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Louise Aston – Revolution und Contrerevolution.

Skizzen

Louise Aston, Revolution und Conterrevolution, Zwei Bände, Mannheim, 1849

Vorrede


Die folgenden Blätter führen dem Leser Skizzen aus dem Revolutionsdrama des Jahres 1848 vor. Ich übergebe sie der Oeffentlichkeit, weil dadurch vielleicht hie und da eine kleine Lücke in dem Intriguennetz der Contrerevolution ausgefüllt wird, die es selbst manchem Politiker von Profession unmöglich machte, den rothen Faden, der sich durch das scheinbare Gewirre der revolutionairen und reactionairen Bewegungen unsrer Zeit hinzieht, überall zu folgen. In Rücksicht auf die poetische Darstellung mag statt jeder Entschuldigung für deren Mangelhaftigkeit daran erinnert werden, daß es leicht ist, Romane zu schreiben, wenn der Zeitgeist vor Langerweile den Griffel aus der Hand fallen läßt, mit dem er die Tafeln der Weltgeschichte beschreibt, – sehr schwer aber, wenn er, in den Strudel der gewaltigen Thaten hineingerissen, die Geschichte selber aber in ein romantisches, oft sogar märchenhaftes Gewand zu kleiden gezwungen wird.

Je märchenhafter unser heutiges politisches Leben ist, desto weniger bedarf die Darstellung desselben einer Ausschmückung. Ein Vortheil für meinen Leser, wie für mich selbst.

Bremen, den 1. Juni.

Die Verfasserin.



Erstes Buch


I


Ein milder und sonnenheller Frühlingshimmel blickte zum ersten Male wieder nach dem an Stürmen mancherlei Art so reichen, unfreundlichen Februarmonat auf die Kaiserstadt Wien nieder und lockte Jung und Alt vor die Thore hinaus in die langen, schnurgeraden Alleen, welche die breiten Plätze und Anlagen zwischen der inneren Stadt und den Vorstädten durchschneiden. Es war der fünfte März 1848. Wer hätte es – nach der unbefangenen und sorglosen Miene dieser rasch durch einander wandelnden Gruppen von Spaziergängern, damals zu schließen gewagt, daß Wien, berühmt durch seine ans Patriarchenthum erinnernde Pietät, mit der es an dem Kaiserhause hing, auf einem Krater der Revolution stand, der in wenig Tagen seinen Schlund öffnen werde, um das Kaiserhaus nebst Pietät, und anderen Sentimentalitäten – fast zu verschlingen. Fast – dieses »Fast« ist der Fluch unsrer Zeit, das Haar, an dem der Teufel der Reaktion das betrogene Volk festhält, um es bald wieder ganz beim Schopf zu fassen und in das alte Joch der Knechtschaft zu spannen. – Auch in Preußen ist ein solches unseliges »Fast« die Mutter einer eklatanten Contrerevolution geworden. – Doch am fünften März waren die guten Wiener freilich noch nicht so klug, denn sie wußten noch gar nicht, was eine Revolution zu bedeuten habe. Vielleicht thue ich jedoch den gemüthlichen Wienern Unrecht; vielleicht gab es doch Manche unter ihnen, die den im Westen ausgebrochenen Sturm mit ungeheurer Eile seinen Weg nach Osten fortsetzen sahen, und sogar die Minute berechneten, in der er die schöne Kaiserstadt erreicht haben würde.

Unter den Spaziergängern, welche die den Exerzierplatz durchschneidende jetzt noch blätterlose Allee hinabschritten, würde des Lesers Aufmerksamkeit besonders von einer Gruppe erregt worden sein, die ich deßhalb, weil das von ihnen geführte Gespräch zum Verständniß unsrer Erzählung nothwendig ist, kurz skizziren will. Sie bestand aus drei Personen, die eine davon, – dem runden, breitkrämpigen Hut, so wie der schwarzen, eigenthümlich geschnittenen Kleidung nach zu urtheilen, ein katholischer Priester – war ein Mann von etwa vierzig und einigen Jahren. Aus seinem magern, aber starkknochigen und bleichen Gesicht, dessen Muskeln selbst beim Sprechen in unveränderter Ruhe blieben, traten als Hauptzüge vorzüglich eine große Entschiedenheit neben eben so großer Besonnenheit hervor. Das Haar, welches unter der breiten Krämpe seines schwarzen Rundhutes schlicht herabfiel, war schwarz und von großer Feinheit. Der Schnitt seiner edelgeformten Nase ließ auf eine sehr ernste Stirn schließen, die jetzt großentheils ebenfalls vom Hute überschattet wurde. Am charakteristischsten aber waren die tiefliegenden schwarzen Augen, in denen sich eine fast unnatürliche Mischung von Leidenschaft und Kälte, Schärfe und Sanftheit, List und Gutmüthigkeit abspiegelten. Fügen wir noch hinzu, daß der Mann, wir wollen ihn Pater Angelicus nennen, beim Gehen eine etwas gebückte Haltung hatte, so weiß der Leser von dem äußern Erscheinen desselben, – und weiter wissen wir jetzt selbst nichts von ihm – genug.

Die beiden Begleiterinnen des frommen Herrn zeigten dem Anscheine nach ein sehr verschiedenes Interesse an dem Gespräch. Denn während die Aeltere – eine junge Frau von etwa 27-30 Jahren – mit gespannter Aufmerksamkeit den mit einer absichtlich tonlos gehaltenen Stimme gesprochenen Worten lauschte, schritt ihre jüngere Begleiterin mit theilnahmloser Miene und, ob aus Zerstreutheit oder Gleichgültigkeit, war schwer zu entscheiden, zu Boden geschlagenen Augen neben ihnen her. Ueberhaupt war nicht leicht ein größerer Unterschied zwischen zwei Freundinnen zu finden. Beide hatten ein schönes dunkelbraunes Haar und tiefblaue Augen, aber das Haar Alicens umschattete mit seinen tausend wallenden Löckchen eine erhabene, freie Stirn, während das ihrer Freundin Lydia glatt und gescheitelt die Schläfe bedeckte. Beide waren von anziehender Schönheit, aber wie verschieden war der Typus der Schönheit Alicens von der Lydias. Jene leuchtend, intelligent, fast ritterlich stolz um sich blickend –: der Charakter eines seines eigenen Werthes bewußten und in diesem Bewußtsein starken Weibes; diese verschleiert, in sich zurückgezogen, von beinahe melancholischer Bescheidenheit – der Charakter eines nur in seiner innern – vielleicht vereinsamten – Welt hinein lebenden Mädchens. – Und doch umschlang diese beiden Frauen ein Band unzerstörbarer Freundschaft, geknüpft durch gemeinsame Erfahrungen, durch gemeinsamen Schmerz. Es war ein Band, dessen Knoten unter dem Deckel eines Sarges verborgen war, das Herz eines Mannes, den sie beide einst glühend geliebt – Alice bis zur Verachtung der Männer, Lydia bis zum Wahnsinn.

»Jetzt habe ich Ihnen Alles mitgetheilt« – fuhr der Pater nach einer Pause sein Gespräch wieder aufnehmend fort – »Alles wenigstens, was Ihnen zu wissen nöthig. Hier sind die beiden Briefe. Diesen hier geben Sie in dem ersten Städtchen jenseits der Grenze auf die Post, – den zweiten an den Probst Bergmann müssen Sie bis nach Berlin mitnehmen und dort eigenhändig Seiner Hochwürden überreichen. – Wann werden Sie reisen?« –

»Wenn es nothwendig ist, noch heute Abend – doch wie? dieser Brief lautet, wie ich sehe, an die Herzogin von Nagas –«

Ein lautes Gelächter schien zu dieser mit unendlichem Muthwillen accentuirten Frage einen Commentar zu liefern, dessen Sprache dem gelehrten Pater jedoch völlig fremd war. Indessen verschmähte er es, sich durch eine Frage darüber aufzuklären, sondern wiederholte nur, indem er Anstalt machte, von seinen Begleiterinnen Abschied zu nehmen, noch einmal die Worte Alicens: »Also noch heute Abend.«

»Wenn es nothwendig ist, habe ich gesagt. Und dann, ich besinne mich eben, – nein, heute Abend geht es nicht, aber morgen früh bestimmt.« Eine kleine Falte legte sich bei diesen Worten Alicens zwischen die dunkeln Augenbrauen des Paters. Nach einer Pause sagte er, einen kurzen aber forschenden Blick auf das Gesicht seiner schönen Begleiterin werfend:

»Verzeihen Sie meine Indiscretion – aber bei den großen Ereignissen, denen wir in kurzer Zeit entgegen gehen, müssen dergleichen kleinliche Bedenken wichtigeren Motiven nachstehen – Sie haben heute Abend um 9 Uhr ein Rendez-vous verabredet. Darf ich fragen, mit wem?«

Die flüchtige Röthe, welche Alicens Wangen bei Erwähnung des Rendez-vous bedeckte und welche mehr durch Ueberraschung über die Mitwissenschaft des Paters, als durch die Verlegenheit, in welche sie etwa hätte gesetzt werden können, hervorgerufen schien, machte bald ihrer gewöhnlichen, halb schalkhaften, halb schwermüthigen Miene Platz, als sie mit dem natürlichsten Tone der Welt erwiederte:

»Glauben Sie, daß ich conspirire, Pater?«

»Ich habe das nicht gesagt. Indessen liegt darin nichts Unwahrscheinliches. Sie wollen mich also in dies Geheimniß nicht einweihen?«

»Du lieber Himmel – – das große Geheimniß, was zwischen der liebenswürdigen Alice und dem ebenso liebenswürdigen Fürsten Lizinsky verhandelt werden könnte.«

Der Name Lizinsky brachte eine ebenso plötzliche als gewaltige Veränderung in dem Antlitz des Paters hervor. Sein früher bleiches Gesicht verlor alle noch übrige Farbe. Seine bisher marmornen Züge wurden plötzlich beweglich, als zuckten in seinem Innern Blitze, deren Widerschein in ihnen abglänzte. – Doch bedurfte dieser gegen Aufregungen aller Art abgehärtete Mann nur eine kurze Minute, um über die Gewalt der Leidenschaften, welche jener Name in ihm entfesselt, vollständig Herr zu werden. Nur einige Schweißtropfen, welche auf seiner Stirne perlten, ließen die Größe des innern Kampfes ahnen.

»Also der Fürst – Lizinsky ist hier?« – sprach er mit der ihm eigenthümlichen Ruhe in Ton und Geberde.

»Und was finden Sie Auffallendes darin, daß Lizinsky in Wien ist?« fragte Alice, die sich die ungeheure Aufregung, in die ihr geistlicher Freund durch jenen Namen versetzt wurde, gar nicht erklären konnte. – »Steht etwa der Fürst bei Ihnen ebenfalls in dem Verdachte, daß er conspirire – – vielleicht mit mir conspirire?« – setzte sie laut lachend hinzu.

Der Pater blickte sich besorgt um. Es war Niemand in der Nähe, der die letzten Worte hätte hören können.

»Sprechen Sie nicht so laut. Sie wissen noch nicht, was zuweilen an einem Namen hängt, doch das ist jetzt Nebensache.«

Es trat eine Pause ein, in welcher der Pater über das nachzudenken schien, was er in Folge der eben gemachten Entdeckung gegen Alice beobachten müsse. Noch war er zweifelhaft, ob Alice wüßte, daß eine Beziehung zwischen dem Fürsten Lizinsky und der Herzogin von Nagas existire. Wüßte sie hievon Nichts, so wäre es vielleicht besser, darüber zu schweigen, wenn nicht die Möglichkeit zu nahe lag, daß dem Fürsten bei dem heutigen Rendez-vous der Brief an die Herzogin zufällig in die Augen fallen könnte. Er hätte den Brief zurückfordern können, allein dies würde Alicen jedenfalls aufmerksam gemacht und sie vielleicht zur unmittelbaren Entdeckung geführt haben. Auch hatte sie ja die Adresse bereits gelesen und konnte sich durch eine einzige Frage an den Fürsten völlig darüber aufklären. Dies aber mußte unter jeder Bedingung verhindert werden. Andrerseits aber schien Alice in der That etwas davon zu wissen. Wenigstens sprach für diese Vermuthung der Umstand, daß das Lesen der Adresse an die Herzogin sie zugleich an das auf heute Abend mit dem Fürsten verabredete Rendez-vous erinnerte. – Des Paters Entschluß war gefaßt.

»Sie kennen« – sprach er mit so leiser Stimme, daß Lydia, auch wenn sie, statt ihrer völligen Indifferenz, dem Gespräche die gespannteste Aufmerksamkeit gewidmet hätte, keinen Laut davon vernahm – »Sie kennen das Verhältniß, welches zwischen dem Fürsten und der Herzogin besteht?«

»Besteht? – bestand wollen Sie sagen, frommer Vater –« erwiederte sie mit schelmischer Miene.

Der Pater sah sie mit großen Augen an. Darauf schüttelte er unter ironischem Lächeln den Kopf: »Sie dürften sich diesmal im Irrthum befinden, theuerste Freundin. Die Bande, welche den Fürsten an jene Frau fesseln, sind nicht Ketten von Rosen und Vergißmeinnicht, sondern von Perlen und Diamanten.«

»Sie sind heute nicht galant gegen mich, Pater. Indeß Vertrauen um Vertrauen. Sie gehen mit einem Plane in Betreff Lizinskys um. Doch! Doch! Mich überzeugt Ihre verwunderte Miene nicht vom Gegentheil. Also wir sind in gleichem Falle. Auch ich habe meinen Plan. Tauschen wir unsre Geheimnisse aus. Die Frucht unsrer Aufrichtigkeit kann möglicherweise ein Bündniß auf Leben und Tod werden.«

»Auf Leben und Tod« – wiederholte langsam der Pater, indem er einen Finger auf's Kinn legte, was er immer that, wenn er zu einem wichtigen Entschlusse kommen wollte. –

»Wohl, es sei, doch unter einer Bedingung, daß ich, versteht sich – unsichtbarer – Zeuge des Gesprächs bin, welches sie heute Abend mit ihm führen werden.«

»Gut, daß Sie schon vorhin Ihre Indiscretion befürwortet haben. Ein frommer Diener der Kirche Zeuge eines Rendez-vous zweier zärtlich Liebenden. Das Verlangen ist wenigstens originell. Ich willige ein.«

Der Pater drückte ihr die Hand. »Was meinen Plan oder vielmehr den der Kirche betrifft – denn ich handle hier nur als Diener der Kirche – so beschränkt sich derselbe darauf, das unsittliche und fast unnatürliche Verhältniß zwischen den beiden vorhin erwähnten Personen aufzulösen.«

»Und zu welchem Zwecke wird dieser Plan verfolgt?«

Der Pater lächelte: »Das geht über unsre Verabredung hinaus.«

»Es ist wahr. Indessen liegt der Schlüssel neben dem Räthsel. Die Herzogin ist über die Fünfzig hinaus, kinderlos und Besitzerin eines ungeheuern Vermögens, das sie, im Falle kein Fremder darauf Anspruch macht, nicht abgeneigt ist, zu milden Stiftungen zu verwenden. Habe ich richtig gerathen, mein frommer Freund?«

»In der That, Sie sind der Wahrheit ziemlich nahe gekommen. Doch nun zu Ihrem Plane.«

»Ha, das ist etwas ganz Anderes, tief angelegt, künstlich construirt, von unberechenbaren Folgen – kurz ein Riesenwerk.«

»Wenns gelingt« – sagte halb zweifelnd, halb spöttisch der Pater. Die stolze Gestalt Alicens richtete sich noch höher auf, als sie mit dem Lächeln des Triumpfs auf den Lippen und einer unnachahmbar graziös gebieterischen Handbewegung erwiederte:

»Es wird gelingen. – Hören Sie mich an, Pater. Sie kennen mich noch nicht, darum will ich mich Ihnen so zeigen, wie ich bin. Wir haben beide ein Geheimniß, wir sind bereit, eins gegen das andere auszutauschen; ich weiß wohl, daß im Falle des Verrathes meinerseits mein Leben keinen Papierschnitzel werth ist. – Unterbrechen Sie mich nicht, genug, ich weiß es und sage es nur deshalb, weil ich mit Ihnen in demselben Falle mich befinde. Sie sind eine Macht, eine ungeheure Macht: sie heißt die allein seligmachende Kirche. Wohlan, auch ich bin eine Macht, ein Weib, schutz- und hülflos, wie ich hier neben Ihnen herschreite, wage ohne Bangigkeit den Kampf mit Ihrer allein seligmachenden Kirche aufzunehmen. – Diese Macht heißt: Aristokratie und Proletariat. Haben Sie mich verstanden, frommer Vater?«

Der Pater war nachdenklich geworden. Nach einer Pause sagte er: »Fahren Sie fort!«

»Sie haben mich also verstanden?«

»Wozu die Frage? Ich habe Sie verstanden!«

»Und Sie wollen noch wissen, was mein Plan mit dem Fürsten Lizinsky ist? –« sagte Alice mit einer gewissen spöttischen Verachtung in Ton und Blick. »Gehen Sie, ich habe Ihnen mehr Talent in der höhern Intrigue zugetraut. – Leben Sie wohl!« Alice nahm den Arm Lydiens und entfernte sich mit ihr schnell durch eine Nebenstraße, während der Pater, ihr nachsehend, die Worte vor sich hinmurmelte:

»Dieses Weib müssen wir gewinnen oder – vernichten.« Er hüllte sich in seinen langen schwarzen Mantel und verlor sich in der Menge.



II


Wir hatten den frommen Vater Angelicus in der Altstadt verlassen, wo er in den dichten Haufen, welche die Quais der Donau sich hinabwälzten, unsren Augen entschwunden war. Wir finden ihn bald darauf jenseits des Flusses, in der Leopoldstadt wieder, wie er mit langen Schritten, die, obgleich keinesweges den Schein von Eile verrathend, ihren Besitzer doch sehr schnell weiter beförderten, auf den Gasthof zum »goldenen Lamm« zusteuerte. Hier angekommen, fragte er den Portier, ob kein Brief für ihn abgegeben sei.

»Nein, ehrwürdiger Herr« – erwiederte dieser, respektvoll die goldbetreßte Kappe ziehend. –

»Hat auch Niemand in meiner Abwesenheit nach mir gefragt?« Der Pater schien mit der Antwort auf diese Frage, die ebenfalls verneinend ausfiel, unzufrieden und wollte sich eben nach seinem Zimmer begeben, als des Portiers Zuruf ihn zur Rückkehr bewegte. »Eines habe ich vergessen, ehrwürdiger Herr; aber es ist auch kaum der Rede werth. Es war allerdings Jemand hier, der nach Ihnen fragte; aber da es ein zerlumpter junger Bursche war, der wahrscheinlich nur betteln –

»Gerade den erwartete ich« – unterbrach der Pater den verblüfften Thürsteher. – »Ich bin,« sagte er, seinen Fehler bemerkend mit salbungsvollem Ton hinzu, »für die Hungrigen und Entblößten immer zu Hause. Ihr habt Unrecht gethan, ihn hart fort zu weisen.«

»O, habe ich gesagt, daß ich ihn hart fort gewiesen? Nein, ehrwürdiger Herr, das sei ferne von mir. Ich glaube übrigens, daß er nicht weit sein wird, denn solch Lumpengesindel lungert überall umher.«

Der Pater warf einen strafenden Blick auf den menschenfreundlichen Thürsteher, der diesen zum Schweigen brachte und befahl, ihm den armen Knaben sofort zuzuführen, sobald er sich zeigen werde.

Brummend und kopfschüttelnd kehrte der Portier wieder in seine Klause zurück und war eben im Begriff, sich dem vorhin unterbrochenen Schlummer von Neuem hinzugeben, als ihn ein Klopfen am Fenster seiner Bude abermals störte.

»Ach, da bist Du ja wieder, Du kleiner schwarzer Taugenichts« – fuhr er auf – »hast wohl schon gewittert, daß Se. Ehrwürden zurückgekehrt ist, he?«

Der Angeredete war ein Knabe von etwa 15 Jahren. Sein wunderlich finsteres Aussehen und der frühreife Ernst in seinen dunkeln braunen Zügen mußte einen – man wußte nicht ob anziehenden oder abstoßenden – Eindruck auf Jeden, der ihn zum ersten Male sah, machen. Sein langes rabenschwarzes Haar fiel in vollen und glänzenden Locken auf den braunen Hals und Schultern herab, die von einem zerrissenen Hemdkragen nur schlecht verhüllt wurden. Seine übrige Kleidung war sonst fragmentarisch: ein Paar faltige, weiße, weite Beinkleider von grober Leinwand und eine abgetragene blaue Sammetjacke mit kurzen Schößen und blanken Messingknöpfen. In je schlechterem Zustande sich diese Stücke befanden, um so mehr stach davon eine rothseidene Schärpe ab, welche der Knabe sich um den Leib gewunden und deren mit goldenen Franzen besetzte Enden kokett über die linke Hüfte herabhingen. Ein italienischer Strohhut, den er in diesem Augenblicke in der Hand hielt und ein Paar Schnürstiefeln, die noch in passablem Zustand waren, vollendeten die Toilette des Knaben.

»Pater Angelicus ist zu Hause?« – fragte er mit dem Accent eines Südländers, ohne die Höflichkeiten des Portiers eines Wortes zu würdigen. – »Welche Nummer?«

»Nummer 21, vorn heraus, eine Treppe« – brummte der Portier.

Mit einigen raschen Sprüngen eilte er die Treppe hinauf und öffnete, ohne anzuklopfen, mit geräuschloser Hand die Thür und verschloß sie in derselben Weise. Darauf ging er langsamen Schrittes auf den Pater zu, welcher, an einem eleganten Büreau sitzend und mit Schreiben beschäftigt, entweder das Eintreten des Knaben gar nicht gehört hatte, oder, mit seiner Weise schon bekannt, sich darüber nicht verwunderte.

»Buen tio« – sagte der Knabe, indem er sich mit einem Knie auf den Teppich an der Seite des Paters niederließ und einen Kuß auf dessen Hand drückte. Pater Angelicus wandte seinen Kopf und sah mit einem Blick leidenschaftlicher Zuneigung auf das schwarzlockige Haupt in seinem Schooße herab.

»Bist Du endlich gekommen, Salvador! – – Was macht Inés, Deine Mutter? Hat sie mir nicht geschrieben?« –

Salvador richtete sich empor und griff in seine Schärpe. Aus den Falten der rechten Seite zog er einen zierlichen Brief.

»Allá, Sennor« – sagte er, dem Pater den Brief überreichend. Dieser beschaute mit der größten Sorgfalt das Siegel, dessen Wappen aus zwei Rosen bestand, darüber eine Grafenkrone, darunter die Worte: El no tiene fortuna ni go tampoco1. Er lächelte bitter, als er diese Worte las und erbrach darauf den Brief. –

»Gut« – sagte er mit zufriedener Miene – »Wann wird die Sennora hier eintreffen, Salvador?« –

»Noch heute Abend« – erwiederte der Knabe in seiner Muttersprache, obwohl er deutsch verstand und sprach, so bediente er sich desselben doch nur im Nothfalle.

»Und sie ist wohl, mein Sohn, nicht wahr?« – fragte der Pater, jetzt ebenfalls spanisch redend, mit einer an Zärtlichkeit grenzenden Milde. – »Este corazon orgulloso no se puede rompes2,« erwiederte Salvador mit zitternder Stimme, indem sich seine Augen senkten. »O tio« – fuhr er fort, indem plötzlich seine schlanke Gestalt sich aufrichtete und sein Nacken die schwarzen Locken zurückwarf – »Ich bin stolz auf meine Mutter. Wann aber wird der Tag kommen, wo die stolze Inés sagen kann: Ich bin stolz auf meinen Sohn« – Seine Augen sprühten ein vulkanisches Feuer und seine Hand fuhr krampfhaft nach seinem Herzen. – Der Pater folgte dieser Bewegung mit aufmerksamem Auge. –

»Ruhig, Salvador, mein Sohn. Es wird die Zeit kommen. Siehst Du dort den Vollmond sich aus den dunkeln Fluthen der Donau erheben? Wohlan, höre, was ich Dir sage. Bevor er zum 5. Male um diese Zeit an dieser nämlichen Stelle steht, wird Dein Dolch das Herzblut dessen getrunken haben, der das Herz Deiner Mutter gebrochen hat.«

»Este corazon orgulloso no se puede rompes« – murmelte der Knabe, indem er langsam die Hand von der Schärpe sinken ließ. –

»Du hast ihn nie gesehen, Salvador?« –

»Nie.«

»Du wirst ihn heute sehen, Salvador.«

Der Knabe taumelte einen Schritt rückwärts. Sein Gesicht überzog eine Leichenblässe. Seine Brust hob sich in krampfhaften Zuckungen. Abermals fuhr er mit der Hand nach der linken Seite. Dann lächelte er verächtlich, kreuzte die Arme über einander und sprach mit verhaltener Stimme, als wollte er seine innere Bewegung verbergen:

»Ich höre tio« –

»Du bist ein braver Junge, Salvador – und Deiner Mutter würdig. – Was ich Dir zu sagen habe, ist kurz. Heute Abend halb 9 Uhr wirst Du mich in die Stadt begleiten. Du wirst mich in ein Haus hineingehen sehen und mich dort erwarten. Du wirst mich mit einem Manne, der mir zur rechten Seite gehen wird, wieder herauskommen sehen. Auf der Donaubrücke werde ich ihn verlassen. Sieh ihn Dir genau an, Salvador. Dieser Mann ist's, den Du suchest.«

Die intelligenten Augen des Knaben waren mit ängstlicher Sorgfalt auf die Lippen des Paters geheftet gewesen, als wolle er jede Silbe tief in sein Inneres einsaugen.

»Und was soll ich mit dem Manne thun, Sennor?« –

»Du wirst suchen, in seinen Dienst zu treten, Salvador.« Einen halb ängstlichen, halb verachtenden Blick des Knaben übersehend, fuhr er fort:

»Hier hast Du Geld, Du wirst Dich davon kleiden, wie es hier Sitte ist. Du begreifst, mein Sohn, daß Dein jetziger Aufzug Dich nur auffällig macht und Verdacht erregt. Gedenke Deiner Mutter und des Gelübdes, welches Du mir abgelegt. – Und nun lebe wohl, um 1/2 9 Uhr findest Du mich hier.« Salvador war während der Rede des Paters in einem tiefen innerlichen Kampfe begriffen. Die letzten Worte aber schienen seinen Entschluß befestigt zu haben; denn er küßte mit heftiger, leidenschaftlicher Innigkeit die Hand des frommen Vaters und war bald darauf ebenso geräuschlos, als er gekommen, aus der Thür verschwunden. Pater Angelikus aber schien in tiefes Nachdenken versunken. Ein Seufzer endlich, der unwillkürlich, wie ein schwermuthsvoller Gruß an ehemaliges Glück, seiner Brust entstieg, brachte ihn wieder zum Bewußtsein der Gegenwart zurück. Er nahm den Brief, küßte ihn mit einer Inbrunst, die man von diesem verknöcherten kalten Manne, in dem alle Leidenschaften längst abgestorben schienen, nicht erwartet hätte, und legte ihn dann sorgfältig in eine verschließbare Brieftasche, die er sofort zu sich steckte. – Darauf setzte er sich – es war indeß dunkel geworden – in die Ecke des Sophas und überließ sich von neuem seinen Träumereien. –



III


In einem kleinen, aber höchst geschmackvoll eingerichteten Boudoir im zweiten Stocke eines der elegantesten Häuser der »Wallzeile« finden wir unsere beiden Freundinnen, Alice und Lydia wieder. Während diese, in nachlässiger Stellung in einen Polsterstuhl gelehnt, mit der Linken auf den Tasten eines Kisting'schen Flügels umherphantasirte und sich in die Aufsuchung der melancholischsten Mollübergänge zu vertiefen schien – ging Alice, die Hände über die Brust gekreuzt und gesenkten Hauptes mit raschen, aber durch die elastische Weichheit des Teppichs bis zur Unhörbarkeit gedämpften Schritten das Zimmer auf und nieder. Es war Abend, aber der herrliche Vollmond, welcher bereits die Thurmspitzen der über die jenseitige Häuserreihe hinausragenden Stephanskirche versilberte, hatte das Azur des unbewölkten Abendhimmels mit einem so intensiven Lichtglanz getränkt, daß der Reflex desselben das Zimmer hinlänglich erhellte. Mochten es die abgebrochenen tiefschwermüthigen Accorde sein, welche Lydia den Saiten des Instruments entlockte – oder waren es vielleicht die wunderbaren Tinten, welche das falbe Mondlicht in das Zimmer warf, oder war die Spannung, worin Alice durch das bevorstehende Gespräch versetzt wurde, davon Ursache: sie befand sich in einer sonderbaren, an Unruhe grenzenden Aufregung.

Die Töne des Instruments klangen immer sanfter und schienen sich aus mannichfachen Verschlingungen endlich in eine wohlthuende Harmonie auflösen zu wollen, als sie plötzlich in einem schreienden Disaccord, der das ganze Instrument erzittern machte, schlossen. – Mit einem Schrei des Entsetzens war Lydia aufgesprungen und stand nun unbeweglich mit geisterhaftbleichem Gesichte da, die starren Augen auf die rothseidenen Vorhänge des Alkovens gerichtet, die in diesem Augenblicke, gerade vom vollen Mondenlichte bestrahlt, sich zu bewegen schienen. Alice hatte sich erschreckt umgewandt: Was ist's? Was hast du, Lydia? – fragte sie.

Lydia antwortete nicht. Alice trat auf sie zu und legte die Hand auf ihre eiskalte Stirn: da hob sich die Brust der Unglücklichen in einem tiefen Seufzer: aus ihren Augen perlten zwei große Thränen nieder und ihr Kopf senkte sich in die Hand der Freundin.

– Du bist nicht wohl, mein Kind – sagte Alice liebevoll – Du solltest Dich zur Ruhe legen. Lydia schüttelte den Kopf. Sie schlug ihre Augen, in denen eine verzehrende tiefe Schwärmerei glänzte, zum Himmel auf, machte sich sanft von der Umarmung der Freundin los und verließ langsam das Zimmer.

– Sie wird wieder beten gehen – murmelte Alice.

In diesem Augenblicke klopfte es an die Thür.

– Endlich – sagte Alice für sich – als der Pater Angelikus mit leisem Tritte die Schwelle überschritt, offenbar verwundert über die Dämmerung, welche im Zimmer herrschte.

– Sie sind allein – fragte er, vorsichtig sich im Zimmer umschauend.

Alice schellte. Ein Diener brachte Lichter und verließ lautlos, wie er gekommen, das Zimmer.

– Mein armer, frommer Freund – sagte sie, ohne die Frage des Paters zu berücksichtigen, mit ihrer gewohnten liebenswürdigen Ironie, deren Bitterkeit sie durch die sentimentale Weichheit des Tones zu lindern wußte –

– Weshalb bedauern Sie mich? – antwortete, einen mißtrauischen Blick auf das Gesicht Alicens heftend, der Pater.

– Sie sind ein schlechter Menschenkenner, Angelikus, und, was die Folge davon ist, ein noch schlechterer Seelenarzt. Sie glaubten das arme Kind heilen zu können durch den Glauben an die alleinseligmachende Kirche, nicht wahr?

– Nun?

– Nun, ob sie Glauben hat, weiß ich nicht; aber daß Sie ihr eine tüchtige Portion Aberglauben eingeflößt haben, so daß sie jetzt im Schooße ihrer alleinseligmachenden Kirche Gespenster sieht, das weiß ich.

Der Pater blickte die schöne Frau durchdringend scharf an. – – Darauf schüttelte er mit einem Anflug von Hohn den Kopf und erwiederte: Ich könnte Ihnen den Vorwurf zurückgeben. Aber ich will Sie nur fragen: wie, wenn ich das, was Sie mir erzählen, nun gerade vorausgesehen und gewollt hätte? – –

– Sie mögen Recht haben, Pater. – Indessen kann ich Ihnen die Furcht nicht verhehlen, daß der Einfluß, den Sie auf die Schwärmerin gewinnen, den meinigen mit der Zeit paralysiren möchte; und das – werden Sie begreifen – kann wenigstens nicht mein Zweck sein. –

Jetzt war die Reihe an Alice, einen forschenden Blick auf die kalten Züge des Paters zu werfen. – Jener lächelte – Sie thun sich selber Unrecht, Alice, wenn sie ihren Einfluß so gering anschlagen. – Indessen – fuhr er rasch fort, um das Ausweichende in seiner Antwort zu verstecken – da zu hoffen steht, daß wir stets gemeinsam handeln werden, so sind Ihre wie meine Befürchtungen in dieser Rücksicht wohl nutzlos.

Alice hielt es für klug, nicht weiter zu gehen und brach daher ab. Denn so viel ihr daran gelegen sein mußte, einen Blick in die Pläne des Paters zu thun, so war sie einerseits doch ihrer Herrschaft über Lydia gewiß, oder – wenn sie es nicht war – so durfte sie ihre Besorgniß deswegen nicht allzusehr durchblicken lassen.

In diesem Augenblicke warf die große Glocke des Stephansthurms ihre volle Töne über die Stadt hin.

– Es ist Zeit – sagte Alice, einen flüchtigen Blick auf das Zifferblatt einer prächtigen Alabasteruhr werfend, welche auf der vergoldeten Console über dem Sopha stand. Die Zeiger wiesen auf 20 Minuten nach 2 Uhr. Der Pater, dem keine Bewegung Alicens entging, folgte ihrem Blicke und bemerkte, daß sie aufgezogen werden müsse.

– Lassen Sie – sagte Alice – die Kette ist gesprungen. Doch jetzt kommen Sie – fuhr sie fort, indem sie den rothseidenen Vorhang vor dem Alkoven zurückschlug. Er war leer und in seinem Fond eine offene Tapetenthür. Pater Angelikus trat hinein und blickte, als er die Tapetenthür öffnete, eine schmale und sehr steile Treppe hinab. Er zauderte einen Moment und blickte fragend rückwärts.

– Sie gelangen, für den Fall, daß man uns überraschte, hier auf dem kürzesten Wege in die Seitenstraße. Haben Sie Mißtrauen gegen mich, so will ich mit dem Lichte Ihnen vorangehen.

– Es bedarf dessen nicht – erwiederte Angelikus kurz, indem er seine Hand an die Brusttasche steckte und mit der andern die Tapetenthür von Innen verriegelte.

In diesem Augenblicke hörte man das Klirren eines Säbels auf dem Korridor.

Alice zog rasch die Vorhänge des Alkovens zu und rief auf ein hastiges Klopfen an die Thür ein unbefangenes und lautes: Herein!

Fürst Felix Lizinsky war wie männiglich bekannt, ein schöner, liebenswürdiger und kluger Mann. Mehr als alle diese Eigenschaften charakterisirte ihn – wie ein ebenfalls liebenswürdiger und kluger Mann sich ausdrücken würde, der überdies mit ihm in manchen andern Dingen viel Aehnlichkeit besitzt – eine

»selbst in ihrer Uebertreibung noch anmuthige Ritterlichkeit«

oder vielmehr chevalereske Schwärmerei, die, um ihn zum modernen Donquichote zu machen, nur Zweierlei entbehrte, Tiefe und Wahrheit. Lizinsky wird nie eine historische Person werden, nicht weil er für die Geschichte zu früh gestorben, sondern weil er dafür zu leben nie angefangen. Zu leben aber hat er nie angefangen, weil Er nur für sich und seine Eitelkeit gelebt. – Sein Gott war der Schein, der anmuthige Schein, der nach Triumph lüsterne und des Sieges sichere Schein. Den Schein betete er an, weil er sich selbst anbetete, denn er war vor Allem eitel. Die Eitelkeit, die mit sich selbst liebäugelnde Anmuth ist der erste Grundzug seines Charakters. – Diese Eitelkeit des Scheins, der sich selbst und nur sich selbst genießen will, machen ihn frivol. Frivolität ist der zweite Grundzug seines Charakters.

Als er hereintrat, fiel ein erster Blick auf die in ruhiger Haltung auf dem Sopha sitzende und scheinbar in die Lektüre einiger Briefe vertiefte Alice, und dieser Blick schien zu sagen: Sieh', bin ich nicht schön? – In der That, er war schön, schön wie ein Adonis würden wir sagen, wäre dieser Vergleich nicht abgenützt, und hielten wir es nicht für lächerlich, einen Adonis in Uniform uns zu denken. Des Fürsten schlank und wohlgebauter Körper war bekleidet mit der einfachen, doch reichen Uniform eines spanischen Generals. Sein volles dunkelblondes Haar streichelnd, das mit seinen weichen elastischen Wellen die eine Seite der edeln, aber vielleicht nur einige Linien zu niedrigen Stirn bedeckte, trat er an das Sopha heran, küßte mit Grazie die Hand der schönen Frau und sagte statt jeder andern Begrüßung mit einem Blicke auf die Briefe:

– Wir werden also heute Politik treiben, schöne Frau? –

– Was verstehen Sie unter Politik, ritterlicher Fürst? – gegenfragte Alice, indem sie auf die letzten Worte einen ironischen Nachdruck legte, der noch durch ein Lächeln ihrerseits unterstützt wurde.

– Sonderbare Frage!

– Sagen Sie lieber: »Schwierige Frage!« Die Wahrheit ist, daß Jeder etwas Anderes darunter versteht.

– Auch Sie und ich? – der Fürst studirte mit seinen schwarzen großen Augen die Züge Alicens, indem er diese, scheinbar leichthin geworfenen Worte sprach.

– Doch wohl. Beweis dafür ist, daß wir einander unterstützen. Sie werden bei sich denken: um einander zu benutzen. Das gebe ich zu. Allein beweist das nicht für mich?

– Sie meinen? sagte der Fürst, indem er seinen schönen Schnurrbart strich – Hätten wir dieselbe Politik, oder mit andern Worten, verfolgten wir dieselben Zwecke, so würden wir einander weder unterstützen noch vertrauen, selbst nicht um einander zu benutzen. Indessen –

– Fahren Sie fort, Fürst: Indessen –

– Indessen liegt der Unterschied zuweilen nicht sowohl in der Richtung, als in der Länge des Wegs. – Wieder ließ er seinen feurigen und durchdringenden Blick über das bleiche Gesicht Alicens schweifen.

Diese aber wußte wohl, was der Fürst sagen wollte, ja sie hatte sogar eine ziemlich richtige Vorstellung von seinen an's Abentheuerliche streifenden Plänen, sie hütete sich jedoch, ihm zu zeigen, daß sie ebenso schlau als schön sei.

Andrerseits hatte sie dem Gespräch gleich zu Anfang diese Wendung gegeben, um dem lauschenden Pater einen Beweis für das Mißtrauen zu geben, welches in ihrem Verhältniß zum Fürsten ebenfalls eine Rolle spielte. So weit war die Stellung, welche sie augenblicklich zu einander eingenommen, wahr. Freilich aber wußte der gute Angelikus nicht, daß die Rolle, welches dies Mißtrauen bei ihnen spielte, nur eine sehr untergeordnete war, und daß der Grundton ihres Verhältnisses, besonders zu gewissen Stunden, eine schrankenlose Offenherzigkeit – wenn nicht von Alicens so doch von des Fürsten Seite bildete. Mochte es nun der Umstand sein, daß des Fürsten Lieblingspferd gerade heute gestorben, oder hatte ihm Alice eine Andeutung darüber zukommen lassen, daß sie heute wichtige politische Angelegenheiten abzumachen hätten – für das Letztere schien wenigstens seine erste Frage zu sprechen; kurz der Fürst befand sich heute zur großen Genugthuung von Alicen in einer Stimmung, wie sie sie für die gegenwärtige Situation nur wünschen konnte.

– Ich bin überzeugt, theure Baronin – fuhr der Fürst fort – wir können eine lange Strecke miteinander gehen, bis – – – –

– Bis unsere Wege sich trennen?

– Nein, bis der Eine von uns sein Ziel erreicht hat. Der Andere wandert dann allein weiter.

– Eitler Narr – murmelte Alice für sich, indem sie lachte. – Gestehen Sie, Felix – sagte sie laut – daß dies Räthselspiel unendlich albern ist. Sprechen wir vernünftig und deutsch. Ich reise morgen nach Berlin. Haben Sie mir einen Auftrag mitzugeben? Vielleicht an Carolotta, die Göttliche? Oder an die kleine Tänzerin? Wie heißt doch die Himmlische? – Helfen Sie mir, Fürst! Mein Gott, was sind Sie heute unbehülflich! Ich kenne Sie gar nicht wieder.

– Sie reisen morgen wirklich nach Berlin? – fragte der Fürst, welcher sich von seinem Erstaunen theils über die unerwartete Nachricht, theils über die plötzlich veränderte Stimmung Alicens noch nicht erholt hatte, indem er vom Stuhle aufsprang. – Oder ist es ein Scherz, Alice? –

– Ein Scherz? Im Gegentheil: Die Angelegenheit, welche mich dorthin führt, ist sehr ernster Natur. – Alice sagte dies in so bestimmten Tone und mit solchem Accent der Wahrheit, daß das ironische Lächeln, welches dabei um ihre feingeschnittenen Lippen schwebte, offenbar eine andere Beziehung hatte, als die, dem Sinn der eigenen Worte zu widersprechen. Lizinsky ging, mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab und warf, wenn er vor Alicens Platz vorüberkam einen bald forschenden, bald unentschlossenen Blick auf sie. Sie ließ ihn ruhig gewähren und blätterte indeß in den vor ihr liegenden Briefen. Endlich blieb er vor ihr stehen und sagte:

– Alice, haben Sie Vertrauen zu mir?

– Wenig.

– Warum?

– Weil Sie nicht offen sind. Nicht, ob ich Vertrauen zu Ihnen hätte, sondern ob Sie mir trauen dürften: das wünschten Sie zu wissen. Also woher der Umweg? Aus Mißtrauen. Können Sie verlangen, daß ich Ihnen mehr vertraue, als Sie zu erwiedern geneigt sein möchten?

Der Fürst biß sich in die Lippen. – Sie sind ein gefährliches Weib, Alice – sagte er seufzend.

– Diese Schmeichelei scheint Ihnen schwer geworden zu sein. Vielleicht weil sie diesmal eine Wahrheit enthält. In der That, ich bin ein gefährliches Weib. Fahren Sie fort.

Der Fürst setzte sich wieder – Alice – begann er mit gedämpfter Stimme – ich habe eine Bitte an Sie. Doch ehe ich sie ausspreche, hören Sie. Sie wissen, was vor 14 Tagen in Paris vorgegangen. Es mag wenige geben, die sich schon mit dem Gedanken befreunden können, daß die französische Republik Bestand habe. Ich gehöre zu diesen Wenigen, ja ich bin sogar der festen Ueberzeugung, daß die französische Revolution des Jahres 1848 keine französische, sondern eine europäische ist, und daß wir großen und ernsten Stürmen entgegengehen: ich meine Deutschland, und vor Allem Oesterreich und Preußen.

Der Fürst schien eine Antwort zu erwarten. Alice aber winkte ihm fortzufahren.

– Ich glaube, daß die Wenigen, von denen ich sprach, und zu denen ich auch Sie rechne – Alice lächelte dankend – auf die kommenden Ereignisse gerüstet sein müssen, ja daß sie die Leitung derselben womöglich in die Hand nehmen müssen. Denn wenn die beiden Mächte, Absolutismus und Volksbewußtsein, einander gegenübertreten, so kann der Kampf nur ein Kampf auf Leben und Tod sein. Wenn, glauben Sie nun wohl, werden wir gewinnen? Wenn der Absolutismus oder wenn das Volksbewußtsein siegt?

– Vielleicht weder in dem einen noch in dem andern Falle, sagte Alice mit Indifferenz.

– Desto schlimmer für uns. Doch aber nur, wenn wir neutral bleiben wie bisher. –

– Oder mit beiden Parteien liebäugeln, wie bisher – persiflirte Alice.

Diese Anspielung auf die Thätigkeit bei dem Landtage, – – verletzte den Fürsten.

Aber Meister in der Schauspielkunst, lächelte er höchst anmuthig zu diesem Stich und sagte in scherzendem Tone:

– Eben darum müssen wir Partei nehmen, schöne Freundin.

– Und welche Partei würden Sr. Durchlaucht der Fürst Felix Lizinsky ergreifen – anticipirte sie ihn – vielleicht die, welche die meisten Chancen auf Erfolg hat.

– Das zu entscheiden ist eben die große Frage. –

– Deren Beantwortung Sie sicherlich nicht von mir erwarten werden.

– Und warum nicht? Denn Sie werden mir gegenüber nicht behaupten wollen, daß Sie weder mit den Mitteln noch mit den Führern der Parteien bekannt genug sind, um den wahrscheinlichen Erfolg voraus bestimmen zu können. – Also warum nicht?

– Vielleicht darum, weil Sie Ihre Ansicht schwerlich nach der meinigen ändern werden.

– Das käme auf den Versuch an – der Fürst legte ein gewisses Gewicht auf diese Worte. Alice schüttelte den Kopf. Sie hatten mir eine Bitte mitzutheilen? Lizinsky runzelte die Stirn und schwieg einige Sekunden.

– Dann sagte er – ich sehe, Sie sind unbezwinglich. So will ich den Anfang des Vertrauens machen. – Sie wissen, daß sich hier in Wien in aller Stille ein revolutionairer Verein gebildet hat. Eben jetzt komme ich aus einer Versammlung, fast die ganze Aula hat sich definitiv erklärt. Aber darin liegt auch die Gefahr. Es sind schon zu viele Mitwisser. Es könnte sich leicht ein Verräther unter ihnen finden.

– Er hat sich bereits gefunden – sagte kalt Alice.

Der Fürst erbleichte. – Woher wissen Sie –? Alice bat ihn fortzufahren. –

– Die Zeit drängt. Die Bewegung beginnt bereits in dem Volke sich durch ein dumpfes Vorgefühl kund zu geben. Der Hof selbst ist noch ruhig, aber die Metternichsche Partei ist schon aufmerksam geworden.

– Durch wen? – fragte Alice mit derselben Kälte, indem sie ihn durchdringend anblickte.

Sie mißhandeln mich, Alice, durch ihr maßloses Mißtrauen. Was solls mit diesen Blicken?

Reden Sie! Wollen Sie mich absichtlich beleidigen? Das müßte, dächte ich, Ihnen schon Ihre Klugheit verbieten.

Alice lachte: Sie haben ein empfindliches Gewissen, theurer Fürst. Ich dachte nur daran, daß die Fürstin Metternich eine schöne Frau ist. –

– Lassen Sie das jetzt – so stehen also die Sachen hier in Wien. Höchstens gebe ich noch eine Woche: dann bricht der Sturm los. Vielleicht, ja wahrscheinlich – denn jeder Anlaß muß benutzt werden – schon früher. Wir sind nun aber der Ueberzeugung, daß es hiebei sein Bewenden nicht haben dürfe. Wien allein macht nur eine österreichische, keine deutsche Revolution. Berlin ist das Herz Deutschlands. Hier müßte eigentlich der erste Schlag fallen, allein das wird nach allen Anzeichen und Nachrichten nicht geschehen. Aber Berlin muß rasch folgen; und – fügte der Fürst leiseren Tones hinzu – es wird folgen.

Auch in Berlin sind alle Vorbereitungen getroffen; das Uebrige aber hängt von der Gestaltung der hiesigen Verhältnisse ab. Heute nun sind diese zum bestimmten Abschluß gekommen. Wollen Sie – dies ist meine Bitte – außer dem, was ich Ihnen eben mündlich mitgetheilt und was ich Ihnen in weiterer Ausführung, besonders in Rücksicht auf den nöthigen Vertheidigungsplan der Stadt, aufgezeichnet, noch einige Briefe an Personen mitnehmen, die theils der einen, theils der andern Partei angehören?

– Gern, doch unter einer Bedingung, nämlich der, daß Sie mir offen sagen, für welche Partei Sie sich schließlich zu erklären die Absicht haben. Denn da ich bereits entschlossen bin, so würde ich mir oder vielmehr meiner Partei möglicherweise durch Uebernahme ihrer Aufträge entgegenarbeiten.

– Ich kann diese Bedingung zwar nicht eingehen, doch glaube ich, werden Sie zufrieden sein, wenn ich Ihnen mein Ehrenwort gebe, daß Ihre Befürchtungen in jedem Falle grundlos sind.

– Also hatte ich vorher doch Recht mit meinen Vermuthungen. Indeß kommen wir zu Ihren Aufträgen.

– Hier ist zunächst der Plan, von dem ich vorhin sprach. Verwahren Sie ihn wohl. Sie übergeben ihn dem Ingenieurofficier Latorp. Sie finden seine vollständige Adresse ebenfalls hier aufgezeichnet. Von ihm werden Sie vielleicht in die nähern Verhältnisse der Berliner Bewegung eingeweiht werden, wenn Sie eine Rolle darin übernehmen wollen. Dann sehen Sie hier ein Packet Briefe, die Sie eigenhändig an die Adresse überreichen müssen. –

Als Alice die Briefe ansah, konnte sie ein lautes Lachen nicht unterdrücken. Es fanden sich darunter auch ein Brief an die Herzogin von Nagas und einer an den Probst Bergmann. Sie warf einen raschen Blick auf die Vorhänge des Alkovens, und zog dann die beiden, ihr von Pater Angelikus übergebenen Briefe aus dem Busen, und hielt sie dem Fürsten vor.

Dieser sprang erschreckt in die Höhe. – Was ist das? – rief er fast drohend aus. In diesem Augenblicke gerieth die eine Seite des Vorhangs in eine zitternde Bewegung. Alice legte den Finger auf den Mund. Der Fürst trat einen Schritt zurück und sagte, indem er die Hand an den Säbel legte, mit zitternder Stimme und bleichen Lippen: Wir sind nicht allein? Zugleich sah er sich in dem Zimmer nach allen Richtungen um und ließ seinen Blick zuletzt auf dem Vorhange ruhen. In dem nächsten Augenblick stürzte er aber auch schon darauf zu und riß ihn mit krampfhafter Hand auseinander. – Er hatte sich getäuscht in seinem Verdacht: der Alkoven war leer.

Alice hatte diese Scene durch ihre eigene Unvorsichtigkeit hervorgerufen und schwebte eine Secunde in wirklicher Angst um den Fürsten, denn sie wußte, daß der Pater stets bewaffnet war. Jetzt aber hatte sie ihren Gleichmuth so völlig wiedergefunden, daß sie vortrefflich die Erstaunte zu spielen im Stande war.

– Nun – sagte sie mit gekränktem Tone – wahrhaftig, Felix, ich weiß nicht, ob ich Ihre Angst lächerlich oder beleidigend finden soll. Sie erzählen mir mit der geheimnißvollsten Miene von der Welt Dinge, die mir längst bekannt sind und gerathen, als ich anfange, Ihr Vertrauen zu erwiedern, außer sich, glauben sich belauscht, verrathen. – Habe ich mich in Ihr Vertrauen einzudrängen gesucht? Jämmerliche Schwachheit der Männer, die nur mit Zittern etwas wagen, und wenn sie es gewagt haben, von Angst und bösem Gewissen gefoltert werden.

– Verzeihen Sie, Alice. – Was Sie mir zeigten, überraschte mich, um so mehr als mir die Handschrift nicht bekannt dünkte. Doch lassen wir das, ich will nicht indiskret sein, empfehle Ihnen jedoch die höchste Vorsicht. Diesen Brief – fuhr er fort, indem er auf die vor ihm liegenden Briefe wies – geben Sie nicht eher ab, als bis Sie den Ausbruch der Revolution in Wien durch die Zeitungen erfahren haben.

Der Prinz – Alice warf in diesem Augenblicke, unbemerkt vom Fürsten, abermals einen raschen Blick auf die Vorhänge, und lächelte, als eine neue Bewegung derselben ihre Vermuthung bestätigte – der Prinz ist in Berlin und wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Truppen selbst befehligen wollen. Es ist jedoch nothwendig, daß dies nicht geschieht, weil – möge nun der Ausgang sein, welcher er wolle – er nicht eher in den Conflict gezogen werden darf, bis sein Interesse mit dem des Königs selbst in Conflict geräth. Ich kann Ihnen daher offen sagen, daß dieser Brief bezweckt, den Prinzen zur vollständigsten Neutralität aufzufordern. Er ist datirt vom 16. März, und kann demnach schon – wenn es nöthig ist – am 18. in seine Hände gelegt werden. Nicht wahr, ich bin von Ihnen vollkommen verstanden? –

– Vollkommen.

– Und Sie werden meine Bitte erfüllen?

Alice besann sich eine kurze Zeit. Darauf sagte sie mit festem Tone, indem sie dem Fürsten die Hand reichte: Ja.

– Gut, das wäre abgemacht. Nun kommt der letzte, aber auch der wichtigste und vielleicht für Sie, als Weib, der schwierigste Punkt. Der Fürst machte hier eine Pause, als sei er unschlüssig, in welche Worte er diesen letzten Auftrag kleiden sollte. Endlich sagte er zögernd: Sind Sie im Voigtlande3 bekannt? –

Alice erbleichte und konnte sich einer Bewegung nicht erwehren, die dem Fürsten ein abermaliges Schweigen auferlegte.

Alice erhob sich und sagte rasch, indem sie mit der einen Hand nach der Uhr zeigte, während sie mit der andern dem Fürsten einen Schlüssel überreichte. Verzeihen Sie meine Schwäche, Felix. Ich fühle mich unwohl. Auch bin ich der Ruhe bedürftig, da ich früh Morgens mich schon auf die Reise begeben muß. Leben Sie denn wohl, ich werde Ihre übrigen Aufträge getreulichst erfüllen. –

Der Fürst war bestürzt und schien nicht übel Lust zu einer abermaligen Untersuchung des Alkovens zu haben. Aber der Blick Alicens dominirte ihn. Er steckte den Schlüssel zu sich, prägte sich die auf der Uhr angezeigte Stunde ein und verließ mit hastigen Schritten das Gemach.



IV


Lydia war, als sie Alicens Zimmer verlassen, nach dem ihrigen gegangen, um – wie Alice richtig vermuthet hatte – zu beten. Das arme Kind war unmittelbar nach der fürchterlichen Katastrophe, die der Leser aus der mit ihrem Namen betitelten Erzählung kennt, in eine tiefe Apathie gefallen, welche sie gegen Alles, was sie umgab, selbst gegen Alicens aufopfernde Freundlichkeit, fast gänzlich unzugänglich machte. Aber Alice wußte diese Stimmung eines gebrochenen Herzens zu würdigen. Aufopferungsfähig und liebenswürdig, wie sie überall da war, wo ihre Empfindung wirklich angeregt wurde, widmete sie während der ersten Monate ihrer gemeinsamen Reise der unglücklichen Freundin und Leidensschwester ihre ganze Theilnahme, bis sie in Paris die Bekanntschaft Lichninsky's machte, und dadurch in kurzer Zeit in das Gewirre des politischen Lebens hineingezogen wurde. Es entging ihr nicht, daß der Fürst ihre unglückliche Freundin »bemerkt« hatte. Sie seinen Augen und Wünschen zu entziehen, beschloß sie aus doppelter Rücksicht, für sich selbst wie für Lydia. Sie reiste deshalb mit ihr nach Straßburg zu einer Freundin, wo nun Lydia unter angenommenen Namen ruhig und harmlos ihren Erinnerungen und – bald auch einer – neuen Liebe lebte. Aber der Fürst hatte seine Absichten auf die schöne Freundin Alicens nicht aufgegeben. Einer seiner Kundschafter wurde in Straßburg durch einen Zufall auf sie aufmerksam. Die Arme schien in der That vom Schicksal dazu ausersehen, die Gewalt der Liebe nur aus der Qual und den Schmerzen, welche sie spendet, kennen zu lernen. In Straßburg blühten die Rosen ihrer Wangen wieder auf – sie begann sich mit dem Leben auszusöhnen, denn es war die Liebe wieder in ihre kindliche Brust gezogen. – Da plötzlich streckte der Verrath seine Hand aus gegen die süße Liebeswelt – und sie stürzte wie ein Kartenhaus zusammen. – Lydia verschwand plötzlich aus Straßburg. – Alice erfuhr es durch ihre Freundin früher, als selbst der Fürst durch seine Spione. Schnell entschlossen reiste sie der Flüchtigen entgegen. In einer kleinen französischen Stadt, wenige Meilen von Paris entfernt, traf sie den Entführer. So war zwar die Unglückliche gerettet, aber zugleich ihr Liebesglück zerstört. Nun reisten die beiden Frauen, da sie sich in Paris nicht sicher glaubten, nach Wien. Denn Alice hatte es über sich genommen, das arme Kind, das sie als ein letztes heiliges Vermächtniß aus einer Zeit betrachtete, wo sie selbst noch wahrer Liebe fähig war, vor dem Pesthauch frivoler Verhältnisse zu bewahren. Von Wien aus schrieb sie an den Fürsten, machte ihm wegen seines Verraths Vorwürfe und kündigte ihren festen Entschluß an, ihre Freundin gegen seine Verfolgungen zu schützen.

Er kam darauf selbst nach Wien und versprach Alicen, von nun an keinen Schritt zu thun, der ihr Mißfallen erregen könne. – So kehrte das alte vertraute Verhältniß zwischen ihm und Alice zurück und durch seine Vermittlung war sie in den engeren Kreis des Metternichschen Hauses eingeführt worden, wo sie durch ihre unendliche Anmuth und durch den unwiderstehlichen Reiz, welcher ihr ganzes Wesen durchwehte, sich in kurzer Zeit ein festes Terrain zu erobern, und besonders das Vertrauen der Fürstin zu erwerben gewußt hatte. Der Einfluß, welchen sie durch ihre Zurückhaltung und die Kunst bescheidener und feiner Schmeichelei gewann, wurde in ihrer geschickten Hand zu einem Schlüssel für manches bald diplomatische bald neotische Geheimniß, und nur ihrer großen Vorsicht hatte sie es zu danken, wenn dieser Schlüssel ihr nicht wieder genommen wurde. So hatte sie es bald dahin gebracht, daß sie in dem Hause der Fürstin keinen Feind – ja – was noch mehr sagen will – keine Feindin und nur sehr wenige Beobachter hatte. Unter diesen fürchtete sie jedoch nur einen; es war der Beichtvater der Fürstin – Pater Angelikus. Vor seinen Blicken – das fühlte sie wohl – konnte die Rolle, welche sie spielte, nicht ganz undurchschaut bleiben: so faßte sie – – nach dem Grundsatz: »nur ganzes Vertrauen schützt gegen den Mißbrauch des halben« – den Plan, nicht etwa, ihn zu ihrem Vertrauten zu machen, sondern sich selbst, durch den Schein ihres Vertrauens, zu seiner Vertrauten zu machen. Und dies gelang ihr endlich, nachdem sie lange vergebens alle ihre Mittel verschwendet. Schon das erste Mal, als sie mit dem Beichtvater und Lichninsky bei der Fürstin Metternich zusammentraf, gewahrte sie durch die dicke Rinde, mit der der Pater seine Brust und die darin gährenden Leidenschaften umpanzert hatte, den tiefen Haß desselben gegen den Fürsten hindurchscheinen. Ein zweiter Blick auf Lichninsky belehrte sie, daß dieser, dessen Charakter zu studiren sie hinlänglich Gelegenheit gehabt, zwar keine Ahnung von diesem Hasse hatte, dennoch aber die Gesellschaft des Paters gerade nicht aufsuchte. – Die Ursache dieses eigenthümlichen Verhältnisses zu erforschen, wollte ihr lange Zeit nicht gelingen. Endlich griff sie zu dem äußersten Mittel, den Pater als Seelenarzt bei Lydia einzuführen. Der Eindruck, welchen das Schicksal und der wehmüthige Anblick des guten Kindes auf Angelikus hervorbrachte, war ein gewaltiger. Der harte, kalte Priester war bis ins Innerste erschüttert. Jetzt hatte Alice, die während der ganzen Scene keinen Blick von seinen Zügen verwandt, auch den Schlüssel zu diesem Geheimniß gefunden. Es ist wahr, ihre arme Freundin verdiente gewiß das tiefste Mitgefühl, aber solchen Eindruck, wie sie ihn auf den Pater hervorbrachte, konnte nur aus ähnlicher Erfahrung, aus gleichen Leiden hervorgehen. Ein Gedanke an Lichninskys frivolen Charakter führte Alicen schnell auf die richtige Vermuthung, daß ihr eigenes Schicksal vielleicht mit dem des Paters große Aehnlichkeit habe.

– Gestehen Sie, Angelikus – sagte sie einige Wochen nach jener Scene, während dessen der Pater seine Besuche bei Lydia eifrig fortgesetzt hatte, im Verfolg eines Gesprächs über den religiösen Trost gegen das Unglück der Liebe – gestehen Sie, daß im Grunde damit nur erreicht wird, daß man eine Schwärmerei gegen die andre austauscht. Oder glauben Sie – Alice legte einen Nachdruck auf das letzte Wort – daß die Religion gegen den Schmerz betrogener Liebe wirklich tröstet? Bei Lydia würden Sie sich gewiß täuschen.

– Ich verstehe Sie nicht, theure Freundin – erwiederte Jener, der sehr gut verstand, indem er seine Bewegung zu verbergen suchte.

– Sie verstehen mich sehr wohl. Sind Sie, antworten Sie aufrichtig, durch den Trost der Kirche von allen Leidenschaften, von Liebe und Haß, geheilt? – O, frommer Vater, Sie täuschen mich nicht. Sie lieben und hassen noch, eben so glühend wie früher, vielleicht noch glühender. – Der Pater schwieg, aber eine flüchtige fieberhafte Röthe bedeckte seine Stirne, als er aufstand und, Alicen die Hand reichend, mit bebender Stimme und düsterer Miene sagte:

Wohlan, Sie mögen Recht haben, und weil Sie Recht haben, so will ich von diesem Augenblick Ihr Freund sein, weil ich Ihr Feind zu sein nicht den Muth habe. Sie sehen, daß ich aufrichtig bin. Aber nun dringen Sie nicht in mich. Später werde ich Ihnen den Beweis geben, daß, wo ich liebe und hasse, ich Grund zu Beidem habe. Mit einem Blicke, in dem eine bis zur Wildheit tiefe und verzehrende Leidenschaft blitzte, verließ er sie schwankenden Schrittes.

Seit diesem Gespräch hatten sie absichtlich dies Thema vermieden. Alice war nicht neugierig, und sie beruhigte sich über das Schweigen des Paters mit dem Grunde, daß er selber nicht wissen konnte, wie weit sie bereits in sein Geheimniß eingedrungen sei. Selbst als sie seiner Forderung, Zeuge des Gesprächs mit Lichninsky zu sein, nachgab, hatte sie keine derartige Bedingung gestellt, weil sie in dieser Forderung selbst schon eine Concession erblickte.

Kehren wir nun nach dieser Abschweifung zu Lydia zurück.

