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Rudolf G. Binding – Die Geige

Vier Novellen

Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a. Main, 1922

DIE WAFFENBRÜDER

Es ist noch nicht lange her, daß in einer Stadt im Westen unseres Landes, wie keine schönere gleich einer lächelnden Frau ihre Füße in den Wellen eines raschfließenden Stromes badet und ihr Antlitz in seinem Spiegel betrachtet, sich die Geschichte zutrug, die ich hier erzählen will. Obzwar sie sich recht eigentlich im Herzen jener Stadt abgespielt hat und es Blut dabei gab und Tränen, so hat sie davon wohl kaum etwas gespürt; und wenn sie etwas von ihr bemerkte, so hat sie es im Herzen bewahrt, treu und verschwiegen, wie es gut war und notwendig; denn sie ist – auch hierin den Frauen gleichend – minder schwatzhaft als minder schöne. Jetzt aber, da – nach kaum zwanzig Jahren – niemand mehr übrig ist, dem die Erzählung dieser Begebenheiten einen Schmerz erneuern könnte, und die Geschichte schon dem unermeßlichen Meere der Vergessenheit zurollt, das, gnädig und grausam, die Schicksale der Menschen in sich aufnimmt, scheint es an der Zeit, sie diesem Ende zu entreißen. Denn selbst der letzte und gewichtigste, wenn auch stumme Zeuge, welcher ihren Ausgang gesehen hat, ist gefallen, da ich jüngst eines Abends vor den Trümmern des Hauses stand, in welchem sie zum Austrag kam.

Es war das Haus, in dem zu unserer Studentenzeit unser Fechtmeister wohnte und seinen Fechtboden hielt; nicht der von der Universitätsbehörde angestellte, bei dem man die herkömmlichen Gänge unter Geklirr und Getrampel erlernte, sondern einer, der die feine Kunst auf eigene Hand übte und lehrte, und ein sonderlicher vor andern, wie die Bibel sagen würde. Noch waren die Arbeiter, um ihres Tages Mühen zu enden, am Werk, die letzte Mauer niederzureißen; aus dem weißen Schutt ragten einige Dielen des knorrigen, abgetretenen Fußbodens, auf dem wir bei unseren jugendlichen Ausfällen gestanden hatten. Als die Mauer mit den hilflosen, leeren Fensteröffnungen kraftlos fiel und eine Wolke gelblichen feinen Staubes mir die formlosen, in sich zusammengesunkenen Trümmer verhüllte, wurde ich seltsam angerührt; wie von einem leisen Zauber. Ich ging nach Hause, fast wie geleitet; und er bannte mich, die Schattenschleier festzuhalten, die er in der wachsenden Dämmerung um mich heraufzog.

Dies aber war es, was ich ergriff.

Im Kriege gegen Frankreich fochten auf deutscher Seite in einem jener Reiterregimenter, denen die langatmigen Attacken von Mars-la-Tour und Vionville zu reiten beschieden waren, zwei junge Männer Seite an Seite, welche die gemeinsame Mühsal des Krieges in einer engeren Kameradschaft aneinanderschloß, als es die Verkettung, die ihr späteres Leben verband, je vermocht hätte. Es war Daniel Roux, trotz seines französischen Namens ein guter Deutscher und seines Zeichens Fechtmeister, und Thomas Woller, in Friedenszeiten wohlbestellter Waffen- und Messerschmied.

Daniel, der seinem Namen und seiner Herkunft als für seinen eigenen Wert ganz unwesentlichen Dingen nicht nachzugehen für gut befand, stammte wohl aus einem eingewanderten Geschlecht, war aber aus den Grenzlanden gebürtig; wenigstens besagte das sein Taufschein, der auf einen kleinen Ort im Badischen lautete. Aber nie hat ihn jemand von seiner Heimat, von Vater oder Mutter oder irgendeiner Familienbeziehung reden hören, und selbst die entfernten Vettern, die ein jeder hat, gab es für Daniel Roux in keinem Teil der bewohnten Erde. Das erwähnte Taufzeugnis, welches er notgedrungen gegen die ihm gänzlich überflüssig und neugierig erscheinenden Fragen der Behörden als einzigen Beleg seines Daseins mit sich führte, pflegte er, wenn er es wirklich einmal vorlegen mußte, nach Möglichkeit zu entkräften, indem er darüber so obenhin die Bemerkung fallen ließ, Wasser und Pfaffen gebe es überall auf der Welt; als ob er gefürchtet hätte, daß das fatale Papier ihm irgendeine Art Erkenntlichkeit oder Anhänglichkeit gegen den darin namhaft gemachten Ort auferlege. Solche Empfindungen fanden nämlich nicht den kleinsten Raum in seinem Herzen, welches wie das eines Vogels war, der, einmal flügge geworden, nicht wieder an das Nest zurückdenkt, in dem er ausgebrütet wurde.

Wenn Daniel Roux eine erkleckliche Anzahl von Jahrhunderten eher auf die Welt gekommen wäre, so würde er unfehlbar ein fahrender Ritter geworden sein; und ein solcher von der feinen Art, wie es vielleicht einer seiner Vorfahren im ritterfrohen Frankreich gewesen war. Denn woher er diesen Hang hatte, den keinerlei Anschauung aus Büchern oder bildlicher Darstellung geboren und keinerlei Vorbild oder Anleitung großgezogen haben konnte, ist ihm selbst immerdar dunkel geblieben. Doch waren es keine aus der Zeit fallenden Träume von mittelalterlichen Waffenfahrten und Turnieren, die ihn beseelten, und ebensowenig zog es ihn, die Waffenführung als ein Handwerk zu erlernen, das seinen Mann nährt. Ein künstlerischer, ja fast virtuoser Geist war vielmehr in ihm mächtig: denn das Waffenspiel betrachtete er wie eine Kunst, der man sich ergeben könne, gleich irgendeiner andern; und es war die blanke Klinge, besonders aber die des krummen Reitersäbels, welche er zu seinem Instrument machte, das er spielen lernen wollte, wie ein Meister. Ihr brachte er alle seine jugendliche Neigung entgegen, und ein feingeschmiedetes Stück, das er mit natürlichem Gefühl bald von anderen handwerksmäßigen zu unterscheiden vermochte, konnte er ebenso verliebt, verträumt und in einer Art Ehrfurcht betrachten, wie etwa ein großer Violinspieler eine aus den kunstfertigen Händen der Stradivari oder Amati hervorgegangene Geige.

So erlernte Daniel Roux die Fechtkunst; und dies da, wo sie in deutschen Landen ihre gehegte Zuflucht und Pflege hatte, also bei den studentischen Fechtmeistern besonders des Südens und Westens. Da aber Daniel, wie jeder wirkliche Künstler, sozusagen ein geborener Meister war, so konnten ihm seine Lehrer, denen er als Gehilfe seine Dienste anbot, bald nichts mehr beibringen, denn er führte seine Klinge nicht anders als Michelangelo seinen Meißel, Rembrandt seinen Stichel oder Paganini seinen Bogen; und so erwog er schon in seinem Innern den Gedanken, auszuwandern, um in anderen Ländern ebenbürtige Rivalen zu suchen, die er hier nicht mehr traf, als ihn die Pflicht, im Heere zu dienen, auf einige Jahre an die wenig geachtete Heimat band. Wie er dabei in das preußische Reiterregiment kam, in dem er später gegen Frankreich zu Felde zog, ist nicht klar; aber Daniel, dem die Heimatlosigkeit des Künstlers im Blute lag, kümmerte diese Frage ganz und gar nicht, und es war ihm genug, irgendwo den Flamberg nach Herzenslust schwingen zu können, was er denn auch weidlich tat, wennschon der Reitersäbel ungefüger war, als die fein ausbalancierten Klingen, die er zu schlagen pflegte.

Von der ritterlich-fahrenden Art des Fechtmeisters war die Thomas Wollers, des Waffenschmieds, weit genug verschieden. Denn er, der einem alten Solinger Geschlecht mit einem ebenso alten Handwerk entstammte, war vor dem Kriege schon seßhaft in jener Stadt, die im Eingang dieser Geschichte genau genug beschrieben wurde. Dorthin hatte ihn wegen seiner Kunstfertigkeit, die feinsten chirurgischen Messer und absonderlichsten Instrumente zu schmieden, die auch heutzutage noch der Kunst der Hand vorbehalten sind, ein berühmter Arzt der Universität berufen, dem er trefflich in die Hände zu arbeiten wußte. Die Studenten aber holten sich bei ihm die scharfen Klingen für ihre Mensuren und seltenen ernsthafteren Waffengänge; denn sie mußten immer vom Besten haben, und Thomas Woller stand in dem Ruf, daß er auf Verlangen selbst eine Klinge nach toledanischer oder damaszener Art hätte schmieden können, wenn sie’s hätten bezahlen mögen.

Wenn vergangene Zeiten aus Daniel Roux einen fahrenden Ritter gemacht hätten, so wäre Thomas Woller nun und nimmer etwas anderes geworden, als er war. Denn er liebte sein Handwerk nicht nur als sein eigenes, sondern auch als das seiner Vorfahren und betrieb es in einer besonderen vornehmen Art und Führung, wie nur solche pflegen, die einen überkommenen Ruf zu hüten haben; und so hätte er sich für einen Stümper gehalten, wenn er nicht alle die sorgfältig bewahrten Kunstgriffe und Schmiedegeheimnisse gekannt und anzuwenden gewußt hätte wie die Besten seines Namens. Als der Feldzug begann, konnte er seine Werkstatt wohlbestellt einem graubärtigen Gesellen überantworten und brauchte nicht zu fürchten, daß der Krieg sein Handwerk ohne Arbeit lassen würde.

Es war auf dem Kasernenhof ihres Regiments in X, daß sich Daniel Roux und Thomas Woller das erstemal von Angesicht zu Angesicht erblickten. Dort standen sie unter der Menge der anderen, die der Mobilmachungsbefehl zur gleichen Stunde auf dem Platz versammelt hatte, geduldig und ungeduldig zugleich darauf wartend, daß sie zu den einzelnen Schwadronen überwiesen und eingekleidet würden. Eine kecke Julisonne überblitzte wohlgefällig den Haufen der mannhaften Streiter, als ob sie sich die hübschesten hätte hervorsuchen wollen, und auch die Leute blitzten sich aus hellen Augen an, gegenseitig sich musternd und Kameradschaft suchend.

Aus einiger Entfernung trafen sich auch die Blicke von Daniel Roux und Thomas Woller, und bei den wiederholentlichen Begegnungen und kurzen Ruhepausen, die sie ihren Augen auf ihren Wanderungen durch das sich nur wenig verschiebende Getreibe der übrigen wechselweise gestatteten, fanden die beiden Männer jenes selbstverständliche Gefallen aneinander, das sich in unwillkürlichem Vergleichen und Aussuchen alsbald für den schmucksten Burschen in einer Menge entscheidet.

Und als solcher mußte jeder der beiden dem andern erscheinen. Denn obgleich sie eigentlich nicht besser oder teurer gekleidet waren, als die meisten des Trupps, so schienen sie es doch, indem sie als Leute, die etwas auf sich hielten, mit einiger Sorgfalt nur solche Kleidungsstücke für sich ausgewählt hatten, die zu ihrem Wesen paßten und ihrer Größe angemessen waren. Diese Geringfügigkeit unterschied sie für ihr eigenes Auge alsbald hinreichend von den andern in ihrer unachtsameren und daher so oft unkleidsamen Ausstaffierung. Und überdies schienen sie anders auf ihren Füßen zu stehen, anders in die Sonne zu blicken, anders Haupt und Nacken zu tragen, wie die Masse der übrigen; als ob zwei Hochgebirgstannen unter einen Haufen braver Fichten geraten seien, die im Sandboden um ihr Wachstum kämpfend groß geworden waren.

Daniel und Thomas beobachteten den gesprächsuchenden Kameraden gegenüber eine gewisse Zurückhaltung, die jedoch nicht darin ihren Grund hatte, daß sie sich etwas Besseres dünkten als jene, sondern vielmehr das Zeichen einer nachdenklichen und selbstgenügsamen Überlegenheit über die unruhigen, fragelustigen und antwortbedürftigen Jünglinge war, die sich bald zu kleinen, schwarzen, summenden Inseln auf dem sonnenbestrahlten Pflaster zusammenzogen, um so die langen Stunden des Wartens besser zu überstehen. Auf diese Weise kam es, daß zwischen Roux und Woller sich eine Art Fahrwasser auftat, das die ausgebreiteten Massen der Männer zuvor gesperrt hatten, nur hin und wieder für die Augen einen Durchblick offen lassend. In ihrer kühleren und wenig mitteilsamen Haltung sahen sich Daniel und Thomas plötzlich, wenn auch unabsichtlich, von den anderen gemieden und standen eine ganze Weile dergestalt isoliert in der gesprächigen Inselwelt, jeder trotzig den kleinen Platz behauptend, den ihnen ihre kleinen sauberen Koffer bezeichneten, die sie vor sich aufgepflanzt hatten.

Es dauerte denn nicht gar zu lange, daß Thomas Woller zwischen den nun gefestigten Inseln auf Daniel Roux lossteuerte, als ob er unbewußt einer leise treibenden Strömung folge; wobei er indes, um den ursprünglichen Verankerungsplatz und somit alle Selbständigkeit nicht voreilig aufzugeben, seinen Koffer auf den vier rundköpfigen Steinen des Hofs beließ, die er bedeckte. Jedoch empfing ihn Daniel nicht so, daß er sich auf das Gepäckstück hätte zurückziehen müssen; vielmehr fand er es ganz natürlich, daß sie zueinander strebten, und für richtig, daß einer damit den Anfang mache. Als Thomas an Daniel herantrat, hatte dieser gerade das einfache Behältnis seiner Habseligkeiten geöffnet und suchte mit einer gewissen Zärtlichkeit einen geeigneten Platz für ein schweres Rasiermesser, das er, in der Höhlung eines kurzen Streichriemens geborgen, wie solche zum Schärfen und täglichen Herrichten der Messerklinge gebräuchlich sind, aus der Innentasche seines Rocks gezogen hatte. Irgendwie wollte er ihm später schon in die Sattelpacktasche verhelfen.

»Die Franzen werden uns wohl nicht jeden Tag Zeit lassen, uns das Giebelfeld abzuputzen«, sagte Thomas halb belustigt, als er den Eifer Daniels sah.

»Man kann aber doch seinem Feind und vielleicht seinem Schöpfer nicht wie ein Räuber gegenübertreten,« meinte Daniel noch über den offenen Koffer gebeugt; »und dann: man soll eine gute Klinge niemals im Stich lassen.«

Thomas konnte noch nichts davon wissen, daß in der Tat Daniel lieber dem schönsten Mädchen mit einem rauhen Kinn unter die Augen gekommen, als unrasiert zu einem Waffengang ausgezogen wäre; denn das ging ihm geradenwegs gegen Gefühl und Ehre. Aber wenn Thomas die etwas wunderliche Achtung Daniels vor seinem Feind und seinem Schöpfer vorläufig nicht verstand und daher die ersten Worte des Fechtmeisters fast überhörte, so gefiel ihm dessen Hochachtung vor einer guten Klinge um so besser. Und so war er plötzlich darauf neugierig geworden, die Bekanntschaft dieses Rasiermessers zu machen, von dem der vor ihm beschäftigte Mann wie von einem guten verläßlichen Kameraden gesprochen hatte, der wert war, daß man ihn niemals verlasse. Also sagte er: »Darf ich die Klinge einmal sehn? Ich verstehe mich etwas darauf.«

Daniel richtete sich auf und reichte ihm wortlos und mit einem leisen Stolz, daß er damit vielleicht an einen Kenner gekommen, der ihn nach Gebühr bewundern werde, den gepriesenen Schatz hin. Thomas nahm das Messer aus seinem Behältnis, schlug die Klinge mit geübter Hand auf und lächelte leicht, als sein prüfender Blick auf dem Heft eingedrückt einen kleinen gespreizt daherschreitenden Hahn gewahrte, der ihm nicht nur die sofortige Gewißheit gab, daß das Messer aus seiner Werkstatt stamme, sondern daß es eine von ihm selbst geprüfte Klinge sei. Ja, er hatte sie wohl gelegentlich mit eigener Hand als eine Art Meisterstück geschmiedet, wie er es aus unbezwinglicher Neigung und Hochachtung vor der feinen, gefühlvollen Arbeit der Hand gegenüber der der Maschinen hin und wieder noch zu fertigen sich übte. Denn nur auf solche Messer und Waffen, die nach seiner Ansicht dieses ehrwürdige Zeichen in Ehren zu tragen verdienten, pflegte er den Hahn zu schlagen, uraltem Brauch getreu, der ihm von seinen Vorfahren überliefert war. »Wer einen Woller schwingt, ist wohlbewahrt«, hieß ein alter Spruch aus den Zeiten, als die Solinger Schwertfeger ihren Ruf über die Grenzen deutschen Ritter- und Kriegertums hinaus verbreiteten und die Solinger Beschauzeichen nicht geringer geachtet wurden, als der berühmte Wolf von Passau und die besten spanischen und morgenländischen Marken.

In diesem Augenblicke aber begrüßte Thomas das wohlbekannte Zeichen auf der Daniel gehörigen Klinge stillvergnügt und folgerichtig als eine innere erfreuliche Beziehung und bedeutsame Verknüpfung seiner Person mit der Daniels, die ihm recht zu geben schien, daß er ihm auf den ersten Blick gefallen und den ersten Schritt zu einer Annäherung getan hatte. Indessen behielt er seine Beobachtung und seine Empfindung für sich und hätte auch gar keine Zeit gehabt, sie zu äußern, da Daniel ihm rasch seinen Schatz wieder aus der Hand nahm und in seinem Köfferchen barg, welches er eilig zuschlug und verschloß.

Denn, wie es nach langem Warten immer ist, daß das erwartete Ereignis unversehens vor einem steht, so stand es in diesem Moment in Gestalt des Regimentsschreibers und eines Offiziers vor dem Schwarm der noch redenden und nun beinahe erschrockenen jungen Leute. Daniel hatte ihr Nahen bemerkt und sich in Positur setzen können, wie man damals noch sehr militärisch sagte; Thomas aber traf ihr Erscheinen so unvorbereitet, daß er nicht einmal die kurze Entfernung bis zu seinem verlassenen Habsal zurücklegen konnte und dergestalt, als ob er Daniel Roux und dessen Koffer zugehörte, neben diesen beiden die Befehle des Geschicks erwartete. Dieses sprach aus dem Munde des Schreibers, der bei der Begebenheit für die aufhorchenden Mannschaften entschieden die gewichtigere Persönlichkeit war, während der Offizier bei jedem Namen, den jener ausrief, nur dessen Träger, wenn er sich vortretend zu ihm bekannte, rasch und scharf ansah, als ob er prüfen müsse, ob der Name auch wirklich auf den damit Angetanen passe wie ein militärisches Bekleidungsstück.

Thomas und Daniel spannten unwillkürlich jeder fast mehr auf den Namen des andern, den sie auf diesem Wege erfahren sollten, als auf den eigenen; und während der verlesende Regimentsschreiber hierbei allmählich mehr in die Tiefen des Abc hinabtauchte und von den kleinen Inseln, die sich gebildet hatten, immer mehr abbröckelte, kümmerte es die beiden weniger, welchem der vier großen Haufen, die den Zuwachs zu den einzelnen Schwadronen darstellten, jeder zufließen würde, als vielmehr, ob sie beide dem nämlichen einverleibt würden und damit ihre innere Zugehörigkeit gleichsam vom Schicksal bestätigt werden sollte.

Es fügte sich in der Tat so, und Daniel und Thomas, schlank und hochgewachsen wie sie waren, würden nach den damaligen Rangierungsgrundsätzen buchstäblich Seite an Seite gefochten haben, wenn man nicht Roux, der ein feiner Reiter mit einer leichten Hand war, ein schwieriges und empfindliches Pferd anvertraut hätte, das im zweiten Glied ging, während Thomas im ersten ritt.

So hielt denn Daniel bei der ersten Aufstellung des Regiments hinter Thomas und bildete mit ihm eine Rotte; und dadurch kam ihm wie von selbst schon die Empfindung, als könne er über der vor ihm reitenden, ihm wohlgefälligen Gestalt Wollers, wenn nicht eine schützende Hand, so doch eine abwehrende Klinge halten, sobald er nur sein Pferd herandrängte. Woller dagegen fühlte sich in dem Schutze, den er hinter sich wußte, wohlgeborgen und freute sich, seinerseits nötigenfalls mit seinem Leibe seinen Hintermann decken zu dürfen. Und so bildete sich, im Verlauf der Marschtage schon und ehe noch das Regiment mit dem Feind in Berührung gekommen war, eine uneingestandene Waffenbrüderschaft zwischen den beiden, nicht gefordert und nicht bewußt gewährt, sondern stillschweigend geübt und in der Folge treu gehalten, nicht anders und nicht schlechter, als wenn sie sich eine solche geschworen und nach altertümlichem Brauch zur Bekräftigung ihres Bündnisses ihr Blut getrunken hätten.

Der Führer der Schwadron, ein kleiner beleibter Rittmeister mit dünnen Beinchen und fast zu zierlichen Füßchen, der einen guten Blick für seine Leute hatte, fand bald heraus, daß zwischen Roux und Woller eine förderliche Übereinstimmung bestand, die ihre Tatkraft und ihre Gewandtheit in allen Verrichtungen wechselseitig erhöhte; und er machte sich das zunutze, indem er sie gewissermaßen als eine unzerlegbare Einheit betrachtete, die man vernünftigerweise nicht in Brüche legen dürfe. Wenn es also für Daniel eine Patrouille zu reiten oder eine Vedette zu stellen gab, so war auch Thomas dazu befehligt, ja beinahe selbstverständlich mitgemeint. Die Waffenbrüder selbst aber fühlten sich in ihrer Einmütigkeit ganz und gar als zwei auswechselbare Größen, von denen die eine jederzeit für die andere eintreten könne oder sogar kraft innerer Notwendigkeit eintreten müsse. Dies bis zum Verhängnisvollen. Denn als die Schwadron eines Morgens aus einer Ortsunterkunft ausrückte und der Wachtmeister die Vollzähligkeit seiner Schar durch ein rasches Verlesen der Namensliste aus seinem roten Buch, das er wie ein Symbol unter dem Waffenrock auf dem Herzen trug, nachprüfen wollte, beantwortete das Aufrufen von Roux kein anderer als Woller mit einem vernehmlichen »Hier«. Denn Daniel, der gerade noch mit einem hübschen Franzosenkind zum Abschied herumscharmutzierte, hatte sich aus diesem triftigen Grunde verspätet und konnte also nicht antworten. Thomas wußte nicht, daß Daniel nicht auf seinem Platz hinter ihm hielt, da er sich nicht umgeschaut und ihn kurz zuvor noch beim Verlassen des Gehöfts gesehen hatte, in dem sie zur Nacht untergebracht gewesen waren. Als der Wachtmeister den Namen des Fehlenden ein zweites Mal wiederholte, fühlte sich Thomas berufen, für ihn zu antworten als sein verantwortliches zweites Selbst, und meldete sich ohne Arg und in aller Treuherzigkeit zur Stelle. Der gestrenge Unterbefehlshaber sträubte sich in seinem Waffenglanze wie ein Truthahn in seinem Gefieder, besann sich auf seine besten Flüche und rauschte in gewichtigem Galopp auf den nichts Böses ahnenden Woller zu, den er in seinem die ganze Gegenwart vergessenden Zorn totzustechen wünschte, welche Drohung er, da Woller dabei ganz ruhig blieb, dahin steigerte, daß er ihn acht Tage einzusperren versprach. Erst das Erscheinen des Rittmeisters, der hinter seinem Bäuchlein herreitend wie ein Friedensengel dahergeschaukelt kam, rettete Thomas vor einer im Felde entehrenden Strafe. Denn als dieser ihn zur Rede setzte und Woller ihm erwiderte, er habe geglaubt, daß es ihm gelte, verstand er ihn und freute sich seiner beiden aneinandergewachsenen Reiter.

Es ist sicher, daß, wenn der Tod nach einem gefragt hätte, der andere ebenso für den Gerufenen eingetreten wäre, wie bei dieser Gelegenheit. Aber es schien fast, als ob die Waffenbrüder für ihn zu viel seien, da er darauf hätte verzichten müssen, sie einzeln zu holen. Denn selbst an dem Tage, an dem auch ihr Regiment eingesetzt wurde um Tod und Ehre ohne Sieg, als nur noch zusammenhanglose Trümmer seiner Schwadronen aus der entsetzlichen Wolke zurückflatterten, die Rauch und Blut, Schweiß und schwärzendes Pulver, Granatsplitter und pfeifende Geschosse, Ächzen und erstickte Schreie in den langgezogenen Säulen der unter Tausenden von Pferdehufen aufsteigenden staubenden Erde der Felder zum Himmel emportrug wie einen einzigen braunroten Brand, trug sie das Schicksal gemeinsam heraus. Die langgezogene Attacke des Regiments erstarb fast an der zu weiten Entfernung, von der es durch tiefe Äcker, die den Pferden den Atem nahmen, auf die feindlichen Schwadronen anzureiten hatte. Die erschöpften französischen Batterien auf einem niedrigen Hügelzuge wurden kaum noch von diesen gedeckt; die geschlossene Front der Angreifer lockerte und lichtete sich, und die galoppierenden Pferde, obgleich sie das Beste gaben, schienen fast stillzustehen: da schob sich Daniel mit einem plötzlichen Vorstoß in die Lücke, die sich neben Thomas auftat, wild und schön, nicht anders als der Kriegsgott neben seinem Liebling Hektor erschien in den trojanischen Gefilden. Seite an Seite preschten die Waffenbrüder in ein halb aufgegebenes, in Staub und Dampf kaum sichtbares Geschütz.

Daniels Pferd stürzte über ein Rad, so daß der Fechtmeister mit erhobenem Säbel kopfüber aus dem Sattel fiel. Mann und Pferd, im Sturz weit voneinander getrennt, erhoben sich indessen nach wenigen Augenblicken unverletzt, und Daniel ergriff das Tier wieder. Nur die Klinge seines Säbels war im Fall zwischen den Speichen kurz über dem Gefäß abgebrochen, das er noch sinnenlos und schwankend in der Faust hielt.

So fand ihn Thomas, der nach kurzem nutzlosen Handgemenge mit einem Häuflein von hilflos bei den Geschützen stehenden Kanonieren Umschau nach ihm hielt; und da sie im Rücken den sammelnden Ruf ihrer Trompeten aufschrillen hörten, hielt er vom Sattel aus Daniels Pferd, um ihn aufsitzen zu machen und gemeinsam mit ihm zurückzureiten. Aber Daniel war anderen Sinnes. »Man kann doch nicht ohne Säbel in der Welt herumreiten«, rief er dem wartenden Gefährten ärgerlich zu und warf den Korb verächtlich dahin, wo er die Klinge vermutete, die ihn so schmachvoll im Stich gelassen hatte. Thomas wußte von den seltsam ritterlichen Grundsätzen Daniels schon genug, um zu erkennen, daß er ihn nicht leichten Kaufs waffenlos von der Stelle kriegen würde. Er sah sich also, ebenso wie Daniel, nach etwas um, das einem Reitersäbel ähnlich war, denn die geraden schlechten Bewehrungen der gefallenen französischen Kanoniere betrachtete Daniel nur mit Mißbilligung. Weiter rückwärts hätten sie freilich genug preußische Reitersäbel aufgefunden; aber daran dachten sie nicht, sondern langsam und niedergeschlagen, mit den Augen umhersuchend, gingen sie schrittweise zurück, wie zwei Müde; Thomas im Sattel, Daniel zu Fuße, sein Pferd am langen Zügel führend.

Thomas sprang ab; er hatte an der Erde eine schön geschwungene Klinge bemerkt, die einem vornehmen französischen Reiteroffizier aus der getroffenen Hand entfallen sein mochte, und als er sie aufhob, sah er alsbald, daß er selbst mit seiner besten Kunst keine bessere hätte aus dem Feuer ziehen können. Und wie er den starken Stahl, auf einen Feldstein aufgestemmt, prüfend zum Kreise bog, erwiderte er seine Kraft mit einer gleichen, scheinbar unwiderstehlich wachsenden und schnellte kraftvoll in die schnurgerade Linie seiner Schneide zurück. Wohlgefällig bemerkte Thomas die ihm bekannte Erscheinung und reichte den Säbel befriedigt seinem Waffenbruder.

»Da, nimm,« sagte er; »dieser wird dich nicht verraten.« – Daniel empfing die Klinge aus der Hand des Freundes beinahe wie etwas Heiliges, und kaum hatte er gefühlt, wie ihr ausgeglichenes Gewicht in seiner Rechten lag, als er in den Sattel sprang, ein paar lustige Lufthiebe tat, dann aber fast betroffen die Waffe in die breite Scheide seines alten Säbels barg, als ob er sich darüber schäme, sie zu einer Spielerei mißbraucht zu haben. Darauf setzten sie ihre Pferde, die neue Kraft gesammelt hatten, in Galopp zur Suche nach den Resten ihrer Schwadron; und in ihr Schweigen klirrte mit hellem Ton die erbeutete Klinge in ihrem zu weiten Behältnis.

Am folgenden Morgen mußte Daniel den Besitz seiner neuen Waffe gegen den Wachtmeister verfechten, der nach dem schweren Tag genug Säbel von Schwerverwundeten übrig hatte, um zu vermeiden, daß sich seine Reiter mit Waffen begnügen müßten, die nicht der preußischen Vorschrift entsprachen und also ganz und gar unbrauchbar waren. Aber der kurze Rittmeister dachte anders; er betrachtete die Klinge von oben bis unten und dann seinen Reiter von oben bis unten und schien zu meinen, daß sie einander wert seien. Und er gab sie ihm ruhig zurück; denn er hatte ein Gefühl für Zusammengehörigkeiten. Nur die sichere Bettung seines neuen Schatzes in der nicht dafür gebauten Scheide machte Daniel noch einige unruhige Stunden; aber Thomas wußte Rat und zog mit kundiger Hand die beiden Späne, welche die Klinge in ihrem Behältnis federnd festhalten, ein wenig enger an; und sie klirrte nicht mehr eigenwillig darin herum und brauchte sich ihres Platzes an des Fechtmeisters Seite nicht zu schämen.

Aber, als ob sie von Stund an einer anderen Bestimmung vorbehalten bleiben sollte: Daniel hat sie in keinem Gefecht mehr auf das Haupt eines Franzmannes geschwungen. Denn seine Schwadron kam nicht mehr an den Feind, und die ferneren Kriegserlebnisse der Freunde waren die ihrer Truppe, deren Geschichte jedermann kennt oder nachlesen mag, wenn er sie nicht kennt.

Der Friede war gemacht, und Thomas zog heim; aber mit ihm in stillschweigendem Einverständnis ließ sich Daniel von der lächelnden Stadt an dem raschfließenden Strom aufnehmen, in der er seine Kunst ebenso üben konnte wie in irgendeiner andern, wo es Studenten gab; und seine Kostbarkeiten, die erbeutete Waffe ohne Koppelriemen unter dem Arm, und das Rasiermesser mit dem schreitenden Hahn in der Rocktasche, nahmen ebendahin ihren Einzug.

Thomas Woller war die Fortdauer ihrer Waffenbrüderschaft ebenso selbstverständlich wie Daniel Roux, und jeder hielt sich gebunden, die guten und bösen Stunden des Friedens so miteinander zu teilen wie die Gefahren des Krieges. Und so hätte Thomas keine Sorgen zu haben brauchen, daß einmal der mächtige Wandertrieb bei Daniel die Oberhand über jene erringen könnte. Es war deshalb nicht aus diesem Grunde, daß er ihn bestimmte, einen eigenen Fechtboden einzurichten und sich selbst als Meister aufzutun.

Daniel mietete also, beinahe gehorsam und etwas in Angst, wie er sich seßhaft ausnehmen würde, ein paar hohe leere Zimmer mit vergitterten Fenstern in einem altertümlichen schmucklosen Hause, das halb in die Stadtmauer eingebaut war und für menschliche Wohnungen nicht mehr benutzt wurde; denn es sollte schon damals mitsamt der Mauer, deren Teil es geworden, niedergerissen werden, und so fand sich, trotzdem es sozusagen um nichts zu haben war, niemand, der hinein wollte, um vielleicht am nächsten Tage wieder hinaus zu müssen. Auch Daniel bezog es unter dieser Gefahr, die ihm indes in seiner Leichtbeweglichkeit nichts ausmachte: aber das alte Haus überdauerte sie beinahe zwanzig Jahr, wie die meisten Dinge, die dem Untergang geweiht sind, daraus die Berechtigung zu schöpfen scheinen, erst recht langlebig sich aufzuführen.

