ngiyaw-eBooks Home          


Michal Balucki – Der Bücherfreund

Erzählung

aus: Polnische Erzähler, Eine Anthologie der neueren polnischen Erzähler, zusammengestellt und übersetzt von B. Rogatyn, Verlag von J. Otto, Prag, 1904, S. 1-14


Mein Diener Franz hatte entschieden das Zeug zu einem bedeutenden Manne; wenn er es nicht geworden ist, so ist dies allein die Schuld der ungünstigen Umstände, unter denen er sich in der weit fortbringen mußte. Aber er besaß eine eiserne Ausdauer, die allein, wie ein Engländer sagt, einen großen Teil des Talents ausmacht, und seine Vorliebe für Bücher war größer, als bei manchem Literaten. An der Befriedigung dieser Neigung hinderte ihn nur die an sich unbedeutende Tatsache, daß er nicht — lesen konnte.

Sein Vater hatte nicht daran gedacht, ihm diese Kunst beizubringen; einmal, weil er sie selber nicht verstand und sich trotzdem durch die Welt gebracht hatte, dann aber, weil im Dorfe keine Schule war, und endlich, weil, wenn es eine Schule gegeben hätte, das kleine Franzchen doch keine Zeit gefunden hätte, dieselbe zu besuchen; denn kaum hatte das Kind aufgehört auf allen Vieren zu kriechen, so mußte es auch schon dem Vater im Gewerbe behilflich sein. Zuerst bekam er eine Rute in die Hand und kommandierte ein paar Gänse auf der Wiese; dann, als er schon Füße und Peitsche geschickt bewegen konnte, wurde er zum Schafhirten befördert, dann zum Kuhhirten, auch durfte er die Pferde auf die Nachtweide führen. Keine einzige dieser Berufstätigkeiten brachte ihn mit einem Buche in Berührung.

Selbst im Edelhofe, wo er später als Fuhrmann diente, kam ihm dieser Luxusgegenstand niemals in die Hand, obwohl sein Herr Mitglied des Vereins für Volksaufklärung war und in Versammlungen sehr schön über die Notwendigkeit der Bildung für das Volk zu reden verstand. Das Schicksal führte Franz später nach der Stadt, wo er als Hausknecht in Dienst trat. Hier begann er seine Carrière mit dem Reinigen der Rinnsteine und der Treppen, und da er sich hierin sehr geschickt zeigte, so gestattete ihm der Hausherr, zum Beweise seiner besonderen Gnade, auch die Fußböden zu bohnen, in der Küche behilflich zu sein und mit dem Korb zu Markt zu gehen. Damit er vollends niemals Langeweile empfinde, erlaubte man ihm noch, jeden Morgen die Schuhe für die Herrschaften zu reinigen und Abends die Zeitungen zu holen.

Ich machte seine Bekanntschaft, als ich, damals noch Student, zusammen mit einigen Kollegen eine Wohnung in jenem Hause bezog. Meine Behausung war eine sehr unbequeme, ein billiges Dachzimmerchen, groß wie eine zur achten Potenz erhobene Cigarrettenschachtel; über dem Kopfe hatte ich nur das glühende Zinkdach, aus der in die Mauer eingelassenen Rinne tropfte es, und die ganze Wand war mit einer Schimmeldecke überzogen, die mir die Tapete vertrat. Doch das waren alles Kleinigkeiten; was mich am meisten quälte, das war die Nachbarschaft der Küche, die im zweiten Stock gegenüber unseren Fenstern lag und zu uns die verschiedensten Gerüche und einen Schwarm von Fliegen hinaufsandte, und mit dem Scheuern des Geschirrs und dem Geräusch des Dienstpersonals unsere Ohren betäubte.

Das Schlimmste jedoch war, daß zuweilen mitten in diesem chaotischen Lärm sich ein Buchstabieren vernehmen ließ, und zwar ein ungeschicktes, stotterndes Buchstabieren, mit lauter, eintöniger Stimme, so daß es nichts half, wenn im mir die Ohren stopfte, um dieser Plage zu entgehen, die mir ärger als alle Fliegen und alles Fleischhacken zusetzte. Auf mich hatte dies dieselbe Wirkung, wie wenn mir jemand Tropfen kalten Wassers in gemessenen Zwischenräumen auf den Kopf träufelte. Dieses Buchstabieren machte mich förmlich krank, tönte mir immerfort in den Ohren und im Kopfe und verfolgte mich sogar oftmals bis in die nächtlichen Träume.

