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Matthias Blank – Ahasvers Brautfahrt

Erzählung aus längstvergangenen Tagen

Aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1908, Dreizehnter Band, Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig, 1908.


1.

Eine stürmische Dezembernacht des Jahres 1684. Draußen peitschte der Wind den Schnee um die dürren Äste der alten Ulmen, aber im Kamin des dämmerigen Gemachs flackerte ein Feuer, das eine wohlige Wärme ausströmte. In Lehnstühlen und Samtsesseln saß die Gesellschaft rings um das Feuer, das nur die Füße mit rotem Leuchten erhellte. Da waren zierliche Stiefelchen mit Fuchspelz verbrämt, daneben reckten sich Füße in schweren Juchtenstiefeln.

Nur wenn eines der Buchenscheite verglühend in sich zusammensank, und die Feuerglut heller aufloderte, fiel der Schein aus das knochige, bartlose Gesicht eines alten Mannes, der dem Kamin am nächsten saß, und ließ die runzelige Haut wie brennend rot erscheinen, wobei die schwarzen Augen nur um so dunkler aufblitzten.

Das war der alte Burgherr vom Karrstein, Herr Ottmar v. Löwengaard.

Eine weiche Stimme sagte wie träumend: »Die Nacht ist so stürmisch. Wie mag sich die glückliche Braut in die warmen Felle schmiegen, wie mag sie wünschen, hier einzutreffen, wo der Bräutigam sie so sehnsüchtig erwartet!«

»Die Stunden schleichen träge dahin. Es ist erst zehn! Vor zwei Uhr Morgens können sie nicht eintreffen.«

»Sollte man nicht lieber schlafen gehen?« schlug ein anderer Gast vor.

Da lachte eine der jungen Damen und sagte: »Dem Bräutigam wird die Lust fehlen.«

»So mag jemand eine Geschichte erzählen.«

Einen Augenblick trat Stille ein; dann bettelte eines der Dämchen: »Herr v. Löwengaard, erbarmen Sie sich unser!«

Seine Antwort hatte einen seltenen Klang, weich und zart wie eine tiefe Frauenstimme: »Nur fröhliche Geschichten sind heute am Platz, da wir eine Braut erwarten. Ich aber kenne keine solchen.«

»O, ich möchte ganz gerne etwas hören, wobei man sich fürchten kann, oder wobei die Augen weinen. Diese Nacht ist doch dafür wie geschaffen.«

Eine andere rief: »Ja, so etwas mag er erzählen, wobei man das Gruseln lernen kann, enger zusammenrückt und scheu um sich blickt, wobei man fremde Laute zu hören vermeint.«

Eine tiefe, rauhe Stimme sagte: »So erzähle doch von der Hochzeit der schönen Susanne v. Löwengaard.«

Da ward es still, und alle schienen auf die Antwort des Burgherrn zu warten.

Da er immer noch schwieg, sagte wieder eine der hellen, fröhlichen Stimmen: »Ja, von dieser Hochzeit wollen wir hören!« «

»Von der Hochzeit der schönen Susanne v. Löwengaard wollt ihr hören, die dabei hat sterben müssen? Die Herren Doktoren haben sich's leicht gemacht. Ein Herzschlag! Sie haben ja für alles einen Namen, und müßte es selbst einer sein, den wir nicht verstehen, weil sie die Sache selbst nicht begreifen. Was ich aber weiß, was ich mit meinen Augen gesehen, mit meinen Händen gefühlt und mit meinen Ohren gehört habe, das kann mir der gelehrteste Doktor nicht wegdisputieren.«

Wieder schwieg er.

Die rauhe Männerstimme von vorhin munterte ihn auf: »So erzähle doch!«

Und der Burgherr begann.

»Die schöne Susanne v. Löwengaard war meine Schwester, fünf Jahre jünger denn ich und stets voll Lebenslust, immer gut gelaunt und bereit zu einem Tanzreigen, während ich schon als der gleiche Murrkopf zur Welt gekommen war, der ich bis heute geblieben bin. Schon als Knabe nahm ich alles mit großem Ernste auf und konnte über ein Scheltwort mehrere Tage untröstlich sein. Dabei hatte ich stets einen Hang zu einsamen Grübeleien. Susanne aber lachte schon in der frühesten Morgenstunde. Wenn ich in meinem Zimmer hockte und in Büchern studierte, da klang vom Garten herauf schon ihr silberhelles Lachen, während sie mit den jungen Hunden jagte und scherzte; sie lachte während des Mittagsmahls, wenn der alte, dürre Rat Ossenbrunner seine Historien berichtete, lachte über dessen Geschichten von dem ersten Löwengaard, der unter Kurfürst Sigismund General gewesen war, ebenso wie über die Schelmenschwänke aus der Klosterschule, in der der Rat studiert hatte; sie lachte während des Spazierrittes am Nachmittage und erzählte am Abende selbst die losen Streiche, die sie während des Tages ausgeführt hatte.

Man mußte Susanne Löwengaard selbst gesehen haben. Groß und stark ist sie gewesen, als wäre sie zur Arbeit allein geschaffen; aber doch war sie in ihren Bewegungen und in ihrem Benehmen von so graziöser Geschmeidigkeit, daß sie mit dem zierlichsten Meißener Porzellanfigürchen hätte wetteifern können. Die vollen Wangen waren immer gerötet, wie erhitzt, die Lippen voll und üppig und ließen dazwischen die weißen Zähne leuchten wie Perlen auf rotem Samt. Ihr goldenes Haar, das in seiner Farbe wie überreifes Getreide leuchtete, war in seiner üppigen Fülle wie eine Krone aufgesteckt.

Kein Wunder, wenn auf Karrstein die Feste kein Ende nahmen, wenn immer neue Gäste sich meldeten, und wenn die Freier anschwirrten wie die Motten zum Licht.

Die schöne Susanne war aber auch ein gar seltener, verlockender Köder. Damals waren die Zeiten schon solche, daß man eine Braut nicht allein um der Schönheit willen begehrte, sondern zugleich danach fragte, was sie als Hochzeitsangebinde mitbekommen würde. Ein Bräutigam der Susanne Löwengaard hätte mit ihrer Hand Schönheit und Reichtum zugleich erworben.

Unsere Eltern waren ja lange schon tot, und ich galt als der letzte Löwengaard; ich werde es auch sein, denn ich hatte nie Sehnsucht nach einem Weibe, ich ging viel lieber grüblerisch meinen Gedanken nach, und so bin ich Junggeselle geblieben. Um jetzt noch zu freien, wäre mein Haar schon zu weiß. Für Susannes Brautgabe war das reiche Karrstein bestimmt, und als besonderes Angebinde noch fünfzigtausend Dukaten.

So oft ein neuer Freier erschien, was stets mit einem Feste gefeiert wurde, da er für gewöhnlich noch weitere Gäste mit sich brachte, war Susanne von ausgelassener Fröhlichkeit; sie war beim Tanze die erste, beim Plaudern die munterste, und jeder Freier war entzückt und voll der besten Hoffnungen und baute sicherlich die herrlichsten Luftschlösser. Es lag dies in Susannes Art, und es ist nicht anzunehmen, daß sie gerne kokettiert hätte. Sie war mit jedem so und schien sich nicht bewußt zu sein, daß sie Hoffnungen erweckte, die sich viel zu sehr mit ihr beschäftigten. Zwei und oft drei Tage dauerten solche Feste, bis der Freier dann so sehr an den Erfolg seiner Wünsche glaubte, daß er bei mir in aller Form um Susannes Hand ward. Das Ende war immer dasselbe. Wenn ich mit Susanne darüber gesprochen hatte und sie nach einer Erklärung fragte, so sah sie mich stets verwundert an und erklärte: »Schade, denn es war doch so hübsch! Jetzt wird es auf Karrstein wieder stiller werden.«

»Das läßt sich ändern,« war dann oft meine Mahnung, »wenn du die Werbung annimmst. Er hat verraten, daß du ihm Hoffnungen gemacht hast.«

Darüber war Susanne stets am meisten erschrocken. »Was hab' ich getan, das nicht hätte geschehen dürfen? Ich bin freundlich gewesen wie zu jedem, denn ich kann kein griesgrämiges Gesicht schneiden. Aber wenn ich damit jedem Hoffnungen mache, dann müßte die ganze Welt mich zur Gattin fordern. Schade, er ist sonst ganz nett, und die Tage waren so schön!«

So endeten stets alle Freiersfahrten nach Karrstein. Ich kann nicht sagen, daß ich darüber unglücklich gewesen wäre, denn ich würde es schwer empfunden haben, Susanne und zugleich Karrstein zu verlieren; wenn ich zwar auch auf Karrstein hätte bleiben können, so hätte ich doch nie vergessen, daß ich ein Recht darauf nicht mehr besaß.

Sie hatte auch ihre besonderen Ansichten über die Ehe. In den Wintermonaten, wenn es auf Karrstein stille und ruhig geworden war, wenn die letzte Jagd ihr Ende genommen hatte, und nur noch wir zwei Geschwister mit dem alten Rat Ossenbrunner zusammen auf der Burg hausten, plauderten wir über alle möglichen Dinge und es ließ sich dabei nicht verhüten, die Ehestandskandidaten nochmals zu besprechen. Das war für den Rat Ossenbrunner stets ein eigenes Fest; wie kaum einer verstand er es, die Schwächen eines jeden zu karikieren und Bewegung und Eigentümlichkeit nachzuahmen. Er brauchte keinen Namen zu nennen, er stelzte nur mit steifen Füßen auf und ab, zog den Kopf ein, zwinkerte mit den Augen und endete mit krähender Stimme.

Da klatschte dann Susanne in die Hände und rief: »Hassenbach, Willfried v. Hassenbach! Genau so ist er im Zimmer auf und nieder gegangen und hat von seinem Schloß gekräht, von seinem Herzen gesprochen, das in Sehnsucht vergehe, und noch so mancherlei. Ich hab' kein Wort verstanden, denn ich mußte immer nur daran denken, wann er mit seinem Kikeriki beginnen würde.«

Da nahm ich Hassenbachs Partei; ich tat dies aus Überzeugung, denn so lächerlich seine äußere Erscheinung war, um so ernster war er als Mensch zu nehmen. »Du solltest nicht so von ihm reden. So ernst ist es noch keinem deiner Freier gewesen.«

»Ich will es ja gerne glauben,« hat sie darauf zur Antwort gegeben. »Aber ich passe noch nicht zur Ehe. Ich bin viel zu munter und würde mit allen lachen und scherzen, was für die Eifersucht meines Herrn Gemahls nicht gut sein würde. Ich selbst wäre aber schuldlos, denn aus meiner Haut kann ich nicht heraus. Mir fehlt zur Ehe der notwendige Ernst, die Würde; ich möchte am liebsten für immer untauglich zur Ehe sein.«

»Dann müsset Ihr ins Kloster gehen,« meinte der Rat, der bedächtig den Wein aus dem großen Humpen schlürfte.

»O, dazu eigne ich mich noch viel weniger,« rief sie mit munterem Lachen. »Ich liebe lustiges Leben viel zu sehr.«

»Du wirst schließlich doch einmal heiraten müssen, gab ich darauf zu verstehen.

»Leider!« seufzte sie dann in komischem Entsetzen. »Vorerst aber werde ich noch warten!«

»Wie lange noch?« fragte Ossenbrunner.

»Bis der ewige Jude kommt, da ist noch lange hin.«

Selbst ich hatte bei dieser Antwort unwillkürlich lächeln müssen, aber der Rat Ossenbrunner, der sonst jedes Scherzwort herzlich belachen konnte, machte ein außergewöhnlich ernstes Gesicht.

»Wer kann das wissen!« sagte er dann.

Ich konnte nicht verstehen, was er damit meinte, und der schönen Susanne mochte es ebenso gegangen sein.

»Wann der ewige Jude kommt?« fragte sie.

Er nickte.

Ich hielt mich schon für zu aufgeklärt, um an die Wahrheit solcher Legenden zu glauben, und gab dies auch deutlich zu verstehen.

Der alte Rat ließ mich ruhig zu Ende reden, und dann erst sagte er mit bedächtigem Kopfschütteln: »So sagt jeder! Auch der ungläubige Thomas wollte erst die Wundmale mit den Fingern greifen, ehe er an die Auferstehung glaubte.«

»Es kann doch ein Menschenleben nicht über sechzehn Jahrhunderte andauern!« behauptete ich.

»Ein Menschenleben allein nicht!« erklärte der Rat in seiner behäbigen Ruhe. »Aber viele!«

»Wie soll ich das verstehen?«

Da nahm Ossenbrunner noch einen Schluck und erzählte dann mit monotoner Stimme: »Natürlich kann ein Menschenleben nicht so lange währen. Aber auf Ahasver liegt der Fluch, daß er nimmer sterben darf. Eine alte Legende berichtet davon, daß sein Leben stets siebzig Jahre währt, daß dann sein Körper erkaltet wie Marmor, daß kein Blut mehr in seinen Adern rinnt. Und doch kommt der Tod nicht zu ihm, trotzdem er wie eine lebendige Leiche seines Weges ziehen muß. Dann sucht Ahasver ein neues Leben; es muß eine reine Jungfrau sein, um die er wirbt, um die er freit. Die Sage meldet weiter, daß keine widerstehen kann, wenn er mit seinem Werben beginnt. In der Hochzeitsnacht stiehlt er dann dem jungen Weibe das heiße Blut, das ihm wieder Leben für siebzig Jahre gibt, und flieht die Stätte seiner Tat. Die Braut aber läßt er als kalte und starre Leiche zurück.«

Ich war ärgerlich, daß Ossenbrunner, dessen Wissen ich bisher so hoch geschätzt hatte, diese Sage mit solchem Ernste auffaßte. Nur Susanne konnte lachen; mir aber schien es, als wäre es doch nicht das gleiche sorglose Lachen, als liege ein Zwang in diesem Lachen.

