ngiyaw-eBooks Home



Karoline Bauer - Vergessen und Verschollen

Eassay

Karoline Bauer, Vergessen und Verschollen, Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Verlag von A. H. Payne, Leipzig, 1. Band 1875, S. 671ff.


Im Album des königlichen Schauspiels und der Oper zu Berlin (Berlin 1858, Verlag von Gustav Schauer) wird auch der Wilhelmine Maas; sehr lobend gedacht.

»Wie sehr Mlle. Maas geschätzt wurde«, heißt es dort, »geht daraus hervor, daß man ihr nicht gestattete, auf einem ihr nach ihrer Vaterstadt Berlin ertheilten Urlaube dort Gastrollen zu geben, aus Besorgniß, daß diese daselbst zu einer Anstellung führen könnten. Als sie dennoch gastirte, wurde ihr von Goethe zur Strafe Arrest zuerkannt.

Nach Beendigung ihres Contracts in Weimar nahm sie aber 1805; eine Anstellung in Berlin an. Sie war in den sogenannten naiven, munteren Rollen, wie z. B. in den Stücken »Haß allen Frauen«, »Laune des Verliebten«, »Rosen des Malherbes« der Liebling des Publicums; spielte aber auch Heldinnen, wie die Jungfrau von Orleans, mit vielem Beifall.« Die Biographie schließt: »Sie gehörte der Berliner Bühne bis 1816 an. Sie unternahm hierauf bedeutende und längere Kunstreisen, zog sich dann von der Bühne zurück und ist – wie man sagt – in den dreißiger Jahren gestorben.«

Dieses »wie man sagt« klingt nicht nur wehmüthig, auch etwas mysteriös. Wo ruht die einst so berühmte Künstlerin? – In welchen Verhältnissen ist sie gestorben?

Keine Silbe von später errungenen Erfolgen, noch eine Andeutung darüber, weshalb eine Schauspielerin, die Goethe dem Weimarschen Institut wollte erhalten wissen und das Berliner Nationaltheater zu gewinnen strebte, bei keiner Bühne mehr Fuß fassen konnte.

Verschollen, vergessen! – Sollten nicht manche für edle Kunst schwärmende Leser des Albums sich, diese Frage gestellt haben?

Ich kann und darf den Schleier lüften von dem Drama eigener Art, zur Beherzigung mancher Talente, die ihre Befähigung überschätzen. Es lag sogar im Willen der Verstorbenen; denn während des letzten Lebewohls in Berlin 1827 sagte sie zu mir und meiner Mutter: »Könnte ich doch meine Erlebnisse mit allen Verirrungen veröffentlichen, die Folgen meiner Verblendung und wahnsinnigem Streben nach Ruhm so recht ergreifend schildern! Die früher so freundlich treu ergebenen Freunde müßten mir verzeihen, daß ich ihren Ermahnungen kein Gehör schenkte; denn furchtbar büße ich meine Thorheit. Mein Beispiel würde sicher manche Kunstschwester vor gleichem Unglück bewahren.«

Ich will jedoch, um meiner Erzählung nicht vorzugreifen, mit jenem Gastspiel der Wilhelmine Maas beginnen, bei welchem ich sie kennen lernte und zwar in Karlsruhe 1823.

Mlle. Demmer aus Mannheim, der besten Schülerin Ifflands, war es nach einigen Jahren gelungen, die schöne, talentvolle, so innigst bedauerte Mlle. Benda in Vergessenheit zu bringen. Rollen, wie z. B. die Elsbeth im »Tournier zu Kronstein«, Donna Diana, erhöhten das Interesse an ihren Leistungen, und schmückte sie nicht gleiche bezaubernde Grazie, sprach ihre Stimme nicht gleich lieblich klingend zu Herzen, so bewährte Mlle. Demmer die vollendetere Künstlerin und höhere geistige Begabung. Da verlautete es zum Schrecken des Publicums: Mlle. Demmer sei um ihre Pensionirung eingekommen, denn ihr Leiden (plötzlich eintretende Starrsucht nach anstrengenden Scenen) sei unheilbar und noch öftere Störungen seien zu erwarten.

