zu Schauergeschichten zu geben. Wenn man also die Längsmauer im Korridor durchbrechen würde, könnte man in die Kammer gelangen, ohne daß hier etwas beschädigt würde. Ich bin gern bereit, die Arbeit selbst zu überwachen.«

»Sehr gütig«, sagte Violanta trocken. »Ich werde mir deinen Vorschlag überlegen.«

»Was ist da lange zu überlegen?« redete Don Ferrante liebenswürdig zu. »Du bist hier doch die Herrin, und wirst ja auch einsehen, daß die Auffindung eines Geheimarchivs der Familie nicht nur von Interesse für das Haus Porsenna ist, sondern wahrscheinlich auch kulturhistorisch von Bedeutung sein muß. Alles, was dazu beiträgt, in das Dunkel vergangener Zeiten Licht zu werfen, sollte man der Wissenschaft nicht vorenthalten, ja man ist auch moralisch verpflichtet, an den Tag zu bringen und der Forschung nicht zu entziehen, was aufklärend für die Geschichte des Landes wirken kann. Mit meinem Vater war darüber nicht zu reden, er war eben aus einer andern Zeit; wir aber, – ich der neueren, du der neuesten Epoche angehörig, – wir dürfen nicht engherzig sein, wir müssen uns den Forderungen unserer Zeit anpassen.«

Zu Violantas Erleichterung erschienen hier die Principessa und Melanie im Salon, und ehe die ersten Worte mit ihnen noch gewechselt waren, wurde gemeldet, daß die Mittagmahlzeit aufgetragen sei. Da Don Ferrante die Einladung zu dieser Mahlzeit abgelehnt hatte, blieb ihm nichts übrig, als sich nun zu empfehlen, und Violanta hatte dann Muße, darüber nachzudenken, wie sie einer erneuten Attacke auf die geheime Kammer wirksam entgegentreten konnte, denn sie hatte ganz und gar nicht im Sinn, einzugestehen, daß der Schlüssel mit seiner genauen Gebrauchsanweisung sich in ihrem Besitz befand. Don Ferrante mochte mit seinen Gründen für die Aufklärung des so lange sorgfältig bewahrten Geheimnisses recht haben, nur zweifelte Violanta daran, daß er der Wissenschaft allein damit dienen wollte, falls das Archiv sich wirklich in der Kammer befand, und dieser Zweifel entsprang wiederum der ganz menschlichen Antipathie, die dieser liebe Verwandte ihr infolge seines Empfanges eingeflößt hatte.

Übrigens wußte die Principessa auf Befragen nichts von einem geheimen Familienarchiv in Santa Rosa; weder ihr Mann noch auch der alte Duca hatten jemals eine Andeutung über sein Vorhandensein gemacht. Aber ob dieses Zeugnis dazu geeignet war, Don Ferrante von seinen Nachforschungen abzuhalten, schien Violanta nicht wahrscheinlich, – er würde sich eben selbst überzeugen wollen. Doch womit war das zu verhindern? Natürlich konnte ihm freigestellt werden, das ganze Haus zu durchsuchen, bevor es ihm gestattet wurde, in die Kammer vermittelst Mauerdurchbruch einzudringen, und diese Erlaubnis zu verweigern, war Violantas gutes Recht, die Folge davon aber selbstverständlich – Feindschaft. Ehe es zu solch unerquicklichen Dingen kam, blieb natürlich noch der ganz naheliegende Ausweg, den Schlüssel inzwischen zu »finden« oder Don Ferrante mit dem Wortlaut der Entsagungsurkunde seines Bruders bekanntzumachen, was ja das Allerwirksamste sein mußte, das Geheimarchiv für ihn nicht mehr begehrenswert zu machen. Nicht die Möglichkeit, daß er darin wirklich etwas aufstöbern konnte, was er für seine Zwecke brauchte, war es, was Violanta widerwillig machte, ihn suchen zu lassen, denn Recht muß immer Recht bleiben, und hatte sie kein Recht an das Erbe, dann wäre sie die erste gewesen, es anzuerkennen und ohne Bedenken zurückzutreten; aber das festzustellen, kam nach ihrem Rechtsbewußtsein nur einem zu, nämlich dem nächststehenden Agnaten, und dieser war nicht Don Ferrante, sondern der Sohn des Enterbten. Enthielt das Geheimarchiv also ein Dokument, laut welchem die weibliche Erbfolge zu Unrecht bestand, dann durfte es nur in die Hände Don Pietros fallen, weil Violanta Don Ferrante zutraute, daß er »Korrekturen« vornehmen könnte, welche die Dinge zu seinen Gunsten drehten. Sie nannte sich selbst »schändlich«. Derartiges auch nur zu denken; denn selbst wenn er dessen wirklich fähig war, was konnte es ihm nützen? Aber sie wollte Don Ferrante nicht in ihrem Hause herumsuchen lassen, sie wollte nicht, – mithin blieb der einzige Ausweg nur der, den berechtigten Agnaten selbst suchen zu lassen, welcher Gedanke ihr gar keinen Widerwillen verursachte, im Gegenteil, es war der einzig richtige und gerade Weg, ihr eigenes Erbrecht zweifellos festzustellen.

Was Violanta ganz unabsichtlich Don Ferrante nicht mitgeteilt hatte, als sie ihn zum Pranzo an diesem Tage einlud, war, daß sie Donna Filomena und ihren Sohn gebeten hatte, schon zum Nachmittagstee zu kommen, um dem letzteren Gelegenheit zu geben, das Schloß, das er ja nie betreten hatte, noch bei Tageslicht zu besichtigen – eine Aufforderung, die so herzlich angenommen wurde, wie sie gegeben wurde.

So fuhr denn die allen Einwohnern des Städtchens wohlbekannte, zweispännige Karosse aus dem Gutshof zum brennenden Interesse und Erstaunen der ganzen Bevölkerung gegen fünf Uhr in den Schloßhof ein, und als Donna Filomena sich in der Halle noch kaum ihres Staubmantels entledigt hatte, kam Violanta auch schon zur Begrüßung die Treppe herabgesprungen, ein Zeichen, daß sie den Besuch nicht zeremoniell, sondern verwandtschaftlich aufgefaßt haben wollte; ein kleiner aber feiner Zug, der auf fruchtbaren Boden fiel. Zu der sofortigen Mitteilung; daß Don Ferrante mit seiner Tochter zur Abendmahlzeit erscheinen würde, machte Donna Filomena allerdings ein erstauntes Gesicht, und sah ihren Sohn zweifelnd an; dieser aber zuckte mit den Schultern und lachte, was seinem sonst so ernstem Gesicht sehr gut stand.

»Da Onkel Ferrante ja weiß, daß er uns hier treffen wird, er uns im engsten Familienkreise auch nicht gut schneiden kann, ohne sich selbst damit auf einen Isolierschemel zu setzen, so wollen wir ihm mit Ruhe entgegensehen«, meinte er ganz mit Recht, und Violanta führte nun ihre Tante, die in einem ganz modernen Kleide von schwarzer Seide nicht minder stattlich und imposant aussah, wie in ihrer Bauerntracht, hinauf in den Salon, wo die Principessa und Melanie schon auf die Gäste warteten. Man hatte indes kaum am Teetisch Platz genommen, als Attilio mit einer silbernen Platte erschien, auf welcher Visitenkarten lagen, und als er diese Violanta präsentierte, murmelte er etwas verlegen: »Die Herrschaften sind eben im Auto vorgefahren.«

Es waren die beiden verheirateten Töchter Don Ferrantes mit ihren Männern, dem Conte Cataldi und dem Principe Tor di Quinto. Für einen kurzen Augenblick wußte Violanta wirklich nicht, wie sie sich dazu stellen sollte, aber dieses kaum merkbare Schwanken wurde dadurch zur Entscheidung gebracht, daß die Gemeldeten ihren Visitenkarten auf dem Fuße folgten und ohne weiteres eintraten. Violanta aber wußte sofort, daß die Initiative dazu von dem Principe Tor di Quinto ausgegangen war, und dankte es ihm im stillen.

»Wir haben diesen schönen Tag zu einem gemeinschaftlichen Überfall benutzt, um zu sehen, wie du dich in Santa Rosa eingewöhnt hast, liebe Kusine«, verkündigte er gemütlich. »Du hast zwar schon Besuch, aber Platz genug auch für mehr, und meines Wissens ist auch reichlich Wasser zu einem neuen Pott Tee vorhanden. Guten Tag, Olga! Ihr Diener, Fräulein Oster! Willst du uns nicht vorstellen, Vio? Kann ich übrigens auch selbst besorgen«, und indem er sich tief vor Donna Filomena verbeugte: »Ich bin Fabio Tor di Quinto, und das ist meine Frau Vittoria Porsenna. Es gereicht mir zur besonderen Ehre und Freude, endlich Ihre Bekanntschaft zu machen, verehrte Tante, mir und meiner Frau, meinem Schwager Carlo Cataldi und meiner lieben Schwägerin Chiara Porsenna. Potztausend, da hat man nun solch eine schöne Tante, und die ist einem so lange durch solch blitzdumme Familienfehde vorenthalten worden«, schloß er so herzlich und ungeniert, daß Donna Filomena lachend in die ihr gereichte Hand einschlug, worauf der Principe sie ohne weiteres umarmte, ein Beispiel, dem Donna Vittoria nach leichtem Zögern, ihre Schwester, impulsiv, wie sie war, ohne einem solchen folgte, während der Conte sich mit einem Handkuß begnügte.

»So, und nun wollen wir uns mal den Bauern Porsenna in der Nähe betrachten«, verkündigte der Principe laut, indem er sich zu Don Pietro wendete. »Von weitem ist er mir ja schon gezeigt worden, dieser Vetter, der nicht nur wie ein waschechter Porsenna aussieht, sondern seinem Namen auch noch durch den Titel eines Doktors der Rechte Ehre macht und dazu ein tüchtiger Landwirt und Weinbauer sein soll. In den letzteren Eigenschaften bist du mir besonders interessant, lieber Pietro, indem ich ja als Landwirtschaftsminister viele Berührungspunkte mit dir habe. Freue mich sehr darauf, mich mal von dir auf deinen Gütern herumführen zu lassen, die man mir als Mustergüter gerühmt hat. Verehrtester Verwandtenkreis, das war ein glänzender Einfall, der uns gerade heute nach Santa Rosa geführt hat«, setzte er händereibend hinzu.

Don Pietro, der im Hinblick auf die Abendmahlzeit im tadellosen Smoking erschienen war, und auch in diesem Kleidungsstück mit seiner schlanken, hohen Figur sehr vorteilhaft aussah, durfte sich – vielleicht gerade infolge seiner eleganten Erscheinung – über seine Begrüßung durch seine Kusinen und deren Männer durchaus befriedigt fühlen, und bald saß der Kreis, dem durch das Beispiel des Principe sofort jede Spur von Befangenheit genommen wurde, fröhlich plaudernd um den Teetisch. Froh wie Violanta war, daß der »Zusammenstoß« der bisher feindlichen Lager sich im gegenseitigen Wohlgefallen aufgelöst hatte, konnte sie doch ein leises Bedenken nicht unterdrücken, wie Don Ferrante sich wohl verhalten würde, und sie fühlte es auch heraus, daß Donna Vittoria darüber in Unsicherheit war, während Donna Chiara ganz harmlos schien. Violanta wußte ja auch nicht, daß den beiden Paaren von Attilio gesagt worden war, wen sie droben antreffen würden, als sie sich melden ließen. »Desto besser«, hatte der Principe sofort entschieden. »Vittoria und ich werden hinaufgehen. Wenn Carlo und Chiara lieber umdrehen und zum Vater fahren wollen, – gut!« Aber der Conte hatte sofort erklärt, gemeinschaftliche Sache mit seinem Schwager zu machen, womit seine Frau gleich einverstanden war, und ihre Schwester, obwohl sie ihren Vater fürchtete, mußte sich anschließen, denn gegen ein Machtwort ihres Mannes wagte sie sich noch weniger aufzulehnen. Da Violanta aber wußte, daß Don Ferrante ihren Besuch im Gutshof ohne vorherige Beratung mit ihm zu rügen für notwendig hielt, wie würde er also das ungefragte Handeln seiner Töchter aufnehmen?

»Tante Filomena und Vetter Pietro werden uns die Freude machen, heut zum Abendessen bei uns zu bleiben«, streckte sie daher ihren Fühler aus. »Ich fände es daher ganz reizend, wenn auch ihr euch diesem guten Beispiel anschließen wolltet. Es soll sich bei Mondschein sehr hübsch durch die Campagna fahren lassen, und außerdem hat auch Onkel Ferrante zugesagt, mit Ortensia zu erscheinen.«

»Was?« machte der Principe erstaunt. »Nun, das wäre so ungefähr das erste Vernünftige, was ich von meinem Herrn Schwiegervater höre.«

»Aber Fabio!« rief Donna Vittoria erschrocken aus, während ihre Schwester lachte und auch ein Lächeln über das ernste Gesicht des Grafen glitt.

»Tatsache!« behauptete der Principe schmunzelnd.

»Was Kusine Vio zuwege bringt, grenzt schon wirklich ans Zauberhafte. Nun, ob die Gegenwart meines Schwiegervaters mich besonders zum Bleiben reizt oder nicht, ich nehme für uns beide deine Einladung zu dieser Familienvereinigungsmahlzeit dankend an, da meine Geschäfte es heut erlauben. Da sich auch Graf Cataldi einverstanden erklärte, war die Sache erledigt, was Violanta im Hinblick auf ihre geladenen Gäste, besonders Donna Filomena, sehr befriedigte.

Der Don Pietro versprochene Gang durch das Schloß wurde dann nach beendetem Tee mit Ausschluß von Donna Filomena, der Principessa und des Ministers unternommen, welch letzterer erklärt hatte, daß er keinen Wert darauf lege, in Häusern herumzuklettern und sich den Hals durch Besichtigung von Deckengemälden zu verrenken, und da Donna Filomena das Schloß durch ihre Pensionatsfreundin Ciacinta, die Tochter des Hauses, ja kannte, die Principessa erst recht, so hatten beide Damen sich gern dazu überreden lassen, ihm Gesellschaft zu leisten, während der Conte sich den anderen anschloß, weil er die ältesten Teile des Schlosses und den Borgiaflügel noch niemals betreten hatte. Seine Frau und ihre Schwester gingen mit, weil sie, bekannt wie ihres Großvaters Haus ihnen natürlich war, führen helfen konnten, und Melanie, der es ganz egal war, was sie zu sehen bekommen sollte, fand die Gelegenheit günstig, sich Don Pietro zu nähern. Sie heftete sich mit lobenswerter Energie an seine Sohlen, wobei sie nur leider die Entdeckung machen mußte, daß er, wie jedes Ding und jeder Mensch, auch seine zwei Seiten hatte, an deren anderer sich dauernd eine seiner bisher unbekannten Kusinen befand, mit denen in näheren unmittelbaren Kontakt zu treten ihm offenbar näherlag, als sich ihr ausschließlich zu widmen. Wenigstens tat er das nur soweit, als die Höflichkeit es erforderte, und diese verlangte es schließlich auch, daß er sich Violanta als seiner derzeitigen Wirtin widmen mußte.

Erst als die Gesellschaft nach dem reichlich eine Stunde dauernden Rundgange unter Vortritt des schlüsselrasselnden Kastellans bei der Rückkehr durch die Bildergalerie und den Ballsaal die Zurückgebliebenen noch auf demselben Fleck wiederfand, augenscheinlich in angeregter Unterhaltung, blieb Violanta mit Don Pietro, der sich mit wirklichem Vergnügen den Hals zur Anschauung des Deckengemäldes im Ballsaal verrenkte, dort zurück, und sie benutzte die Gelegenheit zu der hastigen, halblauten Frage:

»Würdest du mir wohl einen recht großen Gefallen tun wollen, Vetter?«

Zehn für einen«, versicherte er sofort.

»Ich werde dich für den einen beim Worte nehmen; alles Nähere, sobald wir ungestört sind, denn ich möchte, daß die Sache unter uns bleibt«, sagte sie rasch, da Melanie eben auf der Türschwelle zum Salon erschien.

Das Erstaunen Don Ferrantes bei dem unerwarteten Anblick seiner Töchter und Schwiegersöhne war unverkennbar und äußerte sich schon dadurch, daß dieser Mann von Welt statt jeder vorausgehenden Begrüßung sich sofort zu der scharfen Frage hinreißen ließ: »Warum habt ihr mir gestern nicht gesagt, daß ihr heute hier sein werdet?«

»Weil wir erst heut mittag beschlossen haben, einen gemeinsamen Ausflug zu unserer lieben Kusine zu machen, welche die Güte hatte, uns zur Abendmahlzeit dazubehalten«, übernahm der Principe die Erklärung. »Wir nahmen die Einladung um so lieber an, als wir unsere bisher leider noch unbekannten Verwandten kennenlernten, und uns auch deine und Ortensias Gegenwart verheißen wurde. Übrigens: warum hast du uns gestern nicht gesagt, daß wir dich hier treffen würden?«

Don Ferrante hielt es nicht für nötig, auf diese vorwitzige Frage zu antworten; vielleicht nahm er auch mit Recht an, daß Violanta bereits die nötige Aufklärung gegeben hatte, oder weil er sich besann, daß er noch andere Verpflichtungen hatte, als die Seinen zur Rede zu stellen. Er begrüßte Violanta, die ihm entgegengekommen war, mit wieder entwölkter Stirn aufs liebenswürdigste und trat dann, beide Hände ausgestreckt, vor Donna Filomena hin.

»Wir haben uns lange nicht gesehen, liebe und hochverehrte Schwägerin! Ich preise meinen guten Stern, der mir das Glück gewährt, Sie unter diesem Titel endlich begrüßen zu dürfen«, sagte er schmelzend mit seinem hinreißendsten Lächeln.

Einen Augenblick zögerte Donna Filomena, die ihr gereichten Hände zu ergreifen, aber da sie aller Augen auf sich gerichtet fühlte, tat sie, was die Erziehung von ihr verlangte, aber ihr Ton war trocken, als sie erwiderte:

»Wenn man bedenkt, daß zwischen Ihrer Villa und meinem Haus die große Entfernung von ganzen fünf Kilometern liegt, so sind einunddreißig Jahre wahrhaftig keine zu lange Zeit, sie zurückzulegen. Ist das Ihre älteste Tochter? Ich freue mich, sie kennenzulernen. Dies ist mein Sohn Pietro.«

»Ah –ja! Er hat doch viel von seinem Vater, meinem lieben Bruder Luigi«, rief Don Ferrante sentimental, indem er seinem Neffen die Hand reichte. »Ein Porsenna vom Scheitel bis zur Sohle. Ja, das Blut, das Blut! Es kann sich nie und nimmer verleugnen!«

Und Violanta freute sich, daß die wortkarge, steife Donna Ortensia, die »neue« Tante spontan umarmte und dem Vetter so herzlich die Hand drückte, wie sie sie dessen gar nicht für fähig gehalten hätte.

Die der allgemeinen Begrüßung unmittelbar folgende Meldung, daß die Abendmahlzeit serviert sei, verhinderte eine etwaige Verlegenheitspause, wie sie leicht bei solchen Gelegenheiten eintreten kann, wenn der Kitt zwischen zwei zerbrochenen Teilen noch frisch ist und man nicht wissen kann, ob und wie lange er anhalten wird.

Doch wurde schon nach der Suppe die Unterhaltung so angeregt und allgemein, als ob die einunddreißigjährige Trennung der beiden Linien Porsenna nie stattgefunden hätte. Und als beim Fisch der Wein aus der Vigna di Santa Rosa wie lichtes Gold in den Gläsern funkelte und mit Andacht getrunken wurde, sorgte Melanie auch für den Eintritt der Heiterkeit, indem sie Don Pietro fragte, ob auch er seinen Wein in einem der »entzückenden« buntbemalten, zweirädrigen Karren mit der mit goldenen Fransen und Quasten behangenen Plane und dem phantastisch geschirrten und geschmückten Pferd, wie sie ihn so oft schon bewundert, nach Rom zu seinen Kunden fahre. An Stelle des Gefragten, der Melanie einen Moment sprachlos ansah, übernahm der Principe die Antwort:

»Aber freilich tut er das. Und abends fährt er dann, betrunken wie ein Sack, voll des süßen Weines, schlafend wieder heim, dem klugen Gaul den Weg überlassend, während der auf jedem solchen Weinkarren unvermeidliche Spitz die Begegnenden mit wütendem Gebell zurechtweist. Bedingung ist natürlich, daß der betrunkene Kutscher nebenbei auch noch Doktor der Rechte und Angehöriger eines fürstlichen Hauses ist. Prosit, Pietro, dir und deinem Wein! Und wenn du wieder mal in deinem bunten Karren nach der Stadt fährst, nimm mich mit.«

Diese drastische Darstellung löste eine allgemeine Heiterkeit des ganzen Kreises aus, an welcher Don Pietro selbst vergnüglich teilnahm.

Don Ferrante, der den Ehrenplatz zwischen Violanta und Donna Filomena einnahm, brachte beim perlenden Champagner einen kurzen Trinkspruch aus »auf die junge Herrin des alten Hauses, deren Kommen man dieses verwandtschaftliche Beisammensein verdanke«, und beim Anstoßen mit seinen beiden Nachbarinnen küßte er ihnen unter Entfaltung seiner ganzen, unleugbaren Grazie und hinreißenden Liebenswürdigkeit die Hände.

Don Ferrante hatte gut gespeist und sich im ganzen auch gut mit Donna Filomena unterhalten, denn sie besaß den Witz ihrer Rasse und verstand mit Worten zu fechten, kurz, sie war eine gute und angenehme Gesellschafterin, was er zu schätzen wußte. Er war darum auch vortrefflicher Laune und ganz geneigt, Gnaden auszuteilen, aber seine Stirn verdüsterte sich drohend, als Violanta ihn in einer Gesprächspause laut anredete:

»Was das von dir hier im Schlosse vermutete geheime Familienarchiv betrifft, lieber Onkel – ich habe in dem beschreibenden Werke von Santa Rosa, das sich hier in der Bibliothek befindet, nichts über das Vorhandensein eines solchen gefunden. In einem topographischen Werke, das jeden Winkel, jede Ecke erwähnt, müßte doch wenigstens ein Hinweis zu finden sein. Freilich ist auch die berühmte geheime Kammer ganz mit Schweigen übergangen, in dem Plan des Piano Nobile ist jedoch die Stelle, wo sie sich der Sage nach befinden soll, schraffiert, aber ohne Andeutung eines Zuganges angegeben. Also kann sich ein Archiv dort kaum befinden.«

»Was ist denn das mit einem geheimen Familienarchiv? Davon haben wir doch nie etwas gehört?« erkundigte sich die Principessa.

»Onkel behauptet, es müsse hier eines vorhanden sein, er habe im Archiv des Palazzo Porsenna in Rom Hinweise darauf gefunden«, erklärte Violanta, ohne zu bemerken oder es bemerken zu wollen, daß Don Ferrante die Besprechung dieses Themas sichtlich unangenehm war. »Er meint auch, daß dieses Geheimarchiv sich in der geheimen Kammer befinden müsse, und schlug vor, die Mauer von außen durchbrechen zu lassen; im Interesse der Wissenschaft, um ihr etwaige geschichtliche und kulturhistorisch interessante Dokumente zugänglich zu machen.«

»Ob du gerade sehr darauf brennst, dich mit dem Durchbruch der sicher sehr dicken Mauer dem Extragenuß von Lärm, Staub und Schmutz auszusetzen, möchte ich bezweifeln«, versetzte der Minister. »Indes kann man ja nie wissen, wozu die Neugier ein weibliches Wesen treibt.«

»Mein weibliches Wesen hat aber gar keine Lust dazu«, rief Violanta lachend, froh darüber, eine Hilfstruppe gefunden zu haben, worauf sie gehofft hatte, als sie das Thema laut zur Sprache brachte. »Ich will's ja nicht verreden, daß ich mich zu dem Durchbruch der Mauer entschließen könnte, wenn ich nicht mehr hier bin, jetzt aber danke ich für alle die Unannehmlichkeiten, die damit verknüpft sind. Onkel, wir können das Geheimarchiv inzwischen anderswo suchen; Raum genug ist ja hier dazu.«

»Meine Liebe, du bist die Herrin, dein Wille ist hier Gesetz«, erwiderte Don Ferrante ergebungsvoll, aber mit dem gefährlichen Glitzern der Augen, das seine Töchter kannten und fürchteten, denn der nachgiebige Don Ferrante war viel unbequemer als der heftige. Das wußte Violanta natürlich noch nicht und war nur froh, das Thema fürs erste wenigstens erledigt zu haben; immerhin konnte sie jedoch nicht umhin, zu bemerken, daß die wie immer ganz stumme Donna Ortensia ihren Vater nach dieser Auseinandersetzung unverwandt ansah. Es war ja freilich ihre Gewohnheit, irgendeine Person ihrer Umgebung in dieser eigentümlichen Weise zu fixieren – in Rom war Melanie das Objekt ihrer Aufmerksamkeit gewesen, was diese zu der Bemerkung veranlaßt hatte: Sie glotzt einem Löcher in die Seele. Heut schien Don Ferrante diese Eigentümlichkeit seiner Tochter doch störend zu sein, denn ihrem unverwandt auf ihn gerichteten Augenpaar begegnend, fuhr er sie plötzlich an, »er habe seines Wissens den Mund immer noch in der Quere und die Nase in der Länge«, ohne damit zu erreichen, daß sie sich ein anderes Ziel ihrer Aufmerksamkeit aussuchte.

Nach dem Nachtmahl wandte sich Don Pietro an Violanta mit der Bitte, ihm das Werk über das Schloß zu zeigen, für das er großes Interesse hatte. Es war darum ganz natürlich und fiel niemand auf, daß sie ihn einlud, ihr in die Bibliothek zu folgen, zu welcher die Tür geöffnet stand, wie auch jene in ihr Wohnzimmer, und als sie die Schwelle zu dem ersteren Raum überschritten, blieb Violanta stehen, indem sie auf den Kamin deutete: »Hast du's gesehen, – dort?«

Statt nach der angedeuteten Richtung zu blicken, wandte er sich zurück.

»Ja, es war, wie wenn der Schatten einer Person flüchtig vorübergeglitten wäre, einer Person, die sich hinter uns befunden haben müßte, aber es ist niemand da und wäre auch dann nicht gut möglich gewesen, weil wir ja dazwischen stehen«, sagte er ohne sonderliches Interesse.

»Und sonst siehst du nichts dort?«

»Doch, einen sehr schönen Kamin von gelblichem parischem Marmor. Was ist das hier für ein hübscher Raum; keine große Bücherei, aber für einen Sommeraufenthalt doch genügend. Ich freue mich darauf, die große Bibliothek im Palazzo Porsenna in Rom zu sehen.«

»Ich selbst kenne sie nur erst durch einen flüchtigen Blick«, sagte Violanta, indem sie das Buch auf den Tisch legte. Don Pietro hatte also den Schatten am Kamin gesehen, die Flamme rechts daneben aber nicht. Warum? »Ich werde dir das Buch mitgeben, damit du es in Ruhe lesen kannst«, fügte sie hinzu.

»Das nehme ich dankbar an«, versicherte er. »Und was ist das für ein Gefallen, den ich dir erweisen kann?«

»Ja, davon zu reden, habe ich dich gebeten, mit mir in die Bibliothek zu gehen. Es handelt sich um die geheime Kammer, von der vorhin bei Tisch die Rede war, ich fürchtete, sehr gegen Onkel Ferrantes Willen. Ich weiß nämlich, wie man hineingelangen kann, habe jedoch absichtlich nichts davon gesagt, weil ich zuerst nachsehen möchte, ob das Geheimarchiv sich darin befindet und ob es enthält, was Onkel Ferrante darin suchen will, nämlich ein Dokument, auf Grund dessen er mir die Erbfolge streitig machen könnte. Das hat er ja natürlich nicht ausgesprochen, aber ich bin ganz überzeugt davon. Du siehst mich erstaunt an, Vetter, – nun, ich erkläre dir das später noch. Findet sich also wirklich solch ein Schriftstück, dann will ich es nicht etwa unterschlagen, sondern werde die erste sein, die es meinem Sachwalter zur Begutachtung vorlegt, und mich dem Schiedsspruch, sei er gegen oder für mich, unterwerfen. Nur möchte ich mich nicht sozusagen von rückwärts angreifen lassen. Also, ich habe hier im Nachlaß meines Urgroßvaters gefunden, wie man in die geheime Kammer gelangen kann, aber – nenne es Feigheit, oder wie du sonst willst – ich scheue mich davor, sie allein zu betreten, und wollte dich daher bitten, mich in diesen mysteriösen Raum zu begleiten und, falls das Geheimarchiv sich darin befindet, mir bei der Durchsuchung der Papiere zu helfen, da du rechtskundig bist und es auch besser verstehen wirst, sie zu entziffern, als ich, die darin ja gar keine Übung hat. Darf ich also auf deinen Beistand rechnen?«

»Ganz selbstverständlich«, versicherte er sofort. »Wann?«

»Ah ja, wann?« wiederholte sie. »Aus naheliegenden Gründen, die du ja auch ohne besondere Erklärung erraten wirst, möchte ich diesen Ausflug ins Unbekannte geheimhalten, bis wir wissen, was dieser so lange verschlossene, fast märchenhaft gewordene Raum enthält. Olga kann in das Geheimnis eingeweiht werden, ebenso wäre es gut, wenn Attilio, mein und vordem des alten Duca Kammerdiener, der durchaus zuverlässig ist, uns begleitete, aber ich möchte nicht, daß meine Freundin Melanie Oster etwas davon erfährt, denn –« sie hielt verlegen ein und fuhr dann rasch fort: »Sie ist ja gewiß sehr nett, aber sie kann den Mund nicht halten, und wenn Onkel Ferrante erfährt, daß ich gewissermaßen hinter seinem Rücken –«

»Du kannst und darfst hinter seinem Rücken in deinem Hause tun und lassen, was dir beliebt«, vollendete er verständnisvoll. »Um was es sich also handelt, ist ja ganz klar, und ich gebe dir vollständig recht, wenn du die Nachforschung zunächst nicht an die große Glocke hängen willst, aus welchem Grunde es gut ist, wenn so wenig Personen wie möglich wissen, daß du den Eingang zu der geheimen Kammer kennst und sie betreten hast. Da wir nicht wissen, ob und welche Hindernisse, bauliche wie andere, die uns unbekannt sind, wir zu überwinden haben, so mag Attilio auch von der Partie sein. Was Fräulein Oster betrifft – nun, ich will ihr durchaus nicht zu nahe treten, aber ich habe von ihr den Eindruck gewonnen, daß man ihr Geheimnisse besser nicht anvertraut. Wie aber sie fernhalten? Halt, ich hab's – da muß meine Mutter helfen, und sie wird's gewiß gern tun. Laß mich ihr nur ein Wörtlein sagen, bevor wir heimfahren, und das Hindernis wird gleich überwunden sein.«

Als Melanie Violanta mit ihrem Vetter in die Bibliothek gehen sah, war sie schon im Begriff, ihnen zu folgen, besann sich aber eines andern und schlüpfte hinter Don Ferrante hinaus auf den Balkon, auf welchen er eben hinaustrat, eine Zigarette zu rauchen. Die im Süden so schnell herabsinkende Nacht, der in diesem Himmelsstrich nur eine sehr kurze, geheimnisvolle Dämmerung vorausgeht, breitete ihren schwarzblauen, mit Sternen besäten Mantel aus über die stille Campagna, in welcher die Moskitos tief unter dem Schloß auf dem Felsen ihren todbringenden Gesang schwirrten.

»Ah, hat die schöne Nacht Sie auch herausgelockt?« fragte Don Ferrante, als Melanie plötzlich neben ihm vor der steinernen Brustwehr stand.

