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Hans Bethge – Syrinx

Ein Skizzenbuch

Hans Bethge, Syrinx, Ein Skizzenbuch, Schlesische Buchdruckerei Kunst- und Verlags-Anstalt von S. Schottlaender, Breslau, o. J.



Syrinx.

Die schönste der Nymphen war Syrinx. Ihr Haar war glänzend wie Rabengefieder, meerblau ihr Blick und ihr Leib von einer Wohlgestalt, wie sie selten ist selbst unter den Göttlichen. Als Pan sie sah, ergriff ihn Staunen über solche Schönheitsfülle. Und sein Herz entbrannte in brünstiger Liebe.

. . . Syrinx stand an einer Quelle und sah dem springenden Wasser zu. Es war tief im Walde, und ringsher ging kein Laut. Es war um die Mittagsstunde. Eine grausame Schwüle durchbrütete den Raum. Kein Luftzug regte die Blätter. Die Blumen und Kräuter waren nah dem Verdorren.

Nur hier an dem Quell wars kühler. Nicht viel zwar – aber doch kühler: man merkte es an den Blüten, die in der Nähe standen – ihre Farben waren frischer und voller, und ihr Duft strömte reicher.

Syrinx sah unablässig in das Geplätscher des Quells. Sie stützte sich mit den Armen auf einen Felsen und beugte den Leib vornüber, so daß ihr das Haar über die Schultern fiel. Auf dem Scheitel war es von einem Blumenkranz gekrönt. Aber der war längst welk geworden.

Da knackte es vor ihr in den Zweigen. Ihr Kopf flog auf, und dann rang sich ein Schrei aus ihrem roten Munde. Entsetzen faßte sie. Sie hatte Pans Gesicht in den Blättern gesehen, das Gesicht des lüsternen Burschen, dessen Begehren in wilder Liebe nach ihrem Besitze ging.

Syrinx schnellte empor. Und in hastiger Flucht wand sich ihr schlanker Leib zwischen den Stämmen hin. Pan brach aus dem Buschwerk und folgte ihr. Es begann eine tolle Jagd. Er stürmte wie rasend. Seine Sinne flammten. Unstillbar war sein Verlangen. Schaum trat ihm vor den Mund . . .

Syrinx lief und lief, daß ihr die Lenden schmerzten. Sie war schon der Erschöpfung nahe – aber sie jagte weiter. Verzweiflung spornte sie. Sie fürchtete die Umarmung dieses Gottes, den sie verachtete wie den Tod. Weiter – weiter!

Der Wald ging zu Ende. Ein unermeßliches Feld dehnte sich vor ihm. Darauf flogen sie nun hin. Die Sonne glühte auf sie mit Feuerstrahlen von einem wolkenlosen Himmel. Sie fühlten es nicht. Aber Syrinx fühlte, daß Pan ihr näher und näher kam; und sie fühlte ihre Kräfte schwinden. Sie schauderte. Sie flehte Zeus um Hilfe an. Und Zeus half.

Syrinx flog voll Unrast. Da sah sie das Wasser eines Flusses vor sich glänzen: sie konnte nicht weiter. Und Pan war ihr dicht auf den Fersen. Sie hörte sein Keuchen. Sie bebte vor Qual.

Syrinx eilte in das Schilf, das den Fluß umsäumte, sich zu verbergen. Aber Pan entging es nicht. Jubelnd sprang er auf sie zu. Nun blieb ihr nur noch eine Rettung: in den Strom.

Und die wählte sie. Lieber den Tod in der Flut als in den Armen des Lüstlings.

Schon breitete Pan seine Arme aus, die Nymphe zu umfangen – da – –: der Gott hielt ein schwankendes Rohr an seiner zottigen Brust.

Zeus hatte die Nymphe auf ihrem Sprung in den Fluß zu einem Schilfrohr gewandelt.

Und da Pan, der Staunende, das Rohr an sich drückte, vernahm er einen seltsamen Ton daraus. Der war von einem Luftzug, der über den Fluß herübergekommen war, hervorgebracht. Und Pan, voll Neugier, blies in das Rohr – und siehe –: der Ton kam wieder.

Und er band Rohr an Rohr, kurze und lange Halme . . .

Pan hatte die Flöte erfunden, die er Syrinx nannte.



Schweigen.
I.

Er lehnte an einer der kühlen Marmorsäulen, die den Saal umgaben, und sah in das Gewimmel. Es war ein Wirrsal ohne Gleichen. Rauschende Gewänder in Seide und Brocat, Perlen und blitzende Steine, Blumen, Blumen, unendliche Blumen auf Brüsten und Häuptern, und viel veilchenduftendes Frauenhaar. Und dann die wangengeröteten Gesichter. Die einen mit dem reinen Glanz der Jugend, andere, auch noch junge, mit den Mienen der Menschen von Welt, die ihre Erfahrungen hatten, und dann Aeltere, die so gern hätten jung scheinen mögen, die sich aber von den Genüssen dieses Daseins zu sehr hatten fassen lassen, als daß sich der Zug früherer Reinheit in ihren Gesichtern hätte erhalten können. Endlich müde, abgebrauchte, die gar nicht mehr Lust hatten, anders zu scheinen, als sie waren. Aus denen die zerfressende Leidenschaft heißer, vergangener Jahre sprach. Trümmer einstiger Pracht. Grausam zerpflückte Blumen. Gesichter, die einen mit Jammer und Mitleid füllen mußten bis in die innerste Seele.

Auf dem Ganzen lag der helle Schimmer einer Menge elektrischer Lampen. Das eintönige Stimmengesurr, bisweilen durch ein lautes Lachen oder einen Zuruf unterbrochen, wurde von den Parisienne-Klängen einer Streichkapelle übertönt, zu denen sich die Paare mit schnellem Atem drehten.

Und er stand ganz einsam im Schatten eines Palmengewächses, an der roten Säule, und sah dem Getümmel zu. Jetzt fiel sein Auge bei einer Wendung, die sein Kopf machte, in einen rechts von ihm auf weißem Grunde hängenden Krystallspiegel, der, an den Rändern breit geschliffen, in einen Rococorahmen gefaßt war. Er mußte lächeln, als er sich in dem Glase sah. Er kam sich in diesem Aufzug so unendlich komisch vor. Er haßte diese glänzenden Feste, diese Massenvergnügungen, wo man nicht zu sich selber kommt, aneinander vorüberhastet, von Einem zum Andern schwärmt, ein paar fade Worte redet, nur um überhaupt Etwas zu sagen, die Bekanntschaft von hundert neuen Menschen macht, die man morgen, nein, nach ein paar Stunden schon wieder vergessen hat, ohne noch je recht ihren Namen gewußt zu haben; wo man einzig dazu da ist, die fürchterlichste aller Pflichten zu erfüllen, die darin besteht, zum Lobe der bangenden Ballmütter zu leben, indem man sein bestimmtes Pensum heruntertanzt und vielleicht noch etwas mehr . . .

Wie er das Alles verachtete. Er tanzte ungern, obwohl er, wie die Frauen sagten, ein vortrefflicher Tänzer war. Er begriff nicht, wie die Leute dies Herumspringen schön finden konnten. Er fand es kindisch. – Wo er sich wohl fühlen sollte, mußte es anders hergehen. Wenige, die sich verstanden, in behaglicher Stube, in der das Licht der Tischlampe womöglich durch einen grünen Schirm gedämpft war, in der das prasselnde Feuer aus dem Kamin rote Streiflichter auf den Teppich warf. Dazu eine ungezwungene Unterhaltung oder eine hübsche Erzählung oder der Vortrag eines schönen Liedes – das mochte er. Und wenn dann die Frauen das Rauchen gestatteten, erreichte die Behaglichkeit für ihn den Höhepunkt. Dann zündete er sich eine Cigarette an, sog mit einem inneren Wohlgefühl den aromatischen Duft in sich auf, – und nun flogen ihm die Gedanken nur so zu, und die Worte gingen ihm noch einmal so leicht von den Lippen.

Wenn er dann erzählte, wußte er Alles in seinen Bann zu ziehen. Er verstand meisterhaft zu erzählen. Die schlichtesten Geschichten umkleideten sich in seinem Munde mit einem warmen Glanz von Poesie. Sie klangen seltsam reizvoll von seinen Lippen, ja sie begeisterten trotz ihrer Stille. Es waren meist Geschichten in Moll, die sich im Sande verloren. Manchmal aber auch solche, die sich zu einer kecken humorvollen Pointe zuspitzten: und diese wußte er stets so prachtvoll herauszubringen, daß die Wirkung immer ein unverfälschtes, herzerquickendes Lachen war.

Aber was sollte er hier? Er fühlte sich hier befangen. In diesen Trubel paßte er nicht.

Seine Augen gingen schon eine Weile suchend durch den Saal. Jetzt schienen sie gefunden zu haben, wonach sie verlangten. Sie wurden ein wenig größer und nahmen ein lebhafteres Leuchten an. Auch kaute er mit nervöser Ungeduld an seinem Schnauzbart, und sein Kopf reckte sich etwas nach vorn.

Das Mädchen, an dem sein Auge lag, ging am Arme ihres Tänzers langsam um den Saal, sich zu verschnaufen, und fächelte sich Kühlung zu. Sie trug ein Kleid aus himbeerfarbener Seide, das Hals und Nacken offen ließ, Teile von einer Schönheit, die Einen verwirren mußte. Die Haut schien zart wie Sammet und war so blendend blaß wie die Narzissenblüten, die schwankend auf ihrem jungen Busen lagen.

Und die Formen waren so weich und stolz zugleich wie der Ausdruck ihres unverschleierten Auges. Die Stirn war bleich. Nur in den Wangen eine sanfte Note, so sanft und heimlich, wie sie aus jungen Apfelblüten glänzt.

Sie sprach wenig und schien nie zu fragen. Jetzt legte sie ihren entblößten Arm auf die Schulter des Mannes, neben dem sie schritt, um den Tanz wieder aufzunehmen, – da setzte die Musik das Spiel ab. Er sagte ihr Worte des Bedauerns und führte sie auf ihren Platz, wo sie sich mit einer kurzen Verbeugung, wie sie eigentlich nur Frauen zukommt, von ihm trennte.

Die Augen des Mannes an der Marmorsäule starrten immer noch auf sie. Da setzte die Musik wieder ein – mit einem prickelnden Walzer von Strauß.

Er zupfte flüchtig an seiner Weste, trat aus dem Schatten hervor und durchquerte das Parquet. Nun bemerkte sie ihn. Sie fuhr leise zusammen, und ihre Brust hob und senkte sich schneller, so daß die Narzissen in ein hutsames Zittern kamen.

Er drang noch rechtzeitig zu ihr, ehe ein Anderer kam. Sie erhob sich. Er fragte:

»Aber Sie sind wohl schon verpflichtet –«

Sie entgegnete Nichts darauf. Sie nahm seinen Arm, und nun tanzten sie. Es tanzte kein anderes Paar gleich ihnen. Viel Augen richteten sich mit Bewunderung, mehr mit Neid auf sie.

