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Margarete Beutler – Leb' wohl, Bohème!

Ein Gedichtbuch

München und Leipzig bei Georg Müller Verlag, 1911
Copyright 2013 Martin Freksa. Mit freundlicher Genehmigung für ngiyaw eBooks.


Mynheer van Robel,

meinem treuesten Vasallen, gewidmet.




I Zwischen Mittag und Abend



Zwischen Mittag und Abend

Nun gewandet euch ein in schwere Rhytmen, Gedanken,
Wandelt die dunkle Allee jener Cypressen hinab,
Kräuselt die Stirn voller Ernst und schöpft aus dem Bronnen der Weisheit
Alter Geheimnisse Kraft, wuchtiger Worte Gepräng!
Die ihr so oft euch gesellt den Stunden an regnichten Tagen,
Heute im sonnigen Land leitet mich treulich ans Ziel!
Zwiesprach halt' ich mit euch mit würdig verzogener Braue,
Daß sich Eros erschreckt im Oleander verbirgt.
O, mein Knäblein, ich weiß, du hast für mich eine Schwäche,
Doch gedulde dich heut, bis sich die Sonne geneigt:
Wenn violettes Gewölk enttaucht den gewaltigen Bergen
Und auf den Wassern des Sees silbern die Sichel sich wiegt,
Dann verschenk' ich mich neu, dann fallen die schweren Gewänder,
Unter Lachen und Lust schürzt sich das lockere Lied!
Dann, o Eros, ist's Zeit, den blühenden Busch zu verlassen
Und mich tanzenden Schritts hin zum Gestade zu ziehn!

Zu Zweien

Schimmernde Flügel bewegen die dunkelnden Wasser,
Fliehen und suchen und sinken und heben sich wieder;
Leise verzittern die Wellen in schwingenden Kreisen,
Und an dem schwebenden Weidengefieder zuckt bläulich
Schmal die Libelle.

Wie es so fürstlich sich schweigt in den schwankenden Schatten
Tiefer Gedanken, gestaltender Träume zu zweien,
Wenn in der Feierlichkeit der gesegneten Stunde
Fernes dem Geist sich enthüllt und die Seelen entzündet
Allem Geheimnis!

Aber derweilen, entrückt in olympische Zonen,
Wissen wir gar nicht, daß unsere zärtlichen Hände,
Müde der göttlichen Höhe, wie fröhliche Kinder,
Spielen das köstliche Spiel von Libelle und Wasser,
Suchend und fliehend.

Mädchentränen

Sieh, wie tropfen Blüten auf jene Stelle,
Wo du standest, Sehnsucht im kleinen Herzen
Deine Arme hobest ins Licht und Tränen
Weintest um Liebe!

Solche Tränen sammelt die Mutter Sonne,
Und sie werden leuchtende Blumenblätter;
Busch und Baum muß strahlen im Glanze ihrer
Schneeigen Sterne!

Tröstend gab die Nacht dir ihr seidnes Kissen –
Doch nun staune, Liebliche! Wo du standest,
Tauen nieder, zierlich verwandelt, die du
Weintest um Liebe!

An einen Stein

Aus den Grotten Catulls nahm ich mit lüsterner Hand
Dich als köstliches Gut, atemlos, da ich dich fand.

Zornig rauschte der See, als ich behutsam dich trug
Und mein kindisches Herz stürmischer gegen dich schlug

Eilig ließ ich mit dir, fast wie in ängstlicher Flucht,
Ganz in Sonne getaucht Sirmios zärtliche Bucht. –

Und nun ruhst du bei mir, hier in der nordischen Stadt:
All dein Leuchten entschwand, seelenlos scheinst du und matt.

Doch zu Zeiten geschieht's, daß mich ein Durst überfällt
Nach der prunkenden Lust deiner versunkenen Welt.

Dann ergreif ich dich wild, halte dich schmerzlich und fest,
Bis dein Leben erwacht, gegen die Stirne gepreßt;

Bist du endlich von mir Pulsschlag und Seele empfängst
Und mir trunkenen Wein seltner Erinnerung schenkst:

»Sprich! Was hast du gesehn? Bronzener Glieder Gerank?
Tänze in Wollust und Glut? Feste voll Wein und Gesang?

Junge Leiber im Schmuck? Fessellos üppiges Spiel?
Laubengänge im Duft? Grotten als Liebesasyl?

Lose Knaben am Strand? Liebliche Mädchen im Bad?
Faun und Nymphe gepaart? Ruhende, selig und satt?

Nächte, sternüberströmt? Morgenrot, göttlich und frisch?
Blütentropfend im Tag Lorbeer und Taxusgebüsch?

Sahst du Sirmios Herrn? Stand er nicht still und versehnt
Oft im schwindenden Licht gegen den Abend gelehnt?

Er, der frohe Catull, dem sich die Freude ergab,
Dem das Lachen gehorcht und der umwundene Stab?

Ward dem Spötter nicht auch, Zukunft zu sehen, verliehn?
Wuchs inmitten der Lust Not nicht und Grauen um ihn?

Sah in Ohnmacht und Groll er nicht sein »Perlchen« entstellt,
Sieche Frauen im Schutt seiner vergessenen Welt?

Hat in bitterem Weh über dies flüchtige Sein
Seine Hand dich berührt und dich geliebkost, o Stein? – –

Klinge, Stein, von Catull, klinge von Wollust und Leid
Mir, dem törichten Kind einer entgötterten Zeit!«

Der kühle Tag

O Tag, so kühl und sonnensatt
Hast du dich in die Welt geschmiegt!
So kühl wie dieses Rosenblatt,
Das zwischen meinen Lippen liegt,
So kühl wie jene Mädchenhand,
Die über meine Stirne ging,
Kühl wie ein seiden Nachtgewand,
Kühl wie ein weißer Schmetterling!

Was tu' ich nun mit meiner Glut,
Die in die Sonne lechzt und drängt,
Wo du mit einer Schleierflut
Von Wolken mir das Licht verhängt?
Trag' ich nun still mit heißer Hand
Recht wie ein wartekrankes Kind
Mein rotes Herz durch müdes Land
Bis an den grauen Abendwind? –


Die Bürde

Auf meiner Seele liegt ein grauer Herd,
Ein schwerer grauer Herd mit vielen Töpfen,
Auf meiner Seele liegt ein breites Schwert,
Am Griff verziert mit runden Knabenköpfen
Und einer Inschrift: »Weiber müssen dulden«!
Auf meiner Seele liegt ein Sack voll Schulden,
Und auf ihr liegt – o Gott! – ein Männermagen!
Ja, kann denn eine Seele so viel tragen?

Im Spiegel

Ach, du Verliebte,
Wie mein' ich mich selber
In dir zu erkennen,
Wenn deine kleinen
Sehnsüchtigen Füße
Wandern im Zwielicht!
Da wissen die Büsche
Von Obdach und Zuflucht
In Schauer und Dunkel;
Da lachen die Quellen
Mit blitzenden Augen
Und senden dir eifrig
Das rieselnde Rinnsal,
Die purzelnden Bäche
Und stürzenden Wasser,
Den Durst dir zu löschen!

Da blinzeln die Sterne
Verschwiegen und lüstern,
Indessen die Moose
Gefällig sich ducken,
Indessen die Meisen
Die wohlige Wärme
Im Nestchen dir rühmen,
Und nur die zwei Igel
Im Krautwerk dich pfauchend
Und schnaufend verwarnen:
»Auch Liebe macht Arbeit.«

Ach du Verliebte,
Wie mein' ich mich selber
In dir zu erkennen,
Wenn deine kleinen
Sehnsüchtigen Füße
Wandern im Zwielicht!

Als ich ein Zimmer verließ, das ich lieb hatte

Du lieber Raum, nun müssen wir uns trennen!
Ins Fenster grüßt die schlanke Rosenranke
Noch einmal wie ein glücklicher Gedanke
Aus Tagen, die mich ganz ihr eigen nennen.

Du warst die Ruhe! Deine sanften Wände
Umfingen meines Wesens dunklen Bronnen;
Von ihnen glitt das Auge kühl versonnen
Durch's Fenster in das lieblichste Gelände:

Da sprang der Fluß verwegen durch die Stille,
Da schrieb der Wind den Rhytmus meiner Lieder
Im weißen Buch des Holderbaumes nieder,
Und mein war all des Sommers Farbenfülle.

Was werden nun für Menschen nach mir kommen?
Sie werden deine Seele nicht verstehen,
Und kalten Sinnes diese Schönheit sehen,
Weil ihrem Leben längst der Glanz genommen. – –

Ach, daß wir Dichter das nicht halten können,
Was die Erfüllung unsers Ichs bedeutet! –
Ein Neues winkt, die Dampferglocke lautet –
Du lieber Raum, nun müssen wir uns trennen!

