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Henri Barbusse – Erste Novellen

Novellen

Henri Barbusse, Erste Novellen, Übersetzt von Andro L., E. P. Tal & Co. Verlag, Leipzig, Zürich, Wien, 1920
Transkription Christine Weber/Costa Rica



»Mir ist, als sei ich nach einem Schiffbruch der einzige Überlebende in einer Welt, die eine Katastrophe zerstört hat.«

Diese Worte stehen in Henri Barbusses Roman »Das Feuer«, sie geben den Eindruck ihres Dichters wieder, den er vor seiner Zeit empfand, sie geben aber auch den Eindruck der Zeit wieder, den sie vor ihrem Dichter empfand.

Denn das war Barbusse: Der einzige Überlebende. Der Mensch schrie, viele zerfetzte irrende Schreie waren über den Wassern, über dem sinkenden geborstenen Schiffsrumpf, auf dem Europa stand, noch zu hören, aber alle gingen ohnmächtig unter, alle Stimmen nahm der Sturm mit sich und nur eine blieb, nur einer ward gerettet, er brachte den Funken vom ewigen Feuer der Menschheit wieder ans Land, er stieg auf den Berg, er ließ die Flamme zum Himmel steigen als Zeichen des Menschengeistes über Not und Untergang. Diese Stimme rüttelte auf, dieses Fanal war erstes Zeichen der Empörung des Menschen gegen die Gewalt.

»Die Zukunft! Die Zukunft!« donnerte Barbusse, »das Werk der Zukunft wird darin bestehen, unsere Gegenwart auszulöschen und noch mehr als man denkt, als etwas Niederträchtiges und Schändliches. Und doch war diese Gegenwart notwendig, sie war notwendig! Fluch dem Kriegsruhm, Fluch den Armeen, Fluch dem Soldatenhandwerk, das die Männer abwechselnd zu blöden Opfern und zu verruchten Henkern macht! Ja, Fluch; wahr ist es, aber es ist zu wahr, es ist wahr für die Ewigkeit, für uns noch nicht. Vorläufig heißt es, wach sein mit den Gedanken! Es wird erst dann wahr sein, wenn es eine ganze wahre Bibel geben wird. Es wird wahr sein, wenn es mit anderen Wahrheiten zusammengeschrieben stehen wird, mit anderm Wahrheiten, die dann der geläuterte Geist zugleich verstehen wird. Wir aber sind verloren und verbannt und weit entfernt noch von jenen kommenden Zeiten. Heutzutage, in diesem Augenblick, bedeutet diese Wahrheit schier einen Irrtum und ihr heiliges Wort ist nur eine Lästerung.«

So stand der Ueberlebende vor dieser Zeit, verlassen wie Robinson, ihren schaudervollen Untergang im Herzen, die Sehnsucht nach einer neuen menschenwürdigen Gemeinschaft im Geiste. Und er begann mitten in der Wüste der Granatlöcher, den Schründen des Hasses, zu arbeiten, seine Vision eines brüderlichen Daseins aus sich herauszureißen und in die Tatsächlichkeit zu stellen. Ein neuer Robinson, begann er von vorne, schuf er sich und seinem Geist Dach und Existenz. Der Roman »Clarté« entstand – die Wahrheit wurde Tat. Mit der Leidenschaft eines Menschen zur Hilfe, zur Rettung, suchte er Freunde, suchte er Brüder – bei seinem Volke und bei den anderen. Die guten Geister gilt es zu vereinigen, ihr Reich, irgendwo in der Ferne noch dämmernd, vorzubereiten. Er wird nicht müde, er arbeitet in der Gruppe »Clarté«, er kämpft mit der Association republicaine des anciens combattants, er verwirklicht die sozialistische, internationalistische Idee im »Populaire« mit Jean Longuet, er ruft nach Deutschland hinüber, ruft zur heiligen Brüderschaft auf.

Rastlos ist dieser Mann, er steht vorne, er steht im Schlachtlärm der Zeit, er ist Brausen, Leidenschaft, Pathos, Tat. Einer seiner Freunde beschreibt ihn: »Er ist groß, hager, mit energischen Zügen; in seinem tiefen und forschenden Blick liest man ungeheure Tatkraft und schöpferische Gewalt.« So ist auch sein Leben, so ist auch sein Werk.

Das Sonderbare, ja Wunderbare der Sendung Henri Barbusses ist damit jedoch kaum geahnt oder angedeutet, es liegt jenseits des Sichtbaren. Wäre diese Energie, die im Zusammenbruch einer Zeit sich hochriß und dem Leben neue Form geben will, von Anbeginn laut und expansiv, so erfüllte sie sich nur, so hatte sie nur ein größeres, ein wahres Ziel gefunden. Aber Henri Barbusse, der 1873 in Asnières, im Weichbild von Paris, geboren wurde, war ein anderer, ehe er den Ruf zur Leidenschaft erhörte. Sein Vater war ein erfolgreicher Schriftsteller, sein Schwiegervater wurde Catulle Mendés. So schien sein Leben von Literatur zu Literatur in der einfachsten Linie zu gehen. Im Collège Rollin erregte er Aufmerksamkeit, beim allgemeinen Wettbewerb der Sorbonne wurde er dreifach ausgezeichnet, ein Preis für Rhetorik, ein zweiter für Philosophie, ein dritter für lateinische Sprache wurden sein. Auch an der Universität legt er leicht und gut seine Prüfungen ab. 1892 wird der Unbekannte bei einem literarischen Wettbewerb mit seinen Gedichten Sieger – ein Vorzugsschüler, ein Glückskind, einer, der mit Bravour seinen Weg machen wird, und sicher einer, dessen Stille, Zartheit und Keuschheit hinter den Erfolgen eines regelmäßigen Lebens verschwinden.

Ein Dichter! Keiner, den Trommeln und Fanfaren begleiteten, sondern einer, der Flöten und Violinen mit scheuem Gefühl horchte – so schien es. Die Keuschheit seiner Empfindung war rührend. Sein scharfes Auge sah hinter den Dingen Anfang und Ende der seelischen Pilgerfahrt. Und er selber, der Dichter dieser »Ersten Novellen«, sah wahrscheinlich sein Leben so: »Ich stand ergriffen – und wie tief ergriffen! – vor einer alten schäbigen Katze, vor einem ausgemergelten und knochigen Pferd, dessen elender Leib schon dem Fleischer verfallen war, an der Schwelle des Schlachthauses legte ich meine Arme um den Hals der Kälbchen, die hineingeführt werden sollten; oft blieb ich auf der Straße stehen, um ein verkrüppeltes Kind vorbeizulassen, das mir dann natürlich die Zunge herausstreckte; und oft genug bin ich zu spät zu Tische gekommen, weil ich in einer Art schmerzhafter und endloser Entrückung auf das Tor oder auch nur auf die Mauer des Krankenhauses gestarrt hatte.« Von dem Barbusse das erzählt, der beginnt sein Leben so, den Menschen ein Idiot. Er kommt nach Paris, wird Weltmann, erringt Erfolge, flüchtet lorbeerbedeckt aus der Stadt wieder in das Heimatdorf, das ihn, wie zur Entschuldigung, feiert. Er aber zieht sich zurück, fühlt sich von Schatten und von dunklen Zimmerecken wie von Lebenden angezogen, er wird gerührt beim Anblick zitternder Greise und kleiner Kinder, er geht Tieren nach, die man zum Tode führt, liebkost sie. »Ihr versteht mich wohl: ich wurde, wie ich früher gewesen. Aber nicht mehr, weil ich nichts vom Leben wußte, sondern weil ich alles wußte. Mit Bewußtsein, mit Glaubenskraft fange ich seht aufs neue an, das Mitleid zu üben, das ich dereinst nur dumpf empfand. Dieses Mitleid hat mich einmal im Dunkel geführt, nun beschließt es in Klarheit mein Leben. Ich gebe mich ihm hin im vollen Besitz meiner Erfahrungen und ich finde keine Freude mehr an dem Wirbeltanz der Bestrebungen und des Fortschritts. Aufs neue bin ich taub für den Lärm der Gespräche und das Geschrei der Versammlungen und ein Schrecken schüttelt mich im voraus, wenn ich mich genötigt sehe, politische Artikel, Reden, Bücher zu lesen. Rings um mich herrscht das Mitleid, es hüllt mich ein, es schenkt mir milde Offenbarungen, die einzigen, die echt sind und die würdig sind, zu herrschen . . . Bis ans Herz versinke ich in die Größe der Natur und der Wahrheit und werde abermals, und diesmal rettungslos, zum Idioten.«

So mag der junge Barbusse sein Leben gesehen haben, am Ende still verdämmernd im Mitleid des Kindes.

Da kam der August 1914. Barbusse hatte bei den Hilfstruppen gedient, er muß einrücken. Er aber, aus dem Gefühl seiner Anständigkeit heraus, aber auch aus dem seines Vorzugsschülertums, das ihn nicht auf den hinteren Bänken duldet, will zum Heer, zu den Armeesoldaten eingereiht werden. So kommt er ins Feld und wird auch hier ausgezeichnet, bis er körperlich zusammenbricht, aus der Front nach hinten geschafft wird und gegen Ende 1916 »Le Feu« zu schreiben beginnt.

Der Stille war laut geworden, der keusch in sich Zurückgezogene predigte die neue Heilslehre auf dem Markt, der Lyriker wurde Politiker. Und das ist das Wunderbare der Sendung Barbusses, wie einer gegen seinen Willen zum Propheten wird, wie einer auf der Flucht in den Traum, von der Not und dem Irrsinn der Menschen jäh gepackt, sich in den Wirbel des Lebens stürzt, zu retten, zu helfen. Nicht sein Ziel war anders geworden – immer hatte es ihm geleuchtet: ein reines, edles, ehrfürchtiges Menschentum, immer war er zu ihm unterwegs gewesen, nur wir hatten es nicht bemerkt, wir, die nie den Stillen sehen, immer nur den Lauten, die glauben, der größere Lärm allein gebe auch größere Leidenschaft. Barbusse hatte immer dieselbe zähe Leidenschaft – aber sein Schicksal war nicht, Glocke zu sein, die den Angelus läutet und sanft verklingt, sondern er mußte Sturmglocke werden, wollte er sich nicht verraten. Dies ist der Mythos im Leben Barbusses. Was er im Anfang wollte: das Gefühl für das Menschentum zu wecken, war das, was er auch in der Mitte seines Lebens erstrebte. Nur merkten es die am Anfang nicht, sie lasen darüber hinweg, sie lasen allerhand Seltsamkeiten heraus, aber dieses große, klingende Fragen: Du, o Mensch – hörten sie nicht. Erst, als die Welt in Flammen stand, als auch dieser Stille schrie, da hörten sie, da erkannten sie.

Aus einem Anachoreten im Heiligtum der Seele wurde mit eins ein Apostel mit feuriger Zunge – so ins Tragische wuchs die Sendung Henri Barbusses.



Der Mann

An einem nebligen, gelblichen Abend gehen Maria und Yvonne den Strand entlang, beide in Schwarz und trauervoll gebeugt, wie zwei Witwen. Kalter Reif mischt sich in den Regen, der so traurig herabrieselt, als wolle er niemals aufhören, als wären es ewige Tränen. Wie die beiden Frauen unter den Windstößen mit flatternden Kleidern von Fels zu Felsen eilen, scheinen sie Schiffbrüchige des Lebens und gleichen einander: sie sind Freundinnen.

Maria, die ältere und kleinere, hat eben ihr Kind begraben müssen. Seinen Vater hat sie schon früher verloren. Das Kind ist zwei Tage tot; der Vater hat sie schon lange verlassen. Sie hat nichts mehr auf der Welt als zwei schreckliche Erinnerungen. Der Regen schlägt in ihr Gesicht, das weiß, wie das einer Verdammten ist, kaum noch erhellt von den rotgeweinten Augen. Sie zieht ihre Freundin mit sich, aber wohin ihr Weg führt, weiß sie nicht; von Zeit zu Zeit schüttelt sie den Kopf wie eine Irrsinnige, als wolle sie das Gewesene verjagen.

Yvonne ist ein ganz junges Mädchen. Seufzend blickt sie Maria von der Seite an. Sie ist im tiefsten erschüttert von dem Leid, das sie vor sich sieht und sie schluchzt wie die Freundin, wenn sie an das denkt, was beide quält. Einmal, als sie Arm in Arm dahingehen, möchte Yvonne zu Maria sprechen. Aber wozu? Welche Worte würden ans Ohr der Unglücklichen dringen, welche könnten den Verführer ins Herz treffen, der sie nach vier Wochen von Zärtlichkeit und Glück so wild, so zynisch von sich gestoßen hat, daß das kleine Kind sicherlich an dem Schmerz der Mutter gestorben ist?

Der Elende, der Niederträchtige, der Abscheuliche! Yvonne weiß wenig vom Leben, da sie in ihrer Hütte ohne Aufhören für sich und ihre Familie ihren Lebensunterhalt verdienen muß; dennoch hat sie Stunde um Stunde das kurze und doch unendlich lange Martyrium ihrer Freundin mitangesehen und sie ballt ihre schwachen Fäuste, wenn sie an das Ungeheuer denkt, das mit dem Glück und der Freude der Frauen spielt und sie dann lächelnd fahren läßt. Heute morgen hat sie ihn erst dabei ertappt, wie er sich mit einem selbstzufriedenen Lächeln, das seine Zähne zeigte, über eine neue Eroberung geneigt hat: die sanfte Marton von der Mühle, die schon so weit war, daß sie an seiner Seite bebte, wie ein verwundeter Vogel. Er hat Marton genommen, damit aus ihr würde, was aus den andern geworden ist: aus Helene, Annette, Louison und allen jenen, die sich von seinem schwarzen Haar, seinem breiten Gesicht, seinen leuchtenden Augen haben betören lassen.

Seit langem schon, wenn Yvonne im Zimmer über ihre Arbeit gebeugt ist und nur halb hinhorcht, hört sie von dem Verderben erzählen, das dieser Mann um sich verbreitet. Sie hat den Jammer der Frauen, der verheirateten und der jungen Mädchen, mitangesehen, die er an sich gerissen hat, denen er einen Tag lang die Herrschaft über sein Herz gab, um sie dann mit Füßen zu treten, der Reue, der Verzweiflung und der Schande zu überlassen. Was ist aus all diesen armen Verblendeten geworden? Eine ist am Kummer gestorben; eine hat sich ins Meer gestürzt; die dritte hat sich auch in ein Meer gestürzt, aber in das von Paris. Die nicht an ihm gestorben sind, schleichen verwelkt und gebeugt durch die Gassen. Dann hat es Maria getroffen, deren dunkler Mantel nun im Winde flattert, als sei er das Segel eines verirrten Schiffes. Mit ihr war er noch schneller fertig als mit den andern. Vor Angst und Entsetzen hat Yvonne diesem Werke der Verführung und Zerstörung zugesehen; kaum hatte sie die Arme geöffnet, um ihre Freundin zärtlich zu entlassen, so mußte sie sie schon wieder ausbreiten, um die Gestürzte, Elende aufzufangen. Nun hat das wilde Tier wieder eine neue Beute: schon taumelt Marton unter dem Lächeln, an dem Helene, Annette und Louison zugrunde gegangen sind. Und Maria . . .

Man kann nicht den ganzen Tag draußen herumirren, auch wenn man noch so sehr in Verzweiflung ist; einmal muß man wieder nach Hause. Sie kehrten ins Dorf zurück und in Marias so entsetzlich leeres Haus. Es fing schon an dunkel zu werden, bald würde die Nacht hier eintreten, wie in ihr eigenstes Reich.

Maria setzte sich auf einen Schemel und rührte sich nicht. Ein eisiger Schauer durchlief Yvonne beim Anblick dieser trostlosen, vollkommenen, unabänderlichen Einsamkeit. Vom Grunde ihres Wesens her fühlte sie einen furchtbaren Haß gegen den Dieb und den Mörder aufsteigen, der Vernichtung um sich säte. Es war unmöglich, daß er nach all diesem weiter behaglich dahinlebe und plötzlich wußte sie, daß sie ihm die Wahrheit ins Gesicht schleudern müsse und Anklage erheben vor dem ganzen Dorfe gegen diesen selbstherrlichen Schurken mit dem zufriedenen Lächeln, der sich so ruhig über die Gesetze stellte.

Sie erhob sich, um den Mann zur Strecke zu bringen, das böse Tier. Der Regen hatte aufgehört, aber der Himmel blieb drohend und schieferfarben; er spiegelte sich in den Lachen der schmutzigen Straße.

Sie blickte nach rechts und links. Sie war zart, ein wenig knochig und sah schüchtern und demütig aus. Sie war schweigsam und etwas gebückt von der Arbeit, mit der sie die Ihren erhielt. Auf ihren schmalen Schultern lasteten schon schwere mütterliche Pflichten.

Mit einem Male erblickte sie ihn. Er kam aus dem Wirtshaus, schlendernd, eine Blume zwischen den Zähnen. Seine Schultern waren breit und mächtig, seine Hände rot und dick. Er sah geckenhaft aus, eingebildet, gefallsüchtig, unvornehm. Sie empfand Ekel und Abneigung, als sie ihn ansah.

Er erblickte sie, blieb stehen und betrachtete sie. Dann wurde er kühner, maß sie von oben bis unten und das brutale Lächeln spielte wieder um seinen Mund.

Vor diesem Gesicht und diesem tierischen und gemeinen Lächeln entsann sich das junge Mädchen blitzartig all der Unglücklichen, die in ihrer unbegreiflichen Verblendung mit ausgebreiteten Armen ins Verderben gestürzt waren. Mit einem Male bekam sie Mut und schrie ihm all ihren Haß und ihren Groll ins Gesicht, während ihre Hände sich zusammenkrampften, ihr Auge blitzte und ihr Tuch wild um sie flatterte.

Er stand einen Augenblick lang verblüfft unter dem Sturzbach ihrer Worte. Dann stammelte er mit schwerer Zunge: »Maria? Ich mag sie nicht mehr.«

Yvonne war kriegerisch, hemmungslos geworden und konnte sich nicht mehr halten: »Und was wird aus Marton?«

Er zuckte die breiten Schultern: »Ich mag Marton nicht mehr.«

»Wer ist also jetzt an der Reihe?« rief das junge Mädchen und ihr zartes Gesicht flammte auf.

