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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem – Tiere und Menschen

Heitere Geschichten

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, Tiere und Menschen, Heitere Geschichten, Philipp Reclam jun., Leipzig, [1904]
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



»Glänzend gesiegt!«

»Honny soit qui mal y pense!«

»Morgen!« –

»Un–tertänigster Diener!« –

Pause, welche die sich also Begrüßenden dazu benutzen, sich mit nicht allzufreundlichen Blicken anzusehen. Die Szene ist ein Rennplatz bei einer größeren Stadt – sie ist eine große, ältere Dame, der man die Sportlady auf hundert Schritt ansieht, selbst wenn sie nicht im Reitkleide gewesen wäre – er ist ein stattlicher, älterer Herr mit gleichfalls stark ausgeprägtem Sportexterieur. Sie heißt Frau von Seeberg, ist Witwe, hat einen Sohn bei den Husaren und ein Landgut in der Nachbarschaft, dessen Revenuen reichlich im Pferdestall aufgehen – er heißt Graf Jutroschin, ist Witwer, hat eine Tochter und ebenfalls ein Landgut nebst einem wohlbekannten Rennstall. Wie es sich so für Gutsnachbarn ziemt, waren die beiden die allerbesten Freunde gewesen, bis – – na ja, da saß eben der Haken, das heißt, eigentlich saß er in dem Umstande, daß Frau von Seeberg einen Sohn hatte, einen bildhübschen, begabten, liebenswürdigen Sohn, und Graf Jutroschin eine Tochter, blond, lieblich und frisch wie ein Märzveilchen, und daß die Herzen dieser beiden sich gefunden hatten. In diesem Vorgange hätte ein harmloser Unparteiischer weiter nichts Unnatürliches gesehen, da die Vorzüge der jungen Leute, geistige wie körperliche, sie an sich schon füreinander passend erscheinen ließen – es soll aber bisweilen vorkommen, daß junge Herzen sich in Liebe finden, während die Eltern, insbesonders aber Väter oft anderer Ansicht sind. Graf Jutroschin hatte viel höher fliegende Pläne als sein einziges Kind, seine reizende, blonde Phyllis – so nach ihrer englischen Mutter genannt – einem simpeln, pauvern Leutnant ohne Aussichten und ohne alten Namen zu geben, denn die Seebergs waren nur sogenannter preußischer Krönungsadel von 1701, während die Jutro-schins vor grauen Zeiten als Hofpodaren regiert hatten. Frau von Seeberg hatte sich's ebensowenig wie ihr Sohn träumen lassen, daß dieser Umstand ins Gewicht fallen könnte, da Graf Jutroschin nie irgendwelchen Geburtsstolz herausgekehrt, und waren daher höchst niedergeschlagen und unglücklich, als Herbert von Seeberg mit einem nicht mißzuverstehenden und dauerhaften Korbe von seinem Werbungsgange heimkehrte. Frau von Seeberg war aber eine energische Dame, klug, resolut und außerdem eine zärtliche Mutter, die ihrem Sohne nicht nur seine Pferde zuritt, sondern für ihn mit der ganzen Hölle gefochten hätte.

»Was? Abgewiesen? Mit dem alten Jutro­schin rappelt es wohl! Na wart'  mal ein bissel, dem werde ich den alten Brummschädel schon zurecht rücken!« rief sie, ließ ihre braunen Jucker vor ihr Dogcart spannen und sauste im tempo furioso mit ihnen zum Hofe hinaus. Im Jutroschinschen Park traf sie die blonde Komtesse Phyllis, blaß, mit verweinten Augen, das war ihr gerade recht. Sie sprang aus dem Wagen, um mit dem jungen Mädchen zu sprechen, und da erfuhr sie zu ihrer Befriedigung nicht nur, daß »die Kleine« treu und fest zu Herbert hielt, sondern auch, daß ihr Vater den Plan gefaßt habe, sie mit einem bedeutend älteren, polnischen Magnaten zu verheiraten, der zwar eine Glatze hatte, daneben aber auch viel Mammon, einen Fürstentitel und, was die Hauptsache war, einen ausgezeichneten Rennstall besaß. Frau von Seeberg murmelte, als sie das glücklich herausgebracht, etwas Unverständliches und auch jedenfalls sehr Unparlamentarisches vor sich hin, beruhigte Phyllis nach Kräften, sprach ihr Mut zu, schwang sich dann wieder auf den Bock ihres Dogcart und fuhr in eleganter Kurve vor dem Schloßportal vor, unter dem der alte Graf stand. Er geleitete seinen Besuch in die Bibliothek, und was die beiden dort miteinander verhandelten, drang teilweise in die frische Natur, da beide Herrschaften sich eines kräftigen Organs erfreuten. Beide verfügten aber auch über ein reichassortiertes Lexikon kräftiger Redewendungen, und so wurde die Unterhaltung bald so stürmisch, daß die arme Phyllis draußen unter den Bäumen sich entsetzt die Ohren zuhielt, um die drinnen herumwimmelnden Verbalinjurien nur nicht zu hören. Hatte Frau von Seeberg schon ihren Kopf für sich, so hatte Graf Jutroschin erst recht den seinen, und wenn zwei solcher Eisenköpfe aufeinandertreffen, dann gibt's Funken. Sie wetterte, eiferte, hatte hundert Einwände – er fluchte, tobte, raste und hatte tausend, und das Ende vom Liede war, daß Frau von Seeberg mit zornrotem Kopf wieder auf ihr Dogcart kletterte und schwur, daß keine Macht der Erde sie noch einmal unter das Dach eines solch unvernünftigen Grobians bringen würde, womit sie den Braunen eins mit der Peitsche überhieb, daß sie im langen Sprunge davonrasten.

Mit diesem Tage war der Montecchi-Capu­letti-Zustand beider Nachbarn in Permanenz erklärt – man besuchte sich nicht mehr, vermied sich, wo man konnte, und begrüßte sich, wenn es nicht anders ging, so kurz wie möglich. Herbert brütete in seiner Garnison freudlos über seinem Unglück, Phyllis tat im väterlichen Schloß das Gleiche und setzte allen Annäherungsversuchen des polnischen Fürsten einen passiven, aber festen Widerstand entgegen. Dafür war sie eben, trotz ihres liebenswürdigen Charakters, ihres Vaters echte Tochter.

Und heut', nachdem der bis an die Zähne bewaffnete Waffenstillstand unentwegt schon eine ganze Zeit fortbestanden hatte, heut'  trafen Vater Montecchi und Mutter Capuletti auf dem Rennplatz so zusammen, daß sie einander nicht ausweichen konnten. Nach der oben geschilderten Begrüßung war ein kurzes Umgehen der Umstehenden wegen nicht gut tunlich, schon weil die lieben Nachbarn sich allzusehr darüber gefreut hätten, vielleicht noch mehr als über ein gelegentliches Gefecht, denn die Schadenfreude ist dem Menschen oft nun einmal die reinste Freude.

»Gnädige Frau sind also auch hier?« bemerkte Graf Jutroschin ebenso wahr wie geistreich, wie es in solch verlegenen Momenten oft passiert.

»Ja,« erwiderte Frau von Seeberg, mit ihrer Reitpeitsche fuchtelnd. »Fürst Opotschinsky, heißt es, will eine frisch importierte irische Stute Probe laufen lassen, und da bin ich herübergeritten, um mir den Ziegenbock auch mal anzusehen.«

»Meinen gnädige Frau damit den Fürsten?« fragte Graf Jutroschin maliziös, aber vor Zorn schon wieder bebend, denn Opotschinsky war der von ihm erwählte Schwiegersohn.

»Nein, das Pferd meine ich,« erwiderte Frau von Seeberg kaltblütig. »Wenn ich den Fürsten meinte, dann hätte ich ›Pavian‹ gesagt.«

»Ah – sehr gut, sehr gut! Gnädigste sind so firm in der vergleichenden Zoologie,« entgegnete der Graf, mühsam sich beherrschend. »Übrigens gehört die Stute nicht mehr dem Fürsten, denn ich habe sie eben von ihm gekauft. Ich möchte mir aber die ganz untertänigste Bemerkung erlauben, daß das Tier ein unvergleichliches Rennpferd ist, und, ganz abgesehen davon, daß man eine Stute überhaupt keinen Ziegenbock nennen kann, auch in ihren Eigenschaften keiner ist.«

»Ich nehme den ›Ziegenbock‹  zurück und setze ›Himmelsziege‹  dafür,« entgegnete Frau von Seeberg liebenswürdig. »Als solche wurde mir die Stute überhaupt schon geschildert. Meinen Glückwunsch zu dem Kauf, lieber Graf!«

Zum Glück trennten hier Neuangekommene das streitbare Paar – wer weiß, wie die Unterredung sonst geendet hätte. Übrigens begann auch eben der Start der zum Proberennen auf der Bahn erschienenen Pferde und beanspruchte das volle Interesse des Zuschauers, so daß für persönliche Bemerkungen keine Zeit mehr blieb. Als dann auch die vielbesprochene irische Stute am Start erschien, stand Frau von Seeberg unter einer Gruppe Sportgenossen auf dem zum Schauen besten Punkt, und dicht hinter ihr hatte Graf Jutroschin Platz gefaßt.

Pferde haben so gut wie Menschen ihre Tage, an denen sie mehr oder minder gut aufgelegt sind, jedes Geschöpf ist ein wenig von seiner Stimmung abhängig, und das Pferd sogar auch von der des Reiters, in diesem Falle ein junger Sportsman, der es übernommen hatte, des Grafen irische Rennstute vorzuführen. War nun das Pferd heut'  nicht aufgelegt, oder war's der Reiter nicht, kurz, die Stute machte nicht den gewünschten Effekt.

Während die anderen Zuschauer ein diskretes Schweigen beobachteten, ließ Frau von Seeberg sich zu der halblauten, aber sehr deutlich zu verstehenden Bemerkung hinreißen: »Ach du grundgerechter Strohsack! Mit dem Vieh läuft ja jede Sau aus meinem Stalle um die Wette!«

Wenn man einem Sportsman sagt, er sei das größte Kamel im Weltall, so nimmt er das noch lange nicht so übel, als wenn man dasselbe von seinem Pferde sagt, ganz abgesehen davon, daß eines Nebensportsmans Pferde immer mit anderen Quadrupeden unschmeichelhaft verglichen werden. Solche Vergleiche gehören unweigerlich zum Sportslang, aber wehe, wenn jemand an den Fähigkeiten von seines Nächsten Rennrossen zweifelt.

Graf Jutroschin, der die spröde Bemerkung natürlich ebensogut hörte, wie die anderen, sah aus, als ob er direkt aus dem Häuschen fahren wollte, aber er beherrschte sich.

»Eine kühne Behauptung, gnädige Frau!« sagte er mit künstlichem Gleichmut.

»O, Sie sind hier, Graf?« wandte sich Frau von Seeberg anscheinend sehr überrascht um. »Pardon, meine Worte waren nicht für Sie bestimmt, aber ich kann sie darum doch auch nicht zurücknehmen!«

»Ah – Sie sagen also –« dem Grafen schnappte förmlich die Stimme über, »jede Sau aus Ihrem Stalle liefe um die Wette mit meiner Stute? Das ist ja reizend! I, das käme ja bloß auf eine Probe an!«

»Nun, wenn man etwas behauptet, muß man's natürlich auch beweisen können,« erwiderte Frau von Seeberg lachend. Es machte ihr augenscheinlich Spaß, den Gegner etwas in Harnisch zu bringen.

»Es hindert Sie niemand daran, diesen Beweis zu liefern, gnädige Frau,« sagte Graf Jutroschin steif, aber innerlich kochend.

»Das wäre ein interessanter Gegenstand für eine Wette,« warf einer der Umstehenden ein, der bekannt dafür war, daß er um alles und jedes wettete.

»Gut denn, wetten wir,« rief Frau von Seeberg scheinbar sehr bereitwillig, trotzdem diese Folge ihrer leichtsinnigen Behauptung eigentlich nicht von ihr beabsichtigt war.

»Ja, schön, wetten wir!« schrie auch Graf Jutroschin. »Das heißt, wenn es meinerseits nicht Straßenraub ist, um solch eine Sache mit Ihnen zu wetten, meine Gnädigste!«

»Straßenraub! Ich bin doch kein Baby, das nicht weiß, was es sagt!« erwiderte Frau von Seeberg, die einsah, daß sie nicht mehr zurück konnte, wenn sie sich nicht vor ihrem Feinde blamieren wollte. »Ich wette, was eins will, auf ein jedes meiner braven Säulein!«

»Genau dasselbe tue ich auf meine Stute!« schrie der Graf zornesrot, denn diese Beleidigung seines neuesten Renners war denn doch zu unerhört, zu boshaft, zu beleidigend, für den Renner im speziellen.

»Also die Wette hätten wir – was aber gilt der Einsatz?« fragte einer der Umstehenden, die sich königlich amüsierten.

»Einsatz? Puh! 'n Schnaps gegen 'nen faulen Appel!« erwiderte der Graf mit der Verachtung, die der ganzen Sache seiner Meinung nach gebührte.

Bei dem Worte »Einsatz« aber war ein Leuchten über Frau von Seebergs gescheites Gesicht gegangen. – War ihre Heiterkeit und Gleichmütigkeit bisher erheuchelt gewesen, dies Aufblitzen einer dämmernden Idee war echt und verhieß Tageslicht.

»Bah, in einer so ungewöhnlichen, originellen Sache wettet man nicht um Bagatellen,« sagte sie mit blitzenden Augen »Kommen Sie, Graf – ich will Ihnen unter vier Augen meinen Einsatz nennen – sind wir darüber einig, dann wollen wir die Herren als Zeugen für unsere Wette bitten. Ist's Ihnen gefällig?«

Dem Grafen blieb gar nichts anderes übrig als mit seiner Gegnerin ein paar Schritte zur Seite zu treten, aber er tat es finster und widerwillig genug.

»Wenn Gnädigste etwa die Absicht haben, Ihre letzte Rapsernte als Einsatz anzubieten, dann brauchen wir doch nicht erst die Köpfe zusammenstecken,« brummte er mißlaunig.

»Sie brauchen gar nicht so anzüglich zu werden,« entgegnete Frau von Seeberg scheinbar ganz ruhig, denn die letzte Rapsernte war ein wunder Punkt in ihrem Herzen und in ihrer Wirtschaftskasse, und sie fand die Anspielung darauf boshaft. »Nun lassen Sie mal Ihre bissigen Bemerkungen und hören Sie lieber, was ich zu sagen habe. Ich setze auf mein Rennschwein gegen Ihre Stute nicht mehr und nicht weniger als meine beiden braunen Jucker mit Geschirren und dem Dogcart!«

»Donnerwetter!« rief Graf Jutroschin förmlich zurückprallend, denn die Jucker waren tadellos und hatten ihm längst in die Augen gestochen.

»Nobel, was?« fragte Frau von Seeberg, sich an ihres Feindes Verblüffung weidend.

»Blödsinn ist es!« erwiderte der Graf mehr überzeugt als höflich. »Man setzt doch keinen solchen Einsatz auf ein elendes Schwein!«

»Das ist meine Sache,« war die kühle Erwiderung.

»Gewiß, gewiß – das heißt für den Fall, daß Ihre geistigen Fähigkeiten noch normal sind!«

»Na, hören Sie, lieber Graf –«

Graf Jutroschin sah Frau von Seeberg zweifelnd an. Sie lächelte kühl und überlegen und sah im übrigen ganz gesund aus.

»Na,« brummte er, »des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Mir kann's ja eins sein, wenn ein anderer Bocksprünge machen will. Das Meinige habe ich getan!«

»Das will ich Ihnen schriftlich auf Stempelpapier geben,« war die lachende Erwiderung. »Und nun – was setzen Sie dagegen?«

»Ich?« fragte der Graf noch immer kopfschüttelnd. »Gott, da ich Ihre Jucker ja doch gewinne, kommt es gar nicht darauf an, was ich setze.«

»Gar nicht,« bestätigte Frau von Seeberg ernsthaft. »Warum überlegen Sie noch? Ich werde Ihnen einen Vorschlag machen – verlieren Sie, dann heiratet mein Sohn Ihre Tochter!«

Der Graf brach in ein wütendes Gelächter aus.

»I, das ist ja zum Radschlagen!« schrie er. »Reiten Sie noch immer auf dem alten, längst erledigten Thema herum?«

»Wie Sie sehen! Und Sie auch, bester Graf, ohne es sich selbst vielleicht einzugestehen,« erwiderte Frau von Seeberg liebenswürdig, »denn die blassen Wangen und die trüben Augen Ihrer Tochter müssen Sie doch ebensogut sehen wie ich den Gram meines Jungen. Doch ich will den alten Zankapfel nicht noch einmal vom Baume holen. Ich frage nun: sind Sie einverstanden? Und warum sollten Sie's nicht, da Sie meine Jucker ja doch gewinnen?«

»I ja, natürlich, warum sollt'  ich denn nicht?« äffte Graf Jutroschin ihr in seiner Wut nach. »Ich riskiere dabei gar nichts!«

»Nun, also –«

»Nun, also – die Sache ist abgemacht!« schrie der Graf wütend. »Sie setzen Ihr bestes bewegliches Eigentum, ich setze dagegen ein paar Worte – wenn Sie damit zufrieden sind, dann kann mir's schon recht sein.«

»Abgemacht!« erwiderte Frau von Seeberg heiter. »Die Sache ist nur die, daß ich, wenn ich verliere, auch den Einsatz zu zahlen gedenke, während Sie im gleichen Falle die Worte zur Tat machen müssen!«

»Müssen? Oho, wer sagt das?«

»Ihr Kavaliersgewissen. Im übrigen brauchen die Zeugen nicht zu wissen, um was wir gewettet – mehr können Sie doch von meiner Diskretion nicht verlangen!«

»Ich verlange Ihre Diskretion überhaupt nicht, gar nichts verlange ich von Ihnen,« schnob der Graf, wandte sich um und rannte wie ein Berserker zu dem kleinen Kreise von Sportsmen zurück, der als Zeuge der Wette von Frau von Seeberg aufgerufen worden war, während sie ihrem zornentbrannten Gegner langsam und scheinbar seelenruhig folgte.

»Meine Herren,« gapste der Graf mit überschnappender Stimme, »ich bin mit Frau von Seeberg einig geworden über den Einsatz. Sie setzt ihre braunen Jucker mit Geschirren und Dogcart – wenn ich verliere, dann – dann – Himmelschockschwerenot – dann heiratet Gerhard Seeberg meine Tochter!«

»Wir bitten die Herren aber, die Einsätze geheim zu halten,« fiel Frau von Seeberg ein, und setzte innerlich hinzu: »Jetzt hab ich dich, alter Brummbär! Du hast dich mit deiner blinden Wut mir ausgeliefert!«

Die Herren sahen in fassungslosem Staunen die feindlichen Parteien und sich selbst untereinander an.

»Selbstredend, Diskretion ist Ehrensache, namentlich unter solch ungewöhnlichen Umständen,« versicherten sie alle.

»Und der Verlierende gibt den Zeugen noch ein erlesenes Austern- und Sektfrühstück,« setzte Frau von Seeberg hinzu.

»Ist Ihnen doch recht, lieber Graf.«

»O ja – ja! Dem lieben Grafen ist alles recht bei dieser blödsinnigen Wette!« schnob der Graf mit einem wütenden Blick.

»Und wann soll die Wette zum Austrag kommen?« fragte einer der Herren. »Morgen, heut'?«

»Ah, pardon!« rief Frau von Seeberg. »So heiß wollen wir denn doch nicht speisen! Graf Jutroschins Stute hat den Vorzug eines trainierten Renners – was dem einen recht ist, muß dem andern auch billig sein, sonst wär's wirklich Blödsinn! Ehe die Wette daher zum Austrag kommt, muß mir Zeit bewilligt werden, auch mein Schwein zu trainieren. Ebenbürtigkeit der Gegner auf diesem Gebiete ist' s, was ich verlange!«

»Sehr richtig! Vollkommen gerechtes Verlangen!« riefen die sich höchlich amüsierenden »Zeugen« durcheinander.

»Ich denke, drei Wochen oder auch vier könnten dafür ausreichen,« meinte Frau von Seeberg nachdenklich, innerlich hinzusetzend: »Kommt Zeit, kommt Rat, das ist schon eine alte Weisheit.« Denn die Idee des Trainierens war ihr nur so gekommen, um Zeit zu gewinnen.

»Vier Wochen sind keine zu lange Frist, wenn man die Natur und die Rasse des Renners in Betracht zieht,« stimmten die Zeugen bei.

»Warum nicht gar!« widersprach Graf Jutroschin. »Schweine sollen ganz gelehrige Tiere sein – habe selbst mal dressierte im Zirkus gesehen. Nicht wahr, damit sich Frau von Seeberg einen Dresseur kommen läßt! Jawohl, so haben wir nicht gewettet!«

»Pardon – Zeit zum Trainieren muß der Gegnerin gewährt werden,« entgegnete einer der Herren. »Was gnädige Frau mit dem Training ausrichtet, ist ihre Sache. Meiner Überzeugung nach könnte ein Dresseur dem Schwein nichts anderes beibringen, als was im Zirkus zu sehen ist, denn, offen gesagt, zum Renner ist das Tier ungeeignet, schon ein Vergleich seiner Beine mit denen eines Pferdes zeigt das. Indes, das ist wiederum nicht unsere Sache, denn des Unterschiedes wird die gnädige Frau sich ja selbst bewußt sein. Ich meine, Graf Jutroschin kann die Bedingung annehmen, ohne für seine Stute fürchten zu müssen.«

»Ich glaub's auch, das kann ich getrost,« stimmte der Graf sichtlich erleichtert bei. »Aber keine Tricks, wenn ich bitten darf! Keine erneute Auflage des ›Wettlopens twüschen Hasen un Swinegel‹!«

»Selbstredend nicht – fair play ist's Panier,« renommierte Frau von Seeberg, die im tiefsten Schrein ihrer Seele allerdings an eine ähnliche Lösung gedacht hatte und durch des Grafen hellsichtige Abwehr in völlige Nacht zurückgeschleudert worden war.

»Also, Herr Nachbar – abgemacht und eingeschlagen!« – Lächelnd hielt sie dem Grafen ihre kräftige, weiße Rechte hin, und nach einem Moment des Zögerns und inneren Kampfes siegte in ihm der Kavalier über den aufgebrachten Vater und schwer gekränkten Sportsman, und mit einem undeutlichen Grunzen legte er seine braune Sportfaust in die dargebotene Hand.

»Soyons amis, Cinna,« sagte Frau von Seeberg leise.

»Weiß schon – dummes Zeug,« kopierte Graf Jutroschin unwissentlich das böse Wetter von Zollern aus Hauffs ›Hirschgulden‹, indem er seine Rechte zurückzog, setzte aber gleichfalls leiser hinzu: »Was haben Sie eigentlich mit dem Quatsch über Phyllis sagen wollen?«

»Reiten Sie heim und sehen Sie das arme Mädel selbst an, da werden Sie's wissen,« erwiderte Frau von Seeberg. »Um ihretwillen soll Ihnen der hübsche Ausdruck ›Quatsch‹  nicht aufs Kerbholz kommen. 's ist so wie so schon kein Platz mehr darauf. Also in vier Wochen, meine Herren! Zeit und Ort sollen bis dahin noch näher bestimmt werden!« –

Frau von Seeberg ritt an diesem Tage in schweren Gedanken heim, und eigentlich hatte sie auch Grund, tiefe Einkehr in sich zu halten. Sie hatte eine leichtsinnige Äußerung getan mit der Absicht, ihrem Feinde damit »eins zu versetzen« – die Wette darauf hatte ihr ferngelegen, die hatte sie nur aus Eigensinn angenommen und mit der Waghalsigkeit eines Hindernisreiters den Einsatz gewagt, der ihr plötzlich wie ein Blitz durch den Kopf geschossen war. Daß sie nun gewinnen mußte, das stand so fest, wie zwei mal zwei vier ist; aber wie war das möglich? Zu ihrer Ehre müssen wir aber sagen, daß der Gedanke ihre Jucker opfern zu müssen, nicht einen Moment ihr Herz beschwerte – der Kreis ihrer Gedanken drehte sich nur um das Lebensglück ihres Sohnes, an dem ihre ganze Seele hing, und dann liebte sie auch die blonde Phyllis aufrichtig. Sie hatte seinerzeit den eigenen Gatten durch schwere Kämpfe erringen müssen und wußte, wie einem da zu Mute ist. Aber wie den Sieg hier erfechten? Sie ahnte es nicht, und schweren Herzens gestand sie sich, daß der Erfolg augenscheinlich nicht auf ihrer Seite sein konnte. Das Bild des schlanken, tadellosen Renners stand mit grausamer Deutlichkeit vor ihrem geistigen Auge, und daneben die groteske Gestalt des kurzbeinigen, grunzenden Haustiers, das noch obendrein als unverhältnismäßig dumm verschrien ist. Wie sollte sie solch ein Vieh zum Renner trainieren? Unmöglich! Und doch, was hing alles daran! Wer konnte ihr raten, ihr helfen? Herbert durfte nichts davon wissen. Halt, da kam ihr ein Gedanke – ihr Inspektor! Das war ein noch junger Mann aus guter Familie, ein umsichtiger, intelligenter Beamter, der in seinen Mußestunden tausend Schnurren im Kopfe hatte – ein entschieden origineller Mensch, der ihr schon darum sympathisch war, mit dem sie sich famos vertrug und der auch den Mut hatte, ihr respektvoll den Kopf zu waschen, wenn sie ihr Budget zu überschreiten geneigt war – ihr Hauptfehler.