Die Orchidee

Bunt wogen im Korbe
Dickköpfige Astern
Spitze Gladiolen
Und Georginen,
Ein flammendes Meer!
Das zierliche braune
Bozener Mädchen
Hat bittende Augen
Auf mich gerichtet;
Und ich, ich liebe
Die bäurischen, bunten
Gesättigten Farben,
Wie, wenn ich sie alle
Im Korbe da kaufte! –
Doch bleibe ich stumm.
Ich recke die Hand nicht,
Um euch zu empfangen,
Dickköpfige Astern
Und spitze Gladiolen
Und Georginen.
Denn vor mir
Loderst du auf,
Blutende Orchidee,
Die der Geliebte
Zum Abschied mir gab,
Und die noch im Glase
Sich treu mir bewahrt,

Noch immer blühend,
Noch immer blutend
In tiefroten Blättern!
Ich schäm' mich, du Stolze,
Du Einsame, Schöne,
Ich schäm' mich der Lust,
Dir niedre Gefährten,
Dickköpfige Astern
Spitze Gladiolen
Und Georginen
Geben zu wollen;
Und kehre ich heim,
So preis ich die Lippen
Dir heiß auf den Stempel
Und flüstre: Verzeih!
Verzeih mir die Roheit
Des plötzlichen Wunsches,
Du Einzige, Stolze,
Du Blume des Rätsels,
Verzeih, verzeih!

Der schwere Abend

Wie der Traum von einem Schatten,
Dessen Wollen riesengroß
Aus der Erde Mutterschoß
Drängt, dem Leben sich zu gatten,
Überkommt mich todesschwer
Dieses Abends Schicksalsschwüle,
Und die Bürde der Gefühle
Trägt mein matter Puls nicht mehr.

Losgelöst von allen Zeiten,
Losgelöst von allem Sein
Spür' ich nur die Dunkelheiten
Einer namenlosen Pein:
Ohne Form und ungeboren
In der ewigen Nacht verloren,
Das ist Hölle – das allein!


II Streiflichter



Der Abbé Galiani schreibt:

»Marquise, Ihr habt recht: Ich bin nicht schön,
So Ihr die warmbelebte Bronzeschönheit
Der feinen Knaben Donatellos meint;
Nach diesem häßlichen, verkrümmten Rücken
Wölbt sich in Sehnsucht keine schmale weiße
Verheißende und kundige Frauenhand –
Und darum – sagt Ihr – kann kein Band sich schlingen
Von Euch zu mir. Denn jene einzige Brücke
Von Mensch zu Mensch, auf der Ihr wandeln lerntet
Wie auf dem grünen Sammet Eures Parkes,
Auf der Ihr kühl und sicher wandeln lerntet,
Besteht aus Fleisch, aus jungem straffem Fleisch!
Sie baut sich auf in reifen Mondesnächten,
Wenn Licht und Fülle sich den Lüsten paart,
Und baut sich auf in schwülen Mittagsstunden,
Wenn Eure Tarusbüsche Duft und Würze
Durch alle Adern Eures Parkes hauchen . . .
– Marquise, Ihr spracht wahr: ich bin nicht schön
Und habe drum das holde Recht verwirkt,
Mit Euch auf Eurem Brückenpfad zu wandeln.
Allein, es dünkt mich, meine schöne Dame,
Es sei nicht allzuschwer, ihn zu beschreiten!
Denn sehet nur, auf eben jener Brücke
Tanzt Eure Zofe auch – und selbst das kleine
Verträumte Mädchen, das Ihr nie beachtet,
Wenn es am Flusse Euer Linnen schweift,
Und dem Ihr hoch und stolz vorüberrauscht,
Vermag mit seinen groben braunen Händen
Sie aufzubau'n und wieder einzustürzen. –
– Ich aber, den Ihr krumm und häßlich scheltet,
Kann eine andre Brücke für Euch schlagen,
Für Euch allein, die weder Eure Zofe
Noch auch das braune Mädchen je betritt . . .
Marquise, kommt! Mein Lehnstuhl steht bereit,
Gastliche Flammen lodern im Kamin!
Kommt zu mir! Schmiegt Euch fest in meinen Arm,
So seht Ihr meinen armen Rücken nicht,
So seht Ihr nicht die etwas schiefe Nase,
So seht Ihr nicht die eingekniffnen Lippen,
Die ewig lügen, daß sie nicht verstehen,
Wie Frauenlippen zu behandeln sind;
Schmiegt Euch recht fest und tief in meinen Arm
Und schließt die Augen: Und das Fleisch wird Wort!
Das straffe Fleisch, das zu Euch Brücken schlug,
Wird strahlendes und warmes Menschenwort
Und hüllt Euch ein in tausend Zärtlichkeiten,
Von denen Ihr in Euren Seidenbetten
Nur wenige erkannt und durchgekostet.
Ein unerschöpflich Füllhorn tut sich auf
Und Perlenketten, die die Inbrunst schlang,
Und die der Schmerz mit feuchtem Schmelz belehnte,
Umschmeicheln Euren jungen, stolzen Leib . . .
Dann reckt sich an den Ufern jenes dunkeln
Grundlosen Stroms, der die Geschlechter trennt,
Ein goldner Pfeiler nach dem andern auf,
Und edle Steine fügen sich zusammen
Zu prunkenden, erles'nen Mosaiken,
Die schmal und bunt in hochgeschweiften Bogen
In Stromes Mitten ineinander wachsen. –
Aus dieser meiner Brücke sollt Ihr schreiten!
Das Fleisch wird Wort, wird starkes Menschenwort
Und trägt empor! Mein strenger Mund kann machen,
Daß Ihr, die Ihr an Glanz und Pracht gewöhnt,
Vor lauter Herrlichkeit geblendet seid
Und zitternd meine Führerhand ergreift,
Weil das Bewußtsein Eurer Höhe Euch
Mit fremdem Schauer schwindelnd überkommt.
– Dann setzet Eure adlig weißen Füße,
Erschaut tief unten Eure kleine Welt
Mit ihren Brücken, die aus Fleisch gebaut,
Mit ihren plumpen, roten Liebestürmen,
Mit ihren Schwüren, die gebrochen werden, –
Und geht, in meinen Freundesarm gelehnt,
Juwelenüberströmt und lichtumrieselt,
In meine Welt, die sich Euch beugen will!
Marquise, kommt! Es dürstet eine Kraft,
Für Euch allein sich selig zu verschwenden!
Mein Lehnstuhl steht bereit! Marquise, kommt! –«

Der gekrankte Smaragd

Und vor mir lag ein Meer von edlen Steinen!
Es war der Kunst des Juweliers gelungen,
In seltnem Farbenspiele sie zu einen.

Sein Fenster strahlte in die Dämmerungen
Der Großstadtstraße wie ein hohes Fest,
Von dessen Lust ein trüber Tag durchdrungen.

Und wie euch Männer wohl der Stolz verläßt,
Wenn euch ein Frauenblick gefangen hält,
So daß ihr loszureißen euch vergeßt;

So tauchte meine Seele in die Welt
Geheimnisvoller Leuchtkraft und entschwand
Sich selbst und ward Erdfremdem zugesellt . . .

Doch wie die Augen, in die Glut gebannt,
Die Strahlen wie im Rausche in sich tranken,
Erschien im Fenster plötzlich eine Hand.

Sie stürzte sich in all die Lichtgedanken,
Sie schien ein Ungetüm, ein böses Tier,
Des Beine plump auf samtnen Boden sanken.

Wie Stachel wuchs fuchsrotes Haar auf ihr,
Und gräulich waren ihre dunklen Venen
Gebläht von Eigennutz und niedrer Gier.

Ein Drache war sie in dem Kreis des Schönen,
Ein schmutziges Erlebnis in dem Traum
Von Reinheit und von erdentrücktem Sehnen . . .

Noch immer faßt' ich die Erscheinung kaum,
Da war sie dem entsetzten Blick entschwunden,
Und wieder funkelte der Fensterraum.

Doch wo in mattem Thränenglanz sich runden
Die Perlentropfen und die Milchopale,
Da hat ein neuer Stein sich eingefunden;

Und atemlos hör' ich mit einem Male,
Der blitzende Smaragd, der neue Gast,
Spricht laut zu mir und glüht in spitzem Strahle:

»– Ich frage dich, ob du gesehen hast,
Wie jener Drache mit den roten Beinen
Soeben meine Herrlichkeit umfaßt?

Ob du gesehn hast, wie den Brudersteinen
Die Schadenfreude aus den Augen kroch?
Du sahst es wohl, du kannst es nicht verneinen!

Du sahst es, und du duldetest es doch?
Du fühlst wie ich die Schmach, die mir geschehen
Und zauderst, mich zu holen, immer noch?
Du weißt mich in Gewalt des rohen Bösen,
Und deine Dichterhande eilen nicht,
Zu würdigerem Sein mich zu erlösen? –«

– Ich starrte in sein helles grünes Licht
Und schwieg verdutzt und wußte nichts zu sagen.
Er hatte recht! Es wäre meine Pflicht!

Ich könnte ihn auf meinem Herzen tragen
Und seiner Flammenseele anvertrauen,
Was meine ewig wachen Pulse schlagen . . .

Allein bin ich denn eine von den Frauen,
Die um das goldne Kalb den Cake-walk tanzen
Und Momus goldene Monumente bauen?

O nein! Ich kann nur blaue Blümchen pflanzen
Und habe höchstens noch den Wunsch, zuzeiten
Mich hinter Lieb' und Narrheit zu verschanzen.

Nichts bringt es ein, den Pegasus zu reiten,
Und keiner würdigen deutschen Redaktion
Darfst du Gelüste beichtend unterbreiten!

Oh, eine Flasche Sekt genügt da schon,
Daß sie dein Honorar dir flink beschneiden;
Ein Dichter – Sekt? So fragt man voller Hohn!

