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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem – Trix

Roman

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, Trix, Meister Verlag, Rosenheim, [o. J.]
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



ERSTER TEIL



Kapitel 1

Freifrau von Sulgenbach, Äbtissin des adligen Damenstiftes Marienthal, an Justizrat Dr. Klaus, Berlin:


Lieber alter Freund! Sie haben ganz recht, wenn Sie vermuten. daß Ihr letzter Brief an mich ein wenig meine Neugierde wachrufen würde über das »Warum« der von Ihnen verlangten Auskunft; ich stehe sogar nicht an, zu sagen, daß er mich sehr neugierig gemacht hat – aber da Sie hinzufügen. daß das Amtsgeheimnis Ihnen verbietet, sich näher darüber auszulassen, so darf ich nicht fragen und beschränke mich darauf. Ihnen mitzuteilen, was Sie wissen wollen.

Sie fragen mich, ob sich unter den meiner Direktion unterstellten Stiftsdamen eine Freiin Beatrix v. Dornberg befindet, welche Erziehung sie genossen hat, und was ich von ihrem Charakter halte.

Ja. Beatrix v. Dornberg, kurzweg Trix genannt. befindet sich sehr hier, augenscheinlich zu dem Zwecke, Ihrer alten Freundin, meiner Wenigkeit, zur Märtyrerkrone zu verhelfen und dieses ehrwürdige Haus in einem unbewachten Augenblick auf den Kopf zu stellen, wie es der Zweck ihres Daseins zu sein scheint. Eben höre ich sie mit gänzlicher souveräner Verachtung aller und jeder Hausregel auf dem Hauptkorridor schwatzen und singen, jetzt wird sie gleich wie ein Wirbelwind in mein Zimmer stürmen und zu irgend einer Ungesetzlichkeit meine Zustimmung haben wollen, und – Nein, sie wird diese Ungesetzlichkeit ohne meine Zustimmung begehen, denn ein verdächtiges Geräusch, das wie ein kurzes, scharfes »Sch – sch – – sch!« klang, sagt mir, daß sie das Treppengeländer hinabgerutscht ist, um sich zu dem Felde ihrer beabsichtigten Taten zu begeben.

Ich sehe Sie, lieber Freund, Ihre Augenbrauen hochziehen und ungläubig lächeln: »Rutschen in Marienthal die Stiftsdamen das Treppengeländer herunter? Hm! Da verdient doch aber diese Äbtissin –« – usw. usw.

Nein, lieber Freund, diese Art der Fortbewegung ist gottlob unter den Stiftsdamen noch nicht eingerissen, sintemalen sie meist durch ihr Alter – Gott sei Dank! auf einen solideren Weg angewiesen sind, und ich habe auch nur von Trix Dornberg gesprochen. Trotz dieses Einzelfalles aber glaube ich fest und steif, daß es ihr noch gelingen wird, mich aus Amt und Würden zu bringen, denn die Stimmen der Mit- Stiftsschwestern sind leider in der Mehrheit, welche Zeter schreien und sich wohl nächstens beim Stiftskapitel darüber beschweren werden, daß 1. ein Auswuchs wie Beatrix Dornberg in ihrer geheiligten und heiligenden Mitte geduldet wird, und 2. daß die Äbtissin viel zu schwach ist, besagten Auswuchs zu bändigen. Offen gesagt, ich wundere mich, daß diese Beschwerde noch nicht an das Kapitel abgegangen ist, trotzdem einen bei Dingen, die mit Trix zusammenhängen, nichts wundern dürfte. Also: sie ist da als wohlbestallte Residentin des Stiftes, und wenn kein Wunder geschieht, dann wird sie wohl auch hier bleiben, denn wenn man mich auch für ihre Streiche verantwortlich machen und als Äbtissin absetzen kann, so sind anderseits diese Streiche nicht derart, daß man sie deswegen aus dem Stifte relegieren könnte. Sie kam vor etwas mehr als einem Jahre achtzehnjährig als eine Waise unter meine mütterliche Obhut – ich brauche wohl nicht zu sagen als die jüngste meiner Stiftsdamen. Ihre Mutter war meine Kusine – der Tod hat sie leider schon geholt, als Trix, ihr einziges Kind, kaum zehn Jahre alt war. Franz Dornberg hat nach dem Verlust seiner Gattin nicht wieder geheiratet, sondern sich nur seinem einzigen Kinde gewidmet, das er vergöttert hat. Er war Besitzer des Landgutes gleichen Namens, das sich seit mehr als dreihundert Jahren in der Familie vom Vater zum Sohn vererbt hat. Alle Welt hielt die Verhältnisse für gut, aber als Franz Dornberg plötzlich starb, infolge eines Sturzes auf der Schnitzeljagd, da brach die ganze, künstlich gestützte Herrlichkeit zusammen und man erfuhr, mit welchem unverantwortlichen Leichtsinn der Abberufene, der im besten Mannesalter stand, gewirtschaftet hatte. Der Rennstall, der Turf hatten ihm sozusagen das Mark aus den Knochen gesogen, – der schöne Wald war verpfändet bis auf den letzten Stamm, Gut und Haus mit Hypotheken überlastet – auch ein paar just ablaufende Wechsel aus nicht ganz lauterer Quelle stellten sich ein – kurz, der Niedergang war da, unerwartet und darum um so überwältigender. Aber Sie müssen nicht denken, daß Franz Dornberg mit bewußtem Leichtsinn in sein und seines Kindes Verderben gerannt ist – o nein! Ich habe ihn sehr genau gekannt. Er war ein Mensch von seltenen Herzenseigenschaften, ein tadelloser, fleckenloser Charakter, der treueste Freund, wo er vertraute – aber leider vertraute er immer; für seine Begriffe gab es keinen Eigennutz, keine berechnete Schlechtigkeit in der Welt – es fiel ihm nicht im Traume ein, Nachteiliges über einen anderen Menschen zu glauben, und wenn er's Schwarz auf Weiß bekam, dann hatte er gewiß noch eine Entschuldigung dafür. Und zu dieser wahrhaft himmlischen Vertrauensseligkeit in bezug auf seinen Nächsten gesellte sich eine geradezu kindliche Vorstellung und Unkenntnis alles Geschäftlichen, eine übernaive gläubige Zuversicht auf das »Inordnungkommen« der verwickelten finanziellen Angelegenheiten seines Besitzes, oder was er noch in vollkommener Selbsttäuschung dafür hielt. Er war überzeugt davon, daß die Geschichte sich ganz hübsch ordentlich »abwickeln« würde, daß er von dem Erbteil seines Kindes auch keinen Deut gefährdete – sonst hätte er auch, bei Gott, nicht in dieser Weise gewirtschaftet. Und an die Möglichkeit eines jähen Endes hat er mit demselben gläubigen Vertrauen auf seinen gesunden Körper und seine 45 Jahre natürlich auch gar nicht gedacht.


Und nun war das Unglück da, und was er an fahrender Habe besessen, reichte nicht einmal hin, den Haufen unbezahlter Rechnungen zu begleichen, der sich, ganz hübsch geordnet, nach seinem Tode vorfand. Das Vermögen war hingegangen in ein Nichts und auch die ganz anständige Mitgift meiner Kusine zerronnen wie das andere.


Da saß nun das arme Kind da, entblößt von allen und jeden Mitteln, und die Subhastation ließ ihr kaum das Nötigste – es mußte alles zur Masse geschlagen werden, was nicht als ihr persönliches Eigentum zu retten war, und von dem gab sie ohne Bedenken noch hin, was irgendeinen Wert repräsentierte – zur Ehrenrettung für ihren geliebten Vater.


Da natürlich auch kein Testament da war, wurde das Gericht Vormund der Waise, und da sich von den früheren Freunden Franz Dornbergs keiner fand, der das arme Ding zu sich genommen hätte – die Verwandten hatten sich überhaupt nicht gerührt – so mußte es sein Mündel auch irgendwo unterbringen. Zu diesem Zwecke hat man die humane Einrichtung der Armenhäuser, und eins wäre auch sicherlich des verwöhnten Mädchens Asyl geworden, wenn ich, auf Grund stark an den Haaren herbeigezogener Familienbeziehungen zwischen den Dornbergs und der Stifterin von Marienthal, es bei dem Kuratorium nicht durchgesetzt hätte, daß man Trix Dornberg in meinem Stift unterbrachte. Das ist ja nun freilich in den Augen vieler nichts Besseres als ein Armenhaus unter anderem Namen, aber es ist ein Dach über dem Haupte, ein gedeckter Tisch, ein kleines Einkommen und verhältnismäßige Unabhängigkeit oder doch ein annähernder Ersatz dafür.

Wenn ich sagte, daß die Verwandten und Freunde der Dornbergs sich nicht gerührt hätten, etwas für Trix zu tun, so ist dies scheinbar ein zu hartes und bitteres Urteil, denn tatsächlich haben drei Anverwandte und zwei Fremde sich erboten, das Mädchen zu sich zu nehmen. Gewiß. Aber von zwei Seiten war dies Anerbieten so demütigend, daß auch ein weniger stolzer Charakter, als es Trix ist, sich dafür bedankt hätte; im dritten Falle sollte sie als Entgelt für die Aufnahme im Familienkreis fünf Kinder im Alter von 1–6 Jahren beaufsichtigen, und sie hat gottlob vorher erkannt, daß dies eine für sie unmögliche Aufgabe war; ebenso der Posten als Krankenpflegerin bei einer alten Dame, den man ihr gegen Kost und Logis in vierter Reihe bot. Das fünfte Angebot war herzlich und gut gemeint, aber die armen Leute hatten es selbst so knapp, daß Trix sagte, sie hätte sich geschämt, das karge Brot dort durch ihren guten Appetit zu verkürzen. Der Bruder ihrer Mutter, mit dem diese sich durch ihre Vermählung entzweite, hat sich überhaupt nicht gemeldet, um sich seiner Nichte anzunehmen, trotzdem der gute Mann im Mammon schwimmen soll, und Trix hat sich geweigert, an eine Tür anzuklopfen, die selbst verschlossen blieb, als ihre Mutter starb. Sie werden den bewußten Herrn vielleicht kennen oder von ihm gehört haben – es ist der Graf v. Zell, welcher die Herrschaft Frauensee besitzt, auf der er wie ein menschenscheuer Klausner hausen soll.

Nun werden Sie vielleicht fragen: blieb denn der jungen Dame kein anderer Weg, sich selbständig fortzuhelfen, wie es so viele arme Mäd­chen tun müssen?

Lieber Freund, dazu bedarf es denn doch einer anderen Erziehung, als Trix Dornberg sie genossen hat, und ihre Erziehung war überhaupt keine, sondern sie ist aufgewachsen wie ein Füllen. Und nicht einmal das, denn das Füllen kommt in einem gewissen Alter an die Leine, und die hat Trix nie gespürt. So lange ihre Mutter lebte, ging die Sache den gewöhnlichen Gang mit Gouvernante und Ortspfarrer. Als meine Kusine starb, blieb wohl die Gouvernante, doch mit ihrer Autorität war's vorbei, denn Herr v. Dornberg behauptete, die »Erziehung« seiner Tochter ganz allein übernehmen zu wollen. Und worin bestand dieselbe? Daß er Trix zur besten Reiterin Europas machte (so sagte er wenigstens), daß er sie in allen Tollheiten, die in ihrem Kopfe entsprangen, brav unterstützte, und daß er ihr seine anständigen Gesinnungen und seinen tadellosen Charakter zur Richtschnur fürs übrige Leben machte. Was sie sonst noch an Wissenschaften sich zu eigen machte, ist, fürchte ich, blutwenig – sie würde sich damit nicht das Salz aufs Brot verdienen, geschweige denn das Brot selbst. Aber ich glaube, sie würde mit einigem guten Willen alles das spielend nachholen, was sie bisher nicht gelernt hat; sie ist musikalisch höchst begabt und spielt die Violine bezaubernd, aber nicht wie jemand, der Musik studiert hat, sondern wie der Zigeuner, als Autodidakt. Und damit ist auch in der Praxis nichts zu verdienen, ganz abgesehen davon, daß Trix zum Lehren die Kardinaltugenden fehlen, nämlich die Geduld und die Ausdauer. Die hat sie nur beim Zureiten ihrer Pferde und im roten Felde bewiesen, aber was nützt ihr das jetzt?

Nun zum dritten Teil Ihrer Frage: was ich von ihr halte? Lieber Freund, als Trix unter dem doppelten Eindrucke des Verlustes ihres heißgeliebten Vaters und des Zusammenbruchs ihrer irdischen Besitztümer in das Stift kam, war sie still und ernst genug. Aber die Jugend hat gesiegt – Gott sei Dank sage ich als Christin, Freundin und vorurteilsloser Mensch – leider sage ich als Vorsteherin dieses Stiftes. Ich habe auch gehofft, daß sie es überwinden würde und Gott inbrünstig darum gebeten, denn ich habe gefunden, daß sich der Charakter dann so oft nach einer anderen, unvorteilhaften Seite herauswächst, wenn er in seiner natürlichen Entwicklung durch innere oder äußere Einflüsse gehemmt wird. Trix Dornbergs gesunde Natur ist Herr geworden über ihre Trauer, und was den Umschlag in ihren Verhältnissen betrifft, so hat sie das für den Augenblick erschreckt, aber tiefer ergriffen hat es sie nicht. Den Vater betrauert sie, den Mammon nicht; es verbittert sie nicht einen Moment, arm zu sein, wie es sie nicht übermütig machen würde, plötzlich reich zu werden. Und das entspringt einfach aus der souveränen Verachtung der Jugend gegen das Materielle. Trix ist nichts weniger als gleichgültig, es ist alles in ihr Leben, Bewegung, Aufmerksamkeit, und wenn ich sie mit etwas vergleichen soll, so muß ich's – Gott verzeih' mir die Sünde – mit einem jungen Hunde tun, für den das Dasein den Zweck hat, es zu seinem Pläsir auszunutzen, dem kein Ding zu gering ist, damit zu spielen, der sich an die Kleidungsstücke von alt und jung, hoch und nieder anhängt und daran schüttelt, weil ihm das Spaß macht, und er absolut nicht begreifen kann, daß man doch Unterschiede machen muß.


Für Trix ist nun das unselige Stift hier, was einem jungen Hunde willkommenes Spielzeug ist.


Trix war im Hause ihres Vaters unumschränkte Gebieterin, sie durfte tun und lassen, was ihr beliebte, und ihr heiteres, urwüchsiges Naturell erfuhr keinerlei Einschränkung – um mit Franz Dornberg zu reden: sie hat nie die Kandare gespürt, kaum daß ein gelegentlicher Ruck an der Trense sie darauf aufmerksam machte, daß das Leben zu etwas anderem da sei, als den halben Tag im Sattel zu sitzen und die übrige Hälfte zuzusehen, wen sie mit einem Ausdruck ihres sorglosen Übermutes »beglücken« könnte.


Im Stifte Marienthal bin ich nominell Äbtissin – die eigentliche Herrscherin darin ist aber Trix Dornberg – daran läßt sich nichts beschönigen. Sie hat damit angefangen, sich das dienende Personal zu unterjochen, und die meisten ziehen mit strahlendem Lächeln an ihrem Triumphwagen. Nachdem sie in den unteren Regionen gesiegt hatte, ging Trix gegen die Stiftsdamen vor. Was half's, daß ich mit allem mir zu Gebote stehenden Ernste einschritt? Ich habe keine Autorität vor den lustigen blauen Augen, und wenn mir mit einem Kuß, daß mir Hören und Sehen vergeht, lachend gesagt wird: »Na, laß nur gut sein, alte Tante, du freust dich ja doch, wenn man deine alten, mausrigen Vogelscheuchen mal 'n bissel aufmöbelt« – so ist dies eine Unterstellung, vor der man eben verstummt. Nun, die meisten lassen sich ja alles gutmütig, willig oder widerwillig von ihr gefallen und finden im Grunde den frischen Wind, der mit Trixens Gegenwart durch das Stift weht, unterhaltend und erfrischend; aber es gibt unter den Damen immer sauertöpfische und humorlose Wesen, die unter allen Umständen als Verbrechen und Niederträchtigkeit auffassen, was nichts als harmlosester, jugendlicher Übermut ist. Trix vor diesen zu warnen, ist leider ganz verlorene Liebesmüh. »Laß nur gut sein«, sagt sie dazu mit einer großartigen Handbewegung, »mit den alten fossilen Giftbollen werde ich schon fertig werden.« – Und dann hallt das Stift wider von dem Zetergeschrei dieser Unglücklichen, denen Trix einen Beweis ihrer unerschöpflichen Erfindungsgabe auf dem Gebiete des Streichespielens gegeben hat. In der letzten Zeit betreibt sie das Geschäft des »Kasperstellens« mit einem Ernst und einer Gründlichkeit, die mich schon an den Rand der Verzweiflung gebracht hat, wovon drei Entwürfe von Briefen an das Stiftskapitel Zeugnis geben, in welchen ich mein Amt feierlich niederlege und Trix Dornberg als Nachfolgerin in Vorschlag bringe. Denn es ist meine feste Überzeugung, daß sie da Tüchtiges leisten kann, wo sie etwas zu tun hat. Aber originell, amüsant und etwas gewaltsam wird besagtes Tüchtiges trotzdem bleiben. Trix hat aber ein sehr gutes, liebreiches Herz, das nur von seinen Schlacken befreit zu werden braucht, um über all ihre kleinen und großen Fehler zu siegen, und wenn man den Weg zu ihrem Herzen findet, vermag man viel, vielleicht alles über sie. Unter allen Umständen aber ist sie nicht aus dem Dutzend, sie ist nicht in einen Topf mit dem Durchschnitt zu werfen, und sie hat Tugenden, die gar nicht so häufig sind, daß man sie nicht extra nennen sollte: sie ist ohne Falsch und wahr bis zur Rücksichtslosigkeit, und dann ist sie treu bis zu der Grenze, welche die Mehrzahl der Menschen in ihrer Größe nicht faßt und darum lächerlich nennt.

Das Bild zu vollenden, muß ich doch auch noch sagen, daß Beatrix Dornberg sehr hübsch ist. Manche werden sie vielleicht schön finden, aber ich glaube, das ist zu viel gesagt. Ihre Mutter war gar nicht hübsch, aber sie hatte eine Schönheit: ihre wundervollen blauen Augen, wirklich blaue Augen, von jenem herrlichen, reinen Porzellanblau, wie man es nur selten sieht – wir nannten sie scherzweise immer die »Delfter Augen«. Und diese Augen hat Trix von ihrer Mutter geerbt, doch im übrigen gleicht sie mehr ihrem Vater, der immer als schöner Mann gegolten hat. Sie hat den echt Dornbergschen Flachskopf, zu dem die dunklen Brauen und Wimpern so scharf kontrastieren, daß man das allein wohl schon als Schönheit bezeichnen kann. Auf alle Fälle wirkt es interessant und äußerst pikant. Die kurze gebogene Nase ist vielleicht zu kurz, der sonst reizend geschnittene Mund mit den herrlichen Zähnen am Ende zu groß, das Kinn zu fest und energisch, dafür aber hat sie, wenn sie lacht – und sie lacht sehr viel und eigentlich über alles – in den Wangen zwei Grübchen, denen zu widerstehen schwer, wenn nicht schlechthin unmöglich ist. Ihr Teint triumphiert in seiner gesunden Klarheit über alle Mißhandlungen seiner Besitzerin. Von Gestalt unter Mittelgröße, ist sie aber von tadellosen Proportionen. Nun, lieber Freund, habe ich alles gesagt, was Sie wissen wollen und vielleicht noch mehr. Ich bin neugierig, ob Sie sich in allem ein richtiges Bild meiner jüngsten Stiftsdame machen werden. Ich wünsche ihr – und hieraus spricht nicht etwa schnöder Egoismus – ich wünsche ihr ein besseres Los, als hier im Stifte zu bleiben, denn selbst eine so sonnige Natur wie die ihrige muß in dem einförmigen Leben versauern und geistig einschlafen. Mit unseren zeitweiligen Residentinnen ist's ja etwas anderes, die treten nach ihren alljährigen, vorschriftsmäßigen drei Stiftsmonaten wieder in die Welt zurück und holen sich dort frische Anregung, aber unsere ständigen Residentinnen sind eben die ganz Armen, denen, wenn's hoch kommt, mal eine kurze Einladung zu Freunden und Verwandten blüht, und denen man es gar nicht einmal zur Last legen kann, wenn sie sich nach und nach zu »fossilen Giftbollen« ausbilden, um in Trixens eigenem Deutsch zu reden. Es mag um viele unter ihnen schade sein, aber noch mehr schade wär's um Trix, wenn das ihr Los sein sollte. Doch sie ist ein Sonntagskind, und darauf bau' ich meine Hoffnungen. Vielleicht hat Ihre Anfrage damit etwas zu tun, trotzdem ich mir bei allem Kopfzerbrechen nicht denken kann, in welchem Zusammenhange – aber daß Sie nicht aus eitler Neugierde gefragt haben, das muß der harmloseste Mensch sich an den Fingern abzählen können, und wenn ich ja auch nicht fragen darf, so steht's mir doch frei, Vermutungen zu hegen, und voll von diesen bin und bleibe ich allzeit Ihre treue alte Freundin


Anna von Sulgenbach

geb. Gräfin Zell

Stift Marienthal, den 7. September 189 . .



Kapitel 2

Acht Monate, nachdem die Äbtissin von Marienthal diesen Brief geschrieben hatte, also Ende April im Jahre des Heils 189., stand diese würdige, wohlbeleibte und unendlich freundlich aussehende Dame an dem Tisch ihres Wohnzimmers und sah die angekommenen Postsachen durch, indem sie die für die Stiftsdamen bestimmten Briefe aus der Posttasche auf ein silbernes Tablett legte, das ein sehr alter, feinlivrierter Diener, neben dem Tische stehend, in der Hand hielt, und die an ihre eigene Adresse gerichteten Schreiben zur Seite tat. Es bildeten die letzteren immer ein ganzes Häuflein für sich, denn das Stift war groß und die »Regierungsgeschäfte« demgemäß auch ziemlich umfangreich.

»Warten Sie mal, Krause«, sagte Frau von Sulgenbach, als der Diener sich entfernen wollte. »Sie können gleich die Briefe mitnehmen, die den Herrn Verwalter angehen – so, alle die grauen, blauen und gelben Kuverts mit den Geschäftsfirmen darauf. Was an ›das Stift‹ adressiert ist, bekommt, wie Sie wissen, der Verwalter zur Erledigung, was an ›die Äbtissin‹ gerichtet ist, muß ich lesen. So, nun können Sie gehen. Was ist das? Ein Brief von Freund Klaus – wird zuerst gelesen!« Die Äbtissin öffnete das fragliche Schreiben und begann zu lesen, während der alte, im Dienste des Stiftes ergraute Diener noch die Zeitungen unter den Arm nahm und langsam aus dem Zimmer zu schuffeln begann. Aber kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, als er auch schon wieder zurückgerufen wurde.

»Krause!« rief Frau von Sulgenbach ihm entgegen, und es war deutlich zu hören, daß sie erregt war, »Krause, bitten Sie einmal gleich Fräulein von Dornberg, zu mir zu kommen, das heißt, wenn Sie wissen, wo sie ist.«

»Det kann man mit Bestimmtheit nie nicht sagen«, meinte das alte Faktotum mit einem leisen Schmunzeln. »Vor 'ner Stunde etwa sind die gnädige Fräulein Baronesse bei dem Herrn Verwalter in der Frau Verwalterin ihre Wohnstube – 'rinjejangen kann man nich sagen, aber durch det Fenster, auf den Weinspalieren ruff, sozusagen 'rinjeklettert!«

»Aber, Krause!« sagte die Äbtissin erregt.

»O, die Spaliere sind fest«, tröstete der alte Diener, seine Herrin total mißverstehend.

»Das habe ich nicht gemeint«, fuhr Frau von Sulgenbach zum Überflusse auf. »Wer hat denn das wieder gesehen?«

»Ick selber hab's jesehen, Exzellenz zu befehlen«, sagte der alte Diener nun übers ganze Gesicht schmunzelnd. »Et jing nur so – eins, zwei, drei! Exzellenz hätten et höchstselbst jar nich so flink zuwege jebracht –«

»Aber Krause!« fiel die Äbtissin nicht nur erregt, nein, ganz empört ein.

»Wenn Exzellenz sich herabjelassen hätten, es tun zu wollen«, vollendete der Diener mit unerschütterlichem Gleichmut, und die Äbtissin wandte sich rasch ab, ein unwillkürliches Lächeln zu verbergen, denn sie hatte Humor, und die Empörung hielt dem nicht stand.

»Was wollte denn die Baroneß bei Verwalters?« fragte sie, mehr um Zeit zu gewinnen, als aus besonderer Wißbegier.

»Det kann ick Exzellenz for janz jewiß noch nich sagen«, erwiderte Krause. »Ick habe nur jehört, wie die Baroneß 'raufschrien: ob der Barbuz schonst da wäre.«

»Was ist denn das?« fragte die Äbtissin hilflos.

»Sozusagen der Barbier«, erklärte Krause bereitwilligst. »Baronesse geruhen ihn aber ›Barbuz‹ zu nennen und ihn allemal allergnädigst etwas zu uzen, wenn er um den anderen Tag herkommt, den Herrn Verwalter zu balbieren.«

»Aha!« sagte die Äbtissin nicht ohne Verständnis. »Aber«, setzte sie energisch hinzu, »aber um den Barbier zu uzen, braucht man doch nicht durchs Fenster zu steigen!«

»Hat man absolut nich notwendig, Exzellenz«, gab Krause wohlwollend zu. »Baronesse jeruhten auch noch hinzuzusetzen: Heut' soll Barbuzelchen mich mal unter die Klauen kriegen und mir mit Schwung die Haare schneiden!«

»Nein –!« entfuhr es der Äbtissin im ersten Schrecken, aber schnell gefaßt setzte sie hinzu: »Baronesse haben natürlich nur gescherzt. Wenn Sie sie also sehen, Krause, dann sagen Sie ihr, ich ließe sie zu mir bitten!«

»Zu Befehl«, sagte Krause und entfernte sich wieder. Die Äbtissin genehmigte sich zunächst einen tiefen Seufzer und einen raschen, hastigen Gang durch das Zimmer – ein Zeichen, daß etwas sie beunruhigte.

»Sie wird doch nicht etwa –« murmelte sie vor sich hin, aber sie kam nicht weiter, denn die Tür öffnete sich und herein kam, nein, sauste die zierliche Gestalt eines sehr reizenden jungen Mädchens, dem die schwarze vorschriftsmäßige Stiftstracht nichts von der sonnigen, siegenden Glorie nehmen konnte, die von ihrem lichtblonden Kopfe und den strahlenden blauen Augen ausging. Sie hielt in den Händen einen langen, dicken Strähn flachsblonder Haare und legte diese mit einem graziösen Knicks der fast versteinerten Äbtissin zu Füßen.

»Was soll das heißen?« fragte diese mit total mißglückter Strenge.

»Das ist der Zankapfel, Tantel«, war die fröhliche Antwort, und auf eine ausdrucksvolle Handbewegung der alten Dame hin, setzte sie mit sichtlichem Behagen hinzu: »Na, nun siehst du mal, was ich alles für dich tun kann. Seit Monaten klöhnst du mir vor, daß meine Frisur immer verrauft ist und mein Kopf aussieht wie ein Donnerbesen. Aber meine Schuld war das faktisch nicht ganz, denn die dummen Haare sind von selbst so kraus, daß man mich zehnmal kämmen kann, ohne daß es was nutzt. Und gestern abend, wo du so schlechter Laune warst, machst du mir den Trara und sagst mir, ich wäre mit dem verrauften Kopfe die Schande und Vogelscheuche des ganzen Stiftes, und wenn ich das nicht änderte, dann würdest du mir die Haare abscheren lassen wie einem Zuchthausträfling. Hübsch war das nicht von dir, Tante, aber gutmütig wie ich nun einmal bin, dachte ich mir: bon! wir wollen ihr den Willen tun und ihr die Freude machen – fort mit den Haaren! Na, und da hast du sie und mich minus!«


Die Äbtissin machte ein Gesicht, als ob sie weinen wollte.

»Die schönen Haare!« jammerte sie. »Trix, Trix, du bist noch mein Tod!«


Trix legte den Kopf, der mit seinem kurzen, flachsblonden Kraushaar sehr reizend aussah, auf die Seite und sah die Äbtissin kritisch an. Dann faßte sie Frau von Sulgenbach um die umfangreiche Taille und zog sie vor den nächsten Spiegel.

»Da sieh dich mal an, ob du nach ›Tod‹ aussiehst,« rief sie übermütig. »I bewahre – ich bekomme dir ganz vorzüglich! Seit ich im Hause bin, hast du mindestens, na sagen wir einen halben Zentner, zugenommen. Apropos, findest du nicht, daß die kurzen Haare mir famos stehen? Der Barbuz sagt, wenn sie sich erst dran gewöhnt haben, werden sie besser fallen, und es kommt dann auch mehr Schwung in die Frisur. Und jetzt werde ich immer ordentlich aussehen. Na, was sagst du nun dazu?«


»Kleiden tut's dich, das ist wahr«, gab die Äbtissin zu. »Aber die schönen langen Haare! Und was werden die Damen dazu sagen?«

»Du, darauf freue ich mich diebisch«, versicherte Trix, indem sie auf einem Bein in der Stube herumhüpfte. »Und von meinen Haaren verteilen wir Locken, oder du läßt auf Stiftskosten Armbänder davon flechten, wie zur Biedermeierzeit – das wird die guten alten Dinger so anheimeln –«

»Trix, Trix! Du wirst auch mal so ein altes Ding werden –«

»Wenn ich nicht jung sterbe, Tantel«, war die vergnügte Antwort. »Aber ich habe überhaupt keine Lust, hier zu sterben. Ja, mach' nur Augen! Irgend etwas wird geschehen, ich werde einen Beruf ergreifen und mich auf meine eigenen Füße stellen, das werde ich. Nicht wahr, Tantel, das nimmst du mir nicht übel, weil ich dir das Asyl hier eigentlich verdanke, aber – aber das wirst du mir doch selbst zugeben, daß es hier zum Auswachsen ist!«


»Na, das letztere besorgst du ja ganz brav, und das ist wieder für mich zum Auswachsen«, erwiderte die Äbtissin trocken, aber dann seufzte sie ein wenig und setzte ehrlich hinzu: »Nein, ich nehm' es dir nicht übel, Trix. Ich sehe nur nicht ein, was du anfangen willst.«


»Gott, ich hab' ja auch daran gedacht. Tag und Nacht zerbrech' ich mir den Kopf darüber. 's wahr! Zwar, in der Nacht schlaf' ich meistens, aber dann träume ich davon, und das ist dasselbe, als wenn ich auf dem Bettrand hockte, statt in der Klappe zu liegen. Ist's nicht dasselbe? Na, das tut auch nichts, aber so bei Tage, da plagt's mich oft fürchterlich. Wenn ich so der Mamsell beim Ausgeben helfe und mir dabei die Taschen voll Mandeln, Rosinen und Backpflaumen stopfe und mich dann in mein Zimmer setze, um das Zeugs so peu-á-peu aufzufuttern, dann kommt's besonders über mich – das Nachdenken nämlich. Es denkt sich sehr gut nach, wenn man dabei etwas knabbert, besonders bei Haselnußmakronen, aber damit ist die Mamsell so gnietschig, ich kann's dir gar nicht sagen, und die Blechbüchse, worin sie die Makronen aufhebt, bewacht sie mit Argusaugen – Ja, was ich sagen wollte, was meinst du, wenn ich Konzerte gäbe?«

Die Äbtissin lächelte.

»Da müßtest du doch vorher erst das Nötige lernen«, sagte sie. »Ich habe aber die Bemerkung gemacht, daß du die Geigenstunden beim Herrn Kantor in letzter Zeit mit Vorliebe geschwänzt hast –«

»Hab' ich auch«, gab Trix ohne weiteres zu. »Siehst du, diese Geigenstunden waren eine sehr nette Idee von dir – ich sollte was lernen, und der Kantor sollte was verdienen. Na ja – ich kann's aber besser als er, und nachdem ich ihm meine Doppelgriffe und Septimengänge beigebracht hatte, hab' ich mich mit Geschäften gedrückt, denn nun weiß ich allein nichts mehr, und es ist doch peinlich, wenn man so dasteht, und der Lehrer begreift so schwer, was man ihm einpauken will –«

Die Äbtissin nickte, denn was Trix sprach, war die lautere Wahrheit – sie war des Lehrers Lehrerin, und der gute Mann mit seinem bißchen pedantischen Können stand einfach starr vor dem kühnen, ungeschulten Genie. Und dieses große Talent versumpfte und erlahmte auch im Stift mitsamt dem jungen, blühenden Leben.

»Ich kann's mir schon denken, daß man zum Konzertegeben noch eine Unmasse lernen müßte«, fuhr Trix fort, die Stuhllehne bearbeitend. »Wenn ich bloß noch was anderes könnte, aber es macht mir auch nichts anderes Spaß, als Geigen und Reiten – hurra!« schrie sie auf, daß die Äbtissin zusammenfuhr. »Hurra, ich hab's! Geigen möcht' ich und kann's nicht, und reiten kann ich und darf's hier nicht, weil ich keine Pferde habe, aber das macht mir so bald keine andere nach! Das war ja Papas Stolz, daß ich eine hohe Schule reiten konnte und die Fahrschule auch wie keine zweite! Ich geh' zu Renz und lasse mich als Schulreiterin engagieren!«

Die Äbtissin streckte abwehrend beide Hände aus. »Trix – ich bitte dich!« rief sie entsetzt. »Das solltest du nicht einmal im Scherze sagen.«

»Ich sag's auch gar nicht im Scherz, es ist mir voller Ernst damit«, versicherte Trix, den Stuhl an einem Bein balancierend. »Nein, daß ich auch darauf nicht früher gekommen bin! So dumm! Nicht wahr, Tantelchen, ich darf morgen gleich nach Berlin fahren zu Renz. Mein Reitkleid hab' ich ja noch, auch noch den roten Rock zur Hubertusjagd, bloß der Zylinder ist etwas ruppig, aber den bügelt der Hutmacher wieder auf –«

»Schwatze keinen Unsinn!« rief die Äbtissin ärgerlich. »Eine Dornberg Kunstreiterin! Da hörte doch alles auf!«

»Das seh' ich nicht ein«, behauptete Trix.

»Das ist auch gar nicht nötig, wenn ich's nur einsehe«, war die scharfe Entgegnung, die von Trix mit einem absolut harmlosen Lachen aufgenommen wurde.

»Sehr richtig, Tantchen«, lobte sie. »Dabei mußt du auch bleiben, damit du dir nachher deine Hände in Unschuld waschen kannst. Ich gebe dir zu, daß du von deinem Standpunkt aus nicht ›ja‹ sagen darfst, aber ich werde eben einfach ausreißen. Damit ist die Sache erledigt, und auf den Vormund Gericht pfeife ich, und wenn ich nicht pfeifen darf, dann wart' ich noch ein bissel, bis ich majorenn bin!«

»Und in der Zwischenzeit kannst du dir dein Kleid flicken«, sagte die Äbtissin halb lachend, halb ärgerlich, indem sie auf ein mächtiges Dreieck zeigte, das an Trixens linker Seite klaffte. Letztere sah sich den Schaden kritisch an.

»Das muß auf dem Weinspalier passiert sein, da stehen so viele Nägel heraus«, erklärte sie. »Wird besorgt. Ich habe noch einen Strähn rosa und grün schattierte Seide, damit werde ich das Loch stopfen –«

»Aber Trix – ein schwarzes Kleid –«

»Na, sieh dies doch mal an, ob das nicht fein aussieht«, meinte Trix, indem sie dicht vor der etwas kurzsichtigen Äbtissin ihr Gewand weit auseinanderbreitete wie zum Serpentinentanz und sich auf den Zehenspitzen dabei herumdrehte. »Siebenundzwanzig Löcher habe ich darin schon gestopft, und fast jedes mit einer anderen farbigen Seide, das macht den schwarzen Stoff so heiter, und wenn er erst über und über gestopft ist, dann wird er aussehen wie mit Blumen übersät. Fein, was?«

Der Äbtissin versagte die Sprache, und kraftlos sank ihr Arm mit der emporgehobenen Lorgnette herab. – »In dem Kleide darfst du dich nicht mehr zeigen«, mit den Worten fand sie endlich die Sprache wieder. »Das ist ja ein Skandal, wie du herumläufst – ich werde dir ein anderes schenken.«

»Danke, danke«, rief Trix, zärtlich ihrer Hände Werk betrachtend. »Aber siehst du, Tantel, das lohnt sich nicht, die dummen Stoffe zerreißen wie ungescheut, und überall gibt's so tückische Nägel und Splitter, die nicht eher Ruhe haben, bis sie den Stoff erwischen. Und dann, wenn ich so 'n Loch stopfe, dann tauf' ich's immer gleich – die hier rechts haben die Namen von unseren Damen – das kanariengelbe bist du – hinten da sind die Stiftsbeamten, und links habe ich mit den Sternbildern angefangen – ich glaube, das Loch hier wird der ›große Bär‹ genannt werden, denn da hab' ich ein paar Stunden daran zu stopfen. Man kann auch englisches Pflaster darunterkleben, meint Krause, aber das sieht doch nicht so hübsch aus. Apropos, Krause sagte mir, daß ich zu dir kommen sollte, was ist den los?«

»Ach du himmlischer Vater, das hätte ich ja fast über den ganzen Quatsch vergessen!« rief die Äbtissin. »Aber da bist du schuld, man hat immer so viel mit dir zu tun, sobald du dich nur sehen läßt! Ja – ich habe einen Brief bekommen von meinem alten Freunde Justizrat Klaus, der mich bittet, dir mitzuteilen, daß dein Onkel, Graf Rudolf von Zell auf Frauensee, gestorben ist.«

»Aha!« sagte Trix sehr gleichgültig. »Das heißt natürlich, es tut mir leid – aber nicht sehr, denn ich habe den Onkel nie im Leben gesehen und weiß nur, daß Papa ihn höllisch auf dem Striche hatte. Warum, hat er mir nie gesagt, und ich habe auch nie gefragt.«

»Ach«, meinte die Äbtissin, »die Sache ist eigentlich nicht recht begreiflich, wenigstens nicht für mich. Rudolf Zell war mit einer berühmten Schönheit verlobt, als er noch ein armer Kavallerieleutnant war – da kam dein Vater – mehrere Jahre bevor er deine Mutter heiratete – und da er nicht nur ein sehr schöner Mensch war, sondern auch damals recht vermögend, so gab die Schönheit Rudolf Zell den Laufpaß und verlobte sich mit deinem Vater. Von dem Augenblick an stammt die Todfeindschaft. Bald darauf fand die Schönheit – nun deines Vaters Braut – einen holländischen Millionär, der sich sterblich in sie verliebte, und da gab sie deinem Vater den Laufpaß und heiratete den Schlotkönig. Das hätte eigentlich Rudolf Zell die Augen öffnen müssen, aber er blieb blind bei seinem Haß. Als sich bald darauf seine eigne Schwester mit deinem Vater verlobte, da sagte er sich völlig von ihr los und hat auch allen Versuchen zu einer Versöhnung zum Trotz an seinem hartnäckigen Zorn festgehalten. Eine unerwartete Erbschaft hat er dann sehr glücklich angelegt und schließlich die Herrschaft Frauensee erworben. Er hat dann geheiratet, aber leider nicht glücklich – seine Frau, eine Truchseß vom Westerwald, lebte meist von ihm getrennt in Rom und ist dort auch gestorben; Rudolf Zell aber hat als verbitterter Einsiedler, menschenscheu und allein mit seinem Haß und seinem Unglück in dem großen Hause, das ein ehemaliges Nonnenkloster ist, gelebt, ohne Kinder, gemieden von den Verwandten, ohne Freunde und ohne Liebe. Und so ist er denn auch gestorben.«

»Der arme Mann«, sagte Trix bedauernd, und als die Äbtissin sie ansah, setzte sie hinzu: »Das ist doch auch traurig, wenn einer solch ein verstocktes Herz hat, daß er's nicht über sich bringen kann, zu sagen: ›Laß gut sein – ich bin nun mal so gewesen, aber es tut mir leid und hier ist meine Hand zum Frieden.‹ Papa hätte gleich eingeschlagen, er hätte es aber auch gar nicht so lange ausgehalten, nachzutragen. Ich auch nicht.

Aber die Leute sind eben doch grundverschieden. Warum hat nur der Justizrat von dir verlangt, daß du mir Onkel Rudolfs Tod mitteilst?«

»Warum?« wiederholte die Äbtissin frappiert. »Ja, darüber habe ich selbst noch gar nicht nachgedacht. Hm. Jedenfalls ist der Justizrat Onkel Rudolfs Sachwalter oder Testamentsvollstrecker und hält es als solcher für seine Pflicht, den Hinterbliebenen geziemende Kenntnis von dem Hinscheiden des Verewigten zu geben –«

Sie stockte und sah Trix nachdenklich an – es war ihr ein Gedanke gekommen: vielleicht hatte der Verstorbene seiner Nichte hier ein Legat ausgesetzt! Anzunehmen war's ja eigentlich nicht; aber unmöglich war's auch nicht, wenn man den Fall setzte, daß ihm die Reue gekommen war und er an dem Kinde seiner einzigen Schwester gutzumachen wünschte, was er dieser durch seinen blinden Haß an Weh und Leid zugefügt. Und dann – warum hatte sich der Justizrat im vergangenen Herbst so eingehend nach Beatrix Dornberg erkundigt? Das war doch zum mindesten verdächtig.

In Trixens Seele keimte ein derartiger »Verdacht« nicht – er wäre in ihrem Falle auch pure Donquichotterie gewesen. Nachdem sie ein paar Augenblicke nachdenklich dagesessen hatte, raffte sie ihre Haare zusammen und machte einen Knicks.

»Na, dann kann ich ja wieder gehen, Tantel, nicht wahr?« fragte sie. »Ich habe nämlich einen schrecklichen Hunger, und wenn du sonst nichts für mich hast, dann gehe ich und lasse mir von der Mamsell eine Stulle schmieren –«

»Die Stiftsdamen erhalten einen Imbiß zum zweiten Frühstück auf ihrem Zimmer serviert«, sagte die Äbtissin, mehr mechanisch als vorwurfsvoll oder zurechtweisend.

»Weiß schon!« nickte Trix. »Aber siehst du, so 'ne Stulle in der Speisekammer schmeckt viel besser, besonders wenn es vorher einen Kampf mit der Mamsell setzt. Wenn ich ihr drohe, daß ich ihr als Gespenst erscheinen werde, dann rückt sie mit allem 'raus, denn davor hat sie einen Mordsrespekt. Also guten Morgen, Tantelchen – oder gehst du mit auf die Stullenjagd?«

Die Äbtissin machte eine empörte Handbewegung als einzige Antwort auf diese ihrer ganzen Würde widersprechende Zumutung, und Trix war Siegerin geblieben wie gewöhnlich.

Die Äbtissin aber versank in tiefes Nachdenken. Trixens harmlose Frage hatte in ihr einen Sturm von Gedanken erregt, und die gute Seele regte sich ordentlich auf bei der Vorstellung, daß das junge Mädchen eine kleine Erbschaft gemacht haben könnte.

»Eigentlich ist's ja Unsinn, daran zu denken«, dachte sie halblaut vor sich hin. »Ich sollte Rudolf Zell doch besser gekannt haben, als ihm diese Möglichkeit zuzutrauen – der hat seinen Mammon irgend einem gemeinnützigen Zweck vermacht und Frauensee als ldiotenanstalt bestimmt. Denn die Verwandten seiner Frau sehen ebensowenig etwas wie die arme Trix. Wenn sie bloß den gräßlichen Gedanken mit der Schulreiterin vergessen wollte, denn sie ist dazu imstande und tut's. Und dabei kann man's ihr nicht einmal so sehr verdenken – neunzehn Jahre und im Stift begraben! Du lieber Himmel, was hätte ich in dem Alter nicht getan, um diesem Schicksal zu entgehen.«

Und Frau von Sulgenbach versank in tiefes Sinnen, – sie sah sich selber jung mit den Geschwistern Truchseß und Zell, ein fröhlicher Kreis, den der Tod und das Leben nur zu bald auseinandersprengten. Die Äbtissin hing mit aufrichtiger Zuneigung an ihrer Kusine Dornberg, der Schwester von Rudolf Zell, und hatte nie deren Partei verlassen. Seine Todfeindschaft mit den Dornbergs hatte ihn dem übrigen Verwandtenkreis entfremdet und es erregte viel Staunen und Gerede, als die Nachricht kam, Rudolf Zell hätte sich mit der stark verblühenden Marie Therese von Truchseß vermählt. Der unliebenswürdige, verbitterte, bissige Mann und die hochgradig nervöse, nur ihrem eigenen schönen Ich lebende Weltdame – wie würde das zusammenstimmen? Und es stimmte auch nicht. Unter schreienden Dissonanzen löste sich, was eigentlich nie einen Akkord gegeben hatte. Aber durch diese Heirat waren die Truchseß für die Dornbergs ins feindliche Lager übergegangen und das ohnehin lockere Band zwischen beiden zerrissen.

Frau von Sulgenbach nahm von dem Büchergestell neben dem Platz, wo sie saß, den letzten Jahrgang des »Taschenbuchs der freiherrlichen Häuser Deutschlands« herab und schlug den Namen »Truchseß von Westerwald« auf. Nein, der Artikel war nicht mehr lang. Da standen die drei Geschwister:

»1. Max Josef – Er fiel wenige Tage vor der Geburt seines Sohnes Johannes, der jetzt Majoratsherr auf Kroschwitz ist. Die Witwe, Luise von Truchseß geborene von Sulgenbach, meine Kusine, hat die Trauer um ihn bis zu ihrem Tode nie abgelegt.

2. Marie Therese – Rudolf Zells Frau – auch tot.

3. Sophie – vermählt mit Oberst von Graßmann, gefallen.

Hm, ja, es ist wahr – Sophie Graßmann lebt noch«, murmelte die Äbtissin vor sich hin, als sie diese kurze Stammtafel überflog. »Hm – sie hat ein kurzes Eheglück gehabt, wenn's überhaupt eins war. Entsinne mich ihrer noch genau – sie war ein schönes Mädchen, aber keine so kalte Schönheit, wie Rudolf Zells Frau. Wo mag sie hingekommen sein? Ich habe seit ewigen Zeiten nichts von ihr gehört.«

Die Äbtissin war so tief versenkt in ihre Erinnerungen, daß sie nicht einmal das Vorfahren eines Wagens unter dem Stiftsportal hörte. Wie groß war daher ihr Erstaunen, als Krause nach diskretem Klopfen sein glattrasiertes, sehr faltenreiches, immer wohlwollend lächelndes Gesicht zur Tür hereinsteckte und nach dem üblichen Räuspern meldete:

»Herr Justizrat Klaus wollten sich erlauben, Exzellenz seine Aufwartung zu machen!«

Frau von Sulgenbach sah den alten Diener an, als traue sie ihren Ohren nicht.

»Sie sind wohl nicht recht bei Troste, Krause«, sagte sie in der ersten Überraschung.

»Liebe Freundin, Sie beleidigen meinen alten Gönner hier«, rief eine tiefe, joviale Stimme hinter der Tür, und ihr Inhaber, ein rundlicher, stattlicher Herr mit großer Glatze, großen Brillengläsern und Vollbart trat, Krause beiseite schiebend, ohne weiteres ein. »Nein«, setzte er lachend hinzu, »ich bin kein Geist, sondern bin's höchstselbst und lade mich bei Ihnen zum Mittagsbrot ein, womit ich aber nicht gesagt haben will, daß mir schon vorher eine Tasse Kaffee mit etwas zum Beißen dazu unangenehm wäre, indem ich die Nacht durchgefahren bin und mich etwas nüchtern fühle!«

Die Äbtissin schlug strahlend vor aufrichtiger Freude in die dargebotene große Hand.

»Dreimal hab' ich heut' früh nüchtern geniest«, sagte sie herzlich, »das bedeutet allemal eine unerwartete Freude! Also, dreimal willkommen auch, Freund Klaus! Nein, so etwas! Krause – man soll für Herrn Justizrat sofort ein Frühstück richten und Sie können's hier bei mir servieren, da hat er's gemütlicher als unten im Speisesaal, wo alle Augenblicke eine von den Damen hereinkommt und er nichts zu tun hat, als aufzuspringen und untertänigst guten Morgen zu wünschen. Dalli, Krause, dalli! So nun schälen Sie sich aus Paletot, Gummischuhen und Cachenez, Freund Klaus, suchen Sie sich den bequemsten Stuhl aus und erzählen Sie mir, wohin Sie die Deichsel lenken wollen.«

Der Justizrat gehorchte pünktlich der gegebenen Order, und als er sich in einem der tiefen, weichen Fauteuils behaglich zurücklehnte, sagte er lächelnd:

»Ich bin am Ziel, liebe Freundin!«

»Aber nein!« machte die Äbtissin erstaunt. »Sie werden mir doch nicht aufbinden wollen, daß Sie mir erst einen feierlichen Schreibebrief schreiben und sich zwei Stunden später in den Zug setzen, um die Nacht durch extra nach Marienthal zu fahren. Etwa, weil die Sehnsucht nach mir Sie nicht schlafen ließ?«

»Das versteht sich ja überhaupt ganz von selbst«, sagte der Justizrat behaglich lachend. »Aber«, setzte er ernster hinzu, »ich muß trotzdem eingestehen, daß meine Reise noch einen anderen Zweck hatte. Zwar, wenn ich ehrlich sein soll, ein Brief, beziehungsweise ein Schreiben (bitte, den feinen Unterschied zu bemerken) hätte es auch getan, aber der Mensch hat nun einmal seine schwachen Seiten, und so konnt' ich's mir nicht versagen, mit dem, was ich zu melden habe, selber zu kommen!«

»Das muß aber etwas ganz Merkwürdiges sein!« rief die Äbtissin. »Ich brenne vor Neugierde – heraus damit!«

»Ja, so einfach ist das eben nicht«, sagte der Justizrat schmunzelnd. »Zunächst sind vier Augen dazu zu wenig – sechs müssen es sein. Würden Sie die Güte haben, zu diesem Ende die Baronesse Beatrix von Dornberg benachrichtigen zu lassen, daß ihre Gegenwart hier erwünscht wäre?«

»Klaus – ! Justizrat – Freund!« rief die Äbtissin aufspringend. »Was wollen Sie damit sagen – Herrgott! Spannen Sie einen doch nicht so auf die Folter! Hat – hat – Rudolf Zell –«

Weiter kam sie nicht, denn die Tür flog geräuschvoll auf und herein sauste Trix, in der Linken eine Brotstulle von fabelhafter Größe, zum Überlaufen dick mit einer braunen, klebrigen Masse bestrichen, die das Bestreben zeigte, nach der schrägen Seite abzulaufen, wobei sie dann immer durch die glückliche Besitzerin dieser Delikatesse aufgehalten wurde, d. h. Trix leckte einfach den braunen Strom von der Brotrinde ab und zwar mit großer Gewandtheit, die eine längere Übung verriet. In der Rechten schwang diese hungrige Jungfrau eine Zervelatwurst von zirka ein Meter Länge wie einen etwas dick geratenen Taktstock und rief dabei, als sie eigentlich noch hinter der Tür war:

»Tante, die Mamsell will deinem Gaste von dieser Wurst aufschneiden – ah! da sitzt er ja«, fügte sie hinzu, den Justizrat bemerkend, der sich halb erhoben hatte und nicht ohne staunende Bewunderung den Eindringling betrachtete, der plötzlich blutrot wurde und aus purer Verlegenheit einen Biß in die triefende Stulle tat, der jedem Scheunendrescher Ehre gemacht hätte.

»Trix!« rief die Äbtissin einer Ohnmacht nahe, »Trix, wie siehst du wieder aus! Nein, dieses schreckliche Mädel bringt einen noch um! In dem zerrissenen Kleide und mit diesem vulgären Butterbrot –!«

»Bitte, rheinisches Apfelkraut ist darauf aus dem neuen Pott«, bemerkte Trix zur Ehrenrettung ihres Frühstücks, und nachdem sie mit sehr gewandter Zunge dieses selbe Apfelkraut wieder am Ablaufen verhinderte, setzte sie trotzig hinzu: »Ich kann doch nicht wissen, daß der Herr Justizrat hier sitzt, wenn das alte Schaf, der Krause, sagt, er sollte im Speisesaal für ihn decken!«

»Nein, dieser Faselhans versteht doch alles falsch«, jammerte die Äbtissin. »Ausdrücklich habe ich ihm gesagt, er sollte hier servieren!«

»Na, ich werd's ihm noch einmal einpauken«, meinte Trix gnädig. »Er verschusselt alles, Tante, das ist nun mal eine alte Geschichte, da brauchst du dich gar nicht mehr extra aufregen. Und wegen der Wurst –«

»Was haben Sie gegen diese Wurst einzuwenden, sie sieht sehr lecker aus«, fiel der Justizrat ein, aufs höchste durch das Intermezzo belustigt. »Denn ich nehme an, daß Sie diese Wurst beanstanden, gnädiges Fräulein! Ich habe doch die Ehre, Baroneß Dornberg vor mir zu sehen?«

»Mhm!« nickte Trix, wieder rot werdend und nahm Zuflucht zu ihrer Stulle. Dabei besah sie das fragliche Objekt in ihrer Hand mit kritischem Blicke, und als sie Herrin des Bissens geworden war, erklärte sie treuherzig: »Ja, ich dachte, Sie hätten vielleicht zu Hause Zervelatwurst genug, Herr Justizrat, und wollte für Sie lieber von der Gänselebertrüffelwurst herausschlagen, mit der Mamsell so geizig ist. Und weil sie durchaus auf ihrem Kopfe bestand, so hab' ich ihr die Wurst einfach weggenommen und wollte Tante fragen, was sie dazu meint.«

»Hm«, machte der Justizrat scheinbar aufs tiefste interessiert. »Man könnte am Ende durch eine Probe feststellen, ob diese Wurst sich überhaupt eignet –« und damit zog er ein Taschenmesser vor, dessen größte Klinge er sorgsam aufklappte.

»Prächtige Idee!« rief Trix mit vollem Verständnis für die Situation, indem sie die Rechte mit der Wurst wie ein Feldherr den Marschallstab ausstreckte. Und während der Justizrat den Zipfel sachgemäß abschnitt und die erste Scheibe, auf das Messer gespießt, zwischen Trixens rosige Lippen schob, um dann selbst die nächste mit Kennerzunge zu kosten, gab die Äbtissin lieber selbst erneuten Befehl wegen des Frühstücks und kehrte darauf in ihr Zimmer zurück.

»Aber, lieber Freund«, rief sie halb lachend, halb mißbilligend, »was wollen Sie denn noch frühstücken, wenn Sie hier erst einen Meter Wurst freihändig verzehren? Und du, Trix, kleckerst mir mit deiner Unglücksstulle den ganzen Teppich voll!«

»Ich hoffe«, sagte der Justizrat, und fütterte Trix mit einer neuen Wurstscheibe, »ich hoffe, daß diese höchst delikate Braunschweigerin die Brücke ist, welche mir den Weg bahnt zum Vertrauen des Fräulein von Dornberg. Probieren geht über studieren, und nichts schmeckt so gut, als wenn man es sozusagen illegitim und freihändig verschmausen kann. Ich war immer ein Freund improvisierter Mahlzeiten!«

»Ich auch, ich auch«, versicherte Trix enthusiastisch und hielt im Kauen der Wurst ein, um das rinnende Apfelkraut zwischendurch geschickt einzufangen. »Herr Justizrat, Sie sind mein Mann! Wenn Sie Mamsell hier wären, dann wär's ein Leben wie im Paradiese mit diesen Grundsätzen!«

»Ich danke für Ihr Vertrauen, das mich ehrt«, erwiderte der joviale Herr mit dem scheinbar größten Ernst. »So verlockend indes die Stelle als Mamsell hier wäre, schon im Hinblick auf Ihre gewissermaßen gesicherte Mitwirkung, so muß ich doch auf diese etwaige Vakanz verzichten, da Sie möglicherweise meiner noch in anderer Weise bedürfen werden!«

»Ich?« fragte Trix, mit der Wurst auf ihre Brust zeigend.

»Sie«, bestätigte der Justizrat, klappte das Taschenmesser zu und säuberte seine wohlgepflegten Finger mit dem Taschentuche. Dabei sah er die Äbtissin an und diese nickte.

»Es dauert schon noch ein Viertelstündchen, bis das Frühstück kommt«, sagte sie, die stumme Frage verstehend, trat vor Trix hin, nahm dieser, nicht ohne leichte, instinktive Gegenwehr sowohl die Wurst als auch den Rest der Stulle aus der Hand und sagte, indem sie beides einstweilen auf einer leeren Visitenkartenschale deponierte: »So, mein Schatz, jetzt setz' dich mal hübsch ruhig hin und paß auf, was dir der Herr Justizrat sagen wird.«

»Mir?« wiederholte Trix erstaunt.

»Dir. Er ist extra dazu hergereist«, nickte die Äbtissin, selbst Platz nehmend, wobei sie sich dachte: »Und der alte schlaue Kunde und Menschenkenner hat sofort den rechten Weg zum Herzen dieses armen Mädels gefunden. Er hätte bloß ete tun brauchen, als sie so 'reinplatzte, und da wär's vorbei gewesen, denn Naturkind wie sie ist – diese jungen Herzen sind doch alle Mimosen.«

Der Justizrat sah liebevoll seine alte Freundin an, als hätte er ihre Gedanken abgelesen, und dann lächelte er Trix zu, die ihn mit ihren großen »Delfter« Augen betrachtete – und wenn er so lächelte, hatte er etwas ganz ungemein Gewinnendes.

»Was ich zu sagen habe, läßt sich in der Hauptsache in so wenig Worte zusammenfassen, daß sich die Reise kaum verlohnt«, sagte er freundlich. »Indes, da sich manches daran knüpfen dürfte, so hielt ich es für besser, persönlich zu erscheinen. Ihre sehr verehrte Frau Tante hat Ihnen, gnädiges Fräulein, mitgeteilt, daß Ihr Herr Onkel, Graf Rudolf von Zell auf Frauensee, gestorben ist?«

»Ja«, sagte Trix.

»Nun denn«, fuhr der Justizrat fort, »ich war nicht nur des Verstorbenen ältester Freund, sondern auch in der letzten Zeit sein juristischer Berater, wie ich jetzt sein Testamentsvollstrecker bin. Und in dieser Eigenschaft bin ich gehalten, Ihnen Anzeige davon zu machen, daß Graf Rudolf Zell Sie, Fräulein Beatrix von Dornberg, zu seiner Universalerbin ernannt hat!«

Die Äbtissin stieß einen Schrei aus, Trix aber saß ruhig da und sah den Justizrat an.

»Was heißt denn das?« fragte sie nach einer Weile.

»Nun, das heißt, daß Sie alleinige Erbin seiner liegenden und fahrenden Habe sind«, erklärte der Justizrat. Sie sind unbestrittene Besitzerin der Herrschaft Frauensee mit allem lebenden und toten Inventar und Besitzerin des bedeutenden Vermögens, das, in mündelsicheren Staatspapieren angelegt, einen Zins abwirft, der ein sehr reiches Einkommen repräsentiert. Wie Sie hier sitzen, sind Sie eine der reichsten Erbinnen des Landes.«

Trix stand auf und fuhr sich mit beiden Händen durch die kurzen krausen Haare.

»Das klingt ja wie ein Märchen«, sagte sie langsam. »Und Sie sind sicher, daß es wahr ist?«

»Ganz sicher. Sie sind die nächste erbberechtigte Verwandte des Verstorbenen und sein letzter Wille ist unanfechtbar. »

»Muß ich's auch nehmen?« erkundigte sich Trix angelegentlich.

Der Justizrat lächelte.

»Nun«, meinte er schmunzelnd, »Sie können, da Sie nach dem Willen des Erblassers sogleich majorenn erklärt werden sollen, nach dieser Formalität zugunsten des Staates oder einer staatlichen Einrichtung Verzicht leisten, aber da Sie mir den Eindruck einer geistig wie körperlich durchaus gesunden Person machen –«

Trix lachte, aber es lag noch etwas Fremdes drin.

»Das heißt auf gut Deutsch, Sie würden mich für meschugge halten, wenn ich für die Erbschaft dankte«, sagte sie. »Wahrscheinlich haben Sie recht. Aber sehen Sie, Onkel Rudolf Zell hat sich gegen seine Schwester, meine Mutter, und gegen meinen lieben Vater doch recht ruppig benommen, er hat mich, als ich so schrecklich plötzlich verwaist und in Nöten war, ruhig auf der Straße sitzenlassen, ohne einen Finger zu rühren oder mir ein Stück Brot anzubieten, und ohne meine gute Tante hier wäre aus mir, wer weiß was, geworden, ohne daß es ihn bekümmert hätte. Wie kommt er dazu, mir jetzt sein ganzes Geld zu hinterlassen?«

»Mein liebes Kind«, sagte der Justizrat, »in meiner reichen Erfahrung habe ich die Beobachtung gemacht, daß, wenn der Tod anklopft, der Mensch zumeist das Bedürfnis hat, reinen Tisch zu machen und einen Strich unter die irdische Rechnung, das heißt, es treibt ihn, gutzumachen, was eine innere Stimme ihm vorwirft, verschuldet zu haben. Rudolf Zell hat längst eingesehen, daß sein Haß auf Ihren Vater eigentlich eine verjährte Geschichte war – aber er war viel zu stolz, als daß er es über sich gebracht hätte, Ihrem Vater als Erster die Hand zu bieten. Ich meine, Sie können diese Erbschaft antreten im Sinne der gereichten Friedenshand, und ich stehe nicht an, Ihnen zu sagen, wie herzlich es mich freut, der Überbringer einer so frohen Botschaft zu sein!«

Trix stand noch immer, die Augen auf den Justizrat geheftet, die schlanken Hände ineinander geschlungen, aber bei den letzten Worten des Justizrats hielt es die gute Frau v. Sulgenbach nicht mehr aus.

»Trix! Mädel! Ich gratuliere dir«, rief sie mit vor Freude überströmenden Augen, indem sie das junge Mädchen an sich zog. »Nein, wie mich das freut – ich kann's dir ja gar nicht sagen.«

Trix lächelte der guten Frau in die freundlichen Augen.

»Du bist der beste, selbstloseste Mensch von der Welt, Tante«, sagte sie und setzte stockend hinzu: »Ich muß aber vorher doch noch etwas fragen, ehe ich mich mitfreue. Als Papa gestorben war und die vielen Schulden bezahlt werden mußten, da langte leider nicht ganz zur Deckung, was der Verkauf von Dornberg und der lieben Pferde usw. brachte. Viele Leute mußten unbezahlt abziehen oder doch nur abgefunden mit Wenigem. Es waren dreißigtausend Mark Rest, die noch unbezahlt blieben, nicht wahr, Tantchen? Dreißigtausend – ich hab's genau zusammengerechnet, weil, wenn ich von meinen zweihundertfünfzig Mark jährlicher Stiftspfründe auch das ganze zur Tilgung der Schuld hergäbe, es hundertzwanzig Jahre dauern würde, bis alles abgetragen ist, ohne die Zinsen. Aber ich brauche doch auch für Kleidung etwas, nicht viel, aber doch etwas, und es ist mir oft ganz schwindlig geworden, wenn ich dran dachte, wie schrecklich lange Zeit ich brauchen würde, die Schuld zu tilgen und Papas Andenken ganz fleckenrein zu machen. Darum wollte ich auch zu Renz als Schulreiterin – da wär's rascher gegangen, denn hundertzwanzig Jahre kann ich doch gar nicht mehr leben. Nun, und da wollte ich fragen, Herr Justizrat: dürfte ich das Geld gleich von meinem Erbteil nehmen, um die Schulden zu bezahlen?«

»Gewiß dürfen Sie das«, erwiderte der Justizrat freundlich. »Sie werden den Abgang der Summe in Ihren Revenüen nicht spüren!«

Nun kam das alte Leben in Trix hinein. »Hurra!« rief sie, ihrer Tante einen Kuß gebend, daß der guten Dame Hören und Sehen verging. »Hurra, das ist fein! Jetzt freu' ich mich auch – kolossal freu' ich mich! Was hätt' ich mit dem ganzen Krempel gemacht, wenn ich nicht heran durfte, um wenigstens für Papas Andenken etwas damit zu tun.« Sie reichte dem Justizrat die Hand, und der nahm sie zärtlich in seine beiden großen Hände.

»So ist's recht«, sagte er vergnügt, aber ehe er mehr sagen konnte, erschien Krause mit einem reichbesetzten Tablett zum Frühstück für den unerwarteten Gast, und das Gespräch stockte naturgemäß, so lange der Diener, mit Servieren beschäftigt, im Zimmer anwesend war. Als er sich aber dann auf einen Wink, der Äbtissin wieder entfernt hatte, nahm der Justizrat abermals das Wort.

»Ich bringe Ihnen eine Kopie des Testamentes mit, Fräulein von Dornberg«, sagte er, mit seinem Frühstück beschäftigt. »Sie werden, außer der Summe Ihrer Erbschaft, daraus ersehen, daß Ihnen in nichts eine Beschränkung auferlegt worden ist, daß alles Ihnen ohne Klauseln zufällt. Nur zwei Wünsche drückt der Erblasser darin aus: 1. daß Sie versuchen möchten, Frauensee zum ständigen Aufenthalt zu machen und 2. daß Sie mich sozusagen zum ersten Minister für Ihre auswärtigen und inneren Angelegenheiten ernennen. Beide Wünsche – wohlgemerkt, es sind nur solche und keine Bedingungen – haben ihre Berechtigung. Rudolf Zell hat sich Frauensee zu einem seltenen Tuskulum gemacht, er hat das ganze Haus mit der liebevollen Hingabe des verständnisvollen Sammlers mit all den Dingen angefüllt, deren Finden und Erwerben die einzige Freude seines Lebens bildete, und darum war ihm der Gedanke erleichternd, daß jemand darunter weiterleben sollte, der sich daran erfreuen kann. Das Motiv zu dem zweiten Wunsch liegt auf der Hand: Sie sind noch sehr jung, und demgemäß fehlt Ihnen manche Erfahrung; es wird Ihnen in vielen Fällen lieb sein, zu wissen, daß Sie einen treuen Ratgeber, Helfer und Freund haben, an den Sie sich in großen und kleinen Fragen wenden können. Also: sie lebe hoch, die neue Herrin von Frauensee.«

Trix drückte dem Justizrat nochmals die Hand. – Schöne Worte waren ihre Sache nicht, aber wenn sie ihre Hand gab, dann war's so gut wie ein Schwur – und der feine Menschenkenner Klaus faßte es auch so auf und war vollkommen zufrieden damit.

»Also Trix siedelt nach Frauensee über – da wird's wieder recht still werden im Stift«, sagte die Äbtissin.

Trix lachte.

»Das ist sehr freundlich von dir, ein betrübtes Gesicht zu diesen Worten zu machen«, neckte sie. »Aber im Grunde deines schwarzen Herzens bist du doch froh, daß du mich los bist – nicht deinetwegen, aber wegen deiner Schäflein –«

»Trix!«

»Na, wart', ich werd' auch mal gelegentlich Extraleckerbissen schicken, daß der Name Beatrix Dornberg schließlich höher in der Achtung stehen wird als der Name der Stifterin dieses alten Kastens. Wenn ich aber wäre wie du, dann hing ich das ganze Geschäft hier an den Nagel, bäte Stift und Kapitel, mich gefälligst in Jericho zu suchen, und zöge zu meiner lieben Nichte nach Frauensee. Was?«

»Jawohl, und wenn diese meine liebe Nichte zum Beispiel Lust bekäme, zu heiraten, dann säße die liebe Tante auf dem Trockenen, und dem Stifte würde es nicht im Traume einfallen, sie aus Jericho zurückzuholen«, ging die Äbtissin lachend auf Trixens Vorschlag ein. »Dabei aber fällt mir ein«, setzte sie hinzu, »daß Trix überhaupt eine Ehrendame haben muß, wenn sie allein lebt.«

»Warum denn?« fragte Trix erstaunt.

»Das verlangt eben der Kodex der guten Sitte«, erwiderte Frau v. Sulgenbach.

»Schön«, rief Trix. »Warum aber ist für reiche Mädchen unschicklich, was bei den armen kein Mensch beanstandet? Warum braucht man eine Ehrendame, wenn man Geld hat?«

»Liebes Kind«, erwiderte der Justizrat, »in punkto ›Ehrendame‹ haben Sie mit Ihrer Frage den Nagel auf den Kopf getroffen, aber was nutzt es, Madame Etikette herauszufordern?«

»Lust zum Herausfordern hätt' ich schon und Courage auch«, versicherte Trix mit zurückgeworfenem Kopfe.

»Ei gewiß! Don Quichotte hat ja auch gegen Windmühlenflügel gestritten, aber hat er gesiegt?« fragte die Äbtissin trocken.

»Na, denn man zu – her mit dem Ehrendrachen«, damit gab Trix nach.

»Aber woher nehmen und nicht stehlen?«

»Sie haben wieder recht – die Sache ist so einfach nicht, die Wahl schwer und verantwortlich«, sagte der Justizrat, »aber ich weiß vielleicht Rat. Ganz zufällig traf ich neulich in Gesellschaft eine sehr gut aussehende ältere Dame als Ehrendame zweier junger Gräfinnen, die sich in diesen Tagen beide verheiraten. Mein Gewährsmann sagte mir, erwähnte Dame hätte die jungen Mädchen, Waisen, mehrere Jahre ausgeführt und mit großem Takt ihrem Hauswesen vorgestanden. Die Vermählung ihrer Schutzbefohlenen mache sie aber frei, und sie suche daher wieder nach einer passenden, ähnlichen Stellung. Mich nach dem Namen der Dame erkundigend, hörte ich, daß sie eine Frau von Graßmann sei, und es fragt sich nur, ob man ihr, ohne ihr zu nahe zu treten, eine bezahlte und abhängige Stelle in dem Hause anbieten kann, in welchem ihre Schwester als Rudolf Zells Frau Herrin gewesen ist!«

»Was? Sophie Truchseß?« rief die Äbtissin höchst überrascht. »Erst vorhin habe ich mir die Frage vorgelegt, was aus ihr geworden sein mag!«

»Sie ist Witwe und hat sich als ›Ehrendame‹ seitdem redlich durchs Leben geschlagen. Sie ist eine höchst sympathische Erscheinung, vielseitig gebildet, wie man mir sagt, und hat sozusagen ›hochfeine Referenzen‹. Daß die Truchseßschen Töchter vermögenslos sind, indem Kroschwitz Majorat – und kein sonderlich reiches – ist, wissen Sie, liebe Freundin; Sophie von Truchseß hat zudem noch einen armen Mann geheiratet, dessen Einkommen mit seinem Tode erlosch. Ich finde es sehr ehrenvoll und empfehlend für sie, daß sie, ohne auf die Hilfe vermögender Verwandten zu spekulieren, aus eigener Kraft den Kampf mit dem Dasein aufgenommen hat.«

»Ist sie kinderlos?« warf die Äbtissin ein.

»Ich wüßte nicht, daß sie welche hätte – habe nichts darüber gehört«, erwiderte Dr. Klaus. »Jedenfalls müßten ihre Kinder längst erwachsen und in Amt und Stellung sein. Aber ich glaube nicht, daß sie welche hat. Nach allem: würden Sie dazu raten, Frau von Graßmann zur Ehrendame bei Fräulein von Dornberg zu berufen?«

»Nach allem wüßte ich nicht, warum man es nicht tun sollte«, entgegnete die Äbtissin. »Da sie solche Stellen überhaupt annimmt, wäre es doch ganz falscher Stolz, nicht nach Frauensee gehen zu wollen, denn so lange hat doch die Herrlichkeit ihrer Schwester dort nicht gedauert, daß sie eine sentimentale Neigung für den Ort haben könnte. Sie müßte sich außerdem sehr verändert haben, denn sentimental war Sophie Graßmann nie, aber berechnend und sehr kühl denkend. Persönlich sehr geliebt haben wir uns in jenen alten Tagen nicht – mir war ihre Schwester Marie Therese viel sympathischer, trotz ihrer Fehler, unter denen die Eitelkeit den Ehrenplatz einnahm. Damit hat sie niemand geschadet als sich selbst, und ich glaube, ihr krasser Egoismus hat sich erst viel später daraus entwickelt. Aber wir haben nicht mit ihr, sondern mit Sophie zu tun, und da Sie eine so hohe Meinung von ihr haben, wird sie wohl für Trix die Rechte sein!«

»Na, und ist sie's nicht – ich gedenke mich ja nicht mit ihr zu verheiraten«, meinte Trix weise.

»Das ist auf alle Fälle eine Beruhigung«, konstatierte die Äbtissin und fügte lachend hinzu: »wie ich denn auch dem beseligenden Gedanken lebe, daß Trix mit ihrem Ehrendrachen schon fertigwerden wird. Im übrigen rechtfertigen es deine verbesserten Vermögensverhältnisse wohl, wenn du dich dieses genial zerrissenen und sinnreich gestopften Gewandes ein für allemal entledigen würdest.«

Trix warf einen zärtlichen Blick auf ihr improvisiertes mille-fleurs-Kleid und schob die Hand erweiternd in das klaffende Dreieck.

»Schade«, sagte sie, »die schattierte Seide hätte sich hier sehr fein gemacht. Aber ich gehe schon, dies deinen Augen so anstößige Gewand abzulegen. Soll ich Krause zum Abräumen schicken? Ja? Also auf Wiedersehen!«

Damit ergriff sie die ihr so jäh entrissene Stulle, nahm die Wurst unter den Arm und chassierte mit einem Knicks nach der Tür.

»Aber, Trix! Laß doch das Brot liegen«, rief die Äbtissin.

»Warum denn?« war die naive Antwort. »Ich habe noch einen Mordshunger und das erste, was ich tue, wenn ich nach Frauensee komme, ist, daß ich mir einen Zwanzig-Pfundeimer von diesem Apfelkraut kommen lasse und mich einmal bumms dick dran esse. Die Hälfte ist von der Schnitte 'runtergesabbert!«

»Aber, Trix!« rief die Äbtissin nochmals. »Wenn du das Brot jetzt ißt, kannst du ja zu Mittag keinen Bissen mehr hinunterbringen!«

»Bis Mittag sind's noch zwei Stunden – da hungere ich wieder für vier«, sagte Trix und schoß hinaus.

»Nein, dieses Mädel –« begann die Äbtissin, aber der Justizrat ließ sie nicht fertig jammern.

»Wem der Reichtum den Appetit auf derartige bescheidene Genüsse nicht verdirbt, der ist dieses Reichtums noch wert«, meinte er schmunzelnd. »Eine junge Dame dieses Alters, die noch mit solcher Andacht Schwarzbrot mit Apfelkraut speist und sich mit sichtlichem Behagen mit Wurstscheiben füttern läßt, ist sicher die richtige Erbin Rudolf Zells nach seinem Herzen. Denn Natur hat er gesucht und nie gefunden – die Gegenwart dieses Naturkindes hätte vielleicht die Eisrinde um sein einsames Herz aufgetaut und ihm noch etwas Freude am Leben verschafft. Daß sie die empfangene Lehre nach dem Tode ihres Vaters vergessen haben sollte oder überhaupt vergessen könnte, glaube ich nicht – der Dornbergsche Leichtsinn liegt nicht in diesen Augen, die nicht nur ein gutes Herz verraten, sondern auch im Ernste einen festen, zielbewußten Ausdruck haben. Unter uns, liebe Freundin, hätte Ihr Bericht über Trix an mich anders gelautet, als Sie ihn tatsächlich nach bestem Wissen und bester Erkenntnis abgefaßt – ich glaube nicht, daß sie einen Deut von dem reichen Erbe gesehen hätte. Sie werden es längst erraten haben, daß ich einen besonderen Zweck hatte, als ich Sie um diese Auskunft bat – den Zweck zu nennen, hätte den Bericht unwillkürlich anders gefärbt. Wie er war, hat er Rudolf Zell ein ganz hervorragendes Vergnügen gemacht. Trotzdem lehnte er es ab, die Nichte zu sich zu nehmen, ›um ihr durch des Erbonkels ständige Gegenwart nicht die Harmlosigkeit zu rauben, die beim Tanz ums goldene Kalb flöten gehen muß.‹ Er wollte nicht, daß Beatrix Dornberg zu diesem Tanze gezwungen werden sollte, er bildete sich ein, das goldene Kalb würde ihr eine viel reinere Freude machen, wenn es ihr bedingungslos gegeben würde. Darum hat er ihr ja sogar ihre Volljährigkeitserklärung zur Bedingung gemacht. Sonderbar, einem achtzehnjährigen Mädchen gegenüber, wie?

Rudolf Zell wünschte nicht, daß Trix Dornberg krumme Wege einzuschlagen verführt würde – daher diese uneingeschränkte Freiheit im Besitz. Wir haben das miteinander besprochen und wohlerwogen. Sonst war Rudolf kein mitteilsamer Freund. Ich habe über sein kurzes Ehedrama nie etwas Näheres erfahren und ein anderer Mensch auch nicht, denn er lebte nicht im Verkehr mit seinen Gutsnachbarn, den Kroschwitzer Truchseß und den Weißenroder Rablonowskis. Ich glaube, er hat es der Frau von Truchseß nie vergeben, daß er seine Frau in ihrem Hause kennengelernt hat – eine schreiende Ungerechtigkeit nebenbei, denn niemals verstanden sich zwei Frauen weniger, als die ganz zurückgezogen nur ihrer Trauer und den Interessen ihres Sohnes lebende Louise Truchseß und ihre Schwägerin, die nur in den Freuden der großen Welt aufgehende Modedame, die den hohlsten Kopf ihr eigen nannte, der je einem Weibe auf den Schultern gesessen hat, während bei der anderen alles Tiefe, Gemüt und Gründlichkeit war. Von den Rablonowskis haben Sie jedenfalls auch gehört. Nichts Näheres? Nun, auf alle Fälle hätte Rudolf sich dort nicht wohl gefühlt, selbst wenn er dort verkehrt hätte. Da ging er schon eher noch alle heiligen Festzeiten einmal zu den alten Richters nach Dorf Frauensee. Sie wissen, das ist der von Frauensee Anno dazumal abgezwickte nördliche Zipfel, der, ehedem Klosterbesitz, dann als Rittergut sich selbständig machte. Rudolf hat sich die größte Mühe gegeben, den Besitz zurückzukaufen, der Frauensee zur freien Standesherrschaft arrondiert und er hoben hätte. Aber der alte Richter wollte nicht von der Scholle und ließ sich durch Geld nicht verlocken, und darum vielleicht gerade ging Rudolf gern mal zu ihm, um sich wieder mal mit ihm um den alten Zankapfel zu verfeinden, denn es gab jedesmal fast Mord und Totschlag darum, und schließlich waren die beiden so daran gewöhnt, daß es ihrer Gesundheit geschadet hätte, wenn der mindestens alle Monate einmal ausgefochtene Zank unterblieben wäre. Doch das sind alte Geschichten, nun Rudolf tot ist. Jedenfalls hat er durch sein Vermächtnis gutmachen wollen, was ihm sein Gewissen zum Vorwurf gemacht, und das ist ja nun die Hauptsache. Das andere wird sich schon ›historisch entwickeln‹, wie ein Freund von mir zu sagen pflegt, und ich denke, Beatrix von Dornberg wird sich unter der weisen Leitung Frau Sophie von Graßmanns am Ende zu einer ganzen Mustergutsherrin entfalten – wir müssen nur mit den Augen eben dieser Frau Sophie sorgsam darüber wachen, daß nicht der erste beste Angler das Goldfischlein fängt!«



Kapitel 3

Frauensee war ein ehemaliges Cisterzienser-Nonnenkloster, das im Anfang des 19. Jahrhunderts säkularisiert und vom Staate an den Meistbietenden verkauft worden war. Nach dem Frieden, der den Befreiungskriegen folgte, wechselte Frauensee öfter die Besitzer, die auch weiter nichts dafür taten oder tun konnten, als eben das Dach zur Not wasserdicht zu halten. Ein Unternehmer, dem das Geld ausging, war froh, daß sich ein Dummer fand, der ihm »die alte Baracke« abnahm. Dieser »Dumme« war Graf Rudolf Zell. Praktisch, wie er sonst war, nahm das alte, graue, efeuumsponnene Kloster an dem waldumsäumten See seine Phantasie gefangen. Landwirtschaftlich war aus dem Besitz nicht viel herauszuschlagen. Die Unvernunft eines Vorbesitzers hatte viele Jahre zuvor von Frauensee abverkauft, was den landwirtschaftlichen Wert gebildet, nämlich das jetzige Dorf Frauensee, das zurückzuerwerben, wie wir wissen, Graf Zell nie gelang. Trotzdem hatte er aus Frauensee gemacht, was zu machen war. Der Torfstich wurde rationell betrieben, der Wald ebenso bewirtschaftet und durch weise Schonung der Wildstand auf eine Höhe gebracht, die den Neid und die Bewunderung aller Nimrode im Umkreis von fünfzig Kilometern bildete. Auch der kleine See wurde einer gründlichen Schlämmung unterzogen und mit künstlicher Fischzucht bevölkert, die nach einigen Versuchen mit Karpfenzucht auch herrlich gedieh. Mächtige Taubenschläge aus der alten Klosterzeit brachten den findigen Besitzer auf die Idee der Taubenzucht im großen – auch dieser Gedanke schlug prächtig ein, und bald waren die Tauben von Frauensee so berühmt wie die Karpfen und das Wild gleichen Namens, und die drei Abteilungen hatten alle Hände voll zu tun, den wachsenden Bestellungen nach allen Teilen des Landes gerecht zu werden. Brachten diese Dinge den Wohlstand, so wurde dieser zum Reichtum durch die Auffindung von Steinkohlenlagern im entferntesten Nordzipfel des Besitzes, und Zell zögerte nicht mit dem Grubenbau und dem Fördern der »schwarzen Diamanten«, die ihn zum reichsten Manne des Landes machten. In verhältnismäßig kurzer Zeit hatte Graf Zell erreicht, was er gewollt: aus dem scheinbaren Luxusgute hatte er in ganz eigenartiger Weise eine Quelle reicher Erträgnisse gemacht. Was er draußen erwarb, legte er zur Hälfte auf Zinsen, zur anderen Hälfte auf die Renovierung, Verschönerung und Einrichtung des Hauses an; als aber draußen die Einkünfte mehr und mehr stiegen, als das Bergwerk sich zur direkten Goldgrube entwickelte, da griff er tiefer und herzhafter in den Säckel und machte die Abtei zu einem Schatzkästlein.

Daß der Einsiedler indes doch das Bedürfnis fühlte, ein Zweisiedler zu werden, wissen wir schon, auch daß seine Wahl dabei nicht auf die wahlverwandte Person fiel, sondern die Sehnsucht nach einer Gefährtin ihn zum größten und schwersten Irrtum seines Lebens verführte. Leute, die ihre eigenen Ideen gern mit der Vorsehung identifizierten, fanden in der unseligen Ehe des Grafen Rudolf Zell mit dem Freifräulein Marie Therese v. Truchseß die gerechte Strafe für seine Todfeindschaft mit den Dornbergs – andere, die in Gottes Wegen nicht ihre eigenen menschlichen Folgerungen zu deuteln sich unterfingen, hatten den Ausgang dieser Verbindung trotzdem »voraus gewußt«, was sie beim Gegenteil natürlich auch getan hätten.

Nun, für die kurze Zeit, da Frauensee eine Herrin hatte, sah die Abtei – sie führte den Namen »Schloß«, – Gäste genug. Die Gräfin erklärte, ohne Menschen und ohne Zerstreuung in dem düsteren und gespenstischen Hause sterben zu müssen, und der Graf behauptete, in diesem ewigen »Mordsradau« umzukommen. Der Krach kam – die Gräfin zog sich nach dem definitiven Bruch, dessen eigentliche Ursache kein Mensch so recht erfuhr, in den geselligen Trubel der römischen Gesellschaft zurück; der Graf aber räucherte, bildlich geredet, sein Haus gründlich aus und schlug dessen schwere eichene Pforte im wahren Sinne des Wortes jedem in gröblichster Form vor der Nase zu, der sich erfrechte, die Schwelle überschreiten zu wollen, gleichgültig, ob Höflichkeit, Teilnahme, Neugierde oder sonst welches Motiv die Ursache war. Nur einer kam und ging ungehindert, das war der Justizrat Klaus, der nicht nur als Sachwalter, sondern als einziger Freund dem Grafen nahestand, wenn sich die Freundschaft selbst auch oft in ein recht rauhes Gewand hüllte. Aber Klaus war dafür auch der einzige Mensch, der mit Zell umzugehen verstand, der sich nicht an seinen Eigentümlichkeiten stieß, sondern so gut grob werden konnte wie jener, und wenn die beiden sich so eine Weile angeschnauzt hatten, daß man meinte, die Federn fliegen zu sehen, dann einigten sie sich meist am allerbesten. Das Merkwürdige dabei war, daß Klaus von Natur höflich veranlagt war und große Ruhe besaß, während in Zell mit der Zeit sich das genaue Gegenteil sehr schroff entwickelt hatte; aber Klaus war ein kluger Mann, der sehr genau wußte, daß überlegene Ruhe einen heftigen Menschen zum Wahnsinn reizen kann, und so kam er dem Freunde fast immer mit tödlicher Sicherheit damit bei, daß auch er seine Stimme erhob und aus dem reichen Injurienschatz des anderen das daraus Erlernte zurückbrüllte. Fast immer, aber doch nicht allemal und in jedem Falle. Im Punkte Dornberg und im Fall »Gräfin Zell« konnte selbst der Justizrat nichts ausrichten, und er gab denn auch immer geschickt nach, um den Boden nicht unter den eigenen Füßen zu verlieren.

Ein sich rasch entwickelndes inneres Leiden brachte Zell auf den Gedanken, sein Testament zu machen. Was waren es da für wunderliche Projekte, die Klaus zu hören bekam und dem Grafen glücklich auch wieder ausredete. Zuletzt wollte Zell Frauensee dem Könige vermachen unter der Bedingung, daß die Abtei unverändert als Jagdschloß benutzt würde, und da Klaus zu solcher Großmut wiederum den Kopf schüttelte, wollte er, d. h. Zell, es dem Teufel vermachen. Da dieser aber als landsässiger Gutsherr, unter seinem eigenen Namen wenigstens, nicht als sitz- und stimmfähig anerkannt ist, so mußte Zell diesen Kandidaten für seinen Mammon nolens volens fallen lassen, und nun setzte Klaus alle Hebel für Beatrix Dornberg ein. Da kam er zuerst schön an und mußte eine Serie ironischer Nachfragen und Vermutungen über seinen geistigen Gesundheitszustand einstecken, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Klaus antwortete darauf nach bewährter Methode erst honigsüß, drehte dann plötzlich den Spieß um und warf dem allmählich verstummenden Erblasser ein solches Sturzbad von blumenreichen, sogenannten Wahrheiten an den Kopf, daß Zell den Freund ebenso heftig als gewohnheitsmäßig an die Luft setzte. Klaus befolgte dieses oft geübte Gebot der Gastfreundschaft unter frohem Schmunzeln, denn was ein harmloser Zuhörer für eine verlorene Sache gehalten hätte, dünkte ihm gewonnenes Spiel. Früher, wenn der Name Dornberg genannt wurde, hatte Zell sich allemal in tiefstes Schweigen gehüllt, und hinter dieser chinesischen Mauer aus verbissenem Haß war ihm nicht beizukommen, aber diesmal war er wütend geworden, d. h. der Vorschlag »saß«. Richtig. Klaus wurde nach einigen Tagen ziemlich höflich eingeladen, in Frauensee ein paar Böcke abzuschießen, und er folgte dem maskierten Wink, als wäre nichts vorgefallen. Aber wie erstaunte er, als der Gastfreund ihm die Eröffnung machte, daß er ihm, Klaus, Frauensee letztwillig vermachen wollte! Der brave Klaus war auch nur ein Mensch, und ihm wurde es genau dreiviertel Sekunden lang rot und grün vor den Augen, aber er war auch ein rechtlicher Mensch, und darum fragte er nach Ablauf dieser Frist den Freund, ob er ihn für einen solchen Halunken halte, daß er ihm zutraue, zum Raub an Witwen und Waisen erbzuschleichen! Da wollte er doch lieber noch das Testament zugunsten von – – na, er wußte schon, für wen – dulden, als zu seinem eigenen! Während er sich noch ereiferte, fiel ihm aber ein, daß die ganze Rederei nur ein Umweg zum richtigen Namen sein dürfte, und er hatte sich nicht getäuscht: Zell hatte sich die Sache überlegt und die Worte des Freundes dazu – er war »in sich gegangen«, wie man so sagt, und nach einigen Plänkeleien wurde das Testament perfekt.

So war's gekommen, daß Beatrix von Dornberg die Erbin ihres Onkels wurde, und etwa vierzehn Tage, nachdem sie es erfahren, am ersten Mai, zog sie, begleitet von dem Justizrat, als Herrin in Frauensee ein.

Der dunkelgrüne, leichtbewegte See mit seinen frischgrünen Ufern und dem Wald im Hintergrunde, der sich mit dem malerischen alten Kloster, seinen Giebeln, Türmen und efeuumrankten Mauern darin spiegelte, und darüber ein klarblauer Himmel und leuchtender Sonnenschein – wahrlich es war ein schönes Bild, würdig des schönen jungen Menschenkindes, das nun hier wohnen sollte.

Trix hatte sich entschieden geweigert, eine tiefe Trauer um den unbekannten Verwandten anzulegen, den sie im Herzen nicht betrauern konnte und nach außen hin nicht betrauern wollte, nur weil sie sein Geld geerbt hatte. Die Äbtissin wollte zwar davon nichts wissen: es sei nun einmal üblich, ein Trauerkleid um verblichene Erbonkels oder -tanten zu tragen, und Beatrix würde durch Umgehung dieser Sitte anstoßen, meinte sie. Die junge Erbin aber blieb fest: sie wollte nicht durch ihr Äußeres eine Trauer heucheln, die sie nicht fühlte, und was die Leute dächten, wäre ihr ganz egal. Knallrot, blitzblau und donnergrün gekleidet wollte sie nicht herumlaufen, das hielte sie selbst nicht für passend, aber es gäbe noch andere Farben, die nicht karmesinvergnügt wären, sondern hübsch solide die goldene Mittelstraße andeuteten. Der als entscheidende Instanz in dieser Streitfrage aufgerufene Justizrat gab Beatrix vollkommen recht, und so kam es, daß die Herrin von Frauensee ihren Einzug in einem sehr einfachen und schmucklosen weißen Kostüm hielt, um den weißen Matrosenhut ein schlichtes schwarzes Samtband, und darin so anmutig aussah, daß das zu ihrem Empfange vor dem Portal der Abtei aufgestellte Personal der Verwaltung und des Dienstes auf Frauensee große Augen machte, als sie, des Justizrats Hilfe verschmähend, aus dem Wagen sprang und nun wie die verkörperte Jugend vor der kleinen Armee ihrer Untergebenen stand, mit ihren blauen »Delfter« Augen die doppelte, festlich geschmückte Reihe überflog und vor innerer Bewegung tief errötete, als die Glocke der ehemaligen Klosterkirche zu läuten begann und die Kinder der Angestellten mit Blumensträußen vor sie hintraten.

Es war wirklich eine kleine Armee. Da war der Oberförster mit seinen Unterförstern, Forstgehilfen und Waldwärtern; da waren die Bergleute mit ihren Vorgesetzten, ferner die Fischer, das Personal für die Taubenschläge, die Dienerschaft und an der Spitze aller der Rentmeister mit zwei Bürobeamten und der Kaplan.

Graf Zell hatte, da die nächste Pfarrei eine Meile entfernt lag, einen eigenen Geistlichen angestellt. Als der Graf einmal infolge eines kleinen Eisenbahnunfalles ein paar Stunden Aufenthalt auf einer Dorfstation hatte, war er, um die Zeit zu töten, in den elenden Flecken hineingeschlendert. Dabei war er »zufällig« einem Jugendfreund begegnet, der überarbeitet und halb verhungernd auf der elenden Pfarre als ewiger Kaplan vor dem geistigen und körperlichen Zusammenbruch stand. Dieser unbedeutende Radreifenbruch war die Ursache von Pater Müllers Lebensumschwung. Der Erkennungsszene folgte die jammervolle Lebensschilderung und die Berufung als Schloßkaplan nach Abtei Frauensee. Das rettete dem vorzeitig gealterten Manne die letzten Restjahre seines mühseligen, entbehrungsreichen Lebens – er brauchte nun nicht mehr in Wind und Wetter hinauszulaufen, er konnte sich endlich einmal sattessen mit nahrhafter Speise, er durfte seiner Neigung zu stillem Studium christlicher Kunstgeschichte folgen, und wo immer in der Nachbarschaft sich der weiße Kopf und das feine runzlige Gesicht des alten Herrn zeigte, da war's, wie wenn ein Hauch von Gottesfrieden, Glaube, Liebe und Hoffnung mit ihm käme. Daß Pater Müller bis an sein seliges Lebensende der neuen Herrin Pensionär zu bleiben hatte, gehörte unter die wenigen, von dem Erblasser testamentarisch ausgedrückten »Wünsche« – ein Legat hatte den alten Herrn zwar sowieso in bescheidener Weise unabhängig gemacht, aber auf sich selbst angewiesen, wäre er wie ein welkes Blatt im Winde gewesen, hilflos wie ein Baby, unglücklich im Treiben einer Welt, der er gänzlich fremd war. Und seine Aufnahme in Frauensee, die Fürsorge für ihn nach dem Tode seines Freundes und Wohltäters warf eigentlich doch wieder ein recht freundliches, helles Licht auf des letzteren Charakter. Pater Müller war's denn auch, der Beatrix ihre Willkommrede hielt – er verrannte sich darin etwas in die architektonischen Schönheiten der Abtei und in deren sonstige Schätze; das war nun einmal sein Steckenpferd, und das ging leicht mit dem alten Herrn durch. – Als sich der Justizrat aber endlich laut räusperte, nahm er's ganz richtig für eine Mahnung, zur Sache zu kommen, und lenkte den Strom der Rede geschickt auf den eigentlichen Zweck derselben, sprach einen sehr herzlichen Segenswunsch über die neue Herrin von Frauensee aus und brachte ein dreifaches »Hoch« auf sie aus, in das mit großem Enthusiasmus eingestimmt wurde. Darauf übernahm der Justizrat die Vorstellung der Anwesenden und führte Beatrix dann ins Haus und direkt in den Speisesaal, wo sie einem etwas verfrühten Empfangsdiner zu präsidieren hatte, an dem die »Spitzen der Behörden« von Frauensee teilnahmen, indes den anderen Angestellten ein reicher Tisch in der großen Vorhalle gedeckt war.

