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Biographie

Johanne Juliane Schubert (25. November 1776, Würgsdorf bei Bolkenhain – 7. April 1864, Würgsdorf)

Johanne Juliane Schubert war eine deutsche Dichterin und Schriftstellerin.

Biographie der Dichterin, von ihr selbst entworfen und ohne die geringste Veränderung abgedruckt. (aus: Gedichte der Webers-Frau Johanne Juliane Schubert geb. May, zu Würgsdorf bei Bolkenhain, Ernst Müller, Reichenbach, 1810)

Ich bin 1776 den 25sten November in Würgsdorf, bei Bolkenhein, geboren, wo meine noch lebenden Ältern Weberleute sind, und wo mir von 5 Geschwistern noch eine ältere Schwester übrig geblieben war. In meinen Kinderjahren konnte ich mich nie einer vollkommnen Gesundheit freun, und wuchs – ein kränkelndes Wesen – an der Seite dieser meiner einzigen, in voller Gesundheit blühenden Schwester meiner weitern Bestimmung entgegen. Gewohnheit und Verhältnisse meiner Ältern machten, daß auch ich, von meiner ersten Kindheit an in den Arbeiten der Weberei unterrichtet, ohne erst lange zu wählen, bei dieser Profession blieb, und der Morgen meines Lebens gieng mir so ziemlich sorgenfrei vorüber. Im Jahr 1792 hatte ich das Unglück meine Schwester durch einen unerwarteten Tod, den ein gewaltsamer Schreck herbei führte, zu verlieren. Sie hinterließ einen Bräutigam, Namens Ehrenfried Schubert, seiner Profession ebenfalls ein Weber, mit dem ich mich 7 Jahre nachher, an meinem 24sten Geburtstage 1799, ehelich verband, und mit welchem ich nun bereits 11 Jahre als zufriedne Gattin, ob zwar unter so mancherlei Kummer und Sorgen, verlebt habe. Das meinen Ältern gehörige Häuschen mit einem ganz kleinen Gärtchen, übrigens aber ohne Äcker und Viehzucht, ist unser Eigenthum, und die Betreibung der Weberei unser einziger Brodterwerb. Die Umstände der Zeit, deren nachtheilige Wirkung auf den Handel, und das Wohl der mit denselben verbundnen Weberprofessionisten, am Tage liegt, nicht so wohl allein, als auch noch besonders so manche unerwartete häusliche Vorfälle, ließen mich nicht selten das Drückende meiner äußern Lage fühlen, und durch oft wiederkehrende und einigemal sehr lange anhaltende gegenseitige Kränklichkeit, in unsrer Arbeit zurückgesetzt, mußte ich sehr oft die bittre Erfahrung machen, daß selbst die größte Sparsamkeit und Vorsicht nicht allemal im Stande ist, Kummer und Sorge aus dem übrigens zufriednen häuslichen Zirkel zu verscheuchen. Ein Sohn und eine Tochter machten mich zur glücklichen Mutter, und ließen uns die schönen, älterlichen Freuden fühlen; das Mädchen aber starb – ein holdes Kind von beinah 3 Jahren – und nur der Sohn lebt noch, und hat jetzt sein 10tes Jahr zurückgelegt.

Dies wäre die kurze Schilderung meiner Lebensgeschichte und meiner häuslichen Verhältnisse. Was nun aber den Ursprung, die Unterhaltung, und etwas bessere Ausbildung meiner Lieblingsbeschäftigung, des Versemachens betrift, darüber kann ich ohngefähr folgendes sagen: Durch die oben angezeigte Kränklichkeit meiner ersten Lebensjahre in ein stilles, in mich selbst gekehrtes Wesen vertieft, fand ich nie Geschmack an den gewöhnlichen, lärmenden Spielen der Jugend; hatte aber im Gegentheil desto mehr Empfänglichkeit für stille ernsthaftere Freuden : die singende Lerche, eine schöne Blumenwiese, oder auch ein kleines, niedliches Blümchen, machten mich unendlich glücklich; im Frühling und Sommer Blumen, und im Herbst das bunte, herabfallende Laub zu sammlen, war meine Lieblingsbeschäftigung, so wie, wenn im Winter meine Mutter an meinem Bette saß, und auf mein Bitten, mir recht viele Abendlieder vorsang, ich bis in den Himmel entzückt wurde. Als ich in der Folge lesen gelernt hatte, faßte ich alles, was sich nur ein bischen reimte, begierig auf, und war im Auswendiglernen der Lieder des alten Breslauer Gesangbuchs sehr glücklich.

