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Marie Bernhard – Madame Juliette Adam und ihr Salon.

Bilder und Skizzen

aus: Marie Bernhard, Pariser Leben, Verlag von Heinrich Minden, Dresden und Leipzig, 1887, S. 5ff.


Frankreich und seine Hauptstadt Paris haben seit Jahrhunderten den Ruf, das Land der guten Sitte und des feinen gesellschaftlichen Verkehrs zu sein und Paris insbesondere gilt überall nicht nur als die glänzende Stadt, in der man nach Herzenslust in der ungenirtesten Weise über die Schnur hauen kann, sondern auch als die Stätte, auf der Geselligkeit, feiner Umgang und exquisites Salonleben besonders gedeihen. Die »Pariser Salons«, vom berühmten historischen Salon »Rembouillet« angefangen, bis auf die allgemein bekannten gesellschaftlichen Centren des zweiten Kaiserreichs, ja sogar der dritten Republik hinab, dienten ausschliesslich den übrigen Hauptstädten Europas zum Muster, nach dem, leider mit wenig Erfolg, hervorragende Geister, insbesondere geistreiche Frauen in ihrer Heimat einen gesellschaftlichen Brennpunkt herzustellen bestrebt waren, in welchem alle Geisteskräfte der Hauptstadt zu einem gemeinsamen intensiven Feuer sich vereinigen sollten. Allein, um einen solchen neutralen Boden zu schaffen, auf dem Männer von Talent und Geist, die im öffentlichen – vielleicht auch privaten – Leben sich bekämpfen, die Systeme und Welten, welche sich gegenseitig ausschliessen, vertreten, in ungezwungenem Verkehre einander gegenübertreten könnten, um vertraut oder mindestens geistreichsarkastisch, aber ausgesucht höflich mit einander zu plaudern, ihre Gedanken auszutauschen etc., muss man eben ganz besondere Eigenschaften besitzen. Zur Lösung dieses schwierigen Problems ist es sogar keineswegs genügend, wenn blos die Hausfrau, in deren gastlichen Räumen eine ganze Armee von Sommitäten sich versammelt, viel Tact und Umsicht entfaltet; – auch die Habitués müssen sich daran gewöhnen, ihre Steckenpferde, welche sie Tags über reiten, mit dem Parapluie oder Spazierstocke im Vorzimmer zurückzulassen, um den gastlichen Salon als gewöhnliche geistreiche Menschen zu betreten, die »fern von Madrid« ein Stündchen angenehm mit ihren erbittertsten Gegnern plaudern, oder andere minder begabte Sterbliche mit ihren Geistesfunken entzücken wollen. Dieser Umstand allein, dass diese Pariser Salons die Musterbilder aller ähnlichen gesellschaftlichen Cirkel sind, ganz abgesehen von der unbestreitbaren Thatsache, dass wir in den Parisern noch immer unsere Meister und Lehrer in der Kunst, mit Menschen höflich zu verkehren, sehen, macht es erklärlich, dass der Ausdruck: »Ein Pariser Salon« allein schon auf unseren Geist und unsere Sinne etwa in derselben Weise wirkt, wie ein elektrischer Schlag auf unsere Nerven. Der Grossstädter – ich meine den Gesellschaftsmenschen – der in der Regel mit ängstlicher Peinlichkeit darüber wacht, längstens acht Tage später jede verrückte Neuerung nichtsthuerischer hiesiger Pflastertreter triumphirend zur Schau zu tragen, interessirt sich in eindringlicher Weise für die Vorgänge in den Pariser Salons, um sein ängstlich mahnendes Gewissen endlich beruhigen zu können und die Gewissheit zu erlangen, dass an der Spree oder Donau man genau nach berühmtem Pariser Muster empfange und in Gesellschaft gehe. Ihn interessiren wohl auch die Persönlichkeiten, die in solchen Salons verkehren; allein die Toiletten, die Schlinge der Cravatte, die Art und Weise des Kratzfusses, sowie die hochnothpeinliche Staatsfrage, ob man der Hausfrau beim Eintritte die Hand zu küssen habe oder nicht, sind für ihn von weit ausschlaggebenderer Bedeutung. Den Provinzler, den Bewohner der kleineren Stadt, in welcher in Folge vorherrschender Klatschsucht die grossstädtische Geselligkeit nur schwer gedeihen kann, sowie die lesende Damenwelt, dürfte eine derartige Schilderung der literarisch-politischen Salons des Seine-Babels in womöglich noch erhöhtem Masse interessiren. Sind doch Männer wie Dumas, Sardou, Augier, Daudet, Renan etc. in ihren Augen wahre Halbgötter und die Stätte, wo dieselben regelmässig verkehren und sich zwanglos geben, mindestens erhabene Tempel der exquisit feinen Geselligkeit, wunderwirkende und mysteriös anziehende Wallfahrtsorte, die einmal im Leben besuchen zu können den Europäer gerade so unwiderstehlich lockt, wie ein Mekka jeden Muselman, der nach Mahomeds Recept selig werden will.