Den mußte sie ins Vertrauen ziehen. Noch im Sattel sitzend, befahl sie darum auch, sofort Herrn Schmidt aufzusuchen und zu ihr zu schicken, und das Glück wollte es, daß der Inspektor daheim auf seinem Bureau war. Er erschien auch sofort vor seiner Brotherrin, und sie erzählte ihm die Wette, ohne des Einsatzes zu erwähnen, unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit. Herr Schmidt lachte über die Geschichte, daß er sich die Seiten halten mußte.

»Und was gedenken gnädige Frau nun zu tun?« fragte er mit tränenden Augen.

»Tuen? Ja, lieber Herr Schmidt, das sollen Sie mir sagen! Gewettet hab'  ich vor dreiviertel Dutzend Zeugen, weil's mich reizte – aber wie ich die Wette gewinne, davon habe ich noch keinen Schimmer. Und wenn ich den nicht auf dem Flecke habe, dann ist die Sache eben unmöglich.«

»Das möchte ich nicht behaupten,« meinte der Inspektor vergnügt.

»Wie? Was?«

»Ja, sehen Sie, gnädige Frau,« sagte Schmidt, »als ich noch so 'n Windhund von Wirtschaftsvolontär war, so 'ne Art Fritz Triddelfitz, von dem ja immer ein gutes Teil in meiner Menschenklasse steckt, da hab'  ich auch mal, zum Entsetzen meines Gutsherrn, ein Schweinewettlaufen arrangiert. Großartig, sag'  ich Ihnen, gnädige Frau. Allerdings konkurrierten dabei nur die Angehörigen derselben Rasse – wenn ich mir aber überlege, wie ich die Tiere dazu gebracht habe, überhaupt zu rennen, so möchte ich fest behaupten, daß Ihre Wette der Chancen nicht entbehrt. Schweine sind gar nicht so dumm, wie sie verschrien werden – sie leiden nur unter demselben traditionellen Verdachte, den man auch gegen die Esel hat – beide sind Märtyrer des Vorurteils!«

»Herr Inspektor – Sie geben mir das Leben wieder!« rief Frau von Seeberg. »Und das ist keine bloße Redensart, denn sehen Sie – ich habe meine Jucker samt Geschirren und dem Dogcart eingesetzt!«

»Ei, verflucht! Pardon – ich wollte sagen: i, der Deixel – nein, das wollte ich eigentlich auch nicht sagen –«

»'s paßt aber, liebster Schmidt, denn es ist in der Tat eine ganz ver–flixte Geschichte!«

»Das ist sie, gnädige Frau! Ja, ja – nee, nee! Die Jucker dürfen wir nicht aus dem Stalle lassen – wo sollten denn ein Paar neue herkommen? Daß dich das Mäuslein beißt! Verzeihen Sie, gnädige Frau, das war aber auch eine höllisch leichtsinnige Wette um solchen Einsatz, wenn man nicht vorher weiß, wie man sie gewinnen soll!«

»Na hören Sie, lieber Schmidt,« opponierte Frau von Seeberg, »den Kopf können Sie mir waschen, wenn ich verloren habe. Heißt das, wenn ich mir's dann in meinem Zorn noch gefallen lasse. Sie sehen ja, daß der moralische Kater schon Besitz von mir ergriffen hat, lassen Sie also mal jetzt die Standpauke und sagen Sie mir lieber, was zu tun ist.«

»'s ist wahr, gnädige Frau, das ist die Hauptsache,« gab Schmidt zu. »Aber lassen Sie sich vorher keine grauen Haare wachsen – mir schwant so allerlei, als ob mein Dummerjungenstreich sich noch praktisch verwerten lassen könnte. Ich muß mir die Geschichte mal überlegen und werde Ihnen dann Bericht erstatten. Wir haben da solch eine Sau im Stalle – ein hochbeiniges, nichtsnutziges Vieh, das viel frißt und nicht fett werden will – – eine ganz schauderhafte Rasse – der junge Herr hat das garstige Ungetüm ›Schönheit‹  getauft – – die könnte man vielleicht als ›Renner‹  trainieren!«

»Großartiger Gedanke! Muß mir ›Schönheit‹  doch mal ansehen!« Frau von Seeberg hakte ihr Reitkleid in die Höhe und schritt mit dem Inspektor dem Schweinestalle zu, in dessen Umfriedigung die besagte Sau sich eben befand. Wirklich, sie war selbst für ein Schwein merkwürdig häßlich und hatte auch nichts von der bekannten Vorliebe ihrer Rasse für das dolce far niente, denn während ihre Kollegen meist in beschaulicher Ruhe dalagen, saßen oder höchstens zur Abwechselung mal standen, raste »Schönheit« grunzend und mit funkelnden Äuglein lebhaft umher und erging sich mit Vorliebe in gewagten und für ihre Gestalt höchst spaßhaften Sprüngen, die sie gelegentlich zum Galopptempo verschärfte.

»Die zu essen, wird mal ein sogenannter Genuß sein,« meinte Schmidt nachdenklich »Dies holde Vieh setzt bei der Lebhaftigkeit des Temperaments nicht nur kein Fett an, sondern entwickelt auch kein Muskelfleisch. Sehnen, nichts als Sehnen. Ich wollte sie gestern dem Schweinehändler aufschwatzen, aber er dankte ergebenst für die Akquisition, die ihm kein Metzger der Welt abkaufen würde. Doch, wer weiß, vielleicht ist ›Schönheit‹  zu höheren Zwecken geboren, denn, gnädige Frau, wenn's eine tut, so gewinnt dieser Liebling der Götter Ihre Wette!«

»Dann soll sie auch ihr Lebtag das Gnadenbrot bei mir haben!« gelobte Frau von Seeberg feierlich.

Inspektor Schmidts erfinderischer Kopf muß wirklich eine passende »Idee« gehabt haben, denn er kam am nächsten Morgen sehr vergnügt aussehend zu Frau von Seeberg zum gewöhnlichen Wirtschaftsrapport, dem sich dann noch ein längeres Kolloquium anschloß, veranlaßt durch ein Krokt, das er sauber gezeichnet, zur Vorlage brachte.

Von Stunde ab war Frau von Seeberg, die gestern wie eine geknickte Lilie umhergegangen war, wie ausgewechselt. Sie hatte ganz ihre alte Energie wiederbekommen und überwachte in Person den Bau einer sonderbaren Anlage, die schon am selben Tage abgesteckt und gleich in Angriff genommen wurde, denn die Zeit schreitet unhaltsam vorwärts. Nach zehn Tagen war die Anlage vollendet, aber noch sah und hörte die Nachbarschaft nichts von Frau von Seeberg, die sich, im Gegensatze zu ihren sonstigen Gepflogenheiten, ganz auf das Einsiedlerleben geworfen zu haben schien.

Kurz vor dem abgelaufenen Termin für den Austrag ihrer Wette mit dem Grafen Jutroschin benachrichtigte sie diesen, daß dem Wettlaufen zwischen der Stute und ihrer Sau nichts mehr im Wege stünde. Sie schlug ihm wie den Zeugen Tag und Stunde vor und stellte ihr Terrain zur Verfügung, weil die Rasse ihres »Renners« einen weiteren Transport aus naheliegenden Gründen ausschließe.

Es darf nicht verschwiegen werden, daß Graf Jutroschin sich die ganze Zeit auf den Rückzug seiner Feindin gefreut hatte, den er in letzter Stunde ebenso sicher wie schadenfroh erwartete, denn es schien doch ganz undenkbar, daß ein vernünftiger Mensch annehmen könnte, einen wohltrainierten Vollblutrenner mit einem Schwein im Laufe konkurrieren zu lassen, oder wenn er's tat, dann durfte er doch wenigstens nicht auf Erfolg rechnen.

Die Anzeige, daß das Rennen wirklich stattfinden sollte, versetzte den guten Grafen darum in eine Serie von Gefühlen, die sich in fürchterlicher Wut, in hilflosem Staunen und endlich in unbändiger Heiterkeit offenbarten.

»Ein Teufelsweib, diese alte Seebergen,« war sein Resümee innerlich. »Einen Dickkopf hat sie, gegen den meiner der reine Waisenknabe ist. Eh'  die zum Rückzug bläst, lieber verliert sie ihre Jucker – natürlich, immer nobel, das ist ja die Devise aller Hungerleider. Meinetwegen – die Jucker sollen mir nicht schlecht stehen, sie kommen so billiger als wenn ich sie ihr abgekauft hätte, was doch geschehen wäre, wenn sie mir nicht auf die Bude gerannt wäre und mir Grobheiten gesagt hätte. Aber wehe ihr, wenn irgend ein Trick dabei ist – dann verklage ich sie, so wahr ich Jutroschin heiße.«

Der große Tag war gekommen. Die »Zeugen« erschienen vollzählig, und kurz nach ihnen auch der Graf, dessen Trainer die irische Stute schon früher herübergeritten und im Gaststalle gepflegt hatte. Als alle vollzählig waren, führte die Herrin des Hauses die Gäste zur »Rennbahn,« wie sie lächelnd sagte, und staunend sahen die Herren, daß sie mit dieser Bezeichnung den Mund nicht zu voll genommen hatte. Denn hinter dem Garten lag jene sonderbare Anlage, von der wir schon erzählt, eine schnurgerade, etwa zweihundert Meter lange Bahn, die in der Mitte geteilt war. Die eine Hälfte der vollen Strecke hatte ziemlich festgestampften Boden, war durch einen ganz niederen Bretterzaun umfriedet und oben wie unten durch eine niedere Bretterhütte abgeschlossen, die oben geschlossen, unten offen war. Die andere Längshälfte der Bahn war offen und weich gehalten wie ein Reitweg. Eine Flaggenstange oben und eine unten bezeichneten den Start und das Ziel.

»Der niedere Zaun,« erklärte Frau von Seeberg, »ist nur dazu da, damit das Schwein, das sich in der verschlossenen Hütte am Start befindet, nicht im Laufe ausbricht und dem Pferd in den Weg rennt. Die andere Hütte ist das Ziel für das Rüsseltier, damit es nicht darüber hinaus und ins Weite läuft. Scheint Ihnen das alles klar und vollkommen fair play

Die Zeugen konnten nicht umhin, das anzuerkennen, nur der Graf schien mißtrauisch. »Jawohl,« brummte er, »wird wohl so sein wie beim Hasen und beim Swinegel, hier sitzt 'n Schwein und dort sitzt auch eins, und da sich, wie beim Swinegel, alle Schweine ähnlich sind –«

»Schämen Sie sich,« fiel Frau von Seeberg ein. »Auf den Wink zum Start wird die Hütte geöffnet und das Schwein vor Ihren sehenden Augen herausgelassen. Wie sollte ich's denn ans seiner umzäunten Bahn plötzlich wegeskamotieren?«

»Es ist wahr, das geht nicht,« gab Graf Jutroschin kleinlaut zu, und die Bahn überblickend, fügte er schadenfroh bei: »Die paar Meter läuft meine Stute, ehe Sie noch ›nanu‹ gesagt haben!«

»Desto besser für Sie,« erwiderte Frau von Seeberg trocken und placierte sich, ihren Widersacher und die Zeugen so an der umzäunten Bahn, daß sie das ganze Terrain übersehen konnten.

Inspektor Schmidt, der etwas erhitzt und aufgeregt aussah, trat über den Zaun an die verschlossene Tür der ersten Hütte, aus der unausgesetzt ein ungeduldiges, zorniges und durchdringendes Grunzen und Quieken ertönte, und legte die Hand auf den Schließkloben der niederen Tür – der Trainer schwang sich in den Sattel der sehr frisch aussehenden Stute, und einer der Zeugen erhob sein Taschentuch und schwenkte es hoch in der Luft.

Kaum war das geschehen, als auch schon die Tür der Hütte aufflog, und heraus raste wie von der Tarantel gestochen die vielgeschmähte »Schönheit« in einem geradezu beängstigenden Tempo unter wildem Gegrunze schnurgerade die Bahn entlang. Das Pferd hatte einen kurzen, kaum merklichen Augenblick gestutzt, setzte sich jedoch sofort auch in Galopp, aber es hatte die Hälfte der Bahn kaum hinter sich, da stand das Schwein schon in der Hütte am Ziel, den Kopf in einen Trog versenkt, das süßgekringelte Schwänzlein den verblüfften Zuschauern zugekehrt.

Tableau!

»Das ist kein Schwein, das ist ein Automat!« schrie der Graf, blaurot im Gesicht.

»Es frißt!« rief einer der Herren, welcher der kühnen Rennerin nachgelaufen war. »Es frißt fast noch eiliger als es gelaufen ist. Gnädige Frau, Ihr Kunst- und Rennschwein hat mit großem Vorsprung glänzend gesiegt. – Sie haben Ihre Wette noch glänzender gewonnen – unseren Glückwunsch!«

»List – niederträchtige Höllenkünste haben's gemacht!« tobte der Graf. Wo wird denn ein Schwein schneller laufen als ein Renner?«

»Daß es möglich ist, haben Sie mit Ihren eigenen Augen gesehen,« erwiderte Frau von Seeberg kühl.

»Wir auch – wir auch!« stimmten die Zeugen einstimmig zu. »Fair play war's – wir haben gründlich aufgepaßt. Ein Zweifel ist nicht mehr!«

Graf Jutroschin stand wie vom Donner gerührt da – seine Augen wanderten von seiner Stute zu dem unentwegt fortfressenden Schwein und wieder zurück zu seinem Renner.

»Da hört die Weltgeschichte auf – das begreife, wer kann,« murmelte er hilflos.

Frau von Seeberg trat an ihn heran.

»Na, alter Freund,« sagte sie leise. »Der Himmel ist mit den Gerechten und den Unglücklichen. Wie steht's mit dem Einsatz?«

Der Graf warf ihr einen scheuen Seitenblick zu.

»Darüber reden wir noch,« war die kurze, harte Antwort.

»So? »fragte Frau von Seeberg hoch aufgerichtet. »Meine Jucker stehen geschirrt und angespannt bereit, für den Fall meiner Niederlage, die doch bei der Natur des von mir gestellten Renners nicht ausgeschlossen war. Glauben Sie denn, daß ich mich gern von meinem Einsatz getrennt hätte?«

Graf Jutroschin vermied es, dem flammenden Blicke seiner Siegerin zu begegnen – er biß die Zähne zusammen und holte tief, tief Atem.

»Na, Schockschwerenot,« brach er plötzlich los. »Glauben Sie denn, daß ich ein wortbrüchiger Schuft bin? Fehlgeschossen, Frau Nachbarin, der alte Jutroschin ist nicht das, wofür Sie ihn halten. Ihr Sohn heiratet meine Tochter, und wer mir dabei was dreinreden will, dem werde ich den Marsch blasen, daß er die Schuhe verliert!«

Da stieß, trotz dieser gröblichen Worte, Frau von Seeberg einen hellen Freudenschrei aus und fiel ohne die geringste Gêne vor ihrem lachenden Publikum dem alten Brummbär einfach um den Hals.

»Jutroschinchen, Gegenschwieger!« jauchzte sie lachend und weinend. »Das ist der schönste Tag unseres alten Lebens, und ich nehme feierlich alle Ehrentitel zurück, die ich Ihnen laut und leise gegeben habe!« »

»Danke – dito!« murrte der alte Herr mit zwinkernden Augen. Dann, mit einem Male, nahm er die schäbige Sportmütze, ohne die er nie zu sehen war, vom Kopfe und schwenkte sie hoch in der Luft.

»Kinder,« sagte er gerührt, »mir ist plötzlich so leicht geworden – so, ich weiß nicht wie! Seebergen, Sie imponieren mir – das – das hätt'  ich nicht zuwege gebracht. Na, was steht ihr denn alle da und glotzt mich an? Bin ich ein Nilpferd? Hunger und Durst habe ich, das ist richtig, aber ob man in diesem Hause was zu essen und zu trinken kriegt, das scheint mir nach dem zwecklosen Herumgestehe hier doch sehr zweifelhaft zu sein!«

»Schimpfen Sie, so viel Sie wollen, alte Seele,« rief Frau von Seeberg vergnügt. »Das Frühstück ist serviert! Auf denn, zu Tisch!«

Ins Haus zurückgekehrt, verschwand die Dame des Hauses indes auf einen Augenblick in ihr Zimmer, wo sie mit fliegender Feder eine Depesche des Inhalts schrieb:


An Leutnant von Seeberg in X. X.

Nimm Urlaub und komme so schnell du kannst. Jutroschin hat soeben sein Jawort zu deiner Verlobung mit Phyllis gegeben.

Deine überglückliche

Mutter.


* * *


Graf Jutroschin fand sich übrigens, nun der erste Schrecken vorüber war, mit Humor in seinen Verlust und tat dem Frühstück, insonderheit aber dem tadellosen Pommery so viel Ehre an, daß er zuletzt in jene rosige Stimmung geriet, die man mit dem profanen Namen »Spitz« zu bezeichnen pflegt. Im Grunde genommen war er froh, daß die Sache so gekommen war, denn er liebte seine Tochter auf seine Art und hatte auch gegen Herbert Seeberg weiter nichts einzuwenden, als daß er »nischt hatte.« Im Gegenteil, wenn er sich je einen Sohn gewünscht, so hätte er ihn gern nach Herberts Muster gehabt. Im tiefsten Schrein seines Herzens war er längst dahinter gekommen, daß der reiche polnische Fürst mit seinem Rennstall und seiner Glatze ein trauriges Gespann für sein junges, blühendes Kind gegeben hätte. Aber sein Eigensinn und sein Stolz hätten das nach außen nie Wort haben wollen, und so war er froh, daß etwas gekommen war, das ihm die Zügel aus der Hand nahm und ihm erlaubte, sich mit scheinbarem Glanz, und ohne daß er sein »letztes Wort« zurücknahm, aus der Affäre zu ziehen, das heißt, dem Magnaten den Laufpaß zu geben und seinem Kinde das ersehnte Glück dazu. Als das Dessert herumging, hielt er es aber nicht länger mehr aus. Er hob sein volles Glas empor, blinzelte Frau von Seeberg listig mit den Augen zu und rief: »Prost, Gegenschwieger! Sie sollen leben! Und nun rücken Sie mal raus mit Ihrem Geheimnis und verraten uns, wie Sie's fertig gebracht haben, dieses infernalische Rennschwein so excellent zu trainieren!«

»Das war enorm einfach!« lachte Frau von Seeberg vergnügt. »,Schönheit« – denn so heißt das liebe Säulein, dem ich von heut'  ab das Gnadenbrot gebe – ›Schönheit‹ ist schnell und mühelos durch das Organ trainiert worden, durch das man auch bei vielen Menschen alles erreichen kann – den Magen. ›Schönheit‹ ist nämlich – na, Gourmet ist zuviel gesagt, aber sie ist entschieden eine Gourmande, das heißt, sie frißt gute Sachen lieber wie schlechte und hat eine feine Nase für ihre Lieblingsgerichte, zum Beispiel gekochte Kartoffeln mit lauer, frischer Milch, besonders, wenn zarte Fleischbrocken sich dieser Mischung zugesellen. Damit ist sie für alles zu haben, wie zweibeinige Geschöpfe für Austern und Gänseleberpasteten. Nachdem ich nach eifrigem Studium ihrer Geschmacksrichtung das heraus hatte, war das andere Kinderspiel, denn ihr Körperbau und ihr Temperament halfen dazu mächtig mit. Nun gut. ›Schönheit‹ bekam ihr leckeres Mahl nur in der Rennbahn, das heißt, sie wurde vorher in den Koben geleitet und dort zur Erhöhung ihres Appetites eine Zeitlang eingeschlossen. Der Trog mit ihrer Mahlzeit wurde in der Rennbahn aufgestellt, und zwar jeden Tag etwa fünf – zehn Meter weiter von ihrem Häuschen entfernt. Zuerst kam sie langsam heraus, als sie aber merkte, daß es auf diesem Futterplatz immer etwas Extrafeines gab, beeilte sie sich von Tag zu Tag mehr, den Trog zu erreichen, ja ihre Eile wurde mit der Zeit geradezu fabelhaft. So lockten wir sie schließlich die ganze Strecke bis zum »Ziel« herab und ließen sie gestern etwas hungern, so daß sie heut'  früh schon ganz wild war. Mit welcher Gier sie sich heute durch die Rennbahn stürzte, ihren besonders köstlichen Leckerbissen zu erreichen, haben Sie alle gesehen; und wenn ich auch bedauernd zugeben muß, daß ›Schönheit‹ ihre Fähigkeit zum Galoppieren nicht aus Ehrgeiz entfaltete, um die Genugtuung zu haben, ein Pferd im Tempo geschlagen zu haben, sondern aus ganz gemeiner Freßgier, verschärft durch einen gesunden Hunger – das Resultat bleibt darum dasselbe. Ich erhebe mein Glas und trinke auf das Wohl von ›Schönheit‹.«

»Sie soll leben und sich noch lange des rosigen Lichtes und ihres Lieblingsgerichtes erfreuen!« lachte der Graf amüsiert.

»Ich aber trinke doch lieber auf das Wohl ihrer klugen Herrin und intelligenten Traineuse!«

»Das Wohl geb'  ich weiter an meinen lieben Herrn Inspektor hier!« rief Frau von Seeberg, indem sie das Glas erhob und Herrn Schmidt zunickte. Der verbeugte sich verbindlich vor seiner Brotherrin und lachte vergnügt in sich hinein, und er hatte auch allen Grund dazu, denn wäre er nicht als Helfer in der Not erschienen, wer weiß, wie alles gekommen wäre!


* * *


»Nun, Mama, sag'  mir in aller Welt, welches Wunder geschehen ist, »»fragte Herbert Seeberg, als er am folgenden Tage in aller Frühe schon bei seiner Mutter anlangte. »Denn wenn dein Telegramm nicht ein schlechter, sehr schlechter Witz von irgend jemand in deinem Namen war, dann muß ein Wunder passiert sein!«

»›Wunder‹  ist ein bißchen viel gesagt, lieber Junge,« erwiderte Frau von Seeberg lächelnd. »Indes – es kommt ja bei allem auf die Auffassung an. Nimm du nur seelenruhig an, daß Amor, der in eurer Sache solch eine Schlappe erlitten, seine Niederlage wieder wett machen wollte und endlich den richtigen Weg dafür fand.«

»Du sprichst in Rätseln, Goldmamachen!«

»Na, dann quäl'  dir deinen armen Kopf nicht unnütz mit der Lösung ab, Herbert, sondern nimm die Gabe des Glücks ohne Fragen hin. Siehst du, Amor, der so Parteiische für alle Liebenden, ist ganz unparteiisch in der Wahl seiner Mittel, wodurch er sie zusammenführt. Ich las dir mal eine Geschichte vor, in der Amor eine Leberwurst gerade für gut genug fand, die füreinander Bestimmten zusammen zu bringen – im Grunde geht das ›Wie‹ dich auch eigentlich nichts an, und es würde dein ästhetisches Empfinden höchstens verletzen, wenn du erführst, daß in deinem Falle eine Knackwurst, oder sagen wir, der Urquell einer solchen, ein Schwein, für Amor der Weg zum Ziele war!«

Herbert lachte.

»Nun,« meinte er, »wenn mir eine Nachtigall auch lieber, weil poetischer schiene, so würde ich in diesem Spezialfalle nicht mit Amor rechten, weil doch schließlich auch das Schwein als Glückssymbol allgemein gilt. Aber Mama, seit wann bist du ins Lager der Symbolisten übergegangen, und noch dazu der hypermodernsten, die ihre Symbole gern unter den prosaischsten und stellenweise unästhetischen Dingen dieser Welt suchen?«

»Ah, mein Junge, da frägst du wieder zuviel. Innere Wandlung. Die neue Richtung mit ihrem symbolischen Kram hat mich eben überzeugt, so überzeugt, daß ich das Schwein für die Quelle deines Glückes halte. Mach'  nicht so erstaunte Augen, sondern frühstücke jetzt und wirf dich dann in dein hochzeitliches Gewand, damit wir hinüberfahren können, wo Phyllis deiner wartet und Graf Jutroschin darauf ebenso brennt, dich der Tochter als Bräutigam zuzuführen, wie ich, der lieblichsten Braut den Verlobten zu bringen!«




L' Aiglon.

L' Aiglon – –?! –?! –

Bitte, man braucht den Titel gar nicht so gedehnt zu wiederholen, denn erstens meine ich damit weder den armen, uninteressanten Herzog von Reichstadt, zweitens auch nicht das dito Drama von Rostand und drittens ebensowenig die pathologisch interessante Leistung Sarah Bernhardts in dieser Rolle.

Der Aiglon, den ich meine und von dem ich erzählen will, ist ein Esel, womit ich wiederum kein Schimpfwort meine, sondern einen richtigen, vierbeinigen Esel: asinus sapiens L. Natürlich war er ein besondrer Esel, sonst würde ich nicht von ihm schreiben; seine Wiege hatte sogar in einem fürstlichen Stalle gestanden und er hatte das fabelhafte Glück, in der Blüte seiner Jugend meiner Freundin, Fräulein Lita von Malvenbrand, geschenkt zu werden.

Man kann dagegen sagen, was man will – es war ein Glück für den Eseljüngling, denn Fräulein von Malvenbrand war eine Tierfreundin erster Ordnung, eine ältere junge Dame in gesetzten Jahren, die alle die überschüssige Zärtlichkeit ihres Herzens in Ermanglung menschlicher Objekte auf des lieben Herrgotts stumme Geschöpfe übertragen hatte und sich ihr Leben im Dienste und mit der Verhimmelung der Tiere, wie sie sagte, verschönte, wie andere behaupteten, abhetzte und abquälte. Sie hätte sonst sehr behaglich und angenehm leben können, denn ihre Mittel erlaubten ihr das. Sie besaß ein reizendes Landhaus mit ausgedehntem, parkähnlichem Garten in einer landschaftlich sehr reizvollen Gegend in der Nähe einer großen Stadt und sie hätte auch viele geistige Interessen, doch diese mußten rettungslos in den Hintergrund treten, wenn die Hauskatze Junge hatte, was sehr häufig geschah, und anderer wichtiger Vorkommnisse wegen. Jährlich einmal unternahm Fräulein von Malvenbrand eine größere Reise, zu der sie Nichten und Cousinen auf eigne Kosten mitnahm und die für jene sicher eine Quelle des Genusses geworden wären, wenn nicht auch der Schoßhund der Tante die Reise hätte mitmachen müssen, was die Sache für die Mitgenommene entschieden verbitterte, weil sie ihre Aufmerksamkeit dabei dem lieben Tierchen zu widmen hatte und nicht den ganz und gar nebensächlichen Dingen, so eine Reise dem Auge bietet.