Die Intendanz mußte daher auf schleunigen Ersatz bedacht sein, um so mehr, da die blühende, sehr beliebte Md. Neumann die jetzige Frau Haizinger im heitern Genre, Operetten, sentimentalen Aufgaben schon überanstrengend beschäftigt war und wegen ihrer Jugend nicht noch tragische Rollen übernehmen konnte.

Mlle. Maas traf daher zu günstiger Epoche für Gastrollen mit Aussicht auf Engagement in Karlsruhe ein.

In der Residenz des herrlichen Großherzogthum Baden hatte man vom Gefallen der Mlle. Maas in Weimar, so wie ihren ehemaligen Triumphen in Berlin schon vernommen und die Theaterenthusiasten vergaßen in Erwartung großer Leistungen zu fragen: warum denn die Gefeierte nicht nach ihren Kunstreisen abermals in ihrer Vaterstadt blieb, wo sie als bevorzugter Liebling des Publicums glänzte? Sie sahen mit Spannung dem Debüt entgegen und bei ihrem Erscheinen als Sappho wurde sie rauschend empfangen.

In der Kunst der Rede bewies sie sich als Meisterin; sie wußte auch mit ihrem schwachen, doch angenehmen Organ vortrefflich hauszuhalten.

Sie bewegte sich in dem malerischen Costüm nach den Anforderungen classischer Tragödie und ahmte Stellungen wie Drapirungen der Antike peinlich getreu nach.

Ueberrascht staunten die Zuschauer über das classische Spiel. Sie vermißten die von leidenschaftlichster Liebe glühende Dichterin Sappho, welche; durch ihre begeisterten Schöpfungen den Lorbeer errungen hatte.

Im Trauerspiel »Cleopatra« als Octavia gefiel sie noch weniger; Gestalt wie Züge paßten nicht zu ihren Aufgaben und wäre ihr drittes Debüt; (eine Conversationsrolle, die Baronin in »Den falschen Vertraulichkeiten«) nicht beifälliger aufgenommen worden, die Intendanz hätte Wilhelmine Maas weiter ziehen lassen.

Die erst leise geflüsterten Ansichten schwollen zu lauten, unumwunden ausgesprochenen Urtheilen an; und nachdem Mlle. Maas als Pauline im »Getheilten Herzen« als naives Bauermädchen (vielleicht von ihr gespielt als Erinnerungsfest d'un beau passé) das Publicum elektrisirt hatte – denn lieblich, voll Anmuth spielte die Künstlerin, die aussah wie eine Schäferin von Watteau – hörte man von gut unterrichteten, ihr gar nicht feindlich Gesinnten folgenden unglaublich klingenden, aber leider wahren Roman erzählen:

Ihr Verlobter sei ein Graf Königsmark aus Berlin. Von an Wahnsinn grenzender Liebe zu Mlle. Maas erfaßt hätte er sein Idol als erste; tragische Größe des Jahrhunderts wollen glänzen sehen, um dann erst, auf dem Gipfel des Ruhmes angelangt, sich mit ihr zu vermälen. Mit eigensinnigster Beharrlichkeit hätte er sie aufgefordert, mit ihm nach Paris zu reisen, um dort die bedeutendsten Mimen bewundern zu können; von da nach Rom, die Antike zu studiren. Das sonst so besonnene kluge Mädchen, allgemein geachtet wegen untadelhaften sittlichen Wandels, wäre, wie von dämonischer Gewalt erfaßt, seinen Rathschlägen gefolgt und taub gegen Bitten und Vorstellungen wahrer Freunde gewesen. Bis zum siebenundzwanzig­sten Jahr hatte Niemand ihr Herz zu rühren vermocht. Zu Königsmark aber fühlte sie sich unwiderstehlich hingezogen und schien nicht zu bemerken, was alle Welt wußte, daß Königsmark als Sonderling, als eine unheimliche Persönlichkeit galt. Von hoher Geburt, vornehm erzogen, brillantem Aeußern, hätte er keine Sympathie zu erwecken gewußt, im Gegentheil, abgestoßen durch exaltirtes Wesen, barocke, überschwängliche Ansichten, bald durch finsteres, menschenfeindliches Benehmen. Seine Güter verwalteten Fremde, zu keiner Carrière hätte er sich entschließen können, mit einem Wort, er war ein Müßiggänger, der sich gefiel, als Bevorzugter einer anmu­thigen gefeierten Künstlerin zu gelten und dadurch seiner interessanten Existenz Relief zu geben.