»Wie komisch das ist!« rief sie. »Demnach hätte ich mir den ewigen Juden selbst zum Bräutigam bestimmt.«

Niemand antwortete darauf. Warum es nicht geschah, wußte wohl selbst keiner, aber es war doch, als wäre ein ungebetener Gast dazwischen getreten, der von jedem Schweigen heischte.

Dann blieben wir nicht mehr lange beisammen, und jedes suchte sein Zimmer auf.

Am darauffolgenden Tage schien alles wieder vergessen zu sein. Ich hörte Susannes munteres Lachen, und am Frühstückstische erzählte sie mir, sie habe vor dem Fenster des Rats Ossenbrunner einen Schneemann aufgestellt und diesen mit der Mütze des Rats und seinem Schlafmantel geschmückt.

Auch Ossenbrunner konnte nur darüber lachen.

Seine Geschichte aber war vergessen. Zudem war in den nächsten Tagen auch keine Zeit, an solche Dinge zu denken, denn von einem Jäger war gemeldet worden, es habe sich ein Bär bemerkbar gemacht, der sicherlich in seinem Winterschlafe gestört worden war und nun beutehungrig durch die Wälder zog. So ließ ich alle Jäger der Nachbarschaft zusammenrufen und zu der Bärenjagd einladen.

Mit Hunden genügend ausgerüstet, waren wir dann ausgezogen und rückten dem Meister Petz auf den Pelz. Er wurde auch aufgegriffen, von den Hunden gestellt und mußte ohne langes Befragen an die Vergänglichkeit alles Irdischen glauben.

Dieser Jagderfolg mußte natürlich wieder gefeiert werden, und in dem Trubel, der dabei auf Karrstein herrschte, dachte weder ich noch Susanne an die Geschichte Ossenbrunners von Ahasver und seinen Brautfahrten.

Weihnachten war vorüber, der Karneval auch, unter der Schneedecke lugten schon die Primeln hervor, der Frühling schmückte sich wieder zu seinem Einzuge.

Da trat das Ereignis ein, worüber ich damals noch hatte lachen können, dann aber mit Grauen daran denken mußte. Ein herrlicher Frühlingsmorgen war es, die Sträucher unten im Parke zeigten das frische Grün, die Obstbäume waren übersät von weißer und rosiger Blütenfülle.

Wie ich es befohlen hatte, war das Frühstück in der offenen Glasveranda bereitgestellt worden. Etwas verwundert mußte ich dabei bemerken, daß ich als erster erschienen war. Vermutlich jagte Susanne schon im Hofe umher, und ich wartete nur darauf, von irgendwoher ihr fröhliches Lachen zu hören. Aber ich sollte mich getäuscht haben. Ich hatte schon eines der Mädchen nach ihr gefragt, ohne eine befriedigende Antwort zu erhalten, da stand unter der Türschwelle plötzlich die schöne Susanne.

Konnte sie das aber sein? Ihre Wangen waren fahl und grau, die Lippen blutleer, und die Augen zeigten einen trüben Glanz, wie wenn die Sonne hinter dichten Nebelschwaden liegt. Ganz erschrocken war ich aufgesprungen, zu ihr hingeeilt und hatte sie nach ihrem Befinden gefragt.

Sie aber hat nur immer mit dem Kopfe geschüttelt, und es schien, als lähme irgend ein Grauen, etwas Entsetzliches ihre Zunge, als hätte sie über Nacht die Sprache verloren. Ich reichte ihr meinen Arm, und sie stützte sich schwer darauf. Dabei fühlte ich, wie ihre ganze Gestalt leise bebte.

Vergebens fragte ich mich, was dies bewirkt haben mochte, und ich konnte mir nur die eine Antwort geben, daß sie erkrankt sein müsse. Aber wenn ich diese Vermutung aussprach, wenn ich mich nach etwaigen Schmerzen und Beschwerden erkundigte, dann schüttelte sie müde und schwerfällig den Kopf, und es ist diesen ganzen Tag kein Lachen über ihre Lippen gekommen.

Ich habe mich mit Ossenbrunner darüber beraten, aber er konnte mir auch keine Erklärung geben, zog nur die Schultern hoch und machte ein Gesicht, das wohl vielsagend sein sollte, aber doch nichts verriet.

Am darauffolgenden Tage schien es besser zu werden; sie plauderte wieder, aber mitten in einem anregenden Gespräche konnte sie plötzlich schweigen und traumverloren vor sich hinstarren, während jeder Blutstropfen aus ihrem Gesichte entwich. Um sie zu schonen, um vergessen zu machen, was sie geschreckt haben mochte, fragte ich sie nicht mehr danach und wartete nur, bis eine vollständige Genesung eingetreten war.

Als dann endlich Susanne wieder das heitere, lebenslustige Mädchen von ehedem geworden zu sein schien, da hatte ich die Frage gewagt: »Was ist es nur gewesen, das dich so sehr hat schrecken können?«

Kaum aber war die Frage meinen Lippen entflohen, da empfand ich auch schon die Reue darüber, denn da war ich mir erst bewußt geworden, wie sehr mein Glaube an ein endgültiges Vergessen ein Irrtum gewesen war. Ihre Hand hatte gerade ein Weinglas gehalten, das nun klirrend zu Boden fiel.

Bestürzt wollte ich auf sie zueilen, aber sie wehrte ab und sagte mit leiser Stimme, als fürchte sie von unerbetenen Zeugen belauscht zu werden: »Laß mich! Ich bin nicht krank. Es ist nichts als eine Torheit, die mich schreckt, und ich glaube selbst, es wird für mich besser werden, wenn ich meinen Traum nicht länger als ein Geheimnis in mir trage.«

»Ein Traum war es!« rief ich enttäuscht, denn es war mir unfaßbar, wie die lebenslustige Susanne ein Traum so hatte angreifen können.

Sie nickte. »Nur ein Traum – nichts weiter! Entsinnst du dich noch Ossenbrunners Geschichte?«

Ich mußte erst danach fragen, so sehr war sie mir schon dem Gedächtnisse entschwunden.

»Von Ahasvers Brautfahrten.«

»Torheit!« war alles, was ich darauf antwortete.

»Glaubst du nicht an die Legende vom ewigen Juden?« Sie sah mich dabei so forschend an, als möchte sie in meinem Herzen lesen, und ich fühlte förmlich ihren Blick, der mich so fest anstarrte.

»Nein!« Ich hatte in voller Überzeugung so antworten können, denn ich glaubte in der Tat nicht daran.

Da erwiderte sie mit halblauter Stimme, so traumversunken, als spreche sie im Schlafe: »Ich habe auch nicht daran geglaubt und hatte seine Geschichte schon vergessen. Nie mehr hatte ich daran gedacht. In jener Nacht war es dann geschehen. Ich war aus tiefem Schlafe aufgeschreckt durch eine kalte Hand, die wie Eis auf meiner Stirne lag. Ich hatte die Augen langsam geöffnet und sah einen fremden Mann neben meinem Bette stehen. Seine Hand, die so eisig war wie eine Totenhand, zog er nicht von meiner Stirn zurück. Ich wollte mich aufrichten, aber die Hand drückte mich zurück, und ich erkannte, daß ich kein Glied würde bewegen können, solange die Hand auf mir lastete. Ich wollte schreien und rufen, aber die Zunge lag wie Blei in meinem Munde, und kein Laut konnte sich von meinen zuckenden Lippen losringen. In meiner willenlosen Ohnmacht, in der ich ihn deutlich sehen konnte, hörte ich dann auch noch seine Stimme, die aber wie aus weiter Ferne kam: ›Ich komme zu dir, denn du selbst hast mich gerufen. Du sollst mein werden, und wir wollen dann Hochzeit feiern, denn ich bin Ahasver.‹ Kaum war sein Name verklungen, da zog er sachte, ganz sachte die kalte Hand von meiner Stirn zurück. Da war ich wieder frei und bin dann aufgesprungen. Doch er war fort. Ich war allein.«

Dann schwieg sie, und wir beide sahen uns an. Ich wußte, daß sie auf ein Wort von mir wartete, aber ich konnte keine Entgegnung finden.

Alles, was ich dann sagte, war die Frage: »Wie hat er ausgesehen?«

Sie schloß die Augen, als müßte sie das Traumbild nochmals vor sich erstehen lassen, und antwortete nachdenklich: »Er war kein alter Mann mit langem, grauem Barte, wie er stets abgebildet wird; er sah eher jung aus, hatte aber ein Gesicht so weiß wie gebleichtes Linnen, und in seinen schwarzen Augen lag eine unstillbare, rastlose Sehnsucht; die Augen waren es, die ich nie werde vergessen können.«

Da hatte ich mich schon wieder aufgerafft und versuchte einen scherzenden Ton anzuschlagen. »Aber Schwesterchen, es war ja doch nur ein Traum!« sagte ich.

Sie schüttelte langsam den Kopf und murmelte so leise, daß ich es kaum habe hören können: »Nein, nein! Ich weiß, daß ich wach gewesen bin, daß ich seine Hand gespürt, ihn selbst gesehen und seine Stimme mit meinen Ohren gehört habe.«

»Sei nicht töricht!« ergänzte ich daraufhin in belehrendem Tone, wie ein Professor seine Weisheit kundzugeben pflegt. »Es kann niemand aus dem Nichts erscheinen und wieder beliebig verschwinden. Das alles ist wider die Naturgesetze. Du hattest nur lebhaft geträumt.«

Damit hatte der Zweifel seine Erledigung gefunden, und die Vernunft war Siegerin geblieben. So glaubte ich, da nicht mehr davon gesprochen wurde.

Dem Rat Ossenbrunner hatte ich davon nichts berichtet, denn ich war wirklich etwas ärgerlich über ihn, da er die eigentliche Veranlassung zu diesem widersinnigen Traume gegeben hatte. Auch Susanne hatte ihm kaum etwas mitgeteilt, denn Ossenbrunner würde mir gegenüber sicherlich eine Bemerkung gemacht haben, zumal er schon zu den alten Leuten gehörte, die gerne reden und nichts für sich behalten können.

So war also der Traum – es konnte nichts anderes gewesen sein – ein Geheimnis zwischen Susanne und mir geblieben.

Wir redeten nicht mehr davon, und ich war herzlich erfreut, als ich bald wieder Susannes Lachen hörte, als ich sie mit den jungen Hunden herumtollen sah, als der alte Jäger sich bei mir über ihre losen Streiche beklagte.

Es war schon Pfingsten nahe, als mir eine Botschaft gesandt wurde, die an dem gemeinsamen Mittagstische wieder große Fröhlichkeit bereiten sollte.

Ossenbrunner war guter Laune, denn sein Lieblingsgericht sollte aufgetragen werden, und Susanne war munter wie immer.

Da platzte ich denn mit meiner Neuigkeit heraus: »Der erste Besuch auf Karrstein ist mir heute gemeldet worden. Nun ratet, wer es sein könnte!«

Der alte Herr, der ganz in das Studium seines Leibgerichtes vertieft war, nannte einige Namen, um sich dann mit der Erklärung zu begnügen: »Wenn er nur Leben und Freude mit sich bringt.«

Susanne beugte den Kopf seitwärts, zwinkerte mit den Augen und meinte dann mit schelmischem Lächeln: »Ich weiß nicht, wer es sein wird, den Namen weiß ich nicht, aber ich fürchte, es wird wieder einer mit Freiersabsichten kommen.«

»Möglich,« mußte ich dabei zugestehen und erklärte: »Willfried v. Hassenbach hat sich angemeldet.«

»Ein treuer Werber, der nach dem Sprichworte vorzugehen scheint: Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden,« bemerkte der alte Rat, während er sich die zweite Portion auf seinen Teller legte.

»Weh mir!« seufzte Susanne in komischem Wehklagen. »Wenn er wieder so ernst auf und nieder stelzt und kräht, dann fürchte ich, daß sein Aufenthalt nicht von allzu langer Dauer sein wird. – Kommt er denn allein?«

»Nein. Er schreibt, Olaf Güldenstjerna werde ihn begleiten,« sagte ich und warf einen Blick in den Brief Hassenbachs.

»Wer ist das?« fragten zwei Stimmen fast gleichzeitig.

»Wer das ist, ob jung oder alt, schön oder häßlich – das schreibt er nicht,« mußte ich bekennen.

»Vielleicht ist dieser der Brautwerber,« meinte der Rat mit einem bezeichnenden Blick auf Susanne.

Diese schien ihn aber gar nicht gehört zu haben; sie sah gedankenvoll vor sich hin und murmelte: »Wer es nur sein mag?«

Unsere Neugierde wurde ja nicht allzusehr auf die Probe gestellt, denn in dem Verlauf der folgenden Woche schon sollten wir die Gäste erwarten. In dieser Zeit wurden alle verschiedenen Möglichkeiten in Betracht gezogen, und Ossenbrunner schilderte wieder die verschiedenen komischen Gestalten und stellte sich dabei mit den Worten vor: »Verzeihen Sie, ich bin nur Olaf Güldenstjerna, aber wenn Sie einen Herrn Gemahl brauchen, so will ich schließlich nicht abgeneigt sein.«

Und wir beide, Susanne und ich, konnten immer nur herzlich darüber lachen, wie der Rat den unbekannten Gast, von dem wir noch nichts wußten, in stets neuer Karikatur vorführte.

Dann kamen sie wirklich.

Ich war mit Susanne in diesem Zimmer, als der Diener eintrat und die Meldung brachte: »Willfried v. Hassenbach!«

»Soll sofort hereinkommen!« habe ich gerufen, was aber nicht mehr nötig gewesen wäre, denn der Erwartete folgte auf dem Fuße nach. Als ich Hassenbach wieder sah, da fiel mir noch mehr als vorher sein steifer Gang auf, als besäße er keine Kniegelenke, und seine Stimme krähte wirklich, während er den Kopf so sehr eingezogen hatte, als wäre er ohne Hals auf den Schultern ausgesetzt.