In meinem 8ten Jahre besuchte ich die hiesige Dorfschule, und hatte das Glück, in den damaligen Schullehrer, Herrn Knittel, einen Mann zu finden, dem die Bildung seiner Schuljugend, Sache des Herzens war, und dem es auch nicht an Kenntnissen und eigner Kultur fehlte, diesem seinen guten Willen Gnüge zu leisten. Sein Unterricht in der Religion, war rein und gründlich, und wer aus seiner Schule gieng, und nicht orthographisch schreiben und einen, wenigstens mittelmäßigen, Brief verfertigen konnte, der mußte ohne Seele zugegen gewesen seyn. Dieser edle, vortreffliche Mann starb 1792 in einem Alter von 32 Jahren; Friede sey mit seiner Asche, und ewiger Friede mit seinem schon hier immer höher strebenden Geiste! – – Besonders wichtig war es ihm, das eigne Nachdenken seiner Zöglinge zu üben, und ich erinnre mich, daß ich hierdurch veranlaßt, um mein 9tes oder 10tes Jahr einmal Verse gemacht habe, die ich aber für mich allein behielt, und die hernach wieder verlorengegangen sind. An Dichtkunst aber und an Unterricht in dieser Hinsicht wurde nie gedacht und konnte auch in einer Dorfschule nicht gedacht werden. Eine Gewohnheit glaube ich hier erwähnen zu können, die unser Lehrer hatte, und die bestand darinn: uns alle Neujahr einen Reim zum Auswendiglernen aufzugeben, den wir unsern Ältern als Glückwunsch zum Jahreswechsel sagen mußten, den ich immer sehr gut lernte, und welchen Fleiß hierin mir gewöhnlich ein kleines Geschenk meiner Ältern belohnte.

Ich gieng 1789 aus der Schule, und verließ mit Wehmuth einen Ort, welcher für mich Alles gewesen war, und wo ich mich oft so unbeschreiblich wohl befunden hatte. Das Neujahr kam, und um alles in der Welt hätte ich die Gewohnheit nicht aufgegeben, meinen Ältern einen Glückwunsch zu bringen, und wie ich glaube, durfte dieser nicht anders, als in Reimen seyn; den mußt du selber machen, war mein erster Gedanke, welchen ich auch nun nicht mehr aufgab, sondern von Jahr zu Jahr diese Gewohnheit bestimmt fortsetzte, so wie ich mich jetzt noch einer Idee erinnre, die ich damals hatte, daß sich ja doch jedes nach Gefallen manchmal ein Lied machen könnte, welches ich denn auch zuweilen that, es aber weiter nicht aufschrieb, sondern mich bloß an dem Beweis der Möglichkeit, den ich nun in meinen Gedanken hatte, begnügte.

Nun kam der wichtige Zeitpunkt, wo ich wie schon gesagt, meine Schwester verlohr, welcher Vorfall mein ganzes Wesen erschütterte. Ich zog mich von meinen Schulfreundinnen zurück, und huldigte von neuem der Einsamkeit, der stillen schönen Natur und meinen Blumen, ohnerachtet ich tief und in seiner ganzen Stärke das Bedürfniß empfand, eine Freundin zu finden, die mit mir sympathisirte. Um für dieses Bedürfniß einigen Ersatz zu haben, und die einsamen Stunden des Sonntags auszufüllen, fieng ich an, dann und wann an einige Gedanken, die ich in Reime zu bringen suchte, aufzuschreiben; hatte um diese Zeit bisweilen Gelegenheit, die Bunzlauer Monatschrift zu lesen, wo die darinn vorkommenden Gedichte meine Aufmerksamkeit auf sich zogen, und mich veranlaßten, auch einen Versuch zu wagen, und ein Gedicht zum Andenken meiner mir ewig unvergeßlichen Schwester zu machen, *) so wie einige andre Gedichte, welche ich nachzuahmen suchte. Was ich aber auch schrieb, das suchte ich stets aus einer gewissen Eigenheit zu verbergen, bis im Jahr 1796 einmal ohngefähr einige dieser Gedichte dem Herrn Pastor Ulrich, in Bolkenhain, zu Gesichte kamen, und welche derselbe, ohne daß ich etwas hiervon wußte, weiter bekannt machte. Der Herr Pastor Dobermann, in Leutmannsdorf, würdigte mehrere derselben, in seinen Vierteljahrschriften mit einzurücken, und dies war die erste Gelegenheit, mir da und dort in der gebildetern Welt Bekanntschaft zu verschaffen, und hier war es auch eigentlich das erstemal, wo ich anfieng, über diese Sache etwas Bestimmtes zu denken.

