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Mathilde Franziska Anneke – Das Geisterhaus in New-York

Roman

Mathilde Franziska Anneke, Das Geisterhaus in New-York, Hermann Costenoble, Jena und Leipzig, 1864



1.

Die Sterbende

»Horch! hören Sie nichts?«

»Nichts, gar nichts! nur der Wind heult um die Dächer und der Regen schlägt gegen die Fensterflügel.«

»O, gewiß, ich höre fremde Klänge; – das Echo von einem unterirdischen Getöse umgiebt mich fortwährend, und – sehen Sie da, welch' ein furchtbares Gespenst schwebt durch die dichte Nebelluft?«

»Ihr Kopf ist erhitzt und Ihre Phantasie schafft Gebilde, die in Wirklichkeit nicht existiren. Beruhigen Sie sich, oder ich kann für die Folgen nicht verantwortlich sein.«

»Jetzt verschwindet es; langsam und ohne Geräusch stiehlt es sich hinweg. Wie todtenbleich das Antlitz ist; – die in Balsam getünchten Grabgewänder umwallen die Glieder.«

Die also sprach und in der bezeichneten Weise diese nächtlichen Schatten umklammerte, war eine Dame von vielleicht fünfundvierzig Jahren. Ihre Gesichtszüge, obgleich abgehärmt und abgezehrt durch lange Krankheit, trugen immer noch Spuren von außerordentlicher Schönheit, und ihre zarte, weiße Hand, wie sie so hingegossen auf der schneeigen Bettdecke lag, gab vollständige Auskunft von ihrer ehemals bevorzugten Stellung im Leben.

Nahe dem Bette, auf welchem die Dame ruhte, saß ein Mann von gesetztem Wesen, ungefähr im gleichen Alter mit ihr. Sein Gesichtsausdruck würde vielleicht den scharfsinnigsten Physiognostiker eine ganze Weile in Verlegenheit gesetzt haben. Seine Augen waren klein und mit verschlagenen Blicken, die jedoch in dem ganzen Ausdruck, wie er die Dame aufzuheitern suchte, jene unangenehme Einwirkung verloren, die das stechende Grau sonst verursachte. Er saß an einem Tische, auf welchem Documente ausgebreitet lagen, von denen einige in einer schwankenden, fast unleserlichen Hand geschrieben waren.

Das Gemach, worin die beiden Personen sich befanden, war ein sehr alterthümliches; das Getäfel eben kein kunstreich gearbeitetes, war schwarzbraun vor Alter. Die Wände waren mit reichem Schnitzwerk von Eichenholz ausgelegt. Den Fußboden bedeckte ein altmodiger gewirkter Teppich, und der ganze Möbelvorrath bestand größtentheils aus massenhaft schwerfälligen Schränken und Büchergestellen; hier und da erblickte man einen furchtbar kolossalen Armstuhl, eben nicht sehr freundlich einladend, oder ein Sofa mit einer gewaltigen Rücklehne.

Die Vorhänge vor den kleinen, schmutzigen Fenstern waren verwittert, so wie theilweise von den Motten zerfressen, und die große Messinguhr dort über dem Kamingesimse machte durch ihre niederfahrenden, schweren Gewichtsteine nach jeder abgelaufenen Stunde das alte Haus sogar erzittern.

Das Aeußere des Gebäudes, welches dieses Gemach enthielt, dürfte schwerlich mehr Anziehendes als sein Inneres haben. Es war in einem gewöhnlichen, aber ziemlich regelmäßigen Baustyl, theilweise aus rohen Steinen und schwerem Holz ausgeführt. Die Fenster gingen tief in die Wände hinein und waren beinahe gänzlich versteckt von dem glänzenden Laubwerk der blätterreichen, giftaushauchenden Schlingpflanzen. Das ausbröckelnde Gemäuer war hin und wieder bedeckt mit Schimmel und Moosen. Nicht nur in jener Zeit, von welcher ich erzähle, erschien das Gebäude in diesem eigenthümlichen Zustande, noch heute erblickt man es so inmitten der großen Weltstadt New-York. Von allen Seiten ist es mit grünen Rasenplätzen und einigen großen alten Ulmen umgeben. Jetzt steht es unbewohnt da, denn Niemand will sich finden, der unerschrocken genug ist, um darin zu leben, da so schaurig und wild die düstern Sagen und Erzählungen klingen, die manche Leute davon berichten. Man spricht von entsetzlichen Lauten, die in der Abenddämmerung aus diesem Hause ertönen, und von Lichtern, die wie Irrwische kreuz und quer aus den matterleuchteten Fenstern schießen.

Ich bin eine von jenen skeptischen Seelen, die die Geister ewig fliehen, und werde niemals Gelegenheit haben, jene Thatsachen verbürgen zu können. So viel ist aber sicher – und es mag zur Einleitung meiner Erzählung genug sein – daß das Gebäude in dem westlichen Theile der Stadt New-York liegt und, unbekannt dort, man nur nach ihm zu fragen braucht, um die Antwort zu bekommen: »Hu, hu, das Geisterhaus!« –

Gehen wir zurück in das Gemach desselben in welchem meine Erzählung begann. 

»Ich wünschte nun noch einige Zeugen für diesen meinen letzten Willen im Testamente,« sagte die Kranke. »Kann ich sie haben?«

»Allerdings, Mrs. Granger,« antwortete der Advokat. »Wen soll ich darum ersuchen?«

»Einen oder Andern,« sprach sie, »gleichviel, nur sterbliche Zeugen müssen es sein; solche, die dem Geisterreiche angehören, können wir nicht gebrauchen. Von ihnen ist ohnehin dieser Raum angefüllt.«

»Das möchte wahr sein,« erwiderte der Advocat. »Aber die dürften einige Schwierigkeiten in der Handhabung der Feder finden, glauben Sie nicht?«

So redend, durchkreuzte er das Zimmer und ging hinaus in die Vorhalle, kehrte dann nach einigen Minuten zurück, gefolgt von zwei Dienerinnen, deren düsteres Aussehen mit Allem übereinstimmte, was sie rund umgab.

Anfangs schien es nicht so leicht zu sein, ihnen begreiflich zu machen, zu welchem Zweck ihr Erscheinen nöthig sei. Aber nicht lange, so setzten sie ihre Namen unter die fraglichen Documente und verschwanden dann wieder eben so geschwinde und mürrisch, wie sie gekommen waren.

»Das wäre gethan, Mr. Headly,« nahm die Dame wiederum das Wort, »nun kann ich hingehen und meinen Platz unter den Geistern nehmen in Frieden. Mein lieber Neffe Eliot ist mit Ueberfluß versorgt, – ich habe jetzt nichts mehr zu thun.«

»Doch noch Eins,« murmelte Mr. Headly, während er unter den Actenstücken suchte, um dasjenige, was zur vollständigen Beendigung des Geschäfts noch nothwendig war, herauszufinden. »Sie müssen mit Ihrer eigenen Hand das Paquet versiegeln.«

»Ja, ja, das hätte ich beinahe vergessen, aber ich wollte es in Gegenwart meines Pflegesohnes thun,« wandte Mrs. Granger zögernd ein.

»Er wird augenblicklich hier sein; er ging fort, um einen Arzt zu holen.«

»Habe ich doch immer und immer wieder gesagt, daß ich keinen Arzt will! Ich werde schon früh genug ohne ihn von hinnen gehen.«

Kaum hatte die Dame diese Worte in einem etwas erzürnten Tone gesprochen, als ihr Neffe, gefolgt von dem Arzt, in das Zimmer eintrat.

Der Sterbeblick in den Augen der Frau ruhte auf dem jungen Mann, und obgleich sie ihm ihre Hand mit einer gewissen Zuneigung reichte, weigerte sie sich doch entschieden, dem Arzt zu erlauben, ihren Puls zu fühlen.

»Nein, nein, nein!« wiederholte sie als Entgegnung den eindringlichen Bitten des Neffen. »Wenn meine Zeit gekommen ist zu sterben, kann keine Macht der Erde mich davor schützen. Laß diese Thorheit. Die kurze Spanne, die ich noch zu leben habe, werde ich anderen Dingen widmen.«

Eliot Granger hielt inne und winkte dem Arzt auf die Seite zu treten, da die Kranke ihn nicht sehen wollte, inzwischen blieb er ihr nahe und lauschte ihren Wünschen.

Man mußte gestehen, die Erscheinung des Neffen war eine stattliche und von außerordentlich nobelm Aeußern. Er konnte eben sein siebenundzwanzigstes Jahr erreicht haben. Von seiner schönen hohen Stirn fiel das Haar, nicht schwarz aber doch dunkel in weichen glänzenden Locken, und in den braunen Augen ruhte ein tief melancholischer Ernst, aber um seinen Mund, obgleich klein und reizend geformt, lauerte ein unheilverkündender schlimmer Zug, besonders wenn ein kaltes, ironisches Lächeln um seine Lippen spielte und die Reihe von weißen Zähnen blicken ließ, so daß man unwillkürlich schauderte und eine unerklärliche Angst Einen beschlich bei seinem Anblick. 

Wie eine Schlange einen Vogel im Zauberbann halten kann, so vermochte Eliot Granger durch seine magnetische Willenskraft Alles zu fesseln, was er fesseln wollte. Mochte das seiner Macht einmal verfallene Herz sich auch eine Weile sträuben, endlich sah es sich doch gezwungen, ihm zu folgen, und zwar mit bangem, zitterndem Interesse.

In diesem Augenblick erschien unser junger Held in seiner gewöhnlichen Eleganz, fein und kostbar gekleidet. Er warf seine zierlichen Glacéhandschuhe mit einer leichten Nonchalance von sich, als ob er von ungefähr zurückkehrte, unaufgefordert von einer innern Stimme, die letzten Momente noch bei der Einzigen zu verweilen, die er auf dieser Erde kannte und die seit seiner Kindheit, so nachsichtig war bei all' seinen kleinen Unarten und so wohlwollend und gütig bei all' seinen Wünschen.

»Wollen Sie denn nicht den Beistand des Doctors, liebe Tante?« fragte der Neffe, den Gegenstand der dringenden Unterhaltung wieder aufnehmend. »Gewiß, es ist unrecht –«

»Sehr wohl,« fiel sie etwas pikirt ein, »ich will meiner Natur nicht vorgreifen; ich hatte mein ganzes Leben hindurch unrecht und werde mir jetzt zu Ende keine Mühe mehr geben, das Uebel wieder gut zu machen. Aber genug von alledem; ich muß noch von anderen Dingen sprechen.«

»Ich höre aufmerksam, liebe Tante!«

 »Du weißt, Eliot daß alle meine Güter Dir anheimfallen; ich wünsche nur, daß Du sie mit Freuden genießen möchtest Dein Lebenlang. Allein eine Bedingung – –« hier hielt die Kranke inne und haschte nach Athem; dann fiel sie ohnmächtig in die Kissen zurück, welche sie bis dahin unterstützt hatten.

»Bedingungen – immer Bedingungen –« murmelte Eliot für sich. Aber er hatte liebende Sorgfalt genug, zu schweigen und hurtig nach solchen Mitteln zu greifen, die gerade zur Hand und wohl geeignet waren, die Ohnmächtige sogleich zum Leben zurück zu rufen.

»Was ist denn diese Bedingung, liebe Tante?« fragte der junge Mann, als sie wieder zum vollständigen Bewußtsein gekommen war.

»Heute ist der zehnte September,« begann sie in fragendem Tone, »ist es nicht so?«

»Es ist so!«

»Und Dein Geburtstag!«

»Mein Geburtstag!«

»Er wird also mein Todestag sein!« 

»Nicht doch, liebe Tante, Sie verlieren zu schnell den Muth.«

»Das weißt Du besser, Eliot. Ich behaupte niemals Etwas, wenn ich von der Wahrheit dessen, was ich behaupte, nicht überzeugt bin.«

Bei diesen Worten glitt eine leichte Röthe über ihre blendende Stirn, die ihn nur zu schnell von der Wahrheit überzeugte.

»Wenn dieser Tag noch dreimal wiederkehren wird, dann, Eliot, trittst Du in Dein dreißigstes Jahr. Du wirst,« fuhr Mrs. Granger fort, »dann genugsam erkannt haben, wie die Welt beschaffen ist. Wenn diese Zeit gekommen – – aber sind wir allein?«

»Nur Mr. Headly, sonst ist Niemand hier,« antwortete Eliot, während er dem immer noch im Zimmer weilenden Arzt winkte, dasselbe zu verlassen. Er that es, ohne von der Dame bemerkt zu werden, und sie begann wiederum zu reden. Aber ihre Stimme wurde nach und nach schwächer und mit jedem Worte unverständlicher.

»Am 10. September, drei Jahre nach heute, komm allein in dieses Haus und in dieses Gemach. Mit diesem Schlüssel« – und mit den Worten legte sie denselben in seine Hand – »wirst Du die eiserne Thür öffnen, die jenen Wandschrank verschließt. Nimm dann dieses Paquet heraus, welches ich eben versiegeln und hineinlegen will. Du wirst es öffnen und darin eine wundersame bedeutungsvolle Geschichte lesen. Du findest ein Geheimniß enthüllt und wirst daraus im Stande sein zu lernen.«

Sie stockte; dann fuhr sie fort: »Eines bestimmten Einkommens wirst Du Dich jährlich von all' meinen Besitzungen zu erfreuen haben, aber es ist daran die heilige Verpflichtung geknüpft, daß Du den gerechten Ansprüchen Mr. Headley's, der mir stets ein treuer Freund und zuverlässiger Rechtsbeistand war, nachkommen wirst. Willst Du schwören, diese meine Wünsche zu erfüllen?«

Einigermaßen überrascht von diesen seltsamen Forderungen, kniete der junge Mann zur Seite der Tante und leistete das verlangte Gelöbniß. Dann versiegelte sie das Paquet mit unstäten Bewegungen und überreichte es mit zitternder Hand dem Herrn Headley, den Platz mit ihren Augen wahrend, den es in dem Schrank einnehmen sollte. Als die eiserne Thür in dem Mauerwerk sich wieder schloß, fiel ein Getäfel darüber, welches vermittelst einer Feder die Sicherheit vollständig verhieß. Nachdem so Alles an seinen alten Platz zurückgekehrt schien, sank die Sterbende ermattet in ihre Kissen.

Als sie sich nach einer Weile ein wenig wieder erholt hatte, fuhr sie fort: »Sobald Du meinen letzten Willen gelesen hast, wirst Du finden, daß, wenn das Gelübde gebrochen ist, alle meine unermeßlichen Reichthümer auf einen Andern über gehen. Erinnere Dich daher des zehnten Septembers; weder früher noch später darf das Geheimniß Dir bekannt werden.«

»Wie Du willst, soll es geschehen.«

»So ist es gut; ich werde an Deiner Seite sein, wenn Du mein Vermächtniß öffnen wirst. Du wirst mich nicht sehen, mich nicht hören, aber Du wirst meine Gegenwart empfinden;« flüsterte das sterbende Weib. »Lebe wohl, – lebe ewig wohl! – Und nun kommt, ihr kalten Schatten einer unbekannten Welt, kommt aus Euren verborgenen Räumen und winkt mir hinweg. Ich gehe, ich gehe; – noch ehe Mitternacht ist, wird meine irdische Hülle zu Staub sinken; aber mein Geist wird zu Euch hinfliegen, Ihr Geister! bei Euch weilen in der alten ewigen Heimath.« –

Dies waren die letzten Worte, welche sie sprach. Dann fiel sie in plötzliche Erstarrung, gegen welche alle ärztlichen Versuche– zu welchem Zweck der Arzt noch schleunigst wieder hereingerufen wurde – vergebens waren.

Nichts belebte sie wieder, nach einer kurzen Weile nur schluchzte sie noch einmal. Sie hatte ihren Geist ausgehaucht.

Fortan hatte das Geisterhaus einen andern Besitzer.



2.

Die Verlobten.

Es war ein klarer, sonniger Tag, Anfangs April des Jahres 184*. Die Winde des März verzögerten noch ihre Abreise und trieben den Staub wirbelnd durch die Straßen. Die Schilder über den Thüren der Kaufläden keuchten und krachten, und die Fahnen und Wimpel flatterten, während die schöne Welt, besonders die der Damen, Mühe hatte, die gerade Richtung ihres Weges im Winde zu halten. Manche begaben sich der verzweifelten Anstrengungen, und die wenigen, die tapfer genug mit dem Element den Wettkampf wagten, schwankten umher wie die Barke im Sturme.

Es war gegen Abend, schon nahte die Dämmerung, als eine junge Dame, dem Anscheine nach von nicht mehr denn achtzehn oder neunzehn Jahren, ihren Weg über den Broadway nahm. Sie war in schwarze Seide gekleidet und trug einen Hut von braunem Sammet. Um ihre Schultern hing ein kostbarer, für die Saison passender Pelz. Dann und wann hob der Wind ihren feinen Schleier seitwärts und ließ ein Gesichtchen von außerordentlicher Schönheit und Lieblichkeit sehen. Ihr wundervolles, kastanienbraunes Haar fiel in glänzenden Ringellocken und bildete einen schönen Contrast zu ihrer blendend weißen Gesichtsfarbe. Der Wind und ihre Anstrengungen gegen denselben, vereinigten sich, das zarteste Rosenroth ihren Wangen anzuhauchen. Ihre braunen Augen wurden von langen seidenen Wimpern überschattet, und ihre sanft gerötheten Lippen öffneten sich bei einem leichten Lächeln und ließen eine reine Perlenschnur von Zähnen erblicken.

Sie hatte ihre Schritte beflügelt um so hurtig wie möglich ihre Wohnung zu erreichen. Die Straßenlampen waren bereits angezündet, als sie eben dem New-Yorker Hôtel vorbeiging und dicht neben sich her die raschen Schritte eines Begleiters gewahrte. Mit verschämtem Liebreiz schlug das Mädchen die Augen nieder, und etwas verlegen stammelnd, wendete sie sich zu ihm mit der gewöhnlichen Begrüßung.

Der junge Mann, welcher sich so ohne Weiteres der Dame zugesellte, mochte etwa zehn Jahre älter als sie selbst sein. Von einem stattlichen Aeußern, erschien derselbe mit Sorgfalt und Eleganz gekleidet. Sein Haar war schwarz und seine Augen hatten dieselbe Farbe. Seine Gesichtszüge, wenn auch gerade nicht regelmäßig schön und charaktervoll waren doch ziemlich angenehm und liebenswürdig, so daß Jedermann, wie es schien, sich zu ihm hingezogen fühlte.

»Warum gehen Sie zu dieser Stunde noch allein aus?« fragte er die Dame.

»Ich bin ja nicht allein,« wandte sie lächelnd ein.

»Freilich jetzt nicht, aber Sie waren es noch eine Minute vorher.« Ihre Antwort wurde von einem neidischen Windzuge hinweggetragen, der auch sie selbst beinahe von dem Trottoir etwas unsanft entführt hätte.

»Haben Sie jemals im Leben einen so stürmischen Tag gesehen?« fragte sie, als sie wieder zu Athem gekommen war. »Ich habe wirklich geglaubt, ich wäre hinweggeweht.« 

»Nehmen Sie meinen Arm,« sprach er, während er ihr denselben darbot, »ich will als Ihr Pilot Sie sicher heimführen.«

Der niedergefallene Schleier ließ ihm ein tiefes Erröthen des Mädchens Wange nicht kund werden; sie zog den Arm aus ihrem Pelzmüffchen und legte ihn vertrauend in den seinigen, dann gingen sie plaudernd, so wie der Wind es gestatten wollte, eiligst der Wohnung der jungen Dame zu, die in der fünften Avenue, nahe dem Washington Square, zu jener Zeit einer der fashionobelsten Theile der Stadt, belegen war.

»Nun müssen Sie auch kommen und mit uns diniren, Mr. Warner!« sprach sie, als sie Beide eben an der Pforte eines prachtvollen Wohnhauses angelangt waren.

»Mit Vergnügen, Miß Temple.«

»Warum nennen Sie mich Miß Temple?«

»Warum nennen Sie mich Mr. Warner?«

»Wie thöricht Sie sprechen, Harry!«

»Wie liebenswürdig Sie sprechen, Margaretha!«

Sie lachte und trat, als eben die Thür geöffnet wurde, hinein; Harry Warner folgte ihr.

Sie führte ihn in einen Parlour, welcher mit den reichsten und schönsten Gegenständen überfüllt war. Hier bat sie Harry Platz zu nehmen, während sie hurtig hinauf lief, Hut und Pelzwerke abzulegen und den Staub ein wenig von ihren Kleidern abzubürsten. Uebrigens nahm sie nicht die geringste Veranlassung, der Mutter zu sagen, daß, weil Mr. Warner sich im Parlour befinde, sie doch hinabgehen solle. Sie setzte voraus, er würde gerade so gerne eine kleine Weile allein sein, als nicht.

Und in der That, es war nicht nur eine kleine, sondern eine sehr kleine Weile, daß sie ihn allein gelassen; denn in weniger als fünf Minuten kehrte Margaretha zurück und setzte sich auf das Sopha zur Seite ihres Verlobten. Er schlang seinen Arm um sie und legte seinen Kopf nahe dem ihrigen, so daß von einem süßen Gekose die Unterhaltung zweier Liebenden getragen wurde.

Diese goldbeschwingten Momente des stillen Glücks entflohen nur zu schnell, denn schon hörte man an der Thür, die nach der Straße führte, die rasselnde Bewegung des Schlüssels; darauf erklangen frohlockende Töne einer jugendlichen Stimme, und in die sich hurtig öffnende Parlourthür trat Philipp Temple. Er war nicht ganz zwei Jahre älter als seine Schwester und in Besitz derselben schönen Züge wie sie, nur vielleicht etwas schärfer ausgeprägt und männlich kräftiger. Er war gerade das Gegentheil von seinem Freunde und zukünftigen Schwager, Herrn Harry Warner. Sein Haar ringelte sich in goldenen braunen Locken um seinen schön geformten Kopf, und seine blauen Augen blickten so sorglos, als sollten sie stets dem Argen fremd bleiben. In seinem Lachen war etwas so Musikalisches, wie in seinem Organ ungemein viel Angenehmes. Seine Manieren waren so fröhlich und frei, seine Heiterkeit eine so ungezwungene, daß ein Jeder, er mochte wollen oder nicht, unwillkürlich von ihm angesteckt wurde.

Eine gefällige Melodie aus einer bekannten Oper recitirend, trat Mr. Temple in den Parlour. Als er indeß sah, wer anwesend, hielt er inne und sprach:

»Siehe da, Harry, Du bist gerade der Mann, den ich sehen wollte. Eben war ich im Begriff, in Dein Hôtel einzukehren und Dich zum Diner mit herzubringen, da bist Du mir zuvorgekommenen! Nun Du hier bist, bleibt sich's ja gleich.«

»Du bist mir ein liebenswürdiger Bruder,« erwiderte Harry und schüttelte Philipp's Hand, »ich muß gestehen, die Schwester an einem solch' stürmischen Tage, wie dem heutigen, ohne Begleitung ausgehen zu lassen! Wenn ich nicht gekommen wäre zu ihrer Rettung, sie würde eine Luftreise zum Monde gemacht haben.«

»Warum hast Du sie nicht reisen lassen; sie hätte uns eine Geschichte von dem nächtlichen Aufklärer aus eigener Anschauung schreiben können,« sagte der launige Philipp und setzte sich, artig genug, die Liebenden nicht zu stören, am entfernten Ende des Parlours an's Piano und klimperte auf demselben herum, bis die Tafel bereitet war. Das junge Brautpaar verstand die außerordentliche Güte und Liebenswürdigkeit des Herrn Bruders vollständig zu würdigen.

Nur wenige Minuten noch vergingen, und Mrs. Temple trat in den Parlour ein.

Sie war eine Dame von etwa vierzig und einigen Jahren, würdevoll in ihrer ganzen Erscheinung. Obgleich in ihrem Gesichtsausdruck Zeichen von einem gewissen Schmerz nicht zu verkennen waren, lagen doch unauslöschliche Spuren einer großen Schönheit ausgeprägt, die bisweilen noch in ihrem vollen Glanze strahlte. Ihr Wesen war außerordentlich fein und angenehm; sie erschien immer heiter und freundlich, und für Jeden, mit dem sie in Berührung kam, hatte sie stets ein wohlwollendes Wort. Sie grüßte Harry Warner mit großer Zuvorkommenheit und lud mit der Anmuth einer Hausfrau zum Eintreten in den Speisesalon ein.

Das Mahl ging vorüber, wie es gewöhnlich in solchen Häusern geschieht; dem Appetit wurde nach Herzenslust gehuldigt, und kein Schatten störte das Vergnügen. Gleich nach demselben kehrte die Gesellschaft wieder in den Parlour zurück, und es begann die Unterhaltung im Allgemeinen.

»Es ist ungefähr Zeit, daß Mr. Granger kommt,« sprach Philipp, seine Uhr aus der Tasche ziehend, um nach der Zeit zu sehen. »Ich versprach mit ihm heute Abend in die Oper zu gehen.«

»Du scheinst von diesem Herrn Granger vollständig eingenommen zu werden, Philipp,« bemerkte Mrs. Temple, und blickte von ihrer Arbeit, die sie emsig in den Händen hielt, auf. »Ich für meinen Theil finde nicht sehr viel Interessantes an dem jungen Mann.«

»Sie müssen doch zugeben, liebe Mama,« fiel Margaretha ein, »daß er ein recht hübscher Mann ist.«

»Und in jeder Weise auch ein feiner Mann,« ergänzte Philipp.  

»O ja,« sagte Mrs. Temple nachsinnend und zögernd, »er mag ein ganz netter und auch am Ende ein feiner Mann sein in seinen Unterhaltungen und Manieren, allein, ich weiß nicht, ich mag ihn nicht leiden.«

»Noch ich mag ihn leiden,« sagte Harry in die Unterhaltung einstimmend. »Ich meine, Philipp, er ist nicht der beste Gesellschafter für Dich! Dazu ist er so viel älter als Du und zu sehr bewandert in den Schlichen der Welt. Was aber mehr noch als Alles, ist die gefährliche Macht, die er besitzt, den stärksten Willen magnetisch zu beeinflussen.«

»Ich wünschte einen solchen Einfluß auf mich zu sehen,« sagte Philipp etwas unangenehm berührt. »Ich habe geglaubt, Du hättest eine bessere Meinung von mir, Harry!«

»Laß uns von dem Gegenstand abbrechen,« erwiderte Harry, als er bemerkte, daß über das Antlitz seines jungen Freundes eine flüchtige Röthe lief. »Einer von uns muß recht, der Andere unrecht haben in der Beurtheilung des Herrn Eliot Granger. Die Zeit wird lehren, wer von uns Beiden im Irrthum ist; ich wünsche aus dem Grunde meines Herzens, daß ich es bin.« 

»Und ich weiß, daß Du es bist,« sagte Philipp etwas heftig erregt.

»Aber wir wissen eben nicht, wer er ist,« bemerkte Mrs. Temple. »Er kommt, und Niemand weiß, woher er kommt; er scheint im Besitz von überflüssigen Mitteln, lebt in außerordentlichem Luxus, und doch ist sein Name so unbekannt wie Etwas.«

»Das hat keinen Grund; findet man ihn doch in der besten Gesellschaft,« wandte Philipp ein, und kaum hatte er diese Worte gesprochen, als die Thür offen geworfen wurde und ein Diener »Mr. Granger« meldete.

Mr. Granger trat ein, und zwar mit so schönen Bewegungen und einem Anstande, welcher den vollendeten Gentleman bekundete. Er grüßte Philipp, welcher aufsprang und ihm entgegentrat, mit einem vertraulichen Handschlag und den übrigen Theil der Gesellschaft mit einer freundlichen Verbeugung.

Es ist ein Jahr verflossen, seit wir ihn unseren Lesern zum ersten Mal vorgeführt haben, aber seine Erscheinung ist noch ebendieselbe wie damals; nur daß die Blässe seines Gesichts beständiger ist und im Contrast mit seinem dunkeln, lockigen Haar ihm mehr ein kaltes, marmorähnliches Aussehen giebt. Seine Stimme, sanft und melodisch, hat in ihren Tönen eine träumerische und wundersame Musik, und seine Augen scheinen sein Herz in einem geheimnißvollen und unüberwindlichen Banne zu halten.

»Ich habe mich etwas verspätet, Philipp,« sagte Granger, nachdem er sich gesetzt hatte und die gewöhnlichen Redensarten, wie sie in der civilisirten Welt bei der Begrüßung gebräuchlich sind, gewechselt waren. »Aber Sie müssen mich entschuldigen, ich bin sonst in der Regel sehr pünktlich.«

»Das sind Sie auch in der That, Eliot,« erwiderte der junge Temple. »Sie kommen eher früher als später. Ich will jetzt auch keinen Augenblick auf mich warten lassen; erlauben Sie mir nur, daß ich eben gehe und meinen Ueberrock anziehe.«

So sprechend verließ er den Parlour, und Mr. Granger erhob sich von seinem Platze, um einen andern Stuhl neben Margaretha einzunehmen. Man kann eben nicht sagen, daß sie seinen Bemerkungen anfangs ein sehr geneigtes Ohr lieh, indeß wollte Harry Warner dennoch ein zu warmes Interesse entdecken, welches die Geliebte seines Herzens an dem fremden Eindringling zu nehmen und nach und nach jedes seiner Worte einzusaugen schien.

Philipp kehrte nach einer kleinen Weile zurück worauf dann Mr. Granger mit einigen Entschuldigungen wegen der so hastig abgebrochenen Visite Abschied von der Familie seines jungen Freundes nahm und mit demselben das Haus verließ.

Ein momentanes Schweigen entstand, das aber bald durch Harry Warner unterbrochen wurde.

»Ich bin erstaunt, Margaretha,« sagte er nicht ohne eine gewisse Empfindlichkeit »zu sehen, wie die kurze Unterhaltung dieses jungen Mannes Dich bezaubert hat!«

»Bezaubert? Harry, wie Du reden kannst! Ich werde beinahe geneigt zu glauben, daß Du eifersüchtig bist,« antwortete Margaretha mit Lachen, aber nicht ohne ein leichtes Erröthen, als sie bemerkte, wie düstere Schatten auf der Stirn ihres Verlobten ruhten. Dann fuhr sie im ernsteren Tone fort: »Aber wenn Du wünschest, daß ich ihn hinfort mit größerer Kälte behandele, als sonst gewöhnlich die Freunde meines Bruders –«

»Ach nein, Du bist ja ein gutes, theures Mädchen,« flüsterte er ihr zu und zog sie näher an seine Seite. »Margaretha, ich bin ein unwirscher Kauz, nicht werth, von Dir geliebt zu werden.«

»Nicht werth?« wiederholte Margaretha in demselben Tone. »Du weißt ja, Harry, daß Du mir Alles über Alles bist! Könnte ich Dir sagen, wie ich Dich liebe – –«

Von der Wahrheit des schon tausendmal und öfter Gesagten schien Mrs. Temple in diesem Moment so tief erfüllt, daß sie als »dritte Person« sich hier für vollständig überflüssig hielt, ihre Handarbeit so hurtig wie möglich zusammenlegte und den Parlour verließ.   



3.

Franziska Spezzia.

Die beiden Freunde, Granger und Temple, befanden sich bald in dem eleganten Coupé des Wagens, welcher der Ordnung gemäß ihrer harrend an der Thür stand. Mr. Granger gab dem Kutscher, ohne daß er von Philipp gehört wurde, die Weisung, sich sehr zu beeilen, und so fuhren sie denn in raschem Trabe hinweg; aber keineswegs in der Richtung nach dem Opernhause zu.

»Wohin fahren wir?« fragte Temple. »Dies ist ja nicht der Weg nach dem Astorplatz.«

»Erinnerst Du Dich nicht der Geschichte, die ich Dir vor ein oder zwei Tagen von dem italienischen Mädchen erzählte?« Diese Frage war eine ausweichende Antwort Granger's.   

»Von Franziska, meinst Du?«

»Von derselben Franziska Spezzia; ich sagte Dir, Du solltest sie sehen; war dem nicht so?«

»Das sagtest Du allerdings.«

»Also, ich bin darüber her, mein Versprechen zu halten, und nun wir einmal im Begriff sind zu ihr hinzufahren, muß ich Dir Einiges von ihrer früheren Geschichte erzählen, um Dich auf das vorzubereiten, was sich diesen Abend etwa ereignen könnte.«

»Wozu soll diese Einleitung dienen?«

»Gleichviel wozu; Du sollst es schon zur rechten Zeit sehen. Höre nur,« und mit einer leisen Stimme fuhr Mr. Granger fort: »Es sind jetzt ungefähr fünf Jahre, als ich nach Europa reiste, weil die Gesundheit einer Verwandten, die jetzt dahin ist, einen Wechsel des Klimas unbedingt erheischte. Die milde Luft und der herrliche Himmel von Florenz übten einen so wohlthuenden Einfluß auf dieselbe aus, daß wir uns entschlossen, für eine lange Zeit unsere Residenz in dieser reizenden Stadt zu nehmen. Dort war es, wo ich zuerst die Bekanntschaft Franziska's machte. Sie war zu jener Zeit so wunderschön, wie die menschliche Einbildungskraft sich nichts Schöneres denken kann. Als ich sie zum ersten Male in der Oper bemerkte, fühlte ich mich gleich von ihrem Zauber gebannt. Ich glaube, ich habe Dir früher schon einmal gesagt, daß sie eine der ersten Opernsängerinnen war, gerade nicht eine des ersten Ranges, aber sie behauptete doch einen bevorzugten Rang, mehr durch ihre Schönheit, als durch ihre Stimme. Ihre Bekanntschaft zu machen, war eben nicht schwer, aber Du kannst glauben, weder Artigkeiten, noch Versicherungen, noch sonstige Mittel konnten sie bewegen, nur einen Schritt vom Pfade der Ehre zu weichen. Ich wußte, daß sie mich leidenschaftlich liebte, aber keine Statue in dem Altarschrein kann stiller und unbeweglicher bleiben, als sie. Wie ich endlich einen Weg fand, sie über ihre Scrupel hinwegzuheben, davon vielleicht ein anderes Mal; nur jetzt nicht, nein, jetzt nicht; es ist jetzt die geeignete Zeit nicht.«

Granger's Ruhe und die Gelassenheit seiner Stimme, die er bisher bewahrt, verließen ihn, als er zur Pointe seiner Erzählung gelangt war. Er bewegte sich rastlos auf seinem Sitze hin und her, und seine Geistesgegenwart, mit welcher er bemüht war, glauben zu machen, was er erzählte, verschwand völlig. Doch währte es nicht lange, daß er wieder zu sich selbst kam und sich verbesserte, indem er fortfuhr: »Unter den ihr am Meisten ergebenen Verehrern war ein Landsmann von ihr, der sie zu seinem Rang und seinem Reichthum erheben wollte, wenn er sie gewinnen könne; aber wie ich eben sagte, sie liebte mich und verschloß ihr Ohr vor dem leidenschaftlichen Bewerber. Zeit verging, und ich war genöthigt, nach New-York zurückzukehren.

Franziska und ihr alter Vater, der Einzige von ihren Verwandten glaube ich, der ihr folgte, nahmen mit mir ihre Passage auf demselben Schiffe. Ich war vollständig unbekannt mit ihrer eigentlichen Absicht, bis sie mir eines Tages auf dem Verdeck des Schiffes begegnete. Ob ihr meine Gegenwart angenehm war oder nicht, kann ich nicht bestimmt sagen; nur das kann ich versichern, daß ich seit jener Zeit sie mehr als tausendmal wieder nach Florenz zurückgewünscht habe. Doch um mich kurz zu fassen: als wir in dieses Land zurückgekehrt waren, wünschte sie vor der Oeffentlichkeit zu erscheinen. Ich weigerte mich entschieden solchem Ansinnen und vermittelte für sie ein kleines niedliches Landhaus in dem äußern Theile der Stadt, wo sie seitdem mit ihrem Vater gewohnt hat. Der alte Mann wankt jetzt seinem Grabe zu; er leidet an einer Schwäche, die ihm kaum gestattet, von seinem Stuhle bis an's Bett zu gehen. Das arme Kind denkt nun, daß ich eines schönen Tages kommen werde, sie als mein Weib zu erklären. Sie wartet ganz geduldig auf die Stunde, die kommen soll.«

Hier hielt er inne und seufzte tief auf, als ob er sich von einer schweren Bürde befreit habe.

Philipp Temple hatte der Erzählung seines Freundes mit gespannter Aufmerksamkeit gelauscht, und obgleich er überzeugt war, daß Eliot Granger die junge Italienerin hintergangen habe und immer noch im Begriff war, ein grausames Spiel mit ihr zu treiben, fühlte er dennoch den mächtigen Einfluß, den dieser mysteriöse, junge Mann auf ihn ausübte. Weit davon entfernt, der Warnung, daß Mr. Granger kein Gesellschafter für einen geachteten, jungen Mann sei, zu folgen, erwachte in seiner Brust ein immer größeres Interesse für denselben.

»Aber Du hast mich noch nicht unterrichtet,« sagte Philipp nach einigen Minuten tiefen Stillschweigens, »warum wir jetzt gerade gehen, um ihr einen Besuch zu machen.«

»Nein, nein, ich vergaß es,« antwortete Granger. »Ich empfing heute Nachmittag ein Billet von ihr, welches sie in größter Hast geschrieben hatte. Sie theilte mir darin die Ankunft von Signor Corsini, ihrem italienischen Anbeter, mit. Er war ihr von Italien nachgereist, mehr sagte sie nicht, nur beschwor sie mich, so schnell als möglich zu ihr zu kommen und nicht einen Moment zu zaudern. Ich kenne diesen Corsini wohl, er ist reich, leidenschaftlich, rachsüchtig und haßt mich mit feindselig erbittertem Groll, so daß ich nicht wünschte, mit ihm das Hazardspiel eines Rencontre einzugehen, ohne Zeugen bei dem Zusammentreffen zu haben. Nun begreifst Du, warum ich Dich mitbringe. Bei einer solchen Mission, wen sollte ich lieber bei mir haben, als Dich, meinen besten, theuersten Freund?« Dabei drückte er Philipp's Hand fest in die seinige.

Unsere zwei jungen Helden hatten inzwischen die Vorstadt erreicht. Die Straßenlampen waren angezündet, aber die langen, dunkeln Zwischenräume zeigten, daß viele von dem Lampeninspector überschlagen wurden. Der Wind fegte über die leeren Bauplätze und füllte die Atmosphäre mit übeln Dünsten, die die Gegend in eine dichte Wolke einhüllten.

In diesem Augenblick hielt der Wagen an; Mr. Granger zog seinen dicken Mantel hervor und hüllte sich in denselben, dann stieg er aus, winkte seinem Gefährten und rieth ihm eine gleiche Vorsicht an.

»Wir wollen den Rest des Weges zu Fuße machen,« sagte er, »es zieht eine zu große Aufmerksamkeit auf sich, bis an die Thüre zu fahren.« Temple nahm den ihm dargebotenen Arm seines Freundes an, und so legten sie Beide die kleine Strecke Weges zurück.

Der Nebel war indessen verschwunden und keine Wolke mehr sichtbar. Der Himmel war ein klarer Krystallspiegel und prangte von Myriaden glänzender Sterne. Nur der Wind fegte noch durch die öden Straßen mit einer solchen Macht, daß es Mühe kostete, sich aufrecht zu erhalten. Endlich erreichten sie ihren Bestimmungsort. Ein kleines Landhaus, das etwas zurück von der Straße lag, winkte ihnen. Zur Sommerzeit, wenn der es umgebende Garten in Blüthe stand, mochte es recht freundlich sein.

Granger stieß eine Thür auf und nahm den Weg durch einen dunkeln Gang; dann ohne lange anzuklopfen, öffnete er die Thür mit einem Nachschlüssel, welchen er aus seiner Tasche zog, und trat in die Halle ein. Philipp folgte auf seinen Wink.

Der junge Freund befand sich nun in einem kleinen, aber niedlichen Zimmer, welches mit einem außerordentlichen Geschmack möblirt war.

In einem großen, bequemen Schaukelstuhl, nahe am Kamin, saß ein alter Mann mit grauem Haar, welcher von den Eintretenden mit einer leichten, aber höflichen Verbeugung des Kopfes Notiz nahm. Als Antwort auf eine Frage Eliot's in italienischer Sprache, griff er nach einer kleinen Glocke, die auf einem Tische neben ihm stand, und klingelte. Fast in demselben Augenblick öffnete sich eine Thür, und vor Philipp trat eine Erscheinung, so verlockend schön, daß er in stumme Bewunderung sich verlor.

Die Eintretende verweilte einen Augenblick auf der Thürschwelle, als sie die Gegenwart eines Fremden gewahrte. Eliot aber ging ihr entgegen, nahm sie bei der Hand und führte sie einige Schritte vorwärts, um sie seinem Freunde vorzustellen. Dann legte sie ihre weiße Hand sanft in die seinige und grüßte sie mit holdseligem Lächeln.

Wohl mochte Philipp sich im Anschauen dieser nie gesehenen Schönheit verloren haben. Sie war jetzt eben fünfundzwanzig Jahre alt; von Gestalt malerisch schön, nicht über die mittlere Größe, aber schlank und graciös wie eine Gazelle.

Ihr reiches dunkles Haar war von ihrer schönen Stirn zurückgelegt und hinten in Locken und Flechten befestigt; ihre sanften, träumerischen Augen waren in der That »ein Meer von Liebe.«

»Ich habe ihn gesehen,« sprach sie in gutem Englisch mit einem leichten Erbeben. Nachdem sie dann einige Worte der Höflichkeit mit Philipp gewechselt, wendete sie sich mit unterdrückter Stimme wieder zu Granger und sagte: »Er hat über meine Schwelle kommen dürfen!«

»Und was wollte er denn?« fragte Granger, während Philipp sich bescheiden abgewendet hatte und sich den Schein gab, als ob er sich mit gleichgültigen Dingen beschäftige.

»Mir wieder und immer wieder sagen, daß er mich liebe mir erklären, daß sein Dasein ohne mich nichtig und werthlos sei; er drohte sich eine Kugel durch den Kopf zu schießen, wenn mein Herz sich länger seinen Bitten verschließen wolle.«

»Und Du hast Dich hartnäckig geweigert?«

»Wie kannst Du so fragen?« und wie ein flammender Blitzstrahl zuckte es aus ihren dunkeln Augen; dann fuhr sie in weicherem Tone fort: »Bin ich nicht Dein, Eliot, jetzt und für immer und ewig?« Thränen der Freude und des Schmerzes entströmten ihren Augen, als sie dies sagte. »Aber,« versetzte sie hastig weiter, »weißt Du, warum ich nach Dir gesendet habe? Ich that es, um Dich vor diesem Manne zu warnen; er hat die furchtbarsten Eide geschworen, Dich zu tödten. O, Eliot! um meiner Liebe willen! begegne diesem Unglücklichen nicht.«

»Ihm nicht begegnen, Franziska!« sagte Granger und zog die Stirn in Falten. »Es ist nicht meine Gewohnheit, einem Feinde aus dem Wege zu gehen, wie Du weißt.«

»Ich weiß, Du bist so heftig, so leidenschaftlich, ja so schroff.«

»Nein, Du bist im Irrthum, ich bin nicht schroff. Ich kann meinen Willen und meine Wünsche zu jeder Zeit beherrschen; aber horch, ich vernehme Fußtritte.«

Franziska erschrak und wechselte die Farbe; sie erhob sich von ihrem Sitz und rannte hastig in das Cabinet. Der Mond war aufgegangen und Franziska erblickte klar und deutlich einen Wagen am Thore. Sie sah drei Männer über den Fußweg auf ihr Haus zugehen und erkannte in einem derselben, trotz seines dicken Ueberrocks und seines tief in die Augen gedrückten Carbonari- Hutes, den gefürchteten Corsini.

»Es ist Corsini, und nicht allein,« sagte sie mit dem furchtsamsten Geflüster. »Was kann er beabsichtigen?«

»Zittern Sie nicht,« nahm Philipp das Wort »sind wir nicht hier, um Sie zu beschützen?«

»O, ich danke, ich danke Ihnen,« antwortete sie, »aber ich zittere für ihn« – dabei wies sie auf Eliot – »nicht für mich! O, in des Himmels Namen,« rief sie, »vermögen Sie über ihn, daß er das Zimmer verlasse.«

In diesem Augenblick näherten sich Corsini und seine Gefährten. Er pochte mit Ungestüm an die Thür und verlangte Einlaß.

»Geh', geh', ich bitte, ich flehe Dich an!« rief Franziska, »in einer Secunde ist es zu spät.«

»Was! – Sie unbeschützt verlassen?« fragte Philipp.

»O, ich bin nicht unbeschützt,« antwortete sie rasch und bestimmt; »sehen Sie diesen Dolch!« Dabei zeigte sie auf die Mordwaffe im anliegenden Cabinet. »Die Spitze ist in ein tödtliches Gift getaucht; Frauen bedürfen solchen Schutzes in Italien; es scheint, als ob es hier eben so nöthig sei. Zweifeln Sie nicht, daß ich ihn benutzen werde.«

»Komm, Philipp!« sagte Granger in diesem Augenblick, plötzlich aufbrechend und aus den Gedanken erwachend, in welche er einige Momente versunken war. »Franziska hat recht wir wollen uns aus dem Zimmer zurückziehen.« Mit diesen Worten ging er zur Thür, durch welche Franziska eingetreten war.

»Die Vorhänge, welche die Glasthüren bedecken, gestatten uns, die unbeachteten Beobachter alles dessen, was hier vorgeht, und im Nothfalle hurtig zum Beistande bereit zu sein.«

»Ja, ja, geht und lauscht, die Thür ist schon geöffnet,« und indem sie gewaltsam sie nöthigte, das Zimmer zu verlassen, trat in demselben Moment Corsini ein.

Der Italiener war ein schlanker, hübscher und dunkel aussehender Mann. Ein Reichthum von schwarzen Locken fiel über seine Stirn; seine Augen waren groß und leidenschaftlich, und ein voller schwarzer Schnurrbart versteckte beinahe seinen Mund.

