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Michal Balucki – Im alten Hause

Erzählung

aus: Polnische Erzähler, Eine Anthologie der neueren polnischen Erzähler, zusammengestellt und übersetzt von B. Rogatyn, Verlag von J. Otto, Prag, 1904, S. 43-52


Einem glücklichen Zufall verdankte ich die Gelegenheit, in ein uraltes Krakauer Haus Eingang zu finden und dort eine Reihe interessanter archäologischer Persönlichkeiten kennen zu lernen. Es war dies ein einstöckiges Haus, bewohnt ausschließlich von der Eigentümerin, einer Witwe nach einem Würdenträger der ehemaligen Republik Krakau. Einst, als noch der Gatte der Dame und die Republik lebten, ging es hier lustig und geräuschvoll zu. Im Salon sah ich alte Gemälde, welche die Gesellschaft darstellten, die sich damals in ihrem Hause versammelte, es waren dies meist die höheren Beamtenkreise und die kaufmännische Aristokratie. Damen mit hohen Frisuren und in Fischbeinmiedern, zusammengeschnürt wie die Wespen, in langen Handschuhen und platten Schuhen, die Herren in hohen Haartouren, in Röcken mit kurzen Leibern und langen Schößen, gebufften Ärmeln, die nach unten immer schmäler wurden, und hohen Krägen. Der größte Teil dieser Personen war längst zusammen mit dem Gatten der Dame des Hauses nach dem Kirchhof übersiedelt, und das einst so gastfreie und belebte Haus stand jetzt verschlossen und still da. Nur zuweilen schritt ein alter Senator des Weges daher, um mit großem Ernst der greisen Matrone seine Hochachtung darzubringen, oder eine ihrer alten Freundinnen in breiter Krinoline in braunem oder blauem Schleier trat auf dem Wege von der Kirche bei ihr ein, um ihr einen Besuch abzustatten, oder eine zudringliche Bettlerin drang ein, mit Märchen auf den Lippen, um eine Unterstützung zu bitten. Abends erschien der alte Doktor, der noch den seligen Gatten kurierte, oder der Geistliche von der nächstgelegenen Vikarei kam, um eine Partie Mariage zu spielen und ein Gläschen alten Met zu trinken.

Die Dame selbst verließ selten das Haus, höchstens Morgens, um die Messe zu hören, zuweilen auch machte sie an schönen Nachmittagen in dem Wagen ihrer Schwägerin, der Frau des Bankiers G., eine Spazierfahrt. Und wenn sie am Abend einmal einen Besuch abstatten sollte, wenn auch nur nach dem angrenzenden Haus, so tat sie dies nicht anders, als mit einer Laterne mit zwei Kerzen, welche ihr der alte Thomas vorantrug, um den Weg zu erhellen, mochte der Mond noch so hell scheinen, mochten die Straßenlaternen jede paar Schritte leuchten, denn so verlangte es die Mode und der Anstand der alten Zeiten. Seit einigen Jahren verließ jedoch die Greisin überhaupt nicht mehr du Zimmer, nämlich seit sie trotz der zweiflammigen Laterne beim Verlassen des Hauses ausglitt und ein Bein brach. Seither verließ sie nie mehr ihr Lederfauteuil, zum Mittag wurde sie darin nach dem Tisch gerollt und vom Tisch nach dem Fenster, wo sie durch eine große Hornbrille das »Leben der Heiligen« las. Abends in der grauen Stunde spielte ihre Cousine, ein altes Fräulein, ihr auf dem Clavichord alte Tanzweisen vor. In Gedanken tanzte sie gewiß damals mit den Verstorbenen in diesem großen Salon mit den altertümlichen Möbeln, welche alle überlebt haben und gewiß auch sie überleben werden. Der Rest ihres Hofstaates bestand aus einem Nähfräulein, einer kleinen buckligen Person mit einer Flamme auf dem Gesicht, und einer riesenhaften Köchin, namens Salomea, um deren blatternarbiges Gesicht, wenn sie rasch durch das Zimmer ging, die Falten der großen Haube raschelten, und endlich aus einem ewig zerstreuten Mädchen zur Bedienung, namens Polusia. Mitten in diesem Weiberstaat repräsentierte der Diener Thomas allein das männliche Element.