Als sie in ihr Zimmer getreten war, schritt sie sogleich auf eine Nische zu, welche durch ein hohes, aus glänzend weißem Elfenbein gearbeitetes Kruzifix ausgefüllt wurde. Sie knieete auf den rothsammtnen Betschemmel nieder, senkte den Kopf in ihre beiden Hände und schien bald in ein tiefes und inbrünstiges Gebet versunken. Der Mond warf sein volles Licht auf die schöne Beterin und die weißen Gebeine des Christusbildes, während der übrige Theil des Zimmers fast ganz in Dunkel gehüllt war. Von Zeit zu Zeit, wenn sie ihr thränenfeuchtes Antlitz zum Gekreuzigten emporrichtete, mit den von Schwermuth und holdem Irrsinne erfüllten Augen, zeichnete sich das reine und jungfräuliche zarte Profil in wunderbarer Schönheit auf dem dunkeln Hintergrunde ab. O, wer sie in diesem Augenblicke geschaut, mit dem von ungehörten Seufzern geschwellten Busen und den zarten ineinander gerungenen Händen – gegenüber dem kalten, unempfindlichen Christusbilde, das mit derselben kunstvoll kalten Schmerzensmiene herabblickte auf den lebendigen heißen Schmerz der sündenlosen, geknickten Madonna: Wer hätte da noch den Glauben bewahren können an Andacht und göttliche Vorsicht –? Konnte ein Gott der Barmherzigkeit kalt bleiben gegen diese Schmerzen, konnte der Vater des Himmels sein väterliches Ohr verschließen vor diesen Seufzern? – Ungetröstet und klagelos erhob sie sich. Noch einen Blick warf sie, einen Blick voll tiefer, unaussprechlicher Wehmuth auf den Gekreuzigten – dann nahm sie ihr Gebetbuch, warf rasch den Mantel um die Schultern, zog den Schleier über das Gesicht und verließ das Zimmer. Sie ging zur Messe. Als sie aus dem Hause trat, mochte sie sich wohl daran erinnern, daß es schon zu spät sei, um ohne Begleitung sich in die Straßen zu wagen. Sie zauderte einen Augenblick und war im Begriff zurückzukehren, da sah sie an der Balustrade des Perrons eine Gestalt lehnen, welche jetzt, durch ihre zaudernde Stellung aufmerksam gemacht, auf sie zutrat und in gebrochenem Deutsch fragte, ob »Sennora« etwas befehle.

Lydias Furcht verschwand, als sie sich überzeugte, daß es ein Knabe in Livrée war, der vermuthlich hier auf seinen Herrn warte. – Ein unerklärliches Gefühl von Neugierde trieb sie an, ihn zu fragen, auf wen er hier warte. Der Knabe, in dem der Leser schon längst unsern Salvador erkannt haben wird, gerieth durch diese Frage in augenscheinliche Verlegenheit, endlich erwiederte er, Pater Angelikus habe ihn hier her bestellt, auf ihn zu warten.

– Willst Du mich nach der Kirche begleiten, mein Kind? – fragte Lydia.

– O, wie gern, Sennora, erwiederte Salvador.

Lydia gab ihm, ohne weiter ein Wort mit ihm zu wechseln, ihr Meßbuch und ging rasch auf den Stephansplatz zu.

Salvador war – obgleich Südländer, noch ein ganz unbefangenes Kind. Doch kam er heute zum ersten Male darüber zum Nachdenken, daß die »Sennora« ihn Kind genannt, und er stellte an sich die Frage, ob er denn noch sehr »kindisch« aussehe. Auch war er zwar von dem Vertrauen der »Sennora« zu ihm – denn es konnte ja eine Lüge sein, daß er im Dienste des Paters sei – gerührt; gleichwohl dünkt es ihn, als ob seine Rührung noch größer sein würde, wenn sie weniger schnell Vertrauen zu ihm gefaßt hätte. Diese Widersprüche, welche er sich gar nicht erklären konnte, beschäftigten ihn, während er still neben Lydia daher schritt, so sehr, daß er fast vergessen hätte, beim Eintritt in die Kirche die Finger ins Weihwasser zu tauchen und ein frommes Kreuz auf Brust und Stirn zu zeichnen. Die Kirche war fast leer; vereinzelt knieten hier und dort einige Beter, unbeweglich und stumm, so daß man versucht gewesen wäre, sie für eine jener leblosen Steingruppen zu halten, mit denen die Nischen und Pfeiler der Kirche geschmückt waren, wenn nicht zuweilen ein tiefer Seufzer ihrer Brust entstiegen und mit dem Schmerz der Reue auch das Leben in ihr kund gethan. Lydia kniete hinter einer Säule, die ihren breiten Riesenschatten über sie hinwarf, so daß sie unbemerkbar bleiben konnte. Salvador ließ sich hinter ihr auf ein Kniee nieder. Der harmonische Donner der mächtigen Orgel, welche ihre vollen Klangmassen durch die weiten Hallen der Kirche wälzte, wiegte sie in jenes verführerische Entzücken, welches mit der Ueberzeugung göttlicher Erregung das Herz in alle Reize einer hingebungsvollen, glühenden Einbildungskraft versenkt. Denn das Herz – wie rein und schuldlos oder wie befleckt von Begierden es sein mag – bedarf des Gefühls einer vollen Hingabe. Es ist sein Beruf, sich aufzulösen in ein Meer von selbstgeschaffner und selbstgewährter Wonne; und es ist nur eine Täuschung, wenn wir glauben, daß die Hingabe eines gläubigen Herzens an den Zauber der Musik und der andern Künste, welche die katholische Kirche mit so feiner Raffinerie zur Ehre des »Herrn« zu gebrauchen versteht, eine andere Art der Erregung voraussetzt, als etwa die Hingebung des Herzens an den Geliebten. Darum hatte Alice recht, zu sagen, es hieße nur eine Schwärmerei gegen eine andre eintauschen, wenn man den süßen Schmerz der Liebe durch den schmerzensreichen Trost religiöser Schwärmerei heilen wolle. Eine halbe Stunde mochte bereits verflossen sein, und immer noch lag Lydia auf den harten, kalten Fliesen, ihre Hände, denen das Meßbuch entfallen war, hingen schlaff in den Schooß herab, die Augen waren halb geschlossen, aber wer einen Blick zwischen diese noch von den Thränen feuchten Lider hätte thun können, würde erschreckt worden sein von der innern Glut, welche sich in ihnen concentrirt hatte, jedoch mehr nach Innen als nach Außen strahlte. Die Blässe ihrer Wangen war geisterhaft und stach um so mehr von der tiefen Röthe ihrer halbgeöffneten Lippen ab, die sich von Zeit zu Zeit bewegten. Waren es Gebete, die sie zum Himmel sandte, oder Seufzer einer ungestillten Liebessehnsucht? –

Die Orgel schwieg. Lydia fuhr aus ihrem traumartigen Zustande empor. Sogleich kehrte die Röthe auf ihre Wangen zurück; es schien, als sei ihre fromme Sehnsucht gestellt. Sie blickte um sich und gewahrte Salvador, der sie unverrückt angeblickt hatte. Er hatte weder die Orgel gehört, noch die Litanei des Priesters nach dem Gesang des Chors, er hatte überhaupt nicht gehört, nur gesehen – Lydia. Er erschrak fast, als Lydia sich erhob. Taumelnd folgte er ihr hinaus auf die jetzt fast menschenleere, mondbeschienene Straße. Sie hatten nur wenige Schritte bis zu Lydias Wohnung. Als sie den Perron in die Höhe stiegen, öffnete sich die Thüre und eine tief im Mantel gehüllte Gestalt trat mit hastigen Schritten heraus. Es war Lichninsky, der von Alicen kam. Lydia hatte ihn zuweilen vom Fenster aus gesehen und kannte ihn durch Alice. Er erkannte sie sogleich wieder und erstaunt über die wunderbare Schönheit – sie hatte vergessen den Schleier herabzulassen – blieb der Fürst einige Sekunden auf der Schwelle stehen, in ihren Anblick versunken. Lydia war unwillig über diese Störung und sagte mit sanftem aber festem Tone: – Fürst Lichninsky, Sie stehen mir im Wege.

Der Name Lichninsky brachte auf Salvador, der den Fürsten gar nicht beachtet hatte, eine elektrische Wirkung hervor. Seine erste Bewegung war ein Griff nach der Schärpe. Er vergaß, daß er sie abgelegt. Da ballten sich seine Fäuste in krampfhaften Zuckungen, seine Lippen bebten. So trat er neben Lydia, dem Fürsten gegenüber aber außer Stande, seine Gefühle in Worte zu fassen, wiederholte er nur die Worte Lydias, die in seinem Munde eine ganz andere Bedeutung erhielten:

Fürst Lichninsky, Sie stehen mir im Wege.

Lydia sah, erschreckt über diese Unart, den Knaben an, der bisher so folgsam und sanft sich gezeigt. Der Fürst maß ihn mit einem erstaunten, doch kalten Blick, und schlug darauf ein lautes Gelächter auf. – Jetzt war Salvadors Wuth bis zur äußersten Grenze gebracht. Er machte sich bereit, dem Fürsten einen Faustschlag ins Gesicht zu versetzen, da fühlte er eine feste Hand sich auf seine Schulter legen. Erzürnt blickte er sich um, als er jedoch in das ruhige, vorwurfsvolle Gesicht des Paters schauete, ließ er den Kopf sinken und Thränen glänzten in seinen Augen.

Lydia hatte mit Neugierde diese Scene, welche fast nur den Zeitraum einer Sekunde umfaßte, zugeschaut. Jetzt wandte sie sich an Angelikus mit der Bitte um seinen Segen für die Zeit ihrer Trennung.

– Ich segne Dich von Herzen, meine gute Tochter – sagte der Pater mit bewegter Stimme. – Mögst Du anderwärts die Ruhe finden, die Du bisher vergeblich gesucht. Ich habe dafür gesorgt, daß Dir auch in Deinem neuen Aufenthalt der geistliche Beistand nicht mangelt. Darauf drückte er einen väterlichen Kuß auf ihre Stirn und entließ sie.

Als Lydia sich entfernt hatte, standen Lichninsky und der Pater einander gegenüber.

– Armes Kind – sagte, wie zur Erklärung der Letztern – Sie hat die beiden Eltern in kurzer Zeit verloren und steht nun ganz verwaist in der Welt da, ohne Freunde und Verwandte. Auf meine Bitte hat unsere Freundin Alice sich erboten, sie mit sich nach Berlin zu nehmen, und dafür zu sorgen, daß sie dort eine passende Stellung findet. Eben war ich im Begriff, zu ihr zu gehen. Es scheint, als kommen Sie jetzt von einem Besuche bei ihr.

Der Pater war, der Anweisung Alicens folgend, die Treppe hinabgestiegen und von dort durch das Hintergebäude in die Seitenstraße gelangt, so daß der Fürst, welcher jenen Ausweg nicht kannte, von der Grundlosigkeit seines Verdachts fast gänzlich zurück kam, als er sah, daß der Pater, eben von der Straße kommend, ihm auf der Schwelle begegnete. Dennoch wollte er noch eine letzte Probe machen.

– Sie ist sehr angegriffen und bedarf der Ruhe, wie sie mir sagte – entgegnete er auf des Paters Aeußerung, daß er Alicen besuchen wolle.

– Nun, es ist nichts Wichtiges, was wir zu verhandeln haben. So will ich sie denn nicht weiter stören. Gehen wir eine Straße miteinander, Fürst, wenn's Ihnen gefällig ist.

– Von Herzen gern – erwiederte dieser, jetzt vollständig beruhigt, indem er dem Pater den Arm reichte.

Sie schritten eine Zeit lang lautlos neben einander her. Beide waren unruhig: Lichninsky, weil er über den Sinn der geheimnißvollen Art, mit der Alice auf die Uhr gewiesen und den Schlüssel ihm in die Hand gedrückt, zwar klar, aber über die Gründe zu diesem Verfahren vollständig im Dunkeln war. War Jemand Zeuge ihres Gesprächs gewesen oder nicht? Der Pater, – der einzige Mensch, welchem Alice, wie er glaubte, vielleicht eben so viel Vertrauen schenkte, wie ihm selber, und dem sie die Stunde des Rendezvous auf dem heutigen Spaziergange mitgetheilt haben konnte – konnte es nicht sein, davon war er jetzt überzeugt. Wer also konnte es sein? Ueber diese Frage grübelte er lange nach, ohne ihrer Lösung deshalb näher gerückt zu sein. –

Der Pater seinerseits hatte aus den Lücken, welche das Gespräch zwischen Alicen und Lichninsky einige Mal erhielt und in Folge deren der Fürst die Untersuchung des Zimmers vorgenommen, mit Recht geschlossen, daß Alice statt der Worte sich der Zeichensprache bedient habe, die, wie sie wohl wußte, dem Pater verloren gehen mußte, da der Vorhang des Alkovens sehr dicht war. Was waren das nun für Zeichen gewesen? Eines freilich hatte er bemerkt, die Stunde, auf die der Zeiger der Uhr gerichtet war. Es konnte Zufall sein, es ist wahr: aber der Pater wollte sicher gehen: sein Entschluß war gefaßt.

Als die beiden Männer, von denen Jeder den Anfang eines Gesprächs vom Andern erwartete, weil Jeder sich zu verrathen fürchtete, wenn er den Andern auszuforschen versuchen wollte, waren schweigend bis zur Ferdinandsbrücke gekommen, wo sie sich trennten. Der Pater schritt über die Brücke fort nach seinem Gasthofe zu, Fürst Lichninsky begab sich nach seiner Wohnung, welche im Schottenviertel lag. Auf der Brücke blieb der Pater stehen und sah sich nach Salvador um. Er hatte ihn, in seine Gedanken vertieft, gänzlich vergessen.

– Er wird dem Fürsten gefolgt sein – murmelte er vor sich hin.

Salvador war in der That dem Fürsten gefolgt, aber nicht, wie der Pater vermuthete, um in seine Dienste zu treten, sondern um seine Wohnung auszukundschaften. Er merkte sich genau Straße und Nummer des Hauses und eilte dann mit schnellen Schritten durch das Schottenthor über das Glacis, die Alsengasse hinab bis zu deren letzter Querstraße. Hier bog er ein und schritt durch den Thorweg eines kleinen unansehnlichen Hauses über den Hof nach dem Seitengebäude. Auf seinen Ruf zeigte sich ein Licht am Gibelfenster des zweiten Stocks, das nach dem Garten hinaussah. Bald darauf hörte man den leisen Tritt eines weiblichen Fußes die Treppe hinabkommen. Die Thüre wurde aufgeschlossen.

– Bist Du's, Salvador, mein Sohn – fragte eine Stimme in spanischer Sprache.

– Ja, Mutter.

Die Thüre öffnete sich. Es war Ines, die verlassene Geliebte des Fürsten.



V


Es war eine kleine ärmliche Wohnung, die Ines und Salvador inne hatten, denn sie bestand nur aus einer Stube mit wurmstichigen Möbeln, und einer Kammer, die nichts enthielt, als einen Strohsack und einen daneben stehenden hölzernen Schemel. Hier wohnte oder vielmehr schlief Salvador, denn wenn ihn sein rastloses Temperament nicht auf der Straße umhertrieb, so saß er wohl Abends zuweilen neben seiner Mutter auf dem altmodischen Sopha, dem Prachtstück des Zimmers und erzählte ihr von den blühenden Mandelwäldern in den schönen Thälern Kataloniens. Dann pflegte der schwere Trübsinn, der wie eine düstre Wolke auf ihrer edlen Stirn gelagert war, einer sanfteren Stimmung zu weichen und das Eis stolzer Gleichgültigkeit, welche den majestätischen Zügen ihres bleichen Gesichts tief eingegraben war, in einige warme Thränen der Wehmuth zu schmelzen. Das waren des Knaben glücklichste Stunden – denn mit dem zartfühlenden Instinkt halb barbarischer Naturen vermied er jeden Versuch des Trostes, der Ines nur beleidigt und gereizt, aber nicht beruhigt hätte, während für sie, die von der Zukunft nichts erwartete, als den einstigen Triumph der Rache über den, der ihres Lebens Keim für immer vergiftet, die Erinnerung an die schöne Vergangenheit noch die einzige Quelle milderer Gefühle war. Ines Charakter war aus zwei – scheinbar widersprechenden und doch bei höheren Naturen so oft zusammenkommenden – Elementen gebildet: aus ruhiger, nie ihres Zieles vergessender Consequenz im Handeln und maßloser Leidenschaftlichkeit im Empfinden. Die Einheit dieser beiden Elemente prägte sich auch in ihrem ganzen Wesen aus. Ihre stolze schlanke Gestalt – Ines zählte erst 32 Jahre – war in Bewegung und Ruhe der vollkommenste Ausdruck eines festen, thatkräftigen aber zugleich sich selbst beherrschenden Geistes: wenn sie einherschritt, oder sich mit irgend Etwas – mochte es auch das Unbedeutendste sein – beschäftigte, stets lag auf jeder ihrer Bewegungen das Gepräge einer ihres eigenen Werthes und ihrer Macht bewußten, königlichen Seele. Regte aber irgend eine Erinnerung, ein vergilbtes Blättchen aus den Zeiten ihres Glücks oder auch nur ein Gedanke an jene für sie unvergeßliche Zeit ihre Empfindung an, so gab augenblicklich der düstere glutgetränkte Glanz, welcher aus ihren großen schwarzen Augen strahlte und das Zittern ihrer feingeschnittenen Lippen Zeugniß von den tiefern Wogen der Leidenschaft in ihrem stolzen Herzen.

Ines Gefühle und Gedanken bewegten sich wie der Magnet nur stets nach einer und derselben Richtung. Das ehemalige Glück ihrer Liebe und der Verrath ihrer Liebe: das waren die beiden Pole ihrer Empfindung. War ihre Liebe gewaltig und Titanen gleich gewesen, so war es jetzt ihr Haß und das Bedürfniß der Rache. Aber sie verschloß beide Gefühle, die Erinnerung an ihre Liebe und die Hoffnung auf Rache tief in ihrer Brust. Selbst mit Salvador hatte sie nur einmal davon gesprochen; es war an seinem 15. Geburtstage, als sie ihn in ihr ganzes Leiden einweihte. Salvador hatte mit zerrissenem Herzen zugehört, aber ohne auch nur durch einen Laut zu verrathen, was in jenen Augenblicken in ihm vorging: aber als sie geendet, war er zu ihren Füßen gekniet, und hatte ihr mit fester Stimme den Schwur geleistet, sie zu rächen. Da hatte Ines die rothseidene Schärpe hervorgeholt und sie dem Knaben um den Leib gewunden, und einen Dolch aus dem Busen gezogen und ihn in die Schärpe gesteckt. – Salvador hatte sie verstanden – und es war weiterhin keine Rede mehr darüber zwischen ihm und seiner Mutter, aber das natürliche, unbefangene Verhältniß zwischen ihnen war seitdem verändert worden. Nicht als wenn die Liebe und Verehrung, welche Salvador für seine Mutter empfunden, an Tiefe und Innigkeit verloren; im Gegentheil, er gelangte nun erst zum vollen Bewußtsein darüber, wie heiß diese Liebe, wie lebendig diese Verehrung war: aber es mischte sich diesen rein kindlichen Gefühlen eine neue bis dahin ihm unbekannte Empfindung bei, welche mit einem Worte zu bezeichnen unmöglich ist. Er wurde seit jenem Tage stiller und in sich gekehrter. Sein Frohsinn, seine muntere Laune war verschwunden. Er war, ein 15 jähriger Knabe, zum Manne gereift. Er fiel jetzt nicht mehr, wie früher, wenn er von seinem tagelangen Umherschweifen nach Hause zurückkehrte, seiner Mutter jubelnd um den Hals, um ihre Vorwürfe über sein langes Fortbleiben durch Küsse zu ersticken – er fragte nicht mehr, wie früher, wenn sie zuweilen seinen Liebkosungen mit einem schweren Seufzer oder gar mit Thränen antwortete, mit trauriger Miene, ob sie ihm zürne: er küßte nur zuweilen ihre noch immer schönen Hände und blickte sie – wenn sie es nicht bemerkte – mit einem Blicke an, in dem sich eine an Schwärmerei grenzende Liebe und Verehrung abspiegelte.

Ines beunruhigte sich zuerst über diese plötzliche Aenderung in dem Charakter ihres Sohnes, allmälig aber gewöhnte sie sich daran, besonders als sie gewahrte, daß seine Liebe zu ihr keinen Abbruch erlitt. Denn sie besaß ja nichts weiter, als dieses Kindes Liebe.

Es ist natürlich, daß zwei Menschen, die einen gemeinsamen Schmerz haben, selten, ja fast nie davon mit einander reden, obgleich jeder weiß, daß derselbe in des Andern Gedanken eben so wie in seinen eigenen fortlebt. So war's auch mit Ines und Salvador. Sie zeigten einander nie ihre Trauer, noch sprachen sie davon, so daß ein Dritter, der sie nicht kannte und nicht in ihr Inneres zu schauen vermochte, vielleicht glaubte, daß sie wenig für und mit einander fühlten, sondern in frivoler Gleichgültigkeit neben einander hinlebten. Denn da ihre Gedanken fast stets dem einen Gegenstande, der ihrem Leben die Richtung gegeben hatte, zugewandt waren, so waren sie überhaupt einsylbig und äußerlich indifferent in ihrem täglichen Umgange, außer wenn – wie wir schon erwähnt – Salvador Abends in der Mußestunde von der Heimath erzählte, dann brach durch die Rinde jener scheinbaren Indifferenz die tiefe Gemeinschaft ihrer Empfindungen und Gedanken durch – dann weinten sie wohl lautlose Thränen, Salvador, indem er seinen Kopf in den Schooß der Mutter legte, Ines, indem sie ihren heißen Mund in die schwarzen Locken des Sohnes drückte.

Heute aber war Salvador ein Anderer.

Er hatte Lydia kennen gelernt; er hatte dem Fürsten in's trotzige Auge geblickt: zwei Erinnerungen, deren jede – so entgegengesetzter Natur und Wirkung auf ihn sie waren – hinreichte, um seine Bewegung zu rechtfertigen. Vielleicht wäre diese noch heftiger gewesen, wenn nicht der Eindruck der einen, wechselsweise von dem der andern paralysirt worden wäre.

Ines bemerkte mit einem Blicke seine Unruhe. Doch schwieg sie, weil sie wußte, daß er ihr nie Etwas verhehlte, das von Wichtigkeit war. Als er aber, im Zimmer angelangt, anfing, die Livree, welche er auf Geheiß des Paters angelegt, von seinem Körper zu reißen und mit Füßen zu treten, während die Röthe des Zorns und der Schaam aus seinen Augen blitzte und seine Wangen mit tiefem Purpur bedeckte: – da konnte Ines ihr Erstaunen nicht länger verbergen.

– Salvador!? – fragte sie mit halb vorwurfsvollem, halb fragendem Tone.

Aber Salvador hörte nicht. Halb entblößt stand er mitten in der Stube auf den Trümmern der unschuldigen Livree, die Hände geballt und Thränen der Wuth in den Augen.

– Salvador!? sagte noch einmal Ines, deren Erstaunen zur Bestürzung wurde, mit dem Accent mütterlicher Angst, indem sie die Hand auf seine Schulter legte.

Da brach des Knaben Leidenschaft in ein wildes Schluchzen aus. Er sank in die Kniee und barg sein Haupt in der Mutter Schooß.

– Was ist Dir, Kind? Sprich, was ist geschehen? –

Lange konnte der arme Knabe keinen Laut hervorbringen. Endlich stammelte er die Worte:

– Ich habe Ihn gesehen, Mutter. –

Wie ein Blitzstrahl, so erschütterten diese wenigen Worte das stolze Herz der Spanierin. Sie erbleichte und schwankte. Salvador fing sie in seinen Armen auf und so knieten sie beide, die Arme in einander geschlungen, das Haupt auf des andern Schulter gelehnt. Mochte es der furchtbare Eindruck sein, den Salvador durch die Mittheilung auf seine Mutter hervorgebracht, und der eine beruhigende Rückwirkung auf ihn ausübte, oder war es vielleicht auch der Gedanke daran, daß er nicht nur »ihn«, sondern auch sie gesehen: genug, er richtete sich zuerst empor und sagte fast vorwurfsvoll:

– Warum weint die stolze Ines? Deine Thränen kommen zu früh, meine Mutter. Ich habe gesagt, daß ich Ihn gesehen. Ich habe nicht gesagt, daß ich ihn getödtet. –

Ines sprang empor. Der Pfeil hatte getroffen.

– Du hast recht, Knabe. Aber ich glaubte, wenn mein Salvador sagte, daß er ihn gesehen, so wäre es überflüssig, zu fragen, ob er ihn getödtet. –

Salvador senkte den Kopf, dann wies er auf die an der Erde liegende Livree und murmelte: – Der Tio ist daran schuld, daß er noch lebt.

– Und er wird recht gehabt haben – erwiederte Ines, die sich jetzt gefaßt hatte. – Verzeih' mir, mein Sohn, Beides: meine kleinliche Schwäche und meinen ungerechten Vorwurf.

Salvador erzählte jetzt seine Abenteuer vom heutigen Tage. Als er Lydias erwähnte, stockte er anfangs. Doch Ines war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um darauf zu merken. Er hatte vollendet. Doch schien es, als habe er seiner Mutter noch eine andere Mittheilung zu machen, über deren Einkleidung er nur noch zweifelhaft war. Er erwählte den kürzesten Weg.

– Ich werde Dich Morgen verlassen, Mutter – sagte er mit niederschlagenden Augen und leiser Stimme.

– Verlassen? Ich verstehe Dich nicht.

– Auf einige Wochen – oder Monate – oder –

– Und wohin willst Du gehen? – fragte Ines erstaunt.

– Nach dem Norden, in eine große Stadt. Berlin, glaube ich, heißt sie.

– Und morgen schon? das ist hart von Angelikus, uns so schnell und gerade jetzt wieder zu trennen.

– Der Tio weiß nichts davon, Mutter. Es ist mein eigener Entschluß. –

– Dein eigener Entschluß?! So geht Er auch nach dem Norden? – – –

– Ich weiß es nicht. Aber sie geht nach dem Norden. – Nur mit Zittern brachte er diese Worte heraus.

Sie? – fragte erstaunt Ines, die an Lydia nicht mehr dachte, jetzt aber genauer nachforschte. Salvador erzählte das Zusammentreffen zwischen Lydia, dem Fürsten und dem Pater noch einmal. Jetzt begriff sie seinen »Entschluß« und war sehr bestürzt darüber, nicht nur, weil sie sich von dem Sohne ungern, zumal jetzt, trennte, sondern besonders, weil sie die Gewalt fürchtete, die eine so frühzeitige Liebe über ihn ausüben würde, und die ihn vielleicht von ihrem gemeinsamen Plane, wenn nicht entfremden, so doch für einige Zeit entfernen könnte. Sie versuchte ihm das Zwecklose seines Unternehmens darzustellen. Vergebens, er blieb fest und bat seine Mutter, nicht ferner in ihn dringen zu wollen. Er könne nicht anders. Eine innere Stimme sage ihm, daß sein »Entschluß« gut und nützlich sei. Auch werde Pater Angelikus schon dafür sorgen, daß Ines ihm bald nachfolgen könne.

Während sie eben im Begriff war, das letzte Mittel – die Erinnerung an seinen ihr geleisteten Schwur – anzuwenden, um ihn zum Bleiben zu zwingen, trat Pater Angelikus ein und sah mit erstauntem Blick bald auf den entkleideten Salvador, bald auf die am Boden liegende Livree.

– Was bedeutet das, mein Sohn? – fragte er mit leisem Stirnrunzeln, nachdem er Ines mit einem warmen Händedruck begrüßt hatte. Salvador bückte sich, die Stücke aufzuheben, um sein Erröthen zu verbergen.

– Ich bin gekommen, theure Ines – fuhr der Pater fort, ohne die Antwort des Knaben abzuwarten – nun Euch auf eine neue Trennung von Eurem Sohne vorzubereiten. Er wird schon morgen in Begleitung zweier Damen nach Berlin reisen.

Salvador horchte hoch auf. Sein Herz klopfte ungestüm, doch wagte er nicht zu fragen, was für Damen es seien, mit denen er reisen solle.

Während Salvador sein bescheidenes Bündel packte, und vor allen Dingen seine Schärpe und seinen Dolch sorgfältig einwickelte, theilte Angelikus mit leiser Stimme Ines die Gründe mit, die ihn bewogen hätten, ihren Sohn als Begleiter Alicens und Lydias nach Berlin reisen zu lassen. Diese Gründe mußten wohl sehr überzeugender Natur sein, denn Ines drückte befriedigt beim Abschiede dem Pater die Hand, preßte Salvador einen Kuß auf die Stirn und empfahl sie Beide dem Schutze ihres Heiligen.



VI


Es schlug gerade Mitternacht, als der Pater und Salvador durch die stillen Straßen der Vorstadt wandelten.

– Salvador – sagte jener mit ernster Stimme – Du bist heute zwei Mal ungehorsam gewesen. Deine Heftigkeit kann uns Alle ins Verderben stürzen. Du mußt Dich beherrschen lernen, mein Sohn; nur durch Selbstbeherrschung gelangt man zum Ziel, präge Dir das wohl ein. Und nun merke auf. Du kennst jetzt den Fürsten, Du wirst ihm gefolgt sein und seine Wohnung erspäht haben. Daß Du nach jener unvorsichtigen Scene auf dem Perron nicht in seine Dienste einzutreten versuchen würdest, konnte ich mir leicht denken. Es ist auch besser so, wie es jetzt ist. Aber das ist nur ein Zufall, daß es besser ist, ein Zufall, der Dich nicht berechtigt, abermals ungehorsam zu sein. – Habe Acht, was ich sage. Du wirst um 2 Uhr wieder auf dem Perron oder vielmehr in der Nähe sein, damit Du nicht gesehen wirst; Du wirst Acht geben, ob der Fürst um 2 Uhr 20 Minuten ins Haus geht; hörst Du? genau 2 Uhr und 20 Minuten. Es ist nothwendig, daß Du auch die nächste Querstraße rechts vom Hause beobachtest. Dort ist ebenfalls ein Eingang. Wenn er hinein ist, so merkst Du Dir genau die Zeit, während welcher er darin bleibt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß er nicht aus derselben Thüre herauskommt, durch die er hineingegangen. Richte Dich darnach. Sobald er das Haus verlassen, eilst Du zu mir und stattest mir genauen Bericht ab.

Salvador versprach Alles getreulich zu erfüllen. Doch war seine Neugierde in Betreff der beiden Damen zu groß, als daß er nicht wenigstens die schüchterne Frage wagen mußte, ob er nicht die Eine davon bereits gesehen.

– Was kümmert Dich das? – fragte lächelnd der Pater, indem er ihn forschend anblickte. – Allerdings, die Eine von Ihnen ist dieselbe, welche Du nach der Kirche begleitet, und zwar ohne meine Erlaubniß. – Und nun sei wachsam und lasse die überflüssigen Gedanken fahren. Gute Nacht. Der fromme Pater hatte seine guten Gründe, weshalb ihm die keimende Liebe Salvadors zu Lydia nicht unlieb war. Wir werden sie später kennen lernen. Salvador eilte leichten Herzens auf seinen Posten.



VII


Wir müssen jetzt kurz dem Leser davon Rechenschaft geben, wie es zuging, daß Pater Angelikus noch einen so späten Besuch bei Ines machte. Er – nämlich der Leser – wird sich erinnern, daß der ehrwürdige Herr, nachdem er sich vom Fürsten getrennt hatte, über die Ferdinandsbrücke schritt, um sich nach Hause zu begeben.

Als er jedoch an dem jenseitigen Ufer angelangt war, fiel ihm ein, daß er von Alicen keinen Abschied genommen, indem er, sobald der Fürst sie verlassen hatte, die geheime Treppe hinab, über den Hof geeilt und durch die Seitenstraße in die Wollzeile einbog, gerade in dem Augenblicke, wo der Fürst das Haus verlassen wollte. Es fiel ihm, wie gesagt, ein, daß er von Alicen keinen Abschied genommen. Das war unartig, es war wahr: es war undankbar, und vor allen Dingen: es war unklug. – Was mußte Alice daraus schließen? sie, vor deren Klugheit er einen gewissen Respekt hatte – – und das wollte bei Angelikus viel sagen. – Würde sie nicht auf die Vermuthung kommen, daß er mehr ahne, als ihr lieb sei? Daß er vielleicht mit dem Fürsten gesprochen und von diesem durch unschuldig scheinende Fragen mehr erfahren, als ihr zweckdienlich scheinen mochte? Und würde diese Vermuthung ihm nicht ihr Mißtrauen, ihren Haß zugezogen haben? – Der Pater war empfindlich gegen diesen Haß, er fürchtete die Feindschaft dieser Frau nicht nur deshalb, weil er ihrer nothwendig bedurfte, sondern auch darum, weil sie ihm, das heißt: seinen Plänen gefährlich werden, ja sie vollständig vernichten konnte.

Er wandte also seinen Schritt dahin, woher er gekommen, zu Alicens Wohnung.

Unterwegs durchleuchtete ein neuer Gedanke sein grübelndes Gehirn.

Er wollte Alicen einen ihm mit Leib und Seele ergebenen und verschwiegenen – Begleiter mitgeben: Salvador. Es paßte sich vortrefflich, daß Lydia den Schwarzkopf schon kannte und, wie es schien, Vertrauen zu ihm gefaßt hatte. Er würde also von dieser Seite keinen Einwand zu bekämpfen, ja vielleicht Beistand bei seinem Antrage zu erwarten haben.

Zugleich entfernte er dadurch den leidenschaftlichen Jungen aus der Nähe des Fürsten, da ihm – aus Gründen, die später deutlicher sich darlegen werden – Alles daran gelegen war, daß der Fürst für's Erste unangetastet blieb. Während er diese Reflexionen machte, war er bei Alicen angelangt, deren forschenden Blick er glücklich zu ertragen wußte. In Bezug auf seine Bitten wegen des Knaben kam ihm Alice auf halbem Wege entgegen. Sie ahnte die Schlinge nicht, die ihr damit gelegt wurde. Nachdem noch das Nähere und Weitere verabredet war, und Angelikus versprochen hatte, Salvador des Morgens früh, eine Stunde vor ihrer Abreise, bei ihr einzuführen, empfahl er sich und eilte, froh darüber, die doppelte Verlegenheit so schnell und leicht überwunden zu haben, zu Ines.

Wir kehren nunmehr zu unserm jungen Nachtwandler zurück.

Mit schnellen Schritten eilte er dem Stephansplatze zu. Hier wurde sein Gang langsamer, bis er endlich das bezeichnete Haus erreicht hatte. Es war ganz dunkel, nur das äußerste Eckfenster des zweiten Stocks war erhellt. Des Knaben Phantasie brachte ihn sofort zu der Ueberzeugung, daß dies ihr Fenster sei: und wirklich hatte er diesmal recht. Die beiden Frauen mochten mit Einpacken beschäftigt sein, denn Salvador sah häufig bald einen bald zwei Schatten auf den weißen Rouleaux, welche zum Schutz gegen neugierige Blicke der gegenüberliegenden Etagen niedergelassen waren, hin und her gleiten. Salvador setzte sich auf einen Prellstein an der Ecke eines gegenüberstehenden Hauses, und sah unverwandten Blickes zu dem Fenster empor. Mitternacht war längst vorüber; dumpf hallte die Glocke des Stephansthurms die erste Stunde des Morgens durch die schweigende Nacht. – Salvador hatte seinen Blicken noch keine andere Richtung gegeben. –

Wieder war eine Stunde vorüber. Es schlug zwei: der Knabe rührte sich nicht. »Merke genau« – hatte der Pater gesagt – »zwei Uhr und zwanzig Minuten.« Salvador hatte es vergessen. Aber als die Wellen des letzten Schlages in die reine Luft verflossen waren, wollte es ihm bedünken, als ginge eine Veränderung in dem Zimmer vor. Es wurde plötzlich lichter als zuvor, dann trat die frühere matte Helligkeit wieder ein, aber bald darauf erhellten sich zwei an der andern Seite des Gebäudes gelegene Fenster in derselben Etage. – Da kam Salvador zum Bewußtsein; er raffte sich empor und besann sich darauf, daß es zwei Uhr geschlagen. Zugleich fielen ihm die Worte des Paters ein: Zwei Uhr und zwanzig Minuten. Er zog seine blaue Jacke, die er über die Livree gezogen, fester um sich, drückte seinen Strohhut tiefer ins Gesicht und begann jetzt, langsam die Straße auf und niederzuschreiten, indem er rings spähende Blicke umherwarf, die jedoch zuweilen auch das Eckfenster trafen.

Sein Herz klopfte, als sollte er ein Verbrechen begehen, stärker und stärker, je näher es dem festgesetzten Zeitpunkt kam. Endlich sah er eine tief in den Mantel gehüllte männliche Gestalt vom Stephansplatz her die Wollzeile heraufschreiten. Er erkannte sogleich den Fürsten, und ging ihm schlendernden Ganges, und als bemerke er ihn gar nicht, entgegen. Der Fürst eilte an ihm vorüber, ohne ihn zu beobachten. Jetzt mußte er an der Hauptthüre sein; Salvador wandte sich um: die Thüre öffnete sich – der Fürst war verschwunden.

Salvador nahm wieder seinen Platz auf dem Eckstein ein: das Fenster Lydias war dunkel; – dagegen strahlten die andern beiden, später erhellten Fenster einen durch keine Rouleaux gebrochenen Glanz ihm entgegen. – Jetzt trat eine männliche Gestalt an das Fenster. Da fuhr es ihm wie ein Dolchstich durch die Seele und er fühlte zum ersten Male den schmerzhaften Stachel der Eifersucht in seinem Herzen, das in diesem Augenblicke seine Unbefangenheit für immer verloren.

– Fürst Lichninsky – flüsterte halb träumerisch der arme Knabe, indem er drohend die Hand gegen den Himmel erhob:

Fürst Lichninsky, Sie stehen mir im Wege.

Folgen wir nun dem Fürsten zu Alicen.

Rasch stieg er die Treppen hinan und war wenige Sekunden darauf bei Alicen.

Der Fürst stellte den Hut aufs Fenstergesims und warf mit jener graziösen Nachlässigkeit, die nur bei wirklich aristokratischen Naturen nicht affectirt erscheint, seine Handschuhe hinein.

– Ich habe Sie also verstanden – sagte er mit gleichgültigem Tone – Sie erwarteten mich.

– Freilich, ich erwartete Sie und nun will ich Ihnen vor allen Dingen Aufklärung darüber geben, was heute oder vielmehr gestern Abend Sie zu jenem absonderlichen Mißverständnisse verleitete, als würden wir belauscht.

Der Fürst erwiederte nichts. Er rückte einen Stuhl an den Tisch, hinter welchem Alice auf dem Sopha saß und blätterte in einem Reisealbum, das sie auf allen ihren Streifzügen mit sich führte und mit ihren Erinnerungen bereicherte.

– Sie scheinen nicht begierig darauf – fuhr Alice mit gereiztem Tone fort, froh darüber, einen Grund zum Streit gefunden zu haben, der sie vielleicht der Nothwendigkeit einer solchen »Aufklärung« – überheben könnte. – Schweigen wir also davon, wenn Sie es so wünschen.

– Ich wünsche es nicht – sagte lakonisch der Fürst.

Alice glaubte sich durchschaut und erröthete unwillkührlich. Sie mußte zu einer andern Taktik ihre Zuflucht nehmen, das fühlte sie wohl. – Sie setzte der Einsylbigkeit des Mißtrauens die Einsylbigkeit des Stolzes entgegen.

– Was wünschen Sie also, Durchlaucht? – fragte sie fast hochmüthig.

Der Fürst blickte empor: – Sie haben gewünscht, gnädige Frau – erwiederte er mit derselben hochmüthigen Kälte – daß ich um diese Zeit hier mich einfinden solle, wenn ich Sie richtig verstanden. Nun denn, ich bin hier, auf Ihren Wunsch nämlich. Es könnte demnach auffallend scheinen, daß jetzt, wo ich Ihrem Wunsche gehorsam, mich eingestellt, Sie mich fragen, was ich wünsche. –

Der Fürst erhob sich. – Das Umgekehrte wäre naturgemäßer, sollte ich meinen. Indessen war ich zu bescheiden, um eine solche, gegen alle gute Lebensart sündigende, Frage an Sie zu richten. Ich wartete ab: voilà tout. –

Der Fürst warf seinen Mantel über die Schultern.

Alice erbleichte, als sie sah, daß der Fürst entweder wirklich beleidigt war oder den Beleidigten spielte. In beiden Fällen war er gegen sie im Vortheil; aber ihr Benehmen mußte für jeden der beiden Fälle ein durchaus verschiedenes sein. Schnell wie sie die Nothwendigkeit dieser Unterscheidung erkannte, beantwortete sie sich auch die Frage, ob die kalte Gereiztheit des Fürsten nur eine Maske war, vermittelst deren er über sie zu triumphiren versuchen wollte, oder ob er diesmal wirklich beleidigt war. Im ersten Falle konnte sie es wagen, Trotz dem Trotzigen zu bieten, denn sie war sich ihrer größeren Consequenz bewußt; im andern Falle war ihre Lage schwieriger; und – sie konnte es sich nicht abläugnen, daß sie sich in dieser schwierigen Lage wirklich befand. – Der Fürst ergriff seinen Hut und steckte die Handschuhe in die Rocktasche. –

Vielleicht wird der Leser lachen, wenn wir ihm mittheilen, daß in diesem einzigen Umstande, daß der Fürst die Handschuhe in die Tasche steckte, Alice die Ueberzeugung gewann, der Fürst sei ernstlich erzürnt auf sie. Er hätte sie sicher – so reflektirte sie – mit hastiger Langsamkeit angezogen, um für sich Zeit zu gewinnen und ihr zu lassen. Ihr Operationsplan war gefaßt. Sie schwieg und lehnte sich, die Hand über die Augen haltend – als blendete sie das Licht, – in das Sopha zurück. Ihr ganzes Wesen nahm den lebendigen Ausdruck einer aus Mißkennung stammenden Resignation an. –

Der Fürst war zum Abschiednehmen fertig. Er stand vor ihr, erwartend, daß sie sich emporrichten würde. Aber sie reichte ihm – ohne ihre Stellung zu verändern – die linke Hand und sagte mit leiser Stimme, als fürchte sie durch lauteres Sprechen ihre Bewegung zu verrathen: – Leben Sie wohl, Felix! – Es lag ein solcher Zauber in diesem Ton, daß des Fürsten Zorn schon halb gebrochen war. Er hielt ihre kleine zierliche Hand noch in der seinigen, schwankend, was er sagen, was er thun solle. Jetzt überflog sein Auge die vor ihm liegende reizende Gestalt, welche durch ein schneeweißes, leichtes Negligee noch mehr gehoben, einen verführerischen Anblick darbot.

– Alice – sagte sanft der Fürst, indem er ihre Hand nach einem leisen Drucke fahren ließ.

Alice ließ ihre Rechte von der Stirn gleiten. Zwei große Thränen glänzten in ihren Augen. Sie blickte ihn durch dieselben mit unaussprechlicher Traurigkeit an.

Jetzt war es um des Fürsten Kälte geschehen. Er warf Hut und Mantel weit von sich und kniete vor Alicen nieder, ihren schlanken Körper umfassend und an seine Brust drückend. Sie beugte sich über ihn und drückte einen Kuß in sein schwarzes reiches Haar.

– Du hast mir wehe gethan, Felix – sagte sie mit demselben sanften Tone der Resignation.

– Verzeihung Alice –

– Höre mich jetzt, ich will Dir erklären –

– So willst Du mir nicht verzeihen? – bat der Fürst. – Ich glaube Dir, ich vertraue auf Dich und bitte Dich zum Zeichen, daß Du mir verziehen, mich nicht demüthigen willst durch die Erinnerung an meine gestrige Tollheit, von jeder Erklärung abzustehen. – Versprich mir das, Alice! Die Strafe wäre zu hart, wolltest Du darauf bestehen; denn es wäre eine Mahnung daran, daß ich Dir mißtraute. Noch einmal: Verzeihung Alice! –

Alice hatte vollständig gesiegt.

Sie hatte gezittert bei dem Gedanken an die Nothwendigkeit einer Aufklärung. Jetzt wurde es von ihr als eine Gnade erbeten, darüber zu schweigen. Konnte ein Sieg vollständiger sein? Aber Alice verstand nicht nur zu siegen, sie verstand auch ihren Sieg mit Vorsicht zu benutzen. – Sie entzog sich nicht den Liebkosungen Lichninsky's, sie gab ihnen aber auch nicht nach. Sie wollte seine Leidenschaft in diesem Augenblicke weder bis zur Glut anfachen, noch bis zur Kälte dämpfen. – Denn in beiden Fällen würde sie nicht erreicht haben, was sie wollte: einen Blick in die letzte Perspektive seiner Pläne zu werfen.

– Schweigen wir also davon, wenn Sie es so wollen – sagte sie mit schalkhaftem Lächeln, welche die Ironie milderte, die in der Wiederholung dieser am Anfange des Gesprächs von ihr gebrauchten Worte lag. – Und nun erheben Sie sich aus dieser für Sie demüthigenden Stellung und setzen Sie sich an meine Seite.

– Sie sind grausam, doppelt grausam in diesem Augenblick. Ich nehme es aber als gerechte Strafe hin, und gehorche. – Er sprang auf, und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. – Alice beobachtete ihn. –

– Sie sind heute sonderbar aufgeregt, Felix. Ist es erlaubt, nach dem Grunde zu fragen?

– Glauben Sie an Ahnungen, Alice? – fragte der Fürst, indem er vor ihr stehen blieb.

– An Ahnungen? – Je nachdem – wenn ich gerade in der Stimmung bin. – Indessen, Sie wissen, daß ich Atheistin bin. Wer keinen Glauben hat, sollte ich denken, ist noch weniger dem Aberglauben zugänglich.

– Das ist kein Grund. Die radikalsten Freidenker sind wie die sentimentalsten Pietisten am abergläubischsten. Les extrêmes se touchent.

– Mag sein; ich will mit Ihnen nicht philosophiren. Wie kommen Sie jedoch darauf?

– Weil ich seit gestern Abend das Gefühl nicht los werden kann, als – aber Sie müssen nicht lachen! – als weile irgend eine feindliche Macht, ein Unbekannter, ein je ne sais quoi in meiner Nähe, das – nun ja, das mir den Garaus zu machen bestimmt ist.

Alice lachte laut auf. – Sie haben ein böses Gewissen, Freund, schämen Sie sich.

– Ein böses Gewissen? – Der Fürst schüttelte den Kopf. – Sehen Sie, das ist's eben, was mich zur Verzweiflung bringt, daß ich diesem Gefühl keinen Stoff, keinen Anhalt geben kann. Es ist eine Albernheit, eine Verrücktheit – ich gebe es zu: aber das ändert die Sache nicht.

– Schade, daß ich heute abreisen muß, ich könnte Sie sonst Morgen Abend zu einer berühmten Sybille führen, die Ihnen aus den Karten Ihr Schicksal wahrsagen würde.

– Scherzen Sie nicht. Ich sage Ihnen, daß ich seit gestern Abend den Damokles für keinen Feigling halte, wie ich sonst gethan.

– Vielleicht hat sich irgend Eine Ihrer verlassenen Geliebten auf den Weg gemacht, um den Verräther zu strafen, eine wüthende Römerin, oder – was wahrscheinlicher ist – eine rasende Spanierin. –

Alice hatte in ihrer gewöhnlichen scherzhaften Weise gesprochen, ohne daran zu denken, daß ihre Worte mehr als eine Neckerei enthalten könnten. Wie erstaunte sie, als sie den Fürsten plötzlich bis an den Rand der Lippen erbleichen sah. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, schüttelte sich, wie Jemand, der einen schweren Traum gehabt und brach sodann in ein Gelächter aus. –

Dies Lachen aber klang unheimlich und mißtönend.

– Zum Teufel mit der Gespensterfurcht! – Im Arm der Liebe werden die Phantome weichen, wie die Nebel vor dem Sonnenstrahl.

Wieder warf er sich vor Alicen nieder. Sein Auge brannte fieberhaft und seine Wangen glühten in dunklem Purpur. Mit Heftigkeit riß er das schöne Weib an sich, das in diesem Augenblicke ihr Herz etwas rascher schlagen fühlte.

– Ruhig, Felix – ein leises Zittern beschlich ihre Stimme – wir haben noch Vieles und Wichtiges mit einander zu sprechen. Hören Sie, schon ist's 3 Uhr; noch drei Stunden und ich habe Wien verlassen, um es vielleicht auf lange Zeit nicht wieder zu sehen. – – – – Felix, ich bitte Dich – –

Vielleicht wäre Alicens Widerstand geringer gewesen, wenn sie nicht gefürchtet hätte, daß der Fürst in seiner Leidenschaftlichkeit alles Andere, um das es ihr bei diesem Rendezvous gerade zu thun gewesen, vergessen würde. Aber die Grenze war bereits überschritten, wo sie ihn zur Besinnung zurückzuführen noch vermocht hätte. Er war in einer, durch mannigfache Eindrücke, denen sein phantastisches Gemüth so zugänglich war, verstärkten Aufregung, deren Wellen sie durch nichts mehr als durch die schnellste Flucht in ihre Ufer zurückdämmen konnte. – Sie riß sich daher aus seinen Armen los, und eilte in das Nebenzimmer.

Der Fürst gehörte zu jenen Naturen, die einmal im Innern von einer Idee erfaßt, im nächsten Augenblicke alle Mittel anwenden, sie zu erreichen, und die bei ihrem gewaltsamen Anstreben keine Schranke achten und keine Autorität respektiren. Ist der Widerstand größer als ihre Kraft, so erschlaffen sie freilich eben so schnell und beruhigen sich bei dem Gedanken der Unmöglichkeit um so leichter, als in den meisten Fällen ihr wandelbares Herz schon wieder durch ein neues Objekt in Anspruch genommen wurde.

Der Fürst sprang empor wie ein verwundeter Tiger. Sein Auge rollte, seine Lippen schäumten, seine Brust hob und senkte sich krampfhaft. So stand er vor der verschlossenen Thür. – Einen Augenblick war sein Blick auf die Scheidewand zwischen ihm und seinen Wünschen gerichtet, dann stürzte er mit einem verzweifelten Satz darauf los: die Thüre krachte in ihren Fugen und flog mit einem ungeheuren Knall auf.

Alice stand bleich und zitternd mitten in ihrem Schlafzimmer. Endlich brach sie in ein lautes Gelächter aus.

– Nun wahrhaftig – ich habe geglaubt, dergleichen Ritterthaten seien nur in Italien oder Spanien an der Tagesordnung. Ich weiß Ihnen Dank für diesen Liebesbrief in Frakturschrift, Felix, und werde mich erkenntlich beweisen. Nehmen Sie Platz.

Das Schlafzimmer Alicens bot einen Anblick von raffinirter Verschmelzung von orientalischem Luxus und aristokratischer Einfachheit dar.

Die herrschende Farbe desselben war ein mattes Blau, welches in bald hellerer, bald tieferer Schattirung die schweren seidenen Gardinen, die Teppiche, die Tapeten und den wollüstigreichen Divan bedeckte. Die eigentliche Bedeutung dieses Blaues aber war in einer kleinen dunkelrothen Ampel enthalten, welche von der Decke herabhängend, aus ihren tausend scharf geschliffenen Façaden einen Purpurglanz ausstrahlte, der sich auf's Innigste mit dem Blau des Zimmers vermählend, das Letztere in eine Teinte hüllte, deren mannichfaltiges zauberhaftes Farbenspiel ein Abglanz der Empfindungen darzustellen schien, welche in dem Busen der schönen Bewohnerin dieses Zimmers auf und ab wogten.

Der Fürst stand noch immer lautlos vor Alicen. Endlich sagte er mit düsterm Blicke, einer Stimme, die vor Bewegung zitterte:

– Sie spielen mit mir Alice. – Sagen Sie mir den Grund, so will ich zufrieden sein. – – Sie antworten nicht?

– Weil ich Sie nicht verstehe.

Der Fürst lächelte ironisch. – Wir scheinen heute dasselbe Unglück zu haben. Schade, daß die Zeit zu kurz ist, um ein gründliches Verständniß herbeizuführen. So hören Sie denn, was meine Meinung darüber ist. Wenn ich von Ihnen gehe, ohne daß die heutigen Räthsel zwischen uns gelöset sind, so hüten Sie sich – ich rede als Freund zu Ihnen – mir künftighin noch andere aufzugeben. Ich könnte das Unglück haben, für Sie ein Oedipus zu werden.

– Halten Sie mich in der That für ein Ungeheuer? – lächelte Alice mit schelmischer Koketterie. Seien Sie kein Thor, Felix, und lassen Sie Ihre düsteren Sentimentalitäten bei Seite. Was ich von Ihnen fordere, ist vor allen Dingen Mäßigung, im Uebrigen werden wir uns, hoffe ich, verständigen, wenn Sie – woran ich nicht zweifle – von der Wahrheit des Satzes durchdrungen sind, daß halbes Vertrauen bedenklicher ist, als vollständiges Mißtrauen. – Und nun setzen Sie sich und reden wir vernünftig.

Alice faßte den kaum Widerstrebenden bei der Hand und zog ihn auf den Divan nieder.

– Gut – sagte der Fürst – ich will Ihnen Alles sagen, doch vorher eine Frage: Wer hat Ihnen den Brief an die Herzogin von Nagus gegeben und was ist sein Inhalt?

Alice besann sich eine kurze Zeit. – Der Brief ist von Angelikus. Seinen Inhalt kenne ich nicht.

– Ich dachte es mir – murmelte der Fürst. – Nur zu, ihr Heuchler und Schleicher. Eure Schlingen sind fein angelegt. Nehmt euch in Acht, daß nicht zuletzt euer eigener Hals darin stecken bleibt.

– Es bedarf von meiner Seite nicht der Aufforderung an Sie, von dieser Mittheilung keinen Gebrauch zu machen.

– Seien Sie ruhig. Es liegt in meinem eigenen Interesse, daß Sie mich getäuscht glauben. – Nehmen wir nun unser heutiges Gespräch wieder auf. Hier habe ich Ihnen sämmtliche Adressen, welche Sie brauchen, aufgeschrieben. Er reichte Alicen einen Zettel. – Nehmen Sie auch für alle Verbindungen, die ich in Berlin besitze, diese Erkennungskarte, die Ihnen alle Thüren öffnen wird.

Alice lächelte. – Sie rechnen sich also auch zu den Kindern des Achtzehnten? Das habe ich nicht gewußt.

Der Fürst sprang, wie von einem Zauberschlage getroffen, empor. Langsam setzte er sich wieder nieder.

– Sie gehören zu den Eingeweihten; desto besser. So bedarf es der Einführung nicht, und wir können deutlicher mit einander sprechen. – Des Fürsten Stimme wurde plötzlich ernst, eine tiefe, innere Bewegung schien ihn zu durchströmen, als er fortfuhr: Alice, theures Weib, wenn je ein Augenblick günstig war, um Vertrauen gegen Vertrauen auszutauschen, so ist es dieser. Ich sage Ihnen offen, daß ich über das, was die Achtzehner wollen, hinaussehe. Was jene wollen, ist für mich nur der Anfang des Anfangs. Es wird an uns liegen, ob wir das Ende erreichen. Gehen Sie denn hin und seien Sie aufmerksam. Nehmen Sie an den Versammlungen Theil, aber compromittiren Sie sich nicht durch irgend welche Demonstration. Es wird Ihnen ein Leichtes sein, die Führer zu vertraulichen Mittheilungen zu veranlassen. Behalten Sie getreulich Namen und Sachen, aber schreiben Sie nichts auf. – Alice, wollen Sie mit mir kämpfen, mit mir die Früchte des Sieges genießen? Der Fürst schlang seinen Arm um den schönen Leib Alicens, die ihren Kopf an seine Schulter gelehnt hatte. Ihre Lippen fanden sich. Alice wußte jetzt genug, um länger zu widerstreben. In dem Rausche der Leidenschaft, in den sie den schönen Mann versetzte, legte sich seine Seele völlig klar ihren Augen dar und war noch eine Falte übrig gewesen, so hatte sich diese unter der liebkosenden Hand der schönen verführerischen Frau schiegsam geglättet.

Es schlug 5 Uhr, als sich Alice aus den Armen des Fürsten emporraffte. – Lebe wohl, Geliebte – in Berlin sehn wir uns wieder.



Zweites Buch


I


Es war ein unfreundlicher Märzabend. Auf den Straßen Berlins lag ein dichter Nebel, den zu durchdringen die zahlreichen Gasflammen sich vergebens anstrengten. Mit raschen Schritten und tief in Mäntel gehüllt oder unter schützenden Regenschirmen sich bergend eilten die geschäftigen Bewohner der preußischen Residenz auf dem feuchtglänzenden Trottoir an einander vorüber.

Auf dem Thurme der Nikolaikirche in der Poststraße schlug es 8 Uhr. Zahlreich strömten aus den Tabaksfabriken der Königsstadt die Arbeiter und Arbeiterinnen, um sich nach ihren Familien in den Vorstädten zu begeben. Nicht wie die Schnitter und Schnitterinnen auf dem Lande unter fröhlichem Scherz und munterem Gelächter, wenn sie dem mit Garben hochbeladenen Wagen folgend am Abend nach vollbrachtem Tagewerk ins Dorf ziehen: – lautlos und finster schlichen sie dahin, und nur eine Hoffnung beflügelte ihre Schritte, im Schlaf das Bewußtsein ihres qualvollen Daseins los zu werden. – Und wohl ihnen, wenn dies Bewußtsein in ihnen noch lebendig war, aber bei den meisten war statt dessen eine stumpfe Indifferenz vorhanden, die sie gegen Trost und Hoffnung, wie gegen den Schmerz und die Entbehrung gleicherweise unempfindlich machte. Unter den jungen Mädchen, welche aus dem hellerleuchteten Laden des Fabrikanten P.. in der Königsstraße heraustraten, wäre dem aufmerksamen Beobachter vielleicht nur eins aufgefallen, in dessen Gesicht sich noch das Gefühl der Herabwürdigung abspiegelte; und doch war gerade dieses eine der ältesten Cigarrenwicklerinnen der Fabrik. Sie hieß Anna und war 16 Jahre alt. Um sich besser gegen den allmälig zum Regen gewordenen Nebel zu schützen, hatte sie ein dunkelbraunes, grobwollenes Tuch um den Kopf und Hals geschlungen, so daß man nur ihre dunkelblauen Augen, aus denen eine in diesem Alter selten verständige Resignation sprach, so wie ihre feingeschnittene Nase erkennen konnte, so richtete sie, abgesondert vom großen Haufen, einsam ihren Weg nach einer der düstern nordöstlich gelegenen Vorstädte.

Es war heute Zahltag gewesen: sie brachte den Lohn für die Arbeit einer ganzen Woche mit nach Hause. Sie rechnete nach, wie viel jede Stunde, die sie in der Fabrik angestrengt gearbeitet, ihr eingetragen habe und brachte endlich heraus, daß es im Durchschnitt fünf Pfennige ausmache. Fünf Pfennige für eine ganze lange Stunde – das war freilich wenig, um eine ganze Familie damit zu ernähren. Denn Anna mußte außer ihren Eltern noch fünf Geschwister, vor denen das jüngste noch an der Mutter Brust war, unterstützen. Zwar hatte sie noch einen ältern Bruder – Rudolph, oder wie er gewöhnlich genannt wurde: Ralph – ein fleißiger und geschickter Maschinenbauer. Aber der war seit einiger Zeit ein ganz anderer Mensch geworden: früher heiter und lebensfroh, jetzt düster und in sich gekehrt. Ihr Vater, der alte Naumann, war ein geschickter Tischler, da er jedoch schon lange keine Arbeit mehr erhielt und die Noth groß war, so hatte er sein Arbeitszeug verkaufen müssen und flocht jetzt Körbe. Aber das brachte auch wenig oder nichts ein. Der Winter war sehr hart gewesen, sie hatten die Miethe nicht bezahlt und es war vorauszusehen, daß der Wirth des Familienhauses – sie wohnten in einem Familienhause im Voigtlande – ihnen im Kurzen, wie man zu sagen pflegt, den Stuhl vor die Thüre setzen würde.

Bei der Klasse von Menschen, zu denen die Naumannsche Familie gehörte, ist es etwas sich ganz von selbst Verstehendes, daß die Kinder, sobald sie die Jahre erreicht haben, wo die Sprößlinge »anständiger Leute« anfangen, das Gymnasium oder die höhere Töchterschule zu besuchen, ihre Schuld an die Familie durch Arbeit abtragen. Darin liegt nicht etwa ein sentimentaler Anstrich von Edelmuth, oder Aufopferungsfähigkeit, oder Elternliebe – im Allerentferntesten nicht; sondern die Kinder sind in dieser Sphäre der Gesellschaft ein Kapital, dessen Herstellung bis zu dem Punkte, wo es seine Zinsen trägt, »gekostet« hat und nun von diesem Punkte an nicht nur durch sich selbst existiren, sondern auch einen Ueberschuß zur Amortisation der Beschaffungskosten abwerfen muß. – Es war deshalb der guten Anna auch nie in den Sinn gekommen, aus ihrer arbeitsamen und entsagungsreichen Lebensart das erhebende Bewußtsein einer sie ehrenden Handlungsweise zu schöpfen, ein Bewußtsein, das sie vielleicht gestärkt und ermuthigt hätte: Diese Reflexion lag ihr durchaus fern, sie sah darin nichts weiter als ihre »Bestimmung«, der sie nicht entgehen könne. Zwar stieg wohl zuweilen, wenn sie ihre kleinen, aber von der beißenden Lauge, worin sie die Tabaksblätter wusch, zerfressenen, harten Hände betrachtete, in ihr die Frage auf: warum denn gerade sie und so viele andere ihrer Mitarbeiterinnen zu dieser beschwerlichen und wenig lohnenden Arbeit »bestimmt« seien, während es so viele junge Mädchen giebt, die ihren Tag damit hinbringen, sich zu putzen und ins Theater zu fahren – aber solche Vergleichungen kamen erstens sehr selten und gingen auch, da sie sich keine Antwort darauf zu geben wußte, spurlos vorüber.

Als sie heute ihre Rechnung überschlug, wurde wieder jene Frage in ihr wach und eine Bitterkeit, wie sie sie bis jetzt noch nicht gefühlt hatte, regte sich in ihrem Herzen.

»Bist Du etwa schlechter als jene vornehmen Damen, die mit verächtlichem Lächeln auf die Dirne herabsehen, wenn ihr Auge zufällig auf Dich fällt? Ist es Deine Schuld, daß Du so wenig gelernt hast? Ach, wenn ich schneidern lernen könnte, ich wollte doppelt so viel arbeiten.« Die arme Anna – sie kannte kein höheres Ideal, als das Schicksal einer Putzmacherin. – – Thränen traten in ihre Augen. –

Vertieft in ihre Gedanken bemerkte sie nicht, daß schon seit längerer Zeit Jemand ihr auf dem Fuße gefolgt war. Es war – so viel man in der trüben Atmosphäre bemerken konnte – ein noch junger, seiner Kleidung nach den höheren Ständen angehörender Mann, der Anna beim Heraustreten aus dem Laden bemerkt und sie seitdem mit keinem Blicke verlassen hatte. In der Nähe des Thors schien er zu einem Entschlusse gekommen zu sein.

– So spät und in dieser Gegend allein, schönes Kind? Fürchtest Du Dich nicht? –

Anna erschrak zuerst bei dieser plötzlichen Anrede einer unbekannten Stimme. Dann sah sie den unberufenen Frager groß an.

