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Marie Bernhard – Bei Madame de Rute.

Bilder und Skizzen

aus: Marie Bernhard, Pariser Leben, Verlag von Heinrich Minden, Dresden und Leipzig, 1887, S. 29ff.



Der Ort der Handlung ist das für die Millionäre der Kunst seit einem Jahrzehnt ungefähr entstandene Quartier Monceau. In nächster Nachbarschaft befinden sich die prunkvollen herrschaftlichen Ateliers der Patricier des Pinsels: Meissonnier's, dessen Schloss so gross wie eine Kaserne und dessen Atelier von so hoher Wölbung ist wie eine Domkirche, sowie Munkacsy's, der nicht nur das Talent, sondern auch das Glück zu seinen Atouts zählt, denn der ungarische Veronese soll bei Zeiten hier in Terrains so vernünftig speculirt haben, dass ihm heute sein Prachtbau nicht theurer kommt, als wäre er ein Ehrenpräsent der dankbaren Mitbürger. Der arme Sebastian Lepage endete hier frühzeitig und von jener Krankheit heimgesucht, die sein Arzt nicht nennen durfte, ohne sich Verfolgungen wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses zuzuziehen. Hier befinden sich ebenfalls die verwaisten Palais, wo vor dem Krach der Associé Bontoux', Herr Feder, eine verschwenderische Pracht entfaltete, und das der im Schuldenmachen wie in allem Uebrigen grossen Tragödin Sarah Bernhardt. Dieselbe bewohnt auf ihre nicht mehr ganz jungen Tage ein simples Stockwerk in dem Viertel Notre Dame de Lorette, und alle vierzehn Tage wird ihr früheres Palais auf der Notarkammer ausgeboten, ohne dass sich ein Kauflustiger meldet.

Dort also, in einem Hochparterre der Rue Logelbach (sprich Logelbasch) hat Madame de Rute ihr fliegendes Feldlager aufgeschlagen; denn seitdem Laetitia Bonaparte-Wyse, die Grossnichte Napoleons I. und Witwe des berühmten italienischen Staatsmannes Ratazzi, den spanischen Staatsmann de Rute geheiratet, ist das bleibende Domicil des Ehepaars Madrid im Palast Altamira. Seit drei Jahren fesselten seine Obliegenheiten als Unterstaatssecretär, Generalsecretär des Minister-Präsidiums und Cortes-Abgeordneter Herrn de Rute derart an die Scholle, dass es ihm kaum möglich war, seine Gattin zu begleiten, wenn diese ganz flüchtig auf ein paar Wochen nach Paris kam »pour se retremper« und ein wenig Pariser Essenz einzuathmen, wovon eine gewisse Dosis alljährlich jeder grossen Modedame unerlässlich erscheint.

Diesmal jedoch hat der Sturz des Ministeriums Sagasta Herrn de Rute einige Musse gegönnt, und so durfte denn Marie Laetitia wieder einen ganzen Winter an der Seine zubringen und nach mehrjähriger Pause jene gesellschaftliche Rolle übernehmen, die sie während des ganzen siebenten Decenniums in glänzendster Weise erfüllte. Damals wohnte Madame Ratazzi in der reizenden und geräumigen Villa des Grafen von Aquila in der »Avenue de Boulogne«. An den Empfangsabenden, und diese fanden mehrmals in der Woche statt, waren sämmtliche Räumlichkeiten, alle drei Stockwerke, den Gästen geöffnet, und während der milden Mai- und Juninächte gingen Hunderte von Herren und Damen in dem grossen, parkähnlichen Garten auf und ab und erfreuten sich der feenhaften »Venetianischen Nachtfeste«, welche die unermüdliche Hausfrau mit all' ihrem Chic und Kunstsinn veranstaltete. Damals war das Haus weit und breit geöffnet und die Gastfreundschaft der Enkelin Lucian's war geradezu sprichwörtlich geworden.

Heute gebieten die Räumlichkeiten einige Einschränkungen bezüglich der Quantität der Gäste, was jedoch die Qualität anbetrifft, so genügt ein einziger Blick, um sich zu überzeugen, dass der Salon der Rue Logelbach heute als einer der interessantesten und bedeutendsten Sammelpunkte des geselligen Pariser Lebens bezeichnet werden kann. Die Tafel wird soeben aufgehoben – und in dem grossen, durch Hunderte von Kerzen beleuchteten Salon beginnen sich schon einige frühzeitig erschienene Habitués die Zeit mit Geplauder zu vertreiben. Die Dame des Hauses begrüsst mit Zuvorkommenheit, ja mit Freundlichkeit die Harrenden.

