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Matthias Blank – Eine moderne Pythia

Sittenbild aus dem Leben einer Wahrsagerin

Verlagsanstalt Vogel & Vogel, GmbH., Leipzig, o. J.



1. Kapitel.

Hanne Ramboldt zerrte die hellen, ockerfarbenen, dänischen Glacés von den schmalen Händen. Ihre schmalen Lippen waren ärgerlich zusammengepreßt und bildeten in dem etwas hageren Gesicht zwei dünne, weinrote Linien, die in einem auffallenden Kontrast zu der matten Farbe der Haut, die in ihrer Durchsichtigkeit den Schimmer von Perlmutter hatte, standen und ihrer Schönheit den Reiz einer exotischen, kränkelnden Treibhauspflanze verliehen. Das blauschwarz schimmernde Haar ergänzte die eigenartigen Reize dieser ungewöhnlichen Erscheinung. Die großen Augen leuchteten tiefschwarz, waren aber von verräterischen Schatten umrändert, die von mancherlei aus einer abenteuerlichen Vergangenheit zu erzählen wußten; auch die seinen, dünnen Fältchen, die wie Spinnenfüße aus den Augenwinkeln nach verschiedenen Richtungen krochen, verrieten eine bewegte Vergangenheit und erzählten davon, daß die Jugendlichkeit, die Hanne Ramboldt etwas auffällig zeigte, nur noch vorgetäuscht war.

Flüchtig blieb sie vor dem Spiegel stehen und nahm den Hut ab. Dann rief sie durch ein Glockenzeichen ihr Mädchen und begann erregt in dem kleinen Salon auf und nieder zu gehen.

Das Mädchen trat mit derben Schritten ein und fragte in unbeholfener Art nach Aufträgen.

Hanne warf den Kopf in den Nacken:

»War jemand hier?«

Das Mädchen schüttelte langsam den Kopf mit dem brandroten Haar und fuhr sich dabei mit dem Handrücken über die Nase hin.

»Auch Gilbert nicht?« Und nach einem etwas ungeschickten Blick des Mädchens fügte sie noch hinzu: »Ich meine natürlich den Herrn Baron.«

Abermals gab das Mädchen die gleiche, nicht mißzuverstehende Antwort durch ihr energisches Kopfschütteln.

Hanne machte eine ärgerliche Bewegung, die nicht zu verkennen war, und das Mädchen hatte bereits wieder den Türgriff in der Hand, als es nochmals stehen blieb und mit einer Drehung des Kopfes über die Schulter hinweg erklärte:

»Das hätte ich aber nun bald vergessen. Ein Brief ist für das gnädige Fräulein abgegeben worden.«

»Warum sagten Sie das nicht gleich? Bringen Sie ihn sofort.«

Das Mädchen nickte nochmals und verschwand, wobei die Türe hinter ihr ziemlich geräuschvoll zugedrückt wurde.

Hanne Ramboldt trat an das Fenster hin und preßte ihre Stirne gegen die kühlenden Scheiben. Ihre Gedanken waren dabei so lebhaft beschäftigt, daß sich die Brauen derart dicht aneinanderschoben, daß sie wie eine Linie über den dunkelflammenden Augen lagen, die nur von einer tiefen Falte durchschnitten wurde.

Das Mädchen erschien wieder und blieb mit dem Brief in der Hand an der Türe stehen, immer das gleiche, etwas tölpelhafte Lächeln im Gesicht. Hanne eilte mit hastenden Schritten auf sie zu und riß ihr den Brief fast aus den ungeschickten, derbfleischigen Fingern.

Die nervös erregten Züge verrieten, daß Hanne die Schrift auf den ersten Blick erkannt hatte. So sehr wurde sie ganz von ihrer unruhigen Stimmung beherrscht, daß sie das Mädchen fast vergaß, die mit plumper, ungeschickter Neugierde den Kopf vorbeugte. Erst ein derbes Wort scheuchte es hinaus.

Nun ließ sich Hanne auf das kleine Biedermeiersofa mit dem orange und rosa gestreiften Seidenripsbezug fallen und begann den Brief zu lesen.

Sie hatte sich nicht getäuscht. Er war von ihm, von Gilbert. Aber noch ein anderes Empfinden beherrschte sie vollständig; sie wußte, dies bedeutete das Ende. Deshalb war er nicht gekommen, deshalb hatte sie umsonst warten müssen.

Ihre Augen hasteten wie gejagt über die Zeilen.

 

»Liebe Hanne, daß ich Dich heute vergebens warten ließ und Dir damit einen begreiflichen Aerger zufügen mußte, tut mir ehrlich leid, aber es war wohl der einzig richtige Weg, der mir blieb. Darüber waren wir uns doch beide im klaren, daß unser Rausch und unsere Glückseligkeit vom Lebengenießen und von Liebe doch zeitlich beschränkt sein würden und enden mußten. Ich habe Dir nie Hoffnungen gemacht, nie Versprechungen, deren Einlösung Du nun mit Recht fordern könntest. Was ich Dir geben konnte, als Sklave und berauschter Bewunderer Deiner Schönheit und Leidenschaft, gab ich gerne, und trunken von dem Glück, das Du zu verschenken hattest. Womit ich Dich schmückte, mit den Perlen, den Ketten, den Bändern, mit allem, was Du selbst begehrtest, das wird Dir als Erinnerung bleiben, daß ich Dich liebte, daß ich heute noch in Gedanken der Deine bin. Aber das Leben ist grausamer, als alle unsere Wünsche. So muß unser Traum nun enden, rascher als ich gehofft und geglaubt. Die Umstände zwingen mich, nicht mein Wille. Du weißt, daß das Schicksal stärker ist als all unsere Sehnsucht. Du wirst Dich darein fügen, was unabänderlich kommen mußte. So schwer es mich auch bedrückte, ohne Abschied das Ende zu erzwingen, aber es war dies – glaube mir – das einzig Richtige. Dauernd konnte unser Glück niemals sein, und deshalb wirst Du mir ohne Groll verzeihen, daß ich das Klügste tat. Mein Entschluß ist gewiß keiner aus freiem Willen, sondern der einer unabänderlichen Notwendigkeit. Du wirst Deinen stolzen Weg weiterfinden und das Leben durch den Zauber nach wie vor beherrschen, mit dem ich der Page Deiner Schönheit wurde. Frauen wie Du werden immer auf der Höhe des Lebens bleiben und stets Sieger sein, wenn sie nur wollen. Und darin wünsche ich Dir allen Erfolg, denn Erfolg ist es am letzten Ende, was Frauen wie Du begehren. Denke also ohne Zorn an mich, der auch nur einem Zwang gehorchen muß. In der Erinnerung immer noch der Deine.

Gilbert.«

 

Nun aber ballten ihre Hände den Brief zu einem unförmlichen Knäuel zusammen und schleuderten ihn auf den Boden.

Also doch das Ende! Und ihr klangen die Worte aus seinem Brief wie Hohn nach. Glückseligkeit vom Lebensgenießen nannte er jetzt, was er vordem als Liebe bezeichnet hatte. Erfolg war ihm, was er als das begehrte Ziel von Frauen wie sie selbst hinstellte.

Oder hatte er darin nicht recht?

Hanne Ramboldt sprang auf und begann wieder mit erregten Schritten auf und nieder zu wandern.

Stand in diesem Briefe nicht doch die Wahrheit? Warum hatte sie ihn begehrt? Um seiner selbst willen, bereit, dieser Leidenschaft auch das selbstloseste Opfer zu bringen? Vielleicht gegen ihren Willen verschärfte sich in ihrem schmalen Gesicht ein verkniffenes Lachen.

Sie hatte an ihn nur geglaubt. Sie hatte von ihm lediglich die Erfüllung eines Traumes erwartet, dem sie alle die Jahre und mit allem Begehren nachgejagt war.

Hatte sie ihn geliebt?

Sie blieb ruckartig stehen; der Kopf lag im Nacken. Und die dünnen Lippen öffneten sich zu einem schmalen Spalt, zwischen dem die heißen Worte hervorzischten:

»Was liegt daran? Mich hat er betrogen, denn ich hatte doch auf ihn gehofft.«

Ja! Er hatte recht, und wenn es auch so war, so blieb doch nur ihr die Enttäuschung. Erfolg. Und ihr war wieder ein Wahn zusammengebrochen.

Was nützten all seine schönen Worte, die wie ein nachlässig hingeworfenes Almosen waren? Klangen sie nicht auch wie leiser Spott?

»Du wirft Deinen stolzen Weg weiterfinden,« hatte er geschrieben. Einmal hatte sie dies lachend wiederholt. Aber heute? Als noch das heiße Blut der vorwärtsstürmenden Jugend, die wildbegehrende Lust der zwanzig Jahre in ihr tobte, da wäre sie mit einem ausgelassenen Lachen darüberweggetanzt.

Aber nun fühlte sie selbst schon eine leise, resignierende Müdigkeit. Diese ließ sie alle Worte schärfer empfinden.

Gab es noch einen Erfolg, wie er es genannt hatte?

Hanne Ramboldt trat an den Spiegel, der in seiner geschliffenen Klarheit kein Mitleid und nur Wahrheit kannte. So grausam in diesem Augenblick gerade eine Selbstprüfung sein mochte, sie widerstand der Versuchung nicht.

Die Fältchen logen nicht, und nicht die Schatten unter den Augen. Die Jugend fehlte, die Willenskraft, die sich auf die Zahl der jungen Jahre stützt. Hanne erkannte, daß diesmal der letzte Traum geendet hatte; deshalb auch dies starke Enttäuschtsein, deshalb der Haß, der in ihr aufstieg. Sie empfand wie nie vorher das Betrogensein.

Wie vor einem Gespenst wich Hanne langsam und mit immer mehr sich verzerrenden Zügen vor diesem Bild im Spiegel zurück.

Fünfunddreißig! Das rief ihr der Spiegel wie im Hohn zu; fünfunddreißig, vielleicht sind es auch schon achtunddreißig, denn ich habe den Geburtsschein auch nicht gesehen.

Da täuschten Puder und Schminke nicht, darüber halfen die Künste keines Schönheitsmittels hinweg.

Der Blick in ihren schwarzen Augen bekam einen matten, wie von Nebeln verschleierten Glanz. Ihre Hände ballten sich und regungslos starrte sie ins Leere. Minuten flogen, und wie in den gehetzten Bildern einer Filmvorführung jagte ihr eigenes Leben in ihren Gedanken vorüber.

 

* * *

 

In einer düsteren Kellerstube, in die das Sonnenlicht nur selten und spärlich hineinkriechen konnte, in der der Vater auf einem Schusterstuhl saß, war sie unter sechs anderen Geschwistern groß geworden. Dünne Suppen, Pellkartoffeln, manchmal auch nur Schläge mit dem Lederriemen, wenn der Vater zu viel Schnaps getrunken hatte, weite Wege mit Besorgungen bei knurrendem Magen, das füllte ihre Kindheit aus; oft lag sie in einen Winkel verkrochen, unter alten Schuhen und Leder und ballte aus diesem Versteck die Fäuste gegen den Vater, für den sie nie irgend ein Zärtlichkeitsgefühl verspürt hatte. Als Kind sah sie nur die Not, fühlte nur das Gedrücktsein, litt sie nur Hunger und dachte nur an ein Fliehen.

Das waren ihre ersten Gedanken, so weit sie sich zurückerinnern konnte, daß sie immer aus dem niederen Kellerfenster schaute, wenn sie seidene Röcke vorüberrauschen sah, und dabei an Entkommen aus dem Keller dachte. Jeder verirrte Sonnenstrahl ließ sie sehnsüchtig hinausspähen, bis sie ein schriller Pfiff zurückschreckte.

Von der Mutter wußte sie nicht viel, die war immer schon fort, wenn sie selbst aus den schmutzigem alten Decken kroch, und kam immer erst, wenn sie vor Müdigkeit wieder eingeschlafen war. Und einmal hieß es, die Mutter sei tot. Aber sie selbst hatte dabei kein Empfinden dafür, was dies bedeutete. Nur an eine Folgerung erinnerte sie sich; die Suppen wurden noch dünner, die Schläge noch häufiger, und der Vater trank noch mehr Schnaps.

In den Schuljahren wuchs der Haß gegen dies Leben mehr und mehr, und in ihrer Ohnmacht sann sie auf die abenteuerlichsten Pläne. Wenn sie andere Kinder in hübschen Kleidchen sah, wenn diese mit Aepfeln und Birnen in die Schule kamen, kroch in ihr der Neid auf; aber mit zäher Verbissenheit nahm sie nie ein Geschenk an. Sie schaute nur mit gierigen Augen zu, in denen die Begehrlichkeit brannte.

Dann kamen andere Jahre; sie mußte als ein Laufmädel in einem Geschäfte mit Kartons und Schachteln Geld verdienen, und wenn der Erste kam, wartete der Vater bereits und nahm ihr das Geld, um dafür wieder Schnaps zu kaufen. Mit aufeinandergebissenen Zähnen ertrug sie es, nur einmal hatte sie mit den Fäusten nach ihrem Vater geschlagen, aber er hatte sie zu Boden geworfen und mit den Füßen getreten, daß sie reglos liegen geblieben war. Das war ihr erster Versuch, sich der Gewalt zu entwinden. Von da ab schwieg sie immer und wehrte sich nicht mehr; aber um so lebhafter arbeiteten ihre Gedanken.

Und eine neue Episode begann in ihrem Leben. Ein junger Student war es, der ihr, die hungrig nach Genuß war, zum erstenmal etwas von dem äußerlichen Glanz dieses Lebens verschaffte. Auf einem Ball draußen in Halensee sah sie das übermütige Genießen, und die zwei Glas Bier und die Bockwürste mit Kartoffelsalat erschienen ihr wie erlesene Festtagsfeier. Was sie dafür hingab, mehr erzwungen als mit Willen gegeben, vergaß sie bereits am nächsten Tag. Nur das eine Bewußtsein war ihr geblieben, daß auch sie begehren durfte, wenn sie etwas zu geben hatte. Nur den Gegenwert konnte sie nicht einschätzen, weil ihr die Begriffe dafür fehlten.

Bald kam dann der zweite, der ihrer Begehrlichkeit neue Wünsche erfüllte. Eine seidene Bluse war dieser zweite Erfolg.

Die Unersättlichkeit von Wünschen war bald in ihr geweckt, sie wußte, wie viel sie begehren durfte und wie hoch sie selbst im Preis stand. Den Wert der Leidenschaften lernte sie einschätzen, die Begierden lediglich als Wertmesser zu betrachten, ohne daß sie selbst einmal geliebt oder begehrt hätte. Die Trostlosigkeit ihrer Kindheit hatte nur eine Unstillbarkeit nach immer neuen Genüssen wachgerufen. Und da sie sich selbst nie berauschte, sondern im Taumel aller Sinne dennoch nüchtern blieb, so verschwendete sie mit allem, was ihr oft überreich zufiel. Jetzt schien ihr der Gewinn ein spielender zu sein.

Die eigenartige Schönheit machte sie nur um so begehrenswerter, und die Kälte, mit der sie alle Leidenschaften spielte, übte einen um so berückenderen Zauber aus.

Daß sie selbst immer einen anderen gewann, daß sie später in immer neue Hände gedrängt wurde, daß man sie schließlich begehrte, ihr reiche Geschenke verschwenderisch gewährte, aber sie dann unbemerkt abschüttelte, das empfand sie lange nicht. So leicht kam ein neuer, der schöner erschien, der ebenso gab, und dann doch wie alle wieder ging.

Als sie dies zum erstenmal fühlte, da erschrak sie wohl für einen Augenblick; aber in dem gleichen Trotze, der sie schon als Kind beherrscht hatte, lachte sie dazu: sie war ja noch so jung und konnte das Leben immer noch besiegen. Das blieb ihr eigensinniger Wille.

Aber als sie immer wieder allein blieb, als sie doch die hastende Jagd der Zeit zu spüren begann, da begehrte sie ein anderes Ziel. Aber in ihrem Ziel sah sie doch nur den Erfolg; darin hatte sie Gilbert mit scharfer Menschenkenntnis eingeschätzt.

Einer mußte ihr bleiben, einer, der so stark das willensschwache Opfer ihrer Schönheit und seiner eigenen Leidenschaft wurde, daß er ihr nicht allein die Wünsche nach Besitz und Begehren erfüllte, sondern ihr auch noch seinen Namen als sein Bestes hingab.

Ihr Erfolg!

Das war ihr Ziel.

Und in Gilbert glaubte sie es erreicht zu haben. Deshalb hielt sie sich für betrogen, weil sie sich selbst erkannt und durchschaut sah. Deshalb traf ihn aller Haß, den sie gegen die anderen vor ihm nie empfunden hatte.

Gilbert bedeutete für sie den Abschluß eines ausgedachten Planes, das Ende einer berechneten Hoffnung, das Ergebnis eines gutdurchdachten Spiels.

 

* * *

Hanne Ramboldt stand mit müder Schwerfälligkeit auf. Was sie bisher nie gekannt hatte, war mit einem Male über sie gekommen, dieser kritisch prüfende Blick über ihr eigenes Leben.

Aber trug sie die Schuld, wenn sie am Ende Schiffbruch leiden mußte?

Ihre weißen Schultern, die aus dem weit offenen Ausschnitt der Batikbluse wie matter, von bläulichem Geäder durchsetzter Alabaster schimmerten, zogen sich wie die Antwort auf die Frage zweifelnd hoch.

Sie wollte an dem Spiegel, der ihr schon eine so mitleidlose Auskunft gegeben hatte, vorübergehen, aber eine fremde Macht zwang sie zum Stehenbleiben. Wieder glitten ihre Augen stechend scharf über die eigenen Züge hin, wie in der grausamen Lust einer Selbstzerfleischung. Ihre Schönheit war die verblühende des Spätherbstes, die eine einzige Nacht zu zerstören vermag.

Waren seine Abschiedsworte von Erfolg und von Beherrschen nicht nur Hohn?

Ihre Fingernägel gruben sich in das Fleisch ihrer geballten, weißen Hände.

Wer begehrte sie noch um ihrer Schönheit willen, die nur die eines verlöschenden Tages sein konnte? Ihr schien es, als lachte ihr eigenes Bild im Spiegel dazu.

Und trotzdem!

Ruckartig straffte sich ihre Gestalt, sie schien dabei zu wachsen, und der Ausdruck ihres Gesichtes wechselte ebenso rasch; die Mundwinkel zogen sich nach abwärts und verschärften den Spott, die Augen flammten in noch leidenschaftlicherem Begehren, und den Kopf mit dem blauschwarz schimmernden Haar warf sie trotzig in den Nacken.

Er sollte recht behalten, auch im letzten.

Stets Sieger sein, das Leben beherrschen, auf der Höhe des Lebens bleiben!

Das wollte sie!

Aber die Schönheit allein konnte nicht mehr den großen Erfolg bringen. Noch war sie begehrenswert, das hatte selbst der Spiegel nicht zu leugnen vermocht, noch war sie sich ihres Zaubers bewußt, aber es galt eine Hilfe zu finden, die mit anderen Mitteln wirksam zu unterstützen verstand.

Schlauheit, List, die Kenntnis aller menschlicher Schwächen mußten nun die Mithelfer werden. Was war letzten Endes aller Erfolg? Reichtum, Besitz, überlegenes Beherrschen und Ruhe.

Hatte sie bisher nicht alle Leidenschaften von der hilflosesten Schwäche bis zur rücksichtslosesten Grausamkeit kennengelernt, von der unbeholfensten Torheit bis zum raffiniertesten Genuß?

Wenn sie nun mit dieser Kenntnis mit den Menschen wie mit Puppen spielen würde?

Gab es keine solche Möglichkeit?

Und Hanne Ramboldt nickte mit dem bewußten Lachen der Ueberlegenheit ihrem Bild im Spiegel zu.

Dann ging sie daran vorbei, und sie sah in dem Spiegel keinen Feind mehr, dem sie in dem Bewußtsein ihrer Unterlegenheit ausweichen mußte.

Als dabei ihr Fuß an dem zerknüllten, weggeworfenen Brief vorüberstreifte, da stieß sie ihn wie etwas Verächtliches von sich.

Mochte er liegen bleiben!

Doch nur ein flüchtiger Gedanke war es, ein Aufblitzen, dann beherrschte sie bereits wieder ein anderer Entschluß. Sie bückte sich, hob den Brief auf, glättete ihn sorgsam und lächelte dabei. Ihre Lider schlossen sich halb, daß die Augen nur durch einen dünnen Spalt glänzten wie die Augen einer Katze, die einer Beute auflauert.

Den Gedanken an Rache hatte dieser eine Augenblick wachgerufen.

Und dies gab ihrem Ziel noch den um so stärkeren Willen zur Durchführung.

 

* * *

 

Das Warten machte Hanne Ramboldt bereits etwas ungeduldig; sie liebte auch derartige Lokale nicht, in denen sie einmal in einer Zeit verkehrt war, die längst hinter ihr lag. Hier wurde sie an manches erinnert, was sie vergessen wissen wollte. Hierher zurück sollte sie kein Weg mehr führen, das war ihr fester Wille.

Die roten Plüschbezüge waren an vielen Stellen durchgescheuert, die Spiegel an den Wänden blind, die Stuckdecke mit den vielen Amoretten, von denen so mancher ein Bein, ein anderer einen Arm verloren hatte, rauchgeschwärzt.

Rauchschwaden machten die schwüle Luft fast undurchsichtig.

Die Finger von Hanne trommelten auf der verkratzten, schmierigen Marmorplatte. Ihre stechenden Augen glitten wie abwägend über die Besucher hin, die sich um diese frühe Stunde bereits eingefunden hatten.

Hanne hatte diesen Weg machen müssen, wenn sie die rote Musch treffen wollte. Und für ihre neuen Pläne brauchte sie deren Hilfe. Wo die rote Musch gerade die Nächte zubrachte, das wußte niemand. Nur dieses Café war ihr, was andere ein Zuhause nennen.

Wiederholt schaute Hanne nach der Uhr, um ungeduldig immer wieder das Vergebliche ihres Tuns erkennen zu müssen. Der Kellner mit dem schmierigen Frack und der unsauberen Serviette unterm Arm hatte schon wiederholt beruhigend auf Hanne einreden müssen; nun blieb er wieder einmal vor ihr stehen und erklärte vertraulich vorgebeugt:

»Sie kommt bestimmt, denn alles kann sie versäumen, aber hier kann sie keinen Tag fern bleiben. Es müßte schon sein, daß sie ein kleines Unglück gehabt hat. Aber es versteht doch keine wie die rote Musch, der Polizei immer auszuweichen.«

Hanne machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, da sie keine derartigen Vertraulichkeiten erzählt hören wollte. Sie warf auch schon ein größeres Geldstück für die Zeche auf den Tisch, um ihren Versuch ein anderes Mal zu wiederholen; sie stand gerade auf, um zu gehen, als eine neue Gestalt in den raucherfüllten Raum trat. Eine unscheinbare, kleine, wie zusammengekrümmt aussehende Erscheinung, knochig und hager, aber mit graugrünen, stechenden Augen in dem gelbbraunen, faltigen Gesicht, dessen Haut wie gegerbtes Leder aussah. Aber das Auffallendste an ihr war das brandrote, leuchtende Haar, das zerzaust und wild den spitzen Kopf umgab, der mit der kantigen Hackennase an einen Raubvogelkopf erinnerte.

Die unstet flackernden Augen hasteten mit einem einzigen, sicheren Blick durch den Raum und schienen dabei alles und jedes gesehen zu haben. Die dünnen, wie vertrocknet aussehenden Lippen kniffen sich wie im Spott zusammen, als ihr Auge über Hanne hinstreifte. Die Kleider der roten Musch umschlossen eine knochige Gestalt, waren aber doch gut gearbeitet und von bestem Stoff. Auch der Hut mit dem Stutzreiher stammte aus einem besseren Geschäft. Nur ihre eigene, auffallende Häßlichkeit mit den von verderblichen Leidenschaften durchwühlten Zügen stand in wunderlichem Kontrast zu der vornehmen, gediegen wirkenden Kleidung.

Obwohl Hanne Ramboldt ihr keinerlei Zeichen gab, ging die rote Musch sofort auf sie zu; sie setzte sich, ohne eine Aufforderung abzuwarten, und rief dem Kellner mit einer schrillen Stimme eine Bestellung entgegen. Dann aber wandte sie sich sofort an Hanne:

»Natürlich hast du nur auf mich gewartet, denn wenn die hübsche Hanne daherein kommt, dann hat sie was zu suchen. Dein schöner Gilbert, der fesche Baron, wird demnächst heiraten. Das willst du mir wohl erzählen. Und da brauchst du mich zu irgend etwas. Habe ich es nicht erraten?«

Der Spott, der aus jedem Worte der roten Musch sprach, ärgerte Hanne; aber da sie die Art der Musch kannte, so ließ sie es absichtlich unbeachtet. Sie zog nur die Schultern wie geringschätzig hoch und antwortete dabei:

»Das war schon immer so, daß du alles weißt; ich gebe zu, was du vermutest. Ich will meine Wohnung verkaufen und will dich fragen, ob du keine weißt, die so etwas sucht. Bargeld will ich.«

Die rote Musch kniff die Augen zusammen:

»Warum? Du findest doch immer noch einen.«

»Ich habe bessere Pläne, und dabei sollst du mit mir verdienen.«

»Ich? Hat dir diesen Gedanken das bloße Mitleid mit mir eingegeben?«

»Ich brauche dich dazu.«

»Auch gut, ich glaube dir. Geschäft ist Geschäft. Weshalb sollst du nicht gerade den guten Einfall haben? Verkaufen ist wohl das erste?«

»Ja! Je schneller, desto besser.«

»Ich weiß da eine kleine Krabbe, die ein besonderes Glück gefunden zu haben glaubt, weil ein alter Witwer sich in ihre braunen Augen vergafft hat. Und zum ungestörten Genießen brauchen die beiden erst noch einen molligen Winkel. Ich mache die Sache. Wieviel mußt du haben?«

»Achttausend Mark.«

»Gut. Ich komme zu dir und werde mir die Sache mal ansehen. Aber du sprachst auch noch von einer anderen Geschichte, bei der etwas zu verdienen sein müßte. Wie steht es nun damit?«

»Ich bleibe dabei! Aber hier läßt sich so etwas doch nicht besprechen.«

»Ansichtssache. Ich habe hier schon mancherlei zum Abschluß gebracht. Wenn ich schon meine Zeit verlieren soll, dann will ich wenigstens wissen, wofür. Ich verstehe rasch, und ein kleiner Fingerzeig genügt für mich schon.«

Hanne Ramboldt klemmte die Unterlippe zwischen den Zahnreihen ein und überlegte, ob sie ihre Pläne jetzt preisgeben sollte. Aeußerlich zwang sie sich zu scheinbarer Gleichgültigkeit, als schenkte sie der Sache keine besondere Dringlichkeit mehr; sie wiegte den Kopf hin und her und bemerkte wie zufällig:

»Es wird doch nur bei einer Spielerei bleiben. Oder erinnerst du dich nicht mehr an die gemeinsamen Tage in der Bruckhofgasse, wo wir dann manche Nachtstunde beisammenhockten und in die Zukunft schauten? Du hast es immer so gut verstanden, für alles eine Deutung zu geben.«

Für eine Sekunde schwieg Hanne und schaute wie abwartend auf die rote Musch; diese aber nickte und ließ ein kurzes Zischen hören, das wie einverstehendes Pfeifen klang. Dann faßte die rote Musch nach der Hand von Hanne, zog diese heran, umspannte das Gelenk mit ihren langen, knochigen Fingern, drehte die innere Handfläche nach oben und antwortete dabei mit einem listigen Zwinkern:

»Willst du die Zukunft aus deiner Hand hören, aus den Sternen, unter denen du geboren wurdest, aus dem Spiegel oder aus dem Kaffeesatz? Habe ich dich nicht recht verstanden? Hast du mich deshalb gesucht und ist das deine Idee? Der Einfall ist dann der schlechteste nicht.«

»Wenn es das wäre?«

Wieder ließ die rote Musch das zischende Pfeifen zwischen den Zähnen durchhören. Dann lehnte sie sich in den Stuhl zurück und nickte:

»Das wäre zu bedenken. Ich komme zu dir. Von dir hatte ich immer schon viel erwartet, wenn du mich auch schon einmal treulos preisgegeben hattest. Aber du hast wohl mit dem Spiegel eine zu ehrliche Zwiesprache geführt und dabei die rote Musch nun als das Solidere entdeckt. Mir gefällt dein Einfall, und da ich heute eben nichts zu verlieren habe, so können wir gleich zusammengehen, wenn du dich nicht gerade auf der Straße mit mir schämst.«

Hanne nickte zustimmend und rief sofort den Kellner heran.

Als die beiden in ihrem Aeußeren so verschiedenen Erscheinungen den raucherfüllten Raum verließen, folgten ihnen manche Blicke nach, und der Kellner bekam so manche Frage zu hören, die er stets nur mit einem diskreten Flüstern beantwortete.

Hanne aber winkte auf der Straße sofort ein geschlossenes Automobil heran, und die rote Musch konnte dabei die Frage nicht unterlassen:

»Rechnest du diese Auslage schon unter die ersten Geschäftsunkosten?«

»Vielleicht!« Das war die einzige Antwort, während Hanne Ramboldt den Wagenschlag des vorfahrenden Autos bereits öffnete.


2. Kapitel.

Unter dem blühenden Apfelbaum mit der duftigen, schneeigen Blütenfülle standen Ika Oehringen und Doktor Hanns Marçan. Ihr weißer Arm, der aus einem weiten Aermel mit schimmernder Haut herausragte, zog einen der reichen Blütenzweige tief hernieder, und Ika sog den Duft ein, wobei sie aber mit schelmischem Blick auf ihr Gegenüber schaute. Die beiden jugendlichen Erscheinungen waren von gleicher Größe; aber während die Haut in dem schmalen Gesichte Ikas fast mit der Zartheit der Blüten wetteifern konnte, sah Doktor Marçan sonnverbrannt aus, und die scharfen Züge verrieten den leidenschaftlichen Sportliebhaber.

Da sie den Zweig immer tiefer niederbog, so daß dieser fast ihr Gesicht verhüllte, faßte er nach ihrer Hand, umspannte sie mit seinen kräftigen Fingern und fragte mit einer leisen Stimme, in der eine verhaltene Zärtlichkeit bebte:

»Ich habe auf meine Frage noch immer keine Antwort bekommen. Und die Antwort glaube ich mir wenigstens verdient zu haben.«

Ihr Gesicht versteckte sich nun erst vollständig hinter dem Blütenzweig, während sie ihm leise antwortete, als könnte ein versteckt Lauschender Unberufenes hören:

»Manche Antwort wird mit einem Schweigen am deutlichsten gegeben, weil es mitunter schwer fällt, das entscheidende Wort laut auszusprechen.«

»Dann dürfen Sie mir aber ihre Augen nicht so beharrlich verbergen, damit ich aus diesen wenigstens mein Schicksal herauslesen kann.«

Für eine Sekunde gab sie den Zweig frei; aber diese Sekunde genügte, um in den dunklen Augensternen das strahlende Gewähren zu erkennen. Und Doktor Marçan zögerte ebenso wenig, aus dem in ihren Blicken Gelesenen auch gleich die Erfüllung für sich zu beanspruchen. Mit rascher Bewegung riß er die schlanke Gestalt, die bei dem heftigen Ueberfall jeden Widerstand vergaß, an sich, faßte dann den schmalen Mädchenkopf mit seinen beiden Händen und hielt ihn so fest, daß ihm auch ihre Augen nicht mehr ausweichen konnten:

»Ika, so ist es wahr, so habe ich nicht umsonst gehofft, so liebst du mich?«

Ganz groß schauten ihn ihre Augen an, die jetzt nichts mehr verbergen wollten. Zwischen seinen Händen nickte sogar ihr Kopf unmerklich, und die Lippen bewegten sich in einem Flüstern:

»Nur Männer können so töricht sein, daß sie immer erst die Worte hören müssen. Ich habe es längst gewußt, daß du mir gehörst, noch ehe du ein einziges Wort gesagt hast.«

»Und hast mich so lange zappeln lassen. Aber nun will ich mein Recht und werde nach deinem Rat nicht lange fragen.«

Noch hatte der Frühlingswind das letzte Wort nicht forttragen können, da lagen seine Lippen auch schon auf den ihren und küßten den süßen, keuschen Mädchenmund, der der Liebkosung nicht widerstrebte. Doktor Marçan hatte sogar die Empfindung, als hätte jeder Kuß die gleiche Erwiderung gefunden.

Unter Blüten hatten sie sich entdeckt, unter Blüten einander die Liebe gestanden und unter Blüten sich den ersten Kuß gegeben. Der Augenblick war ein so köstlicher, daß er nicht allzu rasch enden durfte. Stumm hielten sich beide fest und vergaßen in der Seligkeit dieses Findens Zeit und Ort.

Aus offenen Fenstern aber klangen wie hergeweht die schmeichlerischen Tonwellen eines alten Wiener Walzers. Verträumt summten sie den zweien in die Ohren, die darauf lauschten wie auf eine kommende Hochzeitsmelodie.

Als die beiden etwas später durch die Kieswege des Gartens nach der Villa zurückgingen, schritten sie nebeneinander in so vertrauter Art, als wäre es zwischen ihnen nie anders gewesen, er legte seinen Arm so leicht um ihre Hüfte, ihr Kopf lehnte sich an seine Schulter, und dabei plauderten sie von eigenen Zukunftsplänen.

Zwischen den Baumstämmen, deren Zweige von weißen und rosigen Blüten reich überschüttet waren, leuchteten die hellen Mauern der Villa. Je näher sie ihr kamen, um so langsamer wurde der Schritt, als wollten sie das vertraute Alleinsein immer noch länger genießen.

»Vorerst soll auch Margot von unserem Glück nichts wissen, das unser Geheimnis bleiben mag. Erst wollen wir noch manchen verstohlenen Händedruck tauschen, uns in manchem verstohlenen Winkel begegnen, Pläne und Hoffnungen spinnen, ehe alle von unserem Glück erfahren. Gerade die süße Heimlichkeit macht unsere Liebe so schön. Denkst du nicht wie ich, Hanns?«

Angeschmiegt an seine Gestalt hob sich ihr schmales Gesichtchen mit den scheuen, rehbraunen Augen zu ihm empor, Lachen im Blick, den Mund mit den küssedurstigen Lippen halb offen. Doktor Marçan beugte sich über sie und stahl noch rasch einen Kuß; enger zog er sie an sich:

»Wie du willst, ist alles schön und gut. Unsere Liebe soll unsere Heimlichkeit sein; und wenn es dann niemand ahnt, wollen wir es erst allen sagen, wie glücklich wir sind. Auch Frau von Brandeis wird durch mich nichts erfahren, bevor du es nicht willst.«

»Sie ahnt gewiß nichts, denn sie glaubt, daß Herr von Hesselodhe um mich werben möchte.«

»Und wenn der es tun würde?«

Sie fühlte an dem starken Druck seiner Hand die Eifersucht, die sich Sicherheit verschaffen will; sie empfand auch die hastigere Stimme und den erregteren Atem. Da zog sie seine heiße Hand an ihr Herz, um ihm die Ruhe wiederzugeben, und sagte mit einer beschwichtigenden Zärtlichkeit in ihrer Stimme:

»Du Törichter, du! Schon wieder mußt du erst fragen! Spürst du es nicht am Pochen meines Herzens, daß ich immer nur eines kann, nämlich dich lieb haben, dich ganz allein?«

»Verzeih mir, Ika, aber ich kann von deinem Munde nie Schöneres hören als immer nur dies eine, daß du mich liebst. Und wenn ich zweifle, so ist es stets nur, um dies eine immer wieder zu hören.«

»Du Narr! Einmal mußt du dann vor mir niederknien, und ich werde deinen Kopf zwischen meine Hände nehmen und werde dir nichts anderes sagen als dies eine, bis du dessen überdrüssig wirst.«

So kamen sie in scherzendem Geplauder bis zu dem großen eisernen Einfahrtstor, das zu der Autogarage führte. Hier gab Ika mit einer plötzlichen Hast seinen Arm frei, trat von ihm etwas zurück und erklärte mit rascher Stimme:

»Hier müssen wir wieder wie fremd nebeneinander gehen, denn wir könnten vom Fenster aus gesehen werden. Nun gibt es wieder nur einen ehrsamen Herrn Doktor Marçan und ein gnädiges Fräulein. Wie gefällt Ihnen das, Herr Doktor?«

Dabei sah sie ihn mit einem so schelmischen Blick an, daß er unwillkürlich lachen mußte. Er stimmte dann in gleichem Tone bei:

»Gestatten Sie wenigstens, gnädiges Fräulein, daß ich sie zurückbegleite?«

Und mit einer knixenden, backfischmäßigen Verbeugung gab sie ihm Antwort:

»Wenn es Ihnen wirklich Vergnügen macht, mein Herr!«

Völlig ernst schritten sie dann nebeneinander.

Am Tor aber stand eine hagere Frauengestalt mit einem knochigen Raubvogelgesicht, das von einem brandroten Haar umflammt war und das zwischen den Gitterstäben in den Garten schaute.

 

* * *

 

»Wo warst du so lange?«

»Im Garten bei den Obstbäumen.«

»Ich dachte, du wärest ausgegangen. Herr von Hesselodhe hat nach dir gefragt. Ich glaube bestimmt, daß er sich mit Absichten trägt.«

»Laß ihn diese Absichten immer behalten, Margot.«

»Du solltest nicht so leichtsinnig davon sprechen, Ika. Herr von Hesselodhe ist von altem Adel und sehr reich.«

Da hielt sich Ika Oehringen in einem frohen Lachen beide Ohren zu und erklärte dabei:

»Hör' bloß auf, Margot! Das alles hast du mir schon so oft gepredigt.«

Margot von Brandeis lag auf der Ottomane, den Ellenbogen lässig auf ein Batikkissen aufgestützt, den Kopf in die hohle Hand gelegt. Ihr Haar von aschblonder Farbe, matt und glanzlos, war zu einer turbanartigen Frisur aufgesteckt. Ihre Augen waren hell und von einem müden Graublau, die starken, schwulstigen Lippen und der etwas breite Mund machten das runde, volle Gesicht unschön und verliehen diesem einen nicht ganz sympathischen Zug;  auch die niedere Stirne und die kurze, an den Nüstern breite Nase ließen das sonst so jugendliche Antlitz fast häßlich wirken.

Margot von Brandeis und Ika Oehringen hatten in ihrer äußeren Erscheinung nicht die geringste Aehnlichkeit mit einander; sie waren ja wohl Schwestern durch den gleichen Vater, hatten aber zwei verschiedene Mütter. Margot stammte aus der ersten Ehe des Vaters, während Ika das einzige Kind aus zweiter Ehe war. So verschieden nun die beiden äußerlich waren, so ganz anders waren sie auch in ihren Gewohnheiten und Anlagen.

Mit dem Tode des Vaters hatte Margot fast das ganze Vermögen allein geerbt, da dies Vermögen der ersten Ehe entstammte, während Richard Oehringens zweite Frau, die an der Geburt ihres einzigen Kindes gestorben war, nichts als ihre Schönheit besessen hatte, die sie ihrem Kinde als einziges Erbe zurückließ. Margot Oehringen wurde durch den Tod des Vaters zur reichen, begehrten Erbin, während ihre Stiefschwester Ika nur eine ganz bescheidene Rente besaß. Margot aber nahm Ika zu sich und behielt diese auch, als sie durch ihre Ehe eine Baronin von Brandeis geworden war.