»Drum, herrlicher Smaragd, ich muß es leiden,
Daß du (wie ich) in falschen Händen bist,
Und du wie ich, wir müssen uns bescheiden.

Ihr klaren Steine, wenn ich doch nur wüßt',
Von welchen Wesen euer kühles Feuer
Die letzte reinste Form des Lebens ist!

Wohl kauft sich jegliche Erkenntnis teuer,
Doch sollten Mensch und Stein sich nicht verstehn?
Ich nenn' die Sonne mein, ihr nennt sie euer –

Ich leuchte auch und frage nicht für wen.«
– So sprach ich, und ich dünkte mich sehr weise;
Doch noch im Weiterschreiten könnt' ich sehn;
Es blitzte höhnend rings im Strahlenkreise.


Künstlerehe

Der Gott der warmen Herzen trug sie fort
Ins Paradies, jenseits von Ort und Zeit,
Und als er sie verließ, sprach er dies Wort:
»Hier seid ihr gegen jeden Sturm gefeit!
Ich bin nicht wie der neidige Gott der Sage,
Bei mir hier ist euch nichts verboten – seht
Den Lebensbaum, von dem euch ohne Plage,
So viel ihr wollt, stets zur Verfügung steht;
lind vom Erkenntnisbaum nicht erst zu reden!
Das wahre Paradies fängt doch erst an,
Wo auch Erkenntnis nicht entgöttern kann!
Probt Baum an Baum; ich gönn' euch einen jeden.
Genießt bewußt! Sperrt eure Lust nicht ein,
So wird euch alles hier zu Willen sein! –«
– Und damit schied er. Kaum war er gegangen,
So sahen sie von güldnen Früchten sich
Lockend umtanzt und schelmisch überhangen;
Wohin sie griffen, keine Frucht entwich,
Und alle waren voll und schwer zu fassen.
Da schwelgten sie, gleich übermütigen Kindern,
Gleich Schmetterlingen, die im Taumel eins
Und wußten sich vor Fülle nicht zu lassen –
Allein mit einmal, mitten in dem Plündern,
Schaut eines seltsam fremd dem andern nach:
Bist du mein Traumbild, oder bin ich deins?
Wer ist es, der das Schöpferwort hier sprach,
Und wer ist hier als Schöpfung anzusehen?
Denn eine Einheit sind nur diese zwei;

Geschöpf und Schöpfer leben wohl gemeinsam,
Allein der Schöpfer selbst ist immer einsam.
– Und an dem breiten Lebensbaum vorbei,
An all den Lüsten, die in Reife stehen,
Vorüber schweift der Blick erwartungsvoll
Nach etwas, das sich offenbaren soll
Und schwebt im Raum, unstet und wandelbar . . .
Und in dem Garten der Behaglichkeiten
Beginnt unhörbar schon das Geierpaar
Der Sehnsucht seine Schwingen zu entbreiten.


Die Brücke

Die Brücke wölbte sich in breiter Pracht,
Und unter ihren weiten Bogen rannen
Die nimmermüden Wasser in die Nacht,
Entlang dem Wall der starren Ufertannen.

Am letzten Brückenpfeiler, hoch und weiß,
Im vollen Licht des blanken Mondes standen
Zwei Frauen, deren Stimmen zaghaft leis
Den Weg zu den beglänzten Wellen fanden.

Die Eine sprach: »Als du mich hieltest, hing
Mein Leben nur an eines Haares Breite,
Es war sich selber lästig und gering
Und rief den Tod, auf daß es still entgleite.

Es hatte mich ein Mann so schmerzlich lieb,
Und viele Jahre harrte er geduldig;
Nur seine Seele flehte bang: O gib
Das Kind mir, das wir unsrer Liebe schuldig!

Sieh diesen Schoß! Ich hab' ihn oft verflucht,
Mich wund gegeißelt und die gnadenreichen
Madonnen aller Länder aufgesucht,
Um Gottes harten Willen zu erweichen.

Umsonst – mich schien der Sonne Strahl zu fliehn,
Verschlossen blieb mein magrer Leib dem Leben –
Als du mich fandest, wollt' ich eben ihn
Der stummen Nacht verzweifelnd wiedergeben!«

– Die Andre sprach: »Als ich dich rettend hielt,
Da kehrte in die müden, dumpfen Glieder
Der Lebensstrom zurück, so stürmisch wild;
Seit langer Zeit empfand ich selbst mich wieder!

Du jammerst, daß dein Loos so bitter war?
Sieh diesen Leib! – Er hat so oft geboren,
Und ihm ward solches Grauen offenbar,
Daß er die eigne Seele ganz verloren.

Nie durfte er des eignen Seins sich freu'n,
Dem seligen Blühen mußte er entsagen,
Um stets Gefäß für neue Frucht zu sein . . .
Zum zwölften Male sollte er jetzt tragen!

Doch als ich heute ihn im Spiegel sah,
So welk und schlaff, und gelb und mißgestaltet,
Als ich ihn vor mir sah, so spukhaft nah,
In dem einst alle Grazien gewaltet;

Da grauste mir! Mein Blut empörte sich,
Ich schrie voll Scham: ich will nicht mehr gebären!
Ich will dem Leben, das sich kümmerlich
In mir ernährt, mit meinem Leben wehren!

Und meiner Kinder hab' ich nicht gedacht,
Das eine Ziel nur gab mir diese Stunde,
Mich aufzulösen in die tiefe Nacht –
Und ohne dich läg' ich nun schon im Grunde. –«
– – – – – – – – – – – – – – –
Ein Morgenstreif! – Betrogen waren zwei
Um ihres Lebens einzige Ekstase,
Und mit dem großen Augenblick vorbei
Schwand auch der Tod als kühlende Oase.

Nun wird er kommen als der Sensenmann,
Der harte Fürst der wesenlosen Zeiten,
Dem niemand den Tribut verweigern kann –
Und Wahn und Schrecken werden ihn begleiten! . . .

Die Brücke stand im letzten Mondlicht stumm,
Zur Erde fiel des Blutes schwere Wage,
Und Hand in Hand versanken wiederum
Die Frauen in das fahle Licht der Tage.


Das böhmische Tuch

Es sprach das Tuch, und seine Blumen brannten
In buntem Flor:
»Das war ein Tag, wo wir uns noch nicht kannten;
Die Orgel rauschte, und der Jungfrau'n Chor
Schwoll froh und jubelnd zum Altar empor.

Denn Ostern war es – Frühling ohnegleichen!
Und alle Welt,
Erlöst vom Tod, vom dunklen Kreuzeszeichen,
Das an des Grabes Pforte dumpf zerschellt,
Ward von des Glaubens Fackel mild erhellt.

Am Kirchentor die knospenhelle Linde
Stand stark und breit,
Ich schmiegte um die Brust mich einem Kinde,
Halb Jungfrau schon, des Stimme hoch und weit
In Andacht überquoll und Frömmigkeit.

Doch plötzlich schrie die alte Kirchenpforte,
Und höhnend drang
Ein heißer Strom sündhaft verworrner Worte
Ins Gotteshaus, daß jäh der Orgel Klang
Verstummte und der fromme Sang zersprang:

›Was hältst du, Pfaffe ohne Sünd und Fehle,
Herzloser Greis,
Gefangen meines Mädchens warme Seele?
Sieh her, da singt sie deines Gottes Preis
Und opfert mich! Und das auf dein Geheiß!

Was zwingst du sie in kaltem Heiligtume
In deinen Bann?
Für mich allein wächst diese Frühlingsblume!
Wer ist der Gott, der solche Qual ersann?
Er töte mich, damit ich ruhen kann! . . .‹

Ein Schrei erstarb auf rotem Mädchenmunde,
Hin zum Altar
Sprang bleich ein Bursche in die Weihestunde,
Der halb noch Knabe, halb schon Jüngling war.
Und Murren kreiste in der Gläubigen Schar.

Es reckten Fauste sich, und Stimmen grollten:
O Sünd' und Schmach,
Wenn wir den Frevel nicht vergelten sollten
An dem, der dieses Hauses Frieden brach! –
Und Männer drängten, Frauen drängten nach.

Der greise Priester aber, schlicht erhaben,
Rief: ›Gebt ihn frei!
Legt nicht die Hand an diesen wilden Knaben!
Denn wißt, der Frühling ist in ihm! Es sei
Heut aber Gott und Frühling einerlei!

Pocht hart der Sturm an eure niedern Hütten,
So zürnt ihr nicht,
Ihr wißt, Gott ist im Sturm. Er ist inmitten
Der Frevler auch. Sein Tun ist lauter Licht.
Er strahlt auch auf des Knaben Angesicht.‹

Und weiter sprach der Greis, vom Geist getrieben,
In junger Glut:
›Geschrieben steht, ihr sollt einander lieben!
Gab Gott die Liebe ihm so weh ins Blut,
So hilft er auch. Denn gut ist, was er tut!

Tritt naher, Sohn! Gott gibt durch seinen alten
Diener dir kund:
Er will zu seinem Ruhme dich erhalten;
Er sieht auf deines Wesens tiefsten Grund
Und macht heut deine kranke Kraft gesund!