Das war ein Greis, nicht viel jünger als seine Herrin, mit einem milden Blick, glattrasierten Wangen und wohlgeordneten grauen Haaren. Er ging immer in einem grauen Rock herum, um den Hals band er sich ein breites, weißes Tuch nach alter Mode. Er tat alles phlegmatisch, ohne sich zu beeilen, und daher nahmen seine wenigen Beschäftigungen den ganzen lieben Tag in Anspruch. Vom Morgen bis zum Abend wischte er die Möbel, ordnete und rückte sie zurecht, drehte sich mit der Serviette in den Zimmern herum, eine Stunde lang deckte er den Tisch, brachte einen jeden Teller besonders herbei — dann deckte er eine ganze Stunde ab, indem er alles äußerst systematisch und pedantisch verrichtete. Daher war er so beschäftigt, daß er kaum Zeit fand, ein Pfeifchen zu rauchen, oder Abends nach der Zeitung zu gehen und dabei mit einem Nachbar, dem Diener der wissenschaftlichen Gesellschaft, ein wenig über Politik zu plaudern. Die Politik war seine schwache Seite und je wichtiger die Angelegenheit war, die gerade in Europa auf dem Spiele stand, desto später kam Thomas mit der Zeitung und den Semmeln zum Kaffee zurück. Einmal während des Krimkrieges, als die Nachricht von der Einnahme Sevastopols kam, kehrte mein Thomas erst gegen Mittag zurück, und zwar nicht auf sicheren Beinen, und als ihn die Greisin milde zurechtwies, daß er den Dienst vernachlässigte, gab ihr Thomas mit Nachdruck zu verstehen, daß er sich wundere, wie man jetzt auf solche Kleinigkeiten achten könne, da ganz Europa dermaßen angespannt ist, daß es kracht. Derart war Thomas der Einzige in diesem von der ganzen übrigen Welt abgeschlossenen Hause, der von den neuen Ereignissen und Vorfällen Kunde brachte.

Königgrätz wirkte auf unseren Thomas derart, daß er aus Kummer und Zerstreuung drei Teller beim Tafeldecken zerbrach, als Napoleon bei Sedan gefangen genommen wurde, kam er mit den Semmeln zurück, als alle schon im tiefsten Schlaf lagen.

Die Dame hatte Geduld mit dieser politischen Schwäche ihres Dieners, der bei ihr schon seit 55 Jahren, d. h. seit ihrer Hochzeit in Kondition stand. Dann aber hatte sie selbst ein Vergnügen an den Stadtneuigkeiten, die er ihr jedesmal brachte. Die alte Frau interessierte sich lebhaft für die Vorgänge in der Stadt, denn sie hatte sich eine große Frische des Geistes bewahrt. Daher waren ihr auch meine Besuche erwünscht, da ich sie mit neuer Kunde auf geistigem Gebiete versorgte. Jedesmal, wenn ich ihr von einer neuen Entdeckung erzählte, schüttelte sie den Kopf und wiederholte staunend:

»Na, na, was die Leute heutzutage nicht alles ausdenken!«

Mit gleichem Interesse hörte sie die Erzählungen von Bällen, Theatervorstellungen, Unterhaltungen an, und verglich sie immer mit denen früherer Zeiten, woraus ich viele Einzelheiten aus dem Leben der ehemaligen Repu- blik erfuhr.