Sie sprachen kein Wort. Sie fühlten sich, sie spürten ihren Atem – und schwiegen. Er merkte, wie sie zuweilen bebte und wie ihre Brust stürmisch an seiner schlug. Er hätte ihr am liebsten ins Ohr geflüstert: »Ich hab' Dich lieb,« und auch ihr war so, als müsse sie es thun. Aber sie ließen es Beide. Es war ihnen schon so oft so ergangen. Sie wußten, sie liebten sich, und wenn sie sich fern waren, waren sie krank nach einander. Aber die erlösenden Worte fanden sie nicht. Es waren zwei wunderliche Menschen. Sie schämten sich, ihre Regungen laut werden zu lassen. Sie empfanden so heiß, – aber sie waren zu verstockt, ihre Empfindungen in Worte zu kleiden. Ihr war, als müsse sie weinen. Warum waren sie sich gegenüber auch in Worten so ungeschickt? Er war es doch sonst nicht. Und es stahl sich auch wirklich eine Thräne aus ihrem blanken Auge. Aber sie verging schnell, und Keiner hatte sie bemerkt, auch er nicht.

Als die Instrumente verstummten, hatten sie noch kein Wort weiter gewechselt. Aber er hatte, während sie an seiner Brust gelegen, einen Entschluß gefaßt: Es sollte ein Ende werden. Waren sie denn thörichte Kinder? Wollten sie sich durchaus hinquälen, bis es zu spät wurde? Bis sie sich verloren hatten?

Er fragte sie, als er von ihr Abschied nahm:

»Darf ich morgen kommen, Sie zum Reiten abholen?«

»Ja – bitte.«

»Um welche Zeit?«

»Nun – Nachmittags – nach Vier.«

Sie gaben sich die Hand, dann schieden sie.

Er schritt zur Garderobe, ließ sich einen Pelz reichen, setzt eine Cigarette in Brand und ging in die schneehelle Winternacht hinaus, in der die endlosen Sterne klar, klar an einem blauen Himmel standen.


II.

Nachmittags Punkt halb Fünf ritt er bei ihr vor. Es war eine klingende Kälte. Der frisch gefallene Schnee knirschte unter den Hufen des Gauls, über dessen Fell sich eine Reifkruste gezogen hatte.

Ihr Pferd, ein Rappe, wurde schon von einem Reitknecht auf und ab geführt.

Er sprang aus dem Sattel und übergab die Zügel dem Knecht. Da trat sie aus der Thür. Sie trug ein schwarzes Costüm und einen flachen Hut, um den ein hinten herabhängender Kreppschleier geschlungen war. Die Augen brannten groß darunter hervor. Ihr Haar saß in Form eines festen Knotens im Nacken. Sie sah bleich aus. Ihre Züge waren marmorn still, wie immer, wenn sie ihm gegenüber stand.

Er zog den Hut, und sie reichte ihm die Hand. Er half ihr auf den Rücken ihres Tieres, dann saß er selbst auf. Nun ritten sie nebeneinander davon. Sie sprachen blutwenig und das Gleichgültigste von der Welt.

»Wohin sie zu reiten beföhle?«

Sie nannte ein Wäldchen, das etwa eine halbe Stunde vor der Stadt lag.

Dann waren sie wieder still. Aber es war Keinem von Beiden peinlich. Sie waren es schon gewöhnt. –

Als sie durch das Stadtthor geritten waren, lag eine weite schnurgerade Chaussee vor ihnen. Sie war mit alten Pappeln bestanden, die kahl in die Decemberluft ragten. Zu beiden Seiten dehnten sich unermeßliche Felder, von Schnee begraben, nur hier und da von einem toten Baum überragt. Zuweilen flog eine Krähe oder ein ganzer Schwarm von diesen Vögeln, deren Nester sich dunkel in dem Pappelgeäst abhoben, lärmend darüber hin, um irgendwo Rast zu machen und im Schnee zu picken. Das war das einzige Leben in dieser Oede.

Es begann zu dunkeln. Die Sonne war untergegangen. der Mond stand als eine halbe, noch matte Silberscheibe gerade über der Straße, und wenn man sich Mühe gab, konnte man auch schon einige Sterne unterscheiden. Aber der Himmel dunkelte schnell. Und je mehr die Dunkelheit wuchs, desto leuchtender wurde der Silberglanz der Gestirne.

Die Reitenden hatten einen Galopp angeschlagen, den sie bis zu dem Wäldchen beibehielten, das nun mit seinen schneebehangenen Tannen, auf denen das Mondlicht wie im Märchen schimmerte, dicht vor ihnen lag. Die Chaussee durchschnitt es. Sie machten Kehrt. Es wurde Zeit, daß sie an den Heimweg dachten.

Und sie schwiegen . . . Nur das Schnauben und das Getrappel der Pferde und manchmal ein Vogelruf zog durch die Winterluft – kein Laut einer menschlichen Stimme.

In seiner Brust tobte es. Er hatte sich gestern Abend gelobt, heut ein Ende zu machen. – Nun?

Er sah erregt geradeaus. Da bemerkte er, wie sich die Lichter der nebelumhüllten Stadt langsam aus der Dunkelheit lösten – immer mehr und mehr – immer heller und heller. Es stieg ihm siedend heiß den Rücken hinauf. Wenn es heute nicht geschah, geschah es nie. Und die Stadt war schon so nahe – – –

Er fühlte einen beengenden Schmerz in der Nähe des Herzens.

Und dann, nach der langen, laugen Stille, sprach er die Worte, über die, als sie über seine Lippen kamen, er selbst erschrak:

»Sie waren so schön gestern Abend, Anni, so blendend schön –, ich hätte Sie küssen mögen.«

»Warum – –«

Da bereute sie's schon wieder, noch ehe sie's ausgesprochen. Sie biß die Lippen zusammen, stieß dem Pferde die Sporen in die Weichen und sah nach rechts, ihm abgewandt, zu Boden. Dort flogen ihre Schatten über das bläulich glänzende Schneefeld, gespenstisch groß und scharf umrissen: zwei schlanke Tiere und darauf zwei jugendliche Menschenleiber. Sie etwas vor ihm und höher als er. Ihr Schleier hinter ihr wagrecht im Winde.

Nicht lange blickte sie so. Sie fühlte plötzlich, wie sich ein Arm um ihre Taille legte. Und sie war gar nicht entrüstet hierüber, sie zuckte nicht einmal zusammen, es schien ihr ganz in der Ordnung so. Sie hob den Kopf: Er war auf ihre rechte Seite gekommen, und seine Augen waren dicht vor den ihrigen. Sie lächelte und legte nun auch den Arm fest um seinen Leib, so daß er ihre Rechte in der seinen pressen konnte. Worte kamen nicht von ihren Lippen. Das verstanden sie nun einmal nicht. Aber diese Lippen suchten einander. Und fanden sich.

Der Schatten auf dem Schneefeld hatte sich verändert. Es war jetzt ein Monstrum mit acht Beinen und zwei Köpfen, was dort lief. Auf seinem Rücken saß ein seltsam verschlungener Menschenknäuel.



Vergessen.

Der alte Landrat hatte sein Weib verloren. Es war der weheste Schlag, den ihm das Leben versetzt hatte. Seine Helene fehlte ihm überall. Seit sie unter den alten ewig raunenden Lindenwipfeln auf dem Magdalenenkirchhof eingegraben lag, der nun das Ziel von des Greisen täglichen Spaziergängen wurde, war es unsagbar öde und leer in seinem Hause. Der Sonnenschein der glücklichen Tage war fort und konnte niemals wiederkommen. Wenn die Sonne auch wie sonst durch die blanken Fenster auf die Dielen und verschnörkelten Möbeln fiel, – es wollte in den alten Zimmern nicht mehr helle werden.

Es war ein paar Wochen nach dem Begräbnis. Ein Herbstnachmittag, kalt und stürmisch, lag über der Welt, und es ging schon stark dem Zwielicht entgegen. Am Himmel, der den ganzen Tag die Sonne nicht hatte sehen lassen, stoben schwarze Wolkenballen, und die Luft war voll irrender Blätter. Die Apfelbäume im Garten rauschten und schlugen mit den Wipfeln aneinander, und von dem Dach der Laube gingen die gewaltsamen Töne einer Aeolsharfe aus, die man herabzunehmen vergessen hatte.

Der Rat saß in der Stube vor dem Schreibtisch und las in Storms Novelle »Pole Poppenspäler«. Das war das Buch, das er vor allen andern des großen Holsten liebte.

Er las sich so hinein in diese herzige Kindergeschichte, daß er seinen Schmerz darüber vergaß. Storm war allezeit sein Tröster gewesen, – jetzt in seinem größten Weh, war er ihm doppelt ein Freund.

Er las und las, und sein Gesicht hellte sich auf. Es war, als ob all' die Runzeln und Falten daraus verschwänden. Und nun kam er an die Scene, wo sich die beiden Kinder, aneinandergeschmiegt, zu nächtlichem Schlaf in die alte Kiste betten, – das war die schönste Stelle in dem Buch, – er kannte sie wohl, er hatte sie so oft mit Helene gelesen, – ja, die mußte sie auch nochmal mit anhören, – sie hatte sie auch so gerne.

»Du, Helene,« sagte er und rückte die Brille zurecht, denn die Dämmerung war stärker geworden.

Es kam keine Antwort. Auch klang seine Stimme ganz seltsam in dem Zimmer . . .

Und als er nun den leeren Lehnstuhl sah, auf den die Geranien, die sie so sehr liebte, von dem Fensterbrett herunternickten, da wurden seine altem Augen größer und größer . . .



Am Strande.

Ein juliheißer Sommertag auf Westerland-Sylt. Ich hatte in einer der Restaurationshallen, die sich unter den Dünen aneinanderreihen, zu Mittag gegessen. Als ich mich erhob, war es etwa halb Drei.

Ich schritt die kurze Holztreppe zum Strande nieder und suchte mir möglichst nahe dem Wasser und etwas seitab, wo die Strandkörbe nicht so gedrängt standen, einen Fleck zur Ruhe. Der Strand war fast menschenleer. Es war noch Alles beim Essen oder machte erst Toilette dazu.

Die Zelte aus Segeltuch, die Strandkörbe, an denen bunte Fahnen flatterten, Stühle und Schemel, – Alles war verödet. Nur auf einem »Faullenzer« sah ich einen älteren Herrn liegen und die Zeitung lesen. Und zwei unbeschuhte Jungen bauten sich nicht weit davon eine Schanze.

Ich spreitete das Plaid aus, formte mir am oberen Ende aus dem Sande ein Kopfkissen und legte mich hin. Da die Sonne kräftig vom Himmel brannte, deckte ich ein Taschentuch über mein Gesicht. Dann schloß ich die Augen. Keine fünf Minuten waren vergangen. da hatte mich das Brausen des Meeres in einen traumlosen Schlaf gesungen.–

Nach reichlich einer Stunde wachte ich auf. Ich rakelte die schlafmatten Glieder, gähnte aus Herzensgrund, grunzte, rakelte mich nochmals und warf mich aus die andere Seite. Aber der Schlaf kam nicht wieder. Es war zu lebhaft um mich her geworden. Ein paar Möven, denen man Semmelbrocken in die Luft warf, kreischten unausstehlich, und ein kleines Mädchen schrie mit unglaublich hoher und angstgepeinigter Stimme: »Muttchen! Muttchen! Komm doch! Die Flut zerstört uns ja unsere Burg! Hilf uns doch! Muttchen! Muttchen! Die Flut! Siehst Du denn nicht? Muttchen! Komm doch! Muttchen! Muttchen! Muttchen!«

Mit Grazie in infinitum.

Außerdem lag Lachen und anderes Stimmengewirr in der Luft. Kurz an Weiterschlafen war nicht zu denken. So faßte ich einen Entschluß. Ich zog das Taschentuch vom Gesicht, dehnte mich zum endgiltig letzten Mal und richtete mich mit dem Oberkörper vermöge eines energischen Rucks empor.