Tritt näher, Mägdelein! In starken Flammen
Glüht Dir sein Herz.
So geb' ich euch kraft meines Amts zusammen!
Gelob' dich ihm fortan in Freud' und Schmerz
Und führ' du ihn im Glauben himmelwärts!‹ –

Und atemlos verharrte rings die Menge . . .
Der Jüngling lag
Vor dem Altar, und heilige Orgelklänge
Erzählten, was die Liebe nur vermag,
Und rauschten selig in den Ostertag –«

So sprach das Tuch, das ich vor langen Jahren
Im Böhmer Land,
Als ich noch wenig Lieb' und Leid erfahren,
Und all mein Tag in lauter Knospen stand,
In einer morschen Bauerntruhe fand.


Clement Marot an sich selbst

Ich bin nicht mehr, der ich gewesen
Und werd' es nimmer wieder sein;
Mein Sommer ohne Federlesen
Sprang meinem Frühling hinterdrein.
Eins aber weiß ich: Du allein,
O Liebe, hast mir Glück gegeben!
Und lebt' ich noch einmal dies Leben,
Es wär' noch schrankenloser Dein!


Anmerkung: Aus der im Verlage Georg Müller erschienenen Sammlung: Erotische Epigramme von Clément Marot.


Volkslied
(aus Molière: Misanthrope)

Und gäb' mir der König Paris,
Paris, seine goldene Stadt,
Und wollt', daß ich jene verstieß',
Die mein Herz in den Händen Hat;
Ich sprach: »König Heinrich, nimm hin,
Nimm hin deine goldene Stadt,
Weil ich selig bei der lieber bin,
Die mein Herz in den Händen hat!«
O du Liebe, du Meine du!


Lüttj Ding
(nach einem alten Volksliede)

Lüttj Ding will heiraten,
Hat niemand, der ihr kann beiraten,
Hat niemand, der ihr kann abraten,
Lüttj Ding will nicht mehr zuwarten.
Lüttj Ding sagt: Hohe Zeit,
Hohe Zeit, hohe Zeit,
Lüttj Ding muß heiraten!

Lüttj Ding will ein Kind kriegen,
Hat niemand, der es will einwiegen,
Hat niemand, der ihm will Brei kochen,
Und der Mann hat das Schwein stochen,
Und der Mann sagt: Ist hohe Zeit,
Hohe Zeit, hohe Zeit,
Ich muß ins Wirtshaus!

Lüttj Ding will sich tothärmen,
Hat niemand, der sie will anwärmen,
Hat niemand, der sie will liebhaben,
Und der Mann schläft bei der Wirtin.
Lüttj Ding sagt: Hohe Zeit.
Hohe Zeit, hohe Zeit,
Tod muß mich holen!

Lütt, Ding will wegsterben,
Tod sagt: Wer soll's Kind erben?
Lüttj Ding sagt: Nimm du's mit!
Tod sagt: Das tu ich!
Lüttj Ding lacht: 's ist hohe Zeit,
Hohe Zeit, hohe Zeit,
Lüttj Ding hat Ruhe!


Gespräch

Eine Welle beichtet dem grauen Strand:
»Heut hab' ich ein Kind überrannt!

Sorglos schlief es auf schimmerndem Stein,
Ich nahm es ins ewige Meer mit hinein!« –

Und der verwitterte Strand, der lacht:
»Was ihr Wellen auch immer für Dummheiten macht!« –

Da raschelt ein Boot: »Daß ich's nur berichte,
Ich habe auch schon meine Geschichte.

Ich hab' sie nur immer für mich behalten,
Denn traue einer dem Strand, dem alten!

Ein junges Paar hab' ich neulich getragen,
Und hübsch zur Zeit bin ich umgeschlagen.

Grad, als sie sich küßten, das könnt ihr euch denken,
Da mußte die Flut mir die beiden versenken!«

Der Strand brummt: »Es waren zwei schöne Leute,
Ich sah die Leichen – genug für heute!« –


Das rote Licht

Und schleicht in das Dörfchen die Nacht sich hinein,
Dann werden die Hütten so runzlich und klein,
Dann spricht alles Blut vom Tage sich los
Und sinkt dem Schlaf in den bleiernen Schoß,
Dem Schlaf in den bleiernen Schoß.

Nur draußen, im letzten steinernen Haus,
Da reckt jeden Abend ein Arm sich heraus,
Eine Hand, die das Fenster kaum halten kann,
Die zündet zitternd ein Lichtlein an,
Eine blutrote kleine Laterne an.

Und siehe, dann regt es sich weit und breit
Und schwimmt durch die schweigende Dunkelheit;
Es springen und flimmern vom dunstigen Tal
Wohl hundert Funken und mehr auf einmal,
Wohl hundert und mehr auf ein einziges Mal!

Und die winzigen Flammen geben nicht Ruh',
Sie steuern der roten Laterne zu
Und umtanzen am Kreuzweg voller Hohn
St. Veit, den hölzernen Dorfpatron,
Den stillen, hölzernen Dorfpatron.

Wie blutige Tropfen sind sie zu schau'n,
Bald hangen sie züngelnd am Gartenzaun
Und wispern hinauf in das steinerne Haus:
Du löschtest uns aus. du löschtest uns aus!
Weh uns, was löschtest du uns denn aus?

Dann starrt ein verwitterter Kopf in die Nacht,
Ein Fenster wird klirrend zugemacht,
Eine fleischlose Hand schlägt schnell ein Kreuz:
Im Namen der Jungfrau und St. Veits!
Im Namen der Jungfrau und St. Veits!

Und alle die Flämmchen sind jählings gebannt,
In Ruhe und Dunkel liegt wieder das Land;
Im Tann nur vielleicht eine Stimme spricht:
»O sieh nur! Wie herrlich! Das rote Licht,
Da zwischen den Bäumen das blutrote Licht!«

Und eine dunklere sagt: »Ei was,
Komm fort! Man munkelt so dies und das!
Dort ist's nicht geheuer, komm schnell nur fort,
Da wohnt die Wehemutter vom Ort,
Die uralte Wehemutter vom Ort! –«


Die Puppe

Liebe Puppe,
Wohlfrisierte kleine Puppe,
Wie hast du es leicht!
Du wendest das Köpfchen
Nach rechts und nach links,
Du lächelst, du schmollst,
Du weinst, du lächelst,
Und wenn man dich aufzieht
Am Knopf des Gefühlchens,
Des einzigen kleinen
Dir eignen Gefühlchens:
Der Liebe zu dir,
Zu dir, kleine Puppe,
So tänzelst du zierlich
Und neigst dich dankend
Dem Schwarm deiner Freunde,
Und äugst unter seidnen
Gebogenen Wimpern,
Ob du ihn nicht siehst,
Den schmerzlich ersehnten,
Ergebenen Diener,
Der an dem Knöpfchen
Des einen Gefühlchens
Dich liebevoll aufzieht
Bis an dein Ende,
Dein Puppenende . . . .
Wir aber, entartet
Und vielfach geschmäht,
Wir andern, wir Ernsten,
Wir Dunklen, wir Schweren,
Wir Trägerinnen
Geheimen Wissen
Wir Deuterinnen
Uralter Runen,
Wir keuchen und brechen
Fast unter der Last
Des gnädigen Schicksals,
Das sie uns gab,
Unsre sehende Seele,
Von der du nichts weißt. –
O liebe Puppe,
Wohlfrisierte kleine Puppe,
Wie hast du es leicht!


Erwartung

Der Samowar summt in der kleinen Stube,
Und Frauenwort schwingt sanft durch schlichten Raum:
»Ach du – ich glaube doch, es wird ein Bube!« –
– Und aus dem Worte blüht ein Zukunftstraum.

Und sieh! Mit leisem, fröhlichem Gelächter
Ziehn vor dem engverschlungnen Menschenpaar
Wie Schatten ferner, glücklicher Geschlechter
Singende Wolken aus dem Samowar.


Wandlungen

Wenn um dich her die fahle Gasse schweigt,
Der Tag vor dir sein Haupt zur Erde neigt
Und die Gedanken schlummern mit der Lust,
Dann kommt im Grau, dir selber unbewußt,
Der Augenblick, wo alles bildhaft wird,
Wo du im Garten deines Selbst verirrt
Und von dir selber los und unbeschützt
Wie aus dem Rahmen einer Leinwand trittst.

Du gehst, und eine andre Zeit ist da,
Ein fremder Markt, den nie dein Auge sah,
Von fremdem Geist ist alle Form erfüllt,
In fremde Tracht ist alles Volk gehüllt.
Du selbst hast fremden, feierlichen Gang . . .
Da weckt dich einer groben Glocke Klang –
Still deckt die Nacht die letzten Farben zu,
Der Vorhang sinkt – und du wirst wieder du!


»Denken, was ist und sein, dies beides ist ein und dasselbe«
(Parmenides)

Wie die wilden Rosse jagen,
Meiner Pulse wilde Rosse,
Die die dunklen Wünsche tragen!
Und die dunklen Reiter fragen:
Wo bleibt unsrer Lust Genosse?

Aber aus vergilbten Blättern
Eherner verbriefter Zeiten
Fangen riesenhafte Lettern
An, mir in das Hirn zu klettern
Und sich darin auszubreiten.

Staunend sehen meine Reiter
Die geharnischten Kolosse
Hoch auf der Gedankenleiter,
Und die lassen nun nicht weiter
Selbst die Kühnsten von dem Trosse . . .