Beatrix Dornberg war, wie wir wissen, durchaus nicht auf den Mund gefallen und litt auch nicht an Schüchternheit, trotzdem aber war sie heilsfroh, als dieses feierliche Empfangsdiner vorüber war. Die Kosten der Unterhaltung dabei hatte der Justizrat getragen – Pater Müller aß wenig, trank nichts und war mit seinen Gedanken wahrscheinlich bei dem byzantinischen Kunststil, der eben sein Steckenpferd war. Der Rentmeister redete doch mal hin und wieder, der Oberförster hüllte sich ganz in Schweigen, aß für zehn, trank für zwanzig und lachte manch mal, daß das Echo in dem gewölbten Raume, dem ehemaligen Refektorium, wachgerufen wurde. Beim Dessert schien er dann geneigt, zum allgemeinen Besten einige Schnurren mitzuteilen, die aber schon reichlich bekannt sein mußten, denn der Inspektor und der Lehrer suchten ihn mit vereinten Kräften daran zu verhindern, nachdem sie die ersten Sätze gehört hatten. Doch der Brave, den der viele und gute Wein in die richtige Stimmung versetzt hatte, schien mit seines Basses Grundgewalt seine Widersacher übertönen zu wollen, was ihm wohl auch gelungen wäre, hätte der Justizrat, der mit dem nächsten Zuge eines Termins wegen nach Berlin zurück mußte, nicht mit einem Blicke auf die Uhr Beatrix um Dispens von der Tafel gebeten.

Ausgerüstet mit den trefflichen importierten Havannas aus dem Nachlasse Rudolf Zells, empfahl sich der am Eisenbahnfieber leidende Justizrat und versprach baldiges Wiederkommen, und Trix schlüpfte durch eine dem Haupteingang gegenüber liegende Pforte zurück in das Haus.

Als sie nun so plötzlich nach all dem Empfangstrubel und feierlichem Ehrenmahl mutterseelenallein in einem langen Kreuzgange stand, ganz und gar sich selbst überlassen, kam ihr das nicht etwa traurig, bangsam oder wehmütig, sondern geradezu komisch vor.

»Erst der Radau – und nun sitze ich hier wie die Ariadne auf Naxos«, dachte sie lachend, suchte sich mit einiger Mühe den Knopf einer elektrischen Klingel und befahl dem herbeieilenden Diener, die Beschließerin zu ihr zu schicken, wobei sie in ihrer Kleidertasche nach dem Bündel Schlüssel fühlte, das der Justizrat ihr übergeben hatte, Schlüssel zu ihres Onkels Schreibtisch und sonstigen persönlichen Besitztümern, die nach seinem Tode vor profanen Blicken verschlossen worden waren.

Die Haushälterin, Beschließerin und Wirtschafterin in einer Person, erschien alsbald, noch angetan mit ihrem Sonntagsnachmittag-Schwarzseidenen, dessen kurze Pelerine nur schlecht ihren verwachsenen Körper verhüllte, auf dem grauen, spiegelglatten Scheitel eine weiße Tüllhaube, wie sie vor zwanzig Jahren Mode war, an den langen, schlanken Händen halbe schwarze Filethandschuhe. Beatrix wußte schon durch den Justizrat, daß Albertine Herwig, kurzweg Fräulein Tinchen genannt, Onkel Rudolfs häusliche Stütze gewesen war, seitdem er Frauensee besaß, daß sie damals durch den Justizrat zu diesem Ehrenposten berufen, als die Tochter eines verarmten Rittergutsbesitzers eine gute Bildung genossen hatte und eine jener »Perlen« war, wie sie in diesem Stande immer seltener werden. Der Rat, sich ihrer Dienste möglichst dauernd zu versichern, war für Beatrix sicher ein sehr guter, denn Fräulein Tinchen war umsichtig, goldtreu und sehr erfahren im Hauswesen. Trix, die im Augenblick nicht recht wußte, wie sie beginnen sollte, fand ganz instinktiv den richtigen Weg.

»Der Herr Justizrat hat mir so viel Schönes und Gutes von Ihnen erzählt, daß ich mich schon riesig darauf gefreut habe, Ihre Bekanntschaft zu machen«, sagte sie, dem tief errötenden Faktotum einfach die Hand reichend und diese fest schüttelnd. »Ich hoffe nur, Sie werden mich nicht etwa verlassen wollen – dann würde es hier schiefgehen, denn viel verstehe ich von der Wirtschaft nicht, weil ich mich, leider Gottes, nie darum gekümmert habe. Aber da ich nun jetzt ein eigenes Haus habe, werde ich's schon lernen, wenn Sie mir's zeigen wollen!«

»Baronesse sind ßu gnädig«, knickste Fräulein Tinchen strahlend, indem sie mehr denn je mit der Zunge anstieß. »Und wenn Baroneß mich behalten wollen – Gott, 's ist ja wahr: die Beine wollen so gegen Abend immer nicht mehr recht vorwärts, und seine fünfzig Jahre hat man nun auch schon auf dem Rücken, soßusagen, aber ich weiß doch in der ganzen Abtei, wo jedes Stück steht und liegt – mir machen die Hausmädchen kein X für 'n U, und so lange ich da bin, darf auch in der Küche nicht geurscht werden –«

»Ja, ja, Fräulein Tinchen, das machen Sie alles wundervoll«, unterbrach Beatrix den Redestrom. »Na, und wegen der Beine«, setzte sie mit nachdenklichem Gesichte hinzu, »da könnten wir Ihnen am Ende einen Adjutanten stellen, das heißt eine Hilfe, welche so die unnützen Gänge für Sie macht. Was? Famoser Gedanke, nicht wahr? Aber nun sollen Sie mir mal das ganze Haus zeigen, wenn Sie sonst nichts anderes zu tun haben, denn ich kenn's doch noch gar nicht und möchte gern wissen, wo ich heut' nacht schlafen werde.«

»Das ist mir eine ganz besondere Ehre, daß ich Baronesse die Abtei soßusagen vorstellen darf«, knickste Fräulein Tinchen. »Baronesse sollen auch sicherlich nirgends ein Stäubchen oder ein Spinngewebe entdecken, denn wenn auch die Beine nicht mehr viel taugen, so sehe ich doch wie ein Luchs – und was das Schlafen betrifft, so denke ich, werden Baronesse die Zimmer wählen, die damals für Frau Gräfin neu hergerichtet wurden.«

»Frau Gräfin?« fragte Beatrix, indem sie der Vorausschreitenden folgte. »Ja, waren Sie denn schon hier, als mein Onkel sich verheiratete?«

»Du lieber Himmel, ja«, nickte die Beschließerin. »Ich bin ja dieses Jahr dreißig Jahre auf Frauensee, und Friedrich, der erste Diener, ist fünfundzwanzig Jahre hier. »

»Da muß mein Onkel aber doch auch wieder seine sehr guten Seiten gehabt haben, daß die Leute so anhänglich waren«, meinte Beatrix, überflüssigerweise laut denkend.

»Baroneß wollen verzeihen«, sagte Fräulein Tinchen stehenbleibend, »aber der Herr Graf waren auch anhänglich an die Leute, die zu ihm hielten. Sehr. Nur, wenn er einmal einen Zorn hatte, dann konnte er ihn nicht mehr abschütteln, der fraß sich fest in seinem Herzen. Das war so seine Natur, und dafür konnte er nicht!«

»Scheint so«, murmelte Beatrix, an ihre Eltern denkend. Fräulein Tinchen aber zeigte ihr mit einem Stolz, als sei sie die Besitzerin der Abtei, deren weitläufige Räume, die der Verstorbene durch dreißig Jahre mit nimmer rastendem Sammlerfleiß zu einem wahren Museum für kostbare Möbel, Gobelins, Schnitzereien und Kunstgegenstände gemacht hatte. Ein jedes Zimmer hatte seinen Namen, der, auf elfenbeinernem Täfelchen eingraviert, an dem betreffenden Schlüssel angebracht war, und so zahlreich waren die Gemächer, Säle, Zimmer, so lang und verwirrend die Korridore kreuz und quer, Treppen und Treppchen, daß Beatrix lachend erklärte, sie würde zehn Jahre brauchen, um sich hier zurecht zu finden. War in allen anderen Räumen die Geschmacksrichtung vergangener Jahrhunderte vorherrschend, so wies die Zimmerreihe, welche Gräfin Zell bewohnt hatte, besonders eine Anzahl bequemer und bequemster Sitze auf, die sich in allen Ecken und an jeder Stelle der Zimmer im genialsten Durcheinander um kleine Tischchen gruppierten. Und über allem schwebte ein schwerer, atemraubender Duft von »Chypre«, dem Modeparfüm vergangener Jahre, das an allem haftete, fester und unausrottbarer als ein Polyp.

»Ein schrecklicher Geruch«, sagte Beatrix, sich schüttelnd.

»Er hat sich wieder so festgesetzt, weil so lange nicht gelüftet werden konnte«, erklärte Fräulein Tinchen, »sonst ist er nicht so stark. Ja, Frau Gräfin haben das Parfüm so geliebt – ganze Kisten davon haben sie von London bezogen. Aber Herrn Grafen ging's damit so wie Baronesse – er haben sich förmlich davor geschüttelt!«

»Und da hat sie das ganze Zeugs nicht zum Fenster hinausgegossen?« fragte Beatrix höchst unnötigerweise in ihrer Entrüstung.

»Ach nein«, war die halb geseufzte Antwort. »Im Gegenteil – Frau Gräfin taten gern, was Herr Graf nicht mochten. Hm, ja, so war's. Und die vielen Sessel und Stühle hier waren auch solch eine Passion von Frau Gräfin – und alle so sehr niedrig. Das mochten Herr Graf gar nicht, auch das Durcheinander nicht – das brachte ihn rein aus dem Häuschen. Er haben aber doch befohlen, daß alles so stehen bleibt, als Frau Gräfin dann für immer abreisten. ›Halten Sie darauf, Tinchen‹, hat er mir damals hohnlachend gesagt, ›halten Sie darauf, daß alles so bleibt, wie's ist – ein Museum des gedankenlosesten Blödsinns und das Wahrzeichen liebevoller Gattengesinnung.‹ – Ja, das waren seine eigenen Worte. Sie sind mir nie aus dem Gedächtnis gekommen.«

»Ich kann's mir denken«, murmelte Beatrix entsetzt, laut aber fügte sie hinzu: »Wissen Sie, Fräulein Tinchen, ich werde mir doch lieber eine andere Wohnung aussuchen. Aber Sie haben die Zimmer nun mal hergerichtet, das Bett sogar überzogen, wie ich sehe, da könnte am Ende die Dame hier wohnen, die zu mir kommt, um mit mir zu leben, weil die Leute behaupten, ich wäre zu jung, um allein hier zu sein. Was meinen Sie dazu?«

»Ja, das ist nun einmal so«, erwiderte die Beschließerin, die Frage total mißverstehend, aber sehr geschmeichelt, um Rat gefragt worden zu sein. »Darf ich mir die Frage erlauben, wann die Dame ankommt?«

»Gewiß. Frau von Graßmann wollte morgen abend hier eintreffen.«

Der Beschließerin blieb völlig der Mund offen stehen. »Frau von Graßmann!« wiederholte sie fassungslos. »Ja, das ist ja die Schwester –«

»Von der Gräfin Zell«, nickte Beatrix. »Kennen Sie sie denn?«

»Ei, aber natürlich. Gnädige Frau haben Frau Gräfin mehrmals besucht, ein paarmal allein, einmal zu den Osterferien mit dem Söhnchen!«

Nun war es an Beatrix, erstaunt zu sein.

»Ja freilich«, fuhr Fräulein Tinchen fort, »himmlischer Vater, war das damals eine Range! Ich bitte vielmals um Vergebung, daß ich mir solch eine Bezeichnung erlaubte – aber Herr Graf haben es hundertmal selbst gesagt und sich gelb und grün geärgert über den nichtsnutzigen, boshaften Schlingel, wie Herr Graf sagten. Er durfte auch nur einmal nach Frauensee kommen, ja, nur einmal. Nun, jetzt ist er längst Offizier, und da wird er wohl anders geworden sein!«

Beatrix hatte Tinchen im Verdacht, daß sie die Personen in ihrem ältlichen Kopfe stark durcheinanderwürfelte; der Justizrat hatte ihr nie etwas davon gesagt, daß Frau v. Graßmann einen Sohn hatte, er schien vielmehr selbst nichts davon zu wissen. Aber das war ja schließlich einerlei – mit dem Sohne hatte sie nichts zu tun, und am liebsten wär's ihr gewesen, sie hätte mit der Mutter auch nichts zu tun gehabt.

Daß sie die Zimmer mit dem Chypregeruch nicht beziehen würde, stand fest in ihr – sie gönnte den Geruch samt den Erinnerungen ihrer künftigen Ehrendame von Herzen und trat ihr auch mit Wonne sämtliche luxuriösen Sessel darin ab – indes fand sie in den anderen Zimmern nicht so leicht den Platz, an dem sie sich gern niedergelassen hätte, denn der Geruch der Unwohnlichkeit lag auf diesen Gemächern, die selten eines Menschen Fuß betrat. Beatrix konnte sich zu keinem so recht entschließen. Zuletzt gelangten sie zu einer völlig gesonderten Reihe von Räumen, – denen des verstorbenen Besitzers, und kaum hatten sie sie betreten, so stand es in Beatrix fest, daß sie hier und nirgends anders wohnen würde.

Es waren nur drei Zimmer, nach dem See zu gelegen, in den, von ihnen ausgehend, eine Art von Söller hineinragte, – efeuumsponnen die altersgrauen Mauern. Das erste war als Schlafzimmer eingerichtet, mit mächtigem geschnitztem Himmelbett, das nun purpurne Seidenvorhänge verhüllten. Die Möbel, alle köstlich geschnitzt und schwarz vor Alter, machten das Gemach wohnlich genug, wenn auch nicht grade dem Geschmack junger Mädchen angemessen.

Das zweite Zimmer im Florentiner Stil war als Wohnraum eingerichtet mit Paneelen und Tischplatten von Mosaikarbeit in Pietra Dura, deren unvergleichliche Schönheit und Kostbarkeit das ungeübte Auge von Beatrix instinktiv begriff, während sie den Wert dieser Tische, Kabinetts und Schränke kaum annähernd ahnte. Purpurrote Seidentapeten bekleideten die Wände und trugen in reichen Florentiner Rahmen Kopien italienischer Meister des Cinquecento, zumeist Porträts. Der Bezug war von nach altem Muster hergestelltem Samt von tiefpurpurrotem Ton, der herrlich zu den schwarzen eingelegten Möbeln stimmte. Ein großer prachtvoller Flügel bemühte sich vergeblich, in diese Umgebung zu passen.

Das dritte dieser Zimmer war rund, denn es lag im Turm, der sich neben dem Söller zwischen diesen Flügel des Hauses und die Kirche drängte, die das Viereck des ganzen Baus nach Norden abschloß. Es war als Speisezimmer eingerichtet, mit Getäfel umzogen und mit Gemälden vollgehängt.

»Da, hier in diesen drei Zimmern haben der Herr Graf fast ausschließlich gelebt«, erklärte Fräulein Tinchen mit Befriedigung. »Im Turmgemach mußte ihm serviert werden und auf dem Söller standen im Sommer Gartenmöbel.« Die Verbindungstür zum Florentinerzimmer stammte noch aus den ältesten Tagen des Klosters, eine zweite führte nach dem Korridor, der sich an den Zimmern entlangzog und war erst von dem letzten Besitzer durchbrochen worden. »Der Herr Graf mußten aber noch andere Ausgänge gekannt haben als die, die Baronesse sehen«, meinte Fräulein Tinchen, »denn er waren oft in den andern Flügeln, ohne daß ihn eine Seele hätte den Korridor betreten sehen. Und ebenso gelangten der Herr Graf drüben in der Kirche in die vergitterte Äbtissinnenloge und benutzten dazu nicht die Treppe, die sozusagen öffentlich hinaufführt. Ja, ja, in diesen alten Häusern gibt's allerhand Schlupfwinkel!«

Beatrix durchschritt sinnend noch einmal diese drei Räume, indem ihre Hand in der Tasche ihres Kleides mit dem Schlüsselbund klimperte, das ihr all diese Schränke, Schränkchen und Schübe öffnen konnte – sie trat durch die schmale, spitzbogige Tür des Wohn- oder Florentiner Zimmers, wie sein offizieller Titel war, hinaus auf den Söller, der noch im vollen Glanze der nachmittägigen Maisonne lag, die das junge Grün der neuen Efeutriebe an dem alten Mauerwerk wie mit einem goldigen Reif überzog. Unten umspülten die tiefgrünen Wasser des Sees die Mauern – flimmernd dehnte er sich südwärts aus in seiner ganzen Länge wie ein breiter Strom, der aber oben, spitz zulaufend, sein Ende fand, eingefaßt von beiden Seiten durch Laubwälder, in deren jungem, frischem Grün sich etliche Nadelhölzer fast schwarz ausnahmen.

»In diesen Zimmern werde ich wohnen«, sagte Beatrix nach einer Weile laut. »Bitte lassen Sie meinen Koffer heraufschaffen, richten Sie das Bett und machen Sie's sonst wohnlich, Fräulein Tinchen – hier ist's hübsch und hier werde ich bleiben, denn hier habe ich Licht und Sonne und den Blick auf den See und den Wald – da können Sie nur die ganzen andern modrigen und finstern Zimmer lassen, wie sie sind – vor mir haben sie Ruhe. Herrje! Was ist denn das?« unterbrach sie sich, denn mit einem Male schwirrte es über ihr, es kam wie eine dunkle Wolke vom Dache her, und eine Taubenschar, größer wie die des heiligen Markus in Venedig ließ sich auf den Söller herab und versuchte Platz zu finden auf Beatrix' Schultern, Armen und Kopf.

»Ja, ja, die denken, der Herr ist wieder da«, nickte Fräulein Tinchen, in ihrer Tasche nach Krümchen suchend. »Sobald Herr Graf sich auf dem Söller sehen ließen, waren sie da, sich ihre Leckerbissen von ihm zu holen. Aber was den Wunsch von Baronesse betrifft, hier zu wohnen – natürlich, wie Baronesse befehlen, aber – ich darf doch wohl nicht verschweigen, daß Herr Graf hier gestorben sind, zwar nicht im Bett, aber in dem hohen Lehnsessel am Kamin im Schlafzimmer.«

Beatrix drückte lächelnd ihre Wange an eine der Tauben, die sich ganz zutraulich auf ihre Schultern gesetzt hatten.

»Ja«, sagte sie, »das kann ich mir schon denken, daß er in seinem Zimmer gestorben ist. Daran ist doch nichts zu verschweigen.«

»Oh«, machte die Beschließerin verlegen, »ich wollte nur sagen – ich meine, Baronesse werden sich doch am Ende nicht fürchten –«

Beatrix lachte hell auf mit der ganzen Überlegenheit ihrer neunzehn Jahre.

»Fürchten?« fragte sie. »Vor was denn? Doch nicht vor meinem toten Onkel? Ich hab' mich vor meinem toten Vater auch nicht gefürchtet, als er im Sarg lag und ich Abschied von ihm nahm, und weil ich ihn so sehr lieb gehabt habe, bin ich nachher in sein Zimmer gezogen, es war mir dort, als wenn er unsichtbar bei mir wäre. Mein Onkel, sehen Sie, hat mir seinen Besitz freiwillig hinterlassen; er muß also doch freundlich meiner gedacht haben – warum sollte ich mich vor ihm fürchten?«

Fräulein Tinchen wußte auf diese kunstlose Beweisführung nichts zu erwidern – die Logik war ihr unbegreiflich, und deshalb fand sie auch keine Einwendung. Aber sie war eine gewissenhafte Person, deshalb machte sie einen neuen Anlauf.

»Herr Graf dachten auch gerade so«, sagte sie nach einer verlegenen Pause, »und vor Hochwürden darf man ja auch nichts anderes sagen, aber für den Fall, daß Baronesse beunruhigt werden sollten und mich dann am Ende dafür verantwortlich machen sollten, so muß ich schon noch sagen, daß dieser Söller nichts ist, als das Dach für die Gruftkapelle der Nonnen, – dort unten liegen sie alle begraben!«

»Lassen wir sie ruhen«, erwiderte Beatrix, immer noch mit den Tauben spielend. »Haben sie meinen Onkel ungeschoren gelassen, so haben sie an mir schon gar kein Interesse, denn ich habe das Kloster doch nicht aufgehoben, nicht wahr?«

Das war ein Faktum, vor dem Fräulein Tinchen völlig verblüfft die Segel streichen mußte, und sie murmelte daher nur etwas von »gleich besorgen« mit so konsterniertem Gesicht, daß Beatrix Mühe hatte, nicht herauszulachen.

Nun hab' ich sie aber schön auf den Pfropfen gesetzt, dachte sie. Der Justizrat hat mir's aber gleich gesagt, ich soll mich nicht etwa durch Tinchens alberne Gespenstergeschichten schrecken lassen. Tue ich auch gar nicht – hab' selbst ein paarmal im Stifte Gespenst gespielt und weiß also, wie's gemacht wird. Was hat er denn noch gesagt – ach! ich soll, wenn ich's fertig bringe, den Leuten eine Rede schwingen. Ja, warum sollt' ich denn das nicht fertig bringen? Ich hab's zwar noch nie getan, aber solchen Quatsch, wie unser Nachbar Wulknitz bei unseren Jagddiners zusammengekolkt hat, bringe ich noch zehnmal fertig. »Warten Sie mal 'n bissel, Fräulein Tinchen«, rief sie der Entschwindenden nach, »ich komme mit und will mal unten in der Halle eine Rede halten, bis Sie hier oben fertig sind.«

Die Beschließerin machte große Augen, aber sie führte ihre junge Herrin ohne Einwand hinab, wo in der Halle die Angestellten immer noch saßen und zwar nicht mehr tafelten, aber mit stellenweise schon recht roten Köpfen dem guten Weine zusprachen, mit dem nicht gegeizt wurde.

Als die weiße Gestalt der neuen Herrin von Frauensee in der gewölbten Eingangshalle erschien, schwieg die schon stark ins Laute gehende Unterhaltung an dem langen Festtische, dem der Oberförster präsidierte, der heute besonders verblüffendes Jägerlatein zusammenlog. Beatrix stutzte wohl einen Augenblick, aber die heimatlichen Ernte- und Neujahrsfeste tauchten in ihrer Erinnerung auf – das war so ungefähr das gleiche, und dort hatte sie sogar tapfer mit all dem männlichen Personal tanzen müssen, was eigentlich eine recht harte Arbeit war.

Friedrich, der alte Diener, der bei ihrem Erscheinen übrigens sofort zur Stelle war und nach ihren Befehlen fragte, brachte alsbald ein Glas Wein, das Beatrix ergriff. Sie trat damit an den Tisch, an dem sich alle auf ein Zeichen des Oberförsters erhoben hatten, denn der wußte, was sich schickt.

»Jetzt will ich eine Rede halten«, begann Beatrix. »Darüber nachgedacht hab' ich nicht, sonst würde sie besser gehen, aber's schadet nichts, 's wird auch so werden. Eigentlich weiß ich nämlich nicht, was ich sagen soll, denn was ich von Reden bisher gehört, das waren immer Jagdtoaste, und so einer hat wohl heut' hier weiter keinen Sinn –«

»Doch, doch«, brummte der Oberförster dazwischen, und seine Untergebenen am Tische hielten sich für verpflichtet, gleichfalls »doch, doch« zu rufen.

»Aha«, fuhr Beatrix fort, ›,na, dann ist die Sache überhaupt kolossal einfach! Nämlich, willkommen heißen konnt' ich Sie nicht, weil Sie schon vor mir da waren, und Sie auffordern, brav zu sein, das ist pures Blech, weil Sie das schon allein besorgen werden. Wenn's aber ein Jägertoast ist, was Sie wollen, dann erhebe ich mein Glas und rufe auf Ihr Wohl: Weidmanns Heil und fröhlich Gejaid alleweg! Hurra!«

»Hurra!« fiel der Stab der Armee von Frauensee begeistert ein, dreifach den Ruf wiederholend, und es entstand ein Gedränge, weil sie alle zugleich mit der neuen Herrin anstoßen wollten, die, geschwellt von Stolz über ihre eben entdeckte Rednergabe, dastand und mit glühenden Wangen die Wirkung ihrer Worte bewunderte. Kaum aber hatte sich der Sturm gelegt, da klopfte der Oberförster an sein Glas, denn er wußte, was sich schickte, und daß es an ihm, dem Doyen des Stabes, war, den Toast zu erwidern. Hoch reckte er seine kolossale Gestalt in die Höhe, schöpfte tief Atem, putzte sich, um Zeit zu gewinnen, sodann umständlich die Nase und erhob endlich sein Glas.

»Also«, begann er, »werte und liebe Freunde und Tischgenossen! Wir haben eben Worte gehört, welche uns tief ergriffen haben. Jawohl, das haben sie, darum erhebe ich mein Glas und rufe: Die Dame, welche oft – nein, die Dame, welche niemals – das heißt, die Dame, welche immer – – na, kurz und gut, die gnädige Baronesse von Dornberg soll leben hoch ! hoch! hoch!«

Beatrix stieg bald darauf, höchst zufrieden mit sich selbst, nach ihren Zimmern hinauf, wenn sie in ihrem Gerechtigkeitssinn auch rückhaltlos anerkennen mußte, daß der Oberförster ihr in der Rednergabe zweifellos »über« war.

»Es kommt also nicht darauf an, was man sagt«, überlegte sie, »die Hauptsache ist, daß man zuletzt Hurra schreit. Im übrigen glaube ich vorläufig, daß es ganz hübsch ist, solch großen Besitz zu haben, und wenn die Aussicht auf den Ehrendrachen nicht wäre – na, am Ende ist's aber ein ganz gemütliches altes Haus!«

Mit diesem Troste kam sie in ihren Zimmern wieder an. Da hatte man inzwischen in dem kaminartigen Öfchen ein Feuer entzündet, das die kühle, frostige Luft, die unbewohnten Zimmern eigen ist, in behagliche Wärme verwandelte. Fräulein Tinchen hatte nicht nur Blumen in Vasen getan und, weil es doch zu dunkeln anfing, Lampen angezündet, sondern auch im Florentiner Zimmer einen sogenannten stummen Diener aufgestellt, auf dem ein alter silberner Teekessel leise summte inmitten kleiner, mit allerlei leckerem Zubiß belegter Schalen; so war Beatrix entzückt und beglückwünschte sich zu ihrem Entschluß, gerade diese Zimmer zu den ihrigen erwählt zu haben. Fräulein Tinchen wirtschaftete noch im Schlafzimmer herum, wo auch schon ein Kaminfeuer brannte. Die Bettvorhänge waren weit zurückgezogen und ein nettes sauberes Zimmermädchen besorgte flink und geräuschlos ihre Arbeit.

»Riesig gemütlich ist's hier«, konstatierte Beatrix vergnügt. »Mein Onkel hat schon gewußt, warum er hier gewohnt hat und würde sich sicherlich kolossal freuen, wenn er wüßte, das ich den gleichen Geschmack habe wie er!«

Sie trat noch ein Weilchen hinaus auf den Söller, dann machte sie sich eine Tasse Tee, naschte von allen Platten unter Bevorzugung der Kaviarbrötchen und war endlich herzlich froh, als die Schlafenszeit herankam und sie sich mit Anstand, ohne direkt zu den Hühnern gerechnet werden zu können, zu Bett legen konnte, denn der Tag war ermüdend für sie gewesen und im Stift hatte man auch auf frühe Stunden gehalten. Als sie sich dann, herzhaft gähnend, gewohnheitsmäßig selbst entkleiden wollte, fiel ihr das Schlüsselbündelchen wieder in die Hände, das ihr der Justizrat gegeben hatte; die Neugierde, zu wissen, was die Schlüssel alles aufschließen würden, vertrieb ihr sofort die Müdigkeit. Kleider- und Wäscheschrank, beide von köstlicher Schnitzarbeit, waren nicht verschlossen, sondern von Fräulein Tinchen schon mit Beatrix' Habseligkeiten vollgeräumt worden, aber ein großer Schreibtisch neben dem einen, sehr breiten Fenster des Schlafzimmers, schien fest verschlossen; sicher hatte der Verstorbene hier gearbeitet und den zum Schreiben eingerichteten Tisch im Florentiner Zimmer nur gelegentlich benutzt. Die Schlüssel dazu zu finden, war leicht genug, sie waren an dem Gebund mittels kleiner gravierter Messingtäfelchen bezeichnet. Trotzdem zögerte Beatrix einen Moment, Gebrauch davon zu machen, denn in des Verstorbenen intimsten Dingen zu kramen, schien ihr nicht viel besser, als einen liegengebliebenen Brief zu lesen, der nicht an sie gerichtet war; aber dann erinnerte sie sich, daß der Justizrat ihr ja ausdrücklich gesagt hatte, sie solle den Schreibtisch besonders gut durchsehen, denn es sei nicht unmöglich, daß Graf Zell etwas Schriftliches hinterlassen habe, weil er davon gesprochen hätte, an sie schreiben zu wollen.


Sie setzte sich also vor den Schreibtisch und schloß die mittelste Schublade auf – sie enthielt in tadellos peinlicher Ordnung eine Reihe sorgsam gebündelter Briefe, eine Bronzeschale mit ungebrauchten Briefmarken jeden Wertes und eine große lederne Briefmappe. Diese zog Beatrix aus der Lade hervor und legte sie vor sich hin – aber sie enthielt nichts als lose, unbeschriebene Papierblätter in den Taschen und einige Bögen Löschpapier, die sie ohne sonderliches Interesse durchblätterte. Sie waren stark gebraucht, mit Tinte fast gesättigt. – Auf dem letzten Blatte aber lag ein Bogen schlechtes Konzeptpapier, bedeckt mit einer großen, dicken Handschrift, von der Beatrix die Überschrift »Konzept zu einem Briefe an meine Nichte B. v. Dornberg« sogleich in die Augen fiel. Also hatte der Justizrat doch recht – der Onkel hatte ihr schreiben wollen – vielleicht hatte nur der Tod ihn an der Abschrift dieses Konzeptes verhindert.

»Schreckliche Mode das, Konzepte zu seinen Briefen zu schreiben«, murmelte Beatrix, die das Schreiben überhaupt als eine höchst langweilige Erfindung betrachtete, soweit ihre eigene Tätigkeit dabei in Betracht kam. Und sie las wie folgt:


»Nichte!

Ich nenne Dich mit Willen nicht ›liebe Nichte‹, denn ich kenne Dich nicht und kann Dich daher natürlich auch nicht lieben im wahren Sinne des Wortes, und das Wort nur anzuwenden, weil's mal so Mode ist – ich hab' die Mode als solche nie mitgemacht und es fällt mir auch gar nicht im Traume ein, jetzt noch, am Schlusse meines Lebens, damit anzufangen. Paßt Dir also die Anrede ›Nichte‹ ohne epitheton ornans nicht, dann laß Dir sagen, daß es nichts macht. Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben, sage ich mit Pilatus, trotzdem ich sonst mit diesem geschichtlichen und biblischen Waschlappen nicht sympathisiere. (Randbemerkung: Quatsch. Weglassen oder ändern. Würde dem Mädel bloß den Schwachkopf verdrehen.)

»Na, erlauben Sie gütigst«, fiel Beatrix hier empört ein. »Ist das Konsequenz? Erst will er mich nicht ›liebe‹ nennen, weil er mich nicht kennt, und nun setzt er mir einen ›Schwachkopf‹ auf, als ob er mich kennte – das heißt als ob – na, lesen wir mal weiter.«

»Der Zweck dieses Schreibens«, fuhr sie in ihrer Lektüre fort, »ist der, Dir zu sagen, wie leid es mir tut, Deinen jungen Schultern die Last des Erbes aufgebürdet zu haben, das ich Dir hinterlasse. Aber der Justizrat hat recht: Du bist die nächste dazu, und daß Du ein Mädchen und noch so jung bist, dafür kannst Du nichts. Recht muß Recht bleiben, ich sehe es ein, daß es ein Diebstahl an Dir gewesen wäre, Besitz und Kapital zu zersplittern und Fremden zu hinterlassen, während das einzige Kind meiner Schwester in einem Hause voll alter Schachteln das Gnadenbrot ißt. Also kriegst Du alles was ich habe, aber ob's Dich glücklich machen wird, das steht auf einem andern Blatt. Ich glaube nicht. Denn wenn der Justizrat ja auch der Verwaltung auf die Finger sehen wird, so werden doch bald die Glücksritter angeschwirrt kommen wie die Wespen um die Melone, Du wirst Dich in einen verlieben, ihn heiraten, er wird Deinen Besitz auf den Kopf schlagen und das Unglück ist fertig. Alles das muß ich geschehen lassen mit dem, was ich in jahrelanger Arbeit erworben habe, aber, Nichte, es bekümmert mich nicht so wie der Gedanke, daß ich mit diesem großen Erbe Dich vielleicht unglücklich mache, denn großer Reichtum ist dem Unerfahrenen eine ungewohnte Last, unter der er leicht zusammenbricht. Ein Dich sorgenfrei stellendes Legat hätte es auch getan, aber der Justizrat sagt: »Nein. Nichts oder alles.« Mag er dann zusehen, was daraus wird.

»Ich habe Dich testamentarisch ganz unabhängig gemacht – es kann Dir keiner was dreinreden und wenn Du Dir für das ganze Geld Pfeffernüsse kaufst oder Ansichtspostkarten. Ich habe auch keine sogenannten letzten Wünsche an Dich, welche Dich zur Erfüllung dieser meist sehr törichten Wünsche verpflichten. Wenn ich eins sagen soll, so wär's dieses: Verschleudere oder ruiniere die Möbel und Sammlungen in der Abtei nicht aus Unkenntnis, Übermut oder sonst was für Eigentümlichkeiten, denn die Sachen sind meist sehr wertvoll. Kennte ich Dich und traute ich Dir so viel Vernunft zu, so würde ich sagen: Bezieh' meine Zimmer; das sind wenig, aber vornehme Räume und eine Einrichtung wie die des Florentiner Zimmers hat keine Kaiserin. Aber Du wirst Dich natürlich vor dem toten Onkel fürchten und einen entfernten Flügel aufsuchen und der Deixel wird die ganzen herrlichen Möbel holen. Na, meinetwegen – ihr Frauenzimmer seid ja alle dumme Gänse in diesem Punkte!«

»Mit Ausnahme meiner Wenigkeit, scheint's«, kommentierte Beatrix diesen Satz. »Gott, was wird der alte Herr sich freuen, wenn er droben erfährt, daß mir wirklich seine Stuben am besten gefallen haben und ich recte hereingezogen bin!«

»Wenn Dir«, fuhr sie in ihrer Lektüre fort, »wenn Dir persönlich die Sammlungen in den Schränken des Florentiner Zimmers keinen Spaß machen, weil Dir das Verständnis dafür fehlt, so schenke sie, bitte, nicht an Leute, die so viel verstehen wie Du oder noch weniger, sondern gib sie einem Museum oder dem König selbst. Sie haben großen Wert. Besser ist's, Du hebst die Sachen auf und gibst Dir Mühe, etwas Verständnis dafür zu bekommen. (Randbemerkung: Hier ist einzuschalten: Das Geheimnis der verborgenen Tür, durch die man in die sogenannte Äbtissinloge in der Kirche und in das Haus gelangen kann.) Nach der Sitte der sogenannten Gesellschaft wirst Du Dir eine Ehrendame ins Haus nehmen müssen. Sei vorsichtig in ihrer Wahl, denn die Harpyien werden ebenso auf Dein Geld lauern wie die Glücksritter. Sei überhaupt etwas vorsichtig mit fremden Menschen. Besonders vor einem ist es meine heilige Pflicht, Dich zu warnen, vielmehr vor einer, denn es ist eine Frau, die ich meine. Wo Du diesem Weibe begegnest, gehe ihr weit aus dem Wege, drängt sie sich zu Dir heran – und sie wird sich zu Dir herandrängen, dann stoße sie von Dir, daß sie das Wiederkommen, für eine Weile wenigstens, vergißt. Weiche ihr aus, als wäre sie das giftigste Reptil, erlaube ihr Deine Nähe unter keinen Umständen, denn um zu Deinem Gelde zu kommen, wird sie kein Mittel scheuen und vor keinem Verbrechen zurückschrecken. Der Name dieser Frau ist – – –«

Hier endete das Konzept – der Verstorbene war wohl beim Schreiben unterbrochen worden, vielleicht durch eine Mahnung des Todes selbst, – vielleicht auch hatte das Geschriebene ihn selbst nicht befriedigt und er hatte es ändern wollen, ehe er den Namen, den verhängnisvollen Namen seinem Schreiben einfügte.

Merkwürdigerweise las Beatrix ganz leicht und achtlos über diese Warnung aus dem Grabe hinweg. Aber schließlich, so sehr merkwürdig war das nicht, denn sie wußte, daß ihr Onkel ein guter Hasser war und das aus oft sehr hinfälligen Gründen; sie war auch jung und schon darum geneigt, Warnungen auf die leichte Achsel zu nehmen. Sie dachte daher nur: »Na, wenn ich den Namen von der alten Tante nicht weiß, dann macht er mich auch nicht heiß!« Und damit war diese Sache für sie erledigt. Was sie für den Augenblick viel mehr interessierte, das waren die Sammlungen, von denen der Onkel in seinem Konzept sprach, und nachdem sie es wieder in die Mappe getan und in dem Schub verschlossen hatte, ging sie mit ihrem Schlüsselbund in das Florentiner Zimmer. Es war ein großer Raum und es standen viel Möbel darin, besonders Schränke und Kabinetts in den verschiedensten graziösesten und reizvollsten Formen des Florentiner Cinquecento, von köstlich skulptiertem Ebenholz mit Paneelen und Mosaikarbeiten in pietra dura überreich verziert. Und was für Mosaiken! Welche Zeichnung, welche Arbeit, welches Material, denn wo Perlenschnüre die Ranken der Blumen und Arabesken verbanden, da waren es durchschnittene echte Perlen, welche dem schwarzen Steingrunde eingelassen waren.


»Das muß ja ein Schaf sehen, was das wert ist«, murmelte Beatrix, mit ihren sehr schön geformten Fingerspitzen über die glatte, kühle Fläche eines dieser Mosaikpaneele streifend. »Nein, lieber Onkel, das wird nicht weggeschenkt, sondern hübsch selbst behalten. Keine Kaiserin hat ein solches Zimmer! Und zu denken, daß die dumme Trix Dornberg eins hat! Na, Trix, da reiße dich aber mal hübsch zusammen, damit du so'n Zimmer auch verzieren kannst!«

Sie lachte vergnügt vor sich hin und suchte den Schlüssel für ein breites, auf schweren, gewundenen Säulenfüßen stehendes Kabinett, dessen Einlagen besonders prächtig, dessen Beschläge aus echter Goldbronze waren. Es war mit drei Reihen Schubfächern ausgestattet, von denen jedes einzelne Mosaikeinlagen aufwies sowie einen Griff mit Klöppel von Goldbronze zum Aufziehen – im ganzen waren es achtzehn Schübe.


Beatrix zog den ersten auf gut Glück auf – da lagen nebeneinander, mit liebevollster Sorgfalt geordnet, drei alte, sehr alte Fächer mit wundervoll geschnitzten Elfenbeingestellen. Daneben liegende Zettel besagten, daß sie von Watteau, Boucher und dem deutschen Watteau Johannes Zick gemalt waren und historischen Persönlichkeiten gehört hatten.


»Als ob ich das nicht verstände!« rief Beatrix laut aus und öffnete den nächsten Schub, in dem eine gelbliche Wolke etwas zerfetzter, aber sehr wertvoller Brüsseler Spitzen lag, und der Zettel dabei sagte aus, unter Berufung auf Gewährsmänner, daß Marie Antoinette sie getragen als Garnitur eines ihrer Schäferhüte von Trianon.

»Versteh' ich auch!« behauptete Beatrix überlegen und zog den dritten Schub auf. Es lag nur ein langes, schmales und niederes Kästchen darin von Olivenholz, schlicht gearbeitet und sicher neuen Datums, einer jener Federkasten, wie man sie in jeder Schreibmaterialienhandlung dutzendweis kaufen kann. Nur hatte dieser hier ein gutes, feingearbeitetes Schloß, das verschlossen war. Der daneben liegende Zettel sagte als »Merker«: »Schlüssel hängt an meiner Uhrkette.«

Beatrix erinnerte sich, daß ihr der Justizrat gesagt hatte, wo sich die Uhr und Ringe des Verstorbenen befänden – in der obersten Schieblade des Schreibtisches, rechter Hand. Und dort lagen sie auch und an der Kette der Uhr hingen sogar mehrere kleine Schlüsselchen, von denen einer nach einigem Suchen den in dieser Umgebung schrecklich nüchtern aussehenden Federkasten öffnete, und darin lag, lang ausgestreckt, ein sicherlich sehr altes Schmuckstück, fast von der Form, wie man heute wieder jene Damenkolliers trägt, welche man mit dem hübschen Namen »Hundehalsbänder« bezeichnet. Hier waren es sechs, etwa 5 cm hohe und ebenso breite Quadrate, welche als Fassung für ungefähr 1 cm kleinere, tafelförmig geschliffene Edelsteine – abwechselnd Spinelle, Berylle und weiße Saphire – dienten, sehr schöne Goldarbeiter-Arbeit aufwiesen und durch viele Reihen sehr feiner Goldkettchen miteinander verbunden waren, die wiederum durch Perlen in versetzten Abständen zusammen gefaßt waren. Der letzte dieser Edelsteinquadrate diente als Schloß und zwar ähnlich den Schnappschlössern, wie sie zu den gleichen Zwecken heute noch gefertigt werden. Das Gold dieses Schmuckstückes war blind geworden, aber die Steine, mit Silberfolie unterlegt, funkelten und blitzten, als wären sie gestern erst gefaßt worden und schleuderten förmlich rosenrote, grüne und stahlblaue Strahlenbündel aus ihren gleißenden Flächen.

»Ordentlich unheimlich!« dachte Beatrix und wollte den eigentümlichen Schmuck herausheben, als ihr Papierblätter in die Hände fielen, welche auf der Innenseite des Deckels eingeklemmt gewesen. »Vorsicht! Nur mit dicken Handschuhen anrühren!« stand mit des Grafen zollgroßen Buchstaben auf der ersten Seite geschrieben. Diese Mahnung hatte zur Folge, daß Beatrix schleunigst ihre Hände zurückzog und den glänzenden Schmuck ganz erschreckt ansah, der auf seiner Unterlage eines Stückes weißen Seidenplüsches förmlich dazu einlud, um einen schönen weißen Hals gelegt zu werden. Natürlich nahm sie nun die beschriebenen Blätter vor und las folgendes:

»Diesen Schmuck fand ich 1890 bei einem Antiquar, der ein ehrlicher Mann war, in Florenz. Er, das heißt der Schmuck, lag in einer elenden Pappschachtel und fiel zufällig heraus, als der Mann mir aus seinem Schreibtische einen (übrigens gefälschten) Brief Napoleons I. herauskramte. Er schien heftig erschrocken, daß ich den Schmuck sah, und weigerte sich entschieden, ihn mir zu verkaufen. Ich war aber darauf versessen, da ich in dem Halsband, das mich der Mann übrigens nicht einmal anrühren ließ, eine schöne Arbeit des fünfzehnten Jahrhunderts erkannte, und ging täglich und plagte ihn um den Schmuck. Er blieb fest in seiner Weigerung und erzählte mir endlich mit sichtlicher Überwindung dessen Geschichte. Danach war der Antiquar der Sproß eines adligen, italienischen Geschlechtes, das im Laufe der letzten Jahrhunderte allmählich verarmt war und schon einmal, am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, an der Schwelle des Ruins gestanden hatte, als es sich den Haß Cesare Borgias, des Herzogs von Valentinois zugezogen hatte, weil eine Tochter des Hauses die Liebe des damals in Italien Allmächtigen zurückgewiesen hatte. Scheinbar war dieser Haß dann schlafen gegangen, und als dann Beatrice sich später einem Edlen von Urbino vermählte, sandte Don Cesare sogar als Brautgabe diesen Schmuck. Entzückt von dem fürstlichen Geschenk, legte die holde Braut ihn zur Probe um den Hals und sank im nächsten Augenblick tot zu Boden. Da man vermutete, daß das Halsband vergiftet gewesen, reinigte man es sorgsam mit einer für wirksam gehaltenen Flüssigkeit und hob es unter den Juwelen des Hauses auf. Mehrere Generationen später reizte er indes die Begier einer Tochter des Hauses, die darauf bestand, den Schmuck zu besitzen und zu tragen. Da man ihn nun für ungefährlich hielt, ward er ihr gegeben – doch kaum umschloß er ihren Hals, als auch sie jäh starb. Da man nach so langer Zeit an eine Wirksamkeit eines noch daran haftenden Giftes nicht glauben konnte, so dachte man an einen bösen Zauber und schloß nun den Schmuck so ein, daß niemand dazu konnte, und so blieb er unbenutzt liegen und folgte der Familie allmählich vom Palast zur elenden Mietwohnung nach, denn ein abergläubisches Gefühl hielt sie zurück, dies Medeageschenk zu verkaufen – zudem hielt man die Steine für unecht. So kam das Halsband in den Schreibtisch im zwiebelduftenden, spelunkenartigen Laden des Antiquars von Borgo Jacopo in Florenz, und dort fand es des Besitzers eigene, achtzehnjährige Tochter, die es ahnungslos um den vollen Hals schlang und mit der Bitte: ›Schenk mir das, Vater«, vor den Antiquar trat. Entsetzt sprang dieser auf, ihr den Schmuck zu entreißen, lachend entschlüpfte sie ihm, tanzte damit in dem Laden herum – und sank dann urplötzlich, wie vom Schlage getroffen, tot zusammen. – Nach dieser Erzählung wagte ich nicht mehr, um den Schmuck zu quälen, und siehe da, der Mann schenkte ihn mir, indem er alle Verantwortung für die Folgen meines Besitztums feierlich von sich wies. Erst wollte ich ihn natürlich nicht, und nun war er's, der die Schachtel kurzweg in meine Rocktasche schob und von Bezahlung nichts hören wollte. Na, ich nahm dann das Ding und entschädigte den armen Kerl durch eine Masse wertloser Einkäufe, die ich ihm so hoch bezahlte, als er dafür forderte. Dann zeigte ich die Steine einem Sachverständigen, der sie für echt und von recht beträchtlichem Wert er klärte – die Perlen waren leider total verdorben durch langes Liegen. Ich ging nun hin und sagte dem Antiquar, daß die Steine echt seien – doch er wollte den Schmuck nicht zurücknehmen und nicht einmal den ungefähren Wert der Steine bezahlt haben. Da fragte ich ihn, ob ich als Entgelt seinem Kinde ein Grabmal stiften dürfe, und das erlaubte er mir mit leuchtenden Augen. So hat denn das im zwiefachen Sinne arme Mädchen jetzt ein Marmordenkmal wie eine Prinzeß – sie macht's nicht lebendig, den Alten aber hat's selig gemacht – na, und meine Pflicht habe ich damit erfüllt. Ich habe die Steine schon längst herausnehmen lassen wollen, bin aber noch nicht dazu gekommen. Der ›Zauber‹ ist natürlich Blödsinn, aber möglich ist's schon, daß irgendwo an dem Dinge ein verborgenes Gift sitzt – man war in Anbringung desselben satanisch geschickt in jener Zeit und der perfideste aller Perfiden in der Anwendung seiner Gifte war Cesare Borgia. Ich habe zwar, gut behandschuht, das Halsband mit der Lupe untersucht und nichts Verdächtiges daran gefunden, aber verdächtig bleibt der Schmuck trotzdem und ich empfehle meiner Erbin, ihn nicht anzulegen. Will sie ihn nicht aufbewahren, soll sie die Steine unter Anwendung aller Vorsichtsmaßregeln herausnehmen lassen, denn sie sind in der Tat sehr schön und wertvoll. Ich freue mich, daß ich noch imstande war, dies zu schreiben, denn mich quälte der Gedanke, daß am Ende Unheil entstehen könnte, wenn meine Nichte den Schmuck findet. Hat sie dies gelesen, so ist die Last der Verantwortung von meinen Schultern genommen.

Rudolf Graf v. Zell


Beatrix sah, nachdem sie diese Zeilen gelesen, nachdenklich auf das Halsband herab. »Habe ich das Ding nicht gleich unheimlich gefunden?« dachte sie. »Und ob der Onkel noch viel solche Sachen hat mit Warnungstafeln daran? Natürlich werde ich die Steine herausnehmen lassen – schon damit kein Unfug mit dem alten Dinge passiert.«

Sie schloß das Olivenkästchen wieder zu und gähnte herzhaft. »Ich glaube, ich bin doch zu müde, um mehr zu sehen«, meinte sie. »Morgen ist auch noch ein Tag!«

Und mit diesem weisen Troste begab sie sich rasch in ihr mächtiges geschnitztes Bett und schlief hinter den purpurnen Damastvorhängen unbehelligt von Geistern und bösen Träumen den festen, gesunden Schlaf der Jugend in ihr neues Leben hinein – ahnungslos, daß die verschleierte Zukunft schon bereit saß, das Dornenkrönlein für ihre junge Stirn zu flechten, ohne das nun einmal die wenigsten durch das irdische Dasein zu einer besseren Welt gelangen.



Kapitel 4

Justizrat Klaus schlief in dieser Nacht nicht so gut. Am Abend heimgekehrt von Frauensee, hatte er, da er Junggeselle war, noch seinen Klub aufgesucht, um dort ein Nachtessen zu nehmen und daselbst mehrere Bekannte getroffen. Auf die Erwähnung, daß er von Frauensee komme, woselbst er die Erbin installiert habe, folgten naturgemäß einige Fragen, darunter die, ob sie denn beabsichtige, allein auf ihrem Besitz zu bleiben. Der Justizrat erzählte darauf nicht ohne Behagen, wie es ihm gelungen sei, just die rechte Person als Ehrendame für die junge Herrin von Frauensee anzuwerben.

»Man mußte dabei natürlich sehr vorsichtig sein«, schloß er, »denn Fräulein v. Dornberg muß vor allem vor Elementen geschützt werden, welche ihre Jugend und ihren Reichtum ausnutzen könnten für ihre eignen egoistischen oder gar schmutzigen Zwecke. Frau v. Graßmann ist da ganz die geeignete Persönlichkeit – sie hat das auf ihrem letzten Posten als Ehrendame der mutterlosen jungen Gräfinnen v. A. bewiesen. Dazu hat sie das richtige Alter – ich schätze sie auf fünfzig Jahre – ist eine schöne, vornehme Erscheinung, von bester Familie und selbstredend bestem Ruf – und ist – was ich mit zu den Hauptsachen rechne, ohne Anhang, für den sie also folglich auf solch' verantwortlichem Posten nichts herausschlagen kann.«


»Hm«, hatte einer der Herren darauf gesagt, »die Sache ist nur die – hm – nicht daß ich Frau v. Graßmann auch nur eine der Tugenden, die Sie, lieber Klaus, ihr zuschreiben, streitig machen möchte oder könnte – nur die Sache mit dem ›Anhang‹ stimmt nicht, denn die Dame hat einen Sohn!«


»Einen – was?« fuhr der Justizrat auf.

»Na, sie wird ihn doch nicht vor Ihnen verleugnet haben?« war die lachende Erwiderung. »Er ist auch übrigens ein schwer zu verleugnendes Objekt, dieser Max Graßmann, denn im letzten Spielerprozeß hat er bekanntlich eine Rolle gespielt, die ihm ein bißchen den Kragen gekostet hat, nämlich den von seiner Husarenuniform. Wenigstens temporär, denn man glaubt, er wird wieder in die Armee aufgenommen werden, wenn erst etwas Gras über die Geschichte gewachsen ist, weil er noch mit einem verhältnismäßig blauen Auge aus der Affäre herausgekommen ist. Und bis zu seinem Wiedereintritt in die Armee nährt er sich doch natürlich auch nur aus Mutters Tasche – er soll momentan hier in Berlin herumlungern. Unter seinen Kameraden war er übrigens nicht sehr beliebt – die haben ihn sicher ohne Schmerzen scheiden sehen!«


»Der Justizrat sagte weiter nichts, denn die Nachricht traf ihn recht unerwartet und unerwünscht. Zwar, wenn er's erwog, mußte er sich sagen, daß eine große Gefahr dadurch für Beatrix v. Dornberg nicht vorlag, denn – –

Zum Ausdenken dieses Trostes kam er nicht, denn ein anderer der Herren sagte: »Dann wundert's mich nur, daß die Mutter nicht versucht hat, ihren Herrn Sohn mit einer ihrer beiden Schutzbefohlenen zu verheiraten. Verdammt reiche Partien, die A's.«

»Ja, woher wissen Sie denn, daß sie's nicht versucht hat?« fragte ein dritter.

»Nicht denkbar!« erwiderte der erste. »Dort lag sozusagen der Knüppel beim Hunde, denn der Vormund, der seine Instruktionen hatte, paßte auf wie ein Luchs, daß nichts hereingeschmuggelt wurde, was Konterbande war. Nun wäre er ja schließlich nicht der erste Vormund gewesen, den man hätte nasführen können, aber die jetzigen Ehemänner von Frau v. Graßmanns Schützlingen waren den jungen Damen schon von Kindheit an bestimmt worden, und da gegenseitig später keine Abneigung eintrat, so ging die Sache ganz glatt und einfach. Nein – hier waren Frau v. Graßmann für etwaige Heiratspläne mit ihrem Sohne die Hände doch allzusehr gebunden, als daß sie die pekuniären und anderen Vorteile dieser Stellung leichtsinnig in die Schanze geschlagen hätte. Denn sie ist sehr klug – sehr! Wer sich durchs Leben so durchschlagen muß, wie sie's getan hat, immer abhängig ist und mit krummem Rücken vor launischen Brotherren scharwenzeln muß ums liebe Leben für sich und den nervus rerum für den Lümmel von Sohn, der wird klug, selbst wenn's von Anfang an nicht in ihm stecken sollte. Frau v. Graßmann ist sicher eine sehr elegante Erscheinung, aristokratisch und weltgewandt, dabei enorm liebenswürdig, aber ich glaube nicht, daß diese Eigenschaft ihr angeboren ist – eher angewöhnt. Aber aalglatt ist sie, nirgends zu fassen, na, und das ist ja heutzutage beinahe eine Tugend.«

Der gute Justizrat ging mit recht unbehaglichen Gefühlen an jenem Abend heim. Warum hatte ihm Frau v. Graßmann nicht gesagt, daß sie einen Sohn hatte? Es ist wahr, er hatte sie nicht darum gefragt, aber wie hätte er auch darauf kommen sollen? Den Namen des Leutnants v. Graßmann hatte er zwar in dem bewußten Spielerprozeß gelesen, aber nicht in Zusammenhang mit Beatrix Dornbergs künftiger Ehrendame gebracht, denn der Name war nicht gerade selten und sogar noch einigemal in der Armee vertreten. Zudem, wer sagte ihm denn, daß Frau v. Graßmann eine Intrigantin sein mußte? Das konnte sie schon gar nicht sein nach ihrem Vorleben und nach ihrer tadellosen Rolle im Hause A. Und selbst wenn Bedenken aufstiegen – der Kontrakt mit ihr lief bis Neujahr und es lag keine Verpflichtung vor, ihn dann zu erneuern. Hätte Beatrix überhaupt noch unter Vormundschaft gestanden, dann fiel jedes Bedenken fort, aber sie war mündig erklärt worden nach des Testators Bestimmung, bevor sie ihr Erbe antrat, und damit war jedem fremden, gefährlichen Element Tür und Tor bei ihr geöffnet. Wenn ihre jugendliche Unerfahrenheit eine Gefahr nicht sah oder sie ihr Ohr wohlmeinendem Rate verschloß, dann war nichts mehr zu wollen, und es mußte alles laufen, wie's eben lief, weil keine Autorität da war, die hier eingreifen konnte. Was hatte der Justizrat nicht gegen diese verfrühte Majorennitätserklärung gesprochen und eingewendet – alles umsonst. Nun aber hatte der Justizrat Beatrix Dornberg in sein gutes, altes Herz geschlossen – nicht als Klientin, sondern um ihrer selbst willen, weil ihm dies frische junge Menschenkind in seiner ganzen souveränen Harmlosigkeit wohltat und ihn erquickte und erfrischte, und darum tat es ihm weh, daß er so gar kein Recht hatte, zu ihrem Wohle tätig einzugreifen. Freilich, wachen konnte er trotzdem und ein offnes, freies Wort riskieren, solange Beatrix sich's sagen ließ, aber wie lange würde das dauern?

Kurz, der gute Justizrat hatte eine schlechte Nacht.


Beatrix im Gegenteil schlief herrlich und da sie verhältnismäßig früh schlafen gegangen war, so wachte sie auch früh auf und saß, verwundert ihre Umgebung betrachtend, im Bett auf. Man hatte vergessen, die Fensterläden zu schließen und darum war's taghell im Zimmer, trotzdem es erst fünf Uhr war, wie ein Blick auf die alte Ständeruhr dem Bett gegenüber sie belehrte. Sie war sozusagen fuchsmunter, und der frühen Morgenstunden im Vaterhause gedenkend, sprang sie rasch aus dem Bett und zog sich flink an. Hinaus in die herrliche Frische des Maienmorgens, das war ihr Begehr – ein tüchtiger Marsch vor dem Frühstück, so hatte sie's daheim mit ihrem Vater gehalten und beide hatten dann einen rechtschaffenen, gesunden Appetit nach Hause gebracht – wie die Scheunendrescher! Sie warf ein kurzes graues Lodenkostüm mit joppenartig gearbeiteter Jacke über, zog derbe Lederstiefel und Gamaschen an, stülpte einen echten steirischen Filzhut auf das kurze, gelockte, blonde Haar, und verließ, ein Paar Wildlederhandschuhe in der Rechten schwenkend, leise ihre Zimmer. Vermöge ihres gut entwickelten Orientierungssinnes fand sie sich auch bald hinab in die Halle des großen, stillen Hauses, in dem noch alles schlief – sie schob die Riegel der schweren, beschlagenen gotischen Tür zurück und huschte ins Freie.

Herrgott, was war das schön da draußen! Frisch war's noch, fast kalt sogar, aber welche Pracht, denn wohin die Strahlen der Maienmorgensonne fielen, da funkelte es vom Tau in dem frischen, sprossenden Grün. Mit dem Nordflügel, das heißt mit der Kirche, lag die Abtei hart am Walde, und da hinein schritt Beatrix. Im Gezweig funkelte und blitzte die Sonne und die Vögel schmetterten, jubelten, jauchzten ihr Morgenkonzert, daß Beatrix jenes Lied einfiel, das die Schulkinder in Dornberg immer sangen:


Welch ein Singen, Musizieren,
Pfeifen, Zwitschern, Tirilieren,
Frühling will schon einmarschieren,
Kommt mit Sang und Schalle!


Und mit dem Liede fiel ihr auch die Melodie ein, und weil ihr das Herz so leicht und die Seele so frisch war, so sang sie's mit ihrer hellen, klaren Stimme laut hinaus in den Wald.

Ein höchst verlockender schmaler Fußweg zur Linken ließ Beatrix bald vom Wege abbiegen, und da war's erst schön unter den dichten Kronen der Buchen und Eichen, die hier, nur selten durch Nadelhölzer unterbrochen, ein Waldesdickicht schufen, wie es das Hochwild liebt und die Holztaube zum Nisten.

Wie lange sie den Fußweg verfolgte durchs Dickicht, in welchem nur spärliche Sonnenstrahlen sich mit dem lichten, krausen Haar unter dem echten steirischen Filz neckten, das wußte Beatrix selbst nicht, sie wußte nur, daß sie weiter mußte, immer weiter in dem frischen, grünen Walde, in dem jedes Blättlein ihr eigen war, jeder Stamm ihr gehörte, ihr ganz allein. Hier allein im Walde in aller Herrgottsfrühe freute sie sich zum zweitenmal ihres Besitzes – zum erstenmal hatte sie sich dessen gefreut, als der Justizrat ihr die Quittungen über ihres seligen Vaters bezahlte Schulden gebracht – damals hatte sie wie befreit aufgeatmet, und es war heiß aus ihrem jungen Herzen in ihre Augen hinaufgequollen. Heute wurde sie sich ihres Besitzes aber besser bewußt, und daß alles, der herrliche Wald voraus, ihr gehören sollte, das kam ihr so lustig vor, daß sie laut herauslachte in die grüne Waldeinsamkeit und ganz erschrocken war, als eine Holztaube über ihrem Kopfe ihr zufällig sekundierte. Und das schien ihr wiederum dann so drollig, daß sie noch lauter lachte und ihr Tempo dermaßen beschleunigte, daß es in Anbetracht der den Weg anmutig verzierenden Baumwurzeln ganz bedenklich wurde für die Sicherheit ihrer Füße, die freilich über die jedem anderen Menschenkind zweifellos gefährlichen Hindernisse hinwegflogen, als berührten sie den Boden nicht. Und so wäre Beatrix wohl bis in die Ewigkeit weitergelaufen, wenn nicht der Wald urplötzlich aufgehört und ein sehr anständig breiter Graben ihrem Siegeslauf durch ihr Eigentum Einhalt geboten hätte. Drüben auf der anderen Seite war eine niedrige Hecke von Schlehdorn, hinter der sich ein Feld mit Klee ausdehnte – »mein Klee!« wie sich Beatrix stolz versicherte. Der dumme Graben – breit, tief und naß war er auf dem Grunde – warum führte kein Steg darüber? Aber halt – was war denn das? Wahrhaftig, eine Hasenschlinge dicht an einer Lichtung der Schlehdornhecke!

»So eine Gemeinheit!« dachte Beatrix empört und fühlte in ihre Kleidertasche nach dem kräftigen Taschenmesser, das sie immer bei sich führte zur Ausführung diverser guter Gedanken. »Diesem Handwerk wollen wir doch gleich mal ein Ende machen!« versicherte sie sich selbst und begann den Graben zu »nehmen«. Es ging ganz gut – nur unten kam sie bis an die Knöchel ins Wasser und oben landete sie mit solcher Wucht, daß der Hut ihr im weiten Bogen voraus und über die Hecke eilte. Sie hielt sich aber mit dem Flüchtling vorläufig nicht auf, sondern klappte ihres Messers stärkste Klinge auf und begann kniend sogleich die Zerstörung der Hasenschlinge – ein Werk, das ihr von daheim her vollkommen vertraut war. Sie war so eifrig bei der Sache, daß sie nicht hörte, wie es hinter der Hecke verdächtig knarrte, und ehe sie nur Zeit hatte, überhaupt aufzusehen, packte eine kräftige Männerhand sie fest bei den Haaren, schüttelte sie, daß ihr Hören und Sehen verging, und ein tiefer Bariton schrie sie an:

»Hab' ich dich erwischt, du infamer Bengel! Wart', ich werde dich lehren, Hasenschlingen zu legen! Jetzt gibt's Bimse, nichtsnutziger Lümmel du!«

Ehe der Angreifer aber seinen Worten die Tat folgen ließ, erholte sich Beatrix von ihrem Schrecken und der getretene Wurm erwachte in ihr. Sie ließ ihr Messer fallen, schlug kräftig auf die sie haltende Hand ein und sprang auf.

»Sie sind wohl nicht bei Troste?« rief sie zornbebend und rot vor gerechter Entrüstung. »Erstens lege ich keine Schlinge, sondern ich zerstöre sie, zweitens kann ich auf meinem Grund und Boden tun, was mir paßt, und drittens bin ich weder ein infamer Bengel, noch ein nichtsnutziger Lümmel, und ich verbitte mir solche Schimpfworte!«


»Na, da schlag' einer den Deiwel tot!« scholl es verblüfft über die Hecke, und die beiden Widersacher standen und sahen sich über dieselbe eine Weile sprachlos an – sie, weil ihr Angreifer für einen Waldwärter ihr doch merkwürdig vornehm vorkam. Er aber sah mit schönen, offenen braunen Augen auf die merkwürdige Entwicklung von einem vermuteten semmelblonden Dorfinsassen zu einer flachshaarigen jungen Dame, betrachtete einen grünen Filzhut in seiner Linken und zog dann seinen eigenen Jägerhut vom Kopf.


»Den Bengel sowie den Lümmel nehme ich feierlichst zurück«, sagte er scheinbar mit dem größten Ernst, aber um seine Mundwinkel zuckte es verräterisch. »Ich bedaure auch – hm – ein bißchen fest zugegriffen zu haben – irren ist menschlich und dem freundlichen Verfasser dieser Hasenschlinge laure ich seit acht Tagen schon vergebens auf –«


»Ein bißchen fest zugegriffen!« unterbrach ihn Beatrix von neuem empört. »Rauft mir fast die ganzen Haare aus und nennt das ein bißchen fest zugreifen! Sie haben hier überhaupt nichts zu suchen!«


Der andere verbeugte sich und lachte diesmal unverhohlen.

»Ich wollte mir eben erlauben, das Gegenteil zu behaupten«, sagte er vergnügt. »Gnädigste hatten schon vorhin die Gnade, zu erklären, daß dies Ihr Grund und Boden wäre, aber so schwer es mir wird, einer Dame widersprechen zu müssen, so muß ich doch sagen, daß wir hier zweifellos auf meinem Besitz stehen, womit ich die Ehre habe, mich Ihnen vorzustellen als Ihren ganz ergebenen und sehr zerknirschten Knecht Hans von Truchseß auf Kroschwitz!«

»Nein!« sagte Beatrix im ersten Schrecken höchst formlos. »Das Feld gehört doch aber zu Frauensee!«

»Pardon, es gehört zu Kroschwitz«, war die verbindliche Erwiderung. »Der Graben hier ist die Grenze zwischen den Gütern. Es hilft nichts«, setzte er heiter hinzu, »Gnädigste haben sich einer Grenzüberschreitung aufs gesetzwidrigste zuschulden kommen lassen!«


Beatrix sah den Graben an und die zerstörte Hasenschlinge, endlich ihren Nachbarn und lachte dann hell auf.

»Na, dann hätte ich mich ja recht nett hier eingeführt«, meinte sie, ihm ohne Ziererei die Hand über die Hecke reichend. »Darum keine Feindschaft nicht, Herr Nachbar – ich bin nämlich Beatrix von Dornberg und erst gestern in Frauensee eingetroffen.«

Hans v. Truchseß führte die kleine, von der Morgenfrische ganz erfroren aussehende Hand an seine Lippen.

»Es dämmerte mir, daß Sie's sein könnten«, sagte er herzlich, »aber ganz sicher war ich meiner Sache doch nicht, weil – weil Sie mir ein bissel zu jung dazu vorkamen –«

»Bitte, ich bin neunzehn Jahre alt«, erwiderte Beatrix zur Verteidigung ihres Alters.

»Methusalem ist nichts dagegen«, beeilte er sich, sein verunglücktes Kompliment wieder gutzumachen. »Aber, alt oder jung – nach der Art von Bekanntschaftmachen müssen wir kolossal gute Nachbarn werden – ich werde mir wenigstens alle mögliche Mühe geben!«

»Ach so, Sie meinen, erst sich raufen und dann vertragen, ist besser als umgekehrt«, lachte Beatrix, indem sie ihr Messer aufhob, zuklappte und dasselbe seelenruhig einsteckte, ahnungslos, daß der erstaunte und ergötzte Blick ihres Nachbarn diesem für einen Holzknecht sicherlich sehr passenden Instrumente galt.


»So meinte ich«, bestätigte er ihr verständnisvolles Eingehen auf die Situation und setzte hinzu: »Herrgott, was bin ich froh, daß ich nicht gleich zugehauen habe. Aber wie ich, hinter der Hecke lauernd, den Filz darüber fliegen sehe – ja, wo kommt denn überhaupt der alte, ruppige Filz her, wenn Sie's doch waren?« unterbrach er sich erstaunt, sah aber zu spät ein, daß er einen Bock geschossen hatte, denn Trix riß ihm besagtes Objekt empört aus der Hand und sagte, in ihren heiligsten Gefühlen gekränkt:

»Das ist meiner, und wenn Sie einen nagelneuen Hut von einem alten ruppigen Filz, wie Ihrer ist, nicht unterscheiden können, dann tun Sie mir einfach leid. Vorgestern erst in Berlin gekauft für sieben Mark fünfzig Pfennig!«

»Dann hat man Sie angeschmiert«, verteidigte sich Hans v. Truchseß, weil er sich nicht noch tiefer hereinlegen wollte. »Ich gebe nie mehr wie fünf Mark für meine Hüte und Sie haben doch nicht entfernt solch dicken Kopf wie ich!«

»Das ist wahr«, gab Beatrix zu, indem sie ihrem »Kiff« etwas gewaltsam die verlorene Fasson wiederzugeben versuchte. »Deswegen brauchten Sie das Ding aber immer noch nicht so zusammenzuknautschen – – wie der Schabbesdeckel nun gleich aussieht«, meinte sie vorwurfsvoll, die Kopfbedeckung auf ihr blondes Haupt stülpend. »Wenn ich mich mal später aus Rache zufällig auf Ihren neuesten Zylinder setzen werde, brauchen Sie also nicht weiter groß erstaunt zu sein!«

»Danke für gnädige Warnung«, lachte Hans von Truchseß. »Wovon sprachen wir doch, ehe der unglückliche Hut dazwischenredete? Ja so, von der guten Nachbarschaft. Also auf die darf ich rechnen, ja? Das ist famos! Übrigens sind wir ja verwandt, wissen Sie das?«

»Durch einen Scheffel Erbsen, wie der Schlesier sagt«, neckte Beatrix.

»I wo, gar nicht mal so weit her«, erwiderte er. »Meine Tante war doch –«

»Deine Tante –«

»Präzis. Gräfin Rudolf Zell war meines Vaters leibliche Schwester und Graf Rudolf Zell Ihrer Frau Mutter leiblicher Bruder. Wenn wir da nicht Kusine und Kusin, oder zu deutsch Vetter und Base sind, da weiß ich dann überhaupt nicht mehr, was Verwandtschaft ist!«

,,Wahrhaftig!« sagte Beatrix mit ganz großen Augen. »Das ist ja sogar ganz richtige Verwandtschaft! Und kein Mensch hat mir davon gesagt, daß ich einen Vetter als so nahen Nachbarn habe! Na, jedenfalls freut's mich riesig, Vetter Truchseß!« und sie reichte ihm nochmals ganz harmlos die Hand über die Hecke hinüber.

»Schönen Dank, Kusine – nein, Kusine Dornberg kann ich doch nicht sagen, das klingt so altmodisch«, erwiderte er, die Hand herzlich drückend, »wenigstens ich für meine Person heiße Johannes, genannt Hans!«

»Bon!« erklärte sie befriedigt. »Und ich heiße Beatrix, genannt Trix!«

»Trix! Sie könnten überhaupt gar nicht anders wie Trix heißen. – Also Trix! Kusine Trix. Nun wir mit Namen und Verwandtschaft im reinen sind, werden wir uns am Ende dann wohl auch duzen müssen, wie?«

»Ja«, meinte Trix nachdenklich, »da wird wohl nichts anderes übrigbleiben! Ich habe sonst nämlich gar keine Vettern.

Und ich muß auch sagen, daß es eigentlich sehr affig ist, wenn so nahe Verwandte sich siezen!«

»Affig, das ist das richtige Wort«, lobte Hans Truchseß seine holde, frisch entdeckte Base mit verdächtig zuckenden Mundwinkeln. »Und da wir beide, wie's scheint, grundsätzlich Gegner aller Affigkeiten sind, so machen wir die dumme Mode nicht mit!«

»Positiv nicht«, rief Trix vergnügt lachend und reichte ihm zur Bekräftigung zum drittenmal die Hand über die Hecke und zum drittenmal nahm er das schmale, rotgefrorene Händchen in seine große braune Sportsmanns-Faust und drückte es so kräftig, als er sich's traute, ohne fürchten zu müssen, es zu zermalmen.


Nach dieser Zeremonie zog Trix ihre Uhr und warf einen kritischen Blick darauf. »Jetzt muß ich aber nach Hause«, erklärte sie energisch. »Also adieu, Vetter Hans, und wenn dir's paßt, so besuch' mich mal in Frauensee!«

»Wenn du's erlaubst, mit Vergnügen, Kusinchen«, erwiderte er. »Denk' mal, daß ich als zwölfjähriger Junge zum letztenmal in der Abtei war, kurz ehe Tante Zell das Haus für immer verließ. Na, und nachher schüttelte sich Onkel Rudolf alles ab, was Truchseß hieß, und wenn ich ihn sah, geschah's nur von weitem. Ungerecht war's wohl, gegen meine gute Mutter besonders, aber, na – er ist tot und wird's ja jetzt vor einem Höheren zu verantworten haben. Doch warum denn so eilig, Kusine? Erwartet dich jemand in der Abtei?«

»Gott sei Dank, noch nicht«, entgegnete Trix aus vollem Herzen. »Aber ich habe noch nicht gefrühstückt und einen Hunger hab' ich wie ein sibirischer Wolf!«

»Donnerwetter! Da hat's freilich Eile«, gab er verständnisvoll zu. »Ich habe aber schon gefrühstückt und darum erlaubst du wohl, daß ich dich ein Ende begleite, ja?«

»Ei, das ist fein«, rief Trix vergnügt und das Paar machte sich unverzüglich auf den Weg, daß heißt Hans Truchseß zeigte ihr einen andern, als den Fußpfad, den sie gekommen war, und der direkt nach der Abtei führte und breit genug war, um für zwei nebeneinander Platz zu bieten. Während des Marsches schwatzten die beiden munter drauf los – Hans Truchseß erzählte der neu entdeckten Kusine, daß er erst nach dem Tode seiner Mutter das Majorat übernommen, das sie bisher für ihn verwaltet hatte, daß er aber ganz gern des Königs Rock ausgezogen habe, weil er das Landleben liebte und vielleicht auch mehr Talent zum Gutsherrn hätte als zum Feldherren. Noch sei's ja jetzt ein bißchen einsam im Kroschwitzer Herrenhause, aber vielleicht nicht mehr für allzu lange – – –

»Und du willst ganz allein hausen in der großen Abtei, Kusinchen?« fragte er dabei in richtiger Gedankenfolge.

»Ach Gott, wie gern, wenn sie mich bloß lassen wollten«, seufzte Trix, froh, jemand zu haben, dem sich's so leicht das Herz ausschütten ließ. »Aber was nutzt mir der ganze Besitz, wenn ich mir dazu eine Fremde als sogenannte Ehrendame aufholzen lassen muß, die natürlich ihr möglichstes tun wird, mir mein bißchen Freiheit nach Kräften zu kürzen. Aber das kann ich dir auf Stempelpapier geben, Vetter – wenn sie sich zu sehr mausig macht, wird sie an die Luft gesetzt! Soll ich noch dafür bezahlen, mich tyrannisieren zu lassen? Na, da kennt ihr Trix Dornberg schlecht! Nachgeben tut sie, des lieben Friedens wegen, jawohl, und dann setzt sie sich auf die Hinterbeine und bockt!«

»Adieu, Ehrendame«, lachte Hans Truchseß, und freute sich köstlich. »Und wer ist denn das Wesen, das sich nichtsahnend bei dir auf das Pulverfaß begibt?«

»Sie heißt –« Trix hielt inne und blieb jetzt sogar stehen, und sah den Vetter mit ganz verdutztem Gesicht an. »Ja«, sagte sie dann unsicher, »wie ist denn das? Sie muß ja deine Tante sein, denn man hat mir doch gesagt, daß Frau von Graßmann eine geborene Truchseß von Kroschwitz ist!«

»Frau von Graßmann!« wiederholte Hans Truchseß langsam. »I ja – freilich ist sie meine Tante! Und die hast du dir als Ehrendame ausgesucht?«

»Ich? Keine Spur – das hat der Justizrat besorgt«, verteidigte sich Trix lebhaft. »Ich hab' überhaupt keine gewollt!«

»So? Also Tante Sophie kommt zu dir;« wiederholte Truchseß.

»Na, das scheint dich auch weiter gerade nicht mit Begeisterung zu erfüllen«, rief Trix halb lachend aus. »Die Wirtschafterin in der Abtei machte, als sie den Namen hörte, ein Gesicht, zwei Ellen lang, und deins ist dabei nicht viel kürzer geraten! Was ist denn nur los? Der Justizrat war ganz aus dem Häuschen vor Stolz und Glück über die glänzende Eroberung für mich, es scheint mir aber doch, als ob die Sache ihren Haken hätte!«

»I, nun, nein – das kann man eigentlich auch nicht sagen«, erwiderte Truchseß langsam. »Es ist richtig – mit der Familie hat Tante Sophie sich ein bißchen überworfen – sogar meine gute, sanfte Mutter geriet etwas in Harnisch, wenn sie von ihr sprach – auf Frauensee hat's auch etwas mit ihr gegeben, ich weiß aber nicht recht, was. Aber anderseits hat sie sich lange Jahre als Ehrendame in diversen guten Häusern sehr beliebt gemacht – ich bin ihr oft begegnet, und alle Welt war da entzückt von ihr. Warum sollte sie also nicht die geeignete Persönlichkeit für dich sein, Kusinchen? Es wäre ja sicher auch ungerecht, ihr Sachen zur Last zu legen oder sie entgelten zu lassen, an denen sie selbst jedenfalls am schwersten trägt, und an denen sie jedenfalls unschuldig ist!«

»Was dann?« fragte Trix, die aufmerksam zugehört.

»Ach – so Familienangelegenheiten«, erwiderte Hans Truchseß ausweichend. »Du weißt ja, was der Dichter sagt, daß jedermann sein Skelett im Hause habe. Tante Sophie hat ihres so gut wie andere Leute und verdient deshalb vielleicht sehr unser Mitgefühl. Aber hier, Kusinchen, sind wir dicht bei der Abtei, und ich sage dir für heut' adieu. Habe mich riesig gefreut, deine Bekanntschaft gemacht zu haben, und hoffe, du trägst mir's nicht nach, daß sie damit begonnen hat, daß ich dir in die Haare gefahren bin und dir so hübsche Ehrentitel gegeben habe!«

»Ich hab dir ja schon gesagt, Vetter, besser jetzt in die Haare gefahren als später«, versicherte Trix lachend. »Also schönen Dank für die Begleitung und nochmals: gute Nachbarschaft! Oder kommst du mit herein, frühstücken?«

»Das will ich tun, wenn die Ehrendame da ist«, erwiderte er heiter. »Zwar bin ich ein ganz ungefährlicher Mensch, schon weil – na ja, weil ich glücklicher Bräutigam bin –«

»Ja?« unterbrach ihn Trix mit großen Augen. »Oh! Ist – ist sie hier aus der Gegend? Ich meine deine – deine Braut!«

»Ei freilich – das Gut ihrer Eltern ist Nachbarschaft von Frauensee. Eigentlich ist's noch halb und halb Geheimnis, aber du darfst's schon wissen, Kusinchen – sie ist die einzige Tochter des Grafen Rablonowski auf Weißenrode!«

»Ja? Oh, dann wünsche ich dir von Herzen Glück!« sagte Trix.

»Danke, Kusinchen! Aber ich will dich wirklich nicht länger aufhalten, später erzähle ich dir mehr von ›ihr‹, das heißt, wenn du's wissen willst. Und noch eins, wenn ich mir erlauben darf, in betreff der Ehrendame so einen kleinen Wink zu geben, weil ich doch Tante Sophie so ein bißchen kenne: stell' dich von vornherein auf dein eigenes Piedestal und gib ihr eins extra! Ich weiß nicht, ob du mich verstehst, wie ich's meine?«

Trix nickte.

»Begriffsstutzig sind wir gerade nicht«, versicherte sie. »Ich hab' auch schon so Ähnliches gedacht – gerade ›Piedestal‹ hab' ich's nicht genannt. ›Persönliche Freiheit‹ pflegte es mein guter Vater zu nennen. Im Stift hatt' ich blutwenig davon und hab' deshalb auch manch liebes Mal gebockt – jetzt aber hab' ich sie und will sie mir auch nicht nehmen lassen!«

»Hm – 's ist nicht grad das, was ich meinte, aber doch in anderer Form«, erwiderte Hans Truchseß. »Also, auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen!«

Trix wandte sich der Abtei zu, Truchseß nach dem Walde zurück, doch nach ein paar Schritten wandte er sich nochmals um.

»Guten Appetit!« rief er, den Hut schwenkend, Trix aber zog den ihrigen im hellen Übermut zum gleichen Gruß.

»Danke! Was das betrifft, da soll die Abtei mal was erleben«, versicherte sie lustig und war hinter dem grauen Gemäuer verschwunden.

»Reizendes Mädl«, dachte Hans Truchseß weiterschreitend. Ein Wesen, das eingesteht, einen Wolfshunger zu haben und ein Messer in der Tasche hat wie ein Großbauer – und den Mund so auf dem richtigen Fleck – das ist ein Unikum unter der Spezies homo sapiens. Und die Augen! In meinem ganzen Leben habe ich noch keine solchen Augen gesehen mit solch unschuldigem Ausdruck mitten im hellsten Übermut. Das wäre ja schlimmer als Kirchenraub, solch einem Geschöpf auch nur ein Haar zu krümmen! Bin neugierig, wie sie Phroso gefallen wird! Gut, denke ich. Aber Hans will ich nicht heißen, wenn ich Tante Sophie nicht ein bißchen auf die Finger sehe – für den Lumpen wäre sie doch zu schade!«

»Riesig netter Mensch«, dachte Trix ihrerseits über ihre neue Bekanntschaft. »Man kann mit ihm schwatzen, gerade als ob wir uns schon als Kinder verhauen hätten. Nett, das er zur Nachbarschaft gehört – und daß er verlobt ist!«

Warum das letztere gerade zu den gerühmten Nettigkeiten gehörte, hätte Trix beim besten Willen nicht sagen können, wenn man sie gefragt hätte, denn als ihr's vertraut wurde, hatte sie im Gegenteil so etwas wie Enttäuschung durch ihr Herz huschen gefühlt – möglicherweise war's das vage Gefühl, daß eine Frau in Kroschwitz die gute Kameradschaft, die sich eben so verheißungsvoll angeknüpft hatte, beeinträchtigen könnte. Weil Trix aber eine ehrliche Seele mit stark entwickeltem Gerechtigkeitsgefühl war, so hatte sie sich auf der Stelle dieses schnöden Egoismus geschämt und suchte sich nun einzureden, daß der verlobte Nachbar netter sei, als es der unverlobte gewesen wäre.

Nach beendetem Frühstück, das sowohl in Quantität wie in Qualität Trixens Anforderungen an eine ordentliche Mahlzeit entsprach, schloß sie sich behufs weiterer Inspektion Fräulein Tinchen zu einem Rundgang durch die Abtei an und schlug einige Änderungen vor, welche ohne weiteres akzeptiert wurden.

Im Grunde genommen wußte Trix eigentlich noch nicht recht, was sie hier wollte und sollte – die kluge Äbtissin hatte außer einigen gelegentlich hingeworfenen guten Ratschlägen Abstand davon genommen, der jungen Erbin Vorträge darüber zu halten, weil sie sich sagte: »Erstens vergißt sie's, zweitens wird's ihr langweilig und drittens macht sie's schon aus purem Widerspruchsgeist anders. Wenn sie erst mal ein Dutzend Böcke geschossen haben wird, wenn sie durch Schaden klug geworden ist, wird sie schon allein ins richtige Fahrwasser kommen. Die Praxis macht's, nicht die Theorie.« Trix aber hatte sich außer der erstaunlich langen Liste aller der guten Sachen, welche »ihre« Speisekammer zu füllen haben würden, selbst ein paar Dinge zurechtgelegt und vorgenommen, von denen sie glaubte, daß sie zu ihrem jetzigen Berufe und ihrer Stellung als Herrin von Frauensee gehörten, und da diese Dinge noch etwas vage in ihrem Kopfe schwammen, hatte sie eigentlich mit dem Justizrat darüber reden wollen und es dann im Wirbel der Einkäufe in Berlin und ihres Einzuges hier vergessen. Nun fiel ihr der Pater Müller ein, der ihr gestern die Willkommrede gehalten hatte, und kaum hatte der würdige Herr Posto gefaßt in ihrem Kopfe, als sie auch schon unterwegs zu ihm war.


Pater Müller bewohnte ein paar schöne große Zimmer nach Osten, vis-à-vis von denen, die Trix sich gewählt hatte, und die gleichfalls hart an die Kirche stießen, so daß er, ohne erst den Hof betreten zu müssen, über eine schmale Wendeltreppe direkt in die Sakristei hinabsteigen konnte, eine Einrichtung, die noch aus den Klosterzeiten stammte und jedenfalls für die jeweiligen Geistlichen bestimmt war. In dem Zimmer dicht an dem runden Türmchen, das die Treppe barg, schlief der alte Herr, in dem Nebenzimmer wohnte und studierte er, und ein mächtiges Bücherregal verbarrikadierte die Tür, welche zu der Zimmerflucht der ehemaligen Gräfin Zell führte. Sämtliche Zimmer des ersten Stockwerkes öffneten sich indes nach einer Loggia, die zugleich als allgemeiner Korridor diente. Diesen chassierte Trix entlang und flog dann nach kurzem Anklopfen mit der ihr eigenen Vehemenz in das Zimmer des Paters, daß dieser einen ordentlichen Schreck bekam und, sich die Brille auf die Stirn rückend, ganz entsetzt sagte:

»Gott bewahre! Wer ist denn das?«

Denn Pater Müller hatte die Gewohnheit, laut zu denken, wie Leute, die meist allein sind, es gern zu tun pflegen, wahrscheinlich weil der Klang der eigenen Stimme etwas von der unbewußt vermißten Geselligkeit ersetzt. Trix aber faßte es anders auf.

»Na, hören Sie mal, Hochwürden«, sagte sie halb lachend, halb entrüstet, »da hört sich doch verschiedenes auf. Erst halten Sie mir gestern eine mordslange – wollte sagen oberfeine Rede zum Empfange und heute wissen Sie nicht mehr, wer ich bin!«

»Eine Rede?« fragte Pater Müller ganz konfus, denn seine Gedanken waren natürlich bei der byzantinischen Kunst, die seines Lebens Aufgabe war, das heißt sein Steckenpferd.

»Und was für eine!« bestätigte Trix mit tiefem Atemzuge. »Über die Architektur der Abtei und geschnitzte Chorstühle – und über – über – – na, entschuldigen Sie nur, Hochwürden, ich hab' nicht genau aufgepaßt, denn sehen Sie, wenn man so neu wohin kommt, da ist man doch ein bissel aufgeregt, und während Sie – ich meine, während Sie so schön redeten, sahen mich die Leute alle so an – die Kinder sogar mit offenem Munde – wie die Kühe das neue Tor – – das Tor, das war ich nämlich – und das machte mich so verlegen, sehen Sie, – ja, was hab' ich denn eigentlich sagen wollen?«

Pater Müller hatte mit immer größer werdenden Augen zugehört, und die Hand, welche mechanisch eine Prise zu seiner Nase führen wollte, blieb auf halbem Wege dahin halten.

»Großmächtiger – ist das ein Mundwerk!« dachte er laut in die Pause hinein, die Trix machte, um den Faden ihrer Rede wiederzufinden.

»Danke, es macht sich«, erwiderte sie mit einem Knicks, der sowohl ihrer Anerkennung wie auch ihrer Verwunderung über die ungenierte Kritik Ausdruck geben sollte. »Wissen Sie jetzt, wer ich bin, Hochwürden?«

Pater Müller lächelte und beförderte die Prise an ihr Ziel.

»Es wäre böse, wenn's mir noch nicht dämmerte«, sagte er, einen Stuhl für Trix herbeiholend. »Aber faktisch, Baronesse, ich hätte Sie im ersten Moment nicht wiedererkannt. Ich meine, Sie hätten gestern anders ausgesehen. Das ist eben bei Damen das Verwirrende für unsereins, daß sie immer etwas anderes anhaben –«

»Ja, aber das Gesicht ist doch immer das gleiche«, meinte Trix.

»Ja, ja, das ist wahr. Na, kurz und gut, man ist eben manchmal etwas zerstreut. Haben Sie die erste Nacht in der Abtei gut geschlafen, Baronesse?«

»Wie ein Murmeltier«, versicherte Trix.

»Wieder ein zoologischer Vergleich«, dachte der Pater laut.

»Hab' ich schon einen gebraucht?« fragte Trix verwundert über des alten Herrn drollige Weise, denn sie wußte ja nicht, daß er sich's gar nicht bewußt war, seine Gedanken kundgegeben zu haben, und da auch sie sein erstauntes Gesicht sah ob ihrer vermeintlichen Gedankenleserei, setzte sie hinzu: »Mein guter Vater sagte immer: was sollte man ohne die Zoologie machen, wenn man sich und den anderen Ehrentitel geben will?«

»Aha!« sagte der Pater aus Mangel einer anderen Erwiderung über diese Mitteilung. »Bei dem Beispiel ist es ja kein Wunder, daß –« Dieser Zusatz war aber in Parenthese, also gedacht.

»Ja, wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen«, vollendete Trix weise. »Aber nun Zoologie beiseite, Hochwürden, denn wegen alledem bin ich nicht hierhergekommen, sondern weil ich Sie was fragen wollte. Von selbst kann man doch eigentlich nicht alles wissen, nicht wahr? Und ich weiß überhaupt noch gar nichts, was ich hier so zu tun habe. Es wird wohl analog dasselbe, nämlich gleichsam quasi das Gegenteil sein wie in Dornberg –«

»Waaas?« fragte der Pater entsetzt.

»Ach, das ist ja bloß so eine Redensart, die mein Vater immer seinem alten Inspektor nachsprach, der vor meiner Zeit in Dornberg war und die Fremdwörter so gern hatte«, erklärte Trix. »Reizenden Blödsinn hat er da immer zusammengequasselt, Hochwürden.«

»Nach der Probe kann man das wohl glauben.«

»Na, nun haben Sie mich wieder aus dem Text gebracht! Was wollt ich denn sagen? Aha, ich hab's. Ich meinte es wird wohl ungefähr dasselbe sein wie in Dornberg. Das heißt so ungefähr. Da holten die alten Frauen sich an bestimmten Tagen das Essen im Schlosse und Weihnachten wurde Bescherung zu den Leuten getragen. Und wenn eine Taufe im Dorfe war, schickte Papa einen Kuchen hin und Wein und zehn Mark für den Täufling und beim Erntefest –«


»Baronesse wollen von der Wohltätigkeit als Gutsherrin reden«, unterbrach Pater Müller die über ihn stürzende Wortkaskade. »Und von Ihren Pflichten gegenüber Ihren Unterstellten überhaupt, nicht wahr?« »Hm!« nickte Trix ganz selig, verstanden zu sein.

»Und Sie kommen deswegen zu mir um meinen Rat?«

»Na ja, Sie müssen doch wissen, wie's hier ist«, bestätigte sie diese richtige Vermutung. »Der Justizrat kann das nicht wissen, klug wie er ist, denn er kann auch bloß durch ein Brett sehen, wenn's ein Loch hat. Und ich kann's erst recht nicht wissen, weil ich hier fremd bin. Und ich möchte doch nicht nur gern tun, was ich muß, Hochwürden, es ist auch mein Wille, sehr, sehr gut zu sein, damit die Leute mich hier ein bissel lieb haben, wie die Dornberger zum Beispiel. Aber freilich, unter denen bin ich aufgewachsen und hierher komme ich als Fremde und – und weil ich doch nun so ganz allein bin, da wär's mir so wohl, wenn ich wüßte, daß wenigstens die Leute im Dorf mich ein bissel lieb hätten –«


Die großen blauen Delfter Augen waren bei diesen Worten trüb geworden. Da nahm Pater Müller die rechte Hand seiner Besucherin in seine beiden runzligen Hände.

»Wo das Herz mit dem Vorsatz und der Absicht Schritt hält, kommt's immer ans Ziel«, sagte er freundlich. »Zum Beispiel bei mir ist's schon angelangt.«

»Ja?« fragte sie ganz glücklich und fand damit auch gleich ihr ureigenstes Ich wieder. »Das ist famos, Hochwürden! Und Sie wollen mir helfen?«

»Das ist nicht nur meine Pflicht als Schloß- und Ortsgeistlicher und meiner Patronin, Ihnen, Baronesse, gegenüber, sondern mir scheint, als müßte ich's Ihretwillen extra gern tun«, versicherte der alte Herr. »Und was das Alleinsein betrifft, so wird Ihnen für Ihre Jugend mit solch altem Fossil wie ich's bin zwar weiter nicht gerade sonderlich gedient sein, aber vielleicht bin ich in einzelnen Fällen für Sie doch besser als niemand.«


Hier widerfuhr dem guten Pater etwas, was ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert war: er bekam einen Kuß auf seine runzlige, glattrasierte Wange, und damit besiegelte Trix, die unverbesserlich impulsive Trix, ohne lange und schöne Worte ihren Freundschaftsbund mit dem alten Herrn, dem ob dieser unerwarteten Attacke zum erstenmal das laute Wort für seine Gedanken ermangelte.

Dafür schwatzte Trix los. »Es war mir gestern gleich so heimelig, als ich Sie zum erstenmal sah! Und Ihre Patronin bin ich? Nein, das ist ulkig! Es gibt auch höllisch eklige Patrone, was? Patrone sind eigentlich immer eklig, nicht? Ich kann auch eklig werden, und ob! Sie haben ein so liebes, gutes, altes Gesicht, Hochwürden, und ich bin auch gar nicht so – so widerborstig, wenn man mich nicht gleich anfaucht oder gegen den Strich streichelt. Das kann keine Katze vertragen, und Katzen sind doch sonst auch so nette Biester. Ich habe die Dackel aber fast noch lieber. Ja, dabei fällt mir ein, daß der Oberförster mir einen Dackel geben soll – da muß ich doch gleich mal zu ihm –«

Und Trix wollte, ihrem neuen Gedanken folgend, auch sofort davoneilen, aber Pater Müller hielt sie am Kleide fest.

