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Ernst Ritter (Emilie von Binzer) – Die Verlobung

Erzählung

Ernst Ritter, Die Verlobung, Aus: Mohnkörner, Gesammelte Erzählungen, Zweiter Band, Verlag von Gustav Heckenast, Pesth, 1846




Es saß ein Mädchen auf einem Tabouret und ließ die Finger wie unbewußt über die Saiten einer Harfe streichen, die sie zwischen den Knieen hielt. Es war eine heroische Gestalt, breit von Schultern und Brust. Wenn sie aufstand, mußte sie die gewöhnliche Frauenhöhe überragen, doch herrschte das vollkommenste Ebenmaß in ihren Verhältnissen; da sie saß, hingen ihre aufgelösten Haare wie ein Wasserfall über den Sessel herab bis auf den Fußboden, auf dessen mattem Teppiche die glänzenden, sich kräuselnden Spitzen weich ruhten. Sie sah mit weit geschnittenen Augen wie abwärts in die Tiefe; ein gelbliches Gewand drapirte ihren meisterlich modellirten Körper, von etwas männlichen Armen, mit nicht kleinen, aber gut geformten Händen herabfallend. Von Zeit zu Zeit sang sie leise vor sich hin und griff in die Saiten; es waren wunderbare, heimlich anregende Melodien, die ihre Lippen aushauchten. Wie sie so selbstvergessen an ihrer Harfe lehnte, war sie ein prachtvolles, glänzendes Bild durch ihren Wuchs, ihr Haar, ihr Colorit, ihren bedeutenden, geheimnißvollen Blick – Schönheiten, vor welchen die kleinen Unregelmäßigkeiten ihrer Züge zurückwichen. Sie ward von der Sonne, die dem Fenster gegenüber unterging, mit hellem Strahle vergoldet – doch war es nicht ein bloßes Spiel des Zufalls, das sie so malerisch hingesetzt hatte; denn einige Schritte von ihr stand ein junger Mann vor einem Bilde, das die Gestalt des Mädchens wie in einem Zauberspiegel wiedergab. Statt des Zimmers diente auf der Leinwand ein dunkler Himmel mit dicken Wolken, die sich um eine Felswand thürmten, zum Hintergrunde; ein goldner Strahl brach sich Bahn durch ihre Massen – es stieg ein Duft aus dem Thale zu der Kuppe hinauf und ließ einen unten fließenden Strom ahnen. Dieser Duft verband sich wunderbar mit den langen Gewändern des schönen Weibes, daß es wieder war, als sei der ganze Wassernebel nur der Schleier einer Fee, den sie über die Fluten hinwehen ließ. Es mußte dort unten etwas Unheimliches geschehen, dessen Eindruck sich in ihrem starren, halb traurigen, halb triumphirenden Blicke lesen ließ.– Aber dichterischer, als das schöne Bild, war die Erscheinung des jungen Malers, dessen Seele aus seinen dunkelblauen Augen glänzte, wenn sein Blick bald einsaugend auf dem Modell, bald mit strengem Fleiß auf dem Bilde ruhte, dem seine kunstreiche Hand das Siegel der Vollendung aufzudrücken strebte: man mußte gestehen, daß das Wort »interessant« sich nicht leicht besser personificiren ließe, als durch diesen Künstler vor seinem Werke. Das Mädchen hatte eine Weile geschwiegen. »Singen Sie, Lori,« sagte er, singen Sie!« Ihre Physiognomie wird, wie ich sie brauche, durch Ihren Gesang!«

Sie begann ein neues Lied mit tiefer, klangvoller Stimme, die durch alle Nerven drang. Seine Hand verlor ihre Festigkeit, er richtete einen brennenden Blick auf sie, die unbeweglich sitzen blieb, dann warf er Pinsel und Pallette weg und eilte auf sie zu:

»Ich bin fertig!« rief er, und blieb zwei Schritte vor ihr stehen, denn er besann sich, daß eine alternde Frau in einer Ecke saß und nähte. – Eleonore erhob sich, und als sie stand, überragte sie fast den ziemlich großen Mann. Die jungen Leute standen sich ein Weilchen stumm gegenüber mit klopfendem Herzen – er mit dem heftigen Wunsche, diesen schönen Körper in seine Arme zu schließen, – sie durch das Bewußtsein ihrer Schönheit noch mehr durchglüht, als durch den Strahl der Abendsonne. Eleonore schritt endlich vor; es war, als sei ein unerwartetes Leben in die Gestalt der göttlichen Minerva medica gekommen, so überraschte es, das zaubervolle Bild sich bewegen zu sehen. Ihr Schritt war weit und fest, – sie trat in eine Fensternische; er stand in der nächsten Sekunde neben ihr. Beide starrten in den phantastisch bemalten Himmel hinaus auf die friedliche, dunkelnde Erde. Das Fenster ging auf eine Menge grüner, duftender Stadtgärten, die mit blühenden, schneeweißen Kirschbäumen bedeckt waren, denen der Abend eine durchwürzte Luft entzog. Endlich ging die alte Frau, um Licht zu holen. – Als sich die Thür knarrend hinter ihr schloß, fuhr ein neues Leben in Otto, den jungen Maler; er umschloß das schöne Weib fest und leidenschaftlich und sagte: »Lori, willst Du mein sein, meine Gattin?« Sie sagte: »Ja!« – und ihre Stimme war nicht mehr so fest und klangvoll; aber sie wirkte jetzt noch zauberischer auf Otto; – er drückte einen heißen Kuß auf ihr glühendes Gesicht. – Indem trat die alte Tante mit einer Lampe herein. Otto trieb es hinaus auf die Gassen, wo die Menschen lärmend auf- und ab tobten, die Kaffeehäuser sich zu füllen begannen, die Fensterläden sich schloßen und das Nachtleben einer großen Stadt sich regte. Das Blut schäumte durch seine Adern, er strich durch die Straßen vor das Thor wie ein Freudeberauschter. – Sie ist mein! – jubelte er innerlich – ich liebe endlich, nach langer Sehnsucht lieb' ich wirklich – und welch ein Mädchen! – welche Gestalt, welche Stimme! Seid ihr denn alle herabgestiegen zu mir, ihr Geister der Freude? Wie ihr mir zunickt aus euren Blumenkelchen, die weiß durch die Nacht funkeln, wie mein Glück! Ich will sie mit Poesie und Liebe umspinnen, daß jedes Lüftchen, das sie einathmet, getränkt sei von Glück und Wonne; in köstliche Stoffe will ich sie hüllen, alles Gemeine soll von ihr weichen, sie soll auf Blumen schreiten, und wenn die Menschen sagen, es gäbe kein reines Glück auf Erden, will ich antworten: »Seht meine Lori an und zweifelt noch!« – Es war spät, als er endlich in die Thür eines Speisehauses trat, in dem sich der Kreis seiner nähern Bekannten an jedem Abende versammelte; man hatte ihn schon vermißt. Der Kellner brachte ihm sein gewöhnliches Beefsteak, er sah ihn halb verächtlich an, doch unwillkürlich mit der Gabel auf dem Teller spielend, ergriff er auch das Messer und aß zerstreut, doch reichlich. – Diese Maßregel beruhigte seine Freunde einigermaßen über die ungewöhnliche Aufregung, die auf seinen Zügen zu lesen war. – Unter ihnen war Otto's Liebling, ein gewisser Bergheim, ein Tonkünstler ersten Ranges, übrigens theilnehmend, gut und von schlichtem, gesundem Verstande, mit Otto aufgewachsen und ihm von Herzen zugethan. Dieser nahm die erste Gelegenheit wahr, um unfern Freund mit sich in den Garten hinaus zu ziehen, in welchen die Thüren des Speisesaals führten. – »Was hast Du?« fragte er ihn mit Ungeduld – »es ist etwas Ungewöhnliches mit Dir vorgegangen.« – Otto stürzte ihm leidenschaftlich an die Brust. »Ich liebe,« rief er mit erstickter Stimme, »und bin verlobt.« – »Nicht möglich!« erwiderte Bergheim, »Du wirst nicht so übereilt gewesen sein Dich am hellen Tage zu verlieben und zu verloben.«

»Meine Liebe ist nicht von gestern,« fiel Otto eifrig ein: »drei Wochen kenn ich sie schon in ihrer ganzen Herrlichkeit, drei Wochen schon hab' ich meine Augen täglich in diesen tiefen, tiefen Brunnen der Liebe versenken dürfen.«

»Du meinst, doch nicht Eleonore H., die Dir zu Deiner Lorelei gesessen hat?« frug Bergheim mit geheimer Angst. »Und wen denn sonst? – Du kennst sie ja: Du weißt ja, wie schön sie ist – wie sie singt, welcher Geist aus ihren Augen leuchtet. – Aber welches Leben in ihrem Herzen webt, davon hast Du keine Ahnung.« Bergheim blieb stumm.

»Sprich, Wilhelm, sprich,« sagte der aufgeregte Otto, »warum nimmst Du nicht Theil an meiner Freude?«

»Wenn Du Dich wirklich verlobt hast,« sagte Bergheim ruhig und kalt, »so wünsche ich Dir Glück! – Jeder siehts auf seine Art; möge Dir die Deine in zwei Jahren noch eben so untrüglich erscheinen wie heute!«

Otto war einer von den Menschen, denen jede getäuschte Erwartung in Rücksicht auf ein vorausgesetztes schönes Gefühl ein tiefer Schmerz ist; es war dies ein Schmerz, der ihn oft traf, und hätten die Menschen, bei denen er Uneigennützigkeit, Enthusiasmus, tiefes Gefühl, die Fähigkeit für Andere wirklich etwas zu thun und zu leiden, voraussetzte,– alle diese Tugenden wirklich besessen, so wäre er bisher ohne ein einziges Unglück durch die Welt gekommen; aber daß er sich schon so oft getäuscht hatte, war ihm bitterer, als mancher mißlungene bürgerliche Plan auf Erwerbung von Reichthum oder schnelles Fortkommen. – Dessen ungeachtet hoffte er – und setzte er immer wieder voraus, und diese Eigenschaft oder Thorheit war es, die ihm mehr Freunde erwarb, als seine wirklichen Tugenden. Denn wer fühlt sich nicht zu einem Menschen hingezogen, bei dem der schöne Glaube an fremde Vortrefflichkeit noch frisch im Herzen lebt! – Bergheim's unfreundliches Aufnehmen einer Nachricht, die für Otto so viel Verheißungen auf künftiges Glück enthielt, war ihm schmerzlicher, als er es ihm sagen mochte; er verstummte, und ein eisiges Gefühl nahm die Stelle des Rausches ein, der ihn noch eben so glücklich gemacht hatte – er brach, ohne ein Wort weiter zu sagen, ab und suchte sein einsames Zimmer auf.

Des andern Morgens ging er sehr früh zu Leonorens Vater, einem vielbeschäftigten Manne, den man zu späteren Stunden nicht viel zu Hause traf; er trat gerade zu in sein Zimmer, ohne vorher nach Leonoren zu fragen. »Nehmen Sie Platz,« sagte ihm Herr H. »Sie sind mir willkommen. Lori hat mir anvertraut, daß Sie um sie geworben haben, und daß sie nichts gegen Sie einzuwenden hat. Partien sind heut zu Tage selten, und man muß keinen Mann, der es redlich meint, geradezu abweisen. – Ich gebe ihr also recht, wenn sie wünscht, daß sich die Sache einrichten lasse; von der anderen Seite bin ich nicht verlegen um einen Mann für meine Tochter und will sie auch nicht dem Ersten Besten an den Hals werfen. – Bei Euch jungem Volke läuft immer das Herz mit dem Kopfe davon, – die Alten müssen es einholen. Sagen Sie mir also vor allen Dingen: was haben Sie mir zu bieten? haben Sie eigenes Vermögen?«

Otto erwiderte, durch die Art und den Ton der sehr vernunftgemäßen Anrede betreten und verwirrt: »Ein kleines Kapital, das bei Ihren Ansprüchen wohl kaum in Anschlag kommen kann . . . 000 Gulden.«

»Warum nicht?« versetzte Herr H. ermuthigend. »Bei einer Kunst, die ihren Mann nährt, ist dies immer etwas; – auf jeden Fall würde ich darauf dringen, daß Ihr Kapital für eine gewisse Anzahl Jahre auf Zinsen gelegt würde, um Lori als Witthum zu dienen.« Otto nickte mit dem Kopfe. »Aber was bringt Ihnen Ihre Kunst?« fuhr Herr H. fort.

