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Marie Bernhard – Herr von Freycinet.

Bilder und Skizzen

aus: Marie Bernhard, Pariser Leben, Verlag von Heinrich Minden, Dresden und Leipzig, 1887, S. 41ff.


Der nicht unbegründete Vorwurf, den man allgemein der französischen Republik macht, dass sie geradezu erschreckend schnell ihre Staatsmänner und Politiker abnütze, sowie der Umstand, dass seit Beginn der republikanischen Aera so ziemlich jedes Ministerium, welchem Männer von Bedeutung vorstanden, nicht etwa im vulgären Sinne des Wortes gestürzt, sondern plötzlich mit solcher Heftigkeit den tarpeischen Felsen herabgeschleudert wurde, dass die einzelnen Mitglieder desselben mit zerschellten Gliedmassen unten anlangten, bewirken es, dass man in Frankreich, nunmehr wie im Auslande den Mann, der es zu Wege gebracht zum X-ten Male Minister der Republik zu werden, wie ein Wunderthier anstaunt.

Wahrlich, es gehört eine ganz ausserordentliche Equilibrirkunst dazu, um in Frankreich in allen Sätteln sitzen zu können; gestern in einem zur Hälfte orleanistischen und verschämt reactio- nären Ministerium Sitz und Stimme zu haben und heute einer röthlich schillernden entschieden radicalen Regierung vorzustehen. Dieses merkwürdige parlamentarische Kunststück hat ausser Freycinet noch kein anderer republikanischer Politiker oder Staatsmann zu vollführen verstanden, Keinem sonst, der Minister der dritten Republik gewesen, ist es bis heute gelungen, stets auf die »Butterseite« zu fallen. Nur Freycinet allein galt nach jedem Sturze noch für möglich, und über ihn wurden nie derartige Nekrologe wie über Jules Ferry geschrieben den alle Welt in Frankreich auch heute noch für einen lebendig Begrabenen hält.

Und doch hatte Freycinet Aufgaben zu lösen, die man unbedingt zu den schwierigsten politischen Problemen zählen muss; ja die Constituirung der jetzt am Ruder befindlichen Regierung schien sogar eine Zeitlang mit der Auffindung der Quadratur des Cirkels eine starke Analogie zu haben.

Die ihm gestellte Aufgabe, ein Versöhnungsministerium zu bilden, war gewiss kein leichtes Stück Arbeit, da die heterogenen Elemente, welche seit Jahren sich bekämpften, gutwillig unter einen Hut nicht zu bringen waren. Die Führer der verschiedenen Parteien, welche miteinander oder untereinander versöhnt werden sollten, sträubten sich mit Händen und Füssen gegen die projectirte Amagamirung – wohl aus Furcht ebenso schnell wie die bisherigen Machthaber abgenützt und zu den Todten geworfen zu werden.

Diesen wenigen einleitenden Sätzen, welche den Zweck haben, in allgemeinen Contouren ein Bild der politischen Bedeutung Freycinets zu entwerfen, belehren wohl den Leser, dass der jetzige Premierminister Frankreichs ein ganz eigenartiger Charakter sein müsse – ein Mann von grosser Befähigung – oder zumindestens von ungewöhnlicher Geschicklichkeit, die in politischer Angelegenheit sehr oft mehr als Talent gilt.

Charles Louis de Saulces Freycinet entstammt einer alten historischen Adelsfamilie des südlichen Frankreichs, welche im Dauphine und Lanquedoc stark begütert ist. Die Saulces-Freycinet sind unbeugsame Legitimisten oder zumindestens eingefleischte Orleanisten. Der jetzige Minister-Präsident Frankreichs ist der einzige Sprosse dieser zahlreichen und weitverzweigten Familie, der stets republikanische Anschauungen hegte, ja selbst unter dem Kaiserreiche seiner politischen Ansichten wegen vom Staatsdienste sich ferne hielt.

Nach nur zweijähriger Studienzeit aus der berühmten »Ecole polytechnique« mit Auszeichnung als Mineningenieur ausgemustert, schlug er anfangs auch in der That die Laufbahn eines Berg- bau-Ingenieurs ein. Er trat in Staatsdienste und wurde von der zweiten Republik nach Chartres und hierauf nach Bordeaux als Experte in Minenangelegenheiten entsendet.

