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Rudolf G. Binding – Marmor, Sonne und Wein

Briefe einer Griechenlandreise

Verlag Hans Dulk, Hamburg, 1953

Excelsior Hotel

Rome, 23. März 09

 

Liebste Hell,  

Das also ist Rom! – Alle Erwartungen von Größe und Großartigkeit übertreffend und damit die Armseligkeit meiner oder vielleicht allgemein modern-menschlicher Vorstellung so recht deutlich wieder einmal beweisend. Zwar war ich nicht einen Augenblick gedrückt: im Gegenteil gefiel mir das wuchtige; die ungeheure Raummeisterung der riesenhaften Plätze, Façaden, beispielsweise der Peterskirche machte mich nicht klein. Keinen Moment! Aber doch muß ich sagen, daß ich froh bin, voriges Jahr nicht hier gewesen zu sein, ich glaube nicht, daß ich’s damals alles schön gefunden hätte. Es ist ja hier auch nicht alles schön; alles aber ist groß gewollt und auch ›groß‹ geworden; und keine düstre Größe, wie sie etwa die Gotik will, sondern die offene, unverhüllte, freche, gewaltsame Größe des im wesentlichen mit dem Verstand arbeitenden Genies. Nicht so das ›unbewußte des Kunstwerks‹ sondern das ›bewußte Beherrschen aller auf den Raum sich erstreckenden Kunstgesetze‹: das sind etwa die Unterschiede zwischen den Eindrücken von Florenz und Rom.

Wer freilich das Barock nicht in der eben angedeuteten Weise auffaßt, kann es nicht verstehen also auch nicht schön finden. Gestern waren wir u. a. z. B. in einem Spätbarock- (beinahe schon Roccoco-) Kirchlein Santa Maria Maddalena al Corso. Ich sagte zu Anton, daß das ganze wie ein Regenschirm aussähe, den ein Windstoß nach oben umgeschlagen hat. Alles lief ›andersrum‹: alle Voluten gingen nach oben, statt nach unten. Alles wurde weggeblasen; alle Wucht war weg; alle Wände im Innern standen – in sich noch geschwungen – in allen möglichen Winkeln und Brechungen zu einander, so daß wir schließlich übereinkamen, daß das Ding eher ein Bankettsaal als eine Kirche sei. Was Menzel darum gegeben hätte, wenn er sie gesehen hätte? meinte Anton. – Es war reizend!! Aber es wird viele Leute geben, die die Kirche scheußlich finden werden, weil sie sich eben vom Gedanken der Kirche nicht los machen können.

 

Die Peterskirche ist ein so vollendeter Raumeindruck, daß ich mich sofort zu Hause drin fühlte. Steht man in geeigneter Betrachtungsweise vor der Kirche auf dem Platz, so ist der Fehler, daß man die Kuppel nicht sieht, weil der ursprünglichen Anlage noch zwei Bogen und eine Vorhalle nach vorne angefügt wurden, ganz offensichtlich. Aber die Façade ist sehr schön; und der Innenraum hat durch den um die zwei Riesenbogen verlängerten Anmarsch auf die Kuppel nur gewonnen. Es wäre sonst zu viel auf einem ›Haufen‹ gewesen. Das Material, besonders der hellgraue Marmor der Säulen ist unglaublich schön. –

Von einer Menge anderer Dinge kann ich Dir natürlich erst mündlich erzählen; die antiken Sachen sind – ich meine jetzt die Skulpturen – soweit sie römisch sind, – alle – wenigstens fast alle schlecht und griechische sind nicht viele da. Der sogenannte Venusthron – blödsinnige Bezeichnung! das ganze ist eine Geburtsscene (etwa Geburt eines mystischen Städtegründers vielleicht durch eine Göttin) – ist freilich so unerhört schön, daß man nicht zu hoffen wagt, in Griechenland mehr davon zu finden. Die Römer aber waren wohl große Architekten, aber poesielose Plastiker; ich kann nicht einmal die capitolinische Venus ausnehmen. Sie ist doch eine langweilige Zimperliese!