Das Bild um mich her war nun allerdings ein anderes geworden. Aus den Strandkörben leuchteten Frauentoiletten. Die Stühle waren von Herren, die meist rittlings saßen und mit ihren Spazierstöcken Figuren in den Sand malten, in Beschlag genommen. Kinder mit Schaufeln und kleinen Holzkähnen, die an Strippen gebunden waren, liefen hin und her, und seitwärts vor einem Zelt sah ich drei junge Kerls mit zerfetzten Gesichtern, also Studenten, im Sande liegen, Skat dreschen und Schnäpse trinken. Ein Duft türkischer Cigaretten drang von ihnen herüber. Ihre schneeweißen Strandcostüme blendeten, von der Sonne beschienen, meine Augen. Ein Kellner trug auf einer silbernen Dublette Kaffee und Kuchen nach einem der Körbe, und etwa zwanzig Schritte vor mir – – stopp!

Als ich das sah, was sich da zwanzig Schritte vor mir befand, trat alles Andere jählings hinter einen undurchdringlichen Vorhang zurück. Ich hatte nur noch für dieses Eine, Kostbare, Niegesehene Augen. Alles Andere war Luft.

Etwa zwanzig Schritte vor mir saß ein junges Mädchen. Jawohl. Sie drehte mir den Rücken zu. Das war schade. Aber auch so schon war sie im Stande, Einem den Kopf zu verwirren.

Solch eine Taille hatte ich noch nie gesehen. Ich habe die feingeschwungenen Conturen noch ganz wach in der Erinnerung: Weich, traumhaft weich und zart wie der Leib einer Sirene. Aber nicht etwa mager. Behüte. Es war ein so vollendetes Maß, in harmonischem, biegsamem Schwunge nach oben, daß man sich den Busen und seine Linien sofort dazu denken mußte.

Dieser Busen mußte wie eine schöne Welle sein, keusch gewölbt, eben oder noch kaum entfaltet. Und der Atem, der ihn langsam hob und senkte, mußte so ruhig gehen wie der Atem eines schlafenden Kindes.

Ihr Hals war marmorweiß. Ein paar blonde Haare ringelten sich darauf nieder und schmückten ihn. O dieses Haar!

Es war aschblond, von einem Schimmer ungeschnittener Gerste, die überreif geworden, und mußte ihr, wenn sie es löste, bis zu den Knieen fliegen. So üppig war es, so voll. Und es lag auf diesem Kopf gleich der Krone auf dem Scheitel einer Fürstin. Locker, ganz locker emporgesteckt, wie ich es häufig bei Engländerinnen gesehen habe.

Zwei sylphenhaft kleine Ohren, ohne Gehäng, lachten an beiden Seiten hervor und machten nach den Reizen des Gesichts nur noch begehrlicher. Ihr Kopf war ein wenig nach vorn geneigt: sie las in einem Buche.

Sie trug auch keinen Schleier. Wie mich das entzückte. Und meine Phantasie malte mir zum Greifen deutlich ihr junges Gesichtchen aus. Ich sah die hohe freie Stirn, ohne die gräßlichen Ponylocken, die ich hasse; ich sah die edle Nase, das weichgerundete Kinn, die Wangen, bleich, mit einem rosa Duft; ich sah den Mund, stolz geschnitten, aber nicht herbe – bei Gott, nicht herbe: stolz und blühend und reich an Hoheit wie bei einer unnahbaren Königin.

Und dann die Augen. Die Augen, die des Menschen sichtbare Seele sind. Die Alles, Alles geben können: Haß und Liebe, Glück, Verachtung, Leidenschaft – Alles.

Sie mußten blau sein. Tiefblau, wie frisch erblühte Gartenveilchen, und groß und unergründlich. Ich fühlte sie leuchten in meiner Phantasie. Aber dann wurde ich mir plötzlich bewußt: sie waren ja gar nicht blau. Blau? Wie hatte ich das mir denken können. Sie waren ja grün, meergrün, mit einem sachten Schimmer ins Goldene. Ja, grün mußten sie sein. Ohne Zweifel. Grün wie das Meer, auf dem die Sonne liegt.

So träumte ich und war voll Verlangen nach ihr. Sie hatte mich ganz berückt. Ich ließ mit diesen Augen nicht ab von ihr. Ich hätte ihres Leibes Schönheit trinken mögen mit meinen Blicken, hineintrinken in meine junge Seele, daß sie nie mehr daraus entschwinden könnte.

Schließlich hielt ich's nicht mehr aus. Ich mußte ihre Züge sehen.

Ich hustete. Einige Menschen sahen auf. Sie las weiter. Ich hustete stärker – vergebens. Und auch ein drittes Mal ohne Erfolg. Den Leuten war mein Benehmen schon aufgefallen. Ich bemerkte, wie einige mit den Köpfen schüttelten.

Auf den Gedanken, aufzustehen und einfach vor sie hinzutreten, kam ich nicht. So war ich einen Augenblick ratlos. Da flog mich eine ganz wahnsinnige Idee an.

Ich stieß einen schallenden Jodler aus.

Das wirkte. Wie durch einen Nebel sah ich, daß sich die Menschen aus den Strandkörben ringsher mitleidig und in stillem Einverständnis zunickten, indem sie mit den Fingern auf ihre Stirnen tippten. Sie hielten mich natürlich für einen Verrückten.

Ich starrte nur auf sie. Da. Sie wandte sich.

»Verflucht!« rief ich, mit einem Nachdruck, daß die Menschen es nunmehr außer Zweifel stellen mußten, einen Idioten vor sich zu haben. Dann sprang ich, wie von einer Tarantel gestochen, in die Höhe, raffte mein Plaid zusammen und machte mich spornstreichs auf die Socken.

Ich hatte in das Citronengesicht einer englischen Gouvernante geblickt.



In der Frühlingsnacht.

Violinenklänge dringen durch die Nacht. Sie kommen aus der Giebelstube einer Villa, die auf der Höhe nahe dem Flusse liegt, schweben über den Garten mit feinen blühenden Vergißmeinnichtbeeten und gehen in dem Geraun des Wassers unter. Sie sind traurig und schwermutsreich. Es liegt Herz darin und Leid, tiefes Seelenleid.

Der Spieler ist ein junger, schmaler Mann. Er sitzt auf dem Fensterbrett. An den Pfosten gelehnt, mit übereinandergeschlagenen Schenkeln, sieht er in die unendliche Welt, und seine Augen glühen wie die Sterne am nächtlichen Frühlingshimmel.

Er führt den Bogen verträumt und erinnerungstrunken.

In seiner Seele wirbelt noch das Treiben des verrauschten Balles. Das war ein Leben . . . eine Lust . . . Feuer und Glut!

Und er totkrank dazwischen.

Der Arzt hatte ihm das Tanzen untersagt. Es könnte einen Herzschlag zur Folge haben. Aber an ihrer Brust hinschweben im Kerzenglanz, berührt von dem heimlichen Duft ihres Mädchenhaares, nein, dem kann er ja nicht widerstehen. Nie, nie. Und stünde der Knochenmann selber hinter ihm und spräche: »Wenn Du tanzest – einmal nur herum – so ist es vorbei, so treffe ich Dich mit tötlicher Sicherheit« – er thäte es doch! Ja, er thäte es erst recht. Denn wo wäre ihm der Tod erwünschter, als an ihrer Brust?

O diese Gedanken . . . er hatte ja mit ihr getanzt . . . und noch lebte er!

Aber jetzt . . . wehe . . . das war er wieder, der vermaledeite Stich, fein, ganz fein, und sinnberaubend auf einen Augenblick.

Er ließ die Geige sinken und dehnte die Brust, indem er beide Arme, in dem einen das Instrument, in dem andern den Bogen, langsam nach hinten bog. Dabei kniff er die Lippen zusammen und drückte die Augen zu. Gottlob, er fühlte den Stich nicht von Neuem. Nun sah er eine Weile in die Stube auf einen grauen Nachtfalter, der sich hineingestohlen hatte und surrend um die Lampe flog. Dann setzte er die Geige wieder an und spielte eine Walzermelodie.

Ah, dieser Walzer.

Es war Damenwahl angesagt. Sie war auf ihn zugekommen und hatte sich leicht vor ihm verbeugt, so daß er auf einen Augenblick die weißseidenen Strümpfe über ihren zierlichen Goldkäferschuhen hatte sehen können. Dann hatte sie an seiner Brust gelegen.

Sie hatten den Saal einmal umtanzt, da bat sie, aufzuhören. Sie fühle sich müde, sie müsse ruhen und wäre ihm dankbar, wenn er ihr zu einer Erfrischung verhülfe.

Er führte sie zum Buffet. Sie tranken ein Glas Sect auf ihr gegenseitiges Wohl – noch eins, und dann geleitete er sie in ein Seitenzimmer, das leer war, und ließ sich in einem Dämmerwinkel auf einen Polsterstuhl nieder. Sie setzte sich auf das Ecksopha.

Sein Kopf brannte, sein Herz schlug laut. Vor seinen Augen tanzten tausend schmerzende Funken, er sah Nichts mehr, auch nicht die blendende Psychegruppe Canovas, die, von Epheu und Myrthen umrankt, über ihnen auf einer silbernen Console stand. Nur sie unterschied er deutlich: das reiche Haar, die Augen, den Mund, den Hals und die weißen, runden Sammetarme.

Er sah sie an, schweigend, mit heißem Blick, unablässig.

Dann nahm er einen dieser Arme und küßte ihn. Sie ließ es geschehen.

Er sank allmählich, ohne es zu merken, von dem Fauteuil herab, so daß er knieend vor ihr lag. Er erfaßte ihre Hände und zog sie sanft, mit bittend erhobenem Kopf, zu sich nieder. Dann schlang er seinen Arm um ihre Taille und küßte sie auf den Mund, auf Stirn und Schultern, unersättlich, voll Leidenschaft und Seligkeit. Und sie küßte ihn wieder: es war ein süßer, verwirrender Liebestaumel.

Das ganze Glück der beiden Menschen währte die Dauer des Walzers. Als der verstummte, kam Paar auf Paar in den Salon geschwärmt, sie mußten sich mit Züchten gegenübersitzen.

Er erhob sich, sie in den Tanzraum zurückzugeleiten, – da – der verwünschte Stich. Er mußte sich an der Lehne des Stuhles halten. Er schwankte. Aber es ging schnell vorüber.

Nachdem er das Mädchen seiner Mutter zugeführt hatte, begab er sich nach Hause.

Langsam, langsam schritt er durch die Nacht, in der ein Duft von Linden und Jasmin lag. Unter der Weste hielt er die rechte Hand aufs Herz gedrückt, er fühlte die Schläge.

Zu Haus zündete er Licht, nahm die Geige aus dem Kasten, öffnete das Fenster und setzte sich auf das Gesims. Leise, leise fing er zu spielen an.

Es sind die Töne des Walzers. Aber sie klingen ganz anders als zuvor im Saal. Wie ein Weh, das unstillbar ist.

Ein Luftzug weht kühlend vom Flusse her, durch die Rüsternwipfel an des Geigers heiße Stirn. Er will aufstehen, um das Fenster zu schließen und sich in das Zimmer zurückzuziehen, – zu spät: wieder der feine, unendlich feine Stich, aber jetzt so unbarmherzig wie nie. Es wird dem Kranken, als ob ihm der Boden unter den Füßen schwände . . . er verliert das Bewußtsein. Geige und Bogen gleiten aus seinen Fingern. Dieser fällt klappernd in die Stube, jene mit gräßlicher Dissonanz in den Garten hinab.

