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Anna Behrens-Litzmann – Gedichte.

Gedichte

Weiß'sche Universitäts-Buchhandlung, Heidelberg, 1920

Sehnsucht.


Meine Sehnsucht gleicht dem Meere,
Kommt und geht im Kreis der Stunden,
Immer wieder hat die Welle
Ihren Weg zu mir gefunden.


Sah ich auch, wenn ich gerungen,
Um im Sturme dann zu siegen,
Nur als bleichen fernen Streifen
Sie am Horizonte liegen. —


Immer wieder, leise, leise,
Kam heran die dunkle Welle,
Und jetzt zähl' ich schon die Kreise,
Und berechne ihre Schnelle.


Und ich fühle, wenn die Schwingen
Meiner Seele stolz sich breiten,
Schon das dumpfe Vorwärtsdringen
Neuer schwerer dunkler Zeiten.

 

*


Traum.


Ich stand mit meiner Harfe, deren Saiten
Verstimmt ich fand, — ich warf sie hin im Zorn, —
Da sah ich an der Wand, verstaubt, vergessen,
Von meinem Vater noch ein altes Horn.


Er hatt' es in der Jugend einst geblasen,
Nicht leicht und frohgemut, nein, schwer und tief,
Es paßte mir mit seinem ernsten Klange,
Den mir Erinn'rung in die Seele rief.


Und wie ich's zagend an die Lippen setzte,
Ich staunte fast, wie mir der Ton gelang,
Und wie ein Weckruf bald, von Berg zu Berge,
Von Wald zu Wald, von Tal zu Tal sich schwang.


Und müde Schläfer sah ich sich erheben
Drunten im Tal, ein Fragen überall:
Wer ruft, wer ruft? Das klingt wie neues Leben
Und weckt in unsrer Seele Widerhall.


Wir schliefen dumpf in Lust und Traurigkeiten,
In Grabesangst und Not; wer kennt die Not?
Wer ruft uns wieder an das Licht der Sonne?
Wir wollen leben, wir sind noch nicht tot.


Wir wollen leben, und in mächt'gen Scharen
Klimmt es zum Berge, wo ich einsam stand,
Ob's Hunderte, ob's Tausende schon waren?
— Ich fühle, wie mir zittert Lipp' und Hand.


Das Horn entgleitet mir, ich will es halten,
Doch Einer aus der Menge greift es schon,
Ein Jubelschrei, er setzt es an die Lippen,
Und mächtiger, viel mächt'ger klingt der Ton.


Und gleichsam ist's, als ob er sich vermehre,
Hier schallt's, dort schallt's, ein wundervoller Klang,
Wie Donnerrollen geht es durch die Berge,
Und in die Lüfte fliegt's wie Jubelsang.


Doch ferner dann, und ferner, immer ferner,
Wie Regen noch, der sacht zu Tale rauscht,
Wie eine Welle, die das Meer gefunden,
Und mit dem Ozean nun Grüße tauscht.


Und also läßt die Seele auch verrauschen
Was sie geschenkt dem raschen Strom der Zeit,
Und sucht die Gottheit, die das Lied gegeben,
Und spricht in Worten, die kein Ohr mehr höret,
Zu ihr in hehrer Bergeseinsamkeit.


*


Befreiung.


Ob von der irdisch menschlichen Gestalt,
In die wir hier so fest hineingebunden,
Daß oftmals sie in schicksalsschweren Stunden
Die Seele uns beherrscht mit Allgewalt; —


Ob von der Form, aus deren strengem Bann
Wir nimmer lösen konnten unser Wesen,
Wir einmal vor dem Ende noch genesen,
Daß unsre Seele frei sich rühren kann?


Und dann, — wohin wird sie den Willen führen,
Was werden die erlösten Augen sehn,
Wird sie den lichten Weg zur Höhe gehn,
Wenn sich die nun entbundnen Schwingen rühren?


Wir wissen's nicht, doch oft mit rascher Hand
Möcht' ich die Stäbe lösen von dem Gitter,
Das sie umhegt — und flögen auch die Splitter —
Nur frei zu sein von der Begrenztheit Band.


Da horch — ein Ton, von dem ich nie gewußt,
Geweckt durch dieses brennende Verlangen,
Und von Gedanken fühl' ich mich umfangen,
Die tief als Rätsel lagen in der Brust.


Und spür' die Stunde der Befreiung nahn,
Mit Zagen noch — und doch mit Freudebeben
Weiß ich es, nun beginnt das letzte Leben,
Und sehe hell die mir gewies'ne Bahn.


*


Werft die Fesseln ab, die euch noch binden,
Die euch ketten an die alte Zeit,
Sucht aus eigner Kraft die Tat zu finden,
Die von überlebtem Zwang befreit.


Fern der Menge, die mit lautem Schreien
Nur Befriedigung sucht der eignen Lust,
Freigeborne sollen sich befreien,
Die Gesetze tragen in der Brust.


Denn die Freiheit drückt wie Königskrone,
Und gar manchem ist die Last zu schwer.
Und gar mancher fühlt im Tagesfrone
Keine Last und kein Entbehren mehr.


Aber ihr, die ihr die Freiheit brauchet,
Lebt in ihr, so stolz, so froh, so kühn,
Daß um euch, in Sonnenglanz getauchet,
Schöne, nie geschaute Blumen blühn.


Und dann lockt auf eure Sonnenbahnen
Wie mit Zauberklängen alle jene nach,
Die die Dumpfheit ihres Kerkers ahnen,
Sehnend harren auf den neuen Tag.


*


Ich will mit müden Füßen weiter schreiten
Bis ich mir Licht und Luft und Raum geschafft,
Ich will in weite Himmelsfernen gleiten
Bis ich erprobt auch meiner Schwingen Kraft;
Ich will mit Menschenkräften mutig ringen,
Wenn sie mir groß und stark entgegen stehn,
Nur mit den kleinen nicht'gen ird'schen Dingen
Will ich nicht kämpfen, nicht drin untergehn.


Nicht untergehn, ich will empor sie heben,
Sie formen, sei es auch mit schwacher Hand,
Eins machen sie mit meinem besten Leben,
Daß sie mich kleiden wie ein frei Gewand.
Bis jede kleinste Pflicht, die ich erfülle,
Mitrede von der großen heil'gen Pflicht,
Und Güte, Schönheit, Einheit, Kraft enthülle,
Bis Wort und Tun ein einheitlich Gedicht.


Das ist das Ziel, das schon in Kindertagen
Als Traumbild licht vor meiner Seele stand,
Ihr, die ihr mit mir lebtet, sollet sagen,
Ob ich den Weg zu diesem Ziele fand.
Doch stille bleibt es, tiefes totes Schweigen,
Seit ich allein, fand ich den Weg noch nicht,
So muß ich einsam denn noch weiter steigen
Mit meiner ew'gen Sehnsucht nach dem Licht.


*


Ich hatte einen seltsamen Traum:
Unter knospendem Kirschenbaum
Saß eine alte, alte Frau,
Das Gesicht voll Runzeln, die Haare grau.


Die alte Frau trug ein schneeweißes Kleid,
Weiß wie der Kirschbaum zur Blütezeit,
In weichen Falten floß ihr Gewand
Über den grünen Wiesenrand,


Sie saß so still und lächelte leis
Und hob die Hände, wie Blüten weiß,
Und winkte und grüßte der Sonne nach,
Der sinkenden Sonne, dem scheidenden Tag.


Ich dachte, du bist viel schöner als wir
Und all unsre Jugend, — und nahte mich ihr
Und neigte mich zu ihr und flüsterte sacht:
Sag', was so schön dich und glücklich macht.


Da hob sie die Augen und schaute mich an,
Ein Blick, den ich nimmer vergessen kann.
Wissen und Schauen — da wankte der Baum,
Zerstoben das Bild, zerstoben der Traum.


*


An E. F.


Es kann nicht jeder gehn auf leisen Füßen,
Die Blumen schonend, die am Wege blühn;
Nicht jeder seinen hellen Tag begrüßen,
Als läg' er schon im milden Abendglühn.


Wir brauchen sie, die stark und rüstig schreiten,
In warmer Lebensfülle, frisch zur Tat,
Ob Silberfädchen ihrer Hand entgleiten,
Sie schaffen Gold und säen junge Saat.


Und treffen sie in einer guten Stunde
Die Stilleren, so gibt es holde Rast,
Gleich Meeresatem weht's von ihrem Munde,
Wie Abendwind legt sich die eigne Hast.


Und scheiden sie, so tragen sie von dannen
In ihren Herzen neuen hellen Sang,
Ob froh sie schafften, ob sie träumend sannen,
Sie beide grüßt der gleiche Feierklang.


*



Der Strom.


Wie lieb' ich es, an Frühlingstagen
Dem muntren Strome nachzusehn,
Wenn auch die Wellen hin und wieder
Mit über unsre Gärten gehn.
Die Blumen ducken ihre Köpfchen
Und tauchen in den Rieselbach,
Dann aber heben sie sich wieder
Und schaun ihm voll Bewundrung nach.


Denn frisch und fröhlich zieht er weiter
Und rauscht, wenn er zu Tale fällt,
Und wo ihm Wintereis begegnet,
Sich brausend Zaum im Zaume hält
Und aufgepeitscht vom Sturme, fühlend,
Daß ihn zu eng sein Bett umschließt,
Die letzten Schollen mit sich reißend,
Sehnsüchtig in die Weite schießt.


Lacht dann die liebe Sonne wieder
Schau ich ihm auf den klaren Grund
Und sehe, all sein wild Verlangen
Und all sein Drängen war gesund.

Die Ufer leuchten ihm entgegen,
Die nun in Blütenfülle stehn,
Der rüst'ge Wandrer greift zum Stabe
Und möchte mit dem Strome gehn.


Er weiß, der tränkt die jungen Saaten,
Und was vom fernsten Meeresstrand
Die sturmbewährten Schiffe bringen,
Er trägt es fröhlich durch das Land.
Er führt der Wälder alte Stämme
Zu neuem Lebenszweck und Ziel
Und fügt im Herbst noch Purpurrosen
Und goldne Blätter sich zum Spiel.


Er wandert durch die Jahreszeiten,
An jedem Morgen wieder jung,
Er lockt die Wünsche in die Weiten
Und bettet die Erinnerung.
Und wo er fließt und wie er gleitet,
Sein Urquell bleibt das ew'ge Meer,
Dort, wo auch die Gedanken münden,
Dort geht er hin, dort kommt er her.





*
Winterwanderung.


Schnee deckte blitzend Weg und Steg,
Lag weiß und weich auf grünen Tannen,
Eisschollen folgten auf dem Strom
Den Wellen, die zu Tale rannen.


Bleigrau die Flut, bleigrau die Luft,
Darunter all die Winterhelle,
Und hie und da ein Sonnenstrahl
Sich spiegelnd in der dunklen Welle.


Und immer tiefer ward im Wald
Das Schweigen, wie wir aufwärts stiegen,
Und immer nebelhafter sahn
Wir Fluß und Tal da unten liegen,
Und wie die Füße mehr und mehr
In weichen tiefen Schnee versanken,
Spann märchenhafte Einsamkeit
Ihr Silbernetz um die Gedanken.


Es glühten Farben auf dem Schnee,
Was wir gehört aus alten Sagen,
Es ward lebendig, kam uns nah,
Als wär's geschehn in unsren Tagen,


Und dunkler Bäume Schattengrau
Auf dichtbeschneiten Wiesenweiten,
Schien wie ein Bild aus fernem Land
Phantastisch zu uns hin zu gleiten.


Ich aber meinte auch das Meer
Zu hören durch das tiefe Schweigen,
Sah stolze Segel silberweiß
Zu silberweißen Wolken steigen.
Still war die Welt, still ward auch ich,
Die Lust verging, ein Wort zu sprechen,
Nur Sehnsucht trieb wie drängend Eis
Den Bann des Alltags zu durchbrechen.


Den Strom hinab, den grauen Strom,
Hinaus in silberhelle Weiten,
Die Stimmen klangen mir so fern,
Langsam sah ich den Tag entgleiten.


*


Meine Perlen.


Mancher Arme reihte wohl zur Schnur
Jene Perlen, die ich leise nur
Über meine Decke lasse gleiten
Wie ein Spielzeug für verlorne Zeiten.


Arme Perlen ohne Schmelz und Glanz,
Wie ein dunkler frommer Rosenkranz,
Von Gebetskraft Und Entsagung schwer
Gehn sie durch die Hände hin und her.


Wer eine Nonne nähme nie
Meine Perlen, denn schon spürte sie,
Daß die düstre Farbe Trug und Schein,
Jede Perle sing ihr Licht sich ein.


Jenes Licht, das schon von Anbeginn
Flutet durch den Kreis der Welten hin;
Jenes Licht, das niemals untergeht,
Bis der Puls des Lebens stille steht.


Und dann um Zypressen dunkelschwer
Glänzt und glüht es, bannt das Nebelheer,
Frische junge Blumen weckt es auf,
Spiegelt sich in neuer Quellen Lauf.


Meine Perlen, fern vom Heimatland
Gleiten sie mir achtlos aus der Hand,
Heute ohne Glanz, wie Tropfen nur,
Suchen sie die neue Wegespur.


*


Traum.


Ich hin der Wind, der deine Stirne kühlt,
Ich bin die Welle, die dich lind umspült,
Ich bin der Morgen, der dir Rosen bringt,
Ich bin der Vogel, der in Schlaf dich singt.


Ich bin dein Leid, dein Glück, dein Weib, dein Kind,
Ich bin, was dir Millionen sonst nicht sind,
Kraft deiner Arbeit, deiner Muße Lust,
Sonne des Hauses, Frieden deiner Brust.


So sprach ich heut' im Traum, — da wacht' ich auf,
Grau, einsam, dämmerte der Tag herauf,
Doch immer noch den langen, dunklen Tag
Klangen die stolzen, schönen Worte nach.


*



Nachtritt.


Was stampft vor meiner Türe
Um Mitternacht so laut?
Ein weißes Roß steht draußen,
Das mir ins Fenster schaut.
Wie Wellenschaum die Mähne
Blinket im Mondenschein,
Es lädt zu stillem Ritte
Das weiße Roß
Geheimnisvoll mich ein.


Hinter mir graue Pappeln
Schwer in der klaren Luft.
Unter mir weite Felder
Träumend im Nebelduft.
Jetzt über dunkle Schluchten
Wilder die Kreuz, die Quer',
Hinan zu steilen Höhen,
Wo keine Menschen mehr.


Einsam — die Luft wird kälter,
Der höchste Berg entschwand,
Mein Roß fängt an zu wiehern,
Es wittert Heimatland,
Wo sich die ew'gen Rätsel
Enträtseln unsrem Blick,
Höher und immer höher,
Es führt kein Weg zurück.


Kein Weg zurück, wie taumelnd
Im Sattel hänge ich,
Nur noch die Wolken tragen
Mein weißes Roß,
Mein weißes Roß und mich.
Eisige, starre Stille,
Dann plötzlich Flammenglut,
Mein Haupt zurückgesunken
Gleichsam in Feuer ruht.


Wie glühend heißer Atem
Streift es mir Wang' und Brust,
Mein Roß steigt in die Höhe
Trunken in wilder Lust; —
Und tausend Welten wie im Blitz,
In Sonnenflammenglut erstehn,
Ich habe einen Pulsschlag lang
Die Ewigkeit gesehn.


*

 

Gold.


Es fällt ein Mondesstrahl auf meinen Ring,
Wie ich am Fenster steh' im Wenddunkel,
Und sinnend schau ich nieder auf die Hand
Und auf das liebe traute Goldgefunkel.
Wo suchen wir denn heute noch das Gold?
In Mondscheinnächten und an Sonnentagen
Und bei den Schätzen, die wir heimlich still
In unsren Häusern, unsren Herzen tragen.


Da ist's, als fing der Ring zu sprechen an:
Siehst du die Brücken nicht, die ich dir baue
Zum Monde, wenn sein Gold mich überglänzt,
Zur Sonne, wenn ich ihr ins Antlitz schaue?
Du trägst mich lange, und dein Leben war
Ein einzig Sonnenfest, — die dunklen Schatten
Der kranken Tage brachten ihnen nur
Die Mondscheinweihe, die sie nötig hatten.


Dann ging das Glück und schlang den zweiten Ring
Um deinen Finger, neu euch zu vereinen,
Und feuchten Aug's siehst du im Doppelreif
Das Doppelglück verklärt dir widerscheinen,
Schau, wie es heute strebt zum Mond empor,
Bis Sonnenstrahlen es mit Glanz umweben,
Du bist noch reich, erfülle Reichtums Pflicht,
Den lange angehäuften Schatz zu heben.


Hör, was die Welt mit tausend Zungen spricht,
Jetzt ist es Zeit zum Schenken und zum Geben,
Und bringt das arme Leben Gold euch nicht,
Du trägst noch Gold, vergolde du das Leben. —
Ein enger Ring, ein feiner goldner Strahl,
Doch fängst du ihn, er weist den Weg zum Lichte,
Und unter deinen Augen manches Mal
Geht still ein kleines Erdenweh zunichte.


*



Winter.


Nun liegt die Erde wieder weit und breit
In nächt'gem Schweigen, Wintereinsamkeit;
Den großen Sarg deckt still das weiße Tuch,
Der Tod spricht leise seinen Segensspruch,
Dann winkt den Sternen er, die aber fragen:
Was hat der kleine Erdentod zu sagen?
Mitleidig lächeln sie dem armen Traum,
Der eine Welt sich dünkt im Weltenraum.
Der Wind jedoch, der ihren Blick versteht,
Unwillig durch die kahlen Zweige weht;
Der Weltensegler kennt nicht groß noch klein;
Er trennt nicht Erdenlicht und Himmelsschein,
Und plötzlich hebt er mächtig an zu sausen,
Die weite Luft durchtönt's wie Orgelbrausen,
Und überall lebendig wird das Schweigen,
Die schwarzen Stämme beugen sich und neigen,
Dann scheinen sie wie Riesen aufzuragen
Und stolz das sternbesäete Dach zu tragen.