Wäre Iffland noch am Leben gewesen – Mlle. Maas hätte seinen; väterlichen Ermahnungen sicher Gehör geschenkt, denn gleich einer Tochter liebte sie ihren Lehrer und treugesinnten Freund.

Als ich 1838 in Halle bei Direktor Heinrich Bethmann gastirte, theilte er mir eine gar hübsche Ermahnung seiner seligen Frau, Friederike Bethmann, mit, was nicht nur deren liebenswürdigen Charakter, schildert, sondern auch beweist, wie selbst diese große Künstlerin Mlle. Maas der Berliner Bühne erhalten wissen wollte. – Heinrich Bethmann erzählte:

Wenige Monate vor dem Tode meiner Frau hatte sie, so wie die Mitglieder, vernommen, daß ihre Collegin Mlle. Maas der Chimäre, in der; Tragödie Alle überflügeln zu wollen, nachjagen und ihr Fach, in dem sie so gefallen, so Treffliches leistete, aufgeben wollte. Vor dem Beginn der Probe zu Macbeth hatten sämmtliche in dem Trauerspiel Beschäftigte sich im Conversationszimmer um den Ofen versammelt, denn es war im Februar, als meine Frau eben etwas lebhaft äußerte: »Wenn Mlle. Maas der Bühne aus Liebe zu Graf Königsmark untreu werden will, weshalb heirathet sie ihn nicht vor dem Herumziehen in der Welt und lebt glücklichster Häuslichkeit? Ihre fixe Idee, noch nie Gesehenes durch Studium zu erreichen, grenzt an Wahnsinn.«

Mlle. Maas hatte wahrscheinlich die letzte Phrase gehört, denn sie trat in's Conversa­tionszimmer, nach dem Regisseur fragend, dem sie Etwas mitzuteilen hätte, mit ceremoniösem steifen Wesen.

»Gut, daß Sie kommen, liebe Maas!« rief meine Frau ganz unbefangen, »ich nannte Ihre Absicht, Neues, noch nie Gesehenes erstudiren zu; wollen, Tollheit! Bleiben Sie im heitern Gebiet der Kunst zu unserer aller Freude!«

»Ich gefiel doch als Jungfrau von Orleans, Eboli, Lady Milfort«, entgegnete Mlle. Maas pikirt.

»Das beweist nichts!« unterbrach meine Frau mit ihrer bekannten Freimüthigkeit. »Johanna das Hirtenmädchen ist keine Phädra und die Eboli keine Lady Macbeth und nur ausnahmsweise spielten Sie ja diese Rollen. Ihre Sphäre ist das Lustspiel!« Dabei nahm sie Mlle. Maas bei der Hand, führte sie vor den großen Stehspiegel und fuhr fort zum Ergötzen der Andern: »Liebe capriciöse, aber mir doch sehr werthe Collegin, paßt Ihr zierliches Figürchen zum Kothurn? Ihre weichen, kindlichen Züge mit den ruhig blickenden Seelenspiegeln zu verzehrender Gluth zur Mimik rasender Leidenschaft?«

»Mlle. Maas entgegnete noch gereizter:

»Sie sollen es in einigen Jahren erleben, wenn ich bewiesen haben werde. . .«

»Bewahre«, unterbrach abermals meine Frau, »darauf gehen wir nicht ein; gleich jetzt zeigen Sie uns Ihr Genie, dann wollen wir Ihrer Rückkehr freudig entgegensehen. Spielen Sie meine Lady Macbeth-Nachtwandlerscene, jede Künstlerin weiß sie ja auswendig.«

»Hier, ohne Costüm, ohne Illusion?« entgegnete Mlle. Maas zögernd.