Er machte eine gewöhnliche Verbeugung des Kopfes gegen Signor Spezzia, als er eintrat. Dann faßte er ehrerbietig die Hand Franziska's und führte sie an seine Lippen. Sie zog sie mit Erbeben zurück, bevor er den beabsichtigten Kuß auf dieselbe gedrückt hatte. Eine aufwallende Röthe überflog sein Gesicht und er sagte erbittert: 

»Sie erzittern vor meiner Berührung, nicht wahr, Sie erzittern?«

»Ja, in der That,« antwortete sie. »Ich habe Ihnen immer und immer wieder gesagt, daß mir Ihre Gegenwart verhaßt ist. Warum denn bemächtigen Sie sich meiner? Ein für alle Mal, ich wollte lieber todt als die Ihrige sein; ist Ihnen das genug?«

Corsini warf ihr flammende Blicke entgegen, ergriff ihren Arm mit Ungestüm und sprach in einem gedämpften, aber melancholischen Ton: »Weib, Deine Schönheit hat mich wahnsinnig gemacht; Du treibst mich zur wildesten Verzweiflung, – mein sollst Du werden, ich habe es bei allen Heiligen im Himmel geschworen.«

»Und ich habe es bei dem Allermächtigsten im Himmel geschworen, daß ich eher sterben will,« antwortete sie, sich von ihm losmachend. »So wage es auf die Gefahr hin, mich anzutasten; sieh', dieser Dolch ist in Gift getaucht, lege einen Finger an mich und die tödtliche Spitze verwundet mein Herz!« Mit diesen Worten hielt sie das Stilet gegen ihre Brust gezückt.

In demselben Moment begann Eliot Granger leise zu Temple: »Sieh', er will sie zu einer Verbindung überreden; es ist augenscheinlich seine Absicht, sie zu entführen; obgleich ich die Welt darum geben möchte, daß sie glücklich in Italien wäre, so würde ich doch jetzt dem Manne niemals den Triumph gönnen, sie mir entrissen zu haben. Komm, wir müssen das verhüten!« und Philipp fortziehend, der ihm folgte, passirten sie einige unbequeme Gänge, die aus den Gemächern hinunter führten, und verließen das Haus durch die Hinterthür. So still und geräuschlos, als es nur möglich war, setzten sie ihre Schritte fort, und mit großer Behutsamkeit schlichen sie der Front des Hauses zu, um hier, wie sie glaubten, geschützt lauschen zu können.

»Was soll jetzt geschehen?« fragte Philipp mit gedämpfter Stimme.

»Du wirst ein Signal hören, welches bald innerhalb des Hauses gegeben wird,« antwortete Granger, indem er sich das Ansehen eines Beschützers gab. »Dann müssen wir diese Kerle überfallen, welche hier im Hinterhalt aufgestellt sind, damit sie dem Italiener nicht zu Hülfe kommen können. Da nimm dies; die Vorsicht ist nothwendig,« fuhr Eliot fort, und zwang seinem Freunde Philipp eine Taschenpistole in die Hand. »Ich bin in gleicher Weise bewaffnet; aber lausch', –« und wie er sprach, hörten sie dreimal in die Hände klatschen.

»Aha, das Signal,« sagte Granger. »Bist Du fertig?«

»Vollständig,« antwortete Philipp, und das Bewußtsein schien den jungen Mann bei diesen aufregenden Ereignissen zu verlassen. Ohne zu wissen, was er that, folgte er Eliot.

Sie eilten so rasch wie der Blitz vorwärts, und gerade in dem Moment, als die gedungenen Meuchler ihrem Herrn beispringen wollten, wurden sie gezwungen, zurückzubleiben. Jeder von ihnen richtete seine Pistole auf seines Gefangenen Kopf.

»Eine Silbe nur, und Ihr seid des Todes,« raunte Granger ihnen entgegen. Aber er hätte sich die Drohung für diese Gesellen sparen können, denn nur tapfer gegen schwache Frauen, sanken sie vor den bewaffneten Männern in die Kniee und baten mit erhobenen Händen um Gnade.

»Ich denke, Du kannst die Aufsicht über diese armen Teufel für einige Augenblicke allein führen,« sagte Granger zu Philipp, »während ich sehen will, was drinnen vorgeht.« Dabei gab er Philipp seine Pistole in die Hand. »Schieße denjenigen augenblicklich nieder, der es versucht, zu entfliehen,« fügte er hinzu. Temple spannte den Hahn seiner Pistole und antwortete in festem Tone: »Verlaßt Euch; nur Einer wage es, laut zu athmen, und er soll sterben wie ein Hund.«

Darauf eilte Eliot mit beflügeltem Schritt hinein, um seinen Observationsposten zu besetzen.

Alles dieses, welches zu berichten viele Zeit genommen, ereignete sich in wenigen Secunden.

Franziska stand noch da mit ihrem gezückten Dolche, und Corsini, durch das Nichterscheinen seiner erwarteten Helfer bestürzt, betrachtete sie von Kopf bis zu Füßen mit einem Gemisch von Liebe und Wuth.

»Bleiben die Schurken aus?« knirschte der Italiener zwischen den Zähnen. »Ewige Verdammniß über die feigen Creaturen!« rief er in seiner ohnmächtigen Wuth.

Eliot Granger erwartete mit der kältesten Ruhe, daß sich der Schauplatz der Empfindungen in einen des grausamen Spieles umwandeln werde, und in seinem selbstsüchtigen und falschen Herzen entflammte sich die Hoffnung, daß Franziska dem Spiele wirklich ein Ende machen würde, indem sie sich selbst als williges Schlachtopfer den Todesstoß gebe. Er ward enttäuscht, denn plötzlich, gleich einem Tiger auf seine Beute, stürzte Corsini hervor und schlang seinen Arm mit Riesenkraft um den Leib des Mädchens, noch ehe sie es geahnt hatte. Unter furchtbaren Anstrengungen wollte er den Händen Franziska's die tödtliche Waffe entwinden, aber sie warf dieselbe gerade zu den Füßen ihres alten Vaters nieder.

»Nun bist Du mein!« rief Corsini in triumphirendem Tone: »– keine Macht der Erde, des Himmels, noch der Hölle soll Dich mir entreißen!« Und als er so sprach, umschlang er sie noch fester mit seinen Armen.

»Ungeheuer! laß mich los!« rief Franziska, indem sie mit ihm rang. Dann, als ob sie überwältigt sei, stöhnte sie: »O, ich bin verloren!«

»Nein, nicht verloren,« rief Corsini, »ich gebrauche nur meine Kraft, Dich davon zu tragen, ohne Deinem Leben zu schaden. Du sollst mir danken für das Werk dieses Abends.«

»Danken – Euch danken,« wiederholte sie. »Ich will Euch fluchen in jeder Stunde meines Lebens; ich tödte Euch mit meinen eigenen Händen, ehe Eure verabscheuungswürdigen Lippen die meinigen berühren. O, Ihr habt den bösen Dämon in mir geweckt – nur Blut – kann ihn beschwichtigen. »

»Blut soll Ihn beschwichtigen!« tönte eine andere Stimme aus einer gewissen Entfernung, und siehe da! der alte und hülflose Spezzia, der seit drei Jahren sich von seinem Sitze nicht mehr zu erheben vermochte, griff den vergifteten Dolch vom Teppich auf, und bevor noch Eliot, welcher seine Absicht errieth, herbeispringen konnte, um seiner That Einhalt zu thun, – bohrte er ihn tief bis an das Heft in die Seite Corsini's.

»Mit einem wilden Schrei ließ der Italiener die von ihm bis dahin festgehaltene Franziska los, bedeckte mit beiden Händen seine Wunde, und fiel mit dem Gesicht auf die Erde. Ein Strom von Blut ergoß sich über dieselbe.

»Ihr habt mich getödtet!« rief er, und war bemüht, den Blutstrom zu hemmen. »O Himmel, ich sterbe!«

Aber Corsini war nicht das einzige Opfer dieses entsetzlichen Augenblicks. Auch des alten Spezzia Leben war entflohen mit diesem blutigen Streich. Sein entseelter Körper würde niedergefallen sein zur Seite des Zerstörers seines stillen Herdes, wenn Granger ihn nicht schnell in seine Arme aufgefangen und ihn sorgsam zurück in seinen Lehnstuhl gelegt hätte. Sein letzter Athem entfloh, sein Herz hörte auf zu schlagen, und mit leidenschaftlichem Schmerz warf Franziska sich über den Leichnam und schluchzte und weinte unter den furchtbarsten Seelenqualen.

Mittlerweile ging Eliot Granger zur Thür hinaus, um Philipp aufzufordern, Zeuge dieser Scene zu sein. Er erklärte dem mit Schauder erfüllten jungen Manne, was sich zugetragen hatte.

»Das Einzige, was jetzt zu thun, ist, der Polizei Anzeige zu machen,« sagte Granger. »Bleib' Du hier, bis ich sie aufgesucht habe.«

Und er ließ den armen Philipp, der einen furchtbaren Traum zu träumen glaubte, allein mit den stillen Todten, ja allein mit einem schwer heimgesuchten Herzen.

Granger kehrte bald zurück mit den Männern des Gesetzes. Dann traf er die Anordnungen, die aus Rücksicht für Signora Franziska mit den Leichnamen nothwendig waren, und hieß Temple von dem Schauplatz des Schreckens sich entfernen, indem er in kaltem und ruhigem Tone sprach: »Komm, warum siehst Du so bleich und furchtsam aus? wir thaten Alles, was wir konnten, um die blutige That zu verhindern.«

»Ja, ja; aber es ist ein schreckliches Ereigniß.«

»Pah, Du machst daraus zu viel,« erwiderte Granger. »Es ist allerdings schrecklich, aber warum sollten wir uns unglücklich machen durch Etwas, was wir nicht verhindern konnten? Fürchtest Du vielleicht, daß Dein Name in die Geschichte verwickelt werde? Sei um Deinen Kopf nicht bange! O, ich habe mich schon vorgesehen. Geld! mein Freund, Geld ist allmächtig, hörst Du, sei fröhlich!« und Granger beeilte sich, seinen jungen Gefährten von dem schauderhaften Platze zu entfernen und ihn zum Wagen zu führen. Als sie in demselben saßen, bemächtigte sich erst recht der Schrecken des jungen Mannes und erschütterte ihn im höchsten Grade. Granger aber, der ihn gänzlich zu lenken und zu leiten verstand, veranlaßte ihn, obgleich gegen seinen Willen, mit ihm zum Opernhaus zu fahren. 



4.

Die Oper

Als unsere beiden Abenteurer das Opernhaus endlich erreichten, war es schon sehr spät geworden. Ihre derangirte Toilette hatte sie genöthigt, auf dem Wege dahin in Mr. Granger's Wohnung einzukehren, um andere Kleider zuvor anzulegen. Sie traten in die Thüren, und die Klänge der Musik umrauschten sie. Eliot hatte große Mühe, seinen jungen Freund zu bewegen, weiter mit ihm einzutreten, denn es überfiel denselben ein solches Angstgefühl, daß er zögerte; es gelang ihm indessen nach und nach, ihn in das glänzende Auditorium zu bringen, das aus der schönsten und elegantesten Gesellschaft der Metropolis zusammengesetzt war. Wie zauberisch reizend das kleine Haus anzusehen war mit den überfüllten Logen voll der geputztesten Damen und der geziertesten Dandys! –

Wie schmerzlich Philipp auch ergriffen und in seinen innersten Gefühlen niedergedrückt war, mit jugendlichem, fast knabenhaftem Leichtsinn hatte er gar bald alle die Schrecken vergessen, als er, in die Loge eingetreten und hier einer wahrhaft majestätischen Schönheit gegenüberstand.

Maria Montague war es, eine Brünette, mit einer Figur von imponirender Grazie. Sie hatte dunkle Augen, aus denen nur Güte sprach. Ein kaltes Wesen war ihr eigen, das nur von solchen, die nicht so glücklich waren, in ihren Kreis gezogen zu werden, »stolz« genannt wurde. Als einziges Kind und reiche Erbin, war es nicht zu verwundern, daß Maria, als sie in die Welt eintrat, wie eine wahre Königin erschien und mit einem Schwarm von unzähligen Anbetern und Bewerbern umgeben war. Allein nur ein Einziger unter ihnen war der Glückliche, welcher sich rühmen durfte, von ihr eine andere Gunstbezeugung als die der gewöhnlichen Höflichkeit zu empfangen; es war Philipp Temple; für ihn hatte sie stets ein Lächeln, für ihn selbst einen leisen Druck der Hand.

Das Einverständniß zwischen Beiden war schon ziemlich weit gediehen, und überall, wo Philipp erschien, entfernte Einer nach dem Andern sich aus ihrer Nähe, um ihn allein in seligem und triumphirendem Besitzthum zu lassen. In dieser Weise wurde er besonders noch an dem heutigen Abende begünstigt, denn Mrs. Montague, selbst eine hübsche Frau, gerade noch in dem Alter der Liebenswürdigkeit, war umgeben von einem Kreis von Hagestolzen und Wittwern in ihren schönsten Jahren, und von ihnen während der Zwischenpausen vollständig in Anspruch genommen.

Eliot Granger war eine kleine Weile sich selbst überlassen; er stand und überschaute die brillante Menge, und blickte vergeblich nach einem jungen und unschuldigen Wesen, das von dem Gift seiner Liebe getrunken hatte. Mrs. Temple's Loge war unbesetzt, und Granger war eben im Begriff, den wehenden Fächern und dem schmelzenden Lächeln, mit welchem er von allen Seiten gegrüßt wurde (denn man muß wissen, daß er als Besitzer von Millionen für den Löwen des Tages galt), dahin auszuweichen, als er gerade eine Gestalt erblickte, deren Wesen darauf berechnet war, eine außerordentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es war nicht das erste Mal, daß er sie sah, aber niemals vorher wurde er von ihrem Anblick so gefesselt, wie jetzt. Er konnte ihrer Anziehungskraft nicht entrinnen, vielmehr nahm er den directen Weg zur Loge, in welcher die Dame ihren Sitz eingenommen hatte.

Man durfte dieselbe vielleicht nicht ganz fünfzig Jahre alt schätzen. Eine Südländerin von Geburt, besaß sie jene Lebhaftigkeit, welche den tropischen Schönheiten eigenthümlich ist. Obgleich sie bedeutende Anlage zu einem hübschen Embonpoint hatte, so ging dadurch doch die Grazie ihrer schönen und wohlgerundeten Formen nicht verloren, und nichts desto weniger bewährte sie eine vollständige Elasticität in ihren feinen und graziösen Bewegungen. Angethan mit einem Costüm von ausgewähltester Eleganz, Hals und Arme unbedeckt, richteten ihre dunkeln, sanften Augen gleichsam ein wahres Unheil an unter der Menge, die in ihrer Loge sie umgab. Mrs. St. Just, die reiche und liebenswürdige Wittwe aus dem Süden, beanspruchte die »Gefeierte aller Gefeierten« zu sein.

Jeden Augenblick öffnete sie die Thür ihrer Loge, um ihren erwartungsvollen Blick durch dieselbe schweifen zu lassen und ihn dann in demselben Augenblick auch wieder enttäuscht zu senken. Sie wiederholte dies gerade in dem Moment, als Eliot Granger eintrat, der, ärgerlich über den kalten Empfang der reizenden Wittwe, sich gewaltsam durch die Menge drängte, um einen Sitz an ihrer Seite einzunehmen, und vermittelst der großen Aufmerksamkeit, die er ihr bewies, die Loge von all' den übrigen Besitzern sobald als möglich zu säubern.

Als sie sich Beide allein darin befanden, sprach Mrs. St. Just mit sichtlichem Unwillen: »Ich hoffe, Sie sind jetzt zufrieden; Sie suchen mich jedesmal von der mir angenehmen Gesellschaft zu befreien.«

»Sie thun mir Unrecht, theure Marie,« antwortete Granger in seiner einschmeichelnden Weise. »Blicken Sie mich nicht so erzürnt an, wir Beide sind zu alte und zu unentbehrliche Freunde, als daß wir Krieg mit einander führen könnten. Wollen Sie die glücklichen Tage von Paris – die reizenden Gondeln Venedigs – die Mondnacht in dem Colosseum von Rom vergessen?«

»Wozu soll das führen?« entgegnete Mrs. St. Just hastig und aufbrausend, »ich hasse Reminiscenzen. Sagen Sie mir lieber, was Sie jetzt wünschen, und kommen Sie mir niemals wieder nahe, ohne um eine Gunst zu bitten.« 

»Die Sie mir allezeit mit der süßesten Herablassung gewähren.«

Sie blickte ihn mit einem leidenschaftlichen Haß an und knirschte vor Wuth mit ihren weißen Zähnen, aber sie sprach kein Wort, ja, sie getraute sich selbst nicht zu sprechen.

Ihr Gesellschafter schien eine besondere Freude über ihre Aufwallung zu empfinden, denn er lächelte cynisch und bemerkte in aller Kürze:

»Sie haben recht ich habe um die Gunst Ihrer Hand zu bitten, und mich dann zu entfernen!«

»In der That, das ist eine neue Art und Weise.«

»Wie ironisch Sie sind!«

»Wie kalt Sie sind!«

»Ich bin aus dem Norden, wollen Sie sich gefälligst erinnern; in diesem kalten Klima pflegt uns das Blut nicht so heiß und heftig durch die Adern zu fließen, als Ihnen unter der Sonne des fröhlichen Südens. Wir lieben leidenschaftlich einen Tag und vergessen Alles den nächsten.«

»Das ist zu viel,« flüsterte Mrs. St. Just leise für sich. »O, was wollte ich darum geben, diesen Mann in meiner Gewalt zu haben; – doch Geduld, meine Zeit wird kommen.« Dann begann sie laut weiter zu reden: »Ich werde Sorge tragen, alle Nordländer nach Ihnen zu beurtheilen, Eliot Granger, wenn ich eine kurze Zeit nur noch hier bleibe, ich versichere Sie.«

»Sie beabsichtigen nach New-Orleans zurückzukehren?«

Eine neue Röthe flog über das Antlitz der Dame, und sie antwortete mit einem leidenschaftlichen Ausdruck: »Ja wohl, irgend wohin, um von Ihnen befreit zu sein.«

»Ich fürchte, Ihre Anziehungskraft ist von einer so magnetischen Gewalt für mich, daß ich gezwungen sein werde, Ihnen zu folgen.«

»Wenn ich das denken müßte, würde ich mit Königin Anna sagen: diese Hand soll die Schönheit meines Antlitzes zerstören.«

»Und ich würde mit König Richard sagen, – welcher nach meiner Meinung von dem Sänger aller Zeiten mit zu wenig Aufrichtigkeit behandelt worden ist – »Ihr könnt es nicht verletzen, wenn ich Euch nahe bin; das Herz könnte es nicht ertragen, die Schönheit schwinden zu sehen.«

»Genug der Satyre! was wünschen Sie von mir?«

»Ich wünsche Ihnen zu dienen.«

»Für eine kurze Zeit – – nicht wahr? –«

»Garantire ich,« fiel er ein, »aber nichts desto weniger ist es mein Wunsch, Ihnen zu dienen, um mir selbst zu dienen.«

»Ich bin überzeugt, Sie brauchen über eine so wenig egoistische Handlung nicht lange nachzudenken.«

»Da haben Sie wiederum recht! Wie kühn Ihre Auffassungsweise diesen Abend ist!«

»Wie meinen Sie das? Weil ich Ihre verhüllten Pläne so durchschaue?«

»Verhüllte Pläne? Wie schwach müssen Sie sein, in einer Reihe von Jahren das leichte Gewebe derselben nicht durchschaut zu haben!« Bei dieser Bemerkung glitt das alte cynische Lächeln wieder über die Lippen Granger's.

Mrs. St. Just blickte auf und ihre Minen entsetzten sich vor Grimm. »Sie triumphiren jetzt,« begann sie mit gedämpfter Stimme, »aber meine Zeit wird kommen, so sicher als die Erde sich bewegt; meine Rache bleibt nicht aus, sie soll Ihnen folgen gleich Ihrem Schatten. Merken Sie sich jede Stunde, jede Minute, und eines Tages wird der Augenblick gekommen sein, wo wir abrechnen. Dann, stolzer Mann, sollen Sie kennen lernen, was es heißt, mit einer Tigerin Spiel zu treiben.« Während sie also sprach, zerknitterte sie ihren kostbaren Fächer mit krampfhafter Hand zu Atomen, und aus ihren großen schwarzen Augen sprühte Leidenschaft und Wuth.

»Wollen Sie also meine Güte lohnen?« fragte Granger, vollständig ungerührt von ihrer Rachgier. »Ich kam zu Ihnen diesen Abend, wie ich Ihnen vorher sagte, um Ihnen zu dienen.«

»Lassen Sie mich hören, worin?«

»Sie lieben Harry Warner.«

In diesem Augenblick wurde sie augenscheinlich blaß, aber in dem nächsten bedeckte eine tiefe Röthe wieder ihr Gesicht und ihren Nacken. Sie zitterte an allen Gliedern.

»Was meinen Sie?« begann sie leise und mit bebender Stimme.

»Gerade das, was ich sagte;« antwortete er. »Sie können nichts vor mir verbergen; ich bin im Begriff, Ihnen zu dienen, indem ich den Geliebten in Ihre Arme führe.«

»Eliot Granger,« sagte sie mit etwas sanfterer Stimme. »Sie haben mein Geheimniß errathen; ja, ich liebe ihn, leidenschaftlich rasend. Niemals vorher habe ich gewußt, was Liebe war.«

»Und er?«

»Er ist der künftige Gatte einer Andern.«

»Ich weiß es, aber hören Sie, ich will Ihnen zeigen, wie Sie zu gleicher Zeit mir und sich selbst dienen können. Ich liebe Margaretha Temple, – erschrecken Sie nicht – ich liebe sie, ich meine, so weit ich überhaupt lieben kann, und was mehr ist, ich wünsche sie zu besitzen sammt ihrem –«

Ein großer Wechsel fand in diesem Augenblick in dem Wesen Maria's St. Just's statt. Sie lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit den Worten Eliot's, und wenn er inne hielt, sagte sie: »Kommen Sie zu Ende und sagen Sie mir, was ich thun soll.«

»Ei,« bemerkte Granger, »sind Sie bei dem, was ich sagen will, so sehr interessirt? Ich habe die Schlußnote angeschlagen, und es ist gut, denn ich könnte doch nicht weiter fortfahren, da wir nicht länger allein sein werden. Sehen Sie nicht, wer des Weges kommt?«

Sie blickte nach der bezeichneten Richtung hin, und ein tiefes Roth färbte ihre schöne Stirn. »Er ist es,« sprach sie zu sich selbst, und in demselben Augenblick wurde die Thür geöffnet. Harry Warner trat in die Loge.

Mit einem Lächeln, das ein vollständiger Abglanz vom Sonnenschein, reichte Marie St. Just ihm die Hand zum Willkommen dar, und lud ihn zu dem Sitze ein, von dem Granger in dem Moment aufstand, als der junge Mann eintrat.

»Ich wollte eben nach meinem Hôtel zurückkehren, da sah ich noch die Lichter hier brennen; ich hoffte das Vergnügen zu haben,« sagte Harry, indem er ihre Einladung annahm und sich an ihre Seite niederließ. »Aber ich usurpire Ihren Platz, Mr. Granger,« setzte er fort, indem er sich zu ihm wendete.

»Durchaus nicht!« antwortete Mr. Granger mit einer übermäßigen Höflichkeit. »Ich fühlte, daß ich bereits ein lästiger war.«

»Könnte es möglich sein, daß Mr. Granger eine so bescheidene Meinung von sich selbst hätte?« fragte die liebenswürdige Wittwe mit etwas argem Lächeln.

»Bescheidenheit ist einer meiner geringsten Fehler;« antwortete er lachend und setzte sich dann in eine abgelegene Ecke der Loge, indem er vorgab, einige Augenblicke den Tönen der Truffi ungestört lauschen zu wollen.

»Sie sind seit Kurzem ein Fremdling geworden, Mr. Warner, bemerkte Mrs. St. Just. »Wir haben Sie sehr entbehrt.«

»Ich bin erfreut, das zu hören,« antwortete er. »Was könnte einen Mann mehr schmeicheln, als zu denken, daß seine Abwesenheit eine Lücke verursacht.«

»Sie waren in meiner Vaterstadt, seit wir uns zuletzt begegneten,« begann Marie von Neuem »erzählen Sie mir, wie Ihnen New-Orleans gefallen hat?«

»Ich fürchte, wenn ich Ihnen das sage, werden Sie mich schelten.«

»Nein, wahrlich nicht! Ich liebe Offenheit in allen Dingen; nichts ist so widerwärtig, als mit Menschen zu verkehren, die stets derselben Meinung mit Einem sind.«

»Ich denke gerade so, und will also ohne Rückhalt sprechen.«

»Ich bitte, thun Sie es.«

»Offen gesagt denn, den ersten Anblick von der Stadt fand ich über alle Beschreibung schön; sie erinnerte mich an einige der malerischen Städte im südlichen Frankreich. Der erste Eindruck aber war nicht so anhaltend günstig. Ich fand die Hôtels so geräuschvoll und die Straßen viel unsauberer noch als unsere eigenen, und das will sehr viel sagen. Die Gesellschaft erscheint von allen Enden und Weltgegenden der Erde zusammengewürfelt.«

Sie mußte das zugeben; nur setzte sie hinzu, »daß ein längeres Zusammenleben der jetzt noch widerstrebenden Elemente dieselben harmonisch vereinigen würde.«

»Die verschiedenen Theater haben mich ebenfalls nicht sehr angesprochen;« fuhr Mr. Warner fort. »Aber ich muß nicht vergessen, Ihnen zu erzählen, daß ich unerwartet hier einen Tenor gehört habe, und zwar einen amerikanischen, der, kaum im Alter von zwanzig Jahren, eine Stimme hat voll Kraft und seltenem Wohlklang.«

»Wie ist sein Name?« fragte Mrs. St. Just mit etwas schwankender Stimme.

»Oswald Gautier.«

Marie wurde sichtlich blaß und ein Ausruf des Schreckens entfloh ihren Lippen.

»Was fehlt Ihnen?« fragte Warner mit großer Besorgniß, indem er sie zu unterstützen suchte, »Sie sind unwohl!«

»O, nein nein!« entgegnete sie aufathmend, »es ist die gedrückte Luft hier in Hause; – so – schon ist es besser wie thöricht ich bin! –«

»Oswald Gautier?« wiederholte Eliot Granger in einem fragenden Ton. »Da habe ich ein anderes Fädchen und ein viel stärkeres dazu, das ich in mein Gewebe flechte. »Also zu sich selbst redend, verließ Granger eiligst die Loge. 

Die gemurmelten Worte waren dem feinen Ohre der Dame nicht entgangen. Sie wendete sich um und war erstaunt, in ihrer Loge Niemanden als sich selbst und Mr. Warner zu erblicken.

»Wollen Sie sich nicht zurückziehen?« fragte Harry, indem er bemerkte, daß Mrs. St. Just immer noch bleicher ward.

»O bewahre!« antwortete sie; »ich bin schon besser.«

»O lauschen Sie, Truffi singt das Finale.«

»Sie bewundern Truffi?«

»Außerordentlich,« war die Antwort.

Die Vorstellung ging zu Ende und die liebenswürdige Wittwe klatschte zum Zeichen ihrer Anerkennung und Bewunderung in ihre feinen weißen Hände. Dann gestattete sie Herrn Warner, ihren Mantel über ihre Schultern zu legen, nahm seinen Arm und wankte zur Loge hinaus zu ihrer Kalesche, nach allen Seiten, so wie sie durch die Menge ging, mit Herablassung grüßend und lächelnd.

Das Auditorium hatte die Räume verlassen, die Klänge der fröhlichen Stimmen und des lauten Gelächters waren verhallt, die Lichter gelöscht. 

Harry und Philipp fanden sich Seite an Seite unter den letzten der Scheidenden.

»Willst Du kommen und mit mir soupiren, Philipp?« fragte Harry.

»Diesen Abend nicht, ich danke Dir, Harry!« antwortete der Jüngling. »Ich befinde mich nicht wohl und will gleich nach Hause gehen.«

»Du bist unwohl? das bedauere ich zu hören; ich will Dich nach Hause begleiten.« Also sprechend, faßte er die Hand seines jungen Freundes und legte dessen Arm in den seinigen.

Es war das erste Mal in seinem Leben, daß Philipp wünschte, Harry möchte ihn allein lassen. Er hatte eine schwere Last auf seinen Herzen, der arme Knabe, und er wähnte, er müsse mit ihr allein sein. Es ist ein sehr schlimmes Zeichen, wenn die Jugend die Gesellschaft – und sogar die eines geliebten Freundes – lästig findet.     



5.

Eliot Granger's Wohnung

Einige Tage waren vergangen seit jener Nacht, von welcher wir zuletzt gesprochen haben; Tage, die äußerlich ruhig erschienen, die aber in ihrem Schooße Ereignisse bargen, die bald an das Tageslicht treten sollten.

Eliot Granger saß in dem Privatgemach seines prachtvollen Hauses. Er war umgeben von Kunstkleinodien aller Länder. Der Teppich unter seinen Füßen war so weich, wie der Sybariten Betten von Rosenblättern. Die Möbel waren im reichsten Geschmack; die schweren Damastvorhänge, welche die großen Fenster des Zimmers umschatteten, gestatteten nur ein angenehmes Dämmerlicht in demselben.   

Im Angesicht all' dieser Pracht und dieses Reichthums, ruhte auf der Stirn Eliot's ein düsterer Ernst. Seine Lippen waren zusammengepreßt, und hin und wieder ließ er seine weiße Hand durch die dunkle Fülle seiner Locken streifen.

Seine Meditationen wurden zuletzt durch das Eintreten seines Dieners unterbrochen, der auf einer im kunstreichsten Geschmack gearbeiteten Silberschale Biscuits und daneben eine Krystallcaraffe mit Wein ihm darreichte.

»Wollen Herr Granger das Frühstück jetzt nehmen?« fragte der Diener im unterwürfigen Tone.

»Ihr mögt es auf den Tisch stellen, Martin,« antwortete Mr. Granger, sich selbst aus seinen Träumereien aufraffend.

»Wie viel Uhr haben wir?«

»Zwei Uhr, Herr!«

»Gut! – kannst gehen – doch nein, bleib! – Wenn ein Mann kommt, der sich Hammer – Harrison Hammer – nennt, bring' ihn gleich zu mir herauf.«

Also befehlend, winkte er dem Diener, daß er entlassen sei, und versank mittlerweile wieder in ein tiefes Nachsinnen. Endlich schienen seine Träumereien Worte gefunden zu haben und er murmelte in hörbarer Stimme: 

»Ja, ja, es ist klar, daß Margarethe Temple mich verschmäht, ja, daß sie mir ausweicht, oder wenn sie nicht anders kann, mich mit kalten Höflichkeiten abspeist. Aber gleichviel – sie soll und muß die Meine sein. Ich will sie besitzen! doch wie nur diesen anmaßenden Warner beseitigen? Nie und nimmer soll er sie sein Weib nennen. Laß mich nur sehen, – laß mich nur sehen! Maria St. Just liebt Warner, und geschmeichelt durch die Hoffnung, ihn zu ihren Füßen zu haben, fürchte ich nicht, daß sie sich meinen Bitten ergiebt. Aber ich muß noch andere und stärkere Motive haben, sie an mich zu fesseln. Diese Italienerin nur ist der Stein des Anstoßes auf meinem Pfade. Ich wollte zum Teufel, ich wäre von ihr befreit. Wohlan, wenn es nicht anders gehen will, mag es geschehen.«

Und er verfiel wiederum in tiefes Hinbrüten.

Das nervöse Zucken seines Mundes verrieth, daß der Sturm in den Empfindungen dieses Mannes auf das Höchste gestiegen war, und es bedurfte der eigenen Anstrengung sehr, denselben zu beschwichtigen. Er nahm ein volles Glas Wein, goß es aus, und sprach laut zu sich selbst:

»Pah, was soll es denn? Ist es ja doch nur eine Partie Whist, in welchem Maria und ich selbst die Spieler sind! Wer hält?«

Hierbei erhob er sich von seinem Sitze, legte die Vorhänge in die Armgehenke und bog sich über die Fensterbrüstung hinaus in die frische Luft. Es war ein wonniger Frühlingstag; die Sonne schien warm und verbreitete einen wahren Hauch, dem Lenze eigenthümlich; die Bäume sproßten ihre Blätter und Blüthen.

Es sei hier bemerkt, daß Mr. Granger's Residenz in einer ziemlich freien Gegend lag, weit in dem oberen Theile der Stadt, etwa in der Nähe der »Zwanzigsten Straße.« Das Wohnhaus war rund umgeben von einem in schönen Beeten ausgelegten Garten, die mit Blumen und Blüthenstauden, Statuetten und Springbrunnen versehen waren. Jeder Vorübergehende mußte voraussetzen, daß hier der »Löwe des Tages« residire.

Die Front des Wohngebäudes lag der schönsten Straße zugekehrt, und Granger konnte von seinem Fenster aus dieselbe ganz überschauen. Als er eine kleine Weile darin gelegen, begegnete sein Blick einer Gruppe zu Pferde, die aus zwei Damen und zwei Herren bestand, und welche Mr. Granger augenblicklich als Philipp und Margaretha Temple, Harry Warner und Maria Montague erkannte. Wie sie näher und näher kamen, erklangen immer lauter und lauter ihre glücklichen Stimmen und ihr heiteres Gelächter, sodaß es bis zu den Ohren Eliot's drang. Er wich von dem Fenster zurück, denn er vermochte nicht die Fröhlichkeit dieser harmlosen Menschen zu ertragen, wissend, daß seine düstere, unheildrohende Stirn sich verschworen, den glücklichen Kreis, der mit Lust und Freude umgeben, zu stören.

»Ich hasse sie,« murmelte er, »hasse sie Alle, um so mehr noch, wenn ich denke, daß ich sie Alle bezeichnet habe, Einer für den Andern zu leiden. Aber,« fuhr er fort und schlug an seine Brust mit der geballten Hand: »fühle ich hier nicht Etwas wie Reue brennen? Schwacher Narr doch, der ich bin!« setzte er hinzu und ging in dem Zimmer hurtig auf und nieder. »Ich glaube, ich bin ein halbes Weib geworden, was schiert mich Mitleid? Wer bin ich und was bin ich, daß ich auf einem Wege einhalten sollte, auf dem glänzendes Glück für mich selbst zu ernten ist! Ich bin reich und daher angesehen und geehrt – obgleich namenlos und ungekannt. Was, wenn ich arm wäre, arm an Geld, meine ich, aber reich in jedem Zuge des Herzens und Geistes, würde ich dann auch zu Festen und Gelagen der Gebetene sein, würde ich dann auch umgeben sein von Kriechern und Schmeichlern? Niemals! Der gute Ton würde mich kalt bei Seite schieben, mich hohnlächelnd hinauswerfen, und die reiche Welt würde eine Fratze ziehen und mir den Rücken zukehren. Alle Diejenigen, welche mich jetzt scharenweise aufsuchen, um meine feinen Weine zu trinken, meine guten Leckerbissen zu schlürfen, sie alle würden mich von sich werfen wie einen alten Rock. Und jetzt – ich bin Narr genug, mit ihnen Mitleid zu haben? Bah! ich fühle meine Stärke, je mehr ich darüber nachdenke.«

Hier pausirte er seinen Gang durch das Zimmer und nahm seinen Sitz wieder ein. Seinen Kopf ließ er in der Hand ruhen, während er seinen Ellenbogen auf den Tisch stützte. »Das Paket – das geheimnißvolle Paket,« flüsterte er nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens. »Das löst alle Zweifel; – und doch, ich muß warten, warten, warten. Der Advocat ist so verteufelt ehrenhaft, da ist ein Ausweg, die Clausel zu umgehen. Dazu kommt, so gewissenlos ich sonst auch bin, möchte ich doch kein Gelübde brechen, das ich Derjenigen gegeben, von welcher ich Alles empfangen habe, was ich besitze; – und die vielleicht mir selbst – – doch nein! ich will nicht weiter darüber nachdenken – ich schäme mich darob; es ist Zeit genug, Alles zu erfahren.«

Sein tiefes Nachdenken ward wiederum durch das Eintreten des Dieners unterbrochen.

»Was wollt Ihr, Martin?« fragte Granger hastig. »Kann ich denn nicht fünf Minuten allein sein?«

»Mr. Granger sagten mir,« entgegnete der ehrerbietige Diener, »wenn ein gewisser Mr. Hammer hieherkomme, soll ich ihn gleich heraufweisen? er ist bereits im Vorzimmer.«

»Wahr, wahr! ich vergaß beinahe, – führe ihn herein.«

Die Thür öffnete sich und dem neuen Ankömmling wurde der Einlaß gewährt. Mr. Eliot Granger's Miene schien so ruhig und sanft wie der blaue Himmel über ihm. Er erhob sich nicht von seinem Sitze, um seinen Gast zu bewillkommnen, aber herablassend bot er ihm einen Stuhl an, den Martin herbeibringen mußte.

Mr. Harrison Hammer war ein Mann von vielleicht fünfundvierzig Jahren, groß und breitschulterig und mit einer Brust gleich einem Zugthiere; seine Arme und Beine waren in ihrer Musculatur ganz besonders ausgebildet. Sein Kopf, groß und dick, war mit kurzem, schwarz gekräuseltem Haar bedeckt, und sein verschlagenes Gesicht blickte aus zwei stechenden, in's Grüne schillernden Augen. Eine große sogenannte »Römernase« war ihm eigen, so wie ein Mund mit einem ganz ordinären Ausdruck, überschattet von einem dicken schwarzen Schnurrbart, der wie gewichst nach beiden Seiten sich ausbreitete gleich einem paar schwarzen Liliput-Schlangen.

Das Costüm dieses Mannes möchte, ohne Uebertreibung, brillant genannt werden können. Mit unserer Beschreibung bei den Füßen anfangend (man verzeihe uns diesen eigenthümlichen Weg), finden wir dieselben in den feinsten Patentleder- Stiefeln, über welche Pantalons fallen von lichtgrauem Tuche. Seine rothe Sammetweste war mit auffallenden Knöpfen besetzt, und seine Uhrkette erschien stark und schwer genug, ein paar Stiere zu halten; das reichgestickte Busenhemd war mit verschiedenfarbigen Einfassungen versehen. Ueber den dunkeln Frackrock trug er einen hellgrauen Ueberrock; der Cylinderhut war vom glänzendsten Schwarz, seine Handschuhe strohgelb, und sein Stock mit einem gediegenen Goldknopf vervollständigte das Aeußere.

Mr. Hammer setzte sich nieder, wie ihm geheißen war, nachdem er Hut und Stock an die Seite des Sophas placirt hatte. Ohne weitere Umstände füllte er ein Glas mit Wein und trank es mit einem Zuge leer.

»Entschuldigen Sie, mein theurer Herr Granger,« sagte er, »ich weiß, daß Sie gerade im Begriff waren, mich zu einem Schluck Wein einzuladen, da wollte ich Ihnen die Mühe ersparen.«

»Thun Sie, als ob Sie zu Hause wären, Mr. Hammer,« antwortete der stolze Mann, und dabei glitt ein Ausdruck großen Widerwillens über sein Gesicht.

Mr. Hammer ließ sich's nicht zweimal sagen, zu thun, als ob er zu Hause sei. Er aß die Biscuits, trank nach Herzenslust ein Glas nach dem andern, und begann dann: »Mr. Granger, nun lassen Sie uns zum Geschäft gehen. Was kann ich für Sie thun?«

»Sind Sie jemals in New-Orleans gewesen?«

»Niemals!«

»Möchten Sie einen Ausflug nach dieser Richtung machen?«

»Mit Vergnügen!«

»Dann machen Sie sich bereit dazu.«

»Auf wie lange Zeit?«

»Das haben Sie selbst zu bestimmen!«

»Ich kann nicht lange von New-York entfernt bleiben.«

»Nicht für eine Vergütung?« 

»Wie groß.«

»Tausend Dollars!«

»Das läßt sich hören, das klingt wie ein Geschäft. Was wünschen Sie, was ich für Sie thun soll?«

»Sie sollen nur Etwas für mich erforschen, aber in aller Stille, ohne Aufsehen zu machen.«

»Dazu können Sie keinen bessern Mann als mich finden.«

»So dachte ich, sonst würde ich Sie nicht dazu auserwählt haben.«

»Was soll ich denn ausforschen?«

»Das werden Sie zeitig genug erfahren. Für jetzt habe ich nichts weiter zu sagen. Wenn ich mit meinen Vorbereitungen fertig bin, werde ich Ihnen weitere Instructionen geben und Sie aufsuchen.«

Diesen Wink verstehend erhob Mr. Hammer sich von seinem Stuhl und sagte einfach: »Ich bin immer zu Ihren Diensten, theurer Sir!« Bevor er sich aber zum Fortgehen anschickte, nahm er die Gelegenheit wahr, sich noch einmal mit einem Glas des herrlichen Amontillado zu regaliren.

»Sie werden also bereit sein in dem Augenblick, wenn ich Ihnen Nachricht gebe,« sagte Mr. Granger noch zu dem bereits Verabschiedeten, als er eben die Hand auf das Thürgehenk legte.

»Ich werde meinen Reisekoffer noch heute packen und mich jeden Morgen in meinen Reiseanzug werfen, bis ich Ihren Befehl zur Abreise empfangen habe;« antwortete Herr Hammer. »Ich hoffe recht bald von Ihnen zu hören, und wünsche Ihnen guten Morgen.«

Obgleich neugierig, welche Art von Wünschen Herr Granger in New-Orleans haben mochte, wußte er, daß eine weitere Auslegung derselben von dem Gebieter nicht zu erpressen war. Er ließ deshalb Eliot Granger allein mit seinen Gedanken.       



6.

In dem Geisterhause.

»O, daß ich frei wäre! O, daß ich frei wäre!« rief Eliot Granger laut aus, nachdem er sein Gesicht eine Weile in seine Hand verborgen hatte. »Ich sündige nicht, weil ich Gefallen an der Sünde habe; allein ein schreckliches Verhängniß scheint mich tiefer und tiefer in den Abgrund des Verderbens zu tragen. – Dieses italienische Weib! o wenn ich frei wäre von ihr!«

Hier sprang er von seinem Sitz in furchtbarer Erregung; er rann in dem Zimmer auf und ab, entkleidete sich seiner Morgentoilette und warf sie bei Seite; dann zog er einen Ueberrock an, nahm Hut und Handschuhe und verließ das Haus, indem er mit dumpfer Stimme vor sich hin sprach:  

»Ich muß Franziska sehen; ich war nicht bei ihr, seit sie in dem gespenstischen Hause wohnt.« So redend durchwanderte er mehrere Straßen, und nahm endlich seinen Weg dem alten Gebäude zu, in welchem seine Tante gestorben war und welches er zum Aufenthaltsort für Franziska nach ihres Vaters Tode hatte einrichten lassen.

Er erreichte das ihm entfremdete alte Haus, und ein Schauder überlief ihn, indem er die Rasenbeete kreuzte und die alten Stufen hinaufstieg, die in das Portal führten. Gefühle einer mächtigen, innern Gewalt tauchten unverkennbar in ihm auf, als er in die weite dunkle Halle trat und seine Fußtritte darin dumpf wiederklangen.

Bevor er noch nach dem Gegenstande seines eigentlichen Besuches gefragt hatte, trieb eine fremde Zauberkraft Eliot Granger an, zuerst in das Zimmer zu gehen, in welchem seine Tante den letzten Athem ausgehaucht hatte und welches den geheimnißvollen Schrein mit dem versiegelten Paket barg. Den Schlüssel dieses Apartements trug Granger fortwährend bei sich, und das Mädchen entlassend, welches ihn beim Eintritt in's Haus empfangen hatte, lenkte er seine Schritte nach dem Gemach hin.

Wie schaurig die Stille war und wie tief die Dunkelheit, als er die Thür geöffnet, und er zögernd auf der Schwelle stand. Kein Ton durchbrach dieses Schweigen, und nicht ein Lichtstrahl erhellte die Finsterniß; aber durch eine kleine Ritze in einer der alten Blendladen schimmerte ein verlorener Lichtstreif, der gleich einem der umwandelnden Geister, wie die Gerüchte sagen, fortwährend kommt und geht zu dem alten verfallenen Hause.

»Diese dumpfe, geschlossene Luft,« murmelte Eliot, »sie benimmt mir fast den Athem.« Dann, wie beschämt über seine eigene Schwäche, äußerte er hastig: »Pfui!« und durchkreuzte das Gemach in der Richtung zum Fenster, um es zu öffnen. Er hatte die Mitte desselben noch nicht ganz erreicht, als er gleich einem Steinbilde stillstand und das Blut in den Adern ihm zu Eis gerann. Ein tief anhaltender Laut zog wehklagend durch das Zimmer, gleich dem Schrei einer verlorenen Seele.

Er horchte mit stummer Bestürzung; die Klagetöne wiederholten sich, nur etwas anders wie das erste Mal. Ein krankhaftes Lächeln glitt über seine Züge. »Es ist der Wind, der durch den alten Kamin fegt,« sagte er. »Ich bin wie ein Kind, ängstige mich durch eigenes Erzeugniß solcher Schreckbilder.« Dann wankte er zur Fensternische.

Die Riegel und die Gitter der Fenster waren eingerostet und widerstanden allen Kraftanstrengungen, sie zu öffnen; zuletzt gelang es aber dennoch, und gerade in dem Augenblick, als die Blende aufflog, wurde er wiederum durch die entsetzliche Wehklage erschreckt; hurtig um sich blickend, glaubte er eine Gestalt zu sehen im weißen weiten Gewande, langsam durch die Wand verschwindend. Der Angstschweiß brach ihm auf der Stirn aus und er zitterte an allen Gliedern. Irdische Dinge – gleichviel wie schauderhaft – hatten für ihn keine Schrecken; aber es bedarf der Geistesruhe und höheren Geisteskraft, so wie des Bewußtseins der Bravheit und Rechtlichkeit, um mit freiem Blick, mit emporgerichtetem Haupte und mit ruhigem Pulsschlag vor übernatürlichen Dingen zu stehen wie vor natürlichen.