Otto erröthete bis unter die Locken! Was bringt Ihnen Ihre Kunst? – welche frevelhafte Frage! – Einen Lebenszweck, Ansprüche auf einen berühmten Namen nach dem Tode, – alles Glück, was mir bisher die Erde geboten hat! wollte er erwidern; aber er faßte sich und sagte: »Ich habe an der Lorelei ein halbes Jahr lang gearbeitet! es war ein schwieriges Bild, es ist fleißig ausgeführt und hat den größten Theil meiner Zeit in Anspruch genommen; – was ich sonst noch verdiente, könnte höchstens ein Paar Landfahrten und einige Theaterabende bezahlen! – Es sind mir – 00 Louisd'or dafür gegeben worden, und man hat nicht geklagt, daß das Bild zu theuer sei.« – »Es ist auch ein hübsches Bild, und eine hübsche runde Summe. – Können Sie auf zwei solche Bilder im Jahre rechnen?«

»Es kommt auf meine Stimmung an.« »Aber, Liebster, ich fürchte, Lori wird Jahr aus, Jahr ein in der Stimmung sein zu essen und zu trinken; denn von der Luft wird man kein so königliches Gewächs. Indessen sind Sie fleißig, ich will mir's überlegen. – Gehen Sie jetzt zu ihr; sie ist schon angezogen. Sie ist ein derbes Kind, früh auf den Beinen, spät zu Bett; – eine Frau für einen Mann, der nicht nur eine Geliebte, sondern auch eine Haushälterin braucht.«

Otto war's eigen zu Muthe, als er langsam, als wolle er es heimlich thun, die Treppe hinanstieg, – diese Treppe, die er seit drei Wochen mit immer erregtem Gefühl erstiegen hatte, über deren Stufen sein Fuß flüchtig hinweggeeilt war in das stille Atelier, wo sie wie eine Gottheit saß mit der Harfe in den Armen! Jetzt verweilte er sogar noch ein wenig auf dem Hausflur. Er hörte ihre Stimme! »Nannerle!« rief sie etwas heftig, »ich habe Dir gestern gesagt, daß ich keinen ganzen Strumpf mehr habe, und nun hast Du doch keinen gestopft! Wenn ich Modellsitzen muß, kann ich nicht flicken, und nun steh' ich da mit einem Loch auf der Ferse!«

Es war gar nichts Tadelnswerthes in diesen Worten, gar nichts, was nicht jede Frau in beengten Verhältnissen hätte sagen können; aber in Otto's Seele sielen sie wie Schwerter. – Lorelei mit einem Luch auf der Ferse! Warum war es nicht der Stich einer Viper in der Ferse? – dann hätte er auf sie zustürzen können, hätte das Gift mit eigener Gefahr können aus der Wunde saugen, und sie wäre, von Schmerz ermattet, von Dankbarkeit und Liebe überwältigt, an sein Herz gesunken; – aber ein Loch auf der Ferse! Er nahm sich zusammen und trat ein. Sie war einfach, aber angenehm gekleidet; die leichtern Morgenstoffe schloßen sich gefällig an die volle Gestalt. Nannerle verschwand, als er kam. Lori's Kleid berührte fast die Erde, und als sein Blick unwillkürlich ihre Füße suchte, waren sie im vollen Gewande gänzlich verdeckt. Er seufzte ein wenig und ließ das Auge dann an dem schönen Mädchen hinausgleiten, bis es ihm auf einmal einfiel, daß er dieses Mädchen ja in seine Arme ziehen, auf diesen Mund ja den Kuß der Liebe drücken dürfe. Er that Beides! Sie duldete es still und sagte dann sich ihm entwindend: »Wenn's der Papa doch zugäbe!«

»Und wenn nicht!« fiel er feurig ein; »meinst Du, ich werde viel darnach fragen, wenn ich nur Deiner gewiß bin! Könntest Du denn leben ohne mich? Würdest Du denn dem Gehorsam ein williges Opfer fallen?«

»Aber was sollt' ich denn thun?« sagte sie. »Er wird es zugeben, Otto, ich hoffe es und glaube es. Von der Luft kann man nicht leben, das ist wahr, aber Du hast ja Vermögen.«

»Wenig, Lori, wenig; aber eine kunstgeübte Hand, einen redlichen Willen und das Versprechen des Königs, bei der nächsten Vacanz eine Stelle bei der Akademie zu bekommen; – Du weißt, daß diese Stellen allein bescheidenen Ansprüchen genügen.«

»Hast Du das dem Vater gesagt?« rief Lori rasch. »Nein, ich habe ihm nur von dem Positiven gesprochen, was wirklich mein ist.«

»Dann ist Alles gut.« Sie hüpfte in kindischer Lust herum, was bei minderer Jugend ihrer großen Gestalt sonderbar angestanden hätte; aber der Jugend steht alles gut, außer wenn sie berechnen will. Sie schloß ihn schnell in die Arme und tanzte hinaus. – Er richtete den Blick noch einmal auf ihre Füße.

In zehn Minuten kam Herr H. schmunzelnd mit seiner Tochter zurück.

»Herr L.,« sagte er, »nach allen wahrscheinlichen Berechnungen sind Sie übers Jahr Professor, und dann führen Sie meine Eleonore zum Altare; hier ist sie. Sie sind achtundzwanzig Jahre alt, sie ist achtzehn; ein Jahr Warten wird sie nicht alt machen. Wir sprechen von der Verlobung nur zu unsern nächsten Freunden; unterdessen liebt Euch, Kinder! aber mit Maß.« Die beiden Glücklichen sanken sich in die Arme. –

Wer ergründet das menschliche Herz? Otto am wenigsten, denn sein eigenes war ihm ein unauflösbares Räthsel – Die unermeßliche Perspektive von Glück und Wonne, die er vor wenigen Tagen noch vor Augen gehabt hatte, war auf einmal, ohne Ursache, verschwunden; er stand erstarrt vor sich selber da, – das Leben grinzte ihn höhnend an, seine Tage waren angstvoll, seine Nächte voll fieberhafter Unruhe; – die Verantwortung, welche er übernommen hatte, Lori glücklich zu machen, und selbst durch sie glücklich zu sein, lag zentnerschwer auf seiner Seele; – das süße Band, mit dem er sich lächelnd hatte binden lassen, war zur Kette geworden, sobald der Knoten geschürzt war; er schlug sich mit der Faust vor die Stirn und rief angstvoll: »Es ist schrecklich, so abgekühlt zu sein!«– Er schloß sich wieder an Bergheim, – um aller Welt willen hätte er ihm nicht gestehen mögen, daß er jetzt seine Kälte bei der Nachricht der Verlobung begreife;– aber er begriff sie,– je öfter er Lori, einmal aus seinem Rausche erwacht, sah, desto mehr begriff er sie; denn es drängte sich ihm eine Entdeckung auf, die er, wenn sie ihm Jemand vor wenigen Wochen anvertraut hätte, nur mit einer Forderung auf Pistolen würde beantwortet haben. Lori war schön, hatte Talente, war gut und sanft, – aber sie war dumm; schrecklichster Fluch für einen an Poesie so reichen, von Ideen so überströmenden Menschen wie Otto! Die strafbarsten Verirrungen, die unverzeihlichsten Charakterfehler kann die Liebe verzeihen und weihen; – den Mangel an Verstand kann sie nie ersetzen. Denn Alles laßt sich erwerben durch Beharrlichkeit und ein tugendhaftes Bestreben, nur Schönheit nicht und nicht Verstand. Die Schönheit macht sich entbehrlich durch den Ausdruck einer edlen Seele, eines von innerer Poesie leuchtenden Gemüths; der Verstand ist das Salz in der Kochkunst: wo es vom Anfange an nicht mit der Speise verbunden ward, kann es kein späterer Zusatz ersetzen, und wem ihn Gott nicht gegeben hat, in den bringt ihn kein Mensch hinein und kein Buch. Aber zum Glück fehlte Lori auch das leise Gefühl, welches der Stimme des Geliebten, dem Drucke seiner Hand, dem Blicke seines Auges anmerkt, ob er unverändert derselbe Treue, Liebende sei. Wenn er ihrer größern Zärtlichkeit freundlich begegnete, ihr einen derben Kuß auf den Mund drückte, sie oft besuchte, so war sie befriedigt, – und daß er gedankenvoll die Stirn in die Hand stützte, unruhig nach der Uhr sah, wenn er an ihrer Seite saß, das erste beste Buch nahm und mit Eifer darin las – ging alles unbeachtet an ihr vorüber. Aber andere Leute, Bergheim namentlich, bemerkte seine Verstimmung, seine Blässe. Er antwortete nie durch eine Klage auf die Fragen, die an ihn gerichtet wurden, denn sein Schmerz war ein Geheimniß, das nie ein Mensch ergründen sollte: es war das schmerzlichste Erwachen aus der süßesten Täuschung, in die er sich eben so wenig wieder einwiegen konnte, wie in den jählings unterbrochenen Schlaf. Man kann vielerlei, aber schlafen und lieben, wann man will, kann man nicht! – Otto fühlte die Nothwendigkeit sich auf einige Zeit seinen Umgebungen zu entziehen, die ihn erdrückten; er mußte versuchen, ob die Ferne vielleicht den aufgelösten Zauber um Lori's Haupt wieder weben würde. Sein bleiches Aussehen machte eine Reise in irgend ein Bad zu den durchaus räthlichen Dingen, und Lori's Vater sowohl, als sie selbst war damit einverstanden. Sie fand sich mit Ergebung in die Trennung für den Rest des Sommers – ihr waren drei Monate des Nichtsehens nicht »tre secoli d'orror!« – Er bestimmte sich für Aachen und wollte zugleich den Rhein sehen, der ihm fremd war. Lori gab ihm beim Abschiede noch einen selbstgehäckelten Geldbeutel und andere Andenken; er dankte, steckte sie ein und packte sie weg, und als er in den ersten Tagen seiner Reise den Beutel wohl zehnmal gezogen hatte, bemerkte er mit Schrecken, daß er dabei nicht einmal der schönen Hände gedacht hatte, die ihn verfertigten. – Er ging langsam den Rhein herab. Viele Menschen wollen dem Rheine den Ruf nicht gönnen, den ihm seit Jahrhunderten das deutsche Volk zugestanden hat; sie bespöttelten den Jüngling, dem bei seinem Anblicke das Herz höher schlägt, der ihn als Repräsentanten der Deutschheit, als Symbol seines Volkes liebt und verehrt; – sie sagen: die Fahrt von Mainz nach Köln, auf der sich seine geschichtlichen Interessen und seine eigenthümliche Schönheit gleich geltend machen, habe sie kalt gelassen. Aber die Anzahl derjenigen, die diese Fahrt mit einer liebenswürdigen Begeisterung erfüllt, ist dennoch bedeutend größer. Der Rhein ist nun auch eben nicht das Allerschönste auf der Welt, aber es ist die Liebe, die sich der Deutsche gewählt hat, die holde Freude, die er besingt! – Wo haben wir einen Hymnus, der dem gleich käme: »Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben!« und welcher deutsche Dichter hat den Rhein, dies Losungswort seines Vaterlandes, nicht genannt! Und Jeder, der sich die Mühe gibt seine Burgen und Ufer zu durchstreichen, seine Sagen zu lesen, die romantische Architektur seiner Städte zu entziffern, deren es fünfundzwanzig auf der kleinen Strecke von Mainz nach Bonn gibt, alle gemischt aus gothischen, römischen, byzantinischen und den gewöhnlichen Bedürfnissen entsprungenen Gebäuden, oft aus dem malerischen, röthlichen Neckarsteine, oder dem Basalt seiner eigenen Berge aufgeführt, – und besonders, wer den unvergleichlichen Strom selber in seiner ruhigen Größe, seinem majestätischen Gange, der sich nie zur Leidenschaftlichkeit steigert, betrachtet, – bei dem begründet sich fester und wächst die dem Deutschen schon aus den Ammenmährchen angewöhnte Verehrung des Rheins.

Die materiellen Vorzüge, welche der Rhein vor andern deutschen Strömen sein eigen nennt, sind: die feurigsten Trauben und süßesten Nüsse von Deutschland; über den Vorzug der ersteren ist man einig, und sogar der Kostverächter, dem der Rheinwein nicht mundet, nennt ihn ein vornehmes Gewächs, von dem die Pietät verbiete, viel Uebles zu sagen. Doch selbst in die Meinung über den Rheinwein ist die revolutionäre Bewegung eingeschritten. Zu der Zeit, als man alte Königsstämme verehrte, verehrte man auch ein altes Gewächs; jetzt will man nichts von einem Getränke wissen, das älter ist als 1811, und die Radikalen lassen nur 1834 in der öffentlichen Meinung unangefochten. Aber die Weinberge selbst geben Anlaß zu den verschiedensten Aussprüchen. Dieser findet sie schön, Jener abscheulich. Daß die regelmäßige Erziehung des Weinstockes kein malerisches Bild gibt, muß eingeräumt werden, eben so wenig wie das Pferd in seinem engen Stande; aber wer kann die Schönheit des Weinlaubes, der zarten lichtgrünen Ranken und der reifen Trauben selbst läugnen – der Traube, die wahrhaftig an Reichthum der goldenen Orange nichts nachgiebt, sie an Zartheit, Grazie und Poesie der Form bei Weitem übertrifft! Das Orangenlaub prangt freilich, wie in glänzendes Erz gegossen, ein Symbol des ewigen Sommers, dunkel und stark auf seinem eisernen Stamme, und birgt in seiner Mitte die Lieblichkeit der wonneduftenden Blüthe, wie der süßen goldnen Frucht; der Weinstock aber rankt seine Blätter, das Kind eines kurzen Lenzes, leicht und anmuthig über alles hinweg, was ihm einen Halt gewährt; er beschattet die Wohnungen der Menschen, wölbt smaragdene Decken über ihre Lauben, durch die der Sonnenstrahl und die Sommerluft sich neckend verfolgen, und in welche die Traube wie ein Bündel durchsichtiger Edelsteine, von eigener Fülle schwer, hineinhängt.

