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Rosa Barach – Preisfrage

Essay

aus: Frauenleben, Blätter zur Vertretung der Frauen-Interessen, Hrsg. von Helene Littmann, VI. Jahrgang, Nr. 6, September 1894


Preisfrage:

Wie kommt es, dass so viele gutsituirte Männer nicht heiraten, und inwieferne ist die Frau Schuld daran?


Motto:

Der Wahn ist kurz,
die Reu’ ist lang.


»Wie? Sie wollen die mangelnde Heiratslust bei gutsituirten Männern von Ihren Schultern wälzen und einem »on dit« zufolge, das sich bis auf unsere Zeit erhalten hat, uns als alleinige Ursache bezeichnen?

Nein, mein Freund, es ist eben ein »on dit«, und wer Maren Auges sieht, wird die Grundursachen ganz anderswo finden.«

»Und darf man fragen, meine Gnädige, wo diese Grundursachen zu finden sind?«

»Wo anders als häufig genug bei den Män-nern? Ja, ja, staunen Sie nur! Ich wiederhole und unterstreiche, bei den Männern. Sehen wir z. B. Sie selbst! Sie sind ein gutsituirter Mann; warum heiraten Sie nicht? Weil Sie nicht wollen, Ergo, tragen Sie die Schuld, denn Sie könnten ja eben darum heiraten, weil Sie gut situirt sind.« —

»Aber, meine Gnädige! haben Sie denn auch bedacht, inwieferne die Frauen Schuld tragen, dass, wie vielen Anderen, auch mir das eheli-che Glück eine »terra incognita« geblieben?«

»Also doch die Frauen? Gut, formuliren wir die Anklage, denn eine solche ist es ja: »Wie kommt es, dass so viele gutsituirte Männer nicht heiraten, und inwieferne sind die Frauen Schuld daran?

»Inwieferne sind die Frauen Schuld daran?« Das ist eine Zusatzfrage, welche einen Milderungsgrund in sich schliesst, denn dieses »Inwieferne« besagt, dass nicht sie allein die Schuld tragen und, gestehen Sie es nur, Sie erwarten jetzt von meiner Objectivität und Gerechtigkeitsliebe, ich werde zumindest die halbe Schuld der Frauen anerkennen und in das Klagelied einstimmen, über die Ansprüche, den Luxus, in und zu welchem die Mädchen von heute erzogen werden.

»O, weit gefehlt, Werthester! Wohl stimme ich ein Klagelied an, jedoch über die Ansprü-che unserer heutigen Männer, denn in sehr vielen Fällen sind es diese, aus denen die Furcht vor der Ehe entspringt. Ja, ja, lächeln Sie nur! Die Ansprüche unserer gutsituirten Männer sind es, welche das schöne Bibelwort: »Es ist nicht gut, dass der Mann allein sei,« ad absurdum führen, denn Sie finden es gut, allein zu sein, weil sie die Beneficien des gutsituirten Mannes unumschränkt gemessen können, weil sie gewohnt sind, gut zu leben und weil nach ihrer egoistischen Behauptung dies zu Zweien nicht mehr und zu Mehreren noch weniger geht, und weil sie nicht den Muth haben und ihr theueres »Ich« viel zu sehr lieben, um auch nur ein I-Tüpfelchen von diesen Beneficien opfern zu wollen. Gestatten Sie, dass ich von Ihnen rede, lieber Freund, als ob Sie in dem Augenblicke irgend ein Anderer wären. Ja? Also: Ich kenne einen jungen, d. h. einen ledigen Mann, der gut situirt ist. Er kleidet sich elegant und seine Röcke müssen in einem Schneider­atelier »gebaut« werden.

Er bezieht seine Toilettegegenstände von den ersten Firmen der Stadt, denn wie er nach seiner Ansicht nicht für einen Comfortable prädestinirt zu sein vorgibt und nur im Fiaker durch die Strassen rast, so wäre es nicht »Chic« für einen modernen jungen, d. h. ledigen Mann — wenn seine Cravatten und Handschuhe nicht die Stampiglie der elegantesten Firmen der Stadt trügen. Er ist der Mann der Premièren nicht so sehr aus Kunstbegeisterung, sondern weil es »Chic« ist, dagewesen zu sein. Er ist das habituelle enfant gâté bei Ronacher und in sonstigen Vergnügungslocalen; für den Totalisateur bedeutet er eine Gewinnst-nummer und er kann sich schmeicheln, dass sein Coupé im k. k. Prater nicht ganz unbe-kannt ist. Er geht im Sommer nur in einen fashionablen Curort etc. — — — und was das Heiraten betrifft — — — A propos! — — — Ich glaube die kleine M. gefällt Ihnen, pardon, ihm, sehr gut, und wenn mich mein Seherblick nicht trügt — — — — —«