Als Daniel die Einrichtung seines Fechtsaals durch Befestigung seines Beutesäbels in gehöriger Höhe an der schönsten Wand beendet und einen anderen Raum durch Niederlegung seines Rasiermessers auf der Fensterbank als Schlafkammer gekennzeichnet hatte, übernahm der häusliche Thomas, dem diese Ausstattung unzulänglich schien, das übrige. Daniel sträubte sich nicht dagegen, daß eine kleine Wohnlichkeit aus des Waffenschmieds Haus in das seine verbracht wurde; denn er hatte die unbefangene Empfindung, daß jeder für den anderen leiste, was er könne, und Bitte und Dank waren bei ihnen unförderliche Überanstrengungen. Nur als Thomas auch eine Anzahl von Waffen aller Art, Rapiere, Schläger und Säbel in allen Formen, und dazu noch Fechthauben und Kettenbinden aus seiner Werkstatt auf dem neuen Fechtboden unterbringen ließ, redete Daniel drein und sagte, er werde diese Dinge nicht ohne Entgelt annehmen, denn sie gehörten zu seinem Geschäft. Da lachte Thomas und erwiderte, vom Geschäft verstehe Daniel nichts und werde nie etwas davon verstehen; und wenns denn durchaus vergolten sein müsse, so könne er ja dereinst seinen Sohn in der Fechtkunst unterweisen; dafür, so habe er sich vorgenommen, werde er ihn ganz sicherlich nicht entgelten. Indes sagte er das nur so und dachte gar nicht daran, eine Frau zu nehmen, geschweige denn, daß er einen Sohn aufzuweisen vermocht hätte. Allein es schien, als ob Thomas mit diesen beiden Bemerkungen den Teufel oder, wenn man will, zwei Teufel an die Wand gemalt hätte; denn nicht nur, daß Daniel es wirklich zeit seines Lebens nicht zu einem der Größe seiner Kunst und seines Rufs angemessenen Erwerb brachte – was nicht zu verwundern war, da es ihm in Grunde gleichgültig schien, ob man ihn bezahle, und unangenehm, wenn man ihn bezahlte: es vergingen auch keine vier Wochen, da war Thomas Woller verliebt wie ein Schüler und, nach weiteren sieben Tagen, zu heiraten entschlossen, wie ein Mann.

Thomas ging, um seinem Waffenbruder diese unangenehme Verschiebung seines Innern mitzuteilen. Worauf Daniel sich alsbald, mit leichten Schritten auf seinem Fechtboden auf und nieder gehend, rasierte wie für seinen besten Feind, sich sorgfältig ankleidete und, nachdem er mit diesen Prozeduren fertig war, zu Thomas sagte: »Ich werde also für dich freien gehen.« Thomas schien dieses Vorgehen zwar etwas rasch, da er selbst noch gar nicht mit dem Mädchen darüber gesprochen, sondern nur, wie Daniel wisse, beim Waldfest der Bürgervereinigung mit ihr allein die ganze Nacht getanzt habe. Da er indessen sehr für Deutlichkeit war, schien es nichts zu verschlagen, wenn Daniel für ihn bei dem Mädchen eine Botschaft ausrichtete, welche in dieser Beziehung nichts zu wünschen ließ.

Gertrud Lenz, welcher Thomas’ Gedanken und Daniels Gang galten, war nicht eingeboren in dieser Stadt, sondern vor einigen Jahren zur Unterstützung ihres um vieles älteren Bruders zugezogen, der ein wenig stromaufwärts, wo die Weinberge schon begannen, für die Stadt die Posthalterei betrieb. Mit dieser war von alters her eine große Weinwirtschaft verbunden gewesen, wo man den besten Landwein der ganzen Gegend bekam und frische Fische aus dem Fluß dazu. Daher die Studentenschaft ihre abendlichen Ausflüge oft und gern »in den Lenz« richtete, wie sie den Ort nach seinem Besitzer nannten, wobei denn der Name und die Vorstellung auch etwas tat, um ihn angenehm zu machen. Doch hatte Lenz, der Bruder, schon seit geraumer Zeit wegen Krankheit die Wirtschaft pachtweise abgeben müssen, und am Ende wäre die Posthalterei dem nämlichen Schicksal nicht entronnen öder ihm gar entzogen worden, wenn er nicht in der Person seiner tapfern und klugen jungen Schwester sich rechtzeitig einen brauchbaren Stellvertreter herangezogen hätte. Und da der ganze Betrieb gut im Gang war, brachte sie es auch fertig, ihn ohne den Bruder fortzusetzen, den ein sich steigerndes Atemleiden fast das ganze Jahr hoch hinauf in die Berge trieb. Aber wenn er ab und zu auf einige Wochen ins Tal kam, um nach dem Rechten zu sehen, konnte er ihm immer wieder alsbald den Rücken kehren, denn Gertrud wirtschaftete mit einer unverbrauchten Kraft darauflos, daß dem Bruder, sooft ers ansah, erst recht der Atem ausging; und wenn sie wohl manchmal auch eine Anordnung traf und einen Befehl gab, über den er den Kopf geschüttelt hätte, so merkten doch die Postkutscher, Knechte und Stalleute, daß kommandiert wurde und die Zügel in festen Händen seien; und in dieser Gewißheit fühlten sie sich am wohlsten. Da Gertrud so mit genügender Selbstherrlichkeit nach unten auftrat, um sich Achtung zu verschaffen, nach oben aber wohlweislich alles im Namen ihres Bruders zu vertreten wußte, ließ man sie gewähren. Denn Lenz war ein geachteter Mann, den man ungern verloren hätte.

Zu dieser kleinen Herrscherin machte sich nun Daniel mit der Botschaft seines Freundes auf und fand sie, wie sie gerade gefolgt von ihrem Wagenmeister und ihrem ersten Stallaufseher ihr Reich befuhr, das mit den mancherlei weiten Höfen, langen Ställen, Scheunen und Wagenunterständen ein umfangreiches Gebiet darstellte. Da sie ihre Reise bei dem Erscheinen Daniels in dem breiten Torweg nicht zu unterbrechen für gut befand, bat sie ihn, drüben in den platanenbeschatteten Garten der Weinwirtschaft zu treten und eine kurze Weile auf sie zu warten; denn sie hatte sein etwas feierliches Auftreten in so früher Vormittagsstunde sogleich auf sich bezogen.

So saß denn Daniel vor einem Viertel Roten in dem jetzt ganz stillen Garten und setzte sich in Gedanken die schönste Rede für seinen Schützling zusammen. Die Bienen summten unaufhörlich ihre eintönige, vergessenmachende Weise über seinem Kopf, und durch das Laubdach blinkten dreieckige schwankende Sonnenlichter in sein Glas, neckten ihn mit ihrem Farbentanz und störten ihn im Memorieren. Und je mehr er sich sagte, daß er für Thomas sprechen wolle wie für sich selbst, desto schlimmer wurde es, und die deutsche Sprache schien ihm eine recht stachlige und unzulängliche Erfindung zu sein. Seine Sendung, die er in so gutem Glauben übernommen, kam ihm auf einmal verfrüht, schief, unhöflich, lächerlich und was nicht alles vor, und das erstemal in seinem Leben dachte er an so etwas wie einen Rückzug.

Da trat auch schon Gertrud in den Platanengang und setzte sich freimütig an den schmalen Tisch ihm gegenüber, was Daniel für einen Angriff beengend nahe fand; denn es war sehr viel näher als die Länge eines ordentlichen Ausfalls. Aber da das Mädchen ihn offen und aufmerksam ansah, faßte er sich und brachte seinen Auftrag mit Worten, die ihm gerade kamen, so warm und ursprünglich vor, wie er es mit wohlgesetzten gar nicht vermocht hätte. Da merkte Gertrud freilich, daß die Werbung ernst war, und die Worte gingen ihr süß ein. Denn auf jenem Waldfest hatte alle Welt von den beiden Freunden als zwei wackeren jungen Männern gesprochen, auf die man stolz sein dürfte, und jedermann wußte, daß sie den Tag von Vionville mitgemacht hatten. Wenn ihr also an sich schon ein Antrag von solcher Seite schmeichelhaft erscheinen durfte, so kam er ihr auch keineswegs unerwartet, wie Thomas wähnte. Denn sie hätte kein helläugiges Weib sein müssen, um nicht nach einer Sommernacht voll langer Tänze, vieler Blicke und scheinbar gleichgültiger Reden zu wissen, wohin eines Mannes Gedanken gingen, und zudem hatte sie ein wenig an ihrem eigenen Herzen, das nicht unbewegt geblieben war, ermessen können, wie es in dem von Thomas aussah.

Aber ihr Herz war das einer Frau; mit all dem wunderbaren Sich-ergeben-Wollen und all demwunderbaren Sich-weigern-Müssen. Das sprach zu ihr in diesem Augenblick. Und von einem süßen Stolz durchströmt, fühlte sie in sich das Verlangen erstehen, erst diese ernst-schmeichelnden Worte der Liebe auch aus dem Munde desjenigen, der sie ihr bot, als ein unterwürfiges Geständnis wiederholt zu hören, ehe sie sich ihnen ergab. »Ja, ja!« sagte sie seufzend nach einer kleinen Weile der Nachdenklichkeit. »Es wird wohl wieder so sein, daß der ›junge Lenz‹ einem der Herrlein den Kopf verdreht hat; wenn er es ernsthaft meinte, käme er wohl selbst und sagte es mir. Aber so weiß er wohl noch nicht, wie’s mit ihm steht, da er einen andern vorschickt, der für ihn sprechen muß.«

Gertrud durfte freilich solche Reden führen; denn seit sie in der Posthalterei eingezogen, war sie der Grund manches Liebesschmerzes unter den jungen Studenten geworden, bei denen sie, zur Unterscheidung von ihrem Bruder, »der junge Lenz« genannt wurde, was sie sich gern gefallen ließ. Daniel aber erblickte in ihren Worten ein fast beleidigendes Mißverstehen seiner Entsendung, mit welcher die Freunde gerade ihre Achtung, Ernsthaftigkeit und Feierlichkeit hatten dartun wollen. Er war schon bereit, dieser Abwehr einen scharfen Hieb folgen zu lassen, als er sich besann und schwieg; wodurch denn Gertrud Zeit gewann, sich ihrerseits ein kleines Mehr zu leisten, indem sie sagte: »Und dann kann man sich doch sagen, daß man mich nicht in einer Nacht gewinnt. Und: guten Tag, Herr Roux.«

Sie war aufgestanden, knickste und schritt, sehr zufrieden mit sich, eilig dem Eingang ihres Hofes zu, als ob sie nur aufgehalten worden wäre und nun allerhand Wichtiges nachholen müsse.

Daniel hätte sich kaum viel aus ihren Worten gemacht, wenn sie ihm gegolten hätten; nun sie aber Thomas angingen, legte er ihnen mehr und vielleicht zuviel Gewicht bei, und sie blieben wach in seinem Gedächtnis als ein leiser trübender Hauch auf dem Ehrenschild seines Waffenbruders, den selbst er nicht davor zu schützen vermocht hatte. Er war also ein wenig überrascht, als Thomas auf seinen Bericht vom Ausgang seiner Botschaft nicht allzusehr betroffen war, sondern sogar irgendeine Hoffnung darin zu ersehen schien. Denn er umwarb von nun an den hochgemuten jungen Lenz wie einen schönen Preis, den man durch Ausdauer endlich zu gewinnen hofft.

Gertruds Betragen schien freilich der Auffassung Daniels recht zu geben, daß sie mit Thomas nur ein Spiel treibe. Sie nahm zwar seine Aufmerksamkeiten und Huldigungen, mit denen er sie auszuzeichnen wußte, nicht ungern entgegen; aber offenbar nur als etwas, das sie möglichst lang genießen und nach allen Richtungen erproben wolle, um gleichsam die Ausdehnung ihrer Herrschaft bis an die äußersten Grenzen kennen zu lernen. Da sie sah, wie in einem großen Betrieb alles nach ihrem Pfeifchen tanzte, hätte sie sich etwas zu vergeben geglaubt, würde sie sich jetzt, blind ihrem Herzen folgend, beim ersten Ansturm unterworfen haben; nur ein Stärkerer als sie sollte sie gewinnen. So setzte sie Thomas einen wohlbedachten Widerstand entgegen, und eine heimliche Freude erfüllte sie, wenn er sich nicht abschrecken ließ, sondern die Stürme erneute, wobei Daniel, so gut er konnte, die Leitern hielt.

Übrigens hatte sie auch einen mehr äußerlichen Grund, den Bewerbungen Thomas’ nicht gleich Raum zu geben. Denn sie wünschte ihr Jawort, das er ja doch einmal erhalten würde, nicht hinter dem Rücken ihres Bruders zu geben und wäre sich fahnenflüchtig vorgekommen, wenn sie die Herrschaft, in der er sie eingesetzt, geräumt und im Stich gelassen hätte, ohne daß er diese in aller Form wieder von ihren Schultern genommen. Dies aber stand in Bälde zu erwarten, da an dem bevorstehenden Fest der Weinlese Lenz, der ältere, wie üblich von seinen Bergen herunterkommen wollte, diesmal aber sein Anwesen nicht von neuem zu verlassen, sondern wieder selbst zu leiten gesonnen war. Ihrer Obwaltung entsetzt, glaubte sie dann Thomas freier gegenüberzustehn und wollte sich erst einmal ansehen, wie sich die ganze Sache in solchem Licht ausnehme.

Die Weinlese kam und mit ihr ein großes abendliches Fest von Bürgern und Studenten, Winzern und Gutsherrn der Umgegend, dazwischen Frauen und Mädchen jedes Standes, mit Tanz und Trachten im »Lenz«. Unter dem Platanendach der beiden weiten Terrassen, in die man die sanfte Flußböschung geebnet hatte, drängten sich an den langen Tischen die Menschen Seite an Seite, und ein ewig beweglicher jugendlicher Strom ergoß sich aus dem geöffneten Hausflur und flutete zugleich in entgegengesetzter Richtung in ihn zurück; denn durch ihn gelangte man zu dem großen Tanzboden, wo unaufhörlich ein lustiger Wirbel kreiste, dessen Zufluß und Abfluß unveränderlich zu sein schien. Auch Gertrud Lenz hatte ein wohlbewahrtes prächtiges Kostüm ihrer Heimat an, und Thomas Woller tanzte mit ihr, sooft sie wollte, vorauf sie dann beide gemeinsam zu dem Tisch unter den Platanen zurückkehrten, an dem Gertruds Bruder eine Art Oberherrschaft führte. Daniel war wie immer mit ihm erschienen und ließ kein Mädchen aus, das ihm einen Tanz wert schien.

Die Nacht sank tiefer herab; die Reihen unter den Bäumen lichteten sich, und die älteren Leute gingen nach Haus. Als Thomas und Gertrud einmal wieder von einem Tanz zurückkehrten, fanden sie ihren Tisch leer und setzten sich allein in das Dunkel, da die Windlichter schon weggetragen waren. Ein noch vollbesetzter Tisch in der Nachbarschaft, an dem kecke Reden und Späße junger Winzer und ihrer Mädchen gingen, störte sie kaum, und Thomas, der die Tore von Gertruds Herzen an jenem Abend wanken gefühlt hatte, glaubte die Gelegenheit wahrnehmen zu sollen, das Äußerste einzusetzen, sie sich zu öffnen. Und er schüttete ihr sein Herz aus, ehrlich und gerade, mannhaft und rückhaltlos; bis zu dem Gelöbnis, falls sie sein würde, alles für sie zu tun und zu wagen, was eine Frau von einem Mann verlangen könne.

Freude schwellte ihre Brust, als sie ihn so reden hörte; aber sie raufte in Gedanken gern ein wenig mit denen, die sie liebte, weil das ihrer Kraft guttat. Also sagte sie: » Was soll ich einem darauf antworten, der noch nicht einmal ein rechter Mann ist!« Und sie schlenkerte mit den Füßen nachlässig unter der Bank hin und her, daß es scharrte. »Wie das?« fragte er, und das Blut schoß ihm zu Kopf.

»Je nun,« erwiderte sie und wollte ihm weh tun, »würdest doch nicht einmal, wie wohl jeder der Burschen, da drüben am Tisch, die mit ihren Mädeln sitzen, für einen Kuß und auch noch für was mehr bei mir einsteigen.« Aber sie wußte dabei wohl, daß keiner, auch der kühnste nicht, es gewagt hätte, ihr auf diese oder jene Weise nahe zu kommen; sie hätte ihm übel heimgeleuchtet. Da sie nun Thomas starr emporfahren sah, da schlenkerte sie freilich nicht mehr und hätte gern ihre Worte ungesagt gemacht. Sie sah ihn sich entfernen und wollte ihn mit einem lieben Wort zurückrufen, aber bestürzt über sich selbst, fand sie es nicht. Thomas aber ging, und wenn er auch fühlte, daß all das nicht ernsthaft gemeint war, so schmerzte es ihn doch gerade um deswillen nach dem tiefen Ernst seiner Rede um so mehr. Am Eingang des Hauses lief er Daniel in die Hände, dem er in kurzen Worten sagte, was geschehen war, und darauf verließ er das Fest.

Von einer nie gefühlten Angst war Gertrud an ihren Platz gebannt, als Daniel vor sie trat und sie einigemal von Kopf bis zu Fuß mit seinen Blicken aus ernstfunkelnden Augen bestrich. Er hatte wohl scharfe Worte für sie im Herzen, wie damals, als er für Thomas seine erste Werbung vorbrachte. Aber wie damals steckte er sie wieder ein wie ein gutes Schwert, das man nicht auf Weiber zückt. Starken Schrittes ging er nach dem Fluß hinunter und starrte abgewandt von dem Getriebe des Festes in die Nacht. Etwas mußte geschehen, das fühlte er, und wenn Thomas das Mädchen, das er liebte, nicht strafen wollte, was Daniel wohl begriff, so war er es ihrer gemeinsamen Ehre schuldig und sein Handeln so gut wie das des Freundes.

In der Ferne, weit hinter der Stadt, die er stromab am andern Ufer mit den Blicken suchte, flammte ab und zu ein düsterrotes Wetterleuchten auf, so daß ihre Türme in plötzlicher Schärfe dicht vor seinen Augen standen, und dann erleuchteten sich auch seine Gedanken in einer ungewissen Glut, wie Wetterleuchten; aber wenn er sie, eben noch klar gesehn, ergreifen wollte, wurde es wieder dunkel in ihm, und er kam zu keinem Entschluß.

Als er sich wieder umwandte, war Gertrud verschwunden. Heiß vor Liebe und Scham war sie um das große Wirtsgebäude herum über den Posthaltereihof nach ihrem Zimmer gelaufen, das über eine hölzerne überdachte Außentreppe hinweg mit zwei oder drei andern Gemächern, die sie für sich zu einer kleinen ungangbaren Festung umgewandelt hatte, zu erreichen war, mit seinen Fenstern aber nicht nach den Höfen, sondern nach der Bergwand zu schaute. Diese war hier steil nach den Außenwänden der Gebäude abgestochen und ließ nur in der Tiefe Raum für einen starken rauschenden Bach, der zwischen der abgedämmten Mauer und dem Hang eingezwängt dem Fluß zueilte. Dort hatte der Bach in früheren Zeiten ein Mühlrad getrieben, und der Radkasten stand noch, war aber jetzt in doppelter Weise anders nutzbar gemacht worden, indem sein Inneres für allerhand Stangen und Ruder, Netze und Bootshaken zum Aufenthalt diente, die für das Befischen des Stromes Verwendung fanden, wogegen das Dach, nun mit einem niedrigen Geländer versehen, vor den Fenstern des Fräuleins einen geräumigen Altan abgab, den sie durch eine in ihren Schlafraum führende Tür betrat.

Von drunten spritzte ihr der weiße Fall des Mühlbachs Kühlung zu, und von drüben atmete sie die nahe Bergwand mit ihrer Frische an. Aber das war es nicht, was Gertrud suchte. Sie trat in den Raum zurück, streifte Rock und Mieder, das brokatene Häubchen und die Schnallenschuhe hastig und heftig von sich, als müßte sie sich von etwas befreien, und setzte sich mit gesenkter Stirn auf den Rand ihres Bettes. Licht wagte sie nicht zu machen, als ob sie sich davor schämen müsse. Und so saß sie und klagte ihr Herz an, daß es nicht lauter gesprochen, und klagte ihre Sinne an, daß sie in Stumpfheit erloschen, und klagte ihren Hochmut an, der vor dem Fall käme. In einer tauben Verzweiflung, tränenlos mit geschlossenen Augen, schwankend vor Mutlosigkeit, stützte sie sich mit beiden Händen auf das Polster und verharrte so eine lange Zeit. Das Rauschen des Gießbachs bemächtigte sich ihrer Sinne, und am Ende gingen alle ihre Gedanken in ein mächtiges leeres Rauschen auf, betäubend, grausam, nichtsachtend, wühlend in einem gefühllosen steinernen Bett.

Unterdessen hatte Daniel, der sie in dem Tanzsaal und auf der Platanenterrasse nicht mehr sah, halb unbewußt, als ob er dem Gegenstand seiner Gedanken näher sein müsse, seinen Weg jenen Bergsturz hinauf genommen, der, wie ihm wohlbekannt war, ihren Gemächern gegenüber lag. Es war ihm nicht klar, was ihm diese Nähe nutzen solle; aber er suchte sie. Wie er nun auf dem rasch ansteigenden schmalen Zickzackpfade in Höhe ihrer Fenster gekommen und von dem hölzernen Wandeldach nur durch den tiefen, kaum einige Meter breiten Einschnitt des Mühlbachs getrennt war, mußte er an die Worte gedenken, die sie zu Thomas gesagt hatte, »würdest doch nicht einmal um einen Kuß bei mir einsteigen«, – und ein plötzlicher Gedanke durchzuckte ihn, klar und daher unter all den wirren, die ihn bestürmten, innerlich eifrig ergriffen: diese Worte an ihr Lügen zu strafen und ihr Tausende von Küssen gewaltsam zu rauben, zum ewigen Gemahnen, daß man nicht leichtfertig einen Mann zur Erfüllung dieses Wagnisses herausfordern dürfe. So, fuhr es ihm durch den Sinn, werde er seinen Waffenbruder rächen und zugleich der hochmütigen Schönen eine Lektion erteilen, die sie zeit ihres Lebens nicht vergessen würde.

In seinem noch nicht gemeisterten Zorn schien ihm plötzlich sein unbewußtes Heraufwandeln zu dieser Stelle eine Bedeutung zu gewinnen, wie wenn er dadurch diesem Gedanken hätte entgegenkommen sollen. Und er gab sich ihm um so mehr, gleichsam unbesorgt hin, als er sich durch die Unmöglichkeit der Ausführung offenbar geschützt sah; denn der schmale Abgrund war immerhin zu breit, um ihn ohne einen kräftigen Anlauf zu überspringen, und der Pfad gewährte ihm kaum einen Schritt Raum. Wie er aber die Vorstellung weiter spielte und dabei prüfend in die Tiefe sah, gewahrte er unten aus dem Fischereischuppen hervorragend eine Anzahl Stangen, wie solche zum Stoßen der Kähne auf dem tiefen Fluß verwendet wurden.

Und das Überspringen der Kluft begann ihn als körperliches Wagnis zu reizen. Er lief den Pfad hinab und hatte sich bald mit einem leichten schwippigen Bootshaken versehen, mit welchem er auf seinen Platz zurückkehrte. Noch kaum entschlossen, stieß er das eiserne hakige Ende in halber Höhe des Hanges in den Grund: da trug sie ihn in leichtem Schwung wie einen Jäger über den Bach auf die hölzerne Plattform, die ihm aus dem Dunkel entgegenkam. Durchrauscht von der Einförmigkeit ihrer Gedanken hatte Gertrud den federnden Aufschlag vor ihren Fenstern als einen fremden Ton wohl gehört, aber er schien ihr nur eine Verwirklichung dessen, woran sie soeben gedacht. Das Herz schlug ihr bis an die Kehle, ohne Angst, denn die kannte sie nicht, aber doch voller Zagen. Und unter dem zur Seite geschlagenen Vorhang sah sie durch die offene Altantüre die hohe Gestalt eines Mannes in das Dunkel des Raums treten.

Alle ihre Vorstellungen waren bei Thomas, all ihre Reue hatte nur ihm gegolten, alle ihre Gefühle schienen zu ihm hin zu fliehen. Nur er konnte es, durfte es wagen, bei ihr einzudringen, nur er sie strafen, nur er ihr verzeihen. Auf Gnade und Ungnade sich dem zu ergeben, den sie herausgefordert, das war alles, was sie noch wünschte. Und langsam und demütig schritt sie auf die Gestalt zu, die sie im Rahmen der Tür zu erkennen glaubte.

Wortlos stand Daniel, jetzt, wo das Nichtmehrzurückkönnen ihn vorwärts trieb, nur darauf bedacht, sie seine Überlegenheit fühlen zu lassen und die Rache für seinen Freund an ihren Lippen zu nehmen. Er fühlte ihre Nähe, und mit raschem Griff wollte er sich ihrer versichern. Gertrud, nicht darauf vorbereitet, Gewalt zu finden, entzog sich seiner Hand. Als Daniel aber ungestüm nachdrängte, widersetzte sie sich; denn einem Angreifer gedachte sie sich nicht zu unterwerfen.

Und ein schweigender Kampf begann. Nur einmal, fast gehaucht, halb fragend, halb drohend, kam es von ihrem Munde: »Thomas?!« Da aber Daniel nicht antwortete, sollte Thomas erfahren, daß sie sich keinem füge, der sich nicht zu erkennen gab. Sie wußte wohl, daß eine Frau, die sich wehrt, nicht leicht zu überwinden ist, und während sie freiwillig alles gegeben hätte, nicht das Leiseste sollte der Eindringling ihr abtrotzen können.

In der Tat wäre wohl die Kraft jedes Mannes am Ende an dem beharrlichen Widerstand des starken Mädchens erlahmt, und er hätte den Rückzug antreten müssen, den sie ihm anwies. Aber Daniels Ausdauer und Gewandtheit war in seiner Kunst gestählt, und schließlich, nach langem heißen Sträuben, ging ihr in seinen unablässigen Angriffen der Atem aus. Ohne ihr Schmerz zu bereiten, zwang er ihr die Hände auf den Rücken und beugte ihr Rumpf und Kopf über sie nach rückwärts. Er setzte seinen Mund auf den ihren und begann seine Rache.

Aber: o Wunder! In diesem Augenblick der Not erstand ihr ein unerwarteter Bundesgenosse. Die Natur, welche das Weib zu ihrem Liebling erkoren und jede seiner Niederlagen in einen Triumph zu verkehren weiß, mischte sich in den Kampf. Und Daniel fühlte, wie Gertrud, kaum merklich zuerst und verstohlen, die Küsse zu erwidern begann, mit denen er sie bedeckte. Er löste, wie erschrocken, seine Hände von den ihren und ließ sie frei. Sie aber wahrte ihren Vorteil. Zwei Arme schlangen sich um seinen Hals, ein klopfendes Herz schlug an seiner Brust, und ein heißer Atem verströmte sich mit dem seinen. Die Jugend sang und loderte in ihrem Leib und ergriff auch die Kraft des Mannes. Sie zog ihn zu sich nieder, zwanglos und doch mit zwingender Gewalt, und über beiden schlugen Wogen und Flammen zusammen.

Gertrud lag noch in einem ruhig atmenden Gefühl der Beglückung und beinahe des Stolzes, daß sie für den Schmerz hatte büßen dürfen, den sie dem Geliebten zugefügt hatte, als Daniel sie verließ. Er fand die Türe ihres Zimmers unverschlossen, und ein erster dämmernder Schein der Frühe zeigte ihm den Abstieg nach dem Hof. Der Hund drunten an der Schwelle bellte nicht nach dem, der aus den Gemächern seiner Herrin kam. Ruhig lag der weite Hof, nur von den Ställen rasselten gedämpft die Ketten. Durch die offene Einfahrt gewann er die verlassene Straße und wandelte langsam den Fluß hinab der Stadt zu. Ein strahlender Morgen erhob sich über ihr und grüßte sie wie eine Geliebte. Aber sein Gruß galt nicht auch ihm. Er wußte nicht, ob es Morgen um ihn war oder Nacht, und von seinen Gedanken umhüllt wie von einer Wolke schritt er dahin. Da kamen ihm im Wallen entlegener Empfindungen jene Worte in den Sinn, die Gertrud einst zu ihm gesagt hatte: »Und dann kann man sich doch sagen, daß man mich nicht in einer Nacht gewinnt.«

»Was für ein seltsames Wesen ist doch der Mensch,« sagte Daniel, »was für ein seltsames Wesen!«

Er ging in sein Haus, legte sich nieder und gab sich dem Schlaf, wie einer Zuflucht.

Gegen Abend machte Daniel sich auf, um Thomas sein Erlebnis zu berichten. Als er bei ihm eintrat, fand er dort Gertruds Bruder, der eine Botschaft von ihr an den Waffenschmied zu bestellen hatte. Sie stammte aber nicht von heute (denn Gertrud hatte ihn an dem Tage noch nicht gesehn): vielmehr hatte sie schon vor dem Feste mit ihm von Thomas’ Werbung gesprochen und ihre Neigung zu diesem dem Bruder nicht vorenthalten. Mit aller Absichtlichkeit hatte sie auch deswegen Thomas am verflossenen Abend zu ihrem Tisch unter den Bäumen gezogen und ihn damit öffentlich vor den Leuten ausgezeichnet. Sie war glücklich zu bemerken, daß er auch ihrem Bruder gefiel, und ihre herausfordernden Reden waren nur ihrem Übermut darüber und ihrer Rauflust entsprungen, denen sie die Zügel ließ; fühlte sie sich doch im Besitz des Geliebten sicher und glaubte sie doch sich jederzeit Einhalt tun zu können, wenn sie’s zu weit triebe. Da war nun Lenz, um seiner Schwester Antwort auf die Frage zu bringen, die Thomas einst durch Daniel Roux an sie hatte stellen lassen, wenn er diese Antwort noch als solche annehmen wolle: denn sie liebe ihn, wenn sie es auch in einem noch kindlichen Stolz nicht übers Herz bringen könne, solches mit Worten zu sagen, und werde ihm in sein Haus folgen, sobald er wolle, da sie frei sei und die von ihrem Bruder übernommenen Pflichten in seine Hände zurückgegeben habe.

Die Liebe hatte Thomas die spottenden Worte Gertruds, die sich in der Morgensonne ganz anders ausnahmen als unter der ernsten Schwüle der Platanen am gestrigen Abend, schon halb verzeihen lassen, und er ergriff die Botschaft mit beiden Händen. Der erste Zeuge seiner Freude war Daniel, dem wohl dabei eine Ahnung aufging, wem die Liebkosungen gegolten hatten, die ihm zugefallen waren. Aber im Angesicht seines Glücks konnte er nicht die Worte finden, dem Freunde zu sagen, was vorgefallen war; das Herz wollte ihm brechen.

Und er schwieg.

Das Geheimnis schien sich selbst bewahren zu wollen. Denn als Thomas, dem Gertrud nach den Ereignissen jener Nacht demütig und unterwürfig entgegenkam, derselben mit keinem Wort Erwähnung tat, da erstaunte sie, dankbar und stolz; und eine stille Bewunderung für seine Art ergriff sie. Sooft auch später im Verlauf der Zeit Gertrud absichtlich oder unabsichtlich an die Beleidigung, die sie ihm damals angetan, und an die Sühne, die sie gefunden, heranstreifte, immer wehrte er ihr mit einem feinen Wort oder einem stummen Blick, als ob das alles etwas Heiliges sei, das man wohl im stillen Dämmer der Erinnerung hüten, aber nicht ans Licht der Gegenwart ziehen dürfe. So wuchs ihre Bewunderung schließlich zu einer Scheu, und sie vermied es, davon zu sprechen.

Thomas führte Gertrud heim, sobald die Hochzeit zu bestellen war; aber sein hochfahrendes Wesen hatte der junge Lenz dort draußen gelassen, wo er einst die Herrschaft geführt hatte. Eine Hingebung ohnegleichen brachte sie Thomas dar, und als das Daniel gewahrte, merkte er wohl, was sein Werk daran war, und dankte es in Schweigen dem sie verbündenden Geschick, daß es ihn zu einer seltsamen Niederlage an die Stelle seines Waffenbruders hatte treten lassen.

So war es und blieb es zwischen den beiden Freunden, als Daniel eines Abends gegen die Dämmerung in die Werkstatt des Waffenschmiedes trat und etwas verwundert sah, wie Thomas gerade die letzte Hand an eine kunstvoll geschmiedete Klinge legte, die er offenbar tagsüber in eifriger Arbeit gefertigt hatte. Sie glich jener von Vionville auf ein Haar die Thomas oft von ihrem Platz genommen und prüfend und sinnend in der Hand gehalten hatte, wenn er Daniels Fechtboden besuchte; und Daniel sah, wie er das Federn des Stahls und seine Schärfe erprobte wie damals die seines Säbels auf dem Schlachtfelde. Als aber Thomas alles beendet, schlug er den schreitenden Hahn der Woller nahe an das glühende Heft.

Da schaute ihn Daniel fragend an, und Thomas sagte mit leuchtenden Augen: »Nicht wahr, wissen möchtest du, für wen der Säbel ist, dem ich den Hahn mitgebe? Nun, für keinen andern, als für meinen Sohn, den du lehren sollst, nach unserem Abkommen, ihn in Ehren zu führen und für seine Ehre, wenns not tut. Und hier ist er!« Er verschwand durch eine Tür in der Tiefe der Werkstatt und kehrte nach wenigen Augenblicken mit einem nackten zappelnden Etwas wieder, das er auf der flachen Hand trug und lachend und behutsam auf den noch warmen kleinen Amboß setzte, dessen er sich bedient hatte. Da griff das Wichtlein hilfesuchend um sich und faßte den Finger des Waffenschmieds wie einen Schwertknauf.