Die Einladungen zu den Reisen von Fräulein von Malvenbrand wurden daher meist ohne Enthusiasmus begrüßt und gern umgangen, denn um Möpse, King-Charles und ähnliche unangenehme Hunderassen zu verpflegen und zu warten, ist eine Reise der ungeeignetste Zeitpunkt. Und wenn's noch immer solch kleine Hunde gewesen wären – aber eine der unglücklichen Nichten dachte noch nach Jahren mit Entsetzen zurück an eine Reise von Basel bis Mailand in einem eigens gemieteten Gepäckwagen mit dem Bummelzuge, weil die Bahnbehörden es verboten, die dänische Dogge des Fräulein von Malvenbrand ins Coupé mitzunehmen, selbst nicht gegen Bezahlung, und die glückliche Besitzerin dieses Ungetüms nicht das Herz hatte, das arme Tierchen im Hundeabteil reisen zu lassen.

Nun hatte Fräulein von Malvenbrand eben einen zu Tode gefütterten und verhätschelten Mops unter strömenden Tränen begraben und war noch unentschieden, was für einen Nachfolger in und an ihrem Herzen sie ihm erwählen würde, als sie den Esel zum Geschenk bekam. Soweit man den Begriff »schön« auf einen Esel anwenden konnte, war dieser wirklich eine Schönheit: silbergrau sein Fell, weiße Blesse, weiße Füße und die Art, wie er seine langen Ohren trug und seinen Gefühlen damit Ausdruck verlieh, hatte entschieden etwas Eindrucksvolles, ja direkt Unternehmendes, sein ganzes Wesen ließ auf einen inneren Schwung schließen, der seine neue, ganz von ihm hingerissene Besitzerin wohl dazu berechtigte, ihm den für einen gewöhnlichen Esel sonst ungewöhnlichen Namen »Aiglon« zu geben.

Aber L' Aiglon war auch kein gewöhnlicher Esel und rechtfertigte vollkommen das in ihn gesetzte hohe Vertrauen. Zunächst wurde er in dem verwaisten Stalle eines früher schon an Fettsucht verschiedenen Ponys wie ein Prinz einlogiert, und umgehend für ihn eine Distelanpflanzung in Angriff genommen, denn so ungewöhnlich und über den Massen stehend ein Esel immer veranlagt sein mag: Disteln frißt er nun einmal zu gern. Aiglon pflegte solche natürlich zu speisen, Aiglon fraß nicht. Er nahm überhaupt nur Futter 1a Qualität zu sich und wies minderwertiges Heu und Hafer mit solcher Entschiedenheit von sich, daß er bald zum Schrecken der Lieferanten wurde. War das Wetter hinreichend schön, so vertauschte er seine Box im Stalle mit dem schönsten Rasenplatze des Gartens, der eigens für ihn umzäunt worden war mit einem stilvollen Drahtgeflecht und dann konnte man weit und breit seine klangvolle Stimme vernehmen, der seine Herrin in seligem Entzücken lauschte.

Die Betrachtung, daß Aiglon zur Erhaltung seiner Gesundheit, seines Appetites und seiner Figur aber einer gewissen Bewegung bedurfte, hatte Fräulein von Malvenbrand zur Anschaffung eines federleichten, niedrigen sogenannten Parkwagens von Binsengeflecht geführt – Aiglon hatte seiner Einspannung darein nichts entgegengesetzt und genehmigte seine Herrin auf den ebnen Wegen der Umgebung spazieren zu fahren, weil er instinktiv fühlte, daß leichte, angenehme Arbeit zur Erhaltung seines Schlaraffendaseins gehörte und seinen Appetit auf die guten Dinge schärfte, die ihm unablässig und untertänigst serviert wurden.

Aiglon regierte also neben oder mit der Hauskatze als unumschränkter Herrscher im Herzen seiner Herrin, die nur mit Trauer an ihre gewohnte jährliche Reise dachte. Diese Aiglons wegen aufzugeben, ging leider auch nicht, weil dann alle ihre Gewohnheiten gestört wurden und weil sie sich in Stockholm mit überseeischen Freunden treffen wollte, denen abzuschreiben ihre Loyalität nicht zuließ.

Aber wem Aiglon in der Zwischenzeit anvertrauen? Während diese große Frage noch als ein ungelöstes Rätsel auf ihrer Seele lastete, ließ sie einstweilen die Einladung zur Begleitung auf der Reise an eine ihrer sogenannten »Nichten« ergehen, die als Tochter einer entfernteren Cousine diesen Ehrennamen genoß und Fräulein von Malvenbrand als Gegenleistung »Tante« nennen durfte. Es war das dritte Mal, daß Fräulein Marie, genannt Mieze Werner, diese Einladung erhielt. Beim erstenmal war sie ihr mit dem vollen Enthusiasmus ihrer sechzehn Jahre gefolgt, denn man reist nicht alle Tage so ohne weiteres nach Schottland, besonders Werners nicht, weil sie das Geld nicht dazu hatten. Aber die Reise nach Schottland bedeutete der armen Mieze nur die Verpflegung eines im Fett erstickenden Mopses und was sie über diesen weg vom Vaterlande Walter Scotts sah, war nicht der Rede wert. Demgemäß sträubte sie sich zwei Jahre später mit Händen und Füßen gegen eine Einladung zur Reise nach Schweden und Norwegen, weil des inzwischen verblichenen Mopses Sohn und Thronerbe das Terrain beherrschte und mitreisen sollte. Aber es half der armen Mieze nichts, sie mußte nach langen pourparlers mit und wünschte den Trollhätta nach Ägypten, weil sie ihn mit dem gräßlich asthmatisch schnarchenden Mops auf dem Arme bewundern mußte und dabei sah, welchen Spaß dieser Umstand den andern Touristen machte. Dieses Jahr aber nahm sie die Einladung mit einem umgehenden Enthusiasmus an, der nicht allein auf das Konto des glücklich verstorbenen und noch ohne Thronfolger sich befindlichen Mopses zu schieben war – demgemäß mußte er also dem Lande Skandinavia gelten und Fräulein von Malvenbrand faßte es auch so auf; was ihr aber die liebe Mieze noch besonders dabei wert machte, das war, daß diese sie inständig bat, doch eine Woche vor Antritt der Reise schon kommen zu dürfen, »um noch die Bekanntschaft des süßen Eselchens zu machen, von dem sie durch Tantchens Briefe schon so viel gehört!«

»Tantchen« ging umgehend auf den Leim und bat Mieze, vierzehn Tage früher zu kommen, da acht Tage eine viel zu kurze Zeit sei, um Aiglon voll würdigen zu lernen.

Und Mieze kam, hübsch, frisch, freundlich und fröhlich, wie das so ihre Naturgaben waren, die man allerseits anerkannte. Sie fand Aiglon »entzückend« und infolgedessen wurde sie von »Tantchen« desgleichen gefunden – Aiglon selbst attachierte sich sehr schnell an seine neueste Verehrerin, nur wenn er sie als vermehrte Last in dem Parkwagen mit zu ziehen hatte, so legte er eine gewisse Abgeneigtheit an den Tag, denn die fünfzig Kilo plus standen nicht in seinem Programm, trotzdem sie kaum ein Plus für seine Kräfte bedeuten konnten. Aiglon war eben auch kein Packesel.

Ganz »zufällig« mit Miezens Ankunft auf dem Landgütchen des Fräuleins von Malvenbrand fielen auch die Besuche, die Offiziere eines kürzlich nach der Nachbarstadt versetzten Regimentes dort machten – der eine war ein junger Rittmeister, der andere ein dito Oberleutnant. Tantchen wußte nicht recht, was ihr die Ehre dieser Besuche verschaffte, aber sie nahm die Herren natürlich an, speiste sie nach ihrer acht Kilometer langen Fahrt in dem eleganten Sandschneider des Oberleutnants und zeigte ihnen Aiglon, der von den beiden Ulanenoffizieren für ein Prachtexemplar erklärt wurde, was eine Einladung zum Diner für einen der nächsten Tage zum Gefolge hatte.

»Riesig nette Leute,« sagte Tantchen, als sie wieder fortgefahren waren. »Wie mögen sie nur darauf gekommen sein, mir ihren Besuch zu machen? Mieze, du hast sie ja empfangen, ehe ich in den Salon kam – was haben sie denn gesagt?«

»O, sie freuten sich beide, mich wiederzusehen,« erwiderte Mieze unschuldig.

»Dich wiederzusehen?« fragte Tantchen erstaunt. »Ja, kannten sie dich denn schon?«

»Aber natürlich, Tantchen!« rief Mieze, noch erstaunter tuend. »Du weißt doch, daß diese Ulanen bis vor ganz kurzem in meiner Vaterstadt in Garnison lagen und erst eben nach Dingsda versetzt worden sind! Tantchen, das kannst du doch nicht vergessen haben!«

»Doch, ich hatte es vergessen, weil's mich gar nicht interessierte, »erwiderte Tantchen. »So, so. Na ja, natürlich kannten sie dich dann. Selbstverständlich. So, so! Na, und welcher von den beiden war denn der Elefant?«

»Der Ele– ich verstehe dich nicht, Tantchen,« protestierte Mieze unter wahrhaft beängstigendem Erröten.

Tantchen lachte. »Mieze, ich bin auch einmal jung gewesen,« sagte sie gemütlich, »ich weiß also, was ein Elefant in Europa zu tun hat. Ich habe schließlich ja auch selbst ein Paar Augen, aber so viel ich mich besinne, ich kann nicht darauf kommen, welcher von den beiden hier der »Richtige« sein könnte. Na, 's ist schon gut – wenn du's nicht sagen willst – – ich werd's schon noch sehen, denn jetzt werd'  ich natürlich aufpassen!«

Mieze schlug ihre beiden hübschen Hände vor ihr hübsches Gesicht. »Ach,« seufzte sie herzbrechend, »ich bin schrecklich unglücklich.«

»I bewahre!« erwiderte Tantchen abwehrend. »Den Eindruck hast du mir bis jetzt noch nicht gemacht!«

»Doch, ich bin' s,« verwahrte sich Mieze ihr Unglück, und nach einem kurzen aber harten Kampf mit sich selbst fuhr sie fort: »Tantchen, du magst aufpassen so viel du willst – den Elefanten wirst du doch nicht finden. Sie wollen mich ja alle beide!«

»Potz Spätzle noch einmal! »rief Fräulein von Malvenbrand in der ersten Überraschung. »Alle beide! Nein, so dick ist's bei mir nie gekommen! Indes kann die Sache dich eigentlich nicht unglücklich machen, denn du kannst doch nur einen heiraten!«

»Natürlich, Tantchen, aber welchen?«

Fräulein von Malvenbrand sah ihren Gast fassungslos an. »Ja, wenn du's nicht weißt – –! »sagte sie kopfschüttelnd.

»Ach,« rief Mieze, die Hände ringend, »ich weiß es wirklich nicht! Sieh mal, Tantchen, der Rittmeister von Sieber ist solch ein lieber, netter, vortrefflicher Mensch und wenn's nach mir ginge – – aber er hat nichts, er ist so arm wie ich, und daß 2 x 0 - 0 macht, das kann ich sogar ausrechnen. Leutnant Neckers ist auch nett und so weiter und dabei schwer reich – sein Vater ist der bekannte Großindustrielle – und es wäre gar nicht abzusehen, was das für die Meinen, besonders die Brüder, von Vorteil wäre, wenn – wenn – ach, du verstehst ja, Tantchen!«

»Jawohl,« nickte Tantchen. »Ich verstehe. Ein lieber, netter, vortrefflicher Mensch und einer, der »auch nett« ist – und beide wollen sie dich, beide?«

»Es scheint so, Tantchen,« erwiderte Mieze mit niedergeschlagenen Augen und brennenden Wangen.

»Der Schein trügt manchmal, Miezekindchen. Du mußt doch positive Gründe dafür haben – –«

»Ja natürlich – – das heißt –« stotterte Mieze, immer röter werdend. »Leutnant Neckers machte mir die Cour, daß alle Leute davon sprachen und schickte Blumen und verlor Vielliebchen an mich – massenhafte Vielliebchen –«

»Aha – im Dutzend billiger. Und sonst?«

»Ja sonst – sonst nichts, Tantchen. Aber es ist doch eigentlich – eigentlich – »

»Eigentlich wär's genug, willst du sagen. Ja – na ja! Eigentlich. Na, und der andere?«

»Hat mir nie Blumen geschickt, Tantchen, mich nie Vielliebchen gewinnen lassen,« sagte Mieze schnell und sehr rot.

»Aber,« setzte sie zögernd hinzu, »aber er hat mir gesagt, daß – daß er arm ist und daß – daß –«

»Aha! »nickte Tantchen. »Und hat er denn keine Antwort gewollt?«

»Er hat mich gebeten, mir's reiflich zu überlegen, weil Leutnant Neckers doch auch –«

»So so! Und hast du dir's überlegt?«

»Ach, Tantchen – ich weiß ja gar nicht, was ich tun soll – darum bin ich ja so schrecklich unglücklich. Kannst du mir denn nicht raten?«

»Ich werde mich in acht nehmen, Mieze, mein Herzchen. Das fechte du nur hübsch mit dir allein aus,« erwiderte Fräulein von Malvenbrand sehr entschieden. »Daß du deine Familie und die Zukunft der Brüder mit in die Wagschale wirfst, na, das ist ja sehr hübsch und ehrend für dich, aber, den Kuckuck auch, du hast doch nach menschlichem Ermessen noch ein langes Leben vor dir und das wiegt eigentlich schwerer. Aber wie gesagt: mach'  das mit dir selbst aus – ich weiß jedenfalls eins: daß die Sehnsucht nach Aiglons Bekanntschaft es nicht war, die dich so mächtig hergezogen, aber wir könnten trotzdem unsere Reise eventuell ganz gut um eine Woche hinausschieben –«

»Tantchen, liebes Tantchen –«

»Ach was, Tantchen – papperlapapp! Ehe ich nicht eine zuverlässige Person zu Aiglons Pflege habe, reise ich so wie so nicht ab!«

Die zuverlässige Person fand sich aber sehr bald und zwar war es Rittmeister von Sieber, der das Wagstück unternehmen wollte, Aiglon bei sich, das heißt in seinem Stall gastlich aufzunehmen und erbot sich ohne Zögern zu diesem Freundschafts- bezw. Liebesdienst, als er gelegentlich jenes Diners wenige Tage nach obigem Gespräch Fräulein von Malvenbrands Gast war. Eine Box in seinem Stalle war frei, sein Bursche zuverlässig und er wollte dafür sorgen, daß Aiglon regelmäßige Bewegung hätte – gegen etwaige Langeweile war ja die Gesellschaft seiner eigenen Pferde Bürge. Kaum hörte Leutnant Neckers von diesem Propos, als auch er umgehend seinen Rennstall zu Aiglons Disposition stellte und seiner Wirtin unter vier Augen andeutete, daß seine Rassepferde doch eigentlich eine Aiglons würdigere Gesellschaft wären als das Chargenpferd und der elende Privatklepper des Rittmeisters, der ja natürlich für seine Pferde nicht viel ausgeben könnte usw.

»Tantchen« sah diese Vorteile zwar ein, aber da sie dem Rittmeister ihr Herzblatt mit den langen Ohren schon quasi versprochen hatte, so glaubte sie, das nicht mehr zurückziehen zu können und bedauerte daher schmerzlich, daß Leutnant Neckers Offerte nicht zuerst gekommen. Den Gedanken des Leutnants dabei: »Schade, den ollen Esel hätte ich gern mal in die Dressur genommen –!« konnte Tantchen zwar nicht hören, aber vielleicht hat sie ihn vermittelst des feinen Instinkts gelesen, der manchmal das unmittelbare Verständnis ersetzt, denn sie freundete sich dermaßen mit dem Gedanken an Aiglons Unterbringung bei Herrn von Sieber an, daß sie mit Mieze zwei Tage darauf, einer Einladung des Rittmeisters folgend, per Bahn nach der Stadt fuhr, um den Stall zu besichtigen. Der Befund war ein recht günstiger und beide Damen nahmen in der einfachen, aber mit gediegnem altem Hausrat möblierten Junggesellenwohnung des Rittmeisters den Tee ein, und während sie noch dabei saßen, kam Leutnant Neckers atemlos herbei und behauptete, die Damen müßten nun auch seinen Stall sehen, selbst wenn derselbe nicht die Ehre haben sollte, Aiglon zu beherbergen. Dieser Bitte war eigentlich nichts entgegenzusetzen und so wurde das gemütliche Teestündchen denn verkürzt und der Pferdepalast des bekannten Rennreiters in Augenschein genommen. Daß letzterer daran eine Einladung in seine luxuriös eingerichtete Wohnung anknüpfte, war selbstverständlich und die Damen fanden dort sogar den Tisch für sie gedeckt, ein exquisites Souper für sie bereit mit allem Heil und da war's gar kein Wunder, daß die Damen erst mit dem letzten Nachtzuge heimkehrten . . .

»Na, Mieze,« sagte die Tante unterwegs, »was wird' s: Heu oder Disteln?«

»? »

»Je nun, wenn Aiglon Heu und Disteln gleichzeitig bekommt, dann wird ihm die Wahl allemal ersichtlich schwer. Dir auch, scheint es.«

»Aber Tante – mich mit einem Esel zu vergleichen!«

»Nimm's nur nicht übel, denn erstens entscheidet Aiglon sich immer für das Solidere, und zweitens ist er auch gar kein gewöhnlicher Esel.«

Nein, Aiglon war kein gewöhnlicher Esel, das bewies er zwei Tage später schlagend. Fräulein von Malvenbrand hatte sich entschlossen, das holde Geschöpf selbst nach der Stadt zu bringen im Parkwagen eingespannt, und Mieze war natürlich mit von der Partie. Damit die acht Kilometer dem süßen Grauchen nicht zuviel würden, sollte genau auf der Hälfte des Weges in einem Dorfe Rast gemacht werden, und die Damen wollten dann mit der Bahn zurückkehren.

An einem herrlichen, sonnigen Nachmittag ging die »Reise« denn los und das Dorf Petko wurde ohne Eile sehr gemütlich erreicht; bald saßen die Damen beim Kaffee unter der Wirtshauslinde und Aiglon stand vor der Krippe und warf das Futter verächtlich hinaus auf den Boden, indes ein unzufriedener, nachdenklicher Zug seine sonst so heitere Physiognomie trübte, was aber seine Herrin zum Glück nicht sah. Unter ihren eigenen wachsamen Augen wurde er dann wieder herausgeführt und eingespannt, mit der Nase nicht heim-, sondern stadtwärts, und da ließ Aiglon die Ohren hängen und schob die Unterlippe vor, und als ein freundliches Zungenschnalzen ihn zum Gehen einlud, da blieb er stehen . . .

»Allons, Aiglon, allons« munterte Fräulein von Malvenbrand ihn freundlich auf, aber Aiglon tat, als hörte er nicht, und ließ auch ein leises Klopfen mit der Peitsche auf seiner werten Person gänzlich unbeachtet.

»Man muß ihn ein paar Schritte anführen,« meinte Tantchen, und des Wirtshauses Hausknecht nahm Aiglon vorn am Zaumzeug, um ihm diese kleine Hilfe zu leisten. Aber siehe da! Aiglon stemmte sich gegen die nicht gerade zarte Faust und rührte sich nicht von der Stelle, ja, er setzte sich ganz einfach zwischen seiner Gabeldeichsel hin, als der Hausknecht dringender wurde, und als dieser es durch Schieben von rückwärts versuchte, keilte Aiglon so energisch aus, daß das Ortscheit zerbrach . . .

Was nun tun? Erstens mußte der Stellmacher des Dorfes ein neues Ortscheit beschaffen, und da das auch nicht so »gepfiffen« war für ein derartig leichtes Fuhrwerk, so blieb nichts übrig, als Aiglon wieder in den Stall zu führen, was ohne Schwierigkeiten von seiner Seite geschah, und die Damen machten sich mit dem Gedanken vertraut, hier zu übernachten!

Mieze war nahe daran zu weinen, als sie mit den Hühnern zu gleicher Zeit fast in das entsetzliche Federbett der Wirtin stieg, das sie auch noch mit der Tante zu teilen hatte, denn in der Stadt hatte Leutnant Neckers Theaterbillets für die Damen besorgt, das wußte sie, und das mächtige Veilchenbukett, das er ihr dabei überreichen wollte, das ahnte sie vielleicht . .

Nach einer fürchterlichen Nacht waren die Damen dann aber auch in aller Frühe bereit, aufzubrechen. Das Ortscheit war, wenn auch unlackiert, zur Stelle, Aiglon mit niedergeschlagenen Augen, vorgeschobener Unterlippe, ein Ohr hochstehend, das andere baumelnd, wurde vorgespannt und die Szene von gestern aufs Tüpfelchen wiederholt, nur mit der Variante, daß Aiglon beim Ausschlagen nicht nur das neue Ortscheit zertrümmerte, sondern auch den Hausknecht vor den Magen keilte, was den Kosten dieses Experimentes noch ein hübsches Schmerzensgeld beifügte.

Was nun tun? Es war heut'  der letzte Termin zu Aiglons Überführung – er mußte hin, aber er wollte nicht – entschieden wollte er nicht. Er wollte auch nicht heimwärts, als man ihn dazu aufforderte. »J' y suis et j' y reste« sagte jede seiner angespannten Muskeln auf der Stelle, wo er stand, durch passiven und aktiven Widerstand jedes Vorwärts ablehnend.

Warum? Ja, frag'  doch einen Esel, warum er etwas tut oder nicht tut; und wenn er zehnmal so gebildet wäre wie Aiglon, er sagt's doch nicht.

Aufgelöst stand Fräulein von Malvenbrand vor ihrem Lieblinge, halb weinend stand Mieze daneben in ihrer hübschen, hellen, fürs Theater berechneten Toilette am frühen Morgen, notdürftig frisiert mit einem Taschenkamm, frierend, unglücklich. Da hatte der Wirt, der zugleich Metzger war, eine glorreiche Idee: nicht etwa Aiglon zu schlachten und zu Salami zu verarbeiten, sondern ihn auf seinen Kälberwagen zu laden und per Schub nolens volens nach der Stadt zu befördern. Widerwillig zwar, doch der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, gab Fräulein von Malvenbrand ihre Zustimmung, aber nachdem Aiglon seine Verfrachtung ganz willig über sich ergehen gelassen und auf dem von einem Gitter umgebenen, federlosen Wagen stand mit einem sehr maliziösen Gesichte, da erklärte sie, ihn nicht allein lassen zu wollen in dieser Prüfung und stieg, Miezens Flehen unbeachtet lassend, zu ihm und nahm Platz neben dem süßen Tierchen auf einer mit einem Sack bedeckten Rolle von Fellen, die bei dieser Gelegenheit nach der Stadt zum Gerber spediert wurden.

Und Mieze? Ja, was blieb der armen Mieze übrig, als auf dem Bock neben dem kutschierenden Metzgergesellen in der hohen, schwarzseidenen Mütze und der blauen Bluse Platz zu nehmen? Ihr einziger Trost war, daß es ja noch so früh war am Morgen, wo man niemand begegnet, und daß sie bestimmt vor der Stadt absteigen würde.

Metzgerpferde laufen immer flott, wahrscheinlich weil sie beweisen wollen, daß sie noch lange nicht reif zum Schlachten sind, und so wurden die vier Kilometer denn auch rasch zurückgelegt, ohne daß Aiglon gegen das Tempo etwas einzuwenden hatte, und da er's ertrug, so ertrug es auch Fräulein von Malvenbrand ohne Klagen und biß nur die Zähne zusammen, um sich bei den harten Stößen nicht die Zunge abzubeißen.

Kurz vor der Stadt, die im Morgensonnengold bald genug vor ihnen lag, kam ihnen dann eine Staubwolke entgegen, in der es sonderbar trappelte und klirrte und manchmal hell aufblitzte – Mieze konnte sich gar nicht erklären, was das wohl sein konnte, aber ihr Nachbar belehrte sie.

»Mer werde jetzt zur Seite fahre und schtehe bleiwe, bis selle Hulanersch vorieberg' ziecht sin,« sagte er gemütlich, seinen Worten die Tat folgen lassend.

»Die Ulanen?« fragte Mieze zweifelnd und erblassend.

»Ha ja jo – se ricke zum Rechimentsexerziere aus,« erklärte der Metzgergesell.

Mieze wäre am liebsten gleich vom Bocke gesprungen und hätte sich in Ermangelung einer anderen Deckung in den Chausseegraben verkrochen, aber ihre Füße versagten ihr einfach den Dienst – sie war wie gelähmt. Auch das noch! Und wieder dachte sie wild an Flucht, da kamen die Trompeter schon angetrappelt und sahen erstaunt auf des Metzgerwagens sonderbare Insassen, und nach den Trompetern zogen fünf Schwadronen an ihnen vorbei, und jeder einzelne Ulan betrachtete das interessante Fuhrwerk, und in Aiglons Brust erwachte wahrscheinlich ein militärischer Instinkt oder er hielt sich für verpflichtet, seine Prahlverwandten, die vielen, vielen Pferde standesgemäß zu begrüßen, kurz, er streckte den Hals vor und schrie, was er nur konnte, »I–ah! I–ah! I–ah!« in die Naturgeschichte hinein, daß die erstaunten Gesichter der braven Ulanen sich in breitgrinsende und lustig lachende verwandelten.

