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Karola Bassermann – In der Tiefe des Meeres

Märchen

Aus: Sonnen-Märchen von Karola Bassermann, Verlag J. F. Schreiber, Esslingen und München, o. J.



Am Ufer des Meeres, umgeben von Wald und Wiesen, lag ein altes Königsschloß. Jeden Morgen wurde das schwere Tor geöffnet, und das Königstöchterlein eilte mit seinen Gefährtinnen ins Freie zu fröhlichem Spiel. Die Mädchen tanzten zierliche Reigen, warfen sich goldene Bälle zu oder liefen silbernen Reifen nach, und wenn sie sich müde gelaufen hatten, setzten sie sich ins blumige Gras, flochten Kränze und erzählten sich Geschichten; sie waren so eifrig, daß sie es nicht merkten, wie oft sich die Lieblingsgespielin des Königstöchterleins aus ihrem Kreise schlich. Mit unwiderstehlicher Gewalt zog es die blonde Gunhilde hinunter ans Meer, viele Stunden saß sie dort auf einem niederen Felsen, der in die Flut ragte, sah mit träumenden Augen ins Wasser und lauschte der Brandung. Die Wellen kamen und gingen, stürmten wild und zornig heran, so daß der weiße Gischt die Füße des Mädchens benetzte, oder kosten schmeichelnd um den Stein, und Gunhilde horchte auf ihr leises Geflüster und Geraune.

Wieder einmal hatte Gunhilde sich von ihren Gespielinnen weggestohlen und war zum Meere geeilt. Ruhig und still lag die See, und die glatte Fläche lockte Gunhilde zu übermütigem Spiel mit ihrem Spiegelbild. Sie nickte und lachte und jauchzte vor Freude, aber plötzlich wich sie erschreckt zurück. Das Bild da unten fing an sich zu bewegen, hob die Arme, teilte die Flut; o, das war kein Bild, es war ein Geschöpf mit eigenem Leben und jetzt, jetzt kam es, von einer schäumenden Welle getragen, zum nahen Felsen herauf.

Es mußte eine Meernixe sein; es hatte wohl dasselbe Gesicht, dieselben blonden Haare wie Gunhilde, aber statt ihrer schlanken Beine hatte es einen silberschuppigen Schwanz mit violetten Flossen. Was mochte die Nixe auf der Erde wollen? Stumm saß sie auf dem Stein und sah nach der Sonne, blickte über den Strand weg nach dem Königsschloß am Waldesrand, sah den Schiffen nach, die fern am Horizont vorüberfuhren, folgte mit ihren Blicken dem Fluge der Möven und sah dann immer wieder mit großen, verwunderten Augen nach der Sonne, die hell und leuchtend am Himmel stand.

Gunhilde hatte ihr eine Weile still zugesehen, nun konnte sie ihre Neugier nicht länger zügeln, kam heran und frug hastig:

»Bist du eine Meernixe? Gehst du wieder ins Meer hinunter und willst du mich mitnehmen? Willst du mir von dir erzählen?«

Die Nixe lächelte über die vielen Fragen Gunhilds und sagte:

»Ich will dir gern von mir erzählen und ich will dir sagen, wie du in die Tiefe des Meeres gelangen kannst.«

Gunhilde setzte sich am Fuße des Felsens in den Sand und die Nixe begann:

»So wie hier oben bei euch das Erdenvolk lebt, lebt bei uns auf den, Grund des Wassers das Meervolk. Jeder Mensch auf Erden hat ein Ebenbild unten im Meere, Gesicht, Hände und Körper gleichen sich genau, nur haben wir Meerkinder statt der Beine einen Schwanz. Jedes Jahr darf ein Einziger von uns an die Oberfläche des Wassers steigen, darf einen Tag lang oben bleiben, einmal die Sonne und den blauen Himmel sehen. Doch wenn die Sonne untergeht, muß er wieder in die Tiefe hinab. Wenn er zu lange säumt, wenn er so lange oben bleibt, bis die Sonne versunken ist, muß er sterben und mit ihm stirbt sein Ebenbild auf der Erde.