»Das hat ja keine solche Eile«, sagte er gemütlich. »Der Oberförster besitzt eine ganze Meute dieser Hundeperlen, und niemand wird sie inzwischen alle wegholen. Sie wollten ja eigentlich etwas mit mir besprechen, Baronesse, wenn ich nicht irre, Ihre Stellungnahme zur Wohltätigkeit in Frauensee, nicht wahr?«

»Ja, richtig«, rief Trix, sich wieder setzend. »Riesig nett von Ihnen ist's, daß Sie mich daran erinnern – wegen dem Dackel will ich mir nur einen Knoten im Schnupftuch machen. So! Also helfen wollen Sie mir, Hochwürden? Das ist famos! Woher kommt's nur, daß alte Herren meist so nett sind und alte Damen nur selten? Warum lesen alte Damen einem immer die Leviten? Ich bin nur neugierig, ob Frau von Graßmann auch von der Sorte ist!«

»Frau von Graßmann?« fragte Pater Müller erstaunt. »Was für eine Frau von Graßmann?«

»Na, Onkel Rudolfs Schwägerin, die der Justizrat als Duenna für mich ausgesucht hat«, erklärte Trix. »Jetzt ist sie schon unterwegs hierher, daran ist leider nichts mehr zu ändern. Kennen Sie sie?«

»Nein, ich kenne sie nicht«, erwiderte Pater Müller nachdenklich. »Aber ich glaube nicht, daß Rudolf Zell diese Wahl gebilligt hätte, doch ich habe dafür auch nur folgenden Anhalt: Ihr Onkel, Baronesse, beauftragte mich vor etwa einem Jahre, einen Brief an Frau Sophie von Graßmann geborene Freiin von Truchseß zu schreiben, da er, wie er sagte, selbst nicht in Korrespondenz mit ihr zu treten wünschte und dabei – ich bedaure es, sagen zu müssen – hat er sich in Ausdrücken gegen diese Dame ergangen, die eigentlich recht, recht lieblos waren, um es gelind auszudrücken. Rudolf konnte manchmal wirklich ganz entsetzlich – sagen wir ausfällig werden, wenn er in Zorn geriet.«

»Ich weiß es«, meinte Trix. »Was haben Sie denn der Frau von Graßmann schreiben müssen?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, meine Tochter«, entgegnete Pater Müller freundlich. »Denn dadurch würde ich mich eines Vertrauensbruches schuldig machen. Daß Graf Zell diese Dame nicht gern hier gesehen hätte, scheint mir indes sicher zu sein, aber wenn der Justizrat sie zu dieser Stellung bei Ihnen gewählt hat –«

»Als Ehrendrache«, fiel Trix ein.

»Vergleich aus der Fabelzoologie!« konstatierte Pater Müller, nahm eine Prise und fuhr fort: »Drachen sind an manchen Stellen recht nützliche Geschöpfe, Baronesse!«

»Aber keine angenehmen«, erwiderte Trix prompt, und da Pater Müller dieses Spezies auch nur vom Hörensagen kannte und keine Erfahrungen damit hatte, so konnte er dagegen nichts einwenden.

»Und was die Armen in Frauensee betrifft –«

»Tun Sie darin nichts Rasches«, sagte Pater Müller. »Auch die Wohltätigkeit muß geregelt werden, wenn sie den gewollten Zweck erreichen soll. Sehen Sie, Baronesse, Armut in dem eigentlichen Sinne des Wortes haben wir hier nicht. Freilich kommt es vor, daß Krankheiten, Todesfälle oder ein allzu reicher Kindersegen in manchen dieser Familien Schmalhans zum Küchenmeister machen, und dann ist es an Ihnen, einzutreten mit Ihren Mitteln und die Almosen durch Ihre Person und die richtige Art des Gebens zur Wohltat zu machen. Dazu müssen Sie also zunächst Ihre Untergebenen kennenlernen, damit Sie auch das rechte Herz und das richtige Verständnis bekommen für die Leute und ihre Eigenarten. Hierbei will ich Ihnen nach besten Kräften helfen und Ihnen immer gern sagen, wo es fehlt und wo Sie einspringen können und wie. Ist es Ihnen so recht?«

»Ach, und wie!« versicherte Trix, die sehr aufmerksam zugehört. »So hatte ich mir die Sache gar nicht gedacht, aber so kann's ja nur richtig sein. Das leuchtet mir vollständig ein!«

»Nun, wir werden uns schon verstehen«, meinte Pater Müller sichtlich befriedigt. »Vielleicht – ich habe so einen Lieblingsgedanken bezüglich einiger Neuerungen, an die ich Ihren Onkel nicht recht heranbringen konnte, trotzdem er schon anfing, nachzugeben –«

»Ja? Ach, bitte, sagen Sie mir's, wir könnten's ja zusammen schaffen, nicht?« rief Trix eifrig.

»Jawohl«, lachte der Pater gutmütig, »jawohl, damit dann der Justizrat angereist kommt und mir vorwirft, ich lockte Ihrer Unerfahrenheit das Geld aus der Tasche –«

»Na, mit dem Justizrat werde ich schon fertig werden«. versicherte Trix zuversichtlich. »Außerdem hat mir kein Mensch was dreinzureden. und wenn ich mit Fünfmarkstücken Butterschnitten in den See würfe.«

»Eben deswegen –«

»Ach, Unsinn! Entschuldigen Sie, Hochwürden, aber wenn ich sage ›Unsinn‹, da meine ich eben die Leute, die dreinreden wollen. Sagen können Sie mir doch wenigstens, was Sie wollen!«

»Ja, sagen! Sprechen ließ Rudolf Zell mich auch, das heißt, wenn er guter Laune war, sonst fuhr er gleich dazwischen wie ein Berserker. Aber warum auch sollte ich nicht sprechen? Gefürchtet habe ich mich trotz der Berserkerei nicht. Also, ich hatte mir so ein Haus gedacht für die Frauenseer, so ein Universalhaus mit zwei bis drei Pflegeschwestern darin. Das Haus wäre vor allem als Spital gedacht zur Aufnahme der Kranken, die daheim nicht sachgemäß verpflegt werden können. Daneben sollte es ein Kindergarten sein, damit die Mütter daheim ihre Arbeiten unbelästigt und darum gründlicher verrichten könnten, und dann sollte es auch eine Näh-, Flick- und Kochschule wer den für die Mädchen, die aus der Schule entlassen sind drüben im Dorfe, damit sie sich daheim nützlich machen können, erst im Elternhaus und dann in der eigenen Wirtschaft. Ja, das wäre so mein Traum!«

»Und so etwas Gutes und Nützliches wollte Onkel Rudolf nicht haben? Dann kann Onkel Rudolf mir leid tun«, erklärte Trix sehr energisch.

»Ach, er widersprach eigentlich nur aus Grundsatz«, meinte Pater Müller. »Ich hab's im Grunde damit bei ihm verdorben, daß ich gleich mit meinem anderen Plane anrückte, hier im Schlosse eine Volksbibliothek für die Angestellten zu gründen, aus der sie gesunde und bildende Lektüre geliehen erhalten könnten – ach, damit könnte man unendlich viel Gutes erreichen. Ich habe mir auch schon einen ganzen Katalog dazu entworfen und hätte ja so gern das Amt des Bibliothekars übernommen. Denn die Leute wollen doch auch etwas für den Geist haben und dem Wirtshaus drüben im Dorfe würde mancher Kunde abgehen, wenn er sich am Feierabend und am Sonntag mit Lesen beschäftigen könnte. Freilich, ein paar tausend Mark würde die Sache schon kosten –«

»Wird gemacht!« fiel Trix entschieden ein. »Wegen dem Haus will ich mit dem Justizrat sprechen, Hochwürden, denn das bin ich ihm schon schuldig, daß ich ihn in so großen Sachen um Rat frage, und deswegen will ich nichts versprechen, was ich dann am Ende nicht halten kann. Aber wegen der Bibliothek sage ich, Trix Dornberg, jetzt schon: schreiben Sie ruhig um die Bücher, denn ich habe eine Menge Geld liegen beim Bankier für Anschaffung von Pferden – ich werde mir mal vorläufig nur eins kaufen. Auf mehr wie auf einem kann man doch gleichzeitig nicht reiten, nicht wahr?«

»Das ist richtig«, mußte Pater Müller zugeben. »Aber«, setzte er mit erhobenem Finger hinzu, »werden Sie Ihre Großmut auch nicht bereuen?«

Trix wurde rot und lachte.

»Unmöglich ist das nicht, wenn zum Beispiel mein eines zukünftige Pferd lahm würde, und ich hätte dann nichts zum Reiten«, gab sie unbefangen zu. »Aber das geht eigentlich doch keinen Menschen etwas an als mich selbst. Also nehmen Sie das Geld nur ruhig zu Ihrer Bibliothek, Hochwürden. Und, sehen Sie, im Stifte war ich doch sehr, sehr arm und mußte mir jeden Wunsch verknei – versagen. Das Pferd kaufe ich mir halt später! Und bitte, besorgen Sie unter den Büchern auch ein paar, wo man ordentlich bei lachen muß, damit auch ich was davon habe. Gibt's eigentlich Bücher, aus denen man alles lernen kann über – über Onkel Rudolfs Sammlungen zum Beispiel? Ich hab' gestern abend ein Briefkonzept von ihm an mich gefunden – na, es ist nur gut, daß er den Brief nicht an mich geschrieben hat, denn eigentlich sagt er doch rundweg darin, daß ich von seinen Sammlungen so viel verstehe wie der Bär von der Orgel! Ich hätt's beinahe höllisch krumm genommen. Gott, 's ist ja wahr, viel versteh' ich nicht davon, deswegen braucht man den Leuten doch aber nicht gleich schwarz auf weiß ins Gesicht zu sagen, daß sie Schafsköpfe sind. Aber Sie verstehen wahrscheinlich das alles aus dem ff, was?«

Pater Müller schmunzelte.

»Nun ja«, meinte er, »Rudolf Zell und ich haben so ziemlich nach dieser Richtung das gleiche Steckenpferd geritten. Bücher? Freilich gibt's Bücher darüber, massenhafte, aber ich fürchte, ohne Ihnen damit zu nahe treten zu wollen, daß sie Ihnen nicht viel sagen und Ihnen ausgiebig langweilig erscheinen wer­den –«

»Ich mache Ihnen also auch den Eindruck einer Patentgans«, fiel Trix ein und warf den Kopf zurück.

»Im Gegenteil, Sie machen mir sogar einen sehr intelligenten Eindruck«, fuhr Pater Müller ruhig fort. »Ich will nur sagen, daß Fachschriften, ohne Vorbereitung genossen, meist negative Resultate zeitigen in Geistern, die vorwärts drängen und ungeduldig werden über den Einleitungen. Aber vielleicht täusche ich mich und Sie gehören zu den Naturen, die mit eiserner Energie die Hindernisse der Langeweile überwinden, wie das geistig Unverdaute dann genannt wird.«

»Möglich ist's schon, aber ich glaub's nicht«, meinte Trix ehrlich. »Wenn Sie mir die Sache aber ein bißchen erklären wollten, wenn Sie mal Lust haben, und ich verstehe sie, dann komme ich doch am Ende noch zu den Büchern.«

Pater Müller versicherte, daß ihm nichts größeres Vergnügen machen würde, und das konnte Trix ihm aufs Wort glauben, als er ihr aber danken wollte für ihre großmütige Gabe, da sagte sie lachend, jetzt hätte sie keine Zeit mehr, denn jetzt müßte sie zum Oberförster wegen ihres Dackels. Und als sie damit auch schon fast hinter der Tür war, da hörte sie noch des alten Herrn laute Gedanken:

»Schwatzt wie eine Elster und ist lustig wie ein Zeisig, aber ein Herz hat die Krabbe wie –«

»Na, hören Sie mal, Hochwürden, nun kommen Sie mir noch einmal«, lachte Trix, und steckte den Kopf von außen zur Tür hinein. »Wenn das nicht vergleichende Zoologie ist, dann kenne ich mich auf dem Gebiet nicht mehr aus!«

Sprach's und verschwand.

»Hab' ich wieder laut gedacht?« fragte sich der Pater, eine extra große Prise nehmend. »Scheint so. Hm! Schlechte Angewohnheit. Ist auch eigentlich nicht richtig, seine Patronin eine ›Krabbe‹ zu heißen. Gar nicht. 's alte Herz wird einem ordentlich warm, wenn man dem Mädel in die blauen, klaren Augen sieht. Gott beschütze sie nur ganz besonders, denn der Reichtum ist oft schon zum Lockvogel für Jagdfrevler geworden.«


Davon ahnte Trix natürlich nichts, und das war auch ein Glück. Vorläufig schwelgte sie in dem Bewußtsein, daß sie haben konnte, was ihr gerade einfiel, und da das für den Moment die klassische Gestalt eines Dackels annahm, so füllte dies holde Hundebild auch dermaßen ihre Seele aus, daß sie selbst die Ehrendame in drohender und stündlich greifbarerer Nähe vergaß. Zur Erleichterung für ihre Ungeduld traf sie den Oberförster im Hofe der Abtei; er kam vom Rapport aus dem Büro der Verwaltung und blinzelte mit kleinen Augen in die Sonne, weil er von den gestrigen Empfangsfeierlichkeiten mit etwas dickem Kopfe vulgo Brummschädel herumlief.

Den Wunsch seiner neuen Brotherrin nach einem jungen, aber schon »abgeführten« Dackel nahm der Oberförster nicht nur sehr günstig auf, sondern er pries ein Spezialexemplar unter Verheißung sofortiger Zusendung mit einem Enthusiasmus an, der eigentlich verdächtig war und stark an das »Wegloben« erinnerte, das auch für Menschen üblich ist. Der Dackel, den er ohne Wählen auserkor, war, was Rasse betraf, von einer Echtheit, die ihm den ersten Preis auf jeder Hundeausstellung sicherte, und schien zudem durch seine Charaktereigenschaften für den Salon geradezu vorbestimmt; damit deutete der gute Oberförster auch ziemlich deutlich den Grund an, weshalb er gerade diese Perle weglobte: sie war im »Dienste« unverwendbar. Nach dem Namen dieser Dackelschönheit befragt, meinte der Oberförster etwas verlegen, »Baronesse könnte ihn ja noch nennen, wie sie wolle, er wäre noch jung und gewöhne sich leicht an einen neuen Namen,« aber Trix bestand darauf, seinen jetzigen zu wissen, und nach einigem Zögern gestand der Oberförster, er hätte das Lu – pardon, das Hundel, weil es gleich so mordsapart getan hätte, »Seine Exzellenz« genannt, was ja sicherlich etwas oder ein bissel sehr despektierlich wäre. Trix fand den Namen aber »großartig«, und schmunzelnd versprach der Oberförster baldige Übersendung dieses Dackels.

»›Seine Exzellenz‹ ist ja noch ein bissel jung und unerfahren«, setzte er hinzu, »aber er wird schon gesetzter werden und sich beim Stehlen später nicht mehr erwischen lassen. Wenn Baronesse ihn aber dabei erwischen, dann muß er feste Wichse haben. Nicht, daß die irgend etwas nutzt, aber ›Exzellenz‹ muß doch sehen, daß man nicht so offen und ohne Scham stehlen darf. Gescheit ist er wie zehn Dackel zusammen, und verstehen tut er jedes Wort, sogar Französisch. Dafür stehe ich mit meiner Ehre ein, das ist keine Schnurre. Woher er's hat, geht mir über den Verstand, aber wenn man erst fragen will, woher ein Dackel etwas hat, da kann man lange fragen!«

Kurz und gut, Seine Exzellenz traf ohne Zögern in der Abtei ein und wurde von Trix rückhaltlos als eine Dackelschönheit ersten Ranges anerkannt; sein wurstartiger Leib war so lang, daß er ganz gut hätte auf sechs Beinen laufen können, ohne daß diese wunderbar krummen Pedale zu nahe gerückt erschienen wären, sein dünner Schwanz hatte die leichte Krümmung eines Säbels, sein schwarzes Fell erglänzte wie Atlas, Pfoten und Augenbrauen waren schön lohfarben, ein kleiner weißer Streifen wie ein diskretes Jabot schmückte seine Heldenbrust, die lange Schnauze war haarscharf zugespitzt und aus seinen Romanheldenaugen leuchtete eine ungewöhnliche Intelligenz. Da Exzellenz nach sehr sorgfältig vorgenommener Inspektion der Gemächer gefunden hatte, daß die Smyrnateppiche den harten Dielen der Oberförsterei bei weitem vorzuziehen waren, und nach sehr vorsichtig gekostetem Diner konstatiert hatte, daß es die ungeschmalzenen und rauhen Jägerhundmahlzeiten »drüben« an Güte himmelhoch überragte, und nachdem er Trix auf die Aufforderung des Forstgehilfen, der ihn brachte, gnädigst als Herrin anerkannt hatte, gab es nach Verlauf von zwei Stunden zwei rückhaltlos Glückliche in der Abtei – nämlich Trix und ihren Dackel, der mit einem Seufzer der Befriedigung auf dem Smyrnateppich Siesta hielt, das Los seiner Familie und der anderen Jagdhunde beklagend, welche mordsmäßige »Senge« erhielten, wenn sie mal auf dem harten Sofa in Oberförsters guter Stube von des Lebens Last und Arbeit »nur ein Viertelstündchen« rasten wollten. Exzellenz hatte für unabgerahmte, frische süße Milch, am liebsten aber für dicken, süßen Rahm eine entschiedene Schwäche und schlich sich zu gern in die Milchkammer, um die verbotene Frucht zu stehlen, da man sie ihm herzlos versagte.

Trix trieb also Dackologie und war so tief in diese ebenso unergründliche wie interessante Wissenschaft versunken, daß die Zeit unbeachtet von ihr verstrich und sie ordentlich zusammenfuhr, als Fräulein Tinchen, ohne vorher anzuklopfen, plötzlich in ihr Zimmer stürzte und nur mit Mühe hervorstieß: »Schnell, schnell, Baronesse! Die gnädige Frau kommt – der Wagen bog eben in die Allee ein!«

»Gnädige Frau? Welche gnädige Frau?« fragte Trix erstaunt.

»Frau von Graßmann – ach Gott, sie muß ja gleich vorfahren«, brachte Fräulein Tinchen in der größten Aufregung vor.

»Frau von Graßmann!« Trix erhob sich aus ihrer liegenden Stellung auf dem Teppich neben Seiner Exzellenz, den die Sache kolossal kalt zu lassen schien. »Frau von Graßmann! Ja, dann führen Sie Frau von Graßmann nur in die für sie bestimmten Zimmer und fragen Sie, ob sie den Tee dort oder bei mir trinken will. Und dann, Fräulein Tinchen, bitte ich, ein anderes Mal erst anzuklopfen, wenn Sie zu mir kommen.«

»Ja, ach, ich bitte tausendmal um Entschuldigung«, entgegnete die Wirtschafterin noch bebend, »aber Frau von Graßmann sind so eigen –«

»Ja?« fragte Trix. »Na, das ist ja hübsch von Frau von Graßmann – apropos, sind Sie gestern auch so gerannt, als ich gekommen bin? Na, mir scheint, es fährt unten ein Wagen vor. Sie werden also zum Empfang zu spät kommen.«

Fräulein Tinchen schlich sich nach Absolvierung eines mißlungenen Knickses wieder hinaus und Trix setzte sich, figürlich gesprochen, mit stark gesträubten Federn kerzengerade in den nächsten Sessel. Sie hatte die Absicht gehabt, natürlich, Frau v. Graßmann bei ihrer Ankunft zu begrüßen, es wäre ihr gar nicht eingefallen, etwas anderes zu tun, aber was weder Hans Truchseß' vorsichtiger Wink, noch auch Pater Müllers milde, aber doch zum Nachdenken anregende Worte vermocht, das hatte nun die Wirtschafterin in ihrer Dummheit zuwege gebracht: Trix war auf dem »Qui vive?« und was sich an Widerspruchsgeist in ihrer Seele befand, das hatte sich erhoben und lehnte sich mit einem Male gegen die Person der Ehrendame auf.

»Was denn doch? Das muß ja ein hübscher Satanas sein, wenn nach so vielen Jahren die Leute hier noch vor ihr zittern wie Weingelee! Und ich soll auch mitzittern? Na, da kennt ihr Trix Dornberg falsch. Gezittert wird nicht, aber auf die Hinterbeine wollen wir uns setzen!« Seine Exzellenz schlug zu diesen, mit erhöhter Stimme gesprochenen Worten beistimmend mit dem Schwanz auf dem Boden auf, und dadurch wesentlich ermuntert, fuhr Trix mit wachsender Entrüstung fort:

»Wer ist denn hier die Herrin, Frau von Graßmann oder ich? Bis jetzt hatte ich geglaubt, ich bin's, aber nach dem blödsinnigen Getue von der dummen Liese scheine ich's nicht zu sein. I nein! Vor mir: Schwänzeln und tänzeln und gnädige Baronesse hinten und gnädige Baronesse vorne, aber vor der – Heulen und Zähneklappern! Na, es ist nur gut, daß es gleich damit losgegangen ist, da weiß man doch, was man zu tun hat!«

Eigentlich wußte Trix das nicht so recht, und wenn die Ereignisse ihr Zeit gelassen hätten, dann hätte sie sich vielleicht eine Art Kurs zurecht gelegt und wäre – nach der falschen Richtung gesegelt. Zum Glück ließ das Schicksal, das es immer gut mit ihr gemeint hatte, ihr aber keine Zeit zu Beschlüssen und deren Sanktionierung durch Seine Exzellenz, denn es klopfte an die Tür und auf Trixens »Herein! », das wie eine Herausforderung klang, betrat, von Fräulein Tinchen begleitet und bekomplimentiert, eine gebietende Frauengestalt das Zimmer – Frau von Graßmann mit einem Worte, welche die Initiative ergriffen und sich dadurch als kluge und weltgewandte Frau einführte. Groß gewachsen, kerzengerade, imposant, trat die schwarzgekleidete Gestalt nicht ganz ohne Anspruch auf. Ihr feines, blasses Gesicht mit der edeln Nase und dem schöngeschnittenen, aber etwas schmalen Munde, dessen Winkel leicht herabgezogen waren, war das einer Aristokratin reinen Wassers; schneeweißes Haar umrahmte in leichtem, federartigem Gekräusel ihre schmale Stirn und der ganze Eindruck konnte für den oberflächlichen Beobachter nur ein äußerst einnehmender sein. Doch der aufmerksamere hätte in den herabgezogenen Winkeln des feinen Mundes eine hohnvolle Verachtung ihrer Umgebung, einen nur sehr dünn übertünchten Hochmut lesen können, und die etwas schweren weißen Augenlider unter den dunkel gebliebenen Brauen, welche die scharfen, etwas stechenden Augen immer halb verbargen, hätten dem geübten Charakterleser sagen können, daß die Gedanken dieser Frau sich nicht immer mit ihren Worten deckten . . .

Frau v. Graßmann blieb einen Moment in der Tür stehen und schritt dann mit der sicheren Gewandtheit der Weltdame auf Trix zu, die sich erhoben hatte und der Eintretenden gleichfalls einen Schritt entgegengetreten war.

»Mein liebes Fräulein von Dornberg«, sagte Frau v. Graßmann mit leiser, voller, musikalischer Stimme, die wie das beruhigende, behagliche Schnurren einer wohlgepflegten Katze klang, »Sie ahnen nicht, mit welcher Freude ich mein Amt bei Ihnen antrete – ich habe in der Tat diesen Wink zu Ihnen als einen Fingerzeig des Himmels selbst betrachtet. Ihre liebe, reizende, so früh verklärte Mutter war eine – ich darf wohl sagen, die liebste Freundin meiner Jugend, und nun ihrer Tochter zur Seite stehen zu dürfen, ist ein Glück für mich, das ich noch kaum begreife. Ach – Sie haben ja ihre lieben Augen – die süßen, herzigen ›Delfter‹ Augen. Nicht wahr, Sie nennen mich Tante Sophie, und ich darf Beatrix zu Ihnen sagen?«

Die weichen, wohlmodulierten Worte, der Hinweis auf die früh verstorbene Mutter, die vornehme Erscheinung der Sprecherin, das alles hätte sicher seinen wohlberechneten Einfluß auf Trixens jeder Freundlichkeit zugängliches Herz nicht verfehlt, wenn – wenn die Wirtschafterin vorher nicht ihren Bock geschossen hätte. Aber Trixens gesträubte Federn hatten noch keine Zeit gehabt, sich zu glätten, und sie hörte auf einmal nichts als das leise Knurren Seiner Exzellenz, der den Ankömmling mit grünfunkelnden Augen betrachtete, und es war ihr, als hörte sie ihren Vater sagen: »Wen ein Dackel anknurrt, vor dem kann man sich gerade in acht nehmen.« Und unter diesem dreifachen Einfluß sagte Trix, was sie hinterdrein mit halber, sehr halber Reue sich als »Rüpelei« anrechnete, das aber sicher Eingebung war, indem sie von den beiden hingehaltenen Händen der Dame eine flüchtig berührte:

»Willkommen in der Abtei, Frau von Graßmann! Ich denke, wenn Sie mich ›Fräulein von Dornberg‹ nennen wollen, wäre es für uns beide angenehmer, damit wir nicht gleich in den Zustand der ›Qualverwandtschaft‹ treten. Wenn man jemand ›Tante‹ nennen soll, die es doch nicht ist, so heißt das meist gleich soviel wie ›Schön Apport!‹«

Frau von Graßmann öffnete ihre halbverschleierten Augen für einen kurzen, sehr kurzen Moment etwas weiter, verbarg aber das Aufblitzen derselben, was ein künstlich beherrschtes, sehr heftiges Temperament verriet, sofort wieder unter den schweren weißen Lidern, und nicht ein Zucken des lächelnden Mundes verriet, daß sie auf ihre erste, sehr geschickte Attacke eine demütigende Niederlage erlitten hatte.

»Wie originell Sie das ausdrücken«, rief sie mit einer Heiterkeit, die Trixens sonst gar nicht empfindliche Nerven eigentümlich unharmonisch berührte. »Man sagte mir schon, Sie wären gar nicht wie andere junge Mädchen. Ihr Papa war auch so originell, nicht wahr? Ach, in unserer immer mehr verflachenden Zeit wirkt das so erfrischend!«

Trix stand da – stocksteif, wie sie's selbst nannte – sie hörte kaum, was Frau von Graßmann sagte, sie hörte nur das leise, fortgesetzte Knurren des Hundes.

»Ich habe Ihnen zwei von den Zimmern Ihrer Frau Schwester, Onkel Rudolfs Frau, herrichten lassen«, sagte sie, ohne auf die verflachende Zeit einzugehen. »Fräulein Tinchen, die Ihnen ja noch bekannt ist, wird Sie gern dorthin führen – zum Tee, wenn Sie ihn nicht lieber allein nehmen wollen, erwarte ich Sie unten auf der Veranda vor dem Speisezimmer. Ich hoffe, Sie werden sich in den Zimmern heimisch fühlen!«

»Sie sind sehr gütig, Fräulein von Dornberg«, erwiderte Frau von Graßmann liebenswürdig – aber die Wirtschafterin an der Tür kannte den Ton und kroch darunter in sich zusammen wie unter einem Peitschenhiebe. »Die Zimmer meiner Schwester – welch reizende Aufmerksamkeit von Ihnen, ich danke Ihnen tausendmal dafür! Und Sie selbst haben, wie ich sehe, die Zimmer meines Schwagers gewählt – mir ist, als wehte sein agressiver und grimmiger Geist mich hier an – haha! Nicht wahr, Sie sind mir nicht böse, Fräulein von Dornberg, wenn ich den Tee bei mir nehme – das Fahren auf der Eisenbahn greift mich immer etwas an. Ich bin sonst kein Einsiedler aus Neigung, im Gegenteil, die Gesellschaft der Jugend erfrischt und erfreut mich, und auf das Zusammenleben mit Ihnen habe ich mich so sehr gefreut – ich habe mir so einen kleinen Plan dafür entworfen, der, da Sie selbst ja hier erst gestern eingetroffen sind und vielleicht deshalb noch außerhalb einer Hausordnung stehen, Ihren Wünschen jedenfalls entgegenkommen wird – ich meine eine Einteilung des Tages –«

»Ja, bitte, teilen Sie sich den Tag nur ganz ein, wie es Ihnen paßt«, fiel Trix ein, da Frau von Graßmann zögerte. »Sie sind ganz ungeniert, und ich will Ihnen so wenig wie möglich beschwerlich fallen –«

»Aber so war es nicht gemeint«, wehrte Frau von Graßmann ab, doch Trix war einmal im Zuge.

»Ja, ich meine es aber so«, versicherte sie geläufig. »Sie brauchen Fräulein Tinchen nur zu sagen, was Sie wollen, und Wagen und Pferde stehen Ihnen auch zu jeder Zeit zur Verfügung. Die Grauschimmel und die Viktoria, ich hab's schon unten im Stall gesagt. Oder hab' ich's sagen wollen? Na, das ist egal, da hab' ich's jetzt gesagt! An den Hauptmahlzeiten – Mittag- und Abendbrot – sich zu beteiligen, wäre wohl sehr freundlich von Ihnen, denn da kommt Pater Müller auch herunter, aber wenn's Ihnen mal nicht paßt, wird Ihnen auch auf dem Zimmer serviert!«

»Ach – in der Tat! Wirklich, Sie überschütten mich mit Güte«, sagte Frau von Graßmann ironisch. »Ich bin mir ja vollständig bewußt, wie weit meine Stellung in Ihrem Hause geht, aber so ganz und gar nebensächlich hatte ich sie denn doch nicht aufgefaßt!«

»Sie werden auch so noch genug von mir bekommen«, versicherte Trix, der das Siegesbewußtsein etwas von ihrem sorglosen Übermut zurückgab.

Frau von Graßmanns weiße Augenlider senkten sich noch etwas tiefer und ihre Lippen kniffen sich mehr zusammen – ihre Bemerkung hatte eigentlich eine andere Antwort provozieren wollen. »Vielleicht habe ich schon genug«, sagte diese stumme Sprache, laut aber erwiderte sie:

»Wir werden sehen. Auf Wiedersehen denn, beim Souper!«

Damit trat sie, gefolgt von der Wirtschafterin, den Rückzug an und hielt Einzug in die ihr bestimmten Räume, die ihr freilich nicht fremd waren; ob sie aber gerade angenehme Erinnerungen in ihr weckten, das stand freilich auf einem anderen Blatt.

Trix aber blieb triumphierend auf der Walstatt dieses ersten Treffens zurück.

»Das haben wir fein gemacht«, versicherte sie ihrem freundlich wedelnden Dackel. »Mit Grazie haben wir sie auf ihr eigenes Pedal gestellt, Piedestal übrigens, nicht Pedal, hat Vetter Hans gesagt. Wir wissen schon, wie's gemeint ist, nicht wahr, Exzellenz? Auf deutsch nennt man's ›kaltstellen‹. Freundlich war ja eigentlich meine Begrüßung nicht, das kann kein Mensch behaupten, aber warum kommt die dumme Pute auch angezittert, als ob die Kaiserin von China käme! Und ›Tante‹ soll ich sie nennen? Ja, weiter könnte mir gerade nichts fehlen!«

Und die Erinnerung an diese glücklich überstandene Gefahr machte Trix so vergnügt, daß sie nach einem ergiebigen Tee, dessen festen Teil sie christlich mit dem Dackel teilte, mit diesem einen Spaziergang machte, von dem sie erst zurückkam, als es schon höchste Zeit für das Abendbrot war; und als sie nach einer hastigen Toilette in ihrem gewöhnlichen Sturmestempo in den Salon flog, der neben dem sogenannten kleinen Speisezimmer im Erdgeschoß lag, da fand sie dort schon Frau von Graßmann und Pater Müller vor, die sich, wie Trix es für sich selbst ausdrückte, »in allen lebenden und toten Sprachen anschwiegen.« Den Anschein hatte es; Frau von Graßmann saß, sich fächelnd, stumm am Kamin, dessen Feuer dem kühlen Frühlingsabend eine behagliche Wärme im Zimmer verlieh, und Pater Müller stand am Tisch in der Mitte und schnitt die Blätter einer der daraufliegenden Revüen mit der liebevollen Sorglichkeit des Bücherfreundes auf. Er war schon vor ihr hier gewesen – der neu gekommenen Journale wegen natürlich – und hatte so die stattliche Ehrendame der Herrin von Frauensee bei ihrem Eintritt begrüßen können und sich ihr vorgestellt.

»Pater Müller, Kaplan der Abtei.«

»Ah«, machte Frau von Graßmann überrascht. »Ich hatte nicht gewußt, daß die Abtei jetzt einen Kaplan hat. Als meine Schwester, die Gräfin Zell, hier noch lebte, mußte man nach Dorf Frauensee in die Kirche fahren.«

»Das müßte man wohl auch heute noch, wenn mein alter, lieber Freund Rudolf Zell mich nicht im Moment des Versagens meiner Kräfte hierher gebracht hätte«, erwiderte der Pater. »Gnädige Frau wissen ja, wie er war –«

»Oh, vollkommen«, warf Frau von Graßmann kühl ein.

»Dank nahm er nie an«, fuhr Pater Müller fort, »und wenn ich mal davon anfing und ihn meinen Lebensretter nannte, da schnob er mich an: was ich mir denn einbildete, denn er hätte mich bloß hierher gelockt, um einen Grund für die Restaurierung der Abteikirche zu haben.«

»Oh, die Kirche ist jetzt auch restauriert?« fragte Frau von Graßmann ohne sonderliches Interesse. »Ich kenne sie nur als Lagerraum für die heterogensten Gegenstände –«

»Sie ist sehr gut restauriert, ich muß das sagen, trotzdem der Stil kein reiner ist. Und das Altarbild, eine sehr schöne ›maris stella‹, hat ein junger deutscher Künstler in Rom gemalt und damit sein Glück und seinen Ruhm begründet . . . im Auftrage Rudolf Zells. Ja, mein guter, seliger Freund hatte in seiner rauhen Schale doch ein vortreffliches Herz, und er hat seinen Reichtum richtig angewendet. Wenn man das von allen Reichen sagen könnte, gnädige Frau, dann wäre das Bibelwort vom Kamel und vom Nadelöhr hinfällig –«

»Wahrscheinlich«, nickte Frau von Graßmann kühl. »Apropos, hatte mein Schwager, mit dem ich seit seiner Trennung von meiner Schwester gar nicht mehr in Verbindung gestanden habe, in seinen letzten Lebensjahren einen Sekretär namens – namens Mayer – nein Müller, Aloys Müller?«

Pater Müller rieb sich verlegen die Hände.

»Doch nicht, gnädige Frau«, sagte er, die Augen auf den Journalen. »Das heißt, einen Sekretär unter diesem offiziellen Titel hatte er nicht. Nur hin und wieder habe ich selbst für meinen Freund die Korrespondenz erledigt, wenn er mich in besonderen Fällen damit beauftragte –«

»Ah so. Ich verstehe«, fiel Frau von Graßmann gelassen ein, aber ihre leise einschmeichelnde Stimme klang jetzt etwas heiser. »›Im Auftrage – Aloys Müller‹ war der Brief an mich vom Vorjahre gezeichnet. Verzeihen Sie meine Wißbegierde, Hochwürden – war dieser Brief – diktiert?«

»Ja und nein, gnädige Frau«, erwiderte der Pater, sich in seine stille Klause zurückwünschend. »ich habe das Diktat, im Einverständnis mit Rudolf Zell natürlich, noch einmal umgeschrieben –«

»Ah, das heißt, Sie haben die Insulten ausgelassen und den

Rest schonend stilisiert«, sagte Frau von Graßmann. »Schade, daß Rudolf sich nicht für alle seine Ergüsse eines solch freundlichen Filters bediente, er hätte dadurch viel Bitterkeit vermieden und viel weniger Haß erweckt. Oh, wir sind also eigentlich Bekannte, Hochwürden – durch die Feder. Nun, Sie hätten sich Ihre Lobeshymne auf meines Schwagers edles Herz ruhig ersparen können. Ich kannte es, und darum ist der Eindruck nicht der Mühe entsprechend.«

Damit ließ sie sich neben dem Kamin nieder und entfaltete ihren Fächer.

»De mortuis nil nise bene«, murmelte Pater Müller halblaut, aber Frau von Graßmann zuckte mit den Achseln.

»Das gehört zu Ihrem Amte«, meinte sie trocken.

»Zum Amte jedes Christen«, erwiderte der alte Herr sanft.

»Ich habe da einmal ein Lied singen hören in meinem Dorf von fahrenden Musikanten, und davon ist der eine Vers mir im Gedächtnis zurückgeblieben:


›Der Mensch soll nicht hassen, denn kurz ist das Leben,
Er soll, wenn er gekränkt wird, von Herzen vergeben,
Wie viele haben auf Erden den Krieg sich erklärt
Und machen erst Frieden tief unter der Erd' –‹«


Frau von Graßmann antwortete nicht gleich. Dann wandte sie dem Pater ihr weißes Gesicht zu.

»Hat er vorher Frieden gemacht?« fragte sie scharf.

»Doch – in seiner Art«, entgegnete der alte Herr. »Der Beweis dafür ist die Anwesenheit von Beatrix von Dornberg als Herrin von Frauensee.«

Frau von Graßmann zog die Mundwinkel herab und schwieg; da der Pater auch nicht recht wußte, wo und wie er von neuem einsetzen sollte, so kehrte er zu seiner Revue zurück, und in dies Schweigen stürmte Trix herein.


»Na, ich dachte wunder, wie spät ich käme«, lachte sie mit einem Blick auf die Uhr über dem Kamin. »Lumpige fünf Minuten – ist ja gar nicht der Rede wert. Ich hatte nämlich vergessen, eine Uhr mitzunehmen, und habe mich bloß nach der Sonne und nach meinem Magen richten können. Der scheint also richtigzugehen. Die Herrschaften haben sich hoffentlich inzwischen gut unterhalten«, setzte sie gedankenlos hinzu, denn sie hatte sich doch schon über das stumme Paar belustigt.

»Oh, vortrefflich«, lächelte Frau von Graßmann. »Und Sie sind allein herumgestreift, Fräulein von Dornberg?«

»Allein? I, keine Spur. Seine Exzellenz haben mich begleitet.«

»Wahrhaftig? Spazierengehen auf nicht asphaltierten Wegen ist sonst nicht die Schwäche Seiner Exzellenz«, meinte Frau von Graßmann kühl.

»Nein? Kennen Sie ihn denn?« fragte Trix erstaunt. »Ach ja, richtig«, setzte sie lachend hinzu. »Er hat Sie ja schon angeknurrt!«

»Angeknurrt?« Frau von Graßmann öffnete beide Augen in ehrlichem Erstaunen. »Das wäre eine neue Eigenschaft Seiner Exzellenz.«

»Na, dadurch drückt so ein Köter doch seine Gefühle aus«, erklärte Trix, ihrerseits die Augen weit öffnend.

»Köter?« wiederholte Frau von Graßmann so fassungslos, als sie überhaupt werden konnte. »Ja, von wem reden Sie denn?«

»Von wem? Na, von meinem neuen Dackel! und Sie?«

»Ich – redete von dem Grafen Rablonowski, immer nur ›Seine Exzellenz‹ genannt –«

Trix lachte hell auf und tanzte vor Vergnügen um den Tisch, auch Frau von Graßmann lächelte und Pater Müller fiel mit herzlichem »Haha!« ein, und so hatte es das Trio diesem kleinen Mißverständnis zu danken, daß es sich in bester Laune zu Tisch setzte.


Nach dem Mahl schlug Trix noch einen kleinen »Verdauungsschwatz« am Kamin vor, doch Pater Müller zog sich zurück und so blieben die beiden Damen allein, wenn man Seine Exzellenz nicht mitzählt, der, herbeigerufen, sehr gern erschien und vor dem warmen Kamin Platz zu nehmen geruhte.

»Nein«, sagte Trix, mit der Fußspitze das atlasglänzende Fell ihres Hundes reibend, »das war ja zum Schreien, wie Sie von dem Grafen Rablonowski und ich von dem Schatz hier redete. Ich wußte gar nicht, daß der Graf den Titel ›Exzellenz‹ hat.«

»Gewiß – als Oberzeremonienmeister, als welcher er bei Hofe noch bei besonderen Feierlichkeiten fungiert«, erwiderte Frau von Graßmann. »Wenn man von anderen Leuten spricht, so nennt man sie beim Namen, nicht wahr? Wenn man aber ›Seine Exzellenz‹ sagt, dann ist immer Graf Rablonowski gemeint. Der Titel nennt und charakterisiert ihn gleichzeitig.«

»Sie kennen ihn?«

»O ja, natürlich!« Frau von Graßmanns Lippen kräuselten sich zu einem leisen Lächeln, denn das Haus Rablonowski hatte sie bei einer Einladung ihrer vorigen drei Schutzbefohlenen übergangen, und erst ein Billett von ihrer Hand, gezeichnet Sophie von Graßmann geb. Freiin Truchseß von Westerwald, und des Inhalts, daß die Gräfinnen ohne ihre Ehrendame keine Einladungen annähmen, hatte ihr eine Visitenkarte verschafft und ein Billett, in welchem man dies »Versehen« zu entschuldigen bat. »O ja, natürlich. Die Rablonowskis machen ein Haus in Berlin. Die Gräfin ist eine Lady Dunroß, Tochter des vorigen Herzogs von Lochlomond, eine noch immer glänzende Erscheinung und ganz Engländerin. Ich habe mir aber oft gesagt, daß doch das wenigstens eine Farbe ist, denn die Familie ist so kosmopolitisch, daß man wirklich nicht sagen kann, sie sind das oder jenes. Der Graf ist Pole und zwar, wie man so sagt, der Konzessionsschulze unter den polnischen Magnaten, der eine Hofstellung annimmt, aber Preuße ist er deswegen noch lange nicht. Seine Mutter war eine Griechin, die am Hofe König Ottos des Bayern berühmte Schönheit Euphrosyne Stavranunopoulos. Die Attraktion des Hauses Rablonowski ist aber zweifellos die lilienhafte Tochter des Hauses, die schöngeistige Gräfin Phroso –«

»Phroso? Welch fremdartiger Name«, fiel Trix von Dornberg ein.

»Sie heißt nach ihrer Großmutter Euphrosyne, und man kürzt diesen langen Namen in Griechenland in ›Phroso‹ ab«, er klärte Frau von Graßmann. »Sie ist zweifellos ein sehr anziehendes Geschöpf, denn es vereint sich in ihr die wundervolle transparente Schönheit der Britin mit der griechischen Geschmeidigkeit und der polnischen Grazie. Die Zahl ihrer Anbeter ist so ungefähr Legion, trotzdem die finanziellen Verhältnisse recht zerrüttet sein sollen und Gräfin Phroso mit den Ansprüchen einer Prinzessin erzogen worden ist. Auch mein Neffe Hans Truchseß war immer im Gefolge dieses Kometen zu sehen, aber, mein Gott, das heißt natürlich nur sich die Flügel verbrennen, denn welches Gewicht hätte das verhältnismäßig armselige Kroschwitz in der Waagschale dieser verwöhnten Schönheit?«

»Vielleicht Kroschwitz nicht, aber Hans Truchseß selbst«, sagte Trix nachdenklich.

»Liebes Fräulein von Dornberg, solche Gestalten wie Phroso brauchen einen gediegen vergoldeten Hintergrund, und die erste Frage ist: kann der ihn schaffen, der dies stellenweise recht ungnädige Bild anbetet? Ich fürchte, die Aussichten von Hans Truchseß sind schlechte.«

»Gar nicht! Hans Truchseß ist mit Phroso Rablonowski verlobt!«

»Oh! Von wem wissen Sie das?«

»Von ihm selbst, er hat mir's erst heut' früh gesagt!«

»Ah – ja dann enden wohl meine Zweifel«, sagte Frau von Graßmann langsam.

»Kennen Sie meinen Neffen schon lange?«

»Ach – nun, wie man's nimmt«, meinte Trix vage, denn es schien ihr, als ob ihre Gardedame keinen rechten Sinn für diese Bekanntschaft über den Zaun frühmorgens vor sechs Uhr entwickeln dürfte. »Er wird mich nächstens mal besuchen, und wir können auch einmal zu ihm hinüber!«

»O ja, gewiß«, gab Frau von Graßmann zu. »So wenig ich sonst für diese beliebten Besuche bei Junggesellen bin, so sehe ich in diesem Falle keinen Grund ein, nicht einmal in Kroschwitz, meinem Elternhause, bei meinem verlobten Neffen einen Löffel Suppe essen zu dürfen – mit Ihnen.«

»Also. Und dann werden wir wohl auch bei Rablonowskis Besuch machen müssen, nicht wahr?«

»Ich denke, dort vor allem. Eigentlich endet damit auch das Besuchemachen im Frauenseer Kreise, doch wird Ihre Pflicht als Herrin der Abtei Sie wohl auch zu den Honoratioren der Kreisstadt führen –«

»Ich denke, ja. Der Justizrat meinte wenigstens, das wäre notwendig oder wünschenswert oder so was. Und natürlich müssen wir auch zu den Freiwaldern –«

»Ja, aber das ist doch kein Verkehr!« sagte Frau von Graßmann, die Nase rümpfend. »Das sind die höheren Bauern, diese Richters, Leute, die sich ihr Leben mit Wirtschaftsvolontären abplagen, einer Bande junger Menschen, die nichts wie Dummheiten im Kopfe hat –«

»Ach, das ist etwas für mich«, erklärte Trix, auf welche die Abschreckungsmethode augenscheinlich verkehrt wirkte, zum unverhohlenen Entsetzen ihres Visavis. »Also da machen wir uns nächster Tage mal auf und schießen Visiten. Hoffentlich heiratet Vetter Hans auch bald, dann haben wir ein Haus mehr in der Nachbarschaft zum Verkehr –«

»Vetter Hans?« fragte Frau von Graßmann scharf und betont.

»Ja – Hans Truchseß! Ich erzählte Ihnen doch eben, daß er mit Komtesse Rablonowski verlobt ist«, antwortete Trix völlig harmlos.

»O ja – ich wunderte mich nur, weil Sie ihn Vetter Hans, Vetter nannten«, sagte Frau von Graßmann.

»Na, er ist doch der Neffe von Onkel Rudolf und darum mein Vetter. Das ist klar wie – wie – nicht gerade wie Tinte, aber doch wie Mehlsuppe«, meinte Trix lachend, welche die Pointe noch nicht sah.

»Sie hätten also den Vater von Hans demnach ›Onkel‹ genannt?«

»Ich denke doch – ja, höchst wahrscheinlich.«

»Der Vater von Hans Truchseß war mein Bruder, wie er der Bruder von Rudolf Zells Frau war«, sagte Frau von Graßmann. »Da Sie nun Hans aber Vetter nennen, so müßten Sie der Konsequenz wegen meinem Sohn den gleichen Verwandtschaftstitel zugestehen, nicht?«

»Wenn er nett ist, halte ich das gar nicht für ausgeschlossen«, entgegnete Trix, die nun sah, wohin man sie führte. »Das ist ja eben der Vorzug der Wahlverwandtschaften. Übrigens seien Sie mir nicht böse, wenn ich Sie jetzt verlasse, denn ich bin seit früh fünf Uhr auf und hundemüde. Also, ich wünsche Ihnen eine recht gute Nacht in der Abtei. Auf Wiedersehen morgen!«


Damit entschwand Trix, gefolgt von Seiner Exzellenz, den drohenden verwandtschaftlichen Erläuterungen als Siegerin. Die Sache fing ihr an, schwül zu werden, aber so war sie ‚schön 'raus mit sechzehndreiviertel«, wie sie aufatmend sagte.


Das gestand Frau von Graßmann auch in dem Briefe zu, den sie am selben Abend noch an ihren Sohn schrieb.

»Die Überrumpelung der Festung ist glänzend mißglückt, mein lieber Junge, die Berechnung war eine falsche, und ich muß gestehen, daß ich auf allen Linien geschlagen bin. Das junge Gänschen, das ich mir nimmer gewachsen dachte und das mir vielleicht auch gar nicht gewachsen ist, dieser Dornbergsche Albino scheint mit so vielen der lieblichen Zellschen Charaktereigentümlichkeiten erblich belastet zu sein, daß man tatsächlich mit ihm rechnen muß und daß ich werde angestrengt studieren und die Schwächen dieses jungen Dinges ergründen müssen, ehe ich weiter operiere; das war mir nach der ersten Viertelstunde in der Abtei klar. Wäre es nach mir gegangen, so wäre ich auf dem Fleck umgekehrt und hätte dem ungezogenen Dinge den Rücken gekehrt, aber es geht eben nicht nach mir und – es steht ein zu hoher Einsatz auf dem Spiele.«

»Ob Beatrix Dornberg« – so fuhr Frau von Graßmann in ihrem Briefe fort – »beeinflußt war, als sie meine Annäherungsversuche kurz, klipp und klar abgewiesen hat, entzieht sich vorläufig noch meiner Kenntnis – möglich ist es schon, aber es kann auch ›nur‹ der Ausfluß Zellscher Dickköpfigkeit und Zellschen Widerspruchsgeistes gewesen sein. Jedenfalls wird der Tag für mich ein wonnevoller werden, an dem ich sagen kann: ›hier bin ich Meister und nun auf die Knie vor mir‹ oder ›schön Apport‹, wie sie es ausdrückte mit Zellscher Schlauheit und dem Bauernmißtrauen, das diese Rasse charakterisiert. Da ich nun hier, vulgär ausgedrückt, auf den Pfropfen gesetzt worden bin, so werde ich Zeit brauchen, darum also vorweg: Geduld und nochmals Geduld und zum drittenmal Geduld. Übrigens: Hans Truchseß ist, wie es scheint, halboffiziell mit Phroso Rablonowski verlobt, also von dieser gefährlichen Seite, trotzdem er schon hier offiziell als Kusin anerkannt ist, droht der Abtei keine Belagerung. Die Stadt werde ich etwas in die Ferne rücken und wenn Weißenrode keine gefährlichen Gäste und – so lächerlich es klingt, so darf es doch nicht übersehen werden – Freiwald keine dito Volontäre produziert, so wüßte ich nicht, woher der Wolf kommen sollte, in den Schafstall einzubrechen . . .«



Kapitel 5

Trix aber stand am anderen Morgen zwischen fünf und sechs Uhr wieder an der Tür ihres Hauses und überlegte, wohin sie heute ihre Schritte lenken sollte. Seine Exzellenz saßen neben ihr auf der Türschwelle und bekundeten durch heftiges, aber stark affektiertes Niesen und ostentatives Gähnen seine Unzufriedenheit mit der frühen Stunde im allgemeinen und dem Spazierengehen ohne vorheriges Frühstück im besonderen. Mit einem tiefen Seufzer sah Seine Exzellenz ein, daß auf Erden nichts vollkommen ist und viel hätte nicht gefehlt, so hätte er über diese bittere Erkenntnis laut angefangen zu heulen. Zum Glück kam Trix vorher zu einem Entschluß.

»Natürlich, nachsehen muß ich, ob der Bengel die Hasenschlinge nicht am Ende wieder gelegt hat«, rief sie laut und schlug sich vor den Kopf. »Wie man nur so was vergessen kann! Und dabei habe ich von der Hasenschlinge sogar geträumt!«

Und sie machte sich in einem Tempo auf den Weg, als ob sie schon enorm viel versäumt hätte, und Seine Exzellenz folgte ihr in einem mißvergnügten Kreuzgalopp – zur Hasenschlinge. Der Gang durch den Wald war schön, und Trix war noch viel vergnügter dabei als gestern. Die Vorstellung »das alles gehört dir« fing erst an, bei ihr zu dämmern und feste Gestalt anzunehmen, aber das Bewußtsein machte sie lustig, und wie gestern kam in dem weiten, frischgrünen Walde ein wonniges Freiheitsgefühl über sie, daß sie laut anfing, mit den Vögeln um die Wette zu singen. Sie rannte unter den Bäumen hin und steckte mit ihrer Jugendfreude Seine Exzellenz an, daß er seinen gestörten Morgenschlummer vergaß und Beifall kläffend sich neben sie in ein Tempo setzte, das mit seinen kurzen, krummen Beinen in einem solch urkomischen Gegensatze stand, daß Trix sich unterbrechen und laut lachen mußte.

»Ballettänzerin müßten Sie werden mit Ihrer Grazie«, rief sie ihm zu.

Natürlich wurde das Ziel in einem derart beschleunigten Tempo bald erreicht und schnell genug stand Trix an der nämlichen Stelle wie gestern.

N–nein! Die Hasenschlinge schien nicht erneuert worden zu sein, soweit sie das über den Graben weg erkennen konnte, aber als gründlicher Mensch darf man sich auf den Schein so unbedingt nicht verlassen, und Trix fand es mit ihrem Pflichtgefühl unvereinbar, einfach umzudrehen, bloß, weil's ihr schien, als wäre alles in Ordnung. Aber diesmal wollte sie vorsichtiger sein und den Graben nicht erst auf seine Nässe prüfen. Sie ging also ein paar Schritte zurück, und mit dem anfeuernden Zuruf »Hupp–lala!« sprang sie nach dem entsprechenden Anlauf mit einer derartigen Vehemenz über das Hindernis, daß sie über das Ziel schießend mit einer Wucht in die Hecke flog, daß ihr für den Augenblick Hören und Sehen verging.


»Donnerwetter, Kusinchen, du kommst ja wie aus der Pistole geschossen«, rief Hans Truchseß, der hinter der Hecke gestanden und dem Vorgang mit ebensoviel Interesse wie Vergnügen zugesehen hatte. Wie gestern war er mit einem Satz drüben. »Der Anlauf war für die Breite des Grabens viel zu lang, und wenn das eine Dornenhecke wäre, da hättest du dich nicht schlecht zerkratzen können!«

»Hab' ich sowieso«, sagte Trix, ihre Hände betrachtend, an denen sich richtig einige Kratzer zeigten.

»Na, das macht sich noch, bis du heiratest, heilt's«, tröstete Hans Truchseß vergnügt.

»Mach' keine schlechten Witze!« rief Trix mit einem mißtrauischen Blick in seine lachenden Augen, »sondern sag' erst mal hübsch höflich ›guten Morgen‹, wenn's dir nicht zu schwer wird, und ›schönen Dank‹ dazu, denn warum hab' ich den blödsinnigen Satz gemacht? Weil ich so gutmütig war und mal nachsehen wollte, ob die Hasenschlinge nicht wieder gelegt worden ist.«

»Das ist aber wirklich furchtbar nett von dir«, versicherte er. »Denn in Anbetracht dessen, daß –«

»Daß deine Hasen mich eigentlich blitzwenig angehen –« half Trix ein.

»Das hab' ich nicht sagen wollen. In Anbetracht dessen, daß du gestern für deine Mühe so schlechten Dank geerntet hast, ist deine nachbarliche Güte einfach großartig. Also tausendmal schönen Dank, Kusinchen, und einen recht herzlichen guten Morgen. Ich war nämlich auch gekommen, nach der Hasenschlinge zu sehen!«

»Wenn so ein Lump erst mal darauf verfallen ist, dann versucht er's immer wieder – hat mein Vater gesagt. Ich werde ihm schon auf die Finger sehen – aus guter Nachbarschaft, Vetter Hans!«

»Das wäre riesig nett von dir, Kusine Trix. Na, und wie war der erste Tag in der Abtei? Ist der Drache angekommen?« erkundigte sich Hans von Truchseß mit Interesse.

»Und ob«, versicherte Trix. »Du, die muß gut in der Abtei kommandiert haben, denn das dumme Opossum, die Wirtschafterin, tat, als ob die Kaiserin von Fez und Marokko ihren Einzug halten wollte. ›Tante Sophie‹ sollte ich sie nennen – damit kam sie gleich an, und eine Hausordnung wollte sie einführen, na, kurz und gut, es hieß gleich ›Marsch, in die Bude‹, ins Deutsche übersetzt.«

»So, so!« machte Truchseß, nachdenklich an seinem langen Schnurrbart zwirbelnd. »Nach allem, was meine Mutter mir von Tante Sophie erzählt hat, paßt das ganz gut dazu. Aber sie war doch sicher sehr liebenswürdig!«

»Zucker mit Honig – sag' ich dir«, versicherte Trix. »Aber ich hatte mich scheußlich darüber erbost, daß die Gans, die Wirtschafterin, so dumm tat, und lehnte die Tantenschaft prompt und ohne den Korb mit Blumen zu füllen, ab. Die Hausordnung dito!«

»Bravo, Trix«, lobte er. »Aber nun bleibe auch hübsch fest dabei, sonst wirst du am Ende doch entthront!«

»Geh' ruhig schlafen, Vetter Hans! Ich bin wie der selige Pilatus, der bei dem blieb, was er geschrieben hatte. In diesem Falle hab' ich's zwar nur gesagt, aber kommt sie wieder damit angereist, dann kann sie's auch schriftlich haben mit Unterschrift und Siegel.«

»Du, ich glaube, das wird sie nur sehr vorsichtig tun«, meinte er. »Na, jedenfalls hast du gezeigt, daß du unabhängig bleiben willst, damit hast du schon viel gewonnen. Es freut mich übrigens, daß ich dich so zufällig getroffen habe, denn ich habe eine Botschaft aus Weißenrode an dich. Die Rablonowskischen Herrschaften lassen dir sagen, wie sehr sie sich freuten, dich als Nachbarin begrüßen zu dürfen, und Phroso, das ist meine Braut, sendet ihrem neuen Kusinchen in spe tausend Grüße im voraus. Komm nur bald einmal nach Weißenrode herüber, ja?«

»O, sehr gern – ich freue mich schon ganz fabelhaft auf deine Braut«, rief Trix herzlich. »Wann soll ich kommen?«

»Ja, natürlich lieber heut' als morgen!«

»Also heut'. Wann ist Visitenstunde hier zu Land?«

»Na, ich denke so zum five o'clock tea. Es geht natürlich ganz englisch zu im Hause Rablonowski. Meine Schwiegermutter hat, wie alle Engländerinnen auf dem Kontinent, ihr homerule durchzusetzen verstanden, und eigentlich ist die Tagesordnung auch eine ganz vernünftige. Wir werden sie auch bei uns in Kroschwitz einführen!«

Trix nickte interessiert.

»Ich habe auch so etwas Ähnliches vorgehabt«, meinte sie. »Papa sagte zwar immer, die späten Diners machten einem nachts Alpdrücken. Ja, ich werde es auch so machen, denn siehst du, dann paßt das so zusammen mit den anderen Familien, und keins fällt dem anderen in die Suppenschüssel, wenn man sich besucht, das heißt man kann nicht ungelegen kommen. Apropos, wann – wann machst du denn Hochzeit, Vetter Hans?«

»Ach – ich hoffe, im Herbst! Ich bin heut' zum Lunch in Weißenrode und dann wollen wir die Verlobungsanzeige adressieren. Die erste, die ich schreibe, ist an dich, Kusinchen!«

»Na, da bin ich aber riesig stolz drauf. Wenn ich also heut' nachmittag nach Weißenrode fahre, dann treffe ich dich dort?«

»Mit tödlicher Sicherheit. Werde die Vorstellung übernehmen. Ja, und was ich sagen wollte – fahre doch über Freiwald und begrüße Richters zuerst, damit die lieben, braven Menschen sich nicht in die zweite Reihe von dir geschoben sehen. Willst du? Es ist wirklich ein Freundesrat –«


»Bon! M. w.«, stimmte Trix zu. »Erstens, weil du's sagst, und zweitens, weil Frau von Graßmann die Freiwalder eigentlich als zu ›rustikal‹ aus der Visitenliste ausstreichen wollte. Nun erst recht; wenn sie nicht mit will, fahre ich allein, und da kann sie zu Hause sitzen wie die Ariadne auf – auf – wie hieß das Vieh?«

»Naxos, Trix! Aber ich fürchte, das Vieh war eine Insel!«

»Aber natürlich! Wie man nur so dumm sein kann! Ich hatte im Moment an den Panther gedacht, es war nur eine Verwechslung. Du, das kannst du aber für dich behalten und brauchst's nicht deiner Braut zu erzählen, die ja eine kolossale Gelehrte sein soll. Wort drauf!«

Ehe aber Hans Truchseß diesem Verlangen entsprechen konnte, erhob Seine Exzellenz jenseits des Grabens, wo er, seinem Springtalent nicht recht vertrauend, stehen geblieben war, und mit schlecht verhehlter Ungeduld seine neue Herrin beobachtete, ein solches Jammergeheul, wie es nur eben ein Dackel grundlos fertig bringt.

»Herrje – was ist denn das? Ist das dein Hund?« fragte Truchseß.

»Natürlich«, erklärte Trix mit Stolz. »Großartig, was? Tadellose Rasse. Wollen Sie wohl das Maul halten, Exzellenz?«

»Ex – – wie heißt der Hund?«

»Seine Exzellenz. Gestern erst vom Oberförster bezogen!«

»Und hast du ihm den Namen gegeben?«

»Ich? Nein. Ich wollte ihn eigentlich Murks nennen, aber ich fand ›Seine Exzellenz‹ enorm entsprechend für diese Perle.«

Hans Truchseß pfiff leise vor sich hin.


»Ich wußte gar nicht, daß der Oberförster von Frauensee solch ein Witzbold ist«, meinte er. »Ich habe nämlich so den schwarzen Verdacht, daß dieser Name meinem Schwiegervater zu Ehren entstanden ist. Hör' mal Kusinchen – ich würde den Hund doch noch umtaufen – wenn er den Namen hörte, könnte er's doch am Ende krummnehmen!«

»Der Dackel?«

»Nein, aber mein Schwiegervater. Er hält sehr viel auf ›Seine Exzellenz‹ – seine eigene nämlich.«

»Ach, wo wird er's denn hören«, meinte Trix zuversichtlich. »Wenn Graf Rablonowski in die Abtei kommt, wird der Dackel eingesperrt, da machen die beiden Exzellenzen sich keine Konkurrenz –«


»Uuuuuuuuuuuuuh –!« heulte der Dackel jenseits des Grabens. »Ich komme schon!« rief ihm Trix beruhigend zu. »Also«, sagte sie zu Hans Truchseß gewendet und reichte ihm die Hand, »also heut' nachmittag. Hab' mich riesig gefreut, dich hier zu treffen. Auf Wiedersehen!«

Und damit »nahm« sie den Graben mit kurzem Anlauf ohne Ziererei und landete drüben ziemlich in der Balance, zur größten Freude Seiner Exzellenz und zur nicht minderen von Truchseß.

»Famoses Mädel«, dachte er, und schwenkte grüßend den Hut, »bin dergleichen noch nie begegnet, solch eine unverfälschte Natürlichkeit und Harmlosigkeit ohne einen Schimmer von Koketterie. Ganz anders wie Phroso – ganz anders. Aber auch sehr nett. Schade, wenn Phroso – na, dann wäre sie auch eben nicht Phroso ›the lily rare and fair‹.«


Trix rannte unbekümmert und ahnungslos ob dieser Kritik in den Wald zurück, mit ihrem Dackel um die Wette, aber sie merkte bald, daß sie den richtigen Weg nicht eingeschlagen hatte, sondern zu sehr nach rechts gekommen war. In der seligen Zuversicht aber, daß alle Wege nach Rom führen, suchte sie diesen Irrtum zunächst nicht zu verbessern. Nach einigem Kreuz und Quer und einer wahren Steeplechase über Baumwurzeln, Äste und gelegentliche Gräben kam sie in eine schnurgerade Schneise, die nach links ins Unendliche zu gehen schien, sich nach rechts aber nach ein paar hundert Metern Länge auf ein Feld öffnete. Bisher hatte Seine Exzellenz den Irrgang ins Wesenlose ohne sonderlichen Enthusiasmus und nur gelegentlich in die Luft witternd als etwas leider Unvermeidliches mitgemacht, in der Schneise angelangt aber war er plötzlich mit der Nase auf dem Boden, und unter höchst interessiertem Schnaufen verfolgte er eine eben entdeckte Spur feldwärts.

»Was haben Sie denn da? Wollen Sie wohl – gleich her, schön!« rief Trix ihn an, die dies Manöver nur zu gut kannte, aber Seine Exzellenz wäre der erste Dackel gewesen, der Appell gezeigt hätte, wenn er eine Spur hatte, die ihm eine solenne Hasenjagd auf eigene Rechnung und Gefahr verhieß. Unbekümmert um seiner Herrin Pfeifen, Rufen, Drohen und Schmeicheln wand er seinen langen wurstartigen Leib, die Schnauze am Boden, der entdeckten Spur entlang, bisher noch hart gefolgt von Trix, da plötzlich gab er Standlaut; ein armer Hase, der im hohen Grase des Schneisengrabens Deckung gesucht, wechselte und stob, was hast du, was kannst du, die Schneise entlang. Seine Exzellenz nahm mit wildem, boshaftem Gekläff die Verfolgung des Flüchtigen auf, in einem Tempo, das fast unmöglich schien für seine kurzen, krummen Beine und gefolgt von Trix, die wie ein Pfeil nachflog, unter Ausrufen, welche an die Jägerehre ihres Dackels zu appellieren suchten, damit er von der ebenso unwürdigen wie gesetzwidrigen Verfolgung Abstand nehme. Wenn ein Dackel aber einmal hinter einem Hasen her ist, dann bleibt sein Ehrgefühl allemal auf dem Platze seines Starts zurück. Trix hätte das eigentlich wissen können, aber jeder Dackelbesitzer hofft in diesem Punkte das Unmögliche wider seine bessere Erkenntnis, und so verfolgte auch Trix ihren Dackel in der Hoffnung, daß ihre Zurufe das Wunder vollbringen würden, das einzig dagestanden hätte in der Kynologie im allgemeinen und der Dackologie im besonderen.


Da – nun hatte der Hase den Rand der Schneise erreicht und verschwand in einem Lupinenfelde; mit wütendem Gekläff und fliegenden Ohren folgte Seine Exzellenz, dessen Chancen in der hindernden Pflanzung erheblich abnahmen. In demselben Augenblick erschien am Waldrand die Gestalt eines kurzen, dicken Mannes, das Gewehr zum Schuß angelegt, doch ehe er diesen noch dem Wildschützen auf den Pelz brennen konnte, schlug auch schon eine schlanke, kräftige Frauenhand auf den Lauf, daß der Schuß krachend in den Boden fuhr, und atemlos schnob Trix den Jäger an:

»Unterstehen Sie sich, auf meinen Dackel zu schießen, Sie unverschämter Kerl, Sie!«

Der ja entschieden sehr wenig elegante Jäger im ruppigen Lodenrock, samtmanschesternen Inexpressibels und hohen Schmierstiefeln, stemmte samt seiner Flinte die Hände in die Seiten und sah unter seiner breiten Schirmmütze einen Moment fassungslos seine Angreiferin an. Dann wurde sein ältliches, nicht eben schönes, aber gutmütiges, mit den Bartstoppeln von vorgestern stachliges Gesicht jedoch blutrot und seine kleinen Äuglein begannen bedrohlich zu funkeln.

»Sie sind wohl meschugge?« brüllte er mit einem für seine Größe merkwürdig lauten Organ los. »Was fällt Ihnen denn ein, wenn man fragen darf? Ihr Dackel ist das? Ist mir ja total schnuppe! Wenn ein Hund auf meinem Felde einen Hasen hetzt, wird er niedergeknallt ohne Gnade, und wenn's dem Kaiser sein Dackel wäre. Wie können Sie mich am Schießen hindern, Sie dummes Mädel, Sie, und mich noch dazu einen unverschämten Kerl nennen auf meinem Grund und Boden, auf meine alten Tage! Beim Staatsanwalt werde ich Sie verklagen, haben Sie mich verstanden? Gleich pfeifen Sie Ihrem Dackel!«

»Pfeifen Sie doch Ihrem Hasen, wenn's nämlich Ihrer ist«, gab Trix zurück, die unter diesem Hagelschauer lieblicher Worte ihren Atem wiedergefunden hatte. »Im übrigen scheint mir's, daß wir quitt sind, da Sie mich auch zu titulieren beliebten!«

»So? Soll ich vielleicht etwa noch ›Durchlaucht‹ zu Ihnen sagen?« brüllte der Jäger zurück. »Und auch noch auf die schnoddrige Redensart? Wenn ich wie Sie wäre, tät ich lieber den Gelbschnabel halten, statt ihn mit koddrigen Reden zu tummeln. Ja, was denn noch? I, da kennen Sie den alten Richter doch verdammt schlecht!«


Trix prallte zurück. »Sie sind der Herr Oberamtmann Richter auf Freiwald, Sie?«

»Na, wer soll ich denn sonst sein?« gab er grob zurück. »Etwa der Mann im Monde? Oder der Popelmann? Ich wollte, der wär' ich, dann – dann holte ich Sie dumme Kröte auf der Stelle.«

»Herr Richter«, sagte Trix würdevoll, »jetzt haben Sie mich zweimal geschimpft, von den Anspielungen auf meine Sprechwerkzeuge gar nicht zu reden!«

»Wenn Sie mich reizen, sag' ich's noch einmal«, polterte er grimmig. »Sie gehören wohl zur Frauenseer Oberförsterei, he?«

»Nein«, erwiderte Trix auf einmal sehr ruhig. »Die Frauenseer Oberförsterei gehört zu mir.«

»Zu Ihnen! Ach! Der Dreikäsehoch ist meschugge!« gab der Oberamtmann verächtlich zurück.

»Gar nicht, aber Sie sind ein alter Grobian«, feuerte Trix wieder auf. »Aber's wundert mich nicht etwa und ist keine Entdeckung von mir. Dahinter ist Onkel Zell, scheint's, eher gekommen als ich!«


Herr Richter stampfte seinen Gewehrkolben auf den Boden, stützte sich auf den Lauf und sah sein holdes Visavis fassungslos an.

»Onkel Zell?« wiederholte er dann. »Ja, Sie wollen mir doch damit nicht den Bären anbinden, daß Sie, Sie, dieses krasse Grünzeug, dieses Kücken, dem die Eierschalen noch auf dem Rücken kleben, Sie die neue Besitzerin der Abtei sind? Hören Sie, mein Schnuckelchen, der erste April ist nämlich in diesem Jahre schon gewesen, und wenn Sie jemand uzen wollen, dann suchen Sie sich gefälligst einen anderen aus!«

Diese letzten Worte wurden schon wieder mit erhöhter Stimme in den schönen Maimorgen hinausgebrüllt, aber sie empörten Trix nicht mehr. »Gott, ob Sie's glauben oder nicht, ist mir höchst Piepmatz«, versicherte sie sogar schon wieder lachend. »Heut' nachmittag mach' ich Ihnen und Frau Richter überhaupt meinen Antrittsbesuch, und da werden Sie ja sehen, ob Beatrix von Dornberg und ich dieselbe ist. Wenn Ihre Frau Gemahlin aber etwa ebenso – so – so grob ist wie Sie, dann sagen Sie mir's, bitte, im voraus, damit ich vor Schrecken nicht gleich umfalle!«


Da nahm Herr Richter sein Gewehr in den linken Arm und schlug sich mit der Rechten, die durch einen mächtigen Siegelring auf dem Zeigefinger geziert war, auf den Schenkel, daß es knallte, und dazu fing er an zu lachen, bis ihm die Tränen über die runden, bartstoppligen, braunen Backen liefen, und da Trix unter keinen Umständen jemand lachen sehen konnte, ohne mitzulachen, gleichgültig, ob sie die Ursache dazu kannte, so stimmte sie nach einem Moment des Schwankens ein und lachte, lachte, lachte, daß sie sich bog.

Herr Richter war der erste, der aufhörte und sich die nassen Augen mit einem rotseidnen Taschentuche trocknete.

»Na, worüber lachen Sie denn?« begehrte er mitten in diesem Aktus mit leichtentflammtem Temperamente auf.

»Nein, das ist aber auch zum Schießen«, lachte Trix weiter. »Ich will mich bei meinen Nachbarn möglichst gut und ehrpußlich einführen und was geschieht? Der eine packt mich bei den Haaren und wichst mich um ein Haar durch, und mit dem anderen gebe ich mir eine halbe Stunde lang Ehrentitel, die die Bäume allein hinaufklettern! Darüber muß man doch lachen, weil darüber zu heulen einfach dumm wäre. Und worüber lachen Sie denn?«

»Ich?« prustete der Oberamtmann wieder los. »Na, ich muß lachen, weil sie fragen, ob meine Alte so grob ist wie ich! Wenn man sie reizt, natürlich, dann weiß sie, wozu sie den Mund hat, und das ist auch ganz gut bei der Schwefelbande, unseren Volontären. Aber sonst ist sie die gutmütigste Seele von der Welt. Doch Spaß beiseite – Sie sind wahr und wahrhaftig die Herrin von Frauensee?«

Trix machte einen Knicks. »Zu Befehl«, sagte sie. ›,Nebenbei Inhaberin herzerhebender Ehrentitel wie dummes Mädel, dumme Liese, Gelbschnabel und anderer unausgesprochener, weil wahrscheinlich unaussprechlicher Liebesnamen.«

Herr Richter legte sein Gesicht in mehrere tiefe, sogenannte Trompeterfalten, schob die Mütze zurück, schneuzte sich dröhnend und sagte dann gemütlich: »Ich werde Ihnen was sagen, gnädiges Fräulein –«

»Aha, ich avanciere«, meinte Trix.

»Ehre, wem Ehre gebührt«, fuhr Herr Richter mit sich vertiefenden Falten fort, »also, Sie haben angefangen, nicht wahr?«

»Es ist mir auch so«, gab Trix zu.

»Also. Angegriffene wehren sich aber meistens, schon aus Instinkt«, setzte Herr Richter seinen Speech fort. »Ich habe mich aber auch gewehrt, weil Sie mich in meinen heiligsten Gefühlen, nämlich auf meiner Scholle, attakiert haben. In der Wut aber sucht der Mensch, wenigstens ein heftiger Mensch, meist nicht in den Komplimentierbüchern nach Ausdrücken, sondern er holt sie aus der Tiefe seines Herzens, wenn das keine Mördergrube ist. Meins ist keine. Kapieren Sie das?«

»Ist nicht schwer, da ich's gerade so mache«, gab Trix zu.

»Na, dann sind wir ja einig«, meinte er und setzte unvermittelt hinzu: »Haben Sie schon gefrühstückt?«

»Nein, und der Dackel auch noch nicht«, sagte Trix ohne sich zu wundern, indem sie auf den Missetäter deutete, der mit heraushängender Zunge und einem Gesicht eben aus den Lupinen kam, als wollte er sagen: »Es ist eine Gemeinheit, solches Zeug anzupflanzen, in dem kein anständiger Dackel einen Hasen stellen, geschweige denn hetzen kann, weil so eine Bestie über die Pflanzen mit seinen langen Hinterläufen 'rüberspringt, während unsereins überall in dem Gestrüpp hängen bleibt.« Man sah ordentlich, wie Seine Exzellenz verächtlich die Achseln zuckte, womit ein echter Dackel sein Schuldbewußtsein so brillant zu maskieren versteht.

»Ob der Köter gefrühstückt hat oder nicht, läßt mich kalt«, sagte Herr Richter. »Eine feste Tracht Prügel dürfte für ihn diese Mahlzeit entsprechend ersetzen, wenn sie natürlich auch sonst nichts hilft. Ich habe nämlich auch noch nicht gefrühstückt, und da Sie eine höllische Ecke bis zur Abtei haben, während es bis zu mir höchstens ein Kilometer ist, so schlage ich vor, Sie kommen mit mir und frühstücken bei uns, samt Ihrem Nichtsnutz von einem Hunde!«

»Ach, das ist ja sehr freundlich«, sagte Trix, die auf einmal kolossal zu hungern anfing, überrascht, und setzte zögernd hinzu: »Aber was wird denn Ihre Frau Gemahlin sagen?«

»Gnädiges Fräulein, die alte Richtern hat sich bis jetzt immer noch über jeden Gast gefreut, den ich ihr mitgebracht habe«, erklärte der Oberamtmann mit erhobenem Zeigefinger. »Die Zeremonien können Sie deswegen immer heut' nachmittag nachholen, und meine Frau kann dazu die gute Stube – bei Richters gibt's nämlich keinen ›Salon‹ – zurechtmachen und ihren berühmten Mandelprasselkuchen backen. Wenn Sie jetzt mit mir kommen, dann heißt das für mich, daß Sie unter die Ehrentitel den Strich ziehen, wenn Sie aber etwa maulen wollen, dann pinschern Sie nur ruhig Ihre sechs Kilometer zur Abtei zurück, dann sind Sie den alten Richter für dieses Leben los –«

»Es fällt mir ja gar nicht im Traume ein«, rief Trix lachend, »und wenn Ihre Frau Gemahlin mich nicht an die Luft setzt zu dieser frühen Stunde – ich komme nur zu gern mit Ihnen. Also – darum keine Feindschaft nicht.«

Und sie hielt dem alten Mann ihre Hand hin, in die er kräftig einschlug, und dann wandelten die zwei in der schönsten Eintracht am Waldrand entlang dem Dominium zu, das mit seinen roten Ziegeldächern ordentlich fröhlich durch eine Gruppe uralter Nußbäume hindurchlugte.


»Nanu, mit wem kommt denn Otto da an?« fragte Frau Richter, die auf der obersten Stufe ihrer Veranda stand, die Augen mit der Hand beschattend. Sie war klein und rund wie ihr Gatte, ihr hausbackenes Pfefferkuchenweibleingesicht strahlte vor Gutmütigkeit und sah aus wie ein Vollmond zwischen ihren zwei hornartigen kurzen Puffscheiteln unter ihrer weißen Morgenhaube, und ihre ganze Person knackte ordentlich vor Sauberkeit in dem blaubedruckten Kattunkleid mit der breiten weißen Schürze darüber, in deren Gürtel ein mächtiger Schlüsselbund angehakt war. »Das ist ja ein weibliches Frauenzimmer!«

»Jawohl, Frau Richter«, bestätigte einer der drei jungen Leute, die hinter ihr standen und sehnsuchtsvolle Blicke auf den appetitlich gedeckten Frühstückstisch warfen.

»Na, da bin ich doch neugierig, wen er da aufgelesen hat«, meinte sie, und indem sie grüßend ihr Taschentuch schwenkte, sagte sie gleichzeitig nach rückwärts: »Ach, lieber Fritz, holen Sie doch im Büfett drinnen noch eine Tasse, einen Teller und ein Besteck, ja? Und vergessen Sie die Serviette nicht – in der obersten Schublade links liegen noch zwei reine!«

Fritz von Rheinfeld, Volontär in der Landwirtschaft, verschwand ohne Worte oder Gesichterschneiden, denn Frau Richter hatte ihre »Jungens« nicht nur lieb, sondern hatte sie auch gut gezogen, und während er im Büfett nach dem notwendigen Handwerkszeug für den ungebetenen Gast suchte, den sein scharfer Blick sogleich als eine sehr hübsche junge Dame erkannt hatte, ging Frau Richter die Verandastufen hinab und durch den mit Rosenstöcken eingefaßten Weg ihrem Gatten entgegen.


»Schönen guten Morgen«, rief sie schon von weitem. »Wen bringst du mir denn da schon so früh, Alterchen? Mir scheint gar, du hast die Waldfee dingfest gemacht, oder sind Sie ein richtiger Mensch, Kindchen, mit Ihren blauen Augen und den Flachshaaren – Jemersch nee, wo hab' ich denn in aller Welt die Augen schon gesehen?«

»Waldfee – Schnickschnack! Daß ihr Weiber doch immer gleich mit der Poesie ansegeln müßt«, lachte Herr Richter vergnügt. »Die Herrin von Frauensee hab' ich dingfest gemacht, und einen Strauß hat's dabei gegeben, daß die Federn geflogen sind. Die Augen? Na, die wird sie wohl von ihrer Mutter selig haben, denn davon hast du mir doch genug erzählt, als daß ich mir's nicht zusammenreimen könnte.«

»Die Delfter Augen – sie hat die Delfter Augen!« jubelte die alte Dame. »Nun, natürlich, und doppelt willkommen, Sie herziges Goldkäferle, Sie – denn, denken Sie mal: ich habe Ihr liebes Mutterchen ja gekannt, bin mit ihr zusammen in Pension gewesen. Na, die Streiche, die wir zusammen vollführt haben!«

Und sie drückte Trix ohne weiteres an ihre rundliche Taille und gab ihr einen tüchtigen Kuß, den Trix lachend zurückgab und naiv dazu bemerkte:

»Nein, was sind Sie für eine famos nette Dame!«

»Aha! Also, die ist nicht so grob wie ich?« fragte Herr Richter schmunzelnd.

»Na, das wäre überhaupt schon nicht gut möglich«, entgegnete Trix mit etwas überflüssiger Ehrlichkeit, und zu Frau Richter gewendet, setzte sie lachend hinzu: »Wenn Sie, gnädige Frau, erst mal gehört haben werden, wie Ihr Gemahl und ich Bekanntschaft gemacht haben – angeschrien haben wir uns, daß die Vögel ausgerissen sind!«

»Aber, Alterchen – du wirst doch nicht etwa gleich wieder mit der vermaledeiten Frauenseer Arrondierung angefangen haben?« fragte Frau Richter mit erhobenem Finger.

»Ich habe überhaupt nicht angefangen«, grunzte Herr Richter. »Wenn Sie, gnädiges Fräulein, aber etwa testamentarisch von Ihrem Onkel die Frauenseer Arrondierungsfrage übernommen haben sollten, da will ich Ihnen doch von vornherein klipp und klar erklären: aus der Sache wird nichts – nischt wird draus! Punktum.«

»Aber es ist mir ja gar nicht eingefallen –« begann Trix, doch Frau Richter nahm sie am Arm und führte sie der Veranda zu.

»Kinder, das hat Zeit bis nach dem Frühstück«, sagte sie gemütlich. »Sehen Sie, Herzchen, seitdem Graf Zell tot ist und mein guter Alter sich nicht mehr über die Arrondierung ärgern kann, ist er faktisch um zwanzig Pfund magerer geworden. Lassen Sie ihn nur erst fest gefuttert haben, und proponieren Sie ihm dann in Gottes Namen den Verkauf von Freiwald mit der Gemeinde und Dorf Frauensee, dann bekommt's ihm besser, und wenn er seinen gewohnten Ärger hat, wird er die zwanzig Pfund wieder zunehmen. Pscht, Alter – gebrummt wird nicht! Und dann – nichts da mit Titulaturen wie ›gnädige Frau‹ für mich. Ich bin keine, bin die Frau Richter oder die ›Frau Oberamtmann‹, aber wenn Sie mich Mutter Richtern nennen wollen – so heiße ich bei denen, die mir gut sind, ja, die frechen Bengels da oben nennen mich sogar schlechtweg Ida-Mutter, wenn sie was ausgefressen haben und mir um den Bart gehen wollen. Ja, macht nur Gesichter, ihr da oben! Laßt euch mal erst vorstellen: Herr Syrop, Herr Rindig, Herr von Rheinfeld – unsere Volontäre.«


Die drei jungen Herren machten ihre Verbeugungen und begrüßten den Gast mit sichtlichem Vergnügen, denn junge und hübsche Damen waren eine seltene Sache in dieser Gegend. Bisher hatten sie alle drei in Ermangelung erreichbarer Objekte von weitem die Gräfin Phroso Rablonowski angeschwärmt, für ihr dienstfertiges Hutabreißen bei den seltenen Begegnungen aber nichts als ein kaum merkliches Kopfneigen eingeerntet, so daß sie schon auf den kühnen Gedanken gekommen waren, durch Legung einer Falle den Wagen des teuren Bildes zum Kippen zu bringen, um dann als Retter hinzuzueilen und vielleicht einen Händedruck und ein Lächeln einzuheimsen.

Aber mit dem unerwarteten Erscheinen der Herrin von Frauensee – und, Donnerwetter noch einmal, was für einer – verblaßte das ferne Bild der schönen Phroso.

»Was ist der Mond gegen die Sonne?« fragte sich Herr Syrop, ein reicher Fabrikbesitzerssohn; er blendete die dummen Bauern dieser Gegend geradezu mit seinen Toiletten, in denen wenigstens er sich unwiderstehlich vorkam.

Fritz von Rheinfeld war Gutsbesitzerssohn, hatte sein Jahr bei der Kavallerie abgedient und verstand sich nicht nur aufs Kuchenessen, sondern auch gründlich aufs Augenklappern – der junge Rindig war ein Hüne, aber einer von der stillen und verlegenen Sorte, wie es so häufig Hand in Hand geht mit Riesenwuchs. Da er mit Vornamen Siegfried hieß, so ward dieser Name im doppelten Sinn auf ihn angewendet, sowohl als Kose- wie auch als Übername, da der pommersche Recke mit seinen überflüssig ins Lange geratenen Gliedmaßen in beständigem Kampf mit Möbeln und sonst im Weg stehenden Gegenständen lag.


Trix also nahm an der überreich mit kräftigen Genüssen besetzten Tafel Platz, trank Kaffee und aß ohne jede Zimperlichkeit mit ihrem gesunden, durch die Morgenluft und den Kampf mit Herrn Richter geschärften Appetit; dabei amüsierte sie sich mit ihren neuen Gastfreunden und den drei Volontären geradezu königlich. Während sie sich von dem beseligten Herrn Syrop unter Fritz Rheinfelds heftigstem Courmachen die neueste Methode des Handschüttelns zeigen ließ, und »Siegfried« schüchtern und nachdenklich zusah, sagte Herr Richter zu seiner Frau, indem er ihr die Tasse zur dritten Füllung zuschob:

»Du, Ida-Mutter, weißt du, wer in der Abtei seit gestern als Ehrendame für die Baronesse eingezogen ist? Frau von Graßmann!«

»Nein!« erwiderte Frau Richter und hielt im Kaffee-Einschenken inne.

»Doch«, nickte Herr Richter. »Hm ja, die Welt ist rund und muß sich drehen. Wird dir heut' nachmittag ihren Knicks machen!«

»Na, das wäre das wenigste«, meinte Frau Richter. »Gott, mir tun die Leute immer leid, wenn sie vom hohen Pferd heruntersteigen und fremdes Brot essen müssen. Das wird sie wohl auch zahmer gemacht haben.«

»Es ist schon möglich, aber ich glaub's nicht«, sagte der Hausherr, indem er den schönen, dicken, gelben Rahm in seinen Kaffee goß. »Die Sorte kriegt das Leben nicht klein. Frau von Graßmann, geborene Freiin Truchseß vom Westerwald, Ehrendame und Gesellschafterin in der Abtei. Wenn das der selige Zell wüßte! Na, ich danke – der Skandal!«


»Verzeihen Sie – hat diese Frau von Graßmann einen Sohn, der Max heißt und bei den zwanzigsten Husaren gestanden hat?« fragte Rindig, der dem Hausherrn zunächstsaß.

»Ich denke ja – diesen Sohn hat sie sogar sehr«, meinte Herr Richter. »Kennen Sie ihn?«

»Ich nicht. Mein Bruder steht im selben Regiment –«

»Aha! Na, und –?«

»O, nichts weiter. Ich fragte nur«, meinte der junge Riese ausweichend.

Als niemand mehr aß und trank, erhob sich der Hausherr.

»Wir haben nun gegessen und sind geworden satt, hätt's aber noch mehr gegeben, hätt's auch nichts geschad't«, sagte er mit der Miene eines befriedigten Menschen. »Nun wir also dem Lämplein wieder Öl gegeben haben, dürfte es uns, speziell aber Ihnen, meine Herren, nichts schaden, wenn wir an unsre Arbeit gingen.«

»Und ich nach Hause«, meinte Trix aufstehend.

»Und Sie nach Hause«, wiederholte Herr Richter.

»Aber Alter!« fiel seine Frau ein, die fetten Hände mit einem Blick auf ihren Gast entsetzt zusammenschlagend.

»Na, hab' ich's denn vorgeschlagen oder zuerst gesagt?« verteidigte Herr Richter seinen etwas deutlichen Wink. »Fräulein von Dornberg war damit die Vernünftigere, denn erstens, wenn wir vier abziehen, hat sie keine Courmacher mehr und zweitens: hindert sie dich bloß in der Wirtschaft, wenn sie bleibt. Also nur keine überflüssigen Höflichkeiten. Nach Hause wird sie aber nicht gehen, sondern fahren. Sehen Sie mal zu, Syrop, ob der Gottlieb schon die Schecken an den Sandschneider gespannt hat, wie ich's heut' früh bestellt habe! Fix, mein Jungchen, fix! So ist's recht. Ich muß nämlich in die Stadt aufs Amtsgericht und da kann ich sie hübsch an ihrem Parktor absetzen, Fräulein Nachbarin, wenn's Ihnen recht ist.«

»Sehr recht ist mir's« erklärte Trix belustigt. »Sie sind gerade wie mein Vater, Herr Richter, der sagte auch alles geradezu! Na, und Seiner Exzellenz wird's wohl auch lieber sein, zu fahren als die sieben Kilometer auf seinen krummen Beinen heimzugondeln.«

Seine Exzellenz konnte diese Annahme nur durch heftiges Aufschlagen des Schwanzes bestätigen und dazu tief seufzen, denn von den Brosamen, die von des Herren Tisch für ihn abgefallen, lag er im Zustande einer bumsdick vollgefressenen Boa constrictor auf der Strohmatte vor der Tür des Speisezimmers und schien unfähig, seinen plenus venter auch nur sieben Meter weiter zu schleppen.


Herr Syrop kam in diesem Moment höchstselbst mit dem Sandschneider vorgefahren, daß heißt, ehe es dazu kam, fuhr er, da er Trix dabei ansah, und sich vor ihr präsentieren wollte, in ein Blumenbeet, das die Schecken rettungslos zerstampften.

»Meine schönen Pelargonien!« schrie Frau Richter auf.

»Donnerwetter, haben Sie denn die Augen hinten, daß Sie nach vorn nicht lenken können?« donnerte Herr Richter seinen unglücklichen Volontär an. »Warum lassen Sie denn den Gottlieb nicht vorfahren? Nein, immer muß das verdunnerte Grünzeug die Nase in Sachen stecken, von denen es nicht die blasse Ahnung hat!«

»Wenn Sie rechts um die Ecke fahren wollen, müssen Sie das Handpferd lenken, nicht das Sattelpferd«, rief Trix nun auch noch dem unglücklichen Syrop zu, der vollends den Kopf verlor und die Schecken nun aus den Pelargonien in die Balsaminen spazieren ließ. Ehe sie dort aber alles zertrampeln konnten, war Trix wie der Blitz die Treppe hinunter, hatte das Handpferd an der Trense und führte die Tiere, die sich sichtlich sehr ungemütlich in den Blumenbeeten fühlten, erst rückwärts und dann sicher auf den Kiesweg vor der Veranda zurück.

»So, nun können wir fahren«, erklärte sie.

Herr Syrop, gegen den der Gutsherr heillose Verbalinjurien in den Bart murmelte, sprang mit Grazie vom Bock. »Ich weiß gar nicht, was den Schecken heut' eingefallen ist«, meinte er achselzuckend. »Gnädiges Fräulein scheinen sich schon mit Pferden beschäftigt zu haben. »

»Es scheint mir auch«, lachte Trix. »Wenn Sie mal freie Zeit haben, will ich Sie in die Fahrschule nehmen!«

Nach herzlichem Abschied von Frau Richter fuhr sie dann, nachdem Seine Exzellenz auch auf den Bock befördert worden war, mit Herrn Richter davon, und dieser setzte sie, da die Schecken flott liefen, bald genug am Parktor der Abtei ab.

»Na, also, und nichts für ungut«, meinte er gutmütig, als sie ihm nochmals die Hand hinaufreichte.

»Dito«, lachte Trix, »wir haben einander nichts vorzuwerfen. Und wenn sie mal eine heilsame Motion brauchen, dann schicken Sie nur zu mir, dann komme ich zu Ihnen und spreche mit Ihnen von der Frauenseer Arrondierung.«

»Quarkspitzen!« brüllte Herr Richter halb lachend, halb ärgerlich und fuhr im schlanken Trab davon und Seine Exzellenz hatte die Unverschämtheit, ihm nachzubellen!

An der Allee, die zur Abtei führte, kam Frau von Graßmann Trix entgegen.

»Mein liebes Fräulein von Dornberg!« rief sie schon von weitem, »welche Sorge haben Sie mir verursacht! Man sagte mir, daß Sie das Haus schon verlassen hätten, ehe die Dienerschaft aufgestanden ist – –«

»Meinen Sie, daß dies ein Zeichen von Verrücktheit ist?« lachte Trix, während der Dackel die Dame knurrend umschlich.

»Ich bitte Sie«, wehrte Frau von Graßmann lächelnd ab. »Aber«, setzte sie süß hinzu, »aber ist es nicht recht gewagt für eine so junge Dame und auch etwas ungewöhnlich, so früh schon allein in den Wald zu gehen und sich allen möglichen Begegnungen auszusetzen?«

»Na«, sagte Trix, sich bezwingend, »ungewöhnlich wird's wohl sein für Stadtpflanzen, die den lieben langen Tag sowieso kaum totschlagen können. Für uns Landleute ist's das einzig richtige. Sind Sie schon mal in aller Herrgottsfrühe allein im Walde gewesen? Nein? Dann können Sie auch nicht wissen, wie schön das ist. Dort lernen Sie beten, singen und springen, alles zugleich. Und ob's gewagt ist? Mein Wald ist sichrer wie Ihr großes Berlin, wo einem am hellen lichten Tage das Portemonnaie aus der Tasche gestohlen wird. Ist mir passiert, Faktum ! Waren aber nur noch drei Mark drin. Ich bin ja auch kein Förster und drücke schon mal ein Auge zu, wenn so ein armer Kerl von Wilddieb sich den Sonntagsbraten in meinem Walde holen will. Der Förster muß ja dazwischenfahren, dafür wird er bezahlt, aber ich – 's fällt mir nicht ein! Nicht etwa aus Mangel an Courage, nein! Aber weil ich das ganz gut verstehe. So war mein Vater auch.«

»Nun ja«, erwiderte Frau von Graßmann sanft, »daran hatte ich auch weniger gedacht. Aber Sie sollten diese Gänge trotzdem lieber lassen. Man wird sie von Ihnen nicht damenhaft finden –«

»Man? Wer? Sie?« fragte Trix. »Oh, Sie werden sich schon daran gewöhnen, das heißt an die Tatsache, denn ich will Sie nicht etwa zum Mitlaufen bereden –«

»Mitlaufen!« wiederholte Frau von Graßmann langsam. »Dürfte ›mitgehen‹ nicht der bessere Ausdruck sein?«

»Nein, denn ich laufe, und wenn ich laufe und Sie kämen mit, dann würden Sie schon mitlaufen müssen«, erklärte Trix wütend, dann aber lachte sie, weil die Vorstellung, diese mit seidnen Röcken in der Allee rauschende alte Dame an ihrem Waldgalopp teilnehmen zu sehen, sie höchlich belustigte. Und doch war Frau von Graßmann trotz ihrer schneeweißen Haare keine alte Dame, sondern sie sah, vielleicht gerade durch diese künstlich gebleichte, raffiniert frisierte Haartracht jünger aus, als sie in der Tat war, eine Frau Ende der vierziger Jahre. Aber wenn man neunzehn ist, wie Trix es war, dann sind vierzig Jahre schon ein kaum entschuldbares Alter.

»Wie geistreich Sie definieren können«, sagte Frau von Graßmann mit unverhohlenem Sarkasmus, der hier aber schlecht angebracht war, denn die sonst so harmlose Trix fühlte sich darunter so unbehaglich berührt, daß ihr das Lachen auf den Lippen erstarb. »Sie werden nach Ihrem weiten Wege sehr hungrig sein«, setzte Frau von Graßmann dann leicht hinzu.

»Danke, ich habe in Freiwald bei Richters gefrühstückt«, erwiderte Trix kurz.

