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Anselm Heine – Der Babelfluch

Novelette

aus: Das Magazin für Litteratur, Siebenundsechzigster Jahrgang, Herausgegeben von Rudolf Steiner, Otto Erich Hartleben und Moritz Zitter, Verlag Siegfried Cronbach, Berlin, 1898, Spalte 19 f.

Ja, nun ist er nicht mehr allein. In schweigsamen Frieden stehen sie am Erkerfenster und blicken hinaus; hinunter auf den Platz, über den das abendliche Getriebe zu ameisen beginnt. Wie traulich daß sie so miteinander hier oben stehen.

Der Erker ist ganz erfüllt von goldiger Herbstsonne, ist leuchtend und duftend, wie von Glück. Ist es nicht wundervoll zu wissen, daß man das gemeinsam fühlt? Zwei ganz dasselbe! Und er ist immer so einsam gewesen; alle die Jahre hindurch. Kein Mensch, der ihn verstanden hätte. Nicht, daß er sich für etwas Besonderes hielte! Er nahm es wohl nur schwerer als manche. Meistens schien es ihm, daß auch die Andern sich nicht verständen. Niemand überhaupt. Als spräche jeder seine eigene Sprache. Lauter Monologe, bei denen der Gegenpart nur auf die Pause wartet. Ueberall sah er die große, unbesiegbare Einsamkeit.

Und jetzt war das mit einem Male anders geworden. Jetzt hatte er sie gefunden, die er liebte. Die Erste, seitdem er ein reifer Mensch war. Denn er besaß eine starke Niveau-Empfindung, die verengte ihm die Möglichkeiten.

Sie aber bedeutete ihm Bereicherung und Ausgestaltung des Daseins. Ihre Ehe würde ein langes Gespräch sein. Jeder die Antwort des Anderen, dachte er. Zärtlich küßt er ihr warmes Haar.

Sie lehnt rücklings an ihm, den etwas emporgerichteten Kopf an seiner Brust. Das Straßengeräusch kommt nur als ein allgemeines Gesurre hier herauf, das dem Ohr nicht wehe tut. Gerade vor ihnen steigt der graue Asphalt-Streifen der Französischen Straße zum dunstig gleichmäßig gezogenen Schloßplatze empor. Sie betrachten die gleichmäßig gezogenen Schienenzeilen, zwischen denen die Menschen sich drängen.

»Wie Köpfe auf einem Notenblatte.«

»Aber lauter Achtel und Sechzehntel ohne Einigungsstrich,« erwidert sie.

Er hatte die Bemerkung nur so vor sich hin gesagt, wie es seine Gewohnheit geworden war; nun durchströmte ihn der unerwartete Widerklang mit warmer, kindlicher Freude. inniger noch hält er sie an sich heran, so nahe, daß er die Adern an ihrem Halse schlagen fühlt. Er will es spüren, auch körperlich, daß sie bei ihm ist, die von ihm weiß, ihn versteht. Sie liegt ganz still an seiner Brust. Nur den Kopf dreht sie ein ganz klein wenig seitwärts. Wohin blickt sie wohl mit diesem rätselhaften, etwas künstlichen Lächeln? Was geht in ihr vor?

Es quält ihn, daß ers nicht sogleich erkennt. Eifrig beugt er sich hinab, die Augen in der Höhe der ihrigen.

Und jetzt begreift er.

Ihr eigenes Bild im geöffneten Fensterflügel beschäftigt sie.

Nun fährt sie sacht mit der Hand an die Lippen, um sich dann mit dem genetzten Finger die Augenbrauen zu polieren. und wieder lächelt sie sich an, befriedigt und prüfend zugleich.

»Liebster«, sagt sie dabei freundlich, wie um die Pause zu füllen. –

Da sah er plötzlich, daß auch sie nur eine Fremde war.

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