Kurze Zeit nach dem Staatsstreiche verliess Freycinet, der, wie schon bemerkt, stets Republikaner aus Ueberzeugung gewesen – den Staatsdienst und trat in die Verwaltung der französischen Südbahn als »Chef d'exploitation«. Während seiner fünfjährigen Functionsdauer als Chef des Verkehrswesens führte er bei dieser Bahn eine geradezu musterhafte Organisation ein, deren andere Bahngesellschaften sich als Modell bedienten.

Freycinet nahm unter dem Kaiserreiche, insbesondere in den letzten Jahren, eine frondirende Stellung ein – ohne offen gegen die bestehende Ordnung anzukämpfen. Eng mit den Habitués der Brasserie Frontin befreundet, welche durchwegs, später mit Gambetta an der Spitze, leitende Politiker der republikanischen Aera wurden, finden wir ihn beim Ausbruch der Revolution vom 4. September 1870 unter den jungen Leuten, welche des Staatsruders sich damals bemächtigten. Von der provisorischen Regierung zum Präfecten des Departements Torn et Garonne ernannt, musste er seine Functionen schon wenige Tage nach Uebernahme derselben niederlegen, da sein intimer Freund, Leon Gambetta, welcher mittlerweile als thatsächlicher Dictator die Leitung der Geschäfte übernommen, ihn am 10. October 1870 zur Dienstleistung nach Tours berief. Freycinet wurde zum »Délégé« (Unterstaatssecretär) des Kriegsministeriums ernannt und war während der ganzen Zeit der Herrlichkeit Gambettas seine rechte Hand, die eigentliche Seele der improvisirten Nationalvertheidigung. Der General Borel sagt in seinem Berichte an die zur Unterstützung der Gestion der Regierung »de la Defense nationale« eingesetzte parlamentarische Commission, über Freycinet folgendes:

»Es existirt ein Mann, welcher unter dem bescheidenen Titel eines Delegirten in Kriegssachen ungeheuere Verdienste dem Lande geleistet, für welche heute ihm Niemand Dank weiss, weil sein Werk nicht gelang. Diesem Manne, welcher mittlerweile sich bescheiden zurückgezogen, verdanken wir die Schaffung unserer improvisirten Armeen, denen leider die moralische Kraft, die Disciplin, die militärische Schulung und Drillung sowie das Vertrauen in die eigene Kraft, welche die Tradition allein nur erzeugen kann, fehlte.«

Nach dem Friedensschlüsse zog Freycinet sich vom öffentlichen Leben zurück, um schriftstellerisch thätig zu sein. Kaum war jedoch die nur dem Scheine nach existirende Republik zur Wirklichkeit geworden, warf Freycinet auch schon die Feder weg, um die politische Arena zu betreten. Bei den Senatswahlen 1876 kam Freycinet, dessen Candidatur Gambetta lebhaft unterstützte, als erstgewählter Senator von Paris aus der Wahlurne hervor. Etwa ein Jahr später wurde er zum Minister ernannt. Der alte Dufaure, der ein Ueber- gangsministerium zu bilden hatte, bot ihm das Portefeuille der öffentlichen Arbeiten an, welches Freycinet annahm – da die Leitung dieses Departements ihn keineswegs zwang in politischer Hinsicht Farbe zu bekennen.

Die Stellung Dufaure's war bekanntlich eine äusserst schwierige, da einerseits die republikanische Majorität der Kammer immer ungestümer die Regierung drängte eine vorgeschritten liberale und aufrichtig republikanische Richtung einzuschlagen, während andererseits der Marschall Mac-Mahon allen diesen Bestrebungen einen zähen Widerstand entgegensetzte. Eine ähnliche Situatien war absolut unhaltbar und selbst Mac-Mahon, der mit starrem Trotze auf seinen siebenjährigen Schein bestand, gelangte zur Einsicht, dass seine letzte Stunde geschlagen habe. Er dankte freiwillig ab – um von der uneindämmbaren Flut der Volkswuth nicht weggeschwemmt zu werden. Sein Nachfolger Grévy betraute Waddington mit der Bildung eines aufrichtig republikanischen Cabinettes, in dem Freycinet als Minister der öffentlichen Arbeiten verblieb.