In tausend und abertausend Jahren kommt es manchmal vor, daß zu derselben Stunde, zu der einer von uns an die Oberfläche steigt, der Mensch, dessen Ebenbild er ist, am Ufer sitzt und dem Spiel der Wellen zusieht. Dann darf das Meerkind mit ihm sprechen und ihm von den Gesetzen seines Volkes erzählen. Und wenn es ein Mensch ist, der Sehnsucht hat nach der Tiefe des Meeres, dürfen die beiden einen Tropfen Herzblut miteinander tauschen, des Menschen Beine wachsen zu einem schuppigen Schwanz zusammen, das Meerkind bekommt zwei Menschenbeine; der Mensch steigt hinunter in die Tiefe, das Meerkind bleibt auf der Erde. Wenn ein Jahr verstrichen ist, können sich die beiden wieder treffen; wenn jeder in seine Heimat zurück will, tauschen sie wieder einen Tropfen Herzblut, jeder bekommt seine ursprüngliche Gestalt zurück, das Meerkind taucht auf ewig in sein kühles Reich hinab, der Mensch lebt fröhlich auf der Erde weiter.

Aber nun höre Gunhilde, wie es in längst versunkenen Zeiten oft gegangen ist. Gar mancher Nöck und manch ein Nixlein wollten nicht mehr zum Meeresgrund zurück, wenn sie einmal gesehen hatten, wie schön es auf eurer Erde ist; sie hatten die duftenden Blumen, den blauen Himmel und die strahlende Sonne so lieb gewonnen, daß sie nicht mehr tauschen wollten, wenn nach einem Jahr das Menschenkind ans Land gestiegen kam. Kein Bitten und Flehen und keine Reue half, es mußte für ewig in die Tiefe des Meeres zurück, hat traurig und still bei uns gelebt und ist traurig gestorben; es hat die Sonne nicht vergessen können.

Die Nixe schwieg, dann fügte sie leise hinzu: »Ich kann es verstehen, denn eure Sonne ist so schön, so schön.«

Mit großen Augen hatte Gunhilde zugehört, aber von allem, was die Nixe sagte, hatte sie nur das eine recht verstanden, daß sie hinunter konnte ins Meer. Was lag ihr an der Sonne? das war doch nicht so wichtig. Aber wie es da unten aussehen würde, was es für Tiere dort gäbe, was für Blumen, wie das Meervolk lebte und wohnte, das wollte sie wissen, das wollte sie sehen. Die Nixe hatte es ja selbst gesagt, in tausend und abertausend Jahren kam es einmal vor, daß ein Menschenkind gerade dann am Ufer saß, wenn sein Ebenbild an die Wasseroberfläche stieg. Einmal, ein einzigesmal hatte sie die Möglichkeit, hinabzutauchen auf den Meeresgrund; nie mehr würde das Meerkind, das ihr glich, heraufkommen, wenn sie es heute wieder hinuntersteigen ließ.

Vor der nahen Erfüllung ihres heißesten Wunsches vergaß Gunhilde alles: Sie vergaß das alte Schloß am Walde, vergaß die süße, junge Königstochter und vergaß den Prinzen Baldur, der sie lieb hatte.

»Komm,« sagte sie zur Nixe, »ich will ins Meer hinunter, laß uns tauschen.«

Gunhilde legte ihre Kleider ab und dann tauschten die beiden einen roten Tropfen Herzblut. Im Augenblick, als Gunhilde mit ihren Lippen den purpurnen Tropfen der Nixe berührt hatte, spürte sie ein sonderbares Ziehen und Krippeln in den Füßen, und als sie an sich herunterschaute, hatte sie statt der Beine einen silberschuppigen Schwanz mit violetten Flossen bekommen. Der Nixe aber waren schlanke, weiße Beine gewachsen, und sie war von einem richtigen Menschenkinde nicht mehr zu unterscheiden; nur zwei winzig kleine, rote Pünktchen über beider Herzen zeugten von dem Tausch. Nun zog die Nixe Gunhildes Gewänder an, reichte ihr abschiednehmend die Hand und ging davon, dem Schlosse zu.