»Oh !« machte Frau von Graßmann mit hochgezogenen Augenbrauen. »Ich meinte gestern abend verstanden zu haben, daß Sie die Familie nicht kennen.«

»Gestern abend hab' ich sie auch noch nicht gekannt, aber heute früh hab' ich mit Herrn Richter – na, einen kleinen Wortwechsel gehabt wegen meinem Dackel und dabei haben wir uns vorgestellt, und darauf hat er mich zum Frühstück eingeladen. Famoser alter Kunde, dieser Herr Richter – eigentlich ein Erz-Ober-Grobian, aber wenn er sich mal ausgeschimpft hat, riesig gemütliches altes Haus. Und Frau Richter, so eine nette alte Wurzel – Dame, meine ich«, fügte sie erläuternd auf Frau von Graßmanns entsetzten Blick hinzu. »Das Frühstück auf Freiwald aber, sag' ich Ihnen, vor–züg–lich. Viel und rationell! Ich habe wie ein Scheunendrescher ge– gegessen!«

»Sie jagen mich aus einem Staunen ins andre«, meinte Frau von Graßmann mit schneidendem Hohn. »Wenn ich längere Zeit die Ehre Ihrer Gesellschaft haben sollte, dann habe ich die frohe Aussicht, Frauensee dermaleinst mit höherer Bildung ausgestattet zu verlassen.«

»Bitte, do'nt mention it – e'est rien – ist gern geschehen«, erwiderte Trix, bei der der Übermut zum Glück der Empörung noch erfolgreich die Wagschale hielt.

Frau von Graßmann warf unter ihren schweren, weißen Augenlidern einen unbeschreiblichen Blick auf ihre junge Brotherrin, aber was auch darin lag, Sympathie war's kaum.

»Nun«, sagte sie in demselben sarkastischen Tone, der Trix solch reges Gefühl des Unbehagens verursachte. »Nun, es ist ja eigentlich sehr erfreulich, daß das Spiel: ›Wie gefällt dir dein Nachbar‹ nach Freiwald hin so günstig ausgefallen. Haben Sie dort außer dem Richterschen Ehepaare noch jemanden gesehen?«

»Natürlich, die drei Volontäre«, sagte Trix harmlos. »Die drei Jungens sind zum Schreien und haben vor mir gedienert, wie die Tauber auf dem Dache, wenn sie der Liese die Cour schneiden. Das heißt, eigentlich nur zwei – der dritte, der Riese Goliath, hat sich in allen lebenden und toten Sprachen ausgeschwiegen. Er kannte Sie übrigens, oder Ihren Sohn, oder sonst wen. Oder war's sein Bruder, der wo wen gekannt? Ich hab' bloß so mit einem Ohr hingehört, denn der Herr Syrop kolkte solchen Kohl zusammen. Immer ›gnädiges Fräulein‹ hinten und ›gnädiges Fräulein‹ vorne. Haben Sie schon mal den Namen Syrop gehört? Das ist doch so ein süßes, braunes, klebriges Zeug –«


»Sirup heißt das, wenn Sie den Rückstand bei der Zuckerfabrikation meinen«, unterbrach Frau von Graßmann kurz den Bericht. »Doch, Syrop ist einer unsrer reichsten Großindustriellen – Selfmademan natürlich. Vermutlich ist der junge Mann im Richterschen Hause sein Sohn –«

»Vermutlich – bloß kutschieren kann er nicht«, meinte Trix, und setzte tröstend hinzu: »Na, das muß ja auch nicht jeder können, aber ich hab' versprochen, es ihn zu lehren!«

»O, o!« machte Frau von Graßmann. »Das ist vermutlich auch einer Ihrer Entschlüsse, an denen man nicht versuchen darf im Interesse der Schicklichkeit zu rütteln, wie?«

»Doch«, sagte Trix mit blitzenden Augen, »doch, versuchen können Sie's schon. Aber in meiner Idee ist es etwas sehr Schickliches, wenn ein Mensch ordentlich kutschieren kann. Wenn der junge Syrop Sie erst mal in die Pelargonien oder in den Chausseegraben oder in den D . . ., na, ich sag's ja nicht erst, in was, gefahren haben wird, da werden Sie schon einsehen, daß es sehr schicklich ist, wenn er fahren lernt.«

»Mir scheint, wir gehen von ganz verschiedenen Gesichtspunkten aus, liebes Fräulein von Dornberg«, sagte Frau von Graßmann süß. »Ich werde mich in acht nehmen, mich den Kutscherkünsten des Herrn Syrop anzuvertrauen. Ich hatte auch nur sagen wollen, daß Sie augenblicklich nicht der passende Lehrer dieses jungen Mannes sein dürften.«

»Ach so! Na, dann seien Sie ganz ruhig, ich habe bei meinem Vater fahren gelernt und kenne das Geschäft, an mir brauchen Sie nicht zu zweifeln«, erwiderte Trix gemütlich.

Frau von Graßmann seufzte, und diesen Seufzer konnte man ganz gut in die Frage übersetzen: »Wo ist dieses Wesen erzogen worden?« Laut aber sagte sie, leider in dem ironischen Tone, an dem ihr Eintritt in die Abtei die Schuld trug: »Ich scheine mich etwas unklar auszudrücken. Aber gleichviel, lassen wir das, wenigstens für dieses Mal. Da Sie also keinen Appetit mehr haben, so werden Sie doch jedenfalls nach Ihrem langen Spaziergange sehr müde sein.«


»Müde? Ich? Nach den paar Schritten? Sie, Exzellenz, sind wir schon müde?« fragte Trix belustigt und begann zur Illustration dessen, daß sie's nicht war, unter Exzellenz' beifälligem Gebell im Kiebitzschritt Frau von Graßmann zu umkreisen.

»Um Himmels willen – halten Sie ein – ich bin ganz überzeugt«, rief diese und steckte die schönen, weißen, wohlgepflegten und von alten Ringen blitzenden Hände abwehrend aus. »Und – seien Sie mir nicht böse, aber ich kann diese Produktion für die Herrin von Frauensee nicht gerade würdevoll finden.«

»Nein?« fragte Trix spottend. »O, wenn das Tempo für die Herrin von Frauensee als Kiebitz nicht würdevoll genug ist, so kann ich auch wie eine Krähe laufen. Das wird meiner Würde sicherlich mehr entsprechen! Guten Morgen, Frau von Graßmann!«

Und damit bog sie die Arme krumm, stellte ihre Füße unter dem kurzen Rocke einwärts, machte so zwei Schritte und hoppste dann den nächsten mit beiden Füßen a tempo weiter. In diesem, den Gang der Krähen täuschend nachahmenden Schritte, der aber jeder Grazie Hohn sprach, kehrte sie in die Abtei zurück und nahm erst wieder ihren natürlichen Gang an, als das Tor sie den Augen ihrer Gardedame entzog.

»Na, da hast du's, alte Unke«, gab sie weniger elegant als aufrichtig ihren Gefühlen Worte und dem beifällig wedelnden Dackel zunickend, setzte sie hinzu: »Die wird hinausgewimmelt, Exzellenz, sobald es geht und so wahr ich Trix heiße. Potztausend noch mal! Wenn das, was der alte König in der Uhlandschen Ballade schrieb, Blut war, dann ist das, was die spricht, Schwefelsäure. Wenn ich nicht so sanft wie eine Taube wäre, das heißt Tauben sind eigentlich im Grunde die größten Streithämmel, dann hätte es ja heut' schon einen Krach gegeben. Die soll sich nur in acht nehmen und den Leu in mir nicht aufwecken!«

Was Frau von Graßmann dachte, verriet sie Seiner Exzellenz zwar nicht, weil dieser Vertraute ihr nicht zur Verfügung stand, aber tatsächlich änderte sie ihre Taktik, denn als der Mittagstisch sie wieder mit ihrer jungen Brotherrin und dem Pater vereinte, da fehlte ihrem Ton die Gereiztheit, die sie noch am Vormittag nicht zu unterdrücken vermocht hatte, und sie entfaltete scheinbar ganz unbefangen ihre ganze glänzende Konversationsgabe, mit welcher sie im besten, von jedem Dialekt freien Deutsch über alles und jedes zu plaudern verstand und zwar so amüsant und fesselnd, daß die harmlose Trix ihre Empörung darüber ganz vergaß und sich eigentlich köstlich amüsierte. Frau von Graßmann war in der Welt herumgekommen und kannte so ziemlich alle Leute, die sich des Kennens verlohnen in den Kreisen, in denen sie sich bewegt; sie hatte alles gelesen, was der deutsche, englische, französische und italienische Büchermarkt Bemerkenswertes gebracht, sie hatte eine eingehende Kenntnis der Klatschgeschichten aller Höfe und der »Gesellschaft« und sie verstand zu verwerten, was sie wußte, und zwar nicht wahllos, wie es ihr gerade einfiel, sondern dem Publikum entsprechend, das sie vor sich hatte.

»Eigentlich eine ganz amüsante Tante, diese Frau von Graßmann, wenn sie will«, meinte Trix, als sie mit dem Pater nach Tisch zusammen nach oben stieg.

Pater Müller führte seiner Nase die während der Mahlzeit stark entbehrte Prise zu.

»Sehr«, sagte er dann. »Wie eine Trommel.«

»Trommel?« wiederholte Trix zweifelnd.

»Rasselt, wenn gut gespannt, vorzüglich, aber dahinter ist viel leerer Raum«, erwiderte der Pater, sein Taschentuch, rotbaumwollen mit Palmenmuster, schwenkend. »Ist Ihnen etwas sitzen geblieben von dem, was sie uns vorerzählt hat?«

»Nein«, sagte Trix ehrlich, nachdem sie sich einen Augenblick besonnen hatte.

»Mir auch nicht«, meinte der Pater. »Tönendes Erz und klingende Schellen sind solch ein Wortgeklingel, daran das Herz keinen Teil hat. Mir ist ein einziger Satz aus Sankt Pauli Briefen lieber.«

»Ja, weil Sie die verstehen«, entgegnete Trix. »Unser Stiftspfarrer predigte immer so lange darüber, bis man gar nicht mehr wußte, was damit gemeint war, und man sich schrecklich dumm vorkam. Weisheit ist schrecklich schwer zu begreifen, Hochwürden!«

»Eigentlich sollte sie sehr leicht faßlich sein – aber das hängt vom Vortrag ab«, sagte Pater Müller. »Sie haben mir da einen höchst beherzigenswerten Fingerzeig gegeben, Baronesse, und gestern auch.«

»Ich?« fragte Trix mit großen Augen.

»Aus dem Munde der Kinder und Unmündigen –« ergänzte der Pater lautdenkend seinen Satz. Und er fügte hinzu: »Ist Ihnen das mit der Bibliothek wirklich ernst gewesen gestern?«

»Ei Wächter – ich hab' ja ganz vergessen, zu schreiben«, rief Trix rot werdend. »Ernst? Nun natürlich! Ich wollte heute schon fragen, wann die Bücher kommen, ich wollte auch nach dem Gelde schreiben, aber gestern war doch der Dackel gekommen –«

»Und Frau von Graßmann –« warf der Pater ein.

»Ach, die hätte mich nicht gehindert«, meinte Trix obenhin, »aber ich mußte den Dackel doch heimisch machen, und heut' hab' ich es total vergessen. Aber ich werde den Brief auf der Stelle schreiben – lassen Sie nur die Bücher indessen kommen!«

»Ja, wir müßten doch aber erst den Saal dazu einrichten, die Regale arbeiten lassen, die Tische bestellen«, entgegnete der Pater.

»Aha«, machte Trix. »Natürlich, in der Luft können die Bücher nicht hängen. Regale! Wer macht denn die?«

»Nun, ich denke, der Schreiner. Und wegen des Raumes – ich hatte an den großen leeren Saal unter meinem Zimmer gedacht – wollen wir ihn einmal ansehen?«

»Können wir. Aber erst muß ich schreiben, sonst vergeß ich es wieder«, sagte Trix in ehrlicher Selbsterkenntnis und stürmte auch gleich davon, als ob's hinter ihr brennte, und sogar Seine Exzellenz mußte sich mit einem hastigen und großartigen: »Jetzt kann ich nicht – Geschäfte!« vertrösten, als er seiner Herrin entgegenzuwedeln genehmigte.

Die aber nahm Platz vor Rudolf Zells mächtigem Diplomatenschreibtisch, zog einen großen Bogen Papier hervor und begann mit Feuereifer zu schreiben.


»Lieber Justizrat!


Es gefällt mir sehr gut in Frauensee, ich bin ganz heimisch da und kenne von den Nachbarn schon Richters und Vetter Hans in Kroschwitz, mit denen ich mich gleich angefreundet habe. Vetter Hans ist mit der Gräfin Phroso Rablonowski verlobt, und wir machen heut' dort Besuch. Und denken Sie, ich habe einen himmlischen Dackel. Frau von Graßmann ist angekommen und schlug gleich aus, das heißt eigentlich machte sie Katzenpfötchen, und ich schlug, weil ich mich ärgerte, indessen heut' mittag war sie ganz amüsant. Besuchen Sie uns nur bald einmal, wir haben famose Schlagsahne, und die Mamsell sagt, sie könnte die letzten Speckgänse nicht länger halten, weil sie sonst zu sehr vertrockneten. Die müssen Sie uns aufessen helfen. In treuer Liebe Ihre

Trix

P. S. Ich habe ja ganz vergessen, Ihnen zu sagen, daß ich dem Pater die Hälfte von meinen Pferdegeldern versprochen habe zu einer Bibliothek für die Angestellten. Bitte, lassen Sie das Geld doch herschicken. Ich werde mir mal vorläufig nur ein Pferd kaufen.

P. S. Nr. 2. Der Pater meint, ein Haus, das als Spital und Spittel und Kindergarten benutzt werden könnte und als ich weiß nicht was sonst noch, wäre besser, als die Leute hier mit Suppe und Kuchen stopfen und ihnen Geld geben. Ich wußte aber nicht, ob ich genug Geld dazu hätte, und sagte, ich wollte Sie erst fragen. Ich tät's gern, ich meine, das Haus bauen. Was kostet denn so ein Haus? Mehr wie ein Butterbrot, wie?

P. S. Nr. 3. Bei Butterbrot fällt mir ein: Essen Sie gern Neunaugen? Ich esse sie riesig gern und habe ein ganzes Fäßchen bestellen lassen. Mamsell sagt, sie lägen wie Blei im Magen, aber das ist so ein Aberglaube. Ich kann abends sechse essen und kriege kein Alpdrücken. Haben Sie schon mal Alpdrücken gehabt? Ich einmal im Stift, als ich die vielen warmen Pfannkuchen mit Pflaumenmusfüllung gegessen hatte – gerade aus dem Fettopf heraus. Die Köchin schimpfte gräßlich und sagte, sie könnte die Pfannkuchen ebenso gut gleich in den Brunnen werfen, weil ich immer sofort aufäße, was sie aus dem Topf holte. Mamsell sagte, zu Pfannkuchen wäre jetzt nicht die Zeit, die esse man im Fasching ! Zu dumm, nicht? Die Mamsell hier ist überhaupt furchtbar dumm und zittert vor Frau von Graßmann. Ich werde sie schon zittern lehren, aber vor mir, und mitten im Sommer muß sie Pfannkuchen backen, so wahr ich Trix Dornberg heiße.«

»So, das nennt man einen Geschäftsbrief«, sagte Trix aufatmend, als sie die Adresse auf diese Epistel geschrieben. »Das haben wir fein gemacht, Exzellenz – – dazu scheinen wir ein glänzendes Talent zu haben. Na ja – wem der Himmel ein Amt verleiht, dem gibt er auch den Verstand dazu. Wie spät ist's? Gleich drei Uhr? Na, da kann ich mich nur rasch fein machen, Exzellenz.«

Eine halbe Stunde später trat Trix vor die große Eintrittshalle hinaus, wo der Wagen schon vorgefahren war, in dem Frau von Graßmann auf sie wartete. Diese musterte kritisch, aber sichtlich angenehm überrascht, die in ihrem weißen Kostüm reizend und vorteilhaft aussehende Gestalt der Herrin von Frauensee, deren blondes Haupt ein eleganter großer Hut schmückte.

»Ich mache Ihnen mein Kompliment, Fräulein von Dornberg«, sagte sie gewandt. »Kostüm und Hut kleiden Sie ganz ausgezeichnet; Sie sehen, wenn ich mir erlauben darf es zu sagen, wie eine ganz andere darin aus, als in dem vielleicht sehr praktischen aber nicht gerade eleganten Sportanzug von heut' morgen.«

»O, der ist aber so famos bequem«, verteidigte Trix ihren geliebten Lodenkittel.

»Daran zweifle ich nicht, aber hübscher macht er nicht«, sagte Frau von Graßmann. »Indessen – nehmen Sie mir's nicht übel – er ist ein Modell der Schönheit gegen das fürchterliche schwarze Kleid, das Sie zu den Mahlzeiten tragen. Aber so – – weiß ist Ihre Farbe und dies Kleid ist vorzüglich gemacht; darin können Sie dreist sogar mit der ›liliengleichen‹ Phroso rivalisieren. Komteß Rablonowski trägt immer nur weiß – sehr extravagant und auffallend, aber es verdreht den Herren die Köpfe, dem guten Hans Truchseß voran. Ich habe ihn laut erklären hören, daß Jugend und Schönheit, wenn sie das Weiß verschmähten, nicht wüßten, was sie sich selbst antäten. Wenn Sie mir gelegentlich eine Stimme im hohen Rat Ihrer Toiletten fragen gestatten wollten – – man hat mir oft die Ehre erwiesen, meinen Geschmack zu konsultieren und ich stehe gar nicht an, zu bekennen, daß ich ihn selbst in großen Konfektionshäusern oft gegen gute Bezahlung – verkauft habe. Was wollen Sie? Der Mensch will leben und Toilettenideen sind ebenso ihr Geld wert wie Ideen zu Dramen und Novellen.«


Trix nickte und strich mit der elegant weiß behandschuhten Rechten leis über ihr weißes Kleid, ehe sie ihren weißen seidenen Sonnenschirm mit dem weißen Spitzenvolant aufspannte. Sie kam sich sehr stolz und gehoben vor in ihrem weißen Anzug – warum wußte sie selbst nicht so recht, aber sie konnte Frau von Graßmann, was das schwarze Stiftskleid betraf, nur recht geben.

»Es ist aber eigentlich noch zu gut zum Wegschenken«, fügte sie schüchtern hinzu.

Frau von Graßmann lächelte. »Nun, ich denke, Sie können sich jede Woche ein neues und elegantes Kleid machen lassen, ohne daß es Ihr Budget zu sehr belasten würde«, meinte sie leicht.

Tante Äbtissin hatte etwas ähnliches gesagt, als sie ihr einige Neuanschaffungen vorgeschlagen hatte. – Vetter Hans mußte ja denken, daß sie eine Landpomeranze aus den Hinterwäldern war, wenn er sie in dem Schwarzen sah. Sie begriff auf einmal gar nicht, wie sie dieses Monstrum hatte tragen können, und nahm sich vor, es umgehend ihrer Jungfer zu schenken. Unter dem Eindruck dieses heroischen Entschlusses erreichte Trix an der Seite ihres »Ehrendrachen« Freienwald und Mutter Richter stand mit einer weißen Spitzenhaube auf dem Kopf und minus Wirtschaftsschürze auf der Veranda, ihre Gäste zu begrüßen und dabei entwickelte die einfache aber herzensgute Frau mehr Takt, als Frau von Graßmann sicherlich erwartet hatte in dem Bewußtsein, diese Leute glänzend geschnitten zu haben in jenen vergangenen Tagen, da ihre Schwester als Herrin von Frauensee regierte. Mutter Richtern war aber allerdings auch vorbereitet gewesen auf den Besuch und während sie daraufhin höchst eigenhändig ihren berühmten Mandelprasselkuchen buk, war sie zu dem Entschluß gekommen, unter vergangene Zeiten einfach einen dicken Strich zu machen und ihrer Zunge jede Anspielung und Stichelei zu verbieten. Und das hielt sie auch redlich ein. Sie begrüßte Frau von Graßmann höflich und genügend freundlich wie jemanden, dem man früher mal begegnet ist, ohne ihn näher zu kennen, aber sie schob doch Trix ganz leicht in den Vordergrund. Daß sie letztere nicht abherzte und küßte, war der guten Seele eine wahre Entsagung, denn mit Staunen und ehrlicher, unverhohlener Bewunderung betrachtete sie diesen weißen Schmetterling, dem ihr Herz heute früh schon so warm entgegengeschlagen, da er ihr als Puppe in dem grüngrauen Lodenanzug vor die Augen getreten war. Sie dankte im Herzensgrunde nur dem Himmel, daß die drei Volontäre nicht zu Hause waren, denn wenn die Trix Dornberg erst einmal so weiß und so apart sahen, dann: adieu Vernunft! Leider hatte es der »Himmel« Frau Richters Wünschen entgegen anders beschlossen, denn während Trix noch unbekümmert um Frau von Graßmanns Blicke, die zur Abfahrt aufforderten, ein Stück Prasselkuchen nach dem andern knabberte, kam, geführt von Herrn Richter selbst, »die Schwefelbande« an. Mit Erstaunen betrachtete Frau von Graßmann die kordiale Begrüßung ihrer Schutzbefohlenen mit diesen vier »rustikalen Individuen«, die wie verhungerte Wölfe über die Vespertafel herfielen und – wenigstens die drei Volontäre – Trix die Cour machten, daß eigentlich »alles aufhörte«. Und das tollste dabei war, daß die Sache Trix noch dazu königlich zu amüsieren schien!

Herr Richter, weniger zartfühlend als seine Frau, hatte Frau von Graßmann stocksteif begrüßt, was ihm sehr schlecht stand, und etwas von »ganz unerwarteter hoher Ehre, die man ja wohl nur der Baronesse zu verdanken habe« gesagt, da Frau von Graßmann aber darauf vorbereitet war, so verlief die Begrüßung effektlos. Das regte nun wieder Herrn Richters leicht überfließende Galle auf und als er der nur liebenswürdig lächelnden Dame »seine drei Jungen« vorstellte, konnte er nicht umhin hinzuzufügen: »Herrn Rindigs Name wird Ihnen ja nicht ganz unbekannt sein, denn sein Bruder war der Schwadronschef Ihres Sohnes.«

»Oh – wirklich?« war die nur ein ganz latentes Interesse verratende Erwiderung gewesen und Herr Richter ging danach zur Tagesordnung, das heißt zu Kaffee und Kuchen, über. Später freilich hielt seine Frau ihm eine kleine Gardinenpredigt über sein Benehmen.

»Alterchen, wie konntest du sie nur an die Geschichte erinnern – es muß ihr schon so peinlich genug gewesen sein, den Namen Rindig zu hören!« sagte die gute Seele. »Zum Glück scheint sie die Sache gar nicht so genau zu wissen, wie allemal die nächsten Angehörigen –«

»Ach, rede doch nicht, Ida«, fiel Herr Richter ein. »Was wir aus den Zeitungen wissen, wird sie ja auch gelesen haben.«

»Aber die arme Frau kann doch nichts dafür!«

»Woher weißt du denn das? Mir hat der alte, selige Zell mal in einer schwachen Stunde das Herz ausgeschüttet über seine liebe Schwägerin – na, wenn der die Ohren da nicht geklungen haben –«

»Davon hast du mir ja nie was gesagt, Alterchen!«

»Weil der alte Zell selbst nicht wußte, was er in seiner heiligen Wut über sie redete und weil er mich nachher bat, es ganz als ›vertraulich‹ zu betrachten. Und nun macht's mich fuchsig, daß diese Frau von Graßmann das kleine Mädel beschützen soll, das die Abtei geerbt hat! Na, zum Glück hat die das – Mund auf dem rechten Flecke, die Kröte, die!«


»Sah sie heut' nachmittag nicht entzückend aus in dem weißen Kleide und großen Hute?«

»Natürlich, das ist bei euch Weibern die Hauptsache. Mir hat sie heut' früh auch gefallen!«

Trix aber hatte trotz Prasselkuchen und Courmachern Zeit gefunden, in dem großen Trumeaux zwischen den Fenstern in Mutter Richters »guter Stube« einen ausgiebigen Blick auf ihre eigene werte Person zu werfen, und nicht umhin gekonnt, ihrem Äußern wenigstens die Anerkennung zu zollen, die der Schneiderin gebührte. Die Eitelkeit hatte nicht Pate gestanden bei Trix; wenn die Sachen nur bequem waren, wie sie ihr standen, war ihr einerlei und sie hatte keine Ahnung davon, wie auffallend hübsch sie war. Was sie nun aber sah, entlockte ihr einen Seufzer der Erleichterung: so konnte sie wirklich vor den Augen der verwöhnten Rablonowskis bestehen und »nun man keine Kaffeeflecke gemacht und keine Dreiecke ins Kleid gerissen, dann würde es schon gehen«, dachte sie.

Während sie dann an Frau von Graßmanns Seite den Waldweg nach Weißenrode zu einschlug, wurden dort auf der Terrasse des Schlosses, einem weitläufigen Gebäude aus der Barockzeit, die Vorbereitungen zum Tee getroffen, denn der Tag war herrlich warm, und da japanische, goldgestickte Paravents jeden eingebildeten und wirklichen Zug abhielten, so hatte sich sogar Graf Rablonowski entschlossen, den Tee mit den Seinen im Freien zu nehmen. Seine Exzellenz gingen nämlich von der Ansicht aus, daß die frische Luft eine schädliche Einwirkung auf seine Konstitution ausübte und da er aus Mangel an einer andern Beschäftigung jeden Tag eine neue Krankheit hatte, der er mit Homöopathie zu Leibe zog, so wollte er diesen interessanten pathologischen Zustand nicht noch dadurch verschärfen, daß er seinen Korpus den Mikroben aussetzte, welche selbst die Landluft enthalten konnte. Mikroben und Bazillen bildeten überhaupt den Brennpunkt im Dasein Seiner Exzellenz – gegen sie sich zu schützen, war seines Lebens vornehmste Aufgabe und er sah deren Lösung darin, daß er bis um 11 Uhr früh schlief, das Frühstück im Bette nahm, nach umständlichster Toilette um 1 Uhr beim »Lunch« die Sonne seiner Gegenwart aufgehen ließ, dann Siesta hielt bis 3 Uhr, eine Stunde spazieren ging, den Tee nahm, sich dann, wenn er in der Stadt war, seinen »Geschäften« widmete und in Gesellschaft ging, beziehungsweise in seinem Hause dem »Diner« um 3 Uhr präsidierte und zuletzt bis in die tiefe Nacht hinein las – französische Romane, Lehrbücher der Homöopathie und Artikel über Bazillen, Mikroben und Bakterien. Er hielt sich für einen sehr wohlkonservierten Herrn mit einer gewissen Unwiderstehlichkeit, die er durch Färben von Haar und Bart, sowie durch eine peinlich soignierte Toilette zu unterstützen glaubte; – in seiner Jugend »ladykiller« von Beruf, konnte er sich im Alter schwer davon trennen. In Wahrheit war Stoiko Rablonowski heute eine lange, vertrocknete Mumie mit einer gelben Haut wie Pergament, von der das sorglich gescheitelte dünne, pechschwarze Haar um so schärfer und härter kontrastierten; was ja aber immer nur die andern sehen und niemals der, welcher durch seine gefärbten Haare Jugend heucheln will. Sorgsam in einen seidengefütterten Sommerpaletot gehüllt, einen mit marineblauem Bande geschmückten weißen Strohhut fesch auf dem linken Ohr, die Füße auf einem dicken Fußkissen, so saß er heut' auf der Terrasse seiner Sommerresidenz und beobachtete liebevoll seine wachsgelben, sorgsamst gepflegten Hände, mit Interesse aber die Vorbereitungen zum Tee. Neben Ihm saß seine Frau, eine imposante Erscheinung, frisch, blühend, elegant, ein seltsamer Kontrast zu ihrem eingetrockneten Gatten, in dessen schwarze, Bände redende Augen sie sich vor fünfundzwanzig Jahren dermaßen verliebt hatte, daß sie ihm trotz allen Kopfschüttelns der englischen Society in die Fremde gefolgt war. Er hatte eine Prinzeß als Kammerherr an den Hof von Windsor begleitet und galt damals wie heut' für den »Konzessionsschulze« des polnischen Adels an die preußische Regierung – in Wahrheit aber war Graf Rablonowski so wenig Pole, als er Preuße war. Wenn's notwendig war, sang er: »Noch ist Polen nicht verloren«, trug den polnischen Adler auf den Manschettenknöpfen und seufzte, wenn von polnischen Märtyrern die Rede war und damit endete seine nationale Anteilnahme. Die polnische Sprache hatte er halb verlernt, ohne die deutsche ganz gelernt zu haben, er sprach sie mit dem harten, gebrochnen Akzent der Slawen, aber das Französische und Englische beherrschte er tadellos. Da er außer seinem großen Namen irdische Güter nicht besaß oder doch nur soviel vom nervus rerum, um sich mit Anstand durchschlagen zu können, so galt er natürlich für die Tochter des Herzogs von Lochlomond, der ein halb Dutzend Schlösser und ebensoviel Töchter besaß, für eine »schlechte« Partie und war's auch im finanziellen Sinne für die schöne, verwöhnte Lady Mildred Dunross, denn ihre Mitgift stand in gar keinem Verhältnis zu ihren Ansprüchen. Zum Glück machte sie jedoch, bald nach ihrer Vermählung eine Erbschaft von einer alten, schrulligen Verwandten, die ihr Testament aber so stilisiert hatte, daß es zu einem solennen Familienzwist zwischen ihren Erblassern führte. Als die Gräfin Rablonowska am Ende den Prozeß und damit das Geld gewann, trat eine solche Erkältung zwischen ihr und ihren Verwandten ein, daß dieselbe sie mehr von der alten Heimat loslöste, als es ihre Vermählung getan hatte. Trotzdem war Gräfin Rablonowska in ihren Gewohnheiten ganz Engländerin geblieben, ihr Haushalt wurde nach englischem Muster geführt, die Umgangssprache im Hause blieb die englische. Da die Engländer indes von der Ansicht ausgehen, daß Mikroben und Bazillen am wirksamsten durch tägliche Bäder, viel frische Luft und Bewegung in Schach gehalten werden, so hatte sich Gräfin Rablonowska auch wesentlich besser konserviert als ihr Gatte, der heute wie ihr Vater aussah. Das unruhige Gesellschaftsleben der Residenz mit seinen späten Stunden und schwerer Kost war spurlos an ihr vorüber gegangen, die früh aufstand und ihren scharfen Morgenritt hinter sich hatte, wenn ihr Gatte noch nicht wagte, die Augen zu öffnen, und als sie zum erstenmal ihre einzige Tochter »ausführte«, da hätte sie sich ohne Scheu als deren ältere Schwester ausgeben können. Daß der Prinz noch nicht erschienen war, der die Hand dieser Salonkönigin allein zu erwerben berechtigt war, das lag wohl in der Hauptsache an den ungünstigen Gerüchten, die über die finanziellen Verhältnisse der Rablonowskis im Umlauf waren. Sie sollten vom Kapital leben, Schulden haben, Weißenrode sollte mit Hypotheken überlastet sein und so musterhaft in Ordnung ihr Haushalt sich präsentierte, so wenig ordentlich sollten die Geldverhältnisse sein, die ihn regelten. Kurz, trotz zahlloser Bewunderer waren die Freier der schönen Phroso ferngeblieben, bis Hans Truchseß vom Westerwald von der Garde du Corps das Wagestück unternahm und – angenommen wurde, trotzdem es als sicher galt, daß auch er kein Krösus war, sondern eben nur hatte, was er bei der Garde brauchte. Aber da er kein Spieler war und auch sonst keine kostspieligen Angewohnheiten besaß, so hatte er auch keine Schulden und deshalb schon war er ein reicher Mensch. Ihm fehlte die sogenannte leichtsinnige Ader und er hatte Geschmack und Charakter genug, sich so zu geben wie er war, und das hatte ihm viel Freunde gemacht neben dem Rufe der Zuverlässigkeit, den er mit Recht genoß. Phroso Rablonowska hatte den guten Hans rettungslos geblendet.

Wie sie so vor ihm lehnte in ihrem Korbsessel auf der Folie hochmodern gemusterter großer Kissen an jenem Mainachmittage, als Trix Dornberg unterwegs war nach Weißenrode, da bewies Phroso Rablonowska, daß sie, trotz vier Ballsaisons, das unbarmherzige Tageslicht nicht zu scheuen brauchte. Die schlanken, wundervoll gepflegten, weißen Hände müßig im Schoß, lehnte sie mit der klassischen Ruhe einer griechischen Statue in dem Sessel. Das rotgoldne Haar umgab ihr feines, blasses Gesicht wie eine Aureole. Dies Verträumte, immer etwas von der Gegenwart Abwesende, gehörte zu ihrer Eigenart und machte großen Eindruck, wenn sie am Flügel saß und Chopin spielte. Chopin war ihre »Spezialität« und sie hatte dadurch die Leute zu der immer weiter gesagten Ansicht gezwungen, daß sie des Meisters hervorragendste Interpretin war. Es gab aber doch Ketzer, die in ihrem brillanten Spiel, das sie ganz losgelöst von ihrer Umgebung mit der Verklärung einer heiligen Cäcilia Bevorzugten vorführte, die Seele vermissen wollten, wenn auch ihre musikalische Begabung außer Zweifel stand und ihre technische Ausbildung virtuosenhaft war. Sie sah am Flügel sitzend, sehr schön aus, aber die besagten Ketzer behaupteten, ihrem Spiel und ihren verträumten Augen fehle die Begeisterung und es gäbe überhaupt nichts, wofür Phroso Rablonowska sich ehrlich begeistern könnte. Doch darin hatten die Leute unrecht, denn es gab etwas für sie, das Feuer in ihre Augen brachte, und das waren Juwelen; der leuchtende Glanz, der von den Facetten edler Steine ausging, zündete in ihrer Seele die schlummernde Begeisterung – er war der Magnet, der sie unwiderstehlich anzog. Schon als Kind hatte sie ihre Puppen mit geschliffnem Glasschmuck behängt und trotzdem der gute Geschmack ihr für ihre Person nur den allersparsamsten Gebrauch von Schmuck vorschrieb, so konnte ein juwelenblitzendes Geschenk sie in ein Meer von Seligkeit versenken.

Ein verirrter Strahl der Maiensonne fing sich in den schönen und wertvollen Brillanten ihres Verlobungsringes und lächelnd blickte sie herab auf die blitzenden Steine in ihrem Schoß, mit der Rechten leicht den Ring an ihrer Linken drehend, um das sprühende Feuer immer neu aufflammen zu lassen. Lächelnd sah auch Hans Truchseß dem Spiel zu, aber nicht der Steine, sondern der schönen weißen Hände wegen, die mit ihren rosigen Fingerspitzen wie Blütenblätter der Magnolien auf dem weißen Stoff des Kleides lagen – zart, durchsichtig, tadellos in der Form – Hände, die nie etwas Rauhes angefaßt hatten, für die das Waschwasser mit dem Thermometer temperiert wurde.

»Wann werden Sie einmal nach Kroschwitz kommen, Phroso, um Ihr künftiges Reich in Augenschein zu nehmen?« fragte Hans Truchseß.

»Ja, wir müssen dazu wirklich einmal einen bestimmten Tag verabreden«, antwortete Gräfin Rablonowska, von ihrer point-Lace-Arbeit aufsehend. »Ich vermute, es wird in dem Hause manches zu verändern sein. Ich war nur ein einziges Mal dort, um Ihre Mutter zu besuchen, lieber Hans, aber sie war zu leidend, um mich zu empfangen, so daß ich das Haus nicht einmal betreten habe.«

»Oh, es hat eine ganze Menge Raum, aber es ist ein garstiger, uninteressanter, alter Kasten«, meinte Hans Truchseß. »Architektonisch uninteressant.«

»Und etwas – ahem – etwas sehr abseits vom Wege gelegen«, ergänzte Seine Exzellenz. »Drei Meilen von Weißenrode – himmlischerr Vatterr, dazu muß man Bräutigam sein, um die jeden Tag zweimal zu machen!«

Hans lachte.

»Ist für meine Jucker eine ausgezeichnete Bewegung, Herr Graf«, versicherte er.

»So? Na, meinetwegen«, brummten Seine Exzellenz. »Für mich wären die sechs Meilen täglich das sichere Ende. Und dieses Kroschwitz überhaupt – Sie können ebensogut im Monde leben, wie dort. Weißenrode ist schon schlimm genug – aberr es hat doch wenigstens die Kreisstadt in der Nähe!«

»O Hans – warum haben Sie nur Ihren Abschied genommen?« sagte Phroso mit einem halben Augenaufschlag. »Aber was konnte ich tun, Sie daran zu hindern? Sie kamen mit dem fait-accompli zu uns.«

»Kroschwitz brauchte den Herrn im Hause«, erwiderte Hans. »Es blieb mir keine Wahl, wenn ich das Gut erhalten wollte. Aber Kroschwitz braucht nun auch dringend eine Herrin – wie lange soll's noch auf diese warten, Phroso?«


»Hat es solche Eile damit, Hans?«

»Ich bin serr gegen lange Verlobungen«, ließ Seine Exzellenz sich vernehmen.

»Ganz meine Ansicht, Herr Graf«, meinte Hans lachend. »Und –« setzte er hinzu, »hoffentlich auch die Ihrer Frau Gemahlin.«


»Oh«, sagte die Gräfin, »vor Ende des Sommers könnten wir an die Vermählung nicht denken. Eigentlich hatte ich eine glänzende Hochzeitsfeier in Berlin im Sinne – – aber schließlich hat eine Hochzeit auf dem Lande auch ihre Reize –«

»Ihre sehr bedeutenden Reize«, pflichtete Hans Truchseß bei. »Erstens ist man hier nicht so bloßes Schaustück für Neugierige und Zeitungsreporter, die Intimität der Feier wird gewahrt, die Hochzeitsgesellschaft amüsiert sich besser auf dem Lande –«


»Und die Trauung in der blumengeschmückten Dorfkirche ist so poetisch«, fiel Phroso ein. »O ja, Mama, laß uns hier die Hochzeit halten. Wir können dann zur Saison im Winter nach der Stadt kommen!«

»Nun, wir können darüber noch sprechen«, erwiderte die Gräfin. »Ich fürchte nur, Weißenrode wird zu wenig Platz haben für die Leute, die man notwendig wird einladen müssen. Mehr wie zwanzig Personen können wir beim besten Willen nicht bequem unterbringen.«

»Vielleicht ein guter Grund, um nicht mehr einzuladen«, schlug Hans vor.

»Erinnere dich, liebe Mildred, daß das Inspektorhaus früher das Wittumsschlößchen war und nur zum Drittel bewohnt ist. Da bringen wir auch noch zwanzig Personen unter.«

»Aber es ist doch nicht eingerichtet!«

»Doch – die obere Etage hat Möbel, wenig und altmodisches aus Großmutters Zeiten, aber, enfin: á la guerre comme á la guerre. Mit ein paar Metern hübschen Cretonnes kann jeder Tapezierer Wunder verrichten mit Vorhängen und Überzügen. Teppiche haben wir in Berlin genug, die läßt man kommen.«

»O Papa, du bist eine Perle mit deiner Gabe, aus nichts etwas zu machen«, rief Phroso mit einem bewundernden Blick auf ihren geschmeichelten Vater, ohne daß ihr auch nur entfernt die Ahnung von den Kosten dieses »Nichts« in den Sinn gekommen wäre.

»Ja, so ginge es wirklich«, meinte auch die Gräfin. »Ich denke, wenn wir die Parole ausgeben, daß nur der engste Familienkreis eingeladen wird und vom Hofe die allernotwendigsten, so wird man es mit vierzig bis fünfzig Personen machen können. Denn wir müssen doch nun auch auf meine englischen Verwandten rechnen –«


»Ach und dabei fällt mir ein, daß wir Hans noch gar nicht die große Neuigkeit mitgeteilt haben«, rief Phroso mit ganz ungewöhnlicher Lebhaftigkeit. »Denken Sie, Hans, Sie wissen ja, daß wir mit Mamas englischen Verwandten seit langer Zeit gar keine Fühlung mehr hatten – Mama hat von ihrem Neffen, dem jetzigen Herzog von Lochlomond, einen Brief erhalten, heut' früh erst, in welchem er ihr anzeigte, daß er ›of age‹ ist, das heißt, daß seine Majorennitätserklärung neulich an seinem einundzwanzigsten Geburtstage stattgefunden, und daß er die Güter seines verstorbenen Vaters übernommen hat. Und er fügt dem hinzu, er hätte nicht im Sinne, an dem alten Zankapfel weiter zu kauen, sondern früge an, ob uns sein Besuch in nächster Zeit angenehm wäre! Was sagen Sie dazu?«

»Hm – ein sehr vernünftiger Jüngling, Ihr Herr Neffe, Frau Gräfin«, erwiderte Hans lobend, aber ohne sonderliches Interesse.


»Von seiner Mutter hat er das nicht«, meinte Seine Exzellenz. »Denn Ihre Gnaden, die letzte Herzogin von Lochlomond, waren die treibende Kraft bei diesem Familienzwist. Ich sehe aber nicht ein, warum wir meinen Neffen das entgelten lassen sollen und habe ihm sofort geantwortet, daß er uns willkommen ist.«

»Selbstverständlich«, entgegnete Hans und sah bewundernd auf den Hauch von Röte, der Phrosos blasse Wangen belebte.

»Ich dachte, dieser Besuch hier würde Ihnen unangenehm sein«, sagte sie halblaut.

»Mir? Ja, warum denn?« fragte Hans mit großen Augen, vor denen sie die ihren niederschlug.

»Sie werden also nicht eifersüchtig sein?« fragte sie zurück. »Eifersüchtig?« Hans lachte. »Nein«, setzte er ehrlich hinzu, »denn erstens liegt mir die Eifersucht nicht im Blute. Eifersucht ist doch Mißtrauen, nicht? Also: entweder ich vertraue oder ich vertraue nicht

– ein Mittelding gibt's nicht für mich. Wenn ich aber vertraue, dann tue ich's auch bis an die Grenzen der Möglichkeit, bis man mir beweist, daß ich ein Esel war. Und besonders eifersüchtig zu sein auf einen Jungen von einundzwanzig Jahren, den ich noch dazu gar nicht kenne – – Phroso, das haben Sie selbst nicht geglaubt!«

»Ehrlich gesagt, nein«, erwiderte sie mit vertiefter Röte. »Aber man will doch sicher sein und – Mamas Brief liegt noch im Briefbeutel.«

»Er ziehe dahin mit meinem Segen«, lachte Hans glücklich.


Die Gräfin warf über ihre Stickerei hinweg einen Blick auf ihre Tochter – einen langen, forschenden Blick, der dann flüchtig über ihren Schwiegersohn in spe glitt und dann den Grafen suchte.

Seine Exzellenz aber hatte einen goldgefaßten Kneifer auf die griechische Nase, auf die er so stolz war, geklemmt und betrachtete eingehend die lange Allee von blühenden Kirschbäumen, die vom Parktor aus bis zum Wald, dem »Freienwald« hinzog.

»Es kommt ein Wagen«, sagte er. »Sollte das Ihre Kusine aus Frauensee sein, lieber Truchseß?«

»Baroneß Dornberg ist nicht die Kusine von Herrn von Truchseß«, korrigierte die Gräfin, und sah auf, was Phroso nicht der Mühe für wert hielt.

»Streng genommen, nein«, gab Hans zu, »aber man dehnt in Deutschland den Verwandtschaftsbegriff kolossal weit aus und der Umstand, daß meine wirkliche Tante die angeheiratete von Trix Dornberg war, genügt vollkommen für eine Vetterschaft.«

Phroso erhob jetzt das Auge von ihrem funkelnden Ring, nahm eine lange Stocklorgnette von goldinkrustiertem Elfenbein vom Seitentisch und warf durch sie einen Blick auf die Kirschallee.

»Kusine oder nicht – ich bin neugierig, die kleine Wilde zu sehen. Man wird auf dem Lande so genügsam«, meinte sie.

Hans sagte nichts, aber er fühlte sich schuldbewußt, weil er von seiner ersten Begegnung mit Trix eine ziemlich blumenreiche Schilderung gegeben hatte, in der die Toilette der jungen Herrin von Frauensee eine Rolle gespielt, welche die elegante Phroso wirklich amüsiert hatte. Die damit verknüpfte Nachricht, daß Frau von Graßmann, ›die Frau von Graßmann‹, die Ehrendame bei den Gräfinnen A. gewesen?« – nun dasselbe Amt in Frauensee ausübte, hatte für Gräfin Rablonowska die Auffrischung einer unangenehmen Erinnerung, den bewußten Entschuldigungsbrief zur Folge und wurde daher nicht gerade enthusiastisch aufgenommen, als aber Hans bekundete, daß diese selbe Frau von Graßmann seines Vaters leibliche Schwester sei, begegnete diese Mitteilung einem eisigen Schweigen der Rablonowskischen Damen. Der Graf bemerkte, daß Frau von Graßmann »serr amusant« sei, wozu dann Hans bemerken konnte, für die Familien Truchseß und Zell sei sie das offenbar nicht immer gewesen, denn seine Mutter hätte sie selten oder nie in Kroschwitz bei sich gesehen und Onkel Zell auch nicht in Frauensee, seit er sich von seiner Frau getrennt hatte. Summa Summarum: die Redensart, daß man in der Wahl seiner Verwandten nicht vorsichtig genug sein könnte, entbehre nicht eines tieferen Sinns, trotz aller »Schnoddrigkeit«, die ihr anhafte.


Als nun der Frauenseer Wagen, mit ein paar dicken Braunen bespannt, deren Grundsatz Eile mit Weile war, vor der Weißenroder Terrasse vorfuhr, blieben die Gräfin und Phroso ruhig sitzen und sahen zu, wie der vorauseilende Hans und der langsamer folgende Graf den Damen aus dem Wagen halfen. Sie blieben sitzen, als der Graf mit Trix am Arm und Hans mit Frau von Graßmann, die Freitreppe emporstiegen und erhoben sich erst, als die Gäste schon auf der Terrasse standen.


»But this girl is a beauty«, flüstere die Gräfin ihrer Tochter zu, die mit mattem Lächeln antwortete: »Hans told us a story.« Was die »kleine Wilde« aus der ›story‹ des ehrlich überraschten Hans nie zuwege gebracht, das erreichte nun aber ausgiebig die Herrin von Frauensee, die wie eine »große Dame« aussah: die Gräfin und ihre Tochter begrüßten sie als »ihresgleichen« mit voller Herzlichkeit und ohne die geringste Beimischung von Herablassung und erst dann sagte die Gräfin mit halbem Kopfnicken und einem Viertel Begrüßungslächeln: »Ihre Tante, Frau von Graßmann, nicht wahr? Wir haben uns schon gesehen, glaube ich!«

»In Ihrem Hause in Berlin«, kam Frau von Graßmann dem Gedächtnis der Gräfin aufs liebenswürdigste zu Hilfe.

»Frau von Graßmann ist nicht meine Tante«, fiel Trix ein, die sich unter keinen Umständen mehr in ihrer Ehrendame aufbürden wollte, als unumgänglich notwendig war, und dieser Protest amüsierte die Rablonowskis höchlich.

»Nein«, bestätigte Frau von Graßmann, scheinbar ebenso gut gelaunt. »Ich bin nur die Schwägerin von Baroneß Dornbergs Onkel, dem Grafen Zell, und mein Bruder Truchseß auf Kroschwitz war sein Schwager. Aber«, setzte sie liebenswürdig hinzu, »aber Hans Truchseß ist der ›Kusin‹ der Baroneß. Verwandtschaften sind die verwickelsten Dinge dieser Welt.«

Die Damen lachten und die Herren schmunzelten zu diesem Ausfall, aber Trix ließ sich nicht aus dem Sattel heben.

»Mir hat jemand mal nachgewiesen, wie ich meine eigne Großmutter werden kann«, sagte sie. »Und mein Vater pflegte zu sagen, es gibt Wahlverwandte, Prahlverwandte, Qualverwandte und Zahlverwandte.«


»Letztere Spezies habe ich leider nie besessen«, seufzte der Graf und damit war die Situation gerettet.

Wenn aber die Gräfin gedacht hatte, Frau von Graßmann durch ihren Empfang auf das bescheidene Niveau der »Gesellschafterin« herabzudrücken, so hatte sie die Rechnung ohne diese Frau gemacht, in deren Absicht es lag, im Hause Rablonowski die gleichberechtigte Stellung der Tante des Verlobten der Gräfin Phroso einzunehmen. Auf den Empfang war sie durch ihre früheren Erfahrungen ebenso vorbereitet gewesen, wie durch den ihr sehr bekannten Ruf, den die Rablonowskis als die hochmütigsten und exklusivsten Leute in Berlin genossen, aber während sie den überkommenen Vorurteilen der englischen Herzogstochter alle Konzessionen machte, so lange sie deren Haus in Berlin nur als bezahlte Ehrendame betrat, so ignorierte sie dieselben hier durchaus. Sie übernahm die Führung der Konversation mit der Sicherheit, die immer imponiert, und als Diener den Tee brachten, den die Gräfin nach der guten Sitte ihrer Heimat selbst bereitete, statt ihren Gästen, wie in Deutschland zumeist üblich ist, den in der Küche mit halbkochendem Wasser gebrühten und überzogenen Aufguß zuzumuten, da war der kleine Kreis, dank dem Talent der Frau von Graßmann, schon ganz im Behagen einer allgemeinen Unterhaltung.


»Mama, findest du nicht auch in Fräulein von Dornberg eine merkwürdige Ähnlichkeit?« fragte Phroso, Trix ungeniert durch ihre Lorgnette betrachtend.

»Ja, in der Tat, ich zerbreche mir den Kopf, wo ich Fräulein von Dornbergs Gesicht schon gesehen«, erwiderte die Gräfin.

»Vielleicht nicht gerade sie selbst, aber ich hatte sofort die vage Vorstellung ähnlicher Züge –«

»Ich werde es dir sagen – sie gleicht unserm ›Ruppert‹!« sagte Phroso.

Der Graf setzte sich den Kneifer auf und betrachtete nun seinerseits die arme Trix, die unbeschadet der Mandelprasselkuchen bei Frau Richter ein Sandwich nach dem andern vertilgte.

»Zweifellos gleicht Baroneß dem Ruppert – ins Blonde übersetzt«, sagte er, den Kneifer wieder fallen lassend.

»Ja, wahrhaftig – ganz unser Ruppert! Wie merkwürdig«, rief die Gräfin sichtlich interessiert.

»Jetzt fehlte bloß noch, daß Hans auch findet, daß ich dem Ruppert ähnlich sehe«, lachte Trix, ein Lachsbrötchen in den Mund schiebend.

»Bedauere – ich habe keinen Schimmer, wer das ist«, er widerte Hans unter Protest. »Glücklicher Kerl, dieser Ruppert«, setzte er schmunzelnd hinzu.

»Aber Hans!« tief Phroso empört. »Vorzugeben, daß Sie unsern Ruppert nicht kennen, den Stolz der Familie, den Schatz, der bei unsrer Abwesenheit unter einer Eskorte, wie die Kronjuwelen, in die Stahlkammer der Reichsbank zur Aufbewahrung kommt –«

»Stoffel will ich heißen, wenn ich weiß, wer oder was das ist«, versicherte Hans, die Hand aufs Herz legend.

»Hans, ich schäme mich Ihrer«, entgegnete Phroso vorwurfsvoll. »Was wir kurz den Ruppert nennen, ist das Porträt des Prinzen Ruppert von der Pfalz, der Winterkönigin Elisabeth Stuart Sohn, gemalt von Van Dyk in seinen, das heißt des Prinzen Jugendjahren. Hundertmal habe ich Ihnen unsern Ruppert gezeigt, Hans!«

»Peccavi!« sagte der Majoratsherr von Kroschwitz. »Natürlich weiß ich jetzt, was Sie meinen, Phroso, ich hatte nur den Namen von dem Jungen vergessen. Und Sie meinen, daß Trix ihm ähnlich sieht?«

»Dem Jungen!« wiederholte Phroso empört. »Und für diesen Kunstvandalen habe ich den Ruppert photographieren, und einrahmen lassen! Verlorene Liebesmüh!«

Hans versicherte lachend, daß er sich im Gegenteil enorm geehrt fühle durch dieses Geschenk und nun wurde ihm verraten, daß es heute eingetroffen sei und man es ihm überreichen wolle. Ein Diener brachte die geöffnete Kiste heraus auf die Terrasse und die lebensgroße Photographie des Van Dykschen Meisterwerkes im durchbrochnen, altgoldnen Florentinerrahmen wurde gebührend bewundert, sowohl als Geschenk als auch vor allem wegen der merkwürdigen Ähnlichkeit des jugendlichen Kopfes mit Trix Dornberg, denn, wich auch die Farbe der Haare und der Augen bei dem Wittelsbacher Stuartsprossen ab, der Schnitt der Züge, ja auch der Ausdruck, wenn Trixens Gesicht in Nähe war, glichen sich aufs Haar und es war besonders der Mund, der die Ähnlichkeit zu einer frappanten machte.

Hans Truchseß freute sich sichtlich über das Geschenk seiner Braut und befahl, es zur sofortigen Mitnahme auf dem Rücksitz seines Selbstkutschierers zu verladen und dann schlug die Gräfin einen Gang durch den Park vor, dem sich der Graf sogar, trotz seines Vorurteils gegen ländliche Spaziergänge, anschloß und seine Füße dazu in Gummischuhe steckte, damit an dem schönen trocknen Tage nicht etwa eine unerwartet feuchte Stelle auf den gutgeflegten Wegen seiner kostbaren Gesundheit schaden könnte. Trotz dieser Vorsichtsmaßregel ging er aber doch nur ein Stück mit, um dann unter dem Vorwande, daß die Post gleich kommen würde, in einem Seitenwege zu verschwinden und da die Gräfin und Phroso Trix in ihre Mitte nahmen, so folgte Hans mit Frau von Graßmann hinterdrein.


»Wir haben uns lange nicht gesehen«, sagte diese nach einer Pause. »Hast du gewußt, daß du mich hier treffen würdest?«

»Ja. Trix hat mir gesagt, daß du nach Frauensee kommst«, erwiderte er kurz.

»Wovon du nicht gerade sehr erbaut zu sein scheinst«, vollendete Frau von Graßmann spitz.

»Offen gesagt, nein«, gab er ehrlich zu. »Ich begreife dich nicht, Tante, wie du es über dich bringen konntest, in dasselbe Haus, in dem deine Schwester Herrin war, in eine dienende Stellung zurückzukehren.«

»Lieber Junge, betrüge dich doch nicht selbst – es ist dir einfach unangenehm, mich in dieser ›dienenden Stellung‹ im Hause deiner Braut als unleugbare Tante und nahe Verwandte anerkennen zu müssen –«

»Es fällt mir gar nicht im Traume ein«, protestierte Hans gegen diese Auffassung. »Ich bin gar nicht so hinter der Zeit zurück, daß ich nicht begreifen könnte, wie jeder anständige Broterwerb seine Berechtigung hat, und finde es sehr richtig und ehrenwert von dir, daß du lieber durch eigne Kraft deinen Lebensunterhalt erwirbst, als von der Gnade deiner Verwandten abzuhängen.«


»Nun, wenn du das so anerkennst, dann begreife ich nicht, was du gegen meine Stellung bei dem kleinen Albino dort vor uns einzuwenden hast«, entgegnete Frau von Graßmann scharf. »Daß Frauensee das Haus meiner Schwester war? Fürs Gewesene gibt der Jude nichts. Das Haus ist nicht dasselbe, denn es hat einen andern Herrn, bzw. Herrin – und was für eine! Wenn man, wie ich, sein Brot sich selbst verdienen muß, dann verlernt man es, Vorurteile zu haben – über den Luxus bin ich hinaus. Die Stellung in Frauensee wird gut bezahlt, besser als alle die, unter denen ich sonst die Wahl hatte, und das muß mir ausschlaggebend sein.«

»Natürlich – damit Max auf der Bärenhaut ja nichts entbehrt«, sagte Hans bitter und etwas heftig.

»Das ist meine Angelegenheit, die keinen Menschen etwas angeht«, erwiderte Frau von Graßmann kurz und scharf.

»Sehr richtig«, erwiderte Hans, »aber Tante, nimm mir's nicht übel, daß du dich quälst, plagst und demütigst, um den jungen, kräftigen Menschen zu unterhalten, der weiß Gott arbeiten könnte, wenn er wollte, das geht mir gegen den Strich. Wo ist denn Max eigentlich jetzt? Wenn er etwa auf seine Wiederanstellung in der Armee rechnet, dann soll er sich lieber ernstlich nach etwas anderm umsehen, darauf hat er keine Aussicht. Ich weiß das aus bester Quelle, denn ich habe es versucht, mich deshalb für ihn zu verwenden.«

»Sehr gütig«, entgegnete Frau von Graßmann ironisch. »Indes, was mehreren seiner Leidensgefährten möglich gemacht wird –«

»Leidensgefährten ist gut«, unterbrach er sie. »Aber wie du willst – bleiben wir dabei. Also, Max hat keine Aussicht, denn er ist mehr kompromittiert als alle andern und man wird sich an maßgebender Stelle hüten, der Armee ein Reis wieder aufzupfropfen, das man unnachsichtig abschneiden mußte. Warum wandert er nicht aus?«

»Frage ihn doch selbst!«

»Gern, Tante. Wo steckt er?«

»Oh, er sieht sich allenthalben nach einer Stellung um«, war die ausweichende Antwort. »Doch ich meine, das geht dich nichts an, da Max deine Hilfe, so viel ich weiß, nicht beansprucht –«

»Soviel du weißt, Tante. Ich weiß es besser. Er ist mir in Berlin noch auf die Bude gerückt und hat mich zu dem harten Gange wegen seiner Wiederanstellung gedrückt, und trotzdem ich wußte, daß es nichts nutzte, hab' ich ihn doch gemacht. Ich hätte ihn in eine, natürlich sehr subalterne Stellung als Schreiber in ein großes Bankhaus bringen können, aber das war dem hohen Herrn natürlich nicht vornehm genug und dort hätte er ja auch arbeiten müssen. Er behauptete dann abreisen zu müssen und nachdem ich ihn in dem Gasthause, wo er ›hing‹, wieder flott gemacht, ist er – in ein andres gezogen. Das Essen hat ihm dort nicht mehr geschmeckt. Na – Schwamm darüber – ich wollte ja auch nur sagen, daß Max sich meiner doch noch gelegentlich erinnert hat.«

Frau von Graßmann antwortete nicht, sie ging mit zusammengekniffenen Lippen und niedergeschlagenen Augen neben ihrem Neffen her und der unglaubliche Slang, den Trix vor ihr den beiden Rablonowskischen Damen vorschwatzte, verklang unbemerkt vor ihrem Ohr. Erst, als einmal Phrosos leises, musikalisches Lachen ertönte, kam sie zur Gegenwart zurück.


»Ich habe dir noch gar nicht zu deiner Verlobung gratuliert«, wandte sie sich wieder an ihren Neffen, der mit kurzem »O, danke sehr«, antwortete.

»Ganz Berlin war ja letzten Winter voll davon, wie ernstlich du den Spuren der gefeierten Schönheit folgtest und kein Mensch glaubte daran, daß man dich akzeptieren würde, weil dein Gewicht als zu leicht befunden werden würde für die Ansprüche der Gräfin Phroso –«

»Nein, um was sich doch die Klatschbasen alles kümmern«, rief Hans irritiert.

»Desto größere Sensation werden deine Verlobungsanzeigen machen«, sagte Frau von Graßmann leicht. »Ist die Hochzeit schon bestimmt?«

»Ja – Ende des Sommers.«

»Zeit genug, lieber Hans. Ich halte nichts von langen Verlobungen!«

»Genau dasselbe hat Graf Rablonowski heut' nachmittag gesagt.«

»Oh, wirklich. Nun, je eher, je besser, schon der Sicherheit wegen: denn wenn man auch nie hat sagen können, daß Gräfin Phroso eigentlich kokett war, so hat sie doch zuviel polnisches und griechisches Blut in ihren Adern.«

Nachdem sie diesen wohlgezielten Pfeil abgeschickt, machte sie rasch einige Schritte vorwärts, um sich den drei Damen anzuschließen und Hans folgte ihr, nicht ohne in den Bart zu brummen: »Was will sie denn damit sagen? Tante Sophie, das Gras magst du wachsen hören, aber ein bitterböses altes Weib bist du doch !«


Trix fuhr begeistert von ihrem Besuch heim. Phroso hatte ihr beim Abschied, »weil sie doch bald Kusinen sein würden«, die Schwesternschaft angeboten und von dem armen, einsamen, reichen jungen Dinge eine stürmische Umarmung dafür über sich ergehen lassen; die Gräfin hatte sie eingeladen, recht, recht oft nach Weißenrode zu kommen, Seine Exzellenz hatten ihr eine Broschüre über »die Mikrobengefahr im Hause und deren Verhütung« geschenkt und Hans hatte ihr noch, den Hut schwenkend »auf Wiedersehen, Prinz Ruppert« nachgerufen.


Trix war also selig und schwärmte den ganzen Weg von Phroso, von deren schönen Händen (»ob sie wohl nachts Handschuhe trägt – das ist gräßlich«), von den vorzüglichen Sandwiches und den herrlichen Cakes und fuchtelte dabei mit der Broschüre, die heute noch unaufgeschnitten in Trixens Bibliothek liegt, herum, bis es Frau von Graßmann zu arg wurde.

»Nun, jedenfalls sind Sie in Weißenrode da, wohin Sie gehören«, sagte sie scharf. »Der Unterschied zwischen dort und Freienwalde wird Ihnen ja selbst auffallen.«

»Soll das eine Grobheit sein?« fragte Trix lachend. »Unterschied? Natürlich ist ein Unterschied, aber das ist ja gerade das hübsche, daß es nicht überall egal ist. Bei Mutter Richtern ist es gemütlicher und der Mandelprasselkuchen – zu dem muß sie der Mamsell das Rezept geben. Herrje, an was man nicht alles zu denken hat!«


Schon am andern Tage kam Phroso zu Pferd nach Frauensee, als Avantgarde für ihre Eltern, die erst in einigen Tagen ihren Besuch machen wollten, da Seine Exzellenz einen Schnupfen hatten und denselben der Mikroben wegen in seinem Bette pflegten. Trix machte große Augen über Phrosos Reitkleid von weißem Tuch, das enganschließend ihre fast überschlanke Figur in ihrer Geschmeidigkeit zeigte und überdies ein Schneider-Meisterstück war, aber sie bewunderte auch ehrlich den unleugbar malerischen Eindruck, besonders da Phroso eine ebenso elegante wie kühne Reiterin war.

»Das ist das einzige, womit ich mich mit dir messen kann«, versicherte sie ernsthaft und ganz überzeugt und ohne auch nur die entfernteste Ahnung davon zu haben, daß ihr nur ein guter Schneider mangelte, um zehnmal schöner zu sein, als die schöne Phroso, und als Frau von Graßmann später Gelegenheit nahm, ihr das ziemlich unverblümt zu sagen, machte sie noch größere Augen als über Phrosos weißes Reitkleid.

»Wenn Sie sich mir nur anvertrauen wollten, dann würde es mir eine wahre Wonne sein, diesen arroganten Rablonowskis zu beweisen, daß es neben ihrer Tochter noch andere weibliche Wesen gibt, die man dreist über die vielbewunderte Phroso stellen kann. Sie sind kleiner als diese, das ist wahr, aber Sie sind reichlich so gut gewachsen. Komteß Rablonowska hat ihre roten Haare künstlich zu dem rostbraun gezwungen, das ihren Kopf wie einen Heiligenschein umgibt; Ihre Haare haben eine viel seltenere Farbe und kein Haarwaschwasser kann dies silberne Licht hervorbringen – also es ist echt. Und Sie haben diese merkwürdigen blauen Augen, die man unter Tausenden kaum zweimal trifft. Und die berühmten, wundervollen Hände Phrosos? Die Form der Ihrigen ist gut – es sind die schmalen Zellschen Hände mit den langen, spitzen Fingern. Rudolf Zell war garstig, aber er hatte auch diese Hände. Bei Ihnen sind sie ungepflegt und könnten viel weißer sein und wenn Sie mich auch nicht als Tante haben wollen, so akzeptieren Sie mich wenigstens als Manicure und obersten Minister Ihrer Garderobe-Angelegenheiten. Sind Sie denn gar nicht ein bißchen eitel?«

»Ich möcht's ja gerne sein, es ist so gräßlich langweilig«, gestand Trix, indem sie sich eines Blickes erinnerte, mit dem sie Hans Truchseß die elegante Gestalt seiner Braut hatte folgen sehen, eines Blickes der unverhohlenen Bewunderung. »Meinetwegen«, setzte sie hinzu, »versuchen Sie es doch, ob Sie mich eitel machen können, ohne mich damit zu plagen. Aber wenn Sie mir auch den ganzen Schrank voll Kleider hängen, ich sag's Ihnen im voraus, daß die unbehelligt bleiben werden, denn ehe ich mich eine halbe Stunde lang hinstelle und nachdenke, was ich anziehen soll, eher will ich Hasenpfeffer essen – und den mag ich gar nicht!«

»Natürlich nicht, Sie müssen jemand haben, der Ihnen das Nachdenken in dieser Richtung abnimmt und für Sie besorgt«, erwiderte Frau von Graßmann. »Der dumme Bauerntrampel, der hier Ihre persönliche Bedienung übernommen hat, scheint mir als Kammerjungfer geeignet wie der Bär zum Orgelspiel, aber ich weiß für diesen Posten eine Person, die im Augenblick stellenlos ist. Sie ist eine perfekte Schneiderin, der für ihre etwas zarte Konstitution dieser Beruf zu anstrengend war. Ich gab ihr den guten Rat, ihre Begabung lieber als Kammerjungfer zu verwerten und nachdem sie sich alles dafür sonst noch Nötige rasch angeeignet, ist sie in ihrer ersten Stelle so lange geblieben, bis ihre Herrin starb. Ich will gern an sie schreiben und sie für Ihre Dienste engagieren. Es ist wahr, sie beansprucht einen größeren Gehalt bei vollständig freier Station als eine geprüfte Erzieherin erhalten kann, aber dafür ist sie auch eine Perle.«

»Bon, lassen Sie die Perle kommen«, sagte Trix ungeduldig. »Tante Äbtissin hat auch gesagt, daß ich eine perfekte Kammerjungfer haben müßte und wenn sie mir einfach und ohne mich damit zu plagen, was ich anziehen will, die Lumpen auf den sündigen Leib praktiziert, dann ist's mir schon recht. Sonst noch was?«

»Ja – wenn's auch für Sie nur etwas Nebensächliches ist«, erwiderte Frau von Graßmann. »Ich fürchte, Sie werden entweder die Oberleitung über die Maschine Ihres Haushalts übernehmen müssen, oder – sie jemand anderm anvertrauen. Das Fräulein ist ja ganz gut und schön und unschätzbar für die Konservierung der Möbel, der Wäsche und der Speisekammer, aber den Chic für einen Haushalt wie die Abtei hat sie nicht und der alte Friedrich deckt den Tisch wie ein Bauer.«

»Das ist wahr«, gab Trix zu, indem vor ihren geistigen Augen der reizende Teetisch in Weißenrode auftauchte. »Ich weiß aber nicht, ob ich das machen kann – bei uns in Dornberg besorgte das die Miß, meine frühere Gouvernante, und da war der Tisch immer sehr hübsch gedeckt mit Blumen und Herbstblättern und zu Weihnachten mit Misteln, Tannenzweigen und Stechpalmen. Aber ich habe mich nie darum gekümmert. Im Stift natürlich auch nicht, wo das prachtvolle Silberzeug den Schmuck machte. Tante Äbtissin war sehr stolz darauf.«

»Nun«, sagte Frau von Graßmann liebenswürdig, »dafür bin ich eigentlich hier, um diese Dinge zu besorgen, denn erstens kann ich doch im Hause nicht auf Schritt und Tritt an Ihrer Seite sein und zweitens betrachte ich mich selbst auch nicht als puren Luxusartikel, dessen Pflicht getan ist, wenn ich mit Ihnen ausfahre und dabei bin, wenn Herren zu Besuch kommen. Ich liebe auch die häusliche Tätigkeit, aber ich wage kaum, mich dafür anzubieten, nachdem Sie mich gleich in einer Weise kaltgestellt haben, die wohl ein wenig über das Ziel hinaus schoß.«

»Ach woher denn«, war Trix' kunstlose Antwort. »Sie wissen ganz gut, was ich gemeint habe und wenn Sie helfen wollen, die Abtei ein bißchen nett zu machen – mir kann's recht sein!«

Mehr wollte Frau von Graßmann für den Augenblick auch gar nicht erreicht haben. Trixens Äußeres zu pflegen, nur um den Rablonowskis ihren seligen Glauben an die Unfehlbarkeit Phrosos zu nehmen, war zwar ein Teil ihres Planes, aber doch nur die Schauseite desselben – die Herrschaft in der Abtei an sich zu nehmen und als bevollmächtigter Minister darin zu schalten und zu walten, war ihr Grundgedanke. Einmal war er gescheitert an Graf Zells stärkerem Willen, aber jetzt – wenn man klug war und nur tat, als ob man den Willen des jungen, unerfahrenen. sorglosen Dinges ausführte, während man denselben eigentlich leitete . . . Frau von Graßmann begann Licht zu sehen, wo sie sich bisher im Dunklen den Kopf gestoßen hatte. Sie bat Trix, sie vor der Dienerschaft zunächst zu autorisieren, um dort nicht auf einen Widerstand zu stoßen, der in eine Palastrevolution gegen sie ausarten konnte und Trix, die im Grunde seelenfroh war, daß sie sich um die internen Angelegenheiten nicht zu kümmern brauchte, die längst zu der Überzeugung gekommen war, daß das Fräulein eine höchst beschränkte Pute und der alte Friedrich ein alter Tapermichel war, mit denen sie sich im Kampf um eine »Aufmöbelung« der Abtei als die Schwächere fühlte, weil so langjährige Diener nicht gern aus dem alten Schlendrian herauszubringen sind, ihr war's ganz recht, wenn das jemand übernahm, vor dem der alten Garde im Hause »die Manschetten wackelten«.

Graf Zell war zufrieden gewesen, wenn er für seine Errungenschaften an Möbeln, Gemälden etc. einen Platz hatte; er war auch zufrieden, wenn seine Mahlzeiten nur auf einem reinen Tischtuch serviert wurden – mehr verlangte er nicht. Aber Trix hatte es doch noch in angenehmer Erinnerung, wie hübsch das alles in Dornberg durch die Miß gemacht wurde, sogar die etwas düstre und strenge Pracht der gemeinsamen Wohn- und Eßräume im Stift stieg vor ihrem Auge als etwas Begehrenswertes auf, neben der ungemütlichen, aufgeräumten Abtei und sie wußte nun, daß ihr darin etwas fehlte, etwas, was sie nicht nennen konnte und noch weniger zu schaffen wußte. Sie sagte also Ihr großartiges »Bon! », teilte dem Fräulein, die dazu ein etwas langes Gesicht zog, das von Frau von Graßmann Gewünschte mit und machte dann, daß sie fortkam, um auf dem Teiche bei dem alten Oberfischer rudern zu lernen, wobei sie den Dackel trotz seines Sträubens und dem Ausdruck seiner höchsten Mißbilligung zwang, ihr in den Nachen zu folgen. Denn die Dackel sind grundsätzliche Gegner des Wassers und des Wassersports.


Als sie nach ein paar Stunden heiß und todmüde von der ungewohnten Bewegung, aber stolz über ihre Erfolge, zurückkehrte, um sich zum Abendessen umzukleiden, da hatte Frau von Graßmann schon ein kleines Wunder vollbracht in der Halle, dem kleinen Salon und dem kleinen Speisesaal. Dieselben Möbel waren es, nur anders gerückt und welcher Unterschied war damit erreicht! Schon die Halle mit dem mächtigen Kamin – war das derselbe düstre, scheunenartige Raum wie vorher, mit dem Bärenfell vor dem Kamin und den kissenbelegten Fenstersitzen; und der kleine Salon – wie einladend, nun darin zu sitzen, und das kleine Speisezimmer! Der runde Eßtisch war zierlich gedeckt und blitzte von Silberzeug und altem, geschliffenem Kristall, Maiglöckchen und Daffodils dufteten in einer großen Schale in der Mitte.

Der alte Friedrich machte dazu natürlich ein beleidigtes Gesicht, weil ihn die neumodische Sache aus seinem alten Schlendrian herausbrachte, aber was half's, wenn Trix es so hübsch fand und selbst der Pater es anerkannte. Phroso hatte Trix bei ihrem Besuch, die Zimmer der letzteren betreffend, ein paar Winke gegeben, deren sie sich jetzt erinnerte, und da es nicht Trixens Art war, etwas auf die lange Bank zu schieben, so mußte das aus seiner beschaulichen Ruhe gerüttelte Personal der Abtei auch unter Frau von Graßmanns Oberbefehl gleich heran und nach unbedeutender, aber erfolgreicher Umstellung der Möbel sah auch das Florentiner Zimmer, »dessen sich keine Kaiserin zu schämen brauchte«, ungleich behaglicher aus, als Trix es vorgefunden hatte.

»Das schönste Zimmer mit den kostbarsten Möbeln bleibt unwohnlich und kalt, wenn man nicht versteht, sie sich dienstbar zu machen«, bemerkte Frau von Graßmann sehr richtig. Und für dieses Sichdienstbarmachen des vorhandenen Materials besaß sie wirklich ein wahres Genie, das Trix nach dem erreichten Erfolg gern anerkannte. Sie ließ ihre Ehrendame auch um so lieber in der Abtei weiterräumen und fortwirtschaften, als sie dieselbe damit ›,gut aufgehoben« glaubte und selbst ihren »Geschäften« nachgehen konnte, die sich zunächst aber auf eine selbständige Erforschung der Abtei beschränken mußten, weil der nächste Tag Regen brachte und es somit nicht einmal den Zweck hatte, nach der Hasenschlinge zu sehen, geschweige denn den Wald zu durchstreifen. Seine Exzellenz (der Dackel), der den erblichen Widerwillen seiner Rasse gegen den Regen und nasse Wege teilte, war einverstanden damit, zu Hause zu bleiben und folgte seiner Herrin auf deren Wanderungen durch die Abtei mit Nebengedanken an sein weiches Lager und war ganz gleicher Meinung, als nach ein paar Stunden Herumlungerns in halb oder gar nicht eingerichteten Räumen Trix ihm im Vertrauen mitteilte, sie fände die Abtei reichlich so langweilig wie das Stift, denn dort hätte man doch wenigstens noch die Stiftsdamen zum Uzen gehabt. Eine kleine Abwechslung brachte in diesen trüben Vormittag das Vorfahren der Freienwalder Schecken und als deren Lenker den in Gummi gehüllten Herrn Syrop, der sich im Auftrage Herrn Richters nach der Stadt begab und nur im Vorbeifahren »sich erlauben wollte, anzufragen, ob gnädiges Fräulein vielleicht eine Besorgung für ihn hätten.«


Trix empfing ihren triefenden Besuch in der Halle und da Herr Syrop bei dem ohrenzerreißenden Gekläff Seiner Exzellenz zunächst nur in Gesten reden konnte, so hatte sie Gelegenheit, ihn gehörig zu bewundern in seinem stilvollen, modefarbnen Gummimantel und seinem fabelhaft hohen Hemdkragen, der ihn zwang, die Nase höher in die Luft zu stecken, als die natürliche Form es derselben vorschrieb.

»Gnädiges Fräulein werden hoffentlich mein zwangloses Erscheinen vor meinem offiziellen Besuch gütigst entschuldigen«, setzte er hinzu, als Seine Exzellenz ihm endlich zu reden erlaubte.

Trix entschuldigte natürlich, hatte keinen Auftrag für die Stadt, ließ Herrn Syrop in Eile einen Teller mit Sandwiches und Wein servieren und dann wieder abfahren, ohne den Triumph zu ahnen, welcher darob dieses Jünglings Brust schwellte, der mit diesem Besuch vor seinen Kollegen zu prahlen gedachte, bis sie ihm etwas an den Kopf warfen vor lautet Neid und Bewunderung seines Schneids, mit dem er gewagt, Herrn Richters Schecken nicht nur einen Umweg machen, sondern auch im Hofe der Abtei im Wagen stehen zu lassen, während er mit Fräulein von Dornberg eine Platte mit Kaviarschnitten, so groß wie ein Wagenrad, vertilgt hatte. Für diesen Triumph konnte man schon das unvermeidliche Donnerwetter Herrn Richters mit in den Kauf nehmen, denn »für nischt gibt's nischt«, wie Herr Syrop die Sache vor sich selbst philosophisch erläuterte.


Der Nachmittag brachte dann Hans Truchseß, auch in Gummi, und auch in Eile, weil er gleichfalls nach der Stadt wollte. Er brachte für Trix inklusive Frau von Graßmann eine Einladung zum Tee nach Kroschwitz für den nächsten Tag ; Phroso, begleitet von ihrer Mutter, hatte erklärt, ihre künftige Residenz in Augenschein nehmen zu wollen und er kam nun, seine Tante zu bitten, bei dieser Gelegenheit die Honneurs seines Hauses zu machen. Frau von Graßmann sagte zu mit niedergeschlagenen Augen, damit Hans deren Aufblitzen nicht sah. Die Welt war wahrlich rund und drehte sich, da sie dem Sohne die Honneurs machen sollte in demselben Hause, dessen Schwelle zu überschreiten die Mutter sie nie gebeten hatte, seit ihr Bruder, deren Gatte, nicht mehr lebte und seit hier in Frauensee die Zellsche Ehe Schiffbruch gelitten hatte.

Trotz seiner Eile mußte Hans sich doch, von Trix geführt, die Abtei in der Hauptsache ansehen und den Tee mit ihr im Florentiner Zimmer trinken und sie war dabei und nachher so seelenvergnügt, daß sie mit leuchtenden Augen die Halle im Tanzschritt durchmaß und sogar hell auflachte, als Frau von Graßmann sie in liebenswürdigster Weise darauf aufmerksam machte, daß es doch eigentlich der Zweck ihrer, der Ehrendame, Anwesenheit in der Abtei sei, Besuchen von Herren, besonders jungen Herren, beizuwohnen.

»Das lohnte sich der Mühe, Sie herabzuholen, während ich den jungen Syrop in der Halle hier abfertigte«, lachte Trix höchst belustigt.

»Ich meinte auch nicht den jungen Syrop«, lächelte Frau von Graßmann zurück, »trotzdem ich sagen muß, daß für ihn die gefühlsdämpfende Gegenwart eines Drachen, wie er mich doch sicher nennt, sehr heilsam wäre. Ich dachte eigentlich mehr an Hans Truchseß – ich glaube, es wäre korrekter gewesen, wenn ich dem Teestündchen mit ihm beigewohnt hätte, wollte mich anderseits aber auch nicht selbst dazu einladen –«

»Ach, es ist mir gar nicht eingefallen, daß Ihnen das Spaß machen würde«, sagte Trix naiv.

»Spaß oder nicht – es gehört zu meinem Amt«, erwiderte Frau von Graßmann.

»I wo!« widersprach Trix gemütlich, »Hans ist doch mein Vetter und ein Bräutigam obendrein, der ist ja so gut wie zwei Ehrendamen.«

»Das möchte ich doch nicht behaupten«, entgegnete Frau von Graßmann, immer sehr liebenswürdig. »Nein, nein, Sie müssen mich schon dabei dulden, wenn Sie Herrenbesuche empfangen, nicht?«

»Das kommt auf die Herren an«, lachte Trix. »Papa sagte immer, das Mädchen müßte verflixt schlecht erzogen sein, das man mit einem Herrn nicht allein lassen darf!«

»Oh, Ihr Herr Vater hat ganz recht. Aber unser deutscher Sittenkodex –«

»Auf den pfeif' ich, wenn ich nichts Unrechtes tue«, vollendete Trix und lief davon, das Herz leicht und die Seele voll Sonnenschein. Nein, es war doch hübscher in der Abtei als im Stift, in dem es nur alte Damen mit denselben langweiligen und verbohrten Ansichten gab, wie Frau von Graßmann sie hatte. Das fehlte noch, die auf Schritt und Tritt mitzuschleppen, wie die Kugel am Fuß eines Bagnosträflings; ihre pure Anwesenheit in der Abtei war Konzession genug an den deutschen Sittenkodex. Herr Syrop war zum Schießen komisch gewesen mit seinem zwischen ihr und den Kaviarbrötchen geteilten Herzen, und Hans, der liebe gute Hans, war so nett und so heiter und so – so – so – nun eben so! Nächstens würde es wohl auch unpassend sein, allein mit dem Pater zu sprechen –

Zu dem stürmte Trix am folgenden Morgen in einem Tempo herauf, das geradezu beängstigend war und den würdigen Herrn zu der Annahme verleitete, daß Feuer in der Abtei ausgebrochen sei. Es handelte sich aber nur um einen Brief des Justizrats, den sie nun atemlos vorlas.


»Es ist sehr diplomatisch und sonst auch richtig, wenn ein neuer Regent mit offnen Händen den Thron besteigt«, schrieb der alte Herr. »Sie, liebes Fräulein von Dornberg, können sich ohne Gewissensbisse die von meinem würdigen Freunde vorgeschlagenen Vervollkommnungen des Frauenseer Musterstaates leisten, ohne auf Ihre persönlichen Liebhabereien verzichten zu brauchen. Lassen Sie also Pater Müller ruhig die Bibliothek einrichten und was das Haus betrifft, das so vielen humanen Einrichtungen dienen soll, so werde ich einen Architekten beauftragen, Ihnen Pläne dafür einzusenden; der Bau kann vielleicht noch vor dem Winter unter Dach gebracht werden. Zur Besprechung sage ich mich auf einen der nächsten Tage bei Ihnen an, da ich gern die Sache erledigt und in Fluß gebracht sehen möchte, ehe ich zur gewohnten Kur nach Karlsbad abreise, und ehe es zur Vertilgung der bewußten Spickgänse zu spät ist.«


»Na, was sagen Sie dazu, Hochwürden?« schloß Trix triumphierend.

Der gute Pater strahlte vor Glück.

»Gott segne Ihr gutes Herz«, sagte er gerührt.

»Ach was, mich wundert's bloß, daß ich so heumäßig viel Geld habe«, meinte Trix ehrlich. »Noch vor einem Monat keine Mark in der Tasche, die noch dazu ein Loch hatte, und heute schenke ich Bibliotheken, baue Häuser – man könnte eigentlich darüber verrückt werden.«

»O bewahre, man muß dem lieben Gott nur recht innig dafür danken, daß er Ihnen die Mittel gegeben, soviel Gutes zu tun«, meinte der Pater.

»Es ist wahr«, sagte Trix. »Dazu bin ich noch gar nicht gekommen. Na, dem Justizrat hab' ich aber auch einen Brief geschrieben deswegen, der hat ihm wahrscheinlich höllisch imponiert –«

»Ich kann mir's denken«, nickte der Pater und nahm eine Prise, um sein Lächeln zu verbergen, was aber insofern verlorene Liebesmühe war, da er laut dachte: »Der Justizrat ist ein schlauer Kopf, dem ist kein Galimathias zu toll, daß er dem Grundgedanken nicht auf die Spur käme.«

»Galimathias?« fragte Trix zweifelnd. »Was ist denn das?«

»Ach, ich meinte bloß so«, erwiderte der Pater verlegen und dachte wiederum laut dazu: »die schnappt auch jedes Wort auf.«

»Ja natürlich, da nehmen Sie sich nur hübsch in acht, Hochwürden«, lachte Trix und sauste wieder davon, den Pater in einem Meer von Seligkeit über die Erfüllung seiner Lieblingspläne zurücklassend.


Am Nachmittag fuhren Trix und Frau von Graßmann nach Kroschwitz hinüber und langten dort eine halbe Stunde vor den Rablonowskischen Damen an, da Frau von Graßmann zuvor die Anordnung des Teetisches übernehmen sollte.

Hans Truchseß empfing die Damen an der Tür seines nicht zu großen, reizlosen Hauses, das den stolzen Namen Schloß führte; nach Norden von Wirtschaftsgebäuden eingeschlossen, hatte es aber nach Süden einen ganz hübschen, wenn auch nicht zu großen Garten.


Nachdem Frau von Graßmann sich sofort zur Übernahme ihrer Verpflichtungen in dem ihr wohlbekannten Haus, das ihr Vaterhaus gewesen war, entfernt hatte, führte Hans seine Wahlkusine in sein Zimmer, denn wenn's auch nicht mehr regnete, so war es doch naß draußen und kühl.

»Komm' in meine Bude«, sagte er, »dort ist's viel gemütlicher als in dem Salon, in dem ich nie sitze. Die Leute nennen ihn ›die gute Stube‹ und ich nenne ihn ›die kalte Pracht‹, wovon aber nur das ›kalt‹ stimmt. Meine Mutter betrat den ›Salon‹ fast nie . . . ach Trix!«

»Na, das war ja ein förmlich gemästeter Seufzer!« lachte die Herrin von Frauensee, sich beifällig in Hans Truchseß' »Bude« umsehend, wo die schweren, mit grünem Saffian bezogenen Möbel von gewachstem Eichenholz, die wohlgefüllten Bücher- und Gewehrschränke, die Trophäen von alten und modernen Waffen und Rehgehörnen sie merkwürdig anheimelten.

»Ja weißt du, Trix – ich bin auch in einer mordsmäßigen Aufregung, wie es Phroso in Kroschwitz gefallen wird«, sagte er mit einem Blick auf seinen Schreibtisch, wo in silbernem Rahmen Phrosos Bild im Royalformat stand: auf weißem Grunde die schlanke Gestalt im weißen Ballkleide, einen weißsamtnen Abendmantel mit weißem Seidenfutter und weißem, flockigem Pelz verbrämt – ein Sonett in Weiß.

»Das würde mich gar nicht aufregen«, erklärte Trix sehr bestimmt. »Sie kommt doch um deinetwillen hierher und nicht wegen des Hauses und wie's ist, so ist's halt!«

»Ach, sie weiß ja, daß vieles geändert werden muß, aber sie ist doch ein bißchen verwöhnt in Punkto Komfort undsoweiter. – Willst du einen Blick hier hereinwerfen? Das ist mein Schlafzimmer –«

Hans Truchseß öffnete die Tür besagten Raumes und Trix »warf einen Blick hinein«.

»Einfach aber gemütlich«, sagte sie. »Warum hast du dir denn den berühmten ›Ruppert‹ dort aufgestellt«, setzte sie lachend hinzu, auf eine Staffelei deutend, auf der Phrosos Geschenk zu Füßen des Bettes stand.

»Warum?« Hans sah seinen holden Gast fast erstaunt an. »Nun natürlich, weil beim Aufwachen mein erster Blick darauf fällt. Es ist doch Phrosos Gabe!«

Trix lachte, daß sie sich schüttelte.

»Nein, das ist ja zum Begraben«, behauptete sie »Warum stellst du dir denn nicht lieber Phrosos Bild auf? Da hast du doch wenigstens was davon, wenn du aufwachst.«

»Ja, eigentlich bin ich darauf noch gar nicht gekommen«, erwiderte Hans zweifelnd.

»Und wenn ich du wäre, dann stellte ich den Ruppert hübsch in meine Wohnstube, oder in den Salon, damit Phroso wenigstens sieht, wo das Bild hingekommen ist. Sie denkt sonst am Ende gar, es ist in der Rumpelkammer.«

»Meinst du, Trix? Vielleicht hast du recht«, erwiderte Truchseß nachdenklich. »Aber das kann man ja schnell besorgen!«

Damit trug er das Bild auch schon aus dem Schlaf- ins Wohnzimmer, und holte die Staffelei nach.

»Ich bin dir sehr dankbar für den Wink, Trix«, meinte er dabei, »es ist wahr – Phroso hätt' es am Ende übelgenommen, wenn sie ihr Geschenk nicht am Ehrenplatz sah – nein, wie du dem Ruppert ähnlich siehst, Trix, das ist einfach lächerlich!«

»Unsinn – lächerlich ist's nur, wie man das finden kann –«

»Na, da sieh doch mal gefälligst in den Spiegel dort –«

»Der Wagen aus Weißenrode biegt in den Hof, gnädiger Herr«, meldete in diesem Augenblick der Diener und Hans Truchseß eilte mit einem hastigen: »Pardon, Trix« hinaus, um Braut und Schwiegermutter in spe an der Schwelle seines Hauses zu begrüßen.


»Aber das ist ja eine schreckliche Einfahrt durch den Hof hier; kann man denn nicht von der Gartenseite vorfahren?« war Phrosos erstes Wort beim Aussteigen. »Die Viehställe, die landwirtschaftlichen Attribute und Gerüche – das nimmt einem ja ganz den ästhetischen Eindruck!«

»Uns hartarbeitenden, armen Landwirten muß das eben Ästhetik sein«, erwiderte Hans entschuldigend. »Auch ich habe indes schon an eine Verlegung der Einfahrt gedacht. Doch das ist nicht ohne Schwierigkeiten, technische wie finanzielle, und meine Mutter wollte nie etwas davon wissen. Denken Sie, Gräfin, sie hatte ihr Wohnzimmer sogar nach dem Hofe heraus, um den Betrieb vom Fenster aus besser überwachen zu können.«

»Schrecklicher Gedanke«, murmelte Phroso mit einem Blick in die große, aber leere Diele, in welcher ein paar Kleiderrechen, ein Schirmständer und zwei Stühle rechts und links neben dem einfachen, polierten Spiegelgestell die ganze Einrichtung bildeten. Hans fing den Blick auf.

»Hier werden wir mit dem Einrichten beginnen müssen«, sagte er verständnisvoll.

»O ja, nicht wahr?« nickte die Gräfin, indes Phroso vor dem Spiegel den Hut abnahm und ihre rotgoldne Haarpracht in Ordnung, das heißt in malerische Unordnung brachte. Dann traten die Damen in das Herrenzimmer und begrüßten sich herzlich mit Trix, die dort geduldig gewartet hatte; doch ehe noch Hans bitten konnte, Platz zu nehmen, erschien Frau von Graßmann und erklärte, daß der Tee im Salon bereit sei. Dort hatte sie in der kurzen Zeit das Menschenmögliche vollbracht, um dem steifen, unbehaglichen Raume, in dem die Möbel unverrückbar seit Jahrzehnten auf dem ihnen angewiesenen Platz gestanden hatten, etwas Anheimelndes zu schaffen. Das blauseidne Damastsofa im polierten Mahagonigestell stand über Eck, statt gerade an der Wand, der Palisanderflügel hatte einen Schwung bekommen, um das gleiche Manöver auszuführen; der Sofatisch stand in der Mitte des großen Zimmers, weißgedeckt, mit Teeservice und Kuchenkörben beladen – aber die Trumeaux an den Fensterpfeilern blieben und die geraden, polierten Mahagonivertikows vis-à-vis, und der ganze, unwohnliche Eindruck des Paradezimmers in seiner fürchterlichen steifen Ordnung, seinen symmetrisch aufgestellten Vasen und Nippsachen auf den glänzend polierten Mahagoniflächen . . .

Phroso musterte diese Herrlichkeiten mit einem geradezu tragischen Blick und schauderte beim Anblick des großen, kostbaren, aber entsetzlich geschmacklosen, farbenreichen Teppichs.

»Ob man solch eine Einrichtung wirklich einmal ›schön‹ fand?« fragte sie, in einen der Armsessel sinkend, die um den ovalen Tisch standen.

»Es blieb einem nichts weiter übrig«, meinte Frau von Graßmann in ihrem leichten Gesprächston. »Die frühere Epoche der dreißiger und vierziger Jahre hatte gründlich mit den Resten des achtzehnten Jahrhunderts aufgeräumt und die schönen Möbel dieser Zeit als ›unmodern‹ verbannt und in alle Winde zerstreut. Als man dann wieder zu sich kam und sich nach dem alten, herrlichen Hausrat umsah, da hatten die ›Antiquitätenhändler‹ gute Zeiten und verkauften das billig Erworbene zu unerhörten Preisen. Kroschwitz war nicht reich an Rokoko- und Empiremöbeln, aber als meine Mutter heiratete, mußte das ›alte Gerümpel‹ alles fort.«

Phroso seufzte und Hans sah gedrückt aus, aber die Gräfin meinte, der Raum sei schön und würde sich gut einrichten lassen.

Der Tee war gut und der frischgebackene Kuchen auch, aber Trix hatte merkwürdigerweise wenig Appetit. Hans tat ihr leid, weil er bedrückt aussah durch die schlecht oder viel mehr gar nicht verhehlte Unzufriedenheit seiner schönen und verwöhnten Braut, gegen die in ihrer harmlosen Seele ein heiliger Zorn aufstieg, weil sie der Meinung war, es sei doch nicht nötig, »gleich so zu tun«, wenn man doch willens sei, alles zu ändern, und der arme Hans könnte nichts dafür, wenn's seiner Mutter nun einmal so gefallen hätte.


»Ist das deine Geige, Hans?« fragte sie, auf einen Violinkasten deutend.

Er nickte etwas zerstreut.

»Sie ist gottlob besser als ihr Meister«, setzte er mit Galgenhumor hinzu. »Aber der Flügel ist gestimmt, Phroso! Für den Fall, daß Sie ihn probieren wollen –«

Vielleicht fühlte Phroso, daß sie ihrem Bräutigam etwas schuldig war für ihre herbe Kritik seines Hauses, wenigstens beantwortete sie die stumme Bitte seiner Augen durch ein Lächeln und erhob sich mit der ihr eignen Grazie und ließ sich vor dem Flügel nieder, den Frau von Graßmann schon vorher geöffnet hatte. Sie streifte die klirrenden Armbänder von ihren feinen Handgelenken und ließ dann prüfend die schlanken Hände über die vergilbten Tasten des ehemals sicher kostbaren Blüthner- Flügels laufen, dessen Ton durch die lange Ruhe natürlich gelitten und auch natürlich nicht auf der Höhe der modernen Technik des Instrumentenbaues stand. Sie schüttelte dabei den Kopf mit der rotgoldnen Haarglorie und begann nun ein Impromptu von Chopin, um nach dem zehnten Takt aufzuhören und aufzuspringen.

»Ich kann auf dem alten Klapperkasten nicht spielen«, rief sie, heftig ihre Armbänder zusammenraffend. »Das klingt ja, als ob man auf Holz schlüge, die Tasten gehen so schwer, daß meine Arme ganz lahm sind – und es schallt so schrecklich in diesem leeren Zimmer.«

Sie sank zurück in ihren Sessel am Teetisch.

»Phroso ist so sehr abhängig von dem Instrument«, murmelte die Gräfin mit einem Blick auf Hans, der vor sich hinsah und nichts sagte.

»Eine echte Künstlernatur«, meinte Frau von Graßmann, Phroso die Teetasse reichend, die sie ihr wieder gefüllt hatte.

Trix legte das Stück Kuchen hin, von dem sie eben abgebissen hatte, erhob sich und schritt zu dem Geigenkasten, dem sie die Geige entnahm.


»Sie sind musikalisch?« fragte Frau von Graßmann erstaunt.

»Das kommt auf die Auffassung an«, meinte Trix lachend, indem sie einen Akkord strich und die Saiten stimmte. »Aber die Geige ist gut, viel besser als die meine –«

Und damit fing sie an zu spielen, eine einfache, bekannte Melodie in Doppelgriffen, kunstlos aber goldrein und mit der »Seele« im Ton, die man unter zehn berühmten Konzertvirtuosen kaum zweimal findet. Aus der einfachen Melodie ging sie über in vollere Akkorde, in eine Musik, zu der die Noten nicht gedruckt waren. Es war nichts als ein Selbstgespräch ohne Worte; ihre zweifellose und große musikalische Begabung machte es ihr möglich, in Tönen auszudrücken, was sie in Worten gar nicht über die Lippen gebracht hätte. Sie hatte unaufgefordert die Geige ergriffen, weil sie das Bedürfnis fühlte, Hans für das jäh abgebrochene Spiel seiner Braut zu trösten und die gespannte Situation in ein andres Gleis zu leiten, – aber das wußte sie wahrscheinlich selbst nicht, sie gehorchte nur einem innern Drange.