Seine grobe breite Stimme antwortete: »Ich mag jetzt keine mehr. Ich werde die lieb haben, die mich mag.«

Er räkelte sich, kam näher und ein plötzlicher Einfall glomm in seinen Augen auf: »Dich, wenn du willst.«

Er näherte sich noch mehr, sein Lächeln flackerte vor ihm her, sein Blick kroch über ihre Gestalt.

Sie stieß einen Ruf des Abscheus aus und drückte sich eng an die Wand. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und starrte ihn an.

Vor sich sah sie das Elend, die Verzweiflung und eine Schar jammervoller Gestalten. Sie sah die tote Helene, die tote Annette und Louison, die im Hexensabbath von Paris unterging. Sie sah Maria unbeweglich vor Schmerz und einsam trauernd um ihr totes Kind.

Aber noch näher als dies alles erblickte sie das Lächeln des Mannes vor sich, der Marton nicht mehr mochte, der niemanden mehr mochte in diesem Augenblick: dieses Lächeln näherte sich, breitete sich aus und umgab sie, wie etwas unentrinnbares. Sie sah seine Augen leuchten, aufblitzen und sie versengen.

Sie wollte rufen, schreien, sich wehren, aber sie konnte nur schweigend erzittern vom Kopf bis zu den Füßen . . . Am Himmel hatte sich das Gewitter verzogen, die untergehende Sonne überleuchtete die Wolken. Dem Mädchen verwirrten sich die Gedanken, sie wußte nicht mehr, was sie dachte, was sie sprach und der Purpur des Abends ließ sie wundervoll erröten.



Das Weib

Die Hütte, in der die beiden Frauen dahinlebten, war so niedrig und so düster, daß der Tag, der hineinschien, sich alsbald zum Abend wandelte und man niemals bis in die Ecken des Raumes sah, dessen Boden steinig und erdig war, wie eine schlechte Landstraße.

In dem dürftigen Licht, das durch die Fensterluke fiel, richtete sich die hagere Sterbende mühsam von ihrem Lager auf und sprach zu ihrer Tochter Marie:

»Wenn ich tot bin, so such' deinen Bruder auf. Er ist bei deinem Vater geblieben, von dem ich mich getrennt habe, und arbeitet im Bergwerk. Ihr seid beide Waisen, tut euch zusammen. Es ist am natürlichsten so und wird gut für euch beide sein. An seinem Namen erkennst du ihn. Du wirst ihm helfen und er dir, denn er ist kein böser Junge, mußt du wissen.«

Sie war am Ende ihrer Kraft, als sie diese Worte ausgesprochen hatte, und in der folgenden Nacht ward sie stumm für immer.

Marie, die zum Begräbnis ein graues Kleid trug und die Blume von ihrem Hut getrennt hatte, um trauermäßig auszusehen, fuhr erst ein Stück mit der Eisenbahn, dann durchquerte sie zu Fuß das schwarze Land, um ihren Bruder Jean aufzusuchen.

Je mehr man sich dem Ziel näherte, desto schwärzer wurden die Straßen, die zu den Kohlengruben führten; eine schwarze Wolke schien sich hier über die Erde gebreitet und auf sie abgefärbt zu haben.

Sie nahm ein Zimmer in einem der Gasthäuser an der Hauptstraße, die schwarz war von Straßen- und Kohlenstaub.

Abends erwartete sie die Ausfahrt aus dem Schacht in der Mitte der anderen Frauen. Sie wurde hin- und hergeschleudert, erst durch das Geheul der Signalpfeifen, dann durch die schwere und massige Schar der Arbeiter, die aus dem Loch im Berge aufstiegen und die alle in der gleichen Richtung davonzogen wie bei einem Begräbnis.

Obwohl sie ihren Bruder seit seinem fünfzehnten Jahre nicht gesehen hatte, erkannte sie ihn unter ihnen. Ja, das war sicher Jean, der mit dem kleinen blassen Gesicht, das zu blaß und zu klein für den großen Körper war. Er sah stumpf aus wie die andern, aber er schien müde und tief vereinsamt.

Lieber Himmel . . .

Marie sah, daß seine Gefährten ihn pufften, lachten, ihn verhöhnten. Er wehrte sich, riß sich los und lief davon.

Sie folgte ihm. Erst trat er in ein Haus ein, wo Zimmer vermietet wurden, nachdem er sich, nach der Art schüchterner Menschen, sorgsam vergewissert hatte, ob es auch das richtige Haus sei; er kam wieder heraus und ging ins Wirtshaus zum Essen. Erst blieb er auf der Schwelle stehen, wie erschrocken von dem Lärm, dann ging er mechanisch auf die entfernteste Ecke des Raumes los und verkroch sich dort.

Also hatte er keine Frau, keine Freundin. – Sonderbar! Für sie war das die wichtige Gewißheit, daß sie an der Seite ihres Bruders leben konnte, ohne ihn zu stören, war das ein Glück nach ihrer abenteuerlichen Reise in den Zufall und doch tat ihr das Herz weh. Auch sie trat ins Wirtshaus und setzte sich ihm gegenüber, aber durch zwei Tische von ihm getrennt und eingeengt zwischen Leuten, die schmatzend aßen.

Jean sah bedrängt und traurig aus, obgleich er von dem Tode seiner Mutter noch nichts wissen konnte. Das nackte Licht einer Gasflamme ließ auf seinem knochigen Gesicht schwarze Linien und weiße Flächen erstehen.

»Ach, der schöne Bursch!«

Ein paar übermütige Kerle, ein gierig blickendes, buntbebändertes Frauenzimmer mit überdeutlicher und leichtfertiger Gebärde unter ihnen, waren vor dem jungen Menschen stehen geblieben und rempelten ihn höhnisch an. Schamvoll, stotternd beugte er das Gesicht über seinen Teller. Endlich gingen die Spötter, aber aus den Kehlen der Weiber stieg ringsumher raketenartig Gelächter auf.

Ach, der Bruder, den sie wiederfand, wurde geschmäht und verlacht! Niemand wollte etwas von ihm wissen. Wenn er von der Arbeit heimkam, mußte er in die äußerste Ecke des Schankzimmers flüchten, um den Menschen zu entgehen!

Tränen traten in Mariens Augen. Er tat ihr so leid. Jetzt aber war sie da. Durch sie würde sein Leben milder werden. Sie würde seine Familie sein. Sie würden ein Heim haben und sie, Marie, würde dafür sorgen, daß ihm vom Sims ein Blumenstrauß entgegenblühe.

Bevor sie sich von ihrem Platz erhob, wo sie von ihren Nachbarn fast zerquetscht wurde, sah sie ihn lange an. In diesem Augenblick hob er den Kopf und sein Blick begegnete dem ihren.

Sie lächelte.

Er blieb mit offenem Mund, wie erstarrt, als er sah, daß eine Frau ihm zulächelte.

Sie errötete. Er konnte sie nicht erkannt haben. Er würde also glauben, daß sie . . . Instinktiv senkte sie die Augen, aber instinktiv hob sie sie wieder. Er blickte sie noch immer an und hatte die Augen so weit aufgerissen, daß sie in seinem blassen Gesicht glänzten wie von Tränen. Auf diesem Antlitz malte sich ein so erschütterndes Staunen, daß Marie am ganzen Körper zu zittern begann. Aufs neue lächelte sie.

Die kleine Szene war den Gästen nicht entgangen, deren lärmende Schar im Schankzimmer umherlümmelte. Der Cadiot und die niedliche Unbekannte äugten sich an! Die Arbeiter stießen einander, beobachteten die Vorgänge und flüsterten erstaunt:

»Der da? Unglaublich! Nein, wirklich!«

Marie verkroch sich in sich selber, vollendete ihre Mahlzeit und wagte nicht, aufzusehen, obgleich sie seine Augen und die aller andern auf sich ruhen fühlte.

Als es Zeit zum Kaffee war, leerte sich das Zimmer teilweise.

Da erhob sie sich und näherte sich ihrem Bruder. Als dieser gewahrte, daß wirklich er es war, mit dem sie sprechen wollte, erhob er sich und um den Irrtümern, den Verwechslungen, an die er glaubte, ein Ende zu machen, nannte er seinen Namen:

»Ich bin Jean Cadiot.«

Sie öffnete eben den Mund, um zu sagen: »Und ich bin Marie!« aber er sah diesen frischen Mund mit einem Ausdruck von so wundersamer Erwartung und Hoffnung an, daß sie schwieg, und ohne ganz zu verstehen, was in ihr vorging, lächelte sie wieder und sah ihn an.

Der Mann murmelte endlich: »Wollen wir miteinander fortgehen?«

Zusammen traten sie hinaus, verlegen und linkisch. Unter den Gästen des Arbeiterwirtshauses wurde es ganz still, als sie vorbeigingen.

Kaum waren sie draußen, so berührte er ihren Arm und legte ihn in den seinen. Sie ließ ihn gewähren. Warum klärte sie nicht so rasch wie möglich seinen traurigen und peinigenden Irrtum auf? Sie sagte aber nur:

»Leben Sie ganz allein?«

»Natürlich,« sagte er. Dann stammelte er mit Anstrengung: »Warum fragen Sie mich das? Ich bin es nicht gewöhnt, daß man von mir hören will. Die andern finden das auch sonderbar.«

Er zeigte mit dem Finger nach hinten. Die erleuchteten Fenster sahen aus, wie Flächen weißer Kinoleinwand, und auf ihnen zeigten sich schwarze Späherköpfe.

»Haben Sie gar keine Freunde?«

»Kann man mich denn lieb haben? Ich kann es ja verstehen, es ist nur, um Ihnen zu erklären . . .«

Er sprach schwer, als wäre er von diesen Dingen ausgehöhlt und des Redens ungewohnt. Anstatt ihm alles in diesem Augenblick aufzuklären, sagte sie leise:

»Sie sehen gut aus. Es gibt gewiß Frauen, die glücklich mit Ihnen werden könnten.«

»Das hat mir noch keine gesagt,« murmelte der junge Mensch.

»Aber ich sag' es Ihnen.«

»Sie . . .! Sie . . .!«

Plötzlich warf er seine langen Arme dem jungen Mädchen um die Schultern und zog sie an sich. Sie stieß ihn zurück.

Er stand regungslos, mit hängenden Armen, wie ein Sklave.

»Hören Sie,« sagte Marie, »Sie dürfen mich nicht lieb haben. Ich würde unglücklich werden, wenn Sie mich lieb hätten. Ich bin nicht mehr frei, nein, wirklich nicht. Wenn Sie alles wüßten! Aber andere Frauen werden kommen und finden, daß Sie besser sind als andere Männer.«

»Wirklich?« sagte er. »Wirklich? Wieso?«

Er stand vor ihr in Verzückung: »Mich lieb haben? Ist das denn möglich? Sagen Sie, würden Sie mich lieb haben, wenn Sie frei wären?«

»Ja,« flüsterte sie. »Leben Sie wohl. Ja.«

Sie verschwand und er blieb stehen, starr, bleich und wie von innen heraus erleuchtet. Sein ganzes Wesen glänzte von dem wundervollen Widerschein eines weiblichen Wesens.

Er war damit geschmückt wie von einer wunderbaren Kostbarkeit von unbeschreiblichem Wert, wie mit einem Talisman, der ihm die Kraft und den Mut geben sollte, mit dem Leben und dem Glück zu ringen.

Sie war schattenhaft ins Wirtshaus zurückgeglitten und begrub sich in dem armseligen Zimmerchen, aus dem sie am nächsten Morgen weit fort fliehen mußte. Jetzt durfte sie den verlassenen Bruder nicht wiedersehen, dem sie statt einer wirklichen Schwester lieber der Schimmer eines wirklichen Weibes gewesen war. Die Tränen flossen über ihr Gesicht und sie weinte zugleich vor Schmerz und vor Glück.



Das Kind

»Sei schön brav,« sagte die Mutter und öffnete die Arme, aus denen das Kind schlüpfte wie ein Vögelchen.

Es nickte artig »Ja« und neigte sein kleines reines Gesichtchen. Es hüpfte; es lief durch den Garten, öffnete die Tür und ging würdevoll den Fußsteig entlang. Es drückte sorgsam seine Schultasche an sich. Eine Kappe beschattete sein zartes und reizendes Gesicht, in dem seine Augen so klar standen, wie zwei Tropfen himmelblauen Wassers. Gegen die Kälte war es durch ein Tuch geschützt, das eng und liebevoll um seine Schultern geknüpft worden war.

So trat er an diesem Morgen in das Dörfchen ein, dessen schmale rote Häuser verstreut zwischen den Feldern standen, wie eine Kuhherde. In diesem ländlichen Flecken gab es keine Schule, man mußte bis Trou-Mercey gehen.

Die Sonne wurde bei der Kreuzung so schön und warm, daß der kleine Junge die Nase hob und ein Schauer des Behagens ihn durchlief, wie wenn der Wind ein Blatt aufhebt und ihm einen Pulsschlag zu verleihen scheint.

Kiki war schon jetzt ein kleiner Träumer und ein kleiner Beobachter. Auf der Hecke saß ein besonders schönes Vögelchen; Kopf und Kehle waren goldfarben und der Schweif, den es ruckweise bewegte, war fein gespalten und hob sich wie mit Tinte gezeichnet gegen den Himmel ab.

Bei diesem Anblick war Kiki erschüttert. Er konnte nicht widerstehen. Mit fieberhafter Erregung zog er einen Bindfaden aus der Tasche; es war eine Schleuder. Er warf einen Stein nach dem Vogel. Der Stein ging so nahe an ihm vorbei, daß er aufflog. Auf diese Distanz war das nicht übel gezielt. Kikis Augen leuchteten in unendlichem Stolz und sein Schritt wurde noch majestätischer, als er in der Morgenklarheit dahintrabte.

Inzwischen überzog die Sonne alles mit ihren Silberschleiern und ihren goldenen zarten Teppichgeweben. Plötzlich flog eine Art durchsichtiges Geschoß an der Nase des Kindes vorüber. Eine Heuschrecke! Niemals hatte er eine schönere gesehen! Atemlos legte er seine Schultasche an den Rand des Weges, brach in die blühenden, betauten Wiesen ein und verfolgte das grüne Tier, das zugleich hüpfte und flog. Er streckte die Hand aus und fing es nach einigen vergeblichen Versuchen.

Er stieß einen Schrei aus. Das Tier hatte ihn gezwickt oder gebissen: es war nur ein winziger Stich, aber das Kind war empfindlich und nervös. Heftig warf er es auf die Erde und stellte seinen Schuh auf den smaragdfarbenen Körper. Dann zog er den Fuß zurück und beugte sich vor, um zu sehen. Der Ausdruck seines Gesichtchens war zugleich voll von Triumph und Ekel, als er die widerliche Masse gewahrte, die aus einem zermalmten schmutzigen Leibe und verbogenen Füßen bestand. Er entfernte sich, noch erregt zwar, aber doch beruhigt, daß er Gerechtigkeit geübt hatte, wie ein kleiner Herrgott.

Er begann zu traben, um die verlorene Zeit hereinzubringen. Vor dem Hause der Mutter Jakob zog er die feinen Brauen zusammen. Das war eine alte Hexe, die ihn ohne jeden Grund haßte. Einmal, das war schon lange her, hatte sie ihn durch Stöße weggetrieben, gerade als er aus der Nähe zusehen wollte, wie man das Schwein bei Labouige abschlachtete; ein andermal hatte sie ihn laut beschimpft und mit dem Stock bedroht, weil er, natürlich nur zum Spaß, eben einen schweren Pflasterstein in das Reisigbündel des Vaters Plantad tun wollte, das dieser immer hinkend, seufzend und ächzend nach Hause schleppte.

Infolgedessen haßte Kiki sie ebenso wie er sie fürchtete. Deshalb hatte er auch neulich mit seinen Kameraden beim Spiel beschlossen, den Nußbaum, den einzigen Baum auf dem engen Erdfleckchen, in dem sie lebte, langsam zu Tode zu bringen. Sie hatten damit angefangen, unten an der Erde die Rinde des Baumes abzuschälen.

Leider hatte der kleine Junge an diesem Morgen keine Zeit, die Arbeit an der Baumrinde weiter zu besorgen. Trauer umschattete sein liebliches Gesicht, aber plötzlich erhellte es sich: die Katze!

Da hockte es gerade, das schmutzige Tier der alten Hexe ihm gegenüber auf dem Rand des Daches. Es war alt wie seine Herrin, mit schäbigem Pelz, unter dem man stellenweise die lederglänzende Haut sehen konnte. Rings um sie krochen junge Kätzchen, nicht größer als Ratten.

Kiki riß einen Nagel aus der Umfriedung, befreite ihn von seinem Draht, und nachdem er gezielt hatte, mit zusammengepreßten Lippen, ganz rot vor Eifer, schickte er ihn mittels seiner Schleuder mit aller Kraft unter das Getier der bösen Alten. Ein Aufschrei, ein Gepurzel auf die Erde herunter und die ganze Katzenbrut stob auseinander. Kiki sagte sich aufgeregt und bewegt, daß er zweifellos ein Kätzchen verwundet, vielleicht sogar getötet hatte. Sein Herz klopfte sehr stark, so glücklich war er über seine Rachetat und auch darüber, daß er ein so starker und tüchtiger Kerl war.

Artig setzte er seinen Weg fort, doch konnte er es sich nicht versagen, einen kleinen Umweg zu machen, um dem alten Trottel Mehu den täglichen Streich zu spielen. Er sprang über die Hecke und trat in das niedrige Zimmer, wo ein entsetzlich abgemagertes und zitterndes Lebewesen einsam vor seinem Suppenteller saß. Ein furchtbares Zucken des Schreckens und des Zornes ging über das Antlitz dieser menschlichen Ruine, die nur noch über ihre Gesichtsmuskeln und den linken Arm Gewalt hatte, als das Knäblein eintrat; die Augen rollten; der Adamsapfel stieg und fiel. Man sah, daß er die größten Anstrengungen machte, um dem Eindringling Schimpfworte ins Gesicht zu schleudern. Dann fing er an zu weinen und klammerte sich verzweifelt an seinen Teller. Aber das Kind entriß ihn seinen Händen leicht, mit glockenhellem Lachen, und stellte ihn auf den Kamin, wo ihn der hungrige Alte nicht erreichen konnte. Er würde also erst spät abends zu essen bekommen, wenn seine Tochter heimkam. Es war ein Jammer, daß Kiki den Anblick nicht länger genießen konnte, wie der Greis sich ächzend krümmte, wie sein Haar schmutzig braungrau aussah, als ob es Dünger wäre, wie seine Haut totenartig schien und sein Kopf wie auf einem dünnen Stengel zitterte.