Die fröhliche Art Ikas, ihr guter Humor, ihre stete Bereitwilligkeit, immer zu helfen, machten sie Margot fast unentbehrlich.

Ika stand vor dem Spiegel und strich sich mit ihren schmalen Händen das kastanienbraune Haar zurück, das ihr in die Stirne hereingefallen war. Durch ihr Spiegelbild nickte sie der Schwester zu, die etwas unwillig den Kopf schüttelte und mit der leisen, immer wie klagend klingenden Stimme erklärte:

»Du bist darin zu leichtsinnig, denn die Geschichten von jener großen Liebe lesen sich wohl ganz hübsch in Romanen, aber im Leben ist es zumeist doch anders.«

»So laß mich eben auf die Ausnahme warten!«

»Dann wirst du nie einen Mann bekommen.«

Ika drehte sich mit einer raschen Bewegung der Schwester zu, ging mit etwas kokettierenden Schritten nahe zu ihr heran, schüttelte lachend den Kopf und drückte die Hände in die Hüften:

»So laß mich als alte Jungfer sterben; dann war ich eben unverbesserlich und hab' mein Schicksal selbst verdient.«

Margot seufzte nur noch; sie hatte mit ihren Ratschlägen den besten Willen, und der Herr von Hesselodhe erschien ihr wirklich als der beste zukünftige Gatte Ikas, die doch schließlich arm wie eine Kirchenmaus war. Margot empfand es ja selbst, daß sie nur durch ihren Reichtum die Baronin von Brandeis geworden war.

Ein Mädchen trat ein und meldete, daß der Nachmittagskaffee auf der Gartenterrasse gedeckt sei.

Margot nickte und ging mit Ika hinaus.

Das Gespräch stockte etwas, als die beiden nun am Tisch in den bequemen Korbstühlen saßen.

Endlich hob Margot wie in plötzlichem Einfall den Kopf und lächelte etwas verlegen, als hegte sie selbst kein allzu großes Vertrauen in ihren Vorschlag.

»Wir sollten doch einmal zu Liane de Turenne gehen. Frau Konsul Heimsdorff hat mir wieder davon erzählt.«

»Aber Margot, du weißt, wie ich über solche Frauen denke, selbst wenn sie einen so geheimnisvollen und vornehmen Namen haben wie diese Madame Liane de Turenne. Betrügerinnen sind alle, die auf irgendeine gauklerische Art die Zukunft zu wissen behaupten.«

»Gewiß, sicherlich sind die meisten, was du behauptest; aber Madame de Turenne . . .«

Ika unterbrach die Schwester, ehe diese noch ihren Gedanken ausgesprochen hatte:

»Weshalb sollte diese gerade eine andere sein? Wegen dieses Namens? Glaubst du, daß dieser in irgendeiner Urkunde dieser sicherlich sehr geschäftstüchtigen Dame steht? Wahrsagerinnen sind Betrügerinnen. Wir sollten doch dem Schicksal dankbar sein, daß es sich uns nicht enthüllt.«

Margot begann unruhig zu werden:

»Es gibt da ganz gewiß Ausnahmen. Gräfin zu Hatzburg war auch bei der Turenne, sie selbst hat es mir erzählt. Auch die Frau Präsident und selbst die Baronin von Steinamanger haben die Madame de Turenne besucht.«

»Das beweist doch höchstens, daß es viele unkluge Frauen gibt.«

Henny Paskal ist gewiß ein kluges Mädchen; sie besucht sogar Vorlesungen an der Universität. Und sie war auch dort und meinte danach, das Shakespeare-Wort sei doch zutreffend, es gebe viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen lasse. Und die Sterne haben sicher irgend einen Einfluß auf unser Leben. Die Astrologie ist ganz gewiß eine Wissenschaft, die leider vernachlässigt wurde. Aus den Sternen aber weiß auch Liane de Turenne alles.«

Ika schüttelte heftig den Kopf; sie lehnte sich in ihren Korbstuhl zurück und erklärte mit der Heftigkeit ihrer Ueberzeugung:

»Die besten der geschichtlich beglaubigten Astrologen mögen ja von der Unfehlbarkeit ihres Wahns überzeugt gewesen sein; aber das große Heer der Sternkundigen rekrutierte und rekrutiert sich aus Betrügern.«

»Damit gibst du aber doch schon gewisse Ausnahmen zu, und eine solche ist eben Liane de Turenne.«

»Hältst du es wirklich für wünschenswert, daß wir unsere Zukunft vorher wissen?«

Die Stimme Margots bekam in ihrer Ungeduld einen fast weinerlichen Ton:

»Ich will doch nicht alles wissen. Aber die Fürstin Marbach soll auch bei der Turenne gewesen sein. Frau Kommerzienrat Poschinger hat mir eine Empfangskarte für Liane de Turenne mitgebracht; es kommen ja so viele, daß nur gegen Karten ein Empfang möglich ist. Es kann doch nicht so schlimm ein.«

»Schlimm ist es gewiß nicht, nur eine Torheit.«

»Aber sie weiß auch wirklich alles. Denke dir nur, die Frau Kommerzienrat hat mir erzählt, die Turenne habe alles gewußt, sogar aus der Zeit vor ihrer Ehe, von einem Erlebnis, das sie selbst lange wieder vergessen hatte. Und sogar das hat sie ihr verraten, daß der Kommerzienrat immer noch mit der kleinen Tänzerin ein Verhältnis hat.«

»Könntest du es wirklich wünschen, Ähnliches zu hören? Würde es dir angenehm sein, vielleicht Gilberts Namen in diesem doch zweifelhaften Salon der Liane die Turenne zu hören?«

Für ein paar Augenblicke folgte ein unsicheres Schweigen. Margot klemmte die Unterlippe zwischen die Zahnreihen ein. Dann hob sie mit rascher Bewegung das schmale Gesicht:

»Weiß ich denn alles von ihm?«

»Pfui. Margot. Wie kannst du nur daran denken?«

»Sagt er mir, wo er hingeht?«

Ika machte eine heftige Bewegung mit der Hand, die ein weiteres Wort wie durchschnitt:

»Glaubst du, daß diese Madame de Turenne davon etwas wissen kann, was dir Gilbert aus irgend einem Grunde schließlich nicht sagen will, wenn du das schon für möglich hältst?«

»Sie weiß doch wirklich fast alles, auch die kleine Schöller hat es gesagt. Und dann kann man doch auch einen Versuch machen. Ich will doch gar nicht glauben, was sie mir erzählen wird. Nur überzeugen möchte ich mich, ob es wirklich wahr ist. Und wenn du so sicher bist, dann wirst du auch nur erfahren, daß sie nichts weiß. Ika, vielleicht wird es lediglich ein Scherz? Geh mit!«

Und in einer etwas kindisch wirkenden Art, eine Gewohnheit Margots, hob sie die Hände bettelnd hoch.

Da lachte nun Ika.

»Wenn es wirklich nicht mehr als ein Versuch sein soll, damit du dich selbst überzeugen kannst, daß eine Liane de Turenne nichts weiß, wenn du dich nicht selbst verrätst, dann gehe ich mit. Nur eine Bedingung stelle ich.«

Sofort beugte sich Margot erfreut vor:

»Ich gestehe ohne weiteres jede Bedingung zu, wenn du nur mitgehst.«

»Es darf dabei in keiner Weise unser Name genannt werden, und die überkluge Wahrsagerin darf nicht ahnen, wer wir sind. Wir werden uns für ganz andere ausgeben, du kannst vielleicht das Kleid von deiner Zofe anziehen, so daß nichts zu erraten ist.«

»Einverstanden! Aber wenn es nun so kommt, daß du dich überzeugen mußt?«

Ika lächelte nur und zog die Schultern hoch.

 

* * *

 

Gilbert von Brandeis war eine hohe, kräftige und breitschultrige Erscheinung. Sein Gesicht mit den auffallend starken Brauen über den großen, blauen Augen wies wohl die vielen Fältchen in den Ausgenwinkeln, die den bekannten Lebemann verrieten, der in allen Klubs wie zu Hause war, der leidenschaftlich spielte, der am Pokertische ebenso gerne saß, wie er auf dem Turf heimisch war. Ob nun alle Geschichten gerade wahr sein mochten, die in so manchen Klubs über ihn erzählt wurden? Jedenfalls umgab ihn fast eine Legendenbildung. Gewiß wußte man nur das eine, daß er das Vermögen derer von Brandeis bis zum letzten Rest erschöpft hatte. Mit seiner Ehe aber begann er das alte Spiel in den verschiedensten Klubs weiterzuführen.

Langsam ließ er sich jetzt in den behaglichen, ledernen Klubsessel fallen, der allein in einer Fensternische stand. In dieser Ecke lag ein gedämpftes Halbdunkel, das zum Träumen reizte. Die blauen Augen aber blieben wach, schauten zu, wie an dem großen Tisch alle gierig vorgebeugt dem Spiel und den Zurufen des Bankhalters folgten. Er war eben erst selbst von diesem Tisch gekommen und hatte dort eine beträchtliche Summe zurückgelassen.

Das schien ihn jedoch nicht zu erregen, in aller Ruhe zündete er sich eine Zigarette an, und seine schmalen Hände kannten kein noch so unmerkliches Zittern.

Während er so vor sich hindämmerte und grübelte, trat mit leisen Schnitten eine andere Erscheinung auf ihn zu, die in allem das Gegenteil von Gilbert zu sein schien. Kurz und gedrungen war die Gestalt, der runde, in einem gesunden Rot glänzende Kopf bartlos, die Augen verschwommen grau, das Haar kurzgeschoren und von unbestimmbarer Farbe. Die Kleidung war auffallend elegant und entstammte offenbar einem der besten Maßateliers. In den Lackstiefeln war sein schleifendes Gehen eher das Schleichen einer Katze.

Es war Frank von Hesselodhe der neben dem Klubsessel Gilberts stehen blieb:

»Du hast wohl auch schon für heute die Lust am Spiel verloren?«

»Noch weiß ich es nicht.«

»Oder willst du bereits gehen?«

»Ich bin noch beim Überlegen.«

»Wie ist das möglich? Man erzählt doch, daß du für ein behagliches Zurückziehen einen Schlupfwinkel in der Kronengasse haben sollst. Kann dabei ein Überlegen so viel Kopfzerbrechen verursachen?«

»Erzählt man das?«

Frank von Hesselodhe ließ ein kicherndes Lachen hören:

»Solltest du das nicht am besten wissen?«

»Nicht immer, denn oft wissen andere mehr als ich selbst.«

»Ich will von dir auch kein Zugeständnis. Eher möchte ich dich warnen.«

Da warf er mit einem Ruck den Kopf in den Nacken:

»Wieso warnen?«

Frank von Hesselodhe legte seine kurze, fleischige Hand wie beschwichtigend auf den rechten Arm Gilberts:

»So schlimm meinte ich es nicht. Nur ganz diskret wollte ich warnen! Baronin Margot scheint gegen dich doch mißtrauischer zu sein, als du's wohl selbst annimmst. Im Vertrauen kann ich dir die mir gegenüber ausgesprochene Absicht verraten, daß die Baronin zu der Liane de Turenne gehen will.«

Gilbert drehte den Kopf langsam seinem Begleiter zu:

»Soll ich darüber erschrecken, weil Margot zu einer Wahrsagerin läuft wie irgend eine Köchin oder ein Dienstmädchen?«

»Du kennst eben Liane de Turenne nicht.«

»Nein, mein Ehrgeiz ist auch nicht auf derartige Bekanntschaften gerichtet.«

»Aber die Turenne weiß oft mehr, als einem erwünscht sein mag. Die Klugheit könnte notwendig machen, daß man sich selbst in diesen Fällen vorsieht.«

»Das magst du halten, wie du es für gut findest. Ich werde Margot nicht aufhalten, wenn sie sich eine besondere Weisheit an derartigen Quellen erhofft. Außerdem ist meine hübsche Schwägerin viel zu klug, und ohne Ika unternimmt auch Margot nichts.«

»Aber sie gehen doch zu Liane de Turenne.«

»Mit meinem Segen. Ich graule mich vor Wahrsagerinnen nicht.«

»Du hast auch Ika Oehringen erwähnt. Du nanntest sie klug. Gewiß, sie ist auch noch schön. Ich mache gar kein Geheimnis daraus, daß ich Hoffnungen hege, die wenigstens bei der Baronin Margot Unterstützung finden.«

»Ich kenne deinen Jammer.«

Frank von Hesselodhe war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, so daß er den Spott auf den ausdrucksfähigen Zügen seines Begleiters nicht wahrnahm. Mechanisch antwortete er:

»Ich weiß nur nicht, was sie mir zur Antwort geben wird. Hat sie zu dir nie eine Bemerkung über mich gemacht? Ich will doch erst die Aussicht auf eine Hoffnung haben.«

»Die kannst du wohl nur durch Ika selbst erlangen; wenigstens halte ich das für den kürzesten Weg. Aber nach deiner Ansicht genügt es schließlich auch, wenn du dich ebenfalls bei Liane de Turenne melden läßt.«

 

* * *

 

»Bist du fertig, Margot?«

»Ja!«

»Wir gehen natürlich. Höchstens die Straßenbahn ist uns erlaubt, damit wir in nichts aus der Rolle fallen, die wir für heute durchführen müssen.«

Mit diesen Worten trat Ika Oehringen in den kleinen, gelben Salon mit den zierlichen Kirschholzmöbeln, in dem sie von Margot erwartet wurde.

Ein kritisch prüfender Blick aus den braunen Augen Ikas glitt über die Schwester hin:

»Ausgezeichnet!« rief sie lachend. »So kann niemand daran zweifeln, daß wir nur zwei Kammerkätzchen sind, die ihren Ausgehetag haben.«

»Ob diese Maskerade auch wirklich notwendig ist?«

»Selbstverständlich! Ist diese Liane de Turenne so allwissend, dann darf sie die äußere Erscheinung doch nicht täuschen.«

Nach diesem Wort faßte Ika mit einer hastigen Bewegung nach der Hand ihrer Schwester:

»Margot, was fällt dir ein? Du hast ja deinen Ehering noch am Finger. Fort damit!«

Margot versuchte einen leisen Widerstand, aber Ika zog ihr den Ring lachend vom Finger und erklärte dabei:

»Das allein ist noch keine Untreue gegen deinen Gatten und noch lange nicht so schlimm, als wenn die Ehemänner die Ringe in die Westentasche verschwinden lassen.«

Eine Viertelstunde später waren beide auf dem Wege nach der Brückhofgasse in der die vielbegehrte Astrologin und Chiromantin Liane de Turenne ihre Besucher zu empfangen bereit war.

Ika hatte irgendeine bescheidene, versteckte Wohnung erwartet, aber schon das Haus, in dem die Wahrsagerin hauste, bedeutete eine Ueberraschung; es sah von außen elegant und vornehm aus, hatte eigenen Herrschaftsaufgang, automatischen Türöffner, Treppen mit Teppichen und elektrisches Licht.

An der schweren Eichentüre des ersten Stockes aber stand auf einem blinkenden Messingschild weiter nichts als der Name: Liane de Turenne.

»Wollen wir nicht doch lieber wieder umkehren?« flüsterte Margot.

»Bleib,« gab Ika zurück, »das sind Kinkerlitzchen, die andere täuschen –.«

Und um einen Fluchtversuch für immer unmöglich zu gestalten, schellte Ika ziemlich heftig an der Flurglocke.

Eine junge, sauber gekleidete Zofe öffnete und ließ die beiden in einen geräumigen und sehr hellen Korridor eintreten. Dies bedeutete abermals eine Überraschung, durch die sich aber Ika nicht mehr beirren ließ. Margot freilich wußte nichts zu sagen und schaute verwirrt wie auf verbotenen Wegen umher.

Aber Ika blieb ihrer Rolle treu. In einem selbstsicheren Tone, etwas vorlaut, sagte sie zu der Zofe:

»Meine gnädige Frau, die Frau Generaldirektor . . .«

Aber schon bei ihren ersten Worten machte die Zofe eine abwehrende Bewegung und unterbrach sie: »Verzeihen Sie, aber Madame wünscht es nicht, daß irgendein Name ausgesprochen wird. Name ist Schall und Rauch, sagt Madame, nur die Sterne sind wahr.«

Darauf war auch Ika nicht vorbereitet, die nun doch etwas aus der Fassung gebracht, die Zofe anstarrte und keine Antwort zu geben wußte.

Ika und Margot wurden in ein Zimmer geführt, das offenbar als Warteraum gedacht war. Elegante Stühle mit Lederbezügen, in einer Kaminecke sogar drei Klubsessel boten eine unleugbare Behaglichkeit. Eine ältere Dame saß tiefverschleiert auf einem Stuhl und blickte ungeduldig auf, als hätte sie bereits die Lust am Warten verloren.

Aber da erschien die Zofe schon wieder und führte die Fremde in ein anderes Zimmer.

Nun befanden sich Ika und Margot allein und schauten sich fragend an. Margot begann zu flüstern:

»Sollen wir nicht doch lieber . . .«

Ika warf ihr einen scharfen Blick zu.

»Still. Wir bleiben. Kein Wort!«

»Aber . . .«

»Ich habe dein Versprechen.«

Margot schwieg.

Und schon trat die Zofe wieder ein und erklärte:

»Madame wurde heute bereits sehr viel verlangt und ist außergewöhnlich ermüdet. Aber Madame werden die Damen trotzdem in wenigen Minuten empfangen. Die Damen müssen sich nur entscheiden, welche zuerst vorgelassen werden will.«

Ika fühlte, daß Margot in dieser Stimmung unfähig war, die bisher gewahrte Rolle noch länger durchzuführen. Dann aber wurde vereitelt, was Ika gerade beweisen wollte, daß alle Wahrsagerinnen, auch eine Liane de Turenne, nur Betrügerinnen sein können. So stand sie auf und erklärte, völlig im Charakter ihrer Rolle:

»Da will nun mal ich den Anfang machen, denn meine gnädige Frau, die Frau Generaldirektor . . .«

Und schon wieder unterbrach die Zofe mit einem diskreten Flüstern:

»Keinen Namen, bitte.«

Doch jetzt blieb Ika ihrer Rolle treu. Mit einer vorlauten Heftigkeit antwortete sie:

»Das ist ja fast, als wenn es seine Schande wäre. Meine gnädige Frau ist doch nicht die nächstbeste.«

Doch da ging die Zofe bereits voran und winkte Ika, ihr zu folgen.


3. Kapitel.

Was Ika Öhringen zuerst sah, konnte sie nicht überraschen, denn das war das Erwartete. So mußte es aussehen, wo eine Liane de Turenne ihre Besucher empfing. Hier war alles berechnet, Stimmung zu erzeugen.

Kein Fenster, kein Licht von außen, alle Wände waren mit schweren, dunklen Vorhängen vor einem tiefen, samtenen Schwarzblau verhängt. Auch die Decke war kuppelförmig von reichgefaltetem schweren Stoffen geschlossen. Ein abgedämpftes Licht fiel durch eine runde Öffnung von oben herein. Es war ein so fahler Schein, daß er jedes Gesicht wie blutleer erscheinen ließ.

Den Boden bedeckte ein schwerer Teppich, der jeden Laut verschlang und den Raum mit einer totenähnlichen Stille füllte.

Ein Gongschlag ertönte, dumpf und zitternd verhallend.

Da rauschten zwei der Vorhänge auseinander, ein weiterer Raum öffnete sich, der in einem etwas helleren Blau wie ein nächtlicher Sternenhimmel ausgeschlagen war. Einzelne Sternbilder blitzten auch auf, und Ika erkannte so manche, den Bären, den Wagen, die Kassiopeia.

In diesem zweiten Raum stand auf einem schmalen Ständer ein kupfernes Becken, in dem eine bläuliche Flamme züngelnd emporleckte.

Ika begriff, wie all das auf empfängliche Gemüter wirken mußte. Sie blieb bei solcher Komödie kalt und unberührt. Aber da sie nicht aus ihrer Rolle fallen durfte und nicht wußte, ob sie nicht von irgendwo aus beobachtet werden konnte, so zwang sie sich zu einem verschüchterten ängstlichen Blick und blieb wie angewurzelt stehen, als wagte sie sich nicht von der Stelle. Sogar einen unterdrückten, beklommenen Schrei ließ sie hören.

Und während sie noch in scheinbarer Verwirrung um sich schaute, rauschten bereits wieder zwei Vorhänge auseinander, und eine kleine Nische zeigte sich in der ein Dreistuhl stand, der offenbar dem bekannten des delphinischen Orakels nachgebildet war.

Auf diesem saß eine schlanke Frauengestalt mit etwas hagerem Gesicht, dessen Farbe eine fahle Blässe war, die wie altes, verblichenes Elfenbein schimmerte. Die Züge hatten einen milden abgespannten Ausdruck, von dem sich aber nicht bestimmen ließ, ob er zu solcher Wirkung erst einstudiert oder die Folge eines vielbewegten Lebens war. Die Augen lagen groß und tiefschwarz wie überreife Tollkirschen in den dunklen Schatten, die sie umränderten. Am interessantesten wirkte aber das blauschwarze selten schöne Haar. In einer steinernen Ruhe, die auf empfängliche Gemüter von einer faszinierenden Wirkung sein mußte, saß diese moderne Pythia auf ihrem Orakelstuhl.

Vor ihr aber lag schräggestellt auf einem Tischchen ein großer Spiegel in Silberrahmen; auch die Spiegelfläche selbst war eine blinkende, glänzende Silberplatte.

Ika spielte zunächst die Überraschte und starrte mit offenem Munde auf diese neue Erscheinung; dann trat sie neugierig und etwas mit der Dreistigkeit eines Mädchens aus dem Volke näher und hastete gleich mit den Worten hervor:

Die gnädige Frau selbst hat mich hergeschickt und hat gesagt . . .«

Aber da hob Liane de Turenne beide Hände wie in beschwörender Bewegung, die Schweigen verlangte.

»Still! Wer Sie auch zu mir gesandt haben mag, der Name ist stets eine Last, die nach Willkür abgeschüttelt werden kann. Was Sie zu wissen begehren und was im Schoße der Zukunft begraben liegt, zeigt mir der Silberspiegel des großen Sainte-Croix. Was aber als verschwiegen vielleicht in der Vergangenheit liegen soll, offenbart er mir mit ebensolcher Wahrheitstreue. Wünschen Sie, daß ich den Spiegel befrage, was er mir über Sie erzählt?«

Die Worte wurden mit monotoner Stimme gesprochen, die von einer eindringlichen Wirkung war; die Lippen bewegten sich dabei nur unmerklich.

Ika dachte flüchtig an die historische Persönlichkeit des Sainte-Croix, dessen Name hier für eine abenteuerliche Wirkung ausgenutzt wurde und der doch als ein Betrüger dieser gleichen Art wiederholt entlarvt worden war.

Doch nur der Gedanke einer flüchtigen Sekunde war es, und dann antwortete sie auch schon:

»Natürlich will ich das wissen, denn deshalb hat mich die gnädige Frau hergeschickt; und ich habe immer schon zu ihr gesagt, daß ich zu gern wissen möchte . . .«

Abermals unterbrach sie die Stimme der Wahrsagerin:

»Nicht, was Sie wissen wollen, kann ich sagen, sondern nur, was mir die Bilder im Spiegel verraten. Ob es Gutes sein wird, ob Schlimmes, es ist nicht in meine Macht gegeben, daran zu rütteln, und ich muß mich selbst dem Unabänderlichen beugen.«

Ika trat noch etwas näher.

»Und was ist denn in dem Spiegel da zu sehen?«

»Zwecklos würde es sein, würde ein unbefugtes Auge den Blick wagen, und der Spiegel würde diesem nichts offenbaren. Nur den Berufenen zeigt er Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Ich will nun prüfen, was der Spiegel mir heute und über Sie zeigen will.«

Dabei beugte sich Liane de Turenne tief auf die Silberplatte nieder, wobei sie einen Schleier, der um ihr Haupt lag, derart über den Spiegel breitete, daß Ika nichts zu erspähen vermochte.

Rasch hob sie wieder den Kopf und erklärte in der gleichen monotonen Sprechweise:

»Der Spiegel ist trübe, und undurchdringliche Nebel liegen darauf. Dunst und Dunkel! Es will nicht hell werden, denn das Mißtrauen steht neugierig davor. Die Heuchelei ist in der Maske der List gekommen. Sie wollen scheinen, was Sie nicht sind. Sie sind eine andere als die, welche Sie spielen.«

Die schwarzen Augen von Liane de Turenne hatten dabei einen stechenden Blick, vor dem Ika doch unwillkürlich etwas zurückfuhr. Woher konnte diese Wahrsagerin dies durchschaut haben?

Aber Ika gab ihr eigenes Spiel deshalb noch nicht preis. Sie lachte laut:

»Das verstehe ich doch nicht. Ich habe ja gar nicht gesagt, daß ich nur Stubenmädchen bin.«

»Damit wollen Sie den Spiegel täuschen, der mir zeigt, daß der Betrug um Sie schleicht, wie Sie mich hintergehen. Da steht ein blühender Apfelbaum und Sie sehe ich darunter, aber auch eine Schlange ist dabei, die süße Worte in das Ohr flüstert, von denen jedes Lüge ist. Und Sie öffnen den Lügen dieser Schlange Ihr Herz . . .«

Wieder starrten die stechenden Augen der Wahrsagerin auf Ika, die unwillkürlich an ihre Begegnung mit Hanns dachte, mit dem sie sich in ihrer Liebe unter einem Apfelbaum gefunden hatte. Aber das war doch ein Geheimnis, das niemand wissen konnte.

Doch schon sprach Liane de Turenne wieder weiter.

»Ich sehe die Schlange nun als vornehmen Kavalier, dessen sonnverbranntes Gesicht mit den hellbraunen Augen die Ehrlichkeit täuscht. Süß klingt es, wenn er von Liebe spricht. Und abermals sehe ich ihn, wie er in weißem Mantel in einer Klinik steht wie ein Arzt.«

Noch tiefer beugte sich die Wahrsagerin, als wollte sie in dem Spiegel noch deutlicher sehen.

Ika aber horchte gespannt auf.

Da hob Liane de Turenne wie im Erschrecken die beiden Hände.

»Wieder taucht sein Bild auf, aber eine andere ist es jetzt, die bei ihm ist. Die Bilder verschwimmen, aber nun kann ich ein Haus deutlich erkennen, in das er scheu und verstohlen bei Nacht hineinschleicht. Ich sehe ihn in einem langen, olivgrünen Mantel, wie sie nur selten sind.«

In dem Augenblick einer Sekunde dachte Ika daran, daß Doktor Marçan wirklich einen solchen Mantel besaß.

»Das Haus ist schmal und eng und alt. Rote Vorhänge sind hinter kleinen Fenstern beleuchtet. Lichtscheue Schatten huschen in und aus dem Haus. Der Lärm von Hafenkneipen dringt heran. Und eine Stube sehe ich in diesem Haus, und in dieser ist der unter dem Apfelbaum. Ein Weib mit den Augen des Lasters hängt an seinem Hals. Fort! Das Bild ist abgerissen. Nebel brauen. Will sich noch ein Bild gestalten?«

Schweigen folgte. Suchend hing der Blick der Wahrsagerin auf dem Spiegel, als wartete sie nur auf eine neue Erscheinung.

Ika aber begann an dem Schweigen, das nun folgte, verwirrt zu werden. Wie konnte diese Fremde, die sie selbst nie gesehen hatte, so viel erraten haben? Ika selbst hätte Hanns nicht deutlicher schildern können.

Wieder hob Liane de Turenne den Kopf.

»Wie seltsam die Bilder wechseln! Sie und er unter dem Apfelbaum. Ich sehe Sie neben ihm zu einer Villa gehen, wie er dabei seinen Arm wie ein Verlobter um Ihre Hüften legt, wie er sich zärtlich an Sie neigt, und wie Sie nun rasch auseinandergehen, als wäre nun alles wieder wie vergessen. Und nun sehe ich Sie wieder mit einer eleganten Dame, die nicht wie Sie ist, aber doch mit dem Blute zu Ihnen gehört; äußerlich ist sie so verschieden, wie auch im Herzen. Blond und matt ist das reiche, volle Haar und der Mund mit den starken, roten Lippen redet ängstlich. Auch dies Bild entgleitet wieder.«

Diesmal hatte die Wahrsagerin eine genaue Schilderung von Margot gegeben und dabei die Verwandtschaft ebenso geschickt angedeutet, wie sie auch ihre Charakterverschiedenheit bezeichnet hatte.

Wie aber war dies alles zu erklären?

Ika klemmte die Lippen zusammen. Sie sah sich einem Ergebnis gegenüber, das ebenso unerklärlich wie geheimnisvoll war.

Liane de Turenne machte nun seltsame Zeichen über den Spiegel, als wollte sie dadurch neue Bilder heraufbeschwören. Ihre Stimme begann jetzt gereizt zu klingen.

»Ich sehe im Dunst ein anderes Gesicht, das nicht ganz deutlich werden will. Und dieser Mann wird zu Ihnen kommen, um gut zu machen, was die Schlange unter dem Apfelbaum zerstört haben wird. Klar ist jetzt der Spiegel und will nicht mehr offenbaren. Es wechselt das Bild so verschieden, und wenn Sie wieder den Weg hierher finden, aber mit mehr Glauben als in diesem falschen Spiel, dann wird auch der Spiegel des Sainte-Croix freigebiger sein. Ich bin müde.«

Liane de Turenne neigte den Kopf etwas nach vorne, während die Vorhänge wieder zusammenrauschten und ihre Gestalt, den Dreistuhl und das Becken mit den züngelnden Flammen verschwinden ließen.

Ika Öhringen war noch immer verwirrt. Sie schaute unsicher umher, als mit leisen Schritten die Zofe zu ihr herantrat, die von dem dumpfen Gongschlag gerufen worden sein mochte, der das Ineinanderrauschen der Vorhänge begleitet hatte.

Eine Hand berührte Ika leise, die dem Wink auch folgte.

Ein langer, korridorartiger Raum, den sie mit der Zofe durchging. Eine Türe. Und neben der Türe stand eine kupferpatinierte Schale von scheinbar antiker Herkunft, die auf einem schmalen, ovalen Tischchen lag. In der Schale aber waren Goldstücke, Scheine, große Silbermünzen so offen hineingelegt, als wären sie darin vergessen worden. Die beträchtliche Summe lag darin wie das Überflüssige, das nur ein Zufall hineinwirft.

Aber die Zofe blieb dicht neben der Schale stehen, während sie die Türe öffnete.

Und Ika verstand diese diskrete Aufforderung, die so geschickt vorbereitet war, daß sich ihr niemand entziehen konnte. Auch die deutlich erkennbaren Beträge bildeten den Maßstab für die Höhe der Summen, die hier gegeben zu werden pflegten.

Hastig griff sie in ihre Tasche und warf gleichfalls ein größeres Geldstück in die offene Schale.

Dann erst überschritt sie die Schwelle dieser Türe, und die Zofe folgte ihr schweigend nach. Bald kam sie wieder in das Zimmer, in dem Margot immer noch wartete.

Ika fühlte auch gleich den forschenden Blick, der sie streifte und alles mit einem einzigen Worte wissen wollte.

Margot flüsterte auch mit heiseren unterdrückter Stimme:

»Wie war es?«

Aber ehe Ika noch eine Antwort geben konnte, wies die Zofe schon nach der Türe.

Und Margot ging den gleichen Weg.

Und bald stand sie dem gleichen, kupfernen Becken gegenüber und starrte in die bläulichgelb züngelnden Feuerzungen. Ihre stumpfen wie durch einen Schleier blickenden graublauen Augen besaßen nicht die Sicherheit Ikas.

Die phantastische Einführung hatte sie derart erregt, daß sie sofort zu jedem Zugeständnis bereit gewesen wäre, wenn ein solches von ihr verlangt worden wäre.

Als sich dann Liane de Turenne als moderne Pythia über den silbernen Spiegel beugte, da war Margot auch schon bereit, alles zu glauben.

Und die Wahrsagerin besaß Menschenkenntnis genug und verstand auch alle Schwächen so einzuschätzen, um alle ihren Absichten gefügig zu machen.

Ihre Stimme wies die gleiche Monotonie auf.

»Sie sind wie die andere unter einer falschen Maske gekommen und sind nicht das, was Sie scheinen wollen. Sie tragen über Ihrer Stirne die Krone eines alten Geschlechts, aber es ist dabei doch die Krone eines anderen Blutes. Ich sehe, daß ein Mann Ihnen die Krone gab; Sie sind seine Frau.«

Die Wahrsagerin blickte ganz flüchtig auf, aber Margot war durch die Ansprache so überrascht, daß das Zittern ihrer Hände die Wahrheit verriet. Und in den Sekunden flüsterte sie auch schon:

»Ich habe es nicht gewollt und habe es ihr gleich gesagt.«

Dies kurze Geständnis genügte für Liane de Turenne. Sie fuhr zu sprechen fort:

»Der Spiegel duldet keine Lüge, er sieht die Wahrheit durch Zeit und durch Wände. Klar liegt er vor mir und ich kann Sie und die andere sehen, die nur durch Halbblut vom Vater her Ihre Schwester ist, wie diese Sie zu dem Spiel zwingt.«

Margot war über dies Zugeständnis so befriedigt, daß sie lebhaft nickte.

»Noch andere Bilder zeigt mir der Spiegel, und wieder ist es diese Schwester, die Sie betrügt. Ich sehe diese Schwester in Zärtlichkeit mit einem Manne, die sie wie Erstohlenes verbirgt; und dieser Mann ist ein Unwürdiger. Es gibt einen, der es ehrlich mit ihr meint und den Sie mit dem Blick der Güte schon als den bestimmten erkennen.

Nun sehe ich Sie selbst mit dem Gatten als Braut. Er schaut Sie mit den blauen Augen, die ohne Lüge sein sollten, an. Seine hohe, kräftige Gestalt hält Sie umfangen wie ein Kind, das es zu beschützen gilt; aber die dünnen Lippen über dem eckigen, bartlosen Kinn sind fest aufeinander gedrückt. So sehe ich ihn.«

Liane de Turenne blickte wieder auf, als gelte es von Zeit zu Zeit die Wirkung ihrer Worte zu erproben.

Margot beugte sich weit vor, nun schon zu jedem Glauben empfänglich.

»Aber es ist der gleiche Mann, den ich jetzt wiedersehe. Doch diesmal sitzt er in einem von Lichtern verschwenderisch erhellten Raum und aus seiner Tasche wirft er immer neues Geld auf den Tisch, das der Rechen eines anderen an sich heranzieht.«

Die Lippen Margots zitterten in der Zustimmung; ein Flüstern wie ein Windhauch war es nur, aber doch noch hörbar:

»Er spielt; ich weiß es längst.«

Hatte Liane de Turenne überhaupt darauf gehört? Ihr unbewegtes Gesicht verriet nichts, nur die schmalen Lippen sprachen weiter:

»Über diesem Bilde taucht wieder ein anderes auf. Doch diesmal ist es eine andere, die nun auf seinem Schoße sitzt und wie eine verbuhlte Liebste an seinem Halse hängt.«

»Wer und wo: wie sieht sie aus?«

Es klang wie ein hastiger, ängstlicher Schrei; dabei trat Margot mit ausgestreckten Armen auf die Wahrsagerin zu; diese hob nun ruckartig den Kopf, daß der blauschwarze Haarknoten tief im Nacken lag. Ein bedauerndes Lächeln spielte dabei über die dünnen, weinroten Lippen, die wie schmale, blutige Striche in einem wächsern fahlen Gesicht waren.

»O weh! Das durften Sie nicht tun. Sie durften kein Bild durch seinen Ruf unterbrechen, denn das Bild verschwindet sofort wie weggewischt. Leer! Der Spiegel ist wieder blank wie Stahl.«

Aber Margot war mit diesem Ende nicht zufrieden. Ihre sonst müden Augen begannen ein Feuer zu bekommen und ihre Stimme klang mit einem Male wie gejagt:

»Ich muß es wissen. Wer ist sie? Sie haben diese andere gesehen. Sie müssen mir es auch sagen. Verlangen Sie, was Sie wollen, aber sagen Sie mir, wo ich sie finde.«

Liane de Turenne zog die Schultern hoch:

»Bedaure, Frau Baronin, denn ich nehme an, daß der Spiegel die kleine Krone über ihrer Stirne nicht erlogen hat.«

»Nein, ich bin Frau von Brandeis. Gewiß! Aber das andere will ich wissen.«

»Darüber kann ich jetzt nichts erklären: denn ich selbst weiß nichts. Ich wiederholte nur, was mir der Spiegel des Sainte-Croix zeigte.«

»So schauen Sie wieder hinein!«

»Es geht nicht so, wie Sie glauben, Frau Baronin. Der Spiegel läßt sich nicht befehlen. Den Zauber hat Ihr Ruf unterbrochen.«

»Aber ich werde diesmal ganz still sein.«

Liane de Turenne schüttelte den Kopf.

»Es liegt nicht an meinem Willen. Heut wird der Spiegel nicht mehr sprechen. Aber Sie können ja wiederkommen und dann wird er noch mehr sprechen können, wenn Sie nur wollen. Sie müssen sich dem Willen des Spiegels beugen; denn er allein sieht durch Jahrhunderte.«

Margot war zu jeder Zustimmung bereit.

»So sieht Gilbert aus, und alles war richtig. Ich komme auch wieder, aber bald muß ich es könnten.«

»Zwischen Sonnenaufgang und -untergang spricht der Spiegel immer nur einmal über das Schicksal eines Menschen.«

»Ich komme morgen, aber dann allein.«

»Ich bestimme nichts und füge mich jedem Willen.«

Gleich darauf erklang der dumpfe Gongschlag, bei dem die schweren Vorhänge wieder zusammenrauschten, die Liane de Turenne den Spiegel, den Dreistuhl und das Kupferbecken wieder entschwinden ließen.

Und geräuschlos huschte die Zofe herein.

Schweigend gingen die Schwestern die Treppe hinunter. Sie kamen auf die Straße und schritten auch da schweigend nebeneinander her: nur Margot ließ einmal einen prüfenden Blick zu Ika hingleiten.

Ika preßte die Lippen aufeinander und sah wie ins Leere.

In dem Grübeln der beiden waren sie in einen immer rascheren Schritt gekommen, so daß Ika plötzlich stehenblieb und mit einem etwas erzwungen wirkenden Lächeln zu Margot die Bemerkung machte:

»Diese Eile ist jetzt ebensowenig mehr vonnöten, als daß wir zu Fuß weiterlaufen. Die Rollen der Stubenmädchen sind nun ja doch ausgespielt. Wir dürfen uns schon ein Auto heranrufen.«

Mit diesem ersten Wort war auch das Schweigen von Margot gebrochen, die darüber aufzuatmen schien.

»So ist es dir wie mir gegangen? Hatte ich es dir nicht gleich gesagt?«

Ika schwieg noch und schaute erst nach einer Autodroschke aus, die sie heranrief. Erst als beide in dem geschlossenen Wagen saßen, kuschelte sich Ika in eine Ecke und lachte in auffallender Schrillheit, die zu leicht erraten ließ, daß sie sich dazu gezwungen hatte.