»Sieh,« sagte Thomas, »er ist noch keine Woche alt und schon schlank und gestreckt wie ein Stahlblatt. Der ganze Lenz lacht aus seinem Gesicht; aber die geraden Glieder, sagt Gertrud, habe er von mir, obgleich ich nicht einsehe, warum er die nicht ebenso von seiner Mutter erhalten haben soll, da die ihren doch auch nicht krumm sind. Ich zeige ihn dir aber, Daniel, weil ich wünschte, daß du ihn von seinen ersten Tagen an kennen möchtest und er von seinen ersten Tagen vertraut mit dir würde. Denn vielleicht wird es sein, daß du über seine Jugend wirst wachen müssen. Die Woller sind ein kurzlebig Geschlecht.«

Seine Stimme war allmählich in einen zarten Ernst verglitten, den selbst Daniel noch nicht an ihm kannte. Als Woller ihm schweigend die Hand hinstreckte wie zu einem Gelöbnis, gab er es ihm wortlos.

Im zwölften Jahre seines Glücks starb Thomas Woller zu der Zeit, als die Sicheln in den Feldern rauschten, wie hingemäht. Gertrud hegte sein Angedenken wie ein Kleinod, und ihr Knabe half ihr dabei. Da er aber gerade, seine ersten Rittergeschichten las, sagte er zu ihr, sie solle sich nicht grämen, er werde von nun ab für sie und ihre Ehre eintreten und das, wenn er erst ein Schwert schwingen könne, mit diesem in der Hand. Da nahm seine Mutter, obwohl sie ein Lächeln im Innern hatte und ihm gleich einem Rinde über das Haar strich, seine Worte wie die eines Mannes auf und antwortete ihm freundlich, daß sie seine Ritterdienste allezeit gern annehme. Der junge Woller war glücklich über dies geheime Amt, und eine fast schwärmerische Verehrung, die er als Knabe für sie trug, wandelte sich in eine männliche Ergebenheit und wachsame Liebe, wie er zum Jüngling heranwuchs.

Der junge Hermann Woller wurde aber der geradeste und aufrechteste Bursch, den man finden konnte, beides, an Leib und Gemüt; dafür sorgte Daniel Roux treulich. Er hatte wie ein Symbol seiner Patenschaft, die er damals vor dem nackten Kinde auf dem Amboß nach seiner Art übernommen, jenen Säbel aus der Werkstatt des Freundes erhalten, der den Hahn trug als ein spätes Meisterstück des Klingenschmieds. Der hing nun, sorglich gehütet, gekreuzt mit der Waffe von Vionville, die wie seine Schwester aussah, auf der Wand seines Fechtbodens. Ungezählte Male mußte der Fechtmeister dem forschenden Knaben die Geschichte der beiden Säbel erzählen; und wenn er sie dann von ihrem Ort herunternahm, um sie ihm zu zeigen, sagte der Junge oft begierig: »Der mit dem Hahn ist meiner.« Dann nickte Daniel.

Als ob ihm der Hang im Blute säße, verbrachte aber Hermann alles, was er an freien Stunden sich stehlen konnte, auf dem Fechtboden Daniels. Dann folgte er mit blitzenden Augen den Waffengängen, die des Fechtmeisters Schüler mit ihm zu bestehen hatten, und freute sich der Schläge, die um sein unbedecktes Haupt nagelten, das wie mit einem unsichtbaren Gewölbe umschützt schien; denn Daniel vermochte jeden Hieb von seinem Leib abzuwehren, soweit er gerade wollte. Des Nachts aber lag der Junge oft genug wach und focht die Gänge im Geiste nach, als ob ihn das alles verzweifelt viel anginge. Später, als er selbst Schläger und Säbel zu führen lernte, war es, als ob in seiner Gestalt und in seinen Bewegungen Daniel selbst wieder jung geworden wäre. Er stand dem Meister gegenüber bald seinen Mann, und wer die beiden gesehen hat, wenn sie sich mit den Waffen in der Hand entgegenträten, der gestand, daß er nie zwei schönere Mannsgestalten hat bewundern dürfen.

Es waren kaum zwei Jahre seit dem Tode Thomas Wollers ins Land gegangen, als Daniel eine Frau nahm. Er mußte, weil es ihm schlecht ging. Denn Daniel war nun einmal nicht zu bewegen, wohlverdientes Geld von den Studenten einzuziehen, die er alle für arme Teufel hielt; und wenn ihn Gertrud in bester Absicht dazu anhielt, pflegte er, als ob er noch Mitleid mit jedem habe, der ihm etwas schuldig war, zu sagen: »Wenn er doch kein Geld hat, wovon soll er dann bezahlen?« womit er sein Gewissen beschwichtigte und sich ein für alle Male der fatalen Verpflichtung entzog, dort nach Geld zu fragen, wo er vermeinte, daß keines sei. Da legte sich nun Frau Gertrud ins Mittel und wollte ihm, wie früher Woller getan, aus ererbtem und erworbenem Überfluß helfen, wenns not tat. Aber da sich Daniel mit der ernsthaftesten Miene solche Hilfe verbat und dies damit begründete, daß sie nicht Thomas Woller sei, so verfiel sie auf einen andern Ausweg und verschaffte ihm eine Frau; denn sie sah wohl, daß Daniel sein gutes Auskommen haben würde, wenn ihm jemand zur Seite stünde, der die Sache anders anfaßte wie er und dafür sorgte, daß seinem Beutel das zufloß, was ihm zukam. Das ließ sich Daniel denn gefallen, da er ihr darin mehr traute als sich selbst und meinte, ein Mann wie er werde unter allen Mädchen für sich die dümmste Wahl treffen. Sein ganzes Herz an eine Frau zu hängen, hätte er nie vermocht; die eine Hälfte gehörte ja doch seiner Klinge, und er war es zufrieden, wenn man ihm die andere mit einer Frau besetzte, die sich damit begnügte. Und wenn mans recht besah, konnte sich wohl jede Frau daran genügen lassen, wenn sie auch nur den geringsten Teil von Daniels heldenhaftem Herzen besaß.

So zog denn Maria, eine Stiefschwester Gertruds, in das altertümliche Haus an der Stadtmauer ein, und Daniel hielt sie in Ehren, wie es seiner ritterlichen Art anstand. Maria aber war wohl seiner wert und wurde ihm der beste Kamerad, den er außer Thomas Woller je besessen, wobei sie übrigens eigennützig genug war, so viel von seinem Herzen an sich zu reißen, wie sie Daniels Klinge nur immer abzustreiten vermochte; also daß Daniel manchmal ein wenig selbst an sich irre wurde und sich einen verliebten Esel schalt. Sie war wohl nicht besser und nicht schlechter als die meisten Frauen, wenn sie an den rechten Platz kommen; dort aber verstand sie sich durchzusetzen. Daniel gewahrte bald zu seinem Erstaunen, wie sich die Vermögens Verhältnisse seiner Schuldner ganz allgemein besserten, seit Maria im Haus war, so daß sie ganz ordentlich und regelmäßig dafür zahlten, wenn er sie an seiner Kunst ein wenig emporblicken ließ wie an einem hohen Turm. Er mochte wohl nicht wissen, daß sie mit der Frau Meisterin manchmal einen ernsteren Gang auszufechten hatten als gegen seine Überlegenheit.

Maria hatte Daniels Vertrauen. Und weil sie es besaß – aus keinem andern Grunde–, erzählte er ihr im Verlauf der Zeit seine Freundschaft mit Thomas Woller und wie es kam, daß er in jener Nacht die Sühne von Gertrud für seinen Waffenbruder nahm. Er vertraute ihr das aber nicht als etwas, das er ihr bisher absichtlich vorenthalten, sondern so, wie ein Kamerad dem andern etwas erzählt, auf den er sich verlassen kann. Und Daniel konnte sich auf Maria verlassen; denn sie war ganz und gar keine Plaudertasche und wollte ganz und gar nicht zerstören, was Daniels Verschwiegenheit und Gertruds Irrtum Gutes gewirkt hatten.

Frau Maria war nicht wenig stolz, als Daniel so aus freien Stücken ihr sein Geheimnis preisgab, küßte ihn herzhaft und freute sich der Fortschritte, die sie in der Eroberung seines Herzens im verborgenen gemacht hatte. Aber sie war ein wenig eitel und liebte es, ihre Tugenden ins rechte Licht zu rücken und sie etwas schillern zu lassen; nicht eben mehr als andere Frauen, aber gerade so viel, um ein Unheil anzurichten, wenn der Teufel dabei seine Hand im Spiel hat. Und es prickelte und juckte sie seit der Zeit, ihrer Stiefschwester so bei Gelegenheit mit einem kleinen Wort zu versetzen, daß sie ein Geheimnis von ihr wisse; gerade nur so, um sie fühlen zulassen, wie sie ihr für das sorgliche Verschweigen desselben Dank und ein kleines Vollmaß von Bewunderung zu zollen habe. Maria suchte diese Gelegenheit nicht und fühlte sich groß darin; aber sie wahrte sich das Wort für sie, wenn sie kommen würde, wie einen kleinen Dolch, den man nur einmal zu benutzen gedenkt.

Und diese Gelegenheit kam; nach Jahren, doch sie kam. –

Es war da ein junges Mädchen in der Stadt, nicht eben leichtfertig, aber leichten Sinns und ein törichtes hübsches Ding, dessen sich die beiden Frauen, da es Waise war und bei einem mürrischen alten Vormund wenig Umgang hatte, wechselweise annahmen; und wegen seiner munteren und gefälligen Art sahen sie es gern bei sich. Dieses Mädchen hatte sich ohne Besinnen einem der Gesellen aus des Waffenschmieds Werkstatt, die für den Sohn weitergeführt worden war, versprochen, und Gertrud übernahm es, um den Leutchen zu ihrem Glück zu verhelfen, ihm die Aussteuer und die Hochzeit zu bestellen. Diese war schon angesetzt, als das Mädchen sich von einem anderen betören ließ, worauf der Mann das Verlöbnis aufkündigte und Frau Gertrud um ihres Gesellen willen der Ungetreuen ihr Haus verbot, nicht ohne Ärger und Verdruß darüber, daß sie ihre Güte schlecht gelohnt und sie selbst nun als ihre Beschützerin in das Gerede der Leute gebracht habe.

Als am nächsten Tage, an einem Sonntag, Maria zu einer gewohnten Stunde mit einer häuslichen Arbeit sich still zu ihr setzte, lieh Gertrud ihrem Unmut scharfe Worte und verurteilte das Betragen des Mädchens hart. Maria beurteilte die Leichtsinnige um so viel milder, als ihr weniger Unannehmlichkeiten aus ihrem Fehler erwuchsen, und sagte, ohne aufzublicken, sehr ruhig: »Sie ist vielleicht nicht so schlecht, wie du meinst; und jedenfalls hättest du doch am wenigsten recht, ihr es vorzuwerfen.«

Gertrud sah sie sprachlos an. Nach einer Weile fragte sie, bebend in einer unbestimmten Vorahnung von etwas Furchtbarem, leise: »Wie meinst du das?« Und Maria antwortete, ohne ihren Blick zu erheben : »Nun, deine Hochzeit war doch auch so gut wie bestellt, als – als du dich Daniel ergabst.«

»Wer wagt das zu sagen?« rief Gertrud aufspringend; doch sie mußte sich rückwärts an die Wand halten, denn sie begann zu zittern und zu schwanken.

»Daniel sagt es,« antwortete Maria; »Daniel lügt nicht.«

»Ich weiß, daß Daniel nicht lügt. – Aber er lügt; er lügt. – Diesmal lügt er – Daniel, der nicht lügt, lügt. – Einer, der nicht lügt, schändet mich; Thomas schändet er, den ich geliebt!« – Die Größe der Schmach schien ihr bei jedem Wort zu wachsen, lawinenhaft auf sie zuzustürzen. Unfähig noch einen Gedanken zu fassen, begann sie sinnlos, wortlos zu klagen; klagte wie ein wundes Tier; lange, elend, zum Herzbrechen.

Maria wagte nicht, sie zu beschwichtigen, noch sie anzurühren. Endlich sagte sie zagend, fast hoffnungslos: »Nur Daniel weiß es wohl und ich.« Ihre Stimme gab Gertrud das Denken auf Augenblicke zurück, wie ein Reiz in einer Ohnmacht: »Ist es darum weniger eine Lüge? Ist es darum weniger ein Schimpf? – Mich, ihn, sich in einen unlöslichen, kotigen Schimpf verschändet!!« Und sie schrie auf wie unter Martern.

Betroffen stand Maria, unentschlossen, hilflos. Dann ging sie verzagend, den Sohn zu suchen und zu seiner Mutter zu senden. Gertrud blieb schluchzend allein. Sie dachte nicht daran, wie wohl Daniel, der wahrhafte Daniel, der sichere Daniel mit den gewogenen Worten dazu käme, solches von ihr zu sagen; sie sah nur ihren Schimpf; ein Tönen war in ihren Ohren, und es war ihr Schimpf, der darin tönte; eine rohe Hand hielt ihr Herz gepackt, und es war ihr Schimpf, der an ihm riß. Sie wollte Thomas’ Namen rufen, als ob er ihr beistehen könnte in ihrer Not, aber sie vermochte es nicht vor Schluchzen. Sie mußte ein Wesen haben, das sie hörte in ihrem wortlosen Jammer, an das sie sich klammern konnte, das sie anflehen konnte, stumm und in Tränen. So schleppte sie sich herum und auch hinunter in die leere Werkstatt, als werde sie dort jemand finden. Vor Thomas’ kleinem Amboß fiel sie nieder, umschlang das fühllose Eisen mit ihren Armen und klagte Daniel an wie vor einem Richterstuhl.

So fand der Sohn seine Mutter. Sie erhob sich rasch, ging ihm entgegen und faßte seine beiden Hände. Dann erzählte sie, ohne Stocken, und während sie sprach, wunderte sie sich, wie sie so schamlos sei, vor ihm die Worte Marias wiederholen zu können. »Höre,« sagte sie am Ende; »als du ein Knabe warst, gelobtest du, meine Ehre zu schützen in Not. Nun du ein Mann bist, wirst du nicht anders denken. Geh, stelle ihn auf sein Wort. Fordere Rechenschaft, wie dein Vater sie für mich gefordert hätte und für sich.« Und sie küßte ihn auf die Stirn, die er ihr niederneigte. Sie fühlte ihre Ehre sicher in seinen Händen und verließ ihn, als ob sie ihm einen alltäglichen Auftrag erteilt hätte. Hermann bebte vor Erregung. In seinem heiteren jugendlichen Rittertum hatte er sich wohl immer hochgemut als Beschützer seiner Mutter gefühlt; was er aber tun würde, wenn sie in Gefahr käme, darüber hatte er nie nachgedacht. Daß jemand ihr zu nahe treten könne, lag so außerhalb aller Vorstellbarkeit für ihn, daß das alles ihn jetzt zu früh, zu grell, zu grausam traf. Allein gelassen mit einer fremdartigen Verantwortlichkeit konnte er in einem über alle Ziele hinausschießenden Gefühl dafür nur den einen Gedanken fassen, seiner Mutter eine Genugtuung ohnegleichen zu verschaffen, wie keine Königin sie vollständiger hätte erwarten dürfen. Noch wußte er nicht wie; aber das würde sich finden.

Unterdessen war Frau Maria, schwer beunruhigt, nach Hause geeilt, um bei Daniel Schutz zu suchen gegen alles, was da kommen würde. Als sie bei ihm eintrat, war er auf seinem Fechtboden, wie gewöhnlich Sonntag nachmittags, damit beschäftigt, einige Ordnung in die Wirrnisse zu bringen, welche die Woche in die Bestände seiner Waffen und Fechtzeuge zu tragen pflegte; und als letztes hatte er gerade die beiden Staatsstücke, die er besaß, den Säbel von Vionville und den Hermann Wollers, von der Wand genommen, andächtig und zärtlich betrachtet und blank gewischt und sie wieder im Kreuz an ihren Ort gehangen. Wie er nun den Bericht Marias nachdenklich, die Hände auf dem Rücken in dem Raum umherschreitend, entgegennahm ohne ein Wort oder nur einen Blick des Vorwurfs für sie, die immer wieder ihre Eitelkeit und Unbedachtsamkeit anklagte, da merkte sie, daß er selbst für sie und ihre Worte einzustehen gedenke und sie vertreten müsse als seine eigenen. Eine Bangigkeit ergriff sie, das Herz wurde ihr schwer, und sie sank nieder in stillem Weinen. Da befahl er ihr hineinzugehen in ihr Zimmer und nicht eher wieder hervorzukommen, als bis er sie rufe; denn er habe mit sich zu reden – oder mit einem andern. Da ging Maria Roux.

Der Fechtmeister aber schritt noch einige Male auf und nieder, dann holte er sein geliebtes Messer mit dem schreitenden Hahn der Woller aus seiner Kammer hervor und fand es nötig, sich, wieder eifrig auf dem Fechtboden hin und her wandelnd, nochmals zu rasieren, obgleich er diesem Bedürfnis an dem Tage schon einmal in der Frühe entsprochen hatte, bevor die andern Bürger zur Kirche gingen.

Wie er so wandelte, trat Hermann Woller ein. »Ich habe dich erwartet«, sagte Daniel ruhig. »Gleich.« – Und er tat die letzten Striche, klappte das Messer zu und trug es an seine Stelle. Dann trat er mit offener Stirn vor Hermann, wie einer, der froh ist, eine alte Schuld demjenigen entgegenbringen zu dürfen, der sie nach langer Zeit heimzufordern kommt.

»Ist es wahr?« war das einzige, was Hermann hervorbringen konnte, hoffend und fürchtend, fast wie eine Beschwörung. Aber Daniel antwortete nicht; er wollte den, der für seiner Mutter Ehre eintrat, nicht dadurch entkräften, daß er ihm den Boden, auf dem er stand, unter den Füßen wegzog. Wie er beharrlich schwieg, ihn bald anblickend, bald in die Abendsonne hinausschauend, welche die offenen Fenster mit einem flackernden Feuer füllte und die Waffen ringsum an den Wänden lüstern umstrich, da verstand ihn Hermann, und es war, als ob er stolz dabei wäre auf seines Meisters Art.

»Recht hast du,« rief er aus; »Rede mußt du mir stehn, obs wahr ist oder Lüge! Wirst du?«

Daniel drehte sich nach ihm um, nickte leicht und sagte: »Ich will. – Was forderst du?«

Hermann sprang auf ihn zu; irgend etwas hieß ihn, dem Verleumder seiner Mutter an die Kehle zu fahren und ihn zu drosseln, solange noch Atem in ihm war. Aber der Vorsatz verflog wie ein Schatten, der über seine Seele huschte; er hielt inne und sah sich um, als suche er nach einem Ausweg. Da fiel sein Blick auf die beiden gekreuzten scharfen Waffen an der kahlen Mauer, auf denen die Sonne wie in einer geheimen Lust in einem tänzelnden Glanz spielte.

Und wie eine ungeheure Offenbarung ging es in ihm auf. Er riß die beiden Säbel, jeden Griff mit einer Hand packend, von ihrem Platz und hielt sie Daniel hin. »Wähle«, rief er, und die Klingen zitterten ein wenig in seinen Händen.

»Sie sind gleich«, sagte Daniel; und als ihm Hermann einen der Säbel hinreichte, ergriff er ihn. Ehe sie wußten, was sie taten, standen sich die Männer in Fechtabstand gegenüber, als gelte es einen ihrer alltäglichen Waffengänge. Die Sonne selbst, die gleich einem Schiedsrichter mit forschenden Blicken gerade durch das Fenster sah, verteilte Licht und Schatten zwischen ihnen, und sie erhoben gleichzeitig die gesenkten Waffen.

Und ein unerhörter Kampf begann. Größer schienen die Gegner, gewaltiger die Ausfälle, ausholender die Hiebe; und nie waren sich Meister und Schüler ähnlicher als heute. Pfeifend mit feinem, fast weichem Tönen fuhren die Klingen aufeinander, und Funken tropften sprühend von ihnen ab. Aber während Hermann ungestümer, kühner und erbitterter angriff, als es sein Gegner ihm je zugetraut hätte, wehrte dieser ausschließlich die schnellenden Hiebe ab, und wenn er sie manchmal erwiderte, so tat er es nur halb, zu seiner Verteidigung. Keiner wußte, wohin dieser Zweikampf führen würde; aber jeder fühlte wohl, daß er blutig enden müsse. Daniel deckte sich nach allem seinem Können; aber eine gewisse Lauheit, eine leichte Nachsicht, als wäre er sie schuldig, beherrschte unmerklich alle seine Bewegungen. Wohl mochte er hoffen, die Kraft des jugendlichen Angreifers werde sich brechen an seiner Ausdauer und seiner Erfahrung; da schlug ihm Hermann mit einer kurzen Terz von unvorhersehbarer Gewalt die Abwehr und die rechte Halsschlagader zugleich durch.

Daniel taumelte nicht; er brach in sich zusammen wie ein Turm, und ein Blick der Genugtuung traf den erschrockenen Sieger, der die Waffe fallen ließ und auf ihn zutrat. Er reichte ihm, fast lächelnd, die Hand, und dann wurde es dunkel um ihn. Hermann eilte hinein, um Maria zu Hilfe zu rufen; dann rannte er nach dem Arzt. Als sie nach wenigen Minuten zurückkamen, lebte Daniel wohl noch, aber es war zu spät. Das Leben floh wie der sinkende Tag; als der letzte Strahl der Sonne von den Fensterbänken seines Fechtbodens herabglitt, starb Daniel Roux.

Da ging Hermann still aus dem Haus und suchte den Weg zu dem seiner Mutter. Die aus den Bergen und nachbarlichen Ausflugsorten heimkehrenden Menschenwogen umfluteten ihn; er sah sie nicht. Ein paar Freunde redeten ihn an; er hörte sie nicht. Aber wenn er auch in Ernst versunken war, so trug er doch das Haupt hoch und frei und schritt rasch aus, wie einer, der etwas Rechtes getan hat.

So betrat er seiner Mutter Haus. Jede seiner Bewegungen schien verändert, gefestigter, männlicher, und er wunderte sich selbst darüber, wie fremd ihm sein eigener Schritt von den großen steinernen Fliesen des Hausflurs zurückhallte. Als er Frau Gertrud nicht in ihren Zimmern fand, ging er die Treppe wieder hinunter und durch den hallenden Gang nach einem kleinen Hof, in dessen Mitte als einziger Baum eine ihn fast ganz überwölbende Linde stand. Dort saß seine Mutter unter dem regungslosen Laubdach in der Dämmerung. Sie hörte seinen Schritt auf den Steinen und sah seine Gestalt in dem Gang, vom Licht zweier großer altertümlicher Laternen umflossen, die den Flur schon erhellten, auf sich zukommen, schlank, stark und aufrecht.

Da fuhr sie auf: »Daniel!« schrie sie, »Daniel!« und sah ihrem Sohn starr entgegen, als ob sie von einer Erscheinung besessen wäre.

»Was ists mit Daniel?« fragte er und stand wie gebannt, »ich komme gerade von ihm – und es geht ihm nicht gut.«

Sie achtete nicht auf seine Worte. »Herr, mein Gott!« jammerte sie leise, »Herr, mein Gott! Du bists – und ich glaubte Daniel vor mir zu sehen, wie er einst vor mich trat – mit funkelnden schrecklichen Augen – unter den Platanen in der Nacht, bevor – –« und sie verstummte. Denn ein furchtbares Verstehen breitete sich in ihr aus; wie ein eisiger Strom durchschoß es ihr Inneres, und wimmernd, von kalten Schaudern gerüttelt, brach sie zusammen.

Dem Sohn graute. Er bettete sie angekleidet auf ihr Lager und saß bei ihr, bis die dunkle Nacht kam und sie leise, fast wie unter ihrem Schutz, fragte: »Was hast du – ihm getan?«

»Ich habe nicht mehr getan, als deine Ehre an ihm gerächt«, antwortete er.

Sie richtete sich auf. »Du – an ihm!« schrie sie verzweifelt, da sie ihn verstand: »Du – an ihm! – an ihm!« und sie schlug zurück und wurde starr wie eine Tote. Nach langer Zeit befahl sie leise und fest: »Laß mich allein.«

Da verließ er sie in Ehrfurcht.

In der Nacht hat sie sich ertränkt dort, wo der Fluß schnell fließt und schwarz; sie war schon kalt, als die Wasser sie aufnahmen.

Es waren wohl viele, welche die Leichen von Gertrud und Daniel zu den Stätten ihrer Ruhe geleiteten, und von den vielen ahnten wohl manche verborgene Verknüpfungen. Aber – einmal wenigstens – fühlten Menschen etwas von einem Auftrag, zu düster und zu groß, als daß sie in seine Tiefen hätten hineinleuchten oder mit irdischem Aburteilen ihn hätten verkleinern dürfen. Den wenigen, die später fragten, setzte man das Bollwerk der Unergründbarkeit entgegen.


ANGELUCIA

Wie die Loire, der Strom der Touraine, den sie täglich von den Fenstern ihres Schlosses sah, hell und sonnenfroh, aber auch stolz und eigenwillig, so war die junge Gräfin von Nevers. Der Fluß weiß sich freizuhalten von der Knechtschaft der Schiffahrt; denn nahe unter dem blausilbernen Spiegel zieht er, überall zerstreut, seine gelben Sandbänke dahin, die jeden Kiel hemmen, der seine Furchen in die selbstbewußte Flut graben wollte. Auch die junge Gräfin von Nevers hat ihre Sandbänke unter der lachenden Oberfläche; auch sie will frei durch ihr Land ziehen und setzt einen geheimen Widerstand an ihre Freiheit. Mit dem Falken als dem Wahrzeichen ihres freien Adels auf der Faust streift sie auf brandrotem Pferd durch das jagdbare Land, und wenn sie auch im Trupp mit den Jägern und Edeln von den Schlössern ringsum hinausreitet, so weiß sie doch, trotz ihrer siebzehn Jahre, nicht, wie ein Mann aussieht. Denn wenn sie ihre Augen erhebt, so ist es zu dem grünen Geäst einer Kastanie oder zu einem funkelnden Stern am Abendhimmel, und wenn ihre Blicke auf etwas ruhen, so sind es die grünen Ufer, die beschaulichen Flecken, die ihren Platz behaupten wie sie, und die Berge der Loire, in deren blauender Ferne sie sich mit dem Strom zugleich zu verlieren scheint. Außer der Sonne hat ihr noch niemand ins Antlitz lachen dürfen, außer dem Wind noch keiner ihre Wangen gestreichelt, außer dem Wasser des Stroms, das frohlockend an ihr emporspritzt, wenn sie ihn durchreitet, keiner ihren Leib geliebkost.

Deshalb erschrak die junge Gräfin von Nevers – das erstemal in ihrem Leben –, als ihr eines Tages ihre Mutter, die verwitwete Herrin von Schloß und Land, welche aus Flandern gebürtig war und die Loire und deren Ähnlichkeit mit ihrer Tochter nicht verstand, die Mitteilung machte, der Graf von Blois habe um ihre Hand angehalten und werde in ritterlicher Weise, gefolgt von seinen Edeln, sich ihr Jawort holen. Sie erschrak: denn sie wußte, daß ihre Mutter, die nach der gemessenen Art ihrer Landsleute nichts angriff, was sie nicht durchzuführen gedachte, dieser Werbung nicht einmal Erwähnung getan haben würde, wenn ihr die Annahme des Antrags nicht als etwas Unabweisbares erschienen wäre, über das sie mit einer Tochter, zu jung, um klug zu sein, keine Worte machen werde; und sie wußte auch, daß der Graf von Blois der mächtigste Herr der Touraine war, stark und unbeugsam, wie sein Schloß über der Loire; sein Werbezug würde nicht wie das Geleit eines Ritters auf dem Heimweg von der Jagd sein, für das man sich mit einem Lachen und abgewandtem Haupt bedanken konnte.

Der Schreck fuhr dem Fräulein in die Glieder wie ein Blitz aus dem heitern Himmel ihrer Freiheit, so daß sie von dem brandroten Hengst, der nach dem offenen Burgtor und der Sonne wieherte, wieder herabglitt und von Jagen und Reiten nichts wissen wollte an diesem Tage. Klopfenden Herzens rannte sie vielmehr die breiten, flachgewendelten Stufen des runden Schloßturms hinauf, und erst als sie den Schlüssel zum Turmgemach droben in der Hand hielt, fand ihre Erregung eine Antwort.

»Hier mag er in ritterlicher Weise vor mir erscheinen,« rief sie, »wenn er es vermag«; und die Tür fiel ins Schloß, daß der Mörtel niederrieselte.

Die Mutter hielt Einsamkeit, Nachdenken und Hunger für ihre besten Bundesgenossen und Parlamentäre, und ließ sie.

Als indessen am folgenden Tage der Graf von Blois mit einem adeligen Gefolge von Freunden und Rittern in dem Schloß einzog und das Fräulein noch kein Verlangen gezeigt hatte, ihren befestigten Schlupfwinkel zu verlassen, vermochte die Gräfin von Nevers dem verwunderten Freier nichts Besseres als jenes Wort ihrer Tochter zu bestellen, daß er ihr in dem Turmgemach auf ritterliche Art nahen und seine Werbung anbringen solle. Denn sie wollte selbst mit der Wahrheit in dieser Sache nichts verschütten oder unterbinden und hoffte, daß der Graf von Blois über den kapriziösen Empfang, den ihm seine Braut bereitete, nicht das Ziel seiner Fahrt vergessen werde.

Der Graf besann sich; und da er an Umkehr nicht dachte, solange er noch eine Turmtreppe vor sich sah, ließ er die Pferde in die Stallungen ziehen, seine Gefolgschaft die weiten Flügel des Schlosses belegen, welche für sie bereitstanden, und überdachte die Botschaft, die ihm geworden war. Er begriff leicht, daß er eine keineswegs ritterliche Figur abgeben würde, wenn er droben vor dem verschlossenen Turmgemach stehen und seine Werbung dem Fräulein durch das Schlüsselloch vorbringen müsse; also sann er auf einen Ausweg, der sie zwingen würde, ihm zu öffnen und ihn anzuhören, und wenn das nicht, ihm doch wenigstens einen ritterlichen Rückzug sicherte.

Am andern Morgen erschrak die junge Gräfin das zweitemal in ihrem Leben, aber grausamer als das erstemal. Denn hinan zu ihr auf dröhnenden hölzernen Bohlen ritt der Graf von Blois in voller Rüstung die Schräge der Turmtreppe. Über Nacht hatte er die Stufen herausreißen und starke nach der Treppenspindel sich verjüngende Bohlen zwischen diese und die Mauer stemmen lassen, welche die Stiege in eine fortlaufende Rampe verwandelten.

Das Fräulein schrie, als sie die donnernden Huftritte in den Gewölben hallen hörte. Es war genug der Gewalt; und der Graf von Blois fand das Turmgemach offen. Aber in eine Ecke gedrückt, mit allen Zeichen des Entsetzens stand die junge Gräfin von Nevers, und ihre Augen starrten ihn an, daß es ihn seiner Tat graute und er seine Werbung vergaß. Hier, das sah er wohl, hatte er einem Kinde zu nahe getan. Er glitt aus dem Sattel, drückte das Pferd ein wenig zurück und wandte es dann zum langsamen Abstieg. Er, der zur Eroberung eines stolzen Weibes hinaufgeritten war, schlich wie ein Mädchenschänder davon.

Als das Fräulein droben schrie, wehrender und schriller als die Turmschwalben, wenn man in ihr Nest stößt, hob drunten im Schloßhof ein Ritter seine Augen zur Höhe des Gemachs empor, der diesen Schrei in seiner Schrecklichkeit verstand und in seinem Herzen bereit war, eine Lanze für die bedrängte Dame zu brechen, wenn er sie auch nie zuvor gesehn. Er gehörte nicht zu dem prunkhaften Gefolge des Herzogs von Blois, und die Länder der Loire waren ihm eine schöne Fremde. Ein flandrischer Graf war er und Sohn wohl eines jener Roberte von Flandern, die schon Jahrzehnte in wilden Erbzwistigkeiten ihre und ihres Landes Kräfte in Unwürde vergeudeten. Der Taten seines Hauses war dieser junge Ritter satt und schämte sich um ihrer willen ein wenig seines Namens, zu dem er sich erst dann wieder zu bekennen gelobt hatte, wenn Taten andrer Art, als man sie zu jener Zeit von den Grafen von Flandern zu hören gewöhnt war, ihm auch einen anderen Klang gegeben haben würden. Aber es ist wohl sein Geschick gewesen, daß er sich seines Namens schämen sollte bis an sein Ende. Denn dieses erschien der Welt als ein schimpfliches, obwohl nie ein Besserer die goldenen Sporen trug. Und so hat sie seinen Namen, in frommer Absicht und indem sie seinen Wunsch gleichsam verstand und vollstreckte, in den Strom der Vergessenheit versenkt, so daß sein Träger auch dieser Geschichte, deren Held er ist, ein Namenloser sein wird.