Leider drängte die Zeit. Nun heißt es laufen. Zu spät! Er rennt gegen die geschlossene Tür der Schule an. Ein ungeheurer Schmerz überfällt den kleinen Jungen: durch diese Verspätung wird er diese Woche die Belobung nicht bekommen, die er doch so wohl verdient hat. Welcher Schmerz für seine Eltern! Der Lehrer öffnet streng die Türe und schluchzend erzählt das Kind ihm seine Geschichte. Es berichtet erhitzt und stockend, daß die Mutter recht krank ist, daß er sehr geweint hat und daß er sich dadurch verspäten mußte. Da er ein guter Schüler ist, glaubt man ihm. Der Lehrer heißt Herr Hardy, ist lang und dürr, trägt einen flaschengrünen Rock und ist ausnehmend schüchtern. Er klopft dem Kinde die Backen.

Die Schule beginnt. Zwanzig Augen ersehnen den Augenblick, in dem Herr Hardy merken wird, daß der Korb, den er auf den Fußboden gestellt hat und in dem sich zwei Eier für sein krankes Töchterchen befinden, auch einen großen Feldstein enthält, der die Eier bereits zerdrückt hat.

Heute ist die Reihe an Kiki, den Streich auszuführen. Plötzlich stoßen sich alle: der Herr Lehrer hat etwas gesehen. Er sieht ganz harmlos drein, aber er hat's bemerkt! Kiki lächelt. Er erhält ein »sehr gut« für seine Aufgabe, die er aus dem offenen Buch, das an dem Rücken des Vordermannes lehnte, abgelesen hat und im Augenblick darauf ist er beschäftigt, sich mit einem Maikäfer zu amüsieren, bis zu dessen seligem Ende.

Samstag erhält Kiki wieder die Belobung; Sonntag, als er aus der Kirche kommt – es ist die Zeit der ersten Kommunion – folgen ihm die gerührten Blicke des guten Pfarrers nach, der eben die Beichte über Kikis »große« Sünden entgegengenommen hat: er hat beim Spiel gemogelt, hat Tinte auf den Platz eines stärkeren Kameraden gegossen und ein häßliches Wort an die Mauer geschmiert. Der vortreffliche Seelsorger hat dem Engelchen rasch Absolution erteilt.

Zu Hause nach dem Frühstück tut der Vater einen Ausruf des Entsetzens, als er die Zeitung liest: man hat in Paris einen Mörder von siebzehn Jahren verhaftet – fast noch ein Kind!

Und Vater und Mutter sehen ihren Kiki an, der still und sanft dasitzt und belobt wurde . . . Wenn sie es nicht schwarz auf weiß gelesen hätten, sie würden es einfach nicht glauben, daß es so entartete Kinder gibt: ja, das kommt immer von der Trunksucht der Väter!



Ali Baba

Die ganze Familie beteiligte sich mit leidenschaftlichem und gerührtem Eifer an der Toilette Ali Babas, der um neun Uhr in die Hundeausstellung gebracht werden sollte.

Der riesige Bernhardiner stand unbeweglich auf seinen massigen Beinen und ließ sich von einem halben Dutzend zärtlicher Hände betreuen. Die schwarzen Jettkugeln seiner Augen rollten in ihrer rubinfarbenen Umrahmung, er schüttelte ein wenig seinen faltigen Kopf und reckte sich in seinem wolligen, sorgsam und frisch gewaschenen Fell.

In dieser bescheidenen Beamtenwohnung sah er aus wie ein nicht recht hingehöriger, aber lebhaft umschmeichelter, reicher Verwandter in einem wundervollen neuen Pelzmantel.

Endlich ging die ganze Familie die Treppe hinab: der Vater zuerst, dann die Mutter, auf deren rundem, weichem Gesicht sich das Lächeln immer in Tränen aufzulösen schien, dann Ali Baba, der mit derselben monumentalen Ruhe über die ausgetretenen Stufen schritt, als ob er eben vom Mont Blanc herunterstiege, endlich Ludwig und Antoinette, die trotz ihrer kleinen Zappelbeinchen sich eines würdevollen Ganges beflissen und ihre Köpfchen ernsthaft und steif in die Höhe reckten. Der riesige Hund, dessen Rücken unwahrscheinlich hoch an seine aufrecht gehenden Freunde heranreichte, erregte im Freien Staunen und Bewunderung, wie immer. Man blieb stehen und alle Vorübergehenden machten Bemerkungen, naive oder grobe, je nach ihrer Erziehung.

»Man spricht über uns!« flüsterte Ludwig.

. . . . Auf der Ausstellung hatte Ali Baba ungeheuren Erfolg. Das entschädigte die dürftige Familie für alle Opfer, die sie dem vierbeinigen Riesen gebracht hatte, welcher der Mittelpunkt ihres Hauses geworden war. Seine Entwicklung war allerdings eine Überraschung gewesen. Als der Vater eines Abends eine Art schmutziges, bewegliches Wollknäuel heimbrachte, das er im Rinnstein gefunden hatte, konnte niemand ein so phantastisches Wachstum erwarten. Man schloß ihn sofort ins Herz und erst später begann er zu wachsen. Man hatte ihn geliebt, erst wie ein Kind, dann wie einen Bruder. Man liebte ihn, sagte es ihm hundertmal des Tages und er sah mit verstehenden Blicken auf. Man legte die Arme um seinen Hals, um seine Aufmerksamkeit zu erzwingen. Wie viele Zärtlichkeiten gab er freundlich zurück! Wie viele Küsse hatte sein Fell, das wie lauer Schnee und weiches Gold schien, schon empfangen!

Man hatte seit anderthalb Jahren unendliche Unannehmlichkeiten ertragen, ungeheure Opfer gebracht, um diesen riesenhaften Tischgenossen in der engen Wohnung beherbergen zu können, die so wenig für ihn geschaffen schien, daß man immer an die exotischen Riesenfrüchte denken mußte, die in Glasgefäßen großgezogen werden. Obwohl Herrn Lenglés Einkommen stieg, verminderte es sich dennoch, weil Ali Baba wuchs und wuchs . . .

Was aber lag daran! Der Hund war nicht nur die Freude der Familie, er war auch ihr Stolz, ihre Originalität, durch die sie sich vor den andern Menschen auszeichnete und hoch über jene in der Stadt oder auf dem Lande emporragte, die in der gleichen sozialen Lage waren wie sie: bescheidene Feld- oder Pultarbeiter.

In der Ausstellung, wo sein großer Kopf wie der eines unschuldig Gefangenen hinter Eisenbarren ragte, wurde Ali Baba sehr gefeiert. Der Vater hatte eine Permanenzkarte, ging jeden Tag hin und brachte Siegesnachrichten mit heim. Alle Leute blieben vor Nummer 681 stehen. Der Wärter, der mit dem militärischen Verdienstkreuz geschmückt war, hatte vorausgesagt, ja beinahe versprochen, daß er den ersten Preis seiner Klasse davontragen würde.

Am dritten Abend kam der Vater erst um acht Uhr nach Hause. Sein Gesicht war rot vor Erregung und er rief: »Ich komme vom Land.«

Drei Münder blieben offen stehen und er erklärte, immer wieder Atem holend:

»Herr Tardieu, der große Hundezüchter, hat Ali Baba kaufen wollen! Ich habe natürlich nein gesagt, obgleich er mir klargemacht hat, daß es dem Hund in einem Zwinger besser gehen würde als in unserem fünften Stock. Kurz und gut, nachdem er einsah, daß er ihn für Geld nicht haben konnte, wißt ihr, was er mir angeboten hat? Ein kleines möbliertes Landhaus mit Garten in Saint-Maur an der Seine . . . Ich wollte nicht gleich annehmen, aber alle Herren, die dabei waren, haben mir dringend geraten, einzuschlagen: so schön der Hund sei, etwas Fabelhaftes wäre er doch nicht. Er hat mich hinausbegleitet. Ich habe das Haus gesehen, unser Haus!«

Alle drei bebten, so überwältigt waren sie.

Endlich wagte Frau Lenglé ein Wort: »Und er?«

»Wir werden ihn besuchen können, so oft wir wollen. Er bleibt noch einige Zeit in Paris, ehe er nach der Schweiz gebracht wird . . . Kinder, wir sind Hausbesitzer! Sonntag geht's nach Saint-Maur!«

Ein eigenes Haus, mit Möbeln drin, mit Bäumen ringsherum! Es war zu märchenhaft, um den armen Leuten den Sinn nicht zu verrücken. Sie lächelten, sie jubelten, sie klatschten in die Hände, wenn sie sich dieses plötzlich erschlossene Paradies vorstellten!

Samstag Abend, als der Kontrakt unterzeichnet war und das Haus mit seinen Möbeln und Bäumen nun wirklich ihnen gehörte, atmeten sie auf. Ein großes feierliches Schweigen schwebte im Zimmer, dann klang Ludwigs dünnes Stimmchen durch den Raum: »Ali Baba!« sagte er.

»Wir haben ein Haus,« erwiderte Antoinette.

Man sprach nur noch von dem Hause; Sonntags ging man hinaus. Es lag reizend auf einem Wiesenteppich, den eine niedrige Hecke mit einem Gittertor abschloß. Man war entzückt, man war wie berauscht von dieser märchenhaften kleinen Oase. Um sechs Uhr ging die Sonne unter und nahm Abschied wie eine Fürstin, nachdem sie den kleinen Besitz vorher schön rundum beleuchtet hatte.

Die Dämmerung legte ihre feinen dunklen Flore über die Gegenstände. Die Kinder faßten einander an der Hand und fühlten sich einen Augenblick wie verloren in der Leere, die durch die Abwesenheit ihres mächtigen Freundes verursacht war.

»Was er jetzt wohl macht?« fragte eines von ihnen.

»Er wird Heimweh haben,« sagte das andere und sah auf seine leeren Händchen nieder.

»Da seht einmal,« sagte der Vater, »hier ist ein Schöpfbrunnen. Habt ihr den kleinen Hebel gesehen? Das Loch da ist der Wasserschacht.«

In der Ferne bellte ein Hund. Alle waren plötzlich still und dachten das gleiche. Dann setzten sie ihre Entdeckungsreisen fort, aber weniger eifrig.

Der Vater hustete und sagte: »Er wird es sehr gut haben bei dem großen Züchter mit den andern Hunden. Er hat wirklich Glück, der alte Kerl! Dienerschaft zu seiner Verfügung und einen Tierarzt immer da, um ihn zu betreuen.«

»Ja,« seufzte die Mutter, »aber bei uns ist er nicht!«

»Man darf nicht egoistisch sein,« ermahnte der Vater und fügte rasch hinzu: »Man muß an die Zukunft denken und an das Alter – wir haben jetzt das Haus.«

»Ja,« erwiderte die Mutter mechanisch: sie saß auf einer Bank im Schatten und hörte zu, wie man auf teilnahmsvolle Reden bei Trauerbesuchen hört.

»Ja,« sagte auch das kleine Mädchen ganz leise, »er ist glücklich – armer Ali Baba!«

Die Tränen stiegen der Frau in die Augen und in der Einfalt ihres Herzens fand sie das rechte Wort:

»Es ist, als ob er gestorben wäre und wir hätten ihn beerbt!«

In diesem Augenblick stieß etwas heftig gegen das Gartengitter.

»Das ist er! das ist er!« jubelte Ludwig.

Er war es in der Tat. Hinter dem Gittertor tauchte sein ungeheures Löwenhaupt auf.

Alle vier standen auf. Sie machten alle eine unwillkürliche Bewegung zum Tor hin, dann blieben sie stehen und sahen einander verlegen an.

»Er ist durchgegangen,« murmelte der Mann und sein Mund zuckte.

»Mach auf,« sagte die Frau mit unsicherer Stimme.

Ludwig trottete über den Kies. Die andern blieben befangen stehen, wie Kinder, die man auf einer Untat ertappt. Es war ihnen, als müßten sie vor dem Besucher verbergen, was sie getan hatten, und sie wußten nicht, wie sie es ihm beibringen sollten.



Familiengeschichte

In dem finstern Kontor, das durch ein schmales Fenster matt und grünlich erleuchtet wurde, gestand Ernst seinem Vater stockend seine Neigung zu Fräulein Madeleine Désiron. Der dicke Tuchhändler wurde plötzlich feuerrot, ballte die Faust und schrie seinem Sohn entgegen: »Scher' dich zum Teufel!«, worauf der erbleichende Ernst machte, daß er hinauskam.

Bei Tisch bewahrte Herr Boyveau ein finsteres Schweigen, beugte den Kopf über den Teller und machte ein böses Gesicht. Ernst schlich schweigsam und mit geröteter Nase zu seinem Platz, stocherte nur im Essen herum und warf Märtyrerblicke auf seinen Vater. Frau Boyveau versuchte, die Mahlzeit durch ein wenig Stadtklatsch zu beleben, doch ihr Ton klang matt und matter und endlich schwieg sie ganz und hob nur die Augen betrübt zur Zimmerdecke empor.

Als sie sich am Abend mit dürren Fingern die Papilloten eindrehte, wagte sie es endlich, ihren Gatten zu fragen:

»Warum eigentlich nicht?«

Wütend drehte er sich auf einem Fuß herum, schwang eine Halsbinde in der Hand und brach aus: »Ihr seid wohl sämtlich verrückt geworden?«

Die arme Frau Boyveau wankte vor Entsetzen und mußte sich am Nachttischchen festhalten.

Als Boyveau im Bette lag, warf er sich von einer Seite auf die andere und stieß Laute aus wie ein gereiztes Raubtier, bis er endlich mit den Tönen eines ratternden Automobils seinen Einzug in das Traumland hielt.

Die Idee einer Heirat zwischen Ernst und Madeleine war nämlich die unmöglichste der Welt und das aus einem sehr einfachen Grunde: Ernst Boyveau und Madeleine Désiron waren aller Wahrscheinlichkeit nach Bruder und Schwester.

Wenigstens hatte Frau Désiron, die damals noch Amelie für ihn hieß, als sie noch schön und Herr Boyvean noch schlank war, in einer ihrer letzten Auseinandersetzungen geschworen, daß Madeleine ebenso seine Tochter sei, wie Ernst sein legitimer Sohn.

Diese Behauptung Amelies eröffnete schreckensvolle Perspektiven und die zwei jungen Leute machten die ungeheure Dummheit, sich ineinander zu verlieben, wo es doch eine solche Fülle anderer junger Menschen beiderlei Geschlechts in der Stadt gab.

Die einzige Entschuldigung der beiden armen Narren war, daß sie nicht wissen konnten, was das ehebrecherische Frauenzimmer als gewiß behauptet hatte. Niemand wußte übrigens davon, da die Schuldigen die ganze Zeit über eine tadellose Haltung gewahrt hatten.

Die nächsten Tage verliefen äußerst peinlich. Die brutale Abweisung Herrn Boyveaus sprach sich rasch herum und verletzte allgemein: die Ansprüche, die Ernst auf die Teilhaberschaft in der Firma machte, waren durchaus berechtigt, die Verhältnisse stimmten ausgezeichnet zusammen. Der einzige Makel, daß Frau Désiron sich hatte scheiden lassen und wieder verheiratet war, wurde durch die Tatsache ausgelöscht, daß sie in Nimes lebte und das Geld sowieso nicht ihr gehörte. Der dicke Tuchhändler, der allein sein Geheimnis zu hüten hatte, begegnete jeden Augenblick dem stummen Vorwurf in den Augen Ernsts, der ihm immerfort wie eine Erscheinung in den Weg trat, ganz weiß, flach und beinahe rechteckig wie ein Blatt Papier. Er mußte es auch mitansehen, wie seine Frau ganz verstört wurde, ihre häuslichen Beschäftigungen einstellte und sogar darauf verzichtete, den schrecklichen Untaten der Magd Interesse entgegenzubringen.

Eine öffentliche Mißstimmung war nicht länger zu verkennen. Die Stadt blickte streng und überrascht auf Boyveau, wenn er am Feierabend durch die grauen Gassen dem Café Pipaud zuschritt, mit flatterndem Rock und lebhaften Farben, wie ein Plakat aus der Ferne anzusehen.

Im Café empfingen ihn die alten Freunde mit einem Lächeln, hinter dem man ein Grinsen des Übelwollens fühlte. Andere grüßten, zu flüchtig, den Hut nur mit den Fingerspitzen lüftend. Einer aus der täglichen Spielpartie versuchte treuherzig, eine Aussprache herbeizuführen, aber er bekam scharfe Antworten und höhnische Bemerkungen über seine Vordringlichkeit zu hören. Schließlich schwieg man, aber ersichtlich war ein jeder in Gedanken mit dieser Sache beschäftigt.

Boyveau besaß nicht genügend Phantasie und diplomatische Begabung, um sich aus der Situation zu ziehen. Er machte den ganzen Tag über ein finsteres Gesicht, er schrie und grollte, aber er litt, für Tragödien war er nicht geschaffen. Im Grunde ward ihm Angst davor, als Einziger gegen alle zu stehen, und daß er der Welt als Narr galt, machte ihn immer schwermütiger.

An einem Morgen im Februar trat Frau Boyveau bei ihm ein mit ihrem demütigen Gesicht. Im grünlichen Licht des finstern Kontors stand er über sein Schreibpult gebeugt und sah Rechnungen durch. Er hob sein hilfloses und verschwommenes Gesicht empor.

»Hör' mal,« flüsterte die trübe Gefährtin, »unser Ernst reibt sich auf vor Kummer. Gestern hat er nur Suppe gegessen, wird er morgen überhaupt noch etwas essen? Auch die Kleine ist ganz elend und außerdem hat sie einen großen Schmerz zu tragen: du weißt es noch gar nicht, ihre Mutter ist dieser Tage in Nimes gestorben.«

»Wie?« stammelte der Kaufmann, »ist das wahr?«

»Es steht schon in der Zeitung,« sagte die Frau mit ängstlicher und erloschener Stimme. »Ihr zweiter Mann ist sehr angesehen, da haben die Blätter den Todesfall gleich gebracht.«

Der dicke Mann riß die Augen auf und griff sich an die Stirn. Dann nahm er seinen Hut, blieb auf der Schwelle einen Augenblick stehen wie bewußtlos und lief hinaus.