Und ringsum durch der Wälder weite Hallen
Die feierlichen Klagetöne schallen,
Ein Trauersang nicht nur der armen Erde,
Nein, allem, was gehorcht dem: »Stirb und werde«,
Das immer wieder, wo sich Tod und Leben
Begegnen, seine Stimme muß erheben. —
Dann wird es still, verhallt der hehre Sang,
Ein leiser Seufzer noch, ein weher Klang,

Die Sterne treten aus dem Wolkenflor
Der sie umhüllte, wieder klar hervor,
Sie schauen ernster nun, als ob sie wüßten,
Daß sie als Hüter droben wandeln müßten,
Und hätten fromm das Amt jetzt übernommen,
Bis einst auch ihre Sterbezeit gekommen.


Nun ruhn der Erde schneebedeckte Weiten,
Und über ihre Totenfelder gleiten
Mit leisem Geistergruß die Ewigkeiten.


*


Und dennoch, dennoch werd' ich siegen! Nein,
Ihr sollt mich nicht zerstücken und zerbrechen,
Was ich gehofft, geträumt, ich will es sein,
Ich will das letzte Wort noch jubelnd sprechen.


In mir lebt eine Schönheit unversehrt,
Und eine Kraft, die Riesen überwindet,
Ob jetzt auch keiner ist, der sie begehrt,
Und keiner, der zu ihr den Schlüssel findet.


Jedoch er kommt, ich sah ihn schon im Traum,
Ihn, dem der Tagesstimmen Laute fehlen,
Ihn, der gebunden nicht an Zeit und Raum,
Ein Mensch mit tausend Leibern, tausend Seelen.



Er löst das Siegel dann von meinem Mund,
Und was ich lang gesonnen, wird zum Klang,
Und meiner Seele Kraft und Wissen tut er kund,
Hin durch die Welten trägt er meinen Sang.


Und zu ihm ruf' ich in der dunklen Nacht,
Wenn tiefste Finsternis mich schwarz umhüllet,
Er ist's, der neben mir in Sehnsucht wacht,
Bis er den Raum mit Morgenglanz erfüllet.


*



Sturmwind.


Wie lauscht' ich als Kind dem Winde so gern,
Wenn er sang in den Lindenbäumen,
Wie Geisterstimmen klang es von fern
Aus alten Märchen und Träumen.
Doch wenn der Regen vom Himmel siel
Und er kam mit den Wolken geflogen,
Dann lacht' ich wohl über sein neckisches Spiel,
Wenn Pappeln sich neigten und bogen.


Und später, wie oft bin erwacht ich zur Nacht
Wenn er fuhr durch die Tannen mit Sausen,
Dann hab' ich an Schiffer und Schiffe gedacht
Und brandender Wellen Brausen;
Doch ferne der Heimat, am fremden Strand,
Wenn sinnend im Sande wir lagen,
Nur freundliche Grüße hat er gesandt
Aus sonnigen Kindertagen.


Er hat unser Gärtlein im Grünen umrauscht,
Auf schwankenden Halmen gezittert,
Wir haben ihm abends mit Bangen gelauscht,
Wenn stöhnend er Bäume zersplittert;
Wir haben berauscht uns an seiner Kraft,
Wenn jauchzend die Wälder sangen,
Und wenn überm Meer er die Segel gerafft,
Gedanken sind mit ihm gegangen.


Dann ward sein Atem wie schwer von Duft
Und blühender Wiesen Grüßen,
Und leise rührt' er in sonniger Luft
Die Ernte zu unsren Füßen,
Und feierlich ward er wie Orgelklang,
Und schaurig am Wintertage,
Wenn unter dem Eise das Wasser sang,
Der Gefesselten Sehnsuchtsklage.


Nun hör' ich den Sturmwind, ich hör' ihn bei Nacht
Die mächtigen Schwingen entfalten,
Hat Stunde um Stunde zurück mir gebracht
Das Leben in bunten Gestalten.
Jetzt saust er und braust er und kommt nicht zur Ruh' —
Ich falte geduldig die Hände,
Die Augen, die müden, sie fallen mir zu,
Ich lausche — und warte aufs Ende.


*



Einem Einsamen.


Ich wollte, daß ich jene Rosen fände,
Die knospen noch am blätterlosen Strauch,
Dem harten Frost der Winternächte trotzend,
Und jedem noch so rauhen Windeshauch.


Sie blühen auch auf dornenhartem Acker
Und überströmen ihn mit weichem Duft,
Wie eingehüllt in eine stille Flamme,
Von deren Leuchten rings erfüllt die Luft.


Ich wollte, daß ich jene Rosen fände,
Wie ich sie oft in wachem Traum gesehn,
An denen immer wieder, Stund' um Stunde,
Die Menschen achtlos, stumm vorübergehn.


Ich weiß, sie sind, — wenn ich nur eine fände,
Ich trüge sie dir leise ins Gemach
Und legte sie in deine müden Hände,
Daß dich ihr Duft umwehte Tag an Tag;


Und Nacht für Nacht dann um dein einsam Lager
Du spürtest ihrer reinen Flamme Hauch,
Und wüßtest, daß sie dort so unvergänglich
Wie draußen an dem blätterlosen Strauch.


Ich weiß, sie trüge Kraft dir in dein Leben,
Weil sie erblüht in jenem stillen Land,
Das rauhen Erdenhänden unantastbar,
Dort, wo die tiefsten Seelenkeime schlummern


Und warten auf den Augenblick des Blühens,
In ihrem Heimatland, dort, wo wir alle,
Wir Suchenden, uns finden Hand in Hand.


*


Geliebter, alles hab' ich dir gebracht, —
Du weißt es ja, in deine treuen Hände
Hab' ich die zarten Blüten still gelegt;
Wir wußten nicht, ob sich die Frucht vollende.


Nun ist sie reif und du bist mir so fern,
Und immer ferner rückst du meinem Leben,
Die Schale halt ich zitternd in die Luft,
Wem soll ich meine Kostbarkeiten geben?


Sie waren Kostbarkeiten nur für dich,
Nun sind sie wertlos, und mein Herz voll Trauer;
Dein sind sie, dein, und ach, du nimmst sie nicht, —
Auf meine Schale fällt ein Tränenschauer.


Nun berg' ich sie im allertiefsten Schrein,
Bis Lieder diesen Tränen auch entsprossen,
Die dann vielleicht von jenem klaren Schein,
Der milden Sternennächten gleicht, umflossen;
Dann dringen sie ins Reich des Lichtes ein,
Und deine Hand hält dennoch sie umschlossen.


*



Märchen.


Ging ich so auf meinen Sommerwegen,
Bald mit leichtem, bald mit müdem Schritt,
Nahm ich mir aus Feld- und Waldgehegen
Blatt und Blume, Frucht und Samen mit.
Samenkörner sollten weiter leben,
Blätter legt' ich in ein Sammelbuch,
Frucht und Blüte barg ich und daneben
Schrieb ich wohl zuweilen einen Spruch.


Auch der Herbst noch wollte mir bescheren,
Und am Wintertag in eis'gem Wind
Pflückte ich mir leuchtend rote Beeren
Zwischen Blättern, die wie Stacheln sind.
Aber ach, die dunklen Tage kamen,
Wo der Fuß die Wege nicht mehr fand,
Wo die Augen wohl noch Blumen nahmen,
Doch zum Pflücken müde ward die Hand.


Und es schlich die Zeit auf leisen Sohlen,
Immer Tag und Nacht und Nacht und Tag,
Seufzer nur und banges Atemholen,
Und im Herzen ew'ge Sehnsucht wach.
War der Tod zu mir herangekommen,
Daß die Zeit so düstre Kleider trug,
War die Sonne aus der Welt genommen,
Sonne, ach, nach der ich immer frug?

Wer nein, an einem Wundermorgen,
Als ich so vor meiner Lade stand,
Fielen staubbedeckt, doch wohlgeborgen,
Samenkörner mir in meine Hand.
Und, als wolle nun ein Traum mich wirren,
Stieg empor ein wundersüßer Duft,
Und im Nu, ich konnte nicht mehr irren
War erfüllt davon die ganze Luft.


Ja, die Augen wagt' ich kaum zu heben,
Daß der holde Spuk mir nicht entschwand,
Wo ein dunkles Zimmer noch soeben —
Nun ein blühend weites Gartenland.
Jedes Blatt, nach dem ich einst mich bückte,
Jedes Körnlein, das ich heimgebracht,
Jede Blumenknospe, die ich pflückte,
Nun erblüht in tausendfacher Pracht.


Und ein Glänzen überall, ein Klingen,
Und ein Quellensprudeln weit und breit,
Bienensummen, Falterschwirren, Singen,
Goldne Sommersonnenherrlichkeit.
Alles, was mich quälte, weggesunken,
Wie in nebelweite Dämmerung,
Und in meinem Garten, sonnentrunken,
Stand ich selber wieder, froh und jung.


*


Herbst.


Goldne Fäden in der Luft,
Später Rosen letzter Duft,
Rotes Laub, der Sommer flieht,
Leise singt sein Abschiedslied
Vöglein noch aus Waldesgrund,
Halt sie fest, die schöne Stund'!


*


Einst stand ich wie im Herbst ein goldner Baum,
Und jedes Blatt, ob's auch der Sturm entführte.
Wenn es die kalte dunkle Erde rührte,
Lag blitzend da, ein Sommersonnentraum.


Nun hängen meine Blätter welk und schwer
Wie Lasten, die schon nach dem Winter fragen,
Die Winde rufend, und die Winde tragen
Sie still hinaus ins graue Nebelmeer.


*


Wenn der Wald in goldnen Flammen steht,
Herbstwind raunend durch die Zweige weht,
Rührt sein Atem mich wie junge Kraft,
Jene Kraft, die nimmer untergeht.


Ahnend spür' ich schon in tiefster Brust,
Dieses sel'gen Sterbens Werdelust,
Und die Füße schreiten leicht und frei
Mit dem Tod, als ob er Leben sei.


Tod, der leuchtend um die Berge zieht,
Daß sein Purpurmantel glüht und sprüht,
Über welkem Laub und welker Lust
Hör' ich nur das Auferstehungslied.


*



Der Tod.


Es ist ein fremder Wandergast der Tod —
Und dennoch tief vertraut mit unsrem Leben,
Denn Glück und Leid und Liebe, Schuld und Not,
Und was noch sonst im Schicksalsbuche steht

In bunter Schrift,

Wir können ihm entgehn, dem einen oder andren,

Doch nie dem Tod,

Ihm müssen alle wir in letzter Stunde
Die letzte Kraft, den letzten Atem geben.


Er ist gerechter als Gerechtigkeit,
Er nimmt die reife Frucht, die zarten Blüten,
Er nimmt die Kraft und die Zerbrechlichkeit,
Er nimmt das Leben, das sich ausgelebt,
Und Lebensrätsel, schlummernd ungelöst, —
Er nimmt den Tapfren heut', den Feigen morgen,

Nimmt, wer ihn sucht,

Und wer da strebt, ihm zu entgehn
Und noch den Lebensschein
Vor feiner Hände leisem Griff zu hüten.


Und mit uns schreitet er, wohin wir gehn,
Durch alter Städte halbverfallne Mauern;
Im Moderschutt ist seine Spur zu sehn,
Und dort, wo Schönheit dienstbar ist der Zeit —

Nur heute noch,

Wo Geist mit Geist um ernste Lebensziele

Die Kräfte mißt,

Da schreitet er hindurch mitleidig lächelnd,
Und mancher spürt sein Nahn mit leisen Schauern.


So wandert er unsterblich durch die Zeit,
Er, der uns sterben läßt wie unsre Taten,
Und unser Sein gebannt ins Erdenkleid,

Bis einmal doch befreit

Es siegreich stolz sich über ihn erhebt

Und weiter lebt,

Und immer weiter fügend Stein zu Stein
Mit neuer Kraft um neue Kräfte wirbt,
Und wie umloht von ew'gem Flammenschein
Den Funken trägt in flammendurst'ge Geister,

Der nie erlöschen kann,
Der nimmer stirbt.

Das ist die Stunde, wo er abseits steht,

Der Mächtige,
Und still vorüber geht,

Wenn so ein Toter ward des Todes Meister.


*


Leben.


Wir irren viel und brauchen allezeit Erbarmen, —
Das Wörtlein Sünde aber streich' ich aus der Welt.
Wo steht die Wage, gleich den Reichen wie den Armen,
Wer kennt den Richter, der gerechtes Urteil fällt?


Wie können gläubig wir uns an Gesetze schmieden,
Die jede neue Zeit uns doch zertrümmern kann?
Und sind wir fromm und fehlen dennoch schwer hienieden,
Wo fängt im Gottesreiche das Verdammen an?


So wie aus Quellen Millionen Tropfen sprühen,
So sprüht und quillt das Leben aus der Menschenbrust,
Tränkt Saat und Keim, blitzt auf, wenn heiße Flammen glühen,
Sie selber löschend wieder doch in weher Lust.


Hoch steigt der Strahl, wenn hell die Sommersonne blendet,
Schwer fallen Tropfen, wenn die Nebelwolken ziehn,
Wer aber sieht, wo einstmals sich ihr Ziel vollendet,
Wer folgt der Spur, wenn unsren Augen sie entfliehn?


Nur eines wissen wir, kein Tropfen geht verloren,
Aus Sumpf und Wüste keimt, was neue Keime bringt,
Aus jedem Tod wird Leben wieder neu geboren,
Und Leben ist's, das Schuld und Reu, und Tod bezwingt.


*

Ewigkeit.


Wenn unsre Hülle, zart wie lichte Seide,
Nur noch die Seele, die entflatternde, umspinnt,
Das Blut verebbend leiser, immer leiser rinnt,
Kaum sichtbar unterm weißen Sterbekleide, —


Dann mag das heil'ge Wunder sich begeben,
Daß hier der Geist sich schon der Form entringt,
Und tief geheimstes und verschwiegnes Leben
Aus letzten leis gehauchten Worten schwingt.


Dann wird die Liebe Ton, und was sie nie gesprochen,
Was nie ein Ohr gehört, klingt durch die Nacht,
Und vor ihr hingesunken und zerbrochen
Liegt Todesfurcht und Todesherrschermacht.


Dann wandelt durch die still gewordnen Räume
Auf leisen Füßen schon die Ewigkeit,
Und ihres Wesens lichtgewordne Träume
Sind die Gefährten der Verlassenheit.


*



Schwarz steht das Kirchlein dort am Berge,
Und schweigend auch, — die Glocke schwingt
Nicht mehr, die über Totensärge
Das Lied der Ewigkeit uns singt.


Nur wie ein Finger hoch erhoben
Weist noch der dunkle Turm den Pfad,
Den meine Seele, lichtumwoben,
Hier unten schon gefunden hat.


*


Der alte Hut.


Ich hatte einen alten Hut
Geschmückt mit lichten Zweigen,
Er stand der blonden Jugend gut,
Mocht' frisch dem Tag sich zeigen.
Ein wehend Band mit gold'gem Schein
Ließ er hernieder hangen,
Zartros'ge Blüten schienen fein
Die Sonne aufzufangen.


Der Hut ward alt, die Zeit verging,
Er kam zu Rast und Ruhe,
Er lag mit manchem alten Ding
Vergessen in der Truhe;
Und Mod' um Mode, Zeit um Zeit
Ging still an ihm vorüber,
Vorüber Tagesfrag' und Streit,
Auch Lächeln glitt hinüber.


Nun bin ich alt und bin allein
Und such' in tiefer Ruhe,
Gleichwie aus einem Heil'genschrein,
Vergessnes aus der Truhe;
Da find' ich auch den alten Hut
Und seh' ihn an in Schweigen,
Er steht der heut'gen Jugend gut
Mit seinen lichten Zweigen.


Ich halt' ihn sinnend in der Hand
Und staun' und staun' noch immer,
Es liegt auf dem verblaßten Band
Wie feuchter Morgenschimmer;
Die Mode hat den Kreis gemacht,
Mein Herz die stille Runde,
Die alte Zeit ist aufgewacht
Und grüßt die neue Stunde.


*




Im Sanatorium


Es gleiten im feierlichen Takt
Die Stunden durch dies Haus,
Die Glocken sind wach bei Nacht und Tag,
Ich lausche aus meinem Turmgemach
Mit eignen Gedanken hinaus.


Lebenshoffnung und Todesleid
Warten in jedem Raum,
Heut' geht ein mutiger junger Schritt,
Und morgen ein banger Seufzer mit
Durch meinen nächtlichen Traum.


Und fremde Geschicke machen Rast
Und weben ihr buntes Kleid,
Fremdes Lachen und fremde Last,
Das kommt und geht wie ein Wandergast,
Immer zum Scheiden bereit.


Kinderjubel und Altersnot
Gleiten treppauf, treppab,
Kampf und Frieden in jeder Gestalt,
Liebeslächeln und Sterbensgewalt,
Von der Wiege zum Grab.


Alles auf leisen Sohlen schleicht
An meiner Türe vorbei.
Ich stehe da wie auf hoher Wacht
Und habe auf Tod und Leben acht,
Selbst schon entbunden und frei.


Beide mir lieb und beide vertraut,
Nichts, was mit Furcht mich erfüllt,
So schau' ich herab aufs blühende Land,
Mit Tod und Leben Wand an Wand
Und träume mir hinter der Wolken Rand,
Was einst sich uns allen enthüllt.


*




An den Tod.