– Warum sollte ich mich fürchten? – gegenfragte sie. – Diese »Gegend« ist mein Vaterland.

Es war gewiß ein sonderbarer Ausdruck, die Gegend einer Stadt sein »Vaterland« zu nennen. In Anna's Munde klang es jedoch ganz unaffektirt, obschon die Bitterkeit ihres Herzens sich darin mit einer für den Indifferenten nicht erkennbaren Wahrheit kund gab. In der That, wer im Berliner Voigtlande geboren und erzogen ist, für den giebt es keine Vaterstadt, sondern nur ein Vaterland, das Vaterland der Entbehrung, der Menschenknechtung, der Seelenschändung. Die Bewohner und Bewohnerinnen des Voigtlandes stehen außerhalb der menschlichen Gesellschaft, sie haben ihre eigenen Gesetze, ihre eigene Sitte, ihren eigenen Glauben. Sie bilden eine Nation für sich, eine Nation der Entwürdigung im Schooße der glänzenden Residenzstadt des mächtigen, frommen, intelligenten Preußens.

Auch den Unbekannten mußte jener sonderbare Ausdruck frappiren, denn er konnte sich nicht enthalten zu fragen: Du willst sagen, daß Du Berlinerin bist, nicht wahr?

– Nein – antwortete Anna in demselben kalten und bittern Tone – ich bin Voigtländerin. Doch was geht Sie das an? Was kann Ihnen daran liegen, wo ich geboren bin?

– Sehr viel – erwiederte der Fremde, fast verwirrt. – Ich gehe ein Stück mit Dir, wenn es Dir recht ist.

– Es ist mir gleichgültig – erwiederte Anna, ohne sich weiter an ihren Begleiter zu kehren.

Dieser war offenbar in Verlegenheit. Nach einer Pause, während welcher sie das Thor bereits passirt hatten, bot er ihr seinen Arm an. Anna sah ihn erstaunt an, lehnte es jedoch nicht ab, ihn anzunehmen.

– Hast Du noch Eltern? –

– Ja und fünf Geschwister –

– Da lebt ihr wohl sehr kümmerlich –

Anna seufzte und schwieg.

– Sei offen zu mir, Kind. Ich interessire mich für Dich. Vielleicht kann ich Dir helfen – wenn Du hübsch freundlich zu mir sein willst.

– Und was würde Ihnen meine Freundlichkeit nützen? Sie treiben Scherz mit mir.

– Nein, wahrhaftig nicht – betheuerte der Fremde, welcher in Anna's Antwort eine halbe Nachgiebigkeit zu erkennen glaubte. – Damit Du siehest, daß ich nicht scherze, so höre meinen Vorschlag. Ich weiß, Du arbeitest jetzt bei P...., nicht wahr?

– Ja – sagte Anna erstaunt, da sie sich nicht erklären konnte, woher der Unbekannte dies erfahren haben mochte.

– Wie viel verdienst Du dort?

– Je nachdem; wenn ich fleißig bin und des Tages 11 Stunden arbeite, 4 bis 5 Silbergroschen.

– Wohlan, ich will Dir das Dreifache geben.

– Fabriciren Sie auch Cigarren? – fragte Anna naiv.

Der Unbekannte lachte. – Nein, aber ich rauche welche, – antwortete er scherzend.

– Dann kann ich nicht zu Ihnen kommen.

– Und warum nicht? – fragte Jener erstaunt.

– Weil ich nichts Anderes verstehe.

– Ah, dummes Zeug. Du wirst doch Stuben reinigen können? –

– Ja, das kann ich – sagte Anna erfreut.

– Und Geschirr blank putzen? –

– Ja wohl, das kann ich auch – sagte sie, und ihre Freude stieg.

– Und Gänge in die Stadt machen und einkaufen auf dem Markte? –

– Ei, versteht sich. Ich kann sogar etwas kochen.

– Vortrefflich. So sind wir also einig.

– Einig? vorüber?

– Nun, daß Du zu mir ziehst, in meinen Dienst, meine ich. Ich gebe Dir monatlich 15 Thaler und freie Wohnung. Bist Du damit zufrieden?

– Gehen Sie, Sie wollen mich zum Besten haben.

– Du bist sehr ungläubig, mein Kind. Um Deine Zweifel zu lösen, sieh' hier Dein Handgeld. Er drückte ihr ein Goldstück in die Hand. – Mein Name ist Möller und meine Wohnung Behrenstraße * *. Morgen Vormittags um 11 Uhr erwarte ich Dich. Adieu.

– Und Sie fragen gar nicht, wer ich bin und wo ich wohne.

– Wozu? – Morgen wirst Du mir's sagen.

– Aber, wenn ich nicht komme?

– Nun, dann?

– Dann hätte ich das Goldstück umsonst bekommen.

– Du bist eine Närrin – dann gingen Dir ja die 15 Thaler verloren und außerdem weiß ich ja, daß Du bei P.. arbeitest.

– Das ist wahr.

Sie waren indeß an ein großes, finster aussehendes Gebäude gekommen. Kein Licht zeigte sich an den Fenstern, so daß es ganz unbewohnt schien. Nur aus den Ritzen der festverschlossenen Kellerläden blickte ein schwacher Lichtschimmer hindurch.

– Hier müssen wir uns trennen – sagte Möller stille stehend.

Anna blieb ebenfalls stehen und schien zu erwarten, daß ihr Begleiter sich entferne.

– Du wohnst doch nicht in diesem Hause? – fragte dieser endlich.

– Nein, aber mein Bruder ist darin. Er wartet auf mich.

– Wie heißt er? Ich werde ihm sagen, daß er heraus kommen soll, denn ich habe darin zu thun.

– Rudolph Naumann.

– So? – sagte lang gedehnt Möller. – Nun, dann versprich mir, ich habe meine Gründe dazu, versprich mir, Rudolph noch nichts von unserer Verabredung zu sagen, auch nicht, daß Du Geld erhalten hast.

– Ei bewahre. Das bringe ich nach Hause.

– Gut. Dann warte einen Augenblick.

Möller stieg die Treppe hinab und verschwand im Innern des Hauses. Nicht lange darauf erschien Ralph.

– Gut, daß Du kommst, ich habe schon gewartet. Nun, was bringst Du? – fragte er Anna.

– Hier – sagte sie, ein Pack Cigarren aus ihrem Handkorbe nehmend – Ebert läßt Dich grüßen; er habe nichts bekommen können.

– Nichts wie Ausreden, – brummte Ralph – aber er mag sich in Acht nehmen. Die Zeit ist nahe, wo wir Abrechnung halten. Sonst nichts Neues? Was ist Dir? Du zitterst ja.

– Mich friert – sagte Anna – auch hab' ich Hunger. Ich bin zu Mittag in der Fabrik geblieben.

– Hier – entgegnete Ralph, ihr ein Stück trocken Brod reichend – und nun mache, daß Du nach Hause kommst.

– Kommst Du nicht auch bald nach? – fragte Anna schüchtern.

– Was kümmerts Dich? – erwiederte er barsch und kehrte, als Anna sich entfernte, wieder in den Keller zurück.

Sollte man aus dem Ton, der zwischen den Geschwistern herrschte, wohl schließen, daß sie einander liebten, mit einer Liebe wie man sie in den »höhern Regionen« der Gesellschaft selten oder nie findet? Anna und Rudolph waren für einander jedes Opfers fähig, aber sie wußten es kaum, am allerwenigsten zeigten sie es in ihrem äußern Benehmen. So preßt des Proletariers Dasein sein Siegel selbst auf die bessern Gefühle, die sich im Herzen der in seinen Fesseln Schmachtenden etwa noch vorfinden.

Als der Begleiter Anna's in den Keller trat, tönte ihm schon von fern ein wildes Geschrei und Gläsergeklirr entgegen.

– Die verdammten Jungen – brummte er – werden uns noch die Polizei zu früh auf den Pelz locken. Er trat in einen engen Gang, dessen Windungen ihm aber bekannt zu sein schienen, und der durch eine schwere, eisenbeschlagene Thür begrenzt wurde. Er steckte leise einen Schlüssel in die Thür und öffnete sie.

Ein dichter Tabacksqualm, der die beiden auf einem langen mit Gästen besetzten Tisch brennenden Lichter fast erstickte, strömte ihm entgegen.

Als sich seine Augen und seine Lunge an diese Atmosphäre etwas gewöhnt hatten, unterschied er – unter der Thüre stehen bleibend – die einzelnen Gestalten. Es mochten 15 bis 20 junge Männer sein, ihrem Aeußern nach zu urtheilen, meist dem Arbeiterstande angehörig, kräftige Gestalten und intelligente, aber meist düstere Physiognomien. Vier oder fünf unter ihnen gehörten offenbar einer gebildeten Klasse der Gesellschaft an, doch war es schwer zu entscheiden, waren es Künstler, Gelehrte oder Kaufleute. Die Gesellschaft schien in einen heftigen Streit gerathen zu sein, den der an einem Ende des Tisches sitzende Präses vergebens zu beschwichtigen versuchte. Er war mit dem Rücken nach der Thüre zugewendet, so daß er den Neuhinzugekommenen nicht bemerkte; die Andern waren zu sehr in ihren Streit vertieft, um auf irgend etwas anders als auf ihre Gegner Acht zu geben: so stand Jener wohl eine halbe Minute, indem er sich an dem Wirrwarr zu ergötzen schien.

– Holla, ihr Großmäuler, nennt Ihr das eine geordnete Debatte? Warum ist keine Wache ausgestellt, Ralph? Antworten Sie, Herr Präsident!

Diese unerwartete Anrede brachte eine plötzliche Verwandlung in der Versammlung hervor. Alle sprangen von ihren Sitzen empor und drängten sich begrüßend, fragend um den Eingetretenen mit dem Rufe: Das ist Gilbert! Willkommen Gilbert!!

– Ruhig Brüder! Bezähmt Eure Neugier – sagte der Unbekannte, welcher sich der guten Anna, wie es scheint, unter falschem Namen bekannt gemacht hatte. – Zum Teufel, so laßt mich in Ruhe und setzt Euch wieder um den Tisch. Du, Ralph, wirst draußen verlangt. Beeile Dich aber, daß Du wieder herein kommst.

Ralph entfernte sich, und Möller, oder vielmehr – wie er von der Gesellschaft genannt wurde – Gilbert nahm seinen Platz ein. Sogleich trat ein allgemeines Schweigen ein; Aller Augen richteten sich mit gespannter Aufmerksamkeit auf Gilbert. Dieser aber schien ihre Neugierde noch nicht befriedigen zu wollen, sondern sagte nur:

– Nun, worüber seid Ihr denn so in Hitze gerathen?

Ein Dutzend Köpfe streckten sich vor, um zu antworten, aber die aufgehobene Hand Gilberts band ihre Worte an die redelustigen Zungen.

– Hartwig, mein braver Junge, antworte Du. Ich sehe hier Meister Proudhons Buch »über das Eigenthum« aufgeschlagen. Es war also eine socialistische Frage, die Euch so in Harnisch brachte.

Hartwig, der Angeredete, seines Berufs ein Mechaniker, war ein junger Mann von einnehmendem Aeußern. Verschieden von den Andern sprach sich eine derbe Offenheit in seinem heiteren, jetzt von der Leidenschaft des Streites geröthetem Gesicht aus. In seinen hellblauen Augen lag Entschlossenheit des Charakters; das Gefühl des »Sich auf sich selbst Verlassen könnens« war unverkennbar seinem ganzen Wesen aufgeprägt. Hartwig war ein durchaus zuverlässiger Mensch, oder wie Gilbert sagte: »ein braver Junge.«

– Was wird's gewesen sein – sagte er halb ironisch, als die Frage über die Quadratur des Zirkels für alle Proletarier, das Eigenthumsrecht.

– »Eigenthumsrecht« – brummte Hartwigs Nachbar, ein alter Griesgram mit weißen Haaren, der mit ihm in derselben Werkstätte arbeitete, – dummes Zeug: das ist ja eben die Frage, ob Recht oder Unrecht. Schwatzt der Gelbschnabel von Eigenthumsrecht; ich aber sage, es giebt kein Eigenthumsrecht, es giebt nur ein Eigenthumsunrecht.

– Bravo, Vater Steiger! – rief Gilbert aus – Du kennst Deinen socialistischen Katechismus wie das Vaterunser, oder noch besser. Aber stör' uns jetzt nicht. Fahr fort, Hartwig, mein Junge.

– Ralph, der immer den Superklugen spielen will, fing damit an, den ersten Satz Proudhons, »das Eigenthum ist Diebstahl«, zu erklären und meinte, man müßte ihn eigentlich umdrehen und sagen: der Diebstahl, oder noch deutlicher, der Dieb ist der wahre Eigenthümer.

– Und das ist auch ganz vernünftig – brummte Vater Steiger.

– Das läßt sich hören – meinte gravitätisch Gilbert. – Und wer unternahm es, dem zu widersprechen?

– Ich – sagte mit Stolz Hartwig. – Und ich glaube, ihn vollständig geschlagen zu haben.

– Nun laß hören – sagte lächelnd Gilbert – –

– Wenn der Dieb der wahre Eigenthümer sein soll, und dies allgemein anerkannt wird, so kann dies nur soviel heißen, als: die Menschen sind berufen, Diebe zu sein; damit hört aber zugleich der Diebstahl auf, ein Unrecht zu sein, und man kann folglich gar nicht mehr davon reden. Wenn aber kein Dieb mehr existirt, so kann man auch gar nicht mehr den Satz aufstellen, daß der Dieb der wahre Eigenthümer ist. Soll also dieser Satz einen Sinn haben, so kann er nur der sein: ein wahrer Eigenthümer existirt nicht, sondern wer sich als Eigenthümer gerirt, der allein ist als Dieb zu betrachten, weil er für sich allein behalten will, was Allen gehört. –

– Dummes Zeug! – meinte der alte Steiger.

– Bist ein tüchtiger Logiker, mein Junge – sagte beifällig lächelnd Gilbert – und nun der Schluß?

– Sagen wir also – fuhr jener fort – was ich bewiesen habe: Wer als Eigenthümer für sich auftritt, ist als Dieb an dem Eigenthum der Gesellschaft zu betrachten – so sind wir damit auf den Proudhon'schen Satz: la propriété c'est vol zurückgekehrt, woraus folgt, daß wenn die Umkehrung des Satzes einen Sinn haben soll, dieser kein anderer sein kann, als der in dem nicht umgekehrten Satze liegt.

Ein großer Theil der Gesellschaft, welche der mit überzeugungsvoller Bestimmtheit vorgetragenen Schlußfolge mit der größten Aufmerksamkeit zu folgen versuchte, ohne daß ich indeß behaupten will, daß das Resultat der Bemühung eines Jeden entsprochen hätte, spendete dem Redner einen lauten Beifall, welcher sofort eine eben so laute Opposition von der andern Seite hervorrief.

– Ruhig – rief Gilbert mit donnernder Stimme dazwischen, indem er mit geballter Faust auf den Tisch schlug. – Könnt Ihr nicht Ordnung halten?

In diesem Augenblicke trat Ralph wieder ein. Gilbert warf einen schnellen forschenden Blick auf ihn, um in seinen Gesichtszügen zu lesen, ob ihm seine Schwester über ihr Gespräch Mittheilungen gemacht. Ralphs Miene war nicht düsterer wie sonst und beruhigt wandte sich Gilbert mit der Frage an ihn:

– Und was ist denn Deine Ansicht hierüber? – Er wies auf das vor ihm aufgeschlagene Buch. – Ist es wahr, daß Du, wie man erzählt, eine Spitzbuben-Republik stiften willst? – Es lag ein Beigeschmack von höhnender Ironie in diesen mit lächelnder Miene vorgetragenen Worten, welche den stolzen Sinn Ralphs verletzte. Indeß theilte er die Scheu, welche seine Gefährten vor Gilbert hatten, wenigstens in so weit, um seinem ausbrechenden Zorn einen Zügel anzulegen. Nur seine Stirn war noch finsterer und seine Augen tiefer, als er, einen langen verächtlichen Blick über die Gesellschaft werfend, erwiederte:

– Meine Meinung ist die, daß wir endlich mit dem Hin- und Herreden aufhören und mit dem Handeln beginnen. Lassen wir also den läppischen Streit über das Eigenthum und kommen wir zur Sache. Du versprachst uns heute Nachrichten aus Wien, Gilbert. Wie steht's damit?

– Wahrhaftig Du hast recht, Ralph – versetzte Gilbert mit seiner gewöhnlichen Bonhommie, ohne von dem fast drohenden Ernst in Ralphs Ton Notiz zu nehmen. – Es ist Zeit, daß wir zu handeln beginnen. Aber meinst Du – fuhr er fort – meinst Du, daß ich unterdeß geschlafen habe, während Ihr hier Euch an fruchtlosen Debatten ergötztet? Habt Acht, Freunde, daß, wenn die Stunde des Handelns kommt, ihr eben so darauf vorbereitet seid, wie ich. Und diese Stunde ist Euch näher als Ihr in diesem Augenblicke vermuthet. Darum laßt uns vor Allem unsere Kräfte prüfen. Ich komme so eben von der Gräfin. Die Blüthe unserer Aristokratie war wieder versammelt. Unsere Junker vom Heere und von der Diplomatie haben keine Ahnung von den Dingen, die ihrer warten. Zwar beunruhigt sie der Gedanke an die französische Republik und die Flucht Louis Philipps, des bösen Blutes wegen, das so ein Beispiel diesseits des Rheins hervorbringen könnte. Doch sind sie eben so sehr davon überzeugt, daß die Republik keinen Bestand haben könne, wie davon, daß dies böse Beispiel in unserm lieben Deutschland keine Nachahmer finden werde. Ich erwähne diese Stimmung in den »höheren Regionen« übrigens nur beiläufig, als schlagenden Beleg für die Wahrheit, daß Gott den mit Blindheit schlägt, den er verderben will. Denn im Uebrigen ist unsere Sache nach allen Anzeigen so weit gediehen, daß wir theils nicht mehr Rücksicht auf »Stimmungen« zu nehmen brauchen, theils auch nicht mehr können. Auch die Nachrichten aus den Provinzen lauten günstig. Man spricht sogar von einer Lossagung der Rheinlande von Preußen und einer Anschließung an die französische Republik. Schlesien ist noch ruhig, aber hält seine Blicke fest auf den Rhein gerichtet. Vorzugsweise aber regt sich's in Posen. Es wird dort bedeutend gearbeitet. Was mich tief niedergeschlagen hat, ist die Bemerkung, daß alle Briefe, die ich erhalten, von Berlin nichts erwarten. Nun, ich hoffe, Berlin wird sich Achtung zu erzwingen wissen. – Aus Wien habe ich ebenfalls Nachrichten vom Präsidenten der Achtzehner und vom Pater Angelikus. Beide lauten günstig und übereinstimmend dahin, daß Alles auf's Beste vorbereitet ist und der Hauptschlag wahrscheinlich schon erfolgt ist, wenn wir dieses lesen.

Ein Gemurmel des Beifalls lief über die Lippen der Anwesenden bei dieser Nachricht.

– Diese Briefe habe ich vor einer halben Stunde von einer Freundin erhalten; und nun rathet einmal, wer sie mir gebracht hat? – – Unsere Präsidentin. Diesmal hatte es nicht bei einem bloßen Gemurmel sein Bewenden. Die Gesellschaft brach in einen Schrei des freudigsten Erstaunens aus und bestürmte den lächelnden Gilbert mit Vorwürfen, daß er Alicen nicht mitgebracht. Nur Ralph verharrte düster und in sich gekehrt auf seinem Platze.

– Es war unmöglich – fuhr Gilbert fort – Alice war zu angegriffen von der schnellen Reise, auch war ich nicht gewiß, ob die Versammlung vollzählig sein würde. Auf Morgen denn. – Nun kommt die Reihe an Euch, Rapport abzustatten.

Wo ist der Lieutenant?

– Er ist heute nicht hier gewesen – lautete die Antwort.

– Ha, – das ist fatal. Was kann die Ursache davon sein? – sagte Gilbert nicht ohne Unruhe – Ihr hättet nach ihm schicken sollen. Holm!

– Hier – antwortete eine Stimme am Ende des Tisches.

– Gut – sagte Gilbert, eine Schreibtafel hervorlangend. – Was hast Du von den Künstlern zu berichten?

– Wir sind jetzt auf 85 angewachsen, lauter sichere Leute, meistens Bildhauer und Maler. Mit den Musikern will's nicht recht gehen. Die Kerls sind unzuverlässig und feige. Schade, sie sind der Zahl nach am stärksten. Aber wir mußten vorsichtig sein. Mit der Bewaffnung will's auch nicht recht vorwärts. Wir haben einige zwanzig Büchsen, aber keine Munition. Hier ist mein Beglaubigungsmandat für den Fall, daß Beschlüsse gefaßt werden sollten.

– Wo ist Euer Versammlungslokal? –

– Unser Versammlungslokal? – fragte der junge Maler erstaunt.

– Nun, allerdings. Was wunderst Du Dich darüber? Oder haltet Ihr keine Versammlungen?

– Freilich halten wir Versammlungen. Allein –

Ralph, der bei der ersten Frage Gilbert schon mit aufmerksamem Auge betrachtet, sagte jetzt, einen festen Blick auf ihn richtend: Die einzelnen Versammlungslokale werden nicht angegeben; wir haben das so ausgemacht, damit, wenn ja ein Verräther unter uns sein sollte, wenigstens nur wir, die Vertreter der verschiedenen Corps, nicht die ganzen Corps compromittirt werden können. Wir müssen sicher gehen, das werdet Ihr einsehen.

Gilbert antwortete kein Wort, doch wer, wie Ralph, ihn mit mißtrauischem Auge betrachtete, würde bemerkt haben, daß ihm diese Einrichtung nicht angenehm war.

– Außerdem – fuhr Ralph in demselben düstern Tone fort – ist ausgemacht, daß Niemand Etwas unter uns aufschreibe von Dingen, die die Gesellschaft betreffen, und deshalb nehme ich mir die Freiheit, dieses Blatt zu zerreißen. – Er ergriff mit diesen Worten die Schreibtafel Gilberts und war im Begriff, sie in den Kamin zu werfen, in dem noch einige Kohlen brannten, als Gilbert mit einer Hast, die von Ralph nicht unbemerkt blieb, ihm in den Arm fiel und ihn so an seinem Vorhaben hinderte.

– Was soll das bedeuten, Bursche? – rief er aus, indem er krampfhaft die Faust ballte. – Hast Du Lust, hier den Diktator zu spielen?

Es herrschte während dieser Scene ein peinliches Stillschweigen in der Gesellschaft, bis endlich der alte Steiger, von seinem ihm durch das Alter gewährten Vorrecht Gebrauch machend, sich in's Mittel legte.

– Das fehlte noch, daß die Beiden einander in die Haare geriethen. Seid gescheut, Gilbert, und nehmt's Euch nicht zu Herzen. Und Du, Freund Grobian, machst mir keine dummen Streiche, hörst Du? –

Ein vielsagender Blick, den Ralph vom alten Steiger erhielt, schien endlich auf ihn zu wirken.

Er reichte demselben die Hand und verließ, ohne ein Wort weiter zu sagen, das Gemach.

Gilbert fühlte sich durch Raph's Entfernung offenbar erleichtert und wandte sich jetzt an Steiger mit dem Ersuchen, seinen Rapport abzustatten.

– Nun bei uns – sagte dieser – steht's besser, mein' ich, das kann der Gelbschnabel da – er zeigte auf Hartwig, den er nächst Ralph am meisten liebte, was er dadurch zu erkennen gab, daß er am meisten mit ihnen zankte – das kann der Gelbschnabel da am besten bezeugen. Wir sind unser nahe an 400, lauter »stramme Burschen,« hart wie Eisen, das wir bearbeiten. Und was das Uebrige betrifft, Waffen und so weiter, so wird's uns auch wohl nicht fehlen, wenn wir auch gerade keine Büchsen haben. Eine tüchtige Brechstange thut auch ihre Dienste.

– Bravo, Vater Steiger – lächelte Gilbert, der seinen Gleichmuth wiedergefunden hatte. – Nun kommt an Dich die Reihe, Straubig. – Straubig war Student.

– Laß mich in Ruhe – sagte der mürrisch – die Berliner Studenten taugen den Teufel nicht wozu. Räsonniren können sie genug, aber wo es darauf ankommt, etwas zu thun, da bekommen sie das Kanonenfieber wie der jämmerlichste Fuchs, wenn er zum ersten Mal auf der Mensur steht. Unter den zweitausend Burschen giebt's kaum 150, auf die wir uns verlassen können. Aber diese 150, das ist wahr, die sind tüchtige Kerle. Sie sind in Sektionen getheilt und beziehen sektionenweise ihre bestimmten Kneipen. Mit den Waffen sieht's freilich auch bei uns nicht besonders aus. Hieber und Rappiere haben wir wohl genug, auch einige 50 paar Pistolen, aber das will nicht viel sagen.

Schadet nichts – erwiederte Gilbert – die Waffen werden sich finden, verlaßt euch darauf. Ist's erst so weit, daß wir losschlagen können, so ist jeder Waffenladen ein Zeughaus für uns. Vor allen Dingen laßt euch durch den Mangel an Waffen nicht abhalten, so viel Pulver und Blei im Einzelnen einzukaufen, als ihr irgend könnt, ohne Aufsehen zu erregen. –

In diesem Augenblick wurde die Thür mit einer Hast aufgerissen, die eine allgemeine Bestürzung hervorbrachte. Es war Ralph. Seine verstörten Gesichtszüge schienen nichts Gutes zu verkünden.

– Die Polizei ist uns auf der Spur – rief er aus. – Schnell die Lichter ausgelöscht bis auf Eins. – Es geschah. – Folgt mir jetzt. – Er ergriff das letzte Licht und schloß eine kleine, mit Eisen beschlagene Thüre auf, die durch einen langen unterirdischen Gang nach dem Hintergebäude führte. Nachdem er sie hinter sich wieder verschlossen hatte, eilte die ganze Gesellschaft mit schnellen aber unhörbaren Schritten den Gang entlang. Bald darauf erschien das Licht auf der andern Seite des Hofes und verschwand endlich. Eine Minute später traten zehn Gensdarmen und ein Polizei-Commissarius mit Blendlaternen in den Keller.

– Das Nest ist leer – rief der Anführer.

– Aber die Vögel können noch nicht lange ausgeflogen sein – antwortete der Commissarius, indem er, um den Grund zu seiner Behauptung deutlich zu machen, auf die glimmenden Kohlen zeigte. Nichts blieb ununtersucht. Die eisenbeschlagene Thür war bald aufgefunden, aber sie widerstand allen Oeffnungsversuchen.

Die Häscher mußten unverrichteter Sache wieder abziehen.



II


Als Anna sich von ihrem Bruder getrennt hatte, eilte sie zuerst in einen Viktualienkeller, und dann mit den gemachten Einkäufen frohen Muthes nach Hause, um ihren Eltern das glückliche Ereigniß, welches ihr wiederfahren war, mitzutheilen. Fast athemlos und mit pochenden Herzen eilte sie die drei alten morschen Treppen des Familienhauses hinauf und stand endlich vor der Thür ihrer Wohnung – wenn man so den Aufenthaltsort für eine aus 7 Personen bestehende Familie nennen konnte, der in einer weißgetünchten 20 Fuß langen und 15 Fuß breiten Bodenkammer bestand. – Drinnen vernahm sie die polternde Stimme ihrer Mutter, die über das lange Ausbleiben der »faulen Dirne« und des »liederlichen Buben« schalt, die gewöhnlichen Bezeichnungen für sie und Ralph. Sie war es gewohnt, hart und ungerecht behandelt zu werden; und doch seufzte sie heute und öffnete mit einer ihr sonst fremden Bangigkeit die Thüre.

– Bist endlich da, Rumtreiberin? – grollte die Mutter mit erstickter Stimme, als Anna in die Stube trat. – Um 8 Uhr wird die Fabrik geschlossen und jetzt ist's schon 9 vorbei. Wo hast' unterdeß 'rumgelumpert, he? Und wenn Du noch was dabei verdientest! – Aber Du bist zu Nichts nütze.

– Schweig' doch, Alte – sagte der alte Naumann, welcher mit dem jüngsten Kinde auf dem Schooß sich vor dem kleinen Ofen niedergekauert hatte, in dem noch ein paar Coakskohlen glühten. – Es ist ja heute Zahltag gewesen, und da wird sie länger aufgehalten sein. Die Anna ist ein gutes Mädchen, auf die laß ich nichts kommen. Aber der Junge, der Junge – er stützte den Kopf in die Hände und starrte in die verglimmende Kohlenglut.

Anna sagte Nichts, weil sie wußte, daß Widerspruch von ihrer Seite ihre Mutter noch mehr aufzubringen pflegte. Sie holte ein Talglicht aus ihrem Arbeitskorbe, steckte es in den Hals einer alten Flasche und zündete es an einer Kohle an. Während die Mutter fort und fort zankte, wie ungebildete Menschen es thun, die den Groll über ihr trauriges Schicksal an denen auszulassen pflegen, die am wenigsten daran schuld sind – benutzte Anna den Augenblick, wo sie am Ofen beschäftigt war, um ihrem Vater das von Gilbert empfangene Goldstück in die Hand zu drücken, damit es nicht etwa in die habgierigen Hände ihrer Mutter gelangte, die ihre Nahrungssorgen nicht selten in Branntwein zu ertränken pflegte. Der alte Naumann sah bald seine Tochter, bald das Goldstück an, begnügte sich jedoch, als Anna bezeichnend den Finger auf den Mund legte, verwundert den Kopf zu schütteln, als wollte er sagen: die Sache kommt mir nicht ganz geheuer vor.

Anna setzte das Licht auf den Tisch und langte nun aus ihrem Arbeitskorbe ein großes Brot und eine fußlange Wurst heraus. Darauf holte sie aus dem alten Spinde ein paar gebrochene irdene Teller und setzte sie ebenfalls auf den Tisch. Ihre Eltern sahen mit einem Erstaunen, das bei der Mutter in Zorn überzugehen drohte, dem geschäftigen Treiben ihrer Tochter zu. Diese aber schien mit dem entfalteten Luxus ihrer Anordnung noch nicht zufrieden zu sein. Zum größten Schreck ihres Vaters warf sie mit rascher Hand alle Kohlen, die derselbe für den morgenden Tag reservirt hatte, in den Ofen, so daß derselbe bald rothglühend wurde, legte die Wurst auf eine Pfanne und stellte diese auf den Ofen. Bald füllte der Dampf der schmorenden Wurst die Stube und weckte die beiden in einer Ecke des Bettes zusammengekauerten Geschwister – ein Aroma für die ausgehungerten Magen – Annas auf. Ihr erster Laut war ein Geschrei nach Brot, auf das indeß Niemand achtete. Annas Mutter erhob sich endlich schwerfällig von ihrem Lager, stemmte beide Arme in die Seite und wollte eben der Tochter ihren ganzen Unwillen über diese Verschwendung zu erkennen geben, als diese endlich das lange Schweigen durch die Mittheilung des Gesprächs brach, welches sie mit Gilbert gehabt hatte.

Dies außerordentliche Glück, so wie der oben erwähnte angenehme Duft, den die Wurst verbreitete und der auch auf die bissige Natur von Annas Mutter einen mildernden Einfluß ausübte, schien diese bis zu dem Grade besänftigt zu haben, daß sie – was sie noch nie gethan – Annen ihre »vernünftige Tochter« nannte, die endlich einsehen lerne, was zu ihrem wahren Besten diene. – Sie ließ darauf noch einige Ermahnungen über die Art und Weise folgen, wie Anna dieses Glück benützen müsse, welche dem armen Kinde das Blut ins Gesicht trieben. Da hielt sich der alte Naumann, welcher bisher blos mit dem Kopfe geschüttelt, nicht länger. Er setzte das Kind, welches er auf dem Schooße gehalten, auf die Erde, und trat mit geballter Faust vor seine Frau.

– Weib – rief er – bist Du denn ganz des leibhaftigen Satans geworden, daß Du an Deiner eigenen Tochter Dir 'nen Kuppelpelz verdienen willst? An Dir hat's freilich nicht gefehlt, daß die Anna nicht längst schon gemein geworden. Aber ich sage Dir, noch einmal solche verfluchte Redensarten und Du sollst sehen, daß der alte Naumann Ordnung im Hause machen wird, daß Dir die Augen übergehen sollen.

– Seid ruhig, Vater – begütigte Anna – es verschlägt bei mir nicht.

– Ja es ist ein wahres Wunder, daß Du so aus der Art geschlagen bist – fuhr Naumann in zorniger Ironie fort; aber ich sage euch Allen, und besonders Dir, Du Rabenmutter, wenn ich da bei dem feinen Herrn, der sie in Dienst nehmen will, Unrath merke, so kommt sie mir entweder nicht mehr vor die Augen, oder die Geschichte hört auf.

– Thust auch gerade, als wenn ich sie um ihr Seelenheil bringen will – meinte etwas eingeschüchtert die Frau, die recht gut wußte, daß, wenn ihr Mann einmal wirklichen Grund zum Zorn hatte, dann auch mit ihm nicht zu spaßen war. – Es war ja nur ein Scherz.

– Schöner Scherz das – brummte Naumann und wandte sich dann zu seiner Tochter: – Ich werde selber mit Dir hingehen zu dem Herrn – wie heißt er doch?

– Möller. –

– Also zum Herrn Möller und sehen, wes Geistes Kind er ist. Gefällt er mir nicht, dann wird nichts daraus, das sage ich Dir im Voraus.

Anna hatte indeß die dampfende Wurst auf den Tisch gesetzt und die Familie wollte eben das leckere Mahl beginnen, als sich die Thüre öffnete und ein kleiner vertrockneter Mann eintrat, dessen Erscheinung, obwohl nichts weniger als furchterregend, doch selbst auf die Frau Naumann einen Eindruck hervorbrachte, welcher mit dem Gefühl eines ertappten Verbrechers große Aehnlichkeit hatte.

– Vortrefflich – röchelte das Männchen, mit Affektation den Wurstgeruch einschlürfend – ganz vortrefflich! Sind wir also auf einen grünen Zweig gekommen? Haben wir vielleicht in der Lotterie gewonnen oder gar eine reiche Erbschaft gemacht? So werden wir ja auch wohl die paar lumpigen Thaler Miethe bezahlen können, he?

– Wollen Sie nicht bis morgen warten, Herr Klingemann?

– Und warum denn bis morgen, mein verehrter Meister? Wenn wir heute Abend schon Braten essen können, so brauchen wir ja mit der Miethe nicht bis morgen zu warten.

– Meine Tochter hat Hoffnung, morgen in einen guten Dienst zu treten, morgen entscheidet es sich. – Also nicht wahr, Sie sind so gütig und warten bis morgen.

– Papperlapapp – grinste der Verwalter des Familienhauses – wir kennen die Flausen. Habe lange genug gewartet. Jetzt ist meine Geduld aus.

Anna sah ihren Vater bittend an. Aber er widerstand diesem Blick, weil er nicht eher an das Geldstück ein Recht zu haben glaubte, als bis er sich überzeugt haben würde, daß es auf ehrliche Weise verdient worden.

– Nun, wird's bald? – fuhr der Verwalter fort – oder soll ich etwa wiederkommen, bis die Herrschaften abgespeist haben? Gezahlt muß heute werden, es ist der letzte Termin. –

In diesem Augenblicke erschien die kräftige Gestalt Ralph's in der Thüre, ohne von dem Verwalter bemerkt zu werden, der in seinem höhnischen Tone gemächlich fortfuhr:

– Wozu miethet Ihr Volk Euch solche Wohnung, ja warum wohnt Ihr überhaupt zur Miethe, wenn Ihr sie nicht bezahlen könnt?

– Sollen wir etwa im Thiergarten schlafen, Herr Verwalter? – ertönte Ralph's tiefe Stimme hinter des Verwalters Rücken. – Nicht wahr – fuhr er fort, indem er ihm gegenüber trat – nicht wahr, Leute Ihres Gelichters möchten am liebsten die Armen hinauswerfen, wenn's auch draußen stürmt. Aber nehmt Euch in Acht, Ihr Herren; es kommt einst ein Tag, an dem wir Abrechnung mit Euch halten werden, an dem Ihr alle Zinsen doppelt und dreifach erhalten sollt für die Wohlthaten, die Ihr den armen Leuten erzeigt habt.

– Ralph! – mahnte Naumann – bezähme Dich etwas.

– Nein, ich will mich nicht bezähmen. Es ist mir eine Wollust, daß ich diesen Blutsaugern einmal den ganzen Haß und Abscheu in's Gesicht schleudern kann, der in dem Herzen des Volkes für seine Bedrücker wurzelt. – Was wollen Sie, Herr?

Bei dieser plötzlichen Frage zuckte der kleine Mann sichtbar zusammen, obschon damit nicht behauptet werden soll, daß er bei der vorhergehenden Apostrophirung Ralph's sich gerade allzuwohl gefühlt habe. Der ihm von der Stirn herabträufelnde Schweiß schien eher Zeugniß vom Gegentheil abzulegen. Indessen wollen wir – um ihm nicht Unrecht zu thun, die Möglichkeit zugeben, daß die Ursache in seiner zu nahen Position bei dem glühenden Ofen liegen konnte.

– Ich – stammelte er erschrocken – oh ich – ich wollte mich erkundigen, ob – wie – wenn. – Ein hartnäckiger Husten, der ihn überfiel, unterbrach seine Rede.

– Sie haben gehört, daß mein Vater sich erbot, Morgen die Miethe zu zahlen. Sind Sie damit zufrieden?

– Vollkommen, oh unbedingt. Sie müssen gar nicht glauben, bester Herr Ralph, daß ich zu Denjenigen gehöre, die, wie man zu sagen pflegt, den armen Leuten das Fell über die Ohren ziehn; davor soll mich der Himmel bewahren.

Anna hatte während dieses Zwiegesprächs ein paar Worte mit ihrem Vater gewechselt, die diesen endlich überzeugt zu haben schienen.

Wie viel bin ich Ihnen doch schuldig, Herr Klingemann? – fragte er den Verwalter.

– Bitte, es ist ja nicht der Rede werth. Bis morgen, lassen wir die ganze Sache bis morgen.

– Nein, nein, es ist besser heute. Also, wie viel bin ich Ihnen schuldig?

– Nun, wenn Sie durchaus wollen. Aber ich bitte Sie zu erwägen, Herr Ralph, daß ich gewissermaßen nur gezwungen – nun denn also, es beträgt seit Michaeli präenumerando gerade 8 Thaler.

– Hier, – sagte Naumann – ist ein Friedrichsd'or und zwei Thaler zehn Silbergroschen in Courant. Haben Sie die Quittung bei sich?

– Wahrhaftig, ein wirklicher, ächter Friedrichsd'or – murmelte der Kleine, das Goldstück von allen Seiten besehend – hm, das ist wunderbar: das wollen wir uns doch merken – die letzten Worte wurden begreiflicherweise leise gesprochen. – Hier ist die Quittung, Herr Naumann. Danke verbindlichst. – Mit einem hündisch-höflichen und zugleich boshaft-listigen Blick empfahl sich der kleine Mann, um sich mit dem empfangenen Goldstück sofort zu seinem Freunde, dem Polizeicommissarius des Reviers zu begeben.

Er war indeß nicht der Einzige, dem das Vorhandensein von Gold in der Naumannschen Familie aufgefallen war. Anna's Mutter, welche sich bei der Scene ganz passiv verhalten hatte, wollte eben ihre Verwunderung in gewohnter Weise aussprechen, als Ralph mit einem strengen Blicke auf Anna die Frage an sie richtete, ob sie etwa in der Fabrik heute mit Gold bezahlt worden sei.

Anna war in Verlegenheit; sie hatte Gilbert versprochen, Ralph davon nichts mitzutheilen. Jetzt aber hatte sie durch ihre eigene Unvorsichtigkeit, indem sie ihren Vater zur Bezahlung überredete, sich in die Alternative versetzt, entweder eine Lüge zu erfinden, oder ihr Versprechen zu brechen. Wenn das Erstere auch durch die Mitwissenschaft ihrer Eltern nicht schon unmöglich geworden wäre, so würde sie Ralph gegenüber doch nicht fähig gewesen sein, zu lügen. Sie erzählte ihm also den ganzen Vorfall und verschwieg auch nicht, daß der Unbekannte sie gebeten, ihrem Bruder nichts mitzutheilen.

Ralph dachte einige Minuten darüber nach, was er gehört hatte. Was konnte Gilbert – denn daß Möller und Gilbert dieselbe Person sei, hatte Ralph bald errathen – für Gründe haben, um seine Schwester, ein Mädchen, das er auf der Straße gesprochen, in seinen Dienst zu nehmen? Und sie zu verführen, war sie – wenn auch hübsch genug, – so doch für Gilbert, wie er ihn kannte, nicht gebildet, oder besser, nicht raffinirt genug. Er wollte sie also als Mittel zu andern Zwecken brauchen. Was waren das für Zwecke? Dies zu erforschen, war für Ralph wichtig.

– Du gehst morgen zu dem Herrn hin, Anna, und zwar allein.

– Das kann nicht Dein Ernst sein – sagte der Vater.

– Allerdings. Ich kenne den Mann. Er gehört zu unserer Gesellschaft. Was Ihr fürchtet, darüber könnt Ihr ruhig sein. Aber ich traue ihm in anderer Weise nicht. Anna tritt ihren Dienst an. Das Andere wird sich finden.

– Hast recht, mein Junge – sagte die Mutter – hab's auch gesagt. Aber sie lassen ja nicht mit sich reden. – Damit warf sie sich wieder aufs Bett und war in Kurzem fest eingeschlafen.

Ralph begann, seine Schwester jetzt mit leiser Stimme genau zu instruiren, wie sie sich gegen Gilbert zu verhalten habe. Dann suchte jedes sein Lager.

Nur der alte Naumann sah noch immer in die glühenden Kohlen, als wolle er darin die Antwort auf die Frage lesen, warum in der Welt ein so ungeheurer Unterschied zwischen Reichen und Armen existire.



III


Als die »Gesellschaft« so plötzlich durch die Anmeldung so ungebetener Gäste gestört worden war, wurde, ehe sie sich ganz trennte, noch Zeit und Ort der nächsten Zusammenkunft berathen, worauf die einzelnen Mitglieder durch verschiedene Ausgänge das alte Gebäude verließen. An der Ecke der nächsten Straße trafen Ralph, Hartwig und der alte Steiger wieder zusammen. Sie schritten eine Zeit lang neben einander hin, ohne zu sprechen. Ralph war, wie sein zu Boden gesenkter Kopf und sein bald langsamer bald hastiger Schritt es bekundete, in Gedanken versunken, die sein ganzes Interesse so in Anspruch nahmen, daß er seine Begleiter gänzlich zu vergessen schien. Diese aber warfen abwechselnd einen Blick auf Ralph, als erwarteten sie, daß er zuerst reden solle. Endlich brach Steiger das Schweigen.

– Hör' mal Ralph – fing er an – Du bist ein Kopfhänger geworden seit einiger Zeit und das will mir nicht gefallen. Was hast Du? sag' an. Ich hoffe nicht, daß Du schwankend geworden bist.

– Schwankend? Wie man's nehmen will.

Die beiden Andern sahen sich mit bedeutungsvollen Blicken an. Ralph aber fuhr, ohne es zu bemerken, fort:

– Ja, könnten wir uns Alle auf einander verlassen, dann wäre das Ding anders. So aber weiß man nicht, ob man mit Freund oder Feind zu thun hat.

– Was soll das heißen? – fragte der alte Steiger stirnrunzelnd.

– Das soll heißen – erwiederte Jener düster – daß ein Verräther unter uns ist.

– Ein Verräther? – fragte Hartwig und Steiger erbleichend.

– Ja, ein Verräther! Ich wiederhole es. Aber ich werde Mittel finden, ihn zu entlarven.

Es folgte eine Pause. Daß Gilbert gemeint sei, konnte nach der zwischen diesem und Ralph heute vorgefallenen Scene nicht zweifelhaft sein. Aber weder Steiger noch Hartwig glaubten an Gilbert's Verrätherei, sondern suchten den Grund von Ralphs Mißstimmung in der Eifersucht zwischen ihm und dem von ihnen Allen sehr geachteten und selbst gefürchteten Gilbert.

Mochten nun dieser Eifersucht noch andere Motive zu Grunde liegen, so war die Vermuthung der beiden Freunde Ralphs wenigstens nicht ganz unwahrscheinlich. Ehe Gilbert nach Berlin und durch einen Zufall, den wir in einem der folgenden Capitel erwähnen werden, in die Gesellschaft der »Achtzehner« – ein Name, der von der Anzahl der Mitglieder gebildet war – gekommen, hatte Ralph durch seine Energie und Gewandheit die Gesellschaft, deren Stifter er war, wenn nicht zu beherrschen, so doch in ihr sich ein bedeutendes Ansehen zu erwerben gewußt. Als die Kunde von der Februarrevolution das erstaunte Europa durchflog, war es sein erster Gedanke gewesen, die Gesellschaft, welche bis dahin mehr einen gesellschaftlichen Charakter getragen, politisch zu organisiren und durch die vielfach verzweigten Verbindungen, welche jedes einzelne Mitglied in der Stadt und selbst der nächsten Umgebung besaß, zum Centrum einer revolutionären Propaganda zu machen. Grade als diese Organisation durch den rührigen und verschwiegenen Ralph ihrer Vollendung nahe war und die revolutionäre Propaganda bereits erfreuliche Fortschritte gemacht hatte, erschien plötzlich Gilbert, welcher durch seinen Enthusiasmus für die französische Revolution, welche er selbst mitgemacht hatte, und besonders durch die lebendigen Schilderungen, welche er davon den hörbegierigen »Achtzehnern« entwarf, in wenig Tagen sich das Vertrauen der ganzen Gesellschaft – mit Ausnahme eines Einzigen – erwarb. Dieser Einzige war Ralph. Mit mißtrauischem, vielleicht durch Eifersucht geschärftem Auge beobachtete er den gewandten Franzosen. Dieser, schnell den Grund der Kälte Ralphs ahnend, schloß sich ihm um so fester an und vermied Alles, wodurch seine Eitelkeit – denn dafür hielt er es – verletzt werden konnte. Aber je mehr Jener sich ihm näherte, desto weiter entfernte sich Ralph von ihm, bis Gilbert das Vergebliche seiner Bemühungen einsehend und ohnehin in dem Vertrauen der Gesellschaft hinlänglich befestigt, ihm Gleiches mit Gleichem erwiederte. Scenen, wie die früher beschriebenen, gehörten daher keineswegs zu den Seltenheiten, und hatten dem alten Steiger schon oft Gelegenheit zu Vorwürfen gegen seinen jungen Freund gegeben. Auch diesmal hatte er, unmittelbar nach jenem Vorfall sich vorgenommen, ihm »tüchtig den Kopf zu waschen«. Die Hindeutung auf Gilberts Verrätherei hatte den Alten vollends in Harnisch gebracht, so daß er jetzt, einen kräftigen Fluch voranschickend, in ganz unverholener Weise und harten Ausdrücken Ralph einer jämmerlichen »Eitelkeit« und »kindischen Eifersucht« beschuldigte.

– Du – schloß er seine Apostrophe – der Du grade uns immer davor warntest, nur nicht über persönliche Vortheile und die kleinlichen Interessen des Standes das große allgemeine Ziel aus den Augen zu verlieren, Du, der Du als erste Bedingung zur Aufnahme in unsern Bund die Fähigkeit stelltest, sich und seine Kräfte zu opfern – für die Befreiung des ganzen Arbeiterstandes von der Knechtschaft des Geldes und des Ansehens – Du grade fällst in diesen Fehler! – Pfui, schäme Dich, ein solches Beispiel zu geben. Ich hatte Dich für größer und uneigenütziger gehalten.

Von jedem Andern, selbst von Hartwig, würde Ralph diese Vorwürfe nicht geduldet haben, den alten Steiger aber ließ er ruhig zu Ende reden. Nur zuweilen, wenn es nicht zu dunkel gewesen, würden seine Begleiter ein schmerzliches Lächeln über seine bleichen Züge zucken, oder ihn den Kopf leise schütteln gesehen haben.

– Du thust mir großes Unrecht – sagte er endlich mit leidenschaftslosem Tone – ja wahrlich, großes Unrecht. Mein Herz weiß von dem Allen nichts, was Du sagst. Und fühlte ich Eifersucht, wie Du meinst, so könnte es nur darum sein, weil ich sehe, wie Ihr Euch Alle von diesem glattzüngigen Franzosen bethören lasset, statt meinem Rathe zu folgen, der besser gemeint ist. Ihr werdet das früh genug einmal einsehen. Doch gleichviel. Ich kann noch nichts beweisen und darum will ich schweigen, darum will ich die Stimme in meiner Brust unterdrücken, welche mir laut und unablässig zuruft: Traue ihm nicht, er meint es nicht ehrlich mit Euch, er ist ein Verräther. Und nun lebt wohl. Vergeßt nicht, morgen heraus nach den Zelten zu kommen. Auf Wiedersehn.

Hiermit trennten sie sich. Als Ralph seinen Begleitern die Hand reichte, lag ein wohlthuendes Gefühl in der Bemerkung, daß Hartwig, welcher während des ganzen Gesprächs kein Wort geredet, seine Hand fester als gewöhnlich drückte, gleichsam als theile er Ralphs Befürchtungen, wage jedoch nicht, sie laut werden zu lassen.

Ralph ging darauf graden Weges nach Hause. Das Gespräch mit seiner Schwester bestärkte ihn nur noch mehr in seinem Verdachte gegen Gilbert, flößte ihm jedoch die Hoffnung ein, den Verräther zu entlarven.



IV


Gilbert hatte indeß einen ganz andern Weg eingeschlagen, nämlich nach dem Hotel der Gräfin Bedford, welche heute Abend ihren großen Salon geöffnet hatte. Die Gräfin Bedford war eine Frau von nahe an vierzig Jahren, was sie jedoch keineswegs hinderte, noch eben so schön als liebenswürdig zu sein, eine Bemerkung, die, da sie nicht nur von ihr selbst, sondern auch von einer zahlreichen Menge eleganter Verehrer gemacht wurde, die Gräfin vollkommen dafür entschädigte, daß in den engern Zirkeln der »honetten Bourgeoisie« und der »Aristokratie comme il faut« ihr Ruf zuweilen mit dem Prädikat der Zweideutigkeit charakterisirt wurde. Ihren Salon, in welchem, – wenn nicht der sogenannte »beste« – so doch gewiß ein Ton herrschte, der an Feinheit dem der »höhern Zirkel« die Spitze bot, an Lebendigkeit und Geschmack dagegen ihn bei weitem hinter sich ließ, füllten die Elegants aus allen Nüançen und Schichten der sogenannten »höhern Gesellschaft;« Barone, Grafen, selbst Sprößlinge erlauchter Häuser, Diplomaten, Künstler, Gelehrte, Banquiers: sie hatten Alle Zutritt unter der einzigen Voraussetzung, daß sie gebildet genug waren, um die große Wahrheit zu begreifen, daß es nur eine Schranke für den Gegenstand einer öffentlichen Unterhaltung giebt: die Langeweile – und interessant genug, um die seltene Kunst zu verstehen, sich innerhalb dieser Schranke mit taktvoller Eleganz und pikanter Feinheit zu bewegen. Kurz der Grundsatz: »Die Form (versteht sich die schöne, die anmuthige Form) ist die alleinige Bedingung für jedweden Inhalt des bon ton« kam in dem Salon der Gräfin Bedford zur ausgedehntesten Geltung. Diesem Grundsatz gemäß hatte die schöne Wirthin dafür gesorgt, jedem der verschiedenen Elemente, aus denen ihre Gesellschaft zusammengesetzt war, einen den besonderen Interessen und Neigungen entsprechenden Spielraum und Stoff darzubieten. An den großen Saal, in welchem das Gespräch allgemein war, stießen mehrere kleine Säle und Zimmer, zur Benutzung für diejenigen, welche, an diesem allgemeinen Gespräch kein Interesse findend, die Lust der Absonderung in sich verspürten. In einem dieser Zimmer waren Spieltische aufgestellt, ein anderes bot eine große Auswahl der gelesensten Journale des In- und Auslandes dar, ein drittes war zu einer kleinen Bildergallerie eingerichtet, welche Gemälde und Kupferstiche der berühmtesten Meister der Gegenwart enthielt. Außer diesen Zimmern gab es noch eine Menge kleiner, reizend eingerichteter Boudoirs, in welche man sich allein oder zu einem vertrauten tête-à-tête zurückziehen konnte. In allen aber – wie verschieden sie auch sonst waren – herrschte dieselbe raffinirte Verbindung von materiellem Luxus und geistigem Comfort.

An dem heutigen Abend jedoch schien über der Stimmung der zahlreicher als sonst versammelten Gäste eine verdüsternde Wolke zu schweben. Die Gespräche waren weniger laut und allgemein. Der große Salon war fast leer. Desto gefüllter waren die Nebensäle und Boudoirs. Das Journalzimmer schien heute vorzugsweise in Anspruch genommen zu werden. – Kein Wunder, weil die kaum 14 Tage alte Revolution in Paris und die neuesten Dekrete der provisorischen Regierung Aller Gemüther beschäftigte.

Wer in diesem Augenblicke an den runden Tisch getreten und die verschiedenen Physiognomien der über die Zeitungen gebückten Köpfe beobachtet hätte, würde die Bemerkung gemacht haben, daß in den Salons der Gräfin nicht nur die verschiedensten Typen des socialen Lebens, sondern auch die heterogensten politischen Ueberzeugungen und Sympathien vertreten seien. Besorgniß, Ironie, Freude, Zorn, Begeisterung und höhnische Wuth leuchtete aus den Blicken der eifrigen Leser, und machte sich in einzelnen Ausrufen Luft. –

Da jedoch diese einsylbigen Monologe die einzigen Lebensäußerungen waren, die sich in diesem Zimmer kund thun durften, so würde auch dem, für dergleichen unwillkührliche mimische Darstellungen empfänglichste Beobachter bald einen Mangel an Stoff gefühlt und sich nach einem andern für die Beobachtung mehr Interesse darbietendem Orte begeben haben. Wir wenigstens fühlen uns hiezu bewogen und fordern den Leser auf, ein Gleiches zu thun.

In einem der vom Hauptsaale entferntesten Boudoirs, welches unmittelbar mit den Privatzimmern der Gräfin zusammenhing, saßen zwei Damen in einem – wie es schien – für sie sehr interessanten Gespräch vertieft, auf dem weichen, mit Sammet gepolsterten Divan. Eine Astrallampe mit silbernem, kunstvoll ciselirtem Fuße warf auf die beiden Frauen einen matten Schein, der ihre Züge jedoch hinlänglich erkennen ließ. Die Jüngere von ihnen war eine jener lieblichen Erscheinungen, welche nie altern, da ihre Schönheit nicht in dem Schnitt des Gesichts und der einzelnen Theile, sondern im geistigen Ausdruck der Züge beruht. Obgleich sie schon dreißig Jahre zählte, so besaß ihr Gesicht doch die ganze Lieblichkeit und Zartheit eines 17jährigen Mädchens, und keine Falte deutete an, daß die glühendsten Leidenschaften in diesen »sanften Zügen« gewühlt hatten. Sie lehnte ihren Kopf auf die linke Hand, welche sich auf die Sophalehne stützte und schien mit Neugierde den Worten zu lauschen, welche dem beredten Munde ihrer Freundin entströmten. Diese, vielleicht acht bis zehn Jahre älter, von stolzer, imposanter Figur, war nicht minder schön, als Jene, wenn auch im ganz andern Genre. Die Fülle ihrer Formen berührte nahe die Grenze, jenseits deren Schönheit und Anmuth sich trennen, und würde vielleicht mehr aufgefallen sein, wenn sie durch den Adel der ganzen Haltung und fast majestätischen Würde in allen Bewegungen nicht gewissermaßen motivirt worden wäre.

– Ich begreife Ihre Indifferenz nicht, theure Baronin – sagte die Gräfin Bedford, denn dies war die zuletzt geschilderte der beiden Frauen, in eifrigem Tone – kann es Ihnen gleichgültig sein, eine Rolle, die Sie allein mit dem richtigen Takte zu spielen verstehen würden, in ungeschicktere und unwürdigere Hände fallen zu sehen? Gestehen Sie, daß Sie blasirt sind; nur so kann ich mir diese seltsame Apathie erklären. Oder sollten Sie Grund haben, blasirt zu scheinen – auch mir gegenüber? – Alice!

Es lag ein leiser Vorwurf in dem Tone, mit dem die Gräfin die letzten Worte und besonders den Namen »Alice« aussprach. Die Antwort darauf war ein leises Kopfschütteln und ein halbes Lächeln.

– Blasirt? – sagte Alice, ohne ihre Stellung zu verändern – Sie können recht haben. Sehen Sie sich doch alle diese Marionetten an, welche in der Welt »Männer« heißen – ich nehme selbst die nicht aus, welche Sie bei sich sehen, Gräfin, obgleich ich zugebe, daß sie zu der bessern Sorte gehören. – Sehen Sie sie sich an, und dann fragen Sie sich, ob es sich lohnt, daß man ein Glied rührt, um Einen derselben zu betrügen. – Nein, nein; der Triumph ist zu leicht und darum zu wenig lohnend. Ja, wenn es sich nicht immer um den Einzelnen handelte, sondern um das ganze Geschlecht, dann ließe sich davon reden. Geben Sie mir – fuhr sie fort, indem sie sich halb aufrichtete und ihre kleine Hand ausstreckte – geben Sie mir das ganze Geschlecht in die Hand, um es mit einem Schlage demüthigen zu können, und ich will anerkennen, daß das Ziel der Mühe werth ist, die man daran setzt, es zu erringen; ja, ich will Ihnen danken.

Nach den letzten Worten, welche Alice mit erhobener Stimme und gerötheter Wange gesprochen hatte, fiel sie wieder in ihre frühere theilnahmlose Stellung zurück.

– Sie vergessen, daß es sich hier nicht um eine bloße Person und deren Empfindungen handelt, sondern um eine ganze Partei, welche diese Person mit diesen Empfindungen vertritt. Wohlan, machen Sie sich zur Herrin dieser Empfindungen, so sind Sie Herrin der ganzen Partei und was mehr, des Prinzips, welches diese Partei regiert. Und dann vergessen Sie auch, daß hier von einem Fürsten die Rede ist.

Alice lachte. – Und wenn ich nun weder das Eine, noch das Andere vergessen hätte? Wenn nun gerade der Grund meines Widerstrebens darin läge, daß ich es nicht vergessen, wie dann Gräfin?

– Freilich dann – sagte diese gedehnt – dann habe ich hierüber nichts mehr zu sagen, als mein Bedauern darüber auszudrücken, daß Sie diese wahren Motive nicht eher erklärten. Ich hätte meine Gründe sparen können.

Die Gräfin erhob sich.

– Sie sind beleidigt – begütigte Alice, ohne daß dies meine Absicht war. Hören Sie meinen Grund und die Bedingung, von der mein Entschluß abhängt, so werden Sie mir nicht zürnen.

Sehen Sie, theure Gräfin, mir ist nichts mehr zuwider als diese ewigen inhaltslosen Koketterien, welche doch nur stets dasselbe einfältige Ziel haben. Wäre ich nicht zu bescheiden, so könnte ich auf mich die Worte des großen Friedrich anwenden: »Ich bin es müde, über Sklaven zu herrschen.« Und dennoch – Sie werden es vielleicht für Heuchelei oder mindestens für Beschränktheit halten, was ich jetzt sagen werde – dennoch ist es mir leichter, in Ermangelung einer bessern Beschäftigung, dieses kindische Spiel mit Männerherzen fortzusetzen, als unter der Maske desselben anderweitige »politische« Zwecke zu verfolgen. In jenem Falle entwürdigen sich wenigstens nur die Männer, in diesem entwürdige ich mich selbst; dort fällt die ganze Schmach auf den Besiegten, hier noch weit mehr auf die Siegerin. Trotzdem, Gräfin, würde ich – schon aus Gefälligkeit für meine Freunde – nicht abgeneigt sein, mit dem Fürsten anzubinden, wenn ich nicht sonst – gebunden wäre – –

– Ich verstehe Sie nicht – rief die Gräfin erstaunt aus.

– Nehmen Sie es wörtlich, was ich gesagt habe.

– Und das soll für mich als Grund gelten? Sie wollen mich zum Besten haben.

– Die Fäden könnten sich kreuzen, und dann kann man für die Folgen nicht stehen. Doch, sagen Sie mir, liebe Gräfin, warum wollen Sie selbst nicht diese Rolle übernehmen?

– Ich? – Unmöglich.

Alice dankte mit einem ironischen Lächeln für diese indirekte Schmeichelei.

– Erstlich würde ich zu ungeschickt dazu sein und dann ist meine Stellung eine viel zu offene, als daß man mir nicht leicht in die Karten sehen sollte.

– Ich glaube gerade, daß je offener Ihre Stellung ist, desto leichter sollte es Ihnen werden. Nächst dem entlegensten Schlupfwinkel gewährt Nichts eine größere Sicherheit als Orte, die Allen zugänglich sind. Man sieht nicht, wo man nichts vermuthet. Indeß ich gebe zu, Sie mögen Ihre Gründe haben. Um so mehr hoffe ich Nachsicht bei Ihnen für die meinigen zu finden. Und dann – soll ich Ihnen noch einen Grund sagen? Ich habe eine unbezwingliche Abneigung gegen alle Politik.

– Ich will nicht weiter in Sie dringen. Die Sache ist abgethan, sprechen wir nicht mehr darüber.

Die beiden Frauen erhoben sich, um sich in den großen Gesellschaftssaal zu begeben.

– Ich werde Sie en passant mit unseren Notabilitäten bekannt machen – sagte die Gräfin, während sie Arm in Arm mit Alicen durch die Säle schlenderte, und sich beide eben im Zeitungszimmer befanden. – Sehen Sie dort den schmächtigen jungen Mann mit der feinen Nase und den klugen Augen, welcher den Pariser Constitutionel studirt, das ist der Professor Lips, der sich durch seine Reisen nach Aegypten einen Namen und durch die Heirath mit einem reichen Gänschen ein glänzendes Vermögen erworben hat. In seinem Nachbar zur Rechten, ich meine jenen kurzen, dicken Herrn mit der grünen Brille, die fast das halbe hochrothe Gesicht bedeckt, erblicken Sie einen unserer bekanntesten Millionärs, der das doppelte Verdienst besitzt, in eben so naher Verwandtschaft zu der weiland berühmten Sängerin S...., als zu der nicht minder berühmten Hofbuchdruckerei von D... zu stehen. – Ihm gegenüber sitzt der Prinz A.. Betrachten Sie ihn genau und antworten Sie mir dann aufrichtig, ob Sie sein Gesicht interessant finden. Herr von St. Just, mit dem ich gestern über den Prinzen sprach, ist freilich vernarrt in ihn.

A propos, kennen Sie Herrn von St. Just? Doch nein, das ist ja unmöglich, da er erst seit kurzer Zeit hier ist und Sie kaum von der Eisenbahn gestiegen sind. Desto besser, so steht Ihnen noch eine interessante Bekanntschaft bevor. Ich hoffe, Ihn noch heute hier zu sehen, dann werde ich ihn Ihnen sogleich vorstellen.