Gunhilde aber breitete die Arme aus und schoß jauchzend hinunter in die Tiefe.

Sie fühlte sich sehr wohlig im Wasser, langsam schwamm sie tiefer; bald hörte das Brausen der Wogen auf, das Wasser wurde ruhig und klar und Gunhilde sah sich neugierig um. Fast alles, was sie sah, war ihr fremd, von den vielen Fischen, die ihr begegneten, hatte sie nur selten einen gesehen. Wenn ein besonders großes Tier daherkam, erschrak sie, aber die Fische kümmerten sich nicht um das Menschenkind, das wie ein Nixlein aussah und sie verlor bald alle Furcht. Erst als eine ganze Schar junger Nixen auf sie zugeschwommen kam, wurde sie wieder ängstlich. Die Nixen sahen aus wie ihre Gespielinnen auf der Erde, nur hatten sie alle wunderhübsche, schuppige Schwänze in den prachtvollsten Farben. Am schönsten war der goldrote Schwanz einer Nixe, die aussah wie das Königstöchterlein aus dem alten Schloß, mit dem Gunhilde so oft gespielt hatte. Dies Nixchen kam zuerst herangeschwommen und rief:

»Erzähle, erzähle! Wie war es oben auf der Erde? Hast du die Sonne gesehen? Bist du Menschen begegnet?«

Auch die anderen Nixen drängten heran und fragten alle durcheinander Gunhilde war so verwirrt, daß sie gar nicht wußte, was sie antworten sollte, und, weil sie so lange stumm blieb, verwunderte sich das Meerprinzeßlein, sah sie forschend an und entdeckte das rote Pünktchen über ihrem Herzen. Da wußte es, daß Gunhilde nicht die Nixe war, die am Morgen zur Erde hinaufgestiegen war, sondern ein Menschenkind. Freundlich sagte sie:

»Fürchte dich nicht, wir freuen uns alle, daß du gekommen bist, wir haben uns schon lange gewünscht, einmal ein Menschenkind unter uns zu haben. Es wird dir gut bei uns gefallen, wir lachen und scherzen den ganzen Tag und kennen kein Leid und keinen Kummer. Aber nun komm, ich will dich zu meinem Vater, dem König, führen, sei nicht ängstlich, er ist gut und freundlich.«

Die Meerprinzessin nahm Gunhilde bei der Hand, sie sanken zum Meeresgrund hinab und hielten vor einem großen Palast. Es war das Königsschloß. Solchen Wunderbau hatte Gunhilde noch nie gesehen. Aus klarem, durchsichtigem Stein von grünblauer Farbe stiegen die Wände empor, Türme und Zinnen schimmerten in mattem Perlmutter und weiße Seerosen schlangen sich zum Schmuck um Säulen aus glänzendem Bernstein. Durch die weit offen stehenden Tore und Fenster strömte das Wasser ein und aus, mit ihm das Volk der Nöcke und Nixen.

Gunhilde hatte nicht viel Zeit zum Staunen, das Prinzeßchen zog sie mit sich fort und sie schwammen durch das Tor in den großen Königssaal. Da saß der König in einer riesigen, rosig schimmernden Muschel; er trug eine Krone aus schwarzen und weißen Perlen auf dem Haupt, hielt ein Szepter aus rosa Korallen in der Hand und ein Mantel aus Schilf und Meerblumen lag um seine Schultern. Die Prinzessin eilte auf ihren Vater zu und erzählte ihm, wie sie Gunhilde begegnet und an dem roten Herzpünktchen als Menschenkind erkannt habe.