Einmal, kurz nachdem wir die neue Wohnung bezogen hatten, störte mich das ewige Buchstabieren aus dem tiefsten Schlaf. Aber es war kein bloßer Traum, denn als ich erwachte, hörte ich erst recht die abgehackten, ächzenden Laute, die aber nicht aus der Küche, sondern von den Wänden oder dem Fußboden herzukommen schienen.

Ich weckte meinen Kollegen auf und fragte ihn, ob er es auch höre.

»In der Tat,« sagte er, »wieder buchstabiert jemand.«

»Wo kann es sein?«

»Es scheint von der Treppe zu kommen.«

Ich zündete eine Kerze an und ging auf den Korridor hinaus, um diesem nächtlichen Gespenst aufzulauern. Im Korridor war die Stimme noch vernehmbarer. Ich stieg hinunter bis zum ersten Stock und dort konnte ich schon deutlich hören, daß die Stimme von unten kam; ich stieg noch tiefer und was sah ich da? Der Hausknecht lag in einer Vertiefung der Mauer, die so eng war, daß sie ihn kaum fassen konnte, auf einer Pritsche, in der Hand hielt er ein Stück von einer alten Zeitung und zwischen dem Gesichte und dem Blatte brannte ein Stückchen Kerze in einem aus Lehm gekneteten Leuchter, der auf seiner nackten Brust stand.

»Was machst Du da?« fragte ich.

»Ich lese, Herr!« antwortete er mit ernster Stimme und nicht ohne Stolz, indem er sich zu mir wandte.

Ich mußte unwillkürlich lachen über diese Bestimmtheit, mit der Franz sein mühseliges Zusammenfügen von Buchstaben ein Lesen nannte.

»Schlaf doch lieber!« antwortete ich unwillig.

»Sehen Sie, Herr, ich möchte gerne lesen lernen und bei Tag habe ich keine Zeit. Man muß dies oder jenes verrichten, Sie sehen ja selber, kaum daß ich des Nachts ein freies Stündchen finden kann.«

Diese Erklärung entwaffnete mich vollständig. In seinen schwarzen, tiefliegenden Augen glomm ein Funke von Begeisterung, er blickte auf dieses alte Zeitungsblatt, wie auf einen Schatz, von dem er so schnell als möglich Besitz ergreifen wollte.

Ich ging, um nicht zu stören, und seit damals störte mich auch sein eintöniges Buchstabieren nicht mehr, sondern ermunterte mich und spornte meine Arbeitskraft an, wie der Ton einer Schulglocke.

Ich war neugierig zu erfahren, was in diesem einfachen Menschen eine so heiße Begierde zum Lesen anfachen konnte. Man sagte mir, daß es der Wetteifer mit dem Lakai des gegenüber wohnenden Richters war, mit dem Franz zusammen die Zeitung zu holen pflegte. Jener war auch ein Bauernsohn, stammte sogar aus demselben Dorfe wie Franz, aber der längere Aufenthalt in der Stadt hatte ihn mit der Bildung in nähere Berührung gebracht und so konnte er ziemlich gut eine Zeitung lesen, Franz schämte sich nun zurückzustehen, nahm es sich zu Herzen und begann mit aller Gewalt zu buchstabieren.

Dies alles hatte uns die Köchin erzählt, die, obwohl selbst nicht schreib- und lesekundig, doch über das sonderbare Treiben Franzens mitleidig die Achseln zuckte. Später aber erfuhr ich von Franz selbst, daß dies nicht der einzige Ansporn war, der in ihm den Bildungstrieb angestachelt hatte, vielmehr hatte die Sache einen anderen, weit tieferen Grund.

Ich habe schon erzählt, daß der frühere Brotherr Franzens Mitglied eines Vereines für Volksaufklärung war. Einmal fuhr ihn Franz nach der Stadt zu einer Versammlung und nachdem er die Pferde gefüttert und geputzt hatte, sollte er mit dem Pelz auf dem Arm an der Tür des Saales auf seinen Herrn warten. Da sah er, wie ein prächtig gekleideter Herr die Tribüne bestieg und mit sonorer und lauter Stimme, ganz wie der Pfarrer in der Kirche, predigte, daß alles Böse in der Welt von dem Mangel an Bildung herrühre, die vielen Diebe, Trunkenbolde, Müßiggänger seien eine Folge des Mangels an Elementarkenntnissen. »Lehren wir das Volk lesen, und es wird besser werden und auch der Wohlstand wird steigen!« sagte jener Herr, und Franz gingen diese Worte derart zu Herzen, daß er große Lust bekam, besser zu werden und ein besseres Leben führen zu können. Daher machte er sich eifrig an das Lesen.