Der Nußbaum aber, der sich auf allen kleinen Flächen des Rheinufers darbietet, ist gewiß der schönste aller Fruchtbäume, mit seinen breiten duftenden Blattfächern, in seiner stattlichen Höhe und dem mächtigen Schwung seiner Aeste; und lange nicht genug geschätzt, ja gänzlich unbesungen reift bis jetzt die köstliche Frucht, welche er trägt, und die, von der Schale befreit, in ihrer schneeigen Weiße sich des reinsten, edelsten Wohlgeschmackes rühmen kann, mit dem weder die Kastanie, noch die Mandel den Vergleich aushält; und wohl hat der rheinische Dichter Recht, wenn er in seinem schönen Liede glaubt, es habe sich der Hort der Nibelungen in die edlen Früchte verwandelt, die alljährlich das Rheinufer zur Reife bringt, und er spende seine Segnungen noch heute den späten Enkeln. Und auch dies göttliche Lied der Nibelungen, mag es nun in Oesterreich entstanden sein oder in der Schweiz, schwebt es nicht über den ruhigen Stellen des Stromes und röthet seine Felsen mit dem Scheine ursprünglicher, unvergänglich frischer Poesie? –

Dies war Otto's Glaubensbekenntnis, nach einem kurzen Aufenthalte an dem geheiligten Strome Deutschlands. Seine Reise brachte ihn endlich vor die Thore des alten Aachens. Es war ihm ein völlig fremder Ort, von dem er nie etwas anderes gehört hatte, als was in der Geographie steht. Jetzt plötzlich fiel ihm der Anblick der Stadt aufs Herz wie ein verhülltes Schicksal; er suchte mit angestrengtem Auge ihre Zinnen, den alten Dom herauszufinden, und gerieth in bunte, sonderbare Träumereien, bis er auf der Post angelangt war und nun seiner Wohnung zuschritt, die ihm ein Bekannter, dem Kurhause gegenüber, besorgt hatte. Als er allein in seinem freundlichen Zimmer saß, die Linden des Friedrich-Wilhelms-Grabens in das offene Fenster hineinrauschten und über dem griechischen Schwefelbrunnen die alten Zinnen der deutschen Kaiserzeit mißbilligend hinüberschauten, als wollten sie Klage führen, daß man ihnen eine Rotunda vor die Füße gesetzt habe, beruhigten sich die Wogen seiner Brust nach und nach, und er kam mehr auf alte, vergangene Zeiten zu denken, als auf seine eigenen selbstverschuldeten Qualen. Er fragte den Aufwärter, wer das Haus weiter bewohne. »Eine englische Familie und eine sächsische Gräfin,« – zwei Worte, die durchaus keinen positiven Begriff in ihm erregten. Als er am nächsten Morgen, von der Musik geweckt, früh aufstand und zum Brunnen ging, fand er dort zu seiner Freude mancherlei Bekannte. Einer derselben stellte ihm den Kapitän Book, den Mitbewohner seines Hauses, vor, der auf einer eben zurückgelegten Reise in Otto's Vaterstadt dessen Lorelei gesehen hatte und kaum erfuhr, daß der Schöpfer dieses schönen Bildes ihm so nahe sei, als er auch schon den lebhaften Wunsch äußerte, seine Bekanntschaft zu machen. Otto besuchte ihn noch am selben Nachmittage und blieb, auf die freundlichen Bitten seiner Familie, bis zur Schlafenszeit dort. Der Kapitän war ein gedrungener, wetterbrauner Mann, mit freundlichen Augen und dem Tone der guten Gesellschaft; er war Marineoffizier und zuletzt Adjutant Wilhelm's des IV. gewesen, jetzt aber nach seinem Abschiede auf zwei Jahre auf den Continent gereis't, um seiner Frau und seinen Töchtern etwas von der Welt zu zeigen. Irgend Jemand hatte ihm versichert, Aachen sei ein charmanter Ort, und darauf hin hatte die Familie sich dort eine Wohnung auf sechs Monate genommen und langweilte sich zu Tode. Die älteste, allein erwachsene Tochter hatte ihre Harfe mit aus England genommen, auf der sie aber nur wenige Melodien spielen konnte; Unterricht war nicht zu erlangen, da sich kein Lehrer austreiben ließ. Otto schrak ordentlich zusammen, als er das Instrument erblickte, denn Lori saß vor ihm und ließ ihre Finger darauf herumirren; das junge Mädchen aber, Miß Mary, suchte mit unerschöpflicher Geduld vom Morgen bis zum Abend Griffe und Pedalveränderungen zu erhaschen, von denen, zumal wenn das Wetter schön und die Fenster offen waren, das ganze Haus Vortheil zog. Dies alles klärte sich Otto auf, nachdem er wenige Tage in Aachen gewesen und seine Abende meistentheils bei den gutmüthigen Engländern zugebracht hatte, deren große Freundlichkeit und ungezwungene Herzlichkeit ihm gefiel. Auch war er keiner von den Menschen, die gerade interessante Geister brauchen, damit der ihrige nicht in Schlaf verfalle; er war voll so lebendigen Interesses für Alles, daß ihm eine Kriegsgeschichte, eine Maschinenbeschreibung oder ein schlesisches Gespräch über Wolle immer Aufmerksamkeit zu erwecken im Stande war, und sogar ganz platte und engherzige Ansichten ihn wieder, vermöge des Contrastes, in welchem sie mit den seinigen standen, anregen konnten. Am dritten Abende fand er die Vorbereitungen zum Thee etwas gewählter als gewöhnlich; es standen allerlei Zuckerwerk und süße Bäckereien, die in den Rheinlanden in besonderer Auswahl zu finden sind, neben dem gewöhnlichen Toaste auf dem Tische; auch war das durch die Hautelissetapeten und einen reich mit Gebälk und Schnitzwerk versehenen Plafond verdüsterte Zimmer – wie man deren in den alten rheinischen Städten, denen Aachen dem Geiste nach beizuzählen ist, viele findet – mit besonderer Sorgfalt erhellt. Man erklärte Otto diese Vorbereitungen, indem man ihm ankündigte, daß die sächsische Gräfin heute Abends den Thee hier nehmen werde. Er war ihr mehrere Male begegnet, als sie eben aus dem Hause ging oder die Treppe hinaufstieg, und es war nichts in ihrem Aeußeren, was ihm besonders aufgefallen wäre. Sie war ziemlich jung, ganz hübsch, schlank, weiß, in Kleidung und Kopfputz der gewöhnlichen Mode folgend; übrigens sah sie vornehm aus, was sich besonders in der verbindlichen Art, mit der sie seinen Gruß erwiderte, aussprach. Es war mit vollkommenem Gleichmuthe, daß er dem Eintritte der Dame entgegensah; als sie aber endlich erschien, mußte er sich gestehen, daß ihre Persönlichkeit nun einen weit angenehmeren Eindruck machte als im flüchtigen Vorübergehen. Sie hatte eine elegante Gestalt, einen schneeweißen, unter einem leichten Spitzentuche sichtbaren Hals, und ihre Physignomie war klug und sanft. Sie sprach heiter und ziemlich viel, wenigstens in Vergleich mit den Engländern, die auch die französische Sprache geniren mochte. Marl» ward von der Gräfin gebeten ihr etwas auf der Harfe vorzuspielen; sie Nagte ihr Leid wegen des nicht zu findenden Lehrers, schickte sich aber an mit ihrer jüngeren Schwester ein weitläufiges Stück mit Klavierbegleitung vorzutragen. Es ging sehr mittelmäßig; aber da keine Ansprüche dabei gemacht wurden, war es dennoch erträglich. »Spielen Sie auch etwas,« bat Mary die Gräfin. – »Ich bin eine zu erbärmliche Virtuosin,« erwiderte diese; aber ich will Ihnen ein deutsches Liedchen singen.« – »A german song!« ging es wie ein Echo durch die Familie. Die Gräfin setzte sich. Ihre Stimme war keine solche von der man bedauern mußte, daß sie nicht auf der Bühne sei, aber im Wohnzimmer plötzlich ohne viel Vorbereitungen das Ohr berührend, war es, als ob des Abends im Walde ein süßer Vogel sein Lied unvermuthet anstimme. Sie mußte das Lied wiederholen, und noch einmal, und noch einmal, bis sie endlich lächelnd erklärte, nun wolle sie nicht mehr. Die guten Mädchen und die stumme Mutter rückten in ungeheucheltem Entzücken immer näher an sie heran; der Kapitän machte ein herzliches »shake hands« mit ihr – Otto sagte ihr ein paar verbindliche Worte auf deutsch, als wolle er seine Landsmannschaft mit ihr vindiciren; sie dankte ihm erröthend. Als sie ging, erscholl ihr Lob aus dem Munde der ganzen Familie, und Miß Mary meinte, ihre Musik mache ihr nun keine Freude mehr; sie brauche eine Harfe und ein großes Fortepiano, um die Leute zu langweilen, und die Gräfin brauche blos den Mund aufzuthun, um alle, die ihr zuhörten, ganz glücklich zu machen.

Otto ging, mit dem Gefühle einen Abend angenehm verbracht zu haben. Er sah die Gräfin in den nächsten Tagen mehr, machte ihr seine Visite und ward nicht nur freundlich empfangen, sondern um die Wiederholung seines Besuches gebeten. Obgleich Gräfin N. ganz fremd nach Aachen gekommen war, so währte es doch nicht lange, bis einige der ausgezeichnetsten Fremden und Einheimischen sich bestrebten ihr den Aufenthalt angenehm zu machen. Auch Otto's Ruf als Künstler ließ ihn viel Zuvorkommenheit finden, die sich durch seine persönliche Bekanntschaft immer belohnt fand. So gedieh durch ein öfteres Zusammentreffen die Bekanntschaft mit Gräfin N. bald zu einer gewissen Vertraulichkeit, und es freute ihn jedesmal, wenn er ihr heiteres Gesicht in dem Kreise erblickte, mit dem er den Abend zubringen sollte. Er fühlte sich von ihr ausgezeichnet, ohne daß ihn diese Gunst im Geringsten alarmirt hätte, denn der Unterschied des Standes war seiner Meinung nach eine Schranke, die jedes wärmere Gefühl ausschloß; aber unter ihrem sanften Einfluße kam seine Stimmung wieder ins Gleichgewicht. Die Wahrheit zu sagen, ward dieselbe durch Loris Andenken sehr wenig gestört, da er durchaus nur an dem Tage, wo er sich vorgenommen hatte an sie zu schreiben, mit ihr beschäftigt war – und wenn er sich einmal Gewissensvorwürfe machte und eine Stunde lang ihrer gedachte. Ihre Briefe waren auch nicht sehr anregender Art. Sie hatte eine recht gute, etwas steife Schrift, befand sich wohl und ging oft ins Theater und ins Concert. Otto lebte daher im süßesten Nichtsthun und Nichtsdenken das angenehmste Badeleben, und seine Stimmung war so ruhig, daß, hätte ihm nur irgend etwas gefehlt, seine Genesung gewiß nicht ausgeblieben wäre. Wenn des Morgens die Badezeit vorbei war, ging er zur Gräfin Karoline und kritzelte auf einem Bogen Papier, ihr gegenüber am Tische sitzend, meisterliche kleine Zeichnungen, nicht ins Häßliche gezogene Carricaturen, sondern nur scharf charakterisirte Darstellungen der Wirklichkeit. Manchmal verfolgten die Blicke der Gräfin seine kunstfertigen Hände, die, fein und weiß, den Stift oder die Feder mit Anmuth regierten; sie ließ dann die Arbeit, welche sie eben beschäftigte, ruhen und vergaß sich in dem Anblick; und wenn er dann unbefangen aufstand und sich empfahl, ward ihr beklommen und ängstlich um's Herz. Am Abende ging er dann zu Mr. Cook oder zu irgend einem Bekannten in der Stadt, wo er gewöhnlich die Gräfin wieder traf. Bald vermißte er sie, wenn sie nicht kam, denn sie war ihm lieb geworden; er war sicher sein ganzes Leben hindurch sie in freundlichster Erinnerung zu behalten und sie jederzeit mit Freuden wieder zu sehen, wenn's das Schicksal so fügen sollte; und sollte es nicht so kommen, so wünschte er ihr in der Ferne alles Glück, welches die Erde geben kann. Wie weit war er damals von der Liebe entfernt, die sich nur mit der nächsten Nähe des Geliebten begnügt, die bestimmt fühlt, daß das gegenseitige Glück allein im Beisammensein liegt, und daher ohne Gewissensbisse das geliebte Wesen von einem Throne herab in eine Hütte ziehen würde, weil eben die Welt gar nichts ohne Liebe, Alles mit Liebe ist! Otto kannte seine Gefühle; er wußte, daß sein Herz frei sei, und wandelte daher ohne das geringste Mißtrauen auf dem Wege fort, den er betreten hatte. Auch bei den Engländern that ihm diese Unbefangenheit wohl. Miß Mary, obgleich ein hübsches Mädchen, machte nicht den kleinsten Anspruch auf seine besondere Aufmerksamkeit. – So war der dritte August herangekommen, der Geburtstag des Königs, der in allen seinen Provinzen ein vor andern gefeierter Tag ist und zu sein verdient.1