Was immer diese Vision sein mochte, keine Spur davon war in dem großen Raume zu entdecken. Obgleich Granger auch seinen Gleichmuth wieder erlangt hatte, ersparte er sich doch, hinter all' die altmodigen, schweren Möbeln zu spähen, oder die wunderlichen Bilder an der Wand zu befragen, aus deren gebräunter Leinwand ihm überall ein Schreckbild entgegenschielte.

Er verweilte nicht lange an diesem Ort, warf noch hastig einige Blicke umher, und fühlte dann, wie das Auge auf den Verschlag des geheimnißvollen Schrankes in der Wand haftete. Nur mit Mühe konnte er sich endlich abwenden, um die Blenden zu schließen und herumtappend seinen Weg hinaus zu finden. Er warf die Thür hurtig zu, verschloß sie und steckte den Schlüssel wiedrum in seine Tasche; dann eilte er zu dem andern Theile des Gebäudes, welches er Franziska zur Wohnung belassen hatte.

Er trat unangemeldet in ihr Cabinet und war einigermaßen überrascht, sie auf ihrem Bette liegend zu finden, auf das augenscheinlich eben erst eine große Aufregung sie geworfen hatte. Ihr Haar fiel aufgelöst um ihre Schläfen, und in ihrem weißen Morgenkleide, welches mit dem blendenden Schnee ihrer Stirn wetteiferte, glich sie mehr einem überirdischen Wesen als einem Bewohner dieses Erdenthals.

Als die Thür geöffnet wurde, sprang sie entsetzt empor; als sie aber sah, wer eintrat, fuhr ein plötzlicher Wechsel über sie. Ein Licht, nach dem sie lange gespäht, schien ihr aufzugehen, und die Lösung eines Räthsels, das lange sie gequält hatte, verlieh ihrem Blick Klarheit. Sie erhob sich halb sitzend und bewillkommte ihren Gast mit einer ruhigen Geberde.

»Was machst Du? Bist Du krank?« fragte Eliot und setzte sich an ihre Seite.

»Nein, nein,« antwortete sie, »nur aufgeregt, die letzten Begebenheiten beunruhigen mich sehr. Warum warst Du so lange fern von mir, mein theurer Gatte?«

Granger versuchte dieser Frage etwas auszuweichen, doch bald antwortete er bestimmt: »Ich war beschäftigt, sehr beschäftigt, und hatte keine Zeit für Vergnügungen.«

»Nennst Du es Vergnügen, zu mir zu kommen?«

»Warum nicht?«

»Warum nicht – wirklich? Ich hatte jede Hoffnung um Dich aufgegeben – und ich zweifle auch jetzt noch –«

»Findest Du Deine neue Wohnung recht bequem?« fiel er, einen andern Gegenstand aufnehmend, ein.

»Ich habe darüber nicht zu klagen?« sagte Franziska, »doch ist es ein einsames, ödes Haus.«

»Es ist gerade im Mittelpunkt der Stadt.«

»Ich weiß es, aber bisweilen, wenn der Wind durch die Bäume weht und über die Kamine, dann tönt es wie furchtbare Wehklagen von geängstigten Sterblichen,« antwortete das italienische Mädchen. »Aber ich fürchte mich nicht, Eliot, unser Kind wird nun bald geboren sein, und dann bin ich ja nimmermehr allein. Das kleine Leben wird immer bei mir sein, mir immer eine süße Abwechslung, immer eine neue Quelle von Freuden sein.«

»Und mir ein bitterer Hohn,« dachte Granger im Stillen, indeß er laut sagte, während er näher an sie heranrückte und ihre Hand in die seinige legte: »Du liebst mich, nicht wahr, Franziska?«

Sie blickte ihn an mit stummer Bestürzung. Daß er an ihrer Liebe zweifeln, daß er nur fragen konnte, schien ihr unmöglich.

»Warum siehst Du mich mit solchem Ernst an,« fuhr er fort, »und was ist es, das Dich so still und schweigsam macht?«

»Weil ich keine Worte für die Antwort finde,« antwortete sie im düstern Tone. »Wenn mein Thun nicht meine Hingebung kund gibt, wie viel weniger vermögen es leere Worte. Manche wohl können sprechen von Liebe, aber wenige – o wie wenige nur – können lieben! «

Er schlang seinen Arm um sie und drückte sie an seine Brust. »Wie denn, wenn ich jetzt ein größeres Opfer von Dir verlangen sollte, als Du noch jemals mir dargebracht? –« fragte er mit fast unverständlichem Geflüster.

»Wenn es Dich von meiner Liebe überzeugen könnte, würde ich es ohne Murren bringen,« sagte Franziska, schlang ihren weißen Arm um seinen Nacken und legte ihr schönes Haupt ruhend an seine Schulter.

»Ja das kann es, Theuerste, gieb mir Beweise für Dein unbegrenztes Vertrauen in meine Liebe, in meine Ehre.«

»Was ist es, was ich thun muß!«

Sie zitterte im Verdruß über sich selbst, als sie diese Frage stellte, wie wenn sie dächte, Leben oder Tod hinge von der Antwort ab.

»Warum schauderst Du, Geliebte?« fragte Eliot mit mehr als gewöhnlicher Zärtlichkeit. Dann streichelte er ihr sanftes, reiches Haar, und sprach:

»O, Deine Hand ist so kalt wie Eis.«

»Ich gelobte Dir zu thun, was Du verlangtest,« schluchzte sie, »und nun ich Dir mein Wort gegeben habe, fürchte ich, Du würdest mich heißen von Dir gehen. O Eliot, Eliot! wenn dies Deine Absicht ist – halte ein, halte ein, bevor Du weiter sprichst. Sage mir, daß ich arbeiten soll, ringen und arbeiten wie eine Sclavin für Dich; – sage mir, daß ich sterben soll hier zu Deinen Füßen, aber wolle nicht, daß ich leben soll, ohne Dich zu sehen.«– 

Ihre Arme umklammerten ihn, als müßten sie die Gedanken ihrer Seele und ihres Herzens bekräftigen. Ehe er ihr noch antwortete, bog er sich zu ihr hernieder und küßte ihre Stirn; ein großes und heiliges Gefühl zitterte durch jede Ader und schien das noch ungeborene Leben mit neuer Kraft zu durchdringen.

»Dich von mir senden, Theuerste?« rief er. Nimmermehr, das hieße mein eigenes Unglück verkünden. Ich frage das Schicksal, ob es mir sagen kann, daß Du mir immer nahe sein wirst.«

»So sage denn, was ich thun soll, ich gehorche Dir.«

»Du weißt, Franziska, daß wir in Florenz heimlich getraut sind,« fuhr Mr. Granger fort.

»Ich weiß es, ich weiß es!« rief sie; »es ist der einzige Trost in all' meinen trüben Erinnerungen, der mich aufrecht erhält. Wenn die Verachtung der Menschen mich zu kränken versucht, so denke ich daran, und ich fühle mich erhoben über sie; wenn das Mitleid mit seinen allzu gütigen Tröstungen mich demüthigt bis zur Erde – so denke ich daran und lächle in ruhiger Harmlosigkeit; wenn der Hochmuth sich brüstet in seinen stolzen Gewändern und glaubt, daß seine Reinheit in der Berührung mit mir beschmutzt werden könnte, – so schaudere ich nicht und denke daran, – nein, schaudere nicht, zu keiner Zeit und an keinem Ort, denn ich weiß, vor dem Angesicht Gottes bin ich Dein angetrautes Weib; so kann ich die saumselige Gerechtigkeit von Männern abwarten.«

Sie hatte sich emporgerichtet, als sie so sprach. Ihr lieblicher Gesichtsausdruck strahlte in ihrer glühenden Beredtsamkeit; ihre großen dunkeln Augen flammten in dem stolzen Bewußtsein, und mit geöffneten Lippen harrte sie auf das, was ihr Gatte ihr kund zu thun hatte.

Er wich aus wie immer; er hatte nicht den Muth, in ihr Antlitz zu blicken als sie eben sprach; aber auf schlängelndem Wege und mit dumpfer Stimme fragte er sie: »Wie denn, wenn ich von Dir forderte, daß Du mich aufgeben solltest?«

Sie sah ihn mit einem tief durchdringenden Blick an; wie ein Donnerschlag fiel es vor ihr nieder. Sie stand sprachlos, wurde bald bleich, bald roth, und zitterte an jedem Gliede; nach einigen Momenten aber stürzten Thränen aus ihren Augen; vorwärts schwankend, fiel sie schluchzend an Eliot's Brust und rief: »Mein Gott, Du willst mich von Dir trennen, beinahe glaube ich, Du sprichst im Ernst?«

»Im wahren Ernst!« antwortete er in einem höflichen und bestimmten Tone. »Willst Du mir nicht glauben?«

»Habe ich Dir nicht Jahre lang geglaubt?«

»Wirst Du mir auch immer vertrauen?«

»Ich werde niemals von Dir lassen.«

»Verstehst Du mich nicht?« fragte er weiter mit einiger Strenge. »Was ich jetzt wissen wollte ist, ob Du gestattest, daß das Band, welches mich an Dich kettet, gelöst sein soll – bis – bis –«

Hier unterbrach ihn Franziska mit einem wilden Schrei. Sie sprang auf von ihrem Lager und zog aus ihrem Busen ein zusammengefaltetes Papier. Eine große Veränderung fand in ihrer äußeren Erscheinung statt; man sah, wie sie krampfhaft zitterte und ihr Gesicht mit einer Marmorblässe überzogen wurde. Gleich einer Königin stand sie vor ihm und sprach – und ihre Stimme zitterte nicht mehr. »Siehst Du dieses Blatt? Es ist mein Schirm – mein Schild! aber nicht allein mein, sondern auch meines noch ungeborenen Kindes Schild Eliot! ich konnte für Dich leiden, konnte selbst Schmach für Dich tragen aber dieses Vermächtniß soll nimmer auf mein Kind übergehen. Was Deine Beweggründe sind – ich ahne sie; Du bist des armen italienischen Mädchens überdrüssig und suchst eine stolzere Verbindung, – aber hüte Dich! hüte Dich! Noch raucht etwas von dem heißen Blute meiner Nation in meinen Adern, o, und es giebt nichts, was es abzukühlen vermöchte. –«

Sie hatte zu sprechen aufgehört, aber sie stand noch da mit flammenden Blicken, den Kopf in die Höhe hebend. Granger heftete seine Augen auf das Papier, welches sie in ihren Händen hielt. Ein einziger Blick hatte ihn überzeugt, daß es das Certificat ihrer Heirath sei, welches der italienische Priester ausgefertigt hatte, nachdem er selbst die Trauungsceremonien vollzogen. Er kannte die Autorität dieses Documents und er wußte, daß, so lange es in ihrem Besitz, er vollständig in ihrer Gewalt war. Bei diesem Gedanken schauderhaft erregt, erwachten alle die gräßlichen Leidenschaften seines Herzens, jedoch seine Geistesgegenwart bewahrend, gab er die tiefen Schatten desselben nicht kund.

Indem er sich ihr näherte, begann er mit schmeichelnder Geberde: »Jetzt bist Du ungerecht, Franziska. Deine Gefühle beherrschen Deine freie Urtheilskraft. Ich wollte sehen, wie weit Deine Liebe zu mir reichte, und finde bei Dir, wie bei allen Frauen, daß sie ihre engen Grenzen hat.«

»Das ist falsch, und Du weißt es besser,« rief Franziska; »sie ist unendlich wie die Ewigkeit.«

Er hatte sich noch näher an sie herangedrängt und schlang seinen Arm um ihre Taille. Welch' eine magnetische Zauberkraft liegt in der Umarmung dessen, den wir lieben! Als Granger das italienische Mädchen an sein Herz preßte, sank sie ermattet nieder; das Gift der unglücklichen Liebe strömte noch einmal durch ihre Adern, ihr Herz schlug heftiger, und schon wollte sie sich zu seinen Füßen niederwerfen und ihn beschwören, daß er mit ihr thun möge, was er wolle, da plötzlich veränderte er seine Stellung, haschte nach jenem unglücklichen Document, entriß es ihr mit frevelnder Hand, stieß sie von sich und schwang im Triumph seine Beute über sein Haupt.

»Aha!« rief er, die Maske der Liebe von sich werfend. »Da ist Dein Schild, Dein Schirm; sieh' her, wozu es gut ist.«

Und Eliot Granger warf das Papier in den offenen Herd, durchkreuzte das Zimmer mit siegreichem Schritt und sah dasselbe in der Gluth der Kohlen nach und nach verglimmen.

Wie ein Blitz schoß Franziska vorwärts, um ihr schützendes Kleinod, dieses unglückliche Papier, vor der zehrenden Flamme zu retten. Aber Granger zerrte sie am Arm und hielt sie zurück.

»Sieh' her,« sagte er, »wie das gierige Feuer damit spielt. So zerstreue ich in alle Winde jedes Ding, welches sich zwischen mich und meine Wünsche drängt.« Mit diesen Worten entließ er sie aus seiner teuflischen Umarmung, und mit seinem Munde blies er den ausgeglühten Kohlenstaub des Papiers, den die erlöschende Flamme zurückgelassen hatte, in den weiten Raum umher. Franziska war bleich wie der Tod; sie stierte mit entsetzlichen Blicken unverwandt auf die wenigen Atome, in welche jede Hoffnung ihr entflog; dann fiel sie auf den Fußboden nieder, stöhnend und jammernd, als wollte das Herz ihr brechen in dem endlosen Harm.

»O Eliot! Eliot!« schluchzte sie; »hab' nur noch einiges Mitleid! Tödte mich, tödte mich, noch ehe mein unglückliches Kind geboren wird. In des Himmels Namen laß es nicht auf die Welt kommen zum Fluch für Dich und für mich!« 

»Das hast Du Dir nur selbst zu danken,« erwiderte er vorwurfsvoll, und bückte sich über sie. »Hättest Du mich nicht herausgefordert mit dem Papier, es würde noch in Deinem Besitz sein. Ich wußte bis in diesem Augenblick nicht, daß Du es aufbewahrt hattest. Aber wisse, ungeschickt, wie Ihr Weiber im Allgemeinen seid, bringt Ihr Eure Reserven zu früh und verliert die Schlacht.«

Er sprach dies mit einem empörenden Hohnlächeln, als ob der böseste aller Dämonen sein Spiel mit ihm getrieben hätte.

»Ich habe sie nicht verloren!« rief sie, von diesem Hohn geweckt sich rasch emporhebend.

»Die Schlacht hat noch nicht geendet! Eliot Granger! Ihr habt mich zur Mutter gemacht. Wundert Euch nicht, wenn ich Alles um mich her vergesse und mein Kind schütze.«

»Es soll mich freuen, je eher Du mich vergissest, je besser,« erwiderte er kalt und rauh. »Deine nichtssagenden Drohungen rühren mich so wenig, wie der Wind die Eiche, wenn er machtlos durch ihre Zweige braust.«

»Ich habe den stolzesten Fürsten des Waldes von dem Gipfel bis zur Wurzel sich beugen und zur Erde niederbrechen sehen bei einem Wirbelwinde,« sagte Franziska mit großer Zuversicht. 

»Aber bei keiner warmen Brise,« antwortete er mit spöttischer Miene. »Doch genug davon; denke daran, daß Du in meiner Gewalt bist – und wenn Du meine Wege durchschneidest – ich werde Dich aus der Welt – – –«

Hier hörte er plötzlich auf zu reden, ohne das gefährliche Wort, welches er auf der Zunge hatte, ganz auszusprechen. Eine flammende Röthe flog über die Wangen der Italienerin, und ihr Auge leuchtete mit wahrem Löwenmuth. Ihm entging diese Anwandlung nicht. Sie trat ihm mit Größe und Erhabenheit näher, und er vermochte nicht – ärgerlich über sich selbst – ihrem Blicke zu begegnen.

»Eliot Granger,« sprach sie mit einer Stimme, welche das Herz ihres Betrügers hätte erschüttern müssen. »Ich habe genug gelitten und geduldet, Gott weiß es! Er weiß es, wie ich Dich geliebt habe, zu ihm flehe ich, daß er richtet zwischen Dir und mir; zu ihm flehe ich, daß er mir Leben und Kraft verleihe, um die Gerechtigkeit ausgeführt zu sehen. Ich weiß es, er wird mein Gebet erhören, und ich sage Dir vor seinem Angesicht, daß Du vor der Welt Dein Weib und Kind anerkennen wirst.« Wie sie so sprach, erhob sie ihre Hand gen Himmel und ihre Worte, ruhig aber ernst, glichen einer Prophezeiung.

»Pah,« raunte Granger ihr entgegen, indem er sich anschickte, fortzugehen. »Wenn's anders nichts ist. Ich will Dich besuchen, wenn Du ruhiger geworden bist und andere Gedanken hast. Adieu!«

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. Franziska sprach nicht mehr. Keine Fiber ihres Gesichtes bewegte sich, bevor die Thür geschlossen war zwischen ihm und ihr. Aber als seine Fußtritte verhallt waren, fuhr eine Todtenblässe über ihr wunderschönes Gesicht, jede Muskel desselben erzitterte und sie sank nieder auf den Boden unter der Wucht ihres Seelenschmerzes; sie rang unter Todesqualen. Ueber ihr leidenschaftlich liebendes Herz war eine solche Verzweiflung gekommen, wie ihr Geist sie kaum zu bewältigen vermochte. Man hätte eine Welt darum geben sollen, hätte man sie weinen sehen. Aber der Quell ihrer Thränen schien versiegt. Ihre Pulse pochten entsetzlich, und ihre Adern schwollen so sehr, daß sie fast zu zerspringen drohten, und eine Weile stritten Verstand und Verzweiflung um die Herrschaft in ihrem Gehirn. In diesem Moment wehte gleich einem wilden Zephyr der Zustand vollständiger Bewußtlosigkeit einen kurzen Frieden über das gemarterte Herz, und der Gedanke der Mutterschaft weckte sie aus demselben, um sie zu beschützen.

»Mein Kind! mein Kind! mein Kind!« rief sie klagend, und in eine Fluth von Thränen ausbrechend, schluchzte sie, geschützt vor einem Schicksal, welches gräßlicher war als der Tod. 



7.

Der Spazierritt.

Wenden wir uns nun zu der glücklichen Gesellschaft zurück, welche, wie der Leser sich erinnern wird, so fröhlich vor Herrn Granger's Haus vorbeiritt und durch ihre laute Heiterkeit gerade die entgegengesetzten Empfindungen in dem bösen Herzen unseres liebenswürdigen Helden hervorrief. Vollständig unbekannt damit, daß ihr Glück eine Quelle von Unruhe und Kummer für ein anderes menschliches Wesen sein könnte, trieben sie ihre Rosse zum schnelleren Lauf und hatten bald den Staub der Straßen hinter sich, um sich selbst wieder zu finden in den grünen Gefilden unter knospenden Blumen und blühenden Bäumen. Die Luft war gerade kühl genug, um diesen Ausflug zu einem sehr angenehmen zu machen, und auch gerade warm genug, um auf die Wangen der Damen die rosenfarbenen Blüthen zu streuen. Ich glaube kaum, daß je eine heiterere und glücklichere Partie so froh und leicht den alten Weg vom Blumenthal entlang galoppirte, als diese, von welcher ich eben erzähle.

Maria Montague und Philipp zeigten den Weg und in einer gewissen Entfernung folgten ihnen Harry Warner und Margaretha. Die Ursache ihres weiten Zurückbleibens war sicherlich nichts Anderes, als ungestört einige interessante Betrachtungen anstellen zu können, etwa über den lieblichen Tag, über die schönen Blumen und den blauen Himmel, oder gar zu fragen, wessen Residenz es sei, die sie passirten, oder ob der Jack es sei, oder der Tom, der jenes Haus gebaut, und dergleichen mehr. All' diese Fragen wurden vollständig genügend beantwortet und der gegenseitige Austausch entschädigte hinlänglich für das Interesselose des Gegenstandes.

»Lassen Sie uns unten durch die reizende Schlucht reiten,« sagte Philipp zu seiner Dame, sein Pferd in die Richtung des malerischen Blumenthals lenkend, welches gegen den Fluß hin zu liegen scheint. 

»Ich fürchte, Margaretha und Harry werden uns verlieren, sie sind so weit zurückgeblieben und sehen uns nicht mehr;« antwortete Maria und blickte rückwärts nach ihren Freunden. Aber sie waren wirklich dem Auge schon entschwunden, und so bogen sie dann abwärts in das romantische Thal.

»Da sehen wir sie wieder,« bemerkte Philipp und legte seine Hand als Schirm gegen die Sonnenstrahlen über seine Augen. »Ich will mit meinem Tuche wehen, und ihre Aufmerksamkeit dadurch erregen.« Er sagte und that es; zwei bis dreimal schwang er sein Seidentuch über den Kopf, nicht viel darum gebend, ob er gesehen werde oder nicht. Ohne auf eine Antwort zu warten, schlug er den einladenden Weg ein, unmittelbar gefolgt von Maria. Die Zügel hingen nachlässig in ihren Händen und gestatteten den Pferden die trägste Gangart. Nach einer geraumen Weile waren die getrennten Freunde bereits von ihnen vergessen, und in der That waren sie auch nirgend mehr zu erblicken.

»Haben Sie jemals im Leben eine schönere Scenerie gesehen?« fragte Maria mit Enthusiasmus, auf das rieselnde Gewässer des prächtigen Hudson, das mit so vielen weißen Seglern unterbrochen wurde, blickend. »Wie freue ich mich, daß wir diesen Weg gewählt haben.«

»Es ist wirklich reizend,« antwortete der junge Freund; möglich immerhin, daß er die Landschaft bewunderte, aber in der That wendete er seine Augen nicht weit von Maria's lieblichem Antlitz.

Sie erröthete darob ein wenig, denn es konnte ihr dies nicht entgehen. Verlegen wendete sie ihre Augen zur Seite nieder und erblickte einige schöne blühende Vergißmeinnicht, die an dem Rande eines kleinen Quells wucherten, in dessen tändelndem Gewässer sie ihre Wurzeln kühlten und ihre wunderblauen Gesichtchen mit den goldenen Augen wiederspiegelten.

»Sehen Sie,« rief sie in einer unbefangenen Freude, indem sie ihr Pferd zum Stillstehen brachte. »O, sehen Sie, Herr Temple, diese schönen blauen Vergißmeinnicht! ich muß sie mir pflücken, meine Lieblingsblumen!«

»Und meine zugleich,« erwiderte Philipp, sprang hurtig vom Pferde und sprach: »o, lassen Sie mich sie pflücken.« Er raffte Alles, was er mit und ohne Gefahr, in's Wasser zu platschen, er reichen konnte, zusammen und überreichte den Strauß Maria's Händen. »Jetzt hoffe ich, Sie werden mir eines dieser Blümchen schenken, werden Sie nicht?«

»Sie sind so bescheiden, daß ich denke, ich muß Ihnen wohl zwei schenken;« erwiderte sie mit holdseligem Lächeln, ließ ihre Zügel fallen, um ihren Blumenschatz mit Philipp zu theilen.

Gerade in diesem Moment wollte es der Zufall, daß ein furchtbarer Hund – einer von den Bullenbeißern, von denen man sagt, daß sie bellen, aber nicht beißen – aus einer am Wege liegenden Farm heraussprang und Fräulein Montague's Roß in einer mehr boshaften als freundlichen Weise begrüßte. Dieses über den unverhofften Anfall des Hundes wenig erbaut, bäumte und überschlug sich, und als Maria nach dem ersten Schrecken zu sich selbst wieder kam, fand sie sich in den Armen Philipp Temple's. Zweifelsohne zog sie es vor, in diesen schützenden Armen, anstatt an dem Busen der Mutter Erde zu liegen.

Nicht im Geringsten verletzt, aber sehr geängstigt, machte sie durchaus keine Anstrengungen, sich aus Philipp's Umarmung zu winden; bleich wie Marmor lag sie an seinem Herzen. 

Er hielt sie sehr fest, und ihr liebliches Gesicht lag nahe, zu nahe an dem seinigen. Die Versuchung konnte nicht ausbleiben, denn beinahe nicht wissend, was er that, beugte er sich über sie und küßte ihre Stirn.

Wie hurtig dieser Kuß die Blässe ihres Antlitzes verscheuchte und dem üppigsten Roth das Verweilen auf Wangen und Stirn gestattete! Die Wirkung war eine wahrhaft wunderbare, und obgleich für ihre Genesung eine unverkennbar vortheilhafte, versuchte sie, undankbar genug, aus seinen Armen zu entkommen und erzürnt und böse ihn anzublicken.

Aber es wollte ihr dies nicht gelingen, konnte sie sich doch des Lächelns nicht enthalten, und was wunderbarer noch, diesem Lächeln folgten heftige Thränen, und es wechselten immer wieder Thränen und Lächeln.

In dem nächsten Augenblick fand sie sich sitzend an der Seite Philipp's auf einem alten moosbewachsenen Baumstamm, der an der Quelle neben den blühenden Vergißmeinnicht lag. Der Jüngling hatte seinen Arm sorgfältig um sie gelegt und ihr Haupt ruhte an seiner Schulter, während die beiden gesattelten Rosse mit ihrem zu affectionirten Freunde, dem großen Kettenhund, sich gravitätisch auszusöhnen schienen, hocherfreut, das obwaltende Mißverständniß nunmehr begriffen zu haben. Unser Pärchen fand sich allein, von dem süßesten Gekose der Natur umgeben. Die Stille wurde durch nichts unterbrochen, als von dem Gesange des ersten Frühlingsvogels, oder der plätschernden Quelle, welche mit ihrem Murmeln die Luft durchbebte gleich den Schwingungen der Musik.

Sie selbst schwiegen Beide eine lange Weile; keines von ihnen schien diese geweihte Stille stören, keines die süßen Gedanken, in welche sie versenkt waren, unterbrechen zu wollen.

Liebe – Liebe, die sich zum ersten Mal kund that in den Herzschlägen der Jugend – über sie wagte Philipp zu sprechen in der Bitte zuerst um ein »Vergißmeinnicht.«

»Ich gab es Ihnen,« antwortete das Mädchen.

»Ich ließ es fallen.«

»O, so bald?«

»Als ich Sie retten wollte.«

Sie erröthete und lächelte, als sie in sein blühendes, vor Liebe strahlendes Antlitz blickte. Dann schaute sie nieder auf die Steinchen im blinkenden Wasser, wie wenn sie ernstlich bemüht wäre, dieselben zu zählen.

»Wohlan,« antwortete sie, nahm die Blumen von ihrem Busen, woselbst sie ihnen einen Platz gegönnt, und sprach: »so muß ich wohl noch einmal mit Ihnen theilen; halten Sie sie das nächste Mal aber fester.«

»Um Sie loszulassen?«

»Das will ich damit nicht sagen.«

»Ich wollte, Sie vertrauten mir, Marie, ich wollte, Sie schätzten Etwas höher als diese Blumen.«

»Was könnte köstlicher sein! Sehen Sie nur, wie wunderschön sie sind!« Sie schlug in diesem Moment ihr Auge nicht auf, denn sie blickte nur ihre kleinen blauen Blümchen an; dann hob sie dieselben zu ihrem Munde empor, als wollte sie den Duft einhauchen, und doch weiß alle Welt, daß sie weniger duftend als schön sind.

Philipp nahm ihre tändelnde Hand in die seinige und drückte sie so innig, als er durfte; sie erwiderte den Händedruck eben so wenig, wie sie ihn verweigerte.

»Marie!« flüsterte er mit leiser, aber sehr ernster Stimme. »Ich weiß nicht, ob und wie ich sagen darf, was ich gern sagen möchte. Aber ein unbezwingbares Gefühl drängt mich. Ich liebe Sie, Marie! ich liebe Sie von dem ersten Tage an, wo ich Sie gesehen. Ich vermag an nichts Anderes mehr zu denken, als an Sie, von nichts Anderem zu träumen, als von Ihnen, und wenn ich einmal glücklich gewesen, so war es in dem Gedanken, daß Alles, Alles nichts ohne Sie, ohne – Ihre Freundschaft sei. »Wie viele Mühe kostete es ihm, diese letzten Worte zu stammeln, und wie wünschte Marie Montague, ihm über diese schwierige Wendung hinweg zu helfen! Es fehlte ihr selbst der Muth dazu; nur wenn er für einen Augenblick inne hielt, und wenn sie fühlte seinen Arm sie fester umschließen, und wenn sie dachte, wie frei und edel dieses Herz beinahe aufhörte zu schlagen in der sehnsüchtigen Erwartung eines einzigen Wortes von ihr, dann konnte sie nicht länger stille bleiben und tief bewegt lispelte sie:

»Freundschaft, ist das Alles, Philipp?«

Wie sollte er nennen den süßen Wahn, der zitternd der Jugend ganzes Sein erfüllt und von geliebten Lippen zum ersten Male wiederklingt! Es war geantwortet! Alle Zweifel waren zerronnen, sie liebte ihn; sie legte ihre Hand in die seine und auf seine Schulter ihr Haupt. O, wie wollte er sie schützen und bergen an seiner Brust für alle Zeiten. Die Erde war eine Feder unter seinen Füßen; die Luft schien ihn in den Himmel zu heben; er hatte alle Erdendinge vergessen; alle Wesen schienen ihm nur dazu gemacht, die Welt zum Paradiese zu gestalten.

O, daß diese Momente nur zu flüchtig scheinen! Der Klang der Rossehufe von fern weckte die Liebenden aus ihren süßesten Träumen, und sie erblickten von ferne Margaretha und Harry im Galopp heransprengen.

Philipp erhob sich rasch von seinem Sitze, und that emsig bemüht, als ob er den Sattelgurt an Marie Montague's Pferd fester zu ziehen hätte. Obgleich nicht ein einziges Wort über die Begebenheit der eben vergangenen Augenblicke verlautete, so begriffen die nunmehr hinzugekommenen doch auf den ersten flüchtigen Blick, welche Seligkeit des Himmels sie hier gestört hatten.    



8.

Mr. Harrison Hammer erzählt eine Geschichte.

Hin und wieder versuchen die ehrwürdigen Stadtväter von New-York den Charakter einiger höchst unangenehmem Theile der guten Metropole dadurch zu verbessern, daß sie der einen oder der andern Straße einen neuen Namen verleihen. Es kommt ihnen niemals in den Sinn, ihre Weisheit und väterliche Güte werkthätiger zu bekunden, und während sie gleich dem gaukelnden Taschenkünstler geruhen, zu sagen: »s ist Alles Geschwindigkeit,« hat solche Verwandlung im Umsehen stattgefunden. So war es denn auch in Uebereinstimmung mit einer von diesen städtischen Verordnungen, daß die gegenwärtige Baxterstraße von New-York ihre Benennung erhielt.  

In jener Zeit, von welcher ich schreibe, war sie unter dem süßklingenden Titel von »Orangenstraße« bekannt. Ob diese Wiedertaufe zu ihrem materiellen Vortheil sich ereignet hat – ich kann darüber aus eigener Anschauung keine Rechenschaft geben, denn ich war seit einigen Jahren nicht so glücklich mehr, eine Untersuchungsexpedition in jene Gegend zu machen. Alles, was ich darüber sagen kann, ist, daß in jener Zeit, in welche meine Erzählung fällt, die Straße bekannt war als der Weilplatz aller Verbrechen und aller Schande; sie war der Canal, durch welchen die Höhlen von »Five Point« sich anfüllten.

Angesichts dieser Thatsachen werden meine Leser unzweifelhaft wenig erstaunt sein, über den schmutzigsten Fenstern einer elenden Barakke ein neues blau angestrichenes Schild angebracht zu sehen, auf welchem in goldenen Buchstaben die cabalistischen Worte als Inschrift stehen: »Harrison Hammer, Exchance und Collection Office-Heighest Price given for Uncurrent Money. Old Gold and Silver bought and Stocks Negotiated«1 Eine kleinere Signatur, welche an dem Thürfenster befestigt war, unterrichtete die Kundschaft, daß die Office von zehn bis drei Uhr geöffnet sei. In dem Schaufenster dieses »Bankierhauses« sah man etwa fünfzig Kupfermünzen niedergelegt, ferner verschiedene schwarzfleckige Viertel-Dollarstücke, und etwa ein- oder zweihundert zweifelhafte Banknoten. Ein kleiner Bube und ein Mädchen in zerlumpten Kleidchen drückten den ganzen Tag lang ihre kleinen Nasen platt gegen das Glas dieses Fensters und glotzten über die Schätze mit neidischen Blicken.

Das Innere dieses Etablissements, nämlich was die Bude selbst anbetrifft (ich bitte das Bankierhaus um gütige Entschuldigung), stand im genauesten Verhältniß zu seinem Aeußern. Es enthielt eine kurze unangestrichene Barriére und einen oder zwei wackelige Sessel; in der Mitte war es durch einen mysteriösen grünen Vorhang abgetheilt, hinter welchem die Kunden – von denen die farbige Race den größten Theil bildete – von Zeit zu Zeit geladen wurden, ihre Geschäfte abzuschießen. Der ungeduldige Leser wird vielleicht Verdacht schöpfen, daß unser Freund, Mr. Harrison Hammer, dem sehr einträglichen Geschäft eines privilegirten Wucherers nachhängt, wenn er durch einen Gang in die Räume des Hinterhauses passirt, woselbst seinem Auge ein großer Contrast begegnet.

Zwei Zimmer von gleicher Größe, ungefähr zwanzig Fuß im Geviert, verbunden durch große Flügelthüren, sind hier mit der möglichsten Eleganz ausgestattet. Der Brüsseler Teppich ist ein sehr in die Augen fallender, und obgleich die getäfelte Decke niedrig und die Wände ohne geschmackvolles Gesimse, so sind doch die Möbeln auf's Kostbarste finirt und rund in den Zimmern umher gut arrangirt. Gemälde, scheinbar von einigem Werth, decoriren die Wände, und die kleinen, schief angebrachten Fenster werden von rothen Damast-Vorhängen umschattet.

Ein Apartement ist mit einem Bette und das andere zu einem Empfangzimmer arrangirt. In dem letztern sitzt der glückliche Eigenthümer, Mr. Harrison Hammer, die Stunden von neun Uhr des Morgens; er trägt ein brocatschimmerndes Morgenkleid und an den Füßen reich gestickte Pantoffeln. In einem luxuriösen Armsessel zurückgelehnt, schlägt er die Beine graziös über den Tisch, bläst eine Wolke von Rauch aus seinem Meerschaum, und schlürft seinen Brandy mit Wasser.

Eine Novelle in einem gelben Einbande und mit einem haarsträubenden Titelblatt ruht in seinem Schooß. Augenscheinlich fällt das Buch ihm aus der Hand, während er im Nachdenken über dessen Inhalt versunken war.

In diesem Augenblick wurde seine Träumerei durch ein Gerappel an der Ladenthür unterbrochen. Die Geschäftsstunden waren schon lange vorüber, und es konnte daher kein tagtäglicher Kunde sein, der ihn zu sprechen wünschte. Mr. Hammer wußte sehr gut, daß seine speciellen Freunde eine andere und mehr gesicherte als die gewöhnliche Stunde für den Empfang wählten. Er sprang von seinem Sitze auf, verhüllte die schwere Thür, die aus einer Ecke des Zimmers führt, mit einem Vorhang, und in den Laden tretend, fragte er mit lauter Stimme:

»Wer ist da?«

»Oeffnen Sie hurtig die Thür,« antwortete eine Stimme von außen.

»Nicht so rasch, nicht so rasch, mein Freund! wissen Sie nicht, daß der Holzhacker sagt: »Eile mit Weile!« Sie können in mein Heiligthum nicht eindringen, wenn Sie mir nicht vorher gesagt haben, wer Sie sind und was Sie wünschen!« rief Mr. Hammer.

»Kennen Sie mich nicht?« 

»Teufel! ein wenig!«

»Ich bin Granger.«

»Mr. Granger! o, bitte tausendmal um Verzeihung! tausendmal!« Darauf folgte das Geräusch von fortgeschobenen Riegeln und klirrenden Ketten. Die Thür sprang augenblicklich auf, und Mr. Hammer empfing seinen Gast mit einem Uebermaße von Complimenten. »Bedauere unendlich, mein theurer Herr Granger, daß Sie einen Augenblick nur haben warten müssen,« sagte er, indem er seine Thür wiederum verriegelte und verschloß; »aber man kann nicht vorsichtig genug sein in dieser argen Stadt.«

»Sie haben ganz recht,« erwiderte Granger. »Aber haben Sie denn nichts Besseres als diese dunkle Höhle, wo Sie Ihre Freunde empfangen können?«

»Freilich, freilich! Treten Sie gefälligst ein,« sprach Mr. Hammer, indem er seinen Gast in sein elegantes Boudoir einlud.

»Aha! da ist eine Verbesserung,« sagte Eliot, und setzte sich in den großen Stuhl. »Und nun, Herr Hammer, wollen Sie sich selbst gefälligst niederlassen, so will ich Ihnen die Veranlassung meines Besuchs mittheilen.«

Mr. Hammer zögerte nicht lange, dem Wunsche seines Freundes nachzukommen; er trug hurtig einen Stuhl herbei und setzte sich neben ihn, indem er sagte: »Ich bin ganz Ohr, Mr. Granger, bitte, beginnen Sie.«

»Ich weiß nicht,« begann Eliot, »was für ein Geschäft Sie in diesem Augenblick eigentlich treiben – –«

»Wechselgeschäft,« fiel Hammer unterbrechend ein.

»Ja, ja, das weiß ich, ich wollte nicht auf Ihre auswärtigen Angelegenheiten angespielt haben,« sagte Granger, und blickte schelmisch verstohlen nach den schweren Gardinen, welche die geheimnißvolle Thür verbargen.

»Sie sind sehr spaßhaft, mein theurer Herr Granger,« bemerkte Mr. Hammer. »Aber lassen Sie mich versichern – –«

»Nichts, nichts!« unterbrach ihn Granger, »ich kenne noch befürchte ich irgend Etwas von Ihren Privataffairen; sie berühren mich nicht. Ich bin gekommen, um Ihnen für die bestimmte Information, die Sie, wie Sie mir gesagt haben, besitzen, meine Schuld zu zahlen. Machen Sie Ihre Arrangements für Ihre Reise nach New-Orleans, das wird demnächst das Allernothwendigste sein.« 

»Wie ich Ihnen schon vorher gesagt habe, ich bin zu jeder Stunde zu Ihren Diensten bereit.«

»Das ist gut; so hören Sie denn weiter: Ich wünsche, daß Sie mir Alles, was Sie von dem Leben der Frau kennen, welche sich selbst Maria St. Just nennt, erzählen. Ich meine hauptsächlich von der Periode, in welcher sie Europa besucht hat.«

Hammer blickte in des Fragenden Antlitz mit einem gewissen Grade von Neugier, unfehlbar dieses oder jenes in dem leidenschaftslosen Ausdruck Granger's zu lesen. Dann schlug er seine Augen nieder und antwortete:

»Eines oder Anderes, was ich Ihnen erzählen kann, sollen Sie wissen.«

»Lassen Sie mich Alles und Jedes wissen,« sagte Mr. Granger, zündete sich eine Cigarre an, und bereitete sich vor, aufmerksam zu hören.

»Sie sagten, wenn ich nicht irre, vorhin Einiges über gewisse Zahlung – – »sprach Mr. Hammer, seinem Freunde die Antwort in den Mund legend.

»Allerdings,« antwortete Granger, zog sein Portefeuille aus der Tasche, zählte hundert Dollars ab und legte sie auf den Tisch. »Wird das genug sein?«

»Ich weiß nicht, ich denke – –« antwortete Mr. Hammer, wie es schien, etwas enttäuscht.

»Machen Sie nur vorwärts, ich werde die Summe verdoppeln.«

»Reden Sie doch davon nicht; ich werde indeß gleich beginnen.« Mr. Hammer nahm seinen Sitz ein und fing an zu erzählen:

»Vor etwa siebenzehn Jahren, wie Sie wissen – ich meine, ich hätte früher schon davon gesprochen – war ich ein Bewohner der Crescent City2, woselbst ich dasselbe anständige Geschäft, welches ich hier führe, betrieb, nur mit dem Unterschied, daß mehr dabei abfiel. Die Räumlichkeit in den oberen Etagen des Gebäudes, welches ich gemiethet hatte, nicht bedürfend, dachte ich meine Einkünfte zu verbessern, wenn ich dieselben unten vermiethete. In Anbetracht dessen heftete ich ein Placat in mein Ladenfenster, worauf ich schrieb, daß eine Reihe von passenden Apartements bei mir zu vermiethen sei. Die Zahl der Nachfragenden war massenhafter, denn auserlesen; und es war doch natürlich, daß ich als respectabler Mann auch nur respectable Bewohner wünschte.

Da eines Tages kam eine junge Dame, und, ich sage Ihnen, eine hübsche dazu; sie führte einen kleinen Knaben, so im Alter nicht über drei Jahre, an der Hand und fragte mich, ob sie die Zimmer sehen könne. Sie war zufrieden mit jedem Umstande; ihr gefiel die Lage, ihr gefielen die Zimmer. Der Handel ward auf der Stelle abgeschlossen denn natürlich, ich war damals jünger, als ich jetzt bin, und ich nahm ihr Gesicht als Bürgschaft für meine Rente.«

»Das war liebenswürdig, aber grün, lieber Hammer,« wandte Granger ein.

»Ich stimme vollständig mit Ihnen überein,« erwiderte Mr. Hammer, und fuhr dann in seiner Erzählung weiter fort. »Sie stellte sich mir selbst als die Wittwe eines französischen Sängers, Tänzers oder eines Mannes von der Sorte vor. Sie nannte ihn wenigstens einen Künstler, mit Namen Gautier. Noch an demselben Abend waren alle ihre Möbeln herbeigeschafft, und meine Dame nahm Besitz von ihrem neuen Quartier.

»Was es eigentlich für eine Bewandtniß mit dieser Dame hatte, kann ich Ihnen nicht sagen; nur das ist gewiß, daß von diesem Augenblick mein Geschäft sich auffallend hob und ich darauf angewiesen war, gerade diese Zeit zu benutzen und einen großen Theil meiner Aufmerksamkeit der neuen Bewohnerin meines Hauses und ihren Freunden zu widmen. Es waren ihrer eben nicht viele, aber sehr beständige Freunde, und nur Einer unter ihnen schien immer willkommen zu sein; er kam natürlich auch am Meisten. Er war ein Mann von höchstens fünfzig oder fünfundfünfzig Jahren, und gerade nicht vom Besten conservirt. Aber abgesehen davon, er war ein Mann von großem Reichthum, das hatte ich entdeckt, und es war bestimmt, daß er stets bereit war, für der jungen Wittwe Bestes Alles hinzugeben.

»Eines Tages, nachdem Madame Gautier schon über einen Monat bei mir gewohnt hatte, dachte ich, ich wollte mir die Freiheit nehmen, sie anzusprechen, um ihr meinen Respect zu beweisen; gleichzeitig wollte ich sehen, welche Aussicht ich auf die Zahlung meiner Rente haben dürfte. Zu meinem Erstaunen theilte sie mir mit, daß sie im Begriff stehe, in einer Woche zu heirathen, und zwar ihren ziemlich bejahrten Bewerber, Mr. St. Just, und daß, sobald die Heirath vollzogen sein würde, sie nicht nur ihre Schuld, vielmehr das Doppelte zahlen werde.

»Dies Alles erschien ganz schön und recht. So unterließ ich denn nicht ihr zu danken, gratulirte zu ihrem neuen Verhältniß, und wünschte ihr Glück und langes Leben. Da sollten Sie aber gesehen haben, was für ein Blitz aus ihren dunkeln Augen strahlte, als ich von Glück sprach. Es war klar und deutlich zu sehen, sie erwartete kein solches. Ich kehrte also in mein Geschäftslocal zurück und dachte gerade über das, was ich gehört hatte, nach, als ich plötzlich einen Fremden bemerkte, einen düster wild aussehenden Mann, der da umherstreichend jeden Winkel ausmißt und jede Ecke ausspäht. Es war Abend und ganz dunkel, und seine Gesichtszüge konnte ich nicht erkennen. Als ob übrigens seine Beobachtungen zu seiner Zufriedenheit ausgefallen, trat er in die Thür, die zu den oberen Apartements führte. Wie diese Umstände so alle zusammentrafen, erschien mir das Ding sehr auffallend; ich befestigte die Thür meines Locals mit aller Vorsicht und begab mich hurtig in mein eigenes Schlafzimmer, welches von der hübschen Wittwe Parlour durch eine leichte Verschlagwand getrennt war. Als ich diese Wand herstellen ließ, hatte ich eine kleine Oeffnung darein gebohrt, zu klein, um bemerkt werden zu können, aber groß genug, um jedwedes wahrzunehmen, was in dem anstoßenden Raume sich ereignete. 

»Ich erreichte mein Observatorium gerade in dem Augenblick, als dieses widerwärtig aussehende Individuum in den Parlour eintrat. Er that das, beiläufig gesagt, unangemeldet. Madame Gautier blickte erstarrt, und obgleich sie wie ein Steinbild erschien, umklammerte sie ihr Kind mit ihren Armen und preßte es an's Herz, gleich als müsse sie es schützen vor drohender Gefahr; dann wie von einem Gespenst sich abwendend, sank sie schluchzend rückwärts auf's Sopha nieder. Der Knabe, der von einer entsetzlichen Furcht erfaßt wurde, schmiegte sich eng an den Hals der Mutter und erdrückte sie fast mit seinen kleinen Armen.

»Der Mann, dessen Erscheinung mich mit einer so vorgefaßten Meinung erfüllt hatte, stand mit untergeschlagenen Armen da. Ein gebieterischer Seitenblick schoß aus seinem fahlen Angesicht, und einen oder zwei Momente bewachte er die beiden vor sich stehenden Wesen, wie es schien, sich weidend an deren entsetzlichem Angstgefühl. Endlich begann er zu sprechen, aber nur in französischer Sprache, von der ich natürlich nichts verstand, als nur dann und wann ein mir bekanntes Wort. Ich hörte deutlich, wie die Dame den Fremden »Gautier« nannte, und schloß daraus, daß er der Gatte dieser Frau sei, den sie für todt ausgegeben hatte. Ich beobachtete und lauschte eine lange Zeit, und sah zu meinem Erstaunen nach einer kurzen Weile, wie sie dem Fremden erlaubte, einen Platz an ihrer Seite auf dem Sopha einzunehmen und sie zu küssen, ja, und wie endlich der Knabe, vielleicht durch das Beispiel der Mutter zutraulich gemacht, ihm gestattete, ihn zu liebkosen.