Diese Betrachtungen riefen bei mir den Glauben wach, dass selbst eine unvollkommene und nur flüchtige Schilderung einzelner, auch auf den Pariser 'Boulevards als »Salon« angesehener gesellschaftlicher Centren, dem deutschen Leser nur willkommen sein dürfte. Und so wage ich mich denn an die Aufgabe, in der Form zwangslos gezeichneter Skizzen einige Bilder hiesiger Salons zu entwerfen, deren Contouren den freundlichen Leser vielleicht in die Lage versetzen dürften, über die Art und Weise, in welcher die gute Gesellschaft im republikanischen Paris empfängt und sich »geistreich« unterhält, eine Idee sich zu bilden.

Wenn wir von den streng abgeschlossenen Cirkeln des hocharistokratischen Faubourg St. Germain, in die einem profanen Bürgerlichen, wie der Schreiber, zu dringen schier unmöglich ist, abstrahiren und dem lebendig pulsirenden Pariser Gesellschaftsleben den Vorzug vor der halbvertrockneten Mumie zwar legitimistisch vornehmer, aber sonst herzlich langweiliger, geburtsadeliger Geselligkeit zuerkennen und unter den zahlreichen Salons der jüngeren Gesellschaftsschichten, denen die Zuführung einer reichlichen Dosis urdemokratischen Blutes ein gesundheitstrotzendes Aeussere verleiht, Umschau halten; wenn wir die verschiedenen bonapartistischen, orleanistischen, repuplikanischen Salons politisch-literarischen Charakters – ja selbst die Centren der Geselligkeit der allmächtigen Pariser Finanzbarone Revue passiren lassen, so gelangen wir sehr bald zur Ueberzeugung, dass von allen diesen Stätten die Empfangsräume der Madame Juliette Adam unstreitig das lebhaftester Interesse bei jedermann wachrufen. In ihrem Hause versammelt sich die Creme der Pariser Gesellschaft; hier sehen wir den im öffentlichen Leben sich rauh geberdenden strengen Republikaner, der gegen Prinzen donnert und gesellschaftsnivellirende Theorien mit glühender Emphase vor einem Parterre »kleiner Leute« herdeclamirt, mit Monsieur le duc X oder Monsieur le comte Y in irgend einer Fensternische vertraulich plaudern und mit discretem aber herzlichem Auflachen die Tagesereignisse des Boulevards mit hochpikanter Pointe flüstern, während auf dem danebenstehenden Sopha Henri Rochefort oder Anatole de la Forge mit der männlich stolzen und imposant schönen Erscheinung des bonapartistischen Klopffechters Paul de Cassagnac im eifrigen Zwiegespräche, die etwa eigenartigen Phasen des letzten Duelles zergliedert oder über die Vorzüge der jüngsten edlen vierfüssigen Sieger auf dem Turfe von Longchamps oder Vincennes eingehend discutirt.

Wer gerade Glück hat, kann hier das sonderbare Schauspiel mit Müsse betrachten, wie ein begeisterter Poet, welcher wiewohl ein erklärter Liebling der Musen, dennoch der Hexe Politik nur zu reichliche Hekatomben opfert, der roth in roth schimmernde lyrische Sänger und in Dythyramben sprechende socialistisch stark angehauchte radicale Deputirte von Marseille Clovis Hugues, der glückliche Gatte der ebenso ihrer Schönheit, wie ihrer Charakterstärke wegen allgemein gerühmten »Rächerin ihrer Ehre«, mit dem beredtesten Wortführer der Partei des »Plebiscites«, Raoul Duyal in hochernste Gespräche sich vertieft; wie sie beide, Arm in Arm die glänzend erleuchteten Gemächer durchschreitend, von ihrem Gesprächsstoffe so vollständig absorbirt sind, dass sie weder die neugierigen Blicke der, an ähnliche Erscheinungen nicht gewöhnten Fremden, noch die Handgrüsse der eigenen Freunde und Bekannten gewahren.