Der Mittag versammelte eine zahlreiche Tischgesellschaft; den Abend sollte großer Ball sein. Auf einem Spaziergange zwischen diesen beiden Festlichkeiten verstauchte sich Miß Mary den Fuß und war daher von der letzteren ausgeschlossen. Sie drang aber darauf, daß ihre Mutter mit der Gräfin dennoch gehen sollte, und so versammelten sich die Hausgenossen im Wohnzimmer der Engländer, die Wagen erwartend. Die Gouvernante und die jüngeren Kinder blieben bei Mary zu Hause, die, ihren Unfall mit guter Laune tragend, etwas leidend auf einem Lehnstuhle saß. Otto sagte halb im Scherz: »Ich bleibe bei Ihnen, Fräulein, und spiele eine Partie Ecarté mit Ihnen, da hab' ich mehr Freude und weniger Ermüdung davon, als vom Ball; denn ich bin ein schlechter Tänzer.« – Nach diesen Worten richtete er seinen Blick absichtslos auf Gräfin Karoline; diese aber sah ihn so eigen, so angstvoll an, als hinge etwas Großes für sie von seinen Worten ab. Von diesem Augenblicke an fühlte er sich befangen; es war etwas zwischen ihm und ihr auf einmal anders geworden. Mrß. Cook machte dem Scherz ein Ende, indem sie gar nicht darauf einging und ihren Mann bat sich mit Otto auf den Weg zu machen. Die Damen folgten sogleich. Um Mitternacht lag unsere ganze kleine Gesellschaft in den Armen der Ruhe. Des andern Tages traf Otto Mrß. Cook bei der Gräfin, die er zeitlicher als gewöhnlich besuchte. Es war eine höchst einsilbige Zusammenkunft. Karoline, die sonst immer plauderte, schwieg; Mrß. Cook schwieg fast immer, und Otto zeichnete, ich glaube, eine heilige Genovefa. Plötzlich sah er auf, wie von einem Magnetismus angezogen; er gewahrte Karolinens Blicke mit einer so zärtlichen Gluth auf ihn gerichtet, daß ihn in tiefster Seele das Gefühl, die Uiberzeugung durchschauerte: »Diese Frau liebt mich.« Und in demselben Augenblicke hatte der Blick gezündet: er liebte sie wieder! Und die Bande, welche diese beiden Menschen bis jetzt – es sind seitdem Jahre verflossen – unzertrennlich an einander halten, sie wurden in diesem Augenblicke, so unglaublich es erscheinen mag, geschlungen. – Sie fuhr auf, als sei sie über einem Diebstahle ertappt worden, da sie sein Auge so unvermuthet dem ihrigen begegnend antraf; aber sie wußte nicht, was für ein Meer von Liebe aus ihr gesprochen hatte, und beruhigte sich bald wieder; doch konnte sie sich in späterer Zeit des Blickes wohl erinnern. Otto wollte weiter zeichnen, aber er konnte es nicht; seine Hand zitterte, und sobald es sich schickte, ging er – das letzte Mal freiwillig, von ihr. In seinem Zimmer angelangt, verschränkte er die Arme und fragte sich selbst: Was soll das werden? Er wußte keine Antwort – aber es war entzückend! Wie ein Zauberschlag war es über ihn gekommen. Vierzehn Tage hindurch hatte er dieselbe Frau mit vollkommenem Gleichmuthe gehen und kommen gesehen; vierzehn Tage (er zählte nach: nein, achtzehn waren es seit dem ersten Thee bei Mrß. Cook) war sie ihm bloß eine freundliche Erscheinung gewesen; jetzt auf einmal, ohne irgend eine Begebenheit, ohne ein gewechseltes Wort, war sie sein Schicksal geworden. Er fühlte es wie eine Prophetenstimme in sich: sie war es – nicht Lori. »O Gott, Gott!« sagte er sich noch einmal; »was soll das werden?« Mit Karolinen war es anders gewesen, und doch wieder sehr ähnlich. – Sie liebte ihn täglich, stündlich mehr, aber vom ersten Augenblicke an, da sie ihn sah; mit tausend Qualen, tausend Martern zwar, mit Eifersucht und Angst; denn daß er sie wieder lieben könnte, hatte sie noch nie zu hoffen gewagt, und zum Uiberfluß hatte ihr noch gestern Jemand auf dem Balle gesagt: »Unser talentvoller Freund ist, wie ich höre, verlobt!« Mit aller Anstrengung, deren sie fähig war – denn es ergriff sie bei diesen Worten ein Unwohlsein – erwiderte sie: »Ich hätte es kaum geglaubt, denn er spricht nie von seiner Braut.«– »Vielleicht ist es auch gar nicht wahr,« antwortete der Herr; »man sagt so viele Leute verlobt, weil sie dreimal in ein Haus gehen, worin ein hübsches Mädchen wohnt.« Trotz dieser Trostgründe verfolgten sie die Worte bis auf ihr schlummerloses Lager. Sie mußte die Wahrheit ergründen; aber an dem verhängnißvollen Morgen, der wie ein heranbrechender Frühling über Otto gekommen war, hatte sie nicht den Muth das Gespräch auf diesen Gegenstand zu leiten. Im Freien wuchs ihr der Muth, und ihre Befangenheit wich; sie hoffte daher auf einen Abendspaziergang zu dem man sich verabredet hatte. Mrß. Cook blieb bei Mary; aber der Vater, die Kinder, die Gräfin und Otto fanden sich zusammen und gingen nach der Frankenburg, in deren ehrwürdigem Gemäuer jetzt moderne Menschen wohnen, die ihr schmutziges Wasser in den Teich schütten, an dem Karl der Große bis zu seinem Sterben in süßer Liebessehnsucht schmachtend saß. Otto ging plötzlich wie in einer neuen Welt; nur einmal kann's dem Menschen noch so gehen, wie an dem Hage, wo er zum Bewußtsein einer schönen, heiligen Liebe erwacht; – es kann ihm dann eben so sein, wenn er in dieser Welt gestorben ist und in jener, als ein seliger Geist, neu geboren wird; so fallen die Schlacken der Menschheit von ihm ab, – und mögen ihn dann auch menschliche Schwäche und die angeborne Erbsünde über den geringen Damm, der im Herzen vor den Leidenschaften schützen soll, zu Verirrungen und Sünden hinreißen, – das Gefühl der Liebe schwebt über allem dem und ist groß und rein, von Eigennutz fern, himmlischen Ursprungs. – Karoline war heiter, wie wenn sie gewußt hätte, was in ihm vorgegangen war. Sie erzählte ihm die Geschichte Karls und der schönen Fastrade, da sie selbst ein wahres Compendium alter Sagen und Lieder war; er hörte ihr wohlgefällig zu, und begriff nicht, wie ihn die süßen Töne ihrer Stimme,, das Spiel ihrer Lippen im Sprechen nicht längst gefesselt hatten. – Er sagte ihr: »Es gibt Zaubereien, die eben so mächtig sind, als Fastradens Ring.«

Sie bereitete sich zu einer Entgegnung, die ihr alles Blut zum Herzen trieb. »Es hat Sie eine dieser Zaubereien ergriffen, Sie sind verlobt? höre ich.« Gestern noch hätte er ihr geantwortet: »Ja!« heute konnte er es nicht; es war ihm, als zöge er durch dieses Wort eine Schranke zwischen sie und ihn – eine Schranke, von der er fühlte, daß sie ihn vom Glücke ausscheiden würde. Zaudern durfte er auch nicht; da fiel ihm ein, daß er ja Lori's Vater versprochen hatte das Geheimniß seines Glücks bis zu seiner Anstellung zu bewahren; er erwiderte:

»Ich denke nicht daran. Wie schwer fänd' ich eine Frau nach meinem Herzen! Was ich erreichen kann, genügt mir nicht; was ich wünsche, steht mir zu hoch.« – Hätte er sie in diesem Augenblicke angesehen, hätte er ein leises Neben seiner Stimme nicht gewaltsam bezwungen, so hätte eine Liebeserklärung in seinen Worten gelegen; aber er drehte den Kopf, während er so sprach, nach der andern Seite und summte dann eine Melodie gleichgültig vor sich hin. Sie zuckte bei seiner Antwort zusammen; eine nie empfundene Freude leuchtete aus ihren Augen; aber als sie sah, wie wenig Theil sie an seinen Gedanken hatte, in die er verloren schien, bedeckte eine plötzliche Blässe ihr Gesicht. Er fühlte jede ihrer Bewegungen mit Entzücken nach und ließ sie sich bekümmern; er wußte nun, daß er ihr den Wahn benommen habe, als sei ihre Liebe zu ihm ein Verbrechen, und mit diesem Wahn alles, was sie zurückdrängen konnte; er wollte sie langsam heranfluten sehen, sie an sich kommen, erst seine Zehen von der Flut bespielen lassen, dann sich hineinstürzen, sie in sich schlürfen, sich in ihr berauschen. An alle bitteren Schmerzen, die er Karolinen bereitete, dachte er nicht; er fühlte, daß er sie wahr und heiß liebte, und glaubte daher an ihr kein Unrecht zu begehen. Sie war zu reizend in ihrer bebenden Ungewißheit, denn die Hoffnungslosigkeit war von ihr gewichen, ein geheimes Lüftchen flüsterte ihr zu, daß auch in seinem Herzen eine Stimme spräche. Sie schloßen sich wieder an die Gesellschaft und sprachen von den gewöhnlichsten Dingen, aber die Bedeutung eines jeden Wortes lag für sie in dem Munde, der es aussprach. So verging noch ein Tag ohne Entscheidung. Der andere Morgen war dazu bestimmt, gleich nach vollendetem Gottesdienste die Schätze des Doms in Augenschein zu nehmen. Jeder hatte vorher seine eigenen Gänge zu machen; Karoline sagte zu Otto: »Sie treffen mich Schlag zwölf Uhr auf dem Grabe Karls des Großen; ich will Ihnen als Wegweiser zu den andern dienen.« Er erwiderte lächelnd: »Ein Rendez-vous, wie mir im Leben noch keines gegeben worden ist! Ich werde nicht fehlen.« Alle waren früher in der Kirche, als Otto; sie standen in einer der Kapellen, just vor dem Säulenpaar, das allein von den prachtvollen sechszehn, die Karl zum Kirchenbaue aus Africa hatte holen lassen, in Aachen geblieben ist, während die andern vierzehn ohne Ursache, ohne Bedeutung in Paris das Museum schmücken, wo jedes polirte Stück Marmor ihre Stelle ersetzen könnte; hier aber hätten sie sinnvoll und herrlich, ein Denkmal zehn verschwundener Jahrhunderte, gestanden. Eine prahlerische Barbarei in der Kunst hat sie dem Boden entrissen, auf dem sie tausend Jahre geglänzt hatten, und zur Zeit, als man sie zurückfordern konnte, hat man sie wohl vergessen. Karoline sah mitten in der Erklärung des benebelten Küsters auf die Uhr, ließ die erstaunten Begleiter sich ferner daran erbauen und eilte zum Grabstein des großen Karl. Als sie eben dort angelangt war, schlug die große Glocke zwölf, und als ihr letzter Schlag noch im Gewölbe dröhnte, trat Otto in die Kirche und eilte mit freudiger Hast auf Karolinen zu; er ergriff ihre Hand und küßte sie. »Sie halten Wort, gnädige Gräfin,« sagte er, »aber ich auch.« – Sie standen unter dem großen Reifen, den Friedrich Barbarossa einem Heldengrabe als Kronleuchter verehrt hat. Otto hätte gewünscht, daß dichte Vorhänge von dessen Seiten herniedergerauscht wären und er, wie in einem Zelte, mit der Geliebten hätte allein sein dürfen, um ihr hier auf dieser gewählten Stelle zu sagen, wie er sie liebe; aber es legte sich kein Gewölk, keine Seide zwischen sie und die Welt, und nach wenig Secunden mußten sie ihre heilige Insel verlassen und auf das Pflaster der Kirche treten. In der Sakristei stießen sie zu ihren Gefährten. Karoline sagte: »Man gewinnt Karl den Großen so lieb in diesen Gegenden; er ist, wie Napoleon, unmittelbar nach seinem Tode in das Reich der Sage getreten, – sie schlingt sich um ihn und rankt sich an seiner edlen Heldengestalt empor, die sie mit Blumen schmückt. Was nur in eine Verbindung mit einem kühnen, väterlich warmherzigen Könige kann gebracht werden, nennt Karl den Großen; nicht Zeit, nicht Ort wird geachtet. Die Helden der Sagen kehren von den Kreuzzügen au seinen Hof zurück, ohne Anstoß zu geben. Sein Geist schwebt noch über Aachen, über der Frankenburg und über Ingelheim und Seligenstadt; das Gehirn möge vertrocknen, das es ausklügeln, – die Hand möge verdorren, die es niederschreiben will: Emma, die holde Imme, habe nie gelebt! Sie lebt noch, sie wird leben, so lange wir deutsch verstehen und uns ein Herz im Leibe schlägt.« – Sie standen vor den schweren Truhen voll heiliger Gebeine und Gewänder, die nur alle sieben Jahre geöffnet und gezeigt werden; vor dem riesenhaften Arme Karls und vor seinem Schädel mit der nachgeäfften Krone, da die wirkliche in der Schatzkammer zu Wien ohne den dazu gehörigen Schädel ist. Das große Jagdhorn veranlaßte manchen vergebenen Versuch ohnmächtiger Lungen, um ihm den Ruf voriger Zeiten zu entlocken. Es hatten sich mehrere Franzosen eingefunden, um die Schätze mitzubesehen; alle setzten das Horn an den Mund und reichten es mit affectirter Gleichgiltigkeit nach einem vergeblichen Versuche einem Andern. »Essayez, monsieur!« sagte endlich einer der Herren zu Otto. Er sammelte den Athem in seiner breiten Brust, und es quoll ein mächtiger, ungeheurer Jagdruf aus dem Horne hervor, der den Dom erzittern machte. Karolinen war es, als wäre es Otto's jubelndes Siegsgeschrei, und sie die Uiberwundene; sie hätte mögen zu seinen Füßen stürzen, sein getroffenes Wild. Der junge Geistliche, der die Schätze zeigte, sagte: »Bravo, mein Herr! Außer Ihnen ist dies Kunststück nur einmal, und zwar einer englischen Kammerjungfer gelungen.« – Otto lachte laut auf, trotz der heiligen Umgebung, so sehr benahm diese Erläuterung seiner Heldenthat alles Romantische.