Wie Mieze diese Tortur ausgehalten, hat sie nie zu schildern vermocht – ihr einziger Trost war nur, daß die Offiziere jedenfalls auf der anderen Seite ritten, denn sie sah keine, aber dieser Trost war ein falscher, denn die Offiziere folgten dem Regimente mit dem Kommandeur, der den Weg zum Exerzierplatze jedenfalls noch zur Ausgabe besonderer Orders und Extraweisheit benutzte . . .!!!

Nun kannte das ganze Offizierkorps natürlich die arme Mieze, und nachdem Rittmeister von Sieber als erster, erstaunt zwar, aber mit unleugbarer Freude seine Herzdame erkannt und begrüßt hatte, da kamen die anderen natürlich auch heran, und die halbohnmächtige Mieze mußte der Tante auf den Fellen im Kälberwagen noch die Herren vorstellen, während Aiglons musikalische Leistungen, die einmal gestartet, gar nicht mehr zu stoppen waren, ohrenzerreißend die groteske Szene begleiteten. Und mitten darin hörte Mieze den Leutnant Neckers, der sich mit einem höchst süffisanten Gesichtsausdruck im Hintergrunde hielt, im Theaterflüsterton zu einem Kameraden sagen: »Nee, alles was rechts und links ist – – das Mädel tut mir leid, aber die olle Eselstante ist ja total unmöglich. Un–mög–lich! Schade, sonst ein ganz netter Käfer, diese kleine Mieze!«

Der Rittmeister aber drückte lange die kleine Hand, die sich ihm zum Abschied vom Kälberwagen herabreichte.

»Darf ich heut'  abend noch einmal herauskommen?« fragte er leise und schnell. Aber Mieze war jenseits aller Worte – sie war gekränkt und doch fühlte sie sich merkwürdig leicht. Und sie nickte nur und erwiderte fest und klar den treuen Blick der blauen Augen unterm Tschapka – zum erstenmal, denn jetzt wußte sie, was sie wollte und sollte.

»I – ah! I – ah! »schmetterte Aiglon ein wahres Triumphgeschrei den Ulanen nach und schrie noch, als der Kälberwagen die Stadt durchrollte und die Leute ihm erstaunt und belustigt nachsahen.

Nun sag'  noch einer, daß die Esel dumm sind!




Lump und Schuft.

»Ob ich was liebe? Die Dackel? Na und ob!« sagte der Rittmeister von Horst auf die an ihn gerichtete kynologische Frage. »Sehen Sie, der Dackel ist überhaupt ein Überhund durch die äußere Erscheinung und seine Charaktereigentümlichkeiten, durch die er sich wesentlich von seinen Kollegen unterscheidet. Einen Dackel lernt man nie ganz aus, weil er ja viel klüger ist als unsereins – bitte sagen Sie nicht »oho,« sondern schaffen Sie sich einen an und Sie werden mir recht geben. Ich treibe nun schon über zehn Jahre Dackologie, aber mein Dackel schlägt mich immer noch, wenn ich denke: jetzt bist du ihm über. Na, und zweitens verdanke ich einem Dackel das Glück meines Lebens.«

»Man sachte!« war die lachende Erwiderung. »Lebensglück ist ein bißchen viel behauptet, denn einmal sind Sie unseres Wissens weder vermählt noch verlobt –«

»Eben deswegen«, fiel der Rittmeister behaglich schmunzelnd ein. »Dunkel ist meiner Rede Sinn und ich soll herausrücken mit der Geschichte? Warum auch nicht? Zehn Jahre sind drüber hingegangen, Verjährung also längst eingetreten. Zwar es heißt einem andern unrecht tun, wenn ich diesem Spezialdackel allein das Verdienst zuerkenne; der Retter meines Lebensglückes zu sein, denn ein Kater – ein richtiger, lebendiger, vierbeiniger roter Kater teilt sich mit ihm in diesen Ruhm, aber da der Dackel durch seinen Intellekt die treibende Kraft gewesen und der Kater nur sein Werkzeug, so mag es mir Schuft verzeihen, wenn ich ihn bei dieser Episode bisweilen in den zweiten Rang stelle und Lump in die erste Reihe; denn der Dumme, der die Arbeit tut für den Klugen, ist ja allemal der Geleimte in dieser Welt.

Also: Ich war ein noch junger Leutnant und hatte meine ersten Jahre in der Löwenhaut redlich dazu benutzt, eine Menge Geld zu verbrauchen, dessen Wert einem in diesen seligen Zeiten natürlich ganz unklar ist. Nachdem meine gute Mutter eine Serie größerer und kleinerer Posten für mich bezahlt und summiert hatte, fand sie, daß das so nicht weiter gehen könnte und wählte als sicherstes Mittel dagegen eine sogenannte »gute Partie« für mich. Da ich es leugnete, die Bekanntschaft solcher zu haben, so entwarf sie selbst ihre Liste und unter Absolvierung eindringlicher und öfterer Standpauken wurde ich denn auch glücklich zur Brautschau gepreßt.

Obenan auf der Liste meiner Mutter stand das einzige Kind ihrer teuersten Jugendfreundin, die sie zwar seit ihrer Verheiratung nicht mehr wiedergesehen hatte, mit der sie aber eine regelmäßige Geburtstags- und Neujahrskorrespondenz aufrecht erhielt. Sie war mit einem Gutsbesitzer in einer Gegend mit fettem Boden vermählt, und nach der Schilderung meiner Mutter, die sie durch die rosige Brille einer angemessenen Entfernung betrachtete, ein Muster aller Tugenden, die sich notgedrungen auf ihre einzige Tochter vererbt haben mußten. Meine Mutter betonte darunter besonders die bewundernswerte Sparsamkeit, mit der ihre Freundin gewußt hatte, mit ihren damals geringen Mitteln hauszuhalten. Es wollte mir nach den Schilderungen dieser Tugend zwar scheinen, als ob die Freundin ihre Sparsamkeit auf anderer Leute Unkosten ausgeübt hätte, aber meine Mutter wies diese ketzerische Ansicht sehr entrüstet zurück. Im übrigen gefiel mir die Photographie meiner Zukünftigen recht gut – sie war danach ein auffallend hübsches Mädchen und wenn sie nicht mit Vornamen Selma geheißen hätte – ich habe immer ein Vorurteil gegen »Selma« gehabt – so wäre ich mit meinem Los ganz einverstanden gewesen. Nach einer längeren, geheimnisvollen Korrespondenz meiner Mutter mit Frau von Mörbel wurde dann beschlossen, daß ich »auf einer Reise nach dem Rhein« auf dem Landgut mit dem fetten Boden eintreffen sollte, »um en passant bei dieser Gelegenheit Grüße und einen Brief von meiner Mutter zu überbringen.« Dieser Tenor wurde nämlich gefunden, um »den beiden jungen Leutchen ihre Harmlosigkeit nicht zu rauben« – wenn dabei die süße Selma aber ebenso harmlos der Entrevue entgegensah wie ich, dann war die Umschreibung bezw. die Legende gut.

Ich ging also auf die Brautschau. Im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen, trat ich meine Rheinreise an, das heißt ich fuhr mit direktem Retourbillet nach der kleinen Provinzialstadt, in deren Nachbarschaft mein Mekka lag, logierte mich daselbst im Gasthof zum grünen Kranze ein und sandte den schon vorher geschriebenen Brief an Frau von Mörbel ab, in dem ich um den Vorzug bat, meiner Mutter Grüße persönlich überbringen zu dürfen.

Als dies geschehen, begab ich mich zum Abendbrot in den Speisesaal des kleinstädtischen Gasthauses, das sich natürlich »Hotel« nannte und traf da zu meiner freudigen Überraschung meinen alten Freund Mayer – Karl Mayer – mit dem ich auf dem Gymnasium zusammen gewesen, und der nun hier seit einem Jahr seine Jugend als Referendar vertrauerte. Na, die Freude, uns wiederzusehen! Natürlich aßen wir zusammen und nach einer halben Stunde wußte Karlchen auch glücklich, weshalb ich im Orte war. Ohne Erklärung wäre das Faktum ja ganz unverständlich gewesen, das sah ich ein, und da ich mich nicht den x-beliebigen schwarzen Verdachten Karlchens aussetzen wollte, so vertraute ich mich ihm unterm Siegel der tiefsten Verschwiegenheit an.

 »All right« sagte er. »Ich wünsch'  dir viel Glück, alter Junge, aber wenn ich dir einen guten Rat geben darf – weißt du, ich kenne die Verhältnisse hier und du nicht – hm – die Mörbels haben so ihre Ideen über Verpflegung, und gehen besonders von dem hygienischen Grundsatz aus, daß das Essen eine schlechte Angewohnheit im allgemeinen, das reichliche Essen aber im besondern ganz verdammungswürdig ist. Wenn du dich dort also gleich von vornherein einheben willst, so iß weniger als ein Spatz –«

»Aber Karlchen – ich habe doch einen so herrlichen Appetit, einen wahren Scheunenakkorddrescherappetit – ich kann doch nicht verhungern,« verteidigte ich meine in jenen seligen Jahren noch heiligsten Gefühle.

»Laß mich doch ausreden,« sagte Karlchen vorwurfsvoll. »Also: iß bei Mörbels weniger als ein Zaunkönig – Spatzen fressen für die dortigen Ansichten, und für meine auch, maßlos viel, faktisch den ganzen Tag – was wollt'  ich sagen? Richtig, wenn du also bei Tisch fast nichts gegessen hast, so gehe dann in dein stilles Kämmerlein, ziehe eine mitgenommene Wurst und eine Büchse Sökeland heraus und futtere dich daran satt. Wenn du aber bei Tisch der Stimme deines Magens nicht widerstehen kannst, dann bist du bei Mörbels gleich unten durch und kannst dir die Reise dahin sparen. Verstanden?«

Ich hätte ja ein Heupferd sein müssen, das nicht zu begreifen, und dankte Karlchen gerührt für seinen guten Rat. Dann kauften wir uns zusammen einen Affen und verbrachten damit einen kolossal netten Abend. Als ich am nächsten Morgen so gegen 11 Uhr mit etwas – nein, mit sehr dickem Kopfe aufwachte, begrüßte mich ein vom Gründorfer Buttermann abgegebener Brief der Frau von Mörbel, in dem die würdige Dame mich in schrecklich steif und ungeschickt stilisierten Phrasen aufforderte, ein paar Tage bei ihnen zuzubringen. Der Brief war evident auch schon vor Eintreffen des meinen verfaßt und trug mit frischer Tinte die Nachschrift, daß der Gründorfer Wagen nachmittags in Geschäften nach der Stadt führe und mich dabei abholen würde. Karlchen Mayer, dem ich den Brief bei Tisch zeigte, meinte, auf ein paar Tage würde mir eine Reservewurst nicht viel nützen und empfahl eine entsprechend vermehrte Mitnahme von »Fressalien.« Wir gingen also nach Tisch aus und kauften in der übrigens sehr wohlassortierten Delikateßhandlung des Städtchens ein, was Karlchen als gut empfahl und den verschiedenen Tageszeiten entsprechend für notwendig zur Stillung meines normalen Appetits erachtete. Danach hat er mich jedenfalls auf einen Vielfraß taxiert, denn ich hatte Mühe, meine geheime Speisekammer in meinem Koffer und Reisesack unterzubringen, und als beides auf dem hartfederigen Stoßbock von einem Wagen verladen wurde, machte der Kutscher Bemerkungen über die Schwere meines Gepäcks.

Kurze Zeit nach 4 Uhr nachmittags langten wir denn im Paradiese an – die einstündige Fahrt durch die frische Frühlingsluft hatte mir gottlob meinen Kater auch annähernd vertrieben und ich sah den Ereignissen ruhig entgegen. Der stoßende Wagen mit den verhungert aussehenden Kleppern davor, brachte mich vor die Tür des nüchtern aussehenden und jeden dekorativen Schmuck verschmähenden »Herrenhauses« und ich stieg die kleine Freitreppe hinan, ohne daß ich durch Begrüßungen irgendwelcher Art in Verlegenheit gesetzt wurde, wenn das Knurren eines Dackels nicht etwa dazu gehörte. Dieses Hundevieh saß vor der Tür in der Sonne und lehnte sich gegen einen enorm großen, roten Kater, der mich mit grünen Augen anblinzelte und da ich für Tiere immer eine Schwäche hatte, so machte mir dies sonderbare Paar auch gleich unleugbares Vergnügen. Der Dackel wies meine Annäherung aber durch ein ohrenzerreißendes Gekläff zurück, der Kater machte einen Buckel und spuckte mich an und jedenfalls daraufhin erschien in der Haustür ein Herr in Pantoffeln, gestickter Samtmütze und angetan mit einem Schlafrock, der so »speckig« aussah, daß es mich heut'  noch wundert, warum man nie versucht hat, Bouillon daraus zu kochen.

»Maul halten, Lump! Aus dem Wege, Schuft!« grunzte der Inhaber dieser herrlichen Garderobe.

»Erlauben Sie –« fing ich empört an, denn ich dachte, er meinte mich, aber er winkte mir sofort ab.

»Weiß schon – Leutnant von Horst. Sehr angenehm: von Mörbel. Bitte einzutreten. Verzeihen Sie meine Toilette – dachte nicht, daß Sie schon so zeitig kämen. Will er wohl endlich ruhig sein, Lump!«

Daß mit dem »Lump« der Dackel und mit dem »Schuft« der Kater gemeint war, beruhigte mich wesentlich.

»Welche reizende Freundschaft,« erwiderte ich, das Thema sofort zur Einleitung eines Gesprächs benutzend. »Diese beiden lieben Tierchen machen ja das Sprichwort von Hund und Katze zunichte.«

»Hä?« fragte Herr von Mörbel, und nachdem ich meinen Speech, der mir allmählich schrecklich dumm vorkam, dreimal wiederholt hatte, begriff er, was ich meinte.

»Ja, ja – der Lump hat sich den Schuft selbst erzogen,« teilte er mir dann mit. Einer stiehlt immer toller wie der andere. Wo der Lump nicht mehr herauf kann, schickt er den Schuft –«

Damit schuffelte Herr von Mörbel mir voraus und führte mich in ein großes Wohnzimmer, das aber schrecklich unwohnlich aussah – so furchtbar aufgeräumt und kahl und ungemütlich. Nachdem er mich hier deponiert, zog mein Wirt sich schleunigst zurück und nach einem reichlichen Viertelstündchen erschien die Dame des Gebäudes, Frau von Mörbel, groß, mager und gekniffen aussehend. Sie begrüßte mich aber ganz liebenswürdig und während sie mich noch nach meiner Mutter ausfragte, kam der Alte wieder zurück: er hatte sich Stiefeln angezogen, eine Krawatte umgemacht und einen Rock angezogen, der jedenfalls seines Schlafrocks Zwillingsbruder war, was das Alter betraf.

»Meine Tochter wird sich freuen, Sie kennen zu lernen,« sagte Frau von Mörbel in die Pause hinein, die des Alten Wiedererscheinen verursachte. »Sie hat sich heut'  einem Picknick angeschlossen, das unsere Gutsnachbarn zur Maifeier arrangiert – ein Lunch im Walde – und muß nun bald heimkehren. Aber Sie werden gewiß eine Erfrischung haben wollen, Herr von Horst! Wir haben hier im Hause den Nachmittagskaffee oder Tee, von dem Grundsatz geleitet, aufgegeben, daß es direkt gesundheitsschädlich ist, sich den Magen zwischen den Hauptmahlzeiten mit Getränken zu überfüllen, die den Magensaft verdünnen und dem Herzen eine Arbeit aufbürden, die es nur schwer und zum Nachteil des Wohlbefindens überwindet. Aber die Fahrt hat Sie vielleicht durstig gemacht!?«

Mir klebte die Zunge am Gaumen vor Durst, aber nicht von der Fahrt, sondern infolge meines schwindenden Katers und mein ganzes Ich drängte nach einer Tasse heißen, starken Kaffee! Ihr könnt euch also denken, wie mir das Herz sank bei der hygienischen Rede meiner Gastgeberin, wie es wieder auflebte bei dem Schluß! Sie erwartete sicher nicht, daß ich »ja« sagen würde, aber ich tat wie Tulpe und sagte es: darob zog sie an einer perlgestickten Klingelschnur – eine Zimmerdekoration, die einem ordentlich die Zähne stumpf machte – und nach einer Weile erschien ein weiblicher dienender Geist mit einem Tablett und darauf stand ein Glas, eine Karaffe mit Wasser und eine Schale mit Streuzucker!!! Die Gänsehaut, die mich bei dieser Sorte von »Erfrischung« überlief, nahm mir fast den brennenden Durst, aber nur für den Augenblick. Den Zucker ablehnend, was Frau von Mörbel sichtlich freute und mir bei ihr einen Stein im Brett verschaffte, stürzte ich ein Glas Wasser hinab – aber Wasser ganz allein so ohne Kohlensäure und ohne nichts ist kein gutes Katergetränk und wenn man jung ist, hat man seine Gesichtsmuskeln auch nicht immer in der Gewalt, kurz, ich fühlte, daß ich ein Gesicht schnitt, als ich das Glas absetzte.

»Schmeckt Ihnen unser Wasser nicht?« fragte Frau von Mörbel mißtrauisch, »Das Grünfelder Wasser ist sonst berühmt gut –«

»Doch – es ist großartig,« beeilte ich mich zu sagen, »es war nur – nur – nur ein wenig kalt!«

Der alte Mörbel hatte meiner Tränkung mit Interesse zugesehen und dabei schien ihm eine Erinnerung besserer Tage gedämmert zu sein, denn er sagte, leise und vage beginnend, dann sich steigernd, um das letzte Wort förmlich herauszubrüllen . »Vielleicht möchte Herr von Horst lieber etwas – etwas Wein!«

Ich hätte viel lieber etwas Kaffee gemocht, aber schließlich, Weißwein mit Sodawasser, so was man »Schorlemorle« nennt, wäre auch nicht übel gewesen.

»Wein – welche Idee! Wer wird denn jetzt Wein trinken!«, erwiderte Frau von Mörbel mit einem vernichtenden Blick auf ihren Alten, der darunter förmlich in sich zusammenkroch. »Nein,« fuhr sie fort, »Herr von Horst wird jetzt lieber auf sein Zimmer gehen und sich von seiner Reise etwas erholen wollen, willst du ihn vielleicht nach oben führen?«

Ob der Alte das wollte oder nicht, er tat's halt und führte mich in eine ganz hübsche, aber ein bißchen leere Mansarden-Fremden­stube, in der mir jedenfalls wohler war als in der ungemütlichen Wohnstube mit der Wasservesper. Meine Sachen waren nach oben gebracht worden, doch ehe ich daran ging, das Nötige für meinen äußeren Menschen bei Tag und bei Nacht auszupacken, zündete ich mir eine Zigarre an und lehnte mich damit zum Fenster hinaus.

Die Aussicht, die ich hatte, ging nach dem Hofe hinaus, in den ich meinen Einzug gehalten, sie war also nicht gerade überwältigend oder zu Oden, Sonetten und Rhapsoden begeisternd, denn die Wirtschaftsgebäude schlossen ihn von drei Seiten ein. Vor der Freitreppe war ein Rasenfleck mit einem verkümmerten Apfelbaum mitten drin und in dessen dürftigem Schatten sah ich Lump und Schuft sitzen, eng aneinander geschmiegt, regungslos wie eine bemalte Tongruppe. Der Kater hatte die Augen geschlossen oder tat so und sah blitzdumm aus, der Dackel aber beobachtete scharf mein Fenster und mich, als ich ihn aber lockte, wendete er den Kopf ab und seinem Freunde zu, der sich sofort dagegen rieb, dann erhob er sich, schüttelte sich und ging langsam und würdevoll, wie es so Dackelart ist, von dannen, gefolgt von dem Kater. Keine fünf Minuten später kratzt es an meiner Tür. »Nanu?« denke ich und gehe aufmachen, und wer steht draußen? Lump und Schuft! War der Kerl draußen bloß so langsam gegangen, um keine unwürdige Eile in der Annahme meiner Einladung zu zeigen, aber Dackel und Katzen sind die neugierigsten Vierbeiner, die es gibt und durch Ausnutzung dieser Charakterschwäche kann man bei beiden noch manchmal etwas erreichen.

Nach sehr flüchtiger Begrüßung meiner Wenigkeit, was Lump durch eine zitternde Bewegung seines Schwanzes, Schuft durch Reiben an meinen Beinen mit obligatem Schnurren ausdrückte, machten sich beide umgehend an die Inspizierung meines Gepäcks, das heißt der Dackel, gefolgt von dem Kater, schnupperte an meinem Koffer herum und begann dann denselben mit seinen kräftigen Pfoten zu bearbeiten. Der Kater, dessen Geruchssinn sehr schlecht ausgebildet ist, begnügte sich damit, auf den Koffer zu springen und zu schnurren.

Erst wußte ich nicht, was der Lump mit meinem Koffer hatte, dann aber dämmerte es mir, der Kerl witterte meinen Proviant! Donnerwetter – wo sollt'  ich denn den aufheben? Die Kommode war nicht zum Verschließen, der Kleiderschrank hatte nur ein Druckschloß – im Koffer behalten will man Wurstwaren doch auch nicht, wegen des sonst ganz angenehmen Parfüms, das aus den Kleidern auszuhauchen aber nicht gerade üblich ist. Halt! Der Ofen! Geheizt wurde jetzt nicht mehr und ich hatte sagen hören, daß das Innere eines Ofens ein vortrefflicher Aufbewahrungsort für Würste pp. sei, weil sie dort in der Zugluft lägen – ein Blick aber in das Innere dieses braunen Kachelungetüms belehrte mich, daß das Zimmermädchen es auch zur Aufnahme des Kehrichts für geeignet hielt, sintemalen ihr diese Prozedur den Gang nach unten ersparte. Und dabei gibt es Hausfrauen, die diese sinnreiche Einrichtung zur Erleichterung des dienenden Standes nicht lieben! Es lebe die Dienstbotenfrage! Na, also das Ofenloch war jedenfalls außer Frage – ein Schacht seiner Offenheit wegen dito, aber nun entdeckte ich, daß der Ofen eine hohe Krönung hatte, hinter der sich meine Schätze eventuell verbergen ließen. Ich kletterte also auf einen Stuhl, und die dicke Staubschicht hinter der durchbrochenen Galerie beruhigte mich über die Gefahr einer etwaigen Entdeckung durch reinigende Hände.

Ich packte also erst die in meiner Reisetasche befindlichen Blechbüchsen mit Gänseleber-, Wild- und Geflügelpain aus und rangierte sie auf dem Ofen, nachdem ich vorher weißes Papier über den Staub gedeckt, dann öffnete ich meinen Koffer und entnahm demselben unter der aufmerksamsten Beobachtung Lumps, während Schuft sich auf dem Sofa einer eingehenden Katzenwäsche unterzog, was ich sonst auf Karlchen Mayers Rat im Städtchen erstanden, einen kleinen gerollten Schinken, mehrere Büchsen von Sökelands Pumpernickelscheiben, eine Trüffelleberwurst, einen Zungenpreßmagen und eine fabelhaft dicke, bindfadenumwickelte Mortadellwurst. Da ich letztere Delikatesse aber sehr ungern mag, so bewies mir ihr Besitz nur, daß ich bei ihrem Einkauf ungewöhnlich verkatert gewesen sein mußte. Gutmütig, wie ich nun mal bin, bot ich also dem Dackel eine Scheibe von der Mortadella an – und siehe da, er genehmigte sie nicht nur anzunehmen, sondern sogar nach seinem Geschmack zu finden, und das Drolligste war, daß er sich den Kater dazu holte, indem er ihn am Schwanze faßte und einfach vom Sofa zog. Die Fütterung der Menagerie machte mir Spaß und ich gab ihnen Mortadella bis sie nicht mehr mochten, bis der Lump mit einem Seufzer der Befriedigung, angefressen wie eine Riesenschlange, hinsank, während der Kater längst schon genug hatte. Unter dieser angenehmen Beschäftigung war die Zeit ganz hübsch vergangen, und bis ich meinen äußeren Menschen fein gemacht, wurde ich zum Abendessen gerufen.

Ohne Herzklopfen, aber doch erwartungsvoll trat ich in der bewußten, ungemütlichen Wohnstube meiner ›Zukünftigen‹  entgegen, die ich aber nicht halb so hübsch fand wie ihre Photographie – sie war die verjüngte Ausgabe ihrer Mutter und hatte auch den gekniffenen Zug um den Mund. Im übrigen war sie, was den Zweck unserer Begegnung betraf, gerade so »harmlos« wie ich und zeigte das sehr deutlich durch ein schrecklich dummes Benehmen, sie kicherte und meckerte bei jedem Wort, das ich sprach und drehte und wand sich, daß ich mir schon nach der ersten Viertelstunde gelobte: Die nimmst du nicht!

Der alte Mörbel saß bei diesem ersten Interview dabei und sah uns beide an mit einem merkwürdig blödsinnigen Ausdruck, ich bin mir nie ganz klar darüber geworden, ob er gedacht hat: »Hoffentlich nimmt er sie,« oder, »Er wird doch nicht so dumm sein und sie nehmen«. Ich neige mich indes zu letzterer Version hin und freue mich, des braven Mannes Vertrauen nicht getäuscht zu haben. Ich will aber nicht vorgreifen. Als das obige Gelöbnis in meiner Seele zu dämmern begann, wurden wir von der Hausfrau selbst zum Souper gerufen.