»Wie herzlich freue ich mich, wieder auf Karrstein weilen zu dürfen,« sagte er. »Du verzeihst doch, daß ich noch einen Besuch mitgebracht habe – Herr Olaf Güldenstjerna.«

Dieser stand unter der Türschwelle.

Ich sah hin.

Da fühlte ich meinen Arm gepackt, und Finger krallten sich so fest ein wie Eisenhaken. Das war Susannes Hand. Fast hätte ich aufgeschrien, aber da hörte ich ganz leise, wie ein verwehender Windhauch, ihre Stimme neben mir, die mir die entsetzlichen Worte zuraunte: »So ist er – – in der Nacht – – mir erschienen.«

Olaf Güldenstjerna war in das Gemach getreten. Da sah ich sein blasses Gesicht, seine glühenden schwarzen Augen und hörte seine klanglose, harte Stimme.

»Als ein Fremder begrüße ich Sie,« sagte er, »und wünsche nur, daß ich Ihnen nie eine Last sein werde.«

Er reichte mir die schmale Hand zum Gruße hin; ich nahm sie, und nur mit aller Selbstbeherrschung gelang es mir, nicht aufzuschreien.

Seine Hand war eisig kalt wie aus Stein.«



2.

Der alte Burgherr vom Karrstein schwieg und starrte in die Feuersglut. Die Rückerinnerung an jene Begegnung mochte ihn wohl so angegriffen haben, daß er wie erschöpft innehielt.

Eine atemlose Stille war im Gemach, denn alle waren so im Banne der Erzählung, daß sie den Schrecken dieses Augenblicks empfanden, den Schrecken, da der Burgherr die eisige, kalte Hand in der seinen hielt.

Das Feuer knatterte, und der schwere, dumpfe Schlag einer Uhr, die die elfte Stunde ankündigte, unterbrach das drückende Schweigen, das auf allen lastete wie eine schwere Gewissensschuld.

Niemand wagte die Stille mit einer Frage zu unterbrechen. Herr v. Löwengaard aber bedeckte sein Gesicht mit der runzeligen Hand und saß wie zu einem leblosen Bilde erstarrt.

Endlich sagte eine leise, etwas ängstlich klingende Stimme: »Sollten wir nicht Licht bringen lassen?«

Diese Frage löste den Bann des Schweigens.

»Nein! Nur kein Licht! Die Stimmung einer solchen Erzählung geht dabei verloren.«

Auch die anderen stimmten zu, und nur der Burgherr selbst schwieg.

Eine tiefe Stimme ließ sich vernehmen: »Wenn sich jemand fürchten sollte, der mag bedenken, daß es ja nur eine Geschichte ist.«

»Nur eine Geschichte? Hat er es nicht selbst erlebt?« antwortete eine der jüngsten anwesenden Damen, unter dem Namen »Vorwitz« bekannt.

»Gewiß. Er erzählt Ereignisse, die sich so abgespielt haben. Die Legende von Ahasver ist richtig. Ist es denn nicht möglich, daß die schöne Susanne Löwengaard wirklich so geträumt hat?« verteidigte der Bräutigam die Erzählung des Burgherrn; wurde ihm ja damit das Warten auf die Braut verkürzt.

»Das will ich gerne glauben,« gab eine der Damen ihr Urteil ab. »Aber wer war dann dieser geheimnisvolle Unbekannte?«

» Olaf Güldenstjerna.«

Da riefen sofort alle dazwischen: »Nein! Ganz gewiß nicht! So hat er sich nur genannt.«

Der kleine Vorwitz aber, kaum dem Backfischalter entwachsen, dem das Wachbleiben nur ausnahmsweise gestattet worden war, meinte tiefsinnig: »Sie hat ihn doch sofort wiedererkannt!«

Die tiefe Männerstimme gab eine Entgegnung darauf: »Wie oft glauben wir selbst in einem Traumbilde irgend jemanden zu erkennen und vermögen dann nicht einmal Haarfarbe oder irgend eine andere Einzelheit genau zu bezeichnen! Es war vielleicht ein Wahn, vielleicht ein törichter sogar, dieser schönen Susanne Löwengaard.«

Wenn der Sprecher beabsichtigt hatte, eine natürliche Erklärung für das scheinbar Übernatürliche zu geben, so wurde ihm dies nicht mit Dank belohnt; alle glaubten an den Zauber des Geheimnisvollen, und alle verteidigten das rätselhafte Übernatürliche.

»Seine Totenhände, sein blasses, bleiches Gesicht!«

»Ich glaube bestimmt, daß der Unbekannte wirklich Ahasver, der ewige Jude gewesen ist.«

»Ob er um die schöne Susanne auch gefreit hat?« begehrte eine andere zu wissen.

»O, ich wäre sofort in mein Zimmer geeilt und hätte mich dort so lange eingeschlossen, bis er wieder abgereist wäre!« erklärte der Vorwitz.

»Gibt es denn wirklich einen ewigen Juden?« fragte die tiefe Stimme.

Alle hatten sich an der Debatte beteiligt, nur der Burgherr selbst nicht; er schien die Reden gar nicht gehört zu haben, er saß immer noch sinnend da, die Hand vor dem Gesicht.

Des Backfisches helle Mädchenstimme bettelte: »Sag doch, Onkel Ottmar, gibt es einen ewigen Juden? Nicht wahr, dieser Fremde ist Ahasver gewesen?«

Ottmar v. Löwengaard ließ die Hände wieder sinken und blickte wie aus einem Traume erwachend um sich.

Dann erzählte er weiter, ohne auf die letzten Fragen eine Antwort zu geben.

»Olaf Güldenstjerna! Was ich ihm bei seiner Begrüßung geantwortet habe, weiß ich nicht mehr. Vielleicht unsinnige Worte, vielleicht ist es auch nur ein unverständliches Lachen gewesen. Mir klangen im Ohre nur immer wieder Susannes Worte, die hallten und dröhnten lauter und immer lauter: »So war er in der Nacht mir erschienen!«

Da sah ich zur Seite.

Susanne stützte sich mit der einen Hand schwer auf den alten Lehnstuhl, um nicht umzusinken; ihre Augen waren weit offen, und die Wangen gerötet. Aber die Lippen waren fest zusammengepreßt. Mit der anderen Hand hielt sie die Rechte Güldenstjernas zum Gruße.

Ich sah nichts, ich empfand nichts, ich hörte nur, wie seine eigentümliche, fremd klingende Stimme zu ihr sprach: »Wir haben uns doch nie gekannt, und keines wußte etwas von dem anderen. Mir aber ist es, als hätten wir uns doch schon einmal gesehen, irgendwo und irgendwann.«

Dabei sahen seine schwarzen, brennenden Augen sie an, als wollten sie ihr ins Herz hineindringen. Ich fühlte, daß ich um Susannes willen zitterte und nur daran dachte, wann er uns wieder verlassen würde.

Ihre Lippen zuckten, und dann antwortete sie ihm sinnend, vielleicht der Bedeutung ihrer Entgegnung selbst unbewußt: »Das mag wohl im Traume gewesen sein.«

Er nickte, dabei wies sein Antlitz immer den gleichen starren Zug auf, dem jedes Lächeln, jede Fröhlichkeit fremd sein mußte.

Willfried v. Hassenbach war zu Susanne herangetreten und redete lebhaft mit ihr. Ich habe seine Worte nicht verstehen können, denn ich war von den zweien zu weit entfernt. Ich stand mit Ossenbrunner hier am Kamin, während sie dort an dem Erkerfenster waren. Das aber hat mir doch nicht entgehen können, daß Susanne ihm keine Antwort zu geben schien und immer nach einer Richtung starrte, an Willfried v. Hassenbach vorbei, als stünde er gar nicht vor ihr, immer nach der einen Richtung hin, wo sie Olaf Güldenstjerna sah. Aber auch der war im Banne ihrer Blicke; es war, als wären sie schon durch ein seltsames, rätselhaftes Schicksal zusammengekettet. Der alte Rat wußte nichts und ahnte nichts; er erzählte mir Scherze über den getreuen Brautwerber, flocht gleichzeitig einige boshafte Bemerkungen über das Gesicht Güldenstjernas ein, erzählte dann noch von manchen anderen Dingen und gestikulierte dabei etwas lebhaft, wie er es bei guter Laune stets zu tun pflegte.

Doch seine Worte hatte ich in dem Augenblicke wieder vergessen, da sie von seinen Lippen verhallt waren, und ich mochte ganz wirre, unverständliche Entgegnungen gegeben haben, als er plötzlich mitten in einer Erzählung innehielt, mich lange wortlos ansah und sagte: »Gute Nacht! Ich störe nicht gerne andere Leute beim Schlafen.«

Dann machte er eine rasche Rechtsschwenkung und steuerte auf Güldenstjerna los, mit dem er bald in ein Gespräch vertieft war.

Ich war mit meinen Gedanken allein, die in so sonderbaren Ideen meinen Kopf marterten, bis ich mich gewaltsam davon befreite und mich selbst einen Narren schalt.

Während des Mahles war es, sonderbar genug, fast Olaf Güldenstjerna allein, der das Tischgespräch führte und stets von neuen Dingen und Erlebnissen zu plaudern verstand. Nicht das allein zeigte ihn als einen wünschenswerten Gesellschafter, sondern die Art, wie er erzählte, mußte jeden mit fortreißen; er schilderte in farbenprächtigen Worten die Eigentümlichkeiten der indischen Dschangeln und malte in lebhafter Darstellung den Verlauf einer Tigerjagd. Dann wieder verstand er es, mit Worten die gewaltigen, erdrückenden Felsengebirge des Himalaya erstehen zu lassen, ließ eine Jagd in den endlosen Steppen Südrußlands vorüberziehen, versetzte im nächsten Augenblick seine Zuhörer in die glühenden Sandwüsten der Sahara und schilderte zuletzt eine Fahrt über die Alpen. Kein Erdenfleck der großen, weiten Welt schien ihm fremd zu sein. Wir alle hörten ihm zu und dachten an kein Ende; wenn er mit seiner etwas monotonen Stimme erzählte, dann konnte man dabei die Person des Sprechenden vergessen und selbst mitträumen, selbst miterleben.

Er besaß die seltene Zaubermacht, die Herzen mit seinen Worten zu gewinnen. Ich selbst hatte darüber alles vergessen, was mich vorher gequält hatte; ich achtete nicht mehr darauf, daß bei der lebhaftesten Schilderung sein Gesicht doch immer die gleiche Blässe aufwies, daß nie ein flüchtiges Rot über diese bleichen Wangen huschte, und nie ein Lächeln sich auf dem starren Antlitz zeigte, und sah nicht, wie die schöne Susanne den Blick nicht von ihm wenden konnte, daß kein Bissen über ihren Mund gekommen war, und kein Trank ihre Lippen netzte. So war es schon spät geworden, und die Mitternachtsstunde mochte wohl schon längst vorüber gewesen sein, als die Diener unsere Gäste auf ihre Zimmer geleiteten.

Der folgende Tag brachte vergnügte Stunden, eine Jagd nach dem Teufelsmoor hinüber, anregende Gespräche und ein Wettschießen, wobei sich bei allen Gelegenheiten Güldenstjerna besonders auszeichnete, so daß ich Willfried v. Hassenbach für seinen Einfall, uns diesen Gast zu bringen, nur um so höher einschätzte. Ein seltsamer Mensch war er ja; ich weiß, daß nach der Jagd in der Sonnenglut zum Teufelsmoor wohl eines jeden Blut erregt sein mußte, daß ich aber bei einer flüchtigen Berührung Güldenstjernas Hand wie Eis gefühlt hatte; er war an der Spitze geritten und hatte den Weg über das Moor gefunden, trotzdem er doch noch niemals auf Karrstein gewesen sein konnte. – Zufall! Mit diesem Worte strich ich mir alle lästigen Gedanken fort.

Dieser Tag hatte uns alle rechtschaffen müde gemacht, und ich muß regungslos wie ein Stock bis zum hellen Morgen im Bette gelegen haben. Erst die Sonne hat mich aus den Federn getrieben, als sie mit ihren sengenden Strahlen über mein Gesicht huschte.

So war ich allein am Frühstückstische, denn die anderen waren schon wieder ausgeflogen; nur der alte Menrad, der Torwart, leistete mir Gesellschaft.

Menrad war auf Karrstein, solange ich zurückdenken konnte, und er selbst hatte schon wiederholt davon erzählt, er habe mich einst in der Wiege geschaukelt; er war deshalb auch so mit der Burg Karrstein vertraut, daß er es sich nie hat nehmen lassen, an den Nachtwachen teilzunehmen.

An diesem Morgen mußte er ein besonderes Anliegen auf dem Herzen haben, was ich sofort erkannte, da er immer um mich herumschlich.

Als ich ihn dann danach fragte, sagte er mit scheuer Stimme, als habe er Lauscher zu fürchten: »Wir haben einen sonderbaren Gast auf der Burg. Ich habe ihn diese Nacht und in der vergangenen beobachtet, Herr.«

Natürlich konnte er nur Güldenstjerna damit meinen, und mein Interesse war aus begreiflichen Gründen sofort rege geworden, weshalb ich mir eine Erklärung einforderte, die ich auch erhielt.

