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Matthias Blank – Der Legionär

Kriegsgeschichte

Aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1915, Sechster Band, Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig, 1915


Gelbflimmernd unter den steil niederfallenden Strahlen der grellen Mittagsonne dehnte sich der Wüstensand weithin aus. Dort, wohin die träumenden graublauen Augen des im Sande liegenden Fremdenlegionärs schauten, liefen ein paar wellenförmige Dünen hoch und zerschmolzen dann wieder in der endlosen Ferne des toten Sandmeeres zu einer geraden Linie, die in der hellen Farbe fahl mit dem Weißblau des Himmels zusammenfloß.

Dorthin irrte der Blick von Robert Donnay.

Aber seine Augen sahen nichts von der Trostlosigkeit des nordafrikanischen Wüstenrandes. Seine Gedanken waren fortgeflogen – in eine weite Ferne, wo duftende Tannenwälder an Hügelketten emporkletterten, wo im Herbste der Laubwald in reichem Farbenschmucke leuchtete, wo auf großen, hochgelegenen Wiesenmatten um diese Zeit sogar noch der golden glänzende Ginster blühte. In einem stillen Tale standen friedliche Hütten, und der Wind trug den Klang der Glocken aus dem plumpen, eckigen Kirchturme fort über die Wiesen und Wälder.

Das sah und hörte der im glühenden Sande liegende Robert Donnay, der Fremdenlegionär, der das Abzeichen eines Sergeanten trug, an dessen Rock mehrere Auszeichnungen hingen, die er in den strapazenreichen Feldzügen in Tonkin und bei den Streifzügen nach der Oase Tidikelt und dem Saharagebiete El-Dschof gewonnen hatte. Aber damals, als er noch in jenen erträumten fernen Hütten, auf jenen Bergen gelebt hatte und gewandert war, damals war er noch nicht Robert Donnay gewesen.

Das war erst später gekommen.

Durch eigene Schuld! Ja – das wußte er.

Aber hatte er diese eine Schuld noch nicht schwer genug gebüßt? Seit acht Jahren nun schon ein Geächteter!

Aber immer wieder war in seinen Erinnerungen das stille kleine Dorf aufgestiegen, mit den Hügeln, Wäldern und Wiesenmatten. Wo er auch gewesen: in der Tropenpracht Indiens, in den Dschangeln, in der Öde von Ain-Sefra oder in der Wüste Igidi, in der Einsamkeit auf dem Meere – überallhin folgte ihm das stille Dorf, aus dem er geflohen war.

Hatte er nicht schwer genug gebüßt? Acht Fahre waren es fast, seit er diesen Rock trug, seit er dieser Robert Donnay geworden war, seit er in Hunderten von Gefechten schon dem Tode ins Auge gesehen, seit er den schwersten Gefahren getrotzt, und nicht für seine Heimat, sondern für fremdes Land. Oftmals hatte er in den umstrittensten Kämpfen nur den Gedanken gehabt, dabei sterben zu dürfen, jene mitleidvolle Kugel zu finden, die allem Grübeln ein Ende bereitet. Umsonst! Er war Sergeant geworden und trug Tapferkeitsauszeichnungen – als französischer Söldner, er, der ein Sohn echten deutschen Bodens war.

Acht Jahre in der Legion! Hunger, Durst, Kämpfe in glutvoller Hitze, Fieber, Gefahren überall!

Und war es nicht genug? Vielleicht gab man ihm noch mehr Ehren? Ihm, dem Sergeanten Donnay der Legion, dem Kämpfer von Hunghoa, von Luang-Prabang, von El Golea, von der Oase Bilma und von so vielen anderen Stätten.

Die Erinnerung an das Einst floh deshalb nicht.

Damals war er Robert Donnhart. Die Tat, die ihn aus der Heimat fortgejagt hatte, erstand wiederum wie schon so oft in seiner Erinnerung.