Sofort wandte sich ihr der Kopf Margots zu und fragte mit einer gereizten Erregtheit:

»Was findest du daran so lächerlich? Wir beide blamierten uns, und nur du hattest den törichten Rat gegeben. Hätte ich dir nur nicht gefolgt.«

»Was hatte sich in dem Spiel dann geändert? Diesmal war eben die Gewohnheitsspielerin doch geschickter als die beiden Dilettanten.«

»Sie weiß eben mehr, als du zugestehen wolltest. Mir hat sie Dinge gesagt, die doch wahr sind.«

Wie unwillkürlich antwortete Ika darauf:

»Dir auch?«

Aber dies unbedachte Wort genügte Margot.

Sofort hob sie ihr Gesicht und mit einem Aufblitzen in den sonst so matten Augen fragte sie hastig:

»Was sagte sie dir?«

Doch Ika schwieg; sie dachte an das Geheimnis ihrer Liebe, die doch immer noch ihr Geheimnis war, wenn auch jene Fremde irgendwie davon erfahren haben mußte. Dies Schweigen erweckte bei Margot einen anderen Verdacht, die nur an die Lügen dachte, mit denen die wundersame Frau aus dem Spiegel heraus das Verhalten Ikas bezeichnet hatte.

Deshalb schüttelte Margot den Arm Ikas nach eigensinniger Kinder Art und sagte mit deren weinerlicher Stimme:

»Warum willst du es mir nicht sagen?«

»Weil ich darin nur Unfug sehe.«

»Du glaubst also nicht, was sie dir aus dem Spiegel berichtete?«

»Niemals!«

Sofort begann Margot wieder zu drängen:

»Dann kannst du es mir doch erzählen, wenn du nicht daran glaubst.«

»Es handelt sich um Lächerlichkeiten.«

»So hindert dich auch nichts, sie zu sagen.«

»Du bist kindisch, Margot. Ich frage dich doch auch nicht.«

»Dann bist du falsch, wenn du es nicht sagst.«

»Margot!«

»Und es ist doch so!« nickte diese heftig. »Weshalb sagst du es nicht und warum soll ich gerade das nicht wissen, wenn es dir doch gleichgültig ist?«

»Gleichgültig sagte ich nicht.«

»Siehst du nun? So verschweigst du mir etwas, und das nenne ich falsch.«

»Quäle mich doch deshalb nicht.«

»Du brauchst es nur zu sagen.«

Über diesem Eigensinn verlor Ika die bisher gewahrte Ruhe und bemerkte gleichfalls gereizt:

»Ich will nicht, und damit ist wohl diese Liane de Turenne für immer erledigt.«

»Im Gegenteil. Ich werde morgen wieder hingeben.«

»Aber Margot! Schätzt du diese elegante Betrügerin höher ein als die nächste Kartenschlägerin, die den ärmsten Mädchen ihre ersparten Pfennige abnimmt?«

»Sie ist keine Betrügerin, sie hat dich erkannt und dir die Wahrheit gesagt, die du mir nicht eingestehen willst.«

Margot hastete die Worte erregt hervor und ließ sich ganz von ihrem Ärger beherrschen.

Und zwischen den Geschwistern war zum ersten Male eine ernstliche Mißstimmung.

Als das Auto vor der Villa hielt, sprangen beide schweigend aus dem Wagen und suchten sofort ihre Zimmer auf.


4. Kapitel.

Ika Öhringen befand sich wieder in froher Stimmung. Sie hatte für den Gastspielabend Wüllners in der Harmonie eben noch zwei Karten erhalten können, und da sie wußte, wie hoch Hanns die Kunst dieses genialen Sängers einschätzte, wollte sie ihn davon verständigen. Margot und auch ihr Gatte hatten wenig Interesse für Gesang, so daß es dadurch möglich wurde, daß sie sich mit Hanns wieder einmal zu einer heimlich vertrauten Begegnung zusammenfinden konnte.

Seit jenem verärgerten Nachmittag hatten sie sich nicht mehr gesehen; wenn Ika über die wunderlichen Verdächtigungen dieser Wahrsagerin auch nicht mehr grübelte und sie gewaltsam aus ihrer Erinnerung strich, so bestand trotzdem noch die verärgerte Stimmung zwischen ihr und Margot. Diese war am nächsten Tage wieder zu dieser Liane de Turenne gegangen und noch mehr verärgert zurückgekommen.

Um dieser Unbehaglichkeit ein für allemal ein Ende zu bereiten, wollte sie mit Hanns gleichzeitig darüber sprechen, ihre Verlobung nun bekanntzugeben. Dann konnte sie Margot auch erklären, weshalb sie nichts verraten durfte, und diese mußte die Gründe dann gelten lassen. Die gereizte Stimmung erschien Ika unerträglich.

In den Pausen während des Konzertes und auf dem stillen Wege nach Hause ließ sich über all das plaudern.

Ika hatte die beiden Karten in ihrer Handtasche. Ein paar Sekunden überlegte sie, wie sie ihm die eine davon zusenden könnte; für die Postbestellung war es fast schon zu spät. Sie konnte Hanns aber auch telephonisch anrufen.

Einen Augenblick zögerte sie.

Sie befand sich hier ja in der Nähe seiner Wohnung. Da war es doch am besten, die Karte selbst abzugeben.

Aber für eine junge Dame schickte es sich doch nicht, die Wohnung eines Herrn ohne Begleitung aufzusuchen. Das erlaubte die sogenannte Gesellschaftsmoral nicht. Aber Hanns war Arzt; zu diesem kamen doch manche Damen als Patienten; außerdem konnte sie ja die Karte mit einer kurzen Notiz bei dem Diener abgeben, ohne Hanns selbst zu verlangen.

Damit konnte sie jedes aufsteigende Bedenken beschwichtigen.

In rascher Entschlußfähigkeit bog Ika nach der Grindelallee ein, um auf dem nächsten Wege zur Wohnung zu gelangen.

Doktor Hanns Marçan besaß schon eine eigene Praxis und bewohnte in der Herzogstraße in einem vornehmen Hause im zweiten Stockwerk vier große, elegante Zimmer, die er nach eigenem Geschmack eingerichtet hatte.

Als Ika dann vor dem Hause selbst stand und sich entscheiden mußte, fühlte sie doch etwas Herzklopfen, denn es war immerhin ungewöhnlich als Dame einen Herrn zu besuchen und gerade ihr, der Braut, als die sie sich ja betrachten durfte, war es noch weniger erlaubt.

Die Bedenken hielten jedoch nur ein paar Sekunden an, dann stieg sie schon die Treppe empor.

Der Diener, ein alter Bursche mit einem faltendurchfurchten, lederfarbenen Gesicht, der schon bei den verstorbenen Eltern des Doktors die Stellung einer Art Faktotum versah, öffnete ihr; er kannte Ika und wußte auch was diese für seinen Doktor bedeutete, da er für sie schon mehr als einmal Blumen besorgt hatte.

Und da es Ika verstanden hatte, den Alten ab und zu mit einem Päckchen Kautabak zu bestechen, wofür er eine ganz besondere Vorliebe hatte, so ging das bartlose, faltige Gesicht des Alten immer zu einem Lächeln auseinander, wenn er Ika sah.

Auch heute nickte sie ihm in der gewohnten Vertraulichkeit zu und sagte:

»Ich will für den Herrn Doktor nur etwas hinterlassen, was ich Ihnen anvertrauen muss. Ist denn der Herr Doktor selbst da?«

Aber der Alte schien an diesem Nachmittage ein anderer als sonst zu sein. Als er Ika erkannte, schien es zuerst wohl, als wollte wieder das grinsende Lächeln in seinem Gesichte aufsteigen, aber dann wechselte der Ausdruck plötzlich und es machte sich ein Zug von Hilflosigkeit und Verlegenheit bemerkbar; er schien mit einem Male durch ihr Erscheinen wie erschrocken. Auch seine Stimme geriet in ein unsicheres Stottern:

»Der Herr Doktor – – ist freilich – – oder nein – – gewiß, er ist leider nicht da. Ich kann ihm ja alles sagen.«

Dabei stand er so zwischen Türe und Angel, als wollte er den Zutritt verwehren. Die graugrünen Augen, unter denen starke Tränensäcke lagen, irrten dabei scheu umher und blickten eine Sekunde lang über die Schulter hinweg in den dunklen Korridor, als lauschte er auf etwas.

Anfangs beachtete dies Ika kaum; dann aber begann es ihr aufzufallen und sie fragte:

»Oder hat der Herr Doktor einen Besuch, bei dem er keine Störung will?«

»Nein, das nicht.«

»So ist er vielleicht doch zu Hause?«

»Wirklich nicht, das müßte ich ja zuerst wissen.«

Aber etwas lag in der Stimme des Alten, das Ika aufhorchen ließ.

»Wissen Sie das ganz bestimmt?«

»Doch, doch das gnädige Fräulein darf mir schon glauben. Es ist kein Mensch in der Wohnung, nur ich allein.«

»Um so besser. Ich will für den Herrn Doktor ein paar Zeilen aufschreiben. Das kann ich doch im Wartezimmer?«

»Freilich, das können Sie schon. Im Wartezimmer. Da läßt sich schon schreiben.«

Aber er murmelte die Worte wie mechanisch vor sich hin und wich dabei nicht von der Türe.

Ika lächelte.

»Aber dann müssen Sie mir nun auch den Weg freigeben. Oder wollen Sie mir den Eintritt verwehren?«

»Nein, das nicht, freilich.«

Und noch einige Worte verloren sich in einem unverständlichen Gemurmel. Rasch trat er jedoch zurück und wies Ika die Türe zum Wartezimmer, wobei er stets neben ihr blieb. Er öffnete ihr auch die Türe.

Im Wartezimmer fand sich Ika allein. Zum erstenmal war sie hier. An den Wänden hingen in einfach glatten Rahmen gute Steindrucke. Auch die Stühle mit den Lederbezügen, die kleinen Tische mit den gefällig-praktischen Füßen, an denen alles »Beiwerk« fehlte, machten einen vornehm, ruhigen und gediegenen Eindruck.

Doch nur flüchtig streiften die Augen Ikas darüber hin, die sich an einen der Tische setzte, um auf ein Blatt ein paar Worte für Hanns niederzuschreiben, die ihn über die Konzertkarte aufklären sollten.

Die Wunderlichkeit im dem Benehmen des alten Dieners vergaß sie dabei.

Schon steckte Ika die Notiz und die Karte in einen Umschlag, als sie plötzlich mit einem ruckartigen Hochwerfen des Kopfes aufhorchte. Ihr Gesicht wandte sichs der Wandseite zu, die durch eine verstellte Türe ein nebenanliegendes Zimmer verriet.

Deutlich schrillte eine unangenehm klingende, häßliche Stimme.

Es war also doch jemand in der Wohnung.

Ein ganz flüchtiger Gedanke ohne jede Absicht.

Aber die Stimme schien in gereiztem Tone zu sprechen. Doch mit wem?

Durch die verstellte Türe waren die Laute zu hören, wenn auch kein Wort verständlich klang.

Trotzdem trat Ika mit ein paar Schritten näher zu der Türe hin. Wie lauschend beugte sich ihr Oberkörper dieser Richtung zu. Ein gespannter Ausdruck in ihrem Gesicht verschärfte sich.

Sie hatte sich nicht geirrt. Der Klang der Stimme war der von Hanns.

Doch weshalb hatte ihn der Diener verleugnet?

Nun erst erschien ihr dessen Verlegenheit auffallend. Der Zweifel, der in dem schwarzen Zimmer der Liane de Turenne zum erstenmal in ihr Herz gelegt worden war, wuchs mit einem Male riesengroß wie ein Gespenst auf.

Das Mißtrauen.

War es nicht häßlich, irgend etwas erlauschen zu wollen? Mußte sie sich nicht vor sich selbst schämen?

Doch sie blieb wie gespannt stehen.

Die Worte! Klangen sie jetzt nicht ganz deutlich?

Es war dies die fremde Stimme, die so schrillte.

»Sie müssen da schon kommen, sonst bringe ich die Trude hier in das Haus herein und das wird Ihnen auch keine Freude machen. Es ist doch nicht der erste Weg in die Hafengasse und in das rote Haus.«

Beschwichtigend fiel nun Hanns ein: aber keines der Worte klang verständlich. Nur der beschwichtigende Ton war zu erkennen.

Wieder schrillte die zweite Stimme, die abermals zu verstehen war.

»Die Trude hat mich selbst hergeschickt, denn mir ist das gerade kein Vergnügen. Und die Trude ist es auch nur.«

Wieder der Ton, der beruhigen will.

Aber die Worte? Was sagten sie?

Schon wollte Ika den Kopf an die Türe selbst legen. Da fuhr sie ruckartig zurück.

In diesem Ausgenblicke kam es ihr zum Bewußtsein, daß sie dabei die Lauscherin an der Wand spielte.

War das nicht verächtlich?

Ika preßte die Lippen zusammen und bezwang sich. Sie durfte sich nicht selbst verächtlich machen. Der häßliche Zweifel, den sie von jener Wahrsagerin mitgenommen hatte, durfte sie nicht so weit sinken lassen.

Sicherlich fand sich für alles eine harmlose Erklärung, die ihr Hanns freiwillig geben würde, ohne daß sie erst die Frage darnach stellen mußte.

Nur das konnte sie nicht verhindern, daß sich ihre Brauen ganz dicht zusammenschoben, als sie aus dem Wartezimmer hinausging.

Da aber stand ganz dicht neben der Türe der alte Diener und schaute sie mit einem ängstlichen Lauern an, als wollte er von ihrem Gesichte etwas ablesen. Jetzt verstand Ika den gefolterten Blick.

Und sie zwang sich zu einem harmlos klingenden Tone, wobei sie noch lächelnd nickte:

»Ich bin nun fertig. Diesen Umschlag geben Sie dem Herrn Doktor, sobald er zurückkommt.«

»Das will ich schon besorgen.«

Und die knochige, faltige Hand des Alten zitterte, als sie nach dem Briefe griff.

Mit hastigen Schritten ging er voran und öffnete die Korridortüre.

Langsam aber, als wären ihre Füße wie gelähmt, als schleppte sie Ketten nach sich, stieg Ika die Treppe hinunter. Was war geschehen? Was hatte sie gehört? Oder hatte sie nur geträumt?

Trude und wieder dieser gleiche Name, Trude.

Wer mochte diese sein? Und warum forderte sie das Kommen von Hanns? Und in einem Haus in der Hafengasse wartete sie. In dem roten Haus. Und es sei nicht der erste Weg, hatte der Fremde gesagt.

Welche Rätsel verbargen sich in diesen seltsamen Worten? Und warum hatte der alte Diener die Anwesenheit von Hanns geleugnet? Er mußte doch alles gewußt haben.

Aber hatte das alles, was sie nun erlebt und mehr gegen ihren Willen erlauscht hatte, vorher nicht schon die Wahrsagerin mit ihren seltsamen Erklärungen verraten? Schilderte sie das Haus in der Hafengasse nicht ebenso, wie es der Unsichtbare mit der schrillenden Stimme getan hatte? Sprach sie nicht auch von der anderen, zu der Hanns in jenes Haus gegangen sein sollte?

War ein solches Zusammentreffen wirklich noch Zufall?

Immer neue Fragen tauchten auf, ohne daß die vorausgegangenen eine Erwiderung gefunden hätte.

Wie sollte sie das alles zu erklären versuchen?

Oder wußte diese Liane de Turenne doch mehr, als Margot und so viele glaubten? Gab es jene dämonische Macht, Bilder aus fremden Schicksalen, aus Vergangenheit und Zukunft sehen zu können? War die Kunst eines Geni, eines Nostradamus und anderer doch Wissenschaft, die ernst geprüft werden mußte?

So gehetzt sann und grübelte Ika über all diese Fragen, daß sie gar nicht darauf achtete, wie sie wiederholt gegrüßt wurde; wie traumwandelnd ging sie dahin.

Nur der Funke des Zweifels und des Mißtrauens, der tückisch in ihr Herz gelegt worden war, begann unter seinem immer stärkeren Anfachen langsam zur Flamme zu werden.

 

* * *

 

Nie war Ika ihrem Geliebten mit einem so heftigen Herzklopfen gegenübergetreten, selbst in dem Augenblicke nicht, als sie sich unter dem blühenden Apfelbaum trafen. Und doch zeigte sie ein Lächeln bei der Begrüßung, als sie sich im Foyer der Harmonie trafen.

Doktor Marçan führte ihre Hand leicht an seine Lippen; dann reichte er ihr eine selten schöne Rose.

Ika steckte sie in den Gürtel.

Er beugte sich näher zu ihr hinüber, als sie den Konzertsaal betraten.

»Wie soll ich dir danken, daß du gleich an mich gedacht hast? Nicht allein der vollendete künstlerische Genuß steht mir bevor, sondern ich darf mit dir genießen. Darf verstohlen deine Hand drücken, darf an ihrem Drucke immer aufs neue fühlen, daß du mein bist.«

So viel Zärtlichkeit sprach aus der gedämpften Stimme, so viel verhaltene Glut einer großen Leidenschaft. Ika empfand es und fühlte sich bezwungen.

Ihr war es, als wäre nun alle Unsicherheit gewichen. Sie nickte und dachte nicht mehr an Liane de Turenne und an das Erlauschte.

Ohne Absicht erklärte sie:

»Ich brachte die Karte selbst, weil es sonst leider zu spät geworden wäre.«

»Mein alter Peter hat es mir erzählt. Schade, daß ich nicht zu Hause war.«

Was war das nun wieder? Mit einem Male fingen die Schläfen wieder zu brennen an. Und die Pulse hämmerten. Hanns wiederholte die Lüge.

Er war doch zu Hause gewesen. Sie hatte ja seine Stimme gehört. Und er zitterte bei der Lüge nicht.

Was dem wahren Wesen Ikas im Herzen fremd war, das aber konnte sie in diesem Augenblicke tun; sie verstellte sich mit vollem Bewußtsein.

»Schade, daß du nicht zu Hause warst.«

Doktor Marçan entgegnete ruhig:

»Ein Arzt kann nie ganz frei über sich verfügen. Ich machte gerade ein paar Krankenbesuche.

Dann saßen sie.

Und Ika atmete wie befreit auf, daß nun auch schon die erste Programmnummer einsetzte, ein Klaviervortrag über eine große Fuge eines jüngeren Komponisten.

Doch so empfänglich sie sonst für jede Musik war, diesmal schwirrten nur chaotische Klänge an ihrem Ohr vorbei. Etwas zermarterte ihr Hirn: Hanns hatte gelogen.

Die Pause kam: In dem großen Foyer, das verschwenderisch erhellt war, in dem geschliffene Kristallspiegel und große Leuchtkörper alles Licht vielfach zurückwarfen, drängten sich die Besucher. Da schimmerten in hellen Farben die Toiletten der Damen, da rauschte diskret die Seide, da blitzten Steine und Perlen auf weißen Nacken; und zu all dieser freudigen Buntheit stand das ernste Schwarz der Herrenkleidung in einem reizvollen Gegensatz.

Manche bekannte Persönlichkeit tauchte hier auf, fast alle Berühmtheiten der Stadt waren anzutreffen. Doktor Marçan zeigte ihr den in letzter Zeit vielgenannten Professor Mausbach, Geheimrat Döderlein, einen berühmten Erfinder, den Bildhauer Kießling, dessen Werk von der Berliner Akademie angekauft worden war, und noch manche »Größe«, weil er wußte, wie sehr sich Ika für bedeutende Menschen interessierte.

Aber sie hörte diesmal nur zerstreut zu und vergaß die Namen, ehe sie die noch recht gehört hatte.

Ihre Wortkargheit fiel ihm auf und er richtete schließlich die Frage an sie:

»Was ist nur heute mit dir? Du scheinst zerstreut zu sein. Oder hattest du eine Unannehmlichkeit, vielleicht mit deiner Schwester?«

Dabei legte sich seine Hand mit einem zärtlicheren Druck auf ihren Arm.

»Nein! Es ist nichts, ich fühle mich nur nicht ganz wohl. Verzeih!«

»Willst du dann nicht lieber das Konzert verlassen?«

»Das nicht! So schlimm ist es nicht.«

Er wandte ihr sein Gesicht mit den kräftigen, entschlossenen Zügen zu. Dabei mußte sie dem Blick aus seinen dunklen, wie verträumten Augen begegnen; und sie las darin so viel Zärtlichkeit, daß sie sich innerlich selbst anklagte. Tat sie ihm vielleicht doch Unrecht?

Still blieb sie dann auch auf dem Heimwege. Nur er erzählte während sie selbst auf nichts anderes wartete, als daß er davon erzählen müßte, warum er sich vor ihr verleugnet hatte. Sie vergaß, daß sie von der Bekanntgabe ihrer Verlobung sprechen wollte: sie wartete nur, wartete auf das, was doch nicht kam.

Aber die Frage darnach wagte sie auch nicht. Er sollte nie wissen, daß sie für Sekunden an der Türe als Lauscherin gestanden hatte. Sie wollte auch ihr eigenes Mißtrauen nicht zugestehen.

Als er ihr dann an einer Straßenecke die Hand zum Abschied gab, da zog er sie mit sanfter Gewalt nahe an sich. Sie fühlte wieder die heiße Zärtlichkeit, die aus seiner Stimme atmete, sie spürte die Wärme seiner Hand, und sein Flüstern war ihr wie das verträumte Rauschen in den Zweigen, wenn sie der Frühlingswind durchstreicht.

»Auf Wiedersehen, Ika! Träume Gutes und laß es geschehen, daß dies Gute dann von mir kommt. Eines zum Abschied, das ich nicht müde werde zu hören: bist du auch glücklich und hast du mich immer noch lieb?«

Wie seine Augen da in die ihren brannten.

Da rief sie wie gehetzt:

»Ja, ja, wenn du es immer so willst.«

Und mit einer heftigen Bewegung riß sie sich los, als fürchtete sie sich nun vor sich selbst, und lief rasch dem Villeneingang zu.

Er blickte ihr nach.

Als sie dann im Türeingang verschwand, ehe das Tor hinter ihr krachend zufallen konnte, schaute sie nochmals nach ihm zurück. Da sah sie ihn immer noch stehen, und seine Hand winkte mit einem seidenen Tuch, das in der Finsternis der Nacht flatterte, als stiege aus seiner Hand eine weiße Taube auf.

 

* * *

 

Der Abendtisch war gedeckt.

Zwei Gedecke einander gegenüber für den Baron und für Margot. Ein drittes für Ika.

Baron von Brandeis saß schon am Tische und blätterte in der Zeitung. Er tat es in einer nervösen Hast, die erkennen ließ, daß er für die einzelnen Notizen nicht das geringste Interesse hatte. Schließlich legte er die Zeitung ungeduldig auf den Tisch und wandte sich an Ika:

»Margot müßte doch längst zurück sein.«

»Ich wundere mich selbst. Margot ist sonst immer die erste. Ein Zufall.«

»Weißt du, wo Margot diesen Nachmittag hingeben wollte? Hatte sie Bestimmtes vor?«

»Nein. Sie sagte nichts zu mir.«

Eine Weile herrschte wieder Stille.

Minuten verstrichen, während deren Gilbert von Brandeis wiederholt nach der Uhr blickte. Schließlich sprang er auf und erklärte, gegen Ika gewandt:

»Willst du nicht einmal auf Margots Zimmer sehen?«

»Gerne, lieber Schwager.«

Ika erhob sich und verließ das Zimmer.

Auf dem Korridor kam ihr das Zimmermädchen entgegen, bei der Ika nach der Schwester fragte. Das Mädchen antwortete:

»Die gnädige Frau Baronin ist eben zurückgekommen und läßt sich entschuldigen. Sie hat Migräne.«

»Ließ sie sonst nichts sagen?«

»Nein! Sie wünschte nur allein zu bleiben.«

Ika fand das Zimmer Margots verschlossen. Als sie mehrere Male pochte, kam von innen keine Antwort. Sie rief:

»Ich bin es, Margot, ich, Ika! Willst du mir nicht öffnen?«

Kein Laut. Lauter wiederholte Ika ihre Forderung, bis sie aus dem Innern leise Schritte vernahm, die sich schleichend der Türe näherten. Dann hörte sie die fragende Stimme Margots:

»Bist du ganz allein? Steht nicht auch Gilbert draußen?«

»Nein! Du kannst mir unbesorgt öffnen.«

Da schnappte ein Riegel zurück. Ein schmaler Spalt tat sich auf, in dem das runde Gesicht Margots sichtbar wurde; aber die graublauen Augen waren an den Rändern leicht gerötet und verrieten Tränenspuren; auch die schwulstigen Lippen zuckten leicht. Ohne erst zu fragen, drängte Ika Margot mit unmerklicher Gewalt beiseite und trat in das Zimmer ein, wobei sie die Türe hinter sich zuzog.

Ehe Ika noch irgend etwas sprechen konnte, warf sich Margot auf die Ottomane und begann so heftig zu schluchzen, daß der Körper wie in einem Fieber geschüttelt wurde.

Ika setzte sich sofort neben sie, streichelte ihr wie einem Kinde, das man beruhigen will, das reiche, aschblonde Haar und redete dabei mit leiser, beruhigender Stimme auf sie ein:

»Was ist dir nur wieder geschehen, Margot? Es wird nicht so schlimm sein. Erzähle mir doch, damit ich dir besser raten und helfen kann.«

Da fuhr Margot jäh empor.

»Du bist wie er, du bist auch falsch, du sagst mir auch nicht alles, aber ich weiß es doch.«

Dabei ballten sich in der Erregung die Hände Margots. Die Augen sprühten Feuer, und die starke Brust hob und senkte sich in schwerem Atmen.

Zuerst fuhr Ika vor diesem heftigen Zornausbruch, der so unerwartet kam, etwas erschreckt zurück, dann aber schüttelte sie mit einem leisen Lächeln den Kopf:

»Das kann doch dein Ernst nicht sein, Margot.«

»Ja, ja und wieder ja! Ich bin kein Kind, als das du mich immer behandeltest. O, ich weiß mehr, als du denkst.«

»Willst du mir darüber nicht auch etwas erzählen? Vielleicht weiß ich das nicht, was du weißt.«

»Das ist deine Falschheit. Ich könnte dir ja deine Falschheit ins Gesicht schreien.«

»Kommt dein plötzliches Wissen vielleicht von jener Madame Liane de Turenne?«

»Gewiß! Und ich bin ihr dankbar, daß sie mir die Wahrheit so deutlich zeigte.«

Da erhob sich Ika und richtete sich stolz auf:

»Wenn du allerdings zu dieser Abenteuerin größeres Vertrauen hast als zu deiner Schwester.«

»Willst du leugnen, daß sie doch alles weiß und selbst deinen klugen Plan durchschaut hat?«

»So kommst du also von ihr?«

»Ja! Und ich werde immer nur zu ihr gehen.«

»Verzeih, Margot, aber du darfst von mir nicht verlangen, daß ich mit dieser Madame konkurrieren soll.«

»Mit diesem Stolz erreichst du bei mir nichts. Oder willst du etwa abstreiten, daß du hinter meinem Rücken mit diesem Doktor Marçan heimliche Zusammenkünfte hast?«

»Gewiß nicht! Da du die Frage direkt an mich stellst, so bestätige ich dir, daß ich mit Doktor Marçan verlobt bin. Wir hatten allerdings die Absicht die Verlobung erst später bekanntzugeben. Weil wir beide es so wünschten deshalb konnte ich auch dir noch nichts verraten.«

Aber Margot, deren Aufregung dadurch noch mehr gesteigert wurde, antwortete schrill:

»So sagst du heute, weil ich dir schon erklärte, daß ich von allem weiß. Verlobt sagst du jetzt. Hüte du nur selbst deinen Stolz. Du wirst doch auch betrogen.«

»Das Urteil einer Liane de Turenne interessiert mich nicht. Daher kommt doch nur deine Weisheit.«

»Du hast am wenigsten Ursache, so verächtlich von ihr zu reden. Da wirst ja doch nur das Opfer eines Betrügers. Hüte du dich.«

»Willst du jetzt allein bleiben? Du wirst Ruhe haben wollen.«

»Ich verstehe deinen Spott schon. Frage ihn doch, wenn du so sicher bist, was er immer in der Hafengasse für Besuche macht und warum er die Frau verleugnet, zu der er nur heimlich geht.«

Ika trat langsam zur Türe zurück.

Margot stützte sich mit den Händen auf der Ottomane auf; ihr Oberkörper beugte sich dabei weit vor:

»Da gehst du, weil du keine Antwort weißt. Frage ihn doch, ob er es dir sagen wird, daß er schon eine Frau hat?«

Wie ein Peitschenschlag wirkte diese Erklärung. Mühsam bezwang sich Ika, um auch in diesem Augenblick noch die Ruhe zu behalten. Was dies zugeschleuderte Wort in ihrem Herzen an Wunden aufgerissen hatte, das sollte Margot nicht ahnen.

»Ich entschuldige dich mit deiner Migräne oder mit dem Ärger, den du in anderen Sachen hattest. Ein Schlaf wird dich beruhigen und dich erkennen lassen, wie weh du mir getan.«

»Ich dir? Ergeht es mir besser? Hat jemand mit mir Mitleid? Wie sie heißen, Gilbert, Doktor Marçan oder sonstwie, sie sind einer wie der andere.«

Ganz langsam, wie eine Traumwandlerin, nahm Ikas den Weg nach dem Speisezimmer zurück.

Als sie dort eintrat, ging Gilbert mit schweren Schritten auf und nieder. Er blieb stehen und warf seinen prüfenden Blick auf sie.

Mit gewaltsamer Beherrschung bewahrte Ika ihre Ruhe und erklärte, ehe er noch eine Frage stellte:

»Margot ist nicht wohl; sie will schlafen – –«

»Ist es schlimm?«

»Zu ängstigen brauchst du dich wohl nicht.«

»Gut! So werden wir eben allein essen.«

»Verzeih! Möchtest du mich nicht auch entschuldigen?«

»Du auch? Was ist da wieder vorgefallen?«

»Wirklich nichts. Ich habe selbst Kopfschmerzen und wollte dich nur vorher nicht mit solchen Klagen belästigen.«

»Ich habe kein Recht, dich zurückzuhalten. Jedenfalls wünsche ich dir gute Besserung.«

»Danke!«

Knappe, gesellschaftliche Höflichkeiten. Der Ton in seiner Stimme verriet trotzdem seinen Ärger.

Als Ika das Zimmer verlassen hatte, trat Gilbert von Brandeis an das Fenster und blickte ein paar Sekunden mit nagenden Lippen hinaus. Dann ging er ins Zimmer zurück, blieb stehen, biß die Unterlippe zwischen den Zähnen fest, grub die Hände wühlend in die Rocktaschen und starrte auf den Bodenteppich als könnte er etwas von den grotesken Mustern dieses alten Buchara ablesen.

So stand er eine Weile wie erstarrt.

Ruckartig warf er dann den Kopf hoch, und seine blauen Augen gespensterten ungeduldig umher. So stark wurde er dabei von seinen Gedanken beherrscht, daß er im unwillkürlichen Selbstgespräch die Worte hervorstieß:

»Hier hat das Spiel wohl schon begonnen.«

Er griff daraufhin in die Innentasche seines Rockes und holte einen stark zerdrückten Brief hervor, den der Zorn offenbar zu diesem Knäuel zusammengeballt hatte. Jetzt versuchte er ihn wieder zu glätten und flog nochmals über die Zeilen hin, die er fast auswendig kannte. Sein Fuß stampfte auf:

»Lächerlich! Nach was es auch klingt? Liane de Turenne! Aber ich verspüre zunächst nicht die geringste Lust.«

Da fast gleichzeitig der Diener eintrat, wandte sich ihm der Baron zu und bemerkte mit einem Schulterzucken:

»Sie können jetzt all die schönen Dinge wieder hinaustragen. Ich werde im Klub zu Abend essen.«

Dann verließ er das Zimmer.

 

* * *

 

Immer wieder, wenn solch eine scheue Gestalt aus einer dieser engen, schmutzigen Gassen heraustrat, wenn forschende, mißtrauische Augen aus hageren, verlebten Gesichtern hastende Blicke auf sie warfen, wenn trunkene Lieder aus einem Keller heraufklangen, wenn sie der Rock einer Dirne wie herausfordernd streifte, wenn gierige, sinnliche Augen sie aus schlaffen Gesichtern einzuschätzen versuchten, wenn ein Kind in Fetzen über die enge Gasse kroch, stets stieg in den Wangen Ikas ein glühendes Brennen auf. Die Scham über sich selbst ließ das Blut in ihren Schläfen hämmern. Und immer wieder wollte die Reue kommen, die nach dem Wege zurückverlangte.

Wie hatte sie auch den Mut gefunden allein solche Wege zu gehen?

Das Misstrauen hatte sie in diese Gassen gejagt. Der Zweifel trieb sie nun wie mit Schlägen in diese Stätten des Elends immer weiter hinein.

Sie wollte Gewißheit!

Aber sie ging dabei nicht die gerade Straße, sondern stahl sich auf heimlichen Wegen dazu. Ihre Angst war zur Furcht geworden.

»Daß er schon eine Frau hat!« Dies gellte ihr unablässig in den Ohren. Natürlich kam dies Wort auch aus jenem schwarzen Salon der Liane de Turenne, in dem sie schon das rote Haus in der Hafengasse geschildert bekam. Trude der Name, ließ sie auch nicht zur Ruhe kommen, den sie selbst gehört hatte.

Mit immer stärker wirkender Macht war dies alles auf Ika eingedrängt, daß sie diesen aufwühlenden Gedanken nicht mehr entfliehen konnte.

Nun ging sie diese bei Tageslicht scheuenden Wege.

Wie lange hatte sie vorher mit sich gekämpft! Immer trieb sie etwas zu Hanns, um ihm die Frage zu stellen, auf die er doch mit keiner Lüge antworten würde. Zwei Seelen rangen miteinander. Die Liebe wollte ihn verteidigen, aber der Zweifel peitschte dann stets neue Vorwürfe auf. Hat er dich nicht schon belogen, als er sich selbst verleugnete? Hat nicht auch der Fremde bei ihm wie auch die Wahrsagerin von dem gleichen Haus in der Hafengasse gesprochen? Und diese Trude? Er wird dich belügen, wie er dich schon belogen. So bohrte der Zweifel unermüdlich; von ihm wirst du nie die Wahrheit hören; denn dann hätte er sie dir längst sagen müssen.

Und so wurde der Zweifel stärker und stärker.

Jetzt stahl sie sich durch die Hafengegend und suchte das rote Haus, das ihr so deutlich geschildert worden war.

Ein dichter Schleier lag um ihr Haar.

Scheu spähte sie in die engsten und schmutzigsten Gassen, bis sie es finden mußte.

Manchmal mußte sie dabei Blicke erdulden, vor denen sie entsetzt davonrannte, um ein widerliches Lachen gellend hinter sich zu hören. Aber sie konnte den Weg nicht mehr zurück.

Müde und erschöpft stellte sie sich in einen Torbogen um für Minuten Ruhe zu finden. Ihre beiden Hände preßten sich dabei gegen die jagende, stürmisch pochende Brust.

Nur aufatmen!

Da fuhr ihre Hand mit einem Male zu den Augen empor, strich darüber hin, als wollte sie einen Nebel wegwischen, der ihr den Blick trübte. Ihr Kopf beugte sich dabei wie in einer wilden Gier nach vorwärts. Und die Hände tasteten über die feuchte Wand des Torbogens hin.

Dort!

Hatten es ihre Lippen wirklich gerufen? Oder war es nur ein Singen des heißen, in den Pulsen gejagten Blutes?

Dort!

Hanns! Und wieder trug er den olivgrünen Mantel, der ihr auch schon geschildert worden war.

Den Kragen hatte er hochgeschlagen, wie es einer tut, der nicht erkannt sein will.

Seine Gestalt! Sein Gang!

Wie zum Hohn brach nun auch noch der Mond durch die Wolken und warf das Silberbündel seines Lichts auf das Gesicht des Mannes im Mantel.

Im Halbdunkel hätte sie alles nur Ähnlichkeit nennen können, um nur noch nicht das letzte zugestehen zu müssen. Aber der Mond beleuchtete mit spöttischer Grausamkeit die Wahrheit.

Also doch!

Und wie ein Dieb huschte sie im Schutze der Dunkelheit hinter ihm her.

Dabei hasteten ihre Gedanken in neuer Unermüdlichkeit. Sollte sie vor ihn hintreten, sollte sie ihn jetzt noch fragen, sollte sie sich in diesem letzten Augenblick noch zu erkennen geben?

War sie selbst dabei nicht ehrlicher?

Und der Zweifel, der alles in ihr zerwühlte, antwortete darauf wieder: ist er ehrlicher, wenn du ihn selbst auf diesem Weg überraschst?

Dort!

Nun sah Ika auch schon das Haus mit den erleuchteten Fenstern und den roten Vorhängen. So hatte es die Wahrsagerin beschrieben.

Und in eine schmale Türe huschte er hinein, die nur angelehnt war und aus der ein matter, rötlicher Lichtschimmer drang. Ika sah, wie er nochmals unter der Schwelle stehenblieb und zurückschaute, als wollte er seinen eigenen Weg sichern.

In eine Ecke gedrückt stand dann Ika, und Ihre Augen brannten, während sie starr zu den vielen, kleinen Fenstern emporblickte, hinter denen Lichter glühten.

Kalt kroch das Blut durch ihre Adern, während die Pulse hämmerten. Wie erstarrt schien die schlanke Gestalt, und die tastenden Hände irrten über die abbröckelnde Mauer hin, an der Ika lehnte.

Hinter welchem der Fenster wohl?

Und was geschah dort?

Warum ging er diese Wege?

Frage um Frage, von denen die Nacht keine beantwortete.

Wie gelähmt, wie eine Statue des Schreckens verharrte Ika.


5. Kapitel.

Es war ein schmaler, dunkler Raum, in dem nicht einmal Schatten zu erkennen waren. Nur flüsternde, wie hingehauchte Stimmen verrieten die Anwesenheit zweier Menschen, die sich an die eine Wandseite zu drängen schienen.

Durch eine unscheinbare, runde Oeffnung, die kaum größer als ein Fünfmarkstück war, drang etwas Helligkeit. Die eine der Gestalten beugte das Auge dicht an diese Durchsicht. Dabei flüsterte eine Stimme:

»Erkennst du sie?«

Erst sein kurzes, ungeduldiges Abwehren. Dann hob sich der spähende Kopf:

»Nein, es ist eine ganz Fremde.«

»Bist du auch sicher?«

»Habe ich mich je getäuscht? Wen ich im Leben nur einmal sah, erkenne ich selbst nach zehn Jahren wieder.«

»Ich weiß es schon, wir müssen also eine photographische Aufnahme zu machen versuchen.«

»Der Apparat liegt auf dem Stuhl aufnahmefertig.«

Ein leises Rascheln folgte, ein Knipsen, ein rasches Atmen, ein kaum hörbares Klirren.

Die kleine Rundöffnung, durch die sich das unmerkliche Licht stahl, schloß sich wieder und abermals herrschte die undurchdringliche Dunkelheit wie vorher.