»Ja – nein – das heißt, ich weiß nicht«, erwiderte sie so leise, daß es drinnen niemand hören konnte. »Ich – ich hatte so das Gefühl, mich an Ihre Seite stellen zu müssen, weil es mir leid tat, Sie hier als Gast stehen zu sehen, wo Sie von Rechts wegen der Herr sein sollten –« Sie ließ den kecken Stich eine halbe Minute lang seine Wirkung tun und fuhr dann einschmeichelnd fort: »Ach, und weil Sie, hochverehrter Don Ferrante, doch immer so unendlich gütig zu mir waren, so hätte ich eine große, große Bitte an Sie auf dem Herzen. Darf ich sie aussprechen?«

»Nun, wenn es nicht gerade der Mond ist, den ich Ihnen herunterholen soll, dann sprechen Sie immerhin«, antwortete er heiser. »Ich bin selbstverständlich mit Freuden ganz zu Ihren Diensten, liebes Fräulein Melanie, Ihnen zur Erfüllung Ihres bescheidenen Wunsches zu verhelfen.«

»Das ist's ja eben; ich weiß nicht, ob meine Bitte nicht gar zu unbescheiden ist«, girrte sie mit schiefem Kopf. »Nachdem ich so viel von den Besitztümern des Hauses Porsenna gesehen, hat mich ein großer Wissensdurst befallen, mehr, nein, alles über die Geschichte dieses interessanten Hauses zu erfahren. Und da die rechte Quelle dafür doch nur allein Sie sind, ist mir der Gedanke gekommen, Sie um ein Privatissimum über dieses Fach zu bitten. Bin ich zu unbescheiden?«

»Gewiß nicht – ich fühle mich im Gegenteil sehr geschmeichelt durch Ihr Vertrauen in meine Kenntnisse«, versicherte Don Ferrante sofort. »Tatsächlich haben Sie damit mein Steckenpferd am Zügel gefaßt. Die Zeit für das Privatissimum ist zudem ja sehr günstig, weil wir hier alle Muße dazu haben; wann also wünschen Sie, daß wir beginnen?«

»Oh, das hängt doch ganz von Ihnen ab!«

»Also, lassen wir kein Gras darüber wachsen. Und was den Ort betrifft, so schlage ich dazu die Stille und Ungestörtheit meiner Studierstube vor. Darf ich Sie also morgen nach dem ersten Frühstück schon abholen?«

»Das wäre doch wirklich zu viel verlangt –«

»Ganz und gar nicht, ich mache zu dieser Zeit immer einen kleinen Spaziergang. Also abgemacht?«

»Abgemacht! Sie sind wirklich die Güte selbst, ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Sagen Sie mir, wie!«

»Indem Sie mich als Ihren besten, ergebensten Freund betrachten, der in Ihnen eine verwandte, eine ihn ergänzende Seele gefunden – Ah, sehen Sie, da geht ja auch der Mond auf! Die Meinen wollten ihn zu ihrer Heimfahrt nach Rom abwarten und werden wohl bald aufbrechen. Gehen wir also hinein zu ihnen.«

Als Don Ferrante mit Melanie vom Balkon in den Salon trat, erschienen auch gleichzeitig Violanta und Don Pietro aus der Bibliothek, letzterer das geliehene Buch in der Hand. Er ging gleich auf seine Mutter zu, und sagte ihr rasch ein paar Worte ins Ohr, zu welchen sie zustimmend nickte.

»Mein Sohn mahnt zur Heimkehr«, sagte sie, »weil ich vorhabe, morgen nach Rom zu fahren, um einem Fest im Kloster Ihrer Schwester Ciacinta beizuwohnen, Don Ferrante. Aufführungen der Schülerinnen, Spiele mit Preisen und Vertilgung großer Mengen von Süßigkeiten, wozu ich versprochen habe, einen namhaften Beitrag mitzubringen, sind die Freuden, die mich dort erwarten. Es wird ein anstrengender Tag für Ciacinta, aber auch ein freudiger durch das Vergnügen der Mädchen. Vielleicht würde es Fräulein Oster Spaß machen, mich zu begleiten, um zu sehen, wie die römische Jugend sich belustigt. Ich würde Sie gern mitnehmen und bemuttern, liebes Fräulein.«

»Das wäre lieb von dir, Tante Filomena«, rief Violanta, die natürlich den Zweck dieser Aufforderung sofort begriff. »Du bist gewiß gern bereit, Melanie, nicht?«

Melanie war sogar sehr gern bereit, denn ein Kinderfest in einem Kloster war immer noch besser als ein stiller Nachmittag in einem einsamen Bergschloß, zumal die Aufforderung ihre frühzeitige Verabredung mit Don Ferrante nicht in Frage stellte. Nachdem alles das besprochen war, fand ein allgemeiner Aufbruch zu einer für italienische Gewohnheiten noch recht frühen Stunde statt, zu welcher man in Rom selbst erst seine Abendbesuche zu empfangen pflegt.

»Es ist nur gut, daß der lange Nachmittag die ganze Rasselbande schon müde gemacht hat«, freute sich die Principessa auf gut deutsch, als die Damen wieder allein waren. »Wären sie erst am Abend erschienen, so würden sie vor Mitternacht kaum wieder abgezogen sein. War das eine schöne, von Milch und Honig überfließende Familienpartie mit Ortensia als steinernem Gast und Carlo Cataldi als Gegenstück dazu. Das heißt, im Vergleich mit Ortensia ist er immer noch ein Schwätzer. Wenn Fabio Tor di Quinto seinem lieben Schwiegerpapa nicht gelegentlich mal über den Mund gefahren wäre, hätte jedes erfrischende Moment gefehlt; aber Tante Filomena stand auch tapfer ihren Mann. Familienpartien greifen mich entschieden an. Aber wenn Chiara und Vittoria sich einbilden, der väterlichen Standpauke entronnen zu sein, dann sind sie schief gewickelt, denn Onkel Ferrante verschiebt zwar gelegentlich mal eine Standpauke, aber er vergißt nicht darauf. Und da schwatze ich frei von der Leber weg, ohne daran zu denken, daß Fräulein Oster ja ein Herz und eine Seele mit Onkel Ferrante ist; wenn Sie mir also gern etwas einbrocken möchten, so brauchen Sie ihm nur wiederzuerzählen, was ich gesagt habe. Grün ist er mir ohnedies nicht, weil ich seiner Meinung nach zu viel Einfluß bei seinem Vater hatte; es kommt also auf eines heraus.«

Melanie tat das Klügste, was sie tun konnte; statt hoch und heilig zu versichern, daß sie niemals etwas weitererzählen würde, lachte sie nur.

»Ei, zum Klatschen hätte ich morgen in der Frühe schon Gelegenheit, denn Don Ferrante will mich abholen, um mir einiges aus der Geschichte des Hauses Porsenna zu erzählen, womit ich daheim meinem Vater kolossal zu imponieren gedenke. Das ist doch furchtbar nett von ihm, nicht?«

»Es ist einfach ›süß‹ von ihm. Und der Zweck der Übung? Nebenbei eine unnütze Frage, denn seinen Zweck wird Onkel Ferrante Ihnen ebensowenig auf die Nase binden, wie Sie ihn verraten würden, wenn Sie ihn wüßten«, versetzte die Principessa, ohne den Blick von Melanies lachendem Gesicht mit den triumphierend funkelnden Augen abzuwenden. »Nun also, gute Nacht denn«, setzte sie gähnend hinzu. »Ich denke einen langen Schlaf zu tun, denn dieses langen Tages Qual war groß. Kommen Sie mit, Fräulein Oster?«

»Ja, gern. Vio sieht auch aus, als wollte sie auf dem Fleck einschlafen oder als wäre sie mit ihren Gedanken wer weiß wo«, kicherte Melanie, und indem sie ihre Freundin umarmte – seit Judas Ischariot sind ja Zärtlichkeitsausbrüche dieser Art erblich geworden, – tuschelte sie ihr auf schwyzerdütsch ins Ohr: »Hat er drinnen in der Bibliothek brav Süßholz mit dir geraspelt?«

»Wer hat was gemacht?« fragte Violanta laut und so ehrlich erstaunt, daß Melanie sich auf die Lippen biß.

»Nun, dein Numa Pompilius natürlich«, rief sie, schnell gefaßt, mit einem klingenden Lachen, weil sie sich bei ihrer raschen Ausrede des Doppelsinns derselben bewußt wurde. »Der gehört doch zu seiner Herrin.«

»Ja, und die hat sich den ganzen Abend nicht um ihn gekümmert«, sagte Violanta in vollster Harmlosigkeit. »Ich denke aber, er wird sein Ruheplätzchen wohl schon aufgesucht haben.«

»Kaum, denn er fährt ja erst mit seiner lieben Mutter heim«, zischte Melanie und machte dazu ein so wissendes Gesicht, daß es Violanta zu dämmern anfing.

»Du hast zu viel Champagner getrunken, – geh schlafen«, sagte sie so kalt, so von oben herab, daß Melanie unwillkürlich zurückwich und unter den abweisend auf sie gerichteten Augen verstummte. Dann folgte sie der schon vorausgegangenen Principessa, machte in der Tür aber eine übertrieben tiefe Verbeugung und huschte mit einem klingenden Lachen hinaus.

Dieses altgewohnte Lachen fiel Violanta heut aber derart auf die Nerven, daß sie wie angewurzelt auf demselben Fleck stehenblieb, bis bald darauf Attilio erschien, um etwaige Befehle für den nächsten Tag einzuholen. 

Das gab Violanta wieder sich selbst zurück, und sie teilte dem Kammerdiener ihr Vorhaben wegen der geheimen Kammer mit und stellte ihm anheim, an der Expedition teilzunehmen. Zwingen wollte sie ihn dazu nicht; als er aber erfuhr, daß Don Pietro auch dabei sein würde, gab er sein anfängliches Zögern sofort auf.

»Altezza, es ist anzunehmen, daß der Staub das Schlimmste sein dürfte, was in der Kammer zu finden ist«, meinte der alte Mann. »Wenn Ihre Gnaden entschlossen sind, sie zu betreten, halte ich es für meine Pflicht, Sie zu begleiten. Wenn man es recht überlegt, kann es ja doch nur ein Schattenbild oder eine Einbildung gewesen sein, was dem Vater meines seligen Herrn solch einen Schrecken eingeflößt hat, und nachdem das Zimmer nun schon so lange verschlossen war, sollte man doch annehmen dürfen, daß eine Gefahr darin nicht mehr vorhanden ist. Sicherlich werde ich den Befehl von Altezza, nichts über Dero Absicht verlauten zu lassen, strengstens respektieren.«

»Nun, das wäre also abgemacht«, nickte Violanta, und zögernd setzte sie hinzu: »Sagen Sie mir, Attilio, ist Ihnen bekannt, daß man in der Bibliothek je etwas – etwas gesehen hat, was man sich nicht erklären konnte? Ich meine, was man gewöhnlich eine Erscheinung zu nennen pflegt?«

»O Altezza, die Leute reden ja so viel«, erwiderte der Alte ausweichend. »Da will einer etwas gesehen haben, schwätzt darüber, und das wird dann weitergesponnen und dazugefabelt – nun ja, es geht die Sage, daß der von Cesare Borgia ermordete kleine Giacomo Porsenna den Mitgliedern des Hauses erscheint, wenn ihnen eine Gefahr droht, um sie zu warnen. Und man behauptet auch, daß die unschuldig von ihrem Gemahl hingerichtete Herzogin Violanta sich bisweilen sehen läßt. ›Sie geht ihr Herz suchen‹, sagen die Leute. Warum ihr Herz und nicht lieber ihren Kopf, den sie doch verlieren mußte? Dem Herrn Duca, meinem seligen Herrn, durfte man mit solchen Dingen nicht kommen, da konnte er in Zorn geraten ; aber er hat mich selbst einmal gefragt, als ich ihm voriges Jahr einmal in der Bibliothek aufwartete, ob nicht eben etwas wie der Schatten einer Frau am Kamin vorübergeglitten sei. Ich hatte aber nichts gesehen.«

»Auch keinen Lichtschein, wie eine bläuliche Flamme neben dem Kamin?« fragte Violanta gespannt.

»Mein seliger Herr hat darüber wenigstens nie etwas gesagt. Aber ich weiß, denn ich war dabei, daß seine zweite Gemahlin, die eine Dame aus dem umbrischen Hause der Vela war, eines Abends, als die Herrschaft hier im Salon den Tee nahm, aus der Bibliothek gestürzt kam und ausrief: neben dem Kamin brenne in der Luft schwebend eine Flamme oder Kerze. Ich wurde hineingeschickt, nachzusehen, sah aber nichts. Die Frau Herzogin, war nur sehr selten hier in Santa Rosa; sie zog die Villa Porsenna am Meer für ihre Sommerfrische vor, denn es war ihr zu einsam hier, hieß es, und das war auch ganz glaublich, denn sie war eine sehr lebenslustige Dame und beklagte sich, daß ihr hier immer von Messer Giulio Vela träumen müsse, dessen Bildnis in der Bildergalerie, gekleidet in violetten Samt, zu sehen ist, und diese schrecklichen Träume von dem schönen Kavalier, der ja aus ihrem eigenen Geschlecht war, verleideten ihr das Schloß. Haben Altezza sonst noch Befehle?«

»Nein, danke«, sagte Violanta zerstreut, und Attilio zog sich zurück, aber nur, um der Principessa Platz zu machen, die eben hereinhuschte.  

»Bist du allein?« fragte sie. »Ich habe Melanie Oster zwar selbst in ihr Zimmer gehen sehen; das wäre aber noch kein Grund, daß sie nicht noch einmal herabgekommen sein könnte.«

»Sie ist nicht hier. Hast du mir etwas zu sagen, Olga? Ich dir auch. Komm, gehen wir in mein Zimmer, denn gerade über dem Balkon liegt das von Melanie, und sie hat Ohren wie ein Luchs.«

»Na ja, es gibt Leute, die immer das aufschnappen, was sie nicht zu hören brauchen«, nickte die Principessa, und als sie mit Violanta in deren Wohnzimmer saß, sagte sie ohne lange Vorrede:

»Diese furchtbar dicke Freundschaft, die Onkel Ferrante mit Melanie Oster geschlossen hat, erscheint mir nämlich bedenklich. Hättest du nicht Lust, jetzt schon nach der Villa am Meer überzusiedeln?«

»Aber Olga –«

»Liebste, du kennst Onkel Ferrante noch zu wenig, ich aber kenne ihn sehr gut und weiß, daß er ganz und gar nicht der Mann ist, der sich mit einem jungen Mädchen abgibt. Wenn er es also in diesem Maße tut, wie von Anfang an mit dieser Melanie, dann hat er damit eine bestimmte Absicht. Also, entweder hat der alte Span Feuer gefangen –«

»Aber Olga!« lachte Violanta geradeheraus. »Onkel Ferrantes älteste Tochter ist dreißig Jahre alt, Melanie zweiundzwanzig, dazu auch noch arm wie die bekannte Kirchenmaus!«

»Das wäre beim Onkel freilich maßgebend«, flocht die Principessa ein.

»Und außerdem hat sie doch selbst kundgetan, daß sie nicht abgeneigt ist, Herrin des Gutshofes zu werden«, schloß Violanta und setzte hinzu: »Und warum auch nicht?«

»Warum nicht gar, willst du sagen«, rief die Principessa verächtlich. »Das heißt, sie mag schon wollen, aber Pietro will nicht, oder ich müßte mich sehr täuschen, wenn ich nicht den Eindruck gewonnen hätte, daß er für Melanie nichts übrig hat. Im Gegenteil, sie ist ihm nicht nur ganz gleichgültig, sondern direkt unsympathisch. Aber darum handelt es sich nicht, ist auch seine Sache. Übrigens, was ich des Feuerfangens wegen von seiten des Onkels gesagt habe, war nichts als ein Argument; ich glaube viel eher, daß er mit seiner Freundschaft für Melanie ganz andere Absichten verfolgt und seine für ein junges Mädchen doch immer noch sehr anziehende Person, seine Liebenswürdigkeit und seinen großen Namen dazu benutzen will, etwas ganz Bestimmtes, das mir freilich noch ganz schleierhaft ist, durch sie und mit ihr zu erreichen. Bei dir, zum Beispiel.«

»Nun ja, da Melanie hierzulande doch nicht die Spur eines Einflusses besitzt, so käme ich freilich allein nur in Betracht; das wäre nicht schwer zu erraten. Aber Onkel Ferrante ist gar nicht so schüchtern, er würde sich sicher lieber an mich direkt wenden, wenn er etwas bei mir oder durch mich erreichen wollte, wie zum Beispiel wegen der geheimen Kammer, von der heut die Rede war –«

»Nun, die Ablehnung seines Ansinnens wegen des Durchbruchs der Mauer wird er dir sicher doppelt angekreidet haben, dessen kannst du ganz sicher sein«, fiel die Principessa ein. »Mir ist der Gedanke gekommen, mit dem ich hoffentlich unrecht habe, daß er Melanie bei dir als Spionin benutzen will –«

»Was gäbe es denn bei mir zu spionieren?« sagte Violanta ungläubig, ja geneigt, über die Idee zu lachen; fast gleichzeitig aber durchzuckte es sie wie ein Schreck. »Himmel, war es das, das unbewußte Gefühl dafür, das mich wünschen ließ –« und rasch, leise teilte sie der Cousine ihre Verabredung mit Don Pietro wegen des geheimen Zimmers mit und daß auf seine Veranlassung Melanie von seiner Mutter zur Fahrt nach Rom aufgefordert wurde, um sie zu entfernen. »Daß ich Melanie bei der Erforschung dieses Raumes nicht dabei haben will, geschieht deswegen, damit nicht darüber gesprochen wird«, schloß sie.

»Ich verstehe. Aber wem könnte sie die Sache ausplaudern? Doch nur dem Onkel. Du hast mich, Pietro und Attilio zum Stillschweigen verpflichtet, was ich ganz in der Ordnung finde; du hättest Melanie ebensogut schweigen heißen können, aber du hast ihr nicht getraut, daß sie wirklich den Mund halten würde, und hast dabei an den Onkel gedacht, oder er war unbewußt in deinen Gedanken. Übrigens bin ich wirklich neugierig, was bei dieser Expedition herauskommen wird. Nichts wie Staub, vermute ich.«

»Desto besser, Olga. Den Staub gönne ich Onkel Ferrante restlos, mag er ihn dann nach Herzenslust schlucken.« 

Erfrischend kühl und elegant aussehend in seinem Anzug von weißem Flanell mit der Trauerbinde um den linken Oberarm, den weißen Panama auf dem noch so merkwürdig jugendlichen Kopf mit dem vollen Haar, – so erschien am Morgen des folgenden Tages Don Ferrante an der Schloßpforte, um Melanie Oster abzuholen, und da sie in der Halle bereits auf ihn gewartet hatte, gingen beide ohne weiteren Aufenthalt gleich wieder durch die schattige Allee ihres Weges.

»Ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen meine Dankbarkeit ausdrücken soll, daß Sie sich solch eines unbedeutenden Mädels, wie ich es bin, so gütig annehmen«, girrte Melanie, kaum, daß sie im Freien angelangt waren, und schaute mit ihrem reizendsten Lächeln und schwimmenden Augen zu ihm auf.

»Wenn Sie wirklich nur ein unbedeutendes Mädel wären, würde ich mich über mich selbst wundern«, versetzte er mit einem langen Blick in die schwarzen Schlehenaugen. »Da Sie aber ganz genau wissen, daß Sie ein sehr kluges Mädchen sind, ich aber gar keine Anlage zum Kindergärtner habe, so dürfte in unserem Fall wohl eine Hand die andere waschen. Verwandte Seelen finden einander immer früher oder später; nun, ich wundere mich nur, daß Ihre blühende Jugend sich zu mir altem Kerl hingezogen fühlt.«

»Ich protestiere energisch gegen den ›alten Kerl‹!« rief sie lebhaft. »Ist der reife Sommer alt? Ich habe nie für ganz junge Männer geschwärmt, mir sagt der Frühling nichts, der Sommer mit seinen reifen Früchten ist's, der mich begeistert. Und wenn Sie mir die Ehre erweisen, mich eine Ihnen verwandte Seele zu nennen, so will ich mir die schöne Stunde dieses schönen Tages als eine köstliche Errungenschaft rot im Kalender meines Lebens anstreichen.«

Don Ferrante küßte Melanie die Hand und ging dann ohne weiteres auf das Thema der Geschichte des Hauses Porsenna über, das heißt, er entwarf in großen Zügen eine Skizze, sozusagen im Depeschenstil, davon und war damit bis auf die Gegenwart angelangt, bis er und seine anscheinend sehr aufmerksame Hörerin den Eingang zu seiner Villa erreicht hatten. Diese rasche und demgemäß nur sehr oberflächliche Erledigung der ihm gestellten Aufgabe endete mit der Versicherung, daß es ihm besondere Freude mache, ihr sein »Tuskulum« zu zeigen. Während sie ihm dahin durch die ansteigende Zypressenallee folgte, sagte sie ihre wohlvorbereitete Lektion auf:

»Was Sie mir über die Geschichte Ihres Hauses mit so bewunderungswürdiger Übersichtlichkeit mitteilten, Don Ferrante, hat mich nur in der Überzeugung bestärkt, daß die weibliche Erbfolge, die zum ersten Male seit dem Bestehen des Hausgesetzes jetzt in Kraft getreten ist, eine der größten Ungerechtigkeiten gegen den legitimen Erben, der Sie sind, bedeutet!« rief sie mit edler Entrüstung aus. »Ich bitte Sie: Porsennablut sollte es doch sein, das unverfälscht in gerader Linie diesen großartigen Stamm fortpflanzt. Wenn aber Vio heiratet, und ihr Sohn nach ihr Herzog von Santa Rosa wird, dann ist er doch der Sohn seines Vaters, der kein Porsenna sein wird.«

»Liebes Fräulein, als die Kaiserin Maria Theresia den Herzog von Lothringen heiratete, hatten ihre Kinder auch kein reines Habsburgerblut vom Vater her in den Adern; die pragmatische Sanktion hatte das Salische Gesetz umgestoßen«, sagte Don Ferrante schulterzuckend. »Sie können mir einwenden: das war etwas anderes, denn Maria Theresia war die letzte Habsburgerin, und damit hätten Sie soweit recht. Als aber in England die junge Prinzessin Victoria kraft desselben Gesetzes wie das unserer Familie den Thron bestieg, waren männliche Erben da, genau wie bei uns, und dennoch konnte keiner ihr den Thron streitig machen. Es war auch kein geheimes Dokument da, das der männlichen Linie das Erbrecht doch noch hätte zuwenden können.«

»Ah! Gibt es im Hause Porsenna auch ein solches?«

In unserem römischen Archiv ist jedenfalls keines vorhanden«, erwiderte Don Ferrante. »Es soll aber hier im Schloß ein Geheimarchiv existieren, von dem mein Vater nichts gewußt zu haben scheint, das aufzufinden nun von dem guten Willen meiner Nichte abhängt, – vielleicht, daß sich darin ein Dokument befindet, welches die Erbfolge in andere Bahnen lenken könnte. Sie haben gestern abend meine Nichte mit einer mir unverständlichen Offenheit, um es nicht Indiskretion zu nennen, von einem verborgenen Raum reden hören, von dem ich vermuten möchte, daß er dieses Archiv enthält, und Sie haben auch gehört, daß Sie sich weigert, den Raum öffnen zu lassen. Ich will damit natürlich nicht etwa dem Verdacht Raum geben, als ob sie Angst hätte, man könnte darin etwas finden, was sie entthronen würde; sie scheut gewiß nur die Unbequemlichkeiten, die damit verbunden sind. Natürlich ist es ja auch leicht möglich, daß der Raum leer ist und das Geheimarchiv sich ganz anderswo in dem riesigen Bau versteckt hält. Immerhin hat es mich, offen gesagt, geärgert, daß meine Nichte mir meinen Wunsch, die Kammer zu öffnen, rundweg abgeschlagen hat, und es hat mich auch verletzt, daß sie gestern abend bei Tisch davon sprach, vor den Leuten aus dem Bauernhof, vor der aufwartenden Dienerschaft. Man sieht daraus, daß sie trotz ihres Porsennablutes doch nur eine Fremde ist, eine halbe Porsenna gewissermaßen, und wenn sie sich erst verheiratet, dann wird diese eine Hälfte auch in dem angeheirateten Blut erstickt werden.«

»Also müßte man versuchen, Vio die Öffnung dieser Kammer abzubetteln«, stellte Melanie fest. »Ich war schon als Kind immer groß im Abbetteln, und Vio gehört zu denen, die sich leicht etwas abbetteln lassen.«

»Wirklich?« fragte Don Ferrante zweifelnd. »Nun ja, vielleicht Dinge, die ihr zu unbedeutend erscheinen, um lange darüber zu reden. Mir hat meine Nichte den Eindruck gemacht, als ob sie genau wüßte, was sie will, und von dem, was sie für richtig und wichtig erkannt hat, kein Haarbreit zurück- und abweichen würde. Liebes Fräulein Melanie, man meint oft seine besten Freunde zu kennen, weil man sie eben nur mit den Augen der Gewohnheit sieht, während einem Fremden die Charakterzüge, in die Augen springen, mit denen er zu rechnen hat. Immerhin können Sie ja Ihr Glück versuchen und werden bald herausfinden, ob meine Nichte aus der Öffnung der Kammer eine Generalfrage macht, oder ob sie meinen bescheidenen Vorschlag nur aus Bequemlichkeit verwirft.«

Sie waren inzwischen durch die Allee, welche die Auffahrt zu dem Haus, das ein ganz stattlicher Palast war, bildete, an dessen Rückseite angelangt, und betraten durch das schöngegliederte Portal das saalartige, säulengetragene Vestibül, dessen Wände mit Freskomalereien im Raffaelischen Stil bemalt waren. Hier fragte Don Ferrante einen ihm entgegentretenden Diener, der seine gute Livree augenscheinlich in Rom zurückgelassen und auf dem Lande die etwas schäbige zweite Garnitur aufzutragen hatte, ob Donna Ortensia daheim sei, und auf die bejahende Antwort befahl er, seiner Tochter nur zu sagen, daß er selbst Fräulein Oster zu ihr führen würde, nachdem er ihr seine Sammlungen gezeigt hätte. Sein Arbeitszimmer befand sich im Erdgeschoß, in welchem hier die Gesellschaftsräume lagen, während sich im ersten Stock die Wohn- und Empfangszimmer der Familie befanden. In den Gesellschaftszimmern, die groß, hoch und luftig waren, schien Melanie, welche hindurchgeführt wurde, die Einrichtung nicht gerade üppig, eigentlich nur angedeutet durch Reihen an den Wänden aufgestellter Stühle, Sessel und Sofas aus der Empirezeit, unterbrochen durch marmorne Konsoltische, Spiegel und nachgedunkelte Gemälde, ohne besonderen künstlerischen Wert, aber die Plafonds waren gut gemalt, besonders das Arbeitszimmer Don Ferrantes enthielt eine sehr schöne, holzgeschnittene Kassettendecke, alte, wertvolle Möbel, unter denen besonders ein eingelegter Schrank, Florentiner Arbeit aus dem sechzehnten Jahrhundert, in die Augen fiel. Es war ein ganz eigentümliches Licht, das in Don Ferrantes Augen erschien, als er Melanie gleich auf diesen Schrank zustürzen und mit einem lauten »Ah!« der Bewunderung davor stehenbleiben sah.

»Das ist etwas ganz Wundervolles! So etwas habe ich noch nie gesehen!« rief sie, und tippte mit spitzen Fingern auf die Einlagen der Flügeltüren. »Das sieht ja aus, als ob es Steine wären!«

»Es sind in der Tat Steine«, bestätigte er, plötzlich heiser geworden. »Florentiner Pietra-dura-Mosaik. Die Blumen, Arabesken und Blätter auf dem schwarzen Grunde sind mit farbigem Marmor und Halbedelsteinen eingelegt, die Perlenschnüre von durchsägten echten Perlen. Ja es ist ein schönes Stück aus dem Cinquecento; das Gestell, auf dem der Schrank ruht, ist von echter Bronze, und ausnehmend elegant gezeichnet. Vielleicht interessiert Sie auch der Inhalt; er ist seiner äußeren Hülle so würdig, daß ich den Schlüssel dazu immer bei mir trage.«

Dabei entnahm er seiner Tasche einen kleinen, vielzahnig, gearbeiteten, vergoldeten Schlüssel, führte ihn in das Schlüsselloch ein und drückte mit der Linken gleichzeitig auf eine bestimmte Stelle der an den Türangeln befestigten Bronzeklammern, welche einen besonderen Schmuck des Schrankes bildeten.

»Ein kleines Geheimnis, das Sesam, das den Schrank sich erst öffnen läßt«, erklärte er. »Denn wer immer auch den Schlüssel hat und den Handgriff nicht kennt, der innen erst das Schlüsselloch freimacht, um den Schlüssel darin umdrehen zu können, würde vergebens versuchen, ihn zu öffnen. Ja, die Handwerker jener Zeit verstanden es, zu arbeiten, wie man heutzutage keine Ahnung mehr hat. Sehen Sie, der Schrank enthält – meine Apotheke.«

»Apotheke?« staunte Melanie ungläubig, als sie den Inhalt des Schrankes vor sich sah, denn überall standen, sauber aneinandergereiht, lauter kleine Glasschalen, in denen es von geschliffenen Steinen aller Farben funkelte, während dahinter Fläschchen von buntem Glas mit eingeschliffenen Stöpseln, an denen kleine, beschriebene Elfenbeinschildchen befestigt waren, aneinandergereiht standen, – gelbe, rote, grüne, blaue, farblose. »Apotheke!« wiederholte sie. »Jetzt geht mir ein Licht auf! Sie sind ja der Juwelendoktor! Nun, solch eine Apotheke lasse ich mir gefallen, aber – wer kann diese Medizin bezahlen?«

»Ich gebe sie umsonst«, erklärte er. »Genau gesagt, ich gebe sie leihweise her. Sehen Sie, hier in dieser Schachtel sind Ringe, einfache silberne Ringe in allen Weiten, die statt eines Steines oben eine leere Kapsel haben. In diese lasse ich durch eine einfache Vorrichtung den Stein ein, der für eine Kur notwendig ist; oben hält ihn der Rand der Fassung fest, innen schließt man die Kapsel, und der Stein sitzt ganz fest. Dann habe ich hier ebenso einfache Medaillons, welche für größere Steine bestimmt sind und um den Hals getragen werden. Bevor ich Sie vorhin im Schloß abholte, brachte ich einer Frau, die an Geschwüren leidet, einen großen Sardonyx, um den Hals zu tragen; er wird sie sicher heilen, und ein Mann, dem ich einen Amethyst zu tragen gab, wird bestimmt aus einem Trinker ein nüchterner Mensch werden. Ich bin auch überzeugt, daß ich diesem schönen, dunkelgrünen Turmalin, der hier an meiner Uhrkette hängt, mein volles Haar verdanke, und dem Topas meine guten, tadellosen Zähne. Außerdem verhindert dieser letztere Blutergüsse im Gehirn, also Schlaganfälle.«

»Ach!« machte Melanie mit großen Augen, und nicht unberechtigt setzte sie hinzu: »Und was sagt die Schulmedizin dazu?«

»Oh, ohne der Fakultät im geringsten zu nahetreten zu wollen oder dem studierten Mediziner auch nur ein Titelchen seiner Verdienste abzusprechen – er ist verpflichtet, dem Apotheker in die Hände zu arbeiten, denn der müßte sonst verhungern. Damit haben Sie die Stellungnahme des Mediziners zur Kur durch die Einwirkung der Edelsteine in einer Nußschale«, sagte Don Ferrante schulterzuckend.

»Und gegen welches Leiden hilft der Opal? Ich schwärme nämlich für Opale und für Türkisen«, fragte sie, auf zwei Schälchen deutend, in welchen diese Steine lagen.

»Der Opal heilt Augenleiden und erhält die Sehkraft; mit Ihren glänzenden, scharfen Augen werde ich also nicht nötig haben, Ihnen das Tragen eines Opals zu verordnen«, erklärte er lächelnd. »Der Türkis ist mehr ein sympathetischer als ein heilender Stein; von kranken Personen getragen, verliert er sein schönes Blau, er wird blaß und grünfleckig; aber eine gesunde Person, die ihn darnach trägt, kann ihm seine herrliche Farbe wieder zurückgeben. Immerhin aber besitzt gebrannter und gemahlener Türkis, mit Alkohol destilliert, für den inneren Gebrauch heilende Wirkungen für gewisse Leiden. In diesen farbigen Fläschchen befinden sich solche Destillate von Rubinen, Saphiren und Smaragden und anderen Steinen.«

»Jedenfalls sehen diese Fläschchen reizend aus«, versicherte Melanie, und indem sie die bunte Reihe betrachtete, stieß sie einen kleinen, entzückten Schrei aus und deutete auf eine etwa zehn Zentimeter hohe, schlanke Phiole von smaragdgrünem Glas, die den Mittelpunkt der Fläschchen bildete. Denn der Stöpsel der wenig mehr als daumendicken Phiole war ein Wunderwerk alter Goldschmiedekunst und zeigte als Krönung eines korinthischen Säulenkapitells die kaum zwei Zentimeter hohe, vollendet modellierte Figurine einer Fortuna auf der rollenden Kugel, die aus einem Rubin geschliffen war. Diese Phiole trug kein Elfenbeinetikett an ihrem Hals, sondern wurde durch ein überfangendes Goldschnürchen zugebunden, dessen Enden versiegelt waren.