Es öffnete sich mir nun eine ganz neue Welt: Durch die Güte meiner Freunde hatte ich Gelegenheit, mit einigen Schriftstellern unserer Zeit bekannt zu werden, und Gellert war der erste Dichter, welchen ich las, und dem ich auch meine ganze Verehrung schenkte. Fernerhin habe ich gelesen: Gedichte von Hagedorn, Uz, Hölti, Matthisson, D. Neubeck und etwas von Wieland; späterhin, und erst seit 1804 und 1805 habe ich Tiedgens schöne Elegien und seine vortreffliche Urania gelesen; dann Schiller, Klopstocks Messias, Gedichte von Gotter, und mitunter seit jener ersten Zeit, noch einige andre, deren Namen mir jetzt grade nicht beifallen.

Fleißig setzte ich als Mädchen, in den Zwischenstunden meiner Arbeit, diese Lektüre fort, legte sie aber auch, so süß mir diese Beschäftigung war, ruhig beiseite, als häusliche Geschäfte, und die Erfüllung heiliger Mutterpflichten mir dieselbe gänzlich untersagten. Lange hatte ich dies vorher gesehn; lange vorher die Verhältnisse eines Weibes, die bestimmt war, durch thätige Beihülfe, mit ihrem Manne gemeinschaftlich für die Erwerbung des Unterhalts zu sorgen, überdacht, und es kam daher nie ein Gedanke von Mismuth in meine Seele, besonders weil jene Versuche in der Dichtkunst, und alles dahin Abzweckende, mir stets Nebensache gewesen war, welches mir dies auch heute noch ist, und seyn muß, wenn ich als Gattin eines Webers der niedrigsten Klasse, ehrlich handeln will. Vielleicht häte ich damals meine Leyer ganz und auf immer weggelegt, wenn nicht sie mich in einem zwar kleinen, aber mir desto theurern Zirkel einiger sehr edlen Freunde und Freundinnen geführt hätte, deren Freundschaft mir Alles war, und heute noch ist, und welche mir Veranlassung wurde, doch noch immer mit einigem Vergnügen auf die erste Ursache zu dieser Bekanntschaft hinzusehn, und so denn doch noch immer eine gewisse Vorliebe dafür in meinem Herzen zu unterhalten, wozu denn nun auch noch besonders ein seit 12 Jahren ununterbrochner, und mir sehr schätzbarer Briefwechsel mit meiner verehrungswürdigen Freundin, der verwittweten Frau Hofräthin Fenderlin, in Landeshut, welche in allen, auch noch so mißlichen Verhältnissen meines Lebens, die treue, unveränderte Freundin blieb, das Seine redlich beitrug. Freundschaft, wenn sie das ist, was sie eigentlich seyn soll, hat für mich einen ganz besondern Werth, und sie ist es, die mich schon oft in einer seligen Stunde das Unangenehme des Erdenlebens vergessen ließ; sie, die Freundschaft edler, guter Menschen ist es, die noch heute das schon oft mehr als halb verloschne Feuer von neuem immer wieder in meiner Seele anfacht, und welche, wenn vom Sturm des Schicksals weit weggeführt vom stillen Musentempel, oft mein Geist unter dem so mancherlei Kummer des Lebens zu ermatten scheint, mich doch noch dann und wann in den Bezirk dieser holden Göttinnen zurückführt. Dank, herzlichen Dank allen meinen ältern und neuern Freunden und Freundinnen, denen es nicht zu klein schien, durch Herablassung und Freundschaft eine Blume mehr auf den oft sturmvollen Pfad einer niedrigen Dorfbewohnerin zu streun! – – nie müsse auch ihnen der theilnehmende Freund oder die zärtliche Freundin fehlen – und nie der hohe, göttliche Frieden, der – ein Lichtstrahl von Jenseits – in der Brust des Edlen die reine, stille Freude schirmt, und bei den Stürmen des Lebens ihn hinüber schauen läßt in das Land der Klarheit und der Stille. –

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