»Hierauf folgte nun bald eine andere stürmische Scene. So viel ich wahrnehmen konnte, wünschte der Vater das Kind mit sich hinwegzulocken, und zu meinem nicht geringen Erstaunen leistete die Mutter in diesem Punkt keinen Widerstand; vielmehr lullte sie den Knaben in den Schlaf, legte ihn in des bleichen Mannes Arme, bedeckte ihn mit ihren Küssen und ließ ihn dann mit hinwegnehmen. – –

Kaum war der letzte Ton von den Fußtritten des fremden Mannes auf den Treppenstufen verhallt, da sank das Weib auf ihre Kniee nieder und brach in eine entsetzliche Fluth von Thränen aus.

»Jetzt triumphirt er!« sagte sie in Englisch, »aber Geduld, meine Zeit kommt noch. Heute gebe ich mein Kind dahin, um morgen es wieder zu haben für immer. Alphons Gautier! ich habe genug erduldet. Du schwurst, nimmermehr meinen Pfad zu durchkreuzen; Du hast Deinen Schwur gebrochen; ich traue Dir niemals wieder.

Gerade in diesem Moment wurde ich durch das Geräusch von einigen Personen, die an der Thür meines Geschäftslocals waren, gestört. Sie wünschten eingelassen zu werden, und so verließ ich meinen Posten, und eilte hurtig hinunter. Es war ein Geschäftskunde, welcher Loose kaufte, im Werth von zehn Dollars. Die Nacht brachte Glück, denn Fortuna war seitdem mit mir für immer.

»Ihr könnt glauben, daß ich am folgenden Abend dem Gautier aufpaßte, denn gerade, wie ich es geahnt hatte, kehrte er wieder, aber ohne das Kind. Nun, dachte ich, das wird ein schöner Tanz werden. Eiligst schloß ich meine Ladenthür und begab mich auf meinen Observationsposten. Ich hatte mich in meinen Voraussetzungen nicht getäuscht, denn die erste Frage, die das Weib an den Eintretenden richtete, war: »Wo ist mein Kind?« Des Mannes Antwort, in französischer Sprache, hatte eine solche Wirkung, daß sie vor ihm niederfiel und seine Kniee umklammerte. Er war hart und unempfindlich, machte sich gewaltsam von ihr los und ging zu einem Tische, auf dem ein Glas Wasser stand. Sein Blick und sein Wesen nahmen von diesem Augenblick einen so wilden Ausdruck an – so grimmig und wüthend – daß ich zu fürchten anfing, er werde seinem Weibe ein Leides anthun. Ich öffnete darum die Thür meines Zimmers und hielt mich bereit, jeden Augenblick, wenn es nöthig, ihr zu Hülfe zu kommen. Wie ich eben sagte, nahm er das Glas, aber bevor er es an die Lippen setzte, schüttete er ein feines, weißes Pulver hinein. Ehe sein Weib noch im Stande war, dasselbe ihm vom Munde hinwegzureißen, hatte er den Inhalt bis auf die Neige ausgetrunken. Nun folgte eine Scene, die schwer zu beschreiben ist. Es erwies sich zu bald, daß er tödtliches Gift genommen, denn er rang bereits auf dem Boden im Todeskampf und erfüllte die Luft mit schrecklichem Wehgeschrei. Sein Weib sprach abwechselnd Englisch und Französisch, dann in beiden Sprachen gemischt mit ihm; sie beschwor ihn, ihr zu sagen, wohin er ihr Kind gebracht habe! Er war und blieb stille; – dann rang er noch einmal nach Athem, fiel in einen furchtbaren Krampf und gab in demselben seinen Geist auf. Ich dachte, nun sei es Zeit für mich, nach dieser entsetzlichen Handlung zu erscheinen. Ich trat an die Thür, sie war von innen verriegelt. Die Kraft meiner Schultern benutzend, hob ich die Thür aus ihren Angeln und stand, ehe ich es selbst wußte, vor der erstaunten Madame Gautier.

»Um den Inhalt der langen Geschichte kurz zu geben, dachte ich, da ist eine gute Gelegenheit zu einer kleinen Privatspeculation für mich selbst. In Folge dessen nahm ich eine bedenklich ernste Miene an und erklärte Madame Gautier für die Mörderin ihres Ehegemahls. Nie, in Ihrem Leben Mr. Granger, sehen Sie – und ich will hoffen, ich werde es niemals wieder sehen – solch einen Schrecken und solch eine Verzweiflung, als in diesem Augenblick in dem Gesicht der Frau sich ausdrückte. Nachdem ich diese Beschuldigung gegen sie ausgesprochen hatte, zählte ich langsam und mit Vorbedacht ihr alle die Gründe auf, die gegen sie könnten vorgebracht werden. Eine Zeit lang that ich, als ob ich den Betheuerungen ihrer Unschuld gar kein Gehör geben wollte; – zuletzt aber siegte mein gutes Herz, und ich versprach meinen Mund zu halten, so wie bei der Fortschaffung des Leichnams und bei der Auffindung des Knaben ihr behilflich zu sein. Gerade zur rechten Zeit, als sie versprach, Alles und Jedes zu thun, was ich wollte, fiel mir ein, daß sie bald die Frau des Millionärs werden würde; ich wußte übrigens, daß ich größere Sicherheit denn Versprechungen in der Sache selbst, die ich begonnen, hatte, und vertraute meinem Glück, eine unerschöpfliche Goldmine und unfehlbare Quelle von Einkünften für die Zukunft mir vorbereitet zu haben. Ich wußte, daß todte Körper für ansehnliche Summen verkauft werden konnten, und hatte von Madame Gautier gehört, daß ihr Ehegatte lange Zeit von New-Orleans abwesend gewesen, gänzlich unbekannt in dieser Stadt sei, und er aller Wahrscheinlichkeit nach niemals vermißt werden würde. So beschloß ich denn, einen intimen Freund von mir, der in dem einträglichen Geschäft, Leichen zu stehlen, bewandert war, um seine Dienste anzugehen. Ich hatte bald meinen Plan mit ihm gemacht, ohngeachtet er, ein gefühlvoller Kauz, mir allerlei impertinente Fragen stellte. In der Mitternacht, als Alles still war wie der Tod, brachten wir den entseelten Körper zu seiner Niederlage. Wohlan, meine Geschichte ist bald auserzählt. Die fremde, geheimnißvolle und schöne Frau war eine Woche nach dieser grauenhaften Begebenheit die Gattin von Herrn St. Just und fast in demselben Augenblick empfing ich von ihr die Summe von eintausend Dollars für die ihr geleisteten Dienste.«

»Aber der Knabe, – das Kind!« fragte Eliot Granger, der bis dahin mit der schweigendsten Aufmerksamkeit zugehört hatte, und dem sehr daran gelegen war, die Fortsetzung der Geschichte zu vernehmen.

»Ach ja – da muß ich bekennen, nichts ausgerichtet zu haben,« erwiderte Mr. Hammer. »Wir sind Alle sterblich, und ich hatte mir fest in den Kopf gesetzt, der Vater müsse das Kind getödtet haben.

Madame St. Just kam zu gleicher Zeit mit mir zu diesem Schluß.«

»Da waret Ihr Beide sehr im Unrecht;« sagte Granger. »Er lebt! Er lebt und seine Identität ist erwiesen; darum kehrt schnell nach seiner Vaterstadt und bringt ihn hierher.«

»Was sagen Sie da zu meinem Erstaunen?«

»Was wahr ist!«

»Wie sind Sie zu dieser Kenntniß gekommen?« »Durch Zufall! doch bevor ich Ihnen das erzähle, erklären Sie mir Eins! Warum waren Sie zufrieden mit den lumpigen tausend Dollars, da Sie diese Summe zehnmal haben konnten?«

»Das Vögelchen benutzte selbst die Flügel und flog davon,« erwiderte Mr. Hammer. »Ich hatte das Nachsehen, als sie nach Europa, Asien, Kamtschatka oder was weiß ich, wohin – lief. Eine kurze Zeit hierauf verließ ich New-Orleans, weil mir dort eine zu beschränkte Sphäre für meine Bestrebungen geboten wurde, und ging hierher nach New-York, vollständig die Aussicht auf mein verheißenes Golconda aus den Augen verlierend.«

»Schwören Sie mir, daß Sie nicht wissen, wo der augenblickliche Aufenthalt der Frau jetzt ist?«

»Ich schwöre es; ich wünschte, daß ich es wüßte!«

»Ich weiß es!«

»Sie wissen es?«

»Ja! und nach Ihrer Rückkehr von New-Orleans sollen Sie es auch wissen, vorausgesetzt, daß Sie sorgfältig und rasch zu Werke gehen.«

Mr. Hammer öffnete Ohren und Augen, so weit es nur möglich war. Er wollte gerade anfangen zu sprechen, als Eliot Granger ihn mit den Worten unterbrach: »Genug für heute! Ich will morgen wiederkommen und Ihnen die endliche Entscheidung geben. Halten Sie sich auf den Tag, an welchem der Dampfer abgeht bereit.« 

»Ich bin zu jeder Zeit bereit.«

»So ist es recht! Gute Nacht!« Ohne mehr Worte zu machen, ging Eliot Granger die finstere Straße entlang.

Mr. Hammer schloß und verriegelte die Thüren hinter ihm. Dann kehrte er in sein Sanctum zurück und sprach zu sich selbst: »Beim Teufel, ich dachte, ich hätte nicht nöthig gehabt zu gehen, denn die Burschen können nicht arbeiten ohne mich! »Er ging durch das Zimmer und ließ den Vorhang, welcher die geheime Thür verbarg, nieder, und in dem Augenblick, als er es that, hob das Portal sich langsam und geräuschlos aus seinen Angeln, und ein Kopf, bedeckt mit einer rothen Mütze, unter welcher eine Masse schwarzer struppiger Haare hervorkam, die dem düstern Antlitz mit stechenden Augen die unheimlichsten Schatten verlieh, wurde sichtbar.

»Halloh! Käpten!« erscholl eine Stimme, welche von diesem fabelhaft aussehenden Wesen ausging. »Wir fangen an zu denken, es geht nicht Alles recht.«

»O, nein, nein, mein Theurer, schon Alles recht; ein Fremder besuchte mich, das war Alles!« Während Mr. Hammer diese beschwichtigende Antwort gab, warf er sein Morgengewand ab, legte es zu einem rothen Flanellhemde und einer Kappe von gleicher Farbe. Dann gebot er dem neuen Ankömmling vorauszugehen. Er folgte demselben durch die geheimnißvolle Thür, welche sich hinter ihm langsam wieder zubewegte; der Vorhang, gleich wie bei einem Zaubertheater, fiel in seine alten Falten nieder.   –        



9.

Der Ball.

Es war für eine fashionable Abendunterhaltung schon sehr spät in der Jahreszeit; nichtsdestoweniger aber fand Mrs. Montague sich bewogen, ihre prachtvollen Salons zu öffnen, um die Saison mit einem Eclat zu beschließen, welcher der »schönen Welt« Einiges zu reden gab. Die unerträglich langweiligen Tage und Stunden, die zwischen dem Schluß der Saison und dem Wiederbeginn derjenigen, wo man in die Bäder eilt, liegen, sollten dadurch wenigstens ausgefüllt werden.

Uebrigens ist ein Fest im Frühsommer nicht so unangenehm; es ist so verlockend, Thür und Fenster geöffnet zu haben ohne Gefahr, sich Rheumatismus zu holen. Auch ist es reizend, sich bisweilen mit seinem Tänzer oder seiner Tänzerin hinwegstehlen zu können in ein entlegenes Eckchen, in's Conservatorium oder gar in den Garten, um der süßen Ruhe nach so einem Dutzend Walzer und Polkas zu genießen, und dann wieder eben so frisch und schön zurückzukehren in den Kreis der jungen, in New-York so beliebten Germanen. –

Kurz, Mrs. Montague's Salons waren mit einer wahrhaft brillanten Menge gefüllt. »Jedermann war da!« wie man zu sagen pflegte.

Alte und junge Mägdlein in den buntesten Reihen schwebten in Ballgewändern von leichtem duftigem Gespinnst mit mehr denn zauberhaftem Glanze durch die erleuchteten Räume; schwarz befrackte, weiß cravattete Herren waren beinahe verloren in diesem Meer von Schönheit und Wonne. Hier eine kleine reizende Coquette, die all' ihren Zauber auf einen Kreis von Bewunderern ausübt, die bald diesen, bald jenen eifersüchtig macht und dann alle zusammen auslacht. Dort gerade gegenüber eine ältliche Dame in gelbem Brocat und weißen Federn, die noch keinen Mann je beglückt hat, mit ihren längst gereiften Reizen; wie sie die vorwitzig jungen Kinder verhöhnt und ihnen sagt, daß ihr Platz in der Bewahranstalt sei, – wie sie dem alten Hagestolzen mit seinen vielen Rubinen auf der Nase zu verstehen giebt, daß er wohl größere Liebe für Burgunder als für das schöne Geschlecht habe.

Aus den Räumen des Conservatoriums klangen die Töne der reizendsten Musik, und Blumen hauchten ihre süßesten Düfte durch die Luft.

Die Schönste unter alle den hier versammelten Schönen war unstreitig Mrs. St. Just. Sie war mit ungewöhnlicher Pracht gekleidet und mit einem Brillantschmuck von großem Werthe geziert. Sie bewegte sich hin und her in ungezwungener Weise gleich einer Königin und mit einem wahren Gefolge von Anbetern.

Die Tänze nahmen ihren Anfang; in den zierlichsten Windungen wickelte sich das Knäuel der Menge ab und flog wirbelnd durch die Räume. Mrs. St. Just, welche für dieses Mal den Tanz abgelehnt hatte, fand sich – natürlich durch unerwarteten Zufall – auf einem Sopha sitzend an der Seite von Harry Warner.

Er hatte Anfangs nicht bemerkt, wer neben ihm saß, denn seine Augen waren unverwandt auf Margaretha gerichtet, welche alle paar Secunden einmal ihm vorbeigeflogen kam im Tanze mit Eliot Granger. Jedes Mal nahm er Gelegenheit, ihr einen Blick zuzuwerfen, der zu sagen schien: Das ist Alles Deine Schuld! Du solltest mich gefragt haben, ob ich tanze.«

»Mr. Warner scheinen außerordentlich schweigsam,« bemerkte endlich die liebenswürdige Wittwe. Waren es süße oder böse Träume, die ich störte? Wenn süße, – so bitte ich um Entschuldigung und ich werde schweigen, damit Sie den seidenen Faden Ihrer Gedanken weiterspinnen können; wenn bitter – so werde ich versuchen, sie zu verscheuchen.«

Mr. Warner wendete sich zu der schönen Fragestellerin mit einem Lächeln. »Verzeihen Sie mir,« sagte er, »daß ich Sie nicht sah! Wie unartig Sie mich halten müssen.«

»Das eben nicht! Aber warum tanzen Sie nicht?«

»Ich möchte dieselbe Frage an Sie richten.«

»Ich bin nicht wohl!«

»Ich muß es glauben, wenn Sie so sagen; aber Ihr Aussehen stimmt mit Ihren Worten nicht überein.«

»Sie schmeicheln.«

»Ist es Schmeichelei, die Wahrheit zu sagen?«

»Ja, und dazu der gefährlichsten Art.« 

»Warum das?«

»Sagen Sie einer häßlichen Frau, sie sei schön – der erste Spiegel, dem sie vorüberschweift, wird ihr anvertrauen, daß es unwahr, was ihr gesagt war, und sie selbst wird sich sagen: der Mann ist ein Schmeichler. Aber machen Sie dieselbe Bemerkung einer Frau, welche einige Ansprüche auf Schönheit hat, und sie wird denken, wenn sie ihre Reize in dem Spiegel mißt: Wie offen und wahr er ist!«

»Was für eine Philosophin Sie sind!«

»Man wird wohl zur Philosophie gezwungen in New-York!«

»Mehr als in New-Orleans?«

»O ja, doch nur in dem Verhältniß, als die eine Stadt der andern als solche ähnlich sieht. Aber wie zerstreut Sie sind!«

Und in der That, die Wahrheit zu sagen: Mr. Harry Warner's Gedanken galten nicht seiner schönen Gesellschafterin; seine Aufmerksamkeit war allein auf die tanzende Margaretha gerichtet und, so weit seine Augen auch reichen konnten, nach allen Gegenden hin, er sah sie nicht. Lauschte sie den falschen Worten Eliot Granger's? O, dieser Gedanke machte ihn rasend, und wie er sich auch sträubte, die Eifersucht gewann augenblicklich Herrschaft über ihn. Denjenigen, welcher liebt, wollte ich sehen, der diese Empfindung bemeistern kann! Ich für meinen Theil nehme keinen Anstand zu behaupten: »Liebe kann nicht sein ohne Eifersucht.« Eifersucht ist ein Theil ihres Wesens; und ich meine, man könnte nicht halb so innig lieben, wenn man nicht dann und wann die süßen Qualen der Eifersucht empfindet; ich will damit nicht sagen, daß sie uns elend machen sollen, aber gerade so viel Leiden sollen sie uns zu kosten geben, auf daß uns bewußt werde, wie tief die Leidenschaft unserer Liebe ist.

Mr. Warner's Aufregung wurde in diesem Augenblick etwas beruhigt. Zu seiner Genugthuung erblickte er Mr. Granger, wie er gerade quer durch den Salon schritt und, mit vieler Mühe die Massen von Seidenroben und Crinolinen bewältigend, die Richtung nach seinem Platze zu nahm.

»Es ist mir sehr leid, ein so angenehmes tête à tête stören zu müssen;« begann Eliot Granger mit einschmeichelndem Tone, dann ein wenig zögernd beugte er sich über die schöne Wittwe, indem er die Hand auf der Sophalehne ruhen ließ, und fuhr fort: »Aber ich bin beauftragt von einer gewissen jungen und liebenswürdigen Dame, ihr Mr. Warner zuzusenden. Sie klagt ihn an, daß er in vorbedachter und böslicher Absicht sich ihren Fächer angeeignet habe, nicht nur zu seinem persönlichen Nutzen und Bedarf, sondern um keck und verwegen uns damit in's Antlitz zu wehen.«

Harry lachte und gestand sein Verbrechen ein. Dann eilte er, ihre Vergebung bei Rückgabe des gestohlenen Gutes zu erlangen. Zu ihrem nicht geringen Kummer ließ Mr. Granger sich auf den Platz, der eben leer geworden, zur Seite Mr. St. Just's nieder.

»Haben Sie Margaretha Temple diesen Abend schon gesehen?« fragte Granger. »Sie sieht sehr hübsch aus.«

»Allerdings sah ich sie,« antwortete Mrs. St. Just scharf, »und wenn Harry Warner sie gesehen hätte, wo ich sie gesehen habe, er würde ihr nimmermehr erlaubt haben, nur noch einen Augenblick zu verweilen.«

»Und wo war das?« fragte Granger kalt.

»An Ihrem Arme!« antwortete die Dame.

»Welch ein Glück für Warner, daß er in Ihr Geheimniß nicht eingeweiht ist,« antwortete Granger unbewegt.

»Und warum?« 

»Weil er dann anständiger Weise nicht anders könnte als mich fordern; ich würde in diesem Falle genöthigt gewesen sein, auf ihn zu schießen – vielleicht ihn zu tödten.« Aus solch schlagenden Beweisstellen konnte die Dame sich ihre Schlüsse ziehen, und Eliot Granger fuhr fort, wie in Gedanken, doch hörbar zu reden: »Es bedarf übrigens des Blutes nicht, ich werde sie schon ohne das erlangen.«

»Wen erlangen?«

»Margaretha Temple! Habe ich Ihnen nicht erzählt, daß sie mein Weib werden wird!«

»Sie spielen ein verzweifeltes Spiel!«

»Ja wohl, aber mit Erfolg und mit Ihrer Hülfe.«

»Rechnen Sie nicht auf mich; ich wasche meine Hände rein.«

»Das ist sehr leicht zu sagen, aber ich denke, nicht so leicht zu thun,« antwortete Granger mit beißender Satyre.

»Hören Sie mich, Eliot Granger,« sagte die Dame mit großer Energie. »Ich bin nicht Teufel durch und durch – obgleich Sie zu denken scheinen, daß ich es bin. Sie haben das Geheimniß meiner Liebe zu Harry Warner errathen; aber wissen Sie, es ist eine reine und heilige Liebe. Verachten Sie sie, wenn Sie wollen; ich erwarte sogar, daß Sie es thun, aber wissen Sie auch, daß ich es verachte, den Geliebten um den Preis einer unschuldigen Nebenbuhlerin zu gewinnen! Ich werde Sie nimmer in Ihren verabscheuungswürdigen Plänen unterstützen! Das mögen Sie wissen – nun mögen Sie thun, was Sie für gut finden.«

»Marie, Sie scherzen!« antwortete Granger und bog sich vertraulich über sie. »Zuerst denken Sie und dann reden Sie.«

»Ich habe gedacht!« sprach sie, »und je mehr ich denke, je mehr hasse und verabscheue ich mich selbst, daß ich so lange Ihre Sclavin war. Wehe, wehe dem weiblichen Herzen, welches von dem Gift Ihrer Liebe getrunken hat; es wird sie durch die Abgründe der Schande führen, wird den Stempel der Sünde auf die reine Stirn prägen, ihren Namen brandmarken und – –«

»Die brillante und bezaubernde Frau, Madame St. Just, wie schön sie in diesem Augenblick ist,« unterbrach Granger, ihren Gedanken fortzuspinnen versuchend, dessen Faden sie aber selbst wieder abriß, indem sie von ihrem Sitze emporsprang und rief:

»Nein, ich will es länger nicht mehr hören; ich verabscheue Sie.« 

Er zog sie an der Hand und zwang sie auf ihren Sitz zurück. »Weib,« sagte er und zum ersten Mal begann die Leidenschaft in seinen Augen wild aufzuleuchten; seine Stimme versagte ihren Ton und er konnte nicht anders als mit einem heisern Geflüster zwischen den Zähnen sich verständlich machen. »Weib! Sie haben mich mit Schmach und Schande bedroht, und werfen mir mein Vergehen vor! Giebt es nichts, was sie zwingt, diesen Schimpf zurückzunehmen?«

»O Gott!« rief sie und versuchte sich von ihm freizumachen. »Alles, was von Ihnen ausgeht, ist verwerflich.«

Er hielt sie aber noch immer umschlungen und zwar in so roher Weise, daß es sie schmerzte.

»Ging es auch von mir aus, daß Sie den Giftbecher an Alfons Gautier's Lippen setzten?« fragte er sie mit durchbohrenden Blicken.

Sie wurde bleicher als der Tod und fiel rückwärts auf das Sopha. Ihre Augen begegneten den seinigen. Sie senkte ihre Lider nicht, vielmehr hob sie sie weit auf, um mit festen Blicken ihn anzuschauen, als wollte sie ihn lesen durch und durch; aber sein Gesicht hatte den alten leidenschaftslosen Ausdruck wiederum angenommen, und es blieb sich gleich, ob sie ihn oder einen Granitblock vor sich hatte.

»Was wissen Sie von diesem unglückseligen Alfons Gautier?« fragte sie, und ihre Stimme erzitterte, während die Glieder fast ihren Dienst versagten.

»Nichts,« antwortete Granger mit teuflischer Ruhe, »als daß er von Ihrer Hand getödtet wurde.«

»Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr!« rief sie. »Nur ein lebendes Wesen kann Ihnen diese Lüge erzählt haben; wo ist er? wo ist er?«

»Derselbe wünscht gerade von Ihnen zu wissen, wo Sie sind,« erwiderte Eliot. »Aber in Anbetracht, daß der Friede Ihres Herzens davon abhängig sei, verweigerte ich ihm die Auskunft; Sie sehen daraus, wie besorgt ich für Sie und für Ihren guten Ruf bin.«

Mrs. St. Just sah ihn an mit einem Blick, in welchem sich alle häßlichen Leidenschaften der menschlichen Natur wiederspiegeln: »Mann!« knirschte sie durch ihre geschlossenen Zähne, »Du machst einen Dämon aus mir! Zittere vor dem Werk Deiner eigenen Hände.«

»Man setzte voraus, daß ich mit einem Engel in Verkehr stände,« antwortete Eliot Granger höhnisch. »Aber genug davon! Ich habe von einem Augenzeugen vernommen, daß Sie Ihren Ehegatten, Alfons Gautier, in dem Frontzimmer der zweiten Etage des Hauses Nr. 100, Olivier-Street, vergiftet haben. Ob Sie schuldig oder unschuldig sind in diesem Falle, das auszukundschaften ist nicht meine Sache, wie Sie wissen. Doch wir können nicht länger darüber sprechen, denn wir werden bemerkt. Es würde gut sein, wenn Sie vor Ihrem Rückzuge ein wenig Roth auflegen könnten; Ihre Wangen sind nicht ganz so blühend mehr, wie vor etwa zehn Minuten.«

So redend, erhob sich Granger und verließ Mrs. St. Just, als ein Opfer des Schreckens und des Hasses.

»Schwarzer Zauberer!« murmelte sie, »Du hast in dieser Nacht eine Fackel gezündet, die Dich verzehren wird ungeachtet Deiner höllischen Zauberkünste.« In demselben Augenblick genehmigte sie den Arm eines Herrn, der sie für den nächsten Tanz aufgefordert hatte; nicht lange währte es, und nach dem wirbelnden Tacte des Walzers flog sie dahin. Man sah während des ganzen Abends keine Augen mehr, welche glänzender, man hörte kein Lachen mehr, welches heiterer geklungen, und keine Unterhaltung, welche brillanter gewesen wäre, als jene Marie St. Just's.



10.

Die Falschmünzer

Ohne irgend Jemandem »Gute Nacht« zu sagen, verließ Mr. Eliot Granger die glänzenden Säle Mrs. Montague's. Obgleich es eine warme Nacht war, wickelte er sich in die reichen Falten seines Mantels, ließ seinen Wagen vorausfahren, um zu Fuße nach dem untern Theile der Stadt zu gehen. Seine Schritte nahmen die Richtung zu jenen Schlupfwinkeln und Höhlen der Verworfenheit und des Elends, die sich gerade in dem Herzen der Metropole eingenistet haben.

In wenigen Minuten war er vor die classische Residenz des Herrn Harrison Hammer gelangt. Er hatte schon eine ziemliche Weile an die Thür gepocht, bevor er die Genugthuung hatte, einen Kopf aus dem Fenster des obern Stocks kommen zu sehen. Bald vernahm er eine Stimme, die sich als diejenige des Herrn Hammer zu erkennen gab.

»Wer ist da, und was wünschen Sie?« fragte die Stimme.

»Granger ist es und wünscht Sie!« antwortete Eliot.

Noch ehe er sich's versah, war der Kopf aus dem Fenster verschwunden und die Thür geöffnet, um ihm Einlaß zu gewähren.

Alsbald war ein Licht angezündet; Mr. Granger befand sich in Harrison Hammer's Sanctum und unterhielt sich mit ihm über seine Angelegenheiten.

»Sie werden also morgen abreisen,« sagte er; »hier ist ein Billet für Ihre Passage und für Ihre Cabine im Boot.«

»Ich bin ganz fertig,« erwiderte Hammer; »ich warte nur noch auf Ihre Instructionen.«

»Sie müssen vor Allem Oswald Gautier ausfinden.«

»Das wird nicht so leicht sein. Ich versuchte schon Alles.«

»Ihre Bemühungen können jetzt erfolgreicher sein, da er ein beliebter Sänger im Publicum ist.«

»Sie erzählen Märchen.«

»Ich erzähle Ihnen Wahrheit.«

»Wirklich! so will ich hören.«

»Aber Sie müssen ihn nicht nur finden, sondern Sie müssen auch die vollständigen Beweise seiner Identität herbeischaffen, und dann – mit oder ohne Gewalt, gleichviel – müssen Sie ihn hierher bringen.«

»Aber gesetzt, er weigert sich und will nicht, wie dann?«

»Dann verrathen Sie ihm das Geheimniß, daß seine Mutter hier auf ihn wartet. Aber lassen Sie dies das letzte Mittel sein, verstehen Sie?«

»Ich verstehe das vollständig!«

»Bedenken Sie aber, daß die Beweise klar und bündig sein müssen. Sie müssen den Schein der Wahrheit offenbar an der Stirn tragen.«

»Das wird Zeit und Geld kosten.«

»Sie können über Beides unumschränkt verfügen. Benutzen Sie Letzteres ganz wie Sie wollen, um Erstere zu gewinnen.«

»Zweifeln Sie nicht, daß für mich Zeit Geld ist.«

Mr. Hammer ließ unwillkürlich seinen Blick nach der geheimnißvollen Thür schweifen. Mr. Granger's Augen folgten demselben, und ohne sich einen Anschein von Neugier zu geben, fiel er seinem Genossen in's Wort und sprach:

»Sie haben noch andere Geschäfte neben Ihrem Wechsel- und Bankgeschäft zu versehen.«–

Mr. Hammer sah seinem Gaste in's Antlitz mit langen und forschenden Blicken. Dann schlug er mit der Hand auf den Tisch, stieß einen furchtbaren Fluch aus und sagte in einer großen Aufwallung: »Ich glaube, ich kann Ihnen mein Geheimniß anvertrauen?«

»Ich habe Sie nicht aufgefordert, mir zu vertrauen,« antwortete Granger. »Doch da Sie einmal davon sprechen, – wenn Sie nicht das vollste Vertrauen in mich setzen, wär' es besser, wir hätten ferner mit einander nichts mehr gemein.«

Wie genau kannte Granger seinen Mann! wie genau kannte er überhaupt alle Menschen, und wie spielte er mit ihnen, als ob sie seine Puppen seien! Er war fest überzeugt, daß Mr. Hammer noch ein oder anderes Nebengeschäft betrieb, das kein Taglicht vertragen konnte und in den Augen des Gesetzes strafwürdig erschien; es mußte ihm daher vor allen Dingen daran liegen, in Besitz irgend eines Geheimnisses zu gelangen, das ihn enger und enger in sein Interesse verwickelte. Seine Wünsche in dieser Beziehung schienen sich alsbald zu erfüllen.

»Mein theurer Mr. Granger,« rief Hammer, umfaßte seines Freundes Schulter und zwang ihn, sich in seinen Stuhl zurückzulehnen. »Ich wollte eher mir selbst mißtrauen, bevor ich Ihnen mißtraute, und um Ihnen dafür einen Beweis zu geben, will ich Ihnen Etwas zeigen, was Sie in Erstaunen setzen wird.«

»Wenn es Ihnen recht ist,« antwortete Granger mit einer sorglosen Bewegung seiner Hand, so lassen Sie uns erst unsere schwebenden Geschäfte beseitigen. Ich habe einen Wechsel hier von fünfhundert Dollars auf eine Bank in New-Orleans.« Indem er so sprach, nahm er sein Portefeuille aus der Tasche, zog ein Papier heraus und händigte es Herrn Hammer ein. »Und dieses hier,« sprach er weiter, »benutzen Sie, wenn Sie es nöthig haben für nicht vorausgesehene Ausgaben,« damit schob er ein Päckchen mit Banknoten über den Tisch, welches etwa hundert Dollars enthalten mochte.

»Sie sind sehr gütig und in der That sehr aufmerksam«; sagte der glückliche Empfänger und strich das Geld in seine Börse. »Seien Sie versichert, daß ich Alles thun werde, was in meinen Kräften steht, Ihre Wünsche zu erfüllen.«

»Finden Sie es nöthig, mir Nachricht über dieses oder jenes zu geben, so dirigiren Sie Ihre Briefe an meinen Bankier, »Nr. ** Wallstr. »Mit diesen Worten erhob Mr. Granger sich von seinem Sitz, indem er fortfuhr: »Gute Nacht denn; ich werde Sie morgen noch vor der Abfahrt des Dampfers sehen. Sollte ich etwa noch Triftiges zu bemerken haben, so werde ich es in einem Briefe thun, den ich Ihnen einhändigen kann. Es ist nicht gut, wenn wir öffentlich viel mit einander sprechen.«

»Ich verstehe, ich verstehe,« war die Antwort Hammer's; dann warf er einen Blick auf die geheimnißvolle Thür und sprach: »Und nun, wenn Sie Muth haben, sollen Sie in meine Kunst eingeweiht werden.«

»Muth, Muth?« wiederholte Granger, »ich wünschte kennen zu lernen, was ich fürchten sollte.«

»So folgen Sie mir denn und Sie werden Gelegenheit finden, es kennen zu lernen,« sprach Hammer; »bedenken Sie aber, fuhr er fort, »sobald Sie die Schwelle dieser Thür überschritten haben, sind Sie einer der Unsrigen.« 

»Voran denn, Sie erregen meine Neugier,« antwortete Eliot.

»Es sei! ich will sie befriedigen,« sprach Mr. Hammer, durchschritt das Zimmer und berührte eine Feder, worauf die schwere Thür sich langsam in ihren Angeln bewegte und nichts Anderes aufschloß, als eine undurchdringliche Finsterniß.

Granger zögerte; er war von Natur ein furchtloser Mann, und er wünschte vor allen Dingen, den Wicht Harrison Hammer in seine Gewalt zu bekommen, aber um das fertig zu bringen, mußte er sich erst in die seinige begeben. Auch erwachte der Gedanke in ihm, ob es nicht besser sei, Hammer da unten in dem unterirdischen Gewölbe für immer zu begraben, als ihn am Leben zu lassen. Beabsichtigte Hammer ihn um's Leben zu bringen, auf daß sein Tod ihm eine glänzende Zukunft eröffne? »Pah« – dachte Granger, indem er Hammer winkte, daß er ihm zu folgen bereit sei, »er wird mir den Kopf nicht abschneiden.«

Sie passirten ein fabelhaftes Portal, das auf ein, dem Fremden unverständliches Commando geräuschlos sich aufschloß und sie in die Dunkelheit einließ.

»Geben Sie mir Ihre Hand, Mr. Granger, und dann treten Sie nur zuversichtlich zu, es ist hier Alles in Ordnung. »Mr. Hammer tappte mit seinen beiden Händen in der Dunkelheit umher, bis er endlich die Hand seines Gefährten erfaßte.

»Vorwärts!« sagte Granger.

Ohne ein Wort zu reden, gingen sie weiter durch einen, wie es schien, sehr engen Gang, der fast unbemerkbar in die Tiefe führte. In einer gewissen Entfernung begann ein rothes Licht zu scheinen, welches glänzender und immer glänzender bald die Umrisse seines Führers und die rohen Wände, die ihn umgaben, beleuchtete.

»Wohin wollen Sie mich denn führen?« fragte Granger, und leises Mißtrauen begann trotz seiner Philosophie sich in seinem Innern zu regen.

»Noch einen Augenblick, dann werden Sie sehen« antwortete Hammer, und die steinernen Züge seines Gesichts erschienen doppelt widerwärtig in der Beleuchtung jenes rothen flackernden Lichtes.

Sie gingen Beide weiter, da plötzlich sprach Mr. Hammer mit einem kaum vernehmbaren Geflüster:

»Da höre ich Tritte hinter uns, ducken Sie sich nahe zu mir, damit Sie nicht gesehen werden, denn sollten die Gesellen Sie unvermuthet hier finden, so dürfte Ihr Kopf in Gefahr sein, ungeachtet der Gegenwart ihres Hauptmanns.«

»Was meinen Sie damit?«

»Sie werden schon sehen.«

»Bedenken Sie, daß ich niemals unbewaffnet bin. Sehen Sie, ich nehme den Revolver aus der Tasche und lege den Finger an den Drücker. Auf das erste Zeichen einer Gefahr für meine Person sind Sie des Todes.« Während Eliot Granger also sprach, that er, wie er sagte, und hielt sich in einer gewissen Entfernung bereit.

»Nicht so furchtsam, nicht so furchtsam,« sagte Hammer, ohne auf die Drohung großes Gewicht zu legen. »Gehen Sie leise, aber kommen Sie vorwärts.«

Granger folgte seinem Führer in einer kurzen Entfernung, bis urplötzlich neben ihm ein weiter Abgrund sich aufthat, von dem er sich erinnerte in Räubergeschichten oder blutigen Melodramen gehört oder gelesen zu haben. Er befand sich auf einer schmalen Plattform und blickte hinab in eine Art Höhle von etwa dreißig Fuß Tiefe. Die Wände bestanden aus rohem Gemäuer, und der Boden war gleich der Straße mit Steinen ausgelegt. In der Mitte stand ein Ofen, oder besser eine kleine Schmiede, ähnlich jenen, die von den Juwelieren benutzt werden, nur etwas größer. Von ihren glühenden Kohlen ging jener rothe Lichtstrahl aus, der Granger und seinem Gefährten geleuchtet hatte auf dem düstern Pfade hieher. Um die Schmiede herum standen verschiedene Ambose; die Hämmer lagen wie gewöhnlich müßig auf denselben, und ein halbes Dutzend rußige Kerle in schwarzen Hosen und rothen Hemden lagen theilweise auf den Bänken oder auf dem Boden umher.

Von seiner Neugier angetrieben, wagte Granger sich unbemerkt von Hammer weiter voraus, um die volle Aussicht auf die buntscheckige Bande zu haben. Sein Gefährte, der seine mißliche Position noch immer nicht bemerkt hatte, gab gerade in diesem Augenblick das bekannte Banditenzeichen, einen schrillen Pfiff, der in der grausigen Höhle mehrfach wiederhallte und einen eigenthümlichen Effect hervorbrachte.

Von dem furchtbaren Ton erwachten die Schläfer und sprangen einer nach dem andern auf. Als sie den Fremden erblickten, griff ein Jeder von ihnen nach seinem Pistol, welches er im Gurt trug, und unter furchtbaren Schwüren und Flüchen zielten sie Alle auf das Herz des Eindringlings.

Mr. Hammer blickte um sich und über sein Marmorantlitz fiel eine Todtenblässe, als er Granger sah.

»Hölle und Teufel!« rief er mit Entsetzen, »sagte ich nicht, daß Sie sich an meiner Seite halten sollten?«

»Warum sagten Sie mir nicht eben so gut von der Gefahr?«

»Da würden Sie eben so wenig meine Warnung gehört haben,« sagte Hammer.

»Jetzt weiß ich nicht, wie ich Sie schützen soll.«

In diesem Augenblick erscholl von unten aus der Höhle ein teuflisches Geheul. »Schießt ihn nieder,« rief Einer. »Werft ihn herunter, Käpten,« schrie ein Anderer »Geht aus dem Wege und laßt uns die Schußlinie frei,« befehligte ein Dritter, und zu diesen Worten vernahm man als Accompagnement ein scharfes »Knick,« »Knack, »welches das Spannen der Hähne an den Gewehren verrieth. Man war zur Execution bereit –

Hammer streckte beide Hände aus und versuchte zu sprechen, aber seine Stimme wurde durch das Gekreisch erstickt, und sein Blut gerann ihm in den Adern. »Keine Gnade! keine Gnade! Nieder mit dem Kerl!« schrieen sie. »Wir wünschen nicht, unsern Hals nur für Euch in die Schlingen zu stecken, Käpten! Geht aus dem Wege und laßt den Hund sterben.«

»Feuer denn! verfluchte Teufel Ihr!« rief Eliot Granger. »Aber in demselben Moment, in welchem ein Finger wagt sich zu rühren, feure auch ich!« Mit diesen Worten ergriff er Hammer an der Kehle und setzte die Mündung des Pistols ihm gerade auf die Stirn.

Mr. Hammer war kein Feigling, aber als der kalte Lauf in Berührung mit seiner erhitzten Stirn gerieth, fühlte er ein eisiges Zucken nach seinem Herzen. »Sie werden mich doch nicht tödten wollen,« rief er, »lassen Sie mich los, ich sage Ihnen, kein Haar auf Ihrem Haupte soll gekrümmt werden.«

»Befehlen Sie diesen Banditen, daß sie zuerst ihre Pistolen fortwerfen,« antwortete Granger, »denn ich schwöre Euch, wenn ich sterben muß, werde ich nicht das einzige Opfer sein.«

»Wohlan, so widersprecht dem nicht, was ich sage,« sprach Mr. Hammer leise. »Es wird schon Alles gut gehen.«

Zu den Gesellen da unten sich wendend, rief er sodann im lautern Tone: »Ihr Narren! seht Ihr denn nicht, er wünscht einer der Unsrigen zu sein. Werft Eure Kolben bei Seite und benehmt Euch wie anständige Männer.«

»Will er den Eid leisten?« stießen sie Alle mit einem Schrei aus.

»Natürlich will er das,« antwortete der Hauptmann, »für was Anderes wäre er sonst gekommen?«

»Laßt ihn für sich selbst denn sprechen!« bemerkten sie dringend.

»Ich bin gekommen, um in Euren Bund zu treten,« rief Granger mit entschieden fester Stimme, »sobald Ihr mir es nur gestatten wollt! Wenn Ihr übrigens etwas Grütze im Kopf habt, so müßt Ihr vorauswissen, daß ein einziger Mann allein sich nicht hieher wagen wird, um Euch etwa zu verhaften. Der könnte eben so gut in eine Höhle voll wilder Löwen gehen und erwarten, daß die ganze Bande ihm willig und friedlich in die nächste Menagerie folgen würde.«

»Darin liegt etwas Sinn und Verstand; komm denn nur heran!« riefen einladend die Führer der Falschmünzer, denn aus solch »respectabeln Künstlern« bestand diese mehr als »ehrenwerthe Gesellschaft.« 

»Wollen ihm Gelegenheit geben, Jungens,« sagten sie und legten mit etwas widerspenstigen Geberden ihre Pistolen bei Seite. Dann trat einer aus der Gruppe mit einer Leiter hervor und placirte sie an die Stelle, wo Mr. Hammer mit seinem Freunde stand.

Der Hauptmann versuchte an derselben zu seiner Bande hinabzusteigen. Eliot Granger folgte ihm; das gespannte Pistol in der Hand, das Gesicht scharf gegen seine Feinde gewandt, war er zu jedem Angriff bereit.

Als er den Grund dieser Unterwelt erreicht hatte, schaute er mit großem Mißtrauen nach allen Seiten umher und suchte nach einem verborgenen Ausgang, der ihn im Falle der Noth aus diesem Labyrinth, in welches seine eigene Unbedachtsamkeit ihn geführt hatte, entwischen ließ. Wirklich entdeckte sein Luchsauge auch bald eine kleine und finstere Thür an dem äußersten Ende der Höhle. Ob dieselbe aber dem Tageslicht oder einer noch tieferen Finsterniß entgegenführte, das war eine Frage, die sein größter Scharfsinn ihm nicht beantworten konnte.

Während dieser wenigen Secunden, in denen Mr. Granger so seine Gedanken beschäftigten, hatte Mr. Hammer eine sehr ernste und wichtige Unterredung mit seinen Spießgesellen. So viel schien aus derselben hervorzugehen, daß, obgleich sie in den meisten Affairen seine Oberhoheit anerkannten, sie sich ihr diesmal nicht unterwerfen wollten.

»Den Eid muß er leisten, das hilft nichts,« murmelten sie Alle wie im Chore.

»Wenn er zögert, so stirbt er,« sprach Einer, während er den wuchtigen Hammer schwang und ihn dröhnend auf den Ambos niederfallen ließ.

»Das ist der Bescheid!« fügte ein Anderer hinzu. »Es ist schon lange Zeit her, seit wir Einen begraben haben; es könnte zur Abwechselung 'mal wieder amüsant sein.«

Alle diese angenehmen Bemerkungen, obgleich sie auch mit gedämpfter Stimme gemacht wurden, erreichten das scharfe Ohr Eliot Granger's. Den rechten Mann in's Auge fassend, schritt er fest auf ihn, als das Centrum dieser Gruppe, los, und mit stolz emporgehobenem Haupte und einem Augenstrahl, so scharf wie der Nordstern, und einer Stimme, so streng und grollend wie der Donner, rief er: »Haltet ein mit Eurem Geflüster und Euren Geheimnissen! Bin ich Einer von den Euren oder bin ich es nicht? Wenn ja, so vollzieht Euren Eid! wenn nein, so laßt mich den Mann unter Euch sehen, welcher zuerst zu sterben wünscht!« Bei diesen letzten Worten erhob er seine Waffe.

Diese Art und Weise erfüllte die Bande gewissermaßen mit Ehrfurcht; sie bewunderte seinen Muth, obgleich Manche doch zweifelnd die Köpfe noch schüttelten. Indem die Gruppe einen Kreis schloß, bereiteten sie sich vor, ihn in ihren Bund aufzunehmen.

Die fürchterlichen, gefahrdrohenden Eide, Eide, welche niemals, unter irgend welchen Umständen, unter irgend welchen Versuchungen es auch sein möchte, gebrochen wurden, binden diese Art Verbrüderte auf Tod und Leben an einander. Eine Thatsache, die allen Polizei- wie Civilbehörden New-Yorks wohl bekannt ist. Der eigentliche Inhalt aber dieser furchtbaren Gelübde und die entsetzliche Strafe, welche Diejenigen trifft, die sie brechen, bleiben ewig unbekannt, und ich selbst wollte nicht, wenn ich könnte, ihren geheimnißvollen Vorhang zu lüften wagen.

Es mag hinreichen, bei dieser Gelegenheit zu wissen, daß Mr. Hammer die Eidesformel Mr. Granger vorlas; eine Formel, die das Blut ihm kalt und immer kälter durch die Adern rinnen ließ und seine festen Nerven erschütterte. Die Bande der Falschmünzer nahm darauf einer nach dem andern den schweren Hammer von dem Ambos, schwang ihn dem Aspiranten über dessen Haupt, und rief dabei: »Schwör' oder stirb!« Plötzlich erregte ein greller Pfiff die Aufmerksamkeit der Gruppe.