Des Königs mildes Antlitz wurde ernst, er rief Gunhilde zu sich heran und sprach:

»Sei willkommen in meinem Reich, sieh, wie schön es bei uns ist, spiele und lache mit den Kindern des Meeres, sei fröhlich und guter Dinge aber erzähle nicht von der Sonne, die oben auf eurer Erde scheint; denn wenn du anfängst von ihr zu sprechen, wird sich die Sehnsucht nach ihren Strahlen in dir regen, wird wachsen und größer werden, bis du nur noch den einen Gedanken hast, zur Erde zurückzukehren, die Sonne wieder zu sehen. Deshalb denke an meine Worte: erzähle nicht von der Sonne.«

Gunhilde hatte schweigend zugehört. »Was das Meervolk einen Umstand mit der Sonne macht,« dachte sie; »die habe ich doch oft genug gesehen, das ist gar nichts so besonderes. Wenns weiter nichts ist, die Sonne will ich schon vergessen.«

Eilig folgte sie der Prinzessin, die gerade zum Fenster hinausschwamm, und bald war sie mitten in einem Schwarm jungen Meervolks und spielte und tollte mit ihnen, als wäre sie nie etwas anderes gewesen, als eine Nixe mit einem silberschuppigen Schwanz.

Als sie müde geworden war, setzte sie sich auf ein rosa Korallenriff und sah den andern zu, wie sie sich haschten. Rasch huschten sie im Wasser hin und her, verschwanden hinter den Felsen, kletterten an ihnen herauf und ließen sich auf dem schäumenden Rücken einer Welle wieder heruntergleiten. Da hatte ein übermütiger Nöck gar ein ganz kleines Büblein erwischt, setzte es hoch auf einen Stein und nickte ihm zu. Aber das Büblein hatte Angst. zappelnd und schreiend rutschte es von dem hohen Sitz herunter und hielt dabei krampfhaft ein silbernes Fischlein in der Hand, das es sich zum Spielen gefangen hatte. Hellauf lachte Gunhilde. Dann glitt sie von ihrem Platze herunter und kam zu einer Felsengrotte; neugierig schwamm sie hinein. Die Grotte verengerte sich bald zu einem schmalen dämmrigen Gang, und Gunhilde folgte ein wenig ängstlich seinen vielen Windungen. Schon überlegte sie, ob sie nicht lieber umkehren solle, da endete der Gang nach einer plötzlichen Biegung, und Gunhilde befand sich in dem schönsten Garten, den sie je mit Augen gesehen hatte.

Auf biegsamen Stengeln blüten zarte Sterne, purpurne Moose schmiegten sich an lichte Korallenstämme, violette Glocken mischten sich mit rosigen Dolden, und auf schlanken Stielen wuchsen wundervolle, mattschimmernde Kelche empor. Goldene und silberne Fischlein huschten um die Blumen, und am Fuße eines, von Seerosen umwachsenen Riffes lagerten Nixen und Nöcke. In ihrer Mitte ruhte ein Meergreis und erzählte ihnen alte Geschichten von Menschenkindern, die sich in die Tiefe gewagt. Doch als Gunhilde näher kam, schwieg er still. Er rief sie zu sich heran, zeigte ihr ein weiches Plätzchen auf köstlichem Moos und erzählte dann eine andere Geschichte von einem lustigen Nixlein, das einem armen, alten Murmelgreis den Bart abgeschnitten hatte und ihn zur Strafe zum Mann nehmen mußte.

