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Peter Altenberg - Bilderbögen des kleinen Lebens

Bilderbögen

Peter Altenberg, Bilderbögen des kleinen Lebens, Erich Reiss Verlag, Berlin-Westend, 1909


MOTTO:


»Es gibt nichtsUnbedeutendes in der Welt.
Es kommt nur auf die Anschauungsweise an!«

Goethe.




DIE SLOVAKEI

An Victors Kírínovicz!


Ich kam zum erstenmal im Frühling auf ein Gut in die Slovakei. Es gefiel mir sehr gut, diese weiten Felder mit dünnem Anflug von Gesätem; Weizen, der noch kein Weizen ist, Rübe, die noch keine Rübe ist, Gerste, die noch keine Gerste ist, und sogar Gras, das noch kein Gras ist. Nur auf feuchten Wiesen blühte es besser, und um schlängelnde Bäche waren Tausende goldgelber niedriger Blumen. Hie und da Wald­bestände mit braunen Gebüschen vom Vorjahre und kahlen Bäumen. Abends sahen wir darin Fasanen. Alle Tiere waren friedlich, denn es war Schonzeit für alle. Sie befreundeten sich für wenige Wochen mit ihrem Mörder »Mensch«. Am Abend vorher sprachen wir beim Nachtmahle viel über die jungen Schönen in den slovakischen Dörfern mit dem Herrn Rentmeister Fried.

Dieser war so liebenswürdig, am nächsten Morgen, einem Sonntage, in die Dörfer Pudmericz und Stefansdorf zu telephonieren, es mögen einige Dorfschönen im Sonntagsstaate in das Herrschaftshaus, Meierhof »Hundegebell«, kommen, um photographiert zu werden. Es kamen vier Mädchen in weißen, wunderbar gestickten Hemden, dunkeln weiten Röcken, mit lila Seide bestickt, ein dunkelseidenes Band um den Kopf und mit Röhrenstiefeln. Sie sahen sehr apart aus. Aber ich er­blickte eigentlich nur die wunderbaren Augen der Jüngsten, der dreizehnjährigen Victora Kírínovicz, im Dienste bei einem Beamten in Pudmericz. Ich hatte nur mehr Interesse für sie, ich war sogleich besorgt, daß sie fröre in ihrem leichten Stickerei­hemde, hätte ihr gerne einen Pelz gebracht. Ich ließ mich mit ihr zusammen photographieren. Sie machte dabei, ein süßes, herziges Gesichterl. Alle spürten es, daß sie die »Auserkorene« war, nämlich nur so.

Aber dennoch machte man sie sogleich daher unwillkürlich zu einer kleinen »Königs­geliebten«. Alle sagten: »Victora, he, Victora  –  –  –« und lachten oder machten sonstige, vielleicht sogar nicht ganz passende Bemerkungen. Aber Victora Kírínovicz behält ihre Würde und lächelte nur wie ein Kind und

wie ein Weib zugleich  –  –  –. Abends fuhren wir wieder über die Felder, es kam Gebirgswind und Schneewind, zwischen den braunen Gebüschen trippelten Fasane. Weit und breit Felder, »Tafeln« genannt, die im Sommer unerhörten Reich­tum bringen sollten. Meierhöfe lagen verstreut, mit riesigen Strohhügeln. Irgendwo tauchte das schwarze Gespenst »Dampf­pflug« auf. Ich dachte: »Victora, du wirst In wenigen Jahren die Dorfschönste sein, deine weiten Röcke ohne Unterhöschen werden beim Tanze sich um dich verbreiten, und du wirst mit einem geschickten Ruck sie wieder um deinen jungen nackten Leib legen, du wirst Abenteuer erleben, erleiden, oder das ganz Gewöhnliche. Da gedenke, Victora, daß ich auf einer abendlichen Fahrt über die Felder einst in Wehmut und Freundschaft mit deinem ungewissen Schicksal mich be­schäftigte  –  –  –!

Diesen Brief wird dir Herr Rentmeister Fried vielleicht so liebenswürdig sein, ins Slovakische zu übersetzen. Solltest du nicht alles darin verstehen, so ziehe dir daraus nur das heraus, daß ich dich sehr lieb habe  –  –  –.


DIE GRADE DER HYSTERIE

Vier Mädchen aus guten Bürgerhäusern lasen in der Zeitung eine Notiz über einen schrecklichen Fall von Kindermißhand­lung durch die eigene Mutter. Man hatte dem dreijährigen Mäderl mit einem eisernen Löffel die Lippe gespalten und später die kaum verheilende Wunde neuerdings aufgeschlagen, das Kind durch Eindrücken in Polster am lauten Weinen ver­hindert  –  –  –!

Das erste junge Mädchen sagte: »Schrecklich. Aber wo käme man denn hin, wenn man sich um das Leid der Welt bekümmerte!? Man würde krank, und nützte dennoch nie­mandem.«

Das zweite junge Mädchen wurde ein wenig bleich und stille.

Das dritte junge Mädchen erbrach eine Stunde später das Souper, und begann zu weinen  –  –  –.

Das vierte junge Mädchen fuhr am nächsten Tage in die Vorstadt hinaus, läutete an, fragte: »Sind Sie die arme Frau, die man so unschuldig zu acht Tagen Arrest verurteilt hat wegen Kindermißhandlung?!?«

Und dann schlug sie ihr mit den Fäusten ins Gesicht.

Siehe, die Hysterie, diese Überempfindlichkeit der Nerven, diese erhöhte Reizbarkeit gegen Eindrücke, hat verschiedene Grade, und daher auch verschiedene Folgen. Jeanne d'Arc hatte wahrscheinlich die ärgsten Grade. Auch Dichter pflegen an dieser Krankheit der übergroßen Reaktion auf Reize zu leiden! Der Frühling, der Herbst erregt sie so hysterisch, daß sie ihn in exaltierter Art besingen. Auch kostet es sie oft ihre Ruhe, Frieden und Lebensglück. Aber es kommt im ganzen der Menschheit zugute.

Man könnte also einfach sagen: »Hysterie bei wirklich Kultivierten ist ein »Zustand reizbarer Schwäche«, der der Gesamtheit zugute kommt, obzwar es den einzelnen, den Pa­tienten, schädigt und in seinem Lebensglücke empfindlich stört!«


DIENSTBOTEN

Meine Mama und meine Tante wurden mit 17 und 18 Jahren zu Hause in Wien I am alten Fleischmarkt, von meiner Groß­mama sehr schlecht behandelt, die nur Sinn für die Karriere ihrer sieben Söhne hatte. Die beiden Töchter Paulina und Hermine waren aber unbeschreiblich schön und zart und ganz mager. Auf einem Balle lernten zwei Brüder aus reichem Hause sie kennen. Man machte ihnen den Hof und sie spürten es als angenehmen Gegensatz zu der wegwerfenden Art zu Hause. Infolgedessen gaben sie leicht ihr Jawort den fremden Männern, die Brüder waren. Sie heirateten, gebaren, wurden sehr ner­vös, und malträtierten infolgedessen ihre armen Dienstboten. Niemand hatte ihnen Zeit ihres Lebens gesagt, was Recht, was Unrecht wäre! So hielten sie die »Hausordnung« für das Wichtigste! Um 7 Uhr morgens wurden täglich Speisezimmer und gelber Salon gereinigt, und die armen Dienstboten, die keinerlei Interesse daran hatten, wurden gezwungen, es als ihre Lebensaufgabe zu betrachten! Niemand sagte Zeit ihres Lebens den beiden Schwestern, daß es ein Irrsinn sei und ein Verbrechen, sondern alle unterwarfen sich wie einem unentrinnbaren Schicksale. Nur in den Dienstbotenbureaus waren die Schwestern gefürchtet und verfemt, und mancher Unglück­lichen vom Lande sagten die Gefährtinnen: »Treten Sie da nicht in Dienst, es ist schrecklich!«

So wurden die beiden Schwestern der Popanz von armen Mädeln, und niemand wollte mehr zu ihnen in Dienst gehen! Und der Sohn der älteren Schwester sagte dann einmal: »Sie haben ohne Liebe geheiratet. Was blieb ihnen also übrig in ihrem dadurch zerstörten Nervensysteme, als arme Dienstboten zu malträtieren?!« Aber eines Tages kam ein junger Priester ins Haus, Weltgeistlicher, in den sich beide Schwestern ver­liebten. Nun konnten die armen Dienstboten schlafen, und Speisezimmer und gelber Salon wurden gar nicht mehr ge­reinigt. Der Sinn für »Häuslichkeit« war erstorben, die Dienst­boten schliefen von 11 bis 8. In Frieden.

In den Dienstbotenbureaus sagte man: »Dort ist ein leichter Dienst. Die Damen kümmern sich um gar nichts. Und der Pater gibt gute Trinkgelder  –  –  –.«

Aber eines Tages war es wieder so wie früher. Die Gatten hatten den »Weltgeistlichen« hinausgedrängt. Um 7 Uhr morgens wurden bereits Speisezimmer und Salon gereinigt, und die armen Dienstboten wurden malträtiert  –  –  –!


DIE ABRECHNUNG

Ein sehr eleganter fremder Herr trat auf der Straße an eine sehr elegant gekleidete junge schöne Dame heran, grüßte ehr­erbietig und sagte:

»Dieses Kleid ist sehr schön, das ich Ihnen geschenkt habe  –  –  –.«

»Das ist eine gemeine Frechheit! Wie können Sie mit mir so sprechen?!?«

»Regen Sie sich nicht auf, süße Gnädigste. Es ist so, wie ich es Ihnen sage. Aber ich gönne es Ihnen ja von ganzem Herzen. Ihr Gatte ist mir nämlich Geld schuldig; und wenn er mir korrekterweise dieses Geld, das ich dringendst brauche, und Ihm liebenswürdigsterweise geliehen habe, zurück­gegeben hätte, hätte er Ihnen jedesfalls dieses herrliche Kleid nicht kaufen können! Also ist dieses Kleid von meinem Gelde bezahlt worden. Nur einen Rat erlaube ich mir Ihnen zu geben: Sie sind schön genug, um auf diese prächtigen Hüllen verzichten zu können! Ihr Triumph sollte es sein, mit einem Nichts von einem Nichts noch wirken zu können! Verzeihen Sie, Adieu.«

Die Dame kam nach Hause, zerschnitt ihr Kleid, machte sich selbst ein ganz einfaches, merkwürdig wunderbares und apartes, wie noch niemand es je gesehen hatte.

Ihr Gatte sagte: »Wo ist das neue Kleid, das ich dir ge­kauft habe?!?«

»Es ist mir Tinte darüber gekommen, verzeihe, es ist gänz­lich unbrauchbar geworden für mich  –  –  –.«


WIE ER SIE SICH GEWANN

»Oh, Ich glaube es, mein Herr, daß Sie ein gewisses Ver­ständnis für mich haben, das mancher andere wahrscheinlich nicht haben dürfte für so unbedeutende Persönlichkeiten wie ich es bin  –  –  –.«

»Ja, ja, ja, ich halte Sie für den »Embryo« eines wertvollen menschlichen Wesens! Niemand hat sich mit Ihnen eben die Mühe genommen bisher natürlich.«

»O bitte, Sie haben mich aber auch noch nicht in meiner wirklichen Sphäre kennen gelernt! Abends in meinem trauten Zimmerchen, wenn ich in meinem bequemen seidenen Schlaf­rocke, mit offenen Haaren, zur Laute französische Chansons singe  –  –  –«

»Nein, ganz richtig, in dieser Form habe ich Sie aller­dings noch nicht kennen gelernt! Aber, wissen Sie, das ist mir leider auch zu strapaziös. Ich ziehe es vor, Sie in Ihren allerniedrigsten alltäglichen Verrichtungen des kleinen Lebens kennen zu lernen. Wenn ich da noch irgendwie etwas Wert­volles, etwas Besonderes an Ihnen spüre, dann, dann werde ich Sie besser, tiefer kennen gelernt haben, als in Ihren roman­tischen »gestellten Milieus«!«

»Oh, ich habe Sie bisher für einen Idealisten gehal­ten  –  –  –.«   

»Ja, eben deshalb teile ich gerne rechtzeitig Ohrfeigen aus an unerzogene Kinder  –  –  –!«


BRIEF DER FRAU VALLERIE

Ich wäre nie zu Ihnen gekommen, selbstverständlich, nie, niemals. Obzwar ich es wußte, daß Sie an mir dahinsterben. – Sie schrieben es mir hundertmal; und tausendmal habe ich es in Ihrem krankhaften brechenden Blicke ablesen können, ganz

deutlich und einfach, daß Sie mich unbedingt brauchen  –  –  –.

Aber ich hatte keinerlei Veranlassung, Sie zu erretten. Ich überließ Sie Ihrem Schicksale, so wie Tausende von lieblosen Männern andrerseits wieder unglückselige Frauenseelen ihrem Schicksale unbekümmert überantworten  –  –  –.

Nun aber kam ich endlich zu Ihnen. Mein Arzt teilte mir nämlich mit, ich hätte nur mehr ein Jahr zu leben. Das ist wenig für eine lebensfreudige Person. Sogleich überschaute ich daher mein ganzes Dasein, und ich fand, daß ich Ihnen allein spenden, spenden, spenden könnte, wie eine Quelle einem Verdurstenden! Glauben Sie nicht, daß das Liebe oder sonst etwas Persönliches sei  –  –  –. Es ist der Egoismus eines absterbenden Organismus, sich in einem andern, seelisch, in der Erinnerung zu erhalten, nicht ganz abzusterben, plötzlich verlöscht, vernichtet zu werden  –  –  –. Sie haben also, Herr, heute meinen seit Jahren ersehnten Leib genossen  –  –  –.

Sie werden nach meinem Tode mich desto lebendiger in sich aufleben lassen; siehe, das ist meine »Wiederauferstehung«. Es hat nichts mit Liebe zu tun  –  –  – man will einfach nach seinem Tode noch leben in irgendeinem besondern Herzen, dessen man ganz sicher ist! Ich habe mir selbst ein Denkmal gesetzt, das ist alles!


DER KONTROLLEUR

Er sagte zu ihr: »Gnädige Frau, für mich kann es leider keine »Treue der Frau« geben. Ich lese ihr alle ihre noch un­geschehenen und ungeborenen Ehebrüche momentan auf ihrem Antlitze ab. Was in ihr vorgeht, lese ich auf ihrem Antlitz; wie wenn sie es mir brieflich, einem alten Beichtvater, mit­teilte  –  –  –. Und ein Blick schon ist ein Treubruch!« Und unerbittlich, wie ein alter böser Zauberer, teilte er es dieser eigentlich wirklich getreuen Frau mit, daß sie auf irgend­einen Mann in der Gesellschaft »einspringe«, fast oder wirk­lich sogar ganz unbewußt, aus der »Hysterie der Nerven« heraus, das heißt aus dem Unvermögen, sich beherrschen zu können in allen Angelegenheiten des schwierigen und komplizierten Daseins! Er folterte sie damit; denn ohne sie natürlich je an ihren geliebten Gatten zu verraten, war er dennoch ein Mitwisser ihrer geheimen Sünden In ihrem wenn auch noch embryonalen, also gefährlichsten Stadium  –  –  –.

Und eines Abends, an einem drückend heißen dunstigen Sommerabende, blieb sie im Restaurant sitzen mit einem dichten grauen Schleier. Alle besprachen es, und ihr Gatte verhöhnte sie, wenn auch scherzhaft-liebe­vollst.

Da sagte ihr Peiniger, der sie nämlich ungeheuer lieb hatte seit Jahren und viel um sie geweint hatte, zu ihr: »Ich erspähe auf Ihrem geliebten Antlitz noch besser Ihre Emotionen durch den Schleier hindurch, schon dadurch, daß sie ihn anbehalten müssen in dieser Schwüle!«

Da nahm sie verzweifelt den Schleier ab und warf ihm zum erstenmal im Leben einen kindlich-flehenden Blick zu  –  –  –. Seitdem überließ er sie ihrem Schicksale  –  –  –.


DIE ZUKUNFT UNSERER KULTUR

Stimmen über Kulturtendenzen und Kulturpolitik.

Für mich gibt es eine einzige Kulturmission der kommenden Menschheit         ihre physiologische Regeneration! Akku­mulation von ungeheuren Lebensenergien, durch vollkommen veränderte diätetische Lebensweise! Es gibt, es gibt keinen anderen Ausweg aus der geistigen Überbürdung! Wenn diese Erleuchtung nur baldigst, rechtzeitig über die energieerschöpfte Menschheit käme! Es gibt in unserem Organismus noch tausend Milliarden ungehobener Energieschätze, falls man sein Leben nach erkannten Gesetzen, nicht nach überlieferten Vorurteilen lebte! Ernährung ist alles! Die Ökonomien in der körperlichen, sexuellen, geistigen, seelischen, ökonomischen Sphäre sind noch kaum geahnt! Alle verschwenden bisher ihre Kräfte für nichts und wieder nichts! Die Regeneration des Menschengeschlechtes kann nur und ausschließlich von der ungeheuren Ersparnis an Lebenskräften, die trotz der Überbürdung noch auf diätetischem Wege den Menschen zur Ver­fügung steht, ausgehen!

Es werden drakonische Gesetze geschaffen werden müssen für frische sauerstoffreiche Zugluft in jeglichen Räumen des arbeitenden Menschen. Das Wort »Rheumatismus« ist ein satanisches Wort, das den Menschen die sauerstoffreichste, die Zugluft, verwehrt! Man härte lieber seine Haut ab, seine Lunge! Es wird einst in den erstklassigen Waggons heißen müssen: »Falls auch nur ein einziger Fahrgast das Öffnen der gegenseitigen Fenster verlangt, so müssen sich alle anderen fügen!« Das wäre die wichtigste künftige Kulturmission! Und dann: die Pubertätsperiode seiner geliebten Kinder bis aufs äußerste hinausziehen, bis zum 16. und 17. Lebensjahre.

Je langsamer der Organismus wächst, desto mehr Lebens­energien stapelt er auf! Und dann leset Dr. Sternberg, Berlin, die Bücher über die moderne diätetische Küche, an denen zugleich mit dem Arzte die berühmtesten französischen und deutschen Köche mitgearbeitet haben! Freilich sind sie teil­weise nur für die »oberen Zehntausend« geschrieben, aber ihre »tiefsten Erkenntnisse« gelten naturgemäß für alle, alle! Pürees von Bohnen z. B. sind nicht teurer als die Bohnen mit ihren völlig unverdaulichen Schalen!

Die Kulturmission kann nur mehr vom Diätetiker und Hygieniker ausgehen, jeder andere Weg wäre ein Weg in pfadloses Gestrüpp und in Abgründe, auf brechende Schnee­wächten und trügerische Schneehalden, die keinerlei Halt verleihen! Dem menschlichen Organismus können noch Mil­liarden von Lebensenergien innerhalb 24 Stunden aufgespart werden, die er sonst durch »Unkenntnis« und »Leichtsinn« verschwendete! In jeglicher Art und Weise. Ich schrieb einmal: »Ob der heranblühende Knabe eine Frauenhand, zum ersten Male in seinem Leben, seelisch-zärtlich, oder sinnlich-­erregt berührt, davon hängt das künftige Schicksal aller seiner Tage ab!« Seelische Dinge sind nämlich niemals Vergeudungen an Lebenskraft! Die Seele erspart uns nämlich Kräfte, denn selten kommt es eben vor, daß man seelisch-zärtlich liebt! Aber jede andere Erregung ist täglich, stündlich möglich. Das »verzehrt« unsere Lebensenergien, die wir zu Edlerem, oder sagen wir, Wichtigerem benötigten! Das Wissen, wie man seinem Körper Milliarden von Lebensenergien zu ersparen imstande wäre, ist die künftige Evolution des Menschen­geschlechtes, das bisher wie ein Baby im Reiche des gefähr­lichen Unbewußten dahinlebte! Wissend werden ist alles! Alles, was du tust oder unterlassest, sei abhängig von deiner Erkenntnis, ob es für deinen Gesamtorganismus förderlich oder schädlich sei  –  –  –. Spare deine Gesamtkräfte für irgend etwas ganz besonders Wertvollstes im Leben! Das wohl­verstandene Sparsystem in geistiger, seelischer, ökonomischer, sexueller Beziehung, halte ich für das wichtigste Heilmittel des seine Kräfte bisher unwissend und stupid vergeudenden Menschengeschlechtes, im einzelnen und in seiner Gesamtheit! Haushalten mit seinen wertvollen Kräften ist alles!

Das allein befolgen  –  –  – und es könnte eine neue gott­ähnlichere Menschheit erblühen  –  –  –.

Z. B. um 7 Uhr morgens aufstehen müssen, nevermind; man legt sich eben um 7 abends, bei offenen Fenstern natürlich, zur Ruhe! Gott schützt die »naturgemäß Lebenden«; aber die mit ihrer Lebensmaschine ungeschickt Umgehenden ver­dammt er! Er wünscht Ideale und wird sie erreichen, ver­mittels der Erkenntnisse! Der »Weg des Heiles« also beginnt mit der geistigen Kontrolle über seine Lebensenergien, in jeglicher Sphäre der Betätigung! Ein ungeheurer Akkumulator werden können an menschlichen Kräften, und diese dennoch nur in tiefster Weisheit zum Wohle aller verwenden!

In uns schlummern noch die »göttlichen Energien«, die einst in Helden und Märtyrern vereinzelt zum Vorschein kamen! Was man einst spärlich auf seelischem Wege an er­höhten Ekstasen erreichte, wird man nun auf physiologischem Wege erreichen bei vielen! Bei allen! Hygiene und Diätetik, Prophylaktik und weisheitsvolle Sparsamkeit sind die Kultur­mission der künftigen Tage der Menschheit!


ALLES GEHT SEINE WEGE

(Eine 5 Minutenszene, die aber eigentlich ein Jahr währt.)

Gerichtsverhandlung.

Der Gerichtspräsident erhebt sich :

»Fabrikant Anton Romangshorn wird wegen Mordes an seiner Frau Sartypa zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt!«

Im Publikum fällt der junge Oberleutnant Zarsky ohnmächtig um.

Ein Jahr vorher.

Gemütliches Speisezimmer in Rot. Roter Lampenschirm, an Tisch­tuch und Servietten rote seidene Bänder, rote Tulpen auf dem Tische vor jedem Teller in roten Vasen.

Romangshorn: »Du hast aus dem Speisezimmer eine Symphonie in Rot gemacht, romantische Sartypa  –  –  –.«

Sie: »Du batest mich, etwas Besonderes zu leisten für deinen neuen Freund. Aufrichtig gesagt, fühle ich unser Heim durch einen mir Fremden entheiligt. Alle Räume sprechen so wunderbar deutlich von unserem Frieden, unseren einheits­vollen Stunden  –  –  –. Da schaut denn plötzlich einer zu uns herein mit eiskalten, verständnislosen Augen!«

R.: »Ich hätte dir es nicht aufgebürdet. Aber ich habe es niemals gewußt, daß zwei Männer in so verschiedenen Lebens­stellungen, so eines Sinnes, eines Verständnisses sein könnten wie Zarsky und ich. Ich bin Fabrikant und dennoch ein wenig Romantiker, er ist Romantiker und dennoch ernster Soldat.«

Es klingelt.

Das Mädchen meldet den Oberleutnant Zarsky.

R.: »Mein Freund Oberleutnant Zarsky  –  –  – Sar­typa!«

Z.: »Ich bin nur Soldat, aber ich habe eine tiefe, tiefe Freundschaft für Ihren Mann.«

Man setzt sich zum Nachtmale. Das Mädchen beginnt zu servieren  –  –  –.

Sie: »Wenn Sie es bei uns erträglich finden sollten, so mache ich Ihnen nächstens eine in Ihrer Lieblingsfarbe, Herr Oberleutnant! Welche ist es denn?!«

Z.: »Grün  –  –  –.«

Sie: »Nun gut, da nehme ich dann anstatt Blumen Farn­kraut. Ich habe Sole-Filets à la Morny für das Souper aus­gesucht. Hoffentlich gehört es wie für uns zu Ihren Lieblings­speisen ...«

R.: »Ich will dem Herrn Oberleutnant keine Komplimente machen, aber wenn du ihn erst näher kennen lernen wirst  –  –  –.«

Sie: »Marie, schenken Sie dem Herrn Oberleutnant von unserem berühmten Wein ›Gut Romangshorn‹ ein.«

Während er, sich leicht gegen Sartypa verneigend, trinkt, fällt der Vorhang.


SANATORIEN FÜR NERVENKRANKE

Es sollen für vieles Geld Sanatorien erbaut werden für »Nervenkranke«. Aber leider von Nerven-Gesunden. Die verstehen nichts davon natürlich. Aber wo einen wirklich ernst­lich nervenkranken Architekten hernehmen, der sich quasi für sich selbst diese Anstalt erbaute?! Wenn er so nervenkrank, so energielos wäre, so unkonzentriert auf eine ernstliche Betätigung, wie er es als Nervenkranker sein sollte, so könnte er eben diese Heilanstalt für Nervenkranke nicht erbauen! Es muß also ein zur Nervenerkrankung nur prädestinierter Architekt sich mit einem tatsächlich nervenkranken modernen Menschen dazu verbinden! Nervenerkrankung ist wie ein jeder Konkurs! Man hat mehr ausgegeben, als man eingenommen hat. Daher das natürliche Defizit. Das ist doch so einfach. Jede Mehrausgabe ist ein Selbstmord der Nerven! Falls man es nun zuwege bringt, mehr im Haushalte des Organismus ein­zuführen als auszuführen, so entstehen allmählich wieder »geordnete Verhältnisse«! Dies allein kann die Aufgabe sein eines Sanatoriums für Nervenkranke, oder es ist  –  –  – ein grober Schwindel! Garantie für vollkommen ungestörten, von selbst endenden Schlaf ist das erste Erfordernis zur »Reorga­nisierung«. Jeder erwache erst, bis die ausgerastete Natur in ihm selbst wieder lebendig sich betätigen möchte! Bis dahin herrsche Grabesstille um ihn herum. Eine »Hausordnung« ist eine Gemeinheit. Jedem sei sein heiliger Morgenschlaf garan­tiert! Nichts, nichts erwecke ihn, nur seine eigene ausge­rastete lebenslustige Natur selbst! Ferner: Der Nervenarzt sei der »Oberkoch« in der Küche. Es ist tausendmal wichtiger als Medizinen verschreiben. Zum Beispiel: Bries mit Spinat erzeugt tausendmal mehr Lebensenergien als zähes Schwarzfleisch, mit Kraut. Weshalb passiert man nicht den äußerst nahrhaften Emmentaler zu Püree, serviert ihn gemengt mit einer Hühnersuppe?!? Alle Menschen wollen nur Geld ver­dienen. Aber weshalb denn nicht auf eine »anständige Art und Weise«, wobei der Bezahlende auf seine Kosten komme?! Das verstehe ich nicht. In einem Sanatorium für Nervenkranke hat der Arzt nur äußerste Rekonvaleszentenkost zu verabreichen, wie wenn die gewöhnliche Nahrung bereits Magen­katarrh oder Darmkatarrh erzeugte durch übergroße Reizungen! Der Nervenkranke ist einem »Wiegenkinde« zu vergleichen, oder einer »Wochenbettfrau«, oder einem nach einer schweren kräfteraubenden Operation! Das »gewöhnliche« Leben hat ihn zum Konkurs seiner Lebenskräfte gebracht, nur ein »un­gewöhnliches« kann ihn wieder herausreißen! Eine »glückliche Liebe« wäre natürlich das außergewöhnlichste Heilmittel. Aber das kann man selten beschaffen. Aber Ruhe und leichtverdau­lichste Nahrung, dafür kann man sorgen! Kein einziger Patient komme in die Lage, einen anderen irgendwie zu stören, zu irritieren, zu belästigen. Die »Ungezogenheiten« des Neben­menschen allein machen jeden Feinfühligen oder sogar Hyper­sensiblen nervenkrank. Jedes Gespräch, eine ungeschickte Frage, eine übertriebene Anteilnahme, tausend und tausend Dinge hierin sind nervenzerstörend. Hier walte der Arzt als Behüter, als Beschützer!

Sehr human wäre das Wort des Arztes: »Mein Herr, rauchen Sie so wenig, als es Ihnen bei einigem guten Willen überhaupt möglich ist, und auch dann lieber leichtere Sorten!«

Schwarzes Fleisch sei verbannt. Favorisiert seien: Poularde, Kapaun (steierisch), Rebhuhn, Bries, Hirn, Seefisch, Schill, Hecht, ganz mürber, erstklassiger, hellrosa Schinken, Aspik, französische Sardinen, Thunfisch usw. usw.

Ideale Speisen: Dicke grüne Erbsensuppe mit ausgelösten Poulardebruststücken darin und ganzen harten Eidottern. Para­deissuppe mit ausgelösten Schillstücken darin. Überhaupt erst­klassige Pürees oder Suppen mit eingekochtem weißen Fleisch, Filet de Sole in Hühnerbouillon usw. usw.

Man schlafe im Freien auf der Wiese auf erhöhten polierten Messinggestellen, besonders nachmittags nach dem Speisen. Der Nachmittagsschlaf ist regenerierend. Kranke und Rekon­valeszenten brauchen ihn dringendst. Also ist er für Ge­sunde erst recht zu empfehlen. Der Nervenkranke ist ein Kranker, dem nichts fehlt, ein Gesunder, der krank ist!

Reine, frische Luft bei Tag und Nacht ist aber das allerwichtigste. Durch sanftes trockenes Reiben mit dem Fleshglove hat man die Haut abzuhärten gegen Zugluft und Feuchtig­keit. Man trage nie mehr Kleidung, als die »Sittlichkeit« erfordert. Und die erfordert beim kultivierten Menschen äußerst wenig. Ideale Tracht für Frauen: kurze seidene Socken, Sandalen, nackte Beine, fußfreier Rock, offener Hals, offene Ärmel. Ideale Tracht für Männer: englische kurze Socken, Sandalen, kurze weite Hosen bis zum Knie, feines weites englisches Hemd. Der Hut sei verbannt. Billardtische im Freien, unter Plachen, ebenso Bibliothek. Wie man das anstelle, sei Sache des Architekten. Aber alles, alles geschehe im Freien. Der Architekt hat zum »Hygieniker« sich zu erhöhen. Seine »ästhetischen Spässe«, die Geld kosten, werden uns nicht heilen!

Jener Raum äst der schönste, der am meisten frische Luft und Licht einläßt. Aus Gefängniszimmern, aus Kerkersalons sollen offene Käfige wenigstens werden, wie Volieren für wertvolle Vögel!

Frische Luft ist ein ewiges Regenerationsmittel und billiger zu beschaffen als Gastein, Franzensbad, Teplitz. Wie wenige von den sorgenlosen reichen Menschen sehen »fit« aus?! Wie ein Rennpferd oder ein edelrassiger Hund?! Weil ihre Lebens­führung nicht verwaltet ist nach ihrer Organisation, nach ihren immanenten heiligen Gesetzen!

Der »verklärte Ausdruck im Antlitz« Ist der natürliche Erfolg einer vollkommen funktionierenden Lebensma­schine. Dichter und Künstler werden dazu durch ein »inneres Feuer« angetrieben, das aber den anderen versagt ist. Der Ausdruck des Antlitzes ist ein gerechtes Spiegelbild!

Niemand ist leichter zu heilen als der Nervenkranke! Er selbst müßte sich nur seine Sanatorien erbauen, ein­richten, leiten! Statt dessen tuen es wohlwollende Ge­sunde für Ihn. Sie haben alle die »besten Absichten«. Aber sie müßten erst selbst »zerstörte Nerven« haben und eine Portion »Genialität«, das heißt »Intuition« extra, um es zu erfassen, wie man ihm wirklich helfen könne! Ein Gebäude sei eine riesige Durchlaßkammer für frische Luft und Licht. Es sei eine absolute Garantie für »Grabesstille«. Jeder Mensch mordet durch tausend Dinge die Nerven des anderen. Nun, das muß man einfach zu verhindern suchen! Wenn man einen Menschen vor den Gemeinheiten, den feigen heim­tückischen Angriffen seiner Nebenmenschen eine Zeitlang schützt, hat man ihn schon im Sanatorium halb gesund ge­macht!

Also: Ein modernes Sanatorium für Nervenkranke, das heißt für Gesunde, die schwer krank, für Kranke, die sehr gesund sind, muß mit jeglicher »konventionellen Lüge«, die bisher war, brechen! Es muß eine Art offenes Gitterwerk vorstellen, das Luft und Licht maßlos einläßt, ja es hineintrinkt in seine Räume. Absolute Ruhe muß jedem garantiert sein, hingegen auch jede Möglichkeit der Zerstreuung, das heißt der notwendigen Ablenkung vom eigenen Ich! Regen, Zug­luft müssen als Heilmittel betrachtet, empfunden werden können. Daher vor allem Abhärtung der Haut!

Die »schnöde Suggestion« des brutalen Nervenarztes muß aufhören. Es gibt nur eine Suggestion, die Heilkraft der heiligen, ewig milden und verständnisvollen Natur!

Enorme Rücksicht auf die Verdauungstätigkeiten!

Eine Milliarde Lebensenergien aufstapeln als Reservefonds in einem jeden Organismus, sei der einzige Wunsch des Leiters der Anstalt! Nur der intelligente, fast geniale Nerven­kranke kann ihn darüber aufklären, denn er erkennt sein Wohl und Wehe, während die anderen im Dunkeln tappen ihres eigenen Wesens! Der Ausdruck des Antlitzes, die Laune des Patienten verraten alles, sie können nicht betrügen. Der Mensch mit genügend Lebenskräften oder mit überschüssigen, kann es nicht verbergen! Sein Gang bereits verrät ihn. Der Schleichende aber, der, dessen Tritt man als schwerfällig emp­findet, der geneigt ist zur Erde zu, und nicht wegstrebend von ihr hoheitsvoll, der ist krank! Der intelligente Nervenkranke allein sei der ewige Belehrer des Nervenarztes. Der Nerven­kranke sei ihm ein wertvolles Objekt, seine irrigen Anschau­ungen zu korrigieren, nicht eine feige Gelegenheit, sein Besserwissen in Szene zu setzen!


VERGNÜGUNGS-ETABLISSEMENTS

Es gibt wunder-, wunderschöne Frauen, die sich aber auf­gegeben haben vor der Zeit, vorzeitig. Sei es, weil Sie wirk­lich dankbar bleiben ihrem Versorger, oder weil sie in der Zärtlichkeit für ein geliebtes Kindchen aufgehen Tag und Nacht. Sie sitzen in der Märchenwelt des Flirt, wie im Theater, betrachten Schicksale, die nicht die ihrigen sind und nie, nie werden können! Trotzdem sind sie ausstaffiert mit Hüten, mit Kleidern, die aller Blicke anziehen; trotzdem fühlen sie alle ihre Anziehungskräfte auf Freibeuter, Räuber, Leichtsinnige  –  –  –. Aber sie haben sich endgültig entschieden für die Be­quemlichkeit, die Ordnung im Leben. Niemand kann ihnen gefährlich werden, denn sie befinden sich in der uneroberungsfähigen Zwingburg »geordneter Verhältnisse«! Dennoch wahren sie In den großen Vergnügungs-Etablissements die »Dehors«, eigentlich nämlich die »Dedans«, benehmen sich liebenswürdig-­angeregt, wie hypnotisiert vom Gifte »Leichtsinn«. Aber sie tun es nur, um die »allgemeine Stimmung« nicht zu stören der Herren ihrer Gesellschaft. Denn die Gatten sehen aus, als ob sie ein Auge zudrückten, was sie natürlich nicht tun, sondern beide gerade versteckt aufreißen; und die Kavaliere, das heißt die Strandräuber, nehmen Mienen an im Gespräche à deux, als ob sie Lämmchen wären auf grüner Heide, während sie alle insgesamt Wölfe sind, die Blutbäder anrichten möchten,

falls sie es könnten  –  –  –. Da ist es denn das Probateste, wenn die wunderschöne Frau ihres Kinderzimmers gedenkt, wo hie und da im Schlafe das Wort »Mami  –  –  –« gehaucht wird. Ich bin kein Moralist. Aber sollte ich es in diesem Falle doch sein, so schäme ich mich diesmal ausnahmsweise dessen nicht! Sich »konzentrieren« können, auf eine einzige, wichtigste, wertvollste Sache in seinem sonst zersplitternden Dasein, heißt allein »anständig« sein! Anständigkeit ist, seine allerbesten Kräfte auf eine allerbeste Sache in seinem kurzen Leben allein und ausschließlich verwenden. Unanständigkeit ist, sich »wegen nichts und wieder nichts« vergeuden und zerstören!


KNAPP BEVOR SIE »EINSPRINGT«

»Ihre Hand zu berühren, Fräulein, macht mich tief glück­lich!«

»Ja?! Aber was hab' ich eigentlich davon?!«


* * *


»Sie haben mir einen Brief geschrieben  –  –  –?!«

»Ja, bitte, ich habe mir erlaubt  –  –  –.«

»Sie, sagen S', wozu tun Sie solche Sachen  –  –  –?!«

»Im Drange meines Herzens  –  –  –.«

»Gehn S', schaun S', das haben schon so viele zu mir gesagt –  –.«


* * *


»Sie, Sie sind mir gar net so unsympathisch. Könnten mer net ganz einfach Freundschaft schließen, wie a paar gute Kameraden?!«

»Nein, Fräulein, das könnten mer eben net!«


* * *


»Lieber Herr, ich gehe nicht mit Ihnen ins Theater, weil ich nicht will, daß es ein Gerede gibt! Ich habe Sie ganz gern, warum nicht?! Aber die Leute fassen es anders auf. Ergebenst Mali.«


* * *


»Sie also, Sie waren immer so nett zu mir, ich muß Ihnen ein Geständnis machen, ich bin nicht mehr frei  –  –  –.«

»?!?«

»Es is einer da, der mich heiraten will  –  –  –.«

»Ja, lieben Sie ihn?!«

»Lieben, was heißt lieben?! Er laßt mich doch net aus!«

»Möge er wenigstens so zärtlich an Ihnen hängen wie ich selbst, Mali  –  –  –.«


* * *



»Mein Bräutigam hat mir eine schreckliche Szene gemacht wegen Ihnen  –  –  –.«

»Meinetwegen?!? Ja, aber es ist doch noch gar nichts?!«

»Er hat Ihre Briefe gefunden      –  –  –.«


* * *


»Ich werde also ins Theater heute mit Ihnen kommen, da mein Bräutigam mich stehen gelassen hat. Glauben Sie aber nicht, daß ich so eine bin wie alle. Meine Schwester wird mit sein  –  –  –.«


* * *


»Wenn Sie aber glauben, daß ich es nicht genau bemerkt habe, daß Sie auf meine Schwester ›fliegen‹, so irren Sie sich sehr. Sehr komisch, wenn ich jetzt Ihre Briefe durchlese  –  –  –. Gott sei Dank habe ich mir noch nichts vergeben  –  –  –. Mali.«


DAS SCHREIBMASCHIN-FRÄULEIN

Ein ehemaliges altes Palais. Ein riesiger Hof. Eine Freitreppe mit ganz niedrigen breiten Stufen. Aber dann eine steile Turmtreppe zum Schreibmaschinenbüreau. Alles peinlich sauber. Ich bat das Fräulein, mir die »Exzerpte« aus dem Buche: »Über die Verpflichtung der Frau, ihren Leib zu einem ›lebendigen Kunstwerk‹ zu gestalten« abzuschreiben.