»Ein Stümper, der nicht augenblicklich die Zuhörer mit sich fortzureißen vermag!« rief meine Frau immer lebhafter werdend aus.

»Ans Werk, wir haben noch gerade Zeit« und Mantel und Hut der Aufgeforderten abnehmend, sagte sie: »Hier der Tisch, dort treten Sie wie aus der Thür; da ist auch ein Leuchter. Still, meine Herren!« Und Mlle. Maas mußte dem wohlwollenden Drängen nachgeben.

Sie schritt ganz schulgerecht einher, ahmte den Somnambulismus richtig nach und begann: »Da – da – ist noch ein Fleck.« Sie spielte die Scene als denkende Künstlerin, aber Niemand wurde erschüttert.

Die Angstlaute beim dreimaligen Aufstöhnen klangen hohl und als Mlle. Maas gewahrte, wie wenig sie ansprach, meinte sie, es fehle der Rahmen zum Bilde. – »Sehen Sie«, rief meine Frau leidenschaftlich erregt, »Sie  wollen nicht klar erkennen, was Ihnen mangelt.« Blitzschnell hatte sie Mantel und Hut weggeschleudert, die Haare aufgelöst und wankte heran und spielte, daß wir Alle von Grausen und Bewunderung ergriffen, wie gebannt sie anstarrten, und als das O! O! O! – crescendo jammervoll Herz und Mark erschütternd ertönte, da glaubten wir uns nicht im bürgerlichen Conversationszimmer zu befinden. Nein! am Ort von Shakespeare's Schöpfung.

»Bravo! bravo! herrliche Meisterin!« schallte es aus voller Brust und meine Frau versicherte, kein Beifall halte sie je noch so innig erfreut.

Mlle. Maas empfahl sich mit den Worten: »Ich werde beweisen, was ernster Wille vermag!« und dankte nicht einmal meiner Frau für ihre gute Absicht. Als die Verblendete das Zimmer verlassen hatte, sagte sie mit Wehmuth: »Unsere Collegin ist nicht zu retten, denn ihre Eitelkeit und Eigenliebe ist größer als ihre Liebe zur Kunst.«

Mlle. Maas zog fort mit ihrem unheimlichen Freund, schrieb aus Paris, Rom glückathmende Briefe und wie sie immer mehr dem vorgesteckten Ziel nahe sei, kehrte zurück, wurde freundlich begrüßt und machte Fiasco als Tragödin; spurlos gingen die ausbedungenen Gast­rollen vorüber. Sie durchzog Deutschland, spielte auf ersten, zweiten Bühnen und errang überall einen succes d'estime, aber kein Engagement; und schon längst enttäuscht über den Werth ihres Freundes, von düsteren Ahnungen beängstigt, gelangte sie nach allen Wendungen endlich nach Karlsruhe. Nachdem ich großherzogliche Hofschauspielerin geworden, mußte ich die bedeutendsten Mitglieder des Karlsruher Theaters besuchen und auch die seit Kurzem angestellte Mlle. Maas.

Bei meinem zweiten Debüt, in Ifflands »Elise Balberg«, hatte sie die Fürstin gespielt und während der Proben sehr mißfallen wegen ihres eisig; kalten Benehmens. Ich behauptete auch ganz keck meiner sie in Schutz nehmen wollenden Mutter gegenüber, sie sei eine so unliebenswürdige Fürstin gewesen, daß der Fürst Recht gehabt hätte die Elise Balberg vorzuziehen und ich brauche der steifen Puppe keine Visite abzustatten.