»Das heißt, »fügte sie dieser Aufforderung rasch hinzu, »das heißt, ich meine einen leichten Imbiß, da vieles und schweres Essen am Abend sehr schädlich ist. Man träumt dann schwer bis zum sogenannten Alpdrücken und erwacht unerfrischt.«

»Na, »dachte ich mir, »det kann jut werden, »und es wurde »jut!« – So wahr ich hier sitze, es gab, mit vieler Petersilie verziert, auf einer ovalen Platte sechs, sage sechs Scheiben hausmachener Schlackwurst, dazu eine Portion gebratener Kartoffeln für uns vier, mit der ich spielend leicht allein fertig geworden wäre, wenn sie besser gewesen wären, eine in Scheiben geschnittene Salzgurke und dazu einen Tee, der nach gebrühtem Heu schmeckte!

»Schlackwurst, gnädige Frau, ist aber auch kein leichtes Essen, »bemerkte ich . . . aber mit ganz ernstem Gesicht.

»O – Selma und ich nehmen auch nur ein Stückchen – ein Männermagen verträgt ja so viel mehr, »versicherte Frau von Mörbel. Es waren also für den Hausherrn und mich je zwei Scheiben gerechnet, ich nahm aber doch nur eine, da ich Schlackwurst nicht gern esse, und die Wonne zu sehen, mit der Herr von Mörbel meinen Anteil trotz der Dolchesblicke seiner Gattin sich zuführte, lohnte allein schon meine Enthaltsamkeit: der arme alte Kerl war einfach halb verhungert! Und diese Leute sollten schwer reich sein – Karlchen Mayer hatte es auch gesagt! Natürlich, wenn man sich's und anderen am lebendigen Leibe abzieht . . . Der Geizkragen war natürlich die Alte, und Selma hatte denselben gekniffenen Zug um den Mund . . .

Den schönen Familienabend nach dem leichten Imbiß werde ich auch nicht vergessen. Die Unterhaltung schleppte sich trotz meiner krampfhaftesten Anstrengungen, ein Gespräch aufrecht zu erhalten, wie mit Blei beladen hin. Frau von Mörbel strickte über einem grauwollenen Strumpf, der Alte döste über einer Zeitung von gestern, Selma tändelte mit einer Stickerei und setzte sich dann nach vielem Zieren und Dummtun an den Flügel und stümperte eine endlose Beethovensche Sonate herunter – es war einfach zum Auswachsen. Zum Glück ging man mit den Hühnern schlafen, das heißt bald nach neun Uhr und ich nahm beim Hinaufgehen immer zwei Stufen auf einmal, um nur rasch in mein Zimmer zu kommen, vor dem ich wie einen Doppelposten Lump und Schuft sitzend vorfand in Erwartung von mehr Mortadellwurst. Nach dem »leichten Imbiß« für die Menschen konnte ich diesen Wunsch der Tiere dieses gastlichen Hauses wohl verstehen, aber ich fand, daß sie für heut'  genug hatten, warf schleunigst die Stiefeln vor die Tür, um ungestört zu sein, und hielt dann von meinen Vorräten ein Souper, dessen Menge Frau von Mörbel in Krämpfe ob meiner hygienischen Sicherheit versetzt hätte. Dann legte ich mich ins Bett und schlief wie ein Murmeltier bis ein energisches Klopfen mich zu dem dünnen Kaffee mit altbackenem Brot und minimalen Butterverhältnissen rief!

Nach diesem Mahle wurde ich mit der holden Selma allein gelassen, denn der Alte ging aufs Feld und die Hausherrin in die Wirtschaft. Fräulein von Mörbel zeigte mir erst die Photographiealbums, führte mich dann in richtiger Gedankenfolge in die Viehställe und in den Garten, in welchem man keinen Blumenluxus trieb, sondern hübsch praktisch Gemüse pflanzte, und dazu kicherte sie und plapperte sie wie aufgezogen ums liebe Leben, bis ich kurz vor Mittag unter Anzeichen schwerer Betäubung auf mein Zimmer wankte und mir dort unter Vertilgung mächtiger Schinkenscheiben das Versprechen abnahm, mich entweder durch würdelose Flucht zu retten, ehe die Sonne unterging, oder schwere Krankheit heuchelnd, Schutz in meinem Bette zu suchen, oder mich auf einen Stein zu setzen und zu heulen. So fertig war ich, so ging diese Selma mir auf die Nerven. Die heiraten? Na, guten Morgen! Nicht mit einer Million Mitgift, nicht, wenn sie einen hier gleich bei der Ankunft mit Trüffeln geworfen hätten!

Das »Diner, »zu dem ich gerufen wurde, als ich mich eben für satt erklärt hatte, bestärkte nur meine Entschlüsse: eine mordsdünne Lurke von einer Suppe war noch das Beste dabei, aber ein sogenanntes »Haschee« von gehackten Fleischresten mit Rosinen darin als Vorspeise und ein mit viel Mehl zusammengepappter und aufgepuffter »farcierter Braten, »gefolgt von einem Eierkuchen, der wegen Eiermangel wie Schuhsohlenleder hart und zäh war – Donnerwetter! In meinem Leben habe ich nie eine ähnliche Mahlzeit erlebt und dazu wurde die Geschichte noch in so geringen Mengen gereicht, daß vier kleine Kinder davon nicht satt geworden wären.

»Wir ziehen gehacktes Fleisch allem anderen vor, weil es so sehr viel leichter verdaulich und eine rationelle Nahrung ist, »erklärte Frau von Mörbel. Natürlich, gehackt kann man verzehren, was sonst ungenießbar ist, die ältesten Kuhurgroßmütter, die hoffnungslosesten alten Hammel, die zähesten Schweine. Das nennt man billig leben, aber bei diesem gehackten Diner dämmerte mir auch, weshalb der alte Mörbel solch blödsinnigen Ausdruck hatte, das machte die Nahrung. Ein Mensch, der alle Tage gehacktes Fleisch ißt, muß ja geistig einschlafen.

Während wir noch saßen und aßen, oder vielmehr taten als ob wir aßen, wälzte ich in meinem Gehirn lauter Fluchtpläne hin und her. Wäre nur wenigstens Karlchen Mayer erschienen, mir zu helfen, aber dieser edle Freund und Gönner wollte mich natürlich in meiner Brautschau nicht stören. Vielleicht kam er aber aus Neugierde oder aus Ulk heute doch noch heraus. Ach, der Ertrinkende klammert sich ja an einen Strohhalm, aber auf die Eventualität hin, daß er doch nicht kam, mußte ich selbst handeln – ich mußte! Das Messer saß mir an der Kehle, das Wasser stieg mir bis an den Mund, als man für den schönen Nachmittag eine Waldpartie verabredete, ich sollte mit Selma voraus bis zum Forsthaus zu Fuß und dort auf die lieben Eltern warten, die nach Abhaltung eines kleinen, ganz kleinen Nachmittagsschläfchens zu Wagen nachkommen würden! In dieser Waldpartie schlummerte, durchsichtig eingekapselt, die erwartete Verlobung, denn als Frau von Mörbel den Ausflug proponierte, lächelte sie wie eine Essigpflaume, und Selma räkelte sich, dumm kichernd, auf ihrem Stuhle hin und her. Mir wurde es brühsiedend heiß: was ich zu meiner Rettung tun wollte, mußte ich gleich tun, und mir fiel nichts ein, nicht die lächerlichste Ausrede. In meiner Verzweiflung suchte ich das Gespräch auf etwas anderes zu lenken und fragte, ohne zu ahnen, daß ich ja damit den Rettungsanker tatsächlich ausgeworfen, ob denn die berühmte Schloßruine von Falkenberg nicht hier in der Umgegend läge.

»Gewiß, »bestätigte Frau von Mörbel. »Wir haben sogar vom Hause hier eine herrliche Aussicht darauf. Sie interessieren sich für die Ruine?«

»Enorm!« versicherte ich enthusiastisch, denn die Ruine lenkte das Gespräch in eine andere Bahn.

»Wir wollen doch Herrn von Horst die Aussicht zeigen,« plapperte Selma unter ganz überflüssigem Gekicher, und da dies Vergnügen nichts kostete, ging Frau von Mörbel sofort darauf ein, und so zogen wir zu viert, denn Herr von Mörbel wurde zur Dozierung der geschichtlichen Fakta mitgeschleift, die Treppe hinan in das Mansardenstockwerk, in welchem mein Zimmer lag. Als wir an diesem vorbeikamen, stand die Tür halb offen – – das Schloß schnappte schlecht und ging leicht auf, wenn man die Klinke nicht sehr fest anzog, und deshalb befremdete mich die offene Tür ebensowenig, wie sie meine Wirte zu befremden schien, aber in dem Zimmer regte es sich und knisterte, wie wenn jemand in Papieren kramt, und ehe ich noch ein erstauntes »Nanu?« aussprechen konnte, tönte ein kurzes, heftiges Gekläff wie der Standlaut eines Dackels am Fuchsbau daraus hervor.

»Der Lump! »sagte Herr von Mörbel mit großer Bestimmtheit.

»Er hat etwas vor!« kicherte Selma.

»Er wittert etwas!« bekräftigte die Dame des Hauses.

»Die Mortadellwurst!« dachte ich.

Und ohne weiteres betraten wir vier mein Zimmer.

Natürlich witterte der brave Lump die Mortadellwurst. Er saß vor dem Ofen auf den Hinterbeinen und feuerte durch sein Gekläff seinen Freund und Bundesgenossen, den Kater Schuft zu größerer Eile an, denn dieses hervorragende Ouadruped war auf den Ofen gesprungen und raschelte dort unter meinen papierverpackten Fressalien herum – –

»Was kann er dort oben suchen?« fragte Frau von Mörbel befremdet, aber die Antwort wurde ihr nicht von menschlichen Lippen, sondern durch die Sache selbst, denn kaum war das Wort ihrem Munde entflohen, als mit einer Wucht, die dem Gewichte entsprach, der Kater mitsamt der Mortadellwurst, die ich nahe am Rand hingelegt hatte, vom Ofen herunterflog – Schuft sauste bei dieser Beförderung im ersten Schreck zur Tür hinaus, die Wurst rollte vor Herrn von Mörbels Füße und dieser hob sie auf, beroch sie, wischte sie an seinem Rockärmel ab und – steckte sie in die Tasche!

»Wo – wo kommt diese Wurst her?« gapste Frau von Mörbel, und da niemand antwortete, sondern Lump allein nur wütend an dem Ofen zu scharren begann, so nahm sie einen Stuhl, stieg darauf und begann das Geheimnis meiner Speisekammer zu entweihen. Denn sie war eine resolute Frau, diese Frau von Mörbel. Von Selma aufgefangen und auf den Tisch aufgebaut, beförderte sie einen um den anderen meiner geheimen Schätze ans Licht – den Wickelschinken, die Leber- und die Zervelatwurst, den Preßmagen, den Sökeland und die Konserven – und ich stand dabei und sagte nichts, sondern sah zu, wie Herr von Mörbel mit gierigen Blicken und wässerndem Munde dem Aufbau zusah, den Selma wirklich sehr nett und übersichtlich besorgte. Dann stieg Frau von Mörbel vom Stuhle herab und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, was sie ja bisher aus naheliegenden Gründen nicht tun konnte.

»Das ist beim Kaufmann in der Stadt gestohlen und hier versteckt worden!« behauptete sie entsetzt.

Während der Abräumung des Ofens hatte ich mir fest vorgenommen, Du leugnest alles und erwartest die Gegenbeweise, denn so kannst du die Leute hier doch nicht beschämen, daß du dich als Besitzer und Vertilger dieser Sachen bekennst – aber diese Wendung kam mir unerwartet und warf meinen Entschluß über den Haufen, weil ich dachte, sie hielte mich für den Dieb.

»Pardon, »sagte ich deshalb Gott sei Dank etwas voreilig, »Pardon, gnädige Frau – ich pflege nicht zu stehlen! Wenn ich etwas kaufe, bezahle ich es auch (oder lasse es auf Rechnung schreiben)« setzte ich inwendig hinzu.

»Waaas,« sagte sie entgeistert, »das – das da gehört Ihnen?«

»Zu Befehl, gnädige Frau, »murmelte ich, während meine momentane törichte Empörung natürlich sofort verrauchte.

Große Pause. Frau von Mörbel machte ein Gesicht wie die Katze, wenn's blitzt. Selma sah fürchterlich dumm aus, weil sie nichts begriff, und der alte Mörbel wußte nicht, ob er entrüstet aussehen oder schmunzeln sollte, produzierte daher eine Melange von beiden Gefühlen auf seinen Zügen.

»Komm, Selma! Wir haben hier nichts mehr zu suchen!« sagte Frau von Mörbel nach der sehr eindrucksvollen Kunstpause mit einem vernichtenden Blick auf mich und rauschte zur Tür hinaus, gefolgt von der lieblichen Maid, ihrer Tochter, und da die Besichtigung der Ruine von seiten der Damen augenscheinlich aus dem Programm gestrichen worden war, so strich ich umgehend auch meinerseits die Waldpartie.

»Herr von Mörbel,« wandte ich mich an den sehr langsam seinen Damen folgenden Hausherrn, »würden Sie die große Güte haben, den Wagen für mich zu bestellen? Ich habe dringende Geschäfte in der Stadt –«

»Weiß schon! Weiß schon!« unterbrach er mich. »Haben es mit meiner Alt– wollte sagen, mit meiner Frau gründlich verdorben. Schade, schade! Es gab so viele gute Sachen zum Essen, solange Sie da waren –«

»Himmlische Gerechtigkeit,« hätte ich fast gesagt, aber ich dachte es zum Glück nur, »wovon nähren sich diese Leute, wenn kein eventueller Bräutigam da ist?«

»Den Wagen werde ich bestellen. Schade, schade!« sagte mein Gastfreund nochmals mit einem langen, langen Blick auf meine Vorräte, einem Blick, der mich zugleich belustigte, erbarmte und empörte.

»Das Zeugs da lasse ich für Lump und Schuft zurück, »meinte ich mit einer Handbewegung, die zugleich nachlässig und großartig war, in einem Impuls, über den ich mich heut'  noch freue.

»Hä?« fragte Herr von Mörbel, und ich mußte es sechsmal wiederholen, bis er diese Großmut begriff – dann aber kam ein merkwürdiges Leben in den Mann.

»Sehr gut, sehr gut – – sehr nett von Ihnen! Das Zeugs muß ich aber verstecken, denn meine Alt– wollte sagen, meine Frau würde nie erlauben, daß der Lump und der Schuft Fleisch fressen – Wassersuppe ist für die Tiere das Rechte, sagt meine Alt– wollte sagen, meine Frau! Aber da Sie's ihnen geben wollen – da muß ich's gut verstecken, gut verstecken –«

Und damit stopfte er sich schon die Blechbüchschen in die Rocktaschen und die Würste dazu, und was nicht in die Taschen hineinging, verbarg er unter seinem sackartigen Rock und mit funkelnden Äuglein schusselte er also beladen aus meinem Zimmer und vorsichtig die Treppe hinunter.

Frau von Mörbel empfing meinen Abschiedsbesuch nicht – in Ungnaden fuhr ich ab auf dem stoßenden Wagen, aber der Alte schüttelte mir schmunzelnd zehnmal die Hand. Lump wedelte und Schuft schnurrte und ich verließ diesen schönen Ort mit dem erhebenden Bewußtsein, einen Menschen, einen Dackel und einen Kater glücklich gemacht zu haben.

Und Selma? Na, die Selma hat der Karlchen Mayer geheiratet und weil sie doch denselben Zug um den Mund hatte, wie ihre Mutter, so hat sie ihm auch die hygienische und rationelle Ernährungsweise derselben gründlich beigebracht! Den Dackel aber, der meine bei der Brautschau zurückgelassenen Vorräte gefr– zu sich genommen hat, den kenne ich!«




Tiddlywinks.

 Tante Christel oder Christa, wie sie genannt zu werden wünschte, faltete die Zeitung zusammen, nahm das goldgeränderte Pincenez am feinen goldnen Kettchen von ihrer aristokratischen Adlernase und lächelte ihren Bruder vielsagend an.

»Jetzt weiß ich, was ich dir zum Geburtstage schenken werde,« sagte sie triumphierend. »Hast du gehört, lieber Otto?«

»Mhm!« grunzte Otto, d. h. der Landgerichtsrat Bunelius hinter seiner Zeitung ohne Begeisterung hervor, und dieser Gefühlsmangel hatte zwiefachen Grund: erstens weil die allemal etwas länglich ausgedehnten alljährlichen Besuche seiner »in den besten Jahren« sich befindlichen, d. h. älteren Schwester infolge ihrer leicht verletzten Empfindlichkeit immer Stürme in sein sonst so friedliches Dasein brachten, und zweitens: weil die Geschenke, die sie zum Schlusse zu verteilen pflegte, immer nur ihr gefielen, nie aber den Beschenkten. Der Landgerichtsrat hatte dabei noch den Vorzug, wenn Tante Christels Großmut ihn traf, daß er als Bruder das Privilegium hatte, mehr oder minder schiefe Gesichter dazu zu ziehen, während seine arme, dicke, gutmütige Frau und seine hübsche Tochter einen Überschwang des Dankes und der Freude zu äußern hatten, den zu heucheln den armen Beschenkten manchmal wirklich herzlich schwer fiel, da Tante Christels Geschmack einer vergangenen Zeit angehörte – ihrer Jugendzeit – und der Antipode ihrer Verwandten war.

»Du scheinst dich nicht sehr zu freuen, »fuhr die Tante fort indem sie die Gelegenheit ergriff, pikiert zu werden.

»Erst haben, dann freuen,« brummte der Landgerichtsrat. »Das ist doch 'n bissel viel verlangt, daß ich über 'ne Sache an die Decke springen soll, von der ich nicht einmal ahne, was es ist!«

»Ach Otto, du bist so – so herzenskalt,« klagte Tante Christel. »Wenn du mir ankündigst, daß du mir etwas schenken willst, dann schwellt mein Herz eine süße Vorfreude – – schon des Gebens wegen«.

»Det jlobe ik,« murrte Otto in seinen Bart. »Wenn ich was schenke, dann hat's auch Hand und Fuß –«

»Nun,« unterbrach ihn Tante Christel triumphierend, »diesmal sollst du nicht sagen dürfen, daß mein Geschenk nicht Hand und Fuß hätte, Otto, du sollst sogar ›Donnerwetter‹  sagen dürfen, trotzdem ich von vornherein gegen diesen unschicklichen Ausdruck Protest einlege!«

»Donnerwetter!« sagte der Landgerichtsrat im voraus.

Tante Christel aber lächelte nur, faltete ihre Zeitung nochmals auseinander, schnitt mit minuziöser Genauigkeit eine Annonce aus der Rubrik »Angebote« heraus und legte sie sorgsam in ihr Taschenbuch. Dann begab sie sich in ihr jungfräuliches Gemach, des Hauses Bune­lius Fremdenzimmer, schloß ihre Kommode auf und zog daraus ein Paket hervor, dessen Inhalt sich als eine Tischdecke entpuppte. Die hatte Tante Christel in einem »Ausverkauf« erstanden, denn sie, d. h. Tante Christel, erfreute sich der weiblichen Schwäche, keine Gelegenheit vorübergehen zu lassen, »billige« Einkäufe zu machen, die ihrer Unbrauchbarkeit und Häßlichkeit wegen natürlich immer dreimal zu teuer bezahlt sind. Aber dieser »billige Einkauf« hatte selbst Tante Christel bei näherer Betrachtung nicht gefallen und da ein »Umtausch« rundweg verweigert wurde, so hatte sie diesmal nicht nur das Objekt auf dem Halse, sondern sie hatte sich sogar weiter nicht damit gerühmt und es still beiseite gepackt, um jemand dereinst damit ein fürstliches Geschenk zu machen, oder es für einen Wohltätigkeitsbasar, diesen Sammelpunkt für alle Scheußlichkeiten, aufzuheben. Was dort nicht verkäuflich ist, wird verlost und der Gewinner kann sehen, was er damit macht.

Diese Tischdecke setzte aber allem Fürchterlichen die Krone auf. Nicht nur, daß sie ein auf Plüsch gedrucktes Muster von Rosen und Vergißmeinnicht als Bordüre zeigte, in ihrem ovalen Mittelstück prangte sogar »Lohengrins Abschied von Elsa« in glühender Farbenpracht!!

»Billig ist sie, ja ja,« murmelte Tante Christel, ihren Erwerb wieder verpackend, »Auffallend billig sogar, aber – aber ich möchte sie selbst nicht haben, Otto hätte fürchterliche Witze über den Lohengrin gemacht – – er hat viel zu lange Arme, der Lohengrin nämlich, und Elsa sieht etwas bucklig aus – – – aber der Mann da in der Annonce macht sich vielleicht nichts daraus –«

Sie überlas die Annonce noch einmal, »Billig zu verkaufen oder gegen nützlichen Gegenstand zu vertauschen ein sehr zahmer, brasilianischer Affe. Höchst drolliges Tier, spaßhafter Hausgenosse, lebhaft, anhänglich, auf den Namen Tiddlywinks hörend. Zu erfragen Müllergasse 77, III. Stock links.«

Tante Christel nickte befriedigt, setzte sich den Hut auf, hing ihr Cape um und ging aus, nachdem sie sich vergewissert, daß sie unbemerkt hinausschlüpfen konnte mit der Tischdecke unter ihrer Hülle, und da die Müllergasse weit ab lag und das Paket umfangreich und schwer war, so genehmigte sie sich sogar eine Droschke.

Im dritten Stock Nr. 77, Türe links, wurde ihr von einem Gentleman in etwas nachlässiger Toilette geöffnet, der sie ziemlich barsch nach ihrem Begehren frug. Als er hörte, daß sie auf seine Annonce des Affen wegen gekommen sei, wurde sein Benehmen sofort höflicher, ja ein gewisser, freudiger Zug legte sich auf sein unrasiertes Angesicht.

»Gott sei Dank, daß einer das Biest haben will,« sagte er. »Geschenk eines Neffen, der Seemann ist, dieser Affe, wissen Sie. Aber was soll ich damit machen? Luxustiere sind nichts für 'n kleinen Beamten wie ich. Habe viel häusliche Schreibarbeit – stört mich bloß, der Affe. Zu lebhaft für mich, der Affe. Origineller Name? Weiß nicht – mein Neffe hat ihn nach dem Spiel genannt, wo man kleine beinerne Marken in einen Topf schnellen muß. Heißt englisch Tiddlywinks, das Spiel, deutsch Flohhüpfen. Weil Affe auch so unterwegs ist, hat er ihn so genannt. Sie wollen ihn gegen Tischdecke ertauschen? Zeigen Sie mal her!«

»Eine schöne, schwere, große Decke,« lobte Tante Christel ihr Tauschobjekt. »Wundervolles Muster!«

»Auf das Muster pfeif'  ich,« war die überraschende Antwort. »Wenn sie man warm ist, kann ich sie als Fußdecke brauchen. Dick ist sie. Gut, ja, Sie können den Affen dafür haben«.

»Aber ich möchte ihn doch sehen,« sagte Tante Christel.

»Sie können ihn gleich mitnehmen – je eher je lieber,« wurde ihr erwidert. Aber das wollte sie natürlich nicht, sondern Tiddlywinks sollte erst morgen am Geburtstag ihres Bruders sein neues Heim betreten. Bis dahin mußte er noch hier bleiben, worauf sein jetziger Besitzer nur widerwillig und gegen Hinterlegung der Futterkosten für zwei Tage sowie von fünfzig Pfennigen für den Dienstmann, der ihn bringen sollte, einging. Nachdem dies erledigt, durfte Tante Christel ihre neueste Erwerbung bewundern, was insofern leicht war, als der Affe gerade auf dem Bette seines Herrn schlief. Es sah in dem Zimmer etwas wüst aus – unaufgeräumt wäre ein zu milder Ausdruck dafür gewesen, vielmehr war es, als hätten kriegführende Barbarenhorden darin gehaust, so wild lag alles durcheinander, soviel Scherben und Trümmer lagen herum. Tiddlywinks lag aber, ein Bild unschuldsvoller Ruhe, in dem ungemachten Bette seines grimmig lächelnden Herrn und Tante Christel fand ihn sowohl »süß« als »reizend,« und kehrte wie auf Sprungfedern wandelnd, geschwellt von Freude und Stolz über ihre neueste »billige« Erwerbung an den häuslichen Herd ihres Bruders zurück.

Daß sie dort als Abendgast einen gewissen Referendar Newsky vorfand, verschnupfte sie etwas, denn sie mißbilligte entschieden die öftere Anwesenheit dieses jungen Mannes, der den schlechten Geschmack hatte, ihr nur den allernotwendigsten Tribut der Höflichkeit zu entrichten und die Gesellschaft ihrer Nichte, der hübschen und liebenswürdigen Dorothee Bunelius, vorzuziehen. Tante Christel begriff weder das, noch auch die Vorliebe ihrer Geschwister für den »süffisanten« Menschen, der nichts war und nichts hatte als einen »vorlauten Mund« und der ihre Bevormundung von sich abschüttelte wie ein Pudel das Wasser.

»Was will dieser Mensch hier wieder?« flüsterte sie dem Landgerichtsrat im Nebenzimmer zu.

»Was er hier will? Na, sich unterhalten und Abendbrot essen,« war die sehr ruhige Erwiderung.

»Und Dorothee die Cour machen,« zischte Tante Christel wütend zurück.

»Und Dorothee die Cour machen,« wiederholte der Rat gelassen.

»Wohin soll das führen?« fragte Tante Christel erregt.

»Na, soweit ich die Absichten des jungen Mannes kenne und billige – zunächst zu einer Verlobung,« meinte der Rat mit Seelenruhe.