Doch während Menrad mir seine Beobachtungen mitteilte, war er scheu wie ein Hase, der nach allen Seiten äugt, und wisperte nur halblaut: »In der vorigen Nacht hatte ich die Wache von zwei bis vier. Ich weiß, wie der Herr darüber denkt, daß diese Wachen überflüssig und zwecklos seien, weil wir jetzt in ruhigeren Zeiten leben. Aber ich bin bei den Nachtwachen alt geworden und werde dabei bleiben. Wenn ich gestorben sein werde, dann mag es der Herr halten, wie er es für gut befindet. Also von zwei bis vier Uhr wachte ich im Turmzimmer, von dem aus der Hof und der kleine Park größtenteils zu übersehen ist. Und da habe ich diesen Fremden im Parke gesehen, wie er dort spazieren ging. Wie er aus seinem Zimmer gekommen sein mochte, das kann ich nicht angeben, denn ich bin nicht dabei gewesen; aber das weiß ich, daß er immerfort im Parke auf und ab lief. Er hat also ganz gewiß in jener Nacht nicht geschlafen. Da hab' ich aber nichts weiter gedacht, Herr. Nur das eine glaubte ich zu wissen, er würde dafür wohl in der heutigen Nacht einen sehr gesunden Schlaf finden. Ich weiß, was an dem Tage gewesen ist, und daß der kräftigste Körper dabei nach seiner Ruhe verlangt haben würde. Dieser Fremde aber hatte gewiß in allem das meiste geleistet. Für die letzte Nacht traf mich die Wache von zehn bis zwölf. Herr, Ihr werdet meinen Schrecken verstehen, als er wieder erschien, immer auf und nieder ging und gar oftmals aufstöhnte wie einer, der an großen Schmerzen leidet. Als ich dann abgelöst wurde, wies ich Hans an, weiter auf ihn zu achten und auch die nächste Wache zu verständigen. Nun haben sie mir gemeldet, dieser Fremde habe erst nach sechs Uhr sein Zimmer wieder ausgesucht, und er kann daher auch in dieser Nacht nicht geschlafen haben. Das aber ist fürwahr ein sonderbarer Gast, den wir bekommen haben.«

So hat er mir berichtet; ich aber suchte seine Bedenken zu beschwichtigen und gab ihm zu verstehen, gegen jeden darüber zu schweigen, bis ich mich in der nächsten Nacht selbst überzeugt haben würde. Da war Menrad zufrieden. Mir aber konnte das Frühstück nicht mehr munden, denn es regten sich wieder Gedanken, denen man nicht gerne sein Ohr leiht. Über das eine glaubte ich mir klar zu sein, daß ich zunächst mit Willfried v. Hassenbach würde sprechen müssen.

Nach Tisch war es mir auch gelungen, mich mit Hassenbach in die Bibliothek zurückzuziehen; dieser aber hat es gleich gemerkt, daß dies von mir so geschickt gerichtet worden sein mußte, da er sofort zu mir sagte: »Nun kannst du reden. Ich glaube nicht, daß wir zwei uns absichtslos und nur zufällig hier zusammengefunden haben.«

Da wäre es für mich zwecklos gewesen, Ausflüchte zu machen, weshalb ich mich entschloß, sofort mit der Tür ins Haus zu fallen.

»Du hast recht. Diesen Olaf Güldenstjerna hast du als Gast eingeführt und wirst mir nun wohl auch angeben können, wer er ist.«

Hassenbach zwinkerte mit den Augen, spreizte die langen Beine auseinander und sagte dann mit seiner krähenden Stimme: »Ein Kavalier, ein Edelmann ist er, wenn auch sein Name bürgerlich klingt. Er ist ein Schwede, könnte aber ebensogut als Engländer oder Franzose gelten; er ist eben ein Weltenbummler, der alle Länder schon gesehen und bereist hat und in allen Ländern heimisch ist. Der Zufall hat mich mit ihm zusammengeführt.«

»Was weißt du sonst noch über ihn?«

Da schien Hassenbach über diese Frage ganz erstaunt und erklärte nach einigem Besinnen: »Was sollte ich sonst noch wissen? Sein Benehmen, sein Wissen spricht für ihn. Zudem ist Güldenstjerna nicht der Mann, der sich so leicht ausfragen läßt«

Damit mochte er selbst sich zufrieden gegeben haben, aber ich war es nicht und hatte noch mancherlei Fragen.

»Wie alt ist er eigentlich?«

»Hm –« brummte er da. »Wie alt? Vielleicht dreißig oder vierzig, vielleicht fünfzig. Sein Alter läßt sich seinem Äußeren nach schwer bestimmen. Zwar weist sein schwarzes Haar noch kein graues Härlein auf, aber in seinem Gesichte ist ein müder, alter Zug; daß er nicht mehr sehr jung ist, das lassen auch seine großen Weltreisen vermuten. Manchmal spricht er auch von Ereignissen und Geschehnissen, die viele Jahrzehnte zurückliegen und spricht dabei so interessant, als wär' er selber mitbeteiligt gewesen. Jedenfalls hat er schon sehr viel gesehen, muß sehr viel gelesen und gelernt haben.«

»Was sucht er hier?«

Diese Frage mochte Hassenbach wohl noch seltsamer finden, da er mich ganz verblüfft ansah, dann kurz auflachte und antwortete: »Nichts! Davon bin ich überzeugt. Mir scheint es oftmals, als treibe ihn eine rastlose, unstillbare Sehnsucht durch die Welt. Was sollte er auch hier suchen?«

Da schwiegen wir beide, denn vom Fenster aus sahen wir den, von dem wir eben sprachen, unten im Garten mit dem alten Ossenbrunner lebhaft plaudernd auf und nieder gehen. Da dachte ich wiederum an die erste Begegnung und sagte wohl mehr zu mir selbst: »Warum sein Gesicht so fahl und blaß sein mag, seine Hände so eisig kalt wie die eines Toten?«

»Das ist freilich seltsam,« hat Hassenbach darauf geantwortet. »Es gibt seiner Person ein geheimnisvolles Ansehen. Ich habe ihn schon danach gefragt, und er hat eine Krankheit als die Veranlassung bezeichnet.«

Warum sollte eine Krankheit nicht solche Folgen haben können? So redete ich mir selbst zu und war gerne bereit, daran zu glauben, dieser Güldenstjerna sei ein Mensch wie wir alle.

Willfried v. Hassenbach schien darauf zu warten, ob ich nichts mehr zu fragen hätte, und da ich schwieg, sagte er selbst: »Heute abend kommen die von Seckbach. Da wird doch für eine kleine Lustbarkeit gesorgt sein, für einen Tanz und Musik?«

Ich nickte und dachte dabei doch immer nur an Olaf Güldenstjerna

Eines gab mir vor allem zu denken. Quälte sich auch Susanne mit gleichen Gedanken? Ich nahm mir vor, sie selbst zu befragen, ehe die Lustbarkeit am Abend noch beginnen würde.

So sehr ich aber eine solche Gelegenheit suchte, es hat mir nicht gelingen wollen. Ich hatte verschiedene Anordnungen zu treffen, wurde bald da, bald dort verlangt. Der große Saal war mit lebenden Blumen und mit Laubgewinden geschmückt worden, in der Küche hatte man mich nach der Speisenfolge befragt, die Musik war vom Dorfe unten gekommen und begehrte auch, meine Befehle zu empfangen. So war der Abend rascher angebrochen, als ich es erwartet hatte; Susanne war mir überhaupt nicht zu Gesicht gekommen, und es mag sehr leicht möglich gewesen sein, daß ich meinen Vorsatz schon längst wieder vergessen hatte.

Da waren die von Seckbach gekommen, der junge Baron mit seiner kleinen, zierlichen Frau, die nun beide schon längst gestorben sind, die hübsche Annette v. Drontesheim und der lange Wendelin Zeismar.

Das Mahl verlief so ruhig wie je eines zuvor, und wenn irgend etwas hätte auffallen können, dann war es wieder die Person Güldenstjernas, der fast allein das Tischgespräch führte.

Dann aber hat ein Trompetenstoß die Gäste nach dem großen Saale gerufen.

Annette v. Drontesheim hat es damals verstanden, mich meine Grundsätze vergessen zu lassen, und so oft sie in Karrstein gewesen war, dachte ich an eine Brautwerbung, an Myrtenkranz und an noch so ähnliche Dinge. Daß es aber doch anders eingetroffen ist, das wäre eine eigene Geschichte, von der ich heute nichts zu erzählen habe. Ich tanzte häufig mit ihr und wurde nur von Wendelin Zeismar öfters abgelöst. Diese Pausen füllte ich dann mit meinen Pflichten als Gastgeber und sah dem Tanzreigen der anderen zu.

Susanne tanzte am Arme Willfried v. Hassenbachs, Zeismar mit der kleinen Baronin und der Baron Seckbach mit Annette. Die beiden letzten Paare wechselten auch, während Susanne ihrem Tänzer treu blieb. Dann war nur einer, den ich nie hatte tanzen sehen, und den deshalb mein Auge suchte – Olaf Güldenstjerna.

Er stand an eine Säule gelehnt und sah dem Reigen zu; er war wie zu einem Steinbilde erstarrt, reglos, nicht einmal die Lider seiner Augen zuckten. Die Arme hatte er über der Brust gekreuzt, und seine schwarzen Augen hefteten sich auf Susanne, folgten einer jeden Wendung ihrer biegsamen, geschmeidigen Gestalt, und dabei schien für ihn alles ringsumher tot und verschwunden zu sein.

Susanne aber tanzte mit roten, glühenden Wangen, ihr Mund lachte, und ein Redestrom sprudelte unermüdlich von ihren Lippen. Willfried v. Hassenbach glaubte sicherlich wieder an eine Erfüllung seiner Hoffnungen; beim Tanzen waren auch seine steifen Beine, die er sonst immer wie Stecken voreinander stellte, beweglicher.

Da ich schon einmal zu beobachten begonnen hatte, so wandte ich im Verlauf des Abends meine Aufmerksamkeit wiederholt dieser Beschäftigung zu. Ich weiß es daher gewiß, daß Güldenstjerna mit keinem von allen gesprochen und nicht einen einzigen Tanz mitgemacht hatte; er stand nur immer an die Säule gelehnt, und sein Gesicht war fast fahler noch wie sonst.

Ich hatte bei diesen Beobachtungen mich selbst vergessen, und als ich wieder an Annette dachte, da hatte sich der lange Wendelin bei ihr schon so unentbehrlich gemacht, daß ich nur das fünfte Rad am Wagen in einem tragikomischen Schwanke hätte sein müssen. Dazu hatte ich aber keine Lust und suchte den alten Ossenbrunner auf, um mit diesem zu plaudern. Ihn aufzufinden war nicht schwer, denn bei allen solchen Gelegenheiten war er in dem kleinen Trinkzimmer zu finden, wo er sich am Weine gütlich tat, und wo ich ihn auch wirklich antraf.

Er trank mir zu und rief: »Prosit, Junge! Ich bin ein alter Mann, und meine Füße sind schon zu empfindlich, noch das Tanzbein zu schwingen. Aber was tut es? Vergessen kann man leicht bei gutem Weine. Was aber treibt dich hierher?«

»Gesellschaft will ich haben.«

»Und die schöne Annette?« bemerkte er mit seinem eigentümlichen Lächeln.

»Tanzt mit dem langen Wendelin,« gab ich vollkommen ruhig zur Antwort, und ich muß versichern, daß ich dabei frei von jeglicher Eifersucht war, was ich heute als einen Beweis dafür ansehe, daß es doch nicht die richtige Liebe gewesen ist.

»Was treibt denn unser Gast?«

Ich dachte bei seiner Frage nur an Hassenbach und erklärte deshalb: »Er weicht nicht eine Sekunde von Susanne.«

»Ei, das hätte ich doch nicht für möglich gehalten,« entfuhr es dem Alten, was mir aber doch ganz natürlich erschien.

»Deshalb ist er ja wieder nach Karrstein gekommen,« antwortete ich. «

Da brach Ossenbrunner in ein prustendes Lachen aus. »Du meinst den Hassenbach! An den dachte ich doch niemals. Der ist ja nur eine Figur, eine Puppe.

Aber Güldenstjerna! Der ist wie ein Meteor. Jäh ist er aufgeflammt, kaum gekommen, hat er alles beherrscht; es gibt nichts, was er nicht wüßte, er ist ein Blender, aber im besten Sinne. Ich bewundere ihn.«

Seltsam genug, dachte ich für mich. Ossenbrunner hatte doch mit seiner Erzählung von Ahasver den Keim zu allen mißtrauischen, kritischen Gedanken gelegt, und jetzt sang er eine Jubelhymne auf den Mann, vor dem ich trotz aller Vernunfteinwände nie ein gewisses Grauen los werden konnte.

Alles mußte ein Ende nehmen, so auch der Tanz; ehe die Gäste auf die Zimmer geleitet wurden, war ich an Susanne herangekommen, deren Wangen noch heißer glühten, während ihre Augen noch mehr leuchteten. Ich bildete mir ein, dies könnte Hassenbach bewirkt haben, und rechnete schon mit der Frage, wann diese zwei Verlobung feiern könnten.

»Bist du zufrieden?« fragte ich sie.

Sie nickte und hastig, die Worte fast überstürzend, raunte sie mir zu: »Weshalb verachtet er mich? Zu allen spricht er, mit mir allein nicht. Nicht einmal einen Tanz hat er begehrt. Aber ich hasse ihn!«

Da war ich erschrocken; ich hatte von Hassenbach zu hören geglaubt, aber ihre Gedanken waren nur bei Güldenstjerna gewesen.

Mit mir allein in meinem Schlafzimmer konnte ich darüber nachdenken. Aus ihren Worten hatte eine solche Leidenschaft gesprochen, wie ich sie bei Susanne noch nie hatte beobachten können. Wie aber hatte in dem sonst so ruhigen Mädchen diese Leidenschaft aufflammen können?