Alles still. Auch der Falter, der lichtlüstern um die Lampe flatterte, hat zu surren aufgehört. Er hat sich die Flügel verbrannt und liegt nun leblos auf dem Linnen des Tisches.

Kein Hauch ringsher.

Frieden in der duftenden Frühlingsnacht.



Kinderseelen.

An einem Herbstabend schritt ein Mann durch die Straßen eines leblosen Teiles der Stadt, in dem die spärlichen Gaslaternen ein mangelhaftes Licht verbreiteten. In Gedanken versunken, hörte er plötzlich neben sich ein Wimmern. Er blickte auf und sah zwei Kinder, die zum Erbarmen schluchzten, an der Gosse hocken und mit den Fingern im Kote wühlen. Der Mann trat herzu und fragte, warum sie weinten.

»Wir – wir – haben – wir – haben – zwanzig – Pfennige verloren. Unsere Mutter –«

Die Worte wurden von Neuem durch Schluchzen unterbrochen.

»Könnt Ihr denn das Geld nicht finden?« fragte der Mann.

»Nein. – Wir suchen – schon – so – lange.«

»Dann steht nur auf. Die Sache ist nicht so schlimm. Kommt her.«

Er trat in das Licht der nächsten Laterne, zog sein Portemonnaie aus der Tasche und suchte ein Zwanzigpfennigstück vor.

Die Kinder standen, noch immer jammernd, daneben.

»Da – nehmt hin und geht nach Haus. Und hiermit lauft zum Zuckerbäcker – für Eure Thränen.«

Er drückte dem älteren Kinde zwei Münzen in die Hand, Dann wandte er sich und ging seines Weges.

Er hörte noch, wie die Kinder davoneilten.

»Die werden sich freuen« dachte er, »die armen Würmer.«


* * *


Ein paar Abende später führte der Weg denselben Mann durch eine gleichfalls menschenleere Straße. Er hatte es eilig – da hörte er neben sich wieder das Gewimmer, das ihm von neulich noch deutlich in den Ohren lag. Erstaunt blieb er stehen. Wahrhaftig – da saßen dieselben Kinder wieder und wühlten im Schmutz und jammerten zum Herzzerbrechen.

»Nun?« fragte er – »Was ist Euch?«

»Wir – wir – haben – zwanzig – Pfennige – verloren. – Unsere Mutter –«

Der Mann sagte Nichts mehr. In einem unendlichen Wehgefühl ging er weiter.



Pans Tod.

Pan schritt durch den Wald und flötete ein Lied, das klang traurig wie ein Sterbelied. Die Nymphen lauschten von den Bäumen und erschraken. So hatten sie den Gott nie spielen hören.

Der Wald endete: Pan endete sein Lied. Ein felsiges Feld dehnte sich vor dem Waldsaum. Es stieg sanft an. Wo es aufhörte, schäumte in der Tiefe das Meer.

Langsam, die Syrinx in der schlaffen Hand, schritt Pan der Küste zu. Einen Schmetterling, der sein Haupt umgaukelte, wehrte er in Mißmut ab. Der Gott war ernst wie nie. Sein müder, müder Blick richtete sich in die Ferne.

Und es begann zu dämmern. Die Dämmerung kam schneller als sonst.

Pan hatte den Saum des unfruchtbaren Feldes erreicht. Unter und vor ihm, unendlich, lag das Meer. Schwarzblau lag es und war seltsam tot. Kein Segel in allen Fernen. Kein Vogelflug. Kein Leben.

Pan stand hoch über dem Meer und starrte weit aus. Er stand und regte sich nicht. Sein Auge lag tief und umschattet. Und es ward finster umher. Die See lärmte, und am Himmel zog Gewölk auf. Und der Sturm fuhr über das Meer.

Pan aber stand hoch oben und starrte weit aus. Er stand und regte sich nicht. Und wilder tobte das Wasser, der Sturm, der Himmel. Und sternenlos war die Finsternis.

Da hob Pan den Arm und streckte ihn stöhnend gegen die Flut. Dann setzte er die Flöte an den Mund, um zu spielen. Aber es wurde kein Lied. Nur ein paar rauhe Klänge rangen sich aus dem Rohr. Pan setzte es ab und verhüllte sein Angesicht.

Und plötzlich flammt es am Horizont – grell – blendend – furchtbar. Pan reckt den Arm abermals mit Wucht nach vorn, als wolle er dem Unheil gewaltsam wehren – er stolpert – taumelt – sinkt in die Tiefe.

Seine Hörner zerschellen am Gestein. Mit blutigem Schädel, reglos, liegt der Gott auf einer Felsenplatte. Seine Stirn klafft: Pan ist tot.

Die Flöte schwimmt herrenlos im Meer und beginnt zu vermodern.

Dort hinten aber, wo der Himmel in Feuer gestanden, war Jesus Christus fern auf Golgatha am Kreuz verblichen.



Unterm Dache.

Die Abendsonne fällt durch die trüben Fensterscheiben einer Stube im Hinterhaus. Sie liegt im fünften Stock, gleich unterm Dache – das ist die Wohnstatt des Elends.

Kahle Kalkwände, eine schmutzige Decke, in der Ecke ein Kanonenofen mit unförmigem Rohr, ein Spind, ein wackeliger Tisch, einige Holzstühle und zwei Betten. Das eine an der Schmalseite der Stube, das andere an der Wand, die dem Fenster gegenüber liegt. Beide sind niedrig und rot gestrichen. Das erstere steht leer, auf dem hartgelegenen Strohsack des andern schläft ein blasser Junge.

Neben dem Bett sitzt die Mutter des Schlafenden, ein junges, frühergrautes Weib, die Augen auf den Kranken gerichtet, seinen röchelnden Atemzügen lauschend.

Der Knabe ist krank auf den Tod. Die Mutter weiß es und sieht dem nahen Unheil – es ist das letzte, das sie treffen kann; es ist ihr letztes Kind – mit ziemlichem Gleichmut entgegen. O, sie hat schon ganz Anderes durchgemacht. Das Leben ist grausam.

Das Orangelicht der Abendsonne liegt auf den Mienen des Kranken wie himmlische Verklärung. Aber mit der rinnenden Zeit weicht es mehr und mehr – endlich gleitet es ganz von dem Gesicht und webt nur noch auf dem Deckbett, wenn man den heugefüllten Sack, der den jungen Leib verhüllt, so nennen darf.

Der Kranke regte sich – ganz sachte, mit dem glühenden, bleichen Kopf –: er schlägt die Augen auf. Besinnungslos sieht er geradezu auf die Wand, lange, lange. Sein Mund ist geschlossen. Die hageren Hände unter der Decke geballt.

Die Mutter sitzt und rührt sich nicht.

Mit einem Male schnellt der magere Leib des Fiebernden auf. Seine Lippen öffnen sich:

»Mutter – Mutterchen – die Sonne – ist er denn –«

Die Frau mit dem grauen Haar und den seltsam tiefen Mundwinkeln versucht den Kranken niederzulegen. Es gelingt ihr nicht. Er wehrt sich mit beiden Händen.

»Lass mich doch, Mutter –«

»Mutter!! Mutter!!« schreit er dann plötzlich wahnsinnig laut. Und gleich darauf ganz leise, flehend, mit unsagbar liebevollen Augen:

»Mutterchen – mein – Herr Jesus – Herr Jesus – Herr Jesus – –« Und dabei streichelt er zärtlich seiner Mutter Hand mit den langen, fleischlosen Fingern.

Sie neigt sich und drückt ihm einen Kuß auf die Stirn.

»Sei ruhig, Kind; leg Dich nieder.«

»Kommt er denn, Mütterchen?«

»Vielleicht, Kind; Du mußt warten.«

Und während sie ihn sorglich auf das Kissen schmiegt, öffnet sich die Thür. Der Armenarzt tritt ein.

Nun ist der Kranke nicht mehr zu halten.

»Da – Mutter – Herr – komm! – komm!«

Er streckt die dünnen Arme gierig nach vorn, dem Arzt entgegen. der Stock und Hut in eine Ecke lehnt.

»Jetzt – jetzt! – jetzt!«

Der Arzt tritt an das Bett und das sterbende Kind packt seine rechte Hand und bedeckt sie mit Küssen, die kein Ende nehmen. Der Mann wehrt dem Kranken nicht, was sollte er auch? Es ist ja nun doch gleich Alles aus.

Wie das Kind sich satt geküßt, schließt es die trüben Augen und lehnt sich ermattet aufs Kissen zurück. Aber die Hand des Arztes behält es in der seinen und drückt sie auf die todeswunde Brust.

Das Röcheln wird wilder. Bald stiegt der Atem wie ein Sturm – dann geht er plötzlich zurück – die Brust hebt sich langsamer, friedlicher, endlich kaum merkbar.

Nun bricht der Arzt das Schweigen.

»Für wen hielt er mich denn? Er mochte mich doch sonst nicht gern.«

»Für Jesus Christus. Er liebte ihn so.«

Der Arzt nickte und sah auf die fahle Hand, die die seine noch immer umklammert hielt.

»Er ist schon bei ihm« sagte er leise. –

Der letzte Sonnenstrahl war eben sachte aus dem Zimmer hinweggeglitten. Mit ihm schwebte die junge Menschenseele zum goldenen Aether auf.



Vineta.

Ich lag auf den Dünen von Sylt, und es war eine Sommernacht. Der Tag war drückend schwül gewesen. Nun war es kühler: ein frischer Hauch kam von dem Wasser her.

Die Flut war im Wachsen. Sie rauschte eintönig unter mir, und aus der Ferne kam ab und zu der Schrei eines Strandvogels durch die Luft gezogen. Zur Rechten duftete die Heide. Schwarz, unendlich, dehnte sie sich bis zum Ostrand hin.

Ich hielt die Augen halb geschlossen und beobachtete den Wechsel des Lichts am Leuchtturm von Kampen, der strahlengekrönt in die Sternennacht sah. Eine Weile brannte das Licht – dann erlosch es – dann kam es wieder – so ging es immerzu. Es war das Zeichen für den Schiffer auf See, daß er die Küste von Sylt vor sich habe. Ein Warnungszeichen, nicht das Leitlicht eines ersehnten Hafens. Denn die Westseite dieser Insel ist nicht der Ort für landende Schiffe.

Ich lag, den Kopf auf einen Büschel Binsen gelehnt, und gab mich gedankenfreier Ruhe hin. Es war so friedensstill ringsum. Das Geräusch der Welt schien so unendlich fern zu sein. Es war wie auf einer Insel der Seligen.

Langsam, halb im Traum, wandte ich meinen Kopf dem Meer entgegen. Ich sah in das Spiel der Wellen, wie sie herbeizogen und leckend auf den Strand hin fuhren, um schnell zurückzuschießen, immer dasselbe, uralte Bild. Ich hatte es tausend Mal gesehen, aber niemals bin ich seiner müde geworden.

Eine Möve schwamm auf dem Wasser. Das hätte mich staunen machen sollen, denn auch diese Thiere bedürfen ja nachts der Ruhe. Aber ich fand Nichts dabei. Ich sah ihr lange zu. Sie glitt so sanft und schwankte mit den Wellen auf und nieder, und der Mond lag auf ihrem weißen Federkleid. Es war schön wie im Märchen. Und seltsam rannte die Flut.

Endlich erhob sich das Tier. Lautlos schwebte es fort durch die Nacht. Ich sah ihm nach, so weit es mir möglich war: Fern, ganz fern über einer Dünenkuppe entschwand es wie ein Silberstrich.

Und ich blickte von Neuem auf das Wasser, und die Augen wurden mir schwer vor süßer, sommernächtlicher Müdigkeit.