Vorhin waren wir beim Velasquez – Innozenz. Da hört alles auf! Ich muß wohl Liebermann Recht geben: »Dat eene ist der Velasquez in Rom!« Die Wirkung wird durch vier verschiedene Rot hervorgebracht, in welchen das Gesicht des Papstes steht: Der Hintergrund ein warmes Rot; der Sessel ein prächtiges Rot; der breite Kragen ein kühles blaues Rot und die Mütze ein mehr ziegelartig aber seidiges Rot. Und in den vieren steht dann das Gesicht; Ärmel und Rock ein weißes Spitzenpriesterkleid. – Das ist von einer nicht mißzuverstehenden Feindseligkeit gegen alle die andern armen Tröpfe, die so schön die Farben verschiedenen Namens gegen einander gesetzt haben. –

Es war gestern sehr schönes Wetter; heute regnet’s. – Hotels sehr voll; im Palace war kein Platz reserviert trotz nochmaligen Telegrafenspiels durch Anton. Hier wohnen wir in einem Zimmer ganz gut. Postsachen werden uns zugeschickt vom Palace. Erhielt auch Deine Karte für welche Dank, wie für Erledigung der Briefe.

Gestern abend tranken wir mit einigen Deutschen herrlichen Römerwein und erzählten uns viel, viel. Am Schlusse hatte jeder 60 Centesimi zu zahlen, mancia eingeschlossen.

Schlief alle Nächte famos.

Nun aber für heute einmal Schluß!

Armes Schäkulein! Heute Morgen dachte ich – obgleich ich wußte, daß es unmöglich war – Du müßtest in den Frühstückssaal eintreten und sagen: So, da bin ich! Aber so oft die Türe ging – Du warst’s nie. Viele Grüße, gute Küsse und ›tapfer halten‹

Dein Rudi


Ansichtskarte: Tivoli – Le Cascatelle

Poststempel: Rom, 25. 3. 09

 

L. H. Danke für Karte. Hoffe nun, daß es Dir auch endlich so wohl geht, wie den Heiligen in Italien. Wundervolles Wetter. Habe so viel gesehn, daß ich denke schon eine Woche hier zu sein. Also ist wenig Zeit zum Briefschreiben. Heute Tivoli.

Grüße Rudi


Ansichtskarte: Napoli – Villa Nazionale

Poststempel: Napoli, 29. 3. 09

28. III. 09

 

L. Hell,         

Also einen letzten Gruß von hier, bevor wir olympische Länder betreten. – Diese Spitze hier kann wohl nicht an Schönheit überboten werden. Das Schiff geht morgen Nachmittag und wird der Vorm. noch für das Museum verwendet. – Heute auf dem Posilipp und im Aquarium, wo die Hummern Schwänze haben so farbenprächtig wie die Pfauen im grauen Vaterland.

                        Viele Grüße von S. Annunziato


(Von Anton Mayer:) Es freut mich sehr, daß Rudi alles so gut gefällt – bloß bei ein Paar Barockschönheiten in Rom hat er gestreikt. Geht uns gut, wir sind sehr solide. Der Santissima

Viele Grüße! Santo


Höhe von Acireale, Sizilien

30. III. 09

auf dem Nordd. Lloyddampfer »Bayern«

 

Liebste Hell,            

Gestern, nachdem wir Neapel um fünf Uhr Nachmittag bei einem strahlenden Tag verlassen hatten, gab mir der Obersteward Deine Karte, die mir doch sehr lieb war, da ich nun erst Donnerstag wieder von Dir hören werde, wenn wir in Athen angelangt sein werden. Eigentlich wollte ich Dir ja nun über Rom und Neapel berichten, aber vorläufig ist noch so viel vom augenblicklichen zu melden, daß ich das vergangene lieber erst zu einer Art Niederschlag kommen lasse.

Eben fahren wir an der Ostküste von Sizilien entlang, rechts immer flankiert von dem gewaltigen Ätna in hohem Schnee. Oben am Krater hat die Hitze natürlich einen Gürtel gebildet, der keinen Schnee duldet. Unten an den ganz sanft nach der Küste abfallenden Hängen – nur einzelne Stellen sind felsig, wie z. B. Taormina, das schon hinter uns liegt – liegt Städtchen an Städtchen und hunderte von Gehöften sind über das Land zerstreut. Wir legen noch einmal in Catania an, welcher kleine Hafen an die Stelle von Messina getreten ist, wo die Dampfer sonst zu landen pflegten. Messina, das wir früh um sieben Uhr passierten, macht von der See gar keinen von den andern Städten verschiedenen Eindruck; doch ist das Anlaufen bis auf weiteres verboten.