Derartige Contraste sind übrigens hier nicht selten, sie gehören vielmehr zur Tagesordnung. Zählt doch Madame Adam in allen politischen Lagern des heutigen Frankreich ergebene und treue Freunde, welche mitunter sich veranlasst sehen der politisirenden Frau oder dem weiblichen Chef-Redacteur der »Nouvelle Revue« in den ihnen zur Verfügung stehenden Organen den Kopf zu waschen; – dafür aber nie unterlassen bei der  Weltdame Juliette Adam noch am selben Tage ihre Entschuldigungen persönlich vorzubringen.

Neben den bekanntesten und anerkanntesten Wortführern fast aller politischen Parteien, welche in der Regel von einem wahren Generalstabe jüngerer Volksvertreter, Politiker und Journalisten umgeben sind, trifft man in diesen gastlichen Räumen bei den officiellen Empfangsabenden so ziemlich Alle, die einen Namen in Paris haben. Die literarische Republik ist au grand complet und nicht minder vollzählig ist die Künstler-Welt. Staatsmänner, Diplomaten, Krieger, Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Tragöden und Sänger eilen auf ein gegebenes Signal – eine einfache Tagesnotiz in den grossen Journalen des Inhaltes, dass Madame an diesem und diesem Tage empfangt – in hellen Scharen herbei. Trotz der sehr umfangreichen Empfangsräumlichkeiten, wiewohl meistens selbst die Wohnzimmer den Gästen zur Verfügung gestellt werden, herrscht hier in der Regel ein Gewühle und Gedränge, das jeder Beschreibung spottet.

Madame Juliette Adam pflegt bei Empfangsabenden ihr Hauptquartier in dem überaus geschmackvoll decorirten Speisezimmer aufzuschlagen. Dieses Speisezimmer steht in der unmittelbarsten Verbindung mit dem nicht gerade gar zu grossen Vorzimmer und alle Gäste – Habitués, wie eingeführte Fremde beeilen sich, bevor sie mittels der vom Vorzimmer aus bogenförmig um die ganze Wohnung herumführenden Couloirs in die Gemächer treten, dieses Speisezimmer aufzusuchen, um der Hausfrau die Hand zu drücken oder im Fluge eines jener kurzen herzlichen Worte der Begrüssung zu erhaschen, welche speciell Madame Adam stets in so geistreicher und origineller Weise zu finden weiss. Dieses Zimmer also, in dem Madame Adam ihren Gästen den Willkommen bietet, ist der geeignetste Beobachterposten für jedermann, der an einem Abende alle Pariser Berühmtheiten kennen lernen will. Und so lade ich denn den geneigten Leser ein auf einem der breiten und bequemen, mit grünem Plüsch bedeckten Divans, welche den Wänden entlang postirt sind, mit Platz zu nehmen, um mit Müsse die eintreffenden Gäste, sowie die Gestalt der Hausfrau betrachten zu können.

Diese kleine verwachsene Gestalt mit einem Rücken, dessen höckerförmige Form selbst die Kunst des geschicktesten Schneiders ganz zu verbergen und symmetrisch abzurunden ausser Stande wäre, welche dort am Eingange in den Hauptsalon in halb nachlässiger Weise an die Thürpfoste sich anlehnt, ist der gefeierte Verfasser des »Maître de forges«, der Romancier und Dramaturg George Ohnet, der mit einem einzigen Werke beinahe eine Million Franken zu verdienen wusste. Sein hageres Gesicht, welches eckig und kantig ist, die stark hervorstechenden Backenknochen, die schmutziggelbe Hautfarbe, der schüttere und stellenweise wie ausgebissen aussehende röthlich blonde, borstenartig kurze Vollbart, der nur um das stark verlängerte Kinn herum eine längliche Spitze bildet, geben ein Ensemble, welches weder Interesse zu erwecken, noch Sympathie zu erzeugen geeignet wäre, wenn eben in diesen runden tiefliegenden Augenhöhlen nicht solche prächtig blaue, feurig strahlende Sterne sässen, denen ein hochentwickeltes Geistesleben einen blendenden Glanz verleiht. Diese so ausdrucksvollen Augen betrachten mit Interesse die zierliche Gestalt, welche soeben spricht, sie hängen buchstäblich an den Lippen dieses Redners, der sich François Coppée nennt.