Spann' deine schnellsten Rosse vor den Wagen,
Tod, wenn du kommst, und komme nicht bei Nacht,
Nein, komm' in Sonnenglanz und Sommerpracht,
Wenn tausend Rosen unsre Gärten kränzen,
Oder wie Gold im Herbst die Wälder glänzen,
Und was noch lebt, dem Licht entgegen lacht.


Hast du's versäumt, dann komm' in Winterstille,
Wenn weiße Flocken rieseln, weich wie Flaum,
Im Schlummer atmet friedlich Baum an Baum; —
Dann laß von ferne leis die Glocken läuten,
Daß meine Ohren schon den Klang sich deuten
Und zu der Fahrt sich rüste Kraft und Wille.


Dein Vorspann aber, Not und Leibesqual,
Die laß zurück; sie nahten manches Mal,
Ich hab' mich duldsam ihrem Joch ergeben,
Nun aber komm' als Sieger, nimm mein Leben
Als leichte Beute, sel'ger Hoffnung Bote,
Dahin geleitend mich, wo liebe Tote
Schon lange meinem Rufen Antwort geben.


Mein Ohr ist wach, denn Erdenleid und -schöne
Bereiteten die Seele für die Töne,
Die du erweckst, Künder der Ewigkeit.
Ich seh' die goldne Brücke aus der Zeit
Hinüberführen, — o so zaudre nicht,
Laß mich nicht warten erst und flehn und rufen,
Nimm deine Rosse mit den scharfen Hufen,
Daß diese letzte Fahrt mein Leben kröne,
Das Sehnen war, nur Sehnen nach dem Licht.


*



Wir, die vom Glauben leben.


Wir, die vom Glauben leben und sterben müssen,
Wenn uns der Glaube jäh oder langsam entgleitet,
Der über Denken, Schauen, Begreifen und Wissen
Immer noch leichte goldige Schleier gebreitet, —
Wenn in den Händen, den überfeinen und zarten,
Zwischen Blüten der giftige Wurm sich fand,
Und unsrer Seele heimlich gehüteter Garten
Ward betastet mit kühl zerlegender Hand.


Wird uns vielleicht einmal das Schicksal bescheren
Mehr als die wirklich Wissenden zu verstehn,
Und unsere sonnesuchenden Augen lehren
Wunder, keuscher und tiefer als sie zu sehn?
Daß sich der Fluch der Allzugläubigen löse,
Und im Augenblick, wo der Glaube entgleitet,
Ihnen, entrückt, schon jenseits von Gut und Böse,
Seele und Auge für neue Welten sich weitet?


Dann gab Natur, die gütige, nicht vergebens,
Was uns freudig und schmerzhaft trog oder band,
Und der goldene Reichtum unsres Erlebens
War nur reicherer Fülle Unterpfand.


*

Nun, Seele, rüste dich.


Nun, Seele, rüste dich, ihm, der gewaltsam
Sich Rechte angemaßt auf Reich und Zepter,
Mit deiner Heerschar kühnlich zu begegnen.
Was — er, der Körper, Herrscher über dich,
Er, der in Demut nur dir dienen müßte,
Da ihn der Tod in jedem Augenblick,
In jeglicher Gestalt vernichten kann,
Indessen du die lichten Schwingen breitend
Und freiheitjubelnd sieghaft ihm entschwebst?


Laß, Seele, deine hellen Flammen wehn
Und singe deine Lieder in die Nacht,
Wenn er, gefesselt selbst, dich ketten will
An Schmerzen, die der Erde nur gehören.
Glaub' nur, er beugt sich, sammelst du dein Heer!
Sind es nicht Tausende, Millionen nicht,
Die Großen und die Starken aller Zeiten?
Sie stehn um dich, ein einzig Wort von dir
Ruft sie herbei. — Sieh ihre Schwerter blitzen,
Die Schilde funkeln, wenn des Mondes Strahl
Ihr Haupt und deines licht mit Glanz umwebt.


Nie bist du schwach, wenn unter ihrem Schutz, —
Sei ihnen nur getreu in hellen Stunden,
Dann schirmen sie dich in der Finsternis.
Wenn auch die Sterne bleichen, wenn die Stimmen
Der Menschen fern und immer ferner klingen,
Sie tragen dich noch durch die letzte Nacht.

Ihr Nahesein wird dir zum Glaubensfels,
Und ihre Stimmen einen sich zum Chor,
Der mächtig überbraust die bangen Seufzer,
Die staubgeboren auch im Staub verwehn;
Denn sie und du seid stärker tausendmal
Als Todesfurcht, als Leib- und Seelenqual;
Sie sind vergänglich, ewig aber ihr.


*

Wunderweiße Sternennacht.


Wunderweiße Sternennacht,
Über unsre arme Erde
Breite deine hehre Pracht,
Daß es in uns Frieden werde.


Nur vom höchsten Himmelsturm
Kann das heil'ge Wort erschallen,
Erdenglocken läuten Sturm
Noch mit Hall und Widerhallen.


Um beschneite Gipfel stehn
Weiße Wolken, licht wie Firne,
Winde, die gleich Seufzern Wehn,
Küssen ihre blasse Stirne.


Licht um Licht löscht drunten aus, —
Doch mit leisen, leisen Tritten
Kommen jetzt von Haus zu Haus
Träume feierlich geschritten.


Alle borgten sich ihr Kleid
Von den Sternen, Silberschwingen
Tragen sie. Es steht die Zeit
Still vor ihrem fernen Klingen.


Lausche, Seele, lausche, Ohr,
Wie sich's wandeln mag und wenden,
An geheimnisvolles Tor
Klopfen sie mit leisen Händen,


Des Geschehens Riesenmacht
An der Ewigkeit gemessen,
Rinnend durch die Sternennacht
Wird vergehn, verwehn — vergessen.


*



Unser Kater.


Totenklage.


Einst ein Kätzchen trug man uns herbei,
Denn wir wünschten sehr uns einen Kater,
Und die allerweisesten Berater
Sagten uns, daß dieser einer sei.


Schwarz in Samt gekleidet, wie ich's liebe,
Hatte er nur weiße Strümpfchen an,
Und, als ob er fromme Dinge triebe,
Weiße Bäffchen zierlich angetan.


Unser Kater hatte gute Tage,
Strich durch Haus und Garten frisch und frei,
Ob er hin und wieder Mäuse jage,
Fanden wir, daß seine Sache sei.


Saßen wir bei unsrem Mittagsmahle,
Hatte er, der viele Namen trug,
Immer seine wohlgefüllte Schale,
Ach, nach der sein Aug' so schmeichelnd frug.


Und zum Mittagsschlummer war mein Kissen,
Grad mein weichestes, ihm eben gut,
Nur daß er noch, schönheitsdienstbeflissen
Vorzugsweis auf einem roten ruht.



Also flog die Zeit, die Monde rannen,
Und wir hatten ihn im dritten Jahr,
Immer froh, wenn wir uns drauf besannen,
Daß er, — nun, daß er ein Kater war.


Schüchtern fragten wir wohl hin und wieder,
Ist es nichts als würde er schon alt,
Lässiger die so geschmeid'gen Glieder,
Schwer die einst so schlanke Wohlgestalt?


Da, kaum wag' ich weiter zu berichten
Was an einem Maientag geschah,
Unerhört in allen Weltgeschichten —
Unser Kater lag mit Jungen da.


Niemals Jungfrau, nun im Mutterbette,
Lag mit sieben winz'gen Kätzelein,
Putzend sie und nährend um die Wette,
Grad als müsse alles nur so sein.


Daß wir bald die neue Katze schätzten,
Und die Jungen zärtlich ihr verziehn,
Das gehört nur noch zum allerletzten,
Unsre Totenklage feiert ihn.


*


Am Rhein. I.


Schon über dem Strome liegt die Nacht,
Die Nacht mit tausend Stimmen,
Rings sind die Lichter auch erwacht,
Die leuchten und die glimmen.
Und um die Berge seh' ich dicht
Die Nebel wogen und gleiten,
Und in dem wogenden Nebellicht
Seh' ich Gestalten schreiten.


In Scharen wallen sie vorbei,
Sie grüßen vertraut und leise,
Der eine flüstert ein Wort dabei,
Der andere summt eine Weise.
Der eine aber, der schaut mich an
Mit Augen, die glühen und brennen,
Eine Riesengestalt, ein einsamer Mann —
Mich schauert's — den muß ich doch kennen.


Und ich stürze ihm nach, und ich ruf' ihm ins Ohr,
Da winkt er gebietend Schweigen.
Und wieder seh' ich nur wie zuvor
Die Nebel wogen und steigen.


*

Am Rhein. II.


Es führen stille Treppen hinab zum grünen Rhein,
Die laue Welle plätschert verloren um den Stein.
Dann hebt sie an zu singen, so frühlingsweich und tief,
Ich höre eine Stimme, die mich schon lange rief.


Was wandelst du da oben, in all der Frühlingspracht,
Und weißt doch, daß ich schlafe, tief unten in der Nacht,
Und weißt doch, daß ich warte, und warte nur auf dich,
Was läßt du mich alleine, warum vergißt du mich?


Ich hab' dich nicht vergessen, ich lass' dich nicht allein,
Doch muß ich jetzt noch wandern im Tagessonnenschein,
Denn was du mir gegeben, in Freud' und Traurigkeit,
Das muß doch weiter leben, das braucht doch Reifezeit.


Wenn's einst in hellen Liedern durch alle Lande klingt,
Wenn's nur in eine Seele als Lock- und Mahnruf dringt,
Dann rufe mich, dann komm' ich, ein Held nach schwerem Streit,
Dann eint nach kurzem Leben uns Todesewigkeit.

 

*

 


Abend am Strom.


Wir wandern still am Strom, die Luft hängt schwer
Und seltsam hinter schiefergrauer Flut,
Wie schwarzverhangen, aus der Berge Hut
Schaun Kirch' und Häuser düster zu uns her.


Wir wandern still — es ist, als schlief die Welt
Und träumte einen wundersamen Traum,
Den Traum, der spielen kann mit Zeit und Raum,
Ter Nah und Fernes fest zusammenhält.


Und in dem Traum geht einer neben mir,
Einer, der nie ins Antlitz mir gelacht
Als Kind, als Knabe. Dessen ich gedacht
Doch immer, lange schon, und fern von hier.


Jetzt neben mir, hebt er sein blondes Haupt
Und reckt die Hand zum Gipfel schon empor,
Und rüstet sich zum Schritt durchs goldne Tor,
Steht da, wo ich mein Kind zu seh'n geglaubt.


Und wächst und wächst, indessen leise ich
In seine Seele legen darf die Saat,
Die Glück und Liebe mir gezeitigt hat
Und die nun reifen will für ihn und mich.


Wir wandern still. Und weiter spinnt den Traum
Die Nacht, die dunkel über Gräbern ruht,
Und leise rauscht, geheimnisvoll, die Flut
Des Stromes, der uns trägt in ew'gen Raum.


*



Dezember 1918.


Wie kahle Pappeln, die im Winde wehen,
Dezembertage regendüster stehen,
Unheimlich um des alten Jahres Tor.
Sie recken sich hinauf mit tausend Fragen
Zum Himmel, aber nur ein banges Klagen
Trifft ihr in dunkle Ferne lauschend Ohr.


Sie fangen's auf und rauschen, raunen leise,
Immer die eine alte Trauerweise:

»Vergangen ist, vergangen bleibt was war,
Nie wieder lacht wie einst die Sonnenhelle,
Und schwarze Schatten lagern um die Schwelle,
Die schwanke Füße trägt ins neue Jahr.«


Die Klage pflanzt sich fort, schwebt über Grüfte
Sie steigt empor, wo in den höchsten Lüften
Das Grauen mit zerbrochnen Flügeln hängt.
Sie zittert über blanken Meeresfluten,
Erschauernd vor den roten Flammengluten,
Von harter Hand kaum in ihr Joch gezwängt.


Wo ist ein Raum, da nicht Gespenster gleiten,
Die Todesboten nicht vorüber schreiten,
Sich mahnend nicht erhebt ein Brandgerüst?
Wo ist ein Haus, das Liebes nicht verloren,
Wo wird ein Kindlein noch wie einst geboren,
In hoffnungsfroher Seligkeit begrüßt?


So fragen wir, doch alles bleibt ein Fragen,
Ein stummes Warten, duldend Leid ertragen,
Ein wild Aufbäumen oder blinder Wahn;
Ein Hoffen, das wie Blitz die Nacht erhellet
Bis Donner grollt, und von den Warten gellet
Ein Ruf, der kündet neuer Schrecken Nahn.


Doch dort ein Licht — wie wir die Augen wenden,
Es bebt, es flackert, wie von zarten Händen
Getragen durch das wilde Sturmeswehn.
Ist es vom Himmel uns herab gekommen,
Hat gar der Wind ein Sternlein mitgenommen
Und läßt es über unsre Erde gehn?


Wir schauen uns beklommen in die Augen,
Wird es den Müden, den Verweinten taugen?
Doch schon im Spiegel strahlt es uns zurück.
Wir können tief aus unsrem eignen Wesen
Das Schicksal kommender Geschlechter lesen
Mit nie gekanntem fremdem Seherblick.
 


Und sieh, schon breitet langsam sich die Helle
Und überstrahlt die Zag betretne Schwelle,
Umtönt von fernem feierlichem Chor:
»Wir, die wir tausendfaches Leid ertragen,
Wie dürften wir verzweifeln und verzagen,
Wuchs immer nicht aus Not uns Kraft empor?«


Und wie wir nun uns an den Händen halten,
Schon nahen sich Gestalten um Gestalten,
Aus weiter Ferne drängen sie heran

Und stimmen — keiner weiß, wer es ersonnen
Und wer zuerst mit leisem Ton begonnen —
Das Neujahrslied, das ewig alte, an.


Das Grablied allem, was die Erde decket,
Das Auferstehungslied, das Leben wecket,
Und immer wieder Tod und Nacht bezwingt;
Das Lied, das überfliegt den Strom der Zeiten,
Und, klopfend an das Tor der Ewigkeiten,
Die Hoffnung, die unsterbliche, uns bringt.


O laßt sie dringen in verschlossne Türen,
Laßt sie zerbrochne müde Herzen führen
Dorthin, wo schon der Frühling wartend steht?
Aus Kinderaugen lacht er euch entgegen,
In jungen Seelen sich die Keime regen,
O wachet, daß der Sturm sie nicht verweht!


Gönnt nicht den Schwächeren das starke Leben,
Was in euch ist laßt kühn die Stimme heben,
Und ist's ein Funke nur, der heut' versprüht;
Dort, wo er fällt, kann er ein Feuer zünden,
Daß in dem Schein Zerstreute sich Verbünden,
Bis über ihnen hell die Flamme glüht.


So klinge, Lied, durch Tore und durch Hallen,
Laß deinen Weckruf überall erschallen,
Laß auch die Toten mahnend auferstehn;
Nicht still ergeben nur die Hände falten,
Mitleben, wachsen, wandeln, umgestalten
Und dem Erworbenen die Treue halten; —
Mein deutsches Volk, du darfst nicht untergehn!


*


Karfreitag.


Zweitausend Jahre leuchtet uns die Sonne,
Ziehn Sterne wieder kreisend ihre Bahn,
Seit er, der Größte, den die Erde kannte,
Sein göttliches Erlösungswerk getan.


Zweitausend Jahre, seit die arme Menschheit
Die ungeheure blut'ge Schuld beging,
Und er, der Liebe heiligster Verkünder,
Für sie an seinem Marterkreuze hing.


Zweitausend Jahre, seit um ihn getrauert,
Ihn segnend seiner Jünger kleine Schar
Und trug sein Wort hinaus in alle Lande,
Bis Liebe wieder Liebe neu gebar.


Und heut'? — Wenn ich aus bangem Traum erwache,
Seh' ich das Kreuz in Riesengröße stehn
Und meine die schon fast gebrochnen Augen
Auf uns gerichtet flehend noch zu sehn.


Auf uns, die Schuld um Schuld wir wieder häuften
Und Liebe wandelten in Haß und Blut,
Als sei fortan für alle Zeit verloren
Sein teuer einst für uns erworbnes Gut.



Doch sieh, ist's nicht, als ob sein Arm sich rege
Und in die Ferne deute seine Hand?

Und, Kreuz an Kreuz, Millionen Kreuze heben
Sich rings empor am nächt'gen Himmelsrand?


Und wie von Millionen Stimmen klingt es:
»Wir starben jetzt für euch den Kreuzestod,
Aus Liebe ließen wir für euch das Leben,
Aus Liebe litten wir die bangste Not.


O schauet her, laßt dies gewalt'ge Sterben
Für euch ein Weckruf zur Erlösung sein,
Macht euch zu unsrer großen Liebe Erben,
Und wascht von unsrem Blut die Erde rein!«


So klingt es und verklingt — die blassen Sterne
Stehn hoch und kühl, — klar wird die Luft umher
Der lichte Morgen dämmert in der Ferne,
Doch unsre Augen sehen ihn nicht mehr.


*


Gebet.


Sonne, ich bete zu dir, inbrünstig und heiß wie noch nimmer!
Bete zu dir, der Gottheit lichtgewordenen Kraft!
Siehe, wir schmachten in Wüsten, von deinen Flammen versenget,
Weil wir den heil'gen Funken, den du uns gabst, nicht gehütet,
Sondern wie spielende Kinder ihn trugen zum knospenden Wald,
Bis die entzündete Glut, den ziellosen Winden vertrauend,
Tempel und Türme gestürzt und blühende Saaten vernichtet,
Daß wir in Armut stehen und um uns lauert der Tod.


Sonne, ich flehe zu dir, du verzehrst, du erweckst und erleuchtest!
Gib uns den Funken zurück, das reine heilige Feuer,
Das sich im Wahne verlor, o gib, auf daß wir den Glauben
Nicht verlieren an dich und nicht den Glauben an uns!


*


Morgenandacht.