In diesem Moment öffneten sich die Flügelthüren des großen Saals, in welchen die beiden Frauen eben eintraten, und der Jäger meldete den »Chevalier Arthur von Saint Just

Unwillkührlich erhoben sich die Blicke Alicens auf den Neuangekommenen und blieben erstaunt einige Sekunden auf seinem Gesichte ruhen. Fast in dem nämlichen Augenblicke begegnete ihrem Auge auch schon das blitzende Auge des Chevaliers, und Alice wendete sich mit scheinbarer Gleichgültigkeit zu ihrer Begleiterin.

– Wohlan, folgen wir dem Winke des Schicksals – sagte sie lächelnd – das uns in derselben Minute den Chevalier entgegentreten läßt, in welcher Sie mich auf seine interessante Bekanntschaft neugierig machen.

Nachdem der Chevalier der Gräfin begrüßend die Hand geküßt hatte, stellte sie ihn ihrer Freundin vor, und verließ darauf Beide, um sich der übrigen Gesellschaft zu nähern.

Um den Grund des Erstaunens zu erklären, mit dem Alice auf den Chevalier St. Just geblickt hatte, müssen wir den Leser benachrichtigen, daß Herr von St. Just Alicen keineswegs unbekannt war, da sie auf den ersten Blick in ihm die Person erkannte, mit der sie heute bereits eine Zusammenkunft gehabt hatte, um ihr einen Brief des Fürsten Lichninsky zu überreichen. Die Adresse des Briefes lautete aber nicht an den Chevalier St. Just, sondern schlichtweg an Herrn – Gilbert.

– Was soll ich von Allem dem denken, Chevalier? – sagte sie fast beleidigt.

– Hoffentlich nichts Anderes, als daß ich ein vorsichtiger Mann bin. Setzen Sie den Fall, daß der Brief von Ihnen verloren – oder Ihnen genommen und von dem neuen Besitzer an mich abgegeben worden sei, um, wer weiß, welche Geheimnisse bei mir zu spüren, wäre ich nicht in große Verlegenheit gekommen, wenn ich ohne Weiteres meinen Namen genannt hätte? Gilbert und der Chevalier St. Just haben Nichts mit einander gemein. Auch kennt mich hier Niemand unter jenem Namen.

– Selbst die Gräfin nicht? – fragte Alice hingeworfen.

– Am allerwenigsten.

– So habe ich mich also an den Absender zu halten, und gerade bei diesem ist mir dieser Mangel an Vertrauen unerklärlich.

Gilbert lächelte.

– Vielleicht hatte er einen ähnlichen Grund, die Furcht, der Brief möchte verloren gehen.

– So konnte er mir den rechten Namen mündlich mittheilen – sagte Alice zornig.

– Das war unmöglich.

– Und warum? wenn ich bitten darf – fragte Alice stolz.

– Weil er ihn selbst nicht kannte. Se. Durchlaucht, der Präsident des Wiener akademischen Vereins, kennt keinen Chevalier von St. Just.

– Und wozu denn dieses Verstecken spielen mit doppelten Namen? Wissen Sie wohl, Chevalier, daß dies abgeschmackt und lächerlich erscheinen kann?

– Wenn nichts weiter dahinter steckt, als Geheimnißkrämerei, allerdings. Aber die Nothwendigkeit werden Sie schon einsehen. Doch davon ein ander Mal. Jetzt will ich vor allen Dingen Rapport abstatten. Die Achtzehner erwarten Sie mit Sehnsucht, ja mit Begeisterung. Ich habe in Ihrem Namen versprochen, daß Sie morgen in ihrer Mitte erscheinen werden. Die Vorbereitungen sind getroffen: es bedarf nur eines Winks und die Bombe platzt. Uebrigens muß noch in dieser, spätestens im Anfange der künftigen Woche etwas geschehen, um die Stadt im Allgemeinen in Bewegung zu bringen, und die Gemüther auf den entscheidenden Punkt hin zu concentriren. Geschieht dies nicht durch uns, so geschieht es von selbst: und dann gleitet uns der Faden aus den Händen.

– Sie haben recht in der Sache. Ueber das »Wie« sprechen wir morgen. Ich habe Ihnen Vorschläge zu machen, die Ihnen gefallen werden. Aber nun wünschte ich, Ihre Meinung, Ihre wahre Meinung – Alice betonte diese Worte – zu hören über die Richtung, welche wir der Bewegung geben. – Sie verstehen mich nicht, wie es scheint.

– Nicht ganz.

– Wohlan, ich will deutlich sein. Wer wird die Früchte davon genießen: die Aristokratie oder das Proletariat? Was ist Ihre Parole, Gilbert, Revolution oder Contrerevolution, Demokratie oder Absolutismus?

– Sprechen Sie nicht so laut, ich bitte Sie. Man ist schon aufmerksam auf uns geworden. Eine solche Frage ist meiner Meinung nach kaum zu stellen, geschweige zu beantworten. Oder erlauben Sie mir die Gegenfrage: Sind Sie schon für das Eine oder Andere entschieden?

Alice senkte den Kopf, als besönne sie sich, ob sie antworten sollte oder nicht. Dann sagte sie kurz und entschieden: Ja! –

Es lag in der Weise, wie sie den Kopf stolz emporrichtete und in dem Ausdruck, mit dem sie dieses »Ja« aussprach, eine solche Energie des Willens und eine solche Kraft der Ueberzeugung, daß Gilbert sich nicht enthalten konnte, das schöne, schmächtige Weib mit einem Blicke zu betrachten, der seine volle Bewunderung aussprach.

– Ich muß gestehen – sagte er leise – daß ich mich dieser Entschiedenheit nicht rühmen kann. Worin wir aber, wie ich hoffe, übereinstimmen, das ist der Haß und die Verachtung gegen die Bourgeoisie und alle Erbärmlichkeiten, die an dem Zopf des Philisterthums hangen.

Alice reichte ihm schweigend die Hand, die er fest drückte. –

– Haben Sie meine Bitte wegen des jungen Mädchens erfüllt? – fragte sie, nach einer Pause zu einem andern Thema übergehend.

– Ja wohl. Sie werden sie morgen früh bei sich sehen. Ich weiß weder, woher Sie dies junge Mädchen kennen, noch warum Sie sich gerade dafür interessiren. Aber ich fürchte, daß – wenigstens für mich – Unannehmlichkeiten daraus entstehen können.

– Wie so? –

– Sie ist die Schwester eines Führers aus der Gesellschaft der Achtzehner, welcher mich schon seit mehreren Tagen mit eifersüchtigen Blicken betrachtet, weil er sich einbildet, daß ich darauf ausgehe, ihm seine Popularität zu rauben.

– Meinen Sie Ralph?

– Sie kennen ihn? – fragte Gilbert erstaunt.

– Natürlich. – Sie vergessen, daß ich in vergangenem Herbst hier war und die Gesellschaft, welche früher dem Handwerkervereine angehörte, organisiren half. Ich begreife Ihre Besorgniß. Doch haben Sie nichts zu fürchten. Nehmen Sie meinen Dank für Ihre Bemühungen und vergessen nicht, morgen zu mir zu kommen. Jetzt aber lassen Sie uns der Gesellschaft uns anschließen. Ich habe schon mehrere forschende Blicke sich hieher richten sehen.

Sie waren eben im Begriff, sich zu trennen, als der Prinz A.. auf der Schwelle der nach dem Journalzimmer führenden Thüre erschien. Jetzt war es des Prinzen Blick, welcher dem Alicens begegnete. Aus der Richtung, welche diese und der Chevalier eingeschlagen hatte, um sich dem Gros der Gesellschaft anzuschließen, konnte der Prinz erkennen, daß sie mit einander gesprochen hatten. Dem fragenden Ausdruck, welcher in Folge dieser Bemerkung im Auge des Prinzen sich zeigte, antwortete Alice mit fast unbemerkbarem Schütteln des Kopfs. Des Prinzen Stirn verfinsterte sich, doch nur einen Augenblick. Im nächsten näherte er sich wie zufällig dem Chevalier und bald waren Beide in einem politischen Gespräche vertieft.

– Nun, wie finden Sie ihn? – fragte die Gräfin Alicen.

– Welche Frage! Würde ich Ihnen nicht gerechten Grund geben, an meinem Geschmack zu zweifeln, wenn er mir nicht eminentes Interesse einflößen müßte, da er sogar das Ihrige zu erregen verstanden? antwortete Alice mit ironischem Doppelsinn.

Die Gräfin schien die Ironie zu fühlen. Sie senkte den forschenden Blick, welchen sie auf das feine Gesicht Alicens geworfen hatte, das in diesem Augenblick von einem melancholischen Lächeln überglänzt wurde.

– Und der Prinz? fragte sie weiter – Sie erinnern sich, daß Sie mir noch eine Antwort schuldig sind.

– Da Sie nach Ihrer Aeußerung von vorhin über den Prinzen eine andere Ansicht haben als der Chevalier, so bin ich in Verlegenheit, wem ich recht geben soll. Ich fürchte in beiden Fällen, Ihnen wehe zu thun. –

Die Gräfin erröthete, denn es lag in den Worten und besonders in dem Lächeln, die nicht undeutliche Vermuthung ausgesprochen, daß das Interesse der Gräfin für den Chevalier von etwas tieferer als blos socialer Natur sein mochte. Alice wollte aus der Antwort der Gräfin beurtheilen, ob ihre Vermuthung richtig sei. Als die Gräfin schwieg, war Alice ihrer Sache gewiß. – Sie sah den Prinz scharf an – und wurde verstanden.

Bekanntlich hat Solon das Gesetz gegeben, daß derjenige, welcher in politischen Parteikämpfen sich zu keiner Partei schlüge, mit dem Tode bestraft werden solle. Es ist meine Aufgabe nicht, die Weisheit dieses Gesetzes an den Tag zu legen; doch kann ich nicht umhin, an dem Beispiel des Chevalier St. Just die darin enthaltene Wahrheit zu versinnbildlichen.

Er hatte aufrichtig gesprochen, als er Alicen erklärte, daß er über die zu ergreifende Partei noch unentschieden sei; aber die Strafe dieser Unentschiedenheit zeigte sich schon jetzt. Da er es vorläufig noch mit beiden Parteien hielt, es weder mit dem Proletariat noch mit der Aristokratie verderben wollte, so mußte er sich in beiden Lagen für etwaigen Rückzug eine Thüre offen erhalten. Diese Rücksicht legte ihm aber Fesseln an und verhinderte ihn, nach einer der beiden Seiten die ganze Energie zu entwickeln, deren er fähig war, und welche ihn bald über alle Eifersüchteleien von Nebenbuhlern hätte triumphiren lassen – und Eifersüchteleien sind gefährlicher als offne Angriffe von erklärten Feinden. Auf der einen Seite stand Ralph – auf der andern – freilich ohne seine unmittelbare Schuld, – der Prinz A. ihm gegenüber. Der Prinz A. liebte die Gräfin und haßte in Folge dessen den Chevalier, weil dieser – wie es ihm schien – mehr Glück bei der Gräfin hatte als er selbst sich rühmen konnte. Es könnte auffallen, daß Alice gegen Gilbert zu intriguiren schien, indem sie den Prinzen in seinem Verdachte von einem innigeren Verhältniß zwischen dem Chevalier und der Gräfin bestärkte. Allein wir kennen Alicen hinlänglich, um nicht den Grund dieses scheinbaren Verrathes zu durchschauen – sie – die selbst ohne Leidenschaft, oder wenigstens von keiner Leidenschaft jemals übermannt, mit der Leidenschaft Anderer zu spielen gewohnt war, um aus dem daraus gewonnenen Triumpfgefühl sich eine Staffage für ihre eigene materielle Unabhängigkeit und geistige Selbstständigkeit zu gewinnen – mußte – vor allen Dingen dahin zu gelangen suchen, diejenigen, welche die leitenden Fäden der im Spiel begriffenen Intrigue in Händen hielten, ihrem Willen zu unterwerfen, und ohne daß sie es merkten, von sich abhängig zu machen, damit sie selber das Centrum würde, in welchem alle die verschiedenen Fäden wieder zu einem Knoten zusammenliefen. Sie wußte, daß die Gräfin Rücksicht auf den Prinzen nehmen mußte, weil ihre Existenz, ihre jetzige glänzende Existenz, hauptsächlich sein Werk war: deshalb ließ sie jene Andeutung fallen, aus welcher die Gräfin zu ihrem größten Erstaunen ersah, daß ihre Theilnahme für den Chevalier dem scharfen Auge ihrer Freundin keineswegs entgangen war. Die Gräfin begann Alicen zu fürchten und diese Furcht war der erste Ring zu einer Kette, welche sie an dieselbe fesselte und ihrem Willen gehorsam machte. Den Prinzen zog nicht nur das Gefühl der Dankbarkeit für die erhaltene Aufklärung, sondern auch das weit kräftigere des Beistandes, dessen er bedurfte und das allein sie ihm gewähren konnte, zu Alicen hin; vielleicht kam noch ein drittes Moment hinzu: nämlich die Erinnerung an eine noch nicht gar lange verschwundene Zeit, in welcher er die schöne Frau einst sein eigen genannt hatte.

Und Alice verstand die große Kunst, diejenigen, welche sie einst geliebt hatten, sobald diese Liebe verschwunden war, als ihre wärmsten und aufrichtigsten Freunde sich zu erhalten. Sie zeigte allen diesen Verhältnissen und Personen gegenüber dieselbe anmuthige Liebenswürdigkeit, welche es ihr möglich machte, oft Wahrheiten zu sagen, die aus anderm Munde verletzt haben würden, in dem ihren aber nur dazu beitrugen, das Band noch fester zu knüpfen, welches Alle, die sich einmal in ihre Nähe gewagt hatten, an sie fesselte. Was Gilbert betraf, so war er schon durch ihre Mitwissenschaft von seiner Theilnahme an der Verbindung der Achtzehner ein Sklave ihres Willens. Mit ihm brauchte sie am wenigsten Rücksicht zu nehmen. Es gab unter allen denen, die sie kannten, nur zwei Personen, für welche sie ein innigeres Gefühl in sich trug; und grade diese beiden befanden sich nicht im Salon der Gräfin:

es waren Lichninsky und – Ralph, der Fürst und – der Arbeiter.

Das Gespräch, in welchem der Prinz A. mit dem Chevalier begriffen war, schien für Beide ein großes Interesse zu haben. Ersterer hatte von der Gräfin gehört, daß der Chevalier am 23. Februar in Paris gewesen; es war mithin natürlich, daß es ihn interessirte, dies Ereigniß von einem Augenzeugen geschildert zu hören. Aber der Prinz hatte – vielleicht unbewußt – noch einen andern Zweck dabei im Auge. Gilbert war für Alle, mit denen er Umgang hatte, ein räthselhafter Mensch. Niemand konnte sich seines besonderen Vertrauens rühmen, Niemand kannte den Zweck seines Aufenthalts in Berlin und den Grund, weshalb er Paris grade in jener denkwürdigen Zeit verlassen hatte – Ursache genug, um den eifersüchtigen Prinzen mit Mißtrauen gegen ihn zu erfüllen und um den Versuch zu machen, den Absichten dieses fahrenden Ritters – dafür hielt ihn der Prinz – auf die Spur zu kommen. Der brave Chevalier merkte jedoch bald, wohinaus die Fragen des Prinzen zielten, und wich geschickt jeder bestimmten Antwort aus. Dennoch würde es ihm auf die Länge schwer geworden sein, dieses gefährliche Frag- und Antwortspiel fortzusetzen, hätte ihn nicht seine schöne Freundin aus der Noth geholfen. Die Gräfin rief ihn mit einem entschuldigenden Blick auf den Prinzen zu sich, um einen Streit zu schlichten, der zwischen ihr und dem Professor Lips über Classicität der ägyptischen Kunstdenkmäler ausgebrochen war.

Gilbert, der längere Zeit im Orient sich aufgehalten, konnte wohl als Autorität in dieser Streitfrage gelten.

Während an dem hellerleuchteten Gesellschaftstisch die ästhetische Frage über die hohe Entwickelung der ägyptischen Kunst erörtert wurde, blieb der Prinz nachdenklich in der Fenster-Nische stehen, halb verdeckt durch die faltigen dunkel gelbseidenen Gardinen, die das Lichtmeer des Saales fast zu einem Halbdunkel abschwächten. Da fühlte er plötzlich einen leisen Druck auf seinen Arm. Er sah sich überrascht um.

– So tief in Gedanken, Königliche Hoheit? – sagte eine tiefe Stimme. Es war der Polizei-Präsident v. M.

– In der That, die Zeit giebt uns hinreichenden Stoff zum Denken, sollt' ich meinen – erwiederte lächelnd der Prinz. Ich danke Ihnen, daß Sie mich daraus erweckt haben, denn meine Gedanken waren nicht erfreulicher Natur.

– Ich wußte das. Sonst hätte ich mir nicht erlaubt, Sie darin zu stören, mein Prinz.

– Sie kannten meine Gedanken? – fragte ironisch der Prinz.

– Nicht nur, weil ich sie kenne, sondern weil ich auf die Fragen, die Sie in diesem Augenblicke bewegen, antworten kann, weckte ich Sie aus Ihrem Nachdenken.

– Verzeihen Sie – versetzte der Prinz – ich vergaß, daß zu Ihrem Beruf gehört, ein wenig allwissend zu sein, oder in Ermangelung dessen, es wenigstens zu scheinen.

– Als Antwort auf Ihren Spott sage ich Ihnen nur ein Wort.

Er flüsterte dem Prinzen einen Namen ins Ohr, der diesen sichtbar überraschte.

– Wohlan – sagte dieser nach kurzem Nachdenken – und Ihre Antwort?

Daß der Stern nicht das Irrlicht zu fürchten hat. Ihr Mißtrauen gegen diesen Menschen ist vollkommen gerechtfertigt, um so mehr gerechtfertigt, als ich es theile. Ihnen kann ich es gestehen, daß auch ich noch nicht ganz klar über ihn bin.

– Und warum, wenn es so gefährlich ist, befindet er sich noch auf freien Füßen?

– Eben weil ich nicht klar bin. Ich habe Indicien über ihn, die sich widersprechen. Daß er conspirirt, darüber habe ich zahllose Beweise, aber für welche Partei er conspirirt? – das weiß ich nicht. – Entweder ist er ein sehr gewandter Diplomat – oder ein charakterloser Schwachkopf.

– Und was gedenken Sie zu thun?

– Ihn beobachten und sobald ich Gelegenheit habe, ihn unschädlich machen.

Der Prinz wandte sich unbefriedigt ab.

– Dieser Zeitpunkt ist näher als Sie glauben, fuhr der Polizeipräsident mit geheimnißvoller Miene fort. – Schon Morgen wird sich Vieles entscheiden. – Eine Frage erlauben mir Königliche Hoheit?

– Nun?

– Baronin Alice ist Ihre Freundin?

Der Prinz sah Herrn v. M. mit großem Blicke an. – Ich verstehe Sie nicht, Herr Polizeipräsident, – sagte er – auf den Titel einen Nachdruck legend.

Herr v. M. lächelte.

– Sie sind sehr mißtrauisch, mein Prinz. Fast so mißtrauisch, wie ein – Polizeipräsident. Ich that jene Frage nur, um Sie zu bitten, Ihrer Freundin den gutgemeinten Rath zu geben, daß Sie es unterlassen möge, in dieser Woche das bewußte Haus vor dem Hamburger Thore zu besuchen, weil ich in Verzweiflung gerathen würde, wenn sie einen Beleg zu der Wahrheit des Sprüchworts geben sollte: »Mitgefangen – Mitgehangen«. Zugleich fällt mir auch ein, daß Ihre Freundin sicherlich noch besser als ich selbst über den Chevalier unterrichtet ist. In Rücksicht darauf, daß ich besser im Stande wäre, Ihnen mit meiner Hülfe zu dienen, würden Sie mich sehr verbinden, wenn Sie diese Quelle prüften und mir das Resultat Ihrer Untersuchungen mittheilen wollten.

Mit diesen Worten empfahl sich Herr von M. dem Prinzen, um mit dem Banquier S. eine gründliche Untersuchung über die Ursache der gegenwärtigen Finanzkrisis anzustellen.

Der Prinz trat aus der Nische heraus und mischte sich wieder unter die Gesellschaft. Unwillkürlich suchte sein Blick Gilbert, dessen forschendes Auge dem seinigen begegnete. Einen Moment hafteten ihre Blicke auf einander, worauf beide zu gleicher Zeit und mit gleicher Indifferenz sich nach andern Seiten richteten.

Als der Prinz vor dem Stuhle Alicens vorbeikam, beugte er sich zu ihr herab. Was er ihr zuflüsterte, konnte Niemand verstehen. Alice aber, welche dem alten süßlichen General von Klausewitz eine Beschreibung des Wiener Salonlebens in dem verflossenen Winter machte, zuckte bei den Worten des Prinzen etwas zusammen, ohne indeß den Satz, welchen sie eben begonnen hatte, zu unterbrechen. Im nächsten Augenblicke war sie wieder vollkommen Herrin ihrer selbst; nur eine schwache Röthe auf ihren Wangen und ein leises Zittern der langen Augenwimpern bewies dem genauen Beobachter die Bewegung ihres Innern.

Es war indeß spät geworden. Viele Gäste hatten sich bereits zerstreut. Die Zurückgebliebenen, meist aus den bekannten Personen bestehend, hatten sich zu einem engern Zirkel um den Tisch gruppirt. Doch schien sich grade über die, welche sonst den meisten Stoff zu lebhafter Unterhaltung dargeboten, heute eine trübe Wolke gelagert zu haben, die sie in sich gekehrt und schweigsam machte. Jeder schien sich mit seinen eigenen Gedanken zu unterhalten und so sehr die schöne Gräfin etwas Leben in die Unterhaltung zu bringen sich bemühte, hatten ihre Anstrengungen doch so wenig Erfolg, daß sie sich endlich bewogen fühlte, das Zeichen zum Aufbruch zu geben.

Der Prinz A. bot Alicen seinen Arm und verließ unmittelbar nach dem Chevalier den Saal. Sie gingen zusammen hinaus. An der nächsten Straßenecke trennten sie sich. Der Prinz geleitete Alicen in ihre Wohnung; Gilbert kehrte auf einem Umwege nach dem Hause der Gräfin zurück.



V


Am folgenden Morgen saß Alice mit ihrer bleichen Freundin Lydia am Fenster und sah gedankenlos in den trüben Nebel hinein, der sich zwischen die Häuser der Straße gedrängt hatte. Lydia war mit einer Handarbeit beschäftigt; man hätte sie für theilnahmlos halten können, wenn sich nicht bei jedem Seufzer, der unbewußt den Busen ihrer gütigen Beschützerin hob, ihr großes feuchtes Auge einen Augenblick auf das Gesicht der Letztern gehoben hätte. Alice konnte diese Blicke nicht bemerken, da sie halb abgewendet von Lydia hinausschaute; auch war sie gewohnt, Lydia so sehr mit sich selber beschäftigt zu wissen, daß sie sich in ihrer Gegenwart weniger, als sonst ihre Gewohnheit war, Zwang auferlegte. Nicht als wenn Alice vor Andern, selbst vor Männern, ihre Seufzer stets unterdrückt hätte – aber sie that es dann gewiß nicht unwillkürlich, am wenigsten ohne Bewußtsein. Sie setzte ihren Stolz darein, stets Herrin ihrer selbst zu sein; denn sie wußte, daß die Herrschaft über sich selbst zugleich die erste Bedingung und die sicherste Garantie für die Herrschaft über andere war. –

Noch eine dritte Person, die wir fast vergessen hätten, befand sich im Zimmer: Salvador. Er hatte sich in dem entferntesten Winkel niedergekauert und klimperte auf einer alten Mandoline eine spanische Romanze. Sein dunkler Blick war starr auf Lydia gerichtet, die ihn entweder nicht bemerkte oder – vielleicht aus dem Gefühl, daß sie dem seinigen begegnen würde – ihr Auge absichtlich nicht nach dem Winkel richtete.

Alice fuhr plötzlich vom Fenster zurück, so daß Lydia erschreckt nach der Ursache fragte.

– Sieh' dort das junge Mädchen, mit dem braunen Tuch um den Kopf geschlungen – was mag sie von mir wollen? Sie starrt fortwährend zu uns herauf, als suche sie Jemanden.

– Wie bleich sie ist! – bemerkte Lydia – Mich dünkt, es liegt ein Zug von verzweifelter Resignation auf ihrem Gesichte.

– Sollte es Anna sein? – sagte halblaut Alice, als stelle sie diese Frage an ihre eigene Erinnerung. – Beim Himmel, sie ist's – aber wie verändert; es muß ein Unglück geschehen sein. – Alice winkte auf die Straße hinab. Lydia verließ das Zimmer. Salvador hörte auf zu summen und zu klimpern.

Bald darauf klopfte es leise aber hastig an der Thüre, und ein zitterndes junges Mädchen stand auf der Schwelle.

– Komm zu mir, Anna – sagte Alice mit jenem Zauber, welchen das Mitleid in der weiblichen Brust erzeugt. – Kennst Du mich nicht mehr, Kind?

Anna hatte gleich bei dem ersten Ton von Alicens Stimme den Kopf erhoben; eine tiefe Röthe überfluthete ihre bleichen abgehärmten Züge. – Einen Schrei, halb von der Angst, halb von Freude ausgepreßt, ausstoßend, stürzte sie auf die schöne Frau zu und warf sich stumm zu ihren Füßen, die sie mit ihren Armen umklammerte. –

– Was ist Dir, gute Anna? –

– Mein Bruder – mein Vater – im Gefängniß! – – – brachte sie endlich mit Mühe hervor.

Alice erbleichte.

– Ralph im Gefängniß? – Warum? Sprich, unglückliches Kind, wann geschah es?

– Heute Nacht – erzählte Anna, ihre noch immer reichlich fließenden Thränen trocknend – kamen vier Gensdarmen und nahmen den Vater und Ralph mit sich. – Der arme alte Vater! Was wird aus ihm werden in dem kalten, dunkeln Gefängniß! O, gnädige Frau, retten Sie ihn, retten Sie den guten Ralph, wenn Sie können. Alice hatte sich erhoben und ging mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab.

– Und weißt Du den Grund der Verhaftung?

– Ach ja – sagte Anna und erzählte den gestrigen Vorfall mit dem von Möller empfangenen Goldstück. – Herr Klingemann, unser Wirth, begleitete die Gensdarmen. Gewiß hat er die Anzeige gemacht.

– Abscheulich – murmelte Alice, die durch den Grund der Verhaftung indeß ziemlich beruhigt wurde; obschon es nicht unmöglich war, daß man einen andern Verdacht gegen Ralph geschöpft hatte und ihn durch dieses Mittel unschädlich machen wollte. – Sie schickte Salvador zu Gilbert mit der Aufforderung, sogleich zu ihr zu kommen.

– Beruhige Dich – tröstete sie Anna – wenn nur jenes Goldstück an ihrer Verhaftung schuld ist, so ist die Sache leicht aufgeklärt.

– Wohnt nicht Herr Möller hier in dem Hause? fragte Anna schüchtern.

– Wer ist Herr Möller?

– Der Herr, welcher mir gestern das Goldstück gegeben und mir befahl, heute früh hieher zu kommen.

– Der Herr hieß Möller, und nicht Gilbert? – fragte Alice, die von der neuen Namensveränderung Gilberts nicht wußte.

Anna sah Alicen verlegen an. Sie wußte von ihrem Bruder, daß Möller und Gilbert ein und dieselbe Person seien, zweifelte aber zugleich daran, ob sie dies, Alicen gegenüber, eingestehen sollte.

Alice, welche die Wahrheit ahnte, half ihr aus der Verlegenheit.

Liebes Kind, der Herr hat auf meine Bitte Dich gestern Abend aufgesucht, um Dich zu mir zu bestellen. Nicht in seinen, sondern in meinen Dienst sollst Du eintreten – wenn es Dir so recht ist. Ob dieser Herr sich Möller oder Gilbert genannt hat, kann uns Beiden gleichgültig sein. Ohnehin wird er gleich hier sein, Du wirst Dich dann überzeugen können, ob es derselbe ist, der Dich gestern hieher geladen hat.

Anna, erfreut über diese unerwartete Wendung der Dinge, küßte dankbar die Hand Alicens, als draußen Schritte hörbar wurden und bald darauf Gilbert, gefolgt von Salvador, eintrat.

Ersterer sah erhitzt und angegriffen aus. Er warf sich nach einem flüchtigen »Guten Morgen« erschöpft auf einen Stuhl.

Was konnte diesen kalten Menschen so aufgeregt haben?

Diese Frage lag in Alicens halb spöttischen, halb besorgten Blicken.

– Nun? unterbrach sie endlich das peinliche Schweigen.

– Die Wahnsinnigen! – murmelte er, nur Alicen verständlich. – Sie werden uns Alle zu Grunde richten.

– Wo? reden Sie doch! Was beunruhigt Sie so heftig? –

– Sie haben also noch nichts gehört? –

– Wovon soll ich gehört haben? –

– Von der Sturmpetition, die heute Abend unter den Zelten berathen und morgen durch eine großartige Demonstration vor dem Schlosse ausgeführt werden soll?

– Und das beunruhigt Sie? – fragte mit ironischem Mitleid Alice, deren Augen bei dieser Nachricht einen eigenthümlichen Glanz annahmen. – Sie Aermster! –

– Spotten Sie immerhin. Ich sage Ihnen, es wird nicht gut ablaufen. Die Polizei hat bereits Notiz davon bekommen und ihre Maßregeln getroffen. Ich bin draußen gewesen in der Gesellschaft, weil ich vermuthete, daß sie berathen würde. Ich täuschte mich nicht, sie waren Alle beisammen, nur Ralph fehlte. – Gilbert warf, indem er diesen Namen aussprach, einen Blick auf Alicen, der eine Verläumdung gegen den Bruder Annas enthielt. Diese schien ihn nicht verstehen zu wollen.

– Gut, daß Sie mich daran erinnern – sagte sie kalt. – Ralph ist im Gefängniß und durch Ihre Schuld.

Gilbert erbleichte. – Durch meine Schuld? fragte er mit unsicherem Tone. In diesem Augenblick bemerkte er Anna, die bei seinem Eintritt sich zurückgezogen hatte.

– Ja, Sie sind, wenn auch nicht gerade schuld, so doch Ursache davon. – Hier ist Ralphs Schwester. Sie wird Ihnen das Nähere mittheilen. Eilen Sie, die armen Kinder aus ihrer Angst um Vater und Bruder zu befreien. An der Bereitwilligkeit, mit der Sie meinen Wunsch erfüllen, werde ich sehen, ob Sie an diesem Irrthum keine wissentliche Schuld haben. –

Dann wandte sie sich zu Anna: Begleite den Herrn, liebes Kind, und gieb dieses Papier in die Hand deines Bruders. – Verwahre es sorgfältig; nachher wirst Du mir Alles erzählen.

Gilbert und Anna verließen die Wohnung. Alice eilte mit einer schnellen Bewegung ins Nebenzimmer, aus dem sie nach wenigen Minuten als junger Mann heraustrat. Salvador, der Alicen noch nie in Männerkleidung gesehen, riß vor Ueberraschung eine Seite auf seiner Mandoline entzwei und starrte mit offnem Munde auf die plötzliche Erscheinung, bis die Stimme Alicens, die ihm eine Kutsche zu rufen befahl, ihn seines Irrthums überführte.

Hotel des Prinzen A...., rief sie dem Kutscher zu, welcher ihr die Fahrmarke in den Wagen reichte. – Nach einer kurzen Fahrt war sie am Hotel angelangt, und von dem vertrautesten Kammerdiener des Prinzen in einen Gartenpavillon geführt.

Hunderterlei blühende exotische Gewächse füllten das phantastisch geschmückte Zimmer, mit einem fast betäubenden narkotischen Wohlgeruch an. Der Prinz in einem orientalischen Kostüm, das ihm als Negligee diente, war in halbliegender Stellung auf einer Ottomane hingestreckt und über ihn hin breiteten mächtige Faisenpalmen ihre eleganten, fußbreiten Blätter aus. Der vor ihm stehende milchweiße Marmortisch war mit einer Menge Zeitungen und Journale bedeckt.

Beim Eintritt Alicens erhob sich der Prinz und führte sie schweigend zur Ottomane. Alice warf einen Blick auf den Zaubergarten, der sie umgab und seufzte.

Es war nicht das erste Mal, daß sie als Knabe verkleidet hier eingetreten und vom Prinzen in derselben Weise, wie heute, empfangen wurde. Aber jene Zeit gehörte der Vergangenheit an. –

– Was bringen Sie mir, Alice? – fragte der Prinz nach einer Pause.

– Ich wünschte, das Ihnen bringen zu können, was ich bei Ihnen zu suchen gekommen – Trost in Verzweiflung.

Jetzt war die Reihe zu seufzen am Prinzen. Doch sagte er lächelnd: worüber oder woran könnten Sie verzweifeln, meine Freundin? Oder ists ein Dritter, für den Sie Trost bei mir suchen?

Alice erzählte die Gefangenschaft Ralphs und bat den Prinzen um Verwendung für den Unglücklichen bei dem Polizeipräsidenten v. M. Ich glaube nicht – fuhr sie fort – daß auf den bloßen Verdacht hin, das Goldstück könne auf unrechtmäßige Weise in die Hände der Familie gekommen sein, so streng gegen den alten Naumann und seinen Sohn verfahren worden wäre, wenn man nicht andere, tiefer liegende Gründe zu haben vermeinte. Uebrigens habe ich zur Aufklärung derselben sogleich den Chevalier St. Just zum Herrn von M. geschickt, da von ihm das Goldstück herrührt.

– Glauben Sie mir, Alice, erwiederte der Prinz, dieser St. Just wird unser Aller böser Dämon. – Hüten Sie sich vor ihm! – Sie lächeln? Meinen Sie vielleicht, daß mein Haß gegen ihn mich verblendet? Und nun schicken Sie ihn vollends zum Polizeipräsidenten. Fürwahr, ich fange an, Ihre sonst so bewährte Klugheit in Zweifel zu ziehen.

Wissen Sie denn nicht, daß Herr v. M. es war, der mir gestern mit Rücksicht auf St. Just jene Warnung für Sie zukommen ließ, die ich selbst nicht einmal verstand?

Alice erbebte. Sie schien mit sich über einen Entschluß zu kämpfen. Vom Divan aufspringend, schritt sie hastig zwischen den Gewächsen auf und ab. Endlich blieb sie vor dem Prinzen stehen. Ihr Anblick war völlig verändert. Ihr dunkles Auge strahlte wunderbar, ihr lockiges Haupt war hoch aufgerichtet.

Wir müssen uns Gewißheit verschaffen, Prinz. Dies aber ist nur möglich, wenn wir gemeinsam handeln. Dann aber Vertrauen um Vertrauen. – Schlagen Sie ein. –

Sie streckte ihm die Hand entgegen.

– Ich sehe noch nicht, was uns selbst die Gewißheit von seiner Verrätherei nützen kann – sagte ungläubig der Prinz; doch legte er seine Hand in die dargebotene Alicens und zog sie zärtlich an seine Lippen.

– Sie, wie ich, werden dieselbe Frucht pflücken – erwiederte Alice, einen köstlichen Granatapfelbaum eines seiner rothwangigen Kinder beraubend – eine sichere Ueberzeugung für unsere zweifelvolle Seele und einen festen Muth für unsere schwankenden Entschlüsse.

Der Prinz, welcher die Worte Alicens auf den Chevalier bezog, lächelte ungläubig, weshalb Alice plötzlich, allen Rückhalt verschmähend mit leidenschaftlichem Tone ausrief:

– Mein Freund, ich nenne Sie in dieser Stunde so, weil ich im Begriff bin, eine schwere Pflicht gegen Sie auszuüben, deren nur die Freundschaft fähig ist, mein theurer Freund, lassen Sie von der Bedford; diese Frau ist ihrer nicht würdig.

Der Prinz, auf welchen der Name der Gräfin den Eindruck eines elektrischen Schlages gemacht hatte, zitterte heftig. Sein flammendes Auge bohrte sich tief in das auf ihn niederblickende Auge Alicens, dessen Ausdruck sich nicht veränderte. Ungestüm entriß er ihr seine Hand und flüsterte mit gebrochener Stimme:

– Sie sind eine Lügnerin, Alice.

Das sanfte Lächeln, welches Alicens Züge überstrahlte, wurde selbst durch diesen harten Vorwurf nicht verwischt, nur mischte sich der Ausdruck einer leisen Ironie hinein, als sie mit Ruhe erwiederte:

– Soll ich Ihnen Beweise geben, Prinz?

Ein stummer Wink hieß sie fortfahren.

– Von dem Verhältniß der Gräfin mit St. Just will ich gar nicht reden. Eine solche Untreue, wie demüthigend auch für Sie, mein Prinz, könnte doch nur ein halber Beweis sein. Denn wer vermöchte den Beweis zu liefern, daß nicht St. Just eben so betrogen wird wie Sie. Aber was würden Ew. Königliche Hoheit zu einem Plane sagen, Sie durch die fein berechnete Koketterie einer geschickten Buhlerin von Ihrer Leidenschaft zur Gräfin, und diese von Ihnen befreien zu lassen?

– Ich würde dazu sagen – daß die Gräfin, wenn sie einen solchen Plan fassen sollte, sich schlecht auf wahre Leidenschaft verstehen, oder eine große Achtung vor dem Talente der »Buhlerin« haben müßte.

– Vielleicht ist Beides der Fall. Und rathen Sie, wen man für würdig erachtet hat, diese Rolle bei Ihnen zu übernehmen?

– Also ist es nicht ein bloßer Einfall, dieser Plan? Man hat in der That an dergleichen gedacht?

– Freilich, aber rathen Sie!

– Wie kann ich wissen – sagte der Prinz zerstreut. – Vielleicht Fräulein S.... oder unsere Primadonna H....?

– Bewahre. Wie sollte man darauf gerathen. Sie besuchen ja die Theater fast gar nicht. Nein, ich will es Ihnen sagen: Mich! –

Sie? – –

– Glauben Sie, mein Prinz, daß ich Scherz mit Ihnen treibe?

– In der That, ich glaube es fast; darum geben Sie mir bessere Beweise.

– Es sei! So hören Sie denn: Die Gräfin ist von einer gewissen Partei, in deren Diensten sie steht, beauftragt, Alles anzuwenden, um Sie dieser Partei zuzuführen. Sie selber hat Rücksichten zu nehmen, weil sie ein offnes Haus hält, das gewissermaßen von allen Parteien als ein neutrales Bereich angesehen wird. Büßt sie diesen Vortheil ein, so ist's um ihre gesellschaftliche Stellung geschehen. Auch stand ihr Ihre Leidenschaft zu ihr im Wege. Darum mußte sie indirekt zum Ziele zu kommen suchen. Man weiß, mein Prinz, daß Sie beim Volke durch Ihre Freisinnigkeit und Freigebigkeit – beides gilt dem Volke oft gleichviel – beliebt sind und deshalb bei etwa ausbrechenden Unruhen sich leicht einen großen und gefährlichen Anhang zu verschaffen im Stande wären. Man hat versucht, Sie von hier zu entfernen, man hat ferner, als dies nicht gelang, Schritte gethan, um Sie der öffentlichen Meinung gegenüber zu compromittiren, ja man hat es nicht gescheut, zu dem Mittel der Verläumdung zu greifen. Alles ist fehlgeschlagen. So hat man denn zum äußersten, aber – der Meinung gewisser Leute nach – sichersten Mittel gegriffen, Sie zu verführen. Man hält mich für eine eingefleischte Aristokratin, dies und das Vertrauen, welches man in meine Fähigkeit setzt, hat jene Partei veranlaßt, mir Avançen in dieser Beziehung zu machen. Ich habe sie anfangs nicht verstehen wollen, da ist man dringender geworden und endlich offen mit dem Plane herausgetreten. Der Prinz hatte mit wachsender Unruhe dem Berichte Alicens zugehört. Als sie geendet, lag auf seinem bleichen Gesicht der Ausdruck eines tiefen Hohns.

– Wie sehr muß ich in den Augen dieser Menschen gesunken sein, daß sie es wagen können, in dieser Art ihr Spiel mit mir zu treiben. – Er stützte den Kopf in die Hand, um die Thräne zu verbergen, welche wider seinen Willen in sein Auge trat. – Fahren Sie fort – sagte er nach einer Pause.

– Ich habe nur wenig noch zu sagen. Daß St. Just ein falsches, ein doppelt falsches Spiel treibt, werden Sie wohl selbst bemerkt haben. Es gilt jetzt, daß wir uns davon Ueberzeugung verschaffen, um den Plänen der Partei, welcher er aus Interesse für die Gräfin dient, entgegenzuarbeiten, ohne daß sie es merkt, um sie schließlich in ihrer eigenen Falle zu fangen. Mein Rath ist nun der: Sie begeben sich sofort zu Herrn v. M. und suchen zu erfahren, ob St. Just an der Verhaftung des braven Ralph schuld ist, oder doch nachträglich bei Herrn v. M. gegen ihn intriguirt hat. Sind Sie bereit dazu?

– Ja – sagte der Prinz sehr ernst. – Sie haben recht, es ist Zeit, mich dieser erbärmlichen Fesseln zu entwinden und ich danke Ihnen, daß Sie mir die Kraft dazu gegeben. Doch habe ich noch eine Bitte, deren Motiv Sie jedoch nicht in irgend einem Zweifel an ihren Worten suchen müssen. Können Sie mir irgend ein materielles Zeichen geben, daß ich von der Gräfin betrogen bin? Ich glaube eine größere moralische Bestimmtheit in der Ausführung unserer Pläne dadurch gewinnen und der Verrätherei mit größerer Festigkeit gegenübertreten zu können.

– Ich wünschte, theurer Prinz, Sie ließen diese für Sie unangenehme Angelegenheit auf sich beruhen; noch mehr aber wünschte ich – Alice ergriff bei diesen Worten seine Hand – ich könnte Sie für unsere Sache, für die Sache der Demokraten, deren Sieg näher bevorsteht, als Sie ahnen, gewinnen.

Der Prinz lächelte. Aber dieses Lächeln enthielt, so wollte es Alicen bedünken, Etwas von Mißtrauen in sich. Sie zog einen Brief aus ihrer Schreibtafel und reichte ihn dem Prinzen.

– Diesen Brief, wie Sie am Postzeichen ersehen, erhielt ich in Wien vor 8 Tagen. Er ist von St. Just und enthält die Aufforderung an mich, schnell nach Berlin zu kommen, um den Plan, welchen ich Ihnen mittheilte, ausführen zu helfen. Die »hohe Person«, welche darin erwähnt ist, sind Sie und die Unterschrift –

– Gilbert! – rief aufspringend der Prinz – Sie kennen diesen Elenden! –

Alice erschrak über die Heftigkeit des Prinzen. – Was ist Ihnen? Ums Himmelswillen –

– Antworten Sie, Alice, ich bitte, ich beschwöre Sie, keuchte der Prinz in fast sprachlosem Zorn.

Der Brief knitterte in den krampfhaft zitternden Händen, und seine Augen rollten wild, als suchten sie den verborgenen Feind.

– Gilbert – sagte Alice – ist Ihr Nebenbuhler, er ist der Chevalier von St. Just.

Während der Pause, welche Alicens Worten folgte, hörte man nur das Rauschen des Briefes, der des Prinzen Hand entfiel. Dann taumelte er ohne Bewußtsein auf den Divan nieder. Nach einer qualvollen halben Stunde schlug der Prinz die Augen auf und blickte noch halb betäubt um sich. Endlich erkannte er Alicen, deren Anblick ihm die ganze Erinnerung über das, was mit ihm vorgegangen war, zurückgab. Ein Schauer durchzitterte seinen Körper – doch versuchte er zu lächeln.

– Seien Sie ruhig, meine Freundin – es ist vorüber. Doch verlassen Sie mich jetzt – ich muß allein sein. – Heute Nachmittag werde ich Sie besuchen.

Schweigend schritt Alice auf die Thüre zu.

– Alice! – sagte noch einmal der Prinz.

Sie kehrte zurück und sah ihn fragend an.

– Alice! Sie nannten sich heute meine Freundin. Ich halte Sie beim Wort und erinnere Sie daran, daß in der Freundschaft Zweierlei vor Allem gilt: Vertrauen gegen einander und Verschwiegenheit gegen den Andern.

– Seien Sie ruhig, mein Prinz – auch wenn Sie nicht mein Freund wären, würde diese Stunde ein Heiligthum für mich sein, in das ich nie einen Menschen schauen lassen würde.



VI


Der 18. März ist wirklich ein denkwürdiger Tag in der preußischen – ich wollte sagen: deutschen Geschichte. Nicht etwa darum, weil Mailand und Berlin an diesem Tage »Revolution« gemacht haben – eine Thatsache, die übrigens von der extremen Demokratie, und daher natürlich auch von der extremen Aristokratie einmüthig bestritten wird; – noch viel weniger darum, weil in Preußen an diesem Tage der Absolutismus gestürzt wurde – denn auch daran wird von den rothen – und schwarzweißen Enthusiasten nicht geglaubt; – am allerwenigsten aber darum, weil der 18. März der Vorabend des Geburtstages der Berliner Bürgerwehr, jener durch ihr Motto des »passiven Widerstands« auf deutsch: der aktiven Feigheit berühmten Phalanx, war: – sondern weil sicherlich kein Tag mehr verflucht und gesegnet, mit Füßen getreten und in den Himmel erhoben, betrauert und gefeiert, geschmäht und besungen ist, und das Alles mit Unrecht. – Der 18. März ist unschuldig wie ein neugebornes Kind, das Berliner Volk hat es sattsam dadurch bewiesen, daß es mit ihm gespielt hat, wie mit einem Kinde. Denn man muß wissen, daß das Berliner Volk selbst noch ein Kind war, obgleich ihm an diesem Tage die Wiege nicht mehr – wie Schiller sagt – als ein »unendlicher Raum« erschien, wie bisher, weshalb es denn auch herauszusteigen versuchte; daß der Versuch nicht gelang, daß es sich nachher, als der rechte Zuchtmeister kam, in den Winkel des passiven Widerstands verkroch und schließlich wieder folgsam in die alten Windeln wickeln und in die alte Wiege hineinlegen ließ, das ist für ein Kind, dem die Ruthe gezeigt wird, ja ganz natürlich. Also warum so viel Aufhebens vom 18. März? –

Die Bewegung, deren Schlußakt die Nacht vom 18. zum 19. März bildete, hatte sich schon einige Wochen vorher angekündigt. Eine dumpfe Gährung, über deren Ursache sich nur wenige Rechenschaft geben konnten, hatte sich der Gemüther bemächtigt. Trotz der unfreundlichen Witterung waren die öffentlichen Plätze und Promenaden fast den ganzen Tag über mit Menschen übersäet, die entweder zu Gruppen zusammentretend aufmerksam auf eine Stimme lauschten, die aus ihrem Mittelpunkt hervordrang, oder paarweise dahin schlendernd mit lebhaften Gestikulationen über die neuesten Dekrete der provisorischen Regierung in Paris diskutirten. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich in den Restaurationen, Kaffeehäusern und Conditoreien. Besonders in der »Zeitungshalle« und bei »Stehely« fand sich gegen 6 Uhr Abends, wenn die neuesten Zeitungen vom Rhein ankamen, stets ein zahlreiches, aus Gelehrten, Künstlern, Beamten, Officieren u. s. w. zusammengesetztes Publikum ein, und horchte Kopf an Kopf gedrängt mit angehaltenem Athem auf die Worte Dr. R-s, welcher bei Stehely meist das Amt des »Vorlesers« übernahm. War die Vorlesung, welche häufig mehrere Stunden dauerte, und nur durch einzelne halbunterdrückte Exklamationen unterbrochen wurde, welche entweder dem Staunen über das Vorgelesene oder einer unzeitigen Störung galten, beendet, so lösete sich die lang gefesselte politische Phantasie der Zuhörer zunächst in einem unverständlichen Summen auf, das nicht unpassend mit dem fernen Brausen des Meeres oder dem düstern Grollen eines nahenden Orkans verglichen werden kann, bis es endlich crescendo in tosenden Wogendrang einer allgemeinen politischen Discussion ausbrach. Ungefähr eine Woche vor dem 18. März war wieder Abends eine zahlreiche Gesellschaft bei Stehely versammelt, welche mit Ungeduld die »Kölnische Zeitung« erwartete. Das Gedränge in den engen Zimmern war groß, so daß man sich nur mit Mühe hindurchzudrängen vermochte. Fern oder wenigstens unberührt von dem lauten Treiben der politischen Menge saßen in einer ziemlich dunkeln Ecke zwei Männer, welche sich von Zeit zu Zeit kurze Bemerkungen über die einen oder andern Gäste zuflüsterten. Der Aeltere von ihnen mochte zwischen 40-45 Jahre zählen, obschon sein Alter schwer zu bestimmen war. Denn seine breite, kluge Stirn war bereits mit vielen Runzeln bedeckt, während das hellbraune nach oben strebende Haar noch seine ganze Fülle und das hellbraune Auge noch seinen vollen Glanz besaß. Der militärisch kurz gestutzte Schnurrbart trug viel zu dem Ausdruck offner Männlichkeit bei, welcher der ganzen Erscheinung aufgeprägt war. Sein Begleiter saß fast ganz im Schatten, so daß man die Züge seines auffallend bleichen Gesichts nicht genau erkennen konnte.

– Lassen wir diese Phantasten – sagte der Letztere – und erzählen Sie mir, wie der König die Nachricht von der beabsichtigten Demonstration aufnahm.

– Er war mehr davon alterirt, als es meiner Ansicht nach der Gegenstand verdient. Auf der andern Seite hat er den Excedenten mehr Rücksicht bewiesen, als zuträglich war. Ich fürchte, mein Prinz –

– Nennen Sie mich hier nicht so, Herr von M. Nun fahren Sie fort, was fürchten Sie?

– Ich fürchte, die halbe Maßregel, welche er anwendet, wird weder befriedigen noch entmuthigen, und daher erbittern und zur Aufregung beitragen. Hätte mir der König für das Gespräch, welches ich mit den »Führern« vorgestern in der Zeitungshalle hatte, plein pouvoir gegeben, so stände die Sache jetzt anders. Man muß, wenn man einem ungekannten Feinde gegenübersteht, seine Entschlüsse nach dem Eindruck des Augenblicks formiren. Und vollends diesem Feinde gegenüber war es ein Kinderspiel zu siegen. Soviel Untiefe, Taktlosigkeit – ja Knabenhaftigkeit habe ich nicht vermuthet. Werden Sie es glauben, daß sie nicht wußten, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollten?

Sie fühlen sich Alle geschmeichelt in dem Gedanken an die Wichtigkeit ihrer Person, die dadurch dokumentirt wurde, daß der Polizeipräsident in Höchsteigener Person und in voller Gallauniform zu ihnen kam, um zu unterhandeln; aber die Einen suchten ihrer Eitelkeit dadurch Luft zu machen, daß sie grob wurden, die Andern wurden im Gegentheil verwirrt und äußerst höflich gestimmt. Aber bei keinem Einzigen fand ich eine Spur von Selbstbeherrschung und wahrem Bewußtsein. Sie wollen politische Würde zeigen, und werden tölpelhaft, sie möchten den großmüthigen Feind spielen und machen sich lächerlich. – Wäre es nach meinem Sinne gegangen, so hätte man ihnen gewähren lassen. Die Kinder, wissen Sie, werden ja zuletzt jedes, auch des schönsten Spielzeugs überdrüssig.

Herr v. M. hatte, während er in dieser Weise von der seit einigen Tagen in der Stadt begonnenen Bewegung sprach, seinen Blick mit scheinbarer Unbefangenheit auf die edlen aber abgespannten Züge des Prinzen geheftet, als wollte er darin den Eindruck lesen, welchen seine Worte auf ihn hervorbringen würden. Aber der Prinz hatte wohl kaum darauf gehört; er blickte zerstreut in die auf- und abwogende Menge und schaute erst wieder auf, als jener schwieg.

– Und Sie glauben also – sagte er, seine Gedanken sammelnd – daß hinter dieser Demonstration nichts Tieferes steckt?

– Es ist möglich, daß geheime, hinter den Kulissen verborgene Kräfte die Drähte bewegen, welche diese Marionetten in Bewegung setzen, ja ich bin fast davon überzeugt. Auch habe ich über gewisse Personen sogar schon meine Vermuthungen. – –

Das rasch aufblickende Auge des Prinzen, der in diesem Augenblicke an den Chevalier dachte, begegnete dem forschenden Blicke des Polizeipräsidenten. Jeder bemerkte den Ausdruck in den Blicken des Andern. Nur der Prinz hatte eine richtige Ahnung von dem, was Herrn v. M. in diesem Moment beschäftigte, während dieser in Betreff des Prinzen auf ganz falscher Fährte sich befand.

– Verehrtester – sagte der Prinz mit ironischem Lächeln – welchen Preis würden Sie für die Entdeckung einer Verschwörung in optima forma zahlen?

– Königliche Hoheit – –

– Ich habe Sie schon einmal gebeten – unterbrach ihn ungeduldig der Prinz – auf mein Inkognito Rücksicht zu nehmen; viel zu oft schon für einen Polizeipräsidenten. Und nun einen freundschaftlichen Rath: Ich liebe die Spionage selbst vom Chef der Polizei nicht. Wenn Sie also einen Anspruch auf mein Vertrauen machen, so legen Sie mir gegenüber Ihr Polizeibewußtsein ab.

– Ihre Vermuthung beruht auf einem Irrthum – erwiederte lächelnd Herr v. M. Er lächelte immer, wo andere Menschen in Zorn oder in Verlegenheit gerathen wären – auf einem doppelten Irrthum. Wie, wenn mir aus ganz andern Gründen, als Sie vermuthen, daran gelegen wäre, zu erfahren – –

– Ob ich conspirire?

– Nein, das ist Nebensache; welcher Partei Sie eventuell angehören würden?

– Und welche Motive könnten dies etwa sein?

– Die – wenn ich so sagen darf – freundschaftlichsten.

– Also zum Exempel?

– Weil ich wünschte, daß wir über gewisse politische Herzensneigungen sympathisiren und –

Eventuell dafür conspiriren möchten?

– Eventuell, wenn's sein muß, diplomatisiren möchten.

– Wissen Sie denn nicht, daß es für einen Polizeichef schon gefährlich ist, wenn er überhaupt »politische Herzensneigungen« besitzt?

– Wenn er sie besitzt – nein; aber wenn er diesen Besitz gesteht – ja.

Doch wir beginnen bereits zu diplomatisiren, merke ich und ich wünschte, mit Ihnen in der That offen verkehren zu können.

Es lag eine nicht zu verkennende Herzlichkeit in dem Tone des Polizeipräsidenten, so daß der Prinz nicht umhin konnte, ihm die Hand zu reichen.

– Das können Sie – sagte er mit Wärme – indem er sich erhob.

Arm in Arm verließen sie als wirkliche Freunde den Saal, in dem die Vorlesung bereits begonnen hatte.

– – – – – – – – – – – – – – – –

Man wird sich erinnern, daß später Herr v. M. – wie man sagte, wegen zu großer Popularität seines Postens enthoben und auf – Reisen geschickt wurde.

– – – – – – – – – – – – – – – –

Als sie die Linden hinabschritten, machte Herr v. M. den Prinzen auf die große Menge der nach der Versammlung unter den Zelten hin Ausströmenden aufmerksam.

– Zwei Dritttheile von ihnen – sagte er – sind Neugierige, die mit demselben Interesse nach einer Menagerie wie nach einer Volksversammlung ziehen. Von dem übrig bleibenden Dritttheil derer, die aus wirklichem Interesse an der Sache theilnehmen, müssen wir mindestens ein neues Dritttheil Phantasten rechnen und ein anderes Dritttheil Unzufriedene aus Prinzip, oder Eigennützige, die aus Eitelkeit oder andern Motiven sich einen Namen erwerben wollen. Das letzte Dritttheil aber besteht aus Spionen und den wenigen ehrlichen und wirklich politischen Gebildeten. –

– Was ist Ihnen, Prinz? – wandte sich plötzlich Herr v. M. an diesen – Sie zittern. –

Die Lippen des Prinzen zuckten convulsivisch, aber es drang kein Laut aus Ihnen hervor. Er deutete nur auf einen elegant gekleideten Mann vor ihnen, der mit einer an seinem Arm dahinschreitenden Dame in lebhaftem Gespräch begriffen war.

Herr v. M. lächelte. Es ist der Chevalier St. Just – sagte er leise, wie zur Beruhigung des Prinzen.

– Ich weiß es – flüsterte dieser – und die Dame?

– Die Dame – erwiederte Herr v. M. mit Unbefangenheit – ist eine gute Freundin von mir.

Der Prinz athmete wieder auf: es war also nicht die Gräfin Bedford.

– Eine gute Freundin des Polizeipräsidenten – meinte der Prinz, welcher sich zur Gleichgültigkeit zwang – in der That, ich hätte nicht gedacht, daß sogar Sie das allgemeine Schicksal theilten, betrogen zu werden.

– Betrogen zu werden? – wie so? Weil meine gute Lucie mit dem Chevalier nach der Volksversammlung unter den Zelten geht? Wahrlich, Sie haben recht, ich wäre nicht werth, Polizeipräsident zu sein, wenn meine Geliebte es wagen dürfte, mich auf offner Straße zu compromittiren.

– Also wußten Sie um diesen Spaziergang?

– Er geschah auf meine ausdrückliche Bitte.

– Ah so. Der Zweck ist also ein Staatsgeheimniß?

– Im Gegentheil: es geschah in Ihrem Interesse.

– Sehr verbunden. Und Sie meinen, es wird Ihrer Freundin gelingen?

– Es ist bereits gelungen. Als wir sie passirten, hat sie mir den Stand der Dinge mitgetheilt.

– Sie hat uns ja nicht bemerkt – sagte der Prinz, dessen Erstaunen wuchs.

– Daß es Ihnen so schien, ist mir ein Beweis mehr für das Talent meiner Freundin. Doch ich vergaß, Sie zu fragen, ob Ihnen Baronin Alice über den Chevalier Mittheilungen gemacht?

– Ja, und wie mir dünkt, sehr wichtige. Erlauben Sie mir vorher eine Frage: Ist Ihnen der Name Gilbert bekannt?

– Gilbert? – Gilbert? sagte Herr v. M. mit bedächtigem Tone, als suche er in dem Schatze seiner polizeilichen Erinnerungen nach Etwas. – Ists mir doch, als hinge dieser Name mit einem gewissen Vorfall in Straßburg zusammen, der großes Aufsehen machte. Es handelte sich dabei um den Raub einer jungen Dame von hohem Adel, veranlaßt, wie man damals sagte, durch den Fürsten Lichninsky. Richtig, jetzt erinnere ich mich. Gilbert ist seit langer Zeit im Dienste des Fürsten und von diesem zu Mancherlei benutzt worden, zum Beispiel als Unterhändler bei der Herzogin Nagas und bei andern dergleichen Geschäften. Auch hier in Berlin hat er vor einigen Jahren eine Rolle gespielt. Er war es, welcher den famösen Perlhalsbandbetrug gegen die Solotänzerin Philippine durchführte, wegen dessen der Fürst von dem verstorbenen Könige aus Preußen verbannt wurde und nach Spanien ging.

Gilbert ist von Geburt ein Deutscher, aus Wien, wenn ich nicht irre. Aus unbekannten Ursachen, das Gericht sagt: aus unglücklicher Liebe, ging er nach Frankreich und nannte sich nach seiner Mutter, welche eine Französin war, Gilbert.

In Paris lernte er den Fürsten kennen, liirte und compromittirte sich mit ihm bei dem Straßburger Vorfall und wurde zu lebenslänglicher Galeerenarbeit verurtheilt. Er bewerkstelligte jedoch bald seine Flucht, trieb sich dann in Algier und Italien umher und kehrte unmittelbar vor der französischen Revolution nach Paris zurück. So weit reichen meine Berichte. Gestern ist mir dieser Name wieder hier in Berlin begegnet – bei welcher Gelegenheit, weiß ich mich nicht mehr zu entsinnen, – doch, der Gefangenwärter eines des Diebstahls verdächtigen Maschinenarbeiters aus der Borsigschen Fabrik, Namens Ralph – –

– Der völlig unschuldig ist – bemerkte der Prinz.

– Sie kennen ihn?

– Durch Alice.

– Hm!! – Also dieser Gefangenwärter zeigte mir an, daß Ralph einige Mal im Selbstgespräch mit drohendem Tone den Namen Gilbert ausgerufen.

– Ist der arme Mensch schon wieder frei?

– Nein. Zwar hat der Chevalier St. Just das Mißverständniß mit dem Goldstück aufgeklärt, doch habe ich höhern Orts Befehl erhalten, die Freilassung noch zu verschieben. Wie kommen Euer Königliche Hoheit jedoch auf Gilbert?

– Alice hat recht gehabt: er ist ein Verräther – sagte leise der Prinz, und fuhr dann fort:

Dieser Mensch scheint vom Schicksal bestimmt, mir überall, wo ich ihn finde, hindernd den Weg zu versperren, meine liebsten Wünsche zu vernichten. Zuerst trat er mir in Straßburg entgegen. Jenes Mädchen, es war nicht von hohem Adel, wie Sie sagten, aber ein Engel an Liebreiz und Unschuld – jenes Mädchen, das, nachdem sie den schändlichsten Verführungsversuchen und den niederträchtigsten Verläumdungen, welche auf meine Rechnung geschmiedet wurden, widerstanden, endlich durch eine teuflische List dem fürstlichen Wüstling in die Arme geführt wurde, war – meine Geliebte, und der Nichtswürdige, welcher das Bubenstück dem Fürsten ausführen half, war jener Gilbert, den wir bei der Gräfin Bedford unter der Maske des Chevalier St. Just kennen gelernt haben.

Herrn v. M. entfuhr ein Ausdruck des Erstaunens.

– Wo waren meine Augen – fuhr der Prinz in verbissener Wuth fort – daß ich den Elenden nicht gleich erkannte! Aber eine geheime Stimme sagte mir, daß ich ihn hassen müsse. Ich glaubte aber den Grund dieses Hasses in meiner Eifersucht rücksichtlich der Gräfin suchen zu müssen.

– Vortrefflich – sagte nach einer Pause Herr v. M. – der Vogel ist so gut wie gefangen. – Lassen Sie mich dafür sorgen.

Inzwischen waren sie bei den »Zelten« angelangt, wo bereits um die fast in der Mitte des Platzes stehende Tribüne eine große Menge Volks versammelt war. Die an den Pfeilern der Tribüne angebrachten Oellampen warfen ein trübes Licht über die Menge und auf die düstern Rumpfe der blattlosen Bäume des Thiergartens.

Das unheimliche Colorit der ganzen Scene wurde durch den herabrieselnden feinen Nebelregen noch mehr verdüstert.

Auf der Balustrade der Tribüne, den linken Arm um den Pfeiler geschlungen, stand ein junger Mann, welcher mit lauter, fast schreiender Stimme die an den König gerichtete Adresse verlas, welche nun, da der König die zur Ueberbringung derselben gewählte Deputation nicht empfangen wollte, auf anderm Wege an ihn abgesandt werden sollte. Man hatte die Stadtverordneten, welche ebenfalls eine Adresse vorbereitet hatten, ersucht, die von der Volksversammlung beschlossene der ihrigen beizulegen. Dies war abgeschlagen worden. Es traten Redner auf, welche für Wiederholung des Gesuchs um eine Audienz sprachen. Andere erklärten offen, man müsse für die Deputation eine Audienz erzwingen, und schlugen daher eine Ministerpetition vor. Wie gewöhnlich bei solchen Versammlungen ernteten auch hier die extremsten Redner den meisten Beifall.