»Nein, was ist das für ein entzückendes Fläschchen!« rief sie aus.

»Ja, nicht wahr? Der Stöpsel ist in der Tat ein Kunstwerk, ein wahres Juwel italienischer Goldschmiedekunst aus dem Ausgang des Quattrocento«, erklärte Don Ferrante, in dessen Augen es dabei aufleuchtete.

»Da sind gewiß destillierte Diamanten drin«, murmelte Melanie mit gierigen Augen. »Oder gar Extrakt von Diamanten und echten Perlen, weil das Fläschchen sogar versiegelt ist.«

»Es ist versiegelt, damit es kein Unheil anrichten kann, falls es zufällig in unrechte Hände geraten sollte«, versetzte Don Ferrante so leise, daß sie es zur Not verstand. »Sein Inhalt ist kein Extrakt von Diamanten, sondern – der Tod.«

Erschrocken sah Melanie auf zu ihm und in seine Augen, vor denen sie die ihrigen niederschlug.

»Wie ist das zu verstehen?« stammelte sie.

»Ich erhielt die Phiole samt ihrem tödlichen Inhalt vor vielen Jahren von einem Sammler, der eine besondere Neigung für Gegenstände von historischer Bedeutung mit unheimlichem Hintergrund hatte«, erläuterte Don Ferrante nach einer eindrucksvollen Pause. »Dieser Freund versicherte mir, der damals noch unversiegelte, farb- und geruchlose, wasserhelle Inhalt sei nichts mehr und nichts weniger als eine Probe der Aqua Toffana, jenes furchtbaren, todsicheren Giftes, das in der Geschichte der italienischen Renaissance solch eine verheerende Rolle gespielt hatte. Ich lächelte damals über diese Behauptung, denn mein Freund liebte es, den Dingen ganz wundersame Eigenschaften anzudichten, und machte dann mit einigen Tropfen aus der hermetisch zugeschraubten Phiole einen Versuch mit einem alten, asthmatischen Mops meiner ältesten Tochter. Nun, das Tier wurde durch die zwei Tropfen, die ich ihm in einer Schale mit Milch reichte, augenblicklich von seinem Leiden erlöst, worauf ich die Flasche versiegelte, deren ich mich nun als eines schönen Gegenstandes von hohem künstlerischem Wert erfreue. Da ich den Dingen aber gern auf den Grund gehe, habe ich mich aus alten Büchern und Manuskripten des näheren über die Aqua Toffana und ihre damalige Anwendung unterrichtet; das Rezept zu diesem Gift ist natürlich verlorengegangen, falls es überhaupt jemals das Laboratorium der Erfinderin, der Sizilianerin Toffana, verlassen hat. Sie wird ihr Geheimnis, mit dem sie einen schwungvollen Handel trieb, wohl gehütet haben.«

»Wie interessant«, sagte Melanie mit einem ebenso unangebrachten wie mißglückten Lachen. »Glauben Sie wirklich, daß ein paar Tropfen dieses Wassers genügen würden, einen Menschen zu töten?«

»Für einen erwachsenen, gesunden Menschen dürften die zwei Tropfen, welche den armen Mops erlösten, kaum genügt haben. Nach allem, was ich über diesen Gegenstand gelesen habe, ließ das Gift sich dosieren, das heißt, wenn es unmerklich, also langsam wirken sollte, setzte man dem Getränk des – soll ich sagen: Verurteilten? – täglich ein, höchstens zwei Tropfen zu, bis eben der Zweck erreicht war. Diese langsame Anwendung verhinderte die Entdeckung des Täters, während etwa zehn bis zwölf Tropfen, auf einmal verabreicht, den sofortigen Tod herbeiführten. In den damaligen Zeiten, als die Chemie noch nicht so weit vorgeschritten war wie heute, war das auch noch nicht so gefährlich, wie es jetzt wäre – ich meine für den Täter. Nun ist es – ich meine, war es damals nicht immer möglich, selbst das Gift beizubringen, wenn Täter und Opfer nicht unter demselben Dach weilten; in diesem Falle mußte man sich einer Mittelsperson bedienen, die natürlich entsprechend dafür belohnt wurde.«

»Was verstand man unter einer ›entsprechenden‹ Belohnung?« unterbrach Melanie.

»Was? Oh, ich denke, daß Gold immer willige Hände gefunden hat; das Mehr oder Weniger mag dabei von der Person abgehangen haben, denn was der Niedrigstehende schon für wenig tut, durfte man dem Höherstehenden natürlich nicht zumuten. Nach allem, was ich darüber las, war der mit der Belohnung Knausernde allemal der Leidtragende. Jeder Mensch hat seinen Preis, das ist eine alte Weisheit.«

»Wenn eines Menschen Preis Geld ist, dann sage ich: »Pfui«!« rief Melanie entrüstet.

»So ist's recht«, klatschte Don Ferrante Beifall. »Für eine große Sache darf ein großangelegter Mensch in der Tat nur einen idealen Lohn fordern. Man sagt zwar vom Geld ›non olet‹, in Wahrheit aber ist es nicht das Geld, sondern die Gesinnung, die zum Himmel stinkt. Dabei fällt mir eine Geschichte ein, die ich in einer alten Chronik über die Aqua Toffana fand: ein neapolitanischer Edelmann hatte seiner Meinung nach gerechte Ansprüche auf ein Erbe, das einer anderen Person zugesprochen worden war, und er beschloß, da es sich im guten nicht wohl machen ließ, sich dieser Person vermittels der Aqua Toffana zu entledigen. Dies war jedoch aus räumlichen Gründen nicht gut möglich, darum sondierte er eine reizende junge Dame ihrer näheren Umgebung, ob sie um den Preis seiner Hand und seines Herzens das Werk für ihn besorgen wollte. Was jene um schnödes Geld nie getan hätte, tat sie um das ideale Gut einer Fürstenkrone, und der Chronist behauptet, daß sie es nicht zu bereuen gehabt habe.«

Melanie, die den Blick von der grünen Phiole mit dem wundervollen goldenen Stöpsel nicht losreißen konnte, blickte jetzt mit den funkelnden Schlehenaugen auf zu ihm, und sah ihn lange und unverwandt mit eigenem Lächeln an. Aber er hielt den Blick aus und lächelte auch.

»Stand in dieser Geschichte nichts darüber, ob die beiden einen Vertrag abgeschlossen haben – wegen Lebens und Sterbens?« fragte sie endlich keck.

»N-nein, darüber stand nichts darin«, verneinte er sachlich. »Es läßt sich aber annehmen, daß die Übereinkunft nur eine mündliche war, denn derartige schriftliche Verträge sind doch recht zweischneidige Schwerter, die beide Teile tödlich treffen müßten, wenn sie in unrechte Hände fielen, was geheime Schriftstücke an sich haben.  

Ich bilde mir ein, das Wort des Mannes hat genügt; denn wenn er es gebrochen hätte, nachdem er sein Ziel erreicht, hätte ihm die Frau sicherlich den Strick daraus gedreht. Er wird nicht so unweise gewesen sein, es darauf ankommen haben zu lassen. Ohne Ihrem Geschlecht zu nahetreten zu wollen, liebes Fräulein, muß es doch ausgesprochen werden, daß nichts in der ganzen Welt gefährlicher ist als eine betrogene Frau. Die Beispiele sind dafür ohne Zahl, und schließlich brauchte die Rache der um ihren Preis Betrogenen – wohlgemerkt, ich nenne sie die Betrogene, – nicht notwendigerweise ihr selbst zum Verhängnis werden, wenn sie es klug und geschickt anfängt, sich selbst dabei aus der Schlinge zu ziehen. Sie sehen daraus, daß es dem Manne schon die Klugheit verbieten würde, sein Wort zu brechen, ganz abgesehen davon, daß es eine Schurkerei wäre, es zu tun. Endlich wäre auch gegen einen schriftlichen Vertrag einzuwenden, daß er demjenigen der Kontrahenten, welcher der Betrogene ist, gar nichts nützen würde, denn ist das Dokument nur in allgemeinen, keinen Teil kompromittierenden Ausdrücken abgefaßt, dann ist es ein wertloser Wisch ; bezeichnet es aber klipp und klar das Wesen der Übereinkunft, dann würde sich der oder die Betrogene hüten, es an die große Glocke zu hängen, weil er, respektive sie, den eigenen Hals damit in die Schlinge stecken würde. Aus diesen Gründen nehme ich an, daß der neapolitanische Edelmann, von dem ich Ihnen erzählte, mit der betreffenden jungen Dame keinen schriftlichen Vertrag abgeschlossen hat. Vielleicht haben sie sogar nicht einmal Namen unter sich genannt, weil die Wände bekanntlich auch Ohren haben ; sie werden sich vermutlich einfach eine Geschichte erzählt, darüber debattiert haben, und nur das Verschwinden des Corpus delicti – Sie wissen, was das ist? – ja, also nur das Verschwinden des Korpus delikti durch den einen Teil hat dem anderen verraten, daß die Übereinkunft perfekt war. So denke ich mir die Sache. Um nun von etwas anderem zu reden – werfen Sie, bitte, noch einen Blick in meine Sammelschränke. Da habe ich alles aufgespeichert, was mir an Kuriositäten über den Weg gelaufen: alte Spitzen, Stücke alter Stoffe und Stickereien, zerbrochene und intakte Schmuckgegenstände, o Fräulein Melanie, ich möchte sehen, wie solch blinkendes Ding Ihrem schwarzen Kraushaar steht. – Entzückend, ganz entzückend! Wie für Sie geschaffen! Übrigens, haben Sie schon die Juwelen meiner Nichte gesehen? Nein? Oh, sie befinden sich natürlich noch in der Stahlkammer der Bank von Italien, denn noch hatte sie ja keine Gelegenheit, sich mit den Familienjuwelen zu schmücken, die nur von der jeweiligen Herzogin von Santa Rosa getragen werden. Es befindet sich darunter ein wunderbares Diadem von sehr schönen Brillanten und herrlichen taubenblutfarbenen Rubinen von der Größe von Taubeneiern, ein köstlicher Schmuck für dunkles Haar gleich dem Ihrigen. Violanta müßte Ihnen diese Juwelen wirklich einmal zeigen, namentlich, da sich darunter auch ein prächtiger Schmuck von Ihren Lieblingssteinen, Türkisen und Diamanten befindet, auch ein wundervolles Halsband von Opalen und Diamanten. Verzeihen Sie, mir war, als hörte ich eben die Stimme meiner Tochter, entschuldigen Sie mich einen Moment, ich möchte sie doch benachrichtigen, daß sie die Freude Ihres Besuches haben wird –«

Damit eilte Don Ferrante hinaus, und als er fünf Minuten später wieder eintrat, stand Melanie am Fenster.

»Da ich ja leider gesagt hatte, man sollte Sie nicht melden, ist meine Tochter ausgegangen«, rief er atemlos. 

»Vermutlich ist sie im Garten, aber ich weiß nicht, ob es Ihre Zeit erlaubt, sie dort aufzusuchen.«

»Ich fürchte, ich werde jetzt heimkehren müssen«, erwiderte Melanie mit einem Ansatz zu ihrem perlenden Lachen, das aber mißlang.

»Ich werde mir erlauben, Sie nach dem Schloß zurückzubegleiten.«

»O nein, das nehme ich nicht an, der Weg ist ja nicht zu verfehlen.«

»Wie Sie wünschen, aber mein Diener wird hinter Ihnen gehen – ja, ganz bestimmt. Es würde nämlich gegen die hiesige Sitte verstoßen, eine junge Dame unbegleitet zu lassen, noch dazu eine Dame, die ich so hoch verehre«, bestand Don Ferrante auf seinem Willen. Dann begleitete er Melanie hinaus, wartete mit ihr in der Vorhalle auf den Diener, und nach liebenswürdigster Verabschiedung sah er ihr noch nach, bis sie um die Ecke des Hauses verschwunden war.

In sein Zimmer zurückgekehrt, war sein erster Gang zu dem Florentiner Schrank, dessen Tür er, ohne sie zu verschließen, nur angelehnt hatte, als er Melanie seine Sammlungen zeigte. Bevor er jedoch den Schrank wieder zuschloß, machte er ihn noch einmal auf und warf einen raschen Blick hinein.

Der Platz, wo die grüne Phiole mit der sogenannten Aqua Toffana gestanden, war – jetzt leer. 

Die Ankunft Donna Filomenas, die von ihrem Sohn selbst gefahren worden war, erfolgte zur festgesetzten Stunde, und begleitet von Melanie fuhr sie sofort nach Rom weiter. Mit einem merkwürdigen Gefühl von Erleichterung sah Violanta dem Auto nach, denn Melanie hatte während der Mittagsmahlzeit ein so überhebendes, ja herablassendes Wesen herausgekehrt, das wirklich die Grenzen der Wohlerzogenheit nicht nur streifte, sondern schon wesentlich überschritt.

Nachdem das Auto davongefahren war, stiegen die Damen, begleitet von Don Pietro, die Treppe hinauf, und Violanta winkte Attilio, ihnen alsbald zu folgen.

»Kusine Vio, ich finde, du siehst heute blaß und angegriffen aus«, bemerkte Don Pietro, als sie im Salon angelangt waren. »Ist es die Erwartung dessen, was wir im geheimen Zimmer finden könnten, das dich ein wenig nervös macht?«

»Nein«, versicherte Violanta. »Es ist nur, weil ich eben einen kleinen Verdruß zu überwinden hatte; hauptsächlich aber bin ich heut schon seit dem Erwachen gewissermaßen aus den Angeln gehoben, und zwar törichterweise eines Traumes wegen, den ich hatte, als ich, zu sehr früher Stunde erwachend, noch einmal eingeschlafen war. Ich hätte lieber gleich aufstehen sollen, obgleich der Tag eben erst zu dämmern anfing.«

»Morgenträume gehen in Erfüllung, sagt man«, bemerkte die Principessa.

»Ein sehr alter Glaube oder – Aberglaube«, bestätigte Don Pietro. »Schon im Ovid lesen wir: ›Nämlich, was vor dem Tage ums Morgenrot träumt der Schläfer, ist die Zeit, da die Träume gewiß sich zur Wahrheit gestalten‹. Ist dir der Traum in Erinnerung geblieben?«

»O ja, sehr«, erwiderte Violanta erschauernd. »Erst träumte mir, daß ich mich in der Bildergalerie hier im Schlosse befand, und wunderte mich gar nicht, daß sich mit einem Male wie eine Tür der Rahmen öffnete, der das Bild des lautespielenden umbrischen Edelmanns enthält, welcher seiner Base, der schönen Herzogin von Santa Rosa mit dem dummen Lächeln so verhängnisvoll wurde. Aus dem Rahmen aber trat er selbst in der ganzen Pracht seines violetten Samtanzuges heraus und auf mich zu. Sein Porträt ist ja nur ein Kniestück, aber ich sah ihn in seiner ganzen Figur, sah ihn mit hohen, gelben Stulpstiefeln, über die die Spitzenvolants seiner Pluderhosen herabfielen, und ganze Bündel goldfarbener Seidenschleifen, mit denen sie zusammengerafft waren. Ich sah die Diamanten der Agraffe blitzen, mit dem sein Spitzenjabott befestigt ist, sah seine kastanienroten Locken auf dem Spitzenkragen bei jeder Bewegung tanzen, sah seine Augen glänzen. Aber ich fürchtete mich nicht, denn er war sehr respektvoll und redete mich sehr höflich unter tiefen Verbeugungen an. Was er dabei sagte, dessen kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, daß er mir versicherte, lange auf mich gewartet zu haben, und daß er mich wiederholt Erlöserin nannte und mich beschwor, den kommenden Tag nicht zu verschieben. Schließlich sagte er noch etwas, was mich veranlaßte, davonzulaufen, aber gerade das ist es, was mir entfallen ist. Ich lief also und lief, wohin weiß ich nicht, fiel dann irgendwo hinunter und saß dann vor dem Teetisch in dem Salon, eine volle Tasse vor mir. Und wie ich danach langte, um daraus zu trinken, schoß zischend eine Schlange heraus, mir ins Gesicht, aber bevor sie mich noch beißen konnte, griff eine Hand ohne Körper, eine Kinderhand, um ihren Hals und preßte ihn zusammen, daß sie den Rachen weit aufsperrte. Ich aber stieß einen lauten Schrei aus, über den ich, an allen Gliedern zitternd, schweißgebadet erwachte. Ich sehe die gräßliche Schlange immer noch vor mir – gibt es denn eigentlich Schlangen in dieser Gegend?«

»O ja, in der Campagna drunten, in den Sümpfen gibt es genug und recht giftige dazu«, sagte Don Pietro. »Auch hier oben begegnet man welchen ab und zu, namentlich der langen, grünen Grasschlange, aber die ist nicht gefährlich, sie ist scheu und macht, daß sie fortkommt, wenn ihr ein Mensch über den Weg läuft. Sie ist sogar ganz nützlich, denn sie vertilgt die Mäuse in den Weinbergen.«

»Nun, die Schlange in deinem Traume war wohl nur eine Allegorie«, meinte die Principessa. »Und hier kommt auch Attilio – ans Werk denn!«

Nicht ohne ein wenig Herzklopfen, denn das Geheimnisvolle übt seinen Einfluß auch ganz ungewollt in dem Augenblick, da es enthüllt werden soll, holte Violanta den Schlüssel zu der geheimen Kammer und übergab ihn Don Pietro, der die Beschreibung zu seiner Anwendung aufmerksam durchlas und dann zu dem Kamin in der Bibliothek schritt. Aus dem rechts davon angebrachten Büchergestell entnahm er zwei bis drei Bände, welche dem Kamin zunächst standen, und gab sie dem hinter ihm mit einer brennenden Laterne wartenden Attilio zum Weglegen, sodann drückte er leicht mit der Hand gegen die den Blicken nunmehr freiliegende hölzerne Rückwand des Gestells, die sich nach dieser Manipulation wie eine Klappe nach unten schieben ließ, wodurch in der darunterliegenden Verschalung, welche das ganze Zimmer ringsum in Manneshöhe bekleidete, ein Schlüsselloch enthüllt wurde, dessen Anblick Attilio ein lautes: »So also ist die Geschichte!« entlockte.

»Ebenso sinnreich wie einfach, nicht?« meinte Don Pietro. »Die meisten Rätsel sind gewöhnlich einfacher, als man ihnen zutraut.«

Damit führte er auch schon den Schlüssel, zu dessen leichterer Tätigkeit Attilio vorsorglich ein Ölfläschchen mit Pinsel mitgebracht hatte, in das geölte Schlüsselloch ein, drehte ihn nach einiger Kraftanstrengung um, und stemmte nun beide Hände gegen den Rahmen des Bücherbordes. Unter dem unharmonischen Kreischen der stark verrosteten, unsichtbaren Angeln drehte sich nun das ganze, hohe Büchergestell langsam nach innen herum und erwies sich damit als die geschickt maskierte Tür zu der so lange verschlossenen Kammer, indem sie ohne jedes weitere Hindernis den Eintritt freigab.

»Dazu also war keine große Anstrengung nötig«, erklärte Don Pietro, indem er Attilio die Laterne aus der Hand nahm. »Ich gehe nun voraus, um zu erkunden, denn ehe mir die Damen in das stockfinstere Loch folgen, will ich doch erst zusehen, was es enthält. Wenn Attilio mitgehen will, steht es ihm frei, aber es ist durchaus kein Befehl.«

Attilio scheint aber nicht ängstlich zu sein, und wäre er es gewesen, dann hätte die liebe Neugier schon seine Furcht besiegt; er trat hinter Don Pietro in den dunklen Raum ein, und seine Stimme war es, die danach zuerst vernehmbar ward.

»Aber die Luft ist ja gar nicht schlecht hier!« rief er aus. »Es riecht etwas muffig, doch kann man ohne Beschwerde atmen. Wie ist das möglich?«

»Sehr einfach – der Kamin der Bibliothek ist doppelseitig, und seine infolgedessen ebenso doppelseitige Esse ist der Luftschacht für den Raum«, hörten die Damen Don Pietro nach einer kurzen Pause das Rätsel erklären, worauf er in der Tür erschien und die beiden gespannt wartenden Kusinen einlud, näher zu treten, denn es sei absolut nichts, aber auch gar nichts Unheimliches zu sehen, nur eine dicke Staubschicht, die über alles einen grauen Schleier gebreitet hätte.

Was nun die beiden Damen bei ihrem immerhin noch etwas zögernden Eintritt sahen, war ein zwar fensterloses und von der Laterne nur mäßig erleuchtetes, durchweg mit Holz verschaltes Zimmer mäßiger Größe, aber keineswegs leer, sondern ganz ordentlich eingerichtet. Links neben der Tür befand sich der Kamin, welcher die Luftzufuhr besorgte, umgeben von einem steinernen, einfachen Mantel; auf seiner Feuerstelle lag noch ein Häuflein Asche von einem Feuer, das, Gott weiß wann, dort gebrannt, und über dem Mantel hingen Waffen, sehr, sehr alte Waffen, zum Stoßen und Fechten, sowie einige Armbrüste wohl geordnet. In der Ecke neben dem Kamin lagen ein Harnisch und ein offener Turnierhelm auf einem mit Leder bezogenen Sessel, gleich, als hätte der ehemalige Besitzer sich hier ihrer entledigt und sie achtlos dort deponiert. Daneben stand an der östlichen Schmalseite des Raumes eine riesige, hölzerne Truhe, so vollgestopft mit Schriftbündeln und Rollen, daß ihr Deckel nicht mehr schloß. An der Längswand, dem Kamin gegenüber, waren ein paar lederbezogene Stühle aufgereiht, und in der Mitte der Wand stand ein breiter, niederer Schrank auf hohen, hölzernen Füßen. Die Westseite des Raumes nahm ein zweiter, sehr großer, breiter und tiefer Schrank ein, dessen rechte Flügeltür so weit geöffnet war, daß sie an die mit Büchern verkleidete Tür zur Bibliothek anstieß, und seinen Inhalt, bestehend aus wild durcheinandergeworfenen, in Schweinsleder gebundenen Folianten, Aktenbündeln, losen Schriftstücken und Papierrollen, auf einer Reihe von Fächern sehen ließ. Die Mitte des Raumes nahm ein Tisch ein, auf dem ein mächtiges ausgetrocknetes Tintenfaß stand, in welchem noch ein paar Gänsefedern steckten, eine Kanne und ein Becher respektabler Größe, deren Silber ganz schwarz angelaufen war, während die Vergoldung im Innern durch einen Staubschleier unversehrt durchleuchtete. Über dem Tisch aber hing von der hölzernen Decke herab eine dreiarmige Ampel von Kupfer, und den steinernen Fußboden bedeckte ein orientalischer Teppich, dessen Farbenpracht eine dichte Staubschicht verhüllte.

Mit verhaltenem Atem überblickten die Damen den Raum, den vor über hundert Jahren zuletzt eines Menschen Fuß betreten hatte, und eine Weile sprach keine der darin befindlichen Personen ein Wort. Die Principessa brach zuerst das Schweigen.

»Onkel Ferrante scheint mit seiner Annahme, daß sich hier das geheime Familienarchiv befinden müsse, also doch richtig vermutet zu haben«, sagte sie, indem sie auf die Truhe links und den halb offenen Schrank rechts deutete. »Jener geschlossene Schrank drüben an der Wand wird wohl in gleicher Weise gefüllt sein.«

»Da! Da!« rief Violanta halblaut aus und deutete mit der ausgestreckten Hand auf das zuletztgenannte Möbel. »Seht ihr sie? Seht ihr sie nicht?«

Verwundert blickten die anderen auf die bezeichnete Stelle, aber es war außer Violanta nur Don Pietro, der ein schattenhaftes Etwas wie einen weißen, leichten Nebel, ähnlich einer menschlichen Gestalt, in fließenden Gewändern vor dem Schrank zu sehen vermeinte, – die Principessa und Attilio sahen nichts! Don Pietro machte einen Schritt vorwärts, dem Schrank entgegen, doch bevor er ihn um den Tisch herum erreicht hatte, stand auch Violanta schon davor und legte die Hand auf den im Schlosse steckenden Schlüssel.

»Sie hat mir gewinkt, hierher gedeutet«, rief sie atemlos. »Hier drinnen ist etwas, das ich suchen soll, ach! und ich kann den Schlüssel nicht umdrehen!«

»Was? Wer hat dir gewinkt! Vio, Vio, du willst doch nicht gar Gespenster sehen?« fragte die Principessa erschrocken, doch ehe sie an die Seite ihrer Kusine gelangen konnte, stand Don Pietro schon neben ihr und löste sacht die den Schlüssel umklammernde Hand los.

»Laß mich das machen«, bat er. »Ja, ja, ich habe den – den Schatten auch gesehen. Du hast mich gerufen, die Rätsel dieses Zimmers zu lösen, vertraue mir auch dieses an. Man kann doch nicht wissen, was der Schrank enthält, und meine Nerven sind gewiß die stärkeren.«

Ohne Widerrede trat Violanta einen Schritt zurück, und er versuchte, den Schlüssel umzudrehen, eine Mühe, die ihm erspart blieb, denn die Flügeltüren des Schrankes gingen dabei von selbst auf, weil sie weder verschlossen noch auch durch einen Riegel innen gesichert waren. Nach einem flüchtigen Blick hinein schlug er sie vollends zurück, wodurch sich zeigte, daß der Schrank in sechs Fächer eingeteilt war, von denen fünf Papiere enthielten, während in dem sechsten, mittelsten, eine silbervergoldete große Kapsel in Herzform, gekrönt mit einer offenen, reich mit farbigen Steinen besetzten Krone lag. Als Pietro das sicherlich recht wertvolle, sehr schön gearbeitete Stück herausnahm, fand er, daß es auffallend schwer wog, und nachdem er es mit seinem Taschentuch abgewischt hatte, sah er auf der einen Seite eingraviert die Worte: »,Hic jacet cor Violantae, Fabrizii Porsennae ducis in Santa Rosa uxoris A. D. 1537, Martius 15. In pace. – Und die andere Seite trug die Inschrift: »Ubi thesaurus tuus, ibi et cor tuum.«

»Das Herz unserer hingemordeten Ahnfrau, der Herzogin Violanta!« rief Violanta mit verhaltener Stimme, nachdem sie die auf der fest verlöteten Kapsel eingravierten Worte laut gelesen hatte. »Attilio, Sie sagten doch, die Leute glauben, daß sie hier wandelt, um ihr Herz zu suchen?«

»Man behauptet es, Altezza, aber ich muß bekennen, daß ich die Erscheinung nie gesehen habe«, erwiderte Attilio verlegen.

»Aber ich, ich habe sie, das heißt den Schatten, den ich nun dafür halten möchte, mehr als einmal gesehen, innen vor dem Kamin in der Bibliothek, und du, Pietro, du hast diesen nebelartigen Schatten eben noch, so gut wie ich, vor diesem Schrank gesehen!« rief Violanta in tiefster Bewegung.

»Ganz gewiß sah ich etwas wie einen dünnen, weißen Nebel, der vage an eine menschliche Gestalt erinnerte«, bestätigte Don Pietro nach einem kurzen, begreiflichen Zögern, denn in solchen Dingen hüten sich viele, namentlich Männer, Positives zu behaupten. »Ich wußte nichts von dieser Legende, die dich, Kusine, ja beeinflußt haben mag –«

»Nein, denn ich habe den Schatten drinnen in der Bibliothek gesehen, ehe ich etwas davon gewußt habe. Sie hat ihr Herz gesucht, und nun wir es gefunden haben, soll es an geweihter Stätte endlich seine Ruhe finden. Ich werde das arme, gemarterte Herz gleich selbst in die Kirche tragen, und – o Gott, dort brennt ja auch die Flamme wieder!« unterbrach sich Violanta, und deutete auf die Stelle, wo die offenstehende Tür des großen Schrankes an der Westseite mit der bücherverkleideten Tür zur Bibliothek zusammenstieß.

»Vio! Aber Vio!« rief die Principessa erschrocken, Don Pietro aber fiel ein: »Es ist nichts, ein Lichtreflex, eine Spiegelung aus der Bibliothek. Ich sehe es ja auch, aber –«

»Keine Spiegelung! Die Flamme hat immer über der verborgenen Tür geleuchtet«, behauptete Violanta, während die Principessa und Attilio nichts zu sehen versicherten. Die erstere aber nahm Violanta fest am Handgelenk und zog sie mit sich heraus in die Bibliothek.

»Jetzt ist's genug, – dieses verteufelte Zimmer bringt dich ja ganz aus dem Häuschen! Das macht die Luft da drinnen, die fensterlosen Wände, die ganze Atmosphäre in dem dunklen Loch«, sagte sie zuredend. »Komm, wir setzen uns in dein Wohnzimmer und lassen die beiden Männer allein nachforschen, was deine Ahnherren da drinnen zusammengeschleppt haben. Wir erfahren's noch zeitig genug, – wird wohl nicht der Rede wert sein, und Onkel Ferrante kann dann auch noch seine Nase hineinstecken, das heißt, wenn du's ihm erlaubst, was ich an deiner Stelle nicht täte. Himmel, du glühst und zitterst ja wie ein Espenlaub! Hat's dich so gepackt, armes Hascherl?«

»Ja, es hat mich gepackt, Olga, was wahrscheinlich sehr töricht ist, und vielleicht sind daran auch meine dummen Nerven schuld, auf die ja in letzter Zeit genug eingestürmt ist, sie außer Rand und Band zu bringen. Denke nur, wie ruhig und einfach ich bisher gelebt habe, und nun auf einmal diese enorme Veränderung – ach Gott, hoffentlich stößt Pietro da drinnen nicht noch etwas zu«, unterbrach sie sich unruhig. »Denke nur an des Ur-Urgroßvaters Nervenschock!«

»Den hätten wir alle schon weg, wenn es dort etwas zum Erschrecken gäbe«, behauptete die Principessa mit Seelenruhe. Und ich bin der Überzeugung, daß Pietro nicht so leicht zu erschrecken ist. Glaube mir, der hat Nerven wie Waschleinen.«

Immerhin sah sein bronzebraunes Gesicht merkwürdig blaß aus, als er nach einer Weile bei den Kusinen erschien, während der ihm auf dem Fuße folgende Attilio einfach grün aussah.

»Ja«, beantwortete der erstere die stumme Frage in Violantas Augen. »Ja, wir haben noch etwas gefunden, das ich leider nicht verheimlichen kann, so gern ich dir's erspart hätte. Nämlich hinter der Tür des großen Schrankes, durch die offene Bibliothektür unseren Augen bisher verborgen, entdeckten wir ein männliches Skelett; ein Skelett insofern, als das, was einst Fleisch an ihm gewesen war, nicht direkt verwest, sondern zu einem pergamentähnlichen Überzug der Knochen zusammengeschrumpft ist. Diese eigentümliche Erscheinung hängt wohl mit der Beschaffenheit der Luft in dem Raum zusammen. Das Skelett, zusammengehalten durch die vertrocknete Haut und durch die noch relativ erhaltene Kleidung, steht aufrecht gegen die Seitenwand des Schrankes gelehnt, an den es durch einen seine Brust durchbohrenden Stoßdegen angeheftet ist wie – ja, wie ein Schmetterling, der mit einer Stecknadel auf ein Brett aufgespießt wurde. Der Vergleich drängt sich einem unwillkürlich auf. Die Kleidung dieses Unglücklichen ist die eines Kavaliers aus dem siebzehnten Jahrhundert, von violettem Samt, mit Spitzenkragen und Goldborten reich besetzt; Attilio machte mich darauf aufmerksam, daß es die Kleidung ist, in welcher der umbrische Edelmann drüben in der Bildergalerie gemalt zu sehen ist, womit denn wohl auch die Frage beantwortet wäre, wohin der Vetter der schönen Herzogin mit dem dummen Lächeln so plötzlich abgereist ist: der wahrscheinlich sehr mit Recht in seiner häuslichen Ehre gekränkte Herr Gemahl mag ihn in dieses Zimmer gelockt, und ihn mit seinem Stoßdegen durchbohrt haben, worauf er vermutlich einfach weggegangen ist und die Kammer abgeschlossen hat.«

»Also war mein Traum heut morgen doch mehr als ein solcher«, rief Violanta erschüttert aus. »Ein Wahrtraum war's! Gottlob, daß ich diesen schrecklichen Anblick nicht haben mußte. Aber, du, Pietro –«

»Nun ja, ich sehe andere Dinge auch lieber«, gestand er ein. »Vielleicht war der arme Kerl, ich meine der Umbrier, damals, als mein Urgroßvater ihn gesehen haben muß, noch nicht soweit in seiner Mumifizierung wie heut. Jedenfalls aber wollen wir es nicht so machen, wie mein Urgroßvater, nämlich die Tür einfach wieder verschließen, damit künftige Generationen den Anblick auch genießen können, sondern Attilios Vorschlag überlegen, der dahingeht, den Körper in eine Kiste zu legen, und diese nach der Kirche zur verspäteten Beisetzung in der Gruft zu schaffen. Einfach in einer Kiste, um alles Aufsehen zu vermeiden, das gar keinen anderen Zweck hätte als die gesamte Einwohnerschaft des Schlosses und der Stadt in eine ganz unnötige Erregung zu versetzen. Der Pfarrer muß natürlich eingeweiht werden, aber er, wie alle hier, werden schon zu schweigen wissen.«

»Ich gehe selbst gleich zum Pfarrer und bringe ihm auch das Herz!« rief Violanta. »Kommst du mit, Olga? Aber nein, du bleibst wohl besser hier, damit die Leute im Haus sich nicht wundern, wenn Pietro allein in meinen Zimmern zurückbleibt. Ja, soviel habe ich hier schon gelernt, daß man nicht alles tun darf, nicht so frei im Handeln ist, wie in der Schweiz. Und du, Pietro, willst wirklich die große, große Güte haben –«

»Ich tue ja nur meine Pflicht, weil es doch eine – Familienangelegenheit ist«, versicherte er mit einem tiefen, tiefen Blick in die veilchenblauen Augen, die ihn dankbar ansahen. Und die veilchenblauen Augen spürten einen Funken, einen schönen, reinen, wunderbar wohltuenden Funken aus den schwarzen Augen zu sich überspringen, der ihrer Besitzerin das Herz erwärmte und ein nie zuvor gespürtes Glücksgefühl in ihr auslöste: das große, große Wunder war wieder einmal geschehen!

»Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz«, murmelte Violanta träumerisch, als sie, den kostbaren Fund, die Kapsel mit dem Herzen der Ahnfrau forttrug. »Ob wohl ihr Schatz noch das Herz ihres Gatten blieb, nachdem er schwach genug gewesen, ihr Todesurteil auszusprechen, was nichts mehr und nichts weniger als ein gemeiner Mord war, und als solcher auch gerächt wurde. Daß sein Schatz ihr Herz gewesen, beweist, daß er sich von ihm nicht trennen konnte, nachdem es aufgehört hatte, zu schlagen. Lieber Gott, wie vermag man ein Herz zum Stillstand zu bringen, mit dem Bewußtsein solch einen Schatz zu besitzen?«

Der Pfarrer, ein alter Herr mit klugen und gütigen Augen, war natürlich sehr erstaunt, seine Patronin ganz allein, ohne jede Begleitung und ohne fürstliche »Aufmachung« bei sich erscheinen zu sehen. Als er fragte, was ihm die Ehre ihres Besuches verschaffe, fand sie die Erklärung mit einem Male gar nicht so einfach. Dann aber erzählte sie sogar von den Erscheinungen des Schattens am Kamin und dem flammenartigen Licht über der Tür zum Geheimkabinett. Der Pfarrer wurde aber eigentlich erst aufmerksam, als er seine Annahme, daß das Geheimkabinett wohl nur in der Phantasie der Leute existiere, widerlegt hörte.

»Ja, meine Tochter, ich gestehe Ihnen ein, daß ich anfangs Ihren Erscheinungen gegenüber recht ungläubig war«, sagte er, nachdem Violanta ihren Bericht beendet hatte. »Nicht etwa, daß ich selbst solchen Dingen grundsätzlich skeptisch gegenüberstünde, denn wir haben viele Beweise, beglaubigte und verbürgte Beweise, daß Gott in seiner Weisheit es bisweilen zuläßt, durch Zeichen oder Erscheinungen bestimmte Wirkungen auszuüben. Aber es kommt allzuoft vor, daß die Leute sich nur einbilden, etwas gesehen zu haben, wovon sie andere reden hörten. In diesem Falle haben Sie aber die Beweise für sich, dazu das Zeugnis des Don Pietro Porsenna, eines sehr würdigen und trefflichen jungen Mannes. Um nach Ihrem sehr begreiflichen Wunsche jedes Aufsehen zu vermeiden, will ich gern mit Attilios Hilfe die armen Überreste in die Gruft hinabschaffen und sie dort einsegnen. Wollen Sie selbst die Kapsel mit dem Herzen der Herzogin Violanta auf dem Sarge niederlegen, so bin ich gern bereit, Sie gleich hinabzuführen. Übrigens braucht der Küster von alledem nichts zu wissen, damit die Geschichte nicht doch noch unter die Leute kommt.«

Violanta erklärte sich sofort bereit, und folgte dem Pfarrer in die Sakristei der Kirche, aus welcher eine Tür hinab in die Krypta führte, die durch kleine, starkvergitterte Fenster unterhalb des Estrichs der Kirche zwar nur schwach, aber doch genügend erleuchtet wurde, um jeden Gegenstand darin zu erkennen. Namentlich zu dieser Stunde des Nachmittags herrschte durch die schon stark sich neigende Sonne ein Dämmerlicht in der Krypta, das ihr eine ungemein stimmungsvolle Note verlieh. Stumm, das Herz in Ehrfurcht vor der Majestät des Todes erschauernd, folgte Violanta dem Pfarrer, bis er vor einem der in Italien üblichen niedrigen Särge, bekleidet mit verblichenem Purpursamt, stehenblieb, und auf die daran angebrachte Tafel deutete, auf der man im Dämmerlicht gerade noch den Namen »Violanta« unterscheiden konnte.

»Hier können Sie die Kapsel mit dem so jäh zum Verstummen gebrachten Herzen niederlegen, meine Tochter«, sagte er leise. »Ja, obendrauf, denn ich glaube, daß der Sarg verlötet ist. Auch hier oben wird der Zweck erfüllt.«

»Aber der Sarg ist ja so klein«, wunderte sich Violanta zögernd.

»Vergessen Sie nicht, daß er die irdischen Reste einer enthaupteten Person umschließt. Den also Gerichteten pflegte man das Haupt auf die Füße zu legen«, erinnerte der Pfarrer an einen Brauch, der noch bis in die neueste Zeit üblich war.

Da legte Violanta die Kapsel mit dem Herzen ehrfurchtsvoll auf den aus so tragischer Ursache auffallend kurzen Sarg nieder und beugte dann die Knie zu einem kurzen Gebet, und dabei war's ihr, als spürte sie einen Hauch gleich einem schwachen Luftzug über ihre Stirn streifen wie einen Kuß aus der anderen Welt, und ihre Seele durchzog ein frohes, beglücktes Empfinden.

Als Violanta ins Schloß zurückkehrte, hörte sie, daß Don Pietro droben bei der Principessa sei, und begab sich hinauf, um über das Ergebnis ihres Ganges zu berichten.

»Kusine, ich würde dir aber doch raten, die zuständige Behörde durch den alten Nemi von dem unheimlichen Fund im Geheimkabinett unterrichten zu lassen«, sagte Don Pietro. »Man kann nicht wissen, wie und was davon durchsickert, und so bist du wenigstens nach dieser Richtung hin gedeckt. Es ist kaum anzunehmen, daß man amtlich jemanden schicken wird, sich von dem Inhalt der Kiste zu überzeugen; das wird Nemi schon besorgen. Übrigens bin ich gern bereit, mich als Zeugen einer etwaigen Vernehmung wegen zu melden, ebenso auch Attilio, denn er und ich sind ja doch die einzigen, die den Fund gesehen haben. Was diesen betrifft, so war es nicht leicht, das Schwert aus dem Körper herauszuziehen, und dabei ist auch die verrostete Spitze abgebrochen und in dem eisenfesten Holz des Schrankes steckengeblieben; mit solcher Wucht ist der Stoß geführt worden. Das Schwert habe ich mit in die Kiste gelegt, und den Körper mit der Tischdecke aus der Kammer zugedeckt. Aus den bei der Berührung total zerfallenden Kleidern und aus dem vermoderten Spitzenjabot fielen die Agraffe und ein Dutzend oder mehr der die Schleifen haltenden Dinger, Nestelstifte, glaube ich, genannt, die ich gesammelt habe, um sie dir zu übergeben, weil ich dachte, der Wert dieser Schmuckstücke könnte vielleicht besser den Armen zugewendet werden, als sie mit dem früheren Besitzer zu begraben. Ich glaube, die Steine, meist treppenförmig geschliffene Diamanten, sind gut und kostbar, wenn auch der Schliff ja nicht mehr gebräuchlich ist.«

Damit holte er aus seiner Tasche den Schmuck hervor, mit welchem die Kavaliere jener Zeit ihre Gewänder zu verzieren liebten; die Silberfassung war schwarz geworden, und die zum Teil großen Steine überzog ein Film von Verwesungsfeuchtigkeit und Staub, aber wo dieser bei der Berührung abgewischt war, strahlten die Diamanten in unvermindertem Glanz.

»Nein«, sagte Violanta nach einer Weile des Nachdenkens. »Diese Steine soll auch in anderer Fassung kein Mensch mehr tragen. Vielleicht ist es ja lächerlich, wenn ich mir einbilde, daß sie jemandem Unglück bringen könnten, aber sicher bereitet es doch Unbehagen, sie zu Fest und Freude zu tragen. Der Nachlaß des umbrischen Kavaliers soll nicht zu Gelde gemacht werden; ich werde seinen Wert dem Pfarrer für die Armen geben, und die Steine in eine Krone für die schöne Madonnenstatue in der Sühnekapelle drunten fassen lassen. Das ist dann auch ein Sühneakt für die Tat eines meiner Vorfahren.«

»So ist's recht«, stimmte die Principessa bei, und auch Don Pietro nickte stumm, aber um so beredter Beifall.

»Es gehören schon recht starke Nerven dazu, sich mit diesen Steinen zu schmücken, wenn man weiß, was geschah, als der letzte Besitzer sie trug«, sagte er. »Jetzt muß ich mich aber empfehlen zur Heimfahrt«, fuhr er fort. »Zur Durchsicht der Papiere im Geheimkabinett komme ich gern wieder, sobald es dir genehm sein wird.«

»Nein, du sollst nur kommen, wenn es dir genehm ist«, widersprach Violanta. »Ich schulde dir für deine heutige Hilfe schon so vielen Dank.«

»Genug! Genug!« unterbrach er sie. »Sobald und sooft du mich brauchst, habe ich immer Zeit, und zwar gern, herzlich gern.«

Nachdem er gegangen war, erklärte Violanta, daß sie nach den Aufregungen dieses Nachmittags ein großes Verlangen nach Ruhe und Sammlung verspüre.

»Ich auch«, versicherte die Principessa. »Dennoch aber möchte ich dir raten, heut noch bei Onkel Ferrante unsern Pflichtbesuch zu machen. Nachdem er gestern gleich nach seiner Ankunft bei dir war, würde er es übelnehmen, wenn du seinen Besuch nicht baldigst erwidern würdest. Ich kenne ihn und seine Empfindlichkeit; es wäre nicht weise, diese zu reizen, denn er ist kein bequemer Verwandter, um das Wort ›Feind‹ nicht anzuwenden. Nebenbei: hast du große Sehnsucht nach dem Geplapper von Melanie Oster, wenn sie heut abend von Rom zurückkehrt? Na, ich erst recht nicht, also schlage ich vor, daß wir sie ihr jedenfalls verspätetes Nachtmahl in einsamer Pracht und Herrlichkeit verspeisen lassen, uns aber in unsere Gemächer zurückziehen und heut nicht mehr zu sprechen sind.«

Violanta war sehr froh, daß Don Ferrante nicht zu Hause war, aber sie trafen Donna Ortensia daheim, die sie mit ihrer bekannten wortkargen Unbeholfenheit empfing und die Unterhaltung wie gewöhnlich ihren Gästen überließ.

»Du siehst heut etwas angegriffen aus«, eröffnete die Principessa das Gespräch mit so viel persönlicher Anteilnahme, als diese Verwandte auszulösen imstande war. »Es war wohl schon zu heiß in Rom? Die Landluft wird dir guttun.«

»Ach nein«, entgegnete Donna Ortensia mit Anstrengung, indem sie ihre Blicke unverwandt auf Violanta heftete. »Ich – ich wäre eigentlich lieber in Rom geblieben, aber ich kann Papa nicht allein lassen.«

»Nun, er macht nicht den Eindruck, von weiblicher Pflege abhängig zu sein, und daß er sich ohne dich nicht zu helfen wüßte«, meinte die Principessa trocken.

»Ich muß bei Papa bleiben«, fiel Donna Ortensia mit ungewohnter Lebhaftigkeit ein. »Wenn ich mich jemals von ihm trenne, würde ich nur ins Kloster gehen zu einer streng geregelten Tätigkeit. Dort liegt mein Beruf, den Papa ja auch vollkommen billigt. Er redet mir sogar zu, meiner Berufung zu folgen, aber –« seufzend hielt sie ein, sah Violanta an, und diese fiel vor Überraschung fast vom Stuhl, als die Kusine stockend und angstvoll hinzusetzte: »Würdest du Papa heiraten wollen, wenn er dir seine Hand antrüge?«

»Gott steh mir bei, – nein, das würde ich ganz bestimmt nicht tun!« fuhr es Violanta im ersten Schreck unverblümt heraus. »Wie kommst du denn auf diese Idee?«

»Ortensia, was spinnst du denn da wieder zusammen?« fiel die Principessa lachend ein. »Ich will ja damit nicht etwa sagen, daß dein Vater nicht noch einmal heiraten könnte. Wie du aber für deine Stiefmutter in spe auf Vio verfallen kannst, verstehe ich nicht. Da hätte ich mir eher eingebildet, daß dein Vater für Markantonio seine Augen nach dieser Richtung geworfen hat.«

»Ja, so ist es, aber mein Bruder . . .« stotterte Ortensia, »das darf ich nicht verraten, denn Markantonio hat es mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut, – er hat sein Herz schon anderweitig verschenkt. Nein, nein, ich muß bei Papa bleiben, bis ich weiß – aber noch weiß ich eben nicht, was er vorhat. Heut früh war Fräulein Oster bei ihm, sie haben sehr leise miteinander gesprochen, soviel konnte ich hören, weil ich gerade auf dem Balkon über seinem Zimmer mit einer Arbeit saß. Ihr werdet ja auch bemerkt haben, daß er gleich, vom ersten Tage an, für Fräulein Oster so eingenommen war; er hat sie im Palast in Rom und in der Stadt überall herumgeführt, was er bestimmt mit keinem anderen jungen Mädchen getan hätte. Aber er sagte einmal zu mir: ›In Fräulein Oster liegen große Möglichkeiten verborgen, sie könnte ein vortreffliches Werkzeug in geschulter Hand werden.‹ Was er damit gemeint hat, weiß ich nicht recht, und da ist mir der Gedanke gekommen, daß er vielleicht durch sie – wie soll ich sagen? – durch sie einen Einfluß auf Vio sucht, und – und – ja, was habe ich eigentlich sagen wollen?«

Verwirrt hielt sie ein, und strich sich mit der Hand über die Stirn, denn so viel auf einmal hatte sie wohl seit einem Jahr nicht mehr gesprochen, sicherlich ganz unbewußt dessen, daß sie Zuhörer hatte. Violanta wechselte mit der Principessa einen Blick und erhob sich. Die letztere folgte ihrem Beispiel, indem sie sagte:

»Nun also, Ortensia, sage deinem Vater, daß wir bedauerten, ihn nicht angetroffen zu haben. Vergiß es aber nicht, hörst du?«

Ob Donna Ortensia hörte, war mehr als zweifelhaft. Zwar stand auch sie auf und geleitete die Kusinen bis zur Tür, aber es geschah ganz mechanisch, wie eine eingelernte Lektion der Höflichkeit.

»Ich kann mich gar nicht mehr besinnen, was ich gesagt habe«, murmelte sie hilflos. »Wißt ihr es noch, was es war?«

»Oh, zerbrich dir darüber nicht den Kopf«, übernahm die Principessa die Antwort.

»Wenn ich nur wüßte, was Papa vorhat!« jammerte Ortensia.

»Du liebe Zeit, was sollte er denn Großes vorhaben?« versuchte die Principessa das sich verwirrende Gehirn auf den richtigen Punkt zu leiten, aber umsonst. Donna Ortensia schüttelte nur den Kopf, versank in ihr gewohntes Schweigen und bemerkte es wahrscheinlich gar nicht, daß ihr Besuch sich entfernte.

Als die Kusinen die Villa hinter sich hatten, atmete Violanta auf und sagte: »Für sonderbar habe ich Ortensia immer gehalten, aber eigentlich nicht für schwachsinnig. Das aber war davon eine überwältigende Probe.«

»Nun, man kann hier das Zitat anwenden: ›Ist es gleich Wahnsinn, hat es doch Methode‹,« versetzte die Principessa trocken. »Onkel Ferrante sollte das arme Ding besser in ihr Kloster bringen, wo sie es nicht mehr nötig hätte, sich über ihren lieben Papa den Kopf bis zum Bersten zu zerbrechen, um ihn auf einer schiefen Ebene aufzuhalten. Das nämlich ist ihr Ziel. Ich finde, dieser Besuch war sehr lehrreich. Interessant war mir jedenfalls, was Ortensia über ihres Vaters mögliche Absichten mit Melanie Oster ausplapperte. Ein treffliches Werkzeug in geschickter Hand hat er sie genannt, worunter man wohl eine Katzenpfote verstehen darf, die einem die Kastanien aus dem Feuer holt, damit man sich die eigenen Finger nicht verbrennt. Ich glaube nur nicht, daß Melanie Oster solch eine Arbeit umsonst tun würde; dazu hat sie zu gierige Augen, womit Onkel Ferrante sich eventuell böse schneiden könnte. Übrigens wird sich die Durchforschung des Archivs im Geheimkabinett durch Pietro vor Melanie nicht verheimlichen lassen. Um in das Zimmer zu gelangen, müßte er schon eine Tarnkappe besitzen, und da er die nicht haben dürfte, wird Onkel Ferrante schon in der nächsten Stunde nach Pietros erstem Erscheinen wissen, was bei dir vorgeht, darauf kannst du ruhig Gift nehmen. Auch wenn du die Papiere in einen anderen Raum des Schlosses schaffen ließest, würde das nichts nützen, der Erfolg würde immer derselbe sein.«

»Ja, damit hast du wahrscheinlich vollkommen recht.«

»Ich hatte gar nicht in Betracht gezogen, daß die Sache vor Melanie nicht verheimlicht werden kann«, gab Violanta betreten zu. »Man muß also überlegen, wie man es anders machen könnte. Ach, warum mußte ich Melanie auch gleich mitbringen? Und warum war ich bisher so blind, sie in einem ganz anderen Licht zu sehen? War sie immer so, oder hat erst die – die Luftveränderung so ungünstig auf ihren Charakter eingewirkt?«

»Luftveränderung ist sehr hübsch und mild ausgedrückt«, meinte die Principessa trocken. »Meines Erachtens war sie immer, was sie heute ist, nur fehlte ihr die Anregung zur Entfaltung von Eigenschaften, die in ihr geschlummert haben. Vielleicht, wenn sie von den Kinderschuhen an daran gewöhnt gewesen wäre, in dir die zukünftige Herzogin von Santa Rosa zu sehen, hätte sie sich eher damit abgefunden, während das Unvorbereitete ihr besseres Ich aus den Fugen gehoben hat. Sieh nur zu, Vio, wie du Melanie so bald als möglich wieder los wirst, und geht es nicht anders, dann wird mir schon ein plausibler Vorwand einfallen.«

Violanta hatte vor, die Papiere des geheimen Zimmers in Don Pietros Haus zu schicken, um dadurch seine häufigeren Besuche in Santa Rosa zu vermeiden. Sie wollte ihn aber nicht schriftlich um die Durchsicht der Papiere bitten, sondern beschloß, zu ihm zu fahren, um die Angelegenheit vertraulich mit ihm zu besprechen. Zunächst aber rief sie Doktor Nemi an, um sich für den folgenden Tag bei ihm anzumelden. Die Principessa erklärte sich gern bereit, mit nach Rom zu fahren und schlug vor, sich bei der Kusine Vittoria Tor di Quinto zum Gabelfrühstück anzusagen.

»Ich vermute, wir werden Melanie Oster wohl mitnehmen müssen«, meinte sie.

»Ich fürchte, es wird sich nicht vermeiden lassen«, gab Violanta zu. »Ich werde ihr also durch Attilio sagen lassen, wenn sie Lust habe, morgen früh mit uns nach Rom zu fahren, wo ich Geschäfte habe, möchte sie sich zur bestimmten Stunde bereithalten. Falls sie nicht etwa wieder eine Verabredung mit Onkel Ferrante hat, bin ich über ihre Antwort nicht im Zweifel.«

Als Violanta am folgenden Morgen in ihrem Wohnzimmer beim ersten Frühstück in Gesellschaft von Numa Pompilius saß, klopfte es flüchtig an, und ohne erst die Einladung zum Nähertreten abzuwarten, schoß Melanie herein, bereits fertig zur Ausfahrt. Die Türklinke noch in der Hand, blieb sie aber wie angewurzelt stehen, indem sie an Violanta vorbei ihre Augen auf einen bestimmten Punkt heftete.

»Entschuldige – ich wußte nicht, daß du nicht allein bist«, rief sie entschieden mißvergnügt, drehte sich auf dem Absatz um und warf die Tür hinter sich zu. Violanta war viel zu gutmütig, solch ein Betragen übelzunehmen; sie sprang rasch auf, lief der so rasch Verdufteten nach und traf sie noch im Vestibolo an, im Begriff, die Treppe nach oben hinaufzusteigen.

»Melanie, sei doch nicht komisch!« rief sie ihr zu. »Komm doch zurück, wir fahren ja gleich fort. Attilio hat dir gesagt, daß ich in Geschäften nach Rom muß –«

»In was für Geschäften?« fragte Melanie neugierig.

»Da ich sie mit Doktor Nemi zu erledigen habe, kannst du dir's ja ungefähr denken«, versetzte Violanta etwas kurz.

»Da weiß ich soviel wie vorher; tu doch nicht so geheimnisvoll«, gab Melanie spitz zurück.

»Du wirst dich schon damit begnügen müssen«, sagte Violanta geduldig und ohne Schärfe. »Erstens kann ich dir das hier wohl kaum auseinandersetzen, zweitens würde es dich auch nicht interessieren, und drittens habe ich es mir zum Grundsatz gemacht, nie von Dingen zu sprechen, die nur mich und meinen Sachwalter angehen. Kommst du nun zu mir herein? Nicht? Nun, ich muß aber wirklich schon sagen –«

»Mich stört dieses Geschöpf nun einmal«, fiel Melanie heftig ein. »Wenn dir der – Hanswurst aber so gefällt, daß du ohne ihn nicht leben kannst, dann gratuliere ich dir zu deinem Geschmack. Man will doch auch mal ohne Zeugen miteinander reden. Na also, auf später dann; ich werde pünktlich zur Abfahrt unten sein.«

Damit rannte sie die Treppe hinauf, Violanta aber kehrte in ihr Wohnzimmer zurück und erwischte Numa Pompilius dabei, wie er auf dem Tisch gerade das Rahmkännchen umwarf und den seinen Gaumen so verlockenden Inhalt ohne jede Scham unter freundlichem Schnurren von dem Tablett mit sichtlichem Genuß aufleckte. Über diesen Anblick mußte Violanta, die sich eigentlich über Melanie hatte ärgern wollen, doch wieder lachen, und ohne den Kater in seiner Tätigkeit zu stören, hielt sie ihm eine Rede.

»Verehrungswürdigster, wissen Sie auch, was Sie tun? Stehlen nennt man es, und das noch dazu nach der Portion, die Sie schon intus haben! Wissen Sie auch, was Sie sind? Ein Hanswurst, ein unbequemer Zeuge bei einer Unterredung, mithin eine Persönlichkeit. Immerhin ist Ihre Aufführung wenig lobenswert und ein schlechtes Beispiel von einem Namensvetter des zweiten Königs von Rom!«

»Mrrrr!« machte Numa Pompilius und leckte sich das Maul mit vor Wonne zugekniffenen Augen, was ein recht eigentümliches Licht auf seine Moral warf.  

Die Abfahrt der drei Damen erfolgte dann pünktlich, und als sie zum Schloßtor hinausfuhren, fragte die Principessa, deren Erscheinen von Melanie mit einem langen Gesicht begrüßt wurde.

»Nun, Fräulein Oster, wie haben Sie sich gestern in Rom unterhalten? Aber das werden Sie Vio wohl schon erzählt haben.«

»Ich hatte die Absicht, aber Vio hatte wieder den Jungen bei sich, dessen Anblick mir nun einmal auf die Nerven fällt; da bin ich wieder weggelaufen«, lachte Melanie, anscheinend wieder in bester Laune.

»Den Jungen? Welchen Jungen?« fragten Violanta und die Principessa gleichzeitig.

»Ja, wie er heißt, weiß ich nicht, – ich denke mir, er ist wohl der Sohn des Kastellans.«

»Aber Melanie«, fiel Violanta ein. »Der Junge ist doch gar nicht mehr hier, kann also nicht bei mir gewesen sein. Du hast schon einmal einen Jungen bei mir gesehen, als ich tatsächlich ganz allein war. Wie ist denn das zu verstehen?«

»Nun, wenn du ihn verleugnen willst, gut!« versetzte Melanie heftig. »Ich werde mir das Zeugnis meiner Augen aber nicht abstreiten lassen. Als ich vorhin bei dir eintrat, stand er neben deinem Stuhl und sah mich mit seinen großen Glotzaugen unverschämt an, dieser Bengel.«

»Das ist ja zum Begraben!« lachte Violanta nun geradeheraus. »Aber erzähle uns doch, wie es gestern in Rom war.«

»Lieber täte ich dich erst schütteln mit diesem dummen Getue! Als ob es mir nicht ganz egal sein könnte, wenn du nun schon einmal den Bengel zu deinem Hofnarren machen willst«, schrie Melanie mit sprühenden Augen. 

»Fräulein Oster, glauben Sie nicht, daß wir dieses Thema jetzt besser fallenlassen?« fragte die Principessa betont. »Ich finde den Morgen zu schön, um ihn mit einem Streit um des Kaisers Bart zu verderben, außerdem ist es an der Zeit, zu verabreden, was Sie zu tun gedenken, während wir bei Doktor Nemi sind –«

»Was? Ich soll nicht mit zu ihm?« unterbrach sie Melanie.

»Du würdest dich doch nur langweilen, während wir unsere Geschäfte erledigen. Vielleicht besuchst du inzwischen ein Museum, und treffen werden wir uns um halb ein Uhr bei dem Principe Tor di Quinto, wo wir uns zum Gabelfrühstück angesagt haben«, meinte Vio.

»Also bin ich eigentlich hier nur das fünfte Rad am Wagen«, versetzte Melanie ungnädig, dabei aber kam ihr ein Gedanke, der sie ganz vergnügt fortfahren ließ: »Es tut aber nichts, ich werde mich schon allein auch unterhalten, wenn ich von den Geschäften bei Doktor Nemi nun einmal ausgeschlossen sein soll. Nein, ich werde kein Museum besuchen, sondern mir ein neues, weißes Leinenkleid besorgen, das ich sehr nötig brauche. Kannst du mir ein paar Lire zum Einkauf leihen, Vio? Ein Paar neue weiße Schuhe will ich auch gleich kaufen, die meinen sehen schon ganz grau aus.«

Ohne zu zucken, entnahm Violanta ihrer Börse eine Banknote und reichte sie Melanie, die sie ohne Dank lässig in ihre Handtasche stopfte. Die »paar Rappen«, die sie sich von ihrer Freundin in Zürich ständig zu »leihen« pflegte, um auf die Wiedergabe ebenso ständig zu vergessen, hatten in Rom entschieden an Wert gewonnen, ohne daß sie's im geringsten in Verlegenheit brachte. Im Gegenteil, mit der Banknote im Sack, wurde ihre Laune strahlend und von jener Herablassung, die am Tage zuvor Violanta sowohl wie der Principessa bis zur Unerträglichkeit auf die Nerven gegangen war; darum waren beide froh, als Rom erreicht war und das Auto vor dem Hause Doktor Nemis auf der Piazza Cairoli, gegenüber dem grandiosen Palazzo Santa Croce, hielt. Gutmütigkeit, Langmut und Erziehung bleiben immer ein starkes Gegengewicht gegen Dinge, die einem wider den Strich gehen, darum sagte die Principessa beim Aussteigen zu Melanie, indem sie auf die rechts am Platze liegende Kirche mit der schönen Kuppel deutete:

»Sie sollten vor Ihren Besorgungen San Carlo di Catinari dort einen Besuch abstatten, denn die Fresken sind sehenswert«, welch freundlicher Hinweis von Melanie ausnahmsweise mit einem gnädigen »Oh, danke sehr« entgegengenommen wurde.

Doktor Nemi war natürlich sehr überrascht und interessiert von der Mitteilung über den unheimlichen Fund und erklärte sich gern bereit, die Sache für alle Fälle zu Protokoll zu nehmen; nur bedurfte er dazu der Aussagen der Finder, Don Pietro und Attilio, und erbot sich, selbst nach Santa Rosa zu kommen, um den Fundort in Augenschein zu nehmen. Dabei erinnerte Violanta den »Weißen Löwen« an sein Versprechen, ihr einen längeren Besuch in Santa Rosa abzustatten, und mit einem Schmunzeln, das entschieden an das Schnurren einer Riesenkatze erinnerte, sagte er zu. Daraufhin verabschiedeten sich beide Damen und stiegen hinab, um sich sogleich zu den Verwandten zu begeben. Als sie aber zur Haustür hinaustraten, war das Auto verschwunden. Nach einem Blick auf die Uhr meinte die Principessa:

»Um pünktlich bei Fabio und Vittoria einzutreffen, müssen wir uns ein Taxi nehmen, denn ich vermute, daß Melanie Oster das Auto für ihre Besorgungen requiriert hat.«

»Das wäre doch aber wirklich ein starkes Stück!« rief Violanta entrüstet.

»Ich finde, es sähe ihr ähnlich«, versetzte die Principessa. »Aber wir wollen nicht vorzeitig anklagen, weil es möglich wäre, daß dein Chauffeur, der ja ein braver Mensch, aber gerade kein Licht ist, nicht gewußt oder mißverstanden hat, daß er eigentlich ganz selbstverständlich hier auf uns zu warten hatte.«

Die festgesetzte Stunde war nur um ein paar Minuten überschritten, als die Damen vor dem landwirtschaftlichen Ministerium eintrafen, in welchem der Principe seine große, elegante Dienstwohnung hatte. Sie wurden herzlichst von den Verwandten begrüßt, fanden aber zu ihrem Verdruß Melanie noch nicht vor, und da sie auch in der nächsten Viertelstunde nicht erschien, drang Violanta darauf, daß mit der Mahlzeit nicht länger gewartet wurde, weil der Minister zu einer Sitzung mußte. Man war dann schon beim zweiten Gang angelangt, als Melanie endlich hereingeführt wurde, strahlend, mit einem eleganten, neuen Hut auf dem Kopf.

»Was? Vio ist schon hier?« war ihr erstes Wort, bevor sie ihre Wirte begrüßte, die sich erhoben hatten, sie aber etwas kühl willkommen hießen. »Ist es wirklich schon so spät? Meine dumme Uhr ist wieder einmal stehengeblieben – ich werde mir für das elende Ding eine neue, gute zum Geburtstag wünschen. Hörst du, Vio? Falls du etwa in Verlegenheit sein solltest, was du mir schenken sollst. Ich habe mich so beeilt, aber wenn man Besorgungen macht, Schuhe anprobiert und der Schneiderin erst einmal in die Hände gefallen ist, dann vergeht die Zeit, man weiß nicht wie. Ohne Vios Auto hätte ich es einfach nicht zuwege gebracht. Ich habe den Chauffeur übrigens zu Doktor Nemi geschickt.«

»Wie rücksichtsvoll von Ihnen«, meinte die Principessa sarkastisch. »Wenn der Chauffeur kein ganz hoffnungsloser Esel ist, müßte er eigentlich doch wissen, daß die Büros der Advokaten von mittag bis drei Uhr geschlossen sind und wir kaum auf offener Straße auf ihn warten würden.«

»Wie kam er denn überhaupt dazu, mit dir davonzufahren?« erkundigte sich Violanta.

»Wie er dazu kam? Nun, weil ich ihm befahl, mich zu meinen Besorgungen herumzufahren«, erklärte Melanie mit einer Unverfrorenheit, der ein allgemeines Schweigen folgte, welches sie eigentlich hätte darüber belehren müssen, was die anderen sich dachten. Indem sie dann die ihr nachservierten Speisen verzehrte, fand sie nach nur kurzem Verstummen den Gebrauch ihrer Sprachwerkzeuge wieder, bis sie eigentlich nur noch ganz allein sprach.