Endlich klärt sich das Gewühle:
Geist und Blut hat sich verständigt;
O, wie wohl das tut! Ich fühle,
Priesterweisheit, alte, kühle,
Hat das tolle Volk gebändigt!


Schatten

Hüte dich, wider den Tag
Die suchende Seele zu kehren,
Weil es geschehen mag,
Daß sich die Schatten empören.

All dein Dunkles gewinnt
Form und Leben in ihnen,
Deine Geheimnisse sind
Dann nicht mehr treu, dir zu dienen;

Deine Geheimnisse steh'n
Gegen dich, reisige Recken,
Und dann kann es gescheh'n,
Daß ihre Schilde dich decken.


Das heilige Schweigen

Nacht und Schweigen! Töchter der unbekannten
Gleichen Mutter! Ewig verknüpft, doch seltsam
Fremd der Menschheit bleibt das Geheimnis eures
Wesens und Ursprungs.

Doch wir fühlen, schauernd den Dunkelheiten
Hingegeben, wehrlos in ihnen ruhend,
Fühlen staunend: In euer beider Schoße
Sammelt sich Leben.

Wenn ich wandle, unter mir stille Gründe,
Vor mir Felsen, dürftiges Kraut zur Seite,
Schweigen rings – dann drängen sich kühn ins Dasein
Tausend Gedanken.

Kranken Seelen, die da verschmachten, aber
Naht die Nacht sich, bricht ihnen sanft und siegreich
Frucht vom vollen Baume des Lebens, heilt und
Löst sie vom Tode.


Auf der Auer Dult

Zwischen lauter bunten Dingen,
Trödlerkram und Putz und Tand,
Tempelleuchtern, Ketten, Ringen,
Humpen und Toleder Klingen
Träumt ein grauer Bücherstand.

Nun, er ist nicht überlaufen!
Nur ein bleicher junger Mann
Wühlt in dem verstaubten Haufen,
Um für wenig Geld zu kaufen,
Was er nachts verschlingen kann.

Doch sieh da! Wieviel Kollegen
Von der gleichen Fakultät,
Deren Ruhm gewohnheitswegen
Stets wir zu verkünden pflegen,
Find' ich in dem Bücherbeet.

– Dein gedenk' ich, Wilhelm Raabe!
Mancher Schelm und mancher Lump,
Doch auch mancher feine Knabe,
Manche goldne Dichtergabe
Fault hier auf dem »Schüdderump«.


Besuch

An mein Fenster pocht es sacht,
Pocht und schlägt mit dunklen Flügeln,
Veilchenfarben fließt die Nacht
Von den herben Heidehügeln.

»Wer ist's,« frag' ich wartestill,
»Der in dieser Zwitterstunde
Bei. mir Einlaß haben will?«
Und es raunt mit breitem Munde:

»Tue auf, ich bin die Zeit,
Bin die alte graue Motte,
Die durch alle Ewigkeit
Völker frißt samt ihrem Gotte.

Tue auf und sieh mich an!
Zart bin ich und kaum zu fassen,
Doch mein Zahn, mein scharfer, kann
Alles um dich modern lassen.

Ob auch du dich fest verschanzt
Hinter deinem Weisheitswalle:
Wie ich pfeife, also tanz'st
Du, und also tanzt ihr alle!«

– Draußen überschwemmt die Nacht
All die kleinen Heidehügel.
Vor den Fenstern rauscht es sacht,
Rauscht und schlägt mit grauem Flügel . . .



III Die Reise



I.

Ich war so traurig . . .

Ich war so traurig, daß ich meine Finger
In Erde grub, und war so traurig, daß ich
Des Himmels Fröhlichkeit nicht mehr erkannte.
Mein Wille schlief – Genoßne Freuden maß ich
Mit einem Maß, dem Qual die Zahlen nannte,
Es dünkte mich mein Leib ein niedrer Zwinger,
Darein man mich gleich einem Raubtier bannte,
Und Durst schlug mich, zu enden meine Leiden,
Mich meines Menschtums lässig zu entkleiden.

II.

Der Fels

Als die Fackeln an des Tages Küste
Überwuchert wurden von den Schatten,
Die wie eines Traums geheime Lüste
Wuchsen in ein ungeheures Leben,
Kor ich einen Felsen mir zum Gatten –
Und ich neigte meine Frauenbrüste
Auf des Steines kühlentsproßne Moose,
Wildem Todesschauer hingegeben:
»Nehmt mich hin, ihr eisesgrauen Quadern,
Und befreit mich von dem Menschenlose,
Und befreit mich von den roten Adern,
Die dem Geist nicht mehr gehorchen wollen!«
»Komm,« so klang der Fels im Donnerrollen,
»Gib dich mir, denn was da Fleisch und beinern,
Ich umfang' es, um es zu versteinern!«

III.

Das Erwachen

Doch als im Kreis der Falke strich,
Da ward ich müd des nächtigen Frostes,
Und köstlich überkam es mich
Wie Schaum und Kraft des jungen Mostes;
Des Vogels Schwinge stand im Blau
Wie ein verwunschnes Riff im Meere,
Mein Leib am Stein hing fahl und grau
Und schämte sich der Erdenschwere.

IV.

Sehnsucht

Zum Falken sprach ich: Meine Seele bettet
In dich sich und das Wunder deiner Schwingen;
Nicht mehr nur Wollen, sondern im Vollbringen
Zerreißt sie kühn die Fessel, die sie kettet.
Enthülle mir die Fülle deiner Reize,
Du Zierlichkeit, du schimmerndes Gefieder!
Tiefdurstig stürze ich in dir mich nieder,
Ein schneller Sieger bei der Reiherbeize!

V.

Der Flug

War es nun Traum? Und war es nicht vielmehr
Ein Morgenfest, ein Tanz voll hoher Feier?
Mein Fittich schwoll so warm und lebensschwer,
Und unter mir entflammten Wald und Weiher!
Das Licht entquoll der weißen Bergeswand
Und stand, ein Gott, auf aller Welten Schwelle;
Mir eignete ein Auge voller Brand,
Hinlodernd über Fels und Moor und Welle.
Das Opfer sah ich, das am Wiesenrand
Für meine Göttlichkeit bereitet war
Und stürzte nieder auf den Schilfaltar;
Allein im Sturz traf meuchlerischen Mutes
Mich eines Menschen Kugel in die Kehle,
Und ganz im Schmucke königlichen Blutes
Vertaumelte ich meine Vogelseele.

VI.

Welle

Welle bin ich geworden,
Ströme dunklen Gesang,
Töne an steinernen Borden,
Blut der Erde, entlang.

Töne, verströme und sinke,
Wieder den Schwestern gesellt;
Schwelle von neuem und trinke
In mich den Pulsschlag der Welt!

VII.

Die Genziane

Nun will ich blühen – sang ich – auf der Wiese,
Die bunt sich bauscht an steinigen Uferbänken,
Steht eine Genziane, und in diese
Will ich die Stachel meiner Seele senken;
Ich will mich tief in ihren Kelch verwühlen
Und ihren Wurzeln meine Säfte schenken . . .
Denn wissen muß ich, wie es ist, zu fühlen,
Wenn Erde speist und Tau und Regen tränken!

VIII.

Der Blütentod

Der Blüte Rausch ist schmal wie eine Spalte
Erlechzten Lichtes zwischen Kerkermauern –
Ihr Tag ist es nicht wert, daß man ihn halte,
Noch tiefer laßt mich in das Dunkel schauern!

IX.

Erkenntnis

Bleibt denn im Wurm, der Staub und Erde frißt,
Bleibt denn im weißen Kleid der Totenmade
Nicht doch die Seele ewig, wie sie ist,
Stets durstig nach der lauteren Sonnengnade?
In blinder Sehnsucht nach dem großen Licht
Dem Dunkel sich in neuer Form entraffend
Und, ständig kreisend in des Daseins Pflicht,
Der Gottheit neue Ewigkeiten schaffend? –

X.

Wiedergeburt

Sprich, meine Seele, ist es nun genug?
Und willst du nun ein lichter Bronnen sein?
Sieh, dieser Menschenleib ist wieder dein,
Und dein ist der Gedanken Wanderflug!

Dein ist die Welt! – In deinen Spiegel falle
Geläutert alles, was da Leben heißt,
Und heilig sei die Form dir, die der Geist
Sich auserkor zu seiner Tempelhalle!



IV Leichtes Volk



Offenbarung

Sinnend schritt ich durch des Morgens Stille
Meinen goldbeschuhten Wünschen nach;
Mir zur Seite durch die Felsen brach
Silberrieselnd sich der Wasser Fülle,
Auf den Moosen glühten Diamanten
Und Smaragde an der Steine Kanten –
Seufzend sah ich all das Gleißen: »Ach,«
Bat ich, »lieber Gott, in deiner Hulden
Warum zahlst du mir nicht meine Schulden? –«
Und ein Rauschen, wie wenn tausendfach
Fittiche sich in die Lüfte hoben,
Lief durch den Gesang des Wasserfalles . . . .
Gläubig wandte sich mein Blick nach oben.
Und Gott sprach: »Mich rührt dein ew'ger Dalles –
Greife zu! Ich schenke dir dies alles!« –


Meine Bekehrung zum Islam

Planlos stand ich vor dem Laden eines grauen Orientalen
Und beäugte die Paraden alter Tassen, Waffen, Schalen,
Als mein Blick drei Worte faßte. – Unter silbernen Grelots
Auf dem Grunde eines Gürtels stand da deutlich und kurios:
Allah ist groß!