Ich hatte bisher immer noch den Druck ihrer Hand verspürt, wie sie sich an meinem Arme festgekrallt und mir die schrecklichen Worte zugerufen hatte. Drei Tage waren seither verstrichen. Niemals hatte Güldenstjerna mit ihr allein gesprochen, kein unbelauschtes Wort war zwischen den zweien gefallen. Gewiß hatte auch ich mit Susanne niemals über den fremden Gast gesprochen, und ich weiß nicht, wie sie anfänglich über ihn gedacht hatte, und welche Umwandlung in ihr vorgegangen war.

Aber die Leidenschaft, die in ihren Worten gezittert hatte, war mir wie eine Last auf die Seele gefallen. Ich litt darunter und quälte mich selbst darüber.

Aus diesen grübelnden Gedanken schreckte mich ein heftiges Pochen an der Tür. Ich war aufgefahren und fragte, wer es sei. «

Da vernahm ich deutlich Menrads Stimme: »Ich bin es, Herr. Kommt sofort, dann könnet Ihr ihn wieder sehen.«

Gleich darauf eilte ich hinter Menrad her auf das Turmzimmer.

Sämtliche Lichter auf Karrstein waren schon erloschen. Die Stille der Nacht lag über der Burg. Auch Menrad hatte in dem Turmzimmer kein Licht. Er führte mich zu dem niederen Fenster und wies mit der Hand in den Hof hinunter.

»Sehet hinunter, Herr, wo die Esche steht. Da müsset Ihr seinen Schatten erkennen. Ich meinte schon, es wär' heute das Warten umsonst, denn drei Nächte hindurch kann er nicht wach sein; aber da ist er plötzlich wieder aufgetaucht wie ein Gespenst, das unter einer schweren Schuld im Grabe keine Ruhe finden kann.«

Meine Augen mußten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, dann ab er erkannte ich eine Gestalt. Regungslos stand er und starrte in die Dunkelheit. Dann ging er wieder den Kiesweg dahin, aber es schien, als schwebte er nur über den Boden hin. Und es war dabei ein sonderbares Seufzen zu hören.

Ich wußte nicht, ob die Baumkronen unter dem Drucke der Nachtwinde stöhnten, oder ob er es war.

Ich sagte zu Menrad: »Ich muß hinunter und werde ihn anreden. Ich muß wissen, was er hat.«

Er wollte mich abhalten, aber mein Entschluß stand fest. Dann bat er, mich begleiten zu dürfen. So leise es nur möglich war, huschten wir hinunter und kamen bis zur Esche. Aber der Kies unter unseren Schritten knirschte. Wir sahen vor uns den Schatten seiner Gestalt. Geräuschlos glitt dieser dahin.

Wir eilten auf ihn zu, aber wir fanden nichts mehr; wir sahen ihn nicht wieder, er war in der Dunkelheit verschwunden. Da bin ich nach dem Turmzimmer zurückgerannt und habe Fackeln geholt, und mit brennenden Lichtern lief ich dann mit Menrad durch den ganzen Park.

Umsonst!

Wir mußten zurückkehren. Verärgert, mürrisch kam ich wieder auf mein Zimmer. Dort schalt ich mich einen Narren, wollte nicht mehr an das glauben, was meine Augen doch deutlich gesehen hatten, nannte den Schatten, dem wir gefolgt waren, eine Täuschung, und alle die wunderlichen Eigenheiten Güldenstjernas und die Seltsamkeiten, die sein Erscheinen bis zu dieser Nacht begleitet hatten, nannte ich Unsinn. Nur eine Torheit konnte mich narren, und ich glaubte bestimmt, daß Susanne in ihrem vernünftigen Sinne das scheinbar Geheimnisvolle, Rätselhafte als etwas Natürliches erkannt hatte.

Allerdings Susannes Leidenschaft, an die ich nie würde geglaubt haben, gab mir zu denken, und wie ich so darüber nachdachte, schlief ich ein.

Am Vormittag des nächsten Tages ließ sich schon zu ziemlich früher Stunde Willfried v. Hassenbach zu einer längeren Besprechung anmelden; ich glaubte die Ursache und den Zweck zu erkennen.

Hassenbach schien etwas verlegen und drückte an Bemerkungen herum, die er in Gegenwart irgend eines beliebigen anderen ebensogut hätte machen können. Eine Weile hab' ich zugehört, auch eine Ansicht geäußert, verständnisvoll den Kopf geschüttelt, dann aber, als mir die Sache allzulange dauerte, fragte ich kurz: »Ist das alles?«

Da wurde Hassenbach rot, und das bewies mir vollends, wie sehr ich recht hatte mit meinen Mutmaßungen; sich gleichsam entschuldigend sagte er mit seiner schrillen Stimme, die Schultern, wenn möglich, noch höher ziehend: »Sie hat den ganzen Abend mit mir getanzt, und wir haben uns so gut unterhalten.«

»Halt!« unterbrach ich ihn. »Du sprichst von Susanne. Ehe du noch weiter redest, sage mir zuerst, ob du ihr etwas von deinen Absichten verraten hast.«

»Weshalb ich im vorigen Jahre hier gewesen bin, das weiß sie ja, denn sie hat mich abgewiesen. Trotzdem bin ich wiedergekommen. Ich hab' ihr gestern schon so manches zu verstehen gegeben, und wenn ich die Wahrheit sagen muß, dann kann ich nur erklären, daß sie mir besser gesinnt scheint. Ich hab' sie auch gefragt, ob ich mit dir sprechen dürfe, und da hat sie dann zweimal genickt.«

Diese Behauptung war für mich sehr überraschend, und ich habe ihn nochmals danach gefragt, denn ich glaubte eher an einen Irrtum. Aber da er es nochmals mit Bestimmtheit bestätigte, mußte es sich wohl so verhalten. Jedenfalls hatte ich mich dann getäuscht und was ich für eine Leidenschaft Susannes gehalten, war nichts als Ärger oder Laune gewesen, denen schließlich jeder Mensch unterworfen ist. Mir selbst aber konnte eine solche Lösung nur erwünscht kommen. Ich sicherte also Hassenbach meine Zustimmung wie im Jahre vorher zu, falls Susanne ihr Einverständnis erklären würde, woran ich selbst nicht mehr zweifelte.

Als sich Hassenbach dann entfernt hatte, ließ ich Susanne rufen, mußte aber erfahren, daß sie Karrstein verlassen hatte. Niemand wußte, wohin sie sich begeben, und ich verlangte, sie sofort an mich zu weisen, sobald sie wieder zurückkehre.

Gedanken habe ich mir darüber keine gemacht, zudem hat mir die Zeit dazu gefehlt, denn es lag viele Arbeit bereit, die erledigt werden mußte.

Darüber war die Zeit rasch verstrichen, und es mochte die Mittagsstunde schon nahe gewesen sein, als Susanne in meinem Zimmer erschien. Ich hatte von meiner Schreiberei kaum aufgesehen und nur flüchtig hingehört, als sie mich begrüßte.

»Weshalb hast du mich sprechen wollen?« fragte sie.

»Willfried v. Hassenbach war bei mir.« Nach diesen Worten hörte ich mehrere Augenblicke nichts als das Rascheln meiner Feder über das Papier. Da ich noch immer keine Erklärung bekam, ließ ich die Arbeit, wandte mich Susanne zu und stand auf.

Da fragte sie, während mich ihre Augen zu meiden suchten: »Was wollte er?«

Ich glaubte falsch gehört zu haben. Oder trieb Susanne nur ein Spiel mit ihm? Aber nein, dessen war sie nicht fähig, ich kannte meine Schwester schon zu lange.

»Er hat dich gestern gefragt, ob er zu mir kommen dürfe, und du hast ihm zugenickt. Du konntest doch wohl ahnen, was er von mir begehren würde.«

Da sah sie mich mit einem flehentlichen, angstvollen Blick an und entgegnete mit gequälter Stimme, in der unverkennbar der Ausdruck des Entsetzens lag: »Ich hab' ja kein Wort von allem gehört. Weshalb quält er mich so?«

Dieser Ausruf hat mich so ergriffen, daß ich mitleidvoll in sie drängte: »Das wollte er sicherlich nicht. Er ist wirklich ein guter Junge und würde dich auf den Händen tragen. Er glaubt so bestimmt an dich, wie nur die echte Liebe vertrauen kann.«

Da lagen ihre großen Augen starr auf mir, wie entgeistert sah sie aus. »Ich liebe ihn nicht,« sagte sie, »und ich kann ihn niemals lieben.« Und leise, kaum hörbar, fügte sie noch bei: »Ich werde keinen lieben können; nur einen – einen! Und dieser verachtet mich, er sieht mich nicht, er geht an mir vorüber, und daran werde ich sterben müssen.« Dann schrie sie auf wie von einem großen Schmerz gepeinigt: »Ottmar! Wenn er mich nicht lieben kann, dann gehe ich zu Grunde! Hilf mir!«

Ich war wie erstarrt und flüsterte nur: »Ist es der Fremde? Olaf Güldenstjerna?«

Sie nickte stumm.«



3.

Zwölf dumpfe Schläge kündeten die Mitternachtsstunde an.

Der Burgherr vom Karrstein unterbrach aufatmend seine Erzählung; er hatte den letzten Aufschrei der schönen Susanne Löwengaard in der verzweifelten Gequältheit so wiedergegeben, daß er den Anwesenden in den Ohren gellend nachhallte. Nun schwieg er.

Die um den Kamin Sitzenden empfanden die Erschöpfung mit, die bei der erschreckend deutlichen Wiedergabe all der Vorkommnisse, die er nie vergessen konnte, unausbleiblich sein mußte, und harrten vorerst schweigend der Fortsetzung.

Dabei eilten aber die Gedanken voraus, die nicht rasch genug nach dem Ende verlangen konnten, die stets alles auf einmal zu wissen begehrten. Und in den Köpfen aller malte sich das Ende in anderer Form, je nach der Eigenheit des einzelnen.

Während die Männer in ihrer meist poesielosen Nüchternheit die Tatsachen registrierten und für die Seltsamkeiten die natürlichsten Erklärungen suchten, hatten die Frauen in ihrem Herzen nur für ein tiefes Mitempfinden und Mitleiden Raum und fühlten das Rätsel Olaf Güldenstjernas in seiner gespenstigen Größe wie selbsterlebt.

Und so unterschieden sich die Gedanken über das Ende von Susannes Hochzeit und Ahasvers Brautfahrt. Während aber alle schweigend verharrten, konnte der Backfisch, der Vorwitz, wie er nicht mit Unrecht genannt wurde, seine erwartungsvolle Neugierde nicht so lange meistern und auch seine Ansicht, die ihm natürlich von besonderer Bedeutsamkeit dünkte, nicht länger für sich behalten.

»Jetzt glaub' ich es aber ganz bestimmt. Wie konnte nur Susanne diesen schrecklichen Mann lieben?«

»Wie war das möglich?« wiederholte eine andere, und aus den Stimmen, die sich bemerkbar machten, zeigte es sich, wie sehr gerade diese Frage die meisten beschäftigte. Dieses Problem, das in der kurz berichteten Tatsache wie ein Blitz aus heiterem Himmel gewirkt hatte, verdrängte für den Augenblick die Person Olaf Güldenstjernas, die sich in dem zweiten Teile der Erzählung des Burgherrn zu einem noch seltsameren Wesen gestaltet hatte. Nichts Bestimmtes hatte der Burgherr von diesem berichtet, kein klares Bild von ihm gegeben, er war fast in den Hintergrund getreten, und nur die Mitteilungen und Andeutungen dritter hatten die Gestalt des Fremden gebildet. Doch daran dachte niemand mehr, Olaf Güldenstjerna war wie ein drohendes Gespenst, das man scheu in jedem Winkel fürchtet, das aber doch nicht sichtbar ist. Susanne Löwengaard stand vor aller Augen, wie sie sich aufschreiend an den Bruder gewandt hatte.

Alle hatten die von dem Vorwitz zuerst ausgesprochene Frage in anderer Form wiederholt, aber es war darauf noch keine Erklärung zu geben versucht worden.

Der Bräutigam, der in dem Glücke seiner Liebe lebte, der an die dachte, die, in Pelze gehüllt, auf der Fahrt zu ihm war, versuchte es zuerst, und in seiner Erklärung zeigte sich der Bräutigam: »Die Liebe ist ein seltsam Ding; sie wird ausgesät wie Saatkörner auf einem weiten Felde, und niemand kann ermessen, in wessen Herz sie fällt. Die Liebe kommt geschlichen wie ein Dieb in der Nacht, den niemand hat kommen hören, der aber doch da ist.«

Erst folgte Schweigen auf diese Erklärung, bis eine zarte Frauenstimme antwortete: »Das will ich gerne glauben. Aber ich hätte nie diesen Fremden lieben können; und wenn – ich würde mir eine solche Liebe aus dem Herzen gerissen haben.«

»Und ich glaube gar nicht, daß es Liebe gewesen ist,« versuchte eine andere Stimme zu erklären. »Der Zauber Ahasvers hat sie verlockt. Der alte Ossenbrunner hat in seiner Legende ja berichtet, keine würde seiner Werbung widerstehen können.«

Da hatte der Vorwitz wieder etwas einzuwenden: »Aber er hat doch nie wieder mit ihr gesprochen; deshalb klagte sie doch!«

»Mit seinen Blicken hat er sie umstrickt, in seinen Blicken hat er um sie geworben, heißer, verlangender, als er es in Worten hätte tun können. Ich glaube bestimmt an den Zauber Ahasvers.«

Die dumpfe Männerstimme, die schon einmal den Zauber des Fremden mit natürlichen Erklärungen zu brechen versucht hatte, ließ sich jetzt vernehmen: »Mir scheint es nicht so sehr unbegreiflich. Die schöne Susanne war bisher stets gefeiert und umworben worden; nun kam dieser Fremde, den ein eigenartiger Zauber umgab. Susanne glaubte nicht mehr an die Wahrheit der Legende von Ahasver, sie dachte nur daran, daß dieser Güldenstjerna ihr schon im Traume erschienen sei, und hielt dies für eine Vorbestimmung. Nun mußte sie die Erfahrung machen, daß er die stets Gefeierte, der nur gehuldigt worden war, kaum beachtete, trotzdem sie in seinen Blicken eine Zuneigung zu erkennen vermeinte; aber er hielt sich zurück und mied sie noch mehr, aus Gründen vielleicht, die die natürlichsten sein mochten, aus Schüchternheit, oder weil er an einer möglicherweise unheilbaren Krankheit litt, oder aus irgend einem sonstigen Grunde. Damit entstand aber in Susanne die wirkliche Leidenschaft –«

Der Redende war unterbrochen worden. »So kann es niemals gewesen sein! Ihr kennt eben die Liebe nicht!«

»Er ist ein Junggeselle!« meinte jemand als Entschuldigung anführen zu müssen. »Ganz gewiß ist sie dem Zauber Ahasvers verfallen gewesen, da sie ihn doch selbst herbeigerufen hat.«

Zu dieser Erklärung nickten die meisten zustimmend, als der Burgherr vom Karrstein seine Erzählung wieder fortsetzte.