Wie du in wundervoller lichter Klarheit
Uns überstrahlst, du blühende Natur,
Als wäre Glück und Schönheit Lebenswahrheit
Und jeder Kampf ein Spiel der Kräfte nur.


Wie deine Berge ernst und feiernd ragen,
Von Morgenglockentönen leis umhallt,
Als wüßten sie Geheimnisse zu sagen,
Von denen nur zu uns ein Echo schallt.


Wie deine Wälder tiefste Weisheit träumen,
Bis Vogellaut sie jubelfroh durchdringt,
Und auch die zarten Knospen nicht mehr säumen,
Bis jede noch so harte Hülle springt.


Wie deine Winde ihre Schwingen breiten,
Noch mit den Wellen treibend neckisch Spiel,
Wie deine weißen stillen Wolken gleiten,
Als kennten sie das höchste Wanderziel.


Vor dir verstummt die Not der bangen Tage,
Gebannt liegt unser schwer umschattet Sein;
Verklingend leis, wie eine ferne Sage,
Die niemals Leben war, nur Lebensschein!


*


Maienmorgen.


Hab' geschlafen eine lange Nacht,
Hab' geträumt von fernen schönen Zeiten,
Bin so wunderselig aufgewacht,
Möchte sehnend weine Hände breiten
Draußen nach der Maien-Blütenpracht, —
Möchte still in sie hinübergleiten,
Schlafen eine lange, lange Nacht.


Aber nein, es ruft der junge Tag
Und der Wind, der durch die Pappeln geigt,
Vögel, die sich rührend, nach und nach,
Bis ihr Jubelchor ins Blaue steigt;
Auch auf meinem Berge wird es wach,
Wipfel sich um Wipfel grüßend neigt,
Alle Furcht und alles Bangen schweigt, —
Leben, einen langen goldnen Tag!


Trinken durstig dieses klare Licht,
Füllen noch die Brust zum Überquellen,
Baden in den frischen Morgenwellen;
Heut', ist mein, das Morgen weiß ich nicht.
Trinken noch das Lehen und das Licht!


*


Glück.


Um alte graue Mauern fließt ein Regen
Von blauen Blütendolden dicht und schwer,
Noch hinter Fenstern scheint ein leis Bewegen,
Des Hauses Türe öffnet sich nicht mehr.
Doch aus der frühlingsgoldnen Sonnenhelle
Fürwitzig dringt ein kleiner Strahl hinein,
Er überspringt getrost die dunkle Schwelle
Und nistet sich dort in der Dämmrung ein.


Wie feierlich — kein Laut, kein Kinderlachen,
Aus all den leeren Räumen nicht ein Schritt,
Doch an den Wänden reden noch die Sachen
Und jedes Bild und jedes Buch spricht mit.
Und auch lebendig wird die Feuerstelle,
Als flamme wieder sie in roter Glut,
Und von der Decke blinzt die Lampenhelle,
Als hüte sie ein still verschwiegnes Gut.


Nun huscht der Strahl in alle dunklen Ecken,
In kleinste Spalten dringt er überall,
Und kann nur immer wieder Glück entdecken
Und seiner Stimme leisen Widerhall.
Ein Glück so groß, daß es am Tag die Wände
Zu sprengen schien und nachts zu Sternen stieg,
So siegesfroh, so stolz, so ohne Ende —
Bis es erstarrt am Boden lag und schwieg.


Doch nur was Menschen sahn, nach Menschenweise
Begraben liegt im kalten Erdenhaus,
Der kleine warme Sonnenstrahl sucht leise
Die Tür und nimmt es lächelnd mit hinaus.

Er trägt es in die blauen Frühlingsweiten
Und hüllt es ganz in Sonnensehnsucht ein
Und läßt es hoch bis über Wolken gleiten,
Ein Teil der ew'gen Sehnsucht einst zu sein.


*

Dein Tag.


Ein Sommertag versinkt im Abendlicht,
Von Schönheit ganz und Heiligkeit umflossen,
Du hast aus tiefster Seele ihn genossen,
Was weiter aus ihm wird, du fragst es nicht.
Du glaubst, es nimmt ihn still die dunkle Nacht,
Er liegt in ihr verloren und vergessen, —
Doch irgendwann, in Fernen ungemessen
Und irgendwo, an einem fremden Ort,
Taucht wieder auf, was du mit ihm besessen.


Ein Wanderer vielleicht im Abendschein
Schaut tief in einer Blume Kelch hinein,
Die sich emporhebt aus dem bunten Blühn.
Er staunt ob ihrem seltnen Farbenglühn
Und ihrem wunderbar beseelten Sein.
Es ist, sie hätte ihm ein Wort zu sagen,
Er müsse sie belauschen und befragen, —
Wie in ihr tiefstes Inn're dringt er ein.
Da wird's ,in seiner Seele hell und rein,
Als ob sie Heiliges ihm zugetragen.


Das ist dein Tag und deiner Seele Gruß,
Der irgendwo sich wieder lösen muß.


*

Frühlingsdämmerung.


Ich steh' mit aufgehobnen Händen
Die Sonne mir herabzuflehn,
Ich darf die Zeit nicht mehr verschwenden,
Ich muß den Frühling wiedersehn.
O gib ihn, gib, die Stunden schwinden
Und jede mag die letzte sein,
Durch Blüten möchte ich ihn finden,
Den Weg ins fremde Land hinein.


Schon alles um mich drängt ins Weite,
Die Menschen stehen weltentrückt,
Nur Liebstes noch an meiner Seite
Und Schönheit, die mich hier beglückt.
Ein Lächeln, mild wie Wendglühen,
Verklärt des Lebens armes Tun,
Nun Frühling, laß die Wiesen blühen
Und mich in ihrem Dufte ruhn.


Ich bin so jung wie du geblieben,
Weil ich die Freude nie vergaß;
Nun lehr mich schenken noch und lieben
Und geben ohne Ziel und Maß.
Breit deine bunten weichen Kissen
Mir unter Haupt und Hände hin
Und laß mich so noch einmal wissen,
Daß ich ein Kind der Sonne bin.

Meine Seele ist ein Sonntagskind.


Meine Seele ist ein Sonntagskind,
Liebt die goldig blauen Frühlingstage,
Liebt den leichtbeschwingten Morgenwind
Und der Nacht geheimnisvolle Mage.
Meine Seele weiß geheimen Weg,
Den die Tatenfrohen hier nicht kennen,
Schwankend glitt sie über manchen Steg,
Den die Klugen nie mit Worten nennen.


Meine Seele ist ein Sonntagskind,
Die ein Gott erschuf mit frohem Herzen,
Für die kleinen Alltagssorgen blind,
Heilig sind ihr auch die tiefsten Schmerzen.
Ja, mit Inbrunst bietet sie die Brust
Noch dem Sturm, ob auch der Pulsschlag zittert,
Urkraft spürend nur und Werdelust
In dem Kampf, der über ihr gewittert.


*


Fernsicht.


Die Berge rücken nah, von blauem Duft umwoben,
Ernst stehn sie da, wie Mahner an ein drohendes Geschehen.
Mein Auge hängt an ihnen wie gebannt,
Als könn' es schon die finstren Wolken sehen
Zerstörend und zerschmetternd niedergehen.
Ein seltsames Gefühl mich übermannt,
Als stand' ich selbst an solcher Wetterscheide,
Und alles, was aus Seelentiefen dringt,
Von Schönheit trunken oder schwer von Leide,
Nur stammelnd noch in schwüler Luft verklingt.


Doch neben mir seh' ich zwei Augen glühn,
Als riefen sie der Blitze Funkensprühn,
Als recke sich der Mensch zu neuem Wollen
Und wachse nur im nahen Donnergrollen;
Und alle Schönheit, die der Kraft entquillt,
Wie eine Sturzsee mächtig überschwillt.
Die Worte fallen schwer wie Hagelstein,
Mitreißend noch der Wolken Purpurschein,
Um dann vom Sturm erlöst, wie Frühlingsregen,
Staub, der die Erde deckt, hinwegzufegen,
Und leiser, in verhaltnen Melodien,
Um Abgrundstiefen klingend hinzuziehen.


 


Die Berge rücken näher, greifbar nah,
In blaue Schleiertücher eingewoben;
Ich aber stehe ernst und ruhig da,
Schon aller Furcht und aller Not enthoben.

Der Abgrund, den ich sah, er ist verschlungen
Von einer Riesenwelle,
Und was geschah und noch geschehen mag,
In ihr verklungen.
Die Arme streck' ich aus in weite Ferne —
Gegrüßt, du Heimathaus, gegrüßt, ihr Sterne,
Ihr Welten, die ihr donnernd überschwingt
Das kleine Leben.
Was noch in meiner Seele ringt und klingt
Ist schon der Ewigkeit zurückgegeben.


*

Allerseelen.


Zur Kirche wallt eine kleine Schar
Dunkel schwarzer Gestalten;
Stille drinnen, gedämpftes Licht,
Die Orgel klingt leise, als wage sie nicht
Die Töne dort festzuhalten.


Allerseelen heut', alle Hände bereit,
Die Blumen für Gräber zu pflücken,
Doch ach, unsre Gräber liegen so weit,
Kein Lichtlein brennt in der Dunkelheit,
Wer wird sie hegen und schmücken?


Die Orgel klingt, die Gemeinde singt
Die alten tröstlichen Worte,
Und immer lauter dringt es hervor,
Den Singenden mischt sich der Toten Chor,
Die sprengten der Gräber Pforte.


Und die Kirche wächst und wird riesengroß,
Ihr Dach ist der Himmelsbogen,
Auf schwarzen Flügeln, auf weißem Flaum,
Wie Posaunenstöße, wie Flüstern im Traum
Kommen die Stimmen gezogen:


»Wir brauchen heute die Kerzen nicht,
Die sonst auf den Hügeln brennen,
Laßt fahren die Flammen, der Sturm bläst sie aus,
Stellt Lichter hinein in Herzen und Haus,
Daß wir eure Treue erkennen.


Laßt uns wissen, wofür wir gestorben sind,
Wofür wir da draußen liegen,
Wofür wir erlitten Elend und Not,
Gebt uns die Gewißheit hinein in den Tod,
Daß wir alle, wir alle siegen!« —


Die Orgel schweigt, die Gemeinde schweigt,
Durch die Kirche geht's wie ein Schauer;
Und jeder in Stille betet und kniet,
Und seine Seele singt ihm das Lied
Der Hoffnung in aller Trauer.


*


Mein Turm.


Auf hohem Gipfel steht für mich ein Turm,
Den nie vielleicht ein andres Auge sah; —
Der Königin, der Sonne, immer nah,
Grüßt er zur Nacht vertraut die goldnen Sterne
Und sucht und deutet, wenn der Morgen kommt,
An jedem Tag mir neu die blaue Ferne.


Laß diesen Turm mir, Gott, erhör mein Flehn,
Ob Winde auch nach ihm die Schwingen recken,
Ob deine Wogen oft so mächtig gehn,
Daß gierig sie an seinem Fuß schon lecken;
O hüte ihn vor feindlichem Geschehn,
Und naht der urgewalt'gen Stürme Brausen,
Betäube mich; in ihrem ersten Sausen
Laß meinen Atem stille mit verwehn, —
Laß nicht mein Auge die Ruine sehn,
Mich nicht in ihren Trümmern untergehn.


Dann mag vielleicht in ungekannten Welten,
Auf einem Gipfel, den ich nie geschaut,
In überird'schem Licht er mir erstehn.


*


Oft geht ein Flammen durch die Nacht.


Oft geht ein Flammen durch die Nacht,
Mit Worten kaum zu nennen —
Wie Sehnsucht dann in mir erwacht
Nach Sonne und nach Schönheitspracht,
Nach Tönen, nicht ersterbend sacht,
Nein, brausend, wie Gewittermacht —
Nach Lebensfülle, heißem Blut!
Es ist, als müßt' ich an der Glut
Der Sehnsucht schier verbrennen.


Dann heimlich zögernd kommt's heran
Aus fernen, fernen Tagen,
Was duftumwebt der Frühling spann,
Was blütenschwer der Sommer sann,
Durch Herbstlaub feuerfarben rann,
Und was der Winter feiernd dann
An goldnen Früchten, reif und schwer,
Uns noch ins Haus getragen.


Und leis erlischt der Sehnsucht Glut
Vor neuer Töne Schwingen;
Wie junges Fieber ist im Blut
Ein übermächtig Klingen.
Ich lieg' auf Rosen, atme Duft,
Ich schwimme wie in goldner Luft,
Posaunendröhnend bricht's hervor,
 


Als eine sich der Sterne Chor,
Und ahnungsschauernd hört mein Ohr
Schon von der Ewigkeiten Tor
Den letzten Riegel springen.


*


Mein Berg. I.


Einsamkeit ist stumm in mir geworden,
Lichtbesonnter Berg, nun rede du,
Bis die langen Tagesstunden gleiten
Friedevoll dem müden Abend zu.


Sah dich braun und kahl in Wintertagen,
Finster unter schwarzer Wetterwand,
Licht im Schmuck der weißen Osterbäumchen,
Über blütenfrohem Frühlingsland.


Maienfrisch strahlst du mir heut' entgegen,
Dicht im Laub der schmale Pfad versteckt,
Der so, oft schon meine Augen lockte,
Immer wieder Wandersehnsucht weckt.


Wer, wie nun Tag um Tag dein Gipfel
Ruhesam den blauen Himmel trägt,
Wo die weißen Wunderwolken ziehen,
Wo die Schwalbe ihre Schwingen regt, —


Unter dir so klein die Menschen werden
Und so fern mit ihrer Tageshast,
Wer doch die Sonne bunte Bilder
Trägt und schmiegt in deine grüne Rast,


Bist du wie ein gütig weiser Lehrer,
Der uns eng der Schritte Grenzen mißt,
Wer nie der Seele Weite-Sehnsucht,
Nie der Augen Schauensdurst vergißt.


Rede nur, ich will geduldig lauschen,
Bis der Tag in blaue Schatten sinkt
Und dein grüner Hang die letzten Strahlen
Einer milden Abendsonne trinkt.


*


Mein Berg. II.


Mein Berg, ich grüße dich an jedem Morgen,
An jedem Abend, wenn die Sonne sinkt,
Dein Gipfel unter ihrem Kuß erglüht?
In manchen bangen Nächten such' ich dich
Und suche dich, wenn aus der engen Haft
Ins Ungemessne meine Sehnsucht flieht.


Mein Frühling du und meines Sommers Glanz,
Mein Führer zu den Wolken und den Sternen,
Mein goldner Herbst mit Reifen und Verbluten,
Mein weißer Winter und mein Feiertag,
Mein stiller Mahner, der die Grenzen mißt,
Will Lebensdurst noch einmal überfluten.


Auf deinem mondbeglänzten Gipfel stehen
Möcht' ich im Traum in meiner letzten Nacht —
Noch einmal nach der Erde Schönheit greifen,
Noch einmal höchstes Glück und tiefsten Schmerz
Und alles, was das Leben mir gebracht,
Mit einem letzten fernen Blicke streifen.


Schon wüchsen meiner Sehnsucht neue Schwingen,
Schon rührte mich der fremden Welten Hauch,
Du trügest mich — und einsam wär ich nicht —
Du tätest mir den weiten Himmel auf
Und zeigtest mir von letzter Erdenstuf'
Den Weg zu meiner Seele Heimatlicht.


*


Schlaflose Nächte.


Schlaflose Nächte, klage ich über euch?
Ihr, der geheimsten Kräfte stille Erwecker,
Ihr, die Gespinste webt, zu zart für die Sonne,
Und noch aus Schmerzen, wie sie der Tag nicht vergißt,
Flammen  entzündet, die hell das Dunkel durchleuchten.
Ihr, die ihr Schatten begrabt und lärmender Stimmen
Wertlosen Schall. — Die verängsteten Seelen
Badet in tiefen Brunnen sel'gen Vergessens,
Oder fließenden Strömen von Welt zu Welt,
Daß sie geläutert grüßen das heilige Licht,
Wenn mit leisem Gesang der Morgen sich kündet.
Schlaflose Nächte, — ich danke und segne euch!

 

*


 

Im Rosengarten.


Die Rosen klettern den Berg hinan,
Sie strahlen und glühen in Wonne,
Sie schauten vom grünen Rasenhang
Tagaus und tagein in die Sonne.


Sie atmen das Licht und sie strömen es aus
In flutenden duftenden Wellen,
Die trägt dann ein spielender Wind ums Haus
Zu den Schwestern, den zarteren hellen.


Die winken und nicken, und grüßen den Fluß
Und all das lachende Leben,
Das heute den Sommer noch fangen Muß
In jauchzendem Nehmen und Geben.


Da taucht es empor aus der blanken Flut,
Da kommt es in Scharen geschwommen,
Wo Kähne, sich wiegend in Sonnenglut,
Die schimmernde Straße genommen.


Und oben im Blau, da segeln in Ruh'
Die Wölkchen, und tauchen dann nieder,
Ins silberne Wasser, und schauen zu,
Und heben im Spiegel sich wieder.


Ein Menschenkind, das am Ufer lag,
Von seligen Träumen umfangen,
Sieht lächelnd hinab und segnet den Tag,
Eh' still er vorüber gegangen.


Und breitet die Arme und hält ihn fest,
Indes ihm die Lippen beben,
Wohl wissend, daß sich nicht halten läßt
Dies schönheitstrunkene Leben.


Und faltet von Lust wie von Angst betört
Die Hände, — da rauscht es wie Schwingen,
Und der glühende blühende Sommer hört
Ein Lied zum Himmel erklingen.


Und das Lied kennt nimmer Raum noch Zeit,
Weiß von heute nicht und nicht von morgen,
Wandert seine Bahnen weltenweit,
Oder schläft in Rosenduft geborgen.