Diese Worte, die in blauer Seide silbern eingestickt,
Senkten in das Herz mir Trauer, das schon längst ein Gram gedrückt;
Denn in meiner Taschen Dunkel wuchs höchst spärlich nur das Moos,
An der Börse meiner Börse gab es Baisse stets satt Hausse:
Allah ist groß?

Ja, gewiß, ich zweifle – sprach ich – nicht an seiner Größe Macht
Aber zur Bedingung mach' ich, daß für mich sein Wille wacht –
»Jene Strümpfe, Gott der Türken, schenk mir, die so namenlos
Ich ersehne, dann verkünd' ich fortan mit Posaunenstoß:
Allah ist groß!

Jene Strümpfe, altgoldseiden, die der Gatte mir verwehrt,
Schenk sie mir! Dies wird entscheiden, ob mein Herz dich gläubig ehrt. –«
Und sieh da, gerade als ich also leise flehte, schoß
Ein Gedanke in den Schädel, so, daß mich nicht mehr verdroß:
»Allah ist groß!«

Ein Gedanke, so erhaben, wie ihn unter heitrer Stirn
Stets nur edle Götter gaben, ward in meinem Menschenhirn,
Schnell barg ich mich, selig lächelnd, in der Kemenate Schoß,
Aus den Tiefen meiner Seele rang es sich versöhnend los:
Allah ist groß!

Hier in meiner Kemenate schrieb ich voller Seelenruh,
Und die Sterne standen Pate, und der Mond sah schmunzelnd zu.
Ei, wie schwärzte sich der Bogen! Aus der feuchten Feder floh's,
Ward zu rhythmischen Girlanden, ward zu lyrischen Tableaus!
Allah ist groß!

Und mit dem beschriebnen Bogen trieb der Gott mich eilends fort,
Bis der Großstadt dunkle Wogen spulten mich an richt'gen Ort:
In den indiskreten Räumen eines Redaktionsbureaus
Ward ich die erhabnen Verse für zwei Louisdor'chen los.
Allah ist groß!

Um dies Geld, das ekle, runde, das mir dort verabfolgt ward,
Tauscht' ich noch zur selben Stunde jene Strümpfe, himmlisch zart
Mit den goldnen Lorbeerkränzen an der Wade – (dies sub rose),
Ach, vergnügter war kein Weibchen seit den Zeiten Salomos:
Allah ist groß!

Ja, er kann Gedanken wandeln, bis sie Gold und Silber sind.
Kann für dieses Strümpfe handeln wie ein Traum so zart und lind,
Kann durch diese Strümpfe heben einen armen Erdenkloß
Über die gemeinen Höhen ordinären Glücksniveaus:
Ja, er ist groß!

»Wär' ich nicht ein Weib geboren, hätt' ich dir,« so sprach ich leise,
»Gott der Türken, gern geschworen, dir zu danken edler Weise,
Einen Harem würd' ich halten, unerhört und riesengroß,
Vierzehnhundert kleine Türken schrieen schon im Mutterschoß:
Allah ist groß!«

Als dann Freksa kam, der Gatte, der aus Sparsamkeitsprinzip
Nicht gekauft die Strümpfe hatte, rief ich: »Allah hat mich lieb!
Sieh nur, was für schöne Strümpfe! Keine Tochter Pharaos
Trug jemals dergleichen. Sieh nur, sitzen sie nicht ganz famos?:
Allah ist groß!«


Das Leb-Embryo

In München haust und anderswo
Das zierliche Leb-Embryo.

Am Tage macht es sich meist rar,
Zu Nacht erscheint's in seiner Bar.

Dort bilden Austern und Sellerie
Die Nahrung des Leb-Embryi.

Bei diesen Bissen auserlesen
Verpuppt es sich zum Lebewesen.

Als solchenes vertilgt es stumm
Zwei Flaschen extra dryen Mumm.

Auch sieht man es den Rauch der »queen«
Possierlich durch die Nase ziehn.

Und sieh, und sieh, beim Mokkakännchen,
Da wird es schon ein Lebemännchen.

Und es bewältigt lächelnd nun
Zwei Cock-tail und ein kaltes Huhn.

Noch einen Kaviar frißt's vielleicht,
Dann ist sein hohes Ziel erreicht:

Um drei Uhr flücht'gen Laufs sodann
Verläßt's den Ort als Lebemann.

Denn ach! Um sechs wird's sowieso
Schon wieder zum Leb-Embryo –


An Mynheer van Robel

Der jüngste Tag war endlich angebrochen,
Posaunen gellten rhythmisch mir ins Ohr,
Aus allen Gräbern kam es angekrochen –
Auch ich, Mynheer, kroch höchst verschlafen vor.

Wir bildeten ein rührendes Kompott
Von Menschen, Schweinen, Tigern und Kamelen:
Ein finstrer Teufel und ein heitrer Gott,
Die rauften sich um unsre schönen Seelen.

Die Reihe kam an mich. Der Teufel brüllte:
»In meinen Topp! Sie tat so viele Sünden,
Daß es die Ewigkeit zur Hälfte füllte,
Wenn man sie alle einzeln wollt' ergründen!« –

Da sprach der Gott: »Ein Wort sei dir vergönnt,
Ein einzig Wort! Besinn dich, kleine Fraue,
Wenn's dich nicht rein von allen Schlacken brennt,
So kriegt der Finstre dich in seine Klaue.

Besinn dich wohl! Nur Liebe kann erlösen!
Gab es auf Erden einen Menschen, der
Ohn' Eigennutz für dich nur dagewesen,
So bist du mein!« – Da jauchzte ich: »Mynheer! –«

Und sieh! Es schwand des Himmels blaue Wand .
Ich sah der Seligkeit wattierte Leiter
Und stieg entzückt . . . die Teufelsfratze schwand . . .
Es lächelte der Gott verbindlich, heiter . . .


Ja, der Frühling

Ja, der Frühling ist im Land!
Alle Wesen sind bereit
In dem neuen Prunkgewand
Zu der Hochzeit-Lustbarkeit.

Jedes weiß, was es zu tun,
Und erkürt den rechten Platz;
Stolz behupft der Hahn sein Huhn,
Und den Kater rupft die Katz.

Nach erprobtem Lenzgesetz
Fallen alle offenbar
In das große Liebesnetz –
Nur der Mensch ist sich nicht klar!

Nur der Mensch, der arme Tropf,
Spricht von höh'rer Lebenspflicht;
Eifrig zählt er Knopf an Knopf:
Soll ich, oder soll ich nicht?

Stimm' ich in die Melodie
Dieser Frühlingsraserei –
Oder überhör' ich sie
Und geh' würdevoll vorbei?


Auktion

(Ha, nun werde ich im Golde wühlen.
Diese Stunde bringt mir volle Truhen,
Bringt mir Lorbeer, um darauf zu ruhen,
Und ich schwelge schon in Lustgefühlen.)
– »Nur heranspaziert, geliebte Leute,
Wenn ihr etwas euch ersteigern wollt
Von der köstlichen und edlen Beute,
Dichtergut verauktionier' ich heute
Um gemeines, schnödes Erdengold.

Dichterträume, leicht, jedoch gediegen,
Damit fange den Verkauf ich an:
Schöner als auf jedem Äroplan
Könnt ihr gleich darauf zum Himmel fliegen.
Nur heranspaziert, geliebte Zahler!
Stück für Stück, solide Konstruktion,
Kostet einen armen blanken Taler;
Wenn wer kauft, so hat sogar die Wahl er.
Siebzigtausend hängen zur Auktion! –«

(Siebzigtausend Taler sind ein Geldchen!
Ei, da reibe ich mir schon die Hände;
Wenn ich nicht zu viel davon verschwende,
Reicht das für ein Haus und für ein Wäldchen.
Niemand darf das Häuschen drin erraten,
So ein Wäldchen, moosig und verschwiegen,
Recht für Liebeswort und Liebestaten!
Träume werde ich schon wieder kriegen,
Denn die schießen bei mir wie Tomaten! . . .)

– »Wenn die Siebzigtausend, wie gebührlich,
Fabelhaften Absatz nun gefunden,
Alsdann biet' ich meinen werten Kunden
– Für ein stattlich Klümpchen Geld natürlich –
Die gesamte Dichterpraxis an.
Eine Dichterpraxis ist zu kaufen!!
Nur heranspaziert! Ich fürchte, man
Wird geradezu mich überlaufen . . .
Dreimalhunderttausend! Nur heran! –«

(Ach, kaum wage ich das auszudenken,
Vor Entzücken pfeif' ich mir ein Liedchen!
Dreimalhunderttausend! Welch Profitchen!
Einen See kann ich dem Wäldchen schenken,
Einen See, so einen weiten blauen –!
In die Uferfelsen – feine Sache –
Lass' ich eine Liebesgrotte hauen . . .
Meine Praxis? Daß ich nur nicht lache!
Keinen Stadel könnt' ich davon bauen . . .)