»Ich begreife nicht, wie ihr das dulden könnt – so ohne alle Aussicht, eine Verlobung in die aschgraue Pechhütte hinein,« rief Tante Christel, sich immer mehr aufregend. »Der Mensch hat ja nichts als seinen Gehalt«.

»Doch. Er hat einen vortrefflichen Charakter und bietet uns alle Garantien, unser Dorotheechen glücklich zu machen«.

»Damit lockt man keinen Hund vom Ofenloche weg«

»Christel, du wirst frivol,« entgegnete der Rat schmunzelnd. »Außerdem, wenn du so gegen lange Verlobungen bist: gib doch der Dorothee, die noch dazu dein Patenkind ist, eine anständige Zulage – dann kann sie am nächsten Sonntag schon von der Kanzel fallen und übermorgen am Standesamt ausgehängt werden. Du sitzt ja in einer so guten Assiette und legst zurück: greif'  mal ordentlich in den Sparstrumpf hinein – –«

»Pfui, Otto – wie geldgierig du bist!« wehrte Tante Christel die Attacke gegen ihren Beutel sofort ab. »Erstens;« fuhr sie erregt fort, »erstens lasse ich mir nicht vorschreiben, was ich geben will und zweitens würde ich mich dazu nur dann verstehen, wenn Dorothee eine Wahl nach meinem Geschmacke trifft. Herr von Newsky ist aber nicht mein Geschmack«.

»Das ist ja auch nicht nötig, da du ihn nicht zu heiraten brauchst!«

»Papperlapapp! Das sind Spitzfindigkeiten, mit denen du mich nicht fängst. Der Mensch ist mir zuwider und wenn ich noch etwas in diesem Hause gelte, so wirst du ihn wenigstens nicht zu deinem Geburtstag einladen!«

»Ist schon geschehen, Christel! Ist schon geschehen!«

»So lade ihn wieder aus. Ich will meinen Bruder allein an seinem Festtage haben, ohne die störende Gegenwart Fremder. »

»Selbstredend, Christel, denn mein Schwiegersohn ist kein Fremder. » »Schwiegersohn! Otto, du redest wie das Milchmädchen in der Fabel. Ich glaube gar nicht, daß der Mensch um deine Tochter freit – amüsieren will er sich und die Mahlzeiten ersparen – »

»Fehlgeschossen, Christel. Während du aus warst, haben wir Verlobung gefeiert, aber ganz stille, denn wir wollen's noch nicht öffentlich machen.«

»Hinter meinem Rücken – ohne mich zu fragen!«

»Ich wüßte wirklich nicht, weshalb wir dich hätten fragen sollen!«

»Nun gut – stoßt euer einziges Kind ins Unglück. Ich wasche meine Hände in Unschuld und reise heute noch ab. Spätestens morgen!«

»Händewaschen, Christel, ist immer gut und nützlich, denn es fördert die Reinlichkeit. Die Drohung des Abreisens aber ist ein Schreckschuß, den man nicht zu oft abfeuern darf, weil er dann seine Wirkung verliert. Außerdem meine ich, hast du mir erst vor ein paar Stunden ein Geburtstagsgeschenk verheißen, das du mir wohl persönlich zu überreichen gedachtest, nicht?«

Tante Christel bekam einen Schreck, denn das Geschenk hatte sie in der Hitze des Gefechts ganz vergessen. Nein, sie mußte ihr »Angebinde« erst überreichen, ehe sie diesem Hause den Rücken kehrte, das war klar – sie mußte mit Güte lohnen, wo sie schnöde Rücksichtslosigkeit erfuhr, denn den Affen konnte sie nicht im Stich lassen. Ja, wenn es noch die leider schon eingetauschte Tischdecke gewesen wäre – die konnte sie zurücklassen oder lieber noch wieder mitnehmen, aber den Affen – – nein, den Affen hatte sie keine Lust in ihr eignes Heim zu importieren, weil – weil sie oft auf Reisen war. Natürlich, nur deshalb. Sie blieb also, aber sie ignorierte die Verlobung und schnitt den Bräutigam, denn etwas muß man doch für seine Überzeugung tun!

Referendar von Newsky markierte es übrigens in keiner Weise, daß er Tante Christels Ignorierung seiner werten Person bemerkte, denn er hatte auch unverheiratete Tanten und wußte, daß man nichts damit ausrichtet, wenn man auf solche Scherze eingeht. Dem Rat schien es auch nicht aufzufallen, aber das beleidigende Benehmen der Tante kränkte die hübsche, kleine Dorothee und empörte ihre sonst so gutmütige Mutter.

»Alles was rechts und links ist,« sagte sie beim Schlafengehn zu ihrem Gatten, »aber deine Schwester ist mir denn doch zu toll! Was glaubt denn die arrogante Person, wie sie sich in unserem Hause betragen darf? Ich will gar nicht davon reden, daß sie sich in alle meine häuslichen Angelegenheiten mengt, mir Vorschriften macht und mir Kapuzinerpredigten über meine Verschwendung hält – ich hab, mir vorgenommen, das hinunterzuwürgen und ich hab's tapfer gehalten. Aber das arme Kind zu kränken und den guten Newsky vor den Kopf zu stoßen, bloß weil sie einen Span gegen ihn hat – Otto, das darfst du nicht dulden!«

»Herrje! Daß du dich immer noch über die alte Schachtel aufregst,« erwiderte der Rat gähnend. »Du kannst doch nun endlich mal wissen, wie sie ist!«

»Ein niederträchtiger, arroganter, alter Geizkragen ist sie, der mal ordentlich geschüttelt werden müßte, um zur Vernunft gebracht zu werden,« ereiferte sich Frau Bunelius erst recht.

»Gute Nacht, Alte, »sagte der Rat. »Morgen ist mein Geburtstag, da wollen wir Frieden halten, nicht wahr? Übermorgen könnte man ja dann mal das Geschäft des »Schüttelns« mit größerer Gründlichkeit besorgen . Einverstanden?«

»Einverstanden – weil morgen dein Geburtstag ist, » meinte die leicht versöhnliche Frau. »Und übermorgen wird Tante Christel geschüttelt,« murmelte sie noch im Einschlafen – ahnungslos, daß darauf schon ein anderer wartete!

Während der Rat am folgenden Morgen auf dem Landgericht war, bauten ihm seine Damen mit Liebe und vielen schönen Dingen den Geburtstagstisch im Eßzimmer auf, das auch für gewöhnlich als Wohnzimmer diente. Der Eßtisch blieb wie er war, aber zwischen die beiden Fenster wurde ein weißbedeckter Tisch gerückt und darauf zunächst ein prächtiger Baumkuchen, des Rates Lieblingsgebäck, gestellt – ein Baumkuchen, bei dessen Anblick einem der Magen lachte, besonders bei den vielen langen, knusprigen Spitzen, welche die Zuckerglasur appetitlich umfing, und oben hinein steckte Dorothee einen prächtigen Strauß von Teerosen und feingliedrigem Frauenhaar-Farn – – »Papas Lieblingsstrauß.« Als Pendant zu dem Kuchen stellte Frau Bunelius die schöne, gediegene Studierlampe für des Rats Schreibtisch auf, fertig gemacht zum Anzünden, das Maroquinetui mit den goldnen, emaillierten Hemdknöpfen, ein Dutzend Socken »von Papas Lieblingssorte,« ein seidnes Cachenez und ein Paar mordsfeine Hosenträger neuesten Systems, hübsch diskret in ein Etui von rosa Glanzkarton verpackt.

»Man sollte nach diesem Aufbau glauben, ihr wäret Millionäre,« sagte Tante Christel, die interessiert zugesehen, spitz, und als Dorothee noch eine Schachtel dickstes Briefpapier herzutrug, seufzte sie und schlug resigniert die Augen gen Himmel.

»Papa hat nur einmal im Jahre Geburtstag,« »trällerte Dorothee, vergnügt um den Tisch tanzend.

»Es genügt auch, sich nur einmal im Jahre zu ruinieren,« gab Tante Christel scharf zurück und da weder Mutter noch Tochter das bestritten, setzte sie hinzu: »Mein Geschenk muß jeden Moment eintreffen. Es erhebt mich das Bewußtsein, daß es nicht die praktische Nüchternheit dieses Gabentisches vermehrt, sondern die ideale Seite im menschlichen Gemüte erklingen läßt. Der Freude meines Bruders, der die Tiere so liebt, bin ich sicher!«

»Waaas – du schenkst Otto ein Tier?« fragte die Rätin mit langem Gesicht.

»Ah – natürlich einen Hund,« meinte Dorothee, während vor ihrem geistigen Auge alle möglichen bezw. unmöglichen Hunderassen vorüberzogen.

»Warum, ›natürlich‹ ein Hund? »erwiderte Tante Christel mit überlegenem Lächeln. »Gibt es nicht noch andere Tiere?«

»Freilich – Vögel!« rief Frau Bunelius erleuchtet.

»O – ist's ein Kanarienvogel? Ein Zeisig? Oder gar ein Papagei?« fragte Dorothee.

»Es ist kein Vogel,« ließ Tante Christel sich herab zu sagen.

»Also eine Katze,« meinte Frau Bunelius resigniert.

»Keine Katze – »Tante Christel spannte Schwägerin und Nichte mit sichtlicher Wonne auf die Folter. Dorothee riet dann noch auf einen Laubfrosch, auf einen Schoßtiger, einen Stubenlöwen, ein Pferd, einen Esel, einen Elefanten und erklärte dann lachend ihre Zoologie für erschöpft.

»Otto erwärmte sich neulich so für Seidenwürmerzucht,« streckte die Rätin zum Schluß ihre Fühlhörner, d. h. ihre moralischen aus. »Solltest du ihm am Ende Seidenwürmer – – dann zieh'  ich aber aus, das sage ich im voraus. Nein – ich hab' s: du schenkst ihm einen Hühnerhof und die Biester werden mir meine Blumenrabatten und Gemüsebeete zerscharren –«

»Hühner sind, soviel ich weiß, Vögel,« erwiderte Tante Christel überlegen, »und da ich Reptilien verabscheue, dürftest du dich über Seidenwürmer umsonst aufgeregt haben.«

»Seidenraupen sind, soviel ich weiß, Insekten,« meinte Dorothee lachend und damit wurden sie Tante Christel zunächst los, die etwas von »impertinenter Gans« murmelnd empört das Feld räumte, nicht ohne daß ihre Nichte ihr neckend die Frage nachrief, ob ihr Geschenk vielleicht zur Gattung der Lurche gehörte.

Kurz nach 12 Uhr erschien denn das Geburtstagskind aus dem Dienst heimkehrend wieder zu Haus und direkt darauf gab ein Dienstmann für Tante Christel einen verschlossenen Spankorb ab, den sie höchstselbst in Empfang nahm und damit das Zimmer betrat, in dem der Rat eben seine Geschenke in Empfang nahm, gebührend alles bewunderte und »seine Weiber« gründlich dafür abküßte, während er nicht verfehlte, auch schmunzelnde Blicke auf das Büfett zu werfen, wo für das Festmittagsessen schon eine Schüssel appetitlich angerichteter Hummermayonnaise und ein Weingelee mit eingemachten Pfirsichen darin stand, lieblich flankiert von blitzenden Kristallschalen mit Kompott, Knackmandeln und silbernem Weinkühler, darin in Eis vergraben eine Sektflasche ihren staniolumhüllten Hals verlockend heraussteckte.

»Kinder, ihr verwöhnt mich zu sehr,« sagte er, über die seidenweichen, feinen Macosocken streichelnd und ganz, ganz unten, um den allgemeinen Eindruck nicht zu verderben, eine Spitze von dem Baumkuchen abbrechend und in den Mund schiebend.

»Das beste kommt noch,« rief Tante Christel vortretend. »Du, lieber Bruder, hast dich, ich weiß es, in deinem Hause seit dem vorzeitigen Tode deines Terriers, des lieben, unvergeßlichen Schnick, vereinsamt und verlassen gefühlt –«

»Na, na, Christel – das ist den Mund doch 'n bissel voll genommen,« meinte der Rat lachend, die Arme um die Schultern von Frau und Tochter schlingend.

»Widersprich nicht, Otto, ich weiß es,« erwiderte Tante Christel. »Dein Herz hängt an den stummen Geschöpfen, die Gott uns zum Troste und zur Pflege gegeben und darum schenke ich dir am heutigen wieder ein solch liebes Wesen, das dein trauriges Heim beleben und verklären soll!«

»Donnerwetter,« sagte der Rat verblüfft und sah mit hochgezogenen Brauen zu, wie Tante Christel den Strick löste, der den Deckel des Korbes befestigte. »Donnerwetter,« sagte er noch einmal, aber bedeutend lauter, als der Deckel zurück geschlagen wurde und in dem Korbe sitzend ein Affe den klugen, häßlichen Kopf herausstreckte – – –

»Nun, Tiddlywinks – geh'  und sag'  deinem Herrn schönen guten Tag und gib ihm ein Küßchen von seinem Schwesterchen,« redete Tante Christel den Affen in zwitschernden Tönen an, während die Familie Bunelius dastand und entgeistert auf das »Geschenk« starrte.

Tiddlywinks starrte auch, aber nicht zu lange, denn ein Affe übersieht die Situation mit der ihm in allen Dingen eignen Schnelligkeit. Er stieg aus dem Korbe heraus und setzte sich daneben hin, um sich zunächst bewundern zu lassen: hm, ja, für einen Affen war er ganz hübsch, groß wie eine kräftige Hauskatze, mit langhaarigem, braungrauem Fell, buschigem, langem Schwanze und ein Paar Augen, die vor Bosheit funkelten.

»Donnerwetter,« sagte der Rat zum drittenmal und seine Frau lachte hysterisch auf.

»Ich habe dir von vornherein gestattet, dieses sonst so unvornehme Wort zu gebrauchen,« sagte Tante Christel stolz. »Nun, hat mein Geschenk nicht Hand und Fuß?«

Tiddlywinks bewies sofort selbst, daß er das hatte. Zur Vorbereitung kratzte er sich erst rechts, dann links die Rippengegenden und als er das liebe Tierchen gefunden hatte, das ihn zu dieser Bewegung veranlaßt, grinste er die Anwesenden an, um sein tadelloses Gebiß zu zeigen und machte dann einen Satz, der ihn direkt und mit unfehlbarer Sicherheit auf den Geburtstagstisch brachte, wo das Bukett im Baumkuchen seine Aufmerksamkeit erregt hatte, und ehe noch irgend jemand ihn daran zu hindern vermochte, hatte er's auch schon an sich gerissen und zerrte und biß daran herum, daß es eine Freude war.

»Die schönen, schönen Rosen!« schrie Dorothee auf, einen Schritt nach dem Tische machend und da hatte sie auch schon das zerflederte Bukett am Kopfe und das Maroquinetui mit den Hemdknöpfen hinterdrein, d. h. nur das Etui, denn die Knöpfe waren bei dem Fluge durch die Luft herausgefallen und kollerten durch die Stube. Daß der Baumkuchen bei der Attacke stehen geblieben, war eigentlich noch ein Wunder – jedenfalls versuchte Frau Bunelius ihn zu retten und aus des Affen gefährlicher Nähe zu entfernen, aber Tiddlywinks verstand ihr hastiges Zugreifen nach der hohen Tortenschüssel, auf der der Kuchen prangte, falsch, und versuchte zähnefletschend das hohe Gebäude zu ersteigen. Entsetzt fuhr die Rätin zurück – Schüssel und Kuchen sausten mit einem Krach vom Tisch herunter, auf dem Boden eine hübsche Melange von Scherben und Brocken produzierend, und der Affe fiel rückwärts auf den Tisch zurück. Der Schreck, den er dadurch bekam, machte ihn aber erst recht wild, denn aufspringend wandte er sich blindlings gegen die Lampe, die natürlich umfiel, wodurch Glocke und Zylinder die andere Seite des Tisches mit Scherben garnierten, während das Petroleum sich aus dem dito zerbrochnen Bassin in einem lieblich duftenden Strome ergoß. Der Affe gehörte aber sicherlich nicht zu den Liebhabern dieses Parfüms, denn er ergriff unverweilt das seidne Cachenez und soviel Socken, als er fassen konnte, und versuchte damit den rinnenden Petroleumstrom zu stoppen – jedenfalls eine Reminiszenz früherer Tage. Affen sind ja so gelehrig. Aber der Rat, der bisher starr der Verwüstung seines Geburtstagstisches zugesehen, fand nun, daß es genug sei und stürzte sich mit dem Rufe: »Na, wart, du Satansvieh« auf das Geschenk der Tante Christel, das sein »trauriges Heim beleben und verklären sollte« und in demselben Moment, als er seine Hand am Arm der Gerechtigkeit danach ausstreckte, biß Tiddlywinks ihn auch schon in den Daumen, daß ihm Hören und Sehen verging. Das natürlich sofortige Zurückweichen seines Angreifers benutzte der siegreiche Affe sogleich zu einer neuen Tat: er riß die Hosenträger aus ihrem Karton, warf den letzteren nach dem Rat und band sich die ersteren selbst mit großer Gewandtheit kreuzweise um den Leib. Dann setzte er sich hin, kratzte sich wieder an den verschiedensten Stellen seines corpus und sah sich nach etwas Neuem um. Das Büfett mit seinen diversen, bunt leuchtenden Schüsseln darauf, schien ihm einer genaueren Inspektion für geeignet und da weder der gebissene Rat, der sich ein Schnupftuch um seinen Daumen gewickelt hatte, noch auch die drei Damen wußten, wie sie ihn daran verhindern sollten, so turnte Tiddlywinks auch ohne jede Schwierigkeit seitwärts am Büfett in die Höhe und landete zunächst auf der rechten Seitenkonsole des Büfettaufsatzes, auf der ein sogenanntes Vexier-Huilier wohlgefüllt stand. Dieses Gefäß interessierte ihn sofort sehr. Er nahm es in seine allzeit zum Zugreifen bereiten Vorderfüße oder Hände, schüttelte es und begann es taktmäßig zu neigen. Nach rechts floß das Öl, nach links geneigt, der Essig heraus und das machte er so lange, bis nichts mehr in den gekreuzten Glastuben war. Dann warf er das Gefäß einfach herab, betrachtete sich noch mit schiefem Kopf die Scherben und langte, als er davon genug hatte, unverweilt nach dem Salatherzen, das frischgrün den Mayonnaisenhügel krönte. Das gab Frau Bunelius, welche die Mayonnaise mit liebevoller Hingabe selbst gerührt hatte, den zagenden Mut zurück, und wie auf den Baumkuchen, so stürzte sie sich nun auf diese leckre Schüssel, um sie dem Affen zu entreißen. Doch der, die Attacke nahen sehend, setzte sich wie der Blitz so schnell einfach darauf, mitten in die Mayonnaise hinein und mit dem Rufe: »Kinder, das ist mein Ende!« sank die in ihren heiligsten Gefühlen gekränkte, als Köchin total vernichtete Rätin auf den nächsten Stuhl, um kreischend sofort wieder aufzufahren, denn der Affe hatte sie zur Vermittlung und Ermöglichung eines sonst unmöglichen Sprunges vom Büfett auf den Eßtisch benutzt, um sich dort durch Hin- und Herrutschen auf der gediegnen, wollenen Tischdecke mit dem schönen persischen Muster der an seiner Kehrseite heftenden, fetten Mayonnaise zu entledigen. Der Umstand, daß in dem Moment, als sie übersprungen wurde, der Rätin eine schöne, dicke Hummerschere in den Schoß kollerte, brachte die arme Frau völlig aus der Fassung. In Tränen ausbrechend, stürzte sie aus dem Zimmer, gefolgt von der jammernden Dorothee, und der Rat, seinen Daumen im Taschentuch gegen Tante Christel schwingend, schloß sich mit dem Ausrufe: »Da kann man ja noch froh sein, wenn man nicht an Blutvergiftung stirbt!« dem Rückzug der Seinen an.

Die Geberin war nun mit ihrer Gabe allein. Es ist wahr, sie hatte die größte Lust, gleichfalls diesen von einem so kleinen Geschöpfe in unverhältnismäßig kurzer Zeit verwüsteten Raum zu verlassen, aber es ist auch ebenso wahr, daß sie es zunächst versuchte, eben dieses kleinen Geschöpfes vorher habhaft zu werden. Der Affe, der ihm anhaftenden Mayonnaise einigermaßen ledig, hatte sich der Birne der elektrischen Klingel bemächtigt, die von der rotseidnen, um die Hängelampe über dem Eßtisch geschlungenen Kordel herabhing und zerbiß diese mit spielender Leichtigkeit. Tante Christel näherte sich dem Tische.

»Tiddlywinks,« flötete sie zuredend. »Will mein süßes Tierchen nicht zu mir kommen? Da – schön! Da – schön!«

Aber das süße Tierchen schwang sich als Antwort nur an der Hängelampe in die Höhe und durch das vermehrte Gewicht gab der Flaschenzug nach. Die schaukelnde Bewegung, mit der er herabfuhr, gefiel Tiddlywinks aber sichtlich – die Erinnerung an schaukelnde Äste in seinen Urwäldern stieg in ihm auf – er schwang sich auf die Krönung der Lampenglocke, ergriff von den drei die Lampe tragenden Ketten zwei und begann sich durch entsprechende Bewegung kunstgerecht zu schaukeln – erst langsam, dann schneller, und bald flog die Lampe mit dem daraufstehenden, die Ketten umklammernden Affen über dem Eßtisch hin und her wie ein Perpendickel, der verrückt geworden ist.

Entsetzt sah Tante Christel dem gefährlichen Spiele zu und wartete, mit beiden Händen vor den Ohren, auf den Moment, wo erstens das Bassin der Lampe mit dem Brenner herausfliegen mußte und wo zweitens Glocke und Affe dem ersteren folgen würde. Dazu keuchte und quietschte oben der Lampenhaken in der in die Decke geschraubten Öse – wenn die nachgab, dann schlug noch das Gewicht des Flaschenzuges alles kurz und klein! Nein, die Öse gab nicht nach, sie war gut eingegipst in der Decke, aber der Haken sprang bei dem immer toller werdenden Schaukeln heraus und mit einem fürchterlichen Krach flog die Lampe gegen und auf das Büfett, dort noch vernichtend, was der Affe vorher ganz gelassen.

Tante Christel war bebend in ihre Kniee gesunken, als die Katastrophe erfolgte und hatte sich die Augen zugehalten. Die Stille, die dem Sturme folgte, war ihr aber noch fürchterlicher fast, als der Anblick des Vernichtungswerkes ihrer »das Heim verklärenden »Gabe – ja, ums Himmels willen, was war aus dieser geworden? Hatte die stürzende Lampe den Affen erschlagen?

I Gott bewahre! Tiddlywinks saß unter dem Tische und überwand den Schrecken, den ihm diese unzuverlässige Schaukel verursacht hatte, durch Vertilgung der Krackmandeln, die bei der Katastrophe freundlicherweise vom Büfett geflogen waren, und dieser Anblick erbitterte Tante Christel dermaßen, daß sie ihre Rechte ausstreckte und dem Affen eine Ohrfeige versetzte. Dagegen schien Tiddlywinks aber ein ganz entschiednes Vorurteil zu haben – wutentbrannt über die unerwartete Züchtigung warf er erst die Schalen der Krackmandeln der Tante Christel ins Angesicht und sprang ihr dann mit einem Satze auf die Schulter. Entsetzt schrie sie auf in der Furcht nun auch gebissen zu werden und fiel dabei vornüber auf ihre Hände, so daß ihre Stellung nun tatsächlich die war, von der man zu sagen pflegt, daß man »auf allen vieren« sich befindet. Nun aber gefiel Tante Christel sich in der gleich dem Puffscheitel seligen Angedenkens vielbeliebten Frisur a la Japonaise, die unter hundert Gesichtern kaum dreien wirklich kleidet, unter allen Umständen aber durch die wulstartig ringsum aufgebauschten Haare den Kopf unverhältnismäßig vergrößert und auf dem höchsten Gipfel mit einem sogenannten »Kicks« abschließt, einem Haarknoten, den Tante Christel in Ermangelung eignen Haars beim Friseur käuflich an sich gebracht hatte. Dieser »Kicks« reizte sofort den Affen – er riß ihn seiner Besitzerin mit einer Gewalt vom Kopfe, daß ihr das Wasser in die Augen schoß, weil es natürlich gräßlich »raufte, »und dann wühlten sich die kleinen, aber ach! so kräftigen Affenhände in ihre aufgebauschten eignen Haare, zerrten und rauften darin herum, daß Tante Christel Ach und Weh schrie, und schüttelte sie daran mit einer Kraft und einer Ausdauer, daß sie mit der Nase fast auf den Boden aufschlug und ihr im wahren Sinne des Wortes Hören und Sehen verging.

In diesem Augenblick tiefster Erniedrigung für Tante Christel, da sich einmal im Leben die Geißel, die sie andern zugedacht, gegen sie selbst kehrte – in diesem fürchterlichen Augenblick öffnete sich die Tür zum Korridor und der Referendar von Newsky betrat die Stätte der Verwüstung. Daß eine weiße, weibliche Hand diese Tür hinter ihm schloß und Dorothees Gesicht lachend und weinend sich dabei auf einen Moment zeigte, konnte Tante Christel in ihrer Stellung auf allen vieren nicht sehen, aber sie erkannte den Eintretenden sofort, trotzdem ihr die Haare nun übers Gesicht hingen wie einer, die aus dem Narrenhaus entsprungen ist. Der Referendar, der mit einem kurzen Blick überschaut, was er ehedem als seiner künftigen Schwiegereltern elegantes Eßzimmer kannte und nun seine funkelnden Pincenezgläser auf das Objekt auf dem Boden zu seinen Füßen richtete, hatte alle Mühe, seinen Ernst zu bewahren – er hat später gesagt, er wüßte nicht, wie er das fertig gebracht, denn der Affe hatte bei seinem Eintritt die Haare der Tante Christel fahren lassen und saß nun auf ihrem Rücken, den Eintretenden angrinsend, worauf er sich teils aus Verlegenheit, teils aus Notwendigkeit mit der rechten Hand unterm rechten Arme kratzte.