Die Principessa kochte innerlich vor Zorn über Melanies Benehmen und stand nicht an, sich nachträglich die in ihr aufgespeicherten Gefühle zu erleichtern.

»Fräulein Oster, heute haben Sie sich selbst übertroffen«, sagte sie sehr gerade. »Sie haben es zuwege gebracht, ihrer Gastfreundin, die übrigens zufällig auch eine sehr große Dame ist, ohne Erlaubnis mit ihrem Wagen davonzufahren, dann bei Leuten, die ebenfalls zufällig zu den Großen dieser Stadt gehören, zu spät zu Tisch zu kommen, ohne sich auch nur mit einem Wort zu entschuldigen, und endlich als Fremde in dem intimen Kreis römischer Fürstlichkeiten das Wort an sich zu reißen, ohne daß Sie dazu aufgefordert wurden.«

»Ich – ich – wie kommen Sie dazu –« stotterte Melanie mit einem letzten Aufgebot ihrer Keckheit, aber die Principessa ließ sie nicht weiterreden und schließlich fühlte sich Melanie doch sehr »geduckt«.

»Ich danke dir, Olga«, sagte Violanta ruhig. »Deine Initiative erspart mir eine Auseinandersetzung, die mir sehr peinlich gewesen wäre. Ich denke und hoffe, Melanie wird sich die Lehre merken, und damit wollen wir den Strich unter diesen – Zwischenfall ziehen.«

Violanta ließ sich am Nachmittag nach dem Palazzo Porsenna fahren ; dort erfuhr sie, daß der Maler, dem sie auf sein Gesuch die Erlaubnis erteilt hatte, den Leonardo da Vinci im Piano Nobile zu kopieren, seit ein paar Tagen an der Arbeit sei.

»Dann wollen wir ihm einen Besuch abstatten«, schlug sie vor. »Attilio, der das Gesuch beantwortete, sagte mir, daß der Maler einen guten Künstlernamen habe; wenn er das Bild nicht auf Bestellung kopiert und es wirklich gut ist, wäre es am Ende ein Geburtstagsgeschenk für mein liebes Großmütterlein daheim, denn damit könnte man ihr wirklich die größte Freude machen.«

Die Damen stiegen also die monumentale Treppe hinauf. In einem der nördlichen Zimmer, in dem besten Licht, dessen sich der ins Herz von Rom eingeschlossene Palast rühmen konnte, stand auf einer Staffelei sein stolzester Besitz, das Gemälde von Italiens größtem Maler, in einem kostbaren Rahmen, geschützt durch Glas und einen seidenen Vorhang gegen jede mögliche schädliche Licht- und Staubeinwirkung. Neben diesem Gemälde stand nun eine zweite Staffelei, und vor dieser in fadenscheinigen, aber peinlich sauberem Anzug der Maler, ein recht klein geratenes Männchen mit einem riesig großen, martialischen, schneeweißen Schnurrbart, bürstenartig verschnittenem Haar und ein Paar kindguten, etwas verträumten, grauen Augen. Als er Schritte hinter sich hörte, drehte er sich neugierig um. Violanta trat zu ihm heran und sagte freundlich:

»Nur auf eine Stunde hier anwesend, wollte ich doch nicht verfehlen, Sie, Signor Podé, zu begrüßen. Ich bin die Herzogin von Santa Rosa.«

Der kleine Maler verbeugte sich so tief, daß er mit der Palette auf den Boden aufstieß.

»Altezza geben mir durch diese gnädige Begrüßung die hochwillkommene Gelegenheit, mich persönlich für die Erlaubnis, den Leonardo kopieren zu dürfen, bedanken zu können«, sagte er, indem er die lichte Erscheinung mit den schönen Zügen mit entzückten Blicken betrachtete. »Ich bin ein sehr hartnäckiger Mensch, denn mein Gesuch habe ich zu Lebzeiten des seligen Herrn Duca jedes Jahr wiederholt und mir jedes Jahr wieder abschlagen lassen. Wer warten kann und sich nicht abschrecken läßt, zu dem kommt schließlich doch der Erfolg; wenigstens hat der große Napoleon es behauptet. Nun, es war immer das Privilegium des Frühlings, neues Leben und neues Blühen zu bringen«, schloß er galant.

»Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Beharrlichkeit, die allein schon einen Leonardo da Vinci wert ist«, erwiderte Violanta lachend. Sie hatte sich inzwischen aufmerksam die zum größten Teil erst untermalte Kopie, aus welcher der Kopf schon nahezu vollendet heraustrat, betrachtet und mit dem Original verglichen, welches das in halber Figur dargestellte Bildnis eines Knaben mit der dem großen Meister eigenen Kraft des Ausdrucks wiedergab. Der in ein reich mit schmalen, goldenen Litzen verziertes, scharlachrotes Wams gekleidete Knabe, auf dessen schwarzem Lockenkopf der damals übliche flache, schiefgesetzte, schwarze, mit kurzem Reiherstutz an juwelenschimmernder Agraffe geschmückte Hut, gehalten durch ein Netz von Goldfäden, saß, mußte ein sehr zartes Kind gewesen sein, denn sein Gesichtchen war schmal und blaß und viel zu klein für die großen dunklen Augen, die einen tiefmelancholischen, tragischen Ausdruck hatten, der ein langes Leben dieser sich entfaltenden Menschenknospe zu verneinen schien. Der Knabe stand vor einem Hintergrund, dessen offene Landschaft durch ein großes Schloß, auf hohem Fels gelegen, seitwärts abgeschlossen wurde, und dieses Schloß war das getreue Abbild von Santa Rosa.

Violanta konnte bei ihrer Jugend natürlich noch kein großes, abgeklärtes Kunstverständnis besitzen, aber sie hatte viel gesehen und ein Auge, zwischen gut, mittelmäßig, und schlecht zu unterscheiden. Was sie hier fast vollendet von der Kopie des Kopfes sah, schien ihr so bedeutend für das Können des Malers, daß sie ohne langes Bedenken das Bild für sich reservieren ließ. Dazu gab sie dem Maler noch den Auftrag, ihr eigenes Bildnis zu malen und lud ihn zu diesem Zweck nach Santa Rosa ein. Über dieses Glück warf der kleine Maler die Palette samt dem Malstock und den Pinseln auf den Stuhl, auf dem sein Farbenkasten stand, um, ungehindert durch diese Utensilien, wilde, windmühlenflügelartige Bewegungen mit seinen Armen ausführen zu können.

»Jetzt bin ich der Überglücklichste der Sterblichen«, sagte er begeistert, »denn wenn ich Ihr Bildnis malen darf, dann ist mein Glück gemacht, das Glück, auf welches ich ein Menschenalter fast geduldig gewartet habe. Das soll ein Porträt werden, vor dessen Anblick meine lieben Kollegen, die mich ständig an die Wand gedrückt haben, vor Neid grün und gelb werden sollen. Man denke sich nur aus: ›Basilio Podé hat die Herzogin von Santa Rosa malen dürfen, der elende, kleine Kopist, der, um sein Leben zu fristen, kitschige Hirtenjungen für die Bilderhändler zweiten Ranges geschmiert hat‹, werden sie sagen. Mögen sie! Jetzt packe ich aber für heut zusammen, denn meine Hände zittern mir vor Freude.«

Nachdem noch verabredet worden war, wann ungefähr die Sitzungen beginnen sollten, trat Violanta mit der Principessa den Rückweg an. Melanie war nirgends zu sehen.

»Für so impulsiv, wie du dich eben gezeigt hast, habe ich dich nicht gehalten«, sagte die Principessa, als sie außer Hörweite waren. »Wie froh muß es dich machen, solch einen Glücklichen geschaffen zu haben – der Mann war ja ganz aus dem Häuschen! Ich glaube aber, er hat recht, daß du ihm zum Sprungbrett besserer Tage werden wirst, denn ich bilde mir ein, etwas von Kunst zu verstehen, und habe nie eine so gute Kopie gesehen, wie jene dort.«

»Ja, nicht wahr? Das fand ich nämlich auch, und überdies hat mir's der Mensch angetan, wie ich offen eingestehe. Ich habe mich rettungslos in ihn und seine kindguten Augen verliebt. Aber wo ist denn Melanie hingekommen?«

Sie fanden sie im letzten Zimmer auf einem Stuhl sitzen mit einem sonderbaren, hilflosen Ausdruck in dem ausnahmsweise einmal ernsten Gesicht.

»Warum bist du denn davongelaufen?« fragte Violanta erstaunt.

»Nicht etwa, weil du so glänzend den Mäzen zu spielen verstehst«, gab Melanie spitz zurück. »Man muß sich bei dir jetzt an vieles gewöhnen. Nein, es war das Bild, das dieser fadenscheinige Pinsel abmalt. Das Bild ist mir auf die Nerven gegangen.«

»Das Bild? Aber das mußt du ja schon gesehen haben, den Stolz des Hauses Porsenna!«

»Meinetwegen! Es gibt hier so viel zu sehen, daß man sich nicht alles einzeln merken kann, und wer die Bilder gemalt hat, erst recht nicht. Ist mir auch ganz egal, ich weiß nur, daß es das Bild des Jungen ist, der heut früh wieder bei dir war, den du mir abstreiten willst, der Junge in der Hanswursttracht.«

»Aber Melanie!« fiel Violanta halb lachend, halb vage beunruhigt ein. »Es ist das Porträt des armen, kleinen Giacomo Porsenna, der von Cesare Borgia im Jahre 1500 nach der Belagerung von Santa Rosa ermordet wurde. Kurz vorher wurde sein Bildnis von Leonardo da Vinci gemalt –«

»Als ob ich das nicht alles schon zum Überdruß gehört hätte!« rief Melanie ungeduldig. »Bekannt ist mir der Junge, als ich ihn zum ersten Male in der Bibliothek bei dir sah, ja vorgekommen, ich wußte nur nicht, wo ich ihn gesehen haben mußte. Also hier war's, auf dem Bilde, von dem solch ein Wesen gemacht wird. Ich will damit nichts gegen das Gemälde sagen, denn als solches ist's mir ganz gleichgültig, weil ich wahrscheinlich nichts davon verstehe; aber wie ist es denn möglich, einen Menschen zu sehen, der vor mehr als vierhundert Jahren gelebt hat? Oder ist es doch der Junge des Kastellans, den sie so anputzen?«

Violanta und die Principessa wechselten einen Blick, die erstere ehrlich erstaunt, die letztere mit einem ganz eigenen Ausdruck, und dann sagte sie sachlich:

»Es prägen sich oft, einem selbst unbewußt, Dinge und Physiognomien so tief ein, daß man sie vor sich zu sehen vermeint, auch wenn man sie nicht mehr vor Augen hat. Wenigstens habe ich das irgendwo einmal gelesen.«

»Ja, ja, so kann es natürlich nur sein«, rief Melanie, ganz befriedigt. »Wieso aber gerade das Bild dieses Buben eine solche Wirkung auf mich gehabt haben sollte, verstehe ich nicht, denn ich muß offen sagen, daß es auf mich gar keinen Eindruck machte, als Don Ferrante es mir als etwas ganz Besonderes zeigte. Diese alten Meister sind überhaupt für mich böhmische Dörfer . Man muß ja so tun, als ob man ganz weg davon wäre, wenn man nicht für einen Vandalen gelten will.«

»Nun, wenigstens kann kein Mensch Ihnen vorwerfen, daß Sie aus Ihrem Herzen eine Mördergrube machen«, meinte die Principessa wider Willen lachend, und in der freundlichen Absicht, auch ihrerseits »einen Strich unter die Rechnung zu machen«, richtete sie an Melanie die Frage, ob sie ihre Besorgungen zur Zufriedenheit erledigt habe.

»Richtig, davon zu reden, dazu sind wir ja noch gar nicht gekommen«, sagte Violanta. »Dein weißes Kleid scheint sich aber in einen Hut verwandelt zu haben, der übrigens sehr schick ist.«

»Er ist einfach süß, nicht wahr?« geriet Melanie sofort in Eifer und fuhr überstürzt fort: »Dieser Hut war ja natürlich nur ein Nebengedanke, eine Versuchung, der ich wirklich nicht widerstehen konnte. Das weiße Leinenkleid wird mir zugeschickt, ebenso die weißen Schuhe. »

»Was? Das alles hast du für die Banknote erstanden?« wunderte sich Violanta. »Wo hast du denn diese Quelle entdeckt? In einem Züricher Kaufhaus wäre das schon ein glänzender Einkauf, aber bei den römischen Preisen –«

»Ach, wo werde ich denn in ein Kaufhaus mit seinem billigen Plunder gehen!« verwahrte sich Melanie entrüstet gegen solch eine Zumutung, obwohl Kaufhäuser früher ihr Ideal waren. »Wegen des weißen Kleides ließ ich mich zu deiner Schneiderin fahren, bei der ich auch den Hut entdeckte. Oh, und dort sah ich ein entzückendes Abendkleid: pastellblauen Voile über chartreusegrünem, schimmerndem Satin-Duchesse, mit einer breiten Goldborte als Gürtel, – ein Traum, sage ich dir, und wie für mich gearbeitet. Die Verkäuferin meinte, es wäre eine Sünde, das Kleid nicht zu nehmen; nun, da habe ich es eben gekauft. Es war für mich nur um ein weniges zu lang und muß abgeändert werden, und über dem Anprobieren verging die Zeit, und dann mußte ich mir auch noch die dazu passenden Schuhe von Goldkäferlack besorgen, die zu dem Gürtel passen, weißt du.«

»Und da wollen Sie uns weismachen, daß Sie alles das für ihren Geldschein erstanden haben?« fragte die Principessa lachend. »Die Giordani, deren Preise für meine Kasse meist zu gesalzen sind, muß sich Ihrer schönen Augen wegen ja geradezu aufs Verschleudern gelegt haben!«

»Den lumpigen Geldschein habe ich noch unangebrochen in meiner Tasche«, versicherte Melanie überlaut mit glühenden Wangen. »Ich bitte Sie! Ein Pariser Modell, dazu der große Name der Giordani, das weiße Leinenkleid, der Hut und die Schuhe! Da ich ja nicht genug Geld bei mir hatte, habe ich alles auf Vios Namen schreiben lassen; gelt, Vio, du legst es für mich aus?«

Violanta vergaß die Antwort, – sie war über diese Unverfrorenheit, diese mehr denn harmlose Ausnützung der Freundschaft, die schon dem Auspressen einer Zitrone glich, einfach starr.

»Hast du sonst noch – Einkäufe gemacht?« fragte sie nach einer Weile trocken, und Melanie hatte tatsächlich den Mut, lachend daran zu erinnern, daß ja leider keine Zeit mehr blieb, wenn sie »rechtzeitig« zum Gabelfrühstück bei dem Principe Tor di Quinto eintreffen sollte, wozu die Principessa die Brauen hochzog, aber sich einer Äußerung enthielt. Vermutlich wunderte sie sich innerlich darüber, daß Melanie sich solche Einkäufe leisten konnte. Violanta aber fand, daß nun doch ein Riegel vorgeschoben werden mußte, denn daß derartige »Auslagen«, beziehungsweise Zwangsgeschenke, im Bereich ihrer Mittel lagen, war noch kein Grund, fortwährend aus derselben Quelle zu schöpfen, und jedes Ding hat seine Grenzen. Und für alles das nicht einmal ein gelegentliches »Danke schön«, sondern immer nur dieselbe dumme Redensart von »Leihen und Auslegen«.

»Du wirst im nächsten Winter in Zürich in dem pastellblauen Voilekleid gewiß Aufsehen erregen«, sagte sie so kalt und hart, als es ihr in der Güte ihres Herzes möglich war. »Vergiß nur nicht, für Madame Giordani Propaganda zu machen; sie wird dir für die Empfehlung gewiß dankbar sein.«

Das war ja nun freilich eine nicht mißzuverstehende Grenze, die der Gastfreundschaft gezogen wurde; da Melanie dazu aber nur mit einem mokanten Lächeln die Schultern zuckte, ergriff die Principessa die gute Gelegenheit, selbst einzugreifen.

»Ja, im Sommer macht man seine Winterpläne«, sagte sie gemächlich. »Ich habe die meinigen auch schon halb und halb fertig. Da die Trauer uns die große Geselligkeit verbietet, so habe ich vor, den Winter in Ägypten zu verleben, das kennenzulernen längst mein Wunsch war. Vio, ich rechne stark darauf, daß du mich begleiten wirst.«

»Dazu wird es keiner besonderen Überredung bedürfen, Liebste«, erwiderte Violanta sofort. »Du kannst sicher auf meine Begleitung für diese herrliche Reise rechnen. Wann fahren wir?«

»Oh, nicht zu spät im Herbst, denn im Januar wird es dort schon fast zu heiß. Es war mein Bruder und seine Frau, die mich auf den Gedanken gebracht haben. Er ist, wie du vielleicht weißt, ein geschätzter Pyramidenforscher und wird als intimer Kenner des Pharaonenreichs wie des Sudans ein idealer Reisemarschall für unsere Partie zu viert sein. Da er zudem Fühlung und Verkehr mit den besten einheimischen Kreisen hat, so dürfen wir uns schon einen sehr genußreichen Winter versprechen. So«, setzte sie in Gedanken hinzu, »jetzt weiß der kleine, braune Frechdachs ganz genau, daß sie das fünfte Rad am Wagen nicht sein wird.«

Melanie enthielt sich jedes Wortes zu diesem Plan; ihr lebhaftes Gesicht war aber ganz starr geworden, in ihren sonst so unruhigen Augen glitzerte es hart wie polierter Stahl, der sonst so rastlos plappernde Mund war fest verschlossen und blieb verstummt, bis man in Santa Rosa wieder angelangt war. Ob es ihr zum Bewußtsein gekommen war, daß sie den Bogen doch zu straff gespannt, mochte dahingestellt bleiben, denn Leute ihrer Art kommen so leicht nicht zur Einsicht ihrer Fehler, sondern legen diese gewöhnlich anderen zur Last, hassen diese und fragen nicht: Womit habe ich diesen Nasenstüber verdient?

Melanie mußte aber doch etwas zur Besinnung gekommen sein, denn sie erschien vor der Abendmahlzeit, nachdem sie artig angeklopft, und auf die Aufforderung, einzutreten, sogar gewartet hatte, in Violantas Wohnzimmer, einen kleinen Beutel von buntem Papier in der Hand.

»Du, ich habe da etwas ganz Wunderbares in Rom gefunden«, sagte sie wichtig, »Pistazienpralines. In Süßigkeiten sind uns die Italiener doch über. Willst du mal kosten?«

Violanta wollte. Erstens, weil sie merkte, daß es gewissermaßen ein Versöhnungsbonbon war, der ihr angeboten wurde, und dann war sie auch durchaus noch nicht so blasiert oder übersättigt, einen süßen Leckerbissen zu verschmähen. Sie griff mit zwei Fingern in die ihr offen hingehaltene Tüte, die im selben Augenblick zu Boden fiel und ihren Inhalt von etwa einem halben Dutzend Pralines über das ganze Zimmer verschüttete.

»Oh!« machte sie bedauernd, und »Der Junge, der rote Junge hat mir den Beutel aus der Hand geschlagen!« rief Melanie erbost. »Er kam hinter deinem Stuhl hervorgeschlüpft, – du mußt ihn doch gesehen haben!«

»Nichts habe ich gesehen«, versicherte Violanta. »Melanie, sei doch gescheit! Dein roter Junge fängt nun schon an, langweilig zu werden. Und wo sollte er denn auf einmal her- und wo hingekommen sein?«

»Und er war es doch, der mir die Tüte aus der Hand schlug«, behauptete Melanie, Furcht in den Augen.

»Unsinn! Aber vielleicht hat er eine Tarnkappe, die er sich rasch aufgesetzt hat«, versuchte Violanta zu scherzen, aber es gelang nicht recht, weil ihr einfiel, daß andere, die Principessa wie Attilio, ja auch nicht gesehen hatten, was sie wiederholt gesehen: den weißen Schatten und die Flamme in dem geheimen Zimmer. Sollte Melanie, die an Einbildungskraft so arme Melanie, die Gabe haben, Dinge zu sehen, die anderen unsichtbar bleiben? Untätig sah sie ihr zu, wie sie auf dem Boden herumrutschte, die verstreuten Pralines aufzulesen und laut in die Tüte wieder hineinzuzählen. Ja, zu zählen, denn als einer, der letzte, ihr fehlte, kroch sie nach langem Suchen sogar bis unter das Sofa, ihn dort hervorzufischen.

»Aber so laß doch sein«, fühlte Violanta sich verpflichtet einzuwenden, indem sie der herumkriechenden Gestalt mit den Augen folgte. »Man wird den Bonbon beim Aufräumen schon finden –«

»Und ihn dann aufessen«, murmelte Melanie, und fragte unsicher: »Du hast wohl jetzt keine Lust mehr darauf?«

»Nein, danke«, wehrte Violanta hastig ab, indem sie sich bei dem bloßen Gedanken vor Ekel schüttelte, obwohl sie »daheim« durchaus nichts dabei gefunden hätte, einen herabgefallenen Bonbon aufzuheben und vergnügt in den Mund zu stecken. »Bin ich schon so verwöhnt, oder was ist es, das mir solch einen gräßlichen Widerwillen gegen das Zeug da verursacht?« fragte sie sich verwundert.

»Nun, da kann ich ja wieder gehen«, sagte Melanie und wandte sich zur Tür, wo sie sich noch einmal umdrehte, als wollte sie etwas sagen, aber sich eines anderen besinnend, ging sie rasch hinaus, indem sie die Tür leise schloß.

Violanta verwarf sodann bei näherer Überlegung die Möglichkeit, daß Melanie wirklich etwas gesehen haben konnte, was ihr selbst unsichtbar blieb, denn sie kannte ihre Gespielin und wußte, daß es ihr zur Erreichung irgendeiner Sache gar nicht darauf ankam, eine kleine Komödie aufzuführen. Nur was sie mit ihrem »roten Jungen« erreichen wollte, war schwer zu erraten, noch schwerer der Zweck der Variante, daß er ihr die Tüte aus der Hand geschlagen haben sollte, oder war es nur auf einen doppelwertigen Ersatz des süßen Schatzes abgesehen? Unmöglich schien das nicht, denn gerade in solchen kleinen und kleinlichen Dingen war Melanie groß, und mit einem unwillkürlichen, von Schadenfreude nicht ganz freien Lächeln stellte Violanta sie sich vor, wie sie eben jetzt vielleicht schon die Pralines selbst verspeiste, bei welchem Gedanken der Ekel sie wieder schüttelte.

»Ganz sicher bin ich schon so verwöhnt«, beruhigte sie sich, und dachte dann nicht mehr an den Zwischenfall.

Aber es bedurfte dann später am Abend, als sie sich zum Schlafen zurückzog, eines gewissen Entschlusses, den Weg durch die Bibliothek zu nehmen, die sie bisher vermieden, denn seit gestern hatte sie Furcht, den Schatten und das flammende Licht wiederzusehen. Die Überwindung, welche sie es kostete, war jedoch überflüssig, denn weder die eine noch die andere dieser Erscheinungen war zu erblicken, und auch, als sie später noch einmal hineinschaute, war nichts sichtbar.

»Sie sind beide zur Ruhe gegangen, der Schatten und die Flamme«, dachte Violanta erleichtert und dankbar. »Und zu denken, daß sie dazu auf mich warten mußten, so lange, so lange! Welches Glück, daß wir nicht mehr in den Zeiten leben, wo das, was beide leiden mußten, als sie noch auf Erden wandelten, möglich, ja fast an der Tagesordnung war, und – ja, jetzt muß ich der Papiere wegen mit Pietro sprechen, ihm ausrichten, was der gute alte Nemi tun will. Hier kann ich nicht mit ihm sprechen, denn dann würde Melanie dabei sein – ob ich ihm schreibe, heute noch, und den Brief morgen früh durch einen Boten schicke? Oder lieber selbst hinüberfahre? Aber dann wird Melanie natürlich mitfahren wollen und maulen, wenn ich sie nicht mitnehme, Geheimnisse wittern und Onkel Ferrante die Geschichte klatschen. Ein netter Zustand übrigens, daß ich in meinem eigenen Hause nicht mehr tun und lassen darf, was mir beliebt.«

Das Ergebnis dieses Monologs war, daß Violanta am folgenden Morgen, bevor sie wiederum allein in die Kirche ging, das Auto vor die Kirchtür bestellte und nach beendetem Gottesdienst, ohne erst in das Schloß zurückzukehren, direkt nach dem Gutshof von Santa Rosa in Vigna fuhr, – für den Wagen ein Weg von kaum zwanzig Minuten.

Sie war vergnügt wie ein Kind, das seiner Wärterin glücklich ausgerissen ist. »Pietro ist vielleicht heut noch nicht fortgeritten, hoffentlich noch nicht, aber wenn auch, dann wird seine Mutter ihm die Botschaft schon bestellen.«

Als das Auto aus dem Olivenwäldchen auf den freien Platz vor dem Gutshof herausfuhr, hielt der Fahrer an.

»Das Tor ist geschlossen, Altezza«, wandte er sich zu seiner Herrin zurück. »Soll ich hineingehen, es öffnen zu lassen?«

Hätte Violanta dem zugestimmt, so würde dieses Kapitel aus der Geschichte des Hauses Porsenna höchstwahrscheinlich anders geschlossen haben, aber ohne weiter zu überlegen befahl sie nur, bis zum Tor zu fahren, sie wolle dort aussteigen und zu Fuß in den Hof gehen. Das hatte keine Schwierigkeit, denn die kleine Mauerpforte neben dem mächtigen Tor zwischen seinen starken Pfosten unter dem zinnengekrönten Giebel war unverschlossen, der Hof aber, den sie betrat, war wie ausgestorben. Als sie das Gärtchen vor dem Wohnhaus betrat, sah sie oberhalb der hohen Freitreppe die Großmutter Volpe spinnend an ihrem gewohnten Fenster sitzen und wollte eben hinaufspringen, als sie unterhalb der Treppe aus einem der zur ebenen Erde befindlichen Wirtschaftsräume Don Pietros Stimme hörte.

»Ja, Mutter, die Zentrifuge ist eben in Unordnung geraten; da bleibt nichts übrig, als nach Rom um den Maschinisten zu telefonieren, damit er baldmöglichst kommt, den Schaden zu reparieren«, hörte sie ihn sagen und öffnete schon den Mund, sich zu melden, als sie ihren Namen durch Donna Filomena aussprechen hörte.

»Fährst du heut ins Schloß wegen der Durchsicht der gefundenen Papiere? Hat Violanta dir schon Nachricht gegeben?«

»Noch nicht; ich denke, sie wird erst an Nemi geschrieben haben«, antwortete Don Pietro, und wieder wollte Violanta ausrufen, daß sie den »Weißen Löwen« selbst in seiner Höhle aufgesucht hatte, als das Wort ihr abermals auf den Lippen erstarb.

»Ach Pietro, mein Junge – Violanta!« hatte Donna Filomena mit eigenem Ausdruck gesagt.

»Ja, Mutter, was ist's mit ihr?« fragte er.

»Dummer Bub, was wird's mit ihr sein?« gab sie lachend zurück. »Ich wollte dir nur kund und zu wissen tun, daß Violanta eine Schwiegertochter so recht nach meinem Herzen wäre.« Violanta hatte nicht die entfernteste Absicht, zu lauschen; sie wäre entrüstet und empört bei dem bloßen Gedanken an solch eine Indiskretion, solch eine verächtliche Handlung gewesen, und doch stand sie still, wie festgebannt, der Ruf blieb ihr in der Kehle stecken, und mit stockendem Herzen wartete sie auf die Antwort, die nach einer kleinen Pause leiser, aber sehr, sehr deutlich vernehmbar, erfolgte.

»Madre mia, diese Schwiegertochter nach deinem Herzen wäre auch die Frau für das meinige. Es wundert mich nicht, daß du mein Geheimnis erraten hast; für dein Mutterauge mag es deutlich genug aus meinen Augen geleuchtet haben, sooft dieser liebe, teure Name zwischen uns genannt wurde. Diese kostbare Perle mir zu erringen, mein Heil bei ihr zu versuchen, ist aber ausgeschlossen, weil sie – die Herzogin von Santa Rosa ist. Nicht etwa, weil ich glaube, daß der ›Bauer Porsenna‹ ihr zu gering wäre, – sie hat sicher nicht das Verlangen, ihren vielen Titeln im eigenen Recht noch andere im Eherecht hinzuzufügen, – sondern weil es nicht gut tut, wenn der Mann nicht der Herr im Hause ist, wenn der letzte Stalljunge genau weiß, daß er gar nichts darin zu sagen hat, eben nur der Mann seiner Frau ist. Violanta selbst würde das ihren Gatten nie empfinden lassen, davon bin ich überzeugt, aber die beste Frau und Gattin wird nie verhindern können, daß er es in tausend Dingen, täglich stündlich, empfinden muß, bis Reibereien, Bitternisse und Mißverständnisse daraus erwachsen und die Basis der Ehe damit untergraben wird. Könnte ich andererseits fordern, daß meine Frau aus ihrer Höhe herabsteigt, um hier bei mir zu wohnen, wo ich – hoffentlich noch lange nicht – einmal der Herr sein werde? Ein lächerliches Verlangen, das auch nur die papierne Brücke eines Kompromisses wäre, die beim ersten Schritt zusammenbrechen und uns beide den ›unerträglichen Wassern‹, von denen der Psalmist singt, überliefern würde. Mutter, es nutzt nichts, es heißt entsagen, wenn ich sie auch unbeschreiblich liebe.« Die Stimme Donna Filomenas, die hier einfiel, brachte es Violanta zum Bewußtsein, daß sie stand und hörte, was sie nicht hören sollte. Ihr erster Impuls war, zurückzulaufen und davonzufahren, aber die Angst, gesehen zu werden, machte, daß sie lautlos die Treppe, auf deren erster Stufe sie ja stand, hinaufeilte und, ohne anzuklopfen, in die große Küche eintrat, wo die Großmutter Volpe am Fenster saß und spann. Erstaunt sah sie auf, als Violanta plötzlich vor ihr stand, das Gesicht so weiß wie ihr Kleid.

»Die junge Herzogin von Santa Rosa! Und schon so früh am Tage! Und niemand da, sie zu empfangen! Ist Euch nicht gut? Ihr seht so blaß aus.«

»Es ist nichts«, brachte Violanta mit ihr selbst ganz fremder Stimme hervor. »Es ist heut solch ein schwüler Tag.«

»Wir werden heut ein Gewitter haben, vielleicht schon beim Mittagläuten, vielleicht erst um die fünfzehnte Stunde«, nickte die Alte. »Ich spürte es schon beim Erwachen in meinen Gliedern. Nun es tut nichts, wenn dabei kein Hagel kommt; die Vigna und die Felder brauchen Regen.«

»Es – es scheint niemand daheim zu sein«, stotterte Violanta und wurde flammendrot in dem Bewußtsein, eine Unwahrheit gesagt zu haben.

»Aber ja, – meine Tochter und mein Enkel sind beide da«, versicherte die Großmutter lebhaft. »Die Leute freilich – es findet heut eine Wallfahrt um gute Ernte nach dem Schrein Unserer lieben Frau von der immer währenden Hilfe statt, und das ganze Gesinde mit den Winzern ist schon bei Tagesgrauen dazu aufgebrochen. Das Tor war wohl verschlossen? Wartet nur einen Augenblick –«

Damit riß sie das Fenster neben sich auf und rief hinaus: »Filomena! Pietro! Fi-lo-me-na! Es ist Besuch da!«

Während der Minuten, welche vergingen, bis die Gerufenen erschienen, hatte Violanta Zeit, sich zu fassen, aber sie war immer noch sehr blaß, als sie ihnen entgegentrat und den Zweck ihres frühen Besuches erklärte.

»Das Protokoll über unseren Fund gehört natürlich zu der offiziellen Anzeige; daß es mir durch den Besuch Doktor Nemis in Santa Rosa so bequem gemacht werden würde, hatte ich freilich nicht erwartet«, sagte Don Pietro »Was die Durchsicht der Papiere hier bei mir betrifft, so bin ich selbstredend ganz damit einverstanden, möchte mir aber erlauben, darauf aufmerksam zu machen, daß die Verladung solch eines Konvoluts die Neugier von Fräulein Oster erst recht reizen dürfte. Ich schlage daher vor, wir lassen die Papiere, wo sie sind, bis die junge Dame wieder zu ihren heimatlichen Gefilden zurückgekehrt ist; falls sie nicht etwa dauernd bei dir bleiben soll.«

»Lust hätte sie schon dazu, aber ich habe keine«, gestand Violanta offen ein.