Das Wetter ist heute etwas weniger gut als gestern. Das war ein Nachmittag und ein Abend, wie man sie sich eben nicht vorstellen kann: so schön, daß es beinahe etwas unwahres hatte. Wir saßen noch lang auf Deck und bevor wir hinuntergingen tranken wir noch einen Schluck auf »Hellas, Hella und die Helligkeit«; denn ›Lux‹ heißt das Licht. Dann warfen wir die Gläser ins Meer. Die Nächte sind hier nicht dunkel, sondern eher durchsichtig; wie alles, was es hier giebt, eine Art Licht aus sich selbst heraus hat.

Das Schiff ist ein älteres des Lloyd, mit einer wunderbar geräuschlos gehenden ganz neuen Maschine. Cabinen haben wir jeder eine allein, haben uns die Reisebekanntschaft durch abschreckende Maaßnahmen, z. B. Anziehen von Frack und weißer Binde, verbeten und sitzen bei Tisch neben dem ersten Offizier.


Ich habe bis jetzt auf der ganzen Reise vorzüglich geschlafen, wache nur immer zu früh auf: aber es schadet nichts, denn ich bin frisch und dick. Du würdest ganz zufrieden sein, wenn Du mich sähest.

Neapel ist, das ist wahr, die Landschaft. Am Sonntag Abend, als wir vom Possilip nach der Stadt zu kamen und die Sonne gerade unterging, wobei sie einen Wolkengürtel benutzte um lila-rote Reflexe auf den Vesuv zu werfen, war die Farbenzusammenstellung mit dem anilin-blauen Meer und den perlrosa Bergen um Sorrent, dem ›schwimmenden‹ Capri vor der Bucht derartig, daß es entschieden ›zu viel‹ war. Es sah aus, wie die Perlmuttermosaiken, welche schöne Städte und ihre Umgebung immer mit einer ›verdammten Himbeerbrühe‹, wie Gottfried Keller sagen würde, umgeben. Kein Zweifel, daß man es auf die Dauer nicht ansehn könnte und der Recht hatte, welcher sagte: Sieh’ Neapel und stirb! Die Ausfahrt aus dem Hafen war aber so schön und kräftig, daß ich immer daran dachte, was Du wohl noch außer dem, was wir beide sahen, gesehen und genossen hättest. Einmal werden wir ja auch noch zusammen hier herunter kommen! Diese Seefahrt hieltest Du auch aus ohne Seekrankheit. Das Meer ist hier doch wieder so schmeichelnd und das Wasser so leicht, wie in Rapallo, und der Kiel macht nicht mehr Geräusch, als wenn Seide zerrissen wird. Das ist in der Nordsee mit ihrem klebrig-schwerfälligen Wasser doch ein ganz anderes Geräusch: man darf gar nicht daran denken.

Ja, Hell, hier ist eben noch die Sonne ein Gott, der lacht. Ist es etwa für einen Gott nicht vornehm genug, zu lachen? Oder was ist es mit den andern Göttern, die unberechtigter Weise auf den sonnigen Thronen der andern sitzen und ein mißmutiges ernstes und pflichtenauflegendes Gesicht machen. Wir nahen uns Catania und es giebt draußen viel zu sehen. Also viele Grüße von uns beiden und Küsse

                                    von Deinem alten Rudi


Hôtel Grande Bretagne

Athènes 2. April 1909

 

Liebe Hell,

Deinen langen lieben Brief vom 29sten erhalte ich soeben und habe noch ein paar Minuten Zeit, einige Worte darauf zu erwidern.

Wegen der Adressen kann ich rein gar nichts für Dich geeignetes mehr angeben, denn wenn auch der Plan für die Peloponnestour jetzt feststeht, so ist er doch heute erst endgültig zu Stande gekommen und bis Du diesen Brief erhältst und Nachrichten von Dir nach den kleinen Nestern kommen, wird sie wohl beinahe vorüber sein. In vielen Orten giebt’s auch keine Hotels, wohin man sie sich bestellen, bezw. die das Nachsenden besorgen könnten. So ist es das beste, Du giebst nur noch einmal Nachricht, und zwar nach Rom, wieder Excelsior Hôtel, wo wir am 20sten wieder sein werden.

Wir gehen Montag, den 5ten von hier nach Korinth, dann Delphi, dann Nauplia wohin uns ev. hier noch ankommende Briefe nachgehen. Dann kommt Mykene, Tyrins. Dann hören die Hotels und die Eisenbahn auf. Es folgt Sparta; dann durch die Langadaschlucht über den Taygetos nach Kaiamata; auf der Westküste dann hinauf nach Olympia, Patras; von da Donnerstag in acht Tagen Nachts zu Schiff nach Korfu. Ein Tag Korfu, Abends nach Brindisi. Andern Tag noch Paestum als würdigen Abschluß des Griechischen.

