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Rosa Barach – »Mama darf nicht fort«

Novellette

aus: Frauenleben, Blätter zur Vertretung der Frauen-Interessen, Hrsg. von Helene Littmann, VII. Jahrgang, Nr. 5, August 1895


»Hopp, Pferdchen, hopp,
Wir reiten im Galopp,
Schlägt dann unser Rösslein ans,
Führen wir es hübsch nach Haus«

sang Grossmutter und hob den Kleinen hoch empor. Sie sang, doch ihre Stimme zitterte und als sie jetzt mit der Hand über die milden, blauen Augen fuhr, wurden diese feucht. Der Knabe aber jubelte, seine Augen leuchteten, die Wangen glühten und sich von neuem auf den Schoss der Grossmutter schwingend, rief er:

»Mama, Mama, Fritzchen reiten!«

Das schöne, junge Weib sah nicht nach ihm. Sie sass am Fenster und starrte auf die Strasse hinab. Ein tiefer Groll lag in den dunkeln Augen, ein herber Trotz auf den schönen, bleichen Zügen, doch es schien, als könnten diese Augen nie weinen, als könnte nie ein Hauch von Sanftmuth dieses schöne Antlitz überstrahlen.

Das Kind hatte sein Köpfchen müde an die Brust der Grossmutter gelehnt und war nach einer Weile eingeschlafen.

»Ich denke, Julie,« sagte jetzt die Greisin mit gedämpfter Stimme, »Du solltest wieder einlenken, er ist ja doch Dein Mann und —« sie fuhr mit der zitternden Hand über den Scheitel des Knaben — »der Vater dieses Kindes, dieses Kindes —«

»Eben darum sollte er anders sein,« grollte die junge Frau.

»Glaube mir, er liebt Dich doch, trotz alledem,« behauptete die Mutter

»Er liebt mich und quält mich zu Tode,« lachte die andere bitter auf. »Aber ich werde diese Fessel zu zerreissen wissen.«

»Das wirst Du nicht!« rief in dem Augenblicke eine zornige Stimme. Es war die des Gatten, der in der Thüre stand.

»Ich werde es,« antwortete sie mit dem ganzen Trotze, der ihr eigen war.

»Dann werde ich die Pflichtvergessene mit Gewalt halten.«

Sie sprang so wild empor, dass er verstummte. Mit flammenden Augen stand sie vor ihm. Sie biss die Zähne aufeinander, die Brust hob und senkte sich unruhig unter dem Sturme, der in ihr tobte. Sie war sehr schön in diesem Augenblicke. Der Arm, den er drohend erhoben hatte, sank und ein tiefes Weh durchzuckte sein Antlitz bei dem Gedanken, was ihm dieses Weib hätte sein können und was es ihm war.


* * *


Es war Abend. Er kehrte mit dem Knaben von einem Spaziergange heim, öffnete die Thüre zur gemeinsamen Wohnstube und starrte entsetzt in den Raum. Die Kasten standen weit offen, die Schränke gähnten ihm, zum Theile ihres Inhaltes beraubt, in furchtbarer Unordnung entgegen. Es sah aus, als hätte jemand in eiliger Flucht alles drunter und drüber geworfen. Auf den Stühlen und Betten lagen die verschiedensten Gegenstände zerstreut umher. Auf dem Tische fand er einen Brief, der seine Adresse trug: »Bei Dr. N« sehen wir uns wieder, ich werde sehen, ob du mich halten kannst, wenn ich nicht will,« schrieb sie.

Das Blatt entfiel ihm und wie vernichtet sank er auf einem Sessel nieder, das verstörte Antlitz in den zitternden Händen vergrabend. So sass er lange, lange.

Der Knabe hatte an all’ den umherliegenden Gegenständen Zerstreuung gefunden und soviel auf seine kleinen Aermchen geladen, als sie nur zu fassen vermochten. Jetzt sah er um sich. Die unheimliche Stille, das trostlose Aussehen der Stube, der unbeweglich dasitzende Vater machten ihm Angst. Er lief auf ihn zu und rief mit weinerlicher Stimme!

»Wo ist Mama?«

»Mama ist fort!«

Es klang so rauh von den Lippen des Mannes, dass der Knabe erst recht zu weinen anfieng und immer wieder nach der Mutter rief. Da fasste den Vater ein tiefes Mitleid mit dem armen Kinde, er drückte es an sich und herzte und küsste es so innig, als ob er ihm alle Liebe ersetzen wollte, die es nun entbehren musste und als es müde von weinen eingeschlafen war, trug er es in’s Bettchen und deckte es sorglich zu.

»Mama fort,« schluchtzte es im Traume, warf sich unruhig hin und her und streckte die Aermchen in die Luft, als wollte es etwas umfassen. Um das Mündchen zuckte es und zwischen den Lidern glänzte es feucht.

»Armes Kind!« stöhnte der Mann schmerzvoll auf und als er sich zärtlich über den schlafenden Liebling beugte, fielen zwei grosse Thränen in dessen goldiges Gelock.


* * *


Sie hatten sich bei dem Advooaten geeint und sie war nun frei. Sie hatte die Fessel zerrissen, stolz hob sich ihre Brust und sie wäre glücklich gewesen im Gefühle dieser ihrer Freiheit, wenn — sie ihr Kind bei sich gehabt hätte.

