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Der Hexenritt.

Isländische Volkssage.

aus: Isländische Volkssagen aus der Sammlung von Jón Árnason, ausgewählt und aus dem Isländischen übersetzt von M[argarethe] Lehmann-Filhés, S. 192-194
Stich von F. Piloty - Hexenritt

Es war einmal ein Pfarrer, ein vortrefflicher und sehr tüchtiger Mann. Als diese Geschichte sich zutrug, war er noch nicht lange verheiratet und hatte eine junge hübsche Frau, die er sehr liebte; sie zeichnete sich aber auch in jeder Hinsicht vor allen anderen Frauen in jener Gegend vorteilhaft aus. Ein Makel aber haftete an ihrem Lebenswandel, der dem Pfarrer gar nicht so geringfügig vorkam; der bestand aber darin, daß sie in jeder Christnacht verschwand und niemand wußte, was dann aus ihr geworden war. Der Pfarrer drang deswegen häufig mit Fragen in sie, allein sie sagte, ihn gehe das nichts an. Dies war die einzige Sache, über die sie uneins waren.

Einst verdingte sich bei dem Pfarrer ein armer Wanderbursche; er war unansehnlich von Gestalt und Wuchs, doch glaubten die Leute, er verstehe sich auf mehr Dinge als gewöhnliche Menschen. So ging es auf Weihnachten zu, ohne daß sich etwas besonderes zutrug. Am Weihnachtsheiligabend jedoch ist der Bursche draußen im Pferdestall damit beschäftigt, die Leibpferde des Pfarrers zu kämmen und zu verpflegen. Da schlüpft auf einmal die Frau des Pfarrers herein und beginnt mit dem Burschen ein Gespräch über allerlei Dinge, und ehe er sich's versieht, zieht sie unter ihrer Schürze ein Gebiß mit Zaumzeug1 hervor und legt es dem Burschen an. Dasselbe übt aber eine solche Zauberkraft aus, daß der Bursche die Pfarrersfrau ruhig seinen Rücken besteigen läßt und wie der Wind mit ihr davon läuft. Es geht über Berg und Thal, über Felsen und Geröll, nichts hemmt den Ritt; dem Burschen ist beinah, als wate er durch dicken Rauch. Zuletzt kommen sie an ein kleines Haus. Dort steigt sie ab und bindet den Burschen an einen in der Hauswand befindlichen Pflock. Darauf geht die Pfarrersfrau an die Thür des Hauses und klopft an. Es kommt nun ein Mann heraus und empfängt sie ausgezeichnet freundlich und nimmt sie mit sich ins Haus. Sobald sie aber darin verschwunden sind, löst der Bursche den Zügel vom Pflock, befreit sich mit einiger Mühe von dem Gebiß und steckt es zu sich. Dann kriecht er auf das Dach des Hauses und späht durch einen Ritz im Dache, um zu sehen, was drinnen los sei. Da sieht er zwölf Frauen an einem Tische sitzen und als den dreizehnten jenen Mann, der heraus gekommen war. Er erkennt auch seine Hausmutter unter ihnen. Er nimmt wahr, daß diese Frauen dem Manne große Ehrfurcht erweisen und im Begriff sind, ihm allerlei von ihren Kniffen und Schlichen zu erzählen. Unter anderem berichtet da die Pfarrersfrau, sie sei auf einem lebendigen Menschen hergeritten, was der Hausherr sehr erstaunlich findet, denn er sagt, das sei der schwierigste Hexenritt, einen lebendigen Menschen reiten zu können. Er meint, sie werde an Zauberkünsten alle anderen übertreffen, »denn ich weiß niemanden, der das bisher gekonnt hätte, außer mir selber.« Nun bitten ihn alle die anderen Frauen fußfällig, sie doch auch diese Kunst zu lehren. Da legt er auf den Tisch ein Buch mit Blättern von grauer Farbe mit feuriger Schrift geschrieben. Diese Schrift sandte helle Strahlen durch das Haus, welches von keinem anderen Licht erleuchtet wurde. Der Hausherr beginnt nun, die Frauen aus diesem Buche zu unterweisen und ihnen den Inhalt desselben auszulegen, der Bursche aber prägt sich alles, was jener vorträgt, genau ein. Endlich naht der Morgen, und da sagen die Frauen, es sei nun Zeit sich auf den Weg zu machen. Nun wird mit dem Unterricht aufgehört, jede der Frauen aber zieht ein Glas aus der Wäsche und reicht es dem Hausherrn. Der Bursche sieht, daß etwas Rotes darin ist, was der Hausherr trinkt, worauf er den Frauen die Gläser zurückgiebt. Dann verabschieden sie sich sehr höflich von ihm und verlassen das Haus. Nun sieht der Bursche, daß von den Frauen eine jede ihr Zaumzeug und ihr Reitpferd hat; die eine hat einen Pferdefuß, die andere eine Kinnlade, die dritte ein Schulterblatt u. s. w. Jede nimmt nun ihren Gaul und reitet fort. Von der Pfarrersfrau aber ist zu erzählen, daß sie ihr Reitpferd nirgend findet; sie läuft wie besessen um das ganze Haus herum, wie sie sich's aber am wenigsten versieht, springt der Bursche vom Dache herunter und legt ihr das Gebiß an. Dann sitzt er auf und macht sich auf den Heimweg. Er hatte in dieser Nacht soviel gelernt, daß er die Pfarrersfrau ganz richtig lenken konnte, und von ihrem Ritt ist weiter nichts zu sagen, als daß sie wieder in demselben Pferdestall anlangten, von dem sie ausgeritten waren. Hier steigt der Bursche ab und bindet die Pfarrersfrau im Stalle an. Dann geht er heim und erzählt die Zeitung, wo er gewesen und wo die Pfarrersfrau jetzt hingekommen sei und wie sich das alles zugetragen habe. Darüber verwundern sich nun alle Leute und nicht am wenigsten der Pfarrer. Nun wird die Pfarrersfrau herbeigeholt und verhört, und da gesteht sie zuletzt ein, daß sie und elf andere Pfarrersfrauen einige Jahre lang die schwarze Schule besucht hätten, wo der Teufel selber sie in Zauberkünsten unterwiesen habe, und daß nur ein Jahr noch von ihrer Lehrzeit übrig gewesen sei. Als Lehrgeld habe er sich Blut von ihnen ausbedungen, und dies sei das Rote gewesen, was der Bursche in den Gläsern gesehen habe. Der Pfarrersfrau wurde darauf für ihre Missethat eine wohlverdiente Züchtigung zuerteilt.

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1 Das Zaumzeug zum Hexenritt wird folgendermaßen hergestellt: man gräbt einen kürzlich begrabenen Menschen aus und zieht ihm die Rückenhaut ab, daraus macht man den Zaum. Das Kopfgeschirr bereitet man aus der Kopfhaut des Toten, das Mundstück aus dem Zungenbein und die Stange aus den Hüftknochen. Ein Zauber wird darüber gesprochen und das Zaumzeug ist fertig. Man kann es nun einem Menschen oder Tier, Stock oder Stein anlegen und sich dann aufsetzen, so geht der Ritt blitzschnell vor sich zu welchem Ort man will.




Isländische Volkssagen - Hexenritt

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