Wer kennt sie nicht die feinen, elegisch schwermüthigen Züge dieses zu den Herzen sprechenden Dichters, dieses ebenso geistvollen, wie gemüthstiefen Erzählers, der trotz seines einfachen ungekünstelten Stiles das Gemüth seiner Leserinnen so sehr zu erschüttern weiss, dass ihnen die Augen übergehen und mit den erlösenden Thränen der Erleichterung eines in dem tiefsten Innern der Seele sitzenden eigenen Weh's, oder der bittersüssen Zähre der Theilnahme und des Mitgefühls mit den Leiden der handelnden Helden sich füllen. Das glatt nach rückwärts zurückgekämmte, graumelirte, schüttere Haupthaar, der sanft zur Seite geneigte Kopf, dieser ernste, bald wehmüthig düstere, bald theilnahmsvoll schimmernde, und wie durch einen Thränenflor gedämpfte, feuchtglänzende Blick, die unschilderbare Sanftmuth, die auf diesem beinahe mädchenhaft zarten Antlitze ruht und dasselbe verklärt, rufen in uns eine Stimmung hervor, die an Andacht grenzt. Man lauscht in stiller Sammlung seinen cadencirt fliessenden und melodisch klingenden Worten, die allerdings oft viel weniger sentimental sind, als seine Schriften, und mitunter sogar einen kaum merklichen Beigeschmack eines leichten Sarkasmus besitzen, den nur minutiöse Beobachter und Personen mit einer besonders feinen Auffassungsgabe herausfühlen.

Sein Nachbar zur Rechten, diese massive Gestalt mit dem vollen, vor Gesundheit strotzenden, glattrasirten Pfaffengesichte – ist der präsumtive Nachfolger Victor Hugo's auf dem bis jetzt noch unbesetzten Throne, welchen der begabteste Jünger Apoll's in Frankreich zu besteigen berufen ist. Lecomte de l'Isle ist gewiss ein gottbegnadeter Dichter und so mancher literarische Feinschmecker, welcher Schönheit der Form mit Gedankentiefe oder wahrer Empfindung gepaart, viel höher als die oft bombastische, schwulstige und viel zu sehr »gemachte«, daher seltener voll und echt empfundene Phrase der Leier Victor Hugo's schätzt, beschuldigt unser Zeitalter der tiefen Undankbarkeit – weil dem schwungvollen Poeten auch nicht der hundertste Theil jener Verehrung entgegengebracht wird, mit welcher Hugo wie ein Gott angebetet wurde. Allerdings hatte Hugo das Glück, in einem Zeitalter zu leben, in dem man politische Ansichten wie Handschuhe noch wechseln konnte, in dem man es geradezu selbstverständlich fand, dass ein Dichter, der als religiöser Schwärmer und leierbeschwingter Vertheidiger des Gottesgnadenthums seine Laufbahn begann, ein Mann, der hierauf in einer Ode ein Denkmal aere perennius den Bonaparte's errichtete, schliesslich als republikanischer Märtyrer seine Tage beschloss. Der politischen Märtyrerkrone mag wohl der Löwenantheil der Gründe und Ursachen zufallen, welche bei den Franzosen die Bewunderung des gewaltigen Dichtergenies Victor Hugo's – in einen förmlichen Cultus umwandelten.

Der Mann, welcher neben dem Dichter Lecomte de l'Isle steht und gerade seinen Zwicker aufsetzt, um besser die Gestalt einer soeben eintretenden Schönheit bewundern zu können, ist nicht nur ein Bruder in Apoll des jüngsten Academikers, sondern obendrein noch sein Amtsgenosse, beide sind Bibliothekare des französischen Senates. Diese feinen durchgeistigten Züge, der elegante, zierlich gefaserte Bart, das noch immer feurig und kühn blitzende Auge erklären uns hinlänglich, warum ihr Besitzer, der formgewandte Verfasser der »Comédie infantine«, der Poet und jahrelange Leitartikler der grössten französischen Zeitung (Journal des Debats) – Louis Ratisbonne, ein so erklärter Liebling der Damenwelt war – und noch sein soll.

Doch wenden wir uns der Hausfrau zu. Bevor ich dieselbe zu porträtiren versuche, will ich in wenigen Worten mit dem Politiker Madame Adam mich abfinden, um desto eingehender mit der Salondame Juliette Adam mich beschäftigen zu können.