Sie sagte: »In Folio oder in Quart?!?«

»In Quart« sagte ich. Sie war riesig groß, schlank, ganz jung, hatte herrliche Hände.

Ich sagte: »Für Sie ist dieses Buch unnütz!«

»O bitte, Ich muß alles abschreiben, was man mir aufträgt  –  –  –.«

»Befinden Sie sich wohl in Ihrer Stellung?!«

»Weshalb nicht?! Ich habe 80 Kronen monatlich und Überstunden  –  –  –.«

»Haben Sie heute abend viel zu arbeiten?!?«

»Sehr viel  –  –  –.«

»Dann werde ich verlangen, daß meine »Exzerpte« noch heute abends abgeschrieben werden  –  –  –.«

»Weshalb?!«

»Damit Sie ›Überstunden‹ bezahlt erhalten  –  –  –.«

»Der Herr kann das halten, wie er will  –  –  –.«

War es der Beginn, war es das Ende?!

Aber alle Dinge der Seele beginnen so!


LANDSCHAFTSBILD

Wir saßen da und tranken heißen duftenden goldgelben Tee. Der Tee vertrieb die kühle Feuchtigkeit des Aprilabends. Wir sahen schweigend hinaus auf die Pracht der Erde. Waldwind kam von Bergen und Hügeln, und von der dunkelnden aus­rastenden Welt! Eintagsfliege »Mensch«, Waldwind wird kommen von den Hügeln und von den Bergen, immerdar – –.

Nie, Anita, sah ich dich so rosig-verklärt wie heute, ge­borgen an dem Herzen des Freundes, und dennoch versin­kend im All!

Ein Zug pfiff in der Ferne; ein Hund bellte wie vereinsamt und ausgeschlossen; irgendwo lachten fremde Menschen überlaut  –  –  –. Nie warst du mir näher als in dieser Stunde, Anita! Weshalb?! Niemand könnte es ergründen  –  –  –.


WINTERSPORT

Eine der größten Entwicklungen im physiologischen Leben der Menschheit ist die Entdeckung der Schönheit der Winter­landschaft! Der Schwede Fjaestad begann den Schnee zu malen wie keiner vor ihm. Denn er liebte ihn; nur liebe­volle Augen können im Schnee so viel verborgene Schönheit, Poesie, Melancholie ausfindig machen, gleichsam wie in dem vergötterten Antlitz einer geliebten Frau! Die Poesie der Winterlandschaft, die früher einigen wenigen Träumern und Dichtern aufgegangen war, ist nun auf dem Umwege »sport­licher Vergnügungen« in die Gesamtheit eingedrungen und erfüllt die nervös gewordene Menschheit mit unermeßlichen neuen Lebensenergien!

Der Wintersport hat seine Übertreibungen, wie alle guten vorteilhaften Dinge auf Erden; aber er ist der einzige Vermittler zwischen dem in Arbeit und Sorge dahinvege­tierenden Menschenkinde, und Gottes friedevoller Winter­pracht! Man sieht am Semmering nun Recken und Hünen­gestalten wie aus deutschen Sagenbüchern erstanden! Es wer­den Gefahren aufgesucht im tief verschneiten und vereisten Bergwald!

Frauen schweben dahin wie fliegende Engel, Kraft und Lebendigkeiten einheimsend aus der Winterluft für kommende Generationen! Mensch sein heißt »Stoff wechseln« im ener­gischesten Grade. Und dazu verhilft allein der Wintersport in eisiger Luft! Er ist das Regenerationsmittel der Zukunft! Dichter, Denker und Träumer leben von »inne­rem Stoffwechsel«; aber der Mensch des realen, lebendigen, unerbittlichen Lebens muß es sich durch »frische Tat« er­zeugen.

Der Wintersport gibt Millionen Kräfte denen, die noch zu nehmen, noch zu geben haben, in ihren gutorganisierten Lebensmaschinen. Die anderen mögen abseits wandeln und mit den Augen allein die Kräfte der heiligen Winterlandschaft in sich hineintrinken! Alle Versuche moderner Physiologen, die Menschheit zu regenerieren, sind kindische Unterneh­mungen gegenüber dem Walten eines Wintertages mit seiner eisigen, sonnigen, urreinen Luft! Amen.


VERFOLGUNGSWAHN

Ist es bereits das erste leise Anzeichen von Verfolgungswahn, wenn ich mir auf die Reise zwölf meiner besonderen Perlmutterhemdknöpfchen mitnehme, auf alle Fälle?!? Diese Vor­aussicht einer möglichen Katastrophe an den doch vollkommen intakten neuen Hemden?! Jedenfalls ist das Gehirn, das sich bei einer solchen Gelegenheit mit dieser fatalen Eventualität nicht beschäftigt, das Gesündere, das weniger Reizbare, weniger Empfindliche den Dingen des Lebens gegenüber.

Die Beschäftigung mit »möglichen Unannehmlichkeiten kommender Tage« ist bereits Verfolgungswahn, schwächt be­reits die Energie unseres Lebendigseins! Daher ist jeder wirklich Verstandbegabte verfolgungswahnsinnig! Er ist immer und in jeder Lage tiefer Pessimist. So allein zwingt er sich, eventuellen Gefahren vorzubeugen. Mit den günsti­gen Ereignissen braucht er sich nicht zu beschäftigen. Sie ereignen sich von selber. Aber die Gefahren jeder Angelegen­heit wittern, das ist wichtig und macht zugleich nervenkrank!

»Mit dem linken Fuße auf jedes Kanalgitter treten bringt Glück, vermeidet Unglück. Ich glaube zwar nicht daran. Aber, welches Opfer ist es denn, es zu tun?!« Von diesem Augen­blick an bist du im Banne dieser unscheinbaren Sache. Denn falls du es auch nur ein einzigesmal unterlässest, führst du un­erbittlich jede Unannehmlichkeit, die dir begegnete, auf diese Unterlassungssünde zurück. Infolgedessen konzentrierst du dich daher fast schon krankhaft auf das Berühren jedes Kanalgitters auf der Straße mit deinem linken Fuße. Das aber macht wieder reizbar, nervös, durch die Furcht, dennoch Irgendeinmal ein Kanalgitter vielleicht übersehen zu haben. Man stellt sich auf die Probe, versucht es, ein Kanalgitter absichtlich zu übergehen, es entsteht später eine eigentümliche Unruhe, Unsicher­heit, man macht sich Vorwürfe, bereut  –  –  – die geringste Unannehmlichkeit, und man hat den verderblichen »logischen Zusammenhang«! Wäre ich doch auf das Kanalgitter getreten mit meinem linken Fuß!

Jede Frau, die man ernstlich liebhat, bringt uns stündlich in Milliarden von Gefahren, sie irgendwie zu verlieren. Aber der Mann, der nicht zum Verfolgungswahn inkliniert, also der Idiot, der Tepp, spürt es nicht, es gelangt nicht in sein klares Bewußtsein. Er hat das Glück, die Gesundheit, erst eine even­tuelle Katastrophe zu erleiden, nicht aber ihre unmerk­lichen und desto schrecklicheren Vorbereitungen! Jeder Mann, der in bezug auf ein geliebtes Geschöpf nicht »verfolgungswahnsinnig'' wird, hat diese Person nie eine Stunde lang ganz wirklich liebgehabt!

Eine alte Dame sagte einmal zu mir: »Ich muß von Jahr zu Jahr die schweren Satzungen der Religion strikter befolgen. Denn je näher ich mich der ›endgültigen Abrechnung‹ befinde, desto mehr fürchte ich sie!«

Religion ist eine Art von »idealer Ausnützung« des Ver­folgungswahnes in den menschlichen Nerven!

Ich sagte einmal zu einem Kaufmann: »Du solltest nicht in die Provinz hinausborgen, das ist gefährlich, riskant  –  –  –.«

Er erwiderte mir: »Darauf beruht aber unser ganzes Geschäft. Nur muß man die Nerven haben, es auszuhalten  –  –  –.«

Ein Jahr nachher war er zugrunde gegangen. Ich erinnerte ihn an unser Gespräch. Da sagte er: »Du hattest recht. Aber wenn ich dir gefolgt hätte, wäre ich noch früher zugrunde gegangen!«

»Sie sollten, mein Lieber, Ihre schöne, junge Frau nicht im Sommer allein auf dem Lande lassen  –  –  –.«

»Sie haben ganz recht; aber wenn ich sie nicht weggehen lasse, verliere ich sie noch früher–  –  –!«

Verfolgungswahn hat jedenfalls das für sich, daß man sich wenigstens keine Vorwürfe wegen »mangelnder Intelligenz« dann zu machen hat. Und das ist bei diesen schweren Zeiten auch schon etwas!

Vielleicht ist die intellektuelle Sicherheit, gewissen Ge­fahren im Leben ausweichen zu können, ein tieferes Glück als das Heldentum, sich kopfüber ins Leben hineinzustürzen und seine mordende Schlacht! Heldentum und Verfolgungswahn sind die tiefsten Gegensätze. Der eine berechnet nichts, und der andere alles! Der eine sieht überall Siege und der andere über­all Niederlagen. Der eine ist ein Tepp, und der andere ist ein Weiser! Ein glücklicher Tepp und ein unglücklicher Weiser! Aber kann der Weise je wirklich unglücklich sein und der Tepp je wirklich glücklich?!?

Verfolgungswahn in mäßigen Grenzen ist die Fähigkeit, kommende Gefahren zu wittern, und die Fähigkeit, mit der Kraft der Intelligenz denselben womöglich vorzubeugen! Das Gegenteil davon ist die Sicherheit der Stupidität, also das sogenannte »friedliche Glück«!


FRAUENGUNST

Es ist verächtlich und tragisch-traurig, wie die reizendsten intelligentesten Männer sich noch immer um Frauengunst be­werben! Wie feile Senatoren vor einem wahnwitzigen Cäsar! Nie erheben sie sich, ermannen sie sich zu der Heldengröße des Narren wenigstens, der seinem Gebieter die schrecklichsten Wahrheiten sagte, um ihm herauszuhelfen aus dem Abgrunde seiner selbst! Immer belassen sie, feig und knechtisch ge­sinnt, diese Armseligste in ihren zahlreichen Irrtümern über sich selbst und das Leben, wünschen sich nur für sich selbst rasch das und bequem herauszuschlagen, was herauszuschlagen ist! So keine Achtung vor möglichen Entwicklungen im Weibe! Sie in ihrer bodenlosen Einbildung und Eitelkeit be­lassend, statt sie zu »organischer Bescheidenheit« nieder­zwingend!?! Zu allem »ja« und »Amen« sagend, um ihre schwachen Nerven schmählich gefügig zu machen!?! Feile Senatoren!

»Ist diese Gürtelschnalle schön, die ich mir da gekauft habe, Peter?!?«

Der Königin-Narr: »Hoheit, es ist die gemeinste, ordi­närste und konventionellste Gürtelschnalle, die es gibt! Sie auszuwählen unter hunderten ist die Genialität der Schlechtrassigkeit, die ihr schäbiges Objekt stets sicher herausfindet unter allen wertvolleren!«

Nichts ist schwerer als einer vergötterten Frau eine un­angenehme Wahrheit zu sagen, die ihr erst viel später zugute käme. Denn die Konkurrenten arbeiten mit »unlauteren Mitteln«, die rasch und sicher wirken, wenn auch für die Zu­kunft bedeutungslos oder sogar verderblich. Eine Frau ge­nug liebhaben, um es sich ihr zuliebe mit ihr zu verderben, ist die Sache weniger »Helden der Seele«! Sie wird jene favorisieren, die applaudieren bei ihren Stupiditäten! Wozu ist man denn im »Theater des Lebens«?!?


BRIEF EINES DICHTERS

Lieber Herr Dr. Rheinboldt in Kissingen.

Ich danke Ihnen für Ihren sehr interessanten Essay über Stoffwechselerkrankungen.

Ich kann nie von der Idee abkommen, daß die Zukunft der Medizin von einem idealen Zusammenwirken eines absolut gläubigen Arztes und eines mit Intuitionen begabten, absolut wahrheitsvollen Patienten abhängen werde!

Wenn z. B. jemand sagte: »Herr Doktor, meine Zustände werden im Restaurant A. schlimmer, im Restaurant B. jedoch besser  –  –  –«, so muß der Arzt es als eine merkwürdige und für ihn überaus interessante, ja vielleicht sogar wertvolle Mit­teilung auffassen, nur ein wenig gehemmt von einer mäßigen und höchst naturgemäßen Skepsis  –  –  –. Er muß sogleich an die Mysterien des Nervus sympathicus denken. Ich war sechs Wochen lang an einem Kurorte, unter günstigsten Be­dingungen, kam von Tag zu Tag mehr herab, behauptete, daß ich erst an meinem Eck-Stammtische in einem Gartenrestau­rant in Wien die Krisis überwinden werde können. Die Ärzte erklärten es für eine »idee fixe«. Endlich setzte ich es durch, und an dem ersten Abend in Wien wurde ich von 8 abends bis ½ 12 nachts an meinem Stammtische von allen Verfallszuständen geheilt, und erhielt die inneren und äußeren Elastizitäten eines Siebzehnjährigen wieder. Da sagten die Ärzte: »Siehe, das ist eben die Reaktion infolge der sechswöchentlichen vorausgegangenen Kur  –  –  –!« Da weinte ich direkt über das Entêtement der menschlichen Gehirne, die deshalb allein nicht vordringen können zu neuen noch unerkannten und wichtigen Wahrheiten!

Hat je ein Arzt einem Patienten gesagt: »Ich werde Ihnen

Er ist nur ein »ungeschickter, brutaler, anmutloser« Eisvogel. Auch er wartet stundenlang, tagelang auf seine Beute! Er sticht zu und verschluckt sie. Aber es sind nicht »wertlose Elritzen«, die er verschluckt, vernichtet! Es sind »Seelen«!


GEDICHT

Wie ich zu Tode quäle eine liebevolle Seele,

Wenn ihre Hülle »Leib« nicht meinem Ideal entspricht –  –!

Wie stell' ich's aber an, daß ich das »Edlere« wähle?!?

Mein Wächter »Auge« gestattet es mir nicht!

Er sagt: »Man täuschet dich; die beste Seele

Kann eben nur im besten Leib gedeih'n!

Und nur weil Christus vollkommen schön gewesen,

Könnt' sich sein Herz der ganzen Menschheit weihn!

Voll innerer Sanftmut ist nur das schönste Wesen;

Es dankt dem Schöpfer gleichsam ewig für seine Gnad'

auf Erden  –  –  –,

In ihrem verborgensten Blick kannst du es lesen:

»Ich bin von Ihm verpflichtet worden, gut zu werden!«

Gott ähnlich werden ist jedem benommen,

Der nicht die Glieder dazu mitbekommen!

Nur vom vollendet schönen Menschen fordre ich Hirn

und Herz  –  –  –

Er fliege, Gott-begnadet, himmelwärts!

Er sei gerecht, allgütig und allweise  –  –  –

Und er allein stört mir nicht meine Kreise,

Daß der Mensch engelrein werden könne in

absehbarer Zeit!

Von den anderen aber verlang' ich nur,

Daß sie sich betrachten als mißlungene Exemplare der

Ideale erträumenden Natur!



DER JUNGGESELLE

Weshalb sind unsere Restaurants so schrecklich konservativ und die Gäste so langmütig?! Weshalb gibt es keinen Neuerer, keinen Revolutionär, keinen Anbahner und Pfadfinder unter den Gasthausbesitzern und Cafetiers?! Zum Beispiel: zum Tee eine gläserne Zitronenpresse zu erhalten, um den ganzen edlen Saft der Zitrone sogleich und bequem herauszubekommen?! Man hört da entweder die Antwort: »Ja, das hat bisher noch niemand verlangt,« oder die Antwort: »Ja, wo kam' man da hin, wenn man sich das alles auch noch zulegen müßt'  –  –  –?« Beides ist grundfalsch, wie der technische Ausdruck für Blöd­sinn lautet. Denn erstens hat eben der Restaurateur gleichsam Tag und Nacht Verbesserungen nachzusinnen, nachzu­spüren; zweitens aber belohnt sich jede wichtige, noch so un­scheinbare Verbesserung naturgemäß ganz von selbst, in­dem es sich herumspricht und die Gäste sich geschmeichelt fühlen durch besondere Aufmerksamkeiten! Keine selbstlose Betätigung bleibt unbelohnt. Sogar in Geschäftskreisen! Weshalb gibt es fast in keinem Restaurant jene ideale Verbin­dung von kräftiger Bauernkost und zarter moderner Kochkunst, eine klare Suppe, in einer Art von kleinem, tiefem, weißem oder grauem Steingut-Lavoir serviert, in der sich eine ganze zer­stückelte Portion Fleisch, edle Gemüse und zarte salzige Mehl­speise zugleich vorfinden, also ein nahrhaftes Diner aus drei Gängen, zusammen bereits in einem aparten tiefen Terrinchen!? Man könnte in eine solche Suppe den Nierenbraten auslösen, das Kalbsgulasch hineintun, Fischfilets darin auslösen. Es wäre mit Löffel und Gabel zu essen, ersetzte vollkommen die müh­seligen »Gänge«!

»Unsre Wiener mögen dös net  –  –  –« ist eine verdammte Phrase. Denn »unsre Wiener« mögen alles, was gut ist! Wes­halb stehen nirgends unter appetitlichen, kristallgeschliffenen Schutzgläsern besondere Leckerbissen, die durch, ihren Anblick bereits den Gaumen erfrischen und beleben?! Sie könnten auf einer Glasplatte stehen, unter der Eisstücke sind, um es kühl zu erhalten. Zum Beispiel ausgelöste harte Eidotter, auf einer ölschichte schwimmend.

Was ist es mit den vielen wunderbaren Kakes, die eigent­liche »Teiggedichte« sind, und die eingesargt sind bei uns in den zwei »englischen Spezialhandlungen«?! Nicht einmal den Namen nach kennt man diese kulinarischen Heiligtümer. Zum Beispiel die Bussy de Vevey. Ich schlug einem Cafetier vor, einen kristallenen Kasten bauen zu lassen und ihn vormittags und zur Jausenzeit mit Bussy de Vevey zu füllen, wobei zwischen je zweien dieser zarten Salzwaffeln eine Schichte bester Sar­dellenbutter sich befinden müßte. »Wann ich so was tat', mein lieber Herr, da wär' ich ja selbst schon ein halbeter Dichter und könnt' dann betteln geh'n wie Sie,« erwiderte er mir. »Mir brauchen Kakes in unserm Geschäft, die nicht zerblatteln wie mürber Zunder, sondern die an' Puff aushalten!«

Also gut, so fressen m'r weiter in uns hinein die Kakes, die »an' Puff aushalten«.

Ich kaufe mir oft eine Büchse dieses herrlichen Thunfisches, französische Marke, entöle ihn durch Abspülen mit Wasser, lege ihn in eine wundervolle, warme, zitronensäuerliche, kaum gesüßte, ganz ohne Mehl bereitete Paradeissauce und habe ein besonderes, unerhört nahrhaftes, leicht verdauliches Gericht! Wenn man es dann noch benennt: »Thon au Paradis«, so schmeckt es noch besser! Solchen Thunfisch, der wie aller­bestes Kalbfleisch schmeckt, kann man aber auch in Sardellen­sauce, Schnittlauchsauce, Zwiebelsauce und so weiter und so weiter hineinlegen und erhält dadurch jedesmal eine besondere Speise! Der Idealismus des Wirtes würde ihn unbedingt reich­lich entschädigen für die erhöhte Regie, denn nichts nützt den Nerven so »ehr, als dem Gutes zu erweisen, von dem man eigentlich abhängig ist! Aus gleichgültigen Gästen, die zahlen und kuschen sollen, werden plötzlich Brüder und Schwestern. Aber der Wirt denkt: »Das möcht' euch so passen!« Und füttert sie ab wie eine unbequeme Herde!

Der Gleichgültigkeit der Restaurateure und Cafetiers ent­spricht die Gleichgültigkeit der Damen dem Essen gegenüber; äußerster kulinarischer Dilettantismus. Nie hat eine der reichen Damen den Ehrgeiz, einen besondern Jausentisch herzurichten, mit exzeptionellem Gebäck und Früchten. Alles geht seit Jahr und Tag in gewohntem Geleise. Keine interessiert sich für un­bekannte Kakes, keine macht Kostproben in den »englischen Spezialhandlungen«, keine hat den Ehrgeiz, einen Kristall­kasten mit außergewöhnlichem Gebäck zu füllen und ihren angenehm überraschten Gästen vorzusetzen. Fast alle Damen betreten die Delikatessenhandlungen und stellen die perfiden Fragen: »Haben Sie schöne Orangen, schöne Äpfel und schöne Birnen?!« Aber keine erkennt die saftige, pralle, dünnschalige Orange heraus, keine fragt nach der wunderbaren Alexander-Butterbirne, nach der Tiroler Dechantbirne, nach dem gold­gelbbraunen Kanada. Alle wünschen nur »besonders schönes Obst«, überlassen es feige und verständnislos der Verkäuferin, es zusammenzustellen. Künstlerischer Ehrgeiz in kulinarischen Dingen fehlt ihnen gänzlich. Man müßte eine Konkurrenz für den Jausentisch einmal ausschreiben. Keine Dame versteht die zarten Unterschiede in Emmenthaler, Gorgonzola, Roquefort. Sie verlangt immer nur einen guten. Und man gibt ihr den, der vorhanden ist! Nie fährt sie wegen eines Stückes Gorgonzola von Handlung zu Handlung! Sie hat keinen Ehrgeiz, den besten zu entdecken. Einer meiner Freunde sagte einmal sehr treffend: »Man kann eine Frau nicht recht von Herzen liebhaben, die in den Restaurants, ohne auch nur in die Speisekarte zu blicken, immer einfach ›Roastbeef mit Reis‹ bestellt! Es liegt keine Persönlichkeit darin, es ist die allübliche, öde, konventionelle Art, sich zu ernähren, die Abfütterung ohne Liebe und Lust, die kulinarische Temperamentlosigkeit, und implicite – pfui über das Wort implicite! – und daher mitinbegriffen die all­gemeine Temperamentlosigkeit in allem und jedem. Meine arme Mama sagte mir zeitlebens: »Wie kann ein so intelli­genter Bursch wie du so viel Wert auf das Essen legen?!?« – »Eben deshalb,« erwiderte ich ihr frech und geistesgegenwärtig. Frauen werden immer verlegen, wenn man mit ihnen über kulinarische Anglegenheiten spricht. Denn sie verstehen davon nichts, und vor allem haben sie keinerlei reges Interesse dafür. In Gesprächen über Maeterlinck sind sie jedoch ungeheuer angeregt. Sie halten jedenfalls richtige Ansichten über Dichter für wertvoller als gut und besonders sich zu ernähren! Da kann ich ihnen nicht beistimmen. Zum Beispiel, ich selbst erkenne die Qualität eines Fleisches, einer Frucht von außen. Darauf bilde ich mir sehr viel ein. Ich bin bereit, viele sogenannt sorgsame Hausfrauen zu blamieren, obzwar ich nur ein elender Junggeselle bin! Nein, es muß unbedingt der »kulinarische Ehrgeiz« bei unsern reichen, sorgenlosen Damen geweckt wer­den. Es ist direkt eine künstlerische Angelegenheit! Keine wage es mehr, in der Delikatessenhandlung zu lispeln: »Bitte, schicken Sie mir aber recht, recht schönes Obst,« sondern sie hat, insofern sie Anspruch erheben will auf unsre Achtung, mit tiefem Verständnis jede Birne, jede Orange, jede Dattel und so weiter und so weiter und so weiter selbst auszuwählen mit »untrüglichem Blicke«, wie es im Homer heißen könnte. Man hat nie zu fragen: »Ist dieser Schinken, dieser Kalbsschlegel auch mürb?!« Sondern man hat es zu wissen beim Anblick allein! Das ist »Genialität«! Der edle Hut, o Frau, den du für teures Geld auf dem Kopfe hast, beglückt uns weniger als die edle Speise, die du uns vorsetzest  –  –  –.


ERDE

Ich habe gestern tief erschüttert das Stück »Erde« erlebt von Karl Schönherr, im Wiener Burgtheater. Alles wartet darin einfach auf den Tod eines alten Mannes, der nicht sterben will! Das Dasein von Menschen, ohne den mystisch-christlichen Idealismus. Der bloßgelegte Trieb. Satan »Natur« im Men­schenherzen. Oder is'ts der Engel?!? Alles strebt doch schließ­lich organisch nach Blühen, Sichvermehren. Aber der Alte hält es auf. Er hat seine Zeit überschritten. Deshalb wird er von allen gehaßt. Tritt ab, alter Künstler, alter Kritiker, alter Dichter, wenn deine Zeit gekommen ist! Verrammle nicht die Wege! Hindere nicht die knospenden Zweige! Die junge Bäuerin-Magd, von Frau Bleibtreu allertrotzigst dargestellt, will vor allem leben! Ihr Dasein erfüllen! Kann sie's nicht im warmem, reichen Bauernhofe, tut sie's wenigstens auf dem kalten, armen Eishof auf der Alm. Der alte Bauer hingegen ist der Winter, läßt keinen Frühling, keinen Sommer, keinen Segen aufkommen! Wie der Kritiker ohne Jünglingsherz! Der Winterhauch fegt über »blühende Bestände«! So ist dieses Stück. Man bekommt so viel Mitgefühl mit den erfrierenden Blüten und Früchten.


FAMILIENIDYLL

Ich sah euch Kinder gestern abends beim Nachtmahle. Ihr aßet Wurst in Essig und Öl. Aber du, J. M., hattest eine Art von Nachthemd an, und man sah deinen herrlichen Hals. Du aßest und hattest zugleich den Blick einer Heiligen. Du spürtest es, daß ich vor dir hätte hinknien mögen wegen deiner überirdischen Schönheit. Aber du saßest im Familienkreise beim Nachtmahle und warst erst zwölf Jahre alt. Da sang ich denn meine Hymnen an dich, notgedrungen nur in mich leise hinein! Aber sie brausten wie Frühlingsstürme aus mei­nem alt-jungen 50 jährigen unbezähmbaren Herzen heraus ins Leben, und ich merkte es an dem verlegen-erstaunten Aus­druck deines Antlitzes, daß der Hauch meiner Begeisterungen dich dennoch streifte                          ! Und aus der Stube, in der ihr euer frugales Nachtmahl einnahmt, ward eine Kirche, durch die Kraft allein meines begeisterten Herzens!

J. M., ich danke dir!

Wem, wem sollte man denn danken, als dem, der einen über die eigenen Niederungen plötzlich hinüberhebt in höhere, in bessere Sphären?!? Und wenn es nur ein Kind ist bei seinem Nachtmahle  –  –  –.

Am nächsten Morgen sagte sie verlegen: »Gestern waren sie ein wenig betrunken  –  –  –.«

»Jawohl,« erwiderte ich, »ich war ein wenig be­rauscht  –  –  –.«


WER BLEIBT SIEGER?!

In der großen Stadt mußte sie die Dehors wahren.

Sie war dort an Händen und Füßen gebunden, geknebelt.

Er hingegen, der junge Gatte, er, oh  –  –  –.« Sie war ganz verzweifelt: »Ich möchte dir alles sein, alles, ich, ich, Ich allein!« fühlte sie.

Nun kamen sie über Sommer in das Seebad R. Da mußte sie nicht mehr die Dehors wahren wegen Fabrikantensgattinnen, begann den Ungetreuen absichtlich eifersüchtig zu machen mit dem und jenem, deutete in allem an, man könne ihrer nicht sicher sein, dürfe sich nicht einen Moment lang auf sie verlassen! Auf sie nicht! Gerade als er nun begann, wirklich ein wenig unruhig zu werden, war sein Urlaub zu Ende. Sie ging schwer weg. Sie fuhren zurück in die große Stadt, wo die Süße, Lieb­liche gezwungen war, die Dehors zu wahren, an Händen und Füßen gebunden war, geknebelt, er hingegen, er, oh  –  –  –.

Sie war daher ganz traurig, denn nun hatte sie gar keine Machtmittel mehr über ihn, er hingegen war guter Dinge, denn alles war noch verhältnismäßig ziemlich gut ausgegangen für ihn im Seebade R.

Da sagte sie im Waggon in ihrer kindlichen Verzweiflung:

»Ich habe mich dem Grafen dennoch hingegeben. Ja, bitte, ich tat es.«

»Da wirst du mir nun keine Szenen mehr machen können wegen der Kaffeehauskassierin in unserem Wohnorte,« sagte er ruhig.

»Ich habe mich dem Grafen nicht hingegeben,« sagte sie sogleich verzweifelt.

»Also dann darfst du mir wieder Szenen machen wegen Anna,« sagte er ruhig.

Da weinte sie still, lautlos vor sich hin, die arme Besiegte. Er kniete nieder, zu ihr hin. Er kniete zu ihr hin, legte seinen Kopf in ihren Schoß. »Kindchen, Kindchen         

In vier Wochen begann wieder die Schlacht, die Unruhe, erbitterter denn je!

Sie weinte lautlos vor sich hin. Er sagte: »Kindchen, Kindchen  –  –  –.« 

Da kam ein junger Fabrikantenssohn ins Haus  –  –  –.


PHYSIOLOGISCHES

Wißt ihr, Einfache des Daseins, die ihr immer nur die Reime kennt:  Herz–Schmerz–Liebe– Triebe, wißt ihr, wo der Sitz der Sehnsucht sich eigentlich befindet?!?

Bei der Magengrube! Dort, wo das Brustblatt aufhört! Dort, dort spürst du die zehrende, lähmende Melancholie der Sehn­sucht, dort spürst du die »Angst des Herzens«! Aber auch die Ausdünstung deiner Haut verändert sich von dort aus! In dein Hemde, in deine Kleider gehen deine Sehnsuchtsqualen über, zarte Frau! Unglückliche Liebe, Sehnsucht, Eifersucht, erzeugen einen Hautduft wie Äpfelduft in dumpfen Tischladen, gleichsam wirklich Lebensfrische zurückgedrängt, gestaut in Eng-Verließen!

Nun spüre ich, Fraue, in tiefster Ergriffenheit, seit Tagen den veränderten Duft deiner geliebten Haut! Wie Duft ge­wordene Bedrückung! So zart und dumpf. Wie Krankheit der Seele, die sich ausseufzt! Wie der Duft des Krankenzimmers eines geliebten Kindchens! Wie der Duft von edlen Kanada­äpfeln, zurückgestaut in engen dumpfen Tischladen! Ich spüre, süßes, zartes Geschöpf, den Duft deines sehrenden Sehnens, das Lebendigkeiten lähmt und untergräbt! Du aber sagst: »Mir fehlt nichts, nein, wirklich, mir fehlt nichts!« Wer ist also der Glückliche, um den deine geliebte Haut in dumpfem Dufte sich abhärmt?!? Ich sauge in deiner süßen Nähe den heiligen Duft deiner geheimnisvollen Seelennot ein, und deines edlen Kleides sonst sanfter lieblicher Hauch wandelt sich nun in Traurigkeitsdunst!

Ich spüre deiner Haut untrüglich dumpfes Sehnen!

Was ist ein Wort, ein Blick, ja ein Gewähren?!?

Es können Laune sein und Spiel und Ungezogenheiten!

Aber der Duft der Haut ist außerhalb des Willens.

Hier beginnt die Wahrheit, ausgeschaltet aus den Ränken des bewußten Seins! Hier spricht die Liebe ihre wahre Sprache!

Sie duftete nach Sehnsucht! Also war's! Mit wem be­trügst du mich?!?


ZITRONENGELBE UND LILAFARBENE NELKEN

Der Dichter sagte zu dem jungen, ganz betrunkenen Herrn: »Sitzen Sie vielleicht da wegen dieser wunderbaren jungen Dame vis-à-vis, und sind Sie deshalb so betrunken?!?«

Der junge, betrunkene Herr gab keine Antwort.

Da kam eine alte Nelkenverkäuferin.

Der junge, betrunkene Mann sandte der Dame zehn Nelken hinüber, zitronengelbe und lilafarbige, obzwar der Dichter ihn davor warnte. Es sei ungeschickt in einem Café.

Die Herren, die bei der wunderbaren Dame saßen, sagten zu der Nelkenverkäuferin: »Abfahren mit den Blumen, abfahren!«

Da kaufte der Dichter dieselben Nelken, sandte sie mit einem Zettel: »Ein Dichter für einen unglücklichen jungen Mann.«

»Abfahren,« sagten die Herren zu der Nelkenverkäuferin, »augenblicklich abfahren!«

Dann gingen sie triumphierend mit der wunderbaren Dame weg.

Aber nichts, nichts, nicht ein Atom irgendeines wirk­lichen Gefühles geht verloren auf dieser Erde. Nur merken es die Brutalen nicht.

Die Dame fühlte: »Man liebt mich unglücklich, man leidet  –  –  –.«

Die Herren hätten sagen müssen: »Nehmen Sie doch die schönen Blumen an, man scheint Sie ja dort fanatisch zu ver­ehren –.«

So wäre der Schlag pariert gewesen, jedesfalls die Gefühls­welt ausgeglichen. Aber sie gaben sich eine Blöße im Rapier­gefecht des Daseins, nützten einfach ihre momentane Macht aus, schlugen drein. Das haben die Frauen nicht gerne.

Da fühlt die Dame sogleich renitent:. »Man liebt mich unglücklich, man leidet! Was seid ihr für rohe Gesellen, ihr meine Herren glücklichen Besitzer?!?«

»Wir sind blamiert,« sagte der betrunkene junge Mann.

»Jawohl,« sagte der Dichter; denn er sagte immer »jawohl« bei solchen Anlässen, unter allen Umständen; obzwar er es dennoch gerade anders wußte!


EINE GANZ WAHRE TIERGESCHICHTE

Die traurige Prinzessin

Von dieser ganz jungen süßen Prinzessin in G. sagte aber wirklich jedermann: »Die ist einmal ganz glücklich und ganz beneidenswert. Ja, hie und da geht das Schicksal doch an irgend­einem Auserlesenen schonungsvoll, gleichsam liebevoll sich ab­wendend, vorüber, ohne ihn zu streifen mit seinen grauen Schleiern  –  –  –.«

Die Prinzessin hatte eine tiefe allerzarteste Liebe in ihrem Herzen. Ein Reh-Rattler namens Beauty. Als sie abreiste, sagte sie zu Frau S.: »Ich bin nur ruhig, wenn Sie mein ge­liebtes Hündchen in Ihre Obhut nehmen  –  –  –.«

»Königliche Hoheit, ich werde es behüten und beschirmen, Tag und Nacht  –  –  –.

Es war ein rabenschwarzer Oktoberabend. Die Frau ließ noch um acht Uhr das Hündchen zu gewissem Zwecke auf die Straße. Es bellte einen Menschen an, den man nicht sah. Der Mensch schlug mit seinem Stocke dem zarten Reh-Rattler die Hirnschale ein. Alles im Finstern. Der Mann verschwand. Die Frau sagte: »Beauty, Beauty  –  –  –.« Aber die Schön­heit war schon tot. Am dritten Tage telegraphierte die Prin­zessin: »Oh, was ist es mit Beauty?!« Man antwortete: »Alles in bester Ordnung!« Aber am sechsten Tage kam sie selbst. Dann sah sie Frau S. an mit einem Blick, den Frau S. niemals wieder im Leben vergessen hat  –  –  –. Die Prinzessin hat manchen herben Schmerz durchgemacht; aber jedesmal sagte sie dann sanft zu ihren Hofdamen: »Ich verdanke es Beauty, daß das doch nicht der größte Schmerz meines Lebens ist  –  –  –.«


IDYLLE

Er und sie sitzen engumschlungen auf einer Gartenbank.

Sie: Glaubst du, daß unser Glück jemals enden könne?!

Er: Nie. Ich fühle es, fühle es im tiefsten Innern, daß gute Geister über unserem Glücke wachen!

Das Licht erlischt, ein Schleiervorhang fällt.

Eine dunkle Frauengestalt wird sichtbar. Sie ist groß, von plumpem Bau, knochig und trägt ein mausgraues Gewand.

Die Gestalt: Eine glückliche Liebe – hier bleibe ich! Ich bin die Erfüllung! Trete ich in die Welt, so schrumpft alles zusammen, verliert Licht und Farbe, zerbröckelt zu Staub! Die Dinge verlieren ihre Lebenskraft, wenn sie mir anheimfallen. Die Sehnsucht, diese Wurzel, aus der alle Liebe ihre Nahrung schöpft, stirbt dahin. Das Leben wird leer, trübe, und grau in grau entschwinden die Tage, die unter meiner Herrschaft stehen. Ich mache das Blut dick und träge und die Seele plump und unbeweglich. Kaum bin ich da, so steht alles still! Ich bin der erste Spatenstich zum Grab der Liebe. Ihr, Schwestern, vollendet das Werk!

Eine zweite Gestalt wird sichtbar. Sie ist fahl, leblos und mager, mit Fledermausflügeln.