Den Abend waren Karoline und er zum Thee bei einem Beamten, der unverheiratet war, aber das Bedürfniß einer Häuslichkeit fühlend eine alternde Cousine zu sich genommen hatte, die ihm seine Wirthschaft führte und seine einsamen Abende mit ihm verlebte. Es waren einige angenehme Menschen dort versammelt, und endlich als man Abschied nehmen mußte, fand man draußen den klarsten Sternenhimmel und das einladendste Wetter. Otto konnte sich noch nicht entschließen sich von Karolinen zu trennen; er suchte also die Gesellschaft durch den Vorschlag einen weiten Umweg zu machen, noch eine Weile zusammen zu halten. Alle waren es zufrieden; er richtete es bald s« ein, daß er neben ihr zu gehen kam. Er fragte sie: »Wie gefallt Ihnen das Verhältniß unsers Wirthes und unserer Wirthin von heute Abend?«

»Es scheint mir freundlich und seinen Zweck erfüllend zu sein.«

»Sehen Sie, Gräfin, dies sollte die Ehe sein! Die Frau, die uns unser Haus besorgt, unsere Wäsche stopft und reinigen läßt, uns in allen Launen gesunder und ungesunder Körperbeschaffenheit sieht, die wir wieder darin sehen: wie sollte die unsere Geliebte bleiben können, bei deren Annäherung jede Fiber erglüht, deren bloßes Andenken alle Freude der Gegenwart «erwischt! Nie, nie sollte man seine Geliebte heiraten! Ich schwöre es Ihnen, keine Liebe hält die Ehe – nicht einmal eine Verlobung aus!« –

 

»Was schwatzen Sie da für garstiges Zeug!« rief Karoline und that, als wollte sie ihren Arm aus dem seinigen ziehen; er aber drückte ihn leise und ergriff die Hand dazu. – »Ich spreche nicht leichtsinnig und in den Tag hinein,« fuhr er fort; ich bin überzeugt, daß ich meine Frau kein Jahr lieben könnte. Ich bin ein Künstler, ein verzogenes Kind der Menschen und des Schicksals; alles stört mich an den Weibern, was an Prosa und erniedrigende Beschäftigung und den Schmutz des Lebens erinnert. Aber ich bin darum kein Wüstling; ich fühle es, daß ich der ergebenste, treueste Liebhaber sein könnte, daß ich mein Leben derselben Frau widmen würde, wenn ich erst die fände, die mein tiefstes Herz begehrt!«

»Wo mag sie sein?« hauchte Karoline vor sich hin. – Otto sagte nicht: »An meiner Seite,« aber er schwieg einige Minuten lang, und als Karoline sich endlich so weit gesammelt hatte, um ihn wieder anzureden und ihn dabei ansah, – da hing sein Auge trunken an ihrem Antlitze und sein Arm zitterte. Es befiel Karolinen eine Art von Angst. »Wie magst du dich dem fremden Menschen so hingeben!« sagte sie sich selbst; »wie magst du dir Dinge von ihm sagen lassen, die kein Anderer vor dir berühren würde! Du kennst ihn nicht, du weißt nichts von ihm, als daß er ein großer Künstler ist: – ist das eine Bürgschaft für seinen Werth?« – Sie wollte noch weiter philosophiren, aber wie sie in den gestirnten Himmel blickte, kam ein Gefühl des heitersten Vertrauens in ihre Seele; sie sah wieder auf Otto, und sein blasses Gesicht hatte den Ausdruck von Kinderhaftigkeit und Unschuld, der sie zuerst an ihn gefesselt hatte, und unwillkürlich legte sich ihr Arm etwas schwerer auf den seinigen.

Wieder verging ein Tag unerträglicher Hitze, daß alles des Morgens still zu Hause blieb; aber Abends versammelte sich eine kleine Anzahl Bekannter in einem nahen Garten voll schöner Bäume. Man hatte sich im Grase gelagert und sah den blauen Himmel durch die grünen Blätter an, und sog die weiche Abendluft durstig ein. Karoline beugte sich zu Otto und sagte, wohlgefällig in das Laubgewölke blickend: »Für einen Maler ist das Kolorit zu einförmig, für einen Dichter geht's schon an!«

»Für einen Liebenden ist es himmlisch!« rief Otto. »In keiner möglichen Umgebung könnte ich mir den Gegenstand meiner Liebe reizender denken, als hier in dem olivfarbenen Moose, unter dem grünen Blätterdach im lichtblauen Kleide.« Er beugte sich geschickt und unmerklich vor und berührte die Spitze ihres kleinen, mit grauer Leinwand beschuhten Fußes mit den Lippen; sie zuckte zusammen und sah ihn an – es lag ein offenes Liebesgeständniß in seinen Augen, und als er den ihrigen begegnete, sah er nicht entmuthigt aus. Er sprang jubelnd in die Höhe und stimmte ein fröhliches Lied an, in das die Uibrigen einfielen. Karoline hörte die Engel im Himmel singen; sie fühlte, ihr Geschick sei entschieden, und für eine Frau ihrer Art war es dies gewiß. Von dem Augenblicke an, als sie Otto ihre Liebe ahnen ließ, gehörte sie ihm auch an; sie war geschaffen um kalt zu bleiben, oder sich glühend rücksichtslos hinzugeben. Kalt war sie nicht mehr! –

Marys Fuß war am 12. August des Jahres 183– noch immer nicht geheilt, und sie sehnte sich nach Luft. Mr. Cook war auf die Jagd gegangen, und so schlug seine Frau der Gräfin und Otto vor, eine Spazirfahrt mit ihr zu unternehmen. Otto saß Karolinen in glühender Ungeduld gegenüber; er hatte heute früh Gesellschaft bei ihr gefunden, und er mußte sie allein sprechen; das Geheimniß ihrer Herzen mußte endlich heraus, es war nicht mehr zurückzuhalten. Der Abend war ein wenig kühl nach einem Gewitter geworden; Karoline bedauerte keinen Shawl mitgenommen zu haben. Mrß. Cook sagte: »Gehen Sie lieber zu Fuß nach Hause, unser Freund wird Sie begleiten: Sie zittern, man muß bei dieser Badekur mit Erkältungen nicht spassen.« Otto sah Karolinen flehend an, und sie – hatte nichts einzuwenden; die Beiden stiegen aus, und der Wagen rollte der Stadt zu. Ein Weilchen ließ ihn Otto rollen; dann nahm er Karolinen rasch unter den Arm und rannte fast mit ihr tief, tief in das nahe Wäldchen hinein Sie folgte ihm willen- und athemlos; es war etwas Wildes, aber auch etwas Hinreißenderregendes in diesem Lauf; sie fühlte, daß er allein mit ihr sein wolle in der Waldeinsamkeit, daß die Menschen, ja die Heerden auf den Wiesen, die Felder – ihm Alles zu viel sei; er wollte nur sie und das schirmende Laubdach. Endlich stand er still, wo die Buchen dichte Zweige wie ein Zelt verflochten hatten, wendete sich und stand ihr nun gegenüber, und wie sie bebend, glühend von der Anstrengung und der innern Erregung zu ihm hinaufsah, riß er sie an seine Brust und sagte: »Ich weiß, daß Du mich liebst!« – Sie schwieg. »Linchen, Linchen!« rief er; »sage mir's, um Gotteswillen sage mir's! Du liebst mich! Nicht wahr? Sprich!«

Sie erhob das Auge und sagte mit lauter Stimme: »Ja!« daß das Wort im Walde wiederklang, wie das Ja einer Braut vor dem Altare.

»O Wonne, Wonne!« schrie er auf und stürzte zu ihren Füßen hin, küßte ihr Kleid, ihre Kniee! – Sie sank zu ihm auf die Kniee und stützte sich kraftlos, doch selig an ihn; er küßte ihren weißen Hals, der nur eine Handbreit zwischen den Haarwurzeln und dem Battisttuche entblößt war, wie sie sich zu ihm beugte. Sie konnte kein Glied rühren, und doch glühte jede Fiber an ihr, und das Leben, die Jugend, die Liebe schäumten in rauschenden Wogen durch ihre Adern. »Erzähle mir, seit wann?« fragte er, sie fester an sich drückend. Sie vertraute ihm die kurze Geschichte ihres Herzens. »Und ich,« sagte er, »erst seit drei kurzen Tagen, aber seitdem auch rasend, unwiderstehlich und – ich fühle es – für immer.«

Sie schlang die Arme um seinen Nacken – es war still und lieblich im Walde. »Da hab' ich ja die Geliebte,« flüsterte er ihr zu, »im olivfarbenen Moose unter den grünen Blättern, im lichtblauen Kleide!« – Das Moos fing an feucht zu werden, nur einzelne Grasmücken sangen noch ihr Lied und ferne Grillen zirpten. Ein Fußsteig lief dicht an ihnen hin, aber er blieb einsam, als wollte Niemand diese heilige Stunde stören. Sie grub sich in Beider Herzen für dies Erdenleben ein. Karoline sagte: »Ich war sechs Jahre verheiratet mit dem Manne meiner Wahl – dem besten Herzen –, der mich bis zu seinem Tode zärtlich geliebt hat; aber von solchem Glücke habe ich keine Ahnung gehabt.«

»O Linchen!« rief er, »das ist das Glück der Liebe; das findest Du auch im Leben nicht mehr, als bei mir!«

Endlich mußten sie weiter gehen. Was sollte man von ihrem langen Ausbleiben denken? Es war dunkel; das Gold der Abendsonne war von den Blättern verschwunden. Als sie in das freie Feld kamen, waren die Bauern mit ihren Gespannen längst heimgekehrt. Es floß ein kleiner Bach über den Weg, nicht breiter, als daß ein beherzter Schritt Karolinen hinüber gebracht hätte; aber er ließ sie den Schritt nicht thun; er hob sie auf seine Arme und trug sie eine Strecke fort und rief jubelnd: »Ich bin der große Christoph, der sein eigen Heil auf den Schultern trägt.« Welche Musik waren alle seine Worte ihrem Ohre! Welche Anmuth lag in seinen Bewegungen, in seinem sieghaft-kühnen Schritte, in der innern Manneswürde, die auf seinem verklärten Gesichte lag! Als er sie niedersetzte, gingen sie raschen Schrittes vorwärts; sie war bald ermüdet und bat ihn etwas einzuhalten. Er stand still und drückte noch einen Kuß auf ihre Lippen, legte den Arm um ihren Leib und die Hand aus ihr Herz: »damit ich fühle, wenn's zu heftig klopft,« sagte er. So gingen sie langsam weiter. Die Nacht war völlig auf die Erde gelagert; Karolinens Locken waren von der feuchten Luft gelöst und hingen in langen Wellen um ihr Gesicht; der Nachtwind spielte damit und führte sie, eng an einander geschlossen, wie sie gingen, von Zeit zu Zeit auf Otto's Wangen, der ihren Jasmingeruch gierig einsog. Es war ein Spaziergang ohne Gleichen; sie hatten eine Stunde von den Sternen herabgezogen, wie sie der Himmel nur seinen Begünstigten alle Jubeljahre einmal gibt. Es gehört eine eigene Organisation dazu, um so zu lieben, wie unsere Beiden; es waren eben wahre, gesunde, lebendige Menschen, nicht ganz Seele, nicht ganz Körper, sondern Beides im geheimnißvollen Gemisch, – und ihre Liebe war auch die volle, echte, vom Himmel gekommene, in der Erde gewurzelte, die nicht auf der Erkenntniß hoher gegenseitiger Vorzüge des Geistes, oder auf körperlichem Wohlgefallen gegründet war; sie war der unwiderstehliche Naturzug, der allein Liebe genannt zu werden verdient – ein Gemisch von allen guten und zärtlichen Gefühlen, die Gott in seiner Allmacht zur Beglückung der Menschen hervorgerufen hat. – Ehe sie sich von Karolinens Zimmer trennten, sagte Otto noch einmal: »Wir sind Götter!« und er hatte Recht! –

Am andern Tage, als er zu ihr eintrat, kam ihm Karoline nicht, wie bis jetzt, mit einer höflichen Bewillkommnung entgegen; ihr Empfang schloß gleichsam die Geschichte des vorigen Tages ein, sie streckte ihm ihre Arme entgegen, und er schloß sie an seine Brust. »Wie hast Du geschlafen?« fragte er. »Gar nicht,« war ihre Antwort; »die ganze liebe, lange Nacht hab' ich Pläne für unsere Zukunft gemacht – für unsere, hörst Du? Wir haben nur eine

Er schwieg.

»Es trifft sich Alles so glücklich!« fuhr sie fort. »Ich war ein reiches Kind, eine einzige Tochter, und habe meinem verstorbenen Manne eine schöne Morgengabe mitgebracht. Nach seinem Tode habe ich das mir von ihm ausgesetzte Witthum nicht angenommen und es seinen Verwandten überlassen; ich lebe also von meinem eigenen Vermögen, und das mit aller möglichen Annehmlichkeit. Meine Eltern sind noch vor meinem Manne gestorben; ich habe gegen Niemanden so nahe Rücksichten, daß sie in meine Verbindung mit Dir auch nur den Schatten eines Vorwurfs werfen könnten; ich bin eine reiche, ganz unabhängige Witwe und darf alle meine Schätze zu Deinen Füßen niederlegen.«

Sie warf sich mit liebenswürdiger Hingebung in seine Arme, als sie diese Worte sagte. Er athmete schwer, denn jetzt auf einmal lag ihm seine Verpflichtung gegen Leonore mit ihrem ganzen Ernste auf der Brust; er hatte nicht den Muth zu sprechen, und beantwortete den liebevollen Erguß ihres Herzens mit einem stummen beredten Kuß in die Fläche ihrer Hand, die er dann vor seine Augen drückte. Er rang nach Worten, aber er fand keine; endlich mußte er doch sprechen.