Damals war er glücklich gewesen. Die Liebe einer Mutter, die nur den einen Sohn hatte, gab ihm, was er sich wünschte; das vom Vater hinterlassene Vermögen ließ so viel Erhofftes erfüllen. Und weil die Mutter ihm jeden Stein aus dem Wege räumte, deshalb hatte er das Entsagen nie gelernt. Als ihm dann Lotte Wegener begegnet war in der Pracht ihrer jungen Jahre, mit ihrem golden leuchtenden Haar, da war in ihm jener Wunsch laut geworden, der einmal in jedem Herzen auflodert, in Flammen emporschlägt, der den Besitz der Geliebten mit aller Leidenschaft begehrt. Und dieser stürmische Wunsch war der erste, den er sich nicht erfüllen konnte.

Lotte Wegener liebte ihn nicht. Sie hatte es ihm gesagt mit ruhigen, leidenschaftslosen Worten, sie hatte ihm jede Hoffnung genommen. Sie liebte einen anderen!

Da war der Haß in ihm laut geworden, der Haß gegen diesen einen, der ihm den Wunsch unerfüllbar machte, für den er alle anderen hingegeben hätte. Und dieser eine war der Förster Völker. In Gedanken wünschte er ihm den Tod. Als hätte er dann das Herz des Mädchens sich erzwingen können! Aber wenigstens sollte der Förster nicht besitzen, was auch ihm nicht gehörte.

Dann kam der Tag, den er nie vergessen konnte. In der steilen Schlucht waren sie sich begegnet, der Förster und er; kein Zeuge war in der Nähe. Der Zorn war in ihm aufgelodert, und er hatte dem Förster ein häßliches Wort zugerufen; er wollte Fritz Völker beschimpfen, als trüge er's selbst dann leichter, daß seine Leidenschaft an keine Erfüllung glauben durfte. Sonst war damals in ihm kein böser Wille. Der Förster gab eine ebenso schroffe Entgegnung. Er mußte es wissen, was vorgefallen war; in höhnenden Worten ließ er es fühlen. Die Erwiderung war noch heftiger. Dann hatte die Hand Fritz Völkers nach seiner Brust gegriffen. Er versuchte, ihn zurückzustoßen – das wußte er! Nicht er hatte zuerst geschlagen, sondern der Förster, nicht er, sondern Fritz Völker hatte ihn nach dem Abhange der steilen Schlucht gedrängt. Wohl hatte er das erste beschimpfende Wort gebraucht, aber der andere hatte zuerst zugepackt. Da verloren beide die Besinnung. Die Leidenschaft hatte die Blicke getrübt, die Leidenschaft hatte jedes Überlegen ausgeschaltet. Und er war der Stärkere gewesen.

Erst als er den gellenden Schrei gehört hatte, als er den Körper des Försters taumelnd stürzen gesehen, da hätte er alles ungeschehen machen wollen – als es zu spät war. Vor der Strafe war er dann nach Frankreich geflohen. Die Mutter mit ihm. Aber schon nach zwei Monaten war sie in Marseille gestorben.

Als Robert Donnay kam er zur Legion, war er ein anderer geworden, um mit einem neuen Leben zu beginnen. Als ließe sich die Vergangenheit nur durch diesen neuen Namen ungeschehen machen!

Acht Jahre schleppte er das Leben als Legionär fort. Und immer noch fielen die Schatten der Vergangenheit über seinen Weg. So war die Tat dadurch nicht gesühnt? Konnte sie je gesühnt werden?

Aber wußte er denn, ob der Förster tot war?

Wie oft schon waren seine Gedanken so weit gekommen. Eine Antwort hatte er noch auf keine der Fragen gefunden.

Auch diesmal nicht!

Er stand auf. Er wollte wieder Robert Donnay, der Sergeant der Legion, sein. Acht Jahre! Nach dem stillen Dorfe, nach den Bergwiesen mit dem goldenen Ginster, nach jenen Wäldern führte kein Weg mehr. . . .

Dort lag Ain-Sefra, El-Areg und weit hinten der große Ahaggar mit Idelas am Wadi Jgharghar. Das blieb seine Zukunft, in irgend einer Sanddüne einmal verscharrt zu werden.

Rascher, als es sonst seine Gewohnheit war, ging er auf die niederen weißen Häuser der spanischen Kaufleute zu, die hier außen lagen, an denen vorbei er in die kleine afrikanische Stadt kam und zur Kaserne der Fremdenlegion.

