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Johanna Beckmann – Traum und Tat

Gedichte, Schattenbilder

Johanna Beckmann, Traum und Tat, Gedanken und Schattenbilder, Rösl und Cie., München, o. J.



Die sterbende Geduld

Ich  ging in Liebe und Leid den Weg.
Wieder und wieder fragt ich um Ruh
Viel hundertmal.
Keiner hatte Erbarmen.

Leben du –
Warum quälst du die Seele zu Tod
Jeden Tag, jede Nacht –
Und senktest so tief
Ein warm Verlangen
Wie träumenden Samen
Fragend still
In der Seele Tiefen?

Ich habe gewollt,
Es war zu schwer.
Laß mich sterben!
Ich kann nicht mehr.




Die begrabene Hoffnung

Wieder und immer wieder –
Der Kreis so weit, so weit.
Steige vom Himmel nieder,
Leuchtende Seligkeit!

Ich glaube im tiefsten Wissen,
Das Licht ist ewig mein.
Ich fühl ob den Finsternissen
Der Sonne heiligen Schein.

Die Schatten schwerer und schwerer;
Der öde Weg allein
Immer eisiger, leerer.
Und der Jammer brach herein.

Wie grüßend hüllt die Welt sich selig
In strahlend, schimmernd Abendrot.
Dann kam die dunkle Nacht allmählich.
Und Hoffnung starb den schweren Tod.




Die schlummernde Kraft

In alter zeit
Das Ringen, das Schaffen
War schön.
Jedwede Stunde,
Ob früh oder spät,
Das war zum Werk
Die rechte Zeit.

Wo sind die Tage –
Wo sind die Träume? –
Schwarze Gedanken
Umhüllen schwer
Des Wirkens und Lebens
Mark und Sein.

Kein Gestern – kein Morgen.
Nicht Lust – nicht Not.
Kein Wunsch, kein Sorgen.
Die Welt ist tot.




Das träumende Glück

Im wesenlosen
Fühlen und Sinnen
Erscheinen heilige,
Selige, reine
Gedanken oder Begriffe. –

Rosen – Rosen –
Die sind so schön,
Und von vollen Blüten
Der duftige Kranz.
Und – ein Licht – ein Glanz –
Der Sterne Glühn,
Das schimmert still
Ob dem heimlichen Blühn.

Wahrheit! – Nein, banne
Der Ewigkeit Schleier
Nicht in den Raum,
Dein ist der Erde heiligste Feier.
Träum deinen Traum!



Die fragende Sehnsucht

Flügel! – Hatt ich nicht Flügel
Und konnte fliehen
Über Tiefen und Höhen –
Und bin allein,
Und in freien Lüften
Wiegt seine Schwingen
Frei der Gedasnke.
Hemmen mich Ketten?

Tragt mich wieder,
Ihr müden Schwingen,
Hindann so weit!
Wohin?
Ist alles begraben –
Und ist dir nirgend
Ein Heim bereitet?

Weit, weit aus dämmernden Gründen
Dem Morgen zu,
Hin über Irren und Sünde
Zur Ruh! –




Das erwachende Wollen

Was dröhnt?
Was hallt?
Wer ruft?

Ich träumte tief.
Hab ich den tag verträumt
Und Pflicht und Recht
Versäumt? –
Ist das noch Zeit,
Ist alles nun zerfallen,
Und ich bin
Dem Tag zu müd? –

Noch ruht der Schleiertraum
Um meine Glieder;
Wirf weg, was hemmt!
Die Stimmen werden still.
Ich bin gerüstet,
Und ich komm nun wieder.
Ich will. –




Der reifende Entschluß

Schließ deinen Kreis
Und wäge! – Wähne nicht,
Daß dir vom Himmel
Sprühend Sterne sinken
In Glanz und Glitzern!
Deine Nacht ist tief.

Du mußt nun prüfen
Und erkennen lernen
Der Nähe und der Ferne
Ernste Fragen.

Die Nacht ist tief,
Doch eine Blume blüht
An deinen Wegen
Still und fein und licht.
Dir gibt die dunkle Stunde
Ihren Segen,
Der geht mit dir,
Und der verläßt dich nicht.




Der ringende Wunsch

Zieht mich nicht nieder,
Dornen und Leid!
Ich suche die Sonne.
Die Nacht war lang.

Das war ein trauriges Fragen,
Und das ist vorbei,
Für Werk und Wagen
Ward ich frei.
Hinsinken die Sorgen.

Über Nebel und Tiefen und Hügel
Ich suche, ich frage um dich,
Und ich habe Flügel.
Du strahlende Morgensonne,
Erbarme du dich wieder
Und grüße mich!



Die schweigende Tat

Nicht Wunsch, noch Gebet –
Ganz Licht und Gedanke,
Kein Wort – kein Willen,
Kein Grund oder Recht.

Alle Begriffe
Lange begraben,
Kein Fragen um Rat,
Still schreitet
Der Ewigkeit entgegen
Schweigend die Tat.