Und die Trix des gewöhnlichen Lebens war ganz verschieden von der Trix mit der Geige am Kinn und dem Bogen in der Hand. Die in ihr schlummernde Seele brach sich Bahn und so reihte sich Akkord an Akkord an die Melodie: »Der Mai ist gekommen«, und aus den Akkorden bildeten sich neue, nie gehörte und gleich wieder von der Geigerin vergessene Melodien – eine aus der andern wachsend und verklingend . .

Phroso, die Virtuosin auf dem Klavier, hätte eigentlich die echte Künstlernatur, die sich hier kundgab, erkennen müssen, aber sie war eben Virtuosin, der die Musik nur als Mittel zum Zwecke war, sich interessant zu machen; auch liebte sie nicht fremde Götter neben sich. Trotzdem war sie musikalisch genug, die merkwürdige Begabung der »kleinen Wilden« zu begreifen und horchte erstaunt auf das unorthodoxe Spiel.

Da, mitten in einem Septimengang, über dem mancher Künstler hätte stundenlang üben müssen, sprang die G-Saite der Geige und damit stand Trix auch jäh wieder in der Gegenwart. Sie fuhr bei dem Klang der springenden Saite zusammen und ließ den Bogen sinken und aus ihren Augen wich der ihr sonst fremde, träumerische Ausdruck. Für einen Moment sah sie die Anwesenden ganz groß an – dann lachte sie.


»Klipp klapp, schab' ab, sprach Irregang,
Jetzt spann' ich keine andern;
Begnügt euch am Schallmeienklang,
Ich muß jetzt weiterwandern«,


deklamierte sie, drehte sich auf dem Absatz um und legte die Geige zurück in den Kasten.

»Wie, sie liest auch Poesie, diese liebe Trix?« fragte Phroso mit ihrem reizendsten Lächeln.

»O ja, man hat so seine schwachen Stunden«, erwiderte Trix mit drolliger Würde. »Aber«, setzte sie sofort hinzu, »aber alle Dichter mag ich nicht, weißt du, so die Sorte, bei deren Gedichten man sich am Ende fragt: potz Kuckuck, was soll denn das heißen? Muß man's am Ende von rückwärts lesen, damit man's verstehen kann?«

Trix lachte und biß in ihr verlassenes Kuchenstück. »Auf das Wohl des Hausherrn!« setzte sie mit erhobener Teetasse hinzu.

»Danke«, nickte Hans Truchseß freundlich. »Wollen wir jetzt das Haus ansehen?«


»Es wird Zeit«, erwiderte die Gräfin, »denn wir haben noch einen weiten Weg zurück nach Weißenrode.«

»Oh, erst muß Hans mir die Familienjuwelen zeigen«, fiel Phroso ein.

»Seit wann gibt es denn im Hause Truchseß Familienjuwelen?« fragte Frau von Graßmann erstaunt. »Zu meiner Zeit gab es keine.«

»Nein, ich fürchte, dieses tote Kapital zu sammeln, ist erst künftigen Generationen vorbehalten«, lachte Hans gutgelaunt. »Meine Großmutter hat ihren Schmuck an ihre Töchter verteilt und was meine Mutter davon besaß, dürfte allein den stolzen Titel führen, den Phroso soeben großartig ausgesprochen hat.«

»Oh, ich dachte, Majorate hätten immer erbliche Juwelen«, murmelte Phroso enttäuscht.

»Manche, aber nicht alle«, erwiderte Hans. »Indes, was meiner Mutter gehörte, geht natürlich in den Besitz meiner Frau über. Ich will das Kästchen gern herüberholen, es steht unberührt in meinem eisernen Schrank und ich weiß selbst nicht, was darin ist. Meine Mutter hat die Trauer nie abgelegt und trug niemals einen Schmuck. Einen Moment – ich bin gleich wieder da!«

Damit eilte er hinaus und war sehr bald wieder zurück mit einem mäßig großen Blechkästchen, das er vor Phroso auf den Tisch stellte und öffnete.

»Machst du dir gar so viel aus Schmucksachen?« fragte Trix, die mit Erstaunen sah, wie sich angesichts der alten Blechkiste Phrosos Züge mit einem erwartungsvollen Interesse belebten, das ein leises Rot auf ihre zarten Wangen zauberte und Glanz in ihre Augen brachte.

»Es kommt darauf an, was du unter ›Schmucksachen‹ verstehst«, erwiderte sie, mit einem Blick die Maroquinetuis und Pappschächtelchen überfliegend, die in der Blechkiste lagen. »Gold- und Silberschmuck muß schon sehr kunstvoll oder originell sein, wenn er mich interessieren soll, aber Steine, Steine! Edelsteine sind meine Leidenschaft, kleine Trix! Das ist Poesie und Geschichte zugleich und ein Zauber sondergleichen geht aus von dem Farbenspiel edler Steine. Denk an das geheimnisvolle Lichtspiel der Opale, an das zauberhafte Grün der Smaragde, das verhaltene Feuer der Rubine, an das tiefe, großartige Blau der Saphire und an das lichte Himmelblau der Türkise! Dann die Amethyste, zu Stein gewordene Veilchen! Und alles das vereint in den Brillanten. Stundenlang kann ich das Farbenspiel der Diamanten betrachten! Und dann auch die Kaiser und Könige in dem erlesenen Kreise der Edelsteine, die Superlative edler Steine, die Berylle, Spinelle und weißen Saphire mit ihren zarten Farbentönen in Grün, Rosa und einem Hauch von Blau! Eine russische Kaiserin soll einen Brokatsack gehabt haben mit losen, geschliffenen Steinen gefüllt und es soll ihr höchster Genuß gewesen sein, sie auf eine Decke von weißem Samt auszuschütten und sie durch die Finger laufen zu lassen. Diese Frau begreife ich –«

Sie hielt ein mit einem tiefen Atemzuge und sah auf zu ihrem Verlobten, der neben ihr am Tische stand und sie bewundernd betrachtete.

»Welche Beredsamkeit«, sagte er mit einem glücklichen Lächeln, in das sich ein Tropfen, aber eben nur ein Tropfen unbehaglichen Erstaunens mischte. »Phroso, ich habe Sie noch nie so lange und so begeistert von einer Sache reden hören –«

Phroso lächelte mit leuchtendem Blick. »Hoffentlich kommt der Versucher nicht eines Tages zu mir mit einem Sack voll Edelsteinen und sagt: ›die will ich dir geben, wenn du mir deine Seele dafür gibst –‹«

»Phroso – welch schreckliches Bild!« rief die Gräfin entsetzt.

»Ich würde zu ihm sagen: Sie sind wohl ein bißchen Tralala im Kopfe, Sie? Machen Sie mal die Tür von außen zu!« rief Trix mit Überzeugung. »Als ob meine Seele mir verkäuflich wäre!«

»Ich risse mir das Herz dazu aus dem Leibe, wenn meine Seele die Steine nicht aufwöge«, sagte Phroso halb für sich und tauchte ihre weißen, juwelenblitzenden Hände in den Blechkasten.


»Das macht interessant, dies rückhaltlose Aussprechen von Dingen, die zaghafte Gemüter nicht zu denken wagen würden«, meinte Frau von Graßmann mit einem Blick auf ihren Neffen, der mit einem Gesichte dastand wie ein Mensch, der ein für ihn zu schweres Rätsel lösen soll.

Phroso lächelte – ihr halbes, verschleiertes apathisches Lächeln – indem sie ein Etui öffnete, einen Blick auf die darin liegende goldne Brosche mit blauem Email warf und es achtlos auf den Tisch stellte.

»Ich habe einen Traum von einem Kollier«, sagte sie, als hätte sie die Einwürfe der andern gar nicht gehört. »Ein Kollier, das den Hals ganz eng umschließt und aus Gliedern, hohen, schmalen Gliedern besteht, die in Diamantfassung von Spinellen, Beryllen, weißen Sa­phiren und schwarzen Diamanten gebildet sind –«

»Onkel Zells Halsband!« rief Trix dazwischen. »Wenigstens so ähnlich ist es!«

»Wo? Wie? In deinem Besitz?« fragte Phroso interessiert. Trix nickte, denn es war ihr eingefallen, daß das Halsband eine Geschichte hatte und daß sich daran ein gewisser Rat ihres Onkels knüpfte. Sie hatte sich eigentlich vorgenommen, das unheimliche Erbstück lieber ganz geheimzuhalten, damit fremde Neugier nicht Unheil daraus ernte; wenigstens so lange geheim, bis man der Sache auf die Spur gekommen war.

»Ich komme morgen zu dir, damit du mir das Halsband zeigst«, sagte Phroso hastig, fast atemlos.

Trix schüttelte mit dem Kopf. »Ich kann dir's nicht zeigen«, sagte sie ernsthaft. »Wenigstens nicht morgen und nicht übermorgen. Später einmal –«

»Wann?«

»Ich weiß noch nicht. Sobald als möglich, weil du es gern sehen willst!«

Aber Phroso ruhte nicht eher, bis Trix ihr eine möglichst genaue Schilderung des Halsbandes gegeben und erfahren hatte, aus welcher Epoche es stammte. Mehr ließ Trix sich aber nicht abfragen, und es reute sie, daß sie von dem Erbstück überhaupt gesprochen hatte.

»Es liegt also auf der Bank verwahrt, weil du es mir nicht zeigen kannst?« sagte Phroso, auf dem Thema beharrend, von dem Hans den Eindruck hatte, daß es Trix unangenehm war oder mindestens unbehaglich.

»Es ist ganz sicher verwahrt«, war Trixens indirekte Antwort.

»Oh, Justizrat Klaus wird dafür schon gesorgt haben«, sagte Frau von Graßmann, ein Gähnen unterdrückend.

»Hoffentlich!« bestätigte Truchseß. ›,Es wäre wenigstens sträflicher Leichtsinn von dir, Trix, dergleichen Kostbarkeiten herumstehen zu lassen.«

Trix sagte nichts als nochmals: »Das Halsband ist ganz gut verwahrt!« Nicht nur, daß sie unheimliche Geschichten nicht liebte, nein, es war ihr auch ein Gedanke gekommen, ein großartiger Gedanke, der sich aber vorläufig, wie sie es selbst ausgedrückt hätte, noch als »Kuddelmuddel« in ihrem Kopfe herumtrieb. Phroso stieß einen ungeduldigen Seufzer aus und kehrte zur Inspektion der Blechkiste zurück, deren Inhalt, meist goldne Schmucksachen ohne sonderlichen Wert, mit einer Verachtung von ihr beiseite geschoben wurden, die sie auch nicht einmal mit irgend welcher Redensart zu bemänteln versuchte. Nur eine doppelte Schnur mittelgroßer Perlen wurde gnädigst für würdig befunden und angenommen.

»Man könnte das übrige Zeug da«, sagte sie, auf die beiseite gelegten Etuis deutend, »gut als Geschenke für unser weibliches Personal gelegentlich unserer Hochzeit verwerten. Meinen Sie nicht auch, Hans?«

Hans legte die Etuis aber wieder zurück in den Kasten. »Ich möchte die Sachen doch lieber aufheben, sie sind ja niemand im Wege«, sagte er sehr ruhig und ohne auf seine Gründe näher einzugehen. Aber als er bei seiner Arbeit einmal aufsah, begegnete sein Blick den großen, auf ihn gerichteten Augen Trixens.

»Ich habe alles fortgeben müssen, was meiner Mutter gehört hat und meinem Vater auch«, sagte sie ernsthaft. »Es war sehr hart.«

»Ich glaub' dir's, Trix«, erwiderte er und setzte mit einem Lächeln hinzu, das gar nichts von seiner sonstigen freundlichen Harmlosigkeit hatte: »Willst du mir, uns meine ich, wieder etwas auf der Geige vorspielen?«


»Oh, ein anderes Mal, wir müssen doch jetzt das Haus sehen«, protestierte die Gräfin mit einem Blick auf die Uhr.

»Mich fordert er nicht zum Spielen auf, der Barbar«, meinte Phroso lächelnd und sah siegesbewußt zu ihrem Verlobten auf.

»Auf dem alten Klapperkasten?« fragte Hans, das Lächeln nur halb beantwortend.

»Ach, er ist pikiert!« rief Phroso ganz entzückt von dieser Entdeckung, indem sie aufstand. »Haben Sie den Klapperkasten gemacht? Nein! Nun also – ! Und jetzt auf zur Besichtigung, sonst sind wir zu spät zum Diner in Weißenrode und das würde Papa in seinen heiligsten Gefühlen kränken! Kommen Sie später mit uns, Hans? Heut' nicht? Also dann auf morgen.«


»Trix, ich hab's ganz gut verstanden, was du auf der Geige gesprochen hast«, sagte Hans eine Stunde später, als er der Herrin von Frauensee zur Heimfahrt in ihr Jackett half. Er war etwas rot im Gesicht, denn mit Ausnahme weniger Möbel war so ziemlich alles im Hause Kroschwitz von dessen künftiger Herrin verworfen worden. Auch die mit dem holdesten Lächeln gegebene Versicherung, daß das Haus trotzdem sich noch ganz hübsch würde gestalten lassen, war nur ein dürftiges Pflaster auf den vielen harten Tadel gewesen, der rückhaltlos alles traf, was der aus seinen Himmeln gerissene Majoratsherr bisher für ganz hübsch und gemütlich gehalten hatte. Aber natürlich, Phroso hatte ganz recht und er unrecht, das war klar, nur – nur hätte sie das alles vielleicht etwas milder sagen können.

Trix antwortete nichts, aber die blauen Augen sahen ihn an mit einem gemischten Ausdruck von erschrockener Scheu und naiver Freude.

Als dann bei der Heimfahrt Frau von Graßmann die Bemerkung hinwarf: »Die schöne Phroso wird dem armen Hans noch manche harte Nuß zum Knacken geben – zunächst in der Form der Rechnungen für die Umgestaltung des Kroschwitzer Hauses –« da hatten sich die moralisch gesträubten Federn des »armen« Hans schon wieder bedeutend geglättet, weil er beim Abschied ein süßes Lächeln der schönen Phroso erhalten hatte und einen Gruß, den die schönste Hand ihm mit dem flachen Maroquinetui, das das Perlenhalsband enthielt, aus dem Wagen aus zugewinkt hatte.

Aber es war doch ein schwerer Seufzer, mit dem er sein Zimmer wieder betrat und dieser Seufzer galt weniger seinen gekränkten Gefühlen als der Summe, die von der Neueinrichtung des Hauses verschlungen werden mußte.

»Das geht ans Kapital«, murmelte er und sein Auge fiel dabei auf Phrosos Bild im silbernen Rahmen. »Natürlich geht's ans Kapital«, nickte er. »Ich kann auch nicht verlangen, daß eine Lilie sich in ein Strohblumenbeet pflanzen lassen soll. Eine Phroso in diesem Hause, wie es ist – wie ich das auch nur einen Augenblick habe voraussetzen können!«

Und dann fiel sein Blick auf das süße Bild des Van Dyckschen »Ruppert von der Pfalz« auf der Staffelei in der Ecke, und unverweilt trug er es wieder in sein Schlafzimmer zurück.

»Trix mag mich soviel einen ›komischen Kerl‹ nennen, wie sie will«, dachte er mit seinem alten, unverfälschten Lächeln. Der ›Ruppert‹ bleibt hier, denn der letzte Blick beim Schlafengehen und der erste Blick beim Aufstehen, das ist doch der ›wahre Jakob‹ – für Phrosos Geschenk.« –


Trix aber war für den Schluß dieses Tages beunruhigt und innerlich beschäftigt, sie sprach wenig und hatte keinen Appetit. Frau von Graßmanns triumphierende Benachrichtigung, daß die »Perle von einer Kammerzofe« eingewilligt habe, sich Trixens äußerem Menschen zu widmen und in den nächsten Tagen ihren Einzug in der Abtei halten würde, ließ sie kalt und rang ihr nur die tiefsinnige Bemerkung ab: »Na, das ist ja schön, wenn sie kommt, dann ist sie da.«

Als sie dann aber zum Schlafengehen in ihr Zimmer trat, kam ihr ein Gedanke, dem sie natürlich sofort die Tat folgen ließ: sie drehte sich auf dem Absatz um und rannte mit einer Eile, als ob sie schon etwas versäumt hätte, gefolgt von Seiner Exzellenz, der mit seinen krummen Beinen so schnell gar nicht folgen konnte, nach des Paters Zimmer. Der würdige Herr saß, eine lange Pfeife im Munde, natürlich noch an seinem Studiertisch und schrieb; er machte vor Schreck einen Klecks aufs Papier, als seine Brotherrin plötzlich die Tür aufriß und hereinstürmte, als wäre die wilde Jagd hinter ihr drein – sie hatte in der Eile natürlich anzuklopfen vergessen.

»Ist etwas passiert? Doch nicht etwa Feuersgefahr?« fragte er aufstehend mit einem angstvollen Blick auf seine Papiere.

»Ach bewahre, ich komme nur etwas zu fragen«, fing Trix an und schwang sich auf die Ecke des Schreibtisches.

Pater Müller seufzte, legte die Feder hin und setzte sich auch wieder.

»Etwas sehr Wichtiges, scheint es«, sagte er resigniert.

»Mhm!« nickte Trix. »Sie müssen das wissen, Sie sind Seelsorger und kennen ihre Pappenheimer – ich meine, was rechts und links ist. Nehmen Sie mal an, daß Sie mit jemandem verlobt sind, Hochwürden –«

»Ist viel verlangt, Baronesse. Aber es sei – ich nehme es an«, sagte der alte Herr, indem sich im Lächeln die pergamentene Haut seines Angesichts in Tausende von Fältchen legte.

»Bitte, bringen Sie mich nicht aus dem Text«, rief Trix ungeduldig. »Ja – also, nehmen Sie mal an, daß Sie mit jemandem verlobt sind. Bon! Warum haben Sie sich mit jemandem verlobt? Natürlich, weil Sie ihm gut sind und ihn heiraten wollen. Also, Sie gehen zu dem Jemand in sein Haus und sehen es an – würden Sie dann alles dort schlecht machen? Haben Sie den Menschen lieb, bei dem Sie imstande sind, alles häßlich und altmodisch und geschmacklos zu finden?«

Der Pater nahm eine Prise.

»So schlimm wird es ja auch nicht gewesen sein!« meinte er milde.

»Na, ich danke«, rief Trix. »Heiß und kalt konnte es einem werden, zuzuhören und zu sehen, was der arme Kerl für ein betripptes Gesicht dazu machte! Ist das Liebe, frage ich, ist das recht? Heiratet man einen Menschen oder heiratet man sein Haus?«

»Leider oft genug nur das letztere und dann endet's so wie bei Rudolf Zell«, murmelte der Pater. »Aber«, setzte er mit erhobenem Zeigefinger hinzu, »aber man muß sich durch ein paar scheinbar rücksichtslose Worte nicht voreinnehmen lassen. Die Gräfin Phroso ist jedenfalls um ihre Ansicht gefragt worden und man soll aus seinem Herzen keine Mördergrube machen –«

»Nee, aber man braucht doch nicht gleich alles ›lausig, grausig, ruppig, struppig, hundsgemein‹ zu finden«, ereiferte sich Trix. »Das heißt finden – meinetwegen mag sie's doch so finden, aber man kann's anders ausdrücken, und man drückt's auch anders aus, wenn man den lieb hat, dem es gehört.«

»Ich kann mir nur gar nicht denken, daß die Gräfin Phroso in der Tat solche epitheta ornantia gebraucht haben sollte, wie Sie eben zitierten –«

»Ach, das war ja bloß aus so einem Mordgeschichtenliede, das mein Vater immer sang – das Lied vom ›Friedrich Wilhelm Schulze, der an allem schuld war‹ – Phroso und etwas ›lausiggrausig‹ finden!« lachte Trix, weil ihr das spaßhaft schien, »und den Flügel einen alten Klapperkasten nennen, nachdem versichert worden war, daß der Kantor ihn extra für sie gestimmt – ich hätt's nicht über das Herz gebracht und ich wollte Sie fragen, ob Sie's gekonnt hätten!«

»Mir scheint, nein – auch wenn die Person, der die Sachen gehörten, mich gar nichts anginge«, erwiderte der Pater.

»Na also – und ist das Liebe, wenn man's kann?« fragte Trix gespannt.

»Wer kann das sagen?« meinte der Pater nachdenklich. »Die Liebe äußert sich so verschieden – wenigstens das, was viele Leute Liebe nennen und dafür halten, ja, die ganz überzeugt davon sind, daß es ›Liebe‹ ist, womit sie ihre Angehörigen oft recht sehr quälen –«

»Die aber keine ist, meinen Sie, nicht wahr?« fiel Trix ein. »Danke schön, das hab' ich ja nur wissen wollen.«

»Halt, keine vorschnellen Schlüsse«, warnte der Pater. »Ich redete im allgemeinen. Und im besonderen – ich wußte wirklich nicht, aus welchem andern Motiv als aus dem aufrichtiger Zuneigung Gräfin Phroso gewillt sein sollte, die Gemahlin des Freiherrn von Truchseß zu werden und, wenn sie ihrer Mißbilligung seines Hauses Ausdruck verleiht, so dürfen wir daraus noch nicht schließen, daß sie den Besitzer damit hat kränken wollen. Ich sehe es Ihrem Gesichte an, Baronesse, daß ich Sie nicht überzeugt habe, aber wir dürfen unsern Nächsten nicht auf den bloßen Anschein hin verurteilen.«

Trix rutschte von ihrer Tischecke herab und reichte dem Pater die Hand. »Danke schön«, sagte sie noch einmal. »Was ich wissen wollte, haben Sie mir schon gesagt. Aber Sie haben recht – ich wüßte auch nicht, weshalb Phroso Hans gewählt haben sollte, wenn sie ihn nicht liebte. Er sagt selbst, daß er nicht reich ist und Phroso ist so verwöhnt. Aber hübsch war es doch nicht von ihr. Na, gute Nacht, Hochwürden!«

»Gute Nacht, Baronesse, und schlafen Sie gut und ruhig, trotzdem Sie – vielleicht zum erstenmal – vor den ›Wegen der Weltkinder‹ gestutzt haben. Gold aber bleibt Gold, auch wenn's vergraben ist, und der Rost kann es nicht fressen. Ein richtiger Schatzgräber wartet auf seine Stunde, dann gräbt er das Gold und das Unkraut Egoismus ist ihm kein unüberwindliches Hindernis, mag's auch noch so dicht gewuchert sein. Sie haben verstanden, was ich meine, Baronesse?«

»Ich denke ja, Hochwürden, und ich denke auch, daß Hans wohl wissen wird, wo das Gold vergraben liegt – in Phrosos Herzen. Na, hoffentlich stört ihn das Unkraut nicht zu sehr – mich würde es rasend ärgern!«

»Ja, ja –! Die Geduld ist leichter verloren als bewahrt!« sagte der Pater lächelnd.

»Geht's Ihnen also auch so damit?« sagte Trix naiv. »Bei mir ist sie immer gleich wie weggeblasen, ich glaube, ich habe überhaupt keine. Na, nochmals gute Nacht, Hochwürden!« Und damit schlüpfte sie in ihr Zimmer und schlief ausgezeichnet, trotzdem sie noch eine Weile wach lag und sich klar zu machen suchte, warum sie eigentlich ein so vages Gefühl der Beunruhigung empfand, das des Paters Kritik der Herzen eigentlich hätte zerstreuen müssen . . .




Zweiter Teil



Kapitel 6

»Dein Brief, mein lieber Junge«, schrieb Frau von Graßmann vierzehn Tage später an ihren Sohn, »hat mich lächeln gemacht durch die darin ausgesprochene Ungeduld, die ich indes voll begreife und zu würdigen weiß. Ich verstehe, daß Du zum Handeln drängst, aber Du mußt auch versuchen, mich zu verstehen, die den Weg zu bahnen hat. Übereilung bedeutet für uns Mißerfolg und davor müssen wir uns hüten, weil solch eine Gelegenheit nicht zweimal kommt, und einmal verspielt für immer verspielt hieße. Mein erster Schritt hier war ein falscher und hätte uns fast das völlige Scheitern unsrer Pläne bedeutet, denn ich habe in Beatrix Dornbergs Augen, den mir so schrecklich antipathischen, porzellanblauen Zellschen Augen, Rebellion gelesen gegen das Ehrendamenregime im allgemeinen und gegen meine Person im besondern; und gegen meine Stellung in der Abtei hat Hans Truchseß Front gemacht und seine Gegnerschaft auch aufrecht erhalten, ohne ein Hehl daraus zu machen. Nur mit Rücksicht auf Dich habe ich die Büchse hier nicht ins Korn geworfen, habe den Degen mit dem jungen Dinge gekreuzt und gesehen, daß ein Einschüchterungssystem hier nicht zog, nur mit Rücksicht auf Dich habe ich verleugnet, was von Truchseßschem Stolz noch in mir zurückgeblieben ist, und die Schleusen meiner Liebenswürdigkeit geöffnet. Auch damit hätte ich vielleicht nur wenig erreicht bei dem merkwürdigen Charakter Beatrix Dornbergs, aber ich hatte den glücklichen Gedanken, die im tiefsten Dornröschenschlaf in ihrer Seele schlummernde Eitelkeit zu wecken; ich habe ihr die Abtei behaglicher gemacht und damit Boden gewonnen, so viel Boden, daß ich heut' etwas fester stehe, aber beileibe nicht etwa ›stabile comme un rocher de bronze‹, so daß ich alles wagen kann. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl, – wie Du weißt, bin ich zunächst bis Neujahr fest engagiert – als ob man mir am 1. Oktober mitteilen wird, ›daß man meiner sonst höchst wertvollen und schätzbaren Dienste bei der Baronesse Dornberg vom neuen Jahr ab nicht mehr bedarf' und ich täusche mich sicher nicht. Erstens hat meine Schutzbefohlene nichts für mich übrig; zweitens sieht Hans Truchseß meine Stellung zu ihr ungern und drittens hat Gräfin Rablonowska sie vor ein paar Tagen erst zu sich nach Berlin eingeladen, um sie dort bei Hofe vorzustellen und in die Gesellschaft einzuführen.


Beatrix hat diese Einladung sofort mit der ihr eignen stürmischen Art angenommen und mit der Gräfin gleich eine Liste der Kleider entworfen, die sie brauchen würde. Von mir war dabei absolut nicht die Rede, weder von der einen noch von der andern Seite, und in der Tat bin ich ja auch überflüssig, wenn Beatrix in die Stelle der Tochter des Hauses bei den Rablonowskis einrückt. Lange würde sie dort doch nicht bleiben, denn solche Goldfische bleiben nicht ungefangen. Nun also, wenn ich auch so blitzdumm wäre, dieses dritte Zeichen mißzuverstehen oder zu übersehen: es kommt noch dazu, daß Justizrat Klaus mir nicht traut. Der schlaue Fuchs tut zwar, als wäre er ganz begeistert von mir und er war's auch, als er mich für die Erbin seines Klienten Zell engagierte. Seitdem hat er, ich weiß nicht was, erfahren, jedenfalls unsre Verwandtschaft, mein lieber Max. Nun, er ist eben ein paar Tage hier gewesen und heut' abgereist. Ein Haus, das hier für die Angestellten gebaut wird als Kindergarten, Nähschule, oder Spital, was weiß ich, um dem Götzen Humanitätsdusel zu opfern, war der Grund oder Vorwand für des Justizrats Besuch, aus dem Beatrix ein wahres Bacchanal an Wein- und Speiseopfern machte. Im übrigen lag er mir ob; wir sprachen über Politik und Literatur und spielten Pikett miteinander und ich mußte allzeit auf dem ›qui vive‹ sein, um mich nicht durch fabelhaft geschickt eingeflochtene Fragen, auch nach dir, überrumpeln zu lassen. Objektiv betrachtet, war es ein höchst amüsantes Spiel, subjektiv hat es mich angegriffen. Die Summe, die ich aus diesem Besuch gezogen habe, ist folgendes: der Justizrat ist ganz einverstanden mit der Idee, Beatrix von den Rablonowskis im Winter ausführen zu lassen und auch er überging dabei meine werte Person. Ferner unterstützte er mit Nachdruck eine Einladung der Tante Äbtissin nach der Abtei für den ganzen Sommer! Zum Glück kann die Tante Äbtissin aber erst im August abkommen, und bis zu dieser Zeit ist auch der Justizrat kaltgestellt durch seine Kur in Karlsbad und die Nachkur in Tirol. Diese Zeit gehört also uns und kurz wie sie ist, müssen wir alles aus ihr zu machen suchen. Hans Truchseß hat die Handwerker im Hause, die das Oberste zuunterst kehren zum Empfang der jungen Frau. Er hat also mit seiner Landwirtschaft und seinen Bräutigamsbesuchen alle Hände voll zu tun und ist beschäftigt genug, um uns verhältnismäßig in Ruhe zu lassen. Das alte Fossil hier im Haus, der Pater Müller, zählt nicht mit. Insoweit ist also die Bahn frei und du kannst sofort abreisen, aber ich darf dir nicht verhehlen, daß ganz unerwartet eine Komplikation eingetreten ist, eine Gefahr für unsre Pläne, so drohend, so niederdrückend, daß ich eigentlich sagen müßte: bleib' wo du bist, du hast keine Chance! Ich sage: va banque. Entweder wir verlieren oder wir gewinnen, aber das letztere ist unmöglich, wenn wir keinen Mut haben. Also: in Weißenrode bei Rablonowskis trifft morgen früh Seine Gnaden der Herzog von Lochlomond, der Neffe der Gräfin, zum Besuch ein und wir sind zum Diner dahin eingeladen! Rablonowskis waren gestern hier zum Tee und brachten selbst die große Neuigkeit und ein Blick, den die Gräfin dabei auf Beatrix warf, die, seitdem sie in den Händen einer Kammerjungfer meiner Wahl ist, so gut aussieht, daß sie sogar in Berlin auffallen würde, belehrte mich, daß man da Pläne hat, die blendend genug sind, um einem so jungen Wesen in den Kopf zu steigen. Die A's hatten vielfache Verbindungen mit der englischen Society und von ihnen weiß ich, daß sich durch die lange Minorennität des jetzigen Herzogs von Lochlomond die durch seinen Vater stark zerrütteten Finanzen des Hauses Dunross wieder ganz geordnet haben. In Verbindung mit dem Titel, einem der ältesten Namen Schottlands, einem historischen Schloß in den Hochlanden und einem mit Kunstschätzen angefüllten Palast in London, diverser Jagdschlößchen nicht zu gedenken, zählt der nunmehrige Herzog zu den ›besten Partien‹. Ein englischer Herzog, wenn er auch nicht regierte, fällt in den Augen junger und alter Mädchen immerhin schwerer ins Gewicht, als ein simpler deutscher Edelmann, und die Magnaten von jenseits des Kanals haben solch einen Nimbus durch den historischen Hintergrund ihrer alten Namen. –

In den Besuch der Rablonowskis schneiten die Leute von Freienwald hinein – er, sie und die drei Lümmel von Volontären, alle in ein Break mit Sommerplane gepackt. Das Gesicht der Gräfin und ihrer Tochter, als die Prozession auf dem Söller, wo wir den Tee nahmen, erschien – war zum Malen, sage ich Dir. Beatrix war natürlich ganz zu Hause mit diesen Leuten; die würde mit Steinklopfern zu Hause sein! Ihr verschlug es nichts, daß der lange Tölpel, dieser junge Rindig, einen Korbtisch mit allem, was darauf war, umwarf und dann aus Verlegenheit soviel Kuchen aß, daß es beängstigend zu sehen war; sie ermutigte diese einfache Frau Richter in der Mitteilung von Kochrezepten an die ganz teilnahmslose Phroso; es freute sie sichtlich, daß Herr Richter sofort mit dem Grafen einen landwirtschaftlichen Streit anfing und dabei so brüllte, daß die Tassen auf dem Tische klirrten, sie ließ den Affen, den jungen Syrop, den angenehmen Schwerenöter spielen, ohne ihn in seine Grenzen zu weisen und inzwischen fand der junge Rheinfeld nichts Besseres zu tun, als den Dackel zu necken, bis dieser wütend auf ihn einfuhr und ihm seine Beinfutterale zerriß. ›Das geschieht Ihnen ganz recht‹, sagte Beatrix, aber da der Dackel weiter knurrte und kläffte, so klingelte sie und sagte, nein, schrie dem herbeieilenden Diener zu: ›Schmeißen Sie mal Seine Exzellenz 'naus und sperren Sie ihn ordentlich ein!‹

Die Pause, die auf diesen Befehl entstand, war nicht frei von allgemeiner Beklemmung und als der Diener mit dem Dackel abgegangen war, sagte der Graf langsam und steif: ›Wie heißt der Hund, wenn ich mir die Frage erlauben darf?‹ Beatrix war glühend rot geworden, als das Wort ihren Lippen entflohen war und hatte sich zum Überfluß noch auf den Mund geschlagen; das kommt davon, wenn man den Hunden solche Namen gibt! Zum erstenmal hätte ihr das Mundwerk hier sicher versagt, aber es erstand ihr ein Retter in der Not, denn ehe sie noch etwas stottern, ehe ich mich noch auf etwas Passendes – oder Unpassendes – besinnen konnte, sagte der junge Rindig mit der größten Seelenruhe: ›Seinex heißt er, Herr Graf. Ich nehme an, daß der Oberförster damit irgend einen griechischen Helden unverkennbar verhunzt hat.‹

Daß Beatrix ihren Retter nicht umarmt hat, halte ich für eine Art von Wunder, sie warf ihm nur einen Blick zu, der mit ihrem Munde um die Wette lachte und reichte ihm den vollsten Kuchenteller. Der Graf war aber, wie die andern Ahnungslosen wohl auch, ganz überzeugt.

›Seinex – so, so, Seinex!‹ sagte er. ›Sicherlich irgend ein verballhornter griechischer Name. Mein Diener nannte meinen Pollux auch immer Pullochs. Es war ihm nicht auszureden. Ich hatte wahrhaftig verstanden, der Hund hieße ›Seine Exzellenz‹. Wie leicht man sich doch verhören kann!«

So, diese kleine Episode zu Deiner Erheiterung und um Dir zu zeigen, daß ich unsre Lage – trotz der Gefahr von Weißenrode her – nicht für direkt hoffnungslos halte. Aber, wir müssen die Zeit nützen, wo der Justizrat im Bade und Tante Äbtissin noch nicht abkömmlich ist. Und, was die Hauptsache ist, wir müssen sie mit ruhigem Blut und klarer Überlegung nützen und uns auch nicht eine, nicht die geringste Chance entschlüpfen lassen. Denn, lieber Max, daß ich es ohne Umschweife sage: hier liegt unsre letzte Hoffnung. Der Hundertmarkschein, den ich diesen Zeilen beilege, ist der Rest meiner kleinen Ersparnisse. Ich besitze nichts mehr als mein Gehalt für einen Monat, das der Rentmeister mir gestern auszahlte. Die Brillanten in meinen Ringen – dem einzigen Schmuck, den ich trage – sind keine echten mehr; die habe ich vor sechs Wochen in Berlin verkauft und durch Simili ersetzen lassen, als Du Deiner letzten Möglichkeit wegen nach Bayern reisen wolltest. Kredit, um für dich Geld zu leihen, habe ich nicht. Das ist in dürren Worten unsre Lage. Was wir also auf die eine Karte setzen, ist alles oder nichts. Gewinnen wir, dann ist alles gut, und das sage ich nicht leichtsinnig hin, denn den reichen Herrn von Graßmann wird die Gesellschaft schnell genug wieder akzeptieren, darum ist keine Sorge, aber wie und was, wenn wir verlieren? Der Gedanke, daß unser Schicksal, Deine Zukunft in den Händen dieses Mädchens liegt, könnte mir die Besinnung rauben und wenn sie mich ansieht, mit ihren Zellschen Augen, möchte ich meine Hände um ihren Hals legen und sie kalten Blutes erdrosseln. Manchmal denke ich, daß ich mir zuviel zugemutet habe, hierherzukommen und nur der Gedanke, daß ich's für Dich tat, Max, bringt mich über das Unmögliche hinweg. Meine Zimmer, die Zimmer meiner Schwester, sind noch voll von dem schweren Chypreduft, den sie auf meinen Rat um sich verbreitete, weil Rudolf Zell ihn verabscheute und dieser Duft, der mich manchmal toll machen möchte, ist mein Stimulans.

Mit Schimpf und Schande hat Rudolf Zell mich aus seinem Hause gejagt und mir noch seine Großmut vorgehalten, daß er mich dem Staatsanwalt nicht übergeben hätte wegen seines Namenszuges auf einem gewissen Papier, den er zwar nicht geschrieben, aber ›aus Familienrücksichten‹ anerkannt hat. Als die bezahlte Ehrendame seiner Erbin bin ich hierher zurückgekehrt mit der festen Absicht, als ›Königinmutter‹ nicht zu Füßen des Thrones, sondern neben demselben zu stehen – und ich dachte es mir so leicht, dahin zu gelangen über ein junges, unerfahrenes Gänschen hinweg, das von Rechts wegen Wachs sein müßte in meinen geschickten Händen. Ich war sogar geneigt, dies Gänschen zu lieben – soweit sich davon reden läßt – trotzdem es Zellsches Blut in den Adern hat. Es gibt wirklich kein harmloseres Wesen als diese Beatrix Dornberg, aber es muß dieser Tropfen Zellschen Blutes gewesen sein, der sich instinktiv gegen mich kehrte. Das ist ja natürlich Unsinn, denn die wahre Ursache ist die, daß ich unter falschen Voraussetzungen handelte, indem ich Beatrix unter dem Begriff ›junges Mädchen‹ aus der Schablone wähnte. Nein, sie hat nichts Schablonenhaftes; sie ist auch nicht schlecht, sondern einfach gar nicht erzogen! Aber es liegt etwas in ihr – man fühlt das, wenn sie Geige spielt – doch kann man nicht sagen, was es ist; es liegt noch wie ein Schleier darüber. Eins ist sicher: sie wird alle Tage hübscher in Toiletten, deren Schnitt chic hat – mein Verdienst.«


Am dritten Tage war's, nachdem dieser lange Brief geschrieben und abgesendet worden war, ein schwüler, wolkenbedeckter, fruchtbarer Tag in der Mitte des Juni, ein Tag, erfüllt vom Dufte der Rosen und des Goldlacks, der, von der schweren Atmosphäre niedergedrückt, betäubend und nervenaufregend zu gleicher Zeit, in schweren Wogen durch die offnen Fenster und Türen der Abtei eindrang. Schon seit dem Morgen hatte die Gewitterluft niederdrückend für Menschen und Tiere über der Gegend gelegen, um Mittag hatte es in der Ferne gegrollt, aber weder Regen noch Gewitter hatten die erhoffte Kühlung und Erleichterung gebracht.

Auf der niedrigen Freitreppe vor der Eingangshalle stand Trix am Nachmittage, so gegen vier Uhr, im weißen Batistkleide und sah einem Besuche nach, der längst schon nicht mehr zu sehen war – Phroso und ihrem Kusin Angus Dunross Herzog von Lochlomond, die der drückenden Schwüle ungeachtet, zusammen von Weißenrode herübergeritten waren, um der Herrin von Frauensee einen Besuch zu machen.

Die schlanke, weiße Gestalt Phrosos an der Seite des hochaufgeschossenen, noch recht knabenhaft aussehenden schottischen Magnaten war den Blicken in dem Augenblick entschwunden, als beide durch den tunnelartigen Torweg unter dem südlichen Turm geritten waren – dennoch stand Trix und sah ihren Gästen nach, die etwa eine halbe Stunde bei ihr in der kühlen Halle geweilt hatten, sah ihnen, auf demselben Flecke stehend, wie angewurzelt nach, mit einem eignen, halb erschrockenen, halb verwunderten Ausdruck in den Augen und einem Gesichte, in dem das Lachen plötzlich erstarrt schien.

Trix war eine harmlose Seele, der jeder Arg und jeder Argwohn so fern lag, wie der Mond der Erde, aber es gibt Dinge, die man eben nicht umhin kann zu sehen. Und sie hatte eine ganz fremde, ganz andre Phroso gesehen als die, welche sie kannte – »kühl bis ins Herz hinein«, apathisch, apart, blasiert, und nur dann zur Heftigkeit geneigt, wenn die Dinge nicht ihren Begriffen von Komfort für ihr eignes, souveränes Ich entsprachen. Schon vorgestern bei dem Diner in Weißenrode zu Ehren der Ankunft des Herzogs hatte die arglose Trix lachend bemerkt: »Phroso mußte heut' entschieden mit dem rechten Fuße zuerst das Bett verlassen haben, weil sie so allgemein gnädig ist«, aber heute war das noch ganz anders gewesen.

Das war eine strahlende Phroso, aus deren leuchtenden Augen der Ausdruck gelangweilter Träumerei gewichen war, eine Phroso voll hinreißender Liebenswürdigkeit und heiterster Laune, eine Phroso, die unverhohlen und ohne sich Zwang aufzuerlegen und ohne sich vor Trix irgendwie zurückzuhalten mit ihrem Kusin und Gast »geflirtet« hatte, daß Trix immer größere Augen machte und ganz vergaß an der Unterhaltung teilzunehmen! Als Frau von Graßmann dann auf der Bildfläche erschien, hatte Phroso das »Flirten« etwas eingestellt – ein Beweis also, daß sie sich dessen bewußt war und die Beobachtung der erfahrenen Frau scheute, während sie die harmlose Trix dabei als ungefährliche Null betrachtete. Aber man täuscht sich so oft in den Leuten – Trix hatte auch dies Manöver bemerkt und stand nun ganz benommen und sah ihren davontrabenden Gästen nach; und die schlanke Gestalt Phrosos, wie diese sich mit schlangengleicher Grazie aus dem Sattel bog, um dem Herzog, als sie durch den Torweg ritten, noch ein paar Worte zuzuflüstern, stand noch vor Trixens Augen, als der Hufschlag der Pferde längst verhallt war.

Trix wußte selbst nicht genau, was sie fühlte – sie hätte es um die Welt nicht sagen können. Durch die Geige vielleicht, mit Worten entschieden nicht. Erstaunen, Enttäuschung und Entrüstung wogten durcheinander in ihr, vor allem aber fühlte sie einen dumpfen Schmerz irgendwo im Kopfe – nein, in der Brust, im Herzen – ein Schmerz, der kein physischer war und doch so geheimnisvoll weh tat, ein Schmerz, der sie persönlich gar nichts anzugehen schien, ihr nicht gehörte und doch aus ihr hervorging.

Verwirrt durch das, dem sie keinen Namen geben konnte, wandte sie sich endlich wieder zurück ins Haus.

»Nein, was ist das heiß heute«, sagte sie mit einem tiefen Atemzuge und wollte an Frau von Graßmann vorbei, die in der Halle saß, den Kopf gesenkt und die Hand über den Augen. »Ich geh' etwas in den Wald – vielleicht ist's dort besser.«

»Vielleicht«, wiederholte Frau von Graßmann mit merkwürdig bebender Stimme, indem sie die Hand sinken ließ und den Kopf hob, und dabei rollten zwei schwere Tränen über ihre Wangen herab.

Trix blieb stehen, und da sie keine Antwort bekam, sondern aus den gesenkten Augenlidern nur zwei weitere Tränen herabrieselten, so fragte sie: »Tut Ihnen der Kopf weh? Ich weiß – Sie haben zu Tisch schon den Pater und mich allein reden lassen – – legen Sie sich hin und schlafen Sie ein bißchen, das wird das beste sein!«

»Mein liebes Kind, wenn das Herz so schwer ist, daß man meint, man könnte es nicht mehr ertragen, dann kommt der Schlaf nicht ohne weiteres, wenn man ihn ruft«, erwiderte Frau von Graßmann mit mattem Lächeln und zwei weiteren Tränen, die auf ihrem schwarzen Grenadinekleide funkelten wie Jettperlen.

»Oh!« machte Trix bedauernd, aber seltsam ungerührt. »Haben Sie schlechte Nachrichten bekommen?«

Frau von Graßmann deckte bei diesen Worten beide weißen, diamantfunkelnden Hände über ihr Gesicht und schluchzte leise und Trix stand vor ihr und wunderte sich, warum sie ihr nicht leid tat.

»Kann ich – kann ich Ihnen etwas nützen?« fragte sie hilflos. »Oder vielleicht der Pater?« setzte sie mit plötzlicher Erleuchtung hinzu, denn dieser Fall gehörte entschieden in das Ressort des hochwürdigen Herrn.

Frau von Graßmann ließ ihre Hände wieder sinken und schüttelte mit dem Kopf.

»Weder Sie noch der Pater würden mich verstehen«, sagte sie resigniert. »Woher sollten Sie auch wissen, wie es in einem blutenden Mutterherzen aussieht?«

»Oh !« sagte Trix noch einmal. Ist Ihrem Sohne etwas passiert?«

»Mein Sohn schreibt mir, daß er eine Anstellung in Neuguinea gefunden habe und nach dort in einigen Wochen abreisen will«, erwiderte Frau von Graßmann mit bebender Stimme. »Was das bedeutet, darüber bin ich mir vollkommen klar: ein Scheiden fürs Leben! – Ach! wie soll ich's ertragen?«

Und sie bedeckte ihr Antlitz abermals mit beiden Händen.

»Ach – heutzutage gibt's ja keine Entfernungen mehr«, sagte Trix, der Frau von Graßmann immer noch nicht leid tun wollte. »Gehen Sie doch mit ihm!« schlug sie, strahlend über diesen guten Gedanken, vor.

Frau von Graßmann schien diesen Vorschlag in ihrem Schmerze gar nicht gehört zu haben.

»Das Schicksal ist wirklich sehr hart gegen viele Menschen« sagte sie mit unterdrücktem Schluchzen. »Ich möchte wirklich wissen, ob es eine so schwere Sünde ist, dagegen zu hadern.«

»Ich weiß nicht«, sagte Trix unbehaglich. »Der Pater wird es gewiß sagen können – er ist sehr gut.«

Frau von Graßmann nahm auch von dem Pater keine Notiz.

»Schmählich ist mein Sohn behandelt worden«, fuhr sie fort, »und wenn er Rache nehmen wollte, dann wäre es der sichere Sturz hoher Personen . . . Aber er ist zu edel, zu vornehm und geht lieber hinaus in den sichern Tod, ehe er den kleinen Finger hebt, um die zu stürzen, die, eifersüchtig auf seine Fähigkeiten und auf seine Karriere, ihn aus seiner Laufbahn hinausgedrängt haben. O, wenn Sie meinen Max kennten – ein herrlicher Mensch. Mein Leben ließe ich für diesen Sohn! Und nun werde ich ihn nicht mehr wiedersehen!«

Trix stand da und wußte nicht recht, was sie sagen sollte aber da kam ihr ein Gedanke. »Oh«, sagte sie, gehen Sie doch jetzt noch zu ihm, ehe er abreist. Ich kann ganz gut hier eine Zeitlang allein bleiben, der Pater ist ja auch noch da. Und schließlich, wenn's mir hier zu langweilig wird, ich kann alle Tage nach Weißenrode oder nach Freienwald hinüber – Sie können ganz ruhig abreisen!«

Frau von Graßmann senkte die schweren Lider noch tiefer wie gewöhnlich über ihre Augen, ihr Mund wurde noch schmäler und es zitterte leise in ihren Nasenflügeln.

»Sie haben recht, das ist eine gute Idee«, murmelte sie, halb wie für sich. »Es ist sehr, sehr gütig von Ihnen, mir diesen Urlaub anzubieten«, setzte sie mit gut verstecktem Hohn hinzu, »sehr gütig und rücksichtsvoll. Ich werde es mir überlegen und dann meinem Sohne schreiben –«

»Ja, tun Sie das!« fiel Trix enthusiastisch ein. »Und wenn er Sie etwa nach Neuguinea mitnehmen will, so glauben Sie ja nicht etwa, daß Sie hier gebunden sind – – man versteht das ja ganz gut und – und gebunden bin ich allein Ihnen gegenüber – – verstehen Sie –«

»Sie sind die Liebenswürdigkeit und Güte selbst«, sagte Frau von Graßmann, als Trix verlegen einhielt. Und aufstehend fügte sie hinzu: »Ich will es überlegen, wir sprechen ja dann noch darüber. Viel Vergnügen zu Ihrem Spaziergange!«

Trix flog wie auf Flügeln in ihr Zimmer hinauf, um ihren Hut zu holen.

»Hören Sie, Exzellenz«, redete sie den der Hitze wegen sehr mißlaunigen Dackel an, »hören Sie, das wäre ein toller Dusel, wenn wir unsern Drachen auf so gute Manier loswerden könnten. Nach Jericho haben wir sie ja oft genug gewünscht, aber Neuguinea ist ja noch viel, viel weiter! Mit Wonne schenken wir ihr das ganze Reisegeld, Exzellenz, was? Und noch das Geld für das Kablogramm, daß sie glücklich angekommen ist, dazu! Da kann selbst der Pater nicht sagen, daß wir nicht gut sind!

»Die Gestalt der »andern Phroso« hatte sich durch diese glänzende Aussicht etwas in den Hintergrund geschoben. Ungeachtet der drückenden Schwüle sprang sie halblaut singend die Treppe hinab, aber als sie unten in der Halle anlangte, fuhr eben vor derselben ein Sandschneider mit den Freienwalder Schecken vor und der Lenker dieser braven Rosse fragte den herbeieilenden Diener, ob Baroneß zu Hause sei.

»Gott bewahre, was will denn dieser Syrop hier? Ich lasse mich verleugnen«, dachte Trix, denn der Weißenroder Besuch war ihr auf die Nerven gegangen. Aber es war zu spät dazu, denn erstens stürzte Seine Exzellenz wahnsinnig kläffend hinaus und dann hatte Herr Syrop die weiße Gestalt drinnen schon gesehen. Er warf dem Diener die Zügel der Schecken zu und seinen Staubmantel in den Wagen und sprang von diesem herab, unwiderstehlich im tadellosen Smoking, fliederfarbener Krawatte und dito Handschuhen und dem höchsten Kragen, den je ein Wäschegeschäft hergestellt hatte und der ihn zwang, den Kopf so hoch zu tragen, wie die Löwen vor dem Braunschweigdenkmal in Genf.


»Wenn ich niederträchtig wäre, holzte ich diesen Jüngling jetzt an Frau von Graßmann ab«, dachte Trix, und laut setzte sie hinzu: »Guten Tag, Herr Syrop! Blödsinnig schwüles Wetter, was? Bringen Sie mir eine Botschaft von Richters, oder sind Sie auf dem Wege zur Stadt? Ich will auch eben ausgehen –«

»Ich komme in eignen Angelegenheiten, gnädiges Fräulein«, erwiderte Herr Syrop wichtig. »Darf ich Sie um eine Unterredung unter vier Augen bitten?«

»Ei Wächter – das klingt ja höllisch feierlich!« sagte Trix erstaunt. »Na also – schießen Sie los!«

»Hier –?«

»Warum nicht? Erstens ist's hier passabel kühl, zweitens kommt kein Mensch hierher und drittens habe ich Eile«, versicherte Trix. »Wenn's Ihnen aber nicht paßt, dann kommen Sie nur hier in den gelben Salon, da sind wir ganz ungestört, wenn es auch Frau von Graßmann wieder nicht passen wird.

Zween Herren kann aber kein Mensch dienen und in Neuguinea wird sie sich noch an ganz andere Sachen gewöhnen müssen –«

Damit schritt Trix ihrem Gaste voraus in den kleinen Salon, der neben dem Speisezimmer lag. Herr Syrop machte sorglich die Tür hinter sich zu und kniete dann auf einmal und ohne Vorrede vor Trix nieder.

»Gnädiges Fräulein – ich liebe Sie!« sagte er, und legte seine fliederfarbene Rechte auf sein »auf neu« gestärktes Plätthemd.

»Nee!« rief Trix, und machte vor Überraschung einen Satz nach rückwärts. »Man sollt's nicht für möglich halten«, setzte sie hinzu, als Herr Syrop ruhig weiter kniete.

»Es ist so«, sagte er sichtlich befriedigt von der Situation. »Es war Liebe auf den ersten Blick – faktisch, das war's. Ich biete Ihnen mein Herz und meine Hand und mein Papa ist ganz einverstanden mit der Partie, die er recht passend findet.«

»Na, das ist ja sehr hübsch und sehr schmeichelhaft für mich«, entgegnete Trix. »Aber wollen Sie nicht aufstehen? Wo Sie knien, ist's furchtbar hart, weil dort kein Teppich liegt.«

Herr Syrop schien das auch zu finden und folgte dem guten Rat ohne Ziererei.

»Sagen Sie mal, unter welchem Vorwande haben Sie denn von Herrn Richter die Schecken gekriegt?« fragte Trix interessiert.

»Vorwand?« wiederholte Herr Syrop verächtlich. »Gar kein Vorwand. Einfach gesagt, warum ich fahre – Punktum!«

»Na, und was hat Herr Richter dazu gesagt?« forschte Trix.

»I – der alte Knabe war ganz nett, soweit. ›Allemal‹, sagte er, ›aber fahren Sie nicht zu rasch! Man muß seinen Nachbarn auch ein Vergnügen gönnen‹, hat er gesagt. Schien sich riesig zu freuen, der alte Stoppelhopser.«

Trix Dornberg freute sich auch und zwar übers ganze Gesicht.

»Geben Sie Herrn Richter einen Kuß von mir«, jubelte sie, »und sagen Sie ihm, das Scheckenopfer würde ich ihm nicht vergessen.«

»Bon«, fiel Herr Syrop ein, »werde es bestellen. Und darf ich nun wissen, gnädiges Fräulein –«

»Wieviel Uhr ist es? Halb Fünf! Ach so – wegen des Herzens und der Hand? Ich erkenne die Größe des Geschenkes an, Herr Syrop, aber ich kann's leider nicht annehmen –«

Herr Syrop prallte förmlich zurück.

»Es gefällt mir vorläufig ganz gut so, wie es ist –«

»Ich kann warten, gnädiges Fräulein«, versicherte der stolze Freier bedeutend kleinlauter.

»Ich auch – aber nicht auf Sie«, erklärte Trix, die mit allen himmlischen und höllischen Mächten ihrer Lachlust rang.

»Soll das – ein Korb sein?« fragte Herr Syrop ungläubig, indem er sich die Knie abklopfte. »Gnädiges Fräulein, wir gehören zu den reichsten Industriellen im Lande, jedes Mädchen würde es sich zur Ehre rechnen, in unsre Familie aufgenommen zu werden – – wir heiraten nicht die erste beste, die sich alle zehn Finger nach uns lecken würde –«

»Herr Syrop«, unterbrach Trix diese Anpreisung, »Sie sehen also, daß Sie sich an eine Unwürdige gewendet haben, die das alles gar nicht zu schätzen weiß, die sich nicht einmal einen Finger leckt! Trösten Sie sich damit und fahren Sie Herrn Richter die Schecken nicht heiß, hören Sie? Sagen Sie zu mir mit dem gebildeten Hausknecht: ›Laß deinen Freund mich nennen, das kost nischt‹ und wenn Sie etwa jetzt Tee trinken wollen –«

»Nach diesem Affront Ihre Gastfreundschaft annehmen? Niemals!« schrie Herr Syrop, blaß vor Wut.

»Na, wenn Sie den Pikierten spielen wollen, dann ist Ihnen nicht zu helfen«, ereiferte Trix sich nun ihrerseits. »Ich werde doch wohl hoffentlich noch heiraten dürfen, wen ich will! Ich geb's ja zu, angenehm mag so ein Korb nicht sein, aber darauf kann man doch keine Rücksicht nehmen, das müssen Sie selbst einsehen!«

»Ich sehe ein, daß ich mich in Ihnen getäuscht habe, mein gnädiges Fräulein«, entgegnete Herr Syrop würdevoll und von oben herab wegen des hohen Kragens. Dann machte er ein Kompliment, das er für vernichtend hielt in seiner Eleganz und Großartigkeit, und entfernte sich mit hochrotem Kopfe.

»Dummes Mädel!« schimpfte er vor sich hin, als er zum Tor der Abtei hinausfuhr. »Was bildet sich denn die Pute ein? Na, die kann auf den Knien vor mir rutschen, ich nehm' sie nicht!«

Und er riß den Schecken eins über, daß sie sich in Galopp setzten und ihren Lenker fast vom Bock geworfen hätten. Aber das hatte Herr Richter vielleicht vorausgesehen und darum ging's in einem hin mit dem »Scheckenopfer«, wie Trix es genannt hatte . . .

Die aber lief seelenvergnügt und entschieden erfrischt durch den Zwischenfall mit ihrem Dackel in den Wald hinein, um es unter den Bäumen sehr bald noch heißer und drückender zu finden, als unter dem freien Himmel.

Sie nahm den Hut ab, mäßigte ihr Tempo und fing eigentlich an zu bereuen, daß sie nicht aufs Wasser gegangen war, wo es sicher frischer gewesen wäre. Trotzdem aber ging sie vorwärts, doch das Schweigen im Walde«, das ihr sonst so lieb war und ihr soviel zu sagen hatte, fing heut' an, sie zu belasten. Die frohe Aussicht, Frau von Graßmann loszuwerden und die Werbung des Herrn Syrop wollten heute nicht vorhalten; warum sie über die letztere gelacht und sich über die erstere gefreut hatte, daß wußte sie eigentlich nicht mehr so recht. Frau von Graßmann war jetzt ja im Grunde genommen sehr nett, jawohl, das war sie, und selbst Rablonowskis fanden sie so – aber Trix fühlte sich nicht behaglich mit ihr: sie hatte so einen Blick, der ihr allemal Unbehagen machte. Sie hatte mit dem Justizrat darüber gesprochen und der alte Herr hatte gemeint, es wäre wohl am besten, den Kontrakt mit ihr nicht zu erneuern, wenn sie Trix nicht sympathisch wäre; die Einladung der Rablonowskis nach Berlin gäbe den besten Vorwand dafür.

Als sie daran dachte, fiel ihr Phroso auch wieder ein, die »neue« Phroso von heute nachmittag und das bestürzte, verwirrende Gefühl kam wieder über sie. Warum war sie so anders im Verkehr mit dem Herzog als mit ihrem Verlobten? Was hätte Hans dazu gesagt, wenn er sie so gesehen hätte? Hans! Hätte er sich gefreut, sie so brillant, angeregt und anregend zu sehen? Trix mußte urplötzlich stehenbleiben, weil ein jäher Schreck sie durchzuckte – – Herrgott, was hätte Hans dazu gesagt! Aber Phroso hätte das vor ihm auch nicht gezeigt – sie war ja auch vor Frau von Graßmann weniger – weniger – sprühend gewesen. Warum hatte sie sich vor ihr, vor Trix nicht damit geniert? Nein, es war, um über all diese Fragen, auf die sie keine Antwort wußte, verrückt zu werden! Sie lief auf einmal wieder vorwärts wie gejagt, ohne zu wissen, wohin und – jenseits des Grabens stand Hans Truchseß im Jagdanzug mit dem Gewehr über der Schulter.

»Hurra!« schrie Trix überrascht, schürzte ihr Kleid und sprang mit einem Satz hinüber. Fort war alle Bestürzung, fort waren alle verwirrenden Fragen, die Luft war nicht mehr drückend und das Schweigen im Walde lastete nicht mehr auf ihr. »Ja, was machst du denn hier, Vetter?« lachte sie ihn an.

»Ich habe die Hasenschlinge zerstört – der verflixte Dieb hatte sie wieder gelegt«, erwiderte Hans Truchseß, und drückte die kleine Hand, die sich ihm grüßend entgegenstreckte.

»Wieder gelegt!« wiederholte Trix entrüstet. »Das ist doch aber – zu gemein ist das! Wir werden uns wieder mehr um die Hasenschlinge kümmern müssen, Hans! Über acht Tage lang war ich nicht mehr hier, nachzusehen! Aber was hast du denn, du machst ja heut' ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter!«

»Wahrscheinlich, weil's im Anzug ist«, erwiderte Hans Truchseß. »Heut' nacht gibt's ein Donnerwetter, kleine Trix.«

»Ich wollte, es wäre schon da – es ist schrecklich schwül«, meinte sie. »Du«, setzte sie eifrig hinzu, »siehst du mir nichts an? Bin ich nicht gewachsen? Seh' ich nicht sozusagen gehoben aus? Nicht? Na, da kannst du mir leid tun, wenn du das nicht findest, denn höre und staune: ich habe heut' einen Heiratsantrag bekommen, ich!«

Hans Truchseß trat einen Schritt zurück.

»Schon?« fragte er mit einem sonderbaren Ausdruck.

»Fein – was?« schwatzte Trix weiter, ohne die Veränderung seines Wesens zu bemerken. »Noch keine zwei Monate bin ich hier und schon ein Freier. Und was für einer! Und sagt selbst, daß sich jedes Mädel alle zehn Finger nach ihm lecken würde!«

Aber Hans Truchseß lachte nicht.

»Ich war in Weißenrode und man sagte mir, daß Phroso mit dem Herzog nach der Abtei geritten sei«, sagte er langsam. »Nun – darf man dir gratulieren?«

»Ja, das darfst du, weil ich ihn trotz seiner vielen Vorzüge nicht genommen habe«, lachte Trix übermütig. »Oder hätte es dich erhoben, sagen zu können: meine Kusine, Frau Beatrix Syrop?«

»Syrop?« wiederholte Hans verblüfft. Und dann lachte er hellauf. »Syrop hat um dich angehalten – der junge Syrop beim alten Richter? I nun – so ein unverschämter, arroganter Lümmel!«

»Bitte, er hat's mir ganz deutlich gesagt, daß er mir eine Ehre erwiese! Er hat sogar vor mir gekniet – na, ich sage dir! Mir fiel gleich die Stelle aus der Tannhäuser-Parodie ein:


Er kniet so fest, er kniet so lang –
Mir ist um seine Hosen bang!


Aber ich hab' den Reim nicht zitiert, nein, trotzdem er mir auf der Zunge gebrannt hat!«

»Der junge Syrop! Nein, das ist ja zum Begraben!« lachte Hans. »Was wird der alte Richter dazu sagen!«

»Na, der hat ihm ja sogar die Schecken dazu geborgt«, stimmte Trix ein. »Übrigens – an wen hast du denn gedacht?«

Hans antwortete nicht gleich. Er steckte die Hände in die Taschen seiner Joppe, als ob's ihn fröre und sah auf seine Gutsnachbarin herab, die mit lachenden Augen zu ihm aufsah.

»Wollen wir uns nicht setzen?« fragte er. »Da drüben liegt so ein schöner einladender Baumstamm.«

»Nun heraus mit der Katze aus dem Sack«, begann Trix, als sie auf dem Baumstamm nebeneinander saßen. »Ich bin nämlich neugierig wie ein Stint, zu erfahren, welchen Freier ich noch in petto habe. Das einzige, was ich hoffe, ist, daß er nicht selbst kommt und kniet wie der junge Syrop. Wenn er aber schreibt, dann muß ich wieder schreiben und das ist noch schlimmer, als jemanden mündlich an die Luft zu setzen.«

»Nun – jeder wird ja auch nicht an die Luft gesetzt werden – einer wird bleiben«, erwiderte Hans Truchseß. »Und diesen einen kenne ich.«

»'s ist die Möglichkeit«, lachte Trix. »Kenn' ich ihn auch?«

»Trix, verstelle dich nicht!«

»Hans, ich geb' dir mein Wort – ich habe keinen Schimmer!«

Er schüttelte mit dem Kopf.

»Sollte meine Schwiegermutter es wirklich fertig gebracht haben, dich ohne einen Wink zu lassen?«

»Deine Schwieger – Gräfin Rablonowska? Ja, was hatte sie denn winken sollen – wohin? Nach welcher Richtung?«

»Trix –«

»Nein, Hans! Wer A sagt, muß auch B sagen. Jetzt hast du mich neugierig gemacht und nun, 'raus mit der Sprache!«

»Ich werde mich in acht nehmen –«

»Hans – sei kein – na, ich will nicht sagen was! Das geht mich doch an, dächt' ich! Gleich redest du, oder ich bin wütend!«

»Was soll ich tun? Entweder indiskret sein, oder die Ungnade meiner Kusine, Ihrer Gnaden der Herzogin Beatrix von Lochlomond riskieren –«

»Was? Hans, rede keinen Stuß! Was soll das heißen?«

Trix war aufgesprungen und stand nun vor ihm da mit erschrockenen Augen, in denen das Lachen erlosch. Da sah er ein, daß er zu weit gegangen war.

»Sei mir nicht böse«, bat er herzlich. »Ich habe wirklich nicht geglaubt, daß man dich ganz unvorbereitet gelassen hat. Sie haben es schon seit Wochen geplant, das heißt eigentlich nur meine Schwiegermutter; Phroso hat sich passiv dabei verhalten. Sie fanden es eine so passende Partie für dich und – auch für ihn –«

»Ihn? Wen?« unterbrach ihn Trix.

»Nun natürlich, den Herzog –«

»Aber Hans – ich habe ihn heut' zum zweitenmal gesehen! Und da dachtest du wirklich – ach! es ist ja zum Lachen!«

»Gar nicht ist es zum Lachen! Ihm wär's doch, weiß Gott, nicht zu verdenken, und was dich betrifft – Trix, er ist ein ganz hübscher Junge und mir scheint's auch, ein guter und vornehm denkender Mensch. Und dann – und dann – oder vor allem: – – um Herzogin zu werden, wird manche gar nicht mal von ihm beanspruchen, gut zu sein und gut auszusehen!«

Trix ließ ihn ruhig ausreden und setzte sich dann wieder.

»Hans, schäm' dich was«, sagte sie leise.

»Trix –!«

»Das hätt' ich nicht gedacht, daß ich so gering in deiner Wertschätzung stehe«, fuhr sie fort. »Daß du mich für fähig halten würdest, einen Menschen seines Titels wegen zu heiraten.«

»Trix – du hast mich falsch verstanden«, unterbrach er sie und legte seine Hand auf die ihre, mit der sie sich auf den Baumstamm stützte. »Was ich sagte, sagte ich nur, um die Vorteile hervorzuheben –«

»Du bist also der Meinung deiner Schwiegermutter und hieltest das für passend und für wünschenswert?« unterbrach ihn Trix ruhig.

»Ich bin gar nicht der Meinung meiner Schwiegermutter, weil ich das Heiratsstiften für ein Unglück halte und für unmoralisch obendrein«, erwiderte Hans Truchseß ernst. »Was ich im Auge hatte, war ja nur die Möglichkeit, daß es auch ohne fremdes Zutun dazu kommen könnte.«

»Wünschtest du es?« fragte Trix leise.

»Ich wünsche alles, was zu deinem Glück führt«, entgegnete er herzlich. »Und da es nun einmal zur Sprache zwischen uns gekommen ist, so füge ich meinen brüderlichen Wunsch hinzu: laß nichts anderes dich und deine Entscheidung bestimmen als dein eignes Herz! Laß keinen fremden Einfluß deine Zukunft entscheiden – frage allein dein Herz, und was es dir rät, das tue. Es kann und wird dich nicht irre führen, kleine Trix! Und wenn etwas dich blendet, dann schließe deine Augen entschlossen vor dem schimmernden Glanz, damit du nicht zu spät entdeckst, daß du dich von einem Irrlicht täuschen ließest und dann plötzlich im Dunkel stehst, aus dem es keinen Ausweg mehr gibt, wenn – wenn du loyal bleiben willst. Hast du mich recht verstanden?«


Trix antwortete nicht gleich. Sie sah geradeaus vor sich hin und um ihren Mund zuckte es. Als sie ihm aber dann ihr Gesicht wieder zuwandte, lächelte sie freundlich und ihr Auge war klar.

»Ja, Hans, ich habe dich verstanden«, sagte sie. »Jetzt – nicht vorher. Ich meinte wirklich – – doch das war natürlich dummes Zeug. Und ich danke dir, Hans. Nein, ich hab's nicht vergessen, was mein guter lieber Vater noch kurz vor seinem Tode zu mir sagte. ›Trix‹, sagte er, ›es werden dich welche heiraten wollen – Krumme und Gerade, Dicke und Dünne. Und wenn du bei einem erkannt hast, das ist der Rechte, der hat ein Herz von Gold und ist ein vornehmer Kerl, dann nimm ihn und laß dich's nicht anfechten, wenn er auch vorn und hinten einen Buckel hätte'. Das hat mein Vater gesagt und ich werde mich daran halten – und es wird ja auch noch Leute geben, die keinen Buckel haben. Der Onkel ging überhaupt von der Ansicht aus, daß man nicht mich, sondern die Abtei wird heiraten wollen; na, ich nehm's ihm nicht übel, denn –«

»Denn er hat dich nicht gekannt«, fiel Hans Truchseß ein.

»Danke schön für das Kompliment«, erwiderte Trix, indem sie aufstand. »Nun muß ich aber nach Hause gehen, sonst denkt Frau von Graßmann, ich bin im Walde aufgefressen worden. Oh, apropos – sie, das heißt, Frau von Graßmann erzählte mir, ihr Sohn ginge nächstens nach Neuguinea und ich habe ihr vorgeschlagen, bis zu seiner Abreise zu ihm zu gehen oder gleich mit ihm zu reisen. Sie machte einen gräßlichen Trara darüber, wie unrecht ihm geschehen wäre, und was für ein unschuldiges Opferlamm er ist. Was hat er denn eigentlich getan?«

»Ach – das ist eine schmutzige Geschichte und je weniger man davon spricht, desto besser«, entgegnete Hans Truchseß, er erhob sich gleichfalls. »Laß dir's damit genügen oder von jemand anderm erzählen, da es ja leider ganz in die Öffentlichkeit kam. Ich mag da nicht die Rolle der Posaune übernehmen – wir sind nun einmal Vettern und – Blut ist dicker denn Wasser, trotzdem wir davon eigentlich wenig genug Gebrauch gemacht haben, weil wir nie viel Liebe füreinander übrig hatten, Max und ich. So so, also nach Neuguinea geht er. Nun, ein tüchtiger Tümpel Wasser zwischen ihm und Europa ist das beste, aber Tante Sophie wird's an die Nieren gehen. Erst hat sie in wahrer Affenliebe den Jungen verzogen, um sich von ihm treten und erbarmungslos aussaugen zu lassen – – ich möchte wirklich wissen, ob sie noch ernstlich an ihn glaubt – – aber Mutterherzen sind ja unergründlich und unberechenbar. Na also guten Abend, Trix, und – nichts für ungut. Und was du auch von mir denken magst – dein – dein Freund bin ich doch, durch dick und dünn!«


Damit sprang er zurück über den Grenzgraben. Sie nickten noch einmal einander zu und dann ging Trix heim, denselben Weg zurück, den sie gekommen war, langsam, in tiefen Gedanken. Denn hier stand sie wieder vor etwas, was sie nicht ganz begriff. Erst Phroso – die neue Phroso – – warum hatte sie Hans nichts von ihr erzählt? Sie hatte das nicht etwa vergessen, Gott bewahre, sie hatte die Phroso von heute nachmittag immerzu vor sich gesehen, als sie mit Hans sprach, aber es hatte sie etwas ganz entschieden davon zurückgehalten. Und nun diese Idee mit dem englischen Herzog! Trix vergegenwärtigte sich den übergroß aufgeschossenen Jungen mit dem gutmütigen, knabenhaften, aber nicht gerade klugen Gesicht – – na, hübscher war er ja auf alle Fälle als Herr Syrop mit seiner Stumpfnase, aber er war doch ein bißchen so im Genre der Richterschen Volontäre, die Trix unter dem Sammelnamen »das Grünzeug« kannte und dementsprechend schätzte. Und nachdem sie den Herzog in diese Kategorie eingereiht hatte, legte sie ihn, soweit er sie selber betraf, auch ad acta. Hans hatte zuletzt so eindringlich, so feierlich zu ihr gesprochen, als ob – ja gewiß, als ob er selbst das durchgemacht hatte, wovor er sie warnte. Wie war das möglich? Wann? Freilich, sie kannte sein Leben nicht, bevor sie nach der Abtei gekommen war, denn auf Phroso konnte sich das, was er »vom loyal bleiben« gesagt, doch nicht beziehen. Trix war keine Liebhaberin vom Rätselraten und hier stand sie plötzlich vor Rätseln, die sie zum Nachdenken zwangen, ohne daß dabei etwas herauskam.

So war sie vorwärts gekommen bis zu der Stelle, wo durch dichtes Unterholz der Fußweg in den breiten Hauptweg mündete, der die Abtei mit der fast eine halbe Stunde entfernten Oberförsterei verband, als der voraustrabende Dackel plötzlich Standlaut gab und sich dann mit wütendem Gekläff auf den Weg stürzte.

Trix dadurch aus ihrem fruchtlosen Grübeln aufgescheucht, blieb stehen und bemerkte nun, wenige Schritte von ihr entfernt, einen Fremden, der den Hauptweg dahinwandelte in Richtung der Oberförsterei – einen Fremden in tadellosem Straßenanzug nach englischem Schnitt, den Überzieher von hellem Stoff mit schweren Seidenfutter über dem Arm, einen weißen Strohhut auf dem Kopf und einen Regenschirm dünnster Konstruktion als Spazierstock in der tadellos behandschuhten Rechten. Es war ein noch junger Mann, groß und gut gewachsen, mit dunklem kurzem und spitz geschnittenem Vollbart und Seine Exzellenz stürzte sich auf ihn in dem erhebenden und sichern Bewußtsein, hier zu Hause zu sein.

Der Fremde war bei der plötzlichen Attacke aus dem Hinterhalte zurückgefahren und hatte drohend seinen Schirm erhoben, gleichzeitig aber holte er mit dem rechten Fuß aus und versetzte damit dem anstürmenden Dackel unter dem Ausruf: »Verfluchte Bestie« einen Tritt gegen den Kopf, daß Seine Exzellenz sich um und um drehte und dann betäubt liegenblieb.

In demselben Augenblick war aber Trix an der Seite des Hundes, blaß vor Erregung, mit flammendem Blick, der die großen hellen, blauen Augen mit einem Feuer durchleuchtete, das ordentlich zu sprühen schien.

»Wie können Sie sich unterstehen, meinen Dackel zu treten?« rief sie ihn entrüstet an.

»Pardon, meine Gnädigste«, erwiderte der Fremde, den Hut ziehend, »Notwehr – der Hund schien mich beißen zu wollen –«

»Unsinn«, unterbrach sie ihn. »Hunde, die bellen, beißen nicht. Was wollen Sie hier überhaupt, was haben Sie hier zu suchen?«

»Ist dieser Weg nicht frei für jedermann?«

»Nein, die Landstraße geht hinter der Abtei, das ist ein Privatweg – mein Privatweg!« erwiderte Trix kurz, indem sie sich bückte und ihren Dackel auf den Arm nahm, der sich zwar zu regen begann, aber von dem Schlag mit dem Stiefelabsatz gegen den Kopf noch viel zu benommen war, um selbständig auf die Beine zu kommen.

Der Fremde zog nochmals den Hut, indem er eine tiefe Verbeugung machte.

»So habe ich die Ehre vor der Herrin der Abtei, vor Baroneß von Dornberg, zu stehn?« fragte er mit einem langen Blick aus seinen etwas vorstehenden Augen, und als er keine Antwort bekam, setzte er mit einer erneuten Verbeugung hinzu: »Gestatten gnädigstes Fräulein, mich mit meinem tiefsten Bedauern über meinen unglücklichen Irrtum vorstellen zu dürfen –«

Aber Trix war viel zu sehr außer sich, um Zeremonien zu machen oder über sich ergehen zu lassen.

»Ist mir ja ganz egal, ob Sie Schulze oder Müller heißen«, unterbrach sie den eleganten Fremden höchst ungnädig und lief so schnell sie konnte mit dem leise winselnden Hund auf dem Arm der Abtei zu, die sie in dem eingeschlagenen Tempo auch bald genug erreichte.

In der Halle trat ihr Frau von Graßmann, sichtlich erregt, entgegen – sie schien dort gewartet zu haben.

»,Mein liebes Fräulein von Dornberg!« rief sie ihr zu, und den Hund in den Armen Trixens gewahrend, sagte sie in ganz anderm Ton: »Aber wie können Sie das garstige Tier schleppen – es hat Ihnen das ganze Kleid schmutzig gemacht!«

»Ach, schade was für das dumme Kleid«, erwiderte Trix. »Morgen lasse ich den Hauptweg für Fremde schließen – hat da ein roher Kerl dem armen ›Seinex‹ eins versetzt, daß er wie tot dalag und nun eine Beule überm rechten Auge hat, wie meine Faust so groß!«

»Oh«, machte Frau von Graßmann bedauernd, »Sie müssen ihm Arnika auflegen, da geht es bald vorüber. Aber denken Sie nur, was mir passiert ist: mein Sohn ist ganz unerwartet und überraschend angekommen, um seine letzten Wochen in Europa in meiner Nähe zu verleben – der liebe, vortreffliche Mensch, der er ist! Natürlich hier . . . ich wußte, daß der Oberförster seine Zimmer für Sommerfrischler noch nicht vermietet hat und habe ihm geraten, dort sein Quartier aufzuschlagen – ja, Sie müssen ihm doch begegnet sein, wenn Sie auf dem Hauptweg heimgekehrt sind, nicht?«

Trix, die, von Frau von Graßmann begleitet, den Weg zu ihren Zimmern fortgesetzt hatte, blieb plötzlich stehen.

»Eleganter Herr mit kurzem dunklem Vollbart?« fragte sie.

»Das ist er – ja, das ist mein Max!« rief Frau von Graßmann lebhaft. »So haben Sie ihn gesehen – und vielleicht gesprochen?«

»Und auch gesprochen«, bestätigte Trix. »Nachdem er mir meinen Dackel, bloß weil er pflichtgemäß bellte, fast totgetreten hat!«

Damit ging sie weiter, während Frau von Graßmann wie angewurzelt stehenblieb. Aber nicht lange, den Frau von Graßmann war viel zu klug und zu gewandt, um sich durch unvorhergesehene Zwischenfälle aus der Fassung bringen zu lassen. Es dauerte auch keine Viertelstunde, da klopfte sie schon bei Trix an, ein Fläschchen Arnikatinktur in der Hand zu Umschlägen für ›das arme Hündchen«, das sicher niemand tiefer bedauern würde als ihr Max, der ganz bestimmt nur so aggressiv geworden sei, weil er jedenfalls erschrocken war, denn es liege so gar nicht in seiner Natur, einem Geschöpf weh tun zu wollen! Trix sei ja so lieb, sie möchte dem armen Jungen – der jedenfalls jetzt ganz unglücklich und betrübt seine Weges ginge – die Sache nicht nachtragen, die ja auch nichts wäre, als ein unglückliches Quidproquo, verursacht durch Schreck und Überraschung –


Trix wußte ganz genau, daß Seine Exzellenz sich durch das plötzliche Hervorstürzen auf sein Opfer nicht gerade korrekt dressurmäßig betragen hatte, aber sie fand die Härte der Abwehr trotzdem nicht gerechtfertigt. Ob sie beeinflußt durch ihre Entrüstung gegen den Fremden im Wald auf der Stelle einen Widerwillen gefaßt hatte, oder ob dieser instinktiv war darüber hätte sie keine Auskunft geben können; sie ließ sich daher ohne Gegenrede versichern, daß Max Graßmann ein viel zu weiches Herz habe, um auch nur einer Fliege etwas zu leid tun zu können und war froh, als Frau von Graßmann sie allein ließ.

Trix hatte eine schlechte Nacht nach diesem ereignisreichen Tag. Nicht der Pflege Seiner Exzellenz wegen – der lag, einen Eisbeutel auf dem Kopf, ruhig schlafend auf seinem Lager und schien sich, den Umständen entsprechend, recht wohl zu befinden, aber ihr Schlaf war ein fortwährend unterbrochener und von Träumen gestörter; Träume, in welchen sie hin und hergehetzt, belästigt und sogar geängstigt wurde, aus denen sie atemlos und mit wild klopfendem Herzen immerfort erwachte. Dabei hätte sie nicht einmal sagen können, was sie geträumt hatte.

Gegen Morgen schlief sie dann ordentlich ein und erwachte erst von dem Klang des Glöckchens, das auf dem kleinen, offenen Türmchen der Abteikirche geläutet wurde, ehe der Pater früh die Messe las – es war also sechs Uhr.

Rasch kleidete sie sich an, überzeugte sich, daß Seine Exzellenz friedlich schnarchte und absolut ungeneigt war, seine Rolle als Patient aufzugeben, und stieg dann zur Kirche hinab, in der einige der Angestellten und der Dienstboten dem Gottesdienst beiwohnten. Es darf bezweifelt werden, daß Trix der kurzen Zermonie der »stillen Messe« heute mit der Aufmerksamkeit folgte, die sie sonst darauf, trotz aller Quecksilbrigkeit, verwendete, doch kaum war der Pater in der Sakristei, als sie auch schon draußen im Hof stand und Befehl gab, den Birschwagen anzuspannen. Als dies leichte Vehikel bald darauf vorfuhr, sprang sie auf den Bock und lehnte, die Zügel ergreifend, die Mitnahme des Kutschers ab, doch als sie durch den Torweg gefahren war, öffnete sich oben ein Fenster.

»Fahren Sie schon aus, Fräulein von Dornberg?« rief Frau von Graßmanns Stimme herab.

»Sind Sie schon auf?« fragte Trix zurück, den Wagen anhaltend.

»Ich habe nicht schlafen können, es ist immer noch so schwül«, erwiderte Frau von Graßmann von oben. »Ich möchte Sie fast um Ihre Spazierfahrt beneiden –«

»Es sind ja noch mehr Pferde im Stall, Sie brauchen bloß anspannen zu lassen«, entgegnete Trix.

»Würden Sie nicht einen Augenblick auf mich warten?« fragte Frau von Graßmann, die Ablehnung ihrer Person überhörend. »Sie können doch nicht so ganz allein fahren – wohin wollen Sie?«

»Nein – ich kann nicht warten, ich habe Eile! Guten Morgen!« rief Trix herauf und fuhr in schlankem Trab davon, indem sie laut sagte: »Das hätte mir gerade noch gefehlt – erstens die mitnehmen und zweitens auch noch Rechenschaft ablegen, wohin ich meine Nase stecken will. Da ginge ich lieber gleich ins Stift zurück!«

Auf der Landstraße angelangt, schlug sie den direkten Feldweg nach Kroschwitz ein und hatte noch nicht die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als ihr Hans Truchseß zu Pferd entgegenkam auf seinem gewohnten Frühritt durch die Felder.

»Holla – Trix! Wohin?« rief er ihr überrascht entgegen.

»Zu dir! Direkt zu dir nach Kroschwitz!« rief sie zurück, die Pferde anhaltend und streckte ihm die Hand entgegen.

»Zu mir – aber Trix!«

»Was ist da zu ›aber Trixen‹? Ich muß dich etwas fragen, Hans, und ich kann damit nicht warten bis morgen –«

»Aber was wird der Ehrendrache dazu sagen?«

»Erstens braucht er's nicht zu wissen und zweitens ist mir's auch höchst egal, was er sagen wird. Tue recht und scheue niemand – Punktum!«

»Recht so, Trix. Aber –«

»Na höre mal, wenn du auch noch anfängst – was ist denn dabei?« fragte Trix entrüstet und sah ihn dabei mit ein paar so klaren Augen an, daß er sich auf die Lippen biß.

»Nichts ist dabei – gar nichts! Ich hab' dich bloß necken wollen«, entgegnete er mit einem Lächeln, das nichts Belustigtes hatte und seine Stimme war dabei etwas verschleiert.

»Na, dann ist's schon gut«, meinte Trix beruhigt. »Und nun paß' mal auf!« Und sie erzählte ihrem aufmerksam lauschenden Begleiter, daß Max Graßmann angekommen sei, daß er sein Quartier in der Oberförsterei aufgeschlagen habe, und wie sie ihm gestern abend begegnet sei. »Und was ich dich fragen wollte, ist das:« schloß sie. »Ich gebe doch morgen mein erstes Diner für meine lieben Nachbarn, zu dem du ja auch zugesagt hast – – apropos, ob der junge Syrop wohl absagen wird wegen des Korbes? – und da weiß ich nicht, muß ich diesen Max Graßmann dazu einladen wegen seiner Mutter und weil er dein Vetter ist, oder muß ich's nicht wegen – wegen – na, du weißt ja, was du mir gestern gesagt hast. Wen sollt' ich darüber fragen als dich? Doch nicht etwa Frau von Graßmann selbst. Und den Pater? Der weiß wahrscheinlich von gar nichts und ist so schrecklich gutmütig, daß er für den Deixel selbst ein gutes Wort einlegte. 's ist mir heut' früh beim Aufstehen plötzlich eingefallen und da hab' ich gleich anspannen lassen und nun sag' du mir, was ich tun soll und tun muß, und wie du's für recht hältst, so soll's geschehen – gerade so und wenn – wenn ich Frau von Graßmann darüber verlieren sollte.«

»Das wäre vielleicht noch nicht das schlimmste«, entgegnete Hans Truchseß nach einer Pause, »denn Tante Sophie ist nicht die Person, die etwas unüberlegt tut – nicht mal für ihren Max. Aber ich habe keine Beweise für das, was ich denke und deshalb muß ich's wohl für mich behalten –«

»Na, und wegen der Einladung?« warf Trix etwas ungeduldig dazwischen. Hans nahm seinen stark gebrauchten grünen Filz vom Kopf und kratzte sich hinter dem Ohr, indem er leise vor sich hinpfiff.

»Das ist eine eklige Klemme für dich«, sagte er dann, »und ich wette meine Haferernte gegen einen faulen Apfel, daß Tante Sophie sich dessen so bewußt ist, wie ich's bin und wie du's auch zu sein scheinst. Aber für dich gibt's nur einen Weg, meiner ehrlichen Überzeugung nach: du mußt es eben riskieren, Tante Sophies Gefühle zu kränken – du darfst Max Graßmann einfach deiner Gäste wegen nicht einladen.«

»Aha!« machte Trix, mit der Peitsche fuchtelnd. »Na, das hab' ich ja bloß wissen wollen. Also, ich danke dir schön, Hans. Ich will dich nicht länger aufhalten – guten Morgen!«

»So eilig hab' ich's nicht«, versicherte er. »Ich bin dir doch auch Gründe schuldig für meine Ansicht. Von mir rede ich nicht, ich stehe als Max Graßmanns Vetter in einer Ausnahmestellung zu ihm. Aber siehst du, zum Beispiel Graf Rablonowski – ich weiß, es würde ihm sehr unangenehm sein, Max bei dir zu treffen, der – wie du ja vielleicht wissen wirst – mit schlichtem Abschied aus der Armee entlassen wurde. Was das bedeutet – für unsern Ehrbegriff bedeutet – das ist eine Barriere, über die wir nun einmal nicht hinüber können, ohne unsern Standpunkt definitiv zu verlassen und das Tischtuch zwischen uns und unserer Erziehung zu zerschneiden. Max hat das eine getan – die Behörden, denen er unterstellt war, haben das andere besorgt. Wie der alte Richter darüber denkt, weiß ich nicht, denn ich habe nicht mit ihm darüber gesprochen. Aber ich darf annehmen, daß er unsere Ansichten über diesen Punkt teilt. Jedenfalls aber bist du nicht berechtigt – noch auch wäre ich entschuldbar, wenn ich es unterließe, dich auf das Bedenkliche der Sache aufmerksam zu machen, nämlich die jungen Leute bei Richters mit Max Graßmann zusammenzubringen. Bewußt zusammenzubringen, wohlverstanden. Für die Ansichten der Väter Rheinfeld und Syrop kann ich natürlich nicht einstehen, aber ich weiß, daß der alte Rindig außer sich darüber wäre, wenn er erführe, daß sein Jüngster am selben Tisch säße mit dem Manne, der sein Bestes getan hat, um seinen Ältesten mit sich über die Klinge springen zu lassen und seinen Namen mit sich in den Schmutz zu zerren. Daß ihm dies nicht gelang, war eine reine Glücksache für Rittmeister Rindig. Also nun weißt du, wie der Hase läuft, Trix. Es war ein guter Gedanke von dir, mich zu fragen, denn ohne das hättest du dich hier in der Gegend in aller Unschuld und Harmlosigkeit rettungslos kompromittiert.«

Trix hatte aufmerksam zugehört – nun reichte sie Hans die Hand.

»Nochmals schönsten Dank!« sagte sie einfach. »Ja, es war ein guter Gedanke – manchmal hab' ich nämlich noch welche. So, nun muß ich aber heim, denn mein Dackel wird sich wundern, wo ich hingekommen bin. Na, und dann kann ja der Kampf mit dem Drachen losgehn!«

»Arme Trix!« meinte Hans unwillkürlich lachend. »Soll ich etwa eintreten als Hilfstruppe?«

Trix machte ein nachdenkliches Gesicht und fuchtelte dabei wieder mit der Peitsche.

»Nein – bleib' du ganz außerhalb der ganzen Geschichte«, sagte sie dann entschieden. »Ich werd' es schon allein ausfechten, das ist besser und für dich angenehmer.«

»Das bestreite ich nicht im mindesten«, versicherte er ehrlich. »Na, denn Allheil, Kusinchen! Bist eine tapfere Person – ich glaube, du nähmst es mit dem Teufel selbst auf!«

»Mit dem ist's auch viel einfacher als mit einem Drachen«, behauptete Trix obenhin.

»Na, na!« machte Hans jetzt wirklich lachend.

»'s ist wahr«, versicherte sie energisch. »Letzten Sonntag hat der Pater gepredigt, daß der Teufel immer wieder zu denen am liebsten käme, die ihm den kräftigsten Widerstand leisten, das heißt also zu deutsch, die ihm zeigen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Wenn also der Teufel solch ein dickfelliger Geselle ist, daß er sich immerfort unentwegt von ein und derselben Person an die Luft setzen läßt, dann ist die Sache gar nicht schwer mit ihm, denn gegen solches Gelichter kann man ja einfach sackgrob werden. Wenn du aber mit einem Drachen kämpfen willst, da mußt du andere Waffen haben. Also ist's leichter, den Teufel los zu werden, selbst wenn er immer wieder kommt. Das ist doch klar wie Tinte, nicht?«

Ganz verblüffend einfach und logisch ist es, Trix«, erwiderte Hans überzeugt. »Darauf wäre ich gar nicht gekommen!«

»Ich auch nicht, wenn der Pater nicht über den Teufel gepredigt hätte«, erwiderte sie ernsthaft, nickte noch einmal und fuhr dann davon, der Abtei zu. Hans Truchseß aber stand und sah ihr lange nach und erst als der Wagen im Walde verschwunden war, wandte er sein Pferd und ritt durch die Felder zurück nach seinem Haus. In dem war es schrecklich ungemütlich, weil die Handwerker darin hausten und selbst in seine »Bude«, die von den Neuerungen zum Empfang der neuen Herrin von Kroschwitz unberührt blieb, drang der fatale Kleistergeruch der Tapeten hinein. Ein schrecklicher Geruch, dieser Kleisterduft, einfach nicht zum Aushalten, trotz der geöffneten Fenster. Und Hans Truchseß rettete sich davor bis in sein Schlafzimmer mit seinen Wirtschaftsbüchern und Belegen und schob einen Tisch vor die Staffelei mit dem Bild des jungen Ruppert von der Pfalz . . .

Von draußen kam der Duft der Lindenblüte in süßherben Wogen hereingeflutet durchs offene Fenster – ah! Das tat wohl! Aber Lindenblütenduft regt an zum Sinnen und zum Träumen, nicht aber zum Arbeiten und daher kam's auch wohl, daß die Kroschwitzer Wirtschaftsbücher geschlossen liegen blieben auf dem Tisch, indes Hans Truchseß saß und auf das Summen der Bienen um die blühenden Linden lauschte und traumverloren auf das Bild des jungen Ruppert von der Pfalz sah.


Trix fuhr indes nach Hause was die Pferde laufen wollten; sie hatte erfahren, was sie zu wissen wünschte und wenn etwas einmal klar vor ihr stand, dann gab es für sie auch kein scheues Zagen mehr, dann ging sie darauf los und stieß sich an keine Hindernisse, immer gerade aus und ohne sich weiter auf Seitenwege einzulassen. Außerdem schien ihr ein frisch-fröhlicher Kampf immer besser als das künstliche Umgehen einer Sache, wie wenn die Katze um den heißen Brei schleicht und nicht zuzugreifen wagt aus Angst, sich die Nase und das Maul zu verbrennen. Nein, Trix hatte wie Jung-Siegfried das Fürchten noch nicht gelernt, und das halbe Dutzend Wochen, die sie nun schon in der Abtei verlebt, hatten nicht verfehlt, ihr jenes angenehme Gefühl der Sicherheit und der autokratischen Macht zu verleihen, wie es der Besitz so mit sich zu bringen pflegt. Nichts nützt sich so leicht ab, als das Empfinden des Ungewohnten im Besitz – das unleugbare Behagen, das er verleiht, geht ungemein rasch in Fleisch und Blut über.

Trix hatte gar nicht lange auf den ersten Zusammenstoß und die erste Attacke zu warten, denn als sie die Vorhalle der Abtei betrat, um sich zunächst nach ihren Zimmern zu begeben, fand sie dort Frau von Graßmann vor in der Gesellschaft desselben Zivilisten, dessen Stiefelabsatz gestern abend Seiner Exzellenz das blaue Auge verursacht hatte, das ihn zum interessanten Patienten gemacht.

»Ah, Fräulein von Dornberg – wie freut es mich, daß Sie eben noch heimkehren; so kann ich Ihnen meinen Sohn sogleich noch vorstellen«, rief Frau von Graßmann und erhob sich lebhaft aus dem Sessel, in dem sie gesessen hatte.

»Mein gnädiges Fräulein«, fiel Max Graßmann im Ton tiefsten und höchsten Respektes ein, dem er durch einen langen Blick unverhohlener Bewunderung Relief zu verleihen wußte, »mein gnädiges Fräulein, ich weiß nicht, wie und wo ich Worte finden soll, um mich Ihrer Gnade und Nachsicht zu empfehlen wegen jenes unglücklichen Quidproquos von gestern abend; ich kann zu meiner Entschuldigung nur sagen, daß mich die Plötzlichkeit der Attacke Ihres Hündchens zu einer Defensive aus Überraschung veranlaßt haben muß, die leider für das liebe Tierchen so unglücklich ablief. Darf ich mich erkundigen«, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, als Trix nichts antwortete, »wie es Ihrem Liebling geht?«

»Dem wird das selige Bewußtsein, daß er seit gestern in der Stufenleiter Ihrer Hochachtung von einer ›verfluchten Bestie‹ zu einem ›lieben Tierchen‹ avanciert ist, heilender Balsam sein,« erwiderte Trix prompt.