Madame Adam ist eine hitzige Patriotin, und auch als Politiker Frau. Sie beurtheilt die politischen Ereignisse nicht mit dem klaren Verstande, den sie besitzt, sondern viel zu oft mit ihren Nerven. Bei Frauen ist bekanntlich das Empfindungsvermögen bei weitem entwickelter als bei uns hässlichen Männern und darum müssen weibliche Politiker mit einem anderen Massstabe gemessen werden. Uebrigens reclamirt das schwache Geschlecht in seiner Gesammtheit sogar für ihre unnatürlichen Schwestern, die der »Ketzerin« Emancipation huldigen, die als Blaustrümpfe, Staatsmänner in Unterrock oder Doctoren mit Haube und Tournüre nur das eine Verlangen kennen, die Männer zu copiren, das Vorrecht der »galanten Behandlung.« Ausserdem würden wir Männer ja ein Attentat an unserem Selbstbewusstsein begehen, in eclatanter Weise den von uns bekämpften revolutionären Bestrebungen des schönen Geschlechts, in unser Heiligthum, die politische Arena, einzudringen, die Legitimirung ertheilen, wenn wir einen weiblichen Staatsmann oder Politiker gar zu ernst nehmen möchten. In dieser Studie obendrein, welche blos den Zweck verfolgt, wie es Eingangs schon gesagt wurde, ein Bild der in Paris geübten Geselligkeit zu entwerfen, wäre eine Argumentation, mit politischem Beigeschmack ganz und gar nicht am Platze, und ich will daher nicht nur dieser politischen Scylla, sondern auch der literarischen Charybdis aus dem Wege gehen und die Beurtheilung und Zergliederung selbst der blaustrümpflichen Thätigkeit der Madame Adam für eine rein literaturhistorische Abhandlung über die modernen Pariser Romanciers mir aufsparen, in deren Reihen Juliette Adam mit ihren Werken unstreitig einen hervorragenden Platz einnimmt.

Madame Juliette Adam als Frau ist ja in der That eine so anziehende und fascinirende Erscheinung, ein so ausserordentliches, über die Masse ihrer Geschlechtsgenossinnen, welche als Salondamen einen Ruf besitzen, so hervorragendes Wesen, dass ihr Wirken blos als Weib, ihr Einfluss auf die Gestaltung der geselligen Zustände in Paris für den Tagesschriftsteller ein nur zu lockender Vorwurf ist.

Von imposanter Gestalt, den interessanten und noch immer schönen Kopf mit dem schlanken Schwanenhalse, der auf so wohlgeformten, wie Alabaster glänzenden Schultern sitzt, stolz und kühn zurückgeworfen; um die Lippen ein bezauberndes Lächeln, welches die sympathischen Züge verklärt und beleuchtet; in den rosig angehauchten Wangen kleine Grübchen; strahlende, heiter schimmernde Augen, die jede Befangenheit beim Gaste zerstreuen, und der treuherzige Blick dieser blauen Augen sind natürliche Vorzüge, welche selbst auf diejenigen Männer, die wohl wissen, dass Juliette Adam seit einer Reihe von Jahren schon Grossmutter ist, einen gar bedeutenden und tiefen Eindruck machen. Bevor man noch die bestrickende Liebenswürdigkeit ihres Wesens, mit welcher sie Fremde zu umgarnen fast nie unter- lässt, zu würdigen in die Lage kommt, wird Geist und Sinn von ihrer gesundheitsathmenden, trotz der sich bildenden Rundung überaus elastischen Gestalt unterjocht und gefangen genommen. Juliette Adam hat eben eine jener Physiognomien, welche stuf den ersten Blick Sympathie erzeugen, Herzenerobern. Ihre Gesichtszüge sind nicht schön im Sinne der antiken Aesthetik. Aber solch' ein classisch schönes, erhabenes, an die Marmorstatuen der Alten erinnerndes Antlitz zwingt uns höchstens nur Bewunderung, keineswegs aber Liebe ab. Der Gesichtsausdruck der Madame Juliette Adam bringt das Gegentheil zu Wege.

Der Fremde, welcher sie zum ersten Male sieht, vergisst unbewusst die ganze Masse von Bewunderung, welche er in den verschiedenen Zeitungen sich zusammengelesen, die Befangenheit, die noch auf der Treppe und im Vorzimmer ihn so linkisch und unbeholfen machte, weicht wie durch Berührung mit einem Zauberstäbchen von ihm, und erleichtert, hoch erfreut aufathmend, folgt er selbstbewusst dem Freunde, der ihn vorstellen will. Diese plötzliche Umwandlung, eben die Folge der ungezwungenen Natürlichkeit der Hausfrau, wird durch den Schalk erzeugt, der aus allen Winkeln ihres Gesichts hervorlacht.