Die zweite Gestalt: Eine glückliche Liebe – hier bleibe ich! Ich bin die Langeweile. Mir hält kein Glück stand, denn ich bin der unentrinnbare Schatten, den die Sonne jedes Glücks wirft. Ich bin der Gifttropfen im Leben, der jede Freude unschmackhaft macht. Nichts ist reich und groß genug, daß ich es nicht zu Fall brächte. Ich schlage meine grauen Flügel um die Welt, und sie gehört mir, mir allein! Gegen jedes Gift gibt es ein Mittel, nur meines wirkt unbezwinglich sicher. Mir gehört das Reich der Wirklichkeiten. Mein untrügliches Giftmittel heißt Gewohnheit. Ich grabe das Grab der Liebe, grabe es dir zu, Schwester!

Eine dritte Gestalt wird sichtbar. Sie ist schlangen­haarig, eumenidenhaft.

Die dritte Gestalt: Eine glückliche Liebe? Hier bleibe ich! Ich bin die »Hysterie«! Ich bin die »Sehnsucht nach unerfüllten, nach unerfüllbaren Idealen an und für sich.« Ich lasse nicht »zur Ruhe« kommen und weise andererseits keine besseren Wege! Ich erweitere die Grenzen jedes Lebens ins Maßlose, ich verdünne es also, bis es seine gute sichere Kraft ganz verloren hat! Mein Triumph, mein Sieg beginnt bei der bangen Frage der glücklichen Frau: »Ist das aber auch schon alles«!? Ich, ich vollende das Werk, fertig ist das Grab!

Die drei: Fertig das Grab, fertig das Grab, daß du es deckest, Schwester!

Eine vierte Gestalt erscheint, in Gelb und Grün.

Eine glückliche Liebe   –  –  – hier bleibe ich! Ich bin die Eifersucht. Ich werfe ein unscheinbares Steinchen hin, es kommt ins Rollen, wird zur Lawine, die vernichtet! Unter mir und meinem Fluche werden alle Schätze der Seele krachend begraben! Nichts bleibt übrig von den blühenden Gärten! Ich habe einen getreuen heimtückischen Diener. Er heißt: Der Verdacht!

Sie entschwindet.

Eine fünfte Gestalt erscheint: Eine glückliche Liebe   –  –  – hier bleibe ich! Ich bin der Nadelstich. Ich arbeite mit simpleren Mitteln als meine pathetischen Schwestern, die sich auftun! Mir genügt ein Tee, der nicht so licht ist als er sein soll, eine angebrannte Milch, eine ungeschickte Frage, eine pikierte Antwort, Treten auf die Schleppe eines Kleides, Migräne, Unausgeschlafensein, Magenverstimmung. Ich arbeite mit geschickteren Mitteln als ihr, Schwestern! Mir verfällt das Glück der Liebe  –  –  – ich bin: Der Nadelstich!

Es wird ganz finster. Der Vorhang hebt sich. Heller Sonnenschein.

Die Glücklichen auf der Gartenbank:

Er: Wenn ich an das schöne Zimmer denke, das uns Architekt Rank einrichten wird. Ich bin froh, daß du dich für die Tapete Muster 10 entschieden hast mit den Vogel­beeren  –  –  –.

Sie: Denke dir, jetzt besitze ich 36 Taschentücher mit deinem echten eingestickten Namenszuge, eine sinnige Über­raschung von Tante Mathilde.

Er: Und daß wir das Stubenmädchen Minna haben über­nehmen dürfen von deiner Mama, diese »Perle des Hauses« –!

Sie: Da bin ich direkt der »häßlichen Sorgen« überhoben. Aber die Liebe wird sich ewig welche schaffen  –  –  –.

Er: Süße, Liebste!

Sie: Nur mit der Auswahl des Holzes für das Speise­zimmer bin ich nicht ganz einverstanden, ich hätte lieber Plantanenholz gehabt, es hat so unruhige, zarte, vielfältige Mase­rungen  –  –  –.

Er: Also bitte, ich werde dem Architekten noch heute telephonieren: »Bitte um Plantanenholz, mit unruhigen, vielfältigen Maserungen«  –  –  –.

Sie (lachend): Wie herzig, wie gütig du bist  –  –  –.

Er: Ich war es nicht immer; ich bin es geworden, geworden, verstehst du das, Emilie, verstehst du das?!?

Sie sinkt von der Bank vor ihm auf die Knie, legt ihren Kopf in seinen Schoß, er breitet die Hände segnend  –  –  –.


Vorhang


MITZI VON DER LAMINGSONTRUPPE

Ich sah dich tanzen in einer »Dänischen Truppe«;

Du warst 15 Jahre alt, lang, dünn, aristokratisch!

Du wurdest täglich blasser, blasser .

Du trankst Champagner mit Kavalieren und sangest!

Dänische Lieder; das heißt du sprachst Dänisch, aber es klang wie Lieder  –  –  –.

Und eines Tages wurdest du ersetzt durch ein neues rotwangiges dänisches Mädchen.

Mitzi von der Lamingson-Truppe, bist du zurückgekehrt in deine dänische Heimat?!?

Oder starbst du in Wien in deinem einsamen Hotelzimmer?!?

Ich schenkte dir einmal eine Rose; da wurdest du blühend rot momentan  –  –  –

und später wurdest du blasser und blasser!

Falls du noch auf Erden weilst, Mitzi, segne ich dein mir unbekanntes geliebtes Leben  –  –  –.


NACH DEM BALLE

(Eine Mama an dem Bette ihres vom ersten Balle ermüdet eingeschlafenen Töchterchens. Die Balltoilette liegt herum ungeordnet.)

»Ihr erster Ball. Auch ich hatte einst einen solchen. Damals liebte ich fanatisch meine französische Gouvernante, Mademoiselle Riclée, meinen Kanarienvogel (Tappage), und den ernsten Hofmeister meiner Herren Brüder, namens Königshofer. Ich lebte in einer Traumwelt. Es war einfach im Leben die Fortsetzung der Lektüre meiner Kinderbücher. Aber als ich auf meinen ersten Ball kam, brach das ernste poesielose Leben über mich herein und begrub mich unter seiner realen Last. Momentan. Mein Ballkleid bereits machte mich eitel, und ich begann zum ersten Male zu glauben, daß ich liebenswert sei. Bis dahin hatte ich es geglaubt, daß ich zum »Lieben« geschaffen sei; nun aber kam ich sogleich zu der falschen und irrtümlichen Auffassung, daß ich zum »Geliebtwerden« geeignet sei! Damit begann eigentlich alles Unglück. Wir können es nicht erklären, aber es ist so! So lange wir den Wald und seine Bäume lieben, ist alles in Ordnung. Sobald wir aber erwarten, daß er und seine Bäume uns liebhaben, wird alles traurig und gefälscht. Denn er hat uns jedesfalls nie so annähernd lieb als wir ihn! Auf meinem ersten Balle entstanden Eifersucht, Neid und Sinnlichkeit. Es lag das Gift in der Luft. Man atmete es ein wie ein Betäubungsmittel, um nicht mehr wahrhaftig und träumerisch zu bleiben wie bisher!

Ein junger Herr drückte mich beim Tanzen an sich; ein anderer gab mir alle seine Kotillonbouquets; einer nippte aus meinem Glase, aus dem ich getrunken hatte; einer blickte mich an in zehrender Melancholie; einer preßte meine Hand rasch und flüchtig; einer brachte mir Limonade; einer sagte nichts und tat gar nichts, sondern stand die ganze Nacht in meiner Nähe; einer stellte sich übertrieben lustig; und einer half mir in die Schneeschuhe hinein wie ein demütiger Sklave. Diese eine Nacht hat mich ruiniert und aufgeklärt. Ich hielt mich für wertvoll! Ich geriet in den Schwindel und in die Verlogenheit der Welt! Ich verlor meine edle Kindheit auf Nimmerwiedersehen, in dieser einen ersten Ballnacht!« (Lange Pause.)   –  –  –.               

»Geliebtestes Geschöpf, mein vergöttertes Töchterchen, wenn ich dich jetzt, nach deinem ersten Balle erwürgte, leistete ich dir vielleicht den allerbesten Dienst!«

(Sie richtet sich auf, beugt sich über die Schlafende.)

(Das Mädchen erwacht, richtet sich auf dem Kopfpolster auf, sagt schlaftrunken): »Herr Baron, wenn Sie so mit mir tanzen, verliere ich ja die Besinnung, und das darf ich doch nicht; haben Sie Erbarmen.«   –  –  –     

Die Mutter steht entsetzt da  –  –  –.

Dann setzt sie sich in einen Fauteuil, verbirgt den Kopf in die Hände, weint bitterlich  –  –  –.

Der Vorhang fällt.


MASKE DER VIERZEHNJÄHRIGEN

Weiß ich es, fühl' ich es nicht, daß der Hofmeister meines Bruders mich liebhat?! Ich muß mich stellen, als wär's nur ein Lehrer; aber vielleicht lernt man so am schnellsten diese notwendige »Lüge des Lebens!«

»Meine Freundin Lilith könnt' ich ermorden! Sie tanzt graziöser als ich! Weshalb gab mir das Schicksal weniger bewegliche Glieder?!? Warte nur, Feindin, in irgend etwas, was ich zwar noch nicht genau weiß, werd' ich sicher dafür geschickter sein als du! Denn du wirst mit deinem idealen Tanzen auskommen wollen, ich aber Minderbegabte muß ein übriges tun für die Männer!«

»Ich liebe meine englische Lehrerin; sie ist so mild-melancholisch, sie muß viel erlitten haben! Da sagt mir meine Mama: ›Kind, existiere ich denn gar nicht mehr für dich?! Nur mehr Miß Burnand?!‹ Da wurde ich ganz verzweifelt. Denn bisher liebte ich beide in ganz gleicher Weise   –  –  –.«

»Heute am Eislaufplatze fiel ich hin. Ein Dragoner-Freiwilliger half mir beim Aufstehen. Es war mir höchst peinlich. Aber war es mir wirklich höchst peinlich?! Es war mir höchst peinlich und gar nicht höchst peinlich zugleich  –  –  –.«

»Tu', was die anderen tun, lass', was die anderen lassen –. Immer aber lehrt man uns merkwürdigerweise solche Frauen in der Geschichte, die eben ganz anders waren als alle die anderen  –  –  –. Jeanne d'Arc, Charlotte Corday! Wozu, wozu also Geschichte?!?«

»Immer seh' ich die Sommerwolke dunkler und dunkler werden. Alles drängt nach Entladung von überschüssigen Kräften in der weisen Natur  –  –  –. Da sagt mir Mama: ›Kind, hast du schon Klavier geübt?! Du weißt, die Pflicht  –‹.«

»Ich liebe meine Eltern unaussprechlich. Aber wenn mein Spatz ›Fifi‹, den ich der Katze entrissen habe, mir einmal wegflöge, der immer bei den Mahlzeiten auf meiner Schulter Platz nimmt, so müßte ich ihnen dennoch den Gram antun, sie zu verlassen und zu sterben vor Gram!«

»Ich hasse meinen deutschen Lehrer; er hat eine unangenehme Ausdünstung. Was kümmert mich sein Geist?!? Ich habe einmal die spitzige Feder voll Tinte gegen ihn gerichtet, um ihn ins Auge zu schießen. Es war gerade, als er so tief und schön über Goethe sprach  –  –  –.«

»Als ich es erfuhr, daß der Dichter zu uns zum Nachtmahle käme, tauchte ich im warmen Bade nicht unter, um meine gedrehten Locken nicht zu zerstören. Aber der Dichter sagte sogleich zu mir: ›Sie kommen augenscheinlich aus dem warmen Bade, und Ihre gedrehten Locken sind dennoch nicht aufgegangen. Wie merkwürdig, Fräulein!?‹ Und ich erwiderte: ›Mama hat es mir so anbefohlen, weil Sie kommen  –  –  –.‹     

Da sagte der Dichter: ›Sie lügen, denn Sie erbleichen!‹ Da erst aber erbleichte ich wirklich. Man wird sich also vor Dichtern am allermeisten in acht nehmen müssen!«


DIE »GEWÖHNLICHE« FRAU

Wehe dir, der du nicht geschützt bist vor Frauengunst, und verbrennst in Liebesbrunst!

Ein ewig Wachsender bisher, wirst du nun ein Stillgestandener!

Eh' du es spürst, bist du ein anderer,

ein Niederhocker wirst du, Wanderer!

Nicht wie im Kaleidoskope mehr wandeln sich dir in holdem Verändern die Bilder des Lebens,

wandelt sich dir dein wandernder Blick;

und im kleinen Kreislauf und lieblichen Austausch geschlechtlich-seelischer Kräfte

vollendet sich nun dein allzu gesichertes Alltagsgeschick!

Aber die anderen, einsam, den Blick gerichtet in Fernen, folgen unentwegt ihren Sternen!

Wehe dir, der du nicht vor Frauengunst geschützt bist, und nun für die »kleine Tat« des Lebens ausgenützt bist!

Für die All-Schönheit darfst du nichts mehr fühlen – –    

Die Hauptsache ist, du sollst dich nicht verkühlen!

Nicht mehr bei Emerson lesen und Beethoven spielen,

wirst du himmlische Kräfte zu unerschöpflicher Tat aufspeichern!

Emerson und Beethoven sind heilige Geber  –  –  –     

aber die Frau will sich an dir bereichern!!

Und du, Arm-seliger, verarmst!

Deines Größenwahnes heiligen Kern heilt sie dir,

gibt dir zugeschnittene gesunde Glückseligkeit dafür!

Im blasenden Sturm hemmt sie dir deinen Lauf,

stellt dir sorgsam den Rockkragen auf!

Vor Abgründen sucht sie dich zu bewahren,

läßt dich in den Abgrund deiner Alltäglichkeit fahren!

Dein Gehirn schützt sie vor Melancholien und Träumen,

weiß mit überschüssigen Kräften aufzuräumen!

Deine Seele schützt sie vor Wanken und Schwanken,

weiß sie an nahe Ziele festzuranken!

Deinen Körper zwingt sie schäbig, sich zu erhalten,

Denn sie braucht ihren Alten!!

Wehe dir, der du nicht geschützt bist vor Frauengunst,

und verbrennst in Liebesbrunst!

Unser vergebliches Sehnen ist unser Kräftespender!

Unser erreichtes Ziel ist unser Wegbeender!

Durch unsere Tränen hängen wir mit der Welt zusammen,

die selbst ewig um Ideale weint!

Doch unser Sieger-Lächeln wird uns verdammen,

denn wir sind vorzeitig geeint!

Zum Abschluß will die Frau uns bringen

und unser Ringen!

In friedevolle endgültige Ehe wollen wir einst mit der Gesamtnatur treten,

Ihr aber müßt bereits zu Anna oder Grete beten!

Der Gott in dir duldet keine Göttinnen,

aber schon gar nicht irdische Hundsföttinnen!

Bei Emerson lesen und Beethoven spielen

kannst du unerschöpfliche Kräfte erzielen!

Aber selbst deine vollkommenste Frau

erhebt sich nicht zu Brünhildens Abschiedsworten:

»Zu neuen Taten, teurer Heide,

wie liebt' ich dich, ließ' ich dich nicht?!?«


VERGNÜGUNGSETABLISSEMENT

Er war im »Moulin Rouge«, Vergnügungsetablissement im Prater, ohne sie. Er ließ sie in Tränen zu Hause zurück. Ein großer, künstlich angelegter See brachte Kühle und Feuchtigkeit in den warmen Saal, in dem herrliche russische und spanische Tänzerinnen sich in Bewegung verausgabten. In den hundert niedrigen Logen ringsum waren Kavaliere mit ihren reich geschmückten Damen, Gattinnen, Freundinnen und solchen, zu denen man keinerlei menschliche Beziehung hat, obzwar sie wunderschön sind. Er dachte ruhig: »Also, ich habe sie in Tränen zu Hause, im einsamen Zimmer zurückgelassen, erbarmungslos, ich Hund, ich Henker! Aber siehe, fast in jeder zweiten Loge sitzt ein exzeptioneller Kavalier, Aristokrat, Parforcereiter oder was weiß ich, dem sie unbedingt und ihrer selbst unbewußt, unerhört kokette und geheimnisvolle Blicke zugeworfen hätte!? Und ich wäre gestorben vor Verzweiflung, obzwar ich es anerkannt hätte als Naturgewalt, die obsiegt. Ich sah bereits alle bequemen Hotelzimmer, die gleichsam ihre Türen nachts sperrangelweit für sie dann öffneten! Da hatte ich denn eine ungeheure Freude, daß sie einsam in ihrem Zimmerchen zu weinen gezwungen war, und daß ich hingegen den russischen, englischen und spanischen Tänzerinnen zujubeln durfte! Die Frau ›verliert sich‹ und ›versinkt‹ in jedem Augenblicke; aber der Mann, sofern er Künstler ist, genießt kalt und unnahbar. Er betrügt daher nie seine Geliebte, sie ihn aber immer! Er gehe daher getrost in die Welt, und sie weine ungetröstet in ihrem Zimmerchen!


ZWEI ANGEBLICH »UNINTERESSANTE« TIERE

Was diese »wilden Kaninchen« für merkwürdig starke Nerven haben müssen, man kann es sich gar nicht vorstellen! Ein Nervenarzt müßte direkt erstaunt sein! Alle Funktionen des Lebens ausführen können, in ununterbrochener Todesgefahr und Todesangst! Der organische und endlose Verfolgungswahn! Der Irrsinn eine Realität im Dasein! Furchtbar! Während des Essens Todesgefahr! Während des Schlafens Todesgefahr! Während des Spielens auf Waldlichtungen Todesgefahr! In Hochzeitsnächten Todesgefahr! Immer lauert der Fuchs, der Sperber, ja sogar die Krähe. Nie ein Augenblick »innerer Rast«! Und dabei gehen sie dem Gesetze ihres Lebens nach, als wäre überall Friede und Sicherheit! Das sind »gesunde« Nerven, gewappnet für den Kampf ums Dasein, wie ein Ritter in seinem Stahlpanzer! Sie können das Leben genießen, wie es sich gerade darbietet, während es im Busche bereits verdächtig raschelt! Können wir das?! Lebenskünstler sind es, Nervenkünstler! Äsen können, während der Sperber ungesehen in den Lüften bereit sein kann! Sich erst vor ihm fürchten, wenn es zu spät ist, bis zum kurzen Todesschrei; bis zum letzten Augenblicke das Dasein genießen dürfen und dann rasch: »Ade, du schöne Welt!« Das sind gesunde und haltbare Nerven! Von einem besonders widerstandsfähigen Organismus müßte es heißen: »Er hat Kaninchennerven!«

Ein zweiter Held, die Beutelratte, Opossum! In Lebensgefahr stellt sie sich tot. Wenn die Behendigkeit der zierlichen Füßchen nichts mehr nützt, wenn die scharfen Zähnchen nichts mehr nützen, wenn alle Waffen im »Kampf ums Dasein« versagen, dann stellt sie sich tot. Das heißt, sie streckt die Waffen rechtzeitig! Eine Genialität! Nicht länger kämpfen, nicht länger sich erwehren wollen als es möglich ist! Passives Heldentum! Der Sieg des Besiegtseins! Bei dem Opossum ist es nicht ein letzter geschickter Trick, sondern eine ernste schreckliche Angelegenheit! Denn wenn es einmal sich totgestellt hat, verbleibt es in dieser Rolle sogar bei dem Erschlagen werden! Es antizipiert die unentrinnbare Realität! Also ein genialer Organismus! Es liegt direkt etwas »Christliches« im heldenmütigen »Sichunterwerfen« einem tückischen unentrinnbaren Verhängnis! Die Opossume unter den Menschen sind selten. Am ehesten sind es noch die, die die Browningpistole stets auf ihrem Nachtkästchen liegen haben  –  –  –. Sie kämpfen, und können eigentlich nie besiegt werden! Sie haben ihren Sieg über das blöde Leben auf ihrem Nachtkästchen liegen  –  –  –.


SCHUBERT

Über meinem Bette hängt ein Kohledruck des Bildes von Gustav Klimt: Schubert. Schubert singt mit drei Wiener Mädchen Lieder zum Klavier beim Kerzenschein. Darunter steht von mir geschrieben: »Einer meiner Götter! Die Menschen schufen sich die Götter, um ihre eigenen, in ihnen versteckten und unerfüllbaren Ideale dennoch irgendwie zu lebendigerem Dasein zu erwecken!«

Ich lese oft in Nigglis Schubert-Biographie. Sie will nämlich Schuberts Leben bringen, nicht Nigglis Gedanken darüber!

Aber hundertmal habe ich die Stelle gelesen, Seite 37. Er war nämlich Musiklehrer auf dem Gute des Grafen Esterhazy in Zelesz, bei den ganz jungen Gräfinnen Marie und Karoline. An Karoline verlor er aber sein Herz. Es entstanden daher seine Schöpfungen für Ida vier zu vier Händen. Nie erfuhr die junge Gräfin von seiner tiefen Neigung. Nur einmal, als sie ihn neckte, er hätte ihr noch keine seiner Kompositionen gewidmet, erwiderte er: »Wozu denn?! Es ist Ihnen ja ohnedies alles gewidmet!«

Wie wenn ein Herz in seiner Fülle, in seinem Grame sich eröffnete, und wieder sich verschlösse für ewig  –  –  –. Deshalb schlage ich oft Seite 37 auf in Nigglis Schubert-Biographie.


AMERIKANISCHE KEULENWERFER

Die junge wunderbare Dame in der Proszeniumsloge des Variété sagte: »Meine Herren Anbeter, wer von euch innerhalb sechs Monaten ebenso herrlich Keulen wird werfen können wie diese edlen amerikanischen Jünglinge, der wird mich in Besitz nehmen dürfen  –  –  –!«

Der Baron sagte: »Äh, Gnädigste, hätte gerade von Ihnen erwartet, daß Sie mehr Wert legten auf geistige Qualitäten –.«

Der Graf sagte: »Edelgeborene Rassen brauchen kein Übriges zu leisten! Sie haben es von Schicksals Gnaden von vornherein mitbekommen  –  –  –!«

Der junge Fürst jedoch küßte der wunderbaren Dame ehrerbietig die Hand und sagte einfach: »Ich will's versuchen –!«

Die Dame sagte: »Es ist bereits soviel wie erreicht, Prinz! Denn aus weiser Erkenntnis und liebevollem Willen erblühen von selbst alle unsre Kräfte und Fähigkeiten! Ich habe bereits gewählt!«

Der Baron und der Graf zogen ab, wie die ›abgewiesenen Freier‹ im Märchen, die das Rätsel nicht gelöst hatten  –  –  –.

Der Baron sagte: »Äh, verdammt, muß Peter Altenberg gelesen haben, die kleine Kröte  –  –  –.«


DIE »UNGLÜCKLICHE« LIEBE

Aber wenn ich deine Hand beim Abschiede im Restaurant berühre oder auf der Straße?!?

Feiere ich da nicht meine Hochzeitsnacht mit dir, fast physiologisch?!?

Und siehe, dein Geliebter steht vielleicht dabei und schaut und sagt zu mir halb mitleidig: »Servus, verrücktes Huhn –«

Und küss' ich nicht die Innenfläche meiner eigenen Hand, die deine Handinnenfläche für einen Augenblick lang sanft berührt hat?!?

Gibt uns der »seelische Selbsterhaltungstrieb«, diese immanente Angst vor dem Zerstörtwerden, nicht Zaubermittel fast, uns zu erretten aus der Not der Seele?!?

Und wenn wir ihr beim Anziehen, beim Ausziehen ihres Paletots behilflich sind, vor allen Leuten, haben wir da nicht Schauer mysteriöser Zärtlichkeiten, die der Beglückte vielleicht im Bette nicht einmal empfindet mit ihr, da sie dort zum »Weibchen« wird, gleich allen, die schon waren, und die noch kommen werden oder könnten! Die Art besiegt das Individuum!

Ist's nicht ein Ausgleich unseres UnglückGlückes?!?

Könnt ihr uns unsere Hochzeitsnächte rauben, ihr Beglückten?! Wir haben sie hinterrücks  –  –  –.

Wir haben sie sogar in der »Phantasie der Frauen«, die uns nicht erhören! Wie, wenn sie uns erhörten, träumen sie manchmal?

Einmal, aus Laune oder Ungezogenheit und Neugier?! So Gnadenspenderin spielen?!? Teufeline?!?

Was vor dem halben Einschlafen des Nachts die Frauennerven sich halb erträumen, thront oberhalb moralischer Gesetze! Niemand kann's verwehren!

Drückt ihr, Beglückte, vielleicht je den Rand ihres Trinkglases verstohlen an eure Lippen, ja umküßt ihn ganz, mit zärtlicher Geschicklichkeit, wenn der Tisch frei geworden ist von Gästen im leeren Speisezimmer?!?

Küßt ihr die Orangenschalen, die sie geschält hat?!?

Küßt ihr die lippengeheiligten Gabelzinken?!?

Schleicht ihr euch hin, wie Jäger auf die Beute, Haselnußschalen aufbewahrend, Traubenstengel, von ihrem geliebten Teller?!?

Gebt ihr dem Stubenmädchen, das euch dabei ertappte bei eurer heiligen Handlung, zehn Kronen, daß sie verschwiegen bleibe?!?

Habt ihr solche Schliche nötig, glückliche Unglückselige?!?

Und einmal sagte mir ein junges Stubenmädchen: »Ich nehm' kein Geld, ich gönn's der Frau!«

Ein Nichts wird eine Kirche!

Und die Sehnsucht, ihr Kleid zufällig zu berühren, wird ein Fanatismus!

Das Kleid wird zum Symbole ihres Leibes!

Die lose Kleiderfalte, die absteht, wird zu ihrer Haut!

Wir können ihren Leib berühren in ihrer losen Kleiderfalte. Wir!

Man berührt ihr Kleid, und man kann wieder schlafen, schlafen, von da an, wie wenn's ein Schlafmittel wäre für zerstörte Nerven!

Man schläft ein, wie ein weinendes Kindchen einschläft, dem man gewährte, wessen es bedurfte  –  –  –.

Friedevoll versinkt man in bessere Welten.

Weil man ihr Kleid berührt hat  –  –  –.

Ihr armen Glücklichen, was braucht ihr alles erst zu eurem Glücke?!?

Uns aber weht ihr Atem unwillkürlich an beim Sprechen und macht uns bereits selig  –  –  –.

Das alles nennen sie dann unsere »unglückliche Liebe«!


AUF DER STRASSE

Baudry de Sauniers Buch: »Die Kunst, zu fahren!«

 

Weshalb verwandeln sich denn alle herrlichen Dinge, die das gottähnliche Menschengehirn ausdenkt, ausdichtet, so baldigst in groteske Niederträchtigkeiten?!? Weil es im irdischen Dasein selbst eben überall zugleich Himmel und Hölle, betörenden Satan und beschützende Engel gibt!

Niemand, der die friedeatmende Natur lieb hat, den Wald, die Wiese, den Abend und den Morgen, den lässigen behäbigen Nachmittag, und den Vormittag voll Kraft und lebendiger Pracht, niemand, der das Reh abends am Waldesrande betrachten möchte, die hungrige Krähe im Schneefelde, die aufblühenden und die absterbenden Gebüsche an den endlosen Straßen, die stürmischen Symphonien der Gebirgswässer, und die edle diskrete Stummheit der einzelnen Baumgruppen, niemand würde dann durch die Welt dahinrasen in seinem heiligen Privatluxuszuge »Automobil«, und so Menschen, Tiere, und sich selbst gefährden!

Könnt ihr euch Beethoven, Goethe, Kant, rasend dahin fahrend vorstellen, ihr reichen Menschen?!?

Das Leben in sich langsam einströmen lassen, heißt überhaupt nur: leben! Alles andere ist der armselige Versuch, in rasendem Tempo der Anklage Gottes zu entfliehen, daß man für die Schönheiten Seiner Welt kein Auge, kein Ohr, keine Zeit übrig habe! Der Edelfiaker im Prater, der doch gewiß den Ehrgeiz besitzt, raschestens zu fahren, läßt uns dennoch den Genuß von taudampfenden Auen, von vereinsamten Wäldern, von alten Donaugewässern, von Kieselufern in modernsten abgetönten Farben, graubraunblau, von alten Weiden und kreischenden Krähennesterkolonien. Aber das rasende Automobil will dir deine ohnedies vom schweren Dasein tief bedrängte Seele einfach wegrasieren! Es will dich deinem eigenen Frieden durch bösartige Geschwindigkeit entführen! Fahret, vom Schicksal Begnadete, im Tempo eines Gummiradlers in der Fraterhauptallee, haltet die Reichtümer der Natur für wichtiger als das Tempo, das ihr dabei einschlagt, und vor allem leset: Baudry de Saunier: »Die Kunst, zu fahren!«


DAS GESTÄNDNIS

Wirklich lieb hab' ich dich, Anita, nur in deinem Zimmer  –  –  –       

in deinem Zimmerchen hab' ich dich wirklich lieb!

Sonst nirgends, obzwar ich so tue  –  –  –;

's ist deine Welt, entfernt von allen anderen  –  –  –;

Hier bist du allen fremd und mir allein enträtselt  –  –  –.

Da bist du du selbst!

In deiner Klause! Dein Herz füllt allen Raum!

Ein Vorstadtzimmer ist's, in altem Hause.

Ich könnte es beschreiben, liebevollst; das Haus, den Hof, die Stiege und dein Zimmer  –  –  –.

Doch ich schweige  –  –  –.

Du haust darin, entrückt der Welt! Genug.

Ich könnte noch erwähnen, daß von Nebenräumen man leise Klarinette üben hört. Jedoch wozu?!

Du haust in deiner Klause  –  –  –.

An deiner Bettwand hängen die Bildnisse von  –  –  – allein was tut's zur Sache?!?

Du haust in deiner Klause, allen fremd und mir allein enträtselt  –  –  –.

Wie Klausner man besucht und heilige Menschen, die die Lüge des Lebens nicht mehr vertrugen, so besuch' ich dich!

Ja, so besuch' ich dich, Anita, in deinem Wald, in deinem Vorstadtzimmer  –  –  –.

Dein Herze sei gepriesen!

Wirklich lieb hab' ich dich nur in deinem Zimmerchen –.

Sonst nirgends.

Das ist mein Geständnis  –  –  –.


ÜBER DIE NERVEN DER MENSCHHEIT

(für »Messina«).

Die Menschheit hat dieselben Nerven wie der einzelne. Ein »unkünstlerischer Mechanismus« in gleichgültigen Tagen, ein romantisch bewegter in schweren Zeiten! Wie der Bürger dahinkriecht, gedankenlos, seelenlos, der Entwicklung des Seins gleichgültig, ja feindselig gegenüber, aber an Hochzeitstagen, Geburtsfesten, Jubiläen, Begräbnistagen momentan zu romantischer innerer Bewegung vorschreitend, so die Menschheit! Versunken in altjüngferlicher Vergrämtheit, Böswilligkeit und dunklem Geschäftstriebe, der Begeisterung abhold, so rafft sie sich momentan in bewegten Tagen zu einer Art von romantischem, künstlerischem Fanatismus auf, ihren innersten guten Kern echten Christentums bloßlegend! Wie in einem Seelenrausche! Im allgemeinen also könnte man die Diagnose stellen, daß die Seele des Bürgers und der Gesamtmenschheit nur »hysterisch« funktionieren, das heißt bei übertriebenem Reizungszustande momentan fanatisch en flammiert, und bald wieder versinkend in gewohnte Stumpfheit!

Anders der Künstlerorganismus!

Er ist nicht »hysterisch«, sondern »organisch« begeistert. Er wartet auf keinen Anlaß, jeglicher Anlaß wartet gleichsam auf ihn! Zuerst ist seine Begeisterung, sein fühlendes Herz; hernach kommt erst die Sache, für die er sich einsetzt! Er feiert jegliche Stunde des Leids und der Freude, nicht nur Geburtstage, Hochzeitstage, Begräbnistage!

Mögen der Bürger, die ganze Menschheit, künstlerisch werden, auf daß sie nicht bloß bei »übertriebenen Reizungszuständen« ihre zartere Seele erst entdecken müssen! Es sollen nicht erst blühendende Städte einstürzen müssen und geliebte Menschen dahingehen!


DE AMORE

Die Liebe ist eine exaltierte übertriebene und hysterische Konzentration auf einen einzigen Gegenstand: Daher ist jede Ablenkung davon eine Zerstörung dieses Zustandes. Deshalb allein gibt es so wenig wirkliche Liebe. Ein Kind liebt seine Mutter ganz wirklich und ganz zärtlichfanatisch, ja unter grundlosen Freudentränen, wenn sie abends noch an sein Bettchen tritt, und ihm liebevollst noch Decke und Polster richtet. Da gehen gleichsam Schauer der Freundschaft durch das Kinderherz. Wenn es aber ins Theater, in den Zirkus gehen soll als besondere Festlichkeit, sehet, da ist das Kinderherz bereits um vieles abgelenkt von der geliebten Mama, ob zwar man es doch nur ihr gerade verdankt! Die Angst, zu spät dorthin zu gelangen, ist eine riesige natürliche Ablenkung vom Gefühl der Liebe und Dankbarkeit, die Beschäftigung mit der außergewöhnlichen Toilette, die neue herzige Frisur mit Locken, alles, alles lenkt das Kinderherz ab, ins Leben hinein, und dann zu sich selbst wieder zurück.

Die Spannung der Freude zerstört die Idylle des zärtlichen Empfindens! Eltern sind da Freudenapender, die man ausnützt, und die nachfolgende Dankbarkeit ist ohne inneren Schwung und eingedrillt.

Ganz dasselbe Schicksal aber erfährt der Mann ununterbrochen durch seine geliebteste Geliebte! Sie funktioniert hierin gleich einem Baby, einem geliebten und verwöhnten Kindchen! Es gibt nur eine wahrhaftige Liebe, im home, zu Hause, ferne von sämtlichen Ablenkungen, im Frieden seiner gesicherten und vereinsamten Klause! Hier lauert nur ein einziges Schreckgespenst dem Glück, dem Frieden des Unglückseligen heimtückisch auf: Die Langeweile seiner vergötterten Frau! Mitten in der Idylle rauscht das Schreckliche herbei, mit riesigen grauen Flügeln, läßt sich herab und erwürgt die Liebe! So ist man also auch da nicht sicher in seinem gefesteten Turme, vor der Vernichtung jenes Seltensten auf der Welt, der wahrhaftigen Anhänglichkeit einer geliebten Frauenseele!


SCHREIBUNTERRICHT

»Sehr geehrter Herr Verleger S. Fischer in Berlin, Bülowstraße 90, ich bitte Sie um Himmelswillen, wie ist es denn möglich, daß bei meiner unerhört deutlichen Schrift sich in den gesetzten Korrekturen meiner Manuskripte so schreckliche Druckfehler vorfinden?!?«

»Sehr geehrter Herr Altenberg, das ist doch ganz einfach zu erklären: Ihre Schrift ist eben im Gegensatze zu allen anderen Manuskripten so wunderbar deutlich, daß man eben Ihre Manuskripte den allerersten Anfängern in der Druckerei zum Setzen übergibt!«

Ein Bild des Lebens! Man wird für seine Vorzüge bestraft!

Mit 20 Jahren sollte ich nach Stuttgart in die königliche Hofbuchhandlung Hühnersdorf & Keil, Königsstraße. Da hieß es denn rasch, eine schöne Schrift »akquirieren«. Der alte Professor Füchsel sagte zu mir: »Da haben Sie einen riesigen Bogen Papier, da haben Sie ein riesiges Tintenfaß und einen riesigen Federstiel mit einer riesigen Feder! So, und jetzt fahren Sie mir wie der Wirbelwind, wie der leibhaftige Satan darüber hin, wie eine Sturzwelle, wie eine Katastrophe! Sie, kümmern Sie sich ja nicht darum, was daraus wird! Das ist meine Sache! Sie haben vorzurücken wie in der Schlacht! Sie haben sich um Tintenpatzen nicht zu kümmern, das sind die Ekrasitbomben in der Schreibschlacht! Vor, vor, vor, nur vor! Die Feder muß durch!« Und so erhielt ich in acht Tagen meine wunderbar deutliche Schrift. Ich schreibe aus dem Handgelenke, wie die berühmten Geiger den Bogen führen, leicht, geschmeidig. Die Herren Hühnersdorf & Keil von der königlichen Hofbuchhandlung in Stuttgart, Königsstraße, sagten nach vierzehn Tagen: »Also wir werden ihn

halt in der Schreibabteilung verwenden! Aber ob er uns damit alle Schäden reparieren wird, die er unserem Geschäfte sonst zufügt?!? Aber schreiben, schreiben kann er!«


WORAN KRANKT DIE MODERNE EHE?!?

Es gibt zwei Wege, die man einschlagen kann. Entweder man hat die Kraft und den sogenannten »Goetheschen« Willen, sich selbst zu den Gipfeln möglichster Kultur hinaufzubringen, was innerlichst heutzutage eigentlich nur mehr die alten Jungfern in ihren einsamen Zimmern unternehmen, unter schweren Bedrückungen, Melancholien, Enttäuschungen; oder man versucht es mit seinem unter Schmerzen in die Welt gesetzten Kindchen! Da aber muß die tiefste Weisheit mitwirken. Der Arzt, der Advokat, haben während ihrer schwersten Studien keine solche Arbeit zu leisten, wie eine Mama im Leben ihres Kindes! Diese Verpflichtung sei ihr einziges wirkliches Glück! Solange eine Mama die Erziehung ihres Kindes zu einem annähernd vollkommenen, Gott ähnlichen Wesen, nicht übernehmen kann, in Verbindung von Wissenschaft und Herzensintuition, also mit Genie und Erfahrung, solange bleibt Gottes Segen in der Verbindung zweier Menschen aus! Die Mutter muß rastlos, Tag und Nacht und zu jeder Stunde ihrem Kinde die seelischen und die geistigen Hilfsquellen verschaffen wollen, die es körperlich, seelisch, geistig zu Höhen hinaufgeleiten könnten! Ich sah am Semmering bei 14 Grad Kälte ein neunjähriges Mäderl in seidenen Socken, mit nackten Beinen Rodel fahren. Es war eine Amerikanerin. Angst vor »Verkühlung« ist eine Gemeinheit. Erziehe dein Kind so, daß eine »Verkühlung« einfach unmöglich werde! Ich halte die Mutter dieses amerikanischen Kindes am Semmering für eine »moderne Heldin«. Und dabei belohnen sich nur solche »physiologische Heldentaten«! Trage niemals einen »Winterrock«, auf die Gefahr hin von Rheumatismus, und du wirst belohnt werden mit Widerstandskraft! Trage teure Pelze, und die Krankheit wird dich beim Zipfel erwischen deines eigenen teuren Pelzes! Der nackte Bettler auf der Landstraße ist vor Rheumatismus und Gicht besser behütet als du!