Unterdessen war es dunkler und dunkler geworden; man konnte die einzelnen Blumen nicht mehr unterscheiden. Da hub an allen Ecken und Enden ein helles Flimmern und Leuchten an, es sah aus, als seien all die lieben Himmelssterne ins Meer gefallen. Aber als Gunhilde aufmerksam hinsah, merkte sie, daß das Licht von ganz sonderbaren Tieren herkam, sie waren anzusehen wie weiches Glas, schwammen mit unzähligen, dünnen Beinchen umher und erhellten mit ihrem durchsichtigen Lichtleib die Nacht; in ihrem Gefolge hatten sie eine Schar kleinerer Leuchttiere. Und dann wurde es still im Garten, ein Meerkind nach dem andern schwamm durch den engen Gang davon, und eine freundliche Nixe nahm Gunhilde an der Hand und brachte sie ins Königsschloß. Da wartete schon das Prinzeßchen und führte sie an ein schönes Bett aus Moos und Seerosen.

Gunhilde legte sich hinein und leise von den Wellen gewiegt, schlief sie tief und traumlos die erste Nacht auf dem Grunde des Meeres.

Nun begann eine herrliche Zeit. Gunhilde spielte und tollte mit dem jungen Meervolk um die Wette, wurde von alten und jungen Meermännlein und Weiblein geliebt und verwöhnt und wurde froher und schöner mit jedem Tag.

Wenn der Tag sich seinem Ende neigte und sie müde war vom Spiel, glitt sie durch den gewundenen Gang in den Garten, lagerte sich im Kreis des fröhlichen Wasservölkchens und hörte den alten Meergreis, oder manchmal auch ein junges Nixlein lustige Geschichten erzählen.

Einmal kam ein Abend, da hatte keiner so rechte Lust zum erzählen, und ein vorwitziger Nöck bat Gunhilde um eine Geschichte. Der Meergreis wollte abwehren, aber Gunhilde hatte schon zu sprechen angefangen. Sie erzählte von der Erde, die sie verlassen hatte, von den alten Bäumen, die dort im Winde rauschten, von den Menschen, die ein warmes Herz und eine Seele haben und weinen können, wenn sie traurig sind, von den grünen Wiesen und den duftenden Blumen und von der Sonne. Von der Sonne, die die ganze Erde in warmen, goldenen Glanz hüllt, die Blumen und Gräser, Menschen und Tiere liebt und mit ihren Strahlen streichelt und küßt, von ihrem heißen, hellen wonnigen Licht und ihrem schimmernden Angesicht.

Als die ersten Leuchttiere im Wasser aufglänzten, war es still in dem Garten hinter der Felsengrotte. Nöcke und Nixen hatten ernste, sehnsüchtige Gesichter, Gunhilde aber lag auf dem purpurnen Moos und weinte bitterlich.

Und was der König gesagt hatte, geschah. Wohl spielte und tollte Gunhilde wie sonst, aber sie war nicht mehr fröhlich wie vorher; die Sehnsucht nach der Sonne regte sich in ihr, erst selten und leise, dann öfter und mächtiger, und je mehr die Sehnsucht wuchs, um so mehr erzählte sie von dem leuchtenden Tagesgestirn.

Immer stiller wurde Gunhilde, sie mochte das helle Lachen und Kreischen der Nixen und Nöcke nicht mehr hören, flüchtete sich oft in den Garten zu den herrlichen Blumen, lag und träumte. Eines Tages schickte der König das Prinzeßlein aus, Gunhilde zu holen. Das Prinzeßlein schwamm in den Garten. »Komm rasch, Gunhilde,« sagte es, »der König will dich sprechen.«

»Was will der König von mir?« fragte Gunhilde erstaunt. Aber das wußte die Prinzessin selbst nicht, und eilig schwammen die beiden zum Palast. Der König saß auf seinem Muschelthron und winkte Gunhilde zu sich heran.