Ist der Schlüssel zu dem Himmelstor,
Hebt die Schätze aus der Seelen Tiefen,
Trägt sie neu ans junge Licht empor,
Stimmen, die schon allzulange schliefen.


Ist die Brücke, die kein Ende kennt,
Ist der Weg, den nie die Welt verloren,
Ob des Sängers Namen niemand nennt, —
Immer wieder wird das Lied geboren.


*



Nicht mit dem Tode will ich Streit.


Nicht mit dem Tode will ich Streit,
                         Nur mit dem Leben,
Dem Tode halt ich mich bereit,
                         Ist's an der Zeit.
Dem Lebenselend aber will
Ich nichts von meiner Seelenruh',
Nicht einen Hauch und Schatten geben.


So ist's ein Kampf vom Morgenglühn
                         Zum Abendsegen,
Zuweilen frisch und froh und kühn,
                         Wenn Blumen blühn,
Auf meinen Hoffnungswiesen weit, —
Zuweilen aber bin dem Feind
In banger Nacht ich unterlegen.


Doch grüßt mich wieder fromm und mild
                         Der neue Morgen,
Dann spiegelt sich in meinem Schild
                         Des Lebens Bild,
Schön, wie es einst mein eigen war,
Und mit dem Schilde deck' ich mich,
Und mit dem Schilde fühl' ich mich
Vor jedem neuen Feind geborgen.


*

Der Igel.


In ein jungfräuliches Haus hinein,
Wo die strengste Keuschheit Sitte lehrte,
Jeder Raum bewacht, behütet, rein,
Wo man selbst den Tieren Liebe wehrte,
Ja, wo in verhängnisvoller Zeit,
Die bekanntlich solche Triebe weckte,
Eines Hündleins Unberührbarkeit
Jeder in dem Orte, weit und breit,
Ängstlich, wie mit Mutterhänden deckte —


In dem Haus, wie's so das Schicksal will,
In der Herrin keuschestem Gemach,
Lag an einem warmen Sommertag
Vor der Tür ein kleiner Igel still.


War so gar ein allerliebstes Tier,
Und die ganze jungfräuliche Schar
Freute sich an seiner Augen Zier,
Ja, an seinen Stacheln noch sogar.


Und von lauter Sorglichkeit umhüllt —
Weiblichstes Empfinden war geweckt —
Ward ein Schälchen ihm mit Milch gefüllt,
Das der Igel dankbar schlürft und leckt.


Vor dem Hause, das den Jungfrautraum
Nun so lange stolz und treu gewahrt,

Stand, — vielleicht ein wenig aus der Art,
Aber schön, ein alter Myrtenbaum.


Und man denke sich, was nun geschah —
Unter diesem Baum, im Sonnenschein,
Eines Morgens man den Igel sah
Mit sechs holden jungen Igelein.


Was das Hündlein nimmer sich getraut,
Was ein menschlich Wesen kaum gedacht,
Was die Katze ahnend nur miaut,
Hat der kleine Igel still vollbracht


Und vollendet, — denn das Mutterglück
Ward nicht nur geduldet, nein, geliebt,
Wie es, gleich im menschlichen Geschick,
Auch im tierischen noch Wunder gibt.


*


Abschied. I.


Immer kleiner wird mein Haus —
Über meinen stillen Tagen
Hängt ein Netz, als ob der Herbst
Es mit leichter Hand gesponnen,
Aus des Sommers Gold gewonnen.
Tiefer hängt es schon und dichter,
In die wunderblaue Ferne
Immer, immer seltner tragen
Mich die Füße noch hinaus.


Eines nach dem andren laß ich,
Eines nach dem andren fällt,
Und in jedes Lösen fass' ich
Schon den Abschied von der Welt.


Doch, wenn mir im Sommerrausche
Jugend froh vorüberzieht,
Wenn ich fernen Stimmen lausche,
Einem lieben alten Lied,
Dann umfängt mich wohl ein Sehnen,
Erdenfroh und erdenbang,
Und aus ungeweinten Tränen
Langsam löset sich ein Seufzer,
Zittert, wie um Kerkermauern,
Mit verhaltnem leisem Klang.

 


II.


Doch warum klagen, warum seufzen noch,
Ist nicht die Seele frei und ungebunden?
Einst trug sie sehnend ihrer Fesseln Joch,
Jetzt hat sie lang den Weg ins Licht gefunden.


Und über deinem kleinen engen Haus
Schwebt sie empor und schwingt sich in die Lüfte,
Und schüttet wie aus goldnen Schalen aus
Um deine Erdenstätte süße Düfte.


Sie hört Gesang, den nie dein Ohr vernahm,
Auch wenn es einem jener Boten lauschte,
Der hin und wieder auf die Erde kam
Und mit den Menschen sel'ge Zwiesprach' tauschte.


Sie sieht, was nimmer noch dein Auge sah,
Und träumt von Weiten, die kein Fuß durchmißt,
Sie weiß, daß sie dem ew'gen Lichte nah,
Und heute schon von ihm gesegnet ist.


*


Juniabend.


Der Juniabend wandert still durchs Land,
Er lockt den Mond schon hinterm Turm hervor.
Ein Kornfeld leuchtet, schlanke Halme recken
Sich wie in Andacht fromm zu ihm empor.


Doch Bäume, still die grüne Frucht noch bergend,
Sich neigen, wie betäubt vom schweren Duft,
Den ein Holunderstrauch in wilder Fülle
Berauschend sendet in die laue Luft.


Der Wind schlief ein, der blaue Tag versinkt
Wie müd' in einer leichten Wolkenschicht.
Noch hier und dort ein wandernd Menschenpaar —
Umschattet tiefer schon das Dämmerlicht.


Dort aber, unter eines Daches Rand
Flammt es empor, ein warmer roter Schein
Dringt gleichsam in die schwarze Bergeswand,
An die das Haus sich lehnt, phantastisch ein —


Wie eine Insel, schwimmend in dem Meer
Der Dunkelheit, die ringsum nun sich breitet,
Es ist, als klängen Stimmen zu mir her,
Und dann und wann durchs Licht ein Schatten gleitet.


Schon nah' ich mich — doch wende schnell den Schritt,
Nach einem langen Tag der Einsamkeit

Die Sehnsucht ist erwacht und wandert mit,
Und trägt den Fuß zurück in ferne Zeit.


Es naht die Nacht, so blütendüfteschwer,
So schwer von tausend einst gewes'nen Dingen,
Von Stimmen, die wie ferne Glocken schwingen,
Bis langsam, leise, unterm Sternenheer,
Sie in dem großen Schweigen mit verklingen.


*

Meine Seele trägt so schwer.


Meine Seele oftmals trägt so schwer,
Wie ein Baum, der voll von Früchten hänget,
Ihrer Liebe reife goldne Last,
Die schon Zweig um Zweig zu Boden dränget.


Keine Hände heben sich empor,
Sie wie einst im Sonnenlicht zu pflücken,
Und die armen Glieder sind zu müd',
Nach gefallner Frucht sich noch zu bücken.


Meine Liebe, sag', wie geht dein Weg,
Führt er nur durch Dunkelheit und Leiden,
Muß ich selber, wenn ich schenken will,
Vom geliebten Licht der Sonne scheiden?


Flüsternd streichelt mich der Abendwind,
Zeigt den Mond, der überm Berg zu sehen,
Höher steigt er, leuchtend durch die Nacht,
Bald um ihn die tausend Sterne stehen.


Und mein Baum erstrahlt, — schon sehe ich
Dunkle Schatten längs den Mauern streifen,
Mehr und mehr Gestalten nahen sich,
Nach der lichtbeglänzten Frucht zu greifen.


Morgen wird es und mein Baum ist leer,
Seine Zweige recken sich und schwingen
Goldnen Fahnen gleich ihr letztes Laub,
Es der Erde noch als Gruß zu bringen.


Sieghaft geht der junge Tag durchs Land,
Wie berauscht hört er noch Lerchenlieder,
Meine Krone aber steigt empor,
Sonngeboren auf zur Sonne wieder.


*


Wenn ich dem Leben, das so reich gegeben,
So sonnenfroh geleuchtet über meinen Tagen,
Ja, in die Zeit der Schmerzen noch und Klagen
Die goldnen Fäden wußte einzuweben, —
Wenn ich ihm Schätze bringen darf und heben,
Ist es ein Glück für mich nicht auszusagen.


Dort fand ich sie, wo sie in Stille lagen,
Dahin sich keine Alltagstimmen wagen,
In Seelentiefen, wo die Hüter schliefen,
Berufen heut' sie an das Licht zu tragen.



Und wenn nun Tag an Tag, und Nacht um Nacht
Sich immer fester die Gedanken binden
Und ihre lichtbestrahlten Kränze winden —
Indessen leise, eh' ich es gedacht,
Die heut' noch erdgebundnen Kräfte schwinden, —
Ist mir's, ich hätte dafür nur gewacht,
Gelebt, gelitten und geweint, gelacht.
Und selig grüß' ich meine letzte Nacht
Und weiß, ich werde ihre Sterne finden.


*

Das ist der Frühling.


Das ist der Frühling, der sich geben muß,
Mit Knospen nicht und Blühen will er enden,
Er braucht auch noch der Lieder Überfluß,
Sein selig Sonnenwerk hier zu vollenden!


Das ist der Frühling, der aus Wolken quillt,
Die Luft beseelt und in der Erde Tiefen
Die Quellen weckt bis alles überschwillt
Von Stimmen, die in Winterruhe schliefen.


Gesegnet Frühling, daß auch meine Spur
Gefunden du — ich will die Hände falten
Wie zum Gebet, und immer danken nur,
Und immer lauschen und dir stille halten.


*


Vergangenheit.


Seh' ich dich, so kommt geschritten
Mit dir die Vergangenheit,
Zierlich, lächelnd, leicht, inmitten
Dieser sturmbewegten Zeit.


Weißes Häubchen auf den Haaren,
Gern ein seidenbunt Gewand
Und ein Hut, wie ihn vor Jahren
Einstmals schön die Mode fand.


Ein Gebild' aus Dichterträumen
Scheinst du, ob du's auch nicht weißt,
Wenn du in den schönen Räumen
Gäste froh willkommen heißt.


Fügst mit weicher Stimme leise
Dich der andren Leben ein,
Aber ziehst die eignen Kreise
Immer wieder fest und fein.


Abends von den Wänden wieder
Ton um Ton klingt und verhallt;
Gerne dann am Flügel nieder
Sitzt die freundliche Gestalt.


Ob die Augen fast versagen,
Ob die Hände zart und schwach —
Schönheitsklang aus alten Tagen
Rufen immer sie noch wach'.


Möchte hegen dich und hüten,
Halten dich, so wie du bist,
Wie in Gärten jene Blüten,
Die von fernen Zeiten wissen,
Die man liebt und nicht vergißt.


*

Gelöbnis.


Eins hab' meinem Leben ich gelobt
Feierlich in ernsten dunklen Stunden —
Möcht' ich nie von diesem Treueschwur
Durch ein hartes Schicksal sein entbunden. —


Allen Reichtum, den es mir gebracht,
Alle Schönheit unverdient genossen,
Alle Kräfte, die in Schwachheit noch,
Mir wie Himmelsströme zugeflossen. —


Nicht nur halten bis zum letzten Tag,
Mehren will ich sie und weiter geben,
Daß noch hin und wieder einer spürt
Hauch von diesem sonnbeglänzten Leben.


Also trotz' ich manchem wilden Sturm,
Mag er Blüten von den Bäumen wehen,
Einen Frühling ruf' ich mir herab,
Daß sie lachend wieder auferstehen.


Und so wandr' ich, langsam Schritt vor Schritt
Auch noch durch der Wolken Dämmergrauen,
Mein Gelübde wandert feiernd mit,
Bis wir beide ew'ge Welten schauen.


*


Sommermittag.


Die Kastanien blühen wieder,
Und geschmiegt in seiner Wälder Hut
Trägt des Flusses silberblanke Flut
Leichte Kähne auf und nieder.
Hier und da ein Segel leuchtet,
Von dem Regen noch befeuchtet,
Der aus grauer Wolke fiel
Zwischen heitrem Sonnenspiel.
Friedlich tauchen aus dem klaren Spiegel
Rings der Dächer rote Ziegel,
Unter denen wie im Mittagsschlummer
Grau und still die Häusermasse ruht.


Tiefer lenk' ich meine Schritte
Nun hinein ins dichte Schattengrün
Um der Hänge duftend Blühn,
Klein mich fühlend
In der Riesen Mitte,
Die mit dunklen Stämmen stehn
Und mir fremd ins Auge sehn.
Ja, es ist, als ob mich litte
Diese hehre Einsamkeit
Nur als ungeladnen Gast,
Nur zu kurzer Wegerast.


Doch wie sie nun leise flüstern,
Jene Träumer, jene Weisen,

Scheint's, als lob in stillen Kreisen
Uns sich nahe ein Verstehn,
Ja, als ob die Bäume wüßten,
Daß sie mir erzählen müßten,
Was sie hören, was sie sehn.


Und so schreit' ich tief versonnen,
Fern dem heute, nur umsponnen
Von vergangenem Geschehn,
Und getragen vom Bewegen
Der Gedanken, die sich regen,
Wenn sie an des Wissens Grenzen
Und versenkt in fernes Schauen,
Traumverloren untergehn.


*

Laßt uns vergessen es nicht.


Laßt uns vergessen es nicht in schicksalsdüsteren Tagen,
Da uns die nahe Zukunft ängstigt und grausam bedroht,
Da uns die Flamme des Wahnsinns heißer und heißer umloht,
Was unser Volk in Stille für uns gelitten, getragen.


Laßt uns vergessen sie nicht die Toten, die ferne ruhen,
Sie, die noch sieghaft die teure Heimat zu retten geglaubt,
Fallend im Kampfe, die Unsren, der besten Führer beraubt;
Hören wir ihre Stimme und schauen ihr heiliges Tun!

 

Laßt uns vergessen ihn nicht, den furchtbaren Todesgesandten,
Der schon bei Tag und Nacht das Lager der Tapfren umschlich,
Mark aus den Knochen zehrend ehe das Leben entwich,
Sie den lebendig Toten gesellend, den Freude-Verbannten.


Steigen möcht' ich auf Berge und stehen auf höchsten Thürmen,
Rufen es weit und hell in alle Lande hinein,
Frühling waren sie uns, der Zukunft blühendes Sein,
Ehe zerbrochen sie wurden von übergewaltigen Stürmen.


Laßt uns vergessen es nicht und dämpfen die Stimmen und Worte,
Sichten Schicksal und Schuld gerecht mit ehrlichem Sinn;
Selig, wer selber nicht streifte am Abgrund hin,
Dem nicht selber die Schuld geöffnet die düstere Pforte.


*

Winternacht.


Dort ist die Sonne hinterm Feld versunken,
Die uns den lichten Wintertag gebracht,
Ein einsam Haus hat noch ihr Gold getrunken,
Eh' es sich hüllt ins Schleierkleid der Nacht.
Nun flammt es über den beschneiten Gipfeln,
Wie um die Berge webt der Abendduft,
Und oben aus den dunklen Tannenwipfeln
Blüht es wie Purpurrosen in die Luft.
Als ob ein leichter Wind die zarten Blüten
Entblättre, flattern sie und schweben fort,
Dorthin, wo Sterne unsre Nacht behüten,
Wenn's kalt und dunkel wird am Erdenort.


Kalt, dunkel, stumm, wie Kerkergitter schließen
Die Fensterläden sich von Haus zu Haus,
Was drinnen lebt an Sorgen und Genießen,
Kein Ton verrät's, kein Schimmer dringt hinaus.
Wie düstre Wächter dort die Pappeln stehen,
Und zitternd fängt sich der Laterne Schein
In schwanken Zweigen, die im Winde wehen,
Als sollt' er letzten Lichtes Bote sein.
Dann kommt die Nacht mit ihrem dumpfen Bangen,
Dem Grauen, das sie birgt in ihrem Schoß,
Und aller Sehnsucht brennend heiß Verlangen,
Das in die Ferne zieht, wird riesengroß.


Die grauen Nebel werden zu Gestalten,
Die roten Wolken werden rinnend Blut,

Die Bilder, die wir tags im Zaum gehalten,
Sie stehen da, umloht von Flammenglut.
Es heult der Sturm um ferne Meereswogen,
Betäubt die Stimme, die nach Hilfe ruft,
Und prasselnd, pfeifend, zischend kommt's geflogen,
Von Lärm und Wehelaut erbebt die Luft.
So ruft die Nacht in endlos langen Stunden
Bei ihrer Uhren trägem müdem Schlag,
Wenn Kopf und Hand vom Tagestun entbunden,
Lichtscheue düstere Gedanken wach.


Bis dann ihr Lieblingskind, der Schlummer, leise
Die Sinne löst und schüttelt wie im Traum
Mit zarter Hand, in mütterlicher Weise
Den blütenduftigen Erinnerungsbaum;
Und streut die Knospen sonnenheller Tage
Und knüpft sie an ein frohes Wiedersehn,
Bis Siegesjubel wird aus Sehnsuchtsklage,
Von Turm zu Turm die Feierglocken gehn.
Und wenn also das Lager zugedecket,
Ist schon im Osten Morgendämmrung nah,
Und steht der Tag, der alle Kräfte wecket
Und alle Hoffnung, leuchtend wieder da.


*


Weißt du, wie eine Seele zittern kann.

 

Weißt du, wie eine Seele zittern kann
Und schwer an ungesprochnen Worten tragen,
Die ruhen müssen in des Schweigens Bann,
Weil sie mit leiser Stimme nicht zu sagen?


Und wie sie sehnen sich nach einem Sturm,
Nach einem Wirbelwind sie ganz zu wecken,
Um dann, wie Glockenläuten hoch vom Turm,
Die Menschen aus dem tiefsten Schlaf zu schrecken?