»Doch zum Schluß, Geliebte, kommt das Beste:
Seht, hier leg' mein Dichterherz ich nieder,
Groß und heiß und immer voller Lieder. –
Nur heranspaziert, bewährte Gäste!
Um ein solches Kleinod zu erringen,
Das zum Gott euch macht, da heißt es freilich
Auch einmal ein kleines Opfer bringen,
Und der Preis ist immerhin verzeihlich:
Drei Millionen . . . nun, wer läßt sie springen?«

(– Drei Millionen! – Heizt den Luxusdampfer!
Einen prima Koch in die Kajüte,
Und dann übers Land der Lotosblüte
Weiter zu Con-fut-se, Tee und Kampfer!
Männer her, die dienend mich verehren!
Denn kein Herz macht mir von jetzt ab Faxen . . .
Und vielleicht – kann ich's nicht ganz entbehren,
Läßt's der liebe Gott auch wieder wachsen.
Vorwärts! Drei Millionen heißt's verzehren!)

»Also – angefangen, liebe Leute,
Wenn ihr etwas noch erwischen wollt
Für gemeines, schnödes Erdengold
Von der köstlichen und edlen Beute!« . . .
»– Niemand? – Wie? – Was? – Bürger, ist das möglich? –
Nicht ein einzig Angebot? – O Schande!
Meine schönen Pläne scheitern kläglich. –
Diese ganz verständnislose Bande!!
– Ich verachte dieses Volk unsäglich! –


Der schwüle Abend

Gänzlich lahm ist Geist und Wille –
Diese Schwüle ist verteufelt;
Wie ein Gift ist ihre Stille,
Das in träge Säfte träufelt.

Sieben kleine Hexen sitzen
Grübelnd auf dem Galgensteine,
Ihre weißen Beinchen lauern
Auf die Nacht und auf das Eine.

Wenn sie dieses noch versäumen,
Bleibt vom ganzen Hexenspiele
Schließlich nur ein dumpfes Träumen
Von dem großen Besenstiele!


Des Dichters Erlebnis

In des alten Schlosses Park
Irrsalt der Poet verdrossen –
Ach, er gab das Trinkgeld karg,
Und man hat ihn eingeschlossen.

»Dieser kahle Kastellan,
Dieser nüchterne Vertreter
Alles dessen, was profan!
Warum schloß der Kerl nicht später?

Warum schloß er nicht zur Zeit,
Die ihm amtlich vorgeschrieben?
Unfreiwillige Einsamkeit
Kann kein wahrer Dichter lieben!«

– Und er rüttelt, und er schwitzt,
Spröde zeigt sich jede Türe;
Ha, des Schlosses Hüter sitzt
Höhnend jetzt wohl gar beim Biere! –

Schon enttaucht der erste Stern
Den erlauchten Edelsichten –
Pah, ein Stern; ist man modern,
Braucht man keinen Stern zum Dichten.

Außerdem, im Freien? Nein!
Nur am Schreibtisch wird gestaltet!
Dort nur kann man Schöpfer sein –
Alles andre ist veraltet.

Überhaupt, in Zorn und Zwang
Fügt sich einem keine Zeile;
Nicht der kleinste Versedrang
Meldet sich, nur Langeweile . . .

– Leider bleibt ihm keine Wahl,
Niemand hört den Ärmsten rufen,
Und am breiten Hauptportal
Sinkt er auf die Marmorstufen.

Dreimal flucht er gähnend noch
Auf den kahlen Patriarchen,
Der so schnöd von dannen kroch –
Dann beginnt er mild zu schnarchen . . .
– – – – – – – – – – – –

Aber hört nur, was geschah:
Grade heute paßt's den Musen,
Die in Stein gehauen da
Mit höchst unverhülltem Busen –

Grade heute also paßt es
Ihnen, sich herabzulassen
Und die Fremdgestalt des Gastes
Näher in das Aug' zu fassen.
Polyhymna grübelnd spricht:
»Dieses also ist ein Dichter?
Schnarchen tut er rhythmisch nicht,
Und sein Mund klafft wie ein Trichter.« –

Und Kalliove bleibt stumm,
Und Euterpe sagt verdrossen:
»Grade so von hinten rum
Unschön liegt er hingegossen!«

Und Erato schüttelt sich:
Ȁhnlich sieht er einem Affen,
Nein, ich habe sicherlich
Nie mit diesem hier zu schaffen.«

Nur Terpsichore, die lacht:
»Bei der göttlichen Athene,
Wenn dies Männlein Sprunge macht!
Seht doch nur die krummen Beene!«

Ach, da lacht das alte Schloß,
Und da lachen Bäum' und Pflanzen,
Und der ganze Musentroß
Fängt besessen an zu tanzen.

Ja, es schlingt die muntre Neun
Um den schlafenden Poeten
Einen höchst grotesken Reihn:
»Nein, hier sind wir nicht vonnöten!

Habe Dank, Apoll, daß du
Uns bereits zu Stein verwandelt,
Ehe unsre Musenruh'
Dieses Exemplar verschandelt.«

Eine jede endlich steigt
Lachend wieder auf die Säule –
Und der tiefe Garten schweigt,
Nur im Turm schreit eine Eule. – –

Doch nun wird der Dichter wach,
Und er reibt sich seinen Rücken,
Denn er fühlt sich herzlich schwach,
Und die engen Stiefel drücken.

»Das bekommt mir sicher schlecht;
Dieses alten Gauners wegen,
Der zu schließen sich erfrecht,
Hab' ich elend hier gelegen!

Und dazu – was träumt' ich nur?
Neun verdrehte Weiber sprangen
Um mich von der Nacktkultur –
Himmel, neun! Das könnte langen!
– – – – – – – – – – – –

Und es tät den Dichter grusen –
Leute, seht, so kann es gehn,
Wenn der Dichter und die Musen
Sich nicht kennen und verstehn!




V Kleinigkeiten



Moderne Familie

Fern im Norden weilt der Gatte zwischen Fugen und Etüden,
Komponiert auf Mord und Totschlag, da ihm dies Talent beschieden,
Kinderchen besitzt man keine. Dieses hat man streng vermieden.
Keine Maus, kein einzig Mäuslein stört des Hauses edlen Frieden,
Und das Geld vermalt die Gattin herrlich im geweihten Süden!

Einem Streber

Sprich, was kannst du denn erzielen?
Heißt nicht höchste Menschlichkeit,
Still gesondert von den Vielen,
Bei den wechselvollen Spielen
Und Gefährten seiner Zeit
Gott genießend in sich fühlen? –

Der Wohltätigkeitsverein

O Seifenblasen – schöne leere Worte!
Ich sehe staunend, wie sie eurem Munde
Prunkvoll entschweben, und zur selben Stunde
Verzuckt das Leben röchelnd an der Pforte!

An einen moralischen Freund

Auf den Rat, der gut gemeint,
Meine Antwort kurz zu fassen:
Meine Straße, lieber Freund,
Ist mir leider vorgeschrieben:
Ich muß möglichst häufig lieben
Und das Fasten Andern lassen!«

Einem Unverständigen

Was mußtest du das Schweigen, ernst und schwer,
Das Melodie für mich geworden wär',
Mit armen Worten unterbrechen?
Man darf im Heiligtum von altersher
Nicht von den Dingen dieser Erde sprechen!


In einem verräucherten Weinlokal

Laßt mich, Kinder, ich ersticke,
Muß ich diese schlechte, dicke
Luft noch weiter in mich fressen
Und aus diesen trüben Humpen
Solchen Wein hier in mich pumpen!
Lieber auf dem Kräuterwalle
Hinterm alten Gänsestalle
Sauf' ich solo unterdessen
Eine goldne Sonnenbowle
Und verlästere euch alle –
Daß dies Nest der Teufel hole!


Albumvers für einen Ehemann

Der alte Brauch ward nicht gebrochen;
Man probt den Wein, das Faß wird angestochen!
– Der Wein war gut. – Da war das Fazit das:
Du Schlemmer kauftest dir das ganze Faß.



VI Lieder



Die Lerche

So weit das Auge sieht
Ringsher nur braune Schollen,
Die gerne grünen wollen.
Eine Lerche tanzt ihr Lied!

Eine Lerche tanzt ihr Lied!
Ich lausche und verstehe,
Daß, wo ich nun auch gehe,
Der Frühling mit mir zieht.


Der Garten

Einen weiten bunten Garten
Gab ein Gott mir einst zu warten,
Und er sprach: Nun pflege sein!
lind es sproßten aller Enden
Blumen unter meinen Händen;
Tausend Arten nannt' ich mein.

Und nun sollt' ich all die Blüten,
Meine lieben bunten Blüten,
Die die zarten Beete fassen,
Um den heiligen Herd zu hüten,
Diesen grauen Herd zu hüten,
Welken und verdorren lassen?


Der Junitanz auf der Bergwiese

»– Ach sieh nur, die Botschaft, die man mir gab!
Ich trug sie behutsam zu dir hinab.

Im Blühen trieb ich da oben um,
Ein singendes Evangelium;

Und jeder Halm, jeder Stempelknauf
Hängte ein Flöckchen Liebe mir auf.

Ich sage dir, Liebster, das ist eine Last,
Wenn man sich so mit der Liebe befaßt!

Von oben bis unten bin ich übersät –
Nun mach' ich den Wind, der zum Brauttanz weht!