Madame Adam ist in ihrem Empfangssalon blos Frau, nichts anderes als Frau; allerdings aber eine Frau, mit der an der Kaminecke zu plaudern ein ganz auserlesener, geisterquickender Genuss ist. Mit seltenem Takte versteht sie bei der Begrüssung diejenige Note anzuschlagen, die in den Ohren des Begrüssten wohlklingt, und wenn ausnahmsweise irgend ein gar zu bescheidener Besucher, den sie zum ersten Male sieht, trotz ihrer soeben geschilderten Natürlichkeit die durch Verlegenheit erzeugte Rothe aus seinem Gesichte nicht bannen kann und stotternd eine unzusammenhängende Entgegnung zu stammeln beginnt, so weiss sie so geschickt und zart ihm plötzlich zu entschlüpfen, dass der Bedauernswerthe, dem sie eine Blamage ersparte, mit Dankesthränen in den Augen in der Menge der Besucher sich verliert.

Der Salon der Madame Adam ist mit der Geschichte der dritten Republik eng verknüpft und unzertrennlich verwachsen. In ihrem Salon, der unter dem Kaiserreiche eine hochrevolutionäre Bedeutung besass, sind alle die Männer, welche seit einem Jahrzehnt in Frankreich regieren, grossgezogen worden. Ihr gastliches Haus war das Centrum der Opposition, die Stätte, wo die wenigen, zu jener Zeit machtlosen und von den Schergen des dritten Napoleon verfolgten und gehetzten. Republikaner geistige Anregung und materielle Hilfe fanden. Ihr Gatte Edmond Adam, der gewesene Verwaltungsrath des mächtigen Finanzinstitutes »Comptoir d'escompte«, war eben der einzige reiche Mann in Paris, der offen dem kaiserlichen Hofe zu trotzen und sich unumwunden als Republikaner zu erklären wagte. Alle unzufriedenen Elemente, alle jugendlichen Schwärmer und begeisterte, der Aufopferung fähige Freiheitskämpfer betrachteten Adam als ihre Stütze, als ihren Schutzhort. An ihn wendeten sich Jünglinge wie Gambetta, Floquet, Brisson in ihrer Bedrängniss; in seinem Hause verkehrten täglich die schon zu Männern gereiften Schriftsteller und Publicisten, die da Rochefort, Freycinet, Lokroy, Jules Favre, Allain Targé, Ranc etc. hiessen.

Während der Herrschaft Mac Mahon's behielt der Salon des Deputirten Edmond Adam, der am 4. September 1870 auf den wichtigen Posten des Seinepräfecten berufen worden war, seine ganze frühere Bedeutung; ja so lange die Männer des 16. Mai am Ruder waren, konnte man getrost die Empfangsräume der Madame Adam als das Hauptquartier der ganzen republikanischen Partei bezeichnen. Hier tagte permanent der Generalstab der 363, hier entwarf Gambetta den Plan zu seiner kühnen Contrerevolution, für den Fall eines von Mac Mahon versuchten Staatsstreiches. Als endlich die Reaction definitiv besiegt war und die Männer, welche als Jünglinge schon täglich im Hause Adams sich zu versammeln pflegten, die Zügel erfassten, hohe Staatswürdenträger und Minister wurden, erlangte der Salon der Madame Adam eine ganz ausserordentliche Bedeutung. Die Stätte, wo früher Angriffswaffen gegen die bestehende Regierung geschmiedet worden waren, verwandelte sich in einen absolut officiellen Salon, in dem Regierungspolitik getrieben und thatsächliche Geschichte Frankreichs gemacht wurde.

Um diese Zeit starb der von seiner Gattin zärtlich und innig geliebte Edmond Adam. Die Bedeutung des gastlichen Hauses erlitt durch den Tod Adams keinerlei Abbruch, da während der langen Jahre zwischen der geistreichen Schriftstellerin und so ausserordentlich liebenswürdigen Frau und all diesen Männern, welche heute die erste Rolle in Frankreich spielen, eine überaus innige Freundschaft entstanden war. Die Macht der Gewohnheit mochte hier ihr grosses Wort mitgesprochen haben, sowie der Umstand, dass der republikanische Diktator, der soeben zum Kammerpräsidenten sich wählen liess – ich meine Leon Gambetta – der alten Freundschaft eingedenk, hier im Salon der Madame Adam fast täglich Hof hielt.