Frau Désiron tot! Er atmete aus voller Lunge: der Frühling war doch schön, schöner als man ahnte. Unter silbernen Sonnenstrahlen fächelte ein feiner Wind. Noch war es winterlich und doch fühlte man ein erstes und zartes Versprechen einer Erneuerung, wie einen Frühling des Frühlings.

Am Ende der Straße hob er den Kopf. Sein Gesicht erhellte sich allmählich. Er trabte dem Café Pipaud entgegen.

Also war sie tot! Arme Amelie! So muß ein jeder dahingehen! Nun war er der einzige Mensch auf der Welt, der von dieser Vaterschaft wußte, dieser angeblichen Vaterschaft.

Um die Fleischerstraße zu vermeiden, machte er eine Wendung nach rechts mit der Leichtigkeit eines Jünglings. Er lächelte dem Blumenstock von Hortense Pépé zu, der immer und ewig in dem niedrigen Eckfenster blühte. Er durchlief die Straße mit großen elastischen Sprüngen. Er fühlte sich behaglich, freigebig, glücklich.

Obgleich er im Café sehr wohl die Atmosphäre des Übelwollens fühlte, sprach er laut und lachte besonders fröhlich, wenn ihm Ameliens Tod in den Sinn kam; er war wirklich kein solcher Narr, daß er über das Hinscheiden einer Dame hätte trauern sollen, die die legitime Gattin anderer Männer gewesen war.

Als er heraustrat, dachte er, wie schlecht sich die Tote benommen hatte, indem sie versuchte, ihm solche Gedanken über Madeleines Ursprung einzuimpfen. Drei Wochen lang hatte sie die ganze Stadt damit gequält, nur auf eine Vermutung hin, die ebenso anzweifelbar wie unwahrscheinlich war!

Frauen sind Teufel, aber er war ein guter Mensch und wollte ihr verzeihen. Ein Liedchen drängte sich auf seine Lippen und beim Nachhausekommen summte er die Marseillaise.

Er suchte Ernst auf, der sich scheu wie immer an seinem Lieblingsplatz unter Stoffballen verbarg und plötzlich wurde er von dem jämmerlichen Aussehen des Jünglings gerührt, der doch ganz und gar zu ihm gehörte. Voll Großmut rief er ihn an: »Na, mein Junge?«

Ernst erhob seine sklavisch demütigen und hilflosen Augen und sein breiter Mund zitterte in dem magern Gesicht.

»Nur Mut, alles wird gut werden, glaub' deinem alten Papa!«

Er dachte nicht mehr nach, er berechnete nichts mehr, aus seinem Herzen kamen gute Worte und freundliches Lachen. Er ließ sich gehen, fortgerissen von einer geheimnisvollen und großmütigen Lebensfreude.

Seine Wangen, die vom Laufen rosig und feucht schimmerten wie ein schöner Schinken, färbten sich noch dunkler. Er gab seinem Sohn einen freundschaftlichen Puff und schalt auf den bösen Vater, der sein liebes Kind kränkte und quälte. Dann rief er »Zu Tisch« und schleppte seine Frau an der Hand ins Speisezimmer; sie hatte sich auf dem Gang herumgedrückt und sah dünn und schlaff aus, wie ein aufgehängtes Kleid.

Auf seinem Gesicht strahlte das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht, die endlich über alle Widerwärtigkeiten gesiegt hatte und die reine Freude, daß er nach sturmvoller Zeit endlich Frieden und himmlisches Glück rings um sich verbreiten durfte.



Das letzte Mal

Sie trennten sich auf dem Straßenpflaster, beim Ausgang des Wirtshauses an der Ecke. Der Abend erfüllte die kleine Stadt und schien sanft auf die Fußgänger herabzusinken, gerade in dem Augenblick, in dem die beiden sich zum letzten Male im Leben Aug' in Auge gegenüberstanden.

Sie wußten nicht, daß es das letzte Mal war. Obwohl sie den Bruch beschlossen hatten und die große endgültige Aussprache schon vor acht Tagen gewesen war, ahnten sie nicht, daß die Ereignisse sich überstürzen würden und ihre Schicksale, die des Studenten und der Arbeiterin, für immer voneinander trennen.

Wie gewöhnlich sagten sie einander ›Auf Wiedersehen‹ mit der belegten Stimme von Menschen, die nicht wagen, sich Lebewohl zu sagen. Sie sahen sich an, voll Überdruß und Zorn. Sie, die Schlanke, glitt leise an den geschlossenen Läden entlang, den breiten Rücken des dicken Jungen, der mit einem grüngestreiften, abgeschabten Rock bedeckt war, sah man schwerfällig im Bogen einer Straße verschwinden.

Sie sahen einander niemals wieder. Ihr Roman, der drei Jahre früher in einem öffentlichen Garten begonnen hatte, mit einem Lächeln, einem Nicken, den kleinen Narrheiten und tollen Einfällen, die in solchem Falle üblich sind, war endgültig abgeschlossen an diesem Abend, an dieser Straßenecke, unter dem blassen Licht, das aus dem Papiergeschäft Angot schimmerte.

Paul mußte am nächsten Morgen den Zug erreichen, da ihn eine erwartete Nachricht nach Paris rief. So konnte er sich die Formalität des letzten Abschiedes ersparen und er dachte: Umso besser! Und sie? Was dachte sie?

Er arbeitete und fing an, sie zu vergessen. Eines Tages, als der Frühling ihn an den seiner Heimat erinnerte, tat es ihm doch leid, ihr nicht Lebewohl gesagt zu haben. Durch dieses Bedauern mußte er wieder an sie denken. Man ist doch sentimentaler, als man ahnt. Oft sah er sie vor sich, wenn er die Augen schloß oder wenn er Abends die dunkle Treppe seines Quartiers hinaufklomm. Wie oft und wie eifrig sich neue Gesichter und neue Räume vor seine Erinnerung schoben, sie konnten das Bild des lieben kleinen Zimmers nicht verdrängen, in dem sie glücklich gewesen waren.

Dieses Zimmer lag im ersten Stock eines Geschäftshauses, das den Schwestern Cavalcade gehörte, die Tür ging auf einen dunklen Korridor und das Fenster auf die Arsenalstraße. Da sah er sie schlafen, das Kindergesicht sanft in den großen weißen Rahmen des Kopfkissens geschmiegt. Auch zum Ausgehen bereit sah er sie, leichtfüßig auf der ersten Treppenstufe stehend, ein schelmisches, wissendes und doch feines Lächeln auf dem Gesicht, anmutig wie ein Veilchenstrauß . . . Wenn er langsam aus seinen Träumen erwachte, formte sich ein blasser Engel vor ihm und der Engel ward allmählich zum Vorhang seines Fensters, das auf den Luxembourg-Garten ging.

Er sehnte sich danach, sie wiederzusehen. Er fuhr zurück und kehrte in der verlassenen Unterpräfektur ein. Mit braunen und goldenen Blättern bedeckte der Herbst die Gartenwege, auf denen der Herr Pfarrer witwenschwarz spazieren ging.

Er begab sich in das Geschäft der Schwestern Cavalcade und kam sich vor wie ein Bettler, der sich als Besucher einführt.

»Sie ist fort,« sagte Honorine, die Magd.

Sie hob ihr Gesicht, das aufgequollen und rosa war, von einem häßlichen, schon mehr lachsfarbenen Rosa, und ließ die dicken Hände sinken, die vom vielen Geschirrwaschen aussahen wie gekocht.

»Ach,« sagte er, »das ist bös . . . Nein, es macht nichts . . . Also, sie ist fortgezogen? Wo ist sie denn?«

»Weiß nicht,« sagte Honorine.

Er suchte sie bis zum Abgang des Zuges. Ohne etwas erfahren zu haben, irrte er umher. Bei Etienne Jean hatte sie gewohnt, aber die beiden Weiber, die dort hausten, waren verschiedener Meinung über den Weg, den sie am nächsten Morgen gegangen war.

Endlich ging er auf die Bahn. »Aber ich werde wiederkommen.«

Er kehrte wieder, aber er fand sie nicht. Es gibt Wünsche, deren Erfüllung so einfach, so unendlich leicht wäre und auf die man doch verzichten muß.

Er fand sie nicht. Er wartete, bis er halbverrückt wurde, er zerbrach sich den Kopf, er schrieb zahllose Briefe und setzte Agenten in Bewegung. Sie blieb ihm verloren.

Dieser Verlust war ein großes Unglück für ihn, denn jetzt erst hatte sie sein ganzes Herz erobert.

Die Jahre vergingen, er gab das Suchen auf, aber er dachte immerfort an sie. Heimlich sah er ihr Bild an, auf dem sie unbeweglich und unerbittlich dastand, wie die heilige Jungfrau. Er entsann sich nicht nur ihrer Anmut, sondern auch ihrer Tapferkeit, ihrer Aufopferung; er erinnerte sich, wie ernst und vernünftig ihre liebe Stimme geklungen hatte, wenn ein Entschluß zu fassen, eine Schwierigkeit zu überwinden war, und er ertappte sich dabei, daß er sich vorstellte, was sie zu diesem und jenem wohl sagen würde. Nachher kam er sich wie verwitwet vor, des Abends, an seinem trüben Fenster, das Zimmer von einem dürftigen Schimmer erhellt, wie auf einem Rembrandt-Bild.

Unter dem Lärm, den Stößen und Förmlichkeiten des Lebens wurde seine Einsamkeit immer tiefer und unterwühlte ihn. Sein Gesicht war von Selbstvorwürfen und schlaflosen Nächten wie gepflügt. Einst war es rosig und frisch gewesen, nun wurde es lang und gelblich und er ließ einen Bart darum sprossen, der schwarz wie ein Trauerschleier war. Seine Stimme und seine Bewegungen waren müde und der Glanz seiner Augen war dem Ausdruck einer stumpfen Güte gewichen. Das Leid, das ihn keinen Tag mehr verließ, hatte ihn allmählich zu einem andern Menschen gewandelt.

Mit fieberhafter Unruhe trieb es ihn von einem Beruf zum andern und, nachdem seine Zukunftspläne mannigfach gewechselt hatten, wurde er Leiter der Chavarin-Stiftung, die alte Künstler aufnahm.

Es war ein wundervoller Landbesitz, das Haus war fürstlich und es gab nur zwölf Pensionäre. Die Männer glichen alten Offizieren, die Frauen schienen vornehme Witwen. Es gab ganz alte, die immer vor sich hinlachten, andere, die nicht einmal mehr lachen konnten, aber unaufhörlich zu ihren Nachbarn redeten oder vor sich hinmurmelten, als machten sie Volk in der Statisterie. Eine Strenge, Hochmütige pflanzte sich in den Ecken auf, als wäre sie ein kostbarer Kunstgegenstand. Auch eine Tänzerin war da mit chaotischem Namen und fremdartiger Aussprache, eine messingfarbene Perücke über das dick geschminkte Runzelgesicht gestülpt, auf dem ein verzerrtes Lächeln lag, als wäre sie krampfhaft bemüht, das Strahlen jener Zeit festzuhalten, da ihr der Jubel der Menge entgegenflog.

Zehn Jahre gingen dahin, die alten Pensionäre vegetierten noch immer. Er lebte mitten unter ihnen, wurde mit freundlicher Provinzvertraulichkeit nur Herr Paul genannt und führte Gespräche mit Friedrich, Berta und Pauline. Er lauschte ihren Erzählungen oder schien wenigstens zuzuhören, denn er sah immer ein wenig abwesend aus, wie geblendet von einer wunderbaren Erinnerung.

Eines Abends starb eine der Pensionärinnen: die Tänzerin. Er kehrte eben fröstelnd von einem Spaziergang im Park zurück. Es war einer jener Oktobertage, wo der Winter wie das Skelett der Welt durch das herbstliche Gold zu blicken scheint.

»Sie ist tot!« rief ihm der Wärter von der Schwelle des Krankenzimmers entgegen.

Er trat ein, wankte und stieß einen Schrei aus.

Sanft auf das Kopfkissen geschmiegt, sah er das kindliche Köpfchen, das er so lange gesucht hatte – lieber Himmel, wie hatte er es gesucht! Da lag es still und unbeweglich.

Er streckte die Hände aus, umklammerte die Eisenstäbe des Bettes und sah sie nur immer an.

Von der Perücke befreit, umglänzten seine Silberhaare den Kopf, die aussahen, als wären sie ganz lichtblond. Ohne Schminke gewahrte man die natürliche Hautfarbe, die noch immer der einer blassen Teerose glich. Die Züge waren jugendlich geworden in jener seltsamen Entspannung, die Toten zuweilen das Antlitz früherer Zeit wiedergibt, sie von den Verzerrungen der Ermüdung und des Alters befreit: an diesem schrecklichen und heiligen Wunder erkannte er sie.

Er sagte sich nicht: »Na, sie war immerhin weniger alt, als es den Anschein hatte bei ihren Runzeln . . . Sonderbares Schicksal! Dieser Beruf, dieser fremdartige Name, dieses Wanderleben in der Fremde!« Bevor seine Vernunft sich über die einfachen, logischen und geradezu kindlich simplen Tatsachen klar werden konnte, die ein Wiedererkennen verhindert hatten, fiel ihm ein, daß er zehn Jahre neben ihr gelebt hatte, ohne sie zu sehen!

Er sank an dem Bette nieder, das die Kerzenflammen gespenstisch umschimmerten.

Erst war er wie im Starrkrampf, dann fiel er in sich zusammen und begann zu schluchzen. Er weinte, weil die Welt sinnlos erschaffen ist, weil die Menschen töricht und vom Unglück verfolgt sind und weil die Trennung, die nun zu Ende ging, schlimmer gewesen war als die, die jetzt beginnen sollte.



Morgen

Eines Tages erfuhr Norbert, daß er sterben müsse und daß sein Reichtum und selbst seine Jugend ihm nichts mehr helfen konnten. Es war zu Ende. Noch ein paar Tage vielleicht, ein paar Monate, wenn er mit seinen Kräften sehr Haus hielt, dann würde er erlöschen wie ein müder Greis, erschöpft, vernichtet von der Zwecklosigkeit seines Lebens, von seinen Millionärslaunen, die ihn über den ganzen Erdball gejagt hatten, erdrückt von seinen Reichtümern. Als er erfuhr, wie wenig Zeit ihm blieb, versuchte er alle Mittel, um sich Haltung zu geben; er trachtete zu leben, wie alle andern Menschen; aber er war jetzt nur eine Art provisorisches Wesen und konnte die frühere Existenz nicht von neuem beginnen.

In dieser grenzenlosen Traurigkeit des Abschieds vom Leben ergriff ihn dennoch ein Brief seines Freundes Michael aufs Tiefste.

Im Grunde war das leidenschaftliche Bekenntnis, das Michael aus seiner romantischen Musikerseele heraus ablegte, von rührender Banalität.

Michael war arm und die Eltern der schönen Jacqueline von Granval hatten ihn endgültig abgewiesen. Sie selbst waren verarmte Adelige, auf der Lauer nach einem reichen Mann für ihre Tochter und der demütige Verliebte, von dessen Werken noch so wenig die Rede war, wurde so schroff von ihnen abgelehnt, daß Michael in seiner Verzweiflung an Selbstmord dachte. Inzwischen wollte er sich amtlich nach Tibet schicken lassen, nach seiner Rückkunft würde er dann seine definitive Ruhe wohl auf dem Friedhof Pére-Lachaise bei den Seinen zu finden wissen.

Norbert schloß die Augen, sein blasses Gesicht, das auch im Verfall noch Reiz bewahrt hatte, rötete sich ein wenig und er dachte darüber nach, was man wohl beginnen könnte, damit Michael nach seiner Rückkehr sein Schicksal gänzlich verändert finde.

Endlich hatte er es gefunden. Er saß lange wach und als er sich wankend erhob, sagte er sich: sein Leben sei vielleicht nutzlos gewesen, sein Tod aber werde es nicht sein; und seine Zärtlichkeit für Michael wuchs immer tiefer.

Sein Plan bestand darin, daß er, der Sterbende, Jacqueline von Granval heiraten wollte. Es sollte eine bloße Zeremonie werden. Wenn Michael zurückkam, würde das junge Mädchen schon Witwe sein, frei zu handeln und zu wählen. Die Einfachheit und Selbstverständlichkeit dieses Einfalls entzückte ihn und gab seinen letzten Schritten ein Ziel.

Alles ging vor sich wie im Traum. Er vermählte sich mit der schönen Jacqueline. Die Eltern, die in einer dürftigen grauen Wohnung dumpf dahinlebten, mit der Schönheit der Tochter als einzigem Besitz, hatten sofort ihre Zustimmung gegeben, stammelnd, erstickt vor Freude. Als man ihm das junge Mädchen zuführte, warf sie ihm einen Blick des Hasses zu: er begriff, wie sehr sie Michael liebte. Aber sie senkte hierauf die Augen und bemühte sich aus allen ihren Kräften, sich zu beherrschen, demütig und fügsam zu bleiben. Er fand es wundervoll, mit welch nobler und stolzer Geste sie sich dem Eigennutz der Ihren zum Opfer brachte.

Die Hochzeitsfeier fand in strengster Zurückgezogenheit statt. Norbert war so reich, daß er sogar das bewerkstelligen konnte. Dann führte der junge Ehemann Jacqueline auf eines seiner Schlösser.

Jeder bewohnte einen Flügel für sich, sie sahen sich selten und begegneten einander, als seien sie beide Gäste eines unsichtbaren Hausherrn. Unwillkürlich rückte sie immer ein wenig ab, wenn sie mit ihm beisammen war; aber unwillkürlich erstaunte sie auch, daß er dann so gar keinen Versuch machte, sich ihr zu nähern.

Einmal sah er sie schreiben und erzitterte. Sie merkte das und ohne ein Wort zu sagen, stand sie auf und ließ den Brief offen liegen. Er beugte sich darüber: es war nicht Michael, an den sie geschrieben hatte. Dieser kleine Auftritt war der einzige, der die Vergangenheit lebendig machte und er beruhigte Norbert darüber, daß Jacqueline ehrlich war, daß sie sich wirklich aufgeopfert hatte und daß Michael nicht eher etwas erfahren würde, als bis die Dinge reif dafür waren.

Eines Abends erkältete sie sich und wurde schwer krank. Er pflegte sie mit verzweifelter Hingabe und wachte bei ihr wie eine Mutter. Er war nicht einmal ihr Gatte, aber es schien ihm, als ob er eigentlich viel mehr sei. Seine Energie erwachte und tat Wunder, um sie dem Tode wieder aus den Fängen zu reißen, sie, die jung und schön war und die eine wunderbare Aufgabe vor sich hatte: sich eines Tages dem Manne darzubringen, den sie liebte.