»Mir war es, als hätte man mich mit einem schweren Schmiedehammer vor den Kopf geschlagen; ich war wie betäubt, und alles um mich her tanzte in wirbelndem Kreise. Das war so plötzlich gekommen, das hatte mich so ergriffen, daß ich mit den Händen wie ein Trunkener umhertastete und nach einem Halt suchte.

Wie durch einen dichten Nebel hindurch sah ich Susanne am Boden knieen und ihr Gesicht mit den Händen bedecken, während ein Schluchzen ihre Gestalt erzittern machte.

Wie viele Minuten so verstrichen waren, ohne daß ein Wort gefallen wäre, während wir beide nur wortlos mit unseren Gedanken kämpften, um den Stürmen in uns Herr zu werden, das weiß ich nicht. Ich hab' mich zuerst wieder aufgerafft und war dabei selbst über meine Stimme erschrocken, die so fremd, so seltsam kalt und tonlos klang, als wäre ich ein anderer geworden.

»Setze dich in den Stuhl dort! Es wäre sinnlos, zu klagen oder Vorwürfe zu machen.«

Und sie gehorchte, apathisch, willenlos.

Ich sah sie nicht an, als müßte ich ihren Blick fürchten, und fragte dann: »Bist du dir auch bewußt, was du von mir forderst? Ich denke dabei nicht nur an deinen Traum, an die erste Begegnung mit Güldenstjerna, sondern auch daran, daß er ein Fremder ist, von dem wir nichts als den Namen wissen.«

Sie antwortete nichts, sie sah nur immer vor sich hin mit großen, starren Augen. Erst als ich meine Worte nochmals wiederholt hatte, entgegnete sie mir leise: »Nichts weiß ich, und ich will auch nichts wissen, aber daß ich daran zu Grunde gehen werde, das fühl' ich.«

Da glaubte ich die Verpflichtung zu haben, ihr alles sagen zu müssen, was ich noch beobachtet und gehört hatte; ich wies auf seine eisigen Hände hin, teilte ihr die Erklärungen Hassenbachs mit und stellte den Gegensatz zwischen seiner äußeren Erscheinung und seinen Berichten über eigene Reisen und Erlebnisse fest. Dabei verhehlte ich auch nicht die nächtlichen Wanderungen Güldenstjernas, soweit diese von Menrad und mir beobachtet worden waren. Das geheimnisvolle Wesen des Fremden schilderte ich und endete mit Ossenbrunners Legende vom Ahasver und mit ihrem eigenen Traume.

Ich hatte dabei mit lebhafter Anteilnahme gesprochen und glaubte sie von ihrem Verlangen gewaltsam abhalten zu können.

Sie hatte mich mit keinem Worte unterbrochen, und erst als ich schwieg, sagte sie so ruhig, als wenn sie bereits wieder den leidenschaftlichen Anfall vergessen hätte, als wenn sie meinen Ausführungen nur kritisch als Unbeteiligte gegenüberstünde: »Du selbst hast immer von Vernunft gesprochen. Wider die Vernunft wäre es, an die Legende vom ewigen Juden zu glauben. Das mit dem Traume war ein Traum, und die Ähnlichkeit ist ein Zufall. Was du sonst aber angeführt hast, sind Mutmaßungen. Sicherlich hat er weite Reisen gemacht, hat viel studiert und gelesen, versteht so darüber zu plaudern, als müßten es immer nur eigene Erlebnisse sein. Seine Kälte und Schlaflosigkeit aber lassen auf eine Krankheit schließen, die Mitleid heischt, doch niemals so unvernünftige Behauptungen entschuldigt.«

Susanne hatte so klar gesprochen, und sie hatte auch recht. Ganz gewiß! Sie hatte mich mit eigenen Waffen geschlagen. Es gibt nichts Übernatürliches, nichts Wunderbares, alles scheinbar Rätselhafte hat seine erklärenden Gründe. Was hatte ich gegen Olaf Güldenstjerna? Eine Reihe von Zufällen hatte ihn mit einem Zauber umgeben, der überraschend war. Ich hatte mich verführen lassen, während Susanne nur an die Tatsächlichkeit glaubte.

So und ähnlich mochte ich mir eingeredet haben, aber ich konnte damit das eine doch nicht aus der Welt schaffen: Susannes plötzliche Umwandlung.

Ich sagte deshalb: »Ich will alles zugeben. Ja, du hast die Wahrheit getroffen. Aber wie konnte dich so plötzlich diese Leidenschaft ergreifen, dich, die du bisher so kühl beobachtend sein konntest?«

Sie senkte die Lider. »Wer weiß, was die Liebe ist?« war darauf ihre Entgegnung. »Ich habe sie nie gekannt. Nur als ich ihn zum ersten Male sah, da war es, als empfinde ich im Herzen einen stechenden Schmerz, und ich habe so schwer atmen können, als müßte ich sterben. Die seltsame Ähnlichkeit mit dem Traumbilde mochte es mitbewirkt haben. Sonst habe ich nichts für ihn empfunden. Nur ein wunderliches Interesse fesselte mich, und ich habe dabei geglaubt, er müsse wie alle anderen sein. Er aber hat mich gemieden wie eine Aussätzige. Da ist dann langsam die brennende Begierde gekommen, so wie ein Dürstender schmachtet, der den Quell vor sich sieht, der den Quell plätschern hört, der aber nicht von der Stelle kommen kann. Und ich verdurste, ich gehe daran zu Grunde!«

Dabei hat sie die Hände geballt und schüttelte sie in leidenschaftlicher Erbitterung.

Was hätte ich tun sollen? Ich fühlte mich so schwach, um mit Worten zu widersprechen, ich sagte Ja zu allem, was sie forderte, trotzdem ich wußte, ich könnte es nimmer erfüllen. Ich nickte nur immer und dachte dabei daran, wie ich diese Leidenschaft aus ihrem Herzen reißen könnte.

»Ich kann also Hassenbachs Werbung nicht annehmen,« fuhr sie fort. »Aber er darf deshalb nicht fort von Karrstein, denn Güldenstjerna würde ihm dann folgen. Verstehst du? Dieser aber muß hier bleiben, wenn du nicht willst, daß ich sterbe.«

Da rief uns die Tischglocke.

Die Tafel war wie ein Henkersmahl; mir gegenüber saß Willfried v. Hassenbach, dessen Augen stets die meinen suchten, um darin die Antwort lesen zu können. Ich wagte ihn nicht anzusehen, denn noch ein Augenpaar schaute mich forschend an, und in diesem Blicke traf mich halb Warnung, halb Drohung. Dies war die schöne Susanne. Neben mir saß Olaf Güldenstjerna, dessen Stimme mir immer in den Ohren klang wie das Läuten einer Totenglocke. Nicht ein Wort war mir dabei verständlich, ich saß wie ein lebloses Bild unter all diesen anscheinend Fröhlichen.

Nur das weiß ich noch, daß ein Trinkspruch ausgebracht wurde. Auf wen, warum und wer die Anregung gegeben hatte, das weiß ich nicht. Ich war mit aufgestanden. Da klangen die Gläser Susannes und Güldenstjernas zusammen, während sich ihre Blicke ineinander versenkten, in die Herzen drangen und sich darin gleichsam festsaugten. Das sah ich. Und es klirrte erst leise wie Silberglocken, dann folgte ein schriller Klang, Scherben brachen, und die Glastrümmer zersplitterten auf der weißen Tischdecke, wo der rote Burgunder wie eine Blutlinie sich dahinschlängelte nach dem Platze der schönen Susanne.

Ihr Blut – mußte ich denken.

Susanne aber sah dabei mit leuchtenden Augen zu Olaf Güldenstjerna auf.

Und ich dachte wieder daran, daß ich sie trennen mußte, daß sie sich nie wiedersehen sollten, und glaubte damit in die ehernen Speichen des Schicksalsrades greifen zu können, um den mitleidlosen Lauf zu hemmen. Dabei hatte ich mir alles zurechtgelegt, und meine Rechnung war auch scheinbar ganz richtig. Bis auf einen kleinen Rechenfehler, der sich aber erst später bemerkbar machte.

Am nächsten Tage rief ich Willfried v. Hassenbach in mein Bibliothekzimmer. Ich hatte zu ihm noch kein Wort gesagt, als er sofort in ärgerlichem Tone erklärte: »Ich weiß nicht, ob ich ein Narr bin. Gestern hat sie mich zur Seite gestellt, hat über mich weggesehen, als wäre ich Luft. Sie ist wie eine Windfahne!«

Ich wollte nichts gehört haben und fragte nur: »Hat Olaf Güldenstjerna irgendwelche Absicht ausgesprochen, wie lange er noch hier zu bleiben gedenkt?«

»Solange ich hier sein werde,« murrte er.

»Hast du ihm die Absichten verraten, die dich hierher geführt haben?«

»Nein.« Dann fuhr er wieder auf. »Was soll das bedeuten? Ich bin doch hier, um eine Antwort auf die gestrige Unterredung zu erhalten«

»Das ist die Antwort!« konnte ich nur erwidern.

»Du mußt fort, du mußt mit diesem Güldenstjerna fort, der das Verhängnis von Susanne zu sein scheint.

Verstehst du mich jetzt? Du selbst hast diesen Mann hierher gebracht, der sich vor dich hingedrängt hat. Du mußt sorgsam vorgehen und ihn zu bestimmen suchen, daß er ohne langen Abschied Karrstein verläßt.«

Da schlug sich Hassenbach vor die Stirne: »Bin ich denn blind gewesen! –Aber wird Güldenstjerna mir folgen, wenn sich die beiden wirklich lieben?«

»Sie haben sich noch nicht allein gesprochen; noch sind sie getrennt und noch ist es Zeit. Ich werde dafür sorgen, daß Susanne auf einen Tag nach Seckbach reitet. Dann wird es möglich sein.«

So wurde es dann verabredet.

Es machte mir keine sonderlichen Schwierigkeiten, den Baron v. Seckbach und seine kleine Frau zu bestimmen, Susanne für einen Tag nach Seckbach einzuladen und gleich mitzunehmen. Der lange Wendelin Zeismar sollte sie wieder nach Karrstein zurückgeleiten.

Als sie dann fortritten, als Susanne mir die Hand zum Abschied reichte, da sah sie mich so forschend an, als hätte sie meine Absicht durchschaut

»Es ist doch kein langer Abschied nötig! Morgen sehen wir uns ja schon wieder,« sagte ich.

Güldenstjerna hatte ich noch nicht gesehen. Er war schon in früher Morgenstunde fort auf einem Streifzuge, wie er das liebte.

Es war also möglich, daß er von dem Ausritt Susannes gar nichts wußte und sie auch nicht wiedergesehen hatte. Dann sollte er sie auch nicht wiedersehen.

Güldenstjerna kehrte erst am Abend zurück und hatte dann mit Willfried v. Hassenbach eine längere Unterredung. Ich ahnte den Inhalt und hoffte nun auf Erfolg.

Abends saßen wir zu vieren zu Tisch. Güldenstjerna saß mir gegenüber, Willfried v. Hassenbach hatte den alten Ossenbrunner zum Tischnachbar. Es war eine stille Tafelrunde. Ossenbrunner hat öfters ein Gespräch einzuleiten versucht, aber kaum einer hat auf seine Reden geachtet, und nur kurz war ihm geantwortet worden. Selbst Güldenstjerna, der sonst am lebhaftesten plauderte, war sehr wortkarg.

Als die Tafel aufgehoben wurde, sagte Willfried v. Hassenbach: »Güldenstjerna und ich haben uns entschlossen, morgen in frühester Stunde abzureisen. Du wirst es daher entschuldbar finden, daß wir uns früher zurückziehen.«

Ich nickte nur und antwortete: »Es ist schade, daß Susanne nicht hier ist.«

»Du wirst ihr unsere Abschiedsgrüße melden,« erklärte Hassenbach.

Ich versprach es, machte aber nicht den geringsten Versuch, sie zu längerem Weilen zu bestimmen. Ich wollte mich nicht der Befürchtung aussetzen, sie könnten von ihrem Entschlusse nochmals abkommen.

Mein Blick kreuzte sich mit dem Güldenstjernas; seine schwarzen Augen glänzten noch heller denn je, und sein Gesicht war von noch fahlerem Schein. Es war wie aus altem, gebleichtem Elfenbein gemeißelt.

Dann haben sie das Zimmer verlassen. Kaum hatte sich hinter ihnen die Tür geschlossen, da fuhr der alte Rat wütend auf.