Der Wortwechsel fand jetzt eine etwas hastigere Fortsetzung, wobei aber keine Gestalt der Sprechenden zu sehen war.

»Ob die Aufnahme auch gelungen sein wird?«

»Gewiß! Die Fremde stand sehr günstig.«

»Ich werde dem Mädchen gleich Mitteilung machen. Du kannst unterdessen das Haus durch den rückwärtigen Ausgang verlassen und der Fremden folgen.«

»Schon gut, ich kenne doch meine Aufgaben. Die rote Musch ist überall am richtigen Platz.«

Rasche etwas schleifende Schritte.

Die Türe des geheimen Zimmers, das wie ein Späherposten war, öffnete sich und aus der Dunkelheit trat Liane de Turenne, der die Gestalt der roten Musch mit dem wilden, zerzausten, ungebärdigen, brandrot flammenden Haar folgte.

Liane de Turenne trat dann auf den Korridor, in dem die zierliche Erscheinung der Zofe mit dem Spitzenhäubchen bereits wartete. Dieser gab nun Liane de Turenne die Weisung:

»Melden Sie der Dame, ich sei durch die vielen Sitzungen schon so ermüdet, daß ich für heute keine Besuche mehr annehmen kann. Stellen Sie ihr eine Karte für den nächsten Donnerstag aus.« Ein schneller Blick huschte noch zu der roten Musch, die schon im Gehen war. »Wirst du bis dahin die notwendigen Meldungen haben?«

»Brauchte ich je so lange?«

Das war die knappe fast barsche Entgegnung; dann schlug die rote Musch auch schon hinter sich die Türe zu.

Das Mädchen aber entfernte sich in der Richtung nach dem Wartezimmer, um dort die erhaltene Meldung zu machen.

Liane de Turenne blieb noch einen Augenblick stehen. Mit einem plötzlichen Hochziehen ihrer weißen Schulter ging sie dann nach ihrem Arbeitszimmer, in das jedoch keiner ihrer Besucher und Besucherinnen Zutritt bekam. Dort bot sich ein zu verräterischer Einblick in die Geheimnisse ihres Berufs.

Ein in seiner Einfachheit fast nüchtern wirkender Raum, der in um so auffälligeren Kontrast zu der Stimmung vorbereitenden Ausschmückung des schwarzen Salons stand, in dem sie ihre Sitzungen abzuhalten pflegte.

In der Mitte des Raumes stand ein schwerer Diplomatenschreibtisch, auf dessen blanker Linoleumeinlage ein Bündel von Notizen lag. An den stumpfgrauen Wänden hingen keine Bilder oder Schmuckstücke, die den Raum freundlicher gestalten sollten; dagegen standen mehrere große Aktenständer mit geschlossenen Fächern da.

Selbst das eine ließ jener Raum vermissen, was Liane de Turenne nie entbehren konnte, so lange sie noch Hanne Ramboldt war. Aber hier hatte auch ein Spiegel keinen Zweck.

Liane de Turenne setzte sich an den Schreibtisch, ließ mehrere der angesammelten Notizzettel durch ihre Finger gleiten, wobei sie den Inhalt der einzelnen flüchtig überlas.

Manchmal sann sie dann etwas länger über den einen und den anderen nach, wobei ihr fahles, wie altes Elfenbein getöntes Gesicht die Stimmung und den Eindruck darüber häufig genug verriet; es zeigte sich bald ein höhnisches Lächeln, dann ein Hochziehen der feingeschwungenen Brauen über den tollkirschenschwarzen Augen, dann ein Zusammenkneifen der schmalen, weinroten Lippen, ein unwilliges Kopfschütteln und verärgerter Ausruf.

Hier wußte sie sich ungestört: da hörte es auch niemand, wenn sie manchmal im Selbstgespräch eine murmelnde Bemerkung machte, die wie eine Illustration zu dem Inhalt jener geheimnisvollen Zettel wirkte.

Wieder beugte sie sich in die Lehne des Schreibtischstuhles zurück und hielt ein solches Blatt in ihrer Hand:

»Gräfin zu Hatzburg verfolgt den Gatten, und er hätte wohl mehr Ursache, die Ausgänge seiner Gattin zu überwachen. Ich werde mir überlegen, ob mit dem Grafen nicht das bessere Geschäft zu machen wäre. Ich werde mir den Versuch notieren.«

Wieder legte sie Blatt zu Blatt.

Diesmal begleitete ein anderes ein Lächeln.

»Schau, die kleine Minkwitz dachte wirklich, eine Liane de Turenne täuschen zu können. Umsonst! Also ein kleiner Leutnant und noch dazu eine Jugendliebe.«

Solche Bemerkungen wurden wiederholt gemacht und ließen erkennen, welchen Umfang die Nachforschungen besaßen.

Dann stand sie auf und trat an einen der Aktenschränke, holte eine sorgsam geführte Kartothek heraus, in der auf den Blättern verschiedene, bunte Reiter aufgesetzt waren, die alle eine bestimmte Bedeutung hatten.

Wie bei einem guten Geschäftsmann war hier alles in bester Ordnung, und ein einziger Griff genügte, um über eine gewünschte Person zu erfahren, was von Interesse sein konnte. Diese Registratur fand täglich Erneuerungen und Ergänzungen.

Ein dumpfer Gongschlag fiel in die Stille.

Ein Blick der Wahrsagerin wandte sich der einen Ecke zu, in der sich in einem kleinen, kastenartigen Behälter mehrere runde Signalpunkte befanden, von denen eben seiner aufleuchtete.

Liane de Turenne nickte, trat näher und schaltete das erhaltene Zeichen wieder aus. Sie wußte, daß eine Besucherin in das Wartezimmer geführt worden war. Sie verließ deshalb diesen Raum und suchte jene Dunkelkammer wieder auf. Dort schaute sie selbst durch die runde Lichtöffnung, die das ganze Wartezimmer übersehen ließ.

Liane de Turenne nickte; sie erkannte die Besucherin. Auf diese hatte sie sich vorbereitet.

Und als sie die Zofe warten sah, gab sie ihr nur mit einem bejahenden Kopfnicken ein Zeichen, das nicht mißzuverstehen war.

Liane de Turenne konnte jetzt aus dem geheimnisvollen Spiegel des Sainte-Croix ihre Offenbarungen geben.

 

* * *

 

»Mein lieber Herr Baron, Sie überschätzen zweifellos meine Macht. Ich kann viel, ich setze auch durch, was ich will, aber ich kann doch keinen Menschen zwingen, daß er den Weg zu mir aufsucht. Daran liegt es; ich habe alles nach ihrem Willen vorbereitet, ich erkannte damals auch die Wirkung meiner Offenbarung, aber wenn die junge Dame nicht mehr kommen will, so kann ich das schließlich nicht ändern.«

»Es gibt doch auch dazu irgendwelche Beeinflussungen. Sie haben da viele Wege dafür.«

»Zugestanden! Ich habe es an Versuchen nicht fehlen lassen. Ich habe selbst die Frau Baronin zu bestimmen versucht, sie doch noch einmal mitzubringen. Vielleicht ist nur der Same noch nicht ganz ausgereift, den ich in ihr Herz geworfen habe. Es braucht alles seine Zeit.«

Diese Unterredung fand in dem privaten Arbeitszimmer von Liane de Turenne statt. Die kurze, gedrungene Gestalt mit dem gesunden, rotglänzenden, bartlosen Gesicht saß Liane gegenüber. Die fleischigen Finger trommelten auf der Tischplatte und die Zahnreihen bissen die Unterlippe fest.

Liane de Turenne sah ihm lächelnd zu und wartete.

Frank von Hesselodhe aber kaute noch länger an seiner eingeklemmten Unterlippe bis er endlich den Kopf emporwarf und mit seiner schrillen Stimme die weitere Bemerkung machte:

»Sie wissen aber, welchen Preis ich Ihnen dafür zahlen würde.«

»Ich pflege derartiges nicht zu vergessen. Doch ich sagte es bereits: ich kann die junge Dame nicht zwangsweise herschaffen.«

»Aber das weiß sie alles, was ich Ihnen über diesen Doktor Marçan berichtet habe?«

»Gewiß und die Wirkung trat auch ein.«

»Welche Wirkung?«

»Das Erschrecken, dem der Zweifel unfehlbar folgen wird und das zum Begleiter stets das Mißtrauen findet.«

»Woher wissen Sie das?«

»Die Baronin verrät alles, wenn ich ihr nur immer wieder von ihrem Gatten zu erzählen weiß. Sie plaudert dann aus, ehe ich die Frage noch ausgesprochen habe. Von ihr weiß ich es, daß ihre Schwester vor zwei Tagen abends fortgegangen ist und erst in der Nacht wiederkam. Daß sie dabei auf der Suche nach jenem roten Haus war, bezweifle ich nicht. Oder sind Sie anderer Ansicht, mein lieber Baron?«

»Was für einen Vorteil habe ich dabei?«

»Geduld! Vertrauen Sie meiner Menschenkenntnis. Hat erst das Mißtrauen seine Wirkung getan, dann ist schon ein großer Weg zum Ziel gemacht. Dann kommt sie selbst noch zu mir, so sehr sie sich dagegen wohl sträuben möchte.«

»Mir könnte nichts erwünschter sein.«

»Sind aber auch alle Ihre Angaben über diesen Doktor zuverlässig?«

»Gewiß.«

»Und Trude heißt sie?«

»Ja!«

»Alles andere habe ich mir ja notiert.«

»Damit allein ist mir natürlich nicht gedient, wenn sie sich lediglich davon überzeugt, daß sie sich betrogen glauben muß.«

Liane de Turenne legte ihre schmale Hand auf den Arm des Barons und lächelte fein:

»Ich weiß es, mein Bester! Aber alle Dinge gehen ihren normalen Lauf. Lassen Sie nur erst den Zweifel gesiegt haben, lassen Sie die tappend Unsichere, die Verzweifelte nur wieder den Weg zu mir machen, dann kommt auch das andere. Erst die große Enttäuschung, dann Tränen, dann Haß, dann Trotz und ein törichter Stolz, der sich rächen möchte. Das ist der normale Verlauf. Und diese Rache besteht doch zumeist darin, daß ein anderer den Unwürdigen zu ersetzen hat; und dafür halte ich Sie bereit. Oder haben Sie jenen Ehrgeiz, daß es die Liebe sein muß, die nach Ihnen verlangt? Das Ziel ist doch die Hauptsache.«

Frank von Hesselodhe hörte mit einem Hochziehen seiner breiten Schultern zu. Er murmelte etwas, das nur unverständlich klang.

Liane de Turenne beachtete es aber nicht, sondern nickte zuversichtlich und fügte noch hinzu:

»Es ist dies ja nicht das erste Geschäft das ich für Sie hier durchgeführt habe. Waren Sie nur einmal nicht zufrieden?«

»Das Warten macht eben ungeduldig.«

Die fast vertrauliche Art, die zwischen Frank von Hesselodhe und Liane herrschte, allein schon sein Empfang in diesem Privatzimmer der Wahrsagerin, verrieten, daß er zu den Eingeweihten gehörte und die Hilfe dieser vielbesuchten Madame de Turenne für manche Pläne beanspruchte, die er auf andere Art für sich nicht durchführen konnte.

Die Geschäfte von Liane kannten kein engbegrenztes Gebiet; sie wußte ihren Vorteil nach verschiedenen Richtungen zu finden. Dabei war sie stets klug genug, aus allem immer wieder einen neuen Vorteil für sich selbst zu schaffen.

Sie begleitete auch diesen Besucher selbst hinaus, und für solche gab es einen Ausgang, auf dem ein unerwünschtes Begegnen nicht zu befürchten war.

Als sie davon wieder zurückkam, ging sie langsam und grübelnd, als überlegte sie eine neue Möglichkeit. Sie setzte sich auch nicht, als sie schon vor dem Schreibtisch stand, sondern stützte die Hände auf. Die feinen Fältchen in den Augenwinkeln zitterten leise, und die großen, tiefschwarzen Augen bekamen einen starren Blick. Der Kopf, der sich erst etwas auf die Brust niedergesenkt hatte, hob sich nun mit einem energischen Ruck.

Und halblaut wie verträumt, murmelte sie vor sich hin, wobei sich die dünnen, roten Lippen nur unmerklich bewegten:

»Immer sind es andere, denen ich helfen soll und denen ich helfen kann. Aber habe ich selbst meine Rache schon? Und die ist nicht tot, auch wenn sie so lange schweigen konnte. Ich spiele immer noch und weiß mir selbst nicht den besten Weg.«

Wie erwachend schüttelte sie den Kopf.

Dann setzte sie sich; aber ihre Hände lagen einige Zeit untätig auf der Schreibtischplatte. Gegen ihren Willen mochte sie sich von einer Erinnerung beherrschen lassen, die in Augenblicken doch stärker war als alle berechnende Klugheit. Langsam, fast zögernd suchte ihre Hand ein Schubfach dieses Tisches und öffnete es; sie faßte hinein, wieder mit einem Zögern, als fürchtete sie sich davor, und nahm weiter nichts als ein Bild heraus.

Eine Photographie.

Die Aufnahme zeigte Gilbert von Brandeis.

Ihre tollkirschenschwarzen Augen starrten darauf; dann aber, wie im Bewußtsein einer drohenden Gefahr, warf sie das Bild zurück und verschloß das Fach wieder. Den Schlüssel zog sie vorsichtig ab.

Die Türe knarrte leise.

Ein Blick dorthin.

Liane de Turenne nickte.

Die rote Musch schlich heran.

Ein fragendes Aufblicken:

»Schon wieder erledigt?«

»Bin ich zu früh zurück? Fast scheint es, als würde ich dir langsam unbequem.«

»Das ist eine deiner Torheiten, die du dir selbst einredest. Laß hören, was du bringst.«

Eine Bewegung nach einem Stuhl.

Die rote Musch setzte sich mit einem Knarren und begann zu erzählen.

 

* * *

 

Hier fühlte sie sich wirklich wohl. Hier war sie nicht mehr jene Liane de Turenne, sondern nur noch die Hanne Ramboldt von ehedem. Der Raum war ein kleiner, aber mit gesuchter Eleganz ausgestatteter Salon. Die seidene Wandbespannung war von einem matten, diskret abgedämpften Rot; alte Bilder aus der Zeit eines Boucher und Watteau in schmalen, vergoldeten Bronzerahmen bewirkten die Stimmung, die ein trauliches Boudoir auslösen muß.

Die kleine Wohnung, in der sich Liane regelmäßig in die Hanne umwandelte, lag im gleichen Stockwerk des angebauten Hauses, so daß ein Durchbruch die Verbindung herstellte, die niemand ahnte.

In der einen Wohnung herrschte in geheimnisvoller, phantastischer Vornehmheit jene Madame de Turenne, die in dem schwarzen Salon ihre vielbegehrten Offenbarungen verkündete, in der anderen aber lebte in diskreter Zurückgezogenheit die Rentiere! Hanne Ramboldt, die nur selten tief verschleiert das Haus verließ oder abends die Oper besuchte.

Und doch bewirkte es eine einzige Türe, die Gemeinsamkeit dieser beiden Wohnungen herzustellen.

Abends aber, wenn drüben in der Wohnung der Wahrsagerin das Licht hinter allen Fenstern verloschen war, wenn dort nur das Dunkel hinter  den Fenstern gähnte, dann glomm erst ein heller Schein in diesem roten Salon auf.

Hier war sie nur Hanne.

Hier gab es auch einen Spiegel, vor dem sie wie in früherer Zeit ihren Träumen nachsinnen durfte!

Ein Hauskleid aus meergrüner Seide, kimonoartig gearbeitet umschmiegte die noch immer schlanke Gestalt.

Auf einem zierlichen Tischchen aus Rosenholz stand ein Samowar aus blinkendem Silber, der leise summte und sang. Hanne aber füllte daraus die papierdünne Tasse aus Chinaporzellan.

In diesem Raum ließ sich doch am besten träumen, da sie nichts an die andere von drüben erinnerte.

Wenn ihr Auge gerade nach dem Spiegel hinstreifte, dann sah sie wohl, daß sich jene Fältchen, die ihr einmal schmerzlich waren, noch etwas schärfer eingegraben hatten, daß die Jugend  immer weiter entfloh, aber er mußte ihr doch auch das andere gestehen, daß auch der Lebensherbst eine Schönheit schafft, die begehrlich wirken kann.

Hanne durfte dies von sich behaupten.

So hatte sie äußerlich nichts eingebüßt, trotzdem seit jenem Tage nun fast zwei Jahre verstrichen waren, da sie den letzten Brief Gilberts bekommen hatte und aus Hanne Ramboldt dann die Liane de Turenne geworden war.

Ihr Ziel hatte sie in einem glänzend erreicht. Sie beherrschte das Leben mit einer unvergleichlichen Meisterschaft; sie spielte mit anderen wie mit Puppen und war dabei noch vermessen genug, auch dem Schicksal selbst ihre eigenen Bedingungen zu stellen. Oft war es geglückt; jedenfalls hatte sie im eigenen Spiel gewonnen.

Jenen Weg zurück in die Tiefen, aus denen sie emporgestiegen war, machte sie nicht.

Und was sie um sich sah, das schuf nur der Reichtum, der gleichfalls eines ihrer Ziele war.

Nur eines: der alte Groll hatte nicht sterben können. Und wenn sie träumte, so war es immer nur der gleiche Traum. Trotzdem aber konnte sie für die Leidenschaft, die in ihr wie ein Feuer unter der Asche glomm, doch nicht den rechten Namen finden. War es der Haß, der aus einer betrogenen Liebe kam, oder war es immer noch die gleiche Liebe, die sich nach jener Zeit zurücksehnte? War jenes Gefühl, das trotz allem nicht stille werden wollte, nun dieser Haß oder die Liebe, die im geheimsten Winkel immer noch hoffen will?

Waren alle ihre Versuche, die zuletzt Margot von Brandeis zu einem willenlosen Werkzeug ihres Spiels gemacht hatten, nicht doch nur letzten Endes die Bemühungen, auf diese Art den Weg zu Gilbert wieder zu finden?

Erinnerte sie nicht alles an seine Zeit?

Von ihm lernte sie die Freude an dieser Kunst, er zeigte ihr das wirklich Schöne.

Hier hinderte sie auch nichts, ihre Luftschlösser so stolz und so vermessen zu bauen, wie sie es wollte.

Gab es aber je eine Erfüllung in irgendeiner Weise?

Es mußte eine solche geben, denn der Glaube daran hatte Hanne zu diesem Spiel getrieben. Sie war sich allerdings auch dessen bewußt, daß sie sich in der Rolle der Liane de Turenne auch an der Gesellschaft rächte.

Die Gleichen, die verächtlich über die Tochter aus dem Schusterkeller die Schultern hochziehen würden, kamen zu der Madame de Turenne und bettelten um Karten, um nur empfangen zu werden. Und die für sie, die in einem wilden Leben nur die Geliebte eines Mannes war, nur Schweigen hätten, lauschten doch auf ihre Offenbarungen wie auf die tiefsten Weisheitsköche eines Philosophen. Sie spielte mit allen, die stumm verachtend auf sie schauen würden, diese meisterhafte Komödie. Die aus dem Sumpf des Lebens kam, die kaum ein Blick noch streifen würde, sie blieb hier die Stärkere.

Das war auch Rache, die Hanne eine Befriedigung gab.

Sie aber wollte mehr.

Hanne hatte als Liane de Turenne drüben im anderen Hause nicht umsonst schon alle Fäden gesponnen.

Aber nun mußte sie selbst zu einer Entscheidung kommen. Sie wußte sich an einem Scheideweg, der nun ihr Spiel zwei Zielen zu vollenden ließ; Haß oder Liebe. Daran lag jetzt alles.

Ihr war es nun ebenso leicht, sein Leben zu vernichten, wie ihn für sich erst frei zu machen. Mit welchen Mitteln es geschehen mußte, darüber kannte sie keine Bedenken, sie, mit der das Leben auch kein Mitleid gekannt hatte.

Diese Gedanken beschäftigten sie unablässig, während ihre schwarzen Augen in das Feuer des Samowars starrten. Zwei Wege sah sie klar: der eine war der des Hasses, der den Verwünschten nur vernichten will; der andere aber brachte der den Tod, die seine Freiheit fesselte.

Sie mußte sich entscheiden, denn länger konnte sie das Spiel nicht mehr hinziehen.

Doch wie?

Was war die stärkste Leidenschaft, die sie in allen ihren Gedanken ausfüllte?

Wie eine kühne Puppenspielerin konnte sie ein Schicksal lächelnd nach ihrem Willen gestalten.

Aber mußte sie selbst entscheiden?

Konnte sie die letzte Wendung nicht einem anderen Willen überlassen? Dem einen Mann, der dabei über sein eigenes Schicksal Urteil sprach?

Dann blieb sie selber frei!

War es nicht das klügste Spiel, ihm die Wahl zu überlassen?

Ein tollkühner Gedanke, der sie mit einem Male ganz beherrschte.

Langsam, als könnte jeder Augenblick noch ein Bedenken finden, stand sie auf, und Schritt um Schritt ging sie nach dem zierlichen, aus Palisanderholz gearbeiteten Damenschreibtisch, der so graziös aussah, als würden darauf nur Liebesbriefe auf duftendem Japanblüten geschrieben.

Sein eigener Schicksalsbestimmer!

Sie wußte es wohl, daß sie ihm bereits eine Warnung gegeben hatte, auf die er jedoch nichts getan. Aber dabei hatte er die andere Wahrheit nicht gewußt, die sie ihm damals noch absichtlich verschwiegen hatte.

Doch diesmal galt es die Entscheidung.

Ihre schmale Hand griff nach einem der duftenden Briefbogen in dem feinen, lila Ton.

Dann der Umschlag. Und darauf mit den langen, steilen Buchstaben ihrer so charakteristischen Schrift die Adresse:

»Herrn Gilbert von Brandeis.«

Nur das Zögern eines Augenblicks, als der leere Bogen vor ihr lag; ein kurzes Zurücklehnen, und dann ein Lächeln.

Und rascher noch als vorher flog die Feder über das Papier.

 

* * *

 

»Frau Konsul Heimsdorff wird heute wiederkommen. Ist dazu alles vorbereitet?«

»Alles! Ich habe das Pulver in den roten Umschlag getan.«

»Es ist doch weiter nichts als Aspirin, das wir in solchen Fällen immer geben?«

»Nein. Es genügt auch, denn die meisten verlangen irgend etwas und sind anders gar nicht zu beruhigen.« Die rote Musch ließ ein schrilles Lachen hören und zwinkerte dabei mit ihren stechenden, graugrünen Augen: »So töricht sind die, die sonst die Klügsten sein wollen. Aller Weisheit Schluß ist dann ein Mittelchen, das wir dafür wissen sollen. Die eine will mit einem Pülverchen den Mann zur Liebe zwingen, die andere will damit eine andere Liebe töten, und wieder eine möchte damit alte, müd' gewordene Leidenschaft zu neuer Glut anfachen. Aber immer ist's die eine Torheit Liebe, die manchmal selbst im Verbrechen Glück zu finden denkt. Wir aber stellen alle mit einer Dosis Aspirin zufrieden.«

Wieder brach die alte Musch in eine höhnende Lache aus, und ihr schmales Raubvogelgesicht war dabei zu einer Fratze verzerrt. Das wilde, ungepflegte, fuchsigrote Haar umrahmte den knochigen Knopf.

Liane de Turenne, zu der diese Worte gesprochen wurden, schüttelte ärgerlich den Kopf und antwortete ungeduldig:

»Laß die langen Reden, die ja doch zwecklos sind und an allem auch nichts ändern. Jedenfalls sind für uns beide diese Torheiten das beste Geschäft.«

»Ich beklage mich nicht. Ich freu' mich ja. Wir sehen doch alle Leidenschaften hier ungeschminkt. Und wenn jeder Mord, der hier mit wilder Gier gefordert wird, auch zur Ausführung käme, dann wäre die Stadt bald männerarm. Jede Frau, die an die Untreue des Mannes glauben muß, denkt zuerst an seinen Tod. Und wen sie alles töten wollen: Den Geliebten, der sie selbst betrügt, den Gatten, den sie nun wieder betrügen wollen, dann wieder mal den Gatten, weil er an eine andere denkt, und nochmals den Geliebten, weil er trotz aller Versuche stumm und taub bleibt. Wie eine tolle Posse hört es sich oft an, was hier so ungeschminkt verraten wird. Wär' es nicht zum Lachen, dann hätten wir uns schon oft die Rettungsmedaille verdient, weil wir dem stürmischsten Mordbegehren mit einem Pulver Aspirin ein Ende machen.«

»Du wirst alt, denn du plauderst zu viel.«

Liane de Turenne erklärte dies in einem ärgerlichen Tone.

Aber die rote Musch entgegnete darauf mit einem neuen verkniffenen Lachen:

»Warum kannst du diese Wahrheit nicht mehr hören? Oder spürst du, daß du trotz deiner Weisheitsmaske auch nur Weib bist? Hast du jenes Gefühl, über das wir zwei natürlich lachen können, nicht selbst einmal gekannt?«

Liane schüttelte wieder den Kopf, diesmal aber mit stärkerer Entschiedenheit:

»So laß doch einmal diese Schwatzereien, die zu nichts führen.«

»Mit einem Male so empfindlich?«

»Es gibt andere Dinge zu erledigen. Hast du die Bilder von gestern schon entwickelt?«

»Die liegen schon im Fach.«

»Wie ist es nun mit Ika Oehringen?«

»Auch das ist schon besorgt. Es ist alles richtig. Sie lauerte wirklich in der Hafengasse, und dieser Doktor Marçan kam auch richtig. Er ging ins rote Haus, und sie stand gegenüber in einer Tornische und schaute zu.«

Dieser Bericht ließ Liane de Turenne mit gesteigerter Aufmerksamkeit aufhorchen.

»Hast du sie dabei selbst belauscht.«

»Ich wußte doch, daß er in dieser Nacht wieder den Besuch machen würde; und ein kleines, geschickt abgefaßtes Brieflein, das ich an Ika gehen ließ, tat auch seine Wirkung.«

»Hier hast du klug gehandelt. Doch weiter, was war dann? Sie sah ihn?«

»Und stand in ihrer Nische, bis er fast gegen Morgen erst aus dem Hause wieder herauskam.«

»Stellte sie ihn dabei nicht zur Rede?«

»Das hat sie nicht gewagt, sie ist nur wieder hinter ihm hergeschlichen. Sie muß es nun glauben, so sehr sie sich auch sträuben möchte.«

»Doch ob sie nun wieder hierher kommt?«

Die rote Musch zog die knochigen Schultern hoch:

»Reif ist die Frucht und einmal muß sie fallen. Was sie weiß und was sie selbst gesehen hat, ist immer nur ein Rätsel. So klug sie sein möchte, ist sie doch immer nur Weib. Und deshalb wird sie einmal doch noch kommen. Welches Weib würde sich auch damit abfinden und jetzt nicht erst alles wissen wollen, wer jene Trude ist, warum er nur zur Nacht dahin kommt, warum er dies verschweigt, hundert Fragen. Von tausend nicht eine wird ihm entgegentreten und von ihm die Wahrheit fordern. O, nein! Es gehen alle zuletzt den Weg zu anderen. Und schließlich muß sie glauben, daß wir hier doch die ganze Wahrheit wissen.«

»Der Baron bezahlt uns gut, wenn uns der Plan gelingt. Die meisten lassen nicht so lange auf sich warten.«

»Desto gewisser aber kommt sie. Sie gehört zu den Schwerblütigen, die erst nach langem Kämpfen zu Entschlüssen finden.«

Während die beiden über die Geheimnisse ihrer Tätigkeit plauderten, saßen sie im Arbeitszimmer von Liane de Turenne, die an ihrem nüchternen, nur zur praktischen Arbeit geeigneten Schreibtische über neu eingegangene Berichte gebeugt war. Die rote Musch stand vor dem größten der Aktenständer und ordnete in die darin aufbewahrten Kartotheken Bilder und Notizen ein.

Eine Weile blieb es still.

Liane aber dachte dabei daran, was die rote Musch mit ihrer spottenden Stimme gesprochen hatte. Die Schärfe, mit der sie die Besucherinnen gekennzeichnet hatte, traf für alle zu. Ungleich den Männern spielten Frauen, die sich betrogen sahen oder auch nur wähnten, häufig mit dem Tod des Betrügers. Und Liane wußte, wie viele darunter waren, die selbst vor der Tat nicht schreckten, hätten sie nur in irgend einer Weise die Sicherheit, daß ihre Tat unentdeckt bleiben würde.

Dabei kam noch ein anderer Gedanke hinzu; die Frage ließ sie nicht ruhen, die die rote Musch höhnisch gestellt hatte, ob sie als Weib jenes Gefühl nicht selbst einmal gekannt habe.

Spielte sie nicht jetzt noch das Wagnis, an Tod zu denken?

War dieser Trieb in ihr nicht auch der stärkste?

Eignes Glück oder Tod!

Es schien oft, als könnte ein Weib an eine andere Möglichkeit nicht denken.

Und sie selbst?

Unwillig schob Liane de Turenne die vor ihr liegenden Blätter zurück.

Sie wollte kein Urteil! Sie wollte ihr Tun nicht wie das der anderen gemessen wissen.

Was sie in so vielen einsamen Stunden an Glücksmöglichkeit und an Rache ersonnen hatte, das mußte bleiben.

Was lag auch schließlich daran? So war sie eben Weib mit allen Leidenschaften und Begierden, mit dem zähen Willen zum eigenen Glück.

Nichts konnte sie darin beirren, daß sie ihr Spiel auch zu Ende führte.

Ihre lebhaft arbeitenden Gedanken wurden durch einen Gongschlag unterbrochen, dem das Lichtsignal folgte.

Liane nickte der roten Musch zu, die das Zeichen auch verstand. Sie ging rasch hinaus, kehrte aber schon nach ein paar Sekunden wieder zurück, wobei die vertrockneten, dünnen Lippen einen triumphierenden Zug zeigten; die graugrünen Augen zwinkerten geheimnisvoll, und die Stimme nahm einen flüsternden Ton an:

»Der Fuchs aus der Fabel ist da.«

Liane blickte überrascht und verständnislos auf:

»Was bedeutet das?«

»Der Fuchs, den man nur zu nennen braucht und der sich dann auch schon meldet.«

»Wer? Du mußt schon deutlicher sprechen.«

»Ika Oehringen sitzt im Wartezimmer.«

Diese Ueberraschung war auch für Liane eine zu unverhoffte; so rasch erwartete sie diese Erfüllung nicht.

Sie sprang rasch empor:

»Hast du dich da nicht getäuscht?«

»Einmal mußte sie ja doch kommen.«

»Was hast du melden lassen?«

»Daß Madame sie empfangen werde.«

Da nickte Liane de Turenne nur, blieb aber an der Türe noch für eine Sekunde zögernd stehen, strich sich darauf mit der Hand über die Stirne und verließ dann erst das Zimmer.

Die rote Musch mit ihrem häßlichen Raubvogelgesicht richtete ihre geduckte Gestalt etwas auf, kniff die Augen zusammen, schaute eine Weile wie ein regungsloses Bild zu der eben geschlossenen Tür hin und murmelte dabei:

»Eine weiße Taube, die ahnungslos in Schlingen fällt. Was kümmert's mich?«


6. Kapitel.

»Es scheint doch wahr zu sein, daß du zu Wahrsagerinnen läufst und dir dort Märchen aufbinden läßt.«

Die Antwort schrillte gereizt:

»Was weißt du?«

»Nichts und will nichts wissen. Aber eine sogenannte Freundin von dir, denn meistens sind es solche, ließ mir einmal einen anonymen Brief zugehen, der ähnliches behauptete. Und was du mir an Vorwürfen versteckt und offen zuschleuderst, könnte sehr gut in der Hexenküche einer Kartenschlägerin gebraut worden sein.«

Margot von Brandeis stand am Fenster; sie ballte die kleinen Hände, daß sich dabei die Fingernägel ins Fleisch gruben. Das Weiß in ihren graublauen Augen umränderte ein leicht entzündetes Rot. Ihre Brust atmete schwer. Ihr Körper schien in innerlicher Erregung zu zittern.

»Woher ich es weiß, ist gleichgültig.«

Gilbert von Brandeis zeigte äußerlich eine unbewegte Ruhe, und sein glattrasiertes Gesicht schien eher zu lächeln:

»So ganz gleichgültig ist es mir wieder nicht, denn man will doch wissen, gegen wen man sich zur Wehr setzen muß.«

»Willst du behaupten, daß alles nicht wahr ist?«

»Ich finde es sinnlos, überhaupt zu antworten, denn du bist schon so weit, daß du mir auf keinen Fall glauben wirst.«

»Nein!«

»Dann aber erlasse mir eine Antwort, die ja doch zwecklos sein würde.«

»Weil du keine geben kannst.«

»Weil du mir auf keinen Fall glauben willst, wie du eben selbst erklärt hast.«

»Damit suchst du nur auszuweichen.«

»Woher hast du deine Weisheit?«

»Das ist ganz bedeutungslos. Das, worauf es allein ankommt, ist, daß du gar nichts leugnen kannst.«

»Ich sagte dir bereits, daß alle Behauptungen nicht wahr sind.«

Heftig, Schlag auf Schlag fielen die Worte, hastend hervorgestoßen, daß manche Silbe verschluckt wurde.

Gilbert stand am Rauchtisch und hielt gerade einen in Kupfer getriebenen Aschenbecher in der Hand, den er bei seinen letzten Worten mit solch kräftigem Ruck zurückstellte, daß der Tisch klirrte.

Die Ruhe, die er bisher äußerlich immer noch gewahrt hatte, verließ ihn jetzt. Er stieß auch das Tischchen selbst zurück, das dabei umzukippen drohte.

Doch gerade diesem unbeherrschten Zorn gegenüber fühlte sich Margot überlegen. Jetzt konnte sie sich wieder ruhiger zeigen. Ihre vollen Schultern hoben sich und mit einer absichtlich schleppenden Stimme erklärte sie:

»Ist es vielleicht nicht wahr, daß du in der Bellmannstraße Besuche machst, daß du gestern erst zwei Stunden dort geblieben bist, und ist es auch nicht wahr, daß du im Juwelengeschäft bei Sighart kürzlich eine Rechnung über zwölftausend Mark bezahlt hast? Oder widersprichst du, wenn ich behaupte, daß du in der Bellmannstraße deine Geliebte verbirgst?«

»Ich scheine da von einem ganzen Ueberwachungssystem umgeben zu sein; es ist geradezu lächerlich, darauf zu antworten. Nur einiges zur Kennzeichnung deiner Wissenschaft: die Rechnung über zwölftausend Mark bei Sighart bezahlte ich für einen Freund und nicht für mich. Außerdem ist in dem Hause in der Bellmannstraße ein Zahnarzt, bei dem ein zweistündiger Aufenthalt begreiflich ist.

Du siehst, daß ich für alles eine harmlose Erklärung geben kann.«

»Im Erfinden derartiger Harmlosigkeiten bezweifle ich auch dein Talent keineswegs. Aber die Erklärungen sind nicht wahr. Daran liegt es.«

Und Margot lachte spöttisch aus.

»Wo sind deine Beweise?«

»Die sollst du auch noch bekommen.«

»Gut! Darauf warte ich nur noch. Vorher jedoch fällt es mir gar nicht mehr ein, mit irgend einer Antwort auf deine sinnlosen Anschuldigungen einzugehen.«

Dabei wandte er Margot den Rücken zu und verließ mit schweren Schritten, bei denen die geschliffenen Gläser eines Lüsters singend mitklirrten, das Zimmer.

Die Türe wurde mit großer Heftigkeit zugeschlagen.

Ein gereiztes Lachen klang ihm nach. Nervös zerrten und zupften die Finger Margots an einem seidenen Taschentuch und rissen die Spitzen los, die starken, wulstigen Lippen zitterten.

Sie lief mit trippelnden Schritten zur Türe und lauschte, als könnte sie noch etwas hören, dann richtete sie sich auf und warf den Kopf mit dem turbanartig auffrisierten, aschblonden Haar in den Nacken zurück.

Zwischen ihren Lippen aber zischte sie die haßdurchbebten Worte hervor:

»Du täuschst dich, und wenn ich heute den Beweis noch nicht habe, dann habe ich ihn morgen oder übermorgen. Sie muß mir auch den noch schaffen; er fürchtet sich. Ich weiß, daß ich häßlich bin, aber eine andere soll er auch nicht lieben. Eher . . . eher . . .«

Mit einem Male stockte ihre Stimme, als würde sie von einem furchtbaren Gedanken beherrscht. Die Lippen kniffen sich ganz dicht zusammen, und die Brauen zogen sich hoch. Es schien ein Gedanke zu sein, den ihr Mund nicht auszusprechen wagte.

Dabei wechselte der Ausdruck ihres Gesichtes. Eine Erstarrung der Züge trat ein, und scheu, verängstigt blickte Margot um sich. Dann schüttelte sie den Kopf, als wollte sie irgend etwas Lästiges abwehren.

Gilbert von Brandeis lief fast durch das nächste Zimmer, als wäre er vor etwas auf der Flucht. Er schaute nicht um sich, bis er sein Herrenzimmer erreicht hatte. Das war ein großer, behaglicher Raum, dunkel getäfelt, mit Sportlithographien an den Wänden.

Um einen Kamin standen mehrere Klubsessel. Neben einer Fensternische stand ein großer Diplomatenschreibtisch in schwarzgrün gebeizter Eiche; ein mächtiger Bücherschrank mit reichen Schnitzereien pflegte immer ganz besonders die Aufmerksamkeit der Besucher zu fesseln.

Auf dem Schreibtisch stand in Bronze die Nachbildung des bekannten Marathonläufers.

Gilbert jagte erregt in seinem Zimmer auf und nieder.

Die Unterlippe lag eingeklemmt zwischen den Zähnen. Die starken Brauen schoben sich so dicht zusammen, daß sie fast eine einzige Linie zu bilden schienen, die lediglich von einer tiefen Falte durchschnitten war.

Die Hände lagen auf dem Rücken.

Zum ersten Male war er durch einen anonymen Brief gewarnt worden, daß Margot zu einer bekannten Wahrsagerin gehe; sogar der Name wurde genannt. Liane de Turenne. Dabei ärgerte er sich kaum, lediglich die Schrift hatte ihn an eine erinnert, die ihm auch in der Erinnerung unbequem wurde. Aber allmählich begann er das Mißtrauen zu fühlen, mit dem er jetzt kontrolliert wurde. Und dieser Tag hatte nun den schon lange erwarteten Zusammenstoß gebracht. Alles stimmte, die Bellmannstraße, das Juwelengeschäft von Sighart, die zwei Stunden.

Er konnte nicht im Zweifel sein, daß jeder seiner Schritte überwacht wurde. Aber durch wen? Konnte seine Frau wirklich durch jene Liane de Turenne so viel erfahren haben? Wenn dies allein die Gefahr war, dann konnte sie mit etwas Geld leicht beseitigt werden. Er zweifelte nicht an der doppelten Geschäftspraxis dieser modernen Wahrsagerinnen, die in eleganten Salons ihre Besucherinnen empfingen.

Mit Geld mußte auch diese Madame de Turenne zum Schweigen zu bringen sein, wenn das die ganze Gefahr bedeutete.