Heute haben wir im Museum so recht im Archaischen herumgekniet, das ist so was für uns beide! Das sind Dinge, Hell, die es nie lebendiger wieder geben kann. In eine von den Mädchen, die im Zug zu Ehren der Athene waren, und deren Porträt aufgestellt wurde, damit sich die Göttin .daran erfreue’, haben wir uns glatt verliebt, sie ist so freundlich in ihrem grünen Untergewand und den wundervoll gemachten Haaren, die rotbraun gemalt sind. Und immer dieser wunderbare Marmor, welcher sich wie ein Körper anfühlt!

In Eile Schluß. Anton dankt für den Auszug aus der Faustkritik. Sicher alles sehr richtig.

Mit guten Küssen

                                                Dein alter Rudi

 

Schreibe doch an Mutter, daß es zu Briefen nicht reicht, vielleicht kann ich ab und zu Karten schicken.


Ansichtskarte: Nike-Tempel Athen

Poststempel: Athenai, 20. März 09

(griechische Zeitrechnung!)

Freitag (= 2. April)

 

Liebe Hell,

Es ist einfach unbeschreiblich, alles hat in dieser Helligkeit etwas transcendentales alles lebt, von ›Material‹ ist sozusagen nichts zu spüren. Gestern Akropolis. Abends war Streit da, der sehr herzlich war. Wir bleiben bis Dienstag etwa.

                                                Gr. Rudi


Ansichtskarte: Hermes Ephebe d’Anticylhere

(= Bronzestatue)

Poststempel: Athenai, 22. März 09

Sonntag, 4. April

 

L. H. Bronzebildnis lag bis 1900 im Meer. – Gestern Abend mit Streits, bei denen wir zum Essen waren, im Vollmond auf der Akropolis. Ich sage Dir, da vergeht einem die Loreley: alles, selbst bei Nacht, in einer wohligen heiligen Heiterkeit, die aber nie etwas kleines an sich hat.

                                                Herzlichst Rudi


Korinth, 5. April 09

 

Liebe Hell,

Eben sind wir hier festgefahren – will sagen, daß es derartig vom Himmel gießt und aus Norden stürmt, daß wir uns, unserm ursprünglichen Plan untreu, nicht nach Delphi wagen. Unser Dragoman sagt, und mit ihm andere Eingeborene, daß ein solches Wetter die größte Seltenheit ist – aber wir müssen gerade eine solche Seltenheit erwischen. Es ist zwar eigentlich gleichgültig, wo man bei einer solchen Gelegenheit sitzt, da man doch keinen Schritt hinaustun kann, aber wir hätten doch wohl besser in Athen in dem angenehmen Hotel bleiben können, als uns hier in einem ziemlich primitiven Gasthaus festzulegen und dieses Loos mit einem Engländer und dessen beiden photographierenden Töchtern zu teilen, die von Ägypten kommen. Die eine ist wenigstens eine wahre Augenweide, wenn auch etwas zu sehr verwittert augenblicklich.

Wir müssen nun auf alle Fälle Delphi aufgeben, was mir sehr schmerzlich ist und uns auf die Peloponnes beschränken indem wir morgen nach Nauplia gehn. Ob dies aber irgend einen Sinn hat, weiß ich nicht, denn man sieht rein nichts und Akrokorinth, was nach der Ansicht vieler den schönsten Ausblick über das Land bis nach Athen und über beide Meere bietet, ist ganz in Regen eingehüllt. (Ins Tintenfaß scheint’s auch geregnet zu haben.) Es scheint mir auch für morgen nichts zu versprechen. Korinth selbst ist nur ein kleiner Ort von vielleicht 5000 Einwohnern und nichts darin zu sehen, außer die Landschaft, diese aber ist eben erst recht nicht zu sehn.