Woran krankt also die moderne Ehe?!?

An dem Mangel an werktätigstem Idealismus einer Mama, aus Ihrem unter Schmelzen in die Welt hineingesetzten geliebten Kindchen ein außergewöhnliches lebendiges Kunstwerk zu machen!

Sich konzentrieren können auf eine allgemein und insbesondere wichtige Sache, ist das Geheimnis jeder »korrekten und anständigen Lebensführung!« Idealismus ist alles!

Alles andere ist »öder Dilettantismus«! Es ist ein »mieses Geschäft«!

»Ich bin glücklich,« sagte eine junge Mutter, »denn ich versuche es, mein Kindchen zu einem wertvolleren Wesen zu erziehen, als ich und mein Gatte zusammen es bisher werden konnten!«

Idealismus, wohlverstandener Idealismus, nicht blöde Wolkenkuckucksheim-Gehirn­gespinste, ist das einzige wirklich solide Geschäft, das ein menschliches Herz, ein menschliches Gehirn hienieden machen kann! Alles andere sind »falsche Kalkulationen«!

Seinen Kindern alle seine heiligen Kräfte weihen, in Wissenschaft und Intuition, ist der beste Ego-Idealismus!

Für sich selbst leben, bestraft sich in irgendeiner Sphäre.

Da steht Satan unmerklich dahinter.


DER ALTE JUNGGESELLE

Kennst du den Schmerz des getreuesten Hundes, den man in namenloser Verzweiflung, um ihn vielleicht noch zu retten, dem Tierspital überliefert?!? Wie blickt er dich an, o Mensch, der du doch um ihn leidest, wie blickt er dich an, wenn er dein fanatisch geliebtes Zimmer verlassen muß?!? Und wenn du ihn besuchst im Tierspital, den Getreuesten, wie ist dir zumute, wenn er wie vorwurfsvoll sich von dir abwendet, der du ihm das, das antun konntest?!? Und dennoch tatest du es nur aus deiner tiefsten Liebesnot. Er blickt dich scheu an, und sagt stamm: »Ich verstehe dich wirklich nicht mehr, geliebtester Herr  –  –  –.« Und dann erfährst du seinen Tod. Unbedingt entschlummerte er mit dem einzigen Empfinden: »Herr, Herr, das also für alle meine Treue?!? Wäre ich, ich nicht für dich, Herr, tausend Martertode gestorben?!? Wäre ich nicht an deinem Grabe, winselnd, verhungernd verreckt, wenn es so gekommen wäre?!?« Nun stehst du da, o Mensch, der du sagtest: »Ich schenke lieber meine Gefühle einem Tiere, dem kann man doch wenigstens etwas Gutes tun damit  –  –  –« Siehe, die Welt spottet ewig der Hoffnungen deiner armen Seele, und selbst der Hund, den du liebst, blickt dich im Sterben noch vorwurfsvoll an  –  –  –!


EINLEITUNG ZU EINEM BUCHE

Ich decke euch, verhältnismäßig, mit meinen kleinen Erfahrungen und meinem noch kleineren Talente das Leben auf! Siehe, es liegt also nackt, unbedeckt, vor euch! Aber ich tue es nicht aus Frivolität, sondern um euch zu helfen!

Deshalb allein muß mein Buch eine Berechtigung haben. Denn weshalb sollen nicht andere, vielleicht allzu zarte, oder sagen wir nur, allzu lebensunfähige Frauen, den übelriechenden, lügedunstenden Lebenssumpf nicht a priori kennen lernen, statt erst das sogenannte langjährige Lehrgeld zahlen zu müssen?!?

Das Leben der reichen unabhängigen Menschen ist vorläufig noch lächerlich, grotesk, wertlos, und daher zugleich tragisch! Das zu erkennen, ist kolossal wichtig, erstens für die, die nichts besitzen, damit ihr Neid und ihre Verzweiflung absterben, zweitens, damit die Reichen eventuell zur Besinnung kommen, was für gottverlassene Trotteln sie sind!

Nur dein eigenes Herz kann dir nämlich stets liebevollst helfen in diesem Labyrinthe »Leben«, dich irgendwo herauszufinden aus deinem eigenen Wirrsal! Geld muß in Herz und Gehirn umgesetzt werden können!

Ich schreibe hiermit das Büchlein der grotesken, lächerlichen und daher tragischen Dinge im Leben der reichen Leute. Die Gräfin Saalburg hat es übrigens bereits unternommen.

Zum Beispiel, sie sitzen auf einer Bank an der »Königswiese«, Mödling, Hinterbrühl, mitten im Walde, wie vor einem Grasteich, und sie sehen sie dennoch nicht! Sie sagen, denken, fühlen: »Ich möchte es wirklich wissen, ob dieser dumme Baron mit diesem frechen Luder ein Verhältnis hat  –  –  –?!?« Solche Sachen denken die reichen Leute abends an den Wiesen Gottes!


DIE VIERZEHNJÄHRIGE

Der alternde Dichter war wie betrunken von dem Anblick dieser 14jährigen. Er stürzte abends, krank, unausgeschlafen, ungewaschen, unrasiert, auf die Straße, kaufte zehn der aller feinsten kernlosen dünnstschaligen Orangen, fünf Pakete Milchschokolade Suchard und einen großen Buschen nach Aprikosen duftender Fräsien in der Blumenhandlung.

Das Kind lag krank an Rheumatismus im Bette und sagte: »Ich danke, aber weshalb strapazieren Sie sich so?! Glauben Sie, mit Ihrer Glatze, daß Sie mir dadurch besser gefallen werden?! Und nicht einmal rasiert sind Sie! Eine schöne Anbetung das  –  –  –!«

»Ich tue das alles für mich, für mich, nicht für Sie! Ich muß meinen Rausch los werden können um Gottes willen, durch Geschenke und Aufmerksamkeiten!«

»Ach so, no, dann kann man sich's ja eventuell noch gefallen lassen von Ihnen  –  –  –«

»Und dann, ich möchte, daß Sie es ahnen, wie es ist, wenn man Sie wirklich ganz zärtlichst lieb hat?!?«

»Das können Sie mich doch nicht ahnen lassen  –  –  –«

Der alte Dichter nimmt die Orangen, die Schokolade, die Blumen, schwankt zur Türe hinaus.

»Sie, san Sie ganz blöd oder stellen's Ihner nur so?! Lassens die Sachen schön da, die gehören mein! Niemand hat Sie direkt beleidigt!«

Der alte Dichter trägt alles wieder zurück, sinkt am Bette des Kindes weinend nieder. Das Kind erhebt sich hold lächelnd von seinem Kopfpolster: »No, no, no, es wird nicht so arg sein, Sie alter dummer Narr  –  –  –«


AUS EINEM BRIEFE AN DAS FRÄULEIN F. C.

Einer Frauenseele lauschen können, ist alles! Nichts an ihr geringschätzen und mißtrauisch betrachten, und vieles, vieles achten, was beachtenswert wäre! Und was den anderen entgeht!

›Liebe‹ ist das verlogenste Wort, das ich kenne; denn es kommt aus den dummen Abgründen hervor des Unbewußten! Das wahrhaftigste Wort hingegen ist ›Verständnis‹! Ein Mann und eine Frau müssen einen Einklang bilden, immer und überall, vor jedem Blumenbeete in einem Garten, vor dem Gesang eines Waldvogels, vor den genial-anmutigen Sprüngen eines wilden Tieres im Käfig, vor einem besonderen Gebäude, vor einem besonderen Kinde, vor einem besonderen Gegenstande in der Auslage eines Geschäftes! Überall müssen sie sich von selbst und mühelos finden, ein jeder der geheimnisvoll-zärtliche Spiegel des andern!

Wehe vor allem der armen Frau, die darin Konzessionen machte! Früher oder später rächte es sich bitterlichst an ihr! Gott sieht herab und straft die Stunden der Leichtgläubigkeiten! Er ehrt die Sucherinnen, die nie finden! Er hat sie bedacht mit einer zarten und eigentlich unergründlichen Organisation, die Tag und Nacht rastlos ein Verständnis sucht bei irgendeinem in der verständnislosen Menge!

»Ich habe dich lieb, weil du so gehst, so stehst, so sitzest, so deine Arme, deine Hände hältst, so den Kopf senkest, und so blickst  –  –  –«, ist für die Frau eine tiefere Genugtuung, eine heilsamere Arznei für Melancholie und Hysterie, als das Stammeln der Leidenschaftlichkeiten, das überrumpelt, betört, und schwächer entläßt, als man vordem gewesen ist!

Warte auf den, der nie kommen wird!


DIE BONNE

Von allen, allen war sie weitaus die Beste! Denn sie sprach nichts und trug ihr Schicksal der mißachteten Dienenden! Sie aß, was man ihr vorsetzte, nie fragte man sie, ob es ihr genehm sei, ob sie Spinat vielleicht Erdäpfeln vorziehe?!? Aber diese anderen, diese ›gemästeten‹ Damen, in eigenem Egoismus, und in der schweigsamen Feigheit ihrer Gatten gemästeten Damen, machten einen Gas aus jeder mißliebigen Speise  –  –  –.

War die Bonne denn aus anderm Fleisch und Blut, hatte sie denn weniger Anrecht, dieses zu lieben und vor jenem zurückzuschrecken?! Man verhöhnte sie, weil sie gerne edle Zigaretten rauchte und doch dazu nicht berechtigt wäre infolge ihrer sozialen Position und ihrer ökonomischen Verhältnisse  –  –  –.

Rauche du ›Sport‹, oder noch lieber, rauche du gar nicht! Hast du denn ein Anrecht auf Vergnügen?! Meine Liebe, überschreite doch nicht die Grenzen deiner Nichtigkeiten! Die »Damen« aßen stundenlang Solokrebse, mit leidenschaftlichem Behagen; aber die Bonne saß schweigend da, ja in tragischestem Schwei­gen, bedrückt von der miserablen Behandlung, die man ihr von allen Seiten angedeihen ließ  –  –  –. Da legte der Dichter zehn Ziga­retten En A-Ala, großes Format, vor sie hin  –  –  –. Sie wurde schrecklich verlegen über diese ihr ungewohnte Ovation. Sie glaubte dennoch nicht einen Augenblick lang, daß er ihr ›den Hof‹ machen wolle auf diese Weise, sondern daß er nur die andern züchtigen wollte für ihre Un-Menschlichkeiten! Bald darauf wurde ihr der Dienst gekündigt, und man gab allmählich auch den Verkehr mit dem allzu ›exaltierten‹ Dichter auf. Was übrigblieb von dem allen, waren zehn Zigaretten En A-Ala, großes Format, die die Bonne in einem eigenen kleinen Schreine sorgsam verwahrte  –  –  –.


ÜBER GERÜCHE

Frauen sind enorm impressionabel, sie nehmen so leicht die Gerüche ihrer Umgebung an! War sie in der Milchkammer, so riecht sie noch stundenlang nach Milch, ihre Hände, ihre Haare, ihr ganzer Leib  –  –  –. War sie auf dem Gemüsemarkte, so riecht sie noch stundenlang nach allen Gemüsen, wie Kräutersuppe  –  –  –. Im Garten riecht sie nach Flieder oder Linde oder überhaupt nach Garten  –  –  –. Auf der Alm nach Kuhweide und Kurzwiese. Das ist ein tragisches Schicksal; denn immer riecht sie daher auch nach dem letzten Hunde, mit dem sie gerade beisammen war, nach dem letzten Snob und seiner Pestausdünstung, seinem Lügegestanke! Nach Dichtern riecht säe nie, denn Dichter halten sich in respektvoller Entfernung, wahrscheinlich aus künstlerischem Egoismus! Am meisten riechen sie nach ›Frechlingen‹, die einem immer allzu nahe treten! Da nehmen sie denn die Gerüche am allerleich testen an  –  –  –. Edle Frauen sollten unbedingt immer in der Natur bleiben oder in der heiligen Einsamkeit ihres eigenen Zimmers. Überall sonst stinkt es!

Auch gute Bücher stinken nie, sie sind das Destillat aus allen übelriechenden Sünden, die man begangen hat, man hat daraus endlich einen Tropfen wohlriechender Menschlichkeit gewonnen!

Aber die anderen destillieren nicht!


DU HAST ES SO GEWOLLT

Nun hast du deine Ruhe, süße Frau  –  –  –

Nicht stört dich mehr mein SchlachtkalbBlick –

So hast du es gewollt!

Ich hab's vernommen! Ich war dir eine Last!

Und Tage werden kommen, Jahre, vielfältigen Schicksals  –  –  –       

Und einst wirst du In einer müden Stunde in meinen Briefen kramen:

»Er ward sehr krank an mär; ich aber ließ ihn sterben  –  –.«

Nun hast du deine Ruhe, süße Frau.

Verstummt der bangen Klage störendes Geplärre!

Es spricht dein harter Blick: »Seh'n Sie, so sind Sie mir viel lieber!«

Sahst du den schwarzen Panther in seinem Käfig manchmal mit dem gelben Blick des Wahnsinns rastlos seine Achter schleichen?! Sahst du ihn?!   –  –  –

Nun hast du deine Ruhe, süße Frau.

»Wir wollen gute Freunde bleiben, Peter, nicht wahr?! Nicht? Wie?! Was, was haben Sie?!«

»Nichts  –  –  –« sagte ich, und reichte dir die Hand.


KLAGE

Du bist also nicht reif für objektive Freundschaft und meine äußerste Anerkennung deiner mytisch-besondern Persönlichkeit!? Die sonst niemand erfaßte außer Ich?!

Du willst also wirklich das unmündige Kindchen lieber sein, das man ewig liebkosend in die Arme nimmt und streichelt  –  –  –!?!

Ich hab' dich mühsam und voll adeligster Freundschaft geführt auf kühle Gipfel  –  –  –

Wenn du es brauchst, führ' ich dich natürlich wieder sorgsam zurück in deine warmen Niederungen! Von denen du entstammst!

Brauchst du, Schwächliche, wirklich den Geliebten von eh und je, wie ihn Marie und Anna stets sich noch ersehnten?!? Liebegirrenden Sklaven deiner Nichtigkeiten?!? Willst du, mußt du eingeschläfert werden mit dem Wiegengesang der Lebenslüge?!?

Mußt du es hören, daß du bereits wertvoll bist, statt zu vernehmen die Verkündigung, daß du's erst werden könntest, für und für?!?

Mußt du das Wort: Du bist mein alles  –  –  –! hören, um dich einzulullen im Wirrsal deines Seins?!?

Wohlan, ich selber will dich führen zu dem Mann, der dieses Morphium deiner Seele spendet!

Und hast du dich berauscht, betäubt genug am Gift des flachen Tages und der armen Stunde,

dann kommst du vielleicht wieder für einen Augenblick zu mir zurück und atmest ein die Luft von Höhen, die du damals noch nicht vertrugst! Ich werde warten  –  –  –.

Kommst du aber nicht, so werd' ich fürder vom Gedanken leben,

daß du einstmals, von einem Dichter irregeleitet, am Weg nach oben bist gewesen!!!

Wenige vertragen die Sennhütte und Wäldereinsamkeiten. Sie brauchen Täler und Geselligkeit. Und irgendeiner muß sie über ihre Nichtigkeit hinüberbringen, trösten  –  –  –.


BERÜHMTHEIT

Wir waren einmal, eine größere Gesellschaft von Künstlern, in einem Champagnerpavillon in Venedig in Wien im heurigen Sommer. Drei süße Mädchen setzten sich sogleich zu uns. Jemand aus der Gesellschaft sagte zu ihnen: »Kinder, wißt's ihr denn nicht, in wessen Gesellschaft ihr heute die Ehre habt zu sitzen?! Dieser Herr da ist doch der berühmte Maler Gustav Klimt!« »So  –  –  –,« sagten die Mädchen nonchalant. Da kam ein viertes Mädchen hinzu und sagte: »Kinder, wißt's ihr, wer der is?! I erkenn' ihn ganz genau wieder  –  –  –.« »Ah, was geht das uns an, von uns aus soll er sein, wer er will  –.« »Aber, dös is doch der Herr, der heuer im Winter im Casino de Paris zwölf Flaschen Charles Heidsieck gezahlt hat!« »Was, dös is der?! Richtig! Jetzt erkenn' ich ihn! Sie, Herr berühmter Maler, Sie sollen leben!«

P. S. Der Vertreter von Charles Heidsieck sagte einmal zu mir in einer vorgerückten Stunde: »Du, Peter, ich bin nur neugierig, ob du meine Firma einmal in eine deiner Skizzen wirst hineinbringen?! Peter, dann kannst du saufen, so viel du willst!«

Nun hoffe ich also mit einiger Berechtigung, saufen zu können. Es war allerdings damals in der Klimt-Affäre gar kein Charles Heidsieck, sondern Pommery gewesen. Aber da er ebenso gut ist, und man überdies noch zu saufen bekommt dafür?!


DER ALTE BANKIER

Als die sogenannten Freunde, die immer die ›eigentlichen Feinde‹ sind, schon weil sie es genauer als die Fernerstehenden wissen, wie man verletzen und kränken kann, als also die sogenannten Freunde dem alten reichen Bankier Porges es vorhielten, daß er als Siebzigjähriger diese wunderschöne Freundin aushalte, gleichsam also für die andern, da erwiderte er: »Sie kann mich in keiner Weise betrügen. Es macht mich ununterbrochen glücklich, dieser zarten Person ihren Lebensweg zu ebnen, zu erleichtern; ferner betrügt sie mich nicht in den wunderbaren Stunden, da sie die Gnade hat, mir ihre heilige Pracht zu schenken. Außerdem ist sie mir unbedingt dankbar für das, was ich für sie tue. Denn ich habe es ihr plausibel gemacht, wie wenig die andern für sie täten, die angeblich vor Liebe zu ihr vergehen! Habe ich, meine Herren, mehr Ansprüche, als mir überhaupt von Schicksals Gnaden gebühren?! Das hat kein Mensch auf Erden! Ich habe für mein Geld und für mein Herz, was mir gebührt! Ich könnte die süße Jugendliche natürlich zu manchem zwingen. Aber an wem ginge es innerlich aus?! An mir! Nur aus freier Verfügung, aus innerm Wohlwollen, aus Herzensdankbarkeit soll eine Frau uns schonen vor Seelenleid! Ein stummer, trauriger Blick treffe sie und mache sie zaghaft! Wir sollen keine andern Waffen haben! Selbst ein Greis kann einen traurigen Blick haben. Wenn sie diesen mit einem verlegen-höhnischen Lächeln quittiert, ist er verloren, gleich den Jungen, Kräftigen! Wir haben, alt oder jung, nur eine Waffe gegen dieses Reptilchen ›Weib‹: Noblesse, Ernst, Würde und Entsagungsfähigkeit!«

So sprach der alte Bankier Porges, und seine ›sogenannten warnenden Freunde‹ verstummten und erbleichten.


JAPANISCHES PAPIER, PFLANZENFASER

Er hatte ihr bereits alles geschenkt, was eine liebevolle zärtlichste Seele sich auserdenken könnte  –  –  –. Nun war er am Ende seiner liebevollen Phantasie, und er hätte sich nur noch wiederholen können  –  –  –. Sie hatte in wunderbarer moderner Auffassung alles angenommen; denn sie fühlte es, daß es eine heilsame Medizin sei für seine erkrankte Seele, besondere Dinge zu schenken, zu schenken, zu schenken  –  –  –. Sie nahm es an, wie eine Verpflichtung gegenüber einem Herzen, das man, wenn auch unabsichtlich, krank gemacht hat; und sie sträubte sich daher auch nicht gegen solche Geschenke, die unter andern Umständen einen zu intimen Charakter gehabt hätten, wie Schirm, Handschuhe, Gürtelschnalle, Taschentücher und so weiter, und so weiter, und so weiter  –  –  –. Nun aber war er zu Ende mit Realität und Phantasie, insofern seine Geldmittel es gestatteten  –  –  –. Da las er in einer Zeitung eine Annonce eines echt japanischen Klosettpapiers, aus japanischen Pflanzenfasern, unerhört zart und dennoch fest im Gefüge, wovon ein Paket freilich eine Krone achtzig Heller kostete, während die einheimischen besten Sorten für eine Krone zu haben sind  –  –  –. Er kaufte zehn Pakete und schickte sie ihr. Sie war anfangs ganz entsetzt, beleidigt und gekränkt. Aber allmählich gewann das natürliche Denken die Oberhand. Und sie schrieb einfach zurück: »Nunmehr, Zartfühlendster, wird es Ihnen aber wirklich sehr schwer fallen, noch irgend etwas sich auszudenken, was mein Leben mir erleichtern könnte  –  –  –.«


BRIEF AN FRAU L. ST.

Liebe Frau Lily!

Da es Sie jedesfalls in diesen trüben Tagen irgendein wenig erfreuen dürfte, teile ich Ihnen es mit, daß Ihre beiden Töchterchen unbedingt große Schönheiten werden werden, und ihnen schon infolgedessen das im allgemeinen schwierige Leben erleichtert werden wird um ein Bedeutendes! Die Ältere hat heute schon etwas von einer heiligen Verklärtheit; und sehr sehr bald werden eben die Menschen es spüren, daß nur »in den Tiefen der Seele« das wahre Glück schläft! Erziehen Sie sie zur »Selbstlosigkeit«; das ist die Lösung aller Probleme  –  –  – So allein wird man glücklich! »Geben ist seeliger denn nehmen!« Eine Wahrheit auf granitenen Säulen!

So sei das Frauenleben! Das Bewußtsein seiner eigenen Selbstlosigkeiten gibt mehr Lebenskraft als die Befriedigung seines Egoismus! Das ist doch keine »gepredigte Religion«; das ist doch nur ein Geschäft, das man »mit sich selbst macht«, auf seiner eigenen »Lebens-Börse«. Es ist doch das rentabelste, das sicherste! Das einzige!!! Schütze einen Maikäfer vor dem Zertretenwerden! Und du wirst mehr Lebenskraft davon gewonnen haben, als er, der vor dem Tode stand!!! Ihn erretten, heißt dich selbst erretten! So, so, muß man seine herrlichen Kinder, zumal Mädchen, erziehen!

Lehren Sie sie, um Gottes willen, den Segen des »Gebens«, nicht die Hölle des »Nehmens«! Geben Sie ihnen das Paradies »Selbstlosigkeit«, und es wird sich irgendjemand finden, der es schwärmerisch anerkennt und belohnt!!!

Ihr P.A.


GESPRÄCH MIT EINEM GUTSHERRN

»Truthühner, oh, weiße Truthühner; die armen werden da aufgefüttert und geschlachtet  –  –  –.« »Nein, sie werden weder aufgefüttert noch geschlachtet und sterben meistens sogar an Überernährung  –  –  –.«

»Wie ist das möglich?!«

»Es gibt einen schrecklichen Feind der jungen zarten Zuckerrübe, den mausgrauen Rüsselkäfer. Diesen nun fressen die Truthühner leidenschaftlich, und da läßt man sie nun auf die Rübenfelder, sich totfressen! Das ist ihre Lebensaufgabe!«

»Sie haben eine wunderbare Zucht von Cochinchina-Hühnern!«

»Ich habe sie nicht. Man muß auf einem Gute Edelgeflügel haben, damit die Eier gestohlen werden können und der Gutsherr ein Huhn hie und da bekommt, das nach seiner approximativen Schätzung 150 Jahre alt war.«

»Und was geschieht mit den jungen Hühnern?!«

»Ich weiß es nicht. Kein Gutsherr weiß es. Es sind die Mysterien der Landwirtschaft!«

»Was baut man in Ihrem herrlichen Gemüsegarten an?!«

»Alle Gemüse, Primeurs und so weiter.  –  –  –«

»Da sind Sie sehr zu beneiden  –  –  –.«

»Keineswegs. Ich sehe niemals etwas von den Gemüsen. Wenn ich irgendwelche wünsche, so sind sie entweder schon gerade vorüber, oder ihre Zeit ist noch nicht gekommen. Nie treffe ich den richtigen Zeitpunkt. Was können die Gemüse dafür?!«

»Es sind eine Menge Fasane abends auf Ihren Feldern. Weshalb schießen Sie sie nicht?!«

»Ich habe das Recht, sie abzuschießen. Aber sie kommen wahrscheinlich aus dem nachbarlichen Walde. Da ist es unfair, sie zu schießen   –  –  –

»Wann dürfen Sie also Ihre Fasane schießen?!«

»Wenn ich es genau weiß, daß sie nicht aus dem nachbarlichen Walde sind. Aber das weiß man nie genau.«

»Freuen Sie sich über die reiche Blütenpracht der Obstbäume?!«

»Ja; aber die Maikäfer fressen alles ab. Freilich sind sie, falls man sie dann abschüttelt, ein gutes Dungmittel für den Boden, um wieder reiche Obstblüten zu liefern für die Maikäfer des nächsten Jahres!«

»Welche Frucht auf Ihrem Gute erfordert am wenigsten Pflege?!?«

»Die roten oder gelben Beeren des Wegstrauches. Die kleinen Vögel fressen sie, und wenn im Fluge ihr Mist zufällig auf eines meiner Felder fällt, habe ich den Nutzen als Dungmittel davon  –  –  –!«

»Die Bewirtschaftung eines solchen Gutes muß sehr interessant sein  –.«

»Jawohl. Man erwartet es täglich, daß irgendeine Katastrophe alle Arbeit zunichte mache. Meistens kommt sie. Dann hat man die Genugtuung, auf sie vorbereitet gewesen zu sein als vorausschauender Landwirt. Man ist nicht düpiert worden von der Natur!«

»Ich bitte Sie, weshalb ist plötzlich dieser dichte Zaun vorhanden und diese schwere, verschließbare Tür?!«

»Fragen Sie nicht! Es ist von jeher. Man wird schon gewußt haben, weshalb man es tat. Es ist nur unsere Schuld, wenn wir es vergessen haben  –  –  –. An solchen Institutionen darf man nicht rütteln. Der Verwalter sagt: ›Herr, alles hat seinen Zweck. Es ist unnütz, darüber nachzusinnen‹  –  –  –.«

»Gibt es also keine Irrtümer auf einem Gute?!«

»Nein, auf einem Gute gibt es keine Irrtümer. Denn was gut ausgeht, kommt vom Direktor; was schlecht ausgeht, kommt von der unberechenbaren, unbesiegbaren Natur!«


Der Oberkellner: »Das Bries ist blütenweiß, es steckt noch fast im Hals des Kalbes, Herr Doktor  –  –  –.«

Eine Dame: »Kommt das Bries wirklich aus dem Hals des Kalbes, Herr Doktor?!?«

Allgemeines Gelächter.

»Jawohl, schöne Frau, es ist das ›Gekröse‹, und es fehlt bei der Kuh. Nur das Kalb hat es. Die Kuh verbraucht es für angeblich wichtigere Zwecke im Leben, wie die der Zeugung und der Fortpflanzung. Deshalb esse ich täglich das Gekröse vom Kalbe  –  –  –. Das ist noch etwas Wertvolles, Unverbrauchtes, nicht zu Zwecken Adaptiertes, etwas Dichterisches!«

Die Dame: »Sie sind ein wirklicher Dichter! Man versteht gar nie, was Sie sagen, aber man bekommt dennoch einen Lichtschimmer davon wie die Blinden. Das ist also: eine Ahnung von wirklichem, wahrhaftigem Sehen!«

Ein Herr: »Dumme Gans! Ich bitte, entschuldigen Sie vielmals, es ist nur meine Gattin  –  –  –.«

Der Dichter betrachtet die ganze Gesellschaft; dann sagt er ruhig: »Darf ich Ihnen einen Brief vorlesen, den ich heute nachts geschrieben habe?!?«

Alle bitten darum inständigst.

Schweigen, Sammlung, Pause.

Der Dichter liest vor:

»Wieso ist es, daß Du, Anita, immer und immer in Restaurants oder Cafés in der direkten Luftlinie mit Deinen ›Flugerln‹ sitzest, das heißt mit denen, die Dich gerne für eine Stunde in Besitz nehmen möchten, von denen Du Dich gerne für eine Stunde in Besitz nehmen ließest?!?

Ich ziehe jedesmal mit meinen verzweifelten Augen einen schnurgeraden Faden von Deinem Blicke aus, bis ich auf ein Objekt weit gegenüber auftreffe, und immer ist es so ein für Dich Gefährlicher, den ich auch theoretisch, im vorhinein, als eine Gefahr für Dein seelischsexuelles mysteriöses Nervensystem diagnostiziert hätte!?!

Du bist dann erstaunt, geliebte Canaille, über meine ›unbegründeten‹ Verzweiflungen, brichst in Tränen aus über Deine sogenannte eigene Unschuld!

Aber wieso führt der Faden, den ich von Deinen scheinbar ins Leere starrenden, geliebten, vergötterten Augen aus durch die Räume der Cafés, Theater, Restaurants ziehe, bis zu irgendeinem entfernten Objekte ›Mann‹, immer und immer nur zu einem, der den Typus repräsentiert der unbedingt Deiner mysteriösen Organisation kolossal gefährlichen Männer?!? Die nachträglichen Prügel, die ich Dir verabreiche, wenn wir allein sind, sind mehr ein Triumph Deiner ununterbrochen auf mich verheerend wirkenden Persönlichkeit, als ein Straf- oder Erziehungsmittel! Wenn ich ein einziges Mal einen Faden zöge in der Luftlinie von Deinen scheinbar gleichgültig ins Leere starrenden geliebten Augen, und da auf einen wirklich gräßlichen Menschen oder eine alte Frau aufträfe, dann würde ich vor Dir in die Knie sinken und Dir danken inbrünstig, daß Du mir diesmal wenigstens die Qual erspart hast  –  –  –                  . Aber es wird nie, nie sich ereignen! Die blauen, grünen, gelben, braunen, lila und sogar schwarzen Flecke auf Deinem vergötterten Leibe sind für Dich dann doch nur die aus einer gewonnenen Schlacht heimgebrachten Verwundungen!!!

Dein Peter Altenberg.«

Alle lassen nach dieser Vorlesung die Speisen stehen, zahlen, entfernen sich schweigend, langsam, grüßen verlegen  –  –  –.

Der Dichter, allein an seinem Stammtische, zu dem Oberkellner, der ihm das Bries serviert: »Sie, wenn es aber nicht frisch ist  –  –  –.«

Der Oberkellner: »Herr Doktor, es ist wie aus dem lebendigen Kalb herausgeschnitten, blütenweiß. Wir wissen doch, was wir dem Herrn Doktor schuldig sind; no, erlauben Sie mir, weil wir einfache Kellner sind?!? Wir haben doch auch noch Achtung vor einer Persönlichkeit  –  –  –! Niemand von allen unsern Gästen versteht so viel vom Essen wie Sie!«

Der Dichter speist allein.

Moral: Nur Dichter verstehen es, heilsame Einsamkeit um sich zu verbreiten!


SEELÖWEN

Der Dichter sah im Apollotheater die Seelöwen der Dresseurin Madame Juliette. Ihre Kunstleistungen entzückten ihn; aber ihr Wesen, ihre gutmütige Liebenswürdigkeit, ihre ›Menschenfreundlichkeit‹, ihr gutwilliges, freudiges Bemühen rührten ihn tief; und er begriff es nicht, daß irgendein Reicher, mit Glücksgütern Begabter, ein Gesegneter vom Schicksal, sich so ein wunderbares Tier nicht erstünde, um diese getreuen Augen, diese mysteriöse Anhänglichkeit an den Pfleger genießen zu können in seinem empfindsamen Herzen  –  –  –. In ihrer Ungeschicklichkeit geschickt; behend in Unbehendigkeit; tolpatschig und anmutig zugleich; und mit den Augen Treue spendend und unermeßliche Anhänglichkeit  –  –  –. Er dachte sich in einem Parke ein wunderbares Bassin aus mit einem flachen Felsen zur Sonnentrocknung. Und eine Dame käme hin, täglich zweimal, mit einem Weidenkorbe voll von Fischen. Da schwämme in lieblicher Hast der Seelöwe heran, erhöbe sich, bellte leise und blickte die Herrin liebevoll an. Und diese setzte sich an den Rand des Bassins, spräche freundschaftlich zu dem klugen Tiere, das sie nicht versteht und dennoch versteht! Und eines Tages streichelte sie ganz besonders zärtlich den glatten feuchten Kopf der Robbe und sagte: »Du bist ja doch der einzige, der mich wirklich liebhat und versteht auf Erden   –.

So träumte der Dichter. Aber am nächsten Abende las er folgendes in der Zeitung: »Gräfin Z. hat der Dresseurin Madame Juliette den Seelöwen ›Robespiere‹ um 12000 Franks abgekauft für ihr ungarisches Gut.«

Da träumte der Dichter: »Wahrscheinlich bedarf die Edle gerade jetzt aus irgend einem Grunde eines solchen besten, sichersten und getreuesten Freundes  –  –  –!«


DER TOD

Ich verstehe nichts in bezug auf die Nerven der Menschen; aber dieses Eine verstehe ich am allerwenigsten: Wie man hinüberkommen kann über den Verlust einer geliebten Frau, die man so oder so verloren! Das begreife ich nicht. Ihr Atem, der dir alle Bergeswiesen der Welt ersetzte, haucht dich nicht mehr an, beim Sprechen, Lachen oder Weinen! Der Duft ihrer Haut, ihrer Haare, ihrer Achselhöhlen, der dich berauschte, mehr als alle französischen Cham­pagner der Welt, hat sich verflüchtigt!

Ihre Stimme, diese Musik der ganzen Erde, ist für dich verstummt. Es klang melancholischer für dich, als das Rauschen des Abendwindes im Tannenwald und als das Piepsen des ersten Vogels im Bergwald vor Sonnenaufgang. Die Musik der Welt ist dir verstummt! Die Schönheit der Erde ist dir zusammengebrochen, wie Messina im Erdbeben. In deinem Inneren sind nur mehr Trümmerhaufen!

Alles was sie tat, war dir die Anmut der Welt! Du brauchtest nicht die hunderttausend Millionen herrlicher Geschöpfe von Siam, Java, Japan, China!

Wenn sie ging, aufstand, sich setzte, sähest du sie alle! Nun ist die Welt ein Trümmerhaufen! Weshalb, weshalb willst du über das Allerwertvollste im Leben, Sehnsucht und Schmerz, hinüberkommen?! Der Satte ist satt, aber der Verhungernde hat die Sehnsucht, die mehr nährt als die Speise, die er sich ersehnt!

Komme nie hinüber über den Verlust eines geliebten Frauenkörpers! Ihre Haut, die duftete, zerfällt wie verbranntes Papier, und ihr süßer Atem ist nicht mehr! Die Welt in dir liegt in Trümmerhaufen, wie Messina nach dem Erdbeben.

Es gibt nur Leichen und Verwundete. Trost ist ein Verbrechen, das du an dir begehst!


AN DIE KOKETTE

Soll ich verzeihen, daß es schon wieder regnet?!?

Und wenn es sein muß, immer wieder regnen wird?!?

Darfst du denn um etwas mich um Verzeihung bitten, das außerhalb deines guten Willens ist?!?

Ich kann verzeihn, daß du unanmutig gehst,

nicht schwebst in freudigen Leichtigkeiten  –  –  –;

obzwar's mein Auge ärgert und es lieblos macht  –  –  –;

schwerfällige Nymphen sind ein böser Gegensatz –                            

Ich kann's verzeihn, denn Übung könnte bei gutem Willen es noch mälig ändern  –  –  –.

Doch wie soll ich dir die ›inneren Mächte‹ verzeihn, dein Schicksal, das du miterhalten hast in deinen Nerven?!?

Soll ich dir Vater, Mutter, Großeltern verzeihn und alle deine Ahnen?!?

Wenn du's von mir verlangst, verzeihe ich!

So verzeihe ich der Kreuzotter, die den Todesbiß gibt wegen nichts.

Sie sticht – weshalb, niemand kann es ergründen!

Ja, ich verzeih' und sterbe!

Aber ist es anständig, Verzeihung zu verlangen, zu er­warten, für Sünden, die man dennoch nicht lassen kann?!?

So eine Frist sich zu verschaffen von verlogenem Frieden?!?

Darf die Kokette uns um Verzeihung bitten?!?

Sieh, Rosita, ich werde also dein gutmütiges Bemühn gerührt betrachten  –  –  –;

ja, tief, tief gerührt!

So schau ich zu, wie eine edle Seele mit ihren Höllen kindisch kämpft     .

Verzeihung, tragischestes aller Worte!

Kann ich verzeihen, daß es wieder regnet?!?

Und wenn es sein muß, immer wieder regnen wird?!?

Geliebteste, laß uns ohne Verzeihung leben!

Die Sünden sind des Tages und der Stunde  –  –  –

vielleicht lohnt sich das Ganze doch der Qual!


TREUEBRUCH

Er verlor seine freundschaftlichste Freundin, auf irgendeine Art. Es gibt tausend Arten, wie sie einem »absterben«!

Da sagte die zarte Frau Fr. zu ihm: »Sie hat zwei kostbare Jahre durch Sie verloren, hoffentlich wird sie sie jetzt wieder einbringen  –  –  –.«

Und Herr H. sagte: »Peter, du bist doch ein so gescheiter Mensch, ein Frauenkenner par excellence; du glaubst doch nicht ernstlich, daß diese Person an dir gehangen ist!? Nicht hättest du ein gewöhnlicher Bankbeamter sein sollen, wie sie dich verachtet hätte  –  –  –!?!«

Und Fräulein G. sagte: »Gott, sie hat es vorgezogen, statt glücklich zu werden, in die Literaturgeschichte zu kommen!