Die Krankheit war schwer und währte lange. Es war Ende Januar, als die Gefahr endlich vorüber war und er sie ein paar Schritte in den Park geleiten durfte. Sie gingen auf der Terrasse auf und ab und die großen Schloßfenster sahen ihnen zu. Sie war sehr schmal geworden und ihre Tritte waren leicht wie windverwehte Blätter auf dem Kies. Aber ihr Arm drückte schwer auf dem seinen, weil er sich selbst so schwach fühlte.

Am nächsten Morgen war das Wetter trüb, aber es ging ihr schon ein wenig besser und so war der Spaziergang wieder um einiges schöner.

Mit Besorgnis und Hoffnung sah er die Genesung Jacquelines langsam fortschreiten. Nach und nach kamen ihre blühenden Farben wieder, ihre Schönheit fing wieder an zu leuchten, aber sie blieb hinfällig und konnte nicht ohne Stütze gehen.

Einmal kündigte sich noch mitten im Winter der Frühling an, durch irgendeinen geheimnisvollen Duft, durch einen Windhauch, einen Lichtstrahl.

»Das ist der Frühling des Frühlings,« sagte sie.

»Ja,« erwiderte er, »oft steigen mitten in einer Jahreszeit Tage empor, die uns die nächste verkünden. Diese Tage sind fast menschlich: sie sind erfüllt von Versprechungen.«

»Man sollte nie etwas versprechen,« sagte Jacqueline und ihre Stimme wurde plötzlich sehr ernst.

»Doch,« sagte Norbert und seine Augen blitzten auf.

Die Zeit verging und er lebte dahin, er dachte nicht mehr in bestimmten Formen, wußte aber doch, daß plötzlich irgend etwas geschehen würde.

Als sie eines Tages nebeneinander durch den Park gingen, wandte sie sich ihm zu: »Du hast mich gepflegt, du hast mich gerettet,« sagte sie. »Warum liebst du mich nicht?«

Er wollte irgend etwas Törichtes antworten, aber sie schnitt ihm die Rede ab. Sie, die einst fromm und steif wie ein Heiligenbild gewesen war, lächelte jetzt tief und zärtlich wie ein Kind.

»Weißt du,« sagte sie, »daß du dich sehr verändert hast? Als wir hier ankamen, warst du blaß und elend, sicherlich warst du viel kränker, als du wußtest. Jetzt bist du voll Kraft . . .«

Er blieb stehen, sah sie an und beschwor sie mit seinen Blicken. »Ich?« stammelte er, »ich?«

Sie trat näher, vertrauensvoll, wie ein kleines Mädchen.

»Während du für mich sorgtest, habe ich auch für dich gesorgt. Ich hatte Angst, du würdest nach Paris zurückkehren und das wäre schlecht für dich gewesen. So habe ich getan, als ob ich die Stütze deines Armes brauchte, recht lange, um dich zu halten . . .«  Ihre Stimme wurde leiser und ihr weißes Rosengesicht wurde rosig: » . . . um dich festzuhalten . . .« Sie stockte, aber sie wagte es nicht, ein Schweigen eintreten zu lassen: »Du bist aber doch noch schwach, das hast du vergessen.«

»Vergessen,« stammelte er, »vergessen . . .«

Mitten in der Sonne blieb er stehen und er sah mit großen Augen auf die Frau, die da blühend vor ihm stand, für ihn bereit; er sah das sieghafte und festliche Grün, das der Frühling über die Welt streute und in dem jedes Besinnen versank.

Ein Schauer lief über ihn hin und er fühlte, daß er durch irgend ein Wunder gerettet war, daß die Ärzte sich geirrt hatten; er empfand, daß die Menschen wahnsinnig sind, die glauben, über ihre Gedanken Herrschaft zu besitzen, ebenso wahnsinnig wie die, welche denken, daß sie für ihre Handlungen einstehen können. Voller Angst und Entsetzen fühlte er, wie berauschend glücklich er war, weil er lebte, und vor allem: weil sie lebte . . .



Der Idiot

Als ich von zu Hause fortging, erzählte Vandor, war ich der Dorftrottel. Jawohl, in diesem Nest, das Sankt Honors heißt, brachte ich meine Eltern zur Verzweiflung und meine Mitmenschen zum Lachen durch meine blödsinnige Keuschheit, meine unendliche Schüchternheit und meine grenzenlose Empfindsamkeit: besonders durch meine Empfindsamkeit, die das Ergebnis und sozusagen der Höhepunkt meiner allgemeinen Dummheit war.

Ich stand ergriffen – und wie tief ergriffen! – vor einer alten schäbigen Katze, vor einem ausgemergelten und knochigen Pferd, dessen elender Leib schon dem Fleischer verfallen war; an der Schwelle des Schlachthauses legte ich meine Arme um den Hals der Kälbchen, die hineingeführt werden sollten; oft blieb ich auf der Straße stehen, um ein verkrüppeltes Kind vorbeizulassen, das mir dann natürlich die Zunge heraussteckte; und oft genug bin ich zu spät zu Tische gekommen, weil ich in einer Art schmerzhafter und endloser Entrückung auf das Tor oder auch nur auf die Mauer des Krankenhauses gestarrt hatte.

Die Dinge, die wirklich das Leben ausmachen, Ereignisse, Ideen, Erfindungen, berühmte Männer, lehnte ich leidenschaftlich ab. Das war mir durch meine ganze Natur unzugänglich. Wie oft habe ich, im Salon, im Kaffeehause, wichtigen Gesprächen zugehört, ohne sie zu erfassen! Wie oft habe ich die Zeitung unberührt auf dem Tisch liegen lassen, weil sie ein gedruckter Reflex großer Tatsachen und menschlicher Schaffenskraft war! Wie oft vergessen, den neuen psychologischen Roman eines berühmten Autors fertig zu lesen! Alles, was die Menschen beschäftigt, was ihren Geist anregt, darum kümmerte ich mich nicht und hatte kein Interesse daran. Ich hielt die Augen nach innen gerichtet, betete zu meinen eigenen Mächten auf eine unaufhörliche und unverständliche Art, wie ein hundertjähriger Priester und ließ die Erde sich außer mir bewegen. Ich glich niemandem. Ich war wie das Gespenst eines andern. Ich begrub mich in einer trüben und melancholischen Beschränktheit.

Und später? Freilich, später ging ich nach Paris oder vielmehr ich wurde ohne Übergang und ohne Schonung mitten in seinen Trubel geworfen. Plötzlich änderte sich alles. Nach vielen Widerlichkeiten, unendlichen Demütigungen und zahllosen Schlappen ging die Keuschheit verloren, die mein Gesicht jeden Augenblick mit einem rosigen Schleier überzogen hatte und auch die Empfindsamkeit, die in mir rumorte.

Diese Veränderung griff in die Tiefe. Sie übertraf die Erwartungen der größten Optimisten. Kennt ihr die Geschichte von dem Feigling, der, um seinen Fehler zu besiegen, ein Wagehals wird? Genau so ging es mir.

In wenigen Jahren war aus dem stammelnden Provinzler mit der armen schüchternen Seele ein gerissener und rühriger Großstädter geworden. Ich ging überall hin, ich wußte von allem, nichts entging mir. Es gab kein Thema, über das ich nicht geläufig reden konnte. Klatsch und Sensationsnachrichten kamen wie von selbst zu mir. Ich war ein nie versagender Born von Neuigkeiten.

Ihr erinnert euch meiner Erfolge aus der Zeit, da meine Laufbahn begann. Ihr wißt, als welch glänzender Weltmann ich mich entpuppte. Mein Leben war erleuchtet von der Bewunderung, dem Lächeln der glänzendsten Salons. Ich machte sensationelle Erfindungen, so führte ich den vier- und fünfschrittigen Boston ein; diese wundervolle Errungenschaft, die ich zwischen dem Golf und dem Tennis erdacht, ist mir allein zu danken.

Aber ich blieb dabei nicht stehen, der Verkehr in der großen Welt genügte mir eines Tages nicht mehr.

Ich entwickelte mich; die gesellschaftlichen Erfolge ermüdeten und langweilten mich. Ich strebte zu höheren und ernsteren Dingen. Ich begann, mich für geistige Bewegungen zu interessieren, für Fortschritt, Literatur, Weltgeschichte. Ich steckte meiner Regsamkeit höhere Ziele und wieder war mir das Schicksal günstig, indem ich Abgeordneter wurde und mir sechs Stimmen bei den Wahlen in der Akademie zufielen, für die mich meine Freunde vorschlugen. Meine Arbeiten über soziologische, ethnographische und philosophische Themen wurden beachtet und, unter uns gesagt, wird man sie mir nicht sobald nachmachen.

Zu dieser Zeit erinnerte ich mich zuweilen der seltsamen Dumpfheit des Geistes, in der ich einmal gelebt hatte und zuckte ein wenig verächtlich die Schultern darüber. Natürlich vermied ich es sorgsam, in meine Heimat zurückzukehren, die mich so grausam verkannt hatte, obgleich ich damals ja wirklich ein unbedeutendes Lebewesen gewesen war.

Die Reize jenes Landes bestanden für mich aus öden, endlosen Landstraßen, die in Rauch- und Staubwolken gehüllt waren; oder ich sah die kunstvollen Hasenfallen jener Gegend vor mir, aus denen die Tiere direkt vor die Flintenläufe der Jäger getrieben werden.

Dieses Leben der Arbeit, des Fiebers, der großen Unternehmungen währte Jahre.

Allmählich aber endete es, wie alles endet, was man auf Erden unternimmt. Langsam begann ich es weniger zu lieben und endlich wendete ich mich ganz von ihm.

Eines schönen Tages kam ich lorbeerbedeckt nach Sankt Honoré zurück, um dort wieder Wurzel zu fassen, bis zum Ende.

Ich war noch nicht alt, das heißt, ich fühlte mich keineswegs abgenützt, aber ich war nicht mehr der gleiche wie früher.

Statt des linkischen Knaben mit dem törichten und reinen Blick, der das Dorf verlassen hatte, war ein Mann zurückgekehrt, dessen Antlitz von den Erfahrungen des Lebens gebleicht, dessen Stirn faltig geworden war, dessen Blick einen ernsten und durchdringenden Ausdruck bekommen hatte. Meine Unwissenheit war dahin, meiner Unschuld war ich gründlichst beraubt, war mit beinahe wissenschaftlicher Gründlichkeit um alle spontanen Empfindungen gekommen.

Ich wurde gut aufgenommen und darf mich nicht über meine Mitbürger beklagen, die gut machen wollten, daß sie mich einst verkannt hatten. Aber statt mir zu schmeicheln, erschreckte und verwirrte mich ihr Empfang. Er schüchterte mich ein und vom ersten Augenblick an ersann ich Vorwände, um den Festlichkeiten mir zu Ehren nicht beiwohnen zu müssen.

Ich zog mich zurück, löschte mich aus, und da geschah es, teure Freunde, daß ich, der Abgott der Menge, mich vom Schatten angezogen fühlte, von dunklen Zimmerecken, als seien da wesenlose Geschöpfe, als fühlte ich im Dunkel Herzen schlagen. Ich fing an, leise Rührung zu empfinden beim Anblick zitternder Greise und kleiner Kinder. Ich ging Tieren nach, die man zum Tode führte und legte meine Arme um ihren Hals, um die Frist noch ein klein wenig zu verlängern, die sie von der Schlachtbank trennte. Ihr versteht mich wohl: ich wurde, wie ich früher gewesen. Aber nicht mehr, weil ich nichts vom Leben wußte, sondern weil ich alles wußte.

Mit Bewußtsein, mit Glaubenskraft fange ich jetzt aufs neue an, das Mitleid zu üben, das ich dereinst nur dumpf empfand. Dieses Mitleid hat mich einmal im Dunkel geführt, nun beschließt es in Klarheit mein Leben. Ich gebe mich ihm hin im vollen Besitz meiner Erfahrungen und ich finde keine Freude mehr an dem Wirbeltanz der Bestrebungen und des Fortschritts. Aufs neue bin ich taub für den Lärm der Gespräche und das Geschrei der Versammlungen, und ein Schrecken schüttelt mich im voraus, wenn ich mich genötigt sehe, politische Artikel, Reden, Bücher zu lesen.

Rings um mich herrscht das Mitleid, es hüllt mich ein, es schenkt mir milde Offenbarungen, die einzigen, die echt sind, und die würdig sind, zu herrschen.

Wenn ich tief in die trüben leeren Augen eines Bettlers oder eines Karrengaules blicke, so fühle ich, viel mehr als in den Tagen meiner tätigen Regsamkeit, wie ich an dem tiefen und geheimnisvollen Leben rings um mich Anteil habe. Bis ans Herz versinke ich in die Größe der Natur und der Wahrheit und werde abermals, und diesmal rettungslos, zum Idioten.



Gestern und Heute

Ihr Gesichtchen war nicht größer als eine große Rose und das Leben schien eigens für sie bereitet, wie ein schöner Garten. Sie war entzückend und alles ringsum lächelte ihr zu. Ihr Vater war glücklich und ihre Mutter war nicht weniger glücklich als er.

Von allen Seiten lief eine Schar von Dienern, Verwandten oder Freunden herzu, um ihre Befehle wie Geschenke zu empfangen. Selbst Fremde und Greise empfanden es als ein Glück, ihr gefällig sein zu dürfen. Weder in Feengeschichten und nicht einmal in der Weltgeschichte gab es jemals eine Königin, die in ihrem Alter eine solche Macht gehabt hätte. Dennoch lächelte das Mägdlein nur selten; ihr köstliches Gesichtchen blieb wie von einem Schleier verschattet. Warum, das hätte niemand sagen können, sie selbst am wenigsten.

Sie wurde älter, ihre kleinen Füße schritten auf einem weichen Pfad ohne Dornen einher, Liebe und eifersüchtige Zärtlichkeit umgaben sie. Ihr Verstand entwickelte sich, ihr Gefühlsleben wurde tiefer, aber ihre unbestimmte Traurigkeit verließ sie niemals. Sie begann darüber nachzudenken, warum sie schon als Kind bestrebt gewesen war, sich unglücklich zu fühlen. Sie war es auch jetzt noch immer, aber auf andere Art.

Die andern errieten nicht, wie verletzbar ihr Herz war. Ihre Eltern bauten einen festen Wall von Liebe um sie und waren glücklich, wenn sie das Kind berühren durften. Als sie zwölf Jahre alt war, machte ihr der Wechsel der Jahreszeiten großen Eindruck. Der grüne Park, der braungoldene, der violette Park sind nur tote Dekorationen; aber unsichtbare Dramen spielen sich darin ab, die zeigen, wie die Zeit dahingeht.

Wenn man im April die blühenden Gräser sieht, die ihre Blütenrispen wie Hütchen aufhaben, muß man da nicht an die toten Blumen des Rauhreifs an den Scheiben denken und fühlen: »Der arme Winter!« Und ist es nicht grausam, wenn der üppige Sommer den lieblichen Frühling zerstört?

Eines Abends neigte sie ihr Köpfchen und seufzte, indem sie ihre feinen kleinen Blütenhände auf ihr kurzes Lampenschirmröckchen legte: »Damals, als ich noch klein war . . .«

Alle Leute lachten, sehr laut und sehr roh.

Niemand verstand sie, aber sie war überzeugt, daß sie richtig fühlte. Ihre einsamen Gedanken, ihre Gefühle, von denen sie ganz allein wußte, bewahrte sie in ihrem Innern als tiefes Geheimnis.

Sie wurde älter und stapelte ihre traurigen Eindrücke, die kleinen wie die großen, wie Schätze in sich auf. Zu der Fülle ihrer freiwilligen Diener kamen jetzt öfters Vorübergehende, die ergriffen von ihrem Reiz waren. Wenn sie auf der Straße ging, waren die jungen Leute beglückt, sie ansehen zu dürfen und schickten in ihrem Innern eine leise schüchterne Bitte empor, daß auch sie ihnen einen Blick gönnen möge.

Sie ließ sich von einem erwählen. Mit einem Schlage aber kam der Rausch auch über sie. Sie wehrte sich gegen ihr Glücksgefühl, sie versuchte, es mit Vernunft zu bekämpfen, aber sie empfand es dennoch. Sie war dem Glanz des Lebens völlig hingegeben. Sie fühlte sich als Siegerin, obgleich sie der Liebe unterlegen war.

Sie verlobte sich und ihr Herz ward ruhiger. An manchen Abenden entfernte sie sich schon unmerklich von der Gegenwart und dachte an Vergangenes.

Sie sagte sich: »Wie man sich verändert!« Sie wiederholte: »Wie ich mich verändert habe!« Wenn ihr Bräutigam ihr sagte, wieviel schöner sie geworden sei, hörte sie nur, daß er sie verwandelt fand.

Als sie verheiratet war, fand sie, daß das ernste Leben nun für sie begonnen habe. Früher einmal war es richtig gewesen, unbekümmert in den Tag hinein zu leben. Wie sie als ein junges Mädchen gesagt hatte: »Als ich klein war,« so sagte sie jetzt zaghaft: »Als ich noch jung war . . .«

In einer Schublade fand sie ein Bild von sich, das einige Jahre alt war, das brachte sie zu der Erkenntnis, wie tot und leblos Bilder sind. Sie sah voll Neid die an, die sie einmal gewesen war, in den fernen Märchenzeiten, da das Leben ihr noch Geheimnisse verhüllte und Unbekanntes versprach.

Wenn man sie daran erinnerte, daß sie mit achtzehn Jahren gesagt hatte: »Jetzt ist alles zu Ende für mich . . .«, schüttelte sie den Kopf und sagte: »Das war vor sieben Jahren. Damals hatte ich Unrecht, aber jetzt ist es wahr«. . .

Mit fünfunddreißig Jahren fand sie, was sie seit langem suchte: ein silberiges Haar an ihrer Schläfe, ganz zart, dünn und noch fast goldfarben. Sie sagte: »Ich habe weißes Haar; ich bin sehr alt.«

Sie alterte. Alle ihre vorausempfundene Trauer, ihre allzu frühen Schmerzen, ihre übertriebenen Gewissensbisse behielten schließlich recht. Die Schläfen sanken ein, die glatten Wangen wurden runzlig, die großen traurigen Augen lagen tief in ihren Höhlen. Sie war den andern fast gar nicht mehr wichtig: die ihr einst ergeben waren, verschwanden nach und nach und ihre strahlende Herrschaft ging zu Ende. Die Andern, die Fremden, die Überlebenden gingen an ihr vorüber, ohne sich Gedanken zu machen.