Aber die Mutter entgegnete:

»Du bist noch eine junge Anfängerin, also ermüde nicht im freundlichen Entgegenkommen. Du kannst von der erfahrenen Künstlerin viel lernen, denn ihre gute Schule blickt durch und ihr feines Benehmen wird allgemein gerühmt.«

»Nun«, rief ich schnippisch, »wenn das zu ihrem Ruhm gereicht, mit ihrem Liebhaber Herumzuziehen . . .«

»Schäme Dich, Lina!« unterbrach die Mutter mich ernst und streng, »den lieblosen Urtheilen oberflächlich Unterrichteter beizustimmen. Vermeidet sie nicht jedes Aergerniß? Wohnt sie nicht allein, Graf Königsmark aber im Hotel, der sie nur zur gewöhnlichen Visitenstunde von elf bis zwölf Vormittags besucht? wo dann nie Mlle. Maas sich für Andere verleugnen läßt? Lebt sie nicht von ihrer Gage und unterstützt jetzt ihren Freund, da seine Güter unter Sequester stehen?«

»Das ist nur billig«, fiel ich rasch ein, »denn für sie und auf Reisen hat Königsmark sich wahrscheinlich ruinirt!«

»O Jugend, übermüthige Jugend«, entgegnete meine Mutter ermahnend. »Auch Du, sonst so gutmüthig, plauderst herzlos nach! Hat man Dir denn auch erzählt, daß Königsmark nie sein Vermögen zu verwalten verstand? Daß der sonst so brillante Anbeter für geisteskrank gilt? Ist es nicht versöhnend, achtungswerth, daß Mlle. Maas dem unglücklichen Freund treu bleibt, ihm, der sie von Berlin weglockte? Ich verlange daher, daß Du artig, bescheiden Deinen Besuch abstattest.« Selten hatte ich meine sanfte Mutter so erregt gesehen, ich fiel ihr um den Hals, versprach ihrem Wunsch nachzukommen und schritt lammfromm nebeneinher, Mlle. Maas' Wohnung zu.

Sie wohnte neben Mad. Neumann in einem hübschen Parterrelogis. Wir wurden etwas förmlich, aber mit feinstem Anstand bewillkommt. Mlle. Maas thaute aber zusehends im Gespräch mit der Mutter auf, faßte deren Hand und frug, ob sie ungenirt sie besuchen dürfe, wenn ihr Gemüth sich nach Theilnahme und gütigen Trostesworten sehne? – Sie hätte schon so viel von ihrem milden Wesen gehört, daß volles Vertrauen zu ihr plötzlich erwacht sei.

»Les extrémes se touchent«, dachte ich; »die steife, marmorkalte Maas fühlt sich zu meiner sanften, empfindsamen Mutter hingezogen!« Und während Beide leiser fortplauderten, hatte ich Muße, das über dem Sopha hängende lebensgroße Bild zu betrachten, welches Mlle. Maas als Jeanne d'Arc darstellte.

Johanna schien hier kaum den Kinderjahren entwachsen zu sein; die zarte jugendliche Gestalt stützte sich am Schäferstab, aus dem holden lieblichen Antlitz blickten blaue Augen unschuldig und doch wie Hohes sinnend in's Weite. Ein unverzierter purpurroter Rock wallte bis zu den kleinen Füßen nieder. Ein dichtes weißes Chemisette ließ wenig von dem reizenden Hals sehen, aber lange lose Aermel enthüllten die Arme und wahre Mignonhändchen umfaßten den Schäferstab. Ein altdeutsches schwarzes Sammetleibchen umschloß das Chemisette und braune Locken umflossen Wangen und Schultern.

Das war die einfache Hirtin, die Seherin mit gotterfülltem, gläubigem Herzen, das Erblicken Lyonel's hatte sie noch nicht ihrem herrlichen Ziel entrückt! Wunderbare Ruhe umhauchte so zu sagen das Gemälde. Mein Versunkensein gewahrend, sprach Mlle. Maas mit etwas bebender Stimme: »Nicht wahr? Sie erkennen das Original zum Bilde kaum? Und dock soll es täuschend ähnlich sein!«

»Ja! täuschend ähnlich«, ertönte es von starker Männerstimme. Neben mir stand eine große Gestalt, und unheimlich glühende Augen starrten die liebliche Johanna an.