»Hilfe! Retten Sie mich! »gellte Tante Christel den mit allen bösen Geistern der Schadenfreude und der Lachlust ringenden Referendar an. Aber dieser junge Mann, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch so altmodisch war, trotz eigener Habenichtsigkeit ein verhältnismäßig armes Mädchen heiraten zu wollen, wußte andererseits ganz gut, auf welcher Seite sein Brot gebuttert war – außerdem hatte er draußen im Korridor schon der weinenden Dorothee versprochen, sich die Tante mal »kaufen« zu wollen – dieser junge Mann tat also nicht dergleichen – er ließ Tante Christel ruhig auf allen vieren mit dem Affen auf dem Rücken zu seinen Füßen, stemmte die Arme in die Seiten und sagte ruhig: »Mein gnädigstes Fräulein – nach der mir von Ihnen so deutlich markierten Ablehnung meiner Person würde ich mir nie erlauben, meine verachtete Hand zu Ihrer Erhebung auszustrecken!«

Tante Christels Charakter neigte zum »Muckschen« und sie hätte vielleicht auch jetzt noch »gemuckschst,« wenn eine Bewegung ihres Kopfes Tiddlywinks nicht gereizt hätte, mit seiner nicht engagierten linken Vorderhand nach ihren heillos zugerichteten Haaren zu greifen und fest daran zu ziehen.

»Au weh – um Gottes willen – das Tier tötet mich! » schrie Tante Christel auf. »Befreien Sie mich von dem Affen und ich will Ihnen ewig dankbar sein!«

»Was verstehen gnädiges Fräulein darunter? »fragte Herr von Newsky so ruhig, als seine Lachlust ihm das erlaubte.

»Ach – ich will nichts dagegen haben, daß Sie sich mit Dorothee verloben,« gapste Tante Christel.

»Danke – sehr verbunden. Aber da Herr Landgerichtsrat Bunelius und seine Frau Gemahlin schon vorher nichts dagegen gehabt haben, so genügt mir das,« sagte der Referendar trocken. »Doch auf Ihre gütige Zustimmung hin will ich gern die Ihrerseits etwas scharf akzentuierte Kränkung Dorothees und meiner selbst zu übersehen versuchen, das Kriegsbeil vergraben und Sie von dem Affen befreien, wenn Sie mir vorher etwas versprechen wollen –«

»Alles – was Sie wollen – nur nehmen Sie das Tier von meinem Rücken fort,« flehte Tante Christel schluchzend.

»Gleich,« versicherte Herr von Newsky, ohne sich zu rühren. »Sehen Sie, mein gnädiges Fräulein, in Ihrer sonst ganz gewiß löblichen Absicht, billige Geschenke zu machen, haben Sie von meinem Gerichtsschreiber den Affen erstanden, der dem armen Manne schon seine ganze Wohnung verwüstet hat, ohne zu bedenken, was Sie mit einem solchen Geschenk anrichten könnten. Der Mann war selig, das Vieh loszuwerden, selbst gegen Ihr Tauschobjekt, hat er mir heut'  früh gesagt. Unbesehen ist das billige also nicht immer das beste. Wenn ich Ihnen den Affen abnehmen soll, so müssen Sie mir vorher versprechen, den ganzen Schaden zu ersetzen, den er hier angerichtet hat –«

»Ach Gott, ach Gott!« jammerte Tante Christel teils für ihre Börse, teils weil der Affe eben mit allen vier Händen anfing, den Rücken ihrer eleganten Bluse zu bearbeiten.

»Den ganzen Schaden, sage ich, »fuhr der Referendar fort. »Was Sie tuen wollen, Ihren Verwandten die ganze verdorbene Festfreude inklusive Schreck und Ärger zu vergüten, das wüßte ich ohnehin nicht. Also: Sie versprechen?«

»Ja! Ja!« schrie Tante Christel lauter, als es die Sache erforderte, denn die Nägel des Affen kam ihr schon aufs Lebendige.

»Ihr Wort darauf!« begehrte der etwas mißtrauische Referendar.

»Aber das wird ja ein Heidengeld kosten,« wimmerte die Tante.

»Na, wenn Sie nicht wollen – dann adieu, mein gnädiges Fräulein,« war die kühle Antwort und Herr von Newsky drehte sich auf dem Absatz um.

»Bleiben Sie – ich verspreche es, »kreischte Tante Christel, »ich will alles ersetzen – ich gebe Ihnen mein Wort darauf!«

»Gut, und ich akzeptiere Ihr Wort,« sagte der Referendar und mit einem Griff am Genick hatte er den Affen gepackt, in den Korb spediert und diesen geschlossen. Dann gab er Tante Christel die Hand und richtete sie empor. Ihr erster Blick fiel dabei in den Spiegel und mit einem Schrei des Entsetzens sank sie auf den nächsten Stuhl, denn was sie in dem erbarmungslosen Glase sah, das war nicht das elegante, soignierte, immer noch sehr gut aussehende Fräulein Christa Bunelius – – das war eine wilde Indianersquaw, wie sie wohl aussehen mag, wenn sie um den Kessel tanzt, in welchem ein »Bleichgesicht« schmort – – – und so hatte dieser Newsky sie gesehen, so sah er sie – noch übers ganze Gesicht lachend vor ihr stehend.

Mit wankenden Knieen stand sie auf, sich zu entfernen und als sie schon an der Tür war, da trat er noch einmal auf sie zu und reichte ihr mit spitzen Fingern – – den stark zerzausten »Kicks.«

»Gnädiges Fräulein werden – das zur Ergänzung Ihrer Toilette brauchen,« sagte er schmunzelnd.

Der »Kicks« machte bei Tante Christel das Maß voll. Halb ohnmächtig fiel sie dem erstaunten Newsky um den Hals und brach in Tränen aus.

»Na, na,« sagte er, gutmütig wie er nun einmal war, »so schlimm ist das ja nicht – das wird sich ja wieder glatt machen und anstecken lassen! Gnädiges Fräulein – Tante – Tante Christel –!«

»Ja, nennen Sie mich Tante,« schluchzte sie. »Sie sind ein – ein – edler junger Mann – ich will – ich will Dorothee auch gern ein – ein Nadelgeld aussetzen, damit ihr bald Hochzeit machen könnt –«

»Na, na,« machte der Referendar abermals, »nicht leichtsinnig, Tante, Tante Christel! Mit 20 Mark monatlich wird uns nicht auf die Beine zu helfen sein, fürchte ich.«

»Setzen Sie noch eine Null an die Zwanzig,« lächelte sie schwach. »Wird's dann reichen?«

»Ich denke schon! Und das ist Ihr Ernst?«

»Ich scherze nie in Geldsachen,« erwiderte Tante Christel würdevoll, nahm ihren »Kicks« und verschwand.

»Donnerwetter! »sagte der Referendar hinter ihr drein. Und dann ließ er sich eine Droschke holen und fuhr mit Tiddlywinks in den Zoologischen Garten, dem er damit im Namen von Fräulein Christa Bunelius ein Geschenk machte, das sogar in die Zeitung kam.


* * *


Tante Christel hat Wort gehalten. Sie hat alles ersetzt, was der Affe zuschanden gemacht und ihrer Nichte Dorothee das versprochne Nadelgeld pünktlich ausgezahlt. Auf der Hochzeit hat sie sogar um den Brautkranz getanzt und da er ihr dabei zufiel, so wartet sie gläubig noch heute auf den Bräutigam dazu. Man soll nichts auf dieser Welt verreden.

Aber seit dem berühmten Geburtstag hat sie in den Familien ihres Bruders und ihrer Nichte einen Spitznamen, den ich dir, lieber Leser, verraten will, wenn du versprichst, ihn nicht auszuposaunen. – Nun, sie nennen Tante Christel: Tiddlywinks!

Nach allem, was sie für diese Familie getan, ist das eigentlich nicht hübsch!




»Donner und Doria!«

Ich war eine Waise, jung, lebenslustig, hübsch – war aufgewachsen in allem Komfort des Lebens als Tochter eines hohen Offiziers und fand mich, schnell und vollständig zur Waise geworden, plötzlich in Armut und Abhängigkeit wieder – ein recht bittres und trauriges Erwachen. Ein gütiger Onkel, der selbst blutwenig zu verzehren hatte, nahm mich bei sich auf, bis es mir gelungen sein würde, eine Stellung zu finden, denn ich wollte vom Müßiggang nichts wissen und den beiden guten Menschen, die mir sofort und bedingungslos ihr Haus geöffnet, das karge Leben nicht noch karger zu machen. Ich fand auch bald eine Stelle als Gesellschafterin bei einer wunderlichen alten Dame und lernte dort den kennen und lieben, dessen Frau ich mich nun in dankbarem Glücksgefühl nennen darf. Doch soweit waren wir damals noch nicht, denn mein heimlich Verlobter stand erst im Beginn seiner diplomatischen Laufbahn und hatte es noch weit bis zu einer Anstellung. Er war, wie ich, vermögenslos und auf sich selbst angewiesen, seine Mutter hatte sich in zweiter Ehe mit einem reichen Gutsbesitzer von Buchberg verheiratet, der aber ein sonderbarer Kauz sein sollte und recht zugeknöpfte Taschen hatte, besonders seinem Stiefsohne gegenüber, und überdies von der sonst ja recht löblichen Ansicht ausging, daß man junge Leute so kurz wie möglich halten müßte, um sie vor Dummheiten zu schützen. Es war wegen der Karriere meines Verlobten auch zu Reibereien mit dem Stiefvater gekommen, und dieser hatte im Zorn sogar seine Zulage zurückgezogen und die schwache Mutter war nicht imstande, daran etwas bei ihrem jähzornigen Gebieter zu ändern. Das wenige, was sie ihm zuschießen konnte, mußte ihm heimlich zugestellt werden, kurz, das Verhältnis muß ein recht unerquickliches gewesen sein. Mein Bräutigam wollte überdies von einem Gnadenbrote seines Stiefvaters auch nichts wissen, und so hieß es denn für uns, geduldig zu warten, bis bessere Zeiten kämen, und das versprechen wir uns denn auch, redlich und mit freudigem Herzen zu tun. Allerlei kleine Unannehmlichkeiten aber, denen ich im Hause meiner Brotherrin ausgesetzt war, bewogen meinen Bräutigam, mich zu veranlassen, die Stellung bei ihr aufzugeben, wie es ihm denn überhaupt nicht recht war, daß ich in einer »dienenden« Lage mich befand. Er versprach, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um mir eine Hofdamenstelle zu verschaffen oder mich in einem Stifte unterzubringen, und obgleich ich nicht darunter litt, mir in Abhängigkeit mein Brot zu verdienen – denn wer müßte nicht dienen, so oder so, großen oder kleinen Herren – so war ich doch schwach genug, seinem Drängen nachzugeben und in der Hoffnung auf bessere Zeiten zu dem guten Onkel zurückzukehren. Es tat mir aber schrecklich leid, den lieben Leuten wieder zur Last zu fallen, denn sie hatten wirklich kaum das Notwendige für sich selbst, und ich bemühte mich, bald wieder anderswo unterzukommen, in der Hoffnung, daß mein Bräutigam meine Gründe, mit einem fait-accompli begleitet, billigen und sich fürs erste fügen würde, denn Hofdamen- und Stiftsstellen schüttelt man eben nicht so von den Bäumen, wie ich sehr genau wußte. Das Jahr ging aber schon zu Ende und noch hatte sich nichts Passendes gefunden.

Einmal ging ich im Tiergarten spazieren, da hörte ich unweit den Zelten, in einer ganz menschenleeren Seitenallee in dem Gebüsche neben mir ein ganz merkwürdiges, klägliches Pfeifen und Quieken. Erstaunt blieb ich stehen, horchte hin und ging endlich den Tönen nach und fand in dem dürftigen Rasen, eng aneinandergeschmiegt – zwei weiße Mäuse, zitternd vor Frost und wie es schien, halb verhungert! Auf mein Locken kamen sie gleich ganz zutraulich zu mir gelaufen und schmiegten sich an meinen Muff an, ja sie spazierten auch ohne weiteres in ihn hinein, als müßte das so sein! Offenbar waren die zahmen Tierchen entlaufen oder verloren gegangen, und da ich Mäuse nie verabscheut oder gar gefürchtet habe, die weißen aber immer besonders »süß« und herzig gefunden, so erbarmte ich mich nur zu gern der armen kleinen Flüchtlinge und trug sie eilends nach Hause.

»Donner und Doria!« sagte mein Onkel, als ich ihm strahlend meinen Fund zeigte, und jubelnd erklärte ich damit auch den Taufakt für vollzogen: Donner und Doria wurden unsere Hausgenossen und dankten mir ihre Rettung durch eine Zutraulichkeit und drollige Beflissenheit ohne Maßen – ja, sie machten unaufgefordert sogar kleine Kunststückchen vor, was uns die Vermutung nahe legte, daß sie aus einer jener Schaubuden entwichen sein könnten, wie sie ja mit allerhand Getier auf Jahrmärkten und Messen umherziehen. Zur Beruhigung meines Gewissens griff ich aber tief in meinen magern Beutel und inserierte meinen Fund dreimal im »Tageblatt,« doch da sich kein Besitzer meldete, machte ich mich selbst, kraft meines Finderrechtes dazu und war selig in meinem Besitz, der auch meinen Verwandten den größten Spaß machte.

Natürlich hatte ich für Donner und Doria auch bald ein Nest geschaffen, in dem sie nachts und wenn es ihnen und uns sonst paßte, sich aufzuhalten hatten: ein hübscher geflochtener Deckelkorb von entsprechender Größe wurde zu diesem Zwecke mit Watte ausgepolstert und mit einem hübschen, geblumten Stücke Cretonne aus Tantens Schatzkammer gefüttert, ebenso der Schließdeckel, der dann nachts zum größeren Schutz gegen Kälte leicht geschlossen wurde. In dieser hübschen Behausung waren meine Lieblinge geborgen wie in Abrahams Schoß.

Kurz vor Weihnachten erhielt ich die Nachricht, daß eine Frau von Meldeck auf Tannhausen in Ostpreußen die gesuchte junge und lebensfrohe Gesellschafterin in mir gefunden zu haben glaubte und daß ich schon zum neuen Jahre mein Amt bei ihr antreten könnte. Ich meldete mich nun schriftlich selbst und erhielt eine sehr nette Rückantwort, in der das nicht gerade fürstliche Gehalt fixiert und mir die Reiseroute angegeben wurde. Ich sollte am Nachmittage des Silvesterabends auf Tannhausen eintreffen und mit der freilich großen Einsamkeit des sehr zurückgezogenen Landlebens fürlieb nehmen. Nun, Vergnügungssucht war nie mein Fehler, und so war ich's wohl zufrieden, nur wurde mir's schwer, meinem Verlobten, der einer süddeutschen Gesandtschaft attachiert war, die Sache zu schreiben und auseinanderzusetzen, warum ich diesen Schritt ohne sein Vorwissen getan.

Ich traf also alle Vorbereitungen zu meiner Abreise – sie waren gering genug und bestanden in der Hauptsache darin, daß ich mir Doppelsohlen gegen die Grundlosigkeit der ostpreußischen Wege auf die Stiefeln nageln ließ – schrieb meinen Brief, steckte ihn am Vorabend meiner Abreise selbst in den Postkasten und dampfte am andern Morgen ab, begleitet von den besten Wünschen meiner Verwandten, meiner geringen Habe und – dem Körbchen mit Donner und Doria darin. Zwar war mein Onkel gegen diese Mitnahme, zu der ich keine Erlaubnis hatte, doch nahm ich es auf mich, ihre harmlose Anwesenheit in dem buon retiro meines eigenen Zimmers zu entschuldigen – es war mir ordentlich Herzenssache, die Tierchen mit mir zu nehmen, und ich betrieb dies mit einem Eifer, über den ich damals selbst lächelte, der mir aber heut'  vorkommt wie eine höhere Eingebung. Mir will es heute auch scheinen, als wäre der Fund meiner kleinen Lieblinge eines jener wunderbaren Mittel gewesen, deren sich die Vorsehung manchmal bedient, um dräuende Gefahren von unsern Häuptern abzulenken.

Und zwei weiße Mäuse hätten das bei mir tun sollen, hätten das vermocht? Sicherlich. Wären Donner und Doria nicht gewesen, so – – –. Doch ich will nicht vorgreifen.

Bei meiner Abfahrt von Berlin teilte ich das Coupé mit einer kleinen Familie, Vater, Mutter und zwei Töchter, aus deren Gesprächen ich entnahm, daß sie auch nach Ostpreußen reisten. Ich hatte ein paar Höflichkeiten für die alte Dame, die mir eine Einladung an ihren Frühstückskorb eintrugen, den sie reich gespickt mit sich führten – wir kamen ins Gespräch, wurden wärmer mit der Zeit – ein Wort gab das andere, und schließlich erzählte ich, daß mein Ziel Tannhausen sei und mein Zweck, Frau von Meldeck Gesellschaft zu leisten.

»Ach, Sie meinen die Buchberg- Meldecks? »fragte die eine der Damen.

Ich wußte von dem ersten Namen, der mich vage an den des Stiefvaters meines Verlobten erinnerte, nichts, doch kam es auch darauf nicht an, und darüber hinweggehend, fragte ich, ob die Herrschaften in Tannhausen bekannt wären.

»Na ja, soweit man mit dem ungeselligen Sonderling von Gutsherrn überhaupt bekannt werden kann,« war die etwas zurückhaltende Erwiderung mit dem höchst überraschenden Zusatze: »Mich brächten keine zehn Pferde in das unheimliche Haus!«

Nun frage ich aber einen Menschen, ob es möglich ist, bei solch einer Bemerkung nicht etwas die Courage zu verlieren und neugierig zu werden! Mir war es bei der Bemerkung brühheiß wie siedendes Wasser durch die Glieder gegangen, und ich fragte sehr eindringlich und befremdet über das Wieso und Weshalb, und nach langem Hin und Her, gewürzt durch mysteriöse Andeutungen, Anklagen und Verteidigungen, aus denen nicht klug zu werden war, nahm der alte Herr denn endlich das Wort und sagte: »Es ist mir gar nicht recht, daß Sie durch uns Näheres über Ihre neue Heimat erfahren sollen. Ob nun das Haus unheimlich ist oder nicht, darüber haben wir alle kein Urteil, und das Unheimliche, das darin vorgefallen ist, wird ja wohl auch ganz natürliche Ursachen haben, weil man meistens die Leute nicht erst um Erlaubnis zu bitten pflegt, wenn man am Schlage sterben will! Das soll nämlich schon vorgekommen sein. Abgesehen von einigen traditionellen Gespenstern, die nun einmal in ein ordentliches, jahrhundertealtes Haus gehören, ist bis – – na ja, bis damals auch nichts darin vorgefallen, was jemand auffallen konnte, wenn's nicht der Hausherr selbst war, der von Jugend auf als jähzorniger, harter Patron galt: ungesellig, trocken und unverdaulich war er sicherlich für alle, und man hat sich nur gewundert, daß er doch noch eine hübsche, nette Frau fand. Er hatte auch einen Bruder, einen wilden Schlingel, der nichts wie Dummheiten und Schulden machte, bis das Treiben doch endlich über die Hutschnur ging und Mosjö Hans eines Tages übers Meer gefuhrwerkt wurde, damit er »drüben« versuchte, sich die Hörner abzulaufen und was Ordentliches zu werden. Ob ihm das gelungen ist, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit und die Familienchronik vollständig; Tatsache aber ist es, daß er vor Jahr und Tag ganz indisch gekleidet und mit ungeheuerm Gepäck in Tannhausen wieder erschien und aus seinen Kästen und Kasten allerhand exotischen Unsinn – Naturalien nannte er ihn – auspackte und dem erstaunten Hause zeigte. Insoweit schadete das keinem Menschen, aber er brachte auch eine Menge Tiere mit, von denen die Vierfüßler ohne Erbarmen in den Zoologischen Garten nach Berlin wandern mußten, doch hielt er sich in verschlossenen, durchlöcherten Kisten Wüstenskorpione, Riesenspinnen und dergleichen Zeug genug, um sein Logis zum Schrecken der Dienstleute zu machen, denen er zum Überfluß auch noch erzählte, eine gewisse eiserne Kiste enthielte eine erlesene Sammlung indischer Giftschlangen, die aber niemand gesehen hat. Eines Tages erschien er zum Frühstück, umwickelt von einer über drei Meter langen Tiger- oder Pythonschlange, über deren Anblick die arme Hausfrau in Krämpfe fiel. Dieser exotische Scherz stieß dem Fasse den Boden aus. Es kam zwischen den Brüdern zu einer furchtbaren Szene, die damit endete, daß der Herr von Tannhausen, der nicht zu der Ansicht bekehrt werden konnte, daß solch ein Ungeheuer ein ebenso nützliches wie zutrauliches Haustier sei, Bruder Hans zeigte, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Darauf hin raste letzterer wütend zum Fuhrmann und bestellte sich den Wagen für den nächsten Tag und machte sich dann daran, seine Sachen einzupacken. Am nächsten Morgen aber fand man ihn tot in seinem Bette, in den starren Zügen den Ausdruck eines furchtbaren Entsetzens. Nur das Zeugnis des Arztes, der einen Schlagfluß konstatieren zu müssen glaubte, rettete den Gutsherrn von Tannhausen davor, sich als Mörder verantworten zu müssen, denn als solchen bezeichnete ihn die öffentliche Meinung geradezu! Das ist ja natürlich Unsinn, die Ausgeburt einer von Klatschbasen und bösen Zungen wohlgenährten Phantasie, aber des Schreckens hatte es damit auf Tannhausen noch kein Ende; denn die Frau, welche das Zimmer des Verstorbenen in Ordnung zu bringen hatte, starb bei ihrer Arbeit gleichfalls am Schlagfluß und dasselbe Schicksal ereilte wenige Monate darauf einen Gast des Hauses, den man in dem gleichen Zimmer einlogiert hatte. Das sind die einfachen Tatsachen, die meine Tochter unheimlich nennt. In gewissem Sinne sind sie's ja, es ist auch zweifellos eine recht unheimliche und traurige Fügung, daß drei Personen an der gleichen Ursache in demselben Zimmer sterben mußten, und noch dazu Personen, die alle drei positiv nicht zur Apoplexie neigten. Aber wer kann dagegen helfen? Jedenfalls ist Frau von Meldeck seitdem ganz melancholisch geworden, wozu noch Familienzerwürfnisse kommen sollen, so daß die Berufung einer Gesellschafterin für sie wohl zur Notwendigkeit wurde. Nun, Sie mein Fräulein scheinen ja der Jugend Sonnenschein mit sich zu bringen und ich wünsche Ihnen alles Glück damit für die arme Frau, die ich um ihr Los nicht gerade beneide.«

Daß diese Erzählung mich sehr erbaute, kann ich nicht behaupten. Aber umkehren, feige die Flucht ergreifen? Nimmermehr. Wie hätte ich das überhaupt noch machen sollen?

Ich war in einer Stunde am Ziel. Schließlich war ich ja nicht für immer dort gebunden.

Meine Reisegefährten stiegen bald aus und ich fuhr nun allein weiter. Die Muße zum Überlegen war zum Glück nicht mehr groß, denn bald hielt der herrlichste aller Bummelzüge ohne sonderliche Verspätung auf dem Bahnhofe zu Tannhausen. Es dämmerte schon stark, als ich in die alte Kutsche stieg, die man mir entgegengeschickt, und nach einer etwa halbstündigen Fahrt durch eine flache, reizlose Gegend erreichte ich fröstelnd das Schloß, einen düsteren, burgähnlichen Bau mit spitzen Giebeln und Erkern und unregelmäßigen Türmen, die dem Gebäude etwas Dräuendes gaben. Hinter ihm schien sich ein großer parkartiger Garten auszudehnen, doch sah ich nicht viel davon, weil der Wagen durch ein tunnelartiges, gewölbtes Portal in den Schloßhof einfuhr und an einer schmalen Pforte hielt. Dort empfing mich die Wirtschafterin, ein kümmerlich aussehendes Persönchen, und führte mich eine schmale Treppe hinan sogleich in das Zimmer der Frau von Meldeck, die mich freundlich, aber mit ausgeprägter Nervosität begrüßte – eine überschlanke Erscheinung mit Spuren ehemaliger Schönheit in den wachsbleichen, vergrämten Zügen. Sie erklärte, lange krank gewesen zu sein, und beklagte mich wegen der großen Einsamkeit, die ich mit ihr zu teilen haben würde, schien aber sehr befriedigt, als ich ihr erklärte, daß ich mir daraus nichts mache.