Da schien sie zu erwachen, sie belebte sich und raffte sich auf, wie jemand, der sich von einem Traum befreit. Als sie nach der Heirat ihrer Tochter wirklich allein blieb, sagte irgend eine alte Freundin: »Man muß resignieren.« Sie schrie auf: »Nein« und war voll erschreckten Staunens darüber, daß man verzichten konnte.

Sie begann das Leben mit Leidenschaft zu lieben. Sie verbarg ihren abgemagerten Hals unter duftigen Schärpen, sie trug kleine Hüte, um ihr allzu blondes Haar zu zeigen. Als sie ein altes Bild von sich sah, lächelte sie und sagte: »Wie die Welt sich verändert!«

Jedermann mußte bemerken, daß ihre Zähne neu waren, so viel lächelte sie. Die Zeit, die sie nicht ihrer Toilette widmete, verbrachte sie, indem sie von einer Gesellschaft zur andern eilte.

An einem Feiertag strich in einem öffentlichen Garten ein kleiner Gymnasiast um sie herum. Sie rief ihn leise an. Er stürzte mit gesenktem Kopf an ihre Seite; als ob er seiner Mutter ein Vergehen eingestünde, versicherte er ihr stockend, atemlos, wie schön er sie fand.

»Aber ich bin doch beinahe alt,« flüsterte sie zitternd.

»O gnädige Frau . . .!«

Der verliebte Schuljunge hob seine treuherzigen und zärtlichen Blicke zu ihr empor. Keines von beiden wollte glauben, daß sie wirklich alt war.



Vater und Sohn

Ihr dachtet, ihn ebensogut zu kennen, wie ich, sagte Moroussy, aber das seltsame Trauerspiel, das sich in seinem Leben verbarg, habt ihr nicht gekannt.

Ihr entsinnt euch, er war ein zarter und nervöser Mensch mit Zügen, die fast zu verfeinert schienen. Er war Arzt geworden wie sein berühmter Vater. Ihr erinnert euch auch, daß jener mit fünfunddreißig Jahren an Tuberkulose starb. Man erzählt merkwürdige Geschichten von der heldenhaften Kraft und der genialen Erkenntnis, mit der er gegen seine eigene Krankheit gekämpft hat, die lange Zeit besiegt schien, um sich dann plötzlich aufzubäumen und ihn zu vernichten.

Justin war zehn Jahre alt, als er mit seiner Mutter zurückblieb, die er hingebungsvoll liebte, und beide lebten dem Gedächtnis des ruhmreichen und gütigen Menschen, den sie so früh hatten hergeben müssen.

Justin lernte mit Leidenschaft und an den Erfolg erinnert ihr euch wohl, da er uns alle sowohl im Gymnasium als auch auf der Universität immer um einige Längen schlug.

Eine Sonderbarkeit seines Studentenlebens war, daß er keine Bude für sich haben wollte. Es gibt wohl kaum einen Studenten, der nicht sein eigenes kleines Heim besäße, sei es auch noch so bescheiden, und zwar aus Gründen, die mit der Liebe zusammenhängen und sehr verständlich sind.

Aber er wollte das nicht. Für ihn gab es nur eine Frau auf der Welt: seine Mutter, und wenn sie ihn nicht vom Kolleg abholte, so war es nur, weil sie selbst es sanft ablehnte. Aber wenn wir beisammen in einem Bierhaus saßen, das jetzt nicht mehr besteht, sah er immer beschäftigt, zerstreut und eilig drein.

Er wünschte nichts, als wieder zu Hause zu sein und dort in der Nähe der Frau mit den schönen grauen Scheiteln seine Arbeit zu tun. Die Mutter und die Arbeit, das war das einzige, was für ihn auf Erden existierte.

Sie selbst hätte seinen neunzehn Jahren gern mehr Freiheit gelassen. Ich kam öfters ins Haus und wußte wohl, daß Frau Moreau in der Tiefe ihres Herzens Angst hatte, ihr Sohn könne sich überanstrengen. Wirklich war Justin auch schmal, blaß, unentwickelt und ein wenig gebückt von dem ewigen Sitzen über den Büchern.

So stolz sie auf Justins Erfolge war, so hätte sie doch gewünscht, daß er die geistige Arbeit für einige Zeit sein ließe und ein wenig Sport triebe. Sie sprach eines Abends zu mir davon mit der feinen und erlesenen Schüchternheit einer alten Dame, die eigentlich noch jung ist.

In diesem Augenblick begriff ich plötzlich, daß Justin von einem furchtbaren Erbe bedroht war. Sein Vater war schon vor seiner Geburt krank gewesen, der Unglückliche trug die Keime eines schrecklichen Leidens schon in sich, zumindest eine ausgesprochene Prädisposition. Seit die Worte der Mutter diese Erkenntnis in mir hatten aufkeimen lassen, erfaßte mich ein Schauer, wenn ich das allzu durchgeistigte Gesicht des Studenten heimlich ansah.

Eines Tages aber kam auch ihm dieser Gedanke, den ich in meiner Dummheit nicht früher gehabt hatte und von dem er durch eine Gnade des Schicksals bisher befreit geblieben war. Bei der Rekrutierung wurde er wegen Körperschwäche zurückgestellt. Bleich, wie ein Toter, kam er aus dem Musterungslokal; plötzlich war ihm die schreckliche Wahrheit aufgestiegen. Was ich auch sagen mochte, die gehetzte Angst in seinen Augen erlosch nicht mehr.

Er ließ sich von großen Ärzten untersuchen, man beruhigte ihn. Nachher aber schüttelte er ungläubig den Kopf; er hatte seine eigenen Ideen über Vererbung und dieser düstere erste Akt des Dramas dauerte einige Monate.

Der zweite Akt war der Tod von Frau Moreau, ein plötzlicher, sinnlos schrecklicher Tod: sie geriet unter die Räder einer Straßenbahn, als sie die Gasse überqueren wollte, und wurde zermalmt.

Es geht über meine Kräfte, euch Justins Verzweiflung zu schildern. Er schleppte sich noch zum Begräbnis, dann verließ er Paris.

Er war noch finsterer, als er zurückkam, noch magerer, er sprach flüsternd und hatte die Bewegungen eines Automaten. Dann wurde er allmählich der Alte. Im nächsten Frühjahr ward er langsam wieder er selbst, ich erkannte es an einigen melancholischen Worten, die ihm über seine Krankheit entschlüpften. Da er das furchtbare Unglück überlebt hatte, kam das Entsetzen über ihn, daß sein Erdendasein so kurz und so flüchtig sein sollte.

Ein Jahr ging über dem Tod seiner Mutter hin, ehe er es wagte, in ihr Zimmer zu gehen und Einsicht in ihre Papiere zu nehmen, die sich dort befanden. Die Kraft drohte, ihn zu verlassen und er bat mich, ihn bei diesem schwermütigen Besuch zu begleiten.

Ich hielt mich schonungsvoll beiseite. Er öffnete zitternd den Schreibtisch, fand Photographien, die er gerührt anblickte, und Briefe, die er voll Zartheit berührte. Nach einer Stunde hatte er ein wenig Ordnung in diese papierenen Reliquien gebracht und war so ganz an seine pietätvolle Arbeit hingegeben, daß er vollkommen an meine Anwesenheit vergessen hatte.

Jetzt zog er ein Päckchen Briefe aus der Tiefe einer Schublade. Er öffnete es und begann zu lesen. Plötzlich sah ich ein Frösteln über seinen Rücken laufen, er stieß einen dumpfen Seufzer aus, er fuhr sich mit den Händen ins Haar, er las weiter, fing zu schluchzen an und stieß abgerissene Worte aus: »Mein Vater! meine Mutter! nein, nein! es ist nicht möglich!«

Er stammelte sonderbare Sätze, dann sank sein Kopf auf die Arme herunter, plötzlich hörte er zu weinen auf, richtete sich empor, wendete sich und sah mich mit verstörten Blicken an, die zeigten, daß er völlig an meine Anwesenheit vergessen hatte.

Ich bemühte mich, Ton und Haltung eines Menschen anzunehmen, der selbst tief in Betrachtungen versunken war und ich verabschiedete mich, ohne meine Erregung zu zeigen, ganz, als ob ich nichts gehört und verstanden hätte.

Aber ich hatte nur zu gut verstanden. Es war allzu deutlich. Die Briefe, die Frau Moreau vor ihrem plötzlichen Tode nicht hatte vernichten können, enthielten das Eingeständnis einer dereinstigen Schuld und bekannten, daß Justin nicht der Sohn des Mannes war, dessen Namen er trug.

Wenn ich es nicht erraten hätte, hätte ich es später mit eigenen Augen gesehen.

Später, das war, wie ich mich deutlich entsinne, drei Tage darauf, am ersten Junisonntag. Justin war seit jenem Auftritt ein wesenloses Nichts geworden. Er hüllte sich in ein verzweifeltes Schweigen, hinter dem man sein ganzes zerstörtes Herz fühlte, seine besudelte Anbetung.

An jenem Sonntag schleppte ich ihn mit Gewalt aufs Land. Wir gingen auf einem grünen Wiesenpfad; er ließ sich führen wie ein Blinder, den Kopf tief gesenkt.

Der Tag war wonnevoll. Ein sanfter Windhauch brachte uns Düfte von allen Seiten. Man sah die Vögel flattern und hörte Kinder zwitschern. Das Sonnenlicht durchdrang Natur und Menschen.

Da hob er den Kopf, als werde er emporgerichtet von einer überirdischen Macht. Sein Gesicht war hell geworden.

Ich bin schwer von Begriffen und so habe ich mir erst später zusammenreimen können, was damals in ihm vorging. Das Geständnis jener Briefe hatte seine Bewunderung für die Mutter untergraben, aber befreite es ihn dafür nicht von dem grausamen tödlichen Erbe?

Dieser Gedanke war es, den ich auf seinem Gesicht strahlen sah an jenem wundervollen Morgen. Er dachte an dieses Glück, während ich ihn sanft den Wiesenpfad entlang geleitete und nicht mehr zu ihm sprach, wie der Hund des Bettlers zu seinem Herrn spricht.

Er konnte sein Glück nicht ausströmen lassen, aber es war stärker als das Band, das ihn an die Tote knüpfte, er liebte das Leben, das ihm endlich gehörte, ihm endlich in seinem ganzen Glanz offen stand und die Erkenntnis kam zum erstenmal über ihn, daß er wirklich jung war.



Die Niederlage

Philipp und Juliette hatten mit der Postkutsche vier Stationen machen müssen, als sie von ihrem Schlößchen in der Normandie in ihre Pariser Wohnung im Faubourg St. Honoré zurückkehrten. Der Herbst hatte den letzten Abend, den sie draußen verbrachten, ins Unendliche geweitet. Die weißliche Morgendämmerung überraschte sie, als sie in Montmartre, ganz nahe bei Paris waren. Sie stiegen aus der Kutsche und gingen zu Fuß nach Hause, hinter sich den dicken Sever, der aussah wie ein Faß in seinem grünlichbraunen Kragenmantel.

Nun sind sie am Hause. Sie bleiben stehen und heben den Kopf. Es ist die Ecke des Faubourgs, an der kleinen Taubengasse, die mit scharfen und spitzen Steinen gepflastert ist. Der geschweifte Balkon ist dunkel, durch die Fensterscheiben schimmern die Vorhänge grünlich. Das ganze Haus ist grau, die Straße schwarz von der morgendlichen Feuchtigkeit. Ein paar Vorübergehende verschwinden wie Schemen. Der Himmel ist grau wie das Haus und die Gesichter der Unbekannten scheinen finster, undurchdringlich wie Steine der Straße.

Sever ist mit dem Schlüssel bewaffnet und hat die Tür geöffnet. Mann und Frau treten ermüdet ein. Der Atem des verlassenen, toten, seit Monaten unbewohnten Hauses schlägt ihnen ins Gesicht.

»Ach,« sagt Juliette, »es ist hier noch kälter als ich dachte.«

Philipp nickt und wendet sich in der Dämmerung der Eingangshalle dem Diener zu, der das schmale hohe Fenster öffnet. Endlich kann man sehen. Man gewahrt die schwarz-weißen Steine des Fußbodens, die gelbliche Holzverkleidung, deren Linien an eine architektonische Zeichnung auf Konzeptpapier erinnern.

So verläuft die Rückkehr des Ehepaares in ihre Stadtresidenz. Sie ist einförmig und melancholisch. Beide empfinden die Überraschung, die man immer fühlt, wenn man sich nach langer Zeit wieder an einem vertrauten Ort befindet, aber dieses Wiedersehen hat etwas Trostloses.

Ist die frühe Stunde daran schuld, die Feuchtigkeit, die alles durchdringt und unbehaglich macht? Ist es die Traurigkeit des Herbstes?

Ja und nein. Es ist immerhin ein ähnlicher Grund vorhanden.

Schon seit vielen Jahren kommt man jeden Oktober von Beauvais nach Paris zurück; diese Lebensstationen haben etwas Monotones bekommen und jedesmal fühlen die Gatten stärker, wie endgültiger, abgeschlossener, ruhevoller ihr Dasein geworden ist. Einst gab es Leidenschaften zwischen ihnen; jetzt nichts mehr. Jedes mit Regelmäßigkeit wiederkehrende Ereignis zeigt deutlich ein Jahr mehr an und vor allem ein Jahr weniger. Darum ist die Rückkehr heute, ohne daß man sich Rechenschaft darüber gäbe, wieder etwas trüber als die früheren.

Draußen auf der Schwelle trennen sie sich, beide in Eile und drücken einander die Hand, indem sie das Schild des Trödlers gegenüber anstarren. Sie geht zur Messe, er hat eine geschäftliche Vereinbarung. Mittags treffen sie sich wieder im Wohnzimmer. Das Haus scheint schon wärmer, man hat sich eingewohnt, das winterliche Leben beginnt und man hört auf, alles ringsum mit Aufmerksamkeit neu zu betrachten.

Aber als sie im Begriff sind, ins Eßzimmer einzutreten, sehen sie sich zusammen in dem großen antiken Spiegel, der der Tür gegenüber hängt. Sie sehen müde und verbraucht aus und zu gleicher Zeit wenden sie den Kopf weg. Trotzdem haben sie sich nicht erblickt, wie sie wirklich sind; so sieht man sich nur selten und wie durch ein Wunder. Doch errät man sich zuweilen, man hat ein Vorgefühl seiner Eigenart, man glaubt dunkel an sich, wie an Gott.

Bei Tisch sprechen sie von den Dingen, die sie für heute, morgen und später vorhaben. Sie machen Konversation über die Wunder der Wissenschaft, über Eisenbahnen und Photographie, unbegreiflich großartige Erfindungen, von denen man sich nicht vorstellen kann, daß sie schon zehn Jahre alt sind.

Dann wird das Gespräch matter. Als die Magd das Zimmer verlassen und die Tür hinter sich zugemacht hat, erhebt Philipp seine Stimme inmitten des Schweigens und sagt: »Ich habe Leopold wiedergesehen.«

Sie stößt einen kleinen Laut aus, aber Antlitz und Hände bleiben regunglos, ihr Blick ist auf die Ecke des Tischtuchs gerichtet, wie in dem Augenblick, da ihr Mann zu sprechen anfing.

Wie seltsam klingt dieser Name im Raum! Dieser Name, an dem so viel Zorn und so viel Tränen haften, der Name des Anbeters, der einen Augenblick lang angebetet wurde, des glänzenden Verführers, der einst geglaubt hat, sie voneinander reißen zu können! Welche leidenschaftlichen Auseinandersetzungen gab es damals, welche Aufregungen, welche bleichen und zornigen Gesichter, welche Wunden, vom ersten halb erstickten Geständnis bis zu den wildesten Verwünschungen! Wie schrie man damals auf, laut und leise! Aber es fand sich, daß der Herzensdieb um seinen Sieg kam. Man hat es nie genau erfahren, wieso er plötzlich den Schauplatz räumte und verschwand. Das Ehepaar hat sich wieder vereinigt, wenn auch mit schweren Narben. Das Leben hat seine früheren Formen wieder angenommen. Philipp und Juliette sind wieder allein geblieben und es scheint ziemlich sicher, daß sie nebeneinander bleiben werden: aufrecht, sitzend oder liegend, aber beisammen für immer.

Man hat nie mehr von dem Mann gesprochen, dessen Auftauchen das dünne Band ihrer Ehe so grausam bedroht hat. Man hat Schweigen darüber bewahrt wie über einen schweren Traum. Sein Name ist für sie erloschen.

Da erklingt er plötzlich wieder an diesem herbstlich traurigen Tage der Heimkehr. Aber er ist dennoch tot; fast unverständlich ist dieses abgerissene Wort geworden; es sagt nicht mehr, was es einst sagte; es ist nur noch irgend ein Name.

Warum aber scheint doch plötzlich alles dunkler geworden? Über das Zimmer, in dem die Ehegatten ihre regelmäßige gleichgültige Mahlzeit einnahmen, legt sich plötzlich eine unmerkliche Trauer, nicht schwarz wie die Erde, aber grau wie Staub.

»Ja,« sagte Philipp, » er wartete im Vorraum des Büros. Jemand erhob sich bei meinem Eintritt; er war es. Er geht fort, nach dem Poitou.«

Sie nickt nur, weil sie sich noch nicht an das Aussprechen des lange Zurückgedrängten gewöhnen kann.

Philipp zögert, etwas zuckt in seinem Gesicht, dann aber sagt er so einfach und so ruhig, daß man fühlt, wie ehrlich er ist, daß man alles hört, was er denkt: »Man würde ihn nicht erkennen, so verändert ist er.«

»Wirklich?«

Sie fragt es ganz leise und sieht ihren Gatten dabei an.

»Er sieht alt aus,« sagt Philipp, »viel älter, als er ist. Sein Haar ist grau und sonderbar! Er ist nicht mehr gut angezogen . . .«

Und Philipp fügt leise hinzu: »Der Arme!«

Aus der Tiefe ihres Herzens wiederholt die Frau: »Der Arme!«

Der Arme! Welch seltsame, unpassende Bezeichnung für den, der ihnen so viel Leid zugefügt hat! Aber dieses Mitleid ist so echt, daß sie es einander mit voller Aufrichtigkeit gestehen, allem zum Trotz, was gewesen war.