»Guten Morgen, Herr von Graßmann!«

Und damit wandte sie sich ab, und setzte ihren Weg fort; doch ehe sie noch an der Treppe war, die zu ihrem Korridor in die Höhe führte, war Frau von Graßmann wieder neben ihr.

»Liebes Fräulein von Dornberg«, sagte sie liebenswürdig, »ich habe noch eine Bitte. Würde es Sie stören, wenn mein Sohn, mit dem ich manches zu besprechen habe, über Mittag hier bleibt?«

»Ja, warum sollte mich denn das stören?« erwiderte Trix ohne Zaudern. »Sie brauchen nur zu befehlen, daß man das Diner für Sie und Ihren Herrn Sohn in Ihrem Zimmer serviert –«

»Nein, nein – ich will keine Umstände machen«, fiel Frau von Graßmann ein. »Unter keiner Bedingung würde ich das zugeben, daß unsertwegen –«

»Wie Sie wollen – also wie gewöhnlich um ein Uhr in kleinen Speisesaal«, entgegnete Beatrix, in deren blauen Augen es eigen zu leuchten begann wie von eitel Übermut. Aber Frau von Graßmann, die Vielkluge, sah in der Aufregung, in die sie allemal durch die Gegenwart ihres Sohnes versetzt wurde, das unheilverkündende Leuchten dieser Augen nicht, sondern sie fing an, sich in Danksagungen zu erschöpfen, denen sich Trix durch schleunige Flucht entzog.

»Na, das nennt man den Leuten die Pistole doch ein bißchen ungeniert auf die Brust setzen, Mama«, murmelte Max Graßmann, als er seiner Mutter zurück in deren Räume folgte. »In deinem Zimmer wär's auch gegangen – war immerhin ein Schritt vorwärts. Aber du willst gleich Bogensätze machen!«

»Wir haben keine Zeit zu kleinen Schritten –«

»Na denn, bei großen muß man auch erst zusehen, wohin man tritt. Der Vorschlag, auf deinem Zimmer zu essen, war eine Impertinenz, von der ich mir nur nicht recht klar bin, ob sie beabsichtigt war oder eine einfache Harmlosigkeit –«

»In diesem Falle das letztere, Max! Das siehst du daraus, daß wir erreicht haben, was wir wollten.«

Darauf war nichts zu entgegnen, aber die Zuversicht von Mutter und Sohn wurde nicht nur stark erschüttert, ehe sie ein paar Stunden älter waren, sondern drohte sogar in der Basis zusammenzustürzen, denn als sie um ein Uhr dem Gong ins kleine Speisezimmer folgten, fanden sie den Tisch dort nur für sich gedeckt und erfuhren auf Frau von Graßmanns etwas erregte Anfrage: »daß Baronesse droben in ihrem eigenen Speisezimmer für sich und Herrn Pater Müller zu servieren befohlen hätten.« Nun erinnerte sich Frau von Graßmann plötzlich des Aufleuchtens in Trixens Augen und sie wußte, daß sie abermals dem »Zellschen Albino« gegenüber den kürzeren gezogen hatte, und ihres Sohnes höhnisches »Was nun, Frau Mutter?« versalzte ihr das sonst so vortreffliche Mahl für die Dauer desselben gründlich.


Droben aber in ihrem runden Speisezimmerchen hatte Trix indes ein sehr vergnügliches Diner in Gesellschaft des Paters, dem sie lachend ihren Schabernack erzählte. Der alte Herr kniff ein Auge zu und blinzelte mit dem anderen schmunzelnd nach seiner jungen Patronin hinüber, dann legte er aber sein gutes Gesicht in ernste Falten und meinte, recht hätte sie doch nicht gehandelt, wenn er ihr im Prinzip auch nicht unrecht geben könne, da sie in ihrer unbeschützten Stellung nun einmal in einem Glashause säße, das von Steinwürfen zu schützen ihre Pflicht sei, aber –

»Aber im Kriege gilt jede List!« vollendete Trix gemütlich die kleine Predigt. »Wenn die Abtei solch ein Glashaus ist, dann kann sie mir leid tun, aber helfen kann ich da nicht. Eigentlich war auch davon gar nicht die Rede – – ich nehme an, daß Frau von Graßmann ihren Sohn jetzt vor mir zu chaperonieren hat und dabei muß man der alten Seele doch nach Kräften helfen!«

Gegen diese überraschende Auffassung der Situation war schwer etwas einzuwenden, das sah der Pater ein, aber wenn Trix dachte, daß sie nun auf der ganzen Linie Siegerin geblieben wäre, so war das ein Irrtum, denn sie begann nach Tisch eben ein bißchen in den Schränken des Florentiner Zimmers herumzukramen, als an die Tür geklopft wurde und Frau von Graßmann hereinrauschte, ohne auf eine Aufforderung dazu zu warten.

»Fräulein von Dornberg«, begann sie in dem Ton entschiedener Autorität, mit dem gewisse Persönlichkeiten von vornherein niedergeschmettert werden, »ich komme um eine Erklärung für Ihr sonderbares Benehmen zu bitten!«

Der Ton verfehlte auf Trix seine Wirkung, er berührte sie sozusagen gegen den Strich.

»Man sachte mit den jungen Pferden!« erwiderte sie empört. »Sie platzen hier herein wie eine Rakete und fallen über mich her wie ein Cowboy – ist das etwa kein sonderbares Benehmen?«

»Warum tun Sie meinem Sohn den Affront an, in Ihrem Zimmer zu speisen, nachdem Sie ihn zu sich eingeladen haben?« fuhr Frau von Graßmann heftig fort, ohne auf Trixens Worte zu achten, die nun herumfuhr wie ein Wirbelwind.

»Ich ihn eingeladen?« wiederholte sie, jedes Wort dick unterstreichend. »Da hört doch aber Verschiedenes auf! Eben weil ich ihn nicht eingeladen habe, glaubte ich mich mit samt dem Pater höchst überflüssig in Ihrer werten Gesellschaft und habe bei mir gespeist in dem eitlen Wahne, daß ich wenigstens in diesen Zimmern mein eigener Herr bin. Wenn Sie gefälligst ein wenig nachdenken wollen, so werden Sie die Entdeckung machen, daß Sie Ihren Herrn Sohn eingeladen haben, nicht ich! Es ist mir auch gar nicht im Traume eingefallen –«

»Doch – Sie sagten: um ein Uhr im kleinen Speisesaal –«

»Weil Sie in Ihrem Zimmer nicht essen wollten, und ich keine Lust hatte, lange darüber zu parlamentieren. So, und nun ist das Thema wohl erledigt, nicht wahr? Ich wenigstens bin fertig damit«, erklärte Trix.

Frau von Graßmann sah ein, daß sie abermals eine Niederlage erlitten hatte im Duell mit dem »jungen, dummen Ding, dem der Besitz in die Krone gestiegen war«. Der Ton, den sie angeschlagen, hatte seine Wirkung so verfehlt, wie der ihres Eintrittes in die Abtei; sie hatte mit flammender Entrüstung über rumpeln wollen und hatte damit nur das Gleiche hervorgerufen. Sie zwang ein Lächeln auf ihre blutlosen Lippen, senkte die schweren Lider über ihre flackernden Augen und sagte einlenkend:

»Da scheinen wir einander aber gründlich mißverstanden zu haben –«

»Wir? Sie mich ganz allein, gnädige Frau«, berichtigte Trix prompt.

»Oder ich Sie, vielmehr«, nahm Frau von Graßmann diese Version ebenso prompt auf. »Nun denn, nichts für ungut, liebes Fräulein von Dornberg, und Pardon für meinen Überfall, dem Sie einen so hübschen humoristischen Vergleich gaben. Mein Sohn wird mich schrecklich auslachen, denn ich muß nur gestehen, daß er Ihre Auffassung teilt – aber ich war so erregt über das, was ich als eine – eine Ablehnung der Person meines Sohnes auffaßte, daß ich auf ihn nicht hören wollte!«

»Sehen Sie wohl !« sagte die allemal schnell versöhnte Trix weise. – »Jetzt kommt's«, setzte sie innerlich hinzu.

Und es kam. Frau von Graßmann begann mit der Besprechung einiger Anordnungen für den nächsten Tag und der Erwähnung kulinarischer Nebensächlichkeiten, die längst erledigt waren und infolgedessen auch jetzt kaum zwei Minuten Zeit erforderten.

»Nun, das wäre ja alles«, schloß sie. »Also, auf Wiedersehen!«

An der Tür, die Klinke in der Hand, wandte sie sich dann noch einmal halb um.

»Um Ihnen eine Mühe zu sparen, liebes Fräulein von Dornberg, würde ich meinem Sohne Ihre Einladung zum morgigen Diner gern mündlich überbringen.«

Trix hätte ihr »Aha!« fast laut gesagt, aber sie behielt es merkwürdigerweise für sich. Nach einer Pause, die wirklich nur nach Sekunden zu messen war, ihr selbst schrecklich lange vorkam, sagte sie dann tapfer:

»Sehr gütig von Ihnen, Frau von Graßmann, aber –«

»Aber?« wiederholte Frau von Graßmann erstaunt und hob die schweren Lider plötzlich von ein paar drohend funkelnden Augen. »Oh, ich verstehe – Sie wollen die Zermonie nicht verletzen, nicht wahr?«

»Nein – ich –« Trix fing auf einmal an zu stottern und dann zu husten. »Ich habe nicht die Absicht, Ihren Herrn Sohn einzuladen«, setzte sie, ärgerlich über sich selbst, lauter als nötig hinzu. Frau von Graßmann ließ ihre Augenlider wieder ganz tief herab.

»Warum, wenn ich fragen darf!«

»Warum?« wiederholte Trix, die Hände auf dem Rücken. »Ach, wissen Sie – er wird sich nichts draus machen, die Leute, die morgen herkommen, kennen zu lernen – oder wiederzusehen oder so was!«

»Nun, zwischen ihm und Hans Truchseß besteht ja freilich nicht gerade das zärtlichste Verhältnis – die Vettern haben sich nie recht verstanden«, sagte Frau Graßmann leicht, ›aber ich weiß, es würde ihm Freude machen, Graf Rablonowski vorgestellt zu werden und den Herzog von Lochlomond kennen zu lernen, der jedenfalls Einfluß in den englischen Kolonien hat und ihm vielleicht durch ein Wort von Nutzen sein könnte – Sie sehen, ich bin ganz offen, liebes Fräulein von Dornberg!«

»Ja, ich sehe das«, entgegnete Trix resigniert. »Aber es kommt doch auch der junge Rindig, wissen Sie –«

»Und was hätte das mit meinem Sohn zu tun?« fragte Frau von Graßmann sanft. »Sie sind zu rücksichtsvoll. Was der junge Rindig Ihnen über meinen Sohn erzählt hat, ahne ich ja natürlich nicht –«

»Gar nichts hat er mir erzählt«, fiel Trix ein, denn sie hatte den jungen Riesen bei Richters gern, trotz seiner Tolpatschigkeit.

Frau von Graßmann zuckte die Achseln.

»Ja, wenn es noch sein Bruder wäre – den Rittmeister Rindig hat mein Sohn wohl auf dem Striche« – (Trix hatte eine andere Version gehört) »aber dieses Riesen-Preisbaby bei Richters – solch Grünzeug sieht man einfach nicht. Also nachdem wir dies ins reine gebracht, kann ich ja wohl meinem Sohne Ihre gütige Einladung überbringen, nicht?«

»Ich habe nicht die Absicht, Ihren Herrn Sohn einzuladen«, wiederholte Trix ihren verteufelt schweren Speech, innerlich verzweifelt über den harten Kampf.


»Ah – also persönliche Rankune?« fragte Frau von Graßmann mit bebenden Nasenflügeln. »Sie machen sich lächerlich, Fräulein von Dornberg, meinem Sohn einen Temperamentsausbruch gegen Ihren unerzogenen Hund entgelten zu lassen. Ich fürchte nur –«


»Ach wo!« rief Trix, sich in ihrer Verlegenheit immer tiefer hineinredend. »Er hat sich ja entschuldigt – mehr kann die dümmste Gans nicht verlangen –«

»Ah – nun also, warum wollen Sie meinen Sohn nicht einladen? Vielleicht haben Sie nicht überlegt, daß dies ein Affront gegen mich wäre –«


»Man kann's nicht allen recht machen«, erwiderte Trix. »Niemand kann zween Herren dienen, würde der Pater sagen. Es gibt aber doch Leute, die's fertig bringen und wie die Zinshähne von einem zum anderen hopsen. Aber ich kann's nicht. Es liegt nicht in mir. Wie Sie's auffassen, muß ich mir's gefallen lassen, so schwer mir's wird, denn ich tue niemand gern weh, das heißt mit Absicht. Aber in diesem Falle wird mir's zur Pflicht gemacht.«

»O – ich sehe, man hat Ihr Gemüt gegen meinen Sohn vergiftet«, erwiderte Frau von Graßmann leidenschaftlich. »Und ich ahne auch, von welcher Seite das Gift kommt. Aber«, setzte sie plötzlich sehr ruhig und sanft hinzu, »aber die Ungerechtigkeit dieser Welt zu tragen, war immer mein Schicksal und ist nun meines armen Sohnes Los. Zum letztenmal: Sie wollen meinen Sohn nicht einladen?«

Trix hatte die arme Frau bis hierher leid getan, denn sie war doch immerhin die Mutter ihres Sohnes und konnte nichts für dessen böse Streiche. Aber jetzt fühlte sie unbestimmt, als ginge Frau von Graßmann doch zu weit, als wäre ihre Eindringlichkeit, gelinde gesagt, eine Unbescheidenheit, gegen die etwas in ihr Front machte. »Nein, ich will Ihren Sohn nicht einladen«, wiederholte sie mit einer Festigkeit, die eigentlich jedes weitere Wort abschnitt.

»Oh«, erwiderte Frau von Graßmann mit kurzem Lachen. »Sie sind ja natürlich die Herrin hier. Ich werde diese Stunde so bald nicht vergessen, denn der Truchseßsche Stolz ist doch noch nicht ganz niedergetreten in mir. Nicht ganz. Vielleicht kommt in diesem Leben noch einmal unsere Reihe – aller Tage Abend ist's ja gottlob noch nicht.«

Und damit ging sie, zu Trixens größter Erleichterung. Das war die böseste Stunde für Beatrix von Dornberg gewesen, seit sie in der Abtei war, und sie war sicher, daß sie dies schwere Werk auch gar nicht zuwege gebracht hätte, wenn Hans Truchseß nicht dabei die Mauer war, an der sie Deckung fand. Denn sich mit Frau von Graßmann zanken, war eine gar nicht üble frisch-fromm-frei-fröhliche Waffenübung, aber derselben Frau von Graßmann sagen, daß man ihr einziges Kind in seinem Hause nicht haben wollte, das war eine harte Sache, eine Sache, die einem an Herz und Nieren ging. Einer Mutter ihr Kind verweigern – schändlich war's und mußte doch sein, denn was jener ihre Nachtigall, war der Gesellschaft nichts als eine Eule, der man mit Recht den Eingang in ihre Kreise verschlossen hatte.

»Herrgott, wie schrecklich, wenn's im Leben immer so unegal für die Menschen zugeht«, dachte Trix hilflos und setzte mit dem ihr eigenen Scharfsinn im selben Atem hinzu: »Ich möchte wissen, ob sie ihren drei Schutzbefohlenen vor mir auch so mit der Pistole in der Hand für ihren Sohn gekommen ist?«

Leider verfolgte Trix diesen Gedankenblitz nicht in logischer Folge, sonst wäre sie vielleicht von selbst zu der verneinenden Antwort gekommen, die diese Frage verdiente. Denn dort war Max Graßmann auch nicht mit List einzuschmuggeln gewesen. Aber das wußte Trix natürlich nicht, wie sie ja überhaupt nichts von dem »Zufall« wußte, der ihn nach Frauensee gebracht hatte. Und da nachhaltiges Grübeln über Probleme des Lebens und Ereignisse des Tages nicht ihre Sache war, so suchte sie den unbehaglichen Eindruck dieser Szene durch kräftiges Rudern auf dem See zu verwinden und zu verwischen, und der Wahrheit die Ehre: es gelang ihr glänzend. Der seltsamen Abschiedsworte der Frau von Graßmann erinnerte sie sich nicht mit einem Gedanken – sie hatte sie überhaupt kaum gehört.

»Bei der Geschichte freut mich nur eins, und das ist allein meine Sache«, dachte Trix, in ihr Boot springend, »nämlich, daß ich den gräßlichen Kerl mit den dreisten Glotzaugen nun hoffentlich nicht mehr wiederzusehen brauche. Ich könnt' mich nicht überwinden, höflich gegen den Menschen zu sein.«

Wahrscheinlich wäre dies Verdikt verletzender für Max Graßmann gewesen, weil es seine Eitelkeit verletzte, als es in der Tat die Botschaft war, die seine Mutter ihm überbrachte, als sie in ihre Zimmer zurückkehrte, und zwar mit einem solch elementaren Ausbruch des Temperaments überbrachte, daß sich das seinige, das durchaus nicht sanftmütig oder beherrscht war, daran abkühlte und er nur eilte, die Fenster zu schließen, damit etwaige Passanten draußen im Park nicht das Toben dieser Frau hörten. Jetzt lag sie erschöpft in einem tiefen Sessel und was sie ihrem Ausbruch hinzuzusetzen hatte, geschah nun in flüsterndem, vor Erregung rauhem und heiserem Ton.

»Nun ist' aber gut«, fuhr Max Graßmann dazwischen, »alles, was rechts und links ist, Mama, aber ich denke, wenn eins von uns Grund hat, wütend zu werden, so bin ich's. Und ich bin auch, aber wenn ich auch so loslegen wollte wie du, dann seh' ich schon den Hausknecht aus Nubierland, der mich hinauswirft und dich vielleicht dazu. Und was hätten wir davon? Gar nichts! Im Gegenteil, weniger wie nichts und die letzten Chancen wären dazu zum Teufel. Ums Himmels willen, fange nicht noch einmal mit den Tiraden an – das hat doch wahrhaft keinen Wert und ist bloßes Gerede, denn heutzutage bringt man die Leut nicht zum puren Vergnügen um. Rache? Davon hast du auch nichts als freie Station bei verschlossenen Türen, wenn's herauskommt. Und es kommt doch von hundertmal achtzigmal heraus. Aber natürlich, wenn's dir Spaß macht – nur, weißt du, eine schöne Leiche kann mir nichts mehr nutzen, denn daß das Mädel vorher ihr Testament zu meinen Gunsten machen sollte, ist nicht wahrscheinlich, weil sie mir nicht geistig gestört vorgekommen ist. Im Gegenteil, höchst aufgeweckt sieht sie aus – gefällt mir überhaupt, das Mädel! Hat Schneid – und ich liebe Schneid an den Weibern!«

Max Graßmann machte nach dieser Erklärung ein paar Gänge durch das große, mit Möbeln überfüllte, chypreduftende Zimmer und fuhr dann fort:

»Es ist überhaupt sehr freundlich von mir, daß ich dich nicht frage: Warum hast du dich über diesen Punkt nicht vorher versichert, ehe du mich herkommen ließest? Schwamm drüber. Hans Truchseß saß nicht allein dahinter – das – das muß noch von anderer Seite kommen. Na, woher's kommt, ist schließlich einerlei. Und wegen der übrigen Chancen – weißt du, madame mére, daß dein Plan eigentlich eine verfluchte Niederträchtigkeit ist – ich meine das – das, was du mir da eben suggeriert hast –«

»Sag' mir etwas Besseres«, zischte sie, als er einhielt.

»So'n korrekter Weg, wenn's möglich wäre, ist mir sympathischer«, sagte er, vor einem Spiegel Halt machend. »Ich habe nämlich puncto Ehre nicht mehr allzuviel aufs Spiel zu setzen – was? Eben darum? Nu nee, eben deswegen nicht. Wenn ich wieder an die Spitze kommen will, darf ich von der graden Linie auch nicht einen Seitensprung machen – na, und das, was du vorschlägst, wäre eigentlich eine ganze Landpartie. Wir haben ja noch Zeit – Augenklappern hat bis dato noch nicht versagt. Hoffentlich hat das Mädel noch keinen anderen im Kopf – – freilich dann . . .«

Er zuckte mit den Achseln.

»Dann ist die ›verfluchte Niederträchtigkeit‹ der letzte Notanker«, vollendete Frau von Graßmann bitter.


»Na, na!« machte er, und hinter ihren Sessel tretend, beugte er sich zu ihr herab. »Wirklich nichts mehr im Sparstrumpf, Mama?« fragte er blinzelnd.

»Ich habe dir mein Sparkassenbuch gezeigt: der letzte Restbetrag ist abgehoben und dir, laut Postquittung, zugegangen!« erwiderte sie hart.

»Na und sonst – irgendwo liegt doch noch was auf der hohen Kante – ich bin ja groß, ich reiche schon hinauf!«

»Ich besitze nichts, nichts in der Welt mehr außer den paar elenden Diamantringen, und die brauch' ich zum Ausputz meines lieben Ich. Freilich – Simili tut's auch, aber es kommt beim Verkauf nicht viel heraus. Das hab' ich erfahren, als ich voriges Jahr in meine Diamantbrosche Simili fassen ließ. »

»Na, und ich habe noch fünfzig Mark fürstliches Vermögen. Langte kaum dritter Güte bis Hamburg – – Überfahrt über die große Pfütze muß dann natürlich auf so einem Wasserfuhrwerk abgearbeitet werden –«

»Wenn du klug bist, kannst du dir das ersparen!«

»Klug! Dazu braucht man nicht klug zu sein, Mamachen nur eine ausgewachsene, gewissenlose Canaille. Am Ende sitzt die aber in einem – –«


Trixens Diner war, was die leiblichen Genüsse und die äußere Ausstattung anbetraf, ein Erfolg: für sie aber bedeutete es eine Frucht vom Baume der Erkenntnis, deren Genuß ihr Seelenleben erschüttern sollte.


Als erster der erwarteten Gäste erschien Hans Truchseß und zwar kam er eine gute Viertelstunde vor der festgesetzten Zeit an und erfuhr auf seine Frage nach Frau von Graßmann daß sie eben in den großen Empfangssaal getreten sei – einen für gewöhnlich unbenutzten Raum mit weißlackierten, in Gold und Grün abgesetzten Paneelen, den Graf Zell mit den berühmten geschnitzten und vergoldeten Louis-XV.-Möbeln gefüllt hatte, die er kühl an eines Rothschild Nase vorbei auf der Auktion eines fürstlichen Schlosses in Tirol angekauft hatte – Möbel mit weißseidenem Damast bezogen, die jedes Museums würdig gewesen wären, die aber jetzt erst durch Frau von Graßmann eine Aufstellung erfahren hatten, welche den Raum nicht nur künstlerisch schön, sondern auch wohnlich machte. Sie stand, stattlich und vornehm aussehend, wie eine Marquise des Ancien régime in ihrem schwarzen, schleppenden Samtkleid und ihrem weißen, lose frisierten Haar, an einem der ovalen Tische mit polierter Platte von Giallo antico und ordnete mit ihren weißen, schlanken, diamantenfunkelnden Händen die blaßlila Chrysanthemen in einer kostbaren Jardiniere und drehte nur halb den Kopf bei dem Eintritt ihres Neffen um.

»Du bist ja von einer großartigen Pünktlichkeit«, begann sie, aber er unterbrach sie sofort.

»Ich wollte dich sprechen, Tante Sophie, ehe die andern kommen. Ist's wahr, daß Max seit vorgestern abend hier in Frauensee ist?«

»Hier? Nein. O nein! Er hatte ja natürlich keine Ahnung, daß das nur Anlaß zu Redereien gegeben hätte und ich habe ihn daher sofort beim Oberförster untergebracht, der im Sommer Zimmer vermietet!«

»Er hatte natürlich keine Ahnung –! Tante Sophie, mach' mir doch das nicht weiß ! Als ob Max nicht gewußt haben sollte, daß du nicht Ehrendame bei einer alten Jungfer spielst –«

»Ich muß wohl vergessen haben, ihm zu schreiben, daß Fräulein von Dornberg ein junges Mädchen ist!«

Hans Truchseß hatte Mühe, das, was heiß in ihm aufstieg, niederzukämpfen. Es hatte keinen Zweck, heftig zu werden, damit war Frau von Graßmann, die wie ein Bild reinster Unschuld vor ihm stand, nicht beizukommen.

»Donnerwetter, das ist starker Tobak«, murmelte er durch die Zähne, aber doch laut genug, um von ihr gehört zu werden. Sie zuckte aber mit keiner Wimper.

»Es ist wirklich sehr angenehm, daß der Oberförster Gäste aufnimmt«, sagte sie im harmlosesten Gesprächstone. »Damit ist ja allen Redereien gleich vorweg die Spitze abgebrochen. Ich war nur froh, daß mir das gleich einfiel. Max ist so impulsiv, weißt du – den Gedanken fassen und herkommen, war eins; kein Brief, keine Depesche, die mich vorbereitet hätte.«

»So so – Max ist also jetzt so impulsiv geworden!« erwiderte Hans Truchseß trocken. »Er wird dir denn wohl auch gesagt haben, warum er gekommen ist.«

»Natürlich! Um mich vor seiner Abreise nach Neuguinea noch einmal zu sehen. Das ist vielleicht ein Abschied fürs Leben –«

»Und wie lange will er hier bleiben?«

»Was du dich auf einmal für deinen Vetter interessierst! Nun, vielleicht bis morgen oder übermorgen – vielleicht auf ein paar Tage länger –«

»Tante Sophie, laß dir etwas sagen«, rief Truchseß mit gedämpfter Stimme, aber doch scharf und schneidend. »Ich mache es dir zur heiligen Pflicht, mit allen Mitteln zu verhindern, daß Max sich deiner Schutzbefohlenen, daß er sich Beatrix Dornberg nähert!«

»Du machst es mir – ja um alles in der Welt, mein lieber Hans, mit welchem Rechte?« Frau von Graßmann war einen Schritt zurückgetreten und ihr Blick maß ihren Neffen von oben bis unten.

»Mit dem Rechte der Freundschaft, die Trix mir geschenkt hat«, erwiderte Truchseß fest. »Mit dem Recht ferner, das gewisse Dienste mir über Max gegeben haben, und endlich mit dem Recht, das jeder Ehrenmann sich nehmen muß, wenn er Grund hat zu vermuten, daß ein junges, unerfahrenes und schutzloses Mädchen in die Schlinge eines Vogelstellers gelockt werden soll, der nicht mehr das Recht hat, als Bewerber um die Hand der Tochter eines unbescholtenen Hauses aufzutreten. Und dieses dreifache Recht werde ich schonungslos zur Geltung bringen, wenn Max mit dieser – – unerwarteten Reise hierher tiefere Pläne verbunden haben sollte.«

Frau von Graßmann war um eine Schattierung blässer geworden als gewöhnlich.

»Du siehst Gespenster, lieber Hans«, erwiderte sie mit leichtem Kopfschütteln. »Was sagt denn deine Braut zu diesen ritterlichen Anwandlungen für andere junge Mädchen?«

»Meine Braut würde es bitter empfinden, wenn ich solche ›Anwandlungen‹, wie du es zu nennen beliebst, nicht hätte«, war seine heftige Antwort. »Aber lassen wir gefälligst meine Braut aus dem Spiel – mich mit ihr in dieser Angelegenheit zu verständigen, ist meine Sache.«

»O natürlich! Ich dachte nur – doch lassen wir das. Jedenfalls ist Fräulein von Dornberg durchaus nicht das schutzbedürftige Täubchen, für das du sie hältst: sie hat einen sehr unabhängigen Willen und eine sehr scharfe Zunge –«

»Trix?«

»Nun, man kann es ja auch ein – ein gutes Mundwerk nennen, wenn ›scharfe Zunge‹ dir zu hart klingt. Ferner hat sie einen Vormund –«

»Das ist's ja, daß sie keinen hat! Hätte sie einen Vormund, dann wäre die Sache enorm einfach. Es war eine hirnverbrannte Idee von Onkel Zell, dies junge Wesen majorenn erklären und unabhängig von jeder Autorität als Erbin über ein solches Vermögen einzusetzen! Das heißt ja einfach, sie dem ersten besten Glücksritter überantworten!«

»Keinen Vormund?« wiederholte Frau von Graßmann. »Ich dächte, Justizrat Klaus –«

»Ist nur Vertrauensperson«, erwiderte Hans Truchseß und setzte zwischen den Zähnen hinzu: »Sonst hätte er sich besser nach den Familienverhältnissen von Trix' Ehrendame erkundigt.«

»So, so!« machte Frau von Graßmann zerstreut auf den ersten Teil dieser Antwort. »Justizrat Klaus hat also hier nichts zu sagen – so wenig wie du zum Beispiel, mein lieber Hans. Und doch – solltest du es nicht gewesen sein, der sich bemüßigt gefühlt hat, Fräulein von Dornberg gewisse Ratschläge zu erteilen – – bezüglich der Einladung von Max zum heutigen Diner in der Abtei?«

»Gewiß, Tante Sophie«, gab Hans Truchseß ohne Zögern zu. »Wozu ist man eines Menschen Freund, wenn man nicht mindestens gut dazu wäre, ihn vor fatalen Schritten zu bewahren? Was weiß denn Trix von solchen Sachen? Aber ich meine, du müßtest mir herzlich dankbar dafür sein, daß ich deinem Sohn die unangenehme Situation erspart habe, von den männlichen Gästen des Hauses geschnitten zu werden, wie es Max zweifellos heut' passiert wäre. Ich weiß, wie mein Schwiegervater darüber denkt.«

Frau von Graßmann öffnete die Lippen zu einer Antwort, aber der Eintritt von Trix schnitt ihr das Wort ab. Die junge Herrin der Abtei sah reizend aus in ihrem weißen, von Spitzeneinsätzen durchbrochenen Kleide – einem Kunstwerk aus den Händen ihrer »Perle von einer Kammerjungfer« und als einzigen Schmuck trug sie nur eine herrliche La-France-Rose im Gürtel.


»'n Abend, Hans!« begrüßte sie strahlend ihren ersten Gast und fügte auf seinen bewundernden Blick hinzu: »Fein seh' ich aus, was? Meine Kammergans behauptete sogar: wie ein Traum, womit sie natürlich mein Kleid gemeint hat. Wenn's nur nicht so mordsdünne wäre – zum Bäumeklettern und Gräbenspringen ist es jedenfalls nicht. Aber der Unterrock von dicker weißer Seide gibt der Sache einen gewissen Halt, hat sie gesagt – – paß mal auf, wie's ›Froufrou‹ macht, wenn ich gehe! Aber dir müssen wir eine Blume fürs Knopfloch suchen, Hans – dort, die rosa Nelke aus der Vase. Da – nun bist du piekfein! So'n Schniepel ist doch eigentlich ein zu dummes Kleidungsstück, aber dir sitzt er wie angegossen. Papas Schniepel waren ihm immer in der Taille zu kurz. Finden Sie nicht auch, Frau von Graßmann, daß Hans famos im Frack aussieht? Als ob er für ihn erfunden wäre.«

»Ich werde mich in acht nehmen und meinen Neffen zu seinen sonstigen hervorragenden Eigenschaften auch noch eitel machen«, erwiderte Frau von Graßmann nicht ohne Hohn. »Außerdem ist das Lob seiner Person doch mehr die Sache seiner Braut.«

»Schwupps – da hätten wir den Wischer ja weg«, lachte Trix seelenvergnügt. »Ich sehe nicht ein, warum ich aus meinem Herzen eine Mördergrube machen soll und erkenne an, wo es was anzuerkennen gibt. Sie zum Beispiel, Frau von Graßmann, sehen zwar immer mordsfein aus, heute aber ganz extra. Na, bin ich nicht großmütig?«

»Sehr!« sagte Frau von Graßmann trocken. »Elise hat Ihr Kleid aber wirklich ganz tadellos gemacht!«

»Wie ein Traum«, persiflierte Trix den verzückten Augenaufschlag ihrer Zofe. »Halt – ein Wagen! Das Kaluder aus Freienwald!«

»Kalu – aber Fräulein von Dornberg!«

»Solch' hartfedrige Breaks mit Ledertuchplane nennt man Kaluder – wahrscheinlich ist der Ausdruck ›Kalesche‹ zu fein für solchen Affenkasten«, erklärte Trix unbewegt. »Nun stellen Sie sich in Positur, Frau von Graßmann, zum Empfange von Ihren lieben Richters mit den drei Lulatschen! Bitte, das war Ihr Ausdruck –«


Herr Richter hatte einen etwas vorsintflutlichen Frack angelegt, der auf dem Rücken noch dazu zwei hübsche Falten schlug, dafür aber im Gegensatz zum Frack von Trixens Vater in der Taille zu lang war. Der knorrige Charakterkopf des alten Herrn sah wunderlich genug aus dieser Schneidersünde mit dem kumtartigen Kragen heraus und sein Besitzer fühlte sich auch ganz offenbar nicht behaglich in dieser Herrlichkeit – ein Faktum, das er Trix als teilnahmsvoller Zuhörerin sofort vertraulich mitteilte. Sein einziger Trost dabei war: der junge Rindig, der »Schwuchtlümmel«, sähe in seinem Schniepel auch aus wie ein »Nilpferd im Ballettkostüm«, was Trix zwar nicht ganz unrichtig fand, aber etwas ungütig als Vergleich für den jungen Menschen, für den sie jene Sympathie hatte, die aus dem »Herzen auf dem rechten Flecke« entspringt – und das hatten beide wirklich. Zwar hielt Frau Richter, die in ihrem Lilaseidnen vorzüglich aussah, zu Hause ihrem Alten später eine kleine Gardinenpredigt, weil er mit einer jungen Dame, die noch dazu die Herrin der Abtei und seine Wirtin war, seine Toilettenqualen besprochen hatte, aber das ließ er nicht gelten.

»Die Beatrix Dornberg ist eben ein ganz anderes weibliches Frauenzimmer, als ihr's gewöhnt seid«, meinte er. »Das macht, weil sie eine männliche Erziehung hatte und ihr die Zimperlichkeit fehlt, die euch alle zwingt, in Ohnmacht zu fallen, wenn ihr das Wort ›Hosen‹ hört. Wenn ihr euch aber bloß die Mühe geben wolltet zu überlegen, daß die Hosen doch ein sehr anständiges Kleidungsstück sind. Sie tragen, ja, das paßt euch Weibsleuten, aber harmlos davon sprechen, wie von einer Bluse oder von einem Schnupftuch – beileibe nicht! Na, und ohne Bluse wäret ihr ebenso inkomplett wie wir ohne unsere Beinfutterale. Es ist eine kuriose Welt, das!«

Wenn nun weder Herr Richter noch der junge Rindig im Frack eine besondere Figur machten, so retteten dafür Fritz von Rheinfeld und Herr Syrop die Ehre des Hauses, denn wenn der erstere einfach tadellos war, so repräsentierte der zweite die Mode auf ihrer Höhe, und diese Tatsache, verbunden mit einem guten Diner, hatten ihn veranlaßt, die Einladung in die Abtei trotz des dort erhaltenen Korbes anzunehmen und »der dummen Gans dort zu zeigen, was sie sich leichtsinnig verscherzt und auf ewig durch die Lappen gejagt hatte.«

Trixens freundliche Begrüßung erweckte im Busen dieses von seinen Vorzügen so tief und unerschütterlich überzeugten Jünglings den schwarzen, aber schmeichelhaften Verdacht, daß sie anfinge zu bereuen und sich wieder um seine Gunst bemühe, und das machte ihn nur noch »pärschiger«, wie es die gute Frau Richter, innerlich wütend auf den »dummen Jungen«, nannte. Nachdem nun noch der Pater in seiner besten Reverende mit der neuen schwarzseidenen Schärpe hinzukam und die Vier aus Weißenrode erschienen, war die Gesellschaft komplett. Die imposante, immer noch auffallend schöne Erscheinung der Gräfin Rablonowska in rubinroter Damastrobe und kostbaren, alten Honitonspitzen gab dem schönen, zartgetönten Raum einen warmen, leuchtenden Ton und die aparte, tannenschlanke, vornehme Erscheinung der Gräfin Phroso in weißem Panne war nach Trixens Dafürhalten weit mehr »ein Traum« als ihr eigenes, sehr reizendes Ich.


»Phroso, du siehst aus wie die Schneekönigin!« rief sie in ihrer rückhaltlosen Bewunderung der reifen Weltdame. Und dann zu Hans Truchseß gewendet: »Ist sie nicht wunder – wunder – wunderschön?«

»Phroso ist immer schön, ob sie Homespun trägt oder Hermelin«, erwiderte er lächelnd, aber sehr ruhig.

»Und das sagst du so kalt wie – wie ein Eisbär«, rief Trix vorwurfsvoll.

»Soll er etwa vor mir auf die Knie sinken und eine Rhapsodie deklamieren?« fragte Phroso achselzuckend und der Herzog von Lochlomond meinte lachend:

»Übel zu nehmen wär's ihm nicht, was, Truchseß?«


Das Diner an sich war, dank Frau von Graßmann, wie gesagt, ein Erfolg: Die Unterhaltung war infolgedessen sehr angeregt und ohne die verhängnisvollen Pausen, in welchen nach einer poetischen Auffassung ein Engel durchs Zimmer fliegt, während eine andere Version will, daß sie einen jener seltenen Momente bedeuten, in denen ein Leutnant seine Schulden bezahlt. Trix saß drollig ehrbar zwischen Seiner Exzellenz, (dem Grafen Rablonowski nämlich, denn sein vierbeiniger Titelkollege war schnöde in Trixens Zimmer verbannt, um eine Belästigung der Gäste zu verhüten), und Herrn Richter, amüsierte sich mit den beiden »alten Onkels« aber ganz gut, das heißt sie schwatzte wie ein Mühlrad. Nur die schöne Phroso zwischen ihrem Verlobten und dem hyperfeinen Syrop war etwas einsilbig. Syrop machte ihr mit einer Heftigkeit die Kur, die seinen Groll verriet und Herrn Richters braune Rechte zum Zucken brachte. Sie war etwas einsilbig, aber sie war ja niemals lebhaft und darum fiel's nicht auf, nur Trix, die sie anders gesehen hatte, bemerkte es und Beobachtung war doch sonst Trixens Sache nicht!

Wie das so geht, wurde an der Tafelrunde über vielerlei gesprochen: Landwirtschaft, Politik, Theater, Literatur (aber nicht zu viel), Tagesneuigkeiten, Klatsch und jenes süße Nichts, das der Engländer »bosh«, der Franzose »potage« und der Deutsche »Blech« nennt. Nur über eins sprach man nicht: über Max Graßmann. Kein Mensch nannte seinen Namen, so daß Trix schon zu glauben begann, man wüßte es gar nicht, daß er sich in Frauensee aufhalte, und Frau von Graßmann schien das auch nicht aufzufallen, denn sie glänzte so mit ihrer gesellschaftlichen Begabung, daß es sicher ihr Verdienst war, daß der immerhin kleine Kreis, der aus so verschiedenen Elementen zusammengesetzt war, sich trotzdem so gut ineinander fand, wie denn auch die geschickte Tischordnung ihr Werk war, an dem Trix nichts auszusetzen fand, trotzdem sie ehrlich erklärte, lieber zwischen »den jungen Dächsen« sitzen zu wollen, aber sie sah ein, daß das nicht ging, daß sie vielmehr hier als Hausfrau zu präsidieren hatte, und das war immerhin alles mögliche für Trix. Das Totschweigen dieses einen Namens zeigte Frau von Graßmann, wie sehr recht ihr Neffe gehabt hatte, als er Trix seinen Rat erteilte, für dessen Ausführung sie ihrer jungen Brotherrin einen so tiefen Schnitt aufs Kerbholz gesetzt hatte, aber ihn auszulöschen darum, fiel ihr nicht ein. Vielleicht, so ging es durch ihren Kopf, vielleicht hätte er doch etwas durchgesetzt, wenn er hier erschienen wäre – man muß nur den Mut haben und den Stier bei den Hörnern fassen. Sie glaubte nicht, daß von gesellschaftlich so geschulten und abgeschliffenen Leuten wie Seiner Exzellenz und dem Herzog etwas so Rüdes wie »Geschnittenwerden« zu riskieren war, und wenn sie sich über ihren Sohn in etwas nicht täuschte, so war es seine Gewandtheit, mit der er hier, wenn auch nicht einen Sieg, so doch eine halbe Rehabilitierung erreicht hätte. Die andere Hälfte zu erringen, war dann Kinderspiel. Und diese Chance hatten ihm sein leiblicher Vetter und der eigensinnige Blondkopf dort an der Spitze der Tafel unter den Füßen weggenommen! Frau von Graßmann mußte die Zähne zusammenbeißen bei diesem Gedanken, und unter ihren schweren Lidern fuhr zu ihrem Neffen ein Blick hinüber, der nichts weniger als freundlich war, und dann auf Trix, und dieser Blick war so haßerfüllt, so erbarmungslos, daß die Bezeichnung »mörderisch« für ihn nicht zu hart gewesen wäre. Und dabei lächelte ihr Mund und sprach geselliges Nichts.


Trix aber hatte den Blick aufgefangen, und er hemmte für den Augenblick ihren Wortstrom und gab ihr das Gefühl, als gösse ihr jemand kaltes Wasser den Rücken herunter.

»Hab' ich was Dummes geschwatzt?« dachte sie verblüfft, denn »Blicke« waren für derartige Sünden im Stift zumeist ihre Strafe von Tante Äbtissin gewesen, und Trix war viel zu harmlos, Haß und Rache in eines Menschen Blick zu lesen. Sie sah nach Hans Truchseß hinüber, ob der am Ende auch »glotzte«, wie sie's bei sich nannte, aber Hans Truchseß sah sie freundlich an und hob grüßend sein Glas. Sie nickte ihm ganz beruhigt und vergnügt lächelnd zu und dabei fing sie einen anderen Blick auf, einen Blick, den Phroso ihrem Visavis zuwarf, und was sie in dem Blicke von Frau von Graßmann nur vage empfunden hatte, das sprang dem harmlosen Wesen hier auf einmal so unzweideutig in die Augen, daß glühende Röte ihr Gesichtchen überflutete und daß sie das zum Gegengruß erhobene Glas mit so zitternder Hand niedersetzen mußte, daß es klirrend an die anderen anschlug, und Herr Richter sie schmunzelnd fragte, ob sie etwa »eine Rede schwingen wollte«.

»Kann ich auch«, versicherte sie, schnell gefaßt, aber was sie gesehen hatte, wollte ihr nicht aus dem Sinn. So hatte Phroso ihren Verlobten noch nie angesehen, das war ein Blick, wie er zu der anderen Phroso paßte, deren Bekanntschaft sie erst vorgestern zu ihrer größten Bestürzung gemacht hatte. Konnte es zwei Menschen in einem geben? Warum hatte dieser Blick sie so tödlich erschreckt, und warum hegte sie den Wunsch, daß Hans ihn nicht gesehen haben möchte? Nein, Hans Truchseß hatte weder diesen Blick gesehen, noch den seiner Tante, und er hatte auch, weil er das Glas gerade niederstellte, nicht die glühende Röte bemerkt, die Trixens Gesicht übergoß, sonst wäre er vielleicht ihren Augen gefolgt . . . Zudem erhoben sich eben Seine Exzellenz zu einer mit vielen »ahem!« und »ähs!« gespickten Rede auf seine liebenswürdige Gastgeberin, und diese rhetorische Tat heftete die Augen seiner Angehörigen und derer, die es werden wollten, verlegen auf ihre Teller, denn welche Verdienste Seine Exzellenz auch sonst haben mochten – ein Redner war Graf Rablonowski nicht. Trix dankte sehr nett und passend mit einem kurzen Toast auf ihre Gäste – aber nichts steckt so sehr an, als Tischreden, und Herr Syrop, leicht angesäuselt von den guten Weinen, Phrosos heliotropduftender Nähe und dem Besitze seines hypermodernen Frackes, fühlte sich mächtig dazu angefeuert, seine demosthenischen Begabungen leuchten zu lassen, und nur seines Nachbarn Rindig eiserne Faust hielt ihn durch unbarmherziges Ziehen an den tadellosen, seidengefütterten Frackzipfeln vom Erheben zurück, und des Freundes und Studiengenossen liebevolle Stimme raunte ihm ins Ohr, »er hätte hier weiter nichts zu halten, als das Maul, und wenn er sich unterstünde, zu mucksen, würde er ihn am Kanthaken nehmen und umgehend an die frische Luft befördern.«

Nun kannte aber Herr Syrop seinen Freund Rindig und dessen Riesenkräfte, er wußte auch, daß Freund Rindig selten sprach, daß er aber immer das tat, was er versprach. Er konnte sich also diesen Argumenten nicht verschließen, und darum blieb Herrn Syrops Rede ungeredet und Herrn Richter ein gründlicher Ärger erspart. Dafür wurde der junge Mann nun melancholisch, und als man sich nach dem Dessert mit dem uralten feurigen Tokayer erhob, brach er in ein so herzbrechendes Schluchzen aus, daß Rindig und Rheinthal ihn so schnell und so still wie möglich in ein Nebenzimmer beförderten, wo er den Rest des Abends friedlich verschlief und erst erwachte, als die unsanften Püffe seiner Freunde ihn daran mahnten, daß der Wagen vorgefahren sei und Herr Richter ein Donnerwetter über sein benebeltes Haupt vorbereite.


Ehe es aber so weit war, nahmen Trixens andere Gäste den Kaffee in zwanglosen Gruppen ein, und Trix proklamierte eine allgemeine Freiheit des Rauchens. Sie hatte sich zuvor mit den anderen Damen zu Frau von Graßmanns Verwunderung darüber verständigt, und als letztere dem in einem nicht ganz unverständlichen »beiseite« einen etwas scharfen Ausdruck gab, den Trix natürlich hörte, weil er für sie berechnet war, da erklärte sie ebenso und nicht ohne Würde, in ihres Vaters Hause hätte sie seit ihrem fünfzehnten Jahre die Hausfrau vertreten, daher wüßte sie, was man in dieser Lage zu tun hätte, und weder ihr Vater noch sonst jemand hätte je etwas dabei gefunden. Das war nun freilich eine Selbsttäuschung.

Trix hatte aber vermöge ihrer Originalität das Glück bei den Leuten, daß ihr nicht nur vieles durchgelassen wurde, was anderen, figürlich gesprochen, Kopf und Kragen gekostet hätte, sie hatte auch die merkwürdig überzeugende Art dazu. Gräfin Rablonowska teilte ganz die Abscheu ihrer weiblichen Landsleute vor dem Geruch des Tabaks, und ein Raucher im Salon war ihr der Inbegriff alles dessen, was als »shocking« auf dem Index der englischen Gesellschaft steht. Aber hier hatte sie der Sache als etwas ganz Selbstverständlichem zugestimmt. Sie hatte auch freundlich genickt, als gleich nach dem Aufbruch von der Tafel Hans Truchseß mit einigen halblaut gesprochenen Worten an sie herantrat, und dann hatte sie unter dem Vorwande, den tadellos sitzenden Gürtel ihrer Tochter zurechtzurücken, diese in eine Fensternische gezogen und ihr zugeraunt:

»Ich möchte, daß du Trix auf eine Woche oder auf zwei zu uns einladest. Es soll von dir ausgehen, weil ich nicht umhin könnte, Frau von Graßmann mit einzuladen, und das will ich dieses Mal unter allen Umständen vermeiden –«

»Gib dir keine Mühe, Mama«, unterbrach Phroso ihre Mutter in schlechtester Laune, »Trix ist absolut nicht der Geschmack von Angus Lochlomond!«

»Mir ist es eigentlich noch nicht aufgefallen«, erwiderte die Gräfin mit einem raschen Blick auf ihre Tochter. »Ich traue auch Angus gar nicht den schlechten Geschmack zu, Trix nicht hübsch zu finden. Aber das ganz beiseite – es handelt sich darum –«

Wieder ließ Phroso ihre Mutter nicht ausreden.

»Es ist geradezu eine Schande, wie ihr Angus diese Trix auf dem Präsentierteller anbietet«, rief sie blaß vor Zorn und mit sprühenden Augen. »Trix kann kommen, wenn Angus wieder fort ist, denn so lange er bleibt, ist es direkt indezent, sie einzuladen!«

Damit entfloh sie der Fensternische und ihrer Mutter, welche ihr mit einem ganz eigenen Ausdruck in den schönen und angenehmen Zügen folgte und alsbald Gelegenheit nahm, ihrem künftigen Schwiegersohne das Resultat ihrer Mission mitzuteilen – in etwas milderen Worten.

Truchseß öffnete seine Augen erstaunt.

»Das ist Phrosos Auffassung?« fragte er. »Darauf bin ich allerdings nicht gekommen, das heißt ich habe es mir nicht überlegt. Vielleicht hat sie nicht unrecht, aber es wäre von zwei Übeln das kleinere. Weiß Phroso, daß ich es war, der darum gebeten hat?«

»Phroso hat mich in ihrer sittlichen Entrüstung gar nicht dazu kommen lassen, das zu sagen«, erwiderte die Gräfin trocken.

»Im übrigen bin ich ganz Ihrer Meinung, lieber Hans, so lange Herr von Graßmann in der Gegend ist und seine Mutter sicherlich hier in der Abtei besucht, wäre es besser, wenn Trix bei uns wäre. Ob nicht am Ende Frau Richter – sie ist ja eine einfache Frau und gehört nicht zu unseren Kreisen, aber –«

»Verzeihen Sie, wenn ich lache«, sagte Hans Truchseß amüsiert, »aber damit würden wir den Bock zum Gärtner machen! Richters mit ihren drei ›Lulatschen‹, von denen einer Trix schon Herz und Hand angetragen hat!«

»Oh!« machte die Gräfin entsetzt, aber dann mußte sie lachen. »Welcher war es denn?« fragte sie neugierig.

»Diskretion ist Ehrensache«, meinte Hans heiter, und damit wurde auch Herrn Syrops Brautwerbung zum Gliede in der Kette von Umständen, welche sich um Trixens Schicksal schlang. Ohne die heitere Seite dieser Episode, welche dem Gespräch jene Richtung gab, wäre es wahrscheinlich zu einem Einverständnis gekommen, das den Dingen eine andere Wendung gegeben hätte, ehe es zu spät war. Denn der alte Spruch von den kleinen Ursachen und den großen Wirkungen ist nicht ohne tiefen Sinn.

Die augenblickliche Fortsetzung des Gespräches störte übrigens Trix selbst, indem sie der Gräfin eine Tasse Mokka brachte, mit welchem sich diese neben Frau Richter auf ein Sofa zurückzog. Denn wie die Gräfin auch über die gesellschaftliche Stellung ihrer Gutsnachbarin denken mochte, darin war sie viel zu sehr große Dame, als daß sie dieselbe in dem Kreise, in welchem sie ihr begegnete, nicht als zugehörig behandelt hätte. Solche Verstöße begehen nur Leute, die sich gesellschaftlich selbst nicht ganz auf der Höhe fühlen.

»Hast du schon einen Likör bekommen?« fragte Trix, als sich die Gräfin mit ihrem Kaffee entfernte.

»Danke, nein«, erwiderte Hans, »ich habe diese schreckliche Manier, alle möglichen Spirituosen durcheinander in den Magen zu gießen, nie als den Höhepunkt des Genusses betrachtet. Der unvermeidliche Kater hat mich zu dieser Weisheit gebracht, die viele ihr ganzes Leben lang nicht erringen. Hoffentlich hast du keinen moralischen Kater nach deinem Strauße mit Tante Sophie!«

Trix holte tief Atem und lachte dann. »Es war eine harte Sache, Hans«, gestand sie. »Frau von Graßmann konnte absolut nicht begreifen, weißt du, und einer Mutter zu sagen, daß man ihr Kind gewissermaßen ausstößt aus seiner Gesellschaft – pfui, da kommt man sich wie ein Henker vor!«

»Arme kleine Trix«, murmelte Truchseß, »ja, ja, es kommt einem in diesem Leben manches Häßliche nahe und man muß doch Halt davor machen. Aber daß du's so empfunden und doch fest geblieben bist, Trix, das macht deiner Courage alle Ehre. Meine Mutter behauptete immer, daß Tante Sophie eine besondere Gabe besäße, das durchzusetzen, was sie wollte.«

»Oh«, meinte Trix einfach, »du hattest mir ja gesagt, was ich tun müßte und was recht ist, da wär's doch riesig schlapp gewesen, sich herumkriegen zu lassen.«

Da flog ein Leuchten über Hans Truchseß' Gesicht. »Hältst du so viel von meinem Rat?« fragte er leise.

»Natürlich«, erwiderte sie fast erstaunt über diese Frage und als ob es sich um etwas ganz Selbstverständliches handelte.

»Ich möchte dir noch einen geben, einen unverlangten«, sagte er zögernd, und als sie ihn erwartungsvoll ansah, setzte er mit gedämpfter Stimme hinzu: »Geh' nicht allein in den Wald, Trix, so lange Max Graßmann in der Oberförsterei ist.«

»Nanu«, meinte Trix lachend, »hast du Angst, daß er mich fressen wird? Dazu gehört doch noch einer, der sich's gefallen läßt.«

»So schlimm hab' ich's auch nicht gemeint, und du hast mich auch nicht ausreden lassen«, sagte er ernst. »Was ich sagen wollte, war, daß eine Begegnung mit Max unter den obwaltenden Umständen doch recht peinlich für dich wäre –«

»So, und da soll ich des hohen Herrn wegen hübsch artig in der Stube bleiben, nur damit die Begegnung mit mir in meinem eigenen Walde ihm nicht in die Nase steigt!« unterbrach Trix abermals, aber diesmal höchst entrüstet, des vorsichtigen Warners Rede. »Wenn es ihm nun beliebt, bis zum Winter beim Oberförster in der Sommerfrische zu bleiben, da kann ich hier immerzu eingesperrt sitzen. Na, das könnte mir gerade passen. Sonst noch was?«

»Da hätten wir ja in ein hübsches Wespennest gestochen«, meinte Truchseß, unwillkürlich lächelnd. »Trix, sei mal vernünftig«, fuhr er ernst fort, aber Trix machte ihm einen Knicks und sagte nur: »Danke schön für das Kompliment« mit so sprühenden Augen, daß es wirklich nicht leicht war, ernst zu bleiben.

»Sei nicht böse, es sollte keine Grobheit sein«, versicherte er. »Aber Spaß beiseite, Trix, tue, um was ich dich bitte. Nicht wegen Max, sondern um deinetwillen. Max kann nämlich sehr liebenswürdig sein, wenn er will, und hat eine fabelhafte Überredungsgabe, die er mit einer edlen Dreistigkeit verbindet.«

»Aha, und du fürchtest, ich möchte ihr unterliegen«, ergänzte Trix mit lustig blitzenden Augen.

»Ich fürchte, du möchtest dadurch belästigt werden«, ergänzte Hans, diesen Augen tapfer widerstehend. »Ich fürchte auch, Max ist jetzt ein wenig Desperado geworden – ich möchte dir wenigstens gern die Unannehmlichkeit ersparen, von ihm angesprochen zu werden, was ich ihm nämlich zutraue –«

»Als ob ich nicht antworten könnte!« sagte Trix mit sanftem Vorwurf.

»Du bist heut' so obstinat«, erwiderte er im gleichen Ton.

»Merkst du das erst heut'?« jubelte sie. »Ist ja meine hervorragendste Eigenschaft! Na, weil du das aber endlich erkannt hast, will ich dir auch schön für deinen guten Rat danken und mich gebührlich gegen diesen angenehmen Schwerenöter wappnen. Aber seinetwegen in der Bude bleiben, Hans, das kannst du nicht verlangen.«

»Verlange ich ja gar nicht, nur allein sollst du nicht ausgehen.«

»Werde mir Seine Exzellenz mitnehmen, der hat deinen lieben Vetter höllisch auf dem Strich. Ah, Herr Rindig! Haben Sie auch Kaffee bekommen?«

Siegfried Rindig hatte sich schon ein Weile um Trixens Nähe herumgedrückt und auf den günstigen Moment, mit ihr zu sprechen, geduldig gewartet. Wie er so neben ihr stand, die ihm wenig mit dem Kopf über den Ellbogen reichte, kam er Hans Truchseß wie ein mächtiger Leonberger vor, der ein Kind bewacht, und unter diesem Eindruck trat er ihm mit einem gewissen Gefühl der Beruhigung seinen Platz an ihrer Seite ab. Der junge, ungelenke Riese wurde natürlich furchtbar verlegen unter dem blauen Augenpaar, das sich ebenso natürlich an ihm zu weiden schien. Aber Trix hatte Jung-Siegfried gern, und darum unterdrückte sie großmütig den klassischen Vergleich, der ihr auf der Zunge lag.

»Ja, danke, ich habe Kaffee und alles«, hatte er auf ihre Frage geantwortet und dann nach einer Pause des fürchterlichsten Ringens mit seiner angeborenen Schüchternheit hinzugesetzt: »Aber ich möchte gnädiges Fräulein noch um etwas anderes bitten.«

»Ja? Ach, das ist nett von Ihnen! Schießen Sie los, Herr Rindig!«

»Darf ich? Gnädiges Fräulein sind so gut! Es ist nämlich – ich will auf ein paar Tage oder auf ein paar Wochen zum Oberförster von Frauensee – er vermiete Zimmer an Leute, die Landluft brauchen und Waldozon oder so was Ähnliches –«

»Ja, und weil Sie so wenig Landluft im Freienwald haben – Herr Syrop schnappt sie wahrscheinlich alle allein weg –

da wollen Sie sich beim Oberförster mal bene tun, ich verstehe«, fiel Trix mit vor Schelmerei sprühenden Augen ein. »Sie sehen aber eigentlich nicht krank aus, Herr Rindig.«

»N–nein, ich glaube nicht«, gab er zu. »Aber, sehen Sie, gnädiges Fräulein, das täuscht – ja – ich bin nämlich nervös–«

»Aber, Herr Rindig, Sie!« rief Trix, sich vor Lachen schüttelnd. »Sie, der Sie aussehen, als ob Sie Bäume ausreißen könnten. Nervöse Löwen gibt's doch nicht!«

»Doch – es soll sogar nervöse Elefanten geben«, erwiderte der junge Riese, von dem Lachen angesteckt. »Also ich ziehe morgen früh zum Oberförster –«

»Was sagt denn Herr Richter dazu?« unterbrach ihn Trix nicht ohne berechtigte Neugierde, denn da sie ihres Nachbarn Temperament kannte, so stellte sie sich Urlaubsgesuche seiner Volontäre wegen »Nervosität« als von einem höchst drastischen Ausbruch begleitet vor.

»Herr Richter ist ganz einverstanden«, war daher eine sie sehr überraschende Antwort. Aber freilich, der junge Rindig genoß beim alten Richter das meiste Ansehen unter dessen Volontären, weil er fleißig und zuverlässig war und nicht ausschließlich Dummheiten im Kopf hatte.

»Na, das ist ja famos«, sagte Trix, um eine schöne Hoffnung betrogen. »Und was soll ich dabei tun? Denn dem Oberförster hab' ich in puncto seiner Mietsleute nichts dreinzureden.«

»Nein, ich weiß, aber den Sommerfrischlern in der Oberförsterei ist natürlich ihr Terrain vorgeschrieben, wo sie Waldluft schnuppern dürfen –«

»Ja?« fragte Trix mit großen Augen. »Das habe ich selbst gar nicht einmal gewußt. »

»Ja, die Schneisen nach Weißenrode und Freienwald zu dürfen begangen werden, die nach der Abtei und nach Kroschwitz zu sind verbotenes Terrain. Und da wollte ich denn ganz gehorsamst bitten, auch dort spazieren gehen zu dürfen.«

»Aber natürlich – mit dem allergrößten Vergnügen«, sagte Trix erfreut, weil ihr Hans Truchseß' Warnung einfiel, die durch diese Information hinfällig wurde. »Bringen Sie nur auch Ihr Gewehr mit und schießen Sie so viel Böcke ab, als es Ihr Jägerherz freut – ich werde dem Oberförster morgen früh gleich sagen, daß er einen Jagdschein für Sie bereit hält.«

Rindig dankte seiner Gastgeberin erfreut, und Trix beschloß, Vater Richter weidlich zu necken, weil er einen »nervösen« Lulatsch unter seinem Dach beherbergte. Ehe sie aber noch dies Vergnügen verheißende Vorhaben ausführen konnte, wurde sie von der Gräfin angerufen, die sich bei Mutter Richters hausbackenen Gesprächen mit Anstand, aber entsetzlich langweilte und sie nun auf einen Fächer aufmerksam machte, den die alte Dame in der Hand hielt und der aus dem Brautschatz von Frau Richters Großmutter war. Das brachte Trixens Gedanken auf einen ähnlichen Fächer, den sie unter ihres Onkels Sammlung im Florentiner Zimmer gefunden hatte, und sie lief schnell davon, um ihn zu holen, weil die Gräfin Kennerin in diesem Artikel war und selbst eine schöne Fächersammlung besaß.


Der Fächer war schnell gefunden und Trix lief in dem ihr eigenen Sturmtempo die Treppe wieder hinab, als ihr der Gedanke kam, nicht die Halle zu durchkreuzen, wo der Graf mit Herrn Richter bei einer Zigarre und einem Glase Bier »fachsimpelte«, das heißt landwirtschaftliche Gespräche pflog, die Seiner Exzellenz aber absolut böhmische Dörfer waren, sondern durch die sogenannte kleine Bibliothek in den großen Salon zurückzukehren. Dieser Raum hatte eine Galerie, die seinen oberen Teil umgab, und von der man auf einer eisernen Wendeltreppe in den unteren Raum gelangte. Auf diese Weise war es möglich, die volle Höhe des Raumes zur Aufstellung von Büchern auszunutzen, während man diese Galerie von der Treppe nach dem Obergeschoß der Abtei betreten konnte, ohne erst durch den unteren Raum gehen zu müssen. Diesen Zugang wählte nun Trix, um die alten Herren in der Halle nicht in ihrer Behaglichkeit zu stören, aber noch hatte sie die offene Tür in der Hand, als sie unter sich Stimmen hörte, die englisch miteinander sprachen, und durch das weitläufige eiserne Geländer der Galerie sah sie Phroso an dem runden Mitteltisch des unteren Raumes stehen, den Rücken gegen die Kante und die weiße, liliengleiche Rechte, an der Hans Truchseß' Verlobungsring im Licht der Hängelampe funkelte, auf der grünen seidenen Tischdecke, zart und durchsichtig wie eine fremdartige Blume der Tropen. Neben ihr stand der Herzog von Lochlomond und sah mit einem gewissermaßen hilflosen Ausdruck in seinem offenen und guten Gesicht auf diese schöne Hand herab.

Trixens erste Eingebung beim Anblick dieser Gruppe war's, ein scherzhaftes Wort hinabzurufen und sie öffnete dazu schon die Lippen, als sie den Herzog sagen hörte:

»Ich gehöre zu den Pechvögeln, die immer zu spät kommen. Natürlich gerade da, wo man gern zurecht käme.«

Phroso lachte ihr leises, musikalisches Lachen, von dem Trix nun wußte, daß es nicht für die breiten Massen erklang, sondern nur Bevorzugten gespendet wurde. Darum hielt sie das schon bereite Wort auf den Lippen zurück und blieb, die Tür in der Hand, still stehen, denn wir wissen, daß Phroso sie seit einigen Tagen lebhaft interessierte.

»Zu spät kommen ist mitunter heilsamer als zu frühe«, hörte Trix sie sagen. »Es kann darum aber auch sehr ärgerlich sein, natürlich – sieh dich nur vor, Kusin, daß du nicht zu spät kommst, dir die Braut zu holen.«

»Das meine ich ja eben«, entgegnete der Herzog. »Dieser dumme Familienzank um das bißchen Erbschaft hat mich mehr gekostet, als ein Gemälde von van Dyck, und was sonst noch für Kinkerlitzchen dabei waren.«

»Ja?« fragte Phroso mit niedergeschlagenen Augen und unsicherer Stimme.

»Nicht, daß ich Truchseß sein Glück nicht gönnte; guter Junge, der Truchseß«, fuhr der Herzog nun seinerseits mit unsicherer Stimme fort.

»Nun«, fiel Phroso mit erhobenem Kopf ein, »nun – so schlimm wird's ja dann nicht sein. Was man einem anderen ›guten Jungen‹ noch gönnt, das gehört wohl in die Kategorie der leichten Verluste –«

»Phroso!« unterbrach er sie zurücktretend und blaß vor Erregung, »du sollst nicht das Herz eines armen Kerls verspotten, bloß weil er sich mit dem Unvermeidlichen, mit dem Unerreichbaren auf seine Art abzufinden versucht.«

»Woher weißt du denn, daß es unerreichbar ist?« fragte sie mit dem Augenaufschlag, der als ihre Spezialität in ihren Kreisen berühmt und bis jetzt unnachahmlich geblieben war.

Der Herzog trat noch einen Schritt zurück und wurde noch eine Schattierung blasser.

»Weil – weil – weil –« stammelte er, »weil Truchseß dich liebt und weil – Herrgott, Phroso – liebst du denn Truchseß nicht?«

»Nein!« kam es so hart und klar und mit grausamer Deutlichkeit von Phrosos Lippen, daß es Trix droben auf der Galerie plötzlich schwarz vor den Augen wurde und sie sich an die Türklinke klammerte, weil sie glaubte, eine Sturzwelle bräche über ihr Haupt hinweg und risse sie um. Aber nur einen Augenblick währte das, dann floh sie wie von Furien gepeitscht denselben Weg zurück, den sie gekommen war. Droben vor ihrer Tür stand sie still, weil sie sich plötzlich klar machte, daß sie ja noch andere Gäste drunten habe, als jene beiden in der kleinen Bibliothek. Zu lange hatte sie diese Gäste schon allein gelassen, weil sie – gelauscht hatte, einem Gespräch zugehört hatte, das nicht für sie bestimmt war. Trixens Wangen fingen auf einmal zu glühen an vor Scham, daß sie gelauscht, statt jenen beiden ihre Gegenwart anzuzeigen – sollte sie noch einmal zurücklaufen und offen und ehrlich sagen, daß sie alles gehört hatte? – oder war's nur der Anfang gewesen. Und sollte sie es Hans sagen? Mußte sie es Hans sagen? Bei diesem schrecklichen Gedanken wich wieder alles Blut aus Trixens Wangen, und die Zweifel über all das, was sie tun oder nicht tun sollte, trieben ihr die hellen Tränen in die Augen. Wenn nur jemand dagewesen wäre, den sie fragen konnte – Frau von Graßmann? Pah, die wäre die letzte, und sonst war ja niemand da außer dem Pater – natürlich, der Pater! Der wußte ja genau, was recht war und was unrecht, der allein konnte ihr in diesen Zweifeln helfen. Aber bis man dem Pater alles erklärt und bis der sich besonnen hatte, wurde es zu spät, und die Gäste mußten sich ja wundern, wo sie blieb, und sie für die unhöflichste Wirtin halten. Also mußte sie warten, bis alle fort waren. Natürlich mußte sie das, und wenn Trix einmal eingesehen hatte, daß sie etwas mußte, dann machte sie auch weiter kein Federlesens mehr. Aber langsamer als vorher und blaß bis an die Lippen stieg sie wieder hinab in die Halle, wo jetzt Hans Truchseß mit dem Pater am Treppenfuß stand und ihr Platz machte, als sie herabkam.

»Trix, was ist denn los? Hast du ein Gespenst gesehen?« fragte er, als sie vorbeiging, langsam, fast müde vorbeiging, wie es gar nicht ihre Art war.

»Mhm!« nickte sie und wollte weiter, aber er hielt sie zurück.

»Trix, du bist doch nicht etwa krank?«

Da quoll es ihr heiß in den Augen auf, aber heroisch zwang sie die schrecklich nahen Tränen zurück.

»Ach Unsinn – ich bin nie krank, als wenn ich mal überfuttert bin«, sagte sie mit einer ihr selbst ganz fremden Stimme und ging schnell weiter.

»Was hat sie – sie sah ganz blaß aus?« fragte Truchseß den Pater, doch der konnte natürlich keine Auskunft geben.

Trix fand die Gräfin im übrigen schon bereit zum Aufbruch vor, doch dauerte es, wie das so bei Landbesuchen üblich ist, noch eine Weile, bis es zum Wegfahren kam. Als dann Phroso und der Herzog dazutraten, wagte Trix kaum, der ersteren in die Augen zu sehen, aber die Beschämung über ihr eigenes Horchen wich bald einer gewissen Bewunderung über die kaltblütige Sicherheit, mit der Phroso erzählte, auf welch interessanter Entdeckungsreise durch diese Schatzkammer von einer Abtei sie mit ihrem Kusin gewesen wäre und was für reizende Sachen sie dabei gesehen hätte.

»Wo war denn nur Hans die ganze Zeit?« schloß sie, sich in ihrer halb apathischen Art umsehend, und nickte ihm leicht zu. »Ich dachte immer, du würdest uns nachkommen!«

Der Herzog war nicht so beherrscht und kaltblütig, sein sonst so frisches Gesicht war entschieden blaß, und er antwortete, wenn er angeredet wurde, zerstreut und kurz, aber das hörte nur Trix heraus, die mit einem Mal merkwürdig feine und scharfe Ohren bekommen hatte . . »Als sie dann aber noch zufällig dazu kam, wie Phroso beim Abschied hinter dem Schutz eines Türflügels den Arm um Hans Truchseß' Nacken legte und ihn küßte, da flammte eine heilige Entrüstung über so viel Falschheit in ihr auf und viel hätte nicht gefehlt, so hätte sie laut hinausgeschrien, was ihr das Blut in die Wangen trieb und ihre Augen förmlich sprühen machte.

Endlich war als letzter der Freiwalder Wagen fort und in der Abtei erloschen die Lichter. Trix wünschte Frau von Graßmann, die noch zu zögern schien, hastig eine gute Nacht und huschte dem Pater nach, der ohne Zögern in seine stille Klause zurückkehrte, froh, daß die Geschichte überstanden war, denn die Geselligkeit war nach der fast ungestörten Einsamkeit seines Daseins eine ungewohnte Arbeit für den alten Herrn. Daß Trix ihm noch ein Teilchen seiner Nachtruhe wegzunehmen kam, das bedauerte er nicht, denn sie kam mit einer Gewissensangelegenheit sozusagen; es gehörte zu seinem Amt, Rat zu erteilen, und dafür geizte er mit keiner Stunde seines jetzt so ruhereichen Lebens. Es dauerte eine ganze Weile, bis er aus Trixens überstürzten Worten verstehen und zusammenreimen konnte, um was es sich handelte. Aber mit etwas Geduld – und er besaß davon ein schier unerschöpfliches Maß – erfuhr er's doch.

»Liebe Tochter«, sagte er dann, »da Sie einsehen, daß es unrecht war zu horchen, so brauche ich diesen Punkt ja nicht weiter zu beleuchten. Sie haben ihn selbst scharf und schonungslos genug charakterisiert. Ihre Fragen, ob Sie der Gräfin Phroso die Sache eingestehen sollen und ob Sie den Herrn von Truchseß von dem Gehörten unterrichten müssen, muß ich aus bester Überzeugung mit ›nein‹ beantworten. Sie haben in der ganzen Sache weiter nichts zu tun, als gegen jedermann das gewissenhafteste Schweigen zu beobachten. Was Sie hörten, muß in Ihnen begraben sein, denn Sie würden nichts wie Unheil damit anrichten, wenn Sie sprächen. Erstens ist's gar nicht ausgeschlossen, daß Sie sich verhört haben. Nein, das haben Sie nicht? Hm! Aber die Gräfin Phroso könnte es behaupten, sie könnte alles leugnen wollen, so etwas ist schon oft vorgekommen. Doch lassen wir es als Spitzfindigkeit aus dem Spiel. Sicher ist, daß Sie das Gespräch in der Bibliothek nur in seinem Anfange gehört haben, was dann noch gesprochen wurde, entzieht sich so vollkommen Ihrer Beurteilung, daß Sie auch nicht den Schimmer eines Rechtes haben, zu Herrn von Truchseß zu gehn und Zwietracht zwischen ihn und seine Braut zu säen, an der es überdies ist, ihr Verlöbnis aufzuheben und sich mit ihrem Verlobten auseinanderzusetzen, ohne daß ein dritter sich darein mischt. Wäre irgend eine Gefahr, geistige oder leibliche im Verzuge, dann müßten Sie sprechen, aber Sie können sich darauf verlassen, daß beide Herrschaften ihre eigenen Angelegenheiten ganz allein in Ordnung bringen werden.«

»O ja«, sagte Trix müde. »Sie werden auch jedenfalls recht haben, aber das muß ich mir erst zurechtlegen. Augenblicklich zittert noch alles in mir.«

»Das glaub' ich gern«, erwiderte der Pater freundlich. »Die Früchte vom Baume der Erkenntnis sind, wie sie auch heißen mögen, alle bitter. Nur muß man sich davon nicht den Geschmack verderben lassen, wie es Ihr Onkel, mein armer Freund Zell, getan und wie es so viele noch tun. Es gibt noch viele andere Früchte in diesem Leben, die sehr süß und lieblich sind.«

Trix kehrte langsam und gedankenversunken in ihre Zimmer zurück und schickte ihre Perle von einer Kammerzofe hinaus, sobald sie deren letzte »Kreation« auf dem Gebiet der Schneiderei ausgezogen hatte. Auch der ihr wie rasend entgegenwedelnde Dackel konnte sie nicht auf andere Gedanken bringen; er zog sich daher gähnend in seinen Korb zurück, behielt seine junge Herrin aber scharf im Auge.

Trix war sehr unglücklich, sie war sozusagen ganz aus dem Geleise geworfen. So groß auch ihre Entrüstung war gegenüber der Heuchelei und Falschheit, die sie heut' zum erstenmal in ihrem jungen Leben so nahe gesehen hatte, so war es doch das Mitgefühl für Hans Truchseß, der Jammer um ihn, der ihr das Herz zerriß.

»Wie wird er es ertragen? Wie wird er es ertragen?« das war der Gedanke, der in Trixens Kopf unablässig hämmerte, während sie rastlos durch ihre Zimmerflucht lief und wieder hinaustrat auf den Söller, zu dessen Füßen der Frauensee schwarz und dunkel wie ein ungelöstes Rätsel in der schwülen, mondlosen, dunklen Sommernacht lag. »Wie wird er's ertragen, wenn er erfährt, daß seine schöne, herrliche, aparte Phroso, seine ›Lilie‹, ihn nicht mehr liebt, vielleicht nie geliebt hat. Ob es ihn töten wird? Gleich, auf der Stelle? Oder langsam und schleichend wie ein Gift? Alle seine Hoffnungen vernichten, all sein Lebensglück zerstören?«


Was Trix besonders verwirrte, war, daß Phroso trotz der Erklärung, daß sie ihren Verlobten nicht liebe, doch so zärtlichen Abschied von ihm genommen, ihn umarmt und geküßt hatte. Bereute sie und wollte sie gutmachen, was sie gegen ihn gesündigt, und war das Gespräch zwischen ihr und dem Herzog doch am Ende noch ganz harmlos verlaufen? Warum hatte sie dann dies schreckliche, harte, grausame »Nein« gesprochen, das Trix, der harmlosen Trix, noch so betäubend, so schmerzend in den Ohren dröhnte, als wär's die Posaune des Jüngsten Gerichts gewesen. Wäre Trix nicht bei jenem »Nein« aus der Bibliothek entflohen, so wäre sie jetzt weiser gewesen, denn da hätte sie erfahren, daß der arme liebeskranke Herzog noch nicht reif war, weil er Skrupeln hatte, ob es sich auch mit seiner und Phrosos Ehre vereinbaren ließe, Truchseß die Braut zu stehlen, meuchlings, und wo er sein Haus schon zu ihrem Empfang rüstete. Und so schwer waren diese Skrupeln, so fest und tief saßen sie noch, daß die schöne Phroso es für weise erachtet hatte, den Fisch nicht eher speisen zu wollen, ehe sie ihn gefangen hatte, und den Sperling in der Hand nicht eher fliegen zu lassen, so lange die Taube noch auf dem Dach saß. Und so war es gekommen, daß Judas Ischariot wieder einmal, nur in erheblich schönerer Hülle, geküßt hatte. Den Grund hierfür wußte Trix natürlich nicht und ahnte ihn auch nicht im entferntesten, sie suchte überdies auch gar nicht danach –.

Alles in der Welt wird einmal müde und ebbt wie die Flut, und so ebbte auf die Länge auch Trixens schmerzerfülltes Mitleid mit dem künftigen Weh des noch so ahnungslosen Truchseß. Es geschah, als sie in ihrem runden Turmzimmer um den runden Eßtisch lief, daß gerade wie die Kinder die Müdigkeit sie plötzlich überfiel. Sie sank auf den nächsten Stuhl und – gähnte.

Und wie Trix so saß, den arbeitenden Kopf für den Moment in dumpfer Ruhe, da schob sich ihres Dackels kalte Schnauze in ihre herabhängende Rechte und seine braune Pfote kratzte diskret an ihrem Kleid.


»Aha«, sagte sie, »Exzellenz meinen, es ist Zeit, schlafen zu gehen. Ich fürchte mich vor dem Bett, Exzellenz. Wir müssen erst mal versuchen, an was anderes zu denken. An was denn zum Beispiel? Mir fällt gar nichts ein. Mein Kopf ist so leer wie – wie die Stelle dort an der Wand. Warum hat Frau von Graßmann, als sie mir die Möbel hier stilvoll zurechtrückte, diese Stelle leer gelassen? Soll das schön sein? Es sieht aus wie ein Mund mit einer Zahnlücke. Ach, Exzellenz, es ist ja so egal, ob dort ein Möbel steht oder nicht, das tut uns nicht weh, aber wie schrecklich weh wird's dem armen Hans tun, wenn er wissen wird –. Nein, wir wollen daran jetzt nicht mehr denken. Gräßlich dumm sieht die leere Stelle dort aus – warum mir das bis heut' noch gar nicht aufgefallen ist! Solch eine Geschmacklosigkeit! Da muß etwas hingestellt werden – Morgen wird der Kredenztisch an die leere Stelle gerückt, und dann will ich Frau von Graßmann fragen, ob das nicht besser aussieht. Oder ich werde sie nicht fragen. Sie hat gleich so was – so was unbehaglich machendes, wenn's nicht nach ihrem Kopf geht. Wissen Sie was, Exzellenz? Wir wollen uns noch etwas geigen, und dann wollen wir schlafen –«

Und Trix erhob sich, müde und schwer, verlöschte die Lampe über dem runden Tisch und ging in das Florentiner Zimmer, wo auf dem Flügel ihr Geigenkasten stand. Sie nahm das Instrument heraus und strich prüfend über die Saiten, dieselben mechanisch stimmend. Trix brauchte aber eine Anregung, um daran und darum ihre kunstlosen Phantasien und Variationen zu knüpfen, ihre eigenen Gedanken zu spinnen. Aber jetzt wollte ihr weder eine Melodie, noch ein Gedicht einfallen, und zu den Gedanken, die ihr wieder aufstiegen, fand sie keine Harmonien, nur unzusammenhängende Akkorde und unlösbare Dissonanzen.

»So geht's nicht!« sagte sie mit einem ungeduldigen Seufzer und ließ den Bogen sinken. Da fiel ihr Blick auf eine Anzahl kleiner Hefte mit bunten Titelbildern, die sie drunten in der Bibliothek gefunden und mit hinaufgenommen hatte – »Der Spielmann« hieß die Serie, und der Titel hatte sie angezogen. Den Bogen in der Hand, im linken Arm die Geige, schlug sie das oberste der Hefte auf und fand gleich auf der ersten Seite, auf die ihr Auge fiel, ein kurzes Gedicht, das den Titel »Mysterion« von Thassilo von Scheffer trug. Und sie begann halblaut zu lesen:


»Du wirst allein mir folgen in den Tod,
Du stilles Wissen meiner tiefsten Not,
Du Hauch der Liebe, dran die Menschen sterben,
Du meiner Seele zitternder Gesang,
Du legst dich wie der Sonne Untergang
In Strömen Goldes auf zerbrochne Scherben.
Ach, einen Namen gebe ich dir nicht,
Auch du entquollst dem ewig frohen Licht,
Doch nur ein Fremdling bist du hier geblieben.
Schlaf ein, mein Herz! Dein Leben geht vorbei,
Das sei dein Trost; dann wirst du wieder frei,
Und grenzenlos darfst du dann wieder lieben.«


Das war mit einem Schlag eine ganz, ganz andere Trix, die jetzt das blasse Gesicht von dem bedruckten Blatt erhob und mit Augen, in denen ein eigenes, herrliches Licht leuchtete, vor sich hinsah, ohne etwas zu sehen.

»Du Hauch der Liebe, dran die Menschen sterben«, wiederholte sie leise. »Das also war's? Darum schnitt sein Leid mir so ins Herz? ›Du meiner Seele zitternder Gesang!‹ O ja, jetzt verstehe ich alles. Und ich dachte –«

Sachte, langsam, sorglich legte sie Geige und Bogen wieder zurück in den Kasten und schloß ihn zu.

»Heut' nicht«, sagte sie. »Es könnte es jemand hören. ›Du stilles Wissen meiner tiefsten Not!‹ Keine Menschenseele darf es erfahren – ich hab's ja selbst nicht gewußt. Aber jetzt weiß ich's –«


Und nun verlöschte sie auch im Florentiner Zimmer die Lichter und bald darauf lag sie mit ihrem blassen Gesicht im Bett und sah mit großen, weit geöffneten Augen in das Licht der einen Kerze, die sie hatte brennen lassen, bis diese, sowieso nur mehr ein Stümpfchen, herabgebrannt und erloschen war. Da wandte sie den jungen, blonden Kopf nach der anderen Seite.

»Du meiner Seele zitternder Gesang«, flüsterte sie, indem heiße Tränen aus ihren Augen erst tropften und dann rieselten, und unter diesem Tauwasser der Seele schlief sie ein wie ein Kind, das sich in den Schlaf weint. –

Als sie aber am folgenden Morgen erwachte, war sie kein Kind mehr. Diesen Wandlungsprozeß, den der plötzliche Tod des Vaters, der Zusammenbruch des Elternhauses und die unerwartete Wendung ihres Lebens durch die Erbschaft der Abtei nicht hatte zuwege bringen können, hatte ein einziger Lichtstrahl in ihre Seele bewirkt, ein Zufall, der sie jenes kleine Gedicht finden ließ – wenn es überhaupt solche Zufälle gibt.

Ohne diesen Lichtstrahl, in dem sie mit einem Mal die unbekannten Runen ihrer Seele zu lesen vermochte, hätte sie die Schwelle vielleicht nie überschritten, die sie über ihre Grenze des »stillen Wissens ihrer tiefsten Not« führte. Heut' nacht geblendet, betäubt von diesem Wissen, dann überwältigt von dem Schmerz, der ihr das Herz durchbohrte, sah sie ihm heute morgen mit einem Gefühl ins Auge, wie der Soldat der Schlacht, in die nicht die Neigung, sondern die Pflicht ihn führt. Ihren Fahneneid legte Trix aber sich selbst ab, denn sie war eine mutige Seele, die nicht vor irgend etwas davonlief oder sich hinter die bequeme Schanze weiblicher Zaghaftigkeit und Wehleidigkeit verkroch. Als sie erwachte, stand es sofort wieder vor ihr, das »stille Wissen« und mit ihm die Richtung, die es ihr vorschrieb. Sie sprang auf und trat vor den Spiegel.

»Nein, ich sehe so aus wie immer«, dachte sie. »Man sieht mir nicht an, was ich weiß. Nur die blauen Ränder unter den Augen – hier im Haus fallen die aber keiner Seele auf. Hans würde sie sehen und fragen, ob mir was fehlt – aber ich werde Hans nicht sehen. Und nun werde ich dir mal was sagen, Beatrix von Dornberg: Du wirst keiner Menschenseele und am allerletzten ihm verraten, was du weißt – dein Ehrenwort darauf! Du wirst so handeln, wie du mußt, nicht wie du möchtest, du mußt dir eher das Herz aus dem Leib reißen, als daß du erlaubst, daß es ihm gebrochen wird. Und wenn's auch weh tut – ach Gott! Schrecklich weh tun wird's! Aber dann die Zähne zusammengebissen, Trix, hörst du? Nicht wanken und nicht weichen. Wie heißt's in dem Gedicht?


›Dein Leben geht vorbei,
Das sei dein Trost; dann wirst du wieder frei,
Und grenzenlos darfst du dann wieder lieben.‹


Das ist schön, so schön, aber wenn ich achtzig Jahre alt werde, dann muß ich ja noch – laß mal sehen – zweiundsechzig Jahre muß ich ja dann noch darauf warten. Vielleicht werd' ich aber nicht achtzig Jahre alt. Kein Mensch kann wissen, wie alt er wird. ›Mitten im Leben sind wir im Tod‹ hat der Pater gepredigt. Ich muß ihn bitten, daß er mich die Predigt noch einmal nachlesen läßt, denn ich hab' damals nicht recht aufgepaßt, weil die Mamsell in der Eile vergessen hatte, sich ihren Zopf aufzustecken und wie ein verirrter Chinese ihren Kirchenschlaf hielt. Also, Trix, die Ohren steif. Es ist ja keine Schande, daß – daß du ihn liebst, gar nicht, denn ein besserer Mensch wird dir nicht mehr begegnen, aber sein Herz gehört einer anderen, und du bist ihm nichts als die dumme Kusine Trix, die an die schöne Phroso nicht heranreicht – Und er liebt sie so sehr, so sehr, – ach Hans! Hans!« Und sie sank vor ihrem Bett in die Knie und weinte, als ob ihr das Herz brechen sollte.


Hunde können es nicht vertragen, wenn Menschen traurig sind und gar, wenn sie weinen, und darum schlich sich der Dackel, nachdem er, in seinem Korb sitzend, Trix eine Weile zugeschaut und leise gewinselt hatte, zu seiner jungen Herrin und begann, sie erst sanft und dann energischer mit seinen großen, braunen Pfoten zu bearbeiten. Das half ihr über den Sturm des Wehs hinüber, denn Mitleid, echtes Mitleid, gleichviel von wo es kommt, ist immer ein Balsam auf wunde Herzen. Trix richtete sich auf und streichelte ihres sonderbaren Trösters glattes Fell, der vor Freude einen sogenannten »Raser« bekam. Und das gab Trix vollends ihre Beherrschung zurück. Sie zog sich hastig an und badete ihre rotgeweinten Augen in frischem Wasser, aber sie ging noch nicht hinab, um die Spuren ihrer Tränen nicht zu verraten und das Schluchzen sich beruhigen zu lassen, das hart und stürmisch ihre Brust erschütterte. Sie trat auf den Söller hinaus, aber das Sonnenlicht auf dem See blendete ihre brennenden Augen. Da ging sie in das Florentiner Zimmer zurück und begann in den Schränken zu kramen, um auf andere Gedanken zu kommen. Aber wenn man allein ist, lassen die Gedanken sich nicht so leicht eine andere Richtung geben, sondern kehren hartnäckig in den Kreis zurück, den sie sich gezogen. Und so nahm Trix auch all die kostbaren Stücke aus der Sammlung ihres verstorbenen Onkels in die Hand und legte sie wieder hin, ohne zu wissen, was sie in der Hand gehalten, bis sie den länglichen Kasten aus Olivenholz berührte, der das alte Halsband, das tödliche Halsband des Cesare Borgia, enthielt. Sie hatte den Kasten nicht mehr geöffnet, denn unheimliche Dinge waren nicht Trixens Geschmack, und kostbare Steine hatten keine Anziehungskraft für sie. Aber bei Phrosos Rhapsodie auf ihre Lieblingsleidenschaft hatte sie an das Halsband denken müssen, und da der Wert der Dinge für Trix nur ein ungenauer Begriff war, so war ihr die Idee gekommen, Phroso als Hochzeitsgabe ein gleiches Halsband zu schenken, weil die Form desselben wieder ganz modern war.

Vorsichtig hob sie die Lage Watte von dem übel berufenen Schmuckstück, ohne es zu berühren, und dachte, welches Entzücken Phroso wohl an den Tag legen würde, wenn sie diese Steine sähe: Spinelle vom zartesten und doch so intensiven Rosa, Smaragde, deren herrliches Grün glühte und sprühte, Saphire von so durchsichtigem, blassem Blau wie das Wasser des Genfer Sees und in diesem Farbenton so selten, daß sie Diamanten an Kostbarkeit übertrafen. Die wundervolle Fassung von vor Alter mattem, wie erloschenem Gold, deren Zeichnung einem Benvenuto Cellini Ehre gemacht hätte, hob das Feuer dieser edlen Steine zur höchsten Wirkung.

»Hier vorn an dem Schloß ist eine Öse, da hat gewiß ehedem ein Kleinod gehangen oder eine große, birnenförmige Perle in einem Halbmond von Brillanten«, dachte Trix. So hab' ich's irgendwo auf einem alten Bild gesehen. Wie würde das Halsband schön an Phrosos schneeweißem, schlankem Hals aussehen? Ob sie auch sterben würde, wenn sie's umlegte? ? ?

Mit einem erstickten Schrei hielt Trix inne, mit kalten zitternden Fingern legte sie die Watte über die leuchtenden, glühenden Steine, schloß den Kasten und stellte ihn zurück in den Schrank, dessen Tür sie mit einer Hast verschloß, wie jemand, der sich vor einer entsetzlichen Gefahr retten will und kaum noch die Zeit hat dazu. Und dann sank sie entnervt in den nächsten Sessel.

»Das ist der Teufel, der Versucher, der mich aus diesen Steinen ansieht und mir ins Ohr raunt«, dachte sie, am ganzen Leib zitternd. »Wie kann man nur so etwas denken? Wie kann man! Wie kann man! Kann man es wieder gutmachen, so etwas gedacht zu haben?«


Und in ihrer Herzensangst sprang Trix auf und lief wie gejagt durch die langen weiten Korridore hinaus ins Freie, hinein in den Wald. Dort war's noch leidlich kühl, denn es hatte nachts in der Ferne gewittert und die Luft erfrischt, und wie Trix die erquickende Waldeskühle einatmete, da entwich der Dämon, der gesucht hatte, seine Krallen in ihre junge Seele zu schlagen; es war, als wäre sie urplötzlich aus einer grausigen Finsternis durch eine weitgeöffnete Pforte in hellen, leuchtenden Sonnenschein getreten, und das machte sie so froh, so leicht, daß sie auflachte und die Arme weit ausbreitete, als wollte sie das Himmelslicht umarmen, das sie von etwas Schrecklichem, Namenlosem befreite.

Und mit diesem erlösenden Lachen kehrte die alte Trix wieder in sie zurück.

»Solch ein haarsträubender Blödsinn«, dachte sie, noch immer lachend, nicht in nervöser Überreizung, sondern in eitel Freude und Erleichterung. »Ich, die ich mich unter die Räder werfen würde, wenn ich Hans sein Glück, also seine Phroso, damit erhalten könnte – nein, es ist ja zu unglaublich dumm! Jetzt glaub' ich's, daß die Geschichte wahr ist, die Onkel Zell von dem Halsband aufgeschrieben hat; das ist etwas Unheiliges, Unheimliches, was in den Steinen funkelt, etwas, was tötet, ohne daß man sie berührt – inwendig tötet. Zur Buße dafür will ich aber Phroso ein Halsband schenken, das sich gewaschen hat, und wenn ich ein Jahr lang trocken Brot essen soll! Das ist ja natürlich auch wieder Blödsinn, und ich meine ja bloß, daß ich mir dazu die Spendierjacke anziehen werde!«

Trix war nicht exaltiert und nicht eine Spur sentimental, aber sie war noch sehr jung und kannte die Welt und ihre Wege nicht, und darum schien ihr des Paters Rat einfach herzlos. Sie zerbrach sich den Kopf, wie sie's am besten anfangen könnte, Hans Truchseß vor dem Schlag zu schützen, der ihn bedrohte, wenn sie Phroso recht verstanden hatte –

Trix faßte also den Entschluß, »diplomatisch« zu sein – sie wußte für den Moment nur nicht, wie man das machen muß. Sich Sachen und Worte vorher zurechtlegen ist ja ganz gut und schön, aber man kann eben nicht vorher wissen, ob und wie die Leute darauf eingehen und da sitzt man denn mit dem Rest.

Trix war in ihren tiefen Gedanken und Plänen und beschäftigt mit Konflikten, die das Leben ihr so unerwartet in den Weg warf, vorwärts gelaufen, ohne zu wissen wohin. Mit einem Mal stand sie vor dem Wald auf freiem Feld und wäre auch vielleicht noch da weitergeeilt, wenn nicht plötzlich Oberamtmann Richters kurze und gedrungene Gestalt ihr den Weg versperrt hätte.


»Na schlag' doch dieser und jener drein – Sie rennen ja die Leute bei lebendigem Leib um, Fräulein von Dornberg«, schrie er sie an, daß sie wie geprellt still stand. »Die Augen auf dem Boden, als ob sie eine Stecknadel suchen wollten, die Gedanken scheint's in Wolkenkuckucksheim – ja was ist denn passiert?«

Trix sah den alten Herrn erst wie verständnislos an; dann aber kam sie mit einem Ruck zu sich.

»'s geht mir halt was durch den Kopf und da bin ich so vorwärts gekommen, ohne daß ich drauf geachtet habe«, sagte sie, selbst ein bißchen verwundert. »Guten Morgen, Herr Richter – sind Sie gestern gut heimgekommen?«

»Danke ja«, erwiderte der Oberamtmann, Trix mit erstauntem Kopfschütteln betrachtend. »Sind alle ganz heil und kregel, das heißt bis auf den Lümmel, den Syrop. Der hat einen Katzenjammer, daß heut' ›blau‹ bei dem im Kalender steht und meine Frau nur zu tun hat, alle saueren Konserven zu seiner Ermunterung aus den Pötten zu fischen. Essiggurken, Essigpilze, Senfpickel – was weiß ich! Na also, der außer Gefecht gesetzt und der junge Rindig in die Sommerfrische bei Ihrem Oberförster abgesockt – da muß halt der alte Richter mit seinen alten Knochen doppelt heran.«

»Sagen Sie mal, Herr Richter – daß Herr Rindig nervös sein soll, das ist doch kaum zu glauben«, sagte Trix lachend, denn das plötzliche Rencontre hatte sie heilsam aufgeweckt.

Herr Richter zog sein rotseidenes Taschentuch heraus und schneuzte sich umständlich und dröhnend.

»Nervös, so, was man darunter versteht, das kann man nicht sagen, daß er das ist«, erklärte der alte Herr mit einer gewissen Befangenheit laborierend, die Trix aber natürlich entging. »Nervös! Nun ja doch! Es macht einen manchmal etwas nervös – etwas Gewisses, ohne daß man im allgemeinen nervös ist. Was?«

»Kribblig macht einen manchmal was, meinen Sie«, erläuterte Trix verständnisvoll des alten Herrn Rede. »Ich begreife nur nicht, daß Herr Rindig seine Sommerfrische deshalb bei Ihnen durchgesetzt hat. Dem haben Sie wohl den Marsch dahin höllisch geblasen?«

Vater Richter zog seine Augenbrauen hoch und legte sein braunes Gesicht schmunzelnd in die bewußten Trompeterfalten.

