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Felix Beran – Krieg

Gedichte

Art. Institut Orell Füssli, Zürich, [1915]


Krieg

Klirren und Splitter –
Krieg!
Freude flattert in die Nacht.
Was wir weihten dem Sturz
Weh es stehet und starrt.
Über Tempeln in Trümmern
Reckt sich rufend der Hass.
Rings die Hoffnung vergittert,
Das Gedenken betäubt,
Wurzeln und Äste gekippt,
Sturm darüber –
Krieg!


Ich bin

Ich bin die Macht,
Mein ist die ganze Welt,
Geld, Gut und was nur dein und auch du selbst.
 
Es beugt sich meinem harten Stab der Mann,
Blickt zu mir auf noch in des Sterbens Pein
Und rühmt von mir
Mit lächelndem hellem Mund.
 
Voll Fleiß sind meine Diener.
Sie wühlen tief in schwarzer feuchter Erde,
Sie töten hoch in hellen blauen Lüften,
Zerschmettern menschenlastbeladene Schiffe,
Daß ihre lebenswarme Ladung
Vergurgelt in den bittern Wellen. –
Aus roten Malen färbt sich weit das Land,
Und Wunden Flüstern und der Toten Schweigen.
 
Ich bin der Krieg,
Ich spiele auf zum Tanz
Und alle tanzen wenn ich spiele,
Die ganze Menschheit eilt und drängt zum Tanz.
Der Wahn schleicht um, mit starrem Fingerknochen
Nach jeder Augenritze tückisch zielend,
Bis Düsterheiten darin nachten.

Es tanzt der Tod in tausend bunten Trachten,
Und mit im Reigen dreht der grause Haß,
Die Stirne überklebt von giftigem Schweiß,
Den Angst ihm aufgemalt.
 
Trara, trara mit blechernen, mit schmetternden Trompeten,
Der Hochmut!
In weitem güldnem Mantel, so tanzschreitet er,
Und seinen weiten Mantel breitet er
Und setzt die Füße in den goldenen Sporen.
 
Und Schlag auf Schlag der Trommel geller Schmerz,
Und Schuh an Schuh der Tänzer rascher Zorn,
Und Angst und Wut in jähem Tanzgestampfe,
Aufbrüllend, herrisch, fiebrig, schrill,
Bis Mann und Mann gestürzt – im Staub dahin,
– Noch einmal quillt der Fiedel ferner Schrei –
Dann, Takt um Takt, der tolle Sturm verlischt.
Die Trümmerfelder liegen öd und leer,
Nur grauer Dunst und Staubgewölke steigt,
– dämmert zurück ins Nichts –
Erhebt sich neu in weltenweite Zeit,
Ein Chaos, wirbelnd, keimeschwer.
Erdüber funkeln, jubeln Sonnenstrahlen –
 
Ich bin der Tod –
 
Ich bin ein Schöpfungstag!


Gebet

O Gott!
Erbittbar nennen dich die Priester, gnadenspendend,
So heb ich denn die Arme zum Gebet:
 
Gib, daß der Krieg von dieser Welt sich wendet
Und Menschentum erstaunten Blicks erwacht
Und jede Hand die Waffe feldein wirft
Und nichts mehr, Feind und Feind, stachelnden Auges stehn die Brüder.
Und laß das alte Leid,
Die tiefen Schnitte unheilvollen Tuns
Von neuen Blumen überblüh’n –
Laß Friede sein!
 
Laß Friede sein,
Daß Kinder wieder fragen dürfen
Ohne daß Scham der Eltern Stirne senkt –
Und Ungehorsam reinige die Welt
Von Blut und Schmach, die der Gehorsam schuf.
 
Laß Friede sein,
Damit der heilige Kampf,
Der Kampf, dem jetzt der Krieg die Kämpfer stiehlt,
Der Kampf der Menschen für die Menschen
Beginne.
 
Es gilt, das eigenst eigene Wollen
Zu einem heiligen Wollen umzukämpfen,
Hungernden Blick in eine Welt von Sonnen
Ausspähend zu verschicken,
Und ewigfernen Zielen zugewandt,
Der Zukunft Bringer, jeglichen Bestandes Feind,
Des Lebens Wegstück weiten Schritts zu schreiten.
 
Der Sieg!
Wer wollte auch in Siegers Landen wohnen,
Schon seh ich sie mit Hochmut schwanger gehn,
Gebläht von Worten und die Kinder übel lehrend –
 
Den Frieden gib, oh Herr!

 

Alpdruck

Und immer währet noch der Krieg!
Wie fern ist deine Fahne, Frieden,
Wie war doch silbern deines Wortes Farbe –
Kehrst du uns wieder?
Dein Klingen, werden wir es dann verstehn
Und über Mauern finden, Tore öffnen?
 
Noch stürmt man, kämpft und stirbt,
Spiegelt in Heldentum sich und Sieg,
Noch immer.
 
Italien färbt mit Lebenssaft die Grenze,
Frankreich liegt wund und blutend,
In England welkt des freien Bürgers Recht,
Man schaufelt russisch Volk dem Waffentod,
Oesterreich kämpft und lacht,
Wien tanzt,
Deutschland tut still sein Werk und hungert.
 
Kein Volk nennt sich besiegt
Und sind besiegt doch alle,
Besiegt vom Krieg,
– verstummt, vom Krieg gemordet –
Die Menschlichkeit!
 
Nein! Nein! – –
 
Brüder! –
 
O Brüder!

 

Das Wort

Ich sehe einen Mann,
Er steht gereckt,
Umwirrt das Haupt,
Zertretne Stirnfalten,
Die Hände vorgeschaufelt,
In den Augen
Brennt heilige Qual des Suchens.
 
Da!
Die Stirne ebbt,
Die Hände blühen auf,
Die Arme wachsen gegen Himmel,
Der Lippen Wundmal quillt in Glut,
Der Mund, weit offen, stößt gebrülltes Stammeln
Und dieses Stammeln ballt sich, wird zum Wort –
Das erste Menschenwort.
 
Es ward das Wort.