Wie es schien, schallte sein Ton von der Richtung jener Thür, die Granger in dem Augenblick des ersten Eintretens entdeckt hatte. Der Eindruck, den er auf die Falschmünzer hervorbrachte, war ein magischer, die Hämmer entfielen ihren Händen, und das leuchtende Feuer im Schmiedeofen erlosch augenblicklich. Eine grausige Finsterniß herrschte in der unheimlichen Höhle. Furchtsam im ersten Augenblick tastete Granger nach seinem Pistol und hielt es fest in der Hand. Aber in demselben Augenblick fühlte er die muskulöse Faust eines Andern ihn an den Hals fassen, und eine Stimme sprach: »Der Eid wurde nicht registrirt, Du mußt sterben!« Ehe indeß die Worte noch vollständig den abscheulichen Lippen entwischt waren, zuckte Eliot Granger's Finger an den Drücker seiner Pistole. Ein aufblitzender Schein erhellte die Dunkelheit wieder für einen Moment, und ein scharfer ringender Knall ließ den Keller tausendfach wiederhallen, dann folgte ein furchtbar stöhnendes Aechzen. Die Faust, die Granger's Hals umfaßt hatte, umklammerte ihn immer fester, bis endlich ein todter Körper mit einer furchtbaren Wucht an seiner Seite auf den Boden niederfiel.

Ohne Zögern schritt er alsbald über den hingesunkenen Leichnam weg und tappte in der Dunkelheit vorwärts, bis ihn die befreundete Hand Mr. Hammer's ergriff.

»Ist es Eure?« fragte die Stimme des Mannes mit einem leisen Geflüster.

»Ja; was bedeutet das Alles?«

»Der Pfiff warnt uns vor der Ankunft eines Polizisten; doch es ist jetzt keine Zeit zur weitern Erklärung; folgen Sie mir.«

»Das ist leichter gesagt, denn gethan.«

»Halten Sie sich fest an meine Hand und folgen Sie ohne Furcht; nur sprechen Sie nicht.«

»Gehen Sie vorwärts.«

Eliot Granger folgte seinem Führer einen weiten dunkeln Weg entlang; es mochte ungefähr fünf Minuten und länger dauern, bevor es ihm gestattet war, wieder frische Luft zu athmen. Mit einem Gesicht, das der Erlösung sehnsuchtsvoll entgegengeharrt, beeilte er seine Schritte. Aber kaum war er im Begriff, an die offene Luft zu treten, als Hammer ihn hurtig zurückdrängte.

»Was soll das bedeuten?« fragte Granger im flüsternden Tone.

»Der Ausgang ist bewacht;« antwortete Hammer, »wir müssen zurück.«

»Nimmermehr!« entgegnete Eliot mit gedämpfter Stimme. »Wie viele sind da?«

»Drei.«

»Sind sie bewaffnet?«

»Doppelt und dreifach.«

»Ich habe nur eine einläufige Pistole; haben Sie eine Waffe?«

»Freilich, aber sie benutzen würde unsern Untergang herbeiführen,« antwortete Mr. Hammer.

»Wenn Sie entschlossen sind, ein Wagstück einzugehen, so ist nur ein Weg mit Aussicht auf Erfolg da.«

»Und der ist.«

»Sie unversehens zu überfallen und mit umgekehrtem Pistol ihnen die Köpfe einzuschlagen; dann auszukneifen.«

»Sehr gut; sind Sie fertig «

»Vollständig.«

»Vergessen Sie nicht, daß Sie nicht schießen dürfen.«

»Nicht einen Schuß. »Darauf schlichen die Beiden hinweg, geräuschlos und mit angehaltenem Athem; die drei Polizisten hatten jeder einen Revolver in der Hand. »Sie machen die Sache mit dem Größten ab, und die beiden Anderen überlassen Sie mir;« flüsterte Hammer, und in demselben Moment stürzten sie gleich zweien Panthern auf ihre Beute los. Ehe die Patrouille noch diesen Ueberfall ahnen konnte, lag sie der Länge nach ausgestreckt am Boden, zerhauen und ohne Besinnung.

»Nun vertraut Euren Beinen, rathe ich,« rief Hammer mit einem teuflischen Triumph. »Schlagt rechts ein, dann sind wir gerettet!«

Ohne auf eine zweite Einladung zu warten, und seine sich angeeignete Grandezza bei Seite setzend, rann Eliot Granger nach der bezeichneten Richtung so schnell, als seine Füße ihn zu tragen vermochten. 



11.

Mr. Hammer verläßt New-York.

Ungeachtet der Abenteuer der vergangenen Nacht erhob Mr. Harrison Hammer sich schon mit der Lerche des frühen Morgens, um nach dem sonnigen Süden zu segeln. Er kleidete sich mit all' der möglichen Sorgfalt und machte seine nöthigen Vorbereitungen zur Abreise mit Behutsamkeit, um so wenig wie möglich im Publicum noch vorher gesehen zu werden. Was diese Reise anbetrifft, so kam sie ihm niemals gelegener denn jetzt; ein längeres Verweilen in der Stadt New-York würde ihn jedenfalls der Gefahr ausgesetzt haben, von der Polizei aufgespürt zu werden.

Ungefähr halb zwölf Uhr verließ Mr. Hammer ohne Furcht sein häusliches Asyl, bestellte sich einen kleinen Burschen aus dem gegenüberliegenden Alttrödlerladen, und bürdete auf dessen schwache Schultern seinen ziemlich schweren Reisesack. Der kleine Schalk nahm ihn mit einer anschaulichen Behendigkeit auf, noch unentschlossen, ob er nicht die Gelegenheit benutzen solle, mit dem Gepäck davon zu rennen, anstatt mit dem Sixpens, den sein großmüthiger Besitzer als eine noch großmüthigere Belohnung für die gute Besorgung seines beweglichen Eigenthums bis zu der Werfte des Steamers ausgesetzt hatte, sich zu begnügen.

Der große Häuptling der Falschmünzerbande hatte zwar eben nicht das allertiefste Vertrauen zu seinem kleinen Employè, in Folge dessen er jede Bewegung bewachte, die der kecke Raufbold abseits zu machen geneigt schien; nichtsdestoweniger aber hatte er die erhabene Intention, ihm seinen Lohn mit einem halben »Dime« – der zwar falsch – und einem Cent – der aber vollkommen ächt – auszuzahlen. Die Ausführung derselben geschah denn auch mit einer königlichen Miene, nachdem er mit eigener Hand seine Güter dem sichern Verwahrsam des Stewarts vom Dampfer übergeben hatte.

Es war ein wundervoller Morgen; der Himmel war unbewölkt, und die Luft balsamduftend, ruhte wie ein leicht gewobener Schleier über der Stadt, welche begrenzt von den scharfen Umrissen tieferer Farbentöne da ausgebreitet lag.

Die Werfte war angefüllt mit einer zahllosen Menge Männer, Frauen und Kinder; Passagiere und Passagiers Freunde, Carrossen und Karren, Lohnkutscher und Lohndiener – Alles wogte in einem bunten Durcheinander und erschien der Betrachtung eines Fremden gleich den umhergestreuten Loosen der Büchse Pandora's. Solch ein Geschnatter der vielen Zungen in all' den verschiedenen Sprachen der Welt, solch ein Geräusch und Getöse, ein Rollen der Räder und Rennen der Menschen – darüber der schrille Pfiff der Maschine und das Geläute der großen Glocke – – vielleicht der, welcher es je einmal gehört und gesehen hat, macht sich eine Vorstellung davon.

Mr. Hammer hatte sich durch das Gewühl hindurchgedrängt und nun nichts Eiligeres zu thun, als mit stieren Blicken nach seinem Freund und Bundesgenossen sich umzuschauen. Er wußte zwar von dessen vollständiger Befreiung aus den Händen der Polizei, aber er sehnte sich doch, ihn nach der verhängnißvollen Nacht an diesem schönen Morgen mit eigenen Augen wiederzusehen. Und wirklich, gerade in dem Augenblick, als das Schiffstau durchgeschnitten und der majestätische Dampfer sich langsam und graziös von der Werfte hinwegbewegte, fiel sein Auge auf den Gegenstand seiner Nachforschung.

Angethan mit einem schweren Ueberrock, das Gesicht beinahe ganz verhüllt, stand Mr. Granger an dem Pier und machte eine Handbewegung zum Zeichen der Entdeckung Hammer's. Letzterer beantwortete dieses Signal, indem er seinen Hut in der Luft schwenkte und dazu ein lautes Adieu ausrief.

Seine Stimme war nicht die einzige am Bord, die dieses melancholische Wort vernehmen ließ; in allen Tönen, in allen Sprachen erscholl es von der einen Seite des Bootes nach der andern des Ufers hinüber, von wo aus mannichfaltig ein »Gott geleite Euch!« zurückkam.

Ach, wie manches theure, oft gesehene Antlitz ist hier zu bald aus den Augen verschwunden – wie Viele – Viele – die »auf Wiedersehen« von einander scheiden, sehen sich nimmer wieder. –

Die geschäftige Stadt verschwimmt am Horizont in ihren letzten Umrissen; der glänzende Dampfer hat die Gewässer zwischen den Forts längst hinter sich und sticht weit aus in die Fluthen des Oceans.

Und der Ocean – still und ruhig wie ein schlafendes Kind lag er da, kaum bewegt von der Brandung der tosenden Räder an dem dahinrollenden Boot. So fern, als das Auge reichte, eine Scenerie von unvergleichlicher Schönheit. Seitwärts das reizende Hochland von Nevasink, dessen Spitzen umweht von dem duftigsten Grün, scheinen einen letzten, langen, zögernden Blick ihm nachzusenden; hinter ihm in weiter Entfernung die kaum noch bemerkbaren blauen Hügel New-Jerseys und vor ihm die unendliche Wasserwüste, unterbrochen von den weißen Segeln der Schiffe, welche glücklich scheinen, ihre Bahn zu durchlaufen.

Die Sonne neigte ihr glänzendes Antlitz in die Tiefe und ging zur Ruhe in ihr goldschäumendes Bett; das Dämmerlicht mit seinen mystischen Tönen verlor sich in Nacht. Die Sterne mit ihrem Diamantgefunkel umkränzten den weiten blauen Horizont, bis sie endlich erbleichten vor dem Glanze des sich erhebenden Mondes. So von allen Seiten umgeben von den ewigen Schönheiten der Natur, in seinem Innern die Contraste der menschlichen Natur bergend, verliert der Dampfer sich in den großen atlantischen Ocean.



12.

Mr. Harrison Hammer in New-Orleans.

Ein Morgen in der letzten Hälfte des Monats Juni! Der Himmel war unumwölbt, kein Lüftchen regte sich, und kaum mehr zu überwinden war die fast erstickende Hitze – jene Hitze, die der berühmte amerikanische Maler Church uns so handgreiflich darstellt, wenn sie die Erde überfällt in schrägen Nebelstreifen.

Es war insbesondere für New-Orleans ein heißer Tag, und obgleich Mr. Harrison Hammer die letzten, und gewissermaßen auch die unangenehmsten Jahre seines Lebens in der Crescent City zugebracht hatte, fand er doch das Wetter so niederdrückend als auch ungelegen für den Zweck seiner Operationen.   

Und es war dies ganz natürlich, denn keine Oper war da, welche ihm den Weg gebahnt hätte zur Auffindung des Gegenstandes seiner Nachforschung, und obgleich er selbst für mehrere Tage im St. Charles-Hôtel sich einquartiert hatte, so fand er doch keine Person, die einigermaßen zu seinem Signalement gepaßt hätte. Ein Jeder zwar, wie eine Sache, die sich von selbst versteht, kannte vor allen Anderen den Liebling des Publicums »Oswald Gautier,« aber auch ein Jeder wußte eine andere Erzählung über ihn und seine Verhältnisse zu geben. Einige sagten: er ist nach dem Norden gegangen; Andere verbannten ihn nach Europa, wieder Andere ließen ihn eine Tour auf dem Mississippi machen. Alle diese widersprechenden Gerüchte veranlaßten Harrison Hammer zu dem Schluß über Oswald Gautier, daß er ein verständiger Mann sei, der seine Privatverhältnisse selbst ordnete und das Publicum weder in sein inneres, noch äußeres Leben blicken ließ.

Mr. Hammer hatte schon beinahe alle Geduld, ihn aufzufinden, verloren, als er eines Abends in das Theater strolchte und nach langem Herumschauen seinen Sitz nahm, von wo aus er seine Aufmerksamkeit auf das sämmtliche Auditorium richten konnte. Er bemerkte, wie Aller Augen nur einer Richtung folgten, und zwar der nach einer Privatloge hin, in welche gerade ein hübscher junger Mann eintrat; er mochte vielleicht in einem Alter von zwanzig oder einundzwanzig Jahren sein. Sein Antlitz war bleich, mit großen glänzenden Augen, sein Haar schwarz und seidenweich; sein Schnurrbart hatte dieselbe Farbe und Eigenschaft. Er war in einen einfachen, aber sehr genialen Anzug gekleidet und wie es schien, war er außerordentlich verlegen bei der Sensation, die sein Eintreten verursachte.

Mr. Hammer stand bald in einem jener kleinen Thürgänge, die nach der Vorhalle führen, fest überzeugt, nunmehr endlich den Gegenstand seines Suchens gefunden zu haben. Er wendete sich zu dem Logendiener und fragte nach dem Namen des Inhabers jener Loge.

»Sie müssen fremd hier sein, wenn Sie nicht einmal Oswald Gautier kennen,« antwortete der Mann.

»Ich bin ein Fremder,« entgegnete Hammer, »und vor allen Anderen wünschte ich gerade diesen jungen Mann zu sehen, von dem ich so viel gehört habe. Wie jung er aussieht!«

»Ein wahrer Knabe noch,« bemerkte der Logendiener; »und doch, er hat nur seinen Mund zu öffnen, um jeden Abend seine zweihundert Dollars einzusäckeln. Bei Gott! einiges Volk hat Glück!«

Wie Mr. Hammer bemerkte, war sein neuer Freund einer von Denen, die Alles ausplaudern, was sie wissen; er beschloß deshalb, Alles von ihm zu erfahren, deshalb seine Fragen fortzusetzen:

»Er ist noch nicht lange bekannt im Publicum, nicht wahr?«

»Erst ein Jahr – und mit diesem merkwürdigen Erfolg. Alles blickt auf ihn,« sagte der Logendiener. »Kennen Sie seine Geschichte vielleicht?«

»Wenn ich sie kennte, so würde ich Sie mit der Erzählung nicht belästigen,« antwortete Mr. Hammer, und fuhr fort: »Ich bin verteufelt durstig, und wenn Sie fünf Minuten übrig haben, würde es mir ein Vergnügen sein, wenn Sie Etwas mit mir nehmen wollten.«

Des Mannes Gesicht bewies klar und deutlich, daß es nicht seine Gewohnheit war, solche Einladungen abzulehnen, und er antwortete verbindlich, obgleich in etwas ungeschliffener Weise:

»Well, wenn Sie ein Fremder, ich gebe nichts darum, mit Ihnen um die Ecke zu biegen. Abe!« rief er, sich an einen zweiten Logendiener wendend. »Abe! Willst Du einen Augenblick auf meine Thüren Acht geben, bis ich Dir winke?«

Abe war einverstanden mit der Uebernahme dieses sehr wichtigen Amtes, und Mr. Hammer und sein neu angeworbener Freund verließen Arm in Arm das Theater.

»Was sagt Ihr zu einer Flasche Wein und einem Beefsteak?« fragte Hammer, indem sie sich in einer gemüthlichen Restauration niederließen.

»Ich für meinen Theil hätte jetzt wohl große Lust dazu; die furchtbare Hitze am Tage läßt Einen nicht ein Bißchen Appetit haben.«

»Ich genieße mit Euch,« antwortete der Gesellschafter, überrascht von der großen Generosität seines Gastfreundes. »Ich denke nicht, daß ich vermißt werde, und wenn es ist, so macht's auch nichts.« – Also sprechend, folgte er in ein Privat-Apartement, und es währte nicht lange, da befanden sich Beide in der angenehmsten Unterhaltung miteinander.

Mr. Hammer spielte auf die versprochene Erzählung nicht wieder an, bevor er nicht den Grund der zweiten Flasche »Heidsick« gesehen hatte. Er nahm Gelegenheit, seines Gastes Glas jedesmal zweimal zu füllen, während er das seinige einmal leerte, und endlich begann er, indem er eine Cigarre anzündete und sich nachlässig in seinen Stuhl zurücklehnte. »Sie sagten vorhin Einiges über diesen Gautier?«

»Ja, ja, so war es,« antwortete er, »wenn ich mich recht erinnere, versprach ich, von ihm zu erzählen; that ich's nicht?«

»Wenn ich recht verstanden, so thatet Ihr's,« entgegnete Hammer, und stemmte seinen Fuß gegen die Wand, auf den Hinterbeinen des Stuhles im Gleichgewicht schwebend.

»Recht so, recht so! Ich kenne Keinen, dem ich lieber von ihm erzählte; Ihr seid ein prächtiger Kerl, das seid Ihr!« und seinen Freund nachahmend, nahm er eine angezündete Cigarre, that einen oder zwei Züge, und begann also:

»Seht, mein theurer Sir, ich bin bekannt mit den Verhältnissen dieses Theaters seit zwanzig Jahren, und das ist der Umstand, daß ich den kleinen Gautier von Kindesbeinen an kenne. Wenn ich mich recht erinnere, so ist er, was man so sagt, »keines Mannes Sohn.« Zuerst trat er auf als Mündel von einem Vater Joseph Fontinac. Als Mündel, Ihr versteht, als Mündel!« und der ehrenwerthe Herr Logendiener legte seinen Finger bedeutungsvoll an die Nase und lachte unmäßig, so unmäßig, daß er sich genöthigt fand, den Rest der Flasche auszutrinken, bevor er seine Erzählung fortsetzen konnte.

»Vater Joseph,« fuhr der Mann fort, »war – und ist in der Sache immer noch – ein Erzjesuit; er beabsichtigte seinen Zögling in derselben ehrsamen Schule großzuziehen, die er genoß, und placirte ihn zu diesem Zwecke in das Chor der Kathedrale. Daselbst war es, wo von seiner wundervollen Stimme zuerst Notiz genommen wurde; es wurde daher nach und nach Mode, in die Kathedrale zu gehen, um Gautier singen zu hören, so wie es jetzt Mode ist, in die Oper zu gehen und ihn wieder zu hören. Der Bube, wie es scheint, hegte großen Widerwillen gegen die Kirche und die Kirchenmänner; er sah zu scharf die ganze Maschinerie hinter der Scene, und als der hochwürdige Jesuit ihm die Erlaubniß, das Kloster zu verlassen, verweigerte, verließ er es schnell ohne des Hochwürdigen Erlaubniß. Sie versuchten Alles, ihn wieder zu bekommen, schon allein um die Einkünfte der alten Kathedrale, die durch den häufigen Besuch um ein Bedeutendes vermehrt wurden, zu sichern – denn nach ihm hatte das fleißige Kirchengehen fast gänzlich aufgehört. Es erfolgte ein Proceß mit dem Unternehmer der großen Oper, Mr. ***, der aus Freundschaft, oder besser aus Interesse, seine Sache vertrat. Die Mönche indeß hofften zu triumphiren. Mr. *** sah in Gautier eine Quelle großen Reichthums, und er suchte den Knaben zu bewegen, für ihn ein Jahr zu singen, wohl zu merken für ein geringes Salair, so etwa für zweitausend Dollars, wie ich denke. In dem Fall, daß er in der Gunst des Publicums erfolgreich sei und seine Talente und Mittel ihm widme, wollte er sein Vermögen und seine Stellung benutzen, ihm glänzend beizustehen. Der vollständige Triumph des Sängers war das Resultat. Oswald hatte die Mönche verlassen mit leichtem Herzen und noch leichterer Börse, und wenn ich es recht beurtheile, so glaube ich, daß Beide jetzt schwer geworden sind.«

»Das ist eigenthümlich,« bemerkte Mr. Hammer, die eingetretene Pause unterbrechend. »Gewöhnlich sonst, wenn die Börse beginnt schwer zu werden, wird das Herz leicht, und so umgekehrt.«

»Aber Geduld, Sie haben noch nicht Alles gehört – der Knabe ist verliebt;« erzählte der Logendiener weiter.

»Verliebt? in wen?«

»In nicht weniger als in eine Tochter der ältesten, reichsten und vornehmsten Familie in New-Orleans, Monsieur Gerald de Launy!«

»Sie erzählten mir noch nichts davon.«

»Aber ich erzähle Ihnen jetzt und erzähle Ihnen Wahrheit, und zwar solche, die Sie nicht alle Tage hören. Monsieur de Launy ist kein Narr, lassen Sie mich Ihnen sagen, und obgleich er reich und stolz ist, so glaube ich ganz fest, daß, wenn er die heftige Liebe zwischen seiner schönen jungen Tochter und dem hübschen Tenor entdeckt, er gleich einem braven Mann zu Letzterm senden wird und ihm sagt: »Oswald, mein Junge, ich mag Dich ganz gut leiden, meine Tochter liebt Dich sogar; mich hindert Deine Profession durchaus nicht; Jedermann hat ein Recht, zu seinem besten Fortkommen die Gaben zu benutzen, welche Gott ihm gegeben hat, unter der Bedingung nämlich, daß er es mit Anstand, Ernst und Redlichkeit thut. Ihr habt so gehandelt und ich schätze Euch deshalb. Aber da ist ein Ding, es kann zwar Niemand Euch deswegen schmähen, aber es kann in der Zeit zu Eurem eigenen, meines Kindes und vielleicht zu Eurer Nachkommen Glück oder Unglück sein, – und das ist (verzeiht mir, wenn ich Euch hier zu nahe trete) das Geheimniß Eurer Geburt. Beweist mir, Oswald, daß Ihr ein Sohn honnetter Eltern seid, keine Rede davon, wie arm auch – und Marguerite ist die Eure, ich schwöre es. Kommt nun mittlerweile in mein Haus wie gewöhnlich, ich vertraue Eurer Ehrenhaftigkeit nach wie vor.«

»Das wäre der erste Trumpf den er ausspielen müßte,« rief Mr. Hammer, »dazu muß getrunken werden,« und er öffnete die dritte Flasche und füllte die hohen Gläser, die bei einem jedesmaligen Toast bis auf die Neige geleert wurden.

»Ob der Alte so zu ihm gesprochen hat, oder nicht, ich weiß es nicht, kurz, der arme Junge hat sich die größte Mühe von der Welt gegeben, um seinen Ursprung zu entdecken. Vergebens hat er Vater Joseph gebeten, ihm die Wahrheit zu sagen, aber der alte Halunke ist halsstarrig wie der Böse selbst. Kennen Sie ihn?« fragte der gutmüthige alte Logendiener, und fuhr dann weiter fort: »Wahrhaftig, ich wollte einen Monat von meiner Gage geben, wenn ich dem armen Schelm helfen könnte.«

»Sie können es ohne jenes Opfer;« antwortete Hammer.

»Wie meinen Sie das?«

»Sie sagen, daß Sie erbötig sind, Oswald Gautier beizustehen, das Geheimniß seiner Geburt aufzufinden.« 

»Ich bin es!«

»Dann sagen Sie mir, wo kann ich den Vater Joseph finden?«

»In dem Jesuitencollegium, wie ich sicher glaube.«

»Und Oswald Gautier?«

»In Nr. **, Rue Olivier.«

»Rue Olivier?«

»Ja.«

»Nun weiß ich genug; ich will Beide sehen und Sie sollen das Resultat davon kennen lernen. Eure Gesundheit« – die dritte Flasche ging damit auf die Neige – »und hier ist meine Karte;« mit diesen Worten händigte Mr. Harrison Hammer ihm eine Visitenkarte ein, auf welche sich der musikalisch harmonisch-klingende Name von »John Jackson Smith« auf der einen, und auf der andern Seite, mit Bleistift geschrieben »St. Charles-Hôtel« befand. Für seine Zwecke hatte Mr. Hammer es vortheilhaft gefunden, in das Fremdenbuch des großen Hôtels einen andern als seinen Familiennamen einzutragen.

Von seinem neuen Freunde wurde seine Höflichkeit erwidert, indem er ihm auch seine Karte übergab, auf welcher geschrieben stand: »Peter Martin, Théâtre francais.« Mr. Hammer citirte den Kellner, zahlte die Rechnung (die, beiläufig gesagt, mit doppelter Summe in das Conto des Herrn Granger gebracht wurde) und verlangte darauf nach einer Carrosse. Er ließ seinen neuen Freund einsteigen, begleitete ihn bis an das Portal, und befahl darauf dem Kutscher, nach St. Charles-Hôtel zu fahren. Bevor die Nacht noch anbrach, hatte er seinen Plan vollständig vorbereitet.



13.

Vater Joseph de Fontinac.

Früh an dem nächsten Morgen verließ Mr. Harrison Hammer sein Hôtel und lenkte seine Schritte dem Hospital und Collegium der Jesuiten zu.

Angekommen vor diesem großen Gebäude, stand er still und überschaute lange das weitgeschweifte Aeußere, ging dann endlich auf den Eingang des Haupttheils zu, und läutete stark an des Portals Glocke. Der Pförtner schien ziemlich behende in dem Entgegenkommen dieser Anmeldung, zu welcher Mr. Hammer das Begehren einer Audienz vor dem hochwürdigen Vater Joseph de Fontinac hinzufügte Er wurde in Folge dessen nach einem langen schmalen Steingebäude gewiesen, welches den äußersten Flügel dieses Castells bildet und das Hospital und Collegium enthält. Als er den bezeichneten Ort erreicht hatte, bestieg er die Stufen und pochte zu drei verschiedenen Malen mit dem gewaltigen messingenen Hammer, welcher auf der grünen Thür befestigt hing. Diese Anmeldung wurde nicht so hurtig wie vorhin beantwortet, und Mr. Hammer war schon im Begriff, sie zu wiederholen, als die Thür von einer Negerin geöffnet wurde. Sie bewegte sich nur höchst gemächlich in ihren Pantoffeln, und trug einen Bandanna-Turban3 – eben nicht den reinsten von der Welt – um ihre wolligen Locken.

In Beantwortung des Angemeldeten Frage, ob er die Ehre haben könnte, Se. Hochwürden, Vater Joseph, von Angesicht zu Angesicht zu sehen, ward ihm zu Theil: »Massa thut Niemand sehen zu irgend dieser Tageszeit; Massa ißt just sein breakfast.«

»Uebergeben Sie ihm diese Karte,« erwiderte Mr. Hammer sehr höflich, »und sagen Sie ihm, daß ein Herr aus New York Audienz wünschte um über wichtige Sachen in Betreff unserer heiligen Mutter Kirche mit ihm zu sprechen.«

»Lor-a-massa! was thut Ihr denken, daß ich könnte behalten das Alle!« rief die farbige Frau. Aber tretet herein, ich will Massa fragen, ob er will sehen Euch;« und sie führte ihn in ein kleines niedlich ausgestattetes Zimmer, das den Anschein eines Studirgemachs hatte.

Mr. Hammer nahm ohne Weiteres Platz in dem großen Lehnstuhl, welcher an dem Tische stand, und amüsirte sich damit, die Titel an den Rücken der Bücher zu lesen, die da umherlagen; aber sie waren meist solchen Inhalts, der wenig oder gar kein Interesse für unsern Helden bot. Glücklich wie er immer war, wurde seine Geduld nicht lange auf die Probe gestellt, vielmehr schon nach einigen Minuten kehrte die farbige Dienerin mit der Meldung zurück, daß Massa den fremden Gast erwarten wolle.

Niemals früher hatte Mr. Hammer das Glück, mit einem so großen Kirchenlicht ein têt-á-têt zu haben, und er begann darob sich ein wenig zu fühlen. Die farbige Alte hatte ihn durch eine dunkle enge Halle geführt, an deren äußerem Ende sie eine Thür öffnete, durch welche sie ihn in einen großen erhellten und elegant meublirten Speisesaal eintreten ließ. Das Local war gewissermaßen auch zum Studiren; der Boden, ohne Teppiche, war von eingelegtem Holz, und gleich einem Spiegel glatt und gebohnt; die Meubles waren von schwerem Eichenholz, mit reichem Schnitzwerk versehen. Gemälde von nicht unbedeutendem Kunstwerth hingen an den Wänden in großer Menge. An dem unteren Ende des Saales befand sich das Kamingesims, ebenfalls von Eichenholz, zu beiden Seiten zwei Heilige, aus demselben Material geschnitzt und mit Bronze ausgelegt. An dem gegenüberliegenden Ende war ein offener Schrank angebracht, welcher mit Tellern und dergleichen Gegenständen beladen war. Aus den Fenstern hatte man die Aussicht auf den Garten des Collegiums; sie standen geöffnet, um die leichte Brise vorbeistreifen zu lassen, welche den süßen Duft der blühenden Rosen und Jasmingewächse, die längs den Wänden emporrankten, hereinbrachte, um die Räume mit dem reichsten Parfüm anzufüllen.

An einem Tische, welcher nahe dem Fenster stand, saß ein Mann, ungefähr in dem Alter von fünfzig Jahren. Er war mit seinem Ordenskleide angethan, ein langes, weitflatterndes Gewand von schwarzem Stoff als Ueberwurf über seine andere Kleidung. Unter seinem schwarzen Priesterkäppchen von Sammet trug er eine Fülle grauer Locken. Sein Gesicht war sehr ausdrucksvoll und streng, und seine scharfen grauen Augen ruhten auf dem Eintretenden, als schienen sie ihn durch und durch lesen zu wollen.

Auf der Tafel vor ihm stand das Frühstücks-Service, welches er bei des Besuchers Eintreten zur Seite schob. Neben demselben lag eine Menge geöffneter Briefe.

Mr. Hammer fühlte sich ein wenig bedrängt in dieser erhabenen Gegenwart; und obgleich er all' seine Dreistigkeit zusammennahm, sah er doch, daß er ein schweres Spiel zu spielen hatte. Er setzte sich in den ihm von dem Priester angewiesenen Stuhl, welcher gerade gegenüber demselben stand. In dieser Position ruhte das volle Licht auf dem Antlitz des Besuchers, während der Ausdruck des geistlichen Herrn, im Gegensatz zu jenem, von tiefen Schatten umhüllt war.

Vater Joseph de Fontinac traf das Arrangement absichtlich so, eine Gewohnheit, von der er sich niemals trennte.

»Sie wünschen mich zu sehen in Angelegenheiten, die unsere heilige Kirche betreffen;« begann Vater Joseph, ohne seine Augen auch nur einen Moment von dem Antlitz des Herrn Hammer abzuwenden. »Für Geschäfte, die ihre Wohlfahrt erheischen, bin ich jeden Augenblick sichtbar.«

Der Ton seiner Stimme war milder, als man es aus dem scharfgeschnittenen Munde, um welchen sich so manche tiefe Linien zogen, erwarten konnte. Ja, sie klang sogar angenehm und äußerst musikalisch, und erweckte in gewisser Beziehung Zutrauen und Liebe.

Mr. Hammer drehte den Hut in der Hand, zog seine Handschuhe aus und an, und konnte nicht recht beginnen, wie er wünschte, denn der Blick jener scharfen Augen, der ihn fortwährend fixirte, verwirrte ihn etwas.

Endlich schien der Alte befriedigt die Augen niederzuschlagen, und Mr. Hammer fand Worte, sich auszudrücken, indem er sagte:

»Ich möchte denn mein Geschäft eröffnen.«

»Thun Sie das!« war die Antwort.

»Es betrifft einen gewissen Oswald Gautier, zur Zeit einmal Ihr Mündel und Zögling.«

»Den Undankbaren,« murmelte der Pater, und dann sich selbst verbessernd, fuhr er laut fort: »Was können Sie mir in Betreff seiner mitzutheilen haben?«

»Gar nichts, das ich nicht von Ihnen besser hören könnte,« antwortete Hammer. 

Der Prälat blickte plötzlich auf, aber Mr. Hammer war darauf vorbereitet, und für eine oder zwei Minuten standen das große Haupt der Kirche und der Häuptling der Falschmünzer sich einander betrachtend gegenüber, ohne indeß ihr kaltes Aeußere gegenseitig zu durchdringen.

»Reden Sie deutlicher,« sprach der Mönch, »und sagen Sie mir, was Sie zu Ihren Fragen veranlaßt; ich werde dann antworten, oder für mich behalten, was ich weiß, je nachdem es mir das Beste scheint.«

»Das ist klar und deutlich, Ew. Hochwürden,« antwortete der Falschmünzer. »Meine Fragen werden ebenfalls klar und deutlich sein, wir verstehen uns bald.«

»Fahren Sie fort.«

»Sie hatten einst einen Freund, Hochwürden! Alfons Gautier war sein Name.«

»Sir!«

»Ich bitte, unterbrechen Sie mich nicht; ich habe nur wenige Worte zu sagen. Jener Freund hatte ein Weib und ein Kind und, was Sie beinahe mehr interessiren wird als das, er hatte Gold und Geld.«

Der Priester blickte ihn fest an, und seine langen, dünnen Finger spielten in den Papieren umher, die auf dem Tische vor ihm lagen. Sein Gesicht war im Schatten, und die forschenden Augen Mr. Hammer's konnten die Blässe, die es überzogen hatte, nicht bemerken.

»Zu jener Zeit, auf welche ich anspiele, nahmen Sie noch nicht die hohe Stellung in der Kirche ein, die Sie jetzt einnehmen. Sie dachten, wenn Sie das Instrument, welches das Geld Gautier's in den Opferkasten der Kirche bringen konnte, in Ihre Hände bekämen, bedeutend schneller zu avanciren.«

Die langen Finger des Alten haschten nach den Blättern auf dem Tische und zerknitterten sie krampfhaft; aus den grauen Augen blitzte es leidenschaftlich, wie es einem geistlichen Antlitz nicht wohl anstand.

»Sie waren sehr schlau – doch nein, verzeihen Sie, ich meine sehr verständig – sich die Macht über diesen Gautier anzueignen, als Sie ihn zuerst veranlaßten, sein Weib zu mißhandeln.«

»Das ist zu viel,« rief der Priester und sprang von seinem Sitze auf. »Wer seid Ihr, daß Ihr es wagt, solche Worte an mich zu richten, an mich – Joseph de Fontinac?«

»Ein Freund Madame Gautier's,« erwiderte Hammer, »und wissen Sie es, weder die Kirche behält ihr unrechtmäßiges Gold, noch fällt es jemals zurück an Weib und Kind Gautier's. So setzen Sie sich doch, Hochwürden! Sie sehen, wir müssen theilen als Freunde.«

Und Se. Reverenz setzten sich wieder nieder und drückten sich tiefer in den Schatten. »Also was ich denn sagen wollte,« fuhr Mr. Hammer fort, »nachdem eine so schlechte Behandlung seines Weibes herbeigeführt war, konnte sie nicht länger mit ihm unter einem und demselben Dache leben. Sie verleiteten den armen Frömmler, Vergebung vom Himmel dadurch zu erflehen, daß er seine Güter der Kirche vermache. Das Nächste war, die Erbschaft ihr zu sichern, und so sandtet Ihr den Vater, den Sohn von seiner Mutter Seite zu stehlen, freilich mit dem Versprechen, ihn am andern Tage wiederzubringen. Der andere Tag kam, der Gatte mit ihm – aber das Kind nicht mit diesem. Er kam, direct von Euch zu ihr – stets nur der Route zwischen diesen zwei Orten folgend – und in wenigen Minuten, nachdem er Madame Gautier's Wohnung erreicht hatte –«

»Weiter, weiter, warum stocken Sie?« rief de alte Mönch, als ob seine Neugier den höchsten Gipfel erreicht hätte. »Vorwärts – was dann? – –«

»Was dann! – er starb unter den fürchterlichsten Krämpfen, in Folge von Vergiftung; wer am Meisten seinen Tod gewünscht – diese Antwort überlasse ich Euch.«

»Er ist todt!« rief der Jesuit, »todt? Das ist also die Auflösung des Räthsels von seinem Ausbleiben. Er brachte mir das Kind und versprach am andern Tage wieder zu kommen; seitdem habe ich nichts von ihm mehr gehört noch gesehen, obgleich ich jede Gelegenheit wahrgenommen habe, die Ursache seines Verschwindens auszuforschen.«

»Er ließ darauf das Kind in Eurer Obhut,« sagte Hammer.

Der Mönch stutzte, seine Geheimnisse waren ihm entlockt. Der Falschmünzer hatte seine Ueberlegenheit dem Priester gegenüber bewiesen. Aber es war ja noch immer Zeit, begangene Irrthümer wieder gut zu machen; Fontinac nahm sich daher zusammen und sagte in ziemlich ruhigem Tone: »Sie setzen das voraus, wohlan, ich glaube nicht nöthig zu haben, Ihnen die ganze Wahrheit vorzuenthalten, und wer immer Sie sein mögen, so viel ist gewiß, Sie sind mit des armen Alfons Gautier's ehemaliger Geschichte bekannt.«

»Vollständig,« entgegnete Mr. Hammer.

»Der arme Mann,« hub der Priester zu erzählen an, »nahm das Kind auf mein Geheiß fort und brachte es in meine Obhut. Ich liebte Alfons, denn wir waren als Knaben mit einander aufgewachsen; es war daher natürlich, daß ich auch sein Kind liebte und wünschte, es in dem Schooß unserer heiligen Mutter Kirche unterzubringen. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt! Das Kind, schwächlich und kränklich, siechte hin und starb innerhalb eines Jahres.«

»Das ist gelogen,« rief Mr. Hammer mit mehr Energie als Artigkeit, und schlug mit der geballten Faust und mit solchem Kraftaufwande auf den Tisch, daß der Kaffeetopf mit der Milchkanne einen pas de deux zu tanzen anfingen.

Der im Aeußern durch feine Sitte und Anstand sich auszeichnende Prälat erhob sich von seinem Sitze und griff nach einer auf dem Tische stehenden Klingel, um ihren gebieterischen Ton erschallen zu lassen. Im gleichen Augenblick erschien ein Diener, der in seiner schwerfälligen Livrée fast das Aussehen eines römischen Kirchensoldaten hatte. 

Joseph de Fontinac gab dem Eintretenden einen Wink, den derselbe zu verstehen schien. In einer ehrerbietigen Entfernung nahm er die Stellung eines Wachtposten ein.

»Jetzt, mein Herr, bin ich gewärtig zu vernehmen, was Sie mir mit Höflichkeit und Anstand zu sagen haben,« nahm der alte Priester das Wort wieder auf, indem er den letzten Satz besonders betonte.

Mr. Hammer fand sein aufbrausendes Benehmen selbst eben so unpolitisch als unanständig. Er schlug daher einen versöhnlichen Weg ein und sprach:

»Hochwürden verzeihen, wenn ich diesen Irrthum zu berichtigen suche. Herr Oswald Gautier lebt so sicher, wie der Vater desselben, Alfons Gautier, todt ist. Sie wissen so gut wie ich selbst, daß er seine Carriére an der hiesigen Oper fortsetzte, die er im Chor der Kathedrale so rühmlich begann.«

Der Prälat war in zu großer Aufregung, um bei dieser Andeutung den Grimm nicht um seine Lippen spielen zu lassen.

»Ich kam zu Ihnen,« fuhr Mr. Hammer fort, »nicht als ein Feind von Ihnen oder der Kirche, oder als ein Mandatar des jungen Gautier, der als Erbe seiner bedeutenden Güter allerdings bald vor Ihnen erscheinen dürfte – ich kam vielmehr als ein solcher, der Ihnen die Hand zu bieten hat, um der heiligen Kirche ein Vermächtniß zu erhalten, zu welchem sie so dringend berechtigt ist. »Diese letzten Worte sprach er nicht ohne die gehörige Ironie, die aber unter dem sanften Ton, womit sie gesprochen waren, dennoch versteckt blieb.

»Wohlan,« antwortete der Jesuit, »lassen Sie hören.«

»Vor Allem habe ich Sie zuerst um Vertrauen zu bitten, denn da wir gemeinsames Interesse vertreten – –«

Hier hielt er inne; bald aber sprach er zögernd weiter: »Das Vermögen des Herrn Gautier war sehr bedeutend –«

»Ja wohl, man sagte so,« fiel der Kirchenfürst ein, »jedoch kam zu uns niemals der kleinste Obol davon. Da Sie aber Alles über den Unglücklichen zu wissen scheinen, so werden Sie mir sagen können, wo es geblieben sein mag.«

»Schenken Sie mir Ihr Vertrauen,« erwiderte Hammer, »ich werde dagegen mit nichts zurück halten.«

Der Mönch wurde zutraulicher; wenigstens gab er seinem Quiriten, der in der carmoisinrothen Uniform die ganze Weile über wie eine Statue dagestanden hatte, einen Wink, worauf dieser sich entfernte. Dann schob er sein Sammetkäppchen zurecht, rückte den Stuhl näher an den Tisch und begann:

»Alfons Gautier und ich kamen aus dem nördlichen Frankreich zusammen hieher. Unsere Wege, obwohl uns nur ein gemeinsamer im Leben – zum Priesterstande nämlich – vorgezeichnet war, gingen auseinander. Ich nahm mich, getreu meiner Bestimmung, der in diesem Lande verwaisten Kirche an; er suchte sein Glück in den Armen der schönsten und verführerischsten Frauen und überhaupt in einer Lebensweise, die einen Reichthum indischer Schätze erforderte. Die geheimnißvollen Quellen der Mittel für solchen Aufwand hatten ihren Ursprung unzweifelhaft in New-York, indeß stand er auch mit Frankreich in geschäftlichen Verbindungen, die ihn oft lange Zeit von hier entfernt hielten. Als er einst nach einer langen Abwesenheit zurückkehrte, war sein schönes verlockendes Weib die Geliebte eines Andern geworden. Sein Haus fand er wieder in demselben prachtvollen Zustande, wie er es verlassen hatte, aber in Kopf und Herz war eine Verwüstung bei ihm eingekehrt, die ihn nicht ruhen noch rasten ließ. Er kehrte, von Reue gefoltert und gequält, in die Arme der Kirche zurück, und suchte Beistand und Trost bei mir, da ich der heiligen Mutter treu und auch sein Freund geblieben war.

Nach und nach beruhigte sich offenbar sein geängstigtes Gewissen dadurch, daß er der Kirche einen beträchtlichen Theil seiner Reichthümer, die nach seiner Angabe in Depositen und einem Baarfonds französischen Geldes bestanden, und daneben die Erziehung des Kindes, dessen Vater er war, übertrug. Das Kind führte er der Gesellschaft Jesu zu – ihn selbst aber sah man niemals wieder.«

»Ganz recht,« fiel Herr Hammer ein, »weil er vergiftet wurde, und zwar am andern Tage, nachdem er das Kind seiner Mutter entführt hatte.«

»Ist das möglich!« rief der Prälat und wurde auffallend zutraulicher.

»Wohin er selbst und sein Geld gekommen war, blieb ein Geheimniß; der Kirche wurde ihr rechtmäßiges Geschenk vorenthalten.«

»Können Sie mir nicht sagen,« hub der Bankier an, »auf welche Weise der Mann sein enormes Geld gemacht hatte?« 

Der Prälat zögerte eine Weile, dann warf er noch einen fixirenden Blick auf den fremden Eindringling und sprach mit etwas zitternder Stimme:

»Sein Geschäftslocal war in der damaligen Orangenstraße New-Yorks, jetzt Baxterstraße genannt. Es war ein dunkles Gewerbe, was er trieb, und zur Sühne desselben wollte er seinen Erlös dafür der Kirche überweisen. Ich habe es nicht zu verantworten, wenn seine arme Seele keine Ruhe findet, weil er nicht erfüllt hat, was er gelobte.«

»Können Sie mir die Nummer des Hauses nicht nennen?« fragte Hammer hastig, denn die Bezeichnung der Straße, seiner Straße, für ein »dunkles Gewerbe« versetzte ihn in nicht geringe Aufregung.

»Das kann ich nicht,« entgegnete Fontinac, »aber ich weiß, daß der Platz jetzt im Besitz eines gewissen Herrn Hammer ist, der ein Wechselgeschäft in dem Hause unterhält.«

»Ist das wirklich so?« murmelte Hammer zwischen den Zähnen.

»Er bekannte wenigstens so, um sein angstgepreßtes Herz zu erleichtern.«

»Und welcher Art von Geschäft war das seine?« fragte Hammer, anscheinend ziemlich gleichgültig.

Fontinac blickte im Raume umher, und als er sah, daß nur sie Beide zugegen, lautete die einfache Antwort:

»Falschmünzerei!«

Der Prälat hatte mit diesem einen Wort den Häuptling einer ganzen Bande überwunden. Die Polizei-Gensd'armen des Himmels und der Erde hatte er, ohne es selbst zu wissen, vor die Augen des Sünders beschworen. Also er – Harrison Hammer – war der Nachfolger Gautier's, desselben Gautier, der sich durch ein unehrliches Gewerbe in den unterirdischen Räumen seines eigenen Hauses Schätze herausgeschlagen, Schätze, die ihm am Ende seiner Laufbahn nichts als die Ruhe im Grabe erkaufen sollten.

Wahrlich! der große Bankier und Falschmünzer-Häuptling war in einem Augenblick zum Philosophen geworden.

»Wie konnte ihm das Geschäft so viel abwerfen?« fragte der Falschmünzer, in welchem der Geist der Ungenügsamkeit aufstieg.

»Einen großen Absatz für seine Münze fand er auf dem französischen Geldmarkt, bis er dort zuletzt verdächtig und arg verfolgt wurde.« Von dem Nachmachen der eigenen Landesmünze, der amerikanischen, sprach Fontinac nicht, weil er sich dadurch des Verbrechens als Hehler geziehen haben würde.

»Wo aber ist das Geld geblieben?' fragte Hammer, den die Schrecken der Hölle etwas verlassen hatten, indem er einen verdächtigen Blick auf die Taschen des alten Mannes warf.

»Das ist, was ich von Ihnen zu wissen wünsche.«

»Wer weiß, vielleicht finden wir die Spur, die zu den Schätzen führt,« war Mr. Hammer's Antwort.