Sofort nach seinem Eintritte in das Ministerium Dufaure entwarf Freycinet den Plan zu grossartigen auf Staatskosten zu vollführenden Arbeiten, welche im Laufe von 10 Jahren beendet werden und einen Kostenaufwand von 4 Milliarden Franken benöthigen sollten. Diese Arbeiten – 2500 Kilometer Eisenbahnen, 10.000 Kilometer Kanäle etc. – wurden auch in der That im Jahre 1879 in Angriff genommen und inaugurirten die Periode des geschäftlichen Aufschwunges in Frankreich, welche mit dem Boutouxkrache in ziemlich kläglicher Weise abgeschlossen wurde. Freycinet trat als Arbeitsminister für die Verstaatlichung der Eisenbahnen ein und wusste, trotz der kolossalen Gegenagitation der grossen Bahn-Gesellschaften, welche das französische Reisepublikum ausbeuten und aussaugen, trotz der heftigen Angriffe und der böswilligen Verleumdungen einer Presse, die im Solde dieser Gesellschaften stand, die Kammer zum Baue von Staatsbahnen zu bewegen. Leider blieb er nicht lange genug im Amte um sein Lieblingsproject, die Verstaatlichung der grossen Eisenbahnlinien, zu verwirklichen.

Nach dem Sturze des Cabinettes Waddington betraute Grévy Herrn von Freycinet mit der Bildung einer neuen Regierung (December 1879).

Er übernahm mit dem Vorsitze gleichzeitig die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten. Die conservative, wie die radicale Presse griff die neue Regierung, insbesondere aber deren Chef, aufs Heftigste an, die Behauptung aufstellend, dass Freycinet, der als Ingenieur für die öffentlichen Arbeiten wie prädestinirt schien, aus Ehrgeiz, sowie aus Sucht zu glänzen, sich das Ministerium des Aeussern zutheilte. Man war zu der Zeit allgemein der Ueberzeugung, dass unter seiner Leitung die auswärtigen Angelegenheiten Schaden leiden werden. Heute ist man allerdings der ganz entgegengesetzten Ansicht, die diesmal auch wohl begründet ist – denn in der That ist Freycinet der geschickteste Minister des Aeussern, den die Republik besessen, der einzige republikanische Diplomat, welcher der ungetheilten Sympathie der auswärtigen Staatsmänner sich zu erfreuen in der Lage ist. Seine Herrlichkeit als Ministerpräsident sollte übrigens nicht von langer Dauer sein. Schon im September 1880 zog er sich in Folge der Krisis, welche die Ausführung der bekannten Decrete gegen die Religionsgenossenschaften hervorrief, ins Privatleben zurück.

Nach dem Sturze Gambetta's im Februar 1882, wurde er neuerdings mit der Bildung einer Regierung betraut, aber schon nach fünfmonatlichem Regieren fiel er wegen seiner Stellungnahme in der egyptischen Angelegenheit. Seit Juli 1882 bis zur Bildung des Cabinettes Brisson, lebte Freycinet in der tiefsten Zurückgezogenheit.

Im Cabinette Brisson, welches den von Jules Ferry in den Tonkiner Schlamm verfahrenen Staatswagen wieder flott machen sollte, nahm Freycinet als Minister der auswärtigen Angelegenheiten eine präponderirende Stellung ein. Er galt allgemein als der intimste Freund Grévy's und Dolmetscher der Ansichten und Meinungen des Präsidenten der Republik. In der That erfreut sich Freycinet, wie sonst kein anderer französischer Staatsmann, des absoluten Vertrauens des Präsidenten der Republik.

Als Brisson nach dem für die Republikaner ungünstigen Ausgange der letzten Kammerwahlen, trotz der scheinbaren und hypokriten Bitten der massgebenden Parteiführer weiter im Amte zu verbleiben, entschieden ablehnte, wurde Freycinet mit der Bildung des schon erwähnten Versöhnungsministeriums betraut. Das Cabinet, welches ihm nach zweiwöchentlicher emsiger Thätigkeit zu bilden nicht ohne grosse Mühe gelang, schien anfangs ein todtgeborenes Kind zu sein. Die Majorität der republikanischen Presse kündigte täglich an, dass dieses Ministerium das Todeszeichen auf der Stirne trage. In der Kammer wurde die neue Regierung frostig empfangen und die Couloirintriguanten escomptirten schon bei Lebzeiten die bevorstehende Erbschaft des Cabinettes Freycinet. Dank der ganz ausserordentlichen Geschicklichkeit des jetzigen Ministerpräsidenten konnte dieses Ministerium alle von rechts und links angehäuften Schwierigkeiten überwinden und heute steht diese unzählige Male schon todtgesagte Regierung fester denn je ein Cabinet der dritten Republik.