Athen war ganz und gar herrlich. Es ist der Ort der geheiligten Heiterkeit und transcendentaler Erscheinungen: anders weiß ich es immer wieder nicht auszudrücken. Nimm an eine Säule des Parthenon aus dem wunderbaren Marmor, der durchaus gestreichelt werden will, diese Säule noch rotbraun patiniert in ungleichmäßiger und doch scheinbar gesetzmäßiger Abtönung: sie verliert das materielle vollständig. Und so ist eigentlich alles, nicht nur die Werke der Kunst und die Bauten, sondern auch die Natur. Du weißt nicht mehr, daß diese Berge harter und unbebauter wüster Stein sind; nicht mehr, daß diese Inseln auf dem Meeresgrund stehn, noch daß diese Meere Wasser sind. Du weißt nicht mehr, daß diese Kore Marmor, jener Jüngling Bronze ist. Wenn Bilder der Griechen erhalten geblieben wären, was würden sie wohl sein? – Die Fabel, daß die Vögel die Beeren auf einem Bild des Apelles anpickten, da sie es für natürliche hielten, ist wohl keine Fabel, sondern eine ganz erklärliche Geschichte. –

Am Sonntag empfing mich der Kronprinz, war sehr herzlich und freundlich, wird aber wohl nicht zum Jubiläum nach Leipzig kommen können, da in der Zeit der König vermutlich von Athen weg sein wird und dann der Kronprinz die Regierung zu führen hat.

Am Samstag Abend waren wir beide bei Streits, wie ich Dir schon schrieb, und dann bei Vollmond auf der Akropolis. Es war zauberisch schön; aber nicht etwa in irgend welcher Weise gespenstisch, sondern so, daß ich gewünscht hätte, mit Dir stundenlang da zu sitzen, lächelnd und zufrieden. – Hell, wenn wir beide einmal hier herunter kommen, da mußt Du Dir erst die Idiosynkrasie gegen die Katzen abschaffen; denn sie sind überall um einen herum.

 

(Bemerkg.: auf dem gleichen Briefbogen) Dienstag

Der Sturm hat die ganze Nacht angehalten in einer Weise, die nicht hinter dem Sturm vom 19. auf 20. März 1907 zurücksteht. Eben tobt er auch noch, aber der Regen hat wenigstens aufgehört. Wir haben gestern Abend uns so gut es ging über die Situation weggeholfen und die beiliegende Karte brauchst Du nicht gar zu ernst zu nehmen.

Das Gasthaus ist einfach aber sauber; jedenfalls würde man in Italien in einem Ort gleicher Größe so etwas gutes nicht finden. Wir fahren Nachmittags nach Nauplia. Wenn Du einmal ein paar Tage ohne Nachricht bist, so denke nur, daß die Post recht schlecht ist; sie hat’s auch schwer in diesen Ländern.

Also leb’ wohl, mein Liebstes, Wirst Du wohl bald wieder mit Mutter vereinigt sein?

Viele Grüße an Rigers und Dir viele Küsse von                                         Deinem alten Rudi


Ansichtskarte: Tempel von Korinth und

Akrokorinth

Poststempel: Nauplion, 26. März 09

Nauplia, 8. April

 

L. H.

Heute wird ein strahlender Tag und wir besuchen Mykene, Argos und Tiryns, wo nach der Sage die Kyklopen bauten, da Menschen diese Steinmassen nicht bewegen konnten. Gestern war’s kalt in Epidaurus.

                                                            R.


Trypi , Ostersonntag 1909

 

O Hell,

Wenn Du nur sehn könntest, wo wir beiden Griechen eben sind! – Das käme Dir doch sehr sonderbar vor in einem veranda-artigen Verschlag an einem kleinen Häuschen hoch über einer Schlucht, die enger und enger werdend nichts als Felsen und oben Schnee und unten ein fast trockenes Flußbett zeigt. Das Gelaß besteht eigentlich nur aus kleinen ungeputzten und zerbrochenen Fensterscheiben und die beiden Betten sind Pritschen über die baumwollene Tücher gelegt sind. Das alles ist der Eingang zu der berühmten Langada, die morgen passiert werden soll, wenn das Wetter gut ist; falls es schlecht ist hat Anton schon gestreikt. Der arme Kerl hat eben in diesem Augenblick so einen leichten Jammer und ein unangenehmes Gefühl vor den Felsen, die glatt und steil in die Schlucht abstürzen. Wie die Maultiere hinüberkommen, ist mir nicht so rätselhaft, als wie das die Menschen machen sollen; denn diese Tiere haben eben vier Beine, und überhaupt habe ich mir heute mehrfach gewünscht, ein Esel zu sein. Diese Sicherheit im Klettern ist ganz unglaublich. Kein Steinchen rollt und alle Hindernisse im Wege umgehn sie mit einem Instinkt, der wunderbar ist und die Menschen gelehrt hat, sich ihnen ganz anzuvertrauen. So hat man also keinerlei Zügel in der Hand und giebt auch nie irgendwie die Richtung bei Kreuzwegen an. Das Tier weiß, wo es hinzugehen hat. Man thront auf einem großen, fast den ganzen Rücken bedeckenden Sattel, unter dem tief, tief unten der Kopf des Maultiers, immer vorsichtig gesenkt, hervorschaut. So gehn sie rührend unverdrossen Schritt für Schritt über die Felsen, hinab in die Bachbetten, so steil, daß man denkt, man fliegt über die Ohren des kleinen Tiers, die allein noch vor einem ab und zu auftauchen, und wieder hinauf auf der andern Seite, so sicher, daß sie einem bald selbst das Gefühl der Sicherheit mitteilen.