»O, Sie irren, meine Gnädige! Ich — — — —«

»Wie? Sie ist doch reizend und aus gutem Hause, und — — —«

»Ja gewiss — — — aber ich — — — — — ver-zeihen Sie, er muss reich heiraten.«

»Er ist doch ein gutsituirter Mann?«

»Gewiss. Allein es reicht doch nicht, um — gelinde gesagt — zu Zweien so leben zu kön-nen, wie man zu leben gewohnt ist. Und sich einschränken? Mein Gott, man ist verwöhnt, und darum braucht man die Mitgift.«

»Voilà! Da wären wir ja. So sprechen alle Ihre Gesinnungsgenossen, für welche Sie mir ein untrügliches Prototyp sind! Und wenn sie keine grosse Mitgift erhalten, was nicht alle Tage vorzukommen pflegt, so bleiben sie ledig aus Angst, nicht mehr so leben zu können wie bisher. Nein, nein! Ich lasse hier keine Entgegnung gelten, denn Liebe fragt nicht und erwägt nicht, besonders wenn der Mann gut situirt ist und sich den Luxus einer Familie gestatten kann, ohne sie von einer Mitgift abhängig zu machen. Sie aber sind ein »Selfmademan«, frei übersetzt: »selbst ist der Mann«, d. h. noch freier übersetzt »selbst geniesse der Mann«, d. h. in freiester Uebersetzung: »Egoist ist der Mann«, denn er fragt, warum er von seinen Vortheilen Etwas abgeben soll und er erwägt, dass er dies eigentlich für eine ihm fremde Person thun soll — er liebt ja nicht eine Person, die ihm ja erst durch das heilige Sacrament der Ehe näherzutreten bestimmt ist, und er sieht nicht ein, warum er anticipando Opfer bringen sollte, da er ja nicht weiss, ob Fortuna so liebenswürdig sein wird, diesem Opfer die Waage zu halten.

Sie sehen, es sind also die Ansprüche der gutsituirten Männer, nicht die der Frauen, welche so viele Männer in die Arme des ver-knöchernden Junggesellenthums führen. Ja, ja, mein Freund, es ist die Angst vor dem verringerten Wohlleben, die Angst, für Weib und Kind sorgen zu müssen, das Bewusstsein, wie viel ihm diese von seinen Ansprüchen am Lebensgenüsse rauben würden, also auf allen Linien Egoismus und das ist Ihre Welt!«

»Die Frau hat also gar keine Schuld? Ihre Ansprüche sind also Verleumdung, ein »on dit?«

»Beruhigen Sie sich, mein Freund, ich will Ihnen auch darüber ein Wörtlein sagen. O, die gute, alte Zeit! ruft so Mancher reumüthig aus, die Ansprüche unserer Frauen wie Verbrechen der modernen Erziehung betrachtend. Und doch sind die Ansprüche unserer Frauen lange nicht so gross, wie die der Frauen jener vielgerühmten guten, alten Zeit, in welcher sie zur Unmündigkeit und Unselbstständigkeit erzogen wurden, und ihre Ansprüche schon darum gross waren, weil sie nichts zu geben, sondern nur zu nehmen vermochten. Die Männer mussten für sie arbeiten, sie ernähren und je nach Verhältnissen für ihren Luxus sorgen.

Und heute? Die reichen Mädchen werden — mit Ausnahmen natürlich — anspruchsvoll erzogen. Ja; allein, ist ihr Reichthum nicht die goldene Folie für diese ihre Ansprüche?

Und die Mittelclasse? Ich sage es mit Stolz, Dank einer stetig sich bahnbrechenden Mün-digkeit und Selbstständigkeit des weiblichen Geschlechtes, werden die Mädchen des Mittelstandes in grosser Mehrheit einem Berufe zugeführt. Sie lernen erwerben und wissen wie schwer erworben wird. In der guten alten Zeit ging ein gutsituirter Mann hin und heiratete das Mädchen, das ihm gefiel. Was fragte er nach Mitgift? Seine Bedürfnisse waren ja bescheiden und sein Vermögen oder sein Einkommen reichte auch für seine Familie. Doch unsere modernen Heiratscandidaten leben, wenn sie gut situirt sind, sehr anspruchsvoll — wir lassen ja gerne Ausnahmen gelten — und sind an dieses Leben so gewöhnt und in das­selbe so verliebt, dass sie sich auch nicht ein I-Tüpfelchen wollen von der präsumtiven Familie rauben lassen. Und dann heisst es, die Ansprüche der Frauen sind es, die uns das Heiraten nicht nur verleiden, sondern unmöglich machen. Sind denn wirklich alle Frauen so anspruchsvoll, wie sie zu sein scheinen ?