Nun mach' ich den Sturm, der da rüttelt und packt:
Da tanzt es, das Völkchen, im göttlichen Takt!

Da wimmelt und wogt es, gebläht und geschwellt,
Sucht jedes ein Plätzchen, das ihm gefällt!

Sucht jedes sein Schätzchen – nur ich armes Tier
Steh' gänzlich verwaist da – Komm, tanze mit mir!« –


Ahnung

Rosen treibt die abendliche Stille,
Und ich flechte einen Kranz daraus,
Und die Nacht, die ewige Sibylle,
Schleicht derweilen langsam um das Haus.

Was sie raunt, das kann ich nicht ergründen,
Doch ich ahne, was der Morgen bringt,
Wenn von meinen letzten Liebessünden
Jeder Fink in Busch und Heide singt!


An einen Goldregenstrauch

Lade mich, Lieber, zu Gaste
In dein durchkühltes Gemach,
Daß ich ein wenig nur raste
Unter dem üppigen Dach!

Ach, was erzählen die Leute
Töricht von giftigem Hauch?
Mir bist ein Heiltrank du heute,
Krauser, gesegneter Strauch!

Blaut durch die goldenen Ranken
Zu mir der Himmel hinein,
Lacht er vom Gift der Gedanken
Gnädig die Seele mir rein.

Und wenn in zärtlichem Winde
Blüte auf Blüte sich schwellt,
Wird einem träumenden Kinde
Wieder zum Wunder die Welt!


Lied der glücklichen Mutter

Rudert, meine wilden Knaben,
So löst sich euch das Leben!
Wind und Wellen sollen euch haben,
Und die Sonne will ich euch geben!

Taucht sie ins Wasser mit zitternden Strahlen,
Will ich sie lachend fangen und fassen
Und meiner Hände schimmernde Schalen
Über euch glitzernd sich leeren lassen.

Bräunlichter Glieder unendliche Schöne,
Allen niederen Zwanges entbunden,
Weckst du die Stimmen verblichener Töne
Und die Erinnerung bräutlicher Stunden?

Stunden, die euch empfangen haben
Und einer Ewigkeit Inhalt geben! –
Rudert, meine wilden Knaben,
So löst sich euch das Leben!


Ein Abzählvers für meine Buben

Ubi katschi montapi,
Ubi katschi montapi;
Monta dema, sono pük,
Sono pük – todema!

Inta Patsche sinta pu!
Jnta Patsche sinta pu!
Semi sonta, pidli far,
Pidli far – mi sonta!


Des Dichters Antwort

»– Was willst du tun, wenn der Rebe Laub
Sich krümmt und bräunt und verdorrt?« –
– »Dann setz' ich den Stab in den Wegestaub
Und wandere südwärts fort!« –

»Und wenn nun die Herbstangst, die Spinne dir
Die Seele mit Netzen umzieht?«
– »Dann frißt mir mein Vöglein das gräuliche Tier,
Dann befreit aus dem Netz sie ein Lied!«


Traurige Landschaft

Ein kahles Feld, ein magrer Rain,
Ein Pfad an grauem Meilenstein!
Inmitten welker Blüten
Zerfällt ein kleines Sommerhaus;
Sein kurzer lichter Traum ist aus,
Die Liebe schritt zur Tür hinaus –
Wer will des Traumes hüten?


Herbstrausch

Rings im erntefrohen Land
Hangen goldne Früchte;
Laßt mich, daß ich noch einmal
In den Segen flüchte,
Eh' der Sturm ins rote Land
Wie ein Schatten fällt,
Eh' des Gärtners kühle Hand
Letzte Lese hält!

Unterm krausen Eschenbaum
Will ich atmend liegen,
Bunt wird sich der Waldessaum
In die Wolken schmiegen,
Augen, reif wie alter Wein
Wandern in die Runde,
Und es wird dort oben mein
Eine seltne Stunde.

Eine Stunde, die vergißt,
Daß viel Wetter trafen,
Daß der Garten müde ist
Und die Lieder schlafen,
Daß in herber Jahresfrohn
Schon das Feld getragen,
Daß zwei wilde Knaben schon
Mutter zu mir sagen.

Rings im ernteschweren Tal
Hangen goldne Früchte;
Laßt mich, daß ich noch einmal
In den Segen flüchte,
Eh' der Sturm ins rote Land
Wie ein Räuber fällt,
Eh' des Todes kühle Hand
Letzte Lese hält.


Altweibersommer

Längs dem Wegrand, rot und golden
Glühen Berberitzendolden,
Strauch an Strauch – um einen jeden
Ziehn Altweibersommerfäden.

Weiß und unbegreiflich weben
Sie in all dem Farbenlodern
Brücken zwischen Tod und Leben,
Zwischen Blühen und Vermodern!



VII Gedankliches



Nach der Weinlese

Nun stehn die kleinen Pforten alle offen,
Die talwärts zu den Rebenhängen führen!
Kein Wächter eilt, sie nächtens zu verschließen.
Der Wächter Amt ist aus. Sie schwelgen wohl
Im jungen Wein bereits und reden trunken . . .
Die Reben aber, ihres Schmucks beraubt,
Der Schwere und der Süße ihrer Trauben,
Entsenden Blatt für Blatt zur Erde wieder
Und kräuseln müde ihre dürren Ranken.
Wie Frauen, deren Haare alternd bleichen,
Die niemand mehr sich Mühe gibt zu hüten,
Weil keine Süßigkeit gefährdet ist
Und keiner Frucht mehr Räuber schändend nahen,
So liegen sie an den verlaßnen Straßen
Im Moderkranz der fahlen Lauben da,
Und selbst die kleinen Wasser wandern träger
Dem großen Strom der breiten Tale zu.


Der Hügel am Flusse
(eine Abendbetrachtung)

Hier stockt der Fuß, hier strecken sich die Glieder
In seidnes Gras zu Füßen wilder Schlehen,
Und hier muß nun die Seele immer wieder
Die Schattenstraße des Vergangnen gehen:

Ein sandiger Uferpfad zuerst nur, schlängelt
Sie kraus durch Heide und durch dürres Feld,
Wo still der Schnitter seine Sense dengelt
Und ernst der Bauer dürftiges Land bestellt –

Wie schmiegen sich ins Licht der ersten Träume
Von Leben und von Kindertändeleien
Der silbergrünen jungen Weidenbäume
Endlos sich wiegende, verschlungene Reihen!

Ein brauner Kinderleib taucht in die Wellen,
Und schmale Glieder schaukeln sich behende
Auf Zweigen, die in blaue Weiten schnellen . . .
Nur Frühling ist es, Frühling und kein Ende!

– Wie schmiegt sich in die Zeit des Überganges
Vom Knaben–Mädchen zu der Grüblerin
Das satte Gelb des Uferwiesenhanges
Und seines Blühens tief versteckter Sinn!

Der Sinn der Knospe, die sich strafft und rundet
Wie junges Fleisch im kühlen Morgenbad!
Der Zweck der Frucht wird heimlich scheu erkundet,
Im Buch der Sehnsucht dreht sich Blatt um Blatt . . .

Und breiter wird der Weg. Die Heiden weichen,
Schnellpulsig treibt des Lebensstromes Lauf,
Und eine Landschaft, üppig ohnegleichen,
Tut sich dem Weib in Sturm und Sonne auf.

Doch selbst in diese Jahre der Vollendung,
Des Liebesdreiklangs und der Mutterlust
Senkt sich der Ruf von unerfüllter Sendung
Wie Stachel in die schwer bedrückte Brust.

Ein Tag stellt seinen Bruder stets zur Rede,
Weil nicht Gelingen seiner Sehnsucht ward,
Und von den Nächten ahnt es eine jede,
Wie trübe Hoffnung auf das Morgen harrt. – –

Nun schmiedet sich von Ring zu Ring die Kette,
Ein Sommer reicht dem andern schnell die Hand –
Wenn ich den Gipfel erst erwandert hätte,
Wie zeigte sich mir dann ringsher mein Land?

Ich zage oft. Der Freunde Schar wird kleiner,
Doch ständig größer wächst der Pflichten Last,
Und von den letzten Monden schied wohl keiner,
Wo mir mein Weibtum bitter nicht verhaßt.

Wann wird mir nur die Ruhe, die ich suche,
Zur Morgengabe, daß ich sie beseele?
Wann spricht der Geist: »Du lebtest, Mensch, nun buche,
Was du gelebt! Du lebtest – nun erzähle!« –?

Leb' wohl, Bohème!

Müde ward ich nunmehr der Torheit in dunstigen Schenken,
Und ich frage mich oft: Wie nur ertrugst du den Lärm,
Wie ertrugst du so lang die Luft jener stickigen Stuben,
Wo in Becher der Lust heimliche Tränen gemischt?
Und der emsigen Schar auf flinken Schiffen vergleichbar,
Die in eilender Hast giftigen Küsten entflieht,
Und ihr kostbarstes Gut in reinere Lande sich rettet,
Segelt ballastbeschwert – Sehnsucht geht mit ihm an Bord,
Liebe kürzt ihm den Weg – das tüchtige Volk der Gedanken,
Den Gefilden des Geists dürstend und hoffnungsvoll zu:
Dort in Ehrfurcht gesellt dem einen, dem anderen Meister
Atmet es freiere Luft, sieht es ein würdiger' Ziel!