Auf der linken Schulter aufgeheftet trug der flandrische Graf das rote Kreuz des heiligen Krieges; denn er war nur zur Rast auf dem Schlosse von Nevers, und sein Ziel war der Hafen von Aigues-Mortes am Mittelmeer, wo er sich mit den französischen Rittern zur Ausfahrt nach dem Land einzuschiffen gedachte, in welchem sein Gott hatte sterben wollen. Er freilich hatte das Kreuz nicht so sehr im Eifer für die Sache des Heilands und sein eigenes Seelenheil genommen, als im Drang und Hang nach ritterlichen Taten; und wenn er etwas von dem Paradies des Jenseits erhoffte, so war es, daß er dort sein gutes Roß wiederfinden würde, ohne das ihm die Glückseligkeit ein unvollkommen Ding schien.

Dieses sein Pferd aber, bei dem er zum Auszug bereit im Hof stand, rieb gerade seine Nase traulich an seiner linken Schulter und dem roten Kreuz, als der Ritter seinen Handschuh ausziehen und dem von seinem Werberitt niedersteigenden Grafen von Blois vor die Füße werfen wollte. Da gemahnte ihn das Pferd an das Kreuz, welches er trug, und er ward inne, daß ihm dieser Weg, Genugtuung für die Ehre einer Dame zu fordern, nicht offenstehe. Denn um jenes Kreuzzugs willen waren Turniere und alle ritterliche Fehde, seit Jahresfrist schon, von dem großen Innocenz in allen christlichen Landen untersagt und aufgehoben, und der Papst Honorius, der ihm nach seinem plötzlichen Tode mitten in den Betreibungen des Zuges gefolgt war, erkannte die Weisheit dieses Verbotes für den heiligen Zweck zu wohl, um ihm nicht mit allen seinen Machtmitteln Geltung zu verschaffen.

So ließ denn der namenlose Graf den von Blois unangefochten, jedoch auch ungegrüßt aus dem Schloß von Nevers ziehen; aber in seinem jungen Herzen bekümmerte ihn das Schicksal des unbekannten Fräuleins, und es schien ihm nicht wohlgetan, davonzureiten. Der Troßknecht saß schon kurzbeinig und marschbereit im Sattel des breitrückigen Packpferdes, auf dem er seinem Herrn folgte; um den Sattelkranz hingen die schweren Stücke der Rüstung, und auf der Faust hielt er den Jagdfalken des Grafen, dem es eine schlechte Rittersitte gedünkt hätte, den adeligen Vogel daheim zu lassen. Nun gebot er dem Buben, alles wieder abzuschirren und abzuzäumen zu längerer Rast.

Einige Tage später fand sich die junge Gräfin von Nevers auf dem Wege nach Norden und verließ das Land der Touraine, als ob es ihr niemals lieb gewesen wäre.

Sie gleicht nicht mehr der freien Loire, die ihren Willen behält, und sie verliert sich nicht mehr mit dem Strom zugleich in der blauenden Ferne. Sie hebt ihre Augen nicht mehr zu den blühenden Kastanien der Wälder oder zur Sonne empor und wirft ihren Nacken nicht mehr jauchzend zurück auf dem brandroten Hengst. In sich gebeugt sitzt sie seitlich in dem bequemen Sattel eines weißen Zelters, und ihr Schoß ist ihre Aussicht. Sie läßt es sich gefallen, daß der wiegende Gang des Tieres, Schritt für Schritt, sie einschläfert zu halbem Schlummer und halber Teilnahmlosigkeit. Nicht einmal die Zügel führt sie in den Händen, sondern läßt ihr Pferd an langem Bande leiten von dem schweigenden Grafen ohne Namen, der an ihrer rechten Seite reitet und zu dem sie nicht ein einziges Mal das Haupt wendet; denn das Diadem seines Stolzes und seiner Unbefangenheit ist ihm entrissen.

Hinter den beiden, in gemessenem Abstand, folgt ihrer Herrin auf zweirädrigem Karren eine Wäscherin der Herrschaft von Nevers mit Kleidern und westfälischem Leinenzeug; und sie ist es, die Tränen vergießt, als man den Lauf der Loire verläßt; als ob es in der ganzen Welt keine andern Flüsse gebe, in deren Wasser man Linnen spülen, auf deren Steinen man es klopfen und an deren Ufern man es bleichen könne. Was freut es sie, ihrer Herrin fortab Zofendienste leisten zu dürfen? Was ist ihr die Welt ohne die Loire? Und neben dem Karren reitet der kurze Troßknecht des Grafen und muß vor ihrer Trauer so schweigsam sein wie sein Herr neben derjungen Gräfin, obwohl er diese Pflicht dem hübschen Mädchen gegenüber nicht übernommen hat.

Das Fräulein hatte ihrer Mutter am Abend des Tages, als man sie aus dem Turmgemach willenlos in ihre gewohnten Zimmer geführt, einen Brief geschrieben. Denn sie fürchtete sich vor ihrer eigenen Stimme, als ob noch etwas von dem Schrecken ihres Schreies darin sein müsse. Sie hatte die alte Gräfin gebeten, ihr einen Ort in einem adeligen Kloster zu bestimmen, fern von Nevers und der Touraine, deren Männer sie ekelten und deren Sprache sie nicht mehr ertragen könne. Die Gräfin, die sich schuldig fühlte, das Herz ihrer Tochter nicht zu kennen, sah ein, daß man sie dahin ziehen lassen müsse, wohin sie dieses Herz nun trieb. Und sie fragte die Tochter, ob ihr ein flandrischer Edelmann, der doch kein Tourangeau sei und schon das Kreuz auf der Schulter trage, auch auf Ritterwort zugesagt habe, nicht unaufgefordert das Wort an sie zu richten, als Begleiter und Schutz auf der Reise nach dem Artois genehm sei, wo ihre Schwester einem Kloster als Äbtissin vorstand und die Nichte wohl aufnehmen werde. Das Fräulein nickte zur Antwort und hielt es nicht für wert, die Augen aufzuschlagen; der junge Graf aber war froh, ihr diesen kleinen Dienst eines Geleites an Stelle des größeren leisten zu dürfen, den er ihr zugedacht hatte.

So ritten sie langsam dahin, und er ehrte sie, indem er schwieg.

Sie hatten indessen noch kaum die bewaldeten Pässe überstiegen, welche die linienstolzen Berge der Loire in das Hügelland der Champagne hinübersenden, als der Ritter ein wenig über sich erschrak; als ob er dem Versprechen, seine stille Begleiterin nicht zu stören, untreu geworden wäre. Denn er mußte gewahren, daß, wiewohl sein Mund das Schweigen hielt, doch sein Herz mit der jungen Gräfin an seiner Seite zu plaudern begann und sich mit ihr die Zeit vertrieb. Und seine Augen stellten allerlei Fragen an den geneigten Nacken, dessen Schwere der aufrechte Rücken dennoch leicht trug, an die kastanienroten Flechten, die in weichem Geläut an die kleinen Ohren schlugen, und an die langen Linien der Hüften, mit denen der wiegende Schritt des Paßgängers sein gleichförmiges Spiel trieb. Fast schien es ihm nun wie eine Vergünstigung, daß sie ihm nicht antwortete und abgewandt saß. Denn so durfte er sie mit Fragen verstricken, so kühn er wollte, und sie anschauen, solange er mochte: sie würde es ihm mit keinem Blicke wehren. So jung war er, so glücklich jung, daß er sich auf seine Fragen bald selbst die Antwort gab, die ihm gefiel; daß seine Wünsche in vermessene Ferne flogen und trotzdem ihre Erfüllung fanden; daß er sich wie ein Sieger fühlte, weil er nichts überwunden hatte. Und so erhob er die junge Gräfin mit aller Behutsamkeit und allem Vorbedacht zur Dame seines Herzens, die er uneingestanden lieben würde nach Ritterart, und wußte nicht, daß er ihr schon verfallen war nach Mannesart. Hatte er ihnen doch noch nie ins Gesicht gesehen, den unschuldig-schuldigen Kupplerinnen der Liebe, die da heißen Mitleid und Schutz.

Wenn aber der Graf während der Reise von der Dame seines Herzens irgendein Zeichen oder eine deutbare Gunst zu erlangen hoffte, so sah er sich darin getäuscht. Im Dunkel ihrer Trauer und ihrer Schmach ritt sie dahin. Sie wandte kein einziges Mal weder Blick noch Rede an ihn, und wenn er ihr des Abends unter die Augen trat, um sie vom Pferd zu heben, oder des Morgens, um sie in den Sattel zu setzen, so mußte er gewahren, daß sie die Augen geschlossen hielt, solange er sich um sie zu schaffen machte. Als das Ziel ihrer Reise erreicht war, verschwand sie hinter den Mauern des Klosters so still und kühl, wie der Mond hinter einem Berge untergeht.

Den Grafen begann das Kreuz auf seiner linken Schulter zu drücken; nur wenige Tage noch, und er mußte ziehen, eiliger als er gewollt, um die nach Cypern in See gehenden Ritterheere des Kreuzzugs in einem der Häfen der Südküste noch zu erreichen. Warum ließ es ihn nicht? warum mußte er die, welche ohne Gruß und ohne Dank von ihm gegangen war, noch einmal wiedersehen?

Täglich betrat er, wenn die Schwestern zur Messe gingen, die Kirche des Klosters; aber wenn er auch durch das den Chor von dem Schiff trennende Gitter die Novizen an der Farbe der Schleier von den Klosterfrauen unterschied, die das Gelübde schon abgelegt hatten, so schienen sie doch jedesmal ihren Platz in der Reihe der knieenden Nonnen zu wechseln, und das gleichmäßige Niederfließen der Schleier über die Nacken verhüllte ihm die Linien desjenigen, den er so wohl kannte. Er gab sich keine Rechenschaft darüber, ob es ein Schmerz oder eine Wonne gewesen wäre, wenn sein Auge sie gefunden hätte, noch was er von ihr erhoffte; er hing an dem Gedanken, nur einmal noch ihrer ansichtig zu werden, wie an dem Gedanken eines Heils, von dem man nicht weiß, worin es besteht.

Als sich der Flügel der Klosterpforte so leise hinter der jungen Gräfin von Nevers schloß, wie das Wasser der See über einem müden Schwimmer, da glaubte auch sie, auf den Grund eines schweigenden wohltätigen Meeres zu versinken, wo sie in gedämpftem Licht und gedämpfter Stille dahinleben werde, wo ihr Herz nicht mehr schlagen und die Erinnerung ausgelöscht sein solle, die noch immer weiter nichts für sie hatte als den Donner von nahenden Hufen, das schreckliche Bild eines geharnischten finsterkühnen Mannes und einen gellenden Schrei. Doch sie hatte sich getäuscht; das Kloster war kein stilles, gläsernes Haus auf grünem Meeresgrund, sondern das Leben der Welt und der Zeit drang durch seine Mauern. Die Äbtissin richtete wohl nach ihrer Art milde Worte an ihre Nichte und willfahrte ihr darin, ihre Heimat und Herkunft vor den neugierigen Nonnen zu verdunkeln; und da die Gräfin in ihrer schönen Bleichheit wie ein Engel in einem überirdischen Licht erschien, gab sie ihr den Namen Angelucia zu tragen wie einen Mantel, der nur sie kleidete. Aber sie sah ihr Kloster nicht für eine Zuflucht, sondern für eine Werkstätte einer großen, geheiligten Tätigkeit an. Das Land hallte wider von den Predigten für den heiligen Krieg gegen die Ungläubigen, die der Papst auf allen Kanzeln und auf den Märkten der Städte anfachte, und eine Erregung ohnegleichen verklärte die herrschende Not der Zeit, die nach einem großen, alles mit sich reißenden Gedanken schrie.

»Bist du nicht eine Glückliche,« sagte sie zu Angelucia, »daß es dich in solcher Zeit in das Kloster treibt ? Denn, sieh, sie ist so groß, daß Christus selbst, um sie zu vergrößern, wieder auf Erden wandelt und denen erscheint, die ihm nachfolgen. Schon hat ihn ein adliger Mann von Assisi erblickt, der so mächtig der göttlichen Rede ist, daß er mit den Blumen des Feldes und den Vögeln des Himmels und allen Gestirnen als seinen Schwestern und Brüdern und mit Gott selbst Zwiesprach halten darf. Eine unbeschreibliche Süßigkeit, sagt er, durchdringt ihn, wenn er Gott schaut, und seine Seele ist voll des Glückes und des Trostes. Wann ward einem lebenden Menschen größeres Heil? Ach,« schloß sie, »wenn du ihn gehört hättest wie ich, da er, der Fremde, im Süden Frankreichs umzog und die Worte unserer Sprache zu glühenden Pfeilen oder zu linderndem Balsam machte, du würdest mir glauben, daß der Heiland zu ihm herniedersteigen muß, ihn solche Rede zu lehren.«

Angelucia küßte dankend ihre Hand. Mit den Blumen des Feldes und den Vögeln des Himmels und allen Gestirnen Zwiesprach halten: es war das erstemal, daß sie daran gemahnt wurde, wie es noch Blumen und Vögel und Gestirne gab, die sie einst so gut kannte, und nicht nur einen Donner, ein grauses Bild und einen Schrei. Wenn sie vermocht hätte, an die Stelle des Bildes ein anderes zu setzen, an die Stelle des Schreies ein sie erfüllendes Wort! Aber noch war ihr Gottes Bild zu fremd und unvorstellbar, und noch war sein Wort nicht ohne Schauder.

Sie unterzog sich den täglichen Verrichtungen des Klosters in einem ergebungsvollen Eifer, entließ die heimwehleidige Zofe in die Touraine, da sie ihre Sprache an ihr früheres Leben erinnerte, und bat sich als Vergünstigung von der Äbtissin schon nach Ablauf einer Woche die erste Nachtwache vor dem Altar der Kirche aus.

Dort kniete Angelucia in dem schmalen Chor; und die Stille der Nacht vermochte nicht jenen Schrei in ihrem Innern zu übertönen, das Bild der Mutter Gottes über dem Altar erstrahlte ihr nicht, um jenes grausige in ihrem Herzen zu verdrängen. Die Einsamkeit der Stunde, die Erschlaffung, welche die ungewohnten Dienste und Übungen ihr in diesen ersten Tagen verursachten, ließen sie um so weniger die Kraft gewinnen, die in ihr von neuem wachsenden Klänge und Bilder zu bannen. Wie in einem letzten Anklammern, bevor sie sich ihnen völligpreisgeben würde, versuchte sie sich die Worte zu wiederholen, welche die Äbtissin zu ihr gesprochen und die wie ein seltsames Mahnen in ihr Herz gefallen waren.

»Mit den Blumen des Feldes und den Vögeln des Himmels und allen Gestirnen Zwiesprach halten, als meinen Geschwistern,« flüsterte sie; »und Gott schauen! – Vielleicht, wenn er mir erschiene, wie dem Edeln von Assisi, daß das Bild jenes andern verschwände.« Und die Sehnsucht erfaßte sie, zu dem schwesterlichen Gestirn des Mondes das Haupt zu erheben. Sie lächelte, als es ihr einen kleinen Schmerz bereitete, den in langen Tagen gebeugten Nacken aufzurichten. Die Kniee wollten ihr versagen, und sie griff nach dem hohen, trennenden Gitter, welches den Chor abschloß, um sich daran emporzuziehen. Dann stand sie, mit halb gesenkten Armen rückwärts die Stäbe fassend, in dem ruhigen silbernen Strom von Licht, das ungebrochen durch farblose Fenster fiel.

Und langsam wendete sie sich, mit den Blicken dem Strahlenstrom in die Tiefe der Kirche zu folgen. Er floß an einem nahen Pfeiler des Schiffes herab. Vor dem Pfeiler aber stand unbeweglich eine jugendlich-männliche Gestalt in weißem Mantel, deren Blick mit sanfter Gewalt auf ihr zu ruhen schien. Sie erschrak nicht; sie vermochte nicht anders, als die Erscheinung anzustarren, die ihr wie die Erfüllung eines Gebets war. Zu göttlich war ihr die vollkommene Ausgeglichenheit der Glieder, um menschlich, zu sein; denn die Gestalt ruhte so ganz in sich selbst, daß sie den Boden kaum zu berühren schien. Und eine unbeschreibliche Süßigkeit durchrieselte Angelucias Leib. Sie fühlte, wie sich diese ruhig-schönen Züge in die sich glättenden Tiefen ihrer Seele prägten und in ihr leben würden bis ans Ende. Da war nichts in diesem Blick, das sie schmerzte; da war kein wildes Herandringen, kein Fordern, kein rohes Antasten ihres Herzens. Unbenennbare Empfindungen schienen von dem Bilde in sie hineinzutreten. Sie breitete die Arme aus; sehnend, seufzend vor Glück. Dann verließen sie die Sinne.

»Veni Creator Spiritus«, hauchte sie und sank an dem Gitter nieder, an dem die tastende Hand keinen Halt mehr fand.

Und dann, zwischen Wachen und Schlaf, war es ihr, als trete die Gestalt auf sie zu; eine gute Hand streichele die gespannte müde Stirn und erfasse auf Augenblicke die ihre. Wie in einer ganz sanften Abwehr zog sie die Hand, die durch das Gitter gefallen war, zurück. so fanden sie die Schwestern, als sie in der dritten Stunde nach Mitternacht zur Mette kamen und ein spärliches Kerzenlicht den Chor füllte, aus dem der Mond wie ein stiller Beter, der seine Andacht beendet hatte, gewichen war. Sie gedachten, der Äbtissin die Pflichtvergessenheit der Novize, die nicht bei ihrem Heiland zu wachen vermocht hatte, mitleidig zu verschweigen. Als sie die wie aus einem seligen Traum Erwachende an den Händen aufhoben, hätten sie fast einen lose an ihrem Finger sitzenden breiten Ring abgestreift, bei dessen Anblick Angelucia ein solch freudiger Schreck durchzuckte, daß sie die Hand zur Faust ballte und den Ring wie ein Heiligtum geschlossenen Auges an die Lippen führte. Die Inbrunst, mit der sie ihn küßte, ließ die Nonnen in Ehrfurcht vor der Verzückung ihrer Mitschwester starr im Kreise stehen.

»Mein himmlischer Bräutigam war bei mir«, hauchte die Verzückte und sank ohnmächtig in die Arme der sie sanft auffangenden Schwestern. Zur selben Stunde aber ritt der namenlose Graf über die Grenze des Artois, dem Süden zu, und schaute so froh in die flimmernden Sterne, als käme er aus seiner Liebsten Haus. Das Bild einer jungen, in einem schwermütigen Glück die Arme nach ihm ausbreitenden Frau begleitete ihn wie ein Banner, unter dem er fechten würde und sterben, wenn die Reihe an ihm wäre.

In der Frühe des folgenden Tages überholte er die Wäscherin der jungen Gräfin von Nevers auf der Heimreise. Fröhlich thronte sie in ihrem Karren auf einem Bündel Kleider, die ihre gewesene Herrin an sie weggeschenkt hatte, und schaute nach den Bergen der Loire aus. Als der Graf von Flandern an ihr vorüberritt, hielt er einen Augenblick sein Pferd an und warf ihr einen Goldflorin in den Schoß. Die Zofe deckte das reiche Geschenk lachend mit der Hand.

»Für eine gute Botschaft, die du mir gebracht«, rief der Graf und nickte ihr im Weiterreiten zu. Der kurze Troßknecht aber hinter ihm stellte seufzend seine Betrachtungen darüber an, daß stolze Herren es leichter hätten, zu einem Lachen eines Mädchens zu gelangen, als Buben auf Packpferden, wenn sie auch einen noch so schönen Falken auf der Faust trügen.

Die Mauern des Klosters hielten der Wucht des Wunders, das in sie hereinflutete und Menschen und Dinge zu erfüllen schien wie eine schier unerschöpfliche Gnade, nicht stand und barsten schließlich. Ohne daß man etwas dazu tat, verbreitete es sich im Lande, daß eine göttliche Erscheinung vor irdischen sehenden Augen sich gezeigt, und die wunderlüsterne Bevölkerung des Artois bemächtigte sich der Kunde, als ob sie die Sache allein anginge. Von Rhein und Schelde meldete man die Erscheinung dreier wunderbarer Kreuze am Himmel, während man den Kreuzzug am Donnerstag vor Pfingsten predigte und Bewaffnete und Pilger schon den nördlichen Häfen zur Ausfahrt zuströmten. Die Leute des Artois mußten auch ihr Wunder haben.

Und wem es nicht genug war, daß die Nonne Angelucia den himmlischen Bräutigam erblickt haben wollte, dem mußte der fremdartige silberne Ring mit dem göttlichen Gebot seiner Inschrift Beweis sein. Denn in flacherhabener Schrift umlief ein Spruch seine äußere Runde, der allen Seelen geläufig schien, der nichts als die göttliche Fassung der Predigten, Aufrufe und Entflammungen war, welche täglich in einem gewaltigen Rhythmus das Land durchhallten:

»certa contra infideles«.

»Kämpfe gegen die Ungläubigen!« – Der Bischof von Arras verkündete am nächsten Sonntag den kirchlichen Aufruf zum heiligen Kriege mit den Worten des Ringes; die Kirche selbst hatte sie bekräftigt, unantastbar gemacht. Einem kopfwiegenden, bedächtigen Schullehrer aus dem Hennegau, der unter allerhand Vorbehalten zu behaupten wagte, die Aufschrift könne auch eine feine Weisung an den Ring selbst sein, seiner Aufgabe als Kämpfer gegen die Untreue von Gatten und Verlobten eingedenk zu bleiben, und die Worte bedeuteten etwa: »Kämpfe gegen die, welche untreu werden wollen«, warf man Steine nach wie einem Gotteslästerer.

Von der Erregung, die sie umgab, von den Wundern an Rhein und Schelde, von der lasterhaften Verdeutung der Ringaufschrift wußte und bemerkte Angelucia nichts. Sie lebte seit dem Tage der Erscheinung in einer süßen, verschlossenen Glückseligkeit dahin, ganz wie eine wirkliche Braut. Sie erging sich darin, bald das Bild zu betrachten, das der Geliebte in ihr zurückgelassen, bald den Ring ans Herz zu drücken, mit dem er sie sich verbunden hatte. Obgleich das Wunder allen offenbar war, schien sie sich dessen nicht bewußt zu sein und glaubte, es wie ein Liebesgeheimnis bewahren zu können. Sie schämte sich, daß ihr jenes Geständnis von dem Besuch ihres himmlischen Bräutigams im Beisein der Schwestern entschlüpft war und diese den Ring gesehen und betrachtet hatten. Und da sie nicht wußte, daß es die irdische Liebe war, deren Allmacht sie verfallen, daß es ein Mann war von Fleischund Blut, gegen den sie sehnend ihre Brust gedehnt und ihre Arme ausgestreckt, gab sie sich um so unbefangener an alle die zarten Knospungen und stillen Entfaltungen ihres liebejungen Herzens hin; denn dieses Herz war wie ein froher starker Brombeerstrauch, der, von dem Jäger, dem er seine Dornen zeigte, verwüstet und zertreten, doch sogleich über sich selbst hinweg grüne Blätter und schneeige Blüten rankt, sobald der erste Sonnenstrahl ihn wieder trifft.

So völlig aber war sie, die Jungfräuliche, Einfache, Gesunde, im Bann der neuen Macht, daß sie die Weisung des Ringes, gegen die Ungläubigen den Kampf aufzunehmen, nicht wie eine göttliche Berufung, nicht wie eine Bestimmung ihres ganzen Daseins zu erfassen vermochte, sondern nur als einen Befehl des Geliebten, dem sie willfahren werde, wie jedem Wunsch, jeder Weisung, die er aussprechen würde. Ihm, das fühlte sie, werde sie alles opfern, alles gewähren, alles hingeben; ihm auch jeden ihrer Blicke, jeden Gedanken, jedes Wort bewahren; ihm ihren Leib und ihre Seele unberührt überantworten müssen, wenn er käme, sie zu holen. Aber um dieses Befehls willen die Sache des Kreuzzugs zu der ihren zu machen, das kam ihr nicht in den Sinn; wenn der Geliebte ihr die Weisung erteilte, so war es um des Geliebten willen, in der Hoffnung, in der Erwartung auf ihn, daß sie sie erfüllte. Ihm vertraute sie; er, der Gütige, Freundliche, dessen Hand ihre Stirn geglättet hatte, würde auch nur um ihres Glückes willen ihr einen Befehl erteilt haben, den sie als eine Berufung zu einer großen Sache nie auszuführen die Kraft gehabt hätte.

Anders aber begriff die Äbtissin die Weisung des Ringes. Dünkte ihr schon das Wunder der Erscheinung und das Beschenken mit einem handgreiflichen göttlichen Zeichen groß genug, um den Ruhm ihres kleinen Klosters auf alle Zeit zu sichern, so blickte ihr Ehrgeiz noch nach Höherem, wenn aus der Mitte ihrer Nonnen eine Streiterin für die Sache Gottes hervorgegangen sein würde. Christus, der in leibhaftiger Gestalt eine Nonne zum Kampf für sich berief, würde sie auch zur Gnade des Märtyrertodes in diesem Kampf zulassen, und Angelucia würde die Heilige ihres Klosters werden. Es war an ihr, die befangene, das Glück dieser verborgenen Verkündigung in ihrer Jugend nicht fassende Begnadete auf den heiligen Kampf vorzubereiten und ihr die Wege zu ebnen.

Der ziellose Eifer der Zeit, den die Kirche und in ihrem Gefolge eine zerstreute Schar fahrender Kreuzzugsprediger ins Abenteuerliche hochpeitschten, fand nirgends ein Hindernis oder eine Grenze, wenn es die heilige Sache galt. Dieben und Mördern, Frauen und Felduntauglichen gab man das Kreuz der Streiter Christi. Auch Angelucia empfing es von jenem das Land durchziehenden Kardinal de Courçon, der seine Vollmacht auf ein eigenhändiges Schreiben Innocenz III. zurückführte. Die Äbtissin jedoch hegte Bedenken, ihre adlige Nichte den Gefahren und Mißhelligkeiten auszusetzen, die eine Reise nach dem Gelobten Land inmitten dieses mißfarbigen Packs von gedungenem Fußvolk, Pilgern und Verbrechern in sich trug, mit denen zugleich Kurtisanen und schlechte Weiber zu Tausenden sich auf den billigen genuesischen Fahrzeugen einzuschiffen pflegten. Sie suchte sie daher in die Gefolgschaft jener erlesenen Schar von hohen geistlichen Herren und Rittern zu bringen, die auf die Kunde von den Ereignissen vor Damiette dort zu den schon abgegangenen Scharen des Kreuzheeres stoßen sollten. Auch Angelucia gedachte, vor ihrem Geliebten nicht als eine Unedle zu erscheinen; und da es ebensowohl der Sitte der Zeit entsprach, daß sich junge Adlige als Edelknaben in die Dienste vornehmer Bischöfe und Herren begaben, als ihr die Nonnenkleidung für einen Kreuzesstreiter nicht anzustehn schien, so beschaffte sie sich das einfache Wams, den breitkrempigen Lederhelm mit der kleinen ihn krönenden Stahlkappe und die übrige Ausrüstung eines Edelknaben, wie sie in Flandern und dem Artois üblich war. Um der Weisung des Ringes recht nachzukommen, unterstützte die Äbtissin die Verkleidung, der wegen der heiligen Sache nichts Betrügliches anhaften konnte. Das kastanienrote Haar verschwand unter der Wölbung des Helms, der Faltenkranz des Wamses deckte die Hüften, und der gestreckte, flache Schenkel hätte ebensowohl einem Jüngling adeliger Herkunft angehören können. Die goldenen Rittersporen umfaßten noch nicht die schmalen Knöchel, aber ein kurzes breites Schwert rieb den flachen kreisrunden Knauf seines langen Griffes, der jugendlichen Gestalt weit bis zur Wölbung der Rippen hinaufreichend, am Leder des Wamses.

So kam es, daß die Äbtissin dem edeln Pierre de Nemours, Bischof von Paris, der sich mit vielen andern ritterlichen und geistlichen Kreuzfahrern zur Ausfahrt nach Ägypten rüstete, in einem ergebenen Brief für sein Gefolge einen vornehmen jungen Edelknaben aus dem Artois empfahl, dem Christus erschienen sei, um ihm den Kampf gegen die Feinde des Glaubens zu gebieten. Dergestalt dachte sie einerseits nach Möglichkeit bei der Wahrheit zu bleiben, andrerseits Angelucia vor zudringlichen Fragen zu schützen und als Trägerin des wunderbaren Ringes unkenntlich zu machen. Der Bischof, der danach trachtete, mit einem durch Adel und Prunk ausgezeichneten Gefolge im Felde zu erscheinen, sagte der vornehmen Dame zu, er werde ihren Schützling in seine Obhut und Dienste nehmen. Auch ahnte er wohl, da die Kunde von dem Wunder im Artois, wenn auch durch die Entfernung geschwächt, ihm zu Ohren gekommen war, wer sein Edelknabe sei; und zur Unterstützung des heiligen Vorhabens schwieg er klüglich.

Obwohl aber Angelucia alle diese Vorbereitungen zu einer Fahrt, welche sie wie die Annäherung an das Ziel einer Sehnsucht vorempfand, mit Eifer aufnahm und betrieb, so bewegte sie doch zugleich eine geheime Angst, daß nun Getümmel und Seemannsrufe, Kampfgeschrei und Stöhnen, Brand und Blut in das stille heitere Heiligtum ihrer Liebe dringen sollten, in dem sie nach Art der Liebenden mit dem Bilde dessen allein zu sein wünschte, dem alle ihre Sinne gehörten. Rauhe Männerstimmen, ihr verhaßt, würden ihr Befehle erteilen, von ihr Antwort heischen, wilde kriegerische Gesichter in schrecklicher Nähe um sie auftauchen; Glaube und Wut, Eifer und Gier, Rache und Lust sollte sie in einem ungeheuren Chaos der Entfesselung dahinbrausen sehen gleich einem schmutzigen Strom: alles dies würde sie in Berührung mit Menschen und Dingen bringen, die sie, welche in einer Reinheit und einem inneren Stolz ohnegleichen vor ihrem himmlischen Bräutigam zu bestehen hoffte, fast wie eine Befleckung fürchtete.

Im Schwanken ihrer Not ging sie am Abend vor ihrer Abreise in die Kirche des Klosters, dort vor dem Bilde der Jungfrau ein letztes Gebet zu verrichten. Sie hoffte auf kein Zeichen und suchte nicht mehr als einen Trost; aber dennoch betete sie leise in ihrer Einfalt:

»Gib mir ein Zeichen, Jungfrau, du Reine, wie ich die Liebe zu deinem Sohne rein erhalte. Keiner meiner Gedanken soll sich von ihm wenden, dem alle meine Gedanken gehören, keiner meiner Blicke sich in eines Mannes Auge verlieren, bis ich in Liebe oder Tod in seine Arme sinke. – Gib mir ein Zeichen, Jungfrau, du Reine.« –

Aber es blieb still in dem Kirchlein, so daß sie nichts hörte als ihren eigenen Atem. Da schlug sie in hilfloser Hoffnung die Augen zu dem geschnitzten Bilde mit den sanften Farbentönen auf: die Mutter Gottes stand stumm im letzten Schein des Tages und ihre Augen waren zu Boden geschlagen. So sah sie Angelucia lange knieend an; und dann, plötzlich, hielt sie in freudigem Erstaunen den Atem ein Weilchen in geweiteter Brust, erhob sich mit einem stillen glücklichen Lächeln und trug das Zeichen mit sich hinaus.

»Die heilige Jungfrau hat mich bedeutet,« sagte sie am Tage des Abschieds zu der Äbtissin, »das Gelübde des Schweigens und des Wandels mit niedergeschlagenen Augen auf mich zu nehmen, damit ich niemandem Rede stehen und niemandem ins Auge sehen soll, außer meinem Herrn und Bräutigam, Jesus Christus. Wollt mir erlauben, diese Gelübde in Eure frommen Hände abzulegen.« Die Äbtissin nahm ihr die beiden Gelübde ab und küßte sie. »Du wirst Gott schauen,« sagte sie zu Angelucia; »denn, die reines Herzens sind, werden Gott schauen.«

So schied Angelucia stumm und mit gebeugtem Nacken aus dem Kloster im Artois, wie sie in dasselbe eingegangen war. Aber ihre festen Bewegungen und ihr leichter Gang verrieten, daß es selbstgewählte Entsagung war, die sie trug.