»Was ich dir nicht verdenken kann«, meinte Donna Filomena trocken. »Mir brummt heut noch der Kopf von ihrem Geschwätz auf unserer Fahrt nach und von Rom – es war einfach, um herauszuspringen und lieber den Weg zu Fuß zu machen. Und wenn ich ehrlich sein soll: ihr Betragen im Kloster war, gelinde ausgedrückt, etwas zudringlich, und wäre die Art und Weise, wie sie sich gewissermaßen als Protektorin des Festes aufspielte, nicht lächerlich gewesen, so hätte man sich darüber ärgern müssen. Mir ist nur rätselhaft, wie du, liebe Vio, zu dieser Freundin gekommen bist und warum du sie hierher mitbrachtest.«

»Ich habe mich dazu überrumpeln lassen«, sagte Violanta mit einem Seufzer. »Olga ist eifrig bemüht, einen ehrenvollen Rückzug für Melanie ins Werk zu setzen, aber ich fürchte, ich habe ihr selbst gestern im Ärger den Stuhl vor die Tür gesetzt.«

»Nun, ich schätze Fräulein Oster darauf ein, daß sie in dieser wie in anderen Beziehungen an – an Verdichtung der Epidermis, vulgo Dickfelligkeit, leidet«, bemerkte Pietro.

Mutter und Sohn begleiteten Violanta dann hinaus vors Tor, wo das Auto auf sie wartete, und nachdem sie davongefahren war, sahen sie sich an.

»Sie war heut so blaß ; es lag wie ein Schleier über ihrem sonst so sonnigen Wesen«, beantwortete Donna Filomena den fragenden Blick ihres Sohnes. Er nickte und sah dem Auto nach, bis es in dem Olivenwäldchen verschwunden war.

»Die Sorge geht nirgends vorüber; sie muß sich in irgendwelcher Form bei ihr eingeschlichen haben. Ihre Augen waren heut wie das blaue Meer, wenn es bei Sonnenschein und Windstille hohe Wellen wirft, durch einen Sturm im Grunde aufgewühlt. Mutter, ich wollte, sie vertraute sich dir an – du verstehst es so gut, solche Stürme zu beschwören.«

»Ich will's versuchen, mein Junge. Ein Vorwand zu einer Fahrt nach Santa Rosa wird sich ja finden lassen.«

Es war ein guter Vergleich, als Don Pietro die Augen Violantas mit dem im Grunde bewegten Meer verglich, denn es war ein Sturm, der tief in ihrer Seele tobte. Sie war außer sich über sich selbst, weil sie die Lauscherin bei dem Gespräch zwischen ihm und seiner Mutter gespielt, und doch war damit ein unbeschreibliches Glücksgefühl, eine namenlose Seligkeit, sich so geliebt zu wissen, in ihr eingezogen. Sie war tief empört über Don Pietro, weil er glauben konnte, daß er nicht in ihrem Hause der Herr sein würde, und sie war stolz auf ihn, daß er selbst um den hohen Preis ihres Besitzes seine eigene Würde nicht Preisgeben mochte. Ihre ganze Seele war im Grunde aufgewühlt von einem Sturm sich widersprechender Gefühle, die sich in ihren Augen widerspiegelten, und über diesem Sturm im Inneren leuchtete die Sonne von einem tiefblauen Himmel so heiß und heiter aus unbewegter Luft herab, als ginge es sie gar nichts an, was ein armes Menschenherz auf der Erde auszufechten hatte.

Im Schlosse wieder angelangt, stürzte ihr Melanie entgegen, brennende Neugier in den Augen.

»Aber Vio, wo bist du nur schon wieder hingekommen? Man wußte nur, du seiest fortgefahren, aber keine Seele ahnte, wohin! Weit kannst du freilich nicht gewesen sein, gelt?«

»Glänzend erraten«, bestätigte Violanta.

»Lasse mich nicht zappeln und sage, wo du warst«, drängte Melanie.

»Ja, wo werde ich denn gewesen sein? Auf dem Monde war ich.«

»Na, wenn du so geheimnisvoll tun willst, auch gut. Ich brauche ja nur den Chauffeur zu fragen. Es kommt mir auf den kleinen Umweg nicht an.«  

»Desto besser für dich. Ich aber will meinem Personal den Spaß ersparen, von meinem Gast über mich ausgefragt zu werden«, versetzte Violanta ärgerlich. »Wenn es dich also so furchtbar interessiert; ich habe im Gutshof eine Bestellung von Doktor Nemi ausgerichtet. Bist du nun zufrieden?«

»Was für eine Bestellung?«

»Ah, da mußt du dich schon gedulden, bis ich bei Doktor Nemi angefragt habe, ob es ihm recht ist, wenn ich geschäftliche Angelegenheiten herumtratsche. Ich fürchte aber, er wird mich höflichst ersuchen, den Mund zu halten, weil dich die Sache gar nichts angeht.«

Als Violanta dann in ihrem Zimmer saß, kam Melanie gleich wieder hereingeschossen, auf der Hand eine Papierkapsel, in der eine in rosa Fondantzucker eingehüllte Gartenerdbeere lag.

»Gestehe, daß ich großmütig bin«, rief sie überstürzt, »da ich dich für die diversen moralischen Nasenstüber, die du so gütig warst, mir zu versetzen, noch belohne.«

»Deine Großmut geht wirklich ins Großartige«, konnte Violanta schon wieder lachend anerkennen. »Die Erdbeere sieht sehr lecker aus, da ich aber gerade mit Eiern und Schinken beschäftigt bin, werde ich sie mir für den Nachtisch aufheben. Bitte lege sie dort auf meinen Schreibtisch, wo ich nachher zu schreiben habe.«

»Aha, ich verstehe den Wink mit dem Zaunpfahl, mich wieder drücken zu dürfen«, versetzte Melanie spitz, aber sie tat, wie ihr geheißen, und ging hinaus, ohne gehalten zu werden, denn Violanta hatte wirklich die tägliche Post zu erledigen. Zunächst aber nahm sie die Erdbeere aus der Papierkapsel und wollte sie gerade in den Mund stecken, als sie zufällig, wie man zu sagen pflegt, als ob es einen »Zufall« gäbe, einen Blick auf deren Rückseite warf. Dort war der die Frucht einhüllende rosa Fondantzucker fast bis zum Rand ekelerregend verfärbt, wie wenn ein Insekt hineingestochen hätte und der Stich zu einem widerlichen Grün verlaufen wäre.

»Pfui!« machte Violanta und warf die Frucht sofort zum Fenster hinaus. »Melanie hat wirklich Pech mit ihren Friedensgeschenken.« Aber sie wollte die Geberin nicht kränken und nickte nur, als diese später fragte, ob die Erdbeere gut gewesen wäre.

Das von der Großmutter Volpe vorausgesagte Gewitter kam wirklich um die Mittagsstunde, plötzlich, heftig und kurz, wie es in diesem Himmelsstrich meist der Fall ist, aber der Regen war doch so reichlich gefallen und die Luft danach heißer als zuvor, daß die Damen auf eine beabsichtigte Spazierfahrt verzichteten. Das war Violanta sehr angenehm, denn in der Stille ihres »Kämmerleins« hatte sie mit sich, ihren Wünschen und dem unerbittlichen Schicksal so manches auseinanderzusetzen, was die Einsamkeit begehrenswert macht. 

Die nächsten Tage wurden zu einer Reihe von Ausflügen benützt. Ein Tagesausflug führte die Damen nach dem Kastell von Aquasanta im Sabinergebirge, von welchem Violanta Besitz ergriff als neue Herrin dieses in der Primogenitur sich vererbenden, zum Fideikommiß aber nicht gehörigen Felsennestes, von welchem die Principessa schaudernd behauptete, daß es von einem Heer von Geistern unaussprechlicher und unerhörter Taten bevölkert sei. Wirklich konnte man sich auch kaum ein unheimlicheres Haus vorstellen, als dieses wie aus dem Felsen herauswachsende Schloß, dessen unteres Geschoß auch tatsächlich aus dem nackten Fels herausgehauen war. In den engen, winkligen Gängen, auf den schmalen Wendeltreppen, in der riesigen, düsteren Halle, in den Sälen und Gemächern erweckte jeder Schritt ein schauerliches Echo, jedes noch so leise gesprochene Wort warfen die kahlen, grimmigen Wände wie das Höhnen der ganzen Hölle zurück in das Angesicht des Sprechenden, und was die Gerichtskammer, die Verließe und der Hungerturm verschwiegen, war schon gar nicht mehr auszudenken. Kein Wunder, daß das einsame, grimmige Felsenschloß seit vielen Generationen unbewohnt sein Dasein verträumte und doch nicht zur Ruine wurde, weil es nicht Menschen-, sondern Zyklopenhände gebaut haben mußten, und die reine, rauhe Gebirgsluft nicht zerstörend, sondern erhaltend wirkte, und der Efeu, mit welchem es über und über umsponnen war, die Feuchtigkeit aufsaugte. Zu Füßen des scheinbar unzugänglichen Felskegels, auf dem das Kastell inmitten eines engen, von waldigen Bergen umschlossenen Tales lag, entsprang die »Aquasanta«, das »Heilige Wasser«, das ihm seinen Namen gegeben – ein sprudelnder Quell, eiskalt, kristallhell, dem das Volk heilbringende Wirkungen zuschrieb, weil der Patronatsheilige des elenden, kleinen Ortes, in welchem in einer großen Kirche, überragt von einem wunderschönen, romanischen Campanile, sein Schrein stand, in den Zeiten der Christenverfolgungen in ihm ertränkt worden war.

Noch einen anderen ihrer Besitze besuchte Violanta, in dessen großem, wonnigem, verträumtem Park, duftend von blühenden Orangen- und Zitronenbäumen, durchrauscht von einem klaren, in Kaskaden herabfallenden Bach, der sich zu einem kleinen See verbreiterte und zu allerlei Wasserkünsten benutzt wurde, ein entzückendes »Casino« wie Dornröschens Schloß verborgen lag. Dieses Casino war eigentlich ein ganz umfangreiches Schlößchen aus der Rokokozeit, gut und reich eingerichtet, aber an Verlassenheit dem Felsenschloß in nichts nachgebend, – ja, selbst die ganze Götterschar des Olymp, die, meist außerordentlich leicht bekleidet, von den Deckengemälden aus sonnendurchglühten Wolken herabschaute, schien eingeschlafen zu sein unter dem dichten Staubschleier, der sich ungehindert bemühte, sie ganz zu verhüllen.

Außer diesen interessanten Ausflügen ereignete sich für Violanta bis zur Ankunft Doktor Nemis nichts Besonderes; wenigstens schienen ihr einige kleine Zwischenfälle zur Zeit nicht der Beachtung wert, und erst in der Folge tauchten sie ihr in der Erinnerung mit sinistrer Bedeutung wieder auf und gewannen Gestalt. Wer hätte wohl auch etwas dahinter gesucht, wenn zum Beispiel Violanta bei einem gelegentlichen Besuch in Melanies Zimmer in Santa Rosa, als sie diese beim Genuß eines Glases Wassers mit Granatapfelsaft antraf, sich auch ein Glas dieses erfrischenden Getränks ausbat? Während Melanie es zubereitete, sah Violanta zum Fenster hinaus, und in dem Augenblick, als sie das Glas an die Lippen setzen wollte, fiel eine hereinsummende Wespe, angezogen von dem süßen Fruchtsaft, mitten hinein, und weil Violanta das an sich unangenehme, aber unschuldige Insekt nicht in der Flüssigkeit ertrinken sehen wollte, noch auch wagte, es herauszufischen, um nicht gestochen zu werden, so goß sie den Inhalt des Glases samt der Wespe zum Fenster hinaus und hatte dann merkwürdigerweise gar keine Lust mehr, sich ein anderes zubereiten zu lassen. Dergleichen kann einem im Sommer alle Tage passieren, und darum legte Violanta auch dem unbedeutenden Ereignis gar keine Bedeutung bei.

Und was ist denn auch dabei, wenn man eine eben von der Freundin aufmerksam gefüllte und zubereitete Tasse Tee beim Hinsetzen umstößt und der Tee das Tischtuch überschwemmt? Das kann der geschickteste Mensch einmal zuwege bringen; daß aber Melanie ihre Freundin und Wirtin deshalb anfuhr, als hätte diese ihr durch das doch ganz unabsichtliche Verschütten des Tees eine persönliche Beleidigung zugefügt, ging eigentlich schon über das Maß des Erlaubten hinaus, und wäre die Principessa nicht verspätet gerade erschienen, dann hätte sich der Zwischenfall leicht zu einem ernstlichen Zwist auswachsen können, denn Violanta fand die Monierung der Sache an ihrem eigenen Tische denn doch, was man vulgär mit »starkem Tobak« bezeichnet.

Sie fand es auch wenig taktvoll von Melanie, welche die Gewohnheit angenommen hatte, als erste beim Nachmittagstee zu erscheinen, »um sich doch auch etwas nützlich zu machen«, daß sie einmal eine vor ihr stehende, schon gefüllte Tasse recht geräuschvoll wegtrug, weil sie nicht sauber wäre. In einem solchen Fall läutet man in einem großen Haus wie Santa Rosa und bittet diskret um eine andere Tasse. Dabei war dieselbe Tasse für Violanta bestimmt gewesen, die vielleicht auch daraus getrunken hätte, wäre es ihr an diesem Tage nicht »zufällig« eingefallen, sich auf einen anderen Platz, als auf den gewohnten, zu setzen, vor den Melanie die Tasse hingestellt hatte, während ihre Freundin noch im Nebenzimmer war.

Ein anderes Mal war es in dem wonnigen Park mit dem Rokokokasino, wo Violanta mit ihren beiden Gefährtinnen auf einer lauschig in einem Gebüsch von Myrten und Jasmin stehenden Bank Platz genommen hatte, als Melanie unweit davon eine Quelle entdeckte, die aus einem Felsenspalt in ein mit Anemonen umsäumtes Bassin rieselte. Sie entnahm ihrer Tasche ein zusammengestecktes Reiseglas und eilte zu der Quelle, um daraus zu trinken, obwohl die Principessa davor warnte, weil man doch nicht wissen konnte, ob das Wasser auch trinkbar sei. Melanie aber rief herauf, es sei ganz vorzüglich, und kam mit gefülltem Glas zurück, das sie Violanta reichte, und als diese es in die Hand nahm, griff die Principessa danach, indem sie hinzusetzte, »das Wasser irisiere ja auf der Oberfläche, könne also nicht genießbar sein«. Dabei fiel das Glas herab und zerbrach auf einem spitzen Stein am Boden, worauf Melanie, blaß vor Zorn, Violanta mit solch einer Flut von Schmähungen über ihre Ungeschicklichkeit überschüttete, die sie, Melanie, um das ihr teure Andenken dieses Glases gebracht hatte, daß die Principessa sich veranlaßt sah, einzugreifen, indem sie Melanie einfach den Mund verbot. Der Erfolg war ja ein augenblicklicher, aber die Verstimmung wirkte doch nach, trotzdem Melanie sich dazu verstand, ihrer Heftigkeit wegen um Entschuldigung zu bitten, womit der Zwischenfall äußerlich erledigt war.

Je mehr Violanta von ihrem Erbe sah, je klarer es ihr wurde, welch ungeheurer Besitz ihr zugefallen war, um so verständlicher wurde ihr, was sie an jenem Morgen im Gutshof gehört hatte, als sie ungewollt und unbewußt die Lauscherin gespielt. Aber als sie erst soweit war, es zu begreifen, wurde sie von einer großen Traurigkeit über den Reichtum erfüllt, der bestimmt war, sie so arm zu machen, weil er ihr alles in der Welt geben konnte, nur nicht ein Glück, von dem sie nun einsehen lernte, was es für ihr Leben zu bedeuten gehabt hätte. Das anfangs nur vage, unsichere Gefühl, das sie zu Don Pietro gezogen, hatte schon vor jenem Morgen feste Gestalt angenommen und Wurzeln in ihrer Seele geschlagen, die keine Gewalt der Erde mehr auszureißen vermochte, und wenn sie ja vielleicht auch nicht zum Stamme der Afra gehörte, »welche sterben, wenn sie lieben«, – zu denen, die nie vergessen und sich selbst nie untreu werden, gehörte sie bestimmt. Sie wußte, daß sie dem Zwange der Konvenienz nie auch nur das kleinste Zugeständnis machen, nie einem anderen Mann die Hand reichen würde, und belog im ersten Schmerz damit auch nicht sich selbst, denn Wankelmütigkeit lag nicht in ihrem Charakter, der treu, wahr und trotz ihrer Jugend ganz in sich gefestigt war.

Aber es kam für sie die Stunde der Erleuchtung, denn wenn der Psalmist singt: »Vielleicht hätte uns das Wasser verschlungen, dann wäre unsere Seele durch einen Strom gegangen, vielleicht durch unerträgliche Wasser gegangen«, so konnte sie auch mit ihm von sich sagen: »Die Schlinge zerriß und wir wurden befreit«. (Psalm 123) Die Schlinge, die ihre Seele gefangenhielt, zerriß nämlich ein erlösendes Wort, – das Wort, das auf der Rückseite des Schmuckes mit dem Rubinherzen eingegraben stand: »Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.«

Das geschah, als sie am Abend nach der Ankunft Doktor Nemis in Santa Rosa zu ihrem weißen Kleide, nach einem Schmuck suchte. Dabei fiel ihr das Kettchen mit dem Anhänger in die Hand, und zwar mit der Rückseite, auf welcher die Heilandsworte eingegraben standen, und als ihre Augen darauf hafteten, zerriß der Nebel, und sie erkannte so klar und deutlich den Weg, den zu beschreiten sie auch nicht den Bruchteil einer Minute zögerte.

Glückseligkeit lag auf ihrem Gesicht, ihre Augen leuchteten und umflorten sich nur für einen Augenblick, als ihr, indem sie das blutrote Herz küßte, der Gedanke kam: »Das ist der Dank der Ahnfrau dafür, daß ich ihr armes, gebrochenes Herz an geweihter Stätte niederlegte – zur ewigen Ruhe.«

»Altezza, Sie sehen aus, als hätten Sie das Paradies geschaut, – Sie strahlen ja förmlich«, rief der weiße Löwe aus, als Violanta ihm bald darauf entgegentrat.

»Ah nein, das Paradies ist noch verschlossen«, erwiderte sie lachend. »Aber ich glaube zu wissen, wie der Schlüssel dazu beschaffen sein muß, und Sie sind der Schlosser, der ihn mir schmieden soll.«

»Hm – das Rätselraten war immer meine schwache Seite, aber mit einer Zeichnung in der Hand würde es vielleicht gehen«, versetzte er mit einem forschenden Blick.

»Nun, wir werden sehen, lieber Meister«, lächelte sie ihn an. »Die Stunde wird sich schon finden, wo ich Sie bitten werde, auf einem recht festen Stuhl Platz zu nehmen, damit Sie über des Rätsels Lösung nicht etwa auf den Rücken fallen.«

Damit mußte Doktor Nemi sich vorläufig begnügen, und da er es in seinem Beruf gelernt hatte, zu warten, so ließ er sich das sichtliche Behagen, mit welchem er seinen Besuch auf Santa Rosa genoß, keineswegs durch Neugier beeinträchtigen. Man sah es ihm, dem alten Junggesellen, an, wie wohl er sich in der Gesellschaft der beiden Kusinen fühlte, – Melanie war ihm zur Zeit nur eine Beigabe, die ihm zu unbedeutend schien, sich besonders mit ihr zu beschäftigen. Aber bevor er am nächsten Morgen mit Attilio zur Aufnahme des Protokolls über den unheimlichen Fund im geheimen Zimmer nach dem Gutshof fuhr, klärte ihn Violanta darüber auf, daß manche Unbequemlichkeit ihre Ursache in eben dieser kleinen, unbedeutenden Schweizerin hatte, weil sie ja von dem Funde nichts wußte und verhindert werden sollte, die Kenntnis davon zu Don Ferrante zu tragen, bevor das Geheimarchiv, nach welchem er solches Verlangen trug, ihm überantwortet werden konnte.

»Ich zweifle, daß er etwas für seine Zwecke unter diesen Papieren finden würde«, meinte Doktor Nemi, der ja sofort erriet, was Don Ferrante suchen wollte. »Freilich kann man ja nicht wissen, ob und welche Geheimklauseln man zur Zeit, als die Erbfolge geregelt wurde, ausgezeichnet, verbrieft und versiegelt haben könnte, aber es ist ganz ausgeschlossen, daß ein solches Dokument die unter Ihrem seligen Urgroßvater ausgefertigte Urkunde über das Hausgesetz der Erbfolge umstoßen würde. Der alte Nemi ist nicht von heut oder gestern; er hat Sorge getragen, daß diese Urkunde alle früheren Bestimmungen aufhebt. Deswegen dürfen Altezza also ruhig Ihren lieben Herrn Onkel das ganze Geheimarchiv durchstöbern lassen.«

»Ich habe aber im Sinn, ihm dieses Vergnügen so lange zu entziehen, bis ich Santa Rosa verlassen werde, um nach der Villa Porsenna am Meer überzusiedeln, wie es bisher meine Absicht war, aber nicht mehr ist. Doch darüber wollen wir nachher reden. Der Genuß, Onkel Ferrante täglich durch meine Zimmer laufen zu sehen und ihn unter den Papieren im geheimen Zimmer rascheln zu hören, hat gar keinen Reiz für mich«, erklärte Violanta. »Da ich aber unter allen Umständen vermeiden will, daß die Kunde von dem Funde in besagter Kammer unter die Leute kommt, was mit tödlicher Sicherheit der Fall sein würde, wenn Melanie Oster auch nur die leiseste Ahnung davon hat, so –«

»Ich verstehe! Ich verstehe!« fiel Nemi ein. »Die Spazierfahrt nach dem Hof ist für mich ja ein Vergnügen, durchaus keine Last.«

Natürlich war Melanie, die trotz der Größe des Schlosses merkwürdig gut von allem unterrichtet war, was darin vorging, furchtbar neugierig, wohin und warum Doktor Nemi mit Attilio fortgefahren war. Da sie es als unmöglich erkennen mußte, von dem letzteren nach der Rückkehr eine befriedigende Antwort herauszulocken – ein Verfahren, das sie durchaus nicht unter ihrer Würde hielt – so versuchte sie es bei Violanta selbst, die ihr scheinbar ohne jeden Rückhalt erklärte, Nemi habe Geschäfte mit Don Pietro zu erledigen gehabt. Ob der erstere denn auch des letzteren Sachwalter sei? Vermutlich wohl? Ja, warum mußte denn Attilio mit ihm fahren, warum nicht einer der Lakaien? Zu dieser Frage legte Violanta den Finger an die Nase, schien über diese wichtige Sache nachzudenken und erklärte dann, eigentlich selbst nicht recht zu wissen, warum sie gerade Attilio beauftragt habe, Doktor Nemi zu begleiten, und Melanie ging mit der Überzeugung davon, daß ihr etwas verheimlicht werden sollte. Am Nachmittag hatte sie dann den dringenden Wunsch, sich nach dem Befinden von Donna Ortensia in der Villa erkundigen zu wollen, und als sie diese Absicht nach dem Tee zur Ausführung gebracht und Doktor Nemi mit Violanta allein war, meinte er:

»Da das neugierige Fräulein nun zur Berichterstattung abmarschiert ist, mithin die Gefahr, von ihr belauscht zu werden – eine Eigentümlichkeit neugieriger Leute – nicht besteht, so schlage ich vor, daß Altezza die gute Gelegenheit benützen, mir den Schlüssel zu dem gestern angedeuteten Rätsel zu geben. Ich soll zwar die Ehre haben, noch einige Tage Ihr Gast zu sein, bei meinem Beruf besteht aber immer die Gefahr, eines dringenden Falles wegen plötzlich nach Rom zurückgerufen zu werden.«

Violanta überlegte einen Augenblick und bat Doktor Nemi dann, ihr in ihr Wohnzimmer zu folgen, wo sie ihn in dem bequemsten Sessel Platz nehmen ließ. Nachdem sie ihrem Schreibsekretär den großen Umschlag entnommen, den sie am ersten Abend in dem Schub unter dem tempelartigen Mittelfach gefunden hatte, sagte sie heiter:

»Die Sache ist ganz einfach, verehrter Freund: ich verzichte hierdurch auf mein Erbe, soweit es das Fideikommiß betrifft, mit allem, was dazugehört, auf Titel und Würden zugunsten des nächstberechtigten Agnaten, und Sie sollen die betreffende Urkunde darüber ausfertigen.«

Ein Laut, der wirklich lebhaft an das Fauchen eines Löwen erinnerte, wenn der König der Wüste unangenehm aus seiner Ruhe aufgeschreckt wird, entrang sich der Brust des Advokaten. Er schlug seine großen Löwentatzen zusammen, daß es wie eine Explosion klang, fuhr sich durch seine weiße Mähne, und damit nicht genug, riß er sein Taschentuch heraus und trompetete hinein, daß man es sicher bis nach Ninfa gehört hätte, wenn Menschen sich in dieser toten Stadt gerade aufgehalten haben sollten. Nachdem er auf diese Weise seiner Überraschung und seinen Gefühlen Luft gemacht hatte, fand er endlich auch Worte dafür.

»Hat man so etwas schon erlebt?« knurrte er. »Haben Sie sich also doch von Don Ferrante ins Bockshorn jagen und von seinen sogenannten Rechten überzeugen lassen? An dem Tage, an welchem ich Ihre Verzichtleistung amtlich vollziehen muß, werde ich hingehen und diesem neuen Herzog von Santa Rosa eine Ohrfeige versetzen, die sich gewaschen haben soll, so wahr ich Pompeo Nemi heiße!«

Violanta lachte über diese fürchterliche Drohung laut heraus.

»Diese total rechtswidrige Kraftprobe, die meinem Onkel vielleicht aber ganz gesund wäre, soll Ihnen erspart bleiben, lieber, lieber Freund! Don Ferrante ist nämlich nicht mein Nachfolger, da er der jüngere Stiefbruder meines Großvaters ist –«

»Als ob ich das nicht wüßte!« fiel Nemi hitzig ein. »Da aber Don Ferrantes älterer Bruder Luigi für sich und seine Nachkommen auf die Erbfolge verzichtet hat – nebenbei gesagt: die Urkunde darüber habe ich nie zu Gesicht bekommen; sie muß sich doch aber im Nachlaß des alten Duca befunden haben –«

»Hier ist sie«, unterbrach ihn Violanta, indem sie ihm den Umschlag mit Inhalt überreichte. »Ich fand sie in dieser von meinem Urgroßvater beschriebenen Hülle hier in diesem Schreibtisch, wo sie bis zum Jüngsten Tage hätte liegenbleiben können, wenn nicht ein sogenannter Zufall mich das verborgene Fach, in dem sie lag, hätte öffnen lassen. Soweit ich es beurteilen kann, stößt sie alle Erbfolgegelüste Onkel Ferrantes endgültig um.«

Doktor Nemi klemmte einen schwarzen Hornzwicker mit enormen runden Gläsern auf seine ebenso enorme Nase, las die auf dem großen Umschlag stehende Erklärung des alten Duca sehr aufmerksam durch, darauf noch aufmerksamer die einliegende Urkunde, schob dann den Zwicker auf die Spitze seiner Nase und sah darüber hinweg Violanta an, die sich jedes Kommentars enthielt.

»Man erlebt doch immer Überraschungen«, sagte er merkwürdig weich. »Ich bekenne, meinem alten Klienten Unrecht getan zu haben, wenn ich ihn im Herzen unväterlicher Gefühle gegen sein eigenes Fleisch und Blut aus Haß und Eigensinn beschuldigte. Für Don Luigi, der um seiner Liebe willen auf sein Erbrecht gegen das Linsengericht des Hofes verzichtete, kommt der Unterschleif seines Vaters zu spät; ja, man darf es schon einen Unterschleif nennen, daß der alte Herr gegen den ausdrücklichen Willen seines Sohnes den Verzicht nicht auf dessen Nachkommen ausdehnte. Immerhin ist es doch ein Beweis dafür, daß er sein Vaterherz letzten Endes zu Worte kommen ließ.«

»Ich weiß nicht«, wandte Violanta ein. »Das Vaterherz des alten Duca muß doch ein sehr eigentümliches Organ gewesen sein, denn mir scheint, es hat nicht aus Liebe für diesen Sohn gesprochen, sondern aus einem noch größeren Haß, als gegen den alten Volpe. In dem Umschlag steckt noch der versiegelte Brief, den jene Aufschrift erwähnt –«

»Ah ja!« machte Nemi. »In meiner Überraschung über diese Urkunde habe ich die Aufschrift ganz vergessen. Haben Sie diese versiegelte Botschaft gelesen?«

»Mein Urgroßvater schreibt ja freilich, daß ich im Notfall gegen Don Ferrante davon Gebrauch machen soll, aber er gibt mir auch anheim, nach Gutdünken Einsicht zu nehmen«, antwortete Violanta nach kurzem Zögern. »Ich – ich gestehe, daß Neugier, nackte, unentschuldbare Neugier, mich dazu verleitete, das Siegel zu brechen, das ich nachher ersetzt habe. Ich glaube, daß ich Sie unter dem Amtsgeheimnis dazu ermächtigen darf, zu lesen, warum mein Urgroßvater lieber einen Enkel seines Erzfeindes Volpe, als Don Ferrante zu seinem eventuellen Nachfolger haben wollte.«

»Hm«, machte Nemi, und betrachtete den versiegelten Umschlag in seiner Hand nachdenklich. »Nach Ihrer erstaunlichen Verzichterklärung dürfte es sich vielleicht empfehlen, daß ich Einsicht von dem Schreiben nehme, damit ich nicht im Dunklen tappe und etwas vertrete, was der Sache am Ende ein ganz anderes Gesicht gibt. Falls Sie mir also nicht mündlich sagen wollen – nein, lieber nicht? Nun, es ist auch besser so.«

 Damit schnitt er den Umschlag auf, zog den darin liegenden Zettel heraus, las ihn und – zuckte mit den Schultern.

»Dieses Bekenntnis der zweiten Frau des alten Duca auf ihrem Totenbett ist zwar die Bestätigung eines Gerüchtes, das seinerzeit die Klatschbasen Roms beschäftigte, gesetzlich ist es aber wertlos, da wir ja hier den Code Napoleon haben, was der alte Duca eigentlich hätte wissen müssen. Der Zettel hier ist also nichts, als ein ohnmächtiges Aufbäumen beleidigter Gattenehre, das wir mit Seelenruhe vernichten dürfen«, sagte Nemi nach einer Pause. »Die auffällige Abneigung des alten Herrn gegen Don Ferrante wird dadurch erklärt; es mag dahingestellt bleiben, ob dieser die Ursache kannte. Nun ja, wir haben also hier die meines Erachtens unanfechtbare Berechtigung der Nachkommenschaft Don Luigis auf die Erbfolge, und ich habe Ihre Verzichterklärung zugunsten des rechtmäßigen Agnaten gehört. Ist er bereits davon unterrichtet?«  

»Nein. Er weiß noch nicht einmal, daß er der rechtmäßige Agnat ist, und soll weder das eine noch das andere eher erfahren, bis meine vollzogene Verzichterklärung ihm amtlich durch Sie zugestellt wird«, versetzte Violanta. »Ich bitte Sie dringend, diesem meinem ausdrücklichen Wunsch zu entsprechen.«

»Dem steht nichts entgegen ; es geschehe, wie Sie es wünschen. Nebenbei: Don Pietro wäre ein durchaus würdiger Erbe. Persönlich habe ich ihn ja heut erst kennengelernt und den besten Eindruck von ihm gewonnen, aber ich kannte ihn schon vom Sehen, und was die Hauptsache ist: ich kenne seinen Ruf, auf dem kein Flecken haftet. Doch das ist nur ein Seitensprung von der mir sehr nahegehenden Frage: Warum wollen Sie auf Ihr Erbe verzichten?«

»Muß ich das sagen?« fragte Violanta. »Ich möchte es lieber nicht.«

»Es besteht für Sie keine Verpflichtung zur Darlegung Ihrer Gründe. Ich frage auch nicht als Ihr Sachwalter, sondern als Ihr Freund«, versetzte er herzlich.