Langada heißt Schlucht und ist der einzige Weg über den Taygetos nach der Westseite der Peloponnes. An einigen Stellen, bis zu deren einer wir heute Nachmittag zu Fuß vordrangen, muß man das Maultier allein gehn lassen und ihm folgen, weil der Pfad zu eng ist. Anton überwindet hoffentlich die Stimmung, in der er sich augenblicklich befindet. Leider regnet es seit einer Stunde, nachdem wir noch bei herrlichem Wetter von Sparta aufgebrochen waren, und so werden wir vielleicht nicht dazu kommen, die Langada morgen zu nehmen. Denn wenn die Felsen vor Nässe glatt sind, mag’s in der Tat gefährlich sein; da will ich dann nicht leichtsinnig sein. Aber es würde mir leid tun, wenn er auch bei gutem Wetter nicht zu bewegen wäre, zu gehn. Für mich ist lediglich unangenehm, daß ich nicht weiß, ob ich schwindelfrei bin, aber das wird sich ja morgen ergeben.

Ich telegrafiere Dir von Olympia aus, damit du weißt, wie’s uns ergangen ist. Dort sind wir übermorgen Abend. –

Eben kocht unser Kurier das Abendessen. Denn diese Häuser sind auf nichts eingerichtet, und besonders Charfreitag war’s recht schwierig, überhaupt etwas zu bekommen, denn alles fastet mit Strenge. Im übrigen giebt’s nur Hammel in allen Gestalten, der einem mit der Suppe beginnend durch die ganze Mahlzeit getreulich begleitet. Rinder würden in diesem Bergland nichts zu fressen finden.


Poststempel: Olympia, 30. März 09

Olympia, 14. April

 

Liebe Hell,

Lebenszeichen!

Sonst völlig »sprachlos» vor dem Hermes.

                                                Grüße Rudi

                                    Richtig.    Anton

 

(Fortsetzung auf Brief vom Ostersonntag)

Olympia, 14 April

 

Ich habe einige Tage den Brief liegen lassen müssen, so daß Du also die gestern von hier geschriebenen Karten vor dem Brief erhältst und ich das Telegramm, welches ich oben ankündigte spare. Zudem fand ich hier Deinen letzten nach Athen gesandten Brief und Karte vor, die der Portier des Hotel Bretagne gegen die Order statt nach Nauplia hierher nachgesandt hatte. Es war doch sehr behaglich, nach so langer Zeit – die letzte Nachricht hatte ich am 2. April in Athen – von Dir wieder zu hören. Auch Anton erhielt seine Briefe erst hier, so daß wir beide zehn Tage von Euch Allen abgesperrt waren.