»Liebes Kind,« sagte er, »es ist gekommen wie ich dir sagte. Seit du von der Sonne erzählst, gehen deine Tage trübe dahin, alles was dir schön und herrlich dünkte, hat seinen Glanz für dich verloren, die Sehnsucht nagt an deinem Herzen, du träumst von der Erde, von den Menschen, vom blauen Himmel und Sonnenschein, du denkst nur an die Stunde, die dich noch einmal hinauftragen wird ins helle Licht des Tagesgestirnes, vergessend, daß du vielleicht auf ewig zu uns zurückkehren mußt. Nur eines kann dir helfen. Du mußt ganz zu uns gehören, und das kannst du nur, wenn du einen der unseren zum Gatten nimmst, dann wirst du eine richtige Nixenfrau und kannst wieder fröhlich werden. Sieh her, dieser junge Nöck will dich zu seiner Gemahlin machen, er hat dich gern und du wirst es gut bei ihm haben.« Gunhilde sah auf. Neben dem König saß ein Meermann auf einem Korallenriff und glotzte sie mit seinen wässerigen, blauen Augen an. Er hatte nasse Haare, einen langen feuchten Bart, in dem Schilf und Seegras hingen, und einen grünen, glitschigen Schwanz.

Da mußte Gunhilde an den Prinzen Baldur denken, der sie einst lieb gehabt, ein Grausen erfaßte sie, und als der nasse Wassermann seine großen Hände nach ihr ausstreckte, floh sie entsetzt aus dem Königssaal. Halb erzürnt, halb traurig sah ihr der alte König nach, der verschmähte Nöck aber holte sich ein lustiges Nixlein, und in tollem Spiele mit ihm grinste er bald bis über beide Ohren.

So verging die Zeit, und es jährte sich der Tag, an dem Gunhilde zu dem Meervolk gekommen war. In heißer Ungeduld hatte sie auf die Stunde gewartet, die sie zur Erde emportragen sollte; nun nahm sie sich kaum Zeit, von dem guten König und seinem Töchterlein Abschied zu nehmen, beachtete die Meerkinder nicht, die ihr ein Stück das Geleit gaben und schwamm aufwärts so rasch sie konnte.

Endlos schien ihr der Weg, viel länger, als da sie heruntergekommen war; endlich wurde es lichter, und mit ein paar hastigen Stößen erreichte Gunhilde die Wasseroberfläche.

Als sie aus dem Wasser emportauchte, ging die Sonne leuchtend am Himmelsrand auf und überhauchte das Meer mit rosiger Glut. Mit einem Jubelschrei streckte Gunhilde ihr beide Arme entgegen, dann warf sie sich auf einen hohen Wogenkamm und ließ sich ans Land tragen. Voller Entzücken atmete sie die langentbehrte, köstliche Erdenluft ein und konnte sich nicht satt sehen an aller Pracht, die sie umgab. In lichtem Blau wölbte sich der Himmel, strahlend, leuchtend, lachend stand die liebe, alte Sonne da oben, griff mit goldenen Fingern nach Gunhildes Haar und küßte ihr Gesicht. Gunhilde war so in ihrer Freude vertieft, daß sie die leichten Schritte nicht hörte, die näher kamen; erst als dicht hinter ihr der Sand knirschte, drehte sie sich um.

Da stand in Gunhildes eigener, höherer Gestalt die Nixe vor ihr und sah sie an.

»O wie gut, daß du da bist,« rief Gunhilde, »komm, laß uns wieder einen roten Tropfen Herzblut tauschen. Ich will nicht mehr in der Tiefe des Meeres leben, wohl ist es schön und prächtig dort, aber ich kann ohne die Sonne nicht länger sein.«

Die Nixe schüttelte den Kopf. »Ich kann dir nicht helfen,« sagte sie, »ich habe dich gewarnt, als es noch Zeit war, jetzt ist es zu spät, ich will selbst auf der Erde bleiben.«

»Du bist doch eine Nixe«, rief Gunhilde. »Da unten ist deine Heimat, du hast immer da gelebt. Ich bin im Land der Sonne geboren, ich bin ein Sonnenkind, ich muß auf die Erde zurück!«