Der Arme, jawohl, weil man alt wird, weil man herunterkommt und weil das das Schlimmste von allem ist . . . Weil man früher oder später sieht, daß einer noch so hochmütig, noch so frech, noch so siegreich sein kann – er ist doch nur ein armer Teufel, wie alle andern Menschen.

Sie sehen einander an und in ihren Gesichtern steht zu lesen, daß das Leben eine Krankheit ist, daß die Vergangenheit wie ein ungeheures Totenfeld scheint, aus dem wir hervorkommen und zu dem wir eingehen. Alles was ist, trägt schon das Zeichen der Vernichtung in sich. Freuden sind im Grunde Schmerzen und Siege sind Niederlagen für Menschen, die mit einem Gefühl für diese Dinge geboren sind oder die im Laufe der Zeit zur Erkenntnis von der Nichtigkeit des Daseins kommen. Alles, was war, ist Reue, alles was besteht, ist Schmerz, alles, alles. Erst sind wir zu beklagen, dann kommen die andern dran, die wir lieben, und die, welche wir hassen. In den wenigen Jahren bewegten Lebens, die uns auf Erden gegönnt werden, gibt es mehr Schmerzen, als Ereignisse darin enthalten sind.



Geduld

Sie wohnten in meinem Hause, erzählte Ardouin, in einem armseligen Hause, denn ich war damals ein mittelloser Student und hatte noch nicht die glänzende Laufbahn eingeschlagen, die mir das Schicksal später eröffnet hat, um mich für meine mangelnde Begabung zu entschädigen. Die Beiden wohnten oben auf dem Dachboden, neben den Dienerzimmern, in engen und dürftigen Räumen; trotz ihres Alters und der ungezählten Ehejahre, die sie hinter sich hatten, hörten sie nicht auf, miteinander zu zanken.

Sie wurden niemals müde, sie erfüllten das Haus mit ihrer dumpfen Unzufriedenheit. Frühmorgens und spät am Abend hörte man ihre Wutausbrüche, dann polterten sie mühsam über die Treppen, als wollten sie einander verfolgen; sie waren ganz dürr und zusammengeschrumpft, ihre Kleider waren schäbig, die Köpfe kahl, die Augen flammten vor Zorn.

Warum sie einander beständig in den Haaren lagen? Man hätte taub sein müssen, hätte man es nicht im Hause und im ganzen Stadtviertel gewußt: die alte Dame warf dem alten Herrn die Armut vor, in der er sie verkommen ließ, weil er untüchtig war, faul, schwachköpfig und weil er, ohne Zweifel, heimlichen Lastern fröhnte.

Ich kam hie und da hinauf in ihr trübes und gewitterschwüles Heim, das ein einziger Lichtstrahl verklärte, das Lächeln einer niedlichen zehnjährigen Nichte, die Theresine hieß.

Es war schlimm, wenn Theresine nicht zu Hause war und nur diese zwei armen, aufeinander loshackenden Geschöpfe in den zwei Zimmern sich befanden, die trüb genug aussahen mit den schlechten Möbeln, dem feuchten Fußboden und den grauen Fenstern, durch die es eisig zog. Ich war noch in dem Alter, wo man empfindsam ist und es war so entsetzlich traurig, diese beiden alten Leute sich so bitterlich hassen zu sehen, daß ich nur selten hinaufging.

Sie besonders war oft wie rasend. Man mußte diese Megäre hören, wie sie vor Wut weinte und ihren Mann als Elenden und Taugenichts behandelte. Er setzte sich atemlos zur Wehr, stammelte unzusammenhängende Worte ohne Ende, als hätte er zuviel zu sagen, und stieß dumpfe, zornig grollende Laute aus. Er war ersichtlich eine schwache Natur.

Einmal, als sie ausgegangen war, erzählte er mir seine jammervolle Geschichte. Noch sehe ich den gebückten Siebziger in seinem geflickten Schlafrock, aus dem sein Hals jämmerlich dünn herausragte. Er schüttelte beständig sein kleines runzliges Köpfchen, während er mir erklärte, wie diese Frau ihm das Leben vergiftet hatte.

Sie war Wirtschafterin bei seinem Onkel, einem reichen Kaufmann, gewesen, bei dem er erzogen wurde und dessen einziger Verwandter er war. Er kam eben aus dem Gymnasium, verliebte sich in das unschöne Frauenzimmer und schrieb ihr Briefe voller Versprechungen. Aus dieser Unvorsichtigkeit zog sie dann später erbarmungslos ihren Vorteil, als sie die Heirat erzwingen wollte. Umsonst versprach ihr der Oheim eine Rente, wenn sie sich ruhig verhalten würde. Sie mochte nichts davon hören und bestand auf die Heirat, nicht weil sie den Jüngling liebte – man wußte sehr wohl, ohne es mit Sicherheit nachweisen zu können, daß sie vor, neben und nach ihm auch gegen andere nicht spröde gewesen war, – sondern weil sie das ganze Vermögen haben wollte.

Man gab nach, aus Angst vor dem Skandal. Der Alte wollte seine Ruhe haben und der Junge war schon damals nicht sehr mutig.

Gegen alle Erwartungen des Weibes geschah aber das Unverhoffte, daß der Onkel den Neffen enterbte. Von da ab führte das Ehepaar ein Leben der Entbehrung und der Enttäuschungen. Der Mann konnte es immer nur zu kleinen Stellungen bringen, nichts glückte ihm und es wurde beinahe das wirkliche Elend. Aneinandergeschmiedet, schleppten sie zusammen ihre schwere Kette: er, der geschaffen war, um nichts zu tun, sie, die sich nicht darüber trösten konnte, daß ihre üppigen Träume von Wohlstand und Luxus ins Nichts gesunken waren.

Einmal hatte er versucht, ihr zu entfliehen und hatte, in einer plötzlichen Aufwallung von Selbsterhaltungstrieb, die Scheidung einleiten wollen. Es war vergebens, sie hing sich an ihn mit verzweifelter Gewalt. Er kehrte besiegt, mit gebundenen Händen und Füßen, in das häusliche Gefängnis zurück. Nun waren es achtunddreißig Jahre, daß sie an der Seite ihres armen Opfers ein unglückliches Leben lebte.

Im Verlauf der Jahre besuchte ich dieses unselige Ehepaar des öfteren, allerdings einzig in der Absicht, die ich gern gestehe, die junge Theresine wiederzusehen. Die Sache ging noch weiter: als Theresine neunzehn Jahre alt war, entdeckten wir, daß wir einander liebten.

»Du mußt bei meinem Onkel um mich anhalten,« flüsterte mir Theresine an jenem unvergeßlichen Tage ins Ohr, an dem wir die schönsten und wichtigsten Geständnisse ausgetauscht hatten.

Sie wohnten noch immer in dem gleichen Hause, in der gleichen elenden Wohnung. Sie waren sehr alt und gebrechlich geworden und glichen zwei Mumien.

Die alte Dame konnte sich nicht mehr aus ihrem Lehnstuhl erheben. Durch die Türspalte sah ich ihre Augen verzweifelt und haßerfüllt aus dem Dunkel glimmen. Er saß im andern Zimmer, wackelte immerfort mit dem Kopf, wie ein Hampelmann und klapperte vor Frost vor einem leeren Ofen.

Ich eröffnete ihm den Wunsch meines Herzens.

»Ihr Wille geschehe,« meckerte er. »Aber schreckt Sie das nicht, ein Hausstand ohne Geld?«

»Nein,« sagte ich mit großartigem Selbstbewußtsein.

Er blickte sich nach allen Seiten um und als er sah, daß kein Lauscher weit und breit zu fürchten war, zwinkerte er mit den Augen und rückte nahe an mich heran:

»Hören Sie,« flüsterte er, »Theresine wird einmal reich sein, denn ich werde ihr mein Vermögen hinterlassen.«

Ich lächelte nachsichtig zu dieser Mitteilung, die im Munde des armen Schluckers etwas beinahe Erheiterndes hatte.

Er erhob seine zitterige Hand und sagte ganz leise und sehr feierlich:

»Ich bin reich, ich bin es immer gewesen. Aber ich habe es verborgen und habe auch dem Gesetz gegenüber alle Vorsichtsmaßregeln getroffen. Denn ich hasse sie über Alles und ich wollte nicht, daß sie aus meinem Gelde Vorteil ziehe. Lieber habe ich selbst mein lebelang darauf verzichtet, es zu genießen.«

Er lehnte den Kopf zurück, dessen weiße Haare schmutziger Baumwolle glichen, hob die trüben Augen und blickte zur Decke empor.

»Ja, es war hart für mich, der doch gern das gute Leben genossen hätte, der so gern geachtet gewesen wäre, gern ein ehrbares Dasein geführt hätte!«

Er seufzte und schwieg. Ich war verwirrt, aber ich versuchte keine zweifelnden Einwendungen, denn ich fühlte an irgend etwas in seinem Ton, daß er die Wahrheit sprach. Er hatte mit voller Überlegung auf alles Gute im Leben verzichtet, damit seine Gefährtin keinen Anteil daran haben sollte; er hatte sein Dasein in Not und Schmutz verbracht, damit sie mit ihm darin versinken sollte, er hatte für immer die häßliche Krankheit des Armseins auf sich genommen, um sie damit anstecken zu können.

Es war ein starkes Stück, nicht wahr, daß dieses elende Stückchen Mensch, dessen Überrest vor mir zitterte, so hatte hassen können, daß er diese Komödie Stunde um Stunde ein halbes Jahrhundert hindurch gespielt hatte!

Welcher Abgrund ist das Menschenherz und welche Folgerungen hätte ich aus diesem stummen Trauerspiel ziehen können, hätte nicht Theresine drunten auf der Straße auf mich gewartet! Was aber galten mir alle Tragödien der Erde bei dem Gedanken, daß Theresine da war, um mir die Welt zu verschönern und daß sie in der Sonne strahlte wie die Morgenröte!



Das Leben

»Ich würde keinem Würmchen etwas Böses zufügen,« sagte Ascagne. »Ich bin so empfindsam, daß ich zu weinen anfange, so oft ich in die Lage komme, jemandem etwas Gutes zu erweisen,« bemerkte Dolbeau.

»Jawohl,« unterbrach der alte Godard, »wir alle sind erstaunliche Prachtexemplare der Menschheit. Wenn ihr wirklich so seid, wie ihr sagt, so paßt ihr schlecht zu euren Mitbürgern, die nicht aussehen, als ob sie ein so überaus entwickeltes Feingefühl besäßen, noch eine so überströmende Empfindung. Das menschliche Dasein ist heutzutage nicht viel wert, wenn man den wirklich dramatischen Beichten des Lebens glauben darf, nämlich den vermischten Nachrichten in der Zeitung. Für ein Ja oder für ein Nein, ja selbst für viel weniger, – denn Ja und Nein sind am Ende Dinge von außerordentlicher Wichtigkeit – bringt der Mann das Weib um oder umgekehrt.

Hübsche Zeit, in der wir leben . . . Aber, um ehrlich zu sein, man gerät in so leidenschaftliche Gemütszustände doch nur, wenn man jung ist. In einem gewissen Alter ist man dieser Mordwut am stärksten unterworfen, die ich als die traurigste ansteckende Seuche bezeichnen würde. So um das zwanzigste Lebensjahr herum entwickelt das Menschenherz einen ganz neuen, ganz frischen und grausam starken Egoismus, der es hemmungslos zu den äußersten Möglichkeiten treibt. Ob man diese auch zu Taten umsetzt, das hängt vom Augenblick ab und von der Gesinnung des Gerichts, das entscheidet.

Ja, das ist ausschließlich eine Sache der Jugend. Der Beweis ist, daß auch ich in meiner Jugend – die ein wenig vor oder nach der Zeit eurer Geburt fiel, meine Freunde! – in meinem Kopf feststehende, unverrückbare Gedanken über das Recht auf Vernichtung wälzte und daß ich ihnen eines Abends Ausdruck gab . . .

Welcher Abend, Freunde! Er war wundervoll, dieser Abend, der jetzt so fern ist, so verwischt, so staubbedeckt! Ich erbebe noch, wenn ich an ihn denke, mein verschrumpeltes Ledergesicht fängt zu zucken an und auch das alte Mumienherz da drin erzittert!

Es war am Ende der Welt, in Schottland irgendwo, in einer Gegend, die nur aus Meer und Klippen bestand. Unsere Terrasse war an der obersten Stelle der steilen Küste erbaut und die Frau, die ich liebte, hatte beide Arme auf das Geländer gestützt und träumte hinaus. Unten am Strande verzehrten schwarze Felsen den sprühenden Gischt. Oben flohen dunkle Wolken vorüber, wie denkende Wesen, und rings um uns ging der Wind, ein endloser Wind, brausend und wirbelnd in schrecklicher Öde.

Ihr feines Profil hob sich wie eine Kamee gegen die Unendlichkeit des Hintergrundes, aber auf dem Geländer bebte ihre weiße kleine Hand wie eine ängstliche Taube.

Wir hatten von Liebe gesprochen an diesem Abend, der mir nicht nur unvergeßlich blieb, weil es unser letzter war, sondern weil eine unendlich trauervolle Süßigkeit über ihm lag. Ich sah sie an und sagte leise:

›Wenn du mich betrügst, töte ich dich.‹

Unter dem seltsamen Klang meiner Stimme neigte sie sich und ihre Augenlider flatterten wie Vögel. Sie fühlte, daß ich die Wahrheit sprach und daß dies nicht nur leere Worte waren.

Seit unsere Liebe bestand, war sie immer größer, immer ernster geworden. Sie hatte sich mit verzweifelter Leidenschaftlichkeit an mich geklammert. Ich hatte für sie alles verlassen, alle Schiffe hinter mir verbrannt, allem entsagt.

Ich hätte es nicht ertragen, daß sie mich verließe. Schon die Worte ›Wenn du mich betrügst‹, die ich ausgesprochen hatte, legten sich wie ein Alpdruck auf mich, meine Blicke wurden drohend und eine Wildheit stieg an diesem Abend in mir auf, die meine Rede erstickte.

Am nächsten Morgen ging ich mit den Matrosen auf einen Fischzug, der seit langem besprochen war. Ein Streifen Sonne hüllte uns ein, als wir die Küste verließen, aber plötzlich erhob sich ein Sturm, ehe wir über die Felsenriffe hinausgekommen waren, die an Gewittertagen aussahen, als stießen sie zusammen und sperrten die Bucht vom freien Meere ab. Der Himmel war bleifarben, das Meer tintenschwarz und bei der ersten Wendung brach unser Mast mitten durch. Wir mußten nach dem Hafen zurückrudern, über dem eine unheimliche schwefelgelbe Beleuchtung lag.

Ich stieg hinauf zu unserem Hause. Was war das? Es schien leer. Wie ein gebrochener Flügel schlug die Tür auf und zu.

Eine furchtbare Ahnung durchzog mein Herz: die Klippe, der Absturz! Bevor ich ins Haus trat, lief ich zu der kleinen Tür, die auf den Abhang hinausführte, unter dem sich schwindelnd der Abgrund dehnt: an einem Ginsterbusch hing ein langer weißer Schleier und flatterte, wie eine Siegesfahne über der schwarzen Tiefe! Mit einem wilden Aufschrei stürzte ich ins Haus zurück. In einer finsteren Ecke fand ich unseren Diener, bleich wie ein Gespenst. Zusammengekauert erwartete er mich.

›Wo ist sie, wo ist sie?‹

Er hob seinen jammervollen Blick und zeigte mir durch das Fenster erst die Klippe und dann den Abgrund.

Ich begriff nur zu gut. Sie ging gern am Rande des Absturzes hin und bei diesem Sturm, der Felsen umwarf, hatte ein falscher Tritt genügt. Die unglückliche Törin!

Ich eilte hinaus und stürzte taumelnd den steilen Weg hinab, während der Diener, der nicht mit zu suchen wagte, sich aufs neue in seiner Ecke verkroch.

Ich begegnete einem alten Weibe, das sich an einen Felsen lehnte. Die Alte erkannte mich, erblaßte und hob die Arme zum Himmel: auch sie wußte von dem Unglück; auch sie hatte es nicht gewagt, Hilfe zu bringen oder mich wenigstens zu verständigen.

Ich lief, ich glitt, ich kam endlich unten an der Küste an und überblickte den Fuß der ungeheuern Felsenmauer. Ich ächzte, ich streckte verzweifelt die Arme aus. Wie habe ich sie geliebt während dieses wahnsinnigen Laufes dem Abgrund zu, wie stieg ihr Bild vor mir auf, das so lieblich war, so reizvoll und so sanft! Das Bild der Frau, die nun vielleicht verloren war! Was habe ich geschluchzt, gejammert, gestöhnt, während ich mich von Fels zu Felsen schleppte!

Endlich war ich beim letzten angelangt. Auf der anderen Seite des schwarzen nassen Steines würde ich sie gewahren!

Eine Schwäche überfiel mich. Aber ich kroch weiter, klammerte mich fest und gelangte rund herum.

Sie stand in einer Höhlung unter den Felsen der Küste und bot mit Hingabe ihre Lippen einem Manne dar, der sie umfaßt hielt.

Ich brüllte auf, ich schrie: ›Du lebst!‹ Und dieser Schrei, dieser erste fast tierische Schrei, der meiner Brust entquoll und den sie nicht hörten, weil der Sturm ihn verwehte oder weil sie zu leidenschaftlich mit ihrer Liebe beschäftigt waren, das war ein Aufschrei der Freude!

Aber es war auch ein Aufschrei der Liebe. Ich hatte es plötzlich begriffen, als ich wie ein Verzweifelter ihren Leichnam zu suchen glaubte, daß meine Liebe groß genug war, um in ihrem Tod das furchtbarste Unglück zu empfinden, das mich treffen konnte. Sie lebte; alles andere war mir gleichgültig, es verschwand neben dieser Erleichterung, diesem Glück!