»Sie sollen dicht neben mir wohnen,« fuhr sie fort, »Ihr künftiges Logis stößt dicht an das meinige – – es wird mir wohltun, jemand neben mir zu wissen – ich bin so sehr schreckhaft geworden in letzter Zeit! Nur für heut'  und vielleicht auch die folgenden Tage muß ich Sie bitten, mit einer interimistischen Wohnung fürlieb zu nehmen, wir erwarten heut'  abend noch Besuch von – von jemandem, der vielleicht ein paar Tage hier bleibt – es wird Ihnen doch nicht unangenehm sein, in einem sonst unbewohnten Flügel des Hauses zu nächtigen, wir haben aber hier in diesem gar keinen passenden Raum –«

Die arme Frau brachte diese Worte mit einer gewissen atemlosen Beklemmung hervor, und ich hatte so das Gefühl, als wollte man mich von diesem geheimnisvollen Jemand, den man erwartete, geflissentlich fernhalten. Wer war denn dieser Jemand? Doch, mich ging's ja am Ende gar nichts an, und ich sagte lachend, daß ich für unbewohnte Schloßflügel schwärmte, was Frau von Meldeck sichtlich zu beruhigen schien. Ich gestand nun, daß ich mir erlaubt hätte, Donner und Doria mitzubringen, doch fand Frau von Meldeck, daß ich ganz recht getan hatte, mich von meinen Lieblingen nicht zu trennen, sie empfände gottlob auch kein Grauen vor Mäusen, denn sie hätten deren genug in dem alten Hause. Die Wirtschafterin wurde nun wieder gerufen, um mich in mein einstweiliges Zimmer zu führen, damit ich meine Sachen ablegen könnte, dann erwartete man mich zum Abendbrot im Speisezimmer.

Mamsell Minna führte mich also hinaus durch endlos lange, schmale Korridore mit den wunderlichsten Winkeln und Nischen versehen.

»Det gnädige Fräulein werden sich so alleene in dem ollen Schloßflügel doch hoffentlich nicht jraulen? »schwatzte sie während der Wanderung, wahrscheinlich zu meiner Ermunterung. »Ich zwar for meenen Teel habe noch nie eenen Jeest jesehn, und die eenen jehört haben wollen, sind wohl bloß von det koddrige Rattenzeug geschreckt worden. Ich werde det gnädige Fräulein auch selbst bedienen, solange gnädiges Fräulein hier wohnen, denn die dummen Mariellen sind ja mit keene zehn Pferde nicht in det Zimmer zu bringen!«

Nun, das klang ja auch sehr ermunternd!

»Ach, für die eine Nacht wird's schon gehen, »sagte ich tapfer.

»I nu, wenn der junge Herr, der heut'  nacht noch kommt, sich mit dem Gnädigen wieder verträgt, denn kann's noch länger gehn,« war die Erwiderung. »Da kann keen Mensch was Gewisses sagen, aber eher möchte ich meine Nase verwetten, daß sie sich wieder zanken – – das kann der Gnädige nun halt mal nicht lassen. So, hier sind wir – na, Platz werden das gnädige Fräulein hier haben!«

Darin konnt'  ich der guten Seele nur recht geben – es war ein riesiges Gemach, in das sie mich führte, und wohnlich genug eingerichtet. Der mächtige braune Kachelofen strömte eine behagliche Wärme aus, gute Teppiche lagen auf den gescheuerten Dielen, große alte Mahagonimöbel standen an den Wänden, und ein mächtiges Bett mit einem wahren Thronhimmel und Vorhängen von grünem Damast verhieß eine gute Nachtruhe.

»Hier sieht's aber gar nicht unbewohnt aus,« meinte ich erfreut. »Das ist wohl sonst das Fremdenzimmer? »Die Wirtschafterin räusperte sich.

»Ja – nee – sozusagen, »stotterte sie. »Die richtigen Fremdenzimmer sind drüben und für gnädiges Fräulein eenjerichtet worden – – man bloß, daß der junge Herr sie just haben soll. Hier hat der Bruder vom Gnädigen, was der Herr Hans war, logiert – –«

»Und ist hier auch gestorben?« platzte ich heraus.

»Jott nee – det wissen det gnädige Fräulein schon? » rief die Wirtschafterin erschrocken. »Denn hätt'  ich am Ende jar nischt davon reden sollen.«

Ich versicherte ihr so unbefangen wie möglich, daß mir das nichts machte, doch ich wußte genug und kann nicht sagen, daß es mich angenehm berührt hätte. Es lag mir auch nichts daran, jetzt noch Näheres zu erfahren, und begann in meinen Sachen zu kramen. Dabei vermißte ich mein Körbchen mit Donner und Doria – es wäre mit meiner Plaidrolle noch unten im Zimmer der Mamsell, wurde mir erklärt; doch da ich mich zurechtzumachen nicht viel Zeit hatte, kamen wir überein, daß die Sachen dort bleiben sollten bis zum Schlafengehen, zu welcher Zeit ich den Korb dann selbst mit mir nehmen wollte, nebst einem Schälchen Milch für meine Mäuse, die das ganze Interesse der Mamsell zu erregen schienen. Mit einem höflichen Knicks und der Versicherung, daß ich den Weg nach drüben gar nicht verfehlen könnte, verließ sie mich dann und ich war allein.

Allein? Die leichten Schritte der Mamsell waren draußen noch nicht verhallt, als ich auch schon das Gefühl hatte, daß ich eben nicht allein war. Es war ganz sonderbar, schwer zu beschreiben – ich fühlte eine Gegenwart, nicht als ob jemand hinter oder neben mir stünde, sondern, als ob etwas sich im Zimmer befände, das – – –

Etwas – das war das rechte Wort, etwas, das mir mit Bleischwere durch alle Glieder kroch, mich mit einem seltsamen Frösteln durchschüttelte. Und es kam von dem Bette her. Nichts Sichtbares und auch doch nichts Gespenstisches, nichts Geisterhaftes und doch etwas, das mir förmlich den Atem nahm und mich an die Stelle bannte, auf der ich stand, zehn Schritte entfernt von dem schönen Himmelbette, dessen weiße Kissen zur Ruhe einluden.

Mit dem Aufgebote aller Willenskraft raffte ich mich zusammen, um dieses »Etwas« von mir abzuschütteln und schalt mich selbst, daß ich so schwach sei, mich dem Eindruck der Erzählung im Eisenbahnwagen so ohne weiteres hinzugeben. Aber was ich mir auch sagte, welche Vernunftgründe ich mir selbst auch vorhielt, das Gefühl vor dem schrecklichen Etwas, das mein Zimmer teilte, wollte nicht weichen, es schnürte mir fast die Kehle zu und machte, daß ich leise auftrat, als ich mit fliegender Hast meinen Anzug in Ordnung brachte. Auf dem Nachttisch neben dem Bette stand eine Handtasche von mir, in der ich ein Taschentuch hatte, doch ehe ich es über mich brachte, mich dem Bette zu nähern, schloß ich lieber meinen Koffer auf und holte mir ein anderes Tuch. Und dann ergriff ich das Licht, eilte geräuschlos aus dem Zimmer und atmete wie befreit auf, als ich draußen in dem modrig riechenden Korridor stand – – Ich fand auch glücklich den Weg zurück und wurde von dem Diener in das leere Wohnzimmer geführt – Frau von Meldeck würde sogleich kommen, sagte er. Die Tür zum Nebenzimmer stand halb offen und ich hörte Stimmen darin, das heißt eigentlich nur eine sehr laute Baßstimme, die gerade bei meinem Eintreten mehr schrie als sagte: »Donnerwetter, jetzt habe ich aber Hunger! Wo bleibt denn nur die dumme Gans? Hängt sich wahrscheinlich noch 'nen sogenannten eleganten Klunker an.«

Verblüfft stand ich still, und wenn mir noch Zweifel blieben, ob ich mit der schmeichelhaften Bezeichnung gemeint war, so wurden diese sofort dadurch gelöst, daß in der Tür ein wahrer Hüne von einem grauköpfigen Manne in Jägertracht erschien und bei meinem Anblick in das Zimmer zurückrief: »Na, da ist sie ja!«

Und dazu nicht etwa ein Wort der Entschuldigung oder des Bemäntelns, Gott bewahre! Der Riese kam ohne jede Verlegenheit darüber, daß ich ihn gehört haben mußte, auf mich zu, streckte die Hand aus und schrie: »Also Sie sind die –«

»Dumme Gans!« rief ich vollendend dazwischen, Feuer und Flamme vor Empörung.

Der Riese schlug eine dröhnende Lache auf, daß mir Hören und Sehen verging, stemmte die Hände in die Seiten und betrachtete mich, die ich ihm höchstens bis an den zweituntersten Knopf seiner Joppe reichte, mit sichtlichem Vergnügen.

»Gehör gut – Mundwerk auch,« brüllte er mich an.

»Das letztere hoffe ich – das erstere war nicht schwer zu beweisen,« gab ich prompt zurück, doch im selben Augenblick erschien auch Frau von Meldeck, blässer als sonst.

»Entschuldigen Sie nur, bitte, meinen Mann,« sagte sie zitternd, »er meint es nicht so schlimm – –«

Mein gerechter Zorn erlosch sofort vor der armen nervösen Frau.

»Natürlich nicht,« sagte ich lächelnd, »denn erstens kennt Herr von Meldeck mich noch nicht, und zweitens haben die Gänse ja dereinst das Kapitol errettet. Wenn man die Verwandtschaft also von diesem historischen Gesichtspunkte auffaßt, so wird die Versetzung darunter beinahe zur Schmeichelei!«

Herr von Meldeck schlug sich in die mächtigen Fäuste, daß es nur so knallte.

»Na, das ist das erste vernünftige Frauenzimmer, das ich kennen gelernt habe,« rief er strahlend, ohne scheinbar zu ahnen, welches Kompliment er damit seiner eigenen Frau sagte. »Endlich doch einmal ein Weibsbild, das nicht gleich die Krämpfe kriegt, wenn man mal ein bissel Zoologie treibt! Famose kleine Rübe das! Wissen Sie was, kleine Kräte? Wir zwei beiden werden uns glorios vertragen!« Damit spitzte er die Lippen, pfiff einen Walzer, faßte mich ohne jede Vorrede um die Taille und tanzte mit mir in dem Zimmer herum, bis ich endlich atemlos in den nächsten Sessel sank.

»Aber Mann! »jammerte Frau von Meldeck, der die Tränen nahe waren.

»Na, was heulste denn? »lachte der Schloßherr in der besten Laune. »Meinste denn, so'n junges Mädel tanzte nicht gern, und wär's auch nur mit so 'nem alten Knacker wie ich einer bin? Der Pust ist ihr ja nur ein bissel vergangen, sonst fehlt ihr nischt. Was, kleine Kräte?«

»Herr von Meldeck tanzt ausgezeichnet, »versicherte ich unter Lachen. »Er macht nur so schrecklich lange Schritte, daß ich das doppelte Tempo dazu brauche. Aber sonst war's sehr hübsch!«

»Na, da hastes – was willste denn noch?« schrie der alte Herr seine Frau an. »Bravo, kleine Kräte, bravo – nur immer den Humor von der Sache finden, das ist die Hauptsache! Liese, das war'n famoser Gedanke von dir, die Gesellschafterin! Und ich altes Heupferd habe mich dagegen gesträubt! So 'ne nette, kleine Marielle, wahrhaftig! Ich hatte sie mir vorgestellt als 'ne ältliche, dürre, zimpferliche Giftbolle, die alles übelnimmt und mault. Krakeel hat sie ja auch gleich angefangen, was, Liese? Hahahaha!«

Und wieder folgte eine dröhnende Lachsalve, vor der Frau von Meldeck weinerlich zusammenzuckte, während ich's nicht ums Leben unterdrücken konnte einzustimmen, und so lachten wir wie zwei Kinder, die nicht wissen warum, fort, bis der Diener meldete, es sei serviert – das heißt, eigentlich meldete er nichts, denn dem Guten blieb der Mund offen stehen vor Erstaunen. Das »heilige« Lachen schien also in diesem Hause nicht zur Tagesordnung zu gehören. Aber auch ich konnte mich von meinem Erstaunen gar nicht erholen – dieser sicherlich mordsgrobe, ungeschliffene, aber dabei doch scheinbar so harmlose alte Herr, das war der verrufene Schloßherr von Tannhausen, den die öffentliche Meinung fast gelyncht hätte? Ich kann mir nun einmal nicht helfen, ich war ihm gut von dieser Stunde an, und er tat mir leid, wenn seine Frau bei Tisch zu seinen allerdings oft recht kräftigen Reden immer ein Gesicht machte, als wollte sie weinen. Aber ich, als Soldatentochter, war so zart nicht besaitet, die Deutlichkeit seines Ausdrucks verletzte mich nicht, sondern amüsierte mich sogar höchlich – freilich, eines schickt sich nicht für alle, und mir schien's, als gäbe es kein groteskeres Paar als das, an dessen Tisch ich saß. Das Gespräch ging zwischen Herrn von Meldeck und mir ganz harmlos und vergnüglich weiter, doch Frau von Meldeck nahm wenig oder gar keinen Teil daran – sie war zerstreut und sah immer nach der Uhr. Der Tisch wurde nach dem Essen abgeräumt, aber wir blieben daran sitzen bei einer Schale voll Weihnachtsgebäck und delikaten Pfannkuchen, und ich nippte auch ein wenig von dem Punsch, den Herr von Meldeck gebraut: »damit man doch wisse, daß es Silvesterabend ist,« meinte er. Offen gesagt, ich hatte mich vor diesem Abend gefürchtet, denn er erweckte so viel Erinnerungen an die alte, verlorene Heimat, an das Elternhaus, und doch war ich überrascht, als Frau von Meldeck plötzlich aufstand und mit nervöser Hast erklärte, es sei schon zehn Uhr und ich würde der Ruhe bedürfen. Natürlich verstand ich den Wink sofort und stand fein artig auf, um gute Nacht zu sagen – eine Zeremonie, die von der Hausfrau mit sichtlicher Unruhe beschleunigt wurde. Herr von Meldeck reichte mir die Hand zu fürchterlichem Druck.

»Na, schlafen Sie denn wohl, kleine Krabbe, »sagte er ohne Zeremonien. »Aber bringen Sie man morgen Ihr frohes Gesicht wieder mit 'runter, verstanden? So'n vergnügten Abend haben wir lange nicht gehabt, was, Liese? Na, ohne Sorge – das dicke Ende kommt schon noch nach. Seufze nicht, Alte – verdirb mir die Laune nicht – ich werde dem Schlingel ja nichts tun, wenn er sein großes Maul nicht wieder mitbringt. Na, 's ist schon gut. Dummes Zeug! Was ich sagen wollte, wo hast du denn die nette kleine Rübe einquartiert?«

»Nur so lange bis – das heißt fürs erste drüben im – im – im – Westflügel! »

»Himmeldonnerwetter – – warum denn nicht lieber gleich –« brach der Hausherr los. »Hab'  ich euch nicht verboten, die Bude aufzuschließen?«

Frau von Meldeck murmelte etwas Unverständliches und ich beeilte mich, hinauszukommen. Warum tat denn auch Frau von Meldeck, was ihr Mann nicht wollte? Ich kann mir ganz gut vorstellen, daß so was einen Menschen reizen kann. Die herbeigeklingelte Mamsell war mit meinen Sachen schon zur Stelle, ich nahm selbst mein Körbchen mit Donner und Doria auf den Arm, und so zogen wir denn zu meinem Zimmer zurück, wo ich unter Mamsells entzückten Ausrufen meine Lieblinge fütterte, dann machte sie wieder einen Knicks, wünschte mir eine gute Nacht und ging. Zunächst war mir's gar nicht unbehaglich. Ich war angeregt von der Unterhaltung unten, vielleicht auch von meinem Gläschen Punsch, und dann hatte ich ja auch Donner und Doria bei mir – ja, man mag mir's glauben oder nicht, die beiden kleinen, schwachen Dinger geben mir ein gewisses Gefühl des Schutzes gegen jenes Etwas, das in der Luft dieses Zimmers hing, das ich aber jetzt nicht in dem Maße empfand wie vorher. Das dauerte aber nicht lange, denn als ich mich dem Bette näherte, kam es wieder über mich, und zwar so mächtig, so lähmend, daß ich mich wieder abwandte und – Schutz suchte bei meinen Mäusen, die gegen ihre Gewohnheit den Korb nicht verlassen hatten, sondern eng aneinandergeschmiegt darin saßen und meine streichelnde Hand mit leisem Pfeifen begrüßten. Das machte mich merkwürdigerweise wieder sicherer, und von neuem versuchte ich, an das Bett zu treten. – Es ging nicht, ging absolut nicht! – Mit jedem Schritte näher fühlte ich das unnennbare Etwas stärker und stärker, und geschüttelt von Frost, gejagt von kalten Schauern wich ich wieder zurück und setzte mich kraftlos, atemlos und wie gebrochen in den nächsten Polsterstuhl, wo ich mich erst sammeln mußte, bis ich mit zitternden Händen versuchte, mein Haar aufzulösen und es für die Nacht zurecht zu machen. Und nochmals raffte ich meine Willenskraft zusammen, um mich zu bezwingen, mich in das furchtbare Bett zu legen, und wieder scheiterte ich kläglich an der Unmöglichkeit, meinen Fuß auch nur bis in seine nächste Nähe zu schleppen.

Gebadet in kalten Schweiß, der mich wie mit Todesschauern überrieselte, beschloß ich nun, aufzubleiben und das neue Jahr wachend anzutreten. Ich hüllte mich in ein warmes Tuch, stellte den Korb mit den Mäusen dicht an meinen Stuhl, schob die Lampe, die man mir hereingebracht, näher und versuchte es zunächst mit einem Buche. Umsonst – ich brachte keinen Satz darin verständlich zusammen, denn nun ertappte ich mich dabei, daß ich mit angestrengtester Aufmerksamkeit hörte, mit allen meinen Sinnen horchte – –

Worauf?

Ich weiß nicht, worauf ich wartete, was ich hören wollte. Es kam mir nicht einen Moment in den Sinn, alles das mit den in diesem Zimmer Gestorbenen in Zusammenhang zu bringen, ich weiß nur, ich wäre selig gewesen, einen Geist zu sehen; ein überirdisches Geräusch zu hören – befreit hätte ich das Schreckliche begrüßt, nur um dem Furchtbaren zu entgehen, das in diesem Zimmer lauerte, das ich nicht nennen konnte, dessen Gegenwart ich aber so entsetzlich fühlte. Zitternd schob ich das Buch von mir, schraubte die Lampe höher, so hoch, als sie ohne Rauch brennen wollte, zog die Füße hinauf in meinen Lehnsessel und saß nun und horchte, horchte – – Elf Uhr war lange vorbei, im Ofen war knisternd die letzte Glut verloschen und endlich schlug die Schloßuhr Mitternacht – das neue Jahr war geboren und stand mit verhülltem Haupte vor mir, bereit, den Schleier mit jedem Tage um einiges zu lüften, bis nach vollendetem Kreislauf die Tage alle unverhüllt hinter mir stehen würden – Was bargen sie für mich? Man hofft ja so gern das beste, und doch war in meinem Herzen in dieser stillen Stunde kein Raum in mir zum Hoffen, Wünschen, Plänespinnen – weil ich nichts tun, nichts denken konnte als Horchen! Da – was war das? O nichts – nur meine Mäuse, die unruhig in ihrem Körbchen umherliefen mit angstvollem Pfeifen und Quieken. Ja, was hatten die Tierchen denn? Ich wäre so gern aufgestanden und hätte sie auf meinen Schoß genommen, aber ich war vollständig regungslos, als wenn meine Glieder mir gar nicht gehörten. Ich konnte nur sehen, wie die Tierchen sich fest aneinanderschmiegten und heftig zitterten und – – Was war das? Ein zischender Ton, wie wenn Luft aus einem kleinen Dampfkessel entweicht – – und noch einmal – warum machte dieser Ton mich zu Eis erstarren? Mit angehaltenem Atem hörte ich und sah nach dem Bette, sah – –

Was bewegte sich dort oben in der zusammengerafften Draperie des Betthimmels? Es war wie ein Band, das in der Luft flattert, ein gelbgraues Band mit dunklen Flecken darauf – – und das Band wurde länger und glitt an der Bettgardine herab, armeslang, schmal – – nun war es unten und kam näher – immer näher, dem Platze zu, wo ich saß, und dann kam es in den Lichtschein der Lampe und ich sah, was es war: eine Schlange, eine lebende, ringelnde, züngelnde, zischende Schlange – – Und näher kam sie, näher, näher, näher – – dann ballte sie sich zusammen und dann schnellte sie sich mitten hinein in den Korb auf meine Mäuse – Ich weiß es nicht, wie es mir gelang, von meinem Stuhle herunterzukommen, mit einem Ruck den Deckel auf den Korb zu werfen und den Schieber vor die Haspe desselben zu schieben, statt das gräßliche Tier zu nehmen und zu würgen und meine Lieblinge zu retten – ich weiß nur, daß es zu Ende war mit meinen Kräften, als ich das vollbracht, daß ich Schrei um Schrei ausstieß, wie gejagt zur Tür hinausstürzte und fortwährend: »Donner und Doria! Donner und Doria!« rufend, den Korridor hinabeilte – –

Dann kam mir Licht entgegen, eine bekannte, eine so liebe, bekannte, geliebte Stimme rief meinen Namen, zwei starke Arme umschlangen mich, die Stimme rief: »Sie ist meine Braut, ich bin verlobt mit ihr!« – – und dann hörte ich nichts mehr, sah nichts mehr – – – – – – –

Als ich wieder zu mir kam, saß eine Pflegeschwester an meinem Bette und erzählte mir, es sei Lichtmeßtag und ich wäre schwer krank gewesen an einem Nervenfieber. Doch nun sei alle Gefahr vorüber. Und dann kam eine blasse Dame an mein Bett, die ich gar nicht kannte, küßte mich mit Tränen in den Augen und sagte mir alles süße und liebe von meinem Bräutigam –

Mein Bräutigam? Ach, mein armer Kopf war so schwach, daß ich mich nicht einmal auf meinen Bräutigam besinnen konnte!

Aber mit den Tagen, ja mit den Stunden schon wurde es besser und allerlei Erinnerungen fingen an in mir zu dämmern, und dann kam wieder jemand herein, ein großer, übergroßer alter Mann in Jagdjoppe und hohen Schmierstiefeln und beugte sich über mich und sagte ganz sanft: »Na, erholt sich die kleine Wurzel wieder? Hab'  ich nicht recht gehabt, sie von vornherein eine Gans zu nennen? So'n Gebrüll zu machen – na ja, die Gänse haben auf dem Kapitol freilich auch geschrien! Aber weißt du, kleine Kräte, was mir dabei gefallen hat? Daß du nicht Hilfe geschrien hast, denn das kann bekanntlich jede Gans, sondern Donner und Doria!«

Jetzt jauchzte ich auf, trotz aller Schwäche, denn mit einem Male war der Schleier zerrissen und ich wußte alles wieder, alles! Und mehr noch wußte ich, und in meines Herzens Glück schlang ich meinen Arm um den Hals des rauhen alten Mannes und küßte ihn.

»Nu, nu, nu!« grunzte der mit ganz nassen Augen, »ich halte ja schon still! Donner Wachsstock, schmeckt das fein! So, jetzt sollste auch deinen Kuß wieder haben, dummes Mädel. Hab'  ich's nicht gleich gewußt, daß mir mit dir das Glück ins Haus gekommen war? Und noch dazu am Silvesterabend! Ach so, ich soll mich jetzt wieder drücken, damit sie sich nicht aufregt? Dummes Zeug, die ist von besserem Stoff gemacht als das ganze sonstige heulende Weiberzeug. Ich gehe ja schon! Aber eins will ich dir noch ins Ohr sagen: weißt du, was du bist?«

»Eine Gans!« flüsterte ich, aber fast schon übermütig.

»Na, das mußt du am besten wissen,« lachte er dröhnend los, schlug sich aber gleich wieder auf den Mund und pustete mir mit einem großartigen »Flüstern« ins Ohr, daß es ein Tauber gehört hätte: »Meine Schwiegertochter bist du!« – Und mit hochrotem Gesicht vor unterdrücktem Lachen schob sich der Riese wieder zur Türe hinaus. – – –

Was soll ich nun weiter noch sagen! Mag sich's jeder selbst zu erklären suchen, was mich davon zurückgehalten hat, mich dem furchtbaren Bette zu nähern, in dessen Draperien die indische Sumpfnatter, deren Biß auf der Stelle tödlich wirkt, einen Schlupfwinkel gefunden hatte, nachdem sie der Sammlung des Bruders meines Schwiegervaters, man weiß nicht wie, entflohen war. Von dort hatte sie ihren Herrn getötet und auf seinen Zügen das Entsetzen über ihre Flucht und deren Folgen zurückgelassen, von dort aus die arme Aufräumefrau gebissen und dem ahnungslos schlummernden Gaste den Todesstich beigebracht! Mich schaudert's heut'  noch, es auszumalen, daß auch ich ihr verfallen war, wenn meine lieben kleinen Mäuse mir nicht in den Weg kamen, wenn ich sie nicht mit mir nahm nach Tannhausen, damit sie mir, ihrer Retterin, zur Vergeltung wieder das Leben retteten!

Und das übrige, das wird sich doch jedes Kind zusammenreimen: daß mein Bräutigam der Sohn der Frau von Buchberg-Meldeck war und an jenem Silvesterabend zu einer Aussöhnung mit seinem Stiefvater erwartet wurde. Was die beiden entzweit, das gehört nicht hierher – gottlob nur, daß in jener Silvesternacht alles gut ging, daß man sich verständigte und noch niemand schlafen gegangen war – das Geheimnis des verschlossenen Korbes in dem verlassenen Zimmer haben ihnen meine Fieberphantasien enthüllt.

In Tannhausen herrscht voller Frieden, und der Schloßherr und seine Frau verstehen sich jetzt so gut, als sich eben zwei so grundverschiedene Naturen verstehen können. Ich aber, die noch im selben Frühling mit meinem lieben Manne vor den Altar trat, ich liebe meinen Schwiegervater, und er, er betet mich geradezu an. Aber er glaubt's heut'  noch nicht, daß ich bei meiner Flucht aus dem Schreckenszimmer die Namen meiner Mäuse geschrien habe, sondern ist stolz darauf, daß ich so »schneidig« war, statt »Hilfe« nichts weiter als »Donner und Doria« zu rufen.