Nun aber einige weitere Mitteilungen über die Zwischentage, während welcher der Brief liegen blieb! – Also in der Nacht zum Ostermontag klärte es sich – bei völliger Windstille, wie immer beinahe hier – plötzlich auf, wie die Landleute es uns schon vorher gesagt hatten, und der Mond schien uns viel zu hell in unsere Glasbehausung, wo wir in den »Fusiyamas« ganz gut lagen. Es war auch alles so weit ganz sauber, nur die Fensterscheiben putzt man hier überhaupt nicht, wohl um die Vorhänge gegen das Hineinsehn zu sparen. Ein strahlender Morgen ging über dem Eurotastal mit den hohen Bergen, die wir zwei Tage zuvor von Tripolis aus passiert hatten, auf und die Sonne schnellte wieder wie an dem ersten Tage unserer Ankunft in griechischen Gewässern so mit einer Art Satz über die Berge empor. Da standen wir schon marschbereit bei unsern vier Maultieren und es war kurz vor sechs, als wir uns nach Westen in die Schlucht in Bewegung setzten. Das sah freilich anders aus, als an dem grauen Regenabend des vorherigen Tages. Die Sicherheit der Maultiere, die nie einen Fuß aufheben, ehe nicht alle drei andern fest und sicher stehn, war für uns neu und frappant. Wir fanden die Schlucht, durch die man bald hoch oben, bald unten in der Platanen besetzten Sohle im Bach selbst vorwärts kommt, das großartigste, was man sich landschaftlich vorstellen kann. Die Felsen sind auf dieser Seite wild und einsam bis zum Unerbittlichen und die Art, sie auf Steinpfaden, nie einen Fuß Erde unter sich, und Geröll zu überwinden, ist zum mindesten merkwürdig. Wir sprangen von Stein zu Stein oder, wenn wir mit hochgezogenen Knien auf den Maultieren saßen, so schien man mehr zwischen den Steinen durchzugleiten und die Tiere setzen ihre Beine so tief in enge Spalten, daß man sich wundert, wie sie sie nicht brechen. Auf der Paßhöhe, die 1300 m ca. ist, kommt dann der lange und gewaltige, vielgipfelige Taygetos in blendendem Schnee heraus (2500 Meter) und dann ändert sich nach der Westseite der Charakter des Landes. Man muß aber noch einmal erst vollständig hinunter in ein anderes Längstal ähnlicher Felsbergformation und auf der andern Seite wieder hinauf, bis man dann auf einmal die fette messenische Ebene mit ihren Ölbaum- Wein- und Maulbeerpflanzungen (für die Seidenindustrie) und dahinter das Meer in einem wie mit dem Cirkel geschlagenen sanften Kreisbogen, der die Bucht von Kaiamata bildet, vor sich hat. Noch ist man immer hoch oben und die Maultiere, die immer ihren großen Kopf erst über den Abgrund hängen, bis sie im Zickzack wieder nach der Felsseite des Wegs umdrehen, machen uns etwas nervös, so daß wir wieder etwas laufen. Man sitzt natürlich sicherer als in Abrahams Schoß auf einem solchen Tier, und noch nie ist etwas mit ihnen passiert: aber die Empfindung ist manchmal niederträchtig, wenn sie ganz über den Weg bis zum Abgrund gehn, auf der äußersten Kante scheinbar einen Augenblick sich besinnend anhalten und dann gelassen und steifrückig sich wieder den Felsen zuwenden. Da wird man etwas ungeduldig. Endlich wird der Abhang geringer und nach zehn Stunden Marsch, die Rasten mitgerechnet, während welcher wir den merkwürdigen mit Harz versetzten Wein, der sich immer kühl hält und den Durst wirklich löscht, genießen, da uns das mitgenommene Gießhübler ausgegangen ist, langen wir in der üppigen Ebene an, wo eine ordentliche Abwaschung und ein warmes Abendessen uns bald völlig wieder in Verfassung bringt, so daß wir eher zu wenig müde, als irgendwie erschöpft oder steif vom Laufen und Reiten sind. Am andern Morgen geht’s früh wieder um 5 Uhr aus den Betten, da der günstige Frühzug nach Olympia um 6 Uhr geht. Wir sind um halb elf zur Stelle und haben wieder eine ganz andere Landschaft vor uns. Sanfter, mit Bäumen bestanden, freundlich aber doch stark, etwas weniger hell und sehr, sehr ruhig und beruhigend. Wir gehen Nachmittags zum Hermes.

Nie waren wir froher, daß wir die Fahrt nicht anders herum gemacht haben!


An Bord der Mukále , hinter Corfu

auf dem Wege nach Brindisi

16. April

 

Dieser Brief scheint überhaupt nicht fertig werden zu sollen und ich muß nur noch eine Art Schluß noch innerhalb der griechischen Gewässer anfügen; denn ein einheitliches Ding wird er nicht mehr, auch wenn man ihm noch so kunstvoll einen Schwanz ansetzt.