Die würden hören eine Stimme nur,
Durch heil'ge Glut zu Kraft und Wucht entzündet,
Zu ihren Seelen fände sich die Spur,
Und kündete, was keiner noch verkündet.


Und bräche mit geheimnisvoller Macht,
Mit wilden wundervollen Ahnungsschauern
Durch eine irre furchtgebundne Nacht,
Noch Licht entzündend zwischen engen Mauern.


Das fiele in die Dunkelheit hinein
Und flammte zu den Dächern hoch empor,
In allen Gassen leuchtete der Schein,
Bis durch der Zukunft weit geöffnet Tor.


Da stiege herauf eine Zeit, wie sie nimmer gesehn,
Sie wüchse empor aus der Gegenwart düstrem Geschehn,

Sie hätte das Wut, das heiß in die Erde gesunken,
Wie gelagerten Mein aus goldenen Bechern getrunken.
Und Stimmen klängen, wie selten ein Ohr sie vernähme,
Weil jeder Ton aus der Tiefe des Abgrundes käme,
Und stiege nun rauschend empor wie auf Adlerschwingen
Und ließe durch brausende Winde das Echo erklingen,
Und kehrte zurück von jungen Stimmen getragen,
Der harrenden Welt das Wort der Erlösung zu sagen. —
Da würden die Menschen still und rafften die Kräfte
Und ließen sie kreisen und steigen wie Frühlingssäfte,
Und knüpften die Fäden, zerrissen im Strudel der Zeiten,
Mit reinerer Hand an die Tore der Ewigkeiten.


Ein Traum, ein Wahn, die Flamme nur verzehrt
Den schwachen Leib, die Seele wie ein Licht
Aufzuckend einmal noch sich hilflos wehrt,
Erlischt, — und keiner hört mehr, was sie spricht.

 

*


 
 

Das Fensterkreuz.


Schwer lag die Sehnsucht über mir bei Nacht,
Da ich aus einem bangen Traum erwacht,
Weil einer Sonne gleich am Himmelsrand
Der Mond vor meinem offnen Fenster stand.
Doch rüttelnd nun an meinen Käfiggittern,
Und spürend schon der Seele Flügelzittern,
Was ist es, das mich plötzlich hemmt und bannt?
Das Fensterkreuz, — ich hab' es lang gekannt, —
Doch nimmer noch in diesem Licht gesehn,
So drohend und so mahnend vor mir stehn,

Ein neuer strenger Wächter meiner Haft,
Der es ins Herz mir prägt mit fremder Kraft:
»Es kann dein Weg nur über Kreuze gehn.«
Und schon verdoppelt steht's, denn schattenhaft
Ein zweites schwankend unter ihm erstand,
Ein drittes hebt sich flimmernd von der Wand. —
Blendung der Augen, Gaukelspiel des Lichts,
Geburt der Phantasie, ein Traum, ein Nichts
Vielleicht, — und dennoch ist mein Mut erschlafft.
Es ist, als hätte mich der Mond verraten,
Der fromm gelächelt sonst zu meinen Taten,
Oft meiner Wanderfahrten Weggeselle.
Da leise fließt heran die goldne Welle,
Die Kreuze leuchten auf in Mondeshelle,
Und in mir steigt empor ein schüchtern Fragen,
Darf ich den Sprung auf diese Brücke wagen?
Willst, Mond, mit Gold du meine Kreuze schmücken?
Was hindert mich, mir Rosen abzupflücken,
Nicht abzupflücken, nein, mit tausend Ranken
Sie zu umkleiden, wie mit Lichtgedanken,
Und wenn sie stiegen, bis die leichten Ketten
Den höchsten Wolkenturm erstiegen hätten,
Mich frei und selig dran emporzuschwingen
Und dir von dort das Morgenlied zu singen.
Und kaum ist in mir noch gereift der Plan,
Seh' ich das holde Wunder schon getan,
Und siegesfroh, in einem Meer von Duft
Schwebt meine Seele durch die goldne Luft,
Und wie der Mond ihr folgt mit Freundesblick,
Bleibt unter uns das Kreuz der Nacht zurück.


*



Die Stunden der Nacht.


In tiefem Schweigen über mir die Nacht.
Ein leichter Schlummer hat mich früh gefunden,
Hat lichte Träume freundlich noch gebracht,
Nun überläßt er mich dem Gang der Stunden,
Und alles, was ich über Tag gedacht,
Fühlt sich der Fesseln ledig und entbunden
Und dringt wie in verbotnes Reich hinein.
Die Uhr schlägt ein.


Da kommen sie, die heut' die Sonne sah,
Die Geisteskinder, meinem Herzen nah,
Noch ungefüg' bei aller Lebenskraft,
Vielleicht zu früh entbunden schon der Haft,
Unsicher gleitend ihrem Ziel vorbei.
Die Uhr schlägt zwei.


Wie ich sie liebe, diese feinen Glieder,
Sie streicheln möchte, fragend immer wieder:
»Sind sie nicht stark, sind sie nicht schön genug
Dem Mutterschoß, der sie in Schmerzen trug?«
Doch eine Stimme sagt: Heut' sind sie dein,
Dann aber gehn sie in die Welt hinein,
Da wollen sie sich zeigen kühn und frei
Und wollen, daß ihr Bau vollendet sei.
Die Uhr schlägt drei.


Nun stehn sie da und weiden meine Augen,
Jetzt fühl' ich, daß sie bald dem Leben taugen,

Nur hin und wieder noch ein leises Zagen,
Und dann zuletzt ein Ringen und ein Fragen
Kann ich bei allzustrengem Formgestalten
Den Seeleninhalt rein und klar erhalten,
Beraub' ich sie nicht ihrer besten Zier?
Die Uhr schlägt vier.


Ins Fenster lugt der Morgen schon hinein,
Bald löst der Tag den blassen Dämmerschein,
Wie werdet ihr das helle Licht ertragen,
Darf ich getrost das letzte Amen sagen?
Ich tu's, — ihr müßt den freien Flug nun wagen,
Ich laß euch ziehn. Die Uhr hat fünf geschlagen.


Die Vögel fingen draußen an zu singen,
Aus allen Gärten jetzt die Stimmen klingen,
Hört, wie sie euch ein froh Willkommen bringen,
Eh' sie sich jubelnd dann ins Weite schwingen.
Die Uhr schlägt sechs. Vom Turm die Glocken läuten,
Laßt ihren Schall euch Weihegruß bedeuten!


 


Aufs Kissen still in dämmermüdem Glück,
Die Augen schließend, sinkt mein Haupt zurück,
Wartend, ob nicht ein Traum dem Wunsch begegnet
Und mich in süßem Morgenschlummer segnet —
Und mich umflattert schon wie leicht Gefieder
Das holde Sommerrauschen neuer Lieder.

 

*

 


Da wir noch lebten in Frieden und Sonne war über der Erde,
Sah ich dich, Tod, als Freund, und furchtlos spürt' ich dein Nahn,
Wenn schon die Grenze der Welten verdämmernd vor Augen mir lag,
Ernster nur und geweihter schaut' ich ins Antlitz dir.
Heut' aber kommst du als Henker und trägst das Beil in den Händen,
Von deinen Schultern fließet der Mantel in Wut getaucht,
Grausam schreitet dein Fuß hin über die Stätten der Menschen;
Was deinem Beile nicht fällt, wie hilflose Herden treibst du's
Vor dir her in die Gruft, und hinter dir grinset die Not. —
Hebe dich weg von mir, ich will nicht in diese Gemeinschaft,
Will nicht den Weg betreten, den jene geängstiget gehn.
Doch, da wendest du still dein Haupt und siehst mir ins Auge,
Und ich senke den Blick beschämt und verstehe dich.
Du ja nicht trägst die Schuld, du gehorchst, wie du immer gehorchtest,
Höherer Schicksalsgewalt, — und gehorchst auch den Rufen der Menschen,
Wenn sie entweihen dein Amt, von Schuld betört oder Wahn. —
Trifft auch mich jetzt das Los, o schütze mich, ewige Gottheit,
Mache mich taub und blind, oder hülle in Nebel den Weg. —

Nein, mache fest mich und stark, und fülle mein Herz mit Erbarmen,
Weite die Augen mir, daß sie sehen, was ferne noch liegt;
Schenke den Hoffnungsstrahl auch ihnen, die ärmer als ich,
Daß sie mir folgen still, und stärker als du und dein Tun,
Geben, o Tod, dir zurück dein heilig Erlösergewand.
 

*



Morgengrauen.


Wie seltsam die Häuser stehen,
So düster, so stumm und so tot!
Wie Fahnen darüber wehen
Die Wolken im Morgenrot.


Sie aber halten geschlossen
Die Augen noch fest und dicht
Und sehen nicht, daß sie umflossen
Vom dämmernden Tageslicht.


Sie ruhen nur hingegeben
Der Nacht, die die Fäden zerreißt,
Und spüren nicht, daß sie das Leben
Erwachend schon wieder umkreist. —


So werden wir alle einst liegen
Und schlafen und wissen es nicht,
Daß auch die Nacht muß besiegen,
Das leuchtende jauchzende Licht.


Wie Schatten dann hinter uns gehen
Die Freude, das Leid und die Not;
Die Grabmale werden stehen
Wie Häuser im Morgenrot.


Die aber bleiben gebunden
Ans alte verdämmernde Sein,
Wir haben den Weg dann gefunden
Ins neue Leben hinein.


Befreit aus den schwankenden Zelten
Der kurzen verebbenden Zeit,
Durchfliegend von Welten zu Welten

Die Ewigkeit.

 

*

 


Beethoven.


Wie groß ist, Urgewalt'ger, deine Macht!
Und unter deiner Stimme unser Schweigen,
Wenn so aus deiner Seele tiefstem Schacht
Das Gold sich lösend — in geweihten Händen
Zu Wellen wieder wird, die tönend steigen
Und überfluten deine Grabesnacht.
Was kaum Mehr hier vernahm dein lauschend Ohr,
Als es auf schmerzdurchbebten Saiten schwang,
Das öffnet uns noch heute Tor um Tor,
Wird uns noch heut' zu überird'schem Klang.


Wir werden rein in deinen Leidenschaften —
Wo unsre Sinne noch am Boden haften,
Reißt du sie stürmend mit zu dir empor.
Dein Leid wird Kraft, und deine Einsamkeiten
Wegweiser sind sie uns durch bange Zeiten
Gehemmten Wollens. — Deine Schaffenswonne
Steht über uns wie eine ew'ge Sonne,
Wenn sich der Weg im Dunkel schon verlor.


Ach, daß wir heut' zu dir die Brücken fänden,
Dich segnen könnten mit Millionen Händen,
So wie du uns gesegnet tausendmal.
Doch schon verklärt stehst du in weiter Ferne,
Und deine Stirn, berührt vom Licht der Sterne,
Ist lang befreit von jeder Erdenqual.


Und doch, wenn wir so ganz in dich versunken,
Aus deinem reinen klaren Born getrunken,
Und unser heißer Dank sich lösen muß —
Sprüht er vielleicht einmal in goldnen Funken,
Und grüßt dich — wie die eisbedeckten Firne,
Umglänzt vom Licht der ewigen Gestirne,
Der jungen Morgensonne leiser Kuß.


*



Im Dorfe, wo der Brunnen steht.


Im Dorfe, wo der Brunnen steht,
Blühen die alten Linden,
Die Zweige hängen düfteschwer,
Und wie der Sommertag verrinnt,
Ein heimlich leises Spiel beginnt
Mit sonnentrunknen Winden.


Durchs mohnumglühte Ährenfeld
Ein Mädchen kommt gegangen,
So schlank und rank, so zart und fein,
Aufs weiße Kleid im Abendschein
Die goldnen Flechten hangen.


Sie sucht die alte Ruhebank,
Schaut sinnend in die Weite,
Schlürft unbewußt den süßen Trank,
Der wie aus tausend Kelchen sank. —
Da setzt sich eine alte Frau
Ganz still an ihre Seite.


Die rührt mit ihrem Zauberstab
Die hundertjähr'gen Bäume,
Da geht durch sie ein Rauschen sacht,
Verschlafne Märchen sind erwacht,
Sie gleiten durch die Wiesen hin
Wie Nebelschleierträume.


Ein rotes Köppchen leuchtet aus,
Schon ist der Wolf zu sehen,
Um einen lichten Sarg von Glas
Die kleinen Zwerge stehen,

Dornröschen schläft in Rosenduft,
Die Raben fliegen durch die Luft,
Von Abendgold umflossen,
Und mehr und mehr, und weit und breit,
Was einst sich nur in alter Zeit
Als Märchen-Wunderherrlichkeit
Ins Kinderherz ergossen.


Sie lehnt sich an den Lindenstamm
Und reckt die jungen Glieder,
Sie hebt die Stimme hell und frei,
Sie lockt die Kinder rings herbei. —
Mit Trippelschritten kommt's heran,
Schon schließen sich die Großen an,
Und alles lauscht, was lauschen kann.
Und über dieses Wunders Bann,
Und über Augen weit und groß
Sinkt still die Sonne nieder.


Es kommt die Nacht, der Brunnen rauscht
Wie über Blütengrüfte,
Die Kinder krochen in ihr Nest
Und träumen von dem Märchenfest;
Die Jungfrau schreitet still allein
Durchs Ährenfeld im Sternenschein.
Die alte Frau, die ferne stand,
Winkt wie zum Abschied mit der Hand,
Sie setzt sich auf den Brunnenrand,
Weiß keiner, wie sie kam und schwand,
Doch über ihr hinaus ins Land
Ziehn Märchen-Blütendüfte.


*



Laß mich in Demut meine Krone tragen.


Laß mich in Demut meine Krone tragen,
Die du, o Gott, in deiner Güte jetzt,
Von Abendgold umflammt aufs Haupt mir setzt.


In Demut, die mein eigen Wesen ist,
Mit Stolz, weil sie mir kommt aus deinen Händen,
Weil du ihr Schenker und ihr Hüter bist.


*

Schatten.


Der Mond steigt auf, eine flammende Sonne der Nacht,
Aus goldener Wolke, die über den Bergen geschwebt,
Er feierlich langsam, sich höher und höher erhebt
Und hält über schweigendes Leben da drunten die Wacht.
Und was sich noch schüchtern hervor in die Stille getraut
Wird dunkel und stumm und verklingt mit dem letzten Laut.


Nur die Schatten der Häuser noch suchen nach einsamen Wegen,
Sich schwarz und breit und gewichtig darüber zu legen,
Als wüßten sie flüsternde Stimmen zu wecken,
Die Tagesgeheimnisse locken aus finstren Verstecken,
Und müßten nun laut durchs Schweigen der Nacht verkünden,
Daß Licht sich und Dunkel zu neuer Weihe verbünden.

 

Der Mond zieht droben die goldenen Straßen in Ruh',
Und lächelt milde und gibt seinen Segen dazu.
Und wir sonnesuchenden, lichtgeborenen Seelen,
Wir schauen und lauschen und wissen es gibt kein Verhehlen,
Wir müssen bei tiefsten, dunkelsten Schatten uns sagen.
Daß sie wie Säulen den Tempel des Lichtes tragen.

 

*

 



O, du mein Leid.


O du mein Leid, aus Glückesfülle mir geboren,
O du mein Glück, im tiefsten Schmerze nie verloren,
Ihr beide stammt ja aus der Liebe Land,
Und geht durch meine Tage Hand in Hand.


Ihr Gotteskinder, die ihr diese Erde nur
Gestreift mit eurer Füße tastend leiser Spur,
Verloren, wenn euch aus den dunklen Tiefen,
Die Stimmen in den Lärm des Tages riefen.


Ihr wart und bleibt mein Sein, mein Wollen und mein Tun,
In euch muß meine Kraft zum Weiterleben ruhn,
Ich muß mit euch, ob Augen auch erblinden,
Die Sonne suchen und die Sterne finden.


Bleibt mir getreu, laßt nicht das bitter harte Leben
Euch Schleier jetzt ums edle Antlitz weben,
Und ruft die Zeit euch in die Not hinein,
Laßt nur Erbarmen eure Antwort sein.


*


Stunden der Not.


Das ist ein bitter hartes Ding im Leben,
Wenn wir uns selbst verlieren, grade dann,
Wenn wir geglaubt, uns hoch empor zu heben
Und schon in jener reinen Luft zu schweben,
Die kaum ein Erdenhauch noch trüben kann, —
Und spüren nun, daß uns die Nichtigkeit
Der kleinsten Dinge wie ein Ring umspannt,
Und uns in jene dumpfe Sphäre bannt,
Aus der wir uns so siegesfroh befreit.


O schneidend Weh, wenn dann kein Kampf mehr glückt,
Die Seele selber sich, nicht mehr vertraut,
Ihr vor dem eignen Spiegelbilde graut,
Das sie in Gottes Antlitz einst erblickt. —
Zieh, Nacht, die dichten Schleier vor mein Haus
Und sag' den Sternen, daß sie weiter gehn,
Laß nicht den Mond so jähen Absturz sehn,
Schließ mich von deiner Andachtfeier aus.


Und lasse mich allein, mit mir allein,
Dann kann vielleicht aus Dunkelheit und Pein
Die Rettung auferstehn. Schon ahn' ich Licht,
Schon grüßt mich fern ein heilig Angesicht. —
Laß mich allein mit mir, ich möchte glauben,
Ich möchte hoffen, — und ich kann es nicht.

 

*

Befreiung.


O Gott, Allmächtiger, von Ewigkeit
Zu Ewigkeit Gewes'ner, habe Dank!
Arm lag vor dir die Seele, müd' und krank,
Du hast noch einmal selig sie befreit.
Du sandtest deines Lichtes Herrlichkeit
In Strömen, wie ich nimmer sie geschaut,
Und gabst ihr Stimme, gabst ihr jenen Laut,
Den kaum ein Ohr vernimmt im Lärm der Zeit.