Wenn es aber noch eine andere Gefahr gab?

Jetzt erst fiel sein Blick auf den Schreibtisch und er bemerkte, daß in seiner Abwesenheit ein Brief abgegeben worden war. Ein flüchtig prüfender Blick fiel darauf, aber dann griff er desto schneller darnach.

Wieder erinnerten ihn die Schriftzüge an etwas Fernes, Bekanntes. Es waren nicht ganz die gleichen wie auf jener anonymen Warnung. Trotzdem glaubte er in den ausfallend langen, wie gezerrten Buchstaben eine bekannte Schrift zu sehen.

Er riß den Umschlag auf und zog den in zartem Lila gefärbten Briefbogen hervor.

Sein erster Blick galt der Unterschrift.

Kaum aber war sein Auge auf den Namen gefallen, da kam ein leise pfeifender Ton über seine Lippen. Der Name! Deshalb die ihm so bekannten Züge.

Hanne Ramboldt!

Sie, die für ihn nur eine Episode bedeutet hatte, tauchte wieder auf.

Damals hatte er eben noch die letzten Gelder seines elterlichen Vermögens mit freigebigen Händen verschwendet. Einzelheiten aus jener Zeit tauchten für Sekunden flüchtig auf. Ihre Schönheit war damals bereits im Verblühen gewesen; eine überreife Frucht. Sie mochte vielleicht noch mehr an Hoffnungen gehegt haben, als er je zu geben gewillt war. Eine Episode, weiter nichts! Das blieb in diesem raschen Ueberdenken sein Urteil. Mit einem Briefe hatte er damals ein Ende gemacht. So viel wußte er noch. Dann kam seine Ehe.

Zwei Querfalten zogen sich über seine Stirne hin. Dann ließ er sich in seinen Schreibtischstuhl fallen und begann den Brief zu lesen.

 

»Lieber Freund!

Ich glaube, zu dieser Anrede immer noch ein Recht zu haben, denn das wirst Du mir nach jenem für mich so entscheidenden Brief doch geblieben sein. Es ist ja möglich, daß Du nicht nur jenen Brief vergessen hast, der in ein paar Minuten hingeworfen wurde, sondern mich selbst, und daß mein Name in Dir nur unbequeme Befürchtungen wachruft. Doch ich glaube es nicht, mehr noch, ich will es nicht glauben und sträube mich mit zäher Hartnäckigkeit gegen diese Möglichkeit. Nur an ein Wort aus jenem Briefe möchte ich Dich erinnern, an die Stelle von dem Erfolg, den Frauen wie ich doch nur begehren. Ich will Dir zeigen, wie sehr ich diese Deine Worte verstand. Der Erfolg gehörte mir! Und mein Stolz wird es sein, dies Zugeständnis aus Deinem Munde selbst zu hören. Du machst sicherlich manche Besuche und deshalb wirst Du es als eine Liebenswürdigkeit empfinden, wenn ich Dich bei einer Tasse Tee als Gast bei mir sehen möchte; Du brauchst nicht zu befürchten, daß man nur auf Hintertreppen zu mir gehen kann. Die Rentiere Hanne Ramboldt hat ein Recht, Gäste einzuladen. Und Du wirst kommen. Donnerstag, 5 Uhr. Du siehst, ich bestimme; dabei zweifle ich nicht, daß Dir diese liebenswürdige Aufforderung so viel wie ein Befehl sein wird. Und Du wirst gehorchen. Solltest Du nach dem Warum fragen, so werde ich Dir – aber nur bei mir – auch darauf antworten. Solange Deine Freundin

Hanne Ramboldt.«

 

Gilbert von Brandeis beugte sich in die Lehne seines Schreibtischstuhles zurück und begann den Brief ein zweites Mal zu lesen.

Etwas beunruhigte ihn. Er klang wie eine harmlose Einladung zum Nachmittagstee. Aber es lag eine versteckte Drohung darin. Ich bestimme, schrieb sie; und dann standen da noch die eigentümlichen Worte von dem Befehl.

Was meinte sie? Was wollte sie von ihm?

Nur jenen Besuch? Weshalb aber dann so versteckt eine Warnung?

Langsam legte er den Brief auf die Schreibtischplatte.

Sollte er sich wirklich befehlen lassen?

Etwas reizte ihn, der Aufforderung zu folgen, aber ein anderes Gefühl stieß ihn doch wieder zurück.

Für ihn bedeutete Hanne Ramboldt nichts mehr, hatte seit langem nichts mehr zu bedeuten.

Wieder nahm er den Brief, kniff ihn sorgfältig zusammen und steckte ihn in seine Westentasche; dabei murmelte er halblaut:

»Donnerstag um fünf Uhr!«

 

* * *

 

Frank von Hesselohde im graugrünen, mit gelben Schnüren eingefaßten Hausrock saß an seinem Schreibtisch und griff nach dem Hörer des Tischtelephons.

»Halloh! Wer dort?«

Er lauschte eine Weile mit etwas gespanntem Ausdruck, lächelte dann und nickte lebhaft:

»Gewiß, sehr erfreut, aber was gibt es Neues?«

Abermals hörte er einige Zeit zu, wobei er wiederum zustimmend mit dem Kopf nickte und dann lachte. Er stützte den Ellenbogen auf und legte den Kopf in die hohle Hand; nach mehreren Zustimmungen erklärte er:

»Ich verstehe sie; Fräulein Oehringen sitzt in ihrem Wartezimmer und ich soll so rasch als möglich vor ihr Haus kommen, um sie dann, ganz zufällig natürlich, zu treffen. So meinten Sie es doch?«

Wieder ein Lauschen, dem eine lebhafte Zustimmung folgte:

»Natürlich! Ich habe Sie schon so verstanden. Sie müssen nur dafür sorgen, daß Sie das Fräulein auch so lange festhalten, bis ich auftauchen kann. Ich muß mich erst noch umziehen.«

Er horchte wieder auf die Stimme im Telephon; aber er entgegnete gleich:

»Selbstverständlich werde ich mich beeilen. Wann? In einer halben Stunde, ganz gewiß! Ich werde gleich ein Auto nehmen.«

Dann legte er das Hörrohr zurück und sprang rasch auf. Er eilte zur Türe, riß sie auf und rief mit lärmender Stimme:

»Heda! Martin, sofort den Frackanzug, aber schleunigst, und dann ein Auto vor das Haus.«

 

* * *

 

Kaum saß Ika Oehringen im Wartezimmer der Liane de Turenne, da schämte sie sich vor sich selbst; ihr war es, als müßte sie jetzt noch fliehen.

Konnte es wirklich möglich sein, daß sie diesen Weg nochmals gemacht hatte, nachdem sie doch Margot wiederholt davor gewarnt hatte? Und nun war sie selbst wieder hier. Um von einer Gauklerin die Wahrheit zu verlangen.

Ika glaubte auch jetzt noch nicht an den Silberspiegel des Sainte-Croix, aber das eine hatte sie doch einsehen müssen, daß diese sogenannte Madame de Turenne von den Geheimnissen des Doktor Marçan und von seinen merkwürdigen Besuchen in dem Hause in der Hafengasse gewußt hatte.

Ihr Weg hierher war der Kampf von schlaflosen Nächten gewesen. Erst als sie keine Hilfe mehr wußte und auch Hanns nicht mehr zu fragen wagte, da sie mit ihren heimlichen Nachforschungen schon zu weit gegangen war und daher ihre eigene Schwäche hätte zugestehen müssen, wie sie im Mißtrauen hinter ihm nachgeschlichen war, erst als sie sich dieser immer größeren Schwierigkeit bewußt wurde, erst dann schlich sie sich zu diesem Haus.

Dunkle Schatten unter den sonst so klaren, rehbraunen Augen verrieten solche schlaflose Stunden.

Die Qual der Ungewißheit und die immer tiefer im Herzen wühlenden und quälenden Zweifel, die Sorge um ihr Glück, die Furcht, aber auch das letzte, hoffende Fünkchen Liebe, die nicht verzagen will, hatten Ika zu diesem Entschluß veranlaßt, hier die Wahrheit zu fordern.

Aber in dem Augenblick, als sie in dem Raum war, da spürte sie auch schon etwas wie Unruhe.

War dies wirklich das Richtige?

Hätte sie, wenn sie liebte, nicht bedingungslos vertrauen müssen?

In ihren Gedanken tauchte jene Nacht auf. Sie durchlebte nochmals in flüchtigen Sekunden die Angst, als sie Doktor Marçan in jenes rote Haus hineingehen sah, während sie sich in die Nische des gegenüberliegenden Torbogens drückte. Und mehr als drei Stunden kauerte sie damals wartend in dem Versteck. Dort sah sie dann, wie er wieder aus dem Hause kam, den Kragen des olivgrünen Mantels hoch geschlagen. Damals zitterten ihre Knie so sehr, daß sie erst nach einer Weile nachfolgen konnte.

Während Ikas Gedanken mit den Erlebnissen jener Nacht beschäftigt waren, stand Liane de Turenne am Telephon und sprach mit Frank von Hesselodhe.

Unruhig stand Ika auf und ging im Wartezimmer auf und nieder. Mit der Hand strich sie sich mehrere Male über die Stirne.

Alles wußte sie noch, wie sie damals als erste Versuchung das Gefühl hatte, Hanns nachzulaufen und ihn zu fragen; wie sofort andere Zweifel kamen, die höhnisch daran erinnerten, daß er sie schon einmal belogen, als er sich in seiner Wohnung verleugnet hatte. Sie wurde die Beute der widersprechendsten Gefühle; dabei aber kehrte das eine immer wieder: in dem schwarzen Salon der Liane de Turenne hatte sie alles vorher gehört, von jenem Haus, von einer anderen, von den seltsamen Besuchen des Doktor Marçan, alles, wovon sie sich selbst erst und gegen ihren Willen überzeugte.

Hier mußte sie das letzte noch hören.

Aber war das dann die Wahrheit? Glaubte sie jetzt mit einem Male einer Frau, die sie selbst vorher noch Betrügerin genannt hatte? Wenn sie hier zweifeln wollte, antwortete wieder eine andere Stimme, die unablässig sagte: aber es war doch alles so, wie diese gesagt.

So quälten Ika die Zweifel noch, als sie bereits im Zimmer saß und in innerer Unruhe rastlos auf und nieder ging.

Die Zofe trat ein.

»Madame erwartet Sie schon. Bitte mir zu folgen!«

In diesem Augenblick hatte Ika auch den letzten Rest eines eigenen Willens verloren. Sie schritt hinter der Zofe her, fast wie eine Traumwandlerin.

Dann kam alles, wie es bei jenem ersten Besuch war. Das Zimmer mit den schweren, schwarzen Vorhängen, der Gongschlag, das Auseinanderrauschen zweier weiterer Vorhänge, das Auftauchen des kupfernen Beckens mit der Flamme und dann das Erscheinen von Liane de Turenne auf ihrem Stuhl.

Teilnahmslos schaute Ika auf diese Vorbereitungen, die auch diesmal keinerlei Wirkung auf sie ausübten. Wesenlose Mätzchen blieben sie für Ika, die trotz allem an etwas Uebernatürliches in dem ganzen Spiel der Wahrsagerin nicht glauben wollte.

Dennoch spürte Ika in diesem Augenblick die Kehle wie zugeschnürt; wie oft hatte sie sich vorher bereits ausgedacht, wie sie gleich fragen würde, ohne erst wieder ein lächerliches Spiel mit dem Spiegel beginnen zu lassen. Doch jetzt konnte sie nicht sprechen; es war ihr, als wäre mit einem Male alle Erinnerung ausgelöscht.

Sie wollte sprechen und schwieg doch.

Das fahle Gesicht Lianes de Turenne, auf das der Schein der Flamme im Kupferbecken fiel, kehrte sich Ika mit weit offenen Augen zu. In dem blauschwarzen Haar lagen zitternde, rötliche Lichtreflexe. Es war, als prüften die Blicke der Wahrsagerin erst ihre eigene Macht, und ein unmerkliches Nicken schien für sie selbst die Bestätigung zu sein.

Dann erst schaute sie auf den Spiegel, den ihre schmale Hand hielt.

Wieder beugte sich Ika vor, als wollte sie eine Komödie abwehren.

Da begann Liane de Turenne aber schon mit ihren Offenbarungen:

»Ich sehe Sie heute selbst im Spiegel, aber es ist Nacht und Sie hasten durch schlimme Straßen. Betrunkene drängen sich an Sie und Sie fliehen; Sie suchen ein Haus. Jetzt stehen Sie in einer Torecke, und gegenüber geht ein Mann in ein Haus, und der Mann ist der gleiche wie unterm blühenden Apfelbaum.«

Ika hatte erst unterbrechen wollen, dann aber wie atemlos gelauscht. Was diese seltsame Frau in ihrem Spiegel zu sehen behauptete, das war doch wieder Wahrheit und zwar ihr eigenes Erleben; sie schilderte dabei, wie sie in jener Nacht das rote Haus gesucht und Hanns überrascht hatte. Das aber konnte doch nur sie allein wissen! Davon hatte sie niemand erzählt und geklagt.

Und nun schilderte die Frau alles genau so, wie es in dieser Nacht gewesen war.

Ika begann irre zu werden; sie hob beide Hände wie zu einer unwillkürlichen Abwehr.

Diese Bewegung entging den forschenden Augen von Liane de Turenne nicht, die immer mit einem schnellen Emporsehen die Wirkung ihrer Worte zu kontrollieren verstand.

»Jetzt seh ich Sie wieder, wie Sie hinter dem Manne folgen, der nun aus dem Hause mit den roten Vorhängen kommt. Das Bild entgleitet, und ich sehe Sie, wie Sie in einem Bett liegen und in die Dunkelheit starren.«

Als die Wahrsagerin für ein paar Sekunden schwieg, da raffte sich Ika zur ersten Antwort auf:

»Ich glaube es nicht, daß der Spiegel all diese Dinge sehen läßt, aber wahr ist es, und ich kann nicht sagen, wie Sie das wissen können.«

»Was ist wahr? Ich frage nicht darnach. Ich zwinge auch niemand dazu. Ich suche nur zu schildern, was ich im Spiegel sehe.«

»Das glaube ich nicht,« rief Ika nochmals mit einem Aufraffen zum Widerstand. »Aber Sie wissen doch alles, wenn ich auch nicht erklären kann, wie das denkbar ist. Ich lief durch die Straße und suchte jenes rote Haus und sah ihn auch. Es sah mich niemand, und ich redete zu keinem Menschen ein Wort davon. Nur Sie wußten auch das.«

»Sollte es nicht doch Geheimnisse geben, die jenseits menschlicher Weisheit liegen?«

Langsam schüttelte Ika den Kopf:

»Wer hat Ihnen das gesagt, daß ich ihn gesucht habe?«

»Der Spiegel,« wiederholte Liane de Turenne mit einem Lächeln auf ihren dünnen, roten Lippen.

Da hob Ika ihr Gesicht mit einem jähen Ruck empor. Die Wangen waren dabei wie blutübergossen, und in ihren braunen Augen brannte ein verzehrendes Feuer:

»Ob es nun der Spiegel ist oder irgend etwas anderes, es ist ja so gleichgültig, nur wissen, alles wissen. Quälen Sie mich nicht mit diesen Dingen.«

Die Worte waren wie eine angstvolle Bitte, und alle Unsicherheit zitterte darin.

Die dünnen Lippen der Wahrsagerin lächelten noch schärfer, als sie darauf entgegnete:

»Sie glauben mir nicht und ich kann Sie dazu nicht zwingen, wie ich den Spiegel nicht zwingen kann, gerade das zu zeigen, was ich verlangen soll. Sie müssen Geduld haben und warten, was er mir zu sehen gibt. Vergessen Sie nicht, daß ich Sie nicht kenne, daß ich nicht weiß, wer jener Mann ist.«

Ika klemmte die Unterlippe so fest zwischen den Zähnen ein und biß in ihrer Qual so stark zusammen, daß in den Mundwinkeln ein Tropfen Blut zu sehen war. Sie mußte sich fügen und empfand es doch instinktiv, daß diese Liane de Turenne mit ihr spielte.

Trotzdem wartete sie und fügte sich:

»So sehen Sie und sagen Sie mir, was Sie dazu für gut finden.«

Die Schultern der Wahrsagerin zogen sich hoch, dann beugte sie sich über den Silberspiegel des Sainte-Croix. Sekunden verstrichen, ohne daß in dem Schweigen ein Wort fiel. Aber Ika wartete.

Da klang die Stimme von Liane de Turenne verschleiert, als käme sie aus der Ferne:

»Nichts als Nebel, so scharf ich sehen möchte. Doch nun kommt etwas Licht. Ein Altar, dürftig und arm, in einer Dorfkapelle vielleicht, und ein Priester davor, und kniend ein junges Paar, eine Trauung.«

Schweigen folgte, das die atemlose Spannung dieser Schilderung noch erhöhte.

Das Gesicht Ikas war so blaß, als wäre der letzte Blutstropfen daraus entwichen; aber sie schwieg und fragte nichts.

Langsam sprach Liane de Turenne weiter:

»Aus einem seitlichen Kirchenfenster fällt Licht auf das Paar. Sein Gesicht, das des Bräutigams, sehe ich besonders scharf. Und es ist wieder das des Mannes unter dem blühenden Apfelbaum. Fort! Nebel wieder, aus dem ein anderes Bild langsam steigt. Ein Palmenhain an einem südlichen See. Weiß schimmernd eine Villa, und unter Orangen, die blühen, ein lustwandelndes Paar. Das Paar aus der Kirche. Wieder der gleiche Mann. Doch jetzt kann ich auch ihr Gesicht sehen. Schwarze Augen und dabei hellblondes Haar. Da ist es bereits entglitten, und schon wieder formt sich eine andere Szene. Ein düsteres, ärmliches Zimmer, schwelendes Lampenlicht, rote Vorhänge, und in einem Bette ein krankes Weib; es ist die gleiche, die ich vor dem Altare sah und die in jener Villa am Arme des anderen ging. Doch auch dies Bild verblaßt, und neue Nebel steigen auf.«

Sie schwieg, und die Blicke aus den tiefschwarzen Augen irrten prüfend zu Ika hin.

Diese stand mit irrem Blick da, die Arme schlaff niederhängend, die Hände zu Fäusten geballt. Weit offen waren die Augen, die in eine wesenlose Ferne zu starren schienen. Ihre Gedanken mußten erst alles zu verstehen suchen, was die Ohren wie ein undenkbares Traumerlebnis gehört hatten.

Die Trauung in einer Dorfkirche, die Villa am See, das Zimmer in jenem Haus in der Hafengasse, und immer die zwei gleichen Menschen, da konnten die erregten Sinne Ikas keine andere Erklärung dafür finden, als daß diese Unbekannte, die der Fremde in der Wohnung des Doktor Marçan mit dem Namen Trude bezeichnet hatte, die Frau von Hanns war.

Dann war er verheiratet und hatte ihr dies verschwiegen. Deshalb hatte er sich selbst verleugnet, deshalb machte er seine Besuche auch in dieser heimlichen Art, deshalb hatte die Stimme des Fremden so laut gefordert, der Doktor müsse da schon kommen.

Sekunden waren es nur, während diese Bedenken durch den Kopf Ikas jagten.

Waren die Enthüllungen anders zu verstehen?

Ika schüttelte wie bestätigend den Kopf: Nein. Vor dem Traualtar hatte Liane de Turenne die Gestalt von Hanns zu deutlich gezeichnet.

Aber wenn Lüge war, was sie in ihrem Spiegel gesehen haben wollte? Es war dies ein letztes, verzweifeltes Sichwehren gegen das, was ihr Herz nicht glauben wollte. Doch sofort meldete sich wieder eine andere Stimme, die mit grausamer Mitleidlosigkeit an anderes erinnerte: Bisher war alles Wahrheit, was die Wahrsagerin aus dem Spiegel gewußt hatte, die heimliche Verlobung, die Besuche in jenem roten Haus, ihre eigenen heimlichen Nachforschungen. Und dabei hatte sie Dinge gesagt, die sie wirklich nicht wissen konnte.

Weshalb sollte also dies weniger wahr sein als das andere? Hatte diese Frau hier, die sie doch nicht kannte und auch Doktor Marçan nicht, irgendwelche Veranlassung, zu lügen?

Liane de Turenne, die in den bewegten Zügen genau die quälenden Gewissenskämpfe las, schloß die Lider etwas, wie es lauernde Katzen tun, hob dann rasch wieder den Kopf und setzte ihre Offenbarungen fort.

»Ich sehe ihn mit der Lüge, und wo er erscheint, begleitet ihn Elend und Verderben; doch jetzt wandelt sich im Spiegel wieder ein weiteres Bild: Ich sehe einen fremden Mann, der gegen die sehnige Gestalt des anderen unscheinbar aussieht, der aber ein desto empfindsameres Herz in sich trägt; da steht er an einer Strassenecke und schenkt einem kleinen, weinenden Kind Geld. Gedrungen sieht er aus, sein Gesicht ist rund und voll, dabei von starker Röte. Jetzt grüßt er, sein Haar ist kurz geschoren. Wieder ein Bild. Ich sehe, wie Sie mein Haus verlassen, gedrückt und traurig und voll Leid; Sie gehen langsam, denn Ihre Füße sind schwer. Da kommt der andere auf Sie zu, der dem Kind ein Almosen gab, und grüßt Sie; er geht mit Ihnen, endlich kann sehen, wie er zärtlich sprechen will. Fort!«

Nur noch flüchtig folgte Ika diesen neuen Schilderungen; sie dachte kaum daran, auf wen diese Beschreibung passen könnte.

Sie hörte nur zu, solange Liane de Turenne mit ihrer monotonen Stimme sprach:

»Und ich sehe ihn nun, wie er neben Ihnen geht und wie unsichtbar das Glück langsam zu Ihnen kommt. Mit diesem, der heute zu Ihnen herantreten wird, wenn Sie von mir fortgehen. Doch jetzt kommen Nebel, die sich klären. Der Spiegel wird hell und zeigt nichts mehr.«

Die Wahrsagerin schaute auf und zeigte einen gespannten, wie ermüdeten Ausdruck, als sei sie besonders stark angestrengt worden.

Da hob Ika mit einer raschen Bewegung den Kopf:

»Nur das habe ich hören wollen und das will ich allein wissen, ob Doktor Marçan verheiratet ist. Sie wissen es und können es sagen.«

Doch Liane de Turenne lächelte:

»Sie sind in einem Irrtum, von dem Sie sich nicht bekehren lassen. Wer ist dieser Doktor Marçan oder wie Sie ihn nannten? Ich kenne keine Namen, wie ich auch den Ihren nicht weiß. Ich sehe nur Bilder, Erscheinungen und Gestalten, die ich, so gut ich es vermag, nacherzähle. Und das ermüdet. Die Wahrheit muß man immer glauben, woher sie auch kommt. Oftmals habe ich meine geschauten Gesichte bereits wieder vergessen, wenn ich sie kaum ausgesprochen habe. Wie soll ich also etwas bestätigen können?«

Damit mußte sich Ika zufrieden geben, denn auf jede weitere Frage zeigte Liane nur ein ermüdetes Hochziehen ihrer Schultern und ein Schweigen.

Dann ertönte der Gong, und die Vorhänge rauschten wieder vor der Wahrsagerin zusammen.

Ika machte wohl einen Schritt, um nach dem Vorhange nochmals zu greifen, aber da erschien bereits die Zofe in dem weißen Häubchen und faßte den Arm Ikas.

Diese ging schweigend mit und gab mehr mechanisch als in bewußtem Willen ein Geldstück in die offene Schale, in der wieder die bekannten, großen Summen lagen.

Hastend wandte sich Ika an das Mädchen:

»Wer ist diese Frau, die alles zu wissen scheint?«

»Madame Liane de Turenne. Sie wissen das doch.«

»So meinte ich das nicht. Aber woher weiß sie manches, wofür ich keine Erklärung finde?«

»Der Spiegel des Sainte-Croix sagt ihr alles.«

Da fragte Ika nichts mehr. Wozu auch?

Hier hörte sie nur das Echo der Frau vor dem Kupferbecken.

Langsam ging sie die Treppe hinunter. Es war ihr, als schleppte sie an ihren Füßen Ketten nach, daß sie nicht rascher vorwärts kam. So viel sie auch grübelte und ihr armes Gehirn zermarterte, sie fand für alles nur die eine Erklärung, daß Doktor Marçan schon einmal verheiratet war. Aber warum hatte er dann zu ihr von Liebe gesprochen?

Und sie hatte ihm geglaubt; in ihrem Herzen liebte sie ihn immer noch. Deshalb war sie ja nun so müde, daß sie kaum gehen konnte.

Dann konnte er mit ihrer Liebe nur ein freventliches Spiel getrieben haben! Dann war schon jedes seiner Worte Lüge, das er unter dem Apfelbaum gesprochen hatte. Ein Betrüger also? Dies tat so weh! Doch sie wußte nichts anderes.

Was aber sollte sie jetzt tun?

Ihn verleugnen? Rechenschaft fordern, oder ihm alles schreiben, was sie wußte? Aber wenn etwas doch gelogen war?

Was würde sie tun, wenn Hanns ihr wieder begegnete?

Wie schleppend das Gehen war. Doch das hatte jene Liane ihr auch gesagt.

Und als Ika die Straße überquerte, kamen ihr die Worte wieder in den Sinn, mit der diese von einem anderen gesprochen, der ihr vor dem Hause begegnen müsse und der sie grüßen werde.

Konnte sie nicht gerade daran nachprüfen, ob diese Madame de Turenne wirklich in allem die Wahrheit wußte? Es erschien ihr unmöglich, daß diese eine bestimmte Begegnung so sicher vorauszusagen vermochte, die dabei in so kurzer Zeit, die eine Verabredung oder ein Vorherwissen ausgeschlossen erscheinen ließ, erfolgen mußte.

Traf diese Begegnung wirklich zu, dann mußte auch das andere Wahrheit sein.

Flüchtig stieg wohl auch noch die Erinnerung daran auf, daß mit der Begegnung das Glück zu ihr komme.

Sie dachte an die Beschreibung, die dabei die Wahrsagerin gegeben hatte; an irgend jemand erinnerte sie diese, ohne daß Ika an eine bestimmte Person dachte.

Sie blickte wie suchend auf. Da hörte sie dicht neben sich eine Stimme:

»Wie schön, daß ich Sie hier finde. Erlauben Sie mir, gnädiges Fräulein, daß ich Sie ein Stückchen Wegs begleite?«

Ika wandte den Kopf überrascht zur Seite und erkannte Herrn von Hesselodhe. Gleichzeitig aber fand sie nun die Erklärung für die ihr bekannt erschienene Beschreibung; sie stimmte in allen Einzelheiten auf Frank von Hesselodhe.

Ika war derart überrascht, daß sie nicht sofort zu antworten vermochte. Zu plötzlich hatte sich genau das erfüllt, was diese Liane de Turenne vor kaum einer Viertelstunde vorher gesagt hatte; sie hatte auch die Schilderung von Herrn von Hesselodhe verblüffend genau gegeben.

Aber wie das Wahrheit war, mußte nun auch das andere über Doktor Marçan zutreffen?

Frank von Hesselodhe plauderte unterdessen, während Ika nur zerstreut zuhörte. Ganz plötzlich warf sie ihm die Frage zu:

»Wie kommen Sie gerade hierher, Herr Baron?«

»Ich war auf einem Spaziergang und hatte dabei einen besonderen Glückstag, daß ich gerade Ihnen begegnete.«

»Kennen Sie auch die Madame de Turenne?«

»Madame de Turenne? Wer ist das?«

Frank von Hesselodhe schaute erstaunt auf Ika, die an seine Unbefangenheit glaubte. Sie strich sich mit der Hand rasch über die Stirne, als wollte sie in der Erinnerung etwas austilgen. Und dann antwortete sie mit einem Hochziehen der Schultern:

»Mir fiel der Name eben ein.«

»Eine Französin?«

»Wahrscheinlich.«

»Verkehrt diese Dame auch im Hause Ihrer Frau Schwester, der Baronin von Brandeis?«

»Nein!«

Und halb zerstreut folgte Ika den weiteren, harmlosen Worten ihres Begleiters und dachte dabei immer nur an ihr Erlebnis.

Es traf noch alles zu, was diese seltsame Madame de Turenne vorausgesagt hatte: Die Vergangenheit hatte sie mit ebenso wahren Bildern geschildert, wie sie auch kommende Dinge bestimmt hatte. So konnte auch das andere nur Wahrheit sein: Hanns hatte gelogen, und jene Frau im roten Haus, zu der er nur heimlich ging, war seine Frau.

Dann müßte auch das Glück erst jetzt mit Frank von Hesselodhe kommen.

Ika wandte den Kopf und begann aufmerksamer zuzuhören.


7. Kapitel.

Liane de Turenne hörte hinter sich bereits zum zweitenmal das leise vibrierende Glockensignal, das ihr eine außergewöhnliche Meldung anzeigte. Ihre schmalen, mondsichelförmigen Brauen über den tiefschwarzen Augen zuckten etwas, aber ihre Stimme behielt die gleiche Ruhe:

»Es wird eine Winternacht kommen, in der ich ein anderes Bild erkenne; da sehe ich Sie im Myrthenkranz und Sie halten Ihren Arm um den Hals des gleichen Mannes.«

Sie schilderte diese Szene noch weiter, wobei ein junges Mädchen, das mit der Gläubigkeit ihrer achtzehn Jahre auf diese Prophezeiungen lauschte, mit offenen Augen auf die ihr wundersame Frau schaute.

Nochmals schrillte das Signal, für die Besucherin unhörbar. Da wußte Liane de Turenne, daß Sie ein Ende machen mußte.

Sie fuhr sich wie aus einem Schlaf erwachend über die Stirne und begann immer müder zu sprechen:

»Myrthenduft überall, und das macht so müde; jetzt sehe ich nichts mehr vor lauter Rosen, die das Glück bedeuten.«

Dann hob sie den Kopf und lächelte. Das junge Ding aber war mit einem solchen Ende mehr als zufrieden und beklagte sich nicht, als die Wahrsagerin damit ihre Mitteilung beendete.

Das gewohnte Gong schlug an, und die Vorhänge trennten Liane de Turenne, die sofort aufstand, den Silberspiegel des Sainte-Croix nachlässig beiseite warf und durch einen der Vorhänge eine Tür erreichte, durch die sie rasch hinauseilte.

Die rote Musch stand bereits ungeduldig da. Auf ihrem kupferrot leuchtenden Haar saß der Hut mit den Reihern etwas schräg und verriet, daß er in der größten Eile ausgesetzt worden war. Die breiten Nüstern der langen Raubvogelnase bebten in erregtem Atmen.

Liane de Turenne fragte hastend:

»Was ist denn geschehen, daß du mich gestört hast?«

Aber sie hatte ihre Frage noch gar nicht ganz vollenden können, da entgegnete die rote Musch auch schon mit überschlagender Stimme:

»Die Steinamanger ist tot; sie hat Selbstmord begangen; durch Gift.«

So sehr sich Liane de Turenne auch zu beherrschen verstand, so erschrak sie doch für den Bruchteil einer Sekunde. Eine einzige rasche Bewegung nach dem Haar verriet es. Das elfenbeinblasse Antlitz konnte nicht mehr fahler werden, denn es schien in den Wangen kein Blut mehr zu fließen. So war nur diese unwillkürliche Bewegung das Zeichen ihres Erschreckens.

Daß sie auch mit der Hand eine abwehrende Geste machte und nichts sagen konnte, ließ ihre augenblickliche Erschütterung begreifen.

Die rote Musch, die erst die Wirkung dieser ersten Nachricht abgewartet hatte, berichtete nun mit ihren lebhaften Gebärden weiter:

»Niemand weiß, wie sie zu dem Gift gekommen ist, und im Hause der Baronin werden schon allerlei Geschichten erzählt. Ich war in der Küche, und dort hat die dicke Köchin zu mir selbst gesagt, die Baronin Steinamanger sei immer zu einer Wahrsagerin gelaufen und daher käme nun die Geschichte; früher sei die Baronin immer die allerlustigste gewesen, aber seit sie mit dem Laufen zu der Wahrsagerin begonnen habe, sei sie eine ganz andere geworden.«

Da faßte Liane de Turenne den Arm der roten Musch und drückte ihn so fest, daß diese unwillkürlich aufschrie. Dabei zischte sie:

»Schweig! Du schwätzt noch solche Dummheiten nach. Habe ich ihr gesagt, daß sie Gift nehmen soll?«

Die rote Musch riß sich los; in ihren Augen funkelte etwas wie ein verhaltener Groll.

»Das hab' ich auch nicht behauptet, denn dazu sind wir wohl beide zu klug.«

»Weißt du, ob ein Name genannt worden ist?«

»Nein! Das hätte ich sicher gehört.«

»Hat die Tote irgendwelche Mitteilungen hinterlassen?«

»Es soll nur ein Brief an den Baron gefunden worden sein. Er lag auf dem Nachtschränkchen neben dem Bett, in dem sie zu schlafen schien.«

»Und in dem Brief? Weiß man davon?«

»Nur der Baron hat ihn gelesen; aber er hat kein Wort darüber gesagt.«

Einen Augenblick schwieg Liane de Turenne mit zusammengekniffenen Lippen, die dadurch so dünn waren wie ein einziger Strich aus Blut, in dieses unbewegte, starre Antlitz eingezeichnet. Dann aber streckte sie sich wieder, daß ihre Gestalt zu wachsen schien:

»Was redest du? Sind wir die Hüterinnen über alle, die irgendwie Gift in die Hände bekommen?«

Diese Ruhe verblüffte selbst die rote Musch, die ihre stechenden, graugrünen Augen auf Liane richtete:

»Hier war sie doch immer?«

»Habe ich ihr die Tat geraten?«

»Gewiß, das nicht, aber . . .«

Da unterbrach sie Liane mit einer harten Stimme, von der ein Zwang auszugehen schien:

»Dann sind auch alle Worte verschwendet.« Sie zog mit einer leichtfertigen Bewegung die Schulter hoch. »Wir haben eine gute Besucherin verloren, mehr nicht. Hast du die übrigen Meldungen gebracht, die ich wünschte?«

Dieser jähe Wechsel und die Sicherheit überraschten die rote Musch derart, daß sie mit halboffenem Mund auf Liane starrte. Diese mußte es doch so gut wie sie selbst wissen, warum die Baronin Steinamanger Selbstmord begangen hatte, die nur aus Verzweiflung über die Untreue ihres Gatten das Gift genommen. Aber diese Nachrichten hatte ihr Liane de Turenne immer aus dem geheimnisvollen Spiegel des Sainte-Croix gegeben. Und da die fast bis zum Wahnsinn gesteigerte Eifersucht der Baronin jede Meldung mit verschwenderischer Freigebigkeit bezahlte, so wurden die Berichte oftmals gegen jede Wahrscheinlichkeit gegeben.

Das aber mußte Liane de Turenne wissen, wie es auch der roten Musch kein Geheimnis war.

Ungeduldig fuhr die Wahrsagerin auf:

»Was blickst du mich wie ein Gespenst an?«

Etwas zögerte die rote Musch noch, dann aber kam der Groll, den sie innerlich gegen die Stärkere und Schönere empfand, doch hemmungslos zum Ausbruch:

»War denn alles wahr, was die Selbstmörderin hier gehört hat?«

Ein geringschätziges Lächeln huschte für eine Sekunde über das schmale, blasse Gesicht, dann zuckten die Lippen und sie wandte der roten Musch den Rücken; über die rechte Schulter hinweg warf sie kurz die Bemerkung zurück:

»Zwinge ich eine nur, mir zu glauben? Verbürge ich mich je für die Wahrheit? Ich wiederhole, was mir der Spiegel des Sainte-Croix zeigt. Mag jede und jeder selbst prüfen, wie viel daran Wahrheit ist. Ich habe diese nie behauptet.« .

Noch eine abwehrende Geste mit der Hand, und Liane de Turenne ging hinaus, als wäre nichts geschehen.

Die rote Musch blieb zurück, wobei sich ihre Züge zu einer grimmigen Fratze verzerrten; schließlich schüttelte sie den Kopf, lachte wütend auf und ballte die Fäuste gegen die Türe, durch die Liane hinausgegangen war:

»Du spielst viel zu kalt, um nicht doch einmal zu verlieren. Mich hast du zu einem Werkzeug in deiner Hand machen können, ich komme nicht mehr frei. Aber du wirst auch die Grenze finden, an der du scheiterst.«

Dann sank sie wieder in ihre unscheinbare, gebückte Stellung zusammen und schritt der Türe zu.

Aber die rote Musch konnte Liane de Turenne nicht sehen, die jetzt an ihrem Schreibtisch saß. Sie lehnte sich weit zurück, daß der Nacken auf der Kante der Lehne lag. Ihre Augen waren geschlossen, so daß dies bleiche Gesicht wie das einer Toten aussah. Langsam öffneten sich die Augen wieder, doch desto schärfer preßten sich die Lippen aufeinander.

Sie fühlte, was die rote Musch zu ihr sagen wollte, aber sie mochte es nicht hören, da sie die Anklage selbst empfand.

Sie spielte wohl mit Menschen und warf sie in Leidenschaften, deren Spielball sie dann wurden, sie schaffte aus ihrem Willen Zufälle, weil sie diese zu Geld zu machen verstand, aber vor der Verantwortung verspürte sie zum erstenmal ein Zurückschrecken.

Doch nur Minuten waren es, daß sie sich dieser Stimmung hingab. Dann strich sie mit der Hand über die hohe, weiße Stirn hin, als ließe sich damit alles Lästige fortwischen. Und schon saß sie wieder gebeugt über die Blätter und Zettel, die vor ihr lagen.

Es währte auch nicht lange, da meldete sich das bekannte Signal und das Lichtzeichen.

Liane wollte eben zur Türe hingehen, als bereits die rote Musch ins Zimmer trat und in kurzem, fast ablehnendem Tone die Meldung brachte:

»Im Wartezimmer ist die Baronin von Brandeis.«

Da blitzte etwas in den schwarzen Augen auf, aber als sie gerade eine Antwort geben wollte, schien sie sich plötzlich anders zu besinnen. Sie nickte. Und mit einem Lächeln gab sie die Weisung:

»Ich bin heute zu müde, sage ihr, was du willst, daß ich nicht da bin, irgend etwas Gleichgültiges.«

»Die Baronin ist in größter Aufregung und will sich nicht zurückweisen lassen.«

»Ich habe keine Lust.«

»Aber sie wurde doch für heute bestellt.«

Liane schloß zwinkernd die Augen; dann huschte ein Blick zur Uhr hin. Halb fünf! Und um fünf mußte der Baron Gilbert von Brandeis bei Hanne Ramboldt erscheinen.

Das hatte sie vorher nicht gewußt und deshalb war Liane de Turenne für alle Besucher zu müde, am meisten aber für die Baronin von Brandeis.

Die vertrockneten Lippen der roten Musch zuckten. Sie stand immer noch an der Tür und hielt den Griff in der Hand. So wartete sie, ihre graugrünen, stechenden Augen wie lauernd auf Liane gerichtet.