Es kommt doch nur darauf an, was einem lieber ist  –  –!?! Es ist eben Geschmacksache!«

Und Herr B. G. sagte: »Dichter kränken sich und kränken sich zugleich gar nicht. Einerseits empfinden sie alle unsre eigenen Leiden doppelt und dreifach; anderseits ist der ›Schmerz‹ Ihr Element, wie das Wasser für den Karpfen! Ein Karpfen ohne Wasser ist ein ›Karpf‹!«

Der Dichter aber fühlte: »Gott schaut herab, in mein Herz, und weiß, was sich darin begibt! Sonst könnte man es nicht ertragen. Aber so, so erträgt man es, weil Einer mit uns ist  –  –  –.«

Die Dame aber, die ihn ›verlassen‹ hatte, fühlte: »Es gibt doch nur ihn, ihn! Aber leider konnte er nicht allen An­sprüchen genügen, die das Leben von einem sogenannten ›ganzen Mann‹ erfordert. Ich werde ihn jedenfalls nie ver­gessen  –  –  –. Dafür werden vor allem alle die anderen sorgen!«


KUNSTSCHAU 1908 IN WIEN

Raum 22, die Gustav Klimt-Kirche der modernen Kunst.

Wie Endgebilde der zartesten Romantik der Natur selbst sind diese Frauenporträts. Wie die Dichter sie sich erträumen, zarte, edelgliedrige, gebrechliche Geschöpfe für ihre zärtlichen Begeisterungen, die nie verklingen und nie Erlösung finden! Die Hände der Ausdruck einer anmutigen Seele, kindlich leicht be­schwingt, vornehm und gutmütig zugleich!

Alle befinden sich außerhalb der Erdenschwere, wie sie sich auch sonst stellen mögen im realen Leben des Tages und der Stunde. Alle sind Prinzessinnen für bessere zartere Welten. Der Maler hat es erschaut, hat sich nicht irremachen lassen, hat sie gerechterweise erhöht, zu ihren eigenen, in ihnen sin­genden und klagenden Idealen! Der Maler sieht den Purpur­reiher in den Schilfsümpfen der Theiß zum Beispiel in tausend Stellungen. Aber einmal eben erschaut er ihn beschwingter denn je, leuchtender denn je, im Purpurbraun seines ent­zückenden Gefieders . . . und so malt er ihn!

War es gerade im Augenblicke des Abendsonnenstrahles, oder im Wohlgefühle absoluter Sicherheit vor den Gefahren des Wanderfalken . . . jedesfalls ein Augenblick künstlerischer Entfaltung seiner eigenen Werte ohne Rest!

Das sind die Augenblicke für den Künstler! So er­schaue er die Frau! In das Rätsel des Daseins starrend, stolz, unbesiegbar und dennoch bereits tragisch traurig und in sich gekehrt! Nur die Schönheit der Hände, die überirdische, triumphiert über das Leben und seine mannigfachen Tücken und Vergiftungen. Diese Hände sagen: »Wir bleiben so bis in unser 70. Lebensjahr, und an der Matrone wird man es dadurch noch erkennen, daß wir für die Begeisterung von Malern und Dichtern geboren worden sind! Es sind unsere einzigen untrüglichen Höhepunkte!«

Nr. 1 des Kataloges: Drei Alter. Die Alte weint über ihre körperliche Zerstörung. Sie hat den Nimbus eingebüßt, was nützt ihr da ihre tiefe Seele und ihre tiefe Erkenntnis?! Die junge Mutter ist müde, hat ihre Edelkraft dem süßen Kindchen abgegeben, in jeder Beziehung, ist müde, müde.

Das Kindchen ist auch müde, schläft vor noch nicht leben können, geduckt, behütet in dem Arm der Mutter. Es liegt alles in dem Bilde vom Tragischen und Romantischen des Frauendaseins, dabei das Nirwana und der Blick ins Leere  –  –.

Bist du ein wirklicher, aufrichtigster, zartester Freund der Natur?! Dann trinke die Bilder in dein Auge hinein: Bauern­garten, Buchenwald, Rosen, Sonnenblume, blühender Mohn! Die Landschaft ist hier behandelt wie die Frauen: man hat sie erhöht zu ihren eigenen romantischen Gipfel­punkten! Man wird ihr gerecht, man verklärt sie, man macht sie sichtbarlich für die Skeptiker mit ihren trüben freudelosen Augen! Gustav Klimt, ein mysteriöses Gemisch von Ur-Bauernkraft und historischer Romantik, dir sei der Preis!


ÜBER DIE EIFERSUCHT

Es darf für den modernen, alles durchschauenden, in ge­wisser Beziehung bereits wirklich allwissenden Mann nicht mehr heißen: »Wer eine Frau also ansieht, daß er ihrer begehret, der hat mit ihr bereits die Ehe gebrochen  –  –  –«, sondern es muß noch radikaler lauten: »Dann hat sie bereits mit ihm die Ehe gebrochen!« Denn eine getreue Frauenseele muß also mit einem Walle von Unnahbarkeit und Uneinnehmbar­keit, von Würde und Seelenadel geschützt, behütet, verteidigt sein, daß Don Juans Blick sich senkte und scheu zur Seite sich wendete! Wenn ihr den Eroberer nicht besiegen könnt, durch euer bloßes Sein, könnt ihr ihn nie und durch nichts besiegen! Er muß vor dem Mysterium eures heiligen, edlen, in sich ge­kehrten Seins, innerlich auf die Knie gezwungen werden, und reuevoll euch belassen im Frieden eures Herzens! Wehe den Minutenspendern, da doch das Leben nach Jahren zählt! Frauen, seiet so, daß der wilde Krieger vor dem Walle eures Tempels freiwillig umkehre! Frei und willig! Dann wird die Eilersucht, diese schrecklichste Erkrankung der Mannesseele gebannt, verbannt, besiegt sein!


GREGORY-TRUPPE

Männer liegen am Rücken auf entsprechend gebauten roten Lederfauteulis ohne Füße und jonglieren mit den Füßen her­zige Knaben. Sogenannte ›Antipoden‹, mit lebenden Wesen statt mit Riesenkugeln, Würfeln, Tischen, spanischen Wänden. Die Leiber der Knaben sind biegsam wie Kautschuk, es kann ihnen nichts geschehen, sie geben nach, jedem Schwünge; was man auch mit ihnen treibe, sie bleiben intakt! Die Knaben sind besser gewachsen als Mädchen und haben einen freudigen, begeisterten Gesichtsausdruck. Sie ›arbeiten‹ wie edle dressierte Hunde bei einem gnädigen, verständnisvollen Herrn. Sie sind das Gegenteil von ›verprügelt‹. Sonst könnten sie nicht diesen leuchtenden, begeisterten Gesichtsausdruck haben! Alles kann man ihnen, den jugendlichen Artisten, einlernen, einschärfen, einprügeln, aber der Gesichtsausdruck bleibt die freie Wahl des unbezwinglichen Inneren! Ich schaue jedem Artisten nur in das Gesicht. Hier Ist das Zeugnis eingeschrieben, ob er ›berufen‹ ist vom Schicksal zum Artisten oder es sich ›zugelegt‹ hat aus tausend Gründen! Nun, in dieser Gregory-Truppe ist solch ein »berufener« Knabe. Ein etwas scharfes nervöses Ge­sicht und etwas bleich unter der roten Schminke. Auch dieses fühlt man durch. Er ist Meister, ohne viel zu lernen. Er braucht nicht zu üben. Etwas in ihm verleiht ihm unerhörte besondere Elastizitäten. Seine Schwungkraft ist um vieles vehementer als die der andern reizenden Knaben. Er ist in allem wie ein Sieger, er ist allen innerlich um viele Längen vor, obzwar sie alle dasselbe vollführen. In ihm sind elektrische Spannkräfte aufgehäuft, mühelos vollbringt er, was andre sich ›erworben‹ haben. Siehe, ein Genie des Turnens! Er macht das Unmög­liche möglich in leichter Anmut! Er würde es ›umsonst‹ leisten, auf Wiesen oder Dorfstraßen, die ›Variétébühne‹ ist ihm nichts anderes!

Und da saß einer in der Proszeniumsloge ganz hart an der Bühne, so fünfzig Jahre alt, und murmelte: »Ist er nicht schö­ner, wertvoller als alle Frauen zusammen, die mich zerstört haben?!? Ich werde ihm morgen anonym eine Patek-Uhr schicken, Genf, von der Sternwarte geprüft, garantiert auf dreißig Grad unter Null, auf neunzig Grad über Null, mit Kupfermantel gegen elektromagnetische Einflüsse geschützt, zweitausendfünfhundert Frank wert, die ihm sonst niemand schenken würde! Und ich werde es erzählen, allen Damen; und wenn mich eine ironisch lächelnd dabei ansieht, werde ich sie ohrfeigen!«


ERLEBNIS

Hans Schließmann bat mich dringend, doch am Freitag abend nach Hietzing ins Parkhotel zu kommen, wo der tem­peramentvolle, geschmackvolle Dostal von den 26ern kon­zertiere, in dem schönen, weiten Garten. Es wurde halb 12 Uhr nachts, und Schließmann war besorgt, daß ich noch die letzte Tramway erreiche. Sie fuhr aber an uns vorüber. In demselben Augenblick hielt ein eleganter Gummiradier knapp vor uns an, und zwei frische Mädchenstimmen jubelten: »Peter, Jessas, Peter, was machst denn du da in Hietzing?!« – »Ich habe die letzte Tramway versäumt,« erwiderte ich geschäftsmäßig und ohne Begeisterung der Freude des Wiedersehens mit den herrlichen urwüchsigen Kindern. – »Tu dir nix an, Peter, wir nehmen dich mit in unser'm Wagen, wir fahren eh nach Wien, ah, so ein glücklicher Zufall  –  –  –.« Hans Schließmann stand gerührt da im Angesichte solcher wirklich seltener glück­licher Zufälle, dankte den guten, schönen, herzigen Mädchen im Namen seines beneidenswerten Freundes und sagte, daß das »goldene Wiener Herz« doch noch nicht ganz im Aus­sterben begriffen sei, wie er bisher vermutet habe  –  –  –.

Wir fuhren davon. Bei dem Mariahilferberg sagte das eine der süßen Mädchen: »Peter, was wirst also dem Fiaker bezahlen?!« – Ich erwiderte: »Nichts. Ich bin eingeladen worden.« – »No, no, tu dir nix an, Schmutzian, wegen die paar Krandln.« Für den Zahlenden sind es immer »Kronen«, für den, der bezahlt wird, nur »Krandln«. Ich erwiderte: »Ich bin euer Gast.« – »Wärst vielleicht zu Fuß nach Wien gehatscht, du Narr?!« – »Ich hätte mir vielleicht im Notfalle einen Ein­spänner genommen.« – »No, also, sixt es, jetzt kommen wir aufs gleiche.« – »Also gut, ich werde die Taxe für den Einspänner erlegen  –  –  –.« »Da schau her, im Gummiradier fahren und Einspännertax' zahlen, geh, i wer mi glei giften –.«

– »Also, bitte, wieviel habe ich zu bezahlen?!?« – »Zehn Kronen, es is eh kein Geld.« – Ich fand das zwar nicht, daß es kein Geld sei, aber ich fragte: »Wieso, bitte, zehn Kronen?!?«

  – »No, san mir früher, bevor mir di auf­g'fischt haben, du Schnorrer, net ein bisserl in Hietzing herumg'fahren, bei so an' schönen Abend, mir scheint, du gönnst uns dös nöt!?!« – Ich erwiderte, daß ich ihnen es herzlich gönne. – »No, also, du bist ja ein g'scheiter Mann, du bist ja unser Peterl  –  –  –.« Also das Peterl bezahlte die zehn Kronen. »No, und mir san gar net auf der Welt?!« sagten die beiden Süßen. »Unsere Gesellschaft ist gar nix wert, mir san nur die Zuwag zum Fleisch, da schau der eahm an  –  –  –.« Ich gab einer jeden noch eine Krone. »Peter, Peter, wir haben dich immer für an' veritablen Dichter g'halten, für an' besseren idealisch veranlagten Menschen; no, sagn mer, es war nix  –  –  –.« Ich ließ den Wagen halten, stieg aus. »Peter, bist bös?!« – »Nein. Weshalb sollte ich bös sein?!« – »No, war's net ganz unterhaltsam?!« – »Sehr,« erwiderte ich. An Hans Schließmann schrieb ich sogleich noch in der Nacht eine Karte: »Was Ihre Korrigierung Ihrer An­sicht über das im Aussterbeetat befindliche ›goldene Wiener Herz‹ betrifft, so bitte ich Sie sehr, mit der Korrektur bis zum nächsten Freitag zu warten, wo Dostal von den 26ern wieder im Parkhotel Hietzing konzertiert. Da erfolgen nämlich münd­liche Aufklärungen  –  –  –.«

Am nächsten Tage traf ich das eine der süßen Mädchen. »Peter, gut, daß ich dich treff. Kaum warst du gestern aus­gestiegen, so durfte ich mich auf den Bock setzen und kutschieren und der Herr Fiaker ist zur Mitzl in den geschlossenen Wagen eingestiegen. Und dann hat er uns deine 10 Kronen geschenkt.

Das is a Kawalier, da nimm dir ein Beispiel!« Ich schrieb sogleich an Hans Schließmann: »Ihre erste Regung war die richtige. Es gibt doch noch ein ›goldenes Wiener Herz‹  –  –.«


GARTENTHEATER IN DER »KUNSTSCHAU«

Elsa Wiesenthal gewidmet, der Tänzerin!

Oskar Wildes »Geburtstag der Infantin«


Es ist unter freiem Himmel. In einem abendlichen Garten. Wie gut man atmet. Auf einem schneeweißen Thronsessel mit einem großen goldenen Polster, in einer schneeweißen Nische thront die jugendliche Infantin. Man will ihr manches bieten an ihrem Geburtstage. Sie und ihr Hofstaat weinen bei den Darbie­tungen eines Puppentheaters. Dann bietet man ihr einen buck­ligen tanzenden Zwerg. Dieser gerät in Ekstase, und die jugend­liche Infantin wirft ihm gerührt eine Rose zu. Da ist er verloren, verloren. Es ist unser aller Schicksal! Wir entzünden uns, bren­nen, glühen, man wirft uns eine Rose zu, nimmt uns dennoch nicht ernst. Wir sterben da ab, verlieren unsere Schwungkraft der Seele, unsere Begeisterungsfähigkeit. Man hat uns gemordet und wir leben fürder ein Leben, das nicht das unserige mehr ist! Ohne es zu wissen, daß wir wie verkrüppelte lächerliche Zwerge wirken, tanzen wir leidenschaftlich ununterbrochen vor Prinzessinnen des Lebens! Immer werfen sie uns, momentan impressioniert, ja so­gar ein wenig gerührt, die Rose zu. Sie halten es für den »Höhe­punkt unseres Schicksals«! Aber wir »übernehmen uns«, knüp­fen »falsche, unrealisierbare Hoffnungen« daran. Da bricht uns denn das dumme Herz, wie dem grotesken mißgestalteten Zwerge.   –  –  –Alle diese Dinge wurden uns also plausibel gemacht auf einer kleinen, ganz offenen Bühne, unter freiem Himmel, in einem Garten, an einem lauen Juniabend. Elsa Wiesenthal mimte wunderbar die jugendliche Infantin, eine »Kindliche«, die bereits »Zerstörung« verbreitet infolge ihrer frauenhaften Macht, wenn auch erst im Keime. Sie war un­übertrefflich, dieses schöne Kind, mit der verheerenden Macht, schlummernd in ihr wie der Giftzahn der jungen Kreuzotter, der noch nicht vorhanden ist und dennoch zu wachsen beginnt! Grete Wiesenthal mimt den unglückseligen Zwerg. Nicht anders könnte man es sich vorstellen, daß ein Verkrüppelter – und wer wäre es nicht einem idealen Lichtbilde gegenüber – tanzte in rührend-grotesken Verrenkungen, sein armes Bestes leistend und dennoch unfähig, zu erobern, zu bezwingen, da ihm die göttliche Anmut fehlte!? Es war ein Drama des Krüp­pels, dieses Tanzen, es war die Tragödie unser aller, die wir als Verkrüppelte tanzen vor unseren Lichtgestalten! Die Infantin wirft ihm daher eine Rose zu, wie sie uns allen Rosen zuwerfen, aus Laune, Übermut und Leichtsinn! Unser Herz keineswegs bedenkend und uns zerbrechend wie wertloses Spielzeug! So tragierte Grete Wiesenthal den Zwerg. So tragierte Elsa Wie­senthal die Infantin! Und die edle, vornehme, herrliche, gut­mütig-strenge Obersthofmeisterin des Fräulein Baronin Wieser! Und alles das unter freiem, lauem, abendlichem Himmel. Die Musik schmiegte sich an. Die Kostüme sind herrlich. Beson­ders das hellgraue der Hofdame. Diese Hofdame, Fräulein Wieser, spielte ganz außergewöhnlich. Sie erinnerte mich an meine vergötterten Gouvernanten aus meiner Kinderzeit. Sie war so verständnisvoll für die Kindlichkeiten der Kindheit, und zugleich so edel besorgt um kommende Entwicklungen, ohne es sich es direkt merken zu lassen  –  –  –.

Es war eine Gartenvorstellung an einem lauen Juniabend, und Oskar Wildes Pantomime wurde in herrlichen Kostümen dargestellt von Grete, Elsa Wiesenthal und Fräulein Baronesse Wieser. Alles in allem ein bedeutsamer Keim zu künftigen Entwicklungen. Möge ein jeder nur so wenigstens weiterbauen an den Dingen, die da kommen werden  –  –  –! Reife braucht Zeit und günstigen Regen, Sonne und Freiluft. Zum Gedeihen aber gehören hundert günstige Konstellationen! Heil Elsa Wiesenthal!


RONACHER, VARIÉTÉBESPRECHUNG

Das Programm enthält einige Nummern allerersten Ranges, die jede für sich schon den Besuch der Vorstellung reichlichst loh­nen würde. So die komischen Akrobaten Pichel und Scali, mit einem Soloringkampf von allerherrlichster Beobachtungskraft, und Persiflage feinster Art. Ferner die komische Gymnastik­akt des Willuhn-Trios und die absolut unübertrefflichen Spissel Brothers and Mack, amerikanische Exzentriks. Von solchen nüchtern-trockenen, stets reserviert komischen, ungeheuer taktvollen und psychologisch feinfühligsten ameri­kanischen Exzentriks könnten nicht nur Schauspieler, sondern auch alle Künstler überhaupt und eigentlich sogar alle Men­schen riesig viel lernen für ihr eigenes Leben. Nämlich »von selbst« zu wirken, aus innerer Kraft und selbstverständlicher Begabung, nicht mit diesem schrecklich angestrengten und traurig machenden »energischen Willen«. Der Wille sei doch eine fast von selbst befreiende Aktion eines Organismus, in bezug auf seine strotzenden, kaum mehr zu bändigenden Lebens­energien; wie wenn eine Frau nach neun Monaten endlich à tout prix ihrem zärtlichst ausgetragenen Kindchen endlich das lebendige Leben zu verschaffen sich unbedingt genötigt sähe! So sei ein jeder Künstler. Er gehe schwanger mit kaum mehr zu bändigenden innerlichen Kräften, und dann endlich erlöse er sich von seinem lebendigsten Überschusse. Aber diese vielen vielen anderen, die immer nur, bleich und verdrießlich, wollen und wollen, aber deren »Erlösungen« in Kunstdarbietung wir nicht »freudig« mitmachen können, weil sie eben auch nicht freudig, das heißt nicht aus überschüssigen Lebensenergien heraus, den Spender selbst vor allem erlösend, geboten wur­den! Jeder erhält im Leben nur das zurück als Liebesgabe, was er opferfreudig-naturgemäß gespendet hat. So ist die Weltordnung. Man unterschätze ja nicht den amerikanischen Knockabout auf der Variétébühne. Er leistet freudig und fast spielend das Äußerste. Deshalb gewinnt man ihn Heb und wird selbst freudig erregt. Weshalb rührt, erfrischt, belebt uns die Natur so tief?!? Weil sie einfach alle ihre Er­zeugnisse wirklich vollendet leistet. Jeder Baum, jede Blume sind ein natürliches Akrobatenkunststück! Da wirken alle Kräfte von selbst mit, da ist der lähmende schlechtrassige »Wille« ausgeschaltet! Man kann zum Beispiel als Knockabout nicht wie ein »Schimpanse« wirken wollen; man muß es sein können, so daß man wirklich in Borneo in Lianenwäldern sich fast heimisch fühlte. Man darf nicht sagen: Ich will auf der Bühne einen »Schimpansen« kopieren; man muß bereits tausend heimliche Beziehungen zu diesem edlen, sanftmütigen Menschentiere besitzen. Das alles bei Gelegenheit der Dar­bietungen von Spissel Brothers and Mack, amerikanische Exzentriks im Etablissement Ronacher. Wiedererstandenes Grie­chentum an Kraft und Anmut stellt der Wunderathlet Paul Conchas dar. Dabei hat er einen komischen Partner, den man einfach direkt liebgewinnt, einen Partner voll Freundschaft und liebenswürdigster Gutmütigkeit und von zartestem Humor. Aus­gezeichnet, verblüffend ist Clement de Lion, Billardballmanipula­tor. Anne Dancrey hat eine sympathische Stimme und sehr schöne Armbewegungen. Überhaupt eine noble, echt französische Er­scheinung, ihre Walzer und ihre Art zu tanzen. Die Franzosen bleiben ewig ein »historisches Volk«. Sogar ihre Variététän­zerinnen haben nur »Tradition« aus vergangenen heldenhaften Zeiten, nie einen Ansatz zu vollkommen neuer Entwicklung. Ihr »Jupon« ist der Comble ihrer menschlichen Grazie. Sie haben eine »geniale Historie«, sie haben es nicht nötig, sich zu entwickeln, mit allem mitzugehen, was noch nicht erprobt ist auf seine absolute Solidität! So etwas können unaristo­kratische Organisationen wagen, die nichts zu verlieren, nur zu gewinnen haben, im Trubel der Welt! Aber der Franzose hat seine »heilige Geschichte« hinter sich; für sich; er läßt sich nicht ein auf Neuerungen, die noch nicht von opfermütigen Helden beglaubigt, signiert sind! Die Französin verläßt sich noch immer gläubig auf die Wirkung ihrer Jupons! Nun zum Schlüsse muß ich noch die wunderbare Kinematograph-Aufnahme erwähnen des Einzuges des Königs von England in Berlin. Ein Schaustück sondergleichen. Wie der Hochzeitszug im »Lohengrin« oder der Aufzug der Gäste im »Tannhäuser«. Eine kolossale »Regie«-Leistung des Lebens selbst auf der Weltenbühne. Man macht das große Pathos mit, das die Menschheit braucht; Begeisterung ist das »Ozon« der Seele. Es ist wie amerikanische Kriegsmärsche; man bekommt plötz­lich den Mut und den Willen, für irgendeine Sache in den Tod gehen zu wollen!


STADTGÄRTEN

Wien hat wunderbar gepflegte Stadtgärten. Aber weshalb sollte es nicht auch hierin »organische Entwicklungen« geben?! Ist es denn ein Vorwurf für das Bestehende, da man es doch eben genug lieb hat und schätzt, um ihm ein neues Werden, Wachsen zu vergönnen?!?

Es sollte vor allem mit aller und jeglicher Symmetrie gebrochen werden, ja man sollte ihr aus dem Wege gehen direkt. Sie hindert die Phantasie, einen Garten als Naturpark, als Urwald sich zu erträumen! Sie bringt uns den emsig bos­selnden spintisierenden Menschen, sie zeigt Gartentöpfe an, statt freier fruchtbarster Erde, man sieht Stricklineale und Riesenzirkel. Das Pflanzenbeet sei verbannt! Man verstreue die edlen Blumen auf den kleinen Wiesen, als ob sie von selbst wüchsen, wie auf allen anderen Wiesen die Blumen. Die Sym­metrie des Blumenbeetes zeigt uns die Armseligkeit eines Gartens! Die exzeptionellen Blumen, von selbst auf Wiesen gedeihend, nicht zusammengedrängt in einem abgezirkelten Beete, würden Gottes freie mysteriöse Natur repräsentieren 2 Wie schön ist z. B. im Stadtpark der kleine Farrenwald, bloß weil er die Natur selbst darstellt, die im feuchten Schatten dunkler Bäume reichlich Farren sprießen läßt, die wieder Dün­ger werden, wenn sie verwesen. Wie ein kleiner netter Urwald ist dieses Stückchen, und selbst die Bänke mit den Menschen stören fast nicht den Eindruck. Blumenbeete verhindern uns, es uns vorzuträumen, daß wir in der weiten freien Natur sind. Sie gemahnen uns stets, daß wir uns in einem Stückchen ein­gezäunten mühsam erhaltenen Gartens befinden! Wiesen mit unsymmetrisch verstreuten Pflanzen würden uns das nie antun! Sie bringen uns hinüber über unsere Zweifel. Ferner belebt Wasser jegliche Landschaft, macht sie mysteriöser. Weshalb also das herrliche Wasser, auf große Teiche, auf abgezirkelte, konzentrieren?!? Wässerlein sind geheimnisvoller als große Teiche! Weshalb nicht überall in den Wiesen, ganz, ganz un­regelmäßig, fast unverhofft, tümpelartige kleine Teiche an­legen, deren Umrandung kaum über den Boden hervorragt?! Wozu der störende harte »Bassinrand«, den die Natur nicht kennt?! Weshalb soll das kristallreine Wasser mit herrlichem Kieselgeflunker nicht fast in gleicher Höhe mit dem Boden stehen?! Weshalb immer und überall der Natur heimtückisch aus dem Wege gehen wollen?!? Bassinränder stören die Illu­sion. Die Quellen sollen verteilt werden auf hundert Quell­chen, die von ungefähr hervorbrechen und irgendwohin unver­merkt verschwinden, niemandem Rechenschaft gebend von ihrem Laufe im Garten. Wie wenn sie überall Segen spendeten und sich nirgends allzulange aufhielten, bewässernd, kühlend und verschwindend! Phantasie anregend! Und nun zum Schlüsse, weshalb nicht die Tierwelt benützen?! Weshalb immer und immer seit Jahrhunderten sich mit Schwan, Gans, Ente, Storch begnügen?! Es gibt doch phantastische Tiere?! Könnte man nicht in herrlichen Gebüschen dunkelgrüne Käfige postieren mit exotischen Vögeln, also daß man glaubte, sie seien da von selbst?! Oder an Bäumen aus Brasilien an niederen Zweigen glänzende Käfige aufhängen mit den Vögeln, die sonst wirklich hier nisteten?! Die »Herren über die Gärten« werden höh­nisch lächeln, statt ernstlich und dankbar nachzudenken! Es gibt nur diese zwei Wege in bezug auf Neuerungen für unsere dadurch irritierten Nerven: entweder lächeln oder ernst­lich werden! Lächeln ist bequemer, aber ernstlich werden, ist vornehmer!

Oberhalb des Badner Kurparkes befindet sich, vom Walde abwärts, ein ideal angelegter Park. Vom Walde aus kommt ein Wasserfall, der in viele kleinste Teiche auseinanderrinnt. Die kleinen Teiche sind höchst unregelmäßig, in die Länge gezogen oder verschlungen, mit Steinen und merkwürdigen Pflanzen umrandet, ganz flach, so daß man überall den Boden mit Kieseln oder Wasserpflanzen sieht. Es ist wie wenn der dunkle Waldquell in der sonnigen hellen Wiesenlandschaft heiter lächelnd sich verstreute. Ich kenne den Gartendirektor daselbst nicht, aber jedenfalls hat er der Natur ihre Natur gegönnt! Vom Wald floß Wasser und zerrann in den Wiesen . . .


DIALOGUE

»Eh bien, lequel vous plait le plus des deux?!?«

»L'écrivain me plait plus que le journaliste  –  –  –.«

»Tous les deux sont des journalistes, madame  –  –  –.«

»Ce n'est pas possible. Ils ont les mines tout-à-fait différentes  –  –  –.«

»Comment ca?!«

»Un journaliste peut tout écrire ce qu'il pense, c'est son talent! Mais l'ecrivain ne peut pas tout ecrire ce qu'il pense! Ce manque de talent, c'est son talent!«

»Et comment cela se mire-t'il dans les mines?!?«

»L'un est franc et ouvert, comme un marchand, qui a donné ses meilleures marchandises, l'autre est timide et de mauvaise conscience, parce qu'il a retenu en soi-même ses bijoux les plus précieux  –  –  –!«


DIE MITZI

Zwei kleine Cafétische, rund, in einem Eck, vis-à-vis voneinander.

Die Mitzi kommt, setzt sich an den einen Tisch.

Der Kellner: »Fräul'n Mitzi, wollen's nicht an Ihrem gewohnten Tischerl Platz nehmen?!?«

»Nein, hier bleib' ich  –  –  –.«

»Fräul'n Mitzi, Fräul'n Mitzi, dös hätten's net tun sollen, Gott, dös hätten's net tun sollen; dös ganze Lokal is auf  –  –  –. Geh'ns, setzens Ihnen an Ihren gewohnten Tisch und machens kane G'schichten  –  –  –. Wann Er kummt und dös merkt –!?«

»Bringen Sie mir ein Glas Tee halb mit Rum gefüllt!«

Kellner ab.

Der Fiaker Karl erscheint. »Fräul'n Mitzi, i kumm nur g'schwind herein, es Ihnen melden, der Herr Franz is im Lokal, er wird glei da sein  –  –  –.«

»Schau'ns daß abfahrn, kümmerns Ihna um Ihnere Gäul'.«

»Fräul'n Mitzi, sans nicht so leichtsinnig, mir haben Sie alle gern  –  –  –.«

»Warum soll i net leichtsinnig sein?! Wen kümmert das was?! Soll er kommen, der Herr Franz  –  –  –  –! Malheur!«

»Er wird stechen  –  –  –.«

»No wird er; Malheur  –  –  –!«

Der Fiaker entfernt sich.

Der Herr Franz kommt langsam, setzt sich an seinen gewohnten Tisch.

Er steht auf, kommt langsam, plump schwerfällig an den anderen Tisch, stützt den rechten Arm auf die Tischplatte: »Sö wollen allein sein?!?«

»Nein. Warum?! Keine Spur. Warum soll ich allein sein wollen?!? Lächerlich.«

Pause. Beide wie Raubtiere vor dem Morden.

»Sö wollen also nicht allein sein?!?«

Sie trinkt ihren Tee.

Pause.

»Sö wollen also doch allein sein?!«

»Ich bitte, gehen Sie an Ihren Tisch zurück, und belästigen Sie mich nicht      –!«

»Belästigen?!«

»Belästigen, ja, belästigen  –  –  –!«

Sie schaut ihn an wie eine stechende Kreuzotter, wutentbrannt.

»Seit wann belästige ich Sie, Fräulein?!«

»Seit lange schon  –  –  –.«

»Es wird nicht seit so lang her sein   –  –  –.«

»Oh ja, seit sehr lang her  –  –  –.«

»Es wird seit vorgestern sein, beim Fünfkreuzertanz im Prater  –  –  –.«

Sie lächelt perfid-höhnisch.

»Warum lachen Sie?! Sie, spül'n's Ihner net mit mir! Net sich mit mir spül'n, Mitzerl  –  –  –.«

»Ach was, gehen's an Ihren Tisch zurück und lassens mich in Ruh'. Tu' ich Ihner was, no also! Lassens mich ruhig meinen Tee trinken  –  –  –.«

Er geht an sein Tischchen zurück. Wie ein gepeitschter Tiger im Käfig.

Isabella kommt, bleibt zwischen beiden Tischchen stehen, schaut beide an.

Mitzi: »No, was steh'ns da?! Was gibts zu schauen?!«

Isabella: »Darf ich nicht da stehen?! Regen's Ihna net auf, Fräulein, Ihnen schau' ich eh' net an!«

Mitzi: »Freches Mensch!«

Isabella: »Wer is Ihr freches Mensch, wer?!?«

Franz: »Isabella, palisier! geh' weiter, was hast davon?!?«

Mitzi zu Franz: »Laßt du mich beleidigen?! Wann ich an deinem Tisch sitz'?!?«

Franz: »Laß sie, sie hat dir nix tan, was kümmert sie dich?!«

Isabella geht ab.

Mitzi: »Mir scheint, die fliegt auf Ihna, die blattersteppige Funzen, und Se protegieren sie noch. Wanns noch amal herkommt, kriegt's a Watschen! So a schieche Luder, wanns wenigstens nach was gleich sähert  –  –  –!«

Pause.

Beide trinken Tee mit Rum.

Isabella kommt wieder, geht an den Tisch der Mitzi heran, sagt laut – deutlich: »Fräul'n Mitzi, der Herr Poldl von vorvorgestern, vom Fünfkreuzertanz im Prater, is draußen. Er schickt mich herein, Ihnen die Post zu sagen, daß er verabredetermaßen draußen auf Sie wartet  –  –  –.«

Die Mitzi blickt sie haßerfüllt an, beginnt dann bitterlich, bitterlich zu weinen.

Franz: »Wein' nicht, Mitzerl, mir gehören zusamm'! Schau'n's daß abfahr'n, Sie Koberin (Kupplerin), richten's uns keine Posten aus! Es wird doch noch eine Anständigkeit geben in dera Welt  –  –  –!«

Mitzi steht auf, gibt der Isabella eine Watschen (Ohrfeige)   –  –  –.


KINEMATOGRAPH-THEATER

L. L. gewidmet


Er lud sie ein, mit seinem Passepartout für zwei Fauteuils, in das Kinematograph-Theater, Graben 17. Es wurde ganz finster, und im elektrischen Strahlenbündel, das die Bilderfläche grell beleuchtete, sah. er ihr allerherrlichstes Profil von der schwarzen Tuchtüre des Notausganges sich scharf abheben! Er sah »Messina in Trümmern«, er sah die im Laufe zu Tode gehetzten »Marathon-Jünglinge« in London, er sah das Märchen von Pérault, in dem der häßliche Prinz durch die Treue der dummen Prinzessin schön, die dumme Prinzessin hingegen durch die Treue des Prinzen weise und sogar geistreich wurde! Er sah die schrecklichen und grotesken Abenteuer eines Ruderers, der nicht rudern kann, und der sogar ein Wehr herabschießt, wo ihm das verfolgende herrliche Motorboot nicht mehr folgen kann! Er sah die reizend-interessante Belgische Spitzenklöppelschule! Er sah »Australien«! Er sah das furchtbare Schauspiel »Im Morgengrauen«, in dem ein zärtlichster Vater auf der Jagd zufällig sein geliebtes Söhnchen erschießt!

Aber immer blickte er auf dieses geliebte allerherrlichste Profil, das sich im Strahlenbündel des elektrischen Lichtes von der schwarzen Tuchtüre des Notausganges mystisch abhob, als wollte es betonen: »Siehe, ich bin für dich dennoch wichtiger, wert-voller, ergreifender, als alle merkwürdigen Ereignisse der Welt!«

Nur einmal verschwand das Profil. Als man auf einer »Straußenfarm in Australien« den Strauß einfing, ihm eine schwarze Kappe über den Kopf zog, und ihm die herrlichen Federn rücksichtslos auszureißen begann, da verbarg sie erschreckt ihr Antlitz in ihren aristokratischen Händen..

In diesem Augenblicke war er tief ergriffen, ihr Profil nicht mehr zu sehen, während zwei lange wunderbare Straußfedern von ihrer herrlichen Pelzmütze über ihre rechte Schulter herabwallten  –  –  –. Er fühlte: »Mögest Du mit den Männern, die Dich vergöttern werden, ebenso zartes Mitleid haben wie mit den Straußen auf den Australischen Farmen! Aber Du wirst es nicht!«


EINE BUCHBESPRECHUNG AUF UMWEGEN

Doktor Egon Friedell sagte vor einigen Tagen zu mir: »Apropos, der arme Gustav Macasy, der vor zwei Jahren, erst vierunddreißig Jahre alt, in Mödling bei Wien gestorben ist, hat doch viel und freundschaftlichst mit dir verkehrt. Ja, weißt du denn nicht, daß er ein überaus wertvolles Buch geschrieben hat: ›Die Chronik von Dirnau‹?!« Ich sagte, daß ich nur den Titel hätte nennen gehört, sonst nichts weiter darüber. Da sagte Doktor Egon Friedell: »Du mußt unbedingt dieses Buch anpreisen, unbedingt! Es ist eine künstlerische Verpflichtung!«

Ich ließ es mir also vor allem vom Verleger Herrn C. W. Stern schenken, der damit keinerlei Geschäft gemacht hatte. Als ich aber dieses umfangreiche Buch besaß, sagte ich zu meiner Freundin, auf die ich mich geistig unbedingt verlassen kann: »Du, da ist ein viel zu dickes Buch eines verstorbenen Freundes von mir, der mir wiederholt herrlichste Solokrebse gespendet hat, da er ein fanatischer Krebsliebhaber war. Bitte, lies es statt meiner und schreibe du darüber: es ist jedesfalls dann meine eigene Meinung!« Und so setze ich hier das Referat hin, das meine Freundin für mich geschrieben hat, über: ›Die Chronik von Dirnau‹, das Buch meines verstorbenen Freundes Gustav Macasy aus Mödling bei Wien, eines bescheidenen und jedenfalls tief talentierten Schriftstellers:

»Es ist eigentlich die Chronik des Lebens überhaupt, denn alle Gemeinheiten und Verbrechen, die man sich ausdenken könnte, sind hier zusammengedrängt in der einfachen Beschreibung aller Ereignisse im Dorfe Dirnau. Vielleicht ein ›Hintertreppenroman‹, in dem eine Unzahl von Morden, Selbstmorden, Ehebrüchen und Blutschande stattfindet, und dennoch ergreifend und den Eindruck höchster Wahrscheinlichkeit erweckend. Man ist nicht überrascht von der Gemeinheit der Menschen. Man findet es selbstverständlich.