Freycinet ist heute 61 Jahre alt, er ist einer der wenigen republikanischen Staatsmänner, welche selbst von den grundsätzlichen Gegnern der Republik, als durch und durch integre Ehrenmänner, als vollkommene Gentlemen anerkannt werden. Eine schmächtige aber elastische Erscheinung von hoch aristokratischem Aeussern, stets mit tadelloser Eleganz gekleidet, mit Jedermann liebenswürdig und freundlich ist Freycinet einer der vollkommensten Repräsentanten der verschwindend kleinen Anzahl distinguirter Männer, welche der Pariser Boulevardier mit dem Worte »Un Monsieur« benennt. Diese Bezeichnung, »Ein Herr«, zu definiren, ist keine leichte Aufgabe. Nach der Versicherung des geistreichen Feuilletonisten des »Figaro« Albert Wolff genügt für das Kriterium »Eines Herrn« keinesfalls die Stellung, welche man einnimmt, selbst wenn dieselbe die erste im Staate oder der Gesellschaft ist. Um für »Un Monsieur« zu gelten, muss man ganz besondere Eigenschaften besitzen. Man muss die höchste Position in der Gesellschaft in so discreter Weise einnehmen, dass man von Niemandem der Eitelkeit, Prahlsucht oder Ueberhebung geziehen werden kann. Man muss populär sein, aber gleichzeitig Würde genug besitzen, um jedwede banale Familiarität im vorhinein auszuschliessen. Man muss glänzen, dabei aber sich hüten Andere zu sehr zu verdunkeln. Man muss gutherzig und gleichzeitig willensstark, selbstbewusst und nicht aufgebläht stolz oder vulgär bescheiden sein. Man muss stets das »juste milieu« zu finden wissen, viel in Gesellschaft verkehren, aber die Würde schädigende Zutraulichkeit vermeiden. Man muss schliesslich viele, sehr viele Freunde und gar keine Feinde haben.

Freycinet ist nun vom Wirbel bis zur Sohle »Un Monsieur« und dieser Eigenschaft allein hat er es zu verdanken, dass er zum sechsten Male Minister werden konnte. Weil er von Jedermann für »Einen Herr« gehalten wird, gilt er auch als der einzige unbestritten mögliche Nachfolger Grévys.

Zum Schlüsse wollen wir noch flüchtig eines Spitznamens »souris blanche« des Herrn von Freycinet gedenken, der in Frankreich derart populär geworden, dass fast jede Zeitung sich desselben bei der Nennung des Ministerpräsidenten bedient. Ueber diesen Spitznamen, »weisse Maus«, wurde schon viel geschrieben und einzelne besonders kluge Correspondenten deutscher Zeitungen fanden auch richtig nach achttägigem Aufenthalte in Paris heraus, dass Freycinet die »weisse Maus« wegen seiner grossen Verschwiegenheit und Schlauheit in politischen und parlamentarischen Angelegenheit benannt wurde. In der Wirklichkeit verhält es sich mit diesem Spitznamen folgendermassen: Eine bekannte Pariser Salondame, welche zum ersten Male einer Parlamentsitzung beiwohnte, machte mehr oder minder zutreffende Glossen über einzelne Parlamentarier, welche ihre Aufmerksamkeit wachriefen. Plötzlich bemerkte sie Freycinet.

»Wie heisst denn der mit dem Kopfe einer weissen Maus?« (Freycinet ist nämlich ganz weiss) frug sie ihren Cicerone, einen bekannten republikanischen Deputirten.

»Das ist Herr von Freycinet«, lautete die Antwort.

Diese Bemerkung wurde bekannt, einzelne Zeitungen reproducirten dieselbe und der Spitzname »weisse Maus« erlangte binnen kurzer Zeit Bürgerrechte.