Ihr Kind!

Es war das Sinnen ihrer Tage, der Traum ihrer Nächte. Oft glaubte sie es zu hören, wie es nach ihr rief, sie sah es krank, sah wie es die fieberheissen Händchen vergebens ausstreckte nach der Mutter und namenlose Angst bemächtigte sich ihrer bei solchen Gedanken.

Unruhe und brennende Sehnsucht trieben sie ruhlos von einem Orte zu dem andern, wo sie ihr Kind zu sehen hoffte. Umsonst. Sie wollte, sie musste es aber sehen, sie musste es bei sich haben und wenn sie sich die Augen blind und die Finger wund nähen sollte, um es ernähren zu können.

Aber wird er von seinem verbrieften Rechte lassen, das sie ihm in erregter Stunde gegeben?

In kühlen Worten schrieb sie ihm und bat ihn, das Kind an dem und dem Tage an einen zu bestimmenden Ort zu bringen, damit sie es sehe.


* * *


In einem nahe der Stadt gelegenen Parke schritt ein Mann, der einen Knaben an der Hand führte, sinnend auf und ab. Er war so tief in seine Gedanken verloren, dass er die Fragen des Kindes überhörte, die sich immer mit der Mutter beschäftigten.

»Wann kommt Mama?« fragte es eben wieder.

»Sie ist schon da!« rief eine zitternde Stimme. Es war die der Mutter, die ihr Kind umschlungen hielt.

Sie streichelte seine Löckchen, sie küsste seine Händchen, sie trat einen Schritt zurück und prüfte mit zärtlichen Blicken, wie gross es geworden, um es gleich wieder vor Freude schluchzend in die Arme zu schliessen.

Der Knabe hatte sie einen Augenblick befremdet angesehen.

»Mama!« jubelte er dann und schlang die Aermchen um ihren Nacken und drückte das Gesichtchen an ihre Wangen und wie von einer schweren Last befreit, »Mama!«

Sie hatten auf einer Bank Platz genommen. An einem Ende sass sie, am andern er, das Kind zwischen ihnen. Es hatte das eine Aermchen in den Arm der Mutter geschlungen und streckte das andere immer wieder dem Vater entgegen, als müsste es ihn heranziehen und als könne es nicht fassen, warum er sich ferne hielt.

Sie liess den Kleinen plaudern nach Herzenslust. Er spielte mit ihren Fingern, stellte sich auf die Bank, um ihre Haare zu befühlen, streichelte ihr die Wangen, um dann wieder plötzlich die Aermchen um ihren Hals schlingend, zu jubeln: »Mama! Mama!«

Ihren Mann hatte sie noch nicht angesehen und er sie nicht bis die Scheidestunde schlug.

»Leb’ wohl, mein süsses Kind, leb’ wohl.«

»Nein! Nein! Nicht fortdehn! Mama darf nicht fort!« schrie der Knabe und klammerte sich an sie und schlang die Aermchen so innig um ihren Nacken, als ob sie sie festhalten müssten für — immer.

Da schwand der Trotz, der dieses Herz umschlossen hielt und Thränen entstürzten den Augen, die nie weinen gekonnt.

»Nein, mein Kind,« sagte sie, es krampfhaft an sich schliessend, »Mama geht nicht fort, Mama bleibt bei .... «

Plötzlich hielt sie inne und sah mit von Thränen umflorten Blicken in stummer Frage zu dem Gatten empor.

»Mama geht nicht fort«, sagte er und seine Stimme schwankte, »sie bleibt bei uns.«


* * *


Die kleine Familie sass traulich beisammen. Julie war mit einer Handarbeit beschäftigt, Grossmutter über ihrem Strickstrumpf einge- nickt, der Vater wiegte den Knaben auf den Knieen und sang ihm sein Lieblingsliedchen:

»Hopp, Pferdchen, hopp,
Wir reiten im Galopp,
Schlägt dann unser Rösslein ans,
Führen wir es hübsch nach Haus«

Der Knabe jubelte vor Lust. Der Mann aber blickte mit einem vielsagenden Blicke zu seinem Weibe hinüber und als er sie erröthen und lächeln sah, schwang er den Knaben hoch empor und setzte ihn auf den Schoss der Mutter nieder.

Mama nicht mehr fortdehn?« schmeichelte das Kind und streichelte mit den dicken, runden Händchen ihre Wangen. »Nein, nicht mehr fortdeh’n? Fritzchen bav sein, Papa auch bav sein, alle, alle bav sein.«

Er hob ihr das Kinn in die Höhe und sah ihr wie bittend in die Augen. »Nein, nicht mehr fortdehn? Nein?«

»Nein, mein süsses Kind,« sagte sie, es innig umschlingend. »Aber ihr müsst auch recht brav sein und Mama sehr, sehr lieb haben, Du und — Papa auch.«

Er schwieg. Doch in den Blicken beider, welche jetzt auf dem sonnigen Kinderantlitze ruhten, lag ein Vermächtnis von Liebe und Glück. Es war, als wollten sie sagen: Um des Kindes Willen.

 

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