Der vertrocknete, geldgierige Krämer Ameder, der unter den Sorgen um seine vierzehn Kinder zusammenbricht. Der großmäulige Bäcker, der, im Einverständnis mit dem Liebhaber seiner Frau, sich jahrelang seelenruhig betrügen läßt, dann plötzlich von rasender Eifersucht erfaßt wird, sie langsam vergiftet und sich selber in ihrer Todesnacht erhängt. Die von ihrem Vater mißbrauchte, zur Dorfhure gewordene Minka – verdorben, und dennoch eine merkwürdige Märtyrerin. Und die anmutige, mit sich selbst so freigebige Tochter des alten komischen Obersten. Ein Bruder, der mit seiner Schwester diebische, verbrecherische Kinder zeugt. Der eifernde, angeblich ›vom Willen Gottes beseelte‹ Schmied Widernoch, der sich ›berufen‹ glaubt und dann tagelang in wilden Wäldern und Bergen herumirrt und so dem ›heiligen Geiste‹ näher zu kommen wähnt. Lauter Spitzbuben, Diebe, Gauner, Betrüger und Selbstbetrüger, und als Gipfelpunkt der Gemeinheit ein widerliches altes Weib, das entsetzliche Gespenst des Dorfes, die Hexe Kurila, die sich an diesen aufgestapelten Sünden ihrer Mitmenschen berauscht und ihr Gift überall wieder ausspritzt. Das ist das Dorf Dirnau.

Und dennoch sind es Gespenster, die vielleicht in jedem von uns latent vorhanden sind, wenn auch zufällig durch Erziehung, Kultur, Konvention und bessere Lebensstellung unterdrückt. Die Skelette, befreit von dem trügerischen rosigen Fleisch der Gesundheit und des Wohllebens. Angefressene Knochen und grinsende Totenschädel. Das ›Wesentliche‹, hahaha, des Menschlichen !

In jeder Familie, in jeder Gesellschaft, im Kaffeehaus und im Restaurant, am Stammtisch, überall könnte man die Bewohner des Dorfes Dirnau entlarven, die unter der Maske friedlicher Bürger, vertrauender Ehemänner und sanftmütiger Frauen ihre Sünden verbergen.

Man wird an den Ausspruch Goethes erinnert: »Wenn ich die verschiedentlichen Verbrechen in den Tageszeitungen lese, habe ich die Empfindung, daß ich fähig wäre, ein jegliches davon zu selbst begehen!«

Gustav Macasy durchschaute sie und fixierte die Röntgenstrahlenphotographie. Obzwar er im Alter von vierunddreißig Jahren, wegen seines frühzeitigen Todes allgemein besonders bemitleidet, starb, dürfte der Abschied von dieser herrlichen Welt voll edler Menschen, deren Gemeinheiten er schon so gründlich erkannt hatte, ihm nicht allzu schwer geworden sein – es sei denn wegen seiner Vorliebe für Solokrebse, die er leidenschaftlich gern gegessen haben soll –.«


ER ENTLASTET SEIN HERZ DURCH APHORISMEN

Er schenkte, auf mein dringendes Zureden, der süßen jugendfrischen Kapellmeisterin der Damenkapelle zwei Rosen durch mich. Er fragte: »Wie hat sie es also aufgenommen?!«

»Das werde ich dir erst bei der 70. Rose sagen können«, erwiderte ich.


* * *


Die allerwenigsten Menschen richten sich nach Tolstois Ausspruch: »Wirf deine Seele wie edle Samenkörner hinter dich ins Erdreich, wo es auch sei, und blicke dich nicht ängstlich um, ob es auch aufgehe  –  –  –«! Es geht auf, aber vielleicht erst nach deinem Tode, Sämann!


* * *


»Ich habe gesät und geerntet zugleich,« dachte ein Mann, als er einem armen Kinde auf der Straße einen mechanischen Blech-Hampel­mann kaufte. »Ich habe fast ein Wuchergeschäft gemacht nur mit einer Krone 50!«


* * *


Frauen sind gar nicht gern dankbar, ja, es verletzt sie, dankbar sein zu sollen. Sie erträumen es sich in ihren romantischen Herzen, daß man alles für sie aus »unüberwindlicher Notwendigkeit« leisten müsse! Lassen wir sie doch bei diesem »schönen Irrwahn«. Sie verstehen das jedenfalls leichter, als die dunkle Poesie unserer »tragischen Opferfähigkeiten!«


* * *


Hysterie ist Überempfindlichkeit. Man erschaut einen dunkelgrünen Baum mit hellgrünen Rispen im abendlichen Garten, wird träumerisch und macht ein Gedicht: »Aralia Chinensis«. Gesund sein heißt nur, an dem herrlichen Bäumchen gleichgültig vorüberwandeln können! Aber ist diese Gesundheit die Gesundheit wert?!?


* * *


Sahet Ihr, Hastende im Leben, zuweilen den Blick einer edlen Dame, wenn sie sich ganz ganz unbemerkt glaubte?! Wie ein Dichter ist sie da, der seine Gesänge stumm vergraben hielte in seinem weltenscheuen Herzen  –  –  –!


* * *


Die Frauen brauchen immer 20; und einen Ernährer! Lieber wäre es ihnen freilich, einer und 20 Ernährer! Aber das kriegen die dummen Ludern nicht fertig!


* * *


Zu meiner Karikatur von Karl Hollitzer: Sind wir denn nicht alle nur Karikaturen jenes Organismus, den Gott und Natur eigentlich mit uns vorhatten?!?


* * *


Die Frau wird das, was wir von ihr glauben! Da erhält sie edle Kräfte, dem nachzukommen! Traurig schrumpft sie ein, verwelkt, im Angesichte der Ungläubigen! Sie wird sie nie bekehren, denn es fehlt ihnen die gottähnliche Glaubekraft!


* * *


Verlange von einer Frau nur eine einzige Anständigkeit – anständig sein zu wollen! Denn von selbst ist es keine! Weshalb auch?!? Ihr guter Wille allein schütze uns! Beten wir Unglücklichen also nur um diesen!


BLUMEN

(H. M. gewidmet)


Das Geld war ausgegangen nach 14 Tagen opferfreudigen, heldenmütigen Lebens für den alten, kranken Dichter. Sie mußte, zu Tode erschöpft, zurück in die große ferne Stadt. Sie ließ ihm auf dem Fensterbrett zwei gelbgrüne Hyazinthen zurück, die dem kleinen Zimmer einen Gartenduft verschafften. Er hielt es für überflüssige Sentimentalität, in diesen schweren Zeiten in jeglicher Beziehung. Aber siehe da, immer wandte sich sein Blick vom Bette aus, in dem er krank und zu Tode erschöpft lag, den beiden gelbgrünen Hyazinthen zu. Er stand wiederholt auf, gab ihnen frisches Wasser zu trinken, bis die Erde genug hatte und mehr nicht schlucken konnte  –  –  –.

Und er schrieb in die große ferne Stadt: »Deine zwei Hyazinthen verursachen mir große Mühe. Ich kann sie doch nicht absterben lassen! Daher muß ich begießen und betreuen  –  –  – Es ist ähnlich wie mit Euch! Und dennoch, wenn sie verwelkt sein werden und kein Wasser mehr benötigen werden aus meinem Kruge, werde ich sehr betrübt »ein, sehr! Es ist wie mit Euch!« Und sie schrieb zurück: »Und meine Seele wird für dich blühen, auch wenn du sie verwelken und verdursten lassen wirst! Keinerlei Sorge! Wir haben mehr Kraft als die Blumen  –  –  –.«


MÄRCHEN DES LEBENS

6. März 1909


Wir haben jüngst aus Zala-Egerszeg gemeldet, daß der 16jährige Lehrling Josef Kondor des Rauchfangkehrermeisters Josef Stefanerz in grausamster Weise ermordet, in der Wohnung seines Meisten aufgefunden wurde. Er mußte direkt absichtlich zu Tode gefoltert worden sein, und man hat ihm sogar einen raschen Tod nicht gegönnt! Die Untersuchung stellte fest, daß die Mörderin das 17jährige, bildhübsche Stubenmädchen des Meisters, Marie Zsoldas, ist. Sie hat die raffinierte Exekution des unglückseligen Lehrlings auch bereits eingestanden, und gibt als Motiv ihrer Tat an, die Furcht, der in sie irrsinnig verliebte junge Lehrling könnte in seiner Verzweiflung dem Meister, der Marie Zsoldas wie sein angenommenes Kindchen edelmütigst behandelte, alle ihre sträflichen Liebesverhältnisse mit allen und jedem verraten  –  –  –. Sie versuchte es eine Zeitlang, den jungen Sohn des Rauchfangkehrermeisters, eine Art von melancholischem Idealisten, als Mörder des Lehrlings hinzustellen wegen Eifersucht in bezug auf sie; aber plötzlich ließ sie alle Masken fallen und gestand.

Ich bin kein Moralist, aber einem Reptil gegenüber gibt es doch nur drei vernünftige Standpunkte: Ich trete ihm den Kopf ein, Nr. 1. Ich fliehe es, Nr. 2. Ich sperre es ein, nütze es aus, und vermeide dennoch alle Gefahren! Nr. 3. Zu dieser dritten Methode gehört Intelligenz; aber die hat niemand!


IDYLLE

Geliebtester, gehen wir doch ein wenig In dieses Geschäft, in dem diese junge Verkäuferin bedient, die dir so gut gefällt.

Ich weiß es ja, daß du es gerne möchtest    .«

»Nein, Liebling, wirklich nicht, es war eine vorübergehende Impression. Du bist so gütig, so nobel zu mir  –  –  –.«

»O, bitte, wir gehen hinein, tue mir die Ehre an, es mir aufzubürden! Tue mir doch diese Ehre an  –  –  –.«

»Nein. Ich habe keinerlei Interesse. Gehen wir  –  –  –.«

Rotwangig, glückselig hing sie nun an seinem Arme, ging leichtbeschwingten Schrittes  –  –  –.

Zwei Stunden vorher war er allein in dem Geschäfte gewesen bei der süßen Verkäuferin  –  –  –.


ÜBER DIE UNORDNUNG

L. L. gewidmet


»Ich begreife es nicht, Peter, weshalb diese unbeschreiblich anmutige und süße Person so oft abgetretene Stiefelabsätze, Flecken auf dem aparten Gewände hat und überhaupt oft so ungepflegt aussieht?!«

»Und dennoch ist gerade das ein Zeichen ihres besondern Wertes! Die Natur gibt einem jeden durch den unbewußten Selbsterhaltungstrieb das an, was er zu befolgen hat, um durchzukommen im Dasein! Der besondere Organismus hat es daher nicht so nötig, die kleinlichen Gesetze des Zusammenlebens unter seinesgleichen, die eben gar nicht so sehr seinesgleichen sind, zu respektieren. Er hat das unbewußte Empfinden, auch so durchzukommen mit seinen Kräften, wenn auch ein wenig schwieriger! Nur die armselige Organisation richtet sich sklavisch in ihrem Äußeren und Inneren peinlich genau nach allen »Erfordernissen«, denn sie hat Angst, das böse Urteil herauszufordern, da nichts besonders Vorteilhaftes dem entgegenzustellen wäre! Die minderwertigsten Hände sind stets die wohlgepflegtesten, manikürtesten; denn sie haben gleichsam nicht das Recht auf Ungepflegtheit, auf »Unordnung« ! Ein schöner Fuß kann sich Socken für fünfzig Heller leisten und zu weite äußerst bequeme Schuhe. Er weiß von seinem »innern Adel«, seinem nacktem Werte! Wer ängstlich Ist um sein »äußeres Verhalten«, weiß nur zu genau, weshalb er es so empfindet. Er möchte in der kompakten Menge untertauchen, verschwinden, weil er aus ihr hervorzuragen nicht die Kräfte spürt!

Ich bin für abgetretene Schuhabsätze, für Flecken auf aparten Gewändern, für ungeordnete Frisuren, für Besätze, die sich loslösen, für Knöpfe, die nicht vorhanden sind. Man kann sicherlich ein sehr besonderer Mensch sein, und dennoch sehr nett und à quatre épingles. Aber jedenfalls hat »Unordnung« etwas vom »göttlichen Leichtsinn« an sich. Es ist nur dem wirklich verliehen, der mit andern Dingen wieder die sogenannte »beleidigte Menschheit« versöhnen kann!«


EIN TAGEBUCHBLATT EINER JUNGEN DAME
DER GESELLSCHAFT

Fräulein Minnie B. gewidmet


Man kann nur denjenigen Mann wirklich lieb haben, der jene Höhepunkte in uns erkennt, die wir selten oder nie erreichen! Nur wer unsere in uns schlummernden Idealzustände errät, enträtselt, hat uns wirklich lieb! Wer sich begnügt mit unserem täglichen, stündlichen, armseligen Sein, kann uns nie wirklich liebgewinnen! Da werden wir zu Eintagsfliegen seiner Neigung! Wer uns in sich selbst nicht austräumen, nicht ausdichten kann, zu unseren eigenen leider unerreichten Idealen, wird heute oder morgen enttäuscht werden von unseren alltäglichen Unzulänglichkeiten! Nicht was wir sind, darf man an uns lieben, sondern was wir unter gütigstem Schicksale eventuell hätten werden können! Seine Trauer um unsere Armseligkeit sei seine Liebe! Denn er wisse, daß auch wir es betrauern!

Nur die Genies unter den Menschen haben die Kraft, trotz allen Gefahren sie selbst zu werden, restlos! Wir aber sind darauf angewiesen, daß andere uns in ihrer eigenen Seele ergänzen zu dem, was uns zu unserem Idealzustande fehlt! Deshalb allein eigentlich haben wir das tiefe Bedürfnis, geliebt zu werden! Da wir selbst nicht vollkommen sein können, ersehnen wir uns einen, der unsere mögliche Vollkommenheit in uns erschaut, wie ein Seher, ein Prophet, ein Verkünder! Deshalb hängen wir uns an ihn, weil er etwas von uns sieht, was noch nicht da ist, und was niemand sieht und dennoch vorhanden ist, für den genialen liebevollen Er-späher!!! Er sieht in uns, was wir für ein eventuelles Töchterchen uns selbst erträumen!

Wir haben eigentlich nur den wirklich lieb, der an das in uns glaubt, was zwar tatsächlich in uns vorhanden ist, aber zu zart ist, um im brutalen Leben je zur Entwicklung zu kommen! Gott hat um Frauen eine überzarte Dichterseele mitgegeben. Wir unterdrücken sie, zerstören sie sofort aus praktischen Gründen. Was nützte uns denn auch unsere Dichterseele?!? Und dennoch haben wir nachträglich nur jenen Mann gern, der sie wieder in sich selber aufleben läßt  –  –  –!

Einen, der unseren in uns noch leise klagenden Idealen lauschte! Einen, der trauerte um uns, wie wir selbst es eigentlich um uns tun!

Gott erträumte sich uns schön, anmutig, zartfühlend, sanftmütig, selbstlos,  –  –  –; aber der Mann des Lebens nimmt mit allem vorlieb. Da werden wir denn: dumm-eitle Gänse! Brauchen wir mehr zu sein für diesen?!? Und das ist noch viel zu viel für diesen Idioten, der auf die Ideale verzichten kann!


DIE LIEBE

L. L. gewidmet


Weißt du, was lieben ist?!?

Wenn man vor innerer Zärtlichkeit vergeht  –  –  –;

wenn man ein Späher, Lauscher wird nach dem, was sie sich flüchtig, launisch, nur, ersehnt Im Übermute ihrer Kindlichkeiten  –  –  –;

wenn man sie krank wünscht, um die Sorgfalt der Minute zu verhundertfachen           –  –  –;

wenn man den Atem eintrinkt, der bei ihrem Sprechen unwillkürlich dich berührt  –  –  –;

wenn man bereit ist, stets zu weinen, wie ein gekränktes Kindchen, wegen nichts  –  –  –;

ein Herz-Gefäß, das überquillt von süßen Leiden; die Zärtlichkeit tropft aus, tropft über  –  –  –;

wenn der Geruch von ihrem Wäschekasten dich belebt, wie andre noch nicht einmal Semmering-Wälder  –  –  –                    

und wenn du ihr gebrauchtes feuchtes Handtuch inbrünstig an die Lippen drückst  –  –  –;

wenn du die Haarnadel aus ihrem Haar sorgfältigst aufbewahrst, und deren Duft verspüret, der nicht mehr ist  –  –  –;

wenn dich ihr Blick erschüttert wie Musik  –  –  –;

wenn du dich als Selbstlosen, los vom Selbst, erst ganz lebendig fühlst  –  –  –

Dann liebst du! Früher nicht!

Sei sparsam mit dem Wort »Ich liebe dich«, und achte es, wie nichts auf Erden!


DIE JUNGFRAU VON ORLEANS

Ich finde in dem Extrakte »Hebbel« von Dr. Egon Friedell, Verlag Robert Lutz in Stuttgart, 1908, folgenden Satz Hebbels: »Johanna durfte unter keiner Bedingung über sich selbst reflektieren, sie mußte, wie eine Nachtwandlerin, mit geschlossenen Augen ihre Bahn vollenden  –  –  –.«

In einer alten französischen Chronik fand ich den Bericht, daß Johanna d'Arc niemals die Anzeichen der »natürlichen Reife« in ihrem ganzen Leben gehabt habe  –  –  –.

Also war sie wirklich »naiv« geblieben, hatte er niemals erfahren und erlebt, aus der heiligen Kindheit und ihren genialen Intuitionen herausgetreten zu sein in eine neue Welt, die unbedingt unsicher macht, beklommen und aufmerksam auf düstere Rätsel  –  –  –!

Aber durch dieses Beisichbehalten aller seiner jugendlichen Lebensenergien, durch dieses Denvierwochenturnus-Überwindenkönnen der Frauenhaftigkeit, entsteht in einem genialen Organismus (denn das ist die Voraussetzung) eine ungeheure schwärmerische Kraft, Exaltation in Gehirn und Seele zugleich, vor allem maßlose Opferfreudigkeit! Alle ersparten Lebensenergien strömen eben nach oben, verwandeln sich in Empfindungen, konzentrieren sich zu exaltierten, zu exzentrischen Taten! Der Frau, die ihren kleinen Kreislauf nicht erfüllen kann der persönlichen Liebe zu einem meistens minderwertigen Einzelmenschen, erwachsen eben die Kräfte, sich einem ganzen Vaterlande opferfreudig liebevollst zu ergeben!

Deshalb hat Hebbel so sehr recht, von einer Figur wie Johanna d'Arc, absoluteste, ungestörteste Naivität zu verlangen, die ihr Schiller eben leider nicht angedeihen lassen konnte! Die geniale Jungfrau, die von der Natur und dem liebenden

Manne nicht in die normale Betätigung ihrer Lebensenergien eingezwängt wird, folgt naiv, ohne ihren eigenen Willen, den höheren Plänen der Natur und opfert sich für Tausende, für ein ganzes nach Erlösung lechzendes Vaterland!

Die Menschheit verträgt aber naturgemäß nicht die genialen Organisationen mit ihren überschüssigen Lebensenergien. Es wird ihr eben zum demütigenden, verletzenden Spiegelbilde ihrer eigenen allzu geringen Energien!

Eine Frau, die sich in Sorge um einen zumeist wertlosen Mann und Haushalt und vielleicht minderwertige Sander täglich verbraucht, erschöpft, ausgibt, verträgt nicht eine Jeanne d'Arc, die einem ganzen Vaterlande sich freudig opfert! Es gibt einige Medizinen für diese demütigenden Gefühle der Normalmenschen. Diese heilenden Worte sind: Hysterie, Verrücktheit, Überspanntheit; man versucht es, damit seine eigenen Armseligkeiten zu entschuldigen! Nein, die Kuh ist wirklich niemals hysterisch, überspannt und verrückt! Sie nimmt zur gegebenen Zeit den Stier an, kalbt, gibt Milch. Sie wird sich nicht aufraffen zu großen Taten. Man kann es von ihr auch füglich nicht verlangen. Sie ist eine anständige normale Kuh! Aber Jeanne d'Arc hatte niemals die Anzeichen des normalen Weibchens; daher konnte sie es unternehmen, sich einem ganz verzweifelten Vaterlande mit ihren unverbrauchten Kräften zur Verfügung zu stellen! Die Menschheit rächte sich an ihr, indem sie sie lebendig röstete. Man hat eben nicht gerne Organisationen, die einem ununterbrochen beweisen, wie armselig man selbst eigentlich sei!


FRÜHLINGSANFANG

Die fette braune Erde im Schönbrunner Parke wurde vorbereitet für die Blumenbeete. Das Fräulein sagte, es wäre schöner, als wenn sie schon da wären, die Blumen! Man bereitet geheimnisvoll die Pracht vor! Der Luchs jedoch war bereits im Freien zu besichtigen, der wilde Esel und die possierlichen Waschbären. Man fühlte: »Die halten jede Witterung aus. Es sind abgehärtete Tiere. Die brauchen kein Thermometer, um zu leben!« Ebenso die Geier, Adler und Falken. Ebenso die Schwäne und Enten. Man braucht sie nicht zu schonen. Sie gedeihen Gott sei Dank in jeglichem Wind und Wetter.

Also eigentlich vorgeschrittene Existenzen, die nicht zerrüttet werden von äußeren Umständen! Aber die dummen Menschen fürchten den herrlichen Märzwind, gehen noch eingehüllt wie in Winterszeiten! Äußeren Umständen untertan!

Wie sehen die Kinder der reichen Leute aus?!? Von vergifteter Stubenluft bleich und müde!

Luft, Luft, Luft  –  –  –. Aber das wollen sie nicht verstehen, diese Verbrecherischen! Luft, auf jede Gefahr hin! Weshalb setzt sich da der Arzt nicht ein?!? Weil es ihn nicht interessiert . Er wird bezahlt für Erkrankungen!

Im Schönbrunner Parke steht das grüne Glashaus, das eine Million Kronen gekostet hat.

Da trittst du ein in die »tropischen Wälder«. Wozu braucht man also zu reisen?!? Hier befindet man sich im »tropischen Amerika«. Diese exzeptionelle Vegetation im warmen Dunste! Die Riesen unter ihnen drohen die riesenhohe Glasdecke zu durchbohren.

Draußen bläst der Märzwind, besonders vor Sonnenuntergang. Da friert es direkt in den Fingern und Zehen. Im Glashause gedeihen die tropischen Gewächse. Der Luchs ist noch im Freien und der wilde Esel. Sonst niemand.

Im Glashause gedeiht der Papyrus  –  –  –.

Die Dame machte feine Bemerkungen über alle diese merkwürdigen Ereignisse. Aber auch sie friert tüchtig. Da führte sie der Herr sorgsam in das liebe Caféhaus am Platze, um heißen Tee zu trinken. Sie sagte: »Es ist nun auch hier wie in einem Warmhaus, wie im tropischen Amerika! Du bist nämlich so sorgsam zu mir in diesen Märztagen. Es ist wirklich vielleicht ein Frühlingsanfang  –  –  –.«


VICTOR ADLER

Chef der Wiener Arbeiterzeitung.

(Zum 29. Juni, seinem 50. Geburtstage, 1902!)


Es gibt nichts Rührenderes, nichts tragisch Merkwürdigeres als jene sparsam in die Welt gesetzten Exemplare, die, gleichsam abnorm, ohne eigenes Ich, die »Individuum gewordene« Menschheitsseele selbst sind. Einer, siehe, wird geboren, geht seine leichten Wege, geleitet von seinem nie versagenden Selbsterhaltungstriebe, der ihn gleichsam unter seine schützenden Fittiche ewig nimmt. Aber plötzlich erscheint einer im Leben, unbeschützt und unbetreut, ohne Selbsterhaltungstrieb, gleichsam ausgeliefert von vornherein den Tragödien des Daseins! Denn er ist, vielleicht zu seinem eigenen traurigen Erstaunen, kein sich selbst erhaltendes Individuum, sondern, losgelöst vom Bleigewichte seines Ich, die tönend gewordene Menschheitsseele selbst! Was er denkt, ist der Gedanke von Millionen, die noch nicht denken dürfen; was er fühlt, ist das Fühlen von Millionen, die noch nicht fühlen dürfen; was er spricht, ist die Sprache von Millionen, die noch nicht sprechen dürfen; was er tut, ist die Tat von Millionen, die noch nicht handeln dürfen! Er selbst ist ohne Selbsterhaltungstrieb geboren. Wie die Mutter für ihr Kind augenblicklich in jede Lebensgefahr sich begäbe, befreit vom schützenden, vom lähmenden Selbsterhaltungstriebe, so gibt es Menschen, die dasselbe unentrinnbar leisten müssen für ihr geliebtes Kind, die Menschheit! Alle süßen Zärtlichkeiten, alle adeligen Selbstlosigkeiten, alle guten voraussichtigen Pläne haben sie für dieses geliebte Kind, möchten nächtelang wachen, sorgen, weinen an dem Bette des kranken Lieblings!

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So sorgt sich väterlich Victor Adler, der nun 50 jährige, am Krankenlager dieses geliebten kranken Kindes »Menschheit«, unermüdlich seine Liebe spendend, seine werktätigen Zärtlichkeiten, hoffend, zagend, erflehend, ängstlich spähend nach einem Symptome der Genesung!

Mögen wir vor diesen zärtlichen väterlichen Betreuern dieses unmündigen süßen Kindleins »Menschheit« hie und da andächtig verweilen, wir, mit unserem rastlosen brutalen und unnützen Selbsterhaltungstriebe!


MARIA ELISABETH

Seine Freunde, die durch den übertriebenen und an katholische Mystik erinnernden Kultus der jungen Dame für den Dichter auf die Dauer irritiert wurden, und verlegen vor allem angesichts einer Verehrung, deren sie aus mannigfachen Gründen nie teilhaftig werden könnten, sagten zu ihm: »Das Langweiligste von der Welt ist, geliebt zu werden  –  –  –. Wozu braucht man es? Es ist alte Schule  –  –  –.«

»Jawohl,« erwiderte der Dichter. »Aber keineswegs langweilig ist es, wie von einer liebreichen All-Versteherin Mutter erkannt und danach behandelt zu werden! Eine, die alle grausamen, heimtückischen und stupiden Auffassungen der andern über unser Wesentliches in uns auslöscht, wegtilgt, momentan aus der Welt schafft durch ihre edel-milde, gottähnliche, sanfte Gerechtigkeit uns gegenüber, und die uns noch überdies als Belohnung und Anerkennung einen jungen, hingebungsvollen, blühenden Leib zur Verfügung stellt! Eine Schwesterliche, zärtlich Schwesterliche im Gemüte, eine Mütterliche, mütterlich Besorgte und Verständnisreiche, und dabei zugleich ein junges, blühendes Weib! Das ist nicht langweilig, sondern verhilft uns dazu, ›Wir selbst‹ zu bleiben in mancherlei Gefahren!«

Da schwiegen seine Freunde. Denn die Wahrheit hat die Kraft, die Heiden und Pharisäer verstummen zu machen.

Und später verlor er die schwesterlichste, mütterlichste Geliebteste, an einen Mann des realen »Lebens« natürlich. Und einmal traf er sie mit einem süßen Kindlein, dessen Kinderwagen sie im sonnigen Parke schob, zur Mittagszeit.

Da sagte sie zu dem Dichter: »Du warst mir einst alles:

Vater, Bruder, Geliebter, Kindchen zugleich  –  –  –. Aber

bei den anderen Männern wird es verteilt, sie können nicht sämtliche Gefühle in uns zum Erblühen bringen kraft ihrer Seele; deshalb schenken sie uns geordnete Verhältnisse, soziale Position und ein legales Kind, überschütten uns mit Sorgfalt und Rücksicht; sie wollen eben mit aller Kraft den Dichter zu ersetzen suchen, von dem sie es ahnen, daß er alles zusammen in seiner Seele birgt, was wir zu unserem innersten Glücke brauchen  –  –  –.«

Aber die Freunde des Dichters sagten: »Siehst du, sie hat dich doch stehen gelassen, deine exaltierte Schwärmerin, und hat einen andern geheiratet!«

»Scheinbar!« erwiderte der Dichter. Worauf sich ein ungeheures Gelächter erhob im Freundeskreise.


BRIEF AN DIE SPANISCHE TÄNZERIN
MARIA MARAVIGLIA

Maria Maraviglia,

toutefois que je vous vois danser, je dois retenir mes larmes. Et pourtant mon amie me dit un soir de la représentation:

»Tu pleures  –  –  – «! »Non«, répondis-je, »je ne pleure pas!« »Si« dit-elle, »moi seule, je le vois! Quand même personne ne pourrait s'en apercevoir!«

Tous vos mouvements, jeunesse rayonnante, et pourtant débile, comme née que pour un ou deux jours, tous vos mouvements sont d'un charme unique, exhalants votre personnalité, comme une fleure exotique exhale nuit et jour son parfum mystique. Vos yeux aimés sont si tragiques comme s'ils disaient à voix basse: »La vie est dure quand même  –  –  –!«

Vos yeux ont l'expression de poètes désenchantés de la vie et de tout! Il faudrait vous caresser comme une jeune mère caresse son adorée fillette; il faudrait pouvoir pleurer quand la chose la plus insignifiante du monde vous manquerait! Vous êtes comme une fleure tendre et presque pas disposée à vivre; comme un oiseau qui essayerait i chanter, murmurait, et se tairait soudainement, sans cause visible! »II faut danser la nuit et gagner de l'argent! La nuit, au lieu de dormir depuis 9 heure dans son petit lit paisible  –  –  –.«

Vous êtes une victime, Maria; de quoi?!? De tout! De l'univers entiers et de sa constellation cruelle et fatale! Cette lettre exagéré, dictée par un coeur exagéré plus encore, ne pourra presque pas vous procurer même un fugitif et soudain sourir! Mais peut-être qu'un autre, en lisant ces mots d'un cœur profondément ému de votre personnalité »Maeterlinck-quiess­que«, commencera tout à coup à comprendre, que ce n'est pas seulement une quelconque »jeune danseuse Espagnole«, à laquelle il avait fait la cour passagère! Un diamant, et non un cailloux! Je voudrais que de riches et nobles jeunes gens vous protègent, comme on protège dans une volière magnifique et apprêtée à tous les besoins, un rare et par trop sensible oiseau! Eh, voilà, je ne vous souhaite ni plus ni moins qu'un milliardaire Américain doué de l'âme hystérique d'un poète Allemand!

Dans cette atmosphère, chérie et débile femme, vous pourriez vivre, peut-être! Etre heureuse?! Nulle part! Mais vivre, vivre! Ne pas galopper vers l'abîme! Je vous adore  –  –.


»GENTLEMAN«

Eine »Szene« in 5 Minuten


Das reizende Stubenmädchen: »Gnädiger Herr, ich bin verzweifelt. Ich habe ›Gentleman‹ sein ausgewähltes Futter gegeben wie jeden Abend, Nun windet er sich in Krämpfen. Ich kann nicht ›zuschauen‹. Die arme gnädige Frau! Ich bin unschuldig!«

Der Herr sitzt unbeweglich, ungerührt, raucht Zigaretten.

Das reizende Stubenmädchen: »Meine arme, geliebte, vergötterte Herrin  –  –  –!«

Dann sagt sie: »Ich muß einen Tierarzt holen  –  –  –.«

Aber ich kenne mich nicht aus. Wo gibt es einen in der Nähe?! Gibt es überhaupt Tierärzte?!?«

Der Herr sitzt bewegungslos, raucht eine Zigarette.

»Ich muß nachschauen, wie es ihm geht  –  –  –.«

Ab.

Der Herr raucht, bewegungslos und ungerührt.

Das reizende Stubenmädchen kommt zurück: »›Gentleman‹ ist tot  –  –  –. O meine arme, geliebte, gnädige Herrin!«

Der Herr bleibt bewegungslos, raucht Zigaretten.

Ab.

Es klingelt.

Die Dame kommt aus dem Theater.

»Es war wunderbar! Ich bin berauscht. Wie ich die Alkoholiker beneide! Sie können sich diese Zustände eigenwillig zu jeder Stunde bereiten; wir aber müssen auf eine ›Rheingold‹-Aufführung warten, unseren Seelen-Al­kohol  –  –  –.«

Pause. Sie legt ab, das Stubenmädchen ist ihr behilflich.

»Weshalb sprang mir ›Gentleman‹ nicht entgegen?! Schläft er?!?«

Das Stubenmädchen: »Ja, er schläft  –  –  –.«

»Er schläft sonst nie, wenn ich außer Hause bin; oder er erwacht gleich, wenn ich komme. Seltsam!«

Pause.

»Weshalb rauchst du da ruhig deine Zigarette in dem Zimmer, in dem ich erst nun speisen soll?! Du tatest so etwas nie –. Es ist rücksichtslos. Es gibt irgendeine Veränderung  –  –  –.«

»Ja, es gibt eine Veränderung! Ich habe mich eines Konkurrenten entledigt, eines Widersachers, eines Störers meines Friedens  –  –  –. Ich habe nämlich auch ein Anrecht auf Frieden, nachdem ich für dich ›robotte‹! Es ist merkwürdig, aber ich habe dieses Anrecht. Ich habe es!«

»Wo ist ›Gentleman‹?!?«

»Es wurde ihm übel nach dem Genüsse seines ausgewählten Nachtmahles. Er bekam Krämpfe, dann fiel er hin und starb, deinen Namen lispelnd mit seinem brechenden Auge  –  –  –!«

Die Frau legt sich auf den Boden, zusammengekrümmt.

Er: »Du hast ganz die Form eines getretenen Wurmes! So sah ich aus bisher; aber ich habe mich langgestreckt und erholt  –  –  –!«

Pause.

Sie erhebt sich langsam.

Sie: »Was wirst du nun mit mir beginnen?!«

»Ich werde es versuchen, ich werde es unternehmen, dir ›Gentleman‹ zu ersetzen

»Aber er sah doch nie:, was an mir schlimm und unvollkommen war! Nichts störte ihn in seiner exaltierten Liebe  –  –  –. Ich genügte ihm in allem und jedem!«

»Das war das Verbrecherische an eurer scheinbar idealen Beziehung. Er konnte nicht ›hassen und verachten‹; er hatte stets für alles den verzeihenden treuen Hundeblick! Ich aber will noch getreuer zu dir halten als ›Gentleman‹, noch getreuer, nämlich nur dann, wenn du es verdienst! Die exaltierte Liebe zu Tieren beweist die Unfähigkeit, sich mit anderen Organisationen in edel-getreue Beziehungen zu bringen als mit jenen, die inferior und sklavisch und daher feig gesinnt sind!«

Pause.

Der Herr erhebt sich, geht zu ihr hin, ergreift ihre Hand: »Ich habe viel gelitten, Anna  –  –  –.«

Sie bewegt sich nicht.

Der Herr zu dem Stubenmädchen, das weinend alles mitgemacht hat: »Gehen Sie morgen zu dem berühmten Tierausstopfer Hodek in der Mariannengasse 7. Ich lasse ihn zu mir bitten                          .«

Der Vorhang fällt.


PETER ALTENBERG,

der Begründer der »Nachtlichter«, deren erste Nummer demnächst erscheint, führt diese mit folgenden Gedanken ein:


Kabarett  –  –  – Kleinkunsttheater, die Kunst, im Kleinen so zu wirken, wie sonst die ganz großen Dinge im Theater! Das können nur ganz wenige. Für mich bisher nur Yvette Guilbert, Mela Mars, die Marya Delward in ihren besten Sachen, Dr. Egon Friedell, Coquelin ainé, Girardi, Otto Treßler, die Niese. Die könnten nämlich alle aus einem Nichts ein Alles machen!

Man kann einen Roman schreiben von 200 Seiten, und er ist vortrefflich. Man kann dasselbe auf drei Seiten sagen, und es ist ebenso vortrefflich. Das Ganze ist eine Zeitersparnis. Es gibt heutzutage viele sonst tüchtige Menschen, die keine Zeit haben, 200 Seiten zu lesen. Diesen gibt man drei Seiten im Extrakte!

Eine Menge Menschen vertragen heutzutage nicht mehr ein Souper von 10 Gängen. Diesen gibt man eben Sanatogen, Somatose; weshalb sollen sie sich anstrengen, 200 Seiten zu verdauen  –  –  – man gibt ihnen drei Seiten, die denselben Zweck erfüllen! So ist die Position des »Kabarett« dem »Theater« gegenüber. Das heißt: so sollte sie sein. Das sind nämlich »ideale Forderungen«, à la »Wildente«, die heute bei uns nur die Mela Mars erfüllt. Die Marlow kann da noch mit im »Automobillied«. Da hat sie auch diese »mysteriöse, mitreißende Kraft«, aus einem Nichts eine Schicksalstragödie zu gestalten! Tragische Komplikationen zu schaffen mit einem undefinierbaren Etwas! Oder im Vorlesen meiner Kindergeschichten!

Das Kabarett sei also, ideal gedacht, ein Hort der kleinen großen Kunst! Nicht alle Vögel sind Lämmergeier, Seeadler, Kondor, und erheben sich 12000 Fuß in die eisigklaren Lüfte, um Umschau zu halten über ganze Länderstrecken! Es gibt auch wertvolle entzückende kleine Vöglein wie der Zaunkönig, der Eisvogel, die Haubenmeise. Sie sind vielleicht noch origineller, merkwürdiger, ja bewundernswerter als die Riesenvögel! Ähnlich verhält es sich mit den Klein-Künstlern! Sie erheben sich nie 12000 Fuß über die Erde wie Ibsen, Gerhard Haupt-mann, Hamsun, Strindberg, Maeterlinck. Aber sie huschen unbeschreiblich anmutig über die Erde hin, durch Wiesengräser und Gebüsche, und erfreuen ebenfalls durch ihre »Klein-Künste« des lebendigen Lebens! So war es seinerzeit mit der »Militärmusik« von Detlev von Liliencron und der Musik von Oskar Strauß. So war es mit dem herrlichen Ringeltanz desselben Komponisten. Muß man denn alle »Perlen« in eineinhalbstündige Operetten versenken und von »geschickten Tauchern« erst herausfischen lassen?!?!

Das »Kabarett« erspare dem zahlenden Publikum diese Mühe! Es bringe die »Perlen« und lasse den Schlamm und die Wertlosigkeiten abrinnen  –  –  – So machen es ja auch die Perlenfischer.


LEKTION

»Mein liebes, getreues Kind, ich kenne alle, alle deine Ehebrüche, deine Treuebrüche, die du an mir begangen hast  –  –  –«.