Es kamen jedoch Zeiten, in denen die übernommenen Gelübde Angelucia drückten. Nicht als ob sie ihr vor den Menschen lästig geworden wären; denn diese waren es gewöhnt, noch weit abenteuerlichere Bußübungen und aus göttlichem oder eigenem Willen auferlegte Leistungen und Entsagungen unbehelligt an sich vorüberziehen zu lassen – und der Bischof selbst warf nicht mehr als einen verstehenden Blick auf die stolze Gestalt seines neuen Edelknaben –, aber vor ihrem eigenen Herzen werden sie ihr manchmal leid. Denn dieses ruft in seiner Liebesfroheit nach der Sonne, zu der sich der Blick nicht erheben darf, und sie muß es mit seinem sanften eigenen inneren Schein stillen; es verlangt nach der weiten Ruhe des nächtlichen Himmels und seiner Gestirne, und sie muß den Blick auf die schwankende schwarze Fläche des nächtlichen Meeres bannen und sich an dem ruhlosen Abbild der Sterne darin genügen lassen. So sitzt sie manche Nacht, während das Schiff die leichten Gewässer der griechischen Meere durchschneidet, und schaut in die vergleitenden Gestirne der Tiefe; und obgleich sie sicherlich nicht den Anblick der Menschen sucht, so betrachtet sie dennoch so manches Mal insgeheim, nur um ein Menschenantlitz zu sehen, ihr eigenes Gesicht in dem flachen Rund des Schwertknaufes, das sich im gleichförmigen Reiben an ihrer Seite in einen glatten metallenen Spiegel verwandelt hat. Dann gewahrt sie wohl, wie in ihren Zügen ein ihr fremdes starkes Leben sein Spiel und Wesen treibt, und senkt den Spiegel mit einem Seufzer.

Die Flotte des ritterlichen und geistlichen Nachzugs, welcher dem Hauptheer der Kreuzfahrer folgte, traf in dem Augenblick vor Damiette ein, als man die Einnahme und Zerstörung des gewaltigen Nilturmes, der den Zugang zu Stadt und Fluß von der Seite des Meeres her beherrschte und für uneinnehmbar galt, als ein Wunder Gottes pries und feierte. Mit den heißen trägen Lüften des Nil und seiner Sümpfe wehte Angelucia, während sie die Augen auf den trostlosen Sand des Gestades niedergeschlagen hielt, ein dumpfer glühender Odem des Wunders entgegen. An ihr Ohr hallten die Dankeshymnen der Kreuzfahrer zu dem Gott, der für sie stritt, und sie selbst kniete mit Rittern und Bischöfen, mit dem gesamten Heer und der Masse der Pilger und des Trosses vor dem Kardinal und Legaten des Papstes, der im Feldlager der Christen bald Mut und Eifer für das heilige Unternehmen, bald durch Hinweis auf göttliche Wunder, die schon geschehen, die Hoffnung und Erwartung neuer anfachte.

Mit den andern allen, Führern und Kriegsvolk, begann auch sie sich der Erwartung neuer Wunder hinzugeben. In Untätigkeit, hoffend und murrend, harrten sie alle. Das Feldlager war in Wochen und Monaten nichts mehr als eine Stätte der Tatenlosigkeit und Gebete.

Unmutig durchwanderte der Graf von Flandern die langen Straßen des Lagers und betrachtete den Prunk und die Fülle der für die jüngst eingetroffenen geistlichen und ritterlichen Herrn aufgestellten Zelte und Ställe. Er wenigstens hätte lieber für Gott oder eine gute Sache gestritten, als ihn für sich streiten zu lassen. Die Liebe zu seiner Dame trug er im Herzen, und keiner, dem eines Mannes Herz in der Brust schlägt, war noch je ohne den Drang zur Tat mit einer solchen Last darinnen. Ohne darauf haften zu bleiben, spielten seine Blicke über die prächtigen und seltenen Dinge, über Gewänder, Gerät und Waffen dahin, und sein inneres Auge haftete wohl auf anderen Dingen, auf einem kleinen Ohr unter kastanienroten Flechten und auf einem edeln gebeugten Nacken. Aber er mußte stehenbleiben, um sich zu vergewissern, ob es nur der Gedanke in seinem Herzen oder die Wirklichkeit war, was sein Auge eben erfaßte. Denn vor dem Zelte des Bischofs Pierre de Nemours stellte gerade ein Edelknabe ein kostbares Brettspiel auf einen niedrigen Tisch, an dem sich schon der Bischof und der edle Herr Ithier de Thacy zum Spiel bereit gegenübersaßen. Dieser Edelknabe aber trug den nämlichen Nacken auf seinen Schultern, an den der Graf von Flandern gerade in diesem Augenblick dachte. Er erkannte ihn auf den ersten Blick, und die Verkleidung konnte ihm die Dame seiner Liebe, die junge Gräfin von Nevers, nicht verbergen. Da war der Edelknabe auch schon wieder in das Halbdunkel des Zeltes zurückgetreten.

Verflogen war bei diesem Anblick Unmut und Kampfeslust zugleich. Wohl ahnte er und hoffte er; aber ehe er nicht gesehen, daß sie seinen Ring an ihrem Finger trug, durfte er nicht glauben. Er grüßte die Herren vor dem Zelte artig und schaute abseitsstehend scheinbar ihrem Spiel zu. Der Baron de Thacy war dem Bischof von Paris um vieles überlegen und gewann das erste Spiel. Er stand schon das zweite zu gewinnen, als es der Bischof, der eine kleine Schwäche dafür hatte, selbst im Spiel einen überlegenen Geist zeigen zu können, etwas mißmutig aufgab.

»Ihr spielt mir zu klug, wackerer Ithier,« sagte der Bischof, »und seid keine Partie für Leute meines Schlags.«

»Wenns an einem Gegner fehlt, Euer Gnaden,« fiel der Graf von Flandern zögernd ein, indem er hinzutrat, »soviel ich sehe, bin ich im Spiel Euch ebenbürtig.«

Ithier de Thacy erhob sich, und um nicht das Spiel mit einem Ärger zu schließen, setzte der Bischof höflich selbst die Steine von neuem auf, während der flämische Graf den freigewordenen Sitz ihm gegenüber einnahm. Doch so langsam auch der Graf zog, um den Anstand nicht zu verletzen, der Edelknabe trat nicht wieder aus dem Zelt. Der Bischof gewann das Spiel, und da er ihn guter Laune sah, fragte ihn der Graf bescheiden, ob es ihm gefallen würde, morgen wieder eine Partie mit ihm zu machen. Sein Wesen und seine Spielweise behagten dem würdigen Herrn, und er bezeugte sein Gefallen, seinen Gegner am nächsten Tage wiederzusehen.

Als am folgenden Tag der Graf sich zum Spiel einstellte und Angelucia das Brett auflegte, sah er den Ring an ihrer Hand, und die Freude wollte ihn fast übermannen; aber stumm und gesenkten Blicks ging der schöne Edelknabe davon, sobald er seine Pflicht getan, so daß der Ritter nachdenklich und von neuem zweifelhaft wurde.

»Wo habt Ihr den edeln Knaben her, Herr Bischof?« fragte der Graf halblaut und behutsam und begann das Spiel. Aber der Bischof übersprang die Antwort auf die Frage, wie er eben einen Stein seines Gegners auf dem Brett übersprang. »Ihr seht wohl, daß ihn ein Gelübde bindet«, sagte er nur; und der Graf wagte nicht weiter zu fragen.

So spielten sie manchen Tag, wenn der Schatten des Zeltes groß genug war, daß er sie deckte, und der Graf hatte noch nicht mehr von seiner Dame erfahren, als daß sie seinen Ring trug und sie ein Gelübde band. Jeden Tag aber verlor er seine Spiele, so daß der Bischof sich wohlgelaunt schon für einen Meister hielt.

»Ihr habt da einen schönen Jagdfalken, Herr,« sagte er eines Tages zu dem Grafen; »ich habe ihn heute ohne Haube gesehen, als Euer Knecht ihn ätzte. – Man könnte ihn dem König von Frankreich zum Geschenk machen, so schön ist er!«

Eine feine Freude überflog das Gesicht des Grafen; aber er gab nur eine gleichgültige Antwort über den Vogel und hatte bald das Spiel verloren.

»Ich möchte wohl für das nächste Spiel meinen Jagdfalken verwetten gegen ein gleichwertiges Stück von Euch«, rief er heftig, als die Steine von neuem aufgesetzt wurden. Und seinem Gegner schien er endlich seinen Gleichmut verloren und in Hitze und Eifer zu geraten über sein anhaltendes Mißgeschick, »Wählt Euch eines«, antwortete gutmütig der Bischof, der seines Sieges sicher war.

»Dann setze ich meinen Falken gegen Euern Edelknaben, Herr Bischof«, sagte der flandrische Graf.

Der Bischof bedachte sich eine kleine Weile; es schien ihm keine Gefahr für seinen Einsatz und der Edelknabe am Ende ebensogut bei dem Grafen als bei ihm untergebracht. Der Falke lockte ihn.

»Ihr werdet nicht viel an ihm haben,« antwortete er; »ja, wenn er so vorzulesen verstände, wie Philipp von Navarra, der Edelknabe des Ritters Chayr! – Was gedenkt Ihr mit ihm anzufangen?« fragte er und tat den ersten Zug.

»Er wird meinen Falken warten«, antwortete der Graf laut und verteidigte sich.

»Das wird er auch bei mir können,« erwiderte ihm lachend der Bischof, »wenn Ihr Euern adeligen Vogel bei mir abliefern müßt.«

Aber der Graf gewann und der Bischof verlor und ahnte nicht, warum er alle die andern Spiele gewonnen und gerade dieses verloren hatte. Er rückte etwas unbequem auf seinem Sitze hin und her und sagte dann:

»Erlaubt Ihr, daß ich ihn, trotzdem ich ihn zu Recht verloren habe, dennoch frage, ob er selbst einwilligt. Euern Dienst mit dem meinen zu vertauschen? denn ich möchte ihm nicht weh tun.«

»Euer Knabe mag bleiben, wo er ist,« rief der Graf, »wenn er nicht freiwillig kommt.« Und er war dem Bischof dankbar, daß dieser selbst ihm zu einem Beweis verhelfen würde, ob ihm die Gegenwart der Gräfin von Nevers im Lager der Kreuzfahrer galt.

Doch sein Herz klopfte zu laut. Er fürchtete, sich und sie zugleich zu verraten, und verließ das Zelt des Bischofs, ohne die stumme Entscheidung seines Edelknaben abzuwarten.

Am Abend jenes Tages sandte der Bischof seinen Edelknaben in einem kleinen Aufzug, wie man ein kostbares Wettgeschenk mit einem Geleite übersendet, um ihm Ehre anzutun, in die Gezelte des Grafen von Flandern. Angelucia hatte auf die Frage des geistlichen Herrn, ob sie fortan einem flämischen Grafen dienen wolle, eine zustimmende Bewegung gemacht, als, sei diese Wendung in ihrem Schicksal nur die Erfüllung einer Erwartung. So sehr verlangte es ihr harrendes Herz nach einem Zeichen, daß sie ein Zittern der Freude nicht unterdrücken konnte, als ihr durch die Frage des Bischofs ein solches aus dem kreisenden Strom ihrer Erinnerung aufzutauchen schien; denn mit einem flämischen Grafen, dessen Name sie nicht kümmerte, war sie einst dahingeritten; und es war der Ritt in das Kloster im Artois gewesen, der ihr das Wunder des Ringes und das Wunder in ihrem Innern gebracht. Daran gedachte sie jetzt; es war ihr wie ein Zeichen, dem sie vertrauend folgen durfte.

Der kurze Troßknecht hatte um den neuen Edelknaben seines Herren eine schlimme Nacht; denn er machte große Augen, und als er davon anfing, der Edelknabe, dem er sein Zelt habe räumen müssen, habe wohl die gleiche Größe wie die Gräfin von Nevers im Kloster des Artois, fuhr ihm sein Herr an die Kehle, ohne seinen Handschuh auszuziehen, daß ihm weitere Vergleichungen nicht aufstiegen und er die gemachte hinunterschluckte, seinem Herrn zu Gefallen. Aber zwischen Kehle und Herz fühlte er die Wahrheit festgekeilt, daß der neue Edelknabe seines Herren niemand anders sei, als die junge Gräfin von Nevers, wenn ihm auch der Graf dies so kurzerhand abstritt.

Der Graf indessen ließ es sich an seinem neuen Besitz genügen. Wenn die Dame seines Herzens ein Gelübde band, so verehrte er sie in seinem jungen Ritterherzen nur um so mehr, und kein Versuch, einen noch so flüchtigen Blick von ihr zu erhaschen, noch seinen Schutz und seine Fürsorge um sie mit Blicken oder Worten belohnt zu sehn, verkleinerte seine Zurückhaltung. Aber Angelucia fühlte eine kleine Freude, als er ihr, wie ein lebendiges Spielzeug, das ihr Gesellschaft leisten würde, seinen edeln Falken anvertraute. »Ist das ein Stücklein von der Zwiesprach mit den Vögeln des Himmels, die mich erwartet?« so dachte sie und strich den Falken über den schlanken Rücken.

So wuchs von dem Tage, an welchem sie in die Gezelte des flämischen Grafen eingezogen war, ihre Erwartung, und ihre Erwartung begann an ihr zu zehren, wie ein Fieber. Ein Wallen von Erblassen und Erröten, das sie wohl fühlte, verwirrte sie. Sie wartete; wartete auf ihn, den Bräutigam. Und damit er sie fände wie eine Braut, schmückte sie sich jeden Abend, bevor sie zur Ruhe ging, mit einer schwermütigen und doch freudigen Sorgfalt. Rote Blüten stahl sie sich unter den Mauern der Stadt, wo sie die Wasser des Nil emporsprießen ließen. Die wand sie sich ins Haar, wenn sie es abends aus der Wölbung des Helms erlöste, und in den hellen, heißen Nächten betrachtete sie sich forschend in dem kleinen Rund des Schwertknaufs, der ihr Spiegel war.

Aber je länger sie auf ihn wartete, desto höher stieg das Fieber dieser Erwartung. Und dann wieder konnte sie über ihre Sehnsucht und ihre Ungeduld lächeln, die sich einbildete, der Herr werde ihr anders erscheinen als im Augenblicke der höchsten Not.

Angelucia bewohnt nicht mehr das flandrische Zelt des kurzen Troßknechtes, sondern ein reiches Zeltgemach eines geflohenen ägyptischen Emirs; und wie sie ist der Graf ohne Namen und andere Edle und Ritter im Besitz eines feindlichen Lagers von unerhörter Pracht, das Gott den Kreuzfahrern geschenkt hat. Ein neues Wunder ist geschehen; die Legaten des Papstes predigen es, die geistlichen Herren beugen sich vor ihm, die Kreuzfahrer glauben es.

Nach der Einnahme des Nilturmes hatte das Kreuzheer keinerlei Fortschritte in der Belagerung von Damiette gemacht. Untätig hielt sich das Ritterheer in seinem Lager auf dem westlichen Ufer des Stromes, und ihm gegenüber lagerten auf dem östlichen Ufer die Sarazenen des Sultans von Kairo, der mit den Emiren der ägyptischen und arabischen Stämme die bedrohte Stadt durch seine bloße Anwesenheit deckte. Auf dem Strom gab es zwar täglich ein zielloses Geplänkel zwischen dreistem deutschem Fußvolk, das auf Flößen oder leichteren Fahrzeugenohne Führung und auf eigne Faust dem Feind Abbruch tun wollte, und den sarazenischen Bogenschützen; aber der Kern beider Heere wurde von keiner Seite eingesetzt. Wohl erkannte der König Johann von Brienne, der die Ritter trotz des Kardinallegaten Pelagius angemaßter Oberherrschaft führte, daß es galt, jenes Deckungsheer der Sarazenen zu schlagen, ehe man die Stadt, die man als den Schlüssel Ägyptens ansah, durch Hunger zwingen würde. Aber wie sollte er die schwergepanzerten Rosse und Reiter über den Fluß mit den sumpfigen Uferrändern bringen, wenn nicht ein Wunder Gottes ihm half?

Da fanden die Plänkler an einem Morgen das ganze reiche Lager der Sarazenen verlassen, den Sultan geflohen, das Heer ihm nach. Man verband die beiden Nilufer durch eine Schiffsbrücke. Wie zu einer Schau zogen die Ritter zu Pferd und in vollem Harnisch auf den starken Bohlen über den Strom und in das Lager der Feinde, das ihnen Gott bereitet hatte. Der heilige Georg an der Spitze einer Legion weißgeharnischter göttlicher Reiter war im Lager der Sarazenen erschienen und hatte den Sultan, die Emire, das ganze Heer in wildem Schrecken vor dem blendenden Licht ihrer Erscheinung davongejagt. So predigt es der Kardinal des Papstes, so sprechen es die Bischöfe nach, so glauben es die Kreuzfahrer.

Nach dem Wunder aber kam die Not; und Angelucia grüßte sie wie die Ankündigung der Erlösung. Denn das fliehende Heer des Sultans von Kairo stieß auf ein zweites, das seines Bruders, des Sultans von Babylon, welches aus Syrien zum Entsatz Damiettes heranrückte. Vereint zogen sie heran. Die Wüste selbst schien sich gegen die Ritterschar der Kreuzfahrer zu erheben, als die beiden Heere wie zwei undurchdringliche Sandwolken über sie hereinbrachen. Eine furchtbare Umklammerung begann. Den Sarazenen war es gelungen, die Verbindungsbrücke über den Nil, die das Ritterheer mit dem Fußvolk in Fühlung hielt, durch Brander zu zerstören. In der Flanke vom Fluß, in der Front von zwei Heeren, im Rücken von der Besatzung von Damiette bedroht, so bereiteten sich die Streiter Gottes mit ihren Scharen zum Kampf. Es war am Tag der Enthauptung Johannes des Täufers; was Wunder, daß Christenblut floß in Strömen? Und am Abend des Tages ließen die Sultane ihre Boten nach Syrien und Ägypten reiten und bis an die finstern Grenzen der östlichen Welt verkünden: wer Christensklaven braucht, der komme vor Damiette. Am späten Abend gingen die geistlichen Herren, hohe und niedere, im Lager der Kreuzritter umher; aber es war manch ein Ritter, dem sie zu spät kamen mit einem letzten Trost, und die noch lebten, waren kleinlaut, und nicht viele trauten sich ohne Gottes Hilfe noch etwas zu.

Da kam Pierre de Nemours, der Bischof, vor die Gezelte seines Spielgenossen während untätiger Tage; denn es gelüstete ihn, einen zu sehen, mit dem er über die Dinge reden konnte, wie sie standen, und nicht nur Zuspruch und Trost auszuteilen.

»Gut, daß die Nacht die Heere trennte«, sagte er gedrückt zu dem Grafen, der sich vor seinem Zelte kühlte.

»Die Nacht, Herr Bischof! Die Nacht ist so hell, daß man Entsetzen und Entschlossenheit in jedes Kämpfers Gesicht lesen könnte. Nein; sie haben etwas Furchtbares vor, zu dem sie Atem schöpfen. – Morgen, morgen ists schon heiß, Herr, eh die Sonne aufgeht; des seid gewiß.«

»So kann uns nur ein Wunder Gottes retten,« antwortete Pierre; »anders kommen wir nicht davon!«

Da wandte sich der Graf ohne Namen verächtlich und erwiderungslos weg und betrachtete vor sich hin die Schärfen seines Schwertes im Mondlicht.

Drinnen aber, im reichen Zelt des geflohenen Emirs, das neben dem seinen stand, schmückte sich Angelucia nach ihrer Weise für die Nacht; und die Worte der beiden drangen an ihr Ohr. Sie schloß eine Weile die Augen, um die Ankündigung der Not, aus der nur ein Wunder Gottes würde helfen können, in sich einzusaugen, wie einen süßen, letzten Trank. Nun, wo die Not am höchsten schien, würde er kommen, den sie ersehnte. Vielleicht, daß er sie selbst zu dem Wunder erkor; daß sie gewürdigt sein sollte, vor dem Heere der Kreuzfahrer daherzureiten, waffenlos, und doch bewaffnet von einer überirdischen Macht, die sie die Hände ausbreiten ließ, aus deren Höhlung flammende Strahlen auf die fliehenden Ungläubigen niederschossen; vielleicht auch, daß der Bräutigam sie heimführen würde, heimlich und still, wie eine Selige.

So träumte sie sich in ein Fieber der Erwartung hinein. Ein sternentrunkener Himmel schaute durch ein zur Kühlung weggehobenes Dreieck des Zeltdaches auf sie nieder. Die gütige Helligkeit der Nacht floß über sie mit den Falten des einfachen Gewandes zusammen dahin, in dem sie auf den dunkeln Teppichen der Ruhstatt inmitten des Zeltes lag.

Und es kam ihr die Lust an, ihr Angesicht zum letztenmal zu schauen. Langsam erhob sie den Knauf des Schwertes, das ihr zur Hand lag; und während sie den runden Spiegel zu ihren Augen emporführte, erstarrte ihr die Bewegung des Armes auf halbem Wege. Denn – da – in der metallnen Scheibe stand urplötzlich ein ihr wohlbekanntes Bild in einer silberigen Milde; und es war der Graf von Flandern, der in den Eingang des Zeltes getreten war, um die, welche er liebte, einmal noch von ferne im Schlafe zu sehen, ehe er zu einem Waffengang davonritt, auf dem er unversehens in das Antlitz des Todes blicken würde, aus größerer Nähe als in das ihre.

Angelucia ließ das Schwert mit einer sanften Bewegung ohne Erstaunen sinken. Sie erhob sich nicht; aber sie breitete ihre Arme nach der Gestalt aus, verlangend und gewährend in einem.

»Bist du es, mein Bräutigam?« fragte sie in einem seligen Hauchen, und ihre Stimme war so rein und leicht, als ob diese Worte schon längst in ihr geruht hätten und nun wie ein leises Klingen von ihren Lippen erlöst würden. Die gleiche, unaussprechliche Süßigkeit durchrieselte ihren Leib wie damals, als sie die himmlische Gestalt das erstemal erblickte; dieselbe in sich selbst ruhende edle Ausgeglichenheit der Glieder, die sie, aller Schwere bar, den Boden scheinbar kaum berühren ließ, erfüllte ihr schimmerndes Auge.

»Ich bin es«, sprach er; die Freude verklärte seine Stimme; er war unfähig, den Zauber des Augenblicks durch andre Worte zu zerstören, und wußte, ach, doch nicht, daß es die Worte Eines waren, welcher sie sprach, als man ihn fragte, ob er Gottes Sohn sei. Er beugte sich über sie, nahm ihr Haupt in seine Hände und sah sie lange unverwandt an; war endlich die Stunde gekommen, wo die Gelübde erfüllt waren? wo diese Lippen, diese Augen sich ihm öffneten?

Sie ergriff seine Hände und richtete sich auf; und dann drückte sie zahllose Küsse der Dankbarkeit auf diese Hände, die ihr einst so wohlgetan. Und sie begann, den kaum verhüllten Leib mit Küssen zu bedecken, rückhaltlos, ungestüm, in einem Jubel des Gebens.

Und Küssen der Dankbarkeit folgten Küsse des Glücks; und Küssen des Glücks folgten Küsse der Liebe. Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken, sie fühlte ihre Küsse in einer überirdischen Glut erwidert, in der das Leben zu entfliehen schien; zu einem wonnevollen Vergehen, in dem sie alles aufgab wie an den Tod, sank sie mit ihm dahin.

Da entschwand dem Ritter die Welt in der Umarmung der Geliebten, und ihr versank sie in der seinen.

Ihr beider Atem ging ruhig durch den Raum, als sich Angelucia halb aus seinem Arm löste und mit einer seltsamen Bedächtigkeit den Ring, den er ihr einst gegeben, an seinen Finger gleiten ließ. Er fühlte, daß es kein harmloses Spiel der Liebe war, und wußte doch nicht nach dem Grund zu fragen, der ihr zu gebieten schien, den Ring von ihrer Hand zu streifen. Aber sein Erstaunen wuchs zu einer Angst. Denn er sah, wie Angelucia sich erhob und auf schwachen Füßen und doch so, als dürfe sie den Erdboden nicht mehr berühren, durch das Zelt ging, den nahe dem Eingang auf seiner Stange angeketteten Jagdfalken herabnahm und ihm, den Vorhang zurückschlagend, mit einem Schwung ihres Armes die Freiheit gab. So stand sie eine Weile und blickte dem Vogel nach, bis er in der dunkeln Glut des Morgens verschwunden war, der von neuem wie ein ungeheurer heißer Groll im Osten aufstieg.

»Was ist das?« fragte der Graf mit einem Schauder, als sie sich ihm wieder zuwandte; »warum läßt du meinen Falken fliegen ? warum gibst du mir den Ring zurück? – Warum gibst du mir den Ring zurück? warum läßt du meinen Falken fliegen?« und seine Stimme erhob sich in angstvoller Erwartung.

»Herr,« sagte sie, als ob sie der Welt nicht mehr gehörte, »spottet meiner nicht! Wenn der Bräutigam kommt, ist es das Ende. – Sie sollen ihn nicht finden, den himmlischen Ring, an meinem Leib, wenn sie ihn begraben – –. Aber der Falke; der Falke ist nicht Euer, Herr; der ist einem Ritter aus Flandern. Ein adeliger Vogel darf nicht in Gefangenschaft geraten. Denn sie werden hereinbrechen in die Reihen der Männer und in die Reihen der Zelte. – Dem Ritter, dem ich diente, bevor Ihr kamt, dem hab ich ausgedient, da ich seinem Falken die Freiheit gebe nach ritterlicher Art.«

»Und wer bin ich, wenn mir der Falke nicht gehört? Wer bin ich?« rief der Ritter und sprang auf die Füße.

Da breitete sie ihre Arme weit aus und erhob ihre Augen zu ihm, wie damals, als sie ihn das erstemal erblickte. Ein Jauchzen ohnegleichen war in ihrer Stimme, und sie sprach:

»Du bist der, von dem gesagt ist: Tod, ich bin dein Tod, und dich, Hölle, werde ich zerreißen. Christus bist du, der mir den Ring gab, damit ich ihm folge. Dank dir, daß du mich heißest, dich zu bekennen.«

Und sie fiel vor ihm nieder in Anbetung.

Da schauderte es den Grafen in einem schwarzen Schauder. Er wich zurück vor dem Haupt zu seinen Füßen, über das sich die Flut der kastanienroten Haarwellen ergoß. Langsam rückwärts schreitend fand er den Ausgang.

Taumelnd, die Hände vor den Augen, jagte es ihn dahin. »Töte sie, Herr, ehe sie wissend wird. Töte sie, ehe sie wissend wird«, stöhnte er; aber der furchtbare Gedanke an sie, die er geliebt, wurde erdrückt von der Last eines weit furchtbareren, der seine Kniee wanken machte, als habe er die Welt auf seinen Schultern zu tragen. Denn obwohl das Spiel zu Ende war, ging er zugrunde an der Rolle, die er darin gespielt. Ein Name zu groß, eine Macht zu gewaltig, um auch nur einem einzigen Menschen gegenüber sich damit zu bekleiden, stiegen vor ihm auf, unerträglich in ihrer Größe. Er suchte eine Zuflucht, sich zu verbergen vor einem Auge, vor dem er noch nie geflohen; Und es trieb ihn zu seinem Zelt. Aber er vermochte nicht hineinzugehen, denn das Bild des Gekreuzigten hing über dem Eingang. Keuchend wandte er sich nach den Grenzen des Lagers und erreichte den äußeren Rand der Wagenburg und der Palisaden. Er lehnte sich an die Pfähle, das Gesicht der Wüste zugewandt, deren Wind seinen vertrockneten Lippen keine Kühlung brachte. Es würgte ihn etwas am Hals, und als er mit schwerer Hand danach griff, zerriß unter ihr die Kette mit dem goldenen Ritterkreuz, das er trug, weil er für Christus stritt. Er schleuderte es samt der Kette von sich, weit hinaus in den Sand, als sei es der Strick des Henkers, der ihn gewürgt hätte.

Und dann, da er zusammenzusinken drohte, schob er in einer letzten Anstrengung, sich aufrecht zu halten, Arme und Ellbogen rücklings über das schulterhohe Pfahlwerk und gab seine Brust den Winden preis. Aber das Haupt sank ihm herab, die Kniee gaben nach, und er hing am Holz, als ob er gekreuzigt sei.

Mit Tagesanbruch schlugen ihn die Sarazenen tot, die gegen das Lager von neuem heranfluteten. Kein Zeichen verkündete ihnen den Ritter, den man um des Lösegeldes willen zum Gefangenen machen konnte, und er erschien ihnen zu erschöpft und elend, um ihn mitzuschleppen. So schlugen sie ihn tot, einen Namenlosen, – aus Barmherzigkeit, damit er nicht verschmachte.

Als der kurze Troßknecht in der Frühe seinen Herrn nicht fand, während schon das Kampfgeschrei der heranstürmenden Sarazenen die Luft erzittern ließ, wagte er am Ende, den Vorhang zu dem Zelte des Emirs emporzuheben. Da lag die junge Gräfin von Nevers entseelt auf ihrer Lagerstatt, und die beiden Hände hielten ein kurzes Schwert unterhalb des Kreuzes umfaßt, auf dessen flachen blanken Knauf ihre starr geöffneten Augen geheftet waren, als suchten sie in diesem Spiegel ein unsichtbares Bild.


DER OPFERGANG

In jenem heißen August, da die Cholera in Hamburg herrschte und mehr Menschen die Kühle des Grabes brachte, als je ein heißer Sommer zuvor, konnte man, immer zur nämlichen Abendstunde, einige Tage lang eine hohe schöne Frau in einer kaum auffälligen und doch so merkwürdigen Verkleidung und Verstellung eine der stillen und vornehmen Villenstraßen an der Alster dahinschreiten sehen, daß man sich unwillkürlich noch mit dieser Erscheinung beschäftigte, nachdem sie längst dem Auge entschwunden war. Von den wenigen, die dort gingen, hat wohl niemand ihr nachzublicken gewagt, denn ihre Art erlaubte das nicht; aber nachgesonnen hat ihr wohl jeder, der sie begegnend ins Auge faßte. Es war sicherlich nicht die Zeit zu Vermummungen, während die Seuche täglich gieriger wurde und ihr Hunderte von Menschenopfern nicht mehr genügten; als ich aber das Gebaren dieser Frau sah, welche mit einer inneren Schwere ohnegleichen einen vorgeschriebenen Weg zu gehen schien, ergriff es mich, als ob das Leben in einer Art Wettstreit hätte zeigen wollen, daß es grausamere, blutigere Menschenopfer fordere, als jener dörrende Tod.

Mit diesem Schlüssel bin ich ihr nachgegangen, ohne daß sie etwas davon gemerkt hat; undunsichtbare Spuren erzählten mir ihre wundervolle Geschichte.

Das Besitztum, aus dem die schöne Frau an jenen Abenden zu ihrem Gang hervortrat, war das ihres Vaters, welcher einen der besten Namen der bürgerstolzen Stadt und, damit in einer nutzbaren Dreieinigkeit verbunden, das beste englische Tuch und die Würde eines Senators auf seiner Person vereinigt trug. Denn die Stadt hält es für tunlich, von ihren Besten Alter des Namens, Wohlstand und Würde zugleich zu verlangen, und fördert klüglich von sich aus diese sich durchdringende Verbindung. Wie ein unveränderlicher Dreiklang lagen diese drei Worte über Haus und Garten, schwangen als eingestimmte Grundtöne in den Bewohnern wie den Besuchern, denen sie sich sofort mitteilten, sobald sich das große, langweilig-kunstvolle schmiedeeiserne Tor der Besitzung, gegen das dennoch nichts einzuwenden war, vor ihnen auftat und in dem peinlich gepflegten Garten hinter still niederhängenden Blutbuchen und Gruppen seltner hoher Nadelhölzer die unerbittlich weiße Hausfront mit den geschlossenen Fenstern sichtbar wurde; und das ganze System des Daseins dieser Menschen und Dinge wäre offenbar in Unordnung geraten, wenn irgendwoher irgendwann ein neuer fremder Ton sich den wohlangemessenen alten zugesellt oder die Stimmung nur um eine Schwebung hätte verschoben werden sollen.

Unter diesem Dreiklang, den er voll auf sich wirken ließ, betrat auch, etwa fünf Jahre vor jenem Sommer, Albrecht Froben das erstemal das Haus seines Oheims, des Senators. Jedoch galt nicht diesem die ein wenig bange Spannung, mit welcher Albrecht den breiten Weg vom eisernen Tor zur Haustür schritt, sondern, wie ersieh nicht verhehlte, seiner Cousine Octavia, die damals als einzige von drei Töchtern noch im Hause war. Denn ihr war es, der ein unausgesprochenes Gelöbnis, eine fast absichtlich im Traumhaften gehaltene Schwärmerei seiner Jünglingsjahre gehörte, während welcher er etliche Winter mit ihr in der Garnison seines Vaters im Westen vertanzt und ein paar Sommer verritten und verjagt hatte. Das war wohl zehn Jahre her, und er hatte in ihnen mit einer befreierischen Freude und mutwillig samt andern Träumen und feinen Neigungen seiner Jugend auch diese vernunftlos zerstört und sich am sogenannten Leben geflissentlich zu verhärten und vergröbern gesucht; aber aus all den Wirklichkeiten und all den starken Lieben und Leidenschaften, mit denen er sich umgeben zuhaben glaubte, stieg doch, als ein seltsames Gewissen, bei jeder Enttäuschung und selbst in seinen Freuden das Bild Octavias wie in einem verschleierten Spiegel vor ihm auf.

Trotzdem hatte er nie recht darauf geachtet, noch das wiederkehrende Bild auch nur recht zu betrachten für nötig befunden, da er es in jenen Jahren nicht eigentlich für männlich hielt, zurückzublicken. Die Erscheinung war vielmehr bald von der Helligkeit eines neuen Tages verdunkelt oder überstrahlt. Jetzt aber gedachte er daran und, der leibhaftigen Gestalt jenes Bildes so nahe, wollte es ihn bedünken, jene Mahnungen seien häufiger und stärker gewesen, als er sich früher einzugestehen gewagt hatte.