Vor den Häusern standen leere Kisten, aus denen eben eingetroffene frische Warensendungen aufgestapelt worden waren. Papier lag umher. Das abgerissene Stück einer Zeitung wehte ihm ein Luftzug gerade vor die Füße. Seine in den fortwährenden Kämpfen geübten Augen erkannten deutsche Buchstaben; deshalb hob er den Fetzen auf und steckte ihn ein.

Auf seinem Matratzenlager erinnerte er sich der Zeitung wieder. Sie mußte aus einer der am gleichen Tage eingetroffenen Kisten gefallen sein. Deutsche Worte, deutsche Lettern! Vielleicht wußten sie ihm doch etwas zu sagen?

Er glättete das Papier. Deutsche Worte! Gerade heute, da er wieder die Heimat gesucht hatte.

Und er las:

». . . Ruhe! Von allen Seiten erklang der Ruf. Die Gestalt des Kaisers oben auf dem Mittelbalkon des Schlosses richtete sich auf, und seine helle Stimme klang deutlich wahrnehmbar über den Platz hin: ›Aus tiefem Herzen danke ich euch für den Ausdruck eurer Liebe und Treue. In dem jetzt bevorstehenden Kampf kenne ich in meinem Volke keine Parteien mehr. Es gibt unter uns nur noch Deutsche, und welche von den Parteien auch im Laufe des Meinungskampfes sich gegen mich gewendet haben sollte, ist verzeihe ihnen allen von ganzem Herzen. Es handelt sich jetzt nur darum, daß alle wie Brüder zusammenstehen, und dann wird Gott dem deutschen Schwert zum Siege verhelfen.‹ Und die Antwort der vielen Tausenden unten war zuerst ein Jubelrufen und dann das brausende, gewaltige Lied: Deutschland, Deutschland über alles. Der Kaiser nahm den Helm ab und hörte, die Hand der Kaiserin festhaltend, zu, bis der letzte Ton . . .«

Da riß die Zeitung ab.

Was bedeutete das? Er starrte auf die Zeilen. Träumte er? Und er wendete das Blatt.

Da las er: »Die ›Norddeutsche Allgemeine Zeitung‹ meldet vom 31. Juli 1914 aus Berlin: Die Erklärung des Kriegszustandes war das Ergebnis einer Sitzung, die gestern mittag im Reichskanzlerpalais –«

Weiter las er nicht mehr. Krieg! Vom 31. Juli 1914. Vor vierzehn Tagen war es. Deutschland in Rot! Der Kaiser hatte zu seinem Volke gesprochen. Der Kaiser! War dies nicht auch sein Kaiser? Immer noch? Alle sollten wie Brüder zusammenstehen! – Alle! Gehörte er nicht auch dazu? Es war ihm, als hätte die Not seiner Heimat auch ihn gerufen, als hätte sie ihm deshalb die Worte seines Kaisers zugetragen. Wohl hatte er bisher in den vielen fremden Landen für die Trikolore gekämpft. Jetzt aber? Nahm ihn Deutschland noch auf? »Welche sich auch gegen mich gewendet haben sollten, ich verzeihe ihnen allen von ganzem Herzen.« So hatte sein Kaiser gesagt. Und sein Ruf war selbst über das Meer gedrungen.

Der Sergeant richtete sich auf. Da und dort lagen Legionäre. Keiner achtete auf ihn. Da führte er das Papier, das ihm solche Botschaft gebracht, an die Lippen und barg es dann wie ein Heiligtum auf seiner Brust.

»Es gibt unter uns nur noch Deutsche.«

Auch er war einer geblieben! Sein neuer Name konnte das nicht austilgen, wie er die Vergangenheit nicht ungeschehen hatte machen können. Der Ruf der Not Deutschlands hatte ihn erreicht. Dorthin gehörte er jetzt! Wie eine Schmach fühlte er nun die Uniform des Legionärs.

Sein Kaiser! Nun begann er zu begreifen, warum die große Mehrzahl der afrikanischen Truppen eingeschifft worden war. Zum Kampfe gegen Deutschland! Die Kompanien aber, unter denen die meisten Deutsche waren, mußten zurückbleiben, denen wurde auch nichts von den Ereignissen drüben in Europa mitgeteilt.