Ueber Fontinac's Antlitz glitt ein Schimmer von Hoffnung; er fuhr annähernder fort: »So viel ist mir bekannt, daß seine Depositen auf den Namen einer Mrs. Granger lauteten, einer immense reichen Dame, die, wie man sagte, ihm ihre Liebe geschenkt habe.«

»Diese Dame ist längst todt,« erwiderte Hammer; »sie ist ohne leibliche Erben gestorben; aber wenn ich nicht irre, war ein Cousin gleichen Namens der glückliche Nachfolger in ihren Besitzthümern.«

»Die würden demselben, so weit sie zu den Depositen belangten, durch einen Revers wieder zu entreißen und an die rechtmäßige Erbin, die Kirche, zu bringen sein,« sagte der Priester halb triumphirend. »Die Dame stellte diesen Revers in aller Form an Gautier aus, und dieser legte ihn in meine Hände. Nun ist aber die Hauptfrage die: Wo sind die Depositen? In dem Nachlaß der Dame fanden sich keine vor. Eben so wenig ist uns auch Auskunft über den Baarbestand in Gold und Silber zu Theil geworden, trotz der schärfsten Nachforschungen.«

»Wo befindet sich denn der?« fragte Hammer.

»In dem Versteck eines Gewölbes hatte er ihn verborgen,« lautete die Antwort.

»Etwa in dem Hause der Baxterstraße?« fragte er begierig.

»Nein, in einem andern, das im westlichen Theile der Stadt liege, sagte mir Gautier einst in Vertraulichkeit.«

»Vielleicht in dem Hause der Mrs. Granger dem Geisterhause selbst?« forschte der Falschmünzer.

»Nein, dort nicht,« bemerkte Fontinac. »An einer ganz andern Stelle, hat Gautier mir gesagt.«

Dem Häuptling ging ein Licht auf. – Ein Gewölbe existirte allerdings im westlichen Theile der Stadt, das durch einen schmalen unterirdischen Gang mit der Hauptwerkstatt der Falschmünzer in der Baxterstraße in Verbindung stand und nur im höchsten Nothfall zum Hinterhalt bei einem Rückzuge der Gesellen vor der Polizei diente. So lange Hammer der Chef dieser noblen Bande gewesen, war dieses Verließ nicht nur unbenutzt geblieben, sondern auch beinahe in Vergessenheit gerathen, denn niemals hatte ihm geahnet, daß es noch Schätze bergen könne. Der edle Hauptmann glaubte, seine Göttin Fortuna höchstselbst lächeln zu sehen; wenigstens merkte er sich genau ihren holden Wink. Der geeignete Zeitpunkt war mehr denn je erschienen, um die Werkstatt nach dem Sicherheitsort, der bis dahin so unwichtig für ihn war, zu verlegen. Das Verlassen der alten Höhle war ohnehin rathsam, da das Geheimniß ihrer Existenz weniger tief, als er geträumt hatte, denn nicht allein, daß die Diener der Kirche um dasselbe wußten, auch die Diener der Polizei schienen nach der letzten bedenklichen Affaire am Tage vor der Abreise des Agenten Mr. Granger's mehr Wind, als ihm lieb war, davon bekommen zu haben.

Mr. Hammer zog an seiner schweren Kette die goldene Uhr hervor und erschrak, als er darauf wahrnahm, daß die Zeit so weit vorgerückt sei.

»Ew. Hochwürden entschuldigen, daß ich Hochdieselben so lange belästigte. Ich werde die Ehre haben, zu einer geeigneteren Zeit wieder vorzukommen, um unsere Angelegenheiten weiter zu besprechen. Der heiligen Kirche soll ihr Vermächtniß werden, dafür lassen Sie mich sorgen.«

Der schlaue Geldwechsler hatte sein Calcül gemacht. Eliot Granger, mitsammt seinem unrechtmäßigen Reichthum, – die hellklingende Münze ächten französischen Silbers und Goldes, zu welchem er und nur die Vornehmsten seiner Untergebenen den Schlüssel kannten, – das enthüllte Geheimniß der Geburt des Sängers, des Lieblings der schönen Welt von New-Orleans Alles nun in seinem Besitz! Fürwahr, der Weg zu den Schätzen Krösus' war ihm geöffnet. Der Bankier hatte Recht: Fortuna lächelte! Die Actien standen so hoch wie noch nie! Aber – –

»Der Mensch denkt, und Gott lenkt!« sagte Joseph Fontinac, in tiefes Nachdenken verloren. Dann hob er sein gesenktes Haupt langsam in die Höhe, und versuchte von seinem Sitze aufzustehen, indem er sich an dem Tische festhielt. »Thun Sie, was in Ihren Kräften steht, Herr Smith« (dies war der Name, der auf der abgegebenen Karte stand), und der Segen des Himmels und der Kirche wird Sie begleiten.«

»Mehr verlange ich auch nicht, hochwürdiger Herr. Ich hoffe, Ihnen bald den Schlüssel, der die Depositen einschließt, in den Schooß werfen zu können. Für heute und morgen nur beurlauben Sie mich gnädigst, da meine regelmäßigen Geschäfte hier mich in Anspruch nehmen.«

»Allerdings! allerdings!« antwortete der Prälat.

Der Agent nahm seinen glänzenden Kastorhut, den er im Eifer der Rede neben sich auf die Erde gesetzt hatte, auf, drehte ihn rund um, glättete den Plüsch desselben mit seinem Aermel, nahm dann seinen Stock mit dem gediegenen Goldknopf, und empfahl sich unter außerordentlichen Höflichkeitsanstrengungen auf baldiges Wiedersehn! 



14.

Der Sänger.

Mit beflügelten Schritten eilte der triumphirende New-Yorker Hauptmann und Bankier nach dem Telegraphenbureau, um an die angegebene Adresse in der Wallstraße für Mr. Eliot Granger in New-York eine Depesche folgenden Inhalts zu dirigiren.

»Schaffen Sie mir Vollmacht, den berühmten Sänger Oswald Gautier zu zwei oder drei Gastrollen für die dortige Oper zu engagiren.

John Jackson Smith.

St. Charles-Hôtel in New-Orleans.«

Darauf begab er sich schnell in sein Hôtel, nahm leibliche Speise und Trank zu sich und schrieb dann einen Brief, der, wenn ich ihn auch wörtlich hier wiedergeben wollte, von meinen geehrten Lesern, so lange sie nicht wenigstens dem Orden der Falschmünzer selbst angehören, nicht verstanden würde. Wie sehr hätte der Schreiber gewünscht, seine geheimnißvolle Spitzbubensprache mit den zuckenden Blitzstrahlen des Telegraphen aussprechen zu können, allein da dieser nur in Zungen redet, die wenigstens allgemein verständlich gemacht werden können, so mußte er den langsamen Postweg wählen, um an einen seiner Verbündeten, der ihm im Range zunächst stand, eine Depesche geheimsten und wichtigsten Inhalts sich selbst vorausgehen zu lassen. Diese Depesche enthielt nämlich den Befehl für seine Bande, auf dem unterirdischen Wege in westlicher Richtung zum sichern Zufluchtsort zu ziehen. Die Oeffnung, die dahin führte, war freilich schwer zu finden, um so mehr, da die dunkeln Gesellen weder etwas von Osten noch Westen in ihrer Grotte wußten. Der Hauptmann aber versäumte es selbst für diesen Fall nicht, sie auf die Hülfe des Compaß zu verweisen.

Obwohl dieser Brief auch selbst offen und gelesen, dennoch verschwiegen wie das Grab war, versiegelte er ihn ungeachtet dessen mit außerordentlicher Vorsicht, adressirte ihn an »Harrison Hammer, Exchance & Collection Office in New-York,« weil Briefe, mit solcher Adresse versehen, von seinem Stellvertreter erbrochen wurden, – berechnete genau, daß derselbe in sieben bis acht Tagen die kleine gesegnete Schwelle seines Hauses erreichen könnte, und trug ihn selbst so hurtig wie möglich der Postanstalt zu.

Den Rest des Tages brachte er damit zu, sich die sonnige Crescent City noch einmal anzuschauen, so recht con amore durch ihre Straßen zu schlendern und am Ende sich das Zeugniß der Selbstzufriedenheit über die den Tag über sich selbst und Anderen geleisteten Dienste auszustellen.

Am andern Morgen früh erreichte ihn schon per Telegraph die Antwort von New-York auf die gestern Mittag telegraphisch abgesandte Anfrage um ein Engagement des Sängers Gautier. Es hieß darin:

»Sie würden uns zu Dank verpflichten, wenn Sie sich die Mühe geben wollten, den Tenor Herrn Oswald Gautier für die Saison unserer hiesigen Oper oder doch wenigstens für einige Parthien deutscher und italienischer Schöpfungen zu gewinnen. Die Bedingungen mag der Sänger gefälligst stellen.

Max Maretzcek & Comp.,

Opern-Unternehmer in New-York.« 

Mit diesem eben so interessanten als wichtigen Auftrage in der Tasche eilte Herr Harrison Hammer, unter der Firma eines New-Yorker Agenten für auswärtige Theaterangelegenheiten, in die Rue Olivier von New-Orleans. Der Geschäftsmann hatte lange zu suchen, da er die angegebene Nummer des Hauses und den Namen des Sängers auf einer kalten blanken Silberplatte an einer breiten und gebohnten Thür zu finden hoffte.

In einem üppigen Blumengarten, der unmittelbar an diese Straße stieß, träumte ein reizendes Häuschen. Es war so ganz in dem Geschmack eines italienischen Kunsttempels erbaut, in weißem Marmor, einer Front mit Arkaden und zur Seite Nischen, darin Musen oder Liebesgötter Wacht hielten. Tropische Gewächse mit ihrem schweren dunkeln Blätterwerk und schlank und weich emporgeschossene Farrnkräuter bildeten einen Hain voll Licht und Schatten rings umher, und umhüllten es mit ihren leichten Ranken und Zweigen, als wollten sie in liebender Umarmung es fern der übrigen Welt halten. Glänzende Vögel mit buntem und goldigem Gefieder, deren Farben sie der sonnigen Pracht des Südens allüberall entlehnt, hatten sich diesen Hain zum Wohnsitz auserwählt und ihre Nester darin aufgebaut. Sie lauschten, sie selbst, die gefiederten Sänger der Lüfte, mit gesenkten Köpfchen jenen wundersam süßen Melodien und Tönen, die an so manchen Abenden im Mondenscheine bis oft spät nach Mitternacht unter den Marmorhallen hervorklangen.

Und diese Lieder! wem Anders konnten sie angehören als Oswald Gautier? Hier war es, in dieser stillen Abgeschiedenheit, wo er sie aussang mit jenem Wohllaut der Stimme, der alle Herzen bezauberte, und mit jenem schmelzenden Klagelaut der Seele, der alle Sinne so verwirrte. Hier war es, wo er sie sang zur Begleitung seiner goldenen Harfe, in deren Saiten er mit Zaubergewalt griff, daß Alles erbebte.

In dem hohen Chore der Kathedrale hatte er schon früh die Kunstfertigkeit des Sängers erlangt; ein schöner italienischer Mönch hatte ihm die ersten Töne und dann die Triller und Läufe gelehrt. Zu den kalten Formen der dämmerigen, gothischen Hallen war die melodische Stimme des Knaben erklungen und hatte die Andacht, diese Sehnsucht des Geistes, hinaufgelockt zu den Sternen. Seine eigene blieb da unten in der irdischen Heimath, die ihm in dem Herzen der Mutter, in der Liebe eines Vaters verloren gegangen war und die er seitdem suchte mit einer Wehmuth und einem Schmerze, von dem die Töne seiner klangvollen Brust Kunde gaben. Aber nicht mehr gaben sie Kunde in dem eingeschlossenen Raume jener dämmerigen Glaubenshallen, nein, Kunde fortan in dem frischen Blüthenhain, einem Hain für sterbende Nachtigallen.

Und aus diesem Hain ließ die Nachtigall sich entlocken in die menschengefüllten Säle, dort ihre Triller zu schlagen. Ach, wie bange ward ihr um die reiche Liederbrust, wenn ein Lichtmeer des Glanzes sie umstrahlte und das rauschende Getöse der Bewunderung sie umwirbelte! –

Scheu und ängstlich flatterte sie zurück zu dem stillen Hain, der Heimath seiner Lieder, wie sie auch immer wieder und wieder daraus entlockt wurde.

Heute erschien ein Vogelsteller in der häßlichen Gestalt des Herrn Hammer, der sich als Agenten des weltbekannten Herrn Max Maretzcek hatte anmelden lassen. Oswald hatte gerade den Kopf an die geschwungene Säule der goldenen Harfe gelehnt, als er eintrat. Sein Anblick erregte in der prosaischen Seele des Mannes eine solche Ehrerbietung, daß er sich in einer gewissen Entfernung zurückhielt. War es die Erscheinung eines so frischen, rosigen Jünglings wie Oswald, oder der magische Zauber, der eine Künstlernatur wie die seine umgiebt, der für einen Moment jedes ihr fernstehende Element in Bann hält und sie vor rauher Berührung schützen will, so lange es möglich ist.

Mr. Hammer würde es weit vorgezogen haben, nach seiner stummen Verbeugung mit einem Brief in der Hand vor den Sänger treten zu können, anstatt ihn anreden zu müssen. In der That die Worte fehlten dem sonst so geschwätzigen Helden.

»Was wünschen Sie?« fragte Oswald mit freundlichem Lächeln, und trat dem Fremden gastlich entgegen.

»Ich habe –, ich habe einen Auftrag,« stammelte Hammer, »dessen ich mich entledigen möchte.«

Oswald bot ihm den Platz in einem Sessel und setzte sich in die Ottomane ihm gegenüber, indem er sprach: »Und der wäre?«

»Es betrifft eine Einladung an Sie von der New-Yorker Oper.«

»Ich beabsichtige New-York in der geschlossenen Saison zu besuchen;« antwortete Oswald.

»An der dortigen Oper finden ausnahmsweise Aufführungen auch außer der Saison statt, und da das Publicum sich nicht länger gedulden will, Sie zu hören, so hat Herr Maretzcek mich beauftragt –«

Mit einer Schüchtern- und Bescheidenheit, die man sonst an dem Bankier aus der Baxterstraße nicht gewohnt war, blieb er mitten im Satze stecken; dann zog er die Depesche, die ihm eben zugegangen war, aus der Brieftasche und überreichte sie dem Sänger. Dieser las sie, faltete sie wieder zusammen, gab sie dem Fremden zurück und sagte entschlossen:

»Ich werde kommen, sagen Sie den Herren Directoren, ich werde kommen;« dabei war der Jüngling von seinem Platz aufgesprungen und hatte gewissermaßen das Zeichen gegeben, daß die Sache abgemacht und der Agent verabschiedet sei.

Mr. Hammer erhob sich ebenfalls von dem kaum eingenommenen weichen Sessel, und sagte etwas kleinlaut:

»Ihre Bedingungen?«

»Sind nicht nöthig,« war die eben so geniale als lakonische Antwort.

»Aber Bedingungen erfordert doch jedes Geschäft,« bemerkte der erstaunte Geschäftsmann.

»Mag sein; ich habe keine Bedingungen und will auch an keine gebunden sein. Ich komme, das ist genug. Bevor ich abreise, will ich mit den Herren Directoren mich in Verbindung setzen, Ihnen sagen, welche Parthien ich singen werde, das ist Alles.«

»So hoffe ich, daß Sie sich bald entschließen,« sagte Hammer zögernd.

»Vielleicht morgen,« erwiderte Oswald, »vielleicht in vierzehn Tagen, ich kann das nicht so lange voraussagen.«

Der Sänger nahm die Einladung auf eine offenbar viel leichtere Schulter, als Mr. Hammer gewünscht hatte. Diese unbestimmte Zusage würde auch selbst Mr. Granger nicht befriedigt haben. Der geschäftige Agent nahm daher einen neuen Anlauf und suchte Oswald Gautier zu bestürmen, entweder einen Contract in optima forma zu machen, oder auf dem allerkürzesten Wege gar die Reise gleich direct mit ihm anzutreten.

»Zudringlicher Geselle der!« dachte Oswald, war aber zu bescheiden, es laut auszusprechen.

»Mein Herr, die Sache ist abgemacht!« gab er mit großer Entschiedenheit zur Antwort, und machte eine Handbewegung, die ernstlich andeutete, daß er nicht länger incommodirt sein wolle.

Der Agent sah sich von dem leichten und vornehmen Wesen des Künstlers überwunden. An ein weit hergeholtes Gespräch mit ihm, wobei das Aushorchen von Familien-Mysterien ein Hauptmotiv bildete, war nicht zu denken, und es blieb ihm nichts übrig, als nach Hut und Stock zu greifen und Lebewohl zu sagen.

»Die Actien sinken!« dachte der Bankier aus Baxterstreet, schlich durch den Garten des kleinen Paradieses, und trat seine Wanderungen an, auf welchen wir ihn glücklicher Weise nicht mehr zu begleiten haben. –        



15.

In der New-Yorker Gesellschaft.

Es ist Zeit, daß wir wieder in die New-Yorker Gesellschaft zurückkehren. Dort haben wir es wenigstens mit zwei wahrhaft harmlosen und glücklichen Menschen zu thun. Wir erinnern uns ihrer; sie haben ja nicht umsonst mit den blauen Vergißmeinnicht am Bache gespielt. Die kleinen Augen der Blümchen, die das erwachende Glück der zwei jungen Liebenden dort erschaut, sie haben es nicht weiter erzählt, und auch Philipp und Maria selbst haben darüber geschwiegen, aber


»Die Liebe, noch so stille gehegt,
Doch bald, gar bald aus den Augen schlägt.«


Warum sollten die beiden Herzen auch länger verbergen, was sie so glücklich, so selig machte!  

Zwei Herzen, die dem Leben mit so harmonischem Einklang entgegenjauchzten, – sie mußten den Müttern, den Freunden und der Welt verkünden, daß sie sich liebten, daß sie glücklich seien, wie zwei fröhliche Kinder, und daß – nun ja – und daß sie heirathen wollten – vielleicht schon früher als über's Jahr.

Philipp war daher eines schönen Morgens, als Mrs. Montague mit ihrer liebreizenden Tochter Maria aus dem Bade von Saratoga in die Stadt zurückkehrte, auf der Flügeln der Liebe zur glücklichen Mutter geeilt, um ihr die Erklärung von den Intentionen zweier jugendlichen Herzen mit eben so vielem Humor als großer Feierlichkeit abzulegen.

Der reichen Wittwe Montague konnte nichts erwünschter sein, als eine Verbindung ihrer einzigen Tochter mit dem eben so wohlhabenden und fashionablen Mr. Philipp Temple. Der junge Mann hatte eben so wohl das Herz der Mutter als der Tochter gewonnen.

Seine ewig gute Laune, seine frühzeitige Unabhängigkeit in geschäftlichen Dingen, sein freies, keckes und zugleich energisches Wesen gaben der klugen Weltdame, die eine scharfe Beurtheilung für solche gute Eigenschaften und deren Tragweite hatte, eine sichere Gewähr für die »gute Wahl« der Tochter. Es war daher nicht zu verwundern, wenn Mrs. Montague den geliebten Sohn in ihm ohne große ceremonielle Förmlichkeiten in und an ihr Herz schloß, und dabei beschloß, dem Kreise ihrer theilnehmenden Freunde, die während der Intervalle in der Badesaison in der nächsten Woche alle in der Stadt sein würden, eine heitere Soirée zu veranstalten und die Verlobung ihrer Tochter mit Mr. Temple feierlich anzukündigen.

Es war bisher in der eleganten Gesellschaft New-Yorks kein Styl, lange vor den Hochzeiten Verlobungen festlich zu feiern; allein Mrs. Montague war genial genug, von den häufigen Regeln dann und wann einmal eine Ausnahme zu machen und die eine oder andere Sitte zu adoptiren, welche die »Fremden,« d. h. die eingewanderten Deutschen oder Franzosen guter Erziehung, aus ihrer alten Heimath mit herübergebracht hatten. Auch wäre es ihr durchaus nicht angenehm gewesen, eine passende Gelegenheit zu einem schönen Feste unbenutzt vorübergehen zu lassen, denn Mrs. Montague liebte es vor allen Dingen, ihre Freunde so häufig wie möglich um sich zu versammeln und ihren Luxus mit gutem Geschmack in ihren gastlichen Räumen zu entfalten. 

Während wir die Mutter, mit diesen und anderen Gedanken beschäftigt, allein lassen, sehen wir den fast verklärten Philipp sich zu den Füßen seiner schönen Verlobten schmiegen und wie im Rausche der Seligkeit ihr das Geständniß seiner Liebe mit der Beredtheit wiederholen, zu der die Jugend befähigt wird, wenn die Fülle von Wonne und Gefühlen im Herzen überströmt und der rieselnde Quell seinen sanften Nachhall findet in dem lächelnden Thal, wo die blauen Vergißmeinnicht ewig blühen. Die junge Braut lächelte still und ließ es geschehen, daß er sie ungestüm in seine Arme preßte und den Kuß der Verlobung auf ihre rosigen Lippen legte. Dann schied er von ihr, um sie den süßen Traum ihres ganzen seligen Liebesglücks träumen zu lassen, und auf den Schwingen dieses Glücks zur Mutter und Schwester zu eilen, die daheim saßen und – wie man zu sagen pflegt – an nichts dachten.

»Maria ist meine Braut,« jubelte Philipp, als er wie ein kleiner Sturmwind in das elterliche Haus flog. »Maria ist meine Braut,« wiederholte er, ehe er sich noch des Schlosses an der Thür des Parlours bemächtigt hatte, um sie zu öffnen.

»Was ist da geschehen?« rief Margaretha und sprang erschrocken über den Ungestüm ihres Bruders von der Seite des Herrn Warner auf, da sie die Worte Philipp's nicht verstanden hatte.

»Was ist mit Dir, Philipp?« rief sie ihm entgegen.

»Du fällst ja mit der Thür in's Haus!« sagte Mr. Warner in gemessenem Tone.

»Du hast ein Schwesterchen, Margaretha!«

»Was sagst Du, Philipp?« fragte die Mutter indem sie ihre goldene Brille von dem Nasenzipfel herunterfallen ließ und die Hände mitsammt ihrem Arbeitszeuge erstaunt in den Schooß legte. Philipp war schon auf die Mutter zugeeilt, hatte sie in seine Arme geschlossen und auf die Stirn ihr den Kuß gedrückt.

»Dir, liebe Mama, führe ich eine zweite Tochter zu,« antwortete der Sohn mit einem Ausdruck unaussprechlicher Seligkeit.

»Maria Montague?« fragte sie lächelnd.

Philipp nickte blos mit dem Kopf, aber küßte sie wieder. Und die Mutter küßte ihn auch, und zwar mit jener Herzlichkeit, mit der nur eine Mutter küssen kann.

Margaretha stand schweigend und blickte vor stummer Verwunderung nur Philipp an. Da plötzlich schoß eine Thränenfluth aus ihren Augen, und an das Fenster tretend, erblickte sie Granger, der sich der Thorschwelle näherte, um die Klingel zu ziehen.

»O Mr. Granger!« sagte sie, »gerade zu dieser ungelegenen Stunde.«

»Wir ließen ihn besser nicht vorkommen,« wandte die Mutter ein.

»O laßt alle Welt kommen und wissen, daß ich heute ein König bin, König aller glücklichen Sterblichen,« und Philipp eilte zur Thür, Granger zu empfangen.

»Eliot! Eliot! Maria ist mein!«

»Das wußte ich längst, mein Freund!« erwiderte Eliot und reichte ihm die Hand. »Ich gratulire und wünsche baldige Hochzeit.« Dabei warf er einen Seitenblick auf Margaretha, die noch immer still und in Thränen dastand.

Warner schien diese Thränen nicht zu bemerken – oder wollte er sie nicht bemerken? – Er sprach mit der Kälte eines blasirten jungen Mannes die Gratulation zur Verlobung Philipp's aus, blickte nach der Uhr, und beeilte sich, von Margaretha Abschied zu nehmen, indem er sie küßte und bei der Gelegenheit ihr Einiges in's Ohr flüsterte, daß, wie Mr. Granger selbst glaubte, Bezug auf ihn habe.

»Mr. Warner wird eilen, die große Neuigkeit möglichst schnell dem Kreise unserer Freunde mitzutheilen. Daß er dabei Mrs. St. Just nicht vergessen soll, wird man wohl nicht erst zu erinnern brauchen.« Mr. Granger sagte das mit einem hämischen Sarkasmus.

»A propos vergessen Sie dann auch nicht,« fuhr er im leichten Conversationston fort, »ihr zu erzählen, daß die Oper neue Reizmittel erhält. Ein wahres Zugpflaster für die kunstliebende Welt, Monsieur Oswald Gautier, ist im Anrücken. Mr. Maretzcek erzählte mir so eben, daß er schon in den nächsten Abenden in Norma oder Stradella, später dann vielleicht auch im Freischütz und in anderen deutschen Opern auftreten werde.«

Warner übernahm schweigend den ominösen Auftrag, ohne dabei eine gewisse Befangenheit verbergen zu können. Dann empfahl er sich.

Margaretha sah ihn scheiden, ruhig und ernst mit einem Auge, dessen eben geweinte Thränen es schöner denn je erglänzen ließen. Sie selbst stand da in der Majestät eines nach und nach über sie gekommenen, aber schmerzlich errungenen Bewußtseins, dessen Stimme in ihrem Innern fort und fort flüsterte: Wir haben uns nie geliebt! – –

Sie schritt siegreich wie eine junge Heldin, die das Heiligste, was sie besitzt, die Freiheit ihres Herzens, gerettet hat, zum glücklichen Bruder, der in ein Gespräch mit der Mutter sich vertieft hatte, umarmte ihn mit Innigkeit und sagte: »Du wirst glücklich sein, denn Du liebst und wirst wieder geliebt.«

Eliot beobachtete den Sturm, der ihr Inneres bewegte, und ein Triumph strahlte aus seinen Mienen.

Unser Held war keine von jenen leicht entzündbaren Naturen, die, wie die Wasserlilie von jedem Westgesäusel bewegt, von der Koketterie gefallsüchtiger Mädchenherzen erregt wird; deren Pfeile hatten an Eliot Granger ihre Spitzen verloren. Aber die Natürlichkeit eines Wesens wie Margaretha's hatte auf ihn noch einen nachhaltigen Eindruck geübt, und der Gedanke, sie wirklich zu besitzen, schlich über das düstere Herz dieses Mannes. Seit Monaten war es sein Streben, das junge Weib in den Zauberkreis seiner magischen Gewalt zu ziehen. Seit Monaten hatte er durch gifthauchende Einflüsterungen die Herzen der Verlobten gegenseitig zu entfremden gesucht und den Hang Harry's zur Treulosigkeit durch allerlei intriguirende Einflüsse unterstützt. Jetzt war es geschehen. Der schwache, thatenlose Warner war dem Netze der routinirten Dame St. Just verfallen; der sanfte und natürliche Liebreiz, die stille Tugend Margaretha's hatten ihn nicht zu fesseln vermocht; seine ganze Liebe war nichts wie ein Rausch kurzer Bewunderung, der glücklicher Weise endete in der noch eben rechtzeitigen Erkenntniß Beider und in ihrem vollbewußten Ausspruch: Wir haben uns nie geliebt!

Seit Monaten hatte Granger keinem andern Gedanken mehr nachgehangen, als dem, Margaretha heimzuführen. An dem Tage des zehnten September, seinem Geburtstage, dem dritten Jahrestage nach dem Sterbetage der Tante, an jenem Tage, wo der geheimnißvolle Schrank im Geisterhause sich öffnen sollte, hoffte er sie seiner Hand priesterlich antrauen zu lassen, wollte er sie als sein Weib umarmen. Diese Hoffnung, dieser Beschluß standen so lebendig und fest in seiner Seele, daß kein Gott es hätte wagen dürfen, daran zu zweifeln. Mit der verglimmenden Asche des geraubten Heirathsdocuments war jeder Schuldbrief, wie er sich auszudrücken pflegte, zwischen ihm und Franziska Spezzia vernichtet; – der überlästige Bräutigam war, so weit es ihm einstweilen dienlich, beseitigt, und der Reichthum, diese Wünschelruthe des Glücks, sollte sich am geheimnißvollen zehnten September in solchem Maße verstärken, daß er Allem Trotz bieten könne, was seinen Wünschen sich noch irgendwie in den Weg stelle.

Und in diesem Siegesgefühl näherte er sich Margaretha, bot ihr die Hand, um sie in den anstoßenden Blumenerker des Parlours zu führen und auf die sich entfaltende Purpurblüthe des Cactus aufmerksam zu machen. Stolz und kalt wie Margaretha sonst den Männern gegenüber war, fühlte sie, – wie sehr sie es haßte – von diesem Manne eine gewisse Herrschaft über sich ausgeübt. Sie mußte ihm folgen, so wenig sie es auch liebte zu thun. Aber so magnetisch sie im ersten Augenblick von ihm angezogen werden mochte, so mächtig fühlte sie im andern sich von ihm abgezogen durch eigene Imagination und Willenskraft. Sie gab ihm ein Widerstreben kund, das er nicht liebte, ihm, dem sonst Alles sich ergeben mußte, was er mit dem Schlangenblick seines Auges in Bann hielt. Bei Margaretha war das anders. Die Reinheit ihrer Seele, die Freiheit ihres Herzens, die Offenheit ihres Wesens hielten dieser teuflischen Zauberei das Gegengewicht. Ein klares Bewußtsein hatte ihr nach und nach eine ungezwungene Haltung und eine Macht zum Widerstand verliehen. Dieser Widerstand nur reizte ihn und machten seine Wünsche lebhafter, glühender, seine Verfolgungen energischer.

Der zehnte September war bezeichnet in dem Familienarchiv des eisernen Schrankes im Geisterhause, als Geburts- und Sterbetag, warum nicht auch als Hochzeitstag? Dieser Tag, der überhaupt bestimmt schien, ein räthselhaftes Mysterium zu erklären, sollte das Buch seiner Ahnen noch mit einem Blatt bereichern, darauf seine glänzende Hochzeitsfeier mit Miß Margaretha Temple eingetragen stand.

So war es der Wille Eliot Granger's. Er wollte ihre Hand erzwingen – ihr Herz sollte sich ihm ergeben. Wo seine Kraft nicht ausreichte, mußte seine List angewendet werden.

Uebrigens hatte er schon längst bemerkt, daß er für heute wenigstens ein überflüssiger Gesellschafter in der Familie Temple sei, die den Eindrücken eines neuen Ereignisses sich augenscheinlich hingeben wollte. Auch mahnte die Stunde, in welcher er die Rückkehr des Herrn Harrison Hammer erwartete, den er – um es gerade herauszusagen – als Spion nach New-Orleans gesandt hatte, und der mit den für ihn interessantesten Aufschlüssen um diese Zeit ungefähr eintreffen mußte.

Nach einem, dem Scheine nach etwas kalten Abschiede von Margaretha und nach einigen warmen Freundschafts- und Glückwunschversicherungen gegen Philipp und dessen Mutter sehen wir unsern Helden sich dem Omnibus anvertrauen und den Weg nach seiner eleganten Wohnung zurücklegen.

Kaum in die Nähe derselben angelangt, bemerkte er einen ungewöhnlichen Zusammenlauf vieler Menschen. Nur mit Schwierigkeiten konnte er den Eingang seiner eigenen Thür erreichen. Ein Gemurmel, welches durch die Menge ging, ließ ihn alsbald auf eine vorgenommene Arretirung schließen. Er beeilte sich, des Schellenzugs an seiner Thür habhaft zu werden, und als sein Diener erschien, dieselbe zu öffnen, mußte er erfahren, daß Herr Harrison Hammer gerade in dem Augenblick, als er von New-Orleans zurückgekehrt, hier vor den Stufen seines Hauses von der Polizei verhaftet und einige Minuten nachher in's Gefängniß abgeführt worden sei. Die Fama hatte mittlerweile unter der neugierigen Zuschauermenge verbreitet, der Ertappte sei der Hauptmann einer gefährlichen Falschmünzerbande in Baxterstreet No.**.

Der Eindruck, den diese Mittheilung auf den Humor des Herrn Granger machte, war kein angenehmer, wie er sich selbst gestand, als er erhitzt und ermüdet sich auf die weichen Polster seiner Ottomane niederwarf.

Als der Diener nach seinen Befehlen zu fragen kam, verlangte er Eiswasser. Nachdem er eine silberne Kanne, deren Glanz von der Kälte ihres Inhalts matt geworden war, nebst einem silbernen Trinkbecher auf einer Schaale von gleicher Arbeit und Kostbarkeit gebracht und den hellsprudelnden Trank dem Gebieter dargereicht hatte, hieß Letzterer die Glasfenster noch öffnen, damit eine leichte Brise durch die halbgeöffneten Blenden der gegenüberliegenden Fenster streichen und die entsetzlich niederdrückende Hitze abkühlen könne.

Als die Stunde des Diners, das er im Astorhaus gewöhnlich einnahm, anrückte, wagte der Diener nicht, ihn mit der Erinnerung daran zu stören, um so weniger, da die Hitze von Minute zu Minute überhand nahm und Mr. Granger sich einer leichten Ruhe hingegeben zu haben schien.

Endlich erwachte er von seinem hinbrütenden Schlummer, da die Sonne schon tief im Westen stand. Neu belebt und mit größerer Energie in seinem Wesen raffte er sich empor, riß die Fenster auf, um die beim Sonnenuntergang vom Meer herüberwehende frische Luft mit vollen Zügen einzuathmen, dann warf er seine Kleider ab und legte mit Hülfe seines Dieners andere an.

»Musquito haben mich gequält,« klagte er, während er dies that, seinem galonnirten Martin. Aber Martin schwor, daß in dem ganzen Hause Mr. Granger's, das sorgsam kühl wie ein Eishaus gehalten werde, beim besten Willen keine Musquito zu leben im Stande sei.

»Ich sage Dir, Musquito waren's.«

»O, Grillen waren's,« dachte der Alte und widersprach nicht.

Welcher Gattung von stechenden Wesen diese Thiere in der Naturgeschichte wirklich angehören mochten, ich weiß es nicht; jedenfalls waren es solche, die sein Gewissen stachen und für eine kurze Zeit arg peinigten.

Aber auch nur für kurze Zeit, denn kaum eine Stunde später sehen wir unsern Helden elegant und kühn wie der Löwe des Tages über den Broadway eilen und auf dessen breiten Trottoirs mit den anderen Löwen Arm in Arm lustwandeln. 

Seine Laune, sein Witz sprudeln unaufhaltsam und bieten den Dandies mehr denn je Stoff zu lautem Gespött und Gelächter. Sie sind entzückt, die für diese Stunde alleinigen Beherrscher der New-Yorker Pflastersteine, sie schwingen ihre Scepter, die Reitgerten, hoch in die Luft und von heute an wetten sie darauf, daß Eliot Granger der nobelste Löwe und der geistreichste und coulanteste Mann von ganz New-York ist.

Um den Tag würdig zu beschließen, ladet er die ganze Gesellschaft zu einem flotten Champagner-Abend in Taylor's Salon ein, und Niemand denkt daran, daß mit der am heutigen Tage vorgenommenen und in allen Abendblättern zu lesenden Verhaftung des Wucherers und Falschmünzers Harrison Hammer, dem Löwen ein gewaltiger Strich durch die Lebensrechnung gezogen ist, –

Das Geschick Harrison Hammer's – – –?

Pah! um das, meinte der Löwe, brauche man keine Furcht zu haben. Den hilft sein diebischer Genius schon aus der Klemme. Aber wie mag es mit den Jungens da unten stehen? Das mögen die Dämonen selber wissen, ihn kümmerte es nicht. Wahrlich, die Sorge um Andere sollte dem Helden auch noch ein Haar bleichen!

Was eigentlich den großen Bankier aus Baxterstreet diesen unerwarteten Empfang im Stadtgefängniß vorbereitet haben mochte, – ich habe es niemals genau erfahren können. Oftmals bin ich geneigt gewesen anzunehmen, jener Brief, den der Hauptmann in seiner eigenthümlichen Kunstsprache von New-Orleans aus an seinen Stellvertreter gerichtet hatte, möge aufgefangen und von den schlauen New-Yorker Polizisten enträthselt worden sein. Denn von diesen Polizisten habe ich mir sagen lassen, daß es wahre Künstler und Schriftgelehrte darunter gebe, die die Sprache der Diebe so gut verständen, als ob sie ihre eigene sei.

Was die Gesellen anbetrifft, so hatten diese den in jenem Briefe befohlenen Rückzug nicht angetreten, denn zugleich mit des Hauptmanns Verhaftung, so hieß es, sei das ganze Nest, das man in einer tiefen Höhle in Baxterstreet gefunden, ausgenommen worden. –     



16.

Unter und über der Erde.

Dank der Rücksicht, die der Frevler eben so wohl wie der Gesittete noch bisweilen vor der Oeffentlichkeit zu nehmen hat, blieb der armen, aber noch immer schönen Signora Spezzia, die wir in einem Zustande der Verzweiflung verlassen haben, wenigstens für eine kurze Weile noch – für eine lange bedarf sie's nicht mehr – ihr Asyl in dem schrecklichen Geisterhause gewährt. – Nicht aus Rücksicht für sie, die sie so rücksichtsvoll im Leben war und so voll Güte und Liebe, daß sie eine Welt voll Liebe wieder hätte beanspruchen dürfen – nicht darum duldete der Besitzer des Geisterhauses ihr ferneres Dasein darin, sondern nur, weil er vermeiden wollte, »Aufsehen in der Oeffentlichkeit zu erregen.«   

Verschiedene Gründe hatten sie aus ihrem bis dahin bewohnten Boudoir vertrieben und eine einfach weißgekalkte Zelle in dem unbenutzten Flügel des großen Hauses seither bewohnen lassen. Nicht daß die unheimlichen Laute, die das ganze Gebäude durchtönten, sie hier weniger beunruhigt hätten, o nein, im Gegentheil; nur kündeten sie unmittelbarer die Nähe der Geister und ließen ihre Klagen weniger dumpf an ihr Herz schlagen. Hier züngelten nicht fortwährend die Flammen ihres Herdes, wie sie von dem letzten Rest ihres Trauungs-Certificats aufschlugen, nach ihrem armen Haupte, wenn es im brennenden Fieberwahn erglühte, hier hallten die Wände nicht nach von dem frevelhaften Hohn des Mannes, den sie geliebt, wie kein Weib wieder lieben kann, dem sie Alles hingeopfert und hingegeben, was sie besaß. Hier drangen die Erinnerungen weniger heftig auf sie ein als in ihrem ehemaligen Gemach, wo alle die Gegenstände die stummen Zeugen ihrer entsetzlichen Noth und Verzweiflung waren. Ihr jetziges Gemach lag neben dem großen Sterbesaal der Tante und war durch eine dicke Wand von diesem getrennt. An eben dieser selben Wand, auf einem kraß-weißen Hintergrunde, hing ein Crucifix von schwarzem Ebenholz, ein altes italienisches Kunstwerk, dem einzigen, was sie neben ihrem scharfgeschliffenen Dolche aus ihrer theuren, himmlisch-schönen Heimath noch besaß. Um dieses dunkle Bildniß hing anmuthig geschlungen ein welker Kranz von blauen Ernteblumen und Aehren, die sie sich auf ihrem letzten Gange in's Freie zusammengerafft hatte. Vor demselben stand ein hölzerner Betschemel, und auf diesem lag hingegossen die trauernd schöne Magdalena, Franziska Spezzia selbst. Ihr dunkles langes Haar war aufgelöst und umschattete ihre Gestalt in dem weiten, faltenreichen, blendend weißen Nachtgewande. Man glaubte sie schluchzen zu hören, aber doch, sie weinte ja nicht, sie betete nur. Ihr Auge, bar des Glanzes, mit welchem es unter der ungetrübten Bläue ihres südliches Himmels sonst gestrahlt, richtete sich unverwandt zum Bilde ihres Erlösers, und das Geisterklopfen in der Wand, dumpfe Schläge wie die eines werkthätigen Hammers, schreckten sie nicht mehr, wie sehr sich dieselben auch seit den letzten Tagen verstärken und verdoppeln mochten. Sie fürchtete ja nichts mehr; ihr zweites Kleinod, das bekannte Stilet, lag ruhig in einem kleinen Wandschrein neben ihrem Crucifix, dem Symbol des ewigen Friedens. O nein, sie fürchtete nichts mehr auf dieser Welt, nur das Eine, und darum betete sie ja Tage und Nächte, daß es sich erfüllen möge.«

»Und was war dies Eine?«

Sie hatte im fernen, schönen Vaterlande noch einen Freund, der zugegen war, als eines Tages vor dem Aufgang der Sonne in der kleinen gothischen Capelle zur heiligen Jungfrau in Florenz von einem alten Mönch ein Trauungsact vollzogen wurde. An diesen Freund hatte sie sich auf den schwierigsten Umwegen gewendet, um einen Auszug aus dem Register dieser Capelle, der ihre Trauung an jenem Tage mit Herrn Eliot Granger bekundete, zu erlangen.

Aber der Weg war so weit, die Zeit schon lange her, und der Freund konnte längst gestorben, der Bund zweier Herzen ausgelöscht sein wie ihre Liebe. Auch war es so schwierig für sie, die sie ja keine befreundete Seele in dieser fremden Welt hatte, so hülflos und allein einen Brief nur zu befördern, und noch schwieriger, einen zu empfangen. In dieser Noth hatte sie sich eines einzigen schönen und ehrlichen Antlitzes erinnert, und auch seines Namens war sie sich noch dunkel bewußt. Es war Philipp Temple an ihn richtete sie ihre Bitte, daß er die Antwort ihres nach Florenz gesandten Briefes entgegennehme und dieselbe als ein Heiligthum bewahre, bis sie sie abfordern lasse. Für diesen Dienst hatte sie eine jener mürrischen Dienerinnen gewonnen, deren Bekanntschaft wir ja schon vor drei Jahren, bei der Unterzeichnung des Testaments der Tante, gemacht und deren Aeußeres wir so harmonisch mit dem des Geisterhauses erachtet hatten.

Ihr jetziger Aufenthaltsort war daher dem ihr vom ersten Augenblick an ergebenen Freunde ein Geheimniß geblieben. Er forschte auch nicht weiter nach demselben, aus Hochachtung vor ihr.

Seit Wochen, ja seit Monden schon hatte sie mit einer Fieberangst auf diese Antwort geharrt. Tage und Nächte hatte sie darum gebeten, daß der Trauungsschein eintreffen möge, der die eheliche Geburt ihres Kindes bezeugen könne.

Nur diese Antwort – nur diese, bevor sie ihr Kind gebar.

Für den Augenblick lag die ganze Sühnung ihres furchtbaren Geschicks in der Erlangung dieses für sie so wichtigen Documents. Es war, als ob die guten Geister sie mit diesem Trostmittel in Schlummer wiegten und alle diejenigen der Rache sich ergeben hätten. Nur einmal noch flammten sie auf in dem Hirn der Italienerin zur wilden Raserei, und zwar als Mr. Granger, unverschämt genug, an ihre Thür trat und zum Besuche sich anmelden ließ. Die Antwort, die sie seiner Anmeldung entgegnen ließ, machte ihm begreiflich, wenn er es bis dahin noch nicht gewußt hatte, daß er tief verachtet – ja gehaßt werde, da, wo er einst geliebt und angebetet wurde. Des Weibes Hoheit und Stolz – der Italienerin Leidenschaft und Rache, die nur zu schlafen schien, hatte er aus dieser Antwort nicht nur kennen, sondern auch fürchten gelernt, er, der bisher nichts gefürchtet hatte. Er vermied es, der »Aufregung in der Oeffentlichkeit« wegen, sie wieder zu bestürmen. Es war eine Wohlthat für sie, daß er es that. –

Die Einsamkeit ihrer öden Zelle war eine furchtbare Mitgift ihres Schmerzes. Aber der Schlaf half ihr die Einsamkeit tödten – der Schlaf, der sich so mitleidig auf ihre todtmüden Wimpern senkte und ihre Schmerzen stillte.

Und auch der Traum gesellte sich zu ihr und führte sie sacht und milde zurück zu den blühenden Myrtenhainen ihrer heimathlichen Auen, wo sie im heitersten Jugendlächeln und in ihrer holdesten Grazie den Offenbarungen ihres begeisterten Herzens gefolgt war und unter dem ewig lächelnden Himmel Italiens nur Glück und Liebe gekannt hatte.

Aber ihr Leben und ihre Kräfte siechten langsam dahin, und Zeit war es, daß ihr letztes Sehnen sich erfüllte. Darum hatte sie die einzige, ihr aus Interesse und auch aus Mitgefühl noch etwas wohlgesinnte Dienerin gebeten, zu einer gelegenen Zeit nach dem Geschäftshause Philipp Temple's zu gehen und wegen der Ankunft des Florenzer Briefes zu fragen. Nach diesem gegebenen Auftrage suchte sie sich zu gedulden, so viel es möglich war, und an den sich regelmäßig wiederholenden Schlägen der Geister in den Wänden zählte sie, wie lange sie etwa noch zu warten habe, bis Antwort zurückgekommen sei.

Dabei überraschte sie denn der mitleidige Schlaf, und auf dem weißen Linnen ihres Bettes ausgestreckt, begann sie zu phantasiren und zu träumen. – Aber ihre Fieber hatten heute zugenommen, und die Bilder ihrer Seele im Schlafe spiegelten nicht mehr das holdselige Jugendlächeln, die Grüße ihrer Heimath von ihren Lippen zurück. Es war ein stiller Sonntag Nachmittag, so still Alles ringsumher und in dem großen Gebäude, daß selbst die Geister zur Ruhe gegangen zu sein schienen. Die heiße Augustsonne warf glühende Strahlen durch die hohen nur dürftig verhangenen Fenster des Zimmers und ließ eine größere Fiebergluth denn noch zuvor auf die marmorbleichen Wangen des armen italienischen Weibes treten. Nur schwer athmete sie und redete im Traume unzusammenhängende Worte. Plötzlich regte sich Etwas in der Wand, und das Niederfallen eines klingenden Gegenstandes weckte sie auf.