»Du edle Seele,« sagte er, »die Du mir Dein Vermögen, Deinen Stand, Deine Stellung in der Welt aufopfern willst! und was könnte ich Dir dafür bieten? Aber Du kennst meine Ansichten über die Ehe; ich würde Dich nicht heiraten, wenn ich's auch dürfte; ich will mir nicht die Erlaubniß der Welt zu einem Verhältnisse holen, das gar keiner Erlaubniß bedarf. Was soll denn die Ehe an unserer Liebe vermehren oder verschönern? Ist sie uns denn nicht vom Himmel gefallen, wie der Tropfen in den Kelch der Blume? Und wenn ich zehnmal verheiratet gewesen wäre, als ich Dich kennen lernte, glaubst Du, ich würde mich dem Einfluße Deiner Lieblichkeit, dem Zauber Deiner Seele haben entziehen können? Und Du? hättest Du es gekonnt?«

Sie sagte: »Ich fürchte, daß mein Herz nicht stärker gewesen wäre, als jetzt; aber daß ich Dich nicht mit derselben Freudigkeit geliebt hätte, das weiß ich! – denn, Otto, ich bin kein Kind eurer neuen Systeme und weltumstürzenden Ideen; man. hat mich in Tugend und Zucht groß gezogen, und wenn ich davon abweiche, so, fürchte ich, wirst Du die Strafe allein auf Deinen Schultern tragen.«

Er rief: »Ich will alle Deine Sünden mit den meinigen zusammentragen, und die Last soll nicht um das Gewicht einer Feder schwerer sein.«

»Still, still!« sagte sie und legte ihm die Hand auf den Mund; »ich habe in Betreff Deiner Liebe aber noch leine auf mich geladen, denn wir haben uns ja, Gott sei gedankt, ohne ein irdisches Hindernis! gefunden; so selig, wie jetzt, könnte ich dann auch nicht in Deine Augen blicken, denn der Gedanke des Unrechts würde mich erschrecken.«

»Es ist kein Unrecht sich zu lieben,« fiel Otto eifrig ein, »unter keinem Verhältnisse! Ich sehe es nicht dafür an; und wenn alle Gesetze sich bergeshoch dazwischen thürmten, und alle Rücksichten der Welt und alle Priester auf Erden einen Chor des Fluchs anhöben, lieben darf man sich doch vor Gottes Angesicht, denn man muß es. Die Liebe ist ganz unwillkürlich: sie kommt nicht, wenn man sie ruft, sie geht nicht, wenn man sie entfernen will! Des Menschen Leben ist von dem Augenblicke an, da die Besinnung erwacht, ein ewiges Erwarten der Liebe, die uns verkündet ist, wie den Juden der Messias. Man glaubt bei jeder Erregung der Sinne, bei jedem gesteigerten Interesse der Seele, sie sei da! Es geht den Menschen mit der Liebe, wie der Gattin, die ihren Mann erwartet, und dem Ersten Besten, der in der Dunkelheit in das Haus tritt, entgegeneilt und sich ihm in die Arme wirft; ist der Fremde ehrlich, so sagt er: »»Ich bin's nicht, den Du suchest!«« Aber oft währt die Täuschung länger, und man entdeckt die Wahrheit zu spät.«

Karoline sah ihn ängstlich fragend an: »Du meinst doch nicht, die Liebe könne auch diesmal zu Dir sprechen: »»Ich bin es nicht, die Du suchest!«

»Ach, wie könnt' ich das, Du Engel! da sie mir in ihrer vollen Lichtgestalt, als Wahrheit strahlende Göttin erscheint? Aber ich hab' mich einmal geirrt, – und es ist jetzt zu spät in manchem Sinne des Wortes.«

Karoline wartete athemlos auf die Fortsetzung. Endlich sagte er gepreßt: »Ich bin verlobt!« – Ihre Arme, die sie jetzt zärtlich um seinen Nacken geschlungen hatte, wie eine Kette, die durch die verschränkten Finger fest geschlossen war, ließen los, als er diese Worte aussprach, und sie sank zusammengeknickt, wie die Staude, der man plötzlich den Stab entzieht, zu seinen Füßen hin, bleich, besinnungslos wie eine Todte. Er hing in sprachloser Angst über ihr, und doch fürchtete er ihr Erwachen mehr, als ihre Ohnmacht; und als sie endlich die Augen wieder aufschlug, war sein erstes Wort:

»Liebst Du mich noch?«

Sie sagte: »Ewig!« –

»Und willst Du mich nicht verlassen?«

»Ich kann es nicht; nun nicht mehr! aber uns Beiden ist ein großes Unglück widerfahren!« – Sie drückte beide Hände vor die Augen und weinte wie ein Kind.

»Theure!« sagte er froh, nun das schrecklichste Geständniß vom Herzen zu haben und die Sache besprechen zu dürfen; »die Frau die ich heiraten muß, liebe ich nicht wie Dich; – ich will gut für sie sein, ich will sie auf Händen tragen, viel mehr, als wenn ich Dich nie gekannt hätte, – aber lieben will ich Dich, – Dich allein, und noch nach Jahren, wenn die Ehe jeden Reiz der Leidenschaft längst beschwichtigt hätte, wenn das Entzücken und das Verlangen der Liebe in bloße Freundschaft übergegangen wäre. Dann wirst Du noch frisch als meine Geliebte vor meinem Herzen stehen; ich werde noch Abgötterei mit Dir treiben, wie ich es setzt thue, ich werde in Dir alle Süßigkeit des Lebens finden, und Du wirst mir Alles geben, was außer Dir die ganze Welt nicht hat. Wenn ich Dir die Geschichte dieser Verlobung erzählt habe, und die Geschichte meiner Liebe zu Dir, so wirst Du alles begreifen, und begreifen heißt: zur Hälfte vergeben! Sie ist ein schönes, auch ein gutes, untadelhaftes Mädchen – aber Du! war's denn nicht Frevel, von Dir zu sagen, Du seist eine hübsche, gute, untadelhafte Frau? Du bist ein Engel, eine Lichtgestalt, wie die Welt keine zweite aufzuweisen hat, – eine dichterische Blume, in einem mährchenhaften Garten aufgeblüht! Die Welt, die Dich zur Zierde herangebildet hat, hat keinen Theil an Dir; Du leuchtest wie ein eigenthümliches Gestirn freundlich über den Menschen, die Dich verehren. Wie wäre es denn möglich, daß je eine Andere, und zöge sie den Harnisch der Gesetze und die Waffen der Moral und des alten Herkommens an, Dich aus dem Herzen verdrängte, das Dich einmal erkannt hat? Außerdem, daß ich dich unaussprechlich liebe, sagt mir auch mein Verstand, daß nie ein anderes Weib den Reiz des Umgangs für mich haben könnte, der sich in jedem Deiner Worte offenbart. Linchen, höre mich! Es läßt sich alles vereinigen: die Nothwendigkeit und die Neigung. Zieh nach X.! Du bist unabhängig, Du kannst's; hast Du nicht sogar Verwandte dort? Ich habe da meine Heimat, meine Werkstatt, und werde auch meine Häuslichkeit dort gründen müssen; aber wie ein jeder Mensch seine Kirche noch höher hält als sein Haus, so werde ich täglich zu Dir wallfahrten, in Liebe, in Sorgen, und mein besseres Leben an Deinem Altare niederlegen, und Du wirst meine Vorsehung sein, während Leonore nur meine glückliche Hausfrau sein wird; denn glaube mir, ich bin reich genug für sie und Dich! Sie soll nie etwas von meiner Liebe zu Dir ahnen; denn wenn unser Verhältniß schön und schuldlos sein soll, so darf es auch keines Menschen Glück stören. Wir haben auf dieser Erde keine weiteren Verpflichtungen gegen unsern Nächsten, als ihm in allen Verhältnissen das Leben süß und angenehm zu machen. Du öffnest das Haus mehren Künstlern, und ich finde ungezwungenen Zutritt darin, den unsere zufällige Bekanntschaft in Nachen vollkommen motivirt. – Sag' mir brauchst Du denn noch etwas außer meiner Liebe? Ich habe an der Deinigen volle Genüge! – Kannst Du noch glücklicher sein, als wir es gestern im Walde waren? Ich nicht!«

»Ach! Deine Worte,« sagte sie, »legen sich um mich wie ein betäubender Duft; ich athme sie ein wie süßen Blumengeruch; sie bringen mich um Kraft und Entschluß, um Gottesfurcht und Tugend! Ich will Alles; nur nicht von Dir mich trennen!«

»Und doch muß es in wenigen Tagen geschehen, wenn wir keinen Verdacht erwecken wollen; aber nur für kurze Zeit. Hu gehst Deinen früher ausgesprochenen Planen nach, ich den meinigen. Ich hab' einmal gesagt, ich wolle nach der Schweiz; die Leute fragen mich schon jetzt, warum ich noch nicht dort sei. – Die Ankündigung einer Reise ist eine leichtsinnig eingegangene Schuldverschreibung; man muß sie ausführen, denn sonst sehen Einen die Menschen mit so mißtrauischen Blicken an, daß man glauben sollte, man nehme zu viel Platz in der Stadt ein. – Also ich gehe, und eh' die Blätter fallen, folgst Du mir! nicht wahr?«

Sie konnte nicht anders als »Ja« sagen, aber die Freudigkeit ihres Herzens war dahin. Sie hatte es sich seit lange schon so süß gedacht, an der Seite des Mannes einherzuschreiten, den sie liebte, es allen Menschen sagen zu dürfen und den Tribut seiner Zärtlichkeit öffentlich anzunehmen; sie war von jeher eine abgesagte Feindin aller verbotenen Neigungen gewesen, und jetzt war sie unauflöslich in eine solche verstrickt. Sie hatte sich gar keiner Leidenschaftlichkeit fähig gehalten, und jetzt erging sie sich in den tiefsten, sinnverwirrendsten Schluchten derselben, und ihre Riesenbäume schlugen schauernd über ihr zusammen! Und mit all diesen beängstigenden, von Zweifeln gestörten Gefühlen schrieb sie doch an ihre Tante nach X., die sie schon lange gebeten hatte ihren Wohnort bei ihr aufzuschlagen, und bat sie Wohnung und Dienerschaft zum Herbste für sie in Bereitschaft zu halten.

Endlich kam der Tag der Trennung heran; nicht eine jener herzzerreißenden Trennungen, die alle Hoffnungen und Freuden der Erde auf einmal mit sich in den Abgrund des Scheidens reißen; es war eine sanftere, der die Hoffnung des baldigen Wiedersehens den scharfen Stachel nahm, und doch hatte sie ihr Bitteres. Man kann ja kaum für eine Stunde auseinandergehen ohne die Angst, sich vielleicht nicht mehr so zu treffen, wie man sich verließ! Otto trat mit der grünen Reisemütze zu ihr ein, um ihr Lebewohl zu sagen. Sie wollten sich schreiben, täglich, stündlich, um die Ferne zu bezwingen, aber – sie sollte nach Sachsen – er nach der Schweiz. – Er drückte noch einmal einen langen Kuß auf ihren Mund und ließ sie in Thränen auf ihrem Sopha liegen. Heißt das aber scheiden, wenn zwei Menschen so beisammen bleiben wie zwei Liebende? wo der Geist des Einen sich um den Andern legt, wie die Luft, die ihn umgibt; wo Jeder meint, der Geliebte müsse hinter dem nächsten Busche, der nächsten Mauer hervortreten; wo Keiner einschläft oder erwacht, ohne des Andern Hand in der seinen zu fühlen, ohne seinen Hauch in jedem Luftzuge zu erkennen? Otto durchzog die Schweiz; Karoline durchflog Deutschland in diesem schönsten Wahnsinne, der nichts für unmöglich, nichts für schwierig hält, was zum Zwecke der Liebe gehört. Er erkletterte Berge, auf die ihn die Rastlosigkeit der Leidenschaft trieb; er eilte nicht minder bewegt in die Ebenen der Menschen hinab; er theilte Gefahren der kühnsten Jäger mit Wollust. – Einst schoß er eine Gemse, an eine Felsenmauer angelehnt, an einen Pfad geklebt, eben breit genug um seine Füße zu stützen; vier Stunden stand er dort in dieser hehren, majestätischen Ruhe der Natur, nur an sie denkend: »er stand in süßen Träumen und starrt ihr Bildniß an, bis das geliebte Bildniß heimlich zu leben begann.« Da kam das Thier, und die Jagdlust schwellte ihm die Brust wie eben die Liebe, und zitternd, doch mit sicherer Hand drückte er los; – das Wild stürzte im Feuer zusammen, daß es von Klippe zu Klippe herunterfallend, ihm zu Füßen lag. – Und immer dachte er dabei an Karoline. Wenn die Wunder der Natur sein ganzes Gemüth erregten, rauschende Waldbäche, Felsen, Tannendunkel und ein einsamer kreischender Adler sein Herz erhoben: dann fühlte er Poesie in sich und Liebe, die sich in einander verschmolzen und seine Seele fast übermenschlich anregten. Er hat später Landschaften gemalt – alle Kinder der damals empfangenen Eindrücke, in welche es ihm gelungen den Geist jener unvergeßlichen Tage zu legen, und die eine hellere Glorie um seinen Künstlerruhm verbreitet haben, als selbst seine hochgeschätzten historischen Gemälde. Endlich nahte er sich wieder X., erfüllt mit Karolinens Bild. So kam er in sein Haus, so zu Eleonoren; immer trat sie ihm vor die Augen, tanzte vor ihm in das Haus hinein, leuchtete ihm die Stiege hinauf, und es war mit einer Art von Ueberraschung, daß er endlich seine Braut vor sich stehen sah. Das war eine Freude, ein Umarmen, ein Ausfragen! Er hätte verzweifeln mögen, und war froh, als er zu Hause sich selbst überlassen blieb. Er hörte Lori wieder singen, er sah sie wieder vor der Harfe sitzen; aber er hätte jetzt keine zweite Lorelei geschaffen, und ihre Schönheit kam ihm unheimlich vor; er fand sie zu groß, zu breitschultrig, und entdeckte, daß ihre Stirn eine gewisse Wölbung habe, die immer das Tabernakel eines beschränkten Gehirns ist. Was fehlte ihr erst an Weltton, an Takt, an Lebendigkeit – von den höhern Eigenschaften des Geistes und der Seele gar nicht zu sprechen! Lange trug er den Druck nicht allein. Eines Tages, als Bergheim ihm eine geheime Neigung seines Herzens anvertraute, ging auch ihm die Seele auf; er sagte ihm Alles, er konnte es auch auf die Ehrenfestigkeit seines Charakters hin wagen. Bergheim sagte: »Du hast ganz Recht, Dein Wort unter keiner Bedingung brechen zu wollen, aber übereile Dich nicht, laß die Zeit walten!« Otto mußte ihm noch viel von Karolinen erzählen, und gab sich alle Mühe sie der Wahrheit gemäß zu schildern. »Ist sie schön?« fragte Bergheim.