Ich kam nicht zum Aufschreien, denn Mlle. Maas hatte sich sogleich erhoben und, auf den Unbekannten deutend, vernahm ich: »Graf Königsmark«, dann: »Rittmeisterin Bauer, und Fräulein Tochter.«

Vergebens hoffte ich, daß der Graf Theil an der Unterhaltung nehmen würde, denn er setzte sich neben Mlle. Maas. Er blieb stumm, schien unsere Gegenwart kaum mehr zu bemerken und blickte vor sich hin. Die Hülle seines Menschenseins war bei uns, der Geist schien in anderen Räumen sich zu ergehen.

Meine Mutter hatte den stillen Gast vom Sopha aus am andern Ende des großen Zimmers schon bemerken können; ich kehrte ihm den Rücken zu und hatte keine Ahnung von seiner Anwesenheit.

Königsmarks Aussehen hatte mich frappirt, sogar Grausen in mir erweckt. Er glich eher einem Alchymisten, der Probleme lösen möchte, statt einem ritterlichen Edelmann und ergebenen Anbeter, oder auch dem Doctor Faust, ehe er Gretchen verjüngt aufgeputzt nahte.

Ich zögerte mit dem Fortgehen, denn ich mußte den unheilbringenden Freund der Mlle. Maas noch betrachten.

Das Haar hing verwirrt um seine regelmäßigen, sicher früher schönen Züge, der lange, uncultivirte Bart bis auf die Brust. Die Kleider schlotterten um seine hagere Figur. Die Füße steckten in mächtigen, plumpen Schuhen, nur seine schmalen alabasterweißen Hände erinnerten an den eleganten Grafen.

»Und solch' zurückstoßender Persönlichkeit opferte Mlle. Maas ihr Lebensglück?!« hätte ich beinahe laut gedacht. »Arme, arme Verblendete!« Die Gegensätze, welche Königsmark, Mlle. Maas und das bezaubernde Bild darboten, stehen mir noch jetzt lebhaft vor Augen. Er, mit sich und der Welt zerfallen, seinem selbstgeschaffenen Geschick grollend; Wilhelmine Maas noch muthig ihr Unglück, ihre Enttäuschung ertragend, mit Geist und Anmuth sprechend, mit angenehmem Aeußern und ungebrochener moralischer Kraft; und das Bild! so ätherisch jugendlich, so überaus liebreizend, der süße Mund, die weichen Züge, man begriff den Enthusiasmus des Berliner Publicums beim Anblick dieser Johanna und nun ein solches Resultat nach allem Gefallen, allem Hoffen!

Ich umarmte Mlle. Maas, ohne ein Wort hervorbringen zu können, denn die Thränen drohten hervorzubrechen, und auch sie schien ergriffen zu sein. Wir umarmten uns stumm, aber sie wußte sicher, wo freundlicher Zuspruch und Theilnahme zu finden sei, denn sie blieb uns herzlich dankbar bis zu ihrem Tod.

Königsmark verkehrte mit Niemand in Karlsruhe und las auf dem Museum Zeitungen ohne eine Silbe zu sprechen. Er rannte täglich einigemal die Langestraße auf und ab, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, die Mütze im Nacken, die Augen in's Weite starrend. Man bezeichnete ihn als Ahasverus und Mlle. Maas erweckte das tiefste Mitleiden.

 

* * *

 

1827 überraschte uns Wilhelmine Maas in Berlin. »Sie hier?« riefen wir staunend, »sind Sie nicht mehr in Karlsruhe engagirt? Gedenken; Sie vielleicht in der Vaterstadt . . .«

»Bei der Intendanz nochmals anzuklopfen«, unterbrach sie mit matter Stimme und vergeblichem Bemühen, ein Lächeln zu erzwingen. – »Ja, meine Lieben, ich habe mich zur Disposi­tion für das bescheidenste Fach gestellt, wurde aber abgewiesen. Jedoch der eigentliche Zweck meines Hierseins ist, die wenigen mir freundlich gesinnt Gebliebenen zu umarmen, das allerletzte Lebewohl zu sagen, denn es geht mit mir Gott sei Dank zu Ende. Auch vermachte ich das von Meisterhand verfertigte Bild der Johanna meinen Freunden He. . .«

»Sie sprechen von sterben und sehen doch noch . . .«, doch meiner aufrichtigen Mutter erstarb die Phrase auf den Lippen, denn gleich mir gewahrte sie das ermattete Wesen der sonst so stolz sich haltenden Mlle. Maas, den kummervollen Ausdruck ihrer Züge.