»Wie, was, um Gotteswillen, bist du irrsinnig geworden, willst du mich beleidigen, zu Tode kränken?!«

»Ruhig! Das Maul gehalten! Kusch! Es gibt in den Restaurants, in den Cafés, in den Seebädern, am ›Gänsehäufel‹, eine ganze Anzahl von immerhin sehr netten Männern, die seit Monaten mit der Empfindung herumgehen: ›Die hätt' ich unter Umständen haben können!‹ Aber wozu sich einlassen?! Wer weis, wie es dann ausgeht; lieber nicht  –  –.«

Weißt du aber, worin die Treue einer Frau besteht, meine Liebe?!?

Daß es auf Gottes Erde keinen einzigen Mann gebe, der, selbst ganz blöd versunken in seinen schmählichsten Eitelkeiten, sich das je auch nur eine Sekunde lang einbilden könnte! Das sei eure einzige Treue, daß jeder andere hoffnungslos dahinsterbe

»O Herr über mein Leben, ich habe nichts getan, ich bin doch allen Gefahren ausgewichen  –  –  –.«

»Gefahren ausgewichen?!? Wo gibt es denn Gefahren für eine wirklich getreue Seele?! Das Wort ›Gefahren‹ ist schon ein Verbrechen

Er schlägt und ohrfeigt sie.

»O Herr, Ich war also dennoch eine Sünderin!«


DIE »HUNGERKÜNSTLERIN«

Fräulein Mrotek, in Berlin, hungert bereits 16Tage lang, in einem Kristallkasten, der Beobachtung ununterbrochen ausgesetzt.

Irgendein merkwürdiges und unbekanntes Schicksal in ihrem jungen blühenden Leben muß ihr die Mahnung erteilt haben, wie ein »innerliches Wort Gottes«, daß es ein besseres, ein reineres, ein seelischeres Leben gebe als das, das der in Verlogenheiten versunkene Alltagsmensch führe!

Und so begann sie zu »hungern«, d. h. ihrem Körper, dieser Edelmaschine allererster Ordnung, das zu entziehen, wessen er absolut nicht bedarf, sondern was ihn nur belastet und der »göttlichen Elastizität« beraubt! Fräulein Mrotek ist meine »geistige Schwester«, denn sie führt das aus, in geistigen Erkenntnissen, was ich seit dreißig Jahren als die Errettung des Menschengeschlechtes erträumt habe – – die Befreiung von dem schrecklichen Wahne des Wertes von Nahrungsaufnahme!!! Man kann nicht wenig genug essen, und Mastkuren sind Teufelskuren! Nahrung muß ein unentrinnbares tiefes Bedürfnis werden, nicht ein gemeines Genußmittel!

Es werde eine Art »religiöser Handlung«, nicht ein »barbarisches Genußmittel«, ein schändlicher Zeitvertreib! Nahrungsaufnahme ohne unentrinnbares Bedürfnis danach, ohne daß sozusagen jede Zelle im Körper um Nahrungszufuhr gleichsam weint, ist ein gemeines Verbrechen physiologischer Natur! Wie göttlich ist der Wassertrank, wenn man ihn dringend benötigt; aber wie direkt widerstehend, wenn man ihn nicht nötig hat!

So sei es in allem, in allem!

Es ist die »Heilslehre« des Lebens; aber die Idioten suchen ihr Heil im Unheilvollen, ja im Unheilvollsten! Gerade das Warten auf den Genuß wäre dessen Steigerung bis zur endlichen herrlichen, naturgemäß nicht mehr aufhaltbaren Befriedigung. Nein, die Idioten müssen in Genußunfähigkeiten ihre Tage vergeuden, Indem sie das Einfachste und Selbstverständlichste nicht zusammenbringen: warten, warten, warten können! Nein, das einzige Glück des Abwartenkönnens, was jede Blüte kann, die sich Zeit läßt, zur Frucht auszureifen, was jede zarte Frau kann, die sich neun Monate Zeit läßt, ihr Kindchen auszutragen, das, wag jeder Künstlerorganismus kann, der kein Scharlatan ist, sich nämlich Zeit zu lassen, bis seine Sache reif, gediehen ist, nein, nein, nein, gerade das wollen die Menschen nicht! Fressen ohne Hunger, saufen ohne Durst, lieben ohne Liebe  –  –  – das wollen sie! Keinerlei Achtung vor diesem einzigen Heilmittel: Die unentrinnbare Stunde ist gekommen!

Fräulein Mrotek in Berlin möchte lehren, daß man 30 Tage lang, sehnsüchtig-heiter auf Nahrung warten könne! Sie wird es aber nur denen beweisen, die es auch ohne sie schon wissen –


WIDMUNGEN AN FRAU SM. V. E.

Ich war eigentümlich berührt, als ich in meinen Büchern die vielen von Ihnen zart mit Bleistift angestrichenen Stellen sah. Wie wenn man eine fremde Seele bei stillem Weinen, bei kaum hörbaren Seufzern ertappte  –  –  –.


* * *


Zwischen Mann und Frau muß eine mysteriöse Einigkeit herrschen; wirklich herrschen, thronen! Vor jedem Blumenbeet in einem Garten, auf jeder Landpartie, bei jedem Theaterstücke, vor einem besonderen alten oder neuen Gebäude, vor jeder Geschäftsauslage in den Straßen, vor dem Gepiepse eines Vogels, vor einem spielenden Kinde, vor den tragischen Lächerlichkeiten aller Erwachsenen! Die Tragödie beginnt nämlich bereits, wenn eins zu dem andern versteckt-gereizt ein einzigesmal sagte: »Daß gerade das aber dir so sehr gefällt, mein Lieber« oder »meine Liebe«?!? Meistens heißt es, »mein Lieber«. Denn Frauen sind um soviel leichter gereizt und enttäuscht. Der Mann ergibt sich eher dem »dumpfen Schicksal«. Aber die Frau hat Gott sei Dank die sogenannte »reizbare Schwäche«! Sie gibt nie nach in ihrem Innersten! Sie hat Zeit zu ihren Idealen!


DIE VORSTADTWOHNUNG

Sie hatte alles, alles, Frieden, Glück und Ruhe. Man hatte sie selbstlos errettet aus Zerfahrenheiten, aus der Gemeinheit der Menschen vor allem! Aber sie wohnte draußen in der Vorstadt, abseits, exiliert, verbannt! Sie kam immer in die »innere Stadt«, in die »Oase« dieser Wüste »Vorstadt«! Und dann pilgerte sie müde wieder hinaus. Ihr Mann suchte ihr ihr Leben zu erleichtern, in jeglicher Beziehung. Aber von dieser Tragödie »Vorstadtwohnung« erfuhr er nichts. Er spürte es nicht, und sie ließ sich nichts merken von ihrem kleinen großen Grame  –  –  –. Die »Innere Stadt« war ihr Paris.

Aber eines Tages sagte er zu ihr: »Anita, ich habe einen reichen Klienten heute erworben, für Jahre hinaus, wir können nun in die ›Innere Stadt‹ ziehen, ich habe bereits eine Wohnung genommen in der Wallnerstraße.

Da setzte sie sich hin und begann zu weinen vor Glück –.


Und ihr Gatte sagte: »Aber bitte, wenn du lieber hier bleibst, Anita, ich dachte nur  –  –  –«

Da sagte sie zu ihm: »Dummer Mensch!« und sank vor ihm auf die Knie  –  –  –.


ÜBER UNSERE VERRÄTERINNEN

Unser Glück, unser Unglück ist nur das, was wir darüber denken. Denn sonst würde es an uns abrinnen wie Öl über Wasser oder wie Quecksilber über politierte Tischplatten.

Es haftet nur das, was wir denken. Unsre Phantasie über die Beglückung eines falschen Hundes von einem Freunde, in bezug auf unsre vergötterte Frau, macht uns krank und zu Selbstmördern. Sähen wir aber nicht mehr als sich ereignen konnte, so hätten wir vielleicht das höhnischeste Lächeln! Kann er ihr unser Herz, unser ewig besorgtes, allerzärtlichstes Herz ersetzen?! Kann er mit seinen Momenträuschen unsere Ewigkeitsempfindungen ausgleichen?! Nun gut, sie vermeint es momentan, ein günstiges Geschäft gemacht zu haben, die kurze Stunde ihrer Wirkungskraft gut und geschickt ausgenützt zu haben  –  –  –. Aber denken wir doch nach, ob es ihr auf diese Weise gelungen ist?! Und wir werden ruhig es erwarten können, bis sie ihren Rausch ausgeschlafen hat            –  –  –. Man muß nachdenken, nachdenken über alles und über jedes, um sich Klarheit zu verschaffen in dem nebeligen, undurchdringlichen Dasein! Sobald man nicht nachdenkt über irgendeine Sache, gelangt man sofort zu dem Zustand des Tieres, das dem Leben waffenlos gegenübersteht.

Einer geliebten Frau selbst bei einer unscheinbaren Gelegenheit bitter unrecht tun, ist die herrliche Frucht früheren Nach-denkens über alle Beziehungen und Abgründe ihres Nervensystems! Besser, ihr rechtzeitig einmal unrecht tun, als zu spät ihr nicht mehr gerecht werden können! Principiis obsta! Wer nachdenkt, sorgt im Anfang und schützt lieh! Wer nicht nachdenkt, den begräbt vorzeitig das Ende! Enseveli dans une avalanche! Wehe denen, die nicht nachdenken, die nicht vordenken können! Sie sahen ein gefahrloses Steinchen ins Rollen kommen, aber es war eine Lawine, die sie zerquetschte! Wehe denen, die nicht nach- und vordenken! Haue zu, vorzeitig, das ist rechtzeitig!


BADEN BEI WIEN IM FRÜHLING

Die Landschaft ist überschüttet mit Kastanienblüten. Dunkelrote, weiße, rosige Kastanienblüten überall. Überall Zettel von Zimmern, die zu vermieten sind. Man bietet Gesundheit und Frieden an über die Saison. Aber die wirkliche Gesundheit, den wirklichen Frieden genießen jetzt die Hausbesitzer in ihren von Kastanienblüten strotzenden stillen Gärten. Ihr Vorfrühling, ihr Frühling, ihr Spätherbst, sind ihnen gesünder als der Sommer ihren zahlenden störenden Parteien! Sie sehen es werden, werden, sie sehen es vergehen, vergehen! Aber die Sommerparteien genießen phantasielos das Sein, wollen sich à tout prix Gesundheit und Frieden herausschlagen für ihre Sommermiete! Die Hausbesitzer aber blicken auf die strotzende Pracht der Kastanienblüten, haben ihre Lieblingsbäume, die sie besonders betrachten. Dort, in der und der Straße blüht ein wunderbarer Kastanienbaum. Seine Blüten stellen sich horizontal, wollen weg aus dem allzu dichten Laubwerk. Wenn die Parteien kommen, hat alles ausgeblüht. Sie erhalten nur mehr die verstaubten müden Blätter. Aber die Hausbesitzer sitzen jetzt an Tischen in den Gärten und atmen die Frühlingsluft ein. Hie und da kommt jemand nachfragen nach Zimmern für den Sommer. Er erkundigt sich, ob es auch ruhig sei. Man sichert es ihm zu. Aber kann man es verantworten?! Jetzt, jetzt ist es ruhig und strotzend von Kastanienblüten! Frühlingsferien und Spätherbstferien, das wäre das Paradies! Aber Sommerferien erdrücken! Alles stürzt sich gleichsam auf die Pracht der Natur im Sonnenbrande, der ausdörrt. So lange die kühlen Zimmer noch ihre Täfelchen haben: »Zu vermieten«, streicht ein Hauch von kühlendem Frieden durch die Landschaft!


ZUSAMMENHÄNGE

Die meisten Mütter geben ihren Töchterchen den Rat: »Erwirb dir seine Achtung  –  –  –.«

Sie müßten ihnen aber den Rat geben: »Erwirb dir seine Verachtung!«

Wehe der Frau, die vom Manne nicht verachtet wird und nicht mißverstanden wird als hysterische, halb irrsinnige Persönlichkeit!

Wehe der Frau, die dem Manne verständlich ist! Wehe der Leichtfaßlichen, in jeder Beziehung! In ihrer Rätselhaftigkeit allein Hegt ihre Persönlichkeit! Eine Frau verstehen, ist ihre Verurteilung! Das hat sie mit dem Genie gemeinsam! Mit beiden ist es daher gleich schwer, zu verkehren!!! Wenige nehmen sich die Mühe, sie zu »ergründen«. Die meisten ziehen sie an ihre eigene »Oberfläche«! Die Frauen und die Genies denken daher: Weshalb soll ich mich flach machen lassen, wenn ich doch tief bin?!?« Der Spinat fühlt: »Was bin ich für eine wunderbare Anordnung von lebendigen Zellen, was für ein Mysterium von geheimnisvollem Leben und Walten!?« Aber der Koch macht ein einfaches Püree daraus, und der Mensch frißt es, ohne Phantasie! Also verfährt man mit der Frau und mit dem Genie. Man appretiert sie zu gemeinnützlichen Gegenständen. Man verkocht sie und serviert sie in verdaulichem, genießbarem Format. Daher sagt der verkochte Dichter so oft zu der verkochten Frau: »Siehe, ich verstehe dich, und du verstehst mich! Lassen wir uns also ruhig verspeisen!« Und sie schließt die müden Augen und läßt sich verspeisen, in verdaulichem, genießbarem Format! Wehe den Fressern und Verdauern!


DER SPAZIERSTOCK

Ich gebe es zu, daß ich einen Fanatismus für besonders aparte Spazierstöcke besitze, vielleicht sogar der Beginn eines kommenden Irrsinns, wobei man dann an schönen Spazierstöcken seine ganze Lebensfreude hat! Der Wald, der See, Frühling und Winter, die Frau, die Kunst versinken, und es bleibt dir als einzig Lebenfüllendes: Der schöne Spazierstock! Ob­zwar ich diese heimtückische Entwicklung einer Vorliebe nicht bei mir befürchte, kann dennoch jede Lieblingsempfindung leider in unserem Nervensystem zu einer »idée fixe« auswachsen, sich organisieren. Nun, ich kenne sämtliche Spazierstöcke in den Wiener Geschäften, habe überall meine ausgesprochenen Lieblinge, die merkwürdigerweise am seltensten weggekauft werden. Wundert Sie das, Herr Peter Altenberg, bei Ihrem verschrobenen Geschmack?! Eine junge Dame schenkte mir einst einen solchen tief ersehnten Spazierstock, der zwei Jahre lang in der Auslage stand. Er bestand aus hellgrauem Kapziegenhorn und Zuckerrohr. Es war ein äußerst gelungenes Wiener Fabrikat nach englischem Muster und kostete nur 11 Kronen. Zuerst nähte mir die junge Spenderin ein Futteral aus dünner Rehhaut, mit brauner Seide, für den Griff.

Aber da sagten alle im Café und im Restaurant: »Was fehlt Ihrem Herrn Stock?! Hat er sich verkühlt bei der schlechten Witterung?!?«

Einer sagte: »Peter Altenberg, Sie sind gerade auffallend genug. Lassen Sie diese gewaltsamen Anstrengungen, sich lächerlich zu machen. Es geht auch von selbst!«

Mein Spazierstock wurde oft umgeworfen. Einmal sagte mir ein Herr: »Schauen Sie nicht so vorwurfsvoll, glauben Sie, ich habe es absichtlich getan?!?«

»Nein,« erwiderte ich, »das glaube ich nicht; denn welchen Grund sollten Sie haben, meinen armen Spazierstock absichtlich umzuwerfen?!«

»No also, sehen Sie, nur ein bissel vernünftig sein,« sagte der Herr und verzieh mir.

Infolge dieser peinlichen Ereignisse trug ich in jeder Woche meinen geliebten Spazierstock in die kleine Handlung, wo er gekauft war, und bat, die Schäden durch Politur usw. usw. wieder auszugleichen. Der Verkäufer sagte immer liebenswürdiger: »In zwei bis drei Tagen! Für die Reparatur ist nichts zu bezahlen !« Allmählich merkte ich es, daß er mich für einen »Stock-Narren« hielt und den Stock niemals auch nur dachte in die Reparatur zu geben. Er sagte immer: »Soeben ist der Stock aus der ›Fabrik‹ gekommen! Wie wenn Sie es erraten hätten!« Einmal merkte ich mir eine kleine Abschürfung.

»Diese kleine Abschürfung ist aber noch immer vorhanden,« sagte ich bescheiden.

»Ja, das geht eben bereits in die organische Struktur des Ziegenhornzellgewebes, das kann selbst unsere Fabrik nicht mehr herausbekommen  –  –  –.«

Ich dachte: Hättet ihr ernstlich gefeilt, geschabt, politiert, so wäre von meinem wunderbaren Kapziegenhorngriff heute nichts mehr vorhanden. Wie danke ich euch daher für eure fürsorgliche Weisheit: »Er ist ein Stock-Narr! Man muß ihn schonen!«


DAS BEDRÄNGTE HERZ

Ich weiß, daß alle meine Freunde meine geliebte Frau umkreisen, wie Wölfe ein ihnen eigentlich bereits sowieso ausgeliefertes Menschenkind. Nun gut, so kämpfen wir vergeblich um sie noch bis zum Schluß fanatisch. Ich würde denjenigen der Verräter aber fast achten, bei dem mir folgendes Experiment gelänge. Ich würde eines Tages zu ihm sprechen: »Siehe, ich bin des Kampfes allzumüde, fühle mich besiegt in meinen armen Nerven. Was ich durcherlitten habe, bleibe vergraben in mir. Nicht sie, nicht dich interessiert es. Ich überlasse sie nunmehr dir, mache du sie also glücklicher  –  –  –!«

Aber ich weiß es genau, daß der Betreffende nicht rosig würde, wie befreit von langer Krankheit und Sorge, mir nicht tief gerührt um den Hals fallen würde  –  –  –. Sondern aschfahl, wie erkrankt, stünde er vor mir, stammelte feige Worte, und alles stürbe sogleich in ihm ab! O ruchlose, kindische, eigenwillige Frau, wenn du ihn da sähest, der nun die ›Last deines Lebens‹ auf seine feigen Schultern nehmen sollte, und nun davor zurückbebt wie vor etwas Schrecklichem  –  –  – vielleicht würdest du ihn hassen lernen gleich mir! Ich aber trage die Last und die Lasten, die du mir noch eigenwillig kindisch auferlegst  –  –  –. Ich weiche dem Ritterlichen, der mir gerührt um den Hals fallen kann, wenn ich ihm mein teuerstes Gut auf Erden in Selbstlosigkeit überließe!

Ha ha ha ha, da ergreifen sie aber alle das Hasenpanier! Keiner will für dich verbluten, mein Täubchen, ein Leben lang! Siehe, da setze ich mich denn nach getaner Pflicht an den Tisch, den ich für dich sorgsamst gedeckt habe, und solltest du auch in einer Ecke des Zimmers mir schmollen und greinen, ich lasse mir das Essen dennoch vortrefflich schmecken, denn ich habe es mir redlich verdient  –  –  –!


DER BEGINN

Ich bekam als Kind einen Vorgeschmack von der Ungerechtigkeit des Lebens. Und zwar so: Ich war ein exzeptionell furchtsames Kind, man könnte fast sagen pathologisch. Denn wenn jeden Samstag, abends, die französische Bonne stundenlang ihren Kasten draußen ordnete, verblieb ich in meinem Bette in Todesangst im einsamen Zimmer, direkt in Todesschweiß. Das Kinderzimmer war durch 4 bis 5 Zimmer von dem »gewissen Orte« getrennt, und abends mußte man durch diese stockfinsteren großen Räume bis in den beleuchteten »kleinen Ort«. Eines Abends schickte mich meine schöne vergötterte Mama wieder hin. Ich lief in Todesangst hin, in Todesangst zurück. Als ich erschöpft vor der Kinderzimmertür ankam, und mich gerettet dünkte, überlegte ich es mir, daß man es mir nicht glauben würde, daß alles so rasch sich habe ereignen können. Infolgedessen blieb ich pfiffig hart an der Türe noch eine Zeitlang stehen. Da öffnete Mama die Tür und erblickte mich an derselben kauernd. »Ah, da bist du also die ganze Zeitlang gestanden, aus Furcht, durch die dunklen Zimmer zu gehen!? Also vorwärts, ich werde sehr bitten, monsieur!«

Keine Versicherungen, keine Tränen halfen. Ich mußte den Leidensweg, ganz zwecklos diesmal, noch einmal durchmachen  –  –  –.


DIE HÖHEPUNKTE

Jeder Mensch hat irgendeinmal einen Höhepunkt seines Gesamtorganismus. Viele haben es auf einer Bergpartie, wenn sie auf einer Alm rasten, oder in der Sennhütte, oder auf dem Gipfel. Da kommt der Friede über sie, und die Schönheit der Erde macht sie weltentrückt und gutmütig, friedevoll und bewegten Herzens! Oder auf einer Eisenbahnfahrt. Man rast an duftenden windbewegten Feldern vorüber; an kleinen Waldungen; an unbekannten Ortschaften, die in der trostlosen Ebene auftauchen; an wundervollen Gärten mit Tennisplätzen und Villen; an Petroleum-Waggons, die aussehen wie graue Ungetüme, an Waggons, die die Welt durchrasen, angefüllt mit Millionären, außen braun mit goldenen Inschriften; an Wiesen mit Hasen, die dem Tode geweiht sind; an blinkenden Tümpeln, an nackten Knaben, die gegen die Vorschrift baden  –  –  –. Oder in den Opern »Rheingold«, »Carmen«, »Götterdämmerung«! Überall, überall gibt es Höhepunkte, wo der Mensch des Alltages plötzlich die Flügel ausbreitet und »über sich selbst« hinüberschwebt, in seine eigenen reinen Atmosphären! Er wird endlich er selbst! Ich kannte einen ganz vergrämten Advokaten. Eines Tages erblickte er ein Einspännerpferd, dem der Kutscher einen grünen Zweig mit Flieder so ungeschickt hinters Ohr befestigt hatte, daß das Pferd ununterbrochen sich bemühte, den lästigen Gegenstand zu entfernen. Da ging der Advokat hin, nahm den Zweig weg, und überreichte dem Kutscher 5 Kronen. Dieser sagte: »Ich hab' ja dös Viech nur ausstaffieren wollen  –  –  –« Der Advokat ging in seine Kanzlei, und erledigte eine Menge wichtiger und schwieriger Dinge, die aber nicht seine »Höhepunkte« repräsentierten.


DAS MISSTRAUEN

Der Bacstopolyaer ausgezeichnete aber noch nicht anerkannte Zauberkünstler Franziskus Heß produzierte sich in einem kleinen Gasthofe mit Schwertschlucken und verblüffte die Leute.

Da trat ein Feldwebel vor, übergab ihm sein eigenes Seitengewehr. Franziskus Heß schob es in seinen Mund und zerschnitt sich die. Kehle. Er liegt im Sterben. Der Feldwebel aber ging triumphierend nach Hause.


KLEINIGKEITEN

Ich beurteile schon seit langem die Menschen nur nach minutiösen Details. Ich kann leider auf die »großen Ereignisse« in ihrem Leben nicht warten, bei denen sie sich ganz »enthüllen«. Ich muß diese »Enthüllungen« bei den kleinsten Ereignissen bereits vornehmen können! Z. B. bei dem Stockgriff, dem Schirmgriff, den er oder sie sich aussucht. Bei der Krawatte, bei dem Stoff des Kleides, bei dem Hute, bei dem Hund, den er oder sie sich hält, bei tausend unscheinbaren Kleinigkeiten, bis zu dem Manschettenknopf herab, oder eigentlich hinauf! Denn alles ist ein Essay über den Menschen, der es ausgewählt hat, und der es gerne trägt! Er enthüllt sich uns! »Er schrieb ein gutes Buch, aber er trug unfeine ziselierte unnatürliche Manschettenknöpfe!« Damit ist alles gesagt. Irgendwo ist da etwas faul im »Staate der Seele!« Nicht daß eine geliebte Frau uns betrügt, ist die Wichtigkeit! Denn da straft sie das Schicksal unbedingt und nachsichtlos mit tiefer Enttäuschung! Aber ihr erster koketter, Brand entfachender Blick, der ist das relevante! Ich kann mit dem konkurrieren, der mich betrogen hat, restlos, nicht aber mit dem, der von der Ferne einen begehrenden Blick hat hingleiten lassen! Kleinigkeiten morden! Die Erfüllung ist stets besiegbar, nie die Erwartung! Deshalb halte ich mich an Kleinigkeiten im Leben, an Krawatten, Schirmgriffe, Stockgriffe, einzelne Aussprüche, unmerkbare Kostbarkeiten, Perlen der Seele, die unter den Tisch rollen, und von niemandem aufgefunden werden! Die gewichtigen Dinge im Leben haben keinerlei Bedeutung! Sie sagen, sie verkündigen uns nicht mehr vom Dasein, als wir selbst davon schon wissen! Denn in der großen Not funktionieren alle eigentlich gleich! Aber in den Details sind allein die wichtigen Differenzierungen! Z. B. welche Blumen man seiner Geliebtesten schenkt! Oder welche Gürtelschnalle man ihr aussucht unter Hunderten! Welche Birne aus Frankreich, welche Grapefruit aus Amerika man ihr ins Haus bringt, welchen braunen gefleckten Kanada-Apfel man für sie aussucht unter Hunderten; das beweist viel viel mehr Zusammenhänge als die Orgien der sogenannten Liebe! Ästhetik, Verständnis, Liebe, müssen endlich einen Dreibund schließen. Man muß aus »Kleinigkeiten« eine Symphonie des gewöhnlichen Daseins ertönen lassen können! Nicht auf große Ereignisse warten! Ein jedes kleinste ist ein großes! Das Piepsen der Maus in der Falle ist eine schreckliche Tragödie! Jemand sagte mir einmal: Das Schrecklichste ist ein junger Hase, in einem Fuchsbaue eingeschleppt. Die Füchslein nagen an ihm langsam Tag und Nacht, bei lebendigem Leibe, mit ihren nadelscharfen Zähnchen! Das sind die Tragödien des Daseins!

Kleinigkeiten im Leben ersetzen uns die »großen Ereignisse«. Das Ist ihr Wert, falls man ihn begreift!


LEITMOTIV FÜR EINE EDLE DAME

»Sei, die du bist!

Nicht mehr, nicht weniger!

Aber die sei!

Und in Allem und in Jedem  –  –  –.

Willst du's versuchen, dir selbst zu entrinnen?!

Vergeblich!

Dein Gott in dir läßt es nicht zu  –  –  –

Und auch dein Satan in dir hält seine Beute!

Folge doch lieber deinem Sterne,

Der vielleicht schon deinen Urvätern milde oder verhängnisvoll geleuchtet  –  –  –.

Und solltest du dabei in den Abgrund stürzen,

So sei es wenigstens der deine, in dem du zerschellst!«


DER VORWURF

Zart lebt' ich dahin, und niemand erzog mich!

Niemand brachte mich zu meines eigenen Keimens Blühen! Anita ward nie zu Anita –

Man schätzte mich so wie ich war, statt es nur als Beginn eines edlen Beginnens zu nehmen!

Gleich lag man vor mir auf den Knien und huldigte mir!

Ich hätte gern zu einem adeligen Lehrmeister gebetet, der mich hie und da vorwurfsvoll-traurig angeblickt hätte  –  –  –.

Er hätte wiederholt sagen müssen, mit lautlosem Blicke: »Konntest du mir das also antun!«

Aber niemand nahm sich die Mühe. Man huldigte mir –.

Auf den Knien liegen ist leichter, als aufrechten Ganges geleiten! Und den Kopf uns verdrehen, statt ihn gerade zu richten!

Ich suchte »Selbständige«, und fand »Unselbständige«!

An mich, diese wankende Wand des Lebens, lehnte man sich an, und alle begrub sodann die gemeinsame Eitelkeit!

Arme Anita  –  –  –.


BEKENNTNIS

Jemand sagte zu mir: »Viele Ihrer ausgezeichneten Sachen sind nicht ›ausgestaltet‹ leider!«

»Nein,« erwiderte ich, »die Wichtigkeit, die in ihnen verborgen hegt, verhinderte mir die ›künstlerische Spielerei‹ der Ausgestaltung!«

Zum Künstlertum gehört eine gewisse kühle, den Menschen ferne Herzlosigkeit. Dort aber, wo man helfen, lindern, heilen möchte, wird man »gestrenger Arzt« und »Philosoph«. Da hört es sich auf, dieses Kinderspiel »Kunst«, dieses Ballwerfen hinüber-herüber. Menschen ohne Herz für die Menschheit goutieren das aber nicht. Für sie ist die ganze Menschheit ein Spiel-Tummelplatz ihres Talentes! Die Kunst ist für sie ein Nährmittel zur Großfütterung ihres Größenwahnes! Sie geben daher nichts, sie nehmen! Das Wort »künstlerisch« stammt aus bleichen fahlen schlimmen Herzen, denen der unglückselige Nebenmensch gleichgültig, ja verhaßt und verächtlich ist! Die Kunst aber kann nur eines jener vielen Mittel sein, die darbende, in Verlogenheiten versunkene Menschheit zu erretten, zu erlösen von ihren zahlreichen Erkrankungen, Verirrungen! Da bin ich, seitdem ich existiere, Tolstoianer! Ich spreche den Bannfluch aus über die harten infamen Herzen, die ihr Talent nicht ausschließlich zu irgendeiner »seelischen Hilfeleistung« verwerten! Übrigens geht es an ihnen aus. Bleich und unelastisch schleichen, humpeln sie dahin! Was ich »gebe«, kommt mir reichlich zugute, was ich »nehme«, macht mich verarmen! Ich sah Männer sich davon nähren, wenn sie ihren geliebten Frauen essen zusahen! Spendende können theoretisch niemals an Arterienverkalkung zugrunde gehen! Irgendein inneres Feuer in ihnen, eine göttliche Glut, verzehrt alles Schädliche und Überflüssige, reinigt den Leib von sich ansetzenden Schlacken. Dabei ist das Merkwürdige, daß in dem nahen Bezirke von »Frau und Kind« die Selbstlosigkeit weit weniger heilsam wirksam ist, als »ganz Fremden« gegenüber. Frau und Kind oder Geliebte oder getreuer Hund, gehören in den Bereich des eigenen Ich, während der fremde Bettler, der verlaufene Hund, das malträtierte Pferd, das fremde hungernde Kind, die fremde verlassene Frau, in den heiligen Bereich der Selbstlosigkeiten gehören! Hier beginnt erst die »göttliche Glut«, eigene Miasmen zu verbrennen, zu vernichten! Ich lache, lache über die Ungläubigen! Denn ich sehe bereits frohlockend ihre künftigen Folterqualen!!!


DER FÜRST

Er besaß 25 Millionen und war dennoch ein erbitterter Menschenfeind. Er lebte wie in einem lebendig gewordenen Märchen aus »Tausend und einer Nacht«, in der Pracht der Sorgenlosigkeit, in den Wundern der Orgien, im Paradiese des Überflüssigen! Er gedachte nie der Milliarde um ihn herum, die den Zins nicht zusammenbringen konnte am ersten des Monats, und deren Kinder bleich und vergrämt nach der Brotrinde schauten.

Da hörte er eines Tages, daß einer seiner Beamten wegen eines herrlichen Mädchens Defraudationen von 30000 Kronen verübt habe in der fürstlichen Kasse.

Der Fürst kündigte perfid-listig dem Beamten seinen Besuch an zur Skontrierung der Kassen, in einigen Tagen.

Der unglückselige Beamte verschaffte sich durch Androhung seines Selbstmordes bei edelgesinnten Freunden 30 000 Kronen, um die fehlende Summe zu ergänzen. Nach der Skontrierung würde er alles wieder zurückerstatten.

Damit hatte der 25 Millionen-Fürst gerechnet.

Er erschien. Er sagte: »Also diese 30000 Kronen sind doch wohl mein Eigentum, Herr B.?«

»Jawohl, Durchlaucht, selbstverständlich!«

»Nun, dann nehme ich sie mir gleich mit!«

So kam der Fürst zu seinem Gelde, und der junge Beamte erschoß sich  –  –  –.


FREUNDSCHAFT

Weißt du, was »Freundschaft« ist?!?

Nichts Pathetisches, nichts Sentimentales und nichts Romantisches  –  –  –.

Es ist: Dem Betreffenden nirgends schaden, wo es nicht unbedingt nötig ist, und ihm nützen, wo man es ganz leicht tun kann ohne Opfer! So billig-einfach ist die echte Freundschaft!

Eine »innere Solidarität«. Ein Zauber von Anhänglichkeiten wegen nichts!

Dem einen sagt man: »Iß den Fisch nicht, er ist vielleicht doch nicht ganz frisch  –  –  –«.

Und den anderen läßt man ihn ruhig essen trotz Gefahr!

»Mach' dies Geschäft nicht! Nimm nicht diese Frau!«

Den anderen überläßt man seinem Schicksal!

Ich habe viele sogenannte Freunde; doch nur mein Bruder könnte mir wirklich nichts antun  –  –  –.

Es Ist kein Opfer, das er bringt, er tut's für sich!

Es kränkte ihn zu tief, wenn er mich kränkte! So werde einst das Herz der Frauen!

Ich selber wünsche dem und jenem Glück im Spiel. Sei es mit Karten, Pferden, Domino  –  –  –.

Doch hörte ich von einem anderen, dem ich nichts gönne, weil er wertlos ist und eine taube Nuß an Herzens Statt hat, daß er gewann in Spiel und Liebe,

ich könnte ihn berauben und erwürgen!

Freundschaft ist kein sentimentales, kein pathetisches, kein romantisches Wort  –  –  –.

Es heißt: »Ich geh' mit dir mit deinen Glückszufällen, ich gönn' sie dir, und allen anderen nichts!«


DIE INSEL DER SELIGEN

Nach vieler Irrfahrten herztötender Beschwerde langte ich nun bei einer an! Ein Herz von Gold, ein Stahlcharakter.

Sie hatte einen Gatten, süße Kinder, liebte fanatisch ihre Häuslichkeit. Holz, Messing, Porzellan, Glaswaren, Kupfer, Silbergegenstände, Teppiche, Japanmatten in ihren Zimmern waren ihre »Märchenwelt«. Sie pflegte, hegte alles.

Auch war ein Hündchen da, ein mehrfach prämiierter Foxterrier, mit dem sie sich verstand und der sie liebte  –  –  –.

Sie brauchte bloß zu blicken und er wußte!

Da ruhte ich von meiner dummen Irrfahrt aus, und lebte mit, Familien-Kirchen-Frieden!

Da kam sie einmal aus dem Theater, in einem schlichten braunen seidenen Kleide.

Doch der Hals war frei bis zu den Schlüsselbeinen und dem Beginn des Brustblatts.

Der Friede ward zerstört  –  –  –.

Ich blickte auf diese Märchenpracht, die ich nie vorhin jemals so vollendet bei irgendeiner anderen gesehen!

Meine armen Augen wurden wieder friedlos, und tranken die Schönheit dieser Linien in sich hinein, in sich hinein  –  –  –.

Der Friede ward zerstört  –  –  –.

Ich ging, und kam nie wieder in dieses Heim, Familien-Kirchen-Frieden  –  –  –.


BRIEF EINER ENGLISCHEN TÄNZERIN AUS ROM AN PETER

Wir haben hier gewesen heute für das erstemal in St. Peter-Kathedrale. Ich weiß, Sie waren nicht sehr gesund, Herr Peter, zu der Zeit, als wir wegreisten von Wien. Ich weiß es gewiß, Sie würden ganz ganz gesund, wenn Sie würden sehen St. Peter-Kathedrale! Man vergißt da auf alles. Es gibt keine Liebe mehr und keinen Schmerz mehr. Man ist ganz verändert. Man ist näher zu God, als man ehe bevor war! Man möchte wegfliegend sein, out of all stupidities and meanessnesses of the human life! Ich glaube, Sie würden gesund werden können in St. Peters Kathedrale.

Abends mußte ich tanzen in dem »Vergnügungs-Etablissement«. Aber meine Beine sind diesmal gewesen wie Blei  –  –.

Lilie Romaine.


AUTOMOBILFAHRT

Sie hatte alles und hatte doch eigentlich gar nichts.

Sie war wunderbar schön, aufgezogen zwischen Wiesen und Wäldern, aber einem städtischen Millionär anheimgefallen!

Dante Alligiehri hätte sich sieben Jahre lang um sie abgehärmt, und von ihren Lieblichkeiten seine dumpfen müden Gesänge entnommen  –  –  –.

Aber sie ward falsch beraten, wie die meisten.

Sie wünschte es eben sehnlichst, daß Fräulein Anna sie beneide, und daß Tante B. sie segne.

So opferte sie ihr Lebensglück.

Niemand half ihr und sie stürzte daher in den Abgrund der Vergnügungen  –  –  –.

Gott sah herab mit seinen ernsten milden Weltenaugen, und die Engel weinten bitterlich um Ihn herum.

Da wurde sie auf einer rasenden Automobilfahrt, 90 Kilometer die Stunde, abends in dunstender Au, an einen alten Baum hingeschleudert und starb.

Bevor sie starb, blickte sie um sich, sah eine graugrüne feuchtdunstige Landschaft voll von Wiesen und fernen Wäldern. Die Menschen um sie herum erkannte sie nicht mehr. Die Herren fuhren mit der Leiche langsam zur Stadt. Jetzt, jetzt hätten sie 120 Kilometer nehmen können die Stunde, da nichts mehr zu befürchten war für die süße Frau  –  –  –. Aber da fuhren sie fast im Schritt  –  –  –.