Da hob ein Läuten an. Die Dorfuhr von Westerland. Sie hatte einen geheimen Klang – es war wie das Leuten auf den Gründen eines fernen Thals. Es war – – ich merkte plötzlich, daß ich mich in der Richtung der Klänge irrte: sie kamen nicht von Westerland; sie stiegen aus der Tiefe des Meeres auf, und als ich nun in die Flut hineinsah, war ich im Bann eines Zaubers.

Im Meer lag eine Stadt. Sie ragte mit ihren Spitzen fast bis an die Fläche des Wassers. Die Straßen waren breit und schön. Türme und Kuppeln erhoben sich über die Häuser, aus denen hier und dort ein feierliches Singen kam. Die ganze Stadt hatte nur eine Farbe – es kam mir nicht einmal zum Bewußtsein, welche – und doch war sie unsagbar schön. Das Wasser floß hindurch und darüber in versöhnender Melodie. Vor den Thoren breiteten sich Gärten und Fluren aus, so weit ich sehen konnte, und es war mir, als stiege ein weicher Duft daraus empor, ein Duft, der Frieden gab und die Sehnsucht stillte. Die Stadt war nicht tot. Gestalten, einzeln und im Verein, wanderten durch die Straßen und durch die Thore in die blühende Freiheit. Es waren Menschen, wie sie hier oben auf der Erde wohnen, nur verklärter, stiller, friedensreicher. Auf ihren Häuptern lagen Blumengewinde, und viele trugen frische Zweige in der Hand. Es war keine Hast unter ihnen, keine Begierde und keine Leidenschaft, Frieden, nur Frieden, den sich die Menschen auf Erden mit so heißer Sehnsucht immer vergebens wünschen.

Ich sah staunend auf die Stadt und das Treiben in ihr, – da fiel mein Auge auf zwei Gestalten, daß ich erschrak. Ich täuschte mich nicht: es war mein Vater und mein Großvater, die Beide abgeschieden waren. Sie gingen Hand in Hand. Die beiden Männer, die sich im Leben immer so trostlos fern gestanden hatten, – hier schritten sie in Eintracht miteinander. Ihr Haß war todt. Frieden und Liebe war aus ihm erwachsen.

Sie gingen über einen großen Platz, der von Bäumen, deren Art ich nicht erkennen konnte, umgeben war. Jetzt blieben sie stehen. Mein Vater hob den Kopf, und seine großen braunen Augen, die ich vor Allem von ihm im Gedächtniß habe, fielen gerade auf mich. Ein Lächeln ging über sein Gesicht. Er hob deutend den Arm, und nun sah auch mein Großvater auf, und auch sein seelenvoller Blick ruhte auf mir. Sie nickten mir Beide zu, und eine wilde Sehnsucht faßte mich, hinunter in ihre Arme zu fliegen. sie zu küssen, zu küssen, was mir auf dieser Erde nie, nie mehr möglich war, mit ihnen durch die Stadt und den duftenden Anger zu wandeln, über den so feierlich die Glocken gingen, jetzt und immerzu.

Ich streckte die Arme aus und rief laut: »Vater!« Da sah ich, daß die Gestalten im Nu verschwunden waren. Ein Nebel, wie eine dicke, graue Wand, zog von den Fluren her und hüllte die Stadt langsam in seinen Flor. Das süße Singen aus den Häusern verstummte. Die Glocken wurden leiser und leiser, – dann hörten sie ganz auf. Die Stadt war fort, – ich erwachte . . .

Ich wischte mir den Schlaf aus den verträumten Augen und richtete mich langsam empor. Ich sah auf das Meer, das nun in wilder Flut lag, und war lange Zeit in Gedanken versunken. Da schlug die Turmuhr von Westerland Zwei und machte meinem Sinnen ein Ende. Ich erhob mich ganz und schritt gemach die grünende Düne hinunter, dem Dorfe entgegen, hinter dessen Dächern schon der erste, rosige Schimmer des Tages stand. Der Ort selbst lag noch in tiefster Dunkelheit. Ich betrachtete seine scharfen Contouren am Himmel. Vor meiner Seele aber stand noch das schöne Traumbild dieser Nacht – die Stadt im Meere – die Stadt der Toten – Vineta.



Elsi und ich.

Ich war Untertertianer geworden, und die Welt schien mir voll Lachen und Sonnenschein. Wie der Sturmwind sauste ich die Treppe zu unserer Wohnung hinan, damit wußten sie oben, daß ich versetzt sei. Mein Vater war zwar der Ansicht, daß die Censur hätte besser ausfallen können, aber das kümmerte mich wenig. Meine Mutter gab mir einen Kuß auf die Stirn, und ich küßte sie wieder. Dann trat ich vor den Vater hin, öffnete die Hand und sagte:

»Bitte, Papa, für die neue Mütze.«

Ich erhielt zwei Mark. Damit ging's heidi zum Mützenmacher. Mit der alten knallroten Quartanermütze betrat ich den Laden des Mannes, mit der blauen Untertertianer auf dem Kopf verließ ich ihn wieder. Ich war im Vollgefühl meiner Würde und der Ueberzeugung, daß ich nun unvergleichlich imposanter aussehen müsse. Ich ging ganz gerade, gemessenen Schrittes und mit erhobenem Kopf, man war ja jetzt kein so lumpiger Schüler der ›unteren‹ Klassen mehr, man fing ja nun an, griechische Sprachstudien zu treiben!

Zunächst steuerte ich wieder unserer Wohnung zu, wo ich die Knallrote an der Wand zwischen den bestaubten Kopfbedeckungen, die ich als Sextaner und Quintaner getragen hatte, malerisch mitten inne hing. Das geschah in einer Bodenkammer, die ich mit allerhand Bildern aus Familienzeitschriften tapezirt, außerdem eigenhändig bemalt hatte, und die ich mit Stolz »mein Zimmer« nannte. Sie machte eigentlich mehr den Eindruck eines jener Bretterverschläge, wie man sie in wandernden Circussen als Ankleideräume findet, und war vielleicht noch etwas phantastischer bekleistert. Ich war aber glücklich, über mein Zimmer, und wehe dem, der es nicht ernstlich nahm.

Einer Ecke, die ich durch eine ebenso einfache wie sinnreiche Vorrichtung zu einem Stock- und Schirmständer umgewandelt hatte – ich hatte einfach einen Holzstab horizontal hineingenagelt – entnahm ich einen prächtigen Eichenspazierstock, den ich von einem Onkel zum letzten Weihnachtsfest geschenkt bekommen hatte. Dann ergriff ich ein Paar taubengraue Zwirnhandschuhe, zog einen davon an, warf einen musternden Blick in den kleinen, von einem schwarzgewordenen Goldrahmen eingefaßten Spiegel, der die Wand zierte, und verließ meine Behausung, um bei Elsi, meiner Angebeteten, Fensterpromenade zu machen.

Elsi wohnte ein ziemliches Ende von uns ab, im Villenviertel unserer kleinen Hofstadt, und war von Metier eine »höhere Tochter«. Wir waren sehr intim miteinander und hatten uns schon oftmals gegenseitig unsere Liebe gestanden. Wir glaubten ernsthaft, daß wir uns später einmal heiraten würden. Officiell verlobt hatten wir uns auch schon, indem wir uns ein Paar Ringe aus Talmi mit schönen roten Steinen geschenkt hatten, die vermöge einer Radicalplünderung meines Geldbeutels auf einer Jahrmarktsbude bezogen worden waren. Sie als Mädchen konnte den ihrigen ja auch tragen. Ich hatte meinen sorglich in weißes Seidenpapier gewickelt und barg ihn in der äußersten Ecke meiner Tischschublade, aus der ich ihn nur äußerst selten hervorzuholen pflegte.

Wenn ich an warmen Sommerabenden aus meiner Fensterluke in den bunten Garten sah, aus dem der Duft der Burgunderrosen herausdrang, und dabei eine Nachtigall im Buschwerk schlug und in meiner Brust Sehnsucht nach dem süßen Mädchen weckte, dann zog ich den Ring aus seinem Versteck hervor, streifte ihn über den Mittelfinger meiner linken Hand und dachte an sie. Solche sentimentalen Anwandlungen hatte ich jedoch, wie gesagt, ziemlich selten, meine Natur war viel zu gesund dazu. In letzter Zeit waren sie ganz ausgeblieben, denn mein Verhältnis zu Elsi hatte eine Lockerung erfahren. Daran war der »lange Hentze« schuld, ein nunmehr neugebackener Obertertianer, dessen Eltern mit denen Elsis in freundschaftlichem Verkehre standen.

Als ich die beiden Familien kürzlich von einem Ausflug hatte zurückkehren sehen, war mir aufgefallen, daß der lange Hentze meiner Elsi – die Beiden gingen ein gutes Ende hinter ihren Eltern her – in aller Form den Hof machte, was sich das Mädchen fröhlich gefallen ließ. Ich war empört und verwünschte diesen Menschen, der mir unausstehlich war. Leider fand ich keine Gelegenheit, das Mädchen über den Vorfall zur Rede zu stellen. Und da mein Zorn auch keine Nahrung erhielt, denn es kam mir nichts Auffälliges wieder zu Gesicht oder zu Ohren, so verlief er sich nach und nach im Sande.

Heute also galt es eine Fensterpromenade.

Ich war bald in die Straße eingebogen, wo sie wohnte. Mein Herz schlug hörbar. Ich richtete mich gerade empor und sah sehr hoheitsvoll drein. Den Stock handhabte ich tadellos. Als ich zu ihrer Wohnung, die sich in der ersten Etage befand, aufblickte, sah ich sie über eine Arbeit gebeugt am Fenster sitzen. Ein paar blonde Locken waren ihr auf die Stirn gefallen. Sie schien ganz in ihre Beschäftigung vertieft. Ungesehen ging ich vorüber.

Sobald ich an der nächsten Straßenecke angelangt war, kehrte ich um. Und diesmal hatte ich mehr Glück. Gerade, da ich mich vor ihrem Fenster befand, hob sie den Kopf. Sie strich mit der Hand die vorgerutschten Locken nach hinten und warf dabei einen flüchtigen Blick auf die Straße. Das war für mich der geeignete Zeitpunkt zum Gruß. In schöner Curve schwang ich die Kornblumenblaue und vollführte eine elegante Verbeugung: Elsi nickte. Beseligt schlenderte ich weiter. Wiederum bis zur nächsten Straßenecke. Dann machte ich von Neuem Kehrt.

Als ich diesmal ihre Kemenate passirte, sah ich nur ganz verstohlen zu ihr auf, und ich bemerkte, daß sie ebenso verstohlen zu mir herunter sah. Auch schien sie mir lächelnd zu erröten.

An der bewußten Ecke kehrte ich nicht sofort um, sondern ging noch ein Stück weiter, um kein öffentliches Aergernis zu erregen. Als ich aber bis an das Ende der Straße flanirt war, wandte ich mich von Neuem – und siehe –: in demselben Augenblick trat mein blondes Mädchen zur Hausthür hervor und wandte sich, nachdem sie zuvor nach mir aufgeschaut, einer nahen Seitenstraße zu, die am ehesten zum Georgengarten führte, einem unendlichen Park, der dem Herzog gehörte, aber für Jedermann geöffnet war. Elsi und ich hatten uns dort gewöhnlich zu Füßen der sogenannten »Urne«, eines abgelegenen, aus Sandstein gefertigten Bildwerkes, auf dem ein Knabe mit umgestürzter Fackel abgebildet war, den ich eo ipso für einen Amor hielt, schon öfters ein Rendezvous gegeben.