»Was geht hier eigentlich vor?« rief er» »Man könnte sich von Geheimnissen umgeben glauben. Susanne ist fort, und jetzt wollen auch diese beiden fliehen, wie Diebe, scheu und plötzlich. Wenn Hassenbach, wie ich vermute, einen Korb bekommen hat, dann kann er uns doch den Güldenstjerna zurücklassen, den wir sehr vermissen werden. Weshalb muß auch dieser fort?«

»Weil Hassenbach einen Korb bekommen hat,« entgegnete ich, seine Worte wiederholend.

»Narrheit!« war Ossenbrunners einzige Erklärung.

»So will es mir fast auch scheinen,« sagte ich gedankenversunken. –

Als ich dann am kommenden Morgen im Frühstückszimmer erschienen war, da wurde mir gemeldet, Willfried v. Hassenbach und Olaf Güldenstjerna hätten den herrlichen Morgen benützt und Karrstein bereits verlassen. Ich weiß nicht, wie Hassenbach seinen Begleiter so rasch hatte bestimmen können, ich wollte es auch gar nicht wissen, denn ich war sehr zufrieden, daß sie nun fort waren.

Ich selbst fühlte mich wie von einer schweren Last erleichtert und war an diesem Tage bald da bald dort zu sehen, vergnügt, wie es sonst selten meine Art ist. Ich glaubte mit jedem plaudern zu müssen.

Als ich dabei mit Menrad zusammentraf, blieb ich bei ihm stehen und fragte ihn: »Was gibt es Neues, Menrad?«

»Der seltsame Gast ist fort, Herr?«

Ich nickte zustimmend.

»Das ist gut, Herr,« flüsterte er. »Ich hab' Euch nichts davon melden wollen, aber da er nun fort ist, kann ich es ja sagen. Damals, als er uns im Parke entschwand, wie von einem Windhauche verweht, ist es seine letzte Wanderung gewesen. Im Parke aber nur, Herr! Ich hab' ihn noch in jeder Nacht beobachten können. Er hat nur sein Zimmer nicht verlassen. In den Nächten hat er nie ruhen können, rastlos ist er umhergewandert – wie der ewige Jude.«

Ich erschrak, als der alte Torwart dies sagte. Menrad hatte doch von Ossenbrunners Geschichte so wenig wissen können wie von meinem Gedanken. Und doch hatte er den Verdacht ausgesprochen!

Ich wollte ihn von einer solchen Mutmaßung ablenken: »Das kann irgend ein Zufall oder eine Täuschung gewesen sein,« meinte ich.

»Nein, Herr!« beharrte Menrad um so bestimmter.

»In der nächsten Nacht hab' ich im Hofe vor dem rechten Flügel gekauert, wo die Fenster zu Güldenstjernas Zimmer beobachtet werden können; ich bin sogar trotz meiner alten Beine noch auf einen Baum geklettert, um in sein Zimmer sehen zu können. Er hatte die Vorhänge geschlossen, doch brannte er Licht die ganze Nacht hindurch. Da war sein Schatten gut zu sehen, der immer auf und nieder ging, immer und unermüdlich. Auch in der folgenden Nacht, Herr! Ein sonderbarer Gast war das, der in keiner Nacht Ruhe finden konnte.«

Ich habe Menrad Schweigen geboten, da der Fremde nunmehr von Karrstein fort sei, und alle Befürchtungen zwecklos wären.

Aber Susanne?

Sie mußte diesen Abend von Seckbach zurückkommen. So war es wenigstens verabredet gewesen. Wie würde sie die Nachricht von Güldenstjernas Abreise aufnehmen? Ich zweifelte nicht, daß eine erregte Auseinandersetzung die Folge sein werde, daß mir schlimme Tage bevorständen, war aber auch davon überzeugt, daß das Mädchen so am raschesten die Leidenschaft vergessen würde, die so plötzlich von ihr Besitz genommen hatte.

Aber bis zum Abend waren noch viele Stunden, und ich überlegte, was ich sagen sollte.

Die Sonne hatte den höchsten Punkt ihrer täglichen Wanderung erreicht, als ich in der schattenspendenden Glasveranda saß und eben vor mich hinträumte. Da wurde die Tür aufgerissen, und unter der Schwelle stand Susanne. Ihr dunkles Reitkleid war bestaubt und zerrissen, als wenn sie von einer wilden Hetzjagd zurückkehrte, ihre Augen flackerten unruhig und brennend, und die Wangen glühten wie in Fieberhitze.

Ich war aufgesprungen, doch ehe ich noch ein Wort über die Lippen gebracht hatte, rief sie mir in höchster Leidenschaft zu: »Wo ist Olaf Güldenstjerna? – Du hast ihn fortgejagt, du hast mich betrogen. Du aber wirst mein Mörder sein, denn jetzt werde ich sterben müssen!«

Ich habe zu antworten versucht, aber es war vergebens, sie war schon wieder fort, und ich hörte, wie ihre flüchtigen Schritte auf der Treppe verhallten.

Wie hatte sie das nur ahnen können? Sie mußte in tollem Jagen durch dick und dünn von Seckbach herübergeritten sein. Irgend jemand mußte ihr Güldenstjernas Abreise gemeldet haben.

Aber wer?

Umsonst versuchte ich es, mir darauf eine Antwort zu geben. Das war ein Rätsel, bei dem ein Raten aussichtslos war. Ich mußte Susanne selbst aufsuchen, ich mußte mit ihr reden, ihr alles erklären und sie zu beruhigen versuchen.

Aber ich fand die Tür ihres Zimmers versperrt. Ich pochte, ohne eine Antwort zu erhalten, ich rief ihren Namen unermüdlich, bis ich endlich ihre Stimme hörte.

»Was willst du?« fragte sie.

»Öffne mir!« forderte ich.

»Nein!«

»Wer hat es dir verraten?«

»Niemand! Ich habe es plötzlich gefühlt, und dann bin ich herüber.«

»Ich will dir alles erklären. Du wirst mir dann selbst zustimmen müssen.«

»Ich will nichts hören. Ruhe will ich, nichts als Ruhe!«

Dann schwieg sie, und was ich auch versuchte, es war erfolglos.

Endlich entfernte ich mich, um auf die Stunde zu warten, da sie ruhiger sein und mich anhören würde. Dann würden wir uns schon einigen und verstehen, meinte ich. Was ich getan hatte, das war doch nur geschehen, weil ich ihr Bestes gewollt.

Es wurde Abend, und die ersten Schatten der Dämmerung huschten vom Walde herüber. Da trat Ossenbrunner zu mir herein.

»Weißt du, daß Susanne schon zurück ist?« fragte er.

Ich nickte nur.

»Sie liegt im Bett und hat Fieber. Ihr Mädchen hat mich gerufen. Ich habe Susanne untersucht, und ich glaube, du tust gut daran, aus der Stadt sofort einen Arzt rufen zu lassen.«

Susanne in Fieberschauern!

Das hatte ich nicht gewollt. Eilig lief ich nach ihrem Zimmer. Wie in brennender Glut, wie von Blut übergossen lag ihr Gesicht in den weißen Kissen. Die Lippen waren trocken und aufgesprungen, die Augen starrten weit offen, und der Atem ging röchelnd.

Ich kniete vor ihrem Bette nieder und rief nur immerfort ihren Namen, aber sie hörte mich nicht, sie sah mich nicht, sie murmelte im Fieber Laute, die meinem Ohr unverständlich waren.

Die ganze Nacht wich ich nicht von ihrem Bette, und der Morgen graute schon, als der Arzt, den Ossenbrunner hatte herbeirufen lassen, endlich erschien.

»Sie müssen helfen, müssen sie retten!« rief ich ihm entgegen. »Sie darf nicht sterben.«

Der lächelte sein gütiges Lächeln. »Was meine Kunst vermag, soll geschehen. Aber Sie dürfen nie mehr fordern, als im Können von uns Menschen liegt.«

Dann untersuchte er die Kranke.

Ich stand dabei im Zimmer, mit zitternden Knieen, und noch niemals habe ich mit solcher Inbrunst gebetet wie damals. Als ich hernach den Arzt befragte, da zog er die Schultern hoch.

»Ein wildes Fieber ist's,« meinte er bedächtig. »Wie das so plötzlich hat kommen können, ist mir noch nicht klar.«

Ich wußte es und mußte schweigen.

Der Doktor wurde auf Karrstein einquartiert und sollte nie von dem Bette der Kranken weichen. Ihr Fieber aber steigerte sich immer mehr, und ich mußte Zeuge sein, wie sie fortwährend nach Olaf rief, und da fragte mich der Arzt einmal, wer dies sei.

Ich nannte den Namen und erklärte, sie habe ihn geliebt, er sei aber nun von Karrstein fort.

Da sagte der Doktor: »Er könnte sie gewiß rascher gesund machen als alle meine Medikamente.«

Ich konnte nichts antworten, denn ich mochte seinen Glauben nicht teilen.

Drei Tage hat Susanne so im Fieber gelegen, und es trat nicht die geringste Besserung ein. Es schien eher schlechter zu werden.

Nie ist sie dabei zu klarem Bewußtsein gekommen. Nur einmal – in der vierten Nacht. Da schlug sie plötzlich die Augen auf und sah mich so klar an wie in ihren gesundesten Tagen.

»Ich bin schwer krank, Ottmar?« fragte sie.

Ich sagte begütigend: »Das ist nun vorüber. Du wirst bald wieder gesund werden.«

Sie schüttelte langsam den Kopf. »Nein! Kein Arzt kann mir helfen. Das mußt du wissen. Einer nur könnte es! Aber der ist fort! Du selbst hast es ja so gewollt.«

Erschöpft schwieg sie.

Ich wußte den Namen, aber ich wagte ihn nicht auszusprechen; eine unerklärliche namenlose Furcht hatte mir die Zunge gelähmt.

Sie aber redete wieder, flüsternd, wie mit sich selbst: »Wenn er kommen würde, so könnte ich wohl aufstehen. Wenn er meine Lippen küssen würde, so könnte die brennende Hitze weichen.«

Dann versank sie wieder in Phantasien und Fieberschauern.

Am kommenden Morgen aber ritt ich fort, Olaf Güldenstjerna zu suchen.«



4.

Ein seltsam klatschendes Geräusch war am Fenster zu hören, als poche ein knöcherner Finger dagegen.

Da schwieg der alte Burgherr, und alle Gäste lauschten in atemlosem Bangen.

Da klang es aber schon wieder. Es kam vom zweiten Fenster her. Dort waren die Vorhänge zugezogen.

Verglühend sanken zwei der großen Buchenscheite zusammen, und das heller auflodernde Feuer beleuchtete blasse Gesichter. Das fremde, sonderbare Geräusch wußte niemand zu deuten, und es hatten doch alle darauf gehört.

Kaum daß einer zu atmen wagte. Die Dunkelheit, die bedrückende Stille, und des Burgherrn wunderliche Geschichte!

Da flüsterte ängstlich der Vorwitz: »Was ist nun das? Habt ihr es auch gehört?«

Niemand antwortete.

Ottmar v. Löwengaard hatte sich weit vorgebeugt, wie in die Ferne lauschend.

Endlich stand einer der Herren auf und näherte sich mit schweren Schritten dem Fenster. Der Vorhang wurde zurückgeschoben

Da raschelte es wieder.

Das Fenster wurde geöffnet und gleich hernach klirrend wieder geschlossen.

»So sind wir Menschen,« sagte der Zurückkehrende. »Wir glauben an das Übernatürliche, an das Wunderbare und fürchten uns, die Ursache zu erforschen. Was war es nun gewesen, das uns zu schrecken versucht hatte? Die harmloseste Veranlassung. Eine Taube hatte sich am Fenstergitter verfangen. Da hatte sie ängstlich geflattert, und die Flügelschläge haben wider das Fenster geschlagen. Das war alles.«

Der Burgherr legte ein neues Scheit Holz in den Kamin, und knisternd fraßen die Flammen an der willkommenen neuen Nahrung.

»Man hat mir einmal erzählt, es künde dort einen Todesfall an, wohin sich eine Taube Nachts verirrt.«

»Wie ferne stehen sich Taube und Tod! Wer kann im Ernste dem Zufallsfluge solche Bedeutung beilegen?«

Niemand antwortete. Nur der Vorwitz, der Backfisch, meinte: »Wie kann man nur jetzt von solchen Dingen sprechen? Ich möchte nichts wissen als das eine, ob Güldenstjerna zurückgekommen ist!«

Stille war es wieder, und in das erwartungsvolle Schweigen hinein, da alle dem Ende der Erzählung in gleicher Neugier entgegenharrten, klang wieder die Stimme des Burgherrn, der weiter berichtete.

»Dreißig Tage war ich ferne von Karrstein, immer auf der Spur des Mannes, den ich doch selbst vertrieben hatte, den ich aber nun in steter Ruhelosigkeit suchte. Zuerst hatte ich mich bei Willfried v. Hassenbach eingefunden, wo ich erfahren mußte, Güldenstjerna habe sich nach Gent begeben. Dort wies die Spur nach Brüssel, und von Brüssel führte mich meine rastlose Fahrt nach Amsterdam. Aber in dieser Hafenstadt verlor ich endgültig seine Spur. Olaf Güldenstjerna war mir entschwunden, und die Hoffnung war für mich verloren, sein Wiederkommen könnte Susannes trostlosen Zustand bessern. Niedergeschlagen, betrübt und verzagt kam ich wieder auf Karrstein an.

Ich habe kaum jemanden zu fragen gewagt und habe schon aus der Ferne nach den Zinnen des Schlosses gespäht, ob nicht die schwarze Flagge im Winde sich blähte und mir Schreckensbotschaft verkünde. Aber nichts war davon zu bemerken.

Ossenbrunner begrüßte mich zuerst. Sein Gesicht war in den Tagen meiner Abwesenheit noch verrunzelter geworden, die Haut noch vergilbter.