»O!« sagte mir letzthin ein bekannter junger Mann, »Fräulein N. gefiele mir sehr gut; allein sie macht so viel Putz, dass man annehmen muss, sie werde in Allem und Jedem grosse Ansprüche machen. Und welcher Mann in meinen, wenn auch guten Verhältnissen kann solche Ansprüche erfüllen?«

»Aber, mein lieber Freund, haben Sie denn auch einen Blick hinter die Coulissen dieser Welt von Ansprüchen gethan? Können Sie wissen, wie die Stoffe, die erst die Schönheit des Mädchens zur Geltung bringen, im Occassions­wege gekauft wurden? Haben Sie auch nur die leiseste Ahnung, wie Spitzen, Bänder und dergleichen aus der Vergangenheit hervorgeholt und zu neuem Dasein verwendet werden?

Nein. Von alldem haben Sie nicht die leiseste Ahnung und wenn dann diese Mädchen daherkommen, stolz auf die Erfolge ihrer Sparsamkeit, dann ziehen Sie los über den Putz, die Ansprüche, die Unbescheidenheit und was der Untugenden noch mehr sind.

Prüfet aber, Ihr Herren der Schöpfung, ehe Ihr urtheilt, lasst es Euch angelegen sein, wenn Euch ein Mädchen gefällt, ihren vermeint­lichen Ansprüchen auf den Grund zu sehen und so Mancher von Euch wird sich gerne und willig binden. Wo aber wirklich — und es kommt ja vor — unverhältnissmässige Ansprüche gemacht werden, da sei der Mann auch ein Mann, er restringire dieselben und die Frau wird, wenn auch nicht ohne Verdruss und Thränen, der besseren Vernunft Gehör schenken oder sich aus Liebe seinem Willen beugen. Hat er diesen Muth nicht, dann ist er ein Schwächling seiner Frau oder seinen eigenen Ansichten an das Leben gegenüber und entschlägt sich unserer Theilnahme.

Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient, und jeder Mann hat in dem Falle die Frau, die er verdient.

Sie sehen, auch hier trägt nicht die Frau al-lein die Schuld, sondern ebenfalls theilweise der Mann.

»Also auf allen Linien geschlagen?« warf mein Gegner ironisch ein.

»Nicht ohne Sie, liebenswürdig wie ich nun einmal bin, einen kleinen Theil Ihrer Ueber-zeugung zurückerobern zu lassen, indem ich Ihnen zugestehe, dass auch die Frauen einen Theil der Schuld tragen. Und diese ist, dass die Erziehungsweise im Allgemeinen die Frauen noch nicht zur Selbstständigkeit führt.

Die Mädchen sollten, ja müssten, den socia-len Verhältnissen unserer Zeit Rechnung tra-gend, nicht nur ausnahmsweise, sondern im Allgemeinen für einen Beruf die nöthigen Kenntnisse zu erwerben suchen.

Wenn der gutsituirte Mann, der gewohnt ist, gut zu leben und der nicht von seinen Ansprüchen lassen will, in seiner Frau eine Gehilfin zum Erwerbe fände, dann würde die Furcht vor Hymens Ketten schwinden, die Ansprüche der Frau würden durch ihren Erwerb gerechtfertigt und gemildert erscheinen und dann würde die Frage, warum so viele gutsituirte Männer nicht heiraten, wenn sie keine grosse Mitgift bekommen, von der Bildfläche unserer socialen Verhältnisse und der Frauenfrage — denn eine solche ist es ja doch — verschwinden.

Darum schliesse sich jede Frau den Bestre-bungen der erweiterten Frauenbildung an. Sie ist die gesündeste Frauenemancipation, denn ihr Erfolg ist die Mündigkeit, die Selbststän-digkeit des weiblichen Geschlechtes, durch sie können die Frauen nicht nur auf materiellem, sondern auch auf geistigem Gebiete, oder durch materielle Arbeit, welche Bildung unterstützt und veredelt, die Genossinnen und Gehilfinnen der Männer werden. Sie ist die beste Ehe Vermittlerin, denn sie bietet die Asse­curanz, mit vereinigten Kräften sich das Leben je nach Gewohnheiten und Verhältnissen sorgenlos und angenehm zu gestalten.


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