Als sich die überdachte Haustür mit den schweren geschliffenen Scheiben so geräuschlos vor ihm öffnete wie die Tür eines Kassenschranks; als er in die dämmerige Unverrückbarkeit der Eingangshalle trat, wo eine hohe, kaum sichtbare Uhr so langsam und gravitätisch tickte und ihr langes Pendel bewegte, als ob selbst sie empfände, wie es hier nicht am Platze sei, unruhig hin und her zu hüpfen und zu nicken, schien selbst das einzige, was er in einem kleinen jugendlichen Widerstandsbestreben einst an seiner Cousine gespreizt, ja lächerlich gefunden, sich in das Gegenteil davon zu verwandeln. Denn ihr römischer Name, der ihm früher in der bezeichneten Weise zu schaffen gemacht hatte, verkehrte sich in der Strenge, die hier herrschte und atmete, zu einer Unauffälligkeit. Er mußte sich sagen, daß sein Oheim es sich leisten konnte, seinen Töchtern erlesene Namen zu geben; und als in demselben Augenblick Octavia ihm in unverhohlener und doch gedämpfter Freude aus dem Musiksaal, wo ihr der Diener den Besuch des Vetters gemeldet, zur Bewillkommnung entgegentrat, fand er, daß es ihr anstand, ihren erlesenen Namen zu tragen.

Octavia war sicherlich eines der vollkommensten Frauenwesen, die damals mit Anstand über den Jungfernstieg gehen konnten. Sie war herrlich anzusehen in ihrer durch Vornehmheit gekühlten Schönheit, in ihrer Größe, Gelassenheit und unachtsam gemessenen Haltung.

»Nun,« sagte sie fröhlich und ergriff seine beiden Hände, die den ihren begegneten, »eine Rückkehr nach zehnjähriger Irrfahrt?« – Es war nur ein scherzendes Wohlwollen, kein Spott, in ihren Worten, denn sie wußte wohl, daß Albrecht lediglich in einer Art von unbeholfenem Trotz und Auflehnung gegen das Herkommen und die verhaßte menschliche Ordnung der Dinge sich all die Jahre in wechselnden Kreisen und Wirbeln umgetrieben hatte, was alles sie wohl verstand und verzieh.

»Wenn du willst, eine Rückkehr,« sagte er, indem sie langsam hineingingen; »ich dachte freilich mehr an das Erreichen eines neuen, wenn auch stilleren Landes, das vor mir läge.«

Octavia neigte lächelnd den Kopf hin und her, als ob das nach ihrer Auffassung kein rechter Unterschied sei; und in diesem Augenblicke erschien Albrecht sein Hiersein selbst mehr wie eine Rückkehr, weil sie es so genannt. Dennoch war es ihm ganz klar, daß sie nicht von einer Rückkehr zu ihr gesprochen; denn sie hatte sicher nicht auf ihn gewartet, obwohl sie es immer gewesen, die in den Jahren, während welcher er sich seiner ganzen Verwandtschaft überheben zu können glaubte, für ihn tapfer gegen die Ausbrüche und die Spötteleien focht, welche gelegentlich mit der Befriedigung einer gerechten und zugleich ungefährlichen Beschießung von ihrem Vater und ihren Brüdern auf ihn abgefeuert wurden. Sie kannte ihn aus jenen unbefangenen Gemeinsamkeiten früherer Jahre besser als selbst seine Eltern und Geschwister und verstand ihn; sie liebte sicherlich weniger ihn als seine Art, seine Frische, seinen Mut, seine nach tausend jungen Torheiten doch immer wieder besinnliche Kraft. In ihrer Begrüßung fühlte Albrecht ihr ungemindertes, ja gesteigertes Verstehen, und in diesem wiederum erblickte er einen klarsichtigen, sich nach seinen Irrfahrten freundlich darbietenden Ankergrund, den er dankbar anlief.

Obwohl Octavia nunmehr siebenundzwanzig Jahre zählte, hatte auf diesem Ankerplatz, der vor der tiefen Bucht ihres Herzens lag, noch niemand sich anzulegen gewagt. Denn sie hütete die Einfahrt durch die Klippen ihres Stolzes und ihrer Überlegenheit, und es stand immer eine abweisende kühle Brandung davor. Sie wußte wohl nicht, daß sie für ihren glücklichen Vetter selbst den Lotsen durch Brandung und Klippen gespielt und er bereits ah einem bedrohlichen Platz vor den stillen Gewässern ihres Herzens hielt.

An jenem Tage freilich blieb Albrecht geruhig liegen, wo er hingelotst war, und guckte noch mit keinem Blick nach der schönen Bucht hinüber, die ihm wohlverwahrt schien.

Während die beiden in einem stundenlangen freimütigen Erzählen beieinandersaßen und Octavia einen kleinen Imbiß vor den niedrigen Sesseln, die sie festzuhalten schienen, auftragen ließ, bemerkte weder er, daß er vergaß, auch nur eine Frage nach Oheim und Tante zu stellen, noch sie, daß sie einer mehrtägigen Abwesenheit ihrer Eltern auf deren Landgut im Holsteinischen Erwähnung zu tun unterlassen hatte.

Schon am folgenden Tage verließ Albrecht den ihm gebotenen Ankergrund vor der Sperre von Octavias Herzen, um, wie er meinte, munter mit dem frischbewimpelten Fahrzeug seiner Neigung hineinzugleiten. Denn über Nacht schien es ihm unter dem Eindruck der Begrüßungsworte seiner Cousine klar geworden, daß er, schon ehe er sie wiedergesehen, mit einer Hoffnung gekommen war. Die Unauslöschlichkeit ihres Bildes in seinem Innern, die in Wahrheit nichts mehr war, als ein selbstgeschaffener Halt an dem einzigen weiblichen Herzen, das ihn nach seiner Vorstellung voll verstand und wert hielt in Zeiten, als andere gering von ihm dachten, dessen Stelle auch wohl eine verstehende Mutter oder Schwester hatte einnehmen können, bewies ihm die Tiefe und Dauer einer Neigung, die vielleicht der gestrige Tag erst geboren hatte. Die ruhige geklärte See, welche sich ihm hier zeigte, dünkte ihm nun plötzlich verheißungsvoller, als alle die schäumenden und verrauschenden Wellenschläge, die ihn früher schaukelten, und im Anblick des Hafens vergaß er Wind und Wogen, die er einst geliebt. Zudem hatte er gerade den rechten Mut, ein Glück für sich zu erobern, das manchem andern, der es begehren mochte, zu aufrecht und stolz daherschritt, als daß er die Hand danach auszustrecken gewagt hätte. Da somit aus seiner Landung eine Brautfahrt geworden war und er die Dinge gern beim rechten Namen nannte, auch vor Octavia gar keine Heimlichkeiten haben mochte, zögerte er nicht, das schwerbeladene Schifflein seines Herzens vor ihr auszuschütten, das urplötzlich infolge eines geheimen Lecks seine Last nicht mehr tragen zu können schien. Die Ehrlichkeit strahlte golden aus seinen Augen, und eine nie gefühlte Ergriffenheit bemächtigte sich Octavias, da sie, ihn ruhig anblickend, seine Botschaft entgegennahm. Sie dachte nur an ihn, nur an das Schicksal, das sich für ihn gestalten sollte, als sie ihn, wie wenn sie seine Beraterin und Fürsorgerin in dieser Sache sei, gütig über die Hand strich und sagte:

» Wirst du denn mit dieser Frau glücklich werden?« Und dabei sah er einen Zweifel in ihren Augen – um seinetwillen.

»Ich bitte dich,« sagte er beinahe erschrocken, »es handelt sich ja doch um dich! um dich, Octavia!«

Sie schüttelte lächelnd den schönen Kopf: »Nein,« sagte sie bestimmt, »es handelt sich um dich. Es ist mir, als suchtest du eine Meeresstille und gedämpftes Licht, während Wind und Wellen, Sonnenglut und Sonnenlust deine Elemente sind.«

Er begriff nicht, was sie sagte. Es galt auch nicht, zu begreifen, sondern diese Bedenken zu überrennen, ehe sie sich noch höher erhoben.

»Gewiß suche ich bei dir die Stille und das ruhige Licht!« warf er eifrig ein. »Ich habe genug von Sturm und Glut, und sie haben keine Macht mehr über mich.« – – »Ob du mich liebst, muß ich wissen«, setzte er leise und dringend hinzu, während er sich vorbeugte.

»Ja«, sagte Octavia, die keine ungeklärten Gefühle in ihrem Herzen duldete.

Er war aufgesprungen in seiner Freude, um sie in seine Arme zu schließen; sie aber saß in ihrem Sessel und streckte ihm lächelnd die Hände zum Kuß entgegen. Als er ihren Mund suchte, war es ihm, als küsse er eine schöne, tauige Rose. Und dennoch liebte ihn diese Frau, und nie hat er erfahren mit wie großer Liebe.

In dem Augenblicke freilich verzischte der kühle Tau, welcher über ihr lag, an dem guten warmen Mut und der Aufrichtigkeit seines Herzens, so daß er ihn nicht empfand. Er riß sie zu sich empor und verlangte von ihrer gefestigten Selbständigkeit kein ungewohntes Anschmiegen. So stand sie bei ihm, aufrecht und groß wie er, und ihre ausgestreckten Arme, die eines auf des andern Schultern gelegt hatte, trennten sie. Aber ihre klaren festen Blicke liefen über diese Verschränkung wie zwei sich begegnende Leuchtfeuer. Da sahen sie, daß es ein heller Grund war, aus dem die beiden Feuer hervorbrachen.

Es ist ein heißer Sommer, und wieder, wie vor fünf Jahren, als sie ihr Geschick aneinander banden, sind Albrecht und Octavia allein in dem vornehmen Hause an der Alster. Denn die Eltern sind wieder auf ihrem Landgut im Holsteinischen, wie es für die heiße Zeit ihre würdevolle Gewohnheit ist. Sie haben bereitwillig Octavia und ihrem Gemahl das Stadthaus überlassen, solange es diesen gefällt; denn Octavia fühlt sich darin wohl, und Albrecht gesteht sich, daß sie nie so schön, so innerlich ausgeglichen, so gelassen ist, wenn er sie in seinem eigenen Wirkungskreis sieht, der fern von Hamburg in einer kunstfrohen Stadt des Westens liegt. Auch Octavia empfindet das, und es ist ihr ein kleiner immerwährender Schmerz; denn sie hat Mut und Absicht, sich in anderes zu schicken um Albrechts willen, und kennt ganz und gar kein unfreisinniges Hervorkehren und Festhalten ihres Herkommens. Aber es gelingt ihr nicht; es ist etwas von der Unverrückbarkeit des strengen Hauses an der Alster in ihr, wo sich die Türen noch immer so geräuschlos und langsam öffnen wie die eines Kassenschranks, wo noch immer die hohen Uhren wissen, daß sie langsam und leise zu schwingen haben, wo jeder Eintretende dem Geist des Hauses verfällt.

Unverrückbar scheint auch Octavias Schönheit. Sie ist fast die eines lebenden schönen Bildes. Octavia ist so jung wie vor fünf Jahren und wird nach fünf Jahren nicht älter sein. Sie lebt, als ob sie wachend dennoch einen Zauberschlaf schliefe, der sie vielleicht von Leidenschaft und Schmerz träumen läßt, aber ihr das Erleben erspart. Sie lieben sich, Albrecht und Octavia, wie vor fünf Jahren; aber, wie damals, ist es, als ob er die aufgewölbten tauigen Blätter einer Rose berühre, wenn er ihre Lippen küßt; und es scheint, wie damals, eines Armes Länge zwischen ihren Leibern zu sein.

Albrecht wird während des Aufenthalts in dem sommerstillen Haus ein kunstwissenschaftliches Werk vollenden, zu dem er die Vorarbeiten gesammelt und gesichtet hat; denn sein Wort hat Geltung unter den Verständigen, obwohl er, um frei seine eigenen Wege zu gehen, nur eine beigeordnete öffentliche Stellung an einer der staatlichen Kupferstichsammlungen angenommen hat. Wenn er die schon abgeschlossenen Abschnitte seines Werkes überliest, so mag er sich an der kristallenen Fassung seiner Gedanken erfreuen, die so ruhig daherschreiten, wie seine Frau unter den hängenden Blutbuchen des Gartens; aber die Worte scheinen ihm keine rechte Wärme zu haben, und wenn er andere in einem besseren Feuer schmieden will, so kommen sie nicht minder kalt daraus hervor.

Wenn er des Morgens zu seiner Erfrischung hinausreitet, um den beiden starken, langschrittigen Vollblutpferden, die Octavias Vater ihnen geschenkt hat und die sie nach ihrem Aufenthalt heim nehmen werden, Manieren beizubringen, so sitzt er wohl noch so leicht und frei über ihrer Schulter, wie je. Aber er reitet langsamer und um ein weniges schwungloser. Nicht, daß er es nicht mehr vermöchte. Aber er hat so wenig den Drang zu einem pfeifenden Galopp in den Wind, den er einst so geliebt, wie die hohe Uhr in der Eingangshalle das Gelüste hat, ihren Gang zu beschleunigen.

In dem kleinen Kanal, zu dem die Rasenflächen des Gartens auf der der Straße abgewendeten Seite des Anwesens sanft hinabsteigen und überhängende Bäume ihre begehrlichen Äste zum Wasser niederneigen, liegt ein rennmäßiges Boot zu stetem Gebrauch bereit. Wenn Albrecht auf ihm zur offenen Alster hinausrudert, so sind seine Schläge noch so stark, wie je, als er seinen Körper aus Lust an seiner Kraft stählte. Aber es kommt ihm nicht in den Sinn, sich in einen befreienden Schweiß hineinzurudern. Nicht, daß er der sorglichen Mahnung Octavias gedächte, sich zu schonen – denn er belächelt sie sogar ein wenig –, aber es ist ihm nicht um einen befreienden Schweiß zu tun.

Alles das weiß Albrecht, und er seufzt manchmal. Aber dennoch wüßte er nicht zu benennen, was ihm fehlt, noch was ihn quält. Deshalb denkt er wohl, er seufze aus einem Zuviel von Behagen und Sorgenlosigkeit, und gibt sich zufrieden.

Da, an einem Maienabend, als sein leichtes Boot nach heißem Tag noch spät unter dem lautlosen Baumgewölbe, von dem das Mondlicht ins Wasser träufelte, der Alster zuglitt und die langen Ruder lässig die Fläche streiften, begab es sich, daß Albrecht einen kleinen Widerhalt, zu gewahren glaubte, der die Schnelligkeit seines Fahrzeuges um ein weniges hemmte. Es war, als ob ein schwerer Körper an dem festgestellten Steuer hinge und sich mit fortziehen ließe. Einige kräftige Ruderschläge, die das Boot nicht wie sonst dahinfliegen machten, überzeugten ihn, und da er zugleich in die hellbeschienene freie Alster hinausschoß, gewahrte er die Finger einer kleinen braunen Hand, welche die hintere Schweifung seines Steuers umfaßt hielten. Es war, ein sorgloses Festhalten, kein ängstlicher Griff, der nach dem Rand des Bootes verlangt hätte; und da bemerkte er auch schon fast in der Linie des Kielwassers einen blitzenden weiblichen Körper, welcher zu der kleinen braunen Hand gehörte und nahe der Wasserfläche hinter dem nun langsamer gleitenden Boot dahinfloß. Die Gestalt lag auf den Rücken gestreckt, und die dem Kiel nächstrebenden wieder zufallenden Wellen spielten über sie hinweg. Den Kopf und den andern Arm, der wohl das Steuer von unten umgriff, vermochte Albrecht nicht zu sehen, denn der gewölbte Rand des Bootes verbarg sie.

Bald aber, da er unwillkürlich mit Rudern innehielt, hörte er eine kleine befehlende Stimme voller Ungeduld.

»Ah! weiter!« rief es; und unter einem seltsamen und dennoch unfühlbaren Zwange tauchte Albrecht die Ruderschaufeln von neuem in die überflimmerte Flut. Es war ihm recht eigentlich wohlig, außer der eigenen Schwere einen Widerstand zu überwinden, was ihm plötzlich wie eine lange Entbehrung vorkam, und er brachte das Fahrzeug bald in einen schwungvollen Flug. Das schien dem schlanken Fischwesen, welches ihm anhing, sehr wohl zu behagen, denn es verhielt sich ganz stumm und rauschte wohlgefällig in seinem fließenden Wellengewand, das der Mond mit glitzernden Säumen und Litzen besetzte, hinter ihm her. Albrecht war so völlig im Bann dieser kraftvollen und prächtigen Spielerei, daß er erst nach einer Weile inne ward, wie nun doch, da sie inmitten des weiten Beckens dahinglitten, für das zarte Wesen mit den schlanken braunen Fingern eine Gefahr entstanden sei, wenn anders sein Leib wirklich in keinem Fischschwanz endete.

»Können Sie denn schwimmen?« fragte er auf einmal erschrocken und setzte einige Ruderschläge aus.

Sie schien die Frage zu mißachten und antwortete nur herauf: »Das Wasser streichelt mich so besser.« – »Wenn Sie übrigens das Rudern einstellen, wird mein Wellenkleid zu durchsichtig, und ich muß Sie verlassen!« setzte sie drohend hinzu.

Albrecht ließ, um die seltene Gefolgschaft nicht zu verlieren, gehorsam das Boot von neuem dahinfliegen. Während von neuem die langvermißte Freude am Einsetzen seiner ganzen Körperkraft seinen Leib durchlief und in ein leises Glühen brachte, standen seine Gedanken wie unter dem wiedererwachenden Zauber einer längst vergangenen Zeit, auf die er sich gleichwohl erst besinnen mußte. Es war nicht, daß er je ein ähnliches Abenteuer erlebt oder dieses mit früher erlebten verglich; aber es wehte ihn vertraut an aus den Worten der schwimmenden Gestalt, deren Stimme er dennoch nie zuvor gehört: ›Das Wasser streichelt mich so besser.‹ Warum spielte sich die Zärtlichkeit und Kraft, die geeint darin lag, in sein Herz hinein, wie die Zärtlichkeit und Kraft einer sonnigen, tändelnden Meereswelle in die kleine Höhlung eines Gesteins?

Diesen Empfindungen war er so ganz hingegeben, daß er nicht im leisesten neugierig auf die Lösung des Zaubers war; und es erging ihm nicht anders als jedem Menschen, der sich einer Gaukelei während ihrer Dauer gern und ohne Fragen überläßt und erst, wenn sie vorüber ist, begierig nach ihrer Erklärung fragt. So ruderte er mit seiner Last schweigend dahin, als ihn die Stimme unter dem Bootrand aus seinen sich entfernenden Gedanken riß.

»Ich werde jetzt umkehren,« rief es von unten herauf; »und Sie werden mir nicht folgen, wie einer wirklichen Hexe!«

In demselben Augenblicke schoß das Boot, unerwartet von seiner Last befreit, durch den nächsten Ruderschlag so pfeilschnell ins Weite, daß Albrecht fast rücklings von seinem Sitz fiel und im Augenblick viele Meter von einem rundlichen dunkeln Ball entfernt war, welcher sicher und gleichmäßig dem Ufer in der Richtung zustrebte, aus der er gekommen war. Das war alles, was er von der schimmernden Gestalt noch gewahrte, und als er einen Augenblick versucht war, das Boot zu wenden und ihr nachzurudern, schämte er sich dieses Gedankens sofort wie einer Undankbarkeit und ließ das Fahrzeug ohne Schlag gleiten, bis es von selbst auf dem Wasser still lag. Da konnte er auch den Kopf des Wesens über der matt flimmernden Fläche nicht mehr unterscheiden.

Tief in der Nacht kettete Albrecht sein Boot an dem Landungssteg in dem versteckten Kanal an; denn er war noch lange still draußen auf der freien Alster liegengeblieben, wie man nach einem schönen Traum noch eine Weile stille liegt. Nun trat er in das Schlafgemach Octavias, welche die laue monderhellte Nacht nur in einem leichten Schlummer hielt. Das Abenteuer hatte ihn wohl mehr erregt, als er wußte, die durch es entzauberten Empfindungen ihn verwirrt, und so drängte es ihn zu den klaren ruhigen Gefühlen dieser Frau, welche ihn noch immer verstanden hatte. Er setzte sich auf den Rand ihres Bettes, und das nächtliche Dämmerlicht des Raumes war ihm hell genug.

»Hier gibt es also leibhaftige Nixen,« sagte er, »und solche von der schlimmsten Art, nämlich in Menschengestalt.« Und dann erzählte er der lauschenden Frau sein Abenteuer.

Die Schilderung mochte seltsam ausgefallen sein; denn Octavia rief lachend, als er geendet: »Du bist ja ganz begeistert! – Was übrigens die Nixe anlangt, so kenne ich sie: Joie ist wieder im Lande; der Streich schmeckt ganz nach ihr. Wenn sie aber im Lande ist, so wohnt sie nicht weiter von uns, als im Nachbarhause kanalabwärts, welches ihrem verstorbenen Stiefvater gehörte. Wie sie eigentlich heißt, weiß ich nicht; wir nannten sie in der Schule schon alle Joie, und wenn sie auf den Namen nicht getauft ist, so ist es doch der, welchen allein sie tragen müßte. Denn sie ist die prächtigste freudestrotzende Weibsperson, welche die Sonne bescheint. Nur –,« und hier zögerte Frau Oktavia, »nur vermochte ich ihr nie nahe zu kommen; ich konnte, wie man zu sagen pflegt, nie ganz mit ihr mit.«

Albrecht erinnerte sich nun, daß er schon während des Hinausgleitens des Bootes aus dem kurzen Kanal die hemmende Last gespürt, und zweifelte keinen Augenblick, daß er das Wesen hinter sich hergezogen hatte, welches, wie Octavia zugab, mit Fug und Recht Joie hieß.

»Du hast mir aber von Joie noch nie etwas gesagt«, erwiderte er, und der Name schien ihm für seine Nixe sehr zu gefallen.

»Ah,« machte sie; »es geschah sicher nicht, um sie dir vorzuenthalten. Aber erstens ist sie selten in der Stadt, und zweitens kennt man sich doch, wie du weißt, hier nicht, selbst wenn man Zaun an Zaun wohnt. Weißt du vielleicht, ob das Nachbarhaus bewohnt ist, oder nicht? und doch liegt es nicht einmal so weit von der Straße ab und nicht so im Garten versteckt als das unsere. Sie geht ihre eigenen Wege, die mich nicht kümmern. Wenn du sie aber sehen willst, so brauchst du nur früh genug aufzustehen; denn ich bin sicher, daß sie ihre Pferde mit sich hat und einen ganzen Tierkreis dazu.«

»Morgen wird sie wohl von ihrer Schwimmübung ausruhen«, sagte Albrecht, indem er sich erhob. Rasch und leicht ging er in sein Gemach und warf sich in einem wundervollen Gemisch von Gehobenheit und Erschlaffung zum Schlafe nieder.

Am frühen hellen Maienmorgen, zu dem Albrecht sich nach seiner Ruhe erhob, kam ihm freilich, trotzdem er sich auf jede Kleinigkeit besann und die Worte Octavias über Joie wie ein gerngehörtes Lob, das ihn etwas anginge, noch in seinen Ohren lagen, sein Abenteuer so ganz unglaubwürdig vor, daß er zuvörderst an den Landungssteg hinunterlief, als könne das Boot ihm eine Gewißheit geben. Aber es gluckste nur neckend auf dem leichtbewegten Wasser, und Albrecht wandte sich ärgerlich von ihm ab. Wenn er geglaubt hatte, indem er seinen eigenen Morgenritt aufgab, noch früh genug zu kommen, um seine Nixe in eine Amazone verwandelt aus ihrem Besitztum reiten zu sehen, so fand er sich auch darin getäuscht; denn der offene Torweg des nachbarlichen Parks, der ihm wie verwunschen vorkam, da er ihn nie zuvor bemerkt hatte, wies ihm zierliche runde Hufspuren, die ins Freie führten.

So wanderte er ungeduldig und ein wenig beschämt darüber, wie es ihm einfalle, einer fremden Dame derart aufzulauern, die einsame Straße auf und nieder, wo Backwerk und Milch austragende Frühwesen sein zu dieser Zeit unberechtigtes Dasein mit erstaunten Blicken zu mißbilligen und zu dulden schienen. Schon begann diese stumme allgemeine Verurteilung ihm lästig zu werden, als er alles über dem Anblick einer in die Straße einbiegenden Gestalt vergaß, um deren Besitz bei jedem Schritt ihres Pferdes tausend bunte Schatten und Lichter, die sich durch die hohen Bäume der Gärten drängten, zu spielen und zu werben suchten. Nichts von einem Wildfang oder auch nur von einem Übermut, nichts von einem tollen Kinde, wie er vielleicht nach dem nächtlichen Abenteuer erwartet haben mochte, hatte diese Frau an sich, und keine einzige ausschweifende Bewegung störte die vollendete Haltung ihres Leibes. So knapp und schwank wie ein Haselzweig am Stamm saß sie über einem schwingenden Pferderücken, in den die Natur selbst sie eingelassen zu haben schien, und ein feines, aufmerksames Ohrenspiel des frei ausschreitenden, edelblütigen Tieres huldigte der Regentin seines Willens. Das Herz lachte Albrecht im Leibe, als sie einige Schritte von ihm, ohne auch nur die Zügel anzuziehen, wie in einer scheinbaren inneren Einigung mit ihrem Pferde, plötzlich stillhielt; denn er mußte sich gestehen, daß er nie etwas Vollendeteres in der von ihm geliebten und mit Stolz geübten reiterlichen Kunst gesehen hatte. Aber diese Kunst war ihr offenbar so eingeboren wie das helle Lachen, mit dem sie zu ihm heraufgeritten war. Denn sie hatte ihn sofort erkannt und schien von seinem Warten ebensowohl befriedigt als belustigt.

»Sie haben recht, Herr Froben, sich den unterlassenen Dank für Ihre Schleppdienste einzuholen,« sagte sie weit weniger befehlerisch, als ihm die Stimme gestern klang; »oder wollen Sie auch noch einen Lohn?« Und dabei blitzte sie ihn unbefangen seltsam zärtlich an.

Obgleich es keineswegs wie eine Herausforderung lautete, machte sich Albrecht ihre letzten Worte zunutze, um nur ja gleich von schnell wieder abreißenden Fäden des Zufalls unabhängig zu sein und ein schickliches Band anzuknüpfen, an dem er nur zu ziehen brauchte, um sie erscheinen zu machen.

»Wenn es Ihnen gleichgültig ist,« antwortete er, »so nehme ich lieber den Lohn!« Und er bedang sich aus, sie auf ihren Frühritten begleiten zu dürfen, bis sie seiner überdrüssig sein würde.

»Mit dieser Einschränkung bin ich es zufrieden,« sagte sie lächelnd; »um sieben Uhr müssen wir wieder daheim sein; denn da beginnt das Leben einer alten blinden Frau, die ich liebe.« Dabei deutete sie mit der Krücke ihres Reitstocks nach ihrem Hause und setzte ihr Pferd sanft in Gang, »Und wie soll ich Sie nennen?« fragte Albrecht, neben ihr hergehend.

»Ach,« machte sie geringschätzig, »nennen Sie mich Joie, wie die andern. Zudem ist mir der Name eine liebe Erinnerung an meine Großmutter, die ihn mir gab. Denn wenn ich den Namen zu Recht trage, so muß es wohl von ihr sein, daß ich allzeit froh bin. Sie war eine Picarde und wurde in dieses große Handelshaus meiner hiesigen Vorfahren verpflanzt wie eine fremde gute Rebe in einen wohlgepflegten Weinberg. – Aber es ist, als sei der ganze Saft in mich allein gefahren!«

Als ob ihr das fremde Rebenblut in ihren Adern selbst manchmal zu viel zu schaffen mache, schlug sie bei diesen letzten lustig-ärgerlichen Worten nach einem Lindenblatt, das klatschend zerriß, und trabte ohne weiteren Gruß über den Kiesweg des Gartens, bei dem sie jetzt angelangt waren, dem in der Tiefe verborgenen Stall zu.

Albrecht schien ihre rasche Art schon zu kennen und erwartete von ihrem Abschied kein hilfloses Hängenbleiben mit allgemein üblichen Worten und unnötigem Herumtreten auf dem nämlichen Fleck. Trotzdem hatte er, als sie ihn dergestalt aufgab, eine ähnliche Empfindung wie gestern, da sie ihn plötzlich auf seinem Boote ins Weite schießen ließ. Es war keine Härte in ihrer Raschheit, und er fühlte nur etwas von einer zarten Unerbittlichkeit, ähnlich wie die der Sonne, welche sich sanft und unweigerlich von einem freundlichen Haus zurückzieht, das sie dennoch seine Zeit so zärtlich erwärmt und angelacht hat.

Albrecht nahm seinen Lohn, reichlich und täglich. Denn an jedem frühen Morgen ritt er mit Joie hinaus ins Land. Sie ritten, wenn die Sonne schien und wenn die Nebel grau hingen; sie ritten, wenn es regnete und wenn es blies; sie ritten, wenn die Erde dampfte und wenn sie duftete; sie ritten und lachten. Schnell waren Joies Pferde, ein machtvoller Vollblutrappe und ein starker edeler Pony vom Schlage der Galloways; die trugen sie abwechselnd. Nie, daß die beiden im Sattel wild oder auch nur übermütig umherjagten; aber es gab voll ausgreifende Galopps, daß der Wind in den Schnallen der Zügel pfiff und der Atem der Reiter schnell ging; und sie trabten dahin, als schwänge die Erde sie von sich ab. Das war für Albrecht, wie einst, und er begriff nicht, wie er es hatte vergessen können. Aber an jedem Tage, zur gleichen frühen Stunde verschwand Joie nach dem Ritt wie ein unerbittliches Gestirn. Sie habe dann für die blinde Frau zu sorgen und zu tun, für sich und für andere Dinge, die sie angingen, sagte sie, und kam nicht wieder zum Vorschein. Des Abenteuers, als sie an seinem Boot hängend in die Nacht hinaus schwamm, erwähnte sie wohl gelegentlich, aber sie zeigte kein Verlangen, es zu wiederholen oder überhaupt irgendeines zu gestalten und absichtlich herbeizuführen. Alles, was sie tat und sagte, war ungemacht, unbewußt, unbeabsichtigt wie irgendein Vorgang in der Natur: ein Regen, ein Sonnenschein, eine Quelle, ein Erdsturz – und doch auch wieder von derselben Bewußtheit, von derselben geheimnisvollen Absicht, wie etwa ein Regen, ein Sonnenschein, eine Quelle.

Seit sie in sein Leben trat, war Albrecht wie verwandelt. Seine Arbeit ergriff er mit einer freudigen Wut, und da er wohl fühlte, wie ihm eine Einleitung zu seinem Werk, die er in diesen Tagen wie in einem Sonnenrausch entworfen, wohl gelungen war, so stürzte er jetzt einen Gedanken nach dem andern in die gleiche Schmelze und zog ihn in einer nie erkaltenden Glut wieder daraus hervor, in welcher er ihnen die kühnste Fassung zu geben vermochte. Eine entschlafene Kraft ohnegleichen schien in seinem Körper neu erwacht; nichts mehr, was ihmfehlte, ihn quälte, ihn auch nur ermüdete. »Diese ganze glückhafte Herrlichkeit«, sagte er zu sich, »hat sich also im Dunkel meines Herzens aufgehalten wie ein Diamant in einem lichtlosen Schrein. Kaum aber fällt die Sonne auf ihn, so blitzt er in allen Feuern und braucht das Leuchten und Strahlen nicht zu erlernen.« Aber während er so dachte, fielen ihm die Worte Octavias ein, die sie einst zu ihm sprach: »Es ist mir, als suchtest du eine Meeresstille und gedämpftes Licht, während Wind und Wellen, Sonnenglut und Sonnenlust deine Elemente sind.« Und er erschrak. Damals hatte er die Worte, weil er sie nicht begriff, fast überhört. Heute, im Vollgefühl einer ungeahnten Verwandlung, begriff er sie, und sie ergriffen ihn. War sie nicht wie Wind und Welle, Sonnenglut und Sonnenlust? war er dem allen nicht schon verfallen wie einem Schicksal? Noch hoffte er; und es beruhigte ihn, daß er gar kein Verlangen hatte, heimliche Blicke nach ihr hinzuschicken, noch mit verliebten Gedanken sie zu umspielen, sondern sie offen anzuschauen, wie ein wundervolles Stück der Natur, an dem sich ein jedes Herz freut, wenn es den richtigen Takt geht. Aber zugleich fühlte er, daß diese Beschwichtigung nicht recht verfange. Eines Morgens, als sie von einem heißen Ritt durch warm duftende Kornfelder heim kamen, bat ihn Joie, einmal in ihren Stall herüber zu kommen und ihren Rappen anzusehen, der sich bei einem verwegenen Sprung verletzt hatte. Albrecht brachte sein Pferd in seinen Stand und ging hinüber. Joie stand in dem Gang des kurzen Stallbaues vor der geöffneten Tür einer Box, aus der der Rappe halb herausgetreten war und nun Nase und Stirn in einem unaufhörlichen Bohren und Auf und Nieder an Brust und Schoß seiner Herrin schabte, daß die feinen glänzenden Haare davonstäubten, sofern sie nicht an der rostroten langen Leinenjacke oder dem schwarzen Reitrock hängen blieben. Sie ließ sich das lächelnd gefallen, als ob sie eine Liebkosung, die sie einem Tier erweisen könne, nicht unterbrechen, dürfe. Die Zärtlichkeit des Pferdes war jedoch ein wenig zu ungestüm und unbemessen, so daß sie auf den Saum ihres Kleides zurücktreten mußte und dadurch beinah zu Fall gekommen wäre. Albrecht, der hinter sie getreten war, scheuchte das Tier mit einer Bewegung zurück und fing sie, nicht ohne eine leichte Erregung, in seinen Armen auf. Da entzog sich Joie dieser neuen Berührung ebensowenig wie der des schmeichelnden Tieres. Denn sie empfand sogleich ihre Zartheit und Kraft, als habe sie ihr ein von Körper zu Körper überspringenderFunke angezeigt. Sie hielt ihr stand mit aller der selbstbewußten Wehrhaftigkeit ihres Frauentums und gab sich ihr hin mit allem köstlichen Selbstherrenrecht desselben. So lag sie, den Kopf zurückgeneigt, an seiner Brust und sah ihm in die Augen.