Doch da ich stieg in deinem Glanz empor
Und ward in deinen Fluten wieder rein,
Lag dicht an deiner Brust mein lauschend Ohr
Und meine Seele war in deinem Sein,
Denn du, der Erde Kraft, des Himmels Licht,
Der Schuld Geheimnis und des Todes Hand,
Du zeigtest mir dein Weltenangesicht,
In dem ich meine Seele wiederfand.


Nun ruh' ich ganz in dir und du in mir,
Und all mein Sein trägt deiner Gottheit Spur,
Denn jede Kraft ist doch ein Teil von dir,
Und meine Schuld ward dein Erlösen nur.


*


O du mein Lied.


Was wär' ich ohne dich, o du, mein Lied,
Du Hüter dessen, was die Nacht erworben,
Die mit den goldnen Sternenaugen sieht,
Was schon im Dunkel ruhte wie erstorben!


Was wär' ich ohne dich, mein leuchtend Lied,
Das immer Funken zündet, Flammen nähret
Und tausend Fäden in das Leben zieht,
Ins Leben, das für uns so kurz nur währet!


Du schaffst es dauernd neu, gesegnet Lied,
Du lockst das Ferne, sammelst, was vergangen,
Du bist der Strom, der gleich magnetisch zieht
Des Frühlings Blühen und des Herbstes Prangen.


Und über höchste Gipfel schwingst du dich,
Erlauschst im Erdenschoß, was keiner sieht,
Dir naht die Gottheit, die mir scheu entwich,
O du mein heilig, mein gesegnet Lied!


*


Ihr sagt, ich hänge noch an diesem Leben,
Glaubt ihr darum, ich zittre vor dem Tod?
Ich will ihm das lebend'ge Leben geben
Und nicht ein Leben, abgetrotzt der Not.


Ich lieb' es wie die Sonne, wie die Sterne,
Und wie die Liebe, die sein Pulsschlag ist,
Und ob mein Ende nah mir oder ferne,
So mög' es sein, daß es den Tod vergißt.


Vom letzten Lager soll ein Blütenregen
Vom Hoffen träufeln, wie am Frühlingstag,
Und fließen Tränen, sollen sie ein Segen
Für jeden sein, der sie vergießen mag.


Dann ist, was ich gewollt, gedacht, im Tod erfüllet,
Was ich in wachen Träumen sah, geschehn,
Und über einem Sein, das sich in Schleier hüllet,
Wird sonnenfroh das Leben weiter gehn.


*


 
 

Noch einmal Sieger.


Noch einmal Sieger! — Schwarze Wolkenfetzen,
Die sich gesammelt drohend vor der Nacht,
Vor denen schüchtern Stern um Stern verblaßte,
Und die der Wind schon wie zum Kampf erfaßte,
Verflogen sind sie und der Morgen lacht.


Die Berge lagen schwarz in finstrem Schweigen,
Da langsam aus der Tiefe stiegest du,
Als rüstetest du zu besondrer Feier
Und wüßtest dich als Sieger und Befreier,
Und nicht ein Schatten störte deine Ruh'.


Die Wolken zitterten, dann flüsternd zogen
Sie sich zusammen und ein Regen fiel,
Du lächeltest und stiegst bis sie entflohen, —
Vor deinem klaren Antlitz war ihr Drohen
Wie vor der Gottheit nur ein Kinderspiel. —


Und standest feiernd still; es war, als wage
Die weite stumme Nacht zu atmen kaum,
Nur lichte Wölkchen flogen hin und wieder,
Wie aufgescheuchter Vögel leicht Gefieder,
Entflatterten und schwanden wie ein Traum.


 


»Gott schaut, Gott weiß, Gott spricht!« War's eine Stimme,
Die ich von oben hörte, war es nur
Ein Ahnen? Er, den wir ersehnen
Und immer fern und immer nah uns wähnen,
Die Sonne dieser Nacht trug seine Spur.

 

*


 
 

Von der Höhe herab ins Tal.


Von der Höhe herab ins Tal,
Im verblassenden Abendstrahl,
Bis der Fluß und die Ufer schwammen
In veilchenfarbenem Duft,
Die Bäume begannen zu flammen,
Zu flammen die Luft.


Und wir gingen und gingen,
Und eine Hub an zu singen,
Bei festem und strauchelndem Tritt,
Die Stimme sang und klang mit
Und sang und verklang.
Und stille ward es umher,
Und wir wußten nicht mehr
In welche schimmernden Weiten,
In welch traumwandelnde Zeiten
Uns führte der Schritt.


*

Morgenlicht.


O Morgenlicht, du, dessen heil'ge Stimme
Doch immer wieder zu den Menschen spricht,
Ob sie durch Leid und Einsamkeiten bricht,
Ob sie die Not der großen Welt durchdringt
Und wie mit hellem Siegesruf bezwingt.


Die große feierliche Nacht wird stumm vor ihr,
In jeder Kreatur dehnt sich mit Beben
Die nimmermüde, allgewalt'ge Lust zum Leben
Und steigt herauf und einigt sich mit dir,
Und wird ein schwingend, leuchtender Gesang,
Und zieht hinaus und grüßt die fernen Zeiten
Wie eines jungen Tages Glockenklang.


*



Der alte Baum.


Du stehst am Wege mit verschlungnen Zweigen,
Du alter Baum, und wie ein schirmend Dach
Läßt du die Krone sich zur Erde neigen
Und immer mehr sich breiten nach und nach.


Es ragt dein Stamm nicht hoch, doch fest gebauet,
Uralt und urgewaltig scheinst du mir,
Und immer wieder, wenn mein Aug' dich schauet,
Wünscht' ich, die deutsche Eiche gliche dir!


Und über einen Wald getaucht in Sonne,
Und über einen Weg voll Blumenblühn,
Und über Liedersang und Sommerwonne
Sie breitete wie du ihr Schattengrün.


Und wenn der harte strenge Winter käme
Mit seinen Wetterstürmen wild und rauh,
Der dir wie ihr die welken Blätter nähme,
Sie zeigte frei wie du den stolzen Bau.


Gelassen ließe sie sich überragen
Wie du, von Kühneren, voll Wagemut,
Um fest und sicher nur das Dach zu tragen,
In dessen Schatten unsre Heimat ruht.


*


Aufschrei.


Du, meines Lebens Glück und Glanz und Zier,
Du, die uns Werden und Vollenden schafft,
Du, aller Schönheit Inbegriff und Kraft,
Soll ich zugrunde gehen nun an dir?


Soll jener Hunger, den nur mein Gebot,
Mein Wille immer wieder neu bezwingt,
Daß er nicht wie ein Schrei die Nacht durchdringt,
Soll er mich schlimmer töten als der Tod?


O Liebe du, nicht dieser Erde Kind,
Willst du dich rächen, weil wir irdisch sind
Und dennoch Erben deiner Seligkeit?
Du hängtest über dich das Netz der Zeit,
Gabst mir als Hüterin die Einsamkeit. —
Die heil'ge Flamme haben wir bewacht.
Wer hat im Sturm sie neu zur Glut entfacht?
Du lebst — und außer dir ist Tod und Nacht.


*

Wandert über die Berge, ihr meine Gedanken.


Wandert über die Berge, ihr meine Gedanken,
Wo die müden Füße doch nimmermehr gehn,
Was in den Weg sich auch stellt muß fallen und wanken,
Wagt ihr der Sonne nur frei ins Antlitz zu sehn.


Wer die Sonne liebt ihre zarten Schleier,
Wälder und Höhen hüllt sie in rosigen Duft,
Sieht es nicht aus, sie rüste zu bräutlicher Feier,
Trägt nicht auch Glockenton die verdämmernde Luft?


Wandert über die Berge, doch wandert leise,
Denn ich ahne, ihr geht zu geweihtem Fest,
Nur den flüsternden Winden vertraut eure Reise,
Daß die Sonne die Tore uns offen läßt.


Denn, wie in Träume gewieget tragt meine Seele
Dorthin, wo ihre Sehnsucht in Wolken schlief,
Daß sie sich schlummernd der sinkenden Sonne vermähle,
Die sie leise heute bei Namen rief.

*


 


Wenn wir mit Sehnsucht, die kein Wort mehr nennt,
Aus tiefstem Abgrund auf zur Höhe steigen
Und auf dem Gipfel dann, in heil'gem Schweigen
Die Seele ihre Heimat neu erkennt, —
Dann möchten wir mit brünstigem Verlangen
Der Stunde sagen, bleib' uns immer nah',
Und bist du doch an uns vorbeigegangen
Und uns umfängt das alte wehe Bangen,
Sag' es uns immer wieder —

Ich war da!

 

*


Flamme.


Sterben ist nichts, ein Vergessen, ein Hauch,
Flamme verlöschend in Todeskühle,
Aber solang' ich die Flamme noch fühle,
Soll sie brennend leuchten und glühn,
Die in verborgenen Winkel sich stehlen,
Unbewußt auch noch Funken sprühn,
Gluten entfachen in anderen Seelen
Steigend hinauf in die Nacht der Sterne,
Strahlend hinaus in weiteste Ferne,
Was sie ergreift noch, sie soll es besiegen,
Um im Tode erst still zu liegen,
Asche unter dem kühlen Stein,
Wartend, um mit erwachendem Schein
Reinere, hellere Flamme zu sein.


*


Wahnsinn der Nacht.


Wahnsinn der Nacht, pechschwarze Wolken rasen
Am Himmel hin und her von Ost nach West,
Und trunknen Wächtern gleich, die Winde blasen,
Der Stunden nicht mehr achtend, bis der Mond
Selbst taumelnd sich von Wolken fangen läßt.


Baumschatten ringeln sich wie Schlangenketten,
Mit denen Kinder froh am Tag gespielt.
Schwarz färbt sie nun die Nacht auf stummen Straßen,
Und furchtsam in die weichen Wolkenbetten
Ein Sternlein nach dem andren scheu sich stiehlt.


Vom Wahn ergriffen scheinen auch die Berge
Zu schütteln sich, die sonst in Schweigen ruhn,
Denn ihre Bäume spielen mit den Winden,
Und Riesen dünken sich die kleinsten Zwerge,
Solang' die Nacht verzerrt ihr tolles Tun.


Die Zeit scheint still zu stehn, die Uhren schweigen,
Nur die Natur hat Stimme noch und Laut,
Bis tief und tiefer sich die Wolken neigen,
Und wie empor die grauen Nebel steigen,
Gestaltlos wird, was rings das Auge schaut.


Wann endet dieser Nacht verzweifelt Ringen,
Das stumm schon in der Dunkelheit zerbricht?
Wann werden wieder Menschenlaute klingen,
Den stillen Gleichtakt unsres Lebens bringen,
Der heil'ge Tag und das geduld'ge Licht?


*


Die Not.


Wenn wir es lernen könnten, daß die Not,
Wenn sie mit ihrem schweren Mantel deckt,
Was oft in Glanz und Blüten sich versteckt,
Uns retten kann vor dem lebend'gen Tod,
Wieviel geduld'ger würden wir sie tragen
Und in Gebete wandeln unsre Klagen!


Wenn wir es lernen könnten zu verstehn,
Daß ihre Stimme, die viel tiefer klingt
Als unsre eigne, auch in Tiefen dringt,
Die unsre Freudenaugen nie gesehn,
Die Seele würde schon im Dunkel finden
Die Fäden, die uns mit dem Licht verbinden!


Wenn wir sie lieben könnten, unsre Not,
Die Not, die uns in stolzer Lust begegnet
Und die uns dann mit Einsamkeiten segnet,
Wie es der Gott in uns ihr still gebot; —
Wie würden dann wir Menschen schon auf Erden
Der Freude seligste Verkünder werden!


*



Frühschnee.


Nun ist der Schnee gefallen auf goldenes Laub
Und unter der Last die grünen Sträucher sich neigen;
Die Purpurblätter aber rieseln wie Blut
Herab in des Winters weißes und kaltes Schweigen.


Er wandert so seltsam still durch das grüne Land,
Wo Bäume stehen, die vom blühenden Sommer noch träumen;
Kaum schlüpfte der Herbst in sein leuchtendes Prachtgewand,
Da muß er dem mächtigen Herrscher das Feld schon räumen.


Hat ihn die Furcht gelockt, die, wohin er auch schaut,
Uns alle, wenn wir nur seiner gedachten, erschreckt?
Rief ihn der Menschen verworrner Stimmenlaut,
Daß er ihr wildes Gebaren mit Schweigen nun deckt?


Mir ist, als trüg' er leise von Ort zu Ort,
Von Stunde zu Stunde, vom Morgen hinein in die Nacht
Ein nie gehörtes geheimnisschweres Wort,
Das er aus fernen Welten herübergebracht.


Ein Wort so feierlich fromm wie Glockenton,
Und wie einer Knabenstimme heller Gesang,
Der in sich berge des Frühlings Werben schon,
Wenn er sich rüstet zum Sonntagsfeiergang.



Und küßte die Nacht auf den ernstgeschlossenen Mund,
Und schmückte mit weißen Blüten des Morgens Kleid,
Durchblitzte wie Gold und Silber die Tagesstund',
Um abends zu beten am Lager von Liebe und Leid.

 

*


 
 

Freund der Nächte.


Nun sollst du, Schlaf, mir Freund der Nächte sein,
Behüter meiner müdgesung'nen Stunden;
Dann fließt der goldne Strom in dich hinein,
Den du auf deinem Weg zu mir gefunden.
Noch zittert schwach in deiner Hand das Licht,
Noch bin ich wach, dann irren die Gedanken, —
Und scheuen auch die rote Flamme nicht,
Um deren Schein sie wie die Motten schwanken,
Bis sie die zarten Flügel sich verbrannt
Und du mit deinem leichten Raub entfliehst,
Und dicht und dichter deine Kreise ziehst
Um jenen so geheimnisvollen Raum,
In den schon die Lebendigen verbannt,
Wo das Gewes'ne stirbt und wird zu Wahn und Traum.


Du aber lebst und schlingst den weichen Arm
Erlösend mir um meine müden Glieder,
Und hältst mich fest und hältst mich treu und warm,
Und gibst mich so dem neuen Tage wieder.
Und beide tragen wir ans Licht empor
Das Lied, das dieser Wundernacht entsprungen,
Das ich dir leise flüsterte ins Ohr,
Und das du mir im Traume vorgesungen.

 

*

 


Unendlichkeit.


Wenn ich sterbe, dann erst werd' ich leben,
Wie ich nie gelebt hier in der Zeit,
Alle unverbrauchten Kräfte geben
Noch der leuchtenden Unendlichkeit.


Blüte will ich werden, Schaum der Welle,
Mondesglitzern überm Gletschereis;
Glocke, schwingend in der Sonnenhelle,
Die nur Liebe noch zu klingen weiß.


Wie ein Adler steigen in die Lüfte,
Flügelrauschend wie Gewitternacht,
Über Gräber hauchen süße Düfte,
Bis ein Rosengarten aufgewacht.


In dem heil'gen Buch der Sterne lesen,
Wissen, was die Augen nie gesehn,
Und so in millionenfachem Wesen
Untergehn und wieder auferstehn.


*

 

Freude.


Freude ward als sel'ges Erbteil mir gegeben,
Engel warfen sie von Gottes Hochaltar
Jauchzend einst hernieder in mein knospend Leben,
Als ich jung und ihrer noch nicht würdig war.
Freude sang der Sonne tausend Liebeslieder,
Wenn ich Rosen auch noch unter Dornen fand,
Freude ging und kam mir immer, immer wieder,
Fiel auch ungesehen noch in meine Hand.


Not hab' ich in Einsamkeiten finden müssen,
Ihre Worte fielen kalt und hagelschwer
Und ihr gottgesegnet tiefes reines Wissen
Tropfte still wie Frühlingsregen hinterher. —
Jetzt, wenn ich ihr in die ernsten Augen schaue,
Ist sie nur mir die geweihte Priesterin,
Der ich auch die höchste Freude anvertraue,
Wenn ich ganz in sie verloren bin.


*

Unsterblicher Tod.


Alles auf Erden vergeht und verwelkt mit der Zeit,
Du nur, Tod, bist unsterblich und immer derselbe.
Wanderst und wanderst durch die Jahrtausende hin,
Dem Vergangnen so nah wie den kommenden Tagen.


Du nur weißt, wo die Blüten des Frühlingsknospen,
Weißt, wie die goldenen Ähren des Sommers reifen,
Wo der Herbst seine leuchtenden Blätter birgt
Und der Winter der Sonne entgegenträumt.


Darum lieb' ich dich, Tod, und küsse zuweilen,
Wenn du mir nahst, dein heilig reines Gewand,
Das nur die Menschen entweihn mit unreinen Händen,
Weil sie nicht wissen, wie groß und wie ewig du bist.


*



Fragen der Nacht.

1.


Ich darf nicht über dunkle Nächte klagen,
Wo Schmerzen wild wie Stürme mich umwehn,
Sie haben mir soviel zu sagen,
Was meine hellen Tage nicht verstehn.

2.


Die Sterne sind so seltsam in der Nacht,
Sie zeigen Wege, die ich nie gewandert bin,
Sie locken mich zu fernen, fremden Zielen hin,
An die ich nie im Sonnenlicht gedacht.
Zuweilen denk' ich, daß sie Boten seien,
Gerüstet schon, die Seele zu befreien,
Doch jeder Stern ist wieder eine Welt,
Aus der ein Strahl auf unsre Erde fällt.

3.


Ob wohl zuweilen meine stillen Nächte,
Auch Strahlen senden fernen Brüdern droben,
Die unterm Bann uns unbekannter Mächte,
Auf ihre Art des Schöpfers Werke loben?
Und ob aus meinen Freuden Blumen blühen,
Die Duft entsenden in die fremde Welt,
Und ob aus meinen Schmerzen Funken sprühen,
Ein Feuer, das ihr dunkles Sein erhellt?