Ich folgte ihr. Natürlich in gehörigem Abstand.

Meine Stimmung war fast übermütig. Der lauge, blonde Zopf mit der blauen Schleife, der da vor mir im Sonnenlicht herschwankte, machte mich rein toll. Wußte ich doch, daß die, der er gehörte, nur meinetwegen jetzt durch diese Straßen ging, daß der Kopf, den er schmückte, jetzt Gedanken barg, die mir, blos mir gehörten!

Elsis Ziel war wirklich der Georgengarten. Als sie in den Haupteingang eingebogen war, sah sie sich nach mir um, – ich beeilte mich. Und nach wenigen Minuten stand ich, inmitten duftender Fliederbüsche und weißblütiger Schneeballbäume, vor der Urne – und damit vor Elsi.

Sie saß auf der grünen Holzbank, die man um das kleine Denkmal gezimmert hatte, und zeichnete mit ihrem Sonnenschirmchen Figuren in den Sand.

Was es war konnte ich nicht erkennen. Sie hatte es bei meinem Erscheinen schon ausgelöscht. Meine Vermutung ging natürlich auf flammende Herzen oder so.

»Guten Tag, Elsi« sagte ich.

»Guten Tag, Hans. Ich gratulire.«

Sie stand auf und gab mir die Hand. Dabei sah sie mich fröhlich an.

»Merci,« entgegnete ich. »Man hat sich glücklich wieder mal eine Stufe höher geschwungen. Es ist doch was. Langsam, aber sicher.«

Damit ließ ich mich neben ihr auf der Holzbank nieder, denn sie hatte sich nach der Begrüßung gleich wieder hingesetzt.

»Du mußt doch kolossal froh sein, Haus.«

»Bin ich auch. O, ich fühl' mich so leicht! So . . . Wie steht mir denn übrigens die neue Mütze?«

Ich sah sie an und sie mich.

Dabei fiel mir wieder auf, daß sie doch wundervolle Augen habe.

»Gut« sagte sie. »Es ist ein schönes Blau, – wie Kornblumen.«

»Wie Deine Augen, Elsi.«

Sie lachte laut auf.

»O, Du Schmeichelpeter. – Du hast übrigens auch gar keinen Farbensinn. Deine Mütze ist kornblumenblau, und meine Augen sind wasserblau. Das ist doch ein Unterschied. Siehst Du das ein?«

»Ja. Aber gewöhnlich mache ich den Unterschied nicht so genau. Ob Deine Augen wie Wasser oder wie Kornblumen sind, das ist mir ganz egal. Sie sind jedenfalls wunderschön, – factisch Elsi.«

»Na, nu hör aber auf! Ich kann das Gethue nicht leiden, und ich dächte, das müßtest Du wissen. Was würdest Du denn sagen, wenn ich Dich blos immer anschmachten wollte: ›Ach, Du hast wirklich eine wundervolle Nase, – Du hast wirklich eine grandiose Stirn, – und Deine Hände sind ein paar so reizende kleine Patschhände!‹«

Sie brachte das so drollig heraus, daß es mich entzückte.

»Ich würde Dich auslachen!« sagte ich.

»Na also!«

»Ich bin aber auch nicht Du!« Das war sehr weise.

»Ach was. Ich verlange, wenn Du mich noch liebst, daß Du mir in Zukunft keine Schmeicheleien mehr sagst.«

Sie reichte mir ihre schmale Hand:

»Nicht wiederthun, – ja?«

Was sollte ich machen? Ich schlug ein.

»Seit ich Dich liebe,« sagte ich dabei sehr innig. – »Ich liebe Dich nämlich riesig, Elsi!«

»So? Nun ja. Ich Dich ja auch, – natürlich. Aber offen gestanden– so wie vor einem Jahr – als wir uns die Ringe schenkten – weißt Du noch? – da hinten am Birkenteich, – so liebe ich Dich eigentlich doch nicht mehr. Woran mag das nur liegen?«

»Aber Elsi! Das ist nicht nett von Dir!«

»Liebst Du mich denn noch so?«

»O sicher! – Wenn nur der lange Hentze nicht wäre!« platzte ich heraus und ballte beide Fäuste.

»Herrgott, Du wirst ja förmlich wild –? Was hat Dir denn Alfred Hentze gethan?«

»Was er mir gethan hat? Ach, Du denkst wohl, ich habe es nicht gesehen? O, Alles! Er hat mich beleidigt! Wenn ich den Kerl nur mal verhauen könnte! Aber er ist leider viel älter als ich. – Und Du hast mich auch beleidigt, Elsi! Ich will es Dir nur mal offen sagen. Du darfst Dir nicht von dem Menschen den Hof machen lassen, – ich kann es nicht sehen. Mir ist das Blut ordentlich zu Kopf gestiegen, als er so um Dich herumscharmirte und Du Dir das fröhlich gefallen ließest. Ja, Elsi, das hat mich furchtbar gekränkt! Du hast ja die Wahl: Wenn Du den Schafskopp lieber magst als mich, brauchst Du's ja nur zu sagen. Dann muß ich eben gehen und muß mich zu trösten suchen. Wenn Du ihn aber nicht lieber hast, dann will ich, daß Du ihm offenkundig den Laufpaß giebst. Das kann ich verlangen.«

Ich suchte meiner Rede dadurch besonderen Nachdruck zu verleihen, daß ich zum Schluß mit dem Spazierstock kräftig auf die Erde stieß.

»Mein Gott, was habe ich denn nur verbrochen –? Ich weiß wahrhaftig nicht –«

»Hahaha!«

»Alfred Hentze ist ein sehr liebenswürdiger Mensch –«

»Und Du liebst ihn von ganzem Herzen. –«

»Ich mag ihn wenigstens ganz gern. –«

»Ich dacht' es mir. – Na, Elsi, nun ist's ja doch richtig aus zwischen uns.«

»Aber warum denn nur, dummer Junge? Sei doch nicht so lächerlich albern!«

»Albern?«

»Ja, – wenn Du mir nicht mal erlauben willst, daß ich außer Dir auch noch andere Menschen gern habe, bist Du einfach albern. – Ueberhaupt hast Du mir garnichts zu erlauben. Ich kann thun und lassen was ich will.«

»Das kannst Du. Aber den langen Hentze, das Scheusal –«

»Ach, laß doch gütigst solche Ausdrücke, – ja? Alfred ist weder ein Scheusal noch ein Schafskopf, wie Du ihn vorhin zu nennen beliebtest. Er ist vielmehr, ich sagt' es schon, ein sehr liebenswürdiger Mensch. Deshalb brauche ich ihn zwar noch nicht zu lieben. –«

»Du thust es aber –«

»Donnerwetter, – es ist ja nicht wahr! Bist Du noch nicht zufrieden?«

»Ach –!«

»Ist er denn übrigens versetzt?«

»Ja.«

Indern ich dies Ja sagte, sah ich Elsi scharf an. Ich bemerkte deutlich, wie ein Freudenschein über ihr junges Gesicht ging, obwohl sie möglichst gleichgültig dreinzuschauen versuchte.

»O Falschheit!« knirschte ich in mir. »Sie liebt mich doch nicht mehr!«

»Es wurde übrigens die höchste Zeit« fuhr ich dann gelassen fort.

»Das Kalb sitzt schon zwei Jahre in der Klasse.«

»Du, – sag' nicht Kalb zu ihm, – verstehst Du?« Sie drohte mit ihrer kleinen, weißen Faust.

Ich lachte. »Er ist ja doch eins!«

»Ich sehe, mein Freund, es ist heute Nichts mit Dir anzufangen. Komm, wir wollen nach Hause gehen.«

»Mit Vergnügen.«

Sie erhob sich, und ich folgte ihrem Beispiel. Jetzt wurde ich wieder gewahr, wie schon vorher, als ich sie in den Straßen vor mir gesehen hatte, daß sie im Haar eine blaue Schleife trug.

»Apropos, – die Schleife hast Du wohl aus Freude über meine Versetzung angebunden – um mit mir in der Couleur zu harmoniren?«

Ich glaube, es klang sehr spöttisch.

»Ach nein, mein Engel, das ist eine große Einbildung. Ich trage die Schleife schon seit voriger Woche. – Uebrigens ist sie himmelblau!«

Das Letzte sprach sie unglaublich malitiös.

»Pardon!« knirschte ich und fraß meinen Grimm in mich.

Wir gingen schweigend nebeneinander. Ich schlenkerte mit dem Stock in der Luft herum, und sie fuhr spielend mit ihrem Sonnenschirm über den Rasen.

Ein Fink grilzte über uns in den Zweigen und kündete nahen Regen an. Aus der Ferne klang das Rauschen eines Wehrs herüber.

Der Weg war peinlich für mich und sie. Er schien nicht enden zu wollen. Aber plötzlich nahte die Erlösung.

Als wir um eine blühende Fliederhecke bogen, kam Alfred Hentze des Weges daher und gerade auf uns zugeschritten. Er trug seine neue Obertertianermütze, die aus braunem Sammet gefertigt war, sehr schief, und ich merkte wohl, wie er verschmitzt lächelte, als er uns sah. Auch gewahrte ich durch einen flüchtigen Seitenblick, daß Elsi rot wurde. Nun – ich wußte ja.

Das Kalb grüßte mit einer ekelhaften Höflichkeit und trat zu uns Wir gratulirten uns gegenseitig zur Versetzung. Dann fragte er:

»Kommst Du nicht noch ein bischen mit um, – und Sie vielleicht auch, Fräulein Elschen? Es ist so brillantes Wetter heute.«

»Leider habe ich keine Zeit,« sagte ich. »Man erwartet mich zu Hause.«

»Ich habe es nicht so eilig,« meinte Elsi – »Ich komme schon noch ein Endchen mit.«

»Na denn adieu!«

»Adieu!«

Elsi und ich sahen uns beim Abschied nicht an. – –

Als ich ein Stück von ihnen weg war, wandte ich mich noch einmal um: Er pflückte ihr gerade ein paar Blumen am Wege.

»Es macht sich schon!« dachte ich und lachte. Dann begann ich einen Gassenhauer zu pfeifen, und im Weitergehen wurde meine Stimmung immer fideler. Ich schlug mit dem Stock nach den Kastanienblättern über mir und dachte an die Zukunft. Dabei kam mir Käthchen Broskowsky in den Sinn, die Kleine mit dem braunen Seidenhaar . . .

Und mein Entschluß war bald gefaßt.

»Ach was!« sprach ich resolut für mich hin und schlug mit dem Spazierstock einen ganzen Kastanienzacken herunter – »Mit Elsi ist die Sache nun doch mal ex, – ich werde jetzt Käthchen Broskowsky poussiren!«



Das Butterbrod.

Ueber uns, im dritten Stock, wohnte eine alte, ehrwürdige Dame. Eines Morgens rüstete sie sich, um auszugehen und Einkäufe zu machen. Da klingelte es. Sie öffnete. Es war ein junger, blasser Bettler, der um ein Almosen bat.

»Warten Sie einen Augenblick« sagte die Dame und trat an den Speiseschrank. Sie schnitt eine Stulle vom Brot, belegte sie reichlich mit Butter und gab sie dem Mann hinaus. Der dankte und ging.

Die Dame vervollständigte ihren Anzug und griff zur Markttasche. Dann schritt auch sie, nachdem sie die Corridorthür hinter sich geschlossen hatte, die Treppen hinab.