Anfänglich ging ihm dieses sehr schwer, er recitierte laut und weihevoll die einzelnen Buchstaben her, ohne jedoch aus ihnen ein verständliches Wort zusammensetzen zu können. Aber er hörte trotzdem nicht auf, und als es ihm einmal gelungen war, einen ganzen Satz zusammenzufügen, dessen Sinn ihm verständlich war, kam er herauf zu uns, um sich seines Erfolges zu rühmen. Stolz trat er in unser Zimmer, und als er uns mit einer Arbeit beschäftigt sah, rief er:

»Sie sitzen hier so ruhig, meine Herren, und wissen nicht, was in der Welt vorgeht.«

»Was geht denn vor?«

»Na, ganz Europa ist in Waffen und der Krieg ist erklärt.«

»Wie? Was für ein Krieg ist erklärt?«

»Hier, lesen Sie selber!« Er hielt uns die Zeitung hin. Ich griff rasch danach, es stand da wirklich von einer Kriegserklärung, aber die Zeitung war vom vorigen Jahr. Ich erklärte Franz seinen Irrtum und sah, wie er mißmutig wurde, weil ihm sein erstes literarisches Auftreten so übel gelungen war. Aber er ließ sich dadurch nicht abhalten und grübelte weiter nach dem Sinn der Worte.

Die Köchin und das Stubenmädchen scherzten über diese seine »närrische Passion« und Sephchen, das Stubenmädchen, erklärte, daß es mit ihm nicht ganz richtig sein müsse.

»Na, na, mag »ein,« antwortete er hartnäckig, »Fräulein Sephchen lachen über mich und selbst verstehen Sie nicht im Buche zu lesen. Nicht wahr, ha, ha, ha!«

»Woher kannst Du, Bauer, wissen, ob ich es verstehe oder nicht? Du verstehst Dich ja selber nicht mehr darauf, als wie die Henne aufs Gewürz!«

»Das ist es ja eben, daß ich’ s doch verstehe. Ich hab’ s ja selber gesehen, wie Sie in der Kirche das Gebetbuch verkehrt gehalten haben. Ha, ha, ha! Ich kann zwar noch nicht gut lesen, aber das habe ich doch gleich bemerkt!«

Mit dieser resoluten Antwort schloß er dem Stubenmädchen und der Köchin auf lange den Mund, und sein Triumph war noch größer, als nach einigen Monaten, da er schon Geschriebenes einigermaßen entziffern konnte, Sephchen gerade einen Brief von ihren Eltern erhielt und ihn höflich bitten mußte, denselben ihr vorzulesen. Bei dieser Gelegenheit rückte er zum Herrn Franz empor. Das war gleichsam eine Nobilitation für seine Verdienste auf wissenschaftlichem Gebiete, die Franz umso mehr erfreute, als sie von Fräulein Sephchen kam, die, obschon nicht schreibkundig, doch ein ganz hübsches Lärvchen hatte.

Das Verhältnis zwischen den beiden, das ursprünglich rein literarischer Natur gewesen, mußte später einen intimeren Charakter angenommen haben. Denn als einige Jahre darauf Franz zu uns kam und uns seine Dienste als frei praktizierender Lakai anbot, war Josephine seine Frau und beschäftigte sich ihrerseits mit Waschen für die »Herren Studenten«.

Jetzt erst konnte Franz seiner Lesewut nach Herzenslust frönen, da er bei Leuten Dienst tat, die unaufhörlich mit Büchern zu tun hatten. Niemals konnte ein Aufräumen vor sich gehen, ohne daß er in irgend ein Buch blickte, um wenigstens den Titel zu lesen. Häufig traf es sich, daß ich gegen Mittag nach Hause kam und im Zimmer die größte Unordnung fand; die Möbel standen in der Mitte, die Kleider lagen herum und Franz saß, die Bürste unter dem Arme, bei einem Fenster und war so in die Lektüre versunken, daß er mein Kommen überhörte.