Er begann sofort in beruhigendem Tone: »Keine Furcht! Wenn ich mich nicht irre, so ist schon eine wesentliche Besserung eingetreten, Fieber und Hitze sind vorbei. Nur absonderliche Reden führt sie öfters; doch das wird viel nicht bedeuten.«

»Was sagt der Arzt?«

»Für ihr Leben bestehe keine Gefahr mehr.«

Wie habe ich da aufgeatmet! Von schwerer Schuld und Last befreit eilte ich zu dem Krankenlager.

In weißen Kissen lag ihr Gesicht, umrahmt von goldener Haarfülle. Die Finger, leicht zu einer Faust geballt, lagen lässig auf der Decke. Kaum hatte sie meine leisen Schritte gehört, da öffnete sie die eben noch geschlossenen Augenlider, und als sie mich erkannte, da leuchteten ihre Wangen in frischem Rot, und ihre Augen erschienen mir heller glänzend denn je zuvor.

Ich hatte ihre heiße Hand genommen und sagte im herzlichsten Tone: »Susanne, wie danke ich Gott, daß du genesen bist! Es wird nicht mehr lange währen, und du wirst wieder froh und lustig durch den Wald reiten.«

Sie entgegnete nichts, sondern sah mich nur mit Augen an, in denen die froheste Erwartung und das reichste Glück strahlte. »Wo bist du so lange gewesen?« fragte sie.

Ich zögerte mit der Antwort, denn ich wußte nicht, ob ich den Namen erwähnen durfte, der allein die Veranlassung ihrer Krankheit gewesen war, ob ich die Wahrheit sagen durfte.

Da redete sie wieder mit ihrer leisen Stimme: »Du hättest früher kommen sollen, denn er war schon zweimal hier.«

Mir war es unbegreiflich, von wem sie sprach, ich dachte nicht im entferntesten an das, was ich noch hören sollte, und fragte daher: »Wer war denn hier?«

Da blickte sie mich wiederum an, als verstünde sie meine Frage nicht, und flüsterte dann: »Er – Olaf! In zehn Tagen werden wir Hochzeit feiern.«

Ich konnte nichts antworten, ich sah sie nur starr an und hörte nur immer zu, wie sie jetzt weiter erzählte.

»In der Nacht, da du von Karrstein fortgeritten bist, war er zum ersten Male hier. Er hat mich aus dem Schlafe geweckt, während er seine kühle Hand auf meine glühende Stirne legte. Da war ich aber noch so krank, daß ich nichts habe reden können, und nur seine Stimme hörte. ›Du wirst bald genesen,‹ hat er gesagt, ›dann mußt du dein Haar mit Rosen schmücken, und ich werde kommen und dich holen. Gedulde dich!‹ Dann war er fort. Er hat recht behalten; seine Hand hat die Fieberhitze von mir genommen, und der Doktor hat mir zufrieden zugenickt und hat dann gelächelt, als ich es ihm erzählte. Mit jedem Tage fühlte ich mich gesünder, und ich glaube, ich hätte längst aufstehen können, wenn meine Füße nicht so schwach wären. – Vor zwei Tagen ist er wieder gekommen. Ich lag schlaflos, da hat er leise die Tür geöffnet und ist an mein Bett getreten. ›Wie fühlst du dich?‹ hat er gefragt. ›Wie gesund,‹ habe ich darauf geantwortet. ›Nur meine Wangen brennen so heiß, und mein Blut singt in den Adern.‹ Da hat seine kühle Hand die meine genommen, und er hat gesagt: ›Geduld! In zwölf Tagen ist Johannisnacht Da werden wir Hochzeit feiern. Ich will rote Rosen in deinem Haar sehen, und ein weißes Brautkleid soll dich schmücken. Dann werde ich deine Lippen küssen, und aller Schmerz wird von dir weichen, und dein Blut wird nicht mehr so heiß brennen.‹ Dann hat er meine Stirne geküßt, und darüber bin ich eingeschlafen.«

Ich war zu Tod erschrocken. Was sie mir da erzählte, das mußte ein Fieberwahn sein, und wenn sie scheinbar körperlich gesundete, so litt ihr umnachteter Geist desto mehr. Sie hielt ihre Träume für wahr, sie glaubte, was die erhitzten Phantasien ihr vorgegaukelt hatten. Ich wußte nicht, was ich antworten sollte, um sie nicht in ihrem Wahn zu bestärken, um aber auch keinen Rückschlag dadurch zu bewirken, daß ich ihr widersprach.

Sobald der Arzt dann wieder erschien, schloß ich mich mit diesem in mein Arbeitszimmer ein und befragte ihn ernstlich nach Susannes Zustand, wobei ich ihre wirren Reden anführte.

Der Doktor nickte mit dem Kopfe, sah mich blinzelnd an und sagte: »Sie hat eine Nervenerschütterung erlitten. Fieber war die Folge, und es wird noch mehrere Wochen währen, bis sie vollständig geheilt sein wird. Selbstverständlich beschäftigen sich jetzt ihre Gedanken immerfort mit den Dingen, die die Veranlassung zu der Krise gegeben haben. Am besten ist es, ihr nicht zu widersprechen, ihr jeden Willen zu erfüllen, bis sie körperlich genügend gekräftigt ist. Dann wird auch das Vorübergehen.«

Diese zuversichtliche Erklärung des Arztes hat mich wieder beruhigt. Nicht daß ich vielleicht selbst einen Augenblick daran geglaubt hätte, Olaf Güldenstjerna könnte wirklich gekommen sein. Aber ich habe doch für ihren Geisteszustand gefürchtet.

Nach der Erklärung des Arztes richtete sich mein Verhalten, wenn sie mir in den nächsten Tagen wieder von Olaf Güldenstjerna berichtete. Ein weißseidenes Brautkleid mußte beschafft werden, alles ordnete sie an, um ihre Hochzeit feiern zu können. Und jeder Wunsch wurde erfüllt.

Die Krankheit Susannes hatte es mit sich gebracht, daß ich fast nie die Burg verließ; ich wollte nicht von ihrem Lager weichen, um stets in ihrer Nähe zu sein, wenn ein neuerlicher Anfall sie treffen sollte. So wachte ich auch die Nächte hindurch an ihrem Lager und konnte beobachten, welchen gesunden Schlaf sie hatte.

Schon war ich wieder sechs Tage auf Karrstein, als ich zum ersten Male mit dem alten Menrad zusammentraf. Er bat mich, ihm zu folgen, führte mich in das Turmzimmer und sagte dort: »Der Herr hat es mir verboten, darüber zu sprechen. So habe ich bisher niemandem davon erzählen können.«

»Was ist geschehen?« fragte ich.

»Herr, der Fremde ist wieder hier gewesen.«

Da ist mir der Schrecken wild in die Glieder gefahren. »Wer? Olaf Güldenstjerna?« fragte ich, während ich mich zu beherrschen suchte, um wenigstens äußerlich ruhig zu erscheinen.

Menrad nickte eifrig. »In der Nacht vor acht Tagen mag es zum ersten Male gewesen sein. Unter Hunderttausenden hätte ich sein Gesicht erkannt. Es war nur noch fahler und weißer, und die Augen leuchteten noch stärker. Im Torbogen unten verschwand er, und ich weiß nicht, wohin er gekommen ist.«

Ich hielt mich mühsam aufrecht. »Es ist gut, Menrad. Sollte wieder etwas vorfallen, dann will ich sofort geweckt werden.«

Auf meinem Zimmer brach ich zusammen. Ich preßte die Hände wider die Stirne, um nicht wahnsinnig zu werden, um klar denken zu können über das, was ich eben vernommen hatte. Wenn auch Susanne vielleicht nur geträumt hatte, konnte es bei Menrad ebenso gewesen sein?

Ich wollte nichts anderes glauben. Aber – aber –

Wie krächzende Raben umschwirrten mich diese Aber.

In der nächsten Nacht trat ich kurz nach Mitternacht auf den Korridor, um frische Luft zu schöpfen. Da kam Menrad eilig auf mich zu.

»Herr, Herr,« rief er heiser, »kommt mit mir, denn eben war er im Parke!«

Wir liefen die Treppe hinab und durchsuchten Hof und Park, fanden aber nicht die geringste Spur. Ich lief nach Susannes Zimmer zurück.

Dort brannte Licht.

Mit lächelndem Gesichte und mit hellen Augen sah sie mich an und schien die Bestürzung, die in meinem Antlitz unverkennbar sein mußte, nicht zu bemerken.

Sie sagte ganz ruhig: »Du hättest etwas früher kommen sollen; eben war er hier.«

Da packte mich schon wieder die namenlose, entsetzliche Angst, daß ich nur lallend die Frage stammeln konnte: »Was hat er gewollt?«

»Er hat mich an morgen gemahnt, als wenn ich's je hätte vergessen können.«

Was ich geantwortet habe, weiß ich nicht mehr; ich kann auch heute nicht mehr verstehen, wie ich den nächsten Tag verbrachte, bis wieder die Sonne hinunterstieg, und die dunklen Schleier der Nacht sich über die Erde ausspannten.

Susanne war munter und fast fröhlich, und es war, als verkläre ein stilles Lächeln ihr Gesicht. Im weißen Brautgewand lag sie auf ihrem Lager, und in ihre goldenen Haare waren rote Rosen geflochten, die aufleuchteten wie der dunkle Mohn in einem reifen Saatseide.

Sie hat nur wenig gesprochen und schien nur ihren Gedanken zu leben.

Ich selbst war in wilder Erregung, und das Blut kreiste immer heißer in meinen Adern, je weiter der Abend vorrückte.

Drei Lampen erhellten das Gemach; ich hatte in meiner Tasche eine Pistole, und auch mein Degen lag bereit. Die Fenster und die Türen hatte ich geschlossen.

So still war es im Raum, daß ab und zu aus dem Parke der verlorene Ton irgend eines Vogels zu hören war, den ein Zufall aus dem Schlafe geweckt haben mochte. Die Vorhänge waren dicht geschlossen.

Susanne lag still mit halbgeschlossenen Lidern.

Da – ich krallte im Schrecken die Finger zur Faust zusammen – da pochte es ans Fenster. Ein seltsamer Ton, der sich immer wiederholte.

Susanne hatte plötzlich die Augen weit geöffnet und sagte mit verhauchender Stimme: »Hast du sein Klopfen nicht gehört? So öffne ihm doch!«

Mich schüttelte ein Fieberfrost, aber ich antwortete ruhig: »Du wirst dich geirrt haben. Das war ja draußen vor dem Fenster.«

Da ertönte wieder das nämliche Pochen gegen das Fenster. «

»Hörst du es nicht, Ottmar? Er wird schon ungeduldig.«

»Es ist nichts.«

Da schwieg sie.

Mitternacht mochte schon vorüber sein. Ich sah Susanne an. Ihre Wangen glühten, und ihre Augen glänzten.

»Es ist so heiß!« murmelte sie. »So öffne doch ein Fenster!«

Ich trat an eines der Fenster, zog den Vorhang zurück und öffnete den Riegel.

Im gleichen Augenblicke fuhr mir ein so heftiger Windstoß ins Gesicht, daß ich taumelnd zurückwich Und da hatte der Luftzug auch schon die Lichter gefaßt und ausgelöscht. Es war tiefste, dunkelste Nacht. Ich sprang wieder dem Fenster zu, um es zu schließen.

Da hörte ich Susannes Stimme halblaut: »Wo bist du so lange gewesen? Aber ich wußte es ja, du würdest dein Versprechen nicht vergessen.«

Mühsam raffte ich mich auf. Ich war nicht mehr Herr meiner Sinne. War wirklich jemand im Zimmer? Ich tastete nach der Pistole in meiner Tasche. Endlich fand ich sie, riß sie heraus, wobei der Hahn niederschnappte.

Krachend hallte der Schuß. Heißes Blut träufelte über meine Hand. «

Das Aufblitzen des Pulvers hatte für eine Sekunde das Gemach erhellt, aber sofort lag wieder undurchdringliche Finsternis im Raum.

Da wurde die Tür aufgestoßen, Licht strömte in das stille Gemach, wo ich regungslos am Boden lag – –«

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Ottmar v. Löwengaard schwieg tief aufatmend.

Bange Minuten verstrichen, dann fuhr er sich mit der zitternden Hand über die Stirne und endete mit tonloser Stimme: »Die schöne Susanne war tot; sie lag kalt und starr in den weißen Kissen, und die Rosen leuchteten in dem goldigen Haare wie große Blutstropfen. Ihr Gesicht war weiß wie gebleichtes Linnen, die Augen wie umflort von trübem Glanze.

Ich selbst ward krank. Drei Wochen lag ich in wildem Fieber.

Später hab' ich dann nachgeforscht und nur erfahren, daß niemand etwas wußte von den Vorgängen jener Nacht. Mein Schuß erst hatte die Leute herbeigezogen.«

Er schwieg.

Eine leise Stimme sagte endlich: »Und woran ist denn die schöne Susanne gestorben?«

Der Burgherr antwortete: »An einem Herzschlage, hat der Arzt gesagt. Ich gab mich damit zufrieden, aber wer kann wissen, ob –«

Die dumpfe Stimme des Gastes, der vorhin das Fenster geöffnet hatte, unterbrach ihn: »Es gibt keine Wunder! Die Sache läßt sich leicht folgendermaßen erklären –«

Da sprangen alle auf, denn unten im Schloßhofe war Pferdewiehern zu hören, Ketten rasselten und Peitschen knallten. »Die Braut! Die Braut kommt!« rief der Vorwitz.

Der Bräutigam stürmte zuerst aus dem Zimmer. Alle anderen folgten.

Nur der Burgherr blieb am Kamin sitzen und schaute ernst und gedankenverloren in die verglimmende Glut.