»Wozu regst Du Dich, mein blanker Stahl?« sprach sie, und wendete ihren müden Kopf nur ein wenig seitwärts, um zur Erde schauen zu können, auf welche ihr Dolch, den sie in dem kleinen Wandschrank neben dem Crucifix aufbewahrte, hingefallen war. Zu schwach, um über die Ursache dieses plötzlich sich ereignenden Zufalls nachdenken zu können, setzte sie leise, langsam wieder entschlummernd, hinzu: »Zücke nicht nach seinem Herzen, – o nein, thu' es nicht! »und in abgebrochenen Sätzen, mit einem Jammer und Klagelaut, der Steine hätte erweichen müssen, fuhr sie fort: »Aus der tiefen Grameswunde meines Herzens fließt ja Blut genug für Dich und für mich. – O laß mich nicht noch mehr erdulden müssen. – Doch Du – Du brauchst es nie zu kennen – nie meiner schweren Seufzer still Verhauchen –« 

»O kranke Frau!« unterbrach sie plötzlich eine heisere Stimme.

»Seid still, ihr Geister – o, erdrückt mich nicht!«

»Was ist Euch, arme Frau? Erwachet doch und hört mich einmal an.«

»Was willst Du hier? Bist Du ein Geist?«

»O nein, das bin ich nicht; ein armer Sterblicher nur, der Schutz sucht.«

Bei diesen Worten öffnete sich weit die aus braunem Holz geschnitzte Thür des Wandschreins, der wahrscheinlich ehemals einem Heiligen oder doch einem Penaten des Hauses zum Sitz gedient haben mochte, und der Lockenkopf eines bleichen, berußten Jünglings schaute durch die Oeffnung der Nische.

»Schutz?« fragte sie verwundert. »Schutz suche bei Madonna nur, – nicht hier.«

»Nur hier kann ich ihn finden, sonst nirgends mehr.«

»Sprich, wer Du bist – und sprich, was willst Du hier?« rief die Kranke in einem erhöhten Tone.

»Wer ich bin, darüber laßt mich schweigen; nur gestattet mir einmal den Durchgang durch dieses Haus.« 

»Ich habe nichts dawider, doch bin ich nicht Herrin dieses Hauses.«

»Doch dieses Zimmers, das weiß ich. Laßt mich hindurch passiren.«

»Wenn ich Dir dienen kann mit der Gewährung,« – und langsam erhob sie sich vom Bette, auf das sie sich angekleidet niedergelegt hatte.

»So geh'!«

»Ja, das ist leicht gesagt –«

»Aber, verwegener Mensch, – wenn Du keiner von den polternden Geistern dieses Hauses bist, – wo kommst Du her? Ich fange an Entsetzen vor Dir zu empfinden. Wer bist Du, Eindringling in meine Zelle? Bist Du gedungen, mich zu tödten? sprich!« und mit einem kühnen Griff und einer Hast, deren man die beinahe Sterbende kaum fähig gehalten hätte, bog sie sich zur Erde nieder und raffte den niedergefallenen Dolch auf.

»Komm, wenn Du jetzt mit mir zu ringen wagst!« Zitternd an allen Gliedern, stand das arme Weib da, in ihrer Rechten die gezückte Waffe hoch emporhaltend.

Schnell verschwand der Kopf, und die Thür des Schreins fiel wieder zu. Aber die Stimme ließ sich immer noch vernehmen und drang jetzt flehentlich zu dem Ohre der Signora.

»Ihr braucht Euch nicht vor mir zu fürchten,« sagte die Stimme; »ich suche ja nur Schutz bei Euch.«

»Bist Du ein Grabentstiegener?«

»Ich bin ein Verirrter und verloren, wenn Ihr mir nicht helft.«

»Helfen kann ich Euch? – o von Herzen gern, es ist ja so süß – helfen – helfen –«

»Ich kenne Euch schon; ich habe ja Euren Klagen gelauscht, da nur die Wand mich von Euch trennte. Eure Stimme hat mir Zuversicht eingeflößt.« Bei diesen Worten legte er wie Jemand, der keinen festen Grund unter den Füßen hat, beide Hände auf die Brüstung der Nische und trat kühner mit seinem Antlitz wieder hervor. Als er die erwachende Sympathie in den ausdrucksvollen Zügen der kranken Italienerin gewahrte, fuhr er fort: »O seid nicht böse, daß ich Euch so erschreckt habe. Mir blieb kein anderer Weg.«

»Ist dies ein Weg?« fragte sie mit vorwurfsvollem Bedenken.

»O nein, gewiß nicht, aber ich bahnte ihn mir zum Wege. Und nun laßt mich Euch Auskunft geben über mein Erscheinen hier in dieser seltsamen Weise. Daß Ihr mich nicht verrathen werdet, das weiß ich. Aber helft mir nur, daß ich, sobald die Nacht uns ihre Schatten leiht, entkomme aus diesem wüsten Grabe, in dem ich umherirre, wie lange? – das kann der nicht sagen, der nicht nach Tag und Nächten mißt und nur eine einzige ununterbrochene Nacht kennt. Die Ewigkeit, dünkt mich, kann sich nicht länger ausdehnen, als diese endlos lange Zeit, die ich der Dunkelheit nun schon angehört habe.

»Doch laßt mich kurz sein. Ich bin Falschmünzer geworden. Ein finsteres Gelübde verschwor mich dieser Bande; ich diente nicht aus Neigung, nur treu dem Schwur, den ich geleistet habe und treu meinem einzigen Bruder, den ein unglücklicher Hang zu seinem finstern Gewerbe fesselte. Der Eid ist gelöst, – mein Bruder getödtet durch einen frevelhaften Schuß, den ein Ungeweihter auf ihn abgezielt hat, – die Bande entdeckt und ich – vielleicht der einzige von Allen – bin dem Schicksal entgangen, in die Hände der Häscher zu fallen. Aus einer Höhle, ziemlich weit von diesem Platze, bin ich durch einen unterirdischen Gang entkommen, dessen unsichtbaren Eingang mein Bruder mich einst kennen gelehrt hatte. Ob zum Glück oder zum Unglück, ich weiß es selber nicht, fiel eine schwere Fallthür augenblicklich hinter mir zu und schloß mich von den übrigen Gesellen ab. Nur meine Blendlaterne leuchtete mir in diesem dunkeln Gange weiter fort, der, wie es scheint, in mehrere Ausgänge dieses Hauses mündet. Dasselbe muß ohne Zweifel früher einmal eine feste Burg meiner ehemaligen künstlerischen Vorfahren gewesen sein, denn eine zweite Werkstatt, vollständig ausgerüstet, glaube ich hier entdeckt zu haben.«

»Ihr seid ein offener Geselle,« sagte Franziska Spezzia lächelnd, die dieses enthüllte Mysterium zu interessiren begann. »Warum benutzt Ihr denn aber keinen andern der Ausgänge und warum macht Ihr mich gerade zu Eurer Mitverschworenen? –«

»Weil keiner der anderen Wege so sicher und heimlich, und auch keine der Oeffnungen so leicht zu durchbrechen ist. Ich habe schon mehrere Versuche gemacht.«

»Und was willst Du denn jetzt von mir?« fragte sie.

»Nichts als daß Ihr mir gestattet, heute noch bei Nacht und Nebel aus meinem dunkeln Mauerloche herauszusteigen und dann durch Euer Zimmer und durch jene Vorhallen hinab in's Freie zu kommen. Wenn Ihr das thut, so verspreche ich Euch, wie geläutert hervorzugehen, allem Bösen zu entsagen und ein rechtschaffener Mann zu werden.«

»Um diesen Preis möcht' ich mit meiner eigenen Ehre etwas wagen.«

»Ich würde nach der andern Seite der Wand hin durchzubrechen versuchen, allein das will mir nicht gelingen, eine schwere eiserne Thür scheint diesen Schacht, in dem ich zu Tageslicht hier gekommen bin, abzuschließen. Hier hinter mir befindet sich ein Schrank, dort ist die Thür, gar schwer von Eisen, hört!« und mit Mühe wendete er sich in dem engen Mauerloch und schlug mit einem kleinen Instrument auf das Eisen. Das war ein Klang, wie wenn die Geister rumorten.

Franziska Spezzia lauschte bei diesem Tone auf. Dann sann sie eine Weile nach und sprach entschlossen:

»So nimm die Stunde wahr, wenn Du glaubst ungefährdet hinwegkommen zu können, aber Du mußt Dich leise von meiner Thür bis zur Thür des Hauses schleichen.«

»Dafür laßt mich sorgen, und dann laßt mich Euch danken mein Leben lang. Doch noch Eins, was ich Euch zu sagen habe, ehe ich wieder hinabsteige Auf meinem dunkeln Wege hierher, in einem tiefen Gewölbe, stieß ich auf ein Verließ, das ein kleines Tönnchen mit einem schweren Inhalt barg. Ich zweifle nicht, daß es Schätze enthält, die den Menschen auf der Erde nützen könnten. Erlaubt mir noch, daß ich dasselbe Euch übergebe, Ihr mögt damit beginnen, was Euch gut dünkt.«

»Ihr thätet besser, es selber mitzunehmen,« bemerkte Signora Spezzia.

»Ich will nichts, was mich an mein vergangenes dunkles Loos erinnert; ich sagte Euch, daß keine Neigung, sondern nur das Verhängniß mich gebannt hielten. So laßt mich frei und unbeladen dem neuen Leben entgegengehen.«

Der Strahl einer neuen Hoffnung glitt über das interessante Gesicht des Jünglings. Plötzlich hörte man auf der Vorhalle Schritte; der Kopf des Falschmünzers bog sich hernieder und verschwand. Die Thür des Schreins schloß sich wieder, und in dem Gemach herrschten die stille Ruhe und der heiße Sonnenstrahl, der allgemach schräger zu fallen begann.

Auf's Höchste aufgeregt durch diesen seltsamen Vorfall, kniete Franziska Spezzia nieder und senkte ihr fieberndes Haupt auf die Lehne des Betschemels. Sie lag lange dort im Gebet versunken, bis mit der sinkenden Sonne Kühlung vom Meere durch das geöffnete Fenster herüberwehte. Dann erhob sie sich etwas gestärkter und muthiger als vorher. Der fabelhafte Falschmünzergesell in seinem Mauerversteck hatte in ihr einförmiges Dasein Abwechselung gebracht; ihr Gedankengang nahm einmal eine andere Richtung und verfolgte nicht nur die eine unglückliche Spur, die in das Labyrinth verzweifelter Liebe führte.

Als die dunkle Nacht angebrochen war, kündete der diesmal wohlbekannte Geist in der Mauer sich mit einigen Hammerschlägen an. Leise öffnete sich der Schrein, und nicht ohne Anstrengung hob der gewesene Falschmünzer eine kleine, mit starken kupfernen Reifen beschlagene Tonne auf die Brüstung des Schrankes. Franziska wollte ihm behülflich sein und versuchte dieselbe anzunehmen, ihre Kräfte jedoch reichten nicht hin. Der junge Mann schwang sich darauf mit einem behenden Satz empor und fand Raum genug, durch die Thüröffnung des Schreins seinem furchtbaren Kerker zu entrinnen. Die kleine Tonne brachte er eben so empor und übergab sie Signora Spezzia, die ihn anwies, dieselbe unter ihrer Bettstelle zu verbergen. Bevor er noch diesen Auftrag ausführte, beschaute sie sich den Gegenstand rundum, und entdeckte auf der einen Fläche desselben eine tiefeingebrannte Inschrift, aus welcher deutlich der Name »Oswald Gautier« zu lesen war.

Es herrschte große Stille in dem Geisterhause, und der Entfliehende hoffte, ohne die Gefahr, entdeckt zu werden, seinen Rückzug antreten zu können. Er eilte, von Franziska mit allen Zeichen eines von Noth befreiten und dankbaren Herzens Abschied zu nehmen, warf ein kleines Bündel, darin unter Anderm ein Rest von getrockneten Früchten und eine Feldflasche, über die Schulter, und schlich, so leise er konnte, aus der Thür, aus welcher ihm Franziska Spezzia, gütig wie Madonna selbst und mit Segenswünschen wie eine Mutter, entließ. Er drückte sich längs den Wänden und nahm genau den Weg, den seine Beschützerin ihm bezeichnet hatte, die breite Wendelstiege hinab bis zur Vorhalle, in der er ein kleines, nur leicht verschlossenes Fenster fand, aus welchem er entsprang, frei wie ein Vogel in der Luft.

Franziska Spezzia trug das Bewußtsein einer guten That in ihrer großherzigen Seele. Zwar sehr spät erst, aber mehr beruhigt denn je, schlief sie ein in dem Glauben, ein junges und vielleicht edles Leben gerettet zu haben.

Am andern Morgen früh pochte es an ihre Thür. Die alte Dienerin schlich herbei, blickte mit unheimlichen Geberden in alle Ecken des Zimmers, trat näher an das Lager, zog aus ihrem großen Busentuch einen Brief hervor und steckte ihn Signora Spezzia unter dem Bette zu, fürchtend, die Geister gar könnten ihr geheimes Thun verrathen.

Dann schlich sie wieder hinweg, wie sie gekommen war, schloß die Thür hinter sich und fragte nicht, ob Lächeln oder Thränen über die Schriftzüge dieses Briefes strahlen würden.



17.

Sängerliebe.

Der geflügelte Geist des Enthusiasmus war über die gute Stadt New-York gekommen, von der man außerhalb wahrscheinlich die böse Meinung hegt, daß er in »Soll und Haben« aufgehe.

Gegen solchen Irrthum möchten wir Gotham – so nennen die Spötter diese Weltstadt an den Fluthen des majestätischen Hudson – feierlichst verwahren.

Herald und Tribune, die täglichen Boten der großen und kleinen Tagesneuigkeiten, brauchen nur ein Signal zu geben; Maretzcek, der Opernunternehmer, hat nichts weiter nöthig, als einen großen Succeß in Academy of music voraus zu kündigen; in Chickerings Schaufenster soll nur ein bleiches Antlitz mit einem dunklen Schnurrbärtchen ausgehängt und ein italienischer Sängername darunter geschrieben werden, und halb New-York steht in Flammen – natürlich nicht in Alles verzehrenden, sondern in solchen, die nach einigen Tagen glücklich gelöscht sind.

Zur Unterbrechung der Sommersaison war in der Baderegion diesmal nichts als die einfache Ankündigung von »Norma« mit Parody in der Titelrolle und der Besetzungs »Sever's« durch den gastirenden Sänger Oswald Gautier, von der Oper zu New-Orleans, erlassen, und die Academy of music, das reizende Opernhaus im obern Stadttheile New-Yorks, war, wenn auch nicht überfüllt, doch in all' seinen verschiedenen Rangplätzen besetzt. Der Erfolg war ein so eigenthümlicher, aber vollkommener, daß am nächsten Morgen nach der Aufführung in der ganzen Stadt nichts als der Name »Gautier« erklang. Da erschien keine Dame in Stewart's Modenlabyrinth, ohne nach Handschuhen á la Gautier und Shawls mit derselben Devise zu fragen. Da war kein Blumenmädchen mehr am Broadway, das nicht ihr Blumenkörbchen á la Gautier zum Verkauf anbot, kein Stiefelwichser an den Straßenecken, der nicht ausrief: »Boots blacked á la Gautier?«

Selbst die Chinesen, die sich aus ihrer himmlischen Mauer nach Chatam Square hin verirrt haben, boten ihre Cigarettos, absonderlich diejenigen für Damen á la Gautier, feil. –

So großartig dieser Triumph auch war, so wenig ahnte der Sänger selbst davon. Ohne irgend eine andere Prätension, als »gefallen zu haben« und das nächste Mal »wieder zu gefallen,« saß Oswald Gautier am folgenden Morgen nach der ersten Aufführung in einem Privatsalon des eleganten Astorhauses, phantasirte auf dem starktonigen Flügel, und nahm einige Stellen seiner Parthie für die nächste Oper durch. Nicht lange währte es, so wurde er durch die Meldung verschiedener Personen unterbrochen. Der Operndirector und einige der bedeutendsten Mitglieder dieses Instituts bezeigten ihm ihre Höflichkeit, und auch Freunde der Kunst und des Gesanges strömten in Massen herbei, ihm ihre Verehrung als Künstler an den Tag zu legen. Unter diesen war auch das Gestirn des Tages, Mr. Granger. Er verdunkelte durch sein glänzendes Auftreten vollständig alle die übrigen Sterne und drängte sich derartig in den Vordergrund der Vorstellenden, daß diese in natürlicher Bescheidenheit sich gänzlich unbeachtet hielten. Ja, es schien, als ob der Gefeierte von ihm gänzlich in Besitz genommen werden solle und keine andere Huldigung dargebracht werden dürfe, als von ihm.

Der junge Sänger verhielt sich dabei wie ein liebenswürdig schüchterner Knabe, der dem herrschenden Wesen eines solchen Löwen für den ersten Augenblick nichts als Ergebung entgegen zu setzen hat. Er folgte deshalb auch willig wie ein Lamm der Einladung auf den Abend, an welchem er ihn abzuholen wieder vorkommen werde.

Mr. Granger hatte dem Temple'schen Hause die Ehre, den Sänger vorzustellen, zugedacht. Er hatte die Anmeldung davon am Morgen bereits gemacht, und man sah darin Veranlassung genug zum Arrangement einer brillanten Soirée. Abends verfehlte er die Stunde nicht, um den Sänger in einer offenen Kalesche durch die belebtesten Straßen der Stadt dem Hause seiner Angebeteten zuzuführen.

Dasselbe strahlte heute in besonderm Festglanze. Die hohen Flügelthüren standen alle weit geöffnet, und aus den Salons führten die von indischen Teppichen strotzenden Treppenfluchten sanft ansteigend zu den Gallerien und Bibliotheken empor und hinab zu den tiefer liegenden Blumenhallen, von denen man niemals zuvor geträumt, daß sie mit jenen in so unmittelbarer Verbindung stehen könnten. Das ganze Innere des sonst ziemlich kalten Marmorhauses hatte eine außerordentlich veränderte Physiognomie; die Pracht war durchaus nicht niederdrückend, sondern hatte vielmehr etwas Behagliches und leicht und fröhlich Stimmendes. Besonders aber der Duft, der den Orangen- und Myrtenblüthen entströmte, erfüllte die ganze Atmosphäre und schuf sie zu einem Meer voll Wonne, in welchem bereits die ausgewählteste Elite der New-Yorker Gesellschaft zu schwelgen schien.

Als Eliot und Oswald in die offene Vorhalle eintraten, entstand eine Bewegung im Parlour, und die Gesellschaft formirte unwillkürlich einen Halbkreis. Von den Schultern des Sängers entglitt ein reicher Sammetburnus, der von den Armen eines geschickten Dieners aufgefangen wurde. Ein apollonisch schöner Jüngling zwar noch nicht in voller Manneskraft, aber doch schon an ihrer Grenze angekommen, trat aus demselben hervor.

Philipp Temple, der die Stelle eines gewandten Wirthes an der Seite seiner Mutter vertrat, eilte dem längst erwarteten Gast mit einer ungemein höflichen Begrüßung entgegen, ergriff seine Hand und führte ihn mit vieler Gewandtheit in den Kreis, stellte ihn allgemein vor und präsentirte ihn dann besonders Fräulein Marie Montague. Die junge schöne Braut, angeregt von all dem Glück, was sie umgab, wußte sogleich mit großer Lebendigkeit den Ton anzuschlagen, der den Sänger in ein ihm so angenehmes Gespräch verwickelte, daß er die unausgesetzten Blicke der Neugier, die wie Pfeile auf ihn schossen, weniger scharf fühlte.

Mittlerweile suchte Eliot der Dame des Hauses, die übrigens mit Commodore Montague in einem Gespräch über künftige Familien-Angelegenheiten interessirt schien, seine schuldige Ehrerbietung zu beweisen, und indem er vergebens nach Margarethen, nach Mrs. St. Just und endlich gar nach Harry Warner gespäht hatte, bot er Mrs. Montague seinen Gruß und versäumte nicht, in großer Vertraulichkeit den Glückwunsch zur Verlobung ihrer Tochter mit seinem Freunde Philipp, die, obgleich noch als Geheimniß, doch als ein öffentliches betrachtet wurde, auszusprechen, der von der Mutter wohlgefällig lächelnd aufgenommen wurde.

»Man vermißt viele sonst so gewohnte Gestalten,« bemerkte Eliot nicht ohne einen leichten Schatten des Unmuths.

»Ueberhaupt,« erwiderte Mrs. Montague, eine etwas sonderbare Zusammenstellung der gesellschaftlichen Elemente.«

»Man hat stets Mühe, beim Anfang einer neuen Saison sich in den Kreisen wieder heimisch zu finden. Wo aber bleibt unser anderes Brautpaar, Fräulein Margaretha und Warner? – und Madame St. Just, die ja sonst niemals fehlen durfte.«

»Haben Sie denn nicht gehört, was man sich von ihr erzählt?« fragte Mrs. Montague im heimlichen Tone. »Die St. Just war ehemals eine Madame Gautier und soll, wie man sagt, die Mutter des jetzt so berühmten Sängers sein.«

»O nein –« that Granger verwundert.

»Wie interessant er aussieht,« fuhr sie fort, »wahrlich auch keine Spur von der St. Just. So jugendlich und frisch, daß man nicht glauben sollte, er komme aus dem unausstehlich heißen New-Orleans. Welche feine Röthe –«

»Mit welcher jene auf den Wangen der ihm octroyirten Mutter den Vergleich nicht halten kann;« war die sarkastische Antwort des übelgelaunten Granger.

»Sie wollen doch unserm feurigen Carmoisinroth damit keinen Stich geben? Was in der Welt wären wir Allesammt heut zu Tage ohne Schminke?« sagte die ältliche Dame mit ziemlich offenherziger Freimüthigkeit. Sehen Sie selbst die junge Welt –«

Und alle Augen richteten sich plötzlich nach einem Punkt auf die Gruppe der Ladies, die mit einem Mal unter den fächerartigen Blättern der großen Palmen am Eingange des Gewächshauses hervortrat.

»Wie bezaubernd schön!« fiel Eliot ein, und konnte sein Auge nicht wenden von Margaretha, die wie eine Königin in einfacher Hoheit in der Schaar von lächelnden Mädchen erschien. Sie Alle hatten von der Blumenfülle den edelsten Gebrauch gemacht und in anmuthigem Zwischenspiel sich aus der Gesellschaft in das Blumenhaus zurückgezogen, um sich zu schmücken mit Rosen, Geranien und den Glocken der Fuchsien. Um Margaretha wollten die Freundinnen den Myrtenzweig schlingen, sie aber wehrte es und nahm an dessen Stelle eine dunkelgrüne Ranke, die sie leicht und nachlässig über die Locken legte. Den Myrtenzweig indeß trugen sie zu Marie Montague, die, das Gespräch mit Oswald unterbrechend, glückselig lächelnd der neckenden Schwestern Spiel geschehen ließ und mit einem Blick den strahlenden Philipp suchte, der diesen für all die anempfohlene Zurückgezogenheit reichlich belohnte.

Eliot trat an Oswald heran, um die Lücke der Unterhaltung für ihn auszufüllen. Aber es war überflüssig, denn das reizende improvisirte Tableau übte einen so magischen Eindruck auf das ideale Wesen des Sängers, daß er still und stumm dastand. War es eine niegehörte Sphärenmusik, die ihn umgab, oder waren es die verlorenen Geister seines Jugendglücks, die das sinnige Gemüth Oswald's wieder näher umschweben wollten? – Er fühlte, als müsse er ihnen Form, Gestaltung und Leben geben in der Macht seiner Töne, und wiederum, als habe er das nicht von nöthen, als haben sie das Wesen schon angenommen und seien ihm vor das leibliche Auge getreten in der Erscheinung idealer Frauennaturen.

Er eilte, ohne es selbst zu wissen, nach dem Piano hin, das längst geöffnet stand, und griff in die Saiten des hellrauschenden Instruments. Noch waren es wilde, ungebundene Töne, die seine Seele bestürmten und die zu einem Accord, einem weichen, volltönigen Accord, gefügt sein wollten. Dann gestalteten sie sich zu einem ungesungenen Lied, das er accompagnirte und das nur sein Ohr vernahm, doch sonst ungehört, aber doch nicht ungeahnt blieb von Allen – nein – vielleicht von Einer nicht, deren Herzen selbst der Urquell dieser Melodie entströmte. –

Sein Spiel schmetterte bald dithyrambisch durch die Saiten und ging allgemach in eine schmelzende Phantasie über, die sich eines Jeden Gemüths unwiderstehlich bemächtigte und die Gewalt der schlummernden Leidenschaften in manchen Herzen erweckte.

Eliot wußte nicht, wie ihm geschah. Die blasirte Seele des Mannes begann zu zittern und das bleiche Bild Franziska Spezzia's trat ihm aus dem dunkeln Rahmen des Geisterhauses mit einer Schreckensmacht vor die erhitzte Phantasie, daß er, in Angstschweiß gebadet, sich in die verlorene Ecke einer abseits liegenden Ottomane drückte. Niemals hatte er solchen Stimmungen eine Herrschaft über sich eingeräumt auch diesmal würde er sie triumphirend bemeistert haben, wenn nicht die gewaltsame Macht dieser seltsamen Musik einen förmlichen Bann um ihn gezogen hätte. Er hoffte einen Blick von Margaretha zu erhaschen, der den Zauber zu lösen vermöge. Aber sie vermied es, ihn anzuschauen, den unheimlichen Mann, der, nachdem sie eben den Frieden und ihre Freiheit wieder erkämpft, mit magnetischer Gewalt sich bei ihr eindrängen wollte.

Ein rauschendes Finale hatte die Production zu Ende geführt und ein Ausbruch von Beifall erfolgte und wuchs zu einem wogenden Sturm. Der schüchterne Oswald suchte sich eilends aus demselben zu retten, indem er vom Klavierstuhl aufsprang, mit einer leichten Schwenkung des Kopfes sein flatterndes Lockenhaar aus Stirn und Augen zurückwarf und auf Margaretha zueilte, ihre Hand ergriff, die sie an der weißen Büste, an welcher sie gelehnt stand, herabhängen ließ, um sie zu küssen.

Die von den Tönen berauschte Gesellschaft erkannte nichts Anderes in diesem genialen Benehmen, als den Ausdruck des Dankes, den der Künstler in diesem Kusse allen Anwesenden kund that, und hielt sich dadurch zu wiederholtem Applaus aufgefordert.

Ein fast beängstigendes Echauffement trat sichtlich auf die Wangen des Sängers, der es verstanden hatte, in »Liedern ohne Worte« die Menschen schon so mächtig zu begeistern. Er bat um seinen Burnus und verlangte nach dem Wagen, um sich der heiter erregten Gesellschaft und einem Eindruck zu entziehen, von dem er sich selbst eben so wenig wie Andere Rechenschaft zu geben wünschte, der ihn aber so gewaltig bestürmte, daß er fürchten mußte, er werde bei längerem Verweilen unfähig zum Auftreten in der Oper am folgenden Abend sein.

Philipp Temple legte beim Abschied alle Sorgfalt für den liebenswürdigen Gast an den Tag, und dieser dispensirte Eliot Granger von der gastlichen Pflicht, ihn wieder nach dem Hôtel zurück zu begleiten. Eliot war dessen herzlich zufrieden. Müde und abgespannt, auch etwas mißvergnügt über eine augenscheinliche Kälte, die Fräulein Margaretha in ihrem stillen ruhigen Benehmen an diesem Abend zeigte, suchte er sein einsames Eckchen in der Ottomane. Aus seinen Zügen, die eine außerordentliche Schlaffheit angenommen hatten, sprach weniger das böse Gewissen des Mannes, als eine vollständige Abgestumpftheit seines innern Lebens, von dem, wie er sich selbst gestand, nur außerordentliche Enthüllungen am zehnten September und – Geld – mehr Geld – ihn neu wieder erwecken könnten. Als Philipp, der den lieblichen Sängergast zum Wagenschlag begleitet, zurückkam, setzte er sich vorübergehend eine kurze Weile zu ihm nieder. Wie wenn nur höchstens ein eifersüchtiger Gedanke die matte Seele Granger's noch beschäftige, war die erste Frage, die er an Philipp richtete: »Wo bleibt doch Warner heute?«

»Seit etwa acht Tagen hat meine Schwester ihm ihre Resignation kund gethan!« war die Antwort Philipp's.

»Und wie hat er sie aufgenommen?« fragte er weiter und verrieth etwas mehr Leben in seinen todten Mienen.

»Sentimental!« sagte Philipp und zog dabei die Schultern. »Gerade so, wie sich erwarten ließ. Sein neues Verhältniß mit der Mrs. St. Just war mir längst kein Geheimniß mehr.«

»So kam ihm der Entschluß Margarethens ohne Zweifel gelegen,« sagte Granger.

»Ich bin fest überzeugt und glücklich, daß sie ihn mit so großer Entschiedenheit ausgeführt hat.«

»Nun wird sie einen Andern beglücken können,« bemerkte Eliot tief bedeutungsvoll, und heftete seinen Blick mit neu erwachter Leidenschaft auf Margaretha, die schräg gegenüber in der Front des Parlours ihren Sitz auf dem Sopha zwischen Maria Montague und Elise Headly eingenommen hatte. Die drei Mädchen, wahre Grazien an Schönheit und Lieblichkeit, wie sie da saßen, glaubten sich unbemerkt in ein interessantes Gespräch vertiefen zu dürfen. Aber das war ein Irrthum, denn als Margaretha den Blick aufschlug, begegnete er dem magnetischen des bleichen Eliot Granger. Sie schauderte und erblaßte ein wenig.

Granger athmete auf und fühlte seine geheimnißvolle Kraft wiederkehren, die durch die Gegenwart des Sängers, wie er beinahe zu glauben anfing, und durch dessen Zauberspiel gelähmt worden war.

Margaretha stockte einige Augenblicke in dem bis dahin sie so interessirenden Gespräche, indeß ihre beiden Freundinnen ungestört fortfuhren.

»– – Ja, wenn das so ist,« sagte Marie.

»So ist es, ich kann es Euch versichern,« war die Antwort der kleinen, etwas geschwätzigen Elisa. »Mein Vater weiß es, er war der Sachwalter der alten Mrs. Granger, die vor ungefähr drei Jahren in dem Geisterhause gestorben ist. O, das ist ein Haus – habt Ihr nie davon gehört?«

»Wer sollte von dem Geisterhause niemals gehört haben und doch auf Manhattan (Manhattan Island, so heißt die Halbinsel, auf der die Stadt New-York erbaut ist.) geboren sein?« erwiderte Marie Montague. »Hu, mir schaudert's, wenn ich nur an die Geschichten denke, die unsere alte schwarze Kleopatra davon erzählte. Wer war denn eigentlich der Mann von der fabelhaften Mrs. Granger?«

»Nun der alte Mr. Granger, natürlich, wer sonst?« versetzte Margaretha mit einem Anflug von Humor.

 »Fehlgeschossen,« fiel die kleine spitznasige Elisa ein.

»Wer war's denn?«

»Der Vater dieses Herrn Eliot, der dort sitzt, ach, ach Gott, wie der Mann uns anstiert, als ob er wisse, von wem wir sprechen –«

»Ich kann es nicht ertragen,« sagte Margaretha, »kommt, laßt uns promeniren,« und mit dem Wort erhoben sich die drei jungen Mädchen und spazierten Arm in Arm, ihr Gespräch weiter führend, durch die glänzende Räume.

»Der Vater Eliot's also hieß niemals Granger. Mein Papa erzählte meiner guten seligen Mama in ihrer Krankheit noch kurz vor ihrem Tode die ganze Geschichte. Sein rechter Vater war ein Franzose.«

»Wahrscheinlich ein Kanadier,« bemerkte Margaretha.

»Nein, ein geborener, ächter Franzose, der die Frauen eben so sehr liebte wie sein leiblicher Herr Sohn und ihnen wo möglich noch mehr weiß machte wie dieser,« war die schnippische Antwort der Freundin.

»Er sieht auch ganz französisch aus,« sagte Marie.

»Nicht wahr? Die Blässe, der schwarze Schnurrbart und das Auge, das sonst wie Feuer strahlte, aber jetzt wie ausgebrannte Kohle leuchtet!« sagte Elisa.

»Also war der Vater Eliot's nicht der Gatte seiner Mutter?«

»Nein, nur ihr Geliebter – und dieser Geliebte war – erschreckt nicht – der ehemalige Gatte der Mrs. St. Just –«

»Das ist doch nicht wahr!« rief Marie Montague erstaunt.

»Sehr wahr; Ihr dürft mir's glauben,« antwortete Elisa.

»Seltsam,« sprach Margaretha still vor sich hin, und ihre Mienen verriethen kein sterbliches Wörtchen von Allem, was sie dachte.

Der Aufbruch der Gesellschaft unterbrach die Unterhaltung, die diesmal nicht so harmloser Natur war, als sie sonst gewöhnlich von drei artigen Mädchen gepflogen wird. – 



18.

Enthüllungen.

Einige Tage nach diesem Zauberfeste im Temple'schen Hause erzählte man sich in den Parlours, die zum Empfange der Morgenvisiten geöffnet standen, nicht nur von den angenehmen Gesellschaften und ästhetischen Unterhaltungen in den verschieden stattgefundenen Soiréen, – theilte man nicht nur das Entzücken über die eingelegte himmlisch gesungene Arie in der letzten Oper, vielmehr beschäftigte die Fama sich ungewöhnlicher denn je mit einem Gerücht, dem das unerwartete Verschwinden Mrs. St. Just's an der Hand des Herrn Warner zum Grunde lag. Das Paar hatte sich, wie es hieß, direct aus der Office des Advocaten Headly, in welchem es sich gestern oder heute zur frühen Stunde den Trauungseid geleistet, an Bord eines californischen Dampfboots begeben und in überschwänglichem Liebesglück der New-Yorker Welt Ade gesagt.

Obwohl diese Neuigkeit vielleicht am wenigsten Sensation in dem Temple'schen Familienkreise machte, der durch so manches andere fröhliche Ereigniß über eines, mit welchem er mehr oder weniger in Verbindung gebracht werden mochte, hinweggehoben wurde, so bedauerte die Frau des Commodore Montague und die glückliche Mutter der schönen Braut Marie doch nichts mehr, als daß es gegen allen Anstand und alle feine Sitte, mehr aber noch gegen alle zarten Rücksichten, die man Margaretha schuldig sei, befunden wurde, das beabsichtigte Verlobungsfest auf der brillanten Yacht des Commodore im schönen Sund von Long Island zu feiern, wie es der Tochter des alten viel gerühmten Seemanns zukomme.

Mrs. Montague verzichtete daher ohne Murren, hoffte indeß, sich und ihre lieben Freunde bei der bevorstehenden Hochzeitsfeier zu entschädigen, deren Tag freilich bis jetzt noch nicht roth im Kalender angestrichen stand.

Als unserm glücklichen Freunde Philipp die neue Zeitung mitgetheilt wurde, lächelte er und sagte bedeutungsvoll vor sich: »Armer Harry, Du hattest recht – ich hatte unrecht; – aber dennoch konnte Deine bessere Einsicht Dich nicht schützen, in die Falle zu gehen, die der »schlechte Gesellschafter« Dir gestellt hat.«

Auf den diese Bemerkung, wie der freundliche Leser sich erinnern wird, gemünzt ist, auf Mr. Granger, schien die Kunde weiter keinen Eindruck zu machen, nur daß sie einen sarkastischen und triumphirenden Zug um seinen Mund hervorrief.

Als Advocat Headly – derselbe Mann, dem wir zum ersten Mal am Sterbebette im Geisterhause begegnet sind – nach einer vorhergegangenen Anmeldung in das Zimmer Granger's trat und ihm die Neuigkeit erzählen wollte, war sie ihm, wie er sich ausdrückte, schon etwas Altes geworden.

»Das Factum an und für sich ist gleichgültig,« sagte der Mann des trockenen Gesetzes, in dessem ausgedörrtem Gesicht jeder Winkel ein Paragraph war, »allein die Dame, um die es sich handelt, steht in einiger Beziehung zu unseren geschäftlichen Angelegenheiten, und es möchten deshalb einige Aufklärungen wohl am Platze sein.«

»In wie fern? »war Granger's eilige Frage.

»In so fern, als diese Dame eigentlich von Gottes und Rechtswegen die Erbin eines ziemlich beträchtlichen Theils Ihrer Güter ist,« war die gemessene Antwort des Notars.

»Meiner Güter?«

»Allerdings, über welche Sie nach der weisen Bestimmung Ihrer Frau Tante, der Mrs. Granger, oder um sie beim rechten Namen zu nennen, Ihrer verstorbenen, nun in Gott ruhenden Frau Mutter, in einigen Tagen, so Gott will, verfügen werden.«

»Erklären Sie näher, lieber Headly.«

»Nachdem nunmehr die drei Jahre so weit verflossen sind,« fuhr der Advocat saumselig zu erzählen fort: »die Mrs. Granger gesetzt hat, bevor Sie zur Oeffnung ihres letzten Willens schreiten und zur Enthüllung der Geheimnisse des eisernen Schrankes – –«

»Ganz richtig,« fiel Eliot ungeduldig ein, »die drei Jahre nach ihrem Tode sind um.«

»–, – so halte ich es allerdings für geeignet und an der Zeit« – Mr. Headly trocknete sich den Schweiß von der Stirn; der Mann war alt und schwächlich seit den letzten drei Jahren geworden – »Ihnen zu sagen, daß Ihr rechter und leiblicher Vater zur Zeit, als er starb, im legalen Eheverhältniß mit seiner Gattin, der nunmehrigen Mrs. Warner, ehemals verehelichten St. Just, vorehemals verehelichten Gautier, lebte« –

Diese wohlgesetzte Rede ward in den gehörigen Absätzen und mit ziemlich pathetischem Nachdruck, der Name Gautier aber zuletzt mit einer außerordentlichen Kraftanstrengung gesprochen.

Granger verrieth während ihr auch nicht die mindeste Erregung

»– – Daß ferner nach den Gesetzen des Staates von New-York diese Ehehälfte die rechtmäßige Erbin der hinterlassenen Güter der andern Ehehälfte gewesen sein würde, wenn,« und dabei machte der amerikanische Rechtsgelehrte eine ungemein schlaue Miene, legte den Zeigefinger der rechten Hand an die Nase und schlug mit der linken auf die marmorne Tischplatte, daß es seinen Knöcheln wehe thun müßte, wiederholte das »wenn« – und warf bei diesen Worten das Dobbl-juh mit außerordentlicher Zungengewandheit und Kunstfertigkeit, wie der regulärste Yankee, im Munde herum – »wenn dieselben nicht zuvor in den Besitz der Mrs. Granger übergegangen wären!«

»Nun und was ist dabei zu bedenken?«

»Daß der rechtschaffene Besitz dieser Güter angetastet werden könnte, nicht etwa von der rechtmäßigen Ehehälfte, vielmehr von einem Kirchenfürsten in New-Orleans, der in Besitz einer Verschreibung der sämmtlichen Güter sich befindet und von dieser Verschreibung den rechtzeitigen Gebrauch zu machen nicht verfehlen würde, wenn ich nicht,« und dabei legte der Notar den Zeigefinger wieder an die scharfe Nasenspitze, »nach allem menschlichen Calcül richtig gerechnet hätte die Verschreibung auf den jetzigen Zeitpunkt in unsere Hände zu bekommen – –«

»Und das wäre Ihnen gelungen?« fragte Granger mit leidenschaftlicher Ungeduld.

»Glücklich der Besitzer,« erwiderte Mr. Headly, kniff die Lippen fester zusammen und zeigte auf sein Portefeuille, das er sorgfältiger noch als zuvor in die Tiefen seiner unergründlichen Taschen barg.

»Ist das ein alter oder neuer Rechtssatz?« fragte Granger sarkastisch.

»Nun,« sagte der Rechtsgelehrte und schlug dabei den Kopf ein wenig in den Nacken, »wer einen Schatz auf einem fremden Grunde findet, theilt ihn mit dem Grundbesitzer, das ist ein alter –«

»Den Sie mir nächstens in der Praxis auslegen werden;« meinte Eliot. 

Der Advocat schmunzelte.

Man sieht hieraus, daß die unübertreffliche Logik eines amerikanischen Juristen sich eine eigenthümliche Ansicht über Besitzverhältnisse angeeignet hat.

»Der Tag des zehnten September naht, an welchem endlich alle Zweifel und Räthsel gelöst werden sollen;« sagte Eliot Granger nach einigem Nachdenken, lehnte sich in seinem rothsammetnen Fauteuil zurück und streckte seine Beine über die Rosenholz-Tischplatte aus. Dann zog er ein feines Messerchen aus der Tasche und begann die Nägel seiner langen Hände zu feilen und zu putzen. Mittlerweile nahm Mr. Headly ein Stückchen gepreßten Tabak, das sorgfältig in einer Hülle von Platina aufbewahrt war, schob es in den Mund und ging, wie von einer neuen Thätigkeit getrieben, mit ein paar großen Schritten auf die Thür los. Ohne auch nur den hohen Cylinder, den er während der ganzen Morgenvisite auf dem Kopfe behielt, zum Abschiedsgruß anzurühren oder »Guten Morgen« zu sagen, verschwand er aus dem Zimmer des Herrn Granger. Man braucht nicht zu fürchten, daß Mr. Headly etwa beleidigt sich so entfernte; o nein, es ist dies die gewöhnliche Art und Weise eines Geschäftsmannes im Lande der Freiheit und Unabhängigkeit. Eliot blieb allein in seinem eleganten Fauteuil und ließ die Bilder vergangener Tage an sich vorüberziehen. »Mein Vater – meine Mutter« – flüsterte er in abgebrochenen Sätzen vor sich hin. »Und Du und ich einen und denselben Vater – so wäre Dein Name ja auch der meinige – Gautier. – Und das also wäre die Aehnlichkeit zwischen Dir und mir, die alle meine Bekannten herausfinden wollen; das vielleicht ein Zug der Blutsverwandtschaft, der mich zu dem hübschen rosigen Burschen hinzog? – ah – pah – ich mag ihn ja schon nicht mehr, – nein, ich hasse ihn ja. Wartet nur, bis der zehnte vorüber ist, an dem ich Margaretha mit allen Mitteln der Erde, mit Reichthum und Macht mir zu eigen gemacht habe. Wie, mit Reichthum? – warum nicht? ich kaufe ja jedes Weib um einen Edelstein; – aber liebt sie mich nicht?« – ha, und die alte zurückgehaltene Wildheit flammte noch einmal in ihm auf: »sie soll mich lieben – sie wird – sie will – sie soll mich lieben.« Er wurde still und stumm. Aber nach langem Hinbrüten erwachte er, und das auf die Brust niedergesunkene Haupt wieder erhebend, schien's, als ob noch einmal der Schimmer einer Thräne in's Auge ihm treten könne und die Schatten eines verfehlten Lebens an ihm vorüberhuschten.

»Bruder – Bruder« lispelte er. »Aber Du unter dem Schutz einer gesetzmäßigen Verbindung, – ich in dem Dunkel, von Geistern unglücklicher Liebe und Schmach umgeben, an's Licht der Welt getreten. Du, die Liebe einer Mutter in zarter Kindheit schon entbehrend; – ich verhätschelt und verwöhnt von ihr, zum Sclaven des Geldes erzogen – für nichts – o für nichts als – Intriguen zum Spielball – ha, ha, ha!« so hohnlachend sprang er auf, lief einige Male durch sein Zimmer, und dann in den Sessel sich wieder niederlassend, fuhr er fort: »und nun das langweilige Possenspiel noch, dessen Titel »der zehnte September« heißt; wie die Tage so langsam verstreichen; jetzt so nahe am Ziele, möchte ich das Gelübde noch brechen und den dummen romantischen Spuk austreiben. Die Geister – –« und bei diesem Worte drehte er unwillkürlich seinen Kopf und schaute wie furchtsam im Zimmer umher; »was war das? Hörte ich nicht deutlich Franziska's Stimme? Bei Gott! ihre klagende Stimme; ha, Franziska und auch Mary Ann – sie noch. Luft Luft!« und hurtig, indem er nach Hut und Spazierstock griff, trat er aus dem Zimmer und unter das Portal seines Hauses hinweg in die lebhaftesten Straßen New-Yorks; dann, die erhitzte Phantasie etwas abgekühlt, schlug er die Richtung nach dem Temple'schen Hause ein.

An der Thür desselben angekommen, erfuhr er, daß Philipp nicht zu Hause sei. »Desto besser,« dachte er, öffnete ohne vorherige Anmeldung die Entréezimmer, die zum Parlour führten, in welchem er, wenn ich nicht irre, Margaretha allein, mit einer zierlichen Handarbeit beschäftigt, fand.

Ueberlassen wir sie ihrem Schicksal und folgen Philipp auf seiner einsamen Wanderung nach dem Geisterhause.

Signora Spezzia, die arme Franziska, wie wir sie kennen, hatte sich an ihn gewandt. Der einen Bitte, die unlängst an ihn gerichtet und erfüllt war, folgte noch eine, die letzte. Sie hatte ihn eiligst zu sich rufen lassen, und er war sofort gefolgt. Die alte mürrische Dienerin stand unten am Portale und erwartete ihn, damit er den Eingang nicht verfehle und in den Gängen des alten Hauses sich nicht verirre, vielmehr mit ihrer Hilfe direct zu dem Schmerzenslager Franziska's gelange. Es war geisterhaft still in dem fabelhaften Gebäude, wie immer. Selbst die große Uhr im Sterbesaale ließ ihren monotonen Pendelschlag, ihr Lied vom ewigen Einerlei, nicht mehr hören. Auf dem alten modrigen Teppich war kein Schritt vernehmbar, nur die schwere Thür, wie sie sich beim Oeffnen in den rostigen Angeln drehte, gab einen nervenerschütternden Klagelaut von sich. Philipp Temple, von Natur etwas weich, wenn auch nicht furchtsam, beschlich ein eigenthümliches Gefühl, beinahe so wie damals beim gewaltsamen Tode Corsini's und dem plötzlichen Sterben des alten Spezzia. Als er in das Zimmer Franziska's, das arm und dürftig ausgestattet war, trat, erblickte er die Bewohnerin desselben auf einem Stuhl in der Mitte des Zimmers sitzend. Sie hatte ihr Auge unverwandt auf das dunkle Crucifix an der weißen Wand geheftet; als sie jedoch den Eintretenden bemerkte, wendete sie ihr bleiches Gesicht zu ihm hin. Für Philipp war es schwer, in der gebrochenen, aber immer noch schönen Gestalt die ehemalige Geliebte seines Freundes Eliot wieder zu erkennen.