Das kam mir freilich sehr teuer zu stehen, denn die Greisin war schwerhörig und der Mangel an Zähnen machte ihre Aussprache sehr schwer. Es galt also Ohren und Sprechorgane gehörig anzustrengen. Trotzdem besuchte ich sie gerne, denn sie war eine lebendige Chronik der Krakauer Vergangenheit und in ihrem Hause war jeder Gegenstand ein altertümlicher, angefangen von dem großen Spiegel im alten schwarzen Rahmen, in welchem Fräulein Eva, die Cousine, die Überreste ihrer ehemaligen Reize betrachtete, bis zu den Bildern von Stachowicz und Pasche. Die Hausfrau hatte noch auf dem letzten Ball in den Tuchlauben getanzt, und die Krakauer Plantagen wurden angelegt, als sie schon einige Jahre verheiratet war. Sie liebte es sehr, von diesen Zeiten zu erzählen, und wenn sie auf einen Gegenstand stieß, der sich angenehm in ihrer Erinnerung eingezeichnet hatte, konnte sie stundenlang davon reden.

Eines Tages, als wir gerade bei einem solchen Thema waren, klingelte es, und bald darauf schlich sich leise ins Zimmer das Nähfräulein mit der Flamme auf dem Angesicht und meldete die Herrschaften N.

»Ah, gut, gut!« rief die Greisin. »Bleiben Sie nur sitzen,« wandte sie sich an mich, als sie merkte, daß ich nach dem Hut griff. »Sitzen Sie nur,« fügte sie rasch hinzu, aus Furcht, einen so geduldigen Hörer zu verlieren. »Das sind keine Fremden, sie werden uns nicht stören. Ist Thomas da?« fragte sie das Fräulein mit der Flamme.

»Thomas ist um die Zeitung gegangen.«

»Nun, dann werden Sie warten. Bitte sie hieher. Sitzen Sie nur, bitte.«

In das Gemach trat ein elegantes hübsches Persönchen von mittlerem Wuchs, sehr hübsch und geschmeidig, und darauf folgte ein gereifter, aber jugendlich aussehender Mann. Beide traten ehrfurchtsvoll auf die Alte hinzu, küßten ihr die Hand und nahmen Platz. Die Hausfrau stellte mich den Ankömmlingen vor, nannte den Namen des Herrn und fügte mit Nachdruck hinzu: »Gutsbesitzer«, dann setzte sie die Erzählung fort. Ich hörte aber nicht mehr mit der gleichen Aufmerksamkeit zu, wie früher, denn das junge, mir gegenübersitzende Persönchen mit den schwarzen Augen nahm mich vielzusehr in Anspruch. Ich hatte mich so sehr daran gewöhnt, in diesem großen, ernsten Gemach nur lauter Altertümer zu sehen, daß das Auftauchen einer jungen, hübschen und lebensvollen Person für mich ein förmliches Ereignis war. Die Alte behandelte die Ankömmlinge mit familiärer Vertraulichkeit, da sie nicht einmal das begonnene Gespräch ihretwillen unterbrach, und doch hatte sie sie mir nicht als Verwandte vorgestellt. Wie mochte ihr Verhältnis zur Hausfrau sein?

Während ich darüber nachdachte, trat Thomas ein, und wie groß war mein Staunen, als beim Eintreten des alten Thomas der Gutsbesitzer und seine Frau sich erhoben, auf ihn zutraten und mit Hochachtung seine Hände küßten. Thomas nahm ohne das geringste Staunen diese Zeichen der Hochachtung entgegen, küßte die Frau auf die Stirn, dem Mann klopfte er freundlich auf die Schulter, dann ging er, um den Tisch zum Tee zu decken.