»Wir lieben uns, mein Freund,« sagte sie langsam und leise ohne die geringste Unsicherheit oder Angst, daß sie sich täuschen könne; »und es wird schlimm.« –

»Schlimm!« rief sie klagend wie in einem gelinden Zorn über etwas Unabwendbares. Sie richtete sich auf und wendete sich von ihm ab. »Schlimm«, wiederholte sie wie für sich und stampfte hilflos mit raschen Füßen den Steinboden.

Da wußte Albrecht, daß er Wind und Welle, Sonnenglut und Sonnenlust verfallen war, und als er in die Unverrückbarkeit, das dämmrige Licht und die Kühle des stillen Hauses trat, das Octavia wie eine Wohltat umfing, fröstelte ihn.

Octavia hatte die werkfreudige Kraft, die in Albrecht erwacht war, seine Gehobenheit, seinen Schwung, der ihm aus den Tagen seiner Freiheit nachgesagt wurde, aber irgendwo Schiffbruch gelitten zu haben schien, nicht nur wohl bemerkt und freute sich ihrer für ihn, sondern es fiel von seinem Strahlen und Erglühen gleichsam auch ein Glanz auf sie. Denn aus der Fülle, die er täglich mit ins Haus brachte, aus dem Lachen, das in ihm war, aus dem Frohmut seiner Gedanken bekam sie nun ein täglich verschwenderischer gehäuftes Maß in ihren Schoß geschüttet. Alles das ließ sie sich voll lächelnder Dankbarkeit zwar gern zuwenden, hörte auch, wenn Albrecht freimütig und begeistert von Joie erzählte, in einer Art von Bewunderung für eine ihr fremde Macht dieses seltsamen Wesens willig zu; sobald er aber den Versuch machte, sie selbst mit fortzureißen, sobald er sie aufforderte, früh mit hinauszureiten, das Segelboot zu einer Spritzfahrt zu dreien zu rüsten, Joie zu sich herüberzubitten, dann stockte sie, als müsse sie damit eine Grenze überschreiten, welche ihr eigenes Wesen ihr zöge.

»Ich habe sicher keinerlei Abneigung gegen Joie,« sagte sie; »denn ich kenne sie als eine prächtige Person, so recht geschaffen, die Freude eines Mannes zu sein. Aber, du weißt: ich kann nicht mit ihr mit. Ich würde nicht in eure frohe Art passen und ein wenig beiseitestehn. Das aber möchtest du doch nicht.«

Wenn sie so sprach, gedachte Albrecht ihrer Versuche, sich in den Kreis der Menschen und Dinge in der Stadt seines Berufs zu schicken, und mußte ihr recht gehen. Er mochte sie nicht quälen. Es ist wahr, sagte er zu sich, sie würde zu uns stimmen wie ein Stern, in den Tag, oder wie jene wunderbaren großen Blumen, die auf der schwarzen Stille amerikanischer Flüsse ruhen, in die von Lachen gekräuselten Wellen des Meeres. Und dann trat er wohl zu ihr und küßte sie, die ihn verstand, sanft auf die reine Stirn.

Da sich dergestalt alle Dinge und besonders diejenigen, welche auf Albrecht Bezug hatten, klar in ihr spiegelten, dieser auch ganz und gar kein Verlangen trug, dem kristallenen Gewissen und Spiegel, den er besaß, irgend etwas zu verhehlen, so gewahrte Octavia an jenem Tage, als Joie in seinem Arm gelegen und ihr beider Gefühl mit einem gültigen Wort benannt hatte, eine ernste Qual und einen stillen hoffnungslosen Kampf in seinem Innern. Und sie beschloß, ihm in seiner Qual und seinem Kampf beizuspringen. Denn es war ihre Art, für den Mann, den sie liebte, alles zu tun, was sie vermöchte; darum traute sie sich in der wundervollen Unanfechtbarkeit ihres Wesens auch zu, dieses Mannes Schildträger in dem Streit seiner Gefühle zu sein.

Da geschah es, daß Albrecht, in der Hilflosigkeit eines doppelten wundersamen Schmerzes sich trennender Gefühle, den Gegenstand seiner Mannesleidenschaft mit dem seiner unaufhörlichen Verehrung zu vergleichen begann. Er sträubte sich vergebens dagegen, indem er sich tausendmal sagte, daß er sie beide herabsetze, wenn er sie sozusagen gegeneinander abwäge, er sie vielmehr hinnehmen müsse wie zwei wirklich unvergleichliche Wesen. In diesem Empfinden suchte er dann beiden wieder Genugtuung zu bieten und sie gegeneinander zu erhöhen, indem er die gerade in seinen Gefühlen unterliegende gegen die obsiegende in Schutz nahm und ihr so lange an gewichtigen Vorzügen zulegte, bis sich die Wage umkehrte und er nun rasch der andern wieder beispringen mußte. Aber was nutzte es ihm, zu wissen, daß Octavia schöner, wohl auch besser, vielleicht edler und aufopfernder war als Joie; diese war froher, wärmender, schwunghafter, glücklicher, und es wurde ihm wohl in ihrer Gegenwart.

So schwankte er unter einem Wechsel von seliger und unseliger Beschwerung dahin, als Octavia helfend zu ihm trat. Er saß spät am Abend im Rahmen seines Fensters, das der Mond nicht erleuchtete, und blickte im stillen Rausch einer Sehnsucht über den Garten seiner Freundin nach der offenen Alster hinaus. Da nahte sich ihm aus dem Dunkel des Raums die Frau, die ihn verstand, und legte ihre Hand auf die seine, ebenso gütig und besorgt wie damals, als er um sie warb.

»Ist es denn gar so schwer?« fragte sie, indem sie ihm jedes Geständnis, wie das nun alles gekommen sei, ersparte.

Er sah sie dankbar an. Und während er sie ansah, nickte er; denn die Sprache versagte ihm. Da strich sie ihm mit ihrer guten Hand über die Schläfe, und ihre andere Hand ließ nicht nach, auf der seinen zu ruhen, und sie drängte sich mit keinem Laut in seinen Schmerz; lange, lange, bis sie zugleich mit seiner Stirn auch den Weg der Worte geglättet zu haben schien.

»Sieh,« sagte er endlich, »ich war so ehrlich damals, als wir uns in die Augen sahen; und nun soll es dennoch ein Verrat gewesen sein!«

»Kann nichts Schlechtes sein,« tröstete sie und scherzte mühsam ein wenig, »wenn es meinem Gemahl eine Kraft und eine Freude und einen Flug gibt, wie ich noch nie an ihm gesehn. Soll ich ihn darum weniger lieben?«

Es war wieder wie damals, daß Albrecht fast erschrak und ihr erwidern wollte. Aber wie damalswehrte sie mit einem Schütteln ihres schönen Kopfes ab. »Nein –, es handelt sich um dich«, sagte sie wie damals, und es war, als ob sie selbst gegen jede Erschütterung ihres Herzens gefeit sei.

Eine unaussprechliche Dankbarkeit und Ergriffenheit hieß ihn, sie stumm an sich zu ziehen, als er wie von einem Zauber getroffen innehielt.

Denn durch die regungslose Sommernacht flutete, wie ein Strom, der ihn suchte, das Licht von einer schimmernden weiblichen Gestalt zu ihm hinauf, die aus dem Dunkel des Nachbarhauses auf die helle Terrasse getreten war und nun auf schwarzen und weißen Fliesen am Rand in den Garten hinabführender Stufen stand. Es war Joie. Ein schweres seidenes spanisches Tuch von mild-gelblichem Weiß, das sie in einem unnachahmlichen Griff gerafft hielt, umfloß ihren rankenhaft kraftvollen Leib und vertiefte durch seinen Glanz das warme Braun des Gesichts, des leichten Nackens und der Hand fast zu einem indischen Dunkel. Sie wußte ohne Zweifel nicht, daß sie beobachtet wurde, noch konnte sie auch nur die Nähe ihres Freundes ahnen. Denn Albrecht hatte ihr am Morgen jenes Tages, als sie sich nach ihrem Ritt trennten, gesagt, er würde mit Octavia für die Nacht einer Einladung ihrer Eltern auf ihr Landgut folgen und aus diesem Grunde am folgenden Tage nicht zu dem gewohnten Frühritt kommen. Erst Octavia hatte ihn bestimmt, in der Stadt zu bleiben, damit ihm die Freude seines Morgens nicht entginge.

Ohne daß sie sich zu rühren wagten, hingen Albrechts, hingen Octavias Blicke an einem wundervollen Schauspiel, das sie Hand in Hand erleben sollten. Lange stand auch Joie ohne Bewegung und blickte in den Mond, dem sie voll zugewandt war. Aber das Leben einer inneren Erregung wellte über ihren Körper, und sie war nicht um des milden Mondes willen hier herausgetreten, sondern zu irgendeiner Befreiung, zu einem Siege vielleicht. Ein Blitzen war in ihren Augen, und sie preßte Lippen und Zähne aufeinander, damit sie das Jauchzen nicht verrieten, das aus ihrer Brust zu ihnen emporstieg. Da machte sie plötzlich das Tuch an ihrer Hüfte fest. Und wie zu einem wunderbaren Raub hob sie die Arme strack empor in das zauberische Dunkel, spreizte die Finger weit zum Griff und riß sich zwei Hände voll Nacht heraus aus der Fülle, in der sie stand.

»Ah! wundervoll!« hauchte sie glühend und schien den Raub in ihren Händen im Spielen ihrer Kraft erwürgen zu wollen, »wundervoll!« Dann wendete sie sich und ging, während das Tuch von ihrer Schulter glitt, langsam hinein.

Albrecht wußte nicht, ob er einem Licht oder einem Lied gelauscht hatte, das von ihr ausging. Octavia aber erschauderte leise. Sie drückte kaum merklich seine Hand, die sie immer noch hielt. Dann ging sie. Sie ging; doch nicht wie eine Besiegte, sondern wie eine Königin, die eine fremde Königin gesehn; eine fremde Königin, welche sich zwei Hände aus der Nacht herausreißen und mit in ihre Kammer nehmen durfte.

Die Nacht brachte in Octavias Brust ein Weh, das der Morgen nicht fortnahm. Es war ihr, als sei jene Frau, die sie erschaudern machte und die sie dennoch starren Auges bewundert hatte, den geheimnisvollen innersten Gewalten der Erde näher als sie. Und sie wäre ihnen doch so gerne gleich nahe gekommen, obschon es sie überlief, wenn sie daran dachte. Aber sie wußte sich keinen Rat.

So wandelte sie sinnend und gesenkten Hauptes durch den Garten, wohl hundertmal dieselben sanftgewellten Wege. Sie sah Albrecht, den sie liebte, sich entgleiten wie ein kleines Stücklein magnetischen Eisens, das sie einem andern Magneten überlassen mußte, da ihr selbst jene anziehende Kraft mangelte, die es gehalten hätte. Sie sah ihn, wie er sie nicht aufgeben wollte und dennoch aufgeben mußte. Aber es war kein Vorwurf, kein Hader, keine Klage in dieser Frau, und die Klarheit ihres Schmerzes machte sie fast ruhig. Da hörte sie, als sie gerade nahe dem die beiden Anwesen trennenden Gebüsch entlang ging, wie Joie, offenbar im Begriff das Haus zu verlassen, einem Diener noch einen Befehl zurief. Eine unbestimmte Hoffnung ergriff Octavia wie zu einem Entschluß, den sie im nächsten Augenblick wieder belächelte. Aber dennoch, nach einem kurzen Zögern, folgte sie ihrer Eingebung gleich einer augenblicklichen Erlösung, wie man wohl ein Betäubungsmittel nimmt, von dem man weiß, daß es die Ursache des Schmerzes nicht beseitigen wird. Als Joie in diesem Augenblick auf der Straße an dem Gartengitter entlang der Stadt zuging und in halbem Suchen hereinschaute, blieb Octavia in der Wendung des Pfades stehen, bis jene ohne sie zu bemerken vorüber war.

Und dann ging diese stolze Frau in ihrem Leid jener frohen auf ihrem Wege nach, als werde sie ihr das Geheimnis ihrer Macht entlocken können, bei ihr heimlich in die Schule gehen dürfen zum Erlernen einer ihr fremden Kunst. Sie brauchte nicht ängstlich zu sein, entdeckt noch aufgehalten zu werden, denn Joie wandte sich nicht um, und ein tieferes Neigen ihres Hauptes unter dem breitrandigen Gartenhut verbarg Octavias Gesicht erkennenden Blicken. Als sie auf der Fährte ihres seltsamen Wildes war, hörte ihr Zaudern auf, und sie verwandte kein Auge von der sorglos vor ihr dahineilenden Gestalt. Das Ziel ihres Ganges schien sie vergessen zu haben, und kein anderes Begehren erfüllte sie, als jener zu folgen.

So gingen sie lange. Ab und zu bemerkte Octavia, daß ein Kind, welches Joie wohl im Vorbeieilen angeblickt hatte, dieser zulachte; wenn sie aber dann selbst das Kind mit einem Blick streifte, wurden die lachenden Züge ernst. Es geschah auch wohl, daß ein Mann sich umwandte, um ihrem Wilde nachzuschauen; dann sah sie, daß auch in dieses Mannes Gesicht ein Lachen war, ähnlich dem des Kindes. Ihr aber, so schön sie war, blickte keiner nach.

Joie hatte den Hafen erreicht, von dem aus sie irgendein Ziel zu suchen schien. Octavia war wohl selten an diesem Ort gewesen, wo alles in einen Rauch von Lärm gehüllt war, wo ein Gestöhn aus eisernen Rippen und ein Geheul aus eisernen Mäulern ihr entgegengellte, wo unbarmherzig Mast bei Mast ragte und den Rahen nicht die Luft gönnte, wo schwarze Riesenleiber nach schwarzer Nahrung brüllten, welche Menschenknechte in ihren Schlund schaufelten, wo das Wasser schmutzig war von wühlenden Kielen und der Himmel in einem braunen Qualm unterzugehen schien. Das alles verlegte ihr gleichsam den Weg. Joie indessen sprang leichtfüßig über schwere Ringe und sich spannende Taue, und auf einer der hohen gemauerten Landungsrampen, die eben durch die Ausfahrt eines Kolosses frei lag, trat sie nahe an das Wasser und schaute eine Weile hinab. Unzählige Möwen kreischten gierig über der bewegten Fläche, erhoben sich aus ihr und fielen in sie zurück. Sie freute sich an ihrem gewandten Flug und dachte ihnen in einem plötzlichen Einfall eine ihrer Zärtlichkeiten zu. Suchend schaute sie sich um, und da sie in einiger Entfernung eine seßhafte Hökerin gewahrte, die für die Hafenarbeiter einfaches Backwerk feilhielt, kaufte sie rasch ein paar Stück und zog ihre langen Handschuhe ab, um das Brot zu Futterbrocken zu zerkleinern. Dann stellte sie sich von neuem an den Rand, und indem sie aus ihren Händen zwei zierliche, lebendige Futtertröglein machte, erhob sie sie lächelnd mit den Brocken gefüllt bis zur Höhe ihrer Schultern. Da war sie im Nu von Schwärmen schwebender Möwen umflattert, die im gleitenden Flug einen Augenblick vor den freundlichen Trögen stillstanden und behutsam und sicher, ohne auch nur einen Finger mit Schnäbeln, Krallen oder Flügeln zu berühren, einen Brocken nach dem andern herauspickten. So stand sie in einem wundervollen, starken, wehenden Fächerspiel, das sie wie eine Liebkosung entgegennahm. Als ihr Vorrat zu Ende war, schien sie mit einer leichten Bewegung den sie noch immer umkreisenden Vögeln wie für eine Huldigung zu danken.

Octavia schaute voll Bewunderung und zugleich in einer kleinen Angst, daß dennoch den schlanken gebräunten Fingern Joies von den kurz umgebogenen Schnabelspitzen eine Verletzung drohe, auf dieses neue Schauspiel. Aber als ob sie durch dieses an das der vergangenen Nacht gemahnt worden wäre, fühlte sie wieder, warum sie jener Frau gefolgt war, und Mut- und Hoffnungslosigkeit befiel sie von neuem. In sich selbst verdunkelt, sah sie nur helle Flügel von kreisenden Vögeln und verharrte so eine Weile in einem halben Traum. Als sie sich wie mit einer Anstrengung von ihm losmachte und Joie suchte, sah sie sie nur in der Ferne in eine Seitenstraße biegen. Sie hatte genug der Verfolgung. Aber in einer seltsamen Anwandlung ihr nachzutun, trat sie zu der seßhaften Hökerin und kaufte wie Joie ihr einige Stück zum Futter der Möwen ab. Sie hatte sie zerkleinert und hielt nun zaghaft und zitternd, wie vor einem Gottesurteil, ihre gefüllten Hände empor. Aber keiner der Vögel nahm etwas daraus. Wohl nahten sie alle; doch wie vor einer unsichtbaren Wand, die ihnen wehrte, machten sie alle in einer gewissen Entfernung wieder kehrt, sooft sie auch heranprallten. Octavia wünschte sie herbei, und doch schauderte sie, daß sie ihr näher kommen sollten. Da kehrte sie traurig ihre verschmähten Hände um und leerte sie ins Wasser. Die Brocken hatten noch nicht die Fläche berührt, so waren sie verschlungen.

Da war nun ein schwerer stummer Stein in das klare Brünnlein ihres Herzens gefallen, den Octavia still mit sich herumtrug. Täglich warf Albrecht, wie ein unachtsamer Knabe, noch ein paar Sandbrocken dazu, wenn er ihr von Joie erzählte und wie alles so herrlich sei. Aber er konnte immer von ihr sprechen, ohne daß sich ein Wölkchen der Trübung an der Oberfläche des Quells zeigte oder der Aufruhr in der Tiefe ihn überlaufen machte. Denn Octavia wußte wohl, daß er sie nicht täusche, daß alles das männlich war und gut. Sie konnte sich sogar einer Art von Freude beim Anblick seiner Lust nicht entziehen. Und dann war es ihr wie ein Rühren an einem fremden Glück, wenn sie sich hätte für sich wehren wollen.

Albrecht und Joie aber ritten hinaus; unbeschwert, wissend nun, daß sie sich liebten, und die Freude an der Größe und der Kraft einer alles fordernden und dennoch ungestillten Leidenschaft blitzte aus ihren Augen.

Das Korn der Felder, das der heiße Sommer zu einer frühen Reife gebracht, lag schon in Garben, und ihre Pferde galoppierten über die ersten weichen Stoppeln, als Joie eines Tages in einer ihrer plötzlichen Eingebungen auf ihrem behenden Pony von ihm fortflog, ehe er sein Pferd recht in Schwung bringen konnte, um an ihrer Seite zu bleiben. Sie jagte ein langes Feld nach einer kleinen Anhöhe hinauf, wo Garben gehäuft durcheinander lagen. Offenbar hatte sie sich den Platz zu einer kurzen Rast ausersehen. Denn sie knüpfte noch im Lauf die Zügel lose in eine von ihr ersonnene Schlaufe am Sattel, so daß sie sich nicht verwirren konnten, glitt, während der Galloway noch nicht ganz zum Stillstehen gekommen war, von ihm herab und ließ ihn, der gewöhnt war zu ihr zurückzukehren, frei laufen. Während sie zu dem Ährenlager schritt, nahm sie, als ob sie nicht ohne etwas zu sein vermöchte, das sie liebkosen konnte, ein spät brütendes Rebhuhn vom Rand eines Feldrains auf, wo es die Schnitter samt einigen Ähren verschont hatten. Das saß über seinen eben ausgekommenen Küchlein und ließ sich von der tiergewandten Hand, von der es keine Gefahr spürte, ruhig greifen. Mit dem Tiere auf dem Schoß ließ sie sich in die offenen duftenden Enden des gebundenen Korns nieder, und die rotbraunen flinken Hühnchen folgten dem mütterlichen Lockruf, so daß bald das Getrappel eines kleinen Aufruhrs den Schoß ihres Kleides erzittern machte. Bald indes breitete die Henne über das Gedränge ihre beruhigenden Flügel und nahm unter den sie schattenden Händen Joies ihr neues warmes Nest, ohne Vorwurf einer Unterschiedlichkeit von dem alten, für sich und ihre Brut an.

Dies Bild betrachtete, sein Pferd am Zügel haltend, aus einiger Entfernung Albrecht, der unterdessen herangeritten und abgesessen war. Wie sie nun so vor ihm saß mit ihrem lachenden Gesicht, mit ihren nun lustvoll in die seitlichen Garben greifenden Armen, deren Fülle sie an sich heranziehen zu wollen schien, mit dem braunen vielköpfigen Leben in ihrem schwarzen Schoß, das sich leise hob und senkte, da sah sie wie die leibhaftige Fruchtbarkeit aus, strotzend von Kraft und Farbigkeit. Sie hatte ihren Hut weggeworfen: schwarz stand das in vollen Schnecken über den Ohren festgemachte Haar auf dem goldenen Korn, braun die Stirn, auf der eine lustige Narbe wie ein kleiner heller Blitz herablief, über glanzvollen blauen Augen und dunkelrot ihre Leinenjacke vor dem schattigen Gelb der Garben, an denen sie lehnte.

Da fühlte Albrecht in sich ein mannhaftes Begehren nach diesem Wesen aufsteigen gleich einem sehnsuchtsvollen Strom in seinem Blut. In diesem Augenblick erschien sie ihm wie das Köstlichste, das er auf dieser Welt erringen könnte, und er zitterte vor ihr. Eine Wolke von Leid aber flog über das Antlitz Joies, als sie ihn so sah; denn sie wußte um sein Herz, wie zwei Liebende voneinander wissen, auch wenn sie schweigen. Sie senkte das Haupt.

»Mein Freund,« sprach sie – und ihre Stimme war so voller Leid wie das Klagen eines Wildes – »mein Freund, dir ist mein Herz und dir ist mein Sehnen. Aber die Wünsche meines Schoßes sollen dir nicht mehr sein. – Und wären doch dein gewesen, unberührt, mit tausend Freuden! Einst wurden sie verschenkt, ach! auch wohl mit tausend Freuden, und dennoch: heute, heute – – weine ich um sie.«

Kaum noch ein Ton war in ihrem letzten Wort, das dahinflatterte wie ein fallendes Blatt im Hauch des Herbstes. Ihr Haupt wankte vor Tränen, ihre Finger hielten sich in den Garben, die sie eben noch voller Kraft an sich gerissen hatte, wie zu einer Stütze, und heiße Tropfen fielen auf die unschuldige, flügelregende Fruchtbarkeit in ihrem Schoß.

So saß sie lange und ließ die Tränen laufen. Albrecht aber vermochte vor ihrem Schmerz kein Wort hervorzubringen, noch auch nur mit einer Bewegung ihr beizustehen; er preßte die Lippen aufeinander, und seine Augen wurden feucht. Endlich aber schüttelte Joie ihren Kopf zurück, entließ die Rebhühnlein mit einer leichten scheuchenden Bewegung, sprang auf und griff ihren Pony, der an einer der Garben ihres Lagers zupfte. Wortlos nahm sie den Beistand Albrechts an, welcher hinzugetreten war, um ihr in den Sattel zu helfen.

In einer Wolke von Leid ritten sie davon. Mit langen Hälsen gingen die Tiere dicht beieinander über die Felder und Wege, auf denen sie gekommen waren, und fanden keinen Zügel, der sie lenkte. Denn auch Albrecht war, so sehr ihn in den ersten Augenblicken die seltsame Trauer Joies überrascht hatte, dennoch in sie hineingerissen worden wie auf einen tiefen fremden Grund, den dieses unermeßliche Herz plötzlich auftat. Bald aber erlabte ihn ein Gefühl des Stolzes über dieses nämliche Herz, welches sein war und darüber bittre Tränen vergießen konnte, für ihn nicht eine Krone zu haben, die es einmal verschenkte. Da litt er die Wolke nicht mehr um sein und seiner Freundin Haupt. Er streckte seine linke Hand offen aus, und Joie schlug mit ihrer rechten hinein, wie zur Bekräftigung eines Pakts. Ein lachendes Gesicht wandte sich dem seinen zu.

Da beugte sich Albrecht zu ihr hinüber, und Joie neigte sich zu ihm, und er legte seinen Arm um ihren Hals zu einem langen Kuß. Der schmeckte nach Salz und Blut und war mit einem Wenig von Bitterkeit gewürzt. Und dann ritten sie heim, als müsse das alles so sein.

Am Abend dieses Tages ruderte Albrecht in die offene Alster hinaus und lag dort lange still. Er gedachte der beiden Frauen, deren Häuser er am Ufer nebeneinander liegen sah. Und wie zu einem wehmütigen Abschiednehmen kamen ihm Octavias Worte in den Sinn. Wohl war bei ihr die Wohltat der Stille und des gedämpften Lichtes; wohl rollte die Hoheit, die Gnade, der Adel in ihren blauen Adern. Mochte es sein! Er wußte es und gab es mit Schmerzen auf. Hier aber strömte die Kraft, das Feuer, das Licht, die Freude rot aus dem Herzen; hier waren die Gewalten der Elemente, die Lust der Frühe, die Frische des Quells, der warme Geruch des Korns und der würzige der Haselnuß, der Rausch der Sternennacht und die im Sonnenfeuer geläuterte Glut des Sommertags. Und hier war auch die köstliche Verschwendung des Frühlings und die dennoch schwermütige Trauer über die gefallenen Blütenblätter.

So entglitt Octavia das Herz dieses Mannes, und es blieb ihr nichts in den Händen als eine märchenhafte Gestalt, die mit ihr lebte, zu ihr sprach, von Joie und andern Dingen; die freundlich zu ihr war und sie nicht kränkte, und die doch kein Herz hatte.

Da verfiel, fast zu der gleichen Zeit, als die ersten Fälle der Cholera beobachtet wurden, Joie einem schweren Scharlachfieber, und die Frühritte hörten auf. Die Krankheit warf sich mit all dem Ungestüm auf sie, mit der sie gegen besonders kraftvolle Menschen sich in einen Kampf einzulassen liebt. Damals vermochte Joie wohl eine Woche nicht nach ihrem Freunde zu fragen. Dann verlangte sie ihn zu sehen. Aber noch hielt sie das Fieber in heißen Armen, denn die weichende Krankheit hatte eine Herzentzündung zurückgelassen. Da nun aber der Arzt, der mehr noch als das Leiden seiner Kranken diese selbst verstand, sah, wie sie sich quälte, das anfänglich völlige Versagen ihres Wunsches sie erregte und das Fieber offenbar unterhielt, glaubte er ihr wenigstens etwas davon gewähren zu sollen. Daher erlaubte er, daß sie von einem ans Fenster geschobenen Liegestuhl ihn täglich einmal sehen solle und ihm zunicken dürfe, wenn er am Gartengitter vorüberginge. Das nahm sie denn an, genügsam, wie ein erstes Wassersüppchen, das man einem Genesenden reicht. Der Arzt aber ging selbst hinüber zu Albrecht und bat ihn, täglich gegen Abend, wenn das Licht den Augen schon Ruhe gab, einmal an Joies Haus vorüberzugehen und seiner Freundin einen Gruß zur Nacht zu senden.

Und täglich saß Joie um dieselbe kurze Abendstunde am Fenster, und täglich ging Albrecht still vorüber, sah zu ihr hinauf und grüßte sie, indem er die Hand halb aufhob, wie es ihre Sitte auf ihren Morgenritten gewesen war, wenn sie sich trennten; und obwohl es nun heiße Tage waren, eine lange Reihe, so trug doch Albrecht zu diesen Gängen einen leichten weiten englischen Reitmantel von rostroter Farbe, in dem sie ihn einst gern gesehen: wie man einer Kranken selbst mit einer kleinen Sinnlosigkeit, wenn sie nur für sie einen besonderen Sinn hat, gern eine Freude macht. Dann lächelte Joie matt und dankte ihm mit einem Blick. Aber sie war noch sehr krank und nicht außer Gefahr; und wenn ihr der Arzt dies Mittel verschrieb, so wußte er, was er tat. Denn als er einmal versuchte, sie desselben zu entwöhnen, sagte ihm ihr Herz noch zur selben Stunde deutlich genug, daß er ihr Leben damit aufs Spiel gesetzt hatte. So ließ er ihr das Mittel. Er verhehlte Albrecht nicht, was es damit für eine Bewandtnis habe, und bedeutete ihn, sie nicht in Gefahr zu bringen. Aber es war wohl keine Not, daß er sich jemals versäumte.

Da erhielt, nur wenige Tage später, Albrecht einen kurzen Brief von Joie, der in hastigen Zügen geschrieben war. Ihr Diener brachte ihn herüber.

»Mein Freund, ich darf nicht schreiben, aber ich muß.

Eine Seuche wütet in der Stadt, die sie mit einem schrecklichen Namen benennen, – ich weiß es.

In Gefahr ist ein Kind, mein Freund; ein Kind, das ich liebe. Die Frau, die es pflegt, ist diese Nacht erlegen, der Mann erkrankt. Dovenfleth« (dies ist eine alte Flethgasse in der Nähe des Hafens), »im zweiten Hause links durch den abschüssigen Torweg, dann die Treppe geradeaus, eine Stiege hoch. Es ist reinlich dort.

Nimm das Kind; man wird es Dir geben, wenn noch jemand lebt, der es geben kann. Bring es wohin Du willst; nur fort aus der Gefahr.

Wenn Du heute abend bei mir vorübergehst, werde ich wissen, ob es gerettet ist.

Eile. J.«

Als Albrecht diese Zeilen Octavia zuwarf, um sich rasch zu rüsten und von ihr einen Rat zu erhalten, wohin er das Kind, wenn er es fände, verbringen solle, bezeichnete sie die Wohnung eines früheren Gärtners ihres väterlichen Hauses, dessen verwitwete Frau ihr ergeben war. Albrecht machte sich auf. Es gelang ihm durch das Gewicht des Namens der Familie, sich eines der Desinfektionstrupps zu versichern, welche in dem von Joie beschriebenen Gebiet der Seuche zu tun hatten. Denn er gedachte das Kind wenn möglich sofort an Ort und Stelle von den Keimen der Krankheit befreien zu lassen, die ihm durch Berührung mit den befallenen Pflegeeltern oder mit dem eigentlichen Träger der Seuche, dem Wasser der Wohnungsleitung, äußerlich anhaften mochten. Wenn es noch nicht erfaßt war, so sollte es auch alles dahinten lassen, was ihm die Krankheit nachschleppen konnte.

Unschwer fand Albrecht den abschüssigen Torweg, der nach einem tief gelegenen Hof führte. Er stieg die alte sauber gehaltene Treppe hinauf und öffnete die Tür zu einer kleinen Wohnung, deren Ansehen und Anordnung ihm auf den ersten Blick die Behausung eines Seemanns verriet, welcher beständig an seinem Schiff zu putzen liebt und die unentbehrliche Gewohnheit auch auf dem Land an seinem Obdach nicht lassen mag. Alles in dem Zimmer schien wie abgewaschen, festgemacht, aufgeräumt, beinahe ausschließlich von solcher Nutzung in Anspruch genommen und verbraucht.

Während sich Albrecht in einem behaglichen Erstaunen einen Augenblick dem Anblick des Raums überließ, wurde aus einem anstoßenden Zimmer eine Türklinke niedergedrückt, schnappte wieder empor, und zwei runde Kinderarme drückten die Tür behutsam auf. Das besorgte Gesichtchen eines vielleicht vierjährigen Mädchens, das auf der Schwelle stand, hellte sich sogleich auf, als es Albrecht erblickte. Es ging auf ihn zu, nahm seine Hand und schien von ihm zu erwarten, daß er ihm in den Raum folge, aus dem es herausgetreten war. Da nahm Albrecht das Kind in einer inneren Bewegung vom Boden. Ein kleiner Arm legte sich mit einer seltsamen Zärtlichkeit um seinen Hals, die er schon anderswo gesehen hatte, und er küßte die leichte Hand, als sie an seinen Lippen vorüberstreifte.