Diese fragte gereizt:

»Gibt es sonst noch etwas zu melden?«

»Nein, das nicht! Aber die Frau Baronin ist in einer Erregung, die an die Steinamanger erinnert. Ein Wort genügt schließlich zur Beruhigung.«

Nochmals streiften die tollkirschenschwarzen Augen der Wahrsagerin zur Uhr; dann zog sie geringschätzig die Schultern hoch und erklärte:

»Ich habe keine Zeit.«

Die rote Musch ließ sich dadurch noch immer nicht abfertigen:

»Die Frau Baronin von Brandeis ist in einer Aufregung, die eine Wiederholung der Tat, von der ich schon erzählte, möglich macht.«

Diese Mahnung ließ die Stimme von Liane de Turenne schrillen:

»Weshalb wiederholst du das immer wieder? Sagte ich nicht schon, daß ich nicht die Hüterin für alle sein kann? Morgen mag sie kommen, morgen ja, da kann sie dann alles hören, da weiß ich jede Antwort.«

»Morgen? Wird es morgen nicht wie heute heißen?«

»Nein!« Ein rasches, flüchtiges Lächeln huschte über das Antlitz der Wahrsagerin; sie nickte, als wollte sie sich ihre eigenen Gedanken bestätigen. Dann sagte sie noch: »Du magst ihr noch sagen, daß ich morgen alles weiß.«

Die rote Musch nickte zustimmend und ging dann hinaus.

Liane de Turenne blieb noch für ein paar Augenblicke stehen. Ihre Brauen zogen sich steil empor und verrieten ihre lebhaft arbeitenden Gedanken.

Die beiden durften sich nicht begegnen, der Baron und die Baronin. Die eine verließ in diesem Augenblick das Haus der Liane de Turenne, während in der gleichen Zeit der Baron in das Haus der Hanne Ramboldt trat. Nur Haus neben Haus!

Was lag daran?

Sie vertraute auf ihr Glück.

Morgen wußte sie, ob sie das Spiel gegen Gilbert gewonnen habe.

Dann konnte sie immer noch das Schicksal anders gestalten.

An das Ende der Baronin Steinamanger dachte sie nicht mehr. Sie schüttelte solche Gedanken wie etwas Lästiges ab.

Dann ging sie nach dem rückwärtigen Korridor, der mit einer Tapetentüre endete, die ein unbefangenes Auge gar nicht bemerkte, die sich so in die Tapete einfügte, daß ihr Vorhandensein nicht geahnt werden konnte.

Sie öffnete diese Tür, nachdem sie mit einem raschen Blick zurück sich überzeugt hatte, daß sie nicht gesehen wurde, und glitt rasch in das nächste Haus.

Jetzt war sie mit dem Durchschreiten der Türe eine andere. Jetzt gab es nicht mehr die Liane de Turenne, sondern nur noch die Rentiere Hanne Ramboldt.

Rasch huschte sie nach dem kleinen roten Salon.

 

* * *

 

Doktor Hanns Marçan empfand es selbst, daß er Ika in den beiden letzten Tagen stark vernachlässigt hatte. Aber es hatte für ihn so große Pflichten gegeben, daß er darüber an sich nicht denken durfte; eine ansteckende, gefährliche Krankheit hatte sich bei mehreren seiner Patienten gleichzeitig in den ersten Stadien bemerkbar gemacht, und als gewissenhafter Arzt hatte er sein ganzes Können eingesetzt, um die gefährliche Krankheit gleich im Entstehen zu unterdrücken.

Seine Eigeninteressen mußten einer solchen Pflicht gegenüber natürlich in den Hintergrund treten. Seine Gedanken hatten wohl nach Ika verlangt und oft hatte er die Absicht gehabt, ein paar flüchtige Zeilen an sie zu schreiben, um sie von den Gründen seines Fernbleibens zu verständigen, aber es war immer nur bei diesem Wollen geblieben, denn eine neue Wendung in einem dieser Fälle nahm ihn bald wieder ganz in Anspruch.

Dazu kam wohl noch etwas anderes, das ihn erregte und ebenso lebhaft beschäftigte, worüber er nicht einmal zu jedem sprechen konnte.

Doktor Marçan stand bei diesen Gedanken vor dem Spiegel und war eben zum Ausgehen bereit; die so scharfen Züge, die jede Stimmung erkennen ließen, zeigten einen finsteren Ausdruck und ein grübelndes Ueberlegen. Auch die dicht zusammengepreßten Lippen verrieten ein innerlich starkes Beschäftigtsein mit Gedanken, die ihn unruhig machten.

Aber er schüttelte sie rasch ab und ging vom Spiegel weg.

Seine sehnige, kräftige Hand strich dabei über die Stirne hin, als gelte es, etwas Unbequemes fortzuwischen.

Er hoffte, Ika anzutreffen, und wenn er in ihre dunklen, rehbraunen Augen, die ihm stets wie von bedingungsloser Treue zu sprechen schienen, sehen konnte, dann mußte auch das Trübe jener letzten Tage schwinden.

Er atmete tief auf wie einer, der sich erleichtert weiß.

Im Korridor half ihm der alte Diener beim Anziehen des Ueberrocks. Ehe Doktor Marçan dann die Wohnung verließ, fragte er noch:

»Was soll ich für Bescheid geben, wenn wieder der Graubärtige kommt?«

Das Gesicht Doktor Marçans, das schon den frohen, erwartungsvollen Ausdruck über die erhoffte Begegnung zeigte, erhielt wieder einen verärgerten Zug; er machte mit der Hand eine heftig abwehrende Geste, als wollte er damit etwas gewaltsam abschütteln, und erklärte:

»Ich kann nichts mehr tun; meine Pflicht habe ich mehr als erfüllt.«

Der alte, treue Diener duckte sich zusammen, als habe er bei seinem Herrn eine schmerzliche Wunde berührt, und sagte dann ganz kleinlaut:

»Er wird wieder Lärm machen wollen und drohen.«

»So mag er tun, was er will.«

»Ob sie noch lange so fortleben kann?«

Die Frage kam so leise über die welken Lippen des Alten, daß sie wie ein kaum hörbares Flüstern war.

Doktor Marçan zog die Schultern hoch und antwortete nichts; er ging rasch hinaus, ohne noch eine Antwort zu geben.

Der Diener blieb zurück, sah eine Weile vor sich hin und begann dann an seinem Rock ein Paar Staubfädchen fortzuwischen; dabei murmelte der welke Mund im Selbstgespräch vor sich hin:

»Trude! Das ist nun das Ende von einst so großen Erwartungen.«

Weitere Worte verloren sich in einem unverständlichen Brummen.

Doktor Marçan schlug unterdessen den Weg ein, der ihn zu der Villa des Barons von Brandeis führte. Er wollte schon irgend einen Vorwand finden, um mit Ika für ein paar Minuten allein sein zu können.

Und das Glück schien ihm sogleich günstiger zu sein, als er es erhoffte. Als er sich in der Villa anmeldete, fragte er zuerst nach der Baronin von Brandeis und erhielt den Bescheid, diese sei nicht zu Hause, nur das Fräulein Schwester. »Das gnädige Fräulein ist auf der Gartenterrasse; Herr von Hesselodhe ist als Gast zugegen.«

Doktor Marçan nickte flüchtig und ließ sich melden; er wußte wohl, daß dieser Herr von Hesselodhe von der Schwester Ikas begünstigt wurde, aber er war doch von der Liebe Ikas so überzeugt, daß er in diesem Zusammensein keine Gefahr sah. Er war sogar davon überzeugt, daß Ika selbst sehr rasch einen Vorwand finden würde, um mit ihm ein paar ungestörte Worte plaudern zu können.

Das Mädchen kam auch bald wieder und führte ihn auf die Terrasse.

Ika Oehringen und Frank von Hesselodhe saßen in Korbstühlen vor einem gedeckten Kaffeetisch. Beide standen auf, als Doktor Marçan nähertrat.

Dieser grüßte in gesellschaftlicher Höflichkeit, um nichts von dem Geheimnis zu verraten, das doch ihr Geheimnis bleiben sollte. Aber als er dabei die Hand Ikas hielt, spürte er diese eisig kalt, daß er daran fast erschrak. Ueberrascht blickte er auf und nun erst fiel ihm auf, wie blaß das Gesicht Ikas aussah, deren Wangen sonst ein warmes Rot färbte.

Auch die Worte der Begrüßung klangen ihm, als kämen sie nicht von den Lippen Ikas, sondern aus einem fremden Munde.

Da aber Herr von Hesselodhe gleich zu erzählen begann und dies in ungewöhnlich lebhafter Art tat, schrieb Doktor Marçan seine erste Beobachtung irgend einem Zufall zu.

Trotzdem hörte er kaum auf dessen Erzählungen, die den Eindruck des Erzwungenen machten. Die laute Art widersprach übrigens so sehr dem sonstigen Wesen dieses Mannes, daß Doktor Marçan aufmerksamer, kritischer in seinem Beobachten wurde. Es war ihm, als wäre er als ein Störenfried gekommen, als sei seine Anwesenheit unerwünscht. Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als er dem Blick Ikas zu begegnen suchte, die ihm aber stets auszuweichen verstand.

Doktor Marçan wollte auch dies anfangs nur als einen Zufall gelten lassen, aber so oft er den erneuten Versuch machte, sich mit einem Blick heimlich zu verständigen, fand er immer nur dies ihm völlig unverständliche Ausweichen.

Dies alles beschäftigte seine Gedanken so stark, daß er sich an der Unterhaltung kaum noch beteiligte; aber auch Ika selbst war immer schweigsamer geworden, so daß schließlich nur noch Herr von Hesselodhe sprach, der zwei Zuhörer hatte, von denen keiner wirklich auf seine Erzählungen achtete.

Wenn Doktor Marçan eine Frage unmittelbar an Ika richtete, so daß sie ihm antworten mußte, senkten sich die Lider so weit über die rehbraunen Augen, daß er ihren Blick nicht prüfen konnte; er versuchte es dabei wohl, mit ihr eine andere, heimliche Verständigung zu erzielen, aber er begegnete keinem Entgegenkommen, das ihm seine Bestrebungen erleichtert hätte.

Er mußte wohl oder übel erkennen, daß die Veränderung Ikas keine zufällige, sondern eine absichtliche war.

Schließlich grübelte er, während er zerstreut zuhörte und unbedachte Antworten gab, nur noch über die Gründe dieser Beobachtung nach.

Seine einzige Hoffnung blieb, daß sich Herr von Hesselodhe doch einmal verabschieden mußte. Dann konnte er Ika selbst fragen, denn es mußte hier irgend ein Mißverständnis vorliegen.

Das Mädchen hatte bereits abserviert.

Da begann sich Herr von Hesselodhe aufzurichten:

»Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, aber ich muß mich nun verabschieden und darf nicht länger bleiben.«

Doktor Marçan sah auf Ika.

Diese, die vorher noch so blaß gewesen, errötete plötzlich; in ihre Stimme kam etwas Hastendes, als sie sich an Hesselodhe wandte:

»So bleiben Sie doch noch!«

»Sehr gerne würde ich es tun, aber ich habe eine Verabredung.«

»So schlimm wird es wohl nicht sein und einige Minuten werden sie immer zugeben können. Herr Doktor Marçan wird sie dann dafür begleiten.«

Aber als sie das sagte, wich sie jedem Blick in die Augen Doktor Marçans aus.

Herr von Hesselodhe lächelte:

»Das kann ich natürlich nicht ablehnen. Und einige Minuten werde ich schließlich noch verantworten können.«

Langsam setzte er sich wieder in den Korbsessel.

Doktor Marçan aber preßte die Lippen dicht zusammen. So deutlich hatte Ika gesprochen, daß er sie nicht mehr mißverstehen konnte: sie hielt diesen Herrn von Hesselodhe zurück, um nicht mit ihm allein sein zu müssen. Sie wollte ihm ausweichen, sie scheute eine Begegnung mit ihm.

Aber warum?

Diese Frage beschäftigte ihn unablässig.

Was war geschehen, daß diese plötzliche Sinnesänderung verstehen ließ?

Doktor Marçan mußte einsehen, daß er nach den Worten Ikas an Herrn von Hesselodhe nicht länger bleiben konnte als dieser, denn sie hatte ihn ja ausdrücklich als Begleiter des Barons genannt.

So gingen denn beide bald darauf, von Ika Oehringen noch bis zur Diele der Villa begleitet.

Wieder war ihre Hand eisig kalt, als sie Doktor Marçan festhielt; und als er der seinen einen stärkeren Druck zu geben versuchte, spürte er deutlich, wie ihm Ika ihre Hand mit einer widerstrebenden Gewalt zu entziehen trachtete.

Herr von Hesselodhe aber stand lächelnd dabei; es gab für Doktor Marçan keine Möglichkeit, ein Wort oder eine Frage zu stellen, die nicht kontrolliert wurde. Was für ihn das schmerzlichste war, bedeutete die Ueberzeugung, daß es Ika so gewollt.

Doktor Marçan, der gekommen war, um seine Sorgen und Pflichten zu vergessen, um mit einem Blick in ihre Augen wieder in gehobenere Stimmung zu kommen, um an fröhlichere Dinge zu denken, mußte jetzt viel bedrückter gehen, sah sich beunruhigt und gequält und hatte von seinen Absichten nichts erreicht.

Mechanisch schritt er neben Herrn von Hesselodhe her, der nun auch seine Geschichten aufgegeben hatte und ebenso stumm geworden war. Beide hingen ihren eigenen Gedanken nach, die keiner dem anderen vertraute. Beide zweifelten nicht, welche Rolle sie eben gespielt hatten. Nur einmal flog ein prüfender Blick von Herrn von Hesselodhe zu Doktor Marçan hinüber und von diesem einmal zurück. An der nächsten Straßenecke aber fanden beide, daß sich ihre Wege nun trennen müßten.

Ganz langsam ging Doktor Marçan, als er jetzt allein war.

Er konnte darüber nicht hinwegkommen, daß ihn Ika mit Absicht fortgewiesen hatte. Er fand keine Erklärung dafür.

Es gab nur eine Möglichkeit: Ika selbst zum Reden zu bringen; zu ihr mußte er den Weg suchen.

Das letzte Beisammensein war noch ganz von dem Gedanken an ihre gegenseitige Liebe erfüllt: wie er die Liebe aus jedem ihrer Worte herausgehört, wie er sie damals in jedem Händedruck empfunden hatte! Eine solche Leidenschaft konnte nicht an einem dreitägigen Fernbleiben erfroren sein. Und doch war es, als wäre die Liebe erfroren, als wären jene heißen Worte unter dem blühenden Apfelbaum nie gesprochen worden, so fremd und kalt war Ika heute zu ihm gewesen.

Warum nur?

Da half kein stilles Fragen, darauf mußte er sich die Antwort selbst holen.

Und wie er dies ermöglichen konnte, daran dachte er unausgesetzt.

 

* * *

 

Ika Oehringen floh auf ihr Zimmer; dort ließ sie sich auf die Ottomane fallen und grub ihr heißes Gesicht in die Kissen. So lange er in ihrer Nähe war, spürte sie, wie eisig kalt ihr Blut in den Adern floß. Aber jetzt brannte eine Glut in ihr.

Er hatte es ja fühlen müssen, wie sie nicht mehr die gleiche, wie sie eine andere geworden war.

Ob er die Ursache ahnte?

Er mußte sie doch wissen, er konnte nicht zweifeln, daß sie von seiner Lüge wußte.

Dann aber würde er nicht mehr kommen.

Das war dann das Beste.

Es war so schwer gewesen und ihr Herz hatte in geheimem Weh aufschreien wollen, aber doch wieder still sein müssen.

Sie hatte es ja nicht glauben wollen; sie hatte sich mit aller Vertrauensseligkeit zu wehren gesucht.

Aber nun hatte sie den letzten Beweis, daß jene Liane de Turenne, deren geheimnisvolles Wissen wirklich nur aus einer unerklärlichen Quelle kommen konnte, die über dem oberflächlichen Wissen der Menschen stehen mußte, doch tiefer in Zukunft und Vergangenheit schaute.

Ika Oehringen hatte sich überzeugen müssen.

Sie glaubte nun an diese Madame de Turenne, wenn sie für deren Kunst auch keine Erklärung zu geben wußte.

Wie alles, was sie aus dem Silberspiegel des Sainte-Croix an Bildern gesehen, Wahrheit war, so auch jene letzte Schilderung. Diese seltsame Frau hatte mit dem ersten Blick die Verstellung Ikas erkannt, deren heimliche Verlobung gewußt, von Hanns dessen Geheimnisse berichtet, seine nächtlichen Besuche geschildert, den Ort so deutlich gekennzeichnet, daß ihn Ika finden konnte, seine Vergangenheit beschrieben und seine Lüge behauptet.

Ika hatte selbst in allem die Wahrheit bestätigt gefunden.

Und als Liane de Turenne auch noch jene Zufallsbegegnung mit Herrn von Hesselodhe, den sie gar nicht kennen konnte, vorhergesagt hatte, da zweifelte Ika Oehringen an der geheimnisvollen Kraft nicht mehr, die dieser seltsamen Frau innewohnte.

Mit der Erfüllung dieser vorhergesagten Begegnung schwanden die letzten Bedenken Ikas.

Aber doch nicht ganz; zwar fand Ika nicht mehr das bedingungslose Vertrauen zu Hanns, um nur von ihm Rechenschaft und Aufklärung zu verlangen, aber sie suchte nach einer Möglichkeit, um die Bestätigung für jene letzten Schilderungen aus der Vergangenheit des Doktor Marçan zu erhalten.

Ika war gegen ihren Willen den Zuflüsterungen der Liane de Turenne unterlegen.

Als sie nach dem Weggange aus dem Hause der Wahrsagerin wirklich mit Herrn von Hesselodhe so zusammentraf, wie diese eine solche Begegnung beschrieben, da kreisten in den Gedanken Ikas unablässig die weiteren Zuflüsterungen, daß dieser ihr Glück bedeuten werde. Und alle diese Einwirkungen begannen eine derartige Macht über Ika zu gewinnen, daß sie in allem unterlag. So kam es, daß sie ihre letzte Ungewißheit durch die Unterstützung des Herrn von Hesselodhe beseitigen wollte.

Ihm vertraute sie jetzt mehr.

Sie verriet ihm nichts von ihrem Verhältnis zu Doktor Marçan, aber sie ließ doch durchblicken, daß sie über dessen frühere Zeit irgend welche Aufklärung wünschte. Der Befragte gab ihr zuerst ahnungslos Bescheid und erwähnte Auskunfteien, die solche Fragen sicher am besten beantworten würden. Zuletzt wagte es Ika sogar noch, ihm die Frage, die sie beantwortet wissen wollte, schriftlich zu übergeben.

Und an dem Tage, da Doktor Marçan dann hinzugekommen war und am gleichen Tische saß, hatte ihr Herr von Hesselodhe den verlangten Bescheid in einem versiegelten Umschlag gebracht.

»Ich betrachtete ihre Anfrage als ihr Geheimnis und habe mir daher die Antwort auch verschlossen geben lassen.«

»So wußten sie nicht, was ich für eine Frage stellte und wie sie beantwortet wurde?«

»Nein, ich hielt mich zu dieser Neugierde nicht für berechtigt. Verschlossen übergab ich ihre Frage, und versiegelt bekommen sie die Auskunft.«

So hatte sie in seiner Gegenwart auch den verschlossenen Bescheid nicht öffnen wollen. Und dann hatte sich Doktor Marçan gemeldet.

Da sie aber die verschlossene Auskunft über ihn in ihrer Handtasche wußte, so hatte sie nicht mehr in seine Augen zu sehen gewagt und sich vor einem Alleinsein mit ihm gefürchtet. Sie fühlte es in seiner Gegenwart, daß sie doch den falschen Weg gegangen war.

Immer wieder spürte sie es, wenn sie die Lider auch senkte, daß seine Augen in den ihren zu fragen bestrebt waren.

Ihr war es oft, als müßte das versiegelte Schreiben in ihrer Tasche laut zu sprechen anfangen, wie sie auf heimlichen Wegen in seine Geheimnisse einzudringen versuchte. Unter seinen Blicken empfand sie wieder etwas von Neue. Nur deshalb fürchtete sie sich allein. Und mit einer erregten Hast kam sie auf den Gedanken, ihn zu zwingen, daß er mit Herrn von Hesselodhe gehen mußte.

Bis zur Türe hatte sie noch mitgehen können; dann war sie fluchtartig auf ihr Zimmer geeilt.

Langsam richtete sie sich von der Ottomane auf.

Mit Augen, die vom Weinen eine leichte, rötliche Entzündung aufwiesen, schaute sie wie emporgeschreckt umher.

Mußte sie sich wirklich Vorwürfe machen, wenn doch alles Wahrheit war?

Warum sollte sie eine Demütigung spüren, da nur er die Schuld trug?

Er allein hatte sie betrogen.

Aber sie hatte die Auskunft noch gar nicht gelesen. Wenn sie doch anders lautete, als jene Madame de Turenne seine Vergangenheit beschrieben?

Es galt ja nur die letzte Ueberzeugung zu gewinnen.

Eine Kleinigkeit nur!

Auf dem Tischchen lag die Handtasche. Und in der Tasche der Brief, und in dem Brief die Antwort.

Ihre Augen starrten eine Weile hin, als wagte sie gar nicht darnach zu greifen.

Nur Sekunden waren es, dann griff sie fast ungestüm darnach.

Es zitterten ihre Hände dabei, als sie den Brief hervorholte, den Umschlag aufriß und den Bogen auseinanderfaltete; gehetzt jagten ihre Augen über die in Schreibmaschinenschrift geschriebenen Zeilen:

 

»Auf Ihre Anfrage können wir im wesentlichen nur bestätigen, was Sie selbst erwähnten: Doktor Hanns Marçan heiratete am 23. April 1909 die Konzertsängerin Trude Stötteritz in der Dorfkirche von Entwang und übersiedelte mit ihr in die Villa Collani am Gardasee. Unsere Auskunft ist nach der amtlichen Eintragung in der Kirche selbst erfolgt. Hochachtungsvoll! Bernhard Römer, Auskunftei.«

Jetzt hatte sie den verlangten letzten Beweis.

Wahrheit, aber so schwer, daß Ika auf die Zeilen wie auf etwas Unheimliches starrte.

Trude!

Das war der Name auch der Fremden aus dem roten Haus der Hafengasse.

So war es seine Frau, zu der er so verstohlen geschlichen war.

So war er nicht frei, und jedes Wort von Liebe war Lüge!

Sie ließ mit einem wilden Aufschluchzen den Brief fallen und warf sich wieder auf die Ottomane, um sich durch Tränen von allem Weh Erleichterung zu verschaffen.

 

* * *

 

Jetzt war sie nur Hanne Ramboldt, als sie noch rasch vor den Spiegel hintrat und einen prüfenden Blick auf ihr Bild warf. Leicht aufgelegter Puder verlieh den Wangen ein unmerkliches Rot, das eine erregte Stimmung vortäuschte, und der Gebrauch von Atropin zu Einträufelungen ließ die tiefschwarzen Augen dunkler leuchten. Auch das Rot der schmalen Lippen hatte einen stärkeren Glanz.

Die graue Seide ihres Kleides, das die immer noch feinen, zarten Formen der schlanken Gestalt umschmiegte, unterstützte wirkungsvoll den matten Ton ihrer Haut.

Sie trat zurück und schaute rasch über den gedeckten Tisch, auf den blendend weißen Seidendamast, auf das wertvolle Kopenhagener Porzellan, auf das Silber und den aufgestellten Blumenschmuck in echten Galléschen Vasen.

Nun durfte er kommen.

Aber die zierliche Stutzuhr schlug bereits mit hellklingenden Schlägen die vereinbarte fünfte Stunde an.

Das schmale Antlitz von Hanne Ramboldt wandte sich gespannt lauschend nach der Richtung der Tür zu.

Wenn sie ihres Spiels doch zu sicher gewesen sein sollte? Wenn ihm ihr Brief doch gar nichts mehr bedeutet haben sollte?

Dann blieb ihr noch als letztes ihre Rache.

Der Gedanke war in den verstrichenen Jahren nicht zum Schweigen gekommen, wenn er auch geschlafen hatte.

Sie ging unruhig auf und nieder und trat dabei wiederholt an das Fenster und schaute mit einem suchenden Blick hinaus.

Wenn sich Gilbert und die Baronin doch begegnet sein sollten?

Da schrillte ein Glockenzeichen.

Hastig ging Hanne nach der Tür hin und lauschte. Ihr Gesicht lag an der Tür. Rasch richtete sie sich wieder auf, und ein sieghafter Ausdruck funkelte in ihren Augen.

Seine Stimme.

Gilbert von Brandeis hatte in der letzten Stunde noch gezögert, wozu er sich entscheiden solle. Es widersprach vollständig seiner Art, der Vergangenheit – mochte sie in irgendwelcher Gestalt auftauchen – nachzuhängen. Und der Name Hanne Ramboldt hatte für sein Herz nie etwas bedeutet; die Sache war für ihn eine Episode, ein leichtsinniges Abenteuer, das er schon vergessen hatte.

Lediglich die etwas merkwürdige Form, in der er wieder daran erinnert worden war, übte auf ihn einen Reiz aus, dem er zuletzt doch nachgab.

Und so nur kam es, daß er sich kurz nach der bestimmten Zeit melden ließ.

Was ihn noch drängte, war eine unwillkürliche Neugier, zu erfahren, welchen Zweck diese Herausforderung haben sollte. Die Absicht war ja unverkennbar, ihn zu diesem Kommen zu zwingen. Doch wozu? Dies war der weitere Reiz, der ihn beeinflußte.

Und wie mochte sie aussehen, jene Hanne Ramboldt von einst, die jetzt in dieser Form schreiben konnte?

An der Tür zum kleinen Salon trat ihm Hanne Ramboldt mit einem Lächeln entgegen.

Die großen, blauen Augen Gilberts prüften mit einem einzigen Blick die Erscheinung, während er sich in entgegenkommender Liebenswürdigkeit über die schmale, feingepflegte Hand beugte und sie an seine Lippen drückte.

Sein Herz schlug dabei nicht rascher, er selbst empfand nur die Neugier, die Befriedigung sucht, und so sah er die feinaufgelegten Puderstäubchen auf den Wangen, bemerkte die Einwirkung der Lippenschminke, die das Rot noch kräftiger machen mußte, sah mißtrauisch auf den erhöhten Glanz der Augen und kontrollierte mit einem unmerklichen Lächeln die feinen Fältchen, die von der Vergangenheit sprachen.

Seinem nüchternen Blick entging nichts von all den Mitteln, mit denen eine Dame von Welt den Schein einstiger Schönheit aufrecht erhalten kann.

Und die Augen von Hanne Ramboldt hatten das Lächeln, das sie nicht sehen sollte, doch bemerkt und auch verstanden.

Gilbert richtete sich auf:

»Sie finden mich erstaunt, meine Gnädigste, welch ein entzückendes Heim Sie sich hier geschaffen haben. Bilder von Watteau und Boucher. Mein erstes natürlich ist mein Dank, daß Sie mich nicht vergessen haben, und ich werde die Ehre und die Liebenswürdigkeit, die darin liegt, so hoch als möglich schätzen.«

»Im Gegenteil, der Dank kommt wohl mir zu, daß Sie meine Bitte auch erfüllten.«

»Damit würden Sie einer Selbstverständlichkeit zu viel an Verdienst zumessen.«

Worte fielen in einem leichten Geplänkel, bei dem die Worte doch nur die eigentlichen Gedanken verhüllen sollten. Liebenswürdigkeiten mußten über die wirklichen Empfindungen hinwegtäuschen.

Aber beide fühlten schließlich doch das Gequälte dieser Worte.

Als sie dann am gedeckten Tisch saßen, herrschte immer noch das Streben, über die wirklichen Empfindungen hinwegzukommen. Und wenn das Gespräch zu stocken drohte, dann fielen Banalitäten, die sie beide als Lückenbüßer erkannten.

Die Enttäuschungen spürten beide.

Am meisten aber Hanne. Sie fühlte das Gesuchte an ihm, sie hatte sein Lächeln zu deutlich gespürt, sie mußte erkennen, daß sie keine Wirkung mehr auszuüben vermochte. So war sie doch zu alt geworden, so sehr sie sich dagegen auch zu wehren versucht hatte.

Und Gilbert fragte sich in seinen Gedanken, was er hier noch finden konnte, und suchte schon nach dem Vorwand, der ihn rasch wieder gehen ließ.

Die Gefälligkeiten und inhaltsleeren Gesellschaftsphrasen, die gedankenlos an ein Dutzend anderen Orten mit dem gleichen Tonfall wiederholt werden, wechselten hin und her.

Aber während Gilbert die Antwort darauf zu finden suchte, ob dieses Beisammensein bei einer Tasse Kaffee, den er anderswo besser trinken konnte, der einzige Zweck sein sollte, der ihn gerufen hatte, sann Hanne unablässig darüber nach, wie sie zu ihrem Ziele kommen könne. Sie dachte nicht daran, alles preiszugeben, was sie sich in so unendlich vielen Stunden erhofft hatte.

Er war äußerlich kein anderer geworden: er besaß noch, was ihr in der Erinnerung geblieben war. Es waren das gleiche energische Gesicht, die strahlenden, blauen Augen, die sie in ihren Gedanken am meisten geliebt hatte, das etwas brutal wirkende Kinn, die starken, buschigen Brauen und die einschmeichelnde Stimme. Die Zeit hatte ihn äußerlich zu keinem anderen gemacht, und gerade deshalb wollte sie den gleichen wiedergewinnen, ohne zu bedenken, daß die Aeußerlichkeit nur der Zufall ist.

Weil sie selbst den Gleichen wiedersah, wähnte sie die Gleiche geblieben zu sein. Aber sie war das ebensowenig, wie Gilbert innerlich mit dem Gilbert von damals noch etwas gemein hatte.

An diesem Irrtum mußten ihre Pläne scheitern.

Das Mädchen erschien und servierte den Tisch ab.

Dabei klemmte Gilbert die Unterlippe zwischen den Zahnreihen ein und blickte teilnahmslos vor sich hin.

Das Mädchen verschwand geräuschlos.

Da erhob sich Gilbert:

»Muß ich nicht befürchten, daß mein zu langes Bleiben lästig fallen wird?«

»Durchaus nicht. Ich hoffe, daß Sie erst noch eine gute Zigarette rauchen werden; ich kenne doch die Marke von damals. Sie finden sie auf dem Rauchtischchen.«

Ihre Hand wies dorthin.

Gilbert trat näher und nahm eine der gebotenen Zigaretten heraus:

»Ich bewundere Sie, daß Sie dafür das Interesse behalten haben, und danke für diese Aufmerksamkeit, die ich nicht verdiene.«

»Vielleicht war es auch gar nicht Ihr Verdienst, daß ich solche Unscheinbarkeiten nicht vergessen wollte? Waren Sie nicht erstaunt, daß Sie einen solchen Brief überhaupt bekamen?«

»Das kann ich nicht leugnen.«

»Und was war Ihr Gedanke dabei? Darüber hätte ich von Ihnen gerne etwas gehört.«

»Erstaunen zunächst, und dann selbstverständlich Genugtuung und Freude.«

»Sie sprechen sehr höflich.«

»Es ist wirklich nicht nur ein Kompliment.«

»Ich möchte gerne einen Beweis haben. Die Worte allein sind tägliche Bedarfsartikel.«

»Den Beweis würde ich wirklich nicht fürchten müssen, meine Gnädigste.«

Dabei reichte er ihr Feuer, denn auch Hanne nahm eine der Zigaretten.

Nach ein paar Minuten saßen sie in einer Fensternische.

Hanne nagte eine Weile an der Unterlippe; sie wußte, daß sie nun die Entscheidung herbeiführen mußte, wenn sie nicht daran verzichten wollte. Mit einem plötzlichen Lachen, das silbern klang, begann sie zu sprechen:

»Warum dachten Sie wohl, daß ich Sie hier haben wollte? Sie suchten darin doch sicherlich eine Absicht.«

Gilbert, der seine eigenen Gedanken erkannt sah, blickte erst etwas überrascht auf, denn er konnte nicht annehmen, daß sie ihm gerade darüber die Wahrheit sagen werde. Beabsichtigte sie damit irgend etwas? So zog er nur die Schultern hoch und gab eine ausweichende Erklärung:

»Ich wagte nicht mehr als unverdiente Liebenswürdigkeit vorauszusetzen.«

»Wenn aber doch noch ein anderer Grund mitgesprochen hätte?«

Die Brauen Gilberts zuckten; er spürte das Unangenehme der Situation, dem er sich nicht entziehen konnte.

»Dann stehe ich einem Rätsel gegenüber, dessen Lösung ich eben erbitten muß.«

»Kann das Rätsel so groß sein?«

»Jedenfalls bin ich zur Lösung zu ungeschickt.«

Hanne Ramboldt lehnte sich weit zurück; der Nacken lag fast auf der Stuhllehne. Die Lider schlossen sich und ließen nur einen dünnen Spalt offen, durch den ein Strahl ihrer schwarzen Augen hervorschoß.

»So sehr konnten Sie die Vergangenheit vergessen?«

Gilbert wandte seinen Blick ihrer Gestalt zu; er bemerkte das Lauernde hinter diesen halbgeschlossenen Lidern: und langsam erriet er, was sich dort verstecken wollte. Die Leidenschaft glomm darin in einem kaum noch verhaltenen Feuer. Mit kühler Zurückhaltung gab er daher Antwort:

»Vergessen habe ich sicher nichts und ich weiß nicht, womit ich diesen Vorwurf verdiene.«

»Saßen wir uns damals nicht anders gegenüber und redeten andere Dinge als diese höflichen Phrasen? Wußten wir damals nichts anderes zu tun?«

Langsam öffneten sich die Augen von Hanne wieder und groß und dunkel flammten sie auf; auch ihr Oberkörper schob sich weit vor, ihr heißer Atem streifte über sein Gesicht.

Aber Gilbert sah die bereits müden Züge und die trotz aller Pflege schlaffe Haut, die über die Jahre nicht täuschen konnte; er bemerkte den Puder genau so wie die Lippenschminke. Was er dabei empfand, war eher Mitleid mit dieser Frau, die ihre Jugend gewaltsam festhalten zu können glaubte. Er zögerte daher mit der Antwort und erwiderte mit etwas schleppender Stimme:

»Vergessen läßt sich das nie, aber die Zeit geht darüber weg und sie ist es, die nicht immer wiederholen läßt, was in der Jugend selbstverständlich schien.«

Ihre Tollkirschenaugen blitzten in einer mühsam verhaltenen Glut; sie hatte empfunden, was er damit sagte: an ihr Alter mahnte er sie. Das aber wühlte nun wie ein Schimpf in ihr. Er schüttelte sie ab als zu alt.

Unwillkürlich ballten sich ihre Hände; aber nochmals wagte sie einen Versuch; sie brach in ein silbern klingendes Lachen aus:

»Wie ungalant, daran zu erinnern! Von der Ninon de Lenclos erzählt man, daß sie als Großmutter noch die Liebesglut ihres Enkels entflammte.«

Gilbert lächelte diskret:

»Das erzählt man von einer einzigen Frau. Es ist also wohl die Ausnahme der Regel.«

»Sie verstehen es, bittere Pillen zu reichen, Gilbert!« Dann, mit einem raschen Besinnen: »O, verzeihen Sie, den Namen durfte ich wohl nicht mehr gebrauchen.«

»Er klang nicht häßlich, sondern wie eine schöne Erinnerung, und darüber ist man nie ernstlich erzürnt.«

Es schien Zufall zu sein, daß die Hand von Hanne den Arm Gilberts streifte:

»Sie gaben mir wieder ein höfliches Wort zur Tröstung, aber die herbe Wahrheit habe ich doch behalten müssen.«

»Sie klagen mich an?«

»Doch! Sie ließen mich darüber nicht im Zweifel, daß ich niemals die Fähigkeit einer Ninon de Lenclos haben würde.«

»Sie haben auch keinen Enkel, den Sie in Versuchung führen könnten.«

»Muß es gerade der Enkel sein?«

»Dann allerdings besteht für viele eine Gefahr.«

»Und wenn Sie nur einem einzigen drohen sollte?«

»Dann wird er wohl unterliegen.«

»Und Sie wünschen nicht zu wissen, welchem einzigen diese Art von Gefahr beschieden sein soll?«

Ihre Hand glitt dabei von seinem Arm zu seiner Hand. Auch ihre Stimme klang leiser wie in lockendem Werben.

Gilbert von Brandeis zuckte nicht bei der Berührung. Nur die Mundwinkel zogen sich etwas nach abwärts, unmerklich nur, aber doch so, daß der Zug seines Gesichtes wie Hohn war. Seine Stimme behielt die leidenschaftslose Ruhe:

»Es wäre sicher indiskret, wollte ich mich in Ihre Gedanken und Wünsche eindrängen, Gnädigste.«

Hanne Ramboldt war viel zu klug, um auch diesmal nicht sofort zu fühlen, wie er geschickt auszuweichen versuchte; er hatte schon erraten, was sie erregte, und er wollte nur verhindern, daß sie sich selbst noch mehr bloßstellte. Aber die Leidenschaft, die Hanne in tausend Hoffnungen immer wieder gehegt und verwöhnt hatte, erwuchs zu immer stärkerer Begierde, so daß sie den Gedanken an Verzicht nicht fassen konnte. Und in dieser Unersättlichkeit einer ungebändigten Leidenschaft kannte sie schließlich kein ruhiges Ueberlegen mehr; sie wollte um alles oder nichts spielen wie ein Vabanquespieler, der auf die letzte Karte sein Leben selbst setzt.

»Warum verstellst du dich? Du weißt, wen ich meine, denn warum sollte ich dich sonst gerufen haben. Gilbert! Lebt in dir nichts mehr von dem Einst? Damals kannte deine Glut keine Grenzen, und ich kann deshalb nicht glauben, daß dies wirklich alles vorüber sein soll.«

Nun umklammerte ihre Hand die seine so fest, als wollte sie diese nicht wieder freigeben:

»Glaubst du mir nicht, daß ich die Jahre auf nichts gewartet habe, als daß der Tag einmal kommen werde, an dem ich dich hier haben würde wie einst?«

Hanne wußte, daß sie nun alles verlieren mußte oder alles gewinnen; und trotzdem konnte sie nicht anders handeln. Ihre Wangen bekamen jetzt ein Rot, das nur das Blut war, das in ihr raste.

Gilbert verstand es, mit einem kurzen Ruck seine Hand aus der ihren zu ziehen. Ebenso rasch schob er auch seinen Stuhl zurück und stand auf:

»Verzeihung, Gnädigste, ich nehme an, daß ich diese Worte nicht gehört haben soll.«

Dabei machte er eine höfliche, formelle Verbeugung, die ein Abschiednehmen war.

Also verloren!

Das war der erste Gedanke in Hanne, und der zweite galt ihrer Demütigung; sie sprang gleichfalls auf, diesmal aber so fahl, als pulste kein Blut mehr in ihren Adern; die großen Augen waren weit aufgerissen.

Ihre Worte zischten über die dünnen Lippen:

»Ist das alles?«

»Ich nehme an, daß ich zu einer so irrtümlichen Voraussetzung niemals irgend welchen Anlaß gab.«

»Und weiter nichts?«

»Daß ich selbstverständlich den heutigen Tag als nie erlebt betrachte.«

Er stand ihr mit vollkommen beherrschter Ruhe gegenüber; nur seine Schultern hatten sich etwas wie in leisem Bedauern hochgezogen.