Diese psychologische merkwürdige Thatsache läßt sich aus demselben Grunde erklären, der uns den Aufenthalt in warmen Zimmern desto angenehmer macht, je drohender draußen der Sturm tobt und der Regen die Fensterladen peitscht. Der Wanderer draußen hat natürlich einen andern Begriff davon. Es beruht dies nur auf »Ansichten.« Die Petition wurde also beschlossen. Gegen 12 Uhr trennte sich die Menge, und zog in großen Trupps singend und disputirend dem Thore zu.

– Welches Prognostikon stellen Sie dieser Bewegung? – fragte Herr v. M... den Prinzen, indem sie sich von dem Strome des Volks mitforttragen ließen.

– Ich muß gestehen, daß trotz des vielen Unpolitischen, Uebertriebenen und Abenteuerlichen in ihrer Begeisterung die Menge dennoch ein – wenn auch nur halbbewußtes – Bedürfniß ihrer politischen Rechte fühlt. Und dann liegt in der Macht, welche ein Gedanke, wie absurd er auch sonst sein mag, auf eine große Menge ausübt, sie wie ein Mann zu fühlen und zu denken zwingt, immer etwas Imposantes, selbst Ehrfurchtgebietendes für mich. Und Sie?

– Sie sind glücklich, sich so in die objektive Gegenwart vertiefen zu können. Ich habe denselben Eindruck gehabt wie Sie, aber es war kein erfreulicher. Ich denke mit bangem Herzen an die Ströme Blutes, welche dieser Enthusiasmus der Menge für eine politische Idee als Consequenz fordern wird.

– Sie sehen zu schwarz – mein Lieber. –

Herr v. M. lächelte. Ein Vorwurf, der mir in diesem Falle schmeichelhafter ist, als Sie denken. Denn es liegt darin die Anerkennung, daß das Polizeihandwerk mich nicht bornirt hat. Aber im Ernste: ich bin fest überzeugt, daß die Begeisterung des heutigen Abends das Signal zu einem Bürgerkriege sein wird, dessen Ende sehr zweifelhaft sein dürfte. Oder glauben Sie, daß das einmal erwachte Rechts- und Freiheitsbewußtsein des Volks sich eben so leicht wieder in Fesseln schlagen läßt, als es in den Fesseln zu halten war? Nein, nein! Gerade der Glaube an die Möglichkeit, oder doch an die Leichtigkeit einer solchen Wiederfesselung wird den Sieg zweifelhaft machen.

– Wie aber, wenn man an die Wiederfesselung nicht dächte, dem Strome seinen Lauf ließe, wie dann? So hätten wir eine Ueberschwemmung zu fürchten, nicht wahr?

– Nein, oder doch eine, welche nicht verheert, sondern befruchtet. Aber das sind Chimären, an deren Möglichkeit Sie im Ernste nicht denken können.

Der Prinz schwieg.

– Haltet ihn fest! Laßt ihn nicht los! Schlagt ihn todt, den Spion! – tönte es plötzlich im Rücken der beiden Dahinwandelnden. Eine gährende Bewegung fluthete durch die Menge. Man drängte, fluchte, stürzte durch einander, ohne in der Dunkelheit weder Freund noch Feind zu erkennen. Der Prinz trat mit seinem Begleiter aus dem betretenen Wege heraus zwischen die Bäume, um besser beobachten zu können. Das Geschrei und Getose kam näher. –

– Nach der Laterne! nach der Laterne! rief man plötzlich.

– Die Rasenden werden ihn ermorden – rief der Prinz, mitten in den Haufen springend. Kaum vermochte ihm sein Begleiter zu folgen, der ihm zurief, nicht unnütz sein Inkognito abzulegen. Herr v. M. kannte das Berliner Volk besser, er vermuthete ganz richtig, daß man nicht um ein blutiges Exempel zu statuiren, sondern einfach, um den Beschuldigten besser erkennen zu können, nach dem Lichte sich hindränge.

Als man bei einer Laterne angelangt war, die die Hauptgänge des Thiergartens, trotz ihrer enormen Entfernung von einander, die sie als bloße Irrlichter erscheinen läßt, zu erleuchten die Anmaßung haben, erblickte Herr v. M. einen alten Graukopf, welcher mit vor Zorn bebenden Lippen auf einen bleichen Menschen wies, den er mit der linken Hand beim Halstuch gefaßt hielt, während ein junger Mann sich alle erdenkliche Mühe zu geben schien, die Wuth des Alten zu beschwichtigen.

– Ins Dreiteufels Namen, Steiger – hörte Herr v. M., der sich dicht neben Letzterem befand, ihn dem Alten ins Ohr flüstern – wollt' ihr uns denn Alle ins Unglück stürzen? ... Das Weitere war nicht zu vernehmen, doch schienen die Worte ihre Wirkung auf den Zornigen nicht zu verfehlen. Er ließ das Halstuch fahren und packte den Angegriffenen beim Arm.

– Schlagt ihn todt, den Spion – ertönte es wieder aus der Menge, die um so lauter diesen Ton ertönen ließ, je weniger sie vom Vorgange bemerken konnte, als wolle sie sich dadurch für die Entbehrung des Schauspiels entschädigen.

– Was ist mit Ralph geschehen? – donnerte der alte Steiger. – Sprich Halunke?

– Was weiß ichs? – erwiederte trotzig der Angeredete, in welchem Herr v. M. jetzt den Chevalier erkannte. – Habt Ihr ihn mir zur Aufsicht übergeben?

Herr v. M.. dachte hier an den alten Spruch der Bibel: Soll ich meines Bruders Hüters sein? Aber er schwieg.

– Schon recht, Du willst nicht bekennen, weil ichs Dir nicht beweisen kann. Aber nimm Dich in Acht, Judas, ich werd's schon erfahren und dann werd' ich Dich schon auch zu finden wissen. Jetzt –

Herr v. M..., der den alten Steiger als ehrlichen, obgleich wunderlichen Menschen kannte, trat näher zu ihm heran und flüsterte ihm ins Ohr:

– Nehmt Euch vor unnützen Reden in Acht, Steiger, es könnte Euch schaden. Auch sorgt, daß der Kerl seines Wegs geht. Morgen, wenn Ihr Vormittags zu mir kommt, sollt Ihr Ralph sehen. Und nun macht dem Dinge ein Ende.

Verwundert drehte sich beim Ton dieser Stimme der Alte um, aber während er sprach, stand Herr v. M... im Schatten, und war gleich darauf im Dunkeln verschwunden.

– Schlagt ihn todt! erschallte es wieder aus der ungeduldig werdenden Menge.

– Ruhe, Ihr da hinten – brüllte Steiger. Man konnte jetzt das Fallen der vom Winter übriggelassenen Blätter hören. – Wir wollen ruhig nach Hause gehn, Kinder, so muß's sein. Es ist ein Irrthum gewesen mit dem Spion. Dummes Zeug, weiter nichts. Und nun kommt!

Während noch Steiger sprach, hatte Gilbert die Gelegenheit benutzt, und war still durch die Menge hindurch in den Wald geschlüpft. Erst als er mehrere hundert Schritte vom Schauplatz, der eben erzählten Begebenheit entfernt war, hielt er an und sah sich um. Er hörte noch die letzten Worte des alten Steiger herübertönen. Dann setzte die Menge ihren Weg zum Thore fort.

– Das Verderben über die Canaille – sagte er laut, und erhob drohend die Hand. Aber bald wird der Tag der Vergeltung kommen, und dann wehe Euch!

– Ja, der Tag der Vergeltung wird kommen – tönte eine Stimme hinter ihm.

Der Mond warf in diesem Augenblick einen matten Strahl zwischen den Bäumen hindurch. Gilbert erkannte des Prinzen bleiches Gesicht.

– Königliche Hoheit! Sie! – So spät in dieser Waldeinsamkeit. –

Der Prinz achtete auf den Spott in dem Tone Gilberts nicht, sondern blickte ihn stolz verächtlich an, und sagte, sich zur Ruhe zwingend:

– Was hat Dir Deine Heldenthat in Straßburg eingebracht, Seelenverkäufer! – Nicht von der Stelle, Elender. Mich gelüstet's, den Beichtiger an Dir zu spielen. –

Gilbert fühlte die kalten Läufe eines Doppelterzerols an seinen Schläfen. Er sank in die Kniee. –

– Wo ist sie geblieben? – donnerte der Prinz. – Was habt Ihr mit der Unglücklichen gemacht? sprich!

– Tödten Sie mich nicht, Prinz. Ich werde reden.

– Wo ist sie?

– Als die Herzogin hinter den Streich des Fürsten kam, verlangte sie ihre Auslieferung, als Geißel, wie sie sich ausdrückte. – Der Fürst gehorchte, wahrscheinlich war er auch schon ihrer überdrüßig.

– Und die Herzogin?

– Darüber weiß ich nichts Bestimmtes. Der Fürst sprach nicht gern davon. Doch habe ich zufällig gehört, daß –

– Nun?

– Daß die Herzogin den Ausdruck »Geißel« wörtlich genommen, das arme Mädchen, auf einer ihrer »Herrschaften« eingesperrt, und mit Ruthen gegeißelt habe, um sie für ihren künftigen Beruf vorzubereiten.

– O Himmel! – rief der Fürst aus, indem er das Gesicht mit den Händen bedeckte. – Weiter!

– Nachher soll sie sie in ein böhmisches Kloster geschickt haben.

– Genug! – Und Elend, Schmach, Verzweiflung haben die Aermste nicht getödtet?

Gilbert schwieg.

– Geh' von mir! Ich will meine Hände nicht mit Deinem Schurkenblut besudeln. –

– Zum Danke – sagte höhnisch Gilbert – will ich Ihnen eine Nachricht geben, die Sie erfreuen wird: Morgen kommt der Fürst Lichninsky nach Berlin.

Mit diesen Worten war er verschwunden.

Der Prinz aber setzte sich auf einen verdorrten Baumstamm – und weinte.

– – – – – – – – – – – – – – – –

Als der alte Steiger am Arm seines Freundes Hartwig das Brandenburger Thor passirte, erblickten sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen den »Pariser Platz« mit Dragonern besetzt. Verrath fürchtend, wollten sie wieder zurück, da traten ihnen zwei Jäger mit vorgestreckten Karabinern entgegen. Auf den Pistons blitzten wie Johanniswürmchen die rothen Zündhütchen im Mondenschein.

– Zurück hier! – herrschte man den harmlosen Arbeitern entgegen. Die Hähne knackten. Steiger und Hartwig traten verdutzt einen Schritt zurück und wußten nicht, nach welcher Seite sie sich wenden sollten. Hatte man ihnen eine Mausfalle gestellt? – Eine Droschke fuhr eben zum Thore herein und hielt in ihrer Nähe.

– Geht nach Hause, Kinder, und fürchtet nichts – tönte aus der Droschke eine Stimme, welche Steiger heute schon einmal gehört. Rasch trat er an den Schlag, um Aufklärung über diese drohende Maßregel zu gewinnen. Aber er erblickte nichts, als einen Herrn mit einer Dame; im nächsten Augenblicke wollte der Wagen schon fort.

Es war Herr von M. und seine Freundin Lucie.

– – – – – – – – – – – – – – – –

– Wir erleben noch was in der andern Woche – sagte bedenklich der alte Steiger, als er mit seinem Freunde Hartwig die vier Treppen zu ihrem gemeinschaftlichen Schlafgemach hinanstieg. – Was sollte das heute mit den Weiß- und Grauröcken bedeuten? – –

– Gut; sie fangen an, uns zu fürchten. Wißt Ihr wohl, Steiger, daß ich mich heute mit einem Gefühl – na, wie soll ich sagen, mit 'nem Gefühl von Stolz auf's Stroh lege.

– Narrheiten sind's, mein Junge, damit holla! Aber denk daran heute über 8 Tage, wenn Du noch daran denken kannst, es wird blutige Köpfe setzen, passe auf! Damit legten sie sich zu Bett. Der alte Steiger war ein Prophet. 8 Tage später um diese Zeit hatte der »stolz gewordene« Hartwig die Worte des »alten Vaters« Steiger bereits vergessen. – Eine Kartätschenkugel hatte ihm den Kopf und damit auch das Gedächtniß weg gerissen. –



VII


– Herr Präsident, es ist eine Dame draußen, die Sie zu sprechen wünscht.

– Bekannt? – fragte Herr v. M. den diensthabenden Polizeidiener.

– Nein.

– Führen Sie sie in mein Privatzimmer. Ich werde sogleich erscheinen.

Herr v. M. war nicht neugierig, aber eine innere Stimme sagte, daß dieser Besuch für ihn von Interesse sei. Er beendete rasch, was ihm eben vorlag, und eilte durch das Entree in sein Privatzimmer.

– Ei sieh da, schöne Frau; wie komme ich zu dieser Ehre?

– Nicht wahr, Herr Präsident – erwiederte Alice lächelnd – Sie wollen sagen, der umgekehrte Fall sei passender?

– Allerdings wäre es längst meine Pflicht gewesen, Ihnen meinen Besuch abzustatten. Indeß – –

– Ach, Herr v. M., Sie wollen mir ausweichen, doch mag es drum sein.

Was mich zu Ihnen führt? Eine Bitte, unterstützt von Ihrem Freunde –

– Meinem Freunde? Ich wüßte nicht, daß ich Freunde hätte, welche dritte Personen, und wären es selbst so schöne Frauen wie Sie, in das Geheimniß dieser Freundschaft einzuweihen sich veranlaßt fühlen könnten. Also dieser Freund –

– Ist der Prinz A... – sagte Alice, ihn ruhig fixirend. – Oder sollte ich mich irren?

– Und die Bitte? – fragte Herr v. M., einer Antwort ausweichend, obschon er fast versucht war, den Prinzen für seine Indiskretion durch Desavouirung dieser Freundschaft zu bestrafen. Er lieferte damit den Beweis, daß selbst der feinste Menschenkenner, und das war sicherlich Herr v. M., in seinem Urtheile sofort unsicher wird, wenn seine eigene Persönlichkeit dabei ins Spiel kommt. Hätte die Sache nicht ihn, sondern eine dritte Person betroffen, so würde er den Prinzen nicht der Indiskretion verdächtigt, sondern sich des alten Satzes erinnert haben, daß ein Weib in Ton und Blick Geheimnisse erkennt, welche der Mund verschweigt.

– Mich auf eine halbe Stunde zu dem Arbeiter Ralph ins Gefängniß zu lassen.

– Das wird nicht angehen. –

– Haben Sie es doch dem alten Steiger versprochen. –

– Auch das wissen Sie? – Das war etwas Anderes, es sind Cameraden.

– Mit einem Worte, Sie wollen nicht?

– Ich kann nicht. Sie wissen ganz wohl, daß die Polizeispione auf nichts mehr ihr Augenmerk richten, als auf den Chef der Polizei. Der Gefangenwärter würde mich verrathen.

– Aber nicht der Castellan, nicht wahr? – Wieder blickte Alice den Präsidenten fragend an. Herr von M. versuchte zu lächeln. – Eine Zeile von Ihnen an den Castellan der Hausvoigtei genügt.

– Wohlan, es sei! sagte der Präsident nach einigem Bedenken.

– Ich danke Ihnen, und werde Ihre Freundlichkeit zu vergelten wissen.

– Ich nehme Sie beim Worte. Wollen Sie mir eine Frage mit Aufrichtigkeit beantworten?

– Jedem Andern würde ich unbedenklich mit »Ja« antworten. Ihnen gegenüber kann ich nicht anders sagen, als: »Je nach dem.«

– Wie stehen Sie mit dem Chevalier St. Just?

– Mit Gilbert, wollen Sie sagen.

– Auch das wissen Sie?

– Durch mich weiß es der Prinz, durch diesen Sie. – Wie ich mit ihm stehe? Er glaubt, ich kenne ihn so wenig wie die Andern, aber er täuscht sich. Ihn kennen und verachten aber ist Eins. Dennoch sind wir einander nicht gleichgültig.

– Also doch!

– Wir haben Interesse an einander, obwohl ein verschiedenes. Er fürchtet mich und ich hasse ihn; das ist Alles.

– Es ist ein gefährlicher Mensch.

– Auch für Sie.

– Warum?

– Weil er im Solde einer Partei steht, die Sie einst stürzen wird, wenn sie nicht selbst vorher gestürzt wird.

– Und welcher von beiden Fällen ist der wahrscheinlichere?

Alice zuckte die Achseln und blickte zum Fenster hinaus.

– Darf ich Ihnen einen gutgemeinten Rath geben, Herr Polizeipräsident?

– Wenn Sie nicht die Bedingung daran knüpfen, daß ich ihn befolgen soll, ja.

– Sie werden ihn befolgen, denn er giebt Ihnen den einzig denkbaren Weg an, zwischen der Scylla und Charybdis hindurch zu schiffen, ohne –

– Drücken Sie sich ohne Allegorien aus.

– Ich meine, daß Sie damit die beiden Extreme der entschiedenen Demokratie und der entschiedenen Reaktion am sichersten vermeiden, und sich folglich »möglich« erhalten können.

– Ich bin begierig, diese Kunst zu lernen.

– Jetzt mögen Sie spotten, erwiederte Alice, über die stereotype Ironie in des Präsidenten Tone gereizt – nach einigen Tagen werden Sie mir danken. Mein Rath ist: Vermeiden Sie den Schein, als wollten Sie sich populär machen; noch vielmehr aber vermeiden Sie, in den Ruf der Unpopularität zu kommen. Das Erstere wäre eine Schwäche, das Zweite eine Unvorsichtigkeit. Beides aber führt seine besondern Gefahren mit sich. Praktisch gefaßt würde mein Rath lauten:

Mischen Sie die Polizei oder wenigstens Ihre eigene Person so wenig wie möglich in die zwischen Volk und Militär ausgebrochenen Konflikte – das Alles sind nur die Präliminarien einer größern Entscheidung. Wenn diese kommt, und daß sie kommen wird, wissen Sie so gut wie ich, dann ist der Augenblick für Sie gekommen, zu handeln, das heißt: zu vermitteln. Denn, Herr v. M., ein kluger Mann, der auf die Zukunft spekulirt, sucht nie eher zu vermitteln, als bis die Vermittelung unmöglich geworden. Wem dann auch der Sieg zufällt, sein sind die Früchte.

Herr v. M. war nachdenklich geworden. Er fühlte die Wahrheit in den Worten Alicens, aber er mißtrauete ihren Motiven.

– Und warum sagen Sie mir dies Alles? – fragte er.

– Aus zwei Gründen: Weil ich Sie achte und weil ich für »uns« den Kampf nicht erschweren möchte.

Herr v. M. verbeugte sich lächelnd, ohne eine Antwort zu geben.

Als auch Alice schwieg, sagte er, sie verlassend: – Verziehen Sie einen Augenblick, ich werde Ihnen das versprochene Billet an den Castellan schreiben – –

Als Alice sich empfahl, begleitete Herr v. M. sie bis an die Treppe. Unten angekommen, nahm sie eine Droschke und fuhr nach dem Frankfurter Eisenbahnhofe. Als Alice dort ausstieg, bemerkte sie noch eine zweite Droschke, die dicht hinter der ihrigen gekommen sein mußte. Absichtlich merkte sie nicht darauf, sondern stieg schnell die Stufen des Perrons hinan und trat ein. Da erst wandte sie sich um und sah, wie eine Dame ebenfalls die andere Droschke verließ.

– Lucie – sagte sie spöttischen Tons. – O, Herr v. M., diese Beleidigung sollen sie mir büßen. Wenn Sie mir einen Spion nachsenden wollen, so müssen Sie einen geschickteren wählen.

Ein langgezogenes Pfeifen kündigte ihr die Annäherung des Breslauer Zuges an.

Alice eilte, ohne auf Lucie zu achten, auf einen Waggon erster Klasse zu und rief freudig: Felix!

Dann, über die Zudringlichkeit Luciens empört, sagte sie, – hier, lieber Felix – habe ich das Vergnügen, Dir die Freundin unseres Polizeipräsidenten vorzustellen. Grüßen Sie Herrn v. M. freundlichst – und sagen Sie ihm, er hätte Ihnen den Weg hierher ersparen können, da ich es jedenfalls für meine Pflicht gehalten hätte, ihn dem Fürsten Lichninsky vorzustellen.

Mit diesen Worten ließ sie die verschmitzte Freundin des Präsidenten stehen und eilte mit dem Fürsten nach seinem Hotel. Unterwegs theilte er ihr die Nachricht von der glücklich beendeten Revolution in Wien mit.

– Meine Akademiker haben wie Löwen gekämpft. Sobald der Sieg des Volkes entschieden und seine Friedensbedingungen angenommen, bestieg ich, da die Eisenbahn noch nicht zu benutzen war, meinen Renner, nahm in der nächsten Stadt Kurierpferde und war schon am andern Tage in Breslau.

Unmöglich kann vor mir schon die Nachricht angelangt sein, wenn die Regierung nicht auf telegraphischem Wege davon in Kenntniß gesetzt ist. Aber auch das glaube ich nicht, da alle öffentlichen Gebäude vom Volke besetzt waren. Laß uns die Zeit benutzen. Vorgestern war die Wiener Revolution, übermorgen muß die Berliner vollendet sein.

– Einer unserer einflußreichsten Volksführer sitzt im Gefängniß.

– Wer ist's?

– Ralph. Ich glaube, Felix, daß Gilbert ein Verräther ist.

– Das wäre des Teufels! Hast Du Beweise?

– Vorläufig nur Vermuthungen. Doch ich werde noch heute klar sehen.

– Was macht Lydia? – fragte der Fürst.

Alice schüttelte lächelnd den Kopf.

– Du bist eifersüchtig, Alice?

– Nichts weniger. Aber was soll die Frage? Du weißt, daß ich das Mädchen wie meine Tochter liebe und nie zugeben würde – –

– Beruhige Dich. Ich fragte aus reinem Interesse. Doch wenn Du es nicht wünschest, sprechen wir nicht davon.

Die Equipage hielt am Hotel. Sie stiegen aus.

– Jetzt lasse Dich erst herzlich umarmen, Geliebte – sagte der Fürst, als sie auf seinem Zimmer angelangt waren.

Alice duldete seine Umarmung schweigend, fast seufzend. Sie dachte an den armen Ralph. Es erschien ihr wie ein Verbrechen gegen den Gefangenen, daß sie sich den Liebkosungen des Fürsten überließ, während sie jenem, wenn nicht Hülfe, so doch Trost hätte bringen müssen.

– Wie? Du willst mich schon verlassen, Alice?

– Ich habe ein nicht aufschiebbares Geschäft abzumachen. Doch heute Abend werde ich Dich zu einem politischen Spaziergange abholen.

– Horch, das war ein Schuß – rief plötzlich der Fürst – noch einer. –

– In der That – sagte Alice ruhig – doch das ist jetzt in Berlin nichts Ungewöhnliches mehr. Die armen Soldaten thun mir am meisten dabei leid; seit 8 Tagen müssen sie Tag und Nacht gewärtig sein, ihre Kasernen zu verlassen und gegen das Volk zu marschiren. So häuft sich auf beiden Seiten die Erbitterung an, bis eine allgemeine Explosion stattfindet. Doch ich will eilen. Auf heute Abend also.

Der Fürst war, nachdem Alice ihn verlassen, nachdenklich geworden. Ihr kalter Empfang, ihr schnelles Forteilen erregte seine Besorgniß. Auch brachte seine einmal durch die Furcht aufgeregte Phantasie damit die kurze Scene auf dem Eisenbahnperron in Verbindung, deren er sich jedoch nur noch dunkel erinnerte. Doch war er sicher, den Namen des Polizeipräsidenten dabei gehört zu haben. Was sollte dieser im Munde Alicens? Eine unheilvolle Ahnung durchblitzte seine Seele – er sprang auf und eilte hinaus. Denn er war jetzt fest überzeugt, daß man sich seiner bemächtigen wolle.

Der Fürst war im weitesten Sinne des Worts ein Phantast. Das Thatsächliche und Reale ließ ihn kalt, die Möglichkeiten mit ihrer unbeschränkten Zaubermacht erwärmten ihn! Wie sehr ihn daher auch die Gegenwart mit ihren Bedürfnissen zur Ironie stimmen konnte, wie rücksichtslos er gegenwärtigen Personen und Gefahren gegenüber sich verhalten konnte, so sank sein Muth und seine Besonnenheit in Nichts zusammen vor einem Phantom, das er sich selbst geschaffen. Der Schein dessen Hoherpriester er war, rächte sich an ihm dadurch, daß er die Macht der Wirklichkeit gegen ihn ausübte; eine Macht, die durch die Unbegränztheit, welche Alles, was nur möglich ist, mit den Chicanen des Unbegreiflichen umkleidet, zur Allmacht werden muß für Jeden, der sich von der Wirklichkeit losgesagt hat.

Die bloße Möglichkeit, Alice könnte ihn verrathen, nahm sofort für ihn den Schein der Wirklichkeit an, und trieb ihn, den eingebildeten, aber desto schrecklicheren Gefahren zu entfliehen. Erst als er sich plötzlich, ohne zu wissen, wie er dahin gekommen, im Thiergarten befand, kehrte seine Besonnenheit zurück. In Gedanken versunken wandelte er vor sich hin, als er seinen Namen nennen hörte. Es war Gilbert.

– Gut, daß ich Sie treffe – sagte der Fürst – was haben wir für Aussichten?

– Schlechte bis jetzt – antwortete jener und begann, dem Fürsten Bericht über seine Thätigkeit zu erstatten.

– Wie kommts, daß Ralph im Gefängniß sitzt? Man sagt, Sie seien Schuld daran.

Man sagt? Wer sagt das, mein Fürst? –

– Gleichviel – ich hab's gehört und, wie ich glaube, aus guter Quelle.

Gilbert wußte, daß der Fürst seine alten Verbindungen mit dem preußischen Gouvernement nicht aufgegeben. Er war deshalb in Zweifel, ob er die Wahrheit sagen müsse. Denn er war es allerdings gewesen, welcher der Regierung einen Wink über Ralphs Thätigkeit gegeben, um sich diesen gefährlichen Aufpasser von der Seite zu schaffen.

– Ralph ist ein aufbrausender, leidenschaftlicher Mensch, der Alles verderben könnte – sagte er einleitend. – Außerdem glaubte ich zu bemerken, daß ein Einverständniß zwischen ihm und Alice existire, welches zu manchen Gedanken Veranlassung geben konnte.

Gilbert wußte von der Verbindung des Fürsten mit Alicen Nichts; es konnte ihm daher auch nicht einfallen, mit jener Andeutung auf die Eifersucht desselben spekuliren zu wollen. Es war ein glücklicher Wurf, den er von Ungefähr that und er gelang über Erwarten. Als er des Fürsten Bewegung bei diesen Worten sah, erzählte er ihm zum Beweise, wie Alice durch Ralphs Schwester die frühere Verbindung mit diesem wieder angeknüpft hatte, schilderte den Zorn Alicens über seine Gefangenschaft und den Versuch derselben, ihn im Gefängniß zu besuchen. Das Letztere hatte er kürzlich durch Lucie erfahren.

– In diesem Augenblicke, schloß er seine Rede, befindet sie sich noch bei ihm. Hatte ich also nicht Ursache, aufmerksam zu sein? Ich weiß, Durchlaucht, daß es Viele giebt, welche mich bei Ihnen zu verläumden versuchen werden.

– Fürchten Sie nichts, Gilbert. Ich sehe klarer, als Sie glauben. – Das also war das wichtige Geschäft, was nicht aufzuschieben war. Er mußte Gewißheit über alles dies haben, nicht nur über die Stellung Alicens zu ihm, sondern auch über sein Verhältniß zur ganzen Partei, der er bisher – allerdings aus Privatrücksichten gedient hatte.

Er war – wie alle Phantasiemenschen – von Natur Oppositionsmann, weil die Opposition die Politik der Möglichkeiten, die Diplomatie der Zukunft ist. Aber wenn diese Zukunft nicht seine Zukunft war, wenn er nicht im Stande war, diese Möglichkeit zu seiner Wirklichkeit zu machen, so hörte seine Opposition auf, denn er gönnte Niemandem die Früchte dieser Opposition als sich selbst. Er war ein Feind der Legitimität, weil diese Legitimität seinem Ehrgeiz Schranken setzte, aber er wurde zum wärmsten Freunde derselben, wenn auf ihren Trümmern nicht er und seine Diktatur, sondern die wahre Feindin der Legitimität, die Diktatur des Volks sich erheben sollte. Seine politische Gesinnung war eine rein persönliche. Noch glaubte er, daß es Zeit sei, sich zu entscheiden, da er noch in keiner Weise compromittirt war, weder nach der einen, noch nach der andern Seite hin. Die Entscheidung aber hing von der Ueberzeugung ab, die er über Alicens Pläne sich verschaffen mußte.

Er begab sich deshalb direkt nach Alicens Woh nung. Es war indeß Abend geworden. Wie in den letzten Tagen, so zogen auch heute zahlreiche Arbeiterschaaren die Straßen hinab, welche theilweise mit Militair gesperrt waren. Alles drängte nach dem Schloßplatz zu. Der Fürst, welcher das Schicksal der meisten Spaziergänger getheilt hatte, nämlich mit fortgerissen zu werden, gewann endlich am Schlosse Gelegenheit, sich aus dem Strudel des Volks herauszuarbeiten und in das »Volpische Caffeehaus« zu flüchten. Von hier aus konnte er den Schauplatz übersehen. Die Menge hatte sich um den großen Candelaber in der Mitte des Platzes versammelt und verhielt sich dem äußern Anschein nach völlig ruhig. Da rückte Infanterie von der breiten Straße her und säuberte den Platz; das heißt: die Menge stob auseinander, um an einem andern Orte wieder zusammenzufließen. Das Spiel dauerte einige Zeit hindurch, ohne daß es zu einem ernsthaften Conflikt kam. Da sprengten plötzlich vom Lustgarten Cürassiere und Dragoner auf den Platz, dessen Ausgänge nunmehr von allen Seiten besetzt waren. Die Helme und die breiten Brustpranzer der Cürassiere funkelten im Schein des Mondes, welcher sein volles Licht auf den Schauplatz ausgoß. Jetzt, da die Aufforderung, den Platz zu räumen, eine Ironie geworden war, da ihr zu folgen eine Unmöglichkeit geworden, sprengten die Cürassiere in die Menge und hieben wüthend auf die Wehrlosen ein. – – – Ein Schrei des Unwillens entfuhr den in dem Caffeehause anwesenden Gästen, welche sich an die Fenster gedrängt hatten. Der Fürst stürmte hinab, fand aber die Hausthür verschlossen. Unter den Colonaden der Stechbahn rannten einzelne Versprengte hin und wieder, vergeblich einen Ausweg suchend. Die elenden Bourgeois hatten alle Thüren gesperrt, weil sie die Eindringlinge lieber den Säbeln der Cürassiere Preis geben, als ihnen eine Zufluchtsstätte gewähren wollten.

Nur der ernsten Haltung des Fürsten, welcher darin von fast sämmtlichen Gästen unterstützt wurde, gelang es endlich, den Besitzer des Caffeehauses zum Oeffnen der Thüren zu bewegen. Er eilte die Colonaden herab und stieß an ihrer Mündung sogleich auf eine Abtheilung Infanterie.

– Zurück! – tönte es ihm entgegen.

– Ich melde mich als Gefangener und wünsche sofort zum commandirenden Offizier geführt zu werden. Dies geschah. Als er von diesem erkannt, wurde er sofort unter vielen Entschuldigungen frei gelassen. –

– Nicht also, mein Herr – entgegnete der Fürst – ich werde die Freilassung ohne Weiteres nicht annehmen. Wer hat Ihnen das Recht gegeben, eine solche Hetzerei gegen waffenlose, harmlose Menschen, zu organisiren?

Der Officier zuckte die Achseln. – Wir haben nichts zu thun, als unserer Instruktion zu folgen. Die Verantwortung möge der übernehmen, der die Instruktionen erläßt.

– Und wer ist das?

– Der General von P.

– Ich verlange, ihn zu sprechen.

– Das wird nicht gehen – sagte mit neuem Achselzucken der Officier. Er ist bei Sr. Majestät dem Könige.

– Dann werde ich das Schicksal jener Unglücklichen theilen.

– Auch das darf ich nicht zugeben. Dort hinaus können Sie; hinein in den Kreis kann ich Sie nicht wieder lassen.

Der Fürst mußte sich in sein Schicksal ergeben. Jetzt eilte er zu Alicen. Doch auch hier fand er das Haus verschlossen. So mußte er nach seinem Hotel zurückkehren.

Träumerisch schritt er die Linden hinab, die fast menschenleer waren. Nur einzelne starke Patrouillen zogen mit einförmigem Schritt auf den Trottoirs auf und nieder.

– Es fragte eine Dame nach Ihnen – sagte der Portier des Hotels, und übergab mir dies Kästchen für Eure Durchlaucht.

Es wird Alice gewesen sein – sagte der Fürst zerstreut, das Kästchen zu sich steckend.

Auf seinem Zimmer angekommen, warf er sich erschöpft aufs Sopha, sich seinen trüben Gedanken überlassend. Er ahnte, daß eine napoleonsche Kraft dazu gehöre, der Ereignisse, die man selber hervorzurufen die Macht hatte, Meister zu bleiben. Der Fürst war zwar eitel genug, sich einen Napoleon im Kleinen zu dünken, aber er erinnerte sich, daß auch Napoleon auf einer kleinen wüsten Insel an den Küsten Afrikas seine Tage geendet – und seufzte. Unwillkührlich richteten sich seine Blicke auf die Vergangenheit; er dachte an seine abenteuerlichen Reisen in Frankreich – in Spanien. Ein leises Frösteln durchzuckte seinen Körper, als er an Spanien dachte. Mechanisch griff er nach dem Tische, da fühlte er etwas Hartes, es war das Kästchen. Er erbleichte. Aber im nächsten Augenblick schon lächelte er über die Gedanken, die eben in ihm aufgestiegen.

Er öffnete es – – diesmal lächelte er nicht mehr. Ein Medaillon, welches ein Miniaturbild enthielt, das seine Züge trug, glänzte ihm entgegen.

Sie ists – stammelte er – sie ist in meiner Nähe, sie athmet dieselbe Luft mit mir. Wohlan, ich bin gerüstet. Mag sie kommen! – – – –

Dies Weib ist ein Dämon, der sich an meine Fersen klammert! – Was will sie noch weiter von mir?

– Dein Herzblut, Verräther! – tönte eine Stimme hinter ihm.

Der Fürst drehte sich um. Ines, einen blinkenden Dolch in der Hand, stand vor ihm. Besinnungslos stürzte er zu Boden. So verharrte sie einige Minuten in ihrer drohenden Stellung, als erwarte sie das Wiedererwachen des Fürsten. Dann schritt sie auf den Tisch zu, ergriff eines der Lichter und leuchtete dem Ohnmächtigen ins Gesicht. Das Licht zitterte in ihrer Hand. Sie setzte es auf die Erde nieder, knieete vor dem Fürsten hin und senkte den Kopf auf ihre Brust herab. Nur ein krampfhaftes inneres Schluchzen kündete den Kampf an, der in ihr vorgehen mochte. Dann richtete sich ihr Haupt in die Höhe. Zwei große Thränen standen in ihren Augen.

– Er ist schön wie ehemals, als ich ihn in dem blühenden Thale Valencias zum ersten Male sah. Ich kann ihn nicht tödten. Aber ewig soll er vor mir zittern.

Sie drückte einen Kuß auf die kalte, bleiche Stirn und erhob sich.

Als der Fürst die Augen aufschlug, war Ines verschwunden. Schon war er versucht, das Ganze für einen Traum zu halten, aber das Medaillon zu seinen Füßen und der Dolch, welcher neben seinem Herzen auf dem Boden lag, bewies ihm, daß er nicht geträumt hatte.



VIII


– Die Tia bleibt lange – sagte Salvador, von Alicen sprechend. Er saß auf einer Fußbank nicht weit von Lydias gewöhnlichem Platz, und hielt seine alte Zither im Arm.

– Wird Dir schon die Zeit lang, Kind? – fragte schwermüthig lächelnd Lydia, von ihrer Arbeit zu ihm niederblickend.

– Ich bin kein Kind mehr, Donna – sagte mit zusammengezogenen Brauen der Knabe – und habe keine Langeweile. Ihr wißt recht gut, daß ich am liebsten zu Euren Füßen sitze und Euch meine spanischen Lieder singe.

– Nun, so spiel' und singe doch!

– Nein – sagte Salvador kurz.

– Warum nicht?

– Weil's Euch traurig macht, und mich auch.

– Nun, dann erzähle mir Etwas.

– Gut, ich werde Euch Etwas erzählen. – Salvador rückte seine Bank näher zu Lydia heran und begann nach seiner Weise, wie er es früher bei seiner Mutter gethan, zu erzählen, von den duftigen Thälern und grünen Bergen seiner Heimath. Voll kindlicher Einfalt blickte sein Auge zu Lydia empor, als sähe er in das seiner Mutter. Und Lydia selbst fühlte sich wunderbar bewegt von dem Wesen des Knaben. Seine Erzählung bestand meist nur in einfachen Beschreibungen und Erinnerungen aus seiner Kindheit, aber die eigenthümliche Mischung von Sanftheit und Starrheit, von fast weiblicher Milde und männlichem Trotz, die in dem Ton seiner Stimme und in dem Glanz seines großen schwarzen Auges lag, übte einen Zauber auf das ideale Gemüth Lydias aus, dem sie nicht widerstehen konnte. Ihre Hände sanken unthätig in den Schooß herab und ihr Auge senkte sich tief in das des Knaben.

Salvador hatte aus dem ihm angeborenen feinen Takt vermieden, viel von seiner Mutter zu sprechen, obgleich, wenn er zufällig nur ihren Namen erwähnte, sein Gesicht jedesmal hell aufleuchtete. Lydia war jene Zurückhaltung nicht aufgefallen. Sie glaubte ihm eine Freude zu machen, wenn sie ihn bäte, von ihr zu erzählen.

– Du hast Deine Mutter wohl sehr lieb?

Des Knaben Auge funkelte bei dieser Frage, aber er antwortete nicht.

– Oder hast Du Deinen Vater lieber?

Lydia sah an der Blässe, welche bei diesem Worte plötzlich Salvadors Gesicht überzog, daß sie eine unglückliche Frage gethan.

– Ich habe keinen Vater gehabt – sagte finster der Knabe.

– Du willst sagen: Du hast Deinen Vater nicht gekannt. Er ist so früh gestorben, nicht wahr?

– Nein, ich kenne ihn sehr wohl, und werde ihn nie vergessen.

Lydia begriff dies Räthsel nicht, aber sie schwieg, weil sie sah, daß dies Gespräch den Knaben aufregte. Salvador ließ seinen Kopf sinken und schien eingeschlafen zu sein, denn er antwortete Lydia nicht, als sie ihn bat, ihr etwas vom Tische zu reichen. Aber sie erstaunte, als sie den Knaben leise schluchzen hörte.

– Was fehlt Dir, Salvador? fragte sie besorgt, ihre Hand auf seinen Kopf legend. Da warf sich der arme Junge, von dem Schmerz seines Schicksals zerdrückt, zu ihren Füßen, umklammerte ihre Kniee und brach in lautes Weinen aus. Und Lydia, den Schmerz des Knaben ahnend und dadurch ihm sich verwandt fühlend, hob ihn auf, legte seinen Kopf in ihren Schooß und weinte mit.

Es ist bekannt, daß nichts mehr tröstet, als den Wiederschein unseres Leidens in den Thränen eines Leidensgenossen zu sehen. Alle möglichen freundlichen Worte hätte Lydia an Salvador verschwenden können, sie würden nicht vermocht haben, ihn zu trösten. Aber als er die erste Thräne in ihrem Auge sah, wurde er ruhiger; zuletzt kam sogar eine solche Freudigkeit über ihn, daß er Lydia zu trösten versuchte.

– Jetzt müßt Ihr nicht mehr weinen, Donna, sagte er schmeichelnd. – Und nun will ich Euch auch von meiner Mutter erzählen. Seht, als ich noch klein, recht klein war, da nahm mich meine Mutter auf den Schooß und sagte zu mir: Salvador, morgen wird Dein Vater kommen, da mußt Du Dich recht sehr freuen und artig sein. Ich klatschte in die Hände und plapperte in einem fort: der Vater wird kommen, der Vater wird kommen! bis er endlich da war. Das kam aber so. Am andern Morgen ganz früh, ehe die Sonne aufging, nahm mich die Mutter aus dem Bett und zog mir mein Festtagskleidchen von schwarzem Sammet an, schlang mir den spiegelblanken Gürtel von Stahl um den Leib und setzte mir ein Barett auf, an dem zwei prächtige rothe Federn auf und ab wogten. Auch die Mutter war schön geputzt. Dann nahm sie mich an der Hand und so wanderten wir den Bergen zu, von denen man die Sonne über dem weiten blauen Meer aufgehen sehen kann. Ich wurde müde, da trug mich die gute Mutter bis zur Spitze des Berges hinauf, und wir setzten uns nieder und schaueten in das Meer hinab. So saßen wir eine lange Zeit, da sprang die Mutter auf und rief: »Salvador, Dein Vater kommt!« Ich sah aber nichts. Da hob mich die Mutter in die Höhe und zeigte nach dem Hohlwege, der zwischen den großen Bergen durchführt. Da sah ich einen Reiter, der langsam um den Berg ritt. »Das ist Dein Vater, Salvador« – sagte wieder die Mutter. Ihr Herz klopfte ungestüm, ich fühlte es pochen, als sie mich in den Armen hielt. So erwarteten wir den Vater. Und als er den Berg herauf war und uns erblickte, sprang er vom Pferde, eilte auf uns zu – breitete seine Arme aus und rief: »Ines!« Als die Mutter diesen Namen hörte, sprang sie in die Höhe und fiel mit dem Ausruf: »Felix, mein Felix!« dem Vater in die geöffneten Arme.

– Felix hieß Dein Vater? – fragte Lydia, die sich an der kindlichen Darstellung des Knaben ergötzte – das ist kein spanischer Name.

– Mein Vater ist aus Eurem Lande, Donna, er ist ein Deutscher – erwiederte Salvador und fuhr dann fort:

Darauf nahm mich die Mutter bei der Hand und sagte: »Dies ist Salvador, unser Kind.« Der Vater hob mich in die Höhe und sah mir lange in die Augen, drückte mir einen Kuß auf die Stirn und den Mund, setzte mich aufs Pferd, nahm den Zügel in die Hand und so wanderten wir alle drei nach Hause.

– Du hast ein gutes Gedächtniß, Salvador, sagte Lydia.

– Ich werde den Tag nie vergessen – erwiederte er traurig – es war der letzte Tag, wo ich meine Mutter habe lachen sehen. Der Vater blieb zwar lange, es mögen wohl Wochen gewesen sein, bei uns. Aber schon am folgenden Tage war die Mutter nicht mehr heiter. Am dritten Tage sah ich sie weinen; aber sie klagte nicht, wenn der Vater kam und zeigte immer ein freundliches Gesicht. Eines Abends, als ich mich im Garten umhertummelte, hörte ich plötzlich die Stimme meiner Mutter. Sie drang aus einer Laube her zu mir. Ich schlich mich näher. Mein Vater saß auf einer Bank und spielte mit der Reitgerte. Die Mutter stand vor ihm, ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, aber ihre Stimme war sehr zornig. Endlich sank sie erschöpft nieder. Mein Vater erhob sich, er war sehr blaß und versuchte sie aufzuheben – aber sie stieß ihn von sich. Da lachte er laut und eilte hinaus.

Jetzt konnte ich mich nicht länger verbergen, ich stürzte aus meinem Versteck hervor – warf mich bei der Mutter nieder und weinte mit ihr.

Da brachte unser alter Diener der Mutter einen Brief. Hastig erbrach sie ihn – aber schon im nächsten Augenblick entfiel er ihrer Hand. Endlich führte sie mich in das Zimmer des Vaters, das leer war und sagte, mit trübem Lächeln sich umschauend:

»Du hast keinen Vater mehr, Salvador.«

Dann warf sie sich auf das Knie und betete lange.

Als sie sich wieder erhob, – glänzte ihr Auge wunderbar. Sie gebot mir niederzuknieen und sagte darauf mit feierlicher Stimme:

– Salvador, mein Knabe! Du hast es gehört: Du hast keinen Vater mehr, Du hast nie einen Vater gehabt. Weine nicht, mein Sohn. Wenn Du keinen Vater mehr hast, so hast Du eine Mutter und die wird Dich nie verlassen. Er war ein Verräther, ein Elender, der meine Liebe mit Füßen trat. –

Sie schwieg und ich weinte leise fort. Darauf wand sie diese rothe Schärpe mir um den Leib, steckte einen Dolch in die Schärpe und führte mich zu dem Kruzifix in der Ecke des Zimmers.

Er hat mir den Himmel aus der Brust geraubt, Salvador, mir das Leben zur Hölle gemacht. Willst Du mich rächen an dem Verräther?

– Ich will es – antwortete ich fest. Meine Thränen waren von dem eisigen Hauch, der mich aus den Worten der Mutter anwehte, getrocknet.

– Du wirst sein falsches Herz mit diesem Dolche durchbohren, Salvador.

– Ich werde es thun.

– Komm an meine Brust, mein Kind, schluchzte jetzt die Mutter, mich zu sich hinaufziehend. – – Der Name des Verräthers wurde zwischen uns nie mehr genannt.

Lydia hatte mit wachsender Spannung, die zuletzt in Angst überging, auf Salvadors Erzählung gehört. Sie konnte den Rachedurst der Spanierin nicht begreifen, welche ihr eigenes Kind zum Vatermörder erzogen hatte. Aber sie wagte es nicht, ihre Ansicht hierüber mitzutheilen, aus Furcht, sein Vertrauen zu verlieren.

– Und hast Du – sagte sie zögernd – Deinen Schwur gehalten?

Der Knabe sah fragend zu ihr auf.

– Lebt Dein Vater noch?

– Er lebt noch – Donna! Ihr kennt ihn auch.

– Ich?

– Ja. Erinnert Ihr Euch noch des Abends in Wien, wo ich Euch zur Messe begleitete? Als wir zurückkehrten nach Eurer Wohnung, da trat er Euch auf der Schwelle entgegen.

– Der Fürst Lichninsky? – sagte überrascht Lydia.

– Was ist Fürst? – fragte gleichgültig Salvador.

– Und warum hast Du ihn damals nicht getödtet? –

– Es war noch nicht Zeit, hatte der Tio gesagt.

– Der Tio? Wer ist das?

– Das ist der Pater Angelikus.

Lydias Ueberraschung war zum Entsetzen geworden. Der fromme Vater, dem sie mit Hingebung sich überlassen, dessen Munde sie oft Worte der Liebe und Verzeihung hatte entströmen hören; er wußte um den verbrecherischen Plan des Knaben, unterstützte ihn vielleicht gar? Ihr schwindelte vor diesem Gedanken. Da durchzuckte eine Idee ihre Brust, die sie plötzlich mit neuer Hoffnung belebte.

– Mein Salvador – sagte sie mit dem weichsten Tone ihrer lieblichen Stimme – nicht wahr, Du hast mich lieb? mein Kind.

– Ja – sagte der Knabe mit Ungestüm, und ein Strahl blitzte aus seinen Augen, vor dem Lydia erröthend das ihrige senkte – ich habe Euch am liebsten auf der Welt; aber ich bin kein Kind.

– Nun, wenn Du mich lieb hast – fuhr Lydia, seinen Lockenkopf streichelnd, fort – so mußt Du das nicht thun.

– Was nicht thun?

– Deinen Vater tödten. –

– Ich habe keinen Vater.

– Salvador, versprich mir, ihn nicht zu tödten – bat Lydia fast flehend in unschuldiger Koketterie ihre Hand auf seine brennende Stirn legend, denn sie fühlte, daß sie eine Macht über ihn besaß – die sie zum guten Zweck anwenden wollte. Des Knaben Brust arbeitete unter dem doppelten Einfluß zweier einander widerstrebender Gewalten. Lydia's Stimme tönte so süß in seinem Herzen, daß er fast nicht mehr widerstehen konnte. – – Da dachte er an den Schmerz seiner Mutter. Ihr herzzerreißendes Geschrei bei dem Abschiede von dem »Verräther« klang in seinen Ohren, durchdringend wie ehemals – er riß sich mit Ungestüm von Lydia los und sagte, mit flammenden Augen vor sie hintretend:

– Nein! Nein! Nein! Ich will Euch hassen, Donna, wenn Ihr das von mir verlangt, und wenn Ihr mich verrathet, werde ich Euch ermorden.

Aber schon im nächsten Augenblick lag er zu ihren Füßen und bat um Verzeihung.

Lydia war durch die ganze Scene in eine fieberhafte Aufregung versetzt. Sie beugte sich zu dem Knaben nieder und suchte ihn zu beruhigen; aber selbst im Innersten bewegt, trug ihre Bemühung wenig zur Besänftigung der im Knaben erregten Leidenschaft bei. Der Schmerz im Andenken an die Qual seiner Mutter vermischte sich mit der Wonne, von Lydias Armen umschlungen zu sein, ohne daß er sich der Ursache klar wurde. Durch die Thränen, welche reichlich über seine Wangen strömten, glänzte die südliche Glut einer knospenden Liebe zu dem schönen Mädchen, das er umschlungen hielt, hindurch. Mit übermächtiger Gewalt zog es ihn hinauf an ihre Brust; Lydia vermochte, sich in dem Gefühl Salvadors täuschend, nicht zu widerstehen. Im nächsten Augenblicke preßte sich sein glühender Mund auf den ihrigen, ihre Thränen vermischten sich, ihre Herzen schlugen stürmisch einander entgegen. Beschämt über ihre Schwäche, und die ihr selbst unerklärliche Hingabe an den Knaben – küßte sie sanft seinen Arm und sagte mit zitternder Stimme:

– Nicht wahr, Salvador, Du wirst ihn nicht tödten?

Als hätte ihn eine Natter gestochen, so sprang der Knabe empor.

– Sprich nicht davon, bei allen Heiligen, ich bitte Dich – sagte er düster – soll ich den Fluch meiner Mutter auf mich laden? Nein, es darf nicht sein.

Lydia seufzte. – So werde ich Dich nicht mehr lieb haben, Salvador. – –

Der Knabe blickte sie wild an. Dann setzte er sich wieder auf seine Fußbank und begann ein altes spanisches Lied zu singen, als Alice mit glühenden Wangen und fliegendem Athem ins Zimmer trat. – – –



IX


Am Morgen des 18. März schien es, als ob plötzlich aller Zwist, der seine blutige Geißel die ganze Woche hindurch über die Hauptstadt geschwungen hatte, verschwunden, und das Berliner Volk seinen alten Charakter der Jovialität und Leichtfertigkeit wiedergefunden hätte. Man sah nur freudig daherwandelnde Gruppen und heitere Spaziergänger. Alles deutete darauf hin, daß der Hader beseitigt und das alte Verhältniß philiströser Anhänglichkeit des Volkes zum Könige wiedergekehrt sei. Die Bürgerwehr sollte errichtet werden. Die Menge strömte nach dem Zeughause, wo der nachherige Minister von Schreckenstein in höchsteigener Person die Vertheilung der Waffen vornehmen ließ. Alles war zufrieden. Man hatte so schnell seinen Groll vergessen, daß man sogar der angebornen Spottlust über die Ereignisse der letzten Tage freien Lauf ließ.

Dennoch hätte ein aufmerksamer Beschauer selbst in der scheinbaren Harmlosigkeit des Volks eine große Veränderung wahrgenommen. Man witzelte, lachte, flanirte umher, wie vor zehn Tagen, aber die Witzeleien hatten eine politische Pointe, das Lachen glich dem Hohnlachen eines siegsgewissen Kämpfers, wie ein Ei dem Andern, und in dem schlendernden Gange der Spaziergänger lag eine Nonchalance, welche weniger das Gepräge eines absichtslosen Sich- Gehen-Lassens als einer übermüthigen Nichtberücksichtigung der Form trug, welche aus einem Gefühl der Nichtachtung des Gegners entspringt.

Das Volk hatte offenbar das Bewußtsein, einen ersten Sieg errungen zu haben, und in diesem Bewußtsein die ahnungsreiche Hoffnung, daß dieser erste Sieg nicht der Letzte sein werde.

Sämmtliches Militär war theils in den Kasernen, theils im Schlosse consignirt. Der König hatte, durch die Erfahrung der letzten Tage belehrt, am meisten aber durch die Wiener Revolution und deren Consequenzen erschreckt, ein anderes System eingeschlagen. Man versuchte es, das Volk sich selbst zu überlassen, um zu sehen, ob der angeschwollne Strom von selbst zu dem gewöhnlichen Niveau herabsinken werde. So wogte denn heute die Menge wie ein Meer nach dem Sturme auf und ab.

Gegen Mittag hieß es plötzlich, der König werde um 2 Uhr vom Balkon des Schlosses herab dem Volke eine Constitution ertheilen und das gesammte Ministerium entlassen. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich das Gerücht durch die ganze Stadt und setzte ungeheure Massen nach dem Schloßplatze in Bewegung.

Auch Alice, welche mit dem Prinzen A. von einer Spazierfahrt zurückkehrte, überredete ihn, sich mit ihr der Menge anzuschließen. Bald waren sie denn auch dem Schlosse gegenüber fest eingekeilt. In diesem Moment erschien der König, sprach zu dem versammelten Volke einige Worte, von denen aber nicht einmal der Ton zu unsern beiden Freunden herabdrang, und entfernte sich dann wieder. Ein vieltausendstimmiges Lebehoch drang aus der Menge zu ihm empor und brach sich in mächtigen Echos an den grauen Wänden des altehrwürdigen Gebäudes.

Abermals begann die Menge, sich in Bewegung zu setzen. Der Prinz gelangte mit Alicen glücklich zum Hauptportal. Doch bald wurde hier das Gedränge am stärksten. Den Eingang desselben hatten die neuerfundenen Friedensmänner mit weißen Binden um den Armen eingenommen. Hinter ihnen standen die Garden, deren Bajonette über die Köpfe ihrer Vordermänner hervorragten.

Des Volkes hatte sich jetzt ein aus seiner momentanen Stimmung allein erklärlicher Enthusiasmus bemächtigt. Alle Schranken zwischen ihm und dem Könige sollten jetzt fallen. –

»Soldaten heraus!« tönte eine Stimme. Das war das Wort, das den Zauber löste und das Volk zum Bewußtsein brachte, was es eigentlich wollte. Preußen war ein Polizeistaat, noch mehr aber ein Militärstaat. Das fühlte in diesem Augenblicke die Menge, als ihrer Sehnsucht nach dem mit ihr ausgesöhnten Könige durch die Bajonette der Gardisten ein Zügel angelegt wurde.

»Soldaten heraus!« – schallte es jetzt aus tausend Kehlen. Man drängte nach dem Portale zu. Immer dichter und dichter schoben sich die Massen in- und durch einander. Da hörte man plötzlich den dumpfen Schall der Trommel. Infanterie rückte von der Schloßfreiheit her und schwenkte im Sturmschritt gegen die Menge um. In einem Augenblicke war der Schloßplatz durch Militär, welches von der Ecke der Breitenstraße bis nach dem Schloßgarten mit der Front nach der Kurfürstenbrücke aufgestellt war, in zwei große Hälften getheilt. Noch als der äußerste rechte Flügel den Bogen beschrieb, um seine Stellung einzunehmen, sprangen drei Soldaten aus den Reihen heraus und mit vorgestrecktem Bajonette auf die Spatziergänger ein, welche aus Neugierde auf dem Trottoir vor den »Fiscatischen Laden« stillstanden, um von fern dem Treiben am Schloßportale zuzuschauen.

Alice stand nur zehn Schritte davon entfernt, sie war von der Seite des Prinzen gerissen und jetzt von ihm durch das Militär getrennt. Sie sah, wie die Soldaten auf die harmlos Dastehenden einsprangen und plötzlich – ob durch Zufall oder Absicht, konnte sie nicht entscheiden – sich ihrer Gewehre entluden. – –

Einen Augenblick nach dem doppelten Knall trat eine Todtenstille ein. Im nächsten tobte der Ruf: »Rache, Rache! das ist Verrath!« – durch die Menge; die Friedensmänner rissen die weißen Binden von dem Arme und traten sie mit Füßen. Vor einem Augenblicke allgemeiner Jubel, Enthusiasmus ohne Gleichen – im nächsten das Wuthgeschrei betrogenen Vertrauens. –

Alice dachte in diesem Moment an die Worte, welche sie zu Herrn v. M. gesagt:

»Ein kluger Mann versucht nicht eher zu vermitteln, als bis die Vermittelung unmöglich geworden.«

– Sollte er nicht diesen Augenblick als den richtigen erkannt haben, um auf dem Schauplatze zu erscheinen – dachte sie bei sich und ihr Blick richtete sich unwillkührlich nach der Kurfürstenbrücke. Sie hatte sich nicht getäuscht. Herr v. M., umgeben von der aufgeregten Menge, mehr getragen als gehend, nahte sich dem Schlosse. Sie eilte ihm entgegen und setzte ihn mit wenigen ruhigen Worten die Lage der Dinge auseinander.

Er begab sich sogleich zum Könige hinauf. – – – –

Es war zu spät – – – –

Der General von Möllendorf hatte die Kurfürstenbrücke occupirt, und sah sich von hier aus den Bau der ersten Barrikade an der Ecke der heiligen Geist- und Königsstraße an. Alle Vermittlungsvorschläge wurden zurückgewiesen. Eine weiße Fahne, welche vom Schlosse herabgebracht wurde, und auf der mit großen Buchstaben zu lesen war:

»Ein Mißverständniß! Der König will das Beste!«

mußte unter dem Hohngelächter des Volks zurückgebracht werden.

Die Entscheidungsstunde schlug. Nach einer Stunde waren in Berlin gegen 300 Barrikaden errichtet und 40 Feuerschlünde schleuderten Tod und Verderben unter die wackern Kämpfer, welche hinter ihnen standen. – – – –

Alice eilte nach Hause, um sich in ihre Männerkleidung zu werfen. Unmittelbar nach der oben geschilderten Scene zwischen Lydia und Salvador trat sie ins Zimmer. Ein Blick auf Lydia, welche ihre Verwirrung nicht zu verbergen vermochte, belehrte sie, daß Etwas in ihrer Abwesenheit vorgefallen sein mußte, das zu ergründen sie auf eine gelegenere Zeit verschieben mußte.

– Mach Dich doch zurecht, mir zu folgen, Salvador – gebot sie. – Du, Lydia, schließe die Thür und gewähre Niemandem, wer es auch sein mag, Einlaß. – – –

Hört Ihr den Kanonendonner? Ha, der Tanz hat schon begonnen, und ich bin noch immer nicht im Festkleide, um daran Theil nehmen zu können.

– Um Gotteswillen, was willst Du thun, Alice? – fragte Lydia voller Angst.

– Salvador, meine Pistolen! Sind sie geladen?

– Ja.

– Gut. Jetzt wirf mir den Mantel über. Beunruhige Dich nicht, Lydia. Was wir in Wien versäumt haben, holen wir hier nach – sagte lachenden Mundes Alice, indem ihr Herz ungestüm pochte. – Die Revolution bricht los, mein Kind.

– Revolution? – jammerte händeringend Lydia. – Und Du willst hinaus in den Kampf. O, ich beschwöre Dich, Alice, bleib! Was soll ich anfangen ohne Dich. Ich ängstige mich hier zu Tode.

– Du bist eine Närrin, meine Lydia. Aber Du hast recht. Allein darfst Du nicht bleiben. Ich werde Salvador zurücklassen.

Salvador wußte nicht, ob er sich darüber freuen oder betrüben solle. Er legte schweigend seine rothe Schärpe ab, setzte sich wieder auf die Bank und nahm in scheinbarer Gleichgültigkeit seine Zither zur Hand.

Diese bei Salvador unerklärliche Folgsamkeit, noch mehr aber die dunkle Röthe, welche urplötzlich Lydias Wangen überzog, machte Alice stutzig. Sie blickte auf Beide mit unverhehltem Erstaunen herab. Im nächsten Augenblicke jedoch lachte sie über ihre Vermuthung, hüllte sich tiefer in ihren Mantel und eilte leichten Schrittes die Treppe hinab.

Sie schritt rasch über den Opernplatz und den Lustgarten nach der Friedrichsbrücke zu, zuweilen mitten durch das Militair hindurch, das ja den Unbewaffneten passiren ließ. Die Friedrichsbrücke, sowie die Herkulesbrücke waren bereits verbarrikadirt, die erste von Studenten, die zweite von Arbeitern vertheidigt. Als sie die Barrikaden überstieg, wurde sie sogleich umringt.

Sie sollen uns anführen – hieß es.

– Ich danke Euch, Freunde, das kann ich nicht annehmen. Aber wer kommt mit nach der »Neuen Wache?«

Bald hatte sich eine zahlreiche Schaar um sie versammelt, welche von Schritt zu Schritt sich vermehrte und wie eine Lavine anwuchs. Die »Neue Wache« liegt am Neuen Markt. Unterwegs fragte sie nach Ralph. Aber Niemand hatte ihn gesehen.

Als sie bei der »Neuen Wache« anlangten, war das in der Nähe befindliche Militair, etwa 25 Mann stark, unter's Gewehr getreten und entschlossen, seinen Posten zu vertheidigen. Alicens Schaar mochte etwa einige 50 junge Leute betragen, aber nur 5 davon, darunter Alice selber, waren bewaffnet, die meisten hielten nur Stöcke in den Händen, die Uebrigen waren völlig waffenlos. Alice stellte ihre Leute auf und fragte sie, ob sie entschlossen wären, ihr zu folgen.

– Bis in die Hölle – scholl es ihr entgegen.

– So kommt! Im gemessenen Schritt rückten sie auf die Soldaten an. Der Unterofficier, welcher sie befehligte, commandirte: »Fertig!« Die Hähne knackten. Da rief ihnen Alice, welche nur noch etwa 20 Schritte von den Soldaten entfernt stand, zu: »Ein Schurke, wer auf seine Brüder schießt. Wer die Waffen niederlegt, kann frei abziehen. Entschließt Euch!«

Zugleich ließ sie ihre Schaar einen weiten Halbkreis um die Soldaten schließen. Die Soldaten schwankten. Auf einen Wink von ihr sprangen die die Endpunkte des Halbkreises bildenden Arbeiter den Soldaten in die Flanke. So von drei Seiten zugleich angegriffen, wagte der Unterofficier nicht mehr »Feuer« zu kommandiren – und die Soldaten streckten ihre Gewehre. Es wurde ihnen versprochener Maßen freier Abzug gewährt und in wenigen Minuten war die Wache vom Keller bis zu den Bodenräumen hinauf demolirt. Die Bänke, Tische, Stühle, Tonnen und sonstiges Holzgeräth wurde aus dem Fenster geworfen, als brauchbares Barrikadenmaterial. Der beste Fund aber bestand in 200 Säbeln, welche in mehreren Kisten auf dem Boden gefunden wurden. Schnell waren sie vertheilt.