»Ich danke Ihnen – es macht mich ja so glücklich, solch einen Freund zu besitzen«, rief sie, indem sie ihm spontan beide Hände reichte. »Aber ich muß Ihre Freundschaft auf die Probe stellen, indem ich Sie bitte, mir die Erklärung über meinen Entschluß vorläufig zu erlassen. Später, wenn die Zeit dafür gekommen ist, sollen Sie meine Gründe rückhaltlos erfahren. Wollen Sie mir vertrauen und – warten?«

»Ich muß wohl, obschon es mir schwer wird, weil ich gehofft hatte, Ihren Entschluß wankend zu machen, Ihre Gründe zu widerlegen. Was Sie mit einem Federstrich aufgeben und hergeben wollen, ist keine Kleinigkeit, es ist der größte Privatbesitz des ganzen Königreichs. Geld und Gut allein macht nicht glücklich, sagen die Philosophen und haben damit ausnahmsweise einmal recht, aber bedenken Sie wohl – heut noch sind Sie Herrin über fast unbeschränkte Mittel, mit denen Sie sich nicht nur jeden persönlichen Wunsch erfüllen, sondern auch unendlich viel Gutes wirken können. Heut noch sind Sie reich, morgen –«

»Morgen werde ich darum noch nicht arm sein. Da ist erstens das Erbe meiner seligen Mutter, das mir ein sorgenfreies Leben gewährt, und dann bleibe ich ja auch noch im eigenen Recht – Fürstin von Aquasanta.«

»Jawohl, mit einem Eulennest von einem Schlosse, das zu bewohnen Sie sich bedanken werden, und mit einem höchst mäßigen Einkommen, welches Sie mit der Principessa-Witwe teilen müssen. Gewiß, zu viel zum Verhungern, aber zu wenig zu einem standesgemäßen Leben. Dazu ist der ganze Besitz unveräußerlich. Ich pfeife auf das Fürstentum Aquasanta!«

»Ich auch, bester Doktor, aber als Titel macht es sich ganz hübsch.«

»Mit einem Titel ohne Mittel lockt man keinen Hund vom Ofenloch weg! Donna Violanta, liebes, liebes Kind, kann nichts Ihren Entschluß erschüttern? Muß ich wirklich nach meiner Rückkehr nach Rom die mir so unsympathische, ja direkt widerwärtige Arbeit Ihrer Verzichtleistung feinsäuberlich zu Papier bringen? Muß ich?«

»Teurer, herzlich verehrter, väterlicher Freund, ich fürchte, Sie werden sich dieser Arbeit schon unterziehen müssen. Später werden Sie mich verstehen lernen, später will ich Ihnen alles sagen, mein volles Vertrauen schenken, das Sie überdies schon besitzen.«  

»Vertrösten Sie mich nicht auf später, wenn es zu spät ist. Sagen Sie mir jetzt, was Sie zu diesem folgenschweren Entschlusse gebracht hat.«

»Mein Entschluß ist die Folge einer wunderbaren Eingebung, mehr kann ich Ihnen heut nicht sagen. Wenn Sie wüßten, wie froh mich dieser Entschluß macht, was er mich hoffen läßt, würden Sie sich mit mir freuen, und ich bin sicher, daß Sie es später tun werden.«

»Weiß die Frau Principessa darum?«

»Niemand weiß, niemand ahnt auch nur etwas davon. Außer Ihnen soll niemand etwas davon wissen, bis meine Unterschrift die Sache unwiderruflich gemacht hat.«

»Nun, was die Unwiderruflichkeit betrifft: wenn der nächste Agnat die Annahme des Erbes verweigert, so ist und bleibt die Verzichtleistung ein leerer Akt, falls nicht ausdrücklich bemerkt wird, daß der übernächste Agnat, also Don Ferrante, an seine Stelle tritt.«

»Nein, das soll ausdrücklich nicht bemerkt werden. Lehnt Don Pietro also ab, dann muß es eben bleiben, wie es ist; aber ich hoffe, er wird die Annahme nicht verweigern.«

»Er wäre ein Esel, wenn er's täte«, brummte Nemi grimmig vor sich hin. »Wollen Sie dieses große, dieses unerhörte Opfer gar bringen, um gutzumachen, was der alte Duca an seinem Sohne gesündigt hat?«

»Das ist mir noch gar nicht in den Sinn gekommen«, versicherte Violanta. »In Anbetracht dessen, daß ja gar nicht Don Luigi, sondern ich die berechtigte, legitime Erbin wurde, wäre das schon wirklich ein Edelmut, den man dreist mit Verrücktheit bezeichnen dürfte.«

»Da ich Ihr wirkliches Motiv, was immer es sein mag, auch dafür halte, bleibt's in einem«, versetzte er ärgerlich, weil sein Versuchsballon sein Ziel nicht erreicht hatte. Violanta aber lachte nur über diese – Offenherzigkeit.

»Das harte Wort werden Sie noch feierlichst zurücknehmen müssen, teuerster Doktor. Was gilt die Wette?«

»Da Sie Ihrer Sache so sicher zu sein scheinen, werde ich mich in acht nehmen, etwa gar um meine Nase zu wetten, obschon ich große Lust dazu hätte«, meinte er, unwillkürlich durch Ihre Heiterkeit angesteckt, aber dann seufzte er ehrlich bekümmert: »Es will mir gar nicht in den Sinn, gar nicht! Soll ich für eine Jungmädchenlaune meinen guten Ruf als Sachwalter aufs Spiel setzen, solch eine unerhörte, nie dagewesene Sache mit meinem Namen zu decken?«

»Noch nie Dagewesenes wirkt immer erfrischend durch den Reiz der Neuheit«, behauptete sie und sah ihn dabei so bittend an, daß sein Löwenherz sich vor diesen blauen Augen in ein Taubenherz verwandelte und er ergebungsvoll die Segel strich.

»Und das Aufsehen, das Ratschen und Klatschen, das die Sache in Rom verursachen wird?« war sein letzter Einwand.

»Ach, das haben die Leute gratis bei mir«, lachte sie vergnügt. »Tue recht, und pumpe niemand, pflegt ein Schweizer Vetter von mir zu sagen, daran halte ich mich. Nebenbei: solange ich noch über meine Mittel verfügen kann, muß ich dem Maler Podé Wort halten. Den Betrag für seine Kopie habe ich ihm schon anweisen lassen, und für mein Bild, das er malen soll und wozu er sich nun wird nach Aquasanta begeben müssen, möchte ich ihn gleich bezahlen. Das geht im voraus doch zu machen?«  

»Wie, dem Podé haben Sie Aufträge gegeben? Altezza, damit haben Sie wahrlich ein gutes Werk getan, denn der arme, nur an zu großer Bescheidenheit leidende Mensch ist wirklich ein trefflicher Künstler, der es verdient, daß ihn jemand in den Vordergrund bugsiert. In ehrenvollster Weise hungert er sich und seine alte Mutter mit Kopierarbeit durch, aber ein Auftrag von Ihnen wird ihm schon die so lange versagte Anerkennung bringen. Gut, das soll besorgt werden. Haben Sie sonst noch etwas, das sich tun ließe, solange Sie noch Herzogin von Santa Rosa sind?«

»Augenblicklich fällt mir nichts ein, aber vielleicht findet sich noch etwas«, sagte Violanta nachdenklich.

Und es fand sich eher, als sie es gedacht hatte. Der folgende Morgen war einem Ausflug mit Doktor Nemi gewidmet, und als man sich am Nachmittag zum Tee versammelte, erschien Don Pietro, um eine Einladung seiner Mutter für den nächsten Tag zur Abendmahlzeit zu überbringen. Diese war kaum ausgesprochen und gern angenommen worden, als auch schon der Principe Tor die Quinto gemeldet wurde.

»Ich hatte Geschäftliches mit meinem Schwiegervater zu besprechen«, sagte er, »und da die Sache wie gewöhnlich etwas stürmisch verlaufen ist, und ich keine Lust hatte, mich von Ortensia anglotzen zu lassen, bin ich noch hierher gekommen. Nebenbei: sie ist wunderlicher denn je, die arme Ortensia, sie warf mich förmlich zum Hause hinaus, nur damit ich sobald als möglich zu dir, liebe Vio, komme; den Grund dafür blieb sie natürlich schuldig. Sie hätte es gar nicht so dringend zu machen brauchen, denn ich rettete mich nur zu gern ganz von selbst aus der schwiegerväterlichen Gewitterluft in eine weniger schwüle Atmosphäre.«

Die Offenherzigkeiten waren Violanta in Melanies Gegenwart recht peinlich, weil sie das Gefühl hatte, daß die letztere jedes Wort brühwarm nach der Villa zurücktragen würde. Sie hätte aber ruhig sein können, denn es lag Melanie nichts daran, Unfrieden in der Familie zu stiften, mit der sie selbst sich aus besonderen Gründen nicht zu entzweien wünschte. Sie erkundigte sich angelegentlichst nach dem Befinden Donna Vittorias, der Principe dankte aber so kühl und kurz angebunden, daß es ihr mehr als durch die Vorstellungen der Principessa zum Bewußtsein kam, wie sehr ihr Benehmen im Hause des Ministers gelegentlich des unglücklichen Gabelfrühstücks angestoßen haben mußte.

Der Tee wurde gerade im Nebenraum von Melanie eingeschenkt, als die übrigen Anwesenden plötzlich von lauten, gellenden Schreien, die Melanie ausgestoßen hatte, aufgeschreckt wurden. Sie fanden sie im Salon halb über den Teetisch gelehnt, in der Rechten etwas, das wie ein schmales, grünes Fläschchen aussah, aus dem stoßweise eine Flüssigkeit in die silberne Rahmkanne floß. Das Seltsame dabei war, daß sie Bewegungen machte, wie um ihr Handgelenk aus einer Umklammerung zu befreien, die niemand sehen konnte, während sie dabei mit verzerrtem Gesicht jene gellenden Schreie ausstieß, welche die fünf eilends in den Salon gebracht hatten.

»Melanie! Was tust du denn da? Weshalb schreist du so fürchterlich?« rief Violanta erschrocken, und in diesem Augenblick warf Melanie ihre Hand hoch in die Luft, wie wenn sie sich plötzlich von etwas losgerissen hätte, wobei sie den Rahmtopf umwarf, dessen Inhalt sich auf das Tablett ergoß. Das Fläschchen aber, das sie in der Hand hielt, flog im weiten Bogen über ihren Kopf hin weg in das Zimmer, sie selbst, rückwärts taumelnd, zu Boden, wo sie schreiend liegenblieb.

»Es war der rote Junge – er hat meine Hand festgehalten wie in einem Schraubstock – er hat es mir angetan – ich will aber nicht daran sterben, ich will nicht! Gebt Don Ferrante die Phiole wieder – es ist nichts daraus in Vios Teetasse gekommen – der rote Junge hat es nicht gewollt – alles im Rahmtopf – genug für euch alle –«

»Sie ist irre geworden«, sagte der Principe halblaut, indem er das Fläschchen aufhob, das auf dem glatten Fußboden bis vor seine Füße geschnellt war, setzte er laut und erstaunt hinzu: »Das Ding hier gehört meinem Schwiegervater, ich kenne es genau, es ist ein seltenes Stück aus dem Cinquecento. Wie kommt denn das hierher?«

Niemand antwortete auf diese Frage, die Principessa aber beugte sich zu Melanie hinab, die auf dem Boden sitzengeblieben war, faßte sie fest an den Schultern und schüttelte sie derb.

»Betragen Sie sich nicht so kindisch! Was ist das für ein dummes Gerede? Heraus mit der Sprache, oder ich lasse die Polizei rufen und Sie gebunden abführen!«

Diese etwas kühne Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht.

»Ich will nichts mehr damit zu tun haben«, zeterte Melanie. »Der Junge, der rote Junge, erlaubt es ja doch nicht. Er ist immer dazwischengekommen, wenn ich Vio davon geben wollte, immer! Er schlug mir die Pralinen aus der Hand, er warf ihre Teetasse, wo schon davon darin war, um ; er zwang sie, sich auf meinen Platz zu setzen, und mich auf den ihrigen, in der das Gift schon war; er zerschlug mir das Glas in dem Park, er jagte die Wespe in die Limonade, und jetzt – da! Da! Seht doch hin – nun hat die Katze den Rahm gesoffen –«

Aller Augen, die verständnislos diesen wirren Worten gelauscht hatten, folgten nun der Richtung des auf den Tisch deutenden Fingers, und dort sahen sie nun, was ihnen ein Licht anzündete. Numa Pompilius, der natürlich auf dem Sofa gesessen und schnurrend die Herrlichkeiten auf dem Teetisch betrachtet, hatte gesehen, wie Melanie den Rahmtopf umgeworfen, und den heraus auf das Tablett fließenden Rahm als seine Beute angesehen. In der allgemeinen Verwirrung war er auf den Tisch gesprungen, um die ihm so leckere Flüssigkeit aufzuschlecken. Mitten in dem Genuß jedoch reckte er sich empor, stieß einen jammervollen Schrei aus und fiel um, wie gefällt. Noch ein Zittern erschütterte seine Glieder, dann war er tot.

»Zum Teufel«, brach Doktor Nemi löwenmächtig los. »Der Rahm war vergiftet! Dieses liebe Mädchen hat uns alle miteinander ins Jenseits befördern wollen!«

»Nein doch, nein!« schrie Melanie auf. »Nur einen Tropfen wollte ich in Vios Tasse träufeln, nur einen! Aber der rote Junge hielt meine Hand fest und schüttelte sie, daß alles in die Rahmkanne floß! Ich wollte es ja nicht, nur einen Tropfen in Vios Tasse, nur einen einzigen –«

»Und weshalb nur einen einzigen in Vios Tasse?« rief die Principessa, die Melanie nicht losgelassen und nicht aufgehört hatte, sie zu schütteln. »Jetzt wird gebeichtet, Sie niederträchtiges Geschöpf, verstehen Sie mich? Oder Sie marschieren ins Loch, ohne Gnade und Barmherzigkeit! Was hat Vio Ihnen getan, daß Sie sie schnöde, meuchlings, hundsgemein vergiften wollen? Reden Sie!«

»Verzeihung, Olga, wenn ich mich einmische«, fiel Tor di Quinto ein. »Zunächst wollen wir doch wissen, wie das Fräulein in den Besitz dieser meinem Schwiegervater gehörigen Phiole kommt! Hat Don Ferrante sie Ihnen samt dem – Inhalt gegeben?«

»Ich – er hat mir gesagt, was in der Flasche ist und sie mir in den Weg gestellt. Er weiß, daß ich sie genommen habe, er hat sie aber nicht zurückgefordert«, schluchzte Melanie.

»Ah so! Und was ist Ihnen dafür versprochen worden, wenn Sie die Herzogin vergiften?« forschte Nemi mild und freundlich. Es klang wie das freundliche Schnurren einer Riesenkatze, und vor diesen wohlwollenden Klängen verstummte Melanie. Unsicher sah sie zu ihm auf, und während sie noch mit ihrer Antwort zögerte, erhob er seine Stimme zu einem wahren Löwengebrüll, als er sie andonnerte: »Augenblicklich sprechen Sie die Wahrheit! es ist das einzige, womit Sie Ihren Kopf noch retten können!«

Dieser Trick, mit welchem Nemi im Gerichtssaal schon so manchen Delinquenten eingeschüchtert und zum Geständnis gebracht hatte, der sogar bei Verhärteten noch seine Schuldigkeit getan, versagte bei dieser Dilettantin im Verbrechen erst recht nicht. Sie duckte sich förmlich unter dem Wechsel einer ungemein sanften Frage, auf die sich's so leicht leugnen ließ, zur donnernden Drohung, und gegen ihren eigenen Wunsch und Willen fuhr es aus ihr heraus: »Er will mich heiraten – ich soll Herzogin von Santa Rosa werden!«

So, nun war's gelöst, dieses Rätsel, und eine Stille folgte dem Geständnis, daß man eine durchs offene Fenster her eingeflogene Fliege summen hören konnte. Und in dieser Stille malte sich auf Melanies Gesicht die Dämmerung, daß sie gesagt, was sie besser hätte verschweigen sollen; der Dämmerung folgte auf dem Fuße der tödliche Schreck, die Angst um die eigene Haut – kurz, sie fing an, sich von ihrer Entnervung über das, was sie »den roten Jungen« nannte, zu erholen. Es war die Principessa, welche den Wandel zuerst bemerkte. Sie winkte Attilio, der mit einer Platte von Sandwiches in der Hand, den Salon betreten hatte, und der auch Zeuge des Vorgangs geworden war.

»Kommen Sie mir helfen, die Signora in ihr Zimmer zu bringen – sie ist hier überflüssig geworden«, sagte sie laut. Attilio stellte die Platte sofort auf den nächsten Tisch, nahm Melanie unter dem einen Arm, während die Principessa sie fest an dem anderen faßte, und so schleppten sie die Delinquentin mehr, als sie sie führten, hinaus.

Nachdem die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, räusperte sich Tor di Quinto und trat an Violanta heran, die blaß und stumm vor dem Teetisch stand, und mit der Rechten das glänzende Fell der toten Katze streichelte, während Don Pietro ihre Linke in der seinen hielt, schützend, beruhigend, teilnehmend ohne Worte.

»Was denkst du nun zu tun, Kusine?« fragte der Minister. »Du wärst ja ganz im Recht, wenn du aus dem Geständnis dieses Mädchens einen öffentlichen Fall machen wolltest. Es wird auch kaum nötig sein, den Rest der noch in dieser Phiole vorhandenen Flüssigkeit, oder den verschütteten Rahm einem gerichtlichen Chemiker zur Untersuchung zu übergehen, – der Kadaver dieses armen Tieres da genügt als Korpus delikti. Indes, was du bei einer strafrechtlichen Verfolgung dieser Personen, von denen der eine ein naher Verwandter ist, gewinnen könntest, würde nach meinem Dafürhalten den Aufregungen eines solchen Skandalprozesses nicht die Waage halten, wobei ich, offen gestanden, in erster Linie an meine arme Frau denke, die ich für mein Leben gern in Unwissenheit über die fatale Sache lassen möchte.«

»Das versteht sich von selbst«, fiel Violanta ein. »Deine Frau, ihre Schwestern und vielleicht auch dein Schwager, wie Markantonio dürfen nie und niemals erfahren, wie weit ihr Vater um das, was er gewinnen wollte, gegangen ist. Ich bin eine Porsenna und weiß, was ich meinem Namen schuldig bin. Alle Zeugen des eben Erlebten und Erfahrenen werden auf meine Bitte unverbrüchliches Schweigen darüber bewahren; Doktor Nemi, mein Freund und Berater, wird, dessen bin ich sicher, um der Würde des Namens willen, dessen Sachwalter er ist, von einer strafrechtlichen Verfolgung der Schuldigen Abstand nehmen, um so mehr, als es ja gottlob bei der Absicht geblieben ist. Und auch für Attilio stehe ich ein. Gib mir die Phiole, Fabio. Ich werde einer Auseinandersetzung mit Onkel Ferrante nicht ausweichen ; dazu brauche ich sie – als Waffe.«

»Nun, sie hat sich auch in meiner Hand zu dieser Rolle gemeldet«, erwiderte der Principe grimmig, ohne die Phiole loszulassen.

»Hoheit, ich glaube, Sie liefern das Korpus delikti besser meiner Klientin aus«, fiel Nemi ein. »Ohne Ihrem Verlangen nach einer Privatunterhaltung mit Ihrem Herrn Schwiegervater über dieses Thema irgendwelche Hindernisse entgegenstellen zu wollen, fürchte ich, daß die Sicherheit meiner Klientin durch ein Eingreifen Ihrerseits in keiner Weise garantiert werden dürfte. Ich ersuche Altezza bei ihrer Unterredung mit Don Ferrante mit meiner Gegenwart zu rechnen, damit ich nötigenfalls eingreifen kann. Die Herzogin und ich stehen in einem ganz anderen Verhältnis zu ihm als Sie, lieber Fürst; was Sie ihm sagen wollen, ist Privatangelegenheit, nur möchte ich mir den Rat erlauben, Ihre Unterredung mit Don Ferrante aufzuschieben, bis die Herzogin ihn gesprochen hat; das dürfte nicht ohne Einfluß darauf bleiben, wie er sich Ihnen gegenüber stellen wird. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen –«

»Doch, ich verstehe Sie ganz gut und bin Ihnen dankbar für den Wink, der mir ja das Oberwasser verheißt«, versicherte der Principe. »Ich werde also jetzt nach Rom zurückkehren. Und sei überzeugt, Vio, daß ich von Herzen mit dir fühle. Deiner jungen Seele ist ein schwerer Stoß versetzt worden durch den Verrat einer Person, die du für deine Freundin gehalten, von dem Urheber dieses Verrates ganz zu schweigen –«

»Ja, Fabio, ich bin ganz überzeugt von deiner Anteilnahme, wie du es hoffentlich auch von der meinigen bist. Sind wir beide doch an dieser schlimmen Erfahrung beteiligt. Und tue nur dein möglichstes, damit Vittoria ganz ahnungslos bleibt.«

»Sei ganz ruhig. Was den Kindern meines Schwiegervaters noch an kindlichen Gefühlen für ihren Vater übriggeblieben ist, soll ihnen erhalten bleiben«, versicherte der Minister trocken.

»Ja, und Fabio, glaubst du, daß er Melanie wirklich geheiratet haben würde, wenn – wenn es ihr gelungen wäre –« Violanta stockte; es war auch nicht nötig, auszusprechen, was die drei Herren ohnedem verstanden.

»Ich bezweifle es«, sagte Tor di Quinto.  

»Ich nicht«, versicherte Nemi. »Vom Standpunkt des Kriminalisten gesprochen, würde es höchst unweise sein, eine Mitschuldige laufenzulassen, deren bekannte Schwatzhaftigkeit den geistigen Urheber der Tat jede Stunde ausliefern kann. Selbst Schweigegelder sind, wie die Erfahrung lehrt, sehr unsichere Brücken, davon gar nicht zu reden, daß die unvermeidliche Erpressungsschraube zu unerträglichen Zuständen führt. Vorausgesetzt natürlich, daß der – der Auftraggeber sich selbst nicht so gedeckt hat, daß ihm nichts oder doch nur sehr schwer etwas nachzuweisen ist, oder daß er Mittel und Wege in petto hat, sich der unbequemen Katzenpfote endgültig zu entledigen.«

»Nun ja, solch eine Voraussetzung hat mir wohl vorgeschwebt, als ich meinen Zweifel aussprach«, sagte Tor di Quinto grimmig.

»Nun, also auf Wiedersehen, Kusine. Pietro, kommst du mit?«

»Ja«, erwiderte Don Pietro. »Und was sage ich meiner Mutter wegen morgen?«

»Oh, wir kommen natürlich«, rief Violanta, die froh war, allein zu sein, nachdem auch Nemi mit den beiden Herren herausgegangen war. Ich komme mir vor wie der Reiter auf dem Bodensee, dachte sie, indem sie nach einem Blick auf den Kadaver der Katze in ihr Zimmer entfloh. Armer Numa Pompilius! Mußte er darum diese Liebe zu mir fassen, um den Beweis für das Komplott gegen mein Leben mit dem seinigen zu erhärten und zu bezahlen? Hat sie, diese falsche Freundin, wirklich gesehen, was uns allen unsichtbar blieb, den armen, kleinen Giacomo Porsenna, dessen Geist wiederkehren durfte, mich zu retten? War es seine Kinderhand, die ich im Traume die Schlange würgen sah, die aus meiner Teetasse auf mich losfuhr? Lieber Gott, was alles habe ich in diesem Hause schon erlebt, – wird, kann noch etwas geschehen, das es mich vergessen läßt?

Bald darauf wurde sie von der Principessa aufgesucht

»Ich habe Melanie gründlich ins Gebet genommen«, erzählte sie. »Ob mit oder ohne Nachwirkung, möchte ich mit Sicherheit nicht behaupten. Eben noch ist sie von heftiger Reue erfüllt, nicht etwa über ihre beabsichtigte Tat, sondern weil diese ihr durch das mißlungen ist, was sie ihrer eigenen Dummheit wegen ihre törichte Furcht vor – dem roten Jungen nennt, dessen Anblick, eingebildet oder nicht, sie völlig entnervt und ihr das Geständnis erpreßt hat. Da sie diese Furcht nun überwunden, hatte sie gute Lust, alles zu widerrufen, aber ich habe ihr bewiesen, daß die grüne Phiole und der Kadaver der Katze so erdrückend gegen sie aussagen, daß alles nachträgliche Ableugnen nicht nur unnütz ist, sondern ihre Lage verschlimmern würde. Denn dich abgerechnet, sind es fünf ganz einwandfreie Zeugen, deren Aussagen sie einfach zu Boden schmettern würden, falls es dein Wille ist, sie auf die Anklagebank zu bringen. Diese Drohung half, und nun spie der kleine Racker sein Gift gegen Don Ferrante aus, der ihr auf der Anklagebank Gesellschaft leisten sollte. Auf diesem Punkt habe ich sie verlassen. Ich nehme an, daß du selbst wohl keine Lust haben wirst, sie zu sehen und zu sprechen.«

»Nein, ganz bestimmt nicht«, rief Violanta sich schüttelnd. »Wenigstens mag ich sie nicht wiedersehen, bis ich gelernt haben werde, nicht nur zu vergeben, sondern auch zu vergessen.«

»Das ist begreiflich, und weil ich auch annehme, daß es dir fernliegt, die Sache an die große Glocke eines Sensationsprosesses im Hause Porsenna zu hängen, so wird es am besten sein, du schickst das liebe Wesen umgehend ihren Eltern zurück. Du kannst ja zum Vorwand nehmen, daß Melanie die Luft hier nicht bekommt; was sie selbst daheim sagen will, magst du ihr überlassen, – es wird nichts zu ihrem, aber alles zu deinem Nachteil ausfallen, damit mußt du rechnen; das muß ertragen werden. Meine Kammerjungfer, die Tirolerin, welche mir aus der Heimat nach Rom gefolgt und durchaus zuverlässig ist, kann sie nach Zürich zurückbegleiten, und zwar je eher, je besser, damit Melanie nicht noch weiteres Unheil anrichtet. Ich habe sie zwar eingeschlossen und werde sie auch unter der Aufsicht meiner Marie interniert halten, aber man kann nie wissen, was passiert. Wenn du heut noch den Eltern Oster schreibst und den Brief zum Nachtzuge nach Rom mit einem Boten schickst, so muß er morgen mittag in Zürich sein, und wir können Melanie morgen mit dem Frühschnellzuge nachschicken.«

Der Brief an die Eltern war Violanta entsetzlich peinlich und fiel ihr ehrlich schwer, aber sie sah ein, daß der Rat der Principessa gut war. Da auch Nemi ihm zustimmte, so gelang ihr denn auch nach seiner Anweisung das vorsichtig abgefaßte Schriftstück nach einigen Versuchen so, daß es die armen Leute weder verletzen, noch auch über den »Zustand« ihrer Tochter erschrecken konnte. Die Principessa übernahm es, Melanie den Brief vorzulesen, und obwohl diese sich anfangs dagegen sträubte, und mit rasch wiedergewonnener Unverfrorenheit verlangte, man sollte ihr lieber in Rom oder sonstwo in Italien eine gute Anstellung verschaffen, sich zuvor auch mit Don Ferrante beraten, so mußte sie doch der entschiedenen Ablehnung dieser Forderungen nachgeben und war klug genug, unter Violantas Brief als Postskriptum zu schreiben: »Liebe Eltern, die Luft in dieser schönen Gegend hat sich als ganz unverträglich mit meiner Gesundheit erwiesen, habt aber keine Sorge, Zürich wird mich bald wieder auf die Höhe bringen. Auf Wiedersehen – Eure Melanie.«

Die Principessa verfehlte auch nicht, sie darüber aufzuklären, welch zarte Rücksichtnahme in dem Briefe Violantas auf die Gefühle ihrer Eltern lag; aber der Eindruck, den sie damit machte, war mäßig, denn noch war Melanie nicht soweit, die ganze Tragweite ihres Verrates an der Freundschaft, die sie ohnehin auf eine so harte Probe gestellt hatte, zu begreifen, denn die Wurzel alles Übels war ihr zum Haß ausgewachsener Neid über die bevorzugte Stellung Violantas, – dieser Neid, den Don Ferrante erkannt und schnöde und gewissenlos zur Erreichung seiner verbrecherischen Ziele genährt und ausgenutzt hatte. Diese Erkenntnis zu bewirken, war erst der Zeit vorbehalten, falls sie ihr überhaupt zugänglich war, denn es gibt Naturen, die niemals einsehen, daß sie unrecht hatten, ja im Gegenteil mit der Zeit ganz fest davon überzeugt werden, die Märtyrer derer zu sein, welche sie daran verhinderten, Unrecht an ihnen zu tun. Bei der oberflächlichen und vollständig skrupellosen Natur Melanies stand zu befürchten, daß die Reue ein ihr ganz unzugängliches Gefühl war.

So wurde sie denn am folgenden Morgen, ohne Violanta wiedergesehen zu haben, was sie übrigens auch gar nicht verlangte, in der Begleitung der energischen Kammerfrau der Principessa und unter der Bewachung Attilios zum Frühzuge »abgeschoben«, wobei das mit Gepäck hochbeladene Auto, das die Beute Melanies enthielt, im Vorüberfahren von Don Ferrante zufällig erblickt wurde. Es anzuhalten und zu fragen, wer wohl aus dem Schloß abreisen wolle, dazu war er zu weit entfernt, und nach kurzer Überlegung richtete er seinen Morgenspaziergang nach dem Schlosse, seine Neugier an der Quelle zu befriedigen. Als ihm gesagt wurde, daß die Signorina Oster abgereist sei, Altezza sie aber nicht begleitet habe, wurde seine Neugier noch verschärft, weshalb er anfragen ließ, ob seine Nichte ihn empfangen wollte, und alsbald eingeladen wurde, sich zu ihr heraufzubemühen.

Er traf sie zu seiner durchaus nicht angenehmen Überraschung in Gesellschaft Doktor Nemis, den er aus guten Gründen, wie man so sagt, »nicht riechen konnte«, in ihrem Wohnzimmer an, machte aber gute Miene zum bösen Spiel und begrüßte den »Weißen Löwen« mit trefflich gespielter Liebenswürdigkeit.