Sie errieth unsere Gedanken. »Ich bin nur noch der Schatten der Marie«, sagte sie halb ernst, halb scherzend. Dann fiel sie der Mutter um den Hals und rief weinend: »Wozu noch Verstellung! Es ist aus mit mir!« und sprach das schon am Anfang des Artikels geschriebene reuevolle Bekenntniß. Nachdem sie wieder etwas gefaßter schien, fragten wir nach ihrem Lebensplan. Da leuchtete denn ihre ursprünglich edle Natur in aller Klarheit hervor.

»Wir werden uns in Mainz niederlassen, ich für immer! Königsmark kann in zwei Jahren auf seine Güter zurückkehren. Ich bestehe darauf, daß er sich seinen Verwandten wieder nähert. Hat auch seine Liebe mir nur Unglück gebracht, so war dies nicht seine Absicht. Er wollte sich in den Strahlen meines Ruhmes sonnen und so wie ich nicht mehr bewundert wurde, erlosch seine Leidenschaft! Ich hätte verständiger sein sollen! In Mainz werde ich jungen Anfängerinnen Declamationsstunden geben, von Frankfurt haben sich schon Schülerinnen gemeldet und bei meiner Sparsamkeit werde ich Niemand zur Last fallen.«

»Und ohne Ihren Freund wollen Sie den Abend Ihres Lebens beschließen?« wandte meine Mutter mit leiser Stimme ein.

»Das ist mein einziger Wunsch«, erwiederte Mlle. Maas lebhaft, »daß ich erlösche, befreit von den furchtbaren selbstgeschmiedeten Ketten.«

Wir sagten ihr tiefergriffen Lebewohl und baten sie, durch die genannten Freunde uns Nachricht zu geben.

Ich blickte der Unglücklichen noch nach, wie sie so vornehm aussehend den Gensdarmenmarkt überschritt; sie kam mir vor, wie ein tödtlich getroffener Vogel, der die Schwingen noch zu heben versucht, aber es nicht mehr vermag.

 

* * *

 

Im Jahre 1834 gastirte ich in Berlin als kais. russische Hofschauspielerin und traf bei Clauren mit der H. . . schen Familie zusammen. Sogleich erkundigte ich mich nach Wilhelmine Maas.

»Sie ist in Mainz gestorben« lautete die Antwort.; Ich war tief erschüttert. Auf meine Fragen vernahm ich, daß Königsmark wirklich einige Zeit vor ihrem Tode Mainz verlassen hatte. Die Hausleute der Mlle. Maas hatten sie liebevoll gepflegt, auch die Begräbniskosten waren noch vorhanden gewesen und fromm, resignirt, beinahe freudig sei sie erloschen.

Das Bild wurde nach dem Willen der Seligen der Familie gesendet. Stets hatte die kranke Künstlerin es angeblickt und gelispelt: »So von Gott bevorzugt gewesen, so glücklich, so ruhigen Gewissens und frohen Herzens und solches Ende!« Darauf hätte sie bitterlich geweint und inbrünstig gebetet. »Und kein Blatt, keine Theaterchronik erwähnte den Tod der ehemals so berühmten Künstlerin?« fragt ich weiter.

»Doch, in einem Mainzer Journal wurde ihr Tod mit wenig Worten erwähnt. Unsere arme Freundin ist vergessen und verschollen«, sagten die nunmehrigen Besitzer des herrlichen Gemäldes.

Vierundzwanzig Jahre nach dieser Unterredung durchblätterte ich das Berliner Künstleralbum und erblickte mit Rührung und Freude die Biographie von Wilhelmine Maas in demselben Theil, wo der größten, edelsten Mimen gedacht wurde.

Die Verschollene, Vergessene lebte wieder auf in ihrem schönsten Künstlerwirken!