Aber ihn hatte nun doch der Ruf seines Kaisers erreicht, der ihn in die Heimat rief.

Aber dorthin führte ihn nur ein Weg. Die Flucht! Dabei wußte er, welches Schicksal dem fliehenden Legionär drohte.

Seine Hand griff nach der Stelle, wo er die Worte seines Kaisers verwahrte.

Der Heimat helfen! Das wollte er! Dann aber, wenn er auch für das Vaterland sein Blut nicht opfern konnte, dann wollte er drüben in der Heimat vor den Gerichten sühnen, was vor acht Jahren geschehen war.

– – – – – – – – – – – – –

Am nächsten Morgen verkündeten drei Kanonenschüsse, daß ein Legionär entflohen war.


* * *


In den dunklen Vogesenwäldern, in die die besten französischen Truppen, die Alpenjäger, immer wieder eingedrungen waren, fanden die erbittertsten Kämpfe statt. Die Alpenjäger aus Savoyen und der Dauphiné hatten es in ihrer Heimat gelernt, jeden Felsen, jeden Stein und jeden Strauch als Deckung zu benützen. Dabei verstehen keine Truppen so zu klettern wie diese Söhne aus den Bergen. Wenn sie von stürmenden Truppen wirklich aus einem Höhenzuge verdrängt worden waren, dann sandten sie bereits wieder die ehernen Grüße von einem anderen Bergrücken.

Und abermals waren sie auf Schleichwegen von Belfort her in die Gebiete des großen Belchen und des Donon eingedrungen. Nur ein Kleinkrieg konnte gegen diese Mannschaften geführt werden, bei dem jedes Dorf, jede Hütte, jeder Bergwald neue Opfer forderte.

Aber die bayrischen Truppen hatten sich in diese Vogesenwälder ebensosehr eingenistet. Und sie, die am liebsten den Kampf mit dem Bajonett oder mit dem Gewehrkolben suchten, waren schon die Soldaten, es mit den Alpenjägern aufzunehmen.

Eine Brigade stand in einem dichten Walde in Bereitschaftstellung.

Der Gegner war noch in jeder Nacht zurückgegangen, um an jedem Morgen wieder eine neue Verteidigungsstellung einzunehmen, stets in vorzüglicher Deckung durch seine Gebirgsbatterien.

Die Brigade wartete auf ein Kommando. In den ersten Reihen lag auch Robert Donnhart, der einstige Legionär. In dieser Kampfstellung dachte er kaum noch an die letzten Wochen zurück, an die furchtbaren Entbehrungen auf der Flucht gegen die Meeresküste, immer in Verstecken, die sonst nur von wilden Tieren benützt wurden. An der Küste hatte er sich aus einem schmutzigen Kabylendorfe ein Boot zu verschaffen gewußt, aus dem er dann von einem italienischen Schiffe aufgenommen worden war; auf diesem waren mehrere Deutsche gewesen, die auch nach der Heimat strebten, um dem Rufe des Vaterlandes zu folgen. Sie nahmen den einstigen Robert Donnay gern in ihre Reihen auf. Genua war glücklich erreicht worden, dann München, wo der nunmehrige Robert Donnhart durch Vermittlung der auf dem Schiffe gewonnenen neuen Freunde als Freiwilliger eingereiht und nach dem Kriegschauplatze gebracht worden war.

Nun war er wieder ein Deutscher!

Aus den Deckungen sprangen die Truppen auf. Zuerst galt es, über einen Kartoffelacker vor dem Wald hinüberzukommen, der gerade im Schußfelde zweier Maschinengewehre lag, die unaufhörlich ratterten. Rechts und links fielen die Leute. Das spornte nur zu um so schnellerem Laufen an. Drüben war ja wieder dichter Wald, der erneut Schutz gewähren konnte.

Kein Halten gab es. Mit aufgepflanztem Seitengewehr stürmten die Soldaten weiter. Eine steile Höhe kam. Vorwärts ging es.