»Franz!« rufe ich strenge.

»Herrgott! Was ist los?« schreit er und erhebt sich schnell.

»Es ist noch nicht aufgeräumt!«

»Wird gleich geschehen, Herr!

»Es ist ja schon zwölf!«

»Nicht möglich, soeben hat es ja zehn geschlagen!«

Um ihn zu überzeugen, zeige ich ihm die Uhr. Mein Franz faßt sich beim Kopf.

»Himmel, wie schnell aber die Zeit vergeht!«

»Wenn Du Dich nicht mit den Büchern abgeben möchtest.«

»Ach, Herr, es sind ja so schöne Dinge darin, daß man davon nicht loskommen kann.«

Seine Lesewut ging in förmliche Manie über, ähnlich derjenigen, die man bei sogenannten Bücherwürmern findet, welche die Bücher verschlingen, nur um zu lesen, und deren größte Freude eine große Bibliothek bildet. Wie im Paradiese fühlte sich erst Franz, als er bei einem solchen Bücherwurm Dienst fand, dessen ganze Wohnung bis zur Decke mit Büchern belegt war, der Tage und Nächte sich in sie vergrub und beinahe mit ihnen schlief. Auf meine bescheidene Bibliothek sah Franz von da ab mit mitleidiger Geringschätzung und konnte sich nicht enthalten, mir seine Meinung offen zu sagen.

»Sie lieben die Bücher offenbar nicht sehr,« sagte er mir eines Tages, als er meinen Bücherschrank abstäubte.

»Wie kommst Du darauf?«

»Weil Sie so wenig Bücher besitzen. Das ist ja eigentlich so viel, wie gar nichts. Wenn Sie sehen sollten, was der Herr, den ich seit nicht lange bediene, für Bücher hat. Da gibt’ s was zu sehen, Herrgott, das ist was Rechtes. Vollgestopft von unten bis hinauf, alte und neue!«

Darauf hatte ich nichts zu erwidern.

»Ich bitte Sie, Herr, liest der alle seine Bücher?«

»Natürlich; wozu hätte er sie denn?«

»Muß der aber Vieles wissen. Was würde ich dafür geben, wenn ich wenigstens die Hälfte davon wissen könnte.«

»Das kommt nicht so leicht!« antwortete ich.

»Ach ja, für mich ist das schon nicht mehr. Ich habe mich zu spät an die Sache gemacht, und man kann am Ende nicht alles im Sinne behalten. Aber mein Bursche, wenn er heranwächst, muß ein gelehrter Mann werden, unbedingt. Und Bücher muß er auch so viele haben, als jener Herr. Was ist er eigentlich, Herr? Denn ich sehe nicht, daß er in ein Amt oder eine Schule ginge.«

»Er ist Gelehrter.«

»Gelehrter? Na, das verstehe ich, das heißt, er weiß Vieles. Aber was hat das zum Beispiel für einen Nutzen? Denn ein Schuster, zum Beispiel, gibt den Leuten Schuhe, ein Apotheker gibt ihnen Arzneien, aber so ein Gelehrter, was gibt der?«

Darauf war eine Antwort schwer, da jener Gelehrte in der Tat den Leuten noch nichts gegeben hatte. Ich wußte, daß er ein großes Gedächtnis hatte, ganze Stöße von Auszügen aus den Büchern besaß, die er durchgelesen, aber bis dahin war noch nichts dabei herausgekommen, obwohl er dieser Tätigkeit schon viele Jahre oblag. Aber um meinem Franz irgend eine befriedigende Antwort zu geben, sagte ich:

»Er sammelt Materialien, aus welchen er selber oder andere gescheite Bücher machen werden.«

»Ach so, jetzt begreife ich schon. Nur ist mir unbegreiflich, warum ein so gelehrter Mann arm ist wie eine Kirchenmaus. Zuweilen gegen Ende des Monats hat er keinen Heller. Und doch sagt man, daß wer Bildung besitzt, es auch gut hat in der Welt.«

»Vielleicht ist ihm so gut!«

»So, ohne Geld?«

»Nicht der ist reich, wer viel hat, sondern wer sich mit Wenigem begnügen kann,« erwiderte ich sentenzionell.

Franz zog diese Worte in Erwägung. Vermutlich gefiel ihm diese Art von Reichtum nicht sehr, aber er wandte nichts ein. Erst nach einigen Tagen gab er mir recht.