Alice eilte nun der Königsstraße zu. Auch hier wußte man nichts von Ralph.

– Schrecklich wär's, säße er noch in seiner Zelle – dachte sie bei sich – doch das ist ja nicht möglich. Steiger hat mir ja versprochen, ihn zu befreien. Sie schritt weiter über den Mühlendamm nach dem Petriplatze zu. – Da endlich sah sie Ralph im fürchterlichsten Kartätschenhagel ruhig auf der Barrikade stehen.

Einen Freuderuf ausstoßend, sprang sie auf ihn zu. – –



X


In einer kleinen, feuchten, dunklen Zelle der »Hausvogtei« mit der Aussicht auf ein Stück blauen Himmels, das durch die querlaufenden Eisenstäbe des zwei Fuß im Gevierte messenden »Fensters« in viele kleine Carrees zerschnitten wurde, saß auf seiner Pritsche der arme Ralph. Sein Kopf stützte sich auf die linke Hand, als vermöchte er den Schmerz um den Verlust der Freiheit – des einzigen und daher kostbarsten Gutes des Arbeiters – nicht mehr zu ertragen. Dennoch klagte er nicht, er seufzte nicht einmal – im Gegentheil, er war glücklich in diesem Augenblicke – denn er träumte. Er träumte von seiner Schwester, von seinem Vater, von seinen kleinen Brüdern und – – – – Da wurde er plötzlich durch ein verworrenes Geräusch, das vom Hausvoigteiplatz her über die Dächer hinüberschallte, aus seinem schönsten Traume gerissen. Er blickte verstört empor. Aber er sah nichts, als das carrirte Stück Himmel, und selbst dies nicht einmal, da dieser von düstern Wolken bedeckt war. Er lächelte trübe vor sich hin, denn er glaubte, jenes Getöse sei auch nur in seinem Traume vorhanden gewesen, und wollte seine Stirn herabsenkend wieder fortträumen, da – ha, das war kein Traum mehr – ein Schuß war gefallen. – Horch! ein zweiter, dritter folgte – eine volle Gewehrsalve. Mit einem Satz stand er mitten in seiner Zelle, ein zweiter schnellte ihn zu dem kleinen Gitterfenster empor. Aber er sah nur in den Gefangenhof hinab.

Der Wachtposten bemerkte ihn und legte sein Gewehr auf ihn an.

Er ließ sich wieder auf den Boden seiner Zelle nieder und horchte. Angst und Hoffnung führten einen verzweiflungsvollen Kampf in seiner Brust. – Aber er hörte nichts mehr. Kein Laut drang mehr zu ihm, als der eintönige Schritt des Postens auf dem Pflaster des Hofes. –

Da däuchte es ihm, als ob ein leiser aber schneller Schritt den Corridor, an dem seine Zelle lag, herabeilte. Das war nicht des Gefangenwärters schwerer und schleppender Gang. Wer mochte es also sein? Immer näher und näher kamen die Schritte, jetzt waren sie an seiner Zelle. – Der Nahende stand still. Gleich darauf hörte Ralph, wie leise ein Schlüssel in das Schloß seiner Zellenthür geschoben wurde. – Eine ungewohnte Bewegung, von der er selbst nicht wußte, ob er sie der Furcht oder der Hoffnung zuschreiben sollte, bemeisterte sich seiner; es war ihm, als werde ihm irgend etwas Unerwartetes, Gewaltiges, Ungeheueres entgegentreten, sobald die Thüre sich öffne.

Die Thüre öffnete sich, das Ungeheuere aber, welches die aufgeregte Phantasie Ralphs vermuthete, war die Vollendung seines vorhin unterbrochenen Traumes: Alice.

Ralph konnte einen Ausruf des freudigsten Erstaunens nicht zurückhalten. Alice legte den Finger auf den Mund. Seine Knie schlotterten, während er, die Hände über die Brust gefaltet, Alicen anschaute. Auch diese konnte ihre Bewegung nicht zurückhalten, als sie ihn abgezehrt vor Schmerz und Entbehrung vor sich erblickte.

– So sehen wir uns wieder, guter Ralph! – sagte sie nach einer Pause. – Nur getrost, die Stunde der Erlösung wird bald schlagen.

Ralph drückte ihre Hand an die Lippen und sagte: O, das ist's nicht, was mich quält, daß ich hier bin. Aber man hat gesagt, ich hätte gestohlen; – – sehen Sie, das ertrage ich nicht. Und mein Vater?

– Sie wissen es schon?

– Was?

– Daß auch er im Gefängniß ist.

Ralph lachte bitter. – Nur immer zu, es wird ja wohl auch für uns die Stunde kommen, wo wir mit Euch rechnen können, ihr Blutsauger. – – Er streckte drohend die Hand empor. – Und wo ist Anna? Ist sie auch eingesteckt, nicht? –

– Nein, sie ist bei mir.

– Gott sei Dank.

– Sagen Sie, Ralph, halten Sie den Gilbert für einen ehrlichen Menschen?

– Ein Schuft ist er, ich hab's immer gesagt.

– Haben Sie Beweise?

– Nein, aber bin ich erst frei, so kann ich welche schaffen.

– Gut, Sie sollen morgen frei sein. Haben Sie das Schießen gehört? Das dauert nun so bereits die ganze Woche hindurch. Am vorigen Sonnabend, nach der Volksversammlung, da fing es an. Die Soldaten haben eingehauen, das Volk ist furchtbar erbittert. Montag ist der erste Schuß gefallen und der erste aus dem Volke Gemordete begraben worden. Vorgestern und gestern hat's auf dem Opernplatz wieder Todte gesetzt. Wie es heute werden wird, weiß ich noch nicht. – Morgen aber wird das Maaß voll sein.

Ralph, – Morgen ist der 18. März, vergessen Sie, wenn Sie frei sind, nicht, daß Sie ein »Achtzehner« sind. Hier haben Sie ein gutes Messer, Sie werden's brauchen können, und hier ein paar Doppelterzerole; sie sind geladen; gebrauchen Sie die Waffen nicht zu früh; nicht eher, als bis Sie kein Schloß mehr vor sich haben. Und nun leben Sie wohl – bis man kommen wird, Sie hier heraus zu holen.

Sie reichte ihm die Hand – und war im nächsten Augenblicke verschwunden.

Ralph war's, als ob er diesmal wirklich geträumt. Als er aber den schleppenden Gang des Wärters hörte – es war die Stunde, wo er sein Abendbrod erhielt, steckte er schnell die Sachen in das Bettstroh, legte sich auf's Bett und erwartete den Kerkermeister.

Dieser, ein alter, schon gebrechlicher Mann, trat, in der einen Hand einen Topf und in der andern ein Stück Brod haltend, ein, setzte beides auf den neben dem Bette stehenden Stuhl und entfernte sich wieder, ohne, wie es schien, von dem geheimnißvollen Besuche Alicens eine Ahnung zu haben.

So war Ralph wieder allein.

Die Mittheilungen Alicens hatten seine Spannung auf's Höchste gesteigert. Er berührte sein Abendbrod kaum, obschon ihn hungerte. Von Zeit zu Zeit zog er sein Messer aus dem Stroh hervor und prüfte die Spitze der Klinge. Besonders aber freuete er sich über die Terzerolen, welche von ausgezeichneter Arbeit waren.

Es wurde Abend und er war ohne Licht. Aber der Vollmond schien mit herrlicher Klarheit durch das Gitterfenster. Ralph saß auf seinem Bette und ließ die Stunden an sich vorüberkriechen. Er dachte an Vielerlei, an seine freudlose Jugend, an die traurigen Zänkereien zwischen seinen Eltern, denen er seit seiner frühesten Kindheit als Zeuge beigewohnt. Aber er dachte auch an seine gute Anna, an seine Spiele mit ihr, als sie noch klein war, an die mannigfachen Entbehrungen, die sie sich selbst auflegten, um einander eine verstohlene Freude zu bereiten – er dachte auch an Alice – und wie ein Nebelbild, wenn plötzlich die Sonne hinter den Wolken hervorbricht, so zerfloß die Vergangenheit vor seinem innern Blick bei diesem Namen und er dachte nur an die Gegenwart und an die nächste Zukunft – die nächste Zukunft aber war morgen. Sein Athem flog, wenn er an morgen dachte – sein Herz zitterte vor innerer Bewegung. Es war ihm zuweilen, als solle morgen sein Geburtstag gefeiert werden, so kindlich war seine Freude, wenn er sich erinnerte, daß morgen der 18. März, und er ja selbst auch ein »Achtzehner« war. Dann plötzlich kam es wieder über ihn, wie die Drommete eines jüngsten Gerichts, deren Schall die Welt in Trümmer stürzt. Und er sah sich selbst auf diesen Trümmern stehen, eine Fahne hoch in der Rechten schwingend und seine Kampfgenossen rufend zum Siegsgesang. Aber er war allein, seine Genossen waren gefallen bis auf ihn. Da senkte er traurig seine Fahne auf die Gefallenen, knieete an ihren Leibern nieder und – betete. Als er aber so da lag auf seinen Knieen, siehe, da kam plötzlich der alte böse Feind, der seine Brüder getödtet, warf ihm eine Schlinge um den Hals und schleppte ihn wieder zurück in sein Gefängniß.

Ralph erwachte aus seinem Traume und blickte auf. Der Mond schien nicht mehr durch das Gitterfenster, aber die Dämmerung brach bereits an. Jetzt, als der Tag kam, als die Stunde der Erlösung näher rückte, sprang er auf und ging mit unruhigen Schritten in seiner Zelle auf und nieder. Jedes Geräusch trieb ihm das Blut in das Gesicht; das Säbelklirren des Wachtpostens auf dem Hofe dünkte ihm wie das Rasseln des Schlüsselbundes seines Gefangenwärters, welcher komme, die Thür ihm zu öffnen.

Vergebens. Eine Stunde verfloß nach der Andern – er hörte die Thurmuhr von der Werderschen Kirche jede verflossene Viertelstunde anzeigen – Niemand erschien, um ihn zu erlösen. –

Horch – endlich hörte er Jemanden den Corridor entlang kommen. Rasch steckte er das Messer in den Gürtel, den er unmittelbar auf dem Leibe trug, auf die Gefahr hin, sich bei der geringsten raschen Bewegung zu verwunden; die Pistolen wanderten in die langen Stiefelschäfte. So erwartete er den Nahenden.

Wiederum getäuscht! – Es war der Wärter, der ihm sein Mittagbrod brachte. Schon war er im Begriff, von seinem Messer gegen den Alten Gebrauch zu machen und zu fliehen. Aber er dachte an seinen Vater, der ungefähr in demselben Alter war – und ließ die Hand wieder sinken. –

Die Thür war wieder verschlossen. Ralph war in düsteres Brüten versunken, er hatte die Hoffnung fast aufgegeben – –

Von der Werderkirche herab tönten die Schläge der Uhr; es war die dritte Nachmittagsstunde – – da dröhnten die in ihren Fugen durch die Zeit gelockerten Scheiben des Gitterfensters von einem dumpfen Donnerschlage – Ralph blickte in die Höhe, der Himmel war vollkommen heiter – – Als er noch mit der Aufklärung dieses sonderbaren Phänomens beschäftigt war, hörte er endlich die ersehnten Schritte auf dem Corridor, welche sich eilig seiner Zelle nahten.

Da tauchte die Vermuthung der Wahrheit in ihm auf. – Es war der Donner des groben Geschützes gewesen, was er gehört hatte.

– Versuche von Innen, das Schloß zu sprengen – tönte eine wohlbekannte Stimme durch's Schlüsselloch. – Wir haben keinen Schlüssel und der alte Satan – dein Wärter' hat sich, wer weiß wo – verkrochen.

– Es geht nicht – rief Ralph in Verzweiflung zurück, als er sah, daß die stark mit Eisen beschlagene Thür seiner gewaltigsten Anstrengungen spottete – ich habe keine Werkzeuge.

– Verdammt – flüsterte dieselbe Stimme – lauf, Junge, und sieh, daß Du eine Brechstange bekommst. –

Diese Aufforderung war an eine zweite Person draußen gerichtet, welche sich entfernte, aber bald mit der trostlosen Nachricht zurückkehrte, daß der Ausgang von den Wachtposten besetzt sei.

Dann müssen's wir für jetzt aufgeben, sonst werden wir alle drei gefaßt. Wir kommen wieder, mein Junge – erscholl es abermals durch's Schlüsselloch – eine kleine halbe Stunde nur und dann bist Du frei.

Ralph wartete. Die halbe Stunde war längst vorüber. Er hörte es 4 und 5 Uhr schlagen. Niemand kam. Das Gebäude war still wie ein Grab, aber draußen donnerten die Kanonen, knatterten die Pelotonfeuersalven herüber. Nicht hundert Schritte von ihm mußte der Kampf entbrannt sein, denn er hörte zwischen den Salven den Hurrahruf der Kämpfenden und das Geröchel der Sterbenden.

Seine Angst führte ihn an die Grenze des Wahnsinns.... Gefangen, während man draußen für die Freiheit kämpfte.... Er saß am Boden und weinte wie ein Kind.

Da durchblitzte plötzlich ein Gedanke seine Seele. – – Freudig sprang er empor. Er zog die beiden Terzerole hervor und setzte Zündhütchen auf alle vier Pistons. Dann kletterte er noch einmal nach dem Fenster in die Höhe und schaute auf den Hof hinab. Er hatte richtig vermuthet: der Wachtposten war verschwunden. Er sprang herab, setzte den einen Lauf fest aus Schlüsselloch der Thür, trat zur Seite und drückte ab. Der Knall war heftiger, als er geglaubt hatte, doch da die Bewohner des Hauses ihre Aufmerksamkeit nach dem Gefecht draußen gerichtet, so war der Knall von Niemandem bemerkt worden. Das Schloß aber war so stark beschädigt, daß Ralph es mit einer geringen Kraftanwendung vollends herab- und die Thüre aufriß. Behutsam schlich er den Corridor hinab und öffnete die erste beste Thür eines Zimmers, dessen Fenster nach dem Hausvoigteiplatze gingen. Dort, wo die Oberwallstraße an den Hausvoigteiplatz mündet, erblickte er eine Barrikade. Diese aber war von Soldaten besetzt. Links am Eingange der Jerusalemerstraße und Rosenstraße war ebenfalls eine Barrikade, ungleich höher als die erstere. Auf ihr sah er die schwarz-roth-goldne Fahne aufgepflanzt – dort waren seine Freunde. Mit einem Satz war er auf der Straße. Eine Salve aus der Oberwallstraße donnerte hinter ihm her. Die Kugeln pfiffen ihm um den Kopf, aber unversehrt gelangte er zu seinen Freunden. Der alte Steiger und Hartwig – dieselben, welche seine Flucht zu unterstützen versucht hatten – empfingen ihn mit lautem Jubel. Sein erster Schuß streckte einen Infanterie-Lieutenant zu Boden. Eine Stunde mochte vergangen sein, während welcher das Feuer keinen Augenblick aufgehört hatte, da wurde Ralph vom alten Steiger angerufen.

– Was giebt's? – fragte dieser, das von Pulver geschwärzte Gesicht mit dem Rockärmel abwischend. – Sucht man uns in den Rücken zu fallen?

– Nein, die Mohrenstraße hält sich gut. Aber nach der Barrikade der Breiten-Straße muß Verstärkung. Die Gefahr soll dort groß sein.

– Ich werde hingehen. Es sind Eurer hier genug.

– Ich begleite Dich, sagte Hartwig, der dazu getreten war und die letzten Worte gehört hatte.

– Gut; so komm!

– Mit Gott, Kinder! – sagte der alte Steiger, ihnen die Hände schüttelnd – Du, Hartwig, mein Junge, gieb mir noch 'mal die Hand. Der Donner soll drein schlagen, wenn ich weiß, warum es mir immer so ist, als wenn – na, dummes Zeug, auf Wiedersehen, Jungens.

Er sah ihnen nach, bis sie um die Ecke des Dönhofsplatzes verschwunden waren. Dann fuhr er sich mit der verkehrten Hand über's Gesicht und lud sein Gewehr von Neuem.

An der Breitenstraße vom Petriplatz angekommen, meldeten sich die beiden Freunde sogleich beim Anführer der Barrikade, welche, aus Tonnen, Wagen, Trottoirsteinen und allen möglichen Möbeln fast 20 Fuß aufgebaut, ein Kunstwerk eigener Art darstellte. Hinter der Barrikade und zu beiden Seiten der Straße war das Pflaster mehre hundert Schritt weit aufgerissen und die Steine in großen Pyramiden aufgehäuft.

Die Dächer waren abgedeckt, um die Ziegel zu Wurfgeschossen zu verwenden. Aus allen Fenstern richteten sich drohende Läufe auf die Artilleristen, welche die beiden Zwölfpfünder bedienten, und auf die Abtheilung Infanterie, welche unter dem Schutze der Kanonen zuweilen einen Sturm versuchte.

Das D'Heureussche Haus, dessen Front die »Breitenstraße« begrenzt, war schon dicht mit Kartätschenkugeln besäet.

Hinter der Barrikade war, umgeben von Steinpyramiden, eine tiefe Grube aufgeworfen. Darin saßen die Frauen und Kinder, welche über Kohlenfeuer Kugeln gossen, die Gewehre luden und die Verwundeten verbanden. Andere brachten Blei von Fenstern, Stücken Eisen, kleine Steine und was sonst in einen Gewehrlauf hineingepfropft werden konnte, herbei. – Es war ein Getreibe, daß es schien, als ob die größte Unordnung herrsche; und doch stieß keiner den Andern. Der Geist der Kampflust brachte Einheit in die scheinbare Verwirrung. Die Kanonen donnerten, die Gewehrsalven krachten, die Steine flogen, die Verwundeten ächzten, dazwischen tönten die Commandoworte und jubelten die Kämpfer einander zu. Ralph stand auf dem ihm angewiesenen Posten, den Kolben seines Gewehrs zwischen den Füßen, die Hand auf den Lauf gestützt, und schauete – auf Munition wartend – ernst in das Kampfgewühl hinein.

– Was sinnst Du, Kamerad? – sagte neben ihm eine weiche Stimme. Er wandte sich um. Alice stand vor ihm, vollständig mit Büchse und Säbel bewaffnet.

– Ums Himmelswillen, was machen Sie hier. Kommen Sie, ich will sie an einen sichern Ort bringen.

– Bah, denkst Du ich bin eine Memme, wenn ich auch ein Weib bin? Nenne mich »Du«, denn hier sind wir Alle Kameraden. –

– Hast Du Gilbert gesehen? – fragte Ralph, vor der Gluth in den Blicken Alicens die Augen senkend.

– Nein.

– So will ich ihn Dir zeigen. Er stieg die Barrikade hinan. Alice folgte ihm. – Siehst Du dort den Jägerlieutenant, welcher mit dem Commandeur der Musketiere spricht. Das ist er. Bedarfst Du noch weiterer Beweise für seinen Verrath?

– Ich bin zufrieden.

In diesem Augenblicke zischte ein Feuerstrahl aus dem Zündloche der Kanone. Ralph riß Alicen herab. Die Kartätschen wühlten in dem Holzwerk der Barrikade, die Splitter flogen umher. Da drang ein Schmerzensschrei zu Ralphs Ohren. Er blickte nach Hartwig, aber er sah ihn nicht mehr. Eine Kugel hatte ihm den Kopf zerschmettert. –



XI


Als der Prinz A. in dem Moment, als er von Alicen getrennt wurde, das Militär anrücken und den Platz besetzen sah, bemächtigte sich seiner eine tiefe Bestürzung. Er konnte diese Maßregel in diesem Augenblicke – der enthusiastischen Freudigkeit der Menge gegenüber – nicht begreifen. Er eilte um das Schloß herum, um von jener Seite den Versuch zu machen, zu dem König zu dringen und ihm den Stand der Dinge wahrheitsgetreu zu schildern. Aber wie erstaunte er, als er, nach dem Lustgarten eilend, auch hier dasselbe Schauspiel fand, nur daß es nicht Musketiere waren, die mit gefälltem Bajonette in das wehrlose Volk eindrangen, sondern Kürassiere, welche ihren Pferden die Sporen einsetzend mit geschwungenem Säbel wie Rasende um sich hieben. – Die Verwirrung und das Geschrei war sinnebetäubend. –

Der Prinz starrte sprachlos auf das Gemetzel; dieser plötzliche Umschwung der Dinge überstieg seine Fassung. Da dämmerte ein furchtbarer Gedanke in ihm empor. Es schien ihm, als habe er jetzt einen schrecklichen Zusammenhang gefunden.

– Das ist Verrätherei! murmelte er, und blickte, vor seiner eigenen Ahnung erbleichend, mit trostlosem Blicke zum Schlosse empor. Doch hier galt es zu handeln. Sein Inkognito aufgebend, gelangte er leicht in das Innere des Schlosses. Rasch stürmte er die Wendeltreppe empor, eilte den Corridor hinab in die Vorzimmer des Königs. Eine Menge Deputationen hatten sich bereits versammelt. Auch Herrn v. M. erblickte er unter ihnen.

– Ich komme so eben vom Könige – sagte dieser, ihn auf die Seite ziehend. – Es ist Alles vergeblich. Auch Sie werden Nichts ausrichten. Der König ist durch einen mächtigen Einfluß in seinen besten Entschlüssen schwankend geworden.

– Wer ist bei ihm?

– Der Prinz von Preußen, die Königin, der Prinz Karl und einige Minister.

– Welche Minister?

– Bodelschwingh, Thiele und –

– Genug. Ich werde das Aeußerste versuchen. Er öffnete ohne Weiteres die Thür. Der König saß mitten im Zimmer auf einem weiten Lehnsessel, mit dem Gesicht nach dem Fenster, so daß er die Aussicht auf die Kurfürstenbrücke hatte. Sein mit spärlichem Haar bedecktes Haupt war etwas nach vorn herübergebeugt, als erliege es unter der Gewalt des Augenblicks. Neben ihm, die Hand auf die Rücklehne seines Sessels gestützt, stand die Königin. Ihr bleiches, thränenvolles Gesicht beugte sich auf den König. Mit unaussprechlicher Angst in den leidenden Zügen blickte sie auf ihn herab, als erwarte sie ein unheilvolles Wort aus dem Munde des Königs.

Auf der andern Seite des Sessels, doch etwas entfernter, stand ein kleiner feister Mann mit herabhängenden Armen und niedergeschlagenen Augen. Auch er schien einen Entschluß zu erwarten. Er schien eben zum Könige gesprochen zu haben und jetzt das Resultat seiner Worte abwarten zu wollen. Es war der fromme Herr Minister v. Th.

Einige Schritte von dieser schweigenden Gruppe entfernt standen in einer Fensternische im eifrigen, aber leisen Gespräch begriffen fünf Männer. Es handelte sich auch hier um die große Frage des Augenblicks, das lehrte ein Blick auf ihre theils consternirten, theils zornigen Gesichter. Nur Einer unter ihnen blickte, scheinbar ohne andere als passive Theilnahme an der Unterhaltung, mit aufmerksamem Auge auf die Straße hinab.

Der Prinz A. trat mit raschen Schritten auf diese Gruppe zu.

– Wozu ist der König entschlossen? – fragte er den Prinzen Carl, welcher ihm zunächst stand. Dieser zuckte die Achseln und schwieg.

– Man muß die Hand zur Versöhnung bieten; es erfordert die Klugheit, jenes unselige Mißverständniß durch schnelle Nachgiebigkeit vergessen zu machen – sagte ein schmächtiger, hoher Mann mit aristokratischen Zügen.

– Sprechen Sie nicht von Mißverständnissen, Graf A. – sondern von Mißgriffen, erwiederte zornig ein dritter Herr, mit schwarzen, schlichten Haaren und einem breiten, gutmüthigen Gesicht, dessen Züge in diesem Augenblicke von Zorn oder Angst auf eigenthümliche Weise verzerrt waren.

– Keine Verdächtigung, lieber Schw. – nahm der Prinz Carl das Wort. – Lassen Sie uns einig sein, um das Fürchterlichste abzuwenden. Der König ist noch unentschlossen. –

– Aber er wird sich entschließen; ich bin dessen sicher. Wie ist seine Nachgiebigkeit belohnt worden? Sie haben es ja gesehen. Reichen Sie dem Pöbel den kleinen Finger, so verlangt er nicht etwa die ganze Hand, nein Kopf und Kragen. Die einzige Rettung liegt für uns in der Festigkeit. Die Nachgiebigkeit und Versöhnlichkeit des Grafen A. würde als Furcht ausgelegt werden und dadurch gerade das Entgegengesetzte bewirken. –

Es war der Minister von B., eine große massive Figur, in der man eher einen derben Landwirth, als einen preußischen Minister vermuthet hätte.

– Ich sage – warf der Prinz A. ein, indem eine edle Entrüstung auf dem feinen blassen Gesicht eine matte Röthe hervorrief – ich sage, meine Herren, daß Verrath im Spiele ist.

– Verrath!? – rief fast laut Herr von B. aus. In demselben Augenblicke wandten der Prinz von Preußen und der noch immer am Stuhle des Königs harrende Herr von Th. das Gesicht dem kühnen Sprecher zu, so daß ihre Blicke sich begegneten. Beide lächelten, aber das Lächeln des Herrn von Th. war ein Lächeln der Schadenfreude, der Prinz von Preußen lächelte wie Jemand, der eine Unschicklichkeit aus Klugheit nicht rügen will, um nicht den Schein persönlicher Gereiztheit auf sich zu laden.

Auch A. und Schw. lächelten, jener wie ein Diplomat, der weder bejahen noch vereinen will – dieser in offner Zustimmung.

Der Prinz Karl blickte ernsthaft auf den Sprechenden.

– Ich werde mit dem Könige reden – fuhr der Prinz A. fort, unbekümmert um den Eindruck, den seine Worte hervorbrachten – ich werde ihm die Stimmung des Volks schildern.

– Nein – sagte Prinz Karl, ihn bei der Hand fassend – stören Sie ihn in diesem Augenblicke nicht, aber sprechen Sie mit der Königin.

Der Prinz A. näherte sich der Königin und war eben im Begriff, sie anzureden, als der König sich erhob. Ein tiefes Schweigen trat ein, in welchem man deutlich von unten herauf die Worte: »Rache! Rache!« – »Waffen her!« – vernahm.

Graf A. – sagte der König. – Lassen Sie dem Volke die Proklamation verlesen, welche die Errichtung der Bürgerwehr verkündet. Ich will das Aeußerste versuchen, um diesem unseligen Zustande auf friedliche Weise ein Ende zu machen.

Graf A. bemerkte, indem er sich entfernte, um den Befehl des Königs auszuführen, daß die Blicke der Minister Th. und B. sich begegneten.

– Majestät – sagte der Letztere, auf den König zutretend – Sie kennen meine Ergebenheit und Anhänglichkeit. – Auf diese allein mich berufend, wage ich Ew. Majestät zu beschwören, nur jetzt kein Schwanken, keine Unentschiedenheit! – –

– Ich gebe ihm Recht – sagte halblaut theils zu sich selbst, theils zum Prinzen Karl gewendet, der Prinz von Preußen. Es waren seine ersten Worte.

Der König, welcher mit auf den Rücken gelegten Händen, die Augen auf den Boden geheftet, mit kurzen, unsicheren Schritten hin und her ging, blieb einen Augenblick stehen und warf einen fragenden Blick auf seine Brüder. Aber er erwiederte nichts, sondern setzte seinen Weg wieder fort.

– Man kann zweifelhaft sein – fuhr der Minister fort – nach welcher Seite hin die Entscheidung ausfallen müsse, um am schnellsten, sichersten und ohne viel Blutvergießen zum Ziele zu gelangen. Meiner Meinung nach ist in dieser Rücksicht kein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Wegen; aber unerschütterlich fest steht meine Meinung, daß jeder in der Mitte liegende zum Unheil führt. Entweder, Majestät, gewähren Sie Alles oder verweigern Sie Alles!

– Und welchen Rath gebt Ihr mir? – wandte der König sich an seine Brüder.

Gewähren Sie – sagte Prinz Karl.

Der Prinz von Preußen schwieg. Der König blieb eine Weile vor ihm stehen, trat dann ans Fenster, und sah, wie von einem mit Brettern beladenen Leiterwagen herab die Proklamation verlesen wurde. Aber die Menge schien unbefriedigt, sei es durch den Inhalt oder durch die Unmöglichkeit, in dem Tumult das Verlesene zu verstehen.

In diesem Augenblicke trat der General von Pr. ein.

– Majestät – sagte er, zum Könige herantretend – ich erwarte Ihre Befehle.

Der König schien einen Entschluß gefaßt zu haben.

– Das Militair soll sich zurückziehen – sagte er bestimmt.

Der General trat einen Schritt zurück. – Das ist unmöglich, Majestät –

– Unmöglich? – fragte der König, den jeder Widerspruch erbitterte – Warum?

– Majestät, es würde zwecklos sein, die Aufregung ist bereits zu einem Grade gestiegen, der ein entschiedenes Handeln zur Pflicht macht.

Sehen Sie dort – er wies die Königsstraße hinab – die Barrikaden? In der Friedrichsstadt ist der Aufstand bereits vollkommen organisirt. Jede Minute Zögerung würde durch Ströme Blutes wieder eingebracht werden müssen. Ja, ich wage zu behaupten, daß nur ein schneller und kräftiger Angriff einem großen Blutbade vorbeugen kann. Lassen wir der Menge Zeit, sich hinter den Barrikaden festzusetzen, so werden tausendfache Opfer gebracht werden müssen für die Herstellung der Ruhe – und wer kann wissen, ob sie vielleicht nicht doch vergeblich gefallen sind.

Der König schwieg noch immer, den starren Blick auf die Straße geheftet.

Hier war indeß eine neue Veränderung eingetreten. Man hatte mit dem Militair kapitulirt. Dieses wollte vom Platze zurückziehen, wenn das Volk ebenfalls die andere Hälfte des Platzes räumen würde. Letzteres zog sich sofort bis auf die Kurfürstenbrücke zurück. Aber statt sich ebenfalls zurückzuziehen, rückte das Militair im Sturmschritt nach und hatte dadurch den ganzen Platz und bald darauf auch die Kurfürstenbrücke in seine Gewalt bekommen.

Die fortdauernde spannende Ungewißheit, in welcher sich die Umgebung des Königs über dessen endliche Entscheidung befand, lagerte sich wie eine düstere Wolke über alle Anwesenden. Keiner wagte mehr zu sprechen. Aber alle Blicke hingen mit Angst an dem Gesicht des Königs, dessen Aufregung allmählig bis zur äußersten Grenze des Möglichen gestiegen war. Kalter Schweiß stand in dicken Tropfen an seiner hohen kahlen Stirn. Sein bald starr auf die Straße gerichteter bald unstätt im Saale umherschweifender Blick hatte einen unheimlichen Glanz angenommen. –

Erschöpft warf er sich endlich wieder in den Armstuhl zurück, als vermöchte er die gewaltige Schwere dieser Stunde nicht länger zu tragen.

– Elisabeth – sagte er zu der Königin, welche sich wieder zu ihm herabbeugte, und weinte –

Elisabeth, du bist krank und solltest dich zur Ruhe legen. – – – Nein, nein, bleibe bei mir; es ist mir, als ob mein guter Engel mich verläßt, wenn du gehst – – – – o, ich traue Keinem von diesen hier, Keinem – – Sie haben alle ihre Absichten, ich weiß es wohl – – – wer mir sagen könnte, wer von ihnen es ehrlich meint, wem ich trauen könnte. – Dem wollt' ich folgen. Du bist ein Weib, dich schreckt die Gefahr – – horch, wie sie toben – – – – ah, da ist Arnim. Nun was bringen Sie?

Wenig Tröstliches, Majestät, doch glaube ich auch jetzt noch, daß eine Vermittelung immer noch möglich ist, Majestät erlauben, einen Vorschlag zu machen? – –

– Lassen Sie hören, lieber Graf.

– Ich habe hier in der Geschwindigkeit eine Fahne fertigen lassen. – Der Graf entrollte ein großes Stück Leinwand, worauf mit fußgroßen Buchstaben die Worte standen: »Ein Mißverständniß! Der König will das Beste.« –

– Versuchen Sie es, Graf; aber eilen Sie. Gebe der Himmel, daß Ihre Hoffnung erfüllt wird.

Der Graf eilte fort, um seinen Vorschlag auszuführen. Der König trat abermals ans Fenster. – – – – Die Fahne erschien bald auf dem Platze. Zwischen zwei hohen Stangen befestigt, so daß die Worte deutlich zu lesen waren, bewegte sie sich nach der Königsstraße. Jetzt stand sie, die Menge umringte sie – –

Der König hielt den Athem an – –

– Ah, die Ruchlosen – rief er erbleichend, als er die Fahne schwanken, fallen und mit Füßen treten sah. – Wohlan, es war das letzte Mittel. Das Aeußerste ist versucht worden. – Sie wollen es nicht Anders. – General Prittwitz!

– Majestät!

– Thun Sie Ihre Pflicht, General – – und melden Sie mir, wann die Ruhe hergestellt ist.

Mit diesen Worten reichte der König der Königin den Arm und begab sich nach seinem Cabinet.

Die Zurückbleibenden sahen ihm schweigend nach.

Unschlüssig, was er thun solle, trat auch der Prinz A. ans Fenster und verfolgte die Bewegung, welche sich jetzt unter dem Militair kundgab. Am Eingange der Breiten-Straße wurden zwei Kanonen aufgefahren.

Da erzitterten plötzlich die Fenster von dem dumpfen Donner des schweren Geschützes.

Unwillkürlich trat der Prinz einen Schritt vom Fenster zurück und faßte nach seinem Degen. – Einige Sekunden später fand er sich auf der Straße, ohne zu wissen, wie er herabgekommen. Von einer unerklärlichen Ahnung getrieben, eilte er nach Alicens Wohnung.



XII


Als Alice ihre Wohnung wieder verlassen hatte, waren Lydia und Salvador zu ihrem früheren Schweigen zurückgekehrt. Lydia wandte von Zeit zu Zeit, wenn ein fernes Getöse von Waffen zu ihr herüberdrang oder der dumpfe Knall eines Kanonenschusses die Scheiben erdröhnen machte, ihren Blick mit geheimem Schauder auf die Straße hinab. Aber noch war diese Gegend vom Gewühl des Kampfes völlig unberührt geblieben. Die Läden waren geschlossen; an den Hausthüren standen eifrig sich unterhaltende oder mit ängstlicher Neugier die Straße hinabschauende Gruppen. Nur zuweilen lief ein einzelner Mensch eilig das Trottoir hinab, ohne den Gaffern an der Hausthüre, die ihn mit Fragen bestürmten, Rede zu stehen. Salvador hatte seinen alten Sitz zu den Füßen Lydia's wieder eingenommen und schien nicht die geringste Theilnahme für die Ereignisse draußen zu empfinden. Mehr spielend als in ernster Absicht, zog er seinen Dolch hervor, prüfte Schneide und Spitze und versuchte, da er etwas angelaufen war, ihm durch Schleifen auf dem hölzernen Fenstertritt, worauf Lydia's Stuhl stand, seinen früheren Glanz zurückzugeben.

Das Getöse kam näher, die Schüsse donnerten stärker, die Zwischenräume zwischen den einzelnen Salven wurden kürzer. Häufiger eilten jetzt die Menschen die Straßen hinab; bald zeigten sich kleinere, bald größere Trupps von Arbeitern, welche theils mit Flinten und Säbel, theils mit großen Eisenstangen, Aexten, Hacken und sonstigen Werkzeugen bewaffnet waren. – Während ein Theil die nächste Straßenecke verbarrikadirte, rissen Andere das Pflaster auf und sammelten die Steine zu einzelnen Haufen. – Die Barrikade war fertig – – man begann jetzt die Häuser zu befestigen.

Mit ängstlichem Staunen blickte Lydia auf das Treiben nieder. Plötzlich wurde sie durch ein bescheidenes Klopfen an der Thüre aufgeschreckt.

– Was thun wir, Salvador? – fragte sie bebend den Knaben. – Wenn's Anna wäre?

– Die Tia hat gesagt, daß wir nicht öffnen sollen – erwiederte er, ruhig in seinem Schleifen fortfahrend.

Das Klopfen wurde stärker. – Salvador hörte auf zu schleifen und faßte den Dolch fester.

– Aufgemacht – donnerte man jetzt draußen.

– Sie werden die Thüre einschlagen – Geh, öffne Salvador. –

– Die Tia hat gesagt, wir sollen Niemandem öffnen – wiederholte er.

– Dann werde ich selbst öffnen – – Lydia ging nach der Thüre. Mit bebender Hand zog sie den Riegel zurück, doch schon bereute sie ihre That, als sie einen Haufen wild aussehender bewaffneter Männer erblickte.

Erschreckt trat sie einen Schritt zurück. Da erblickte sie Anna unter ihnen.

– O, fürchten Sie nichts, Fräulein – sagte diese. – Sie wollen Ihnen nichts zu Leide thun – – sie wünschen nur Waffen von Ihnen.

– Du weißt ja Anna, daß hier nur zwei Frauen wohnen. Wir haben keine Waffen.

– Ich habe doch eine Waffe – sagte Salvador hervortretend, und seinen Dolch zeigend – aber die werde ich behalten.

Ein tüchtiger Junge – sage lächelnd der Anführer der Arbeiter. – Sie werden die Thüre nicht wieder verschließen? – fuhr er zu Lydia gewendet in halb fragendem halb befehlendem Tone fort – und uns die Zimmer nach der Straße überlassen? –

– Mein Gott, was wird aber Alice sagen? – bemerkte Lydia zu Salvador gewendet.

– Alice! – sagte der Arbeiter – wohnt Alice hier?

– Ja, sie ist meine Freundin – erwiederte Lydia – erstaunt über des Arbeiters Frage.

– Hierher – Cameraden – ein glücklicher Zufall hat uns in die Wohnung unserer Präsidentin geführt. Alice wohnt hier!

Eine freudige Bewegung gab sich in dem Haufen kund.

– Das ist hier ihre Freundin! Sie muß eine Schutzwache haben. Wer bleibt hier als Wache? Freiwillige vor!

Alle drängten sich nach dieser Ehre. Der Führer wählte zehn der Stärksten und am besten Bewaffneten aus und stellte sie Lydia zur Disposition.

– Ihr vertheidigt diese Dame bis auf den letzten Mann. Ihr andern wißt, was noch zu thun ist. Schnell ans Werk.

Das Haus wurde jetzt in Vertheidigungszustand gesetzt. Es war die höchste Zeit, denn der Angriff auf die Barrikade hatte bereits begonnen.

Lydia, welcher sich eine Aufregung bemächtigt hatte, durch welche die Angst vor der nahenden Gefahr in den Hintergrund gedrängt wurde, eilte ans Fenster. – Sie sah, wie die Soldaten sich zu einer zweiten Salve bereit machten – aber die hinter den Barrikaden stehenden Arbeiter kamen ihr zuvor. Auf das Kommandowort des Führers flog ein Steinregen in die Reihen der Soldaten – die Wirkung zeigte sich sogleich – zehn bis zwölf waren sofort gefallen, die Uebrigen zogen sich eilig zurück.

– Machen Sie das Fenster zu, liebes Fräulein – sagte Anna. Je weiter die Soldaten stehen, desto größer ist hier oben die Gefahr. Die Kugeln gehen dann höher. – Die Richtigkeit dieser Bemerkung zu erkennen hatte Lydia sogleich Gelegenheit. Dicht neben ihr schlug eine Musketenkugel in die Bekleidung der Fenster. Sie bohrte sich einen Zoll tief in den Kalk ein und fiel dann matt auf das Fenstergesims.

– Die sollt' ihr wieder haben, – sagte ein Arbeiter, die Kugel aufnehmend. Sehen Sie dort den kleinen Lieutenant mit dem blonden Haar; der soll sie kosten.

Mit diesen Worten eilte er auf den Boden. – Man möchte sonst das Fenster aufs Korn nehmen, wenn ich von hier aus feuerte – sagte er.

Die Soldaten rückten zum zweiten Male im Sturm an. Zehn Schritte vor der Barrikade machten sie Halt, die Kolben der Gewehre an die Wange gedrückt. So standen sie, wartend, ob nicht ein Kopf über der Barrikade erscheinen würde. Da hörte Lydia einen schwachen Knall über sich, in demselben Augenblicke fuhr der »kleine Lieutenant« mit der Hand nach der Brust; der Säbel entfiel seiner Hand und er stürzte zu Boden.

– O mein Gott – sagte sie, das Gesicht verhüllend – er hat seine Drohung wahr gemacht. – –

Es ist ein eigenes Ding, dem Morde eines Menschen zuzuschauen, der in einem Augenblick kräftig und lebensmuthig in der Fülle der Gesundheit dastand, im nächsten als Leiche auf den Boden hingestreckt liegt. Der Eindruck ist nach den Charakteren verschieden, doch gewöhnlich nur ein zwiefacher: Man erstarrt entweder im Innersten seiner Seele oder – bleibt gleichgültig. Nicht immer übt ein solcher Anblick gerade auf den Neuling den erstern, auf den damit Vertrauten den letztern Eindruck aus. Es giebt Menschen, die sich nie an dergleichen gewöhnen können, sondern nur dann darüber hinaus kommen, wenn ihre eigene Begeisterung und jene Trunkenheit, in welche die Hitze des Kampfes zu versetzen pflegt, eine gewisse Höhe erreicht hat; Andre dagegen bleiben einem solchen Schauspiel gegenüber um so kälter, je krankhafter vorher ihre Bangigkeit und je furchtbarer ihre Vorstellung davon gewesen.

Lydia war eine weiche Natur, welche, einem zarten Saitenspiel vergleichbar, durch den leisesten Hauch – sei es der Freude oder des Schmerzes – in nachhallende Bewegung versetzt wurde. Wenn sie daher durch ihre anfängliche Aufregung gegen die unter ihren Augen andringende Gefahr gewissermaßen gestählt worden, so war doch mehr ihre Phantasie als ihr Gefühl angeregt. Die nackte Wirklichkeit schlug daher durch ihre grausame Kälte eben so sehr die Wärme ihrer Illusionen, wie durch ihre triviale Rohheit die Idealität ihrer Empfindung nieder. Die künstliche Besonnenheit, welche sie gewonnen, wich einer verzweiflungsvollen Trostlosigkeit, die sie nahe an den Rand der Bewußtlosigkeit führte.

Salvador hatte sie nicht verlassen. Zwar zog es ihn hinab unter die Kämpfenden, aber da er kein besonderes Interesse am Kampf haben konnte, als höchstens den Kampf selbst, so kostete es ihm wenig Ueberwindung, bei Lydia zu bleiben. Hinter ihrem Stuhle stehend, verfolgte er, wie sie, alle Bewegungen des Feindes. Als der Officier fiel, schlug sein Herz rascher und hob sich seine Brust stolzer, als sei er selbst es gewesen, der ihn getödtet. Um so mehr war er über den Eindruck erschreckt, den der Fall des Officiers auf Lydia hervorbrachte, deren Angst sich zuletzt in einem Strom von Thränen auflöste.

Salvador schauete unverwandt auf die Straße hinab. Er sah, wie die Soldaten nach dem Fall ihres Führers sich zurückzogen, aber nur um sich zu verstärken. Bald rückten sie in dreifacher Menge wieder gegen die Barrikade vor. Der Kampf wurde jetzt von beiden Seiten hitziger und mit größerer Erbitterung geführt. Zwar waren die Soldaten durch den Mangel jeglicher Deckung dem Steinregen und den einzelnen Schüssen der Arbeiter mehr ausgesetzt. Dennoch waren bereits mehrere der Letzteren durch wohlgezielte Schüsse hingestreckt worden.

So dauerte der Kampf eine volle Stunde hindurch. Da schien es endlich, als ob die Soldaten, des nutzlosen Angriffs müde, sich zurückziehen wollten.

Salvador bemerkte, wie ein Officier in Jägeruniform, der ihm nicht unbekannt schien, auf den kommandirenden Officier zueilte und ihm mit lebhaften Gestikulationen, wobei er öfters auf die Barrikade zeigte, eine Nachricht mitzutheilen schien. Der Officier nickte mit dem Kopfe und bog mit seiner Compagnie um die nächste Straßenecke; die auf der Barrikade stehenden Arbeiter erhoben ein Siegsgeschrei. Doch schon nach einigen Minuten kehrten die Soldaten zurück, aber in geringerer Anzahl. Die Hälfte der Compagnie war nebst jenem Jägerofficier verschwunden. Salvador vermuthete eine Kriegslist und theilte seine Furcht einem der zum Schutze Lydia's zurückgelassenen Arbeiter mit.

– Sie werden den Versuch machen, die Barrikade im Rücken anzugreifen – meinte Salvador.

Anna schüttelte den Kopf. – Das ist unmöglich. Ich komme von jener Seite. Sie ist am stärksten verbarrikadirt und am besten vertheidigt.

Die Soldaten verhielten sich vollkommen ruhig, aber in einer Stellung, als erwarteten sie irgend ein Signal, um den Angriff zu erneuern. Salvador, dessen Besorgniß noch nicht geschwunden war, verlor den commandirenden Officier nicht aus den Augen. Es dünkte ihm, als ob jener von Zeit zu Zeit seinen Blick aufmerksam auf das Obergeschoß eines der gegenüberliegenden Häuser richtete. Auch diese Bemerkung theilte er Anna mit, die mit steigender Unruhe ihr Auge ebenfalls auf dies Haus heftete, das etwa hundert Schritt hinter der Barrikade lag und noch nicht besetzt worden war.

In der That schien es, als ob in diesem Hause irgend Etwas vorginge. Vor wenigen Minuten noch schien es völlig leer und unbewohnt; jetzt sahen Salvador und Anna eine Menge Gestalten an den Fenstern vorüber eilen. – Ein Fenster im zweiten Stock wurde geöffnet – Salvador erstarrte das Wort im Munde, als jener Jägerlieutenant, den er vorhin mit dem Officier hatte sprechen sehen, am Fenster erschien, ein weißes Tuch herauswehen ließ und dann sogleich wieder verschwand.

Auch Anna hatte die Erscheinung bemerkt.

– Das ist Verrath! – stammelte sie erbleichend und stürzte hinab auf die Straße, um die Arbeiter von der drohenden Gefahr zu unterrichten.

Aber es war zu spät. Kaum hatte der Officier das Zeichen erblickt, als er den Befehl zum Angriff gab. Mit erneuerter Wuth stürzten die Soldaten auf die Barrikade zu. Ein Steinregen empfing sie, aber diesmal wichen sie nicht. In der Gewißheit, bald im Rücken der Feinde eine Unterstützung zu erhalten, hielten sie Stand und begannen mit vorgestreckten Bajonetten das Holzwerk zu erklimmen. – Die tapferen Arbeiter wehrten sich mit dem Muthe der Verzweiflung; da stürzten plötzlich die Soldaten aus jenem Hause heraus und fielen ihnen in den Rücken – der Muth entsank ihnen – sie verließen die Barrikade und zogen sich in die nächstliegenden Häuser zurück.

Es begann jetzt einer jener fürchterlichen Kämpfe, von dem man nur eine Vorstellung hat, wenn man sie aus eigener Anschauung kennen lernte. Es galt, die Häuser von den Insurgenten zu säubern.

Das Haus, in welchem Lydia sich befand, war eins der ersten, welche angegriffen wurden. – Die arme Lydia war durch die fortwährende Angst in einen bewußtlosen Zustand gefallen. Salvador legte sie mit Hülfe eines Arbeiters auf das Sopha und eilte die Treppe hinab.

Die Hausthür war bereits erbrochen. Die Vertheidiger des Hauses, deren Zahl sich etwa auf vierzig bis fünfzig belief, hatten sich theils in den ersten Stock zurückgezogen, wo sie die Treppe besetzt hielten, theils hatten sie sich in das Hintergebäude begeben, um auch diese Eingänge in Vertheidigungszustand zu versetzen. An der Haupttreppe befanden sich nur zehn Arbeiter; drei von ihren Cameraden lagen bereits von den Kugeln ihrer Feinde getroffen auf dem untern Hausflur. Neben ihnen fünf Soldaten, deren Schädel von Steinen zerschmettert waren.

Die Treppe war enge, so daß immer nur zwei bis drei Soldaten neben einander die Stufen besteigen konnten. Dadurch war der Nachtheil der schlechten Bewaffnung für die Arbeiter fast ausgeglichen. Die Wuth der Soldaten stieg auf einen fürchterlichen Grad. Immer von Neuem stürmten sie die Treppe hinan, und immer mußten sie dem in der Nähe furchtbar wirkenden Steinregen der Vertheidiger weichen. Aber es kam der Augenblick, wo der Steinhaufen so zusammengeschmolzen war, daß jeder Arbeiter nur noch einen einzigen Stein in der Hand hielt.

– Laßt sie ganz nahe heran kommen – commandirte der Führer und wähle sich jeder einen bestimmten Mann aus. Keiner werfe früher, bis ich commandire. Jeder, der geworfen, steigt die zweite Treppe hinauf. Die Soldaten stürmten an, den linken Arm über den Kopf gehalten, die rechte Hand das Gewehr fassend. Noch fehlten nur fünf Stufen und sie wären oben gewesen, da donnerten die Steine auf ihre Köpfe und schreiend, blutend, betäubt stürzten sie durcheinander und zurück. Ueber ihre Körper drangen die Folgenden vor. Sie erreichten die letzte Stufe. Die Arbeiter hatten sich eine Treppe höher gezogen.

Der Kampf sollte nun von Neuem beginnen, da gebot eine Stimme von unten herauf »Halt«! –

– Der Verlust an Menschen und, was schlimmer ist, an Zeit, ist zu groß. Wir müssen zu einem andern Mittel greifen – sagte der fremde Officier zu dem Anführer der Truppe. Beide standen auf dem untersten Flur, vor den Würfen der Arbeiter geschützt.

– Sie haben wohl recht, aber welches Mittel? –

– Kennen Sie die Procedur des Bienenschwefelns? –

– Das ist ein capitaler Einfall; aber wir werden das Nest anzünden.

– Die Bienenstöcke sind auch von Stroh, nicht wahr? und verbrennen nicht?

– Sie haben wieder recht, auf Ehre. Wir wollen sogleich ans Werk.

Rasch wurde Stroh herbeigeschafft und am Fuße der Treppe angezündet. In wenig Augenblicken wirbelte ein erstickender Dampf bis zu den höchsten Dachsprossen empor. Aber die Rechnung schien ohne den Wirth gemacht. Denn statt, wie man vermuthete, die hartnäckigen Vertheidiger zur Uebergabe zu zwingen, rührte sich nichts. Dagegen war es den Soldaten jetzt wegen des Qualms ebenfalls unmöglich geworden, ihre Angriffe zu erneuen. Ja, als der Rauch alle Räume des Corridors erfüllt hatte und keinen Abzug fand, verdichtete er sich zuerst oben, und senkte sich dann immer tiefer und tiefer, bis er endlich das Parterre erreichte. Da drängte sich jener Unbekannte vor und rief:

Folgt mir, Cameraden, ich werde euch führen. –

Mit Sicherheit darauf rechnend, daß der Rauch die Feinde in die Zimmer getrieben, auf der Treppe also weniger zu fürchten war, zumal theils der dicke Qualm, theils die bereits einbrechende Dunkelheit eine deutliche Unterscheidung von Feind und Freund unmöglich machte, schritt er den Soldaten voran auf eine Thüre zu und deutete mit einer verständlichen Pantomine an, daß sie eingeschlagen werden solle. Die Soldaten gehorchten. Einige Kolbenstöße reichten hin, sie zu zerschmettern. Man drang ein – es war ein leeres Gemach – man gelangte zu einer zweiten Thüre. – Da warf sich ihnen mit wüthendem Geschrei die Schaar der Arbeiter entgegen. Einigen Soldaten wurden die Gewehre entrissen, Andere, und sie selbst mit ihren eigenen Waffen niedergestreckt. Man kämpfte Mann gegen Mann. Die Schläge donnerten, die Verwundeten ächzten – endlich neigte sich der Sieg auf die Seite der Uebermacht an Zahl und Bewaffnung. Das bis auf fünf Kämpfer geschmolzene Häuflein der Arbeiter zog sich zurück. Die Soldaten gewannen frischen Muth, sie drangen nach – – da plötzlich blieben sie an den Boden gebannt und ihre Waffen entsanken fast ihren Händen – – ein bleiches schönes Weib stand vor ihnen, wie eine überirdische Erscheinung, neben ihr ein schwarzlockiger Knabe, in der Hand einen blinkenden Dolch haltend. Es war Lydia. Ihr Gemach war der Schauplatz des eben beschriebenen Kampfes geworden. Die Arbeiter hatten sich um ihr Lager geschaart, so daß sie anfangs den angreifenden Soldaten nicht sichtbar war. In dem Augenblick, wo der Kampf in ihrer unmittelbaren Nähe entbrannte, erwachte sie aus ihrer Betäubung, und wunderbar, mit ihrem Bewußtsein war ein Muth, eine Geistesgegenwart in sie zurückgekehrt, die sie inmitten der furchtbaren Scene, von der sie Zeugin war, ruhig und besonnen erhielt. Sie sah, daß die Arbeiter unterliegen mußten, und befahl ihnen, sich zurückzuziehen.

Sie selbst aber erhob sich und trat den Soldaten muthig entgegen, sie versuchte zu sprechen, aber die Stimme versagte ihr. Den rechten Arm ausgestreckt, den linken auf Salvadors Schulter gestützt, so stand sie regungslos den Erstaunten gegenüber.

– Nun, was zaudert Ihr? ertönte die Stimme des fremden Officiers hinter ihnen. Ertrat vor und er blieb ebenfalls erstarrt vor Lydia stehen.

– Gilbert! – riefen die Arbeiter von der andern Seite erstaunt. In demselben Augenblick sank Lydia, von der Stimme Gilberts, Gilbert, vom Dolche Salvadors getroffen, zu Boden; im nächsten hatten sich die Arbeiter abermals auf die Soldaten gestürzt. – Der Kampf entbrannte von Neuem. –

Der Ausgang konnte eben so wenig zweifelhaft sein, wie vorhin. Ein Soldat hatte Salvador ergriffen, und ihn zum offnen Fenster geschleppt. Der Knabe aber hatte sich fest um seinen Gegner geklammert, so daß dieser sich nicht von ihm losmachen konnten. Jetzt taumelte er rückwärts – Salvador hatte ihn ins Gesicht gebissen. Kaum befreit, warf er sich zu Lydia auf den Boden. Doch sein Gegner, dessen Erbitterung noch durch den Schmerz der Wunde vergrößert worden war, ergriff ihn von Neuem. Diesmal hatte er ihn besser gefaßt. Abermals schleppte er ihn zum Fenster – da fühlte er sich plötzlich an der Schulter gepackt und zu Boden gerissen. Der Prinz A. in Generalsuniform stand vor ihm.

– Verruchter! – donnerte ihm dieser zu – an wehrlosen Knaben erprobst Du Deine Tapferkeit? –

Dem tobenden Kampfgewühl war eine Todtenstille gefolgt. Drei von den fünf übriggebliebenen Arbeitern lagen blutend am Boden, aber eben so viel Soldaten hatten ihren Fall mit zerschmettertem Hirnschädel gebüßt.

– Wer hat diese Schlächterei befohlen? – fragte der Prinz weiter, einen Blick tiefen Schauders über die Scene werfend.

Der commandirende Officier trat vor: – Excellenz –

– Sie haben die preußische Uniform geschändet, Herr! – In der That, eine Bravour sonder Gleichen haben Sie bewiesen gegen Knaben, Weiber und Unbewaffnete. – Gehen Sie, ich will nicht fragen, wer Sie sind, damit ich nicht gezwungen bin, Sie kassiren zu lassen. Ein tiefes Stöhnen unterbrach die Stille, welche abermals nach den Worten des Prinzen eingetreten war – es kam aus der Brust Gilberts. Der Prinz wandte sein Gesicht und fuhr erbleichend zurück.

– Wie kommt der Mensch hieher? – stammelte er.

– Er war unser Führer – sagte der Officier.

Der Prinz winkte mit der Hand und wandte sich ab. Die Soldaten hoben Gilbert auf und verließen lautlos das Zimmer.

Salvador, welcher sich wieder über Lydia geworfen hatte, erhob sich jetzt und rief die beiden Arbeiter. Leise traten sie näher, um die bewußtlose Lydia in das andere Zimmer zu tragen. Da erwachte der Prinz aus seiner Träumerei und warf einen Blick auf das Gesicht der Leblosen.

– Therese! – rief er mit durchdringendem Schrei und stürzte neben ihr nieder. Therese – erwache, erwache, Geliebte!!



XIII


Mitternacht war vorüber, noch immer donnerten die Kanonen durch die festlich erleuchteten Straßen. Man illuminirte zum Wiegenfeste der Revolution. Denn wenn Zorn über die Rohheit der Soldateska und Entrüstung über den Verrath am Volke die Barrikaden erbauet hatte, so bedurfte es nur eines achtstündigen Kampfes, um jene – wenn auch gerechtfertigten, doch für die Größe jener denkwürdigen Stunden kleinlichen – Leidenschaften in die erhabene Kälte einer echt revolutionären Ruhe zu versenken. Als der Kampf losbrach, war es ein Aufstand, als er acht Stunden gedauert hatte, gab es keinen Kämpfer auf den Barrikaden, der nicht wußte, worum es sich nunmehr allein handle – um den Fürstenthron.

Man hat sich nicht wenig mit der »Hochherzigkeit« des Berliner Volks gewußt, welche darin liegen sollte, daß die Berliner Revolution vor dem Throne – stehen geblieben. Ich aber meine, daß eine solche Hochherzigkeit nach aller der Schmach und Entwürdigung, der sich das Volk seit drei Decennien hatte unterwerfen müssen, besser Feigheit heißen müßte.

Und doch ist diese Thatsache nicht abzuleugnen! – –

Aber wer hat sie auf seinem Gewissen? Wahrlich nicht jene heldenmüthigen Arbeiter im groben Leinwandskittel, die ihre nackte Brust den kriegserfahrenen, gutbewaffneten Soldaten entgegenwarfen. – Die feigen Weißbierbourgeois waren es, welche, während draußen die Kanonen donnerten, sich die Schlafmütze noch tiefer und die Bettdecke noch höher, wie gewöhnlich, über die Ohren zogen. Als sie am andern Morgen aus den Federn krochen und mit verstörten Blicken hinabschaueten auf das Straßenpflaster und nun statt des Kanonendonners den Jubel des siegreichen Volkes hörten, da schwoll ihnen plötzlich der Kamm – sie mischten sich unter die Jubelnden, ließen sich beglückwünschend die Hände drücken und schwärmten für die Freiheit. – Aber ihre Freiheitslust hatte nicht die Bluttaufe erhalten, das Philisterthum schlug ihnen in den Nacken, sie wurden sentimental beim Andenken an die Angst, die ein »hohes Haupt« in jener Nacht mit ihnen getheilt hatte – und ihre Sentimentalität brachte sie zur Hochherzigkeit, ihre Hochherzigkeit aber zum Verrath am Volke. Das Volk aber, das gekämpft, geblutet und gesiegt hatte, ließ sich täuschen von den Philistern, die es als Brüder betrachtete.

Mitternacht war vorüber. Alice knieete hinter der Barrikade am Kölnischen Rathhause neben Ralph, dem ein von einer Kartätschenkugel abgerissener Holzsplitter die Brust verwundet hatte.

– Fühlst du dich besser? – fragte sie, dem Verwundeten so viel wie möglich Linderung verschaffend.

– Ich danke dir, sagte er, ihre Hand an die Lippen drückend. – Wenn ich nur nicht hier liegen müßte. – Besser todt, als so mit Bewußtsein in seiner Ohnmacht daliegen. Der arme Hartwig ist am besten dran. – Und was wird uns das Alles helfen?

– Wir werden siegen – sagte Alice mit Wärme.

Er schüttelte traurig den Kopf. – Schau umher und zähle, wie viel von den Unsrigen noch übrig sind. Die Hälfte ist todt oder im Verenden, der Rest verwundet und ermüdet. Hält das Militair bis Tagesanbruch aus, so sind wir verloren.

– Und rechnest du die Schützen in den Häusern für nichts, die fast mit jedem Schusse einen Soldaten zu Boden strecken? Und muß die Ermüdung des Militairs nicht noch weit größer sein als die unsrige, da sie seit 8 Tagen consignirt und schlecht mit Proviant versehen sind. Ich sage, wenn wir uns bis Sonnenaufgang halten, so haben wir gesiegt.

– Gott sei Dank, daß ich Sie endlich treffe – rief eine Stimme hinter ihnen – wo ist Ralph? gnädige Frau, haben Sie ihn nicht gesehen?

– Anna! – riefen Alice und Ralph aus einem Munde.

Das arme Kind war, als sie heruntergeeilt war, um die Vertheidiger der Barrikade von dem ihnen drohenden Verrath zu unterrichten, zu spät gekommen. Vergebens suchte sie ins Haus zurückzukehren. Die Soldaten ließen Niemand hinein. Da gedachte sie ihres Bruders und des Versprechens, das ihr Alice gegeben hatte, ihn zu befreien. Schnell faßte sie den kühnen Entschluß, Nachforschungen nach ihnen anzustellen. Sie eilte die Markgrafenstraße hinunter, fragte bei jeder Barrikade – Niemand hatte sie gesehen.

Endlich wurde sie zum alten Steiger an der Barrikade des Hausvoigteiplatzes gewiesen.

Hier hörte sie, daß ihr Bruder an der Barrikade des »Kölnischen Rathhauses« stationire. Es war indeß spät geworden; das mühsame Uebersteigen der Barrikaden – wo sie die Pausen benutzen mußte, welche zuweilen im Feuern eintraten – die Neckereien, denen sie seitens der Soldaten ausgesetzt war, Alles dies hatte viel Zeit weggenommen. Nach sechs langen Stunden des Umherirrens und der Angst langte sie endlich am Kölnischen Rathhause an.

Alice ward in den Tod erschreckt über die Erzählung Annas in Betreff Lydia's. Sie mußte sich von der Sachlage überzeugen und eilte, Ralph unter der Obhut seiner Schwester lassend, nach ihrer Wohnung, welche sie unaufgehalten bald erreichte. Als sie den Hausflur mit Leichnamen bedeckt sah, schauderte sie, aber furchtlos eilte sie weiter. Ihre Zimmer waren leer – – die ungeheuren Blutlachen in der Mitte ihrer Wohnstube, die zerschmetterten Möbel und die Kugelspuren in den Wänden hätten ihr einen hinlänglichen Beweis von der Wuth des hier stattgehabten Kampfes gegeben, wenn nicht die Menge Todter, über welche sie dahinschreiten mußte, noch lauter gesprochen hätte.

Kein Laut – ein neuer Schauder durchrieselte ihr Gebein, als sie sah, daß sie die einzig athmende Brust in diesem Chaos der Verwüstung und des Mordes war – – da hörte sie einen Seufzer. Ihre Furcht überwindend schritt sie über zwei Soldatenleichen hin nach der Ecke, aus welcher er zu kommen schien.

– Wasser, einen Schluck Wasser – stöhnte ein Verwundeter ihr entgegen.