Der Gegner wich; er fürchtete den Nahkampf mit den riesigen, sonnverbrannten Gestalten. Aber die Zahl der Stürmenden wurde dabei doch immer kleiner.

Was lag daran? Wenn nur der Sieg folgte!

Robert Donnhart sah seinen Offizier fallen – den letzten. Da rief er selbst den ihm folgenden Leuten zu: »Vorwärts!« Er schrie, als müßte die Lunge zerspringen. »Sie halten uns nicht mehr aus.

Nur gegen vierzig Leute sah er um und hinter sich. Wenn in diesem Augenblick nicht einer voranstürmte, dann wankten vielleicht alle. Und er lief voran. Sein donnerndes Hurra widerhallte und riß den letzten mit. Kaum hundert Schritte trennten sie von der Höhe. Da kam Hilfe.

Von einer anderen Seite stürmten ebenfalls Feldgraue zur Unterstützung empor.

Noch stand ein Maschinengewehr oben, das Tod und Verderben aussandte. Zwanzig Schritte noch!

Ein Schuß riß Robert Donnhart ein Ohr weg. Da war er oben. Und mit ihm trafen auch die Stürmenden von der anderen Seite ein, die von einem Offizierstellvertreter geführt wurden.

Donnhart machte mit dem Bajonett den letzten Franzosen nieder, der eben das Maschinengewehr in einen Abgrund stoßen wollte.

Der Offizierstellvertreter eilte auf Donnhart zu: »Sieg!« rief er noch – da sank er zusammen, von einer Kugel der fliehenden Alpenjäger getroffen.

Robert Donnhart beugte sich über den Gefallenen, der eben noch im letzten Augenblicke Hilfe gebracht hatte.

Das – das war ja Fritz Völker!

Er erkannte ihn gleich wieder – ihn, mit dem er damals gerungen, den er in die Schlucht gestoßen. Und eben der hatte ihm die Hilfe zugeführt!

Donnhart beugte sich tiefer. Da sah er an der rechten Hand des Bewußtlosen den Ehering, den goldenen Reif. So hatte er Lotte Wegener doch gewonnen. Etwas wie Erbitterung wollte wieder aufsteigen. Da durchzuckte ihn eine andere Erinnerung: »Daß alle wie Brüder zusammenstehen – –«

Nein! Einmal hatte er diesen in den Abgrund gestoßen, daß er den Tod hätte finden können. Jetzt aber konnte er jene Tat sühnen, jetzt mußte er den Verwundeten dem Leben wieder zu gewinnen suchen.

Aus der Brust des Bewußtlosen quoll Blut. In der Legion hatte Donnhart es gelernt, Wunden zu behandeln, selbst zu helfen, denn in den Wüsten Afrikas gab es nicht viel Ärzte. Er schnitt den Rock auf, entblößte die Brust und reinigte mit einem Schwämmchen die Wunde. Er hatte aus der Tasche sein Verbandzeug genommen und verklebte die Verletzung.

Aber hier durfte er den Verwundeten nicht liegen lassen. Von einer seitwärts gelegenen Höhe erfolgte ein erneuter Angriff. Er mußte den Bewußtlosen forttragen.

Nun, stark genug war er. Wie ein Kind hob er ihn auf, legte des Verletzten Arme um seine Schulter und trug ihn so zurück aus den Reihen der Kämpfenden. Da erwachte der Bewußtlose aus der Ohnmacht; er fühlte die Wunde und erkannte den, der ihn aus den Reihen trug. »Sie haben doch das Maschinengewehr noch erobert?« fragte er.

»Ja.«

»Siegen die Unseren?«

»Ja. Aber das Reden strengt Sie an. Sie sollten still sein!«

»Warum –?«

Der Verletzte hatte noch etwas fragen wollen. Aber mit einem Male schwieg er.

Und dann sagte er ganz leise: »Robert Donnhart –«

»Ja – ich bin's. Sie aber haben einen Schuß in die Brust. Da müssen Sie still und ruhig sein.«

»Und Sie – Sie retten mich!«

»Still! Ich tue, was ich muß.«

Da fiel kein Wort mehr.

Schwer trug Donnhart. Aber bald war er unten. Schon sah er das rote Kreuz.