4.


Ob wohl ein Auge, wie ich es nicht kenne,
Mit Sehnsucht dann an unsrer Erde hängt,
Und wenn ich leis im Traum das Wort nur nenne,
Inbrünstig sich zu meiner Seele drängt?
Und ob, wenn die Jahrtausende entschwinden
Und Welten wieder kreisen auf und ab,
Wir irgendwo uns dann zusammenfinden,
Bis an das letzte dunkle Todesgrab?
Die Worte, die wir sprechen, sind verklungen,
Die Dinge, die wir schauen, sind nicht mehr,
Nur noch ein Lied, einst fromm und schön gesungen,
Bebt leise, leis im Lufthauch hin und her.


*

 
 

Dunkel.


Dunkel im Zimmer und ich im Dunkel allein.
Draußen die Nacht mit ihrem gewaltigen Schweigen,
Häuser, die schlafen, und Leben, das liegt wie im Grab
Nur lebendig Gedanken, die fallen und steigen.


Steigen zu Höhen, wo einst unsre Sonne stand,
Fallen in Tiefen, wo Schätze liegen begraben,
Suchen die Weite und finden die Wege nicht mehr,
Werden müde und möchten nur Ruhe haben.


*



Wunsch.


Nicht, wenn die Erde rings in Armut steht,
In ihrem grauen Büßerkleide geht,
Die Menschen seufzend nur nach Brot verlangen
Oder nach Träumen, die in Dunst zergangen,
Nicht, wenn wir allerorten Schiffbruch leiden,
Möcht' ich von der geliebten Erde scheiden.


Doch füllte sie sich einmal noch zum Rand
Mit Gold und Edelsteinen, daß die Hand
Nur wahllos greifen könnte, stolz und kühn,
Und rings ich spürte neues Frühlingsblühn,
Und über Knospen, die die Hülle sprengen,
Sah' fern ich schon die reifen Früchte hängen, —
Dann möcht' ich sterben, dann die Erde lassen,
Und sie in ihrer ew'gen Größe fassen,
Dann war' es Flucht nicht, nur ein Weiterwandern
Von einem lichten Weltgestirn zum andern.


*



Es war ein Herbsttag.


Es war ein Herbsttag und ich lag allein. —
Auf meinem Tisch stand eine dunkelrote Rose,
Draußen im Park die Birken flüsterten, —
Und goldne Blätter fielen, — leise, lose.


Klang nicht die Sense, ward noch Gras gemäht?
Ich sah es nicht, — ans Lager lange schon gekettet, —
Auch nicht den See, der nah' den Wiesen lag,
Nun wohl in buntes Herbstlaub friedlich eingebettet.


Ich träumte von des Blumengartens Pracht
Und seinen Früchten, Stimmen hört' ich schallen,
Die reife Ernte wurde eingebracht,
Auch Kinderjubel kam wie Widerhallen.


So still, so sonnig war ringsum die Luft,
So ganz umsponnen auch von fernen Zeiten. —
Aus alten Gärten schien der Blütenduft
In dieses Tages Glanz hineinzugleiten.


Ich ließ die Augen wandern im Gemach,
Bis sie auf liebvertraute Bilder trafen;
In meinem Herzen war ein Wunsch nur wach,
In solcher Stunde friedlich einzuschlafen.


*



Dämmerstunde.


In dem Kamin die rote Flamme brennt,
Vom Sommerholz fiel Scheit um Scheit hinein,
Und wie die warme Glut den Raum erhellt
Ist sie wie aufgewachter Sonnenschein.


Der Baum, in dem die Drosseln einst genistet,
Um seinen Fuß der Anemonen Blühn,
Eichkätzlein, die am Stamm hinaufgeklettert,
Das alles sehn wir in dem Funkensprühn.


Mit immer neuen Bildern kommt das Leben,
Vergißt die Not und träumt nur noch vom Glück,
Doch leise fällt die Asche schon daneben
Und immer tiefer sinkt die Glut zurück.


Die dunklen Schatten an den Wänden steigen,
Auf Bildern zittert noch ein Flackerlicht,
Die Stimmen werden leiser, bis das Schweigen
Kaum noch ein einzig Wörtlein unterbricht.


Da, — heimlich, still, wirft eine Kinderhand
Das Tannenzweiglein, das am Tag sie fand,
Ins letzte Spiel der Funken noch hinein.
Zur Decke fliegt's wie heller Kerzenschein. —
Nun vor der Nacht träumt noch die Dunkelheit
Von Weihnachtsduft und Kinderseligkeit.


*

Winterfahrt.


Jetzt geht es mit weißen Rossen
In weiße Welten hinein; -
Die Straßen, die Häuser, die Menschen
Sind nur noch ein blendender Schein.
Wer schaut denn nach Dächern und Türmen
In all dem leuchtenden Glanz,
Um den nur die Kronen der Bäume
Noch flechten den schimmernden Kranz!


Wie seltsam atmet das Leben, —
In all dieser Märchenwelt
Weiß keiner der Fahrtgenossen,
Wer heute die Zügel ihm hält.
Wir sehen verschneite Höhen
Und stählen uns Kraft und Mut,
Indessen der Strom uns zu Füßen
Erstarrend im Eise ruht.


Das letzte Rauschen der Wellen
Ist feurig wie junger Wein,
Ich trink' es im Glanze der Sonne
Mir tief in die Seele hinein;
Und was auch am Wegesende
Und jenseits in Weiten liegt,
Die Sonne hat es gesegnet,
Die Sonne hat es besiegt.


*

Der Sünden Sünde.

 

Wenn wir einmal der Sünden Sünde fänden
Und trügen sie herbei von Haus zu Haus,
Wir würden fremd ihr oft ins Auge blicken
Und staunend fragen: »Also siehst du aus?«
Mißtönend würde ihre Stimme klingen,
Auch da, wo Gutes unter uns geschah,
Und auch an Stätten würden wir sie finden,
Die unser Auge einst als Tempel sah.


Und wenn wir dann der Sünde Sünder bänden
Und richteten für sie den Feuerstoß —
Die Funken würden bis zum Himmel sprühen
Und eine Flamme würd' es riesengroß.
Und wenn die Asche still herniedersänke,
Es stände eine Schar, erstarrt in Graun,
Sie würde über tausend leere Häuser
Und ungezählte Leichenstätten schaun.


Dann aber würde sie die Hände falten
Und tiefer Christi heilig Wort verstehn,
Und wo sich Auge noch in Auge senkte,
Nur Liebesmacht und Liebeswerben sehn.
Doch ehe sie den Tempel noch errichtet,
Dort Gottes Wort zu künden klar und rein,
Die Erde stürzte über ihr zusammen
Und würde nicht mehr Menschenerde sein.


*

Tag und Nacht.


Am Fenster steh' ich wartend Tag an Tag
Und lasse wandernd nur die Augen gehen,
Der alten Bilder Schönheit neu zu sehen —
Und frage hin und wieder wie im Traum,
Mit leisem Sehnen, das noch Sehnsucht kaum,
Wann ich die Bilder wieder suchen mag?
Ward denn so still das Herz in meiner Brust —
Der Puls so träge und so müd' der Fuß,
Daß ich des Frühlings goldne Werdelust,
Nur spüre noch wie einen fernen Gruß?


Dann kommt die Nacht, — kaum sind die Sterne da,
Dehnt sich des Zimmers Raum mir wunderweit,
Und was ich einst in Himmelsfernen sah
Belebt mir feiernd nun die Einsamkeit
Und rückt den Augen, wie der Seele nah, —
Und aus der Nacht wird Tag und ringsumher
Spür' ich's wie Duft aus weitem grünen Land,
Dann trägt ein stolzes Schiff mich übers Meer,
Am Segel flattert lichtes Frühlingsband; —
Wie trunken schau' ich ferner Küsten Rand —
Und wieder ist mein Eigen nun die Welt,
Der Glieder müde Schwere hemmt mich nicht
Und überall, wohin mein Blick nur fällt,
Liegt der verlornen Tage Sonnenlicht.


*


Die weiße Straße.


Auf den gewohnten Wegen schwankt mein Fuß,
Als wär' ich langsam schon der Zeit entwichen,
Und Farben, die geleuchtet, seien verblichen,
Wie ja am Ende alles bleichen muß.


Doch in der Nacht tut eine weiße Straße
Sich sternumglänzt vor meinen Augen auf,
Sie windet still sich einen Berg hinauf
Und kennt nicht Wegeszaun, noch Meilenmaße.


Und sicher wird auf ihr und fest mein Schritt,
Und immer freier atmet meine Brust,
Und Sehnsucht, die geschlummert, kaum bewußt,
Nun der Erfüllung nah', geht leise mit.


*

 

Eine blaue Flamme.


Wenn ich ruhe, eine blaue Flamme
Seh' ich oftmals hin und wieder zittern.
Auf die Schatten einer blauen Wand
Von dem Gold der Sonne dort entzündet,
Schwebt sie wie ein fremdes Gotteswunder
Um vertraute, doch so ferne Dinge.


Über Bildern der geliebten Toten
Wer flammt sie wie ein mystisch Licht,
Das zugleich mit köstlichem Verheißen
Alle jene, die vorangegangen,
Heute noch an unsre Erdensonne
Und an unsre große Liebe bindet —
Uns schon heut' an jene fernen Welten,
Wo sie schweigend unsren Tag erwarten.


Und so lieb' ich meine blaue Flamme
Wie so manches Wunder stiller Stunden,
Das die heil'ge Sonne mir geschenkt.


*

Palmsonntag.


Wir müssen noch durch diese Nacht
Mit ihren schwarzen Finsternissen,
Mit den belasteten Gewissen,
Mit den zerstörten Tempelhallen,
Wo statt Gebeten Flüche schallen,
Ins Chaos all des Ungewissen.
Wir müssen noch hindurch, wir müssen!


Wir sind so tief herabgestiegen
Und werden doch noch tiefer liegen,
Uns selbst zerfleischen und bekriegen,
Eh' wir den Menschenwahn besiegen.


Stumpf werden Augen uns und Ohren, —
Doch irgendwo an fernen Toren,
Noch tief im Dämmergrau verloren,
Ist doch der Funke schon geboren,
Den sich der Frühling auserkoren.


Der Frühling, licht und zart und hold,
Mit seinem Haar von Sonnengold,
Mit seinem Saitenspiel am blauen Band, —
Wer sah ihn so nicht ziehn durchs grüne Land?


Der Frühling, den kein Sturm und Wetter schreckt,
Der Tote aus den tiefsten Gräbern weckt;
Der Flüsse Eisespanzer abwärts treibt,
Und immer doch der schöne Knabe bleibt.


Wir denken seiner in der Feierstunde,
Ein Birkenblättlein schließt die blut'ge Wunde,
Fromm wie Gebetshauch zittert's in die Runde
Und »Amen« klingt's aus hellem Kindermunde.


*


 
 

Golgatha.


Nun trag' dein Kreuz nach, Golgatha,
Du Liebe, die ich lächeln sah
Im Rosenkranz, bei Spiel und Tanz
Im Sternenschein, wenn Zwei allein.


Nun trag' dein Kreuz nach Golgatha,
Du Liebe, die ich weinen sah,
Als junges Blut in Strömen floß,
Ein dunkles Erdengrab sich schloß,
Und als die Schuld mit schwerer Hand
Die Friedenspalme dir entwand.


Nun steht dein Kreuz auf Golgatha,
Nun Liebe, ist dein Sterben nah',
Die Menschen haben dich verhöhnt,
Dein Haupt mit Dornen auch gekrönt,
Und eh' die Nacht herniedersinkt,
Dein Blut ist's, das die Erde trinkt.


Da durch die Welten geht ein Schrei,
Des Tempels Vorhang reißt entzwei,
Schwarz wird die Erde wie die Nacht,
Das Werk des Todes ist vollbracht.


*

Ostern.


Doch die Sonne lächelt am heiligen Tag,
Die Blumen stehn auf im grünen Hag,
Die Wiesen blinken mit Perlen von Tau,
Der Wald reckt empor sich ins Himmelsblau,
Die Glocken läuten von Turm zu Turm,
Die Nacht ist vorüber, vorüber der Sturm,
Die Menschen wandern mit leisem Schritt,
Und die auferstandene Liebe geht mit.


*



Einer Frau.


Ich grüße dich, sonniges Menschenkind,
Deine Augen so hell wie der Frühling sind,
Du stehst in der Jugend Rosenkleid
Und birgst nur wie Tau dein zärtliches Leid.


Und die Tage gehn, und die Nachtigall singt,
Und der Sommer naht, der Erfüllung bringt,
Und dein Fuß wird schwer, und dein Herz wird weit,
Wie die Knospe schwillt um die Blütezeit.


Und ich segne dich, wenn die Ähre reift,
Dein Blick in goldene Fernen schweift,
Dein Schlummerlied über der Wiege sacht
Verklingt in die duftige Mondscheinnacht.


Und ich liebe dich, wenn der Herbstwind weht,
Wenn Garten und Wald in Flammen steht,
Wenn silberne Fäden spann durch dein Haar
Die blühende, reifende Kinderschar.


Und ich bete für dich, wenn der Winter naht,
Den verklärt noch die scheidende Sonne hat.
Ach, daß dich dann halte geliebte Hand
Und geleite ins fremde Heimatland!


*



Liebe.


Wenn du in unsrer Brust die Glocke schwingst,
Du, die wir hier auf Erden Liebe nennen,
Und deine goldnen Sonnenlieder singst,
Die wir beim ersten Flüsterlaut erkennen,
Wir spannen über dich das Himmelszelt
Und nennen dich die Königin der Welt!


Doch wenn die Güte, dein geliebtes Kind,
An deine Brust sich schmiegt so zart und lind,
Wenn wir in deinem Sommerrausch erbeben, —
Wir fühlen, wie sich unsre Flügel heben,
Und wissen es, nun weitet sich das Leben.


*

Gleichwie auf hohem Berge steh' ich.


Gleichwie auf hohem Berge steh' ich
Und schau' hinab ins tiefe Tal,
Wie blasse Schattenbilder seh' ich,
Was stürmend Leben war einmal.
Und will ich's auch mit Händen fassen
Und drängt mich auch mein Herz dahin,
Ich muß die Fäden gleiten lassen,
Weil ich zu weit gestiegen bin.


Doch droben in der Dämmerkühle,
So nahe unterm Sternenzelt,
Kommt's wohl, daß ich ein Sehnen fühle
Nach der verlassnen Tälerwelt,
Nach ihrer Not auch, ihren Sorgen
Im Kampfe um verlornes Gut,
Nach allem, was, wenn auch verborgen,
Doch noch in meiner Seele ruht.


Dann hör' ich plötzlich eine Weise,
So zart und hold wie Harfenklang,
Es ist, als strichen Hände leise,
Liebkosend über Stirn und Wang';
Und eine Stimme hör' ich fragen:
»Kennst du dein eigen Wesen nicht,
Wer hat dich denn emporgetragen
Aus nächt'gem Dunkel an das Licht?


Die alles Lebens Keim und Blüte,
Die alles Werdens Urquell ist,
Sie ist dir nahe, sie nur hüte,
Die Liebe, die dich nie vergißt.
Und weil sie dich emporgenommen,
Aus deinen Augen strahlt ihr Schein,
Und läßt die Armen zu dir kommen
Und Reiche nur noch reicher sein.«


*



Daß ich Lasten trug.


Daß ich Lasten trug auf meinen jungen Schultern,
Daß ich in der Jugend wenig nur gelacht,
Immer wieder selbst mein Schifflein steuern mußte,
Hat mich frei und stark und stolz gemacht.


Daß ich oftmals darbte, wenn ich Liebe brauchte,
Schwer mit jeder noch so kleinen Bitte rang,
Leid ertrug, doch nie die Seele mir entweihte,
Das gibt meinem Leben heut' den hohen Feierklang.


Und so dräng' ich all die vielen wegbestaubten Jahre
Nicht in einen dunklen Winkel scheu hinein,
Nein, ich trag' sie jauchzend an die helle Sonne,
Zeugen ihrer goldnen Erntezeit zu sein.


*

Am Ziel.


Am Ziel!

Es öffnet sich das stille Tor,
Und in den Morgen trete ich hinaus
Aus meinem dunklen Haus, ins ew'ge Licht,

Wo wir uns wiedersehn.
Wann? weiß ich nicht.

Und wie? — ein Ahnen sagt mir, daß der Weg,
Der uns vereint, ein seltsam stiller ist,

Und daß wir uns die Hände reichen werden
Hin über Welten, die wir nie gesehn,

Und kaum verstehn —

Um dennoch eins zu sein.


Über der dunklen Erde liegt ein Schein
Von Sonntagsmorgenglanz, —
Der Schein sind wir.
In tausend Seelen klingt ein heilig Wort
Von ew'ger Liebe, —
Und das Wort sind wir.
In müden Herzen wächst in dunkler Nacht
Der Glaube an die Kraft
Die Kraft sind wir.
Und also über Millionen hin
Kommst du zu mir
Und komme ich zu dir.


*


Letzter Wunsch.


Kein Liebeszeichen mehr, wenn ich gestorben,
Kein einzig Blümlein legt mir auf den Sarg;
Was soll damit die kalte schwarze Erde,
Die schon zuviel des Irdischen uns barg!


Was ihr an Liebe bergt, schenkt es mir heute,
Dann wandelt sich's in Farbe, Glanz und Duft,
Wird Keim und Blüte, Frucht und reife Ernte,
Wird Sonnenlicht und weiche Mondscheinluft.


Einst war ich reich und meine Seele spannte
Um einen andren solch ein Liebeszelt,
Jetzt streck' ich sehnend nur noch meine Hände
Und bitte um den letzten Glanz der Welt.


*