Die stattliche Erscheinung Marie Lätitia's ist so häufig in Versen und in Prosa gefeiert, ihr Porträt durch Bilder und Büsten derart verbreitet worden, dass eine eingehende Schilderung kaum nöthig sein dürfte. Dieses feingeschnittene, bewegliche, geistreiche Antlitz mit dem gutmüthigen und doch vornehmen Lächeln um den Mund, dieser Musenkopf auf blendend marmornen Schultern, hat noch in jüngster Zeit Künstler inspirirt, da bei der nächsten Ausstellung in den Champs Elysées eine Büste und ein Bild, beide, wie behauptet wird, vortrefflich gelungen, zu sehen sein dürften. Die Robe ist von reichem Stoffe, aber einfach, ein breites Ordensband (ich glaube des spanischen Marie Luisen-Ordens), ein Collier von ungeheuer grossen Perlen und eine frische Rose am Busen bilden den ganzen Aufputz. So schreitet sie, von ihrem Cavalier des Abends geführt, bis zu dem grossen Sopha, welches sich unter dem Facsimile in Lebensgrösse des Grabdenkmals Urbano Ratazzi's befindet. Seine Witwe und sein Töchterlein Isabella Roma, die heute zu einem lebhaften, munteren, graziösen Fräulein emporgeblüht ist, sind knieend dargestellt, und beten für den Gatten und Vater. Im Hintergrunde der Gruppe das Savoyische Hauswappen auf einer kostbaren gobelinartigen Tapete.

Wir haben den Cavalier erwähnt, der die Dame des Hauses vom Tische führte und mit dem sie sehr lebhaft plaudert. Sein Name ist weltbekannt, es ist ein Philosoph, ein ehemaliger Minister, ein Redner, ein Schriftsteller von hervorragender Bedeutung, der sich ausserdem nicht wenig auf seinen Beinamen eines modernen Atheners zu Gute thut: Herr Jules Simon, der geschmeidige Rationalist, von dem der jüngst verstorbene Cardinal Chigi behauptete: »Ich war zwanzig Jahre päpstlicher Nuntius in Paris, habe mit einem ganzen Dutzend Cultusministern zu thun gehabt, aber mit keinem bin ich so gut ausgekommen, wie mit Herrn Jules Simon.« Und Dupanloup, der Prälat der Jeanne d'Arc, bestätigte dies mit der einzigen Bemerkung: »Der Mensch da wird früher Cardinal werden als ich.« Heute hat Jules Simon die Grenze der Siebenzig seit einer geraumen Reihe von Jahren überschritten, aber rüstigen und festen Schrittes. Er steht ungebeugt und aufrecht da, wie eine alte Eiche, welche ein Sturm auf einmal entwurzeln kann, die aber vor dem Ende sich nicht krümmt und nicht bückt. Herr Jules Simon ist vor Allem Philosoph geblieben und man merkt an seiner heiteren Miene, dass ihm die Anfeindungen vieler seiner früheren Freunde nicht schaden konnten. Der frühere Minister-Präsident des Marschall Mac-Mahon, der treueste politische Verbündete des Herrn Thiers, macht heute den Eindruck eines Dilettanten, der alles menschliche Getriebe von oben herunter betrachtet und in seinen letzten Lebensjahren die Dornen bei Seite zu schaffen und nur die Rosen zu gemessen gesonnen ist und sich dabei wohl fühlt, namentlich wenn die Rosen an dem Busen schöner, geistreicher und interessanter Damen stecken.

Während Madame de Rute einigen Angemeldeten entgegengeht, entspinnt sich eine Unterhaltung zwischen Jules Simon und einem Herrn, dessen Aeusseres als sehr charakteristisch auf den ersten Blick auffällt. Die Züge sind von Hause aus nicht unangenehm und unsympathisch, aber ungemein verzerrt und verwelkt. Die Augen blinzeln unheimlich und die Bewegung der Wimpern ist die höchste Nervosität. Den seltsamen Eindruck vervollständigt und erhöht die Neigung des Kopfes nach rechts und die Wahrnehmung (Alles ist bei dem Herrn seltsam), dass der Körper für diesen Kopf viel zu dick ist. Die Haltung und die Manieren des Gewährsmannes Jules Simon's machen den Eindruck, als suchte der Betreffende distinguirter aufzutreten, als nöthig ist, und fürchte er sich, nicht wohlerzogen genug zu erscheinen. Dieser Sonderling ist ein Mann, der vor etwa einem Jahre viel von sich reden machte, Herr Andrieux, der ehemalige Polizeipräfect, dessen Enthüllungen so viel Aufsehen und Befremden erregten. Während seiner Gesandtschaft in Madrid, die so jähe und sogar ein wenig räthselhaft unterbrochen wurde, war Herr Andrieux ein Getreuer des Palastes Altamira – er setzt als gefallene und wieder emporstrebende Grösse seine Besuche fort.