»Sie haben doch recht gehabt,« sagte er mir.

»Worin?«

»Darin, daß Sie sagten, nicht der sei reich, der viel besitze. Ich habe einen sehr reichen Mann gekannt, der von Früh bis spät Abends nur spekulierte, wie er noch mehr erwerben könnte. Er war so geizig, daß er dem eigenen Kinde den Bissen nicht gönnte. Er konnte keinen Augenblick still sitzen und lief den ganzen Tag in Geschäften herum. Und wissen Sie, was das Ende war? Er verlor sein Vermögen in einer Spekulation, da ging er hin und vergiftete sich, obwohl er noch so viel hinterließ, daß mehr als Einer daran genug hätte. Wenn er Bildung besessen hätte, würde er das nicht getan haben. Nicht wahr, Herr?«

Ich bestritt dies nicht, um meinem Franz nicht die Illusion zu rauben, obwohl ich wußte, daß Bildung keineswegs vor Geldgier schützt.

»Ach, nichts geht über die Bildung!« wiederholte Franz. »Um jeden Preis muß ich aus meinem Knaben auch solch einen Gelehrten machen.«

Lange hatte ich keine Gelegenheit, mich mit Franz in ein Gespräch einzulassen, denn wir waren ein jeder für sich sehr beschäftigt. Nach einiger Zeit merkte ich, daß die Bedienung besser von statten zu gehen begann. Alles war zur rechten Zeit verrichtet, aufgeräumt, und, was mich sogar stutzig machte, er hatte seine Gewohnheit, die Bücher beim Abstauben zu öffnen, abgelegt und stellte sie rechtzeitig auf ihren Platz hin. Diese Umwandlung erregte meine Neugierde und eines Tages fragte ich ihn:

»Bist Du nicht mehr so neugierig auf die Bücher?«

Franz machte eine gleichgültige Handbewegung und erwiderte:

»Ach, wozu nützt das? Ist denn alles wahr, was darin steht?«

»Woher weißt Du, daß es nicht wahr ist?«

»Da, sehen Sie, heute darf man auch Büchern nicht glauben. Schreiben die, daß je mehr einer weiß, desto besser ist er auch — und das ist nicht wahr.«

»Wie hast Du Dich davon überzeugt?«

»An jenem Gelehrten, den ich früher bediente.«

»Bedienst Du ihn nicht mehr?«

»Bewahre mich Gott, einen solchen Menschen zu bedienen! Herr, der ist ja ein schlechter Mensch. Ich habe gesehen, wie er seinen Vater behandelt hatte; das war ein Jammer, Herr!«

»Was hast Du denn gesehen?« forschte ich neugierig.

»O, hätte ich es lieber gar nicht gesehen. Sein Vater ist zwar ein einfacher Bauer, aber er ist doch immerhin sein Vater, und dieser Mensch behandelte ihn so, wie einen Diener. Wenn ich wüßte, daß ich einst an meinem Sohne eine solche Freude erleben würde, ich möchte ihm bei Zeiten den Hals abdrehen, so wahr ich lebe. Das ist ja schrecklich, Herr. Bewahre ihn Gott davor, daß er ein Gelehrter werde. Mag er lieber ein einfacher und ehrlicher Mensch bleiben.«

Vergebens versuchte ich ihm klar zu machen, daß man vom Einzelnen nicht schließen dürfe, daß die Bildung das Herz nicht verderbe, sondern eher veredle. Franz blieb bei seiner Behauptung und wiederholte hartnäckig:

»Wenn die Bildung aus einem Menschen etwas Rechtes machen könnte, so müßte jener ein Engel sein, weil er so viel weiß. Aber, das ist eben nicht wahr, o nein!«

Einige Zeit später fragte ich Franz, ob er wirklich den Plan aufgegeben hatte, seinen Sohn studieren zu lassen.

»Lesen und schreiben soll er können,« antwortete er, »damit er sich in der Welt zurecht zu finden weiß, und ihn die Leute nicht auslachen. Aber ein Gelehrter werden, das nicht!«

Ich weiß nicht ob Franz sein Wort gehalten hat; wenn er es aber getan, so ist es nicht seine Schuld, sondern desjenigen, der seinen abgöttischen Glauben an die Macht der Bücher und der Bildung zerstört hatte.