Hanne Ramboldt dagegen mußte sich an einer Stuhllehne festhalten; die linke Hand umkrallte diese, während die rechte über die Stirne hinstrich. Dabei kam über ihr schmales Gesicht eine verzerrte Grimasse, die nun ungebändigt die Abgrundtiefe einer hemmungslosen Leidenschaft zeigte.

Flackerte vorher noch der Funken einer Hoffnung in ihr, jetzt brach die Verzweiflung durch; und die Verzweiflung wurde in ihr zum Haß gegen den, vor dem sie sich so tief gedemütigt hatte und der sie wie etwas Lästiges abgeschüttelt.

Ihr Oberkörper beugte sich weit vor wie in einer Lauerstellung; dabei wurde ihre Stimme zu einem Keuchen:

»Vergiß nicht, daß ein Weib auch des Hasses fähig ist.«

Flüchtig mochte Gilbert daran denken, daß er dieses Weib einmal doch mit einer stürmischen Leidenschaft geliebt hatte; die Erinnerung an Umarmungen tauchte auf, und damit fühlte er etwas wie Mitleid. Aus diesem Empfinden heraus dämpfte er seine Stimme und gab ihr einen weichen, warmen Ton:

»Ich kann es nicht glauben, daß Haß auf dem gleichen Boden wie Liebe gedeihen kann; es ist gewiß nur eine Selbsttäuschung.«

»Dann kennst du das Weib nicht, Gilbert.«

»Entschuldige, wenn ich mich verabschiede, aber ich habe die mir zur Verfügung stehende Zeit bereits überschritten. Mein längeres Bleiben würde doch nur schmerzlich wirken.«

»So geh! Ich weiß es nun ja, daß ich dich nicht halten kann. Aber vergiß du nicht, daß du mich mit Füßen getreten hast.«

Gilbert zog bedauernd die Schultern hoch und ging zur Türe; dort blieb er nochmals stehen und sagte leise:

»Ich trage sicherlich viel Schuld an diesem Tage, aber weh tun, das hatte ich nicht gewollt. Verzeihen Sie, Gnädigste, wenn ich nicht anders antworten konnte.«

»Worte, nichts als Worte, Lächerlichkeiten, Phrasen, leer und inhaltlos. Ja, ja und tausendmal ja, du hast es gesagt, zu alt bin ich, eine lächerliche Erscheinung, für die man höchstens noch Spott aufbringt.«

»Das trifft gewiß nicht zu . . .«

Doch schon unterbrach sie ihn mit schriller Stimme:

»Verschwende nichts; es könnte dich auch noch das Wort gereuen, das du zu viel gesagt hast. Fort, hinaus, ich will dich nicht mehr sehen.«

Da schloß sich die Türe hinter Gilbert von Brandeis.

Ganz schwer stützte sich Hanne mit beiden Händen auf die Stuhllehne; ihre Brust hob und senkte sich in der Erregung. Ihre Augen starrten auf die Türe hin, als wartete sie darauf, daß sich diese doch nochmals öffnen könne.

Umsonst! Ihr lauschendes Ohr vernahm draußen das Schließen der Korridortüre.

Fort und vorbei! Das Spiel verloren!

Und sie stieß den Stuhl so heftig zurück, daß er krachend zu Boden fiel.

Ihr Arm mit der geballten Faust hob sich drohend:

»So hast du selbst entschieden! Du aber kennst den Haß nicht, sonst würdest du ihn fürchten. Die Hanne Ramboldt hast du so tief zu Boden werfen, so in den Staub ziehen können. Aber die Hanne Ramboldt wird sicher schweigen, dafür wird Liane de Turenne sie rächen; und diese Liane de Turenne fürchtete kein Mittel, das die Rache zu einer grausamen macht. So wie du mein Herz vergiftet hast, kann ich dich vergiften; aber nicht dein Herz, denn du hast keines. Dein Wertvollstes ist dein Ich, dein Leben. Das hüte nun, wenn du noch kannst.«

Als hätte sie bereits zu viel gegen ihren Willen verraten, schwieg sie plötzlich. Nur eine wilde Lache folgte, schrill und unheimlich klingen.

Doch dann kam ein rasches Besinnen über sie.

Sie wurde still und ging gleichfalls zur Türe.


8. Kapitel.

Doktor Hanns Marçan war auch jetzt noch nicht zur Ruhe und zu sicherer Beurteilung gekommen, trotzdem schon eine zweite Nacht darüber verstrichen war. So oft er sich bisher mit einer schweren Entscheidung gequält hatte, so oft er in schwierigen Fällen zu einer Lösung kommen mußte, eine durchwachte oder durchschlafene Nacht hatte ihm noch stets die Sicherheit verschafft, die er suchte. Nur diesmal war es anders gekommen.

Durch telephonischen Anruf hatte er einige Male ein Gespräch mit Ika zu erreichen versucht, aber stets war Ika als abwesend gemeldet worden; sein Mißtrauen wollte dabei immer eine Absicht in dieser regelmäßigen Wiederkehr vermuten, obwohl er keinen Beweis dafür hatte.

Auch daran hatte er wiederholt gedacht, in einem Briefe Aufklärung zu fordern.

Doch davon war er ebenso rasch abgekommen, denn in einem Briefe konnten die Worte nur wie tot wirken; geschriebene Worte konnten niemals wiedergeben, was das Herz dabei empfand, das die Worte schließlich aussprechen sollte.

Deshalb hielt er auch den Brief für das ungeeignetste Mittel, einen Irrtum wegzuräumen, wenn sich ein solcher zwischen ihnen eingeschlichen haben sollte.

Auch sein weiterer Versuch war erfolglos geblieben; er wußte, daß Ika in den ersten Morgenstunden im Stadtparkspazieren zu gehen pflegte; er kannte auch die Wege, die sie bevorzugte. Aber trotzdem er an diesem Morgen fast zwei Stunden auf sie wartete und alle die bekannten Wege durchlief, so wartete er doch umsonst.

Nun war eine zweite Nacht vorbei.

Er hatte noch gehofft, es würde eine Nachricht von ihr kommen, aber auch diese Hoffnung betrog ihn.

So kannte er die Lösung jenes Zusammentreffens noch immer nicht, warum sie ihm dabei so ganz anders und wie fremd erschienen war, als seien zwischen ihnen nie so zärtliche Worte mit tausend Hoffnungen gesprochen worden.

Lag die Ursache nur in der Anwesenheit des Herrn von Hesselodhe?

So oft er sich das auch vorzutäuschen versuchte, so kam dann immer wieder die ernüchternde Antwort, daß es ja Ika selbst war, die ihn fortgewiesen hatte und sein Bleiben nicht nur nicht wollte, sondern sogar zu fürchten schien.

Nun war eine zweite Nacht vorüber, und Doktor Marçan wußte eine Antwort ebensowenig wie damals.

Daß irgendein Schatten zwischen ihnen stehen mußte, ein Irrtum oder ein Verhängnis, davon war er allerdings überzeugt.

Aber wie konnte sich alles aufklären, wenn eine neue Begegnung nicht zu ermöglichen war?

Floh sie eine solche absichtlich?

Konnte das Ungeheuerlichste denkbar sein, daß die Liebe, die sich ihm mit so keuschen, zarten Worten geoffenbart hatte, jetzt schon tot und erstorben war?

Oder reute sie das Versprechen, das sie sich gegeben hatten? Sollte sie durch irgend jemand zu anderen Entschlüssen gedrängt worden sein?

Es gab fast keine Möglichkeit, die er nicht schon bis zur letzten Konsequenz erwogen hätte.

Das Quälendste bei allem war die Ungewißheit.

Es drängte ihn alles, Ika um jeden Preis zu sprechen.

Darauf hoffte er für diesen Tag.

Er wußte, daß in der Mozarthalle ein Vortragsabend des bekannten Violinvirtuosen Heyersmann stattfand und daß Ika dazu eine Eintrittskarte besorgen ließ, aber nur eine für sich, wie ihm auf seine Nachfrage und durch reichliche Bestechung eines Dienstmädchens der Villa Brandeis bestätigt worden war.

In dieser Mozarthalle mußte er sie also treffen können, und es mußte sich dann entscheiden, was zu einem solchen Mißverständnis geführt hatte. Doktor Marçan wollte an keine andere Möglichkeit glauben.

Er kleidete sich gerade für den Abend an, als er durch den großen Toilettenspiegel den alten Diener eintreten sah, der verlegen an der Tür stehen blieb. Ueber die Schulter hinweg fragte Doktor Marçan:

»Ist der Wagen schon vorgefahren?«

Der alte Diener rieb sich die Hände, als fröstelte ihn, er hüstelte und antwortete:

»Das nicht Herr, aber ein Brief ist abgegeben worden, den ich gleich übergeben soll.«

»Die letzte Post ist doch schon dagewesen.«

»Die Post hat ihn auch nicht gebracht.«

Die verlegen klingende Antwort machte Doktor Marçan aufmerksamer, der sich nun rasch umdrehte und mit scharfer Stimme fragte:

»Wo ist der Brief?«

Der alte Diener hielt ihn in der ausgestreckten Hand hin; es war ein alter, schmutziger Briefumschlag, bereits zerknittert; mit einer zittrigen Bleistiftschrift war die Adresse geschrieben.

Kaum war der Blick des Doktors darauf gefallen, als sich seine Brauen sofort hochschoben; auch seine Lippen kniffen sich ärgerlich zusammen. Und ohne ihn zu öffnen, steckte er ihn in seine Hosentasche. Dann antwortete er:

»Gut, Sie dürfen gehen.«

Aber als sich die Türe hinter dem Alten wieder geschlossen hatte, begann der Doktor sofort im Zimmer auf und nieder zu gehen. Dabei lagen seine Hände überkreuzt auf dem Rücken, der Kopf war vorgebeugt, seine Blicke auf den Boden gerichtet. Den Brief aber las er nicht, als ahnte er dessen Inhalt, oder als hielte ihn irgendeine unbestimmte Furcht zurück.

Bald darauf meldete der Diener die Ankunft des Wagens.

Der Doktor griff nach dem Abendmantel und verließ rasch die Wohnung.

Als er dann im Wagen saß, der durch die bereits abendlich dunklen Straßen fuhr, starrte er eine Weile aus dem Fenster; wie in einem schnellen Besinnen nahm er plötzlich den Brief heraus und riß den Umschlag auf; er mußte sich ganz nahe an das Fenster hinbeugen, wenn er in dem ungewissen Licht die Zeilen noch erkennen wollte.

Mit fliegender Hast waren die Worte auf das abgenutzte Papier hingeworfen.

Zweimal flogen die Augen des Doktors darüber hin, dann ließ er den Wagen rasch anhalten.

Der Kutscher beugte sich nieder und fragte nach Weisungen.

Der Doktor zerdrückte rasch den Brief in der Hand und erklärte in schroffem Befehlston:

»Fahren Sie mich erst nach dem Hafenwall.

Ein Nicken war die Antwort und dann schlug der Wagen auch schon die neue Richtung ein.

Doktor Marçan saß zurückgelehnt in der Wagenecke.

In dem im Innern herrschenden Dämmerdunkel war der gequälte und besorgte Ausdruck seines Gesichtes eben noch zu erkennen; der Inhalt jenes Briefes hatte ihn gegen seinen Willen doch noch zu dieser Aenderung des Fahrtzieles bestimmt.

Am Hafenwall hielt der Wagen.

Er stieg aus und rief dem Kutscher die Aufforderung zu:

»Warten Sie hier, bis ich wiederkomme. Ich habe erst noch einen Besuch zu machen.«

Dann schob er den Kragen seines Mantels hoch, um dadurch sein Gesicht möglichst wenig erkennen zu lassen, und bog mit hastenden Schritten in die eigentlichen Hafengassen ein; den Weg kannte er genau, denn er zögerte nicht ein einziges Mal.

Schließlich stand er vor dem Hause mit den roten Vorhängen.

Rasch verschwand er in der Türe und stieg enge, knarrende Holzstufen empor. Ein winziges Oellämpchen spendete dürftig Licht.

Ein schmaler, schmutziger Korridor zeigte mehrere Türen, an denen eine Anzahl Zettel mit selbstgeschriebenen Namen klebten. Auch hier zögerte und suchte er nicht erst; er schritt sogleich auf eine bestimmte Türe zu, die sich bei leichtem Druck öffnete.

Ein finsterer Flur mit weiteren Türen.

Doktor Marçan ging ohne zu zögern einer bestimmten Richtung zu; eine weitere Türe stöhnte unter dem Druck der öffnenden Hand.

Da fiel der Blick in ein enges Zimmer, in dem ein trübes Licht schwelte; ein drückender Dunst von Schweiß und Rauch und schlechter Luft füllte den Raum fast bis zur Undurchdringlichkeit.

Seine Augen kehrten sich sofort der einen Ecke zu, in der ein altes, dürftiges Bett stand, in dem eine Kranke lag, die sich bei dem Geräusch des Türöffnens mühsam aufzurichten versuchte.

Neben dem Bett stand aber noch eine andere Gestalt. Dieser wandte sich der Doktor erstaunt zu, und seine Augen bemühten sich, in dem Dunst etwas zu erkennen; dann aber fuhr er jäh und wie im Erschrecken zurück, hob dabei die Hände und rief erregt:

»Ika, du! Ist es denn möglich? Du und hier?«

 

* * *

 

»Gewiß bin ich zufrieden und auch der Wortlaut des Berichtes der Auskunftei hat seine Wirkung ausgeübt, aber ich selbst bin dabei nicht weiter vorwärts gekommen.«

Gereizt klang die Unterbrechung:

»Ist dies meine Schuld? Ich kann nicht mehr tun, als Ihnen den Weg erleichtern und das habe ich getan. Den gefürchteten Nebenbuhler habe ich vorerst unschädlich gemacht, aber die Ausnützung der Situation müssen Sie selbst besorgen.«

»Das versuche ich auch. Aber Sie sollten doch noch mehr Einfluß haben.«

Liane de Turenne war an diesem Tage in der schlechtesten Laune, und Frank von Hesselodhe mußte dies auch fühlen; ihre Finger zerrten an einem seidenen Taschentuch und ihre Unterlippe lag mehrere Male eingeklemmt zwischen den Zahnreihen.

Sie stand ungeduldig auf und ließ den Baron von Hesselodhe allein; sie trat ans Fenster und ließ ihn auf diese Art fühlen, daß sie allein zu sein wünschte. Sie blickte hinaus, als wäre niemand mehr im Zimmer. Da erhob sich auch der Baron, zog die Schultern hoch, zupfte an seiner Seidenweste und erklärte dabei:

»Sie sind heute viel beschäftigt, es wird wohl am besten sein, wenn ich ein andermal wiederkomme.«

Er wartete eine Weile, aber als vom Fenster her keine Entgegnung kam, ging er der Türe zu und sagte dabei noch:

»Ich habe ja große Hoffnung, aber eine Unterstützung würde immer noch erwünscht sein.«

Frank von Hesselodhe verließ das Zimmer; am Fenster blieb Liane de Turenne, als hätte sie nichts gehört; ihre Stirne preßte sich gegen die kühlende Scheibe, als sollte diese die Glut beruhigen, die in ihr brannte. Wie eine leblose Figur stand sie da und starrte hinaus und brütete über Gedanken nach, die ihre Brauen hochzogen, daß sie sich in einem hohen Bogen über die tiefschwarzen Augen wölbten. Ganz schmale Striche bildeten die dünnen, roten Lippen.

Sie schien nicht einmal zu empfinden, wie die Zeit verstrich.

Draußen im Korridor hatte sich inzwischen die rote Musch eingeschlichen; ihre Blicke irrten etwas scheu umher, als fürchtete sie irgend etwas; sie ging gebückter noch als sonst, und ihre vertrockneten Lippen waren in einer andauernden Bewegung, als flüstere sie Unhörbares vor sich hin.

Sie blieb vor der Tür, hinter der sie Liane de Turenne wußte, einige Sekunden wie lauernd stehen, als zögerte sie; dann erst trat sie mit ihren schleifenden Schritten ein.

Aber auch sie sah die Wahrsagerin immer noch wie ein versteinertes Bild am Fenster.

»Ich bin wieder zurück.«

Erst diese schrille Stimme weckte Liane aus ihrem Brüten; hastig drehte sie sich der Richtung zu.

Als sie aber die rote Musch erkannte, warf sie den Kopf hoch und rief ihr ungeduldig die Frage zu:

»Warum ist sie noch immer nicht gekommen? Ich warte auf nichts anderes mehr.«

Die rote Musch krümmte sich noch mehr zusammen:

»Wer soll es sein?«

»Fragte ich nach einer anderen?«

»Die Baronin?«

»Du sagtest, daß sie heute kommen würde, und ich warte auf keine andere mehr. Weshalb ist sie noch nicht hier?«

»Ich weiß es doch auch nicht.«

»Sie muß kommen, hörst du. Schaffe sie mir hierher! Sie darf mir jetzt nicht ausbleiben, da ich sie zu meinem Spiel brauche.«

»Wagst du nicht wieder zu viel, wie schon einmal?«

»Soll ich dir erst Rechenschaft geben? Hast du früher je gefragt, wie ich zu dem Geld kam, das du immer nur genommen hast?«

»Was hast du mit mir vor?«

»Das ist nur meine Sache.«

»Doch wenn ich mich nun weigere?«

»Seit wann bist du so voller Bedenken?«

»Man forscht noch immer, wo die tote Baronin von Steinamanger jenes Gift bekam.«

»Weiß ich es?«

»Ich habe überall hingehört, und da ist ein Name gefallen, der nicht ausgesprochen werden sollte.«

»Der meine?«

Liane de Turenne beugte sich wie lauernd weit vor. Die rote Musch antwortete nur mit einem heftigen Nicken des Kopfes. Da griff die Hand der Wahrsagerin nach einer Stuhllehne, die sie mit so starkem Druck umspannte, als gelte es, Kraft daraus zu holen.

»Wer wußte ihn?«

»In der Küche hörte ich ihn.«

Da strich sie sich mit einer ruckartigen Bewegung über die Stirne und ließ ein erzwungenes Lachen hören:

»Gerede, weiter nichts, denn es kann niemand etwas wissen. Damit aber erschreckt man noch lange keine Liane de Turenne. Fort mit solchen Hirngespinsten!«

»Es wurde mir auch anvertraut, daß die Polizei die Angelegenheit in die Hand genommen habe.«

Wieder zog sie nur die Schultern hoch und machte mit der Hand eine abschneidende Bewegung:

»Mich betrifft das alles nicht. Das allein will ich wissen, warum die Baronin Brandeis nicht kommt. Sie hat es doch zugesagt. Dir selbst! Weshalb bleibt sie nun aus?«

»Ich weiß nicht. Aber sie war doch eine Freundin der Steinamanger.«

»Ich muß sie haben, um jeden Preis. Frage an deinen Quellen.«

Die rote Musch zog zweifelnd die Schultern empor. Aber als sie gerade Antwort geben wollte, schrillte ein Glockensignal. Sofort hoben sich lauschend zwei Köpfe nach der Richtung des Zeichens.

»Sie muß es sein. Geh' in die Dunkelkammer und schaue nach, wer im Wartezimmer ist.«

Die rote Musch ging, ohne zu widersprechen, hinaus.

Liane de Turenne begann mit hastenden Schritten auf und nieder zu gehen.

Alle Gedanken, die in ihr jetzt ruhelos jagten, galten nur einem Willen, der sie unablässig verfolgte.

Seit sie sich vor Gilbert bis zur demütigsten und vielleicht auch verächtlichsten Selbsthingabe erniedrigt hatte, seit er sie wie ein ungebärdiges Kind zurückgewiesen, weil sie ihm zu alt und nicht mehr begehrenswert genug erschienen war, erfüllte sie nur der eine Wunsch, nach Rache.

Mit hartnäckigstem Eigensinn sann sie nur diesem einen Ziel nach. Und dies Ziel war das grausamste.

Was Gilbert als das begehrenswerteste galt, wollte sie ihm zerstören, wie er ihr selbst das ersehnteste vernichtet hatte; ihm aber war das höchste das Leben.

Und mit einer wollüstigen Grausamkeit folgte sie nur diesem Rachegedanken.

Aber sie wollte ein Werkzeug besitzen, das ihren Willen ausführte.

Auf sie selbst durfte nie ein Verdacht irgendwelcher Schuld fallen.

Und wie sie schon oft mit Schicksalen gespielt hatte, so wollte sie es wieder tun; es war in ihr der unbeirrbare Glaube, daß sie diese Macht über Menschenwillen hatte.

Diesmal aber sollte das Werkzeug ihrer Rache die Frau sein, die ihr damals, als der Wahn an Gilbert zum erstenmal endete, den Geliebten genommen hatte. Nicht das allein war ihr Triumph genug, daß sie ihn vernichten wollte, daß sie auch seine Frau unglücklich wußte, sondern diese Frau sollte noch das gefügige Werkzeug werden.

Die rote Musch kam wieder herein.

»Wer ist gekommen? Ist sie es?«

Ein Nicken.

»Die Baronin.«

Da streckte sich Liane de Turenne wie im Machthunger des Sieges. Die Lippen verrieten Hohn.

Und ihre Stimme besaß die Härte eines unbeugsamen Willens:

»Ich gehe in den schwarzen Salon; dort mag es sich nun zeigen, ob der Spiegel des Sainte-Croix noch die alte Macht besitzt.«

 

* * *

 

Auf den Wangen Margots von Brandeis lag ein unnatürliches Rot, das wie im Fieber glühte.

Auch die Augen wiesen einen tiefen Glanz. Die Finger spielten erregt mit dem Taschentuch in ihrer Hand.

Ika merkte wohl die auffallende Veränderung, aber sie war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um nach den Ursachen zu fragen.

Die beiden saßen einander gegenüber und öfters schien es, als beobachtete eines das andere.

»Wirst du heute in das Konzert geben?«

Die Frage klang wie eine Verlegenheitsphrase,« um nur die Stille zu unterbrechen.

Ika hob, wie aus einem Hinträumen aufgeschreckt, den Kopf und antwortete etwas überstürzt:

»Gewiß, ich glaube, daß es Zeit sein wird, um dafür Toilette zu machen. Entschuldigst du mich?«

»Sehr gerne.«

»Wirst du heute nicht auch noch ausgehen? Gilbert scheint heute viel beschäftigt zu sein. Er ist noch immer nicht zurück.«

Das Leuchten in den Augen Margots wurde noch stärker. Und ihre Stimme bekam einen hastenden Ton:

»Ich weiß nicht, wo er ist und ich kann ihn auch nicht wie ein Kind überwachen.«

»Aber Margot, du mißtraust doch Gilbert nicht im Ernste?«

Mit einem Ruck fuhr Margot von ihrem Stuhl empor. Sie beugte sich lauernd nach vorne und zischte erregt:

»Was weißt du? Einer ist nicht besser als der andere und töricht ist, wer auf die Treue von Männern baut.«

Gegen ihren Willen zuckte jetzt Ika zusammen; sie dachte an Hanns. Mußte sie von dessen Schuld nicht ebenso überzeugt sein? Sie zwang sich aber noch zu einer ruhigen Entgegnung:

»Du darfst nicht alle verurteilen, Margot. Und Gilbert verkennst du sicherlich.«

»Nur ein schrilles Lachen antwortete, wobei sich Margot weit in den Stuhl zurücklehnte.

»Margot, was hat dich gegen ihn so mißtrauisch gemacht? Er verdient es gewiß nicht«

Da kauerte sich Margot noch mehr in ihren Stuhl hinein und zog die Schultern hoch, wobei sie in dem greinenden Ton eines unzufriedenen Kindes antwortete:

»Laß mich, du wirst mir auch nicht helfen, denn alle sind gegen mich.«

»Margot, du gehst immer noch zu dieser Liane de Turenne. Nur sie hat dich so gemacht.«

»Warst du nicht selbst ein zweites Mal bei ihr? Und hat sie dir nicht auch die Wahrheit gesagt?«

»Woher weißt du das?«

Ein Kopfschütteln, dann die ärgerliche Antwort:

»Ich kann dich doch gesehen haben. Du vertraust mir ja auch nichts.«

Da schwieg Ika, denn sie wußte keine Entgegnung; sie hatte ja tatsächlich nichts von ihren Sorgen erzählt.

Ika quälte sich auch viel zu sehr mit ihrer eigenen Unsicherheit, um unbefangen die auffallende Veränderung an Margot richtig einzuschätzen. Wie sehr diese bei jeder Kleinigkeit aufbrauste, wie leicht sie gereizt war, wie sie oft nach Gründen fast zu suchen schien, um dann leidenschaftlich die Beleidigte zu spielen, das beurteilte Ika nicht wie sonst.

Ika hatte zu viel eigene Pläne und Sorgen.

So war sie gerade an diesem Abend froh, auf ihr Zimmer gehen zu können, um sich zu dem erwähnten Konzertbesuch fertig zu machen.

Sie hatte sich dazu nur entschlossen, weil sie wußte, daß sie dort allein sein würde.

Als sie dann die Villa verließ, hastete sie einer Richtung zu, die jenem Konzertsaal gerade entgegengesetzt lag. Aengstlich irrten dabei ihre Augen umher, ob sie auch nicht gesehen und erkannt würde. Sie hatte den Mantelkragen hochgeschlagen und das Seidentuch tief hereingezogen. Sie bestieg die Straßenbahn, die sie nach der Hafengegend brachte.

Erst an der Endstation verließ sie den Wagen und bog in das Gewirre der Gassen und Gäßchen ein.

Offenbar kannte sie ihren Weg sehr genau, da sie im schnellen Vorwärtsschreiten nicht einmal den Schritt verhielt.

Ihr Ziel war das Haus mit den roten Fenstern.

Vor diesem blieb sie stehen und schaute wie in einem letzten Zögern empor.

Und nochmals jagten in Sekunden all die verzweifelten Entschlüsse durch ihren Kopf, die sie in diesem einen letzten Tag noch gefaßt hatte. Trotzdem sie den Wortlaut jener Auskunft auswendig wußte, trotzdem es auf dieser so zweifellos zu lesen war, obwohl es ja nur die Bestätigung dessen bedeutete, was sie durch jene seltsame Liane de Turenne erfahren, trotzdem sie ihn selbst in jenes Haus gehen gesehen, immer wieder war ein verstecktes Bedenken gekommen, das nach einer Schuldlosigkeit suchen wollte.

Und in diesen Kämpfen hatte sie sich zu dem schwersten durchgerungen: sie wollte aus dem Munde jener Trude aus dem roten Haus selbst die Wahrheit hören, mochte diese dann noch so grausam klingen.

Nie hatte das Herz Ikas so heftig gepocht wie an diesem Abend, als sie die knarrenden Stufen dieses verrufenen Hauses emporstieg.

Ein mürrischer Alter, an dessen Stimme sie sofort wieder jenen Unbekannten erriet, den sie damals im Zimmer von Doktor Marçan hörte, trat ihr entgegen und fragte die in einem solchen Hause ungewohnte Erscheinung nach ihren Wünschen. Nach dem ersten Erschrecken, das ihr fast die Kehle zuschnürte, fand sie doch bald eine Antwort:

»Fräulein Trude ist doch hier und ich möchte ihr Verschiedenes bringen.«

»Bringen?« fragte der Alte mit einem mißtrauischen Zweifeln. »Zu solchen pflegt sonst nie viel gebracht zu werden. Wer schickt Sie denn?«

»Das darf ich nur Trude selbst sagen.«

»Ich will sie mal fragen, ob sie jemand sehen will.«

»Ich möchte aber allein mit ihr sein.«

»Ich störe schon nicht, wenn ich unbequem bin.«

»Sie sollen es auch nicht umsonst tun. Hier haben Sie Geld, lassen Sie mich nur hinein.«

Hastig steckte sie dem Alten ein größeres Geldstück zu, der gierig darnach griff, mit einem raschen Blick den Wert prüfte und es dann in seine Tasche gleiten ließ. Die grauen Augen unter den buschigen Brauen zwinkerten in widerlicher Vertraulichkeit, und er bemerkte zugleich:

»Dann gehen Sie nur gleich hinein, ich werde mal für eine Stunde anderswo zu tun haben.«

Dabei nickte er in der Richtung der Türe zu und schlürfte mit schleichenden Schritten weiter.

Ika öffnete die Türe; ein dumpfer, stickiger Raum, den ein Dunst wie ein Nebel füllte, tat sich auf.

Sie mußte sich erst an die Luft gewöhnen, ehe sie darin etwas unterscheiden konnte; dann sah sie wohl das ärmliche Bett und bemerkte auch das eingefallene, fahle Gesicht der Kranken, das so zerfallen aussah, als lauere der Tod bereits in irgendeiner Ecke.

Eine heisere Stimme fragte:

»Wer kommt denn zu mir?«

»Ich möchte Ihnen gerne eine kleine Unterstützung bringen, etwas Hilfe.«

»Hat er Sie geschickt?«

Auf diese Frage fühlte Ika ein rascheres Pochen ihres Herzens; sie wußte, daß die Antwort darauf die Entscheidung herbeiführen mußte. Mit äußerster Beherrschung zwang sie sich zu einer ruhigen Entgegnung:

»Sie denken an Doktor Marçan?«

Das war nun der erbangte, gefürchtete Augenblick, der die letzten Bedenken aufklären mußte.

Die Kranke mühte sich aus den schmutzigen Kissen und richtete ihre im Fieber brennenden Augen auf Ika empor.

»So hat er Sie doch geschickt?«

»Ja!«

»Hat er Ihnen auch gesagt, wer ich bin?«

Ika mußte die eine Hand gegen ihr Herz pressen:

»Sie sind doch Frau Trude Marçan?«

»Das Recht zu dem Namen habe ich immer noch, wenn es ihm auch unbequem erscheinen mag.«

Also doch! Nun war das entscheidende Wort gefallen. Frau Trude Marçan!

Vor diesem Worte einer Sterbenden mußte jedes Bedenken fallen. So war sie betrogen worden, und Hanns hatte eine Frau, während er zu ihr von Liebe gesprochen hatte.

Ika Oehringen stand jetzt neben dem Bett der Kranken, deren Züge sie nun erst genau betrachten konnte. Ein schmales, dünnes Gesicht mit gelblicher Haut, mit brennenden Fieberaugen, die wie schwarze Sterne waren, mit vertrockneten, rissigen Lippen und einem kupfern schimmernden Haar.

»Warum verleugnet er Sie jetzt, da Sie doch seine Frau sind?«

Die Kranke richtete sich noch mehr empor, als wollte sie das Gesicht dieser Besucherin ganz nahe sehen; sie stöhnte bei dieser Anstrengung und wandte ihr hageres Antlitz mit vollem Blick Ika zu.

»Wer sind Sie? Und was wissen Sie von ihm?«

Aber da sich ihr Ika eben mit einer Antwort zuwenden wollte, öffnete sich mit einem ächzenden Knarren die Türe, und sie erkannte unter der Schwelle die hohe Gestalt von Doktor Hanns Marçan.

Ihre Hände flogen zum Herzen.

Da aber hatte auch er sie erkannt, und seine Frage erreichte ihr Ohr.

 

* * *

 

Margot von Brandeis wartete nur auf das Fortgehen Ikas, um die Villa selbst zu verlassen.

Und dann stand sie in kurzem im schwarzen Salon Liane de Turennes, in dem sie nun schon so oft geweilt, in dem für sie die einzelnen Erscheinungen schon den Zauber des Geheimnisvollen verloren hatten. Das kupferne Becken mit der bläulich-schweflichen Flamme reizte sie ebensowenig mehr als das klug vorbereitete Erscheinen der Wahrsagerin.

Gewißheit wollte sie, Beweise an Stelle der vielen, unklaren Vermutungen, die ihr dabei doch stets im Tone unfehlbarer Sicherheit gegeben wurden.

Immer wieder versprach ihr diese Madame de Turenne nach solchen nervenaufpeitschenden Enthüllungen den letzten Beweis für einen späteren Tag; immer wieder war Margot darauf gekommen, um dann wieder nur von den gleichen, halb verworrenen und doch sehr viel verratenden Bildern zu hören, die zwar alles vermuten ließen, aber nichts Bestimmtes sagten.

Die Bilder, die Liane de Turenne immer wieder aus diesem Spiegel des Sainte-Croix herauserklärt hatte, gaben greifbar deutlich stets ein Bild Gilberts und mit ihm das Bild einer anderen und immer in solchen Andeutungen, die alle Eifersucht aufpeitschen mußten. Zwischendurch gab sie wohl auch geringfügige Beweise, die zwar eine gewisse Kontrolle zuließen, aber niemals das Entscheidende brachten.

Dadurch war Margot allmählich in eine so erregte Stimmung geraten, daß sie ihre Nerven kaum noch zu beherrschen vermochte. Sie war offenbar so weit, wie sie Liane de Turenne für ihre Absichten haben wollte.

Margot war in dieser Verfassung zu allem bereit, das ihr die Gewißheit gab, nach der sie mit aller Gier ihrer Eifersucht suchte. Sie wollte sich auf keinen Fall mehr mit unklaren Andeutungen abfertigen lassen.

Jetzt stand sie Liane de Turenne gegenüber.

Margot sah nicht, daß die Züge der Wahrsagerin einen noch schärferen Ausdruck des Spottes zeigten als sonst, daß es wie Triumph aus ihnen leuchtete; sie dachte nur an sich.

Deshalb waren ihre ersten Worte auch sogleich ein ungeduldig drängendes Fragen:

»Kann ich heute endlich hören, wer sie ist und wo ich sie finde und wie sie aussieht und ob er mich wirklich betrügt.«

»Ich kann nicht wissen, wozu der Silberspiegel des Sainte-Croix bereit ist, ich sagte das immer schon, und Sie müssen auch heute damit zufrieden sein.«

»Ich sollte heute alles wissen, so versprachen Sie mir. Und Sie müssen mehr wissen!«

»Immer nur das, wozu der Spiegel bereit ist.«

»Aber dann wird es immer wie bisher enden.«

Da kam ein lauernder Ausdruck in die tiefschwarzen Augen der Wahrsagerin; sie mochte in dem Zeitpunkte einer Sekunde prüfen, ob sie jetzt schon ihr geplantes Spiel wagen dürfe. Langsam hob sie den Kopf, richtete ihre Augen mit einer stechenden Schärfe auf Margot und erklärte mit absichtlich gedehnter Stimme:

»So gäbe es nur den allerletzten Weg, an Sainte-Croix die bestimmte Frage zu richten und eine ebenso bestimmte Antwort zu fordern.«

»Kann man das?«

»Gewiß, dann muß der Spiegel die erzwungene Antwort geben.«

»Warum sagten Sie mir das nicht früher schon?«

»Weil es immer nur das alleräußerste Mittel sein darf; weil dies die größte Willensanstrengung erfordert, weil der Spiegel selbst darunter leidet und dann manche Tage kein Bild mehr gibt.«

»Ich will es aber, und was Sie dadurch an Schaden erleiden mögen, das will ich gerne ersetzen.«

»Ich weiß nicht, was der Spiegel auf eine solche Frage antworten wird, aber das weiß ich, daß dann sein Wort stets ausgeführt werden muß.«

»Was er verlangt, tue ich; nur die Wahrheit will ich wissen und nicht noch einmal unbefriedigt von hier fortgehen.«

»Das haben schon so viele gesagt, die hier vor dem Spiegel des Sainte-Croix standen und dann doch zitterten, wenn er zu viel zu fordern schien.«

»Nichts wird mir zu viel sein, wenn ich nur weiß, was ich immer wieder frage.«

»Und wenn Sainte-Croix das Wort mit einem Eide fordern würde?«

»So werde ich auch das geben.«

»Ich habe es nicht gewollt und ich habe Sie auch gewarnt; ich werde die große Frage stellen!«

Margot trat weiter vor, als wollte sie selbst in den Spiegel sehen; ihr sonst so gesundes, frisches Gesicht sah aus, als wäre daraus der letzte Blutstropfen gewichen. Sie war nur noch die willenlose Sklavin ihrer Leidenschaft und der Künste von Liane de Turenne.

Diese verstand die Gier Margots und sie wußte, wie sie dieser eine neue Erfüllung versprechen und geben konnte. Mit dem Ernste einer großen Entscheidung wandte sie sich an Margot:

»So ist es immer, daß Sie die letzte Entscheidung des Sainte-Croix selbst sehen müssen.«

»Ich soll selbst sehen, was der Spiegel zeigt?«

»Das will Sainte-Croix.«

Schweigen folgte, die Stille vor einer großen Entscheidung.

Margot schien es dabei, als flackerte das Feuer in dem Kupferbecken gieriger auf.

Liane de Turenne spielte nun eine klug berechnete Komödie; sie zog das große Seidentuch, das sie bei diesen Szenen immer trug, tiefer in ihr Gesicht herein und berührte weit niedergebückt fast das blanke Silber des Spiegels. So verharrte sie einige Sekunden regungslos und murmelte nur Worte vor sich hin, die vollständig unverständlich klangen. Es mochte wie ein starkes Beschwören sein, wie eine innerliche Hingabe an einen bestimmten Gedanken.

Margot fühlte bei dem Blick auf die scheinbar ganz in sich versunkene Gestalt eine beklemmende Wirkung, die ihr Herz noch erregter machte.

Da erhob Madame de Turenne ihr Gesicht; es sah dabei angestrengt und angegriffen aus, und die Brauen wölbten sich hoch über die großen Augen. Auch ihre Stimme schien ermüdet zu klingen wie von einer ungewöhnlichen Anstrengung:

»Ich habe Ihren Willen erfüllt, wie Sie es wollten. Ich habe die Wahrheit über das Herrn Gilberts gefordert. Und nur Sie sollen lesen, was auch ich nicht wissen darf.«

Margot fühlte, daß ihre Knie zitterten.

Liane de Turenne stand von ihrem Stuhle auf und gab ihn für Margot frei, die sich setzte.

Die Wahrsagerin legte nun ihr eigenes Tuch um den Hals Margots, ordnete es so um den Kopf, daß diese fast eingehüllt war. Der Spiegel lag in blinkender Weiße vor Margot.

»Sie müssen sich ganz tief beugen, daß Ihr Gesicht fast die Spiegelfläche streift.«

Margot bückte sich; dabei fiel das Seidentuch auf beiden Seiten zum Spiegel nieder. Margot spürte, wie heiß ihr Atem ging, der sich auf den Spiegel senkte, so daß sich dessen blanke Fläche zu trüben schien. Aber so angestrengt sie in dessen blinkendes Silber auch starrte, sie konnte nichts sehen.

Doch als sich die Fläche von ihrem Atem trübte, da war es ihr, als bildeten sich in dem Spiegel Buchstaben, die immer deutlicher wurden; schließlich konnte sie die Worte lesen:

»Niemand vermag ein Herz bis in die Abgrundtiefe zu ergründen, und wer die Wahrheit über ein Menschenherz begehrt, dem kann sie nur der Zaubertrank des Sainte-Croix geben. Aber Tod oder seliges Leben im Glück sind die Folgen, ein drittes gibt es nicht.«

Buchstabe um Buchstabe stand in einer eigentümlich milchiggrünen Schrift im Spiegel. Wie ein Traum erschien es Margot zuerst, aber sie las die Worte immer wieder, die nicht verschwanden.