Das Entsetzen, das ich gefühlt, hatte jeden törichten, bösen und verhängnisvollen Zorn von mir genommen, mich von einem furchtbaren Irrtum bewahrt. Durch einen Zufall begann ich den Wert des Lebens zu begreifen . . . Und doch, meine Freunde, war ich nicht weiter verändert und wußte sehr wohl, wieviel Leid mir die Zukunft bringen würde, als ich mich mit geballten Fäusten und verzerrtem Gesicht geräuschlos entfernte, indem ich vor mich hinmurmelte: ›Du lebst, du lebst!‹

Ich sprach es mit einer Stimme, die immer leiser wurde, immer ferner, die sich in der Luft verlor.«



Das Paar

»Das alles ist sehr schön,« sagte Leander. »Alle diese kleinen Dramen, deren Helden ihr selber seid, sind sehr gut erfunden, obgleich sie ehrlich erlebt sein mögen, und ich bin froh darüber, daß ein jeder von euch eingewilligt hat, etwas aus seinem Liebesleben zu erzählen, obwohl diese Erzählungen in der Runde schon ein wenig in Mißkredit gekommen sind, weil sie in der Literatur etwas gar zu oft angewendet wurden.

Es gibt auch ein Aber dabei und darüber wollen wir uns einmal ehrlich aussprechen. Nach meiner Meinung ist es doch ein bißchen anders mit der Liebe. Eure raffinierten Folgerungen und eure Psychologie der Verblüffung verwirren mich. Das Leben ist viel einfacher, liebe Freunde. Die wirklichen Tragödien, denen die Liebesleute zum Opfer fallen, sind, in neun Fällen unter zehn, viel weniger verwickelt und alle Subtilitäten glänzen da, leider Gottes, durch Abwesenheit. Das ist eben das Unglück. Diese Einfachheit ist so schlicht, daß unsere Einbildungskraft gar nicht stark genug ist, sie zu begreifen.

Was mich anbelangt – ich erzähle keine Geschichte, ich gebe nur ein Beispiel – so kann ich euch niemals schildern, was ich alles durch eine gewisse Emma gelitten habe, noch warum: es wäre zu einfach.

Emma war der Name eines braven Mädels, das ich kannte, als ich Apothekergehilfe in Senlis war. Wir kannten uns, das gestehe ich gern, im biblischen Sinne des Wortes. Wir stammten aus ähnlichen Verhältnissen: sie hatte ein kleines Drogengeschäft in der Fegardstraße, deren alte Fenster aussehen, als wären sie Brillen, und deren Dächer wie verrunzelt scheinen. Ich machte Päckchen und empfahl Medikamente in einem Raum, der mit weißen Porzellantiegeln tapeziert war, wie ein Beinhaus mit Schädeln; durch die großen farbigen Glasgefäße im Schaufenster sah ich die Passanten rot auftauchen und grün verschwinden.

Soweit ich mich erinnere, war sie nicht hübsch. Sie sah unbedeutend aus, ihr Haar war weder blond noch schwarz, noch kastanienbraun; ihre Augen hatten eine Mittelfarbe zwischen grau, grün und blau; ihr Mund lenkte die Aufmerksamkeit nicht auf sich, wenn sie sprach, aber schließlich und endlich hatte sie mich sehr lieb und auch ich freute mich aufrichtig, wenn sie mich abends abholte und erst rot, dann grüngefärbt auf der Straße sichtbar wurde.

Ich habe gesagt, daß sie ein braves Mädel war. Ich muß es wiederholen und sagen, daß sie gut war, im wahrsten Sinn des Wortes. Sie liebte mich wirklich und herzlich. Wenn ich kam und ging, erblühte eine mütterliche Güte, man könnte fast sagen, Schönheit auf ihrem Gesicht. Sie sah mich schmerzlich, beinahe mitleidig an, selbst wenn ich mich glücklich fühlte. Warum? Das ist das Geheimnis des weiblichen Herzens . . . Wenn wir abends in unser kleines Zimmer eintraten, nahm sie mich in ihre Arme, um mich zu erwärmen, als wären es breite schützende Schwingen.

Ihr könnt euch denken, wie unglücklich sie war, als ich sie verlassen mußte, um mich in Figeac niederzulassen. Auch ich litt unter der bevorstehenden Trennung, weniger als sie natürlich, aber es tat mir doch leid. Dennoch war ich vorsichtig und vernünftig genug, sie von ihrem Plan abzubringen, der darin bestand, ihr Geschäft zu verkaufen und mir zu folgen.

In den Tagen, die meiner Abreise vorangingen, zerschmolz sie in Tränen, die sie beinahe ertränkten. Sie versuchte immer wieder, sich zu fassen und versicherte tausendmal: ›Ich werde dich immer lieb haben. Ich werde immer auf dich warten. Ich werde immer allein bleiben, immer bereit sein für deine Wiederkehr, immer, immer!‹ Ich ließ mich in Figeac nieder, aber ich konnte nicht dort bleiben. Die Gründe sind ja gleichgültig, warum ich es in dieser Stadt nicht aushielt, die mir wenig geneigt schien, und warum ich später meine Apothekerlaufbahn aufgab. Mir geschah nichts Besonderes, das wißt ihr, oder vielmehr ihr wüßtet es, wenn das Gegenteil eingetreten wäre.

Ich erwarb weder Geld noch Ruhm. Ich erreichte nichts, weder in der Wissenschaft noch in der allgemeinen Wertschätzung; aber ich hatte viele Liebesabenteuer.

Keines aber ging erfreulich aus und eines Tages fühlte ich mich tief ermüdet und angeekelt von der Bewegtheit dieses Lebens. Meine letzte Affäre war eine ziemlich unrühmliche Angelegenheit mit einer wirklichen und wirklich verrückten Marquise gewesen und sie veranlaßte mich dazu, in mich zu gehen, den Kopf über alle Dinge dieser Art zu schütteln und mich wieder an Emma zu erinnern, die mir gesagt hatte: ›Ich werde immer auf dich warten.‹

Sehr glänzend war es ja nicht, wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren; ich sträubte mich auch zuerst dagegen, aber ich fühlte mich so beschmutzt, so verbraucht, daß die warme verstehende Güte des armen Mädels immer lockender vor mir aufstieg.

Was wohl aus ihr geworden war in den sieben Jahren, da wir uns nicht mehr gesehen hatten, in den sechseinhalb, seit ihre Briefe an mich unbeantwortet geblieben waren? Kein Zweifel, sie war mir treu geblieben. Aber sie konnte inzwischen gestorben sein.

Ich konnte es nicht mehr aushalten, ich sehnte mich nach einem Menschen, an den ich mich lehnen konnte, und ich schrieb ihr. Ich hatte kaum begonnen, mich zu wundern, daß keine Antwort kam, als ein Telegramm von ihr eintraf, übervoll von Versicherungen, von Zärtlichkeit, von zitternder Sehnsucht. Sie lebte nur für mich und für ihre Erinnerungen – sie erwartete mich hingebungsvoller als je.

Erst zögerte ich, dann fuhr ich doch nach Senlis. Ich sah die Altstadt wieder und die graue, wie aus steinernen Spitzen gefertigte Kathedrale; ich sah die andern Kirchen, die jetzt vielfach für weltliche Zwecke verwendet werden, und die altertümlichen Ecksteine an den Mauern, die aufrecht standen, wie Passanten, die sich nicht bewegen.

Nun näherte ich mich der Fegardstraße. Ein böses Vorgefühl ergriff mich: wenn sie sich gar zu sehr verändert hätte. Wenn sie in diesen sieben Jahren allzu fett oder allzu mager oder gar zu häßlich geworden wäre!

Ich beschloß, vorsichtig zu sein. Ich suchte mir einen Beobachtungsposten aus, von dem ich sie sehen konnte, ohne gesehen zu werden.

Da erblickte ich sie. Sie hatte sich nicht verändert, sie schien im Gegenteil eher hübscher geworden mit ihrem blassen Gesicht, in dem ihre sanften Augen feucht glänzten, mit ihren weichen Scheiteln, in ihrer dunklen Kleidung, die ihr etwas Zartes, Witwenhaftes gab.

Ich trat vor, ich war glücklich, ich lächelte sie an.

Und dann . . . Ja, das ist schwer zu schildern. Sie hob den Blick und sah mich an. Ich blieb auf dem Gehsteig stehen, knapp vor ihr, recht auffällig. Sie blickte mich an, ein-, zweimal – und erkannte mich nicht!

Sie wendete den Kopf, entfernte sich und verließ mich so, ohne es zu wissen. Ein Riß ging durch mein Herz, als hätte ich mein lebelang niemanden geliebt als sie. Ich floh, von einem plötzlichen Gefühl getrieben, denn ich begriff: es nützte nichts, daß ich an ihr hing, da sie mich nicht erkannt hatte, würden wir niemals mehr ›wir zweie‹ sein können. Ich rannte auf die Bahn und warf mich in den Zug, obgleich ich mich lieber darunter geworfen hätte.

Ihr habt mich wohl verstanden: sie hatte mich nicht erkannt. So einfach, so wunderbar einfach verlief diese Geschichte. Kein Lärm, keine Komplikationen, nur ein unbegreifliches Schweigen und ein Stückchen Nichts und Vergänglichkeit: sie erkannte mich ganz einfach nicht.

Alles hatte ich bedacht, alles vorausgesehen, nur nicht, daß ich in wenigen Jahren so weit gealtert war, daß nichts in mir sie an ihre ehemalige Liebe erinnerte, als ich vor ihr stand!

Den Schluß zu dieser Geschichte ohne Handlung macht euch selber. Sagt dazu, was ihr wollt, nur nicht, daß so etwas unmöglich ist: denn es ist so gewesen. Ihr müßt es glauben, wie ich daran glauben mußte in den Tagen, die folgten und die ich traurig verbrachte – o ewiger Widerspruchsgeist des Herzens – in einer Eifersucht ohne Namen, ohne Form, ohne Grenzen, in einer seltsamen Eifersucht auf den Tod!«



Eine wunderbare Geschichte

»Sie fängt nicht gut an, Ihre wunderbare Geschichte,« bemerkte Chaline.

»Allerdings« antwortete ich. »Ich erzählte also, daß die zarte Bianca eines Abends weinend in die Arme ihrer Mutter, der alten Tita, fiel. Die alte Italienerin senkte ihr trübes erdfarbenes Gesicht und fing gleichfalls an zu weinen. Diese Szene, auf die sich die Abenddämmerung senkte, spielte in . . .«

»In einem der belebtesten Viertel von Neapel,« vermutete Chaline.

»Nicht doch, in einer australischen Stadt; in einer dieser großen nagelneuen Städte, in denen sich die Goldgräber scharenweise niederlassen. Ein Italiener kam einmal hin und schleppte seine Familie mit; er richtete sich in einem dürftigen knochenweißen Hause ein, dessen Eigentümer plötzlich gestorben war. Auch der Auswanderer ging zugrunde, starb an Erschöpfung und Enttäuschung, und ließ eine gealterte, verhungerte Witwe zurück mit einer Tochter, Bianca, und einem Sohn, Biasce.

Zu Lebzeiten des Vaters hatte man kein Gold finden können, nach seinem Tod fand man nicht einmal Brot. Wer sollte sich der fremden Brut annehmen? In der großen Straße, in der sie sich befanden, in der großen Stadt, in der sich die Straße befand, in der großen Welt, in der sich alles befindet, dachte jedermann nur an sich.

Die Goldsucher waren nur gleichgültig, aber die Gläubiger waren grausam und planten, das Haus zwangsweise zu versteigern: für jene, die noch darin vegetierten, war das der Todesstoß. An dem Abend, von dem ich spreche, hielten sich Mutter und Tochter umschlungen und weinten. Die Alte war häßlich geworden wie eine Hexe und die verblühende Jugend der Tochter begann, ihr zu ähneln. Sie schienen Schwestern: das Elend und das Leiden. Aus dem Dunkel sah man ein schmales bleiches Gesicht auftauchen: Biasce. Er begriff alles und murmelte: »Wenn ich meine Statuen verkaufte!«

Mit seinen zwanzig Jahren war Biasce so schmächtig, daß man ihn für ein Kind halten konnte. Er war zu nichts zu gebrauchen mit seinen Hustenanfällen, die ihn schüttelten, mit seinem weißen Gesicht, auf dem die Lider und die Backenknochen sich in rötlichen Flecken abzeichneten.

Aber aus seinen Augen schlug eine wunderbar leuchtende Flamme, wenn er sich der Bildhauerei hingab. Schon als Kind hatte er begonnen, die Statuen in den Museen anzubeten und davon zu träumen, daß auch er einst Ähnliches schaffen würde. Er fühlte, daß dies seine Bestimmung war und sie bemächtigte sich seiner gewaltsam unter den armseligen Pflichten des Alltags. Er lebte im Traum, geblendet von dem Gedanken an seine dereinstigen Meisterwerke. Seine Bildwerke verkaufen! Das war eine ungeheure Prüfung für ihn, denn er hatte bisher vor aller Augen verborgen, was er schuf, obgleich in seinem Herzen eine strahlende Zuversicht lebte.«

»Na,« lächelte Chaline, »die wunderbare Geschichte scheint mit Siebenmeilenstiefeln einer etwas banalen Lösung entgegenzugehen.«

»Der großartige Entschluß des jungen Künstlers schrumpfte in den Augen seiner Mutter und Schwester zu einem recht aussichtslosen Unternehmen zusammen. Es war auch kaum anzunehmen, daß dieses steinerne Spielzeug, das er ohne Lehrer und nur zu seinem Vergnügen anfertigte, am Ende wirkliches Geld einbringen könnte! Dennoch fühlte die alte Tita dumpf, daß sich hier immerhin die Möglichkeit eines Gewinnes bot, den man nicht von der Hand weisen durfte. Am nächsten Morgen packte sie gehorsam die Statuetten in ihre Schürze und ging in die schönsten Häuser der Stadt, um sie den müßigen Herren und den eleganten Damen daselbst in einem unterwürfigen und barbarischen Kauderwelsch anzubieten.

Die sahen die Arbeiten an, schnitten Gesichter und erklärten sie für abscheulich.«

»Dummes Pack!« grollte Chaline.

»Nein,« sagte ich, »sie hatten recht.

Die Leidenschaft für die Kunst knüpft sich nicht unbedingt an das Talent. Der kleine Biasce, so sehr er die Kunst liebte, war ein recht miserabler Bildhauer.

Nach diesen Urteilen reicher Kunstliebhaber hielt es Tita für überflüssig, es noch bei den Kunsthändlern zu versuchen. Sie verbarg ihres Kindes Arbeiten in ihrer zerschlissenen Schürze und kam heim, ihr armes demütiges Raubvogelgesicht tief zur Erde geneigt.

Biasce harrte ihrer und in seinem Blick lag eine solche erwartungsvolle Spannung, daß seine Mutter ihm die Wahrheit nicht sagen konnte und vage Ausflüchte stammelte: Die Herrschaften hätten gesagt, sie würden sichs überlegen und der Kunsthändler wäre grade nicht daheim gewesen.

›Ich werde selbst zu ihm gehen,‹ erklärte Biasce, den die mütterliche Antwort, so mühselig sie war, mit unendlicher Hoffnung erfüllte. Er packte sich drei Statuen auf, aus glänzendem Gestein, seine letzten Werke, und begab sich, zum Zusammenbrechen beladen, zum Kunsthändler. Die beiden Frauen hätten ihn gern von dieser Unternehmung zurückgehalten, die ihm voraussichtlich einen furchtbaren Mißerfolg bringen mußte. Aber sie waren so arm und so unwissend, daß ihnen die richtigen Worte nicht zur Verfügung standen. So ließen sie ihn still ziehen und als er gegangen war, blickten sie einander in dem gleichen tiefen Schweigen an.

Der Händler, ein ehemaliger Goldgräber, knurrte erst, da er aber neugierig von Beruf war, ergriff er die Statuetten, wog sie hierauf in der Hand, nicht ohne eine Bewegung des Erstaunens und brachte sie dann ganz nahe an seine porzellanartigen Glotzaugen. Er räusperte sich und musterte verstohlen den dürftigen Besucher mit dem demütigen Lächeln. Dann schwor er bei Gott und allen Heiligen, daß er nichts mit diesen Sachen anfangen könne, gar nichts, obgleich sie nicht übel gearbeitet wären. Endlich, nach vielen Ausflüchten, bot er ein Pfund in bar für jede Plastik.

Der entzückte Biasce schlug die Hände zusammen. Nicht nur, daß der Händler ihn augenblicklich entlohnte, er lud ihn ein, Platz zu nehmen, frug nach seiner Gesundheit und erkundigte sich, wo er denn das Material für seine hübschen Statuetten hergenommen habe. Biasce, ganz beschämt von so viel Freundlichkeit, erzählte, daß er einen Block des glänzenden Gesteins in seinem Hause gefunden habe, im Keller, unter einer Kohlenschicht. Vermutlich war es von dem früheren Eigentümer des Hauses, der sich ertränkt hatte, da zurückgelassen worden.

Da geschah das Wunder, daß der Händler den kleinen Biasce aufforderte, noch andere Statuen anzufertigen, aber gleiche, ganz gleiche und daß er ihm verbot, sie jemand anderem zu zeigen, denn er würde ihm alle abkaufen, ein Pfund das Stück, wenn sie ihm gefielen.

Am Abend gab es in dem Hause des Elends ein merkwürdiges Bild: drei echte Goldstücke schimmerten und leuchteten auf der Tischfläche und der kleine Biasce strahlte im Triumph, erhoben in den Augen der Menschen, durchdrungen, berauscht von seiner Begabung, seinem Genius. Auch die beiden Frauen waren von der Freude verklärt und verschönt. Der Kunsthändler aber strahlte nicht minder.«

»Donnerwetter,« sagte Chaline, »und was geschah weiter?«

»Diese wunderbare Geschichte dauerte lange genug, daß die arme, bis dahin vom Schicksal so bös verfolgte Familie wieder in leidlich geordnete Verhältnisse kommen konnte. Dank ihrer kleinen Mitgift heiratete die zarte Bianca einen anständigen Goldgräber, der gewillt war, die Sorge um die schwere Zukunft für sie und die Ihren auf sich zu nehmen. Aber so lange dauerte dieses feenhafte Abenteuer nicht, daß der kleine Bildhauer sich über die wohltätige Täuschung klar werden konnte, die das Schicksal zu seinen Gunsten vorgenommen hatte. Auch er wurde von der Sorge um eine schwere Zukunft befreit: Er starb an einem milden Abend im April oder vielmehr, er schlief beim ersten lauen Frühlingswehen ein. Er schloß die Augen, beseligt im Bewußtsein seiner selbst und lächelnd bei dem Gedanken, daß er morgen aufwachen würde, im seligen Morgenrot des Jahres und des Ruhms, im Frühling, im Paradies.«