Unten in der Hausthür kam sie plötzlich ins Rutschen. Sie streckte die Arme aus, um einen Halt zu gewinnen, griff jedoch ins Leere und fiel zu Boden. Sie vermochte sich nicht wieder zu erheben. Sobald sie sich rührte, fühlte sie einen zwiefachen, stechenden Schmerz: dicht über dem Spann des einen Fußes und in der Nähe des Kniees an demselben Glied. Sie rief um Hilfe. Wir kamen auf den einzelnen Wohnungen herbei und trugen die Unglückliche, die bei jeder Bewegung Zeichen heftigsten Schmerzes gab, mit Mühe zu ihrer Wohnung empor. Ein junger Arzt, der im Nebenhause wohnte und herbeigerufen worden war, stellte fest, daß sie einen in diesem Alter sehr bedenklichen, doppelten Knochenbruch davongetragen habe.

Wir sahen nach der Ursache ihres Sturzes: Ihr Fuß war auf einem reichgestrichenen Butterbrot ausgeglitten.



Tilde Haien.

Knut Hansen, Tilde Haiens Bräutigam, wollte zu Ostern von seiner Fahrt nach Ostindien zurückgekehrt sein, um Hochzeit zu machen. Ostern war gekommen, – Knut Hansen nicht. Nun war es Mitte Juli, und er war noch nicht da. Auch keine Nachricht von ihm oder dem Schiff, auf dem er fuhr. Tilde wurde täglich hoffnungsloser.

Der zwölfte Juli war Knuts Namenstag. Tilde hatte an diesem Tage geweint, daß ihre Augen Ringe trugen. All das schwere Glück, das sie sich für diese Zeit erträumt hatten, es lag nun ferne, ferne.

Der Abend war kühl und schön. Es war Vollmondzeit, und der Strand von dem weißen Licht endlos überschienen. Das Meer ebbte. Die kleinen Schaumkronen in der Ferne glänzten wie flüssiges Silber.

Tilde Haien war im Laufe des Tages mehrmals am Strande gewesen. Es war ihr, als ob Knut heute plötzlich erscheinen müsse, oder doch Nachricht von ihm. Bisher freilich war ihre Hoffnung umsonst gewesen.

Nun, spät Abends, zog es sie noch einmal zum Meere. Sie stahl sich von Hause fort. Das Stückchen Heideland, das das Dorf vom Wasser trennte, hatte sie bald durchmessen. Dann ging es über die Dünen. Und nun wandelte sie langsam, vom Mond umflutet, an deren Fuße hin.

Leise, kaum hörbar, plätscherte die See, und von dem Dorfe klang in Pausen der Schlag der Kirchturmuhr. Sonst war es still. Kein Luftzug ging. Die Schwüle des Tages schien auch in der Nacht nicht weichen zu wollen.

Tilde ging langsam. Zuweilen blieb sie stehen und atmete tief. Ihre Augen waren auf die Flut gewandt. Als sie sie einmal vor sich auf den Sand richtete, bemerkte sie eine Strandaster, die am Saum der Düne ihr kümmerliches Dasein fristete. Sie trug eine dunkelblaue, vollentfaltete Blüte.

Tilde bückte sich und brach die Blume. Und im Weiterschreiten zupfte sie eins der duftlosen Blütenblätter nach dem andern ab und sprach dazu in Gedanken:

»Er lebt – er ist tot – er lebt – er ist tot –« und so fort, bis die Blüte nur noch aus wenigen Blättern bestand.

Da ließ sie ihre Hände plötzlich sinken. Es bangte ihr vor der Entscheidung des letzten Blattes.

Ein Vogel schreckte neben ihr auf. Das Mädchen fuhr zusammen und unterdrückte einen Schrei. Dann sah sie dem Vogel nach und lauschte dem entschwindenden Flügelrauschen.

Als er weit fort war, erhob sie die schmalen Hände wieder und zählte weiter. Ihre Finger zitterten. Ihre Lippen sprachen die Worte, die sie dachte, leise mit:

»Er lebt – er ist tot – er lebt – er ist tot – er lebt –« nun kam das allerletzte Blatt –: »er ist tot.«

Tilde blieb stehen. Die entblätterte Blüte fiel aus ihren Händen. Mit großen, erstaunten Augen sah sie aufs Meer. Es war, als sähe sie in eine andere Welt.

Endlich löste sich die Starrheit ihrer Mienen. Sie ließ sich zu Füßen der Düne nieder und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.

Er ist tot . . .

Tilde Haien weinte. Sie hatte keine Hoffnung mehr.



Marieken.

In der Stube einer Hofwohnung steht ein kleiner, geöffneter Sarg, aus dessen Kissen das wächserne Gesicht eines Kindes sieht. Die Lippen sind bleich und ein wenig geöffnet. Ein weißes Zähnchen schimmert durch. Die Wangen sind gelb und eingefallen. Die blauen Augenlider geschlossen.

Am Fenster sitzt die Mutter und näht. Die Arbeit will nicht flecken, denn des Weibes Augen sind vom Weinen geschwächt. Das Linnen auf dem Schoß scheint ihr in bunten Farben zu schillern, die Nadel entschwindet den Blicken ganz. Dazu die unaufhörlich neuen Thränen. Es geht nicht weiter so.

Sie legt die Arbeit bei Seite und wankt zu dem Sarge. Eine Fliege hat sich auf die Stirn der Leiche gesetzt; sie pustet sie fort. Dann ergreift sie behutsam die zierlichen Patschhändchen, in denen eine Rose liegt, und flüstert unter Thränen die auf das Totenhemd des Kindes fallen:

»Mein armes, gutes Marieken.«

Während sie sich auf den kleinen kühlen Körper niederbeugt, geht die Thür auf, und ein Mann tritt ein. Er führt einen etwa achtjährigen Knaben an der Hand. Beide sind ziemlich schäbig, aber sauber gekleidet: es sind ihre Festtagsgewänder.

»Ist es schon so weit?« fragt die Frau und sieht zu den Beiden auf.

»Ja, Anne; Du weißt ja – um Vier. Es ist schon halb; wir müssen gehen.«

Der Mann tritt an die Seite seines Weibes und legt den Arm um sie.

»Nun wollen wir von Marieken Abschied nehmen. Nun geht es ab in die Erde, das arme Wurm.«

»Mein Kind!!« schreit die Frau und weint zum Erbarmen.

Auch dem Mann kommen Thränen.

»Wir wollen schnell machen, Anna. Es nutzt ja Allens Nichts.«

Und zu dem Knaben, der noch immer stumm, mit geneigtem Gesicht, an der Thüre steht:

»Komm, Karl, bring' der Mutter 'nen Stuhl.«

Der Knabe schleppt vom Fenster einen Holzstuhl herbei und stellt ihn an den Sarg, neben das Elternpaar. Der Mann drückt sein Weib leise darauf nieder und wendet sich nach einer Ecke, wo der Sargdeckel, die Nägel und der Hammer liegen.

Da schrickt das Weib zusammen.

»Nein! – Nicht! – Nur noch zwei Minuten! . . . Mein Kind! . . Mein liebes Kind! . . . O Du lieber himmlischer Vater! . . .

Sie verliert nun alle Fassung. Sie breitet beide Arme über den Sarg und schaut unablässig in des Kindes todesstarre Mienen.

»Es nutzt ja Nichts, Frau, laß doch nur ab. Es wird ja höchste Zeit, daß wir gehen.«

»Es ist mein Kind! Es darf mir Keiner nehmen!«

»Du versündigst Dich, Anna. Es war Dein Kind.«

Und damit legt er den Deckel wieder nieder. Er löst die Arme der Unglücklichen von dem Särglein los und führt sie zur Thür.

»Sei gut, Anna. Wir wollen zu Frau Hofmann rübergehen. Da siehst und hörst Du Nichts davon. Komm, Anna.«

Sie folgt ihm willenlos.

Noch einen letzten, langen Blick wirft sie von der Thür aus auf die geliebte Tote. Dann läßt sie sich ruhig hinüberführen zu ihrer Flurnachbarin, die sie mit plumpen Trostworten empfängt. Auch ihr Knabe folgt. Er stellt sich weinend neben sie und hält sich an ihrem Kleide fest.

Der Mann ist wieder hinübergegangen. Er hat die Thür hinter sich geschlossen und greift nun von Neuem zu Deckel und Handwerkszeug, eine grausame Arbeit zu vollbringen

Er legt das Brett mit Vorsicht auf und setzt den ersten Nagel an. Aber – nein, er kann ihn noch nicht einschlagen – noch nicht! – noch einmal muß er dies süße Gesichtchen sehen, – er sieht es ja dann nie, nie wieder . . . Noch einmal – dann zu! – mit hartem Herzen . . .

Er nimmt den Deckel wieder ab und küßt sein Marieken auf die Stirn. Nun noch ein letzter, allerletzter Abschiedsblick. Und nun zu. –

Sachte, sachte hämmert er Nagel auf Nagel ein. Sachte, mit hundert behutsamen Schlägen. Und jeder Schlag ist ihm ein Stich in das weinende Vaterherz.

Endlich ist die Arbeit beendet. Er heftet noch die paar Kränze an, die von Bekannten stammen. Dann legt er den Hammer bei Seite. Er setzt seinen schwarzen Hut auf, nimmt den Sarg unter den rechten Arm und verläßt die Stube. Er ruft in Frau Hofmanns Wohnung hinein nach seinem Sohn Karl und steigt mit der toten Last langsam die Treppe hinunter.

Sein Sohn folgt. Die Mutter sieht ihnen nach und bricht auf dem Corridor lautlos zusammen. Nun ist Alles, Alles vorbei.


* * *


Auf dem Kirchhof wartet der Totengräber neben einer engen Gruft.

»Wenn doch das Pack ein einziges mal pünktlich sein könnte! Trinkgelder überhaupt nich, un denn noch diese Bummelei.«

Da schreiten die Trauernden durchs Thor. Der Beamte winkt ihnen. Sie folgen dem Wink und stehen bald neben der schmalen Grube.

Der Totengräber stellt den Sarg, nachdem er die Kränze herabgerissen hat, auf ein Brett, das quer über der Oeffnung liegt. Dann nimmt er seine Mütze ab und faltet die Hände. Vater und Sohn thun das Gleiche. Und der Vater beginnt mit leiser Stimme ein Vaterunser zu sprechen. Er kommt nicht weit damit. Ein Thränenstrom erstickt die Worte. Der Totengräber muß fortfahren. Monoton aber sicher, betet er zu Ende.

Nun wird der Gurt unter den Sarg geschoben. Der Beamte faßt auf der einen, der Vater auf der anderen Seite an. Und nachdem der Knabe das Brett von der Grube fortgezogen, sinkt der Sarg langsam in die Erde. Vater und Sohn werfen drei Hände Sand hinterher, wie es Brauch ist. Der Totengräber greift zum Spaten. Dumpf pochend, grausam fällt Schaufel auf Schaufel, das braune Holz allmählich bedeckend.

Vater und Sohn sehen schweigend zu. Sie halten ihre Sacktücher vors Gesicht gepreßt. Dahinein rinnen ihre Thränen.

Die Grube ist geschlossen. Ein kleiner Hügel wird darüber gewölbt, die Kränze draufgelegt und ein Holzkreuz, das den mit Bleistift gekritzelten Namen der Toten trägt, hineingesteckt. Der Totengräber entfernt sich.

Eine Weile bleiben die Anverwandten der Eingegrabenen noch an dem Hügel stehen. Als dann ein leiser Sprühregen vom Himmel zu rieseln beginnt, wandern sie Hand in Hand durch das Lärmen der Stadt nach Hause.