Die Freundschaft zwischen Juliette Adam und Leon Gambetta sollte übrigens nicht von langer Dauer sein. Gambetta gewöhnte sich eben gar zu schnell an den Weihrauch, der ihm so reichlich gespendet wurde, und begann von aller Welt eine bedingungslose Anbetung zu verlangen. Er wollte als grosser Mann angestaunt und beinahe auf den Knieen verehrt werden, ein Verlangen dem Juliette Adam, die eben Gambetta noch als Studenten gekannt, die an seine bescheidenen Anfänge sich lebhaft erinnerte und genau wusste, dass ihr Gatte dem sich jetzt wie ein Halbgott geberdenden Gambetta recht oft die materiellen Schwierigkeiten besiegen half, nie Folge leisten wollte. Je mehr der Eigendünkel Gambetta's stieg, desto schwächer wurden die Freundschaftsbande, und als schliesslich der auf die Ministerpräsidentschaft sich vorbereitende Gambetta die Maske fallen liess und seinen gewesenen Wählern, den Radikalen von Belleville, in jener denkwürdigen Versammlung zurief, dass er sie selbst in den entferntesten Schlupfwinkeln finden werde, kam es zwischen Madame Adam und Gambetta zu offenem Bruche. Der Salon der Madame Adam war von diesem Augenblicke an kein ausschliesslich politischer Boden mehr und die Schriftsteller- und Künstlerwelt begann nunmehr siegreich in diese gastlichen Räume einzuziehen.

Heute ist der Salon der Madame Juliette Adam vorwiegend literarischen Charakters, wenn auch fast alle massgebenden politischen Grössen hier an den Empfangsabenden anzutreffen sind. Neben dem Minister des Aeussern, Freycinet, dem jetzigen Kriegsminister Boulanger, der hier mit einer ganzen Reihe bedeutender Generäle plaudert, dem Cultusminister Goblet, dem Postminister Granet trifft man hier regelmässig Maler wie Carolus, Duran, Munkacsy, Laurens, Henner, Bonnat, Gèrome, Cabanel etc. etc. Die Maler- und Bildhauerwelt ist übrigens auf eine ganz originelle Art en masse in den Salon der Madame Adam eingeführt worden und ich will diese kleine Geschichte umso lieber erzählen, als sie den energischen Charakter, sowie die Thatkraft und Elasticität der Directrice der Nouvelle Revue drastisch genug illustrirt, um mir jedweden Commentar zu ersparen.

Gelegentlich der Ueberschwemmung des Jahres 1883, welche insbesondere in Elsass sehr bedeutende Schäden verursachte, begann man überall in Frankreich für die Alsaciens zu sammeln, Trotzdem die Gaben reichlich einflossen, war es in die Augen springend, dass das Comité erst nach Ablauf einiger Monate einen bedeutenden Unterstützungsbetrag nach Strassburg werde senden können. Allein, die Noth war gross und schnelle Hilfe dringend nothwendig. Da entschloss sich plötzlich Madame Adam in ihrem Freundeskreise eine Collecte zu veranstalten. Sie kündigte diesen Entschluss einigen Elsässern an und war unvorsichtig genug die Garantie dafür zu übernehmen, binnen 3 bis 4 Wochen allein 100.000 Francs zu sammeln. Madame sah sehr bald ein, dass es einfach ein Ding der Unmöglichkeit wäre, durch Sammlungen diesen Betrag so in aller Eile zusammen zu bringen. Was thun? Nun sie fand einen Ausweg. Sie schrieb eigenhändig etwa 50 bis 60 Einladungskarten, alle ungefähr desselben Inhaltes. Madame Adam bittet den berühmten Maler so und so, gütigst um die und die Stunde bei ihr vorzusprechen etc. Jeder Maler, der solch' eine Einladung erhielt, glaubte natürlich, dass die gefeierte Dame in einer Privatconferenz irgend eine Bitte an ihn stellen wollte und beeilte sich zu erscheinen. Die Enttäuschung soll, wie mir versichert wurde, gross gewesen sein, als die Herren merkten, dass sie eigentlich zu einer Art von Parlamentsitzung zusammenberufen wurden. Dessenungeachtet müsste jeder, ob er wollte oder nicht, der Hausfrau-Präsidentin das Versprechen geben, binnen kurzer Zeit eine Leinwand zu Gunsten einer Lotterie für die Ueberschwemmten zur Verfügung zu stellen.