Sie eilte, seinen Wunsch zu befriedigen.

Der Mond schien hell ins Fenster hinein. Alice untersuchte schweigend die Wunde und legte, so gut es ging, einen Verband auf. Als ihr Werk vollendet war, fragte sie nach Lydia, ob sie noch lebe, und nach Salvador.

– Als ich den Stich in den Kopf bekam – erzählte mit schwacher Stimme und in langen Pausen der Arbeiter – sank ich nieder und sah nur noch, daß ein Herr in Generals-Uniform an der Seite Ihrer Freundin stand. –

Allerlei Vermuthungen gingen Alice durch den Sinn. Sie dachte an Lichninski, aber das war unmöglich – an den Prinzen A. – dem Himmel sei Dank – dann war noch Hoffnung vorhanden.

Rasch holte sie einige Betten herbei – bedeckte den Verwundeten damit und verließ ihn mit dem Versprechen, gleich einen Arzt zu senden.



XIV


Lange hatte Lydia in ihrer Betäubung gelegen. Als sie wieder erwachte, saß neben ihr der Prinz.

– Jetzt wird uns Niemand mehr trennen, Therese – sagte dieser, ihre Hand an die Lippen drückend.

Lydia sah mit scheuen Blicken umher; – laß uns fort von hier, Arthur – bat sie, – die Stürmer könnten wieder aufmachen – – –

Die Rechte auf den Arm des Prinzen, die Linke auf die Schulter Salvadors gestützt, verließ sie das Haus des Schreckens. Der Weg bis zum Hotel des Prinzen war nicht weit, und wenig besetzt. Dennoch brauchten sie fast eine Stunde, ehe sie es erreichten.

Der Prinz führte Lydia nach seinem Lieblingsaufenthalt, dem Gewächshause. Salvador hatte sich, betäubt durch die verschiedenen Eindrücke, welche er im Laufe des Tages empfangen, in das kleine Vorzimmer in eine Ecke gekauert und war bald in tiefen Schlaf gesunken.

Lydia glaubte in einen Feenpallast zu treten. Durch das schräge gläserne Dach strömte das blinkende Mondlicht mit zauberhaftem Glanze hernieder. Eine feuchtwarme Atmosphäre, gewürzt mit dem Wollustathem von unzähligen exotischen Blumen umfing die Eintretenden. Tausend blinkende Tropfen funkelten auf den vielgefalteten Blättern der Gewächse, das dunkle Grün war von dem Glanz des Mondes mit silbernem Hauch übergossen. Lydia, durch diesen Anblick übermannt, vergaß die peinlichen und schrecklichen Eindrücke, die noch vor wenigen Augenblicken ihre ganze Seele mit ahnungsvollem Schmerz erfüllten, und gab sich ganz dem Genusse der Gegenwart hin.

Sie hatte sich auf den Divan hingestreckt; der Prinz saß auf einem niedrigen Tabouret neben ihrem Lager, mit begeisterten Blicken auf ihr kindlich reines, entzücktes Antlitz schauend. Keins von Beiden sprach ein Wort. – Aus der Ferne rollte der Donner des Geschützes zu ihnen herüber – – – – aber in selige Selbstvergessenheit gesenkt, hörten sie ihn nicht.

– Arthur – sagte endlich leise Lydia – – hier ists schön, schön – zum Sterben.

Ihr schönes Auge leuchtete voll schwärmerischen Glanzes in das des Prinzen.

– Nicht so, Therese! warum sterben, jetzt, wo ein neues Leben für uns aufgegangen.

– Nenne mich nicht Therese, Arthur! nenne mich Lydia.

– Lydia! – sagte erstaunt der Prinz, der diesen Namen im Munde Alicens gehört zu haben glaubte. – Bist du nicht Therese?

Lydia erklärte ihm, warum sie in Straßburg den Namen »Therese« angenommen.

Das ganze verrätherische Geheimniß des Fürsten Lichninsky lag jetzt klar vor seinen Augen. Warum aber Alice ihm die Anwesenheit Lydias verschwiegen, das konnte er nicht begreifen. Er äußerte sein Bedenken so schonend wie möglich.

– Nein, du thust ihr Unrecht. Sie hat ja nichts von meiner Liebe zu dir gewußt.

– Du hast Recht, Geliebte. – Es war also Lüge, was mir der Verräther Gilbert erzählte, von deiner Gefangenschaft bei der Herzogin Nagas?

– Gilbert – sagte nachsinnend Lydia, die die letzten Worte des Prinzen nicht mehr gehört hatte – warum schauderts mich bei dem Klange dieses Namens? ists mir doch, als bedeute er etwas Schreckliches, als sei es der Name des bösen Engels, der mein Leben vergiftet.

– Du wirst Ruhe vor ihm haben – sagte der Prinz düster – sein Tagewerk ist vollendet. Er fiel unter dem Dolche Salvadors.

Lydia fuhr mit der Hand über die Stirn. Trotz der großen Gewalt, welche sie ihrer Erinnerung anthat, vermochte sie glücklicher Weise den Schleier, der in dem Augenblick über ihr Bewußtsein sank, als sie Gilberts Stimme vernahm, nicht zu durchbrechen. Jene Stimme tönte ihr aus einer Vergangenheit herauf, deren Schmerzen sie einst zum Wahnsinn geführt hatten – – – –

Der Prinz sah ihr ängstliches Ringen nach Klarheit: erkannte an ihren Blicken, daß jener Schleier etwas Furchtbares bedecken müsse, und suchte sie von ihrem Nachsinnen abzuwenden.

– Du wirst der Ruhe bedürfen, Lydia – sagte er, sanft ihre Hand von der Stirn ziehend.

– Nein – erwiederte sie mit hochathmender Brust – aber es ist so schwül hier. Meine Sinne sind betäubt. – – –

In der schüchternen, mädchenhaften Lydia war durch eines jener Räthsel unserer Natur, die zu lösen nie gelingen wird, wie mit einem Zauberschlage plötzlich eine tiefe, ihr ganzes inneres Leben umkehrende Veränderung vorgegangen.

Lydia war einer jener seltenen weiblichen Charaktere, die eine ihnen selbst unbekannte heroische Stärke idealer Empfindung unter der sanften Hülle schüchterner Jungfräulichkeit verbergen. Das große Unglück ihres Lebens, die furchtbaren Erfahrungen, welche sie einst in die Nacht des Wahnsinns getrieben, waren eben so sehr eine Folge der erstern, wie der andern Eigenschaft.

Als sie ihre erste Liebe verrathen sah und durch jene entsetzliche Katastrophe, welche den Schluß einer frühern Erzählung bildete, zum Bewußtsein zurückgekommen war, konnte die aufkeimende Liebe zum Prinzen während ihres Aufenthalts in Straßburg noch nicht einen Aufschwung nehmen, der ihre ganze Seele mit fortgerissen hätte. Wäre sie vom Prinzen nicht getrennt worden, wer weiß, ob die fast leidenschaftslose Freudigkeit, mit der sie am Prinzen wie an einem Bruder hing, je eine tiefere Saite ihres Gemüths angeschlagen hätte. Aber ihr Gefühl einmal angeregt, entwickelte sich, so lange zurückgedrängt, mit doppelter Macht. Getrennt vom Prinzen, suchte ihre Phantasie einen andern Ausweg; sie gerieth in die Hände des Paters Angelikus und wurde religiöse Schwärmerin.

Wie welkes Laub vor dem Hauche des Frühlings, zerstob ihre fromme Sentimentalität vor dem Athem wahrer Leidenschaft. Statt einer künstlichen geruchlosen Blume blühte die süßduftende Centifolie einer tiefen gluthvollen Liebe in ihrem Herzen empor. Lydia's Herz war nach seiner Wiedergeburt in stiller, aber kräftiger Entwicklung bis zur vollkommenen Reife gediehen; so bedurfte es nur eines warmen Sonnenstrahls, um die schwellende Knospe plötzlich zur vollsten Blüthe zu entfalten.

Der Prinz selbst war überrascht über die Wärme Lydia's, die er früher nicht geahnt hatte. Inniger umfing er die Bebende; glühender strömten seine Küsse auf Mund und Wangen. Seine Brust klopfte gewaltig; sein Blut jagte mit rasender Schnelligkeit durch die Adern.

Wie übermannt von der Uebermacht seiner Empfindung entriß er sich den Armen Lydia's und stürzte neben ihrem Lager auf die Knie.

– Lege Deine Hand auf meine Stirn, Geliebte, und kühle die Gluth, die mich verzehrt – bat er.

Lydia lächelte mit seliger Verklärung auf ihn herab. Ihre Augen glänzten in wonniger, überquellender Sehnsucht, die Gluth ihres Innern warf einen rosigen Wiederschein auf ihre Wangen. Es war die Morgenröthe des künftigen schönen Liebelebens.

Von Neuem umfing er sie; er zog sie näher zu sich heran und preßte sein heißes Gesicht auf ihr fieberhaft klopfendes Herz. – – Da – der Prinz taumelte, von einem Faustschlage getroffen, einige Schritte rückwärts. Lydia stieß einen Schrei des Entsetzens aus, als sie Salvadors zürnende Gestalt erblickte. Die ungeheure Gewalt, welche sich der Knabe in diesem Augenblicke anthat, um nicht auf seinen Gegner loszustürzen, machte ihn sprachlos. Aber während seine Rechte krampfhaft des Griffs des Dolchs hielt, sprühten Funken des Hasses und der Erbitterung aus seinen rollenden Augen und aus seinem, von den wilden, schwarzen Locken umdüsterten Gesicht. So stand er, den Angriff des Prinzen erwartend.

Aber der Prinz stand kalt und regungslos ihm gegenüber.

Es trat eine minutenlange, unheimliche Stille ein, während welcher man nur den heftigen Schlag dreier, von Erbitterung, Angst und Verzweiflung erfüllten Herzen hätte vernehmen können.

Endlich erhob der Prinz sein Gesicht. Fast wehmüthig sah er dem Knaben in das von Thränen des Schmerzes erfüllte Auge.

– Du liebst sie also? – sagte er sanft, auf Lydia deutend.

– Nein, ich verachte sie – erwiederte mit bebender Stimme Salvador, doch schon im nächsten Augenblick lag er zu ihren Füßen.

– Sag', daß Du ihn hassest, wie ich ihn hasse – schluchzte er – sag', daß Du schliefst und nichts von Dir wußtest, als seine Arme Dich umfingen – so will ich ruhig sein und Deinem Winke gehorsam. Sprich, Du liebst ihn nicht? –

– Nein, Salvador, ich kann nicht lügen; er ist ein edler Mann und keines Verraths fähig –

– Aber Du liebst ihn nicht, nicht wahr? – bat dringend der Knabe, seinen Dolch fester fassend.

– Ja, ich liebe ihn – sagte Lydia, den leuchtenden Blick auf den Prinzen gerichtet, der mit gekreuzten Armen dastehend, jede Bewegung des Knaben verfolgte.

– Dann mußt Du sterben, Verrätherin – rief der Knabe, den Dolch aus der rothen Schärpe ziehend.

Aber in dem Augenblick, als die Spitze des Dolchs den Busen Lydias berührte, fühlte Salvador seinen Arm von einer kräftigen Hand gefaßt, so daß der Dolch klirrend zu Boden fiel.

Der Prinz, auf dessen bleiche Stirn die ruhige kalte Hoheit zurückgekehrt war, welche gewöhnlich darauf thronte, wies mit der Hand nach der Thüre.

– Wohl Dir – rief er mit donnernder Stimme, daß Du Dir durch den Tod Gilberts einen so gewichtigen Anspruch auf meine Dankbarkeit verschafft – und nun hinweg!

Salvador raffte seinen Dolch empor, erhob noch einmal seine Hand, wie zum Fluche über Lydia, und stürzte hinaus – –

Er irrte lange umher, ohne zu wissen, wohin. Als seine Besinnung zurückgekehrt – fand er sich wieder am Palais des Prinzen, und vor ihm stand – der Pater Angelikus. – – –



XV


Es war ein kleines und niedriges Gemach. Eine schmuzige Oellampe, die in der Mitte von der Decke herabhing, warf einen trüben Schein auf das Schmerzenslager, das in der dunkelsten Ecke stand.

– Kommt er noch nicht? – stöhnte der Kranke, sich mühsam nach der Seite wendend.

– Ruhig, mein Sohn! erwiederte mit dem Ton des Trostes ein Mann in einem schwarzen, talarartigen Mantel, indem er einen fragenden Blick auf ein hohes, gleichfalls schwarzgekleidetes Weib warf, das mit prüfenden Augen den Kranken betrachtete. Leise schüttelte sie, dem Blicke des Priesters antwortend, den Kopf.

Der Kranke war Gilbert, der Priester war Angelikus, die hohe schwarze Frau war Ines.

Gilbert hatte dem Pater gebeichtet und die Absolution empfangen, denn seine Wunde schien tödtlich. Angelikus mußte aus dem Bekenntniß, welches der sterbende Vertraute des Fürsten vor ihm abgelegt, eine Menge erfreulicher Dinge erfahren haben, denn durch seine sonst in tiefen Ernst gehüllte Züge blitzte zuweilen ein Lächeln innerer Befriedigung und heimlichen Triumpfes.

Gilbert hatte den Pater viele Jahre lang nicht gesehen, obschon er stets mit ihm in Verbindung geblieben; eine Verbindung, die der Pater, ohne Gilbert in seine Zwecke einzuweihen, dazu benutzte, über den Aufenthalt und das Leben des Fürsten immer die genaueste Nachricht zu empfangen.

– Er wird uns sterben, ehe er kommt – sagte leise der Pater zu Ines, als der Kranke wieder laut aufstöhnte.

– Ich sage Euch, nein – erwiederte diese eben so leise. – Wüßte ich nur, wo mein armer Salvador ist.

– Beruhigt Euch, Senora, dem Knaben wird Niemand ein Leid zufügen.

Ines seufzte und schwieg. –

Da ließ sich ein leises Klopfen an der Thüre hören.

– Er ist's – sagte der Pater, indem er aufstand, um zu öffnen.

Ines trat in den Schatten hinter den Vorhang des Bettes.

Zwei Personen traten ein, beide bewaffnet und in weite Mäntel gehüllt.

Es waren Alice und der Fürst Lichninski.

– Fürwahr – sagte verwundert Alice, als sie den Pater erkannte – das hätte ich mir nicht vermuthet.

Der Pater war offenbar durch das Eintreten zweier Personen überrascht; eine gewisse Unruhe malte sich sogar auf seinen finstern Zügen. Als er Alice bemerkte, verwandelte sich seine Unruhe in Verlegenheit, die er jedoch unter einem wohlwollenden Lächeln zu verbergen bemüht war.

– Des Höchsten Wege sind wunderbar, theure Baronin – erwiederte er mit salbungsvoller Zweideutigkeit, indem er des Fürsten Gruß durch eine stumme Verbeugung erwiederte.

– Man hat mir gesagt, daß ein Sterbender nach mir verlange – nahm der Fürst das Wort.

– So ist's, Durchlaucht. –

Der Fürst trat an das Lager des Verwundeten.

– Gilbert! – fuhr er erschrocken zurück – im Sterben?

– Wer sagt, daß ich sterben werde? – ächzte die hohle Stimme des Kranken. – Nein, ich will nicht sterben. Warum sterben? Was hindert am Leben? Sagen Sie es ihm, frommer Vater, daß er ein Lügner ist, wenn er sagt, daß ich sterbe.

– Kennen Sie mich nicht, Gilbert? – fragte der Fürst.

– Ja, ich kenne Dich wohl – erwiederte der Verwundete, ihn aufmersam mit starren Blicken betrachtend. – Warst Du es nicht, der mich zum Verrathe trieb und goldne Berge versprach, wenn ich das »Schlangennest« aushöbe? Es war aber ein Scorpion darin – fuhr er vertraulich flüsternd fort – und der hat mich gestochen – und sein Gift hat er mir in die Wunde geträufelt – ha, das brennt – brennt – brennt wie die Hölle.

Der Pater hatte seinen Blick fest auf den Fürsten gerichtet gehalten, jetzt wandte er ihn nach Alicen, welche mit verhaltenem Athem den Phantasien des Kranken lauschte.

– Wozu soll dies Schauspiel führen? – fragte kalt der Fürst. – Und was soll meine Gegenwart dabei?

– Der Aermste verlangte dringend nach Ihnen, ich hielt es für meine Pflicht, den letzten Trost ihm nicht zu versagen – erwiederte der Pater.

– So rufen Sie mich, wenn er wieder bei Sinnen ist, – schloß der Fürst und wandte sich zum Gehen.

– Das soll gewiß geschehen – sagte jetzt Alice, an das Lager tretend. Sie ahnte die Verrätherei des Fürsten aus den Worten des Phantasirenden und wollte Gewißheit haben.

– Was hast Du mit Lydia gemacht? – flüsterte sie, sich an das Ohr des Kranken herabbeugend.

– Ha, kommt Ihr, Rechenschaft zu fordern? – fuhr schreiend der Kranke auf – es ist gut, Alice, daß Du da bist. – Ah, mein Fürst, endlich, endlich. – – – Sie sind wirklich gekommen. Ich danke Ihnen. – Ein schwaches Lächeln schwebte auf seinen farblosen Lippen. – Nicht wahr, Sie werden mich nicht verlassen? – – Mein armer Kopf will nichts mehr denken. – Ha, verdammt, ich vermuthete nicht, welch tiefer Sinn in Ihren Worten lag: »Was Sie dort finden, Gilbert, bringen Sie mir lebendig.« – – –

– Sie kannten den geheimen Schatz des Hauses; aber das Schätzchen ist fort, fort mit ihrem Geliebten aus Straßburg. –

– Wer rettete sie? – fragte angstvoll Alice.

– Wer? Nun, der Prinz A., der mir sie in Straßburg kaperte. Nicht so, Durchlaucht? Es war eine verfehlte Geschichte.

Der Fürst kreuzte die Arme und schwieg. Aber in seinem Innern tauchte eine Besorgniß auf, die er vergeblich zu verscheuchen suchte, die Besorgniß, man habe ihn aus andern Gründen an das Lager des Verwundeten gerufen, als um einen Verbrecher seinen letzten Athem aushauchen zu sehen.

– Genug! – tönte eine Stimme hinter dem Fürsten, die sein Blut gefrieren machte. – Wir alle haben uns überzeugt, daß er ein meineidiger Verräther ist, meineidig in der Liebe, Verräther an seiner Partei. Laßt also der Rache ihren Lauf! – – –

– Was soll dies Gaukelspiel? – rief der Fürst, zur Seite springend. – Bin ich hier in eine Räuberhöhle gelockt, um hinterrücks ermordet zu werden? –

– Du bist unter Deinen Todfeinden! – fuhr Ines mit eintöniger Stimme fort.

– Treib keinen Spott mit mir, Weib! – rief außer sich der Fürst, seinen Degen ziehend.

– Spott! – sagte voller Hohn die frühere Geliebte des Fürsten – dieser Spott wäre zu ertragen, dächte ich. Aber es gab einst eine Zeit – Ines trat einen Schritt vor – eine Zeit, wo ein feiger Verräther Spott mit mir trieb, mit mir, Fürst Lichninsky, und dieser feige Verräther warst Du! – – –

– Zurück! – drohte der Fürst der immer näher auf ihn eindringenden Ines, welche wie eine Rachegöttin ihr schwarzes Auge auf ihn heftete.

– Wie, Du fliehst vor mir, Felix? – sagte sie mit dem Tone einer girrenden Taube, der fürchterlicher in den Ohren des Fürsten klang, als der entsetzlichste Hohn. – Umfingst Du mich doch sonst so feurig und drücktest glühende Küsse auf meinen Mund, wenn ich Dir nahte. Sieh, wie meine Wangen Dir rosig entgegenglühen, mein Busen Dir entgegenwallt. –

– Hinweg von mir, Weib! – rief der Fürst, dessen Haare von einem nie gefühlten Grauen anfingen, sich zu sträuben – hinweg, oder bei Gott! – – Stolz richtete sich Ines auf, als der Fürst die Spitze seines Degens erhob.

– Gelüstet's Dich nach meinem Blute? – – Nicht doch, Du bist ein Renommist, Felix; ein erbärmlicher großsprecherischer Industrieritter, weiter nichts. Ich hasse Dich schon nicht mehr, denn Du bist es nicht werth, zu klein für die Größe meines Hasses. Ich verachte Dich. – – –

Alice und der Pater hatten in gleicher Stille, aber mit verschiedenen Empfindungen der sonderbaren Scene zugeschaut. Alice fühlte Mitleid mit ihm, obschon ihre Liebe zu ihm durch den Verrath an der guten Sache vernichtet wurde. Sie liebte den Phantasten in ihm und achtete den Mann, aber ihre Liebe und ihre Achtung hatten genau dieselbe Grenze. Konnte sie den Mann nicht mehr achten, so hatte der Phantast für sie alles Interesse verloren. – Dennoch fühlte sie jetzt Mitleid mit ihm und legte ein fürsprechendes Wort beim Pater für ihn ein.

– Sind Sie noch nicht überzeugt von seinem Verrath? – fragte dieser.

– Wenigstens gebe ich ihn noch nicht ganz verloren; in jedem Falle ist er jetzt unschädlich Pater, Sie wissen die Bedingung:

»Der Fürst darf nicht eher fallen, als bis jede Hoffnung, ihn für die Volkssache zu gewinnen, verschwunden ist.«

Es ist zu wichtig für uns, einen solchen Namen auf unserer Seite zu haben.

– Gestehen Sie es, daß Sie noch Interesse für ihn empfinden.

– Wahrlich, nein – sagte betheuernd Alice.

– So mag's drum sein – sagte er zögernd – haben Sie Salvador nicht gesehen?

– Nein, ich ließ ihn bei Lydia. Vielleicht wird er sie zum Prinzen begleitet haben.

– Ich werde ihn aufsuchen.

– So werde ich Sie begleiten. –

– Nein, bleiben Sie, aus Rücksicht für den Kranken, von dessen Worten keines verloren gehen darf, und aus Rücksicht für –

– Ich kenne die Dame nicht. –

– Sie ist die Mutter Salvadors und Salvador der Sohn Lichninsky's. Jetzt werden Sie Alles begreifen.

– Du wirst gerächt werden, armes Weib – sagte Alice in sich hinein, einen finstern Blick auf den Fürsten werfend, dessen Folterqualen in diesem Augenblicke bis auf den höchsten Grad gestiegen waren. Der Pater verließ das Gemach. Alice setzte sich an das Lager des Verwundeten und schien nun dessen unzusammenhängenden Phantasien zu lauschen. Doch verfolgte sie zugleich mit lebhaftem Interesse das seltsame Zwiegespräch des Fürsten mit der unglücklichen Mutter Salvadors, das sich allmälig in einen Monolog der Letzteren verwandelte.

– Ich kam zu Dir, um Dich zu tödten. Aber ich fand Dich nicht, und als ich Dich endlich fand, da jammerte mich Deine Angst. – Und als Du da lagst, stumm und bleich – – – da gedachte ich der ersten Nacht im Thale Valencias, da Du nach langer Trennung wieder bei mir weiltest – – ich gedachte des Kusses, den Du auf die kleinen, frischen Lippen Deines Knaben drücktest – – – und ich konnte Dich nicht tödten. – – – – – Sie schwieg, ihr Kopf neigte sich auf die zitternde Brust und eine große Thräne entfiel ihren Augen.

– Laß die Vergangenheit ruhen – sagte kalt der Fürst, welcher die weiche Stimmung Ines' benutzen wollte, um sich aus der peinlichen Lage zu ziehen, in der er sich befand.

– Schweig – entgegnete mit Härte Ines. – Meinst Du, Deine Heuchelstimme wird mich nochmals berücken können? Ich sage, damals dachte ich daran, weil Dein Auge geschlossen und Dein Mund stumm war. Aber ich habe meine Schwäche bereut. Seitdem lebt nur ein Gedanke in meiner Seele, der Gedanke an jenen Augenblick, wo ich flehend zu Deinen Füßen lag und Du, mich von Dir stoßend, enteiltest, um nimmer wiederzukehren. Damals that ich einen Schwur – – – und ich werde ihn halten. Und dieser Schwur lautete: Sein eigenes Kind soll ihm einst den Dolch ins falsche Herz bohren.

– Wahnsinnige! – rief entsetzt der Fürst.

Ines lachte. Fürchte nichts – heute werde ich Dich nicht tödten. Die Sühne wäre zu leicht. – – Nein, der Gedanke des Todes soll von nun an Deinen Fersen haften, er soll Dich als Dein Schatten begleiten, wenn der helle Tag scheint; er soll Dir in jedem Lichtschimmer entgegen leuchten, welcher Dir in der Nacht zuwinkt – – – denn wisse es – – – bei dem dreieinigen Gott, daß Du sterben wirst von Deines Sohnes Hand, ehe Deutschland den Jahrestag der heiligen Nacht feiern wird, deren heiligen Kampf dein schwarzer Verrath befleckt hat. – – – Gehe hin und das drohende Gespenst meiner gemordeten Liebe folge Deinen Schritten!

Einer Prophetin der Zukunft gleich stand Ines vor dem Fürsten, der bleich und zitternd das Auge vor der erhabenen Cassandra der Rache nicht aufzuschlagen wagte. Noch einen Blick warf sie auf ihn, in dem sich eine grauenvolle Tiefe des Hasses offenbarte. Dann wandte sie sich schweigend ab. Vernichtet, gleich einem flüchtigen Verbrecher, stürzte der Fürst hinaus. – – –

Ines aber sank, als die Schritte des Fürsten verhallten, in sich zusammen, – – und brach in ein schmerzliches Schluchzen aus.

– Sie liebt ihn noch immer – sagte Alice zu sich, mit tiefem Mitleid auf die Trostlose herabblickend.

– Ermannt Euch, Sennora – sagte sie nach einer Pause, während welcher Ines' Thränen unaufhaltsam geflossen. – Er ist Eurer Thränen nicht werth. Das Weib mag lieben, heiß und hingebungsvoll, – – aber die Kälte wird, ohne eine Thräne dem Auge zu entpressen, in das Herz einziehen, wenn es den Geliebten als feigen Verräther erkannte.

– Ihr irrt – erwiederte Ines, sich aufrichtend – wenn Ihr meint, daß meine Thränen ihm gelten. Nein, über mich selbst weine ich, über mein verlorenes Leben, über das Andenken an jene Zeit, die ich nicht vergessen kann, über das Schicksal, das mich verdammt hat, eine kurze Seligkeit mit Allem, was der Mensch liebt und verehrt, zu bezahlen.

– Habt Ihr Euch selbst nicht verloren, so habt Ihr nichts verloren; es giebt keinen Verlust, als den des Glaubens an sich selbst.

Die Spanierin sah Alicen mit einem großen Blicke an. Sie ahnte die Größe, mit welcher Alice von dem Weibe dachte und sah mit fragender Bewunderung zu dieser Höhe hinauf; aber sie fühlte zugleich, daß eine gewisse Kälte der Reflexion dazu gehörte, um sich in dieser erhabenen Region heimisch zu fühlen; eine Kälte, der sie nicht fähig war. Haß und Liebe, beides mit derselben Glut, waren die beiden Pole, zwischen denen ihre Empfindung wählte; dazwischen gab es keinen Ruhepunkt für sie. Sie haßte, wo sie nicht lieben konnte, und liebte, wo sie nicht hassen konnte. Aber weder für ihren Haß noch für ihre Liebe war sie sich der Gründe bewußt; über ihre Empfindung gab es nur eine Richterin, die Empfindung selbst.

– Ihr habt wohl nie geliebt? – – fragte sie nachdenklich.

Alice lächelte, wie über die Frage eines Kindes. Sie wollte eben antworten, als die Thüre sich öffnete und der Pater, Salvador an der Hand haltend, eintrat.

Mutter und Sohn stürzten mit einem lauten Schrei einander in die Arme.

– Sie müssen zum Prinzen gehen – sagte leise der Pater zu Alice. – Es muß irgend Etwas sich ereignet haben, was vielleicht für uns von Bedeutung ist. Ich wage meine Ahnung noch nicht auszusprechen, die Reden des Knaben waren zu verworren. Haben Sie etwa bemerkt, daß Salvador zu Lydia eine – – mehr als kindliche Hingebung fühlt? Es ist freilich noch ein Kind, indeß – –

Alice dachte an die heutige Verwirrung Lydia's in dem Augenblicke, wo sie ins Zimmer trat. – Es ist möglich – sagte sie langsam.

– Und der Prinz hat Lydia schon früher gekannt?

– Erst heut habe ich erfahren, daß er es war, welcher in Straßburg ein Verhältniß mit ihr angeknüpft hatte, ehe sie von dort entführt wurde.

– Dann ist kein Zweifel mehr! – erwiederte Angelikus. – Und sie war auf so gutem Wege.

– Sie setzen wenig Vertrauen in die Fesseln, welche die frommen Seelen an den Himmel binden. Die Liebe zum himmlischen Bräutigam wird jeden unheimlichen irdischen Funken wie die Sonne den kleinsten Stern überstrahlen.

– Spotten Sie immerhin; doch sorgen Sie wenigstens, daß nicht auch Sie Ihre Gewalt über Lydia verlieren – vielleicht wird sie selber dann eine Fessel, in der wir ihren Geliebten für uns gewinnen. Dann brauchen wir den Fürsten nicht mehr.

– Sie haben recht. Verlassen Sie sich auf mich. Jetzt leben Sie wohl, und –

– Auf längere Zeit. Wir – er zeigte auf Ines und Salvador – verlassen noch heute Berlin. Unser Geschäft ist hier beendet.

– Was geschieht mit Gilbert?

– Wenn er nicht heute Nacht noch stirbt, so dürfte er gerettet sein. Ich lasse ihn unter Ihrer Obhut. Der Fürst aber darf ihn nicht wiedersehen.

– Es ist gut. –

– Kommt, Sennora. Es ist Zeit. Der Morgen graut schon, wir müssen eilen, ehe der Kampf wieder losbricht, das Thor zu erreichen.

Alice umarmte Salvador, drückte seiner Mutter herzlich die Hand und setzte sich dann an das Bett des Kranken.

Die drei aber verließen still das Gemach.



XVI


Nach einer kurzen zweistündigen Ruhe hatte der Kampf wieder begonnen. Aber Kämpfer wie Kampfplatz boten eine völlig veränderte Physiognomie dar. Die leidenschaftliche Wuth des vorhergehenden Tages, der tiefe Ingrimm über am Volke vielfach begangenen Verrath war einer kalten Entschlossenheit, die regellose wilde Tapferkeit, mit welcher die Barrikaden vertheidigt und die Wachen gestürmt worden waren, einer festen Disciplin gewichen, welche ein durchaus revolutionäres Gepräge trug. Einen halb kindischen, halb rührenden Anblick gewährte die ernste Würde und Grandezza, mit der die wackern Proletarier einen alten Säbel oder eine Flinte über die Schulter, um die grauleinenen Beinkleider ein rothbuntes Schnupftuch statt der Schärpe geschlungen, den groben Strohhut verwegen auf die Seite gerückt, ihre Posten bezogen.

Auf den Barrikaden wurde es früh lebendig. Auf wenige Augen hatte sich in dieser Nacht der Schlaf gesenkt, aber welch' Unterschied zwischen denen, die hinter den Barrikaden, und denen, welche vor ihnen erwachten. Jene voll lachenden Muthes und frischer Thatkraft blickten, auf ihre Flinte gestützt oder am Wachtfeuer sitzend, dem dämmernden Morgen entgegen, der das Signal zum neuen Kampfe werden sollte, diese lagen, in ihre grauen Mäntel gehüllt, ermattet am Boden und starrten in dumpfer Betäubung oder angstvollem Hinbrüten in die Nacht hinein.

Wie konnte es anders sein.

Das kämpfende Volk sah aus seinem Blute unvergängliche Lorbeern sprießen.

Darum war es siegesfroh und kampfesheiter. Mochte es siegen oder untergehen: gleichviel, dort winkte ihm die Palme des schönsten Sieges, hier die Immortellen-Krone des blutigen Märtyrerthums.

Anders ihre Gegner. Der Sieg im unheiligen Kriege gegen ihre für die Freiheit kämpfenden Brüder brachte ihnen keinen Ruhm.

Die Sturmglocke ließ dumpfes Gewimmer ertönen. – – Die Kämpfer eilten auf ihre Posten. – – Von Neuem entbrannte der Kampf.

– – – – – – – – – – – – – – – –

Auf den trümmerbedeckten Straßen hatte die Kampfeslust ihre blutigrothe Fahne aufgepflanzt – eine Welt voller Schmerz und Lust, voll unsäglichen Leidens und unvergeßlichen Entzückens. – – –

Aber dort in dem heiligen Tempel seligen Friedens, wo auf rosenbedecktem Throne die Liebe ihr purpurglühendes Banner entfaltet hatte, hielt noch die von freundlichen Träumen bewachte selige Ruhe der tiefsten Gewährung die Glücklichen umfangen. – –

Klagend schallte die Sturmglocke herüber, ihr Geheul schwamm wie das Schwanenlied der Freiheit auf den Wogen der Morgenluft über die ruhelose Stadt.

Der Prinz erwachte – – hatte er von Kampf und Blut geträumt?

– – – – – – – – – – – – – – – –

Eine Stunde später ging Lydia am Arme des Prinzen durch den noch ohne Blätterschmuck dastehenden Park. Die Sonne schien freundlich durch die Zweige, von denen einige bereits von ihrer Wanderschaft zurückgekehrte Frühlingssänger ihr Lied ertönen ließen.

Plötzlich stand Alice ihnen gegenüber. Sie wollte ihren Augen nicht trauen, als sie das ihr entgegenwandelnde Paar erblickte. Sie konnte es nicht begreifen, wie diese beiden ernsten Charaktere in diesem Augenblicke, wo draußen die Frage des Jahrhunderts gelöst wurde, es hatten über sich gewinnen können, aus jedem Zusammenhange mit der blutenden und freiheitschwärmenden Welt da draußen so völlig herauszutreten.

Lydia war ein Weib; ihr verzieh sie, und als sie in das glückstrahlende Auge ihrer Freundin blickte, da öffneten sich ihre Arme – und Lydia stürzte weinend hinein.

Auch der Prinz fühlte sich von dem ernsten Wesen Alicens sonderbar erregt. Er fühlte, daß er den Vorwurf, welcher darin lag, verdiene.

So sonderbar hatten diese so verschiedenen Charaktere ihre Rollen getauscht. In Alicen, deren Leichtsinn in der Politik an Frivolität grenzte, war durch die großen Scenen der jüngst durchlebten Revolutionsnacht eine erhabene Wehmuth erweckt worden, die sie den beiden Liebenden gegenüber als eine düstre Schwärmerin erscheinen ließ.

– Sie sind glücklich, mein Prinz – sagte mit Bitterkeit lächelnd Alice. – Sie wissen, wie sehr ich es Ihnen gönne. Aber erlauben Sie mir, Sie daran zu mahnen, daß der heutige Tag ein Tag des Handelns und des Ernstes, nicht des Liebens und des Scherzes ist. – – O, ich will Ihnen keinen Vorwurf machen; aber eilen Sie, ehe es zu spät ist. Das Haus Hohenzollern hat sein Brennusschwert in die eine Wagschale geworfen, das Volk ist bereit, in die andere die königliche Krone zu werfen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Eine Stunde des Kampfes noch – und der Sieg ist unser. – Wehe dann den Besiegten!

Der Prinz erbleichte. – Was ist zu thun? – fragte er hastig.

– Eilen Sie auf's Schloß und bewirken Sie das Einstellen des Feuerns. Lassen Sie die Soldaten zurückziehen, damit nicht das verhängnißvolle trop tard! auch an dem Hause Hohenzollern zur fürchterlichen Wahrheit wird.

Rasch verließ der Prinz die beiden Frauen, welche schweigend sich dem Gewächshause zuwendeten.

Als sie dort anlangten, reichte Alice ihrer Freundin die Hand und sagte ihr Lebewohl.

– Du willst mich verlassen – fragte diese erschrocken.

– Ich lasse Dich in den Armen der Liebe zurück – sagte jene traurig; denn sie ahnte, daß das Glück Lydias nur kurze Zeit dauern werde.

– Ich warte das Ende des Kampfes ab und dann wandre ich zum Thore hinaus. Meine Mission ist hier beendet. Ich gehe nach dem Norden.


Der Ausgang jenes denkwürdigen Kampfes in der Nacht vom 18. bis 19. März ist bekannt. Am Morgen des 19. – es war ein Sonntag – wurde das Feuern eingestellt und das Versprechen gegeben, daß die Soldaten sich zurückziehen sollten, sobald das Volk die Barrikaden niedergerissen hätte. Nur wenige Barrikaden gingen diese Bedingung ein, die meisten blieben, wie sie waren. Dennoch gab man im Schlosse nach; man war schwankend geworden theils durch die eigene Anschauung, theils durch die Schilderung der unbezähmbaren Wuth und der unerschütterlichen Entschlossenheit des Volks.

Die Minister von Bodelschwingh, von Thiele, von Eichhorn hatten schon in der Nacht in eiliger Flucht die Stadt verlassen. Auch der Prinz von Preußen hatte es für nöthig gehalten, sich dem Anblick des erbitterten Volkes zu entziehen, das – ob mit Recht oder Unrecht, wird wohl nie klar entschieden werden – ihm die Hauptschuld für das der Freiheit zum Opfer geflossene Blut beimaß. Ueber Tausend aus den Reihen des Volkes lagen theils verwundet in den Häusern umher, theils bedeckten sie als Leichen den blutgedüngten Boden. Außer denen, die später an ihren Wunden starben, hatten gegen dreihundert auf den Barrikaden den Tod gefunden. Unter diesen war auch der Camerad Ralphs, der junge Hartwig; der alte Steiger, welcher jenem in prophetischer Ahnung sein Schicksal vorausgesagt, lag in einem Keller der Jerusalemsstraße. Beide Beine waren ihm durchschossen. Ralph war durch die Fürsorge Alicens in ihre Wohnung gebracht, und dort von seiner Schwester Anna treu gepflegt.

Die Stadt, durch die Eleganz und Zierlichkeit ihrer breiten und geraden Straßen berühmt, bot jetzt einen ernsten Anblick dar; die Trottoirs und das Pflaster waren aufgerissen; die Wände der Häuser mit Kugelspuren bedeckt, die Dächer ihrer Ziegel beraubt, so daß die grauschwarzen Sparren sichtbar wurden, zwischen denen man in die schwarzen Böden hineinblickte. – – – –

Der Kanonendonner war verstummt. Das Volk aber ruhte nicht; es bestand auf der Ausführung der ihm gemachten Versprechungen, und verlangte, das Schloß umwogend, daß die Soldaten die Stadt verließen.

Es geschah. Von Pulverdampf geschwärzt, sich kaum auf den Beinen haltend, mit zerrissener Uniform, zogen sie stumm, die Augen zu Boden schlagend, aus dem Schlosse heraus auf den Lustgarten. Ohne Klang traten sie den Rückzug an, die Linden hinab zu dem Brandenburger Thore hinaus.

– – – – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – – – –

Am dritten Tage begrub das Volk seine Todten auf dem Friedrichshain. Damals rechneten es sich die Behörden der Stadt, welche sich die Früchte der Revolution gut schmecken ließen, vielleicht weil sie selber die Saat gestreut, die das Volk mit seinen Thränen und seinem Blute begossen, zur Ehre, daß ihnen gestattet wurde, den unabsehbaren Trauerzug des Volks zu geleiten. – Es sind dieselben Behörden, welche acht Monate später für die Fortdauer des Belagerungszustandes Adressen sammeln und die am 18. März 1848 verstümmelten Proletarier nach der Ostbahn schicken, um Berlin von diesem »Gesindel« zu säubern.

Als der Zug der Leichen das Schloß passirte, erschien der König auf dem Balkon und entblößte ehrfurchtsvoll das Haupt.

– – – – – – – – – – – – – – – – –

Die Bürgerwehr wurde organisirt. Berlin war von den untersten bis in die obersten Schichten hierauf umgewandelt.

Der Vereinigte Landtag trat zum zweiten Male zusammen. Fürst Lichnowski gehörte zur gemäßigten Opposition, er strebte sichtbar danach, sich populär zu machen.

Der Landtag hatte seine Arbeiten vollendet. Die »einigen Grundlagen der künftigen preußischen Verfassung« und das »Wahlgesetz« waren proklamirt worden.

Das Volk murrte, aber es wartete auf die constituirenden Versammlungen.

Die Wahlen begannen. Die alten doctrinären Liberalen standen im Vordergrunde. Man schickte sie nach Frankfurt und nach Berlin. Auch der Fürst Lichnowski wurde nach Frankfurt gewählt.

Nicht sechs Wochen waren seit dem 19. März verflossen und die Contrerevolution begann die ersten Steine zu dem Fundament zu legen, zu dem prächtigen Pallast, den sie am 7. November vollendete und am 5. December einweihte.

Der große Zug nach dem Friedrichshain am 4. Juni 1848 war das letzte Aufflackern des mächtigen revolutionären Geistes, und der letzte große friedliche Sieg des Volkes über das wiederauftauchende Bourgeoisphilisterthum.

In demselben Maße, wie das Andenken an das, was man am 18. März gewollt hatte, abnahm, nahm die im Finstern schleichende Reaktion zu. Vergebens nährten die Redner der Clubs die Erinnerungen der Revolutionsnacht, vergebens wies die Presse auf die Fortschritte der Reaction hin:

Der Geist der Revolution selbst, die Vorsehung des Volkes wollte es anders.

Nur die vollendete Contrerevolution kann die Mutter einer vollendeten Revolution werden.

Das ist die Lösung des Räthsels.



Drittes Buch


I


Die Frankfurter Septembertage.


Auf dem flachen sandigen Ufer des kleinen Belt, gegenüber der Nordspitze der Insel Alsen, bildet das Meer eine tiefe und breite Bucht, an deren innerstem Grunde sich die schleswigsche Stadt Apenrade anlehnt. Die rechte südliche Seite des Ufers zieht sich in einem weiten Bogen bis zur Mündung des Hafens hin, welche durch zwei kleine, mit den Ufern rechte Winkel bildende nach Norden und nach Süden auslaufende Landzungen scharf begrenzt ist.

Die nördliche Landzunge war damals militairisch benutzt worden. In einer Entfernung von 50 zu 50 Schritten blickte die Mündung einer Kanone wie ein lauerndes Cyklopenauge über den Wall hinaus auf das Meer. Es waren im Ganzen vier 6- und zwei 24-Pfünder, welche diese Strandbatterie bildeten; sie schien besonders dazu bestimmt, das Hauptquartier des General von Wrangel, welches sich in dem sich über die andern Häuser Apenrades erhebenden Schlosse des Kammerherrn von Stehmann befand, vor einem Ueberfall zu schützen.

Die äußerste Spitze der südlichen Landzunge bildet ein kegelförmig gestalteter, grüner Hügel, an dessen mit dichtem Buschwerk besetzter Brust die weißschäumenden Wogen des unruhigen Beltes sich brechen.

Ein schmaler, sich durch das hohe Gras hinwindender Fußsteig führt den Hügel hinan und endet auf seinem ein wenig abgeglatteten Gipfel, in dessen Mitte ein mächtiger moosbewachsener Stein in schräger Lage aus der Erde hervorragt, welcher – seiner regelmäßigen Form nach zu urtheilen – nicht durch den Zufall der Natur hierhergewälzt zu sein schien.

Es war ein heißer Augustabend. Das Meer sandte seine ewig rollenden Wellen mit träger Langsamkeit an das glühende Ufer; die Blätter der jungen Birken und Haselstauden auf dem Hügel hingen welk und glanzlos an den Zweigen nieder. Die ganze Natur lechzte nach Kühle und Erfrischung; nur ein lebendes Wesen unterbrach die Stille: es war ein Kuckuck, der seinen weit hinschallenden melancholischen Ruf in langen regelmäßigen Pausen ertönen ließ.

Die Sonne war hinter Apenrade niedergegangen, das Abendroth warf seinen dunkelrothen Wiederschein über den Hafen hin und einzelne Sterne zitterten bereits mit bleichem Lichte am tiefblauen, wolkenlosen Himmel. Da stieg ein Mann in einem blauen Staubhemde und breitrandigem Strohhut den Hügel hinan. Als er die Spitze erreicht hatte, zog er ein Fernrohr hervor, und warf durch dasselbe rings umher einen forschenden Blick, als wollte er sich überzeugen, daß er von Niemandem bemerkt worden sei. Seine Beobachtungen schienen ihn befriedigt zu haben, denn er legte Fernrohr, Stock und Strohhut auf den Boden nieder und setzte sich selbst auf den alten Stein.

Nach einer kurzen Pause, während welcher er, wie es schien, nur mit seinen Gedanken beschäftigt, vor sich hinblickte, nahm er das Fernrohr wieder auf und richtete es in nordöstlicher Richtung auf das Meer, ließ es jedoch bald wieder sinken und nahm seinen Platz auf dem Stein wieder ein.

Ein dumpfes Rollen, wie der schwache Donner eines fernen Gewitters, weckte ihn plötzlich aus seiner Träumerei. Rasch sprang er empor und setzte das Fernrohr abermals an das spähende Auge. –

Ein Freuderuf entfuhr seinem Munde.

– Ah, sie haben Wort gehalten – murmelte er vor sich. – Beim Teufel, es war hohe Zeit.

Wer mit unbewaffnetem Auge auf das bereits ins Dunkel versinkende Meer hinausgeblickt hätte, würde wahrscheinlich den kleinen dunkeln Punkt am nordöstlichen Horizonte übersehen haben, der dem Unbekannten ein so großes Vergnügen verursachte. Aber in dem trefflichen Glase des Rohrs zeichnete sich deutlich eine große dänische Fregatte ab, welche mit vollen Segeln auf den Hafen lossteuerte.

Der Fremde ließ jetzt wiederum sein Fernrohr sinken, vielleicht weil die schnell herannahende Nacht das Schiff seinen ferneren Beobachtungen entzog, vielleicht auch, weil er nichts weiter zu beobachten hatte. Aber er setzte sich nicht wieder, sondern starrte fortwährend auf das Meer hinaus. Eine volle halbe Stunde mochte vergangen sein, da ließ sich ein regelmäßiges leises Plätschern hören, welches dem Ufer sich näherte. Endlich schwieg das Geräusch.

Man vernahm deutlich, wie ein Boot dicht bei dem Hügel auf das Ufer gezogen wurde. Darauf erscholl von unten herauf ein helles Pfeifen.

– Bravo, mein Bursche! – sagte lächelnd der Fremde, indem er seinen Strohhut aufsetzte. Darauf zog er den Knopf seines Ziegenhainers an den Mund und antwortete mit einem ähnlichen Pfiff.

– Hallo! – fluchte eine tiefe Stimme unten. – Zum Teufel mit diesen verdammten Dornsträuchern, die einen ehrlichen Kerl fester halten, als die breiteste Sandbank, und ihn ärger schinden, als das spitzeste Riff.

– Wendet Euch rechts, Capitain; – rief der Fremde hinunter – ein Dutzend Schritte am Ufer hin, da findet Ihr den Steg. – – Nun, was giebts jetzt wieder?

Diese letzte Frage galt einem neuen Ausruf des unten Tappenden, der aber mehr aus Verwunderung, als aus Unwillen zu entspringen schien.

– Nisten in dieser erbärmlichen Wüste auch Wölfe? Es wollte mir fast scheinen, als hätte ich so was durchs Gebüsch schlüpfen sehen. – Na, Gott sei gelobt, wir sind zur Stelle – – guten Abend, Lieutenant! Doch wie? seid Ihrs wirklich? In solchem Aufzuge? Ihr seht ja aus wie ein wandernder Bänkelsänger.

– Laßt das jetzt, Capitain, es ist spät, und ich muß bald ins Quartier zurück, wenn ich nicht vermißt werden soll. Doch zuvor sagt, was meintet Ihr vorher mit dem Wolfe? – Er warf bei diesen Worten einen unruhigen Blick auf das Gebüsch.

– Ah, bah! Was wirds gewesen sein? Eine alte Eule, die wir im Schlafe gestört – erwiederte der Neuangekommene, ein derber, kräftiger Seemann, mit gebräuntem Gesicht und starkem Schnurr- und Knebelbart.

– Seid Ihr allein gekommen? – fragte vorsichtig der Fremde.

– Denkt Ihr, ich sei eine gemeine Theerratte, die den Säbel zuweilen auch mit der Ruderstange wechselt? Meine Burschen sind unten im Boot.

– Wie viel sinds Ihrer?

– Zum Teufel, was soll's mit diesen Fragen?

– Nun! – begütigte der Andere – ereifert Euch nicht. Ihr seid Eurer Leute sicher, nicht wahr?

– Das sollte ich meinen! – rief der Capitain. – Für den Nothfall hab' ich Mittel, sie so in Sicherheit zu bringen, daß sie ferner für keine Schutzwache zu sorgen haben. – Er schlug bei diesen Worten seinen Mantel auseinander, wodurch ein mit zwei Doppelpistolen besetzter Ledergurt sichtbar wurde.

– Gut! – sagte der Fremde, sichtlich beruhigt. – Zur Sache denn! Was bringt Ihr für Nachrichten aus Copenhagen?

– Man ist der Sache bei Hofe herzlich satt und hätte ihr längst auf die eine oder die andere Weise ein Ende gemacht, wenn man nicht hätte Rücksicht auf die allgemeine Meinung, d. h. auf die wohlfeile Kriegslust des Straßenpöbels, nehmen müssen.

– Ihr scherzt!

– Schauet dort den Beweis! – sagte der Capitain, auf das Meer in der Richtung der Fregatte deutend. – Der Apenrader Hafen ist in Belagerungszustand erklärt.

Der Fremde trat einen Schritt zurück.

– Und was verhandeln wir dann noch hier? – sagte er kurz und heftig. – Gute Nacht!

– Hoho! Gemach, mein Freund! Ihr segelt verdammt unterm Winde. Sorgt nur, daß Ihr nicht unversehens auf ein Riff lauft. Ich bitt' Euch, laßt Euren Anker auf dem Grunde, wir sind noch lange nicht fertig.

– Nun, was soll's noch weiter? Ich mache nicht gern unnütze Worte!

– Da habt Ihr ganz meinen Geschmack! Nicht wahr, Chevalier, Ihr wünscht diese Nacht sicherlich lieber in Eurem weichen Bette, als in einer wurmstichigen Hängematte zuzubringen.

– Was bedeutet das nun wieder? – fragte mit einer gewissen Unruhe der mit dem Titel »Chevalier« angeredete Fremde.

– Beim Himmel, ich weiß nicht, was ich Euch für Grund gegeben habe, mich für einen unbärtigen Knaben zu halten! Nicht wahr? Ihr möchtet jetzt hingehen und Euch den Lohn, den Ihr dem Feinde nicht abverdienen könnt, bei Euren Freunden einzubringen suchen. Still! Ich sollte meinen, daß wir uns kennen, Chevalier. Ein Kind kann einsehen, daß der Bursche da draußen nicht umsonst die Nacht abgewartet hat, um dem Apenrader Hafen einen Besuch abzustatten. Ich hoffe, morgen mein Frühstück im Schlosse des Herrn von Stehmann einzunehmen. Verstanden? Gut; und nun, meint Ihr, werde ich Euch fortlassen, um dafür zu sorgen, daß mir statt einer kalten Rebhuhnpastete von jenen lahmen Strandläufern – er zeigte nach der andern Landzunge auf die Strandbatterie hinüber – ein Frikassee zum Willkommen gebracht wird, das mir den Appetit für immer vergehen machen möchte? –

– Ihr glaubt also, ich werde Euch verrathen?

– Teufel, Ihr seid schnell von Begriffen: das meine ich, ja.

– Ihr möchtet unter anderen Umständen so Unrecht nicht haben – lächelte Jener – doch diesmal irrt Ihr. Meint Ihr wirklich, daß ein Mann, wie ich, aus bloßer Geldlust dergleichen unternimmt? Nein. Dänemark ist mir eben so gleichgültig wie Deutschland, und vollends dieser lächerliche Krieg, von der einen Seite aus Renommage, von der andern aus Hochmuth und Ländergier unternommen, von keiner mit Ernst geführt. Bei Gott, ich rührte keinen Finger deshalb, hätte ich nicht andere Gründe.

Es war zu dunkel, um das Gesicht des Redenden zu erkennen, aber in seinem erregten, zitternden Tone lag ein solcher Ausdruck von Wahrheit, daß der Capitain davon getroffen wurde.

– Nun, ich habe Euch nicht beleidigen wollen – sagte er einlenkend.

– Hört jetzt, was ich Euch zu sagen habe. Ich weiß bestimmt, daß Preußen Alles aufbieten will, um einen Waffenstillstand quand même zu Stande zu bringen. In Frankfurt wird bereits, obschon bisher ohne Erfolg, deshalb intriguirt. Willigen die Frankfurter bis zum 20. dieses Monats, heute ist der 16., also innerhalb 4 Tagen, nicht ein, so wird es Preußen auf einen Separatfriedensschluß ankommen lassen. Die Vorbereitungen dazu sind bereits getroffen. Die Ausführung scheiterte bisher an der Hartnäckigkeit Wrangels, der eitel genug ist, sich auf den Titel:


»Oberkommandeur der Truppen der Reichscentralgewalt«


etwas einzubilden. Aber er wird sich fügen, wenn man ihm die Wahl läßt, nachzugeben oder den preußischen Dienst zu verlassen. Habt Ihr mich verstanden?

– Vollkommen. Fahrt fort!

– Ihr seht hiernach ein, daß es völlig unpolitisch und gegen Euer eigenes Interesse wäre, den Hafen zu forciren und Apenrade zu beschießen. Denn erstlich würde Wrangels Widerstand gegen die Abschließung des Waffenstillstandes dadurch hartnäckiger und zweitens würde das preußische Cabinet selbst nicht mehr seinen friedlichen Absichten folgen können, ohne sich zu sehr zu compromittiren. Es ist klar, daß man laut über Verrath schreien würde.

– Hm! Ihr scheint mir in gutem Fahrwasser zu steuern. Doch Eins erklärt mir noch. Wie soll ich mich mit meiner Instruktion abfinden, die ausdrücklich die Beschießung, respektive Ueberrumpelung von Apenrade anbefiehlt.

– Habt Ihr sie bei Euch?

– Ja wohl; aber es ist zu dunkel, Ihr könnt nicht sehen.

– Gebt nur – erwiederte jener, eine kleine Laterne anzündend. – Stellt Euch auf diese Seite, damit der Schein nicht nach dem Lande fällt.

Der Chevalier entfaltete das Papier und las es aufmerksam durch, während der Capitain leuchtete.

– Hier steht ja noch etwas von einer zweiten, speciellen Instruktion, die Ihr am Orte Eurer Bestimmung erbrechen sollt. Habt Ihr das gethan?

– Nein, dazu, dächte ich, wäre noch Zeit genug, wenn's zum Kampfe geht.

– Thor, der Ihr seid. Wenn Euch nun gerade darin der Kampf untersagt würde. Der Capitain sah seinen Gefährten verblüfft an. – Wartet einen Augenblick – sagte er, seinen Gurt abschnallend. Eine in der einen Seite desselben verborgene Tasche öffnend, zog er darauf die versiegelte Instruktion hervor und erbrach sie.

– Donnerwetter, Ihr habt, hol' mich der Teufel, recht – rief er erstaunt. – Hier steht das Gegentheil von dem, was dort. Das begreife ein Anderer.

– Das ist sehr leicht zu begreifen – sagte mit Ruhe der Chevalier. – Um ganz sicher zu sein, gab man Euch in Copenhagen eine officielle Depesche, die so lautete, wie die öffentliche Meinung, die Ihr so richtig als die Meinung des Straßenpöbels charakterisirt habt, es verlangte, und wies Euch nur in einer kleinen, unschuldig aussehenden Notiz auf die weitere specielle Instruktion hin, die Ihr versiegelt erhieltet mit dem gemessenen Befehl, sie erst am Bestimmungsort zu öffnen. Das scheint mir klar wie die Sonne.

– Was soll ich da thun? – sagte zweifelhaft der Capitain.

– Welche Frage? Dem gehorchen, was man Euch befohlen hat. Doch einen Rath als Freund will ich Euch geben. Bewahrt beide Dokumente sorgfältig! Es könnte eine Zeit kommen, wo man die Verantwortlichkeit für die insgeheim angeordneten Maßregeln auf Euch wälzen möchte. Ihr könntet dann die Papiere nöthig haben zu Eurer Rechtfertigung.

– Ihr habt wieder recht, Chevalier – erwiederte der Capitain, ihm die Hand schüttelnd. – Ich werde Euch dankbar sein.

– Es ist gut! – sagte jener kalt. – Ich glaube, wir haben für heute unser Geschäft beendet. Nicht wahr, ich werde nicht in einer Hängematte schlafen müssen?

– Ich bitt' Euch, schweigt davon! Es war eine Dummheit von mir. Wann sehe ich Euch wieder?

– Das weiß ich nicht. Sollte ich Euch sprechen müssen, so werdet Ihr hier um diese Zeit ein kleines Licht bemerken. Setzt Euch dann in Euer Boot und kommt herüber.

– Vortrefflich. Nun gehabt Euch wohl! – – – Holla, Bursche! – rief er nach dem Ufer hinunter. – Macht Euch fertig.

Nach einem kräftigen Händedruck stieg er den Hügel hinab.

Der Chevalier blieb mit gekreuzten Armen an dem Steine stehen und lauschte den Ruderschlägen des sich entfernenden Bootes. Als sie verklungen waren, zog er seine Blouse fester zusammen und stieg ebenfalls herab, nach der Landseite sich wendend. Bald war er im Schatten der Nacht verschwunden.

Als seine Schritte verhallt waren, bewegte sich das Gebüsch hinter dem Steine und ein menschlicher Kopf zeigte sich.

Sie sind fort! – sagte eine weiche Stimme. Bald darauf trat ein noch ganz junger Mann in der grünen Uniform eines Berliner Freischärlers heraus.

– Hallunken Ihr! – sagte er, drohend die kleine Faust erhebend – ich werde Euer Teufelsgebräu Euch versalzen.

Traurig ließ er den Kopf sinken und setzte sich hart an das Meer.

– Also auch dies Blut soll umsonst geflossen sein? – sagte er vor sich hin. Es war wiederum nur ein Wahn, der uns hieher trieb, für die Größe, Einheit und Freiheit Deutschlands in den Kampf und Tod zu gehen. Fluch über die Erbärmlichen, die am grünen Tische durch meineidigen Verrath die Fesseln an einander schmieden, mit denen sie auf's Neue die deutschen Stämme in Banden schlagen wollen! Doppelten Fluch aber über die Verräther in der Paulskirche, die das Volk hingesandt, sein Recht gegen die Ränke der Fürsten zu vertheidigen, und die nun ruhig zusehen, wie man dies Recht mit Füßen tritt und die Sehnsucht Deutschlands nach Freiheit verhöhnt. O Felix! Felix! Auch Du bist einer der Verräther! Aber die Rache des Volkes wird Euch Alle ereilen.

Er erhob sich. Sein Fuß stieß an einen Gegenstand. Er bückte sich. Es war das Fernrohr des Chevalier.

– Das soll mir eine Erinnerung an diese Stunde sein – sagte er, es einsteckend. Da nahten auf's Neue Tritte. Es war der Chevalier, der sein Fernrohr vermißte und zurückgekehrt war, es zu suchen.

– He, was ist das?! – –

Dieser Ausruf galt dem jungen Manne, welcher plötzlich vor dem vor Schreck Erstarrten stand. Doch nur einige Sekunden dauerte der Eindruck, dann hatte der Chevalier sich gefaßt. Mit der linken Hand griff er rasch nach der Brust des Knaben, während die Rechte in dem Brustlatz seiner Blouse etwas zu suchen schien.

– Wer bist Du? – Was suchst Du hier? – donnerte er den Knaben an, welcher von seinem Zorn durchaus nicht bewegt schien, sondern ruhig stehen blieb.

– Ich suchte und fand einen Verräther am Vaterlande – erwiederte Jener kalt.

Beim ersten Laute schon war der Chevalier einige Schritte zurückgetreten.

– Alice! – sagte er mit zitternder Stimme. –

Elender Meineidiger! – fragte mit dem Tone schmerzlicher Verachtung das bleiche Weib – hast Du auch wohl überlegt, was Du beginnst? Wird Deine feige Seele den Gedanken, ein Herostrat an dem Freiheitstempel Deutschlands gewesen zu sein, ertragen?

– Du hast also gelauscht? – Alice!

– Gilbert, ich habe Dich gepflegt, als Du zum Tode verwundet, Deinem Ende entgegensahst; als Alle, auch der Fürst, Dich verlassen hatten. – – Gedenkst Du des Schwures, den Du mir geleistet, als Du, durch meine Hand genesen, vom Krankenlager erstandest?

Gilbert schwieg.

– Wirst Du auch diesen Eid brechen? Antworte!

– Ich werde ihn halten – erwiederte er düster.

– Das Wort hat Dir Dein guter Engel eingegeben – sagte sie mit unveränderlicher Ruhe. Jetzt antworte mir: Weiß der Fürst Lichninsky um diesen Cabinetsstreich?

– Ich bin sein Bevollmächtigter. Wir haben hierin gleiches Interesse.

– Wie? Der alte Löwe und der feige Schakal: Beide morden ihre Opfer, um sich zu sättigen. Wann wird der Waffenstillstand ratificirt werden?

– Noch in diesem Monat.

– Wer ist von Seiten Preußens mit der Ratification beauftragt?

– Der General von Below.

– Und von Dänemark?

– Herr von Reetz.

– Der General von W. ist natürlich eingeweiht?

– Er hält sich vorläufig neutral, doch wird es sich morgen entscheiden.

– So muß ich eilen! – sagte Alice zu sich selbst und setzte dann laut hinzu: Es ist gut, Du kannst gehen.

Ohne ein Wort zu erwiedern, schritt Gilbert den Hügel hinab.

Alice eilte ins Gebüsch zurück und bestieg ein Boot, das tief in einer vom Meere ausgespülten kleinen Bucht verborgen war. Ein Mann, der der Länge nach im Boote ausgestreckt lag, erhob sich bei der Ankunft Alicens und nahm die Ruder zur Hand.

– Du bist lange geblieben – sagte er, mit einem kräftigen Stoß das gebrechliche Fahrzeug in das Meer hineinschleudernd, so daß die Wellen hoch aufspritzten. – Ich war bange um Dich. Hättest Du mir nicht ausdrücklich verboten, Dir zu folgen, so hätte ich Dich aufgesucht.

– Guter Ralph! – sagte Alice mit Wehmuth – nicht wahr, Du verräthst weder mich noch das Vaterland?!

Ralph sah sie erstaunt an.

– Weißt Du, mit wem ich ein Rendezvous gehabt?

– Wie soll ich's wissen!

– Mit Gilbert.

Das Ruder entsank seiner Hand, als er diesen Namen hörte.

– Und Du hast ihm nicht den Dolch ins Herz gestoßen?

– Pfui, wer wird gleich so unhöflich sein!

– Du hast recht – sagte lachend Ralph – wer Pech angreift, besudelt sich.

Wohin fahren wir?

– Nach dem Schlosse. – – – Ich muß Herrn von W. noch eine Visite machen.