»Ich habe Sie bemüht, Sir« begann sie zu sprechen.

»Mit Vergnügen, Signora, bin ich alle Zeit zu Ihren Diensten,« antwortete Philipp mit einem Ausdruck von Gutmüthigkeit. 

»Ich danke Ihnen.«

»Haben Sie seiner Zeit richtig den Brief aus Florenz empfangen?« fragte er theilnehmend.

»Er enthielt das Certificat meiner kirchlichen Trauung mit Herrn Eliot Granger;« erwiderte sie.

»Ihrer Trauung!« wiederholte Philipp mit Erstaunen, »Sie sind die Gattin Granger's?«

»Sein kirchlich angetrautes Weib, aber –« und mit einer Bitterkeit und den Flammen des Hasses, die in ihren dunkeln erloschenen Augen noch einmal aufleuchteten, setzte sie hinzu: »aber sein Weib nicht mehr.«

Philipp wurde still – indeß die erneuerte Aufregung für die Arme fürchtend, richtete er Worte der Beruhigung an sie, die ihre Wirkung nicht verfehlten.

»Dort, dort in dem kleinen braunen Schrein habe ich das Document aufbewahrt,« begann sie wieder mit heiserer Stimme. »Es ist das einzige Erbtheil, was ich meinem Kinde nach dem Tode hinterlasse – doch nein, auch jener Dolch noch ist sein – und das Kreuz – o, das Kreuz setzt mir auf's Grab. –«

»Sie werden nicht sterben, Signora!« fiel Philipp ein, und Thränen des Mitleids traten ihm fast in die Augen. 

»Doch, doch, ich werde sterben;« antwortete sie fest. »Noch diese Bitte an Sie, die letzte, auf deren redliche Erfüllung ich sicher baue.«

»Sie dürfen sich verlassen,« erwiderte Temple und reichte ihr seine Hand.

»Seien Sie mir behülflich, ich bin sehr matt, – lüften Sie ein wenig den Vorhang.«

Philipp that, wie ihm geheißen; dann fuhr sie fort: »So, dort sehen Sie unter dem Bette ein kleines Tönnchen mit kupfernen Reifen, – langen Sie darnach.«

»Es ist schwer,« sagte er.

»Heben Sie es auf und lesen Sie die Inschrift.«

»Oswald Gautier! Was ist das?«

»Ich bitte, besorgen Sie den Inhalt an seine Adresse.«

»Das ist bald geschehen,« sagte er freundlich. »Seien Sie unbesorgt, noch heute soll er in Besitz desselben gelangen.«

»So kann ich ruhig sein. Jetzt leben Sie wohl. Die Zeit drängt. Noch einmal danke ich Ihnen.«

Sie reichte ihm ihre Hand und sagte: »Addio! Addio!« Wie Musik klangen diese letzten Abschiedsworte in ihrer süßen Muttersprache. Die Kranke klopfte mit einem Stuhl um ihrer Aufwärterin, dem alten weiblichen Murrkopf, ein Signal zu geben.

»Tragen Sie dies zum Wagen des Herrn,« befahl sie.

»Lassen Sie, es ist zu schwer, ich will es selbst hinaustragen.« Und Philipp hob es auf die Schulter, bot ihr noch einmal Lebewohl und sagte: »Auf Wiedersehn!« –

Unten an der Thür angekommen, setzte er den Gegenstand hin, winkte dem Kutscher, der an der Ecke unweit des Hauses anhielt, ließ ihn vom Bock heruntersteigen, und übergab ihm das Fäßchen, damit er es zum Wagen bringe. Er selbst folgte auf dem Fuße und stieg ein. Wie ein Traum erschien ihm die letzt vergangene Stunde, allein der ihm anvertraute Gegenstand, der auf dem Rücksitz da vor ihm lag, überzeugte ihn, daß das eben Erlebte Wirklichkeit und nicht Traum sei. An seinem Geschäftslocal vorüberfahrend, ließ er halten, übergab das kleine Tönnchen einem Werkführer, der es in's Gewölbe tragen wußte, und ertheilte dann dem Kutscher die Weisung, ihn zum Temple'schen Hause zu fahren. Nach Verlauf von einer Viertelstunde stand er vor der Thür desselben, aus welchem eben Eliot Granger sich herausbegeben hatte. Es schien, als ob er den Heimkehrenden nicht bemerkte und als ob er in einer ganz besondern Stimmung sich befinde. Temple schauderte, da er seinen ehemaligen Freund sah; er hätte am liebsten ihn niemals wiedergesehen.

Als er noch an demselben Abend in das Hôtel ging und nach Oswald Gautier fragte, ward ihm zur Antwort, daß der Sänger schon am frühen Morgen abgereist sei, und zwar nach den Niagarafällen, um sich eine Ausspannung und Erholung von den Anstrengungen der letzten Opernvorstellungen zu gönnen. Philipp konnte daher sein Versprechen nicht sogleich erfüllen und mußte ruhig die Rückkehr, die in einigen Tagen erfolgen sollte, abwarten.

Obwohl es uns beinahe zwei Tagereisen kostet, so können wir doch nicht umhin, unserm jungen Genius dahin zu folgen. Er hatte alle Lorbeeren und Kränze von sich geworfen, um hinaus nach dem verlockenden Zauberort, hinaus in die frische, wonnige Natur zu kommen. Aber eine Ranke, die hat er doch mit sich genommen, eine dunkelgrüne Ranke. Woher er sie nur bekommen hat? sie lag doch auf den Locken Margaretha's an jenem Abend so leicht und anmuthig, und nun ruht sie auf seinem pochenden Herzen? – Ja, wahrlich, wer ihn gesehen, den kühnen, muthigen Jüngling, dort über und unter den Felsen und Fällen des tosenden Katarakts, der würde wohl an das pochende Herz Oswald's geglaubt haben. Wer könnte Schritt mit ihm halten, der den Fuß der Gemse geliehen zu haben scheint, um von Fels zu Felsen zu springen und sich im Wasserstaub Stirn und Wangen zu kühlen. – Was ist dem stillen, sinnigen Sängerknaben geschehen, der träumend seine Lieder sang und die Sehnsucht nach verlorenen Herzen nicht los werden konnte? – –

Auf der Lunainsel, jenem zerklüfteten Stückchen Erdreich, das sich trotzend zwischen den zwei Fällen Ewigkeiten hindurch erhalten hat, ließ er sich endlich nieder auf einen Felsblock; einen ächten Runenstein, auf welchem, überwachsen mit Moosen zwar, Namen und Zeichen – verwitterte Denkmale der Liebe und Freundschaft – eingegraben standen. An einem kleinen schwachen Erlenbäumchen, das daneben aufschoß, den schönen lockigen Kopf gelehnt, blickte er in die Tiefe, in welche der wirbelnde Strudel sich ergoß, und weidete sich an dem Donnergetose, der ein wildes Accompagnement zu dem Liede seines Herzens abgab, in welchem alle die Töne, die jemals von seiner Seelenharfe angestimmt wurden, wiederklangen und sich zu einem Liede der Liebe vereinten, das nunmehr Worte annahm. Einige Accorde, in Noten gesetzt, zeichnete er in die weiße Rinde des schwankenden Erlenbaums, und dann wie vom Sturm der dämonischen Naturgewalten des Wassersturzes erfaßt, lief er mit kühnen Wagnissen an den steilen Hängen umher, raffte wilde Sträuße zusammen, warf sie hinab in die Fluth und sang dem Sturme mit der Reinheit seiner Stimme entgegen: »Margaretha, Margaretha!«

Darauf schlenderte er gedankenvoll in's Thal hinab, nahm einen Fischerkahn und ließ sich durch die aufgeregte Fluth zum canadischen Ufer hinüberschaukeln.

Sein Diener stand drüben und erwartete ihn.

»Sie verspäten sich, Herr Gautier,« rief er ihm zu. »Die Glocke im Katarakthause« – so hieß das Hôtel, in welchem er drüben auf der schönen canadischen Seite abgestiegen war – »hat längst zum Souper geläutet.«

»Es ist noch früh genug, Peter Martin!« war die lächelnde Antwort, in welchem der Diener – es war derselbe Peter Martin, ehemaliger Logendiener im Theatre Francais zu New-Orleans, der sich zum Leibdiener des berühmten Sängers emporgeschwungen hatte – eine ganz ungewöhnliche Heiterkeit bemerken wollte. Peter Martin beeilte sich beim Hinansteigen der steilen Uferhöhen seinem jungen Herrn den Burnus von den Schultern zu nehmen und ihm denselben nachzutragen.

»Da kommt der New-Yorker Zug,« sagte Martin, und das Heranrauschen der Locomotive und ihr Pfiff zeigten an, daß er recht hatte.

Oswald hatte bald das Hôtel erreicht; als er eintrat, flogen Portier und Kellner ihm entgegen, öffneten schneller und auch weiter als je die großen Hauptthüren, um den berühmten Sänger eintreten zu lassen, von dem in den letzten Zeitungen des Ostens und des Westens die Kunde zu lesen stand, daß er, der »lieblichste Sänger der Welt« gegenwärtig an den Fällen des Niagara verweile, und im »Katarakthause« daselbst abgestiegen sei.

Schon rollten die Omnibus heran und hielten vor der Piazza des stolzen Hôtels. Der Telegraph in dem umfangreichen Gebäude wurde gehandhabt, und aus den Sprachröhren ertönten die automatischen Befehle, die Alles in Bewegung setzten. Als aber erst zwei Privatcarrossen vorfuhren, läuteten und klingelten die verschiedenen Glocken des Hôtels, als ob Pfingstmorgen angebrochen sei.

Oswald, der einige Augenblicke in seligen Träumen auf seinem Zimmer zugebracht und sich dem Bewußtsein seines jungen Liebesehnens hingegeben hatte, sprang gleichsam wie aufgeweckt aus seinem Sinnen und lief an das Fenster.

Durfte er seinen Augen trauen? – War es nicht Philipp Temple, der aus dem Wagen sprang, und Maria? – und, o Himmel! nicht auch Margaretha, die folgte? – Oswald konnte sich nicht schnell genug fassen; er warf sich mit dem Gesicht in die Ecke eines Divans, überließ seinen Empfindungen einen Augenblick die Herrschaft über sich, stand dann plötzlich auf, ordnete seinen Anzug ein wenig, und ging hinunter, den Neuangekommenen entgegen. Als er vor die Thür hinaustrat, fuhr eben der zweite Wagen vor, aus welchem Mrs. Montague, Mrs. Temple und der alte Commodore stiegen. Er bewillkommte sie herzlich und höflich, und wandte sich zu den Anderen mit den innigsten Begrüßungen.

»Wir haben Sie eingeholt, lieber Gautier,« sagte Philipp.

»Wie hätte ich Ihnen entfliehen können?« erwiderte er und blickte verstohlen auf Margarethe, die leise erröthete.

Dann trat die Gesellschaft in den Parlour des Hôtels, von wo aus die Damen sich in ihre Privatgemächer zurückzogen, um sehr bald wieder zusammen im Speisesaal zu erscheinen.

Philipp und Oswald gingen mittlerweile auf den Balcon hinaus und unterhielten sich über die Wunder der großartigen Natur, die sich dort unten zu ihren Füßen aufthaten, indeß der alte Commodore, eine ächte Wasserratte, nach seinem Elemente hinabgezogen wurde.

Als er nach einer halben Stunde vielleicht wieder zurückkehrte, saß die Familie bereits beim Souper. Strahlend vor Heiterkeit setzte der alte Seemann sich auf den für ihn belegten Platz und erzählte von seiner Wanderung nicht an oder unter, sondern hinter den Fällen.

»Bei Gingo!« hub er mit seinem Seeheldenschwur an, »wenn ich noch einmal zu heirathen hätte, wahrhaftig, ich heirathete wie neulich das Brautpaar hier, von dem alle Blätter voll waren, hinter dieser Wasserwand.«

»In dem Wasserdom?« fragte Margaretha.

»Ja eben daselbst, unter den Felsen, über welchen die Wasserfluth hinabstürzt,«(Der Niagarafall nimmt bei seinem Sturz in das Flußbecken eine solche Schwingung, daß man unter demselben trockenen Fußes hinweggehen kann. Ein abenteuerliches Brautpaar vollzog allerdings vor einigen Jahren unter den Fällen seine höchst romantische Trauung.) sagte der Commodore.

»Das wäre der rechte Trauungsort eigentlich für einen Seemann,« sagte Maria Montague.

»Und auch für eines Seemanns Töchter,« erwiderte der Vater lachend.

»Das ist aber auch wahr,« fiel Philipp wohlgefällig ein.

»Waren Sie schon dort, Herr Gautier?« fragte Commodore Montague. »Das ist eine Welt, um mit den Wasserteufeln vertraut zu werden. Wir müssen gleich hinabgehen.«

»Ich werde Ihnen mit vielem Vergnügen folgen,« antwortete Oswald.

Als man sich hurtig nach amerikanischer Weise vom Souper erhoben hatte, ging's flugs dem Commodore nach, der im wahren Sturmschritt den Wassernixen in die Arme rannte. Die beiden Matrönchen waren ihm zunächst auf Schritt und Tritt gefolgt. Philipp und Maria blieben zurück, – ich glaube, sie pflückten wieder blaue Vergißmeinnicht, die am Rande der ewig feuchten Matten am Ufer wie schöne Perlen blühten.

Wo aber blieben Oswald und Margaretha? Ja, Philipp und Marie konnten am wenigstens Auskunft über sie geben, und wenn der breite Strom und der Wassersturz nicht dazwischen lägen, wäre ich geneigt zu glauben, sie seien zur Lunainsel gerudert, so aber müssen wir annehmen, daß sie auf kleinen Seitenwegen sich ein wenig verirrt haben. Gleichviel, die beiden älteren Damen verlangten nicht dem Commodore nachzugehen durch den Wassertunnel.

»Er ist breit genug,« rief er ihnen zu mit einer Stimme, die gewöhnt, unter Wassergebrause sich vernehmbar zu machen, »zwölf Fuß ungefähr.«

»Aber zu schaurig,« antworteten sie und drehten sich auf dem Fuß zur Rückkehr nach dem Hôtel, woselbst sie der Ruhe pflegen konnten. Diese Zeichensprache war deutlich genug, um als Commentar zu der unverstandenen Antwort dem Commodore zu dienen. Wer denkt überhaupt daran, sich verständlich machen zu können, wo die Natur eine solche Donnersprache wie an den Niagarafällen führt.

Die harmonischen Elemente hatten sich also zusammengefunden: der Commodore mit seinem Wassergott dort unter dem Tosen und Brausen des Falles; die beiden Mütter in ihren gleichberechtigten Hoffnungen und Wünschen; Philipp und Marie mit den Vergißmeinnicht; und endlich Oswald mit Margarethen? – welche Blumenpfade sie wanderten, ich weiß es nicht, und wüßte ich's, ich würde sie nicht verrathen. Nur die Blumen dürfen sie belauschen – und die Sterne mit den goldenen Augen, denn sie sind schon längst aufgegangen und schauen vom Himmel herab auf zwei liebende Pärchen.

Am andern Tage, es war fast Mittagszeit, begann Mrs. Temple sich ein wenig beunruhigt zu fühlen über das fortwährende Verschwinden der jungen Leute, und insbesondere über Margaretha's.

»Seien Sie unbesorgt, liebe Freundin,« sagte der Commodore, »wir ahnen schon, was vorgeht.«

»Machen Sie mich nicht bange.«

»Im Gegentheil, – ich kann Ihnen Hoffnung machen; der junge Oswald Gautier ist ein ganzer Mann. Ich liebe sonst nicht die Gaukler und Künstler und Sänger, und was sie sein mögen; allein dieser Oswald bei all' dem Spectakel, den er augenblicklich in der Welt macht, bleibt er ein bescheidener, netter Junge. Ich wollt', er wäre ein Midshipman. »

Eine Stelle aus der Regimentstochter jodelnd, trat der heitere Philipp in den Privatparlour. »Guten Morgen, guten Morgen!«

»Wo bleibt Ihr?« fragte die Mutter im mehr besorgten als vorwurfsvollen Tone.

»Ach, es ist hier so wunderschön, liebe Mutter, Ihr genießt's nur nicht halb wie wir.«

»Der Schlaukopf hat recht!« sagte Mr. Montague, und die beiden Mütter lachten dazu.

»Wir leben in diesem Wasserreich, als ob es ein Himmelreich sei. Uebrigens gingen die beiden Damen auf ihre Zimmer, um sich auszuruhen, Und Gautier und ich schlendern seit einer Stunde allein umher.«

»Gefällt Dir Mr. Gautier?« fragte die Mutter etwas begierig. »Wie ist er?«

»Er ist der Gegensatz meines ehemaligen Freundes Eliot,« antwortete Philipp.

»So kann ich zufrieden sein!« sagte Mrs. Temple, und athmete auf.

»Früh in seiner Jugend war er der Mutter entrissen und den katholischen Priestern in New-Orleans übergeben worden. Wie dem armen Jungen dort zu Muthe ward, das will ich ein anderes Mal erzählen;« die Liebe eines treuen Mutterherzens trat in diesem Augenblick dem Sohn vor das dankbare Auge und er küßte die Mutter mit Herzlichkeit.

»Sein guter Genius aber,« fuhr er fort, »seine melodische Stimme und vor Allem sein gerader Wille haben den guten Herren Schwarzröcken einen Strich durch ihre Rechnung gemacht, er hat ihnen mit Anstand und Würde den Rücken gekehrt und sich einer erfolgreichen Carriére zugewandt.«

»Recht so, immer den Compaß in der Tasche,« bemerkte der Commodore mit schlauem Lächeln.

»Doch sieh, da kommen die Ladies. Ha, wie schön sie sind; im Wasserstaub, es ist doch wahr, leuchtet Alles glänzender. Es ist hier gerade wie auf See. Will Euch 'mal mitnehmen, wenn ich nächstens wieder unter Segel gehe.«

Die ganze Gesellschaft lachte zu dem guten Humor des passionirten Seemannes, nur Margaretha nicht; sie war so ernst und ihre Augen glänzten, als ob sie ein wenig geweint habe.

Auch bei Oswald Gautier, der eben eintrat und sich mit außerordentlicher Feinheit dem glücklichen Familienkreise präsentirte, schien eine ähnliche Stimmung vorzuherrschen. Er näherte sich besonders Margarethen, und eine Ruhe und Feier sprach sich in dem Wesen dieser zwei Menschen aus, die deutlich errathen ließen, daß ein Ausdruck gegenseitiger Liebe stattgefunden haben mußte.

Ob glücklicher Liebe? das war eine andere Frage. Margaretha hatte ihre Täuschungen schon zu tief empfunden; von ihren Wunden, die jene ihrer Brust zurückgelassen hatten, konnte sie noch nicht wieder geheilt sein. Ob sie durch die zärtliche Neigung eines jungen, noch unberührten Herzens, eines Mannes voll Kraft und Poesie genesen würde? Sie selber war sich's nicht klar. Vielleicht war sie noch nicht frei von dem Bann, mit dem Eliot sie umstrickt hatte. Die Anziehungskraft, die er auf sie ausgeübt, lag freilich auch in dem Wesen Oswald's; nur steigerte sie sich in diesem von Stunde zu Stunde, und verlieh durch die längere Gegenwart einen Zauber und ein immer wachsendes Interesse, während diese bei Eliot abstoßend wirkte und am Ende so beängstigend für ihr armes Herz ward, daß sie nicht wußte, wohin oft fliehen mit ihrer Noth.

Für den Nachmittag war eine Fahrt nach dem »Cave of the winds« verabredet. Oswald Gautier mußte Theil daran nehmen, als ob er zur Familie bereits gehöre. Er sowohl wie Margaretha fühlten auch, daß sie sich keinen Augenblick mehr von einander trennen könnten. Sie hatten sich das zwar noch nicht gesagt, aber dennoch war es so. – Als die Gesellschaft zum Souper zurückkehrte und der Abend so lauwarm und wonnig zu werden versprach, lud Oswald Margaretha zur Fahrt in den Fischerkahn und hinüber zur Lunainsel ein. Philipp und Marie folgten in einem zweiten kleinen Fahrzeuge? Ob die wilden Fluthen oder die Unkenntniß des Steuermanns in der Person Philipp's, oder endlich gar eine bösliche Absicht Schuld trugen, daß Letztere nach einer anderen, bis jetzt unentdeckten Insel verschlagen wurden, wer kann das ergründen? Genug, unser jüngstes Liebespärchen fand sich bald allein an den steilen Hängen der Felseninsel. Mit starker Hand, die sonst nur gewohnt war die Laute zu schlagen, führte der Sänger seine Geliebte auf die unumwölkte Höhe, und ehe sie es noch selber ahnten, standen sie Beide vor dem weißen Birkenbäumchen und dem moosbewachsenen Runenstein. Margaretha sah in der frischgeschnittenen Rinde, aus der noch das Herzblut des Stammes quoll, ihren Namen verzeichnet und darüber das Lied der Liebe, das gestern hier gesungen ward, in Mollaccorden ausgedrückt. Ihre Kniee begannen zu zittern. Oswald fühlte, wie sie schwankte, er faßte sie unter die Arme, damit sie nicht um sinke. Behutsam ließ er sie auf den Stein gleiten, den er mit Hülfe seines Sammetburnus zum weichen Sitz ihr geschaffen hatte. Dann fiel auch er vor sie auf die Kniee nieder, ergriff ihre beiden Hände, küßte sie mit leidenschaftlicher Innigkeit und sagte, indem er ihr in's schöne Auge blickte:

»O Margaretha! laß mich nie wieder von Dir gehen!« Sie zog sein schönes, fieberndes Haupt an ihr Herz und hielt ihn da so fest, wie wenn sie hätte sagen wollen: Von dieser Stelle kann Dich Niemand mir entreißen.

»O, so war es einst, als ich auf dem Schooße der Mutter lag und auf ewig dann von ihrem Herzen getrennt ward. Ich suchte sie in den dumpfen Hallen des Klosters, wenn der Mond um die Pfeiler spielte oder auch der Sonnenschein die verborgenen Winkel beleuchtete. Ich fand sie nicht – nur von den Altären manchmal, wenn die Messen ertönten, stieg in den sanftesten Liedern ein Bild zu meinem Herzen hernieder, das mich tröstete und liebkoste. Du warst dies Bild; – anfangs stand es umhüllt vor meiner Seele, aber nach und nach gestaltete es sich klarer im goldigen Lichtreich des Gedankens vor meinen Blicken. Du warst es, Du selbst, die ich umfangen halte und nimmer wieder lassen kann.«

Er stand auf und beugte sich über sie. Sie schlug die langen Wimpern ihrer Augen auf, und zwei volle Thränenperlen leuchteten darin. Reden konnte sie nicht.

Die Sonne warf ihren letzten Blick auf die zwei Herzen und besiegelte den Bund des freien Geistes und der wahren Liebe.

Beide hatten sich erhoben, und der erste Kuß flammte auf ihren Lippen.

Die Ruhe einer schon herbstlich angehauchten Natur war im majestätischen Siege hoch über den brausenden Wasserstürzen auf dieser dem Monde und der Liebe geweihten Insel vernehmbar. Nur der Ruf aus einem treuen Bruder- und einem liebenden Schwesterherzen störte sie leise auf.

Als sie einander ansichtig wurden, stürzten sie sich in die Arme. Margaretha weinte an der Brust Mariens die Thränen ihrer so mächtig erregten Gefühle. Sie sprach es heute nicht aus das Wort, das einstmals so unbegründet und leicht ihren Lippen entschlüpft war, diesmal aber klarer als alle Sterne am westlichen Himmel, in ihrem Herzen geschrieben stand. 

Oswald und Philipp standen da wie zwei junge Eichen, Hand in Hand. Das Leben lag vor ihnen wie ein junger Tag, den sie wie glückliche Menschen miteinander auszuleben hatten. Die Erde winkte ihnen, die freie schöne Erde auf der sie sich ihr Theil erringen wollten zu ihrem Liebes- und Lebensglück. –

Am folgenden Morgen traten zwei hübsche junge Brautpaare vor die glücklichen Mütter und den heitern Vater. Sie kündeten den neuen Bund des einen, unter Lachen und Scherzen an.

»Zwei Paare!« sagte der Commodore, »wahrlich, das lohnte der Mühe mal wieder, eine Trauung hinter den Fällen zu veranstalten.«

»In dem Wasserdom,« sagte Oswald im fragenden Tone, und schaute dabei Margaretha an. Sie antwortete nicht, aber Marie fiel ein:

»Das wäre etwas zu romantisch.«

»Nicht hinter den Fällen, da ist's zu schaurig. Warum aber nicht, wo's lieblich ist?« sagte Temple, der dem Vorschlage seines zukünftigen Schwiegervaters sonst in keiner Weise entgegen sein wollte; »auf der Lunainsel etwa, am weißen Birkenstamm und an dem Runenstein?«

»Topp!« rief der Commodore. »Der alte Schiffscaplan, von dem ich gestern hörte, daß er hier wohne, derselbe Alte, der 1812 auf dem Erie mit uns gegen die Engländer im Feuer stand. Ja, damals war ich noch Schiffscadet und dachte an Dich noch nicht,« dabei kniff er seine Gattin ein wenig in die Wangen; »derselbe Alte, seinen Namen habe ich vergessen, wir nannten ihn immer den heiligen Jack, der soll Euch den Ehesegen sprechen; wartet, dann haben wir auch einen so vermaledeiten New-Yorker notar of public nicht nöthig. Das ist ein guter Einfall, nicht wahr, Mrs. Montague? – Mrs. Temple, nicht wahr?«

»Wie's den Kindern gefällt; wir wollen's zufrieden sein,« sagte das milde Herz der Mutter Philipp's.

»Aber das Hochzeitsfest und das Verlobungsfest erst –« hob Mrs. Montague an.

Alles fing laut an zu lachen.

»Können wir nachfeiern!« rief der Commodore dazwischen, als hätte er einen Sturm zu beschwören. »Es bleibt dabei!«

Es war am Vorabend des zehnten September, als zwei neugeschaffene glückliche Ehepärchen den schönen Hudsonstrom hinabfuhren und der großen Stadt New-York zusteuerten, die glänzender als je im goldenen Abendstrahle wie Amphitrite aus dem Meere sich erhob. 



19.

Der zehnte September.

Der Morgen des geheimnißvollen zehnten September war angebrochen, ein kühler, nebeliger Morgen.

Eliot Granger hatte nicht geschlafen. Es hatte sich eine Unruhe seiner bemeistert, die er anfangs verlachen wollte, der er aber bald eine gewisse Herrschaft über sich einräumen mußte. Ehe es noch völlig Tag werden wollte, klingelte er drei-, viermal nach seinem Diener und fragte, wie viel Uhr es sei; zuletzt befahl er, ihm beim Ankleiden zu helfen. Er legte seine feinsten Kleider an, wie es recht für Einen der sein Erbe feierlich antreten will und zu den Geistern seiner Verstorbenen geladen wird. Dann nahm er aus einer wohlverschlossenen Schatulle einen Messingschlüssel, besah denselben genau, und steckte ihn sorgfältig zu sich in die linke Brusttasche seines Rocks. Darauf befahl er dem Diener, einen Wagen zu holen, welcher ihn nach dem geheimnißvollen Hause im westlichen Theile der Stadt bringen sollte.

»Muß der Kutscher dort warten, um Sie zurückzufahren?« fragte Martin.

»Unnöthig?« war die Antwort.

»Well!« sagte Martin, und ging. Unten am Wagenschlag indeß stand er wieder, um die letzten Befehle seines Herrn beim Einsteigen noch entgegen zu nehmen.

Es war dem Martin sehr auffallend, daß Herr Granger so zerstreut war, ihm kaum Adieu sagte, und nichts, gar nichts mehr zu befehlen hatte.

Der Wagen mußte eine lange Strecke durch die geschäftsreichsten Straßen fahren, ehe er an das Portal des Geisterhauses kam. Endlich hielt er still. Eliot stieg aus, nahm ein kleines Instrument, das er kunstgerecht zu benutzen verstand, um die Pforte selbst zu öffnen und ungesehen von den mürrischen Dienerinnen des Hauses einzutreten.

»Die Todtenstille herrscht ewig,« sagte Granger zu sich selbst, indem er durch die Corridore schritt und der Thür von Signora Franziska vorübereilte, wie wenn er vom Gewissen getrieben würde. Ehe er es dachte, stand er an der großen Flügelthür des Sterbesaales. Er trat hurtig ein und schritt auf ein Fenster zu, um eine Blende zu öffnen, die, wenn auch nicht viel Licht, doch wenigstens einen Lichtstreifen hereinfallen und das Getäfel über der eisernen Thür bescheinen ließ.

Dann, wie die Sterbende es gewollt, still und allein näherte er sich der Wand und dem Schrank, der seine Schätze barg. Es war ihm, als ob er ihre letzten flüsternden Worte vernahm: »Ich werde an Deiner Seite sein, wenn Du mein Vermächtniß öffnen wirst. Du wirst mich nicht sehen, mich nicht hören; aber Du wirst meine Gegenwart empfinden.« Als er das Getäfel, welches über der eisernen Thür lag, fortschob und den Schlüssel knarrend im Schloß umdrehte, stürmten alle die Erinnerungen der letzten Stunde auf das weich gewordene Gemüth Eliot's ein, und mit einer letzten thörichten Hoffnung auf Margaretha, so wie der Reminiscenz jener Sterbeworte: »Lebe wohl, lebe ewig wohl! Und nun kommt, ihr Schatten einer unbekannten Welt – kommt aus den verborgenen Räumen – »riß er, nicht ohne einige Anstrengungen, die Thür auf. 

»Was war das?« Eine Staubwolke wirbelte vor seinen Blicken auf, und das ganze Innere des Mauerwerks, Kalk, Steine, ja selbst die Gefächer rollen hinab in eine endlose Tiefe. –

»Was war das?« rief er, von einem Schrecken erfaßt, in dem er mehr an die eigene Enttäuschung als an alle guten und bösen Geister dachte. Er trat einige Schritte zurück, um dem Staub und dem Geröll zu entgehen. Die Wolke senkte sich allgemach, nur kleine Steine bröckelten noch nach, und wie durch einen Schleier schimmerte das Tageslicht von dem daran stoßenden Gemach. Auch der Schleier zertheilte sich, und plötzlich – o Gott – welch ein Bild! Eliot greift in seine Locken, er möchte sie ausraufen – in die Tiefe möchte er selbst versinken – denn das Bild, das sich vor seinen Blicken erhebt, ist – das Todtenbett Franziska Spezzia's.

An ihrer Brust hielt sie ihr todtes Kindchen, die junge, schöne, marmorkalte Mutter. – – – –
–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –  –

Eliot Granger hatte sein Antlitz verhüllt; erst nach einer langen Pause wagte er es, wieder emporzublicken. Still und ruhig wie der Friede lag sie da. O, wie todtenstill!

Die Thür des kleinen Wandschreins stand offen, durch welche das Bild sich seinen Blicken zeigte. Auf der Brüstung desselben lag das Stilet.

Was hatte der blanke Stahl noch zu vertheidigen, was noch zu beschützen fortan? – O, nichts mehr, seit ihr Herz gebrochen ist! Und doch das Eine noch – das Eine, die Ehre des italienischen Weibes.

Der Dolch ruhte auf einem Actenstück – Granger griff krampfhaft darnach – er hielt es für das Vermächtniß der Sterbenden. – Ja wohl, es war es aber ein anderes Vermächtniß einer andern Sterbenden. – Es war das Actenstück nichts, als das Certificat der kirchlichen Trauung, Eliot Granger's Trauung mit Signora Franziska Spezzia.

Hohnlachend hielt er es empor und zerknitterte das Papier in seinen Händen. Vergebens stierte er nach einer verzehrenden Flamme im Kamin. Zusammengeballt barg er es zuletzt in die linke Brusttasche. –

Es war kein Zweifel, die schaurige Tiefe hatte das Testament von Mrs. Granger verschlungen; es war der Schacht derselbe, durch welchen der unglückliche Falschmünzer sich wieder zum Licht emporgearbeitet hatte. Der Abgrund hatte ein Opfer gefordert, die Geister waren gesühnt. Kein Laut regte sich mehr; nur Todtenstille herrschte.

Eliot Granger warf die eiserne Thür zu, ließ das Getäfel wieder darüber fallen, und eilte hinaus. Der Gedanke an seinen Rechtsbeistand Mr. Headly fuhr ihm durch das erhitzte Gehirn. Als er auf die Straße kam, maß er den Weg mit eiligen Schritten; an der Ecke aber von Broadway und Elmstreet wurde er aufgehalten. – Hier stand eine Gruppe seiner Bekannten, die aus den Händen der kleinen News-boys (Die kleinen Knaben, welche die Zeitungen auf den Straßen feilbieten. Sie bilden eine eigene förmliche Zunft.) die Morgenbulletins sich am ersten erhascht hatten.

 »Sieh da, guten Morgen, Eliot,« rief ihm Einer zu, »eine Neuigkeit, die dem Bennet 'mal wieder einige Tausend für seinen »Herold« werth ist.«

»Hui, wie bleich der ist, er kennt sie schon;« sagte ein Anderer zu einem Dritten.

Er wollte vorübereilen.

»Miß Margaretha Temple hat den Sänger Gautier und der Philipp die Miß Montague geheirathet,« riefen die Freunde wie aus einem Munde, und drängten ihm das Zeitungsblatt in die Hände. Eliot nahm es, er suchte nach der betreffenden Stelle unter den »City Items,« da – fiel ein Schuß. –

Eliot Granger war in's Herz geschossen. Er schwankte; seine Freunde fingen ihn in ihre Arme auf, und legten ihn nieder auf die Erde.

Ein allezeit gegenwärtiger Constabler hörte den Schuß und eilte auf die Gruppe zu. Ein junges Mädchen trat näher und sprach mit fester Stimme:

»Es ist Eliot Granger, den ich erschoß.«

Der Mann des Gesetzes wollte ihr die Pistole nehmen; sie aber reichte sie ihm freiwillig und zog aus dem Gürtel ihres Kleides auch noch einen Dolch hervor, den sie übergab: »Er ist scharf geschliffen,« sagte sie, »ich wollte es sicher haben.«

Eliot athmete noch einmal, dann starb er. Die junge Mörderin wurde unter einem Auflauf von Menschen zum Courthause geführt, und die Leiche Eliot's brachten seine Freunde in's Stationshaus.


* * *


In dem Temple'schen Hause treten wir um dieselbe frühe Morgenstunde in einen glücklichen Familienkreis ein. Da ist Alles noch Lust und Leben, Lachen und Lieben. Man ahnt hier noch nichts von den Schauern des zehnten September; man kennt die Mysterien des Geisterhauses nicht. Aber nachdem die Geschäftsstunde schon längst geschlagen hat, hält Philipp Temple als nunmehriger Gatte und Familienhaupt, so wie als anerkannt guter Geschäftsmann sich verpflichtet, endlich einmal wieder zum Geschäftslocal zu gehen. Er hat Oswald dahin eingeladen, damit er seinen Auftrag an ihn ausführen könne, einen Auftrag, von dem er ihm freilich in den seligen Tagen von Niagara schon eine vorbereitende Meldung gemacht hatte.

Die beiden jungen Ehemänner waren genöthigt, für eine kurze Weile zärtlichen Abschied von ihren reizenden Frauen zu nehmen. In den für Philipp etwas fremdgewordenen Geschäftsräumen angekommen, wurde zunächst die kleine Tonne aus dem Gewölbe geschafft und in das Boudoir des Chefs vom Hause niedergesetzt.

Als Oswald sich den interessanten Gegenstand mit der eingebrannten Inschrift: »Oswald Gautier« genau ansah, tauchte eine Erinnerung auf, daß er einst von seinem Vater, als dieser ihn der Obhut der dunkeln Priester und Mönche anvertraut, von einem wohlverwahrten Schatz für ihn, der in einem Tönnchen in irgend welchen Höhlen oder Gewölben versteckt sei, gehört habe.

Oswald wollte den Gegenstand selbst öffnen und mußte sich hierzu eines starken Brecheisens bedienen. Nicht ohne Mühe gelang es, den Boden einzuschlagen. Er zerrte an einem fest eingeklemmten Säckchen, hob es endlich heraus und bekam einen wahren Schrecken, als demselben französische und spanische Goldstücke entrollten.

Der praktische Philipp empfand nichts von einem solchen Schrecken. Er hob die Münzen auf, besah sie mit Kennermiene, und erklärte Ducaten sowohl wie Doublonen für gut und vollwichtig.

Oswald setzte sich auf den Divan, beschaute den Reichthum mit Gefühlen der Erinnerung und Pietät für seinen früh verstorbenen Vater; Philipp untersuchte den Bestand genauer, und fand sechs Säckchen, alle mit gediegenem Golde angefüllt.

Der nächste Gedanke Oswald's war, seine Wohlthäterin aufzusuchen, und nachzuforschen, in welcher Beziehung sie selbst zu seinem Vater und zur Geschichte dieses geheimen Schatzes stehe. Philipp ließ sich augenblicklich bereit finden, Oswald in das Geisterhaus und zum Krankenbette Signora Franziska Spezzia's zu führen. Sie hatten es bald erreicht; – allein – die Todten sind stumm!

Huh, wie der Anblick der nackten Bahre mit den Leichentüchern darüber gebreitet und der ganzen Umgebung sie durchschauerte! Oswald war bald von dem Verhängniß der Verblichenen, so weit Philipp damit bekannt geworden war, in Kenntniß gesetzt. Da auch schon ereilt sie Beide die Kunde von dem jähen Tode Eliot Granger's. –

»Sein Schicksal hat ihn erreicht,« sagte Temple, und legte sein Haupt tief bewegt an eine Säule im Corridor des Geisterhauses. Wie mächtig die Ereignisse dieser letzten Tage überhaupt, in ihren entsetzlichen Contrasten, auf die Gemüther unserer Freunde einströmten! In den Familienkreis, den wir am Morgen noch so heiter und harmlos antrafen, ist mit all' diesen Nachrichten eine ernste Rührung, eine stille Feier am Abend eingekehrt. Margaretha durchbricht sie, indem sie mit zurückgehaltenem Weinen und Schluchzen sagt: »O, holt mir die Leiche Franziska's, damit ich ihr die letzte Ruhestätte bereite, würdig ihrer Wiege, die unter dem schönen Himmel ihrer wonnesüßen Heimath stand.« 

Es geschah, wie sie gewollt. Oswald trat auf sie zu, küßte ihre Hand, als ob er ihr zu danken habe, und küßte dann die Thräne unter ihrer Wimper hinweg. Der Leichnam Franziska's und ihres Kindes, eines kleinen lieblichen Gesichtchens, umschattet von den dunkelsten Seidenlocken, ward in einem offenen Sarge von Rosenholz und mit einer Behutsamkeit, für welche Oswald und Philipp alle Sorge an den Tag legten, in das Temple'sche Haus gebracht. Margaretha hatte ihr einen Platz in dem blühendsten Theile ihres Gewächshauses angeordnet. Der Todtensarg wurde fast eingehüllt in Blumen und Blüthen, wie das Vaterland der Todten sie nicht reicher zu ihren Füßen hätte ausschütten können. Auf das Haupt der todten Dulderin legte sie die blühende Myrtenkrone, auf ihr Herz den grünenden Palmenzweig, und zu Füßen ihr einen duftenden, dunkelrothen Rosenkranz.

Ihr liebliches Kindchen ruhte der Mutter im rechten Arm.

Auf Greenwood, dem elyseeischen Hügel am Meere, wie er in aller Welt und zu allen Zeiten nie stolzer und prächtiger den Todten aufgethürmt ist, wurde das Grab ihnen bereitet. Ein reiches Gefolge, die Klänge des Chopin'schen Trauermarsches und die stillen Thränen liebender Frauen geleiteten das arme, gebrochene Herz zum blühenden Todtenhain.



Schluß.

Die Abendblätter des zehnten September waren reich an Neuigkeiten, die der Tod Eliot Granger's mit dem Tode seines ungekannten Weibes und Kindes – das Certificat, welches zerknittert in der Tasche des Todten aufgefunden wurde, erklärte sie für sein Weib – verursacht hatte.

Die am Nachmittage stattgefundene »Coroners Jury,« die über die gewaltsame Tödtung Eliot Granger's durch die Hand Mary-Ann Wheeler Verhandlungen gepflogen hatte, wie die Annalen keines Gerichtshofes sie interessanter für die Geschichte des weiblichen Herzens aufbewahren können, lieferte nicht den geringsten Beitrag nur. Ein Resumé war bald gefaßt. »Es ist eine alte Geschichte – –« Das junge Weib, das bescheiden und einfach vor den Schranken erschien, frei und offen ihre Schuld bekannte, hatte geliebt und vertrauend Alles hingegeben, was sie besaß im Leben. Dafür war sie verlassen, verhöhnt und verrathen. Sie hatte sich gerächt und war bereit, dafür den Tod auf dem Richtplatz zu erleiden. »Er solle ihr eine Wohlthat sein,« wie sie gesagt hatte.

Aber sie ward ihr nicht zu Theil. Einige Wochen später wurde sie vor ein Geschworenen-Gericht gestellt, dessen Mitglieder sie freisprachen und ihr die Freiheit wiedergaben.

Um diese Zeit ungefähr war es, daß eines Tages die kleine freundliche Yacht des Commodore Montague am Ufer des schönen Staaten-Island hin und her lavirte und den Dampf zu einem kühnen Reiherbusch aus ihrem kleinen Maschinenschlot wehen ließ. Eine nicht zahlreiche, aber ausgewählte Gesellschaft stieg an Bord des bewimpelten Schiffchens. Von dem Pavillon derselben ertönte eine Musik so rein und wohlgestimmt, wie man sie selten in den transatlantischen Städten anders als in den gesuchtesten Kreisen hört. Es war erklärlich. Einem der beliebtesten amerikanischen Sänger wurden die Anker zur Brautfahrt gelichtet. Der alte Commodore hatte seine feinste Uniform angelegt, um selbst sein kleines Lustschiff zu commandiren; Mrs. Montague, seine Gattin, hatte die Schätze des Südens und Ostens aufgeboten, und ihre liebsten und ihre schönsten Freunde geladen zu einem hochzeitlichen Zauberfest ihrer geliebten Kinder – zu denen sie, mit Mrs. Temple's Erlaubniß, auch Margaretha und Oswald zählen durfte.

Mit Klang und Sang, mit Tanz und schönen Festreden und unter den Saluts von »Young Amerika,« einer kleinen blanken Schiffskanone, steuerte unsere Yacht die stolze New-Yorker Bay hinauf, und passirte, ehe noch die Sonne vollständig im Westen zur Ruhe ging, den Long Island-Sund, dessen reizende Ufer in ihrem buntgefärbten Herbstlaub einen der schönsten Anblicke boten und die Grüße zur glücklichen Brautfahrt in's Schiff winkten.

Am andern Morgen, nachdem die Gäste ein heiteres Fest verlebt und in den bequemen Kojen des Schiffes wohl ausgeruht hatten, lag unsere Yacht im Hafen von Boston.

Der europäische Dampfer »Niagara« lag zur Abfahrt nach der alten Welt bereit daneben. Oswald und Margaretha wurden von den Freunden hinüber an Bord des majestätischen Fahrzeugs begleitet. Philipp und Maria führten sie in die Kajüte, die eigens für das junge Ehepaar geschmückt und eingerichtet war. Der alte Commodore empfahl seine lieben Kinder der besondern Obhut des die »Niagara« commandirenden Capitäns. Diese Empfehlung wurde nicht in den Wind geschrieben. Maria beklagte es, nicht mit nach dem Lande, »wo die Citronen blühen,« reisen zu können. Philipp's großer Geschäftseifer erlaubte eine solche Vacanz nicht, selbst nicht in den Flittermonden ihres jungen Eheglücks. Auch hatte er die wichtige Vollmacht Oswald Gautier's übernommen, nach welcher er mit Hülfe eines New-Yorker Advocaten das bedeutende Vermögen Gautier's zu reguliren, eventuell zu schützen hatte, das einem aufgefundenen Testament zufolge von dem Vater auf den Sohn vermacht worden war, im Falle einer Wiederverheirathung seiner Gattin, der späteren Mrs. St. Just, jetzigen Mrs. Warner zu St. Franzisco in Californien.

Der alte Commodore lobte seinen Schwiegersohn wegen seiner Verständigkeit und suchte sein Töchterlein damit zu trösten, daß der Eriesee mit seinem Niagara viel tausendmal schöner als das mittelländische Meer sei. Die beiden Mütter lächelten und waren froh, daß die eine Hälfte ihrer Kinder nur nach dem fernen Italien gehe, und die andere wenigstens bei ihnen in der Heimath bleibe.

Der Abschied war kurz; ein alter Seemann sorgt schon dafür; er kann keine Thränen sehen. »Young Amerika« war hurtig auf das Verdeck der Yacht gebracht und unter dem Donner des kleinen Geschützes und den Klängen eines Abschiedsständchens, die vom Bord der Yacht herübertönten, so wie unter wehenden Begrüßungen der Freunde ging's in's weite Meer.

Im Frühling des folgenden Jahres hatte Philipp Temple's Geschäftshaus die Sendung eines großen Marmorblocks aus Carrara zu empfangen. Im Atelier der amerikanischen Bildhauerin Miß Hosmar in Rom war ein Grabmal für Franziska Spezzia sculpirt. Gebildet in weißem Marmor, wie die italienische Heimath keinen reiner und schöner senden konnte, steht ein Genius des Gesanges auf einem Hügel zu Greenwood am Gestade des Weltmeers und kündet, wo sie ruht.




1 Harrison Hammer, Bank- und Wechselgeschäft; Höchste Preise werden hier für ungangbare Münzen gegeben. Altes Gold und Silber wird gekauft.

2 New-Orleans

3 eine Art seidenes Taschentuch