Der scharf, anticlericale Gemeinderath Edgar Monteil, der die Romane nur so aus dem Aermel schüttelt, der ewig junge und unvergänglich blonde Dichter und Wagnerprophet Catulle Mendts bilden eine recht interessante Gruppe mit einem recht rüstigen Greis, dessen Charakterkopf mit langem, wallendem, kaum graumelirtem Haar, und langem, zu beiden Seiten der Lippen herabhängendem Schnurrbart – ein Gallischer Schnurrbart à la Vercingetorix – uns durchaus nicht unbekannt ist. Der Vercingetorixbart gehört dem ältesten aller französischen Maler, den Jean Gigoux schildert, und zwar sehr anmuthig in seinen Causeries, »Eine Reise durch die Schweiz«, welche er im Jahre 1820 unternommen hat, und seine grossen Erfolge datiren aus den dreissiger Jahren, wo er sich durch seinen so stark verbreiteten und allgemein anerkannten Leonard de Vinci und seine Hunderte von Vignetten für den Roman »Gil Blas« grosse Berühmtheit verschaffte. Dieser Epigone der 1830er Generation, dieser Dutzfreund von Delacroix, Delroche und Horace Vernet, der alle grossen Künstler gekannt und täglich mit ihnen verkehrt hat, vertritt in vortheilhafter und kräftiger Weise den Menschenschlag von damals. Trotz seiner zweiundachtzig Jahre stellt er bei der Tafel sehr wacker seinen Mann.

Der Hausherr, eine elegante, schlanke Erscheinung mit ausgesprochenem spanischem Typus, und den Manieren eines unverfälschten Hidalgo führt der Gruppe einen fünften im Bunde zu, den er als den berühmten spanischen Dichter und Dramaturgen Vlasco präsentirt, und es dauert nicht lange, bis sich ein eifriges Gespräch über französische und iberische Poesie zwischen Herrn Vlasco und dem blonden Parnassianer Catulle-Mendès entspinnt.

Je später der Abend vorrückt, desto zahlreicher und interessanter werden die Gäste. Einzelne darunter machen sogar einen geradezu dramatischen Effect. Es ging eine Bewegung durch die Räume, als hätten sich mehrere Elektrisir- Apparate entladen, als der Thürsteher, in correcter schwarzer Kleidung mit der silbernen Kette um den Hals, mit Stentorstimme meldete: »Herr und Frau Clovis Hugues«. Während sonst diese Verkündigungen mit grossem Gleichmuthe zur Kenntniss genommen wurden, hatte dieser Ruf zur Folge, dass alle Augen sich erwartungsvoll nach der Eintrittsthür richteten.

Der Anblick entsprach vollkommen den gehegten Erwartungen. Wir durchlebten ein paar Secunden Shakespeare'scher Tragik. Voran schritt die Frau, die Rächerin ihrer Ehre, die Heldin der bekannten Gerichtsaffaire. Madame Hugues war anerkanntermassen vor dem Falle Morin eine der schönsten Frauen von Paris; die Statur, die Haltung, der Gang dieser Tochter eines Erzrepublikaners und Gattin eines radicalen Volksredners und Volksdichters waren einer Königin würdig und sind es auch geblieben. Das Gesicht dagegen, das schöne, bewunderungswürdige Antlitz hat offenbar unter den Folgen der Affaire gelitten. Die Züge sind verzerrt, die Farbe bleich, todtenblass sogar und aus den Augen blickt etwas von ausgestandener Qual und vielleicht von peinigenden und nagenden Gewissensbissen. Es kann einem auch leid thun, einen Morin getödtet zu haben, und wer weiss, ob der Scharfrichter selbst nicht im Traume die furchteinflössenden Gespenster der durch seine Hand gerichteten Banditen sieht.

Mit ein wenig Einbildung konnten die im Salon der Frau de Rute Anwesenden sich die Scene der Lady Macbeth nach dem Tode Duncan's vorstellen. Es war wirklich, als schwebte ein unsichtbarer Geist vor den Augen der Frau des Abgeordneten von Marseille, den sie, nach Fassung Tingetad, aber im Innern aufs Tiefste bewegt, zu verscheuchen suchte. Das tiefe Schwarz, in welchem die neu Eintretende gehüllt war, mochte wohl diesen Eindruck illustriren und verschärfen.

Die charakteristische Figur des Deputirten von Marseille ist hinlänglich bekannt geworden. Sein stark durchfurchtes Gesicht, die grossen, glotzenden Augen, der struppige schwarze Bart und der waldähnliche Haarwuchs geben dem südländischen Politiker und Dichter einen Ausdruck, den man sobald nicht vergisst.

Madame de Rute schritt auf das Ehepaar zu, sie schüttelte der stattlichen Madame Hugues beide Hände, küsste sie auf beide Wangen und führte sie sofort in einen plaudernden Kreis, dessen Mittelpunkt sie bald bildete. Unter dem Einfluss der Redensarten und des Pariser Salongeistes verscheuchten sich die Gespenster und die Besorgnisse, und als wir uns von dem gastlichen Hause verabschiedeten, nachdem eben die spanische Sängerin Frau Sanz eine Habanera vorgetragen, hörten wir sogar Madame Hugues über eine Erzählung lachen. Warum auch nicht? Ist doch der Salon der genialen Muse aus dem kaiserlichen Stamme unter allen Umständen zerstreuend, sorgenbrechend und amüsant.