War das die ganze Antwort? War das alles? Bedeutete das nicht wieder ein undeutliches Hinhalten? Und was war das mit dem Zaubertrank des Sainte-Croix, der allein die Wahrheit geben sollte? Und was bezweckten die anderen ebenso merkwürdigen Worte?

Margot erhob erregt den Kopf zu Liane de Turenne, die in scheinbarer Teilnahmslosigkeit neben ihr stand. Und da verblaßte auch die seltsame Schrift wieder, daß wieder nur die blanke Spiegelfläche vor ihr lag.

Margot konnte sich jetzt nicht mehr beherrschen; sie faßte den Arm der Wahrsagerin zerrte diese an sich heran und fragte mit einer zischenden Stimme, die ihre große, innerliche Erregtheit verriet:

»Was ist es mit dem Zaubertrank des Sainte-Croix? Wo finde ich ihn?«

Da schien es, als sei die Wahrsagerin über diese Frage erschrocken, als wollte sie einer Antwort ausweichen; sie suchte sich von der Hand Margots frei zu machen und gab eine verlegene Erklärung:

»Ich weiß nichts; wer kann Ihnen auch von diesem Zaubertrank verraten haben.«

»Sie wissen es, und ich muß ihn haben. Der Spiegel hat es verlangt.«

»Der Spiegel?«

Und Liane zeigte darüber eine noch größere Bestürzung; ihre Stimme schien fast ängstlich zu klingen.

Das aber steigerte nur den Willen Margots, die jetzt erst alle Begierde darnach spürte.

»Der Zaubertrank wird mir die Wahrheit geben. Sie kennen ihn und Sie können ihn mir auch schaffen. Vor mir dürfen Sie das nicht leugnen!«

»Wohl kenne ich dieses Elixier, das Sainte-Croix in seiner Alchimistenküche selbst erfunden und entdeckt hat. Aber ich fürchte es auch und habe noch keinem Menschen davon erzählt.«

»Ich aber muß es haben! Verlangen Sie alles, fordern Sie jeden Preis, doch schaffen Sie mir diesen Trank!«

»Wissen Sie, was er bedeutet?«

»Die Wahrheit.«

»Und kennen Sie die Folgen?«

»Es war im Spiegel zu lesen; Tod oder Glück, ein drittes gibt es nicht.«

»So ist es! Und trotzdem können Sie noch nicht die ganze, furchtbare Bedeutung dieses Spruches ermessen.«

»Der Spiegel hat es verlangt,« wiederholte Margot mit der Hartnäckigkeit eines eigensinnigen Kindes.

Liane strich sich über die Stirne, als müßte sie sich von einer Angst frei machen; müde ließ sie sich in ihren Stuhl zurückfallen und begann dann mit langsamer Stimme zu erzählen

»Ja, die bedingungslose Wahrheit gibt der Zaubertrank des größten aller Alchimisten, der gleichzeitig auch der größte Astrolog seiner Zeit war. Es ist dies ein Elixier, das wirklich jedes Herz ergründet, und mag der Träger der Meister der Verstellungskunst sein. Wer diesen Trank gereicht erhält, der wird bedingungslos und ohne Möglichkeit einer Rettung sterben, wenn er die eine, die ihm den Trank reicht, mit vollem Willen und in klarbewußter Absicht betrogen hat; wenn er falsch war, ist er dem Tode verfallen. Doch wenn sein Herz treu ist, dann wird die Liebe um so stärker und dauernder, und es kommt ein Glück, das kein Ende kennt. Ein drittes gibt es nicht, nur Tod oder Glück. Deshalb ist dies Elixier so furchtbar, weil der Tod so erschreckend nahe dabei steht. Verstehen Sie, was ich nun erklärte?«

»Ja!«

»Und Sie verlangen es noch immer?«

»Verschaffen Sie es mir, denn Sie haben es.«

»Ich wage es nicht, denn immer kann der Tod die Folge sein. Für mich ist die Verantwortung zu groß.«

In hektischer Röte brannten die Wangen von Margot von Brandeis; die Augen glühten wie im Fieber. Nur ein Wille und ein Gedanke beherrschten sie in krankhafter Leidenschaft: sie wollte diese Probe machen.

»Ich allein trage alle Schuld; und wenn er mich doch nicht betrügt, dann wird ja nur das Glück um so größer sein.«

»Vergessen Sie die andere Folge nicht.«

»So hat er sich selbst sein Urteil gesprochen,« klang erregt die Stimme der Baronin.

»Mein Wille ist es nicht!«

»Sie müssen, denn Sie selbst sagten, daß der Wille des Sainte-Croix erfüllt werden muß.«

»Dann bin ich machtlos.«

Aber so still sie dies Wort auch sagte, etwas in ihren Augen strafte sie Lügen; in diesen blitzte ein Leuchten auf, das nicht diese willenlose Ergebung in einen anderen Willen verriet, sondern von einem verborgenen Sieg erzählte. Nur die halbgesenkten Lider und die langen Wimpern dämpften dieses versteckte Jubeln.

Margot sah und beobachtete nichts; sie wußte ihren Willen erfüllt.

Als sie eine halbe Stunde später das Haus von Liane de Turenne verließ, glänzten ihre Augen immer noch, und ihre Wangen zeigten eine fiebernde Glut, trotzdem die Luft ziemlich kühl war. Sie trug in ihrer kleinen Handtasche, die sonst nur harmlose Sächelchen verbarg, wie ein silbernes Puderdöschen, einen kleinen Spiegel, ein Spitzentaschentuch, Gegenstände zur Manikure, jetzt noch das Ersehnteste, den Zaubertrank des Sainte-Croix.

In ihrem Arbeitszimmer aber saß Liane de Turenne an ihrem Schreibtisch; vor ihr lag der Silberspiegel des Sainte-Croix, daneben Fläschchen mit verschiedenen chemischen Flüssigkeiten. Sie bückte sich über den Spiegel und löschte mit einem Pinsel, der mit einer Flüssigkeit durchtränkt war, die Schrift aus. Mit einem spotterfüllten Lächeln, das den verbrecherischen Trieb in ihr offenbarte, hob sie langsam den Kopf:

»Nur etwas Chemie war nötig, um solche Wunder zu wirken, und ihr eigener Hauch machte die vorbereitete Schrift sichtbar. Und das genügt, daß sie meine Rache erst zur Tat macht. Die Hanne, die du mit Füßen gestoßen hast, versteht ihre Rache, Gilbert!«


9. Kapitel.

Als Ika Oehringen die Frage vernahm, aus der halb Staunen, halb überraschte Freude herauszuhören war, als sie ihn so plötzlich vor sich sah, da spürte sie ein Zittern der Knie und ein Würgen im Halse, daß sie kein Wort zu sprechen vermochte; sie griff nach der Bettkante und hielt sich daran fest.

Doktor Marçan aber trat näher zu ihr hin und wiederholte seine Frage.

Die Kranke, die sich in ihrem ärmlichen Lager aufgerichtet hatte, folgte diesem Erkennen mit heißen Augen.

Die Blicke Ikas senkten sich vor den großen, blauen Augen, in denen so gar kein Schuldbewußtsein zu erkennen war. Sie schauten nur in einem fassungslosen Erstaunen.

Da keuchte die Kranke:

»So hast du sie nicht zu mir geschickt, wie sie sagte?«

»Ich?« klang es erstaunt, und wieder heischten seine Blicke von Ika Antwort.

Da erzwang sie eine Entgegnung, die aber nur mit einem Flüstern über ihre bebenden Lippen kam:

»Ich sah dich immer in dies Haus geben.«

Jetzt weiteten sich erst die großen Augen von Hanns, der den Zusammenhang noch immer nicht begriff:

»Warum hast du mich da nicht gefragt?«

Ein leiser Vorwurf tönte durch die Stimme, der ganz zart anklagte, warum sie das Vertrauen der Liebe nicht besaß.

Da fühlte Ika ihre eigene Hilflosigkeit und antwortete mit einem Senken ihrer Augen:

»Ich konnte doch nicht, denn das hier . . .« Die Hand wies mit einer leichten Geste zu der Kranken hin, »das ist ja deine . . .,« wieder ein würgendes Stocken, als könnte das entscheidende Wort nicht den Weg über die Lippen finden, »deine Frau.«

Nun war es gesagt. Und sie blickte wieder auf.

Ein ausdrucksloser, fremder Blick starrte sie an, kein Erschrecken darin kein Schuldbewußtsein, kein Ausweichen, nur Erstaunen und Frage. Jetzt suchten seine Augen die Kranke, als verlangten sie von ihr eine Lösung dieser Ungewißheit.

Doch die heisere Stimme dieser Kranken, die deutlich die Anstrengung erkennen ließ, mit der sie sich zwang, lachte erst nur und zeigte mit der dünnen, welken und fast schon blutleeren Hand auf Doktor Marçan:

»Dieser hier? Der mich immer schon verfolgte? Dieser mein Mann? Zum Lachen!«

Jetzt wurde Ika bestürzt.

Hatte sie denn falsch gehört? Hatte die Kranke es nicht eben noch behauptet? Stand es nicht auch in jener Auskunft?

Da sprangen die Worte wie gejagt über ihre Lippen:

»Sie nannten sich eben noch Frau Trude Marçan vor Sekunden erst.«

»Das bin ich auch, und bin es bis zu meinem Tode, der mich wohl bald holen wird, aber nicht jenem dort die Frau, sondern die seines Bruders Franz, der am Leben mehr Freude besaß.«

Verwirrt schaute Ika auf Hanns; so war alles doch nur ein Irren gewesen, eine Täuschung oder gar ein beabsichtigter Betrug. Er war nicht verheiratet.

Wie tief aber stand sie dann erst in seiner Schuld?

Sie wagte ihn jetzt nicht anzusehen, sie wagte nicht aufzublicken, sie hätte sich am liebsten in irgendeinen Winkel verkrochen, aus Scham über sich selbst.

Da spürte sie eine tastende Hand, die die ihre suchte, sie fühlte warme, zärtliche Finger, die sich in die ihren hineinschmiegten, und eine leise Stimme, in der keine Anklage mehr war, in der etwas anderes bebte, die werdende, suchende Liebe, flüsterte in ihr Ohr:

»Aermste, du, was magst du an Angst und an Sorge gelitten haben, daß du selbst vor einem Wege hier herein nicht zurückgeschreckt bist; ich bringe dich fort und bald sollst du mir alles erzählen.«

Statt Vorwurf Mitleid, statt Anklage Liebe!

Und Ika empfand nun, was Liebe vermag, und was sie selbst auf alle Verdächtigungen hätte antworten sollen. Sie allein war die Törichte gewesen, die die Liebe in ihrer ganzen Hingabe und Aufopferung nicht besessen hatte, wie sie Hanns nun gezeigt.

Aber eine Wirkung hatte seine Stimme doch; sie wagte wieder aufzuschauen und seinen Blick zu suchen. Leise antwortete sie:

»Verzeih, daß ich irrte; so viel von deiner Güte bin ich ja nicht wert.«

»Still. Kein Wort mehr hier. Erst müssen wir aus dieser Stickluft fort.«

Da schwieg Ika und zog sich in einen Winkel des Zimmers zurück. Ihre Augen folgten Hanns, der sich nun neben die Kranke setzte und nach ihren Wünschen fragte.

Ihre Stimme schrillte sofort wieder:

»Trinken will ich, nichts als trinken, Wein, Bier oder meinetwegen auch Schnaps; hier innen brennt ein Feuer, das nicht erlöschen will. Wein, Wein, denn ich kann doch nichts essen. Hast du mir zu trinken gebracht?«

Die Gier, die dabei in den flackernden Augen brannte, war furchtbar anzusehen, daß Ika sich entsetzte.

»Ich habe Milch besorgt.«

Wieder ein höhnendes Lachen:

»Du meinst es gut, Milch. Wein will ich haben! Gib mir nochmals Sekt, daß ich etwas von schäumender Lebenslust verspüre, dann magst du mich ruhig einscharren lassen. Toll und trunken genießen, du hast es nie verstanden. Da war Franz ein anderer, er gab und verschwendete und lachte, wenn ich nur an seinem Halse lag.«

»Dafür starb er allzu früh, und du, du . . . doch ich will für das Geschehene niemand schuldig sprechen.«

 

* * *

 

Ika Oehringen atmete erleichtert auf, als sie durch die nun völlig dunklen Gassen dieser Hafengegend ging, als jenes häßliche Bild oben hinter dem roten Fenster wie ein wüster Traum vorübergegangen war. Sie schmiegte sich ganz eng an Hanns, denn jetzt durfte sie ihm wieder vertrauen. Er hatte sie nicht verurteilt, wie es sein Recht gewesen wäre, er hatte nur mit um so größerer Zärtlichkeit von seiner Liebe gesprochen.

Wie ein Alpdruck lag nun alles, was sie gequält, hinter ihr.

Jubelnde, jauchzende Liebe erfüllte jetzt wieder das schon verzagt und müde gewordene Herz. Und so drückte sie sich immer enger an ihn wie ein Kind, das sich fürchtet und Hilfe braucht. Dabei hörte sie auf die Geschichte, die er von der Ehe seines Bruders erzählte.

Sie erfuhr, wie dieser Bruder Franz, der in Berlin seinen Doktor gemacht hatte, die Konzertsängerin Trude Stötteritz kennen lernte, wie er ihrer Schönheit unterlag und sie, die nur eine Abenteuerin war, gegen den Willen seiner damals noch lebenden Mutter und vor allem auch gegen den seines zweiten Bruders Hanns heiratete, in einer Dorfkirche getraut ward und dann mit dem ganzen Vermögen, das er von seinem Vater geerbt hatte, nach dem Gardasee floh. Von dort aus waren die beiden bald in Nizza, bald in Monte Carlo, dann wieder in Paris. Dabei schmolz das Geld wie Schnee in einer heißen Hand; und da er der Jüngere und der Liebling war, wohl auch der Schönere, so überließ ihm die bereits mit dem Tode kämpfende Mutter auch ihr Vermögen. Er sollte nur glücklich sein.

Und während er in Nizza den Karneval in den Armen dieser Frau feierte, starb die Mutter. Ihr Erbe hatte sie diesem Jüngsten bestimmt. Doch auch die letzten Summen schwanden dahin, und bald galt Hanns sein eigener Bruder als verschollen; später erst erfuhr er, daß er im Elend und von seiner Frau verlassen, in einer südbrasilianischen Stadt gestorben war.

»Da tauchte diese Frau in der Stadt auf, und eine Botschaft rief mich nach diesem Zimmer in der Hafengasse. Dort erst erfuhr ich alles und erkannte trotz der verwüstenden Zerstörungen einer häßlichen Krankheit die Frau meines Bruders; an einem Magenkrebs litt sie, der schon dem letzten Ende zuging. Trinken wollte sie und immer quälte sie mich mit den gleichen Häßlichkeiten, die du heute selbst hören konntest. Wenn ich ferne blieb, dann drohte sie immer, daß sie sich als meine Schwägerin in mein Haus schaffen lassen werde. Doch genug davon! Ihr Tod wird ein furchtbar schmerzlicher sein und dadurch vielleicht sühnen, was sie an meinem Bruder gefehlt. Aber nun mußt du mir erzählen, wie du mir so sehr mißtrauen konntest.«

Und zögernd erst, dann aber mit immer mehr Offenheit erzählte sie alles, ohne sich irgendwie zu schonen. Sie berichtete von dem ersten Besuch bei der Wahrsagerin wie dabei der Verdacht erregt wurde, wie sie dort die Besuche im roten Haus der Hafengasse geschildert bekam, wie ihr Verdacht dann durch Kleinigkeiten noch verstärkt wurde, wie sie ihm einmal selbst gefolgt war und wie sie daraufhin in ihrer Hilflosigkeit nochmals den Weg zu dieser Liane de Turenne machte. Sie wiederholte, was dort geschah, und erwähnte schließlich jene Auskunft, die sie durch Herrn von Hesselodhe erhalten hatte.

Ohne sie zu unterbrechen, hatte er zugehört; nur einige Male schüttelte er dabei den Kopf, wenn ihm etwas gar zu unverständlich erschien.

Als sie nun fragend zu ihm aufblickte, als wollte sie seine Antwort erbitten, da drückte er wie verstohlen ihre Hand nur um so zärtlicher und sagte darauf:

»Wie du gelitten hast, das verstehe ich, du Allerärmste. Den Zusammenhang der Ereignisse selbst begreife ich aber noch nicht völlig. Du mußt mir dazu vor allem die Auskunft geben, die du von diesem Herrn von Hesselodhe erhalten hast. Noch weiß ich es nicht, aber mir will es fast scheinen, als handelte es sich dabei um einen wohldurchdachten Plan, bei dem dieser Herr von Hesselodhe mit der famosen Wahrsagerin zusammenarbeitete.«

Ika schaute erstaunt zu Hanns empor:

»Was konnte dabei nur die Absicht sein? Das begreife ich nicht.«

»Gehörte er nicht zu deinen Bewerbern? Solltest du dadurch nicht mir genommen und entfremdet werden? Und hast du nicht selbst geschildert, wie sie dir das Glück einzig durch diesen Herrn von Hesselodhe ankündete?«

»Aber sie konnte doch nicht wissen, daß gerade er mir begegnen werde.«

»Du bist ja so ahnungslos. Mit einem Telephon konnte sie ihn doch stets zur Stelle haben.«

»Herr von Hesselodhe sagte aber, er habe den Namen der Wahrsagerin nie gehört.«

»Das mußte er freilich tun, wenn das ganze Komplott wirken sollte. Bring mir nur erst jene Auskunft, dann werde ich des Rätsels Lösung bald gefunden haben.«

 

* * *

 

Der Tisch war für das zweite Frühstück gedeckt. Auf dem weißen Seidendamast standen die weißen Porzellanteller mit dem breiten Goldrand, die Schalen und Dosen, in denen russischer Astrachankaviar lag, Behälter mit Eiern und Mayonnaisen, Körbe mit frischen Mürbbrötchen und leere, geschliffene Kristallkelche.

Der letzte Diener ging eben mit seinen geräuschlosen Schritten hinaus, und Margot von Brandeis war allein.

Beim ersten Frühstück pflegte Gilbert öfters zu fehlen, der dafür das zweite nie versäumte; zu diesem kam er stets, und dann durften verschiedene Leckerbissen nie fehlen.

Margot stand neben dem Tisch und blickte scheu zu der Türe hin. Ihre Hand faßte für den Augenblick einer Sekunde die Flasche mit dem schweren Malvasier, den Gilbert beim Frühstück mit besonderer Vorliebe trank. Sie hielt ihn gegen das Licht, wobei ihre graublauen Augen wieder ein rascheres Leuchten bekamen. Nur die brennende Röte auf ihren Wangen fehlte, und sie sah diesen Morgen so erschreckend blaß aus, als wäre sie eine Nacht schlaflos gelegen.

Nochmals huschte ein Blick schnell zur Türe hin, und sie nickte dabei, als wollte sie etwas bestätigen. Langsam stellte sie darauf die Flasche wieder zurück, vor das Gedeck Gilberts. Sie wußte, daß er daraus wie immer sein Glas füllen werde, daß er damit aber das Elixier des Sainte-Croix trinken mußte.

Sie hatte dies in die Flasche gefüllt und mit dem schweren, dunklen Wein vermengt.

Dieser Entschluß raubte ihr durch alle Stunden der vergangenen Nacht den Schlaf; er quälte sie immer wieder, doch am Morgen hatte sich ihr Entschluß nicht geändert: sie wollte die Entscheidung, die ja das dauernde Glück geben konnte. Und wenn er sie betrogen hatte, dann mochte ihn sein Schicksal treffen, dann war es nicht ihre Schuld, sondern seine eigene, die ihn sterben ließ.

So versuchte sie auch jetzt noch die Rechtfertigung vor sich selbst; damit gedachte sie die immer wieder sich mahnend dazwischen drängende Stimme zu beschwichtigen.

Und als Gilbert in das Frühstückszimmer trat, saß Margot wieder am Tische. Er rieb sich die Hände, als freute er sich über etwas besonders stark; sein Schritt war sehr elastisch, seine Laune offenbar die beste.

Als er sich gleichfalls setzte und dabei mehr gewohnheitsmäßig einen Gruß aussprach, blickte er doch zu Margot hin, die aber seinen Blick mied. Er zog einen Teller heran und nahm mit dem Silberlöffelchen aus der Kaviardose, dann hielt er inne und sagte:

»Verzeih, daß ich unliebenswürdig ein Gesetz der Höflichkeit vergaß. Ika fehlt ja noch.«

Die Augen Margots flackerten unruhig über den Tisch hin und wichen Gilbert absichtlich aus, der dies aber kaum beachtete:

»Du weißt, daß ihretwegen nie gewartet werden soll. Sie hatte einen frühen Morgenspaziergang gemacht und will erst etwas später kommen.«

»Dann bin ich ja entschuldigt.«

Mit einem Nicken strich er sich Butter über ein Brötchen und belegte es mit Kaviar; mit der Genußfreudigkeit eines Ahnungslosen sprach er den Leckerbissen, die hier lagen, zu und bemerkte nur einmal in flüchtigem Aufblicken:

»Du ißt heute wieder gar nichts. Hattest du eine unruhige Nacht?«

»Das mag es wohl sein,« kam etwas zerstreut die Antwort. »Ich habe keine Lust, zu essen.«

»Schade für all die guten Dinge.«

Wieder verstrichen Minuten, während deren Margot von der Seite mehrere Male auf Gilbert schaute, als wollte sie ihn unablässig kontrollieren. So oft zufällig aber sein Blick dabei dem ihren begegnete, irrten ihre Augen sogleich einer anderen Richtung zu.

»Nun kommt erst die Krone der Schöpfung, die Würde des Ganzen, das Gläschen Malvasier.«

Die Finger Margots zerrten an dem Seidendamast und zupften nervös; in ihren Augen glühte das Feuer ihrer Leidenschaft. Aber sie schwieg.

Gilbert nahm die Flasche und hob sie gegen das Licht, wie es Margot vor Minuten erst tat.

Dann ließ er das dunkle Rot in seinen Becher rinnen.

Als er die Flasche zurückstellte, mußte sein Blick wieder dem Margots begegnen:

»Du siehst wirklich schlecht aus. Du solltest mehr an dich denken. So sah ich es eigentlich noch nie wie gerade heute, daß du eine andere geworden bist.«

Margot mußte sich zu einer Antwort zwingen, ohne aber aufschauen zu können:

»Eine Täuschung weiter nichts.«

»Du bist so blaß, wie ich dich eigentlich doch nie kannte. Du solltest dich auch zu einem Glas Malvasier bekennen. Willst du nicht auch einen Becher gefüllt haben?«

»Nein, heute nicht.«

Die Worte waren kaum zu hören.

»Wie du willst.«

Seine Hand nahm jetzt das Glas und hob es hoch.

In Margot hetzten sich die Gedanken wie ein zu Tode gejagtes Wild. Nun mußte er trinken! sie ihm die Warnung zurufen.

Dann war es Tod oder Glück! Jetzt noch konnte [es gehindert werden.]

Er sah auf den Wein im Glas:

»Er sieht heute etwas trüb aus. Das sollte nicht sein.«

Die Finger Margots zerrten immer unruhiger.

Noch war es Zeit.

Jetzt noch mit einem Wort.

Gilbert schüttelte den Kopf:

»Hm! Wenn er nur am Geschmack nicht gelitten hat. Die Farbe gefällt mir gar nicht. Ich werde mit dem Diener darüber reden, daß er mir meinen Wein auch gut behandelt.«

Margot hörte nichts von allen Worten; sie sah nur das eine, daß er immer noch das Glas hielt und doch nicht trank.

Sollte sie ihn noch warnen? Bedeutete dies Zögern eine letzte Frist?

»Dein Wohl, Margot!«

»Jetzt!«

Da wurde die Türe aufgerissen, und Ika Oehringen kam fast atemlos hereingestürzt; ihre Hände preßte sie gegen das Herz, als wollte dieses den Dienst versagen.

Und da stellte Gilbert das Glas zurück.

Nur das sah Margot.

»Hallo, was hat dir den Atem so stark benommen?«

Als Ika Gilbert am Tische saß, schien sie etwas verlegen zu werden; sie hatte Margot allein anzutreffen gehofft. Unruhig schaute sie zu dieser hin.

Aber Gilbert hatte auch diesen Blick aufgefangen; er lachte dazu:

»Ist es eine Heimlichkeit, die ich nicht hören darf? Ich kann auch gehen, wenn so über mich beschlossen wird.«

»Natürlich darfst du es auch hören, denn die heutigen Abendblätter werden doch ausführliche Berichte bringen.«

»Was ist geschehen? Eine kleine Sensation? Ein Konkurs, ein Eheirrtum? Margot kann deine Nachricht fast nicht mehr erwarten.«

Margot war aufgestanden und stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch auf; sie wußte, daß etwas Außergewöhnliches geschehen sein mußte.

Ika hastete ihre Nachricht in atemlosem Bericht hervor, wobei sie bald auf Gilbert, bald auf Margot blickte:

»Die Baronin Steinamanger ist an Gift gestorben, und nun hat die Polizei entdeckt, daß sie dieses durch die Wahrsagerin Liane de Turenne bekam, die der Baronin große Summen herausgeschwindelt haben soll. Diese Liane de Turenne wurde als Betrügerin überführt, die in Wirklichkeit Hanne Ramboldt heißt. Die Polizei wollte sie diesen Morgen verhaften, aber . . .«

Weiter kam Ika mit ihrem Bericht vorerst nicht.

Als der Name Hanne Ramboldt fiel, sprang auch Gilbert auf und stieß seinen Stuhl so heftig zurück, daß er krachend zu Boden stürzte; aber selbst dies brachte Ika nicht zum Schweigen und blieb unbeachtet.

Margots Hände griffen immer weiter in das weiße Tuch: ihre breiten, wulstigen Lippen zitterten, und tiefeingeschnittene Querfalten furchten die niedere Stirne. Ein Entschluß rang sich in ihr durch, als sie den Bericht Ikas hörte. Der Gedanke an den Tod der Baronin Steinamanger hatte ihr den Abgrund offenbart, in den sie beinahe gestürzt wäre. Dort im Glas leuchtete immer noch der Malvasier in dem etwas getrübten Rot, und die Flasche stand daneben. Gilbert durfte nicht mehr daraus trinken, denn jetzt erst schien Margot aus dem furchtbaren Banne zu erwachen, der sie so stark in seine Fessel schlug.

Sekunden nur, in denen Ika die letzten Worte sagte.

Und die Sekunden zeigten Margot auch den Weg, um frei zu werden.

Ihre Finger rissen wie in scheinbarer Erregung den Damast vom Tische, daß klirrend das Porzellan und die Gläser zu Boden fielen. Erschrocken hielt Ika darüber in ihrem Bericht inne und schaute auf die Zerstörung.

Die Augen Margots sahen nur zu, wie die rote Flüssigkeit wie Blut in Streifen über den weißen Damast rann, wie die Flasche selbst zerklirrte und der rote Wein auch auf dem Teppich lag.

Dann schwankte Margot, als wollte sie umfallen.

Als aber Gilbert zur Unterstützung hineilte, da richtete sie sich bereits wieder auf und sagte mit einem mühsam erzwungenen Lächeln:

»Ich bin wohl sehr ungeschickt gewesen?«

»Ein klein wenig allerdings; es ist nur schade um den Wein. Aber der Keller birgt ja wohl noch mehr von dieser Sorte, du brauchst dir gerade darüber keine Sorgen zu machen.«

Gilbert gab die Antwort um so mehr erleichtert, weil darüber sein eigenes Erschrecken unbemerkt geblieben war.

Margot wandte sich an Ika, die in ihrer Verwirrung noch kein Wort gefunden hatte:

»Und was geschah dann, als die Polizei sie verhaften wollte? Du hast das nicht zu Ende erzählt, meine Ungeschicklichkeit hat dich erschreckt.«

Nun hob auch Gilbert ruckartig den Kopf:

»Ja, das hast du noch nicht gesagt.«

Aber so fest seine Stimme auch klingen sollte, eine Unsicherheit zitterte doch darin.

Jetzt erst berichtete Ika weiter:

»Die Zeitungen werden es sicher auch melden; ehe sie die Polizei noch erreichen konnte, hatte sie sich selbst getötet, mit dem gleichen Gift, an dem die Baronin Steinamanger starb.«

Eine Weile war es so still in dem Frühstückszimmer, daß man nur das monotone Ticken der schweren Standuhr hören konnte. In allen dreien regten sich zu mächtig Gedanken, von denen keines sprechen wollte: Ika dachte an ihr Erlebnis, Gilbert an jene Hanne von einst und wie er diese wiedergefunden hatte, Margot aber an das, was sie im letzten Augenblick noch verhindern konnte und was nie jemand wissen sollte.

Gilbert faßte sich zuerst:

»Eure Abenteuerexistenz, so eine Wahrsagerin, wie diese Liane de Turenne es war. Da kann das Ende wohl kein besseres sein. Wir aber müssen doch mehr daran denken, wie das Chaos hier beiseite geschafft wird. Ich habe noch Hunger und dich wird der Morgenspaziergang ebenfalls hungrig gemacht haben.«

Da schellte seine Hand dem Diener, der kurz darauf ins Zimmer trat.

Ein zweites Frühstück wurde gedeckt, aber als alles bereit lag, da zwangen sich doch alle drei, um nur ein paar Bissen hinunterzuwürgen.

Es war, als drückte auf alle drei die Nähe eines unsichtbaren Gespenstes.

 

* * *

 

Die rote Musch kam mit rotem Gesicht und weitoffenen Augen, in denen der Schrecken stand, in das Arbeitszimmer von Liane de Turenne gestürmt; sie vergaß, die Türe zu schließen, und hastete auch gleich ihre Meldung heraus:

»Die Polizei kommt schon die Treppe herauf, sie suchen uns, denn bei der toten Baronin Steinamanger sind Aufzeichnungen gefunden worden, daß sie das Gift durch uns bekam.

Liane hob mit einer ruckartigen Bewegung den Kopf und schaute mit ihren durchdringenden, tiefschwarzen Augen auf die rote Musch, als wollte sie deren Worte prüfen:

»Siehst du nicht Gespenster am hellen Tage?«

»Sie haben unten schon gefragt. Ich habe es hören können und bin dann gleich hier herauf gelaufen; eine Haussuchung soll erfolgen und auch eine Verhaftung. Still! Da läutet schon die Flurglocke.«

»Es ist nicht so schlimm, wie es im ersten Schrecken erscheint. Geh hinaus und sieh, was es bedeutet.«

Liane stand dabei so ruhig auf, als handelte es sich um irgendeine gleichgültige Angelegenheit.

Diese äußerliche Ruhe übte auch ihre Wirkung auf die rote Musch aus, die für ein paar Sekunden wohl noch zögerte, dann aber hinausging.

Mit langsamen Schritten folgte ihr Liane de Turenne, deren Lippen dabei wie in einem starken Entschluß fest aufeinandergepreßt lagen.

An der Tür blieb sie stehen und horchte nach der Richtung des Korridoreinganges zu; verworrene Stimmen klangen dumpf bis zu ihr, ohne daß ein einzelnes Wort zu verstehen gewesen wäre; manchmal drang nur ein Wort ohne Zusammenhang mit dem übrigen durch.

»Steinamanger . . . Gift . . . Haussuchung . . .«

Ganz hoch zogen sich die Brauen, und die Lippen waren nur noch dünne Striche. Und langsam mit schleichenden Schritten, auf den Zehen, ging sie zu der Tapetentüre, die in das andere Haus hinüberführte und aus der Liane de Turenne eine andere, eine Hanne Ramboldt, machte.

Das bedeutete vorerst immer noch eine Rettung, denn niemand konnte von dieser Türe wissen.

Aber als sie in die andere Wohnung der Hanne Ramboldt kam und in den Flur huschte, da vernahm sie auch dort bereits gedämpfte Stimmen, die hier schon eingedrungen waren; deutlich verstand sie die Erklärung:

»Sie wird natürlich hier herüber zu fliehen versuchen, aber von uns eben noch abgefangen werden.«

Da blieb sie für eine Sekunde wie erstarrt stehen, raffte sich aber sofort auf und hastete auf dem Wege zurück, auf dem sie gekommen.

Gehetzt erreichte sie noch ihr Arbeitszimmer und sperrte dort die beiden Türen ab; doch fast gleichzeitig pochten schon derbe Fäuste dagegen, und eine energische Stimme verlangte sofortiges Oeffnen. Liane de Turenne stand einen Augenblick atemlos; ihre großen Augen irrten umher, als suchten sie noch eine Möglichkeit zur Flucht.

Das Pochen gegen die Türe wurde stärker:

»Wenn Sie nicht sofort öffnen, bin ich gezwungen, die Türe einzuschlagen.«

Bei dieser Drohung huschte ein verzerrtes Lächeln über das schmale, blaße Gesicht; und als hätte sie nichts gehört, ging sie an ihren Schreibtisch und nahm aus einem verschlossenen Schubfach, das sie rasch aufsperrte, ein kleines Kristallflakon heraus, dessen Inhalt sie an ihre Lippen führte.

Draußen rief eine lärmende Stimme:

»Ich werde von meinem Recht Gebrauch machen.«

Und als von innen keine Antwort kam, da dröhnten schwere, hämmernde Schläge gegen die Türe. –

Liane de Turenne aber saß an ihrem Schreibtisch; das kristallene Flakon war zu Boden gefallen; und vor ihr lag nur noch der Silberspiegel des Sainte-Croix.

Sie lächelte; mochten sie doch gegen die Türe toben!

Sie wußte, sie hatte ausgespielt und verloren.

Diese Gefahr drohte jedem Spieler.

Ihre Augen huschten zur Uhr; dabei schien es, als verschärfte sich noch der höhnische Zug ihres Gesichtes.

Ihre letzten Gedanken galten einem anderen, nicht ihr selbst.

Gilbert! Wenn ihr nur dieses letzte Spiel gelungen war. Das aber mußte jetzt wohl auch entschieden sein.

Dann war es gut! Ihre Rache!

Noch mehr verzerrte sich ihr Gesicht, denn das Gift begann seine Wirkung auszuüben. Mit beiden Händen umspannte sie die Lehnen des Stuhles, um sich in diesem noch aufrecht zu erhalten; ihre Lippen bebten zitternd:

»Meine Rache, Gilbert! Du wirst mit mir dein vielgeliebtes Leben verlassen.«

Mächtig hämmerten die Schläge gegen die Türe, die dem Anprall nicht mehr länger nachgab.

Doch als die ersten eindrangen, da lag in ihrem Schreibtischstuhl zusammengebrochen Liane de Turenne; der grünliche Schleim in den Mundwinkeln verriet die Wirkung des selbstgenommenen Giftes.

Vor ihr lag der Silberspiegel des Sainte-Croix.

 

* * *

 

»Als ich die Nachricht der Auskunftei prüfen konnte, fand ich bald die Lösung; es war darin eine Rasur mit größter Vorsicht ausgeführt worden, offenbar in der Absicht, dich zu täuschen. In der Auskunft stand ursprünglich »Doktor Franz Marçan.«, und der Name Franz wurde radiert und an dessen Stelle der Name Hanns gesetzt. Ich suchte die Auskunftei auf und dort wurde mir dies auch bestätigt; die Auskunft aber wurde an Liane de Turenne geliefert, die zu den ständigen Kunden gehörte und sich dort so manche Berichte liefern ließ, die sie für ihre Künste verwendete. Da sie dir aber Herr von Hesselodhe über­gab, so kann er sie nur durch diese Wahrsagerin erhalten haben, ein Beweis dafür, daß er sie sehr gut kannte und sicher auch die Begegnung verabredet hatte, die dich so verwirrt machte. Ob Herr von Hesselodhe von der Fälschung wußte, weiß ich nicht; ich konnte ihn auch nicht mehr zur Rede stellen, denn er hat die Stadt verlassen, ohne sein Reiseziel anzugeben. Das Schicksal der Liane de Turenne mochte ihn zu dieser Flucht, als solche erscheint sie wenigstens, veranlaßt haben. Bist du nun mit meinen Mitteilungen zufrieden?«

Und wieder standen dabei Ika Oehringen und Doktor Hanns Marçan unter jenem Apfelbaum, unter dem sie das erstemal von ihrer Liebe gesprochen.

Ika hatte ihre beiden Arme auf seine Schultern gelegt und schaute in seine treuen Augen:

»Ich schäme mich ja so und bin glücklich, daß ich wieder den rechten Weg fand. Eine schwere Prüfung war es für mich und ich habe mich dabei deiner so unwert gezeigt.«

Da schüttelte Hanns den Kopf und erklärte lachend:

»Du sollst dich nicht selbst schlecht machen; ich bin froh, daß du mir so gehörst, wie du bist.«

»Und kannst du damit allein ganz zufrieden sein?«

»Mir genügt es.«

»Dann bist du bescheiden.«

»Aber glücklich,« war seine Entgegnung darauf. Und zum Beweise dafür verschloß er ihr den Mund mit seinen Küssen; sie aber wehrte sich nicht und gab jede seiner Liebkosungen zurück. Und sie vergaßen dabei so vollständig, wo sie waren, daß sie erst aufschreckten, als sie aus der Nähe den Zuruf hörten:

»Man sollte in derartigen Lagen stets einen Horchposten aufstellen, der die Annäherung feindlicher Mächte meldet. Die Störung habt ihr euch selbst zuzuschreiben.«

Durch den Park kam auf die beiden Gilbert von Brandeis zu, dem Margot, deren Wangen schon wieder ein frischeres Rot zeigten, nachfolgte.

Ika wollte sich rasch losreißen und flüchten; aber Hanns hielt sie fest und antwortete:

»Wir haben uns gerade über den Hochzeitstag geeinigt, und das mußte doch besiegelt werden.«

»Dann bin ich gern der erste, der Glück dazu wünscht!«

 

* * *

 

Und das junge Paar Doktor Hanns und Ika Marçan begründete sich ein Dauerglück, das aus jener Prüfung für Ika erst zu einem so großen geworden war.

Aber auch zwischen Gilbert und Margot begannen ruhigere, friedlichere Tage.

Margot vergaß niemals, vor welchen Abgrund sie durch die betrügerischen Künste einer Wahrsagerin geraten war.

Gilbert aber suchte nun häufiger im Hause selbst Befriedigung zu finden, die er auch gewann, weil sich jetzt erst die Gatten gegenseitig schätzen lernten, über die drohende Gefahr hinweg, die über beiden geschwebt hatte.

Von Liane de Turenne und von einer Hanne Ramboldt wurde zwischen den beiden nie gesprochen.

Die wahren Ursachen von dem Tode der Baronin Steinamanger wurden nie bekannt, denn die einzige, die darüber wußte, war tot; und die rote Musch schwieg und behauptete, von den Geschäften der Wahrsagerin nichts gewußt zu haben; es konnte ihr auch nichts bewiesen werden, so daß sie freigesprochen werden mußte.

Der angebliche Spiegel des Sainte-Croix wurde mit den übrigen Sachen der toten Liane versteigert und von einem Liebhaber erworben, der darin aber nichts mehr von all den Dingen sehen konnte, von denen die Wahrsagerin so oft erzählt.

Er hatte seine Zauberwirkung für immer verloren.