»Schön ist sie nicht,« erwiderte er, »aber hübsch und anmuthig, und vor allen Dingen voll von unaussprechlichen Reizen, die man erst entdeckt, wenn man sie näher kennen lernt. Um von oben anzufangen: es liegt ein poetischer Charakter in dem Fall ihrer Locken, die von weicher Seide und Spezereien gewoben sind; ihr Mund, in der Ferne nicht regelmäßig, hat in der Bewegung der Züge die süßeste Lieblichkeit, wenn sie wie ein Kind hell auflacht und die Lippen die weißen Zähne halb entblößen, oder wenn sie spricht und die Worte daraus hervorquellen, so gleich und anmuthig wie Perlen, die an eine Schnur gereiht sind. In der Form und Farbe ihres Auges ist nichts Ausgezeichnetes, aber es liegt ein lebendiger, wechselnder Ausdruck darin, eine eigene Verbindung von Klugheit und Güte, – und, vom Strahl der Liebe erleuchtet, ist es eine wahre Sonne; – ihre Hand ist weiß, fein und vornehm und gegen Lori's eine Kinderhand; eben so klein und aristokratisch ist ihr Fuß, und es hat mich oft vergnügt, wenn sie im nassen Sande vor mir ging, ihre zierlichen Fußstapfen zu verfolgen und mit meinen großen zu vergleichen. Du solltest sie sehen einen Hut mit Federn tragen! Federn sind das Echo der Bewegungen; die Feder auf dem Hute einer gemeinen Frau wird ungeschickt, wie sinnlos hin und her springen, während die Feder eines feinorganisirten, gebildeten Weibes sich leise, wie eine vom lauen Winde gewiegte Blüthe bewegen wird, bald sich mit dem Haupt der Trägerin demüthig neigend, bald sich anmuthig in die Lüfte schwingend. Dies alles aber sind nur äußere Liebreize, obgleich sie großentheils nur aus einer harmonischen Ausbildung der inneren Seelenzustände entspringen; ihr Charakter übt eine Macht über Jeden aus, der ihr naht. Sie ist die einzige Person von vornehmem Stande, welche ich je das rechte Mittel des Verkehrs mit minder Hochgestellten treffen sah, die gleich entfernt von beleidigender Herablassung, wie von nach Popularität strebender Familiarität bleibt. Ich habe sie überhaupt nie nach etwas streben gesehen; ihr Humor, der Erguß ihrer Gefühle, alles ist natürlich; sie ist auch die einzige Person, der es je ihre Standesgenossen verziehen haben, daß sie ihre Freunde nicht ausschließlich in ihren Kreisen sucht. Ist sie im Zimmer, so richtet sich unwillkürlich jedes bedeutendere Wort an sie; setzt sie sich still in eine Ecke, so dauert es nicht lange, und die liebenswürdigsten Menschen des Kreises sind ihr unwillkürlich nachgezogen. Und diese sichtlichen Auszeichnungen nimmt sie mit einer aus der Seele kommenden Bescheidenheit hin, die den Werth derselben vollkommen zu würdigen weiß und immer geneigt ist, ein fremdes Verdienst über das eigene zu setzen.«

Bergheim erwiderte: »Wohl begreife ich, daß Du eine Frau, wie diese, liebst; aber nie werde ich es begreifen, wie – – –.«

»Grüble darüber nicht!« sagte Otto: »Gewiß ist es, daß mich nichts in der Welt demüthiger gegen mich selbst stimmt, als wenn ich die Reihe derjenigen durchgehe, die mir in meinem Leben schon gefallen haben.«

»Nun,« meinte Bergheim, »es trifft sich nicht oft, daß ausgezeichnetere Menschen, wie Du doch einmal einer bist, gerade wieder auf etwas Ausgezeichnetes stoßen, und lieben muß man Jemand; laß Dich's nicht reuen, man lernt immer etwas dabei.«

»Ich wollte, ich hätte nie etwas gelernt, und nie eine Andere angesehen, als Karoline,« entgegnete Otto.

Nach einiger Zeit schrieb sie ihm, welche Wohnung für sie genommen sei. Er sah ihre künftigen Zimmer noch bewohnt, die Fenster mit bunten Gardinen drapirt. Endlich nahm man sie herunter; es begann ein großes Scheuern und Putzen, Möbelvermiether schickten ihre Lasten in das Haus, und alle diese Anstalten entzückten ihn. Eines Abends sah er abgepackte Reisewagen unter dem Thore stehen, und hinter den Fensterläden blitzte Licht; er ging langsam am Hause vorbei, die Augen hinaufgerichtet; da öffnete sich das eine Fenster, und sie stand im Reisekleide darin, und trotz der Dunkelheit glaubte er den Blick zu sehen, den sie ihm hinabsandte. Er ging wie ein Berauschter durch die Straßen nach Hause; er hätte rasen mögen, daß er nicht gleich hatte dürfen zu ihr hinaufstürzen, sie mit Küssen bedecken, sie fragen, ob sie ihn noch liebe. – War denn ihr Kommen nicht der sicherste Beweis davon?

Am Morgen endlich war die Stunde des Wiedersehens gekommen, die süße, lang ersehnte Stunde. Sie brach fast zusammen unter der Last ihres Glückes; er fühlte sich riesenstark. wie damals, als er sie über das Büchlein trug. Sie verabredeten ihren künftigen Lebensplan, die Stunden, wann sie sich sehen durften, ohne Anstoß zu geben. Das Wegräumen all der kleinen Hindernisse, die sich ihnen entgegenstellten, war das süßeste Geschäft; die kleinen Dilemmas, in die sie sich verwickelten, die allerreizendsten. Den Abend sagte Karoline zu ihrer Tante: »Wie lebt Ihr hier? wen seht Ihr? mit was beschäftigt Ihr Euch?«

»Wir leben langweilig. Heine sagte einmal in einem seiner verruchten Bücher, die Nationalschuld sei die Krankheit, an der alle Minister Englands sterben; unsere ist die Langweile. Dieselben Menschen sehen sich heute hier, morgen dort; dieselben Lächerlichkeiten werden jahraus, jahrein besprochen, nur daß die Träger derselben wechseln. Die Interessen sind beschränkt: ein Bischen Theater, ein Bischen Politik, ein Bißchen Klatscherei; kurz, es fehlt uns an aller Frische, und wenn ich wüßte, daß es irgendwo anders besser wäre. ich hätte Dich wahrhaftig nicht hierher gelockt.«

»Für mich ist's hier schon gut genug,« sagte Karoline; »aber ich will ein solches Leben nicht führen, wie Ihr hier; ich will mich nicht auf Euren engen Kreis beschränken, ich will Talente aller Art, ausgezeichnete Männer, wo ich sie finde, heranziehen.«

»Es wird Dir nicht gelingen,« sagte die kluge Frau; »Du kannst Dich doch nicht ganz aus meiner Gesellschaft ausschließen.«

»Gott bewahre mich!«

»Nun denke Dir die angenehme Situation für eine Hausfrau, wenn dieser oder jener große Geist mit zu hohem oder zu niederm Rockkragen in Deinem Salon sitzt, und Deine Habitues sehen denselben mit erstaunten Blicken an und begreifen gar nicht, wie er mit ihnen in dasselbe Zimmer kommt, oder thun, als ob sie ihn gar nicht bemerkten; – und solchen Scenen würdest Du Dich ohne Uibertreibung täglich aussetzen.«

»Ich will's riskiren,« sagte Karoline; »aber nicht plötzlich. Erst will ich mich ein Bischen beliebt machen, dann will ich eine Partei sammeln und erst votiren lassen, wenn ich meiner Sache sicher bin. Eine ganz hübsche Künstlerbekanntschaft ist mir schon heute früh wieder begegnet: der Maler L., der in Aachen das Wasser mit mir getrunken hat.«

»Nun das ist unsere erste Größe hier; aber Niemand kennt etwas anderes von ihm, als seine Bilder und seine schöne Braut, der, seitdem die Lorelei aufgestellt war, die ganze Stadt nachläuft.«

»Nach den Künstlergattinnen und Bräuten bin ich nicht begierig,« fiel Karoline schnell ein, und hatte für heute genug.

Aber sie setzte ihren Willen durch: ihr Haus war bald von gehaltvollen Menschen jeder Art bevölkert; sie wußte es Jedem behaglich zu machen, und Herzen, die lange vertrocknet gewesen waren, thauten bei ihrer Liebenswürdigkeit wieder auf. Man war bald gewohnt Otto bei ihr zu treffen, und sobald nur die Scheu des ersten Bekanntwerdens vorüber war, hatte er alle Ursache, mit der Aufnahme, die man ihm gewährte, zufrieden zu sein. Er wäre auch gekommen, wenn man ihn weit schlechter empfangen hätte.

Von dieser Seite war das Verhältniß ganz vollkommen nach Wunsch der beiden Liebenden geleitet; aber bald fand sich eine andere Klippe, die sich aus Karolinens Charakter und den Umständen, die ihn in ein seiner Natur widerstrebendes Geleise zwängten, erhob.

Es war natürlich, daß Otto kaum mehr als eine Stunde an jedem Tage bei ihr sein konnte: theils erforderte der Anstand in diesem Zusammensein ein gewisses Maß, theils war er wieder ganz in seine gewohnte Thätigkeit getreten, und endlich war er es seinen Verhältnissen schuldig, Leonorens Haus nicht weniger zu besuchen als früher; aber diese letzte Verbindlichkeit war es, die Karolinen Gift in das Glas goß! Sie fragte ihn mit Aengstlichkeit über die Stunde seines Besuches, über alles, was er dort gesagt hatte, über den Grad seiner Zärtlichkeit für Leonoren auf das umständlichste aus; sie spannte ihn daher täglich auf eine Art von Folter, und verurtheilte sich selbst Dinge zu hören, die ihr jedesmal das Herz mit tausend Qualen erfüllten. Sie machte sich einen ganz übertriebenen Begriff von Leonorens Schönheit; sie dachte es sich als unmöglich, daß er solchen Reizen gegenüber an sie gedenken könnte, und Otto's zärtlichste Schwüre, seine aufrichtigsten Versicherungen halfen nichts. Er konnte ihr alles einreden, alles über sie vermögen, nur nicht, daß es ihr gleichgültig sein sollte, wenn er täglich als erklärter Liebhaber zu einer Andern ging, als zu ihr. Sie bat, sie flehte ihn wiederholt ihren Wunsch zu erfüllen und sie zu heiraten; sie wolle stolz darauf sein seine Frau zu heißen; an ihrem Namen, an ihrem Rang läge ihr gar nichts, in Verhältniß zu dem Glücke, welches sie als seine anerkannte Gattin genießen würde. Aber sich heimlich von ihm lieben zu lassen, das empöre ihren Stolz; er möge seine Wahl treffen zwischen ihr und Mlle H., wie sie Lori in solchen Augenblicken zu nennen pflegte; und wenn er dann schmeichelnd ihre Hand nahm und sie fragte, ob sie ernstlich verlange, daß der Gegenstand ihrer Liebe ein Wortbrüchiger werden und ein Mädchen verlassen solle, das sich ihm in gutem Glauben anvertraut hätte, – oder ob sie daran denken könne, daß ihre so schöne Liebe auf so schnöde Art abgebrochen werde: dann brach sie in Thränen aus und wußte nicht, was sie antworten sollte, denn sie fühlte wohl, daß das Letztere das allen Umständen und weltlichen Verhältnissen Angemessenere gewesen wäre, – nur auch, daß es eine Unmöglichkeit sei. – Sie wollte Leonoren einmal sehen und bat Otto es so einzurichten, daß sie sich im Theater gegenüber sitzen könnten. Er benachrichtigte sie vom Tage, ging aber an diesem Abende nicht in's Schauspiel. Karoline und ihre Tante kamen früher; endlich öffnete sich die Thür der ihr bezeichneten Loge, und zwei Damen, beide jung und hübsch, traten hinein. Karoline fand augenblicklich die Rechte heraus. Ihre Tante sagte: »Wer mag dieses schöne Mädchen sein? elle n'est pas des nôtres!« und die neidlose, jedes fremde Verdienst gern anerkennende Karoline fühlte einen Aerger, eine üble Laune über diese Anerkennung, die sie zum ersten Male mit dem innern Elende eines gemeinen scheelsüchtigen Charakters bekannt machte. Sie ging verstimmt, niedergedrückt, von allen Schlangen der Eifersucht gemartert nach Hause, schloß ihre Thür und legte sich zu Bette. Ihre Kammerjungfer erschrack über ihr Aussehen; als sie allein war, rang sie die Hände; es ward ihr in den Schatten der Nacht zur Gewißheit, daß Otto sie gar nicht liebe, denn wie könnte er sie sonst so tödtlich quälen! Sie wollte nicht wie eine Bleikugel an seinem Fuße hangen, eine aus Mitleid geduldete, weinerliche Schöne. Sie stand des andern Morgens nach kurzem Schlummer bleich und erschöpft auf, setzte sich zum Schreibtische und nahm ein nach Patschuli duftendes Blatt heraus, worauf sie einen wahrhaft vom Wahnsinn des Fiebers eingegebenen Brief fabrizirte. »Sie wollte fort in die Welt hinaus, – wo sie seinen Namen nie mehr hören würde; – er solle sie – ihre Liebe vergessen, im Grabe ruhen!« Sie hielt das Billet in der linken Hand, mit der rechten rührte sie an die Klingelschnur; da meldete der Kammerdiener Herrn L., und dicht hinter ihm trat Otto ein. Er eilte auf sie zu mit dem Ausdrucke glücklicher Liebe, der so verschönend auf dem Menschenantlitze liegt; er küßte ihre Hand, welche die Klingelschnur nicht mehr hielt, mit unwiderstehlicher Innigkeit und sagte: »Ich komme nur auf eine halbe Stunde, Linchen, aber ich mußte Dich sehen, ehe ich an ein unabweisbares Geschäft gehe. Wie siehst Du so lieb aus! Hast Du gelitten? Du bist blaß, aber Deine Augen leuchten so freundlich! Gott, wie lieb' ich Dich! wie leb' ich nur in diesem Gedanken! Bin ich von Dir getrennt, so ist mir physisch, als sei ein Stück von meinem Leibe weggerissen. Den ganzen Tag wirst Du mir vor den Augen herumtanzen, und heute Abend komm' ich – nach dem Theater, nicht wahr?«