Aber die Nixe blieb unerbittlich. »Niemand hat dich gezwungen, dein Sonnenland zu verlassen, du hast es selbst gewollt, du wolltest auf den Meeresgrund hinab, nun mußt du auch dorthin zurückkehren; ich will nie mehr hinunter. Ich werde immer auf eurer wunderherrlichen Erde leben, denn ich bin Prinz Baldurs Braut und morgen soll unsere Hochzeit sein.«

Als Gunhilde das hörte, wurde sie ganz still; sie wußte, daß alles Flehen und Bitten umsonst sei und ließ ohne ein Wort die Nixe zum Schloß zurückkehren. Dann legte sie sich in den warmen Sand, stützte den Kopf in die Hände und starrte hinaus übers Meer. Sie gedachte des Tages, da das geheimnisvolle Rauschen und Schäumen der wogenden Fluten sie betört hatten, ihre Heimaterde zu verlassen; sie gedachte des alten Schlosses am Wald, gedachte der jungen, süßen Königstochter und gedachte des Prinzen Baldur, der sie einst lieb gehabt. Nie würde sie das alles wiedersehen, nie mehr. Die Sonne war höher und höher gestiegen, nun lenkte sie ihre Bahn wieder abwärts. Gunhilde sah regungslos hinaus übers Meer, und heiße Tränen rannen unaufhaltsam über ihr Gesicht.

Und die Sonne sank und sank, es war Zeit, hohe Zeit; schon tauchten die ersten Strahlen ins Meer, Gunhilde mußte zurück in die Tiefe, ihr Leben zu wahren. Die Wellen schäumten leise auf, kosten und schmeichelten, lockten und riefen, aber die Stimme des Meeres hatte keine Macht mehr über Gunhilde. Die Sonne hielt sie in ihrem Bann.

Und jetzt loderte die Sonne hoch auf wie leuchtendes Feuer, das wogende Meer streckte rosige Arme nach dem scheidenden Licht, Himmel und Wasser strahlten noch einmal auf in ihrem Glanz, und glühend versank die Sonne in des Meeres flammenden Schoß.

Als der letzte rote Schimmer verblaßt war, sank Gunhilde zurück in den weichen Sand, sie war tot.

Zur selben Stunde fiel im schimmernden Festsaal des alten Schlosses Prinz Baldurs Braut leblos zu Boden. Bestürzt standen die Gäste, klagend nahm der Prinz sein totes Lieb in die Arme, keiner wußte, weshalb sie gestorben war.

Auf dem Meeresgrunde aber hub ein wehes Klagen an, als die Nacht hereinbrach und Gunhilde nicht zurückkam, denn da unten wußten sie, was geschehen war. Am nächsten Morgen herrschte ein gewaltiger Sturm, der König des Meeres hatte seinen Wogen befohlen, Gunhilde hinunter zu holen in sein Reich. Wild stürmten die Wellen ans Ufer, schäumend strömten sie über den Sand. Als sie zurückfluteten, war der Platz, auf dem Gunhilde gelegen hatte, leer. Sie hatten sie mit sich genommen in die Tiefe. Da unten gruben die Nixen und Nöcke ein kühles Grab im Garten hinter der Felsengrotte, betteten Gunhilde hinein und deckten sie mit vielen Blumen zu.

Traurig saß der alte König und sann, wie er solch Geschehen für ewige Zeiten verhindern könne. Und er nahm die alten, verwitterten Tafeln, auf denen die Gesetze des Meeres eingeschrieben waren und zerbrach sie tausend- fältig. Dann schrieb er mit fester Hand neue Gesetze auf neue Tafeln, und sein oberstes Gebot lautete, daß keiner aus dem Volk der Tiefe je wieder emporsteigen dürfe ans Licht der Sonne.

Seit diesem Tage hat keines Menschen Auge mehr ein Kind des Meeres gesehen.