– Es ist ja nahe an Mitternacht! – bemerkte Jener.

Alice beantwortete diese Worte nicht. Sie war in tiefes Sinnen versunken. Nach einer kurzen Zeit landete das Boot. Alice stieg aus.

– Erwarte mich, Ralph – sagte sie, den Weg nach dem Schlosse einschlagend.

Ralph streckte sich wieder in seinem Boote aus und starrte, von der lauen Sommernacht angefächelt, zu dem blauen Sternenhimmel hinauf.

Das Schloß des Kammerherrn von Stehmann, der durch die wiederholten Brandschatzungen der Dänen zu einem eifrigen Verfechter der Schleswigschen Unabhängigkeit geworden, war, theils um den edlen Kammerherrn gegen dänische Ueberfälle zu schützen, theils weil in diesem Augenblicke der General von Wrangel darin sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, in eine kleine Festung verwandelt worden. Die dem Meere zugekehrte Seite war zwar offen, indeß mit einer starken Wache versehen, die andern drei Seiten waren durch hohe Wälle ziemlich geschützt. Außerdem standen vor dem Hauptthor des Schlosses zwei Zwölfpfünder.

Alice wurde auf ihr Verlangen, den General zu sprechen, sogleich durch einen der wachhabenden Soldaten in das Schloß geführt und dem General gemeldet. Obgleich es schon spät war, so wurde sie dennoch vorgelassen. Der General saß an einem mit Papieren und Karten bedeckten Tisch. Sein runzliches, gelbes Gesicht mit dem kurzen, borstenartigen Schnurrbart, wie ihn die Militairs aus den »Freiheitskriegen« zu tragen pflegen, seine halbgeschlossenen Augen und das graue, kurze Haar bildeten ein Ensemble, das den lebendigen Typus eines »preußischen gedienten Soldaten« darstellte, in diesem Augenblicke aber der eintretenden Alice trotz ihrer ernsten Stimmung ein Lächeln abnöthigte, da der General die Folie, auf welcher das Bild erst seinen eigentlichen Charakter erhält, nämlich die preußische Uniform abgelegt hatte und wegen der großen Hitze in einem Leinwandrocke da saß. Alice war dem General nicht unbekannt. –

– General! – begann sie, ihren Chef militairisch begrüßend – ich komme, Ihnen eine wichtige Nachricht mitzutheilen. Um 9 Uhr 35 Minuten Abends hat sich eine dänische Fregatte vor dem Apenrader Hafen gelegt.

– Was Sie sagen! – rief der General erstaunt aus. – Ihre Nachricht beruht auf keinem Irrthum?

– Sie können sich selbst davon überzeugen. Unten liegt mein Boot. Wenn's Ihnen beliebt, steuern wir hinaus, den Gast in der Nähe zu besehen. Der General erhob sich und ging einige Mal, die Hände auf den Rücken gelegt, das Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor Alicen stehen.

– Sie sind zur glücklichen Stunde gekommen, liebe Tochter – sagte er. – Einige Minuten später und es wäre zu spät gewesen. – – – – Es ist sicher, man hat parlamentirt, um unter der Hand einen desto sichern Schlag auszuführen.

Obgleich er die letzten Worte mehr im Selbstgespräch an sich selbst als an Alicen richtete, so glaubte diese dennoch darauf antworten zu müssen.

– Ich glaube nicht, General – sagte sie.

– Was glauben Sie nicht? – fragte er rasch.

– Daß der Däne den Hafen forciren wird.

– Und woraus schließen Sie das?

– Der Capitain hat eine geheime Instruktion, die es ihm verbietet.

– Eine geheime Instruktion, von der Sie Kenntniß haben? – fragte er, ungläubig lächelnd.

– So ist's, General. Sie glauben mir nicht, so will ich Ihnen den Beweis geben, daß ich gut unterrichtet bin. Man trifft Vorbereitungen zu einem Waffenstillstande, vielleicht zu einem Friedensschlusse; Vorbereitungen, die bisher an Ihrem Widerstande gescheitert sind. Da hat man Sie auf die republikanischen Tendenzen hingewiesen, die sich in den unter Ihrem Oberbefehl stehenden Truppen kund gegeben und daraus die Nothwendigkeit abgeleitet, besonders die süddeutschen Truppen zu entlassen. Morgen hätten Sie sich entschieden, und zwar für den Waffenstillstand entschieden. Deshalb bin ich gekommen, um Ihnen zu sagen, daß das Ganze eine abgekartete Verrätherei ist, der sich als Werkzeug zu leihen für einen braven Soldaten keine Ehre sein kann.

Das Erstaunen des Generals wuchs.

– Der dänische Capitain hat deshalb ausdrücklichen Befehl, sich völlig passiv zu verhalten, um Sie nicht zum aktiven Widerstande gegen ihn und dem zufolge auch gegen den Waffenstillstand zu reizen. Ich meine, daß Sie keine Ursache haben werden, dies Alles für bloße Träumerei zu halten. – – Denken Sie daran, General, daß Sie in diesem Augenblicke die höchste militairische Ehrenstelle in Deutschland bekleiden, Sie das Oberkommando der deutschen Reichstruppen inne haben. Wollen Sie Deutschlands Ehre, Deutschlands Freiheit den separatistischen Gelüsten der Fürsten, die Sympathieen des ganzen Volks den absolutistischen Intriguen weniger Dutzend Diplomaten zum Opfer bringen? –

Ich bin eine Frau, General, aber ich würde eher mein Leben hingeben, als diese Verantwortlichkeit auf mich nehmen. – Mein Geschäft ist vollendet; leben Sie wohl, General, und möge der Himmel Ihren Entschluß zum Segen des Volkes lenken.

– Ich werde die heutige Nacht nicht vergessen – sagte der General, sichtlich bewegt. –

– – – – – – – – – – – – – – – –

Auf dem Schloßhofe begegnete Alice Gilbert, welcher ebenfalls zum General eilte, dessen Geheimsekretair er war.

– Ha – sagte er mit unterdrückter Wuth – Verrätherin! Du meinst, ich habe die Langmuth eines Lammes, daß Du es wagst, mich zum Aeußersten zu reizen. Du warst beim General?

Alice würdigte ihn keines Blicks, sondern eilte dem Ausgange zu.

– Du sollst mir Rede stehen! Hast Du mich verrathen?

– Es steht Euch gut, Chevalier – sagte Alice mit schneidendem Hohne – Euch gegenüber von meiner Verrätherei zu reden. Indessen rathe ich Euch, Eurer Zunge nicht allzusehr den Zügel schießen zu lassen und Euer heißes Blut etwas abzukühlen. Meine Feldapotheke enthält vortreffliche Pillen, welche eine wunderbare Kraft der Beruhigung besitzen. Seht! – diese kleine Phiole ist damit bis zum Rande gefüllt. Sie hielt ihm die Mündung eines niedlichen Terzerols entgegen. –

Adieu!

Gilbert verharrte einen Augenblick in seiner Stellung, als sei er unschlüssig, ob er ihr folgen solle oder nicht. Dann wandte er sich kurz um und ging mit zögernden Schritten zum General hinauf.



II


Am andern Morgen gab sich in der Stadt Apenrade eine mehr als gewöhnliche Bewegung kund. Zahlreiche Gruppen sammelten sich am Ufer, um die dänische Fregatte in Augenschein zu nehmen, die sich nicht weit vor die Mündung des Hafens gelegt hatte. Aber nicht blos Neugierde war es, was sich in den Gesprächen des Publikums kund gab. Es hatte sich das Gerücht von einem nahe bevorstehenden Waffenstillstande verbreitet, womit man die Anwesenheit des Unterstaatssekretärs und Reichskommissarius, Max von Gagern, im Hauptquartier, in Verbindung brachte. Auch hieß es, in Rendsburg seien in Folge ähnlicher Nachrichten Unruhen ausgebrochen.

Gegen 9 Uhr erschien der General v. Wrangel in Begleitung des Reichskommissarius und umgeben von einer zahlreichen Suite am Ufer und ritt nach der nördlichen Landzunge, von welcher die Strandbatterien ausliefen. Nicht wie sonst brach die Menge in einen Vivatruf aus, sondern machte den Reitern schweigend Platz. Der General bemerkte die veränderte Stimmung und warf einen forschenden Blick über die Zuschauer hin. Da traf sein Auge in das ernst zu ihm aufblickende Auge Alicens. Schnell wandte er das seinige ab. – –

– Komm Ralph – sagte Alice, als die Cavalkade sich entfernt hatte. – Es ist für uns hier nichts mehr zu thun. – Auch der General hat sich entschieden.

– Ich kann's nicht glauben – erwiederte kopfschüttelnd Ralph.

– Es ist so, wie ich Dir sage; ich werde Dir den Beweis schaffen. – Wenn wir den dänischen Capitain gefangen nähmen und ihn ihm überlieferten, er würde ihn laufen lassen.

– Schweig! – sagte jener zornig. – Spräche ein Anderer als Du solche Verdächtigungen über den »alten Wrangel« aus, so würde ich ihm bei Gott keine Zeit lassen, sie zu widerrufen.

– Du bist ein Thor, guter Ralph! – Ich hoffe, Du kennst mich hinlänglich, um zu wissen, daß ich nicht den Beweis für meine Behauptung schuldig bleibe.

– Vortrefflich! Ich bin auf den Beweis begierig.

– Was gilt die Wette, daß noch heute der Capitain in meiner Gewalt ist? –

Ralph blickte Alicen an wie Jemand, der nicht weiß, ob sich der Andere über ihn lustig macht oder aber im Ernste redet.

– Es ist mein vollkommener Ernst, setzte sie, die Hand ausstreckend, hinzu.

– Topp! – schlug Ralph ein – ich nehme die Wette an. Und was ist der Preis?

– Den zu bestimmen überlaß ich Dir.

Ralph's Augen strahlten plötzlich in einem eigenthümlichen Glanz.

– Gut! – sagte er kurz, als wolle er mit Gewalt seine Empfindungen unterdrücken.

– Willst Du mir bei der Ausführung behülflich sein?

– Ich würde ein unzuverlässiger Gehülfe werden, da ich an dem Mißlingen des Plans Interesse habe.

– Thut nichts. Ich weiß, Du wirst mich nicht im Stiche lassen. Also, Du bist bereit?

– Natürlich.

– So hole mich nach Sonnenuntergang in unserm Boote ab. Auf Wiedersehn!

Zu Hause angekommen, wurde ihr ein Diener des Prinzen N....r gemeldet.

– Lassen Sie ihn eintreten! – sagte Alice verdrüßlich.

Bald darauf erschien der Angemeldete und blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Alice entfuhr ein Ausruf des Erstaunens, als sich der junge Mensch plötzlich zu ihren Füßen warf.

– Was bedeutet dies? – fragte sie einen Schritt zurücktretend.

Da erhob sich das dunkle Auge des Knieenden mit schmerzlich fragendem Ausdruck zu ihr empor.

Sie erkannte ihn jetzt. In der That aber war das Erstaunen Alicens wohl gerechtfertigt. Denn wer hätte in der bunten Livree, dem kurzgeschorenen und glattgescheitelten Haar den unbändigen und träumerischen Knaben Salvador gesucht.

– Salvador?! – Du in dieser Vermummung? Welcher Sturm hat Dich nach diesem Norden heraufgeweht? Sprich, mein Knabe!

Salvador erhob sich. Er hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert. Fast um einen Kopf größer als vor einem halben Jahre, war er in demselben Verhältniß schlanker und schmächtiger geworden. Das bräunliche Roth seiner Wangen war einer krankhaften ins Gelbliche spielenden Blässe gewichen und der trotzige Feuerblick seines Auges hatte sich in den düstern Glanz einer halb verglimmenden Kohle verwandelt.

Alice wurde schmerzlich von dieser Umwandlung getroffen, aber sie unterdrückte mit feinem Zartgefühl jede Bemerkung darüber.

– Der Pater Angelikus hat es so gewollt – sagte Salvador. Alice bemerkte, daß er den Pater nicht mehr Tio nannte. – Ich müsse nach Norden, um in Ihrer Nähe zu sein. Sie würden mich mit nach Frankfurt nehmen, meinte der Pater.

– Und jetzt bist du wirklich im Dienste des Prinzen von N....r? –

– Ja – sagte Salvador, indem eine flüchtige Röthe sein Gesicht färbte. – Er hat mich gesandt, um Sie um eine Unterredung zu bitten.

– Was will der Prinz von mir? Ich kenne ihn nicht.

Salvador sah Alicen forschend an, als wolle er die Wahrheit dieser Aeußerung erproben.

– Was soll ich ihm antworten? – fragte er mit weniger befangenem Ton.

– Er mag kommen – sagte Alice nach kurzem Nachdenken.

– Wann?

– Heute Nachmittag.

– Nicht wahr? – fragte er zögernd – Sie nehmen mich wieder zu sich?

– Wenn es der Prinz zufrieden ist, gewiß.

Freudig drückte er die Hand Alicens an seine Lippen und entfernte sich rasch.

Alice war durch das Zusammentreffen tiefer bewegt, als sie sich gestehen mochte. Alle alten Erinnerungen, die sie längst begraben glaubte, tauchten mit neuer Kraft in ihrer Seele wieder empor.

Sie setzte sich an den Schreibtisch und ergriff mechanisch die Feder. Da fiel ihr die Ueberschrift eines angefangenen Briefes in die Augen, und sie ließ die Feder sinken.

– Durchlaucht – – – früher lautete es anders, wenn ich an Dich schrieb, Felix – – – Ich mag jetzt nicht – – – vielleicht giebt mir das Gespräch mit dem Prinzen neuen Stoff. Aber warnen will ich ihn, er sieht den Abgrund nicht, der sich zu seinen Füßen öffnet. Wehe ihm, wenn der unselige Waffenstillstand zum Abschluß kommt, dieser neue Verrath an der deutschen Sache. Felix, Felix! Mit jedem Schlage, den Du gegen die Größe Deutschlands führst, treibst Du einen Nagel in Deinen eignen Sarg. – –



III


Als die Sonne längst gesunken war und nur noch eine falbe Röthe am nordwestlichen Horizont die Stelle ihres Untergangs zeigte, stieß ein leichter Nachen vom innern Ufer des Hafens ab. Drei Personen befanden sich darin. Die eine, ein junger Mann mit gebräuntem Gesicht, führte mit kräftigen Armen zwei Ruder, welche sich fast unhörbar in die schwärzlich-grüne Fluth tauchten, obschon die Schnelligkeit, mit der das Boot die Wogen durchschnitt, bewies, mit welcher Kraft es in Bewegung gesetzt wurde. Am Hintertheil des Bootes, den linken Arm nachlässig um das Steuer geschlungen, den rechten auf den Bord des Fahrzengs gestützt saß, oder lag vielmehr ein dem feinen von unzähligen kleinen Locken beschatteten Gesicht und der üppig schlanken Gestalt nach, um welche sie die enge, einfache Uniform der schleswigschen Freischärler schmiegte, zu urtheilen, eine junge Dame, die mit scheinbarer Gedankenlosigkeit in die grünliche Fluth starrte. Der dritte war ein Jüngling, welcher nur erst kürzlich das Knabenalter verlassen haben konnte. Er stand aufrecht mit im Boot und schaute trübe der geschiedenen Sonne nach. Keines von den dreien sprach ein Wort. Man hörte nur den eintönigen Taucherschlag des Ruders und das Zischen der Wogen, die sich am Kiel des Bootes brachen und zuweilen hoch aufspritzten.

Als der Nachen sich bereits mitten auf dem Hafen befand, wandte Ralph – den meine Leser wohl schon in dem Ruderer erkannt haben werden – seinen Blick nach dem Meere, dem er den Rücken zukehrte und sagte halblaut, als fürchte er das Schweigen zu unterbrechen:

– Ich meine, wir müssen mehr rechts halten. Hier auf offnem Hafen sind wir zu sehr der Beobachtung ausgesetzt.

Alice, welche das Steuer führte, fuhr aus ihrer Träumerei empor. Sie blickte jetzt ebenfalls auf den Hafen, nickte bejahend mit dem Kopfe und wandte das Steuer. Das Boot beschrieb einen Bogen und schoß dann in grader Richtung auf die südliche Landzunge zu.

– Setze dich, Salvador! – sagte sie zu dem Stehenden, zog das Fernrohr Gilberts hervor und richtete es auf die dänische Fregatte, die einen Kanonenschuß entfernt, wie ein dunkler Koloß über den Spiegel des Wassers emporragte.

Du hast heute eine Zusammenkunft mit dem Prinzen von N....r gehabt? – sagte Ralph mit anscheinender Gleichgültigkeit.

– Erinnere mich nicht an diese Menschen, die mit ihrem Golde Seele wie Körper kaufen zu können glauben! Er wollte mich für die Reaktion gewinnen, und fing nach der gewöhnlichen Manier damit an, mir Schmeicheleien zu sagen, zuerst über meine Schönheit, als das nicht glückte, über mein Talent und meine Kühnheit, als auch dies keine Wirkung that, über meinen Einfluß auf die Freischaaren. Jetzt verstand ich ihn. Man wünschte nämlich, ich solle, bei etwa »eintretenden Ereignissen«, die nicht im Sinne unserer Partei seien, dazu beitragen, daß keine Aufregung entstände, oder wenigstens mich passiv zu verhalten. Ich lehnte das Anerbieten natürlich keineswegs ab, um das schön aufblühende Vertrauen des edlen Herrn nicht zu früh zu verscherzen, ohne mich indeß zu etwas Bestimmtem zu verpflichten. So habe ich denn einen Blick in das Intriguengewebe gethan, worin die contrerevolutionäre Partei den Willen des Volks fangen will, der mir von Nutzen sein wird. Nun, die Zeit ist nahe, wo das Conto geschlossen und die Abrechnung gehalten wird. Wehe dann den diplomatischen Thierbändigern, wenn der starke Löwe sich erhebt und das Netz wie Spinnengewebe zerreißt.

Ralph sagte nichts, aber die doppelt kräftigen Schläge, welche seine pfeifenden Ruder dem schäumenden Meere versetzte, verriethen seinen Ingrimm.

– Wo weilt jetzt deine Mutter, Salvador? – fragte Alice, von dem Thema abweichend.

– Ich weiß es nicht – versetzte dieser – aber Pater Angelikus sagte mir, ich würde sie wiedersehen, wenn der Augenblick gekommen.

Alice fragte nicht, welchen Augenblick der Pater gemeint habe. Sie verstand nur zu gut. Sie seufzte. – – Dieser Seufzer barg eine tiefe, unheilvolle Bedeutung. Sie dachte an den Fürsten Lichnowski, der Vorkämpfer der Volksfreiheit in Wien, und Lichnowski, der Verräther an der Volkssache in Berlin! Jenen hatte sie mit Leidenschaft geliebt, auf diesen blickte sie mit schmerzlicher Verachtung herab. Aber nicht blos diese Verachtung war es, die wie ein Winterreif auf die Liebesglut in ihrer Brust gefallen war und sie bis auf den letzten Funken gelöscht hatte, so daß nur noch die kalte Asche der Erinnerung übrig geblieben war – nicht nur diese Verachtung war es, was ihr Herz schmerzlich in diesem Augenblicke zusammenzog, sondern der Gedanke an das Verhängniß, welches wie ein Damoklesschwert über seinem ahnungslosen Haupte schwebte, und dessen Erfüllung mit Sturmschritten herannahte. Sie schauerte oft wie in einem Fiebertraume zusammen, wenn sie auf den bleichen Salvador blickend schon das Racheschwert in seiner Hand zu sehen glaubte.

Sie sprach mit dem Knaben nie von seinem Vater, aber sie wußte, daß in seiner Brust nur zwei Gedanken und zwei Empfindungen lebten, das Gefühl der Erbitterung bei dem Gedanken an den Verführer seiner Mutter und das Gefühl der zerstörendsten Liebe bei dem Gedanken an Lydia.

Diese beiden Gefühle waren zuletzt trotz ihres völligen Gegensatzes zu einer einzigen Empfindung zusammengeschmolzen, und in der That hatten sie Eins gemein: das Gefühl einer stets unbefriedigten Sehnsucht und der daraus entspringenden tiefen Bitterkeit.

– – – – – – – – – – – – – – – –

Das Boot landete. Das letzte Roth war vom Himmel verschwunden, die Nacht senkte sich auf das Meer herab. Ralph erhob sich zuerst. Er ergriff seine Doppelbüchse und lehnte sie vorsichtig an eine junge Birke am Fuße des Hügels. Dann reichte er Alicen die Hand, die diese jedoch nicht annahm, sondern mit einem graziösen Sprunge das Ufer erreichte. Salvador folgte ihr.

Ralph zog das Boot in die Bucht. Alle drei stiegen jetzt behutsam den Hügel hinan. Nachdem das Terrain rekognoscirt und sicher befunden war, wurde auf dem alten Runensteine Posto gefaßt.

– Wir müssen nach zwei Seiten hin auf Gäste gefaßt sein – sagte Alice, welche in der Erwartung des Abenteuers ihre düstere Stimmung gegen eine ausgelassene Munterkeit vertauscht hatte. – Es ist sehr wahrscheinlich, daß Gilbert den heutigen Abend selber zu einem Rendezvous benutzen wird. Salvador achte du auf die Landseite und melde Alles, was du siehst.

– Es ist nothwendig, Ralph, daß mich der Capitain allein trifft – sagte sie zu diesem. – Ist er nicht zu stark bewaffnet, so werde ich wohl schon mit ihm allein fertig. Jedenfalls kommst du mir nicht eher zu Hülfe, als bis ich das verabredete Zeichen gebe. Das Andre wird sich finden. Hast du die Laterne und die Stricke in Bereitschaft?

– Alles in Ordnung – erwiederte Ralph, die Pistons der Büchse mit Zündhütchen versehend – schreiten wir bald zur Ausführung?

– Noch ist's nicht Zeit! – wollte Alice sagen, aber das Wort erstarb auf ihren Lippen; als ganz in ihrer Nähe, in der Richtung nach der Stelle hin, wo sie Salvador postirt hatte, ein Pistolenschuß fiel. Alice erbleichte. Ralph sprang mit dem Ausrufe: Wir sind verrathen – Salvador zu Hülfe. Alice folgte ihm.

Als sie die Stelle erreichten, bot sich ihnen ein unerwartetes Schauspiel dar. Gilbert lag, das abgeschossene Pistol krampfhaft in der Hand haltend, regungslos am Boden. Salvador knieete, mit der linken Hand seine Gurgel umschließend, auf seiner Brust, während die Rechte den funkelnden Dolch nach seinem Herzen zuckte.

– Halt! – gebot Alice vortretend – tödte ihn nicht. Wir müssen ihn noch gebrauchen.

Salvador erhob sich und ließ Gilbert frei, welcher nun mit einem raschen Sprunge auf Alice zustürzen wollte. Da streckte sich ihm der Büchsenlauf Ralphs entgegen und bestürzt zurücktaumelnd wollte er sein Heil in der Flucht versuchen.

– Ein Schritt und du bist ein Sohn des Todes. –

Da brach die Kraft des Elenden zusammen.

– Was wollt ihr mit mir beginnen? – stammelte er zitternd, als Salvador Stricke herbeiholte und Gilberts Hände auf den Rücken zusammenband.

– An uns ist es jetzt, zu fragen, an dir, zu antworten – versetzte Alice. – Ins Boot mit ihm! – wandte sie sich zu Ralph.

Gilbert wurde ins Boot hinabgebracht und ihm bedeutet, daß bei dem geringsten Laut seinerseits eine Kugel sein Gehirn zerschmettern würde. Salvador wurde ihm zur Gesellschaft zurückgelassen. Dann wurde die Laterne angezündet, doch so, daß nur von der Meerseite das Licht sichtbar war. Hierauf begab sich Alice zu Gilbert in das Boot hinab, welcher halsstarrig ihren Fragen ein consequentes Schweigen entgegensetzte.

– Da Ihr nicht antwortet, Chevalier – sagte sie endlich – so werde ich mir auf andere Weise Aufklärung verschaffen müssen. Ralph! – durchsuche ihn und bringe mir alle Briefschaften, welche er bei sich führt.

Nach wenigen Minuten kam Ralph mit einem Packet Briefe den Hügel hinauf. Alice öffnete es sogleich, begnügte sich jedoch, die Adressen und wenn sie an Gilbert selbst gerichtet waren, die Unterschriften zu lesen. – Von der provisorischen Regierung in Rendsburg – sagte sie – stecke ihn ein, Ralph, er kann uns als Empfehlungsschreiben dienen. – An den Capitain Falkson am Bord des Dannebrog. Wir wollen ihn ihm selbst vorlesen. Lege ihn zur Seite. – Vom General von Below an den General von Wrangel. Der kommt zum ersten.

An – – – – o Himmel! – rief Alice, den Brief sowie einen andern, zu dem jener wohl die Antwort sein mochte, in ihre eigene Brusttasche steckend. – Es ist gut, daß ich meinen Brief heute früh nicht abgeschickt. Wer weiß, ob ich überhaupt noch an ihn schreibe, wenn ich diese hier gelesen. – Hier ist noch eine topographische Karte von der Ostküste Schleswigs und – – das ist Alles – – – –. Hatte er es sehr versteckt?

– Er trug das Packet auf bloßer Brust.

– St! Hörtest du nichts?

– In der That, es schien mir, als ob in der Entfernung sich ein Ruder ins Meer senkte.

– Er ists. Auf deinen Posten, Ralph!

Man hörte jetzt deutlich das Boot sich dem Lande nähern.

– Gieb mir doch den Brief an den Capitain zurück – sagte Alice, überlegend, daß dieser Brief ihr als Mittel dienen könnte, wenn der Capitain, durch die fremde Erscheinung überrascht, es für besser halten sollte, sich wieder in sein Boot zurückzuziehen.

Ralph seufzte, als er den Brief wieder herausgab. Denn er verstand Alicens Gedanken sehr wohl. Auf den Rückzug des Capitains hatte er seine letzte Hoffnung gesetzt, die Wette zu gewinnen. Wie die Sachen nun standen, mußte er sie verlieren, wenn er nicht Alicen ins Verderben stürzen wollte.

Das Boot landete. Man hörte die Schritte des Capitains durch das hohe Gras streifen. Jetzt hatte er den Steig, der zum Gipfel führte, erreicht.

– Guten Abend – schallte Alicen eine Stimme entgegen. Sie erschrack. Das war nicht das Organ des Capitains. Dennoch erwiederte sie den Gruß, vergaß jedoch in der Verwirrung ihre Stimme zu vertiefen; der Fremde stutzte und trat dann mit größerer Vorsicht näher. Alice hatte sich indeß gesammelt.

– Warum ist der Capitain nicht selbst gekommen? – fragte sie, einen Schritt vortretend. – Ich kenne Sie nicht, mein Herr, und erwarte Sie auch nicht.

– Wir scheinen in gleichem Falle – versetzte Jener, ein junger Mann in der Uniform eines dänischen Seeofficiers – doch, eine Frage erlauben Sie: Kennt und erwartete der Capitain Sie?

– Natürlich, was soll die Frage? Würde er sonst meiner Aufforderung gefolgt sein?

Der Officier wußte nicht, was er aus der merkwürdigen Erscheinung dieses in Freischärleruniform ihm entgegentretenden Weibes machen sollte. In ihrem Anschauen verloren, fiel es ihm nicht ein, daß sie wahrscheinlicher Weise nicht allein hieher gekommen sein dürfte.

– Kommen wir zur Sache! – fuhr Alice fort. – Sind Sie im Auftrage des Capitains hier, so wird er Ihnen ohne Zweifel eine Vollmacht ausgestellt haben. Sind Sie damit versehen?

– Allerdings – erwiederte jener zögernd. – Allein, dieselbe ist für den Chevalier – – –

– Chevalier St. Just, ich weiß es. Indeß da er zu kommen verhindert ist und mich beauftragt hat, seine Stelle einzunehmen. – – –

– Auch Sie besitzen dann natürlich eine Vollmacht? – fragte der Officier. – –

– Wozu? Da mich der Capitain kennt. Indessen wird Ihnen dies genügen. Sie hielt den Brief an den Capitain so, daß das Licht der Laterne darauf fiel.

Der Officier verneigte sich. Ich bin befriedigt – doch habe ich einen Wunsch – – – –

– Der wäre?

– Zu wissen, mit wem mich das Schicksal zu diesem wunderbaren Rendezvous zusammengeführt hat.

– Es thut mir leid, daß ich Ihnen in diesem Augenblicke nicht genügen kann, doch werden Sie noch heute meinen Namen erfahren. Lassen Sie jetzt hören, wie weit die Verhandlungen vorgeschritten sind.

– So weit, daß übermorgen der Abschluß des Waffenstillstandes zu erwarten steht. Es waren seitens des Reichscommissarius der deutschen Centralgewalt und des Generals Wrangel einige Schwierigkeiten gemacht worden. Da drohte das preußische Cabinet mit einem Separatfrieden und dem General Wrangel mit Entlassung aus dem preußischen Dienste; und die Herren gaben nach.

– Wie aber, wenn die preußische Regierung in Frankfurt desavouirt wird?

– Dafür ist gesorgt. Es wird vielleicht einige Stürme setzen, und die Majorität schließlich die Sache als fait accompli betrachten und darüber zur Tagesordnung übergehen.

– Woher wissen Sie das?

– Der Capitain hat es von Herrn von Reetz gehört. Es wird versichert, daß der Fürst Lichninsky, Herrn von V. und einige andere Mitglieder der Rechten sich für die Majorität verbürgt hätten.

– Wahrhaftig! – rief Alice in einem Tone, der die bittere Ironie, welche ihre Lippen umzog, nicht hinlänglich versteckte. – Das sind in der That erfreuliche Nachrichten – – – und glauben Sie, daß dem Waffenstillstande ein Frieden folgen wird?

– Schwerlich. Ein Frieden liegt gar nicht in der Absicht des dänischen Kabinets. Es würde den Krieg fortführen, wenn es die Möglichkeit eines Erfolges sähe. Allein wir wissen recht gut, daß, wenn wir so lange warten, bis vielleicht ein strenger Winter die Blokade der Häfen unmöglich, dagegen den Uebergang der feindlichen Truppen nach Alsen und Fünen möglich macht, die Abschließung eines Waffenstillstandes seine Schwierigkeiten haben könnte. Der Zweck des Waffenstillstandes ist kein anderer, als den Winter in Ruhe und Sicherheit auf die Vorbereitungen zu einem Frühlingsfeldzuge bedacht sein zu können. Deshalb wird auch derselbe spätestens bis zum März dauern.

– Und die Paulskirche ist in diesen Landesverrath eingeweiht? – rief Alice, die ihre Entrüstung nicht länger bemeistern konnte, voller Hohn aus.

Der Officier sah sie erstaunt an. – Ich verstehe Sie nicht – sagte er.

– O, armes, betrogenes Vaterland, daß diese Elenden es wagen dürfen, dich zum Spielball der Fürstenlaunen herabzuwürdigen! – Sie sind mein Gefangener, Lieutenant – wandte sie sich an den Erstaunten, der einen Schritt zurücktretend die Hand an den Degen legte.

In demselben Moment aber fühlte er sich von zwei starken Händen an den Schultern gefaßt und zu Boden gezogen. Ehe er einen Ruf nach Hülfe ausstoßen konnte, war sein Mund mit einem Schnupftuch verstopft.

Nachdem die Hände des Officiers zusammengebunden waren, bat Alice ihn mit der liebenswürdigsten Freundlichkeit, sich zu erheben; worauf alle Drei sich nach dem Boote in Bewegung setzten.

– Chevalier – sagte scherzend Alice – unsere Gesellschaft hat sich vermehrt.

Erlauben die Herren, daß ich Sie einander vorstelle; Chevalier von St. Just und – – – ja so, ich weiß Ihren Namen noch nicht. So muß der Chevalier noch das Vergnügen entbehren, Ihre Bekanntschaft zu machen.

Ralph stieß das Boot vom Lande ab. Da ließ der Chevalier, dessen Mund frei war, auf einen bezeichnenden Blick des Officiers, plötzlich einen gellenden Pfiff ertönen.

– Guter Gilbert, Du wirst Dich noch um Deinen Kopf pfeifen – rief Alice, auf ihn zueilend und ihr eigenes Schnupftuch ihm zwischen die Zähne schiebend. – Zieh' die Ruder fester an, lieber Ralph; und das Boot durchschnitt, trotz der großen Last, die es trug, pfeilschnell die hochaufzischenden Wogen.

Doch zeigte es sich bald, daß der Pfiff seine Wirkung nicht verfehlt hatte. Das Boot des Officiers, von zwei rüstigen Matrosen bemannt und fast leer, wie es war, hatte nicht sobald die Spur des fliehenden Feindes bemerkt, als es mit einer Geschwindigkeit, die der des Fahrzeugs unserer Freunde um das Doppelte überlegen war, die Jagd begann.

– Halt ein, Ralph, es nützt zu Nichts, daß wir fliehen. Du kannst Deine Kräfte besser brauchen. Zieh' die Ruder ein und nimm die Büchse zur Hand. Salvador, Du, nimm das Pistol Gilberts. So!

Das Boot kam mit furchtbarer Schnelligkeit näher. Doch da die Dunkelheit, selbst die nächsten Gegenstände, nur als ungewisse Schatten erscheinen ließ, so konnten die Angreifer unmöglich die Distance zwischen ihrem und dem feindlichen Boote berechnen. Sie hatten sich nur durch den Schall der Ruder leiten lassen und waren jetzt, da diese schwiegen, in völliger Ungewißheit über die Richtung, welche sie einzuschlagen hätten. Indessen verminderten sie die Schnelligkeit nicht, in der Meinung, daß durch ein Umschlagen des Windes der Schall nach einer andern Seite geführt werde.

Alice saß, den starren Blick auf das näherkommende Boot gerichtet, am Steuer. Jetzt sah sie es heranschießen. Ein Druck am Steuer und das gehorsame Fahrzeug beschrieb einen Halbkreis und stieß im nächsten Augenblick dem heranstürmenden Feinde den Kiel in die Flanke. Während es selbst nur von der Erschütterung getroffen, tief stöhnte, verloren die beiden Männer des feindlichen Bootes das Gleichgewicht und stürzten über Bord ins Meer.

– Jetzt, Ralph! – sagte Alice – mit einem Lächeln der Zufriedenheit – lege die Ruder wieder ein! –

Von Neuem setzte sich das Fahrzeug in Bewegung, während die beiden Matrosen, wieder auftauchend, den Bord des Bootes zu erfassen suchten. In der That gaben sie, durch ihren Unfall erbittert, nachdem sie sich glücklich ins Boot zurückgerettet hatten, nicht nur nicht die Verfolgung auf, sondern setzten sie mit noch größerem Eifer fort. Aber theils der Umstand, daß sie ein Ruder eingebüßt, theils die große Entfernung, in der sich bereits das verfolgte Boot befand, ließen sie bald von ihrem Vorhaben abstehen.

Als Ralph gelandet war, wurde Kriegsrath über die Gefangenen gehalten und beschlossen, daß sie so lange im Boote unter der Aufsicht Salvadors und Alicens zurückbleiben sollten, bis Ralph vom General von Wrangel Bescheid darüber erhalten, was mit dem dänischen Officier geschehen solle.

Nach kurzer Zeit kehrte Ralph niedergeschlagen und erbittert durch die Antwort zurück, daß, da die Abschließung des Waffenstillstandes nahe bevorstehe, der Officier nicht zurückgehalten werden dürfte, weil eine solche Gefangennehmung, besonders unter den Umständen, wie sie veranstaltet worden, moralisch als ein Friedensbruch betrachtet werden würde.

– Ich hab's Dir ja vorhergesagt – erwiederte Alice ruhig. Binde ihnen die Hände los und lasse sie frei.

– Auch Gilbert? – fragte Salvador.

– Ja! – erwiederte Alice, die ein unbezwingliches Gefühl davon abhielt, den Elenden der tausend Mal verdienten Strafe anheimzugeben.

Schweigend lösten Salvador und Ralph die Stricke, mit denen die Hände der Gefangenen gefesselt waren. Ohne ein Wort zu wechseln, entfernten sich diese.

Die drei Freunde aber bestiegen wieder ihr Boot und begaben sich, am Ufer hinsteuernd, auf den Rückweg.

Alice schien über einen Entschluß zu sinnen.

– Woran denkst Du? – – fragte Ralph, sich zu ihren Füßen kauernd, während Salvador gemächlich das Boot in Bewegung setzte.

– Ich überlege, ob ich schon Morgen reisen soll, oder erst den Abschluß des Waffenstillstandes abwarte.

– Reisen! – fragte bestürzt Ralph, sich halb aufrichtend.

– Wie kann Dich das wundern? Ich halte es hier nicht mehr aus, nachdem abermals alle Hoffnungen verschwunden, die ich auf das frisch aufblühende Leben, auf die politische Regeneration Deutschlands, die – wie ich meinte – hier in Schleswig ihren Anfang nehmen würde, gesetzt hatte.

– Du siehst zu schwarz, Alice. – Wenn irgendwo, so finden wir hier diejenigen Elemente, welche die erste Bedingung jedes volksthümlichen Staatslebens sind, ich meine: nirgends hat die demokratische Bildung und das Bewußtsein des Volks über seine eigene Souverainität tiefere Wurzeln geschlagen, als in dem »meerumschlungenen« Schleswig.

– Du irrst, mein Lieber – sagte traurig Alice – die demokratischen und selbst republikanischen Elemente, welche hier sein mögen, concentrirten sich in den Freischaaren und den süddeutschen Truppen. Die Schleswiger selbst sind reine Bourgois, die nur einen einzigen erregbaren Punkt in ihrer indifferenten Seele besitzen, ihren Haß gegen Dänemark; und selbst über diesen Haß beginnt sich bereits eine Decke zu legen. Ziehen die Truppen aus dem Lande, werden die Freischaaren aufgelöst, und geht der brave Major von der Tann nach München zurück, dann ist hier Alles zu Ende.

– Es mag sein, daß dadurch Schleswig aufhört, der Schauplatz der Entscheidung über das künftige Schicksal Deutschlands zu sein, indessen werden nicht alle Truppen zurückgezogen, und wenn auch die Freischaaren aufgelöst werden, so bleiben doch unter der Linie noch tüchtige Kräfte.

– Zum Beispiel? –

– Zum Beispiel der Major von H. Auch er gehörte, wie Du weißt, den Freischaaren Tann's an, und Du wirst nicht leugnen, daß er zu den ehrlichsten Republikanern gehört.

– Dein Beispiel ist unglücklich gewählt. Herr v. H. ist meiner gewissen Ueberzeugung nach der entschiedenste Absolutist, den sich die Regierung nur wünschen kann.

– Ah, Du scherzest! – sagte Ralph ungläubig lächelnd.

– Ich könnte Dir die Biographie des sehr ehrenwerthen Herrn Magnus H. – so wie manche Historien über den Republikanismus unserer »entschiedensten Demokraten« erzählen – sagte mit Bitterkeit Alice. –

Aber die Zeit wird kommen, wo nicht nur ihre Maske, sondern der ganze Kopf herabfallen wird. – Trotzdem – setzte sie nach einer Pause hinzu – würde ich es jetzt als eine Pflicht betrachten, hier zu bleiben, wo ich zuerst nur aus Vergnügen war – wenn mich nicht andere Pflichten abriefen.

Andere Pflichten? – sagte traurig Ralph. – Ich begleite Dich – Alice.

– Nein, ich gehe allein. – Nur Salvador kommt mit mir. Du, Ralph, mußt bleiben, weil es auch für Dich hier Pflichten giebt.

– Und wohin gehst Du? – fragte er noch einmal.

– Nach Frankfurt.

– Nach Frankfurt! – wiederholte mit zitternder Stimme Ralph, indem er einen halb ängstlichen, halb vorwurfsvollen Blick auf Alicen warf.

– Hast Du Vertrauen zu mir? – sagte mit Ernst Alice.

– Ja! – erwiederte aus voller Seele Ralph, die Hand auf's Herz legend.

– Nun, dann frage nicht weiter, leb' wohl und denke meiner. Wir sind am Ziele.



IV


Der Waffenstillstand war zu Malmoe am 26. August auf 7 Monate abgeschlossen worden. Durch das deutsche Land ging nur ein Schrei der Entrüstung über die Schmach, welche dem deutschen Namen dadurch widerfahren. In Schleswig stieg die Aufregung selbst unter den Truppen bis zu einem so bedenklichen Grade, daß sich General von Wrangel veranlaßt fühlte, unter dem Titel einer allgemeinen Recognoscirung sämmtliche Truppentheile bis hinauf zur jütländischen Grenze zu inspiciren. Wohl wissend, daß nichts mehr den Gehorsam und die Subordination erhält als eine, wenn auch übertriebene Anerkennung derselben, sprach er in einem langen Armeebefehl seine

»vollkommenste Zufriedenheit« über die »Haltung der Truppen« aus.

Zwar bedauert er die »Ungleichmäßigkeiten im Aeußern,« die nothwendig aus der »verschiedenartigen Uniformirung« hervorgehen, und »dem Auge sich mehr oder weniger stark bemerkbar darstellen müsse,« beeilt sich jedoch hinzuzusetzen, daß diese »Ungleichmäßigkeiten« doch wieder »vollkommen ausgeglichen« werden durch den »Geist der Ordnung, des Gehorsams und der freudigen Hingebung,« der ihn zu den »schönsten Erwartungen berechtigt,« wenn es ihm

»beschieden sein sollte, hier oder auf einem andern Kriegsschauplatz, jene Truppen gegen den Feind zu führen« –

O, du ahnungsvoller Engel Du! – – – – denn man kann unmöglich annehmen, daß der General damals schon eine wirkliche Wissenschaft darüber gehabt habe, daß er nach Berlin als Commandeur der »Marken« berufen werde, um die Nationalversammlung zu sprengen und den Belagerungszustand über die ruhige Stadt zu verhängen.

Ja, der »Geist des Gehorsams und der freudigen Hingebung,« ist dem preußischen Kriegsheere vortrefflich eingeimpft und genährt worden.

– – – – – – – – – – – – – – – –

Der Waffenstillstand von Malmoe war der erste Triumph, den die Fürsten dem Volke ins Gesicht schleuderten. Sie durften es wagen, waren sie doch ihrer Trabanten in Frankfurt gewiß.

Die denkwürdige Sitzung der deutschen Nationalversammlung am 16. September 1848 streifte dem arglosen, vertrauungsvollen Volk die Schuppen von den Augen. In dieser eilfstündigen Sitzung wurde die Frage des Malmoer Waffenstillstandes definitiv verhandelt. Die Commission, welche denselben zu prüfen hatte, sprach bedenklich ihre Ansicht dahin aus, daß die Nationalversammlung ihre Anerkennung versagen solle. In der darauf beginnenden Debatte zeichneten sich unter den Rednern, welche für die Anerkennung sprachen, Herr von Vinke und der Fürst Lichnowski, unter denen, welche gegen dieselbe sprachen, Robert Blum und Simon aus Trier aus.

Von des Morgens um 9 Uhr hatte die Discussion ohne Unterbrechung bereits bis Nachmittags um 5 Uhr gedauert und immer noch war kein Resultat abzusehen. Das Volk hatte sich erwartungsvoll um die Paulskirche geschaart und diskutirte nach seiner eigenen Weise. Nur wenige theilten die allgemeine Spannung nicht; zu diesen Wenigen gehörten drei Männer, welche dicht am Hauptgange der Kirche standen und mit gleichgültiger, fast verächtlicher Miene auf das hin- und herwogende Publikum blickten. Von Zeit zu Zeit flüsterten sie sich einige Bemerkungen zu.

– Es ist nothwendig – sagte der jüngste von ihnen – daß wir hinausschicken. Man kann immer nicht wissen, was geschieht. Seit einer halben Stunde ist das Volk um das Doppelte angewachsen.

– Bah! – erwiederte der Angeredete – was Du da »Volk« zu nennen beliebst, besteht zu drei Viertheilen aus Dütchendrehern und Pfeffersackscommis. Ich kenne die Frankfurter besser. Sie wundern sich über die lange Sitzung und meinen in ihrem Bourgeoisverstande, daß etwas Wichtiges dahinter stecken müsse. Wenn die Herren aus der Paulskirche herauskommen, gehen sie eben so ruhig nach Hause, als wenn sie Sonntags drüben im Forsthause ihren Schoppen getrunken.

– So gehe ich allein, auf meine eigene Verantwortung – sagte der Erstere entschlossen. – Sie hat uns ausdrücklich beauftragt, ihr sogleich zu melden, wenn das geringste Merkmal da wäre, was auf einen Tumult hindeute.

– Meinetwegen geh in's Teufels Namen. Was kümmert's mich? Aber ich sage es frei heraus, diese Weiberhierarchie will mir verflucht schlecht gefallen.

Was soll diese Geheimnißkrämerei bedeuten? Dummes Zeug. Wenn's ans Losschlagen einmal kommt, was ich in diesem verdammten Meßjudennest sehr bezweifle, so kehre ich mich an Niemandem, sondern gehe meinen eignen Weg.

– Thun, was Du nicht lassen kannst – erwiederte Jener – ich thue dasselbe. Adieu.

– Ich begleite Dich, Joseph – sagte der Dritte, welcher bisher schweigend an dem Pfeiler gelehnt hatte. Sie schlugen den Weg nach der Mainlust ein.

Auf einer der schattigsten Plätze der Mainlust, vor sich die gefüllten Becher, saßen Alice, der Pater Angelikus und Salvador. Aus der Ferne schallten die vollen Klänge der Harmoniemusik herüber. Aber die drei Freunde schienen weder durch den Duft des herrlichen Rheinweins, noch durch den Zauber der Musik erheitert zu werden. Ernst saßen sie einander gegenüber, eine wahrscheinliche Folge des Gesprächs, das sie eben mit einander geführt hatten.

Alice wandte zuweilen einen Blick zwischen die Bäume in der Richtung nach Frankfurt zu, als erwarte sie Jemand. Der Pater blickte aufmerksam auf Alice, als wolle er die Wirkung seiner letzten Worte prüfen. Salvador war noch blässer als gewöhnlich, und auffallend gleichgültig gegen das vorhin geführte Gespräch.

– Wozu sind Sie entschlossen, werthe Freundin? – fragte endlich der Pater, seinen Blick von Alicen abwendend.

– Zu handeln, wenn's Zeit ist – erwiederte kurz Alice.

– Sehr wohl – fuhr der Pater mit sanftem Tone fort. – Allein, wenn's nun Zeit ist, zu handeln, wie weit sind Sie zu gehen entschlossen?

– So weit die Nothwendigkeit und die von mir übernommene Mission es fordert. – – – Pater, fragen Sie mich nicht aus. Ich kann Ihnen keine bestimmte Antwort geben. Aber Eins kann ich Ihnen sagen: Unsere Wege mögen dieselben sein, oder auch nicht; sicherlich aber sind unsere Ausgangspunkte nicht dieselben. Bedenken Sie wohl, daß ich mich nicht zum Werkzeuge fremder Privatrache hergebe.

Der Pater sah sie mit einem lauernden Blicke an. Ein Lächeln des Hohns flog über seinen zusammengekniffenen Mund, als er mit seinem gewöhnlichen ruhigen Tone sagte:

– Es ist ein Unglück, was ich tief beklage, daß Sie nicht eine bessere Meinung von mir gewinnen können und nicht mehr Vertrauen in mich setzen. Sie kennen meine Zwecke. Sie sind so allgemein wie die Ihrigen, oder halten Sie die Interessen des Katholizismus in seiner ganzen Ausdehnung für weniger umfassend als die Interessen der radikalen Partei in Deutschland? Nun wohl, so fällt der Vorwurf, der indirekt in Ihren Worten liegt, daß ich nur eine Privatrache befriedigen will, in sich zusammen. Sie haben eine Mission, ich erkenne es an, ich habe die meinige. Die Mittel, sie zu erfüllen, sind wie das Ziel, das sie erreichen sollen, dieselben. Wohlan, so gehen wir miteinander! Ich brauche, um die meinige zu erfüllen, die Unterstützung der radikalen Partei, Sie, um die Ihrige zu vollenden, das, was die katholische Partei Ihnen bieten kann.

Alice wollte antworten, als sie die beiden jungen Männer von der Paulskirche auf sich zuschreiten sah. Rasch erhob sie sich und ging ihnen entgegen.

– Ist die Sitzung zu Ende? – fragte sie schnell.

– Nein – war die Antwort – aber eine große Menge Menschen ist draußen versammelt und harrt auf das Resultat. –

Unbefriedigt kehrte sie zum Pater zurück und fuhr mit diesem und Salvador augenblicklich nach Frankfurt. Als sie dort hörte, daß der Majoritätsantrag mit 258 gegen 237 Stimmen verworfen und demnach der Waffenstillstand, trotz des Hohns, der darin lag, daß die Centralgewalt beim Abschluß desselben vollständig bis auf den Namen ignorirt worden war, anerkannt sei, sagte sie, mit Thränen im Blick und zitternder Stimme, zum Pater Angelikus, indem sie ihm die Hand reichte:

– Ich bin entschlossen, Pater. Ich ziehe meine Hand, die ihn bisher beschützte, von ihm ab. –

Des Paters Züge veränderten sich nicht. Er nickte nur mit dem Kopfe und verließ schweigend das Zimmer.

Die Nachricht von dem Resultate der Sitzung verbreitete sich mit stürmischer Schnelligkeit durch die Stadt. Eine gährende Bewegung gab sich urplötzlich in dem Volke kund. Große Haufen zogen, die Nationalversammlung verwünschend, durch die Straßen nach der Westendhall; andere sammelten sich vor dem englischen Hofe, dem Zusammenkunftsorte der Abgeordneten der rechten Seite. Fenster wurden eingeworfen und mannigfach donnernde Pereats auf die Rechte ausgebracht. Generalmarsch tönte. Der englische Hof wurde von zwei Compagnien Kurhessen umzingelt, das Volk zurückgedrängt und das Haus besetzt. Aber noch hatte der Zorn des Volks nicht den höchsten Grad erreicht. Es fehlte die Einheit des Bewußtseins in der Menge. Um Mitternacht herrschte wieder vollkommene Ruhe.

– – – – – – – – – – – – – – – –

Tausende strömten am Nachmittage des folgenden Tages von allen Seiten her nach der Pfingstweide zur Volksversammlung. Sämmtliche demokratische Vereine der umliegenden Ortschaften, so wie Frankfurt selbst setzten sich in corpore nach der Pfingstweide in Bewegung. Nachdem die Redner, welche meistens wie Schlöffel, Simon aus Trier, Wesendonck, Zitz u. A. der Linken der Nationalversammlung angehörten, unter dem lautlosen Schweigen des Volks, das nur zuweilen durch einen stürmischen Beifallsjubel unterbrochen wurde, gehört worden waren, wurde beschlossen:

Die Mitglieder der gestrigen Majorität, welche den Waffenstillstand anerkannten, für Verräther am Vaterlande, an der Ehre und Freiheit Deutschlands zu erklären, und

diesen Beschluß nicht nur dem deutschen Volke, sondern auch der Nationalversammlung selbst durch eine Deputation mitzutheilen.

Darauf zog das Volk in zerstreuten Gruppen der Stadt zu, um sich vor dem »deutschen Hofe« dem Sammelplatze der Linken, nach deren Beschlüssen es sein ferneres Verhalten einrichten wollte, wieder zu vereinigen.



V


In derselben Nacht rückten 3000 Mann Preußen und Oesterreicher ein.

Als die Abgeordneten sich nach der Paulskirche zur Sitzung begaben, fanden sie dieselbe vom Militär umringt. Zwar wurden die Truppen auf die Reclamationen der Linken Anfangs zurückgezogen, bald jedoch, als die Masse des Volks immer größer und seine Haltung immer drohender wurde, wieder herbeigerufen. Aber das Volk hatte einmal Posto gefaßt und setzte dem andringenden Militär Widerstand entgegen.

In der Paulskirche hatte man nach Absolvirung der Waffenstillstandsfrage die Berathung der Grundrechte wieder aufgenommen und Artikel 4, welcher über »Lehrfreiheit« handelt, zur Debatte gestellt, als plötzlich der Tumult draußen so anwächst, daß des Präsidenten Stimme ihn kaum zu übertönen vermag. – –

Schläge donnern an die Thür. Erschreckt springen die ehrenwerthen Herren von ihren Sitzen empor. Das Haus geräth in Unruhe – – – man flüstert sich das Schreckenswort »Barrikade« zu – – von der Rechten begeben sich einige Mitglieder nach der Thür, um die Soldaten zum Widerstande zu ermuntern.

Da knallt der erste Schuß in das Volk; ein 60jähriger Greis stürzt zusammen.

Das Volk stiebt auseinander, voller Wuth über den frischen Mord. Rasch organisirt sich der Widerstand. Barrikaden wachsen mit wunderbarer Schnelligkeit aus der Erde empor und werden von Offenbacher, Isenburger und Hanauer Republikanern besetzt, die in zahllosen Schaaren herbeigeeilt waren, die Schmach, welche die Nationalversammlung über Deutschland gebracht, abzuwaschen. Um Mittag entbrennt der Kampf auf allen Punkten, das schwere Geschütz donnert durch die Scheuer- und Fahrgasse und gegen die Barrikaden am Römerberge.

Das Volk kämpft mit einem Muthe, den nur die Verzweiflung zu erwecken im Stande ist.

Die Stadt wurde in Belagerungszustand erklärt und das Standrecht proklamirt.

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Zweimal begab sich eine Deputation der Linken zum Erzherzog Johann und bat ihn, die Truppen zurück ziehen und dem Blutbade ein Ende machen zu lassen.

Der Reichsverweser war bereit, dem Wunsche Folge zu leisten, wenn das Volk verspräche, die Barrikaden zertrümmern zu wollen, aber die Minister verweigerten dem schon ausgefertigten Befehl ihre Contrasignatur.

Dagegen gestatteten die Minister um 4 Uhr eine halbstündige Waffenruhe, um den Insurgenten Zeit zur Abtragung der Barrikaden zu gewähren.

Die Frist lief ab und der Angriff begann aufs Neue.

Um 8 Uhr Abends war der Kampf so gut wie beendet, obgleich noch einige Schüsse gehört wurden. Die Kartätschen hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Zu Hunderten lagen die Verwundeten und Todten in den Häusern und auf den Straßen umher. Blut röthete die Trümmer der Barrikaden. –

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Alice saß während des heftigsten Kampfes auf ihrem Zimmer in der Allerheiligengasse, dort, wo sie an die Zeil mündet. Dicht unter ihrem Fenster erhob sich eine starke Barrikade, welche von österreichischen Soldaten angegriffen wurde. Sie dachte an die Berliner Märznacht und seufzte aus tiefer Brust. Welch' ein Unterschied zwischen dem Jetzt und Damals! Wie freudig, mit wie muthiger Zuversicht des Sieges war sie damals auf die Straße hinabgestiegen und hatte die wackern Kämpfer angefeuert – wie zaghaft, mit wie schmerzlicher Bekümmerniß blickte sie heute auf den unseligen Kampf herab.

Unbewußt flossen ihre Thränen, da fuhr sie plötzlich mit einem Schrei des Schreckens empor. Sie glaubte Gilbert auf der Barrikade gesehen zu haben. Eine Reihe von Gedanken durchflog ihre Seele.

Schnell entschlossen eilte sie hinab. Sie drängte sich durch den Haufen hindurch, unbekümmert um die Kugeln, welche sie umsausten.

Endlich erreichte sie ihn. –

– Gilbert! – rief sie mit aller Anstrengung, deren sie fähig war.

Er wandte sich und stürzte mit geschwungener Büchse auf sie zu. Unfehlbar hätte er ihr das Hirn zerschmettert, wenn nicht ein Arbeiter, ihre Gefahr sehend, den Rasenden zurückgerissen und festgehalten hätte.

Angst, Verzweiflung raubten Alice im ersten Augenblicke fast die Sprache. Die Hände über der Brust zusammenpressend, flüsterte sie ihm zu:

– Der Fürst ist in Gefahr! Komm, ihn retten!

In Gilbert ging bei diesen Worten eine merkwürdige Verwandlung vor. – Mit dem Ausdruck eines unauslöschlichen Hasses, dessen Gegenstand aber nicht Alice zu sein schien, ballte er die Faust und murmelte: – Schnell, ehe es zu spät ist!

Die entgegengesetzte Seite der Haasengasse war noch frei. Rasch eilten sie durch einige Quergassen und kamen ins Freie. Alice wußte, daß der Fürst sich häufig in dem Landhause des Herrn v. Bethmann aufhielt, das nicht nur seiner reizenden Lage, sondern auch anderer reizender Gegenstände wegen, wie böse Zungen behaupteten, die Aufmerksamkeit des Fürsten erregt hatte.

Als sie die Chaussee Friedberg erreichten, stießen sie auf einen Trupp Turner, welche sie nach dem Fürsten fragten.

– Wir suchen ihn selbst – war die Antwort. – Hier herum muß er versteckt sein, wir hörten, er sei vor einer halben Stunde nach dem Eschenheimer Thor geritten.

Schweigend eilten die Beiden der Stadtmauer entlang, nach dem Eschenheimer Thore zu. Alice vergaß Alles, was der Fürst gegen sie und die heilige Sache, für die sie kämpfte, gesündigt. In diesem Augenblicke stand nur der lebensmuthige, ritterliche Mann vor ihrer Seele, und sie konnte den Gedanken nicht ertragen, daß er sterben solle, den sie einst geliebt.

Gilbert blieb stehen. Alice folgte der Richtung seiner Blicke. Zwei Reiter sprengten vom Eschenheimer Thor im Galopp auf sie zu.

– Er ist's – rief sie, Gilberts Hand fassend, der, sie heftig von sich schleudernd, auf das kleine Gebüsch, welches den Stadtgraben bezäumt, und aus welchem ein zweiter Trupp Turner und Arbeiter hervortrat, zueilte.

Sie waren mit Sensen, Piken und Büchsen bewaffnet und schaarten sich um eine blutrothe Fahne, die hoch in der Luft flatterte.

– Auf, Brüder! – rief Gilbert, seinen Säbel schwingend – seht dort! Es ist Lichnowski.

– Hurrah! – brüllten die Turner, den beiden Reitern entgegenstürzend.

Die Reiter stutzten und wandten ihre Pferde. Da knallten einige Schüsse und der Begleiter des Fürsten, der General von Auerswald, stürzte vom Pferde herab, das, sich hochaufbäumend, in gewaltigen Sätzen queer über die Felder davonjagte.

Der Fürst, welcher ebenfalls durch einen Streifschuß verwundet worden war, sprengte von der Straße hinab auf das Landhaus des Herrn von Bethmann zu, welches kaum fünfhundert Schritt entfernt war. Aber sei es, daß sein Pferd in dem feuchten Boden nicht gut fort konnte, oder daß es ebenfalls verwundet war: Er hielt plötzlich, stieg ab und eilte, so schnell er konnte, dem Bethmannschen Garten zu.

Mit wüthendem Geschrei folgten ihm die Turner, Gilbert voran.

An der Ecke des Gartens steht ein kleines, freundliches Haus, das dem Kunstgärtner Schmidt gehörte. Als Lichnowski bis zu diesem Hause gekommen war, öffnete sich eine Thür. Er schlüpfte hinein.

Wenige Minuten darauf hatten auch die Turner das Haus erreicht. Stürmisch verlangten sie Einlaß. Vergebens, die Thür war von innen fest verrammelt.

– Wartet Freunde! sagte ein junger, schmächtiger Mann, welcher sich durch eine scharlachrothe seidene Schärpe, aus der der Griff eines prächtigen Dolchs hervorsah, auszeichnete – ich werde Euch Eingang verschaffen. Folgt mir!

Sie eilten die Gartenmauer hinab bis zu einer kleinen Pforte.

Der junge Mann zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete. Das Haus wurde von allen Seiten umzingelt. Wüthend über den Widerstand ergriffen die Turner einen Balken und rannten mit demselben die innere Thüre ein.

Indessen hatte Alice, welche, über Gilberts Verfahren entsetzt, keiner Bewegung fähig, aber eine Beute wahnsinniger Angst, eine schweigende Zuschauerin der eben beschriebenen Scene gewesen war, ihre letzten Kräfte gesammelt, um den letzten Versuch zu seiner Rettung zu wagen.

Sie stürzte dem Hause zu und gelangte auf demselben Wege, den die Turner sich geöffnet hatten, hinein.

Aber es war zu spät. Der Haufen kam ihr schon tobend und jubelnd, den Fürsten mit sich schleppend, entgegen. Sie drängte sich durch die Menge hindurch.

Felix! – rief sie mit herzzerreißendem Tone, in welchem sich der ganze unendliche Jammer ihrer Seele aussprach.

Der Fürst, der aus mehreren Wunden blutete, wandte seinen Blick nach der wohlbekannten Stimme. Seine Augen strömten einen geisterhaften Glanz aus, als er Alicen sah. Er bewegte die Lippen, aber kein Laut entfuhr denselben.

Man ließ ihn auf den Boden sinken. Die Rasenden, deren Wuth befriedigt war, wollten ihn freilassen und sich entfernen.

– Ha, ihr elenden Wichte! – rief da ein Turner, dessen edles, feingeschnittenes Gesicht von rabenschwarzen Locken umschattet wurde. – Ist das Eure Rache? Gedenkt Ihr nicht der höhnenden Worte, die dieser Verräther noch heute, als der Kampf schon begonnen, an der Hauptwache sprach:

»Ich will doch einmal zusehen, wie sich die Canaille schlägt!«

Nein, er muß sterben, sage ich. Wir wollen ihn ausstellen, als Zielscheibe für unsere Kugeln.

– Hurrah! – rief der zu neuer Wuth entflammte Haufen – der Verräther muß hingerichtet werden.

Während man die Vorbereitungen dazu traf, hatte sich Alice zur Seite des Fürsten niedergelassen. Da trat jener Turner mit den schwarzen Locken auf sie zu und sagte mit düsterer Stimme:

– Das ist kein Platz für Euch, Sennora! Steht auf! –

– Ines! – rief Alice. Ines! Ihr seid ein fürchterliches Weib.

– Meine Rache ist furchtbar, wie mein Schmerz. –

Mit festem Blick schaute Ines auf den Fürsten herab, dessen Augen geschlossen waren.

– Willst Du wissen, mein Geliebter – sagte sie kalt – wessen Hand den Dolch führte, der zuerst in Deine Brust sich senkte? –

Salvador wars, Dein Sohn und meiner. –

– O, tödtet mich! um des Ewigen Barmherzigkeit willen! –

Alice, die jetzt bis zu demjenigen Punkte des innern Seelenschmerzes gekommen war, in dem der Geist selbst gegen das Ungeheuerste abstumpft, fragte mechanisch:

– Wo ist Salvador? sein unglücklicher Sohn? –

– Todt! – antwortete eintönig Ines. – Er stieß sich selbst den Dolch ins Herz.

In diesem Augenblicke kehrten die Turner aus dem Hause zurück. Einer von ihnen trug eine Tafel, auf welcher mit großen Buchstaben geschrieben war:

»So stirbt ein Verräther des Vaterlandes



Endnoten


1 Deutsch etwa: »Er hat kein Glück mehr, aber ich auch nicht.«

2 »Dies stolze Herz ist nicht zu brechen.«

3 Das Voigtland ist in Berlin das Stadtviertel, in welchem die Proletarier wohnen.

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