Sie stand nah am Ofen, und als wolle sie das verglimmende Feuer anfrischen, ging sie heran, knieete vor die Thür und steckte das Billet in die Flammen. Sie sah recht ängstlich nach Otto, ob er es auch bemerkte; aber er hatte nur Augen für ihre Gestalt, ihre Bewegungen, und als sie wieder kam, drückte er sie mit Wonne an sein Herz. – Und doch fand er sie den andern Tag wieder weinend; er setzte sich neben sie, faßte ihre Finger und spielte sanft damit. »Warum weinst Du,« sagte er, »über das Unvermeidliche? Haben wir denn nicht Glück genug? Es umschwebt uns wie die Atmosphäre, in der wir athmen, und jedes Gespräch, das wir mit einander führen, jeder Anblick ist dieses Glückes voll. Sieh, daß wir für jedes Gefühl eine Faser haben, einen Nerv, der es empfindet, für jeden Nerv ein Wort, das ihn nennt und ausspricht; daß wir uns immerfort auf's Neue berauschen, zwar immer am selben Nektar trinken, aber immer einen neuen Kranz, neue Blumen am Rande des Bechers finden! – das allein ist schon ein Glück, das nur den Begünstigten zu Theil wird! Und wer hat alles dies besser, oder so wie wir? Siehst Du denn nicht, wie wir von einer Schöpfung unsers eigenen Liebeswebens umgeben sind? wie aus unfern Worten, aus unsern Küssen eigene Genien, flüchtige, sublimirte Geister erweckt werden, die nur einen Augenblick leben; aber in diesem Augenblick ist ein potenzirtes Dasein, wie andere Geschöpfe es nicht kennen!« – Sie sog seine Worte mit hingebendem Entzücken ein, aber dieser ewige Wellenschlag des Herzens wirkte endlich zerstörend auf ihre Gesundheit; der Geist will immer Wunder thun, aber der Körper erinnert auf Erden täglich an seine Vergänglichkeit. Karoline war nicht mehr dasselbe Weib, das Otto in Aachen hatte kennen und lieben gelernt, sie war ein anderes, durch ihn geknicktes und gebeugtes; und er liebte sie täglich mehr; er hätte sein halbes Leben darum gegeben, um ihr die andere Hälfte ohne Einschränkung schenken zu dürfen. Endlich verging der Winter; aber mit dem Frühling trat ein Ereigniß ein, dem Karoline schon lange mit Angst entgegengesehen hatte: der alte Professor, zu dessen Nachfolger Otto bestimmt war, erkrankte plötzlich. Diese Nachricht erschütterte Karolinen so sehr, daß der Arzt sie am andern Morgen in heftigem Fieber fand. Er rieth ihr sich auf einige Zeit von der Stadt zu entfernen, in der eine böse Krankheit beunruhigend herrschte. Sie sah diesen Rath als eine Stimme von oben an und beschloß augenblicklich abzureisen, wohin es auch sei; nur wollte sie die schreckliche Entscheidung nicht abwarten, nicht an dem Orte leben, wo Otto und Leonore nächstens von der Kanzel herab als ein Brautpaar proklamirt werden könnten. Als er kam, kündigte sie ihm mit Festigkeit ihre Absicht an, X. auf immer zu verlassen. Ihm war's wie ein Todesstoß, als es ihr endlich gelang ihn von dem Ernste ihres Entschlusses zu überzeugen. Er warf sich vor ihr auf die Kniee; er bat sie, wie um sein Leben flehend, zu bleiben. Sie schluchzte, war außer sich – schwur aber reisen zu wollen: »sie könne diesen geseilten Zustand durchaus nicht mehr ertragen; er solle wählen zwischen ihr und Leonoren!«

Er ging im heftigsten Kampfe auf und nieder »Was kann ich davor,« sagte sie, daß Du mir mein Herz gestohlen hast, während Du andererseits gebunden warst! Mein Glück ist auch etwas! ich will diesen Zustand nicht mehr dulden!«

Endlich stand er vor ihr stille: »Ich liebe Dich,« sagte er, »mit wahnsinniger Leidenschaft, mein ganzes Lebensglück hängt von Dir ab; – es steht jetzt in Deiner Gewalt es auf immer zu vernichten; aber ich werde mein Wort nicht brechen. Wenn Du so grausam sein willst, so geh!«

Sie nickte mit dem Kopfe und verbarg das Gesicht in die eine Hand, ihm mit der andern hinauswinkend. Er ging. Sie sammelte sich, so gut sie konnte; nach einer Stunde ließ sie ihren Kammerdiener kommen und gab ihm ihre Befehle zur Abreise nach Dresden. Ihrer Tante kündigte sie denselben Entschluß an: sie fürchte den Typhus, sagte sie, und wolle auf zwei Monate verreisen; sie war aber bei sich entschlossen nie wiederzukehren. Ihre schlechte Gesundheit war Ursache, daß die Tante vollkommen mit dieser Reise einverstanden war. Fünf Tage später stand ihr Wagen angespannt; sie ging wie eine Träumende umher: die erfahrene, in allen Anordnungen praktische Frau ließ sich wie ein kleines Kind lenken und für sich sorgen. Otto stand am letzten Morgen bleich und verstört in ihrem Zimmer; sie sah ihn – er sie mit dem Ausdrucke unaussprechlicher Liebe an; Keines konnte das Andere tadeln, Keines war mit sich selbst zufrieden. – »O Karoline!« sagte er ihr, »wenn es ein Maß gibt, über das hinaus die Treue der Völker sogar nicht mehr in Anspruch genommen werden kann, gibt's dann nicht ein Maß, wo endlich Ehre und menschliche Gesetze weichen müssen?« Sie sagte: »Du mußt's wissen.« Es war ihr, als würde sie zum Tode geführt, als sie endlich in den Wagen steigen mußte; er schwankte aus dem Hause, und erst in dem seinigen machte ihm ein Strom von Thränen Luft. Sein Leben war abgeschnitten, seine Freude todt! Er ging zu Leonoren, die verlegen und kälter erschien als gewöhnlich. Die Angst, daß sie etwas habe erfahren können, machte, daß er sich zusammen nahm: aber er ging seltener zu ihr, und sie lud ihn nicht ein öfter zu kommen. Mußte er dort sein, so langweilte er sich zum Sterbender dachte mit Grauen an die langen Jahre seiner künftigen Ehe. Malen konnte er nicht – lesen auch nicht; er war ein Träumer und zwar ein unglücklicher Träumer geworden.

Einmal ging er durch die Gasse, wo sie gewohnt hatte, aber er versprach sich es nie wieder zu thun, lieber einen großen Umweg zu machen. Bergheim's Umgang war seine liebste, seine einzige Zerstreuung. Dieser suchte so viel wie möglich erheiternd auf ihn zu wirken; die junge Lust des Jahres schien ihm dabei die Hand bieten zu wollen; aber Alles war umsonst: der alte Professor war genesen – Otto im Herzen erkrankt.

 

Eines Abends – es waren sechs Wochen seit Karolinens Abreise verflossen – saß er mit Bergheim im nämlichen Wirthshause, in welchem er demselben seine Verlobung angekündigt hatte. Da kam ein Kellner mit einem Briefchen in der Hand herein. Als Otto das Papier von Weitem sah, befiel ihn ein Zittern – das Format, das Papier, der Duft, die Schrift: alles kündigte von Aussen an, von wem es komme. Er riß die fein vergoldete Oblate mit einer Grafenkrone und einem K. darunter auf – es enthielt blos das Wörtchen: »Komme!« Er stürzte wie wahnsinnig hinaus in die langgemiedene Gasse, die Treppe hinauf zu ihr. – Da stand sie mitten im Zimmer, die Arme ausgebreitet, ein Bild der Liebe! – »Ich konnte nicht leben ohne Dich,« sagte sie, »da bin ich wieder!«

Wie anders war die Welt am andern Morgen! Wie selig, wie stolz schritt er durch die Stadt! Er ging leichten Schrittes, leichten Herzens zu Leonoren; er fand Gegenstände des Gesprächs in Menge, und als er sie verließ, seufzte sie leise. Zu Hause warf er ein Bild auf die Leinwand, die er seit sechs Wochen nicht berührt hatte. Und mitten in dieses Glück erscholl die Schreckensbotschaft von dem nun wirklich erfolgten Tode des alten Professors. Er hoffte, die Kunde würde nicht gleich zu Karolinen dringen, damit er Zeit finde sie vorzubereiten; aber er selbst war wie vernichtet. Da kam ein Bedienter, der ihn bat sich zu Herrn H. zu verfügen. Er ging, nichts Gutes ahnend.

Herr H. empfing ihn in seinem eigenen Zimmer rez-de-chaussée.

»Lieber Freund!« redete er ihn an, »es ist seit einiger Zeit etwas Fremdes zwischen uns getreten, und die Umstände zwingen mich eine Sache zu berühren, deren Erörterung mir nicht weniger unangenehm als Ihnen selbst sein kann.« Otto zitterte innerlich; er stand da wie vor Gericht und zwar wie ein Angeklagter, der sich schuldig fühlt, und der keine andere Hoffnung hat, als die Blindheit der Geschwornen.

»Professor N. ist gestorben, mein lieber Freund!« fuhr Herr H. fort, dessen Mäßigung Otto nicht genug bewundern konnte, »und hiermit wäre von Ihrer Verbindung mit meiner Tochter jedes Hinderniß hinweggeräumt; aber – lassen Sie uns untersuchen: steht auch noch alles wie damals?«

»Ich wüßte keine Aenderung,« sagte Otto kleinlaut.

»Sie versicherten mir damals auf eine Einnahme von Gulden des Jahres zählen zu können, was mit dem Gehalt als Professor allerdings ein anständiges Auskommen gewährt.«

Otto nickte mit dem Kopfe.

»Aber, mein Freund, sind die Herzen auch dieselben?«

Otto sagte fest: »Mein Entschluß ist unverändert!«

»Das ist schön,« fuhr Herr. H. fort, »und auch Lori achtet Sie jetzt nicht weniger als vor einem Jahre. Nun, ich rede als Ehrenmann mit Ihnen. Die Welt macht auch ihre Anforderungen; aber sie ist ein herrliches Mädchen!«

Otto wußte durchaus nicht, was Herr H. sagen wollte, und begnügte sich damit, gar nichts zu erwidern«.

»Sagen Sie mir mit einem Worte« fuhr H. plötzlich, wie mit einem Entschlusse heraus: »hängt Ihr Glück von dieser Verbindung ab? Haben Sie während dieses ganzen Jahres dieselbe als das Ziel Ihrer Wünsche vor sich gehabt?«

Otto schwieg ein Weilchen, dann sagte er: »Ich habe Ihnen keine Ursache gegeben daran zu zweifeln.«

»Keine Ursache,« antwortete Herr H.; »indessen geschieht es ja doch manchmal, daß ein junger Mann sich verlobt und daß es ihn hernach reut; reden Sie mit mir, als ob ich Ihr Vater sei, ich nehme Ihnen nichts übel: lieben Sie Leonoren leidenschaftlich?«

Otto sagte: »Nein!«

Ein Sonnenschein flog über Herrn H.'s Gesicht. »Nun denn,« sagte er, »so hören Sie und entscheiden Sie! – Baron L., ein Mann, der über 20,000 Gulden jährliche Einkünfte hat, und sehr verliebt ist, trägt meiner Lori seine Hand an – –«

Was brauche ich weiter zu sagen? Otto verließ das Haus, als wären ihm Flügel gewachsen und alle Sorgen der Erde von ihm gewichen; und als er Karolinen sah, stürzte er zu ihren Füßen hin und sagte: »Frei! frei! frei!«




1 Als dieses geschrieben wurde, lebte der fromme, gute König noch, dessen Tod seitdem diesen Tag zu einem Trauertage umgewandelt hat.