Den Hermes in Olympia zu beschreiben ist ein völlig vergebliches Beginnen; es ist ebenso vergeblich, wie eine Nachbildung von ihm zu machen. Denn er ist von einem unnachahmlichen Leben beseelt, und zudem noch von einem solchen ›Geist‹, daß man es eigentlich gleich aufgiebt, da nachzukommen. Er ist in der Tat ein Wunder, aber ohne das Geheimnisvolle des Wunders; ein Wunder, wie irgend eine uns ganz vertraute Schöpfung der Natur, deren Geheimnis in der völligen Klarheit, Schönheit, Selbstverständlichkeit, Ungezwungenheit, Freiheit untergegangen ist, die sie – allsichtbar – an sich trägt. Er ist also in diesem Sinne etwa wie ein Regenbogen, den man anstaunt und hinter dem man doch kein Geheimnis weiß oder wenigstens keines empfindet. Die Behandlung des Stoffes, der so schwierig ist, ist geradezu verwegen: den männlichen Gott mit dem Kinde darzustellen, das eigentlich keine natürlichen Beziehungen zu ihm hat. Dies ist schwerer, als die Mutter mit dem Kinde oder etwa den Gott mit einem »Liebling« darzustellen, wie Zeus mit dem Ganymed oder dergl. Schon der Gegenstand wäre für jeden unmöglich, da sicher etwas schwaches, ›naives‹, mitunterlaufen würde: das alles fehlt aber beim Praxiteles völlig. Die Behandlung des Marmor ist vielleicht wieder zu erreichen oder wieder erreicht (Bernini?), aber nie könnte man wieder einen so schönen Menschen finden oder erfinden; besonders der Kopf ist fabelhaft. Aber auch das andere, was erhalten, das sieht man gleich beim Anblick der (angeblich) von Schaper, der doch auch etwas konnte, rekonstruierten Waden und Unterschenkel. Nicht anzusehn: eine schwammige, geistlose, leblose, kniestrumpfartig wirkende Masse! Man muß es sich mit Not zuhalten, da der Contrast zu arg und unerträglich ist. Leider ist das ganze ferner eine Hand breit zu hoch aufgestellt und wenn schon Deutsche das unerhörte Glück hatten, den Hermes zu finden, so hätten sie dann wenigstens in Puncto Aufstellung und Restauration mehr tun dürfen. Wir waren zwei Stunden ganz allein im Museum und genossen es, nicht von deutschen Archaeologen gestört zu werden, wie sie uns öfters hier begegnet und nur durch energisches Ausweichen gebannt werden konnten.

Die Ruinen des sog. heiligen Bezirks ließen wir für den nächsten Tag und ergingen uns so recht überall, als ob das einsame Land uns gehörte. Nachmittags nahmen wir dann für dieses Mal von der griechischen Kunst mit einem nochmaligen Besuch des Hermes Abschied und Abends saßen wir lange bei dem wundervollen Landwein, schöpften noch einige Züge der guten Luft und sahen in die durchsichtige Nacht hinaus, während drüben auf dem Hügel Chronos über den Ruinen eine Nachtigall sang. – Der nächste Morgen – wir brachen wieder um 5 Uhr auf – war wieder einmal zauberhaft und machte uns den Abschied vom Lande und von diesem Platz im besondern schwer.

Wir waren eigentlich auf nichts mehr gefaßt, als sich plötzlich der Golf von Patras vor uns auftat in einer Klarheit, daß wir nach der Karte genau Inseln und Schneeberge erkennen konnten, die mehr als 50 Kilometer entfernt waren. Dazwischen lag ein hellblaues, leichtes Wasser und zu diesem streckte sich die fruchtbare achaische Ebene: im ganzen wieder ein neues Landschaftsbild, wie wir es sahen wohl schöner noch als der Golf von Neapel. So wurde es uns von Herzen schwer, als wir uns gestern Abend auf der MYKALE einschifften. Denn Griechenland lag hinter uns und Corfu, so schön es mit seinem gartenartigen Charakter gegenüber der kalkigen öden Bergküste ist, die schon der Türkei angehört, ist nicht mehr eigentlich griechisch von Ansehn und Leben. Morgen früh landen wir in Brindisi.

Viele Grüße und gute Küsse

                                                            Rudi


Ansichtskarte: Brindisi, Alte römische Säulen

Poststempel: Brindisi, 17.4.09

 

L. H.

Sind eben, fünf Uhr, in Brindisi angekommen nach guter Fahrt. Habe auf dem Schiff Brief und Karte an Dich expediert, bin jedoch unsicher über den Erfolg davon. – Anton kommt mit über Fsfrt., wo wir voraussichtlich Mittwoch Nachm. eintreffen.

                                                            Gr. R.




R. G. Binding urteilt über die Bedeutung dieser Reise am 20. Oktober 1933:

»Erst im 40. Lebensjahr in Italien Durchbruch der selbständigen Gestaltungskraft und Befreiung von der sehr großen Persönlichkeitswirkung des Vaters.«


Die Briefe wurden in ihrer Originalschreibweise wiedergegeben.