PFINGSTEN

Im Frühling nimmt man sich einen Anlauf zum Besseren. Man spürt sich so als alten Sünder. Man möchte eben nicht hinter der Natur und ihrem heilenden Ungestüm zurückbleiben! Man möchte neue Kräfte säen im winterlich verdorrten Organismus. Man beginnt mit Trinkkuren und weiteren Spaziergängen. Man spricht von blühenden Bäumen, von weiten Ausblicken auf die Ebene, von kleinen Hausgärten, von Wegen in Wäldern. Man glaubt gutmütiger zu werden, oder man redet es sich jedenfalls ein. Man glaubt, seine Schärfe eingebüßt zu haben und Gott und der Natur nähergetreten zu sein mit einem Schritte! Man verzeiht im Angesichte der Dotterblumen am Bachesrande, und das Singen des Wässerleins macht uns schicksalergeben! Unsere Geliebte kann uns kein Leid mehr antun, denn wir bemühen uns in diesen lichten Frühlingstagen, sie ganz, ganz zu verstehen; unsere Kinder können uns nicht mehr enttäuschen, denn siehe, sie gehen eben frühlingshaft in ihre eigene blühende Welt hinein: Wir spüren die Erde dampfen vor Keimglut, und wir spüren unsere eigenen Winterlichkeiten! Und zugleich erblühen unsere letzten Schätze, die tragischen Erfahrungen, in verklärter Verjüngung in unseren Herzen, wie Weidenkätzchen und Birkenblüten. O Mensch, auf deinen äußeren Winter folgt deine wirkliche innere Jugend, vielleicht die einzige, die du wirklich besitzest und genießen kannst!


SCHICKSALE

Sie war eine »Gefallene«, ohne es zu sein. Sie tat etwas, ohne das Talent dazu zu haben, ohne die Grazie, die Leichtigkeit, die Elastizität der Seele und des Leibes. Zum »Violinspieler« zum Beispiel muß man geboren sein! Diese edle Leichtigkeit und Kraft im rechten Handgelenke und diese Genialitäten der Finger der linken Hand! Bezaubern können durch Weichheit, bezaubern können durch Kraft! Aber sie hatte keinerlei Fähigkeiten zu diesem »genialen Berufe«, der alle Geschicklichkeiten erfordert, der Seele und des Leibes!

Und so schloß sie sich an einen an, den sie »tragisch-ernstlich« liebgewann.

Und später heiratete sie sogar einen anderen, um ganz, ganz sicher zu gehen  –  –  –.

Aber nach zwei Jahren verließ sie ihn, konnte nicht mehr vor- noch rückwärts   –  –  –.

Da schloß sie sich endlich wieder dem an, den sie einst »tragisch-ernstlich« liebgewonnen hatte.

Sie sagte zu ihm: »Ich bereue und erkenne erst jetzt  –  –  –.« Aber sie bereute und erkannte gar nichts.

Und er sah, daß sie verfallen aussah  –  –  –.

Und er sagte daher zu ihr: »Was willst du essen, was willst du trinken?!?«

Sie saß da, im Restaurant auf dem großen, weiten, schönen Platze, und aß und trank und fühlte sich ganz geborgen  –  –  –.

Er sah, daß ihr Antlitz verfallen war und ihre süße Lebenskraft gebrochen war  –  –  –.

Da gewann er die Kraft, ihr zu helfen und sie zu geleiten, ihre steilen Pfade  –  –  –.

Und das Tierchen kroch ihm nach, um ihn dennoch wieder prompt zu verlassen in dem Augenblicke, da sie ihn nicht mehr brauchen würde  –  –.

Und er nahm diese Bürde auf sich und geleitete sie bis auf weiteres  –  –  –.


DER »BROCKEN«

Der 40 jährige Direktor der großen Elektrischen Gesellschaft in W. sagte zu seiner jungen wunderschönen Frau: »Die süßen Schrecken meiner Kindheit waren die Sagen, die sich um den »Brocken« spannen, diesen düsteren dunklen Berg! Nun, im Lichte unseres Lebens, unserer endlichen glücklichen ›Ausgewachsenheiten‹, wollen wir ihn gemeinsam besteigen, diesen Popanz meiner Kinderzeit, dieses massive Schreckgespenst!« Wunderbar ausgerüstet stiegen sie hinan.

Alles war grau, der Sturm überfiel die spärlichen Föhren, hatte an ihnen nichts mehr zu brechen, nichts mehr abzunagen. Desto wütender war er. Die Schneehöhlen waren graue Labyrinthe, hart am Pfade, verderbenbringend und verlockend zugleich. Sie luden ein zum Untergange. Schrecken war da, der aber niemand schreckte  –  –  –.

Die aschblonden Haare der Dame wehten im Sturme. Oben, in der Sennhütte, war eine gutmütige junge Frau, die ihre Gäste als »kranke, erfrorene, arg verschlagene Kindchen« behandelte, denen man in jeder Beziehung aufhelfen müsse um Himmels willen. Auch verkaufte sie »Die Sagen des Brocken«. Sie warnte beim Abstiege vor den Schneelöchern und vor dem und jenem. Der »Brocken« sei ein unberechenbarer Berg.

Beim Abstiege, beim dritten Schneeloche, schoß aus dem Hinterhalte einer auf den Direktor und nahm dem Sterbenden seine Brieftasche, sein Geld. Die aschblonde süße Frau flüchtete entsetzt in den schwarzen Wald. Der Direktor ging dahin, wahrscheinlich mit den sagenhaften Schreckgeschichten aus seiner Kindheit  –  –  –. Aber die aschblonde Frau wurde eisgrau und lebte ewig dahin, wie Kinder unter dem momentanen Eindruck einer »Brockensage«!


ENGLISCHE TÄNZERINNEN

Sissie B., Lillie R., ihr wäret gutmütig, sanftmütig, wie edle Kinder. Ihr wurdet zutraulich, wenn man euch liebhatte. Ihr kämet wie scheue Rehe aus dem Waldesdickicht eures Mißtrauens, falls man euch liebevoll-gerührt betrachtete. Eure Art zu gehen war schon wunderbar. Und das allein bewirkte bereits tiefe Anhänglichkeit in mir. Aber der »liebende Mann« hat für diese göttlichen Details kein Auge! Er will besitzen, sich erlösen, sich berauschen, sich betäuben. Was kümmert ihn euer Schreiten?! Er hat keinerlei Achtung vor euerem stillen Dasitzen und in die ferne Heimat hineinblicken, in fremdem Lande. Er hat keinerlei Achtung vor »kindlicher Verlassenheit«, und vielleicht fehlen euch 20 Kronen für die Wäscherin  –  –  –.

Ihr mußtet trinken, ohne daß euch zu trinken war, ihr mußtet lachen, ohne daß euch zu lachen war, ihr mußtet tanzen; aber zu tanzen war euch immer!

Und dann fuhren sie in ein neues »Engagement«. Und die eine schrieb mir: »Grüßen Sie herzlichst Herrn B. K. Fragen Sie ihn, weshalb er mich zuletzt so sehr gekränkt und beleidigt habe?! Ich habe ihm doch so schön vorgetanzt und ihm seine englischen Lieblingslieder alle noch zuletzt vorgesungen  –  –  –?!?«


FLUCH DER SCHÖNHEIT

Mlle. C., der Star des Théâtre des Nouveautés, konnte monatelang nicht mehr auftreten.

Es war wegen des fünften jungen Mannes, der sich ihretwegen umgebracht hatte.

Sie fühlte sich vollkommen unschuldig an diesen Morden, die sie bewirkt hatte.

Aber das Verhängnis ihrer Macht und ihrer Wirkung begann die Edle zu erdrücken  –  –  –. Sie tat nichts, sie wollte nichts, sie beanspruchte sogar nichts, und alle boten ihr ihr Leben an, mit dem sie absolut nichts anzufangen wußte; vor allem aber diese schrecklichen, schmählichen Enttäuschungen, die sie naturgemäß dem bereiten hätte müssen, der ohne sie nicht weiterleben zu können glaubte!

Er hätte sie zu hassen begonnen  –  –  –.

Sie verstand ihre Macht und ihre Wirkung nicht und konnte nichts dafür, daß fünf blühende, vielleicht sogar wertvolle Organisationen um ihretwillen zugrunde gehen mußten.

Sie hatte eine ungeheure Bescheidenheit über sich selbst, und sogar wenn sie allein in ihrem Zimmer vor dem Spiegel splitternackt sich betrachtete, makellos, konnte sie es nicht begreifen, daß man deshalb allein ein schönes, angenehmes, reiches, wertvolles Dasein zertreten, zertrümmern hatte müssen  –  –  –.

So wurde sie allmählich traurig über ihre perniziöse Macht und schreckliche Wirkung auf sehr nette, junge Leute, und man machte ihr auch Vorwürfe, die sie gar nicht verstand. So zog sie sich denn zurück aus einem Leben, das ihr grundlos nur tiefe Unannehmlichkeiten bereitete  –  –  –.


MEIN HUND

(Von einer Dame geschrieben.)

Ich habe zu meinem Geburtstage einen Hund geschenkt bekommen von jemandem, der zu mir sagte: »Halte dich an den!« Und dann begann er zu zittern und verstummte. Und ging weg und kam nie wieder.

Und ich hielt mich seither an den. Er war eine Art von grauem Stallpintscher, aber er verstand meine verdüsterte Seele. Ich maß alle Männer an seiner getreuen, verständnisvollen, sanftmütigen Art, und haßte daher alle!

Er nahm mir nichts übel, denn er verstand mich, wußte für alles Schlechte in mir weise Entschuldigungen. Er wußte, daß ich ein »gebrechliches« Geschöpf sei, und wunderte sich, daß die andern es nicht so verstünden, die doch die Sprache hatten zur Verfügung und sogenannte menschliche Intelligenz!? Sein Auge sprach: »Ihr dummen Männer!«

Er hatte mich lieb trotz meiner schrecklichen Defekte, sagte mir stets mit seinen verständnisvollsten Augen: »Du bist, die du bist, leider. Aber eben deshalb muß man dir zu helfen suchen, du Ärmste – – –.«

Er war eine Art von grauem Stallpintscher und ich hielt mich an ihn. Er hat mich nie enttäuscht  –  –  –. Sein Auge sagte immer zu mir: »Du bist leider, die du bist! Aber eben deshalb wird man dich nicht verlassen  –  –  –. Denn du brauchst jemanden, der deine Niederträchtigkeiten nicht allzusehr mißverstehe  –  –  –.«


LOKALBERICHT

Das ehemalige Mitglied des k. k. Hofburg­theaters, Fräulein Cornelia K., fungiert seit einigen Monaten mit leidenschaftlicher Hingebung als Krankenpflegerin und teilt sich mit Nonnen in die Wartung der Kranken. Ihr Entschluß scheint unabänderlich zu sein, obzwar man von mancherlei Seiten aus verzweifelte Anstrengungen macht, sie dem gewöhnlichen Leben, das doch eigentlich gar kein Leben ist, wiederzugewinnen! Fräulein Cornelia K. will in die Kongregation der Töchter des göttlichen Heilandes in Wien eintreten. Fräulein, ich kenne nur Ihren Namen seit heute, aber glauben Sie es mir, niemand ahnt so tief Ihren tragischen Weg zu den Gipfeln der Selbstlosigkeiten wie ich! Und deshalb segne ich Sie  –  –  –. Sie sind ein Genie, und die andern sind alle armselige Herdentierchen  –  –  –. Wenn man ihnen nämlich einen Hut, Pariser Modell, kauft, so glauben sie für einen Augenblick den Himmel offen  –  –  –. Aber es ist die ewige Hölle von Eitelkeit, die sich auftut, sie zu vernichten!


TUBERKULOSE

Der Doktor sagte mir heute, ich sei krank. Also gut, nun weiß ich es; was ich eigentlich übrigens schon lang gespürt habe  –  –  –. Schon lange.

Ich kann also nichts mehr für andere leisten, muß mich mit mir beschäftigen, um mich zu erhalten  –  –  –. Ein unnatürliches Leben!

Eine schreckliche Melancholie überfällt mich daher, wie wenn Heuschreckenschwärme über blühende Gegenden kommen, alles, alles ausrottend, vernichtend.

Die Angst vor dem Tode macht mich lieblos, gereizt, hartherzig und ungerecht, alles vernichtend.

Mein Gatte spürt mich seitdem als eine Belastung, ohne es zu sagen.

Er trägt sein dumpfes Schicksal, aber nicht mit dem »inneren Jauchzen« des ergebungsvollen Edelmärtyrers! Des unter Gottes Schutze Stehenden!

Er hat eben nur ein »schlechtes Geschäft« mit mir gemacht.

Das ist es. »Die Seelenaktien« sind gefallen  –  –  –.

Er hat zuwenig Sentimentalität, um mein Hinsterben als »tragisches Schicksal« mitgenießen zu können, wie ich selbst, das Opfer!

Er denkt an die Schönen, Gesunden, Frischen, Haltbaren, die ihm entgangen sind durch mich! Daran denkt er!

Ich nehme »Sorysin« und »Guajacose« löffelweise des Tags; aber seine Rücksicht und Fürsorge haben etwas Fadenscheiniges; die Milliarden Fäden der Freundschaft sind schleißig geworden. Statt mein Hinsterben als einen ewigen Verlust entsetzt zu betrauern, steht er verzweifelt vor dem Verhängnis, das gerade in seinem Leben sich ereignet  –  –  –.

Seine Liebe wächst nicht durch die tragischen Verhängnisse, sondern stirbt langsam, unmerkbar ab. Er ist also kein Künstler. Wenn ich jetzt, jetzt einen fände, der mein Hinsterben miterleben, mitertrauern könnte!?!

Ich würde mich gerne eine »Ehebrecherin« schimpfen lassen, um das zu erleben als Sterbende, daß einer mir in ewiger Trauer nachstürbe  –  –  –.


GEDICHT
VORFRÜHLING

Plateau des Hoch-Schneeberges. 2 Grad über Null.

Der Schnee fällt als Regen herab.

In den Bergföhren singt der Sturm.

Das Elisabethkirchlein leuchtet weiß.

Die grauen Schneehalden werden weich und schimmern naß. Ihr Ende ist gekommen. Sie werden dahinschwinden, in das kurze Gras einsickern.

Man hämmert und klopft in den Schutzhütten.

Die Tragesel hiaaaen und die Hunde bellen freudiger.

Eine Lawine donnert zu Tal, wie der technische Ausdruck lautet.

Im Tale rinnen tausend Bächlein den Flüssen zu.

Kinder finden erste Frühlingsboten, und die Gouvernanten fürchten sich vor Husten und Schnupfen für ihre Lieblinge.

Im Hochgebirge ist noch tiefer Winter.

Der Bauer steht da, ängstlich und ergeben zugleich, erhofft sich ein günstiges Schicksal!

Frau K. sagt zu dem Oberleutnant: »Fahren wir hinaus, in die Gelände, ich glaube, es beginnt schön und warm zu werden  –  –  –.«


DAS BETT

Dein Bett ist wunderbar, so eine Art Refugium vor den Gefahren des wachen Lebens! Aber zugleich eine Gefahr selber  –  –  – nämlich eine Art von Vorsarg deines Gestorbenseins. Dein Leben erhält im Bette retardierende Kräfte, das alles, was entgegenwirken soll deinem Absterben, läßt nach! Nur außerhalb deines Bettes bist du eigentlich widerstandsfähig den tausend feindlichen Mächten deines Lebens! Im Bette bist du ihnen unentrinnbar ausgeliefert, verfallen, und du selbst verfällst! Dein Bett schützt deine vorhandenen Kräfte, aber zugleich verhindert es die Zufuhr deiner neuen möglichen Kräfte durch das bewegte Leben des Tages! Du ziehst dich zurück aus dem nützlichen Kampfe! Dein Bett ist eine Art von Vorsarg! Es ist der Tod im Leben! Ein sanfter Tod, von dem es eine Auferstehung gibt! Aber vergiß es nie, Erwachsener: Kinder in der Wiege, Kranke in ihrem Bette schlafen unendlich lange! Das heißt einfach, sie sind noch nicht lebensfähig! Sonst würden sie das »Wachsein« vertragen! Der wache Mensch lebt, der schlafende ist gestorben!

Man kann viele Sünden durch ausgiebigen Schlaf ersetzen  –  –  –. Aber wenn man keine begeht?!? Dein Bett ist dein Vorsarg! Sobald du darin einschläfst, stirbt irgend etwas Wertvolles in dir ab!







PETER ALTENBERG

Von Dr. Egon Friedell


PETER ALTENBERG / von Dr. Egon Friedell
Zu seinem fünfzigsten Geburtstag


Der Versuch, Peter Altenberg zu registrieren, wird immer mißlingen. Bisweilen möchte man glauben, er sei ein Lyriker; aber seine Dichtungen sind dennoch unendlich viel mehr als bloße Stimmungsbilder und Augenblicksimpressionen. Manche nennen ihn ganz einfach einen Novellisten; aber dann müßte man den Begriff der Novelle umdenken, denn mit dem, was man so für gewöhnlich darunter versteht, decken sich Peter Altenbergs kleine Skizzen und Porträts durchaus nicht. Die ihn am tiefsten verstehen, werden ihn einen Philosophen nennen, aber sie denken dabei gewiß nicht an den konventionellen Philosophentypus. Ja selbst ob man ihn einen Schriftsteller nennen dürfte, ist zweifelhaft, denn er betreibt die Schriftstellerei durchaus nicht als eine Kunst, nach bestimmten ästhetischen und technischen Regeln, sondern man könnte weit eher sagen, daß er ganz mechanisch arbeitet, gleich dem Schreibhebel eines telegraphischen Apparats, der einfach niederschreibt, was ein geheimnisvoller elektrischer Strom ihm zuträgt. Er ist kein Lyriker, kein Epiker und kein Philosoph, er ist ein Dichter; ein Dichter, und sonst nichts.

Ein echter Dichter ist deshalb so schwer In irgendeine Gruppe zu rangieren, weil das Dichten keine bestimmte Kunstfertigkeit ist, sondern eine reinmenschliche Betätigung. Man könnte ebensogut das Wort »Seher« anwenden, in seiner doppelten Bedeutung. Ein Dichter ist ein Seher, ein Seher gegenwärtiger und zukünftiger Dinge. Dies ist seine ganze Tätigkeit. Er geht durch das Leben und betrachtet. Er erblickt Dinge, die vor ihm noch niemand gesehen hat, aber kaum hat er sie erblickt, so können auf einmal auch alle anderen sie sehen: diese Gesichte sind plötzlich in das Reich der Wirklichkeit getreten. Darum sollte man auch keinen essentiellen Unterschied machen zwischen einem Dichter und irgendeinem andern Naturforscher, denn beide tun ganz dasselbe: sie entdecken neue Wirklichkeiten, die bisher verborgen waren, neue Kräfte und deren Verbindungsmöglichkeiten, und es ist im Grunde einerlei, ob es neue chemische oder neue seelische Affinitäten sind, die ein solcher Naturforscher ans Licht bringt.

Ein solcher Dichter ist Peter Altenberg, und darum kann man nicht weiter sagen, ob er in diese oder jene Kunstgattung rangiert, denn dies sind Fragen der Form, und die Form kommt hier ebenso wenig in Betracht, wie etwa das Format einer photographischen Platte für die Schärfe und Richtigkeit des Lichtbilds.

Weil aber Peter Altenberg ein Dichter ist, darum mußte er auch das Schicksal des Dichters haben: nämlich völlig mißverstanden zu werden. Über seine Gesamtpersönlichkeit sind die abenteuerlichsten Vermutungen im Umlauf. Die »Literaten« (die sogar behaupten, ihn zu verehren) sehen in ihm einen »genießerischen Ästheten«, während er doch im Gegenteil ein Natürlichkeits- und Naturfanatiker ist wie wenige seiner Zeit; die Philister erblicken in ihm den Gipfelpunkt der »Moderne« (was bekanntlich bei einem Philister die furchtbarste Beschimpfung ist) und nennen ihn einen geistreichen Paradoxenjäger und Aphorismenjongleur, ohne zu ahnen, daß sie es mit einem leidenschaftlich herumirrenden Wahrheitssucher zu tun haben; und das dicke Gros des Publikums schließlich weiß von ihm nichts anderes zu sagen, als daß er den Typus des genialischen Großstadtbohemiens darstellt, obgleich er in Wahrheit eine reformatorische Persönlichkeit von fast religiösem Charakter ist.

Die Schwierigkeit des Verständnisses beginnt allerdings schon bei der Form. Wer Peter Altenbergs Skizzen zum ersten Male liest, der wird eine ähnliche Impression haben, wie einer, der zu spät zu einem öffentlichen Vortrag kommt, und nun, in eine entlegene Ecke des weiten überfüllten Saales gedrückt, mit großer Anstrengung dem Redner zu folgen versucht. Anfangs vernimmt er nur undeutliche, abgerissene Worte und Sätze, bis er endlich, an die Akustik des Saales und das Organ des Redners gewöhnt, aus den einzelnen Bruchstücken einen Sinn zu bilden vermag. Aber über einen gewissen Atomismus wird es der Leser Peter Altenbergs zunächst nicht hinausbringen. Er wird glauben, in eine phantastische und fragmentarische Märchenwelt versetzt zu sein, in der alles viel freier und unverantwortlicher zugeht, losgelöst vom Gesetz der logischen und psychologischen Gesetzmäßigkeit, und er wird zu dem Schlußresultat kommen, daß hier ein Dichter gearbeitet habe, der zwar viel tiefe Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe besitze, dem es aber nicht gegeben sei, die Dinge in ihren Zusammenhängen zu überblicken: ein Dichter gleichsam mit einem sehr kurzen Gedächtnis, der bei der zehnten Zeile schon völlig vergessen hat, was er in der dritten Zeile gesagt hat; ein poetischer Pointillist, der persönliche Impressionen hat, aber keine persönliche Welt; ein Zeichner, der Linien und Ornamente entwirft, aber keine Bilder.

Viele geben sich nicht die Mühe, über diesen ersten irrtümlichen Eindruck hinauszukommen. Er ist irrtümlich, weil das, was beim ersten Anblick den Eindruck von Zusammenhangslosigkeit, ja Gedankenflucht macht, nichts andres ist als außerordentliche Knappheit und Schnelligkeit des Denkens, die so und so viele Zwischenglieder überspringt, weil sie vom Leser eine zu gute Meinung hat.

Das ist das eminent Moderne an Peter Altenbergs Dichtungen. Nur im Zeitalter der Telegraghie, der Blitzzüge und der Automobildroschken konnte ein solcher Dichter erstehen, dessen leidenschaftlichster Wunsch es ist, immer nur das Allerallernötigste zu sagen. Für nichts hat ja unsre Zeit weniger Sinn als für jenes idyllische Ausruhen und epische Verweilen bei den Gegenständen, das früher gerade für poetisch galt, und nichts ist ihr verhaßter als Langsamkeit und Breite. Wir lassen uns nicht mehr behaglich über den Dingen nieder. Unsre gesamte Zivilisation steht unter dem Grundsatze: Le minimum d'effort et le maximum d'effet! Schon in der Schule beginnt heutzutage die »Erziehung zum Extrakt«. Wir empfangen Extrakte von Philologie, Extrakte von Weltgeschichte, Extrakte von Naturkunde: niemals die Wissenschaft selbst, immer nur den Extrakt. Die Photographie entwirft uns kondensierte Miniaturbilder der Welt. Wir reisen nicht mehr ausführlich in der Postkutsche, sondern im Schnellzug und empfangen hastige Schnellbilder der Gegenden, die wir passieren. Und ganz typisch ist es auch, daß die Postkarte unsern heutigen schriftlichen Verkehr beherrscht: sie vertritt den modernen Gedanken, daß für fast jede Mitteilung ein Oktavblatt ein genügend großer Raum ist. Und das Buch für den modernen Menschen darf daher nicht etwas Zeitraubendes sein, sondern es muß Zeit ersparen. Bücher sind für Menschen da, die wenig Zeit haben. Wer viel Zeit hat, ist so glücklich, »ich all das selbst langsam erwerben zu dürfen, was ihm ein wertvolles Buch in wenigen Stunden gibt. Bücher sind Surrogate für Erlebnisse, Notbehelfe für Menschen, die keine Zeit haben. Daher ist Knappheit und Kürze die erste Forderung, die das moderne Buch erfüllen muß, aber nicht die dürftige oder die aphoristische Kürze, sondern die gehaltvolle, gedrängte Kürze, die gerade dem gedankenreichsten Schriftsteller ein stetes Bedürfnis ist.

Dies ist das Grundprinzip Peter Altenbergs. Er schreibt »Telegrammstil«. Es kommt ihm niemals darauf an, etwas möglichst schön zu sagen, sondern es möglichst präzis und kurz zu sagen. Er will überhaupt nicht die Schönheit, sondern die Wahrheit, denn er ist überzeugt, daß die Wahrheit immer auch die Schönheit enthält. Bezeichnend für sein leidenschaftliches Bestreben nach Kürze sind seine »Fünfminutenszenen«, eine Reihe von ganz kurzen dramatischen Skizzen. Es sind aber gar keine Fünfminutenszenen, sondern sie dauern höchstens zwei oder drei Minuten. Sie fixieren irgendeinen dramatischen Moment und überlassen das andre dem Leser. Es gelangt einen Augenblick lang Licht auf irgendeine gefährliche Situation der Seele, irgendeine fragwürdige Verwicklung, einen mysteriösen Konflikt, und dann fällt der Vorhang. Diesen Versuchen liegt der treffende Gedanke zugrunde, daß das Leben eben nur minutenlang dramatisch ist, und daß der dramatischste Dramatiker daher nur Minutenstücke schreiben dürfe, und fernerhin abermals die für den Leser so ehrende Annahme, daß es genüge, einen Impuls, eine Anregung zu geben, und daß sich jeder schon selber den Rest an Exposition, Aufbau, Nachgeschichte aus eigenem Phantasiekapital dazudichten könne. Man wird dabei an ein vorzügliches Wort erinnert, das Abbé Brotier in seiner Ausgabe des La Rochefoucauld sagt, und das Lichtenberg einmal zitiert: »Corneille, La Fontaine et La Rochefoucauld ont pensé et nous pensons avec eux, et nous ne cessons de penser, et tous les jours ils nous fournissent des pensées nouvelles; que nous lisons Racine, Neuville, Voltaire, ils ont beaucoup pensé, mais ils nous laissent peu à penser aprés eux«. Dies ist vielleicht überhaupt der Hauptunterschied, der dem Schriftsteller seinen Rang anweist und entscheidet, ob er ein bloßer Talentmann oder ob er eine geniale Naturkraft ist: die einen denken blos selber, aber die andren bringen auch die übrige Welt zum Selbstdenken.

Neben seiner Kürze ist Peter Altenberg auch durch seinen Impressionismus einer der charakteristischsten Vertreter seiner Zeit. Er ist der prägnanteste und subtilste Ausdruck dessen, was man mit dem sehr verrufenen Wort »Fin de siècle« bezeichnet hat. Er ist der Typus jener »Décadence« vom Ende des vorigen Jahrhunderts, die ziemlich kurzlebig war und in ihm allein heute noch fortlebt. Er überlebte sie, denn er hatte wohl dekadente Nerven, und er mußte sie haben, denn was sind schließlich dekadente Nerven andres als höchstimpressionable Nerven? Aber er hatte kein dekadent« Herz. Er übernahm von dieser ganzen Richtung nur den Feminismus, aber der Feminismus war bei ihm nicht Schwäche, sondern Stärke, nämlich eine erhöhte und bisher unerreichte Fähigkeit, sich in das Seelenleben der Frau zu versetzen. Hierin ist er eine vollkommen einzigartige literarhistorische Spezialität. Es hat nie vorher einen Dichter gegeben, der ihm hierin auch nur nahe gekommen wäre. Er ist der erste wirkliche Psycholog jener mysteriösen Geschöpfe, die unser Leben ununterbrochen begleiten und bestimmen, und die uns dennoch stets fremd und unfaßbar bleiben. Die anderen stellten sich zur Frau als mehr oder minder glückliche Deuter, aber Peter Altenberg ist kein Deuter der Frau, er erlebt die Frau in sich selbst in der vollkommensten Weise, und wenn er die Frau schildert, so liest er gar nicht in einer fremden Seele, sondern in seiner eigenen. Er verhält sich zu allen bisherigen Frauenpsychologen, wie der wissenschaftliche Naturforscher zum mythologischen Erklärer der Natur. Dieser steht unter dem Bann des Anthropomorphismus: er kann die Natur nie begreifen, denn er erklärt sie nicht von ihr aus, sondern von sich aus. Ebenso standen alle bisherigen Frauenpsychologen unter dem Bann des »Andromorphismus«: sie sahen die Frau vom Mann aus. Infolgedessen ist Peter Altenberg ein absolutes Novum. Er besitzt die Vorstellungs- und Gefühlswelt der Frau, verarbeitet sie aber mit der überlegenen Intelligenz des Mannes. Er besitzt, um es bildlich auszudrücken, ein Gehirn, das der Materie nach weiblich und der Struktur nach männlich ist.

Seine psychologische Methode Ist die chemische. Er prüft jedes psychologische Phänomen an gewissen Reagentien und versucht so langsam und schrittweise den Charakter jeder seelischen Erscheinung zu bestimmen. Er geht immer ins Detail, aber er verliert sich nie darin. Seine Kunst, durch irgendein apartes Adjektiv plötzlich einen Menschen, eine Landschaft, ein Zimmer ganz plastisch vor den Leser hinzustellen, ist außerordentlich. Bisweilen verfällt er in ein überheiztes, sich überstürzendes, knatterndes Pathos, das aber ganz neu ist: er hat für lärmende Prunkreden eine ganz neue Tapisserie erfunden; er macht eine Art Pathos, zu dem sich das frühere Dichterpathos etwa verhält wie Posaunenstöße zu dem Lärm einer ungeheuren Dynamomaschine. Er geht dabei ganz skrupellos vor. Er behandelt die Sprache, als ob sie nie vorher von anderen gehandhabt worden wäre und er der erste wäre, der sie als dichterisches Instrument in die Hand bekommt.

Dieses: seine neue Extraktform, seine unerreichte Minutiosität der Schilderung, seine Frauenpsychologie und sein seltsames Maschinenpathos sind die schriftstellerischen Hauptverdienste Peter Altenbergs. Wir müssen jedoch noch weiter gehen. Wir müssen in ihm nicht nur den Schöpfer einer eigenen Kunstform erblicken, sondern auch den Schöpfer eines neuen künstlerischen Programms.

Die künstlerische Entdeckung, die Peter Altenberg gemacht hat, ist ebenso originell als einfach; sie ist so einfach, daß viele sich weigern werden, sie für originell zu halten. Aber gerade diese Verbindung von Originalität und Selbstverständlichkeit macht das Wesen jeder wirklich wertvollen Erkenntnis aus. Bloß originell sein ist nämlich gar keine Kunst: man braucht sich nur um Vernunft und Wahrheit nicht zu kümmern, und man ist schon originell. Die geniale Originalität besteht jedoch darin, daß man neue Gesetze und Beziehungen entdeckt, die zwar bisher unbekannt waren, aber dennoch die natürlichsten von der Welt sind, denn sie waren ja stets vorhanden. Kaum sind sie entdeckt, so sagt jeder: »Das habe ich längst gewußt«. Dieses »ich habe es längst gewußt«, das der Philister an jede Neuheit anhängt, die das Unglück hat, auch zugleich wahr zu sein, ist geradezu der Prüfstein für ihre Lebensfähigkeit.

Die höchst einfache künstlerische Erkenntnis Peter Altenbergs ist nun diese: daß das Leben das einzige wirklich märchenhafte Märchen ist, und daß wirkliche Poesie und Phantasie nur in der Realität zu finden sind. Darum hat er auch seine letzte Skizzensammlung »Märchen des Lebens« genannt, aber er hat niemals etwas anderes geschrieben alt Märchen des Lebern, und man könnte seine übrigen Bücher ebenso betiteln. Er ist, um es in einer kurzen Formel zu sagen, der erste naturalistische Romantiker.

Seit es Kunst und Künstler gibt, haben diese beiden Richtungen: Romantik und Naturalismus immer miteinander gekämpft, sich bisweilen in der Herrschaft ablösend, aber doch immer gleichzeitig vorhanden – als Ober- und Überströmung. (Den sogenannten »Klassizismus« können wir der Übersichtlichkeit halber aus dem Spiele lassen, denn er ist ja im Grunde nichts anderes als eine stilisierte Romantik.)

Indes: Poesie und Romantik sind gewissermaßen Wechselbegriffe, und jeder Dichter wird als Romantiker geboren; und gerade der Naturalismus hat uns ja gezeigt, daß eine rein naturalistische Kunst schon theoretisch eine Unmöglichkeit ist. Nun aber sind Natur und Romantik ebenfalls Wechselbegriffe, und in der Einigung dieser Trinität: Kunst, Natur, Romantik liegt Peter Altenbergs neues künstlerisch« Programm.

Nämlich: wir nähern uns der Poesie genau in dem Maße, in dem wir uns der Natur nähern, und wir nähern uns der Romantik genau in dem Maße, in dem wir uns dem Leben nähern. Dies ist die Erkenntnis des romantischen Naturalismus. Die Romantiker alten Schlages waren mit der gegebenen Welt unzufrieden, denn sie schien ihnen nichts Poetisches zu enthalten. Darum bevölkerten sie sie mit allerlei Wesen und Ereignissen, die es nicht gibt. Der orthodoxe Naturalist dagegen brachte das Leben genau so, wie es ist, oder vielmehr scheinbar ist: er dichtete gleichsam mit der Lupe in der Hand. Aber das Leben ist für den naturalistischen oder, wie man ihn eigentlich nennen müßte, für den materialistischen Dichter nur zur Hälfte vorhanden, denn es ist voll von Wundern und Geheimnissen. Der »Naturalist« bringt das Leben, aber er unterschlägt das Märchen, das im Leben steckt. Der »Romantiker« dagegen bringt zwar das Märchen, aber auf Kosten des Lebens. Daher kann man sagen, daß beide, Naturalismus und Romantik, zwei gleich unwahre Kunstrichtungen waren.

Der romantische Naturalist nun hebt diese beiden Gegensätze auf, indem er sie vereinigt. Für ihn ist die Welt weder ein fiktiver Zauberwald, noch ein poesieloses Zellenagglomerat, sondern er zeigt, daß jener ausstudierte Apparat von Rittern, Elfen, Zauberern und Drachen im Leben wirklich vorhanden ist, nur viel phantastischer, mysteriöser und poesievoller. Er zeigt, daß jene alten sogenannten »Romantiker«, die literarischen Romantiker, armselige Dilettanten waren, und zwar gerade in der Romantik; er zeigt, daß wir das alltägliche Leben des einfachsten Menschen nur ein einziges Mal so anzusehen brauchen, wie es sich wirklich abspielt, um plötzlich zu erkennen, daß jene erdichteten Märchen nichts sind als kindische, phantasiearme Geschichten, blasse und schwächliche Kopien jener wunderbaren, viel unwahrscheinlichem Märchen, die sich in jeder Minute überall ereignen. Die falschen Romantiker glauben die Wirklichkeit zu übertrumpfen und bleiben in Wahrheit weit hinter der Wirklichkeit zurück. Das Leben der menschlichen Seele ist das tiefste und wunderbarste Märchen. Die Hexen, Elfen, Zauberer und Drachen sind ja wirklich da, nur inkognito. Dornröschen ist angeblich ein Phantasiegebilde. Aber es schläft ja wirklich, vielleicht schon im nächsten Nachbarhause, und der Prinz fährt eben um die Ecke. Und Melusine existiert, aber vielleicht als Verkäuferin in einer Konditorei, und die Loreley existiert und der Zauberer Merlin, sie alle sind vorhanden: man muß sie nur zu finden wissen. Dazu ist eben der Dichter da.

In früherer Zeit freilich, da war ein Dichter ein sonderbares Geschöpf: er trug eine braune Sammetjoppe, ein blonder Vollbart umrahmte seine durchgeistigten Züge – und dann setzte er sich an den Schreibtisch und »dichtete«, das heißt: er kombinierte allerlei mögliche und unmögliche Dinge, erfand Situationen und Konflikte und dachte sich eine Menge von Angelegenheiten aus, die nur in seinem Kopfe zusammengekommen waren. Aber der Dichter der Zukunft, der Dichter nach Peter Altenbergs Rezept, »dichtet« gar nicht, er dichtet sogar viel weniger als alle übrigen Menschen – aber gerade das macht ihn zum Dichter.

Peter Altenberg knüpft unmittelbar an die romantische Schule an, aber er macht den großen Schritt des Naturalisten über sie hinaus. Er lebt vollkommen im romantischen Ideen- und Vorstellungskreis: seine Frauenverehrung, sein entwicklungstheoretischer Idealismus, sein künstlerischer Aristokratismus, das sind alles romantische Elemente. Aber während jene ihre Ideale vom Himmel herabholen und nur hier und dort halb widerstrebend die Erde streiften, läßt Peter Altenberg seinen romantischen Idealismus aus der brutalen, nackten Wirklichkeit hervorwachsen. Man könnte ihn daher einen »induktiven Romantiker« nennen. Die alten Romantiker suchten die blaue Blume und fanden sie nicht, was ganz natürlich war, denn sie existierte nur in ihrem Gehirn. Aber Peter Altenberg, der Neuromantiker, hat sie gefunden: für ihn ist nämlich jede Kornblume eine romantische »blaue Blume« und jedes natürlichste, trivialste Erlebnis des Alltags das poetischste, phantastischste Märchen!

Dies sind die großen künstlerischen Entwicklungsmöglichkeiten, die in Peter Altenbergs Büchern stecken. Das Wort »Märchen des Lebens« wird einmal eine große Dichterparole werden wie seinerzeit jene »Blaue Blume«. Ein einsamer verschneiter Baum, von einem Künstler photographiert, wird vielleicht einmal mehr gelten, als das wunderbarste gemalte Stilleben. Der Wunschzettel eines kleinen Jungen vor Weihnachten, die trockene Gerichtssaalnotiz einer Tageszeitung, der sachliche Bericht eines Gelehrten über beobachtete Naturwunder, das dumme Tagebuch eines Backfisches, der unorthographische Brief eines Dienstmädchens: diese und ähnliche Dinge, von einem Dichter festgehalten, werden vielleicht einmal als die einzigen echten Dichtungen gelten. Und wenn jemand einwenden sollte, daß nach dieser Auffassung die Dichter ja ganz überflüssig wären, denn alle diese Dinge seien ja schon da, so ist ihm zu erwidern: Im Gegenteil! Die Dichter werden nötiger und wichtiger sein als zuvor, nämlich als Entdecker dieser Dinge, für die nur sie Augen, Ohren und Nerven haben. Aber als Entdecker, nicht als Erfinder. Das armselige »Erfinden« werden sie den Hysterischen, den Blaustrümpfen und den Dichterlingen überlassen.