Madame Adam begnügte sich jedoch mit dem Versprechen keineswegs. Gleich den nächsten Tag begann sie die Ateliers der Maler zu besuchen, um die Saumseligen anzuspornen, oder die etwa schon fertig gestellten Bilder sofort im eigenen Wagen wegzuführen. Auf diese Weise gelang es ihr 100 von berühmten und sehr bekannten Künstlern gezeichnete Bilder in weniger als 14 Tagen zusammenzubringen, welche sofort als Gewinnste der oben erwähnten Lotterie zur Ausstellung gelangten. Nun hiess es Lose placiren. Madame theilte die Lotterie in 1000 Lose à 100 Francs ein und fand in der That, trotz des spöttischen Lächelns und Achselzuckens so mancher ihrer Bekannten, binnen 8 Tagen 1000 Personen, die ihr zu Liebe 100 Francs für ein Los ausgaben. Allerdings soll sie während dieser 8 Tage derart beschäftigt gewesen sein, dass sie sich mit einem kalten Imbiss als Dejeuner begnügte, welchen sie obendrein noch im Wagen einnahm.

Madame Adam als Frau hat eine glänzende Eigenschaft, welche ihr abzugucken unsere Damen wohl thäten. Im Salon ist sie Salondame – vor dem Schreibtisch sitzend ist sie Schriftstellerin und Journalist – und sonst eine vorzügliche Hausfrau.

Von ihr kann man nicht nur über Politik, Literatur u. s. w. belehrt werden; – sondern auch über die Art und Weise, in welcher am schmackhaftesten irgend eine Speise zubereitet werden soll u. s. w. Bei uns leider glaubt die Damenwelt, dass eine echte Salondame vor allem eine Zierpuppe sein müsse – die natürlich an Wirthschaft und Küche – quelle horreur – auch nicht denken darf.

Vom Salon der Madame Adam zu sprechen ohne des Grafen Vasili zu gedenken – wäre einfach ein Unding. Und wenn ich auch kaum irgend etwas Neues über diese mysteriöse Persönlichkeit zu sagen weiss, – so will ich zumindest diese Gelegenheit benützen, um eine ziemlich weit verbreitete Ansicht, Graf Vasili sei eine imaginäre Persönlichkeit, zu berichten. Hinter dem Pseudonym Vasili verbirgt sich ein nicht unbekannter Diplomat deutschen Ursprunges, welcher von Berlin aus das Manuscript über die Société de Berlin der Madame Adam einsendete.

Mehrere Personen, welche das Original-Manuscript sahen, versicherten mich, dass die Schriftzüge in unverkennbarer Weise eine deutsche Hand verrathen.

Der grosse Erfolg der »Société de Berlin« veranlasste Madame Adam ähnliche Publicationen über die Gesellschaften der anderen europäischen Hauptstädte dem Opus des geheimnissvollen Grafen Vasili folgen zu lassen. Alle diese Publicationen sind eigentlich Compilationswerke und Madame Adam, sowie ihre hiesigen Mitarbeiter haben in stofflicher Beziehung kaum irgend welche nennenswerthe Beiträge geleistet. Ihre Thätigkeit war vielmehr eine rein redactionelle.

Die »Nouvelle Revue«, in deren Spalten die »Sociétés« der verschiedenen Hauptstädte erschienen waren, wurde von Madame Adam im Jahre 1879 gegründet. Es handelte sich darum, eine republikanische Zeitschrift ins Leben zu rufen, welche an Gediegenheit der orleanistischen »Revue des deux mondes« gleich käme. Die Idee war zu mindestens gewagt und es soll keine leichte Aufgabe gewesen sein das nothwendige Capital – eine halbe Million – aufzutreiben.

Der rastlose Eifer Juliette Adam's wusste alle Schwierigkeiten zu besiegen und Dank ihrer unermüdlichen Thätigkeit, sowie der Mithilfe des früheren Chef-Redacteurs der »France« – wie lange dieses Blatt noch ein ernstes politisches Organ war und Emil von Girardin gehörte – des als Journalisten wie Menschen hochgeachteten Publicisten Mazeras – eroberte die Nouvelle Revue sehr bald einen grossen Leserkreis.

Abgesehen von den Malern und Bildhauern, versammeln sich bei Madame Adam fast allwöchentlich die bekanntesten französischen Schriftsteller und Dichter. Man trifft hier sehr häufig Alexander Dumas, Alphonse Daudet, Augier, Sardou, Renan, Paul Bourget, Guy de Maupassant, Claretie, Bornier, Ulbach, Pierre Lotti, Aurelien Scholl, Jean Hicard etc. etc. Der Umstand, dass allen Empfangsabenden der Madame Adam ein Kranz wunderschöner Damen beiwohnt, dass die ersten Künstler der »Comédie française« und der Oper hier declamiren, Comödie spielen oder singen, während ein Gounod oder Massenet auf dem Claviere begleiten, mag wohl viel dazu beitragen, dass Pariser wie Fremde einer Einladung Juliette Adam's hocherfreut Folge zu leisten nie unterlassen.