Ein Blick in den Schlafraum, aus dem die Kleine gekommen war, sagte ihm, daß dort keine Arbeit für ihn sei. Ein schmales Bett, in dem wohl noch vor wenigen Stunden eine Tote gelegen, war leer und abgezogen; in einem zweiten lag ein Mann, schwer atmend, bewußtlos, halb aufgedeckt. Er überließ ihn den eintretenden Leuten, welche die Kranken angingen, und barg sein gerettetes Gut. Rasch entkleidete er es in dem Hof, und ein reines Leinentuch, das der Ausrüstung des Desinfektionstrupps entnommen war, trat an die Stelle der zurückgelassenen kindlichen Kleidung. Das Mädchen war gesund, und er lachte dankbar und beruhigt, als es ihm traurig klagte, man habe ihm die gute Mutter weggetragen und es habe wohl den ganzen gestrigen Tag und noch heute nichts gegessen und getrunken. Die Gärtnersfrau, zu der er es nach Weisung Octavias brachte, stillte Hunger und Klagen.

Am Abend zur gewohnten Stunde ging Albrecht an Joies Fenster vorüber, und zweimal hob er die Hand halb auf in der von ihnen geübten Art. Da wußte Joie, für wen er den zweiten Gruß zu ihr heraufsandte.

Während der Nacht aber erkrankte Albrecht und starb an der Cholera, bevor der Tag graute. Octavia saß bei ihm, solange noch Leben in ihm war, und ihre Hand lag still auf der seinen nach ihrer Weise. Sie hätte sich über ihn werfen mögen in einem letzten gewaltsamen Ausbruch einer Liebe, die wie das Feuer in einem schneebedeckten Vulkan war. Aber auf ihm lag die Seuche und wehrte ihr den Mund, den sie suchte. Es war, als ob eines Armes Länge zwischen ihren Leibern bleiben müßte bis zum Ende. Wohl dankte Albrecht ihrer verhaltenen Liebe und ihrer fühlbaren Güte mit der letzten Kraft in seiner Hand und seinem Auge; seine letzten Worte aber, bevor ihn die Sinne verließen, galten seiner Freundin.

»Nun wird auch Joie sterben,« sagte er, »wenn ich meine Pflicht versäume. Keiner wird die Hand grüßend zu ihr erheben, wenn der Abend kommt.«

Octavia wußte um die allabendlichen Gänge ihres Gemahls; aber sie legte ihnen nicht mehr Bedeutung bei als die einer Liebkosung eines Kindes zur Nacht, ohne die es keinen Schlaf fände.

Albrecht war tot, als der Arzt kam. Es war der nämliche, welcher über Joies Leben wachte.

»Durch einen unglücklichen Zufall müssen Krankheitserreger in seinen Mund geraten und verschluckt worden sein«, sagte er. »Aber es ist müßig, diesem Zufall nachzuforschen. – Wie man es indes seiner Freundin sagen soll, das macht mir Sorge! Und wenn man es ihr nicht sagt, wie es ihr fernhalten?«

Octavia hatte keine Antwort, und der Arzt erwartete keine von ihr. Er entfernte sich.

Octavia aber ließ sich in einen hohen Sessel sinken, der in ihrem Zimmer stand. Und trockenen Auges sann sie in die Ferne, als ob ihre Gedanken auf etwas Seltsames gerichtet seien. So verharrte sie den ganzen Tag. Ab und zu erhob sie sich und ging mit stillen und doch bestimmten Schritten auf und nieder, als müsse sie sich sammeln zu etwas Außerordentlichem. Dann saß sie wieder und starrte trockenen Auges in die Ferne.

Und als der Abend nahte, da nahm diese Frau den rostroten Reitmantel Albrechts und schlüpfte hinein; sie setzte den schwarzen steifen Hut, den er zu tragen pflegte, auf den Kopf und drängte ihr Haar fest in seine Wölbung hinauf; und sie ergriff seinen kurzen Rohrstock, den er mit der Linken halb in die weite Tasche des Mantels zu versenken liebte.

Und dann verließ diese Frau das Haus, und für einen Toten, den sie geliebt, ging sie an dem langen eisernen Gitter des nachbarlichen Gartens vorüber von einem Ende bis zum andern; und vor Joies Fenster hob sie die Hand halb auf zum Gruß, wie es die Art des Toten war.

Joie sah die Gestalt, die sie erwartete, und ließ sich täuschen. Zu abgelegen war der Gedanke einer Stellvertretung und Verkleidung, als daß er ihr jemals in den Sinn hätte kommen können. Arglos folgte das Auge der geliebten Erscheinung und beseelte sie mit den Zügen, die sie in sich trug. Die ersten Schatten des Abends füllten Garten und Straße, und der Steinsockel des eisernen Stabgitters verbarg die Frauentracht, die unter dem weiten rostroten Reitmantel hervortrat und die Gestalt hätte verraten können.

Octavia wankte, wenn sie den schützenden Pfeiler und das Gebüsch erreichte, das sie vor den sie begleitenden Blicken deckte, und sie sank aus der männlich-freien Haltung, die sie nachahmte, fast zusammen. Aber dreimal, an drei aufeinander folgenden Tagen, tat sie ihren Gang. Am vierten jedoch versagte ihre Kraft, und sie brachte es nicht über sich, das Haus zu verlassen.

An jenem vierten Tage aber erwartete Joie nicht mehr das Erscheinen und den Gruß ihres Freundes. Denn am Morgen hatte ihr Arzt, da er sie gebessert und ruhig fand, einem ungeschickten Zufall und einem neuen Verlangen nach einem Heilmittel, das ihm nicht mehr zu Gebote stand, vorbeugen wollte und es vorzog, für den Fall eines gefahrvollen Ausbruchs ihres Schmerzes sofort zugegen zu sein, ihr zu sagen gewagt, daß mit Tausenden auch Albrecht der Seuche zum Opfer gefallen sei. Aber sie hat nie erfahren, wessen Hand es war, die ihm den Tod gab.

Joie schrie gellend auf und warf sich zurück, ins Herz getroffen; denn sie fühlte wohl, daß dies die Wahrheit sei. Dann richtete sie sich starr empor und sah ihm ins Gesicht.

»Er grüßte mich doch noch gestern abend?« fragte sie bang.

Der Arzt schüttelte traurig den Kopf. Er fürchtete eine Wahnvorstellung seiner Kranken.

»Er starb vor vier Tagen und ist seit zweien begraben; draußen, auf dem großen Friedhof von Ohlsdorf.«

Da wurde Joie ganz still. Es war, als ob eine rätselhafte Macht ihr ganzes Denken ablenke von ihrem Schmerz und ein kühler Strom sich zwischen ihm und ihrem Fühlen hindurch ergösse; ein stummes, fremdes Bewundern breitete sich über ihr Gesicht. Sie bat den Arzt, sie zu verlassen. Wer sie gegrüßt hatte, sie wußte es.

Von dem Augenblicke an war ihr Schmerz gewissermaßen überboten durch eine Tat, deren Größe sie ganz erfüllte und ein herrliches Aufrichten in ihr gebar.

Und da hat Joie etwas wie eine Pflicht gefühlt, gesund zu werden, und hat sich Ruhe und Überwinden erkämpft, damit der Opfergang einer edeln Frau nicht vergebens gewesen sei.


DIE VOGELSCHEUCHE

In einem sonnigen Schlaf, jahraus jahrein und nimmer erweckt, liegt das Dörfchen Mammolshain auf der ersten Stufe eines der schönsten deutschen Mittelgebirge, das starkrückig und selbstbewußt sich aus der breiten Flußebene erhebt, wo die Städte das Land beherrschen. In den Winkel, den die erste Gebirgsterrasse mit den über ihr wuchtiger ansteigenden Bergen bildet, hat es sich eingeschmiegt, wie ein sich sonnendes Kätzlein, und versinkt fast in dem dichten Kuppelkranz von altehrwürdigen, breitarmigen echten Kastanien, die nur dieser südliche Hang des Gebirges trägt. Da der Strom der Fremden und der Städter, die ihre Sommerwohnungen auf den ihnen in die rauchige Ebene winkenden Höhen aufschlagen, durch die Eisenbahnen nach andern Fußpunkten des Gebirges abgelenkt wird, vergehen wohl Jahre, ohne daß die alten verdunkelten Ziegeldächer mit den verkrümmten Firsten ein neues unter sich sehen, das den Frieden und die Stille ihres Anblicks eine Zeitlang stört. Denn das Wachstum dies Dörfleins aus sich heraus ist nur ein sachtes in seinem Schlaf.

Vor dem Kastanienring aber erstreckt sich eine sanft verlaufende, nicht mit Wald und kaum mit ein paar Obstbäumen bestandene Landzunge weit hinaus, der Ebene und der Sonne zu; und dort liegen auf der einen abhängigeren Seite mit dem schlechteren Boden die wenigen Äcker der Mammolshainer in schmalen, beinahe kärglichen Bändern nebeneinander, auf der andern breitern und auf dem Rücken der Absenkung in wohlgepflegtem Erdreich endlose Erdbeerpflanzungen, Beet an Beet, deren Ertrag in den Städten verkauft jährlich einen hübschen Verdienst abwirft, groß genug, um die bequemen Bauern an keine andern Unternehmen denken zu lassen.

Der Schreinermeister Martin Gläßer, der einzige seines Handwerks im Dorf, besaß keines der Erdbeergelände, sondern nur einen schmälen Feldstreifen dicht an dem mit zwei Haselhecken gesäumten Hohlweg, der die Äcker von den Kulturen der andern Seite trennte. Und wenn er daran dachte, ein Erdbeerstück zu erwerben, was er wohl gekonnt hätte, so unterließ er es immer wieder, da er nicht wußte, wie ers allein hätte bestellen sollen. Denn er hatte außer seiner Frau niemand im Ort, der ihn etwas anging, und diese war eine zarte Städterin, die im Haus und nicht im Feld an ihrem Platz war.

Um ihr aber diesen Platz, an dem er sie liebte, zu erweitern und zu beleben, widersprach er ihr nicht, als Frau Marianne ihn bat, da sie keine Kinder mehr erwarten durften, ein kleines Mädchen an Kindes Statt anzunehmen, um dessen Aufnahme sie ihre frühere Herrin, der sie lange Jahre in der Stadt als Zofe gedient, bat.

»Sieh, Martin,« sagte Marianne einfach, »wir sind allein; und es ist gut, wenn wir später nicht allein sein werden. Aber ich möchte dich nicht bitten, dieses Mädchen ins Haus zu nehmen und zu unserem Kind zu machen, wenn ich nicht seine Mutter, das Fräulein, kennte, die gut ist, auch wenn sie die Eltern wegen des Kindes verstießen. Und der Mann, dem sies in Liebe für Liebe schenken wollte, war tapfer und gut; sonst hätte ihn das Fräulein nicht geliebt. Er hätte sie sich wohl noch erkämpft, wenn er nicht umgekommen wäre in den Kolonien, wo er sich und der Frau eine Farm errichten wollte. Ich meine, wir solltens tun; denn das Fräulein kann das Mädchen nicht mehr erhalten ohne Not; und in Not will sie ihr Kind nicht sehen. So können wir Gutes erweisen und haben am Ende noch einen Vorteil davon.«

»Es kann auch schlecht ausgehn,« sagte Martin, indem er sich von der schmalen Planke erhob, die als Bank vor dem Hause befestigt war; »fremde Kinder kennt man nie, auch wenn man die Eltern kennt. Aber wir wollen es versuchen.«

So kam es, daß nach einer Woche, gerade als Martin eine sauber gehobelte Kinderbettstatt fertig zusammengefügt und die drei blauen und ziegelroten Rosen trocken geworden waren, die er auf das Kopf- und Fußende in ewig sich gleichbleibender Begeisterung für seine einzige Schablone aufgemalt hatte, ein städtischer Wagen vor dem Häuschen der Schreinersleute hielt, dem eine hohe schlanke Frau in einer traurigen vergrämten Schönheit entstieg; und sie trug ein aufmerksam um sich blickendes, dreijähriges Mädchen in die Stube, welche durch die späte Nachmittagssonne freundlich durchleuchtet war.

»Hier bringe ich das Kind, Marianne,« sagte sie, fast erstickend an ihren Worten, so daß das Mädchen sie ängstlich anblickte; »nun ich dich wiedersehe und weiß, wie es um meine Dorothea aussehen wird, ist es mir leichter, sie hinzugeben.« Aber sie log das wohl, um sich Mut zu machen; denn sie mußte das Kind zur Erde gleiten lassen, wo es Marianne halb auffing. »Du weißt«, fuhr sie fort, indem sie sich niederließ, »alles um Dorothea, wie ich es dir geschrieben habe; da wirst sie gut halten, wie eine Mutter, und ich weiß auch, daß dein Mann sie gut halten wird, wie ein Vater.«

»Aber du, Mutter; aber du kommst doch wieder?« fragte Dorothea mit großen Augen und flog ihr an den Hals.

»Einmal, mein Kind, – ich weiß nicht wann – werd ich kommen, dich zu holen; jetzt mußt du hier bleiben bei Marianne und Martin, die deine Eltern sein werden; mir zuliebe mußt du hierbleiben.«

Da ging das Kind, um ihr etwas zuliebe zu tun, tapfer und still an die Seite Mariannes und stellte sich neben sie; und keine Beschwörung und kein Zauber hätte stärker sein können, als diese Worte: mir zuliebe mußt du hier bleiben.

Die Mutter aber stand auf, küßte Dorothea wie im Vorüberschweben flüchtig auf die Stirn, als fürchtete sie, sich zu verstricken, und ging; Martin geleitete sie zu dem Wagen und hob sie hinein. Als er in das Haus zurücktrat, in dem es noch wie ein schwermütiger Duft lag von der Frau, die es verlassen, wars freilich mit der Tapferkeit der kleinen Dorothea zu Ende, und sie schluchzte in Tränen noch lange, nachdem sie Marianne willenlos entkleidet und zwischen den blauen und ziegelroten Rosen zur Ruhe gebracht hatte.

An jenem Abend saßen Martin und Marianne noch lange im Dunkel auf der schmalen Bank ihres Hauses an der Dorfstraße und hatten ihre Hände ineinandergelegt, als ob sie eine Verantwortlichkeit gemeinsam zu tragen hätten.

»In dem kleinen Korb, den das Fräulein mit Wäsche und einfachen Kleidern für Dorothea hier ließ, lagen dreitausend Mark in drei braunen Scheinen, Martin«, sagte Frau Marianne flüsternd. »Das ist die Summe, die ihr Vater dem Kind ausgesetzt hat, wenn sie sich von ihm trennt auf Nimmerwiedersehn und in ihr Elternhaus zurückkehrt. Wie anders hätte sies von Not und Tod erretten können? Denn die Ärzte sagten ihr, das Kind würde nicht leben können in der Stadt und in dürftigen Verhältnissen; es leidet an der Krankheit, welche die Lungen der Entbehrenden erfaßt. – Da hat das Fräulein denn gemußt!« –

Zu der selben Stunde aber lag in der Stadt fern dort drunten, deren Lichterwiderschein Martin und Marianne am Himmel sahen, eine trostlose Frau in ihrer Eltern Haus, das sie seit mehr als drei Jahren das erstemal wieder betrat, am Boden ihres Zimmers auf den Knien und suchte nach einem Wesen, das groß genug wäre, ihre Pein zu verstehen und sie anzuhören. Aber sie hielt den Gott, den sie im Herzen trug, obwohl sie an ihn glaubte, nicht für vertraut genug mit diesem einen, das sie zu klagen hatte. Und so rief sie die Mutter Gottes an in zitternder Hilflosigkeit, obwohl sie ihr fremd war und sie nie zu ihr betete; rief sie an, obwohl ihr Glaube kein Gebet an sie kennt; rief sie an, weil sie eine Mutter war.

Im Lauf der Zeit, durch nichts an das Vergangene gemahnt, vergaß Dorothea das wenige, was ihr aus ihrem früheren Leben hätte Eindruck machen können. Das Bild ihrer Mutter verblaßte, nahm dann, immer wechselnd, andere Züge in ihrem Innern an und verschwamm schließlich zu etwas Unvorstellbarem, Fernem, Abgeschiedenem, das keinen Schmerz und kein Sehnen mehr wachruft. Der Vorgang, wie sie hier hergekommen, schied nicht ganz aus ihrem Empfinden, denn sie konnte darüber einen kindlichen Seufzer ausstoßen; aber er wurde zu etwas Ungreifbarem, Unbewußtem; sie fühlte mehr, als daß sie sich erinnerte, einmal bitterlich geweint zu haben; aber sie wußte nicht mehr warum noch wann, und doch konnte sie darüber seufzen, wie wenn das Empfinden länger vorhielte als das Erinnern.

Aber all dem zum Trotz – als ob die Natur, die ihr so gnädig das Wirkliche umschleiert hatte, mit dem Gedächtnis eines Kindes sich ein besonderes Spiel vorbehalten habe – blieb eines so frisch, so lebendig, so farbig und froh in ihrem Innern, als würde es in jedem Tage neugeboren; nur ein kleines und doch eine Welt für sie: das waren ein paar Märchen, die sie einst von ihrer Mutter gehört, immer wieder zu hören verlangt und von ihren Lippen in ihr Herz gesogen hatte als das Wunderbarste, was dieses Hera jemals würde an sich reißen können.

Nach denen fragte sie eines Tages, nicht lange nach ihrer Aufnahme, ihre neue Mutter; aber die befiel eine Angst, daß sie an Vergangenes erinnert würde, was sie vergessen sollte, und sie wollte nichts davon wissen. So lief Dorothea zu Martin; doch der sagte, das sei dummes Zeug und zum Leben nichts nütze, und ließ seinen Hobel zischend über ein Tannenbrett gleiten, daß die Späne flogen.

Da empfand Dorothea einen kleinen verwunderlichen Schmerz, schlich betreten hinaus und sprach keinem Menschen mehr von ihren Märchen. Nur heimlich, wenn sie sich allein glaubte, erzählte sie sie mit flüsternder Stimme einer kleinen Puppe oder dem schwarzen Spitz, der geduldig seinen Kopf in ihren Schoß legte und es über sich ergehen ließ; denn ihr Herz war voll davon. Sie den Kindern im Dorf zu erzählen, wie sie es später schüchtern versuchte, gab sie bald auf; denn sie hörten ihr nicht zu, und wenn es einige gewollt hätten, so waren sicher ein paar nichtsnutzige kleine Flegel von älteren Brüdern da, welche die jüngeren und Dorothea mit ihren Geschichten auslachten und überjohlten. So trennte sie ihr Empfinden bald von ihren Gespielen; nicht, daß sie sie gemieden hätte, aber es blieb immer ein kleiner Abstand, in den sie zurücktrat, wie in ein kleines ihr vorbehaltenes Reich, an dem die andern nie einen Anteil gewinnen könnten.

Dorothea liebte dieses Dorf, diese ländlichen Sorgen und Beschäftigungen, in denen sie gesundete und heranwuchs; aber nur als etwas, das sie mit den andern teilen konnte. Wo ihr eigenstes Leben begann, im Lande der Phantasie und der Empfindung, blieb sie einsam. Es war nur ein enges Bereich, nicht erweitert und belebt durch neue Gestalten und Vorkommnisse, die sie aus der Einförmigkeit ihres Daseins hätte hinübernehmen können hinter die unsichtbare Grenze, wo sie sich erging. Da sie nun aber ihr Reich unbewußt zu vergrößern trachtete und sie wohl fühlte, wie sie das vermöchte, so setzte sie sich häufig auf den beschatteten Grasrand, den das schmale Ackerland Martin Gläßers von der Haselhecke jenes Hohlwegs trennte, und sah hinaus und hinunter in die Welt der Ebene mit den Geheimnissen der weithin gelagerten Stadt. Um die Mittagszeit, wenn es ganz still ringsum war auf den Feldern und das Land in einer Sonnenruhe vor ihr atmete, wie ein Schläfer, lockte es sie an den Rain. Dann war ein flirrender, wellender Teppich von Licht in einer goldenen durchscheinenden Lage über die Gebreite gezogen, und auf ihm wanderte sie wie in eigener Gestalt der Stadt zu, so weit er reichte. Aber wo er zu Ende war und das Gold sich in die trüberen Farben des städtischen Weichbilds und dann tiefer in einem weißlichen Gürtel von Dunst verlor, da fühlte sie, werde sie haltmachen müssen, auch wenn sie hätte weitergehen wollen; als ob da eine Brandung stünde zwischen ihr und dem Meere der Stadt, durch die sie es nie erreichen würde. Denn sie, die ihre Mutter und deren letzte Worte an sie längst vergessen hatte, fühlte doch etwas wie einen Befehl über sich, auszuharren, wo sie war.

Die Häuser der Stadt aber bevölkerte sie mit Menschen von ihrem Empfinden; mit Menschen, die zuhören würden, wenn sie ihnen aus ihrem Reich erzählte von Elfen und Zwergen, von redenden Rehen und weißen Vögeln, von Königen und Prinzen und der Prinzessin mit den gläsernen Schuhen; mit Menschen, die sie lieben könnte, weil sie ihr in dem glichen, was sie von den Mädchen und Burschen des Dorfes und selbst von Marianne trennte. So saß sie eines Mittags wieder, das schlafende Dorf hinter sich und die ruhenden Äcker vor sich, an ihrem Platz bei dem Bohnenfeld ihrer Pflegeeltern und träumte in die Ferne hinaus, als sie fühlte, daß jemand leise zu ihr trat. Sie sah zur Seite und bemerkte lachend, daß es die Vogelscheuche war, die auf dem Felde stand und ein kleines Geräusch mit dem alten schwarzen Hut an der Stange machte, auf welcher ihn ein leichter Wind nickend hin und wider schaukelte. Und dann fuhr ein kleiner freudiger Schreck durch Dorotheas Glieder, und sie flüsterte vor sich hinschauend: »Soll ich es wagen?« Darauf zupfte sie unruhig und unschlüssig an ein paar Gräsern herum, und nach einem Weilchen rückte sie ganz dicht an den alten Mann heran, der kein Blut und keine Knochen im Leibe hatte und ihr doch so menschlich vorkam; doch so, daß die Gestalt hinter ihr blieb und sie sie nicht sehen konnte.

»Wirst du mir zuhören?« fragte sie, fast summend, und schloß die Augen halb; und der Wind neckte sie freundlich, indem er dem großen Hut einige kurze Stöße gab, so daß er bejahend an die Stange klopfte.

»So höre also!« sagte Dorothea, »denn, sieh, der kleinen Puppe und dem schwarzen Spitz konnte ich wohl Märchen erzählen; aber das, was ich dir jetzt erzähle, das würden sie nicht verstehen. – Aber ich weiß freilich, daß du taub bist«, warf sie ein und schwieg. Dann aber seufzte sie und konnt es doch nicht lassen:

»So will ich dirs also vertrauen, als ob du ein Mensch wärest, wennschon ein tauber. – Weißt du, was ein Herz ist?« fragte sie geheimnisvoll und doch so, als ob sie schon sehr klar darüber sein könnte; und dann gab sie ihrem seltsamen Freund alles das preis, was sie von ihrem Herzen wußte, alles, mit dem es vollgesogen war zum Überströmen in langer Zeit, in der es niemand gefunden, dem es sich mitteilen konnte. Und es brauchte sie nicht zu kümmern, daß es immer dasselbe war, was sie vorbrachte in nicht endenden Worten, fast wie eine Klage. Denn der taube Freund belächelte sie nicht. Dann aber, plötzlich, als ob sie das Wichtigste vergessen habe, sagte sie, glutrot bis in den Nacken hinab: »Doch das Seltsamste am Herzen ist, daß es einem gar nicht gehört; und das meine gehört einem schönen Prinzen in der Stadt, der dort wohnt, wo man die Dächer der zwei runden Türme jetzt in der Sonne blitzen sieht; einmal wird er kommen und mich holen. Und jetzt ists genug; ich möchte dir sonst zuviel anvertrauen.« Mit diesen Worten sprang sie auf, lief, ohne sich umzuschauen, den Rain hinan und verschwand am Ende des Ackers in dem Durchhau, der die Hecke dort unterbrach.

Ihr Herz klopfte noch wie nach einem Geständnis. Aber obgleich sie sich auf dem Heimweg tausendmal sagte, daß das alles kindlicher Unsinn sei, so war sie doch stolz und froh, als ob sie wirklich einen Vertrauten gewonnen hätte, mit dem sie reden konnte, wie es ihr zu Sinn war.

Sie ließ einen Tag vorübergehen, ehe sie wieder den Rain hinter der Haselhecke betrat; als ob sie sich hätte beschwichtigen wollen und ihr Erlebnis durch eine zu rasche Wiederholung verkleinert würde. Aber am folgenden Mittag schlich sie wieder hinaus, und von einem Ebereschenbaum am Ausgang des Dorfes riß sie einen Zweig voll roter Beeren ab, mit dem sie sich am Fuße der Vogelscheuche niederließ.

»Nun du mein Vertrauter bist, du Tauber, will ich dich schmücken,« sagte sie; und sie zog die Beeren in eine Kette auf einen Faden, indem sie sie durchstach. Als so ein roter Perlenkranz entstanden war, stand sie auf und warf ihn geschickt über den Hut ihres Freundes, auf dem er bis zu der breiten Krempe herunterträllerte. Es war ihr aber dabei nicht weniger feierlich und wonnig zumute, als einer Dame, die ihrem Ritter ein Kränzlein um den Helm legt. Dann aber ließ sie sich wieder vor der Gestalt nieder, daß sie sie nicht sah, und redete mit ihr nach ihrer Weise. Sie schwieg auch wohl manchmal eine lange Weile und saß nur in lächelndem Sinnen auf dem braunen Fleckchen Erde, auf das der Mann hinter ihr seinen kurzen Schatten warf; und dann waren sie wie zwei Glückliche, denen es genug ist, beisammen zu sein.

So trieb sie es manches Mal. Es wurde ihr fast zu einer Gewohnheit, für die alte Vogelscheuche etwas mit hinaus zu nehmen, das sie schmücken könnte; ein buntes Band, ein paar Blumen ins Knopfloch oder sogar ein kleines rotes seidenes Tuch aus ihrem sonst sorglich gehüteten Vorrat, das sie ihr um den dürren Hals schlang. Und da sie immer an ihr zurecht zupfte, so sah sie am Ende in ihrem Schmuck und dem roten Beerenkranz am Hut ganz manierlich aus und verlor alles Schreckhafte, das sie ihrer Bestimmung nach haben sollte. Aber solange sie die Gestalt anschaute und schmückte, oder auf dem Heimweg, wußte Dorothea wohl, daß es nur eine Vogelscheuche war, mit der sie eine Art Märchenspiel aufführte; nur wenn sie dann abgewandt vor ihr saß, nahm das Wesen hinter ihr die wechselnde Gestalt an, die sie gerade erträumte oder der sie ihre Geheimnisse anvertrauen mußte. Da – auf einmal – als sie wieder bei ihrem Freunde saß und zu ihm sprach, ertönte hinter ihr eine halblaute Musik, wie wenn sie ihn durch ihre Worte endlich zum Leben gebracht hätte. Sie wagte nicht sich umzusehen, als ob sie damit den Zauber stören könnte; aber ihr Herz schlug vor Erwartung eines Erlebnisses, das einem Märchen so ähnlich schien. Sie zog ihre Füße dicht an sich heran, faltete die Hände unter den Knien und lauschte, leicht hintübergelehnt.

Da endete die einfache Folge schwebender Flötentöne fast zitternd.

»Ach!« sagte Dorothea und mußte ein wenig über sich lächeln; »bist du endlich da, mein Freund! – – bist du mein Prinz? – Ah, ich weiß: du wirst mir jetzt täglich spielen, bis du mein Herz gewonnen hast und ich dir nachfolgen muß. Aber – wirst du mir treu sein? wirst du wiederkommen – morgen um diese Zeit?«

Die zitternde Flöte begann wieder und spielte eine einfache liedhafte Weise; als die Melodie zum zweitenmal einsetzte, fiel Dorothea, nicht wissend, wie sie diese Antwort deuten sollte, halb ungläubig ein:

»Als die Treue ward geborn,
flog sie in ein Jägerhorn.
Jäger blies sie in den Wind.
Also man sie selten findt.«

Sie hatte die Worte irgendwann in einem Buche gelesen, das wohl ihre Mutter an Marianne geschenkt haben mochte. Jetzt fielen sie ihr ein, als ob sie zu der Melodie gehörten, in der sich die Flöte erging. Noch ein drittes Mal erklang die Weise, zu der Dorothea keine Worte mehr fand, dann verstummte das Spiel.

Sie sprang auf und wie ein geschrecktes Reh davon. Sie begehrte nicht zu wissen, woher die Flötentöne kamen, die von der Gestalt hinter ihr auszugehen schienen.

Aber hinter dem schmalen Haselsaum im Hohlweg saß ein blinder alter Mann, der in früheren Jahren das kleine Harmonium in dem Kirchlein des Dorfs gespielt hatte. Jetzt trugen ihn seine schwachen Füße nicht mehr die losen Steinstufen auf die Höhe zu ihm hinauf, und man hatte ihn an dem Tage an den sonnigen Weghang geführt, damit es den alten frierenden Gliedern einmal wieder warm werde. Da war er nun über Mittag vergessen worden, weil die Leute, die ihn pflegten, sich für den Tag auswärts verdungen hatten. Der Alte glaubte, als er Dorothea auf dem Felde sprechen hörte, einem Kinde mit seinem Flötenspiel eine Freude machen zu können. Aber er ahnte nicht, wie unermeßlich sie war.

Am nächsten Tage konnte Dorothea die Mittagsstunde kaum erwarten, und gleich nach der kurzen Mahlzeit lief sie hinaus. Sie war so gläubig davon überzeugt, das schöne Wunder werde sich wiederholen, sie ahnte Wunderbareres, was noch folgen würde, daß sie an nichts anderes dachte.

Als sie das Feld betrat, war die Vogelscheuche verschwunden.

Dorothea war wie zerschmettert. Traurig blickte sie umher, wie über einer leeren trostlosen Brandstatt, und Tränen füllten ihre Augen. Nicht lange stand sie; dann wandte sie sich und schritt gesenkten Hauptes nach Hause; und wie um nur etwas zu haben, an das sie ihre Trauer hängen konnte, sang sie leise vor sich hin nach der Weise, die sie gestern gehört:

»Als die Treue ward geborn,
flog sie in ein Jägerhorn.
Jäger blies sie in den Wind.
Also man sie nimmer findt.«

Am Abend des vorangegangenen Tages hatte Martin nach seinem Felde gesehen und, da es auf den Herbst ging und man die Vogelscheuchen vor der beginnenden Ernte allenthalben beseitigte, auch die seine weggenommen und nach Hause getragen. Nun war er gerade dabei, in dem kleinen Hof die Latten zu zerkleinern, die das Knochengerüst von Dorotheas armem Freund abgegeben hatten; und ihr rotes seidenes Tuch, der Hut mit dem verwelkten Kranz von roten Vogelbeeren, all die Dinge, mit denen sie ihn geschmückt, lagen auf einem wirren Haufen in der Ecke. Da trat Dorothea in die offene Tür von Martins Werkstatt, und mit einem Blicke überschaute sie alles. Eine wahnsinnige Angst durchfuhr sie:

»Nicht töten! nicht meinen Freund töten!« schrie sie. Martin drehte sich halb nach ihr um und ließ einen Augenblick das erhobene Beil ein wenig sinken. Da er sie aber nicht begriff und in ihren Worten nur eine der belanglosen Undeutsamkeiten fand, mit denen sie ihn und Marianne ab und zu in Erstaunen setzte, schlug er zu.

»Ich laß ihn nicht töten«, schrie Dorothea wie rasend. Als ob damit etwas zu retten wäre, sie ihn abdrängen müßte von einem Leben, das sie verteidigen dürfte, faßte sie eines der aufwärts gebogenen Starken Schnitzmesser, die auf der Hobelbank nahe der Tür lagen, wie einen Dolch und stieß es ihm in der Hoffnung, ihn abzulenken, in die erhobene Schulter, die das offene Hemd kaum bedeckte.

Die ungeübte Hand und die ungeeignete Waffe ließen den Stoß nicht zu tief gehen; aber die Muskeln waren in breiten Bündeln durchschnitten, und der Arm hing kraftlos herab. Ein Blutstrom tränkte das Hemd.

Da warf Dorothea das Messer weg und brach, entsetzt über sich selbst, weinend zusammen. Sie sah, wie sie bei hellem Bewußtsein die Tat einer Wahnsinnigen begangen, und ihr schauderte; wußte sie doch, daß es eine leblose alte Vogelscheuche war, um die sie sein Blut vergossen.

Man brachte sie für die Nacht in Gewahrsam und am andern Tag, da Martin Gläßer und Frau Marianne ein gutes Wort für sie einlegten, in die Irrenanstalt der Stadt.

Die Ärzte vermochten nicht das leiseste zu entdecken, das eine Trübung ihres Geistes hätte vermuten lassen.

Nach kaum drei Vierteljahren, während welcher man sie in Beobachtung hielt, starb sie, schmerzlos dahingenommen von der Krankheit ihrer Kindheit, welche die Sonne von Mammolshain gnädig in ihr niederkämpfte, solange sie ihr geschienen hat.