»Ich fing schon an zu blasen«, gestand er, »ja ich muß sogar sagen, daß ich einmal ein bissel gebrüllt habe – Herrgott, man wird doch sonst mit der Schwefelbande gar nicht fertig – aber er hat mich ruhig brüllen lassen, ja, und dann hat er mich ganz überzeugt – ganz. Ein famoser Bengel, der Rindig, sage ich Ihnen!«

»Ja, ich habe ihn auch sehr gern«, sagte Trix harmlos. »Aber nun muß ich umdrehen, denn ich habe noch nicht gefrühstückt und es ist mir schon ganz schwach!«

»Neun Uhr durch und noch nicht gefrühstückt«, rief Herr Richter, entsetzt mit einem Blick auf seine mächtige silberne Zwiebel. »Das halten Sie ja gar nicht aus bis in die Abtei! Kommen Sie zu uns, meine Alte wird sich riesig freuen –«

»Es fällt ihr ja gar nicht ein, Frau Richter hat früh was anderes zu tun, als sich die Leute auf den Hals laufen zu lassen«, wendete Trix ein. »Ich muß außerdem zurück und wenn man mal in Freiwald ist, dann schwatzt man sich so leicht fest.«

»Aber den weiten Weg so mit hungrigem Magen und ohne den Hund –«

»Dessen werte Gesellschaft würde mich auch nicht satt machen«, lachte Trix. »Na denn schönen guten Morgen, Herr Nachbar!«

»Schönen –« begann Herr Richter, in die dargebotene Hand einschlagend, unterbrach sich aber selbst. »Halt«, rief er, fuhr in seine Tasche und zog ein in sauberes weißes Papier gepacktes Paket hervor. »Sie brauchen nicht hungernd nach Hause zu laufen, denn meine Frau hat mir hier was zum zweiten Frühstück mitgegeben und das wollen wir christlich teilen! Ja, ja, die alte Richtern ist eine praktische Person und was sie für einen rechnet, das reicht mit Kußhand immer für drei bei normalen Mägen. So, setzen Sie sich man hübsch auf den Baumstumpf hier und langen Sie zu – einem satten Menschen kommt die Welt ganz anders vor, als einem hungrigen! Nur nicht geziert – Sie sehen, es ist genug da, auch wenn ich selbst fest zulangen wollte.«

Und Trix zierte sich nicht, denn einmal fühlte sie sich wirklich ganz erschöpft und dann sahen die Klappstullen in dem weißen Papier auch zu verlockend aus: vom schönsten hausbackenen Schwarzbrot, reich mit goldgelber Butter gestrichen und mit saftigen Schinken- und Rehbratenscheiben belegt. Und sie saß auf dem Baumstumpf nieder und aß mit herrlichem Appetit eine Stulle nach der anderen, und Herr Richter lehnte neben ihr an einem Baum und aß zur Gesellschaft mit, weil das den Appetit erhöht und den Wetteifer gewissermaßen anfeuert.

»So gut hat es mir lange nicht geschmeckt«, versicherte Trix, ganz glaubhaft hinsichtlich der vertilgten Massen, als sie wieder aufgestanden war und unter herzlichstem Dank von ihrem Gastfreund unter freiem Himmel Abschied nahm. Jetzt fühle ich wieder Kraft in mir, es sogar ein bißchen mit dem Deixel aufzunehmen – jetzt soll er mir nur kommen. Heute früh – da hätte er mich bald mit einem Waschlappen umgeworfen.«

Herr Richter, der nicht gewohnt war, Trix in Allegorien reden zu hören, bezog das einfach auf den hungrigen und wieder befriedigten Magen seiner holden Nachbarin und ließ sie schmunzelnd über seinen guten Einfall davonziehen.

»Mag sie doch laufen, das schadet ihr nichts«, dachte er, den Rest seiner Brote wieder säuberlich verpackend.

»Den Hund sollte sie mitnehmen, weil er den Standlaut gibt. Na, der Rindig wird schon aufpassen. Famoser Junge, der Rindig! Hätt' ich ihm nach der Richtung hin gar nicht zugetraut. Meine alte Idamutter hat schon recht – man muß sich die Leute auch darauf hin ansehen, ob sie was anderes können, als ein Feld rationell bearbeiten. Das Herz macht's, das Herz, nicht der Grips allein und Punkto Herz wär' es dem Kroschwitzer auch zu wünschen, daß er sich in eine andere verschossen hätte, als in die affektierte Prinzeß aus Weißenrode, die ihn doch bloß nimmt, weil kein Reicherer sie gemocht hat. – Aber heiraten möchte ich die nicht, die wird als Frau ohne das nötige Kleingeld nicht zum Totlachen sein.« Mit welchem Verdikt sich Herr Richter in den Stand seiner Lupine versenkte.

Trix aber eilte zurück, ein anderer Mensch, als heute morgen, – sie war erfrischt und ermutigt.

»Und doch habe ich nichts zu hoffen, gar nichts. Vielleicht muß man aber hoffen auf etwas Unmögliches, auf etwas Wunderbares. Und das Wunderbare ist nie unmöglich, sagt der Pater. Der Pater sagt eigentlich oft sehr schöne Dinge, weil er eine Poetennatur ist, sagt der Justizrat. Gut, daß der Wald so schön grün und frisch ist und die Sonne so hell und daß Herr Richter an die Butterbrote gedacht hat, ehe ich nach Hause ging. Ich war ganz elend vor Hunger! Das nächste Mal –«


Trix kam nicht dazu, sich zu überlegen, was sie das nächste Mal tun würde, denn ein Schatten fiel plötzlich über ihren Weg und Max Graßmann stand, den Hut in der Hand, vor ihr.

»Untertänigsten guten Morgen! Gnädiges Fräulein machen schon so früh eine Promenade?« sagte er mit jenem Gemisch von geselliger Gewandtheit, respektvoller Freundlichkeit und persönlicher Liebenswürdigkeit, das ihm bisher immer noch so gute und erfolgreiche Dienste getan hatte.

»Es ist zehn Uhr durch«, erwiderte Trix trocken. »Nennen Sie das früh?«

»In Anbetracht dessen, daß gnädiges Fräulein sich evident auf dem Heimweg befinden, doch«, war seine prompte Antwort.

»Es ist noch ein gutes Ende bis zur Abtei – danach zu urteilen, müssen gnädiges Fräulein wirklich sehr zeitig aufgebrochen sein. Beunruhigt es denn meine Mutter nicht, wenn Sie so allein im Wald umherstreifen?«

»Nein!« entgegnete Trix sehr entschieden. »Das hab' ich ihr von vornherein abgewöhnt. Es ist auch allein viel schöner im Wald. Guten Morgen, Herr von Graßmann!«

Damit ging sie an ihm vorbei, weil ihr Hans Truchseß' Worte von gestern abend eingefallen waren, aber er war sofort wieder an ihrer Seite.

»Gestatten gnädiges Fräulein, daß ich Sie einige Schritte begleite?« fragte er respektvoll. »Ich hatte mir heute die Ehre geben wollen, meine Aufwartung zu machen, aber es liegt mir so sehr daran, ein paar Worte betreffs meiner Mutter zu sagen, daß ich mir diese günstige Gelegenheit, wo sie nicht mit dabei ist, nicht entgehen lassen möchte – mit Ihrer gnädigen Erlaubnis selbstverständlich.«

Trix blieb stehen und sah den jungen Mann mit einem leichten und dabei etwas hochmütigen Staunen an, das einer Phroso Rablonowska nicht besser hätte gelingen können.

»Was er für unverschämte Augen hat«, dachte sie dabei und doch hatte Max Graßmann seine größten Eroberungen seinen Augen zu verdanken. »Bitte«, sagte sie nach einer Pause, die sichtlich eine nicht gerade behagliche Wirkung auf ihn ausübte, denn er schlug seinen Siegerblick für einen Moment vor den blauen Augen nieder, die ihn so voll und doch so kalt ansahen.

»Wollen gnädiges Fräulein nicht weitergehen?« fragte er beflissen.

»Ich will allein weitergehen«, entgegnete Trix, den Kopf zurückwerfend. »Also: Sie wollten sagen –?«

In Max Graßmanns Augen blitzte es halb böse, halb amüsiert auf. »Verflixte kleine Kröte«, dachte er, fügte aber laut in seinem verbindlichsten Ton und Lächeln hinzu: »Gnädiges Fräulein sind sehr gütig! Ich kann ja auch ein anderes Mal, wenn es Ihnen besser paßt – – aber es liegt mir in der Tat daran, Ihre gütige Nachsicht für meine Mutter zu erbitten, falls dieselbe, wie ich leider zu vermuten gezwungen bin, zu lebhaft und dringlich für mich bei Ihnen eingetreten sein sollte. Gnädiges Fräulein glauben gar nicht, wie entsetzlich peinlich mir dieser Gedanke ist – oder vielmehr, gnädiges Fräulein werden dieses Gefühl vollauf verstehen und zu würdigen wissen. Es ist wirklich mit einer der bittersten Tropfen in dem Kelch meines, wenn auch nicht ganz unverschuldeten, aber doch unverdient harten Schicksals. Ich verstehe ja meine arme Mutter – aber wie können gnädiges Fräulein sie verstehen? Das ist in der Tat unmöglich – meine Mutter hat das in ihrer Liebe und in ihrem Eifer für mich sicherlich übersehen. Ich –«

»Guten Morgen, Fräulein von Dornberg«, fiel hier eine andere Stimme ein, der man es anhörte, daß ihr Besitzer eben noch rasch gelaufen war, und Siegfried Rindigs Hünengestalt tauchte hinter dem beredten Sprecher auf, der zornesrot über die unwillkommene Unterbrechung herumfuhr und den jungen Riesen hochmütig musterte.


»Schönen guten Morgen«, rief Trix erfreut, dem Ankömmling die Hand reichend. »Gut geschlafen? – Herr Rindig – Herr von Graßmann«, fügte sie vorstellend hinzu.

Graßmann lüftete seinen Hut nur eben zur Not und warf wütende Blicke auf »den Bengel«, der ihn gerade stören mußte, wo er so schön im Zug war; »der Bengel« aber schien sich seines Kapitalverbrechens nicht im entferntesten bewußt zu sein, sondern sagte nach seiner eigenen, ganz einwandfreien Verbeugung harmlos:

»Das ist Glück, daß ich Sie treffe, gnädiges Fräulein, denn Frau Richter hat mir ein Rezept für Sie anvertraut – ich glaube von dem berühmten Mandelprasselkuchen, und dann soll ich auch noch ausrichten –«

»Kommen Sie ein Stückchen mit«, fiel Trix unbedacht ein, und vergaß, daß sie das eben Max Graßmann verweigert hatte. Aber sie war so froh, ihn los zu sein, daß sie daran gar nicht dachte. Und in ihrer Erleichterung setzte sie hinzu: »Adieu, Herr von Graßmann, ich darf doch Ihre Frau Mutter von Ihnen grüßen?«

»Wenn ich untertänigst darum bitten darf«, murmelte Graßmann zornbebend und sah unter Hervorknirschen nicht gerade parlamentarischer Liebesnamen für Trix und Rindig den beiden nach, wie sie in nicht zu raschem Tempo den Weg zur Abtei verfolgten.

Rindig entledigte sich seines Auftrages und verabschiedete sich dann von Trix, denn er war ein wohlerzogener junger Mensch, in dessen Natur es auch gar nicht lag, sich Freiheiten zu nehmen. Und Trix ließ ihn jetzt ruhig gehen, nahm herzlich Abschied von ihm und kehrte müde, aber doch erfrischt, in die Abtei zurück, wo sie dann total vergaß, Frau von Graßmann von ihrem Sohne zu grüßen.


Ihr erster Gang daheim führte zu dem Pater, dessen gutes, ein bißchen verträumtes altes Gesicht ihr in wachsendem Maße Vertrauen einflößte, von dem sie das bei der Jugend so selten trügende Gefühl hatte, daß er ihr Freund war. Den fragte sie, ob er das Halsband und seine Geschichte kenne, und der Pater besann sich, daß sein Freund Zell ihm davon erzählt. Gesehen hatte er es nie.

»Ich glaube auch nicht, daß die Geschichte wahr ist«, setzte er hinzu. »Nichts bildet sich leichter als solche Legenden, zu denen jede neue Generation etwas dazulügt. Besonders wenn der Name ›Borgia‹ erst damit verquickt wird, dann macht die Phantasie gar die wildesten Sprünge. Lassen Sie mich die Historie gelegentlich lesen und den Schmuck untersuchen, vielleicht komme ich auf des Rätsels Lösung. Aber daß ein ›Fluch‹ auf einem Gegenstande, von Menschenhand gebildet, haften und auf unschuldige Menschen weiter wirken sollte, das ist ein so krasser Aberglaube, daß man eigentlich darüber lachen müßte, wenn er nicht so viele Opfer forderte.«

Da erzählte Trix dem Pater, was der Schmuck ihr inspiriert, ohne im entferntesten zu ahnen, daß sie damit dem alten Seelenkenner ihr Geheimnis, das »stille Wissen ihrer tiefsten Not« verriet.

»Aber«, schloß sie unsicher, »aber das hätte ich Ihnen wohl eigentlich beichten müssen.«

»Unsinn«, erwiderte der Pater in seiner Rührung rauher, als er beabsichtigte. »Wo der Wille und die Absicht dazu nicht vorliegt, kann von einer Sünde keine Rede sein. Auch sind Versuchungen keine Sünde, sondern sie werden uns zum Verdienst, wenn wir ernsthaft gegen sie ankämpfen. ›Selig der Mann, der die Prüfung bestanden‹, sagt der Apostel Jakobus. Sie aber, liebe, vielliebe Tochter, sollen sich keine Dummheiten in den Kopf setzen und sich Herz und Hirn mit Skrupeln verwirren. Dabei kommt nichts Vernünftiges heraus, sondern bloß Futter für den Teufel. Der liebe Herrgott hat Ihnen das Herz so auf den rechten Fleck gegeben, daß Sie bloß zu folgen brauchen, wie es Ihnen den Weg weist. Das Grübeln ist nicht Ihre Sache. Wenn der Bär die Orgel spielen will, dann kommt etwas heraus, was weder ihn noch andere freut, mit welchem Gleichnis ich Ihnen aber nicht zu nahe treten will –«


Hier passierte es dem Pater zum zweitenmal, Trix fiel ihm um den Hals. Denn das ist nun einmal nicht anders in der Welt: ohne ein mitfühlendes Herz kann der Mensch, besonders wenn er jung ist, schwer durchkommen mit seinen inneren Nöten, er braucht ein lebendiges Wesen, an das er sich lehnen kann, das ihm zuredet, das ihn versteht, wenn er weint und lacht, dem er vertrauen kann, was ihn bewegt. Und Trix hatte zwar die Abtei mit ihren großen Besitzungen, aber sie war schrecklich allein und vereinsamt darin – das hatte sie erst heute nacht plötzlich drückend schwer empfunden. Und nun schlug der alte Priester, vielleicht eben darum, weil er sie persönlich ins Herz geschlossen, den rechten Ton an, welcher der jungen Seele wohltat, und da Trix ein höchst impulsives Geschöpf war, so erkannte sie in ihrer Art die erhaltene Wohltat an.

»Na ja, ja«, sagte der alte Herr, Trix streichelnd, wie man ein Kind liebkost, um es darüber zu trösten, daß sein bestes Spielzeug ihm zerbrochen. »Wir werden's schon überwinden mit Gottes Hilfe. Unser alter, treuer Herrgott packt niemandem mehr auf, als er tragen kann. Freilich, tapfer müssen wir sein und unser Leid ihm aufopfern. Und tapfer sind Sie ja, liebes, vielliebes Töchterchen, nicht wahr?«

Trix traute sich nicht zu sprechen, weil ihr die Tränen so arg nahe waren, aber dabei mußte sie schon wieder lachen über des Paters etwas kerniges (Euphemismus für grobes) Gleichnis, und indem sie ihm noch flink einen tüchtigen Kuß gab, lief sie davon, um allein in ihren Räumen fertig zu werden mit all den Eindrücken, die seit gestern auf sie eingestürmt waren.


Der Pater nahm aber nach ihrem Fortgange eine extra große Prise.

»Gott stehe ihr bei«, dachte er laut und ganz gerührt. »Der hat Freund Zell mit seiner Erbschaft ein rechtes Danaergeschenk gemacht. Oder er ist zu spät damit gekommen. Die andere wird den jungen Mann nicht glücklich machen. Wenn's wahr wäre, was die kleine Trix gestern gehört haben will – es wäre das schlimmste nicht. Denn besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.«

Trix aber war sehr müde, denn mangelnder Schlaf hatte bisher nicht in ihrem Programm gestanden. Selbst als das jähe Ende ihres Vaters und der Zusammenbruch ihres Elternhauses ihrem Leben eine andere Richtung gaben, war der Schlaf ihr treuester Helfer geblieben im Ertragen des harten Schlages. Eine gesunde Natur hilft sich von selbst und stellt die Balance her zwischen Geist und Körper. Trix fühlte, daß sie dieses Gleichgewicht jetzt eben dringender bedürfe als Speise und Trank, deshalb klingelte sie der »Perle«, wie sie ihre von Frau von Graßmann verschriebene Kammerzofe bei sich immer nannte, und sagte ihr, sie solle unten ausrichten, sie käme nicht zu Tisch, man möge ohne sie essen.

»Aber«, erwiderte die »Perle« ganz entsetzt über diesen Auftrag, »haben die gnädige Frau von Graßmann auch erlaubt –«

»Wer? Was?« fragte Trix scharf, sich nach ihrer Kameriera umdrehend.

»Ich meine nur«, stotterte diese etwas perplex. »Was werden die gnädige Frau von Graßmann sagen, wenn Baronesse so ohne – so kurzweg –«

»Frau von Graßmann kann und wird sagen, was sie Lust hat«, sagte Trix, »aber ich sage Ihnen, daß ich auf ihre Bevormundung künftig verzichte. Und nun scheren Sie sich hinaus und kommen Sie nicht eher wieder, bis ich Ihnen klingele. So«, fügte sie hinzu, als die »Perle« mit einem Gesicht, darin Pikiertheit mit grenzenlosem Erstaunen sich mischte, mehr hinausflog als ging, »die ist hoffentlich darüber belehrt, daß ich hier Herrin bin und nicht die gnädige Frau von Graßmann. So eine Unverschämtheit! Woher die kommt, ist nicht schwer zu raten. Lange soll das aber nicht mehr dauern, so wahr ich Trix heiße und nicht Puhjaz.«


Und mit diesem beruhigenden Entschluß warf Trix sich auf das schöne breite Sofa zu Füßen ihres Bettes und war fünf Minuten später so fest eingeschlafen, wie das eben nur die Jugend fertig bringt.

Als sie nach ein paar Stunden wieder aufwachte, hatte sie eine Idee, der sie begeistert sofort das Prädikat »großartig« zuerkannte. Im Schlafe war ihr's gekommen, wie sie Phroso »sondieren« wollte, und wenn Trix eine Idee hatte, dann mußte ihr die Tat auch immer gleich auf den Hacken folgen. Manche Menschen lernen im Laufe ihres Lebens ihre Ideen »beschlafen«, das heißt überlegen, andere wieder lernen das nie, trotz aller gemachten unangenehmen Erfahrungen. Trix war also derart begeistert von ihrer Idee, daß sie es gar nicht ausgehalten hätte, bis morgen mit der Ausführung zu warten; sie sprang mit ihrer alten Elastizität auf und klingelte, als ob es brennte.

»Rasch, bestellen Sie mir Tee mit einem tüchtigen Haufen Sandwiches dazu und dann geben Sie mir irgend ein Kleid – ich will wegfahren. Und der Selbstkutschierer soll in einer halben Stunde angespannt sein. Verstanden?« rief sie der sehr eilig erschienenen »Perle« entgegen.

Als diese darauf wiederkam und Trix zwei Kleider zur Auswahl stellte mit zitternder Stimme und dem Gesichte einer Märtyrerin, da wußte Trix schon, was die Glocke geschlagen hatte.

»Den dunkelblauen Rock und die rosa Batistbluse«, entschied sie zunächst die Toilettenfrage, denn Hans Truchseß hatte neulich gefunden, daß sie die Bluse ausgezeichnet kleidete, und man muß seinen Nächsten immer, auch im Äußeren, zu gefallen suchen. Trix fiel es dabei gar nicht ein, daß das »Gefallen« in diesem Spezialfalle nicht eigentlich im Programm stand, sie wußte ja auch gar nicht, ob sie Hans in Weißenrode treffen würde, obgleich darauf Hundert gegen Eins zu wetten war. Als das erledigt war, wandte sie sich an die Zofe persönlich:

»Sie machen ein Gesicht, als ob Sie mir sagen wollten, daß Sie fernerhin nicht bei mir bleiben könnten, weil ich Sie vorhin angeschrien habe. Das haben Sie verdient, Verehrte. Wenn Sie das aber nicht einsehen, dann müssen Sie halt gehen – Sie brauchen sich bloß damit im Rentamt zu melden. »

Die Angelegenheit hatte die »Perle« sich natürlich ganz anders gedacht und hielt einen Tränenstrom dafür schon auf Lager. Auf eine Initiative ihrer jungen Herrin war sie aber ganz und gar nicht vorbereitet.

»Ach Gotte doch, nein«, stotterte sie mit einem Gedanken auf ihr hohes Salär und ihre beschauliche Ruhe, »ich – ich wollte nur um Entschuldigung bitten, wenn ich etwas gesagt, was Baronesse geärgert hat, aber Frau von Graßmann hatten mir bei Strafe von Entlassung so streng befohlen, ihr alles zu berichten, was Baronesse tun, daß ich dachte, Baronesse dürften ohne Erlaubnis nichts tun.«

Diese Erklärung hatte natürlich keine Logik, dafür war die »Perle« aber auch nicht engagiert, und das sah Trix ein, weshalb sie darauf nicht erst einging. Denn man darf bei einer Gans keine Löwentatzen erwarten.

»So, so«, sagte sie trocken, »das ist ja sehr lehrreich. Aber beim ›Denken‹ kommt allemal nichts heraus, liebe Elise. Trotz dem ich nichts tue, was nicht alle Welt wissen darf, kann ich einen Spion nicht brauchen und deshalb haben Sie mir heut' zum letztenmal geholfen. Und da Sie sich von Frau von Graßmann abhängig glauben, so wenden Sie sich wegen Ihres Salärs natürlich an diese, nicht an das Rentamt, das meine Kasse verwaltet. Den dunkelblauen Schlips, bitte! Legen Sie mir noch den weißen Matrosenhut zurecht und ein Paar Wildlederhandschuhe zum Kutschieren, und dann brauche ich Sie nicht mehr. Adieu!«

Und Trix ging mit erhobenem Kopfe an der absolut sprachlosen »Perle« vorüber in das runde Eßzimmer, wo der Diener eben den Tee servierte.

»Ja, was ich sagen wollte«, meinte Trix, an dem Tische Platz nehmend, »ich wünsche den Kredenztisch dort an den leeren Platz gerückt zu haben. Und die Truhe dann etwas weiter links, sie steht ja so fast auf dem anderen Möbel, während hier nichts ist. Sie könnten das besorgen, Friedrich, während ich fort bin.«

»Zu Befehl«, erwiderte der alte Diener. »Ich habe mir auch schon gedacht, daß es hübscher so wäre, wie Baronesse sagen. Aber unter dem Herrn Grafen selig war der Fleck auch immer unbesetzt.«

»Na, lassen Sie die Sachen nur so stellen, wie ich's gesagt habe«, meinte Trix › und nachdem sie ihren Tee getrunken und eine tüchtige Portion Sandwiches dazu vertilgt, nahm sie Hut und Handschuhe und ging hinab.

In der Halle trat Frau von Graßmann ihr entgegen.

»Ich sehe Sie heut' zum erstenmal, liebes Fräulein von Dornberg«, rief sie liebenswürdig. »Natürlich wäre ich am liebsten zu Ihnen gekommen, mich zu erkundigen, wie es Ihnen geht, aber man sagte mir, daß Sie schliefen und ich wollte nicht stören. Sagen Sie, was ist das für eine absurde Geschichte, mit der diese törichte Elise weinend zu mir gekommen ist? Sie werden doch natürlich kein Wort davon glauben, was diese Gans sagt!«

»Ich will jetzt nach Weißenrode fahren«, erwiderte Trix. »Der Fall Elise ist für mich erledigt. Sie hält sich von Ihnen für abhängig und das genügt.«

Frau von Graßmann schlug lächelnd die weißen Hände zusammen. »Aber das ist doch wirklich lächerlich«, rief sie, »Elise scheint beschränkter zu sein, als ich dachte. Ich habe ihr gesagt, sie sollte mich davon unterrichten, wenn Sie auszugehen wünschen, damit ich mich erkundigen kann, ob Sie mich oder was Sie von mir wünschen, und nun macht dieses beschränkte Wesen einen Spionsdienst daraus. Nehmen Sie mir's nicht übel, Fräulein von Dornberg, aber Sie hätten sich doch vorher bei mir erkundigen sollen, ehe Sie auf dieses Gewäsch reagierten!«

Trix überlegte einen Moment.

»Es ist wahr«, sagte sie ehrlich, »Sie haben recht. Die Leute machen immer gleich einen Kuddelmuddel aus dem, was man ihnen sagt. Und verstehen alles falsch, was über ihren Horizont geht. Aber ich war wütend, na und da ist man halt manchmal ein bissel rasch.«

»Nicht wahr?« erwiderte Frau von Graßmann liebenswürdig. »Ich darf also der armen Elise sagen, daß sie wieder in Gnaden aufgenommen ist?«

»Meinetwegen«, wollte Trix eben sagen, weil die Geschichte ihr langweilig wurde, als sie einen Blick des Dieners Friedrich, der mit der Wagendecke auf dem Arme in der offenen Tür stand und wartete, auffing. Einen Blick auf Frau von Graßmann, und was Trix wie ein »Augenblinkern« erschien, als ob sie nein sagen sollte. Nun war Friedrich aber schon über dreißig Jahre lang in der Abtei, er hatte von seinem verstorbenen Herrn ein Legat geerbt und Trix hatte ihn zum Haushof meister und Chef des Personals mit einer Gehaltserhöhung ernannt – der durfte sich also schon mal eine kleine Freiheit herausnehmen.

»Ich denke, wir lassen es dabei«, sagte Trix nach einer kleinen Pause, die Augen auf dem Diener. »Es ist der Autorität wegen, wie mein Vater sagen würde. ›Was ich gesagt habe, habe ich gesagt‹, behauptete schon der alte Pilatus, von wegen dessen, daß einem leicht auf der Nase herumgetanzt wird, wenn die Leute erst wissen, daß sie sich ungerochen alles herausnehmen dürfen. Die Elise kann sich ihr Geld im Rentamt holen und das ist alles, was ich für ihre Dummheit tun will. Also, auf Wiedersehen zum Abendbrot, Frau von Graßmann!«


Und Trix eilte durch die Halle, die Treppe hinab und sprang auf den Wagen, auf dessen Rücksitz der Kutscher Platz nahm. Das schmunzelnde Gesicht des alten Friedrich belehrte sie, daß sie vorhin recht gesehen hatte, und als sie zum Tore hinausfuhr, hatte sie das Gefühl, als ob sie trotz Frau von Graßmanns plausibler Erklärung recht daran getan, die »Perle« nicht wieder aufgenommen zu haben.

»Bei mir spionieren ist zwar ein Unsinn«, dachte sie, »denn was da einer herauskriegt, davon wird kein Zaunkönig satt. Aber gräßlich eklig ist es, zu wissen, daß einer einem auflauert. Und das hat die Person doch getan, ob mit oder ohne Auftrag, das ist gehupft wie gesprungen.«

Damit war für Trix diese Sache erledigt, denn sie hatte anderes zu denken. Und das vertrieb ihr die Zeit so rasch, daß sie in Weißenrode vorfuhr, ehe sie sich dessen versah. Sie traf die Familie mit Gast und Bräutigam teetrinkend auf der Terrasse und wurde freudigst begrüßt. Phroso hatte ein Paket mit höchst stilvollen Cretonneproben auf dem Schoß, die Hans mitgebracht hatte, und ihre schönen Hände durchblätterten lässig die zusammengehefteten Zeugstücke.

»Du hast eine weiße Tapete mit silbergedrucktem Muster ausgesucht«, erinnerte die Gräfin. »Es paßt also jede Farbe hinein.«

»Ich glaube, die weiße Tapete war ein Irrtum, Hans«, sagte Phroso. »Könnte man das nicht noch ändern?«

Über Hans Truchseß' offenes, sonngebräuntes Gesicht flog ein Schatten, den Trix mit einem schmerzhaften Zusammenziehen ihres Herzens der schönen Phroso auf ihr Konto schrieb.

»Wir haben schon die frisch aufgeklebte Tapete im Eßzimmer wieder abgerissen«, entgegnete er ruhig, aber es lag doch ein Etwas in seinem Tone, was sogar Seine Exzellenz aufsehen machte. »Ich fürchte, Phroso, die Arbeiter werden mich für verrückt halten, wenn ich in dieser Weise mit den Arbeiten in Kroschwitz fortfahre.«

»Die weiße Tapete ist so schön und – und die kostbarste im ganzen Hause«, half die Gräfin ihrem künftigen Schwiegersohn auch nach der praktischen Seite ein.

Phroso warf die Proben auf einen freien Sessel.

»O«, meinte sie lässig, »wenn Hans sich vor der Kritik seiner Handwerker fürchtet und Mama Ökonomie ins Gefecht führt, dann streiche ich die Segel. Du kannst den Stoff selbst aussuchen, Hans! Der Cretonne wird zu der silbernen Tapete aussehen, als wie wenn jemand zu einem Waschkleide Brillanten trägt.«

»Das sagte ich schon, als du dir die Tapete aussuchtest«, erinnerte die Gräfin, Hans freundlich zulächelnd, der etwas finster vor sich hinsah.

»Also habe ich vom Standpunkt der Sparsamkeit doch recht, wenn ich die Tapete abgerissen und durch eine billige ersetzt haben will, dem Cretonne zuliebe!«

In Hans' sonnverbranntes Gesicht stieg eine dunkle Blutwelle, aber Trix rettete die Situation, indem sie in ein helles Lachen ausbrach. Was sie selbst von Ökonomie wußte, war unklar genug, trotzdem sie nacheinander schon die Wohlhabenheit, die Armut und den Reichtum kennen gelernt, aber diese Sorte von Sparsamkeit, die einer absoluten und souveränen Unkenntnis vom Werte des Geldes und der Kunst, sich nach der Decke zu strecken, entsprang, machte sie lachen.

»Phroso, du bist himmlisch«, rief sie. »Jetzt fehlte noch, daß Hans der billigeren Unterhaltskosten wegen das Kroschwitzer Haus abreißen ließe und eins von den modernen Einfamilienhäusern auf die Stelle baute.«

Trixens lustiges Lachen wirkte ansteckend, man fiel, Phroso eingeschlossen, allgemein ein, und Hans sagte, einen kleinen Seufzer unterdrückend, was außer Trix niemand bemerkte:

»Wie wär's, wenn wir nun der Tapete zuliebe statt Cretonne Seide nehmen würden? Dann wahrte ich wenigstens, mein Renommee als passabel vernünftiger Auftraggeber vor den Handwerkern.«

»Seide?« rief Phroso mit einer gewissen gemäßigten Begeisterung. »O Hans, du bist ein Engel! Weiße Seide, nicht wahr, mit Glyzinien –«

»Das Meter zu fünfzig Mark!« fiel die Gräfin lachend ein, denn sie war die einzige im Hause Rablonowski, die wußte, was eine Sache kostete, und sich manchmal danach richtete.

»Phroso, du wirst den armen Hans noch ruinieren!«

»Ach, wer frägt denn nach den dummen Preisen. Teure Sachen sind immer viel hübscher wie billige –«

»Und halten besser«, vollendete der Herzog weise.

»Nicht wahr?« triumphierte Phroso. »Also Hans, nicht wahr, weiße Seide mit Glyzinien – ich habe den Stoff bei Gerson gesehen –«

»Dein Wunsch ist mir Befehl«, erwiderte Hans ruhig, aber ohne das Lächeln, das dem verzückten Bräutigam obligatorisch ist.

Phroso warf ihm als Dank eine Kußhand zu, unter der der Herzog sichtlich zusammenzuckte, wie es der heut' ungewohnt scharf beobachtenden Trix vorkam, und sie hatte Mitleid mit dem armen »boy«, dem es ja genau so ging, wie ihr selbst.

Aber die Gräfin schüttelte mit dem Kopf.

»Das ist Schwäche, lieber Hans«, sagte sie mit sanftem Tadel.

»Finden Sie, liebe Mama?« erwiderte er, und Trix fand, daß seine Stimme etwas rauh klang. »Das Bräutigamsstadium ist bekanntlich ein Stadium moralischer Schwäche. Aber es ist zum Glück nur ein vorübergehendes.«

»Sagen Sie das nicht mit einer solchen Sicherheit«, meinte Seine Exzellenz. »Es hat schon so mancher seinen Willen und seine Stärke dem lieben häuslichen Frieden geopfert.«

»Dann war mancher schon ein Schwächling«, erwiderte Hans Truchseß fest und mit einem eigenen harten Ausdruck in dem sonst so gutmütigen Blick, der Phrosos Extravaganzen in der Ehe nicht viel Nachsicht verhieß. »Der ständige Witz von der Frau, die um ein Kleid Ohnmachten und Tränen ins Gefecht führt, ist im Grunde ein trauriger Scherz, denn die Frau, die sich dazu erniedrigt, ist keinen Schuß Pulver wert und der Mann, der wider bessere Kenntnis seiner Verhältnisse nachgibt – um des lieben Friedens willen – steht gerade noch um eine Stufe niedriger.«

»Bravo, Hans!« rief Trix, aber Phroso lächelte.

Dann sagte sie lässig: »Was man haben will, holt man sich eben, ohne zu fragen. Wie der Herr Gemahl mit den Rechnungen fertig wird, ist seine Sache.«

»Pfui, Phroso!« rief Trix Dornberg halb empört, halb lachend. »Wie kann man so etwas auch nur im Scherz sagen?«

»Ich sehe keinen Scherz in Phrosos Worten«, sagte Truchseß ruhig. »Sie sagt nur, was viele schon als die andere, bessere Version dieser Frage gefunden haben. Natürlich«, setzte er leichter und mehr in seiner alten herzlichen Weise hinzu, »natürlich ist weder das eine noch das andere Phrosos Ansicht.«

»Ich möcht' es ihr wenigstens nicht raten«, meinte Trix in völliger Unschuld dessen, daß sie Truchleß' Gedanken damit Worte gab.

Die schöne Braut erwiderte nichts, sie hatte die Augen niedergeschlagen und spielte mit den blitzenden Ringen. Truchseß aber sah sie mit einem ganz eigenen Ausdruck an, dem aber die berauschte Anbetung, die bedingungslose Bewunderung fehlte.

»Petrucchio!« – Der Gräfin kam ihr Shakespeare in den Sinn, und sie freute sich, daß ihre Tochter zu ihrem eigenen Heil in diesem Mann ihren Herrn und Meister gefunden haben dürfte.

Und wieder war es Trix, die der etwas peinlich zugespitzten Situation rettend zu Hilfe kam, indem sie erklärte, Geheimnisse mit Phroso zu haben, und die zwar erstaunte, aber ganz willige junge Dame in deren eigenes Zimmer entführte.

»Trix Dornberg wirkt immer wie frisches Quellwasser auf mich«, meinte die Gräfin zu den Herren, als die Mädchen verschwunden waren. Aber sie wendete sich eigentlich an den Herzog damit.

»Oh«, erwiderte der englische Magnat, »sie ist von der rechten Sorte, aber noch der reine Tomboy.«

»Mehr Wildbach wie Quelle«, meinte der Graf wohlwollend. »Aber sie ist originell und darin liegt das Erfrischende.«

»Oh, sie hat sich schon sehr gewandelt«, sagte die Gräfin, und um Truchseß etwas Angenehmes zu sagen, fügte sie hinzu:

»Wohl das Verdienst Ihrer Frau Tante, lieber Hans?«

»Gott bewahre sie in Gnaden«, murmelte Truchseß zwischen den Zähnen.

Trix hatte Phroso inzwischen in deren Zimmer mit sanfter Gewalt auf einen niedrigen Sessel genötigt, der neben einer Photographie ihres Verlobten stand, die die große, schlanke Erscheinung zur vollsten Geltung brachte.

»Was soll's?« fragte Phroso, der Junge-Mädchen-Scherze schon etwas fern lagen.

Trix aber zog ein Zentimetermaß aus der Tasche, das sie sich von der Wirtschafterin entliehen hatte, was man ihm auch ansah, und rollte es lang auf.

»Mache einmal gefälligst deinen Kragen auf«, sagte sie mit etwas schwankender Stimme, denn nun stand sie vor der Ausführung ihrer »Idee« . »Ich will dich nicht etwa strangulieren«, fuhr sie fort, als sie Phroso einen mißtrauischen Blick auf das alte gelbe Maß werfen sah, »sondern dir nur Maß nehmen zu dem Halsband, das ich dir zum Hochzeitsgeschenk machen will.«

»Trix!« rief Phroso, »welche großartige, herrliche Idee! Ein Halsband! Mit Steinen? O, Steine, Trix, Steine! Ja?«

»Natürlich Steine«, erwiderte Trix, das Band um den schlanken, weißen Hals legend. Ja, Steine – Superlative von Steinen, Phroso.«

»Oh, Trix, du herrliche Trix«, jauchzte Phroso, »wirklich so, wie ich's manchmal träume? Ein breites Band von ganz mattfarbigen Steinen: Spinelle, Berylle, weiße Saphire, mauve Amethysten und hellste Goldtopase, daß es sich wie ein verblassender Regenbogen um den Hals legt, und als Schloß ein schwarzer Diamant –«

Sie hielt aufatmend ein, berauscht von dem Feuer der Steine, die ihr geistiges Auge sah. Trix aber blickte auf das Bild auf der Staffelei.

»Ein schwarzer Diamant«, wiederholte Phroso rhapsodisch, »ein schwarzer Diamant, der wie ein dunkler Blick aus dem Auge einer Norne tief, geheimnisvoll und wissend funkelt. Das Halsband wird ein Gedicht sein, ein zu Stein gewordenes Gedicht! Und das willst du mir schenken? Wahr und wahrhaftig schenken?«

»Ja, zu deiner Hochzeit mit Hans Truchseß«, erwiderte Trix, auf das Bild deutend.

Da lachte Phroso.

»Du sagst das mit einem Ton, als wäre dein Geschenk der Preis dafür«, scherzte sie.

»Hochzeitsgeschenke sind auch gewissermaßen Preise«, entgegnete Trix. »Ich habe das einmal irgendwo gehört. Preise der Liebe und der Freundschaft –«

»Und die Leute schimpfen und jammern gräßlich, wenn sie solche Preise zu entrichten haben«, ergänzte Phroso lachend. »Wenigstens hinter der Szene. Wenn wir zu einer Hochzeit eingeladen werden, dann läuft Papa wie ein brüllender Löwe umher und tobt und wettert über den schlagrührenden Blödsinn dieser ›Preise der Freundschaft‹.«

»Der Herzog wird dich wohl auch nach deinen Wünschen fragen«, bemerkte Trix unsicher.

»Er hat Mama gefragt«, erwiderte Phroso ohne zu zucken. »Opale und Diamanten.«

»Wie schön«, sagte Trix etwas hilflos. »Du wirst beschenkt sein wie eine Königin, Phroso – zu deiner Hochzeit mit Hans. Ihr werdet ein wundervolles Brautpaar sein – du und Hans.«

Phroso antwortete nicht, sie besah sich die feinen Spitzen ihrer weißen Lederschuhe und lächelte.

Da wagte Trix ihren Staatsstreich – sie kniete vor Gräfin Phroso nieder und versuchte, ihr in die Augen zu sehen.

»Du liebst ihn wohl sehr, deinen Hans?« fragte sie leise.

»Trix, du wirst indiskret«, erwiderte Phroso kühl.

»Oh, sag' mir's bitte«, erwiderte Trix, in ihrer Herzensangst lächelnd.

»Du bist ein dummes, liebes, kleines Schaf«, rief Phroso, sich erhebend. »Sind wir denn sentimentale Backfische? Natürlich lieb' ich ihn.«

Trix stand auch auf mit dem Gefühl, daß ihr Staatsstreich ein Schlag ins Wasser gewesen war. »Natürlich lieb' ich ihn!« Das hatte so geklungen, als wenn man ein Kind beruhigen will.

Aber schließlich war Phroso eine sehr kühle Natur, außer wenn es sich um Edelsteine handelte; vielleicht war mehr von ihr nicht zu erwarten und zu verlangen. Eine halbe Stunde später saß sie wieder auf ihrem Wagen und fuhr in kurzem Trab nach der Abtei zurück, denn sie hatte es nicht eilig, weil es noch früh genug war. Und sie hatte auch wieder so viel zu denken. Hans hatte ihr beim Aufsteigen geholfen und dabei nur für sie hörbar gesagt: »Was ist denn mit dir heute, kleine Trix, du bist anders als sonst. Oder vielmehr deine Augen sind's. Als ob du von innen einen Schleier darüber gezogen hättest.«

Sie hatte dazu bloß gelacht und »Ach, woher nur!« gesagt, aber es war doch merkwürdig, daß gerade Hans etwas sehen mußte, was keinem anderen aufgefallen war. Wenn man kutschiert, muß man aber auf die Pferde aufpassen und darf nicht träumen, und so geschah's, als das Sattelpferd stolperte, daß Trix zu spät kam, ihm eine Hilfe mit dem Zügel zu geben, und daß es stürzte. Natürlich sprang der Kutscher gleich ab, ihm aufzuhelfen, aber als es wieder stand, fand es sich, daß es sich eine Hinterfessel verstaucht und nur im Schritt vorwärts konnte. Das dadurch bedingte Tempo ging Trix aber schon nach den ersten paar Minuten auf die Nerven, trotzdem sie es eben noch gar nicht eilig gehabt hatte. Sie gab also dem Kutscher die Zügel und stieg ab, um auf einem Waldweg zu Fuß nach der Abtei zurückzukehren. Dabei ließ sich's wieder sehr gut und ungestört denken; doch sie war noch keine fünf Minuten gegangen, da kamen ihr eilige Schritte nach, und als sie sich verwundert umwendete, stand zum zweitenmal am gleichen Tage Herr von Graßmann vor ihr.

»Mein gnädigstes Fräulein«, sagte er respektvoll, »ich begegnete eben Ihrem Wagen und bedaure lebhaft den kleinen Unfall, der Sie betroffen hat. Darf ich mich Ihnen zur Begleitung anbieten? Es ist noch ein ganzes Ende Weg bis zur Abtei –«

»Sie sind sehr liebenswürdig«, erwiderte Trix ablehnend. »Ich gehe aber gern allein.«

»Wie Sie befehlen«, beschied er sich absolut korrekt mit einem Schritt zur Seite. »Darf ich Sie dann einen Augenblick aufhalten? Es ist mir leider heut' morgen unmöglich gemacht worden, meinen Speech zugunsten meiner Mutter zu vollenden –«

»Oh, bitte«, fiel Trix ein, »Sie haben ja alles gesagt – es muß Ihnen so peinlich sein. Und ich habe es ja auch verstanden. Guten Abend, Herr von Graßmann!«

»Nur ein Wort noch, gnädiges Fräulein«, bat er, wieder einen Schritt näher tretend, »ein Wort gewähren Sie mir, bitte, pro domo! Ich möchte mich vor Ihnen so gern von dem Verdacht reinigen, als ob ich mich Ihnen hätte aufdrängen wollen–«

»Oh, ich habe daran gar nicht gedacht«, fiel Trix ungeduldig ein. »Wenn das Sie beunruhigt, dann können Sie ruhig schlafen gehen.«

»Sie wälzen einen Stein von meinem Herzen, gnädiges Fräulein«, rief Graßmann wie mit verhaltenem Feuer, indem er seinen Augen ihren flammendsten Ausdruck gab, was im ehemaligen Kreis seiner Kameraden als das »Graßmannsche Augenklappern« berühmt gewesen. »Sie geben einem Ausgestoßenen den ersten Schimmer eines neuen Daseins. Mutlos kam ich hierher – ein anderer Mensch gehe ich wieder, und wenn ich wiederkomme – ja, wenn ich wiederkomme –«

Wie überwältigt schlug er eine Hand vor seine Augen.

»Herrgott, was quatscht der alles zusammen, wenn er mal aufgezogen ist«, dachte Trix, und laut sagte sie: »Ich wünsche Ihnen viel Glück, Herr von Graßmann. Guten Abend!«

»Oh, gehen Sie noch nicht, bleiben Sie noch einen einzigen Augenblick«, rief er, noch einen Schritt näher tretend und streckte die Hände flehend aus. »Lassen Sie einem tief Unglücklichen noch einen Atemzug lang die Seligkeit Ihrer Nähe –«

»Herr von Graßmann!« – Trix fing nun ernstlich an, die Geduld zu verlieren.

Er tat, als wachte er aus einem Traum auf.

»Was habe ich gesagt?« murmelte er, mit der Hand über die Stirn streichend. »Ach, wer wägt seine Worte, wenn die Gefühle ihn überwältigen! – Gnädiges Fräulein! Beatrix! Glauben Sie an die Liebe auf den ersten Blick?«

Und ehe Trix es sich versah, hatte er ihre Hand ergriffen und preßte seine Lippen darauf.

Trix wußte natürlich nicht, daß diese Überrumpelungsszene ein oft geübter und meist sehr erfolgreicher Trick war, aber sie wußte, daß sie jetzt genug hatte von Max Graßmann. Mit flammenden Wangen und blitzenden Augen entriß sie ihm ihre Hand.

»Was ich glaube, das geht Sie gar nichts an«, rief sie empört. »Und wie können Sie so unverschämt sein, mich beim Vornamen zu nennen? Gehen Sie mir aus dem Weg – ich will weiter!«

Aber so schnell gab Graßmann sein Spiel nicht auf. »Zürnen Sie mir, aber bleiben Sie«, begann er von neuem. Oh, seien Sie barmherzig –«

»Guten Abend, Fräulein von Dornberg!« unterbrach ihn eine wohlbekannte Stimme und zum zweitenmal am gleichen Tag trat des jungen Rindigs Hünengestalt zwischen ihn und die Erbin der Abtei. Wie gestochen fuhr er herum.

»Was wünschen Sie hier? Wie können Sie sich unterstehen, dazwischenzutreten, wenn ich mit Fräulein von Dornberg spreche? Welches Recht haben Sie überhaupt, hier herumzulungern?« fuhr er den jungen Mann an.

Doch ehe der antworten konnte, fiel Trix ein: »Na, man sachte mit die jungen Pferde, Herr von Graßmann«, rief sie laut und nicht ohne einen gewissen Triumph.

»Herr Rindig hat meine Erlaubnis, meine, verstehen Sie? hier überall spazieren zu gehen. Dieser Teil des Waldes hier ist den Fremden verboten, die beim Oberförster wohnen. Ich kann mich aber nicht besinnen, Ihnen die Erlaubnis gegeben zu haben und möchte Ihnen nur raten, sich die freigegebenen Wege besser zu merken, weil Sie sonst höllische Unannehmlichkeiten mit den Förstern und Waldhütern haben könnten. Herr Rindig, Sie kommen doch mit mir nach der Abtei zum Abendessen?«

Und mit hocherhobenem Kopf, auf den Wangen noch das Rot der Entrüstung, ging sie ihres Weges weiter, gefolgt von dem jungen Rindig, der es nicht einmal mehr sah, wie Max Graßmann die Faust hinter ihm schüttelte wie ein Schmieren-Bösewicht.

»Ich muß eigentlich einen Hausorden für Sie stiften, weil Sie nun schon zweimal zum Rettungsengel für mich geworden sind«, sagte Trix, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren. »Ist das ein Quasselpeter, dieser Herr von Graßmann! Der redet einem ja ein Loch in die Seele! Und das strömt dahin wie das Bächlein auf der Wiese und ist gar nicht mehr zu stoppen, weder im Guten, noch im Bösen. Sie so anzufahren! Hören Sie, Herr Rindig, Sie werden doch nicht etwa eine Dummheit machen und diesen Menschen dafür fordern?«

»Das wäre wirklich eine riesige Dummheit«, erwiderte der junge Mann lächelnd. »Man schießt sich nicht mit Herrn von Graßmann.«

»Na, das ist ja hübsch«, meinte Trix beruhigt. »Vermutlich gibt man Herrn von Graßmann auch keine Ohrfeigen, und da bin ich Ihnen doppelt dankbar, daß Sie so zufällig dazwischen kamen, denn gerade das war ich eben stark versucht, zu tun.«

Der junge Rindig sagte nichts dazu – nicht aus Schüchternheit, denn die hatte er vor Trix fast ganz überwunden, sondern weil sie ihm nichts Neues damit erzählte. Was er von der Szene, die er unterbrochen, nicht hatte hören können, das hatte er gesehen.

Vor der Abtei schon wurden die beiden Fußgänger von Frau von Graßmann empfangen, die sich über Trixens Unfall mit dem gestürzten Pferd beunruhigt haben wollte, das heißt über die Konsequenz desselben: den einsamen Gang des jungen Mädchens durch den Wald.

»Denn Sie mögen mir sagen, was Sie wollen«, setzte sie hinzu, »es macht mich immer nervös, wenn Sie so mutterseelenallein den großen Wald durchstreifen. Man kann nie wissen, was für lichtscheues Gesindel sich dort versteckt.«

»Hab' ich bisher auch nicht gewußt«, erwiderte Trix mit einer ihr sonst fremden Bitterkeit. »Herr Rindig hat heut' schon zweimal die Güte gehabt, mich von der lästigen Gegenwart solches – ›Gesindels‹ zu befreien.«

»Oh, wirklich?« fragte Frau von Graßmann, ohne auf diese Bestätigung ihrer eben noch so wortreich geäußerten »Befürchtungen« einzugehen, was Trix zwar nicht auffiel, dafür aber ihrem Begleiter, der dazu noch die Beobachtung machte, daß Frau von Graßmann auffällig erblaßte. »Ja, apropos, Friedrich sagte mir, daß Sie ihm in Ihrem Turmzimmer befohlen hätten, den Kredenztisch auf den leeren Platz zu setzen – ich habe mir aber erlaubt, ihm zu sagen, er möchte noch damit warten, weil diese leere Stelle einen Wandschrank enthält, den Sie doch am Ende nicht verstellen wollen.«

Wieder wunderte sich der junge Rindig, wieso man von Gesindel im Wald »apropos« auf einen Wandschrank kommen könnte, aber Trix schien auch das nicht aufzufallen. Die Verwunderung über die Existenz eines solchen Gelasses war das einzige, was sie äußerte.

»Oh, ich habe es Ihnen beim Umstellen der Möbel doch gezeigt oder mindestens gesagt«, behauptete Frau von Graßmann. »Sie haben es nur vergessen. Es sollte ein chinesischer Schirm davor gestellt werden, um den leeren Raum zu maskieren.«

Trix konnte sich zwar absolut weder auf das eine, noch auf das andere besinnen, aber sie mußte die Möglichkeit zugeben. Als sie in ihre Zimmer ging, fand sie den fraglichen Schrank geöffnet. Er war eigentlich nichts als ein leerer Raum ohne Tiefe mit einer hölzernen Rückwand und der Täfelung des Zimmers als Tür. Und als Trix diese zuschlug, paßte sich dieselbe so der Eichenholzverkleidung des Raumes ein, daß es unmöglich schien, sie dort herauszufinden, auch war es Trix nicht möglich, ein Schloß oder sonst einen Apparat zum Öffnen zu finden, und es blieb ihr nichts übrig, als gelegentlich Frau von Graßmann zu fragen, welche die Abtei und ihre Winkel und Ecken besser kannte, als sie, die Besitzerin. Aber Trix hatte ganz die Lust verloren, Frau von Graßmann um etwas zu fragen. Sie sagte sich, daß es unvernünftig und ungerecht sei, den ihr widerwärtigen Sohn in solchem Grade mit seiner Mutter zu verquicken, aber das Gefühl war in diesem Augenblick stärker, als ihre Argumente.

Später, ehe sie schlafen ging, fragte sie Friedrich, der ihr noch eine Flasche Sodawasser heraufbrachte, ob er von dem Wandschrank etwas gewußt hätte. Er verneinte, fügte aber hinzu, daß man oft in der Abtei von einer geheimen Tür geredet habe, durch welche der selige Herr Graf die vergitterte Loge in der Kirche, dem Hochaltar gegenüber, betreten haben müsse, weil er darin oft erschienen war, ohne daß man ihn die Treppe benutzen gesehen hätte, die in der Kirche auf den sogenannten Nonnenchor führt. Trix leuchtete diese Version mehr ein, als die vom Wandschrank, doch so sorgsam sie das Paneel auch absuchte, so konnte sie das »Wie?« nicht finden, das ihn öffnete. Sie ließ die Sache also vorläufig auf sich beruhen, aber sie beschloß, diese Geheimtür, wenn es wirklich eine war, auch für die Kirche zu benutzen. Sie entsann sich jetzt auch der Notiz zu dem hinterlassenen Briefentwurf ihres Onkels an sie: »Hier ist einzuschalten: das Geheimnis der verborgenen Tür, durch die man in die sogenannte Äbtissinnenloge in die Kirche und in das Haus gelangen kann.« Das zu enthüllen, hatte der Tod den Onkel also auch verhindert, aber der Pater wußte vielleicht darum. Ob Frau von Graßmann gleichfalls? Oder wußte sie nur um diesen sogenannten Wandschrank? Im Grunde genommen schien Trix das ganz gleichgültig, besonders da sie schrecklich müde war; nach allem, was sie seit gestern erfahren und erlebt hatte, forderte die Natur doch ihre Rechte und sie schlief die Nacht durch »wie ein Murmeltier«, wie sie sich selbst am anderen Morgen versicherte.


Aber trotzdem sie sich dadurch gestärkt fühlte und ihr das Leben und seine verwirrenden Rätsel mithin viel leichter erschienen, hatte sie doch keine Lust, in den Wald zu gehen, das heißt, sie hatte keine Lust, Max Graßmann zu begegnen. Das war's. Hans Truchseß hatte ganz recht gehabt – sie war von ihm belästigt worden durch sein unerträgliches Geschwätz, durch seine – ja um Himmels willen, sollte das eine Liebeserklärung gewesen sein? Das war Trix, der harmlosen Trix, noch gar nicht in den Sinn gekommen! Natürlich war's eine Liebeserklärung! Trix erinnerte sich der des jungen Syrop, aber über jene hatte sie lachen müssen, daß sie sich gebogen hatte, und über diese ärgerte sie sich, und es trieb ihr das Blut ins Gesicht, daran zu denken. Aber es war ihr schon recht – warum hatte sie nicht auf Hans gehört, Hans, der seinen Pappenheimer doch kannte. Jedenfalls hatte der unangenehme Mensch, dieser Graßmann, ihr den Wald gründlich verleidet. Und so sehr begann Trix sich nachträglich darüber zu ärgern, daß sie stehenden Fußes zu Frau von Graßmann ging, die sehr erstaunt über diesen ungewohnten Besuch war.

»Ich bin auch nur gekommen, Sie zu bitten, Sie möchten Ihrem Sohn sagen, daß er sich an die den Gästen des Oberförsters vorgeschriebenen Spazierwege halte, weil er sich in den reservierten Teilen des Waldes bloß Unannehmlichkeiten mit dem Personal aussetzt, wenn er dort ohne Erlaubnis betroffen wird«, erklärte Trix, ohne den gebotenen Sessel anzunehmen.

»Ich danke Ihnen vielmals für den gütigen Wink«, erwiderte Frau von Graßmann liebenswürdig, aber mit verschleiertem Hohn. »Mein Sohn hat jedenfalls keine Ahnung von dieser Vorschrift –«

»Doch. Der Oberförster ist verpflichtet, sie seinen Gästen mitzuteilen«, sagte Trix kurz.

»So? Wirklich? Oh, dann hat mein Sohn jedenfalls geglaubt, daß er durch meine Stellung hier davon nicht betroffen wird«, meinte Frau von Graßmann leicht. »Und wer erteilt eine solche Erlaubnis?«

»Ich, das heißt die Verwaltung, aber nur durch Vorlage an mich«, erwiderte Trix, der eine Ahnung aufstieg, was nun kommen würde. Und das kam.

»Oh, in diesem Fall erbitte ich also eine solche Erlaubnis für meinen Sohn«, sagte Frau von Graßmann im natürlichsten Ton der Welt. »Offen gesagt«, fügte sie lächelnd hinzu, »offen gesagt, hätte ich nicht geglaubt, erst darum bitten zu müssen, aber ich hatte übersehen, daß man, so jung im Besitz wie Sie es sind, natürlich noch streng an der Wahrung seiner Machtvollkommenheit festhält.«

»Das ist mir nicht eingefallen«, erklärte Trix energisch. »Jedenfalls bedaure ich, die gewünschte Erlaubnis nicht geben zu können.«

»Oh, »Frau von Graßmann zuckte erstaunt und verletzt zurück. »Das ist nicht gütig von Ihnen, Fräulein von Dornberg«, fügte sie hinzu, das Taschentuch vor ihre Augen haltend.

»Nein«, sagte Trix ehrlich. »Ich finde es selbst nicht nett. Aber ich finde es für mich noch viel, viel peinlicher, es Ihnen sagen zu müssen, daß Ihr Herr Sohn seine selbstgegebene Erlaubnis dazu benutzt, mich zu – belästigen, wenn und wo er mir begegnet. Und darum – darum kann ich ihm die Erlaubnis nicht geben.«

Frau von Graßmann faltete die weißen Hände und sank auf den nächsten Stuhl.

»Fräulein von Dornberg«, rief sie, »Sie sehen mich entsetzt und skandalisiert! Was hat mein Sohn Ihnen gesagt oder getan?«

»Ach, was weiß ich, was er alles für Unsinn gesprochen hat«, entgegnete Trix ärgerlich. »Aber es paßt mir nicht, mir in meinem eigenen Wald den Weg verstellen zu lassen! Und es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, weil Sie doch immerhin seine Mutter sind, aber Sie sind daneben doch auch meine Ehrendame, nicht?«

»Und wenn ich mich weigere, eine solche Anschuldigung meines Sohnes zu glauben?«

»Dann würde ich Sie natürlich bitten müssen, die Abtei zu verlassen«, war Trixens sehr ruhige und würdige Antwort, aber sie wurde von einem Blick ihrer Augen begleitet, vor dem Frau von Graßmann die ihrigen niederschlug. Nach einer kurzen Pause erhob sie sie wieder.

»Sehr richtig, sehr korrekt«, sagte sie vage. »Es war eine törichte Frage von mir, die Ihre Antwort provozierte. Fräulein von Dornberg, diese Mitteilung hat mich sehr betrübt und mitgenommen – Sie werden mir das glauben, nicht wahr?«

»Ich glaube es Ihnen gern«, sagte Trix ernsthaft.

»Ich danke Ihnen. Ich werde natürlich mit meinem Sohn sprechen und ihm sagen, was Sie mir mitzuteilen kamen. Genügt das?«

»Vollauf. Ich danke Ihnen«, entgegnete Trix, machte eine kleine, absolut tadellose Verbeugung und ging, ohne daß Frau von Graßmann sie zurückgehalten hätte, die übrigens eine halbe Stunde später etwas ostentativ nach der Oberförsterei fuhr.

Trix konnte das nur recht sein, und sie war zufrieden, mit Frau von Graßmann gesprochen zu haben. Das Leben in der Abtei wäre ja sonst ganz unerträglich für sie geworden, wenn sie dieses Menschen wegen darin eingesperrt gewesen wäre. Wie lange würde er noch bleiben? Davon redete weder er noch seine Mutter, und es war auch gar nichts dagegen zu wollen, wenn er in der Oberförsterei den Sommer verlebte. »Na ja, das fehlte gerade noch«, dachte Trix entrüstet.


Trix vertrieb sich die Zeit, nachdem sie die Atmosphäre gereinigt hatte, wie sie's nannte, indem sie auf Entdeckungsreisen in der Abtei ausging. Es gab da Räume im Haus, die sie überhaupt noch nicht gesehen hatte, unter dem Dach wie im Keller, und wenn sie gerade Lust hatte, amüsierte sie sich mit der Erforschung ihres Reiches. Spaß machte ihr jedesmal im »Audienzzimmer« der Beschließerin die große schwarze Tafel mit den unzähligen Schlüsselhaken daran, die numeriert waren wie in einem Hotel. Unten an der Tafel war dann noch eine Reihe nummernloser Haken, daran die Schlüssel größeren Kalibers hingen, für Halle, Kirche und andere gewichtigere Türen. Auch ein anscheinend sehr altes Exemplar von einem Schlüssel hing da mit der Etikette »Alchimistenturm«. Sie hatte den Namen oft gelesen, aber heut' zum erstenmal fiel es ihr ein, zu fragen, wo sich wohl der Alchimistenturm befinden könnte, und sie erfuhr, daß dies ein altes Gebäude im Nordzipfel ihrer Besitzung sei. Dorthin war Trix nur einmal auf einer Rundfahrt durch die Forsten mit dem Oberförster gekommen, und sie entsann sich auch des altersgrauen, unwirtlich aussehenden Gebäudes, dem sie aber damals nur eine flüchtige Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

»Werd' ich mir ansehen«, gelobte sie sich, nahm den Schlüssel vom Nagel und suchte zunächst den Pater Müller auf, der eifrig mit dem Auspacken einer mächtigen Bücherkiste für die Bibliothek beschäftigt war.


»Der Alchimistenturm?« wiederholte er auf Trixens Frage. »Sehen Sie, das ist solch ein Appendix der Abtei, der absolut keinen Nutzen hat. Ihr Onkel wollte ihn aber weder verfallen, noch niederreißen lassen. Über den Ursprung des Baues ist Sicheres nicht bekannt – es gibt Leute, die ihn den Römern zuschreiben wollen, aber ich glaube nicht, daß er älter als das zehnte Jahrhundert ist. Seinen jetzigen Namen hat er von einem ›Goldmacher‹ namens Henricus Rex, der Ende des siebzehnten Jahrhunderts in der Abtei erschien und gegen freie Station dem Orden goldene Berge verhieß. Wäre ich damals Klosterpfarrer gewesen, dann hätte ich diesem Herrn gezeigt, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat, aber damals waren Goldmacher begehrte Leute. Da die Nonnen aber Klausur hatten, so logierte man den Herrn Rex vulgo König in den besagten Turm ein, und dort hat er viele Jahre mit seinen Experimenten dem Kloster das Geld aus der Tasche gezogen, aber natürlich keins hineingebracht, bis er eines schönen Tages spurlos verduftete. Ja, sehen Sie sich den Turm an, vielleicht ist er doch noch irgendwie zu verwerten.«

Trix steckte sich den Schlüssel in die Tasche und half dann dem Pater Bücher auspacken, bis Friedrich ihr meldete, Frau von Graßmann sei von ihrer Ausfahrt zurück und möchte sie sprechen.

»Wozu denn?« stöhnte Trix.

»Die Geschichte ist doch erledigt. Nein, jetzt geht die alte Leier wieder los.«

Frau von Graßmann erwartete Trix auf dem neutralen Boden des kleinen Salons, und dorthin begab sich letztere nicht gerade übermäßig eilig.

»Ich bringe Ihnen meines Sohnes demütigste Entschuldigungen«, begann Frau von Graßmann ohne Umschweife. »Er ist tief betrübt, Sie verletzt zu haben und Ihr Befehl ist im natürlich Gesetz.«

»Danke schön«, erwiderte Trix und wandte sich wieder zum Gehen. Aber Frau von Graßmann hielt sie zurück.

»Noch ein Wort«, sagte sie. »Mein Sohn hat mir dabei ein Geständnis gemacht, das ich Ihnen nicht verschweigen darf – er hat mir wohl seine Entschuldigung aufgetragen, aber dabei hinzugefügt, daß er das, was er Ihnen gestern nachmittag gesagt, nicht zurücknehmen könnte, Fräulein von Dornberg – ich fürchte, es ist ein hoffnungsloser Fall.«

»Nein!« sagte Trix erstaunt. »Ist – ist er ganz gestört?«

Frau von Graßmann fuhr zurück und war auf dem Punkt, heftig zu werden, aber sie beherrschte sich wie gewöhnlich.

»Sie mißverstehen mich – oder ich habe mich schlecht ausgedrückt«, entgegnete sie mit leichtem Kopfschütteln. »Mein Sohn ist geistig so gesund wie Sie und ich, aber er ist krank im Herzen. Nun, es ist weder seine noch Ihre Schuld, es ist eben Fatum, daß er hierher kommen und Sie sehen mußte. Fräulein von Dornberg, sagen sie mir, seiner Mutter, ein Wort, ein ganz, ganz kleines Wort, das ihm Hoffnung gibt – bitte, bitte, bitte!«

»Ich?« fragte Trix mit großen Augen. »Ja, um Himmels willen, was will er denn von mir?«

Frau von Graßmann lächelte und ergriff beide Hände von Trix. »Sie will er, nichts mehr und nichts weniger als Sie!« rief sie in schmeichelnden und zuredenden Tönen. »Oh, es ist kein Verbrechen, zu lieben, keine Beleidigung, geliebt zu werden! Wer kann für die Sprache seines Herzens? Wer dafür, wenn er Liebe einflößt! Mein Sohn bittet vorläufig nur um Ihre Erlaubnis, den Preis seines Lebens – Sie – verdienen zu dürfen, und wenn er zu früh gekommen ist, wiederkehren zu dürfen. Nur nehmen Sie ihm nicht alle Hoffnung, lassen Sie ihm sagen, daß Sie ihn wenigstens anhören wollen, damit er für sich plädieren kann !«

»Gott steh' mir bei«, stöhnte Trix in Gedanken. »Der Sprechanismus ist erblich in der Familie.«

»Sie schweigen?« fuhr Frau von Graßmann fort. »Oh, ich verstehe diese mädchenhafte Verwirrung, diese Scheu, das erlösende Wort zu sprechen. Soll ich's für Sie sagen? Ist – ist es ›ja‹?«

Jetzt war es Trix aber doch zu bunt. Mit einem Ruck machte sie ihre Hände frei.

»Nein«, rief sie energisch, »nein und nochmals nein! Sie lassen einen ja gar nicht zu Wort kommen! Ich bedaure schmerzlichst, Ihrem Herrn Sohn solche Gefühle eingeflößt zu haben, aber ich protestiere dagegen, daß ich verwirrt davon bin, weil ich gottlob leider diese Gefühle nicht teile und niemals teilen werde! So, nun habe ich geredet!«

»Nicht doch, Fräulein von Dornberg«, entgegnete Frau von Graßmann sanft, »Sie stehen noch unter dem Einfluß des abfälligen Urteils, mit dem man meinen armen Sohn in die Acht getan hat. Davon dürfen Sie sich nicht beeinflussen lassen. Ein Gefallener, der sich wieder erhebt, ist mehr wert als der Tugendheld, der ihn verstößt, und das Weib, das einem solchen Mann die Hand reicht, ist über alle Maßen groß und edel – und das wollen Sie doch sein!«

»Ich hoffe sogar, daß ich es sein würde«, erwiderte Trix fest. »Aber dazu muß man den betreffenden Mann doch lieben, nicht wahr? Ihren Herrn Sohn liebe ich aber ganz und gar nicht und das erledigt die Sache endgültig. Und je eher Sie Herrn von Graßmann davon in Kenntnis setzen, desto besser wird es sein.«

»Nicht so eilig, nicht so ungestüm!« wehrte Frau von Graßmann immer noch sehr sanft ab. »Hab' ich denn verlangt, daß Sie meinen Max schon lieben sollen? Aber Sie sollen versuchen, ob Ihnen das nicht möglich wäre, ihn erst kennen zu lernen. Können Sie ihm nicht wenigstens diese Hoffnung geben?«

»Es wäre ein schreiendes Unrecht von mir, wenn ich so schwach wäre, mich dazu breittreten zu lassen«, entgegnete Trix außer sich. »Das zugestehen, hieße mich ja einfach binden. Ich mag in Ihren Augen sehr töricht sein, aber mir scheint, so sehr bin ich's doch nicht. Ich lasse Ihrem Herrn Sohn vielmals für die mir zugedachte Ehre danken, aber ich muß ein für allemal darauf verzichten. Und«, fuhr sie zwar nicht unlogisch, aber überflüssigerweise fort, »wenn ich jeden Mann, der mir über den Weg läuft, gleich heiraten soll, dann pfeif' ich auf die ganze Erbschaft.«


Und damit lief sie hinaus, um allein in ihrem Zimmer dem aufmerksam und teilnahmsvoll zuhörenden Dackel ihr Leid zu klagen.

Auch Frau von Graßmann suchte ihr Zimmer auf, aber während Trix mit hochrotem Kopf davongestürmt war, verließ sie sehr bleich den kleinen Salon und ihre sonst so verschleierten Augen waren weit geöffnet. Doch niemand sah sie auf ihrem Weg, sie konnte sich also den Luxus erlauben, ihre Augen unverschleiert von den schweren Wimpern blitzen und funkeln zu lassen, und das Licht, das aus ihnen leuchtete, hätte manch einen beherzten Mann mit Unbehagen erfüllen können. Wohl war etwas von dem Blick eines gehetzten Wildes darin, aber das Wild war eine Hyäne, und darin lag der Unterschied – wer sie so sah, ohne gesellschaftliche Maske, brauchte kein allzu feiner Menschenkenner zu sein, um zu dem Schluß zu gelangen, daß Frau von Graßmann ein skrupelloser Charakter war, der die Mittel nicht wählte und – nicht scheute. Eine bessere Schauspielerin als Frau von Graßmann war undenkbar auf der Bühne des Lebens – nur vor sich selber spielte sie nicht Komödie und meist auch vor ihrem Sohn nicht, zu dessen Wohl sie unablässig arbeitete, für den sie ihre Seele unbedenklich verkaufte, ohne auch nur so viel wie eine Anerkennung dafür zu ernten. Darin hätte eigentlich etwas Versöhnendes liegen müssen, wenn nicht gar zu viel Unschönes dabei gewesen wäre. Max Graßmann war der Vampir ihres Lebens, der mit ihrem Herzblut auch alle besseren Instinkte aus ihr gesogen hatte, seit er seine ersten selbständigen Streiche ausgeübt und sich damit immer hart auf der Grenze von Ehre und Reputation getummelt hatte, bis er die Balance verlor und auf die unrechte Seite geriet. Dieses ewige Halten, Vertuschen und die Angst: was kommt nun? hatten längst alle Skrupel in ihr zum Schweigen gebracht und kalt und gefühllos war sie über manches Opfer hinweggeschritten. Sie hatte die Ehe ihrer Schwester zerstört, um mehr zu erreichen, als ihr Schwager ihr gewährte, und nichts wie Haß als Fazit aus ihrem Rechenexempel gezogen; nicht einmal die Scheu war ihr geblieben, die manche Naturen davon zurückhält, sich immer wieder denjenigen zu nahen, vor denen sie sich schuldig fühlen, denn hinter solchen Gefühlen stand ihres Lebens Geißel und lechzte: Geld! Und das war ihre Schuld, ihre allein, durch die Erziehung der Verwöhnung, der strafbarsten Nachsicht und der laxesten Moral, die sie ihrem Sohn gegeben hatte und nun erntete sie die Früchte ihrer Saat. Welch eine Ernte. Eine reiche Heirat – das war das Ziel und Streben von Mutter und Sohn, seit dieser den ersten Wechsel einzulösen hatte – nach einer reichen Partie Umschau zu halten, war ihre vornehmste Sorge, und seines Lebens Aufgabe, die ihm in Kameradenkreisen schon den Spitznamen »der Bummelzug« eingetragen, weil er »überall anhielt«. Wenn trotzdem damit nichts erreicht wurde, so war das sicher nicht die Schuld von Mutter und Sohn, sondern entweder der schlechte Geschmack der Erwählten oder das Veto vorsichtiger Väter und Vormünder. Die Berufung Frau von Graßmanns zu Trix Dornberg schien ihr daher wie ein Geschenk vom Himmel – wohlverstanden von dem stark geheizten Orte, euphemistisch Himmel genannt, in welchem die Geldehen geschlossen werden. Und das dumme einzufangende Gänslein war achtzehn Jahre alt, also von einer Person wie Frau von Graßmann um den kleinen Finger zu wickeln und in die Tasche zu stecken. Wenn Max erst einmal Herr von Frauensee war, dann würden sich ihm alle Türen wieder weit öffnen, denn was die Welt einem armen Teufel nicht vergibt, das verzeiht sie willig dem reichen Mann, wenn er das Geld nur ordentlich zum Fenster hinauswirft und üppige Gastmahle gibt. Denn der Lethe unserer Tage heißt Champagner.

Und nun wollte auch dieser Vogel sich nicht fangen lassen, auch diese letzte Chance drohte zu entschlüpfen –

Drohte? War sie nicht eben entschlüpft? Was gab es denn noch zu erwarten?

Am Nachmittag nach der Mahlzeit, bei welcher Frau von Graßmann die Kosten der Unterhaltung bestritt, als ob nichts vorgefallen wäre, ging Trix wieder zum Pater, um ihm beim Bücherauspacken zu helfen. In der Zwischenzeit erhielt Frau von Graßmann den Besuch ihres Sohnes.

Wenn nun auch wohl ein gutes Teil Unverfrorenheit für Max Graßmann dazugehörte, das Haus wieder zu betreten, das sich geweigert hatte, ihn in den Kreis seiner Gäste aufzunehmen, so war anderseits auch nichts dagegen einzuwenden, wenn der Sohn seine Mutter besuchte, und von diesem Privilegium machte er eben Gebrauch. Begegnete er dabei der jungen Herrin des Hauses, um so besser. Max Graßmann gehörte nicht zu den Schüchternen dieser Welt.

»Na, Mater, was gibt's Neues?« fragte er, bei ihr eintretend. »Was hast du erreicht?«

»Einen Korb, natürlich«, war ihre bittere Antwort.

»Natürlich?« wiederholte er. »Warum denn natürlich? Unnatürlich finde ich's! Mater, Mater, du wirst eben alt, daß du nicht mal mehr imstande bist, eine solche kleine Gans zu deinen Ansichten zu überreden.«

»Die Gans hat den Zellschen Dickkopf«, erwiderte sie. »Das hättest du mir füglich sparen können, Max! Diese Demütigung! Nun, ich habe sie ihr durch einen kräftigen Strich auf ihrem Kerbholz zugute geschrieben!«

»Ist deine Privatangelegenheit, Mama«, sagte er, »geht mich nichts an. War notwendig, Mama! Was man auf dem korrekten Wege erreichen kann, ist immer vorzuziehen – der Strom geht nun mal nach der Richtung und für mich ist das Risiko nach der anderen Seite zu groß. Das hab' ich dir aber schon genügend demonstriert. Also der Korb. Überrascht mich nicht derart, um auf den Rücken zu fallen, aber es enttäuscht mich in meinem Vertrauen auf deine Redekunst. Na, jedenfalls hat sie den Korb doch mit dem Zuckerzeug mehr oder minder vager Aussichten gefüllt, schon um dich loszuwerden!«

»Nichts davon, mein armer Junge! Ein unverzuckerter, rücksichtsloser unzweideutiger Korb! Oh, hätte ich sie mit diesen meinen Händen erwürgen können, diesen Wechselbalg mit den gräßlichen Augen –« –

»Geschmacksache, Mama! die Augen sind ihre Schönheit – aber ich gebe zu, daß sie einen unbehaglich machen, wenn sie einen so damit ansieht – man kommt sich vor, als wenn man ein Kind mit Absicht in den Rinnstein stoßen wollte. Hab' es mal getan, weil ich gerade blödsinnig verloren hatte und dann hab' ich immerzu an den schreienden Balg denken müssen! Faktisch, ohne zu schnurren. Na, und nun?«

»Aha!« machte Frau von Graßmann sarkastisch. »Wenn dem Herrn Sohne der Witz versagt, dann ist die Mutter nicht mehr zu alt, um mit dem ihren auszuhelfen.«

»Mama, rede nicht: ich habe dir gleich gesagt, erst der korrekte Weg, soweit er führt. Donnerwetter, ehe man in den Schmutz patscht, sieht man sich doch erst zehnmal nach einem Übergange um. Nicht, daß ich mir selbst soviel aus schmutzigen Stiefeln mache, aber es ist mir immer eklig, wenn die Leute mir darauf sehen!«

Mit dieser herrlichen Moral steht Max Graßmann nicht allein, er bekennt sich damit nur zu einer großen Gemeinde. Und seine Mutter lebte davon, sie konnte also nur stolz sein auf die Frucht ihrer Lehren.

Als Max Graßmann eine Stunde später die Abtei wieder verließ, von seiner Mutter bis vor das Tor gebracht, hatte er Trix nicht gesehen.

»Das ist eigentlich schade«, meinte Frau von Graßmann. »Eine solche zufällige Begegnung hätte mir sehr gut in meinen Plan gepaßt. Am liebsten hätte gerade Besuch dazukommen müssen.«

Dieser Wunsch fand plötzliche Erfüllung, aber nicht eben in der gedachten Weise, denn in dem Augenblicke, als Mutter und Sohn unter den Torbogen treten wollten, ritt Hans Truchseß darunter weg in den Hof der Abtei ein.

»Holla! Max, du hier?« rief er, nicht gerade angenehm überrascht.

»Ja – hast du etwas dagegen einzuwenden?« fragte der andere höhnisch, und das war die erste Begegnung der Vettern.

»Wie sollt' ich, wenn du deine Mutter besuchst?« erwiderte Truchseß mit scharfer Betonung.

»Na, selbst, wenn ich jemand anderen besuchen wollte, ginge es dich nichts an«, war die liebenswürdige Entgegnung. »Soviel mir bekannt, bist du weder mein, noch – anderer Leute Vormund. Also: Finger weg, mein Junge!«

Hans Truchseß streifte mit einem scharfen Blick die drohend funkelnden Augen seines Vetters und das unbewegliche Gesicht seiner Tante.

»Meine Finger sind nicht so empfindlich«, sagte er kalt.

»Man kann ja auch eine Faust daraus machen und sehen, was man damit ausrichtet!«

Max Graßmann bekam einen hochroten Kopf und wollte auffahren, aber seine Mutter legte ihm die Hand auf den Arm.

»Daß ihr Vettern euch doch immer gleich an den Köpfen kriegen müßt«, sagte sie lachend. »Gleich sagt ihr euch hübsch artig guten Tag, ihr bösen Buben!«

»Es gilt dafür, Tante«, erwiderte Truchseß, und gutmütig fügte er hinzu: »Max hat es nicht mal der Mühe für wert gehalten, mich in Kroschwitz zu besuchen.«

»Ich dränge mich niemand auf«, rief Graßmann gereizt.

»Sehr lobenswert«, war die prompte Erwiderung. »Na, und du willst nach Neu-Guinea gehen, Max, sagte mir die Tante?«

»Wenn Euer Hochwohlgeboren nichts dagegen haben –«

»Du tust mir zu viel Ehre an, Max! Na, ich wünsche dir Glück, und wenn ich dir mit etwas dienen kann – das Moos ist mir zwar jetzt etwas knapp, weil ich Kroschwitz für meine zukünftige Frau einrichte – aber was sich möglich machen läßt, darauf kannst du rechnen.«

Max murmelte etwas in den Bart, was so wenig wie ein Dank klang, daß seine Mutter sich verpflichtet fühlte, etwas von »sehr liebenswürdig und sehr freundlich« zu sagen und hastig hinzusetzte:

»Bist du gekommen, mich zu sehen?«

»Ich soll Trix von Phroso etwas ausrichten«, erwiderte er, eine direkte Antwort umgehend. »Sie ist doch zu Hause?«

Frau von Graßmann erklärte, daß sie ihres Wissens mit dem Pater im alten Refektorium Bücher auspacke und ordne, »wenn sie das nicht inzwischen satt bekommen habe«, und Truchseß ritt mit einem kurzen Gruß an seine Verwandten in den Hof und stieg dort ab.

»Also, Max«, sagte Frau von Graßmann, als sie außer Gehörweite waren, hastig, »du bleibst in unmittelbarer Nähe der Oberförsterei und wartest auf Nachricht von mir. Ich würde dich ein Stück begleiten, aber ich muß hinein – Hans darf mit dem Mädchen nicht alleingelassen werden, damit sie ihm nichts von dir und mir erzählt. Er darf absolut keine Witterung davon erhalten, sonst ist alles verloren.«

»Na, erlaube mal! Welches Recht –«

»Alles ist ihm hier eingeräumt worden! Also adieu!«

Ein paar Minuten später erschien sie in dem großen, noch sehr leeren und öden Raume, und hier fand sie Trix, den Pater und Hans vor, auf Bücherhaufen sitzend.

»Kommen Sie auch helfen?« erkundigte sich Trix.

»Nein, ich komme, meine Pflicht als Ehrendame zu erfüllen«, erklärte Frau von Graßmann, sich einen Stuhl frei machend.

Trix lachte gerade hinaus.

»Deswegen hätten Sie ruhig Ihre Siesta halten können – ich sitze ja schon den ganzen Vormittag mit dem Pater allein!«

»Sie mißverstehen mich mit Absicht«, erwiderte Frau von Graßmann, »sollten Sie aber Dinge besprechen wollen, die ich nicht hören soll, dann wäre es besser, das offen zu sagen.«

»Daß ich das tun würde, darauf können Sie Gift nehmen«, gab Trix prompt zurück, und Truchseß dachte sich, daß er auch Gift darauf nehmen würde.

Frau von Graßmann aber überwand wie immer auf der Stelle ihren Ärger, erklärte liebenswürdig lächelnd, daß dies sie ganz befriedige und blieb nach dem Grundsatz: »J'y suis et j'y reste.«

Phrosos Botschaft, welche die Weite des Halsbandes betraf, war schon vor Frau von Graßmanns pflichtgemäßem Erscheinen ausgerichtet worden, aber Truchseß hatte keine Eile, sich sogleich wieder zu entfernen. Die Verheißung einer Tasse Tee, wenn er brav mithülfe, war ihm anscheinend nach dem heißen Ritt ganz verlockend, und Frau von Graßmann besorgte das Servieren des erquickenden Trankes, während der Pater auspackte und sie die Bücher nach seiner Anweisung an die Stellen trugen, wo sie Aufstellung finden sollten. Dabei gelang es Hans Truchseß doch noch, mit Trix einige Worte zu wechseln.

»Ich bin eigentlich gekommen, nach dir zu sehen«, sagte er ihr ehrlich. »Du sahst gestern in Weißenrode müde aus – und ernst. Beides ist man an dir nicht gewöhnt!«

»Oh, ich bin ganz in Ordnung«, versicherte Trix, wobei ihr die Tränen wider Willen in die Augen schossen, und darüber ärgerte sie sich. Aber es tat so lächerlich wohl, daß »einer« sich um sie sorgte.

»Ja, ich meinte auch nicht, daß du krank wärst«, fuhr Truchseß fort. »Hast du Kummer, Trix? Hat man dich geärgert?«

Der Tränenschleier vor ihren Augen wurde dichter und ein paar heiße Tropfen fielen auf den Pack Bücher, den sie eben niederlegte. Sie wischte die Tränen hastig fort, damit er sie nicht sähe.

»Ach was«, sagte sie resolut, »wegen dem bissel Ärger – ich wollte, ich könnte dir etwas erzählen, Hans, aber nicht hier, weißt du –«

»Aha, apropos Tante Sophie«, murmelte er verständnisvoll. »Ich werde morgen mal wieder vorsprechen, Trix, oder kommst du vielleicht nach Weißenrode? Dort nimmt uns meine Schwiegermutter oder Phroso Tante Sophie ab, sollte sie dich begleiten wollen. Wir finden dort Verständnis für ein kleines Komplott!«

»Schön«, nickte Trix, denn die Aussicht auf einen Schabernack hatte ihre Reize für sie durchaus nicht verloren. Sie begriff ganz gut, daß Frau von Graßmann eine Mitteilung des Geschehenen an ihren Neffen verhindern wollte, und darum schien es ihr doppelt reizvoll, Hans davon zu unterrichten. Dann war ihr auch der Gedanke gekommen, ihn um seine Vermittlung zu bitten, damit Frau von Graßmann ihren Posten in der Abtei niederlegte, denn seit heute morgen wollte es Trix scheinen, als wäre eine Trennung von ihrer Ehrendame nun eine Art dringender Notwendigkeit geworden.

»Sie machen heute keinen Spaziergang?« fragte Frau von Graßmann, als ihr Neffe fortgeritten war.

Trix hatte das nun allerdings vorgehabt, aber Frau von Graßmann ging ihr heute wider den Strich und forderte ihre Opposition heraus.

»Ich wollte eigentlich zum Alchimistenturm – aber jetzt hab' ich keine Lust mehr«, erklärte sie.

»Oh, der Alchimistenturm!« wiederholte Frau von Graßmann. »Ich hatte ganz vergessen, daß er noch existiert. Das düstere Eulennest hat so etwas Totes, Verlassenes, Melancholisches, etwas, was einen zwingt, leise zu sprechen oder zu schweigen. Die tiefe Einsamkeit des dichten Föhrenwaldes drückt dort auf das Gemüt, glaube ich! Aber anderseits reizt das auch wieder – es hat etwas Unheimliches. So, so! Also zum Alchimistenturm wollten Sie. Nun, er läuft Ihnen ja nicht fort!«

»Deswegen will ich erst morgen hingehen«, bemerkte Trix. »Wollten Sie nicht morgen nach Weißenrode?«

»Nachmittags.«

»Nun, am Vormittag wird der Alchimistenturm auch mehr Sonne haben. Aber er ist jedenfalls verschlossen.«

»Ich habe den Schlüssel !« Und Trix produzierte aus ihrer Tasche das mächtige Stück Eisen, das mit sich herumzuschleppen einem Arbeiter mit sackleinenen Taschen unbequem erschienen wäre.

»Gott behüte«, sagte auch Frau von Graßmann entsetzt, »das ist ja der reine Totschläger, den bringen Sie ja gar nicht bis dorthin. Denn es ist, soviel ich mich erinnere, ziemlich weit bis zum Alchimistenturm, und es führt nur ein Fußweg hin. Das wird wohl eine von Ihren berühmten Frühpromenaden werden?«

»Weiß ich noch nicht«, entgegnete Trix und ärgerte sich, daß sie Frau von Graßmann von ihrem beabsichtigten Besuche des Turmes erzählt hatte.

»Denn nun wird sie ununterbrochen auf der Sache herumreiten, und das verdirbt mir das ganze Vergnügen«, murrte sie unvernünftig genug. »Wenn sie mich bloß endlich mal in Ruhe lassen wollte, oder wenn sie wäre, wo der Pfeffer wächst! Ich bliebe nicht hier, wenn ich wäre wie sie, aber die hat ein Fell wie ein Nilpferd, da kommt nichts durch!«

Und zu Trixens Ärger wählte sich Frau von Graßmann beim Abendessen richtig den Alchimistenturm zum Thema, und das machte Trix schließlich so wild, daß sie absichtlich am anderen Morgen sich verspätete und dann keine Lust mehr hatte, den Weg am Vormittag zu machen, trotzdem Frau von Graßmann sie aufs freundlichste dazu ermunterte.

»Gerade nicht«, gelobte sich Trix, bei der alle Geister der Opposition erweckt waren. Und so kindisch dieses »gerade nicht« auch war, so wenig störte sie das, denn darüber war sie noch lange nicht hinweg. Außerdem hatte sie heute mit Bestimmtheit Frau von Graßmanns Demission erwartet, und daß nichts dergleichen erfolgte, das irritierte Trix.

»Denn«, hatte sie kalkuliert, »denn sie wird sich's beschlafen haben, daß ich ihrem Engel von Sohn doch eigentlich eine schwere Beleidigung zugefügt habe, weil ich ihm nicht sofort um den Hals gefallen bin und nicht ganz weg von der Ehre war, die er mir erwiesen hat. Sie wird die Pikierte spielen und wird gehen wollen, und ich werde sie gehen lassen mit meinem Segen und werde ein Freudendiner mit dem Pater als Ehrendame geben, wenn sie zum Tempel hinaus ist.«

Aber nichts davon erfolgte. Frau von Graßmann war liebenswürdiger denn je und zeigte mit keiner Miene, daß sie Trixens Korb persönlich genommen hätte. Und das ärgerte Trix und ihr Entschluß, Hans Truchseß zu einem ernsten Wort in diesem Sinne anzufeuern, wurde immer fester.

Zu Trixens großer Enttäuschung aber kam im Laufe des Vormittags von Weißenrode die Botschaft, daß man dort nicht zu Hause sein würde und ihren Besuch erst für morgen erbitte.

»Nun, dann hindert Sie ja nichts, den heute früh verschlafenen Besuch des Alchimistenturmes nachzuholen«, meinte Frau von Graßmann lächelnd, denn diese Nachricht kam ihr sehr willkommen, weil sie sich ja auch zwei und zwei addieren konnte und eine Mitteilung des Geschehenen an Hans Truchseß aus ihr bekannten Gründen hinausgeschoben haben wollte.

Aber das machte bei Trix das Maß voll.

»Wenn Sie mich jetzt nicht endlich mit dem verflixten Alchimistenturm in Ruhe lassen, dann soll ihn der Kuckuck holen«, rief sie wütend. »Man sollte ja meinen, daß Ihr Lebensglück davon abhängt, daß ich das dumme Ding besuche! Außerdem brenne ich gar nicht darauf, denn mir ist der Wald ohnehin dadurch verleidet, daß ich nicht die Nase hinausstecken darf, ohne Ihrem Sohn zu begegnen und mir von ihm das Blaue vom Himmel herunterquasseln zu lassen.«

Trix fühlte sehr wohl, daß ihr die »Schecke durchgegangen« war, aber nicht Reue darüber erfüllte sie, sondern der Gedanke: »So, jetzt wird sie wohl genug haben.« Doch sie kannte Frau von Graßmann noch lange nicht.

»Fräulein Dornberg«, erwiderte sie leise und mit ganz gesenkten Lidern, »gestatten Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie eben sehr ungezo – wollte sagen, sehr unhöflich gewesen sind. Sehr. Aber ich setze das auf das Konto Ihrer merkwürdigen Erziehung und Ihres leider sehr unbeherrschten Temperamentes. Und was Ihre so sehr freundliche Erwähnung meines Sohnes betrifft, so kann ich Ihnen die angenehme Mitteilung machen, daß er heute früh abgereist ist. Er hat mich noch gestern abend davon in Kenntnis gesetzt. ›Da meine schönsten und kühnsten Hoffnungen im Keime vernichtet sind‹, schrieb er mir, ›so gehe ich, in fernem Lande den Tod zu suchen und sage dir auf diesem Wege Lebewohl, damit es dir nicht unnötig schwer gemacht werde.‹ So etwas schreibt sich mit glühendem Griffel in ein Mutterherz.«

»Quatsch!« murmelte Trix verächtlich.

»Rührt Sie das nicht?« fragte Frau von Graßmann mit bebender Stimme.

»Und wenn ich so gerührt und weich wäre wie Pomade, was hätte es denn für einen Zweck?« fragte Trix ungeduldig und ärgerlich, denn sie sah wirklich nicht die Notwendigkeit dieses Hämmerns auf ihre Gefühle ein.

Frau von Graßmann überhörte den Wortlaut von Trixens Gegenfrage und hielt sich nur an den Sinn.

»Dann wär's ein Hoffnungsschimmer in dem dunkeln Dasein meines armen Jungen«, murmelte sie halb für sich.

»Ihr armer Junge wird sich auch ohne das trösten«, sagte Trix kurz. »Und wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, dann bitte, reden Sie nicht mehr davon. Es ist absolut nutzlos. Denn ich hoffe, Sie werden mich doch nicht für solch eine dumme Pute halten, die sich dergleichen einreden läßt. Das ist ja wohl klar, nicht?«

»Ganz klar«, erwiderte Frau von Graßmann kühl.

»Also«, machte Trix aufatmend. »Und wenn ich vorhin wegen des dummen Turmes aufgefahren bin, so bitte ich um Entschuldigung. Man weiß selbst manchmal nicht, was einen aus dem Häuschen bringt. Zur Buße werde ich heut' nachmittag hinpilgern, schon um mir die Füße ein bißchen zu vertreten – aber wenn Sie wünschen, daß ich auf den Knien hinrutsche, dann brauchen Sie es bloß zu sagen.«

Frau von Graßmann akzeptierte aufs liebenswürdigste die reichlich originelle Entschuldigung, und Trix hielt in der Unschuld ihrer Seele die Sache für erledigt. Ihr hätte es genügt, folglich mußte es auch der anderen genügen. Trotzdem aber blieb sie bei der Ansicht stehen, daß eine Trennung von Frau von Graßmann zu den wünschenswerten Dingen dieses Lebens gehörte.


Am Nachmittag um die fünfte Stunde machte sie sich nach dem Alchimistenturm auf mit dem angenehmen Gefühl, Max Graßmann unter keinen Umständen begegnen zu müssen. Was ihr die Freude dabei einigermaßen vergällte, war, daß ihr Dackel sie nicht begleitete, denn Seine Exzellenz war nirgends zu finden – er mußte auf eigene Rechnung und in eigenen Angelegenheiten eine Promenade unternommen haben. Wie lange die dauern würde, war nicht abzusehen, Trix steckte also das Kilo Eisen, Schlüssel genannt, zu sich und ging allein.

Nur auf schmalen Fußwegen war zu dem Ziel zu gelangen, doch die führten scharf nach Osten zu durch dichte Tannen, deren abgefallene Nadeln eine weiche Streu bildeten, auf welcher es sich für einen sicheren Fuß angenehm geht. Viel Sonnenlicht drang nicht durch bis auf den Boden, es fiel nur streifenweise auf den moosigen Grund, auf dem Preißelbeeren und Heidelbeeren üppig gediehen, und, wo der Boden feucht und moorhaltig war, auch feinfiedrige, lichtgrüne Farne. Der kräftige, nervenstärkende Duft der Föhren, das Rauschen und Raunen in ihren Zweigen aber sprach Trix an, und sie wunderte sich, daß sie nie diesen Weg genommen, sondern immer nach der anderen Seite gewandelt war. Links blitzte manchmal der See auf durch die geraden, braunen Stämme, aber dann wandte sich der Fußweg nach rechts und nach einer halbstündigen Wanderung stand Trix vor dem Alchimistenturm, einem dreistöckigen, zinnengekrönten, efeuumwucherten viereckigen Gebäude, das wie eine grimmige, drohende Frage in der stillen Waldeinsamkeit stand.