Später erfuhr ich, daß der Gutsbesitzer der Sohn des Thomas war, daß er die Polytechnik in Wien beendet und dann beim Bau einer Bahn sich ein kleines Vermögen erworben hatte. Damals lernte er auch die Tochter eines Grundbesitzers aus jener Gegend kennen, heiratete und siedelte sich auf dem Lande an. Diese Ehe war nicht nach dem Geschmacke des alten Thomas, der der Meinung huldigte, sein Sohn wäre verpflichtet, Fräulein Eva zu heiraten, schon aus Dankbarkeit für die alte Dame, die nicht wenig dazu beigetragen hatte, ihn zum Menschen zu machen. Aber die alte Dame beseitigte diese Skrupel ihres Dieners und bewog ihn, der Wahl des Sohnes die Zustimmung zu geben. Nun war es der erste Wunsch des neuvermählten Paares, den Vater aufs Land zu nehmen, damit er dort auf die alten fahre ausruhe; dabei war es nicht ganz mit der Ehre vereinbar, daß der Vater eines Gutsbesitzers bei fremden Leuten diene. Thomas berücksichtigte diese Forderung und dankte der Greisin für den Dienst, wenn auch mit schwerem Herzen. Sie hatte weder das Recht noch den Mut, ihn bei sich zu behalten, und gab dem Abgehenden außer einer Belohnung an Geld auch eine goldene Uhr mit Kette von ihrem verstorbenen Manne zum Andenken. Aber dem Thomas war es leichter, einen Beschluß zu fassen, als ihn auszuführen. Als er sich zur Abreise rüstete, als er schon die Schwelle des Hauses übertreten sollte, in dem er so lange verweilt und ein letztesmal in den Salon kam und vor seiner Herrin niederkniete, um von ihr Abschied zu nehmen und ihre zitternden Hände auf sein gesenktes Haupt legte, fing er an wie ein Kind zu weinen, erhob sich rasch und sagte zu dem wartenden Sohne:

»Nein, nein, ich reise nicht. Ich kann mein Heim nicht verlassen. Ihr werdet auch ohne mich auskommen, aber sie nicht. Sie könnte sich in diesen Jahren nicht an einen anderen Diener gewöhnen.«

Und von diesem Entschlusse war er nicht mehr abzubringen, weder durch die Bitten des Sohnes, noch durch die Ermahnungen der Alten, die sich sträubte, ein solches Opfer anzunehmen. Er blieb also bei ihr und der Sohn kam von Zeit zu Zeit, allein oder mit seiner Frau, um ihn zu sehen.

Seither bekam ich einen gewissen Respekt vor dem alten Thomas, und obgleich ich nicht zu den unbedingten Verehrern dessen, was vergangen ist, gehöre, so hat doch die Handlungsweise dieses Dieners mir einen hohen Begriff von den Tugenden jener Epoche beigebracht, die solche Menschen erzeugte. Es war von nun ab für mich peinlich, von Thomas Dienstleistungen entgegenzunehmen, ich konnte ihn nicht mehr als einen gewöhnlichen Diener betrachten und bei jedem Wechsel eines Tellers beim Diner dankte ich ihm mit einem Kopfnicken. Vom gewöhnlichen Thomas wuchs er in meinen Augen zum Herrn Thomas empor, und meine Hochachtung für ihn ging so weit, daß ich mich bückte, um die ihm entfallene Serviette aufzuheben. Ich tat das nicht für den Vater des Gutsbesitzers, sondern für den braven Diener.

Als ich einmal nach langer Abwesenheit nach Krakau zurückkehrte, traf ich gerade den Leichenzug der alten Dame. Es war ein prächtiges Begräbnis, zahlreiche Geistliche, Nonnen und Insassen von Wohltätigkeits-Anstalten, aber sehr wenige Privatleute waren dabei, meist nur alte Damen und Herren und beinahe kein einziges junges Gesicht. Die alte Frau war ja eine Fremde unter dem jungen Geschlechte.

Ich wunderte mich, daß Thomas fehlte. Aber diesmal war nicht die Politik die Ursache, daß er den Dienst vernachlässigte — der alte Diener war nämlich zwölf Stunden nach seiner Herrin gestorben und am zweiten Tage sollte er begraben werden. Er brauchte nicht Gift zu nehmen, um derjenigen zu folgen, die er auch um des Sohnes willen nicht hatte verlassen wollen — der Schmerz hatte ihn hingerafft. Er hatte es eilig, vielleicht weil er dachte, daß seine Herrin ihn auch im Jenseits brauchen werde, damit er dort zum Tee decke oder Zeitungen und Stadtneuigkeiten bringe.