»Ich störe hoffentlich keine geschäftliche Konferenz, die doch gewiß wichtig genug sein muß, wenn der Justizrat selbst dazu von Rom kommt«, sagte er lauernd, obwohl er ganz genau wußte, daß Nemi schon seit einigen Tagen in Santa Rosa weilte. »Offen gestanden«, fuhr er lächelnd fort, »hat mich die Neugier zu so früher Stunde schon hergeführt. Lieber Himmel, man ist hier so losgelöst vom Getriebe der Großstadt, daß einem die kleinste Sache zum Ereignis wird, man ein brennendes Interesse für jede Lappalie künstlich großzieht. Nun also, als ich vorhin mein Haus verließ, sah ich dein Auto mit Gepäck beladen gerade den Berg herabfahren, und glaubte natürlich, du wolltest verreisen. Ich ging also hierher, mich zu erkundigen, und hörte, daß Fräulein Oster abgereist sei. Ja, wie ist denn das so schnell gekommen? Hat sie eine Alarmnachricht von zu Hause erhalten?«

»Nein, Onkel, – ich habe Melanie nach Zürich zurückgeschickt, weil die Luft in Santa Rosa ihr nicht bekommt«, versetzte Violanta ruhig und gesammelt. »Diese Luft hat einen unheilvollen Einfluß auf sie ausgeübt, denn sie hat gestern in Anwesenheit Olgas, Doktor Nemis, Fabios und Pietro Porsennas den Versuch gemacht, meinen Tee zu vergiften –«

»Aber meine liebe Vio!«

»Tatsache, Onkel Ferrante. Zum Glück für mich wurde Melanie, als sie das Gift in meine Teetasse träufeln wollte, durch irgend etwas erschreckt und vergoß den Inhalt ihres Fläschchens in die Rahmkanne; diese fiel um, und die auf den Tisch gesprungene Katze wurde durch den Genuß des verschütteten Rahms auf der Stelle getötet. Infolge des Schreckens versagten Melanie total ihre Nerven, und unter diesem Eindruck hat sie vor uns allen, den zufällig dazugekommenen Attilio einbegriffen, ein umfassendes Geständnis abgelegt; wie oft sie schon versucht hatte, mir das Gift beizubringen, aus welchen Gründen sie es getan, wer der geistige Urheber des Attentats auf mein Leben war –«

»Aber meine liebe Vio!« fiel Don Ferrante wieder ein. Er hatte sich wohl leicht verfärbt, behielt aber seine Haltung. »Du hast doch hoffentlich solch einem hirnlosen Geschwätz keinen Glauben geschenkt?«

»Es wäre angesichts des durch den Genuß des Rahms vor unseren Augen getöteten Tieres schwer gewesen, diesem allerdings sehr überraschenden Bekenntnis keinen Glauben zu schenken«, sagte Violanta mit der gleichen Ruhe und Sachlichkeit. »Außer mir waren fünf Zeugen gegenwärtig, die für jedes Wort einstehen können. Die Phiole, aus welcher Melanie das Gift vergossen hat, warf sie in der Erregung von sich ; Fabio hat sie sofort als dein Eigentum erkannt.«  

»Als mein – ah, das kann nur die grüne Phiole mit dem Goldstöpsel gewesen sein, die ich seit einiger Zeit vermisse« rief Don Ferrante mit bewunderungswerter Fassung. »Sollte das Mädchen, dem ich sie in meinem Schrank zeigte, eine kurze Abwesenheit meinerseits benutzt haben, die Flasche, die übrigens leer war, an sich zu nehmen?«

»Gib dir keine Mühe, Onkel«, entgegnete Violanta mit verhaltener Stimme. »Melanie hat vor fünf Zeugen, mich ausgenommen, sogar den Preis genannt, der ihr in Aussicht gestellt wurde, wenn ihr meine Beseitigung gelänge. Dieser Preis war freilich ganz geeignet, dem neidischen Geschöpf den Kopf zu verdrehen, es zu einem Verbrechen zu reizen, dessen Ungeheuerlichkeit ihr, wie ich hoffe, nicht ganz zum Bewußtsein gekommen –«

»Liebe Vio, ich protestiere energisch –«

»Onkel Ferrante, es gibt keinen Rauch ohne Feuer; man schreit solche Dinge nicht vor einem Kreis von sechs erwachsenen, ihrer Sinne vollkommen mächtigen Personen heraus, nur um eine Sensation zu erregen. Die grüne Phiole, von Fabio als dein Eigentum erkannt, ist mit einem kleinen Rest ihres Inhalts in meinen Händen. Ich will sie dir zurückgeben, wenn du darauf eingehst, mir deine Villa zu verkaufen, was dich in die Lage versetzen würde, Ortensia in ihr Kloster gehen zu lassen und dich selbst, fern von Rom, in eine Gegend zurückzuziehen, wo die Luft bekömmlicher für dich ist. In der Stunde, in welcher du den unter dieser Bedingung abgefaßten Verkaufsvertrag unterschreiben wirst, soll Doktor Nemi dir die Phiole – man nennt sie wohl ein Korpus delikti, nicht? – zurückerstatten, und keines deiner Kinder wird jemals erfahren, daß das kostbare Objekt eine Zeitlang aus deinem Besitz verschwunden war, und zu welchem Zweck. Solltest du Zeit brauchen, meinen Vorschlag in Erwägung zu ziehen, so will ich dir vierundzwanzig Stunden dazu bewilligen.«

»Ich denke, Don Ferrante wird angesichts des so komplett vorliegenden Falles dieser Bedenkzeit nicht bedürfen«, nahm Doktor Nemi jetzt das Wort. »Es wird ihm ohne weiteres schon eingeleuchtet haben, daß die Herzogin von Santa Rosa auf ihr gutes Recht, das heißt, im Interesse des Namens Porsenna, auf eine strafrechtliche Verfolgung Verzicht zu leisten gewillt ist; die Form, in welcher dies geschehen kann, ist eine so ungemein und außergewöhnlich milde und für den Schuldigen vorteilhafte, daß sie auch einem weniger klugen und berechnenden Kopf, wie dem seinigen, ohne weiteres in die Augen springen würde. Ich, als Sachverwalter der Herzogin von Santa Rosa und als ihr juristischer Berater, bin genötigt, vorweg zu betonen, daß ich bei einer etwaigen Ablehnung Don Ferrantes darauf dringen werde, daß der Fall Porsenna – Oster auf dem gesetzmäßigen Wege zum Austrag gelangt, und zwar im Interesse der persönlichen Sicherheit meiner Klientin.«

»Soll das eine Drohung sein? Eine Erpressung meiner Zustimmung?« fragte Don Ferrante schleppend, aber, mit funkelnden Augen. »Dagegen könnte ich gerichtlich vorgehen.«

»Erst nachdem die Ursache, welche der Wirkung vorausgegangen ist, ihren Abschluß gefunden hat«, erklärte Nemi sachlich. »Da ich in der glücklichen Lage bin, selbst als Zeuge aufzutreten, so wage ich zu behaupten, daß über den Ausgang des Prozesses ein Zweifel nicht gut möglich ist.«  

Wenn Nemi beruflich »etwas zu behaupten wagte«, dann war er seiner Sache bereits so sicher, daß diejenige der Gegenpartei so gut wie verloren war. Das wußte Don Ferrante sehr gut; er wußte auch, daß Nemi immer verbindlich wurde, wenn er den Gegner bereits »im Sack« hatte, aber er tat natürlich, als wüßte er nicht, was in Rom schon annähernd sprichwörtlich war. Überlegen zuckte er mit den Achseln, zog sein Taschentuch hervor, klopfte damit von seinem weißen Flanellanzug ein unsichtbares Stäubchen ab und sagte dann langsam: 

»Daß es längst mein Wunsch war, die Villa zu verkaufen, falls mir ein annehmbarer Preis dafür geboten wird ist meiner Familie bekannt. Hätte mein Vater nicht so energischen Protest dagegen erhoben, das Haus zu einem Hotel zu machen, wäre ich sie längst schon los. Nun vielleicht ist die Gelegenheit, das Grundstück in der Familie zu lassen, eine, die man nicht kurzerhand von sich weisen sollte. Mit einem Wort: ich erwarte dein Angebot liebe Nichte.«

»Verzeihung, Don Ferrante: Angebote werden nicht gemacht. Ich, im Namen meiner Klientin, bestimme den Kaufpreis nach der Taxe des Katasters, beziehungsweise der Feuerversicherung«, fiel Nemi mit einer Sanftmut ein, die überwältigend war, und Don Ferrante fühlte, daß er die Segel streichen mußte, was er mit dem ihm eigenen Aplomb tat.

»Ach ja, ganz richtig, – die Taxe des Katasters hatte ich im Augenblick ganz vergessen«, sagte er schleppend. »Nun ja, dann wäre die Sache wohl soweit geordnet, und ich kann Ortensia die ihr gewiß sehr willkommene Nachricht bringen, daß ihrem Eintritt in das Kloster nichts mehr im Wege steht. Ich darf sie doch von dir grüßen, meine liebe Vio? Ihr Diener, Doktor!«

Als er ohne Eile, durchaus ruhig schlendernd, die Tür hinter sich geschlossen, ohne daß Violanta die Hand gesehen, die er die Unverfrorenheit hatte ihr zu reichen, brach Nemi das eingetretene Schweigen: »Er muß ein furchtbar schlechtes Gewissen haben, weil er nicht gefragt, nicht daran zu rühren wagte, was Fräulein Oster ausgesagt hat. Diese Unterlassung allein belastet ihn schwer. Das wird ihm nachträglich ja wohl auch einfallen. Ich werde natürlich nicht verfehlen, mir von ihm einen Revers ausstellen zu lassen, daß der Ankauf der Villa unter der ausdrücklichen Bedingung seiner persönlichen Entfernung aus Rom und Umgebung geschieht und ein Bruch dieses Vertrages die Rückerstattung der Hälfte der Kaufsumme zur Folge hat. Solch ein glatter Aal ist nur durch die festen Maschen seiner eigenen Geldbörse zu fangen und festzuhalten. Es wird Altezza ja auch aufgefallen sein, daß er zwar gnädigst geneigt ist, seine Villa an Sie zu verkaufen, als Gegenleistung jedoch nichts, rein gar nichts versprochen hat; freilich wird er ja auch kaum erwarten, daß ich dieses wichtige Intem übersehen werde.«

Violanta hatte in ihrem Anstand gute Lust, einzuwenden, daß es eigentlich unwürdig sei, sich noch schriftlich bestätigen zu lassen, was sie ja doch ausdrücklich als Bedingung genannt, aber sie sah ein, daß Nemi wahrscheinlich recht hatte und sie doch überstimmen würde.

Tief Atem holend sagte sie statt dessen:

»Der Kaufvertrag von Don Ferrante sollte eigentlich meine letzte Handlung als Herzogin von Santa Rosa sein, aber bevor ich meine Entsagungsurkunde vollziehe, bitte ich Sie, die Schenkung der Villa an das Kloster der Damen della Santa Annunziata, deren Oberin meine Tante Ciacinta, Don Ferrantes Schwester, ist, zum Zweck eines Erholungsheimes für die Schwestern rechtskräftig zu vollziehen. Sie sind doch damit einverstanden, lieber Freund?«

»Ich habe es sogar erwartet, daß Sie selbst noch die Villa einem edlen Zweck bestimmen würden«, erwiderte er. »Der von Ihnen gewählte vertieft mein Bedauern, daß Sie mir als Klientin nur wie ein Meteor erschienen sind, der, kurz geleuchtet, wieder entschwinden soll. Ist Ihr Entschluß wirklich unabänderlich?«

»Er ist es«, versicherte sie, zum ersten Male seit gestern nachmittag wieder mit ihrem frohen Lachen. »Ich wollte, jeder König, der die Krone niederlegt, stiege so gern und freudig von seinem Thron herab wie ich, und jeder sähe vor sich das offene Tor zu seinem Paradies. Und wenn kein unerwarteter Sturm kommt, der das Tor zuschlägt, bevor es erreicht ist, dann werden Sie – dessen bin ich sicher – der erste sein, der zu mir sagt: Sie haben recht getan.« 

Die Principessa fand, daß Violanta, nachdem Nemi wieder abgereist war, unruhig, rastlos und zerstreut wurde, und da sie ihre Meinung nicht hinter dem Berge zu halten pflegte, so fragte sie denn auch geradezu, ob es nicht angezeigt wäre, jetzt schon nach der Villa Porsenna am Meer überzusiedeln.

»Denn man sieht, daß dich die Erinnerung an alles, was sich hier abgespielt, plagt. Es ist ja auch genug für bescheidene Ansprüche. Also laß uns einen Luft- und Szenenwechsel vornehmen, und je eher, desto besser.«

Violanta schüttelte mit dem Kopf.

»Es lohnt sich nicht mehr«, sagte sie unbedacht.

»Es lohnt sich nicht mehr?« wiederholte die Principessa erstaunt. »Ja, warum in aller Welt sollte es sich nicht mehr lohnen? Die Saison fängt doch eben erst an.«

Violanta merkte nun, daß sie sich verschnappt, zuviel oder zuwenig gesagt hatte. »Es ist ein Geheimnis, Liebste«, bekannte sie, sehr rot geworden. »Aber es wird bald keines mehr sein, und du bist die erste, die es erfahren soll. Ja, und sag an: Würdest du eventuell mit mir auf einige Zeit nach – Aquasanta gehen wollen?«

»Was? In das unheimliche Felsennest? Der Himmel soll mich bewahren!« rief die Principessa entsetzt.

»Ich sehe wirklich nicht ein, warum man das Experiment nicht machen sollte. Ich habe immer für unheimliche Schlösser geschwärmt«, meinte Violanta.

»Wenn du von diesem Artikel hier noch nicht genug, noch nicht das Gruseln gelernt hast, dann kann dir ja geholfen werden.«

»Wenn du tatsächlich entschlossen bist, der Welt, in der man sich langweilt, das Vergnügen zu machen, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen zu können, weil du dir von allen deinen Schlössern das schlechtest gelegene am schlechtesten eingerichtete und einsamste zum Wohnsitz auserkoren, – na, dann sollen die lieben Nächsten auch noch sagen dürfen: diese Olga Porsenna, die deutsche Gans, macht solch einen Unsinn mit! Natürlich, was kann man anderes von einer Tedesca, die noch dazu eine Austriaca, man denke: eine Österreicherin, ist, erwarten? Ich mache mir übrigens einen Pfifferling daraus, was die Leute sagen ; die Gedanken haben sie bei mir zollfrei. Also, wann reisen wir?«

»Olga, du bist eine Perle!« jubelte Violanta mit einer stürmischen Umarmung ihrer Kusine. »Paß auf, das Abenteuer wird ganz hübsch werden. Mit dem Vorrat an Möbeln in den halbleeren Zimmern werden wir uns die unsrigen sehr nett und gemütlich einrichten ; den Söller mit der schönen Aussicht ins Tal werden wir reich mit Blumen schmücken, große Kisten voll Bücher werden für unsere geistige Nahrung sorgen, mit den drei Burgkatzen werden wir in näheren Verkehr treten, und wenn sich einmal ein Besuch zu uns verirrt, dann werden wir vor lauter Vergnügen kopfstehen und radschlagen –«

»Und diese Leichtsinnigen mit Polenta, Makkaroni, Risotto und Salat bewirten. Ich weiß nämlich zufällig, daß die Frau des Kastellan über dieses glänzende Repertoire der Kochkunst verfügt. Denn daß dein Chef sich bedanken wird, in dem finsteren Loch von einer Küche mit dem offenen Herd zu kochen, steht doch bombenfest. Kein Küchenchef, der auf sich hält, würde das tun. Deine und meine Zofe werden umgehend Reißaus vor den Gespenstern nehmen, und Attilio – nein, Attilio wird aushalten, wenn auch unter Protest.«

Violanta war noch nicht so verwöhnt, daß das Fehlen eines Küchenchefs ihr etwas ausmachte; bei Attilios Namen aber rief sie unbedacht aus:

»Oh, Attilio wird nicht nötig haben, es aufs Aushalten ankommen zu lassen, denn ihn kann ich ebensowenig mitnehmen wie zum Beispiel den Campanile hier. Denn dieser gehört zur Kirche und jener zum – Herzog von Santa Rosa.«

»Zum –« Der Principessa blieb die Wiederholung in der Kehle stecken; sie sah Violanta groß an, die einsah, daß es mit dem »Geheimnis« doch so gut wie vorbei war und der Kusine ihren Abdankungsentschluß unter dem Siegel der Verschwiegenheit beichtete.

Daß Olga Porsenna einfach starr war, ist ebensowenig eine Übertreibung, als daß sie alle ihre Überredungskünste erschöpfte, Violanta diese »haarsträubende Idee« auszureden; sie atmete jedoch auf, als sie erfuhr, daß nicht Don Ferrante, sondern der »Bauer Porsenna« der rechtmäßige Erbe des Fideikommisses war, was ihr ein erleichtertes »Gott sei Dank!« entlockte.

»Aber wenn es nicht diese gräßliche Mordgeschichte ist, die dich zu dem unbegreiflichen Entschluß gebracht, was hat es dann getan? Warum willst du mit einem Federzug wegwerfen, was dir legitim gehört?« forschte sie außer sich.

»Dieses ›Warum‹ wirst du niemals erfahren, Olga. Es bleibt als ein ewig versiegeltes Geheimnis in meiner Brust begraben«, versicherte Violanta fest.

»Aber die Leute werden sich mit gewiß nicht schmeichelhaften Vermutungen die Mäuler zerreißen!«

»Du hast mir eben versichert, daß du dir einen Pfifferling aus dem Gerede der Leute machst; ich schließe mich diesem guten, sicherlich sehr vernünftigen Beispiel an und tue desgleichen«, behauptete Violanta mit so strahlenden Augen, daß die Principessa einsah, alle Widerrede sei umsonst.

»Hol' dich der Kuckuck, du weiblicher Esau, die du auch noch lachend dein Erstgeburtsrecht gegen das Linsengericht einer ruppigen Fürstin von Aquasanta hergibst«, grollte sie aufgebracht.

»Gewiß hast du im Nachlaß des alten Duca irgendeinen Wisch gefunden, der dir diese Flausen in den Kopf gesetzt hat. Ich traue es ihm schon zu, daß er dir das Erbe zu verekeln bemüht war.«

»Er hat es nicht getan, ist ganz unschuldig an meinem Entschlusse. Und was das Linsengericht betrifft: ich habe Linsen immer sehr gern gegessen.«

»Ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß du das größte Schaf unter der Sonne bist! Wenn mich bei dieser ganzen jammervollen und blödsinnigen Sache eines trösten kann, so ist es die Gewißheit, daß Onkel Ferrante nicht der Gewinnende ist.«

»Seinetwegen hätte ich auch niemals verzichtet, Olga! Nicht einmal, bevor – ich ihm seine Villa abkaufte.«

»Was ich gewissermaßen als eine Belohnung für seine liebevollen Absichten gegen dich betrachte. Was hatte denn das für einen Zweck, nachdem du doch schon vorher beschlossen hattest, abzudanken, frage ich?«

»Einen Zweck hat es schon; freilich muß erst die Zukunft lehren, ob der Zweck den Zweck erreichen wird. Das Greifbare ist, daß Onkel Ferrante in andere Gefilde verduften wird, und ich kenne einen, der darüber vor Freude einen Solotanz aufführen wird, nämlich der gute Fabio Tor di Quinto. Jetzt bin ich aber doch neugierig, ob Onkel Ferrante sich Melanie als Gefährtin seiner Luftveränderung holen wird.«

»Fällt ihm ja gar nicht im Traume ein; der Mohr hat seine Schuldigkeit nicht getan, beziehungsweise verpatzt, folglich kann der Mohr erst recht gehen. Das heißt, ich weiß doch nicht! Melanie kann den Mund nicht halten, aber wenn man Plaudertaschen ein Schloß vorlegt, dann sind sie relativ unschädlich. Wissen wir, was die beiden miteinander ausgemacht haben?«

Dann kam ein Tag, an welchem Violanta nach Rom fuhr, um bei Doktor Nemi ihre Unterschrift unter den Kaufvertrag der Villa Don Ferrantes und unter die Schenkungsurkunde besagter Villa an das Kloster der Damen di Santa Annunziata zu vollziehen. Darauf unterschrieb sie die um drei Tage vorausdatierte Urkunde, laut welcher sie das Porsennasche Fideikommiß mit allen Rechten, Titeln und so weiter an den nächstberechtigten Agnaten, Don Pietro Porsenna, abtrat.

Der Würfel war gefallen.

Und nun kamen drei Tage, ewig lange Tage und noch längere Nächte für Violanta, während welchen sie ihre ganze Kraft zusammennehmen mußte, um sie mit dem äußerlichen Anschein heiterer Ruhe zu überstehen; Tage und Nächte, da ihr Herz zum Zerspringen klopfte, ihre Pulse hämmerten und alles, was der Alltag brachte, an ihren Nerven riß, der ewige Sonnenschein sie zur Verzweiflung brachte, ein Gewitterregen sie in die tiefsten Tiefen seelischer Niedergeschlagenheit hinabriß, Spazierfahrten sie bis zur Unerträglichkeit ermüdeten und es ihr daheim zu enge zwischen den weiten Wänden wurde.

Sie beherrschte sich aber in der Gegenwart anderer gut, nur das scharfe Auge der Principessa sah den Sturm in den blauen Augen und wunderte sich –

Bereute Violanta ihren raschen Schritt bereits?

Am vierten Tage gegen Abend kam Don Pietro vorgefahren und fragte kurz, ob die Herzogin zu sprechen sei. Doch, Altezza waren daheim. Allein? Ja; sollte die Frau Principessa auch benachrichtigt werden? Denn der wohlerzogene Diener wußte sehr genau, daß für einen jungen Herrn, mochte er auch zehnmal ein Verwandter sein, die junge Herzogin nur in Gegenwart einer Ehrendame zu sprechen war. Don Pietro verbat sich aber entschieden, die Frau Principessa zu benachrichtigen, und folgte dem Diener auf dem Fuß ; er wartete nicht einmal, bis der Meldung eine Aufforderung zum Nähertreten folgte, sondern trat einfach hinter dem Diener in Violantas Wohnzimmer ein, wo sie am Schreibtisch saß und ihm sogleich lächelnd, aber blaß bis an die Lippen, entgegenging. Aber er ergriff nicht die Hand, die sie ihm hinhielt; kaum daß der Diener die Tür hinter sich wieder zugemacht hatte, deutete er auf einen sehr amtlich aussehenden Briefumschlag in Folioformat und fragte heiser, ohne jede Begrüßung:

»Ich komme, weil ich wissen will, was das hier zu bedeuten hat!«

»Was das zu bedeuten hat?« wiederholte sie, obwohl sie sehr genau wußte, was er meinte, nur um die Zeit zu gewinnen, die ihr doch so lang geworden war.

»Deine Entsagung zu meinen Gunsten auf das Fideikommiß. Ich erhielt den Wisch vor einer Stunde. Zu meinen Gunsten! Der alte Nemi muß verrückt geworden sein, das – das mit seinem Namen gegenzuzeichnen!«

»Nein, der alte Nemi ist ganz bei Verstande«, erwiderte sie mit klingender Stimme ganz heiter. »Ich lege tatsächlich mein Erbe mit allen Titeln, Würden und Rechten nieder. Und da du der nächste Agnat bist –«

»Der bin ich nicht. Mein Vater hat für sich und seine Nachkommen auf seine Erbrechte verzichtet –«

»Nur für sich selbst, nicht aber für seine Nachkommen, folglich durfte ich gar nicht zugunsten eines anderen als dich entsagen«, fiel sie ein, indem sie das längst schon bereitgelegte Dokument aus dem Nachlaß des alten Duca Don Pietro überreichte.

»Da, lies und überzeuge dich selbst. Mein Urgroßvater hat damit gutgemacht, was wir geneigt waren, ihm als Ungerechtigkeit zur Last zu legen.«

Don Pietro las natürlich zunächst, was auf dem Umschlag stand, dann die inliegende Entsagungsurkunde seines Vaters; er las sie mit den Augen des Juristen, sah daß sie vollkommen rechtskräftig war, dachte eine Weile nach und sagte dann kalt:

»Da mein Vater eingestandenermaßen von dem seinigen mit diesem Dokument hintergangen worden ist, so werde ich seine Gültigkeit anfechten.«

»Das würde keinen Zweck haben, sagt Nemi, dem ich diese Befürchtung schon aussprach, weil ich deinen Porsennaschen Stolz und deinen Volpeschen Dickkopf fürchtete«, entgegnete Violanta ganz vergnügt. »Wenn dein Vater, statt blindlings in seinen verletzten Gefühlen zu unterschreiben, vorher durchgelesen hätte, was er unterschreiben sollte, wie es seine Pflicht war, dann – dann wäre zwischen Vater und Sohn vielleicht alles anders gekommen. Da dein Vater aber unterschrieben hat, sagte Doktor Nemi, so bist du der nächstberechtigte Agnat oder warst es vielmehr, und wenn du dich auf den Kopf stellst.«

Ich kann aber ebensogut entsagen wie du«, behauptete Don Pietro, indem er ein unwillkürliches Lächeln verbarg.

»Sicherlich ist das dein Recht; dann tritt Onkel Ferrante an deine Stelle, wofür er dich jedenfalls gerührt an sein Herz drücken wird. Und da wir gerade von ihm reden, so bin ich verpflichtet, dir zu sagen, daß ich die letzten Tage meiner Regentschaft dazu benutzt habe, ihm seine Villa hier abzukaufen, damit einer Luftveränderung seinerseits nichts mehr im Wege steht.«  

»Glückliche Reise«, sagte er rauh. »Der Mensch ist billig davongekommen.«

»Es war anders nicht zu machen. Aber nicht du wirst Besitzer der Villa sein; ich habe sie dem Kloster deiner, unserer Tante Ciacinta geschenkt als Erholungsheim für die Schwestern. Ich hoffe, du bist damit einverstanden.«

»Nicht nur das, – ich danke dir für den guten Gedanken; er ist ein trefflicher Ersatz für die Sühnekapelle, die man an der Stelle des Hauses hätte errichten müssen, in welchem ein Verbrechen geplant wurde, das dem Namen Porsenna ein Schandmal aufgeprägt hat.«

»Ich freue mich, daß du es in meinem Sinne auffassest. Es tut mir aber auch leid, daß ich dir den Gedanken voreilig weggenommen, mich mit Federn geschmückt, die mir eigentlich nicht mehr gebührten, nachdem ich doch schon früher veranlaßt hatte, die Entsagungsurkunde aufzusetzen –«

»Es war also nicht der hinterlistige Anschlag auf dein Leben, was dich zu diesem Schritt getrieben?« fiel Don Pietro rasch ein.

»O nein; ich werfe nicht so rasch die Büchse ins Korn«, entgegnete sie schlicht.

»Wenn es also das nicht war – warum hast du es getan?« fragte er scharf, und als sie nicht antwortete: »Gut. Ich werde also diesen Wisch zerreißen, und damit ist die Sache erledigt.«

»Das ist sie nicht«, widersprach sie lebhaft. »Von dem, was du da in den Händen hast, ist doch natürlich ein Duplikat angefertigt worden, und außerdem ist mein Name schon im Grundbuch gelöscht und der deine darin eingetragen. Es nutzt dir gar nichts, die Stirn zu runzeln und mich wütend anzusehen; ich habe meinen Kopf auch für mich, aber ich freue mich, daß ich die erste sein darf, die den Herzog von Santa Rosa zu seinem Regierungsantritt beglückwünscht. Mehr noch, ich freue mich, daß der alte, stolze Besitz in so gute, würdige Hände kommt.«

Wieder sah er die Hand nicht, die sie ihm mit ihrem lieben Lächeln entgegenstreckte, er sah nur in ihre blauen Augen, und es stieg heiß aus seinem Herzen in ihm auf.

»Und was bleibt dir?« fragte er erstickt.

»Oh, mir bleibt doch Aquasanta!«

»Aquasanta! Ein ödes, unheimliches Rabennest, Schauplatz himmelschreiender Taten und Einkünfte, die –«

»Wie Olga sagt, ruppig sind. Sie genügen mir aber, ich brauche nicht viel. Olga sagt auch, die Kastellansfrau kann Polenta, Risotto und Makkaroni kochen . . . du weißt also, was ich dir vorsetzen werde, wenn du uns mit deiner lieben Mutter besuchen wirst. Olga geht nämlich mit mir; natürlich nur für die Sommermonate, denn als Fürstinnen von Aquasanta besitzen wir zwei ja zusammen noch einen alten Palazzo in Rom, der zwar jetzt noch an allerlei kleine Leute vermietet ist –«

»Violanta, warum hast du das getan? Warum? Ich will es wissen, ich habe ein Recht dazu!« unterbrach er sie ohne Umstände, heftig, herrisch.

»Und ich habe das Recht, meine Gründe für mich zu behalten«, entgegnete sie zurückweichend, aber er ergriff ihre beiden Hände und hielt sie fest.

»Dieses Recht hast du vor der ganzen Welt, nicht aber mir gegenüber. Ich will und muß es wissen, warum du das getan hast!«  

»Ich lasse mich nicht zwingen!«

Don Pietro ließ ihre Hände so jäh los, daß sie fast das Gleichgewicht verlor.

»Gut denn«, sagte er entschlossen. »Morgen früh werde ich zu Nemi fahren und meinerseits auf das Erbe verzichten. Zugunsten Onkel Ferrantes natürlich! Der Mann hat es ja um dich verdient, Chef des Hauses Porsenna zu werden.«

Damit nahm er die Verzichtsurkunde Violantas vom Boden auf, wohin er sie zornig geworfen, und wandte sich ohne ein weiteres Wort zur Tür. Doch bevor er sie noch erreichte, denn das Zimmer war groß, hatte Violanta den kurzen, aber härtesten Kampf, den Kampf mit ihrem Stolz, ausgefochten, denn sie wußte, sie hatte es in seinen Augen gelesen, daß er keine leere Drohung ausgesprochen.

»Pietro!« rief sie leise, und als er sich, die Türklinke schon in der Hand, umwendete und langsam, widerwillig fast, zu ihr zurückkam, sagte sie mit überquellenden Augen: »Es ist hart, daß du mich zwingst, dir meine Gründe zu nennen. Ich – will es tun und dich dann nie mehr wiedersehen, niemals mehr!«

»Das wird sich finden!«

»Es ist mein letztes Wort. Also gut denn: Entsinnst du dich des Morgens, als ich nach dem Gutshof kam, um wegen des Protokolls über den Fund im geheimen Zimmer mit dir zu sprechen? Das Tor war verschlossen, weil deine Leute alle die Wallfahrt mitmachten; ich ließ also draußen halten und ging zu Fuß in den Hof, und als ich die Treppe hinaufsteigen wollte, hörte ich, was du mit deiner Mutter sprachst. Die Tür zur Milchkammer stand nämlich offen, und ich – ich wie festgebannt am Fuße der Treppe und hörte jedes Wort, und – oh, ich sehe, du weißt es nicht mehr, was du sagtest, aber ich kann es dir wirklich nicht wiederholen, wahr- und wahrhaftig nicht –«

Das war auch gar nicht nötig, denn Don Pietro erinnerte sich sehr genau. In sein vor Erregung blasses Gesicht stieg eine dunkle Röte, und in seine Augen ein weicher Ausdruck.

»Darum waren deine Augen an jenem Morgen also so stürmisch?« fragte er leise. »Darum also? Aber wenn du es darum tatest – nein Violanta, freiwillig sollst du mir mehr nicht sagen, aber fragen darf und muß ich: Hast du mich zum Herzog von Santa Rosa gemacht, damit ich vor dich hintreten und um dich werben darf?«

»So ist es«, erwiderte sie tonlos. »Und nun du es weißt, – geh!«

»Und nun ich es weiß«, fiel er ein, »habe ich das Recht zu einer zweiten Frage: Du hast gehört, daß ich dich liebe und warum ich dich nicht werben konnte, in meinem vielleicht zu großen Mannesstolz nicht wollte. Da hast du mich zum Herrn dieses Hauses, deines ganzen Besitzes gemacht – Violanta, geschah es darum, weil auch du mich liebst?«

»Ja, glaubst du denn, daß man so etwas aus Haß tut?« rief sie unter Weinen und Lachen. »Und nun –« die Stimme erstickte ihr, sie brachte kein Wort mehr hervor. Don Pietro aber drückte die Urkunde ihrer Verzichtleistung an seine Lippen.

»Und ich blinder Tor nannte dieses in nüchterne, juristische Phrasen gekleidete Hohelied der Liebe einen – Wisch, den ich so fest entschlossen war zu zerreißen. Ein Denkmal des Hauses Porsenna ist es, über das die Engel des Himmels ihre Freude haben! Niemals wiedersehen soll ich dich mehr, Geliebte? Im Gegenteil, nicht mehr aus den Augen will ich dich lassen, bis das ewige Schweigen fällt, das mir verbietet, dir täglich, stündlich zu wiederholen, wie sehr ich dich liebe. So sehr, daß ich dein Opfer annehme, um dich zu meiner Königin zu machen, die du mir die Krone des Lebens bist!«

Keines von beiden hatte gehört, daß es angeklopft hatte, sie hörten es auch nicht, daß die Tür sich leise öffnete, sahen es nicht, daß die Principessa ihren Kopf hereinsteckte, aber den Ausruf über den Anblick des sich umschlungen haltenden Paares noch rechtzeitig unterdrückte, bevor sie sich rasch wieder zurückzog. Um nur ja kein Geräusch zu machen, klinkte sie die Tür auch nicht wieder zu, sondern entfernte sich auf den Zehenspitzen, damit das junge Glück darinnen durch nichts gestört wurde.

»So also war es mit der Verzichtleistung gemeint?« lachte sie vergnügt vor sich hin. »Da sehe einer mal an! Macht das ganz gegen jede römische Etikette und Kleiderordnung ohne einen Ehrendrachen ab, nämlich ohne meine orthodoxe Gegenwart! Aber ich hab's ja immer gesagt, daß Rom solch eine famose Herzogin von Santa Rosa noch nie erlebt hat. Und ich komme, ihr zu sagen, daß sie sich eine andere Gesellschaft für ihr Felsenschloß suchen soll, weil einer, der mich geliebt hat, bevor ich Principessa Aquasanta wurde, darauf besteht, mich als Herrin in sein Tiroler Schloß zu führen, und ich solch eine Treue doch belohnen muß. Welch ein Glück, daß Violanta der gefürchteten Ehrendame nun entgeht, – bei dem da drinnen wird sie in guter Hut sein!«

So kam es, daß der »Bauer Porsenna« Herzog von Santa Rosa wurde, und daß Violanta, die sich selbst enteignet hatte, ihren Titel nur für die Dauer weniger Wochen verlor und ihr die Krone, umwunden von einem Brautkranz von Orangenblüten, wiedergegeben wurde. Sie hatte den Mut besessen, ihre Rechte dem Mann ihrer Liebe zu opfern, weil sie das schöne Wort: »Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz«, auf seine große, unsterbliche Wahrheit erkannt und nach ihm gehandelt hatte, denn sie besaß eine jener weißen, klaren Seelen, von denen der Dichter der »Göttlichen Komödie« so schön singt:

»Die schlichte Seele, die nichts anderes weiß,
Als was, bewegt durch ihren heiteren Schöpfer,
Sie gerne mitteilt dem, der sie so froh macht.«