Auf das frische Kindergrab senkt sich der Regen. Er sickert langsam durch den Sand zu der jungen Leiche hinab.



Sonntag früh.

Sie saß am offenen Fenster, im Lehnstuhl, von blendenden Kissen umgeben, und sah auf ihre schmalen Hände, die ihr verschränkt im Schoße lagen. Es waren gläserne, kranke Mädchenhände, auf denen sich die blauen Adern deutlich abzeichneten, Hände, die den Anschein erweckten, als ob sie sich schon in der Auslösung befänden. Sie waren ganz weiß. Nur die Nägel zeigten noch eine schwache Röte, und dort, wo die Knöchelchen lagen, schimmerte es rosa. Aber ganz wenig nur.

Sie regte die dünnen Finger, hob die eine Hand und hielt sie gegen das Licht, um das Blut schimmern zu sehen. Es leuchtete sehr blaß, blasser als vor einigen Tagen noch, und es fiel ihr jetzt auch viel schwerer, die Hand zu erheben. Es ging schnell abwärts.

Sie legte das Glied in den Schoß zurück, lächelte und sah zum Fenster hinaus. Draußen war der Frühling. Er war schöner als sonst, sonniger, wärmer, blütenreicher. Dicht vor dem Fenster schwankten blaue Fliedertrauben und verschwendeten einen süßen Duft, der wie lichte Wollen ins Zimmer zog, Goldregenbäume standen dahinter und leuchtende Schneeballen und all' die bunten Sträucher, die unser Auge im jungen Frühlingsglanz immer von Neuem zu entzücken pflegen. Auch Jasmin war in Menge da. Aber der blühte noch nicht. Seine Knospen träumten noch verschlossen, mädchenhaft züchtig. Und aus der Ferne schlug eine Nachtigall.

Sie sah mit ihren großen blauen Augen in all den Glanz und ließ die strahlende Sonne ungehindert in ihr Gesichtchen fallen. Einmal hustete sie, leise und heiser. Dabei neigte sie sich sanft vornüber. Dann schmiegte sie den Kopf, dem man seinen goldenen Haarschmuck schon genommen hatte, in die Kissen und träumte.

Von der Vergangenheit. An die Zukunft dachte sie nicht gerne. O die war so grausam . . . so grausam.

Sie war von Kind auf zart gewesen, immer schwächlich und blaß. Aber daß es in so jungen Jahren so weit kommen könnte, hatte sie doch nicht geglaubt.

Sie artete nach der Mutter; die war lange, lange tot. Sie hatte ein schönes Grab aus dem St. Lukas-Kirchhof, ein Grab in lauter Rosen und Immergrün und mit einem weißen, goldbeschriebenen Marmorkreuz darauf. Sie hatte ihre Mutter nie gekannt. Aber sie hing mit schrankenloser Liebe an ihr. Sie pflegte ihr Grab, jedes Andenken an die Tote war ihr ein Heiligtum, und was ihr der Vater von ihr erzählte, vergaß sie nie.

»Sie war ganz wie Du, Annalisa,« pflegte der Vater zu sagen, »so zart und so schlank. Du hast Alles von ihr: Deine blauen Märchenaugen, dies unendliche Haar und diese feinen, zerbrechlichen Hände. Und auch die Stimme. Nur daß sie weniger sprach als Du, und auch leiser. Sie war allezeit kränklich, Lisa. Siehst Du, das wenigstens hat sie Dir nicht vermacht: Du bist mein gesundes, kerngesundes Mädel, nicht wahr?«

Da nickte sie denn. Sie war ja auch ganz gesund. Nur daß sie das Herumtollen nicht so aushielt wie die anderen Mädchen. Sie bekam so leicht Stiche auf der Brust. Und sie tollte doch so gerne.

Der Vater hätte es ihr auch sagen sollen, daß es für ein Mädchen wie sie gefährlich sei, mit den Anderen umherzujagen. Aber er war zu schwach und zwang sich, zu denken, daß es wohl auch garnicht so schlimm sei, wie er in trüben Stunden fürchtete. Daß Alles noch gut, ganz gut werden könne. Es war nicht recht von ihm. Er fürchtete sich, ihr die junge Lust verbieten. Sie hätte dann vielleicht gemerkt, weshalb man ihr's verbot. Denn sie war ein kluges Mädchen

Aber sie merkte es bald auch so. Die Stiche sagten es zu deutlich. Aber sie verriet Keinem Etwas davon, daß sie es wußte. Sie wollte ihren Vater nicht betrüben, und vor Allem: sie wollte nicht als siech bedauert werden. Das wäre ihr das Furchtbarste gewesen. Sobald man von Jemand weiß, daß eine Krankheit an ihm nagt, ist seine Schönheit, und sei sie noch so blendend, in den Augen der Menschen dahin. Nur Gesundheit ist schön. An Gesundheit erfreut man sich, richtet man sich auf. Man sieht sie mit lachenden Augen und nähert sich ihr, so sehr man kann. Für Krankheit hat man Mitleid und Scheu. Man wird befangen ihr gegenüber, das goldene Lachen in den Augen erstirbt, und man wendet sich ab, – schnell ab.

Dies Alles wußte Lisa. Und sie wollte kein Mitleid haben und denen, die um sie waren, keine Scheu einflößen, nur das nicht. Aber sie begann mehr und mehr zu ahnen, was ihr bevorstand. Nur glaubte sie immer noch nicht, daß es so bald kommen würde. Sie hoffte immer noch, wenigstens so alt zu werden, wie ihre tote Mutter geworden war. Sie bat ihren Gott so viel darum, ihr diesen einzigen Wunsch zu erfüllen, denn gar so jung von dieser verheißenden Erde – das ist zu furchtbar. Aber Gott that es nicht.

Lisa trug von je ein großes, heimliches Verlangen, eine Sehnsucht ohne Ziel. Und da sie ein nachdenkliches Geschöpf war, wie alle Leidenden, wenn sie nicht ganz flache Seelen sind, so dachte sie darüber nach, wohin eigentlich ihr Sehnen ging. Besonders nachts, wenn der Vater glaubte, sie schliefe, und sie mit wachen Augen, die Arme unter dem Kopf verschränkt, in ihrem Bette lag und mit heißem Blick in die Finsternis sah.

War es die Mutter, nach der sie verlangte? Erst glaubte sie's. Aber wenn sie dann neben ihrem Grabe stand und ganz versöhnlich, still und ohne Klage, an die Tote dachte und leise den Sprühregen der kleinen Gießkanne über den Epheu rieseln ließ, ohne daß das Herz ihr zuckte, dann schüttelte sie den Kopf: nein, das war es nicht.

Auch der Frühling, auch der Sommer war es nicht. Denn diese Zeiten dämmerten ihre Sehnsucht nicht ein. Sie brannte rastlos weiter.

Oder war es die Gesundheit? Ja, die Gesundheit . . .

Aber nein. Es kamen Tage, es kamen Wochen, in denen eine wundervolle Hoffnung durch ihr Inneres zog, Hoffnung auf Genesung. Sie fühlte sich dann leicht und frisch, der Schleier vor den Augen war gewichen, ihre Brust atmete frei, ihre Farben lachten, sie glaubte wirklich, daß sie genesen werde . . . o sie mußte ja . . . sie war ja jetzt so gesund . . . alle Leiden fort . . .

Aber die Sehnsucht blieb.

Also auch das war's nicht.

Und sie kam nicht dahinter. Sie sehnte sich weiter und grübelte weiter darüber nach. Und jene Hoffnungstage wurden kürzer und kürzer.

Lisa weinte oft. Sie fühlte nun doch deutlich, daß es bald zu Ende ging. Daß alle Hoffnung Thorheit war. Daß Nichts, Nichts half.

Sie weinte über ihre Jugend, über all das Glück, das sie nicht kosten durfte, wie die anderen Mädchen, über . . .

Es war an einem Frühlingsabend; sie war zeitig zu Bett gegangen, denn sie fühlte sich kränker als sonst . . . und mitten im Weinen hörte sie auf. Ihre Augen leuchteten. Es war ganz stille. Nur das Nachtlicht aus dem Oelglas knisterte leise, leise.

Ueber . . .

Sollte es das etwa sein, was die Menschen Liebe nannten? Wie? Wer liebte sie denn? Die Mutter war tot. Der Vater? Der hatte gar keine Zeit für sie. Er mühte sich den ganzen Tag im Geschäft. Er küßte sie zwar oft auf die Stirn – oft, sehr oft sogar – aber er sah sie immer so an dabei, so tief und wie mit verhaltenen Thränen, daß ihr unter seinem Kuß gar nicht wohl und warm werden konnte. Im Gegenteil: sie wurde noch trostloser dadurch. Es schien, als ob sich der einsame Mann selber nach mehr Sonne sehnte. Besonders in letzter Zeit.

Und die andere, die große Liebe, die sie nur ahnen konnte? Sie kannte sie nicht. Sollte es das etwa sein?

Sie sann die ganze Nacht. Und am andern Morgen war sie so blaß, daß Alle erschraken. Und ganz, ganz müde. –

Sie kam nun nicht mehr aus dem Zimmer. Der Husten wurde immer ärger und wich nie mehr. Sie konnte nur noch schlecht gehen. Auch begann sie Blut zu speien. Und die Stiche, die gräßlichen Stiche.

Mau führte sie immer ans Fenster, in den Kissenstuhl, damit sie den Frühling genösse. Da saß sie denn, sah hinaus in die blühende, verheißungsvolle Welt, mit der sie Nichts, aber auch gar Nichts mehr gemeinsam hatte, hörte die Vögel singen und in der Ferne den Mühlbach gehen – und wartete ab. Sie weinte schon längst nicht mehr. Aber wenn es bisweilen ganz besonders schön war, der Duft betäubend, der Himmel weit und blau und die Luft so feder-, federweich und dazu von der Kirche die Glocken klangen, denen sie nicht mehr folgen konnte, dann wurde die Sehnsucht wieder mit doppelten Schmerzen in ihr wach. Dann schloß sie die Augen, dann kam ein Zug wie Wehmut, etwas Madonnenhaftes in ihre blassen Mienen . . . sie sehnte sich . . . und dann stahl sich wohl auch eine Thräne aus ihren langen Wimpern hervor.

So war es auch heute. Warme, weiche, duftsüße Luft, recht für kranke Seelen und Leiber, ein Rauschen aus weitem Blau, der träumende Sang einer Nachtigall und sanftes, sanftes Glockenschwingen. Das griff ihr ans Herz. Sie lehnte sich zurück, die Augen, um die zwei schwarze Ränder liefen, geschlossen. Sie fühlte sich heute unglücklicher als je. Die Brust war ihr so wund. Es arbeitete darin und stieg als heiserer Husten auf, der sich nicht hemmen ließ, auch wenn man sich noch so sehr sträubte. Früher hatte sie das oft gethan. Jetzt ließ sie's schon lange. Es half ja doch Nichts.

Ihr Atem ging hörbar. Es war ein leises Röcheln. Sie lag regungslos, süß wie ein Engelsbild, und langsam schwanden ihr die Gedanken. Ihr Mündchen öffnete sich in frohem Lächeln. Die Frühlingsluft hatte sie überwältigt. Sie war eingeschlafen.

Draußen gingen die sonntäglichen Glocken immer noch. Die Nachtigall hatte zwar aufgehört, aber andere Vögel erfüllten jetzt die Luft mit ihren Liedern. Der Himmel und die Sonne lachten weiter, und der Flieder nickte mit seinen reichen blauen Trauben wie sonst ins Fenster hinein.

Sie merkte Nichts mehr von alle dem. Sie war glücklich.