Da fühlte er einen furchtbaren Schlag.

Mit Fritz Völker in den Armen brach er zusammen.


* * *


Sie lagen im Lazarett. In zwei Betten nebeneinander. Der Brustschuß, den Fritz Völker erhalten hatte, war bereits im Ausheilen. Dagegen hatte eine berstende Granate Robert Donnhart fast die ganze linke Schulter ausgerissen. Er lag in heftigem Fieber. Dann wiederum schrie er auf: »Der Kaiser hat gerufen!«

Fritz Völker sah ängstlich zu dem Kameraden hinüber, der ihn gerettet, der ihn mit dem Opfer seines eigenen Lebens aus der gefährlichen Schußlinie fortgetragen hatte – Robert Donnhart, der ihn einst in die Schlucht hinabgestoßen, und wohl bis heute nicht gewußt hatte, daß sein damaliger Gegner durch den Fall nur leicht verletzt worden war.

Ein Arzt kam vorüber.

Fritz Völker hielt ihn mit der Frage fest: »Ist für mich noch niemand eingetroffen?«

»Nein!«

»Und mein Nachbar? Wird er sterben?«

Mit leiser Stimme antwortete der Arzt: »Ja! Wenn er wiederum das Bewußtsein erlangt, dann ist es gleichzeitig das Ende. Aber eine Freude soll ihm doch noch bestimmt sein, dem Legionär von Ain-Sefra.«

Am Nachmittage dieses Tages blickte Robert Donnhart mit großen Augen um sich. Wo war er? Richtig – verwundet war er worden, da er den anderen trug.

»Donnhart!« rief leise Fritz Völker, der sich schon ein wenig aufrichten konnte.

»So sind Sie auch hier?« Die Worte kamen wie gehaucht über die Lippen, während Donnhart den Kopf nach der Seite zu drehen versuchte.

Ich und noch eine, die danken möchte, daß Sie mein Leben retteten, meine Frau Lotte, die Lotte Wegener von damals.«

Da beugte sich auch schon ein bekanntes Gesicht über Robert Donnhart, ein schmales Gesicht mit großen Augen und goldblondem Haar. Lotte Wegener!

»Ich bin gekommen, um Ihnen selbst zu danken, daß Sie mir meinen Fritz wiederschenkten. Ich stehe tief in Ihrer Schuld.«

»Nein – nein! Einmal – da hat ihn wohl nur der Zufall gerettet, als ich sein Mörder hätte werden können. Das nur habe ich wieder gutgemacht – sonst nichts.«

»Sie haben mehr getan! Sie haben dabei Ihr Leben eingesetzt.«

»Nicht viel wert!«

Er mochte daran denken, wie oft er in den acht Jahren als Legionär dem Tod ins Auge gesehen.

»Ihre Hand möchte ich drücken und Ihnen diese Rosen geben.«

Da war mit dem Arzt ein Offizier in den Saal getreten, der mit raschen Schritten an das Lager Donnharts eilte.

»Robert Donnhart?« fragte er.

Der Verletzte nickte.

»Robert Donnhart, man hat erfahren, daß Sie als erster auf gefährlicher Höhe ein Maschinengewehr eroberten, und daß Sie dann noch mit der Gefahr Ihres eigenen Lebens das eines Kameraden retteten. Und deshalb bin ich beauftragt, Ihnen das Eiserne Kreuz zu überreichen.«

»Mir – dem Legionär?«

»Den das Vaterland zurückrufen konnte, und der fürs Vaterland kämpfte.«

Dann heftete er das Eiserne Kreuz an die Brust Robert Donnharts.

Still war es im Saal. Alle fühlten die Größe dieses Augenblickes.

Die Augen Donnharts leuchteten. Dann bewegten sich seine Lippen nochmals: »Mein – Kaiser – – daß alle – – wie Brüder – – zusammenstehen – –«

Die Augen fielen ihm zu.

So starb der Legionär von Ain-Sefra, der Kämpfer von Hunghoa, von Luang-Prabang, so starb er als ein Ritter vom Eisernen Kreuze für seinen Kaiser, für seine Heimat.