Der große Schlüssel öffnete leicht das schwere, eisenbeschlagene eichene Tor, denn was auf Frauenseer Gelände stand und lag, war alles in tadellosem Gebrauchszustand. Auf geölten Angeln schwang das Tor sich ohne Widerstand nach innen in den fast dunkeln, nur durch runde Luftlöcher dürftig erhellten Raum des Erdgeschosses, in dem eiserne Ringe an den Wänden die Stellen bezeichneten, wo man früher die Kienfackeln aufgesteckt hatte. Ein ganz moderner Reisbesen in einer Ecke zeigte, daß die Geister der Reinlichkeit auch hier gelegentlich einkehrten, auch eine rohe Holzbank stand da – sonst aber keine Geräte. Von der Tür links führte eine schmale, steile steinerne Treppe nach oben, sie mündete auf einen kleinen Vorraum und führte von diesem weiter. Die Tür, welche auf dem Absatz in das Gelaß des ersten Stockes führte, war unverschlossen, und Trix betrat durch sie ein niederes, von altersschwarzen Balken getragenes, aber geräumiges Zimmer, in welchem ein großer, rauchgeschwärzter Kamin mit gemauertem Mantel den größten Platz einnahm. Ein alter eichener Tisch, ein paar Schemel und ein geradrückiger, lederbezogener Sessel und von der geschwärzten Decke herabhängend eine laternenartige, eisengeschmiedete Ampel – das war alles, was der Raum enthielt. Hier hatte der »Goldmacher« Henricus Rex wohl gehaust und seine alchimistischen Versuche Jahre hindurch unentwegt getrieben wie so viele seiner Art anderorts und das Gold, das er suchte, als Rauch zum Schornstein hinausziehen lassen.

Die Luft in diesem Raum war dumpf, modrig und schwül und legte sich Trix auf die Brust, als würgte sie eine fremde Hand und drückte ihr langsam und stetig die Kehle zu. Rasch trat sie an das eine, nach Süden gehende niedere Fenster mit den blinden, bleigefaßten, diamantartig geschnittenen Scheiben und öffnete es – ah! das tat wohl, die warme, tannenduftige Luft einzuatmen, die in vollen Wogen hereinflutete.

Trix setzte sich auf den breiten Rand des Fensters und sah hinaus in den Wald, der bis dicht an den Turm reichte und dem Lichte so viel von dem Eintritte wehrte, als der sonnenleuchtende Sommertag es zuließ – ja, es war kein freundlicher Ort, der Alchimistenturm, er war düster und einsam und melancholisch, aber unheimlich kam er Trix nicht vor. Nur das Schweigen im Walde war wohl etwas beklemmend, wenn man von dem leisen Raunen in den Zweigen absah, aber gerade als Trix das besonders auffiel, begann ein Kreuzschnabel in ihrer unmittelbaren Nähe zu singen, leise, süß und wunderbar, wie eine Stimme aus einer anderen Welt, weil man sie nur in der tiefsten Einsamkeit des Fichtenwaldes hören kann. Da erinnerte sich Trix eines schönen Gedichtes, das sie in den Kindertagen gelernt, ein Gedicht vom Kreuzschnabel, und wie er seinen gekreuzten Schnabel zur Erinnerung daran erhalten, daß er versucht, die Nägel herauszuziehen, die den Heiland ans Kreuz geschlagen, und seine rote Brust zum Andenken an das heilige Blut, das ihn dabei überströmt. Und nun sang draußen im Tann ein Kreuzschnabel, und atemlos und andächtig lauschte ihm das junge, blühende Menschenkind mit großen, weit geöffneten Augen wie auf etwas Wunderbares, Niegehörtes. Und während sie dabei dachte, ob man diesen süßen, eigenartigen Gesang wohl auf der Geige nachahmen könnte, überhörte sie, daß leise, vorsichtige Schritte die Treppe heraufkamen, und erst, als die Tür geöffnet wurde, wandte sie den Kopf mit einem seltsamen Stocken des Herzens –: Max Graßmann stand in dem Zimmer mit einem eigenen, glitzernden Blick seiner vorstehenden frechen Augen.


Einen Moment saß Trix sprachlos, dann aber trieb eine glühende Entrüstung ihr das Blut in die Wangen.

»Wie können Sie sich unterstehen, mir nachzulaufen?« rief sie empört. »Im Augenblick verlassen Sie das Zimmer, den Turm und den Wald, oder, bei Gott, ich wende mich an die Behörden, um mich von Ihrer aufdringlichen und lästigen Gegenwart befreien zu lassen!«

»Die Nürnberger hängen keinen, ehe sie ihn nicht haben, mein Schatz«, erwiderte er mit einem Lachen, das Trix plötzlich das Blut zum Herzen zurückdrängte. »Und wenn Sie schrien wie am Spieße, hier hört Sie keine Katze, geschweige die Behörden, mit denen mich zu schrecken übrigens ein sehr guter, aber sehr kindischer Witz ist. Nein, ich gehe nicht, wenigstens nicht eher, als bis wir Abrechnung miteinander gehalten haben, mein schönstes Fräulein! Wir haben nämlich ein langes Konto zu begleichen. Aber ich will einen Strich darunter machen, wenn Sie vernünftig sind und mir die Hand reichen, um die meine Mutter ja wohl für mich geworben hat.«

»Ich habe Ihrer Mutter geantwortet«, entgegnete Trix fest. »Es ist ganz überflüssig, noch einmal davon anzufangen. Verlassen Sie mich, Herr von Graßmann.«

Er trat einen Schritt näher.

»Halten Sie mich für so grün?« fragte er. »Denken Sie, ich bin bloß dazu hierhergekommen, um gnädige Erhörung zu erflehen wie ein liebeskranker Esel? Bloß Ihrer blauen Augen und Ihrer niedlichen kleinen Person wegen? Oho – diese sentimentalen Gefühle haben Sie mir gründlich ausgetrieben mit Ihrer Überhebung. Ich will Sie, ja, und werde Sie haben, aber mit Ihnen die Herrschaft Frauensee und damit meinen Wiedereintritt in die Gesellschaft, die mich jetzt ansieht wie einen räudigen Hund!«

»Er ist wahnsinnig!« fuhr es durch Trixens Kopf, aber sie sagte sehr ruhig: »Dazu gehören doch wohl zwei, scheint mir! Und nun zum letztenmal – ich wünsche allein zu sein.«

Wieder trat Max Graßmann einen Schritt näher.

»Sie sind sehr naiv, zu glauben, daß ich nach dem, was ich eben gesagt habe, mit einer Verbeugung abgehen werde wie in einer Komödie auf dem Theater. Sie werden diesen Raum nicht anders verlassen, denn als meine verlobte Braut!«

Nun bäumte sich in Trix aber ihr ganzer Stolz auf.

»Wenn Sie so sehr den Gentleman draußen gelassen haben, um den Wunsch einer Dame, sie allein zu lassen, nicht nur mit Nichtachtung, sondern auch noch mit beleidigenden Reden zu beantworten, so bleiben Sie hier und ich werde gehen«, sagte sie mit einer Würde, die der Augenblick ihr verlieh. »Machen Sie mir Platz, Herr von Graßmann!«

»Sofort«, erwiderte er hohnvoll. »Die Braut Max Graßmanns passiert – sonst nicht.«

»Sie sind ein Lump, Herr von Graßmann!«

»Was Sie befehlen! Ich gebe Ihnen fünf Minuten Bedenkzeit, um entweder diesen Turm ganz korrekt – denn ich bin sehr für das Korrekte – als meine Braut zu verlassen – meine freiwillige Braut, oder als eine, die mich anflehen muß, sie zu meiner Frau zu machen. Haben Sie mich verstanden?«

»Nein«, sagte Trix einfach. »Ihre Redeblüten waren mir immer zu hoch. Also bleiben Sie, wenn Sie weder gehen, noch mir Platz machen wollen – Sie sind der Stärkere – leider! Man weiß in der Abtei, wohin ich gegangen bin und wird mich schon suchen. Also ewig kann es nicht dauern, daß ich Ihre Gesellschaft ertragen muß.«

»Sapristi!« zischte er und trat dicht an sie heran, so dicht, daß sein nach Alkohol riechender Atem Trix ins Gesicht schlug.

»Rühren Sie mich nicht an«, schrie sie in hellem Ekel auf, »fort, oder ich springe zum Fenster hinaus!«

»Um sich Hals und Beine zu brechen!« höhnte er. »Das ist so ein Schreckschuß, wie mit den Behörden!«

Trix sah aus seinen Augen, daß hier keine andere Rettung war, sie schlug mit voller Kraft auf die Hand, die sich nach ihr ausstreckte, schwang ihre Füße von dem Sitz auf dem Fensterbrett über den Sims und ließ sich herabfallen in das dichte Heidelbeergebüsch, das um den Turm wucherte.

Das alte, schon ins Holz geschossene Gestrüpp schwächte den Fall aus solcher Höhe durch seine Elastizität wesentlich ab, dennoch aber blieb Trix regungslos eine kurze Zeit liegen, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, in der sie durch unbegrenzte Räume zu segeln schien. Dann kehrte das Bewußtsein ihr auf einmal zurück; sie richtete sich halb auf ihren Händen auf und da kam auch schon Max Graßmann um den Turm und auf sie zu.

»Hilfe! Ist denn kein Mensch da?« schrie sie auf, und da packte auch schon Siegfried Rindigs eiserne Faust den Elenden von hinten am Kragen und mit der Rechten ließ er den Stock, den er in der Hand gehalten hatte, auf ihn herabdreschen, daß es nur so pfiff und sauste!


»Wart', du Halunke, ich werde dich lehren, Mädchen zu verfolgen«, keuchte er dabei. »Du nichtsnutziger, niederträchtiger, gemeiner Kerl du, Falschspieler, Verleumder, Ehrabschneider!«

Und bei jedem dieser Ehrentitel sauste ein Prügelhagel auf den sich vergeblich unter dem eisernen Griff seines Exekutors sich windenden Graßmann herab, während Trix im Heidelbeerkraut saß und entsetzt beide Hände an den Kopf preßte.

»Rindig? Um Gottes willen, was geht hier vor?« Und Hans Truchseß stand vor der Gruppe, noch atemlos vom schnellen Lauf. Da schüttelte der junge Riese noch einmal sein Opfer, daß dem die Zähne dabei zusammenschlugen und warf den Burschen ins nächste Gebüsch, wie man ein giftiges Gewürm von sich schleudert.

»Ich war in der Abtei und hörte dort von dem Pater, daß Fräulein von Dornberg hierher gegangen sei und weil ich dem Halunken dort mit seiner Abreise nicht traute, ging ich für alle Fälle nach und hörte Fräulein von Dornberg um Hilfe rufen – da verlor ich ein bißchen die Besinnung und hab' ihn ordentlich verwalkt«, erklärte Rindig, als wäre das die einfachste Sache von der Welt.

Truchseß aber war so blaß geworden wie der Tod.

»Trix!« rief er, mit unsicheren Schritten auf das junge Mädchen zugehend und kniete neben ihr in dem Gestrüpp nieder, »Trix, liebe, liebe Trix – hat er dir etwas getan?«

»Nein, er hat mir nichts getan«, erklärte sie mit erstickter Stimme, »aber er hat mir gedroht und hat mich anfassen wollen – und da bin ich lieber zum Fenster hinausgesprungen!«

Die beiden Männer warfen gleichzeitig einen Blick nach oben und sahen sich dann an – entsetzt, und auch aus des jungen Rindig noch hochrotem Kopf wich jede Spur von Farbe.

»Trix«, sagte Hans Truchseß mit rauher Stimme und kaum verständlich, »bist du – verletzt?«

»Nein, nein – ich glaube nicht«, rief sie mit einem Versuch zum Lächeln. »Hilf mir auf, Hans, ja? Man kommt aus dem Gestrüpp ohne Hilfe gar nicht heraus!«

»Das Gestrüpp hat sie gerettet«, sagte Rindig feierlich.

Truchseß sprang auf und hob Trix behutsam in die Höhe wie ein Kind.

»Es ist alles ganz«, erklärte sie, sich reckend, »aber«, fügte sie matt hinzu, »aber mir ist schwindlig – die Bäume tanzen um mich –«

Und sie klammerte sich fest an Truchseß' Arm und wäre gefallen, wenn er sie nicht umschlungen und gehalten hätte.

»Was machen wir, Rindig?« fragte er angstvoll. »Ein Wagen kann ja bis hierher gar nicht fahren.«

»Und bis ich hinlaufe, eine Trage zu holen, vergeht eine Stunde und mehr«, sagte der junge Mann ratlos, setzte aber gleich hinzu: »Oh, ich weiß es – Sie und ich, wir tragen Fräulein von Dornberg nach der Abtei, wenn sie nichts dagegen hat.«

Trix aber war viel zu erschüttert, geistig wie körperlich, um Einwendungen zu machen – sie lehnte an Truchseß' Brust, halb ohnmächtig und kaum fähig, sich auf den Füßen zu halten.

»Ja, so wird's am besten sein«, erklärte Truchseß nach kurzem Besinnen. »Aber der Weg ist zu schmal, um einen Sessel von unseren Händen zu machen, um Trix – Fräulein von Dornberg darauf wegzubringen. Wir müssen sie abwechselnd auf den Armen tragen – wie ein Kind, kleine Trix! und dann«, setzte er hart hinzu und sich nach der Stelle umsehend, wo Max Graßmann sich aufgerafft hatte und halb blind vor ohnmächtiger Wut und Schmerz davonschlich wie ein geprügelter Hund, »dann wollen wir miteinander reden!«

»Ich denke, er hat genug«, sagte Rindig kaltblütig. »Man beschmutzt sich an dem Halunken bloß die Finger und Worte sind überflüssig. Dafür hat er ein zu dickes Fell.«

»Das wird sich finden«, erwiderte Hans Truchseß grimmig. Und dann nahm er Trix auf den Arm, ihre Hände waren nach Rindigs praktischem Rat um seinen Hals geschlungen; und so trug er sie eine ganze lange Strecke, bis Rindig fand, es sei nun genug und er wolle seinen Teil an der Arbeit haben. Das mußte ihm gewährt werden, und so trugen sie abwechselnd die an sich ja nicht schwere Last, die aber doch immerhin die Kräfte in Anspruch nahm, den dafür reichlich weiten Weg nach der Abtei zurück. Unterwegs fragte Rindig, wie Truchseß nach dem Turm gekommen sei.

»Ich war auch in der Abtei und fragte nach meiner – Kusine«, erklärte dieser. »Meine Tante wußte aber nicht, wohin sie gegangen sei und erzählte mir nur, daß ihr Sohn heut' abgereist wäre. Beim Herausgehen traf ich zufällig den Pater, und der sagte mir, Trix hätte ihm mitgeteilt, sie würde sich nachmittags den Alchimistenturm ansehen. Da ging ich ihr auf gut Glück nach, weil ich sie gern sprechen wollte und kam leider zu spät dort an – zu spät für Trix und zu spät, um Lynchjustiz auszuüben.«

»Bitte, das habe ich ganz gern besorgt«, entgegnete Rindig mit einer gewissen Befriedigung. »Und darum brauchen Sie mich nicht weiter zu beneiden. Da hätte höchstens mein Bruder ein Interesse daran. »

Trix sprach fast gar nicht unterwegs – sie war noch jenseits aller Worte. Die Frage, ob sie Schmerzen habe, verneinte sie absolut, und auch ihr noch ganz blasses Gesicht verriet nichts von Leiden, nur als man vor der Abtei stand – endlich, da wollte sie gehen, indem sie mit einem Anflug ihres alten Selbst erklärte, »es wäre zu dumm, sich vor all ihren Leuten hereinschleppen zu lassen wie ein Bund Stroh.« Rindig, der sie die letzte Strecke getragen hatte, gab nach, schon aus purem Respekt, und Trix machte ein paar Schritte vorwärts, aber nicht viele, und ehe es verhindert werden konnte, fiel sie auf ihre Knie – »der Rücken wolle sie nicht tragen«, erklärte sie matt.

Da half Truchseß ihr wieder auf und trug sie selbst hinein, die Treppe hinauf und direkt in ihr Zimmer, wo er sie vorsichtig auf ein weiches Sofa niederlegte.

»Wie ist dir jetzt?« sagte er bewegt.

»Wie im Himmel«, erwiderte sie lächelnd, und dabei schossen ihr die Tränen in die Augen. »Oh, Hans – warum bist du so gut zu mir?«

»Gut!« wiederholte er, ihr leise über die krausen blonden Haare streichelnd. »Was hab' ich dir denn Gutes getan? Viel weniger als der brave Junge, der Rindig.«

»Ja, ja, ich weiß, ich bin ihm ja auch so dankbar«, erwiderte sie, »aber du – bei dir ist's doch ganz, ganz anders –«

Sie stockte. Truchseß sah einen Moment schweigend auf sie herab.

»Fühlst du das?« sagte er leise. »Gott behüte dich, Trix, liebe, kleine, süße Trix!«

Und ihr mit trüb gewordenen Augen zunickend, ging er hinaus. Auf dem Wege nach oben war Truchseß keinem Menschen begegnet – Rindig aber hatte nach Verabredung unten gesagt, daß Fräulein von Dornberg einen Fall getan, sich aber anscheinend nicht schwer verletzt habe. Als Truchseß die Tür des Florentiner Zimmers hinter sich schloß, kam auch schon Frau von Graßmann, gefolgt von der Wirtschafterin, ihm entgegen – erstere totenblaß, letztere ununterbrochen »O Jemersch! Jemersch« jammernd.

»Ruhig!« befahl Truchseß scharf. »Nehmen Sie sich zusammen und bringen Sie Fräulein von Dornberg gleich und ohne lange Geschichten zu Bett! Du bist nicht notwendig – Fräulein Tinchen wird das ganz allein besorgen«, setzte er noch schärfer hinzu, als seine Tante Miene machte, der Wirtschafterin zu folgen.

»Aber, Hans!« rief sie empfindlich, als er ihr zum Überfluß die Hand auf den Arm legte, doch hastig fügte sie hinzu: »Was ist denn geschehen? Wo ist sie gestürzt?«

»Der ›Sturz‹ ist die Version für das Personal und für die Welt im allgemeinen«, erwiderte er kalt. »Trix ist aus dem Fenster des Alchimistenturmes hinausgesprungen, um sich vor den Zudringlichkeiten deines Lumpen von Sohn zu retten.«

Sie fuhr zurück wie gestochen – kein Mensch hätte gedacht, daß dies ein gespielter Schrecken war. Aber dann schüttelte sie den Kopf.

»Max ist heut' früh abgereist!«

»Ja, auf dem Papiere und mit dem Munde«, entgegnete Truchseß verächtlich. »Ich zweifle nicht, daß er jetzt lang machen wird – das Reisegeld hat ihm Gott sei Dank der junge Rindig mit dem Stock auf den Rücken gezählt.«

Frau von Graßmann stöhnte laut auf und schlug beide Hände vor ihr weißes Gesicht – aber merkwürdigerweise verfehlte dieser sicherlich zum Teil echte Ausdruck des Kummers seine Wirkung auf ihren Neffen.

»Wenn ich wäre wie du, Tante«, sagte er hart, »so packte ich auch meine Koffer und reiste so rasch als möglich ab.«

Sie warf ihm einen haßfunkelnden Blick zu.

»Darüber hast du nicht zu entscheiden«, zischte sie böse.

»Sehr richtig, aber ich nehme mir die Freiheit, mitzureden«, erwiderte er finster. »Ich würde an deiner Stelle auch nicht versuchen, Trix zu sehen, um ihr die allzu lebhafte Erinnerung an denjenigen zu ersparen, der ihr Tod hätte sein können, wenn nicht Schlimmeres.«

»Ich bitte, es mir zu überlassen, was ich kann und was ich nicht kann«, entgegnete Frau von Graßmann hochmütig. »Außerdem müßte doch erst festgestellt werden, wie die Sache sich zugetragen hat. Ich werde meinen Sohn fragen –«

»Um zum Urquell der Wahrheit zu gelangen«, fiel Truchseß ein. »Max hat in dieser Hinsicht schon in seiner Jugend so sehr als Muster gegolten, daß meine Mutter mir den Umgang mit ihm verbot. Tante, setze dich nicht mutwillig auf ein Roß, das dich abwirft! Man hätte Max sicher früher helfen können – ich meine vor dem Spielerprozeß, wenn er einen nicht immer belogen hätte!«

»Man muß erst wissen, was Wahres daran ist«, sagte Frau von Graßmann scheinbar obstinat. »Und nun mache mir Platz –«

»Heut' nicht«, erwiderte er so fest und bestimmt, daß es ihr ganz klar wurde: ihre Rolle hier war ausgespielt. »Vielleicht – hoffentlich ist Ruhe die einzige Arznei, deren Trix bedarf, und ich werde dafür sorgen, daß sie die hat. Und nun, Tante, willst du meinen Arm nehmen, damit ich dich in deine Zimmer zurückführe?«

Frau von Graßmann hatte inzwischen eine hastige Berechnung angestellt und gefunden, daß es besser sei, die Rolle der spöttischen Zweiflerin aufzugeben.

»Ich glaube wirklich, ich bedarf auch der Einsamkeit«, murmelte sie, ihr Taschentuch gegen die Stirn pressend. »Mir ist ganz elend zu Mute – nun, es muß auch das getragen werden. Willst du nach Kroschwitz zurück?«

»Nein, ich bleibe die Nacht in der Abtei«, erklärte Truchseß. »Für alle Fälle – man könnte meine Hilfe brauchen. Und ich erkläre von vornherein, daß ich auch so lange hier bleibe, bis ich die Gewißheit habe, daß Max die Gegend verlassen hat.«

Frau von Graßmann biß sich auf die Lippen.

»Was wird die Gräfin Phroso dazu sagen?« fragte sie lauernd.

Phroso! An Phroso hatte er gar nicht gedacht.

»Sie wird einverstanden mit mir sein«, sagte er kurz.

»Und die Welt?« fragte sie wie vorher.

»Die Welt«, erwiderte er diesmal ohne Zögern, »die Welt kennt deine unerreichten Eigenschaften und Verdienste als Ehrendame. Das junge Mädchen, über das Frau von Graßmann ihre schützenden Flügel ausbreitet, ist so geborgen, als säße es in Abrahams Schoß.«

»Natürlich«, sagte sie hastig. »Es war auch nur ein Scherz von mir!«

»Gewiß, weil es so der richtige Moment zum ›Scherzen‹ ist«, erwiderte er bitter. »Narr, der ich war, hier auch noch Teilnahme zu verschwenden«, setzte er in Gedanken hinzu. »Meine Mutter hat recht gehabt, und ich habe ihr Urteil über diese Frau für hart und ungerecht gehalten!«

Und nur zu willig ließ er sie allein in ihre Räume zurückkehren, ahnungslos, daß seine bittere Anspielung auf ihren Ruf als Hüterin der Jugend, eine Bemerkung, deren er sich nachträglich als nicht ritterlich schämte, ihr den Weg gewiesen hatte, den sie einschlagen mußte. Nicht, daß sie ihn vielleicht nicht selbst gefunden hätte, aber sie war vorläufig noch zu überrascht, um so weit denken und planen zu können.


Der nächste, mit dem Truchseß sprechen ging, war der Pater, und ihm teilte er auch mit, was geschehen war. Der alte Herr war ganz außer sich, nicht nur vom allgemeinen christlichen und moralischen Standpunkt, sondern weil er Trix mit all ihren Fehlern und guten Eigenschaften wie sein eigenes Kind liebte, und das war ihm selbst erst klar geworden, seit er wußte, daß ihr junges Herz litt. Nun zog es ihn mächtig zu ihr hin, und Truchseß freute sich dessen, denn er wußte, daß der Pater schon den rechten Ton mit ihr finden würde.

»Jedenfalls«, setzte Truchseß zögernd hinzu, »jedenfalls würde es angezeigt sein, in ihrer Nähe Nachtwache zu halten. Die Wirtschafterin wäre wohl die nächste dazu, aber sie ist mir zu unruhig und offen gesagt auch zu dumm, um im geeigneten Fall, im notwendigen Fall –«

»Ist recht«, unterbrach ihn der Pater, »ich werde im Nebenzimmer bei ihr wachen.«

Da war Truchseß beruhigt und er suchte den geduldig wartenden Rindig auf, um ihn mit der Überwachung Max Graßmanns zu beauftragen.

»Wenn das nämlich Ihre Güte nicht mißbrauchen heißt«, fügte er herzlich hinzu.

»I wo«, entgegnete der Riese abwehrend, »ich bin ja überhaupt bloß zum Oberförster in die Sommerfrische gegangen, um Herrn von Graßmann auf die Finger zu sehen. Daß der was vorhatte, darauf hätte ich Gift genommen. Aber nun hat er mich durch seine fingierte Abreise fast hinter das Licht geführt, und wenn mir einer der Förster nicht erzählt hätte, daß er ihn mittags noch im Wald herumlungern gesehen hätte, dann wäre ich überhaupt gar nicht dazugekommen, ihm meine Meinung zu sagen. Zu spät war ich ja leider Gottes sowieso!«

»Wir wollen's nicht hoffen, Rindig! Es war ein Glück, daß meine Kusine auf das elastische Heidelbeergestrüpp fiel – aber freilich, auch dieses Glück wird sie im besten Fall noch durch ein paar schlimme Tage oder Wochen zu bezahlen haben. Und die Aufregung erst – doch sie ist jung und wird es überwinden und endlich vergessen, in den Abgrund einer menschlichen Seele geblickt zu haben.«

»Das wird ihr weher tun, als die steifen Glieder«, meinte Rindig, und für dieses gute Wort drückte Truchseß ihm warm die Hand. Inzwischen saß der Pater schon neben Trix' Bett und hielt ihre Hand in der seinen, und Trix erklärte, so wäre ihr wohl. Krankenbetten waren dem alten Herrn von früher her ein wohlbekannter Aufenthalt, und daher wußte er, daß da nichts so wohltuend ist, als ein teilnehmendes Schweigen, und Trix war ihm dankbar dafür. Das Tageslicht erblaßte allmählich und die Dämmerung der hellen Sommernacht breitete sich über das Land, und Trix lag da und sah mit weit offenen Augen in das letzte schwindende Licht, von dem ein purpurner Streifen allmählich verlöschend den westlichen Himmel durchzog. Und als auch er verging und verschmolz in dem opalartigen Abenddämmern, da wandte Trix den Kopf.

»Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen«, sagte sie. »Ich weiß jetzt viel mehr von Ihrer Predigt als damals, wo ich nur halb hingehört habe. Ich glaube, es wird gut sein, wenn ich mein Testament mache.«

»Warum nicht?« fragte der Pater freundlich. »Das Ordnen seiner irdischen Angelegenheiten hat noch keinem den Tod um eine Stunde früher gebracht, als er ihm bestimmt war – hingegen ist es vielen eine Beruhigung, zu wissen, was nach dem Ende aus seinen Besitztümern wird.«

»Im Grunde genommen kann einem das eigentlich ganz egal sein«, meinte Trix träumerisch.

»Ja und nein«, erwiderte der Pater. »Insofern, als man ja doch nichts mit ins Jenseits nehmen kann, ja. Aber wenn man Erben hat, so ist eine Verteilung doch sehr am Platz, schon um die häßlichen Streitigkeiten zu verhindern. Meiner Meinung nach fallen die meisten Erblasser in den Fehler, sich von persönlichen Gefühlen zu sehr beeinflussen zu lassen und die Verteilung von ihrem eigenen Gesichtspunkte aus vorzunehmen, statt die Verhältnisse ihrer Erben zu berücksichtigen.«

»Was geschieht denn mit der Abtei, wenn ich kein Testament mache?« fragte Trix nach einer Weile.

»Hm – vermutlich werden die Gerichte in diesem Fall den Besitz versiegeln, die Erbberechtigten aufrufen und wenn keine sich finden oder die Rechte der sich Meldenden nicht anerkannt werden können, dann tritt wohl der Staat die Erbschaft an.«

»Den Kopf brauchte man sich also auf keinen Fall zu zerbrechen«, sagte Trix dann wieder nach einer Weile. »Das wäre ja schließlich der allergerechteste Weg. Dennoch aber – soll ich Ihnen die Abtei, ich meine Frauensee, vermachen?«

»Mir?« Der Pastor hob beide Hände abwehrend auf. »Du grundgütiger Himmel, was sollte ich denn mit der Besitzung machen? Ich wäre unglücklich darüber.«

»Ich weiß nicht«, entgegnete Trix. »Man lebt sich hinein. Mich hat die Erbschaft auch erst schrecklich geniert, aber nun habe ich mich ganz daran gewöhnt. Wollen Sie wirklich nicht?«

»Nein, ich will wirklich nicht«, erklärte der Pater heiter. »Nach menschlicher Berechnung werden Sie mich hoffentlich überleben, und dann müßten Sie doch ein neues Testament machen und dafür können Sie sich lieber was Schönes kaufen.«

»Ich weiß schon, man muß die Leute vorher nicht fragen, sonst sagen sie alle nein, aus purer Bescheidenheit«, meinte Trix. »Ich kann doch Frauensee nicht meinem Dackel vermachen! Apropos, wo ist denn mein Dackel?«

»Ich werde mich nach ihm erkundigen«, versprach der Pater, »trotzdem ich der festen Überzeugung lebe, daß er sich schon von selbst melden wird. Wie wär's, wenn Sie versuchten, einzuschlafen?«

»Gern«, versicherte Trix, »ich bin todmüde, aber ich fürchte mich fast, daß ich von – von dem fürchterlichen Menschen träumen werde und von dem Flug durch die Luft – es war sehr sonderbar, dieses Fliegen! Gar nicht so schrecklich, wie man meinen sollte, und was ich alles dabei gedacht habe – auf vier Seiten Briefpapier läßt sich das nicht unterbringen.«

»Denken Sie an etwas anderes«, schlug der Pater vor. »Zwingen Sie sich, an etwas anderes zu denken.«

»Ich will's versuchen. Ich will daran denken, wie der Kreuzschnabel gesungen hat – Sie haben keine Ahnung, wie schön das war, so wunderbar süß. Und wie gut Hans Truchseß zu mir war! Herr Rindig natürlich auch – zwar gerade wie ein Elefantenkücken, aber er meint's doch so gut. Ich will an den Kreuzschnabel denken – es war so still im Wald, als er sang, man konnte sich förmlich die Worte zu dem Gesang denken. Vielleicht finde ich sie im Traum – halten Sie das für möglich?«

»Warum nicht? Es hat schon mancher Dichter geträumt, was er mit offenen Augen und wachen Sinnen nicht finden konnte, trotzdem es da schon in seiner Seele schlummerte.«

Und Trix dachte an den Gesang des Kreuzschnabels und schlief ein, ehe es noch völlig Nacht geworden. Als Trix spät am nächsten Morgen die Augen aufschlug, fühlte sie sich im Kopf so frisch wie sonst, und erst ihre steifen Glieder mahnten sie, als sie im Bett aufsaß, an das gestern Geschehene. Da sammelte sie ihre Gedanken und dachte die Sache noch einmal durch, aber die Schrecken derselben lagen schon merkwürdig weit hinter ihr, nur der Ekel vor Max Graßmann schüttelte sie.

Ein paar heiße Tränen liefen ihr unbewußt die Wangen hinab. Unwillig trocknete sie ihre Augen und wollte mit der gewohnten Elastizität aus dem Bett springen, aber mit einem Wehelaut sank sie wieder zurück.

»Na, das fehlte gerade noch, daß ich jetzt hier liegen bleiben muß«, dachte sie mehr empört als erschreckt, und dann machte sie einen neuen Versuch, der aber denselben Erfolg hatte.

»Ich muß mir wahrhaftig helfen lassen«, sagte sie laut und drückte auf die elektrische Klingel neben dem Bett. Das brachte den Pater und die Wirtschafterin gleichzeitig in das Zimmer und jetzt hatte Trix einen Kampf zu bestehen um ihre Absicht, sich aus dem Bett zu erheben. Des Paters Vorschlag, doch wenigstens so lange liegen zu bleiben, bis der inzwischen benachrichtigte Arzt dagewesen sei, erregte bloß ihr ungeheucheltes Vergnügen.

»Was?« rief sie lachend, »den alten Kreispfiffikus aus Dingsda habt ihr mir bestellt? Das ist ja zum Begraben! Von dem der alte Richter behauptet, daß er alle Leute durchweg auf den Magen kuriert und ihnen Rizinus verordnet und Pilsener Bier, weil dies letztere sein Leibgetränk ist? Fräulein Tinchen, wir haben doch welches – für ihn nämlich. Na, wenn der kommt, werde ich doch wieder mal die Freude haben, jemand die Zunge zeigen zu können!«

Der Pater erklärte nun, daß nicht der Kreisphysikus, sondern ein berühmter Arzt aus Berlin herbeigerufen worden sei, und zwar habe Herr von Truchseß darauf gedrungen, daß er gerufen werde und dieser ließe sie auch bitten, wenigstens bis zur Ankunft desselben liegen zu bleiben. Da fügte Trix sich denn, aber sie bat um ein ordentliches Frühstück, da sie nicht im Sinn habe, zu verhungern, und um die Gesellschaft ihres Dackels. Der Pater warf der Wirtschafterin einen warnenden Blick zu, aber Begreifen war nicht Fräulein Tinchens Sache. Selig darüber, auch einmal zu Wort kommen zu können, berichtete sie knicksend und strahlend, als ob sie Trix damit die angenehmste Nachricht brächte, daß der Gärtner den Dackel heut' früh tot im Park gefunden hätte – wahrscheinlich sei er vergiftet worden oder habe selbst Giftiges gefressen.

Trix war außer sich über diese Nachricht, und kaum hatte der Pater die ungeschickte Botin hinausexpediert, als sie auch ihrem Verdacht Worte gab, daß Max Graßmann dahinterstecke, der den Dackel nicht habe leiden können und sicher hätte verhindern wollen, daß er sie begleite. Da auch Truchseß schon dem gleichen Verdacht Worte gegeben hatte, so blieb für andere Vermutungen wenig Raum –. Aber der Verlust dieses Hundes betrübte sie sehr. Nach dem Frühstück, dem sie nur wenig Ehre antat, lag sie dann in ihrem Bett, das Gesicht dem Licht abgekehrt, und dachte darüber nach, warum der Besitz die Menschen woh1 so reize, daß sie über ihrem Verlangen danach vergessen könnten, was sie ihrem Gewissen schuldig wären. Wohl fand sie selbst den Reichtum gut und schön, aber sie begriff deshalb doch nicht, wie man um ihn seine Ehre einsetzen könnte. Indes sie noch über diesem Rätsel grübelte, klopfte es leise an die Tür, und ehe sie noch fragen konnte, wer da sei, trat Frau von Graßmann ein. Nun hatte Trix sich vorgenommen, Gerechtigkeit zu üben und die Mutter nicht des Sohnes übles Betragen entgelten zu lassen, aber das Gefühl des Widerwillens, das sie beim Anblick dieser Frau überkam, war so stark, daß sie erblaßte und die Augen schließen mußte.


»Sie werden sich gewiß gewundert haben, Fräulein von Dornberg, daß Sie von mir bisher kein Zeichen von Anteilnahme erhalten haben«, begann Frau von Graßmann leise, »aber ich dachte, es sei das beste, Ihnen fern zu bleiben, zu Boden gedrückt und vernichtet, wie ich durch das Geschehene bin. Mein unglückseliger, irrender Sohn –«

»Oh bitte, hören Sie auf! Ich kann von Ihrem Sohn jetzt nicht reden hören!« unterbrach Trix sie gequält. – »Ich bin noch nicht so weit, es mit anhören zu können!«

»Ich bin nicht gekommen, ihn zu verteidigen«, entgegnete Frau von Graßmann mit niedergeschlagenen Augen. »Was sollte ich wohl auch sagen? Ich bin niedergebrochen unter dieser Last – nein, ich kam in eigener Sache, die mündlich ja am besten erledigt werden dürfte. Ich will auch kurz sein – vorher aber eine Frage, um deren rückhaltlose Beantwortung ich Sie bitte: würden Sie es gern sehen, wenn ich nach dem Geschehenen die Abtei verlasse?«

Trix atmete erleichtert auf.

»Ich möchte Sie darum bitten«, erwiderte sie so freundlich, als es ihr möglich war.

»Ich dachte es«, sagte Frau von Graßmann resigniert. »Nun wohl, ich werde gehen, zum zweitenmal werde ich dem mir unfreundlichen Dache der Abtei Valet sagen – warum habe ich sie nicht lieber gemieden? Doch, Fräulein von Dornberg, ich muß leben, und wer würde mir eine Stellung geben, wenn ich Ihr Haus Knall und Fall verlasse? Daher möchte ich Sie bitten, mir Gastfreundschaft zu gewähren, bis ich von Ihrem Hause aus eine neue Stellung gefunden habe. Es wird mir sehr schwer, darum zu bitten, aber mir bleibt keine Wahl – es ist einfach eine Existenzfrage für mich.«

»Bin ich denn ein Drache, der die Leute auf die Straße setzt?« fragte Trix müde. »Es ist selbstverständlich, daß Sie hier bleiben, bis Sie ohne Aufhebens gehen können.«

»Ich danke Ihnen«, erwiderte Frau von Graßmann mit gutverschleiertem Hohn, den Trix aber doch irgendwie herausfühlte. »Ich werde Sie so wenig als möglich mit meiner Gegenwart zu belästigen suchen.«

Und da Trix hierauf nichts antwortete, sondern mit geschlossenen Augen still auf ihren Kissen lag, so glitt sie leise aus dem Zimmer, um draußen aufzuatmen. Nicht nur, daß es sich tatsächlich um ihre fernere Existenz handelte, sie war auch mittellos, absolut ohne einen Groschen baren Geldes, ohne einen Wertgegenstand, den sie hätte zu Gelde machen können, denn in der vergangenen Nacht, die sie schon wartend am Fenster verbracht hatte, war ihr Sohn gekommen, mühsam genug nach seinem – Zusammentreffen mit Siegfried Rindig, und hatte alles mitgenommen, was sie an Geld und Wertsachen besaß, um nun wirklich außer Landes gehen zu können, bis Gras über verschiedene Episoden seines Lebens gewachsen wäre. Er hatte mit diesem nächtlichen Besuche in der Abtei des braven Rindigs Wachsamkeit abermals eine Nase gedreht, aber der letztere konnte am Vormittag Hans Truchseß die Nachricht bringen, daß sein Vetter sich auf der Bahnstation Frauensee ein Billett erster Klasse nach Berlin gelöst hätte und auch dahin abgefahren sei.

»Immer nobel«, meinte Truchseß trocken.

Am liebsten wäre er in der Abtei geblieben, um Trix etwas zerstreuen zu helfen, aber da sie zu Bett lag, konnte er doch nicht zu ihr und so ritt er denn wieder heim mit dem Versprechen, gegen Abend noch einmal nachzufragen, und als er das tat, trat sie ihm entgegen, blaß wohl noch und mit mühsamen Bewegungen, aber mit den lachenden Augen der alten Trix.

»Das hat mit seinem Ruhme der Herr Professor getan«, sagte sie auf seine erstaunte und erfreute Frage. »Du, der war großartig ! Nachdem die Abtei ihn in ihren Mauern hatte, kam er zu mir, denkst du? I bewahre, erst dinierte er, und damit hatte er recht, denn sein knurrender Magen war ihm näher wie mein schmerzender Rücken, weil der Magen ihm gehört und er meinen Rücken doch nicht fühlen kann. Na, und wie hat er diniert! Ein und eine halbe Stunde, Dessert inbegriffen. Er sah aus wie eine gesättigte Boa Constrictor, als er mich beehrte. Der Rehrücken á la Jardiniére muß aber sein Interesse an anderen Rücken entschieden abgeschwächt haben, denn er widmete dem meinigen keine zwei Minuten. Dann fühlte er mir den Puls eine halbe Minute, besah meine Zunge und fragte, warum ich aus dem Fenster gefallen wäre. Da mußte ich lachen und er lachte auch – einer, der zugehört hat, muß uns für ein paar Idioten gehalten haben, natürlich einer, der uns nicht kennt. Nachdem er gelacht, gähnten der Herr Professor, wobei er sagte, ich möchte nur ruhig aufstehen, das heißt ich hab's so verstanden, denn wenn ein gähnender Mensch redet, geschieht's meist auf Kosten der Verständlichkeit, auch bei einem Professor. Dann schrammte er ab, weil er doch im Rentamt sein Honorar in Empfang nehmen und quittieren mußte, ehe er abfuhr. Eine Stunde fünfzig Minuten hat er in der Abtei zugebracht und mir davon genau vier und eine halbe Minute gewidmet – ich glaube, den Tag muß ich mir rot im Kalender anstreichen.«

Truchseß mußte wider Willen lachen.

»Trix, bei dir möcht' ich auch nicht Professor sein«, meinte er, »vor deinem kritischen Blick schwindet Gelehrtengröße dahin, wie wenn's nichts wäre. Die Hauptsache ist, daß du wieder auf bist, der Rest wird sich schon finden, hat der Professor dem Pater gesagt.«

Trix erzählte ihm dann von ihrer Unterredung mit Frau von Graßmann, und Truchseß konnte ihr nur zugeben, daß sie weniger nicht hätte tun können, von ihrem Standpunkt aus.

»Ich werde mir überlegen, was du ihr bieten kannst und wie«, sagte er. »Denn dies Zusammenleben muß ihr wie dir höchst peinlich sein. Ich biete mich auch um deinetwillen zum Vermittler an, denn den Justizrat können wir in seiner Karlsbader Kur jetzt nicht stören und der Pater ist zu unpraktisch dazu, ganz abgesehen davon, daß Tante Sophie zehnmal gerissener ist als er. In dieser Beziehung will ich mich auch nicht unterfangen, ihr das Wasser zu reichen, aber ich weiß, wen ich vor mir habe.«

»Wann kommst du wieder, Hans? Morgen?« fragte Trix.

»Ich glaube nicht, daß ich morgen abkommen kann«, erwiderte er. »Der Maler für die Kroschwitzer Plafonds kommt an, und da Phroso mit ihrer Mutter zu dieser hochwichtigen Konferenz herüberkommen will, so muß ich doch zur Stelle sein. Phroso findet die weißen Plafonds so häßlich, weißt du, aber leider ist ihr das etwas spät aufgefallen –«

»Und wenn sie gemalt sein werden, dann wird sie sie weiß haben wollen«, rief Trix, die Hände zusammenschlagend.

»Kann sein«, gab er mit einem leisen Seufzer zu. »Phroso hat einen hochentwickelten künstlerischen Geschmack, leider aber keine Idee von dem Werte des Geldes. Ich weiß doch nicht, ob es recht ist, sie in dem Glauben zu erhalten und zu bestärken, als ob meine Geldquellen immer so bereit sind, zu fließen. Du siehst, kleine Trix, daß ein jeder in dieser schönen Welt einen Schuh hat, der ihn drückt. Und wenn der Mensch in seiner Blindheit die Hand ausstreckt nach der Flamme, weil sie so schön leuchtet, dann darf er sich nicht wundern, wenn er sich dabei verbrennt.«

»Ist das ein Gleichnis, Hans?« fragte Trix mit großen Augen.

»Unnützes Gewäsch ist's, Trix, und du mußt es vergessen«, erwiderte er, so tief Atem holend, daß es wie ein Seufzer klang. Aber Trix vergaß es nicht, sondern dachte ernsthaft darüber nach, als sie wieder allein war, und die Lust, die schöne Phroso so lange zu schütteln, bis ihr die Wahrheit dämmerte, überkam sie mächtig.

»Sie wird ihn ruinieren«, dachte sie beunruhigt. Mitten in der Nacht, in der heut' der Schlaf gar nicht seinen sonst so bevorzugten Liebling aufsuchen wollte, richtete sich Trix plötzlich im Bette auf.

»Jetzt weiß ich, wer mein Erbe ist«, sagte sie ganz laut, indem sie Licht machte. »Gefragt wird er nicht erst, denn wer viel fragt, bekommt viele Antworten. Ich bin ja auch nicht gefragt worden!«

Damit fuhr sie schon in ihre Pantoffeln und ging mühsam, weil ihr alle Glieder weh taten, an ihren Schreibtisch. Dort setzte sie sich nieder, nahm einen Bogen Papier und schrieb mit ihrer großen, aber unausgeschriebenen Handschrift ohne weiteres Nachdenken darauf:


»Ich, Beatrix, Freiin von Dornberg, hinterlasse nach meinem Tode alle meine Besitzungen, wie sie stehen und liegen, meinem lieben Vetter, dem Freiherrn Hans Truchseß von Waldburg auf Kroschwitz als ein Zeichen meiner Liebe, Freundschaft und Verehrung.

Man soll mich aber nicht in der Gruft beisetzen auf dem Freiwalder Friedhof, wo Onkel Zell ruht, sondern im Walde am Kroschwitzer Grenzgraben, wo ich Hans zum erstenmal gesehen habe.

Abtei Frauensee, im Juli 189.


Nachdem sie diese wenigen Zeilen geschrieben hatte, löschte sie die feuchte Schrift sorglich ab, faltete den Bogen, steckte ihn in einen Umschlag, verklebte und versiegelte denselben mit ihrer Privatpetschaft und schrieb darauf: »Mein Testament«.

Nachdem sie das große Kuvert in ihrem Schreibtisch verschlossen, ging sie in ihr Bett zurück und hüllte sich fröstelnd in ihre Decke.

»Hätt' ich's anders fassen sollen?« fragte sie sich. »Warum anders? Es ist nötig, daß er's versteht, warum ich's tat, denn dann wird er's gern nehmen. Tote können sprechen, was sie gefühlt haben, sie brauchen sich nicht mehr zu schämen.«


»Dein Leben geht vorbei,
Das sei dein Trost! Dann bist du wieder frei,
Und grenzenlos darfst du dann wieder lieben.«


Und damit schlief Trix ein, ruhig und sanft, wie es kein Schlafmittel des berühmten Herrn Professors zuwege gebracht hätte, weil sie plötzlich gefunden, wonach sie gesucht hatte.

Es schien, als ob eine ganze Zeit vergehen wollte, ehe Trix wieder gesund wurde. Zwar ihre Bewegungsfreiheit fand sich, wie es der Herr Professor versprochen, schnell genug wieder, aber sie fühlte sich nach wenig Schritten immer gleich müde und auch das Fahren griff sie an, so daß sie weder daran, noch am Gehen Freude hatte und zumeist auf dem Söller vor ihrem Zimmer saß und auf den See hinausblickte, ein Buch im Schoß, in dem sie aber meist nicht las. Zuweilen griff sie zur Geige, doch die Musik machte sie traurig, die Harmonien wandelten sich immer und immer in die eine um, die in ihrer Seele erklang. Die Einsamkeit wäre, da Frau von Graßmann sich absolut fern hielt, unerträglich für ein so junges Wesen geworden, wenn nicht der Pater ihr so viel von seiner Zeit gewidmet hätte, als er für angebracht hielt, ohne sie zu langweilen, welche Gefahr durch den Altersunterschied schon nahelag. Immer kam er mit irgend etwas, was sie interessierte oder ihr Interesse erweckte, und sein altes Herz schwoll in Freude, als er sah, daß er imstande war, sie für sein Steckenpferd, die romanische Kunst, zu begeistern. Eine echte, ursprüngliche Begeisterung – sei es, für was es sei – wirkt immer in gewissem Grade, je nach der individuellen Veranlagung, ansteckend und hinreißend, und auch in Trix machte des Paters Begeisterung Saiten erklingen, von deren Existenz sie selbst bisher keine Ahnung gehabt hatte. Sie griff selbst zum Stift, um die Linien nachzuzeichnen, für die der Pater sie interessieren wollte, und dilettantenhaft, ja kindisch, wie diese Versuche ausfielen, so verrieten sie doch einen so ausgesprochenen Formensinn, daß der Pater ihr allen Ernstes riet, Unterricht im Zeichnen zu nehmen.

Dann kam auch täglich irgend ein Besuch, um nach Trix zu fragen und sie zu unterhalten, jemand aus Weißenrode, jemand aus Freiwald und fast täglich Hans Truchseß, wenn dieser auch nur für wenige Minuten vorsprach. Der alte Richter kam, Domino mit Trix zu spielen, seine Frau brachte ihr Leckerbissen, als ob die Abtei eine ausgehungerte Festung wäre, und die drei Volontäre erschienen in corpore – ja, der junge Syrop schob seinen Groll dabei so weit in den Hintergrund, daß er sich erbot, Trix in die Geheimnisse des unterhaltsamen Kartenspieles »Schafskopf« einzuweihen, was von Trix gern mit der Bemerkung angenommen wurde, daß sie sich's zur besonderen Ehre schätze, von einem Meister-Schafskopf – pardon, Schafskopf-Meister, unterrichtet zu werden. An diesem Nachmittage, an welchem Trix auf ihrem Söller, mit dem Pater als »chevalier d'honneur« dabei, mit den drei Richterschen »Lulatschen« Schafskopf spielte, was ihr ein ganz hervorragendes Vergnügen machte, da war sie wieder die alte, übermütige Trix von ehedem, als sie noch ihr Mütchen an den Stiftsdamen kühlte, und so lebhaft und laut ging es bei dem aufregenden Spiel zu, daß der Pater sich vor Lachen die Tränen aus den Augen wischte, während Frau von Graßmann später beim Abendbrot die Bemerkung nicht unterdrücken konnte, daß die Würde der Herrin von Frauensee doch wohl durch solche Kindereien leiden dürfte. Aber Trix hatte sich königlich amüsiert und ihr Leid vergessen bei diesen »Kindereien«, und so verfehlte die bissige Bemerkung irgend einen Eindruck auf sie zu machen, um so mehr, als der Pater entschieden Trix' Partei nahm.


Frau von Graßmanns Laune hatte Trix schon längst als »unter der Kanone« charakterisiert, aber sie entschuldigte die bittere Stimmung mit den obwaltenden Umständen, denn Trix war großmütig von Natur, wenn die eigene Lebhaftigkeit sie nicht fortriß. Zwar kam es ihr wohl in den Sinn, daß die »obwaltenden Umstände« Frau von Graßmann eigentlich hätten etwas liebenswürdiger machen können, aber sie tröstete sich damit, daß sie ihre Ehrendame kaum öfter als bei den Mahlzeiten sah, wobei sie dann mit unbewußter Philosophie die bitteren und scharfen Bemerkungen derselben als eine unangenehme Würze mit ziemlichem Gleichmut zum Menü rechnete.

An einem regnerischen Tage, kaum zwei Wochen nach Trixens »Unfall«, geschah es aber, daß sie beim Mittagstisch fand, daß Frau von Graßmann ihrer bitteren Stimmung doch allzu sehr nachgab und dabei die Grenzen der allgemeinen Höflichkeit überschritt, indem sie fast jedes Wort und jede Bewegung von ihr tadelte und einer beißenden Kritik unterzog. Nun wurde es Trix doch zu viel und sie war schon daran, aufzufahren, als sie sah, daß Frau von Graßmann nicht nur blaß, sondern direkt aschfahl aussah und daß ihre Hände nervös zitterten.

»Sind Sie krank?« fragte sie teilnehmend, statt heftig zu werden. Der freundliche Ton der Frage bewirkte, daß Frau von Graßmann sich zusammennahm.

»In der Tat«, gab sie zu, »ich bin heut' unwohl – recht unwohl. Meine Nerven sind in einer Verfassung, daß ich wirklich nicht weiß, was ich tue und rede . . . es gibt Zustände, von denen es keine Redensart ist, zu sagen, daß man glaubt, verrückt werden zu müssen.«

»Sie sollten einen Arzt nehmen«, schlug der Pater vor.

»Gegen das, was mir fehlt, helfen keine Pulver und keine Mixturen«, entgegnete Frau von Graßmann mit zuckendem Munde. »Mein Leiden sitzt im Gemüt.«

»Und kann da niemand helfen?« fragte der Pater freundlich.

Frau von Graßmann schüttelte mit dem Kopfe, aber sie warf dabei einen Blick auf Trix, welcher dieser eine helle Röte ins Gesicht jagte, weil der Gedanke: »Sie will wieder die Sache ihres Sohnes verfechten!« in ihr aufstieg und ihr eine geradezu heillose Angst einflößte. Natürlich nicht jetzt bei Tische, aber Trix war überzeugt, daß dies nur das Vorpostengefecht war, und daß die Attacke später nachfolgen sollte. Wenn sie ja nun auch entschlossen war, dabei auf ganzer Linie Siegerin zu bleiben, so war die Sache ihr doch in einem Maße widerwärtig, daß sie nur mit Schaudern daran denken konnte, und sie beschloß, dem um jeden Preis aus dem Wege zu gehen und außerdem Hans Truchseß' Vermittlung zu erbitten, um Frau von Graßmann zu einer beschleunigteren Abreise zu bewegen. Leider aber hatte Trix ein Gesicht, auf dem ein Seelenkundiger die Essenz ihrer Gedanken wie in einem offenen Buche lesen konnte. Das entging auch Frau von Graßmann nicht, und sie las in diesem Blick auch die unverhohlene Abneigung, die all ihrer Pläne und Intrigen wirksamster Konterpart gewesen und noch war. Ihre Hand glitt leise in ihre Kleidertasche, in welcher sich ein heut' angelangter Brief befand – ein Brief, der ihr den Morgen schon so zur Hölle gemacht hatte, daß sie wirklich kaum mehr Herrin ihrer selbst war und ihr fiebernd arbeitendes und sich zermarterndes Hirn tatsächlich nicht mehr verantwortlich zu machen war für das, was ihre Zunge redete. Trixens teilnehmende Frage und der Blick, den sie von ihr auffing, gaben ihr einen Teil ihrer Selbstbeherrschung zurück und zeigte ihr, wie unklug sie in der Tat gewesen war, Trix zu brüskieren, statt ihre Teilnahme auszunutzen, und da sie nicht die Natur war, eine Chance unbeachtet zu lassen, so sagte sie, als man vom Tische aufstand:

»Seien Sie großmütig, Fräulein von Dornberg, wenn ich heut' unangenehm und ich weiß nicht was alles war! Die Bürde, die ich zu tragen habe, mag, wenn's möglich ist, einiges entschuldigen.«

Trix murmelte etwas Unverständliches und entfloh weiteren Erörterungen mit einer Eile, über die sie sich selbst ärgerte.

»Sie wird denken, daß ich Angst vor ihr habe«, sagte sie sich in vollständig richtiger Erkenntnis der gegenseitigen Gefühle.

»Ich wollte, Hans käme heut' herüber, damit er mir hilft, diese Frau loszuwerden. Ich kann ihr doch kein Geld bieten, damit sie geht!«

Denn Trix ahnte in ihrer Jugend und Harmlosigkeit nicht, daß man dies bei gewissen Leuten unter allen Umständen kann und darf.

Trix ging nach dem Essen in ihr Zimmer, um sich dort niederzulegen, denn sie hatte jetzt öfter am Tage das Bedürfnis nach Ruhe, und während sie ausgestreckt auf dem Sofa lag, horchte sie immerzu, ob Frau von Graßmann nicht käme. Schließlich wurde sie ganz nervös davon und ging hinaus auf den Söller, wo sie im Regen hin und her lief, bis die frische Luft ihr die Nerven wieder etwas beruhigt hatte und sie müde war. Dann ging sie hinein und kramte herum in den Möbeln des Florentiner Zimmers, und als bald darauf der Pater mit einem Paket Bücher unter dem Arm bei ihr erschien, da begrüßte sie ihn mit einem Enthusiasmus, wie ihn kaum die Trix von ehedem lebhafter hätte äußern können.

»Wissen Sie auch«, schloß sie ihren lauten Hymnus auf den alten Herrn, »daß Sie mir überhaupt vor undenklichen Zeiten versprochen haben, das berühmte oder besser gesagt berüchtigte Halsband aus Onkels Nachlaß zu besichtigen? Ich stieß eben wieder auf den Kasten, in dem es liegt –«

»Ich habe es nicht vergessen«, erwiderte der Pater, »aber da Sie nicht mehr davon sprachen, so wollte ich nicht davon anfangen, denn die Sache schien Sie damals aufzuregen.«

»Ja, damals!« meinte Trix träumerisch, »damals dachte ich – ach, was hab' ich alles gedacht! Ich muß mich damals wirklich verhört haben oder ich habe geträumt – ich weiß gar nicht mehr, wie es war und ist doch nicht so lange her – oder bin ich so alt geworden?«

»Sie haben Erfahrungen gemacht, das ist's«, erwiderte der Pater mild. »Erfahrungen altern und reifen, besonders die trüben. Und in der Jugend erschüttern sie viel mehr, weil man nicht meint, daß all das möglich ist.«

Trix seufzte leise und ging an den Schrank, den Kasten aus Olivenholz mit dem Halsband zu holen. Ehe sie's aber dem Pater zeigte, gab sie ihm die dabeiliegende Erklärung zu lesen.

»Sonderbar ist die Geschichte schon«, sagte er dann, die Blätter wieder zusammenfaltend. ›,Und nun lassen Sie den Schmuck sehen – ah! ! Welche herrlichen Steine! Welche künstlerische Fassung! Das ist freilich ein Stück, das meines lieben Freundes Zell Sammelwut reizen mußte.«

»Halt!« schrie Trix auf, als der Pater das Halsband aus dem Kasten nehmen wollte. »Nicht ohne Handschuhe anzufassen, hat der Onkel geschrieben! Ich selbst hab's noch nicht berührt.«

»Das ist nur eine übervorsichtige Maßregel«, entgegnete der Pater lächelnd, indem er ruhig den Schmuck von seinem Bette weißer Watte herunternahm, um ihn auch von der Kehrseite zu betrachten. »Es werden viele schon dies Halsband in den Händen gehabt haben, ohne daß es ihnen geschadet hat. In diesem Manuskript steht nur zu lesen, daß die vom Tode betroffen wurden, die das Halsband anlegten. Sie mußten es dazu auch in die Hände nehmen und das taten sie, ohne daß etwas geschah. Ist der Schmuck wirklich unheilbringend, also vergiftet, dann ist er so hergestellt, daß er nur beim Anlegen um den Hals wirkt. Folglich muß in diesem Falle ein Mechanismus vorhanden sein, der wiederum in logischer Folgerung nur mit dem Schloß zusammenhängen kann. Ob Freund Zell das geprüft hat? Wahrscheinlich, obwohl es immerhin möglich ist, daß er diese einfachste, weil nächstliegende Lösung übersehen hat. Lassen Sie uns also das Schloß betrachten. Es ist ein ganz gewöhnliches Schnappschloß, wie es jedes Bauernmädchen an seiner Glasperlenkette hat, nur hier sehr präzis und fein gearbeitet. Die Schnappfeder mit dem schön gezierten Druckknopf bietet nichts Ungewöhnliches, meinen Sie? Oberflächlich besehen, nein, aber warum hat sie an ihrem unteren, in das Schloß eintretenden Ende drei eingeschnittene Zähne? Die Fläche pflegt meist glatt zu sein. Nehmen wir also an, diese Zähne greifen im Innern des Schlosses in Federn ein, welche dazu bestimmt sind, dem Verschlusse eine erhöhte Sicherheit zu geben. Betrachten wir nun das eigentliche Schloß, in welches die gezähnte Schnappfeder eingeführt wird, wenn das Halsband umgelegt ist und nun geschlossen werden soll. Der Spalt, in den die gezähnte Feder eintritt, ist leider zu schmal, als daß man etwas von dem inneren Mechanismus sehen könnte – schade, denn der Zweck der Zähnchen bleibt dadurch verborgen. Die glatte Goldplatte auf der Rückseite des Schlosses ist aufgenietet, dreimal an jeder Seite – das spräche dafür, daß der Mechanismus kein ganz gewöhnlicher ist. Die Goldplatte hat drei übereinanderstehende winzige, kreisrunde Löcherchen, wie der Stich einer sehr feinen Nadel. Die Goldschmiede pflegen größere Goldflächen so zu perforieren, um der Luft Eintritt in den hohlen Raum und diesem dadurch größeren Widerstand zu geben, beziehungsweise mehr Elastizität. Mithin würden diese drei Löcherchen nichts Auffallendes bieten, nur möchten wir wissen, warum sie nicht genau in der Mitte der aufgenieteten Goldplatte liegen! Ob sie im Zusammenhange mit den Zähnen der Feder stehen? Lassen Sie einmal sehen. Wir drehen das Halsband um und schließen es, langsam und bedächtig, damit uns nichts entgeht. So, jetzt schnappt die Feder des Schlosses ein und durch jedes der Löcher fährt eine haarscharfe Nadelspitze heraus –«

Der Pater ließ das Halsband auf den Tisch fallen und sah Trix wie entgeistert an.

»Des Rätsels Lösung!« flüsterte er.

»Ich verstehe nicht«, sagte Trix fassungslos. »Was sollen diese Nadelspitzen? Sie müssen ja der weh tun, die das Halsband anlegt –«

»Sie können nur einen Zweck haben«, fiel der Pater ein. »Nicht um zu verletzen ward dieser höllische Mechanismus konstruiert, sondern um zu töten. Zunächst nur die eine Person – mochte man nach ihr das Werkzeug vernichten. Aber das tat man nicht und so forderte der lockende Schmuck noch andere Opfer.«

»Die Nadeln sind – vergiftet?« fragte Trix mit Grauen.

»So muß es sein«, erwiderte der Pater. »Wahrscheinlich ist das Gift in dem Behälter eingeschlossen, der die Nadeln enthält, und diese werden durch die Zähne der Feder beim Schließen herausgedrückt. Das ist eigentlich enorm einfach konstruiert und doch hat Freund Zell es nicht herausgebracht! Aber, meine Tochter, dieses Halsband ist, so wie es hier liegt, ein gefährliches Ding zum Aufheben. Daß noch niemand den Schmuck in der Hand geschlossen und dabei die Finger unter dem Schloß gehalten, ist ein Zufall – wie wär's, wenn wir der Schlange den Giftzahn auszögen, schon damit kein weiteres Unglück vorkommen kann? Wir brechen dazu das Schloß ab – das harmlos genug ist, denke ich, ohne die Schnappfeder. Dann nehmen wir den Stein aus der Fassung und vernichten diese, und dann können Sie sich mit den Steinen schmücken oder andere, ohne auch nur das Geringste fürchten zu müssen –«

»Als ob solche Steine nicht Unglück bringen müßten! Ich möchte sie um keinen Preis tragen!« rief Trix schaudernd.

»Aberglaube, krasser Aberglaube!« rief der Pater, sich ereifernd.

»Mag sein«, entgegnete Trix. »Mir würde dieses Halsband die Kehle zuschnüren – es fröstelt mich schon, es nur anzusehen. Ich glaube, selbst wenn man nicht weiß, woher es stammt und was es erlebt hat, müßte man es fühlen. Natürlich: was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß! Aber das gilt sicher nicht von solchen Dingen. Phroso zum Beispiel, ich bin überzeugt, würde die Geschichte dieser Edelsteine hier fühlen, wenn ich sie selbst anders fassen ließe, um sie ihr zu schenken.«

»Meinen Sie nicht, daß Sie der Komtesse damit eine unmögliche, weil übernatürliche Sensitivität zutrauen?« fragte der Pater kopfschüttelnd.

»Ich weiß nicht«, erwiderte Trix nachdenklich. »Phroso und die Edelsteine haben einander mehr zu sagen, als man denken sollte. Vielleicht würde sie diese Steine tragen wollen. Ich werde sie fragen, denn ich habe ihr ein ähnliches Halsband als Hochzeitsgeschenk versprochen. Es wird Zeit, daß man's bestellt. Wann wollen Sie das Schloß abmachen? Und sind Sie sicher, daß hinter den anderen Steinen nicht auch solche Nadeln verborgen sind?«

»Die Goldplatten auf der Rückseite der anderen Steine sind nicht perforiert«, erwiderte der Pater, »indes, man kann nie wissen – es wäre vielleicht gut, sämtliche Steine herauszunehmen. Ist's Ihnen recht? Nun, da müßte ich mir meinen Handwerkskasten holen, beziehungsweise die nötigen Instrumente daraus. Ich verstehe so ein bißchen von der Goldschmiedekunst und vom Handwerk überhaupt. Erwarten Sie mich hier?«

»Gewiß«, sagte Trix, und der Pater erhob sich, indem er das Halsband auf dem Tische lang auslegte. In diesem Augenblicke klopfte es an der Tür.

»Aha«, sagte Trix laut und auf ihr »Herein« trat, wie sie erwartet, Frau von Graßmann in das Zimmer.

»Verzeihung, wenn ich störe«, begann sie, noch an der Tür. »Man hat eben ein Bücherregal für die neue Bibliothek gebracht, und der Schreiner möchte wissen, wo es aufgestellt werden soll!«

»Ja, war denn kein Diener da, daß Sie selbst kommen, das zu melden?« fragte Trix unbedacht. Im selben Augenblick aber fiel ihr ein, daß sie damit ja die Antwort provozierte: »Ich habe Sie sprechen wollen« und hastig fügte sie hinzu: »Es ist natürlich sehr freundlich, daß Sie selbst kommen – vielen Dank! Da müssen wir natürlich gleich hinunter, Hochwürden, nicht wahr? Vielleicht kommt Frau von Graßmann auch mit –«

»Die Ankunft eines Bücherregals ist ja natürlich ein Ereignis in der Abtei«, erwiderte Frau von Graßmann mit leiser Ironie, »aber ich bin persönlich nicht so sehr dabei interessiert. Bei Hochwürden ist das selbstverständlich etwas anderes, und er darf sich von mir nicht zurückhalten lassen.«

»Nein, ich tue das auch nicht«, versicherte Trix, sich in den Arm des alten Herrn hängend, »wir gehen zusammen!«

Frau von Graßmann, die inzwischen nähergetreten war, deutete auf das Halsband auf dem Tische.

»Was haben Sie da für einen herrlichen alten Schmuck?« fragte sie. »Ein Erbstück, wenn ich fragen darf?«

»Ja – aus Onkel Zells Nachlaß«, antwortete Trix ungeduldig.

»Was mein Schwager nicht alles hinterlassen hat – sogar Juwelen! Denn ich nehme an, daß diese Steine echt sind«, rief Frau von Graßmann, den Schmuck prüfend betrachtend, und als der Pater auf ihren fragenden Blick nickte »echt und von großem Wert«, da streckte sie mit einem konventionellen »Ich darf doch?« die Hand danach aus.

»Halt! Nicht anfassen!« schrie Trix auf, und als Frau von Graßmann sie befremdet und zugleich ein wenig verletzt ansah, setzte sie hinzu: »Es ist nicht Ihretwegen, sondern – ach, das ist eine lange Geschichte! Ich erzähle sie ein andermal! Jetzt gehen wir nach unten!«

Und damit zog sie den Pater mit sich zur Tür, und Frau von Graßmann folgte mit kühler Verwunderung in den Zügen und mit einem vielsagenden Achselzucken.

Vor der Tür blieb der Pater stehen.

»Sie können das Halsband da drinnen nicht so offen liegen lassen«, sagte er. »Es könnte inzwischen jemand in das Zimmer kommen.«

»Ja, es ist wahr«, gab Trix zu. »Ich schließe die Zimmer ab, das wird am besten sein, bis wir nachher wieder zurückkommen – einen Augenblick!« Und hineingehend schloß sie erst ihr Schlafzimmer und dann das Turmzimmer von innen ab, das Florentiner Zimmer aber von außen und den Schlüssel steckte sie in die Tasche.

»So«, sagte sie, »jetzt muß einer durchs Schlüsselloch, wenn er in meine Zimmer will!«

»Es fehlt nur noch ein Posten vor die Tür«, meinte Frau von Graßmann achselzuckend. »Ich glaube aber nicht, daß der Schmuck drinnen ein Laienauge reizen würde. Man muß doch wohl schon etwas Kenner sein, um seinen Wert richtig zu schätzen.«

»Den Wert der Arbeit, gewiß!« erwiderte der Pater. »Aber die Steine blitzen und funkeln doch genügend, um das Auge anzuziehen, selbst ein Auge, das sie vielleicht nur für gefärbtes Glas hält. ›Und führe uns nicht in Versuchung‹ beten wir täglich. Wir sollen aber auch andere nicht in Versuchung führen.«

Frau von Graßmann zuckte wieder mit den Achseln und trennte sich unten in der Halle von dem Pater und Trix, die ganz stolz darüber war, auf so gute Manier dem drohenden Interview für diesmal entgangen zu sein. Denn daß Frau von Graßmann nicht nur des Bücherregals wegen zu ihr gekommen war, darauf hätte sie wetten mögen. Die Aufstellung des Büchergestells, mit der man übrigens schon unter Friedrichs zuverlässiger Leitung begonnen hatte, nahm keine lange Zeit in Anspruch, und der Pater hätte am liebsten gleich angefangen, die schon bereitliegenden Bücher einzuräumen, wenn nicht das Halsband oben bei Trix gelegen hätte. Doch das mußte erst erledigt und wieder in Sicherheit gebracht werden, das sah er ein, und zudem hätte es Trix um keinen Preis selbst angerührt. Indes er sein Handwerkszeug herbeiholte, ritt Hans von Truchseß in den Hof der Abtei, wo Trix, die auf den Pater wartete, ihn begrüßte, ehe er noch abgesessen war.

»Wie hübsch von dir, sogar im Regen zu kommen!« rief sie ihm entgegen.

»Waterproof«, meinte er, auf seinen Regenmantel deutend, indem er absaß und sein Pferd dem herbeieilenden Stallknecht übergab. »Ich bringe dir nämlich eine Einladung nach Weißenrode«, setzte er hinzu, als sie in die Halle getreten waren.

»Mir?« fragte Trix. »Wann soll ich kommen?«

»Ja, gleich heut', wenn du willst und wenn es geht. Du sollst ein paar Tage oder ein paar Wochen dort bleiben.«

»Warum nicht gar!« lachte Trix.

»Ja, sicher, ohne Spaß«, erwiderte er. »Ich habe den Einladungsbrief der Gräfin an dich bei mir. Der offiziöse Tenor ist, weil du hier so allein bist, und am Ende Grillenjägerin wirst!«

»Und der offizielle?« fragte Trix.

»Wir wollen dich von Tante Sophie trennen«, erwiderte er mit gedämpfter Stimme. »Das heißt, ich will's und Rablonowskis begreifen ganz, daß du mit ihr nicht auskommst, wie man so sagt. Ich habe meiner Schwiegermutter gegenüber so viel von der wahren Ursache herausgegeben, als ich für notwendig hielt. Du kommst doch, Trix, und bald?«

»Ach, Hans, es ist ja sehr verlockend, aber –«

»Da ist doch kein ›Aber‹ notwendig, wenn du's für verlockend hältst«, fiel er ein. »Hat denn Tante Sophie gesagt, daß und wann sie geht?«

»Nicht ein Sterbenswort. Sie hat nur heut', als ihre schlechte Laune mir ein bißchen zu viel wurde, gesagt, daß sie großen Kummer hätte. Sie will mir auch sicher mehr sagen, aber, Hans, sie hat eine solche Art, mit einem zu reden – ich fürchte mich davor wie –«

Sie vollendete nicht, aber er nickte verständnisvoll.

»Darum um so mehr«, meinte er. »Laß einpacken und bestelle das Anspannen, was du sonst brauchst, kann dir nachgeschickt werden.«

Trix kämpfte einen kurzen aber schweren Kampf mit sich selbst.

»Es ist besser, ich bleibe hier«, sagte sie dann leise.

»Besser? Warum besser? »fragte er forschend.

Sie wurde der augenblicklichen Antwort durch das Erscheinen des Paters enthoben, der mit seinem Handwerkskasten durch den Hof kam.

»Wird unsere Arbeit aufgeschoben?« fragte er, des Besuchers ansichtig werdend, mit einem leisen, ganz leisen Hintergedanken an seine Bücher.

»Behüte!« erklärte Trix eifrig. »Im Gegenteil, Hans muß die wunderbare Geschichte hören und das wunderbare Objekt sehen! Hans, spanne deine Erwartungen so hoch du kannst – so etwas wie das, was deiner wartet, hast du noch nie gesehen und gehört.«

»Schön«, erwiderte Hans lächelnd.

Trix bestellte den Tee hinauf in ihr Zimmer und so stiegen sie die Treppe hinan.

»Der Herzog wollte ja morgen abreisen«, bemerkte Trix unterwegs.

»Er hat noch etwas zugegeben«, erwiderte Hans trocken.

»Noch zugegeben?« wiederholte Trix. »Ja, lieber Himmel, wie lange will er denn bleiben? Er ist ja fast schon vier Wochen in Weißenrode!«

»Es muß ihm dort halt gefallen«, meinte Hans Truchseß lachend. »Der arme Junge hat ein Familienleben nie gekannt, da behagt's ihm eben dort. Und mein Schwiegervater hat ein so williges Opfer an ihm für seine bakteriologischen Vorträge! Das wird er ganz ohne Kampf nicht fahrenlassen.«

Trix warf einen scheuen Blick zu ihm hinauf. Sie wußte es besser, was den Herzog in Weißenrode zurückhielt, und Phroso wußte es auch und duldete, daß er blieb!

»Nein, ich kann nicht nach Weißenrode gehen, ich kann das nicht mit ansehen«, dachte sie, indem sie den Schlüssel zu dem Florentiner Zimmer aus der Tasche zog und ihn ins Schlüsselloch steckte, denn sie waren inzwischen am Ziel angelangt. »Was ist denn das?« sagte sie laut. »Die Tür geht ja nicht auf – sie wird von innen zugehalten –«

»Ei bewahre, es ist ja niemand drinnen!« meinte der Pater, mit der Hand gegen die Tür drückend, die sich nur etwa zwei Finger breit öffnen ließ.

»Wirklich, es geht nicht«, fügte er erstaunt hinzu.

»Aber es kann doch niemand drinnen sein – ich habe ja selbst alle Ausgänge verschlossen«, begann Trix, doch schon hatte sich Truchseß gegen die Tür gestemmt und sie halbwegs aufgestoßen.

»Es liegt etwas Schweres davor«, meinte er, und schon war Trix durch den Spalt geschlüpft.

»Frau von Graßmann!« schrie sie auf, und die noch außen stehenden Herren sahen sie entsetzt zurückweichen.

Im Nu war ihr Hans Truchseß gefolgt und dann der Pater, und nun sahen die drei einen Augenblick fassungslos herab auf die Gestalt, die, einen schrecklichen Ausdruck starren Entsetzens auf den aschfahlen Zügen, die blauen Lippen geöffnet, mit verglastem, starrem Blick auf dem Rücken am Boden lag – mit der Rechten ihren Hals umfassend, die Linke verkrampft zusammengeballt.

Der Pater war der erste, der auf sie zutrat, neben ihr hinkniete und ihre Hand berührte.

»Sie ist tot!« sagte er leise.

Hans Truchseß hatte unwillkürlich Trixens Hand erfaßt, um sie hinauszuführen, sie aber streckte die andere Hand aus nach der Richtung des Turmzimmers, zu dem die Tür offen stand.

»Dort ist sie hereingekommen«, sagte sie flüsternd. Und die anderen, der Richtung ihres Blickes folgend, sahen dort nicht nur die Tür des sogenannten Wandschrankes offenstehen, sondern sahen durch leeren Raum in die Äbtissinnenloge der Kirche!

»Darum also wollte sie nicht, daß ich ein Möbel an die Stelle rücken ließ !« rief Trix erregt. »Wie oft mag sie diesen Weg gegangen sein – ach! und darum mußte mein Hund sterben, weil der des Nachts sie verraten hätte –«

»Kind, Kind, nicht so schnell! Wir haben dafür keine Beweise!« rief der Pater abwehrend.

»Beweise! Ist die offene geheime Tür dort kein Beweis?« rief Trix, am ganzen Leibe zitternd. »Was schleicht sie hinter meinem Rücken in meine Zimmer hinein auf einem Wege, den nur sie kennt, wenn sie nicht etwas vorhat, was kein Mensch wissen soll? Und – das Halsband!« unterbrach sie sich mit einem Aufschrei, »wo ist das Halsband?«

»Trix, rege dich nicht so auf! Welches Halsband?« fiel Truchseß beruhigend ein, aber Trix war außer sich.

»Sie ist gekommen, das Halsband zu stehlen, und wir haben ihr nicht gesagt, warum sie es nicht anrühren durfte!« rief sie in schrecklichster Erregung. »Sind wir nun schuld an ihrem Tode?« setzte sie entsetzt hinzu.

Der Pater aber löste leise die Hand der Toten von deren Hals und unter dem halb geschlossenen Kragen ihres Kleides blitzte in rosigem Glanze der Spinell am Schlosse des verhängnisvollen Halsbandes!

Nur mit Mühe war der Schmuck von dem Halse seines letzten Opfers zu lösen, und als es geschehen war, legte der Pater ihn zunächst zurück in den Kasten, dann aber trat er an Trix heran und zog ihr sanft die Hände vom Gesicht.

»Wir tragen keine Schuld am Tode dieser Frau«, sagte er freundlich. »Was geschehen konnte und mußte, fremde Hände von diesem Halsband fernzuhalten, ist geschehen – vor den Schleichwegen des Verbrechens gibt es keinen Schutz.«


»Es war nicht ihr erstes«, fiel Truchseß grimmig ein. »In den Papieren meiner Mutter fand ich das Maß ihrer Überschreitungen gegen Onkel Zells Hausfrieden und Eigentum aufgezeichnet – natürlich alles für ihren Lumpen von Sohn! Ich werde mir nie verzeihen, daß ich mit dieser, freilich nur wenige Tage alten Wissenschaft geduldet habe, daß sie auch nur eine Stunde länger in diesem Hause blieb –«


»De mortuis nil nise bene!« unterbrach ihn der Pater mit erhobener Stimme. »Was sie auch immer getan haben mag, sie hat es gesühnt durch diesen jähen Tod – Gott wird ihr hoffentlich ein gnädiger Richter sein, weil sie aus Liebe gefehlt hat. Es ist nicht an uns, einzuwenden, daß diese Liebe zu einem unwürdigen Kinde eine blinde und irregeleitete und vielleicht auch irreleitende gewesen ist. Führen Sie Fräulein von Dornberg hinaus, Herr von Truchseß, und während ich bei der Verblichenen bleibe, um an ihrer Leiche zu beten, sorgen Sie dafür, daß ein Arzt geholt werde, der den Tod amtlich bescheinigt. »

Am selben Abend saß Trix an ihrem Schreibtisch, denn sie hatte sich geweigert, nach Weißenrode überzusiedeln, und auch Hans Truchseß konnte nichts ausrichten gegen ihren festen Willen, mit dem sie den Aufenthalt in der durch dies schreckliche Ereignis verdüsterten Abtei einer Qual vorzog, die ihr Herz nicht zu ertragen vermochte.

Der herbeigerufene Arzt hatte als Todesursache bei Frau von Graßmann einen Herzschlag konstatiert und bescheinigt – von den Spuren des Halsbandes hatte er natürlich nichts gesehen, und man hatte ihn auch nicht darauf aufmerksam gemacht, denn Trix, Truchseß und der Pater waren übereingekommen, darüber zu schweigen, um von dem Andenken der Toten das grelle und brandmarkende Licht des beabsichtigten und ausgeführten Raubes abzuwenden. Truchseß, der erst nachträglich in die Geschichte des Halsbandes eingeweiht wurde, hatte freilich legale Bedenken geltend gemacht, sich aber dann doch des Paters Vorschlag angeschlossen, weil aus diesem Verschweigen niemandem ein Schaden erwuchs und der Welt nur der Boden zu einer Skandalaffäre entzogen wurde, in die Trixens Name schließlich hineingezogen werden mußte. Und dieser letztere Grund entschied für ihn. Trix schweren Herzens allein lassend, war er am Abend heimgeritten, und nun saß sie in ihrem Zimmer vor ihrem Schreibtisch, und versuchte ein Gefühl ungeheueren Ekels zu überwinden, das ein in der Kleidertasche der Verstorbenen gefundener Brief ihr verursacht hatte – ein Brief Max Graßmanns an seine Mutter.

Es hatte ihr, als der Herrin von Frauensee und Brotgeberin der Frau von Graßmann, die Pflicht obgelegen, diesen Brief behufs Ermittlung der Adresse des Sohnes zu lesen, und in der Tat, der Inhalt wäre ihr besser erspart geblieben. Max Graßmann teilte seiner Mutter mit, daß er von allen und jeden Mitteln entblößt sei, indem er alles, was er besessen und was sie ihm gegeben, im Spiele verloren habe und absolut binnen achtundvierzig Stunden im Besitze von Geld oder Wertsachen sein müsse. Wie sie zu dem einen oder dem anderen komme, sei ihre Sache – mit den paar Kröten, die etwa von Hans Truchseß zu erlangen seien, möchte sie aber nicht erst kommen, die reichten doch zu nichts. Daran schloß dieser liebevolle Sohn eine Flut von Vorwürfen über der Mutter schlecht organisierten Plan zum Fange des »Frauenseer Goldfisches« und über ihre Unfähigkeit, in der Abtei festen Fuß zu fassen. Sie habe ihm dadurch jeden anderen Weg zur Rehabilitierung abgeschnitten und möge jetzt zusehen, wie sie ihm weiter helfe. Eine Adresse enthielt der Brief, der die in jedem Sinne unglückliche Frau in den Tod geführt hatte, nicht, nur die Angabe einer Chiffre für postlagernde Sendung. Unter dieser hatte Truchseß, ehe er die Abtei verließ, dem Vetter das Ende seiner Mutter schonungslos mitgeteilt und ihm unter der Bedingung der Auswanderung eine genügende Summe in Aussicht gestellt. »Denn nur das unerbittliche ›Muß‹ der Arbeit kann einen Menschen wie ihn möglicherweise noch retten«, sagte er sich mit Recht.

Bei ihrer einsamen Vigilie an diesem Abend fiel Trix der Entwurf des Briefes ein, den sie an ihrem ersten Abend in der Abtei im Schreibtisch ihres Onkels gefunden und seither nicht mehr in der Hand gehabt hatte. Sie schloß das Fach auf, in dem sie die Mappe verwahrte und entnahm dieser die Blätter vielkorrigierten Konzeptpapiers. Das letzte derselben schlug sie auf, sie wußte noch, daß mit dem, was sie suchte, der Briefentwurf schloß. Und da stand es:

»Nach der Sitte der sogenannten Gesellschaft wirst Du Dir eine Ehrendame ins Haus nehmen müssen. Sei vorsichtig in ihrer Wahl, denn die Harpyien werden ebenso auf Dein Geld lauern wie die Glücksritter. Sei überhaupt etwas vorsichtig mit fremden Menschen. Besonders vor einem ist es meine heilige Pflicht, Dich zu warnen, vielmehr vor einer, denn es ist eine Frau, die ich meine. Wo Du diesem Weibe begegnest, gehe ihr weit aus dem Wege; drängt sie sich zu Dir heran – und sie wird sich zu Dir herandrängen – dann stoße sie von Dir, daß sie das Wiederkommen, für eine Weile wenigstens, vergißt. Weiche ihr aus, als wäre sie das giftigste Reptil, erlaube ihr Deine Nähe unter keinen Umständen, denn um zu Deinem Gelde zu kommen, wird sie kein Mittel scheuen und vor dem Verbrechen nicht zurückschrecken. Der Name dieser Frau ist –«

So weit war der Schreiber gekommen, nun aber nahm Trix die Feder und schrieb als Ergänzung des angefangenen Satzes: »Der Name dieser Frau ist – – Sophie von Graßmann, geborene Freiin Truchseß vom Westerwald. »

Mit einem Frösteln, das ihr eisig durch die Glieder kroch, sah sie auf den Namen herab.

»Zu spät für mich und für sie steht er hier auf dem Papier«, dachte sie. »Starr und tot liegt sie drüben in ihren Zimmern, gestorben während sie mich bestahl, und ich sitze hier, ein Opfer ihrer Anschläge, so müde, so müde! Oh, Onkel, warum hast du den Namen nicht noch selbst geschrieben? Warum hast du deinen Reichtum nicht anderen hinterlassen? Dann säße ich in meinem alten, gestopften Kleide im Stift und neckte die Damen und ließe mich von Tante Äbtissin schelten und verhätscheln und brauchte es nicht mitanzusehen, wie dem armen Hans das Herz gebrochen wird.«

Und Trix legte den Kopf auf ihre ausgestreckten Arme und schluchzte bitterlich.


Nun war der August gekommen und Trix erwartete täglich den Besuch der Tante Äbtissin. Die Vorbereitung und Ausstattung von deren Zimmern war für Trix eine liebe und angenehme Beschäftigung gewesen, die leider nur zu schnell beendet war.

Dabei wußte sie selbst nicht, ob sie sich auf den Besuch freute, ob ihr die Stille, in der sie lebte, wohl tat oder nicht. In der Ablehnung ihres Besuches in Weißenrode war sie fest geblieben, und sie freute sich darüber, weil Phroso nicht ein Wort zu der freundlichen und immer dringender wiederholten Einladung ihrer Mutter gesagt hatte.

»Sie sieht, daß ich sie durchschaue und schämt sich, mir Komödie vorzuspielen«, dachte Trix und war fast böse auf Hans, weil er so blind war!

Trix kam also wenig aus der Abtei heraus und verbrachte den größten Teil des Tages bei dem Pater in der Bibliothek; manchmal half sie ihm, öfter aber saß sie nur lesend dabei oder sie plauderte mit dem alten Herrn. Es war eine Art von sonderbarer Freundschaft zwischen dem im Alter und Charakter so himmelweit verschiedenen Paare entstanden – das alte, dürre, verhutzelte Männchen fühlte sich vom Frühlingshauch sorgender, spontaner, warmherziger Zuneigung berührt und gab dankbar dem jungen Wesen das beste seines Gemütes, seines selbstlosen Herzens und seines reichen Geistes, der mit seinem physischen Ich verkümmert wäre ohne den Freund, als dessen Vermächtnis er auch seine Erbin betrachtete.


Manchmal jagte er sie aber ganz energisch hinaus ins Freie: die Stubenhockerei sei ganz gut und schön für ihn, weil er sie gewohnt sei, aber nicht für Trix, die früher den ganzen lieben langen Tag herumgerannt wäre und nun bei diesem ewigen Stillsitzen Appetit, Farbe und Lebensmut einbüßte. Insgeheim wünschte er dabei inbrünstig, daß die berühmte Tante Äbtissin endlich käme, denn er wußte sich keinen Rat mit dem »Kinde« und hoffte, daß die Ersehnte schon wissen würde, was zu tun wäre.

Morgen endlich wurde sie nun definitiv erwartet, und auf des Paters Wunsch ging Trix gegen Abend hinaus, etwas Luft zu schöpfen, nachdem sie den heißen Tag zum größten Teil in der kühlen Bibliothek verbracht, weil ihre eigenen Zimmer, besonders das Florentiner, seitdem sie Frau von Graßmann dort gefunden hatte, den Reiz für sie verloren hatten und sie immer die am Boden liegende Gestalt mit dem starren Blick zu sehen meinte.

Sie war kaum aus der Einfahrt in den Park getreten, als sie einen Reiter auf sich zukommen sah, in dem sie schon von weitem Hans Truchseß erkannte. Ein leises Rot der Freude färbte ihre viel, viel zarter gewordenen Wangen und in ihren Augen leuchtete es auf, denn er war lange nicht in Frauensee gewesen, mehr als eine Woche nicht, und das war eine lange Zeit für Trix, die glaubte, er sei ihr böse, weil sie die Einladung nach Weißenrode abgelehnt hatte. Er trabte an, als er sie sah und war bald neben ihr.


»Ich hatte schon Angst, du wärest ausgefahren«, rief er ihr entgegen. »Willst du auf mich warten, hier warten, bis ich mein Pferd im Stalle abgegeben habe?«

Gern, wenn du nicht hereinkommen willst«, erwiderte sie. »Soll ich nicht erst den Pater holen?«

Den Pater werden wir später brauchen!« rief er, schon im Weiterreiten, und Trix blieb verwundert stehen, denn Truchseß war ihr anders vorgekommen als sonst – es hatte etwas in seinem Blick gelegen, was ihr fremd war und ihr, nun sie es bemerkt, Herzklopfen machte, und dann hatte seine Stimme auch anders geklungen, rauh und unstet, wie bei einem Menschen, der etwas Erschütterndes durchlebt hat. –

»Er wird doch nicht entdeckt haben, daß Phroso –« fuhr es ihr durch den Sinn, und sie hatte gute Lust, hineinzulaufen ins Haus, um sich zu verstecken, nur um das Schreckliche nicht zu hören.

Aber Trix lief natürlich nicht davon, weil das überhaupt ihre Art nicht war, sondern sie stand wie angewurzelt an derselben Stelle und wartete, bis Truchseß zurückkam, und als er vor ihr stand, sah sie ganz genau, daß »etwas« mit ihm war, mit ihm vorgegangen sein mußte.

Was siehst du mich so forschend an, kleine Trix?« fragte er mit derselben rauhen, unsteten Stimme wie vorher.

»Sieht doch die Katze den Kaiser an und sagt nicht ›gnädiger Herr‹.« Mit dieser Wendung nahm Trix ihre Zuflucht zu ihrem alten Selbst, aber der neckende Ton wollte nicht recht glücken und es schoß ihr dabei so heiß und feucht in die Augen, daß sie sich schleunigst abwenden mußte.

Truchseß sah mit langem Blick auf sie herab und dabei ließ die Spannung seiner Züge nach und ein unendlich weicher, freudiger Ausdruck trat an ihre Stelle.

»Komm, Trix, wir wollen uns dort auf die Bank unter der Blutbuche setzen«, sagte er leise. »Ich habe dir etwas – etwas Lustiges zu erzählen!«

»Etwas Lustiges?« wiederholte sie, auf die bezeichnete Bank zugehend. »Das ist ja herrlich, Hans! Ich habe seit einer Ewigkeit nichts Lustiges mehr gehört!«

»Na, dann pass' mal auf – du wirst dich biegen vor Lachen!« erwiderte er, neben ihr Platz nehmend. »Stell' dir vor: heut' vormittag kam der Herzog von Lochlomond zu mir im schwarzen Überrock, perlgrauen Handschuhen, eine weiße Nelke im Knopfloch, den Zylinder in der Hand und, na, Trix, rate mal, was er, also angetan in großer Pracht und Herrlichkeit, von mir wollte. Ich wette, du rätst es nicht!«

»Er wollte Abschiedsbesuch bei dir machen!« rief Trix lebhaft.

»Falsch geraten!« entgegnete Truchseß. »Er hat in feierlicher und wohlgesetzter Rede bei mir – um Phrosos Hand angehalten!«

»Hans!« schrie Trix auf. »Rede doch nicht solches – solches –«

»Blech!« vollendete er. »Das hast du doch sagen wollen, nicht wahr? Na, ich kann dir's nicht verdenken, ich habe meinen Ohren auch nicht getraut und so oft ›was?‹ gefragt, daß mich der originelle Kauz wahrscheinlich für das begriffsstutzigste Wesen unter der Sonne gehalten hat. Die Erfindung, bei einem Bräutigam um seine Braut anzuhalten, war aber auch dem guten Lochlomond vorbehalten – mir das erste Erstaunen über dies neue Verfahren! Auf meine diesbezügliche Bemerkung meinte er, er sei auch sehr stolz auf diese Lösung eines Problems, das ihm seit Wochen den Schlaf raube – er halte sie für die einzig ehrenvolle und eines Gentlemans würdige, und darin konnte ich ihm wirklich nur recht geben. Auf meine etwas vorwitzige Frage – oder war sie mehr indiskret – ob er mit meiner Braut schon im Einverständnis sei, sagte er aufs liebenswürdigste ja!«


Er hielt ein und Trix wollte etwas sagen, aber das Wort erstarb ihr auf den Lippen, und nur ein schluchzender Laut rang sich aus ihrer Brust.

»Warum lachst du denn nicht, Trix?« fragte er. »Hast du denn schon allen Sinn für Humor verloren? Ich kann dir versichern, daß ich gelacht habe, wie seit Jahren nicht; erstens über die Situation und dann über mich, weil ich ein solcher unglaublicher Esel gewesen bin, mir einzubilden, daß eine Phroso Rablonowska einen klötrigen Gutsbesitzer wie mich heiraten würde, wenn sie einen englischen Herzog mit einem halben Dutzend Schlössern und einem fabelhaften Familienschmuck haben kann! So etwas kann auch bloß der deutsche Michel einer Salonlöwin mit griechischem Blute in den Adern zutrauen. Diese Erkenntnis hat mich sehr heiter gestimmt.«

»Hans – sprich nicht so«, zitterte es leise von Trixens Lippen, daß es kaum zu hören war.

»Parole d'honneur«, erwiderte er ernsthaft.

»Und – und, was hast du dem Herzog geantwortet?« fragte sie mit Anstrengung.

»Ich? Na, ich habe natürlich gesagt, ich fühlte mich sehr geehrt. Nimm sie hin, mein Sohn, und seid glücklich! Worauf er mich zur Hochzeit, vorläufig inoffiziell, eingeladen hat. Natürlich angenommen. Den Schniepel dazu habe ich ja schon auf Lager.«

Jetzt schlug Trix die Hände zusammen und preßte sie dann gegen ihre Schläfen.

»Er ist verrückt geworden vor Schmerz und Leid!« jammerte sie.

Truchseß tat einen tiefen Atemzug.

»Beinahe wäre ich's geworden, aber nicht vor Unglück, sondern über mein unverdientes Glück«, sagte er. »Geschmeichelte Eitelkeit, das war mein Gefühl für Phroso Rablonowska, und recht wär' mir's geschehen, wenn ich dafür hätte mit einem ganzen langen Leben als ihr untertänigster Lakai und Bezahler ihrer Rechnungen büßen müssen. Etwas von dieser Erkenntnis hat mir schon bald genug gedämmert –, daß sie sich aus mir nicht einen Pfifferling machte, das wußte ich, seit sie mein armes Haus zum erstenmal betreten und enttäuscht von meiner Mutter ›Juwelen‹ war. Aber es war nicht an mir, sie freizugeben, und ich wäre loyal geblieben, auch wenn sie mich nicht freigegeben hätte, das heißt wenn dieser gute Junge, der Herzog, den Knoten nicht gelöst hätte. Trix, ahnst du nun, welche Wonne ich gefühlt habe, frei zu sein, frei, lieben zu dürfen nach meinem Herzen? Denn, was ich anfangs wohl selbst kaum wußte, das ist mir täglich klarer geworden seit jener Maimorgenstunde, als ich über der Hecke am Grenzgraben einen gewissen blonden Mädchenkopf fand, denn nun wußte ich, wo das Glück für mich blühte, auf das ich Tor nicht gewartet hatte. Trix, kleine, liebe, süße Trix, drehe deinen Kopf nicht von mir weg, weil ich's mit meiner wiedergefundenen Freiheit daheim auch nicht einen Tag aushalten konnte, ohne dir zu sagen, wie es mit mir steht, ohne in deine lieben Augen gesehen zu haben, aus denen ich ja nur die stille, selige Hoffnung lesen möchte, daß du die Liebe eines Mannes nicht verschmähst, der sein Herz, ehe er dich gekannt, auf eines falschen Götzen Altar gelegt hat.«

»Das wäre eine schöne Liebe, die sich daran stoßen könnte«, sagte Trix leise, indem sie ihren Kopf ihm zuwendete. Und dabei trafen sich ihre Augen mit den seinen. Und indem er sie für Zeit und Ewigkeit an sein Herz schloß, rief sie unter Lachen und Weinen:


»Herrgott! Ich habe ja gar nicht gewußt, wie schön diese Welt ist!«